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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch - natürliche Züchtung - -Author: Charles Darwin - -Translator: Heinrich Georg Bronn - -Release Date: October 17, 2022 [eBook #69172] - -Language: German - -Produced by: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed - Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was - produced from images generously made available by The - Internet Archive.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER -ARTEN IM THIER- UND PFLANZEN-REICH DURCH NATÜRLICHE ZÜCHTUNG *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1863 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Es werden teils stark veraltete - Formen verwendet (z.B. ‚mittlem‘ statt ‚mittlerem‘; ‚Ägyptier‘ statt - ‚Ägypter‘); dies wurde so belassen, soweit die Verständlichkeit des - Textes dadurch nicht verlorengeht. - - Unterschiedliche Wortformen (z.B. ‚Maasstab‘ vs. ‚Maassstab‘) - wurden nicht vereinheitlicht, sofern beide Formen mehrmals im - Text auftreten. Darüberhinaus hat der Übersetzer in vielen Fällen - anglisierte Begriffe verwendet, was sich auch bei der Worttrennung - bemerkbar macht. Auch dies wurde in der Bearbeitung so belassen. - - Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - fett: =Gleichheitszeichen_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - Kapitälchen: ~Tilden~ - - Das Caret-Zeichen (^) steht vor hochgestellten Zahlen; mehrstellige - Zahlen werden durch geschweifte Klammern zusammengefasst, z. B. - ‚a^{10}‘. - - #################################################################### - - - - -[Illustration: - - Phothogr. v. Buchner. - -_Charles Darwin._ - -E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung in Stuttgart.] - - - - - Charles Darwin, - - über die - - ENTSTEHUNG DER ARTEN - - im Thier- und Pflanzen-Reich - - durch - - natürliche Züchtung, - - oder - - Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe - um’s Daseyn. - - Nach der =dritten Englischen Auflage= und mit neueren Zusätzen des - Verfassers für diese deutsche Ausgabe - - aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen - - von - - Dr. =H. G. Bronn=. - - Zweite verbesserte und sehr vermehrte Auflage. - - Mit ~Darwin’s~ Porträt in Photographie. - - Stuttgart. - - E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung und Druckerei. - - 1863. - - - - -Inhalt. - - - Vorrede des Verfassers. Seite 1. - - Einleitung S. 11. - - Erstes Kapitel. Abänderung durch Domestizität. S. 17. - - Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit. - Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter - Varietäten. Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten. - Entstehung kultivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme - Tauben, ihre Verschiedenheiten und Entstehung. Frühere Züchtung - und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste Züchtung. Unbekannter - Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für das - Züchtungs-Vermögen des Menschen. - - Zweites Kapitel. Abänderung im Natur-Zustande. S. 55. - - Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten. - Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am - meisten. Arten grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren - mehr, als die der kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen - gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit - einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben. - - Drittes Kapitel. Der Kampf um’s Daseyn. S. 72. - - Stützt sich auf Natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern Sinne - gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter - Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine - Mitbewerbung. Wirkungen des Klimas. Schutz durch die Zahl der - Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in - der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und - Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung - von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen. - - Viertes Kapitel. Natürliche Züchtung. S. 92. - - Natürliche Auswahl zur Züchtung; -- ihre Gewalt im Vergleich zu - der des Menschen; -- ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer - Wichtigkeit; -- ihre Gewalt in jedem Alter und über beide - Geschlechter. -- Sexuelle Zuchtwahl. -- Über die Allgemeinheit - der Kreutzung zwischen Individuen der nämlichen Art. -- Umstände - günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung, insbesondere - Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. -- Langsame Wirkung. -- - Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. -- Divergenz des - Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer - kleinen Fläche und auf Naturalisation. -- Wirkung der Natürlichen - Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Ältern durch Divergenz des - Charakters und durch Unterdrückung. -- Erklärt die Gruppirung aller - organischen Wesen. -- Fortschritt in der Organisation. -- Erhaltung - unvollkommener Formen. -- Betrachtung der Einwände. -- Unbeschränkte - Vermehrung der Arten. -- Zusammenfassung. - - Fünftes Kapitel. Gesetze der Abänderung. S. 157. - - Wirkungen äusserer Bedingungen. Gebrauch und Nichtgebrauch - der Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; -- Flieg- - und Seh-Organe. -- Akklimatisirung. -- Wechselbeziehungen des - Wachsthums. -- Kompensation und Ökonomie der Entwickelung. -- Falsche - Wechselbeziehungen. -- Vielfache, rudimentäre und wenig entwickelte - Organisationen sind veränderlich. -- In ungewöhnlicher Weise - entwickelte Theile sind sehr veränderlich; -- spezifische mehr als - Sippen-Charaktere. -- Sekundäre Geschlechts-Charaktere veränderlich. - -- Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf analoge Weise. -- - Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. -- Summarium. - - Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Theorie. S. 197. - - Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. -- - Übergänge. -- Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. - -- Übergänge in der Lebensweise. -- Differenzirte Gewohnheiten in - einerlei Art. -- Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer - Verwandten. -- Organe von äusserster Vollkommenheit. -- Mittel der - Übergänge. -- Schwierige Fälle. -- Natura non facit saltum. -- - Organe von geringer Wichtigkeit. -- Organe nicht in allen Fällen - absolut vollkommen. -- Das Gesetz von der Einheit des Typus und - den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen - Züchtung. - - Siebentes Kapitel. Instinkt. S. 234. - - Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. -- - Abstufungen. -- Blattläuse und Ameisen. -- Instinkte veränderlich. - -- Instinkte gezähmter Thiere und deren Entstehung. -- Natürliche - Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen - Bienen. -- Sklaven-machende Ameisen. -- Honigbienen und ihr - Zellenbau-Instinkt. -- Wechsel von Instinkt und Körperbau erfolgen - nicht nothwendig gleichzeitig. -- Schwierigkeiten der Theorie - Natürlicher Züchtung in Bezug auf Instinkt. -- Geschlechtslose oder - unfruchtbare Insekten. -- Zusammenfassung. - - Achtes Kapitel. Bastard-Bildung. S. 273. - - Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung - und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. -- Unfruchtbarkeit der Stufe - nach veränderlich, nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und - durch Zähmung vermindert. -- Gesetze für die Unfruchtbarkeit der - Bastarde. -- Unfruchtbarkeit keine besondre Eigenthümlichkeit, - sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. -- - Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der - Bastarde. -- Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten - Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. -- Fruchtbarkeit miteinander - gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. - -- Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit - verglichen. -- Zusammenfassung. - - Neuntes Kapitel. Unvollkommenheit der Geologischen - Überlieferungen. S. 307. - - Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. -- Natur - der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. -- Länge der - Zeit-Perioden nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen. - -- Armuth unsrer paläontologischen Sammlungen. -- Unterbrechung - geologischer Formationen. -- Abwesenheit der Mittel-Varietäten in - allen Formationen. -- Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen. - -- Ihr plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden - Schichten. - - Zehntes Kapitel. Geologische Aufeinanderfolge organischer - Wesen. S. 342. - - Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. -- Ungleiches - Maass ihrer Veränderung. -- Einmal untergegangene Arten kommen nicht - wieder zum Vorschein. -- Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen - Regeln des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. -- - Erlöschen der Arten. -- Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen - auf der ganzen Erd-Oberfläche. -- Verwandtschaft erloschener Arten - mit andern fossilen und mit lebenden Arten. -- Entwickelungs-Stufe - aller Formen. -- Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen - Länder-Gebiete. -- Zusammenfassung des jetzigen mit früheren - Abschnitten. - - Eilftes Kapitel. Geographische Verbreitung. S. 378. - - Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus - den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. -- Wichtigkeit der - Verbreitungs-Schranken. -- Verwandtschaft der Erzeugnisse eines - nämlichen Kontinentes. -- Schöpfungs-Mittelpunkte. -- Ursachen der - Verbreitung sind Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und - mitunter zufällige. -- Die Zerstreuung während der Eis-Periode über - die ganze Erd-Oberfläche erstreckt. - - Zwölftes Kapitel. Geographische Verbreitung (Fortsetzung). S. 415. - - Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. -- Die Bewohner der ozeanischen - Inseln. -- Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugthieren. -- - Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten - Festländer. -- Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und - nachherige Abänderung. -- Zusammenfassung der Folgerungen aus dem - letzten und dem gegenwärtigen Kapitel. - - Dreizehntes Kapitel. Wechselseitige Verwandtschaft organischer - Körper; Morphologie; Embryologie; Rudimentäre Organe. S. 443. - - +Klassifikation+: Unterordnung der Gruppen. -- Natürliches System. -- - Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt aus der Theorie - der Fortpflanzung mit Abänderung. -- Klassifikation der Varietäten. - -- Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. -- Analoge oder - Anpassungs-Charaktere. -- +Verwandschaften+: allgemeine, verwickelte - und strahlenförmige. -- Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen. - -- +Morphologie+: zwischen Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen - eines Einzelwesens. -- +Embryologie+: deren Gesetze daraus erklärt, - dass Abänderung nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in - korrespondirendem Alter vererbt wird. -- +Rudimentäre Organe+: ihre - Entstehung erklärt. -- Zusammenfassung. - - Vierzehntes Kapitel. Allgemeine Wiederholung und Schluss. S. 491. - - Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher - Züchtung. -- Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände, - zu deren Gunsten. -- Ursachen des allgemeinen Glaubens an die - Unveränderlichkeit der Arten. -- Wie weit die Theorie Natürlicher - Züchtung auszudehnen. -- Folgen ihrer Annahme für das Studium der - Naturgeschichte. -- Schluss-Bemerkungen. - - Fünfzehntes Kapitel. Schlusswort des Übersetzers. S. 525. - - Eindruck und Wesen des Buches. -- Stellung des Übersetzers zu - demselben. -- Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. -- Einreden - des Übersetzers. -- Aussicht auf künftigen Erfolg. - - - - -Vorrede des Verfassers. - - -Ich will hier versuchen, eine kurze und sehr unvollkommene Skizze von -der Entwickelung der Meinungen über die Entstehung der Species zu -geben. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher hat geglaubt, Arten seyen -unveränderliche Erzeugnisse und jede einzelne für sich erschaffen: -diese Ansicht ist von vielen Schriftstellern mit Geschick vertheidigt -worden. Nur wenige Naturforscher nehmen dagegen an, dass Arten einer -Veränderung unterliegen, und dass die jetzigen Lebenformen durch -wirkliche Zeugung aus andern früher vorhandenen Formen hervorgegangen -sind. Abgesehen von den Schriftstellern der klassischen Periode bis zu -~Buffon~, mit deren Schriften ich nicht vertraut bin, war ~Lamarck~ -der erste, dessen Meinung, dass Arten sich verändern, Aufsehen -erregte. Dieser mit Recht gefeierte Naturforscher veröffentlichte -seine Ansichten zuerst _1801_ und dann besser entwickelt _1809_ in -seiner _Zoologie philosophique_, so wie _1815_ in seiner Einleitung -in die Naturgeschichte der Wirbel-losen Thiere, in welchen Schriften -er die Lehre von der Abstammung der Arten von einander aufstellt. -Er hat das grosse Verdienst, die Aufmerksamkeit zuerst auf die -Wahrscheinlichkeit gelenkt zu haben, dass alle Veränderungen in der -organischen wie in der unorganischen Welt die Folgen von Natur-Gesetzen -und nicht von wunderbaren Zwischenfällen sind. ~Lamarck~ scheint -hauptsächlich durch die Schwierigkeit Arten und Varietäten von einander -zu unterscheiden, durch die fast ununterbrochene Stufen-Reihe der -Formen in manchen Organismen-Gruppen und durch die Analogie mit unsren -Züchtungs-Erzeugnissen zu jener Annahme geführt worden zu seyn. Was -die Mittel betrifft, wodurch die Umwandlung der Arten in einander -bewirkt werde, so schreibt er Einiges auf Rechnung der äusseren -Lebens-Bedingungen, Einiges auf die einer Kreutzung der Formen und -leitet das Meiste von dem Gebrauche und Nichtgebrauche der Organe oder -von der Wirkung der Gewohnheit ab. Dieser letzten Kraft scheint er -all’ die schönen Anpassungen in der Natur zuzuschreiben, wie z. B. den -langen Hals der Giraffe, der sie in den Stand setzt, die Zweige grosser -Bäume abzuweiden. Doch nahm er zugleich ein Gesetz fortschreitender -Entwickelung an, und da hiernach alle Lebenformen fortzuschreiten -gestrebt, so war er, um von dem Daseyn sehr einfacher Natur-Erzeugnisse -auch in unsren Tagen Rechenschaft zu geben, noch eine Generatio -spontanea zu Hülfe zu rufen genöthigt[1]. - -~Etienne Geoffroy Saint-Hilaire~ vermuthete, wie sein Sohn in -dessen Lebens-Beschreibung berichtet, schon ums Jahr _1795_, dass -unsre sogenannten Species nur Ausartungen eines und des nämlichen -Typus seyen. Doch erst im Jahre _1828_ veröffentlichte er seine -Überzeugung[2], dass sich die Formen nicht in unveränderter Weise -seit dem Anfang der Dinge fortgepflanzt haben. ~Geoffroy~ scheint -die Ursache der Veränderungen hauptsächlich in dem „_Monde ambiant_“ -gesucht zu haben. Doch war er vorsichtig in dieser Beziehung, und sein -Sohn sagt: „_C’est donc un problème à réserver entièrement à l’avenir, -supposé même, que l’avenir doive avoir prise sur lui_“. - -In _England_ erklärte der Hochwürdige ~W. Herbert~, nachheriger Dechant -von _Manchester_, in seinem Werke über die Amaryllidaceae (_1837_, -S. 1, 19, 339), es seye durch Hortikultur-Versuche unwiderlegbar -dargethan, dass Pflanzen-Arten nur eine höhere und beständigere Stufe -von Varietäten seyen. Er dehnt die nämliche Ansicht auch auf die Thiere -aus. Der Dechant ist der Meinung, dass anfangs nur einzelne Arten -jeder Sippe von einer sehr bildsamen Organisation geschaffen worden -seyen, und dass diese sodann durch Kreutzung und Abänderung alle unsre -jetzigen Arten erzeugt haben. - -Im Jahre 1826 erklärte Professor ~Grant~ im Schluss-Paragraphen seiner -wohl-bekannten Abhandlung über Spongilla (_Edinburgh Philos. Journ. -XIV_, 283) seine Meinung ganz klar dahin, dass Arten von andern Arten -entstanden sind und nur durch fortdauernde Veränderungen verbessert -werden. Die nämliche Ansicht hat er auch _1834_ im „_Lancet_“ in seiner -55. Vorlesung wiederholt. - -Dann entwickelte ~Patrick Matthew~ in seinem „_Naval Timber and -Arboriculture_“ seine Überzeugung über die Entstehung der Arten ganz -übereinstimmend mit der von ~Wallace~ und mir selbst im „_Linnean -Journal_“ und in dem gegenwärtigen Bande gegebenen Darstellung. -Unglücklicher Weise jedoch schrieb ~Matthew~ seine Ansicht nur in -zerstreuten Sätzen in einem Werke über einen ganz anderen Gegenstand -nieder, so dass sie völlig unbeachtet blieb, bis er selbst _1860_ im -_Gardeners Chronicle_ vom 7. April die Aufmerksamkeit darauf lenkte. -Die Abweichungen seiner Ansicht von der meinigen sind nicht von -wesentlicher Bedeutung. Er scheint anzunehmen, dass die Organismen-Welt -der Erde in aufeinander-folgenden Zeiträumen beinahe ausgestorben -und diese dann wieder neu bevölkert worden ist, und er gibt als eine -Alternative, dass neue Formen erzeugt werden „ohne die Anwesenheit -eines Modells oder Keimes von früheren Aggregaten“. Ich bin nicht -gewiss, ob ich alle Stellen richtig verstehe; doch scheint er grossen -Werth auf die unmittelbare Wirkung der äussern Lebens-Bedingungen zu -legen. Er erkannte jedoch deutlich die volle Bedeutung des Prinzips der -Natürlichen Züchtung. Auf einen Brief (a. a. O. April 13.), in welchem -ich ~Matthew’n~ als meinen Vorgänger anerkannte, entgegnete er mit -edler Offenheit (a. a. O. Mai 12.) unter Andern mit folgenden Worten: -„dieses Natur-Gesetz bot sich meinem Blicke wie eine für sich selbst -klare Thatsache und nicht in Folge darauf verwendeten Nachdenkens dar. -~Darwin~ hat ein weit grösseres Verdienst bei dieser Entdeckung; denn -ich habe nicht geglaubt eine Entdeckung zu machen. Er scheint es auf -induktivem Wege ausgemittelt zu haben, indem er langsam und mit der -nöthigen Vorsicht voranging und eine Thatsache an die andere reihete, --- während mir nur im Hinblick auf die Verfahrungs-Weise der Natur -im Allgemeinen die Wahlerzeugung der Arten vorkam wie eine a priori -erkennbare Thatsache, wie ein Axiom, das man nur auszusprechen brauche, -um ihm die Anerkennung eines jeden unbefangenen fähigen Beurtheilers zu -verschaffen.“ - -~Rafinesque~ schreibt _1836_ in seiner _New Flora of North America_, -_p._ 6, 18: „alle Arten mögen einmal blosse Varietäten gewesen und -viele Varietäten durch allmähliche Befestigung ihrer Charaktere zu -Species geworden seyn,“ -- „mit Ausnahme jedoch des Original-Typus oder -Stammvaters jeder Sippe“. - -Im Jahre _1843-44_ hat Professor ~Haldeman~ zu _Boston_ in den -_Vereinten Staaten_ die Gründe für und gegen die Hypothese der -Entwickelung und Umgestaltung der Arten in angemessener Weise -zusammengestellt (im _Journal of Natural History_, _vol. IV_, _p._ 468) -und scheint sich mehr zur Ansicht für die Veränderlichkeit zu neigen. - -Die _Vestiges of Creation_ sind zuerst _1844_ erschienen. In der -zehnten sehr verbesserten Ausgabe (_1853_, _p._ 155) sagt der -ungenannte Verfasser: „das auf reichliche Erwägung gestützte Ergebniss -ist, dass die verschiedenen Reihen beseelter Wesen von den einfachsten -und ältesten an bis zu den höchsten und neuesten die unter Gottes -Vorsehung gebildeten Erzeugnisse sind 1) eines den Lebenformen -ertheilten Impulses, der sie in abgemessenen Zeiten auf dem Wege -der Generation von einer zur anderen Organisations-Stufe bis zu den -höchsten Dikotyledonen und Wirbelthieren erhebt, -- welche Stufen -nur wenige an Zahl und gewöhnlich durch Lücken in der organischen -Reihenfolge von einander geschieden sind, die eine praktische -Schwierigkeit bei Ermittelung der Verwandtschaften abgeben; -- 2) -eines andren Impulses, welcher mit den Lebenskräften zusammenhängt und -im Laufe der Generationen die organischen Gebilde in Übereinstimmung -mit den äusseren Bedingungen, wie Nahrung, Wohnort und meteorische -Kräfte sind, abzuändern strebt: Diess sind die „Anpassungen des -Natural-Theologen“. Der Verfasser ist offenbar der Meinung, dass -die Organisation sich durch plötzliche Sprünge vervollkommne, die -Wirkungen der äusseren Lebens-Bedingungen aber stufenweise seyen. Er -folgert mit grossem Nachdruck aus allgemeinen Gründen, dass Arten keine -unveränderlichen Produkte seyen. Ich vermag jedoch nicht zu ersehen, -wie die unterstellten zwei „Impulse“ in einem wissenschaftlichen -Sinne Rechenschaft geben können von den zahlreichen und schönen -Zusammenpassungen, welche wir allerwärts in der ganzen Natur erblicken; -ich vermag nicht zu erkennen, dass wir dadurch zur Einsicht gelangen, -wie z. B. die Organisation des Spechtes seiner besondern Lebensweise -angepasst worden ist. Das Buch hat sich durch seinen glänzenden und -hinreissenden Styl sofort eine sehr weite Verbreitung errungen, obwohl -es in seinen früheren Auflagen ungenaue Kenntnisse und einen grossen -Mangel an wissenschaftlicher Vorsicht verrieth. Nach meiner Meinung hat -es vortreffliche Dienste dadurch geleistet, dass es in unsrem Lande die -Aufmerksamkeit auf den Gegenstand lenkte und Vorurtheile beseitigte. - -Im Jahre _1846_ veröffentlichte der Veterane unter den Geologen, -~d’Omalius d’Halloy~, in einem vortrefflichen kurzen Aufsatze (im -_Bulletin de l’Académie Roy. de Bruxelles_, _Tome XIII_, _p._ 581) -seine Meinung, dass es wahrscheinlicher seye, dass neue Arten durch -Descendenz mit Abänderung des alten Charakters hervorgebracht, als -einzeln geschaffen worden seyen; er hatte diese Ansicht zuerst im Jahre -_1831_ aufgestellt. - -In Professor ~R. Owen’s~ _Nature of Limbs_, _1849_, _p._ 86 kommt -folgende Stelle vor: „Die Grund-Idee war in der Thier-Welt unseres -Planeten in verschiedenen Modifikationen bereits ausgesprochen lange -vor dem Daseyn der sie jetzt erläuternden Thier-Arten. Von welchen -Natur-Gesetzen oder sekundären Ursachen aber das ordnungsmässige -Aufeinanderfolgen und Fortschreiten solcher organischen Erscheinungen -abhängig gewesen seye, Das ist uns bis jetzt nicht bekannt geworden.“ -In seiner Ansprache an die Britische Gelehrten-Versammlung im Jahre -_1858_ spricht er (S. ~II~) vom „Axiom der fortwährenden Thätigkeit der -Schöpfungs-Kraft oder des geordneten Werdens lebender Wesen“, -- und -fügt später (S. ~XC~) mit Bezugnahme auf die geographische Verbreitung -bei: „Diese Erscheinungen erschüttern unser Vertrauen in die Annahme, -dass der Apteryx in _Neuseeland_ und das rothe Waldhuhn in _England_ -verschiedene Schöpfungen in und für die genannten Inseln allein seyen. -Auch darf man nicht vergessen, dass das Wort Schöpfung für den Zoologen -nur einen unbekannten Prozess bedeutet.“ ~Owen~ führt diese Vorstellung -dann weiter aus, indem er sagt, „wenn der Zoologe solche Fälle, wie den -vom rothen Waldhuhn als eine besondere Schöpfung des Vogels auf und für -eine einzelne Insel aufzählt, so will er damit eben nur ausdrücken, -dass er nicht begreife, wie derselbe dahin und eben nur dahin gekommen -seye, und dass er demzufolge beide, Insel wie Vogel, von einer grossen -ersten Schöpfungs-Kraft abzuleiten geneigt seye.“ - -~Isidore Geoffroy St.-Hilaire~ spricht in seinen im Jahre _1850_ -gehaltenen Vorlesungen (von welchen ein Auszug in _Revue et Magazin -de Zoologie 1851, Jan._ erschien) seine Meinung über Arten-Charaktere -kürzlich dahin aus, dass sie „für jede Art feststehen, so lange als -sich dieselbe inmitten der nämlichen Verhältnisse fortpflanze, dass -sie aber abändern, sobald die äusseren Lebens-Bedingungen wechseln“. -Im Ganzen „zeigt die Beobachtung der wilden Thiere schon die -beschränkte Veränderlichkeit der Arten. Die Versuche mit gezähmten -wilden Thieren und mit verwilderten Hausthieren zeigen Diess noch -deutlicher. Dieselben Versuche beweisen auch, dass die hervorgebrachten -Verschiedenheiten vom Werthe derjenigen seyn können, durch welche wir -Sippen unterscheiden“. In seiner _Histoire naturelle générale_ (_1859_, -_II_, 430) gelangt er zu ähnlichen Folgerungen. - -Aus einer unlängst erschienenen Veröffentlichung scheint hervorzugehen, -dass ~Dr. Freke~ schon im Jahre _1851_ (_Dublin Medical Press p._ 322) -die Lehre aufgestellt, dass alle organischen Wesen von +einer+ Urform -abstammen. Seine Gründe und Behandlung des Gegenstandes sind aber von -den meinigen gänzlich verschieden, und da sein „_Origin of Species by -means of organic affinity 1861_“ jetzt erschienen ist, so dürfte mir -der schwierige Versuch, eine Darstellung seiner Ansicht zu geben, wohl -erlassen werden. - -~Herbert Spencer~ hat in einem Versuche (welcher zuerst im _Leader_ -vom März _1852_ und später in ~Spencer’s~ _Essays 1858_ erschien) die -Theorie der Schöpfung und die der Entwickelung organischer Wesen in -vorzüglich geschickter und wirksamer Weise einander gegenüber gestellt. -Er folgert aus der Analogie mit den Züchtungs-Erzeugnissen, aus den -Veränderungen, welchen die Embryonen vieler Arten unterliegen, aus der -Schwierigkeit Arten und Varietäten zu unterscheiden, so wie endlich -aus dem Prinzip einer allgemeinen Stufenfolge in der Natur, dass Arten -abgeändert worden sind, und schreibt diese Abänderung dem Wechsel der -Umstände zu. Derselbe Verfasser hat _1855_ die Psychologie nach dem -Prinzip einer nothwendig stufenweisen Erwerbung jeder geistigen Kraft -und Fähigkeit bearbeitet. - -Im Jahre _1852_ hat ~Naudin~, ein ausgezeichneter Botaniker (in der -_Revue horticole, p._ 102) ausdrücklich erklärt, dass nach seiner -Ansicht Arten in analoger Weise von der Natur, wie Varietäten durch die -Kultur, gebildet worden seyen. Er zeigt aber nicht, wie die Züchtung -in der Natur vor sich geht. Er nimmt wie Dechant ~Herbert~ an, dass -die Arten anfangs bildsamer waren als jetzt, legt Gewicht auf sein -sogenanntes Prinzip der Finalilät, „eine unbestimmte geheimnissvolle -Kraft, gleich-bedeutend mit blinder Vorbestimmung für die Einen, mit -Wille der Vorsehung für die Andern, durch deren unausgesetzten Einfluss -auf die lebenden Wesen in allen Weltaltern die Form, der Umfang und die -Dauer eines jeden derselben je nach seiner Bestimmung in der Ordnung -der Dinge, wozu es gehört, bedingt wird. Es ist diese Kraft, welche -jedes Glied mit dem Ganzen in Harmonie bringt, indem sie dasselbe -der Verrichtung anpasst, die es im Gesammt-Organismus der Natur zu -übernehmen hat, einer Verrichtung, welche für dasselbe Grund des -Daseyns ist“[3]. - -Im Jahre _1853_ hat ein berühmter Geologe, Graf ~Keyserling~ (im -_Bulletin de la Société géologique, tome X, p._ 357) die Meinung -vorgebracht, dass zu verschiedenen Zeiten eine Art Seuche durch irgend -welches Miasma veranlasst, sich über die Erde verbreitet und auf die -Keime der bereits vorhandenen Arten chemisch eingewirkt habe, indem sie -dieselben mit irgend welchen Molekülen von besonderer Natur umgab und -hiedurch die Entstehung neuer Formen veranlasste! - -Im nämlichen Jahre _1853_ lieferte auch Dr. ~Schaaffhausen~ einen -Aufsatz in die Verhandlungen des naturhistorischen Vereins der Preuss. -Rhein-Lande, worin er die fortschreitende Entwickelung organischer -Formen auf der Erde behauptet. Er nimmt an, dass viele Arten sich -lange Zeiträume hindurch unverändert erhalten haben, während andere -Abänderungen erlitten. Das Auseinanderweichen der Arten ist nach -ihm durch die Zerstörung der Zwischenstufen zu erklären. „Lebende -Pflanzen und Thiere sind daher von den untergegangenen nicht als neue -Schöpfungen verschieden, sondern vielmehr als deren Nachkommen in Folge -unausgesetzter Fortpflanzung zu betrachten.“ - -Ein wohl-bekannter französischer Botaniker, ~Lecoq~, schreibt _1854_ -in seinen _Études sur la géographie botanique I_, 250: „man sieht -dass unsre Untersuchungen über die Stetigkeit und Veränderlichkeit -der Arten uns geradezu auf die von ~Geoffroy St.-Hilaire~ und ~Göthe~ -ausgesprochenen Vorstellungen führen“. Einige andere in dem genannten -Werke zerstreute Stellen lassen uns jedoch darüber im Zweifel, wie weit -~Lecoq~ selbst diesen Vorstellungen zugethan seye. - -Die „Philosophie der Schöpfung“ ist _1855_ in bewundernswürdiger Weise -durch den Hochwürdigen ~Baden-Powell~ (in seinen _Essays on the Unity -of Worlds_) behandelt worden. Er zeigt auf’s treffendste, dass die -Einführung neuer Arten „eine regelmässige und nicht eine zufällige -Erscheinung“ oder, wie Sir ~John Herschel~ es ausdrückt, „eine Natur- -im Gegensatze einer Wunder-Erscheinung“ ist. - -Aufsätze von Herrn ~Wallace~ und mir selbst im dritten Theile des -_Journal of the Linnean Society_ (August _1858_) stellen zuerst, wie in -der Einleitung zu diesem Bande gesagt wird, die Theorie der Natürlichen -Züchtung auf. - -~Von Baer~, der bei allen Zoologen in höchster Achtung steht, drückte -im Jahre _1849_ seine hauptsächlich auf die Gesetze der geographischen -Verbreitung gegründete Überzeugung dahin aus, dass jetzt vollständig -verschiedene Formen von je einer gemeinsamen Stamm-Form herrühren -(~Rud. Wagner~ zoolog.-anthropolog. Untersuchungen _1861_, S. 51). - -Im Jahre _1859_ hielt Professor ~Huxley~ einen Vortrag vor der Royal -Institution über den bleibenden Typus des Thier-Lebens. In Bezug auf -derartige Fälle bemerkt er: „Es ist schwierig die Bedeutung solcher -Thatsachen zu begreifen, wenn wir voraussetzen, dass jede Pflanzen- -und Thier-Art oder jeder grosse Organisations-Typus nach langen -Zwischenzeiten durch je einen besondern Akt der Schöpfungs-Kraft -gebildet und auf die Erd-Oberfläche versetzt worden seye; und man -muss nicht vergessen, dass eine solche Annahme weder in der Tradition -noch in der Offenbarung eine Stütze findet, wie sie denn auch der -allgemeinen Analogie in der Natur zuwider ist. Betrachten wir -anderseits die „persistenten Typen“ in Bezug auf die Hypothese, wornach -die zu irgend einer Zeit vorhandenen Wesen das Ergebniss allmählicher -Abänderung schon früherer Wesen sind -- eine Hypothese, welche, wenn -auch unerwiesen und auf klägliche Weise von einigen ihrer Anhänger -verkümmert, doch die einzige ist, der die Physiologie einigen Halt -verleiht --, so scheint das Daseyn dieser Typen zu zeigen, dass das -Maass der Abänderung, welche lebende Wesen während der geologischen -Zeit erfahren haben, sehr gering ist im Vergleich zu der ganzen Reihe -von Veränderungen, welchen sie ausgesetzt gewesen sind.“ - -Im Dezember _1859_ veröffentlichte Dr. ~Hooker~ seine bewundernswürdige -Einleitung in die Tasmanische Flora, in deren erstem Theile er die -Entstehung der Arten durch Abkommenschaft und Umänderung von andern -zugesteht und diese Lehre durch viele schätzbare Original-Beobachtungen -unterstützt. - -Im November _1859_ erschien die erste Ausgabe dieses Werkes, im Januar -_1860_ die zweite, im April _1861_ die dritte. - - - - -Einleitung. - - -Als ich an Bord des Königlichen Schiffs „_Beagle_“ als Naturforscher -_Südamerika_ erreichte, ward ich überrascht von der Wahrnehmung -gewisser Thatsachen in der Vertheilung der Bewohner und in den -geologischen Beziehungen zwischen der jetzigen und der früheren -Bevölkerung dieses Welttheils. Diese Thatsachen schienen mir, wie sich -aus dem letzten Kapitel dieses Bandes ergeben wird, einiges Licht -über die Entstehung der Arten zu verbreiten, diess Geheimniss der -Geheimnisse, wie es einer unsrer grössten Philosophen genannt hat. Nach -meiner Heimkehr im Jahre _1837_ schien es mir, dass sich etwas über -diese Frage müsse ermitteln lassen durch ein geduldiges Sammeln und -Erwägen aller Arten von Thatsachen, welche möglicher Weise etwas zu -deren Aufklärung beitragen könnten. Nachdem ich Diess fünf Jahre lang -gethan, getraute ich mich erst eingehender über die Sache nachzusinnen -und einige kurze Bemerkungen darüber niederzuschreiben, welche ich -im Jahre _1844_ weiter ausführte, indem ich die Schlussfolgerungen -hinzufügte, welche sich mir als wahrscheinlich ergaben, und von -dieser Zeit an war ich mit beharrlicher Verfolgung des Gegenstandes -beschäftigt. Ich hoffe, dass man die Anführung dieser auf meine Person -bezüglichen Einzelnheiten entschuldigen wird: sie sollen zeigen, dass -ich nicht übereilt zu einem Entschlusse gelangt bin. - -Mein Werk ist nun nahezu vollendet; aber ich will mir noch zwei oder -drei weitere Jahre Zeit lassen, um es zu ergänzen; und da meine -Gesundheit keineswegs fest ist, so sah ich mich zur Veröffentlichung -dieses Auszugs gedrängt. Ich sah mich noch um so mehr dazu veranlasst, -als Herr ~Wallace~ beim Studium der Naturgeschichte der _Malayischen_ -Inselwelt zu fast genau denselben allgemeinen Schlussfolgerungen -über die Arten-Bildung gelangt ist. Im Jahre _1858_ sandte er mir -eine Abhandlung darüber mit der Bitte zu, sie Herrn ~Charles Lyell~ -zuzustellen, welcher sie der ~Linné~ischen Gesellschaft übersandte, -in deren Journal sie nun im dritten Bande abgedruckt worden ist. Herr -~Lyell~ sowohl als Dr. ~Hooker~, welche beide meine Arbeit kennen (der -letzte hat meinen Entwurf von _1844_ gelesen), beehrten mich indem -sie den Wunsch ausdrückten, ich möge einen kurzen Auszug aus meinen -Handschriften zugleich mit ~Wallace’s~ Abhandlung veröffentlichen. - -Dieser Auszug, welchen ich hiemit der Lesewelt vorlege, muss -nothwendig unvollkommen seyn. Er kann keine Belege und Autoritäten -für meine verschiedenen Feststellungen beibringen, und ich muss den -Leser ansprechen einiges Vertrauen in meine Genauigkeit zu setzen. -Zweifelsohne mögen Irrthümer mit untergelaufen seyn; doch glaube ich -mich überall nur auf verlässige Autoritäten berufen zu haben. Ich -kann hier überall nur die allgemeinen Schlussfolgerungen anführen, zu -welchen ich gelangt bin, in Begleitung von nur wenigen erläuternden -Thatsachen, die aber, wie ich hoffe, in den meisten Fällen genügen -werden. Niemand kann mehr als ich selber die Nothwendigkeit fühlen, -alle Thatsachen, auf welche meine Schlussfolgerungen sich stützen, mit -ihren Einzelnheiten bekannt zu machen, und ich hoffe Diess in einem -künftigen Werke zu thun. Denn ich weiss wohl, dass kaum ein Punkt -in diesem Buche zur Sprache kommt, zu welchem man nicht Thatsachen -anführen könnte, die oft zu gerade entgegengesetzten Folgerungen zu -führen scheinen. Ein richtiges Ergebniss lässt sich aber nur dadurch -erlangen, dass man alle Erscheinungen und Gründe zusammenstellt, welche -für und gegen jede einzelne Frage sprechen, und sie dann sorgfältig -gegen einander abwägt, und Diess kann nicht wohl hier geschehen. - -Ich muss bedauern nicht Raum zu finden, um so vielen Naturforschern -meine Erkenntlichkeit für die Unterstützung auszudrücken, die sie -mir, mitunter ihnen persönlich ganz unbekannt, in uneigennütziger -Weise zu Theil werden liessen. Doch kann ich diese Gelegenheit nicht -vorübergehen lassen, ohne wenigstens die grosse Verbindlichkeit -anzuerkennen, welche ich Dr. ~Hooker’n~ dafür schulde, dass er mich -in den letzten fünfzehn Jahren in jeder möglichen Weise durch seine -reichen Kenntnisse und sein ausgezeichnetes Urtheil unterstützt hat. - -Wenn ein Naturforscher über die Entstehung der Arten nachdenkt, -so ist es wohl begreiflich, dass er in Erwägung der gegenseitigen -Verwandtschafts-Verhältnisse der Organismen, ihrer embryonalen -Beziehungen, ihrer geographischen Verbreitung, ihrer geologischen -Aufeinanderfolge und andrer solcher Thatsachen zu dem Schlusse gelangen -könne, dass jede Art nicht unabhängig von andern erschaffen seye, -sondern nach der Weise der Varietäten von andern Arten abstamme. -Demungeachtet dürfte eine solche Schlussfolgerung, selbst wenn sie -richtig wäre, kein Genüge leisten, so lange nicht nachgewiesen werden -kann, auf welche Weise die zahllosen Arten, welche jetzt unsre -Erde bewohnen, so abgeändert worden seyen, dass sie die jetzige -Vollkommenheit des Baues und der Anpassung für ihre jedesmaligen -Lebens-Verhältnisse erlangten, welche mit Recht unsre Bewunderung -erregen. Die Naturforscher verweisen beständig auf die äusseren -Bedingungen, wie Klima, Nahrung u. s. w. als die einzigen möglichen -Ursachen ihrer Abänderung. In einem sehr beschränkten Sinne kann, -wie wir später sehen werden, Diess wahr seyn. Aber es wäre verkehrt, -lediglich äusseren Ursachen z. B. die Organisation des Spechtes, die -Bildung seines Fusses, seines Schwanzes, seines Schnabels und seiner -Zunge zuschreiben zu wollen, welche ihn so vorzüglich befähigen, -Insekten unter der Rinde der Bäume hervorzuholen. Eben so wäre es -verkehrt, bei der Mistel-Pflanze, die ihre Nahrung aus gewissen Bäumen -zieht, und deren Saamen von gewissen Vögeln ausgestreut werden müssen, -wie ihre Blüthen, welche getrennten Geschlechtes sind, die Thätigkeit -gewisser Insekten zur Übertragung des Pollens von der männlichen -auf die weibliche Blüthe voraussetzen, -- es wäre verkehrt, die -organische Einrichtung dieses Parasiten mit seinen Beziehungen zu jenen -verschiedenerlei organischen Wesen als eine Wirkung äussrer Ursachen -oder der Gewohnheit oder des Willens der Pflanze selbst anzusehen. - -Es ist daher von der grössten Wichtigkeit eine klare Einsicht in die -Mittel zu gewinnen, durch welche solche Umänderungen und Anpassungen -bewirkt werden. Beim Beginne meiner Beobachtungen schien es mir -wahrscheinlich, dass ein sorgfältiges Studium der Hausthiere und -Kultur-Pflanzen die beste Aussicht auf Lösung dieser schwierigen -Aufgabe gewähren würde. Und ich habe mich nicht getäuscht, sondern -habe in diesem wie in allen andern verwickelten Fällen immer gefunden, -dass unsre Erfahrungen über die im gezähmten und angebauten Zustande -erfolgenden Veränderungen der Lebenwesen immer den besten und -sichersten Aufschluss gewähren. Ich stehe nicht an, meine Überzeugung -von dem hohen Werthe solcher von den Naturforschern gewöhnlich sehr -vernachlässigten Studien auszudrücken. - -Aus diesem Grunde widme ich denn auch das erste Kapitel dieses Auszugs -der Abänderung im Kultur-Zustande. Wir werden daraus ersehen, dass -erbliche Abänderungen in grosser Ausdehnung wenigstens möglich sind, -und, was nicht minder wichtig, dass das Vermögen des Menschen, geringe -Abänderungen durch deren ausschliessliche Auswahl zur Nachzucht, d. h. -durch +künstliche Züchtung+[4] zu häufen, sehr beträchtlich ist. Ich -werde dann zur Veränderlichkeit der Lebenwesen im Natur-Zustande -übergehen; doch bin ich unglücklicher Weise genöthigt diesen -Gegenstand viel zu kurz abzuthun, da er angemessen eigentlich nur -durch Mittheilung langer Listen von Thatsachen behandelt werden -kann. Wir werden demungeachtet im Stande seyn zu erörtern, was für -Umstände die Abänderung am meisten befördern. Im nächsten Abschnitte -soll der +Kampf um’s Daseyn+ unter den organischen Wesen der ganzen -Welt abgehandelt werden, welcher unvermeidlich aus ihrem hoch -geometrischen Zunahme-Vermögen hervorgeht. Es ist Diess die Lehre -von ~Malthus~ auf das ganze Thier- und Pflanzen-Reich angewendet. Da -viel mehr Einzelwesen jeder Art geboren werden, als fortleben können, -und demzufolge das Ringen um Existenz beständig wiederkehren muss, so -folgt daraus, dass ein Wesen, welches in irgend einer für dasselbe -vortheilhafteren Weise von den übrigen auch nur etwas abweicht, unter -manchfachen und oft veränderlichen Lebens-Bedingungen mehr Aussicht auf -Fortdauer hat und demnach bei der +Natürlichen Züchtung+ im Vortheil -ist. Eine solche zur Nachzucht ausgewählte Varietät strebt dann nach -dem strengen Erblichkeits-Gesetze jedesmal seine neue und abgeänderte -Form fortzupflanzen. - -Diese Natürliche Züchtung ist ein Hauptgegenstand, welcher im vierten -Kapitel etwas weitläufiger abgehandelt werden soll; und wir werden -dann finden, wie die Natürliche Züchtung gewöhnlich die unvermeidliche -Veranlassung zum Erlöschen minder geeigneter Lebenformen wird und -herbeiführt, was ich +Divergenz des Charakters+[5] genannt habe. Im -nächsten Abschnitte werden die zusammengesetzten und wenig bekannten -Gesetze der Abänderung und der Wechselbeziehungen in der Entwickelung -besprochen. In den vier folgenden Kapiteln sollen die auffälligsten und -bedeutendsten Schwierigkeiten unsrer Theorie angegeben werden, und zwar -erstens die Schwierigkeiten der Übergänge, oder wie es zu begreifen -ist, dass ein einfaches Wesen oder Organ verwandelt und in ein höher -entwickeltes Wesen oder ein höher ausgebildetes Organ umgestaltet -werden kann; zweitens der Instinkt oder die geistigen Fähigkeiten der -Thiere; drittens die Kreutzung oder die Unfruchtbarkeit der gekreutzten -Species und die Fruchtbarkeit der gekreutzten Varietäten; und viertens -die Unvollkommenheit der geologischen Urkunde. Im nächsten Abschnitte -werde ich die geologische Aufeinanderfolge der Organismen in der Zeit -betrachten; im eilften und zwölften deren geographische Verbreitung -im Raume; im dreizehnten ihre Klassifikation und gegenseitigen -Verwandtschaften im reifen wie im Embryo-Zustande. Im letzten -Abschnitte endlich werde ich eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes -des ganzen Werkes mit einigen Schluss-Bemerkungen geben. - -Darüber, dass noch so Vieles über die Entstehung der Arten und -Varietäten unerklärt bleibe, wird sich niemand wundern, wenn er unsre -tiefe Unwissenheit hinsichtlich der Wechselbeziehungen all’ der um -uns her lebenden Wesen in Betracht zieht. Wie kann man erklären, -dass eine Art in grosser Anzahl und weiter Verbreitung vorkömmt, -während ihre nächste Verwandte selten und auf engen Raum beschränkt -ist? Und doch sind diese Beziehungen von der höchsten Wichtigkeit, -insoferne sie die gegenwärtige Wohlfahrt und, wie ich glaube, das -künftige Gedeihen und die Modifikationen eines jeden Bewohners der -Welt bedingen. Aber noch viel weniger Kenntniss haben wir von den -Wechselbeziehungen der unzähligen Bewohner dieser Erde während der -zahlreichen Perioden ihrer einstigen Bildungs-Geschichte. Wenn daher -auch noch Vieles dunkel ist und noch lange dunkel bleiben wird, so -zweifle ich nach den sorgfältigsten Studien und dem unbefangensten -Urtheile, dessen ich fähig bin, doch nicht daran, dass die Meinung, -welche die meisten Naturforscher hegen und auch ich lange gehabt habe, -als wäre nämlich jede Species unabhängig von den übrigen erschaffen -worden, eine irrthümliche sey. Ich bin vollkommen überzeugt, dass -die Arten nicht unveränderlich sind; dass die zu einer sogenannten -Sippe[6] zusammengehörigen Arten in einer Linie von anderen gewöhnlich -erloschenen Arten abstammen in der nämlichen Weise, wie die anerkannten -Varietäten einer Art Abkömmlinge dieser Species sind. Endlich bin ich -überzeugt, dass Natürliche Züchtung das hauptsächlichste wenn auch -nicht einzige Mittel zu Abänderung der Lebenformen gewesen ist. - - - - -Erstes Kapitel. - -Abänderung durch Domestizität. - - Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit. - Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter - Varietäten. Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten. - Entstehung kultivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme - Tauben, ihre Verschiedenheiten und Entstehung. Früher stattgefundene - Züchtung und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste Züchtung. - Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für - das Züchtungs-Vermögen des Menschen. - - -Wenn wir die Einzelwesen einer Varietät oder Untervarietät unsrer -alten Kultur-Pflanzen und -Thiere betrachten, so ist einer der -Punkte, die uns zuerst auffallen, dass sie im Allgemeinen mehr von -einander abweichen, als die Einzelwesen einer Art oder Varietät -im Natur-Zustande. Erwägen wir nun die grosse Manchfaltigkeit der -Kultur-Pflanzen und -Thiere, welche sich zu allen Zeiten unter den -verschiedensten Klimaten und Behandlungs-Weisen abgeändert haben, -so glaube ich sind wir zum Schlusse gedrängt, dass diese grössere -Veränderlichkeit unsrer Kultur-Erzeugnisse die Wirkung minder -einförmiger und von den natürlichen der Stamm-Ältern etwas abweichender -Lebens-Bedingungen ist. Auch hat, wie mir scheint, ~Andrew Knight’s~ -Meinung, dass diese Veränderlichkeit zum Theil mit überflüssiger -Nahrung zusammenhänge, einige Wahrscheinlichkeit für sich. Es -scheint ferner ganz klar zu seyn, dass die organischen Wesen einige -Generationen hindurch neuen Lebens-Bedingungen ausgesetzt seyn müssen, -ehe ein bemerkliches Maass von Veränderung in ihnen hervortreten kann, -und dass, wenn ihre Organisation einmal abzuändern begonnen hat, diese -Abänderung gewöhnlich durch viele Generationen fortwährt. Man kennt -keinen Fall, dass ein veränderliches Wesen im Kultur-Zustande aufgehört -hätte veränderlich zu seyn. Unsre ältesten Kultur-Pflanzen, wie der -Weitzen z. B., geben oft noch neue Varietäten, und unsre ältesten -Hausthiere sind noch immer rascher Umänderung oder Veredelung fähig. - -Man hat darüber gestritten, in welchem Lebens-Alter die Ursachen der -Abänderungen, worin sie immer bestehen mögen, wirksam zu seyn pflegen, -ob in der ersten, oder in der letzten Zeit der Entwickelung des -Embryos, oder im Augenblicke der Empfängniss. ~Geoffroy St.-Hilaire’s~ -Versuche ergeben, dass eine unnatürliche Behandlung des Embryos -Monstrositäten erzeuge, und Monstrositäten können durch keinerlei -scharfe Grenzlinie von Varietäten unterschieden werden. Doch bin ich -sehr zu vermuthen geneigt, dass die häufigste Ursache zur Abänderung -in Einflüssen zu suchen seye, welche das männliche oder weibliche -reproduktive Element schon vor dem Akte der Befruchtung erfahren -hat. Ich habe verschiedene Gründe für diese Meinung; doch liegt der -Hauptgrund in den bemerkenswerthen Folgen, welche Einsperrung oder -Anbau auf die Verrichtungen des reproduktiven Systemes äussern, indem -nämlich dieses System viel empfänglicher für die Wirkung irgend -eines Wechsels in den Lebens-Bedingungen als jeder andere Theil der -Organisation zu seyn scheint. Nichts ist leichter, als ein Thier zu -zähmen, und wenige Dinge sind schwieriger, als es in der Gefangenschaft -zu einer freiwilligen Fortpflanzung zu veranlassen in den zahlreichen -Fällen sogar, wo man Männchen und Weibchen bis zur Paarung bringt. Wie -viele Thiere wollen sich nicht fortpflanzen, obwohl sie schon lange -in nicht sehr enger Gefangenschaft in ihrer Heimath-Gegend leben! Man -schreibt Diess gewöhnlich verdorbenen Naturtrieben zu; allein wie viele -Kultur-Pflanzen gedeihen in der äussersten Kraft-Fülle, ohne jemals -oder fast jemals Samen anzusetzen! In einigen wenigen solchen Fällen -hat man herausgefunden, dass sehr unbedeutende Verhältnisse, wie etwas -mehr oder weniger Wasser zu einer gewissen Zeit des Wachsthums für oder -gegen die Samen-Bildung entscheidend wird. Ich kann hier nicht eingehen -in die zahlreichen Einzelheiten, die ich über diese merkwürdige Frage -gesammelt; um aber zu zeigen, wie eigenthümlich die Gesetze sind, -welche die Fortpflanzung der Thiere in Gefangenschaft bedingen, will -ich nur anführen, dass Raubthiere selbst aus den Tropen-Gegenden sich -bei uns auch in Gefangenschaft ziemlich gerne fortpflanzen, doch mit -Ausnahme der Sohlengänger oder der Bären-Familie, welche nur selten -Junge erzeugen, während Fleisch-fressende Vögel nur in den seltensten -Fällen oder fast niemals fruchtbare Eier legen. Viele ausländische -Pflanzen haben ganz werthlosen Pollen genau in demselben Zustande, wie -die meist unfruchtbaren Bastard-Pflanzen. Wenn wir auf der einen Seite -Hausthiere und Kultur-Pflanzen oft selbst in schwachem und krankem -Zustande sich in der Gefangenschaft ganz freiwillig fortpflanzen sehen, -während auf der andern Seite jung eingefangene Individuen, vollkommen -gezähmt, Geschlechts-reif und kräftig (wovon ich viele Beispiele -anführen kann), in ihrem Reproduktiv-Systeme durch nicht wahrnehmbare -Ursachen so angegriffen erscheinen, dass sie sich nicht zu befruchten -vermögen, so dürfen wir uns um so weniger darüber wundern, wenn dieses -System in der Gefangenschaft in nicht ganz regelmässiger Weise wirkt -und eine Nachkommenschaft erzeugt, welche den Ältern nicht vollkommen -ähnlich oder welche veränderlich ist. - -Man hat Unfruchtbarkeit als den Untergang des Gartenbaues bezeichnet; -aber Variabilität entsteht aus derselben Ursache wie Sterilität, -und Variabilität ist die Quelle all der ausgesuchtesten Erzeugnisse -unsrer Gärten. Ich möchte hinzufügen, dass, wenn einige Organismen -(wie die in Kästen gehaltenen Kaninchen und Frettchen) sich unter den -unnatürlichsten Verhältnissen fortpflanzen, Diess nur beweiset, dass -ihr Reproduktions-System dadurch nicht angegriffen worden ist; und so -widerstreben einige Thiere und Pflanzen der Veränderung durch Zähmung -oder Kultur und erfahren nur sehr geringe Abänderung, vielleicht kaum -eine stärkere als im Natur-Zustande. - -Man könnte eine lange Liste von Spielpflanzen (Sporting plants) -aufstellen, mit welchem Namen die Gärtner einzelne Knospen oder -Sprossen bezeichnen, welche plötzlich einen neuen und von der -übrigen Pflanze oft sehr abweichenden Charakter annehmen. Solche -Pflanzen kann man durch Propfen und oft mittelst Samen fortpflanzen. -Diese Spielpflanzen sind in der Natur ausserordentlich selten, im -Kultur-Zustande aber nichts Ungewöhnliches, und wir sehen in diesem -Falle, dass die abweichende Behandlung der Mutterpflanze die Knospe -oder den Sprossen, nicht aber das Ei’chen oder den Pollen berührt -hat. Die meisten Physiologen sind aber der Meinung, dass zwischen -einer Knospe und einem Ei’chen auf ihrer ersten Bildungs-Stufe kein -wesentlicher Unterschied ist, so dass die Spielpflanzen in der That -meiner Meinung zur Stütze gereichen, dass die Veränderlichkeit -grossentheils von Einflüssen herzuleiten seye, welche die Behandlung -der Mutterpflanze auf das Ei’chen oder den Pollen oder auf beide schon -vor dem Befruchtungs-Akte ausgeübt hat. Diese Fälle zeigen dann auch, -dass Abänderung nicht, wie einige Autoren angenommen, nothwendig mit -dem Generations-Akte zusammenhänge. - -Sämlinge von derselben Frucht erzogen oder Junge von einem Wurfe -weichen oft weit von einander ab, obwohl die Jungen und die Alten, -wie ~Müller~ bemerkt, offenbar genau denselben Lebens-Bedingungen -ausgesetzt gewesen; und es ergibt sich daraus, wie unerheblich die -unmittelbaren Wirkungen der Lebens-Bedingungen im Vergleiche zu den -Gesetzen der Reproduktion, der Wechselbeziehungen des Wachsthums und -der Erblichkeit sind; denn wäre die Wirkung der Lebens-Bedingungen -in dem Falle, wo nur ein Junges abändert, eine unmittelbare gewesen, -so würden zweifelsohne alle Jungen dieselben Abänderungen zeigen. Es -ist sehr schwer zu beurtheilen, wie viel bei einer solchen Abänderung -dem unmittelbaren Einflusse der Wärme, der Feuchtigkeit, des Lichtes -und der Nahrung im Einzelnen zuzuschreiben seye; ich halte mich aber -überzeugt, dass solche Kräfte bei Thieren nur sehr wenig unmittelbaren -Erfolg haben können, während derselbe bei Pflanzen offenbar grösser -ist. In dieser Beziehung sind ~Buckman’s~ neuere Versuche mit Pflanzen -von grossem Werthe. Wenn alle oder fast alle Einzelnwesen, welche -den nämlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, auch auf dieselbe Weise -abgeändert werden, so scheint diese Wirkung anfangs jenen Einflüssen -unmittelbar zugeschrieben werden zu müssen; es lässt sich aber in -einigen Fällen nachweisen, dass ganz entgegengesetzte Bedingungen -ähnliche Veränderungen des Baues bewirken können. Demungeachtet -glaube ich, dass ein kleiner Betrag der stattfindenden Umänderung -der unmittelbaren Einwirkung der Lebens-Bedingungen zugeschrieben -werden kann, wie in einigen Fällen die veränderte Grösse von der -Nahrungs-Menge, die Färbung von besonderen Arten der Nahrung und vom -Lichte, und vielleicht die Dichte des Pelzes vom Klima ableitbar ist. - -Auch Gewöhnung hat einen entschiedenen Einfluss, wie die Versetzung -von Pflanzen aus einem Klima ins andere deren Blüthe-Zeit ändert. -Bei Thieren ist er bemerkbarer; ich habe bei der Haus-Ente gefunden, -dass die Flügel-Knochen leichter und die Bein-Knochen schwerer im -Verhältniss zum ganzen Skelette sind als bei der wilden Ente; und ich -glaube, dass man diese Veränderung getrost dem Umstande zuschreiben -kann, dass die zahme Ente weniger fliegt und mehr geht, als bei dieser -Enten-Art in ihrem wilden Zustande der Fall ist. Die erbliche stärkere -Entwickelung der Euter bei Kühen und Geisen in solchen Gegenden, wo -sie regelmässig gemelkt werden, im Verhältnisse zu andern, wo es -nicht der Fall, ist ein anderer Beleg dafür. Es gibt keine Art von -Haus-Säugethieren, welche nicht in dieser oder jener Gegend hängende -Ohren hätte, und so ist die Meinung, die irgend ein Schriftsteller -geäussert, dass dieses Hängendwerden der Ohren vom Nichtgebrauch der -Ohr-Muskeln herrühre, weil das Thier sich nicht mehr durch drohende -Gefahren beunruhigt fühle, ganz wahrscheinlich. - -Es gibt nun viele Gesetze, welche die Veränderungen regeln, von -welchen einige wenige sich dunkel erkennen lassen, und die nachher -noch kürzlich erwähnt werden sollen. Hier will ich nur anführen, was -man +Wechselbeziehung der Entwicklung+ nennen kann. Eine Veränderung -in Embryo oder Larve wird sicherlich meistens auch Veränderungen -im reifen Thiere nach sich ziehen. Bei Monstrositäten sind die -Wechselbeziehungen zwischen ganz verschiedenen Theilen des Körpers -sehr sonderbar, und ~Isidore Geoffroy St.-Hilaire~ führt davon -viele Belege in seinem grossen Werke an. Viehzüchter glauben, dass -verlängerte Beine gewöhnlich auch von einem verlängerten Kopfe -begleitet sind. Einige Beispiele erscheinen ganz wunderlicher Art; so, -dass ganz weisse Katzen mit blauen Augen allezeit taub sind. Farbe und -Eigenthümlichkeiten der Konstitution sind mit einander in Verbindung, -wovon sich viele merkwürdige Fälle bei Pflanzen und Thieren anführen -lassen. Aus den von ~Heusinger~ gesammelten Thatsachen geht hervor, -dass weisse Schaafe und Schweine von gewissen Pflanzen-Giften ganz -anders als die dunkel-farbigen berührt werden. Professor ~Wyman~ hat -mir kürzlich einen sehr belehrenden Fall dieser Art mitgetheilt. Auf -seine an einige Farmer in _Florida_ gerichtete Frage, woher es komme, -dass alle ihre Schweine schwarz seyen, erhielt er zur Antwort, dass -die Schweine die Farbwurzel (Lachnanthes) fressen, die ihre Knochen -Nelken-braun färbe und, ausser an den schwarzen Varietäten derselben, -die Hufe abfallen mache; und einer der Ansiedler (in _Florida_ -Squatters genannt) fügte hinzu: wir wählen die schwarzen Glieder eines -Wurfes zum Aufziehen aus, weil sie allein Aussicht auf Gedeihen geben. -Unbehaarte Hunde haben unvollkommene Zähne; lang- und grob-haarige -Wiederkäuer sollen geneigter seyn, lange und viele Hörner zu bekommen; -Tauben mit Federfüssen haben eine Haut zwischen ihren äusseren Zehen; -kurz-schnäbelige Tauben haben kleine Füsse, und die mit langen -Schnäbeln auch lange Füsse. Wenn man daher durch Auswahl geeigneter -Individuen von Pflanzen und Thieren für die Nachzucht irgend eine -Eigenthümlichkeit derselben zu steigeren gedenkt, so wird man gewiss -meistens, ohne es zu wollen, diesen geheimnissvollen Wechselbeziehungen -der Entwickelung gemäss noch andre Theile der Struktur mit abändern. - -Das Ergebniss der mancherlei entweder ganz unbekannten oder nur dunkel -sichtbaren Gesetze der Variation ist ausserordentlich zusammengesetzt -und vielfältig. Es ist wohl der Mühe werth, die verschiedenen -Abhandlungen über unsre alten Kultur-Pflanzen, wie Hyazinthen, -Kartoffeln, Dahlien u. s. w. sorgfältig zu studiren und von der -endlosen Menge von Verschiedenheiten in Bau und Lebensäusserung -Kenntniss zu nehmen, durch welche alle diese Varietäten und -Subvarietäten von einander abweichen. Ihre ganze Organisation scheint -bildsam geworden zu seyn, um bald in dieser und bald in jener Richtung -sich etwas von dem älterlichen Typus zu entfernen. - -Nicht-erbliche Abänderungen sind für uns ohne Bedeutung. Aber schon -die Zahl und Manchfaltigkeit der erblichen Abweichungen in dem Bau des -Körpers, sey es von geringerer oder von beträchtlicher physiologischer -Wichtigkeit, ist endlos. Dr. ~Prosper Lucas’~ Abhandlung in zwei -starken Bänden ist das Beste und Vollständigste, was man darüber hat. -Kein Viehzüchter ist darüber in Zweifel, dass die Neigung zur Vererbung -sehr gross ist; „Gleiches erzeugt Gleiches“ ist sein Grund-Glaube, -und nur theoretische Schriftsteller haben dagegen Zweifel erhoben. -Wenn irgend eine Abweichung öfters zum Vorschein kommt und wir sie -in Vater und Kind sehen, so können wir nicht sagen, ob sie nicht -etwa von einerlei Grundursache herrühre, die auf beide gewirkt habe. -Wenn aber unter Einzelwesen einer Art, welche offenbar denselben -Bedingungen ausgesetzt sind, irgend eine seltene Abänderung in Folge -eines ausserordentlichen Zusammentreffens von Umständen an einem Vater -zum Vorschein kommt -- an einem unter mehren Millionen -- und dann am -Kinde wieder erscheint, so nöthigt uns schon die Wahrscheinlichkeit -diese Wiederkehr aus der Erblichkeit zu erklären. Jedermann hat schon -von Fällen gehört, wo so seltene Erscheinungen, wie Albinismus, -Stachelhaut, ganz behaarter Körper u. dgl. bei mehren Gliedern einer -und der nämlichen Familie vorgekommen sind. Wenn aber so seltene und -fremdartige Abweichungen der Körper-Bildung sich wirklich vererben, so -werden minder fremdartige und ungewöhnliche Abänderungen um so mehr als -erbliche zugestanden werden müssen. Ja vielleicht wäre die richtigste -Art die Sache anzusehen die, dass man jedweden Charakter als erblich -und die Nichterblichkeit als Ausnahme betrachtete. - -Die Gesetze, welche die Erblichkeit der Charaktere regeln, sind -gänzlich unbekannt, und niemand vermag zu sagen, wie es komme, dass -dieselbe Eigenthümlichkeit in verschiedenen Individuen einer Art und in -Einzelwesen verschiedener Arten [?] zuweilen erblich ist und zuweilen -es nicht ist; wie es komme, dass das Kind zuweilen zu gewissen -Charakteren des Grossvaters oder der Grossmutter oder noch früherer -Vorfahren zurückkehre; wie es komme, dass eine Eigenthümlichkeit sich -oft von einem Geschlechte auf beide Geschlechter übertrage, oder -sich auf eines und zwar dasselbe Geschlecht beschränke. Es ist eine -Thatsache von nur geringer Wichtigkeit für uns, dass eigenthümliche -Merkmale, welche an den Männchen unsrer Hausthiere zum Vorschein -kommen, ausschliesslich oder doch vorzugsweise wieder nur auf männliche -Nachkommen übergehen. Eine wichtigere und wie ich glaube verlässige -Erscheinung ist die, dass, in welcher Periode des Lebens sich die -abweichende Bildung zeigen möge, sie auch in der Nachkommenschaft -immer in dem entsprechenden Alter, oder zuweilen wohl früher, zum -Vorschein kommt. In vielen Fällen ist Diess nicht anders möglich, weil -die erblichen Eigenthümlichkeiten z. B. in den Hörnern des Rindviehs -an den Nachkommen sich erst im reifen Alter zeigen können; und eben so -gibt es bekanntlich Eigenthümlichkeiten des Seidenwurms, die nur den -Raupen- oder den Puppen-Zustand betreffen. Aber erbliche Krankheiten -u. e. a. Thatsachen veranlassen mich zu glauben, dass die Regel -eine weitere Ausdehnung hat, und dass selbst da, wo kein offenbarer -Grund für das Erscheinen einer Abänderung in einem bestimmten Alter -vorliegt, doch das Streben vorherrscht, auch am Nachkommen in dem -gleichen Lebens-Abschnitte sich zu zeigen, wo sie an dem Vorfahren -erstmals eingetreten ist. Ich glaube, dass diese Regel von der grössten -Wichtigkeit für die Erklärung der Gesetze der Embryologie ist. Diese -Bemerkungen beziehen sich übrigens auf das erste Sichtbarwerden -der Eigenthümlichkeit, und nicht auf ihre erste Veranlassung, die -vielleicht schon in dem männlichen oder weiblichen Zeugungsstoff liegen -kann, in der Weise etwa, wie der aus der Kreutzung einer kurzhörnigen -Kuh und eines langhörnigen Bullen hervorgegangene Sprössling die -grössre Länge seiner Hörner erst spät im Leben zeigen kann, obwohl die -erste Ursache dazu schon im Zeugungsstoff des Vaters liegt. - -Ich habe des Falles der Rückkehr zur grossälterlichen Bildung erwähnt -und in dieser Beziehung noch anzuführen, dass die Naturforscher oft -behaupten, unsre Hausthier-Rassen nähmen, wenn sie verwilderten, zwar -nur allmählich, aber doch gewiss, wieder den Charakter ihrer wilden -Stammältern an, woraus man dann geschlossen hat, dass Folgerungen von -zahmen Rassen auf die Arten in ihrem Natur-Zustande nicht zulässig -seyen. Ich habe jedoch vergeblich auszumitteln gestrebt, auf was für -entscheidende Thatsachen sich jene so oft und so bestimmt wiederholte -Behauptung stütze. Es möchte sehr schwer sein, ihre Richtigkeit -nachzuweisen; denn wir können mit Sicherheit sagen, dass sehr viele -der ausgeprägtesten zahmen Varietäten im wilden Zustande gar nicht -leben könnten. In vielen Fällen kennen wir nicht einmal den Urstamm und -vermögen uns daher noch weniger zu vergewissern, ob eine vollständige -Rückkehr eingetreten ist oder nicht. Jedenfalls würde, um die Folgen -der Kreutzung zu vermeiden, nöthig seyn, dass nur eine einzelne -Varietät in die Freiheit zurückversetzt werde. Ungeachtet aber unsre -Varietäten gewiss in einzelnen Merkmalen zuweilen zu ihren Urformen -zurückkehren, so scheint mir doch nicht unwahrscheinlich, dass, wenn -man die verschiedenen Abarten des Kohls z. B. einige Generationen -hindurch in einem ganz armen Boden zu naturalisiren fortführe (in -welchem Falle dann allerdings ein Theil des Erfolges der unmittelbaren -Wirkung des Bodens zuzuschreiben wäre), dieselben ganz oder fast ganz -wieder ihre wilde Urform annehmen würden. Ob der Versuch nun gelinge -oder nicht, ist für unsere Folgerungs-Reihe ohne grosse Erheblichkeit, -weil durch den Versuch selber die Lebens-Bedingungen geändert werden. -Liesse sich beweisen, dass unsre kultivirten Rassen eine starke Neigung -zur Rückkehr, d. h. zur Ablegung der angenommenen Merkmale an den Tag -legten, wenn sie unter unveränderten Bedingungen und in beträchtlichen -Massen beisammen gehalten würden, so dass freie Kreutzung etwaige -geringe Abweichungen der Struktur in Folge ihrer Durcheinandermischung -verhütete, -- in diesem Falle wollte ich zugeben, dass sich aus den -zahmen Varietäten nichts hinsichtlich der Arten folgern lasse. Aber es -ist nicht ein Schatten von Beweis zu Gunsten dieser Meinung vorhanden. -Die Behauptung, dass sich unsere Wagen- und Rasse-Pferde, unsre -lang- und kurz-hörnigen Rinder, unsre manchfaltigen Federvieh-Sorten -und Nahrungs-Gewächse nicht eine fast endlose Zahl von Generationen -hindurch fortpflanzen lassen, wäre aller Erfahrung entgegen. Ich will -noch hinzufügen, dass, wenn im Natur-Zustande die Lebens-Bedingungen -wechseln, Abänderungen und Rückkehr des Charakters wahrscheinlich -eintreten werden; aber die Natürliche Züchtung würde, wie nachher -gezeigt werden soll, bestimmen, wie weit die hieraus hervorgehenden -neuen Charaktere erhalten bleiben. - -Wenn wir die erblichen Varietäten oder Rassen unsrer Haus-Thiere und -Kultur-Gewächse betrachten und dieselben mit einander nahe verwandten -Arten vergleichen, so finden wir in jeder zahmen Rasse, wie schon -bemerkt worden, eine geringere Übereinstimmung des Charakters, als bei -ächten Arten. Auch haben zahme Rassen von derselben Thier-Art oft einen -etwas monströsen Charakter, womit ich sagen will, dass, wenn sie sich -auch von einander und von den übrigen Arten derselben Sippe in mehren -wichtigen Punkten unterscheiden, sie doch oft im äussersten Grade in -irgend einem einzelnen Theile sowohl von den andern Varietäten als -insbesondere von den übrigen nächstverwandten Arten derselben Sippe -zurückweichen. Diese Fälle (und die der vollkommenen Fruchtbarkeit -gekreutzter Varietäten einer Art, wovon nachher die Rede seyn soll) -ausgenommen, weichen die kultivirten Rassen einer und derselben Spezies -in gleicher Weise, nur gewöhnlich in geringerem Grade, von einander -ab, wie die einander nächst verwandten Arten derselben Sippe im -Natur-Zustande. Ich glaube, man wird Diess zugeben, wenn man findet, -dass es kaum irgend-welche gepflegte Rassen unter den Thieren wie -unter den Pflanzen gibt, die nicht schon von einigen urtheilsfähigen -Richtern als wirkliche Varietäten und von andern ebenfalls sachkundigen -Beurtheilern als Abkömmlinge einer ursprünglich verschiedenen Art -erklärt worden wären. Gäbe es irgend einen bestimmten Unterschied -zwischen kultivirten Rassen und Arten, so könnten dergleichen Zweifel -nicht so oft wiederkehren. Oft hat man versichert, dass gepflegte -Rassen nicht in Sippen-Charakteren von einander abweichen. Ich -glaube zwar, dass sich diese Behauptung als irrig erweisen lässt; -doch gehen die Meinungen der Naturforscher weit auseinander, wenn -sie sagen sollen, worin Sippen-Charaktere bestehen, da alle solche -Werthungen nur empirisch sind. Überdiess werden wir nach der Ansicht -von der Entstehung der Sippen, die ich jetzt aufstellen will, kein -Recht haben zur Erwartung, bei unseren Kultur-Erzeugnissen oft auf -Sippen-Verschiedenheiten zu stossen. - -Wenn wir den Betrag der Struktur-Verschiedenheiten zwischen den -gepflegten Rassen von einer Art zu schätzen versuchen, so werden -wir bald dadurch in Zweifel versetzt, dass wir nicht wissen, ob -dieselben von einer oder von mehren älterlichen Arten abstammen. Es -wäre von Interesse, wenn sich diese Frage aufklären, wenn sich z. B. -nachweisen liesse, ob das Windspiel, der Schweisshund, der Dachshund, -der Jagdhund und der Bullenbeisser, welche sich so genau in ihrer Form -fortpflanzen, Abkömmlinge von nur einer Stamm-Art seyen? Denn solche -Thatsachen würden sehr geeignet seyn unsre Zweifel zu erregen über die -Unveränderlichkeit der vielen einander sehr nahe-stehenden natürlichen -Arten der Füchse z. B., die so ganz verschiedene Weltgegenden bewohnen. -Ich glaube nicht, dass wir jetzt im Stande sind zu erkennen, ob -alle unsre Hunde von einer wilden Stamm-Art herkommen, obwohl Diess -bei einigen andren Hausthier-Rassen wahrscheinlich oder sogar genau -nachweisbar ist. - -Es ist oft angenommen worden, der Mensch habe sich solche Pflanzen- -und Thier-Arten zur Zähmung ausgewählt, welche ein angeborenes -ausserordentlich starkes Vermögen abzuändern und in verschiedenen -Klimaten auszudauern besässen. Ich will nicht bestreiten, dass -diese Fähigkeiten viel zum Werthe unsrer meisten Kultur-Erzeugnisse -beigetragen haben. Aber wie vermochte ein Wilder zu wissen, als er -ein Thier zu zähmen begann, ob dasselbe in folgenden Generationen -zu variiren geneigt und in anderen Klimaten auszudauern vermögend -seyn werde? Oder hat die geringe Veränderlichkeit des Esels und des -Perlhuhns, das geringe Ausdaurungs-Vermögen des Rennthiers in der Wärme -und des Kameels in der Kälte ihre Zähmung gehindert? Ich hege keinen -Zweifel, dass, wenn man andre Pflanzen- und Thier-Arten in gleicher -Anzahl wie unsre gepflegten Rassen und aus eben so verschiedenen -Klassen und Gegenden ihrem Natur-Zustande entnähme und eine gleich -lange Reihe von Generationen hindurch im zahmen Zustande fortpflanzte, -sie in gleichem Umfange variiren würden, wie es unsre jetzt schon -kultivirten Arten thun. - -In Bezug auf die meisten unsrer längst gepflegten Pflanzen- und -Thier-Rassen halte ich es nicht für möglich zu einem bestimmten -Ergebniss darüber zu gelangen, ob sie von einer oder von mehren Arten -abstammen. Die Anhänger der Lehre von einem mehrfältigen Ursprung -unsrer Rassen berufen sich hauptsächlich darauf, dass schon die -ältesten geschichtlichen Nachrichten und insbesondere die _Ägyptischen_ -Denkmäler von einer grossen Verschiedenheit der Rassen Zeugniss geben, -und dass einige derselben mit unseren jetzigen bereits die grösste -Ähnlichkeit haben, wenn nicht gänzlich übereinstimmen. Wäre aber diese -Thatsache auch besser begründet, als sie es zu seyn scheint, so würde -sie doch nichts anderes beweisen, als dass eine oder die andre unsrer -Rassen dort vor vier bis fünf Tausend Jahren entstanden ist. Seit den -neuerlichen Entdeckungen von Celtischen Feuerstein-Geräthen in den -obren Boden-Schichten _Englands_, _Frankreichs_ und _Deutschlands_ -werden wenige Geologen mehr daran zweifeln, dass der Mensch in einem -bereits genügend zivilisirten Zustande, um Waffen zu fabriziren, schon -in einer nach Jahren ausgedrückt sehr frühen Zeit existirt hat; -- und -bekanntlich gibt es heutzutage kaum noch einen so wilden Volks-Stamm, -der sich nicht wenigstens den Hund gezähmt hätte. - -Der Ursprung der meisten unserer Hausthiere wird wohl immer ungewiss -bleiben. Doch will ich hier bemerken, dass ich durch ein fleissiges -Sammeln aller bekannten Thatsachen über die Haushunde in allen Theilen -der Erde zu dem Ergebnisse gelangt bin, dass mehre wilde Hunde-Arten -gezähmt worden sind und ihr Blut jetzt mehr und weniger gemischt in -den Adern unsrer Hunde-Rassen fliesst. -- In Bezug auf Schaf und -Ziege vermag ich mir keine Meinung zu bilden. Nach den mir von Blyth -über die Lebens-Weise, Stimme, Konstitution u. s. w. des Indischen -Höckerochsen mitgetheilten Thatsachen sollte ich denken, dass er von -einer anderen Art als unser Europäisches Rind herstammen müsse, welches -manche sachkundige Beurtheiler von mehrfachen Stamm-Arten ableiten -wollen, und diese Annahme dürfte nach den neueren Untersuchungen -Professor ~Rütimeyer’s~ allerdings als die richtigste zu betrachten -seyn. -- Hinsichtlich des Pferdes bin ich aus Gründen, die ich hier -nicht entwickeln kann, mit einigen Zweifeln gegen die Meinung einiger -Schriftsteller anzunehmen geneigt, dass alle seine Rassen nur von -einem wilden Stamme herrühren. ~Blyth~, dessen Meinung ich seiner -reichen und manchfaltigen Kenntnisse wegen in dieser Beziehung höher -als die fast eines jeden Andern anschlagen muss, glaubt dass alle -unsre Hühner-Varietäten vom gemeinen Indischen Huhn (Gallus Bankiva) -herkommen. Nachdem ich mir fast alle Englischen Rassen lebend gehalten, -sie gekreutzt und ihre Skelette untersucht, bin auch ich zu einem -ähnlichen Schlusse gelangt, wofür ich meine Gründe in einem späteren -Werke auseinandersetzen will. -- In Bezug auf Enten und Stall-Hasen, -deren Rassen in ihrem Körper-Bau beträchtlich von einander abweichen, -sprechen alle Anzeigen zu Gunsten der Annahme, dass sie alle von der -gemeinen Wild-Ente und dem Kaninchen stammen. - -Die Lehre der Abstammung unsrer verschiedenen Hausthier-Rassen von -verschiedenen wilden Stamm-Arten ist von einigen Schriftstellern bis -zu einem abgeschmackten Extreme getrieben worden. Sie glauben nämlich, -dass jede wenn auch noch so wenig verschiedene Rasse, welche ihren -unterscheidenden Charakter durch Inzucht bewahrt, auch ihre wilde -Stamm-Form gehabt habe. Dann müsste es eine ganze Menge wilder Rinds-, -viele Schaf- und einige Geisen-Arten in _Europa_ und mehre selbst -schon innerhalb _Grossbritannien_ gegeben haben. Ein Autor meint, es -hätten ehedem eilf wilde und dem Lande eigenthümliche Schaaf-Arten -dort gelebt. Wenn wir nun erwägen, dass _Britannien_ jetzt kaum eine -ihm eigenthümliche Säugethier-Art, _Frankreich_ nur sehr wenige nicht -auch in _Deutschland_ vorkommende, und umgekehrt, besitze, dass es -sich eben so mit _Ungarn_, _Spanien_ u. s. w. verhalte, dass aber -jedes dieser Königreiche mehre ihm eigene Rassen von Rind, Schaaf -u. s. w. darbiete, so müssen wir zugeben, dass in _Europa_ viele -Hausthier-Stämme entstanden sind; denn von woher sollen alle gekommen -seyn, da keines dieser Länder so viele eigenthümliche Arten als -abweichende Stamm-Rassen besitzt? Und so ist es auch in _Ostindien_. -Selbst in Bezug auf die Haushunde der ganzen Welt kann ich, obwohl ich -ihre Abstammung von mehren verschiedenen Arten ganz wahrscheinlich -finde, nicht in Zweifel ziehen, dass da ein unermesslicher Betrag -vererblicher Abweichungen vorhanden gewesen ist. Denn wer kann glauben, -dass Thiere nahezu übereinstimmend mit dem Italienischen Windspiel, -mit dem Schweisshund, mit dem Bullenbeisser, mit dem Blenheimer -Jagdhund und so abweichend von allen wilden Caniden, jemals frei im -Natur-Zustande gelebt hätten. Es ist oft hingeworfen worden, alle -unsre Hunde-Rassen seyen durch Kreutzung einiger weniger Stamm-Arten -miteinander entstanden; aber Kreutzung kann nur solche Formen liefern, -welche mehr oder weniger das Mittel zwischen ihren Ältern halten, -und gingen wir von dieser Erfahrung bei unsern zahmen Rassen aus, -so müssten wir annehmen, dass einstens die äussersten Formen des -Windspiels, des Schweisshundes, des Bullenbeissers u. s. w. im wilden -Zustande gelebt hätten. Überdiess ist die Möglichkeit, durch Kreutzung -verschiedene Rassen zu bilden, sehr übertrieben worden. Wenn es -auch keinem Zweifel unterliegt, dass eine Rasse durch gelegentliche -Kreutzung mittelst sorgfältiger Auswahl der Blendlinge, welche irgend -einen bezweckten Charakter darbieten, sich bedeutend modifiziren lässt, -so kann ich doch kaum glauben, dass man eine nahezu das Mittel zwischen -zwei weit verschiedenen Rassen oder Arten haltende Rasse zu züchten -im Stande ist. Sir ~J. Sebright~ hat absichtliche Versuche in dieser -Beziehung angestellt und keinen Erfolg erlangt. Die Nachkommenschaft -aus der ersten Kreutzung zwischen zwei reinen Rassen ist erträglich -und zuweilen, wie ich bei Tauben gefunden, ausserordentlich einförmig, -und Alles scheint einfach genug. Werden aber diese Blendlinge einige -Generationen hindurch unter einander gepaart, so werden kaum zwei -ihrer Nachkommen mehr einander ähnlich ausfallen, und dann wird die -äusserste Schwierigkeit oder vielmehr gänzliche Hoffnungslosigkeit -des Erfolges klar. Gewiss kann eine Mittel-Rasse zwischen zwei sehr -verschiedenen reinen Rassen nicht ohne die äusserste Sorgfalt und eine -lang fortgesetzte Wahl der Zuchtthiere gebildet werden, und ich finde -nicht einen Fall berichtet, wo dadurch eine bleibende Rasse erzielt -worden wäre. - -+Züchtung der Haus-Tauben.+) Von der Ansicht ausgehend, dass es -am zweckmässigsten seye, irgend eine besondere Thier-Gruppe zum -Gegenstande der Forschung zu machen, habe ich mir nach einiger Erwägung -die Haus-Tauben dazu ausersehen. Ich habe alle Rassen gehalten, die -ich mir verschaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise -mit Exemplaren aus verschiedenen Welt-Gegenden bedacht worden, -insbesondere durch den ehrenwerthen ~W. Elliot~ aus _Ostindien_ und -den ehrenwerthen ~C. Murray~ aus _Persien_. Es sind viele Abhandlungen -in verschiedenen Sprachen veröffentlicht worden und einige darunter -durch ihr ansehnliches Alter von besonderer Wichtigkeit. Ich habe mich -mit einigen ausgezeichneten Tauben-Liebhabern verbunden und mich in -zwei _Londoner_ Tauben-Clubs aufnehmen lassen. Die Verschiedenheit -der Rassen ist oft erstaunlich gross. Man vergleiche z. B. die -Englische Botentaube und den kurzstirnigen Purzler und betrachte die -wunderbare Verschiedenheit in ihren Schnäbeln, welche entsprechende -Verschiedenheiten in ihren Schädeln bedingt. Die Englische Botentaube -(Carrier) und insbesondere das Männchen ist noch bemerkenswerth durch -die wundervolle Entwickelung von Fleischlappen an der Kopfhaut, die -mächtig verlängerten Augenlider, sehr weite äussere Nasenlöcher und -einen weitklaffenden Mund. Der kurzstirnige Purzler hat einen Schnabel, -im Profil fast wie beim Finken; und die gemeine Purzel-Taube hat -die eigenthümliche und streng erbliche Gewohnheit, sich in dichten -Gruppen zu ansehnlicher Höhe in die Luft zu erheben und dann Kopfüber -herabzupurzeln. Die Runt-Taube ist von beträchtlicher Grösse mit langem -massigem Schnabel und grossen Füssen; einige Unterrassen derselben -haben einen sehr langen Hals, andre sehr lange Schwingen und Schwanz, -noch andre einen ganz eigenthümlich kurzen Schwanz. Der „Barb“ ist mit -der Botentaube verwandt, hat aber, statt des sehr langen, einen sehr -kurzen und breiten Schnabel. Der Kröpfer hat Körper, Flügel und Beine -sehr verlängert, und sein ungeheuer entwickelter Kropf, den er sich -aufzublähen gefällt, mag wohl Verwunderung und selbst Lachen erregen. -Die Möventaube (Turbit) besitzt einen sehr kurzen kegelförmigen -Schnabel, mit einer Reihe umgewendeter Federn auf der Brust, und hat -die Sitte den oberen Theil des Schlundes beständig etwas auszubreiten. -Der Jakobiner oder die Perückentaube hat die Nacken-Federn so -aufgerichtet, dass sie eine Perücke bilden, und verhältnissmässig lange -Schwung- und Schwanz-Federn. Der Trompeter und die Trommeltaube[7] -rucksen, wie ihre Namen ausdrücken, auf eine ganz andre Weise als die -andern Rassen. Die Pfauentaube hat 30-40 statt der normalen 12-14 -Schwanz-Federn und trägt diese Federn in der Weise ausgebreitet und -aufgerichtet, dass in guten Vögeln sich Kopf und Schwanz berühren; -die Öl-Drüse ist gänzlich verkümmert. Noch blieben einige minder -ausgezeichnete Rassen aufzuzählen übrig. - -Im Skelette der verschiedenen Rassen weicht die Entwickelung der -Gesichtsknochen in Länge, Breite und Krümmung ausserordentlich ab. Die -Form sowohl als die Breite und Länge des Unterkiefer-Astes ändern in -sehr merkwürdiger Weise. Die Zahl der Heiligenbein- und Schwanz-Wirbel -und der Rippen, die verhältnissmässige Breite und Anwesenheit ihrer -Queerfortsätze wechseln ebenfalls. Sehr veränderlich sind ferner die -Grösse und Form der Lücken im Brustbein, so wie der Öffnungs-Winkel und -die bezügliche Grösse der zwei Schenkel des Gabelbeins. Die verglichene -Weite des Mundspaltes, die verhältnissmässige Länge der Augenlider, -der äusseren Nasenlöcher und der Zunge, welche sich nicht immer nach -der des Schnabels richtet, die Grösse des Kropfes und des obern Theils -des Schlundes, die Entwickelung oder Verkümmerung der Öl-Drüse, die -Zahl der ersten Schwung- und der Schwanz-Federn, die verglichene Länge -von Flügeln und Schwanz gegen einander und gegen die des Körpers, -die des Laufs gegen die Zehen, die Zahl der Hornschuppen in der -Zehen-Bekleidung sind Alles Abänderungs-fähige Punkte im Körper-Bau. -Auch die Periode, wo sich das vollkommene Gefieder einstellt, ist -ebenso veränderlich als die Beschaffenheit des Flaums, womit die -Nestlinge beim Ausschlüpfen aus dem Eie bekleidet sind. Form und -Grösse der Eier sind der Abänderung unterworfen. Die Art des Flugs ist -eben so merkwürdig verschieden, wie es bei manchen Rassen mit Stimme -und Gemüthsart der Fall ist. Endlich weichen bei gewissen Rassen die -Männchen etwas von den Weibchen ab. - -So könnte man wenigstens eine ganze Menge von Tauben-Formen auswählen, -die ein Ornithologe, wenn er überzeugt wäre, dass es wilde Vögel, -unbedenklich für wohl-bezeichnete Arten erklären würde. Ich glaube -nicht einmal, dass irgend ein Ornithologe die Englische Botentaube, -den kurzstirnigen Purzler, den Runt, den Barb, die Kropf- und die -Pfauen-Taube in dieselbe Sippe zusammenstellen würde, zumal eine jede -dieser Rassen wieder mehre erbliche Unterrassen in sich enthält, die er -für Arten nehmen könnte. - -Wie gross nun aber auch die Verschiedenheit zwischen den Tauben-Rassen -seyn mag, so bin ich doch überzeugt, dass die gewöhnliche Meinung der -Naturforscher, dass alle von der Felstaube (Columba livia) abstammen, -richtig ist, wenn man unter diesem Namen nämlich verschiedene -geographische Rassen oder Unterarten mit begreift, welche nur in den -untergeordnetsten Merkmalen von einander abweichen. Da einige der -Gründe, welche mich zu dieser Meinung bestimmt haben, mehr und weniger -auch auf andre Fälle anwendbar sind, so will ich sie kurz angeben. -Wären jene verschiedenen Rassen nicht Varietäten und nicht von der -Felstaube entsprossen, so müssten sie von wenigstens 7-8 Stammarten -herrühren; denn es wäre unmöglich alle unsere zahmen Rassen durch -Kreutzung einer geringeren Arten-Zahl miteinander zu erlangen. Wie -wollte man z. B. die Kropftaube durch Paarung zweier Arten miteinander -erzielen, wovon nicht wenigstens eine den ungeheuern Kropf besässe? Die -unterstellten wilden Stammarten müssten sämmtlich Fels-Tauben gewesen -seyn, die nämlich nicht freiwillig auf Bäumen brüten oder sich auch -nur darauf setzen. Doch ausser der C. livia und ihren geographischen -Unterarten kennt man nur noch 2-3 Arten Fels-Tauben, welche aber nicht -einen der Charaktere unsrer zahmen Rassen besitzen. Daher müssten dann -die angeblichen Urstämme entweder noch in den Gegenden ihrer ersten -Zähmung vorhanden und den Ornithologen unbekannt geblieben seyn, was -wegen ihrer Grösse, Lebensweise und merkwürdigen Eigenschaften sehr -unwahrscheinlich ist; oder sie müssten in wildem Zustande ausgestorben -seyn. Aber Vögel, welche an Fels-Abhängen nisten und gut fliegen, -sind nicht leicht auszurotten, und unsre gemeine Fels-Taube, welche -mit unsren zahmen Rassen gleiche Lebens-Weise besitzt, hat noch -nicht einmal auf einigen der kleineren _Britischen_ Inseln oder an -den Küsten des Mittelmeeres ausgerottet werden können. Daher mir die -angebliche Ausrottung so vieler Arten, die mit der Felstaube gleiche -Lebens-Weise besitzen, eine sehr übereilte Annahme zu seyn scheint. -Überdiess sind die obengenannten so abweichenden Rassen nach allen -Weltgegenden verpflanzt worden und müssten daher wohl einige derselben -in ihre Heimath zurückgelangt seyn. Und doch ist nicht eine derselben -verwildert, obwohl die Feld-Taube, d. i. die Felstaube in ihrer am -wenigsten veränderten Form, in einigen Gegenden wieder wild geworden -ist. Da nun alle neueren Versuche zeigen, dass es sehr schwer ist ein -wildes Thier zur Fortpflanzung im Zustande der Zähmung zu vermögen, -so wäre man durch die Hypothese eines mehrfältigen Ursprungs unsrer -Haus-Tauben zur Annahme genöthigt, es seyen schon in alten Zeiten und -von halb-zivilisirten Menschen wenigstens 7-8 Arten so vollkommen -gezähmt worden, dass sie jetzt in der Gefangenschaft ganz wohl gedeihen. - -Ein Beweisgrund, wie mir scheint, von grossem Werthe und auch -anderweitiger Anwendbarkeit ist der, dass die oben aufgezählten Rassen, -obwohl sie im Allgemeinen in organischer Thätigkeit, Lebens-Weise, -Stimme, Färbung und den meisten Theilen ihres Körper-Baues mit der -Felstaube übereinkommen, doch in anderen Theilen dieses letzten -gewiss sehr weit davon abweichen; und wir würden uns in der ganzen -grossen Familie der Columbiden vergeblich nach einem Schnabel, wie -ihn die Englische Botentaube oder der kurzstirnige Purzler oder -der Barb besitzen, -- oder nach umgedrehten Federn, wie sie die -Perückentaube hat, -- oder nach einem Kropf wie beim Kröpfer, -- -oder nach einem Schwanz, wie bei der Pfauentaube umsehen. Man müsste -daher annehmen, dass der halb-zivilisirte Mensch nicht allein bereits -mehre Arten vollständig gezähmt, sondern auch absichtlich oder -zufällig ausserordentlich abweichende Arten dazu erkoren habe, und -dass diese Arten seitdem alle erloschen oder verschollen seyen. Das -Zusammentreffen so vieler seltsamer Zufälligkeiten scheint mir im -höchsten Grade unwahrscheinlich. - -Noch möchten hier einige Thatsachen in Bezug auf die Färbung des -Gefieders Berücksichtigung verdienen. Die Felstaube ist Schiefer-blau -mit weissem (bei der _Ostindischen_ Subspecies, C. intermedia -~Strickl.~, blaulichem) Hinterrücken, hat am Schwanze eine schwarze -End-Binde und an den äusseren Federn desselben einen weissen äusseren -Rand, und die Flügel haben zwei schwarze Binden; einige halb und -andere anscheinend ganz wilde Unterrassen haben auch noch schwarze -Flecken auf den Flügeln. Diese verschiedenen Merkmale kommen bei -keiner andern Art der ganzen Familie vereinigt vor. Nun treffen -sich aber auch bei jeder unsrer zahmen Rassen zuweilen und selbst -unter den ganz ausgebildeten Vögeln derselben alle jene Merkmale gut -entwickelt in Verbindung miteinander, selbst bis auf die weissen -Ränder der äusseren Schwanzfedern. Ja sogar, wenn man zwei oder mehr -Vögel von verschiedenen Rassen, von welchen keine blau ist oder -eines der erwähnten Merkmale besitzt, mit einander paart, sind die -dadurch erzielten Blendlinge sehr geneigt, diese Charaktere plötzlich -anzunehmen. So kreuzte ich z. B. einfarbig weisse Pfauentauben von -sehr reiner Rasse mit einfarbig schwarzen Barb-Tauben, von deren -blauen Varietäten mir kein Fall in _England_ bekannt ist, und erhielt -eine braune, schwarze und gefleckte Nachkommenschaft. Ich kreuzte -nun auch eine Barb- mit einer Bläss-Taube, einen weissen Vogel mit -rothem Schwanz und rothem Bläss von sehr beständiger Rasse, und die -Blendlinge waren dunkelfarbig und fleckig. Als ich ferner einen der -von Pfauen- und von Barb-Tauben erzielten Blendlinge mit einem der -Blendlinge von Barb- und von Bläss-Tauben paarte, kam ein Enkel mit -schön blauem Gefieder, weissem Unterrücken, doppelter schwarzer -Flügelbinde, schwarzer Schwanzbinde und weissen Seitenrändern der -Steuerfedern, Alles wie bei der wilden Felstaube, zum Vorschein. Man -kann diese Thatsache aus dem wohl bekannten Prinzip der Rückkehr zu -vorälterlichen Charakteren begreifen, wenn alle zahmen Rassen von der -Felstaube abstammen. Wollten wir aber Dieses läugnen, so müssten wir -eine von den zwei folgenden sehr unwahrscheinlichen Unterstellungen -machen. Entweder: dass all’ die verschiedenen eingebildeten Stamm-Arten -wie die Felstaube gefärbt und gezeichnet gewesen (obwohl keine andre -lebende Art mehr so gefärbt und gezeichnet ist), so dass in dessen -Folge noch bei allen Rassen eine Neigung zu dieser anfänglichen Färbung -und Zeichnung zurückzukehren vorhanden wäre. Oder: dass jede und auch -die reinste Rasse seit etwa den letzten zwölf oder höchstens zwanzig -Generationen einmal mit der Felstaube gekreutzt worden seye; ich sage: -höchstens zwanzig, denn wir kennen keine Thatsache zur Unterstützung -der Meinung, dass ein Abkömmling nach einer noch längeren Reihe von -Generationen sogar zu den Charakteren seiner Vorfahren zurückkehren -könne. Wenn in einer Rasse nur einmal eine Kreutzung mit einer andern -stattgefunden hat, so wird die Neigung zu einem Charakter dieser -letzten zurückzukehren natürlich um so kleiner und kleiner werden, je -weniger Blut von derselben noch in jeder späteren Generation übrig ist. -Hat aber eine Kreutzung mit fremder Rasse nicht stattgefunden und ist -gleichwohl in beiden Ältern die Neigung der Rückkehr zu einem Charakter -vorhanden, der schon seit mehren Generationen verloren gegangen, -so ist trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, die Annahme -geboten, dass sich diese Neigung in ungeschwächtem Grade während einer -unbestimmten Reihe von Generationen fortpflanzen könne. Diese zwei -ganz verschiedenen Fälle werden in Abhandlungen über Erblichkeit oft -miteinander verwechselt. - -Endlich sind die Bastarde oder Blendlinge, welche durch die Kreutzung -der verschiedenen Tauben-Rassen erzielt werden, alle vollkommen -fruchtbar. Ich kann Diess mittelst meiner eigenen Versuche bestätigen, -die ich absichtlich zwischen den aller-verschiedensten Rassen -angestellt habe. Dagegen wird aber schwer und vielleicht unmöglich -seyn, einen Fall anzuführen, wo ein Bastard an zwei bestimmt -verschiedenen Arten schon selber vollkommen fruchtbar gewesen wäre. -Einige Schriftsteller nehmen an, ein lang-dauernder Zustand der Zähmung -beseitige allmählich diese Neigung zur Unfruchtbarkeit, und aus der -Geschichte des Hundes zu schliessen scheint mir diese Hypothese -einige Wahrscheinlichkeit zu haben, wenn sie auf einander sehr nahe -verwandte Arten angewendet wird, obwohl sie noch durch keinen einzigen -Versuch bestätigt worden ist. Aber eine Ausdehnung der Hypothese -bis zu der Behauptung, dass Arten, die ursprünglich von einander -eben so verschieden gewesen, wie es Botentaube, Purzler, Kröpfer und -Pfauenschwanz jetzt sind, eine bei Inzucht vollkommen fruchtbare -Nachkommenschaft liefern, scheint mir äusserst voreilig zu seyn. - -Diese verschiedenen Gründe und zwar: die Unwahrscheinlichkeit, dass -der Mensch schon in früher Zeit sieben bis acht wilde Tauben-Arten -zur Fortpflanzung in der Gefangenschaft vermocht habe, die wir weder -im wilden noch im verwilderten Zustande kennen, ihre in manchen -Beziehungen von der Bildung aller Columbiden mit Ausnahme der Felstaube -ganz abweichenden Charaktere, das gelegentliche Wiedererscheinen der -blauen Farbe und charakteristischen Zeichnung in allen Rassen sowohl im -Falle der Inzucht als der Kreutzung, die vollkommene Fruchtbarkeit der -Blendlinge: alle diese Gründe zusammengenommen gestatten mir nicht zu -zweifeln, dass alle unsre zahmen Tauben-Rassen von Columba livia und -deren geographischen Unterarten abstammen. - -Zu Gunsten dieser Ansicht will ich noch ferner anführen: 1) dass die -Felstaube, C. livia, in _Europa_ wie in _Indien_ zur Zähmung geeignet -gefunden worden ist, und dass sie in ihren Gewohnheiten wie in vielen -Struktur-Beziehungen mit allen unsern zahmen Rassen übereinkommt. 2) -Obwohl eine Englische Botentaube oder ein kurzstirniger Purzler sich -in gewissen Charakteren weit von der Felstaube entfernen, so ist es -doch dadurch, dass man die verschiedenen Unterformen dieser Rassen, mit -Einschluss der z. Th. aus weit entfernten Gegenden abstammenden, mit -in Vergleich ziehet, möglich, fast ununterbrochene Übergangs-Reihen -zwischen den am weitesten auseinander-liegenden Bildungen derselben -herzustellen. 3) Diejenigen Charaktere, welche die verschiedenen -Rassen hauptsächlich von einander unterscheiden, wie die Fleischwarzen -und der lange Schnabel der englischen Botentaube, der kurze Schnabel -des Purzlers und die zahlreichen Schwanz-Federn der Pfauentaube sind -in jeder Rasse doch äusserst veränderlich, und die Erklärung dieser -Erscheinung wird uns erst möglich seyn, wenn von der Züchtung die -Rede seyn wird. 4) Tauben sind bei vielen Völkern beobachtet und -mit äusserster Sorgfalt und Liebhaberei gepflegt worden. Man hat -sie schon vor Tausenden von Jahren in mehren Weltgegenden gezähmt; -die älteste Nachricht von ihnen stammt aus der Zeit der fünften -Ägyptischen Dynastie, etwa 3000 J. v. Chr., wie mir Professor ~Lepsius~ -mitgetheilt; aber ~Birch~ benachrichtigt mich, dass Tauben schon auf -einem Küchenzettel der vorangehenden Dynastie vorkommen. Von ~Plinius~ -vernehmen wir, dass zur Zeit der Römer ungeheures Geld für Tauben -ausgegeben worden ist; ja, es war dahin gekommen, dass man ihnen -„Stammbaum und Rasse“ nachrechnete. Gegen das Jahr 1600 schätzte sie -~Akber Khan~ in _Indien_ so sehr, dass ihrer nicht weniger als 20,000 -zur Hof-Haltung gehörten. „Die Monarchen von _Iran_ und _Turan_ sandten -einige sehr seltene Vögel heim und“, berichtet der Hof-Historiker -weiter, „Ihre Majestät hat durch Kreutzung der Rassen, welche Methode -früher nie angewendet worden war, dieselbe in erstaunlicher Weise -verbessert“. Um diese nämliche Zeit waren die Holländer eben so sehr, -wie früher die Römer, auf die Tauben erpicht. Die äusserste Wichtigkeit -dieser Betrachtungen für die Erklärung der ausserordentlichen -Veränderungen, welche die Tauben erfahren haben, wird uns erst bei -den späteren Erörterungen über die Züchtung deutlich werden. Wir -werden dann auch sehen woher es kommt, dass die Rassen so oft ein -etwas monströses Aussehen haben. Endlich ist es ein sehr günstiger -Umstand für die Erzeugung verschiedener Rassen, dass bei den Tauben -ein Männchen mit einem Weibchen leicht lebenslänglich zusammengepaart, -und dass verschiedene Rassen in einem und dem nämlichen Vogel-Hause -beisammen gehalten werden können. - -Ich habe die wahrscheinliche Entstehungs-Art der zahmen Tauben-Rassen -mit einiger, wenn auch noch ganz ungenügender Ausführlichkeit -besprochen, weil ich selbst zur Zeit, wo ich anfing Tauben zu halten -und ihre verschiedenen Formen zu beobachten, es für ganz eben so -schwer hielt zu glauben, dass alle ihre Rassen einem gemeinsamen -Stammvater seit ihrer Zähmung entsprossen seyn könnten, als es einem -Naturforscher schwer fallen würde, an die gemeinsame Abstammung aller -Finken oder irgend einer andern grossen Vögel-Familie im Natur-Zustande -zu glauben. Insbesondere machte mich der Umstand sehr betroffen, -dass alle Züchter von Haus-Thieren und Kultur-Pflanzen, mit welchen -ich je gesprochen oder deren Schriften ich gelesen, vollkommen -überzeugt waren, dass die verschiedenen Rassen, welche ein Jeder von -ihnen erzogen, von eben so vielen ursprünglich verschiedenen Arten -herstammten. Fragt man, wie ich gefragt habe, irgend einen berühmten -Veredler der Hereford’schen Rindvieh-Rasse, ob dieselbe nicht von der -lang-hörnigen Rasse abstamme, so wird er spöttisch lächeln. Ich habe -nie einen Tauben-, Hühner-, Enten- oder Kaninchen-Liebhaber gefunden, -der nicht vollkommen überzeugt gewesen wäre, dass jede Haupt-Rasse von -einer andern Stammart herkomme. ~Van Mons~ zeigt in seinem Werke über -die Äpfel und Birnen, wie wenig er zu glauben geneigt seye, dass die -verschiedenen Sorten, wie z. B. der Ribston-pippin, der Codlin-Apfel -u. a., je von Saamen des nämlichen Baumes entsprungen seyen. Und so -könnte ich unzählige andere Beispiele anführen. Diess lässt sich, wie -ich glaube, einfach erklären. In Folge lang-jähriger Studien haben -diese Leute einen tiefen Eindruck von den Unterschieden zwischen den -verschiedenen Rassen in sich aufgenommen; und obgleich sie wohl wissen, -dass jede Rasse etwas variire, da sie eben durch die Züchtung solcher -geringen Abänderungen ihre Preise gewinnen, so gehen sie doch nicht -von allgemeineren Vernunftschlüssen aus und rechnen nicht den ganzen -Betrag zusammen, der sich durch Häufung kleiner Abänderungen während -vieler aufeinander-folgender Generationen ergeben muss. Werden nicht -jene Naturforscher, welche, obschon viel weniger als diese Züchter mit -den Erblichkeits-Gesetzen bekannt und nicht besser als sie über die -Zwischenglieder in der langen Reihe der Abkommenschaft unterrichtet, -doch annehmen, dass viele von unseren gehegten Rassen von gleichen -Ältern abstammen, -- werden sie nicht eine Lektion über Behutsamkeit zu -gewärtigen haben, wenn sie über den Gedanken lachen, dass eine Art im -Natur-Zustand in gerader Linie von einer andern Art abstammen könne? - -+Züchtung.+) Wir wollen jetzt kürzlich die Wege betrachten, auf -welchen die gehegten Rassen jede von einer oder von mehren einander -nahe verwandten Arten erzeugt worden sind. Ein kleiner Theil der -Wirkung mag dabei vielleicht dem unmittelbaren Einflusse äussrer -Lebensbedingungen und ein kleiner der Gewöhnung zuzuschreiben seyn; -es wäre aber thöricht, solchen Kräften die Verschiedenheiten zwischen -einem Karrengaul und einem Rasse-Pferd, zwischen einem Windspiele und -einem Schweisshund, einer Boten- und einer Purzel-Taube zuschreiben -zu wollen. Eine der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten, die wir an -unseren kultivirten Rassen wahrnehmen, ist ihre Anpassung nicht -an der Pflanze oder des Thieres eigenen Vortheil, sondern an des -Menschen Nutzen und Liebhaberei. Einige ihm nützliche Abänderungen -sind zweifelsohne plötzlich oder auf ein Mal entstanden, wie z. B. -manche Botaniker glauben, dass die Weber-Karde mit ihren Haken, welchen -keine mechanische Vorrichtung an Brauchbarkeit gleichkommt, nur eine -Varietät des wilden Dipsacus seye, und diese ganze Abänderung mag -wohl plötzlich in irgend einem Sämlinge dieses letzten zum Vorschein -gekommen seyn. So ist es wahrscheinlich auch mit der in _England_ zum -Drehen der Bratspiesse gebrauchten Hunde-Rasse der Fall, und es ist -bekannt, dass eben so das Amerikanische Ancon-Schaaf entstanden ist. -Wenn wir aber das Rasse-Pferd mit dem Karrengaul, den Dromedar mit dem -Kameel, die für Kulturland tauglichen mit den für Berg-Weide passenden -Schaafe-Rassen, deren Wollen sich zu ganz verschiedenen Zwecken eignen, -wenn wir die manchfaltigen Hunde-Rassen vergleichen, deren jede dem -Menschen in einer anderen Weise dient, -- wenn wir den im Kampfe so -ausdauernden Streit-Hahn mit andern friedfertigen und trägen Rassen, -welche „immer legen und niemals zu brüten verlangen“, oder mit dem so -kleinen und zierlichen Bantam-Huhne vergleichen, -- wenn wir endlich -das Heer der Acker-, Obst-, Küchen- und Zier-Pflanzenrassen in’s Auge -fassen, welche dem Menschen jede zu anderem Zwecke und in andrer -Jahreszeit so nützlich oder für seine Augen so angenehm sind, so müssen -wir uns doch wohl weiter nach den Ursachen solcher Veränderlichkeit -umsehen. Wir können nicht annehmen, dass alle diese Varietäten auf -einmal so vollkommen und so nutzbar entstanden seyen, wie wir sie jetzt -vor uns sehen, und kennen in der That von manchen ihre Geschichte -genau genug um zu wissen, dass Diess nicht der Fall gewesen. Der -Schlüssel liegt in des Menschen +accumulativem Wahl-Vermögen+, d. h. in -seinem Vermögen, durch jedesmalige Auswahl derjenigen Individuen zur -Nachzucht, welche die ihm erwünschten Eigenschaften im +höchsten+ Grade -besitzen, diese Eigenschaften bei jeder Generation um einen wenn auch -noch so unscheinbaren Betrag zu steigern. Die Natur liefert allmählich -mancherlei Abänderungen; der Mensch befördert sie in gewissen ihm -nützlichen Richtungen. In diesem Sinne kann man von ihm sagen, er -schaffe sich nützliche Rassen. - -Die Macht dieses Züchtungs-Princips ist nicht hypothetisch; denn es -ist gewiss, dass einige unserer ausgezeichnetsten Viehzüchter binnen -einem Menschen-Alter mehre Rind- und Schaaf-Rassen in beträchtlichem -Umfange modifizirt haben. Um das, was sie geleistet haben, in seinem -ganzen Umfang zu würdigen, muss man einige von den vielen diesem -Zwecke gewidmeten Schriften lesen und die Thiere selber sehen. -- -Züchter sprechen gewöhnlich von eines Thieres Organisation wie von -einer ganz bildsamen Sache, die sie meistens völlig nach ihrem Gefallen -modeln könnten. Wenn es der Raum gestattete, so würde ich viele -Stellen von den sachkundigsten Gewährsmännern als Belege anführen. -~Youatt~, der wahrscheinlich besser als fast irgend ein Anderer mit -den landwirthschaftlichen Werken bekannt und selbst ein sehr guter -Beurtheiler eines Thieres war, sagt von diesem Züchtungs-Prinzip, -es seye, „was den Landwirth befähige den Charakter seiner Heerde -nicht allein zu modifiziren, sondern gänzlich zu ändern. Es ist der -Zauberstab, mit dessen Hülfe er jede Form in’s Leben ruft, die ihm -gefällt.“ Lord ~Somerville~ sagt in Bezug auf das, was die Züchter -hinsichtlich der Schaaf-Rassen geleistet: „Es ist, als hätten sie -eine in sich vollkommene Form an die Wand gezeichnet und dann -belebt“. Der erfahrenste Züchter, Sir ~John Sebright~, pflegte in -Bezug auf die Tauben zu sagen: „er wolle eine ihm aufgegebene Feder -in drei Jahren hervorbringen, bedürfe aber sechs Jahre, um Kopf und -Schnabel zu erlangen“. In Sachsen ist die Wichtigkeit jenes Prinzips -für die Merino-Zucht so anerkannt, dass die Leute es gewerbsmässig -verfolgen. Die Schaafe werden auf einen Tisch gelegt und studirt, -wie der Kenner ein Gemälde studirt. Dieses wird je nach Monatsfrist -dreimal wiederholt, und die Schaafe werden jedesmal gezeichnet und -klassifizirt, so dass nur die allerbesten zuletzt für die Nachzucht -übrig bleiben. - -Was englische Züchter bis jetzt schon geleistet haben, geht aus den -ungeheuren Preisen hervor, die man für Thiere bezahlt, die einen -guten Stammbaum aufzuweisen haben, und diese hat man jetzt nach fast -allen Weltgegenden ausgeführt. Diese Veredlung rührt im Allgemeinen -keineswegs davon her, dass man verschiedene Rassen miteinander -gekreutzt. All’ die besten Züchter sprechen sich streng gegen dieses -Verfahren aus, es seye denn etwa zwischen einander nahe verwandten -Unterrassen. Und hat eine solche Kreutzung stattgefunden, so ist die -sorgfältigste Auswahl weit nothwendiger, als selbst in gewöhnlichen -Fällen. Handelte es sich bei der Wahl nur darum, irgend welche sehr -auffallende Abänderungen auszusondern und zur Nachzucht zu verwenden, -so wäre das Prinzip so handgreiflich, dass es sich kaum der Mühe -lohnte, davon zu sprechen. Aber seine Wichtigkeit besteht in dem -grossen Erfolg von Generation zu Generation fortgesetzter Häufung von -dem ungeübten Auge ganz unkenntlichen Abänderungen in einer Richtung -hin: Abänderungen, die ich, einfach genommen, vergebens wahrzunehmen -gestrebt habe. Nicht ein Mensch unter Tausend hat ein hinreichend -scharfes Auge und Urtheil, um ein ausgezeichneter Züchter zu werden. -Ist er mit diesen Eigenschaften versehen, studirt seinen Gegenstand -Jahre lang und widmet ihm seine ganze Lebenszeit mit ungeschwächter -Beharrlichkeit, so wird er Erfolg haben und grosse Verbesserungen -bewirken. Ermangelt er aber jener Eigenschaften, so wird er sicher -nichts ausrichten. Es haben wohl nur Wenige davon eine Vorstellung, was -für ein Grad von natürlicher Befähigung und wie viele Jahre Übung dazu -gehören, um nur ein geschickter Tauben-Züchter zu werden. - -Die nämlichen Grundsätze werden beim Garten-Bau befolgt, aber die -Abänderungen erfolgen oft plötzlicher. Doch glaubt niemand, dass -unsere edelsten Garten-Erzeugnisse durch eine einfache Abänderung -unmittelbar aus der wilden Urform entstanden seyen. In einigen Fällen -können wir beweisen, dass Diess nicht geschehen ist, indem genaue -Protokolle darüber geführt worden sind; um aber ein sehr treffendes -Beispiel anzuführen, können wir uns auf die stetig zunehmende Grösse -der Stachelbeeren beziehen. Wir nehmen eine erstaunliche Veredlung in -manchen Zierblumen wahr, wenn man die heutigen Blumen mit Abbildungen -vergleicht, die vor 20-30 Jahren davon gemacht worden sind. Wenn eine -Pflanzen-Rasse einmal wohl ausgebildet worden ist, so entfernt der -Samen-Züchter nicht die besten Pflanzen, sondern diejenigen aus den -Saamen-Beeten, welche am weitesten von ihrer eigenthümlichen Form -abweichen. Bei Thieren findet diese Art von Auswahl ebenfalls statt; -denn kaum dürfte Jemand so sorglos seyn, seine schlechtesten Thiere zur -Nachzucht zu verwenden. - -Bei den Pflanzen gibt es noch ein anderes Mittel das Maas der -Wirkungen der Zuchtwahl zu beobachten, nämlich die Vergleichung der -Verschiedenheit der Blüthen in den mancherlei Varietäten einer Art im -Blumen-Garten; der Verschiedenheit der Blätter, Hülsen, Knollen oder -was sonst für Theile in Betracht kommen, im Küchen-Garten, gegenüber -den Blüthen der nämlichen Varietäten; und der Verschiedenheit der -Früchte bei den Varietäten einer Art im Obst-Garten, gegenüber den -Blättern und Blüthen derselben Varietäten-Reihe. Wie verschieden -sind die Blätter der Kohl-Sorten und wie ähnlich einander ihre -Blüthen! wie unähnlich die Blüthen des Jelängerjeliebers und wie -ähnlich die Blätter! wie sehr weichen die Früchte der verschiedenen -Stachelbeer-Sorten in Grösse, Farbe, Gestalt und Behaarung von einander -ab, während an den Blüthen nur ganz unbedeutende Verschiedenheiten zu -bemerken sind! Nicht als ob die Varietäten, die in einer Beziehung -weit auseinander, in andern gar nicht verschieden wären: Diess ist -schwerlich je und (ich spreche nach sorgfältigen Beobachtungen) -vielleicht niemals der Fall! Die Gesetze der Wechselbeziehungen des -Wachsthums, deren Wichtigkeit nie übersehen werden sollte, werden immer -einige Verschiedenheiten veranlassen; im Allgemeinen aber kann ich -nicht zweifeln, dass die fortgesetzte Auswahl geringer Abänderungen in -den Blättern, in den Blüthen oder in der Frucht solche Rassen erzeuge, -welche hauptsächlich in diesen Theilen von einander abweichen. - -Man könnte einwenden, das Prinzip der Zuchtwahl seye erst seit kaum -drei Vierteln eines Jahrhunderts zu planmässiger Anwendung gebracht -worden; gewiss ist es erst seit den letzten Jahren mehr in Übung und -sind viele Schriften darüber erschienen; die Ergebnisse sind in einem -entsprechenden Grade immer rascher und erheblicher geworden. Es ist -aber nicht entfernt wahr, dass dieses Prinzip eine neue Entdeckung -seye. Ich kann mehre Beweise anführen, aus welchen sich die volle -Anerkennung seiner Wichtigkeit schon in sehr alten Schriften ergibt. -Selbst in den rohen und barbarischen Zeiten der _Englischen_ Geschichte -sind ausgesuchte Zucht-Thiere oft eingeführt und ist ihre Ausfuhr -gesetzlich verboten worden; auch war die Zerstörung der Pferde unter -einer gewissen Grösse angeordnet, was sich mit dem oben erwähnten -Ausjäten der Pflanzen vergleichen lässt. Das Prinzip der Züchtung -finde ich auch in einer alten _Chinesischen_ Encyklopädie bestimmt -angegeben. Bestimmte Regeln darüber sind bei einigen _Römischen_ -Klassikern niedergelegt. Aus einigen Stellen in der Genesis erhellt, -dass man schon in jener frühen Zeit der Farbe der Hausthiere seine -Aufmerksamkeit zugewendet hat. Wilde kreutzen noch jetzt zuweilen -ihre Hunde mit wilden Hunde-Arten, um die Rasse zu verbessern, wie -es nach ~Plinius’~ Zeugniss auch vormals geschehen ist. Die Wilden -in _Süd-Afrika_ spannen ihre Zug-Ochsen nach der Farbe zusammen, wie -einige Esquimaux ihre Zug-Hunde. ~Livingstone~ berichtet, wie hoch -gute Hausthier-Rassen von den Negern im innern _Afrika_, welche nie -mit Europäern in Berührung gewesen, geschätzt werden. Einige der -angeführten Thatsachen sind zwar keine Belege für wirkliche Züchtung; -aber sie zeigen, dass die Zucht der Hausthiere schon in älteren Zeiten -ein Gegenstand der Bestrebung gewesen und es bei den rohesten Wilden -noch jetzt ist. Es würde aber in der That doch befremden müssen, -wenn sich bei der Züchtung die Aufmerksamkeit nicht sofort auf die -Erblichkeit der so auffälligen guten und schlechten Eigenschaften -gelenkt hätte. - -In jetziger Zeit versuchen es ausgezeichnete Züchter durch planmässige -Wahl, mit einem bestimmten Ziel im Auge, neue Stämme oder Unterrassen -zu bilden, die alles bis jetzt bei uns Vorhandene übertreffen sollen. -Für unseren Zweck jedoch ist diejenige Art von Züchtung wichtiger, -welche man die unbewusste nennen kann und welche ein Jeder in Anwendung -bringt, der von den besten Thieren zu besitzen und nachzuziehen strebt. -So wird Jemand, der einen guten Hühnerhund zu haben wünscht, zuerst -möglichst gute Hunde zu erhalten suchen und hernach von den besten -seiner eignen Hunde Nachzucht zu bekommen streben, ohne die Absicht -oder die Erwartung zu haben, die Rasse hiedurch bleibend zu ändern. -Demungeachtet zweifle ich nicht daran, dass, wenn er dieses Verfahren -einige Jahrhunderte lang fortsetzte, er seine Rasse ändern und veredeln -würde, wie ~Bakewell~, ~Collins~ u. A. durch ein gleiches und nur mehr -planmässiges Verfahren schon während ihrer eigenen Lebens-Zeit die -Formen und Eigenschaften ihrer Rinder-Heerden wesentlich verändert -haben. Langsame und unmerkliche Veränderungen dieser Art lassen sich -nicht erkennen, wenn nicht wirkliche Ausmessungen oder sorgfältige -Zeichnungen der fraglichen Rassen von Anfang her gemacht worden sind, -welche zur Vergleichung dienen können; zuweilen kann man jedoch noch -unveredelte oder wenig veränderte Individuen in solchen Gegenden -auffinden, wo die Veredlung derselben ursprünglichen Rasse noch nicht -oder nur wenig fortgeschritten ist. So hat man Grund zu glauben, -dass König ~Karl’s~ Jagdhund-Rasse[8] seit der Zeit dieses Monarchen -unbewusster Weise beträchtlich verändert worden ist. Einige völlig -sachkundige Gewährsmänner hegen die Überzeugung, dass der Spürhund in -gerader Linie vom Jagdhund abstammt und wahrscheinlich durch langsame -Veränderung aus demselben hervorgegangen ist. Es ist bekannt, dass der -Vorstehehund im letzten Jahrhundert grosse Umänderung erfahren hat, und -hier glaubt man seye die Umänderung hauptsächlich durch Kreutzung mit -dem Fuchs-Hunde bewirkt worden; aber was uns berührt, das ist, dass -diese Umänderung unbewusster und langsamer Weise geschehen und dennoch -so beträchtlich ist, dass, obwohl der alte Vorstehehund gewiss aus -_Spanien_ gekommen, Herr ~Borrow~ mich doch versichert hat, in ganz -_Spanien_ keine einheimische Hunde-Rasse gesehen zu haben, die unserem -Vorstehehund gliche. - -Durch ein gleiches Wahl-Verfahren und sorgfältige Aufzucht ist -die ganze Masse der _Englischen_ Rasse-Pferde dahin gelangt in -Schnelligkeit und Grösse ihren _Arabischen_ Urstamm zu übertreffen, -so dass dieser letzte bei den Bestimmungen über die Goodwood-Rassen -hinsichtlich des zu tragenden Gewichtes begünstigt werden musste. -Lord ~Spencer~ u. A. haben gezeigt, dass in _England_ das Rindvieh an -Schwere und früher Reife gegen frühere Zeiten zugenommen. Vergleicht -man die Nachrichten, welche in alten Tauben-Büchern über die Boten- -und Purzel-Tauben enthalten sind, mit diesen Rassen, wie sie jetzt -in _Britannien_, _Indien_ und _Persien_ vorkommen, so kann man, -scheint mir, deutlich die Stufen verfolgen, welche sie allmählich zu -durchlaufen hatten, um endlich so weit von der Felstaube abzuweichen. - -~Youatt~ gibt eine vortreffliche Erläuterung von den Wirkungen -einer fortdauernden Züchtung, welche man in so ferne als unbewusste -betrachten kann, als die Züchter nie das von ihnen erlangte Ergebniss -selbst erwartet oder gewünscht haben können, nämlich die Erzielung -zweier ganz verschiedener Stämme. Es sind die zweierlei _Leicestrer_ -Schaaf-Heerden, welche von Mr. ~Buckley~ und Mr. ~Burgess~ seit etwas -über 50 Jahren lediglich aus dem ~Bakewell~’schen Urstamme gezüchtet -worden. Unter Allen, welche mit der Sache bekannt sind, glaubt Niemand -von Ferne daran, dass die beiden Eigner dieser Heerden dem reinen -~Bakewell~’schen Stamme jemals fremdes Blut beigemischt hätten, und -doch ist jetzt die Verschiedenheit zwischen deren Heerden so gross, -dass man glaubt ganz verschiedene Rassen zu sehen. - -Gäbe es Wilde so barbarisch, dass sie keine Vermuthung von der -Erblichkeit des Charakters ihrer Hausthiere hätten, so würden sie doch -jedes ihnen zu einem besondern Zwecke vorzugsweise nützliche Thier -während Hungersnoth und anderen Unglücks-Fällen sorgfältig zu erhalten -bedacht seyn, und ein derartig auserwähltes Thier würde mithin mehr -Nachkommenschaft als ein anderes von geringerem Werthe hinterlassen, -so dass schon auf diese Weise eine Auswahl zur Züchtung stattfände. -Welchen Werth selbst die Barbaren des Feuerlandes auf ihre Thiere -legen, sehen wir, wenn sie in Zeiten der Noth lieber ihre alten Weiber -als ihre Hunde verzehren, weil ihnen diese nützlicher sind als jene. - -Bei den Pflanzen kann man dasselbe stufenweise Veredlungs-Verfahren in -der gelegentlichen Erhaltung der besten Individuen wahrnehmen, mögen -sie nun hinreichend oder nicht genügend verschieden seyn, um bei ihrem -ersten Erscheinen schon als eine eigene Varietät zu gelten; mögen sie -aus der Kreutzung von zwei oder mehr Rassen oder Arten hervorgegangen -seyn. Wir erkennen Diess klar aus der zunehmenden Grösse und Schönheit -der Blumen von Jelängerjelieber, Dahlien, Pelargonien, Rosen u. a. -Pflanzen im Vergleich zu den älteren Varietäten von denselben Arten. -Niemand wird erwarten eine Jelängerjelieber oder Dahlie erster Qualität -aus dem Samen einer wilden Pflanze zu erhalten, oder eine Schmelzbirne -erster Sorte aus dem Samen einer wilden Birne zu erziehen, obwohl es -von einem wild-gewachsenen Sämlinge der Fall seyn könnte, welcher -von einer im Garten gebildeten Varietät entstammte. Die schon in der -klassischen Zeit kultivirte Birne scheint nach ~Plinius’~ Bericht eine -Frucht von sehr untergeordneter Qualität gewesen zu seyn. Ich habe in -Gartenbau-Schriften den Ausdruck grossen Erstaunens über die wunderbare -Geschicklichkeit von Gärtnern gelesen, die aus dürftigem Material so -glänzende Erfolge geärndet; aber ihre Kunst war ohne Zweifel einfach -und, wenigstens in Bezug auf das End-Ergebniss, eine unbewusste. -Sie bestand nur darin, dass sie die jederzeit beste Varietät wieder -aussäeten und, wenn dann zufällig eine neue etwas bessere Abänderung -zum Vorschein kam, nun diese zur Nachzucht wählten u. s. w. Aber die -Gärtner der klassischen Zeit, welche die beste Birne, die sie erhalten -konnten, nachzogen, dachten nie daran, was für eine herrliche Frucht -wir einst essen würden; und doch schulden wir dieses treffliche Obst in -geringem Grade wenigstens dem Umstande, dass schon sie begonnen haben, -die besten Varietäten auszuwählen und zu erhalten. - -Der grosse Umfang von Veränderungen, die sich in unseren -Kultur-Pflanzen langsamer und unbewusster Weise angehäuft haben, -erklärt die wohl-bekannte Thatsache, dass wir in den meisten Fällen die -wilde Mutterpflanze nicht wieder erkennen und daher nicht anzugeben -vermögen, woher die am längsten in unseren Blumen- und Küchen-Gärten -angebauten Pflanzen abstammen. Wenn es aber Hunderte oder Tausende -von Jahren bedurft hat, um unsre Kultur-Pflanzen bis auf deren -jetzige dem Menschen so nützliche Stufe zu veredeln, so wird es uns -auch begreiflich, warum weder _Australien_, noch das _Kap der guten -Hoffnung_ oder irgend eine andre von ganz unzivilisirten Menschen -bewohnte Gegend uns eine der Kultur werthe Pflanze geboten hat. Nicht -als ob diese an Pflanzen so reichen Gegenden in Folge eines eigenen -Zufalles gar nicht mit Urformen nützlicher Pflanzen von der Natur -versehen worden wären; sondern ihre einheimischen Pflanzen sind nur -nicht durch unausgesetzte Züchtung bis zu einem Grade veredelt worden, -welcher mit dem der Pflanzen in den schon längst kultivirten Ländern -vergleichbar wäre. - -Was die Hausthiere nicht zivilisirter Völker betrifft, so darf man -nicht übersehen, dass diese in der Regel, zu gewissen Jahreszeiten -wenigstens, um ihre eigene Nahrung zu kämpfen haben. In zwei sehr -verschieden beschaffenen Gegenden können Individuen von einerlei -Organismen-Art aber zweierlei Bildung und Thätigkeit der Organe oft -die einen in der ersten und die andern in der zweiten Gegend besser -fortkommen und dann durch eine Art natürlicher Züchtung, wie nachher -weiter erklärt werden soll, zwei Unterrassen bilden. Diess erklärt -vielleicht zum Theile, was einige Gewährsmänner von den Thier-Rassen -der Wilden berichten, dass dieselben mehr die Charaktere besonderer -Species an sich tragen, als die bei zivilisirten Völkern gehaltenen -Abänderungen. - -Nach der hier aufgestellten Ansicht von dem äusserst wichtigen -Einflusse, den die Züchtung des Menschen geübt, erklärt es sich auch -wie es komme, dass unsre veredelten Rassen sich in Struktur und -Lebensweise so an die Bedürfnisse und Launen des Menschen anpassen. Es -lassen sich daraus ferner, wie ich glaube, der so oft abnorme Charakter -unsrer veredelten Rassen und die gewöhnlich äusserlich so grossen, in -innern Theilen oder Organen aber verhältnissmässig so unbedeutenden -Verschiedenheiten derselben begreifen. Denn der Mensch kann kaum -oder nur sehr schwer andre als äusserlich sichtbare Abweichungen der -Struktur bei seiner Auswahl beachten, und er bekümmert sich in der -That nur selten um das Innere. Er kann durch Wahl nur auf solche -Abänderungen verfallen, welche ihm von der Natur selbst in anfänglich -schwachem Grade dargeboten werden. So würde niemals Jemand versuchen -eine Pfauentaube zu machen, wenn er nicht zuvor schon eine Taube mit -einem in etwas unregelmässiger Weise entwickelten Schwanz gesehen -hätte, oder einen Kröpfer zu züchten, ehe er eine Taube mit einem -grösseren Kropfe gefunden. Je eigenthümlicher und ungewöhnlicher ein -Charakter bei dessen erster Wahrnehmung erscheint, desto mehr wird -derselbe die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch wäre der Ausdruck -„Versuchen eine Pfauentaube zu machen“ in den meisten Fällen äusserst -unangemessen. Denn der, welcher zuerst eine Taube mit einem etwas -stärkeren Schwanz zur Nachzucht ausgewählt, hat sich gewiss nicht -träumen lassen, was aus den Nachkommen dieser Taube durch theils -unbewusste und theils planmässige Züchtung werden könne. Vielleicht -hat der Stammvater aller Pfauentauben nur vierzehn etwas ausgebreitete -Schwanz-Federn gehabt, wie die jetzige _Javanesische_ Pfauentaube -oder wie Individuen von verschiedenen andren Rassen, an welchen man bis -zu 17 Schwanz-Federn gezählt hat. Vielleicht hat die erste Kropftaube -ihren Kropf nicht stärker aufgeblähet, als es jetzt die Möventaube -mit dem oberen Theile des Schlundes zu thun pflegt, eine Gewohnheit, -welche bei allen Tauben-Liebhabern unbeachtet bleibt, weil sie keinen -Gesichtspunkt für ihre Züchtung abgibt. - -Es lässt sich nicht annehmen, dass es erst einer grossen Abweichung -in der Struktur bedürfe, um den Blick des Liebhabers auf sich zu -ziehen; er nimmt äusserst kleine Verschiedenheiten wahr, und es ist -in des Menschen Art begründet, auf eine wenn auch geringe Neuigkeit -in seinem eigenen Besitze Werth zu legen. Auch ist der anfangs auf -geringe individuelle Abweichungen bei einer Art gelegte Werth nicht -mit demjenigen zu vergleichen, welcher denselben Verschiedenheiten -beigelegt wird, wenn einmal mehre reine Rassen dieser Art -hergestellt sind. Manche geringe Abänderungen mögen unter solchen -Tauben vorgekommen seyn und noch vorkommen, welche als fehlerhafte -Abweichungen vom vollkommenen Typus einer jeden Rasse zurückgeworfen -worden. Die gemeine Gans hat keine auffallende Varietät geliefert, -daher die Thoulouse- und die gewöhnliche Rasse, welche nur in der Farbe -als dem biegsamsten aller Charaktere verschieden sind, bei unseren -Geflügel-Ausstellungen für verschiedene Arten ausgegeben wurden. - -Diese Ansichten mögen ferner eine zuweilen gemachte Bemerkung -erklären, dass wir nämlich nichts über die Entstehung oder Geschichte -einer unsrer veredelten Rassen wissen. Denn man kann von einer Rasse, -so wie von einem Sprach-Dialekte, in Wirklichkeit schwerlich sagen, -dass sie einen bestimmten Anfang gehabt habe. Es pflegt jemand -und gebraucht zur Züchtung irgend ein Einzelwesen mit geringen -Abweichungen des Körper-Baues, oder er verwendet mehr Sorgfalt als -gewöhnlich darauf, seine besten Thiere mit einander zu paaren; er -verbessert dadurch seine Zucht und die verbesserten Thiere verbreiten -sich unmittelbar in der Nachbarschaft. Da sie aber bis jetzt noch -schwerlich einen besonderen Namen haben und sie noch nicht sonderlich -geschätzt sind, so achtet niemand auf ihre Geschichte. Wenn sie dann -durch dasselbe langsame und stufenweise Verfahren noch weiter veredelt -worden, breiten sie sich immer weiter aus und werden jetzt als etwas -Ausgezeichnetes und Werthvolles anerkannt und erhalten wahrscheinlich -nun erst einen Provinzial-Namen. In halb-zivilisirten Gegenden mit -wenig freiem Verkehr mag die Ausbreitung und Anerkennung einer neuen -Unterrasse ein langsamer Vorgang seyn. Sobald aber die einzelnen -werthvolleren Eigenschaften der neuen Unterrasse einmal vollständig -anerkannt sind, wird das von mir sogenannte Prinzip der unbewussten -Züchtung langsam und unaufhörlich -- wenn auch mehr zu einer als zur -andern Zeit, je nachdem eine Rasse in der Mode steigt oder fällt, -und vielleicht mehr in einer Gegend als in der andern, je nach der -Zivilisations-Stufe ihrer Bewohner -- auf die Vervollkommnung der -charakteristischen Eigenschaften der Rasse hinwirken, welcher Art -sie nun seyn mögen. Aber es ist unendlich wenig Aussicht vorhanden, -einen geschichtlichen Bericht von solchen langsam wechselnden und -unmerklichen Veränderungen zu erhalten. - -Ich habe nun einige Worte über die für die künstliche Züchtung -günstigen oder ungünstigen Umstände zu sagen. Ein hoher Grad von -Veränderlichkeit ist insoferne offenbar günstig, als er ein reicheres -Material zur Auswahl für die Züchtung liefert. Doch nicht als ob bloss -individuelle Verschiedenheiten nicht vollkommen genügten, um mit -äusserster Sorgfalt durch Häufung endlich eine bedeutende Umänderung -in fast jeder beliebigen Richtung zu erwirken. Da aber solche dem -Menschen offenbar nützliche oder gefällige Variationen nur zufällig -vorkommen, so muss die Aussicht auf deren Erscheinen mit der Anzahl -der gepflegten Individuen zunehmen, und so wird eine Vielzahl dieser -letzten von höchster Wichtigkeit für den Erfolg. Mit Rücksicht auf -dieses Prinzip hat ~Marschall~ über die Schaafe in einigen Theilen -von _Yorkshire_ gesagt, dass, weil sie gewöhnlich nur armen Leuten -gehören und meistens in kleine Loose vertheilt sind, sie nie veredelt -werden können. Auf der andern Seite haben Handelsgärtner, welche -alle Pflanzen in grossen Massen erziehen, gewöhnlich mehr Erfolg als -die blossen Liebhaber in Bildung neuer und werthvoller Varietäten. -Die Haltung einer grossen Anzahl von Einzelwesen einer Art in einer -Gegend verlangt, dass man diese Species in günstige Lebens-Bedingungen -versetze, so dass sie sich in dieser Gegend freiwillig fortpflanze. -Sind nur wenige Individuen einer Art vorhanden, so werden sie -gewöhnlich alle, wie auch ihre Beschaffenheit seyn mag, zur Nachzucht -verwendet, und Diess hindert ihre Auswahl. Aber wahrscheinlich der -wichtigste Punkt von allen ist, dass das Thier oder die Pflanze für -den Besitzer so nützlich oder so hoch gewerthet sey, dass er die -genaueste Aufmerksamkeit auf jede auch die geringste Abänderung in den -Eigenschaften und dem Körper-Baue eines jeden Individuums verwende. -Ist Diess nicht der Fall, so ist auch nichts zu erwirken. Ich habe es -als wesentlich hervorheben sehen, es seye ein sehr glücklicher Zufall -gewesen, dass die Erdbeere gerade zu variiren begann, als Gärtner -diese Pflanze näher zu beobachten anfingen. Zweifelsohne hatte die -Erdbeere immer variirt, seitdem sie angepflanzt worden; aber man hatte -die geringen Abänderungen vernachlässigt. Als jedoch Gärtner später -die Pflanzen mit etwas grösseren, früheren oder besseren Früchten -heraushoben, Sämlinge davon erzogen und dann wieder die besten -Sämlinge und deren Abkommen zur Nachzucht verwendeten, da lieferte -diese, unterstützt durch die Kreutzung mit andern Arten, die vielen -bewundernswerthen Varietäten, welche in den letzten 30-40 Jahren -erzielt worden sind. - -Was Thiere getrennten Geschlechtes betrifft, so hat die Leichtigkeit, -womit ihre Kreutzung gehindert werden kann, einen wichtigen Antheil an -dem Erfolge in Bildung neuer Rassen, in einer Gegend wenigstens, welche -bereits mit anderen Rassen besetzt ist. Dazu kann die Einschliessung -des Landes in Betracht kommen. Wandernde Wilde oder die Bewohner -offner Ebenen besitzen selten mehr als eine Rasse derselben Art. Man -kann zwei Tauben lebenslänglich zusammen-paaren, und Diess ist eine -grosse Bequemlichkeit für den Liebhaber, weil er viele Vollblut-Rassen -im nämlichen Vogelhause beisammen erziehen kann. Dieser Umstand hat -gewiss die Bildung und Veredlung neuer Rassen sehr befördert. Ich will -noch beifügen, dass man die Tauben sehr rasch und in grosser Anzahl -vermehren und die schlechten Vögel leicht beseitigen kann, weil sie -getödtet zur Speise dienen. Auf der andern Seite lassen sich Katzen -ihrer nächtlichen Wanderungen wegen nicht zusammen-paaren, daher -man auch, trotzdem dass Frauen und Kinder sie gerne haben, selten -eine neue Rasse aufkommen sieht; solche Rassen, wenn wir dergleichen -jemals sehen, sind immer aus anderen Gegenden und zumal aus Inseln -eingeführt. Obwohl ich nicht bezweifle, dass einige Hausthiere weniger -als andre variiren, so wird doch die Seltenheit oder der gänzliche -Mangel verschiedener Rassen bei Katze, Esel, Perlhuhn, Gans u. s. w. -hauptsächlich davon herrühren, dass keine Züchtung bei ihnen in -Anwendung gekommen ist: bei Katzen, wegen der Schwierigkeit sie zu -paaren; bei Eseln, weil sie bei uns nur in geringer Anzahl von armen -Leuten gehalten werden, welche auf ihre Züchtung wenig achten; wogegen -dieses Thier in einigen Theilen von _Spanien_ und den _Vereinten -Staaten_ durch sorgfältige Züchtung in erstaunlicher Weise abgeändert -und veredelt worden ist; -- bei Perlhühnern, weil sie nicht leicht -aufzuziehen und eine grosse Zahl nicht beisammen gehalten wird; bei -Gänsen, weil sie nur zu zwei Zwecken dienen mittelst ihrer Federn und -ihres Fleisches, welche noch nicht zur Züchtung neuer Rassen gereitzt -haben; doch scheint die Gans auch eine eigenthümlich unbiegsame -Organisation zu besitzen. - -Versuchen wir das über die Entstehung unsrer Hausthier- und -Kulturpflanzen-Rassen Gesagte zusammenzufassen. Ich glaube, dass -die äusseren Lebens-Bedingungen wegen ihrer Einwirkung auf das -Reproduktiv-System von der höchsten Wichtigkeit für die Entstehung -von Abänderungen sind. Ich glaube aber nicht, dass Veränderlichkeit -als eine inhärente und nothwendige Eigenschaft allen organischen -Wesen unter allen Umständen zukomme, wie einige Schriftsteller -angenommen haben. Die Wirkungen der Veränderlichkeit werden in -verschiedenem Grade modifizirt durch Vererblichkeit und Rückkehr. Sie -wird durch viele unbekannte Gesetze geleitet, insbesondre aber durch -das der Wechselbeziehungen des Wachsthums. Einiges mag der direkten -Einwirkung der äusseren Lebens-Bedingungen, Manches dem Gebrauche -und Nichtgebrauche der Organe zugeschrieben werden. Dadurch wird -das End-Ergebniss ausserordentlich verwickelt. Ich bezweifle nicht, -dass in einigen Fällen die Kreutzung ursprünglich verschiedener -Arten einen wesentlichen Antheil an der Bildung unserer veredelten -Erzeugnisse gehabt habe. Wenn in einer Gegend einmal mehre veredelte -Rassen vorhanden gewesen sind, so hat ihre gelegentliche Kreutzung -mit Hilfe der Wahl zweifelsohne mächtig zur Bildung neuer Rassen -mitwirken können; aber die Wichtigkeit der Varietäten-Mischung ist, -wie ich glaube, sehr übertrieben worden sowohl in Bezug auf die -Thiere wie auf die Pflanzen, die sich aus Saamen verjüngten. Bei -solchen Pflanzen dagegen, welche zeitweise durch Stecklinge, Knospen -u. s. w. fortgepflanzt werden, ist die Wichtigkeit der Kreutzung -zwischen Arten wie Varietäten unermesslich, weil der Pflanzenzüchter -hier die ausserordentliche Veränderlichkeit sowohl der Bastarde als -der Blendlinge ganz ausser Acht lässt; doch haben die Fälle, wo -Pflanzen nicht aus Saamen fortgepflanzt werden, wenig Bedeutung für -uns, weil ihre Dauer nur vorübergehend ist. Aber die über alle diese -Änderungs-Ursachen bei weitem vorherrschende Kraft ist nach meiner -Überzeugung die fortdauernd anhäufende Züchtung, mag sie nun planmässig -und schnell, oder unbewusst und allmählicher aber wirksamer in -Anwendung kommen. - - - - -Zweites Kapitel. - -Abänderung im Natur-Zustande. - - Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten. - Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am - meisten. Arten grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren - mehr, als die der kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen - gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit - einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben. - - -Ehe wir von den Prinzipien, zu welchen wir im vorigen Kapitel -gelangten, Anwendung auf die organischen Wesen im Natur-Zustande -machen, müssen wir kürzlich untersuchen, in wieferne diese letzten -veränderlich sind oder nicht. Um diesen Gegenstand angemessen zu -behandeln, müsste ich ein langes Verzeichniss trockner Thatsachen -aufstellen; doch will ich diese für mein künftiges Werk versparen. -Auch will ich nicht die verschiedenen Definitionen erörtern, welche -man von dem Worte „Species“ gegeben hat. Keine derselben hat bis jetzt -alle Naturforscher befriedigt. Gewöhnlich schliesst die Definition -ein unbekanntes Element von einem besondren Schöpfungs-Akte ein. Der -Ausdruck „Varietät“ ist eben so schwer zu definiren; gemeinschaftliche -Abstammung ist meistens mit einbedungen, obwohl so selten erweislich. -Auch hat man von Monstrositäten gesprochen, die aber stufenweise in -die Varietäten übergehen. Unter einer „Monstrosität“ versteht man -nach meiner Meinung irgend eine beträchtliche Abweichung der Struktur -in einem einzelnen Theile, welche der Art entweder nachtheilig oder -doch nicht nützlich ist und sich gewöhnlich nicht vererbt. Einige -Schriftsteller gebrauchen noch den Ausdruck „Variation“ in einem -technischen Sinne, um Abänderungen durch die unmittelbare Einwirkung -äussrer Lebens-Bedingungen zu bezeichnen, und die Variationen -dieser Art gelten nicht für erblich. Doch, wer kann behaupten, dass -die zwergartige Beschaffenheit der Konchylien im Brackwasser des -_Baltischen Meeres_, oder die verringerte Grösse der Pflanzen auf -den Höhen der Alpen, oder der dichtere Pelz eines Thieres in höheren -Breiten nicht auf wenigstens einige Generationen vererblich seye? und -in diesem Falle würde man, glaube ich, die Form eine „Varietät“ nennen. - -Es mag wohl zweifelhaft seyn, ob Monstrositäten oder solche plötzliche -und grosse Abweichungen der Struktur, wie wir sie zuweilen in unsren -gezähmten Rassen, zumal unter den Pflanzen auftauchen sehen, sich -im Natur-Zustande stetig fortpflanzen können. Monstrositäten sind -zur Unfruchtbarkeit geneigt, und gewöhnlich steht jeder Theil eines -organischen Wesens wenigstens bei den Thieren in einer so schönen -Beziehung zu den gesammten Lebens-Bedingungen, dass es eben so -unwahrscheinlich ist, dass irgend ein Theil auf einmal in seiner -ganzen Vollkommenheit erschienen seye, als dass ein Mensch irgend eine -zusammengesetzte Maschine sogleich in vollkommenem Zustande erfunden -habe. Es ist mir wenigstens nicht gelungen, im Natur-Zustande gute -Beispiele von Arten zu finden, welche den Abänderungen der Struktur -in den Monstrositäten ihrer Verwandten entsprächen. Wenn dergleichen -vorgekommen sind, so muss ihre Fortpflanzung durch ihre Nützlichkeit -bedingt gewesen seyn, so dass mithin Natürliche Züchtung dabei -mitwirkte. Man kennt viele Pflanzen, welche an verschiedenen Zweigen, -oder am Umfange, oder in der Mitte ihres Blüthenstandes Blüthen von -ganz abweichender Beschaffenheit tragen; und wenn diese Pflanzen -aufhören sollten, Blüthen der einen Art zu tragen, so dürfte wohl -plötzlich eine bedeutende Veränderung im Art-Charakter eintreten. Doch -scheint gerade in einigen dieser Fälle die Entstehung von zweierlei -Blüthen stufenweise vor sich gegangen zu seyn; denn wir finden in -gewissen Campanula- und Viola-Arten Mittelstufen zwischen den zweierlei -Hauptzuständen der Blüthe einer und der nämlichen Pflanze. - -Was anderseits aber die kultivirten Pflanzen betrifft, so ist in den -wenigen bekannten Fällen, wo eine Varietät Blüthen oder Früchte von -zweierlei Beschaffenheit hervorzubringen pflegt, die Entstehung dieser -Varietät eine plötzliche gewesen. - -Dagegen gibt es manche geringe Verschiedenheiten, welche man als -individuelle bezeichnen kann, da man von ihnen weiss, dass sie oft -unter den Abkömmlingen von einerlei Ältern vorkommen, oder unter -solchen die wenigstens dafür gelten, weil sie zur nämlichen Art gehören -und auf begrenztem Raume nahe beisammen wohnen. Niemand unterstellt, -dass alle Individuen einer Art genau nach demselben Model gebildet -seyen. Diese individuellen Verschiedenheiten sind nun gerade sehr -wichtig für uns, theils weil sie oft ererbt sind, wie wohl Jedermann -schon zu beobachten Gelegenheit hatte, und theils weil sie der -Natürlichen Züchtung Stoff zur Häufung liefern, wie der Mensch in -seinen kultivirten Rassen individuelle Verschiedenheiten in gegebener -Richtung zusammenhäuft. Diese individuellen Verschiedenheiten betreffen -in der Regel nur die in den Augen des Naturforschers unwesentlichen -Theile; ich könnte jedoch aus einer langen Liste von Thatsachen -nachweisen, dass auch Theile, die man aus dem physiologischen wie aus -dem klassifikatorischen Gesichtspunkte als wesentliche bezeichnen -muss, zuweilen bei den Individuen von einerlei Art variiren. Ich -bin überzeugt, dass die erfahrensten Naturforscher erstaunt seyn -würden über die Menge von Fällen möglicher Abänderungen sogar in -wichtigen Theilen des Körpers, die ich im Laufe der Jahre nach guten -Gewährsmännern zusammengetragen habe. Man muss sich aber auch dabei -noch erinnern, dass Systematiker nicht erfreut sind Veränderlichkeit -in wichtigen Charakteren zu entdecken, und dass es nicht viele Leute -gibt, die ein Vergnügen daran fänden, innre wichtige Organe sorgfältig -zu untersuchen und in vielen Exemplaren einer und der nämlichen Art -mit einander zu vergleichen. So hätte ich nimmer erwartet, dass die -Verzweigungen des Hauptnerven dicht am grossen Zentralnervenknoten -eines Insektes in der nämlichen Species abändern könne, sondern hätte -vielmehr gedacht, Veränderungen dieser Art könnten nur langsam und -stufenweise eintreten. Und doch hat Mr. ~Lubbock~ kürzlich -an Coccus einen Grad von Veränderlichkeit an diesen Hauptnerven -nachgewiesen, welcher zumeist an die unregelmässige Verzweigung eines -Baumstamms erinnert. Ebenso hat dieser ausgezeichnete Naturforscher -ganz kürzlich gezeigt, dass die Muskeln in den Larven gewisser -Insekten von Gleichförmigkeit weit entfernt sind. Die Schriftsteller -bewegen sich oft in einem Zirkelschluss, wenn sie behaupten, dass -wichtige Organe nicht variiren; denn dieselben Schriftsteller zählen -praktisch diejenigen Organe zu den wichtigen (wie einige wenige ehrlich -genug sind zu gestehen), welche nicht variiren, und unter dieser -Voraussetzung kann dann allerdings niemals ein Beispiel von einem -variirenden wichtigen Organe angeführt werden; aber von einem andern -Gesichtspunkte aus lassen sich deren viele aufzählen. - -Mit den individuellen Verschiedenheiten steht noch ein andrer Punkt -in Verbindung, der mir sehr verwirrend zu seyn scheint; ich will -nämlich von den Sippen reden, die man zuweilen „proteische“ oder -„polymorphe“ genannt hat, weil deren Arten ein ungeordnetes Maass -von Veränderlichkeit zeigen, so dass kaum zwei Naturforscher darüber -einig werden können, welche Formen als Arten und welche als Varietäten -zu betrachten seyen. Man kann Rubus, Rosa, Hieracium unter den -Pflanzen, mehre Insekten- und Brachiopoden-Sippen unter den Thieren -als Beispiele anführen. In den meisten dieser polymorphen Sippen haben -einige Arten feste und bestimmte Charaktere. Sippen, welche in einer -Gegend polymorph sind, scheinen es mit einigen wenigen Ausnahmen auch -in andern Gegenden zu seyn und, nach den Brachiopoden zu urtheilen, -in früheren Zeiten gewesen zu seyn. Diese Thatsachen nun scheinen in -soferne geeignet Verwirrung zu bewirken, als sie zeigen, dass diese -Art von Veränderlichkeit unabhängig von den Lebens-Bedingungen ist. -Ich bin zu vermuthen geneigt, dass wir in diesen polymorphen Sippen -Veränderlichkeit nur in solchen Struktur-Verhältnissen begegnen, -welche der Art weder nützlich noch schädlich sind und daher bei der -Natürlichen Züchtung nicht berücksichtigt und befestigt worden sind, -wie nachher erläutert werden soll. - -Diejenigen Formen, welche zwar einen schon etwas mehr entwickelten -Art-Charakter besitzen, aber andren Formen so ähnlich oder durch -Mittelstufen so enge verkettet sind, dass die Naturforscher sie nicht -als besondre Arten aufführen wollen, sind in mehren Beziehungen die -wichtigsten für uns. Wir haben allen Grund zu glauben, dass viele -von diesen zweifelhaften und eng-verwandten Formen ihre Charaktere -in ihrer Heimath-Gegend lange Zeit beharrlich behauptet haben, lang -genug um sie für gute und ächte Species zu halten. Praktisch genommen -pflegt ein Naturforscher, welcher zwei Formen durch Zwischenglieder -mit einander verbinden kann, die eine als eine Varietät der anderen -gewöhnlichern oder zuerst beschriebenen zu behandeln. Zuweilen treten -aber sehr schwierige Fälle, die ich hier nicht aufzählen will, bei -Entscheidung der Frage ein, ob eine Form als Varietät der anderen -anzusehen seye oder nicht, sogar wenn beide durch Zwischenglieder -enge miteinander verkettet sind; auch die gewöhnliche Annahme, dass -diese Zwischenglieder Bastarde seyen, will nicht immer genügen um -die Schwierigkeit zu beseitigen. In sehr vielen Fällen jedoch wird -eine Form als eine Varietät der andern erklärt, nicht weil die -Zwischenglieder wirklich gefunden worden, sondern weil Analogie den -Beobachter verleitet anzunehmen, entweder dass sie noch irgendwo -vorhanden sind, oder dass sie früher vorhanden gewesen sind; und damit -ist dann Zweifeln und Vermuthungen eine weite Thüre geöffnet. - -Wenn es sich daher um die Frage handelt, ob eine Form als Art oder als -Varietät zu bestimmen seye, scheint die Meinung der Naturforscher von -gesundem Urtheil und reicher Erfahrung der einzige Führer zu bleiben. -Gleichwohl können wir in vielen Fällen uns nur auf eine Majorität der -Meinungen berufen; denn es lassen sich nur wenige wohl-bezeichnete und -wohl-bekannte Varietäten namhaft machen, die nicht schon bei wenigstens -einem oder dem anderen sachkundigen Richter als Species gegolten hätte. - -Dass Varietäten von so zweifelhafter Natur keinesweges selten -seyen, kann nicht in Abrede gestellt werden. Man vergleiche die von -verschiedenen Botanikern geschriebenen Floren von _Grossbritannien_, -_Frankreich_ oder den _Vereinten Staaten_ mit einander und sehe, was -für eine erstaunliche Anzahl von Formen von dem einen Naturforscher als -gute Arten und von dem andern als blosse Varietäten angesehen werden. -Herr ~H. C. Watson~, welchem ich zur innigsten Erkenntlichkeit für -Unterstützung aller Art verbunden bin, hat mir 182 _Britische_ Pflanzen -bezeichnet, welche gewöhnlich als Varietäten eingereiht werden, aber -auch schon alle von Botanikern für Arten erklärt worden sind; dabei -hat er noch manche leichtere aber auch schon von einem oder dem -anderen Botaniker als Art aufgenommene Varietät übergangen und einige -sehr polymorphe Sippen gänzlich ausser Acht gelassen. Unter Sippen, -welche die am meisten polymorphen Formen enthalten, führt ~Babington~ -251, ~Bentham~ dagegen nur 112 Arten auf, ein Unterschied von 139 -zweifelhaften Formen! Unter den Thieren, welche sich zu jeder Paarung -vereinigen und sehr ortwechselnd sind, können dergleichen zweifelhafte -zwischen Art und Varietät schwankende Formen nicht so leicht in einer -Gegend beisammen vorkommen, sind aber in getrennten Gebieten nicht -selten. Wie viele dieser _Nordamerikanischen_ und _Europäischen_ -Insekten und Vögel sind von dem einen ausgezeichneten Naturforscher als -unzweifelhafte Art und von dem anderen als Varietät oder sogenannte -klimatische Rasse bezeichnet worden! Als ich vor vielen Jahren die -Vögel von den einzelnen Inseln der _Galapagos_-Gruppe mit einander -verglich und Andre sie vergleichen sah, war ich sehr darüber erstaunt, -wie gänzlich schwankend und willkürlich der Unterschied zwischen Art -und Varietät ist. Auf den Inselchen der kleinen _Madeira_-Gruppe -kommen viele Insekten vor, welche in ~Wollastons~ bewundernswürdigem -Werke als Varietäten charakterisirt sind, die aber ohne allen Zweifel -von vielen Entomologen als besondre Arten aufgestellt werden würden. -Selbst _Irland_ besitzt einige wenige jetzt allgemein als Varietäten -angesehene Thiere, die aber von einigen Naturforschern für Arten -erklärt worden sind. Einige sehr erfahrene Ornithologen betrachten -unser _Britisches_ Rothhuhn (Lagopus) nur als eine scharf bezeichnete -Rasse der _Norwegischen_ Art, während die meisten solche für eine -unzweifelhaft eigenthümliche Art _Grossbritanniens_ erklären. Eine -weite Entfernung zwischen der Heimath zweier zweifelhaften Formen -bestimmt viele Naturforscher dieselben für zwei Arten zu erklären; -aber nun fragt es sich, welche Entfernung dazu genüge? Wenn die -zwischen _Europa_ und _Amerika_ gross genug ist, kann dann auch jene -zwischen erstem Kontinente und den _Azoren_ oder _Madeira_ oder den -_Canarischen_ Inseln oder _Irland_ genügen? Nur wenige Naturforscher -läugnen alle Varietäten-Bildung bei den Thieren; dann sind sie aber -genöthigt den geringsten Verschiedenheiten den Werth selbstständiger -Arten beizulegen; und wenn nun dieselbe Form identisch in zwei -verschiedenen Gegenden oder in zwei verschiedenen geologischen -Formationen gefunden wird, gehen sie so weit zu behaupten, dass zwei -Arten im nämlichen Gewande stecken. Endlich kann nicht in Zweifel -gezogen werden, dass viele von hoch-befähigten Richtern als Varietäten -betrachtete Formen so vollkommen den Charakter von Arten besitzen, dass -sie von andern hoch-befähigten Beurtheilern für gute ächte Species -erklärt werden. Aber es ist vergebene Arbeit die Frage zu erörtern, ob -es Arten oder Varietäten seyen, so lange noch keine Definition von dem -Begriffe dieser zwei Ausdrücke allgemein angenommen ist. - -Viele dieser stark ausgeprägten Varietäten oder zweifelhaften Arten -verdienten wohl eine nähere Beachtung, weil man vielerlei interessante -Beweis-Mittel aus ihrer geographischen Verbreitung, analogen -Variationen, Bastard-Bildungen u. s. w. herbeigeholt hat, um die ihnen -gebührende Rangstufe festzustellen. Ich will hier nur ein Beispiel -anführen, das von den zwei Formen der Schlüsselblumen, Primula veris -und Pr. elatior. Diese zwei Pflanzen weichen bedeutend im Aussehen -von einander ab; jede hat einen anderen Geruch und Geschmack; sie -blühen zu etwas verschiedener Zeit und wachsen an etwas verschiedenen -Standorten; sie gehen an Bergen bis in verschiedene Höhen hinauf und -haben eine verschiedene geographische Verbreitung; endlich lassen -sie sich nach den vielen in den letzten Jahren von einem äusserst -sorgfältigen Beobachter, ~Gärtner~, angestellten Versuchen nur sehr -schwierig mit einander kreutzen. Man kann also schwerlich bessre -Beweise dafür wünschen, dass beide Formen verschiedene Arten bilden. -Auf der andern Seite aber werden sie durch zahlreiche Zwischenglieder -mit einander verkettet, und es ist zweifelhaft, ob Solches Bastarde -sind; darin liegt aber ein überwiegender Grad von Experimental-Beweis -dafür, dass sie von gemeinsamen Ältern abstammen und mithin nur als -Varietäten zu betrachten sind. Ich muss jedoch erklären, dass nach -meinen neueren Beobachtungen über die Geschlechts-Verhältnisse der -lang- und kurz-griffeligen Formen dieser Sippe und nach andern noch -nicht beendigten Versuchen Primula vulgaris und Primula veris zwei gute -und ganz verschiedene Arten seyn dürften. - -Sorgfältige Forschung wird in den meisten Fällen die Naturforscher -zur Verständigung darüber bringen, wofür die zweifelhaften Formen zu -halten sind. Doch müssen wir bekennen, dass es gerade in den am besten -bekannten Gegenden die meisten zweifelhaften Formen gibt. Ich war -über die Thatsache erstaunt, dass von solchen Thieren und Pflanzen, -welche dem Menschen in ihrem Natur-Zustande sehr nützlich sind oder aus -irgend einer anderen Ursache seine besondre Aufmerksamkeit erregen, -fast überall Varietäten angeführt werden. Diese Varietäten werden -jedoch oft von einem oder dem andern Autor als Arten bezeichnet. Wie -sorgfältig ist die gemeine Eiche studirt worden! Nun macht aber ein -_Deutscher_ Autor über ein Dutzend Arten aus den Formen, welche bis -jetzt stets als Varietäten angesehen wurden; und in diesem Lande können -unter den höchsten botanischen Gewährsmännern und vorzüglichsten -Praktikern welche sowohl zu Gunsten der Meinung, dass die Trauben- und -die Stiel-Eiche gut unterschiedene Arten seyen, wie auch andre für die -gegentheilige Ansicht nachgewiesen werden. - -Wenn ein junger Naturforscher eine ihm ganz unbekannte Gruppe von -Organismen zu studiren beginnt, so macht ihn anfangs die Frage -verwirrt, was für Unterschiede die Arten bezeichnen, und welche von -ihnen nur Varietäten angehören; denn er weiss noch nichts von der Art -und der Grösse der Abänderungen, deren die Gruppe fähig ist; und Diess -beweiset eben wieder, wie allgemein wenigstens einige Variation ist. -Wenn er aber seine Aufmerksamkeit auf eine Klasse in einer Gegend -beschränkt, so wird er bald darüber im Klaren seyn, wofür er diese -zweifelhaften Formen anzuschlagen habe. Er wird im Allgemeinen geneigt -seyn, viele Arten zu machen, weil ihn, so wie die vorhin erwähnten -Tauben- oder Hühner-Freunde, das Maas der Abänderung in den seither -von ihm studirten Formen betroffen macht, und weil er noch wenig -allgemeine Kenntniss von analoger Abänderung in andern Gruppen und -andern Gegenden zur Berichtigung jener zuerst empfangenen Eindrücke -besitzt. Dehnt er nun den Kreis seiner Beobachtung weiter aus, so wird -er noch auf andre Schwierigkeiten stossen; er wird einer grossen Anzahl -nahe verwandter Formen begegnen. Erweitern sich seine Erfahrungen noch -mehr, so wird er endlich in seinem eignen Kopfe darüber einig werden, -was Varietät und was Spezies zu nennen seye; aber er wird zu diesem -Ziele nur gelangen, indem er viel Veränderlichkeit zugibt, und er wird -die Richtigkeit seiner Annahme von andern Naturforschern oft in Zweifel -gezogen sehen. Wenn er nun überdiess verwandte Formen aus andern nicht -unmittelbar angrenzenden Ländern zu studiren Gelegenheit erhält, in -welchem Falle er kaum hoffen darf die Mittelglieder zwischen diesen -zweifelhaften Formen zu finden, so wird er sich fast ganz auf Analogie -verlassen müssen, und seine Schwierigkeiten werden sich bedeutend -steigern. - -Eine bestimmte Grenzlinie ist bis jetzt sicherlich nicht gezogen -worden, weder zwischen Arten und Unterarten, d. i. solchen Formen, -welche nach der Meinung einiger Naturforscher den Rang einer Spezies -nahezu aber doch nicht gänzlich erreichen, noch zwischen Unterarten -und ausgezeichneten Varietäten, noch endlich zwischen den geringeren -Varietäten und individuellen Verschiedenheiten. Diese Verschiedenheiten -greifen, in eine Reihe geordnet, unmerklich in einander, und die Reihe -weckt die Vorstellung von einem wirklichen Übergang. - -Daher werden die individuellen Abweichungen, welche für den -Systematiker nur wenig Werth haben, für uns von grosser Wichtigkeit, -weil sie die erste Stufe zu denjenigen geringeren Varietäten bilden, -welche man in naturgeschichtlichen Werken der Erwähnung werth zu -halten pflegt. Ich sehe ferner diejenigen Abänderungen, welche etwas -erheblicher und beständiger sind, als die nächste Stufe an, welche uns -zu den mehr auffälligen und bleibenderen Varietäten führt, wie uns -diese zu den Subspezies und endlich Spezies leiten. Der Übergang von -einer dieser Stufen in die andre nächst-höhere mag in einigen Fällen -lediglich von der lang-währenden Einwirkung verschiedener natürlicher -Bedingungen in zwei verschiedenen Gegenden herrühren; doch habe ich -nicht viel Vertrauen zu dieser Ansicht und schreibe den Übergang von -einer leichten Abänderung zu einer wesentlicher verschiedenen Varietät -der Wirkung der Natürlichen Züchtung mittelst Anhäufung individueller -Abweichungen der Struktur in gewisser steter Richtung zu, wie nachher -näher auseinandergesetzt werden soll. Ich glaube daher, dass man eine -gut ausgeprägte Varietät mit Recht eine beginnende Spezies nennen -kann; ob sich aber dieser Glaube rechtfertigen lasse, muss aus dem -allgemeinen Gewichte der in diesem Werke beigebrachten Thatsachen und -Ansichten ermessen werden. - -Es ist nicht nöthig zu unterstellen, dass alle Varietäten oder -beginnenden Spezies sich wirklich zum Range einer Art erheben. -Sie können in diesem Beginnungs-Zustande wieder erlöschen; oder -sie können als solche Varietäten lange Zeiträume durchlaufen, wie -~Wollaston~ von den Varietäten gewisser Landschnecken-Arten auf -_Madeira_ gezeigt[9]. Gedeihet eine Varietät derartig, dass sie -die älterliche Spezies in Zahl übertrifft, so sieht man sie für die -Art und die Art für die Varietät an; sie kann die älterliche Art aber -allmählich auch ganz ersetzen und überleben; oder endlich beide können -wie unabhängige Arten neben einander fortbestehen. Doch, wir werden -nachher auf diesen Gegenstand zurückkommen. - -Aus diesen Bemerkungen geht hervor, dass ich den Kunstausdruck -„Species“ als einen nur willkürlich und der Bequemlichkeit halber -auf eine Reihe von einander sehr ähnlichen Individuen angewendeten -betrachte, und dass er von dem Kunstausdrucke „Varietät“ nicht -wesentlich, sondern nur insofern verschieden ist, als dieser auf minder -abweichende und noch mehr schwankende Formen Anwendung findet. Und -eben so ist die Unterscheidung zwischen „Varietät“ und „individueller -Abänderung“ nur eine Sache der Willkür und Bequemlichkeit. - -Durch theoretische Betrachtungen geleitet habe ich geglaubt, dass -sich einige interessante Ergebnisse in Bezug auf die Natur und die -Beziehungen der am meisten variirenden Arten darbieten würden, wenn man -alle Varietäten aus verschiedenen wohl-bearbeiteten Floren tabellarisch -zusammenstellte. Anfangs schien mir Diess eine einfache Sache zu seyn. -Aber Herr ~H. C. Watson~, dem ich für seine werthvollen Dienste -und Hilfe in dieser Beziehung sehr dankbar bin, überzeugte mich bald, -dass Diess mit vielen Schwierigkeiten verknüpft seye, was späterhin Dr. -~Hooker~ in noch bestimmterer Weise bestätigte. Ich behalte mir -daher für mein künftiges Werk die Erörterung dieser Schwierigkeiten und -die Tabellen über die Zahlen-Verhältnisse der variirenden Spezies vor. -Dr. ~Hooker~ erlaubt mir noch beizufügen, dass, nachdem er meine -handschriftlichen Aufzeichnungen und Tabellen sorgfältig durchgelesen, -er die folgenden Feststellungen für vollkommen wohl begründet halte. -Der ganze Gegenstand aber, welcher hier nothwendig nur sehr kurz -abgehandelt werden muss, ist ziemlich verwickelt, zumal Bezugnahmen auf -das „Ringen um Existenz“ auf die „Divergenz des Charakters“ und andre -erst später zu erörternde Fragen nicht vermieden werden können. - -~Alphons DeCandolle~ u. a. Botaniker haben gezeigt, dass solche -Pflanzen, die sehr weit ausgedehnte Verbreitungs-Bezirke besitzen, -gewöhnlich auch Varietäten darbieten, wie sich ohnediess schon erwarten -lässt, weil sie verschiedenen physikalischen Einflüssen ausgesetzt sind -und mit anderen Gruppen von Organismen in Mitbewerbung kommen, was, wie -sich nachher ergeben soll, von noch viel grösserer Wichtigkeit ist. -Meine Tabellen zeigen aber ferner, dass auch in einem beschränkten -Gebiete die gemeinsten, d. h. die in den zahlreichsten Individuen -vorkommenden Arten und jene, welche innerhalb ihrer eignen Gegend am -meisten verbreitet sind (was von „weiter Verbreitung“ und in gewisser -Weise von „Gemeinseyn“ wohl zu unterscheiden), oft zur Entstehung -von hinreichend bezeichneten Varietäten Veranlassung geben, um sie -in botanischen Werken aufgezählt zu finden. Es sind mithin die am -üppigsten gedeihenden oder, wie man sie nennen kann, dominirenden -Arten, nämlich die am weitesten über die Erd-Oberfläche ausgedehnten, -die in ihrer eignen Gegend am allgemeinst verbreiteten, es sind die -an Individuen reichsten Arten, welche am öftesten wohl ausgeprägte -Varietäten oder, wie man sie nennen möchte, Beginnende Spezies -liefern. Und Diess ist vielleicht vorauszusehen gewesen; denn so wie -Varietäten, um einigermaassen stet zu werden, nothwendig mit andern -Bewohnern der Gegend zu kämpfen haben, so werden auch die bereits -herrschend gewordenen Arten am meisten geeignet seyn Nachkommen zu -liefern, welche, mit einigen leichten Veränderungen, diejenigen Vorzüge -noch weiter zu vererben im Stande sind, wodurch ihre Ältern über ihre -Landesgenossen das Übergewicht errungen haben. Bei diesen Bemerkungen -über das Übergewicht ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie sich nur -auf diejenigen Formen beziehen, welche zu andern und namentlich zu -Gliedern derselben Sippe oder Klasse mit ganz ähnlicher Lebensweise im -Verhältnisse der Mitbewerbung stehen. - -Hinsichtlich der Gemeinheit oder der Individuen-Zahl einer Art -erstreckt sich daher die Vergleichung nur auf Glieder der nämlichen -Gruppe. Man mag eine Pflanze eine herrschende nennen, wenn sie an -Individuen reicher und weiter verbreitet als die andern unter nahezu -ähnlichen Verhältnissen lebenden Pflanzen der nämlichen Gegend ist. -Eine solche Pflanze wird in dem hier gebrauchten Sinne darum nicht -weniger eine herrschende seyn, weil etwa eine Konferve des Wassers oder -ein schmarotzender Pilz unendlich viel zahlreicher an Individuen und -noch weiter verbreitet ist als sie. Wenn aber eine Konferve oder ein -Schmarotzer-Pilz seine Verwandten in den oben genannten Beziehungen -übertrifft, dann ist es eine herrschende Form unter den Pflanzen ihrer -eignen Klasse. - -Wenn man die eine Gegend bewohnenden und in einer Flora derselben -beschriebenen Pflanzen in zwei gleiche Haufen theilt, wovon der -eine alle Arten aus grossen, und der andre alle aus kleinen Sippen -enthält, so wird man eine etwas grössere Anzahl sehr gemeiner und sehr -verbreiteter oder herrschender Arten auf Seiten der grossen Sippen -finden. Auch Diess hat vorausgesehen werden können; denn schon die -einfache Thatsache, dass viele Arten einer und der nämlichen Sippe eine -Gegend bewohnen, zeigt etwas in der organischen oder unorganischen -Beschaffenheit der Gegend für die Sippe Günstiges an, daher man -erwarten durfte, in den grösseren oder viele Arten enthaltenden -Sippen auch eine verhältnissmässig grosse Anzahl herrschender Arten -zu finden. Aber es gibt so viele Ursachen, welche dieses Ergebniss zu -verhüllen streben, dass ich erstaunt bin, in meinen Tabellen doch noch -ein kleines Übergewicht auf Seiten der grossen Sippen zu finden. Ich -will hier nur zwei Ursachen dieser Verhüllungen anführen. Süsswasser- -und Salz-Pflanzen haben gewöhnlich weit ausgedehnte Bezirke und eine -starke Verbreitung; Diess scheint aber mit der Natur ihrer Standorte -zusammenzuhängen und hat wenig oder gar keine Beziehung zu dem -Arten-Reichthum der Sippen, wozu sie gehören. Ebenso sind Pflanzen von -unvollkommenen Organisations-Stufen gewöhnlich viel weiter als die hoch -organisirten verbreitet, und auch hier besteht keine nahe Beziehung -zur Grösse der Sippen. Die Ursache dieser letzten Erscheinung soll in -unseren Kapiteln über die geographische Verbreitung erörtert werden. - -Indem ich die Arten nur als stark ausgeprägte und wohl umschriebene -Varietäten betrachtete, war ich im Stande vorauszusagen, dass die -Arten der grösseren Sippen einer Gegend öfter, als die der kleineren, -Varietäten darbieten würden; denn wo immer sich viele einander nahe -verwandte Arten (die der grösseren Sippen) gebildet haben, werden sich -im Allgemeinen auch viele Varietäten derselben oder beginnende Arten -zu bilden geneigt seyn, -- wie da, wo viele grosse Bäume wachsen, man -viele junge Bäumchen aufkommen zu sehen erwarten darf. Wo viele Arten -einer Sippe durch Variation entstanden sind, da sind die Umstände -günstig für Variation gewesen und möchte man mithin auch erwarten, -sie noch jetzt günstig zu finden. Wenn wir dagegen jede Art als einen -besonderen Akt der Schöpfung betrachten, so ist kein Grund einzusehen, -wesshalb verhältnissmässig mehr Varietäten in einer Arten-reichen -Gruppe als in einer solchen mit wenigen Arten vorkommen sollten. - -Um die Richtigkeit dieser Voraussagung zu beweisen, habe ich die -Pflanzen-Arten in zwölf verschiedenen Ländern und die Käfer-Arten in -zwei verschiedenen Gebieten in je zwei einander fast gleiche Haufen -getheilt, die Arten der grossen Sippen auf der einen und die der -kleinen auf der andern Seite, und es hat sich beharrlich überall -dasselbe Ergebniss gezeigt, dass eine verhältnissmässig grössre Anzahl -von Arten bei den grossen Sippen Varietäten haben als bei den kleinen. -Überdiess bieten die Arten der grossen Sippen, welche überhaupt -Varietäten haben, eine verhältnissmässig grössere Varietäten-Zahl dar, -als die der kleineren. Zu diesen beiden Ergebnissen gelangt man auch, -wenn man die Eintheilung anders macht und alle Sippen mit nur 1-4 -Arten ganz aus den Tabellen ausschliesst. Diese Thatsachen sind von -klarer Bedeutung für die Ansicht, dass Arten nur streng ausgeprägte -und bleibende Varietäten sind; denn wo immer viele Arten in einerlei -Sippe gebildet worden sind oder wo, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die -Arten-Fabrikation thätig betrieben worden ist, müssen wir gewöhnlich -diese Fabrikation noch in Thätigkeit finden, zumal wir alle Ursache -haben zu glauben, dass das Fabrikations-Verfahren ein sehr langsames -seye. Und Diess ist sicherlich der Fall, wenn Varietäten als beginnende -Arten zu betrachten; denn meine Tabellen zeigen deutlich ganz -allgemein, dass, wo immer viele Arten einer Sippe gebildet worden sind, -diese Arten eine den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten -oder beginnenden neuen Arten enthalten. Damit soll nicht gesagt -werden, dass alle grossen Sippen jetzt sehr variiren und in Vermehrung -ihrer Arten-Zahl begriffen sind, oder dass keine kleine Sippe jetzt -Varietäten bilde und wachse; denn dieser Fall wäre sehr verderblich für -meine Theorie, zumal uns die Geologie klar beweiset, dass kleine Sippen -im Laufe der Zeit oft sehr gross geworden, und dass grosse Sippen, -nachdem sie ihr Maximum erreicht, wieder zurückgesunken und endlich -verschwunden sind. Alles, was hier zu beweisen nöthig ist, beschränkt -sich darauf, dass da, wo viele Arten in einer Sippe gebildet worden, -auch noch jetzt durchschnittlich viele in Bildung begriffen sind; und -Diess ist nachgewiesen. - -Es gibt aber noch andere beachtenswerthe Beziehungen zwischen den -Arten grosser Sippen und den angeführt werdenden Varietäten derselben. -Wir haben gesehen, dass es kein untrügliches Unterscheidungs-Merkmal -zwischen Arten und stark ausgeprägten Varietäten gibt; und in jenen -Fällen, wo Mittelglieder zwischen zweifelhaften Formen noch nicht -gefunden worden, sind die Naturforscher genöthigt, ihre Bestimmung -von der Grösse der Verschiedenheiten zwischen zwei Formen abhängig -zu machen, indem sie nach der Analogie urtheilen, ob deren Betrag -genüge, um nur eine oder alle beide zum Range von Arten zu erheben. -Der Betrag der Verschiedenheit ist mithin ein sehr wichtiges Merkmal -bei der Bestimmung, ob zwei Formen für Arten oder für Varietäten -gelten sollen. Nun haben ~Fries~ in Bezug auf die Pflanzen und -~Westwood~ hinsichtlich der Insekten die Bemerkung gemacht, dass -in grossen Sippen der Grad der Verschiedenheit zwischen den Arten oft -ausserordentlich klein ist. Ich habe Diess in Zahlen-Durchschnitten -zu prüfen gesucht und, so weit meine noch unvollkommenen Ergebnisse -reichen, bestätigt gefunden. Ich habe mich desshalb auch bei einigen -genauen und erfahrenen Beobachtern befragt und nach Auseinandersetzung -der Sache gefunden, dass sie in derselben übereinstimmen. In dieser -Hinsicht gleichen demnach die Arten der grossen Sippen den Varietäten -mehr, als die Arten der kleinen. Nun kann man die Sache aber auch -anders ausdrücken und sagen, dass in den grösseren Sippen, wo eine -den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten oder beginnenden -Species noch jetzt fabricirt worden, viele der bereits fertigen Arten -doch bis zu einem gewissen Grade Varietäten gleichen, insofern sie -durch einen weniger als gewöhnlich grosses Maass von Verschiedenheit -von einander getrennt werden. - -Überdiess stehen die Arten grosser Sippen in derselben Beziehung, wie -die Varietäten einer Art zu einander. Kein Naturforscher glaubt, dass -alle Arten einer Sippe in gleichem Grade von einander verschieden sind; -sie werden daher gewöhnlich noch in Subgenera, in Sectionen oder noch -untergeordnetere Gruppen getheilt. Wie ~Fries~ bemerkt, sind -diese kleinen Arten-Gruppen gewöhnlich wie Satelliten um gewisse andere -Arten geschaart. Und was sind Varietäten anders als Formen-Gruppen von -ungleicher wechselseitiger Verwandtschaft um gewisse Formen versammelt, -um die Stamm-Arten nämlich? Unzweifelhaft ist ein grössrer Unterschied -zwischen Arten als zwischen Varietäten, insbesondre ist der Betrag der -Verschiedenheit der Varietäten von einander oder von ihren Stamm-Arten -kleiner, als der zwischen den Arten derselben Sippe. Wenn wir aber -zur Erörterung des Princips, wie ich es nenne, der „Divergenz des -Charakters“ kommen, so werden wir sehen, wie Diess zu erklären, und wie -die geringeren Verschiedenheiten zwischen Varietäten erwachsen zu den -grösseren Verschiedenheiten zwischen den Arten. - -Es gibt da noch einen andern Punkt, welcher mir der Beachtung werth -scheint. Varietäten haben gewöhnlich eine beschränktere Verbreitung, -was schon aus dem Vorigen folgt; denn wäre eine Varietät weiter -verbreitet, als ihre angebliche Stamm-Art, so müsste deren Bezeichnung -umgekehrt werden. Es ist aber auch Grund vorhanden zu glauben, dass -diejenigen Arten, welche sehr nahe mit anderen Arten verwandt sind -und insoferne Varietäten gleichen, oft engre Verbreitungs-Grenzen -haben. So hat mir z. B. Herr ~H. C. Watson~ in dem wohlgesichteten -Londoner Pflanzen-Katalog (vierte Ausgabe) 63 Pflanzen bemerkt, -welche als Arten darin aufgeführt sind, die er aber für so nahe mit -anderen Arten verwandt hält, dass ihr Rang zweifelhaft wird. Diese -63 gering-werthigen Arten verbreiten sich im Mittel über 6,9 der -Provinzen, in welche ~Watson~ _Grossbritannien_ eingetheilt hat. Nun -sind im nämlichen Kataloge auch 53 anerkannte Varietäten aufgezählt, -und diese erstrecken sich über 7,7 Provinzen, während die Arten, wozu -diese Varietäten gehören, sich über 14,3 Provinzen ausdehnen. Daher -denn die anerkannten Varietäten eine beinahe eben so beschränkte -mittle Verbreitung besitzen, als jene nahe verwandten Formen, welche -~Watson~ als zweifelhafte Arten bezeichnet hat, die aber von Britischen -Botanikern gewöhnlich für gute und ächte Arten genommen werden. Endlich -haben dann Varietäten auch die nämlichen allgemeinen Charaktere, wie -Species; denn sie können von Arten nicht unterschieden werden, ausser, -erstens, durch die Entdeckung von Mittelgliedern, und das Vorkommen -solcher Glieder kann den wirklichen Charakter der Formen, welche sie -verketten, nicht berühren, -- und ausser, zweitens, durch ein gewisses -Maass von Verschiedenheit, indem zwei Formen, welche nur sehr wenig -von einander abweichen, allgemein nur als Varietäten angesehen werden, -wenn auch verbindende Mittelglieder noch nicht entdeckt worden sind; -aber dieser Betrag von Verschiedenheit, welcher zur Erhebung zweier -Formen zum Arten-Rang nöthig, ist ganz unbestimmt. In Sippen, welche -mehr als die mittle Arten-Zahl in einer Gegend haben, zeigen die Arten -auch mehr als die Mittelzahl von Varietäten. In grossen Sippen lassen -sich die Arten nahe, aber in ungleichem Grade, mit einander verbinden -zu kleinen um gewisse Arten geordneten Gruppen. Sehr nahe mit einander -verwandte Arten sind von offenbar beschränkter Verbreitung. In all -diesen verschiedenen Beziehungen zeigen die Arten grosser Sippen eine -strenge Analogie mit Varietäten. Und man kann diese Analogie’n klar -begreifen, wenn Arten einstens nur Varietäten gewesen und aus diesen -hervorgegangen sind; wogegen diese Analogie’n ganz unverständlich seyn -würden, wenn jede Species von den andern unabhängig erschaffen worden -wäre. - -Wir haben nun gesehen, dass es die am besten gedeihende und herrschende -Species der grösseren Sippen in jeder Klasse ist, die im Durchschnitte -genommen am meisten variirt; und Varietäten haben, wie wir hernach -finden werden, Neigung in neue und unterschiedene Arten überzugehen. -Dadurch neigen auch die grossen Sippen zur Vergrösserung, und in -der ganzen Natur streben die Lebens-Formen, welche jetzt herrschend -sind, noch immer mehr herrschend zu werden durch Hinterlassung vieler -abgeänderter und herrschender Abkömmlinge. Aber durch nachher zu -erläuternde Abstufungen streben auch die grösseren Sippen immer mehr in -kleine auseinander zu treten. Und so werden die Lebensformen auf der -ganzen Erde in Gruppen und Untergruppen weiter abgetheilt. - - - - -Drittes Kapitel. - -Der Kampf um’s Daseyn. - - Stützt sich auf natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern Sinne - gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter - Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine - Mitbewerbung. Wirkungen des Klimas. Schutz durch die Zahl der - Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in - der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und - Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung - von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen. - - -Ehe wir auf den Gegenstand dieses Kapitels eingehen, muss ich einige -Bemerkungen voraussenden, um zu zeigen, wie das Ringen um das Daseyn -sich auf natürliche Züchtung stütze. Es ist im letzten Kapitel -nachgewiesen worden, dass die Organismen im Natur-Zustande eine -individuelle Variabilität besitzen, und ich wüsste in der That nicht, -dass Diess je bestritten worden wäre. Es ist für uns unwesentlich, -ob eine Menge von zweifelhaften Formen Art, Unterart oder Varietät -genannt werde; welchen Rang z. B. die 200-300 zweifelhaften Formen -_Britischer_ Pflanzen einzunehmen berechtigt sind, wenn die -Existenz ausgeprägter Varietäten zulässig ist. Aber das blosse Daseyn -einer individuellen Veränderlichkeit und einiger wohl-bezeichneter -Varietäten, wenn auch nothwendig zu Begründung dieses Werkes, hilft -uns nicht viel, um zu begreifen, wie Arten in der Natur entstehen. -Wie sind alle diese vortrefflichen Anpassungen von einem Theile der -Organisation an den andern und an die äusseren Lebensbedingungen, und -von einem organischen Wesen an ein anderes bewirkt worden? Wir sehen -diese schöne Anpassung am klarsten bei dem Specht und der Mistelpflanze -und nur wenig minder deutlich am niedersten Parasiten, welcher sich an -das Haar eines Säugthieres oder die Federn eines Vogels anklammert; am -Bau des Käfers, welcher ins Wasser untertaucht; am befiederten Saamen, -der vom leichtesten Lüftchen getragen wird; kurz wir sehen schöne -Anpassungen überall und in jedem Theile der organischen Welt. - -Dagegen kann man fragen, wie kommt es, dass die Varietäten, die ich -beginnende Species genannt habe, sich zuletzt in gute und abweichende -Species verwandeln, welche meistens unter sich viel mehr, als die -Varietäten der nämlichen Art verschieden sind? Wie entstehen diese -Gruppen von Arten, welche als verschiedene Genera bezeichnet werden und -mehr als die Arten dieser Genera von einander abweichen? Alle diese -Wirkungen erfolgen unvermeidlich, wie wir im nächsten Abschnitte sehen -werden, aus dem Ringen um’s Daseyn. In diesem Wettkampfe wird jede -Abänderung, wie gering und auf welche Weise immer sie entstanden seyn -mag, wenn sie nur einigermassen vortheilhaft für das Individuum einer -Species ist, in dessen unendlich verwickelten Beziehungen zu anderen -Wesen und zur äusseren Natur mehr zur Erhaltung dieses Individuums -mitwirken und sich gewöhnlich auf dessen Nachkommen übertragen. -Ebenso wird der Nachkömmling mehr Aussicht haben, die vielen anderen -Einzelwesen dieser Art, welche von Zeit zu Zeit geboren werden, von -denen aber nur eine kleinere Zahl am Leben bleibt, zu überdauern. -Ich habe dieses Princip, wodurch jede solche geringe, wenn nützliche -Abänderung erhalten wird, mit dem Namen „Natürliche Züchtung“ belegt, -um dessen Beziehung zur Züchtung des Menschen zu bezeichnen. Wir -haben gesehen, dass der Mensch durch Auswahl zum Zwecke der Nachzucht -grosse Erfolge sicher zu erzielen und organische Wesen seinen eigenen -Bedürfnissen anzupassen im Stande ist durch die Häufung kleiner aber -nützlicher Abweichungen, die ihm durch die Hand der Natur dargeboten -werden. Aber die Natürliche Auswahl ist, wie wir nachher sehen -werden, unaufhörlich thätig und des Menschen schwachen Bemühungen so -unvergleichbar überlegen, wie es die Werke der Natur überhaupt denen -der Kunst sind. - -Wir wollen nun den Kampf um’s Daseyn etwas mehr ins Einzelne erörtern. -In meinem späteren Werke über diesen Gegenstand soll er, wie er -es verdient, in grösserem Umfang besprochen werden. Der ältere -~DeCandolle~ und ~Lyell~ haben reichlich und in philosophischer -Weise nachgewiesen, dass alle organischen Wesen im Verhältnisse der -Mitbewerbung zu einander stehen. In Bezug auf die Pflanzen hat Niemand -diesen Gegenstand mit mehr Geist und Geschicklichkeit behandelt als -~W. Herbert~, der Dechant von _Manchester_, offenbar in Folge seiner -ausgezeichneten Gartenbau-Kenntnisse. Nichts ist leichter als in Worten -die Wahrheit des allgemeinen Wettkampfes um’s Daseyn zuzugestehen, und -nichts schwerer, als -- wie ich wenigstens gefunden habe -- dieselbe -im Sinne zu behalten. Und bevor wir solche nicht dem Geiste fest -eingeprägt, bin ich überzeugt, dass wir den ganzen Haushalt der Natur, -die Vertheilungs-Weise, die Seltenheit und den Überfluss, das Erlöschen -und Abändern in derselben nur dunkel oder ganz unrichtig begreifen -werden. Wir sehen die Natur äusserlich in Heiterkeit strahlen, wir -sehen bloss Überfluss an Nahrung; aber wir sehen nicht oder vergessen, -dass die Vögel, welche um uns her sorglos ihren Gesang erschallen -lassen, meistens von Insekten oder Saamen leben und mithin beständig -Leben vertilgen; oder wir vergessen, wie viele dieser Sänger oder ihrer -Eier oder ihrer Nestlinge unaufhörlich von Raubvögeln u. a. Feinden -zerstört werden; wir behalten nicht immer im Sinne, dass, wenn auch das -Futter jetzt im Überfluss vorhanden, Diess doch nicht zu allen Zeiten -im Umlaufe des Jahres der Fall ist. - -Ich will voraussenden, dass ich den Ausdruck „Ringen um’s Daseyn“ in -einem weiten und metaphorischen Sinne gebrauche, in sich begreifend -die Abhängigkeit der Wesen von einander und, was wichtiger ist, -nicht allein das Leben des Individuums, sondern auch die Sicherung -seiner Nachkommenschaft. Man kann mit Recht sagen, dass zwei Hunde -in Zeiten des Mangels um Nahrung und Leben miteinander kämpfen. Aber -man kann auch sagen, eine Pflanze ringe am Rande der Wüste um ihr -Daseyn mit der Trockniss, obwohl es angemessener wäre zu sagen, sie -seye von Feuchtigkeit abhängig. Von einer Pflanze, welche alljährlich -tausend Saamen erzeugt, unter welchen im Durchschnitte nur einer zur -Entwicklung kommt, kann man noch richtiger sagen, sie ringe um’s Daseyn -mit andern Pflanzen derselben oder anderer Arten, welche bereits den -Boden bekleiden. Die Mistel ist abhängig vom Apfelbaum und einigen -anderen Baum-Arten; doch kann man nur in einem weit-ausholenden -Sinne sagen, sie ringe mit diesen Bäumen; denn wenn zu viele dieser -Schmarotzer auf demselben Stamme wachsen, so wird er verkümmern und -sterben. Wachsen aber mehre Sämlinge derselben dicht auf einem Aste -beisammen, so kann man in Wahrheit sagen, sie ringen miteinander. Da -die Saamen der Mistel von Vögeln ausgestreut werden, so hängt ihr -Daseyn mit von dem der Vögel ab und man kann metaphorisch sagen, sie -ringen mit andern Beeren-tragenden Pflanzen, damit die Vögel eher ihre -Früchte verzehren und ihre Saamen ausstreuen, als die der andern. In -diesen mancherlei Bedeutungen, welche ineinander übergehen, gebrauche -ich der Bequemlichkeit halber den Ausdruck „um’s Daseyn ringen“. - -Ein Kampf um’s Daseyn folgt unvermeidlich aus der Neigung aller -Organismen, sich in starkem Verhältnisse zu vermehren. Jedes Wesen, -das während seiner natürlichen Lebenszeit mehre Eier oder Saamen -hervorbringt, muss während einer Periode seines Lebens oder zu gewisser -Jahreszeit oder in einem zufälligen Jahre Zerstörung erfahren; -sonst würde seine Zahl in geometrischer Progression rasch zu so -ausserordentlicher Grösse anwachsen, dass keine Gegend das Erzeugniss -zu ernähren im Stande wäre. Wenn daher mehr Individuen erzeugt werden, -als möglicher Weise fortbestehen können, so muss jedenfalls ein Kampf -um das Daseyn entstehen, entweder zwischen den Individuen einer Art -oder zwischen denen verschiedener Arten, oder zwischen ihnen und den -äusseren Lebens-Bedingungen. Es ist die Lehre von ~Malthus~, -in verstärkter Kraft übertragen auf das gesammte Thier- und -Pflanzen-Reich; denn in diesem Falle ist keine künstliche Vermehrung -der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Enthaltung vom Heirathen -möglich. Obwohl daher einige Arten jetzt in mehr oder weniger rascher -Zunahme begriffen seyn mögen: alle können es nicht zugleich, denn die -Welt würde sie nicht fassen. - -Es gibt keine Ausnahme von der Regel, dass jedes organische Wesen sich -auf natürliche Weise in dem Grade vermehre, dass, wenn es nicht durch -Zerstörung litte, die Erde bald von der Nachkommenschaft eines einzigen -Paares bedeckt seyn würde. Selbst der Mensch, welcher sich doch nur -langsam vermehrt, verdoppelt seine Anzahl in fünfundzwanzig Jahren, -und bei so fortschreitender Vervielfältigung würde die Welt schon nach -einigen Tausend Jahren keinen Raum mehr für seine Nachkommenschaft -haben. ~Linné~ hat berechnet, dass, wenn eine einjährige Pflanze -nur zwei Saamen erzeugte (und es gibt keine Pflanze, die so wenig -produktiv wäre) und ihre Sämlinge gäben im nächsten Jahre wieder zwei -u. s. w., sie in zwanzig Jahren schon eine Million Pflanzen liefern -würde. Man sieht den Elephanten als das sich am langsamsten vermehrende -von allen bekannten Thieren an. Ich habe das wahrscheinliche Minimum -seiner natürlichen Vermehrung zu berechnen gesucht, unter der -Voraussetzung, dass seine Fortpflanzung erst mit dreissig Jahren -beginne und bis zum neunzigsten Jahre währe, und dass er in dieser -Zeit nur drei Paar Junge zur Welt bringe. In diesem Falle würden nach -fünfhundert Jahren schon fünfzehn Millionen Elephanten von dem ersten -Paare vorhanden seyn. - -Doch wir haben bessre Belege für diese Sache, als bloss theoretische -Berechnungen, namentlich in den oft berichteten Fällen von erstaunlich -rascher Vermehrung verschiedener Thier-Arten im Natur-Zustande, wenn -die natürlichen Bedingungen zwei oder drei Jahre lang dafür günstig -gewesen sind. Noch schlagender sind die von unseren in verschiedenen -Weltgegenden verwilderten Hausthier-Arten hergenommenen Beweise, so -dass, wenn die Behauptungen von der Zunahme der sich doch nur langsam -vermehrenden Rinder und Pferde in _Süd-Amerika_ und neuerlich in -_Australien_ nicht sehr wohl bestätigt wären, sie ganz unglaublich -erscheinen müssten. Eben so ist es mit den Pflanzen. Es lassen sich -Fälle von eingeführten Pflanzen aufzählen, welche auf ganzen Inseln -gemein geworden sind in weniger als zehn Jahren. Einige der Pflanzen, -welche jetzt in solcher Zahl über die weiten Ebenen von _la Plata_ -verbreitet sind, dass sie alle anderen Pflanzen daselbst ausschliessen, -sind aus _Europa_ eingebracht worden; und eben so gibt es, wie -ich von Dr. ~Falconer~ gehört, in _Ostindien_ Pflanzen, -welche jetzt vom _Cap Comorin_ bis zum _Himalaya_ reichen -und seit der Entdeckung von _Amerika_ von dorther eingeführt -worden sind. In Fällen dieser Art, von welchen endlose Beispiele -angeführt werden könnten, wird Niemand unterstellen, dass die -Fruchtbarkeit solcher Pflanzen und Thiere plötzlich und zeitweise in -einem bemerklichen Grade zugenommen habe. Die handgreifliche Erklärung -ist, dass die äussern Lebens-Bedingungen sehr günstig, dass in dessen -Folge die Zerstörung von Jung und Alt geringer und mithin fast alle -Abkömmlinge im Stande gewesen sind, sich fortzupflanzen. In solchen -Fällen genügt schon das geometrische Verhältniss der Zahlen-Vermehrung, -dessen Resultat nie verfehlt Erstaunen zu erregen, um einfach das -ausserordentliche Wachsthum und die weite Verbreitung eingeführter -Natur-Produkte in ihrer neuen Heimath zu erklären. Im Natur-Zustande -bringen fast alle Pflanzen jährlich Saamen hervor, und unter den -Thieren sind nur sehr wenige, die sich nicht jährlich paarten. Wir -können daher mit Sicherheit behaupten, dass alle Pflanzen und Thiere -sich in geometrischem Verhältnisse vermehren, dass sie jede zu ihrer -Ansiedelung geeignete Gegend sehr rasch zu bevölkern im Stande seyen, -und dass das Streben zur geometrischen Vermehrung zu irgend einer Zeit -ihres Lebens beschränkt werden muss. Unsre genauere Bekanntschaft mit -den grösseren Hausthieren könnte zwar unsre Meinung in dieser Beziehung -irre leiten, da wir keine grosse Störung unter ihnen eintreten -sehen; aber wir vergessen, dass Tausende jährlich zu unsrer Nahrung -geschlachtet werden, und dass im Natur-Zustande wohl eben so viele -irgendwie beseitigt werden würden. - -Der einzige Unterschied zwischen den Organismen, welche jährlich -Tausende von Eiern oder Saamen hervorbringen, und jenen welche deren -nur sehr wenige liefern, besteht darin, dass diese unter günstigen -Verhältnissen ein paar Jahre länger als jene zur Bevölkerung eines -Bezirks nöthig haben, seye derselbe auch noch so gross. Der Condor -legt zwei Eier und der Strauss deren zwanzig, und doch dürfte in -einer und derselben Gegend der Condor leicht der häufigere von beiden -werden. Der Eis-Sturm-Vogel (Procellaria glacialis) legt nur ein Ei, -und doch glaubt man er seye der zahlreichste Vogel in der Welt. Die -eine Fliege legt hundert Eier und die andre wie z. B. Hippobosca deren -nur eines; Diess bedingt aber nicht die Menge der Individuen, die in -einem Bezirk ihren Unterhalt finden können. Eine grosse Anzahl von -Eiern ist von einiger Wichtigkeit für eine Art, deren Futter-Vorräthe -raschen Schwankungen unterworfen sind; denn diese muss ihre Vermehrung -in kurzer Frist bewirken. Aber wesentliche Wichtigkeit erlangt eine -grosse Zahl von Eiern oder Saamen der Grösse der Zerstörung gegenüber, -welche zu irgend einer Lebenszeit erfolgt, und diese Zeit des Lebens -ist in der grossen Mehrheit der Fälle eine sehr frühe. Kann ein Thier -in irgend einer Weise seine eigenen Eier und Junge schützen, so wird es -deren eine geringere Anzahl erzeugen und diese ganze durchschnittliche -Anzahl aufbringen; werden aber viele Eier oder Junge zerstört, so -müssen deren viele erzeugt werden, wenn die Art nicht untergehen soll. -Wird eine Baum-Art durchschnittlich tausend Jahre alt, so würde es -zur Erhaltung ihrer vollen Anzahl genügen, wenn sie in tausend Jahren -nur einen Saamen hervorbrächte, vorausgesetzt, dass dieser eine nie -zerstört würde und auf einen sicheren für die Keimung geeigneten -Platz gelangen könnte. So hängt in allen Fällen die mittle Anzahl von -Individuen einer Pflanzen- oder Thier-Art nur indirekt von der Zahl der -Saamen oder Eier ab, die sie liefert. - -Bei Betrachtung der Natur ist es nöthig, diese Ergebnisse immer -im Sinne zu behalten und nie zu vergessen, dass man von jedem -einzelnen Organismus unsrer Umgebung sagen kann, er strebe nach -der äussersten Vermehrung seiner Anzahl, dass aber jeder in irgend -einem Zeit-Abschnitte seines Lebens in einem Kampfe mit feindlichen -Bedingungen begriffen seye, und dass grosse Zerstörung unvermeidlich -über Jung oder Alt ergehe in jeder Generation oder in wiederkehrenden -Perioden. Wird irgend ein Hinderniss beseitigt oder die Zerstörung noch -so wenig gemindert, so wird in der Regel augenblicklich die Zahl der -Individuen stärker anwachsen. - -Was für Hindernisse es sind, welche das natürliche Streben jeder -Art nach Vermehrung ihrer Anzahl beschränken, ist meistens unklar. -Betrachtet man die am kräftigsten gedeihenden Arten, so wird man finden -dass, je grösser ihre Zahl wird, desto mehr ihr Streben nach weitrer -Vermehrung zunimmt. Wir wissen nicht einmal in einem einzelnen Falle -genau, welches die Hindernisse der Vermehrung sind. Diess wird jedoch -niemanden in Verwunderung setzen, der sich erinnert, wie unwissend wir -in dieser Beziehung bei dem Menschen selbst sind, welcher doch ohne -Vergleich besser bekannt ist als irgend eine andre Thier-Art. Doch ist -dieser Gegenstand von mehren Schriftstellern vortrefflich erörtert -worden; ich werde in meinem späteren Werke über mehre der Hindernisse -mit einiger Ausführlichkeit handeln und insbesondre auf die Raubthiere -_Südamerika’s_ etwas näher eingehen. Hier mögen nur einige wenige -Bemerkungen Raum finden, nur um dem Leser einige Hauptpunkte ins -Gedächtniss zu rufen. Eier und ganz junge Thiere scheinen am meisten -zu leiden, doch ist Diess nicht ganz ohne Ausnahme. Den Pflanzen wird -zwar eine gewaltige Menge von Saamen zerstört; aber nach einigen -Beobachtungen scheint es mir, als litten die Sämlinge am meisten, wenn -sie auf einem schon mit andern Pflanzen dicht bestockten Boden wachsen. -Auch die Sämlinge werden noch in grosser Menge durch verschiedene -Feinde vernichtet. So beobachtete ich auf einer locker umgegrabenen -Boden-Fläche von 3′ Länge und 2′ Breite 357 Sämlinge unsrer -verschiedenen Holz-Arten, wovon nicht weniger als 295 hauptsächlich -durch Schnecken und Insekten zerstört wurden. Wenn man einen Rasen, der -lang abgemähet wurde (und der Fall wird der nämliche bleiben, wenn er -durch Säugthiere kurz abgeweidet worden), wachsen lässt, so werden die -kräftigeren Pflanzen allmählich die minder kräftigen wenn auch voll -ausgewachsenen tödten; und in einem solchen Falle hat man von zwanzig -auf einem nur 3′ auf 4′ grossen Fleck beisammen wachsenden Arten neun -zwischen den anderen nun üppiger aufwachsenden zu Grunde gehen sehen. - -Die für eine jede Art vorhandene Nahrungs-Menge bestimmt die äusserste -Grenze, bis zu welcher sie sich vermehren kann; aber in vielen Fällen -wird die Vermehrung einer Thier-Art schon weit unter dieser Grenze -dadurch gehemmt, dass sie selbst wieder einer andern zur Beute wird. -Es scheint daher wenig Zweifel unterworfen zu seyn, dass der Bestand -an Feld- und Hasel-Hühnern, Hasen u. s. w. grossentheils hauptsächlich -von der Zerstörung der kleinen Raubthiere abhängig ist. Wenn in -_England_ in den nächsten zwanzig Jahren kein Stück Wildpret -geschossen, aber auch keine solche Raubthiere zerstört würden, so würde -nach aller Wahrscheinlichkeit der Wild-Stand nachher geringer seyn als -jetzt, obwohl jetzt Hunderte und Tausende von Stücken Wildes erlegt -werden. Anderseits gibt es aber auch einige Fälle wo, wie bei Elephant -und Nashorn, eine Zerstörung durch Raubthiere gar nicht stattfindet, -und selbst der Indische Tiger wagt es nur sehr selten einen jungen von -seiner Mutter geschützten Elephanten anzugreifen. - -Das Klima hat ferner einen wesentlichen Antheil an Bestimmung der -durchschnittlichen Individuen-Zahl einer Art, und ich glaube dass ein -periodischer Eintritt von äusserst kalter oder trockener Jahreszeit zu -den wirksamsten aller Hemmnisse gehört. Ich schätze hauptsächlich nach -der geringen Anzahl von Nestern im nachfolgenden Frühling, dass der -Winter _1854-55_ auf meinen eigenen Jagd-Gründen vier Fünftheile -aller Vögel zerstört hat; und Diess ist eine furchtbare Zerstörung, -wenn wir berücksichtigen, dass bei dem Menschen eine durch Seuchen -verursachte Sterblichkeit von 10 Prozent schon ganz ausserordentlich -stark ist. Die Wirkung des Klimas scheint beim ersten Anblick ganz -unabhängig von dem Kampfe um die Existenz zu seyn; wenn aber das Klima -hauptsächlich die Nahrung vermindert, veranlasst es den heftigsten -Kampf zwischen den Einzelwesen, seye es nur einer oder seye es -verschiedener Arten, welche von derselben Nahrung leben. Selbst wenn -ein, z. B. äusserst kaltes, Klima unmittelbar wirkt, sind es die -mindest kräftigen oder diejenigen Individuen, die beim vorrückenden -Winter am wenigsten Futter bekommen haben, welche am meisten leiden. -Wenn wir von Süden nach Norden oder aus einer feuchten in eine trockene -Gegend wandern, werden wir stets einige Arten immer seltener und -seltener werden und zuletzt gänzlich verschwinden sehen; und da der -Wechsel des Klima’s zu Tage liegt, so werden wir am ehesten versucht -seyn den ganzen Erfolg seiner direkten Einwirkung zuzuschreiben. -Und doch ist Diess eine falsche Ansicht; wir vergessen dabei, dass -jede Art selbst da, wo sie am häufigsten ist, in irgend einer Zeit -ihres Lebens durch Feinde oder durch Mitbewerber um ihre Nahrung oder -ihre Wohnstelle ungeheure Zerstörung erfährt; und wenn diese Feinde -oder Mitbewerber nur im Mindesten durch irgend einen Wechsel des -Klima’s begünstigt werden, so wachsen sie an Zahl, und da jede Fläche -bereits vollständig mit Bewohnern besetzt ist, so muss die andre Art -zurückweichen. Wenn wir auf dem Wege nach Süden eine Art in Abnahme -begriffen sehen, so fühlen wir gewiss, dass die Ursache mehr in anderen -begünstigten Arten liegt, als in dieser einen benachtheiligten. Eben -so, wenn wir nordwärts gehen, obgleich in einem etwas geringeren Grade, -weil die Zahl aller Arten und somit aller Mitbewerber gegen Norden hin -abnimmt. Daher kömmt es, dass, wenn wir nach Norden oder einen Berg -hinauf gehen, wir weit öfters verkümmerten Formen begegnen, welche -von +unmittelbar+ schädlichen Einflüssen des Klima’s herrühren, -als wenn wir nach Süden oder bergab gehen. Erreichen wir endlich die -arktischen Regionen oder die Schnee-bedeckten Berg-Spitzen oder -vollkommene Wüsten, so findet das Ringen ums Daseyn hauptsächlich gegen -die Elemente statt. - -Dass die Wirkung des Klima’s vorzugsweise eine indirekte und durch -Begünstigung andrer Arten vermittelt seye, ergibt sich klar aus der -wunderbar grossen Menge solcher Pflanzen in unseren Gärten, welche -zwar vollkommen im Stande sind unser Klima zu ertragen, aber niemals -naturalisirt werden können, weil sie weder den Wettkampf mit anderen -Pflanzen aushalten noch der Zerstörung durch unsere einheimischen -Thiere widerstehen können. - -Wenn sich eine Art durch sehr günstige Umstände auf einem kleinen -Raume zu ausserordentlicher Anzahl vermehrt, so sind Seuchen (so ist -es wenigstens bei unseren Hausthieren gewöhnlich der Fall) oft die -Folge davon, und hier haben wir ein vom Ringen ums Daseyn unabhängiges -Hemmniss. Doch scheint wenigstens ein Theil dieser sogenannten -Epidemien von parasitischen Würmern herzurühren, welche durch irgend -eine Ursache und vielleicht durch die Leichtigkeit der Verbreitung -zwischen gekreuzten Rassen unverhältnissmässig begünstigt worden sind, -und so fände hier gewissermaassen ein Ringen zwischen den Würmern und -ihren Nährthieren statt. - -Andrerseits ist in vielen Fällen wieder ein grosser Bestand von -Individuen derselben Art unumgänglich für ihre Erhaltung nöthig. Man -kann daher leicht Getreide, Repssaat u. s. w. in Masse auf unseren -Feldern erziehen, weil hier deren Saamen in grossem Übermaasse -gegenüber den Vögeln vorhanden sind, welche davon leben; und doch -können diese Vögel, wenn sie auch mehr als nöthig Futter in der einen -Jahreszeit haben, nicht im Verhältniss zur Menge dieses Futters -zunehmen, weil die ganze Anzahl im Winter nicht ihr Fortkommen fände. -Dagegen weiss jeder, der es versucht hat, Saamen aus Weitzen oder -andern solchen Pflanzen im Garten zu erziehen, wie mühesam Diess -ist. Ich habe in solchen Fällen jedes Saamenkorn verloren. Diese -Anschauungsweise von der Nothwendigkeit eines grossen Bestandes einer -Art für ihre Erhaltung erklärt, wie mir scheint, einige eigenthümliche -Fälle in der Natur, wie z. B. dass sehr seltene Pflanzen zuweilen -sehr zahlreich auf einem kleinen Fleck beisammen vorkommen; und dass -manche gesellige Pflanzen gesellig oder in grosser Zahl beisammen -selbst auf der äussersten Grenze ihres Verbreitungs-Bezirkes gefunden -werden. In solchen Verhältnissen kann man glauben, eine Pflanzen-Art -vermöge nur da zu bestehen, wo die Lebens-Bedingungen so günstig -sind, dass ihrer viele beisammen leben und so einander vor äusserster -Zerstörung bewahren können. Ich möchte hinzufügen, dass die guten -Folgen einer häufigen Kreutzung und die schlimmen einer reinen Inzucht -wahrscheinlich in einigen dieser Fälle mit in Betracht kommen; doch -will ich mich über diesen verwickelten Gegenstand hier nicht weiter -verbreiten. - -Man berichtet viele Beispiele, aus denen sich ergibt, wie -zusammengesetzt und wie unerwartet die gegenseitigen Beschränkungen -und Beziehungen zwischen organischen Wesen sind, die in einerlei -Gegend mit einander zu ringen haben. Ich will nur ein solches -Beispiel anführen, das, wenn auch einfach, mich angesprochen hat. -In _Staffordshire_ auf einem Gute, über dessen Verhältnisse -nachzuforschen ich in günstiger Lage war, befand sich eine grosse -äusserst unfruchtbare Haide, die nie von eines Menschen Hand berührt -worden. Doch waren einige Hundert Acker derselben von genau gleicher -Beschaffenheit mit dem Übrigen fünfundzwanzig Jahre zuvor eingezäunt -und mit der _Schottischen_ Kiefer bepflanzt worden. Die -Veränderung in der ursprünglichen Vegetation des bepflanzten Theiles -war äusserst merkwürdig, mehr als man gewöhnlich wahrnimmt, wenn man -auf einen ganz verschiedenen Boden übergeht. Nicht allein erschienen -die Zahlen-Verhältnisse zwischen den Haide-Pflanzen gänzlich verändert, -sondern es blüheten auch in der Pflanzung noch zwölf solche Arten, -Ried- u. a. Gräser ungerechnet, von welchen auf der Haide nichts zu -finden war. Die Wirkung auf die Kerbthiere muss noch viel grösser -gewesen seyn, da in der Pflanzung sechs Species Insekten-fressender -Vögel sehr gemein waren, von welchen in der Haide nichts zu sehen -gewesen, welche dagegen von zwei bis drei andren Arten derselben -besucht wurde. Wir bemerken hier, wie mächtig die Folgen der Einführung -einer einzelnen Baum-Art gewesen, indem durchaus nichts sonst geschehen -war, ausser der Abhaltung des Wildes durch die Einfriedigung. Was für -ein wichtiges Element aber die Einfriedigung seye, habe ich deutlich zu -_Farnham_ in _Surrey_ erkannt. Hier waren ausgedehnte Haiden -mit ein paar Gruppen alter _Schottischer_ Kiefern auf den Rücken -der entfernteren Hügel; in den letzten 10 Jahren waren ansehnliche -Strecken eingefriedigt worden, und innerhalb dieser Einfriedigungen -schoss in Folge von Selbstbesaamung eine Menge junger Kiefern auf, -so dicht beisammen, dass nicht alle fortleben können. Nachdem ich -erfahren, dass diese jungen Stämmchen nicht absichtlich gesäet oder -gepflanzt worden, war ich um so mehr erstaunt über deren Anzahl, als -ich mich sofort nach mehren Seiten wandte, um Hunderte von Acres der -nicht eingefriedigten Haide zu untersuchen, wo ich jedoch ausser den -gepflanzten alten Gruppen buchstäblich genommen auch nicht eine Kiefer -zu finden vermochte. Da ich mich jedoch genauer zwischen den Stämmen -der freien Haide umsah, fand ich eine Menge Sämlinge und kleiner -Bäumchen, welche aber fortwährend von den Rinder-Heerden abgeweidet -worden waren. Auf einem eine Elle im Quadrat messenden Fleck mehre -Hundert Schritte von den alten Baum-Gruppen entfernt zählte ich 32 -solcher abgeweideten Bäumchen, wovon eines nach der Zahl seiner -Jahres-Ringe zu schliessen 26 Jahre lang gehindert worden war sich über -die Haide-Pflanzen zu erheben und dann zu Grunde gegangen ist. Kein -Wunder also, dass, sobald das Land eingefriedigt worden, es dicht von -kräftigen jungen Kiefern überzogen wurde. Und doch war die Haide so -äusserst unfruchtbar und so ausgedehnt, dass niemand geglaubt hätte, -dass das Rindvieh hier so dicht und so erfolgreich nach Futter gesucht -habe. - -Wir sehen hier das Vorkommen der _Schottischen_ Kiefer in Abhängigkeit -vom Rinde; in andern Weltgegenden ist es von gewissen Insekten -abhängig. Vielleicht bietet _Paraguay_ das merkwürdigste Beispiel -dar; denn hier sind niemals Rinder, Pferde oder Hunde verwildert, -obwohl sie im Süden und Norden davon in verwildertem Zustande -umherschwärmen. ~Azara~ und ~Rengger~ haben gezeigt, dass die Ursache -dieser Erscheinung in _Paraguay_ in dem häufigeren Vorkommen einer -gewissen Fliege zu finden seye, welche ihre Eier in den Nabel der -neu-geborenen Jungen dieser Thier-Arten legt. Die Vermehrung dieser -Fliege muss gewöhnlich durch irgend ein Gegengewicht und vermuthlich -durch Vögel gehindert werden. Wenn daher gewisse Insekten-fressende -Vögel, deren Zahl wieder durch Raubvögel und Fleisch-Fresser geregelt -werden mag, in _Paraguay_ zunähme, so würden sich die Fliegen -vermindern und Rind und Pferd verwildern, was dann wieder (wie ich -in einigen Theilen _Südamerika’s_ wirklich beobachtet habe) eine -bedeutende Veränderung in der Pflanzen-Welt veranlassen würde. Diess -müsste nun in hohem Grade auf die Insekten und hiedurch, wie wir in -_Staffordshire_ gesehen, auf die Insekten-fressenden Vögel wirken, und -so fort in immer und verwickelteren Kreisen. Wir haben diese Belege -mit Insekten-fressenden Vögeln begonnen und endigen damit. Doch sind -in der Natur die Verhältnisse nicht immer so einfach, wie hier. Kampf -um Kampf mit veränderlichem Erfolge muss immer wiederkehren; aber in -die Länge halten die Kräfte einander so genau das Gleichgewicht, dass -die Natur auf weite Perioden hinaus immer ein gleiches Aussehen behält, -obwohl gewiss oft die unbedeutendste Kleinigkeit genügen würde, einem -organischen Wesen den Sieg über das andre zu verleihen. Demungeachtet -ist unsre Unwissenheit so gross, dass wir uns verwundern, wenn wir -von dem Erlöschen eines organischen Wesens vernehmen; und da wir die -Ursache nicht sehen, so rufen wir Umwälzungen zu Hilfe um die Welt zu -verwüsten, oder erfinden Gesetze über die Dauer der Lebenformen. - -Ich bin versucht durch ein weitres Beispiel nachzuweisen, wie -solche Pflanzen und Thiere, welche auf der Stufenleiter der Natur -am weitesten von einander entfernt stehen, durch ein Gewebe von -verwickelten Beziehungen mit einander verkettet werden. Ich werde -nachher Gelegenheit haben zu zeigen, dass die ausländische Lobelia -fulgens in diesem Theile von _England_ niemals von Insekten -besucht wird und daher nach ihrem eigenthümlichen Blüthen-Bau nie eine -Frucht ansetzen kann. Viele unsrer Orchideen-Pflanzen müssen unbedingt -von Motten besucht werden, um ihre Pollen-Massen wegzunehmen und sie -zu befruchten. Ich habe durch Versuche ermittelt, dass Hummeln zur -Befruchtung der Jelängerjelieber (Viola tricolor) unentbehrlich sind, -indem andre Bienen sich nie auf dieser Blume einfinden. Eben so habe -ich gefunden, dass der Besuch der Bienen zur Befruchtung von mehren -unsrer Klee-Arten nothwendig seye. So lieferten mir hundert Stöcke -weissen Klee’s (Trifolium repens) 2290 Saamen, während 20 andre -Pflanzen dieser Art, welche den Bienen unzugänglich gemacht waren, -nicht einen Saamen zur Entwicklung brachten. Und eben so ergaben -hundert Stöcke rothen Klee’s (Trifolium pratense) 2700 Saamen, und -die gleiche Anzahl gegen Bienen geschützter Stöcke nicht einen! -Hummeln besuchen allein diesen rothen Klee, indem andre Bienen-Arten -den Nektar dieser Blume nicht erreichen können. Auch von Motten hat -man unterstellt, dass sie zur Befruchtung des Klee’s beitragen; ich -zweifle aber wenigstens daran, dass Diess mit dem rothen Klee der -Fall ist, indem sie nicht schwer genug sind, um die Seiten-Blätter -der Blumenkrone niederzudrücken, daher man wohl annehmen darf, dass -wenn die ganze Sippe der Hummeln in _England_ sehr selten oder -ganz vertilgt würde, auch Jelängerjelieber und rother Klee sehr selten -werden oder ganz verschwinden müssten. Die Zahl der Hummeln steht -grossentheils in einem entgegengesetzten Verhältnisse zu der der -Feldmäuse in derselben Gegend, welche deren Nester und Waben aufsuchen. -Herr ~H. Newman~, welcher die Lebens-Weise der Hummeln lange -beobachtet, glaubt dass über zwei Drittel derselben durch ganz -_England_ zerstört werden. Nun findet aber, wie Jedermann weiss, -die Zahl der Mäuse ein grosses Gegengewicht in der der Katzen, so dass -~Newman~ sagt, in der Nähe von Dörfern und Flecken habe er die -Zahl der Hummel-Nester am grössten gefunden, was er der reichlicheren -Zerstörung der Mäuse durch die Katzen zuschreibe. Daher ist es denn -wohl glaublich, dass die reichliche Anwesenheit eines Katzen-artigen -Thieres in irgend einem Bezirke durch Vermittelung von Mäusen und -Bienen auf die Menge gewisser Pflanzen daselbst von Einfluss seyn kann! - -Bei jeder Species kommen wahrscheinlich verschiedene Arten Gegengewicht -in Betracht, solche die in verschiedenen Perioden des Lebens, und -solche die während verschiedener Jahres-Zeiten wirken. Eines oder -einige derselben mögen mächtiger als die andern seyn; aber alle -zusammen bedingen die Durchschnitts-Zahl der Individuen oder selbst -die Existenz der Art. In manchen Fällen lässt sich nachweisen, dass -sehr verschiedene Gegengewichte in verschiedenen Gegenden auf eine -Species einwirken. Wenn wir Büsche und Pflanzen betrachten, welche -einen zerfallenen Wall überziehen, so sind wir geneigt, ihre Arten und -deren Zahlen-Verhältnisse dem Zufalle zuzuschreiben. Doch wie falsch -ist diese Ansicht! Jedermann hat gehört, dass, wenn in _Amerika_ -ein Wald niedergehauen wird, eine ganz verschiedene Pflanzenwelt zum -Vorschein kommt, und doch ist beobachtet worden, dass die Bäume, -welche jetzt auf den alten Indianer-Wällen im Süden der _Vereinten -Staaten_ wachsen, deren früherer Baum-Bestand abgetrieben worden, -jetzt wieder eben dieselbe bunte Manchfaltigkeit und dasselbe -Arten-Verhältniss wie die umgebenden jungfräulichen Haine darbieten. -Welch ein Wettringen muss hier Jahrhunderte lang zwischen den -verschiedenen Baum-Arten stattgefunden haben, deren jede ihre Saamen -jährlich zu Tausenden abwirft! Was für ein Kampf zwischen Insekten und -Insekten u. a. Gewürm mit Vögeln und Raubthieren, welche alle sich zu -vermehren strebten, alle sich von einander oder von den Bäumen und -ihren Saamen und Sämlingen, oder von jenen andern Pflanzen nährten, -welche anfänglich den Grund überzogen und hiedurch das Aufkommen der -Bäume gehindert hatten. Wirft man eine Hand voll Federn in die Lüfte, -so müssen alle nach bestimmten Gesetzen zu Boden fallen; aber wie -einfach ist das Problem, wohin eine jede fallen wird, in Vergleich zu -der Wirkung und Rückwirkung der zahllosen Pflanzen und Thiere, die im -Laufe von Jahrhunderten Arten und Zahlen-Verhältniss der Bäume bestimmt -haben, welche jetzt auf den alten indianischen Ruinen wachsen! - -Abhängigkeit eines organischen Wesens von einem andern, wie die -des Parasiten von seinem Ernährer, findet in der Regel zwischen -solchen Wesen statt, welche auf der Stufenleiter der Natur weit -auseinander sind. Diess ist oft bei solchen der Fall, von denen man -ganz richtig sagen kann, sie kämpfen miteinander auch um ihr Daseyn, -wie Gras-fressende Säugthiere und Heuschrecken. Aber der meistens -ununterbrochen-fortdauernde Kampf wird der heftigste seyn, der zwischen -den Einzelwesen einer Art stattfindet, welche dieselben Bezirke -bewohnen, dasselbe Futter verlangen und denselben Gefahren ausgesetzt -sind. Bei Varietäten der nämlichen Art wird der Kampf meistens eben -so heftig seyn, und zuweilen sehen wir den Streit schon in kurzer Zeit -entschieden. So werden z. B., wenn wir verschiedene Weitzen-Varietäten -durcheinander säen, und ihren gemischten Saamen-Ertrag wieder säen, -einige Varietäten, welche dem Klima und Boden am besten entsprechen -oder von Natur die fruchtbarsten sind, die andern überbieten und, indem -sie mehr Saamen liefern, schon nach wenigen Jahren gänzlich ersetzen. -Um einen gemischten Stock von so äusserst nahe verwandten Varietäten -aufzubringen, wie die verschieden-farbigen Zuckererbsen sind, muss man -sie jedes Jahr gesondert ärndten und dann die Saamen im erforderlichen -Verhältnisse jedesmal auf’s Neue mengen, wenn nicht die schwächeren -Sorten von Jahr zu Jahr abnehmen und endlich ganz ausgehen sollen. - -So verhält es sich auch mit den Schaaf-Rassen. Man hat versichert, dass -gewisse Gebirgs-Varietäten derselben unter andern Gebirgs-Varietäten -aussterben, so dass sie nicht durch einander gehalten werden können. Zu -demselben Ergebnisse ist man gelangt, als man versuchte, verschiedene -Abänderungen des medizinischen Blutegels durcheinander zu halten. -Und ebenso ist zu bezweifeln, dass die Varietäten von irgend einer -unsrer Kultur-Pflanzen oder Hausthier-Arten so genau dieselbe Stärke, -Gewohnheiten und Konstitution besitzen, dass sich die ursprünglichen -Zahlen-Verhältnisse eines gemischten Bestandes derselben auch nur ein -halbes Dutzend Generationen hindurch zu erhalten vermöchten, wenn sie -wie die organischen Wesen im Natur-Zustande mit einander zu ringen -veranlasst wären und der Saamen oder die Jungen nicht alljährlich -sortirt würden. - -Da die Arten einer Sippe gewöhnlich, doch keineswegs immer, einige -Ähnlichkeit mit einander in Gewohnheiten und Konstitution und immer -in der Struktur besitzen, so wird der Kampf zwischen Arten einer -Sippe, welche in Mitbewerbung mit einander gerathen, gewöhnlich ein -härterer seyn, als zwischen Arten verschiedener Sippen. Wir sehen -Diess an der neuerlichen Ausbreitung einer Schwalben-Art über einen -Theil der _Vereinten Staaten_, wo sie die Abnahme einer andern -Art veranlasst. Die Vermehrung der Misteldrossel in einigen Theilen -von _Schottland_ hat daselbst die Abnahme der Singdrossel zur -Folge gehabt. Wie oft hören wir, dass eine Ratten-Art den Platz einer -andern eingenommen, in den verschiedensten Klimaten. In _Russland_ -hat die kleine asiatische Schabe (Blatta) ihren grösseren [?] -Sippen-Genossen überall vor sich hergetrieben. Eine Art Ackersenf -ist im Begriffe eine andre zu ersetzen. In _Australien_ ist die -eingeführte Stock-Biene im Begriff die kleine einheimische Biene -ohne Stachel rasch zu vertilgen u. s. w. Wir vermögen undeutlich zu -erkennen, warum die Mitbewerbung zwischen den verwandtesten Formen am -heftigsten ist, welche nahezu denselben Platz im Haushalte der Natur -ausfüllen; aber wahrscheinlich werden wir in keinem einzigen Falle -genauer anzugeben im Stande seyn, wie es zugegangen, dass in dem -grossen Wettringen um das Daseyn die eine den Sieg über die andre davon -getragen hat. - -Aus den vorangehenden Bemerkungen lässt sich als Folgesatz von grösster -Wichtigkeit ableiten, dass die Struktur eines jeden organischen Wesens -auf die innigste aber oft verborgene Weise mit der aller andern -organischen Wesen zusammenhängt, mit welchen es in Mitbewerbung um -Nahrung oder Wohnung in Beziehung steht, welche es zu vermeiden hat, -und von welchen es lebt. -- Diess erhellt eben so deutlich im Baue -der Zähne und der Klauen des Tigers, wie in der Bildung der Beine und -Krallen des Parasiten, welcher an des Tigers Haaren hängt. Zwar an dem -zierlich gefiederten Saamen des Löwenzahns wie an den abgeplatteten und -gewimperten Beinen des Wasserkäfers scheint anfänglich die Beziehung -nur auf das Luft- und Wasser-Element beschränkt. Aber der Vortheil des -fiedergrannigen Löwenzahn-Saamens steht ohne Zweifel in der engsten -Beziehung zu dem durch andre Pflanzen bereits dicht besetzten Lande, -so dass er in der Luft erst weit umhertreiben muss, um auf einen noch -freien Boden fallen zu können. Den Wasserkäfer dagegen befähigt die -Bildung seiner Beine vortrefflich zum Untertauchen, wodurch er in den -Stand gesetzt wird, mit anderen Wasser-Insekten in Mitbewerbung zu -treten, indem er nach seiner eignen Beute jagt, und anderen Thieren zu -entgehen, welche ihn zu ihrer Ernährung verfolgen. - -Der Vorrath von Nahrungs-Stoff, welcher in den Saamen vieler Pflanzen -niedergelegt ist, scheint anfänglich keine Art von Beziehung zu -anderen Pflanzen zu haben. Aber aus dem lebhaften Wachsthum der jungen -Pflanzen, welche aus solchen Saamen (wie Erbsen, Bohnen u. s. w.) -hervorgehen, wenn sie mitten in hohes Gras ausgestreut worden, vermuthe -ich, dass jener Nahrungs-Vorrath hauptsächlich dazu bestimmt ist, das -Wachsthum des jungen Sämlings zu beschleunigen, welcher mit andern -Pflanzen von kräftigem Gedeihen rund um ihn her zu kämpfen hat. - -Warum verdoppelt oder vervierfacht eine Pflanze in der Mitte ihres -Verbreitungs-Bezirkes nicht ihre Zahl? Wir wissen, dass sie recht gut -etwas mehr oder weniger Hitze und Kälte, Trockne und Feuchtigkeit -aushalten kann; denn anderwärts verbreitet sie sich in etwas wärmere -oder kältere, feuchtere oder trockenere Bezirke. Wir sehen wohl ein, -dass, wenn wir in Gedanken wünschten, der Pflanze das Vermögen noch -weiterer Zunahme zu verleihen, wir ihr irgend einen Vortheil über -die andern mit ihr werbenden Pflanzen oder über die sich von ihr -nährenden Thiere gewähren müssten. An den Grenzen ihrer geographischen -Verbreitung würde eine Veränderung ihrer Konstitution in Bezug auf -das Klima offenbar von wesentlichem Vortheil für unsre Pflanze seyn. -Wir haben jedoch Grund zu glauben, dass nur wenige Pflanzen- oder -Thier-Arten sich so weit verbreiten, dass sie durch die Strenge des -Klima’s allein zerstört werden. Nur wo wir die äussersten Grenzen des -Lebens überhaupt erreichen, in den arktischen Regionen oder am Rande -der dürresten Wüste, da hört auch die Mitbewerbung auf. Mag das Land -noch so kalt oder trocken seyn, immer werden sich noch einige Arten -oder noch die Individuen derselben Art um das wärmste oder feuchteste -Fleckchen streiten. - -Daher sehen wir auch, dass, wenn eine Pflanzen- oder eine Thier-Art in -eine neue Gegend zwischen neue Mitbewohner versetzt wird, die äusseren -Lebens-Bedingungen meistens wesentlich andre sind, wenn auch das -Klima genau dasselbe wie in der alten Heimath bliebe. Wünschten wir -das durchschnittliche Zahlen-Verhältniss dieser Art in ihrer neuen -Heimath zu steigern, so müssten wir ihre Natur in einer andern Weise -modifiziren, als es hätte in ihrer alten Heimath geschehen müssen; denn -sie bedarf eines Vortheils über eine andre Reihe von Mitbewerbern oder -Feinden, als sie dort gehabt hat. - -Versuchten wir in unsrer Einbildungskraft, dieser oder jener Form einen -Vortheil über eine andre zu verleihen, so wüssten wir wahrscheinlich -in keinem einzigen Falle, was zu thun seye, um zu diesem Ziele zu -gelangen. Wir würden die Überzeugung von unsrer Unwissenheit über die -Wechselbeziehungen zwischen allen organischen Wesen gewinnen: einer -Überzeugung, welche eben so nothwendig ist, als sie schwer zu erlangen -scheint. Alles was wir thun können, ist: stets im Sinne behalten, -dass jedes organische Wesen nach Zunahme in einem geometrischen -Verhältnisse strebt; dass jedes zu irgend einer Zeit seines Lebens -oder zu einer gewissen Jahreszeit, während seiner Fortpflanzung oder -nach unregelmässigen Zwischenräumen grosse Zerstörung zu erleiden hat. -Wenn wir über diesen Kampf um’s Daseyn nachdenken, so mögen wir uns -selbst trösten mit dem vollen Glauben, dass der Krieg der Natur nicht -ununterbrochen ist, dass keine Furcht gefühlt wird, dass der Tod im -Allgemeinen schnell ist, und dass es der Kräftigere, der Gesundere und -Geschicktere ist, welcher überlebt und sich vermehrt. - - - - -Viertes Kapitel. - -Natürliche Züchtung. - - Natürliche Auswahl zur Nachzucht; -- ihre Gewalt im Vergleich zu - der des Menschen; -- ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer - Wichtigkeit; -- ihre Gewalt in jedem Alter und über beide - Geschlechter; -- Sexuelle Zuchtwahl. -- Über die Allgemeinheit - der Kreutzung zwischen Individuen der nämlichen Art. -- Umstände - günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung, insbesondere - Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. -- Langsame Wirkung. - Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. -- Divergenz des - Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer - kleinen Fläche und auf Naturalisation. -- Wirkung der Natürlichen - Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Ältern durch Divergenz des - Charakters und durch Unterdrückung. -- Erklärt die Gruppirung aller - organischen Wesen. -- Fortschritt in der Organisation. -- Erhaltung - unvollkommener Formen. -- Betrachtung der Einwände. -- Unbeschränkte - Vermehrung der Arten. -- Zusammenfassung. - - -Wie mag wohl der Kampf um das Daseyn, welcher im letzten Kapitel -allzukurz abgehandelt worden, in Bezug auf Variation wirken? Kann das -Prinzip der Auswahl für die Nachzucht, welche in des Menschen Hand so -viel leistet, in der Natur angewendet werden? Ich glaube, wir werden -sehen, dass ihre Thätigkeit eine äusserst wirksame ist. Erwägen wir -in Gedanken, mit welch’ endloser Anzahl neuer Eigenthümlichkeiten die -Erzeugnisse unsrer Züchtung und, in minderem Grade, die der Natur -variiren, und wie stark die Neigung zur Vererbung ist. Durch Zähmung -und Kultivirung, kann man wohl sagen, wird die ganze Organisation -in gewissem Grade bildsam. Aber die Veränderlichkeit, welche wir an -unseren Kultur-Erzeugnissen fast allgemein antreffen, ist, wie ~Hooker~ -und ~Asa Gray~ richtig bemerkt haben, nicht direkt durch den Menschen -herbeigeführt worden; er kann weder Varietäten entstehen machen, noch -ihr Entstehen hindern; er kann nur die vorkommenden erhalten und -vermehren. Absichtslos setzt er organische Wesen neuen verändernden -Lebens-Bedingungen aus und die Abänderungen beginnen. Aber ähnliche -Wechsel der Lebens-Bedingungen kommen auch in der Natur vor. Erwägen -wir ferner, wie unendlich verwickelt und wie genau anschliessend die -gegenseitigen Beziehungen aller organischen Wesen zu einander und zu -den natürlichen Lebens-Bedingungen sind und wie unendlich vielfältige -Abänderungen der Struktur mithin einem jeden Wesen unter wechselnden -Lebens-Bedingungen nützlich seyn können. Kann man es denn bei Erwägung, -wie viele für den Menschen nützliche Abänderungen unzweifelhaft -vorkommen, für unwahrscheinlich halten, dass auch andre mehr und -weniger einem jeden Wesen selbst in dem grossen und zusammengesetzten -Kampfe um’s Leben diensame Abänderungen im Laufe von Tausenden von -Generationen zuweilen vorkommen werden? Wenn solche aber vorkommen, -bleibt dann noch zu bezweifeln, dass (da offenbar viel mehr Individuen -geboren werden, als möglicher Weise fortleben können) diejenigen -Einzelwesen, welche irgend einen wenn auch geringen Vortheil vor andern -voraus besitzen, die meiste Wahrscheinlichkeit haben, die andern zu -überdauern und wieder ihresgleichen hervorzubringen? Andrerseits -werden wir gewiss fühlen, dass eine im geringsten Grade nachtheilige -Abänderung in gleichem Verhältnisse mehr der Vertilgung ausgesetzt -ist. Diese Erhaltung vortheilhafter und Zurücksetzung nachtheiliger -Abänderungen ist es, was ich „Natürliche Auswahl oder Züchtung“ -nenne[10]. Abänderungen, welche weder vortheilhaft noch nachtheilig -sind, werden von der Natürlichen Auswahl nicht berührt, und bleiben -ein schwankendes Element, wie wir es vielleicht in den sogenannten -polymorphen Arten sehen. - -Einige Schriftsteller haben den Ausdruck „_Natural Selection_“ -missverstanden oder unpassend gefunden. Die einen haben sich -vorgestellt, Natürliche Züchtung führe zur Veränderlichkeit, während -sie doch nur die Erhaltung solcher Varietäten vermittelt, welche dem -Organismus in seinen eigenthümlichen Lebens-Beziehungen von Nutzen -sind. Niemand macht dem Landwirth einen Vorwurf daraus, dass er von den -grossen Wirkungen der Züchtung auf den Menschen spricht, und in diesem -Falle müssen die individuellen Eigenthümlichkeiten, welche die Auswahl -des Menschen bestimmen, nothwendig zuerst von der Natur verliehen -seyn. Andre haben eingewendet, dass der Ausdruck „_Selection_“ -ein Bewusstsein in den Thieren voraussetze, welche verändert werden, --- und doch hätten die Pflanzen keinen Willen und seye der Ausdruck -auf sie nicht anwendbar. Es unterliegt allerdings keinem Zweifel, -dass buchstäblich genommen „_Natural Selection_“ ein falscher -Ausdruck ist; wer hat aber je den Chemiker getadelt, wenn er von einer -Wahlverwandtschaft unter seinen chemischen Elementen gesprochen? und -doch kann man nicht sagen, dass eine Säure sich die Basis auswähle, -mit der sie sich vorzugsweise verbinden wolle. Man hat gesagt ich -spreche von _Natural Selection_ wie von einer thätigen Macht oder -Gottheit; wer aber erhebt gegen andere einen Einwand, wenn sie von der -Anziehung reden, welche die Bewegung der Planeten regelt? Jedermann -weiss, was damit gemeint, und ist an solche bildliche Ausdrücke -gewöhnt; sie sind ihrer Kürze wegen nothwendig. Eben so schwer ist es -eine Personifizirung der Natur zu vermeiden; und doch verstehe ich -unter Natur bloss die vereinte Thätigkeit und Leistung der mancherlei -Naturgesetze. Bei ein bis’chen Bekanntschaft mit der Sache sind solche -oberflächliche Einwände bald vergessen. - -Wir werden den wahrscheinlichen Hergang bei der Natürlichen Zuchtwahl -am besten verstehen, wenn wir den Fall annehmen, eine Gegend -erfahre irgend eine physikalische Veränderung z. B. im Klima. Das -Zahlen-Verhältniss seiner Bewohner wird dann unmittelbar ein andres -werden, und ein oder die andre Art wird gänzlich erlöschen. Wir dürfen -ferner aus dem innigen Abhängigkeits-Verhältnisse der Bewohner einer -Gegend von einander schliessen, dass, ausser dem Klima-Wechsel an -sich, die Änderung im Zahlen-Verhältnisse eines Theiles ihrer Bewohner -auch sehr wesentlich auf die andern wirke. Hat diese Gegend offene -Grenzen, so werden gewiss neue Formen einwandern und das Verhältniss -eines Theiles der alten Bewohner zu einander ernstlich stören; denn -erinnern wir uns, wie folgenreich die Einführung einer einzigen Baum- -oder Säugthier-Art in den früher mitgetheilten Beispielen gewesen ist. -Handelte es sich dagegen um eine Insel oder um ein so umschränktes -Land, dass neue und besser angepasste Formen nicht eindringen -können, so werden sich Lücken im Hausstande der Natur ergeben, -welche sicherlich besser dadurch ausgefüllt werden, dass einige der -ursprünglichen Bewohner eine angemessene Abänderung erfahren; denn, -wäre das Land der Einwanderung geöffnet gewesen, so würden sich wohl -Eindringlinge dieser Stellen bemächtigt haben. In diesem Falle würde -daher jede geringe Abänderung, die sich im Laufe der Zeit entwickelt -hat und irgendwie die Individuen einer oder der andern Species durch -bessre Anpassung an die geänderten Lebens-Bedingungen begünstigt, ihre -Erhaltung zu gewärtigen haben und die Natürliche Auswahl wird freien -Spielraum für ihr Verbesserungs-Werk finden. - -Wie in dem ersten Kapitel gezeigt worden, ist Grund zur Annahme -vorhanden, dass eine solche Änderung in den Lebens-Bedingungen, welche -insbesondere auf das Reproduktiv-System wirkt, Variabilität verursacht, -oder sie erhöhet. In dem vorangehenden Falle ist eine Änderung der -Lebens-Bedingungen unterstellt worden, und diese wird gewiss für die -Natürliche Züchtung insofern günstig gewesen seyn, als mit ihr die -Aussicht auf das Vorkommen nützlicher Abänderungen verbunden war; -kommen nützliche Abänderungen nicht vor, so kann die Natur keine -Auswahl zur Züchtung treffen. Nicht als ob dazu ein äusserstes Mass -von Veränderlichkeit nöthig wäre; denn wenn der Mensch grosse Erfolge -durch Häufung bloss individueller Verschiedenheiten in einer und -derselben Richtung erzielen kann, so vermag es die Natürliche Zuchtwahl -in noch weit höherm Grade, da ihr unvergleichlich längre Zeitraume -für ihre Plane zu Gebot stehen. Auch glaube ich nicht, dass eben eine -grosse klimatische oder andre Veränderung oder ein ungewöhnlicher Grad -von Abschränkung gegen die Einwanderung nöthig ist, um neue und noch -unausgefüllte Stellen zu schaffen, damit die Natürliche Zuchtwahl -sie durch Abänderung und Verbesserung einiger variirender Bewohner -der Gegend ausfüllen könne. Denn da alle Bewohner einer jeden Gegend -mit gegenseitig genau abgewogenen Kräften in beständigem Kampfe mit -einander liegen, so genügen oft schon äusserst geringe Modifikationen -in der Bildung oder Lebensweise eines Bewohners, um ihm einen Vortheil -über andre zu geben, und weitre Abänderungen in gleicher Richtung -werden sein Übergewicht noch vergrössern, so lange als das Wesen -unter den nämlichen Lebens-Bedingungen fortbesteht und aus ähnlichen -Subsistenz- und Vertheidigungs-Mitteln Nutzen zieht. Es lässt sich -keine Gegend bezeichnen, in welcher alle natürlichen Bewohner bereits -so vollkommen aneinander und an die äusseren Bedingungen des Lebens -angepasst wären, dass keine unter ihnen mehr einer Veredelung fähig -wäre; denn in allen Gegenden sind die eingebornen Arten so weit von -naturalisirten Erzeugnissen überwunden worden, dass diese Fremdlinge -im Stande gewesen sind festen Besitz vom Lande zu nehmen. Und da die -Fremdlinge überall einige der Eingeborenen aus dem Felde geschlagen -haben, so darf man wohl daraus schliessen dass, wenn diese mit mehr -Vorzügen ausgestattet gewesen wären, sie solchen Eindringlingen mehr -Widerstand geleistet haben würden. - -Da nun der Mensch durch methodisch oder unbewusst ausgeführte Wahl -zum Zwecke der Nachzucht so grosse Erfolge erzielen kann und gewiss -erzielt hat, was muss nicht die Natürliche Züchtung leisten können? Der -Mensch kann absichtlich nur auf äusserliche und sichtbare Charaktere -wirken; die Natur (wenn es gestattet ist die natürliche Erhaltung -veränderlicher und begünstigter Individuen während des Kampfes ums -Daseyn zu personificiren) fragt nicht nach dem Aussehen, ausser wo es -zu irgend einem Zwecke nützlich seyn kann. Sie kann auf jedes innere -Organ, auf den geringsten Unterschied in der organischen Thätigkeit, -auf die ganze Machinerie des Lebens wirken. Der Mensch wählt nur zu -seinem eignen Nutzen; die Natur nur zum Nutzen des Wesens, das sie -pflegt. Jeder von ihr ausgewählte Charakter wird daher in voller -Thätigkeit erhalten und das Wesen in günstige Lebens-Bedingungen -versetzt. Der Mensch dagegen hält die Eingebornen aus vielerlei -Klimaten in derselben Gegend beisammen und entwickelt selten irgend -einen Charakter in einer besonderen und ihm entsprechenden Weise fort. -Er füttert eine lang- und eine kurz-schnäbelige Taube auf dieselbe -Weise; er beschäftigt einen lang-rückenigen oder einen lang-beinigen -Vierfüsser nicht in einer besondern Art; er setzt das lang- und das -kurz-wollige Schaaf demselben Klima aus. Er veranlasst die kräftigeren -Männchen nicht, um ihre Weibchen zu kämpfen. Er zerstört nicht mit -Beharrlichkeit alle unvollkommenen Thiere, sondern schützt vielmehr -alle diese Erzeugnisse, so viel in seiner Gewalt liegt, in jeder -verschiedenen Jahreszeit. Oft beginnt er seine Auswahl mit einer -halb-monströsen Form oder mindestens mit einer schon hinreichend -vorragenden Abänderung, um sein Auge zu fesseln oder ihm offenbaren -Nutzen zu versprechen. In der Natur dagegen kann schon die geringste -Abweichung in Bau und organischer Thätigkeit das bisherige genaue -Gleichgewicht zwischen den ringenden Formen aufheben und hiedurch ihre -Erhaltung bewirken. Wie flüchtig sind die Wünsche und die Anstrengungen -des Menschen! wie kurz ist seine Zeit! wie dürftig sind mithin seine -Erzeugnisse denjenigen gegenüber, welche die Natur im Verlaufe ganzer -geologischer Perioden anhäuft! Dürfen wir uns daher wundern, wenn die -Natur-Produkte einen weit „ächteren“ Charakter als die des Menschen -haben, wenn sie den verwickelten Lebens-Bedingungen weit besser -angepasst sind und das Gepräge einer weit höheren Meisterschaft an sich -tragen? - -Man kann figürlich sagen, die Natürliche Züchtung seye täglich und -stündlich durch die ganze Welt beschäftigt, eine jede auch die -geringste Abänderung ausfindig zu machen, sie zurückzuwerfen wenn -sie schlecht, und sie zu erhalten und zu verbessern wenn sie gut -ist. Stille und unmerkbar ist sie überall und allezeit, wo sich -die Gelegenheit darbietet, mit der Vervollkommnung eines jeden -organischen Wesens in Bezug auf dessen organische und unorganische -Lebens-Bedingungen beschäftigt. Wir sehen nichts von diesen langsam -fortschreitenden Veränderungen, bis die Hand der Zeit auf eine -abgelaufene Welt-Periode hindeutet, und dann ist unsre Einsicht in die -längst verflossenen Zeiten so unvollkommen, dass wir nur noch das Eine -wahrnehmen, dass die Lebensformen jetzt ganz andre sind, als sie früher -gewesen. - -Um irgend eine Modifikation mit der Länge der Zeit bis zu einer -hohen Stufe steigern zu können, muss man unterstellen, dass eine -aufgetauchte Varietät wenn auch vielleicht erst nach einem langen -Zeitraume von Neuem variire und ihre Varietäten, wenn sie vortheilhaft, -erhalten werden -- u. s. w. Nicht leicht wird jemand läugnen wollen, -dass zuweilen Varietäten vorkommen, die mehr oder weniger vom -älterlichen Stamm-Bilde abweichen; dass aber dieser Abänderungs-Prozess -in’s Unendliche fortdauern könne, das ist eine Unterstellung, deren -Richtigkeit beurtheilt werden muss nach dem Grad ihrer Übereinstimmung -der Hypothese mit den allgemeinen Natur-Erscheinungen und ihrer -Fähigkeit sie zu erklären. Eben so beruht aber auch die gewöhnlichere -entgegengesetzte Meinung, dass die Abänderung eine scharf bestimmte -Grenze nicht überschreiten könne, auf einer blossen Voraussetzung. - -Obwohl die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute eines -jeden Wesens wirken kann, so werden doch wohl auch Eigenschaften -und Bildungen dadurch berührt, denen wir nur eine untergeordnete -Wichtigkeit beilegen möchten. Wenn Blätter-fressende Insekten grün, -Rinden-fressende grau-gefleckt, das Alpen-Schneehuhn im Winter weiss, -die Schottische Art Haiden-farbig, der Birkhahn mit der Farbe der -Moorerde erscheinen, so haben wir zu vermuthen Grund, dass solche -Farben den genannten Vögeln und Insekten nützlich sind und sie vor -Gefahren schützen. Wald- und Schnee-Hühner würden sich, wenn sie -nicht in irgend einer Zeit ihres Lebens der Zerstörung ausgesetzt -wären, in endloser Anzahl vermehren. Man weiss, dass sie sehr von -Raubvögeln leiden, welche ihre Beute mit dem Auge entdecken; daher -man in manchen Gegenden von _Europa_ auch nicht gerne weisse -Tauben hält, weil diese der Entdeckung und Zerstörung am meisten -ausgesetzt sind. So finde ich keinen Grund zu zweifeln, dass es -hauptsächlich die Natürliche Züchtung ist, welche jeder Art von Wald- -und Schnee-Hühnern die ihr eigenthümliche Farbe verleiht und, wenn -solche einmal hergestellt ist, dieselbe fortwährend erhält. Auch -müssen wir nicht glauben, dass die zufällige Zerstörung eines Thieres -von abweichender Färbung nur wenig Wirkung habe, sondern vielmehr uns -erinnern, wie wesentlich es ist aus einer weissen Schaaf-Heerde jedes -weisse Lämmchen zu beseitigen, das die geringste Spur von Schwarz an -sich hat. Wir haben oben gesehen wie in _Florida_ die Farbe der -Schwanen, welche sich von der Farbwurzel nähren, über deren Leben und -Tod entscheidet. Bei den Pflanzen rechnen die Botaniker den flaumigen -Überzug der Früchte und die Farbe ihres Fleisches mit zu den mindest -wichtigen Merkmalen; und doch vernehmen wir von einem ausgezeichneten -Garten-Freunde, ~Downing~, dass in den _Vereinten Staaten_ -nackthäutige Früchte viel mehr durch einen Rüsselkäfer leiden als -die flaumigen, und dass die Purpur-farbenen Pflaumen von einer -gewissen Krankheit viel mehr leiden, als die gelben, während eine -andre Krankheit die gelb-fleischigen Pfirsiche viel mehr angreift, -als die andersfarbigen. Wenn bei aller Hilfe der Kunst diese geringen -Unterschiede zwischen den Varietäten schon einen grossen Unterschied -in deren Behandlung erheischen, so werden sich gewiss im Zustande der -Natur, wo die Bäume mit andern Bäumen und mit einer Menge von Feinden -zu kämpfen haben, diejenigen Varietäten am sichersten behaupten, deren -Früchte, mögen sie nun nackt oder behaart seyn, ein gelbes oder ein -purpurnes Fleisch haben, am besten gedeihen. - -Was endlich eine Menge von kleinen Verschiedenheiten zwischen Species -betrifft, welche, so weit unsre Unkenntniss zu urtheilen gestattet, -ganz unwesentlich zu seyn scheinen, so dürfen wir nicht vergessen, -dass auch Klima, Nahrung u. s. w. wohl einigen unmittelbaren Einfluss -haben mögen. Weit nöthiger ist es aber noch im Gedächtniss zu behalten, -dass es viele noch unbekannte Wechselbeziehungen des Wachsthums gibt, -welche, wenn ein Theil der Organisation durch Variation modifizirt und -wenn diese Modifikationen durch Natürliche Züchtung zum Besten des -organischen Wesens gehäuft werden, dann wieder andre Modifikationen oft -von der unerwartetsten Art veranlassen. - -Wie die Abänderungen, welche im Kultur-Zustande zu irgend einer Zeit -des Lebens hervorgetreten sind, auch beim Nachkömmling in der gleichen -Lebens-Periode wieder zu erscheinen geneigt sind: in Form, Grösse und -Geschmack der Saamen vieler Küchen- und Acker-Gewächse, in den Raupen -und Coccons der Seidenwurm-Varietäten, in den Eiern des Hof-Geflügels -und in der Färbung des Dunenkleides seiner Jungen, in den Hörnern -unsrer Schaafe und Rinder, wenn sie fast ausgewachsen, -- so ist -auch die Züchtung im Natur-Zustande fähig, in einem besondern Alter -auf die organischen Wesen zu wirken, für diese Lebenszeit nützliche -Abänderung zu häufen und sie in einem entsprechenden Alter zu vererben. -Wenn es für eine Pflanze von Nutzen ist, ihre Saamen immer weiter -und weiter mit dem Winde umherzustreuen, so ist für die Natur die -Schwierigkeit diess Vermögen durch Züchtung zu bewirken nicht grösser, -als sie für den Baumwollen-Pflanzer ist durch Züchtung die Baumwolle -in den Fruchtkapseln seiner Pflanzen zu vermehren und zu verbessern. -Natürliche Züchtung kann die Larve eines Insektes modifiziren und zu -zwanzigerlei Bedürfnissen geeignet anpassen, welche ganz verschieden -sind von jenen, die das reife Thier betreffen. Diese Abänderungen in -der Larve werden zweifelsohne nach den Gesetzen der Wechselbeziehungen -auch auf die Struktur des reifen Insektes wirken, und wahrscheinlich -ist bei solchen Insekten, welche im reifen Zustande nur wenige Stunden -zu leben und keine Nahrung zu sich zu nehmen haben, ein grosser -Theil ihres Baues nur als ein korrelatives Ergebniss allmählicher -Veränderungen in der Struktur ihrer Larven zu betrachten. So können -aber wahrscheinlich auch umgekehrt gewisse Veränderungen im reifen -Insekte oft die Struktur der Larve berühren, in allen Fällen aber nur -unter der Bedingung, dass diejenige Modifikation, welche bloss die -Folge einer Modifikation auf einer anderen Lebensstufe ist, durchaus -nicht nachtheiliger Art seye, weil sie dann das Erlöschen der Species -zur Folge haben müsste. - -Natürliche Züchtung kann auch die Struktur des Jungen in Bezug -zum Alten und die des Vaters derjenigen seiner Kinder gegenüber -modifiziren. Bei Hausthieren passt sie die Struktur eines jeden -Einzelwesens den Zwecken der Gemeinde an, vorausgesetzt, dass auch ein -jedes Einzelne bei dem so bewirkten Wechsel gewinne. Was die natürliche -Züchtung nicht bewirken kann, das ist: Umänderung der Struktur einer -Species, ohne Ersatz, zu Gunsten einer anderen Species; und obwohl in -naturhistorischen Werken Beispiele dafür angeführt werden, so ist doch -keines darunter, das eine Prüfung aushielte. Selbst ein organisches -Gebilde, das nur einmal im Leben eines Thieres gebraucht wird, kann, -wenn es ihm von grosser Wichtigkeit ist, durch die Natürliche Zuchtwahl -bis zu jedem Betrage modifizirt werden, wie die grossen Kinnladen -einiger Insekten, welche nur zum Öffnen ihrer Coccons dienen, oder das -zarte Spitzchen auf dem Ende des Schnabels junger Vögel, womit sie beim -Ausschlüpfen die Ei-Schaale aufbrechen. Man hat versichert, dass von -den besten kurzschnäbeligen Purzel-Tauben mehr im Eie zu Grunde gehen, -als auszuschlüpfen im Stande sind, was Liebhaber mitunter veranlasst, -bei Durchbrechung der Schaale mitzuwirken. Wenn demnach die Natur den -Schnabel einer Taube zu deren eignem Nutzen im ausgewachsenen Zustande -sehr zu verkürzen hätte, so würde dieser Prozess sehr langsam vor sich -gehen, und müsste dabei zugleich eine sehr strenge Auswahl derjenigen -jungen Vögel im Eie stattfinden, welche den stärksten und härtesten -Schnabel besitzen, weil alle mit weichem Schnabel unvermeidlich zu -Grunde gehen würden; oder aber müsste eine Auswahl der dünnsten und -zerbrechlichsten Ei-Schaalen erfolgen, deren Dicke bekanntlich so wie -jedes andere Gebilde variirt. - -+Sexuelle Zuchtwahl.+) Wie im Kultur-Zustande Eigenthümlichkeiten -oft an einem Geschlechte zum Vorschein kommen und sich erblich an -dieses Geschlecht heften, so wird es wohl auch im Natur-Zustande -geschehen, und, wenn Diess der Fall, so muss die Natürliche Züchtung -fähig seyn, ein Geschlecht in seinen funktionellen Beziehungen zum -andern zu modifiziren, oder ganz verschiedene Gewohnheiten des Lebens -in beiden Geschlechtern zu bewirken, wie es bei Insekten zuweilen der -Fall ist, -- und Diess veranlasst mich, einige Worte über das zu sagen, -was ich Sexuelle Züchtung nennen will. Sie hängt ab nicht von einem -Kampfe um’s Daseyn, sondern von einem Kampfe zwischen den Männchen -um den Besitz der Weibchen, dessen Folgen für den Besiegten nicht in -Tod und erfolgloser Mitbewerbung, sondern in einer spärlicheren oder -ganz ausfallenden Nachkommenschaft bestehen. Diese Geschlechtliche -Auswahl ist daher minder verhängnissvoll, als die Natürliche. Im -Allgemeinen werden die kräftigsten, die ihre Stelle in der Natur am -besten ausfüllenden Männchen die meiste Nachkommenschaft hinterlassen. -In manchen Fällen jedoch wird der Sieg nicht von der Stärke im -Allgemeinen, sondern von besondern nur dem Männchen verliehenen Waffen -abhängen. Ein Geweih-loser Hirsch und Sporn-loser Hahn haben wenig -Aussicht Erben zu hinterlassen. Eine Sexuelle Züchtung, welche stets -dem Sieger die Fortpflanzung ermöglichen sollte, müsste ihm unzähmbaren -Muth, lange Spornen und starke Flügel verleihen, um mit dem gespornten -Laufe kämpfen zu können; wie denn der Kampfhahn-Züchter seine Zucht -durch sorgfältige Auswahl in dieser Beziehung sehr zu veredeln -versteht. Wie weit hinab in der Stufenleiter der Natur dergleichen -Kämpfe noch vorkommen, weiss ich nicht. Doch hat man männliche -Alligatoren beschrieben, wie sie um den Besitz eines Weibchens kämpfen, -brüllen und sich im Kreise drehen; männliche Salmen hat man Tage lang -miteinander streiten sehen; männliche Hirschkäfer haben zuweilen -Wunden von den mächtigen Kiefern andrer; -- und die Männchen gewisser -Hymenopteren sah der unerreichbare Beobachter ~Fabre~ um ein -besonderes Weibchen kämpfen, das wie ein unbefangener Zuschauer dem -Kampfe beiwohnt und sich dann mit dem Sieger zurückzieht. Übrigens ist -der Kampf am heftigsten zwischen den Männchen polygamischer Thiere, -und diese scheinen auch am gewöhnlichsten mit besondern Waffen dazu -versehen zu seyn. Die Männchen der Raub-Säugethiere sind schon an sich -wohl bewehrt; doch pflegen ihnen u. e. a. durch sexuelle Züchtung -noch besondere Waffen verliehen zu werden, wie dem Löwen seine Mähne, -dem Eber sein Hauzahn, dem männlichen Salmen seine Haken-förmige -Kinnlade; und der Schild mag für den Sieg eben so wichtig seyn, als -das Schwert oder der Speer. Unter den Vögeln hat der Bewerbungskampf -oft einen friedlicheren Charakter. Alle, welche diesen Gegenstand -behandelt haben, glauben, die eifrigste Rivalität finde unter den -Sing-Vögeln statt, wo die Männchen durch Gesang die Weibchen anzuziehen -suchen. Der Felshahn in _Guiana_ (Rupicola), die Paradiesvögel -u. e. a. schaaren sich zusammen, und ein Männchen um das andere -entfaltet sein prächtiges Gefieder, um in theatralischen Stellungen -vor den Weibchen zu paradiren, welche als Zuschauer dastehen und -sich zuletzt den liebenswürdigsten Bewerber erkiesen. Sorgfältige -Beobachter der in Gefangenschaft gehaltenen Vögel wissen sehr wohl, -dass oft individuelle Bevorzugungen und Abneigungen stattfinden; so -hat Herr ~R. Heron~ beschrieben, wie ein scheckiger Perlhahn -ausserordentlich anziehend für alle seine Hennen gewesen. Es mag -kindisch aussehen, solchen anscheinend schwachen Mitteln irgend eine -Wirkung zuzuschreiben, und ich kann hier nicht in Einzelnheiten -eingehen, um jene Ansicht zu unterstützen; wenn jedoch der Mensch im -Stande ist seinen Bantam-Hühnern in kurzer Zeit eine elegante Haltung -und Schönheit je nach seinen Begriffen von Schönheit zu geben, so kann -ich keinen genügenden Grund zum Zweifel finden, dass weibliche Vögel, -indem sie Tausende von Generationen hindurch den Melodie-reichsten oder -schönsten Männchen, je nach ihren Begriffen von Schönheit, bei der Wahl -den Vorzug geben, nicht ebenfalls einen merklichen Effekt bewirken -können. Ich habe starke Vermuthung, dass einige wohlbekannte Gesetze in -Betreff des Gefieders männlicher und weiblicher Vögel dem der jungen -gegenüber sich aus der Ansicht erklären lassen, das Gefieder seye -hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl modifizirt worden, welche -im Geschlechts-reifen Alter während der Jahres-Zeit wirkt, welche der -Fortpflanzung gewidmet ist. Die dadurch erfolgten Abänderungen sind -dann auf entsprechende Alter und Jahres-Zeiten wieder vererbt worden -entweder durch die Männchen allein, oder durch Männchen und Weibchen; -ich habe aber hier nicht Raum weiter auf diesen Gegenstand einzugehen. - -Wenn daher Männchen und Weibchen einer Thier-Art die nämliche -allgemeine Lebens-Weise haben, aber in Bau, Farbe oder Verzierungen von -einander abweichen, so sind nach meiner Meinung diese Verschiedenheiten -hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl bedingt; d. h. -männliche Individuen haben in aufeinander-folgenden Generationen -einige kleine Vortheile über andre Männchen gehabt in Waffen, -Vertheidigungs-Mitteln oder Reitzen und haben diese Vortheile auf ihre -männlichen Nachkommen übertragen. Doch möchte ich nicht alle solche -Geschlechts-Verschiedenheiten aus dieser Quelle ableiten; denn wir -sehen Eigenthümlichkeilen entstehen und beim männlichen Geschlechte -unsrer Hausthiere erblich werden, wie die Hautlappen bei den Englischen -Boten-Tauben, die Horn-artigen Auswüchse bei den Männchen einiger -Hühner-Vögel u. s. w., von welchen wir nicht annehmen können, dass sie -den Männchen im Kampfe nützlich sind oder eine Anziehungskraft auf die -Weibchen ausüben[11]. Analoge Fälle sehen wir auch in der Natur, wo -z. B. der Haar-Büschel auf der Brust des Puterhahns weder nützlich im -Kampfe noch eine Zierde für den Brautwerber seyn kann; -- und wirklich, -hätte sich dieser Büschel erst im Zustande der Zähmung gebildet, wir -würden ihn eine Monstrosität nennen! - -+Beleuchtung der Wirkungsweise der Natürlichen Züchtung.+) In der -Absicht die Art und Weise klar zu machen, wie nach meiner Meinung die -Natürliche Wahl wirke, muss ich um die Erlaubniss bitten, ein oder zwei -erdachte Beispiele zur Erläuterung vorzutragen. Denken wir uns zunächst -einen Wolf, der sich seine Beute an verschiedenen Thieren theils durch -List, theils durch Stärke und theils durch Schnelligkeit verschaffe, -und nehmen wir an, seine schnelleste Beute, der Hirsch z. B., hätte -sich aus irgend einer Ursache in einer Gegend sehr vervielfältigt, -oder andre zu seiner Nahrung dienende Thiere hätten in der Jahreszeit, -wo sich der Wolf seine Beute am schwersten verschaffen kann, sehr -vermindert. Unter solchen Umständen kann ich keinen Grund zu zweifeln -finden, dass die schlanksten und schnellsten Wölfe am meisten Aussicht -auf Fortkommen und somit auf Erhaltung und Verwendung zur Nachzucht -hätten, immerhin vorausgesetzt, dass sie dabei Stärke genug behielten, -um sich ihrer Beute auch zu einer andern Jahreszeit zu bemeistern, wo -sie veranlasst seyn könnten, auf andre Thiere auszugehen. Ich finde -um so weniger Ursache daran zu zweifeln, da ja der Mensch auch die -Schnelligkeit seines Windhundes durch sorgfältige und planmässige -Auswahl oder durch jene unbewusste Wahl zu erhöhen im Stande ist, -welche schon stattfindet, wenn nur Jedermann den besten Hund zu haben -strebt, ohne einen Gedanken an Veredelung der Rasse. - -So könnte auch ohne eine Veränderung in den Verhältnisszahlen der -Thiere, die dem Wolfe zur Beute dienen, ein junger Wolf zur Welt -kommen mit angeborner Neigung gewisse Arten von Beutethieren zu -verfolgen. Auch Diess ist nicht sehr unwahrscheinlich; denn wie oft -nehmen wir grosse Unterschiede in den natürlichen Neigungen unsrer -Hausthiere wahr! Eine Katze z. B. ist geneigt Ratten und die andre -Mäuse zu fangen. Eine Katze bringt nach Hrn. ~St. John~ -geflügelte Beute nach Hause, die andre Hasen und Kaninchen, und -die dritte jagt auf Marschland und meistens nächtlicher Weile nach -Waldhühnern und Schnepfen. Man weiss, dass die Neigung Ratten statt -Mäuse zu fangen, vererblich ist. Wenn nun eine angeborne schwache -Veränderung in Gewohnheit oder Körper-Bau einen einzelnen Wolf -begünstigt, so hat er am meisten Aussicht auszudauern und Nachkommen -zu hinterlassen. Einige seiner Jungen werden dann vermuthlich -dieselbe Gewohnheit oder Körper-Eigenschaft erben, und so kann durch -oftmalige Wiederholung dieses Vorgangs eine neue Varietät entstehen, -welche die alte Stamm-Form des Wolfes ersetzt oder zugleich mit ihr -fortbesteht. Nun werden ferner Wölfe, welche Gebirgs-Gegenden bewohnen, -und solche, die sich im Tieflande aufhalten, von Natur genöthigt, -auf verschiedene Beute auszugehen, und mithin bei fortdauernder -Erhaltung der für jede der zwei Landstriche geeignetsten Individuen -allmählich zwei Abänderungen bilden. Diese Varietäten müssen da, -wo ihre Verbreitungs-Bezirke zusammenstossen, sich vermischen und -kreutzen; doch werden wir auf die Frage von der Kreutzung später -zurückkommen. Hier will ich noch beifügen, dass nach ~Pierce~ im -_Catskill-Gebirge_ in den _Vereinten Staaten_ zwei Varietäten -des Wolfes hausen, eine leichtere von Windspiel-Form, welche Hirsche -verfolgt, und eine andere schwerfälligere und mit kurzen Beinen, welche -häufiger die Schaaf-Heerden angreift. - -Nehmen wir nun einen zusammengesetzteren Fall an. Gewisse Pflanzen -scheiden eine süsse Flüssigkeit aus, wie es scheint, um irgend etwas -Nachtheiliges aus ihrem Safte zu entfernen. Diess wird bei manchen -Schmetterlings-blüthigen Gewächsen durch Drüsen am Grunde der Stipulä -und beim gemeinen Lorbeerbaum auf dem Rücken seiner Blätter bewirkt. -Diese Flüssigkeit, wenn auch nur in geringer Menge zu finden, wird -von Insekten begierig aufgesucht. Nehmen wir nun an, es werde ein -wenig solchen süssen Saftes oder Nektars an der inneren Basis der -Kronenblätter einer Blume ausgesondert. In diesem Falle werden die -Insekten, welche den Nektar aufsuchen, mit Pollen bestäubt werden -und denselben gewiss oft von einer Blume auf das Stigma der andern -übertragen. Die Blumen zweier verschiedener Individuen einer Art werden -dadurch gekreutzt, und die Kreutzung liefert (wie nachher ausführlicher -gezeigt werden soll) vorzugsweise kräftige Sämlinge, welche mithin -die beste Aussicht haben auszudauern und sich fortzupflanzen. Einige -dieser Sämlinge können wohl das Nektar-Absonderungs-Vermögen erben, -und diejenigen Nektar-absondernden Blüthen, welche die stärksten -Drüsen besitzen und den meisten Nektar liefern, werden am öftesten von -Insekten besucht und am öftesten mit andern gekreutzt werden und so -mit der Länge der Zeit allmählich die Oberhand gewinnen. Ebenso werden -diejenigen Blüthen, deren Staubfäden und Staubwege so gestellt sind, -dass sie je nach Grösse und sonstigen Eigenthümlichkeiten der sie -besuchenden Insekten einigermaassen die Übertragung ihres Samenstaubs -von Blüthe zu Blüthe erleichtern, glücklicherweise begünstigt und -zur Nachzucht geeigneter seyn. Nehmen wir den Fall an, die zu den -Blumen kommenden Insekten wollten Pollen statt Nektar einsammeln, so -wäre zwar die Entführung des Pollens, der allein zur Befruchtung der -Pflanze erzeugt wird, ein Verlust für dieselbe; wenn jedoch anfangs -gelegentlich und nachher gewöhnlich ein wenig Pollen von den ihn -einsammelnden Insekten entführt und von Blume zu Blume getragen wird, -so wird die hiedurch bewirkte Kreutzung zum grossen Vortheil der -Pflanzen seyn, mögen ihnen auch neun Zehntel der ganzen Pollen-Masse -zerstört werden; denn diejenige Pflanze, welche mehr und mehr Pollen -erzeugt und immer grössere Antheren bekommt, wird für die Nachzucht das -Übergewicht haben. - -Wenn nun unsre Pflanze, welche auf diese Weise vor andern erhalten und -durch Natürliche Wahl mit Blumen versehen worden, welche die Pollen -verschleppenden Insekten immer mehr anziehen, so kann die Überführung -des Pollens von einer Pflanze zur andern endlich zur Regel werden, -wie Diess in vielen Fällen wirklich geschieht. Ich will nun einen -nicht einmal sehr zutreffenden Fall als Beleg dafür anführen, welcher -jedoch geeignet ist zugleich als Beispiel eines ersten Schrittes zur -Trennung der Geschlechter zu dienen, von welcher noch weiter die Rede -seyn wird. Einige Stechpalmen-Stämme bringen nur männliche Blüthen -hervor, welche vier nur wenig Pollen erzeugende Staubgefässe und ein -verkümmertes Pistill enthalten; andre Stämme liefern nur weibliche -Blüthen, die ein vollständig entwickeltes Pistill und vier Staubfäden -mit verschrumpften Antheren einschliessen, in welchen nicht ein -Pollen-Körnchen bemerkt werden kann. Nachdem ich einen weiblichen -Stamm genau 60 Ellen von einem männlichen entfernt gefunden, nehme ich -die Stigmata aus zwanzig Blüthen von verschiedenen Zweigen unter das -Mikroskop und entdecke an allen ohne Ausnahme einige Pollen-Körner -und an einigen sogar eine übermässige Menge desselben. Da der Wind -schon einige Tage lang vom weiblichen gegen den männlichen Stamm hin -gewehet hatte, so kann er es nicht gewesen seyn, der den Pollen dahin -geführt. Das Wetter war schon einige Tage lang kalt und stürmisch und -daher nicht günstig für die Bienen gewesen, und demungeachtet war -jede von mir untersuchte weibliche Blüthe durch den Pollen befruchtet -worden, welchen die Bienen, von Blüthe zu Blüthe nach Nektar suchend, -an ihren Haaren vom männlichen Stamme mit herüber gebracht hatten. -Doch kehren wir nun zu unserem ersonnenen Falle zurück. Sobald jene -Pflanze in solchem Grade anziehend für die Insekten geworden, dass sie -den Pollen regelmässig von einer Blüthe zur andern tragen, wird ein -andrer Prozess beginnen. Kein Naturforscher zweifelt an dem Vortheil -der sogen. „physiologischen Theilung der Arbeit“; daher man glauben -darf, es seye nützlich für eine Pflanzen-Art in einer Blüthe oder an -einem ganzen Stocke nur Staubgefässe und in der andern Blüthe oder -auf dem andern Stocke nur Pistille hervorzubringen. Bei kultivirten -oder in neue Existenz-Bedingungen versetzten Pflanzen schlagen manchmal -die männlichen und zuweilen die weiblichen Organe mehr oder weniger -fehl. Nehmen wir aber an, Diess geschehe auch in einem wenn noch so -geringen Grade im Natur-Zustande derselben, so würden, da der Pollen -schon regelmässig von einer Blume zur andern geführt wird und eine -vollständige Trennung der Geschlechter unsrer Pflanze ihr nach dem -Prinzipe der Arbeitstheilung vortheilhaft ist, Individuen mit einer -mehr und mehr entwickelten Tendenz dazu fortwährend begünstigt und zur -Nachzucht ausgewählt werden, bis endlich die Trennung der Geschlechter -vollständig wäre. - -Kehren wir nun zu den von Nektar lebenden Insekten in unserem -ersonnenen Falle zurück; nehmen wir an, die Pflanze mit durch -andauernde Züchtung zunehmender Nektar-Bildung sey eine gemeine Art, -und unterstellen wir, dass gewisse Insekten hauptsächlich auf deren -Nektar als ihre Nahrung angewiesen sind. Ich könnte durch manche -Beispiele nachweisen, wie sehr die Bienen bestrebt sind, Zeit zu -ersparen. Ich will mich jedoch nur auf ihre Gewohnheit berufen, in den -Grund gewisser Blumen Öffnungen zu machen, um durch diese den Nektar -zu saugen, welchen sie mit ein Bischen mehr Weile durch die Mündung -heraus holen könnten. Dieser Thatsachen eingedenk halte ich es nicht -für gewagt anzunehmen, dass eine zufällige Abweichung in der Grösse und -Form ihres Körpers oder in der Länge und Krümmung ihres Rüssels, wenn -auch viel zu unbedeutend für unsere Wahrnehmung, von solchem Nutzen für -eine Biene oder ein anderes Insekt seyn könne, das sich mit deren Hülfe -sein Futter leichter verschafft, dass es mehr Wahrscheinlichkeit der -Fortdauer und der Fortpflanzung als andre Thiere seiner Art besitzt. -Seine Nachkommen werden wahrscheinlich eine Neigung zu einer ähnlichen -Abweichung des Organes erben. Die Röhren der Blumen-Kronen des rothen -und des Inkarnat-Klee’s (Trifolium pratense und Tr. incarnatum) -scheinen bei flüchtiger Betrachtung nicht sehr an Länge auseinander -zu weichen; demungeachtet kann die Honig- oder Korb-Biene (Apis -mellifica) den Nektar leicht aus der ersten aber nicht aus der letzten -saugen, welche daher nur von Hummeln besucht wird, so dass ganze Felder -rothen Klee’s der Korb-Biene vergebens einen Überschuss von köstlichem -Nektar darbieten. Dass die Korb-Biene den Nektar aufsaugt, ist gewiss; -denn ich habe unlängst, obschon bloss im Herbst viele dieser Bienen -den Nektar durch Löcher aussaugen sehen, welche (wie ich glaube) die -kleine Hummelart in die Basis der Korolle gebissen hatte. Es würde -daher für die Korb-Biene von grösstem Vortheil seyn, einen etwas -längeren oder abweichend gestalteten Rüssel zu haben. Auf der andern -Seite habe ich (wie schon oben erwähnt) durch Versuche gefunden, dass -die Fruchtbarkeit des rothen Klee’s grossentheils durch den Besuch -der Honig-suchenden Bienen bedingt ist, welche bei diesem Geschäfte -die Theile der Blumenkrone verschieben und dabei den Pollen auf die -Oberfläche der Narbe wischen. Sollten dagegen die Hummeln in einer -Gegend selten werden, so müsste eine kürzere oder tiefer getheilte -Blumenkrone von grösstem Nutzen für den rothen Klee werden, damit die -Honig-Biene seine Blüthen besuchen könne. Auf diese Weise begreife ich, -wie eine Blüthe und eine Biene nach und nach, seye es gleichzeitig -oder eine nach der andern, abgeändert und auf die vollkommenste Weise -einander angepasst werden könnten durch fortwährende Erhaltung von -Einzelnwesen mit beiderseits nur ein wenig günstigeren Abweichungen der -Struktur. - -Ich weiss wohl, dass die durch die vorangehenden ersonnenen Beispiele -erläuterte Lehre von der Natürlichen Auswahl denselben Einwendungen -ausgesetzt ist, welche man anfangs gegen ~Ch. Lyell’s~ grossartige -Ansichten in „_the Modern Changes of the Earth, as illustrative of -Geology_“ vorgebracht hat; indessen hört man jetzt die Wirkung der -Brandung z. B. in ihrer Anwendung auf die Aushöhlung riesiger Thäler -oder auf die Bildung der längsten binnenländischen Klippen-Linien -selten mehr als eine unbedeutende und lächerliche Ursache bezeichnen. -Die Natürliche Züchtung kann nur durch Häufung unendlich kleiner -vererbter Modifikationen wirken, deren jede für Erhaltung des Wesens, -dem sie angehört, günstig ist; und wie die neuere Geologie solche -Ansichten, wie die Aushöhlung grosser Thäler durch eine einzige -Diluvial-Woge meistens verbannt hat, so wird auch die Natürliche -Züchtung, wenn sie ein wahres Prinzip ist, den Glauben an eine -fortgesetzte Schöpfung neuer Organismen oder an eine grosse und -plötzliche Modifikation ihrer Organisation verbannen. - -+Über die Kreutzung der Individuen.+) Ich muss hier mit einem -kleinen Absprung beginnen. Es liegt vor Augen, dass bei Pflanzen -und Thieren getrennten Geschlechtes jedesmal zwei Individuen -sich vereinigen müssen, um eine Geburt zu Stande zu bringen. Bei -Hermaphroditen aber ist Diess keineswegs klar. Demungeachtet bin ich -stark geneigt zu glauben, dass bei allen Hermaphroditen zwei Individuen -gewöhnlich oder ausnahmsweise zu jeder einzelnen Fortpflanzung ihrer -Art zusammenwirken (die sonderbaren und noch nicht recht begriffenen -Fälle von Parthenogenesis ausgenommen). Diese Ansicht hat zuerst -~Andreas Knight~ aufgestellt. Wir werden jetzt ihre Wichtigkeit -erkennen. Zwar kann ich diese Frage nur in äusserster Kürze abhandeln; -jedoch habe ich die Materialien für eine ausführlichere Erörterung -vorbereitet. Alle Wirbelthiere, alle Insekten und noch einige andre -grosse Thiergruppen paaren sich für jede Geburt. Neuere Untersuchungen -haben die Anzahl der früher angenommenen Hermaphroditen sehr -vermindert, und von den wirklichen Hermaphroditen paaren sich viele, -d. h. zwei Individuen vereinigen sich zur Reproduktion; Diess ist -alles, was uns hier angeht. Doch gibt es noch viele andere zwitterliche -Thiere, welche gewiss sich gewöhnlich nicht paaren. Auch bei weitem die -grösste Anzahl der Pflanzen sind Hermaphroditen. Man kann nun fragen, -was ist in diesen Fällen für ein Grund zur Annahme vorhanden, dass -jedesmal zwei Individuen zur Reproduktion zusammenwirken? Da es hier -nicht möglich ist in Einzelnheiten einzugehen, so muss ich mich auf -einige allgemeine Betrachtungen beschränken. - -Für’s Erste habe ich eine grosse Masse von Thatsachen gesammelt, welche -übereinstimmend mit der fast allgemeinen Überzeugung der Viehzüchter -beweisen, dass bei Thieren wie bei Pflanzen eine Kreutzung zwischen -Thieren verschiedener Varietäten, oder zwischen solchen verschiedener -Stämme einer Varietät der Nachkommenschaft Stärke und Fruchtbarkeit -verleiht, während andrerseits enge Inzucht Kraft und Fruchtbarkeit -vermindert. Diese Thatsachen allein machen mich glauben, dass es ein -allgemeines Natur-Gesetz ist (wie unwissend wir auch über die Bedeutung -des Gesetzes seyn mögen), dass kein organisches Wesen sich selbst -für eine Ewigkeit von Generationen befruchten könne, dass daher eine -Kreutzung mit einem andern Individuum von Zeit zu Zeit und vielleicht -nach langen Zwischenräumen einmal unentbehrlich ist. - -Von dem Glauben ausgehend, dass Diess ein Natur-Gesetz seye, werden -wir verschiedene grosse Klassen von Thatsachen verstehen, welche -auf andre Weise unerklärlich sind. Jeder Blendlingsgetreide-Züchter -weiss, wie nachtheilig für die Befruchtung einer Blüthe es ist, wenn -sie während derselben der Feuchtigkeit ausgesetzt wird. Und doch, was -für eine Menge von Blumen haben Staubbeutel und Narben vollständig -dem Wetter ausgesetzt! Wenn aber eine Kreutzung von Zeit zu Zeit -nun doch unerlässlich, so erklärt sich jene Aussetzung aus der -Nothwendigkeit, dass die Blumen für den Eintritt fremden Pollens offen -seyen, und zwar um so mehr, als die zusammengehörigen Staubgefässe -und Pistille einer Blume gewöhnlich so nahe beisammen stehen, dass -Selbstbefruchtung unvermeidlich scheint. Andrerseits aber haben viele -Blumen ihre Befruchtungs-Werkzeuge sehr enge umschlossen, wie die -Schmetterlingsblüthigen z. B.; aber in den meisten solchen Blumen ist -eine sehr merkwürdige Anpassung zwischen dem Bau der Blume und der Art -und Weise, wie die Bienen den Nektar daraus saugen, indem sie alsdann -entweder den eignen Pollen der Blume über ihre Narbe wischen oder -fremden Pollen mitbringen. Zur Befruchtung der Schmetterlingsblüthen -ist der Besuch der Bienen so nothwendig, dass, wie ich durch anderwärts -veröffentlichte Versuche gefunden, ihre Fruchtbarkeit sehr abnimmt, -wenn dieser Besuch verhindert wird. Nun ist es aber kaum möglich, dass -Bienen von Blüthe zu Blüthe fliegen, ohne den Pollen der einen zur -andern zu bringen, wie ich überzeugt bin zum grossen Vortheil der -Pflanze. Die Bienen wirken dabei wie ein Kameelhaar-Pinsel, und es ist -vollkommen zur Befruchtung genügend, wenn man mit einem und demselben -Bürstchen zuerst das Staubgefäss der einen Blume und dann die Narbe der -andern berührt. Dabei ist aber nicht zu fürchten, dass die Bienen viele -Bastarde zwischen verschiedenen Arten erzeugen; denn, wenn man den -eignen Pollen und den einer andern Pflanzen-Art zugleich mit demselben -Pinsel auf die Narbe streicht, so hat der erste eine so überwiegende -Wirkung, dass er, wie schon ~Gärtner~ gezeigt, jeden Einfluss -des andern gänzlich zerstört. - -Wenn die Staubgefässe einer Blume sich plötzlich gegen das Pistill -schnellen oder sich eines nach dem andern langsam gegen dasselbe -neigen, so scheint diese Einrichtung nur auf Sicherung der -Selbstbefruchtung berechnet, und ohne Zweifel ist sie auch dafür -nützlich. Aber die Thätigkeit der Insekten ist oft nothwendig, -um die Staubfäden aufschnellen zu machen, wie ~Kölreuter~ -beim Sauerdorn insbesondere gezeigt hat; und sonderbarer Weise hat -man gerade bei dieser Sippe (Berberis), welche so vorzüglich zur -Selbstbefruchtung eingerichtet zu seyn scheint, die Beobachtung -gemacht, dass, wenn man nahe verwandte Formen oder Varietäten dicht -neben einander pflanzt, es in Folge der reichlichen Kreutzung kaum -möglich ist noch eine reine Rasse zu erhalten. In vielen andern -Fällen aber findet man, wie ~C. C. Sprengel’s~ Schriften -und meine eignen Erfahrungen lehren, statt der Einrichtungen zu -Begünstigung der Selbstbefruchtung vielmehr solche, welche das Stigma -hindern, den Saamenstaub der nämlichen Blüthe aufzunehmen. So ist bei -Lobelia fulgens eine wirklich schöne und sorgfältig ausgearbeitete -Einrichtung, wodurch jedes der unendlich zahlreichen Pollen-Körnchen -aus den verwachsenen Antheren einer jeden Blüthe fortgeführt wird, -ehe das Stigma derselben Blüthe bereit ist dieselben aufzunehmen. Da -nun, wenigstens in meinem Garten, diese Blumen niemals von Insekten -besucht werden, so haben sie auch niemals Saamen angesetzt, bis ich -auf künstlichem Wege den Pollen einer Blüthe auf die Narbe der andern -übertrug und mich hiedurch auch in den Besitz zahlreicher Sämlinge zu -setzen vermochte. Eine andere daneben stehende Lomelia-Art, die von -Bienen besucht wird, bildet von freien Stücken Saamen. In sehr vielen -anderen Fällen, wo keine besondere mechanische Einrichtung vorhanden -ist, um das Stigma einer Blume an der Aufnahme des eignen Saamenstaubs -zu hindern, platzen entweder, wie sowohl ~C. C. Sprengel~ -als ich selbst gefunden, die Staubbeutel schon bevor die Narbe zur -Befruchtung reif ist, oder das Stigma ist vor dem Pollen derselben -Blüthe reif, so dass diese Pflanzen in der That getrennte Geschlechter -haben und sich fortwährend kreutzen. Wie wundersam erscheinen diese -Thatsachen! Wie wundersam, dass der Pollen und die Oberfläche des -Stigmas einer und derselben Blüthe so nahe zusammengerückt sind, als -sollte dadurch die Selbstbefruchtung unvermeidlich werden, und dass -beide gerade in so vielen dieser Fälle völlig unnütz für einander sind. -Wie einfach sind dagegen diese Thatsachen zu erklären aus der Ansicht, -dass von Zeit zu Zeit eine Kreutzung mit einem anderen Individuum -vortheilhaft oder sogar unentbehrlich seye? - -Wenn verschiedene Varietäten von Kohl, Radies’chen, Lauch u. e. a. -Pflanzen dicht nebeneinander zur Saamen-Bildung gebracht werden, so -liefern ihre Saamen, wie ich gefunden, grossentheils Blendlinge. -So z. B. erzog ich 233 Kohl-Sämlinge aus dem Saamen einiger Stöcke -von verschiedenen Varietäten, die nahe bei einander gewachsen, und -von diesen entsprachen nur 78 der Varietät des Stocks, von dem sie -eingesammelt worden, und selbst diese nicht alle genau. Nun ist aber -das Pistill einer jeden Kohl-Blüthe nicht allein von deren eignen -sechs Staubgefässen, sondern auch von denen aller übrigen Blüthen -derselben Pflanze nahe umgeben und der Pollen jeder Blüthe gelangt ohne -Insekten-Hilfe leicht auf deren eignes Stigma; denn ich habe gefunden, -dass eine sorgfältig bedeckte Pflanze eine Vollzahl von Schoten -entwickelte. Wie kommt es aber, dass sich eine so grosse Anzahl von -Sämlingen als Blendlinge erwiesen? Ich muss vermuthen, dass es davon -herrührt, dass der Pollen einer fremden Varietät einen überwiegenden -Einfluss auf das eigne Stigma habe, und zwar eben in Folge des -Natur-Gesetzes, dass die Kreutzung zwischen verschiedenen Individuen -derselben Species für diese nützlich ist. Werden dagegen verschiedene -Arten mit einander gekreutzt, so ist der Erfolg gerade umgekehrt, indem -der Pollen einer Art einen über den der andern überwiegenden Einfluss -hat. Doch auf diesen Gegenstand werde ich in einem späteren Kapitel -zurückkommen. - -Handelt es sich um mächtige mit zahllosen Blüthen bedeckte Bäume, so -kann man einwenden, dass deren Pollen nur selten von einem Stamme auf -den andern übertragen werden und meistens nur von einer Blüthe auf eine -andre Blüthe desselben Stammes gelangen kann, dass aber verschiedene -Blüthen eines Baumes nur in einem beschränkten Sinne als Individuen -angesehen werden können. Ich halte diese Einrede für triftig; doch -hat die Natur in dieser Hinsicht vorgesorgt, indem sie den Bäumen ein -Streben zur Bildung von Blüthen getrennten Geschlechtes verliehen hat. -Sind die Geschlechter getrennt, wenn gleich männliche und weibliche -Blüthen auf einem Stamme vereinigt, so muss der Pollen regelmässig von -einer Blüthe zur andern geführt werden, was denn auch mehr Aussicht -gewährt, dass er gelegentlich von einem Stamm zum anderen komme. Ich -finde, dass in unsren Gegenden die Bäume aller Pflanzen-Ordnungen -öfter als Sträucher und Kräuter getrennte Geschlechter haben, und -tabellarische Zusammenstellungen der _Neuseeländischen_ Bäume, welche -Dr. ~Hooker~, und der _Vereinten Staaten_, welche ~Asa Gray~ mir -auf meine Bitte geliefert, haben, wie vorauszusehen, zum nämlichen -Ergebnisse geführt. Doch andrerseits hat mich Dr. ~Hooker~ neuerlich -benachrichtigt, dass diese Regel nicht für _Australien_ gelte, und ich -habe daher diese wenigen Bemerkungen über die Geschlechts-Verhältnisse -der Bäume nur machen wollen, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. - -Was die Thiere betrifft, so gibt es unter den Landbewohnern nur -wenige Zwitter wie Schnecken und Regenwürmer, und diese paaren sich -alle. Ich habe noch kein Beispiel kennen gelernt, wo ein Landthier -sich selbst befruchtete. Man kann diese merkwürdige Thatsache, -welche einen so schroffen Gegensatz zu den Landpflanzen bildet, nach -der Ansicht, dass eine Kreutzung von Zeit zu Zeit nöthig seye, -erklären, indem man das Medium, worin die Landthiere leben, und die -Beschaffenheit des befruchtenden Elementes berücksichtigt; denn wir -kennen keinen Weg, auf welchem, wie durch Insekten und Wind bei den -Pflanzen, eine gelegentliche Kreutzung zwischen Landthieren anders -bewirkt werden könnte, als durch die unmittelbare Zusammenwirkung -der beiderlei Individuen. Bei den Wasserthieren dagegen gibt es -viele sich selbst befruchtende Hermaphroditen; hier liefern aber die -Strömungen des Wassers ein handgreifliches Mittel für gelegentliche -Kreutzungen. Und, wie bei den Pflanzen, so habe ich auch bei den -Thieren, sogar nach Besprechung mit einer der ersten Autoritäten, -mit Professor ~Huxley~ nämlich, vergebens gesucht, auch nur -eine hermaphroditische Thier-Art zu finden, deren Geschlechts-Organe -so vollständig im Körper eingeschlossen wären, dass dadurch der -gelegentliche Einfluss eines andern Einzelwesens physisch unmöglich -gemacht wurde. Die Cirripeden schienen mir zwar langezeit einen in -dieser Beziehung sehr schwierigen Fall darzubieten; ich bin aber durch -einen glücklichen Umstand in die Lage gesetzt gewesen, schon anderwärts -zeigen zu können, dass zwei Individuen, wenn auch in der Regel sich -selbst befruchtende Zwitter, sich doch zuweilen kreutzen. - -Es muss den meisten Naturforschern als eine sonderbare Ausnahme schon -aufgefallen seyn, dass bei den meisten Pflanzen und Thieren solche -Arten in einer Familie und oft in einer Sippe beisammen stehen, -welche, obwohl im grösseren Theile ihrer übrigen Organisation unter -sich nahe übereinstimmend, doch zum Theile Zwitter und zum Theile -eingeschlechtig sind. Wenn aber auch alle Hermaphroditen sich von -Zeit zu Zeit mit andern Einzelwesen kreutzen, so wird der Unterschied -zwischen hermaphroditischen und eingeschlechtigen Arten, was ihre -Geschlechts-Funktionen betrifft, ein sehr kleiner. - -Nach diesen mancherlei Betrachtungen und den vielen einzelnen Fällen, -die ich gesammelt habe, jedoch hier nicht mittheilen kann, bin ich -sehr zur Vermuthung geneigt, dass im Pflanzen- wie im Thier-Reiche die -von Zeit zu Zeit erfolgende Kreutzung mit einem fremden Einzelwesen -ein Natur-Gesetz ist. Ich weiss wohl, dass es in dieser Beziehung -viele schwierige Fälle gibt, unter welchen einige sind, worüber ich -mit Forschungen beschäftigt bin. Als Endergebniss können wir folgern, -dass in vielen organischen Wesen die Kreutzung zweier Individuen eine -offenbare Nothwendigkeit für jede Fortpflanzung ist; bei vielen andern -genügt es, wenn sie von Zeit zu Zeit wiederkehrt; dagegen vermuthe ich, -dass Selbstbefruchtung allein nirgends für immer ausreichend seye. - -+Für natürliche Züchtung günstige Verhältnisse.+) Das ist -ein sehr verwickelter Gegenstand. Eine grosse Summe von erblicher -Veränderlichkeit ist dafür günstig; aber ich glaube, dass schon -individuelle Verschiedenheiten genügen. Eine grosse Anzahl von -Individuen bietet mehr Aussicht auch auf das Hervortreten nutzbarer -Abänderungen in einem gegebenen Zeitraum, selbst bei geringerem Betrag -schon vorhandener Veränderlichkeit derselben, und ist eine äusserst -wichtige Bedingung des Erfolges. Obwohl die Natur lange Zeiträume auf -die Züchtung verwendet, so braucht sie doch keine von unendlicher -Länge; denn da alle organischen Wesen sozusagen streben eine Stelle -im Haushalte der Natur einzunehmen, so muss eine Art, welche nicht -gleichen Schrittes mit ihren Mitbewerbern verändert und verbessert -wird, bald erlöschen. Wenn vortheilhafte Abänderungen sich nicht -wenigstens auf einige Nachkommen vererben, so vermag die Natürliche -Zuchtwahl wohl nichts auszurichten. Nichtvererbung des neuen Charakters -ist nichts andres als Rückkehr zum Charakter der Grossältern oder -noch früherer Vorgänger. Gewiss mag diese Neigung zur Rückkehr die -Thätigkeit der Natürlichen Züchtung oft vereitelt haben; aber ihre -Bedeutung ist von einigen Schriftstellern weit überschätzt worden. Denn -wenn diese Neigung nicht an der Ausbildung so vieler erblichen Rassen -im Thier- wie im Pflanzen-Reich gehindert hat, wie sollte sie die -Vorgänge der Natürlichen Züchtung verhindert haben? - -Bei planmässiger Züchtung wählt der Züchter stets bestimmte Objekte, -und freie Kreutzung würde sein Werk gänzlich hemmen. Haben aber viele -Menschen, ohne die Absicht ihre Rasse zu veredeln, eine ungefähr -gleiche Ansicht von Vollkommenheit, und sind alle bestrebt, nur die -besten und vollkommensten Thiere zur Nachzucht zu verwenden, so wird, -wenn auch langsam, aus dieser unbewussten Züchtung gewiss schon viele -Umänderung und Veredlung hervorgehen, wenn auch viele Kreutzung mit -schlechteren Thieren zwischendurchläuft. So ist es auch in der Natur. -Findet sich ein beschränktes Gebiet mit einer nicht ganz angemessen -ausgefüllten Stelle in ihrer geselligen Zusammensetzung, so wird die -Natürliche Züchtung bestrebt seyn, alle Individuen zu erhalten, die, -wenn auch in verschiedenem Grade, doch in der angemessenen Richtung -so variiren, dass sie die Stelle allmählich besser auszufüllen im -Stande sind. Ist jenes Gebiet aber gross, so werden seine verschiedenen -Bezirke gewiss ungleiche Lebens-Bedingungen darbieten; und wenn dann -durch den Einfluss der Natürlichen Züchtung irgend eine Spezies auf -eine andre Weise in jedem Bezirke abgeändert worden, so wird an -den Grenzen dieser Bezirke eine Kreutzung zwischen den Individuen -jener verschiedenen Abänderungen eintreten, und in diesem Falle -kann die Wirkung der Kreutzung durch die der Natürlichen Züchtung, -welche bestrebt ist alle Individuen eines jeden Bezirks genau in -derselben Weise den Lebens-Bedingungen anzupassen, kaum aufgewogen -werden, weil in einer zusammenhängenden Fläche die Lebens-Bedingungen -des einen in die des anderen Bezirkes allmählich übergehen. Die -Kreutzung wird hauptsächlich diejenigen Thiere berühren, welche sich -zu jeder Fortpflanzung paaren, viel wandern und sich nicht rasch -vervielfältigen. Daher bei Thieren dieser Art, Vögeln z. B., die -Abänderungen gewöhnlich auf getrennte Gegenden beschränkt seyn müssen, -wie es auch der Fall zu seyn scheint. Bei Zwitter-Organismen, welche -sich nur von Zeit zu Zeit mit andern kreutzen, sowie bei solchen -Thieren, die zu jeder Verjüngung ihrer Art sich paaren, aber wenig -wandern und sich sehr rasch vervielfältigen können, dürfte sich eine -neue und verbesserte Varietät an irgend einer Stelle rasch bilden und -sich dort in Masse zusammenhalten, so dass alle Kreutzung, wie sie auch -beschaffen seye, nur zwischen Einzelthieren derselben neuen Varietät -erfolgt. Ist eine örtliche Varietät auf solche Weise einmal gebildet, -so wird sie sich nachher nur langsam über andre Bezirke verbreiten. -Nach dem obigen Prinzip ziehen Pflanzschulen-Besitzer es immer vor, -Saamen von einer grossen Pflanzen-Masse gleicher Varietät zu ziehen, -weil hiedurch die Möglichkeit einer Kreutzung mit anderen Varietäten -gemindert wird. - -Selbst bei Thieren mit langsamer Vermehrung, die sich zu jeder -Fortpflanzung paaren, dürfen wir die Wirkungen der Kreutzung auf -Verzögerung der Natürlichen Züchtung nicht überschätzen; denn ich kann -eine lange Liste von Thatsachen beibringen, woraus sich ergibt, dass in -einem Gebiete Varietäten der nämlichen Thier-Art lange unterschieden -bleiben können, wenn sie verschiedene Stationen innehaben, in etwas -verschiedener Jahreszeit sich fortpflanzen, oder im Falle nur einerlei -Varietät sich unter einander paart. - -Kreutzung spielt in der Natur insoferne eine grosse Rolle, als sie -die Individuen einer Art oder einer Varietät rein und einförmig in -ihrem Charakter erhält. Sie wird Diess offenbar weit wirksamer zu -thun vermögen bei solchen Thieren, die sich für jede Fortpflanzung -paaren; aber ich habe schon vorher zu zeigen gesucht, dass Ursache zur -Vermuthung vorliegt, dass bei allen Pflanzen und bei allen Thieren von -Zeit zu Zeit Kreutzungen erfolgen; -- und wenn Diess auch nur nach -langen Zwischenräumen wieder einmal erfolgt, so bin ich überzeugt, dass -die hiebei erzielten Abkömmlinge die durch lange Selbstbefruchtung -erzielte Nachkommenschaft an Stärke und Fruchtbarkeit so sehr -übertreffen, dass sie mehr Aussicht haben dieselben zu überleben und -sich fortzupflanzen, und so wird in langen Zeiträumen der Einfluss der -wenn auch nur seltenen Kreutzungen doch gross seyn. Bei Organismen, -die sich niemals kreutzen, kann eine Gleichförmigkeit des Charakters -so lange währen, als ihre äusseren Lebens-Bedingungen die nämlichen -bleiben, theils in Folge der Vererbung und theils in Folge der -Natürlichen Züchtung, welche jede zufällige Abweichung von dem eigenen -Typus immer wieder zerstört; wenn aber die Lebens-Bedingungen sich -ändern und jene Wesen dem entsprechende Abänderungen erleiden, so kann -ihre hienach abgeänderte Nachkommenschaft nur dadurch Einförmigkeit -des Charakters behaupten, dass Natürliche Züchtung dieselbe -vortheilhafte Varietät erhält. - -Abschliessung ist eine wichtige Bedingung im Prozesse der Natürlichen -Zuchtwahl. In einem umgrenzten oder vereinzelten Gebiete werden, -wenn es nicht sehr gross ist, die unorganischen wie die organischen -Lebens-Bedingungen gewöhnlich in hohem Grade einförmig seyn; daher die -Natürliche Zuchtwahl streben wird, alle Individuen einer veränderlichen -Art in gleicher Weise mit Hinsicht auf die gleichen Lebens-Bedingungen -zu modifiziren. Auch Kreutzungen mit solchen Individuen derselben Art, -welche die den Bezirk umgrenzenden und anders beschaffenen Gegenden -bewohnen mögen, kommen da nicht vor. Isolirung wirkt aber vielleicht -noch kräftiger, insoferne sie nach irgend einem physikalischen Wechsel -im Klima, in der Höhe des Landes u. s. w. die Einwanderung hindert; -und so bleiben die neuen Stellen im Natur-Haushalte der Gegend offen -für die Bewerbung der alten Bewohner, bis diese sich durch geeignete -Veränderungen in organischer Bildung und Thätigkeit derselben angepasst -haben. Abschliessung wird endlich dadurch, dass sie Einwanderung und -daher Mitbewerbung hemmt, Zeit geben zur Bildung neuer Varietäten, und -Diess kann mitunter von Wichtigkeit seyn für die Hervorbringung neuer -Arten. Wenn dagegen ein isolirtes Land-Gebiet sehr klein ist, so wird -nothwendig auch, entweder der es umgebenden Schranken halber oder in -Folge seiner ganz eigenthümlichen Lebens-Bedingungen, die Gesammtzahl -der darin vorhandenen Individuen sehr klein seyn; und geringe -Individuen-Zahl verzögert sehr die Bildung neuer Arten durch Natürliche -Züchtung, weil sie die Möglichkeit des Auftretens neuer angemessener -Abänderungen vermindert. - -Die blosse Zeit an und für sich thut nichts für und nichts gegen die -Natürliche Züchtung. Ich bemerke Diess ausdrücklich, weil man irrig -behauptet hat, dass ich dem Zeit-Element dabei einen allmächtigen -Antheil zugestehe, als ob alle Species mit der Zeit nothwendig eine -allmählige Veränderung erfahren müssten. Zeit ist aber nur insoferne -von Bedeutung, als sie den vorkommenden Abänderungen die allmählich -vergrösserte Möglichkeit der Wahl, Häufung und Befestigung in -Bezug auf die langsam wechselnden organischen und unorganischen -Lebens-Bedingungen gewährt. Auch begünstigt sie die direkte Wirkung -neuer oder veränderter physischer Lebens-Bedingungen. - -Wenden wir uns zur Bestätigung der Wahrheit dieser Bemerkungen an -die Natur und sehen uns um nach irgend einem kleinen abgeschlossenen -Gebiete, nach einer ozeanischen Insel z. B., so werden wir finden dass, -obwohl die Gesammtzahl der es bewohnenden Arten nur klein ist, wie -sich in dem Kapitel über geographische Verbreitung ergeben wird, doch -eine verhältnissmässig grosse Zahl dieser Arten endemisch ist, d. h. -hier an Ort und Stelle und nirgends anderwärts erzeugt worden ist. Auf -den ersten Anblick scheint es demnach, es müsse eine ozeanische Insel -sehr geeignet zur Hervorbringung neuer Arten gewesen seyn; um jedoch -thatsächlich zu ermitteln, ob ein kleines abgeschlossenes Gebiet oder -eine weite offene Fläche für die Erzeugung neuer organischer Formen -mehr geeignet gewesen seye, müssten wir auch gleich-lange Zeiträume -dabei vergleichen können, und Diess sind wir nicht im Stande zu thun. - -Obwohl ich nun nicht zweifle, dass Isolirung bei Erzeugung neuer -Arten ein sehr wichtiger Umstand ist, so möchte ich doch im Ganzen -genommen glauben, dass grosse Ausdehnung des Gebietes noch wichtiger -insbesondere für die Hervorbringung solcher Arten ist, die sich einer -langen Dauer und weiten Verbreitung fähig zeigen. Auf einer grossen -und offenen Fläche wird nicht nur die Aussicht auf vortheilhafte -Abänderungen wegen der grösseren Anzahl von Individuen einer Art -günstiger, es werden auch die Lebens-Bedingungen wegen der grossen -Anzahl schon vorhandener Arten unendlich zusammengesetzter seyn; und -wenn einige von diesen zahlreichen Arten verändert oder verbessert -werden, so müssen auch andere in entsprechendem Grade verbessert werden -oder untergehen. Eben so wird jede neue Form, sobald sie sich stark -verbessert hat, fähig seyn, sich über die offene und zusammenhängende -Fläche auszubreiten, und wird hiedurch in Mitbewerbung mit vielen -andern treten. Es werden hiermit mehr neu zu besetzende Stellen -entstehen, und die Mitbewerbung um deren Ausfüllung wird viel heftiger -als auf einem kleinen und abgeschlossenen Gebiete werden. Ausserdem -aber mögen grosse Flächen, wenn sie jetzt auch zusammenhängend sind, -in Folge der Schwankungen ihrer Oberfläche, oft noch unlängst von -unterbrochener Beschaffenheit gewesen seyn, so dass sie an den guten -Wirkungen der Isolirung wenigstens bis zu einem gewissen Grade mit -theilgenommen haben. Ich komme demnach zum Schlusse, dass, wenn kleine -abgeschlossene Gebiete auch in manchen Beziehungen wahrscheinlich sehr -günstig für die Erzeugung neuer Arten gewesen sind, doch auf grossen -Flächen die Abänderungen im Allgemeinen rascher erfolgt sind und, was -noch wichtiger ist, die auf den grossen Flächen entstandenen neuen -Formen, welche bereits den Sieg über viele Mitbewerber davon getragen, -solche sind, die sich am weitesten verbreiten und die zahlreichsten -neuen Varietäten und Arten liefern, mithin den wesentlichsten Antheil -an den geschichtlichen Veränderungen der organischen Welt nehmen. - -Wir können von diesen Gesichtspunkten aus vielleicht einige Thatsachen -verstehen, welche in unserem Kapitel über die geographische -Verbreitung erörtert werden sollen; z. B. dass die Erzeugnisse des -kleineren Australischen Kontinentes früher vor denen der grössern -Europäisch-Asiatischen Fläche gewichen und anscheinend noch jetzt im -Weichen begriffen sind. Daher kommt es ferner, dass festländische -Erzeugnisse allenthalben so reichlich auf Inseln naturalisirt worden -sind. Auf einer kleinen Insel wird der Wettkampf ums Daseyn viel -weniger heftig, Erlöschung wird weniger und Abänderung geringer gewesen -seyn. Daher rührt es vielleicht auch, dass die Flora von _Madeira_ -nach ~Oswald Heer~ der erloschenen Tertiär-Flora _Europas_ -gleicht. Alle Süsswasser-Becken zusammengenommen nehmen dem Meere -wie dem trockenen Lande gegenüber nur eine kleine Fläche ein, und -demgemäss wird die Mitbewerbung zwischen den Süsswasser-Erzeugnissen -minder heftig gewesen seyn als anderwärts; neue Formen sind langsamer -entstanden und alte langsamer erloschen. Im süssen Wasser finden -wir sieben Sippen ganoider oder schmelzschuppiger Fische als -übrig-gebliebene Vertreter einer einst vorherrschenden Ordnung dieser -Klasse; und im süssen Wasser finden wir auch einige der anomalsten -Wesen, welche auf der Erde bekannt sind, den Ornithorhynchus und den -Lepidosiren, welche gleich fossilen Formen bis zu gewissem Grade solche -Ordnungen miteinander verbinden, welche jetzt auf der natürlichen -Stufenleiter weit von einander entfernt sind. Man kann daher diese -anomalen Formen immerhin „lebende Fossile“ nennen. Sie haben -ausgedauert bis auf den heutigen Tag, weil sie eine beschränkte Fläche -bewohnt haben und in dessen Folge einer minder heftigen Mitbewerbung -ausgesetzt gewesen sind. - -Fassen wir die der Natürlichen Züchtung günstigen und ungünstigen -Umstände schliesslich zusammen, so weit die äusserst verwickelte -Beschaffenheit Solches gestattet. Ich gelange mit Hinsicht auf -die Zukunft zum Schlusse: dass für Land-Erzeugnisse eine weite -Festland-Fläche, welche wahrscheinlich noch vielfältige Höhenwechsel -zu erfahren hat und sich daher lange Zeiträume hindurch in einem -unterbrochenen Zustande befinden wird, für Hervorbringung vieler -neuen zu langer Dauer und weiter Verbreitung geeigneter Lebens-Formen -die günstigsten Bedingungen darbieten wird. Eine solche Fläche -kann zuerst ein Festland gewesen seyn, dessen Bewohner in jener -Zeit zahlreich an Arten und Individuen sehr lebhafter Mitbewerbung -ausgesetzt gewesen sind. Ist sodann der Kontinent durch Senkung in -grosse Inseln geschieden worden, so werden noch viele Individuen einer -Art auf jeder Insel übrig seyn, welche sich an den Grenzen ihrer -Verbreitungs-Bezirke (der Inseln) mit einander zu kreutzen gehindert -sind. Eben so können nach irgend welchen physikalischen Veränderungen -keine Einwanderungen stattfinden, daher die neu entstehenden Stellen -in der gesellschaftlichen Verbindung jeder Insel durch Abänderungen -ihrer alten Bewohner ausgefüllt werden müssen. Um die Varietäten einer -jeden zu diesem Zwecke umzugestalten und zu vervollkommnen, wird lange -Zeit nöthig seyn. Sollten durch eine neue Hebung die Inseln wieder -in ein Festland zusammenfliessen, so wird eine heftige Mitbewerbung -erfolgen. Die am meisten begünstigten oder verbesserten Varietäten -werden sich ausbreiten, viele minder vollkommene Formen erlöschen und -die Verhältniss-Zahlen des erneuerten Kontinents sich bedeutend ändern. -Es wird daher der Natürlichen Züchtung ein reiches Feld zur ferneren -Verbesserung der Bewohner und zur Hervorbringung neuer Arten geboten -seyn. - -Ich gebe vollkommen zu, dass die Natürliche Züchtung zuweilen mit -äusserster Langsamkeit wirke. Ihre Thätigkeit hängt davon ab, ob in dem -gesellschaftlichen Verbande der Natur Stellen vorhanden sind, welche -dadurch besser besetzt werden könnten, dass einige Bewohner der Gegend -irgend welche Abänderung erführen. Das Vorhandenseyn solcher Stellen -wird oft von gewöhnlich langsamen physikalischen Veränderungen und -davon abhängen, ob die Einwanderung besser anpassender Formen gehindert -ist. Aber die Thätigkeit der Natürlichen Züchtung wird wahrscheinlich -noch öfter davon bedingt seyn, dass einige der Bewohner langsame -Abänderungen erleiden, indem hiedurch die Wechselbeziehungen vieler -alten Bewohner zu einander gestört werden. Nichts kann bewirkt werden, -bevor nicht vortheilhafte Abänderungen vorkommen, und Abänderung selbst -ist offenbar stets ein sehr langsamer Vorgang. Viele werden der Meinung -seyn, dass diese verschiedenen Ursachen ganz genügend seyen, um die -Thätigkeit der Natürlichen Züchtung vollständig zu hindern; ich bin -jedoch nicht dieser Ansicht. Auf der andern Seite glaube ich, dass -Natürliche Züchtung immer sehr langsam wirke, oft erst wieder nach -langen Zeitzwischenräumen und gewöhnlich nur bei sehr wenigen Bewohnern -einer Gegend zugleich. Ich glaube ferner, dass diese sehr langsame und -aussetzende Thätigkeit der Natürlichen Züchtung ganz gut demjenigen -entspricht, was uns die Geologie in Bezug auf die Ordnung und Art der -Veränderung lehrt, welche die Bewohner dieser Erde allmählich erfahren -haben. - -Wie langsam aber auch der Prozess der Züchtung seyn mag; wenn der -schwache Mensch in kurzer Zeit schon so viel durch seine künstliche -Züchtung thun kann, so vermag ich keine Grenze für den Umfang -der Veränderungen, für die Schönheit und endlose Verflechtung -der Anpassungen aller organischen Wesen an einander und an ihre -natürlichen Lebens-Bedingungen zu erkennen, welche die natürliche -Züchtung im Verlaufe unermesslicher Zeiträume zu bewirken im Stande ist. - -+Erlöschen.+) -- Dieser Gegenstand wird in unsrem Abschnitte -über Geologie vollständiger abzuhandeln seyn; hier berühren wir ihn -nur, insoferne er mit der Züchtung zusammenhängt. Natürliche Züchtung -wirkt nur durch Erhaltung vortheilhafter Abänderungen, welche die -andern zu überdauern vermögen. Wenn jedoch in Folge des geometrischen -Vervielfältigungs-Vermögens aller organischen Wesen jeder Bezirk schon -genügend mit Bewohnern und wenn die meisten Bezirke bereits mit einer -grossen Manchfaltigkeit der Formen versorgt sind, so muss nothwendig -in demselben Grade, in welchem die ausgewählte und begünstigte Form an -Menge zunimmt, die minder begünstigte allmählich abnehmen und seltener -werden. Seltenwerden ist, wie die Geologie uns lehrt, Anfang des -Erlöschens. Man erkennt auch, dass eine nur durch wenige Individuen -vertretene Form durch Schwankungen in den Jahreszeiten oder in der -Zahl ihrer Feinde grosse Gefahr gänzlicher Vertilgung läuft. Doch -können wir noch weiter gehen und sagen: wenn neue Formen langsam aber -beständig erzeugt werden, so müssen andre unvermeidlich fortwährend -erlöschen, wenn nicht die Zahl der specifischen Formen beständig und -fast unendlich anwachsen soll. Die Geologie zeigt uns klärlich, dass -die Zahl der Art-Formen nicht in’s Unbegrenzte gewachsen ist, und -wir wollen jetzt versuchen nachzuweisen, wohin es komme, dass die -Arten-Zahl auf der Erd-Oberfläche nicht unermesslich geworden ist. - -Wir haben gesehen, dass diejenigen Arten, welche die zahlreichsten -Individuen zählen, die meiste Wahrscheinlichkeit für sich, innerhalb -einer gegebenen Zeit vortheilhafte Abänderungen hervorzubringen. Die -im zweiten Kapitel mitgetheilten Thatsachen können zum Beweise dafür -dienen, indem sie zeigen, dass gerade die gemeinsten Arten die grösste -Anzahl ausgezeichneter Varietäten oder anfangender Species liefern. -Daher werden denn auch die selteneren Arten in einer gegebenen Periode -weniger rasch umgeändert oder verbessert werden und demzufolge in -dem Kampfe mit den umgeänderten Abkömmlingen der gemeineren Arten -unterliegen. - -Aus diesen verschiedenen Betrachtungen scheint nun unvermeidlich zu -folgen, dass in dem Masse, wie im Laufe der Zeit neue Arten durch -Natürliche Züchtung entstehen, andre seltener und seltener werden -und endlich erlöschen müssen. Diejenigen Formen werden natürlich am -meisten leiden, welche den umgeänderten und verbesserten am nächsten -stehen. Und wir haben in dem Abschnitte vom Ringen um’s Daseyn gesehen, -dass es die miteinander am nächsten verwandten Formen -- Varietäten -der nämlichen Art und Arten der nämlichen oder einander zunächst -verwandten Sippen sind, die, weil sie nahezu gleichen Bau, Konstitution -und Lebensweise haben, meistens auch in die heftigste Mitbewerbung -miteinander gerathen. Wir sehen den nämlichen Prozess der Austilgung -unter unseren Kultur-Erzeugnissen vor sich gehen, in Folge der -Züchtung verbesserter Formen durch den Menschen. Ich könnte mit vielen -merkwürdigen Belegen zeigen, wie schnell neue Rassen von Rindern, -Schaafen und andern Thieren oder neue Varietäten von Blumen die Stelle -der früheren und unvollkommeneren einnehmen. In _Yorkshire_ -ist es geschichtlich bekannt, dass das alte schwarze Rindvieh durch -die Langhorn-Rasse verdrängt und dass diese nach dem Ausdruck eines -landwirthschaftlichen Schriftstellers, wie durch eine mörderische -Seuche von den Kurzhörnern weggefegt worden ist. - -+Divergenz des Charakters.+) -- Das Princip, welches ich mit -diesem Ausdruck bezeichne, ist von hoher Wichtigkeit für meine Theorie -und erklärt nach meiner Meinung verschiedene wichtige Thatsachen. -Erstens gibt es manche sehr ausgeprägte Varietäten, die, obwohl sie -etwas vom Charakter der Species an sich haben, wie in vielen Fällen aus -den hoffnungslosen Zweifeln über ihren Rang erhellet, doch gewiss viel -weniger als gute und ächte Arten von einander abweichen. Demungeachtet -sind nach meiner Anschauungsweise Varietäten eben anfangende Species. -Auf welche Weise wächst nun jene kleinere Verschiedenheit zur grössern -specifischen Verschiedenheit an? Dass Diess allgemein geschehe, müssen -wir aus den fast unzähligen in der ganzen Natur vorhandenen Arten mit -wohl ausgeprägten Varietäten schliessen, während Varietäten, die von -uns unterstellten Prototype und Ältern künftiger wohl unterschiedener -Arten, nur geringe und schlecht-ausgeprägte Unterschiede darbieten. -Wenn es bloss der sogenannte Zufall wäre, der die Abweichung einer -Varietät von ihren Ältern in einigen Beziehungen und dann die noch -stärkere Abweichung des Nachkömmlings dieser Varietät von jenen Ältern -in gleicher Richtung veranlasste, so würde dieser doch nicht genügen, -ein so gewöhnliches und grosses Maass von Verschiedenheit zu erklären, -als zwischen Varietäten einer Art und zwischen Arten einer Sippe -vorhanden ist. - -Wir wollen daher, wie ich es bis jetzt zu thun gewöhnt war, auch -diesen Gegenstand mit Hilfe unsrer Kultur-Erzeugnisse erläutern. -Wir werden dabei etwas Analoges finden. Nehmen wir an, dass die -Bildung so weit auseinander laufender Rassen wie die des Kurzhorn- -und des Hereforder-Rindes, des Rasse- und des Karren-Pferdes, der -verschiedenen Tauben-Rassen u. s. w. durch bloss zufällige Häufung -der Abänderungen in einerlei Richtung während vieler aufeinander -folgender Generationen nicht hätte zu Stande kommen können. Wenn nun -aber in der Wirklichkeit ein Liebhaber seine Freude an einer Taube -mit merklich kürzerem und ein anderer die seinige an einer solchen -mit viel längerem Schnabel hätte, so würden sich beide bestreben, da -„Liebhaber Mittelmässigkeiten nicht bewundern, sondern Extreme lieben“ -(wie es mit Purzeltauben wirklich der Fall gewesen), zur Nachzucht -Vögel mit immer kürzeren und kürzeren oder immer längeren und längeren -Schnäbeln zu wählen. Eben so können wir unterstellen, es habe Jemand -in früherer Zeit schlankere und ein andrer Jemand stärkere und -schwerere Pferde vorgezogen. Die ersten Unterschiede werden nur sehr -gering gewesen seyn; wenn nun aber im Laufe der Zeit einige Züchter -fortwährend die schlankeren, und andre ebenso die schwereren Pferde -zur Nachzucht erkiesen, so werden die Verschiedenheiten immer grösser -werden und Veranlassung geben zwei Unterrassen zu unterscheiden, -und nach Verlauf von Jahrhunderten können diese Unterrassen sich -endlich zu zwei wohlbegründeten verschiedenen Rassen ausbilden. Da die -Verschiedenheiten langsam zunehmen, so werden die unvollkommeneren -Thiere von mittlem Charakter, die weder sehr leicht noch sehr schwer -sind, vernachlässigt werden und sich zum Erlöschen neigen. Daher sehen -wir dann auch in diesen künstlichen Erzeugnissen des Menschen, dass in -Folge des Divergenz-Prinzips, wie man es nennen könnte, die anfangs -kaum bemerkbaren Verschiedenheiten immer zunehmen und die Rassen immer -weiter unter sich wie von ihren gemeinsamen Stamm-Ältern abweichen. - -Aber wie, kann man fragen, lässt sich ein solches Prinzip auf die -Natur anwenden? Ich glaube, dass es schon durch den einfachen Umstand -eine erfolgreiche Anwendung findet (obwohl ich selbst Diess lange Zeit -nicht erkannt habe), dass, je weiter die Abkömmlinge einer Species in -Bau, organischen Verrichtungen und Lebensweise auseinandergehen, um so -besser sie geeignet seyn werden, viele und sehr verschiedene Stellen im -Haushalte der Natur einzunehmen und somit an Zahl zuzunehmen. - -Diess zeigt sich deutlich bei Thieren mit einfacher Lebensweise. -Nehmen wir ein vierfüssiges Raubthier zum Beispiel, dessen Zahl in -einer Gegend schon längst zu dem vollen Betrage angestiegen ist, -welches die Gegend zu ernähren vermag. Hat das ihm innewohnende -Vervielfältigungs-Vermögen freies Spiel, so kann dieselbe Thier-Art -(vorausgesetzt dass die Gegend keine Veränderung ihrer natürlichen -Verhältnisse erfahre) nur dann noch weiter zunehmen, wenn ihre -Nachkommen in der Weise abändern, dass sie allmählich solche Stellen -einnehmen können, welche jetzt andere Thiere schon innehaben, -wenn z. B. einige derselben geschickt werden auf neue Arten von -lebender oder todter Beute auszugehen, indem sie neue Standorte -bewohnen, Bäume erklimmen, in’s Wasser gehen oder auch einen Theil -ihrer Raubthier-Natur aufgeben. Je mehr nun diese Nachkommen unsres -Raubthieres in Organisation und Lebensweise auseinandergehen, desto -mehr Stellen werden sie fähig seyn in der Natur einzunehmen. Und was -von einem Thiere gilt, das gilt durch alle Zeiten von allen Thieren, -vorausgesetzt, dass sie variiren; denn ausserdem kann Natürliche -Züchtung nichts ausrichten. Und dasselbe gilt von den Pflanzen. Es ist -durch Versuche dargethan worden, dass wenn man eine Strecke Landes -mit Gräsern verschiedener Sippen besäet, man eine grössere Anzahl von -Pflanzen erzielen und ein grösseres Gewicht von Heu einbringen kann, -als wenn man eine gleiche Strecke nur mit einer Gras-Art ansäet. Zum -nämlichen Ergebniss ist man gelangt, indem man zuerst eine Varietät -und dann verschiedene gemischte Varietäten von Weitzen auf zwei gleich -grosse Grund-Stücke säete. Wenn daher eine Gras-Art in Varietäten -auseinandergeht und diese Varietäten, unter sich in derselben Weise -verschieden wie die Arten und Sippen der Gräser verschieden sind, immer -wieder zur Nachzucht gewählt werden, so wird eine grössere Anzahl -einzelner Stöcke dieser Gras-Art mit Einschluss ihrer Varietäten auf -gleicher Fläche wachsen können, als zuvor. Bekanntlich streut jede -Gras-Art und Varietät jährlich eine fast zahllose Menge von Saamen -aus, so dass man fast sagen könnte, ihr hauptsächlichstes Streben -seye Vermehrung ihrer Anzahl. Daher zweifle ich nicht daran, dass -im Verlaufe von vielen Tausend Generationen gerade die am weitesten -auseinander gehenden Varietäten einer Gras-Art immer am meisten -Wahrscheinlichkeit des Erfolges durch Vermehrung ihrer Anzahl und -durch Verdrängung der geringeren Abweichungen für sich haben; und sind -diese Varietäten nun weit von einander verschieden, so nehmen sie den -Charakter der Arten an. - -Die Wahrheit des Prinzips, dass die grösste Summe von Leben vermittelt -werden kann durch die grösste Differenzirung der Struktur, lässt -sich unter vielerlei natürlichen Verhältnissen erkennen. Wir sehen -auf ganz kleinen Räumen, zumal wenn sie der Einwanderung offen sind -und mithin das Ringen der Arten mit einander heftig ist, stets eine -grosse Manchfaltigkeit von Bewohnern. So fand ich z. B. auf einem 3′ -langen und 4′ breiten Stück Rasen, welches viele Jahre lang genau -denselben Bedingungen ausgesetzt gewesen, zwanzig Arten von Pflanzen -aus achtzehn Sippen und acht Ordnungen beisammen, woraus sich ergibt, -wie verschieden von einander eben diese Pflanzen sind. So ist es -auch mit den Pflanzen und Insekten auf kleinen einförmigen Inseln; -und ebenso in kleinen Süsswasser-Behältern. Die Landwirthe wissen, -dass sie bei einer Rotation mit Pflanzen-Arten aus den verschiedensten -Ordnungen am meisten Futter erziehen können[12], und die Natur bietet, -was man eine simultane Rotation nennen könnte. Die meisten Pflanzen und -Thiere, welche rings um ein kleines Grundstück wohnen, würden auch auf -diesem Grundstücke (wenn es nicht in irgend einer Beziehung von sehr -abweichender Beschaffenheit ist) leben können und streben so zu sagen -in hohem Grade darnach da zu leben; wo sie aber in nächste Mitbewerbung -mit einander kommen, da sehen wir, dass ihre aus der Differenzirung -ihrer Organisation, Lebensweise und Konstitution sich ergebenden -wechselseitigen Vorzüge bedingen, dass die am unmittelbarsten mit -einander ringenden Bewohner im Allgemeinen verschiedenen Sippen und -Ordnungen angehören. - -Dasselbe Princip erkennt man, wo der Mensch Pflanzen in fremdem Lande -zu naturalisiren strebt. Man hätte erwarten dürfen, dass diejenigen -Pflanzen, die mit Erfolg in einem Lande naturalisirt werden können, -im Allgemeinen nahe verwandt mit den Eingeborenen seyen; denn diese -betrachtet man gewöhnlich als besonders für ihre Heimath geschaffen -und angepasst. Eben so hätte man vielleicht erwartet, dass die -naturalisirten Pflanzen zu einigen wenigen Gruppen gehörten, welche -nur etwa gewissen Stationen entsprächen. Aber die Sache verhält sich -ganz anders, und ~Alphons DeCandolle~ hat in seinem grossen -und vortrefflichen Werke ganz wohl gezeigt, dass die Floren durch -Naturalisirung, der Anzahl der eingeborenen Sippen und Arten gegenüber, -weit mehr an neuen Sippen als an neuen Arten gewinnen. Um nur ein -Beispiel zu geben, so sind in Dr. ~Asa Gray’s~ „_Manual -of the Flora of the northern United states_“ 260 naturalisirte -Pflanzen-Arten aus 162 Sippen aufgezählt. Wir sehen ferner, dass diese -naturalisirten Pflanzen von sehr verschiedener Natur sind, und auch von -den eingebornen in so ferne nicht abweichen, als aus jenen 162 Sippen -nicht weniger als 100 ganz fremdländisch sind, daher die eingeborene -Flora verhältnissmässig mehr an Sippen als an Arten bereichert worden -ist. - -Berücksichtigt man die Natur der Pflanzen und Thiere, welche der -Reihe nach erfolgreich mit den eingeborenen einer Gegend gerungen -haben und in dessen Folge naturalisirt worden sind, so kann man eine -rohe Vorstellung davon gewinnen, wie etwa einige die eingeborenen -hätten modificirt werden müssen, um einen Vortheil über die andern -eingeborenen zu erlangen; wir können, wie ich glaube, wenigstens mit -Sicherheit schliessen, dass eine Differenzirung ihrer Struktur bis zu -einem zur Bildung neuer Sippen genügenden Betrage für sie erspriesslich -gewesen wäre. - -Der Vortheil einer Differenzirung der Eingeborenen einer Gegend ist in -der That derselbe, welcher für einen individuellen Organismus aus der -physiologischen Theilung der Arbeit unter seine Organe entspringt, ein -von ~Milne Edwards~ so trefflich erläuterter Gegenstand. Kein -Physiologe zweifelt daran, dass ein Magen, welcher nur zur Verdauung -von vegetabilischer oder von animalischer Materie allein geeignet ist, -die meiste Nahrung aus diesen Stoffen zieht. So werden auch in dem -grossen Haushalte eines Landes um so mehr Individuen von Pflanzen und -Thieren ihren Unterhalt zu finden im Stande seyn, je mehr dieselben -hinsichtlich ihrer Lebensweise differenzirt sind. Eine Gesellschaft von -Thieren mit nur wenig differenzirter Organisation kann schwerlich mit -einer andern von vollständiger differenzirtem Baue werben. So wird man -z. B. bezweifeln müssen, dass die _Australischen_ Beutelthiere, -welche nach ~Waterhouse’s~ u. A. Bemerkung, in weniger von -einander abweichende Gruppen unterschieden, unsere Raub-Thiere, -Wiederkäuer und Nager vertreten, im Stande seyn würden, mit diesen -wohl ausgesprochenen Ordnungen zu werben. In den _Australischen_ -Säugethieren erblicken wir den Prozess der Differenzirung auf einer -noch frühen und unvollkommenen Entwicklungs-Stufe. - -Nach dieser vorangehenden Erörterung, die einer grösseren Ausdehnung -bedürfte, dürfen wir wohl annehmen, dass die abgeänderten Nachkommen -einer Species um so mehr Erfolg haben werden, je mehr sie in ihrer -Organisation differenzirt und hiedurch geeignet seyn werden, sich -auf die bereits von andern Wesen eingenommenen Stellen einzudrängen. -Wir wollen nun zusehen, wie dieses nützliche von der Divergenz des -Charakters abgeleitete Prinzip in Verbindung mit den Prinzipien der -Natürlichen Züchtung und der Erlöschung zusammenwirke. - -[Illustration: _Zur Seite 131._] - -Das beigefügte Bild wird uns dienen, diese sehr verwickelte Frage -besser zu begreifen. Gesetzt es bezeichnen die Buchstaben A bis L -die Arten einer grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; diese Arten -gleichen einander in verschiedenen Abstufungen, wie es eben in der -Natur der Fall zu seyn pflegt, und was durch verschiedene Entfernung -jener Buchstaben von einander ausgedrückt werden soll. Wir wählen -eine grosse Sippe, weil wir schon im zweiten Kapitel gesehen, dass -verhältnissmässig mehr Arten grosser Sippen als kleiner variiren, und -dass dieselben eine grössere Anzahl von Varietäten darbieten. Wir haben -ferner gesehen, dass die gemeinsten und am weitesten verbreiteten -Arten mehr als die seltenen mit kleinen Wohn-Bezirken abändern. Es -seye nun A eine gemeine weit verbreitete und abändernde Art einer -grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; der kleine Fächer divergirender -Punkt-Linien von ungleicher Länge, welche von A ausgehen, möge ihre -variirende Nachkommenschaft darstellen. Es ist ferner angenommen, -deren Abänderungen seyen ausserordentlich gering, aber von der -manchfaltigsten Beschaffenheit, nicht von gleichzeitiger, sondern oft -durch lange Zwischenzeiten getrennter Erscheinung, und endlich von -ungleich langer Dauer. Nur jene Abänderungen, welche in irgend einer -Beziehung nützlich sind, werden erhalten und zur Natürlichen Züchtung -verwendet. Und hier ist es wichtig, dass das Prinzip der Nützlichkeit -von der Divergenz des Charakters abgeleitet ist; denn Diess wird -meistens zu den am weitesten auseinandergehenden Abänderungen führen -(welche durch unsre punktirten Linien dargestellt sind), wie sie durch -Natürliche Züchtung erhalten und gehäuft worden. Wenn nun in unsrem -Bilde eine der punktirten Linien eine der wagrechten Linien erreicht -und dort mit einem kleinen numerirten Buchstaben bezeichnet erscheint, -so ist angenommen, dass darin eine Summe von Abänderung gehäuft seye, -genügend zur Bildung einer ganz wohl-bezeichneten Varietät, wie wir sie -der Aufnahme in ein systematisches Werk werth achten. - -Die Zwischenräume zwischen zwei wagrechten Linien des Bildes mögen -je 1000 (besser wären 10,000) Generationen entsprechen. Nach 1000 -Generationen hätte die Art A zwei ganz wohl ausgeprägte Varietäten -a^1 und m^1 hervorgebracht. Diese zwei Varietäten seyen fortwährend -denselben Bedingungen ausgesetzt, welche ihre Stammältern zur -Abänderung veranlassten, und das Streben nach Abänderung in ihnen -erblich. Sie werden daher nach weitrer Abänderung und gewöhnlich in -derselben Art und Richtung streben wie ihre Stammältern. Überdiess -werden diese zwei Varietäten, als nur erst wenig modificirte Formen, -streben diejenigen Vorzüge wieder zu erwerben, welche ihren gemeinsamen -Ältern A das numerische Übergewicht über die meisten andern Bewohner -derselben Gegend verschafft haben; sie werden gleicherweise theilnehmen -an denjenigen Vortheilen, welche die Sippe, wozu ihre Stammältern -gehört, zur grossen Sippe ihrer Heimath erhoben. Und wir wissen, dass -alle diese Umstände zur Hervorbringung neuer Varietäten günstig sind. - -Wenn nun diese zwei Varietäten ebenfalls veränderlich sind, so werden -die divergentesten ihrer Abänderungen gewöhnlich in den nächsten 1000 -Generationen fortbestehen. Nach dieser Zeit, ist in unsrem Bilde -angenommen, habe Varietät a^1 die Varietät a^2 hervorgebracht, die nach -dem Differenzirungs-Principe weiter als a^1 von A verschieden ist. -Varietät m^1 hat zwei andre Varietäten m^2 und s^2 ergeben, welche -unter sich und noch mehr von ihrer gemeinsamen Stamm-Form A abweichen. -So können wir den Vorgang lange Zeit von Stufe zu Stufe verfolgen und -einige der Varietäten von je 1000 zu 1000 Generationen bald nur eine -Abänderung von mehr und weniger abweichender Beschaffenheit, bald auch -2-3 derselben hervorbringen sehen, während andre keine neuen Formen -darbieten. Doch werden gewöhnlich diese Varietäten oder abgeänderten -Nachkommen eines gemeinsamen Stamm-Vaters A im Ganzen immer zahlreicher -werden und immer weiter auseinander laufen. In dem Bilde ist der -Vorgang bis zur zehntausendsten Generation, -- und in einer mehr -verdichteten und vereinfachten Weise bis zur vierzehntausendsten -Generation dargestellt. - -Doch muss ich hier bemerken, dass ich nicht der Meinung bin, dass -der Prozess jemals so regelmässig vor sich gehe, als er im Bilde -dargestellt ist, obwohl er auch da schon etwas unregelmässig -erscheint. Eben so bin ich entfernt nicht der Meinung, dass die am -weitesten differirenden Varietäten unabänderlich vorherrschen und -sich vervielfältigen werden. Oft mag auch eine Mittelform von langer -Dauer seyn und entweder keine oder mehr als eine in ungleichem Grade -abgeänderte Varietät hervorbringen; die Natürliche Züchtung wird -immer thätig seyn, je nach der Beschaffenheit der noch gar nicht oder -nur unvollständig von anderen Wesen eingenommenen Stellen; und Diess -wird von unendlich verwickelten Beziehungen abhängen. Doch werden der -allgemeinen Regel zufolge die Abkömmlinge einer Art um so mehr geeignet -seyn jene Stellen einzunehmen und ihre abgeänderte Nachkommenschaft zu -vermehren, je weiter sie in ihrer Organisation differenzirt sind. In -unsrem Bilde ist die Successions-Linie in regelmässigen Zwischenräumen -unterbrochen durch kleine numerirte Buchstaben, zu Bezeichnung der -successiven Formen, welche genügend unterschieden sind, um als -Varietäten aufgeführt zu werden. Aber diese Unterbrechungen sind nur -eingebildete und hätten anderwärts eingeschoben werden können nach -hinlänglich langen Zwischenräumen für die Häufung eines ansehnlichen -Betrags divergenter Abänderung. - -Da alle diese verschiedenartigen Abkömmlinge von einer gemeinsamen -und weit verbreiteten Art einer grossen Sippe an den gemeinsamen -Verbesserungen theilzunehmen streben, welche den Erfolg ihrer -Stamm-Ältern im Leben bedingt haben, so werden sie im Allgemeinen -sowohl an Zahl als an Divergenz des Charakters zunehmen, und Diess -ist im Bilde durch die verschiedenen von A ausgehenden Verzweigungen -ausgedrückt. Die abgeänderten Nachkommen von den letzten und am -meisten verbesserten Verzweigungen in den Nachkommenschafts-Linien -werden wahrscheinlich oft die Stelle der ältern und minder -vervollkommneten einnehmen und sie verdrängen, und Diess ist im Bilde -dadurch ausgedrückt, dass einige der untern Zweige nicht bis zu den -obern Horizontallinien hinauf reichen. In einigen Fällen zweifle -ich nicht, dass der Prozess der Abänderung auf eine einfache Linie -der Descendenz beschränkt bleiben und die Zahl der Nachkommen nicht -vermehren wird, wenn auch das Maass divergenter Modifikation in den -aufeinanderfolgenden Generationen zugenommen hat. Dieser Fall würde -in dem Bilde dargestellt werden, wenn alle von A ausgehenden Linien -bis auf die von a^1 bis a^{10} beseitigt würden. Auf diese Weise sind -z. B. die Englischen Rasse-Pferde und Englischen Windspiele langsam vom -Charakter ihrer Stammform abgewichen, ohne je eine neue Abzweigung oder -Nebenrasse abgegeben zu haben. - -Es wird der Fall gesetzt, dass die Art A nach 10,000 Generationen drei -Formen a^{10}, f^{10} und m^{10} hervorgebracht habe, welche in Folge -ihrer Charakter-Divergenz in den aufeinanderfolgenden Generationen -weit, doch in ungleichem Grade unter sich und von ihren Stamm-Ältern -verschieden sind. Nehmen wir nur einen äusserst kleinen Betrag von -Veränderung zwischen je zwei Horizontalen unsres Bildes an, so werden -unsre drei Formen nur bis zur Stufe wohl ausgeprägter Varietäten oder -etwa zweifelhafter Unterarten gelangt seyn; wir haben aber nur nöthig, -uns die Abstufungen im Änderungs-Prozesse etwas grösser zu denken, um -diese Formen in gute Arten zu verwandeln; alsdann drückt das Bild die -Stufen aus, auf welchen die kleinen nur Varietäten charakterisirenden -Verschiedenheiten in grössere schon Arten unterscheidende Unterschiede -übergehen. Denkt man sich denselben Prozess in einer noch grösseren -Anzahl von Generationen fortwährend (wie es oben im Bilde in -zusammengezogener und vereinfachter Weise geschehen), so erhalten wir -acht von A abstammende Arten mit a^{14} bis m^{14} bezeichnet. So -werden, wie ich glaube, Arten vervielfältigt und Sippen gebildet. - -In einer grossen Sippe variirt wohl mehr als eine Art. Im Bilde habe -ich angenommen, dass eine zweite Art I in analogen Abstufungen nach -10,000 Generationen entweder zwei wohlbezeichnete Varietäten w^{10} und -x^{10}, oder zwei Arten hervorgebracht habe, je nachdem man sich den -Betrag der Veränderung, welcher zwischen zwei wagrechten Linien liegt, -kleiner oder grösser denkt. Nach 14,000 Generationen werden nach unsrer -Unterstellung sechs neue durch die Buchstaben n^{14}-z^{14} bezeichnete -Arten entstanden seyn. In jeder Sippe werden die bereits am weitesten -in ihrem Charakter auseinander gegangenen Arten die grösste Anzahl -modificirter Nachkommen hervorzubringen streben, indem diese die beste -Aussicht haben, neue und weit von einander verschiedene Stellen im -Natur-Staate einzunehmen; daher ich im Bilde die extreme Art A und die -fast gleich extreme Art I als die am weitesten auseinander gelaufenen -bezeichnete, welche auch zur Bildung neuer Varietäten und Arten -Veranlassung gegeben haben. Die andren neun mit grossen Buchstaben -(B-H, K, L) bezeichneten Arten unsrer Stamm-Sippe mögen sich noch lange -Zeit ohne Veränderung fortpflanzen, was im Bilde durch die punktirten -Linien ausgedrückt ist, welche wegen mangelnden Raumes nicht weiter -aufwärts verlängert sind. - -Inzwischen dürfte in dem auf unsrem Bilde dargestellten -Umänderungs-Prozess noch ein andres unsrer Prinzipien, das der -Erlöschung nämlich, eine wichtige Rolle gespielt haben. Da in jeder -vollständig bevölkerten Gegend Natürliche Züchtung nothwendig durch -Auswahl der Formen wirkt, welche in dem Kampfe um’s Daseyn irgend -einen Vortheil vor den übrigen Formen voraus haben, so wird in den -verbesserten Abkömmlingen einer Art ein beständiges Streben vorhanden -seyn, auf jeder ferneren Stufe ihre Vorgänger und ihren Urstamm zu -ersetzen und zu vertilgen. Denn man muss sich erinnern, dass der Kampf -gewöhnlich am heftigsten zwischen solchen Formen ist, welche einander -in Organisation, Konstitution und Lebensweise am nächsten stehen. Daher -werden alle Zwischenformen zwischen den frühesten und spätesten, das -ist zwischen den unvollkommensten und vollkommensten Stufen, sowie -die Stamm-Art selbst zum Erlöschen geneigt seyn. Eben so wird es sich -wahrscheinlich mit vielen ganzen Seiten-Linien verhalten, wenn sie -durch spätere und vollkommenere Linien bekämpft werden. Wenn dagegen -die abgeänderte Nachkommenschaft einer Art in einer besonderen Gegend -aufkommt oder sich irgend einem ganz neuen Standorte rasch anpasst, -wo Vater und Kind nicht in Mitbewerbung gerathen, dann mögen beide -fortbestehen. - -Nimmt man daher in unsrem Bilde an, dass es ein grosses Maass von -Abänderung vorstelle, so werden die Art A und alle frühern Abänderungen -derselben erloschen und durch acht neue Arten a^{14}-m^{14} -ersetzt seyn, und an der Stelle von I werden sich sechs neue Arten -n^{14}-z^{14} befinden. - -Doch gehen wir noch weiter. Wir haben angenommen, dass die -ursprünglichen Arten unsrer Sippe einander in ungleichem Grade ähnlich -seyen, wie Das in der Natur gewöhnlich der Fall ist; dass die Art -A näher mit B, C, D als mit den andern verwandt seye und I mehr -Beziehungen mit G, H, K, L als zu den übrigen besitze; dass ferner -diese zwei Arten A und I sehr gemein und weit verbreitet seyen, indem -sie schon anfangs einige Vorzüge vor den andern Arten derselben Sippe -voraus hatten. Ihre modifizirten Nachkommen, vierzehn an Zahl nach -14,000 Generationen, werden wahrscheinlich einige derselben Vorzüge -geerbt haben; auch sind sie auf jeder weiteren Stufe der Fortpflanzung -in einer divergenten Weise abgeändert und verbessert worden, so dass -sie sich zur Besetzung vieler passenden Stellen im Natur-Haushalte -ihrer Gegend eignen. Es scheint mir daher äusserst wahrscheinlich, -dass sie nicht allein ihre Ältern A und I ersetzt und vertilgt haben, -sondern auch einige andre diesen zunächst verwandte ursprüngliche -Spezies. Es werden daher nur sehr wenige der ursprünglichen Arten sich -bis in die vierzehntausendste Generation fortgepflanzt haben. Wir -nehmen an, dass nur eine von den zwei mit den übrigen neun weniger -nahe verwandten Arten, nämlich F, ihre Nachkommen bis zu dieser späten -Generation erstrecke. - -Der neuen von den eilf ursprünglichen Arten unsres Bildes -abgeleiteten Spezies sind nun fünfzehn. Dem divergenten Streben -der Natürlichen Züchtung gemäss, muss der äusserste Betrag von -Charakter-Verschiedenheit zwischen den Arten a^{14} und z^{14} viel -grösser als zwischen den unter sich verschiedensten der ursprünglichen -eilf Arten seyn. Überdiess werden die neuen Arten in sehr ungleichem -Grade mit einander verwandt seyn. Unter den acht Nachkommen von A -mögen die drei a^{14}, q^{14} und p^{14} näher beisammen stehen, weil -sie sich erst spät von a^{10} abgezweigt haben, wogegen b^{14} und -f^{14} als alte Abzweigungen von a^5 etwas mehr von jenen drei entfernt -sind; und endlich mögen o^{14}, e^{14} und m^{14} zwar unter sich -nahe verwandt seyn, aber als Seitenzweige seit dem ersten Beginne des -Abänderungs-Prozesses weit von den andern fünf Arten abstehen und eine -besondere Untersippe oder sogar eine eigne Sippe bilden. - -Die sechs Nachkommen von I mögen zwei Subgenera oder selbst Genera -bilden. Da aber die Stamm-Art I weit von A entfernt, fast am andern -Ende der Arten-Reihe der ursprünglichen Sippe steht, so werden diese -sechs Nachkommen durch Vererbung beträchtlich von den acht Nachkommen -von A abweichen, indem überdiess angenommen worden, dass diese zwei -Gruppen sich in auseinander weichenden Richtungen verändert haben. Auch -sind die mittlen Arten, welche A mit I verbunden (was sehr wichtig ist -zu beachten), mit Ausnahme von F erloschen, ohne Nachkommenschaft zu -hinterlassen. Daher die sechs neuen von I entsprossenen und die acht -von A abgeleiteten Spezies sich zu zwei sehr verschiedenen Sippen oder -sogar Unterfamilien erhoben haben dürften. - -So kommt es, wie ich meine, dass zwei oder mehr Sippen durch Abänderung -aus zwei oder mehr Arten eines Genus entspringen können. Und von den -zwei oder mehr Stamm-Arten ist angenommen worden, dass sie von einer -Art einer früheren Sippe herrühren. In unsrem Bilde ist Diess durch -die gebrochenen Linien unter den grossen Buchstaben A-L angedeutet, -welche abwärts gegen je einen Punkt konvergiren. Dieser Punkt stellt -eine einzelne Spezies, die unterstellte Stamm-Art aller unsrer neuen -Subgenera und Genera vor. - -Es ist der Mühe werth, einen Augenblick bei dem Charakter der neuen -Art ~F~^{14} zu verweilen, von welcher angenommen wird, dass -sie ohne grosse Divergenz zu erfahren, die Form von F unverändert oder -mit nur geringer Abänderung ererbt habe. Ihre Verwandtschaften zu den -andern vierzehn neuen Arten werden ganz sonderbar seyn. Von einer -zwischen den zwei Stamm-Arten A und I stehenden Spezies abstammend, -welche aber jetzt erloschen und unbekannt sind, wird sie einigermassen -das Mittel zwischen den zwei davon abgeleiteten Arten-Gruppen halten. -Da aber beide Gruppen in ihren Charakteren vom Typus ihrer Stamm-Ältern -auseinandergelaufen sind, so wird die neue Art ~F~^{14} das -Mittel nicht unmittelbar zwischen ihnen, sondern vielmehr zwischen den -Typen beider Gruppen halten; und jeder Naturforscher dürfte im Stande -seyn, sich ein Beispiel dieser Art in’s Gedächtniss zu rufen. - -In dem Bilde entspricht nach unsrer bisherigen Annahme jeder Abstand -zwischen zwei Horizontalen tausend Generationen; lassen wir ihn jedoch -für eine Million oder hundert Millionen von Generationen und zugleich -einem entsprechenden Theile der Schichtenfolge unsrer Erd-Rinde mit -organischen Resten gelten! In unsrem Kapitel über Geologie werden wir -wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen und werden dann hoffentlich -finden, dass unser Bild geeignet ist Licht über die Verwandtschaft -erloschener Wesen zu verbreiten, die, wenn auch im Allgemeinen zu -denselben Ordnungen, Familien oder Sippen wie ein Theil der jetzt -lebenden gehörig, doch in ihrem Charakter oft in gewissem Grade -das Mittel zwischen jetzigen Gruppen halten; und man wird diese -Thatsache begreiflich finden, da die erloschenen Arten in sehr frühen -Zeiten gelebt, wo die Verzweigungen der Nachkommenschaft noch wenig -auseinander gegangen waren. - -Ich finde keinen Grund, den Verlauf der Abänderung, wie er bisher -auseinander gesetzt worden, bloss auf die Bildung der Sippen zu -beschränken. Nehmen wir in unsrem Bilde den von jeder successiven -Gruppe auseinander-strahlender Punktlinien dargestellten Betrag von -Abänderung sehr hoch an, so werden die mit a^{14} bis p^{14}, mit -b^{14} bis f^{14} und mit o^{14} bis m^{14} bezeichneten Formen -drei sehr verschiedene Genera darstellen. Wir werden dann zwei von -I abgeleitete sehr verschiedene Sippen haben, und da diese zwei -Sippen, in Folge sowohl einer fortdauernden Divergenz des Charakters -als der Beerbung zweier verschiedener Stammväter, sehr weit von -den von A hergeleiteten drei Sippen abweichen, so werden die zwei -kleinen Sippen-Gruppen je nach dem Maasse der vom Bilde dargestellten -divergenten Abänderung zwei verschiedene Familien oder selbst Ordnungen -bilden. Und diese zwei neuen Familien oder Ordnungen leiten sich von -zwei Arten einer Stamm-Sippe her, die selbst wieder einer Species eines -viel älteren und noch unbekannten Genus entsprossen seyn dürfte. - -Wir haben gesehen, dass es in jeder Gegend die Arten der grössern -Sippen sind, welche am öftesten Varietäten oder neue anfangende Arten -bilden. Diess war in der That zu erwarten; denn, wenn die Natürliche -Züchtung durch eine im Rassenkampf vor den andern bevorzugte Form -wirkt, so wird sie hauptsächlich auf diejenigen wirken, welche -bereits einige Vortheile voraus haben; und die Grösse einer Gruppe -zeigt, dass ihre Arten von einem gemeinsamen Vorgänger einige Vorzüge -gemeinschaftlich ererbt haben. Daher der Wettkampf in Erzeugung neuer -und abgeänderter Sprösslinge hauptsächlich zwischen den grösseren -Gruppen stattfinden wird, welche sich alle an Zahl zu vergrössern -streben. Eine grosse Gruppe wird nur langsam eine andre grosse -Gruppe überwinden, deren Zahl verringern und so deren Aussicht -auf künftige Abänderung und Verbesserung vermindern. Innerhalb -einer und derselben grossen Gruppe werden die neueren und höher -vervollkommneten Untergruppen immer bestrebt seyn, durch Verzweigung -und durch Besetzung von möglichst vielen Stellen im Staate der Natur -die früheren und minder vervollkommneten Untergruppen allmählich zu -verdrängen. Kleine und unterbrochene Gruppen und Untergruppen neigen -sich immer mehr dem gänzlichen Verschwinden zu. In Bezug auf die -Zukunft kann man vorhersagen, dass diejenigen Gruppen organischer -Wesen, welche jetzt gross und siegreich und am wenigsten durchbrochen -sind, d. h. bis jetzt am wenigsten durch Erlöschung gelitten haben, -noch auf lange Zeit hinaus zunehmen werde. Welche Gruppen aber zuletzt -vorwalten werden, kann niemand vorhersagen; denn wir wissen, dass -viele Gruppen von ehedem sehr ausgedehnter Entwickelung heutzutage -erloschen sind. Blicken wir noch weiter in die Zukunft hinaus, so -lässt sich voraussehen, dass in Folge der fortdauernden und steten -Zunahme der grossen Gruppen eine Menge kleiner gänzlich erlöschen -wird ohne abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und dass demgemäss -von den zu irgend einer Zeit lebenden Arten nur äusserst wenige ihre -Nachkommenschaft bis in eine ferne Zukunft erstrecken werden. Ich will -in dem Kapitel über Klassifikation auf diesen Gegenstand zurückkommen -und hier nur noch bemerken, dass nach der Ansicht, dass nur äusserst -wenige der ältesten Spezies uns Abkömmlinge hinterlassen haben und die -Abkömmlinge von einer und derselben Spezies heutzutage eine Klasse -bilden, uns begreiflich werden muss, warum es in jeder Hauptabtheilung -des Pflanzen- und Thier-Reiches nur sehr wenige Klassen gebe. Obwohl -indessen nur äusserst wenige der ältesten Arten noch jetzt lebende -veränderte Nachkommen hinterlassen haben, so mag doch die Erde in den -ältesten geologischen Zeit-Abschnitten eben so bevölkert gewesen seyn -mit zahlreichen Arten aus manchfaltigen Sippen, Familien, Ordnungen und -Klassen, wie heutigen Tages. - -Ein ausgezeichneter Naturforscher hat dagegen eingewendet, die -fortwährende Thätigkeit der Züchtung, mit Divergenz des Charakters -verbunden, müsse zu einer endlosen Menge von Arten-Formen führen. Was -die bloss unorganischen Bedingungen betrifft, so würde allerdings -wahrscheinlich eine genügende Anzahl von Arten allen erheblicheren -Verschiedenheiten von Wärme, Feuchtigkeit u. s. w. angepasst werden -können; ich nehme aber an, dass die Wechselbeziehungen der organischen -Wesen zu einander bei weitem die wichtigsten sind, und wenn die Zahl -der Arten in einer Gegend in Zunahme begriffen ist, so werden die -organischen Lebens-Bedingungen immer verwickelter werden. Anfänglich -scheint es daher wohl, als gebe es keine Grenze für den Betrag -nützlicher Differenzirung der Organisation und daher keine Grenze -für die Anzahl der möglicher Weise hervorzubringenden Arten. Es ist -uns nicht bekannt, dass selbst das fruchtbarste Land-Gebiet mit -organischen Formen vollständig besetzt seye, da ja selbst am _Cap der -guten Hoffnung_, das eine so erstaunliche Arten-Zahl hervorbringt, -noch viele Europäische Pflanzen naturalisirt worden sind. Die Geologie -lehrt uns jedoch, dass wenigstens innerhalb der unermesslichen -Tertiär-Periode die Arten-Zahl der Konchylien und wahrscheinlich auch -der Säugthiere bis daher nicht vergrössert worden ist. Was hemmt nun -dieses Wachsthum der Arten-Zahl in’s Unendliche? Erstens muss der -Betrag des auf einem Gebiete unterhaltenen Lebens (ich meine damit -nicht die Zahl der spezifischen Formen) eine Grenze haben, da es ja -in so reichlichem Masse von physikalischen Bedingungen abhängt; wo -daher viele Arten erhalten werden müssen, da werden sie alle oder -meistens arm an Individuen seyn; und eine Art mit wenigen Individuen -wird in Gefahr seyn durch zufällige Schwankungen in der Beschaffenheit -der Jahres-Zeiten und in der Zahl ihrer Feinde zu erlöschen. Die -Austilgung wird in solchen Fällen rasch erfolgen, während neue Arten -immer nur langsam nachkommen. Man denke sich den äussersten Fall, es -gebe in _England_ so viele Arten als Individuen, so wird der -erste strenge Winter oder trockne Sommer Tausende und Tausende von -Arten vertilgen, und Individuen von andern Arten werden ihre Stelle -einnehmen. Zweitens vermuthe ich, dass, wenn einige Arten sehr selten -werden, es in der Regel nicht nahe Verwandte seyn werden, welche -sie zu verdrängen streben; wenigstens haben einige Autoren gemeint, -dass Diess bei dem Rückgang des Auerochsen in _Lithauen_, des -Edelhirschs in _Schottland_ und des Bären in _Norwegen_ in -Betracht komme. Drittens, was die Thiere im Besondern betrifft, so sind -einige Arten ganz dazu gemacht, sich von irgend einem andern Wesen zu -nähren; wenn dieses aber selten geworden, so wird es nicht zum Vortheil -jener Thiere seyn, dass sie in so enger Beziehung zu einer Nahrung -gestanden, und sie werden nicht mehr durch Natürliche Züchtung vermehrt -werden. Viertens, wenn irgend welche Arten arm an Individuen werden, -so wird der Vorgang der Umbildung langsamer seyn, weil die Möglichkeit -vortheilhafter Abänderung verringert ist. Wenn wir daher eine von -sehr vielen Arten bewohnte Gegend annehmen, so müssen alle oder die -meisten Arten arm an Individuen seyn und wird demnach der Prozess der -Umänderung und Bildung neuer Formen verzögert werden. Fünftens, und wie -ich glaube, ist Diess der wichtigste Punkt, wird eine herrschende Art, -welche schon viele Mitbewerber in ihrer eignen Heimath verdrängt hat, -sich auszubreiten und noch viele andre zu ersetzen streben. ~Alphons -DeCandolle~ hat nachgewiesen, dass diejenigen Arten, welche sich -weit verbreiten, gewöhnlich streben sich +sehr+ weit auszubreiten; -sie werden folglich mehre andre in verschiedenen Gegenden auszutilgen -streben; und Diess hemmt die ungeordnete Zunahme von Arten-Formen auf -der ganzen Erd-Oberfläche. ~Hooker~ hat neuerlich gezeigt, dass -in der südöstlichen Ecke _Australiens_, wo es viele Einwanderer -aus allerlei Weltgegenden zu geben scheint, die eigenthümlich -Australischen Arten an Menge sehr abgenommen haben. Ich wage nicht zu -bestimmen, wie viel Gewicht diesen mancherlei Ursachen beizulegen seye; -aber ich glaube, dass sie alle zusammen genommen in jeder Gegend das -Streben nach unendlicher Vermehrung der Arten-Formen beschränken müssen. - -+Über die Stufe, bis zu welcher die Organisation sich zu erheben -strebt.+) Natürliche Züchtung wirkt, wie wir gesehen haben, -ausschliesslich durch Erhaltung und Zusammensparung solcher leichten -Abweichungen, welche dem Geschöpfe, das sie betreffen, unter den -organischen und unorganischen Bedingungen des Lebens, von welchen es -in aufeinanderfolgenden Perioden abhängig ist, nützlich sind. Das -Endergebniss wird seyn, dass jedes Geschöpf einer immer grösseren -Verbesserung den Lebens-Bedingungen gegenüber entgegenstrebt. Diese -Verbesserung dürfte unvermeidlich zu der stufenweisen Vervollkommnung -der Organisation der Mehrzahl der über die ganze Erd-Oberfläche -verbreiteten Wesen führen. Doch kommen wir hier auf einen sehr -schwierigen Gegenstand, indem noch kein Naturforscher eine allgemein -befriedigende Definition davon gegeben hat, was unter Vervollkommnung -der Organisation zu verstehen seye. Bei den Wirbelthieren kommt deren -geistige Befähigung und Annäherung an den Körper-Bau des Menschen -offenbar mit in Betracht. Man möchte glauben, dass die Grösse der -Veränderungen, welche die verschiedenen Theile und Organe während ihrer -Entwickelung vom Embryo-Zustande an bis zum reifen Alter zu durchlaufen -haben, als ein Anhalt bei der Vergleichung dienen könne; doch kommen -Fälle vor, wie bei gewissen parasitischen Krustern, wo mehre Theile des -Körper-Baues unvollkommener und sogar monströs werden, so dass man das -reife Thier nicht vollkommener als seine Larve nennen kann. ~Von -Baer’s~ Maasstab scheint noch der beste und allgemeinst anwendbare -zu seyn, nämlich das Maass der Differenzirung der verschiedenen Theile -(„im reifen Alter“ dürfte wohl beizusetzen seyn) und ihre Anpassung -zu verschiedenen Verrichtungen, oder die Vollständigkeit der Theilung -in die physiologische Arbeit, wie ~Milne Edwards~ sagen würde. -Wir werden aber leicht ersehen, wie schwierig die wirkliche Anwendung -jenes Kriteriums ist, wenn wir wahrnehmen, dass bei den Fischen z. B. -die Haie von einem Theile der Naturforscher als die vollkommensten -angesehen werden, weil sie den Reptilien am nächsten stehen, während -andre den gewöhnlichen Knochen-Fischen (Teleosti) die erste Stelle -anweisen, weil sie die ausgebildetste Fisch-Form haben und am meisten -von allen andern Vertebraten abweichen[13]. Noch deutlicher erkennen -wir die Schwierigkeit, wenn wir uns zu den Pflanzen wenden, wo der -von geistiger Befähigung hergenommene Maasstab ganz wegfällt; und -hier stellen einige Botaniker diejenigen Pflanzen am höchsten, welche -sämmtliche Organe, wie Kelch- und Kronen-Blätter, Staubfäden und -Staubwege in jeder Blüthe vollständig entwickelt besitzen, während -Andre wohl mit mehr Recht jene für die vollkommensten erachten, deren -verschiedenen Organe stärker metamorphosirt und auf geringere Zahlen -zurückgeführt sind. - -Nehmen wir die Differenzirung und Spezialisirung der einzelnen Organe -als den besten Maasstab der organischen Vollkommenheit der Wesen -im ausgewachsenen Zustande an (was mithin auch die fortschreitende -Entwickelung des Gehirnes für die geistigen Zwecke mit in sich -begreift), so muss die Natürliche Züchtung offenbar zur Vervollkommnung -führen; denn alle Physiologen geben zu, dass die Spezialisirung -seiner Organe, insoferne sie in diesem Zustande ihre Aufgaben besser -erfüllen, für jeden Organismus von Vortheil ist; und daher liegt -Häufung der zur Spezialisirung führenden Abänderungen im Zwecke -der Natürlichen Züchtung. Auf der andern Seite ist es aber auch, -unter Berücksichtigung, dass alle organischen Wesen sich in raschem -Verhältnisse zu vervielfältigen und jeden schlecht besetzten Platz im -Hausstande der Natur einzunehmen streben, der Natürlichen Züchtung wohl -möglich, ein organisches Wesen solchen Verhältnissen anzupassen, wo -ihnen manche Organe nutzlos und überflüssig sind, und dann findet ein -Rückschritt auf der Stufenleiter der Organisation (eine rückschreitende -Metamorphose) statt. Ob die Organisation im Ganzen seit den frühesten -geologischen Zeiten bis jetzt fortgeschritten seye, wird zweckmässiger -in unserem Kampf über die geologische Aufeinanderfolge der Wesen zu -erörtern seyn. - -Dagegen kann man einwenden, wie es denn komme, dass, wenn alle -organischen Wesen von Anfang her fortwährend bestrebt gewesen -sind, höher auf der Stufenleiter emporzusteigen, auf der ganzen -Erd-Oberfläche noch eine Menge der unvollkommensten Wesen vorhanden -sind, und dass in jeder grossen Klasse einige Formen viel höher -als die andern entwickelt sind? Und warum haben diese viel höher -ausgebildeten Formen nicht schon überall die minder vollkommenen -ersetzt und vertilgt? ~Lamarck~, der an eine angeborene und -unumgängliche Neigung zur Vervollkommnung in allen Organismen glaubte, -scheint diese Schwierigkeit so sehr gefühlt zu haben, dass er sich zur -Annahme veranlasst sah, einfache Formen würden überall und fortwährend -durch Generatio spontanea neu erzeugt. Ich habe kaum nöthig zu sagen, -dass die Wissenschaft auf ihrer jetzigen Stufe die Annahme, dass -lebende Geschöpfe jetzt irgendwo aus unorganischer Materie erzeugt -werden, keineswegs gestattet. Nach meiner Theorie dagegen bietet -das gegenwärtige Vorhandenseyn niedrig organisirter Thiere keine -Schwierigkeit dar; denn die Natürliche Züchtung schliesst denn doch -kein nothwendiges und allgemeines Gesetz fortschreitender Entwickelung -ein; sie benützt nur solche Abänderungen, die für jedes Wesen in seinen -verwickelten Lebens-Beziehungen vortheilhaft sind. Und nun kann man -fragen, welchen Vortheil (so weit wir urtheilen können) ein Infusorium, -ein Eingeweidewurm, oder selbst ein Regenwurm davon haben könne, hoch -organisirt zu seyn? Haben sie keinen Vortheil davon, so werden sie auch -durch Natürliche Züchtung wenig oder gar nicht vervollkommnet werden -und mithin für unendliche Zeiten auf ihrer tiefen Organisations-Stufe -stehen bleiben. In der That lehrt uns die Geologie, dass einige der -tiefsten Formen von Infusorien und Rhizopoden schon seit unermesslichen -Zeiten nahezu auf ihrer jetzigen Stufe stehen. Demungeachtet möchte -es voreilig seyn anzunehmen, dass einige der jetzt vorhandenen -niedrigen Lebenformen seit den ersten Zeiten ihres Daseyns keinerlei -Vervollkommnung erfahren hätten; denn jeder Naturforscher, der je -welche von diesen Organismen zergliedert hat, welche jetzt als die -niedrigsten auf der Stufenleiter der Natur gelten, muss oft über deren -wunderbare und herrliche Organisation erstaunt gewesen seyn. - -Nahezu dieselben Bemerkungen lassen sich hinsichtlich der grossen -Verschiedenheit zwischen den Graden der Organisations-Höhe innerhalb -fast jeder grossen Klasse mit Ausnahme jedoch der Vögel machen; -so hinsichtlich des Zusammenstehens von Säugthieren und Fischen -bei den Wirbelthieren, oder von Mensch und Ornithorhynchus bei den -Säugethieren, von Hai und Amphioxus bei den Fischen, indem dieser -letzte Fisch in der äussersten Einfachheit seiner Organisation den -Wirbel-losen Thieren ganz nahe kommt. Aber Säugthiere und Fische -gerathen kaum in Mitbewerbung miteinander; die hohe Stellung gewisser -Säugthiere oder auch der ganzen Klasse auf der obersten Stufe der -Organisation treibt sie nicht die Stelle der Fische einzunehmen und -diese zu unterdrücken. Die Physiologen glauben, das Gehirn müsse mit -warmem Blute gebadet werden, um seine höchste Thätigkeit zu entfalten, -und dazu ist Luft-Respiration nothwendig, so dass warm-blütige -Säugthiere, wenn sie das Wasser bewohnen, den Fischen gegenüber -sogar in gewissem Nachtheile sind. Eben so wird in dieser Klasse die -Familie der Haie wahrscheinlich nicht geneigt seyn, den Amphioxus zu -ersetzen; und dieser wird allem Anscheine nach seinen Kampf um’s Daseyn -mit Gliedern der Wirbel-losen Thier-Klassen auszumachen haben. Die -drei untersten Säugthier-Ordnungen, die Beutelthiere, die Zahnlosen -und die Nager bestehen in _Süd-Amerika_ in einerlei Gegend -beisammen mit zahlreichen Affen. Obwohl die Organisation im Ganzen -auf der ganzen Erde in Zunahme begriffen seyn kann, so bildet die -Stufenleiter der Vollkommenheit doch noch alle Abstufungen dar; denn -die hohe Organisations-Stufe gewisser Klassen im Ganzen oder einzelner -Glieder dieser Klasse führen in keiner Weise nothwendig zum Erlöschen -derjenigen Gruppen, mit welchen sie nicht in nahe Bewerbung treten. -In einigen Fällen scheinen tief organisirte Formen, wie wir hernach -sehen werden, sich bis auf den heutigen Tag erhalten zu haben, weil sie -eigenthümliche abgesonderte Wohnorte ohne alle erhebliche Mitbewerbung -hatten, und wo auch sie selbst keine Fortschritte in der Organisation -machten, weil ihre eigne geringe Individuen-Zahl der Bildung neuer -vortheilhafter Abänderungen keinen Vorschub leistete. - -Endlich glaube ich, dass das Vorkommen zahlreicher niedrig -organisirter Formen aus allen Thier- und Pflanzen-Klassen über die -ganze Erd-Oberfläche von verschiedenen Ursachen herrühre. In einigen -Fällen mag es an vortheilhaften Abänderungen gefehlt haben, mit deren -Hilfe die Natürliche Züchtung zu wirken und veredeln vermocht hätte. -In keinem Falle vielleicht ist die Zeit ausreichend gewesen, um das -Höchste in möglichster Vervollkommnung zu leisten. In einigen wenigen -Fällen kann auch sogenannte „rückschreitende Organisation“ eingetreten -seyn. Aber die Hauptsache liegt in dem Umstande, dass unter sehr -einfachen Lebens-Bedingungen eine hohe Organisation ohne Nutzen, -sondern vielleicht sogar nachtheilig seyn kann, weil sie zarter, -empfindlicher und leichter zu beschädigen ist. - -Eine weitere Schwierigkeit, welche der so eben besprochenen gerade -entgegengesetzt ist, ergibt sich noch, wenn wir auf die Morgenröthe des -Lebens zurückblicken, wo +alle+ organischen Wesen, nach unsrer -Vorstellung, noch die einfachste Struktur besassen: wie konnten da die -ersten Fortschritte in der Vervollkommnung, in der Differenzirung und -Spezialisirung der Organe beginnen? Ich vermag darauf keine genügende -Antwort zu geben, sondern nur zu sagen, dass wir nicht im Besitz -leitender Thatsachen sind, wesshalb alle unsre Spekulationen in dieser -Beziehung ohne Boden und ohne Nutzen sind. Es wäre jedoch ein Fehler zu -unterstellen, dass kein Kampf um’s Daseyn und mithin keine Natürliche -Zuchtwahl stattgefunden habe, bis es erst vielerlei Formen gegeben. -Abänderungen einer einzelnen Art auf einem abgesonderten Standorte -mögen vortheilhaft gewesen seyn und durch ihre Erhaltung entweder die -ganze Masse von Individuen umgestaltet oder die Entstehung zweier -verschiedenen Formen vermittelt haben. Doch ich muss auf Dasjenige -zurückkommen, was ich schon am Ende der Einleitung ausgesprochen, -dass sich nämlich Niemand wundern darf, wenn jetzt noch vieles in der -Entstehung der Arten unerklärt bleiben muss, da wir in gänzlicher -Unwissenheit über die Wechselbeziehungen der Erdbewohner während so -vieler verflossenen Perioden ihrer Geschichte sind. - -Es wird hier der geeignetste Ort seyn, auf verschiedene Einreden zu -antworten, die man gegen meine Anschauungs-Weise erhoben hat, indem -das Folgende durch ihre vorgängige Erörterung klarer werden wird. -Man hat hervorgehoben, dass, da keine der seit 3000 Jahren bekannten -Pflanzen- und Thier-Arten Ägyptens in der Zwischenzeit sich verändert -habe, solche Veränderungen wahrscheinlich auch in anderen Welttheilen -nicht erfolgt seyen. Die vielen Thier-Arten, welche seit dem Beginne -der Eis-Zeit unverändert geblieben, bieten eine noch weit triftigere -Einrede dar, indem dieselben einem grossen Klima-Wechsel ausgesetzt -gewesen und über grosse Erd-Strecken zu wandern genöthigt waren, -während in Ägypten die Lebens-Bedingungen in den letzten 3000 Jahren -durchaus die nämlichen blieben. Diese von der Eis-Zeit entliehene -Thatsache kann Denjenigen entgegengestellt werden, welche an das Daseyn -eines den Organismen angeborenen Gesetzes nothwendiger Fortentwickelung -glauben, vermag aber nichts gegen die Lehre von der Natürlichen -Züchtung zu beweisen, welche nur verlangt, dass gelegentlich -entstandene Abänderungen einer Spezies unter günstigen Bedingungen -erhalten werden. Es fragt daher Mr. ~Fawcett~ ganz richtig, was -man wohl von einem Menschen denken würde, welcher behauptete, dass, -weil der _Montblanc_ und die übrigen Alpen-Gipfel seit 3000 Jahren -genau dieselbe Höhe wie jetzt einnahmen, sie sich niemals langsam -gehoben haben, und dass demnach auch die Höhe andrer Gebirge in anderen -Weltgegenden neuerlich keine Veränderung erfahren haben können. - -Man hat mir ferner eingewendet, wenn die Natürliche Züchtung so -gewaltig seye, wie es denn komme, dass nicht dieses oder jenes Organ -in neuerer Zeit verändert oder verbessert worden seye? warum sich -nicht der Rüssel der Honigbiene so weit verlängert habe, um auch den -Nektar im Grunde der rothen Kleeblüthe zu erreichen? warum der Strauss -nicht Flug-Vermögen erlangt habe? Aber angenommen, dass diese Organe -in der Lage waren in der gehörigen Richtung zu variiren, angenommen, -dass trotz Zwischenpaarung und Neigung zur Rückkehr die Zeit für das -langsame Werk der Natürlichen Züchtung genügt habe, wer vermag dann -zu behaupten, dass er die Naturgeschichte irgend eines organischen -Wesens genügend kenne, welche besondere Veränderung ihm zum Vortheil -gereichen würde? Können wir z. B. mit Gewissheit sagen, dass ein langer -Rüssel nicht der Honigbiene beim Aussaugen des Honigs aus so vielen -andern von ihr besuchten Blüthen hinderlich werden würde? Können wir -behaupten, dass nicht ein längerer Rüssel auch eine Vergrösserung -andrer Mund-Theile erheischen würde, die mit ihrer Verwendung zum -feineren Zellen-Bau im Widerspruch stände? Was den Strauss betrifft, -so lässt sich alsbald einsehen, dass dieser Vogel der Wüste eine -ausserordentliche Zulage zu seiner täglichen Futter-Ration nöthig haben -würde, um seinen grossen und schweren Körper durch die Luft zu tragen. -Doch sind Einwände solcher Art kaum einer Widerlegung werth. - -Der ersten Deutschen Übersetzung meines Buches hat Professor -~Bronn~ einige Zusätze einverleibt, theils Einreden und -theils Bemerkungen zu Gunsten meiner Ansicht. Unter den ersten sind -einige nicht wesentlicher Art, andere beruhen auf Missverständniss, -und noch andere sind nur da und dort in dem Buche eingestreut. In -der irrthümlichen Voraussetzung, dass alle Arten einer Gegend einer -gleichzeitigen Veränderung unterworfen seyn sollen[14], fragt er -mit Recht, wie es denn komme, dass nicht alle Leben-Formen eine -immer schwankende unentwirrbare Masse bilden? Für unsere Theorie -aber genügt es schon, wenn nur einige wenige Formen zu gleicher -Zeit abändern, und es wird nicht Viele geben, die Diess läugnen. Er -fragt ferner, wie ist es möglich, dass eine Varietät in zahlreichen -Individuen unmittelbar neben der älterlichen Art soll leben können, -da ja die Individuen dieser Varietät auf dem Wege durch alle ihre -vielzähligen Entwickelungs-Stufen hindurch sich beständig wieder mit -der urälterlichen Stamm-Form mischen und neue Zwischenglieder bilden -und endlich wohl die reine Stamm-Form selbst verdrängen mussten, statt -dass beide ohne Vermittelung neben einander fortleben? Wenn Varietät -und Stamm-Art zu einer etwas verschiedenen Lebens-Weise geschickt -geworden sind, so mögen sie wohl miteinander leben können; bei den -Thieren aber, die sich frei umher bewegen, scheinen die verschiedenen -Varietäten in der Regel auch wieder auf verschiedene Örtlichkeiten -beschränkt zu seyn. Ist es aber dann der Fall, dass Varietäten von -Pflanzen und niederen Thieren oft in Menge neben den älterlichen Formen -fortleben? Lässt man die polymorphen Arten bei Seite, deren zahllosen -Abänderungen weder vortheilhaft noch nachtheilig zu seyn scheinen und -nie stet geworden sind, lässt man die zeitweisen Abänderungen wie -Albinos u. s. w. bei Seite, so scheinen mir die Varietäten und die -älterlichen Spezies gewöhnlich entweder verschiedene Standorte in Hoch- -und Flach-Land, auf trockenem oder nassem Boden zu haben oder ganz -verschiedene Regionen zu bewohnen. - -Mit Recht bemerkt ~Bronn~ weiter, dass verschiedene Spezies -nicht in einem einzelnen, sondern in mehreren Charakteren zugleich von -einander abweichen, und er fragt, wie es komme, dass die Natürliche -Züchtung immer mehre Theile des Organismus ergreife. Wahrscheinlich -sind aber alle diese Abänderungen nicht gleichzeitig durchgeführt -worden und die unbekannten Gesetze der Correlation dürften gewiss -viele gleichzeitige Abänderungen erläutern oder selbst vollkommen -erklären[?]. Wir sehen dieselbe Erscheinung auch bei unseren -gezüchteten Rassen. Mögen sie auch nur in irgend einem einzelnen Organe -von den übrigen Rassen stark abweichen, immer werden doch andere -Theile der Organisation ebenfalls etwas abändern. ~Bronn~ fragt -ferner in nachdrücklicher Weise, wie es aus der Natürlichen Züchtung -zu erklären, dass z. B. die verschiedenen (je einem Stamm-Vater von -unbekanntem Charakter entsprossenen) Arten von Ratten und Hasen längere -oder kürzere Schwänze, längere oder kürzere Ohren, ein helleres oder -dunkleres Fell u. s. w. besitzen, -- oder dass eine Pflanzen-Art spitze -und die andere stumpfe Blätter besitze?[15] Ich kann keine bestimmte -Antwort auf solche Fragen geben, möchte aber wohl die Frage umkehren -und sagen: sollten diese Verschiedenheiten nach der Lehre von der -unabhängigen Schöpfung ohne irgend einen Zweck hergestellt worden -seyn? Sie sey vortheilhaft oder von der Correlation der Charaktere -abhängig, so könnten sie gewiss auch durch die „Natürliche Erhaltung“ -solcher nützlichen oder in Correlation mit einander stehenden -Abänderungen gebildet werden. Ich glaube an die Lehre der Fortpflanzung -mit Modifikationen, wenn auch dieser oder jener eigenthümliche -Struktur-Wechsel unerklärlich bleibt, -- weil diese Lehre, wie -sich aus unserem letzten Kapitel ergeben wird, viele allgemeine -Natur-Erscheinungen mit einander in Zusammenhang setzt und erklärt. - -Der treffliche Botaniker ~H. C. Watson~ glaubt, ich habe die -Wichtigkeit des Princips der Divergenz der Charaktere (an welches -er jedoch selbst zu glauben scheint) überschätzt, und sagt, dass -auch die „Konvergenz der Charaktere“ mit in Betracht zu ziehen seye. -Das ist jedoch eine zu verwickelte Frage, als dass wir hier darauf -eingehen könnten. Ich will nur sagen, dass, wenn zwei Spezies von -zwei nahe verwandten Sippen eine Anzahl neuer divergenter Arten -hervorbringen, es wohl denkbar ist, dass auch einige darunter sich -von beiden Seiten so sehr einander nähern, dass man sie in eine neue -mittle Sippe zusammenstellen kann, in welcher also die zwei ersten -Genera konvergiren. In Folge des Erblichkeits-Princips ist es aber kaum -glaubbar, dass diese zwei Gruppen neuer Arten nicht wenigstens zwei -Abtheilungen in der neuen Sippe bilden werden. - -~Watson~ hat auch eingewendet, dass die fortwährende Thätigkeit -der Natürlichen Züchtung mit Divergenz der Charaktere zuletzt zu -einer unbegrenzten Anzahl von Arten-Formen führen müsse. Was jedoch -die unorganischen äusseren Lebens-Bedingungen betrifft, so ist es -wohl wahrscheinlich, dass sich bald eine genügende Anzahl von Species -allen erheblicheren Verschiedenheiten der Wärme, der Feuchtigkeit -u. s. w. angepasst haben würden; -- doch gebe ich vollkommen zu, dass -die Wechselbeziehungen zwischen den organischen Wesen erheblicher -sind, und dass in dem Grade als die Arten der organisirten Bewohner -einer Gegend sich vermehren, auch die organischen Lebens-Bedingungen -verwickelter werden. Demgemäss scheint es dann beim ersten Anblick -keine Grenze für den Betrag nutzbarer Struktur-Vervielfältigung und -somit auch keine für die hervorzubringende Arten-Zahl zu geben. Wir -können nicht behaupten, dass selbst das reichlichst bevölkerte Gebiet -der Erd-Oberfläche vollständig mit Arten versorgt ist, indem selbst -am _Kap der guten Hoffnung_ und in _Australien_, die eine -so erstaunliche Menge von Arten darbieten, noch viele Europäische -Arten naturalisirt werden. Die Geologie jedoch lehrt uns, dass -wenigstens in der ganzen unermesslich langen Tertiär-Periode die Zahl -der Weichthier- und wahrscheinlich auch der Säugthier-Arten[16] nicht -viel oder gar nicht vergrössert. Was ist es nun, das die unendliche -Zunahme der Arten-Zahl beeinträchtigt. Die Summe des Lebens (ich -meine nicht die der Arten-Formen) auf einer gegebenen Fläche muss -eine von den physikalischen Verhältnissen bedingte Grenze haben, so -dass, wenn dieselbe von sehr vielen Arten bewohnt ist, jede Art nur -durch wenige Individuen vertreten seyn kann und sich mithin in Gefahr -befindet schon durch eine zufällige Schwankung in der Natur der -Jahres-Zeiten oder in der Zahl ihrer Feinde zu Grunde zu gehen. Ein -solcher Vertilgungs-Prozess kann rasch von Statten gehen, während die -Neubildung der Arten nur langsam erfolgt. Nehmen wir den äussersten -Fall an, dass es in _England_ eben so viele Arten als Individuen -gebe, so würde der erste strenge Winter oder trockene Sommer Tausende -und Tausende von Arten zu Grunde richten. Seltene Arten (und jede Art -wird selten werden, wenn die Arten-Zahl in einer Gegend ins Unendliche -wächst) werden nach dem oft entwickelten Principe in einem gegebenen -Zeitraume nur wenige vortheilhafte Abänderungen darbieten und mithin -nur langsam irgend welche neue Arten-Formen entwickeln können. Wird -eine Art sehr selten, so muss auch die Paarung unter nahen Verwandten -zu ihrer Vertilgung mitwirken; wenigstens haben einige Schriftsteller -diesen Umstand als Grund für das allmählige Aussterben des Auerochsen -in _Lithauen_, des Hirsches in _Schottland_, des Bären in -_Norwegen_ u. s. w. angeführt[17]. Unter den Thieren sind manche -nur im Stande von bloss einer Nahrungs-Art zu leben; wird aber diese -Kost nur selten, so ist die weitere Entwickelung der Organisation zur -Aneignung dieser Nahrung nicht mehr vortheilhaft und die Natürliche -Züchtung wird aufhören darauf hinzuwirken. Endlich (und Diess scheint -mir das Wichtigste zu seyn) wird eine herrschende Spezies, die bereits -viele Mitbewerber ihrer ersten Heimath überwunden, streben sich immer -weiter auszubreiten und andre zu ersetzen. ~Alphons DeCandolle~ -hat gezeigt, dass diejenigen Arten, welche sich weit ausbreiten, -gewöhnlich nach sehr weiter Ausbreitung streben und daher in die Lage -kommen in verschiedenen Flächen-Gebieten verschiedene Mitbewerber zu -vertilgen und somit die ungeordnete Zunahme spezifischer Formen in -der Welt zu hemmen. Dr. ~Hooker~ hat kürzlich nachgewiesen, -dass auf der Südost-Spitze _Australiens_, wo viele Eindringlinge -aus mancherlei Weltgegenden vorzukommen scheinen, die einheimischen -_Australischen_ Arten sehr an Zahl abgenommen haben. Ich masse -mir nur nicht an zu fragen, welches Gewicht allen diesen Betrachtungen -beizulegen seye; doch müssen sie im Vereine miteinander jedenfalls -der Neigung zu einer unendlichen Vermehrung der Arten-Formen in jeder -Gegend eine Grenze setzen. - -+Zusammenfassung des Kapitels.+) Wenn während einer langen Reihe -von Zeit-Perioden und unter veränderten äusseren Lebens-Bedingungen -die organischen Wesen in allen Theilen ihrer Organisation abändern, -was, wie ich glaube, nicht bestritten werden kann; wenn ferner wegen -ihres Vermögens geometrisch schneller Vermehrung alle Arten in jedem -Alter, zu jeder Jahreszeit und in jedem Jahr einen ernsten Kampf um ihr -Daseyn zu kämpfen haben, was sicher nicht zu läugnen ist: dann meine -ich im Hinblick auf die unendliche Verwickelung der Beziehungen aller -organischen Wesen zu einander und zu den äusseren Lebens-Bedingungen, -welche eine endlose Verschiedenheit angemessener Organisationen, -Konstitutionen und Lebensweisen erheischen, dass es ein ganz -ausserordentlicher Zufall seyn würde, wenn nicht jeweils auch eine -zu eines jeden Wesens eigner Wohlfahrt dienende Abänderung vorkäme, -wie deren so viele vorgekommen, die dem Menschen vortheilhaft waren. -Wenn aber solche für ein organisches Wesen nützliche Abänderungen -wirklich vorkommen, so werden sicherlich die dadurch bezeichneten -Individuen die meiste Aussicht haben, den Kampf um’s Daseyn zu -bestehen, und nach dem mächtigen Prinzip der Erblichkeit in ähnlicher -Weise ausgezeichnete Nachkommen zu bilden streben. Diess Prinzip der -Erhaltung habe ich der Kürze wegen Natürliche Züchtung genannt; es -führt zur Vervollkommnung eines jeden Geschöpfes seinen organischen -und unorganischen Lebens-Bedingungen gegenüber und mithin auch in den -meisten Fällen zu einer Vervollkommnung ihrer Organisation an und für -sich. Demungeachtet können tiefer-stehende und einfachere Formen lange -ausdauern, wenn sie ihren einfacheren Lebens-Bedingungen gut angepasst -sind. Die Natürliche Züchtung kann nach dem Prinzip der Vererbung einer -Eigenschaft in entsprechenden Altern eben sowohl das Ei und den Saamen -oder das Junge wie das Erwachsene abändern machen. Bei vielen Thieren -unterstützt geschlechtliche Auswahl noch die gewöhnliche Züchtung, -indem sie den kräftigsten und geeignetesten Männchen die zahlreichste -Nachkommenschaft sichert. Geschlechtliche Auswahl vermag auch solche -Charaktere zu verleihen, welche den künftigen Männchen allein in -ihren Kämpfen mit Männchen von gewöhnlicher Beschaffenheit den Sieg -verschaffen. - -Ob nun aber die Natürliche Züchtung zur Abänderung und Anpassung der -verschiedenen Lebenformen an die mancherlei äusseren Bedingungen und -Stationen wirklich mitgewirkt habe, muss nach Erwägung des Werthes der -in den folgenden Kapiteln zu liefernden Beweise beurtheilt werden. Doch -erkennen wir bereits, dass dieselbe auch Austilgung verursache, und -die Geologie macht uns klar, in welch’ ausgedehntem Grade Austilgung -bereits in die Geschichte der organischen Welt eingegriffen habe. Auch -führt Natürliche Züchtung zur Divergenz des Charakters; denn je mehr -die Wesen in Organisation, organischer Thätigkeit und Lebensweise -abändern, desto mehr derselben können auf einer gegebenen Fläche -neben einander bestehen, -- wovon man die Beweise bei Betrachtung der -Bewohner eines kleinen Land-Flecks oder der naturalisirten Erzeugnisse -finden kann. Je mehr daher während der Umänderung der Nachkommen einer -Art und während des beständigen Kampfes aller Arten um Vermehrung ihrer -Individuen jene Nachkommen differenzirt werden, desto besser ist ihre -Aussicht auf Erfolg im Ringen um’s Daseyn. Auf diese Weise streben die -kleinen Verschiedenheiten zwischen den Varietäten einer Spezies stets -grösser zu werden, bis sie den grösseren Verschiedenheiten zwischen -den Arten einer Sippe oder selbst zwischen verschiedenen Sippen gleich -kommen. - -Wir haben gesehen, dass es die gemeinen, die weit verbreiteten und -allerwärts zerstreuten Arten grosser Sippen in jeder Klasse sind, die -am meisten abändern, und diese streben auf ihre abgeänderten Nachkommen -dieselbe Überlegenheit zu vererben, welche sie jetzt in ihrer -Heimath-Gegend zur herrschenden machen. Natürliche Züchtung führt, wie -so eben bemerkt worden, zur Divergenz des Charakters und zu starker -Austilgung der minder vollkommnen und der mitteln Lebenformen. Aus -diesen Prinzipien lassen sich die Natur der Verwandtschaften und die im -Allgemeinen deutliche Verschiedenheit der Organischen Wesen aus jeder -Klasse auf der ganzen Erd-Oberfläche erklären. Es ist eine wirklich -wunderbare Thatsache, obwohl wir das Wunder aus Vertrautheit damit zu -übersehen pflegen, dass Thiere und Pflanzen zu allen Zeiten und überall -so miteinander verwandt sind, dass sie in Untergruppen abgetheilte -Gruppen bilden, so dass nämlich, wie wir allerwärts erkennen, -Varietäten einer Art einander am nächsten stehen, dass Arten einer -Sippe weniger und ungleiche Verwandtschaft zeigen und Untersippen und -Sektionen bilden, dass Arten verschiedener Sippen einander noch weniger -nahe stehen, und dass Sippen mit verschiedenen Verwandtschafts-Graden -zu einander Unterfamilien, Familien, Ordnungen, Unterklassen und -Klassen zusammensetzen. Die verschiedenen einer Klasse untergeordneten -Gruppen können nicht in eine Linie aneinander gereihet werden, sondern -scheinen vielmehr um gewisse Punkte geschaart und diese wieder um -andre Mittelpunkte gesammelt zu seyn, und so weiter in fast endlosen -Kreisen. Aus der Ansicht, dass jede Art unabhängig von der andern -geschaffen worden seye, kann ich keine Erklärung dieser wichtigen -Thatsache in der Klassifikation aller organischen Wesen entnehmen; -sie ist aber nach meiner vollkommensten Überzeugung erklärlich aus -der Erblichkeit und aus der zusammengesetzten Wirkungs-Weise der -Natürlichen Züchtung, welche Austilgung der Formen und Divergenz der -Charaktere verursacht, wie mit Hilfe bildlicher Darstellung (zu Seite -131) gezeigt worden ist. - -Die Verwandtschaften aller Wesen einer Klasse zu einander sind manchmal -in Form eines grossen Baumes dargestellt worden. Ich glaube, dieses -Bild entspricht sehr der Wahrheit. Die grünen und knospenden Zweige -stellen die jetzigen Arten, und die in jedem vorangehenden Jahre -entstandenen die lange Aufeinanderfolge erloschener Arten vor. In jeder -Wachsthums-Periode haben alle wachsenden Zweige nach allen Seiten -hinaus zu treiben und die umgebenden Zweige und Äste zu überwachsen und -zu unterdrücken gestrebt, ganz so wie Arten und Arten-Gruppen andre -Arten in dem grossen Kampfe um’s Daseyn zu überwältigen suchen. Die -grossen in Zweige getheilten und unterabgetheilten Äste waren zur Zeit, -wo der Stamm noch jung, selbst knospende Zweige gewesen; und diese -Verbindung der früheren mit den jetzigen Knospen durch unterabgetheilte -Zweige mag ganz wohl die Klassifikation aller erloschenen und lebenden -Arten in Gruppen und Untergruppen darstellen. Von den vielen Zweigen, -die sich entwickelten, als der Baum noch ein Busch gewesen, leben -nur noch zwei oder drei, die jetzt als mächtige Äste alle anderen -Verzweigungen abgeben; und so haben von den Arten, welche in längst -vergangenen geologischen Zeiten gelebt, nur sehr wenige noch lebende -und abgeänderte Nachkommen. Von der ersten Entwickelung eines Stammes -an ist mancher Ast und mancher Zweig verdürrt und verschwunden, und -diese verlorenen Äste von verschiedener Grösse mögen jene ganzen -Ordnungen, Familien und Sippen vorstellen, welche, uns nur im fossilen -Zustande bekannt, keine lebenden Vertreter mehr haben. Wie wir hier -und da einen vereinzelten dünnen Zweig aus einer Gabel tief unten -am Stamme hervorkommen sehen, welcher durch Zufall begünstigt an -seiner Spitze noch fortlebt, so sehen wir zuweilen ein Thier, wie -Ornithorhynchus oder Lepidosiren, das durch seine Verwandtschaften -gewissermassen zwei grosse Zweige der Lebenwelt, zwischen denen es in -der Mitte steht, mit einander verbindet und vor einer verderblichen -Mitwerberschaft offenbar dadurch gerettet worden ist, dass es irgend -eine geschützte Station bewohnte. Wie Knospen bei ihrer Entwicklung -neue Knospen hervorbringen und, wie auch diese wieder, wenn sie -kräftig sind, nach allen Seiten ausragen und viele schwächere -Zweige überwachsen, so ist es, wie ich glaube, durch Generation mit -dem grossen Baume des Lebens ergangen, der mit seinen todten und -heruntergebrochenen Ästen die Erd-Rinde erfüllt, und mit seinen -herrlichen und sich noch immer weiter theilenden Verzweigungen ihre -Oberfläche bekleidet. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Gesetze der Abänderung. - - Wirkungen äusserer Bedingungen. -- Gebrauch und Nichtgebrauch - der Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; -- Flieg- - und Seh-Organe. -- Akklimatisirung. -- Wechselbeziehungen des - Wachsthums. -- Kompensation und Ökonomie der Entwickelung. -- Falsche - Wechselbeziehungen. -- Vielfache, rudimentäre und wenig entwickelte - Organisationen sind veränderlich. -- In ungewöhnlicher Weise - entwickelte Theile sind sehr veränderlich; -- spezifische mehr als - Sippen-Charaktere. -- Sekundäre Geschlechts-Charaktere veränderlich. - -- Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf analoge Weise. -- - Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. -- Summarium. - - -Ich habe bisher von den Abänderungen -- die so gemein und manchfaltig -im Kultur-Stande der Organismen und in etwas minderem Grade häufig -in der freien Natur sind -- zuweilen so gesprochen, als ob dieselben -vom Zufall veranlasst wären. Diess ist aber eine ganz unrichtige -Ausdrucks-Weise, welche nur geeignet ist unsre gänzliche Unwissenheit -über die Ursache jeder besonderen Abweichung zu beurkunden. Einige -Schriftsteller sehen es mehr als die Aufgabe des Reproduktiv-Systemes -an, individuelle Verschiedenheiten oder ganz leichte Abweichungen des -Baues hervorzubringen, als das Kind den Ältern gleich zu machen. Aber -die viel grössere Veränderlichkeit sowohl als die viel häufigeren -Monstrositäten der der Kultur unterworfenen Organismen leiten mich -zur Annahme, dass Abweichungen der Struktur in irgend einer Weise -von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen, welchen die -Ältern und deren Vorfahren mehre Generationen lang ausgesetzt gewesen -sind, abhängen. Ich habe im ersten Kapitel die Bemerkung gemacht -- -doch würde ein langes Verzeichniss von Thatsachen, welches hier nicht -gegeben werden kann, dazu nöthig seyn, die Wahrheit dieser Bemerkung -zu beweisen --, dass das Reproduktiv-System für Veränderungen in -den äussern Lebens-Bedingungen äusserst empfindlich ist; daher ich -dessen funktionellen Störungen in den Ältern hauptsächlich die -veränderliche oder bildsame Beschaffenheit ihrer Nachkommenschaft -zuschreibe. Die männlichen und weiblichen Elemente der Organisation -scheinen davon schon berührt zu seyn vor deren Vereinigung zur -Bildung neuer Abkömmlinge der Spezies. Was die Spielpflanzen (S. 15) -anbelangt, so wird die Knospe allein betroffen, die auf ihrer ersten -Entwickelungs-Stufe von einem Ei’chen nicht sehr wesentlich verschieden -ist. Dagegen sind wir in gänzlicher Unwissenheit darüber, wie es komme, -dass durch Störung des Reproduktiv-Systems dieser oder jener Theil mehr -oder weniger als ein andrer berührt werde. Demungeachtet gelingt es uns -hier und da einen schwachen Lichtstrahl aufzufangen, und wir halten uns -überzeugt, dass es für jede Abänderung irgend eine, wenn auch geringe -Ursache geben müsse. - -Wie viel unmittelbaren Einfluss Verschiedenheiten in Klima, Nahrung -u. s. w. auf irgend ein Wesen auszuüben vermöge, ist äusserst -zweifelhaft. Ich bin überzeugt, dass bei Thieren die Wirkung äusserst -gering, bei Pflanzen vielleicht etwas grösser seye. Man kann wenigstens -mit Sicherheit sagen, dass diese Einflüsse nicht die vielen trefflichen -und zusammengesetzten Anpassungen der Organisation eines Wesens ans -andre hervorgebracht haben können, welche wir in der Natur überall -erblicken. Einige kleine Wirkungen mag man dem Klima, der Nahrung -u. s. w. zuschreiben, wie z. B. ~Eduard Forbes~ sich mit -Bestimmtheit darüber ausspricht, dass eine Konchylien-Art in wärmeren -Gegenden und seichtem Wasser glänzendere Farben als in ihren kälteren -Verbreitungs-Bezirken annehmen kann. ~Gould~ glaubt, dass Vögel -derselben Art in einer stets heiteren Atmosphäre glänzender gefärbt -sind, als auf einer Insel oder an der Küste[18]. So glaubt auch -~Wollaston~, dass der Aufenthalt in der Nähe des Meeres die -Farben der Insekten angreife. ~Moquin-Tandon~ gibt eine Liste -von Pflanzen, welche an der See-Küste mehr und weniger fleischige -Blätter bekommen, wenn sie auch landeinwärts nicht fleischig sind. Und -so liessen sich noch manche ähnliche Beispiele anführen. - -Die Thatsache, dass Varietäten einer Art, wenn sie in die -Verbreitungs-Zone einer andern Art hinüberreichen, in geringem Grade -etwas von deren Charakteren annehmen, stimmt mit unsrer Ansicht -überein, dass Spezies aller Art nur ausgeprägtere bleibende Varietäten -sind. So haben die Konchylien-Arten seichter tropischer Meeres-Gegenden -gewöhnlich glänzendere Farben als die in tiefen und kalten Gewässern -wohnenden. So sind die Vögel-Arten der Binnenländer nach ~Gould~ -lebhafter als die der Inseln gefärbt. So sind die Insekten-Arten, -welche auf die Küsten beschränkt sind, oft Bronze-artig und trüb von -Aussehen wie jeder Sammler weiss. Pflanzen-Arten, welche nur längs dem -Meere fortkommen, sind sehr oft mit fleischigen Blättern versehen. Wer -an die besondere Erschaffung einer jeden einzelnen Spezies glaubt, wird -daher sagen müssen, dass z. B. diese Konchylien für ein wärmeres Meer -mit glänzenderen Farben geschaffen worden sind, während jene andern die -lebhaftere Färbung erst durch Abänderung angenommen haben, als sie in -die seichteren und wärmeren Gewässer übersiedelten. - -Wenn eine Abänderung für ein Wesen von geringstem Nutzen ist, vermögen -wir nicht zu sagen, wie viel davon von der häufenden Thätigkeit -der Natürlichen Züchtung und wie viel von dem Einfluss äusserer -Lebens-Bedingungen herzuleiten ist. So ist es den Pelz-Händlern wohl -bekannt, dass Thiere einer Art um so dichtere und bessere Pelze -besitzen, in je kälterem Klima sie gelebt haben. Aber wer vermöchte -zu sagen, wie viel von diesem Unterschied davon herrühre, dass die -am wärmsten gekleideten Einzelwesen durch Natürliche Züchtung viele -Generationen hindurch begünstigt und erhalten worden sind, und wie viel -von dem direkten Einflusse des strengen Klimas? Denn es scheint wohl, -dass das Klima einige unmittelbare Wirkung auf die Beschaffenheit des -Haares unserer Hausthiere ausübe. - -Man kann Beispiele anführen, dass dieselbe Varietät unter den -aller-verschiedensten Lebens-Bedingungen entstanden ist, während -andrerseits verschiedene Varietäten einer Spezies unter gleichen -Bedingungen zum Vorschein kommen[19]. Diese Thatsachen zeigen, wie -mittelbar die Lebens-Bedingungen wirken. So sind jedem Naturforscher -auch zahllose Beispiele von sich ächt erhaltenden Arten ohne alle -Varietäten bekannt, obwohl dieselben in den entgegengesetztesten -Klimaten leben. Derartige Betrachtungen veranlassen mich, nur ein sehr -geringes Gewicht auf den direkten Einfluss der Lebens-Bedingungen -zu legen. Indirekt scheinen sie, wie schon gesagt worden, einen -wichtigen Antheil an der Störung des Reproduktiv-Systemes zu nehmen -und hiedurch Veränderlichkeit herbeizuführen, und Natürliche -Züchtung spart dann alle nützliche wenn auch geringe Abänderung -zusammen, bis solche vollständig entwickelt und für uns wahrnehmbar -wird. In einem weiter ausgeholten Sinne kann man sagen, dass die -Lebens-Bedingungen nicht allein Veränderlichkeit, sondern auch -Natürliche Züchtung einschliessen; denn es hängt von der Natur der -Lebens-Bedingungen ab, ob diese oder jene Varietät aufkommen kann. -Wir ersehen aber aus dem Züchtungs-Verfahren der Menschen, dass diese -zwei Elemente der Veränderung wesentlich von einander verschieden -sind; die Lebens-Bedingungen im Zustande der Domestizität verursachen -Veränderlichkeit und der Wille des Menschen häuft bewusst oder -unbewusst wirkend die Abänderung in diesen oder jenen bestimmten -Richtungen an. - -+Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch.+) Die im ersten -Kapitel angeführten Thatsachen lassen wenig Zweifel bei unseren -Hausthieren übrig, dass Gebrauch gewisse Theile stärke und ausdehne und -Nichtgebrauch sie schwäche, und dass solche Abänderungen vererblich -sind. In der freien Natur hat man keinen Massstab zur Vergleichung der -Wirkungen lang fortgesetzten Gebrauches oder Nichtgebrauches, weil -wir die älterlichen Formen nicht kennen; doch tragen manche Thiere -Bildungen an sich, die sich als Folge des Nichtgebrauchs erklären -lassen. Professor ~R. Owen~ hat bemerkt, dass es eine grosse -Anomalie in der Natur ist, dass ein Vogel nicht fliegen könne, und doch -sind mehre in dieser Lage. Die _Südamerikanische_ Dickkopf-Ente -kann nur über der Oberfläche des Wassers hinflattern und hat Flügel -von fast der nämlichen Beschaffenheit wie die _Aylesburyer_ -Hausenten-Rasse. Da die grossen Boden-Vögel selten zu andren Zwecken -fliegen, als um einer Gefahr zu entgehen, so glaube ich, dass die fast -ungeflügelte Beschaffenheit verschiedener Vögel-Arten, welche einige -Inseln des _Grossen Ozeans_ jetzt bewohnen oder einst bewohnt -haben, wo sie keine Verfolgung von Raubthieren zu gewärtigen haben, -vom Nichtgebrauche ihrer Flügel herrührt. Der Straus bewohnt zwar -Kontinente und ist von Gefahren bedroht, denen er nicht durch Flug -entgehen kann; aber er kann sich selbst durch Ausschlagen mit den -Füssen gegen seine Feinde so gut vertheidigen wie einige der kleineren -Vierfüsser. Man kann sich vorstellen, dass der Urvater des Strausses -eine Lebens-Weise etwa wie der Trappe gehabt, und dass er in Folge -Natürlicher Züchtung in einer langen Generationen-Reihe immer grösser -und schwerer geworden seye, seine Beine mehr und seine Flügel weniger -gebraucht habe, bis er endlich ganz unfähig geworden sey zu fliegen. - -~Kirby~ hat bemerkt (und ich habe dieselbe Thatsache beobachtet), -dass die Vordertarsen vieler männlicher Kothkäfer oft abgebrochen -sind; er untersuchte siebenzehn Musterstücke seiner Sammlung, und -fand in keinem eine Spur mehr davon. Onites Apelles hat seine Tarsen -so gewöhnlich verloren, dass man diess Insekt beschrieben, als -fehlten sie ihm gänzlich. In einigen anderen Sippen sind sie nur in -verkümmertem Zustande vorhanden. Dem Ateuchus oder heiligen Käfer der -Ägyptier fehlen sie gänzlich. Es ist zwar kein genügender Nachweis -vorhanden, dass zufällige Verstümmelungen erblich seyen; aber der -von ~Brown-Sequard~ beobachtete Fall von der Vererbung der an einem -_Guinea_-Schwein durch Beschädigung des Rückenmarks verursachten -Epilepsie auf deren Nachkommen, müsste uns vorsichtig machen, wenn -wir es läugnen wollten. Daher es gerathener erscheint den gänzlichen -Mangel der Vordertarsen des Ateuchus und ihren verkümmerten Zustand -in einigen anderen Sippen lieber der lang-fortgesetzten Wirkung ihres -Nichtgebrauches bei deren Stamm-Vätern zuzuschreiben; denn da die -Tarsen vieler Kothkäfer meistens fehlen, so müssen sie schon früh im -Leben verloren gehen und können daher bei diesen Insekten nicht von -wesentlichem Nutzen seyn noch viel gebraucht werden. - -In einigen Fällen möchten wir leicht dem Nichtgebrauche gewisse -Abänderungen der Organisation zuschreiben, welche jedoch gänzlich oder -hauptsächlich von Natürlicher Züchtung herrühren. ~Wollaston~ -hat die merkwürdige Thatsache entdeckt, dass von den 550 Käfer-Arten, -welche _Madeira_ bewohnen, 200 so unvollkommene Flügel haben, dass -sie nicht fliegen können, und dass von den 29 der Insel ausschliesslich -angehörigen Sippen nicht weniger als 23 lauter solche Arten enthalten. -Manche Thatsachen, wie unter andern, dass in vielen Theilen der Welt -fliegende Käfer beständig ins Meer geweht werden und zu Grunde gehen, -dass die Käfer auf _Madeira_ nach ~Wollastons~ Beobachtung -meistens verborgen liegen, bis der Wind ruhet und die Sonne scheint, -dass die Zahl der Flügel-losen Käfer an den ausgesetzten kahlen -Felsklippen verhältnissmässig grösser als in _Madeira_ selbst ist, -und zumal die ausserordentliche Thatsache, worauf ~Wollaston~ -so beharrlich fusset, dass gewisse grosse anderwärts sehr zahlreiche -Käfer-Gruppen, welche durch ihre Lebens-Weise viel zu fliegen -genöthigt sind, auf _Madeira_ gänzlich fehlen, -- diese mancherlei -Gründe machen mich glauben, dass die ungeflügelte Beschaffenheit so -vieler Käfer dieser Insel hauptsächlich von Natürlicher Züchtung, doch -wahrscheinlich in Verbindung mit Nichtgebrauch herrühre. Denn während -tausend aufeinanderfolgender Generationen wird jeder einzelne Käfer, -der am wenigsten fliegt, entweder weil seine Flügel am wenigsten -entwickelt sind oder weil er der indolenteste ist, die meiste Aussicht -haben alle andern zu überleben, weil er nicht ins Meer gewehet wird; -und auf der andern Seite werden diejenigen Käfer, welche am liebsten -fliegen, am öftesten in die See getrieben und vernichtet werden. - -Diejenigen Insekten auf _Madeira_ dagegen, welche sich nicht -am Boden aufhalten und, wie die an Blumen lebenden Käfer und -Schmetterlinge, von ihren Flügeln gewöhnlich Gebrauch machen müssen um -ihren Unterhalt zu gewinnen, haben nach ~Wollaston’s~ Vermuthung -keineswegs verkümmerte, sondern vielmehr stärker entwickelte Flügel. -Diess ist ganz verträglich mit der Thätigkeit der Natürlichen Züchtung. -Denn, wenn ein neues Insekt zuerst auf die Insel kommt, wird das -Streben der Natürlichen Züchtung die Flügel zu verkleinern oder zu -vergrössern davon abhängen, ob eine grössre Anzahl von Individuen durch -erfolgreiches Ankämpfen gegen die Winde, oder durch mehr und weniger -häufigen Verzicht auf diesen Versuch sich rettet. Es ist derselbe Fall -wie bei den Matrosen eines in der Nähe der Küste gestrandeten Schiffes; -für diejenigen, welche gut schwimmen, ist es um so besser, je besser -sie schwimmen könnten um ihr Heil im Weiterschwimmen zu versuchen, -während es für die schlechten Schwimmer am besten wäre, wenn sie gar -nicht schwimmen könnten und sich daher auf dem Wrack Rettung suchten. - -Die Augen der Maulwürfe und einiger wühlenden Nager sind an Grösse -verkümmert und in manchen Fällen ganz von Haut und Pelz bedeckt. Dieser -Zustand der Augen rührt wahrscheinlich von fortwährendem Nichtgebrauche -her, dessen Wirkung vielleicht durch Natürliche Züchtung unterstützt -wird. Ein _Süd-Amerikanischer_ Nager, Ctenomys, hat eine noch mehr -unterirdische Lebensweise als der Maulwurf, und ein Spanier, welcher -oft dergleichen gefangen, versicherte mir, dass solcher oft ganz blind -seye; einer, den ich lebend bekommen, war es gewiss und zwar, wie die -Sektion ergab, in Folge einer Entzündung der Nickhaut. Da häufige -Augen-Entzündungen einem jeden Thiere nachtheilig werden müssen, und -da für unterirdische Thiere die Augen gewiss nicht unentbehrlich sind, -so wird eine Verminderung ihrer Grösse, die Verwachsung des Augenlides -damit und die Überziehung derselben mit dem Felle für sie von Nutzen -seyn; und wenn Diess der Fall, so wird Natürliche Züchtung die Wirkung -des Nichtgebrauches beständig unterstützen. - -Es ist wohl bekannt, dass mehre Thiere aus den verschiedensten Klassen, -welche die Höhlen in _Kärnthen_ und _Kentucky_ bewohnen, -blind sind. In einigen Krabben ist der Augen-Stiel noch vorhanden, -obwohl das Auge verloren ist: das Teleskopen-Gestell ist geblieben, -obwohl das Teleskop mit seinem Glase fehlt. Da nicht wohl anzunehmen, -dass Augen, wenn auch unnütz, den in Dunkelheit lebenden Thieren -schädlich werden sollten, so schreibe ich ihren Verlust gänzlich -auf Rechnung des Nichtgebrauchs. Bei einer der blinden Thier-Arten -insbesondre, bei der Höhlen-Ratte (Neotoma), wovon Professor -~Silliman~ zwei eine halbe englische Meile weit einwärts vom -Eingange und mithin noch nicht gänzlich im Hintergrunde gefangen, waren -die Augen gross und glänzend und erlangten, wie mir ~Silliman~ -mitgetheilt, nachdem sie einen Monat lang allmählich verstärktem Lichte -ausgesetzt worden, ein unklares Wahrnehmungs-Vermögen für die ihnen -vorgehaltenen Gegenstände und begannen zu blinzeln. - -Es ist schwer sich ähnlichere Lebens-Bedingungen vorzustellen, als -tiefe Kalkstein-Höhlen in nahezu ähnlichem Klima, so dass, wenn man -von der gewöhnlichen Ansicht ausgeht, dass die blinden Thiere für die -_Amerikanischen_ und für die _Europäischen_ Höhlen besonders -erschaffen worden seyen, auch eine grosse Ähnlichkeit derselben in -Organisation und Verwandtschaft zu erwarten stünde. Diess ist aber -zwischen den beiderseitigen Faunen im Ganzen genommen keineswegs -vorhanden und ~Schiödte~ bemerkt in Bezug auf die Insekten, dass -die ganze Erscheinung nur als eine rein örtliche betrachtet werden -dürfe, indem die Ähnlichkeit, die sich zwischen einigen Bewohnern -der Monmouth-Höhle in _Kentucky_ und den _Kärnthen’schen_ -Höhlen herausstellte, nur ein ganz einfacher Ausdruck der Analogie -seye, die zwischen den Faunen _Nord-Amerikas_ und _Europas_ -überhaupt bestehe. Nach meiner Meinung muss man annehmen, dass -_Amerikanische_ Thiere mit gewöhnlichem Sehe-Vermögen in -nacheinanderfolgenden Generationen immer tiefer und tiefer in -die entferntesten Schlupfwinkel der _Kentucky’schen_ Höhle -eingedrungen sind, wie es _Europäische_ in den Höhlen von -_Kärnthen_ gethan. Und wir haben einigen Beweis für diese -stufenweise Veränderung des Aufenthalts; denn ~Schiödte~ -bemerkt: Wir betrachten demnach diese unterirdischen Faunen als kleine -in die Erde eingedrungene Abzweigungen der geographisch-begrenzten -Faunen der nächsten Umgegenden, welche in dem Grade, als sie sich -weiter in die Dunkelheit ausbreiteten, sich den sie umgebenden -Verhältnissen anpassten; Thiere, von gewöhnlichen Formen nicht sehr -entfernt, bereiten den Übergang vom Tage zur Dunkelheit vor; dann -folgen die fürs Zwielicht gebildeten und endlich die fürs gänzliche -Dunkel bestimmten, deren Bildung ganz eigenthümlich ist. Diese -Bemerkungen ~Schiödte’s~ beziehen sich daher nicht auf einerlei, -sondern auf ganz verschiedene Species. Während der Zeit, in welcher -ein Thier nach zahllosen Generationen die hintersten Theile der Höhle -erreicht, wird hiernach Nichtgebrauch die Augen mehr oder weniger -vollständig unterdrückt und Natürliche Züchtung oft andre Veränderungen -erwirkt haben, die, wie verlängerte Fühler und Fressspitzen, -einigermassen das Gesicht ersetzen. Ungeachtet dieser Modifikationen -werden wir erwarten, noch Verwandtschaften der Höhlen-Thiere -_Amerikas_ mit den anderen Bewohnern dieses Kontinents, und der -Höhlen-Bewohner _Europas_ mit den übrigen _Europäischen_ -Thieren zu sehen. Und Diess ist bei einigen _Amerikanischen_ -Höhlen-Thieren der Fall, wie ich von Professor ~Dana~ höre; -und einige _Europäische_ Höhlen-Insekten stehen manchen in der -Umgegend der Höhle wohnenden Arten ganz nahe. Es dürfte sehr schwer -seyn, eine vernünftige Erklärung von der Verwandtschaft der blinden -Höhlen-Thiere mit den andern Bewohnern der beiden Kontinente aus -dem gewöhnlichen Gesichtspunkte einer unabhängigen Erschaffung zu -geben. Dass einige von den Höhlen-Bewohnern der _Alten_ und der -_Neuen Welt_ in naher Beziehung zu einander stehen, lässt sich -aus den wohl-bekannten Verwandtschafts-Verhältnissen ihrer meisten -übrigen Erzeugnisse zu einander erwarten. Da eine blinde Bathyscia-Art -häufig an schattigen Felsen ausserhalb der Höhlen gefunden wird, -so hat der Verlust des Gesichtes an der die Höhle bewohnenden Art -wahrscheinlich in keiner Beziehung zum Dunkel dieser Wohnstätte -gestanden; und es ist ganz begreiflich, dass ein bereits blindes -Insekt sich in der Bewohnung einer dunklen Höhle nicht zurecht finden -wird. Eine andere blinde Sippe, Anophthalmus, bietet die merkwürdige -Eigenthümlichkeit dar, dass, wie ~Murray~ bemerkte, ihre -verschiedenen Arten in verschiedenen Höhlen _Europas_ sowohl -als in der von _Kentucky_ wohnen, und dass die Sippe überhaupt -nur in Höhlen vorkommt. Es ist jedoch möglich, dass der Stamm-Vater -oder die Stamm-Väter dieser verschiedenen Spezies vordem in beiden -Kontinenten weit verbreitet gewesen und (gleich den Elephanten -beider Festländer) allmählich auf ihre jetzigen engen Wohnstätten -eingeschränkt worden sind. Weit entfernt mich darüber zu wundern, dass -einige der Höhlen-Thiere von sehr anomaler Beschaffenheit sind, wie -~Agassiz~ von dem blinden Fische Amblyopsis in _Amerika_ -bemerkt, und wie es mit dem blinden Reptile Proteus in _Europa_ -der Fall ist, bin ich vielmehr erstaunt, dass sich darin nicht mehr -Wracks der alten Lebenformen erhalten haben, da solche in diesen -dunkeln Abgründen wohl einer minder strengen Mitbewerbung ausgesetzt -gewesen seyn würden[20]. - -+Akklimatisirung.+) Gewohnheit ist bei Pflanzen erblich in Bezug -auf Blüthe-Zeit, nöthige Regen-Menge für den Keimungs-Prozess, -Schlaf u. s. w., und Diess veranlasst mich hier noch Einiges über -Akklimatisirung zu sagen. Es ist sehr gewöhnlich, dass Arten von -einerlei Sippe sehr heisse sowie sehr kalte Gegenden bewohnen; und -da ich glaube, dass alle Arten einer Sippe von einem gemeinsamen -Urvater abstammen, so muss, wenn Diess richtig, Akklimatisirung -während einer langen Fortpflanzung leicht bewirkt werden können. Es -ist bekannt, dass jede Art dem Klima ihrer eignen Heimath angepasst -ist; Arten einer arktischen oder auch nur einer gemässigten Gegend -können in einem tropischen Klima nicht ausdauern, u. u. So können -auch manche Fettpflanzen nicht in feuchtem Klima fortkommen. Doch -ist der Grad der Anpassung der Arten an das Klima, worin sie leben, -oft überschätzt worden. Wir können Diess schon aus unsrer oftmaligen -Unfähigkeit vorauszusagen, ob eine eingeführte Pflanze unser Klima -ausdauren werde oder nicht, sowie aus der grossen Anzahl von Pflanzen -und Thieren entnehmen, welche aus wärmerem Klima zu uns verpflanzt hier -ganz wohl gedeihen. Wir haben Grund anzunehmen, dass im Natur-Stande -Arten durch die Mitbewerbung andrer organischer Wesen eben so sehr -oder noch stärker in ihrer Verbreitung beschränkt werden, als durch -ihre Anpassung an besondre Klimate. Mag aber die Anpassung im -Allgemeinen eine sehr genaue seyn oder nicht: wir haben bei einigen -wenigen Pflanzen-Arten Beweise, dass dieselben schon von der Natur in -gewissem Grade an ungleiche Temperaturen gewöhnt oder akklimatisirt -werden. So zeigen die von Dr. ~Hooker~ aus Saamen von verschiedenen -Höhen des _Himalaya_ erzogenen Pinus- und Rhododendron-Arten auch -ein verschiedenes Vermögen der Kälte zu widerstehen. Herr ~Twaites~ -berichtet mir, dass er ähnliche Thatsachen auf _Ceylon_ beobachtet -habe, und Herr ~H. C. Watson~ hat ähnliche Erfahrungen mit Pflanzen -gemacht, die von den _Azoren_ nach _England_ gebracht worden sind. In -Bezug auf Thiere liessen sich manche wohl beglaubigte Fälle anführen, -dass Arten derselben binnen geschichtlicher Zeit ihre Verbreitung weit -aus wärmeren nach kälteren Zonen oder umgekehrt ausgedehnt haben; -jedoch wissen wir nicht mit Bestimmtheit, ob diese Thiere einst ihrem -heimathlichen Klima enge angepasst gewesen, obwohl wir Diess in allen -gewöhnlichen Fällen voraussetzen, -- und ob demzufolge sie erst einer -Akklimatisirung in ihrer neuen Heimath bedurft haben, oder nicht. - -Da ich glaube, dass unsre Hausthiere ursprünglich von noch -unzivilisirten Menschen gezähmt worden sind, weil sie ihnen -nützlich und in der Gefangenschaft leicht fortzupflanzen waren, -und nicht wegen ihrer erst später erkundeten Tauglichkeit zu weit -ausgedehnter Verpflanzung, so kann nach meiner Meinung das gewöhnlich -ausserordentliche Vermögen unsrer Hausthiere die verschiedensten -Klimate auszuhalten und sich darin (ein viel gewichtigeres Zeugniss) -fortzupflanzen, zur Schlussfolgerung dienen, dass auch eine -verhältnissmässig grosse Anzahl andrer Thiere, die sich jetzt noch -im Natur-Zustande befinden, leicht dazu gebracht werden könnte, sehr -verschiedene Klimate zu ertragen. Wir dürfen jedoch die vorangehende -Folgerung nicht zu weit treiben, weil einige unsrer Hausthiere von -verschiedenen wilden Stämmen herrühren können, wie z. B. in unsren -Haushund-Rassen das Blut eines tropischen und eines arktischen -Wolfes oder wilden Hundes gemischt seyn könnte. Ratten und Mäuse -dürfen nicht als Hausthiere angesehen werden; und doch sind sie vom -Menschen in viele Theile der Welt übergeführt worden und besitzen -jetzt eine weitre Verbreitung als irgend ein andres Nagethier, indem -sie frei unter dem kalten Himmel der _Faröer_ im Norden und der -_Falklands-Inseln_ im Süden, wie auf vielen Inseln der Tropen-Zone -leben. Daher ich geneigt bin, die Anpassung an ein besondres Klima als -eine leicht auf eine angeborene weite Biegsamkeit der Konstitution, -welche den meisten Thieren eigen ist, gepropfte Eigenschaft zu -betrachten. Dieser Ansicht zu Folge hat man die Fähigkeit des Menschen -und seiner meisten Hausthiere die verschiedensten Klimate zu ertragen -und solche Thatsachen, wie das Vorkommen einstiger Elephanten- und -Rhinoceros-Arten in einem Eis-Klima, während deren jetzt lebenden -Arten alle eine tropische oder subtropische Heimath haben, nicht als -Gesetzwidrigkeiten zu betrachten, sondern lediglich als Beispiele einer -sehr gewöhnlichen Biegsamkeit der Konstitution anzusehen, welche nur -unter besondern Umständen mehr zur Geltung gelangt ist. - -Wie viel von der Akklimatisirung der Arten an ein besondres Klima -bloss Gewohnheits-Sache seye, wie viel von der Natürlichen Züchtung -von Varietäten mit verschiedenen Körper-Verfassungen abhänge, oder wie -weit beide Ursachen zusammenwirken, ist eine sehr schwierige Frage. -Dass Gewohnheit und Übung einigen Einfluss habe, will ich sowohl nach -der Analogie als nach den ununterbrochenen Warnungen wohl glauben, -welche in unsern landwirthschaftlichen Werken und selbst in alten -_Chinesischen_ Encyclopädien enthalten sind, recht vorsichtig -bei Versetzung von Thieren aus einer Gegend in die andre zu seyn. -Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass man durch Züchtung so viele -Rassen und Unterrassen mit eben so vielen verschiedenen Gegenden -angepassten Konstitutionen gebildet habe; das Ergebniss rührt vielmehr -von Gewöhnung her. Andrerseits sehe ich auch keinen Grund zu zweifeln, -dass Natürliche Züchtung beständig diejenigen Individuen zu erhalten -strebe, welche mit den für ihre Heimath-Gegenden am besten geeigneten -Körper-Verfassungen geboren sind. In Schriften über verschiedene Sorten -kultivirter Pflanzen heisst es von gewissen Varietäten, dass sie -dieses oder jenes Klima besser als andre vertragen. Diess ergibt sich -sehr schlagend aus den in den _Vereinten Staaten_ erschienenen -Werken über Obstbaum-Zucht, worin gewöhnlich diese Varietäten für die -nördlichen und jene für die südlichen Staaten empfohlen werden; und -da die meisten dieser Abarten noch neuen Ursprungs sind, so kann man -die Verschiedenheit ihrer Konstitutionen in dieser Beziehung nicht -der Gewöhnung zuschreiben. Man hat die Jerusalem-Artischoke, welche -sich nicht aus Saamen fortpflanzt und daher niemals neue Varietäten -geliefert hat, angeführt als Beweis, dass es nicht möglich seye eine -Akklimatisirung zu bewirken, weil sie noch immer so empfindlich seye, -wie sie jederzeit gewesen: zu gleichem Zwecke hat man sich oft auf -die Schminkbohne, und zwar mit viel grösserem Nachdrucke berufen. So -lange aber, als nicht jemand einige Dutzend Generationen hindurch -seine Schminkbohnen so frühzeitig aussäet, dass ein sehr grosser -Theil derselben durch Frost zerstört wird, und dann mit der gehörigen -Vorsicht zur Vermeidung von Kreutzungen, seine Saamen von den wenigen -überlebenden Stöcken nimmt und von deren Sämlingen mit gleicher -Vorsicht abermals seine Saamen erzieht, so lange wird man nicht sagen -können, dass der Versuch angestellt worden seye. Auch kann man nicht -unterstellen, dass nicht zuweilen Verschiedenheiten in der Konstitution -dieser verschiedenen Bohnen-Sämlinge zum Vorschein kommen; denn es -ist bereits ein Bericht darüber erschienen, wie viel härter ein Theil -dieser Sämlinge gegenüber den andern seye. - -Im Ganzen kann man, glaube ich, schliessen, dass Gewöhnung, Gebrauch -und Nichtgebrauch in manchen Fällen einen beträchtlichen Einfluss auf -die Änderung der Konstitution und den Bau verschiedener Organe ausgeübt -haben; dass jedoch diese Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs oft -in ansehnlichem Grade vermehrt und mitunter noch überboten worden sind -durch Natürliche Züchtung mittelst angeborner Abänderungen. - -+Wechselbeziehungen der Bildung.+) -- Ich will mit diesem -Ausdrucke sagen, dass die ganze Organisation der natürlichen Wesen -so unter sich verkettet ist, dass, wenn während der Entwickelung und -dem Wachsthume des einen Theiles eine geringe Abänderung erfolgt und -von der Natürlichen Züchtung gehäuft wird, auch andre Theile geändert -werden müssen. Diess ist ein sehr wichtiger Punkt, aber noch wenig -begriffen. Der gewöhnlichste Fall ist der, dass Abänderungen, welche -nur zum Nutzen der Larve oder des Jungen gehäuft werden, zweifelsohne -auch die Organisation des Erwachsenen berühren; eben so wie eine -Missbildung, welche den frühesten Embryo betrifft, auch die ganze -Organisation des Alten ernstlich berühren wird. Die mehrzähligen -homologen und in der frühesten Embryo-Zeit einander noch ähnlichen -Theile des Körpers scheinen in verwandter Weise zu variiren geneigt; -daher die rechte und linke Seite des Körpers in gleicher Weise -abzuändern pflegen, die vorderen Gliedmaassen in gleicher Weise wie die -hintern, und sogar in gleicher Weise wie die Kinnladen, da man ja den -Unterkiefer für ein Homologon der Gliedmaassen hält. Diese Neigungen -können, wie ich nicht bezweifle, durch Natürliche Züchtung mehr und -weniger beherrscht werden; so hat es früher eine Hirsch-Familie -mit einem Augsprossen nur an einem Geweihe gegeben, und wäre diese -Eigenheit von irgend einem grösseren Nutzen gewesen, so würde sie -durch Natürliche Züchtung vermuthlich bleibend geworden seyn. - -Homologe Theile streben, wie einige Autoren bemerkt haben, -zusammenzuhängen, wie man es oft in monströsen Pflanzen sieht; und -nichts ist gewöhnlicher als die Vereinigung homologer Theile zu -normalen Bildungen, wie z. B. die Vereinigung der Kronen-Blätter -zu einer Röhre[21]. Harte Theile scheinen auf die Form anliegender -weicher einzuwirken, und einige Autoren sind der Meinung, dass die -Verschiedenheit in der Form des Beckens der Vögel den merkwürdigen -Unterschied in der Form ihrer Nieren verursache. Andere glauben, dass -beim Menschen die Gestalt des Beckens der Mutter durch Druck auf -die Schädel-Form des Kindes wirke[22]. Bei Schlangen bedingen nach -~Schlegel~ die Form des Körpers und die Art des Schlingens die -Lage einiger der wichtigsten Eingeweide. - -Die Beschaffenheit des Bandes der Wechselbeziehung ist sehr oft ganz -dunkel. ~Isidore Geoffroy Saint-Hilaire~ hat auf nachdrückliche -Weise hervorgehoben, dass gewisse Missbildungen sehr häufig und andre -sehr selten zusammen vorkommen, ohne dass wir den Grund anzugeben -vermöchten. Was kann eigenthümlicher seyn, als die Beziehung zwischen -den blauen Augen und der Taubheit mancher weissen Katzen, oder die der -Farbe des Panzers mit dem weiblichen Geschlechte der Schildkröten; die -Beziehung zwischen den gefiederten Füssen und der Spannhaut zwischen -den äusseren Zehen der Tauben, oder die zwischen der Anwesenheit von -mehr oder weniger Flaum an den eben ausschlüpfenden Vögeln mit der -künftigen Farbe ihres Gefieders; oder endlich zwischen Behaarung -und Zahn-Bildung des nackten Türkischen Hundes, obschon hier wohl -Homologie mit ins Spiel kommt. Mit Bezug auf diesen letzten Fall von -Wechselbeziehung scheint es mir kaum zufällig zu seyn, dass diejenigen -zwei Säugethier-Ordnungen, welche am abnormsten in ihrer Bekleidung, -auch am abweichendsten in der Zahn-Bildung sind; nämlich die Cetaceen -(Wale) und die Edentaten (Schuppenthiere, Gürtelthiere u. s. w.). - -Ich kenne keinen Fall, der besser geeignet wäre, die Wesenheit -der Gesetze der Wechselbeziehung bei Abänderung wichtiger Gebilde -unabhängig von deren Nützlichkeit und somit auch von der Natürlichen -Züchtung darzuthun, als es die Verschiedenheit der äussern und innern -Blüthen im Blüthenstande einiger Compositiflorae und Umbelliferae -ist. Jedermann kennt den Unterschied zwischen den mitteln und -den Rand-Blüthen z. B. des Gänseblümchens (Bellis), und diese -Verschiedenheit ist oft verbunden mit der Verkümmerung einzelner -Blumen-Theile. Aber in einigen Compositifloren unterscheiden sich -auch die Früchte der beiderlei Blüthen in Grösse und Skulptur, -und selbst die Ovarien mit einigen Nebentheilen weichen ab, wie -~Cassini~ nachgewiesen. Diese Unterschiede sind von einigen -Botanikern dem Druck zugeschrieben worden, und die Frucht-Formen in -den Strahlen-Blumen der Compositifloren unterstützen diese Ansicht; -keineswegs aber trifft es bei den Umbelliferen zu, dass die Arten -mit den dichtesten Umbellen die grösste Verschiedenheit zwischen den -inneren und äusseren Blüthen wahrnehmen liessen. Man hätte denken -können, dass die stärkere Entwickelung der im Rande des Blüthenstandes -befindlichen Kronenblätter die Verkümmerung andrer Blüthen-Theile -veranlasst habe, indem sie ihnen Nahrung entzogen; aber bei einigen -Compositifloren zeigt sich ein Unterschied in der Grösse der Früchte -der innern und der Strahlen-Blüthen, ohne vorgängige Verschiedenheit -der Krone. Möglich, dass diese mancherlei Unterschiede mit irgend -einem Unterschiede in dem Zufluss der Säfte zu den mittel- und den -Rand-ständigen Blüthen zusammenhängt; wir wissen wenigstens, dass bei -unregelmässig geformten Blüthen die der Achse zunächst stehenden am -öftesten der Peloria-Bildung unterworfen sind und regelmässig werden. -Ich will als Beispiel dieses und zugleich als treffenden Fall von -Wechselbeziehung der Entwickelung anführen, wie ich kürzlich in einigen -Garten-Pelargonien beobachtet, dass die mitteln Blüthen der Dolde oft -die dunkleren Flecken an den zwei oberen Kronenblättern verlieren -und dass, wenn Diess der Fall, das abhängende Nectarium gänzlich -verkümmert; fehlt der Fleck nur an einem der zwei oberen Kronenblätter, -so wird das Nectarium nur stark verkürzt. - -Hinsichtlich der Verschiedenheiten der Blumenkronen der mitteln und -randlichen Blumen einer Dolde oder eines Blüthenköpfchens, so halte -ich ~C. C. Sprengel’s~ Einfall, dass die Strahlen-Blumen zur -Anziehung der Insekten bestimmt seyen, deren Bewegungen die Befruchtung -der Pflanzen jener zwei Ordnungen befördere, nicht für so weit -hergeholt, als er beim ersten Blick scheinen mag; und wenn es wirklich -von Nutzen, so kann Natürliche Züchtung mit in Betracht kommen. Dagegen -scheint es kaum möglich, dass die Verschiedenheit zwischen dem Bau der -äusseren und der inneren Früchte, welche in keiner Wechselbeziehung -mit irgend einer verschiedenen Bildung der Blüthen steht, irgend -wie den Pflanzen von Nutzen seyn kann. Jedoch erscheinen bei den -Dolden-Pflanzen die Unterschiede von so auffallender Wichtigkeit (da -in mehren Fällen nach ~Tausch~ die Früchte der äusseren Blüthen -orthosperm und die der mittelständigen cölosperm sind), dass der ältere -~DeCandolle~ seine Hauptabtheilungen in dieser Pflanzen-Ordnung -auf analoge Verschiedenheiten gründete. Wir sehen daher, dass -Abänderungen der Struktur von gänzlich unbekannten Gesetzen in den -Wechselbeziehungen der Entwickelung bedingt seyn können, und zwar ohne -selbst den geringsten erkennbaren Vortheil für die Spezies darzubieten. - -Wir mögen irriger Weise den Wechselbeziehungen der Entwickelung oft -solche Bildungen zuschreiben, welche ganzen Arten-Gruppen gemein -sind, aber in Wahrheit ganz einfach von Erblichkeit abhängen. Denn -ein alter Stamm-Vater z. B. mag durch Natürliche Züchtung irgend eine -Eigenthümlichkeit seiner Struktur und nach tausend Generationen irgend -eine andre davon unabhängige Abänderung erlangt haben, und wenn dann -beide Modifikationen mit einander auf eine ganze Gruppe von Nachkommen -mit verschiedener Lebensweise übertragen worden sind, so wird man -natürlich glauben, sie stünden in einer nothwendigen Wechselbeziehung -mit einander. So zweifle ich auch nicht daran, dass einige anscheinende -Wechselbeziehungen, welche in ganzen Ordnungen des Systemes vorkommen, -lediglich nur von der möglichen Wirkungs-Weise der Züchtung bedingt -sind. Wenn z. B. ~Alphons DeCandolle~ bemerkt, dass geflügelte -Saamen nie in Früchten vorkommen, die sich nicht öffnen, so möchte -ich diese Regel durch die Thatsache erklären, dass Saamen nicht durch -Natürliche Züchtung allmählich beflügelt werden können, ausser in -Früchten, die sich öffnen; so dass individuelle Pflanzen mit Saamen, -welche etwas geflügelt und daher mehr zur weiten Fortführung geeignet -sind, vor andern schlecht-beflügelten hinsichtlich ihrer Aussicht auf -Erhaltung im Vortheil sind, und dieser Vorgang kann nicht wohl mit -solchen Früchten vorkommen, welche nicht aufspringen. - -Der ältre ~Geoffroy~ und ~Göthe~ haben ihr Gesetz von -der Compensation der Entwickelung fast gleichzeitig aufgestellt, -wornach, wie ~Göthe~ sich ausdrückt, die Natur genöthigt ist -auf der einen Seite zu ersparen, was sie auf der andern mehr gibt. -Diess passt in gewisser Ausdehnung, wie mir scheint, ganz gut auf -unsre Kultur-Erzeugnisse: denn wenn einem Theile oder Organe Nahrung -in Überfluss zuströmt, so kann sie nicht, oder wenigstens nicht in -Überfluss, auch einem andern zu Theil werden, daher man eine Kuh -z. B. nicht zwingen kann, viel Milch zu geben und zugleich fett zu -werden. Ein und dieselbe Kohl-Varietät kann nicht eine reichliche -Menge nahrhafter Blätter und zugleich einen guten Ertrag von Öl-Saamen -liefern. Wenn in unsrem Obste die Saamen verkümmern, gewinnt die -Frucht selbst an Grösse und Güte. Bei unsern Hühnern ist einer grossen -Federhaube auf dem Kopfe gewöhnlich ein kleinerer Kamm beigesellt, -und ist ein grosser Feder-Bart mit kleinen Bartlappen verbunden. -Dagegen ist kaum anzunehmen, dass dieses Gesetz auch auf Arten im -Natur-Zustande allgemein anwendbar seye, obwohl viele gute Beobachter -und namentlich Botaniker an seine Wahrheit glauben. Ich will jedoch -hier keine Beispiele anführen; denn ich kann schwer ein Mittel finden -zu unterscheiden einerseits zwischen der durch Natürliche Züchtung -bewirkten ansehnlichen Vergrösserung eines Theiles und der durch -gleiche Ursache oder durch Nichtgebrauch veranlassten Verminderung -eines anderen nahe dabei befindlichen Organes, und anderseits der -Verkümmerung eines Organes durch Nahrungs-Einbusse in Folge excessiver -Entwickelung eines anderen nahe dabei befindlichen Theiles. - -Ich vermuthe auch, dass einige der Fälle, die man als Beweise der -Compensation vorgebracht, sich mit einigen anderen Thatsachen unter -ein allgemeineres Prinzip zusammenfassen lassen, das Prinzip nämlich, -dass Natürliche Züchtung fortwährend bestrebt ist, in jedem Theile der -Organisation zu sparen. Wenn unter veränderten Lebens-Verhältnissen -eine bisher nützliche Vorrichtung weniger nützlich wird, so dürfte wohl -eine wenn gleich nur unbedeutende Verminderung ihrer Grösse durch die -Natürliche Züchtung erstrebt werden, indem es für das Individuum ja -vortheilhaft ist, wenn es seine Säfte nicht zur Ausbildung nutzloser -Organe verschwendet. Nur auf diese Weise kann ich eine Thatsache -begreiflich finden, welche mich, als ich mit der Untersuchung über -die Cirripeden beschäftigt war, überraschte, nämlich dass, wenn -ein Cirripede in anderen Organismen als Schmarotzer lebt und daher -geschützt ist, er mehr oder weniger seine eigene Kalk-Schaale verliert. -Diess ist mit dem Männchen von Ibla und in ausserordentlich hohem -Grade mit Proteolepas der Fall; denn während der Panzer aller anderen -Cirripeden aus den drei hochwichtigen Vordersegmenten des ungeheuer -entwickelten Kopfes besteht und mit starken Nerven und Muskeln versehen -ist, erscheint an dem parasitischen und geschützten Proteolepas -der ganze Vordertheil des Kopfes als ein blosses an die Basen der -Rankenfüsse befestigtes Rudiment. Nun dürfte die Ersparung eines -grossen und zusammengesetzten Gebildes, wenn es, wie hier durch die -parasitische Lebens-Weise des Proteolepas, überflüssig wird, obgleich -nur stufenweise voranschreitend, ein entschiedener Vortheil für jedes -spätere Individuum der Spezies seyn, weil im Kampfe um’s Daseyn, -welchen das Thier zu kämpfen hat, jeder einzelne Proteolepas um so -mehr Aussicht sich zu behaupten erlangt, je weniger Nahrstoff zur -Entwickelung eines nutzlos gewordenen Organes verloren geht. - -Darnach, glaube ich, wird es der Natürlichen Züchtung in die Länge -immer gelingen, jeden Theil der Organisation zu verringern und zu -ersparen, sobald er überflüssig geworden ist, ohne desshalb gerade -einen anderen Theil in entsprechendem Grade stärker auszubilden. Und -eben so dürfte sie, umgekehrt, vollkommen im Stande seyn ein Organ -stärker auszubilden, ohne die Verminderung eines andern benachbarten -Theiles als nothwendige Compensation zu verlangen. - -Nach ~Isidore Geoffroy Saint-Hilaire’s~ Wahrnehmung scheint -es bei Varietäten wie bei Arten Regel zu seyn, dass, wenn ein Theil -oder ein Organ oftmals im Baue eines Individuums vorkommt, wie der -Wirbel in den Schlangen und die Staubgefässe in den polyandrischen -Blüthen, dessen Zahl veränderlich wird, während die Zahl desselben -Organes oder Theiles beständig bleibt, falls er sich weniger oft -wiederholen muss. Derselbe Zoologe sowie einige Botaniker haben -ferner die Bemerkung gemacht, dass sehr vielzählige Theile auch -grösseren Veränderungen im inneren Bau ausgesetzt sind. Zumal nun -diese vegetativen Wiederholungen, wie ~R. Owen~ sie nennt, ein -Anzeigen niedriger Organisation sind, so scheint die vorangehende -Bemerkung mit der sehr allgemeinen Ansicht der Naturforscher -zusammenzuhängen, dass solche Wesen, welche tief auf der Stufenleiter -der Natur stehen, veränderlicher als die höheren sind. Ich verstehe -unter tiefer Organisation in diesem Falle eine geringe Differenzirung -der Organe für verschiedene besondere Verrichtungen; denn solange ein -und dasselbe Organ verschiedene Arbeiten zu verrichten hat, lässt sich -ein Grund für seine Veränderlichkeit vielleicht darin finden, dass -Natürliche Züchtung jede kleine Abweichung der Form weniger sorgfältig -erhält oder unterdrückt, als wenn dasselbe Organ nur zu einem besondern -Zweck allein bestimmt wäre. So mögen Messer, welche allerlei Dinge zu -schneiden bestimmt sind, im Ganzen so ziemlich von einerlei Form seyn, -während ein nur zu einerlei Gebrauch bestimmtes Werkzeug für jeden -andern Gebrauch auch eine andere Form haben muss. - -Auch unvollkommen ausgebildete, rudimentäre Organe sind nach der -Bemerkung einiger Schriftsteller, die mir richtig zu seyn scheint, -sehr zur Veränderlichkeit geneigt. Ich verweise in dieser Hinsicht auf -die Erörterung der rudimentären und abortiven Organe im Allgemeinen -und will hier nur beifügen, dass ihre Veränderlichkeit durch ihre -Gebrauchslosigkeit bedingt zu seyn scheint, indem in diesem Falle -Natürliche Züchtung nichts vermag, um Abweichungen ihres Baues -zu verhindern. Daher rudimentäre Theile dem freien Einfluss der -verschiedenen Wachsthums-Gesetze, den Wirkungen lange fortgesetzten -Nichtgebrauchs und dem Streben zur Rückkehr preisgegeben sind. - -+Ein in ausserordentlicher Stärke oder Weise in irgend einer -Species entwickelter Theil hat, in Vergleich mit demselben Theile in -anderen Arten, eine grosse Neigung zur Veränderlichkeit.+) -- Vor -einigen Jahren wurde ich durch eine ähnliche von ~Waterhouse~ -veröffentlichte Äusserung überrascht. Auch schliesse ich aus einer -Bemerkung des Professors ~R. Owen~ über die Länge der Arme des -Orang-Utang, dass er zur nämlichen Ansicht gelangt seye. Es ist keine -Hoffnung vorhanden, jemanden von der Wahrheit dieser Behauptung zu -überzeugen, ohne die Aufzählung der langen Reihe von Thatsachen, die -ich gesammelt, aber hier nicht mittheilen kann. Ich vermag nur meine -Überzeugung auszusprechen, dass es eine sehr allgemeine Regel ist. -Ich kenne zwar mehre Ursachen, welche zu Irrthum in dieser Hinsicht -Veranlassung geben können, hoffe aber sie genügend berücksichtigt zu -haben. Vor Allem ist zu bemerken, dass diese Regel auf keinen wenn -auch an sich noch so ungewöhnlich entwickelten Theil Anwendung finden -soll, woferne er nicht auch demselben Theile bei nahe verwandten Arten -gegenüber ungewöhnlich ausgebildet ist. So abnorm daher auch die -Flügel-Bildung der Fledermäuse in der Klasse der Säugethiere ist, so -bezieht sich doch jene Regel nicht darauf, weil diese Bildung einer -ganzen Ordnung zukommt; sie würde nur anwendbar seyn, wenn die Flügel -einer Fledermaus-Art in merkwürdigem Verhältnisse gegen die Flügel -andrer Arten derselben Sippe vergrössert wären. Diese Regel entspricht -sehr gut den ungewöhnlich verwickelten „sekundären Sexual-Charaktern“, -mit welchem Ausdrucke ~Hunter~ diejenigen Merkmale bezeichnete, -welche nur dem Männchen oder dem Weibchen allein zukommen, aber mit dem -Fortpflanzungs-Akte nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die -Regel findet sowohl auf Männchen wie auf Weibchen Anwendung, doch mehr -auf die ersten, weil auffallende Charaktere dieser Art bei Weibchen -überhaupt selten sind. Die vollkommene Anwendbarkeit der Regel auf -diese letzten Fälle dürfte mit der grossen und nicht zu bezweifelnden -Veränderlichkeit dieser Charaktere überhaupt, mögen sie viel oder wenig -entwickelt seyn, zusammenhängen. Dass sich aber unsre Regel in der That -nicht auf die sekundären Charaktere dieser Art allein beziehe, erhellt -aus den hermaphroditischen Cirripeden; und ich will hier beifügen, dass -ich bei der Untersuchung dieser Ordnung Herrn ~Waterhouse’s~ -Bemerkung besondre Beachtung zugewandt habe und vollkommen von der -fast unveränderlichen Anwendbarkeit dieser Regel auf die Cirripeden -überzeugt bin. In meinem späteren Werke werde ich eine vollständigere -Liste der einzelnen Fälle geben; hier aber will ich nur einen anführen, -welcher die Regel in ihrer ausgedehntesten Anwendbarkeit erläutert. Die -Deckelklappen der sitzenden Cirripeden (Balaniden) sind in jedem Sinne -des Wortes sehr wichtige Gebilde und variiren selbst von einer Sippe -zur andern nur wenig. Nur in den verschiedenen Arten von Pyrgoma allein -bieten diese Klappen einen wundersamen Grad von Differenzirung dar. Die -homologen Klappen sind in verschiedenen Arten zuweilen ganz unähnlich -in Form, und der Betrag möglicher Abweichung zwischen den Individuen -einiger Arten ist so gross, dass man ohne Übertreibung behaupten darf, -ihre Varietäten weichen in den Merkmalen dieser wichtigen Klappen weit -auseinander, als sonst Arten verschiedener Sippen. - -Da Vögel innerhalb einer und derselben Gegend ausserordentlich wenig -variiren, so habe ich auch sie in dieser Hinsicht näher geprüft und -die Regel auch in dieser Klasse sehr gut bewährt gefunden. Ich kann -nicht nachweisen, dass sie sich auch bei den Pflanzen so verhalte, -und mein Vertrauen auf ihre Allgemeinheit würde hiedurch sehr -erschüttert worden seyn, wenn nicht eben die grosse Veränderlichkeit -der Pflanzen überhaupt es sehr schwierig machte, die bezüglichen -Veränderlichkeits-Grade beider miteinander zu vergleichen. - -Wenn wir bei irgend einer Spezies einen Theil oder ein Organ in -merkwürdiger Höhe oder Weise entwickelt sehen, so läge es am nächsten -anzunehmen, dass dasselbe dieser Art von grosser Wichtigkeit seyn -müsse, und doch ist der Theil in diesem Falle ausserordentlich -veränderlich. Wie kommt Diess? Aus der Ansicht, dass jede Art mit allen -ihren Theilen, wie wir sie jetzt sehen, unabhängig erschaffen worden -seye, können wir keine Erklärung schöpfen. Dagegen scheint mir die -Annahme, dass Arten-Gruppen eine gemeinsame Abstammung von andern Arten -haben und nur durch Natürliche Züchtung modifizirt worden sind, einiges -Licht über die Frage zu verbreiten. Wenn bei unsren Hausthieren ein -einzelner Theil oder das ganze Thier vernachlässigt und ohne Züchtung -fortgepflanzt wird, so wird ein solcher Theil (wie z. B. der Kamm bei -den Dorking-Hühnern) oder die ganze Rasse aufhören einen einförmigen -Charakter zu bewahren. Man wird dann sagen, sie seye ausgeartet. In -rudimentären und solchen Organen, welche nur wenig für einen besondern -Zweck differenzirt worden sind, sowie in polymorphen Gruppen, sehen -wir einen fast gleichlaufenden Fall in der Natur; denn hier kann die -Natürliche Züchtung nicht oder nur wenig zur Geltung kommen und die -Organisation bleibt in einem schwankenden Zustande. Was uns aber hier -näher angeht, das ist, dass eben bei unseren Hausthieren diejenigen -Charaktere, welche durch fortgesetzte Züchtung so rascher Abänderung -unterliegen, eben so rasch zu variiren geneigt werden. Man vergleiche -einmal die Tauben-Rassen; was für ein wunderbar grosses Maass von -Veränderung zeigt sich nur in den Schnäbeln der Purzeltauben, in den -Schnäbeln und rothen Lappen der verschiedenen Botentauben (Cyprianer), -in Haltung und Schwanz der Pfauentaube, weil die _Englischen_ -Liebhaber auf diese Punkte wenig achten. Schon die Unterrassen wie die -kurzstirnigen Purzler sind bekanntlich schwer vollkommen zu finden, -und oft kommen dabei einzelne Thiere zum Vorschein, welche weit von -dem Musterbilde abweichen. Man kann daher mit Wahrheit sagen, es -finde ein beständiger Kampf statt zwischen einerseits einem Streben -zur Rückkehr in eine minder differenzirte Beschaffenheit und einer -angeborenen Neigung zu weiterer Veränderung aller Art, und andrerseits -dem Vermögen fortwährender Züchtung zur Reinerhaltung der Rasse. Bei -langer Dauer gewinnt Züchtung den Sieg, und wir fürchten nicht mehr -so weit vom Ziele abzuweichen, dass wir von einem guten kurzstirnigen -Stamm nur einen gemeinen Purzler erhielten. So lange aber die Züchtung -noch in raschem Fortschritt begriffen ist, wird immer eine grosse -Unbeständigkeit in dem der Veränderung unterliegenden Gebilde zu -erwarten seyn. Es verdient ferner bemerkt zu werden, dass diese durch -künstliche Züchtung erzeugten veränderlichen Charaktere aus uns ganz -unbekannten Ursachen sich zuweilen mehr an das eine als an das andre -Geschlecht knüpfen, und zwar gewöhnlich an das männliche, wie die -Fleischwarzen der _Englischen_ Botentaube und der mächtige Kropf -des Kröpfers. - -Doch kehren wir zur Natur zurück. Ist ein Theil in irgend einer Spezies -den andern Arten derselben Sippe gegenüber auf aussergewöhnliche -Weise vergrössert, so können wir annehmen, derselbe habe seit ihrer -Abzweigung von dem gemeinsamen Stamme einen ungewöhnlichen Betrag -von Abänderung erfahren. Diese Zeit der Abzweigung wird selten -ausserordentlich weit zurückliegen, da Arten nur selten länger als -eine geologische Periode dauern. Ein ungewöhnlicher Betrag von -Verschiedenheit setzt ein ungewöhnlich langes und ausgedehntes -Maass von Veränderlichkeit voraus, deren Produkt durch Züchtung -zum Besten der Spezies fortwährend gehäuft worden ist. Da aber die -Veränderlichkeit des ausserordentlich entwickelten Theiles oder -Organes in einer nicht sehr weit zurückreichenden Zeit so gross -und andauernd gewesen ist, so möchten wir auch jetzt noch in der -Regel mehr Veränderlichkeit in solchen als in andern Theilen der -Organisation, welche schon seit viel längerer Zeit beständig geworden -sind, anzutreffen erwarten. Und diese findet nach meiner Überzeugung -statt. Dass aber der Kampf zwischen Natürlicher Züchtung einerseits -und der Neigung zur Rückkehr und zur weiteren Abänderung anderseits -mit der Zeit aufhören und auch die am abnormsten gebildeten Organe -beständig werden können, ist kein Grund vorhanden zu bezweifeln. Wenn -daher ein Organ, wie regelmässig es auch seyn mag, in ungefähr gleicher -Beschaffenheit auf viele bereits abändernde Nachkommen übertragen -wird, wie Diess mit dem Flügel der Fledermaus der Fall ist, so muss -es meiner Theorie zufolge schon eine unermessliche Zeit hindurch in -dem gleichen Zustande vorhanden gewesen und in dessen Folge jetzt -nicht mehr veränderlicher als irgend ein andres Organ seyn. Nur in -denjenigen Fällen, wo die Modifikation noch verhältnissmässig jung -und ausserordentlich gross ist, werden wir daher die „generative -Veränderlichkeit“, wie wir sie nennen wollen, noch in hohem Grade -fortdauernd finden. Denn in diesem Falle wird die Veränderlichkeit -nur selten schon durch ununterbrochene Züchtung der in irgend einer -beabsichtigten Weise und Stufe variirenden und durch fortwährende -Verdrängung der zur Rückkehr geneigten Individuen zu einem festen Ziele -gelangt seyn. - -Das in diesen Bemerkungen enthaltene Prinzip ist noch einer Ausdehnung -fähig. Es ist nämlich bekannt, dass die spezifischen mehr als die -Sippen-Charaktere abzuändern geneigt sind. Ich will mit einem -einfachen Beispiele erklären, was ich meine. Wenn in einer grossen -Pflanzen-Sippe einige Arten blaue Blüthen haben und andre haben -rothe, so wird die Farbe nur ein Art-Charakter seyn und daher auch -niemand überrascht werden, wenn eine blau-blühende Art zu Roth -übergeht oder umgekehrt. Wenn aber alle Arten blaue Blumen haben, -so wird die Farbe zum Sippen-Charaktere, und ihre Veränderung wird -schon eine ungewöhnliche Erscheinung seyn. Ich habe gerade dieses -Beispiel gewählt, weil eine Erklärung, welche die meisten Naturforscher -sonst beizubringen geneigt seyn würden, darauf nicht anwendbar ist, -dass nämlich spezifische Charaktere desshalb weniger als generische -veränderlich erscheinen, weil sie von Theilen entlehnt sind, die eine -mindere physiologische Wichtigkeit besitzen, als diejenigen, welche -gewöhnlich zur Klassifikation der Sippen dienen. Ich glaube zwar, dass -diese Erklärung theilweise, wenn auch nur indirekt, richtig ist, kann -jedoch erst in dem Abschnitt über Klassifikation darauf zurückkommen. -Es dürfte ganz überflüssig seyn, Beispiele zu Unterstützung der -obigen Behauptung anzuführen, dass Arten-Charaktere veränderlicher -als Sippen-Charaktere seyen; ich habe aber aus naturhistorischen -Werken wiederholt entnommen, dass, wenn ein Schriftsteller durch die -Wahrnehmung überrascht war, dass irgend ein wichtigeres Organ, welches -sonst in ganzen grossen Arten-Gruppen beständig zu seyn pflegt, in -nahe verwandten Arten ansehnlich abändere, dasselbe dann auch in den -Individuen einiger der Arten variirte. Diese Thatsache zeigt, dass -ein Charakter, der gewöhnlich von generischem Werthe ist, wenn er zu -spezifischem Werthe herabsinkt, oft veränderlich wird, wenn auch seine -physiologische Wichtigkeit die nämliche bleibt. Etwas Ähnliches findet -auch auf Monstrositäten Anwendung; wenigstens scheint ~Isidore -Geoffroy Saint-Hilaire~ keinen Zweifel darüber zu hegen, dass ein -Organ um so mehr individuellen Anomalien unterliege, je mehr es in den -verschiedenen Arten derselben Gruppe verschieden ist. - -Wie wäre es nach der gewöhnlichen Meinung, dass jede Art unabhängig -erschaffen worden seye, zu erklären, dass derjenige Theil der -Organisation, welcher von demselben Theile in anderen unabhängig -erschaffenen Arten derselben Sippe mehr abweicht, auch veränderlicher -ist, als jene Theile, welche in den verschiedenen Arten einer Sippe -nahezu übereinstimmen. Ich sehe keine Möglichkeit ein Diess zu -erklären. Wenn wir aber von der Ansicht ausgehen, dass Arten nur -wohl unterschiedene und ständig gewordene Varietäten sind, so werden -wir sicher auch erwarten dürfen zu sehen, dass dieselben noch jetzt -oft fortfahren in denjenigen Theilen ihrer Organisation abzuändern, -welche erst in verhältnissmässig neuer Zeit in Folge ihres Variirens -von der gewöhnlicheren Bildung zurückgewichen sind. Oder, um den -Fall in einer andern Weise darzustellen: die Merkmale, worin alle -Arten einer Sippe einander gleichen, und worin dieselben von allen -Arten einer andern Sippe abweichen, heissen generische, und diese -Merkmale zusammengenommen leite ich mittelst Vererbung von einem -gemeinschaftlichen Stammvater ab; denn nur selten kann es der Zufall -gewollt haben, dass Natürliche Züchtung verschiedene mehr oder weniger -abweichenden Lebensweisen angepasste Arten genau auf dieselbe Weise -modifizirt hat; und da diese sogenannten generischen Charaktere schon -von sehr frühe her, seit der Zeit nämlich wo sie sich von ihrer -gemeinsamen Stamm-Art abgezweigt haben, vererbt worden sind, und -sie sich später nicht mehr oder nur noch wenig verändert haben, so -ist es nicht wahrscheinlich, dass sie noch heutiges Tages abändern. -Anderseits nennt man die Punkte, wodurch sich Arten von andern Arten -derselben Sippe unterscheiden, spezifische Charaktere, und da diese -seit der Zeit der Abzweigung der Arten von der gemeinsamen Stamm-Art -abgeändert haben, so ist es wahrscheinlich, dass dieselben noch jetzt -oft einigermassen veränderlich sind, veränderlicher wenigstens, als -diejenigen Theile der Organisation, welche während einer sehr langen -Zeit-Dauer sich als beständig erwiesen haben. - -Im Zusammenhang mit diesem Gegenstande will ich noch zwei andre -Bemerkungen machen. -- Ohne dass ich nöthig habe, darüber auf -Einzelheiten einzugehen, wird man mir zugeben, dass sekundäre -Sexual-Charaktere sehr veränderlich sind; man wird mir wohl auch ferner -zugeben, dass die zu einerlei Gruppe gehörigen Arten hinsichtlich -dieser Charaktere weiter als in andern Theilen ihrer Organisation -auseinander gehen können. Vergleicht man Beispiels-weise die Grösse -der Verschiedenheit zwischen den Männchen der Hühner-artigen Vögel, -bei welchen diese Art von Charakteren vorzugsweise stark entwickelt -sind, mit der Grösse der Verschiedenheit zwischen ihren Weibchen, so -wird die Wahrheit jener Behauptung eingeräumt werden. Die Ursache der -ursprünglichen Veränderlichkeit der sekundären Sexual-Charaktere ist -nicht nachgewiesen; doch lässt sich begreifen, wie es komme, dass -dieselben nicht eben so einförmig und beständig geworden sind als -andre Theile der Organisation; denn die sekundären Sexual-Charaktere -sind durch geschlechtliche Züchtung gehäuft worden, welche weniger -strenge in ihrer Thätigkeit als die gewöhnliche ist, indem sie die -minder begünstigten Männchen nicht zerstört, sondern bloss mit -weniger Nachkommenschaft versieht. Welches aber immer die Ursache der -Veränderlichkeit dieser sekundären Sexual-Charaktere seyn mag; da sie -nun einmal sehr veränderlich sind, so hat die Natürliche Züchtung darin -einen weiten Spielraum für ihre Thätigkeit gefunden und somit den Arten -einer Gruppe leicht einen grösseren Betrag von Verschiedenheit in ihren -Sexual-Charakteren, als in andern Theilen ihrer Organisation verleihen -können. - -Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass die sekundären -Sexual-Verschiedenheiten zwischen beiden Geschlechtern einer Art sich -gewöhnlich genau in denselben Theilen der Organisation entfalten, -in denen auch die verschiedenen Arten einer Sippe von einander -abweichen. Um Diess zu erläutern will ich nur zwei Beispiele anführen, -welche zufällig die ersten auf meiner Liste stehen; und da die -Verschiedenheiten in diesen Fällen von sehr ungewöhnlicher Art sind, so -kann die Beziehung kaum zufällig seyn. Sehr grosse Gruppen von Käfern -haben eine gleiche Anzahl von Tarsal-Gliedern mit einander gemein; nur -in der Familie der Engidae ändert nach ~Westwood’s~ Beobachtung -diese Zahl sehr ab, sogar in den zwei Geschlechtern einer Art. Ebenso -ist bei den Grabenden Hymenopteren der Verlauf der Flügel-Adern ein -Charakter von höchster Wichtigkeit, weil er sich in grossen Gruppen -gleich bleibt; in einigen Sippen jedoch ändert er von Art zu Art und -dann gleicher Weise auch oft in den zwei Geschlechtern der nämlichen -Art ab. ~Lubbock~ hat kürzlich bemerkt, dass einige kleine -Kruster vortreffliche Belege für dieses Gesetz darbieten. In Pontella -z. B. sind es hauptsächlich die vorderen Fühler und das fünfte -Bein-Paar, welche die Sexual-Charaktere liefern und dieselben Organe -bieten auch die wichtigsten Arten-Unterschiede dar. Diese Beziehung -hat eine klare Bedeutung in meiner Anschauungs-Weise: ich betrachte -nämlich mit Bestimmtheit alle Arten einer Sippe als Abkömmlinge -von demselben Stamm-Vater, wie die zwei Geschlechter in jeder Art. -Folglich: was immer für ein Theil der Organisation des gemeinsamen -Stamm-Vaters oder seiner ersten Nachkommen veränderlich geworden, -so werden höchst wahrscheinlich Abänderungen dieser Theile durch -Natürliche und Geschlechtliche Züchtung begünstigt worden seyn, um -die verschiedenen Arten verschiedenen Stellen im Haushalte der Natur -anzupassen, und ebenso um die zwei Geschlechter einer nämlichen Spezies -für einander geschickt zu machen, oder auch um Männchen und Weibchen zu -verschiedenen Lebensweisen zu eignen, oder endlich die Männchen in den -Stand zu setzen mit anderen Männchen um die Weibchen zu kämpfen. - -Endlich gelange ich also zu dem Schlusse, dass die grössre -Veränderlichkeit der spezifischen Charaktere, wodurch sich Art von -Art unterscheidet, gegenüber den generischen Merkmalen, welche -die Arten einer Sippe gemein haben, -- dass die oft äusserste -Veränderlichkeit des in irgend einer einzelnen Art ganz ungewöhnlich -entwickelten Theiles gegenüber der geringen Veränderlichkeit eines -wenn auch ausserordentlich entwickelten, aber einer ganzen Gruppe -von Arten gemeinsamen Theiles, -- dass die grosse Unbeständigkeit -sekundärer Sexual-Charaktere und das grosse Maass von Verschiedenheit -in denselben Merkmalen zwischen einander nahe verwandten Arten, --- dass die Entwickelung sekundärer Sexual- und gewöhnlicher -Art-Charaktere gewöhnlich in einerlei Theilen der Organisation -- -Alles eng unter-einander verkettete Prinzipien sind. Alle entspringen -hauptsächlich daher, dass die zu einer Gruppe gehörigen Arten von einem -gemeinsamen Stamm-Vater herrühren, von welchem sie Vieles gemeinsam -ererbt haben; -- dass Theile, welche erst neuerlich noch starke -Umänderungen erlitten, leichter zu variiren geneigt sind als solche, -welche sich schon seit langer Zeit ohne alle Veränderung fortgeerbt -haben; -- dass die sexuelle Züchtung weniger streng als die gewöhnliche -ist; -- endlich, dass Abänderungen in einerlei Organen durch natürliche -und durch sexuelle Züchtung gehäuft und für sekundäre Sexual- und -gewöhnliche spezifische Zwecke angepasst worden sind. - -+Verschiedene Arten zeigen analoge Abänderungen; und die Varietät -einer Spezies nimmt oft einige von den Charakteren einer verwandten -Spezies an, oder sie kehrt zu einigen von den Merkmalen der Stamm-Art -zurück.+) Diese Behauptungen versteht man am leichtesten durch -Betrachtung der Hausthier-Rassen. Die verschiedensten Tauben-Rassen -bieten in weit auseinandergelegenen Gegenden Unter-Varietäten mit -umgewendeten Federn am Kopfe und mit Federn an den Füssen dar, -Merkmale, welche die ursprüngliche Felstaube nicht besitzt; Diess sind -also analoge Abänderungen in zwei oder mehren verschiedenen Rassen. -Die häufige Anwesenheit von vierzehn bis sechszehn Schwanzfedern im -Kröpfer kann man als eine die Normal-Bildung einer andern Abart, -der Pfauentaube nämlich, vertretende Abweichung betrachten. Ich -unterstelle, dass Niemand daran zweifeln wird, dass alle solche analoge -Abänderungen davon herrühren, dass die verschiedenen Tauben-Rassen die -gleiche Konstitution und daher unter denselben unbekannten Einflüssen -die gleiche Neigung zu variiren geerbt haben. Im Pflanzen-Reiche -zeigt sich ein Fall von analoger Abänderung in dem verdickten Strunke -(gewöhnlich wird er die Wurzel genannt) des _Schwedischen_ -Turnipses und der Rutabaga, Pflanzen, welche mehre Botaniker nur -als durch die Kultur hervorgebrachte Varietäten einer Art ansehen. -Wäre Diess aber nicht richtig, so hätten wir einen Fall analoger -Abänderung in zwei sogenannten Arten, und diesen kann noch der gemeine -Turnips als dritte beigezählt werden. Nach der gewöhnlichen Ansicht, -dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, würden wir diese -Ähnlichkeit der drei Pflanzen in ihrem verdickten Stengel nicht der -wahren Ursache ihrer gemeinsamen Abstammung und einer daraus folgenden -Neigung in ähnlicher Weise zu variiren zuzuschreiben haben, sondern -drei verschiedenen aber enge unter sich verwandten Schöpfungs-Akten. -Bei den Tauben haben wir noch einen andern Fall, nämlich das in -allen Rassen gelegentliche Zumvorscheinkommen von Schiefer-blauen -Vögeln mit zwei schwarzen Flügelbinden, einem weissen Steiss, einer -Queerbinde auf dem Ende des Schwanzes und einem weissen äusseren Rande -am Grunde der äusseren Schwanz-Federn. Da alle diese Merkmale für die -Stamm-Art bezeichnend sind, so glaube ich wird Niemand bezweifeln, -dass es sich hier um eine Rückkehr zum Ur-Charakter und nicht um -eine analoge Abänderung in verschiedenen Rassen handle. Wir werden -dieser Folgerung um so mehr vertrauen können, als, wie wir bereits -gesehen, diese Farben-Charaktere sehr gerne in den Blendlingen zweier -ganz verschieden gefärbter Rassen zum Vorschein kommen; und in diesem -Falle ist auch in den äusseren Lebens-Bedingungen nichts zu finden, -was das Wiedererscheinen der Schiefer-blauen Farbe mit den übrigen -Farben-Abzeichen erklären könnte, als der Einfluss des Kreutzungs-Aktes -auf die Erblichkeits-Gesetze. - -Es ist in der That eine Erstaunen-erregende Thatsache, dass seit -vielen und vielleicht Hunderten von Generationen verlorene Merkmale -wieder zum Vorschein kommen. Wenn jedoch eine Rasse nur einmal mit -einer andern Rasse gekreutzt worden ist, so zeigt der Blendung die -Neigung gelegentlich zum Charakter der fremden Rasse zurückzukehren -noch einige, man sagt 12-20, Generationen lang. Nun ist zwar nach -12 Generationen, nach der gewöhnlichen Ausdrucks-Weise, das Blut -des einen fremden Vorfahren nur noch 1 in 2048, und doch genügt -nach der allgemeinen Annahme dieser äusserst geringe Bruchtheil -fremden Blutes noch, um eine Neigung zur Rückkehr in jenen Urstamm zu -unterhalten. In einer Rasse, welche nicht gekreutzt worden, sondern -worin +beide+ Ältern einige von den Charakteren ihrer gemeinsamen -Stamm-Art eingebüsst, dürfte die stärkere oder schwächere Neigung den -verlornen Charakter wieder herzustellen, wie schon früher bemerkt -worden, trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, sich noch -eine Reihe von Generationen hindurch erhalten. Wenn ein Charakter, -der in einer Rasse verloren gegangen, nach einer grossen Anzahl von -Generationen wiederkehrt, so ist die wahrscheinlichste Hypothese -nicht die, dass der Abkömmling jetzt erst plötzlich nach einem mehre -hundert Generationen älteren Vorgänger zurückstrebt, sondern die, dass -in jeder der aufeinanderfolgenden Generationen noch ein Streben zur -Wiederherstellung des fraglichen Charakters vorhanden gewesen, welches -nun endlich unter unbekannten günstigen Verhältnissen zum Durchbruch -gelangt. So ist z. B. wahrscheinlich, dass in jeder Generation der -Barb-Taube (S. 32), welche nur sehr selten einen blauen Vogel mit -schwarzen Binden hervorbringt; das Streben diese Färbung anzunehmen -vorhanden seye. Diese Ansicht ist hypothetisch, kann jedoch durch -einige Thatsachen unterstützt werden; und ich kann an und für sich -keine grössere Unwahrscheinlichkeit in der Unterstellung einer Neigung -sehen, einen durch eine endlose Zahl von Generationen fortgeerbt -gewesenen Charakter wieder anzunehmen, als in der Vererbung eines -thatsächlich ganz unnützen oder rudimentären Organes. Und doch können -wir zuweilen ein solches Streben ein ererbtes Rudiment hervorzubringen -wahrnehmen, wie sich z. B. in dem gemeinen Löwenmaul (Antirrhinum) das -Rudiment eines fünften Staubgefässes so oft zeigt, dass dieser Pflanze -eine Neigung es hervorzubringen angeerbt seyn muss. - -Da nach meiner Theorie alle Arten einer Sippe gemeinsamer Abstammung -sind, so ist zu erwarten, dass sie zuweilen in analoger Weise variiren, -so dass eine Varietät der einen Art in einigen ihrer Charaktere -einer andern Art gleicht, welche ja nach meiner Meinung selbst nur -eine ausgebildete und bleibend gewordene Abart ist. Doch dürften -die hiedurch erlangten Charaktere nur unwesentlicher Art seyn; denn -die Anwesenheit aller wesentlichen Charaktere wird durch Natürliche -Züchtung in Übereinstimmung mit den verschiedenen Lebensweisen -der Art geleitet und bleibt nicht der wechselseitigen Thätigkeit -der Lebens-Bedingungen und einer ähnlichen ererbten Konstitution -überlassen. Es wird ferner zu erwarten seyn, dass die Arten einer -nämlichen Sippe zuweilen eine Neigung zur Rückkehr zu den Charakteren -alter Vorfahren zeigen. Da wir jedoch niemals den genauen Charakter -des gemeinsamen Stamm-Vaters einer Gruppe kennen, so vermögen wir -diese zwei Fälle nicht zu unterscheiden. Wenn wir z. B. nicht wüssten, -dass die Felstaube nicht mit Federfüssen oder mit umgewendeten Federn -versehen ist, so hätten wir nicht sagen können, ob diese Charaktere in -unsren Haustauben-Rassen Erscheinungen der Rückkehr zur Stamm-Form oder -bloss analoge Abänderungen seyen; wohl aber hätten wir unterstellen -dürfen, dass die blaue Färbung ein Beispiel von Rückkehr seye, wegen -der Zahl der andern Zeichnungen, welche mit der blauen Färbung -zugleich wieder zum Vorschein kommen und wahrscheinlich doch nicht -bloss in Folge einfacher Abänderung damit zusammentreffen. Und noch -mehr würden wir darauf geschlossen haben, weil die blaue Farbe und -andren Zeichnungen so oft wiedererscheinen, wenn verschiedene Rassen -von abweichender Färbung miteinander gekreutzt werden. Obwohl es -daher in der freien Natur gewöhnlich zweifelhaft bleibt, welche Fälle -als Rückkehr zu alten Stamm-Charakteren und welche als neue analoge -Abänderungen zu betrachten sind, so müssen wir doch nach meiner Theorie -zuweilen finden, dass die abändernden Nachkommen einer Art (seye es -nun durch Rückkehr oder durch analoge Variation) Charaktere annehmen, -welche schon in einigen andern Gliedern derselben Gruppe vorhanden -sind. Das ist zweifelsohne in der Natur der Fall. - -Ein grosser Theil der Schwierigkeit eine veränderliche Art in unsren -systematischen Werken wiederzuerkennen, rührt davon her, dass ihre -Varietäten gleichsam einige der andern Arten der nämlichen Sippe -nachahmen. Auch könnte man ein ansehnliches Verzeichniss von Formen -geben, welche das Mittel zwischen zwei andern Formen halten, von -welchen es zweifelhaft ist, ob sie als Arten oder als Varietäten -anzusehen seyen; und daraus ergibt sich, wenn man nicht alle diese -Formen als unabhängig erschaffene Arten ansehen will, dass die eine -durch Abänderung die Charaktere der andern so weit angenommen hat, -um hiedurch eine Mittelform zu bilden. Aber der beste Beweis bietet -sich dar, indem Theile oder Organe von wesentlicher und einförmiger -Beschaffenheit zuweilen so abändern, dass sie einigermassen den -Charakter desselben Organes oder Theiles in einer verwandten Art -annehmen. Ich habe ein langes Verzeichniss von solchen Fällen -zusammengebracht, kann solches aber leider hier nicht mittheilen, -sondern bloss wiederholen, dass solche Fälle vorkommen und mir sehr -merkwürdig zu seyn scheinen. - -Ich will jedoch einen eigenthümlichen und zusammengesetzten Fall -anführen, der zwar keinen wichtigen Charakter betrifft, aber in -verschiedenen Arten einer Sippe theils im Natur- und theils im -gezähmten Zustande vorkommt. Es ist offenbar ein Fall von Rückkehr. -Der Esel hat manchmal sehr deutliche Queerbinden auf seinen Beinen, -wie das Zebra. Man hat versichert, dass diese beim Füllen am -deutlichsten zu sehen sind, und meine Nachforschungen scheinen Solches -zu bestätigen. Auch hat man versichert, der Streifen an der Schulter -seye zuweilen doppelt. Der Schulter-Streifen ist jedenfalls sehr -veränderlich in Länge und Umriss. Man hat auch einen weissen Esel, der -kein Albino ist, ohne Rücken- und Schulter-Streifen beschrieben; und -diese Streifen sind auch bei dunkel-farbigen Thieren zuweilen sehr -undeutlich oder gar nicht zu sehen. Der Kulan von ~Pallas~ soll -mit einem doppelten Schulter-Streifen gesehen worden seyn. Der Hemionus -hat keinen Schulter-Streifen; doch kommen nach ~Blyth’s~ u. A. -Versicherung zuweilen Spuren davon vor, und Colonel ~Poole~ hat -mich benachrichtigt, dass die Füllen dieser Art zuweilen an den Beinen -und schwach an der Schulter gestreift sind. Das Quagga, obwohl am -Körper eben so deutlich gestreift als das Zebra, ist ohne Binden an den -Beinen; doch hat Dr. ~Gray~ ein Individuum mit sehr deutlichen -denen des Zebras ähnlichen Binden an den Beinen abgebildet. - -Was das Pferd betrifft, so habe ich in _England_ Fälle vom -Vorkommen des Rücken-Streifens bei den verschiedensten Rassen und allen -Farben gesammelt. Beispiele von Queerbinden auf den Beinen sind nicht -selten bei Braunen, Mäusebraunen und einmal bei einem Kastanienbraunen -vorgekommen. Auch ein schwacher Schulter-Streifen tritt zuweilen -bei Braunen auf, und eine Spur davon habe ich an einem Beerbraunen -gefunden. Mein Sohn hat mir eine sorgfältige Untersuchung und Zeichnung -von einem braunen _Belgischen_ Karren-Pferde mitgetheilt mit einem -doppelten Streifen auf der Schulter und mit Streifen an den Beinen; -ich selbst habe einen braunen _Devonshirer_ Pony gesehen, ein -verlässiger Mann hat mir die sorgfältige Beschreibung eines kleinen -braunen _Waliser_ Pony mitgetheilt, welche alle beiden mit drei -kurzen gleichlaufenden Streifen auf jeder Schulter versehen waren. - -Im nordwestlichen Theile _Ostindiens_ ist die Kattywarer Pferde-Rasse -so allgemein gestreift, dass, wie ich von Colonel ~Poole~ vernehme, -welcher dieselbe im Auftrag der Regierung untersuchte, ein Pferd ohne -Streifen nicht für Vollblut angesehen wird. Der Rückgrat ist immer -gestreift; die Streifen auf den Beinen sind wie der Schulter-Streifen, -welcher zuweilen doppelt und selbst dreifach ist, gewöhnlich vorhanden; -überdiess sind die Seiten des Gesichts zuweilen gestreift. Die Streifen -sind beim Füllen am deutlichsten und verschwinden zuweilen im Alter. -~Poole~ hat ganz junge sowohl graue als beerbraune Füllen gestreift -gefunden. Auch habe ich nach Mittheilungen, welche ich Herrn ~W. W. -Edwards~ verdanke, Grund zu vermuthen, dass an _Englischen_ Rennpferden -der Rücken-Streifen häufiger an Füllen als an alten Pferden vorkommt. -Ich habe kürzlich ein Fohlen von einer Kastanien-braunen Stute (der -Tochter eines _Turkomannischen_ Hengstes und einer _Flämischen_ Stute) -und einem Kastanien-braunen _Englischen_ Rasse-Pferd gezüchtet. Dieses -Fohlen war, eine Woche alt, am Rücken gegen den Schwanz hin sowie am -Vorderkopfe mit schmalen Zebra-Streifen und an den Beinen mit blasseren -solchen Streifen versehen, die zweifelsohne alle bald verschwinden -werden. Ohne hier in Einzelnheiten noch weiter einzugehen, will ich -anführen, dass ich Fälle von Bein- und Schulter-Streifen bei Pferden -von ganz verschiedenen Rassen in verschiedenen Gegenden gesammelt -habe von _England_ bis _Ost-China_ und von _Norwegen_ im Norden bis -zum _Malayischen_ Archipel im Süden. In allen Theilen der Welt kommen -diese Streifen weitaus am öftesten an Braunen und Mäusebraunen vor. -Unter Braun schlechthin („Dun“) begreife ich hier Pferde mit einer -langen Reihe von Farben-Abstufungen von Schwarzbraun an bis fast zum -Rahmfarbigen[23]. - -Ich weiss, dass Colonel ~Hamilton Smith~, der über diesen -Gegenstand geschrieben, annimmt, unsre verschiedenen Pferde-Rassen -rührten von verschiedenen Stamm-Arten her, wovon eine, die des Braunen, -gestreift gewesen, und alle oben-beschriebenen Streifungen seyen Folge -früherer Kreutzung mit dem Braunen-Stamme. Jedoch fühle ich mich durch -diese Theorie in keiner Weise befriedigt und möchte sie nicht auf so -verschiedene Rassen in Anwendung bringen, wie das _Belgische_ -Karren-Pferd, der _Walliser_ Pony, der Renner, die schlanke -Kattywar-Rasse u. a., die in den verschiedensten Theilen der Welt -zerstreut sind. - -Wenden wir uns nun zu den Folgen der Kreutzung zwischen den -verschiedenen Arten der Pferde-Sippe: ~Rollin~ versichert, dass -der gemeine Maulesel, von Esel und Pferd, sehr oft Queerstreifen auf -den Beinen hat, und nach ~Gosse~ kommt Diess in den _Vereinten -Staaten_ in zehn Fällen neunmal vor. Ich sah einst einen Maulesel -mit so stark gestreiften Beinen, dass jedermann geneigt gewesen -seyn würde ihn vom Zebra abzuleiten; und Herr ~W. C. Martin~ -hat in seinem vorzüglichen Werke über das Pferd die Abbildung von -einem ähnlichen Maulesel mitgetheilt. In vier in Farben ausgeführten -Bildern von Bastarden des Esels mit dem Zebra fand ich die Beine viel -deutlicher gestreift als den übrigen Körper, und in einem derselben war -ein doppelter Schulter-Streifen vorhanden. An Lord ~Morton’s~ -berühmtem Bastard von einem Quagga-Hengst und einer kastanienbraunen -Stute sowie an einem nachher erzielten reinen Füllen von derselben -Stute mit einem schwarzen Araber waren die Beine viel deutlicher -queer-gestreift, als selbst beim reinen Quagga. Kürzlich, und Diess -ist ein andrer sehr merkwürdiger Fall, hat Dr. ~Gray~ (dem -noch ein zweites Beispiel dieser Art bekannt ist) einen Bastard von -Esel und Hemionus abgebildet, an welchem Bastard, obwohl der Esel nur -zuweilen und der Hemionus niemals Streifen auf den Beinen und letzter -nicht einmal einen Schulter-Streifen hat, alle vier Beine queer -gestreift und auch die Schulter mit drei Streifen wie die braunen -_Walliser_ und _Devonshirer_ Pony (S. 190) versehen ist, -und sogar einige Streifen wie beim Zebra an den Seiten des Gesichts -vorhanden sind. Diese letzte Thatsache hat mich überzeugt, dass -nicht einmal ein Farben-Streifen durch sogenannten Zufall entsteht, -daher ich allein durch diese Erscheinung an einem Bastarde von Esel -und Hemionus veranlasst wurde, Colonel ~Poole~ zu fragen, ob -solche Gesichts-Streifen jemals bei der stark gestreiften Kattywarer -Pferde-Rasse vorkommen, was er, wie wir oben gesehen, bejahete. - -Was bleibt uns nun zu diesen verschiedenen Thatsachen noch zu sagen? -Wir sehen mehre wesentlich verschiedene Arten der Pferde-Sippe durch -einfache Abänderung Streifen an den Beinen wie beim Zebra oder an der -Schulter wie beim Esel erlangen. Beim Pferde sehen wir diese Neigung -stark hervortreten, so oft eine der natürlichsten Pferde-Farben zum -Vorschein kommt. Das Aussehen der Streifen ist von keiner Veränderung -der Form und von keinem neuen Charakter begleitet. Wir sehen diese -Neigung streifig zu werden sich am meisten bei Bastarden zwischen -mehren der von einander verschiedensten Arten entwickeln. Vergleichen -wir damit den vorhergehenden Fall von den Tauben: sie rühren von einer -Stamm-Art (mit 2-3 geographischen Varietäten oder Unterarten) her, -welche blaulich von Farbe und mit einigen bestimmten Band-Zeichnungen -versehen ist, und nehmen, wenn eine ihrer Rassen in Folge einfacher -Abänderung wieder einmal eine blaue Brut liefert, unfehlbar auch -jene Bänder der Stamm-Form wieder an, doch ohne irgend eine andre -Veränderung des Rasse-Charakters. Wenn man die ältesten und ächtesten -Rassen von verschiedener Färbung mit einander kreutzt, so tritt -in den Blendlingen eine starke Neigung hervor, die ursprüngliche -schieferblaue Farbe mit den schwarzen und weissen Binden und Streifen -wieder anzunehmen. Ich habe behauptet, die wahrscheinlichste Hypothese -zur Erklärung des Wiedererscheinens sehr alter Charaktere seye die -Annahme einer „Tendenz“ in den Jungen einer jeden neuen Generation den -längst verlorenen Charakter wieder hervorzuholen, welche Tendenz in -Folge unbekannter Ursachen zuweilen zum Durchbruch komme. Dann haben -wir gesehen, dass in verschiedenen Arten des Pferde-Geschlechts die -Streifen bei den Jungen deutlicher oder gewöhnlicher als bei den Alten -sind. Wollte man nun die Tauben-Rassen, deren einige schon Jahrhunderte -lang durch reine Inzucht fortgepflanzt worden, als Spezies bezeichnen, -so wäre die Erscheinung genau dieselbe, wie bei der Pferde-Sippe. Über -Tausende und Tausende von Generationen rückwärts schauend erkenne ich -mit Zuversicht ein wie ein Zebra gestreiftes, aber sonst vielleicht -sehr abweichend davon gebautes Thier als den gemeinsamen Stamm-Vater -des Hauspferdes (rühre es nun von einem oder von mehren wilden Stämmen -her), des Esels, des Hemionus, des Quaggas, und des Zebras. - -Wer an die unabhängige Erschaffung der einzelnen Pferde-Spezies -glaubt, wird vermuthlich sagen, dass einer jeden Art die Neigung -im freien wie im gezähmten Zustande auf so eigenthümliche Weise zu -variiren anerschaffen worden seye, derzufolge sie oft wie andre Arten -derselben Sippe gestreift erscheine; und dass einer jeden derselben -eine starke Neigung anerschaffen seye bei einer Kreutzung mit Arten -aus den entferntesten Weltgegenden Bastarde zu liefern, welche in der -Streifung nicht ihren eignen Ältern, sondern andern Arten derselben -Sippe gleichen[24]. Sich zu dieser Ansicht bekennen heisst nach meiner -Meinung eine thatsächliche für eine nichtthatsächliche oder wenigstens -unbekannte Ursache aufgeben. Sie macht aus den Werken Gottes nur -Täuschung und Nachäfferei; -- und ich wollte fast eben so gerne mit den -alten und unwissenden Kosmognisten annehmen, dass die fossilen Schaalen -nie einem lebenden Thiere angehört, sondern im Gesteine erschaffen -worden seyen, um die jetzt an der See-Küste lebenden Schaalthiere -nachzuahmen. - -+Zusammenfassung.+) Wir sind in tiefer Unwissenheit über die -Gesetze, wornach Abänderungen erfolgen. Nicht in einem von hundert -Fällen dürfen wir behaupten den Grund zu kennen, warum dieser oder -jener Theil eines Organismus von dem gleichen Theile bei seinen -Ältern mehr oder weniger abweiche. Doch woimmer wir die Mittel haben -eine Vergleichung anzustellen, da scheinen in Erzeugung geringerer -Abweichungen zwischen Varietäten derselben Art wie in Hervorbringung -grösserer Unterschiede zwischen Arten einer Sippe die nämlichen -Gesetze gewirkt zu haben. Die äusseren Lebens-Bedingungen, wie Klima, -Nahrung u. dgl. haben wohl nur einige geringe Abänderungen bedingt. -Wesentlichere Folgen dürften Angewöhnung auf die Körper-Konstitution, -Gebrauch der Organe auf ihre Verstärkung, Nichtgebrauch auf ihre -Schwächung und Verkleinerung gehabt haben. Homologe Theile sind -geneigt auf gleiche Weise abzuändern und streben unter sich -zusammenzuhängen. Abänderungen in den harten und in den äusseren -Theilen berühren zuweilen weichere und innere Organe. Wenn sich ein -Theil stark entwickelt, strebt er vielleicht andren benachbarten -Theilen Nahrung zu entziehen; -- und jeder Theil des organischen -Baues, welcher ohne Nachtheil für das Individuum fortbestehen kann, -wird erhalten. Eine Veränderung der Organisation in frühem Alter -berührt auch die sich später entwickelnden Theile; dann gibt es -aber noch viele Wechselbeziehungen der Entwickelung, deren Natur -wir durchaus nicht im Stande sind zu begreifen. Vielzählige Theile -sind veränderlicher in Zahl und Struktur, vielleicht desshalb, weil -dieselben, durch Natürliche Züchtung für einzelne Verrichtungen noch -nicht genug angepasst und differenzirt sind. Aus demselben Grunde -werden wahrscheinlich auch die auf tiefer Organisations-Stufe stehenden -Organismen veränderlicher seyn, als die höher entwickelten und in -allen Beziehungen mehr differenzirten. Rudimentäre Organe bleiben -ihrer Nutzlosigkeit wegen von der Natürlichen Züchtung unbeachtet und -sind wahrscheinlich desshalb veränderlich. Spezifische Charaktere, -solche nämlich, welche erst seit der Abzweigung der verschiedenen Arten -einer Sippe von einem gemeinsamen Stamm-Vater auseinander gelaufen, -sind veränderlicher als generische Merkmale, welche sich schon lange -als solche vererbt haben, ohne in dieser Zeit eine Abänderung zu -erleiden. Wir haben hier nur auf die einzelnen noch veränderlichen -Theile und Organe Bezug genommen, weil sie erst neuerlich variirt -haben und einander unähnlich geworden sind; wir haben jedoch schon -im zweiten Kapitel gesehen, dass das nämliche Princip auch auf das -ganze Thier anwendbar ist; denn in einem Bezirke, wo viele Arten -einer Sippe gefunden werden, d. h. wo früher viele Abänderung und -Differenzirung stattgefunden und die Fabrizirung neuer Arten-Formen -lebhaft betrieben worden ist, in diesem Bezirke und unter diesen -Arten finden wir jetzt durchschnittlich auch die meisten Varietäten. --- Sekundäre Geschlechts-Charaktere sind sehr veränderlich, und -solche Charaktere weichen am meisten in den Arten einer nämlichen -Gruppe ab. Veränderlichkeit in denselben Theilen der Organisation -hat gewöhnlich die sekundären Sexual-Verschiedenheiten für die -zwei Geschlechter einer Spezies wie die Arten-Verschiedenheiten -für die mancherlei Arten der nämlichen Sippe geliefert. Ein in -ausserordentlicher Grösse oder Weise entwickeltes Glied oder Organ --- nämlich vergleichungsweise mit der Entwickelung desselben Gliedes -oder Organes in den nächst-verwandten Arten genommen -- muss seit -dem Auftreten der Sippe ein ausserordentliches Maass von Abänderung -durchlaufen haben, woraus wir dann auch begreiflich finden, warum -dasselbe noch jetzt in höherem Grade als andre Theile Veränderungen -unterliegt; denn Abänderung ist ein langsamer und lang-währender -Prozess, und die Natürliche Züchtung wird in solchen Fällen noch nicht -die Zeit gehabt haben, das Streben nach fernerer Veränderung und nach -der Rückkehr zu einem weniger modifizirten Zustande zu überwinden. -Wenn aber eine Art mit irgend einem ausserordentlich entwickelten -Organe Stamm vieler abgeänderter Nachkommen geworden -- was nach meiner -Ansicht ein sehr langsamer und daher viele Zeit erheischender Vorgang -ist --, dann mag auch die Natürliche Züchtung im Stande gewesen seyn -dem Organe, wie ausserordentlich es auch entwickelt seyn mag, schon -ein festes Gepräge aufzudrücken. Haben Arten nahezu die nämliche -Konstitution von einem Stamm-Vater geerbt und sind sie ähnlichen -Einflüssen ausgesetzt gewesen, so werden sie natürlich auch geneigt -seyn, analoge Abänderungen zu bilden und werden zuweilen zu einigen der -Charaktere ihrer frühesten Ahnen zurückkehren. Obwohl neue und wichtige -Modifikationen aus dieser Umkehr und jenen analogen Abänderungen nicht -hervorgehen werden, so tragen solche Modifikationen doch zur Schönheit -und harmonischen Manchfaltigkeit der Natur bei. - -Was aber auch die Ursache des ersten kleinen Unterschiedes zwischen -Ältern und Nachkommen seyn mag, und eine Ursache muss dafür da seyn, -so ist es doch nur die stete Häufung solcher für das Individuum -nützlichen Unterschiede durch die Natürliche Züchtung, welche alle -wichtigeren Abänderungen der Struktur hervorbringt, durch welche die -zahllosen Wesen unsrer Erd-Oberfläche in den Stand gesetzt werden mit -einander um das Daseyn zu ringen, und wodurch das hiezu am besten -ausgestaltete die andern überlebt. - - - - -Sechstes Kapitel. - -Schwierigkeiten der Theorie. - - Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. -- - Übergänge. -- Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. - -- Übergänge in der Lebensweise. -- Differenzirte Gewohnheiten in - einerlei Art. -- Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer - Verwandten. -- Organe von äusserster Vollkommenheit. -- Mittel der - Übergänge. -- Schwierige Fälle. -- Natura non facit saltum. -- - Organe von geringer Wichtigkeit. -- Organe nicht in allen Fällen - absolut vollkommen. -- Das Gesetz von der Einheit des Typus und - den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen - Züchtung. - - -Schon lange bevor der Leser zu diesem Theile meines Buches gelangt ist, -mag sich ihm eine Menge von Schwierigkeiten dargeboten haben. Einige -derselben sind von solchem Gewichte, dass ich nicht an sie denken kann, -ohne wankend zu werden; aber nach meinem besten Wissen sind die meisten -von ihnen nur scheinbare, und diejenigen, welche in Wahrheit beruhen, -dürften meiner Theorie nicht verderblich werden. - -Diese Schwierigkeiten und Einwendungen lassen sich in folgende Rubriken -zusammenfassen: Erstens: wenn Arten aus andern Arten durch unmerkbar -kleine Abstufungen entstanden sind, warum sehen wir nicht überall -unzählige Übergangs-Formen? Warum bietet nicht die ganze Natur ein -Mischmasch von Formen statt der wohl begrenzt scheinenden Arten dar? - -Zweitens: Ist es möglich, dass ein Thier z. B. mit der Organisation -und Lebensweise einer Fledermaus durch Umbildung irgend eines -andren Thieres mit ganz verschiedener Lebensweise entstanden ist? -Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einerseits Organe von -so unbedeutender Wesenheit, wie z. B. den Schwanz einer Giraffe, -welcher als Fliegenwedel dient, und anderseits Organe von so -wundervoller Struktur wie das Auge hervorbringe, dessen unnachahmliche -Vollkommenheit wir noch kaum ganz begreifen. - -Drittens: Können Instinkte durch Natürliche Züchtung erlangt und -abgeändert werden? Was sollen wir z. B. zu einem so wunderbaren -Instinkte sagen, wie der ist, welcher die Biene veranlasst Zellen -zu bilden, durch welche die Entdeckungen tiefsinniger Mathematiker -praktisch vornweg genommen sind. - -Viertens: Wie ist es zu begreifen, dass Spezies bei der Kreutzung mit -einander unfruchtbar sind oder unfruchtbare Nachkommen geben, während -die Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten ungeschwächt bleibt. - -Die zwei ersten dieser Hauptfragen sollen hier und die letzten, -Instinkt und Bastard-Bildung nämlich, in besondren Kapiteln erörtert -werden. - -+Mangel oder Seltenheit vermittelnder Varietäten.+) Da Natürliche -Züchtung nur durch Erhaltung nützlicher Abänderungen wirkt, so wird -jede neue Form in einer schon vollständig bevölkerten Gegend streben -ihre eignen minder vervollkommneten Ältern so wie alle andern minder -vervollkommnete Formen, mit welchen sie in Bewerbung kommt, zu ersetzen -und endlich zu vertilgen. Natürliche Züchtung geht, wie wir gesehen, -mit dieser Verrichtung Hand in Hand. Wenn wir daher jede Spezies -als Abkömmling von irgend einer andern unbekannten Form betrachten, -so werden Urstamm und Übergangs-Formen gewöhnlich schon durch den -Bildungs- und Vervollkommnungs-Prozess der neuen Form vertilgt seyn. - -Wenn nun aber dieser Theorie zufolge zahllose Übergangs-Formen -existirt haben müssen, warum finden wir sie nicht in unendlicher Menge -eingebettet in den Schichten der Erd-Rinde? Es wird angemessener seyn, -diese Frage in dem Kapitel von der Unvollständigkeit der geologischen -Urkunden zu erörtern. Hier will ich nur anführen, dass ich die -Antwort hauptsächlich darin zu finden glaube, dass jene Urkunden -unvergleichlich minder vollständig sind, als man gewöhnlich annimmt, -und dass jene Unvollständigkeit der geologischen Urkunden hauptsächlich -davon herrührt, dass organische Wesen keine sehr grosse Tiefen des -Meeres bewohnen, daher ihre Reste nur von solchen Sediment-Massen -umschlossen und für künftige Zeiten erhalten werden konnten, welche -hinreichend dick und ausgedehnt gewesen, um einem ungeheuren Maasse -spätrer Zerstörung zu entgehen. Und solche Fossilien-führende Massen -können sich nur da ansammeln, wo viele Niederschläge in seichten -Meeren während langsamer Senkung des Bodens abgelagert werden. Diese -Zufälligkeiten werden nur selten und nur nach ausserordentlich langen -Zwischenzeiten zusammentreffen. Während der Meeres-Boden in Ruhe oder -in Hebung begriffen ist oder nur schwache Niederschläge stattfinden, -bleiben die Blätter unsrer geologischen Geschichtsbücher unbeschrieben. -Die Erd-Rinde ist ein weites Museum, dessen naturgeschichtlichen -Sammlungen aber nur in einzelnen Zeitabschnitten eingebracht worden -sind, die unendlich weit auseinander liegen. - -Man kann zwar einwenden, dass, wenn einige nahe-verwandte Arten -jetzt in einerlei Gegend beisammen wohnen, man gewiss viele -Zwischenformen finden müsse. Nehmen wir einen einfachen Fall an. Wenn -man einen Kontinent von Norden nach Süden durchreiset, so trifft man -gewöhnlich von Zeit zu Zeit auf andre einander nahe verwandte oder -stellvertretende Arten, welche offenbar ungefähr dieselbe Stelle in dem -Natur-Haushalte des Landes einnehmen. Diese stellvertretenden Arten -grenzen oft an einander oder greifen in ihr Gebiet gegenseitig ein, -und wie die einen seltener und seltener, so werden die andern immer -häufiger, bis sie einander ersetzen. Vergleichen wir diese Arten da, wo -sie sich mengen, miteinander, so sind sie in allen Theilen ihres Baues -gewöhnlich noch eben so vollkommen von einander unterschieden, als wie -die aus der Mitte des Verbreitungs-Bezirks einer jeden entnommenen -Muster. Nun sind aber nach meiner Theorie alle diese Arten von einem -gemeinsamen Stamm-Vater ausgegangen und ist jede derselben erst -durch den Modifikations-Prozess den Lebensbedingungen ihrer Gegend -angepasst worden, hat dort ihren Urstamm sowohl als alle Mittelstufen -zwischen ihrer ersten und jetzigen Form ersetzt und verdrängt, so -dass wir jetzt nicht mehr erwarten dürfen, in jeder Gegend noch -zahlreiche Übergangs-Formen zu finden, obwohl dieselben existirt haben -müssen und ihre Reste wohl auch in die Erd-Schichten aufgenommen -worden seyn mögen. Aber warum finden wir in den Zwischengegenden, wo -doch die äusseren Lebens-Bedingungen einen Übergang von denen des -einen in die des andren Bezirkes bilden, nicht auch nahe verwandte -Übergangs-Varietäten? Diese Schwierigkeit hat mir lange Zeit viel -Kopfzerbrechen verursacht; indessen glaube ich jetzt, sie lasse sich -grossentheils erklären. - -Vor Allem sollten wir sehr vorsichtig mit der Annahme seyn, dass eine -Gegend, weil sie jetzt zusammenhängend ist, auch schon seit langer -Zeit zusammenhängend gewesen seye. Die Geologie veranlasst uns zu -glauben, dass fast jeder Kontinent noch in der letzten Tertiär-Zeit -in viele Inseln getheilt gewesen seye; und auf solchen Inseln -getrennt können sich verschiedene Arten gebildet haben, ohne die -Möglichkeit Mittelformen in den Zwischengegenden zu liefern. In Folge -der Veränderungen der Land-Form und des Klimas mögen auch die jetzt -zusammenhängenden Meeres-Gebiete noch in verhältnissmässig später Zeit -weniger zusammenhängend und einförmig gewesen seyn. Doch will ich von -diesem Mittel der Schwierigkeit zu entkommen absehen; denn ich glaube, -dass viele vollkommen unterschiedene Arten auf ganz zusammenhängenden -Gebieten entstanden sind, wenn ich auch nicht daran zweifle, dass die -früher unterbrochene Beschaffenheit jetzt zusammenhängender Gebiete -einen wesentlichen Antheil an der Bildung neuer Arten zumal frei -wandernder und sich kreutzender Thiere gehabt habe. - -Hinsichtlich der jetzigen Verbreitung der Arten über weite Flächen -finden wir, dass sie gewöhnlich ziemlich zahlreich auf einem grossen -Theile derselben vorkommen, dann aber ziemlich rasch gegen die Grenzen -hin immer seltener werden und endlich ganz verschwinden; daher das -neutrale Gebiet zwischen zwei stellvertretenden Arten gewöhnlich nur -schmal ist im Verhältniss zu demjenigen, welches eine jede von ihnen -eigenthümlich bewohnt. Wir machen dieselbe Bemerkung auch, wenn wir -an Gebirgen emporsteigen, und zuweilen ist es sehr auffällig, wie -plötzlich, nach ~Alphonse DeCandolle’s~ Beobachtung, eine -gemeine Art in den Alpen verschwindet. ~Edw. Forbes~ hat -dieselbe Wahrnehmung gemacht, als er die Bewohner des See-Grundes mit -dem Schleppnetze herauf fischte. Diese Thatsache muss alle diejenigen -in Verlegenheit setzen, welche die äusseren Lebens-Bedingungen, wie -Klima und Höhe, als die allmächtigen Ursachen der Verbreitung der -Organismen-Formen betrachten, indem der Wechsel von Klima und Höhe -oder Tiefe überall ein allmählicher ist. Wenn wir uns aber erinnern, -dass fast jede Art, mitten in ihrer Heimath sogar, zu unermesslicher -Zahl anwachsen würde, wenn sie nicht in Mitbewerbung mit andern Arten -stünde, -- dass fast alle von andern Arten leben oder ihnen zur Nahrung -dienen, -- kurz dass jedes organische Wesen mittelbar oder unmittelbar -in innigster Beziehung zu andern Organismen steht, so müssen wir -erkennen, dass die Verbreitung der Bewohner einer Gegend keineswegs -allein von der unmerklichen Veränderung physikalischer Bedingungen, -sondern grossentheils von der Anwesenheit oder Abwesenheit andrer Arten -abhängt, von welchen sie leben, durch welche sie zerstört werden, oder -+mit+ welchen sie in Mitbewerbung stehen; und da diese Arten -bereits eine bestimmte Begrenzung haben und nicht mehr unmerklich in -einander übergehen, so muss die Verbreitung einer Spezies, welche von -der einen oder andern abhängt, scharf umgrenzt werden. Überdiess muss -jede Art an den Grenzen ihres Verbreitungs-Bezirkes, wo ihre Anzahl -ohnediess geringer wird, durch Schwankungen in der Menge ihrer Feinde -oder ihrer Beute oder in den Jahreszeiten sehr oft einer gänzlichen -Zerstörung ausgesetzt seyn, und es mag auch hiedurch die schärfere -Umschreibung ihrer geographischen Verbreitung mit bedingt werden. - -Wenn meine Meinung richtig ist, dass verwandte oder stellvertretende -Arten, welche ein zusammenhängendes Gebiet bewohnen, gewöhnlich so -vertheilt sind, dass jede von ihnen eine weite Strecke einnimmt, -und dass diese Strecken durch verhältnissmässig enge neutrale -Zwischenräume getrennt werden, in welchen jede Art rasch an Menge -abnimmt, -- dann wird diese Regel, da Varietäten nicht wesentlich -von Arten verschieden sind, wohl auf die einen wie auf die andern -Anwendung finden; und wenn wir in Gedanken eine veränderliche Spezies -einem sehr grossen Gebiete anpassen, so werden wir zwei Varietäten -jenen zwei grossen Untergebieten und eine dritte Varietät dem schmalen -Zwischengebiete anzupassen haben. Diese Zwischen-Varietät wird, weil -sie einen geringeren Raum bewohnt, auch in geringerer Anzahl vorhanden -seyn; und in Wirklichkeit genommen passt diese Regel, so viel ich -ermitteln kann, ganz gut auf Varietäten im Natur-Zustande. Ich habe -triftige Belege für diese Regel in Varietäten von Balanus-Arten -gefunden, welche zwischen ausgeprägteren Varietäten derselben das -Mittel halten. Und ebenso scheint es nach den Belehrungen, die ich den -Herren ~Watson~, ~Asa Gray~ und ~Wollaston~ verdanke, dass gewöhnlich, -wenn Mittel-Varietäten zwischen zwei andren Formen vorkommen, sie der -Zahl nach weit hinter jenen zurückstehen, die sie verbinden. Wenn -wir nun diese Thatsachen und Belege als richtig annehmen und daraus -folgern, dass Varietäten, welche zwei andre Varietäten mit einander -verbinden, gewöhnlich in geringerer Anzahl als diese letzten vorhanden -waren, so dürfte man daraus auch begreifen, warum Zwischen-Varietäten -keine lange Dauer haben und der allgemeinen Regel zufolge früher -vertilgt werden und verschwinden müssen, als diejenigen Formen, welche -sie ursprünglich mit einander verketten. - -Denn eine in geringerer Anzahl vorhandene Form wird, wie schon -früher bemerkt worden, überhaupt mehr als die in reichlicher Menge -verbreiteten in Gefahr seyn ausgetilgt zu werden; und in diesem -besondren Falle dürfte die Zwischenform vorzugsweise den Angriffen der -zwei nahe verwandten Formen zu ihren beiden Seiten ausgesetzt seyn. -Aber eine weit wichtigere Betrachtung scheint mir die zu seyn, dass -während des Prozesses weitrer Umbildung, wodurch nach meiner Theorie -zwei Varietäten zu zwei ganz verschiedenen Spezies erhoben werden, -diese zwei Varietäten, soferne sie grössere Flächen bewohnen, auch -in grösserer Anzahl vorhanden sind und daher in grossem Vortheile -gegen die mittle Varietät stehen, welche in kleinrer Anzahl nur einen -schmalen Zwischenraum bewohnt. Denn Formen, welche in grössrer Zahl -bestehen, haben immer eine bessre Aussicht, als die gering-zähligen, -innerhalb einer gegebenen Periode noch andre nützliche Abänderungen -zur Natürlichen Züchtung darzubieten. Daher in dem Kampfe um’s Daseyn -die gemeineren Formen streben werden die selteneren zu verdrängen und -zu ersetzen, welche sich nur langsam abzuändern und zu vervollkommnen -vermögen. Es scheint mir dasselbe Prinzip zu seyn, wornach, wie im -zweiten Kapitel gezeigt worden, die gemeinen Arten einer Gegend -durchschnittlich auch eine grössre Anzahl von Varietäten darbieten als -die selteneren. Ich will nun, um meine Meinung besser zu erläutern, -einmal annehmen, es handle sich um drei Schaaf-Varietäten, von -welchen eine für eine ausgedehnte Gebirgs-Gegend, die zweite nur für -einen verhältnissmässig schmalen Hügel-Streifen und die dritte für -weite Ebenen an deren Fusse geeignet seye; ich will ferner annehmen, -die Bewohner seyen alle mit gleichem Schick und Eifer bestrebt, -ihre Rassen durch Züchtung zu verbessern, so wird in diesem Falle -die Wahrscheinlichkeit des Erfolges ganz auf Seiten der grossen -Heerden-Besitzer im Gebirge und in der Ebene seyn, weil diese ihre -Rassen schneller als die kleinen in der schmalen hügeligen Zwischenzone -veredeln, so dass die verbesserte Rasse des Gebirges oder der Ebene -bald die Stelle der minder verbesserten Hügelland-Rasse einnehmen wird; -und so werden die zwei Rassen, welche anfänglich in grosser Anzahl -existirt haben, in unmittelbare Berührung mit einander kommen ohne -fernere Einschaltung der Zwischen-Rasse. - -In Summe: glaube ich, dass Arten leidlich gut umschrieben seyn können, -ohne zu irgend einer Zeit ein unentwirrtes Chaos veränderlicher und -vermittelnder Formen darzubieten: 1) weil sich neue Varietäten nur -sehr langsam bilden, indem Abänderung ein äusserst träger Vorgang -ist und Natürliche Züchtung so lange nichts auszurichten vermag, -als nicht günstige Abweichungen vorkommen und nicht ein Platz im -Natur-Haushalte der Gegend durch Modifikation eines oder des andern -ihrer Bewohner besser ausgefüllt werden kann. Und solche neue Stellen -werden von langsamen Veränderungen des Klimas oder der zufälligen -Einwanderung neuer Bewohner und, in wahrscheinlich viel höherem Grade, -davon abhängen, dass einige von den alten Bewohnern langsam abgeändert -werden, während jene neu hervor-gebrachten und eingewanderten Formen -mit einigen alten in Wechselwirkung gerathen: daher wir in jeder Gegend -und zu jeder Zeit nur wenige Arten zu sehen bekommen, welche geringe -einigermassen bleibende Modifikationen der Organisation darbieten. Und -Diess sehen wir auch sicherlich so. - -Zweitens: viele jetzt zusammenhängende Bezirke der Erd-Oberfläche -müssen noch in der jetzigen Erd-Periode in verschiedene Theile getrennt -gewesen seyn, worin viele Formen zumal sich paarender und wandernder -Thiere ganz von einander geschieden sich weit genug zu differenziren -vermochten, um als Spezies gelten zu können. Zwischen-Varietäten -zwischen diesen Spezies und ihrer gemeinsamen Stamm-Form müssen wohl -vordem in jedem dieser Bruchtheile des Bezirkes gewesen seyn, sind aber -später durch Natürliche Züchtung ersetzt und ausgetilgt worden, so dass -sie lebend nicht mehr vorhanden sind. - -Drittens: Wenn zwei oder mehre Varietäten in den verschiedenen -Theilen eines zusammenhängenden Bezirkes gebildet worden sind, so -werden wahrscheinlich auch Zwischen-Varietäten in den schmalen -Zwischenzonen entstanden seyn, aber nicht lange gewährt haben. Denn -diese Zwischen-Varietäten werden aus schon entwickelten Gründen -(und namentlich, was wir über die jetzige Verbreitung einander -nahe-verwandter Arten und ausgebildeten Varietäten wissen) in den -Zwischenzonen in geringrer Anzahl, als die Haupt-Varietäten, die -sie verbinden, in deren eigenen Bezirken vorhanden seyn. Schon aus -diesem Grunde allein werden die Zwischen-Varietäten gelegentlicher -Vertilgung ausgesetzt seyn, werden aber zuverlässig während des -Prozesses weitrer Modifikation von den Formen, welche sie mit einander -verketten, meistens desshalb verdrängt und ersetzt werden, weil diese -ihrer grösseren Anzahl wegen mehr abändern und daher leichter durch -Natürliche Züchtung noch weiter verbessert und dadurch gesichert werden -können. - -Letztens müssen, nicht bloss zu einer sondern zu allen Zeiten, wenn -meine Theorie richtig ist, gewiss auch zahllose Zwischen-Varietäten -zu Verbindung der Arten einer nämlichen Gruppe mit einander existirt -haben, aber auch gerade der Prozess der Natürlichen Züchtung -fortwährend thätig gewesen seyn, sowohl deren Stamm-Formen als die -Mittelglieder selbst zu vertilgen. Daher ein Beweis ihrer früheren -Existenz höchstens noch unter den Fossil-Resten der Erd-Rinde gefunden -werden könnte, welche aber diese Urkunden früherer Zeiten, wie in einem -späteren Abschnitte gezeigt werden soll, nur in sehr unvollkommener und -unzusammenhängender Weise aufzubewahren geeignet ist. - -+Entstehung und Übergänge von Organismen mit eigenthümlicher -Lebens-Weise und Organisation.+) Gegner meiner Ansichten haben -mir die Frage entgegengehalten, wie denn z. B. ein Land-Raubthier in -ein Wasser-Raubthier habe verwandelt werden können, da ein Thier in -einem Zwischenzustande nicht wohl zu bestehen vermocht hätte? Es würde -leicht seyn zu zeigen, dass innerhalb derselben Raubthier-Gruppe Thiere -vorhanden sind, welche jede Mittelstufe zwischen einfachen Land- und -ächten Wasser-Thieren einnehmen und daher durch ihre verschiedene -Lebens-Weise wohl geeignet sind, in dem Kampfe mit andern um’s Daseyn -ihre Stelle zu behaupten. So hat z. B. die nordamerikanische Mustela -vison eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und gleicht der Fischotter -in Pelz, kurzen Beinen und Form des Schwanzes. Den Sommer hindurch -taucht dieses Thier ins Wasser und nährt sich von Fischen; während -des langen Winters aber verlässt es die gefrorenen Gewässer und lebt -gleich andern Iltissen von Mäusen und Landthieren. Hätte man einen -andern Fall gewählt und mir die Frage gestellt, auf welche Weise ein -Insekten-fressender Vierfüsser in eine fliegende Fledermaus verwandelt -worden seye, so wäre diese Frage weit schwieriger zu beantworten. -Doch haben nach meiner Meinung solche einzelne Schwierigkeiten kein -allzugrosses Gewicht. - -Hier wie in anderen Fällen befinde ich mich in dem grossen Nachtheil, -aus den vielen treffenden Belegen, die ich gesammelt habe, nur ein oder -zwei Beispiele von einem Übergang der Lebens-Weise und Organisation -zwischen nahe verwandten Arten einer Sippe und von vorübergehend oder -bleibend veränderten Gewohnheiten einer nämlichen Spezies anführen zu -können. Und es scheint mir selbst, dass nichts weniger als ein langes -Verzeichniss solcher Beispiele genügend seye, die Schwierigkeiten der -Erklärung eines so eigenthümlichen Falles zu beseitigen, wie der von -der Fledermaus ist. - -Sehen wir uns in der Familie der Eichhörnchen um, so finden wir da die -erste schwache Übergangs-Stufe zu den sogen. fliegenden Fleder-Mäusen -angedeutet in dem zweizeilig abgeplatteten Schwanze der einen und, nach -~J. Richardson’s~ Bemerkung, in dem verbreiterten Hintertheile -und der volleren Haut an den Seiten des Körpers der andern Arten; denn -bei Flughörnchen sind die Hintergliedmassen und selbst der Anfang des -Schwanzes durch eine ansehnliche Ausbreitung der Haut mit einander -verbunden, welche als Fallschirm dient und diese Thiere befähigt, auf -erstaunliche Entfernungen von einem Baum zum andern durch die Luft zu -gleiten. Es ist kein Zweifel, dass jeder Art von Eichhörnchen in deren -Heimath jeder Theil dieser eigenthümlichen Organisation nützlich ist, -indem er sie in den Stand setzt den Verfolgungen der Raubvögel oder -andrer Raubthiere zu entgehen, reichlichere Nahrung einzusammeln und -zweifelsohne auch die Gefahr jeweiligen Fallens zu vermindern. Daraus -folgt aber noch nicht, dass die Organisation eines jeden Eichhörnchens -auch die bestmögliche für alle natürlichen Verhältnisse seye. Gesetzt, -Klima und Vegetation verändern sich, neue Nagethiere treten als -Mitbewerber auf, und neue Raubthiere wandern ein oder alte erfahren -eine Abänderung, so müssten wir aller Analogie nach auch vermuthen, -dass wenigstens einige der Eichhörnchen sich an Zahl vermindern oder -ganz aussterben werden, wenn ihre Organisation nicht ebenfalls in -entsprechender Weise abgeändert und verbessert wird. Daher ich, zumal -bei einem Wechsel der äussern Lebens-Bedingungen, keine Schwierigkeit -für die Annahme finde, dass Individuen mit immer vollerer Seiten-Haut -vorzugsweise dürften erhalten werden, weil dieser Charakter erblich -und jede Verstärkung desselben nützlich ist, bis durch Häufung aller -einzelnen Effekte dieses Prozesses natürlicher Züchtung aus dem -Eichhörnchen endlich ein Flughörnchen geworden ist. - -Sehen wir nun den fliegenden Lemur oder den Galeopithecus an, welcher -vordem irriger Weise zu den Fledermäusen versetzt worden ist. Er -hat eine sehr breite Seitenhaut, welche von den Hinterenden der -Kinnladen bis zum Schwanze erstreckt die Beine und verlängerten Finger -einschliesst, auch mit einem Ausbreiter-Muskel versehen ist. Obwohl -jetzt keine vermittelnden Zwischenstufen zwischen den gewöhnlichen -Lemuriden und dem durch die Luft gleitenden Galeopithecus vorhanden -sind, so sehe ich doch keine Schwierigkeiten für die Annahme, dass -solche Zwischenglieder einmal existirt und sich auf ähnliche Art von -Stufe zu Stufe entwickelt haben, wie oben die zwischen den Eich- -und Flug-Hörnchen, indem jeder weitere Schritt zur Verbesserung der -Organisation in dieser Richtung für den Besitzer von Nutzen war. Auch -kann ich keine unüberwindliche Schwierigkeit erblicken weiter zu -unterstellen, dass sowohl der Vorderarm als die durch die Flughaut -verbundenen Finger des Galeopithecus sich in Folge Natürlicher Züchtung -allmählich verlängert haben, und Diess würde genügen denselben, was die -Flugwerkzeuge betrifft, in eine Fledermaus zu verwandeln. Bei jenen -Fledermäusen, deren Flughaut nur von der Schulter bis, unter Einschluss -der Hinterbeine, zum Schwanze geht, sehen wir vielleicht noch die -Spuren einer Vorrichtung, welche ursprünglich mehr dazu gemacht war -durch die Luft zu gleiten, als zu fliegen. - -Wenn etwa ein Dutzend eigenthümlich gebildeter Vogel-Sippen erloschen -oder uns unbekannt geblieben wären, wie hätten wir nur die Vermuthung -wagen dürfen, dass es jemals Vögel gegeben habe, welche gleich der -Dickkopf-Ente (Micropterus ~Eyton’s~) ihre Flügel nur wie -Klappen zum Flattern über dem Wasserspiegel hin, oder gleich den -Fettgänsen wie Ruder im Meere und wie Vorderbeine auf dem Lande -oder gleich dem Strausse wie Seegel zur Beförderung des Laufes -gebrauchten, oder endlich gleich dem Apteryx gar nicht benützten. -Und doch ist die Organisation eines jeden dieser Vögel unter den -Lebens-Bedingungen, worin er sich befindet und um sein Daseyn kämpft, -für ihn vortheilhaft, wenn auch nicht nothwendig die beste unter -allen möglichen Einrichtungen. Aus diesen Bemerkungen soll übrigens -nicht gefolgert werden, dass irgend eine der eben angeführten -Abstufungen der Flügel-Bildungen, die vielleicht alle nur Folge des -Nichtgebrauches sind, einer natürlichen Stufen-Reihe angehöre, auf -welcher emporsteigend die Vögel das vollkommene Flug-Vermögen erlangt -haben; aber sie können wenigstens zu zeigen dienen, was für mancherlei -Wege des Übergangs möglich sind. - -Wenn man sieht, dass eine kleine Anzahl Thiere aus den Wasser-athmenden -Klassen der Kruster und Mollusken zum Leben auf dem Lande geschickt -sind, wenn man sieht, dass es fliegende Vögel, fliegende Säugthiere, -fliegende Insekten von den verschiedenartigsten Typen gibt und vordem -auch fliegende Reptilien gegeben hat, so wird es auch begreiflich, dass -fliegende Fische, welche jetzt mit Hilfe ihrer flatternden Brustflossen -sich in schiefer Richtung über den See-Spiegel erheben und in weitem -Bogen durch die Luft gleiten, allmählich zu vollkommen beflügelten -Thieren umgewandelt werden können. Und wäre Diess einmal bewirkt, wer -würde sich dann je einbilden, dass sie in einer früheren Zeit Bewohner -des offenen Meeres gewesen seyen und ihre beginnenden Flug-Organe, wie -uns jetzt bekannt, bloss dazu gebraucht haben, dem Rachen andrer Fische -zu entgehen. - -Wenn wir ein Organ zu irgend einem besondren Zwecke hoch ausgebildet -sehen, wie eben die Flügel des Vogels zum Fluge, so müssen wir -bedenken, dass solche Thiere auf der ersten Anfangs-Stufe dieser -Bildung stehend selten die Aussicht hatten sich bis auf unsre Tage -zu erhalten, eben weil sie durch den Vervollkommnungs-Prozess der -Natürlichen Züchtung immer wieder von andren weiter fortgeschrittenen -Formen ersetzt worden seyn müssen. Wir werden ferner bedenken, -dass Übergangs-Stufen zwischen zu ganz verschiedenen Lebens-Weisen -dienenden Bildungen in früherer Zeit selten in grosser Anzahl und -mit mancherlei untergeordneten Formen ausgebildet worden seyn mögen. -Doch, um zu unsrem fliegenden Fische zurückzukehren, so scheint es -nicht sehr glaublich, dass zu wirklichem Fluge befähigte Fische in -vielerlei untergeordneten Formen zur Erhaschung von mancherlei Beute -auf mancherlei Wegen, zu Wasser und zu Land entwickelt worden seyen, -bis dieselben ein entschiedenes Übergewicht über andre Thiere im -Kampf ums Daseyn erlangten. Daher die Wahrscheinlichkeit, Arten auf -Übergangsstufen der Organisation noch im fossilen Zustande zu entdecken -immer nur gering seyn wird, weil sie in geringerer Anzahl als die Arten -mit völlig entwickelten Bildungen existirt haben. - -Ich will nun zwei oder drei Beispiele abgeänderter und -auseinander-gelaufener Lebensweisen bei Individuen einer nämlichen -Art anführen. Vorkommenden Falles wird es der Natürlichen Züchtung -leicht seyn, ein Thier durch irgend eine Abänderung seines Baues -für seine veränderte Lebensweise oder ausschliesslich für nur eine -seiner verschiedenen Gewohnheiten geschickt zu machen. Es ist aber -schwer und für uns unwesentlich zu sagen, ob im Allgemeinen zuerst -die Gewohnheiten und dann die Organisation sich ändere, oder ob -geringe Modifikationen des Baues zu einer Änderung der Gewohnheiten -führen; wahrscheinlich ändern beide gleichzeitig ab. Was Änderung -der Gewohnheiten betrifft, so würde es genügen auf die Menge -_Britischer_ Insekten-Arten zu verweisen, welche jetzt von -ausländischen Pflanzen oder ganz ausschliesslich von Kunst-Erzeugnissen -leben. Vom Auseinandergehen der Gewohnheiten liessen sich zahllose -Beispiele anführen. Ich habe oft eine _Südamerikanische_ -Würger-Art (Saurophagus sulphuratus) beobachtet, als sie wie ein -Thurmfalke über einem Fleck und dann wieder über einem andern schwebte -und ein andermal steif am Rande des Wassers stund und dann plötzlich -wie ein Eisvogel auf einen Fisch hinabstürzte. In unsrer eignen Gegend -sieht man die Kohlmeise (Parus major) bald fast wie einen Baumläufer -an den Zweigen herum klimmen, bald nach Art des Würgers kleine Vögel -durch Hiebe auf den Kopf tödten; oft habe ich sie die Saamen des -Eibenbaumes auf einem Zweige aufhämmern und dann wieder sie wie ein -Nusshacker aufbrechen sehen. In _Nord-Amerika_ schwimmt nach -~Hearne’s~ Beobachtung der schwarze Bär bis vier Stunden lang -mit weit geöffnetem Munde im Wasser umher, um fast nach Art der Wale -Wasser-Insekten zu fangen[25]. - -Da wir zuweilen Individuen Gewohnheiten befolgen sehen, welche von -denen andrer Individuen ihrer Art und andrer Arten ihrer Sippe weit -abweichen, so hätten wir nach meiner Theorie zu erwarten, dass solche -Individuen mitunter zur Entstehung neuer Arten mit abweichenden Sitten -und einer mehr oder weniger modifizirten Organisation Veranlassung -geben. Und solche Fälle kommen in der Natur vor. Kann es ein -treffenderes Beispiel von Anpassung geben, als den Specht, welcher an -Bäumen umherklettert, um Insekten in den Rissen der Rinde aufzusuchen? -Und doch gibt es in _Nord-Amerika_ Spechte, welche grossentheils -von Früchten leben, und andre mit verlängerten Flügeln, welche Insekten -im Fluge haschen; und auf den Ebenen von _La Plata_, wo nicht -ein Baum wächst, gibt es einen Specht (Colaptes campestris), welcher -zwei Zehen vorn und zwei hinten, eine lange spitze Zunge, steife -Schwanz-Federn und einen geraden kräftigen Schnabel besitzt. Doch -sind die Schwanzfedern weniger steif als bei den typischeren Arten, -und dienen dem Vogel, wenn er sich senkrecht zum Boden herablassen -will. Auch der Schnabel ist weniger gerade, obwohl stark genug, um ihn -ins Holz einzuhacken. Eine andere Erläuterung der verschiedenartigen -Gewohnheiten dieser Vögel-Gruppe bietet nur ein _Mexikanischer_ -Colaptes dar, welcher nach ~de Saussure~ Löcher in hartem Holze -aushöhlt um einen Vorrath von Eicheln für seine künftige Verzehrung -darin unterzubringen. Demnach ist der Specht von _La Plata_ in -allen wesentlichen Theilen seiner Organisation ein ächter Specht und -ist auch bis vor kurzem in der typischen Sippe untergebracht worden. -So unbedeutende Charaktere sogar wie seine Färbung, der schrille Ton -seiner Stimme und sein welliger Flug, Alles überzeugte mich von seiner -nahen Bluts-Verwandtschaft mit unseren gewöhnlichen Spechten. Aber -dieser Specht klettert, wie auch der genaue ~Azara~ bereits -versichert, niemals an Bäumen. - -Sturmvögel sind unter allen Vögeln diejenigen, die am besten fliegen -und am meisten an das hohe Meer gebunden sind; und doch gibt es in den -ruhigen stillen Meerengen des Feuerlandes eine Art, Puffinuria Berardi, -die nach ihrer Lebensweise im Allgemeinen, nach ihrer erstaunlichen -Fähigkeit zu tauchen, nach ihrer Art zu schwimmen und zu fliegen, wenn -sie gegen ihren Willen zu fliegen genöthigt wird, von Jedem für einen -Alk oder Lappentaucher (Colymbus) gehalten werden würde; sie ist aber -ihrem Wesen nach ein Sturmvogel nur mit einigen tief eindringenden -Änderungen der Organisation; während am Spechte von _La Plata_ -der Körper-Bau nur unbedeutende Veränderungen erfahren hat. Bei der -Wasseramsel (Cinclus) dagegen würde man auch bei der genauesten -Untersuchung des Körpers nicht die mindeste Spur von ihrer ans -Wasser gebundenen Lebens-Weise zu entdecken im Stande seyn. Und doch -verschafft sich dieses so abweichende Glied der Drossel-Familie seinen -ganzen Unterhalt nur durch Tauchen, durch Aufscharren des Gerölles mit -seinen Füssen und durch Anwendung seiner Flügel unter Wasser. - -Wer glaubt, dass jedes Wesen so geschaffen worden seye, wie wir es -jetzt erblicken, muss schon manchmal überrascht gewesen seyn, ein -Thier zu finden, dessen Organisation und Lebensweise durchaus nicht -miteinander in Einklang stunden. Was kann klarer seyn, als dass die -Füsse der Enten und Gänse mit der grossen Haut zwischen den Zehen -zum Schwimmen gemacht sind? und doch gibt es Gänse mit solchen -Schwimmfüssen, welche selten oder nie ins Wasser gehen; -- und ausser -~Audubon~ hat noch Niemand den Fregattvogel, dessen vier Zehen -durch eine Schwimmhaut verbunden sind, sich auf den Spiegel des Meeres -niederlassen sehen. Andrerseits sind Lappentaucher und Wasserhühner -ausgezeichnete Wasser-Vögel, und doch sind ihre Zehen nur mit einer -Schwimmhaut gesäumt. Was scheint klarer zu seyn, als dass die langen -Zehen der Sumpf-Vögel ihnen dazu gegeben sind, damit sie über -Sumpf-Boden und schwimmende Wasser-Pflanzen hinwegschreiten können, -und doch ist das Rohrhuhn (Ortygometra) fast eben so sehr Wasser-Vogel -als das Wasserhuhn, und die Ralle fast eben so sehr Land-Vogel als -die Wachtel oder das Feldhuhn. Man kann sagen, der Schwimmfuss seye -verkümmert in seiner Verrichtung, aber nicht in seiner Form. Beim -Fregattvogel dagegen zeigt der tiefe Ausschnitt der Schwimmhaut -zwischen den Zehen, dass eine Veränderung der Fuss-Bildung begonnen hat. - -Wer an zahllose getrennte Schöpfungs-Akte glaubt, wird sagen, dass -es in diesen Fällen dem Schöpfer gefallen hat, ein Wesen von dem -einen Typus für den Platz eines Wesens von dem andren Typus zu -bestimmen. Diess scheint mir aber wieder dieselbe Sache, nur in einer -Würde-volleren Fassung. Wer an den Kampf um’s Daseyn und an das -Princip der Natürlichen Züchtung glaubt, der wird anerkennen, dass -jedes organische Wesen beständig nach Vermehrung seiner Anzahl strebt -und dass, wenn es in Organisation oder Gewohnheiten auch noch so -wenig variirt, aber hiedurch einen Vortheil über irgend einen andern -Bewohner der Gegend erlangt, es dessen Stelle einnehmen kann, wie -verschieden dieselbe auch von seiner eignen bisherigen Stelle seyn mag. -Er wird desshalb nicht darüber erstaunt seyn, Gänse und Fregatt-Vögel -mit Schwimmfüssen zu sehen, wovon die einen auf dem trocknen Lande -leben und die andern sich nur selten aufs Wasser niederlassen, oder -langzehige Rohrhühner (Crex) zu finden, welche auf Wiesen statt in -Sümpfen wohnen; oder dass es Spechte gibt, wo keine Bäume sind, dass -Drosseln unters Wasser tauchen und Sturmvögel wie Alke leben. - -+Organe von äusserster Vollkommenheit und Zusammengesetztheit.+) -Die Annahme, dass sogar das Auge mit allen seinen der Nachahmung -unerreichbaren Vorrichtungen, um den Focus den manchfaltigsten -Entfernungen anzupassen, verschiedene Licht-Mengen zuzulassen und -die sphärische und chromatische Abweichung zu verbessern, nur durch -Natürliche Züchtung zu dem geworden seye, was es ist, scheint, ich -will es offen gestehen, im höchsten möglichen Grade absurd zu seyn. -Als es zum ersten Male ausgesprochen wurde, dass die Sonne stille -stehe und die Erde sich um ihre Achse drehe, erklärte der gemeine -Sinn des Menschen diese Lehre für falsch; aber das alte Sprichwort -„vox populi, vox dei“ hat in der Wissenschaft keine Geltung. Und doch -sagt mir die Vernunft, dass, wenn zahlreiche Abstufungen von einem -vollkommenen und zusammengesetzten bis zu einem ganz einfachen und -unvollkommenen Auge, alle nützlich für ihren Besitzer, vorhanden sind, --- wenn das Auge etwas zu variiren geneigt ist und seine Abänderungen -erblich sind, was sicher der Fall ist, -- wenn eine mehr und weniger -beträchtliche Abänderung eines Organes immer nützlich ist für ein -Thier, dessen äusseren Lebens-Bedingungen sich ändern: dann scheint -der Annahme, dass ein vollkommenes und zusammengesetztes Auge durch -Natürliche Züchtung gebildet werden könne, doch keine wesentliche -Schwierigkeit mehr entgegenzustehen, wie schwierig auch die Vorstellung -davon für unsre Einbildungskraft seyn mag. Die Frage, wie ein Nerv -für Licht empfindlich werde, beunruhigt uns schwerlich mehr, als die, -wie das Leben selbst ursprünglich entstehe. Jedoch will ich bemerken, -dass verschiedene Thatsachen mich zur Vermuthung bringen, dass jeder -sensitive Nerv für Licht und ebenso für jene gröberen Schwingungen der -Luft empfindlich gemacht werden könne, welche den Ton hervorbringen. - -Was die Abstufungen betrifft, mittelst welcher ein Organ in irgend -einer Spezies vervollkommnet worden ist, so sollten wir dieselbe -allerdings nur in gerader Linie bei ihren Vorgängern aufsuchen. Diess -ist aber schwerlich jemals möglich, und wir sind jedenfalls genöthigt -uns unter den Arten derselben Gruppe, d. h. bei den Seitenverwandten -von gleicher Abstammung mit der ersten, umzusehen um zu erkennen, was -für Abstufungen möglich sind, und ob es wahrscheinlich, dass irgend -welche Abstufungen von den ersten Stamm-Ältern an ohne alle oder mit -nur geringer Abänderung auf die jetzigen Nachkommen übertragen worden -seyen. Unter den jetzt lebenden Wirbelthieren finden wir nur eine -geringe Abstufung in der Bildung des Auges (obwohl der Fisch Amphioxus -ein sehr einfaches Auge ohne Linse besitzt), und an fossilen Wesen -lässt sich keine Untersuchung mehr darüber anstellen. Wir hätten -wahrscheinlich weit vor die untersten Fossilien-führenden Schichten -zurückzugehen, um die ersten Stufen der Vervollkommnung des Auges in -diesem Kreise des Thier-Reichs zu entdecken. - -Im Unterreiche der Kerbthiere kann man von einem einfach mit Pigment -überzogenen Sehnerven ausgehen, der oft eine Art Pupille bildet, -aber ohne Krystall-Linse und sonstige optische Vorrichtung ist. Von -diesem Augen-Rudimente, welches etwa Licht von Dunkelheit, aber nichts -weiter zu unterscheiden im Stande ist, schreitet die Vervollkommnung -in zwei Richtungen fort, welche ~J. Müller~ von Grund aus -verschieden glaubt; sie führt nämlich entweder 1) zu Stemmata oder -sogen. „einfachen Augen“ mit Krystall-Linse und Hornhaut versehen, oder -2) zu „zusammengesetzten Augen“, welche allein oder hauptsächlich nur -dadurch wirken, dass sie alle Strahlen, welche von irgend einem Punkte -des gesehenen Gegenstandes kommen, bis auf denjenigen Strahlenbüschel -ausschliessen, welcher senkrecht auf die konvexe Netzhaut fällt. -Diesen zusammengesetzten Augen nun mit Verschiedenheiten ohne Ende in -Form, Verhältniss, Zahl und Stellung der durchsichtigen mit Pigment -überzogenen Kegel, welche nur durch Ausschliessung wirken, gesellt sich -bald noch eine mehr oder weniger vollkommene Konzentrirungs-Vorrichtung -bei, indem in den Augen der Meloe z. B. die Facetten der Cornea aussen -und innen etwas konvex, mithin Linsen-förmig werden. Viele Kruster -haben eine doppelte Cornea, eine äussre glatte und eine innre in -Facetten getheilte, in deren Substanz nach ~Milne Edwards~ -„renflemens lenticulaires paraissent s’être développés“, und zuweilen -lassen sich diese Linsen als eine besondre Schicht von der Cornea -ablösen. Die durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel, von -welchen ~Müller~ angenommen, dass sie nur durch Ausschliessung -divergenter Licht-Strahlenbüschel wirken, hängen gewöhnlich an der -Cornea an, sind aber auch nicht selten davon abgesondert und zeigen -eine konvexe äussre Fläche; sie müssen nach meiner Meinung in diesem -Falle wie konvergirende Linsen wirken. Dabei ist die Struktur der -zusammengesetzten Augen so manchfaltig, dass ~Müller~ drei -Hauptklassen derselben mit nicht weniger als sieben Unterabtheilungen -nach ihrer Struktur annimmt. Er bildet eine vierte Hauptklasse aus den -„zusammengehäuften Augen“ oder Gruppen von Stemmata, welche nach seiner -Erklärung den Übergang bilden von den Mosaik-artig „zusammengesetzten -Augen“ ohne Konzentrations-Vorrichtung zu den Gesichts-Organen mit -einer solchen. - -Wenn ich diese hier nur allzukurz und unvollständig angedeuteten -Thatsachen, welche zeigen, dass es schon unter den jetzt lebenden -Kerbthieren viele stufenweise Verschiedenheiten der Augen-Bildung gibt, -erwäge und ferner bedenke, wie klein die Anzahl lebender Arten im -Vergleich zu den bereits erloschenen ist, so kann ich (wenn auch mehr -als in andern Bildungen) doch keine allzugrosse Schwierigkeit für die -Annahme finden, dass der einfache Apparat eines von Pigment umgebenen -und von durchsichtiger Haut bedeckten Sehnerven durch Natürliche -Züchtung in ein so vollkommenes optisches Werkzeug umgewandelt worden -seye, wie es bei den vollkommensten Kerbthieren gefunden wird. - -Wer nun weiter gehen will, wenn er beim Durchlesen dieses Buches -findet, dass sich durch die Descendenz-Theorie eine grosse Menge von -anderweitig unerklärbaren Thatsachen begreifen lasse, braucht kein -Bedenken gegen die weitre Annahme zu haben, dass durch Natürliche -Züchtung zuletzt auch ein so vollkommenes Gebilde, als das Adler-Auge -ist, hergestellt werden könne, wenn ihm auch die Zwischenstufen -in diesem Falle gänzlich unbekannt sind. Sein Verstand muss seine -Einbildungs-Kraft überwinden. Doch habe ich selbst die Schwierigkeit -viel zu gut gefühlt, als dass ich mich einigermaassen darüber wundern -könnte, wenn Jemand es gewagt findet, die Theorie der Natürlichen -Züchtung bis zu einer so erstaunlichen Weite auszudehnen. - -Man kann kaum vermeiden, das Auge mit einem Teleskop zu vergleichen. -Wir wissen, dass dieses Werkzeug durch lang-fortgesetzte Anstrengungen -der höchsten menschlichen Intelligenz verbessert worden ist, und -folgern natürlich daraus, dass das Auge seine Vollkommenheit durch -einen etwas ähnlichen Prozess erlangt habe. Sollte aber diese -Vorstellung nicht bloss in der Einbildung beruhen? Haben wir ein Recht -anzunehmen, der Schöpfer wirke, vermöge intellektueller Kräfte ähnlich -denen des Menschen? Wollten wir das Auge einem optischen Instrumente -vergleichen, so müssten wir in Gedanken eine dicke Schicht eines -durchsichtigen Gewebes annehmen, getränkt mit Flüssigkeit und mit -einem für Licht empfänglichen Nerven darunter, und dann unterstellen, -dass jeder Theil dieser Schicht langsam aber unausgesetzt seine -Dichte verändere, so dass verschiedene Lagen von verschiedener Dichte -übereinander und in ungleichen Entfernungen von einander entstehen, -und dass auch die Oberfläche einer jeden Lage langsam ihre Form ändre. -Wir müssten ferner unterstellen, dass eine Kraft (die Natürliche -Züchtung) vorhanden seye, welche beständig eine jede geringe zufällige -Veränderung in den durchsichtigen Lagen genau beobachte und jede -Abänderung sorgfältig auswähle, die unter veränderten Umständen in -irgend einer Weise oder in irgend einem Grade ein deutlicheres Bild -hervorzubringen geschickt wäre. Wir müssten unterstellen, jeder neue -Zustand des Instrumentes werde mit einer Million vervielfältigt, und -jeder werde so lange erhalten, bis ein bessrer hervorgebracht seye, -dann aber zerstört. Bei lebenden Körpern bringt Variation jene geringen -Verschiedenheiten hervor, Generation vervielfältigt sie in’s Unendliche -und Natürliche Züchtung findet mit nie irrendem Takte jede Verbesserung -zum Zwecke weiterer Vervollkommnung heraus. Denkt man sich nun diesen -Prozess Millionen und Millionen Jahre lang und jedes Jahr an Millionen -Individuen der manchfaltigsten Art fortgesetzt: sollte man da nicht -erwarten, dass das lebende optische Instrument endlich in demselben -Grade vollkommener als das gläserne werden müsse, wie des Schöpfers -Werke überhaupt vollkommener sind, als die des Menschen? - -Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen -Vollendung nicht durch zahllose kleine aufeinander folgende -Modifikationen erfolgen könnte, so müsste meine Theorie unbedingt -zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden. -Zweifelsohne bestehen viele Organe, deren Vervollkommnungs-Stufen wir -nicht kennen, insbesondre bei sehr vereinzelt stehenden Arten, deren -verwandten Formen nach meiner Theorie in weitem Umkreise erloschen -sind. So muss auch, wo es sich um ein allen Gliedern eines Unterreichs -gemeinsames Organ handelt, dieses Organ schon in einer sehr frühen -Vorzeit gebildet worden seyn, weil sich nachher erst alle Glieder -dieses Unterreichs entwickelt haben; und wenn wir die frühesten -Übergangs-Stufen entdecken wollten, welche das Organ zu durchlaufen -hatte, so müssten wir uns bei den frühesten Anfangs-Formen umsehen, -welche jetzt schon längst wieder erloschen sind. - -Wir müssen uns wohl bedenken zu behaupten, ein Organ habe nicht durch -stufenweise Veränderungen irgend einer Art gebildet werden können. Man -könnte zahlreiche Fälle anführen, wie bei den niederen Thieren ein und -dasselbe Organ ganz verschiedene Verrichtungen besorgt: athmet doch und -verdaut und exzernirt der Nahrungskanal in der Larve der Drachenfliege -wie in dem Fische Cobitis. Wendet man die Hydra wie einen Handschuh um, -das Innere nach aussen, so verdaut die äussre Oberfläche und die innre -athmet. In solchen Fällen hätte durch die Natürliche Züchtung ganz -leicht ein Theil oder Organ, welches bisher zweierlei Verrichtungen -gehabt hat, ausschliesslich nur für einen der beiden Zwecke ausgebildet -und die ganze Natur des Thieres allmählich umgeändert werden können, -wenn Diess für dasselbe von Anfang an nützlich gewesen wäre. Gewisse -Pflanzen, wie namentlich einige Hülsen-Gewächse, Violaceen u. a. -bringen zwei Arten von Blüthen, die einen mit der ihrer Ordnung -zustehenden Bildung, die andern verkümmert, aber zuweilen fruchtbarer -als die ersten. Unterliesse nun eine solche Pflanze mehre Jahre lang -Blüthen der ersten Art zu bringen, wie es ein in _Frankreich_ -eingeführtes Exemplar von Aspicarpa wirklich gethan, so würde in der -That eine grosse und plötzliche Umwandlung in der Natur der Pflanze -eintreten. Zwei verschiedene Organe verrichten zuweilen mit einander -einerlei Dienste in demselben Individuum, wie es z. B. Fische gibt mit -Kiemen, womit sie die im Wasser vertheilte Luft einathmen, während -sie zu gleicher Zeit atmosphärische Luft mit ihrer Schwimmblase zu -athmen im Stande sind, welche zu dem Ende durch einen Luftgang mit dem -Schlunde verbunden und innerlich von sehr Gefäss-reichen Zwischenwänden -durchzogen ist (Lepidosiren). In diesem Falle kann leicht eines von -beiden Organen verändert und so vervollkommnet werden, dass es immer -mehr die ganze Arbeit allein übernimmt, während das andre entweder zu -einer neuen Bestimmung übergeht oder gänzlich verkümmert. - -Diess Beispiel von der Schwimmblase der Fische ist sehr belehrend, weil -es uns die hoch-wichtige Thatsache zeigt, wie ein ursprünglich zu einem -besondern Zwecke, zum Schwimmen nämlich, gebildetes Organ für eine ganz -andre Verrichtung umgeändert werden kann, und zwar für die Athmung. -Auch ist die Schwimmblase als ein Nebenbestandtheil für das Gehör-Organ -mancher Fische mit verarbeitet worden, oder es ist (ich weiss nicht, -welche Deutungs-Weise jetzt am allgemeinsten angenommen wird) ein Theil -des Gehör-Organes zur Ergänzung der Schwimmblase verwendet worden. -Alle Physiologen geben zu, dass die Schwimmblase in Lage und Struktur -„homolog“ oder „ideal gleich“ seye den Lungen höherer Wirbelthiere; -daher die Annahme, Natürliche Züchtung habe eine Schwimmblase in eine -Lunge oder ein ausschliessliches Athem-Organ verwandelt, keinem grossen -Bedenken zu unterliegen scheint. - -Ich kann in der That kaum bezweifeln, dass alle Wirbelthiere mit -ächten Lungen auf dem gewöhnlichen Fortpflanzungs-Wege von einem alten -unbekannten Urbilde mit einem Schwimm-Apparat oder einer Schwimmblase -herstammen. So mag man sich, wie ich aus Professor ~Owen’s~ -interessanter Beschreibung dieser Theile entnehme, die sonderbare -Thatsache erklären, wie es komme, dass jedes Theilchen von Speise und -Trank, die wir zu uns nehmen, über die Mündung der Luftröhre weggleiten -muss mit einiger Gefahr in die Lungen zu fallen, der sinnreichen -Einrichtung ungeachtet, wodurch der Kehldeckel geschlossen wird. Bei -den höheren Wirbelthieren sind die Kiemen gänzlich verschwunden, aber -die Spalten an den Seiten des Halses und der Schlingen-förmige Verlauf -der Arterien scheinen in dem Embryo des Menschen noch ihre frühere -Stelle anzudeuten. Doch wäre es begreiflich gewesen, wenn die jetzt -gänzlich verschwundenen Kiemen durch Natürliche Züchtung zu einem -ganz andern Zwecke umgearbeitet worden wären; wie nach der Ansicht -einiger Naturforscher, dass die Kiemen und Rückenschuppen gewisser -Ringelwürmer mit den Flügeln und Flügeldecken der sechsfüssigen -Insekten homolog sind, es wahrscheinlich wäre, dass Organe, die in sehr -alter Zeit zur Athmung gedient, jetzt zu Flug-Organen umgewandelt seyen. - -Was den Übergang der Organe zu andern Funktionen betrifft, ist es so -wichtig sich mit der Möglichkeit desselben vertraut zu machen, dass ich -noch ein weiteres Beispiel anführen will. Die gestielten Rankenfüsser -(Cirripedes) haben zwei kleine Hautfalten, von mir Eier-Zügel genannt, -welche bestimmt sind mittelst einer klebrigen Absonderung die Eier -zurückzuhalten, so lange sie im Eierstock ausgebrütet werden. Diese -Rankenfüsser haben keine Kiemen, indem die ganze Oberfläche des Körpers -und Sackes mit Einschluss der kleinen Zügel zur Athmung dient. Die -Balaniden oder sitzenden Cirripeden dagegen haben keine solche Zügel, -indem die Eier lose auf dem Grunde des Sackes in der wohl geschlossenen -Schaale liegen; aber sie haben in derselben relativen Lage grosse -faltige Membranen, welche mit den Kreislaufkanälen des Sacks und des -Körpers frei kommuniziren und von ~R. Owen~ und allen andren -mit dem Gegenstand vertrauten Anatomen für Kiemen erklärt worden sind. -Nun denke ich, wird Niemand bestreiten, dass die Eier-Zügel der einen -Familie homolog mit den Kiemen der andern sind, wie sie denn auch in -der That stufenweise in einander übergehen. Daher bezweifle ich nicht, -dass kleine Hautfalten, welche hier anfangs als Eier-Zügel gedient und -in geringem Grade schon bei der Athmung mitgewirkt, durch Natürliche -Züchtung stufenweise in Kiemen verwandelt worden sind bloss durch -Vermehrung ihrer Grösse bei gleichzeitiger Verkümmerung der ihnen -anhängenden Drüsen. Wären alle gestielten Cirripeden erloschen (und -sie haben bereits mehr Vertilgung erfahren als die sitzenden): wie -hätten wir uns je denken können, dass die Athmungs-Organe der Balaniden -ursprünglich den Zweck gehabt hätten, die zu frühzeitige Ausführung der -Eier aus dem Eiersack zu verhindern? - -Obwohl ich gemahnt habe vorsichtig bei der Annahme zu seyn, dass ein -Organ nicht möglicher Weise durch ganz allmähliche Übergänge gebildet -worden seyn könne, so gebe ich doch gerne zu, dass sehr schwierige -Fälle vorkommen mögen, deren einige ich in meinem grösseren Werke zu -erörtern gedenke. - -Einen der schwierigsten bilden die Geschlecht-losen Kerbthiere, die -oft sehr abweichend sowohl von den Männchen als den fruchtbaren -Weibchen ihrer Spezies gebildet sind, auf welchen Fall ich jedoch -im nächsten Kapitel zurückkommen will. Die elektrischen Organe der -Fische bieten einen andren Fall von eigenthümlicher Schwierigkeit dar; -es ist unbegreiflich, durch welche Abstufungen die Bildung dieser -wundersamen Organe bewirkt worden seyn mag. Doch gleicht nach ~R. -Owen’s~ u. A. Bemerkung ihre innerste Struktur ganz derjenigen -gewöhnlicher Muskeln, und da unlängst gezeigt worden, dass Rochen ein -dem elektrischen Apparate ganz analoges Organ besitzen, aber nach -~Matteucci’s~ Versicherung keine Elektricität entladen, so -müssen wir gestehen, dass wir viel zu unwissend sind um behaupten zu -dürfen, dass kein Übergang irgend einer Art möglich seye. - -Die elektrischen Organe bieten aber noch andre sehr ernstliche -Schwierigkeiten dar. Wenn ein und dasselbe Organ in verschiedenen -Gliedern einer Klasse und zumal mit sehr auseinander-gehenden -Gewohnheiten auftritt, so mag man seine Anwesenheit in diesen Gliedern -durch Erbschaft von einem gemeinsamen Stamm-Vater und seine Abwesenheit -in andern durch Verlust in Folge von Nichtgebrauch oder Natürlicher -Züchtung erklären. Hätte sich aber das elektrische Organ von einem -alten damit versehen gewesenen Vorgänger auf jene Fische vererbt, so -dürften wir erwarten, dass alle noch elektrischen Fische auch sonst -in näherer Weise mit einander verwandt seyen. Nun gibt aber die -Paläontologie durchaus keine Veranlassung zu glauben, dass vordem -die meisten Fische mit elektrischen Organen versehen gewesen seyen, -welche fast alle ihre Nachkommen eingebüsst hätten. Die Anwesenheit -leuchtender Organe in einigen wenigen Insekten aus den manchfaltigsten -Familien und Ordnungen bietet einen damit gleichlaufenden schwierigen -Fall dar. Man könnte deren noch mehr anführen, wie denn z. B. im -Pflanzen-Reiche die ganz eigenthümliche Entwickelung einer Masse -von Pollen-Körnern auf einem Fussgestelle mit einer klebrigen -Drüse an dessen Ende bei Orchis und bei Asclepias, zweien unter den -Blüthen-Pflanzen möglich weit auseinanderstehenden Sippen, ganz die -nämliche ist. Doch kann man bemerken, dass in solchen Fällen, wo zwei -sehr verschiedene Arten mit anscheinend demselben anomalen Organe -versehen sind, doch gewöhnlich einige Grund-Verschiedenheiten sich -daran entdecken lassen. Ich möchte glauben, dass fast in gleicher -Weise, wie zwei Menschen zuweilen unabhängig von einander auf genau -die nämliche Entdeckung verfallen sind, so habe auch die Natürliche -Züchtung, zum Besten eines jeden Wesens wirkend und von allen analogen -Abänderungen Vortheil ziehend, zuweilen zwei Theile auf fast ganz -gleiche Weise in zwei organischen Wesen modifizirt, welche ihrer -Abstammung von einem nämlichen Stamm-Vater nur wenig Gemeinsames in -ihrer Organisation verdanken. - -Obwohl es in vielen Fällen sehr schwer ist zu errathen, durch welche -Übergänge die Organe zu ihrer jetzigen Beschaffenheit gelangt seyen, so -bin ich doch, in Betracht der sehr geringen Anzahl noch lebender und -bekannter gegenüber den untergegangenen und unbekannten Formen, sehr -darüber erstaunt gewesen zu finden, wie selten ein Organ vorkommt, zu -welchem leicht einige Übergangs-Stufen führten. Es ist gewiss nicht -wahr, dass neue Organe oft plötzlich in einer Klasse erscheinen, als -ob sie derselben für irgend einen besondren Zweck erst anerschaffen -worden wären; -- und wie es auch schon durch die alte obwohl etwas -übertriebene naturgeschichtliche Regel „Natura non facit saltum“ -anerkannt wird. Wir finden Diess in den Schriften fast aller erfahrenen -Naturforscher angenommen; ~Milne Edwards~ hat es mit den Worten -ausgedrückt: Die Natur ist verschwenderisch in Abänderungen, aber -geitzig in Neuerungen. Wie sollte es nach der Schöpfungs-Theorie damit -zugehen? woher sollte es kommen, dass alle Theile und Organe so vieler -unabhängiger Wesen, wenn jedes derselben für seinen eignen Platz in -der Natur erschaffen worden, doch durch ganz allmähliche Übergänge -mit einander verkettet sind? Warum hätte die Natur nicht einen Sprung -von der einen Organisation zur andern gemacht? Nach der Theorie -Natürlicher Züchtung dagegen können wir es klar begreifen, weil diese -sich nur ganz kleine allmähliche Abänderungen zu Nutzen macht; sie kann -nie einen Sprung machen, sondern muss mit kürzesten und langsamsten -Schritten voranschreiten. - -+Organe von anscheinend geringer Wichtigkeit.+) Da Natürliche -Züchtung auf Leben und Tod arbeitet, indem sie nämlich Individuen -mit vortheilhaften Abänderungen erhält und solche mit ungünstigen -Abweichungen der Organisation unterdrückt, so schien mir manchmal die -Entstehung einfacher Theile sehr schwer zu begreifen, deren Wichtigkeit -nicht genügend erscheint, um die Erhaltung immer weiter abändernder -Individuen zu begründen. Diese Schwierigkeit, obwohl von ganz andrer -Art, schien mir manchmal eben so gross zu seyn als die hinsichtlich so -vollkommener und zusammengesetzter Organe, wie die Augen. - -Erstens aber wissen wir viel zu wenig von dem ganzen Haushalte eines -organischen Wesens, um sagen zu können, welche geringe Modifikationen -für dasselbe wichtig seyn können, und ich habe in einem früheren -Kapitel Beispiele von sehr geringen Charaktern, wie die Farbe der -Haut und Haaren einiger Vierfüsser, oder wie der Flaum der Früchte -und die Farbe ihres Fleisches angeführt, welche in so ferne, als -sie auf die Angriffe der Insekten von Einfluss sind oder mit der -Empfindlichkeit der Wesen für äussre Einflüsse im Zusammenhang stehen, -bei der Natürlichen Züchtung gewiss mit in Betracht kommen. Der -Schwanz der Giraffe sieht wie ein künstlich gemachter Fliegenwedel -aus, und es scheint anfangs unglaublich, dass derselbe durch kleine -aufeinanderfolgende Verbesserungen allmählich zur unbedeutenden -Bestimmung eines solchen Instrumentes hergerichtet worden seyn -solle. Doch hüten wir uns gerade in diesem Falle uns allzu bestimmt -auszusprechen, indem wir ja wissen, dass Daseyn und Verbreitungs-Weise -des Rindes u. a. Thiere in _Süd-Amerika_ unbedingt von deren -Vermögen abhängt den Angriffen der Insekten zu widerstehen; daher -Individuen, welche einigermaassen mit Mitteln zur Vertheidigung gegen -diese kleinen Feinde versehen sind, geschickt wären sich mit grossem -Vortheil über neue Weide-Plätze zu verbreiten. Nicht als ob grosse -Säugthiere (einige seltene Fälle ausgenommen) jetzt durch Fliegen -vertilgt würden; aber sie werden von ihnen so unausgesetzt ermüdet und -geschwächt, dass sie Krankheiten, gelegentlichem Futter-Mangel und den -Nachstellungen der Raubthiere in weit grössrer Anzahl erliegen. - -Organe von jetzt unwesentlicher Bedeutung können den ersten -Stamm-Ältern zuweilen von hohem Werthe gewesen und nach früherer -langsamer Vervollkommnung in ungefähr demselben Zustande auf deren -Nachkommen vererbt worden seyn, obwohl deren nunmehriger Nutzen nur -noch unbedeutend ist, während schädliche Abweichungen von dem früheren -Baue durch Natürliche Züchtung fortdauernd gehindert werden. Wenn man -beobachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der Schwanz -für die meisten Wasser-Thiere ist, so lässt sich seine allgemeine -Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken bei so vielen -Land-Thieren, welche durch modifizirte Schwimmblasen oder Lungen ihre -Abstammung aus dem Wasser verrathen, ganz wohl begreifen. Nachdem -ein Wasser-Thier einmal mit einem wohl-entwickelten Steuer-Schwanze -ausgestattet ist, kann derselbe später zu den manchfaltigsten Zwecken -umgearbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerkzeug, -oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie es beim Hunde -der Fall ist, obwohl dieses Hilfsmittel nur schwach seyn mag, indem ja -der Hase, fast ganz ohne Schwanz, sich rasch genug zu wenden im Stande -ist. - -Zweitens: dürften wir mitunter Charakteren eine grosse Wichtigkeit -zutrauen, die ihnen in Wahrheit nicht zukommt, und welche von ganz -sekundären Ursachen unabhängig von Natürlicher Züchtung herrühren. -Erinnern wir uns, dass Klima, Nahrung u. s. w. wahrscheinlich einigen -kleinen Einfluss auf die Organisation haben; dass ältere Charaktere -nach dem Gesetze der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen; dass -Wechselbeziehungen in der Entwickelung einen oft bedeutenden Einfluss -auf die Abänderung verschiedener Gebilde äussern, und endlich dass -sexuelle Zuchtwahl oft wesentlich auf solche äussere Charaktere -einer Thier-Art eingewirkt hat, welche dem mit andren kämpfenden -Männchen eine bessre Waffe oder einen besondren Reiz in den Augen -des Weibchens verliehen. Überdiess mag eine aus den genannten -Ursachen hervorgegangene Abänderung der Struktur anfangs oft ohne -Werth für die Art gewesen seyn, späterhin aber bei deren unter neue -Lebens-Bedingungen versetzten und mit neuen Gewohnheiten versehenen -Nachkommen an Bedeutung gewonnen haben. - -Ich will einige Beispiele zu Erläuterung dieser letzten Bemerkung -anführen. Wenn es nur grüne Spechte gäbe und wir wüssten von schwarzen -und bunten nichts, so würde ich mir zu sagen erlauben, dass die -grüne Farbe eine schöne Anpassung und dazu bestimmt seye, diese an -den Bäumen herumkletternden Vögel vor den Augen ihrer Feinde zu -verbergen, dass es mithin ein für die Spezies wichtiger und durch -Natürliche Züchtung erlangter Charakter seye; so aber, wie sich die -Sache verhält, rührt die Färbung zweifelsohne von einer ganz andern -Ursache und wahrscheinlich von geschlechtlicher Zuchtwahl her. Eine -kletternde Palmen-Art im _Malayischen Archipel_ steigt bis zu -den höchsten Baum-Gipfeln empor mit Hilfe ausgezeichneter Ranken, -welche Büschelweise an den Enden der Zweige befestigt sind, und diese -Einrichtung ist zweifelsohne für die Pflanze von grösstem Nutzen. -Da wir jedoch fast ähnliche Ranken an vielen Pflanzen sehen, welche -nicht klettern, so mögen dieselben auch beim Bambus von unbekannten -Wachsthums-Gesetzen herrühren und von der Pflanze erst später, als -sie noch sonstige Abänderung erfuhr und ein Kletterer wurde, zu ihrem -Vortheile benützt und weiter entwickelt worden seyn. Die nackte Haut -am Kopfe des Geyers wird gewöhnlich als eine unmittelbare Anbequemung -des oft in faulen Kadavern damit wühlenden Thieres betrachtet; -inzwischen müssen wir vorsichtig seyn mit dieser Deutung, da ja auch -die Kopfhaut des ganz säuberlich fressenden Wälschhahns nackt ist. -Die Nähte an den Schädeln junger Säugthiere sind als eine schöne -Anpassung zur Erleichterung der Geburt dargestellt worden, und ohne -Zweifel begünstigen sie dieselbe oder sind sogar unentbehrlich; da -aber auch solche Nähte an den Schädeln junger Vögel und Reptilien -vorkommen, welche nur aus einem zerbrochenen Eie zu schlüpfen nöthig -haben, so dürfen wir schliessen, dass diese Bildungs-Weise von den -Wachsthums-Gesetzen herrühre und den höheren Wirbelthieren dann nur -gelegentlich auf jene Weise nütze. - -Wir wissen ganz und gar nichts über die Ursachen, welche die kleinen -Abänderungen veranlassen und fühlen Diess am meisten, wenn wir über -die Verschiedenheiten unsrer Hausthier-Rassen in andern Gegenden und -zumal bei minder zivilisirten Völkern nachdenken, welche sich nicht -mit planmässiger Züchtung befassen. Die in verschiedenen Gegenden von -wilden Völkern gehaltenen Hausthiere haben oft um ihr eigenes Daseyn zu -kämpfen; sie mögen bis zu einem gewissen Grade der Natürlichen Züchtung -unterliegen, und Individuen mit nur wenig abweichender Konstitution -gedeihen zuweilen am besten in verschiedenen Klimaten. Ein Beobachter -versichert, dass das Rind bei gewisser Färbung den Angriffen der -Fliegen mehr ausgesetzt, wie es auch empfänglicher für Gifte seye, so -dass auf diese Weise die Farbe ein Gegenstand Natürlicher Züchtung -werde. Andre Beobachter sind der Überzeugung, dass ein feuchtes Klima -den Haarwuchs befördre und dass Horn und Haar in gleicher Beziehung -stehe. Gebirgs-Rassen sind überall von Niederungs-Rassen verschieden, -und Gebirgs-Gegenden werden wahrscheinlich auf die Hinterbeine -und allenfalls auf das Becken wirken, sofern diese daselbst mehr -in Anspruch genommen werden; nach dem Gesetze homologer Variation -werden dann auch die vordren Gliedmaassen und wahrscheinlich der -Kopf mit betroffen werden. Auch dürfte die Form des Beckens der -Mutter durch Druck auf die Kopf-Form des Jungen in ihrem Leibe -wirken. Wahrscheinlich vermehrt auch die schwierigere Athmung in -hohen Gebirgen die Weite des Brust-Kastens, und Diess nicht ohne -Einfluss auf noch andre Theile. Die Wirkung unterbleibender Übung auf -die Gesammt-Organisation in Verbindung mit reichlichem Futter ist -wahrscheinlich von noch grössrer Wichtigkeit; und darin liegt, wie von -~Nathusius~ kürzlich nachgewiesen, offenbar eine Haupt-Ursache -der grossen Veränderungen, welche die verschiedenen Schweine-Rassen -erlitten haben. Wir haben aber viel zu wenig Erfahrung, um über -die Vergleichungsweise Wichtigkeit der verschiedenen bekannten und -unbekannten Abänderungs-Gesetze Betrachtungen anzustellen, und ich habe -hier deren nur erwähnt um zu zeigen, dass, wenn wir nicht im Stande -sind, die charakteristischen Verschiedenheiten unsrer kultivirten -Rassen zu erklären, welche doch allgemeiner Annahme zufolge durch -gewöhnliche Fortpflanzung entstanden sind, wir auch unsre Unwissenheit -über die genaue Ursache geringer analoger Verschiedenheiten zwischen -Arten nicht zu hoch anschlagen dürfen. Ich möchte in dieser Beziehung -die so scharf ausgeprägten Unterschiede zwischen den Menschen-Rassen -anführen, über deren Entstehung sich vielleicht einiges Licht -verbreiten liesse durch die Annahme einer sexuellen Züchtung eigener -Art; doch würde es unnütz seyn dabei zu verweilen, indem ich mich hier -nicht auf die zur Erläuterung nöthigen Einzelheiten einlassen kann. - -Die voranstehenden Bemerkungen veranlassen mich auch einige Worte -über die neuerlich von mehren Naturforschern eingelegte Verwahrung -gegen die Nützlichkeits-Lehre zu sagen, nach welcher nämlich alle -Einzelnheiten der Bildung zum Vortheil ihres Besitzers da seyn sollen. -Dieselben sind der Meinung, dass sehr viele organische Gebilde nur der -Manchfaltigkeit wegen vorhanden seyen oder um die Augen des Menschen -zu ergötzen. Wäre diese Lehre richtig, so müssten sie meiner Theorie -unbedingt verderblich werden. Doch gebe ich vollkommen zu, dass -manche Bildungen von keinem unmittelbaren Nutzen für deren Besitzer -sind. Die natürlichen Lebens-Bedingungen haben wahrscheinlich einigen -geringen Einfluss auf die Organisation, möge diese zu irgend etwas -nützen oder nicht. Wechselbeziehungen in der Entwickelung haben -zweifelsohne ebenfalls einen sehr grossen Antheil, und die nützliche -Abänderung eines Organes hat oft nutzlose Veränderungen auch in -andern Theilen veranlasst. So können auch Charaktere, welche vordem -nützlich gewesen, oder welche durch Wechselbeziehung in der früheren -Entwickelung oder durch ganz unbekannte Ursache entstanden, nach den -Gesetzen der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen, wenngleich sie -keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Wirkungen der geschlechtlichen -Züchtung, soferne sie in das Weibchen fesselnden Reitzen beruhen, -können nur in einem mehr gezwungenen Sinne nützlich genannt werden. -Aber bei weitem die wichtigste Erwägung ist die, dass der Haupttheil -der Organisation eines jeden Wesens einfach durch Erbschaft erworben -ist, daher denn auch, obschon zweifelsohne jedes Wesen für seinen Platz -im Haushalte der Natur ganz wohl gemacht seyn mag, viele Bildungen -keine unmittelbaren Beziehungen mehr zur Lebensweise der gegenwärtigen -Spezies haben. So können wir kaum glauben, dass der Schwimmfuss des -Fregattvogels oder der Landgans (Chloephaga Maghellanica) diesen Vögeln -von speciellem Nutzen seye; und wir können nicht annehmen, dass die -nämlichen Knochen im Arme des Affen, im Vorderfuss des Pferdes, im -Flügel der Fledermaus und im Ruder des Seehundes allen diesen Thieren -einen speciellen Nutzen bringe. Wir mögen diese Bildungen getrost als -Erbschaft ansehen; denn zweifelsohne sind Schwimmfüsse dem Stamm-Vater -jener Gans und des Fregattvogels eben so nützlich gewesen, als sie den -meisten jetzt lebenden Wasser-Vögeln sind. So dürfen wir vermuthen, -dass der Stammvater des Seehunds nicht einen Ruderfuss, sondern einen -fünfzehigen Geh- oder Greif-Fuss besessen; wir dürfen ferner vermuthen, -dass die einzelnen von einem Stammvater ererbten Knochen in den Beinen -des Affen, des Pferdes, der Fledermaus ihrem gemeinsamen Stammvater -oder ihren Stamm-Vätern vordem nützlicher gewesen sind, als sie jetzt -diesen in ihrer Lebensweise so weit auseinandergehenden Thieren sind. -Wir können daher annehmen, diese verschiedenen Knochen seyen durch -Natürliche Züchtung entstanden, welche früher so wie jetzt den Gesetzen -der Erblichkeit, der Rückkehr, der Wechselbeziehung in der Entwickelung -u. s. w. unterlagen. Daher man von jeder Einzelheit der Struktur in -jedem lebenden Geschöpfe (ausser einigen geringen Zugeständnissen -an den Einfluss der natürlichen äussren Bedingungen) annehmen darf, -sie seye einmal einem Vorfahren der Spezies von besondrem Nutzen -gewesen, oder sie seye jetzt, entweder direkt oder durch verwickelte -Wachsthumsgesetze indirekt, ein besondrer Vortheil für die Abkömmlinge -dieser Vorfahren. - -Natürliche Züchtung kann nicht wohl irgend eine Abänderung in einer -Spezies bewirken, welche nur einer anderen Art zum ausschliesslichen -Vortheil gereichte, obwohl in der ganzen Natur eine Spezies ohne -Unterlass von der Organisation einer andern Nutzen zieht. Aber -Natürliche Züchtung kann auch oft hervorbringen und bringt oft -in Wirklichkeit solche Gebilde hervor, die einer andern Art zum -unmittelbaren Nachtheil gereichen, wie wir im Giftzahne der Otter und -in der Legeröhre des Ichneumon sehen, welcher mit deren Hülfe seine -Eier in den Körper andrer lebenden Insekten einführt. Liesse sich -beweisen, dass irgend ein Theil der Organisation einer Spezies zum -ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden seye, so -wäre meine Theorie vernichtet, weil eine solche Bildung nicht durch -Natürliche Züchtung bewirkt werden kann. Obwohl in naturhistorischen -Schriften vielerlei Behauptungen in dieser Hinsicht aufgestellt werden, -so kann ich doch keine darunter von einigem Gewichte finden. So gesteht -man zu, dass die Klapperschlange einen Giftzahn zu ihrer eignen -Vertheidigung und zur Tödtung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren -unterstellen auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eignen Nachtheile -erhalten habe, nämlich um ihre Beute zu warnen und zur Flucht zu -veranlassen. Man könnte jedoch eben so gut behaupten, die Katze mache -die Wellenkrümmungen mit dem Ende ihres Schwanzes, wenn sie im Begriffe -einzuspringen ist, in der Absicht um die bereits zum Tode verurtheilte -Maus zu warnen. Doch, ich habe hier nicht Raum auf diese und andre -Fälle noch weiter einzugehen. - -Natürliche Züchtung kann in keiner Spezies irgend etwas für dieselbe -Schädliches erzeugen, indem sie ausschliesslich nur durch und zu deren -Vortheil wirkt. Kein Organ kann, wie ~Paley~ bemerkt, gebildet -werden um seinem Besitzer Qual und Schaden zu bringen. Eine genaue -Abwägung zwischen dem Nutzen und Schaden, welchen ein jeder Theil -verursacht, wird immer zeigen, dass er im Ganzen genommen vortheilhaft -ist. Wird etwa in spätrer Zeit bei wechselnden Lebens-Bedingungen ein -Theil schädlich, so wird er entweder verändert, oder die Art geht zu -Grunde, wie ihrer Myriaden zu Grunde gegangen sind. - -Natürliche Züchtung strebt jedes organische Wesen eben so vollkommen -oder ein wenig vollkommener als die übrigen Bewohner derselben Gegend -zu machen, mit welchen dieselbe um sein Daseyn zu ringen hat. Und wir -sehen, dass Diess der Grad von Vollkommenheit ist, welchen die Natur -erstrebt. Die _Neuseeland_ eigenthümlichen Natur-Erzeugnisse -sind vollkommen, eines mit den andern verglichen; aber sie weichen -jetzt rasch zurück vor den vordringenden Legionen aus _Europa_ -eingeführter Pflanzen und Thiere. Natürliche Züchtung wird keine -absolute Vollkommenheit herstellen; auch begegnen wir, so viel sich -beurtheilen lässt, einer so hohen Stufe nirgends in der Natur. Die -Verbesserung für die Abweichung des Lichtes ist, wie der ausgezeichnete -Gewährsmann ~Joh. Müller~ erklärt, selbst in dem vollkommensten -aller Organe, dem menschlichen Auge, noch nicht vollständig. Wenn uns -unsre Vernunft zu begeisterter Bewunderung einer Menge unnachahmlicher -Einrichtungen in der Natur auffordert, so lehrt uns auch diese -nämliche Vernunft, dass wir leicht nach beiden Seiten irren können, -indem andre Einrichtungen weniger vollkommen sind. Wir können nie den -Stachel der Wespe oder Biene als vollkommen betrachten, der, wenn er -einmal gegen die Angriffe von mancherlei Thieren angewandt worden, -den unvermeidlichen Tod seines Besitzers bewirken muss, weil er -seiner Widerhaken wegen nicht mehr aus der Wunde, die er gemacht hat, -zurückgezogen werden kann, ohne die Eingeweide des Insekts nach sich zu -ziehen. - -Nehmen wir an, der Stachel der Biene seye bei einer sehr frühen -Stammform bereits als Bohr- und Säge-Werkzeug bestanden, wie es -häufig bei andern Gliedern der Hymenopteren-Ordnung vorkommt, und -seye für seine gegenwärtige Bestimmung mit dem ursprünglich zur -Hervorbringung von Gallen-Auswüchsen oder andern Zwecken bestimmten -Gifte umgeändert aber nicht zugleich verbessert worden, so können wir -vielleicht begreifen, warum der Gebrauch dieses Stachels so oft des -Insektes eignen Tod veranlasst; denn wenn das Vermögen zu stechen der -ganzen Bienen-Gemeinde nützlich ist, so mag er allen Anforderungen -der Natürlichen Züchtung entsprechen, obwohl seine Beschaffenheit den -Tod der einzelnen Individuen veranlasst, die ihn anwenden. Wenn wir -über das wirklich wunderbar scharfe Witterungs-Vermögen erstaunen, -mit dessen Hilfe manche Männchen ihre Weibchen ausfindig zu machen im -Stande sind, können wir dann auch die für diesen einen Zweck bestimmte -Hervorbringung von Tausenden von Dronen bewundern, welche, der Gemeinde -für jeden andern Zweck gänzlich nutzlos, bestimmt sind zuletzt von -ihren arbeitenden aber unfruchtbaren Schwestern umgebracht zu werden? -Es mag schwer seyn, aber wir müssen den wilden Instinkt-mässigen Hass -der Bienenkönigin bewundern, welcher sie beständig drängt, die jungen -Königinnen, ihre Töchter, augenblicklich nach ihrer Geburt zu tödten -oder selbst in dem Kampfe zu Grunde zu gehen; denn unzweifelhaft ist -Diess zum Besten der Gemeinde, und mütterliche Liebe oder mütterlicher -Hass, obwohl dieser letzte glücklicher Weise viel seltener ist, gilt -dem unerbittlichen Prinzipe Natürlicher Züchtung völlig gleich. -Wenn wir die verschiedenen sinnreichen Einrichtungen vergleichen, -vermöge welcher die Blüthen der Orchideen und mancher andren Pflanzen -vermittelst Insekten-Thätigkeit befruchtet werden, wie können wir dann -die Anordnung bei unsren Nadelhölzern als gleich vollkommne ansehen, -vermöge welcher grosse und dichte Staubwolken von Pollen hervorgebracht -werden müssen, damit einige Körnchen davon durch einen günstigen -Lufthauch dem Ei’chen zugeführt werden mögen? - -+Zusammenfassung des Kapitels.+) Wir haben in diesem Kapitel -gewisse Schwierigkeiten und Einwendungen erörtert, welche sich -meiner Theorie entgegenstellen. Einige derselben sind sehr ernster -Art; doch glaube ich, dass durch ihre Erörterung einiges Licht über -mehre Thatsachen verbreitet worden, welche dagegen nach der Theorie -der unabhängigen Schöpfungs-Akte ganz dunkel bleiben würden. Wir -haben gesehen, dass Arten zu irgend welcher Zeit nicht ins Endlose -abändern können und nicht durch zahllose Übergangs-Formen unter -einander zusammenhängen, theils weil der Prozess Natürlicher Züchtung -immer sehr langsam ist und jederzeit nur auf sehr wenige Formen -wirkt, und theils weil gerade der Prozess Natürlicher Züchtung auch -meistens die fortwährende Ersetzung und Erlöschung vorhergehender -und mittler Abstufungen schon in sich schliesst. Nahe verwandte -Arten, welche jetzt auf einer zusammenhängenden Fläche wohnen, mögen -oft gebildet worden seyn, als die Fläche noch nicht zusammenhängend -war und die Lebens-Bedingungen nicht unmerkbar von einer Stelle -zur andern abänderten. Wenn zwei Varietäten an zwei Stellen eines -zusammenhängenden Gebietes sich bildeten, so wird oft auch eine mittle -Varietät für eine mittle Zone entstanden seyn; aber aus angegebenen -Gründen wird die mittle Varietät gewöhnlich in geringerer Anzahl als -die zwei durch sie verbundenen Abänderungen vorhanden gewesen seyn, -welche mithin im Verlaufe weitrer Umbildung sich durch ihre grössre -Anzahl in entschiedenem Vortheil vor den andren befanden und mithin -gewöhnlich auch im Stande waren sie zu ersetzen und zu vertilgen. - -Wir haben in diesem Kapitel gesehen, wie vorsichtig man seyn muss zu -schliessen, dass die verschiedenartigsten Gewohnheiten des Lebens nicht -in einander übergehen können, dass eine Fledermaus z. B. nicht etwa auf -dem Wege Natürlicher Züchtung entstanden seyn könne von einem Thiere, -welches bloss durch die Luft zu gleiten im Stande war. - -Wir haben gesehen, dass eine Art unter veränderten Lebens-Bedingungen -ihre Gewohnheiten ändern oder vermanchfaltigen und manche Sitten -annehmen könne, die von denen ihrer nächsten Verwandten abweichen. -Daraus können wir begreifen, wenn wir uns zugleich erinnern, dass jedes -organische Wesen gedrängt wird zu leben wo es immer leben kann, wie -es zugegangen, dass es Land-Gänse mit Schwimmfüssen, an Boden lebende -Spechte, tauchende Drosseln und Sturmvögel mit den Sitten der Alke gebe. - -Obwohl die Meinung, dass ein so vollkommenes Organ, als das Auge -ist, durch Natürliche Züchtung hervorgebracht werden könne, mehr -als genügt um jeden wankend zu machen, so ist doch keine logische -Unmöglichkeit vorhanden, dass irgend ein Organ unter veränderlichen -Lebens-Bedingungen durch eine lange Reihe von Abstufungen in seiner -Zusammensetzung, deren jede dem Besitzer nützlich ist, endlich jeden -begreiflichen Grad von Vollkommenheit auf dem Wege Natürlicher Züchtung -erlange. In Fällen, wo wir keine Zwischenzustände kennen, müssen wir -uns wohl zu schliessen hüten, dass solche niemals bestanden hatten; -denn die Homologien vieler Organe und ihre Zwischenstufen zeigen, dass -wunderbare Veränderungen in ihren Verrichtungen wenigstens möglich -sind. So ist z. B. eine Schwimmblase offenbar in eine Luft-athmende -Lunge verwandelt worden. Übergänge müssen namentlich oft in hohem -Grade erleichtert worden seyn da, wo ein und dasselbe Organ mehre sehr -verschiedene Verrichtungen zugleich zu besorgen hatte und dann nur -für eine von beiden Verrichtungen allein noch besser hergestellt zu -werden brauchte und da wo gleichzeitig zwei sehr verschiedene Organe -an derselben Funktion theilnahmen und das eine mit Unterstützung des -andern sich weiter vervollkommnen konnte. - -Wir sind in Bezug auf die meisten Fälle viel zu unwissend, um -behaupten zu dürfen, dass ein Theil oder Organ für das Gedeihen einer -Art unwesentlich seye, und dass Abänderungen seiner Bildung nicht -durch Natürliche Züchtung mittelst langsamer Häufung haben bewirkt -werden können. Doch dürfen wir zuversichtlich annehmen, dass viele -Abänderungen gänzlich nur von den Wachsthums-Gesetzen veranlasst und, -anfänglich ohne allen Nutzen für die Art, später zum Vortheil weiter -umgeänderter Nachkommen dieser Art verwendet worden sind. Wir dürfen -ferner glauben, dass ein für frühere Formen hochwichtiger Theil auch -von späteren Formen (wie der Schwanz eines Wasser-Thieres von den -davon abstammenden Land-Thieren) beibehalten worden ist, obwohl er für -dieselben so unwichtig erscheint, dass er in seinem jetzigen Zustande -nicht durch Natürliche Züchtung erworben seyn könnte, indem diese Kraft -nur auf die Erhaltung solcher Abänderungen gerichtet ist, welche im -Kampfe ums Daseyn nützlich sind. - -Natürliche Züchtung erzeugt bei keiner Spezies etwas, das zum -ausschliesslichen Nutzen oder Schaden einer andern wäre; obwohl sie -Theile, Organe und Excretionen herstellen kann, die, wenn auch für -andre sehr nützlich und sogar unentbehrlich oder in hohem Grade -verderblich, doch in allen Fällen zugleich nützlich für den Besitzer -sind. Natürliche Züchtung muss in jeder wohl-bevölkerten Gegend in -Folge hauptsächlich der Mitbewerbung der Bewohner unter einander -nothwendig auf Verbesserung oder Kräftigung für den Kampf um’s Daseyn -hinwirken, doch lediglich nach dem für diese Gegend giltigen Maassstab. -Daher die Bewohner einer, und zwar gewöhnlich der kleineren, Gegend -oft vor denen einer andern und gemeiniglich grösseren zurückweichen -müssen. Denn in der grösseren Gegend werden mehr Individuen und mehr -differenzirte Formen existirt haben, wird die Mitbewerbung stärker -gewesen und mithin das Ziel der Vervollkommnung höher gesteckt gewesen -seyn. Natürliche Züchtung wird nicht nothwendig absolute Vollkommenheit -hervorbringen, und diese ist auch, so viel wir mit unsern beschränkten -Fähigkeiten zu beurtheilen vermögen, nirgends zu finden. - -Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung lässt sich die ganze -Bedeutung des alten Glaubenssatzes in der Naturgeschichte „_Natura -non facit saltum_“ verstehen. Dieser Satz ist, wenn wir nur die -jetzigen Bewohner der Erde berücksichtigen, nicht ganz richtig, muss -aber nach meiner Theorie vollkommen wahr seyn, wenn wir alle Wesen -vergangener Zeiten mit einschliessen. - -Es ist allgemein anerkannt, dass alle organischen Wesen nach zwei -grossen Gesetzen gebildet worden sind: Einheit des Typus und Anpassung -an die Existenz-Bedingungen. Unter Einheit des Typus begreift man -die Übereinstimmung im Grundplane des Baues, wie wir ihn bei den -Wesen eines Unterreiches finden, und welcher ganz unabhängig von -ihrer Lebensweise ist. Nach meiner Theorie erklärt sich die Einheit -des Typus aus der Einheit der Abstammung. Die Anpassung an die -Lebens-Bedingungen, so oft von dem berühmten ~Cuvier~ in -Anwendung gebracht, ist in meinem Prinzipe der Natürlichen Züchtung -vollständig mit inbegriffen. Denn die Natürliche Züchtung wirkt nur in -soferne, als sie die veränderlichen Theile eines jeden Wesens seinen -organischen und unorganischen Lebens-Bedingungen entweder jetzt -anpasst oder in längst vergangenen Zeit-Perioden angepasst hat. Diese -Anpassungen können in manchen Fällen durch Gebrauch und Nichtgebrauch -unterstützt, durch direkte Einwirkung äussrer Lebens-Bedingungen -modifizirt werden und sind in allen Fällen den verschiedenen -Entwicklungs-Gesetzen unterworfen. Daher ist denn auch das Gesetz der -Anpassung an die Lebens-Bedingungen in der That das höhere, indem es -vermöge der Erblichkeit früherer Anpassungen das der Einheit des Typus -mit in sich begreift. - - - - -Siebentes Kapitel. - -Instinkt. - - Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. -- - Abstufungen. -- Blattläuse und Ameisen. -- Instinkte veränderlich. - -- Instinkte gezähmter Thiere und deren Entstehung. -- Natürliche - Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen - Bienen. -- Sklaven-machende Ameisen. -- Honigbienen und ihr - Zellenbau-Instinkt. -- Veränderung von Instinkt und Struktur nicht - nothwendig gleichzeitig. -- Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher - Züchtung in Bezug auf Instinkt. -- Geschlechtslose oder unfruchtbare - Insekten. -- Zusammenfassung. - - -Der Instinkt hätte wohl noch in den vorigen Kapiteln mit abgehandelt -werden sollen; doch habe ich es für angemessener erachtet den -Gegenstand abgesondert zu behandeln, zumal ein so wunderbarer Instinkt, -wie der der Zellen-bauenden Bienen ist, wohl manchem Leser eine -genügende Schwierigkeit geschienen haben mag, um meine Theorie über -den Haufen zu werfen. Ich muss vorausschicken, dass ich nichts mit dem -Ursprung der geistigen Grundkräfte noch mit dem des Lebens selbst zu -schaffen habe. Wir haben es nur mit der Verschiedenheit des Instinktes -und der übrigen geistigen Fähigkeiten der Thiere in einer und der -nämlichen Klasse zu thun. - -Ich will keine Definition des Wortes zu geben versuchen. Es würde -leicht seyn zu zeigen, dass gewöhnlich ganz verschiedene geistige -Fähigkeiten unter diesem Namen begriffen werden. Doch weiss jeder, -was damit gemeint ist, wenn ich sage, der Instinkt veranlasse den -Kuckuck zu wandern und seine Eier in fremde Nester zu legen. Wenn eine -Handlung, zu deren Vollziehung selbst von unserer Seite Erfahrung -vorausgesetzt wird, von Seiten eines Thieres und besonders eines sehr -jungen Thieres noch ohne alle Erfahrung ausgeübt wird, und wenn sie auf -gleiche Weise von vielen Thieren erfolgt, ohne dass diese ihren Zweck -kennen, so wird sie gewöhnlich eine instinktive Handlung genannt. Ich -könnte jedoch zeigen, dass keiner von diesen Charakteren des Instinkts -allgemein ist. Eine kleine Dosis von Urtheil oder Verstand, wie -~Pierre Huber~ es ausdrückt, kommt oft mit in’s Spiel, selbst -bei Thieren, welche sehr tief auf der Stufenleiter der Natur stehen. - -~Friedrich Cuvier~ und verschiedene ältre Methaphysiker haben -Instinkt mit Gewohnheit verglichen. Diese Vergleichung scheint mir -eine sehr genaue Nachweisung von den Schranken des Geistes zu geben, -innerhalb welcher die Handlung vollzogen wird, aber nicht von ihrem -Ursprunge. Wie unbewusst werden manche unsrer Handlungen vollzogen, -ja nicht selten in geradem Gegensatz mit unsrem bewussten Willen! -Doch können sie durch den Willen oder Verstand abgeändert werden. -Gewohnheiten verbinden sich leicht mit andern Gewohnheiten oder mit -gewissen Zeit-Abschnitten und Zuständen des Körpers. Einmal angenommen -erhalten sie sich oft lebenslänglich. Es liessen sich noch manche -andre Ähnlichkeiten zwischen Instinkten und Gewohnheiten nachweisen. -Wie bei Wiederholung eines wohlbekannten Gesanges, so folgt auch beim -Instinkte eine Handlung auf die andre durch eine Art Rythmus. Wenn -Jemand beim Gesange oder bei Hersagung auswendig gelernter Worte -unterbrochen worden, so ist er gewöhnlich genöthigt, wieder etwas -zurückzugehen, um den Gedanken-Gang wieder zu finden. So sah es ~P. -Huber~ auch bei einer Raupen-Art, wenn sie beschäftigt war ihr -sehr zusammengesetztes Gewebe zu fertigen; nahm er sie heraus, nachdem -dieselbe z. B. das letzte Sechstel vollendet hatte, und setzte er sie -in ein andres nur bis zum dritten Sechstel vollendetes, so fertigte -sie einfach den dritten, vierten und fünften Theil nochmals mit dem -sechsten an. Nahm er sie aber aus einem z. B. bis zum dritten Theile -vollendeten Gewebe und setzte sie in ein bis zum sechsten Theil -fertiges, so dass sie ihre Arbeit schon grösstentheils gethan fand, so -war sie sehr entfernt, diesen Vortheil zu fühlen und fing in grosser -Befangenheit über diesen Stand der Sache die Arbeit nochmals vom -dritten Stadium an, da wo sie solche in ihrem eignen Gewebe verlassen -hatte, und suchte von da aus das schon fertige Werk zu Ende zu führen. - -Wenn sich nun, wie ich in einigen Fällen es zu können glaube, -nachweisen liesse, dass eine durch Gewohnheit angenommene -Handlungs-Weise auch auf die Nachkommen vererblich seye, so würde das, -was ursprünglich Gewohnheit war, von Instinkt nicht mehr unterscheidbar -seyn. Wenn ~Mozart~ statt in einem Alter von drei Jahren das -Pianoforte mit wundervoller kleiner Fertigkeit zu spielen, ohne alle -vorgängige Übung eine Melodie angestimmt hätte, so könnte man mit -Wahrheit sagen, er habe Diess Instinkt-mässig gethan. Es würde aber ein -sehr ernster Irrthum seyn anzunehmen, dass die Mehrzahl der Instinkte -durch Gewohnheit schon während einer Generation erworben und dann auf -die nachfolgenden Generationen vererbt worden seye. Es lässt sich genau -nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte, die wir kennen, wie die -der Korb-Bienen und vieler Ameisen, unmöglich in solcher Frist erworben -worden seyn können. - -Man gibt allgemein zu, dass für das Gedeihen einer jeden Spezies in -ihren jetzigen Existenz-Verhältnissen Instinkte eben so wichtig sind, -als die Körper-Bildung. Ändern sich die Lebens-Bedingungen einer -Spezies, so ist es wenigstens möglich, dass auch geringe Änderungen in -ihrem Instinkte für sie nützlich seyn würden. Wenn sich nun nachweisen -lässt, dass Instinkte, wenn auch noch so wenig variiren, dann kann -ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass Natürliche -Züchtung auch geringe Abänderungen des Instinktes erhalte und durch -beständige Häufung bis zu einem vortheilhaften Grade vermehre. So -dürften, wie ich glaube, alle und auch die zusammengesetztesten und -wunderbarsten Instinkte entstanden seyn. Wie Abänderungen im Körper-Bau -durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt, dagegen -durch Nichtgebrauch verringert und ganz eingebüsst werden können, -so ist es zweifelsohne auch mit den Instinkten. Ich glaube aber, -dass die Wirkungen der Gewohnheit von ganz untergeordneter Bedeutung -sind gegenüber den Wirkungen Natürlicher Züchtung auf sogenannte -zufällige Abänderungen des Instinktes, d. h. auf Abänderungen in Folge -unbekannter Ursachen, welche geringe Abweichungen in der Körper-Bildung -veranlassen. - -Kein zusammengesetzter Instinkt kann durch Natürliche Züchtung -anders als durch langsame und stufenweise Häufung vieler geringen -und nutzbaren Abänderungen hervorgebracht werden. Hier müssten wir, -wie bei der Körper-Bildung, in der Natur zwar nicht die wirklichen -Übergangs-Stufen, die der zusammengesetzte Instinkt bis zu seiner -jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat und welche bei jeder Art -nur in ihrem Vorgänger gerader Linie zu entdecken seyn würden, wohl -aber einige Spuren solcher Abstufungen in den Seitenlinien von -gleicher Abstammung finden, oder wenigstens nachweisen können, dass -irgend welche Abstufungen möglich sind; und dazu sind wir gewiss -im Stande. Obwohl indessen die Instinkte fast nur in _Europa_ -und _Nord-Amerika_ lebender Thiere näher beobachtet worden und -die der untergegangenen Thiere uns ganz unbekannt sind, so war ich -doch erstaunt zu finden, wie ganz allgemein sich Abstufungen bis -zu den Instinkten der zusammengesetztesten Arten entdecken lassen. -Instinkt-Änderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden, dass -eine und dieselbe Spezies verschiedene Instinkte in verschiedenen -Lebens-Perioden oder Jahreszeiten besitzt, oder dass sie unter andre -äussre Lebens-Bedingungen versetzt wird, in welchen Fällen dann wohl -entweder nur der eine oder nur der andre durch Natürliche Züchtung -erhalten werden wird. Beispiele von solcher Verschiedenheit des -Instinktes lassen sich in der Natur nachweisen. - -Nun ist, wie bei der Körper-Bildung auch meiner Theorie gemäss der -Instinkt einer jeden Art nützlich für diese und, so viel wir wissen, -niemals zum ausschliesslichen Nutzen andrer Arten vorhanden. Eines der -triftigsten Beispiele, die ich kenne, von Thieren, welche anscheinend -zum blossen Besten andrer etwas thun, liefern die Blattläuse, indem -sie, wie ~Huber~ zuerst bemerkte, freiwillig den Ameisen ihre -süssen Excretionen überlassen. Dass sie Diess freiwillig thun, geht -aus folgenden Thatsachen hervor. Ich entfernte alle Ameisen von einer -Gruppe von etwa zwölf Aphiden auf einer Ampfer-Pflanze und hinderte -ihr Zusammenkommen mehrere Stunden lang. Nach dieser Zeit nahm ich -wahr, dass die Blattläuse das Bedürfniss der Excretion hatten. Ich -beobachtete sie eine Zeit lang durch eine Lupe: aber nicht eine gab -eine Excretion von sich. Darauf streichelte und kitzelte ich sie mit -einem Haare auf dieselbe Weise, wie es die Ameisen mit ihren Fühlern -machen, aber keine Excretion erfolgte. Nun liess ich eine Ameise zu, -und aus ihrem Widerstreben sich von den Blattläusen zurücktreiben zu -lassen, schien hervorzugehen, dass sie augenblicklich erkannt hatte, -welch’ ein reicher Genuss ihrer harre. Sie begann dann mit ihren -Fühlern den Hinterleib erst einer und dann einer andren Blattlaus zu -betasten, deren jede, so wie sie die Berührung des Fühlers empfand, -sofort den Hinterleib in die Höhe richtete und einen klaren Tropfen -süsser Flüssigkeit ausschied, der alsbald von der Ameise eingesogen -wurde. Selbst ganz junge Blattläuse, auf diese Weise behandelt, -zeigten, dass ihr Verhalten ein instinktives und nicht die Folge -der Erfahrung war. Nach ~Huber~ zeigen die Blattläuse keine -Abneigung gegen die Ameisen, und wenn diese fehlen, so sind sie -genöthigt ihre Excretionen auszustossen. Da nun die Aussonderung -ausserordentlich klebrig ist, so ist es wahrscheinlich für die Aphiden -von Nutzen, dass sie entfernt werde; und so ist es denn auch mit dieser -Excretion wohl nicht auf den ausschliesslichen Vortheil der Ameisen -abgesehen. Obwohl ich nicht glaube, dass irgend ein Thier in der Welt -etwas zum ausschliesslichen Nutzen einer andern Art thue, so sucht doch -jede Art Vortheil von den Instinkten anderer zu ziehen und hat Vortheil -von der schwächeren Körper-Beschaffenheit andrer. So können dann auch -in einigen wenigen Fällen gewisse Instinkte nicht als ganz vollkommen -betrachtet werden, was ich aber bis ins Einzelne auseinanderzusetzen -hier unterlassen muss. - -Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden, um zu -zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von Abänderung in den -Instinkten und die Erblichkeit solcher Abänderungen zur Thätigkeit der -Natürlichen Züchtung unerlässlich ist, aber Mangel an Raum hindert -mich es zu thun. Ich kann bloss versichern, dass Instinkte gewiss -variiren, wie z. B. der Wander-Instinkt nach Ausdehnung und Richtung -variiren oder auch ganz aufhören kann. So ist es mit den Nestern der -Vögel, welche theils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den -Natur- und Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus -ganz unbekannten Ursachen abändern. So hat ~Audubon~ einige -sehr merkwürdige Fälle von Verschiedenheiten in den Nestern derselben -Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden der _Vereinten -Staaten_ leben, mitgetheilt. Warum, hat man gefragt, hat die -Natur der Biene, wenn Instinkt veränderlich ist, nicht die Fähigkeit -ertheilt, andre Materialien da zu benützen, wo Wachs fehlt? Aber welche -andre Materialien könnten die Bienen benützen. Ich habe gesehen, -dass sie mit Kochenille und mit Fett versetztes Wachs gebrauchen und -verarbeiten. ~Andrew Knight~ sah seine Bienen, statt emsig -Pollen einzusammeln, ein Zäment aus Wachs und Terpentin gebrauchen, -womit entrindete Bäume überstrichen worden waren. Endlich hat man -kürzlich Bienen beobachtet, die, statt Blüthen um ihres Samenstaubes -willen aufzusuchen, gerne eine ganz verschiedene Substanz, nämlich -Hafermehl verwendeten. -- Furcht vor irgend einem besondren Feinde -ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im -Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwohl sie durch -Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor demselben Feinde bei -anderen Thieren noch verstärkt wird. Thiere auf abgelegenen kleinen -Eilanden fürchten sich nicht vor den Menschen und lernen, wie ich -anderwärts gezeigt habe, ihn nur langsam fürchten; und so nehmen wir -auch in _England_ selbst wahr, dass die grossen Vögel, weil sie -vom Menschen mehr verfolgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als -die kleinen. Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost -dieser Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln -sind die grossen nicht scheuer als die kleinen; und die Elster, so -furchtsam in _England_, ist in _Norwegen_ eben so zahm als -die Krähe (Corvus cornix) in _Ägypten_. - -Dass die Gemüthsart der Individuen einer Spezies im Allgemeinen, auch -wenn sie in der freien Natur geboren sind, äusserst manchfaltig seye, -kann mit vielen Thatsachen belegt werden. Auch liessen sich bei einigen -Arten Beispiele von zufälligen und fremdartigen Gewohnheiten anführen, -die, wenn sie der Art nützlich wären, durch Natürliche Züchtung zu ganz -neuen Instinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dass -diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thatsachen zum Belege, -nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers machen werden, -kann jedoch nur meine Versicherung wiederholen, dass ich nicht ohne -gute Beweise so spreche. - -Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen des -Instinktes im Natur-Zustande zu vererben wird durch Betrachtung einiger -Fälle bei gezähmten Thieren noch stärker hervortreten. Wir werden -dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt, welchen vergleichungsweisen -Einfluss Gewöhnung und die Züchtung sogenannter zufälliger Abweichungen -auf die Abänderung der Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere ausgeübt -haben. Es lässt sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele -anführen von der Vererblichkeit aller Abschattungen der Gemüthsart, -des Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in -Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen -Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschiedenen -Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich habe selbst -einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge Vorstehehunde -zuweilen vor andern Hunden anziehen, wenn sie das erstemal mit -hinausgenommen werden. So ist das Aufstöbern der Feldhühner gewiss oft -erblich bei Hunden der vorzugsweise dazu gebrauchten Rasse, wie junge -Schäferhunde geneigt sind die Heerde zu umkreisen statt nebenher zu -laufen. Ich kann nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von -denen des Instinktes verschieden sind; denn die jungen Hunde handeln -ohne Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und ohne -den Zweck des Handelns zu kennen. Denn der junge Vorstehehund weiss -noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen den Absichten seines -Herrn dient, als der Kohlschmetterling weiss, warum er seine Eier auf -ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art Wolf sähen, welcher noch jung -und ohne Abrichtung bei Witterung seiner Beute bewegungslos wie eine -Bildsäule stehen bliebe und dann mit eigenthümlicher Haltung langsam -auf sie hinschliche, oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen -Rudel Hirsche zuzuspringen, dasselbe umkreiste und so nach einem -entfernten Punkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem -Instinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen könnte, sind -gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natürlichen; denn -sie sind durch viel minder strenge Züchtung ausgeprägt und eine bei -weitem kürzere Zeit hindurch unter minder steten Lebens-Bedingungen -vererbt worden. - -Wie streng diese „zahmen Instinkte“, Gewohnheiten und Neigungen vererbt -werden und wie wundersam sie sich zuweilen mischen, zeigt sich ganz -wohl, wenn verschiedene Hunde-Rassen miteinander gekreutzt werden. So -ist eine Kreutzung mit Bullbeissern auf viele Generationen hinaus auf -den Muth und die Beharrlichkeit des Windhundes von Einfluss gewesen, -und eine Kreutzung mit dem Wind-Hunde hat auf eine ganze Familie von -Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese zahmen -Instinkte, auf solche Art durch Kreutzung erprobt, gleichen natürlichen -Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise sonderbar mit einander -verbinden, so dass sich auf lange Zeit hinaus Spuren des Instinktes -beider Ältern erhalten. So beschreibt ~Le Roy~ einen Hund, -dessen Grossvater ein Wolf war; dieser Hund verrieth die Spuren seiner -wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von -seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam. - -Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen, welche -bloss durch eine lang-fortgesetzte und erzwungene Gewohnheit erblich -werden; ich glaube aber, dass Diess nicht richtig ist. Gewiss hat -niemals jemand daran gedacht oder versucht, der Purzeltaube das Purzeln -zu lehren, was meines Wissens auch schon junge Tauben thun, welche -nie andere purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal -eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-Weise -gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfältiger und lang-fortgesetzter -Züchtung aus ihr die Purzler allmählich das geworden, was sie jetzt -sind; und wie ich von Herrn ~Brent~ vernehme, gibt es bei -_Glasgow_ Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle weit fliegen -können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen. Eben so ist es schwer -zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand daran gedacht habe, einen Hund -zum Vorstehen abzurichten, hätte nicht etwa ein Individuum von selbst -eine Neigung verrathen es zu thun, und man weiss, dass Diess zuweilen -vorkommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete; das -„Stehen“ ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine verstärkte -Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt, auf seine Beute -einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des Stehens einmal gezeigt, -so mögen methodische Züchtung und die erbliche Wirkung zwangsweiser -Abrichtung in jeder nachfolgenden Generation das Werk bald vollendet -haben: und unbewusste Züchtung ist immer in Thätigkeit, da jedermann, -wenn auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich gerne -die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und jagen. Anderseits -hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt. Kaum ist in der Regel -ein Thier schwerer zu zähmen als das Junge des wilden Kaninchens, -und kein Thier zahmer als das Junge des zahmen Kaninchens; und doch -kann ich kaum glauben, dass die Haus-Kaninchen auf Zahmheit gezüchtet -worden sind, sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche -Veränderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit -einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangenschaft -zuzuschreiben haben. Demungeachtet können, wie der _Französische_ -Übersetzer dieses Buches bemerkt hat, gerade die zahmsten Kaninchen, -weil am wenigsten lästig, am öftesten erhalten worden seyn, so dass -mithin auch in diesem Falle Züchtung mit ins Spiel gekommen wäre. - -Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren; ein -merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen Geflügel-Rassen, -welche selten oder nie „brütig“ werden[26], d. h. nie auf ihren Eiern -zu sitzen verlangen. Die tägliche Gewöhnung daran allein verhindert -uns zu sehen, in wie hohem Grade und wie allgemein die geistigen -Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch Zähmung verändert worden sind. -Man kann kaum daran zweifeln, dass die Liebe des Menschen als -Instinkt auf den Hund übergegangen ist. Alle Wölfe, Füchse, Schakals -und Katzen-Arten sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig -Geflügel, Schaafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung -hat sich unheilbar auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung -aus Gegenden zu uns gebracht hat, wo wie im _Feuerlande_ und -in _Australien_ die Wilden jene Hausthiere nicht halten. Und -wie selten ist es auf der andern Seite nöthig, unsren zivilisirten -Hunden, selbst wenn sie noch jung sind, die Angriffe auf jene -Thiere abzugewöhnen. Allerdings machen sie manchmal einen solchen -Angriff und werden dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft, -endlich weggeschafft, -- so dass Gewohnheit und wahrscheinlich -einige Züchtung zusammengewirkt haben, unsren Hunden ihre erbliche -Zivilisation beizubringen. Andrerseits haben junge Hühnchen, ganz -in Folge von Gewöhnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren, -welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte besessen; -denn ich erfahre von Capt. ~Hutton~, dass die jungen vom -_Ostindischen_ Stammvater dieser Art (Gallus Bankiva), wenn -sie auch von einer gewöhnlichen Henne ausgebrütet worden, anfangs -ausserordentlich wild sind. Und so ist es auch mit den jungen Phasanen -aus Eiern, die man in England von einem Haushuhn hat ausbrüten lassen. -Und doch haben die Hühnchen keineswegs alle Furcht verloren, sondern -nur die Furcht vor Hunden und Katzen; denn sobald die Henne ihnen durch -Glucken eine Gefahr anmeldet, laufen alle (zumal junge Welschhühner), -um sich unter ihren Schutz zu begehen, oder um sich im Grase und -Dickicht umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven -Absicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter -möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei unseren -jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten Zustande ganz -nutzlos, weil die Mutter-Henne das Flug-Vermögen durch Nichtgebrauch -gewöhnlich eingebüsst hat. - -Daraus lässt sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben worden -und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch eigne -Gewohnheit und theils durch die Einwirkung des Menschen, welche viele -aufeinander-folgende Generationen hindurch eigenthümliche geistige -Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer Unwissenheit anfangs -nur ein sogenannter Zufall geschienen, durch Züchtung gehäuft und -gesteigert hat. In einigen Fällen hat erzwungene Gewöhnung genügt, um -solche erbliche Veränderung geistiger Eigenschaften zu bewirken; in -andern ist durch Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch -unbewusste oder methodische Züchtung bewirkt worden; in den meisten -Fällen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt. - -Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht am besten -geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte im Natur-Zustande -durch Züchtung modifizirt worden sind. Ich will aus der grossen Anzahl -derjenigen, welche ich gesammelt und in meinem späteren Werke zu -erörtern haben werde, nur drei Fälle hervorheben, nämlich den Instinkt, -welcher den Kuckuck treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den -Instinkt der Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der -Honig-Bienen; die zwei zuletzt genannten sind von den Naturforschern -wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten Instinkte -bezeichnet worden. - -Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die Grund-Ursache -für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in fremde Nester zu legen -beruhe darin, dass dieselben der Reihe nach nicht täglich, sondern -erst jeden zweiten oder dritten Tag zur Reife kommen, so dass, wenn -der Kuckuck sein eignes Nest zu bauen und auf seinen eignen Eiern -zu sitzen hätte, die ersten Eier entweder eine Zeitlang unbebrütet -bleiben oder Eier und junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen -Neste zusammen kommen müssten[27]. Wäre Diess so der Fall, so müssten -allerdings die Prozesse des Legens und Ausschlüpfens unangemessen lang -währen, und die zuerst ausgeschlüpften jungen Vögel wahrscheinlich vom -Männchen allein aufgefüttert werden. Allein der _Amerikanische_ -Kuckuck findet sich in derselben Lage, und doch macht er sein eignes -Nest und legt seine Eier nach-einander hinein, und seine Jungen -schlüpfen gleichzeitig aus. Man hat zwar versichert, auch der -_Amerikanische_ Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester, -aber nach Dr. _Brewer’s_ verlässiger Gewährschaft in diesen Dingen -ist es ein Irrthum. Demungeachtet könnte ich noch mehre andre Beispiele -von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde Nester legen. -Nehmen wir nun an, der Stamm-Vater unsres _Europäischen_ Kuckucks -habe die Gewohnheiten des _Amerikanischen_ gehabt, doch zuweilen -ein Ei in das Nest eines andren Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von -diesem gelegentlichen Brauche Vortheil hatte, oder der junge durch den -fehlgreifenden Instinkt einer fremden Mutter kräftiger wurde, als er -unter der Sorge seiner eignen Mutter geworden seyn würde, weil diese -mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von verschiedenem Alter -überladen gewesen wäre und von selbst in sehr zartem Alter schon hätte -wandern müssen; so gewann entweder der Alte oder das auf fremde Kosten -gepflegte Junge dabei. Der Analogie nach möchte ich dann glauben, dass -als Folge der Erblichkeit das so aufgeatzte Junge mehr geneigt seye, -die zufällige und abweichende Handlungsweise seiner Mutter nachzuahmen, -auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kräftigere Nachkommen -zu erlangen. Durch einen fortgesetzten Prozess dieser Art könnte nach -meiner Meinung der wunderliche Instinkt des Kuckucks entstanden seyn. -Ich will jedoch noch beifügen, dass nach Dr. ~Gray~ u. e. a. -Beobachtern der _Europäische_ Kuckuck doch keineswegs alle -mütterliche Liebe und Sorge für seine eignen Sprösslinge verloren hat. - -Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von derselben oder -einer andern Spezies zu legen, ist unter den Hühner-artigen Vögeln -nicht ganz ungewöhnlich; und Diess erklärt vielleicht die Entstehung -eines eigenthümlichen Instinktes in der benachbarten Gruppe der -Strauss-artigen Vögel. Denn mehre Strauss-Hennen wenigstens von der -_Amerikanischen_ Art vereinigen sich, um zuerst einige Eier in ein -Nest und dann in ein andres zu legen; und diese werden von den Männchen -ausgebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrscheinlich -die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen eine grosse -Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen -legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim _Amerikanischen_ Strausse -noch nicht sehr entwickelt; denn es liegt dort auch noch eine so -erstaunliche Menge von Eiern über die Ebene zerstreut, dass ich auf der -Jagd an einem Tage nicht weniger als 20 verlassener und verdorbener -Eier aufzunehmen im Stand war. - -Manche Bienen schmarotzen und legen ihre Eier in Nester andrer -Bienen-Arten. Diess ist noch merkwürdiger, als beim Kuckuck; denn diese -Bienen haben nicht allein ihren Instinkt, sondern auch ihren Bau in -Übereinstimmung mit ihrer parasitischen Lebens-Weise geändert, indem -sie nämlich nicht die Vorrichtung zur Einsammlung des Pollens besitzen, -deren sie bedürften, wenn sie Nahrung für ihre eigne Brut vorräthig -aufhäufen müssten. Einige Insekten-Arten schmarotzen nach der Weise der -Sphegiden bei andern Arten, und Herr ~Fabre~ hat neulich guten -Grund nachgewiesen zu glauben, dass, obwohl Tachytes nigra gewöhnlich -ihre eigne Höhle macht und darin noch lebende aber gelähmte Beute zur -Nahrung ihrer eignen Larve im Vorrath niederlegt, dieselbe doch, wenn -sie eine schon fertige und mit Vorräthen versehene Höhle einer andern -Sphex findet, davon Besitz ergreift und in Folge dieser Gelegenheit -Parasit wird. In diesem Falle wie in dem angenommenen Beispiele von dem -Kuckuck liegt kein Hinderniss für die Natürliche Züchtung vor, aus dem -gelegentlichen Brauche einen beständigen zu machen, wenn er für die Art -nützlich ist, und wenn nicht in Folge dessen die andre Insekten-Art, -deren Nest und Futter-Vorräthe sie sich verrätherischer Weise aneignet, -dadurch vertilgt wird. - -+Instinkt Sklaven zu machen+.) Dieser Naturtrieb wurde zuerst bei -Formica (Poliergus) rufescens von ~Peter Huber~ beobachtet, -einem noch besseren Beobachter, als sein berühmter Vater gewesen. Diese -Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven abhängig, ohne deren Hülfe -die Art schon in einem Jahre gänzlich zu Grunde gehen müsste. Die -Männchen und fruchtbaren Weibchen arbeiten nicht. Die arbeitenden oder -unfruchtbaren Weibchen dagegen, obgleich sehr muthig und thatkräftig -beim Sklaven-Fangen, thun nichts andres. Sie sind unfähig ihre eignen -Nester zu machen oder ihre eignen Jungen zu füttern. Wenn das alte Nest -unpassend befunden und eine Auswanderung nöthig wird, entscheiden die -Sklaven darüber und schleppen dann ihre Meister zwischen den Kinnladen -fort. Diese letzten sind so äusserst hülfelos, dass, als ~Huber~ -deren dreissig ohne Sklaven aber mit einer reichlichen Menge des besten -Futters und zugleich mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Thätigkeit -anzuspornen, zusammen-sperrte, sie nicht einmal sich selbst fütterten -und grossentheils Hungers starben. ~Huber~ brachte dann einen -einzigen Sklaven (Formica fusca) dazu, der sich unverzüglich ans Werk -begab und die noch überlebenden fütterte und rettete, einige Zellen -machte, die Larven pflegte und Alles in Ordnung brachte. Was kann es -Ausserordentlicheres geben, als diese wohl verbürgten Thatsachen? Hätte -man nicht noch von einigen andern Sklaven-machenden Ameisen Kenntniss, -so würde es ein Hoffnungs-loser Versuch gewesen seyn sich eine -Vorstellung davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher -Vollkommenheit gedeihen könne. - -Eine andre Ameisen-Art, Formica sanguinea, wurde gleichfalls zuerst -von ~Huber~ als Sklavenmacherin erkannt. Sie kömmt im südlichen -Theile von _England_ vor, wo ihre Gewohnheiten von ~H. F. -Smith~ vom _Britischen Museum_ beobachtet worden sind, dem -ich für seine Mittheilungen über diesen und andre Gegenstände sehr -verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die Versicherungen der -zwei genannten Naturforscher setzend, vermochte ich doch nicht ohne -einigen Zweifel an die Sache zu gehen, und es mag wohl zu entschuldigen -seyn, wenn jemand an einen so ausserordentlichen und hässlichen -Instinkt, wie der ist Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben -kann. Ich will daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit -einigen Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nest-Haufen der -Formica sanguinea und fand in allen einige Sklaven. Männchen und -fruchtbare Weibchen der Sklaven-Art (F. fusca) kommen nur in ihrer -eignen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen der F. sanguinea -gefunden worden. Die Sklaven sind schwarz und von nicht mehr als der -halben Grösse ihrer Herrn, so dass der Gegensatz in ihrer Erscheinung -sogleich auffällt. Wird der Haufe nur leicht wenig gestört, so kommen -die Sklaven zuweilen heraus und zeigen sich gleich ihren Meistern -sehr beunruhigt und zur Vertheidigung bereit. Wird aber der Haufe so -zerrüttet, dass Larven und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die -Sklaven mit ihren Meistern zugleich lebhaft bemüht, dieselben nach -einem sicheren Platze zu schleppen. Daraus ist klar, dass sich die -Sklaven ganz heimisch fühlen. Während der Monate Juni und Juli habe ich -in drei aufeinander-folgenden Jahren in den Grafschaften _Surrey_ -und _Sussex_ mehre solcher Ameisen-Haufen Stunden-lang beobachtet -und nie einen Sklaven aus- oder eingehen sehen. Da während dieser -Monate der Sklaven nur wenige sind, so dachte ich sie würden sich -anders benehmen, wenn sie in grössrer Anzahl wären; aber auch Hr. -~Smith~ theilt mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen -Stunden während der Monate Mai, Juni und August in _Surrey_ wie -in _Hampshire_ beobachtet und, obwohl die Sklaven im August -zahlreich sind, nie einen derselben aus- oder eingehen gesehen hat. Er -betrachtet sie daher lediglich als Haus-Sklaven. Dagegen sieht man ihre -Herrn beständig Nestbau-Stoffe und Futter aller Art herbeischleppen. -Im jetzigen Jahre jedoch kam ich im Juli zu einer Gemeinde mit einem -ungewöhnlich starken Sklaven-Stande und sah einige wenige Sklaven -unter ihre Meister gemengt das Nest verlassen und mit ihnen den -nämlichen Weg zu einer _Schottischen_ Kiefer, 25 Ellen entfernt, -einschlagen und am Stamme hinauflaufen, wahrscheinlich um nach Blatt- -oder Schild-Läusen zu suchen. Nach ~Huber~, welcher reichliche -Gelegenheit zur Beobachtung gehabt, arbeiten in der _Schweitz_ -die Sklaven gewöhnlich mit ihren Herrn an der Aufführung des Nestes, -und sie allein öffnen und schliessen die Thore in den Morgen- und -Abend-Stunden; jedoch ist, wie ~Huber~ ausdrücklich versichert, -ihr Hauptgeschäft nach Blattläusen zu suchen. Dieser Unterschied in den -herrschenden Gewohnheiten von Herrn und Sklaven in zweierlei Gegenden -mag lediglich davon abhängen, dass in der _Schweitz_ die Sklaven -zahlreicher einzufangen sind als in _England_. - -Eines Tages bemerkte ich glücklicherweise eine Wanderung der -F. sanguinea von einem Haufen zum andern, und es war ein sehr -interessanter Anblick, wie die Herrn ihre Sklaven sorgfältig zwischen -ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von ihnen getragen -zu werden, wie es bei F. rufescens der Fall ist. Eines andern -Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei Dutzend Ameisen der -Sklaven-machenden Art in Anspruch genommen, welche dieselbe Stelle -besuchten, doch offenbar nicht des Futters wegen. Bei ihrer Annäherung -wurden sie von einer unabhängigen Kolonie der Sklaven-gebenden Art, F. -fusca, zurückgetrieben, so dass zuweilen bis drei dieser letzten an den -Beinen einer F. sanguinea hingen. Diese letzte tödtete ihre kleineren -Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung in ihr 29 -Ellen entferntes Nest; aber sie wurde verhindert Puppen wegzunehmen, um -sie zu Sklaven aufzuziehen. Ich entnahm dann aus einem andern Haufen -der F. fusca eine geringe Anzahl Puppen und legte sie auf eine kahle -Stelle nächst dem Kampfplatze nieder. Diese wurden begierig von den -Tyrannen ergriffen und fortgetragen, die sich vielleicht einbildeten, -doch endlich Sieger in dem letzten Kampfe gewesen zu seyn. - -Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen der -Formica flava mit einigen wenigen reifen Ameisen dieser gelben Art -nieder, welche noch an Bruchstücken ihres Nestes hingen. Auch diese Art -wird zuweilen, doch selten zu Sklaven gemacht, wie Herr ~Smith~ -beschrieben hat. Obwohl klein ist diese Art sehr muthig, und ich habe -sie mit wildem Ungestüm andre Ameisen angreifen sehen. Einmal fand -ich zu meinem Erstaunen unter einem Steine eine unabhängige Kolonie -der Formica flava noch unterhalb einem Neste der Sklaven-machenden F. -sanguinea; und da ich zufällig beide Nester gestört hatte, so griff -die kleine Art ihre grosse Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich -war nun neugierig zu erfahren, ob F. sanguinea im Stande seye, die -Puppen der F. fusca, welche sie gewöhnlich zur Sklaven-Zucht verwendet, -von denen der kleinen wüthenden F. flava zu unterscheiden, welche sie -nur selten in Gefangenschaft führt, und es ergab sich bald, dass sie -dieses Unterscheidungs-Vermögen besass; denn ich sah sie begierig und -augenblicklich über die Puppen der F. fusca herfallen, während sie sehr -erschrocken schien, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde -aus dem Neste der F. flava stiess, und rasch davonrannte. Aber nach -einer Viertel-Stunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben Ameisen die -Stelle verlassen hatten, bekamen sie Muth und griffen auch diese Puppen -auf. - -Eines Abends besuchte ich eine andre Gemeinde der F. sanguinea und fand -eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und beim Eingang in ihr Nest, -Leichen und viele Puppen der F. fusca mit sich schleppend, also nicht -auf blosser Wanderung begriffen. Ich verfolgte eine 40 Ellen lange -Reihe mit Beute beladener Ameisen bis zu einem dichten Haide-Gebüsch, -wo ich das letzte Individuum der F. sanguinea mit einer Puppe belastet -herauskommen sah; aber das zerstörte Nest konnte ich in der dichten -Haide nicht finden, obwohl es nicht mehr ferne gewesen seyn kann, -indem zwei oder drei Individuen der F. fusca in der grössten Aufregung -umherrannten und eines bewegungslos an der Spitze eines Haide-Zweiges -hing: alle mit ihren eignen Puppen im Maul, ein Bild der Verzweiflung -über ihre zerstörte Heimath. - -Diess sind die Thatsachen, welche ich, obwohl sie meiner Bestätigung -nicht erst bedurft hätten, über den wundersamen Sklavenmacher-Instinkt, -berichten kann. Zuerst ist der grosse Gegensatz zwischen den -instinktiven Gewohnheiten der F. sanguinea und der kontinentalen -F. rufescens zu bemerken. Diese letzte baut nicht selbst ihr Nest, -bestimmt nicht ihre eignen Wanderungen, sammelt nicht das Futter für -sich und ihre Brut und kann nicht einmal allein fressen; sie ist -absolut abhängig von ihren zahlreichen Sklaven. Die F. sanguinea -dagegen hält viel weniger und zumal im ersten Theile des Sommers sehr -wenige Sklaven; die Herrn bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut -werden soll; und wenn sie wandern, schleppen die Herrn die Sklaven. -In der _Schweitz_ wie in _England_ scheinen die Sklaven -ausschliesslich mit der Sorge für die Brut beauftragt zu seyn, und die -Herrn allein gehen auf den Sklavenfang aus. In der _Schweitz_ -arbeiten Herrn und Sklaven miteinander um Nestbau-Materialien -herbeizuschaffen; beide und doch vorzugsweise die Sklaven besuchen -und melken, wie man es nennen könnte, ihre Aphiden, und beide sammeln -Nahrung für die Gemeinschaft ein. In _England_ verlassen die -Herrn gewöhnlich allein das Nest, um Bau-Stoffe und Futter für sich, -ihre Larven und Sklaven einzusammeln, so dass dieselben hier von ihren -Sklaven viel weniger Dienste empfangen als in der _Schweitz_. - -Ich will mich nicht vermessen zu errathen, auf welchem Wege der -Instinkt der F. sanguinea sich entwickelt hat. Da jedoch Ameisen, -welche keine Sklavenmacher sind, wie wir gesehen haben, zufällig um -ihr Nest zerstreute Puppen andrer Arten heimschleppen, vielleicht um -sie zur Nahrung zu verwenden, so können sich solche Puppen dort auch -noch zuweilen entwickeln, und die auf solche Weise absichtslos im Haus -erzognen Fremdlinge mögen dann ihren eignen Instinkten folgen und -arbeiten, was sie können. Erweiset sich ihre Anwesenheit nützlich für -die Art, welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten mehr zu -Arbeiter zu fangen als zu erziehen, so kann der ursprünglich zufällige -Brauch fremde Puppen zur Nahrung einzusammeln durch Natürliche Züchtung -verstärkt und endlich zu dem ganz verschiedenen Zwecke Sklaven zu -erziehen bleibend befestigt werden. Wenn dieser Naturtrieb zur Zeit -seines Ursprungs in einem noch viel minderen Grade als bei unsrer F. -sanguinea entwickelt war, welche noch jetzt von ihren Sklaven weniger -Hülfe in _England_ als in der _Schweitz_ empfängt, so finde -ich kein Bedenken anzunehmen, Natürliche Züchtung habe dann diesen -Instinkt verändert und, immer vorausgesetzt, dass jede Abänderung der -Spezies nützlich gewesen, allmählich so weit abgeändert, dass endlich -eine Ameisen-Art entstand in so verächtlicher Abhängigkeit von ihren -eignen Sklaven, wie es F. rufescens ist. - -+Zellenbau-Instinkt der Korb-Bienen.+) Ich beabsichtige nicht -über diesen Gegenstand in kleine Einzelnheiten einzugehen, sondern -will mich beschränken, eine Skizze von den Ergebnissen zu liefern, -zu welchen ich gelangt bin. Es müsste ein beschränkter Mensch seyn, -welcher bei Untersuchung des ausgezeichneten Baues einer Bienen-Wabe, -die ihrem Zwecke so wundersam angepasst ist, nicht in begeisterte -Verwunderung geriethe. Wir hören von Mathematikern, dass die Bienen -praktisch ein schwieriges Problem gelöst und ihre Zellen in derjenigen -Form, welche die grösst-mögliche Menge von Honig aufnehmen kann, mit -dem geringst-möglichen Aufwande des kostspieligen Bau-Materiales, des -Wachses nämlich, hergestellt haben. Man hat bemerkt, dass es einem -geschickten Arbeiter mit passenden Maassen und Werkzeugen sehr schwer -fallen würde, regelmässig sechseckige Wachs-Zellen zu machen, obwohl -Diess eine wimmelnde Menge von Bienen in dunklem Korbe mit grösster -Genauigkeit vollführt. Was für einen Instinkt man auch annehmen mag, -so scheint es doch anfangs ganz unbegreiflich, wie derselbe solle -alle nöthigen Winkel und Flächen berechnen, oder auch nur beurtheilen -können, ob sie richtig gemacht sind. Inzwischen ist doch die -Schwierigkeit nicht so gross, wie sie Anfangs scheint; denn all’ diess -schöne Werk lässt sich von einigen wenigen sehr einfachen Naturtrieben -herleiten. - -Ich war diesen Gegenstand zu verfolgen durch Herrn ~Waterhouse~ -veranlasst worden, welcher gezeigt hat, dass die Form der Zellen in -enger Beziehung zur Anwesenheit von Nachbarzellen steht, und die -folgende Ansicht ist vielleicht nur eine Modifikation seiner Theorie. -Wenden wir uns zu dem grossen Abstufungs-Prinzipe und sehen wir zu, -ob uns die Natur nicht ihre Methode zu wirken enthülle. Am einen Ende -der kurzen Stufen-Reihe sehen wir die Hummel-Biene, welche ihre alten -Coccons zur Aufnahme von Honig verwendet, indem sie ihnen zuweilen -kurze Wachs-Röhren anfügt und ebenso auch einzeln abgesonderte und -sehr unregelmässig abgerundete Zellen von Wachs anfertigt. Am andern -Ende der Reihe haben wir die Zellen der Korbbiene, eine doppelte -Schicht bildend: jede Zelle ist bekanntlich ein sechsseitiges -Prisma, deren Grundfläche durch eine stumpf-dreiseitige Pyramide aus -drei Rautenflächen, mit festen Winkeln ersetzt ist. Dieselben drei -Rautenflächen, welche die pyramidale Basis einer Zelle in der einen -Zellen-Schicht der Scheibe bilden, entsprechen je einer Rautenfläche -in drei aneinanderstossenden Zellen der entgegengesetzten Schicht. Als -Zwischenstufe zwischen der äussersten Vervollkommnung im Zellenbau -der Korb-Biene und der äussersten Einfachheit in dem der Hummel-Biene -haben wir dann die Zellen der _Mexikanischen_ Melipona domestica, -welche ~P. Huber~ gleichfalls sorgfältig beschrieben und -abgebildet hat. Diese Biene steht in ihrer Körperbildung zwischen -unsrer Honig-Biene und der Hummel in der Mitte, doch der letzten näher, -bildet einen fast regelmässigen wächsernen Zellen-Kuchen mit walzigen -Zellen, worin die Jungen gepflegt werden, und überdiess mit einigen -grossen Zellen zur Aufnahme von Honig. Diese letzten sind von ihrer -freien Seite gesehen fast kreisförmig und von nahezu gleicher Grösse, -in eine unregelmässige Masse zusammengefügt; am wichtigsten aber ist -daran zu bemerken, dass sie so nahe aneinander gerückt sind, dass alle -kreisförmigen Wände, wenn sie auch da, wo die Zellen einander stossen, -ihre Kreise fortsetzten, einander schneiden oder durchsetzen müssten; -daher die Wände an den aneinanderliegenden Stellen eben abgeplattet -sind. Jede dieser im Ganzen genommen kreisrunden Zellen hat mithin doch -2-3 oder mehr vollkommen ebene Seitenflächen, je nachdem sie an 2-3 -oder mehr andre Zellen seitlich angrenzt. Kommt eine Zelle in Berührung -mit drei andern Zellen, was, da alle von fast gleicher Grösse sind, -nothwendig sehr oft geschieht, so vereinigen sich die drei ebenen -Flächen zu einer dreiseitigen Pyramide, welche, nach ~Huber’s~ -Bemerkung, offenbar der dreiseitigen Pyramide an der Basis der -Zellen unsrer Korb-Biene zu vergleichen ist. Wie in den Zellen der -Honigbiene, so nehmen auch hier die drei ebenen Flächen einer Zelle an -der Zusammensetzung dreier andren anstossenden Zellen Theil. Es ist -offenbar, dass die Melipona bei dieser Bildungs-Weise Wachs erspart; -denn die Wände sind da, wo mehre solche Zellen aneinandergrenzen, -nicht doppelt und nur von der Dicke wie die kreisförmigen Theile, und -jedes flache Stück Zwischenwand nimmt an der Zusammensetzung zweier -aneinanderstossenden Zellen Antheil. - -Indem ich über diesen Fall nachdachte, kam es mir vor, als ob, wenn die -Melipona ihre walzigen Zellen von gleicher Grösse in einer gegebenen -gleichen Entfernung von einander gefertigt und symmetrisch in eine -doppelte Schicht geordnet hätte, der dadurch erzielte Bau so vollkommen -als der der Korb-Biene geworden seyn würde. Demzufolge schrieb ich an -Professor ~Miller~ in _Cambridge_, und dieser Geometer bezeichnet die -folgende seiner Belehrung entnommene Darstellung als richtig. - -Wenn eine Anzahl unter sich gleicher Kreise so beschrieben wird, -dass ihre Mittelpunkte in zwei parallelen Ebenen liegen, und das -Centrum eines jeden Kreises um Radius × √2 oder Radius × 1.41421 -(oder weniger) von den Mittelpunkten der sechs umgebenden Kreise in -derselben Schicht und eben so weit von den Centren der angrenzenden -Kreise in der andren parallelen Schicht entfernt ist[28], und wenn -alsdann Durchschneidungsflächen zwischen den verschiedenen Kreisen -beider Schichten gebildet werden: -- so muss sich eine doppelte Lage -sechsseitiger Prismen ergeben, welche mit aus drei Rauten gebildeten -dreiseitig-pyramidalen Basen aufeinanderstehen, und diese Rauten- -sowie die Seiten-Flächen der sechsseitigen Prismen werden in allen -Winkeln aufs Genaueste übereinstimmen, wie sie an den Wachsscheiben -der Bienen nach den sorgfältigsten Messungen vorkommen. Wir können -daher mit Verlässigkeit schliessen, dass, wenn wir die jetzigen noch -nicht sehr ausgezeichneten Instinkte der Melipona etwas zu verbessern -im Stande wären, diese einen Bau eben so wunderbar vollkommen zu -liefern vermöchte, als die Korb-Biene. Stellen wir uns also vor, die -Melipona mache ihre Zellen ganz kreisrund und gleich-gross, was nicht -zum Verwundern seyn würde, da sie es schon in gewissem Grade thut und -viele Insekten sich vollkommen walzenförmige Zellen in Holz aushöhlen, -indem sie anscheinend sich um einen festen Punkt drehen. Stellen wir -uns ferner vor, die Melipona ordne ihre Zellen in ebenen Lagen, wie -sie es bereits mit ihren Walzen-Zellen thut. Nehmen wir ferner an (und -Diess ist die grösste Schwierigkeit), sie vermöge irgend-wie genau zu -beurtheilen, in welchem Abstände von ihren gleichzeitig beschäftigten -Mitarbeiterinnen sie ihre kreisrunden Zellen beginnen müsse; wir -sahen sie ja bereits Entfernungen hinreichend bemessen, um alle ihre -Kreise so zu beschreiben, dass sie einander stark schneiden, und sahen -sie dann die Schneidungs-Punkte durch vollkommen ebene Wände mit -einander verbinden. Unterstellen wir endlich, was keiner Schwierigkeit -unterliegt, dass wenn die sechsseitigen Prismen durch Schneidung in -der nämlichen Schicht aneinanderliegender Kreise gebildet sind, sie -deren Sechsecke bis zu genügender Ausdehnung verlängern könne, um -den Honig-Vorrath aufzunehmen, wie die Hummel den runden Mündungen -ihrer alten Coccons noch Wachs-Zylinder ansetzt. Diess sind die nicht -sehr wunderbaren Modifikationen dieses Instinktes (wenigstens nicht -wunderbarer als jene, die den Vogel bei seinem Nestbau leiten), durch -welche, wie ich glaube, die Korb-Biene auf dem Wege Natürlicher -Züchtung zu ihrer unnachahmlichen architektonischen Geschicklichkeit -gelangt ist. - -Doch diese Theorie lässt sich durch Versuche bewähren. Nach Herrn -~Tegemeier’s~ Vorgange trennte ich zwei Bienen-Waben und fügte -einen langen dicken rechteckigen Streifen Wachs dazwischen. Die Bienen -begannen sogleich kleine kreisrunde Grübchen darin auszuhöhlen, die sie -immer mehr erweiterten je tiefer sie wurden, bis flache Becken daraus -entstanden, die genau kreisrund und vom Durchmesser der gewöhnlichen -Zellen waren. Es war sehr ansprechend für mich zu beobachten, dass -überall, wo mehre Bienen zugleich neben einander solche Aushöhlungen -zu machen begannen, sie genau die richtigen Entfernungen einhielten, -dass jene Becken mit der Zeit vollkommen die erwähnte Weite einer -gewöhnlichen Zelle erlangten, so dass, als sie den sechsten Theil des -Durchmessers des Kreises, wovon sie einen Theil bildeten, erreicht -hatten, sie einander schneiden mussten. Sobald dies der Fall war, -hielten die Bienen mit der weiteren Austiefung ein und begannen auf den -Schneidungs-Linien zwischen den Becken ebene Wände von Wachs senkrecht -aufzuführen, so dass jede sechsseitige Zelle auf den unebenen Rand -eines glatten Beckens statt auf die geraden Ränder einer dreiseitigen -Pyramide zu stehen kam, wie bei den gewöhnlichen Bienen-Zellen. - -Ich brachte dann statt eines dicken rechteckigen Stückes Wachs einen -schmalen und nur Messerrücken-dicken Wachs-Streifen, mit Cochenille -gefärbt, in den Korb. Die Bienen begannen sogleich von zwei Seiten her -kleine Becken nahe beieinander darin auszuhöhlen, wie zuvor; aber der -Wachs-Streifen war so dünn, dass die Böden der Becken bei gleich-tiefer -Aushöhlung wie vorhin von zwei entgegengesetzten Seiten her hätten -ineinander brechen müssen. Dazu liessen es aber die Bienen nicht -kommen, sondern hörten bei Zeiten mit der Vertiefung auf, so dass die -Becken, so bald sie etwas vertieft waren, ebene Böden bekamen; und -diese ebenen Böden, aus dünnen Plättchen des rothgefärbten Wachses -bestehend, die nicht weiter ausgenagt wurden, kamen, so weit das Auge -unterscheiden konnte, genau längs den eingebildeten Schneidungs-Ebenen -zwischen den Becken der zwei entgegengesetzten Seiten des -Wachs-Streifens zu liegen. Stellenweise waren kleine Anfänge, an -anderen Stellen grössre Theile rhombischer Tafeln zwischen den -einander entgegenstehenden Becken übrig geblieben; aber das Werk wurde -in Folge der unnatürlichen Lage der Dinge nicht zierlich ausgeführt. -Die Bienen müssen in ungefähr gleichem Verhältniss auf beiden Seiten -des rothen Wachs-Streifens gearbeitet haben, als sie die kreisrunden -Vertiefungen von beiden Seiten her ausnagten, um bei Einstellung der -Arbeit die ebenen Boden-Plättchen auf der Zwischenwand übrig lassen zu -können. - -Berücksichtigt man, wie biegsam dieses Wachs ist, so sehe ich -keine Schwierigkeit für die Bienen ein, es von beiden Seiten -her wahrzunehmen, wenn sie das Wachs bis zur angemessenen Dünne -weggenagt haben, um dann ihre Arbeit einzustellen. In gewöhnlichen -Bienenwaben schien mir, dass es den Bienen nicht immer gelinge, genau -gleichen Schrittes von beiden Seiten her zu arbeiten. Denn ich habe -halb-vollendete Rauten am Grunde einer eben begonnenen Zelle bemerkt, -die an einer Seite etwas konkav waren, wo nach meiner Vermuthung die -Bienen ein wenig zu rasch vorgedrungen waren, und auf der anderen -Seite konvex erschienen, wo sie träger in der Arbeit gewesen. In einem -sehr ausgezeichneten Falle der Art brachte ich die Wabe in den Korb -zurück, liess die Bienen kurze Zeit daran arbeiten, und nahm sie darauf -wieder heraus, um die Zellen aufs Neue zu untersuchen. Ich fand dann -die Rauten-förmigen Platten ergänzt und von beiden Seiten vollkommen -eben. Es war aber bei der ausserordentlichen Dünne der rhombischen -Plättchen unmöglich gewesen, Diess durch ein weiteres Benagen von der -konvexen Seite her zu bewirken, und ich vermuthe, dass die Bienen in -solchen Fällen von den entgegengesetzten Zellen aus das biegsame und -warme Wachs (was nach einem Versuche leicht geschehen kann) in die -zukömmliche mittle Ebene gedrückt und gebogen haben, bis es flach wurde. - -Aus dem Versuche mit dem roth-gefärbten Streifen ist klar zu ersehen, -dass, wenn die Bienen eine dünne Wachs-Wand zur Bearbeitung vor sich -haben, sie ihre Zellen von angemessener Form machen können, indem sie -sich in richtigen Entfernungen von einander halten, gleichen Schritts -mit der Austiefung vorrücken, und gleiche runde Höhlen machen, ohne -jedoch deren Zwischenwände zu durchbrechen. Nun machen die Bienen, -wie man bei Untersuchung des Randes einer in umfänglicher Zunahme -begriffenen Honigwabe deutlich erkennt, eine rauhe Einfassung oder Wand -rund um die Wabe, und nagen darin von den entgegengesetzten Seiten ihre -Zellen aus, indem sie mit deren Vertiefung auch den kreisrunden Umfang -erweitern. Sie machen nie die ganze dreiseitige Pyramide des Bodens -einer Zelle auf einmal, sondern nur die eine der drei rhombischen -Platten, welche dem äussersten in Zunahme begriffenen Rande entspricht, -oder auch die zwei Platten, wie es die Lage mit sich bringt. Auch -ergänzen sie nie die oberen Ränder der rhombischen Platten, als bis die -sechsseitige Zellenwand angefangen wird. Einige dieser Angaben weichen -von denen des mit Recht berühmten älteren ~Huber~ ab, aber ich -bin überzeugt, dass sie richtig sind; und wenn es der Raum gestattete, -so würde ich zeigen, dass sie so mit meiner Theorie in Einklang stehen. - -~Huber’s~ Behauptung, dass die allererste Zelle in einer nicht -vollkommen parallel-seitigen Wachs-Wand ausgehöhlt worden, ist, so -viel ich gesehen, nicht ganz richtig: der erste Anfang war immer eine -kleine Haube von Wachs; doch will ich in diese Einzelnheiten hier nicht -eingehen. Wir sehen, was für einen wichtigen Antheil die Aushöhlung an -der Zellen-Bildung hat; doch wäre es ein grosser Fehler anzunehmen, -die Bienen könnten auf eine rauhe Wachs-Wand nicht in geeigneter Lage, -d. h. längs der Durchschnitts-Ebene zwischen zwei aneinandergrenzenden -Kreisen bauen. Ich habe verschiedene Musterstücke, welche beweisen, -dass sie Diess können. Selbst in dem rohen umfänglichen Wachs-Rande -rund um eine in Zunahme begriffene Wabe beobachtet man zuweilen -Krümmungen, welche ihrer Lage nach den Ebenen der rautenförmigen -Grund-Platten künftiger Zellen entsprechen. Aber in allen Fällen muss -die rauhe Wachs-Wand durch Wegnagung ansehnlicher Theile derselben von -beiden Seiten her ausgearbeitet werden. Die Art, wie die Bienen bauen, -ist sonderbar. Sie machen immer die erste rohe Wand zehn bis zwanzig -mal dicker, als die äusserst feine Scheidewand, die zuletzt zwischen -den Zellen übrig bleiben soll. Wir werden besser verstehen, wie sie -zu Werke gehen, wenn wir uns denken, Maurer häuften zuerst einen -breiten Zäment-Wall auf, begännen dann am Boden denselben von zwei -Seiten her gleichen Schrittes, bis noch eine dünne Wand in der Mitte, -wegzuhauen und häuften das Weggehauene mit neuem Zäment immer wieder -auf dem Rücken des Walles an. Wir haben dann eine dünne stetig in die -Höhe wachsende Wand, die aber stets noch überragt ist von einem dicken -rohen Wall. Da alle Zellen, die erst angefangenen sowohl als die schon -fertigen, auf diese Weise von einer starken Wachs-Masse gekrönt sind, -so können sich die Bienen auf der Wabe zusammenhäufen und herumtummeln, -ohne die zarten sechseckigen Zellen-Wände zu beschädigen, welche nach -Professor ~Miller’s~ Mittheilung im Mittel am Rande der Wabe -1/353″, an den Platten der Grund-Pyramide aber 1/229″ dick sind. -Durch diese eigenthümliche Weise zu bauen erhält die Wabe fortwährend -die erforderliche Stärke mit der grösst-möglichen Ersparung von Wachs. - -Anfangs scheint die Schwierigkeit, die Anfertigungs-Weise der Zellen -zu begreifen, noch dadurch vermehrt zu werden, dass eine Menge von -Bienen gemeinsam arbeiten, indem jede, wenn sie eine Zeit lang an einer -Zelle gearbeitet hat, an eine andre geht, so dass, wie Huber bemerkt, -ein oder zwei Dutzend Individuen sogar am Anfang der ersten Zelle sich -betheiligen. Es ist mir möglich gewesen, diese Thatsache zu bestätigen, -indem ich die Ränder der sechsseitigen Wand einer einzelnen Zelle oder -den äussersten Rand der Umfassungs-Wand einer im Wachsthum begriffenen -Wabe mit einer äusserst dünnen Schicht flüssigen roth-gefärbten -Wachses überzog und dann jedesmal fand, dass die Bienen diese Farbe -auf die zarteste Weise, wie es kein Maler zarter mit seinem Pinsel -vermocht hätte, vertheilten, indem sie Atome des gefärbten Wachses von -ihrer Stelle entnahmen und ringsum in die zunehmenden Zellen-Ränder -verarbeiteten. Diese Art zu bauen kömmt mir vor, wie ein Wetteifer -zwischen vielen Bienen einander das Gleichgewicht zu halten, indem -alle Instinkt-gemäss in gleichen Entfernungen von einander stehen, -und alle gleiche Kreise um sich zu beschreiben suchen, dann aber die -Durchschnitts-Ebenen zwischen diesen Kreisen entweder aufzubauen oder -unbenagt zu lassen. Es war in der That eigenthümlich anzusehen, wie -manchmal in schwierigen Fällen, wenn z. B. zwei Stücke einer Wabe unter -irgend einem Winkel aneinanderstiessen, die Bienen dieselbe Zelle -wieder niederrissen und in andrer Art herstellten, mitunter auch zu -einer Form zurückkehrten, die sie schon einmal verworfen hatten. - -Wenn Bienen einen Platz haben, wo sie in zur Arbeit angemessener -Haltung stehen können, -- z. B auf einem Holz-Stückchen gerade unter -der Mitte einer abwärts wachsenden Wabe, so dass die Wabe über eine -Seite des Holzes gebaut werden muss, -- so können sie den Grund zu -einer Wand eines neuen Sechsecks legen, so dass es genau am gehörigen -Platze unter den andern fertigen Zellen vorragt. Es genügt, dass die -Bienen im Stande sind, in zukömmlicher Entfernung von einander und -von den Wänden der zuletzt vollendeten Zellen zu stehen, und dann -können sie, nach Maassgabe der eingebildeten Kreise, eine Zwischenwand -zwischen zwei benachbarten Zellen aufführen; aber, so viel ich -gesehen, arbeiten sie niemals die Ecken einer Zelle scharf aus, als -bis ein grosser Theil sowohl dieser als der anstossenden Zellen -fertig ist. Dieses Vermögen der Bienen unter gewissen Verhältnissen -an angemessener Stelle zwischen zwei soeben angefangenen Zellen eine -rauhe Wand zu bilden ist wichtig, weil es eine Thatsache erklärt, -welche anfänglich die vorangehende Theorie mit gänzlichem Umsturze -bedrohete, nämlich dass die Zellen auf der äussersten Kante einer -Bienen-Wabe zuweilen genau sechseckig sind; inzwischen habe ich hier -nicht Raum auf diesen Gegenstand einzugehen. Dann scheint es mir auch -keine grosse Schwierigkeit mehr darzubieten, dass ein einzelnes Insekt -(wie es bei der Bienenkönigin z. B. der Fall ist) sechskantige Zellen -baut, wenn es nämlich abwechselnd an der Aussen- und der Innen-Seite -von zwei oder drei gleichzeitig angefangenen Zellen arbeitet und -dabei immer in der angemessenen Entfernung von den Theilen der -eben begonnenen Zellen steht, Kreise um sich beschreibt und in den -Schneidungs-Ebenen Zwischenwände aufführt. Auch ist es zu begreifen, -dass ein Insekt, indem es seinen Platz am Anfangs-Punkte einer Zelle -einnimmt, und sich von da auswärts zuerst nach einem und dann nach -fünf andern Punkten in angemessenen Entfernungen von einander und vom -Mittelpunkte wendet, der Richtung der Schneidungs-Ebenen folgt und -so ein einzelnes Sechseck zuwegebringt; doch ist mir nicht bekannt, -dass ein Fall dieser Art beobachtet worden wäre, wie denn auch aus der -Erbauung einer einzeln-stehenden sechseckigen Zelle dem Insekt kein -Vortheil entspränge, indem dieselbe mehr Bau-Material als ein Zylinder -erheischen würde. - -Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung geringer Abweichungen des -Baues oder Instinktes wirkt, welche alle dem Individuum in seinen -Lebens-Verhältnissen nützlich sind, so mag man vernünftiger Weise -fragen, welchen Nutzen eine lange und stufenweise Reihenfolge von -Abänderungen des Bau-Triebes in der zu seiner jetzigen Vollkommenheit -führenden Richtung der Stamm-Form unsrer Honig-Bienen habe bringen -können? Ich glaube, die Antwort ist nicht schwer. Es ist bekannt, -dass Bienen oft in grosser Noth sind, genügenden Nektar aufzutreiben; -und ich habe von Herrn ~Tegetmeier~ erfahren, dass er durch -Versuche ermittelt habe, dass nicht weniger als 12-15 Pfund trocknen -Zuckers zur Sekretion von jedem Pfund Wachs in einem Bienen-Korbe -verbraucht werden, daher eine überschwängliche Menge flüssigen Honigs -eingesammelt und von den Bienen eines Stockes verzehrt werden muss, -um das zur Erbauung ihrer Waben nöthige Wachs zu erhalten. Überdiess -muss eine grosse Anzahl Bienen während des Sekretions-Prozesses viele -Tage lang unbeschäftigt bleiben. Ein grosser Honig-Vorrath ist ferner -nöthig für den Unterhalt eines starken Stockes über Winter, und es ist -bekannt, dass die Sicherheit desselben hauptsächlich gerade von seiner -Stärke abhängt. Daher Ersparniss von Wachs eine grosse Ersparniss von -Honig veranlasst und eine wesentliche Bedingniss des Gedeihens einer -Bienen-Familie ist. Für gewöhnlich mag der Erfolg einer Bienen-Art -von der Zahl ihrer Parasiten und andrer Feinde oder von ganz andern -Ursachen bedingt und in soferne von der Menge des Honigs unabhängig -seyn, welche die Bienen einsammeln können. Nehmen wir aber an, diess -Letzte seye doch wirklich der Fall, wie in der That oft die Menge der -Hummel-Bienen in einer Gegend davon bedingt ist, und nehmen wir ferner -an (was in Wirklichkeit nicht so ist), ihre Gemeinde durchlebe den -Winter und verlange mithin einen Honig-Vorrath, so wäre es in diesem -Falle für unsre Hummel-Bienen gewiss ein Vortheil, wenn eine geringe -Veränderung ihres Instinktes sie veranlasste, ihre Wachs-Zellen etwas -näher an einander zu machen, so dass sich deren kreisrunden Wände -etwas schnitten; denn eine jede zweien aneinanderstossenden Zellen -gemeinsam dienende Zwischenwand müsste etwas Wachs ersparen. Es würde -daher ein zunehmender Vortheil für unsre Hummeln seyn, wenn sie ihre -Zellen immer regelmässiger machten, immer näher zusammenrückten und -immer mehr zu einer Masse vereinigten, wie Melipona, weil alsdann ein -grosser Theil der eine jede Zelle begrenzenden Wand auch andern Zellen -zur Begrenzung dienen und viel Wachs erspart werden würde. Aus gleichem -Grunde würde es für die Melipona vortheilhaft seyn, wenn sie ihre -walzenförmigen Zellen noch näher zusammenrückte und noch regelmässiger -als jetzt machte, weil dann, wie wir gesehen haben, die kreisförmigen -Wände gänzlich verschwinden und durch ebene Zwischen-Wände ersetzt -werden müssten, wo dann die Melipona eine so vollkommene Wabe als -die Honig-Biene liefern würde. Aber über diese Stufe hinaus kann -Natürliche Züchtung den Bau-Trieb nicht mehr vervollkommnen, weil die -Wabe der Honig-Biene, so viel wir einsehen können, hinsichtlich der -Wachs-Ersparniss unbedingt vollkommen ist. - -So kann nach meiner Meinung der wunderbarste aller bekannten Instinkte, -der der Honig-Biene, durch die Annahme erklärt werden, Natürliche -Züchtung habe allmählich eine Menge kleiner Abänderungen einfachrer -Naturtriebe benützt; sie habe auf langsamen Stufen die Bienen geleitet, -in einer doppelten Schicht gleiche Kreise in gegebenen Entfernungen -von einander zu ziehen und das Wachs längs ihrer Durchschnitts-Ebenen -aufzuschichten und auszuhöhlen, wenn auch die Bienen selbst von den -bestimmten Abständen ihrer Kreise von einander eben so wenig als -von den Winkeln ihrer Sechsecke und den Rautenflächen am Boden ein -Bewusstseyn haben. Die treibende Ursache des Prozesses der Natürlichen -Züchtung war Ersparniss an Wachs, genügende Stärke der Zellen, und -deren geeignete Form und Grösse für die Larven. Der einzelne Schwarm, -welcher die besten Zellen machte und am wenigsten Honig zur Sekretion -von Wachs bedurfte, gedieh am besten und vererbte seinen neu-erworbenen -Ersparniss-Trieb auf spätre Schwärme, welche dann ihrerseits wieder die -meiste Wahrscheinlichkeit des Erfolges in dem Kampfe um’s Daseyn hatten. - -Man hat auf die vorangehende Anschauungs-Weise über die Entstehung -des Instinktes erwidert, dass Abänderung von Körperbau und Instinkt -gleichzeitig und in genauem Verhältnisse zu einander erfolgt seyn -müssen, weil eine Abänderung des einen ohne entsprechenden Wechsel -des andern den Thieren hätte verderblich werden müssen. Die Stärke -dieses Einwandes scheint jedoch gänzlich auf der Annahme zu beruhen, -dass die beiderlei Veränderungen in Struktur und Instinkt plötzlich -erfolgten: Kommen wir zur Erläuterung des Falles auf die Kohlmeise -(Parus major) zurück, von welcher im letzten Kapitel die Rede gewesen. -Dieser Vogel hält oft auf einem Zweige sitzend Eiben-Saamen zwischen -seinen Füssen und hämmert darauf los bis er zum Kerne gelangt. Welche -besondere Schwierigkeit könnte nun für die Natürliche Züchtung in -der Erhaltung aller geringeren Abänderungen des Schnabels liegen, -welche ihn zum Aufhacken der Saamen immer besser geeignet machten, -bis er endlich für diesen Zweck so wohl gebildet wäre, wie der des -Nusspickers (Sitta), während zugleich die erbliche Gewohnheit, oder -Mangel an andrem Futter, oder zufällige Veränderungen des Geschmacks -aus dem Vogel mehr und mehr einen ausschliesslichen Körnerfresser -werden liessen? Es ist hier angenommen, dass durch Natürliche Züchtung -der Schnabel nach, aber in Zusammenhang mit, dem langsamen Wechsel der -Gewohnheit verändert worden seye. Lasse man aber nun auch noch die -Füsse der Kohlmeise sich verändern und in Correlation mit dem Schnabel -oder aus irgend einer andern Ursache sich vergrössern, so bleibt es -doch sehr unwahrscheinlich, dass diese grösseren Füsse den Vogel auch -mehr und mehr zum Klettern verleiten, bis er auch die merkwürdige -Neigung und Fähigkeit des Kletterns wie der Nusspicker erlangt. In -diesem Falle würde denn ein stufenweiser Wechsel des Körper-Baues zu -einer Veränderung von Instinkt und Lebens-Weise führen. -- Nehmen wir -einen andern Fall an. Wenige Instinkte sind merkwürdiger als derjenige, -welcher die Schwalbe der _Ostbritischen_ Inseln veranlasst ihr -Nest ganz aus verdicktem Speichel zu machen. Einige Vögel bauen ihr -Nest aus durchspeicheltem Schlamm, und eine _Nordamerikanische_ -Schwalben-Art sah ich ihr Nest aus Reisern mit Speichel und selbst -mit Flocken von dieser Substanz zusammenkitten. Ist es dann nun -so unwahrscheinlich, dass Natürliche Züchtung mittelst einzelner -Schwalben-Individuen, welche mehr und mehr Speichel absondern, endlich -zu einer Art geführt habe, welche mit Vernachlässigung aller andern -Bau-Stoffe ihr Nest allein aus verdichtetem Speichel bildete? Und so in -andern Fällen. Man muss zugeben, dass wir in vielen Fällen gar keine -Vermuthung darüber haben können, ob Instinkt oder Körper-Bau zuerst -sich zu ändern begonnen habe; -- noch vermögen wir zu errathen, durch -welche Abstufungen hindurch viele Instinkte sich haben entwickeln -müssen, wenn sie sich auf Organe beziehen, über deren ersten Anfänge -(wie z. B. der Brustzitze) wir gar nichts wissen. - -Ohne Zweifel liessen sich noch viele schwer erklärbare Instinkte -meiner Theorie Natürlicher Züchtung entgegenhalten: Fälle, wo sich die -Veranlassung zur Entstehung eines Instinktes nicht einsehen lässt; -Fälle, wo keine Zwischenstufen bekannt sind; Fälle von anscheinend so -unwichtigen Instinkten, dass kaum abzusehen, wie sich die Natürliche -Züchtung an ihnen betheiligt haben könne; Fälle von fast gleichen -Instinkten bei Thieren, welche auf der Stufenleiter der Natur so -weit auseinander stehen, dass sich deren Übereinstimmung nicht durch -Ererbung von einer gemeinsamen Stamm-Form erklären lässt, sondern von -einander unabhängigen Züchtungs-Thätigkeiten zugeschrieben werden muss. -Ich will hier nicht auf diese mancherlei Fälle eingehen, sondern nur -bei einer besondern Schwierigkeit stehen bleiben, welche mir anfangs -unübersteiglich und meiner ganzen Theorie verderblich zu seyn schien. -Ich will von den geschlechtlosen Individuen oder unfruchtbaren Weibchen -der Insekten-Kolonien sprechen; denn diese Geschlechtlosen weichen -sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen in Bau und -Instinkt oft sehr weit ab und können doch, weil sie steril sind, ihre -eigenthümliche Beschaffenheit nicht selbst durch Fortpflanzung weiter -übertragen. - -Dieser Gegenstand würde sich zu einer weitläufigen Erörterung -eignen; doch will ich hier nur einen einzelnen Fall herausheben, die -Arbeits-Ameisen. Anzugeben wie diese Arbeiter steril geworden sind, -ist eine grosse Schwierigkeit, doch nicht grösser als bei andren -auffälligen Abänderungen in der Organisation auch. Denn es lässt sich -nachweisen, dass einige Sechsfüsser u. a. Kerbthiere im Natur-Zustande -zuweilen unfruchtbar werden; und falls Diess nun bei gesellig lebenden -Arten vorgekommen und es der Gemeinde vortheilhaft gewesen ist, dass -jährlich eine Anzahl zur Arbeit geschickter aber zur Fortpflanzung -untauglicher Individuen unter ihnen geboren werde, so dürfte keine -grosse Schwierigkeit für die Natürliche Züchtung mehr stattgefunden -haben, jenen Zufall zur weitern Entwickelung dieser Anlage zu benützen. -Doch muss ich über dieses vorläufige Bedenken hinweggehen. Die Grösse -der Schwierigkeit liegt darin, dass diese Arbeiter sowohl von den -männlichen wie von den weiblichen Ameisen auch in ihrem übrigen Bau, -in der Form des Bruststückes, in dem Mangel der Flügel und zuweilen -der Augen, so wie in ihren Instinkten weit abweichen. Was den Instinkt -allein betrifft, so hätte sich die wunderbare Verschiedenheit, welche -in dieser Hinsicht zwischen den Arbeiterinnen und den fruchtbaren -Weibchen ergibt, noch weit besser bei den Honig-Bienen[29] nachweisen -lassen. Wäre eine Arbeits-Ameise oder ein andres Geschlecht-loses -Insekt ein Thier in seinem gewöhnlichen Zustande, so würde ich -unbedenklich angenommen haben, dass alle seine Charaktere durch -Natürliche Züchtung entwickelt worden seyen, und dass namentlich, wenn -ein Individuum mit irgend einer kleinen Nutz-bringenden Abweichung des -Baues geboren worden wäre, sich diese Abweichung auf dessen Nachkommen -vererbt habe, welche dann ebenfalls variirten und bei weiterer -Züchtung voranstunden. In der Arbeits-Ameise aber haben wir ein von -seinen Ältern weit abweichendes Insekt, unbedingt unfruchtbar, welches -daher zufällige Abänderungen des Baues nie ererbt haben noch auf eine -Nachkommenschaft weiter vererben kann. Man muss daher fragen, wie es -möglich seye, diesen Fall mit der Theorie Natürlicher Züchtung in -Einklang zu bringen? - -Erstens können wir mit unzähligen Beispielen sowohl unter unsern -kultivirten als unter den natürlichen Erzeugnissen belegen, dass -Struktur-Verschiedenheiten aller Arten mit gewissen Altern oder mit nur -einem der zwei Geschlechter in eine feste Wechselbeziehung getreten -sind. Wir haben Abänderungen, die in solcher Wechselbeziehung nicht -allein mit nur dem einen Geschlechte, sondern sogar mit bloss der -kurzen Jahreszeit stehen, wo das Reproductiv-System thätig ist, wie -das hochzeitliche Kleid vieler Vögel und der Haken-förmige Unterkiefer -des Salmen. Wir haben auch geringe Unterschiede in den Hörnern einiger -Rinds-Rassen, welche mit einem künstlich unvollkommenen Zustande des -männlichen Geschlechtes stehen; denn die Ochsen haben in manchen -Rassen längre Hörner als in andern, in Vergleich zu denen ihrer Bullen -oder Kühe. Ich finde daher keine wesentliche Schwierigkeit darin, -dass ein Charakter mit dem unfruchtbaren Zustande gewisser Mitglieder -von Insekten-Gemeinden in Correlation steht; die Schwierigkeit liegt -nur darin zu begreifen, wie solche in Wechselbeziehung stehende -Abänderungen des Baues durch Natürliche Züchtung langsam gehäuft werden -konnten. - -Diese anscheinend unüberwindliche Schwierigkeit wird aber bedeutend -geringer oder verschwindet, wie ich glaube, gänzlich, wenn wir -bedenken, dass Züchtung ebensowohl bei der Familie als bei den -Individuen anwendbar ist und daher zum erwünschten Ziele führen -kann. So wird eine wohl-schmeckende Gemüse-Sorte gekocht, und diess -Individuum ist zerstört; aber der Gärtner säet Saamen vom nämlichen -Stock und erwartet mit Zuversicht wieder nahezu dieselbe Varietät -zu ärndten. Rindvieh-Züchter wünschen das Fleisch vom Fett gut -durchwachsen. Das Thier ist geschlachtet worden, aber der Züchter -wendet sich mit Vertrauen wieder zur nämlichen Familie. Ich habe -solchen Glauben an die Macht der Züchtung, dass ich nicht bezweifle, -dass eine Rinder-Rasse, welche stets Ochsen mit ausserordentlich langen -Hörnern liefert, langsam gezüchtet werden könne durch sorgfältige -Anwendung von solchen Bullen und Kühen, die, miteinander gepaart, -Ochsen mit den längsten Hörnern geben, obwohl nie ein Ochse selbst -diese Eigenschaft auf Nachkommen zu übertragen im Stande ist. So mag es -wohl auch mit geselligen Insekten gewesen seyn, eine kleine Abänderung -im Bau oder Instinkt, welche mit der unfruchtbaren Beschaffenheit -gewisser Mitglieder der Gemeinde in Zusammenhang steht, hat sich -für die Gemeinde nützlich erwiesen, in Folge dessen die fruchtbaren -Männchen und Weibchen derselben besser gediehen und auf ihre -fruchtbaren Nachkommen eine Neigung übertrugen, unfruchtbare Glieder -mit gleicher Abänderung hervorzubringen. Und ich glaube, dass dieser -Vorgang oft genug wiederholt worden ist, bis diese Verschiedenheit -zwischen den fruchtbaren und unfruchtbaren Weibchen einer Spezies zu -der wunderbaren Höhe gedieh, wie wir sie jetzt bei vielen gesellig -lebenden Insekten wahrnehmen. - -Aber es gibt noch eine grössere Schwierigkeit, die wir bis jetzt nicht -berührt haben, indem die Geschlechtlosen bei mehren Ameisen-Arten nicht -allein von den fruchtbaren Männchen und Weibchen, sondern auch noch -untereinander selbst in oft unglaublichem Grade abweichen und danach -in 2-3 Kasten getheilt werden. Diese Kasten gehen in der Regel nicht -in einander über, sondern sind vollkommen getrennt, so verschieden von -einander, wie es sonst zwei Arten einer Sippe oder zwei Sippen einer -Familie zu seyn pflegen. So kommen bei Eciton arbeitende und kämpfende -Individuen mit ausserordentlich verschiedenen Kinnladen und Instinkten -vor; bei Cryptocerus tragen die Arbeiter der einen Kaste allein eine -wunderbare Art von Schild an ihrem Kopfe, dessen Zweck ganz unbekannt -ist. Bei den _Mexikanischen_ Myrmecocystus verlassen die Arbeiter -der einen Kaste niemals das Nest; sie werden durch die Arbeiter einer -andern Kaste gefüttert und haben ein ungeheuer entwickeltes Abdomen, -das eine Art Honig absondert, der die Stelle desjenigen vertritt, -welchen unsre Ameisen durch das Melken der Blattläuse erlangen; die -_Mexikanischen_ gewinnen ihn von Individuen ihrer eignen Art, die -sie als „Kühe“ im Hause eingestellt halten. - -Man mag in der That denken, dass ich ein übermässiges Vertrauen in das -Prinzip der Natürlichen Züchtung setze, wenn ich nicht zugebe, dass -so wunderbare und wohl-begründete Thatsachen meine Theorie auf einmal -gänzlich vernichten. In dem einfacheren Falle, wo Geschlecht-lose -Ameisen nur von einer Kaste vorkommen, die nach meiner Meinung -durch Natürliche Züchtung ganz leicht von den fruchtbaren Männchen -und Weibchen abgetrennt worden seyn können, in diesem Falle dürfen -wir aus der Analogie mit gewöhnlichen Abänderungen zuversichtlich -schliessen, dass jede geringe nützliche spätre Abweichung nicht alsbald -an allen Geschlecht-losen Individuen eines Nestes zugleich, sondern -nur an einigen wenigen zum Vorschein kam, und dass erst in Folge -lang-fortgesetzter Züchtung fruchtbarer Ältern, welche die meisten -Geschlechtlosen mit der nutzbaren Abänderung erzeugen konnten, die -Geschlechtlosen endlich alle diesen gewünschten Charakter erlangten. -Nach dieser Ansicht müsste man auch im nämlichen Neste zuweilen noch -Geschlecht-lose Individuen derselben Insekten-Art finden, welche -Zwischenstufen der Körper-Bildung darstellen; und diese findet man in -der That und zwar, wenn man berücksichtigt, wie selten in _Europa_ -diese Geschlechtlosen näher untersucht werden, oft genug. Herr ~F. -Smith~ hat gezeigt, wie erstaunlich dieselben bei den verschiedenen -_Englischen_ Ameisen-Arten in der Grösse und mitunter in der Form -variiren, und dass selbst die äussersten Formen zuweilen vollständig -durch aus demselben Neste entnommene Individuen unter einander -verkettet werden können. Ich selbst habe vollkommene Stufenreihen -dieser Art miteinander vergleichen können. Oft geschieht es, dass die -grösseren oder die kleineren Arbeiter die zahlreicheren sind, oft auch -sind beide gleich zahlreich mit einer mittlen Abstufung. Formica flava -hat grössre und kleinere Arbeiter mit einigen von mittler Grösse; -und bei dieser Art haben nach Herrn ~Smith’s~ Beobachtung die -grösseren Arbeiter einfache Augen (Ocelli), welche, wenn auch klein, -doch deutlich zu beobachten sind, während die Ocellen der kleineren -nur rudimentär erscheinen. Nachdem ich verschiedene Individuen dieser -Arbeiter sorgfältig zerlegt habe, kann ich versichern, dass die Ocellen -der letzten weit rudimentärer sind, als nach ihrer Grösse allein zu -erwarten gewesen wäre, und ich glaube fest, wenn ich es auch nicht für -gewiss zu behaupten wage, dass die Arbeiter von mittler Grösse auch -Ocellen von mittlem Vollkommenheits-Grade besitzen. Es gibt daher zwei -Gruppen steriler Arbeiter in einem Neste, welche nicht allein in der -Grösse, sondern auch in den Gesichts-Organen von einander abweichen -und durch einige wenige Glieder von mittler Beschaffenheit miteinander -verbunden werden. Ich könnte nun noch weiter gehen und sagen, dass wenn -die kleineren die nützlicheren für den Haushalt der Gemeinde gewesen -wären und demzufolge immer diejenigen Männchen und Weibchen, welche die -kleineren Arbeiter liefern, bei der Züchtung das Übergewicht gewonnen -hätten, bis alle Arbeiter einerlei Beschaffenheit erlangten, wir eine -Ameisen-Art haben müssten, deren Geschlecht-losen fast wie bei Myrmica -beschaffen wären. Denn die Arbeiter von Myrmica haben nicht einmal -Augen-Rudimente, obwohl deren Männchen und Weibchen wohl entwickelte -Ocellen besitzen. - -Ich will noch ein andres Beispiel anführen. Ich erwartete so -zuversichtlich, Abstufungen in wesentlichen Theilen des Körper-Baues -zwischen den verschiedenen Kasten der Geschlecht-losen in einer -nämlichen Art zu finden, dass ich mir gerne Hrn. ~F. Smith’s~ -Anerbieten zahlreicher Exemplare der Treiber-Ameise (Anomma) aus -_West-Afrika_ zu Nutz’ machte. Der Leser wird vielleicht -die Grösse des Unterschiedes zwischen deren Arbeitern am besten -bemessen, wenn ich ihm nicht die wirklichen Ausmessungen, sondern -eine streng genaue Vergleichung mittheile. Die Verschiedenheit ist -eben so gross, als ob wir eine Reihe von Arbeitsleuten ein Haus -bauen sähen, von welchen viele nur fünf Fuss vier Zoll hoch und -viele andre bis sechszehn Fuss gross wären (1 : 3); dann müssten wir -aber noch unterstellen, dass die grösseren vier- statt drei-mal so -grosse Köpfe als die kleineren und fast fünfmal so grosse Kinnladen -hätten. Überdiess ändern die Kinnladen dieser Arbeiter wunderbar -in Form, in Grösse und in der Zahl der Zähne ab. Aber die für uns -wichtigste Thatsache ist, dass, obwohl man diese Arbeiter in Kasten -von verschiedener Grösse unterscheiden kann, sie doch unmerklich in -einander übergehen, wie es auch mit der so weit auseinander weichenden -Bildung ihrer Kinnladen der Fall ist. Ich kann mit Zuversicht über -diesen letzten Punkt sprechen, da Hr. ~Lubbock~ Zeichnungen -dieser Kinnlade mit der Camera lucida für mich angefertigt hat, welche -ich von den Arbeitern verschiedener Grösse abgelöst hatte. - -Mit diesen Thatsachen vor mir glaube ich, dass Natürliche Züchtung -auf die fruchtbaren Ältern wirkend Arten zu bilden im Stande ist, -welche regelmässig auch ungeschlechtliche Individuen hervorbringen, -die entweder alle eine ansehnliche Grösse und gleich beschaffene -Kinnladen haben, oder welche alle klein und mit Kinnladen von sehr -veränderlicher Bildung versehen sind, oder welche endlich (und -Diess ist die Hauptschwierigkeit) zwei Gruppen von verschiedener -Beschaffenheit darstellen, wovon die eine von gleicher Grösse und -Bildung und die andre in beiderlei Hinsicht veränderlich ist, beide aus -einer anfänglichen Stufenreihe wie bei Anomma hervorgegangen, wovon -aber die zwei äussersten Formen, soferne sie für die Gemeinde die -nützlichsten sind, durch Natürliche Züchtung der sie erzeugenden Ältern -immer zahlreicher überwiegend werden, bis die Zwischenstufen gänzlich -verschwinden. - -So ist nach meiner Meinung die wunderbare Erscheinung von zwei streng -begrenzten Kasten unfruchtbarer Arbeiter in einerlei Nest zu erklären, -welche beide weit voneinander und von ihren Ältern verschieden sind. -Es lässt sich annehmen, dass ihre Hervorbringung für eine soziale -Insekten-Gemeinde nach gleichem Prinzipe, wie die Theilung der Arbeit -für die zivilisirten Menschen, nützlich geworden seye. Die Ameisen -arbeiten jedoch mit ererbten Instinkten und mit ererbten Organen und -Werkzeugen und nicht mit erworbenen Kenntnissen und fabrizirtem Geräthe -wie der Mensch. Aber ich bin zu bekennen genöthigt, dass ich bei allem -Vertrauen in die Natürliche Züchtung doch, ohne die vorliegenden -Thatsachen zu kennen, nie geahnt haben würde, dass dieses Prinzip -sich in so hohem Grade wirksam erweisen könne. Ich habe desshalb auch -diesen Gegenstand mit etwas grössrer, obwohl noch ganz ungenügender -Ausführlichkeit abgehandelt, um daran die Macht Natürlicher Züchtung zu -zeigen und weil er in der That die ernsteste spezielle Schwierigkeit -für meine Theorie darbietet. Auch ist der Fall darum sehr interessant, -weil er zeigt, dass sowohl bei Thieren als bei Pflanzen jeder Betrag -von Abänderung in der Structur durch Häufung vieler kleinen und -anscheinend zufälligen Abweichungen von irgend welcher Nützlichkeit, -ohne alle Unterstützung durch Übung und Gewohnheit, bewirkt werden -kann. Denn keinerlei Grad von Übung, Gewohnheit und Willen in -den gänzlich unfruchtbaren Gliedern einer Gemeinde vermöchte die -Bildung oder Instinkte der fruchtbaren Glieder, welche allein die -Nachkommenschaft liefern, zu beeinflussen. Ich bin erstaunt, dass -noch Niemand den lehrreichen Fall der Geschlecht-losen Insekten der -wohlbekannten Lehre ~Lamarck’s~ von den ererbten Gewohnheiten -entgegengesetzt hat. - -+Zusammenfassung.+) Ich habe in diesem Kapitel versucht kürzlich -zu zeigen, dass die Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere abändern, -und dass diese Abänderungen vererblich sind. Und in noch kürzrer Weise -habe ich darzuthun gestrebt, dass Instinkte im Natur-Zustande etwas -abändern. Niemand wird bestreiten, dass Instinkte von der höchsten -Wichtigkeit für jedes Thier sind. Ich sehe daher keine Schwierigkeit, -warum unter veränderten Lebens-Bedingungen Natürliche Züchtung -nicht auch im Stande gewesen seyn sollte, kleine Abänderungen des -Instinktes in einer nützlichen Richtung bis zu jedem Betrag zu häufen. -In einigen Fällen haben Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch -wahrscheinlich mitgewirkt. Ich glaube nicht durch die in diesem -Abschnitte mitgetheilten Thatsachen meine Theorie in irgend einer -Weise zu stützen; doch ist nach meiner besten Überzeugung auch keine -dieser Schwierigkeiten im Stande sie umzustossen. Auf der andern -Seite aber eignen sich die Thatsachen, dass Instinkte nicht immer -vollkommen und noch Missdeutungen unterworfen sind, -- dass kein -Instinkt zum ausschliesslichen Vortheil eines andern Thieres vorhanden -ist, wenn auch jedes Thier von Instinkten andrer Nutzen zieht, -- dass -der naturhistorische Glaubenssatz „_Natura non facit saltum_“ -ebensowohl auf Instinkte als auf körperliche Bildung anwendbar und aus -den vorgetragenen Ansichten eben so erklärlich als auf andre Weise -unerklärbar ist: alle diese Thatsachen eignen sich die Theorie der -Natürlichen Züchtung zu befestigen. - -Diese Theorie wird noch durch einige andre Erscheinungen hinsichtlich -der Instinkte bestärkt. So durch die gemeine Beobachtung, dass -einander nahe verwandte aber sicherlich verschiedene Spezies, wenn -sie von einander entfernte Welttheile bewohnen und unter beträchtlich -verschiedenen Existenz-Bedingungen leben, doch oft fast dieselben -Instinkte beibehalten. So z. B. lässt sich aus dem Erblichkeits-Prinzip -erklären, wie es kommt, dass die _Süd-Amerikanische_ Drossel ihr -Nest mit Schlamm auskleidet ganz in derselben Weise, wie es unsre -_Europäische_ Drossel thut; -- wie es kommt, dass die Männchen -des _Ostindischen_ und des _Afrikanischen_ Nashorn-Vogels, -welche zu zwei verschiedenen Untersippen von Buceros gehören, beide -dieselben eigenthümlichen Instinkte besitzen, ihre in Baumhöhlen -brütenden Weibchen so einzumauern, dass nur noch ein kleines Loch -in der Kerker-Wand offen bleibt, durch welches sie das Weibchen und -später auch die Jungen mit Nahrung versehen; -- wie es kommt, dass -das Männchen des _Amerikanischen_ Zaunkönigs (Troglodytes) -ein besondres Nest für sich baut, ganz wie das Männchen unsrer -einheimischen Art: Alles Sitten, die bei andern Vögeln gar nicht -vorkommen. Endlich mag es wohl keine logisch richtige Folgerung seyn, -es entspricht aber meiner Vorstellungs-Art weit besser, solche -Instinkte wie die des jungen Kuckucks, der seine Nährbrüder aus dem -Neste stösst, -- wie die der Ameisen, welche Sklaven machen, -- oder -die der Ichneumoniden, welche ihre Eier in lebende Raupen legen: nicht -als eigenthümlich anerschaffne Instinkte, sondern nur als geringe -Ausflüsse eines allgemeinen Gesetzes zu betrachten, welches allen -organischen Wesen zum Vortheil gereicht, nämlich: Vermehrung und -Abänderung macht die stärksten siegen und die schwächsten erliegen. - - - - -Achtes Kapitel. - -Bastard-Bildung. - - Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung - und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. -- Unfruchtbarkeit der Stufe - nach veränderlich; nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und - durch Zähmung vermindert. -- Gesetze für die Unfruchtbarkeit der - Bastarde. -- Unfruchtbarkeit keine besondre Eigenthümlichkeit, - sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. -- - Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der - Bastarde. -- Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten - Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. -- Fruchtbarkeit miteinander - gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. - -- Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit - verglichen. -- Zusammenfassung. - - -Die allgemeine Meinung der Naturforscher geht dahin, dass Arten im -Falle der Kreutzung von sich aus unfruchtbar sind, um die Verschmelzung -aller organischen Formen mit einander zu verhindern. Diese Meinung hat -anfangs gewiss grosse Wahrscheinlichkeit für sich; denn in derselben -Gegend beisammen-lebende Arten würden sich, wenn freie Kreutzung -möglich wäre, kaum getrennt erhalten können. Die Wichtigkeit der -Thatsache, dass Bastarde sehr allgemein steril sind, ist nach meiner -Ansicht von einigen neueren Schriftstellern sehr unterschätzt worden. -Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung ist der Fall um so mehr von -spezieller Wichtigkeit, als die Unfruchtbarkeit der Bastarde nicht -wohl vortheilhaft für sie und auch desshalb nicht durch fortgesetzte -Erhaltung aufeinander-folgender nützlicher Abstufungen der Sterilität -erworben seyn kann[30]. Ich hoffe jedoch zeigen zu können, dass -Unfruchtbarkeit nicht eine speziell erworbene oder für sich angeborene -Eigenschaft ist, sondern mit anderen erworbenen Verschiedenheiten -zusammenhängt. - -Bei Behandlung dieses Gegenstandes hat man zwei Klassen von Thatsachen, -welche von Grund aus weit verschieden sind, gewöhnlich mit einander -verwechselt, nämlich die Unfruchtbarkeit zweier Arten bei ihrer ersten -Kreutzung und die Unfruchtbarkeit der von ihnen erhaltenen Bastarde. - -Reine Arten haben regelmässig Fortpflanzungs-Organe von vollkommener -Beschaffenheit, liefern aber, wenn sie mit einander gekreutzt -werden, nur wenige oder gar keine Nachkommen. Bastarde dagegen haben -Reproduktions-Organe, welche zur Dienstleistung unfähig sind, wie man -aus dem Zustande des männlichen Elementes bei Pflanzen und Thieren -erkennt, während die Organe selbst ihrer Bildung nach vollkommen sind, -wie die mikroskopische Untersuchung ergibt. Im ersten Falle sind die -zweierlei geschlechtlichen Elemente, welche den Embryo liefern sollen, -vollkommen; im andern sind sie entweder gar nicht oder nur sehr -unvollständig entwickelt. Diese Unterscheidung ist wesentlich, wenn -die Ursache der in beiden Fällen stattfindenden Sterilität in Betracht -gezogen werden soll. Der Unterschied ist wahrscheinlich übersehen -worden, weil man die Unfruchtbarkeit in beiden Fällen als eine besondre -Eigenthümlichkeit betrachtet hat, deren Beurtheilung ausser dem -Bereiche unsrer Kräfte liege. - -Die Fruchtbarkeit der Varietäten oder derjenigen Formen, welche von -gemeinsamen Ältern abstammen oder doch so angesehen werden, bei deren -Kreutzung, und ebenso die ihrer Blendlinge ist nach meiner Theorie -von gleicher Wichtigkeit mit der Unfruchtbarkeit der Spezies unter -einander; denn es scheint sich daraus ein klarer und weiter Unterschied -zwischen Arten und Varietäten zu ergeben. - -Erstens: Die Unfruchtbarkeit miteinander gekreutzter Arten und ihrer -Bastarde. Man kann unmöglich die verschiedenen Werke und Abhandlungen -der zwei gewissenhaften und bewundernswerthen Beobachter ~Kölreuter~ -und ~Gärtner~, welche fast ihr ganzes Leben diesem Gegenstande gewidmet -haben, durchlesen, ohne einen tiefen Eindruck von der Allgemeinheit -eines höheren oder geringeren Grades der Unfruchtbarkeit gekreutzter -Arten in sich aufzunehmen. ~Kölreuter~ macht es zur allgemeinen Regel; -aber er durchhaut den Knoten, indem er in zehn Fällen, wo zwei fast -allgemein für verschiedene Arten geltende Formen ganz fruchtbar mit -einander sind, dieselben unbedenklich für blosse Varietäten erklärt. -Auch ~Gärtner~ macht die Regel zur allgemeinen und bestreitet die zehn -Fälle gänzlicher Fruchtbarkeit bei ~Kölreuter~. Doch ist ~Gärtner~ in -diesen wie in vielen andern Fällen genöthigt, die erzielten Saamen -sorgfältig zu zählen um zu beweisen, dass doch einige Verminderung der -Fruchtbarkeit stattfindet. Er vergleicht immer die höchste Anzahl der -von zwei gekreutzten Arten oder ihren Bastarden erzielten Saamen mit -deren Durchschnittszahl bei den zwei reinen älterlichen Arten in ihrem -Natur-Stande. Doch scheint mir dabei noch eine Ursache ernsten Irrthums -mit unterzulaufen. Eine Pflanze, deren Unfruchtbarkeit bewiesen werden -soll, muss kastrirt und, was oft noch wichtiger ist, eingeschlossen -werden, damit ihr kein Pollen von andren Pflanzen durch Insekten -zugeführt werden kann. Fast alle Pflanzen, die zu ~Gärtner’s~ Versuchen -gedient, waren in Töpfe gepflanzt und, wie es scheint, in einem -Zimmer seines Hauses untergebracht. Dass aber solches Verfahren die -Fruchtbarkeit der Pflanzen oft beeinträchtigt haben müsse, lässt sich -nicht in Abrede stellen. Denn ~Gärtner~ selbst führt in seiner Tabelle -etwa zwanzig Fälle an, wo er die Pflanzen kastrirte und dann mit ihrem -eignen Pollen künstlich befruchtete; aber die Leguminosen und andre -solche Fälle, wo die Manipulation anerkannter Maassen schwierig ist, -ganz bei Seite gesetzt, zeigte die Hälfte jener zwanzig Pflanzen eine -mehr und weniger verminderte Fruchtbarkeit. Da nun überdiess ~Gärtner~ -einige Jahre hintereinander die Primula officinalis und Pr. elatior, -welche wir nur für Varietäten einer Art zu halten einigen Grund haben, -mit einander kreutzte und doch nur ein- oder zwei-mal fruchtbaren -Saamen erhielt, -- da er Anagallis arvensis und A. coerulea, welche die -besten Botaniker nur als Varietäten betrachten, durchaus unfruchtbar -mit einander fand und noch in mehren analogen Fällen zu gleichem -Ergebniss gelangte: so scheint mir wohl zu zweifeln erlaubt, ob viele -andre Spezies wirklich so steril bei der Kreutzung seyen als ~Gärtner~ -behauptet. - -Einerseits ist es gewiss, dass die Unfruchtbarkeit mancher Arten bei -gegenseitiger Kreutzung so ungleich an Stärke ist und so manchfaltige -Abstufungen darbietet, -- und dass anderseits die Fruchtbarkeit ächter -Spezies so leicht durch mancherlei Umstände berührt wird, dass es -für die meisten praktischen Zwecke schwierig ist zu sagen, wo die -vollkommene Fruchtbarkeit aufhöre und wo die Unfruchtbarkeit beginne? -Ich glaube, man kann keinen bessern Beweis dafür verlangen, als der -ist, dass die erfahrensten zwei Beobachter, die es je gegeben, nämlich -~Kölreuter~ und ~Gärtner~, hinsichtlich einerlei Spezies -zu schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen gelangt sind. Auch ist -es sehr belehrend, die von unseren besten Botanikern vorgebrachten -Argumente über die Frage, ob diese oder jene zweifelhafte Form -als Art oder als Varietät zu betrachten sey, zu vergleichen mit -dem aus der Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit nach den Berichten -verschiedener Bastard-Züchter oder den mehrjährigen Versuchen der -Verfasser selbst entnommenen Beweise. Es lässt sich daraus darthun, -dass weder Fruchtbarkeit noch Unfruchtbarkeit einen klaren Unterschied -zwischen Arten und Varietäten liefert, indem der darauf gestützte -Beweis stufenweise verschwindet und mithin so, wie die übrigen von der -organischen Bildung und Thätigkeit hergenommenen Beweise zweifelhaft -bleibt. - -Was die Unfruchtbarkeit der Bastarde auf dem Wege der Inzucht betrifft, -so hat ~Gärtner~ zwar einige Versuche angestellt und die -Inzucht während 6-7 und in einem Falle sogar 10 Generationen vor aller -Kreutzung mit einer der zwei Stammarten geschützt, versichert aber -ausdrücklich, dass ihre Fruchtbarkeit nie zugenommen, sondern vielmehr -stark abgenommen habe. Ich zweifle nicht daran, dass Diess gewöhnlich -der Fall ist und die Fruchtbarkeit in den ersten Generationen oft -plötzlich abnimmt. Demungeachtet aber glaube ich, dass bei allen diesen -Versuchen die Fruchtbarkeit durch eine unabhängige Ursache vermindert -worden ist, nämlich durch die allzu strenge Inzucht. Ich habe eine -grosse Menge von Thatsachen gesammelt, welche zeigen, dass eine allzu -strenge Inzucht die Fruchtbarkeit vermindert, während dagegen die -jeweilige Kreutzung mit einem andern Individuum oder einer andern -Varietät die Fruchtbarkeit vermehrt, daher ich an der Richtigkeit -dieser unter den Züchtern fast allgemein verbreiteten Meinung nicht -zweifeln kann. Bastarde werden selten in grössrer Anzahl zu Versuchen -erzogen, und da die älterlichen Arten oder andre nahe verwandte -Arten gewöhnlich im nämlichen Garten wachsen, so müssen die Besuche -der Insekten während der Blüthe-Zeit sorgfältig verhütet werden, -daher Bastarde für jede Generation gewöhnlich durch ihren eignen -Pollen befruchtet werden müssen; und ich bin überzeugt, dass Diess -ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt, welche durch ihre Bastard-Natur -schon ohnediess geschwächt ist. In dieser Überzeugung bestärkt mich -noch eine von ~Gärtner~ mehrmals wiederholte Versicherung, -dass nämlich die minder fruchtbaren Bastarde sogar, wenn sie mit -gleichartigem Bastard-Pollen künstlich befruchtet werden, ungeachtet -des oft schlechten Erfolges der Behandlung, doch zuweilen entschieden -an Fruchtbarkeit weiter und weiter zunehmen. Nun wird bei künstlicher -Befruchtung der Pollen oft zufällig (wie ich aus meinen eignen -Versuchen weiss) von Antheren einer andern als der zu befruchtenden -Blume genommen, so dass hiedurch eine Kreutzung zwischen zwei Blumen, -doch gewöhnlich derselben Pflanze, bewirkt wird. Wenn nun ferner ein -so sorgfältiger Beobachter, als ~Gärtner~ ist, im Verlaufe -seiner zusammengesetzten Versuche seine Bastarde kastrirt hätte, so -würde Diess bei jeder Generation eine Kreutzung mit dem Pollen einer -andern Blume entweder von derselben oder von einer andern Pflanze von -gleicher Bastard-Beschaffenheit nöthig gemacht haben. Und so kann -die befremdende Erscheinung, dass die Fruchtbarkeit in aufeinander -folgenden Generationen von +künstlich+ befruchteten Bastarden -zugenommen hat, wie ich glaube, dadurch erklärt werden, dass allzu enge -Inzucht vermieden worden ist. - -Wenden wir uns jetzt zu den Ergebnissen, welche sich durch die Versuche -des dritten der erfahrensten Bastard-Züchter, des Ehrenwerthen und -Hochwürdigen ~W. Herbert~, herausgestellt haben. Er versichert -ebenso ausdrücklich, dass manche Bastarde vollkommen fruchtbar und -nicht minder züchtbar als jede der Stamm-Arten für sich seyen, wie -~Kölreuter~ und ~Gärtner~ einen gewissen Grad von Sterilität bei -Kreutzung verschiedener Spezies mit einander für ein allgemeines -Natur-Gesetz erklären. Seine Versuche bezogen sich auf einige derselben -Arten, welche auch zu den Experimenten ~Gärtner’s~ gedient hatten. Die -Verschiedenheit der Ergebnisse, zu welchen beide gelangt sind, lässt -sich, wie ich glaube, ableiten zum Theile aus ~Herbert’s~ grosser -Erfahrung in der Blumen-Zucht und zum Theile davon, dass er Warmhäuser -zu seiner Verfügung hatte. Von seinen vielen wichtigen Ergebnissen will -ich hier nur eines beispielsweise hervorheben, dass nämlich „jedes -mit Crinum revolutum befruchtete Ei’chen an einem Stocke von Crinum -capense auch eine Pflanze lieferte, was ich (sagt er) bei natürlicher -Befruchtung nie wahrgenommen habe.“ Wir haben mithin hier den Fall -vollkommener und selbst mehr als vollkommener Fruchtbarkeit bei der -Kreutzung zweier verschiedener Arten. - -Dieser Fall mit Crinum führt mich zu einer ganz eigenthümlichen -Thatsache, dass es nämlich bei einigen Arten von Lobelia und mehren -andren Sippen einzelne Pflanzen gibt, welche viel leichter mit dem -Pollen einer verschiednen andern Art als ihrer eignen befruchtet werden -können; und gleicherweise scheint es sich auch mit allen Individuen -fast aller Hippeastrum-Arten zu verhalten. Denn man hat gefunden, dass -diese Pflanzen, mit dem Pollen einer andern Spezies befruchtet, Saamen -ansetzen, aber mit ihrem eignen Pollen ganz unfruchtbar sind, obwohl -derselbe vollkommen gut und wieder andre Arten zu befruchten im Stande -ist. So können mithin gewisse einzelne Pflanzen und alle Individuen -gewisser Spezies viel leichter zur Bastard-Zucht dienen, als durch -sich selbst befruchtet werden. Eine Zwiebel von Hippeastrum aulicum -z. B. brachte vier Blumen; drei davon wurden mit ihren eigenen Pollen -befruchtet und die vierte hierauf mit dem Pollen eines aus drei andern -verschiednen Arten gezüchteten Bastards versehen, und das Resultat war, -dass „die Ovarien der drei ersten Blumen bald zu wachsen aufhörten und -nach einigen Tagen gänzlich verdarben, während das Ovarium der mit -dem Bastard-Pollen versehenen Blume rasch zunahm und reifte und gute -Saamen lieferte, welche kräftig gediehen“. Im Jahr 1839 schrieb mir -~Herbert~, dass er den Versuch fünf Jahre lang fortgesetzt habe -und jedes Jahr mit gleichem Erfolge. Denselben Erfolg hatten auch andre -Beobachter bei Hippeastrum und dessen Untersippen so wie bei einigen -andern Geschlechtern, nämlich Lobelia, Passiflora und Verbascum. -Obwohl diese Pflanzen bei den Versuchen ganz gesund erschienen und -sowohl Ei’chen als Saamenstaub einer und der nämlichen Blume sich bei -der Befruchtung mit andern Arten vollkommen gut erwiesen, so waren -sie doch zur gegenseitigen Selbstbefruchtung funktionell ungenügend, -und wir müssen daher schliessen, dass sich die Pflanzen in einem -unnatürlichen Zustande befanden. Jedenfalls zeigen diese Erscheinungen, -von was für geringen und geheimnissvollen Ursachen die grössre oder -geringere Fruchtbarkeit der Arten bei der Kreutzung, gegenüber der -Selbstbefruchtung, zuweilen abhänge. - -Die praktischen Versuche der Gartenfreunde, wenn auch nicht mit -wissenschaftlicher Genauigkeit ausgeführt, verdienen gleichfalls einige -Beachtung. Es ist bekannt, in welch’ verwickelter Weise die Arten -von Pelargonium, Fuchsia, Calceolaria, Petunia, Rhododendron u. a. -gekreutzt worden sind, und doch setzen viele dieser Bastarde Saamen -an. So versichert ~Herbert~, dass ein Bastard von Calceolaria -integrifolia und C. plumbaginea, zweier in ihrer allgemeinen -Beschaffenheit sehr unähnlicher Arten, „sich selbst so vollkommen aus -Saamen verjüngte, als ob er einer natürlichen Spezies aus den Bergen -Chile’s angehört hätte“. Ich habe mir einige Mühe gegeben, den Grund -der Fruchtbarkeit bei einigen durch mehrseitige Kreutzung erzielten -Rhododendren kennen zu lernen, und die Gewissheit erlangt, dass mehre -derselben vollkommen fruchtbar sind. Herr ~C. Noble~ z. B. -berichtet mir, dass er zur Gewinnung von Pfropfreisern Stöcke eines -Bastardes von Rhododendron Ponticum und Rh. Catawbiense erzieht, und -dass dieser Bastard „so reichlichen Saamen ansetzt, als man sich -nur denken kann“. Nähme bei richtiger Behandlung die Fruchtbarkeit -der Bastarde in aufeinander-folgenden Generationen in der Weise ab, -wie ~Gärtner~ versichert, so müsste diese Thatsache unsern -Plantage-Besitzern bekannt seyn. Garten-Freunde erziehen grosse Beete -voll der nämlichen Bastarde; und diese allein erfreuen sich einer -richtigen Behandlung; denn hier allein können die verschiedenen -Individuen einer nämlichen Bastard-Form durch die Thätigkeit der -Insekten sich untereinander kreutzen und den schädlichen Einflüssen -zu enger Inzucht entgehen. Von der Wirkung der Insekten-Thätigkeit -kann jeder sich selbst überzeugen, wenn er die Blumen der sterileren -Rhododendron-Formen, welche keine Pollen bilden, untersucht; denn er -wird ihre Narben ganz mit Saamenstaub bedeckt finden, der von andern -Blumen hergetragen worden ist. - -Was die Thiere betrifft, so sind der genauen Versuche viel weniger -mit ihnen veranstaltet worden. Wenn unsre systematischen Anordnungen -Vertrauen verdienen, d. h. wenn die Sippen der Thiere eben so -verschieden von einander als die der Pflanzen sind, dann können -wir behaupten, dass viel weiter auf der Stufenleiter der Natur -auseinander-stehende Thiere noch gekreutzt werden können, als es bei -den Pflanzen der Fall ist; dagegen scheinen die Bastarde unfruchtbarer -zu seyn. Ich bezweifle, ob auch nur eine Angabe von einem ganz -fruchtbaren Thier-Bastard als vollkommen beglaubigt angesehen werden -darf. Man muss jedoch nicht vergessen, dass sich nur wenige Thiere -in der Gefangenschaft reichlich fortpflanzen und daher nur wenige -richtige Versuche mit ihnen angestellt werden können. So hat man z. B. -den Kanarienvogel mit neun andern Finken-Arten gekreutzt, da sich -aber keine dieser neun Arten in der Gefangenschaft gut fortpflanzt, -so haben wir kein Recht zu erwarten, dass die ersten Bastarde von -ihnen und dem Kanarienvogel vollkommen fruchtbar seyn sollen. Ebenso, -was die Fruchtbarkeit der vergleichungsweise fruchtbaren Bastarde in -späteren Generationen betrifft, so kenne ich wohl kaum ein Beispiel, -dass zwei Familien gleicher Bastarde gleichzeitig von verschiedenen -Ältern erzogen worden wären, um die üblen Folgen allzustrenger Inzucht -vermeiden zu können, im Gegentheil hat man in jeder nachfolgenden -Generation die beständig wiederholten Mahnungen aller Züchter nicht -beachtend, gewöhnlich Brüder und Schwestern miteinander gepaart. Und so -ist es durchaus nicht überraschend, dass die vererbliche Sterilität der -Bastarde mit jeder Generation zunahm. Wenn wir in der Absicht darauf -hinzuwirken immer Brüder und Schwestern reiner Spezies miteinander -paarten, in welchen aus irgend einer Ursache bereits eine noch so -geringe Neigung zur Unfruchtbarkeit vorhanden wäre, so würde die Rasse -gewiss nach wenigen Generationen aussterben. - -Obwohl ich keinen irgend wohl-beglaubigten Fall vollkommen fruchtbarer -Thier-Bastarde kenne, so habe ich doch einige Ursache anzunehmen, -dass die Bastarde von Cervulus vaginalis und C. Reevesi, und die von -Phasianus Colchicus und Ph. torquatus vollkommen fruchtbar sind. Es -unterliegt insbesondere keinem Zweifel, dass diese zwei nahe-verwandte -Fasanen-Arten sowohl als Ph. versicolor aus _Japan_ in den Wäldern -einiger Theile von _England_ sich kreutzen und Nachkommen liefern. -Nach den unlängst in _Frankreich_ nach grossem Maassstabe angestellten -Versuchen scheint es als ob zwei voneinander so verschiedene Arten, wie -Hase und Kaninchen, wenn sie zur Paarung miteinander veranlasst werden -können, eine meistens ganz fruchtbare Nachkommenschaft zu liefern im -Stande sind. Die Bastarde der gemeinen und der Schwanen-Gans (Anser -cygnoides), zweier so verschiedener Arten, dass man sie in verschiedene -Sippen zu stellen pflegt, haben hierzulande oft Nachkommen mit einer -der reinen Stamm-Arten und in einem Falle sogar unter sich geliefert. -Diess ist durch Hrn. ~Eyton~ bewirkt worden, der zwei Bastarde von -gleichen Ältern aber verschiedenen Bruten erzog und dann von beiden -zusammen nicht weniger als acht Nachkommen aus einem Neste erhielt. -In _Indien_ dagegen müssen die durch Kreutzung gewonnenen Gänse weit -fruchtbarer seyn, indem zwei ausgezeichnet befähigte Beurtheiler, -nämlich Hr. ~Blyth~ und Capt. ~Hutton~, mir versichert haben, dass dort -in verschiedenen Landes-Gegenden ganze Heerden dieser Bastard-Gans -gehalten werden; und da Diess des Nutzens wegen geschieht, wo die -reinen Stamm-Arten gar nicht existiren, so müssen sie nothwendig sehr -fruchtbar seyn. - -Neuere Naturforscher haben grossentheils eine von ~Pallas~ -ausgegangene Lehre angenommen, dass nämlich die meisten unsrer -Hausthiere von je zwei oder mehr wilden Arten abstammten, welche -sich seither durch Kreutzung vermischt hätten. Hiernach müssten also -entweder die Stamm-Arten gleich anfangs ganz fruchtbare Bastarde -geliefert haben oder die Bastarde erst in späteren Generationen in -zahmem Zustande ganz fruchtbar geworden seyn. Diese letzte Alternative -ist mir die wahrscheinlichere. Ich nehme z. B. an, dass unsre Hunde von -mehren wilden Arten herrühren, und doch sind vielleicht mit Ausnahme -gewisser in _Süd-Amerika_ gehaltenen Haushunde alle vollkommen -fruchtbar miteinander; aber die Analogie erweckt grosse Zweifel -in mir, dass die verschiedenen Stamm-Arten derselben sich anfangs -freiwillig mit einander gepaart und sogleich ganz fruchtbare Bastarde -geliefert haben sollen. Ich habe vorhin die Aufmerksamkeit auf den -_Ostindischen_ Bullochsen [oder Zebu?] geleitet. Wenn ich ihn nun, -hinsichtlich seiner Lebensweise, seines äussern Körperbaues und seiner -osteologischen Eigenthümlichkeiten (wie sie Prof. ~Rütimeyer~ -deutlich nachgewiesen) mit unsern _Englischen_ Rassen vergleiche, -so ist es eine so wohl unterschiedene Art, als irgend eine in der -Welt; und doch habe ich kürzlich den Beweis erhalten, dass die durch -Kreutzung beider erzielte Nachkommenschaft unter sich fruchtbar ist. -Bei dieser Ansicht von der Entstehung vieler unsrer Hausthiere müssen -wir entweder den Glauben an die fast allgemeine Unfruchtbarkeit einer -Paarung verschiedener Thier-Arten mit einander aufgeben, oder aber die -Sterilität nicht als eine unzerstörbare, sondern als eine durch Zähmung -zu beseitigende Folge einer solchen Kreutzung betrachten. - -Überblicken wir endlich alle über die Kreutzung von Pflanzen- und -Thier-Arten festgestellten Thatsachen, so gelangen wir zum Schlusse, -dass ein gewisser Grad von Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung -und den daraus entspringenden Bastarden zwar eine äusserst gewöhnliche -Erscheinung ist, aber nach dem gegenwärtigen Stand unsrer Kenntnisse -nicht als unbedingt allgemein betrachtet werden darf. - -+Gesetze, welche die Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der -Bastarde regeln.+) Wir wollen nun die Umstände und die Regeln -etwas näher betrachten, welche die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit -der ersten Kreutzung und der Bastarde bestimmen. Unsre Hauptaufgabe -wird seyn zu erfahren, ob sich nach diesen Regeln Unfruchtbarkeit -der Arten miteinander als eine denselben inhärente Eigenschaft -ergibt, deren Bestimmung es wäre eine Kreutzung der Arten bis zur -äussersten Verschmelzung der Formen zu verhüten, oder ob sich Diess -nicht herausstellt. Die nachstehenden Regeln und Folgerungen sind -hauptsächlich aus ~Gärtner’s~ bewundernswerthem Werke über die -Bastard-Erzeugung bei den Pflanzen entnommen[31]. Ich habe mir viel -Mühe gegeben zu erfahren, in wie ferne diese Regeln auch auf Thiere -Anwendung finden, und obwohl unsre Erfahrungen über Bastard-Thiere sehr -dürftig sind, so war ich doch erstaunt zu sehen, in wie ausgedehntem -Grade die nämlichen Regeln für beide Reiche gelten. - -Es ist bereits bemerkt worden, dass sich die Fruchtbarkeit sowohl -der ersten Kreutzung als der daraus entspringenden Bastarde von -Zero an bis zur Vollkommenheit abstuft. Es ist erstaunlich, auf wie -mancherlei eigenthümliche Weise sich diese Abstufung darthun lässt; -doch können hier nur die nacktesten Umrisse der Thatsachen geliefert -werden. Wenn der Pollen einer Pflanze von der einen Familie auf -die Narbe einer Pflanze von andrer Familie gebracht wird, so hat er -nicht mehr Wirkung, als eben so viel unorganischer Staub. Wenn man -aber Saamenstaub von Arten einer Sippe auf das Stigma einer Spezies -derselben Sippe bringt, so wird der Erfolg ein günstigerer, aber bei -verschiedenen Arten doch wieder so ungleich, dass sich mittelst der -Anzahl der jedesmal erzeugten Saamen alle Abstufungen von jenem Zero -an bis zur vollständigen Fruchtbarkeit und, wie wir gesehen haben, in -einigen abnormen Fällen sogar über das gewöhnlich bei Selbstbefruchtung -gewöhnliche Maass hinaus ergeben. So gibt es auch unter den Bastarden -selber einige, welche sogar mit dem Pollen von einer der zwei reinen -Stamm-Arten nie auch nur einen fruchtbaren Saamen hervorgebracht haben -noch wahrscheinlich jemals hervorbringen werden. Doch hat sich in -einigen dieser Fälle eine erste Spur von der Wirkung eines solchen -Pollens insoferne gezeigt, als er ein frühzeitigeres Abwelken der Blume -der Bastard-Pflanze veranlasste, worauf er gebracht worden war; und -rasches Abwelken einer Blüthe ist bekanntlich ein Zeichen beginnender -Befruchtung. An diesen äussersten Grad der Unfruchtbarkeit reihen sich -dann Bastarde an, die durch Selbstbefruchtung eine immer grössre Anzahl -von Saamen bis zur vollständigen Fruchtbarkeit hervorbringen. - -Bastarde von solchen zwei Arten erzielt, welche sehr schwer zu -kreutzen sind und nur selten einen Nachkommen liefern, pflegen -selber sehr unfruchtbar zu seyn. Aber der Parallelismus zwischen -der Schwierigkeit eine erste Kreutzung zu Stande zu bringen, und -der einen daraus entsprungenen Bastard zu befruchten, -- zwei sehr -gewöhnlich miteinander verwechselte Klassen von Thatsachen -- ist -keineswegs strenge. Denn es gibt viele Fälle, wo zwei reine Arten mit -ungewöhnlicher Leichtigkeit mit einander gepaart werden und zahlreiche -Bastarde liefern können, welche aber äusserst unfruchtbar sind. -Anderseits gibt es Arten, welche nur selten oder äusserst schwierig -zu kreutzen gelingt, aber ihre Bastarde, wenn sie einmal vorhanden, -sind sehr fruchtbar. Und diese zwei so entgegengesetzten Fälle können -innerhalb der nämlichen Sippe vorkommen, wie z. B. bei Dianthus. - -Die Fruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen als der Bastarde -wird leichter als die der reinen Arten durch ungünstige Bedingungen -gefährdet. Aber der Grad der Fruchtbarkeit ist gleicher Weise an sich -veränderlich; denn der Erfolg ist nicht immer der nämliche, wenn man -dieselben zwei Arten unter denselben äusseren Umständen kreutzt, -sondern hängt zum Theile von der Verfassung der zwei zufällig für den -Versuch ausgewählten Individuen ab. So ist es auch mit den Bastarden, -indem sich der Grad der Fruchtbarkeit in verschiedenen aus Saamen einer -Kapsel erzogenen und den nämlichen Bedingungen ausgesetzten Individuen -oft ganz verschieden erweist. - -Mit dem Ausdruck +systematische Affinität+ soll die Ähnlichkeit -verschiedener Arten in organischer Bildung und Thätigkeit zumal solcher -Theile bezeichnet werden, welche eine grosse physiologische Bedeutung -haben und in verwandten Arten nur wenig von einander abweichen. Nun -ist die Fruchtbarkeit der ersten Kreutzung zweier Spezies und der -daraus hervorgehenden Bastarde in reichem Maasse abhängig von dieser -„systematischen Verwandtschaft“. Diess geht deutlich daraus schon -hervor, dass man noch niemals Bastarde von zwei Arten erzielt hat, -welche die Systematiker in verschiedene Familien stellen, während es -dagegen gewöhnlich leicht ist, nahe verwandte Arten miteinander zu -paaren. Doch ist die Beziehung zwischen systematischer Verwandtschaft -und Leichtigkeit der Kreutzung keineswegs eine strenge. Denn es liessen -sich eine Menge Fälle von sehr nahe verwandten Arten anführen, die gar -nicht oder nur mit grösster Mühe zur Paarung gebracht werden können, -während mitunter auch sehr verschiedene Arten sich mit grösster -Leichtigkeit kreutzen lassen. In einer nämlichen Familie können zwei -Sippen beisammen stehen, wovon die eine wie Dianthus viele solche -Arten enthält, die sehr leicht zu kreutzen sind, während die der -andern, z. B. Silene, den beharrlichsten Versuchen eine Kreutzung zu -bewirken in dem Grade widerstehen, dass man auch noch nicht einen -Bastard zwischen den einander am nächsten verwandten Arten derselben -zu erzielen vermochte. Ja selbst innerhalb der Grenzen einer und der -nämlichen Sippe zeigt sich ein solcher Unterschied. So sind z. B. die -zahlreichen Nicotiana-Arten mehr unter einander gekreutzt worden, als -die der meisten übrigen Sippen, und ~Gärtner~ hat gefunden, -dass N. acuminata, die keineswegs eine besonders abweichende Art -ist, beharrlich allen Befruchtungs-Versuchen widerstand, so dass von -acht andern Nicotiana-Arten keine weder sie befruchten noch von ihr -befruchtet werden konnte. Und analoge Thatsachen liessen sich noch -viele anführen. - -Noch niemand hat auszumitteln vermocht, welche Art oder welcher Grad -von Verschiedenheit in irgend einem erkennbaren Charakter genüge, um -die Kreutzung zweier Spezies zu hindern. Es lässt sich nachweisen, dass -Pflanzen, welche in Lebens-Weise und allgemeiner Tracht am weitesten -auseinandergehen, welche in allen Theilen ihrer Blüthen sogar bis -zum Pollen oder in der Frucht oder in den Kotyledonen sehr scharfe -Unterschiede zeigen, mit einander gekreutzt werden können. Einjährige -und ausdauernde Gewächs-Arten, winterkahle und immergrüne Bäume, -Pflanzen für die abweichendsten Standorte und die entgegengesetztesten -Klimate gemacht, können oft leicht mit einander gekreutzt werden. - -Unter +wechselseitiger Kreutzung+ zweier Arten verstehe ich -den Fall, wo z. B. ein Pferde-Hengst mit einer Eselin und dann ein -Esel-Hengst mit einer Pferde-Stute gepaart wird; man kann dann -sagen, diese zwei Arten seyen wechselseitig gekreutzt worden. In der -Leichtigkeit einer wechselseitigen Kreutzung findet oft der möglich -grösste Unterschied statt. Solche Fälle sind höchst wichtig, weil -sie beweisen, dass die Empfänglichkeit für die Kreutzung zwischen -irgend zwei Arten von ihrer systematischen Verwandtschaft oder von -irgend welchem kennbaren Unterschied in ihrer ganzen Organisation oft -ganz unabhängig ist. Dagegen zeigen diese Fälle auch deutlich, dass -jene Empfänglichkeit mit Unterschieden in der Verfassung des Körpers -zusammenhängt, welche für uns nicht wahrnehmbar sind und sich auf das -Reproduktiv-System beschränken. Diese Verschiedenheit der Ergebnisse -aus wechselseitigen Kreutzungen zwischen je zwei Arten war schon längst -von ~Kölreuter~ beobachtet worden. So kann, um ein Beispiel -anzuführen, Mirabilis Jalapa leicht durch den Saamenstaub der M. -longiflora befruchtet werden, und die daraus entspringenden Bastarde -sind genügend fruchtbar; aber mehr als zweihundert Male versuchte -es ~Kölreuter~ im Verlaufe von acht Jahren vergebens die M. -longiflora nun auch mit Pollen der M. Jalapa zu befruchten. Und so -liessen sich noch einige andre Beispiele geben. ~Thuret~ hat -dieselbe Bemerkung an einigen Seepflanzen gemacht, und ~Gärtner~ -noch überdiess gefunden, dass diese Erscheinung in einem geringeren -Grade ausserordentlich gemein ist. Er hat sie selbst zwischen Formen -wahrgenommen, welche viele Botaniker nur als Varietäten einer nämlichen -Art betrachten, wie Matthiola annua und M. glabra. Eben so ist es eine -bemerkenswerthe Thatsache, dass die beiderlei aus wechselseitiger -Kreutzung hervorgegangenen Bastarde, wenn auch von denselben zwei -Stamm-Arten herrührend, hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit gewöhnlich -in einem geringen, zuweilen aber auch in hohem Grade von einander -abweichen. - -Es lassen sich noch manche andre eigenthümliche Regeln aus -~Gärtner~ entnehmen, wie z. B. dass manche Arten sich überhaupt -sehr leicht zur Kreutzung mit andern verwenden lassen, während andren -Arten derselben Sippe das Vermögen innewohnt, den Bastarden eine grosse -Ähnlichkeit mit ihnen aufzuprägen; doch stehen beiderlei Fähigkeiten -nicht in nothwendiger Beziehung zu einander. Es gibt Bastarde, welche, -statt wie gewöhnlich das Mittel zwischen ihren zwei älterlichen Arten -zu halten, stets nur einer derselben sehr ähnlich sind; und gerade -diese äusserlich der einen Stammart so ähnlichen Bastarde sind mit -seltener Ausnahme äusserst unfruchtbar. Dagegen kommen aber auch unter -denjenigen Bastarden, welche zwischen ihren Ältern das Mittel zu -halten pflegen, zuweilen abnorme Individuen vor, die einer der reinen -Stammarten ausserordentlich gleichen; und diese Bastarde sind dann -gewöhnlich auch äusserst steril, obwohl die mit ihnen aus gleicher -Frucht-Kapsel entsprungenen Mittelformen sehr fruchtbar zu seyn -pflegen. Aus diesen Erscheinungen geht hervor, wie ganz unabhängig die -Fruchtbarkeit der Bastarde vom Grade ihrer Ähnlichkeit mit ihren beiden -Stammältern ist. - -Aus den bis daher gegebenen Regeln über die Fruchtbarkeit der ersten -Kreutzungen und der dadurch erzielten Bastarde ergibt sich, dass, -wenn man Formen, die als gute und verschiedene Arten angesehen werden -müssen, mit einander paart, ihre Fruchtbarkeit in allen Abstufungen -von Zero an bis selbst über das unter gewöhnlichen Bedingungen -stattfindende Maass vollkommener Fruchtbarkeit hinaus wechseln kann. -Ferner ist ihre Fruchtbarkeit nicht nur äusserst empfindlich für -günstige und ungünstige Bedingungen, sondern auch an und für sich -veränderlich. Die Fruchtbarkeit verhält sich nicht immer an Stärke -gleich bei der ersten Kreutzung und den daraus erzielten Bastarden. -Die Fruchtbarkeit dieser letzten steht in keinem Verhältniss zu deren -äusserer Ähnlichkeit mit ihren beiden Ältern. Die Leichtigkeit einer -ersten Kreutzung zwischen zwei Arten ist nicht von deren systematischer -Affinität noch von ihrer Ähnlichkeit miteinander abhängig. Dieses -letzte Ergebniss ist hauptsächlich aus der Verschiedenheit des -Ergebnisses der Wechselkreutzungen zweier nämlichen Arten erweisbar, -wo die Paarung gewöhnlich etwas, mitunter aber auch viel leichter oder -schwerer erfolgt, je nachdem man den Vater von der einen oder von der -andern der zwei gekreutzten Arten nimmt. Endlich sind die zweierlei -durch Wechselkreutzung erzielten Bastarde oft in ihrer Fruchtbarkeit -verschieden. - -Nun fragt es sich, ob aus diesen eigenthümlich verwickelten Regeln -hervorgehe, dass die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit der Arten bei -deren Kreutzung den Zweck habe, ihre Vermischung im Natur-Zustande -zu verhüten! Ich glaube nicht. Denn warum wäre in diesem Falle der -Grad der Unfruchtbarkeit so ausserordentlich verschieden, da wir doch -annehmen müssen diese Verhütung seye gleich wichtig bei allen? Warum -wäre sogar schon eine angeborene Verschiedenheit zwischen Individuen -einer nämlichen Art vorhanden? Zu welchem Ende sollten manche Arten -so leicht zu kreutzen seyn und doch sehr sterile Bastarde erzeugen, -während andre sich nur sehr schwierig paaren lassen und vollkommen -fruchtbare Bastarde liefern? Wozu sollte es dienen, dass die zweierlei -Produkte einer Wechselkreutzung zwischen den nämlichen Arten sich -oft so sehr abweichend verhalten? Wozu, kann man sogar fragen, soll -überhaupt die Möglichkeit Bastarde zu liefern dienen? Es scheint doch -eine wunderliche Anordnung zu seyn, dass die Arten das Vermögen haben -Bastarde zu bilden, deren weitre Fortpflanzung aber durch verschiedene -Grade von Sterilität gehemmt ist, welche in keiner Beziehung zur -Leichtigkeit der ersten Kreutzung zweier Ältern verschiedener Spezies -miteinander stehen. - -Die voranstehenden Regeln und Thatsachen scheinen mir dagegen deutlich -zu beweisen, dass die Unfruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen -als der Bastarde von unbekannten Verhältnissen hauptsächlich -im Fortpflanzungs-Systeme der gekreutzten Arten abhänge. Die -Verschiedenheiten sind von so eigenthümlicher und beschränkter Natur, -dass bei wechselseitigen Kreutzungen zwischen zwei Arten oft das -männliche Element der einen von üppiger Wirkung auf das weibliche -der andern ist, während bei der Kreutzung in der andern Richtung das -Gegentheil eintritt. Es wird angemessen seyn durch ein Beispiel etwas -vollständiger auseinander zu setzen, was ich unter der Bemerkung -verstehe, dass Sterilität mit andern Ursachen zusammenhänge und nicht -eine spezielle Eigenthümlichkeit für sich bilde. Die Fähigkeit einer -Pflanze sich auf eine andre zweigen oder nicht zweigen und okuliren -zu lassen, ist für deren Gedeihen im Natur-Zustande so gänzlich -gleichgiltig, dass wohl niemand diese Fähigkeit für eine spezielle -Anordnung der Natur halten, sondern jedermann anzunehmen geneigt seyn -wird, sie falle mit Verschiedenheiten in den Wachsthums-Gesetzen -der zwei Pflanzen zusammen. Den Grund davon, dass eine Art auf der -andern etwa nicht anschlagen will, kann man zuweilen in abweichender -Wachsthums-Weise, Härte des Holzes, Natur des Saftes, Zeit der Blüthe -u. dgl. finden; in sehr vielen Fällen aber lässt sich gar keine -Ursache dafür ergeben. Denn selbst sehr bedeutende Verschiedenheiten -in der Grösse der zwei Pflanzen, oder in holziger und krautartiger, -immergrüner und sommergrüner Beschaffenheit und selbst ihre Anpassung -an ganz verschiedene Klimate bilden nicht immer ein Hinderniss ihrer -Aufeinanderpropfung. Wie bei der Bastard-Bildung so ist auch beim -Propfen die Fähigkeit durch systematische Affinität beschränkt; denn -es ist noch nie gelungen Holzarten aus ganz verschiedenen Familien -aufeinanderzusetzen, während dagegen nahe verwandte Arten einer -Sippe und Varietäten einer Art gewöhnlich, aber nicht immer, leicht -aufeinander gepropft werden können. Doch ist auch dieses Vermögen eben -so wenig als das der Bastard-Bildung durch systematische Verwandtschaft -in absoluter Weise bedingt. Denn wenn auch viele verschiedene Sippen -einer Familie aufeinander zu propfen gelungen ist, so nehmen doch -wieder in andern Fällen sogar Arten einer nämlichen Sippe einander -nicht an. Der Birnbaum kann viel leichter auf den Quittenbaum, den -man zu einem eignen Genus erhoben, als auf den Apfelbaum gezweigt -werden, der mit ihm zur nämlichen Sippe gehört. Selbst verschiedene -Varietäten der Birne schlagen nicht mit gleicher Leichtigkeit auf dem -Quittenbaum an, und eben so verhalten sich verschiedene Aprikosen- und -Pfirsich-Varietäten dem Pflaumen-Baume gegenüber. - -Wie nach ~Gärtner~ zuweilen eine angeborene Verschiedenheit im -Verhalten der Individuen zweier zu kreutzenden Arten vorhanden ist, -so glaubt ~Sagaret~ auch an eine angeborene Verschiedenheit im -Verhalten der Individuen zweier aufeinander zu propfender Arten. Wie -bei Wechselkreutzungen die Leichtigkeit der zweierlei Paarungen oft -sehr ungleich ist, so verhält es sich oft auch bei dem wechselseitigen -Verpropfen. So kann die gemeine Stachelbeere z. B. auf den -Johannisbeer-Strauch gezweigt werden, dieser wird aber nur schwer auf -dem Stachelbeer-Strauch anschlagen. - -Wir haben gesehen, dass die Unfruchtbarkeit der Bastarde, deren -Reproduktions-Organe von unvollkommener Beschaffenheit sind, eine -ganz andere Sache ist, als die Schwierigkeit zwei reine Arten mit -vollständigen Organen mit einander zu paaren; doch laufen beide -Fälle bis zu gewissem Grade mit einander parallel. Etwas Ähnliches -kommt auch beim Propfen vor; denn ~Thouin~ hat gefunden, dass -die drei Robinia-Arten, welche auf eigner Wurzel reichlichen Saamen -gebildet hatten und sich leicht auf einander zweigen liessen, durch die -Aufeinanderimpfung unfruchtbar gemacht wurden; während dagegen gewisse -Sorbus-Arten, eine auf die andre gesetzt, doppelt so viel Früchte als -auf eigner Wurzel lieferten. Diess erinnert uns an die oben-erwähnten -ausserordentlichen Fälle bei Hippeastrum, Lobelia u. dgl., welche viel -reichlicher fruktifiziren, wenn sie mit Pollen einer andern Art als -wenn sie mit ihren eignen Pollen versehen werden. - -Wir sehen daher, dass, wenn auch ein klarer und gründlicher -Unterschied zwischen der blossen Adhäsion auf einander gepropfter -Stöcke und der Zusammenwirkung männlicher und weiblicher Urstoffe -zum Zwecke der Fortpflanzung stattfindet, sich doch ein gewisser -Parallelismus zwischen den Wirkungen der Impfung und der Befruchtung -verschiedener Arten mit einander kundgibt. Wenn wir die sonderbaren und -verwickelten Regeln, welche die Leichtigkeit der Propfung bedingen, -als mit unbekannten Verschiedenheiten in den vegetativen Organen -zusammenhängend betrachten, so müssen wir nach meiner Meinung auch die -viel zusammengesetzteren für die Leichtigkeit der ersten Kreutzungen -mit unbekannten Verschiedenheiten in ihrem Reproduktiv-Systeme im -Zusammenhang stehend ansehen. Diese Verschiedenheiten folgen, wie -sich erwarten lässt, bis zu einem gewissen Grade der systematischen -Affinität, durch welche Bezeichnung jede Art von Ähnlichkeit und -Unähnlichkeit zwischen organischen Wesen ausgedrückt werden soll. Die -Thatsachen scheinen mir in keiner Weise anzuzeigen, dass die grössre -oder geringere Schwierigkeit verschiedene Arten auf und mit einander -zu propfen und zu kreutzen eine besondre Eigenthümlichkeit ist, obwohl -dieselbe beim Kreutzen für die Dauer und Stetigkeit der Art-Formen eben -so wichtig als beim Propfen unwesentlich für deren Gedeihen ist. - -+Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen und -der Bastarde.+) Sehen wir uns nun etwas näher um nach den -wahrscheinlichen Ursachen der Sterilität der ersten Kreutzungen und der -Bastarde. Diese zwei Fälle sind von Grund aus verschieden, da, wie oben -bemerkt worden, die männlichen und die weiblichen Geschlechtstheile -bei Paarung zweier reinen Arten vollkommen, bei Bastarden aber -unvollkommen sind. Selbst bei ersten Kreutzungen hängt die grössre -oder geringere Schwierigkeit, eine Paarung zu bewirken, anscheinend -von mehren verschiedenen Ursachen ab. Oft liegt sie in der physischen -Unmöglichkeit für das männliche Element bis zum Ei’chen zu gelangen, -wie es bei solchen Pflanzen der Fall, deren Pistill so lang ist, dass -die Pollen-Schläuche nicht bis ins Ovarium hinabreichen können. So -ist auch beobachtet worden, dass wenn der Pollen einer Art auf das -Stigma einer nur entfernt damit verwandten Art gebracht wird, die -Pollen-Schläuche zwar hervortreten, aber nicht in die Oberfläche -des Stigmas eindringen. In andern Fällen kann das männliche Element -zwar das weibliche erreichen aber unfähig seyn, die Entwickelung des -Embryos zu bewirken, wie Das aus einigen Versuchen ~Thurets~ -mit Seetangen hervorzugehen scheint. Wir können diese Thatsachen -eben so wenig erklären, als warum gewisse Holzarten nicht auf andre -gepropft werden können. Endlich kann es auch vorkommen, dass ein Embryo -sich zwar zu entwickeln beginnt, aber schon in der nächsten Zeit zu -Grunde geht. Diese letzte Möglichkeit ist nicht genügend aufgeklärt -worden; doch glaube ich nach den von Hrn. ~Hewitt~ erhaltenen -Mittheilungen, welcher grosse Erfahrung in der Bastard-Züchtung der -Hühner-artigen Vögel besessen, dass der frühzeitige Tod des Embryos -eine sehr häufige Ursache des Fehlschlagens der ersten Kreutzungen -ist. Ich war anfangs sehr wenig daran zu glauben geneigt, weil -Bastarde, wenn sie einmal geboren sind, sehr kräftig und langlebend zu -seyn pflegen, wie Maulthier und Maulesel zeigen. Überdiess befinden -sich Bastarde vor und nach der Geburt unter ganz verschiedenen -Verhältnissen. In einer Gegend geboren und lebend, wo auch ihre beiden -Ältern leben, mögen ihnen die Lebens-Bedingungen wohl zusagen. Aber ein -Bastard hat nur halb an der organischen Bildung und Thätigkeit seiner -Mutter Antheil und mag mithin vor der Geburt, so lange als er sich noch -im Mutterleibe oder in den von der Mutter hervorgebrachten Eiern und -Saamen befindet, einigermassen ungünstigeren Bedingungen ausgesetzt -und demzufolge in der ersten Zeit leichter zu Grunde zu gehen geneigt -seyn, zumal alle sehr jungen Wesen gegen schädliche und unnatürliche -Lebens-Verhältnisse ausserordentlich empfindlich sind. - -Hinsichtlich der Sterilität der Bastarde, deren Sexual-Organe -unvollkommen entwickelt sind, verhält sich die Sache ganz anders. -Ich habe schon mehrmals angeführt, dass ich eine grosse Menge von -Thatsachen gesammelt habe, welche zeigen, dass, wenn Pflanzen und -Thiere aus ihren natürlichen Verhältnissen gerissen werden, es -vorzugsweise die Fortpflanzungs-Organe sind, welche dabei angegriffen -werden. Diess ist in der That die grosse Schranke für die Zähmung der -Thiere. Zwischen der dadurch veranlassten Unfruchtbarkeit derselben -und der der Bastarde sind manche Ähnlichkeiten. In beiden Fällen ist -die Sterilität unabhängig von der Gesundheit im Allgemeinen und oft -begleitet von vermehrter Grösse und Üppigkeit. In beiden Fällen kommt -die Unfruchtbarkeit in vielerlei Abstufungen vor; in beiden leidet -das männliche Element am meisten, zuweilen aber das Weibchen doch -noch mehr als das Männchen. In beiden geht die Fruchtbarkeit bis zu -gewisser Stufe gleichen Schritts mit der systematischen Verwandtschaft; -denn ganze Gruppen von Pflanzen und Thieren werden durch dieselben -unnatürlichen Bedingungen impotent, und gleiche Gruppen von Arten -neigen zur Hervorbringung unfruchtbarer Bastarde. Dagegen widersteht -zuweilen eine einzelne Art in einer Gruppe grossen Veränderungen in -den äusseren Bedingungen mit ungeschwächter Fruchtbarkeit, und gewisse -Arten einer Gruppe liefern ungewöhnlich fruchtbare Bastarde. Niemand -kann, ehe er es versucht hat, voraussagen, ob dieses oder jenes Thier -in der Gefangenschaft und ob diese oder jene ausländische Pflanze -während ihres Anbaues sich gut fortpflanzen wird, noch ob irgend welche -zwei Arten einer Sippe mehr oder weniger sterile Bastarde mit einander -hervorbringen werden. Endlich, wenn organische Wesen während mehrer -Generationen in für sie unnatürliche Verhältnisse versetzt werden, so -sind sie ausserordentlich zu variiren geneigt, was, wie ich glaube, -davon herrührt, dass ihre Reproduktiv-Systeme vorzugsweise angegriffen -sind, obwohl in mindrem Grade als wenn gänzliche Unfruchtbarkeit -folgt. Eben so ist es mit Bastarden; denn Bastarde sind in -aufeinander-folgenden Generationen sehr zu variiren geneigt, wie es -jeder Züchter erfahren hat. - -So sehen wir denn, dass, wenn organische Wesen in neue und unnatürliche -Verhältnisse versetzt, und wenn Bastarde durch unnatürliche Kreutzung -zweier Arten erzeugt werden, das Reproduktiv-System ganz unabhängig -von der allgemeinen Gesundheit, in ganz eigenthümlicher Weise -von Unfruchtbarkeit betroffen wird. In dem einen Falle sind die -Lebens-Bedingungen gestört worden, obwohl oft nur in einem für uns -nicht wahrnehmbaren Grade; in dem andern, bei den Bastarden nämlich, -sind jene Verhältnisse unverändert geblieben, aber die Organisation -ist dadurch gestört worden, dass zweierlei Bau und Verfassung des -Körpers mit einander vermischt worden ist. Denn es ist kaum möglich, -dass zwei Organisationen in eine verbunden werden, ohne einige Störung -in der Entwickelung oder in der periodischen Thätigkeit oder in den -Wechselbeziehungen der verschiedenen Theile und Organe zu einander -oder endlich in den Lebens-Beziehungen zu veranlassen. Wenn Bastarde -fähig sind sich unter sich fortzupflanzen, so übertragen sie von -Generation zu Generation auf ihre Abkommen dieselbe Vereinigung -zweier Organisationen, und wir dürfen daher nicht erstaunen, ihre -Unfruchtbarkeit, wenn auch einigem Schwanken unterworfen, selten -abnehmen zu sehen. - -Wir müssen jedoch bekennen, dass wir, von haltlosen Hypothesen -abgesehen, nicht im Stande sind, gewisse Thatsachen in Bezug auf die -Unfruchtbarkeit der Bastarde zu begreifen, wie z. B. die ungleiche -Fruchtbarkeit der zweierlei Bastarde aus der Wechselkreutzung, oder -die zunehmende Unfruchtbarkeit derjenigen Bastarde, welche zufällig -oder ausnahmsweise einem ihrer beiden Ältern sehr ähnlich sind. Auch -bilde ich mir nicht ein, durch die vorangehenden Bemerkungen der Sache -auf den Grund zu kommen; denn wir haben keine Erklärung dafür, warum -ein Organismus unter unnatürlichen Lebens-Bedingungen unfruchtbar -wird. Alles, was ich habe zeigen wollen, ist, dass in zwei in mancher -Beziehung einander ähnlichen Fällen Unfruchtbarkeit das gleiche -Resultat ist, in dem einen Falle, weil die äussren Lebens-Bedingungen, -und in dem andern weil durch Verbindung zweier Bildungen in eine die -Organisation selbst gestört worden sind. - -Es mag wunderlich scheinen, aber ich vermuthe, dass ein gleicher -Parallelismus noch in einer andern zwar verwandten, doch an sich -sehr verschiedenen Reihe von Thatsachen besteht. Es ist ein alter -und fast allgemeiner Glaube, welcher meines Wissens auf einer Masse -von Erfahrungen beruhet, dass leichte Veränderungen in den äusseren -Lebens-Bedingungen für alle Lebewesen wohlthätig sind. Wir sehen -daher Landwirthe und Gärtner beständig ihre Saamen, Knollen u. s. w. -austauschen, sie aus einem Boden und Klima ins andre und endlich -wohl auch wieder zurück versetzen. Während der Wiedergenesung von -Thieren sehen wir sie oft grossen Vortheil aus diesem oder jenem -Wechsel in ihrer Lebens-Weise ziehen. So sind auch bei Pflanzen und -Thieren reichliche Beweise vorhanden, dass eine Kreutzung zwischen -sehr verschiedenen Individuen einer Art, nämlich zwischen solchen -von verschiedenen Stämmen oder Unterrassen, der Nachzucht Kraft und -Fruchtbarkeit verleihe. Ich glaube in der That, nach den im vierten -Kapitel angeführten Thatsachen, dass ein gewisses Maass von Kreutzung -selbst für Hermaphroditen unentbehrlich ist, und dass enge Inzucht -zwischen den nächsten Verwandten einige Generationen lang fortgesetzt, -zumal wenn dieselben unter gleichen Lebens-Bedingungen gehalten werden, -endlich schwache und unfruchtbare Sprösslinge liefert. - -So scheint es mir denn, dass einerseits geringe Wechsel der -Lebens-Bedingungen allen organischen Wesen vortheilhaft sind, und -dass anderseits schwache Kreutzungen, nämlich zwischen verschiedenen -Stämmen und geringen Varietäten einer Art, der Nachkommenschaft Kraft -und Stärke verleihen. Dagegen haben wir aber auch gesehen, dass -stärkere Wechsel der Verhältnisse und zumal solche von gewisser Art -die Organismen oft in gewissem Grade unfruchtbar machen können, wie -auch stärkere Kreutzungen, nämlich zwischen sehr verschiedenen oder in -gewissen Beziehungen von einander abweichenden Männchen und Weibchen -Bastarde hervorbringen, die gewöhnlich einigermaassen unfruchtbar -sind. Ich vermag mich nicht zu überreden, dass dieser Parallelismus -auf einem blossen Zufalle oder einer Täuschung beruhen solle. Beide -Reihen von Thatsachen scheinen durch ein gemeinsames aber unbekanntes -Band mit einander verkettet, welches mit dem Lebens-Prinzipe wesentlich -zusammenhängt. - -+Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge.+) -Man mag uns als einen sehr kräftigen Beweis-Grund entgegenhalten, -es müsse irgend ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten und -Varietäten seyn und sich irgend ein Irrthum durch alle vorangehenden -Bemerkungen hindurchziehen, da ja Varietäten, wenn sie in ihrer -äusseren Erscheinung auch noch so sehr auseinandergehen, sich doch -leicht kreutzen und vollkommene fruchtbare Nachkommen liefern. Ich gebe -mit einigen sogleich nachzuweisenden Ausnahmen vollkommen zu, dass sich -Diess meistens unabänderlich so verhält. Aber dieser Fall bietet noch -grosse Schwierigkeiten dar; denn wenn wir die in der Natur vorkommenden -Varietäten betrachten, so werden wir unmittelbar in hoffnungslose -Schwierigkeiten eingehüllt, weil, sobald zwei bisher als Varietäten -angesehene Formen sich einigermaassen steril mit einander zeigen, -dieselben von den meisten Naturforschern sogleich zu Arten erhoben -werden. So sind z. B. die rothe und die blaue Anagillis, die hell- -und die dunkel-gelbe Schlüsselblume, welche die meisten unsrer besten -Botaniker für blosse Varietäten halten, nach ~Gärtner~ bei der -Kreutzung nicht vollkommen fruchtbar und werden desshalb von ihm als -unzweifelhafte Arten bezeichnet. Wenn wir daraus im Zirkel schliessen, -so muss die Fruchtbarkeit aller natürlich entstandenen Varietäten als -erwiesen angesehen werden. - -Auch wenn wir uns zu den erwiesener oder vermutheter Maassen im -Kultur-Zustande erzeugten Varietäten wenden, sehen wir uns noch in -Zweifel verwickelt. Denn wenn es z. B. feststeht, dass der deutsche -Spitz-Hund sich leichter als andre Hunde-Rassen mit dem Fuchse -paart, oder dass gewisse in _Südamerika_ einheimische Haushunde -sich nicht wirklich mit Europäischen Hunden kreutzen, so ist die -Erklärung, welche jedem einfallen wird und wahrscheinlich auch die -richtige ist, die, dass diese Hunde von verschiedenen wilden Arten -abstammen. Dem ungeachtet ist die vollkommene Fruchtbarkeit so vieler -gepflegter Varietäten, die in ihrem äusseren Ansehen so weit von -einander verschieden sind, wie die der Tauben und des Kohles, eine -merkwürdige Thatsache, besonders wenn wir erwägen, wie zahlreiche Arten -es gibt, die äusserlich einander sehr ähnlich, doch bei der Kreutzung -ganz unfruchtbar mit einander sind. Verschiedene Betrachtungen -jedoch lassen die Fruchtbarkeit der gepflegten Varietäten weniger -merkwürdig erscheinen, als es anfänglich der Fall ist. Denn erstens -müssen wir uns erinnern, wie wenig wir über die wahre Ursache der -Unfruchtbarkeit sowohl der miteinander gekreutzten als der ihren -natürlichen Lebens-Bedingungen entfremdeten Arten wissen. Hinsichtlich -dieses letzten Punktes hat mir der Raum nicht gestattet, die vielen -merkwürdigen Thatsachen aufzuzählen, die ich gesammelt habe; was die -Unfruchtbarkeit betrifft, so spiegelt sie sich in der Verschiedenheit -der beiderlei Bastarde der Wechselkreutzung sowie in den -eigenthümlichen Fällen ab, wo eine Pflanze leichter durch fremden als -durch ihren eigenen Saamenstaub befruchtet werden kann. Wenn wir über -diese und andre Fälle, wie über den nachher zu berichtenden von den -verschieden gefärbten Varietäten der Verbascum thapsus nachdenken, so -müssen wir fühlen, wie gross unsre Unwissenheit und wie klein für uns -die Wahrscheinlichkeit ist zu begreifen, woher es komme, dass bei der -Kreutzung gewisse Formen fruchtbar und andre unfruchtbar sind. Es lässt -sich zweitens klar nachweisen, dass die blosse äussre Unähnlichkeit -zwischen zwei Arten deren grössre oder geringere Unfruchtbarkeit im -Falle einer Kreutzung nicht bedingt; und dieselbe Regel wird auch auf -die gepflegten Varietäten anzuwenden seyn. Drittens glauben einige -ausgezeichnete Naturforscher, dass ein lang-dauernder Zähmungs- oder -Kultur-Zustand geeignet seye, die Unfruchtbarkeit der Bastarde, welche -anfangs nur wenig steril gewesen sind, in aufeinander-folgenden -Generationen mehr und mehr zu verwischen; und wenn Diess der Fall, so -werden wir gewiss nicht erwarten dürfen, Sterilität unter dem Einflusse -von nahezu den nämlichen Lebens-Bedingungen erscheinen und verschwinden -zu sehen. Endlich, und Diess scheint mir bei weitem die wichtigste -Betrachtung zu seyn, bringt der Mensch neue Pflanzen- und Thier-Rassen -im Kultur-Zustande durch die Kraft planmässiger oder unbewusster -Züchtung zu eignem Nutzen und Vergnügen hervor; er will nicht und kann -nicht die kleinen Verschiedenheiten im Reproduktiv-Systeme oder andre -mit dem Reproduktiv-Systeme in Wechselbeziehung stehenden Unterschiede -zum Gegenstande seiner Züchtung machen. Die Erzeugnisse der Kultur -und Zähmung sind dem Klima und andern physischen Lebens-Bedingungen -viel minder vollkommen als die der Natur angepasst; denn gewöhnlich -lassen sie sich ohne Nachtheil in andre Gegenden von verschiedener -Beschaffenheit verpflanzen. Der Mensch versieht diese verschiedenen -Abänderungen mit der nämlichen Nahrung, behandelt sie fast auf dieselbe -Weise und will ihre allgemeine Lebens-Weise nicht ändern. Die Natur -wirkt einförmig und langsam während unermesslicher Zeit-Perioden auf -die gesammte Organisation der Geschöpfe in einer Weise, die zu deren -eignem Besten dient; und so mag sie unmittelbar oder wahrscheinlicher -mittelbar, durch Correlation, auch das Reproduktiv-System in den -mancherlei Abkömmlingen einer nämlichen Art abändern. Wenn man diese -Verschiedenheit im Züchtungs-Verfahren von Seiten des Menschen und der -Natur berücksichtigt, wird man sich nicht mehr wundern können, dass -sich einiger Unterschied auch in den Ergebnissen zeigt. - -Ich habe bis jetzt so gesprochen, als seyen die Varietäten einer -nämlichen Art bei der Kreutzung meistens unabänderlich fruchtbar. -Es scheint mir aber unmöglich, sich dem Beweise von dem Daseyn -eines gewissen Maasses von Unfruchtbarkeit in einigen wenigen -Fällen zu verschliessen, von denen ich kürzlich berichten will. Der -Beweis ist wenigstens eben so gut als derjenige, welcher uns an die -Unfruchtbarkeit einer Menge von Arten [bei der Kreutzung?] glauben -macht, und ist von gegnerischen Zeugen entlehnt, die in allen andern -Fällen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit als gute Art-Kriterien -betrachten. ~Gärtner~ hielt einige Jahre lang eine Sorte -Zwerg-Mais mit gelbem und eine grosse Varietät mit rothem Saamen, -welche nahe beisammen in seinem Garten wuchsen; und obwohl diese -Pflanzen getrennten Geschlechtes sind, so kreutzen sie sich doch nie -von selbst mit einander. Er befruchtete dann dreizehn Blüthen-Ähren[32] -des einen mit dem Pollen des andern; aber nur ein einziger Stock gab -einige Saamen und zwar nur fünf Körner. - -Die Behandlungs-Weise kann in diesem Falle nicht schädlich gewesen -seyn, indem die Pflanzen getrennte Geschlechter haben. Noch Niemand hat -meines Wissens diese zwei Mais-Sorten für verschiedene Arten angesehen; -und es ist wesentlich zu bemerken, dass die aus ihnen erzogenen -Blendlinge vollkommen fruchtbar waren, so dass auch ~Gärtner~ -selbst nicht wagte, jene Sorten für zwei verschiedene Arten zu erklären. - -~Gireau de Buzareingues~ kreutzte drei Varietäten von Gurken -miteinander, welche wie der Mais getrennten Geschlechtes sind, und -versicherte, ihre gegenseitige Befruchtung seye um so schwieriger, je -grösser ihre Verschiedenheit. In wie weit dieser Versuch Vertrauen -verdient, weiss ich nicht, aber die drei zu denselben benützten Formen -sind von ~Sagaret~, welcher sich bei seiner Unterscheidung der -Arten hauptsächlich auf ihre Unfruchtbarkeit stützt, als Varietäten -aufgestellt worden. - -Weit merkwürdiger und anfangs fast unglaublich erscheint der folgende -Fall; jedoch ist er das Resultat einer Menge viele Jahre lang an neun -Verbascum-Arten fortgesetzter Versuche, welche hier noch um so höher -in Anschlag zu bringen, als sie von ~Gärtner’n~ herrühren, der -ein eben so vortrefflicher Beobachter als entschiedener Gegner der -Meinung ist, dass die gelben und die weissen Varietäten der nämlichen -Verbascum-Arten bei der Kreutzung mit einander weniger Saamen geben, -als jede derselben liefert, wenn sie mit Pollen aus Blüthen von ihrer -eignen Farbe befruchtet worden. Er erklärt nun, dass wenn gelbe und -weisse Varietäten einer Art mit gelben und weissen Varietäten einer -+andern+ Art gekreutzt werden, man mehr Saamen erhält, indem -man die gleichfarbigen als wenn man die ungleichfarbigen Varietäten -miteinander paart. Und doch ist zwischen diesen Varietäten von -Verbascum kein andrer Unterschied als in der Farbe ihrer Blüthen, -und die eine Farbe entspringt zuweilen aus Saamen der andersfarbigen -Varietät. - -Nach Versuchen, die ich mit gewissen Varietäten der Rosen-Malve -angestellt, möchte ich vermuthen, dass sie ähnliche Erscheinungen -darbieten. - -~Kölreuter~, dessen Genauigkeit durch jeden späteren Beobachter -bestätigt worden ist, hat die merkwürdige Thatsache bewiesen, dass eine -Varietät des Tabaks, wenn sie mit einer ganz andern ihr weit entfernt -stehenden Art gekreutzt wird, fruchtbarer ist als mit Varietäten der -nämlichen Art. Er machte mit fünf Formen Versuche, die allgemein für -Varietäten gelten, was er auch durch die strengste Probe, nämlich durch -Wechselkreutzungen bewies, welche lauter ganz fruchtbare Blendlinge -lieferten. Doch gab eine dieser fünf Varietäten, mochte sie nun als -Vater oder Mutter mit ins Spiel kommen, bei der Kreutzung mit Nicotiana -glutinosa stets minder unfruchtbare Bastarde, als die vier andern -Varietäten. Es muss daher das Reproduktiv-System dieser einen Varietät -in irgend einer Weise weniger modifizirt worden seyn. - -Bei der grossen Schwierigkeit die Unfruchtbarkeit der Varietäten -im Natur-Zustande zu bestätigen, weil jede bei der Kreutzung etwas -unfruchtbare Varietät alsbald allgemein für eine Spezies erklärt werden -würde, so wie in Folge des Umstandes, dass der Mensch bei seinen -künstlichen Züchtungen nur auf die äusseren Charaktere sieht und nicht -verborgene und funktionelle Verschiedenheiten im Reproduktiv-System -hervorzubringen beabsichtigt, glaube ich mich aus der Zusammenstellung -aller Thatsachen zu folgern berechtigt, dass die Fruchtbarkeit der -Varietäten unter einander keineswegs eine allgemeine Regel und -mithin auch nicht geeignet seye, eine Grundlage zur Unterscheidung -von Varietäten und Arten abzugeben. Die gewöhnlich stattfindende -Fruchtbarkeit der Varietäten unter einander scheint mir, bei unsrer -gänzlichen Unkenntniss von den Ursachen sowohl der Fruchtbarkeit -als der Sterilität, nicht genügend, um meine Ansicht über die sehr -allgemeine aber nicht beständige Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen -und der Bastarde umzustossen, dass dieselbe nämlich keine besondre -Eigenschaft für sich darstelle, sondern mit andern langsam entwickelten -Modifikationen zumal im Reproduktiv-Systeme der mit einander -gekreutzten Formen zusammenhänge. - -+Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit -verglichen.+) Die Nachkommenschaft der untereinander gekreutzten -Arten und die der Varietäten lassen sich unabhängig von der Frage der -Fruchtbarkeit noch in mehren Beziehungen mit einander vergleichen. -~Gärtner~, dessen beharrlicher Wunsch es war, eine scharfe -Unterscheidungs-Linie zwischen Arten und Varietäten zu ziehen, -konnte nur sehr wenige und wie es scheint nur ganz unwesentliche -Unterschiede zwischen den sogenannten Bastarden der Arten und den -Blendlingen der Varietäten entdecken, wogegen sie sich in vielen andern -wesentlichen Beziehungen vollkommen gleichen. Hier kann ich diesen -Gegenstand nur ganz kurz erörtern. Als wichtigster Unterschied hat -sich ergeben, dass in der ersten Generation Blendlinge veränderlicher -als Bastarde sind; doch gibt ~Gärtner~ zu, dass Bastarde -von bereits lange kultivirten Arten oft schon in erster Generation -sehr veränderlich sind, und ich selbst habe sehr treffende Belege -für diese Thatsache. ~Gärtner~ gibt ferner zu, dass Bastarde -zwischen sehr nahe verwandten Arten veränderlicher sind, als die von -weit auseinander-stehenden; und daraus ergibt sich, dass der im Grade -der Veränderlichkeit gesuchte Unterschied stufenweise abnimmt. Wenn -Blendlinge oder fruchtbarere Bastarde einige Generationen lang in sich -fortgepflanzt werden, so nimmt anerkannter Maassen die Veränderlichkeit -ihrer Nachkommen bis zu einem ausserordentlichen Maasse zu; dagegen -lassen sich einige wenige Fälle anführen, wo Bastarde sowohl als -Blendlinge ihren einförmigen Charakter lange Zeit behauptet haben. Doch -ist die Veränderlichkeit in den aufeinanderfolgenden Generationen der -Blendlinge vielleicht grösser als bei den Bastarden. - -Diese grössre Veränderlichkeit der Blendlinge den Bastarden gegenüber -scheint mir in keiner Weise überraschend. Denn die Ältern der -Blendlinge sind Varietäten und meistens zahme und kultivirte Varietäten -(da nur sehr wenige Versuche mit wilden Varietäten angestellt worden -sind), wesshalb als Regel anzunehmen, dass ihre Veränderlichkeit -noch eine neue ist, daher denn auch zu erwarten steht, dass dieselbe -oft noch fortdaure und die schon aus der Kreutzung entspringende -Veränderlichkeit verstärke. Der geringere Grad von Variabilität bei -Bastarden aus erster Kreutzung oder aus erster Generation im Gegensatze -zu ihrer ausserordentlichen Veränderlichkeit in späteren Generationen -ist eine eigenthümliche und Beachtung verdienende Thatsache; denn sie -führt zu der Ansicht, die ich mir über die Ursache der gewöhnlichen -Variabilität gebildet, und unterstützt dieselbe, dass diese letzte -nämlich aus dem Reproduktions-Systeme herrühre, welches für jede -Veränderung in den Lebens-Bedingungen so empfindlich ist, dass es -hiedurch oft ganz unvermögend oder wenigstens für seine eigentliche -Funktion, mit der älterlichen Form übereinstimmende Nachkommen zu -erzeugen, unfähig gemacht wird. Nun rühren die in erster Generation -gebildeten Bastarde alle von Arten her, deren Reproduktiv-Systeme -ausser bei schon lange kultivirten Arten in keiner Weise leidend -gewesen, und sind nicht veränderlich; aber Bastarde selber haben ein -ernstlich angegriffenes Reproduktiv-System, und ihre Nachkommen sind -sehr veränderlich. - -Doch kehren wir zur Vergleichung zwischen Blendlingen und Bastarden -zurück. ~Gärtner~ behauptet, dass Blendlinge mehr als Bastarde -geneigt seyen, wieder in eine der älterlichen Formen zurückzuschlagen; -doch ist dieser Unterschied, wenn er richtig, gewiss nur ein -stufenweiser. ~Gärtner~ legt ferner Nachdruck darauf, dass, -wenn zwei obgleich nahe mit einander verwandte Arten mit einer dritten -gekreutzt werden, deren Bastarde doch weit auseinander weichen, -während, wenn zwei sehr verschiedene Varietäten einer Art mit einer -andern Art gekreutzt werden, deren Blendlinge unter sich nicht sehr -verschieden sind. Dieses Ergebniss ist jedoch so viel ich zu ersehen im -Stande bin, nur auf einen einzigen Versuch gegründet und scheint den -Erfahrungen geradezu entgegengesetzt zu seyn, welche ~Kölreuter~ -bei mehren Versuchen gemacht hat. - -Diess sind allein die an sich unwesentlichen Verschiedenheiten, welche -~Gärtner~ zwischen Bastarden und Blendlingen der Pflanzen -auszumitteln im Stande gewesen ist. Aber auch die Ähnlichkeit der -Bastarde und Blendlinge, und insbesondere die von nahe verwandten Arten -entsprungenen Bastarde mit ihren Ältern folgt nach ~Gärtner~ -den nämlichen Gesetzen. Wenn zwei Arten gekreutzt werden, so zeigt -zuweilen eine derselben ein überwiegendes Vermögen eine Ähnlichkeit -mit ihr dem Bastarde aufzuprägen, und so ist es, wie ich glaube, -auch mit Pflanzen-Varietäten. Bei Thieren besitzt gewiss oft eine -Varietät dieses überwiegende Vermögen über eine andre. Die beiderlei -Bastard-Pflanzen aus einer Wechselkreutzung gleichen einander -gewöhnlich sehr, und so ist es auch mit den zweierlei Blendlingen aus -Wechselkreutzungen. Bastarde sowohl als Blendlinge können wieder in -jede der zwei älterlichen Formen zurückgeführt werden, wenn man sie -in aufeinander-folgenden Generationen wiederholt mit der einen ihrer -Stamm-Formen kreutzt. - -Diese verschiedenen Bemerkungen lassen sich offenbar auch auf Thiere -anwenden; doch wird hier der Gegenstand ausserordentlich verwickelt, -theils in Folge vorhandener sekundärer Sexual-Charaktere und theils -insbesondere in Folge des gewöhnlich bei einem von beiden Geschlechtern -überwiegenden Vermögens sein Bild dem Nachkommen aufzuprägen, eben -sowohl wo es sich um die Kreutzung von Arten, als dort, wo es sich -um die von Varietäten unter einander handelt. So glaube ich z. B., -dass diejenigen Schriftsteller Recht haben, welche behaupten, der -Esel besitze ein solches Übergewicht über das Pferd, in dessen Folge -sowohl Maulesel als Maulthier mehr dem Esel als dem Pferde glichen; -dass jedoch dieses Übergewicht noch mehr bei dem männlichen als dem -weiblichen Esel hervortrete, daher der Maulesel als der Bastard von -Esel-Hengst und Pferde-Stute dem Esel mehr als das Maulthier gleiche, -welches das Pferd zum Vater und eine Eselin zur Mutter hat. - -Einige Schriftsteller haben viel Gewicht darauf gelegt, dass es unter -den Thieren nur bei Blendlingen vorkomme, dass solche einem ihrer -Ältern ausserordentlich ähnlich seyen; doch lässt sich nachweisen, dass -Solches auch bei Bastarden, wenn gleich seltener als bei Blendlingen, -der Fall ist. Was die von mir gesammelten Fälle von einer Kreutzung -entsprungenen Thieren betrifft, die einem der zwei Ältern sehr ähnlich -gewesen, so scheint sich diese Ähnlichkeit vorzugsweise auf in ihrer -Art monströse und plötzlich aufgetretene Charaktere zu beschränken, wie -Albinismus, Melanismus, Mangel der Hörner, Fehlen des Schwanzes und -Überzahl der Finger und Zehen, daher sie keinen Zusammenhang mit den -durch Züchtung langsam entwickelten Merkmalen haben. Demzufolge werden -auch Fälle plötzlicher Rückkehr zu einem der zwei älterlichen Typen bei -Blendlingen vorkommen, welche von oft plötzlich entstandenen und ihrem -Charakter nach halb-monströsen Varietäten abstammen, als bei Bastarden, -die von langsam und auf natürliche Weise gebildeten Arten herrühren. -Im Ganzen aber bin ich der Meinung von Dr. ~Prosper Lucas~, -welcher nach der Musterung einer ungeheuren Menge von Thatsachen bei -den Thieren zu dem Schlusse gelangt, dass die Gesetze der Ähnlichkeit -zwischen Kindern und Ältern die nämlichen sind, ob beide Ältern mehr -oder ob sie weniger von einander abweichen, ob sie einer oder ob sie -verschiedenen Varietäten oder ganz verschiedenen Arten angehören. - -Von der Frage über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit abgesehen, scheint -sich in allen andern Beziehungen eine grosse Ähnlichkeit des Verhaltens -zwischen Bastarden und Blendlingen zu ergeben. Bei der Annahme, dass -die Arten einzeln erschaffen und die Varietäten erst durch sekundäre -Gesetze entwickelt worden seyen, müsste ein solches ähnliches Verhalten -als eine äusserst befremdende Thatsache erscheinen. Geht man aber von -der Ansicht aus, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten -und Varietäten gar nicht vorhanden seye, so steht es vollkommen mit -derselben im Einklang. - -+Zusammenfassung des Kapitels.+) Erste Kreutzungen sowohl zwischen -genügend unterschiedenen Formen, um für Varietäten zu gelten, wie -zwischen ihren Bastarden sind sehr oft, aber nicht immer unfruchtbar. -Diese Unfruchtbarkeit findet in allen Abstufungen statt und ist -oft so unbedeutend, dass die zwei erfahrensten Experimentisten, -welche jemals gelebt, zu mitunter schnurstracks entgegengesetzten -Folgerungen gelangten, als sie die Formen darnach ordnen wollten. Die -Unfruchtbarkeit ist von angeborener Veränderlichkeit bei Individuen -einer nämlichen Art, und für günstige und ungünstige Einflüsse -ausserordentlich empfänglich. Der Grad der Unfruchtbarkeit richtet sich -nicht genau nach systematischer Affinität, sondern ist von einigen -eigenthümlichen und verwickelten Gesetzen abhängig. Er ist gewöhnlich -ungleich und oft sehr ungleich bei Wechselkreutzung der nämlichen -zwei Arten. Er ist nicht immer von gleicher Stärke bei einer ersten -Kreutzung und den daraus entspringenden Nachkommen. - -In derselben Weise, wie beim Zweigen der Bäume die Fähigkeit einer Art -oder Varietät bei andern anzuschlagen mit meistens ganz unbekannten -Verschiedenheiten in ihren vegetativen Systemen zusammenhängt, so ist -bei Kreutzungen die grössere oder geringere Leichtigkeit einer Art -sich mit der andern zu befruchten von unbekannten Verschiedenheiten -in ihren Reproduktions-Systemen veranlasst. Es ist daher nicht mehr -Grund anzunehmen, dass von der Natur einer jeden Art ein verschiedener -Grad von Sterilität in der Absicht ihr gegenseitiges Durchkreutzen und -Ineinanderlaufen zu verhüten besonders eingebunden worden seye, -- als -Ursache vorhanden ist anzunehmen, dass jeder Holzart ein verschiedener -und etwas analoger Grad von Schwierigkeit beim Verpropfen auf andern -Arten anzuschlagen eingebunden worden seye, um zu verhüten, dass sich -nicht alle in unsern Wäldern aufeinander-propfen. - -Die Sterilität der ersten Kreutzungen zwischen reinen Arten mit -vollkommenen Reproduktiv-Systemen scheint von verschiedenen Ursachen -abzuhängen: in einigen Fällen meistens von frühzeitigem Verderben -des Embryos. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mit unvollkommenem -Reproduktions-Systeme und derjenigen wo dieses System so wie die -ganze Organisation durch Verschmelzung zweier Arten in eine gestört -worden ist, scheint nahe übereinzukommen mit derjenigen Sterilität, -welche so oft auch reine Spezies befällt, wenn ihre natürlichen -Lebens-Bedingungen gestört worden sind. Diese Betrachtungs-Weise -wird noch durch einen Parallelismus andrer Art unterstützt, indem -nämlich die Kreutzung nur wenig von einander abweichender Formen die -Kraft und Fruchtbarkeit der Nachkommenschaft befördert, wie geringe -Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen für Gesundheit und -Fruchtbarkeit aller organischen Wesen vortheilhaft sind. Es ist -nicht überraschend, dass der Grad der Schwierigkeit zwei Arten mit -einander zu befruchten und der Grad der Unfruchtbarkeit ihrer Bastarde -einander im Allgemeinen entsprechen, obwohl sie von verschiedenen -Ursachen herrühren; denn beide hängen von dem Maasse irgend welcher -Verschiedenheit zwischen den gekreutzten Arten ab. Eben so ist es nicht -überraschend, dass die Leichtigkeit eine erste Kreutzung zu bewirken, -die Fruchtbarkeit der daraus entsprungenen Bastarde und die Fähigkeit -wechselseitiger Aufeinanderpropfung, obwohl diese letzte offenbar -von weit verschiedenen Ursachen abhängt, alle bis zu einem gewissen -Grade parallel gehen mit der systematischen Verwandtschaft der Formen, -welche bei den Versuchen in Anwendung gekommen; denn „systematische -Affinität“ bezweckt alle Sorten von Ähnlichkeiten zwischen den Spezies -auszudrücken. - -Erste Kreutzungen zwischen Formen, die als Varietäten gelten oder -doch genügend von einander verschieden sind um dafür zu gehen, -und ihre Blendlinge sind zwar gewöhnlich, aber nicht (wie so oft -irrthümlich behauptet worden) ohne Ausnahme fruchtbar. Doch ist -diese gewöhnliche und vollkommene Fruchtbarkeit nicht befremdend, -wenn wir uns erinnern, wie leicht wir hinsichtlich der Varietäten im -Natur-Zustande in einen Zirkelschluss gerathen, und wenn wir uns ins -Gedächtniss rufen, dass die grössre Anzahl der Varietäten durch Kultur -mittelst Züchtung bloss nach äusseren Verschiedenheiten und nicht -nach solchen im Reproduktiv-System hervorgebracht worden sind. In -allen andren Beziehungen, ausser der Fruchtbarkeit, ist eine allgemein -sehr grosse Ähnlichkeit zwischen Bastarden und Blendlingen. Endlich -scheinen mir die in diesem Kapitel kürzlich aufgezählten Thatsachen, -trotz unsrer völligen Unbekanntschaft mit den wirklichen Ursachen der -Unfruchtbarkeit nicht im Widerspruch, sondern in mehrfacher Hinsicht -im Einklang zu stehen mit der Ansicht, dass es keinen gründlichen -Unterschied zwischen Arten und Varietäten gibt. - - - - -Neuntes Kapitel. - -Unvollkommenheit der Geologischen Überlieferungen. - - Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. -- Natur - der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. -- Länge der - Zeit-Perioden nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen. - -- Armuth unsrer paläontologischen Sammlungen. -- Entblössung - granitischer Boden-Flächen. -- Unterbrechung geologischer - Formationen. -- Abwesenheit der Mittel-Varietäten in allen - Formationen. -- Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen. -- Ihr - plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten. - - -Im sechsten Kapitel habe ich die Haupteinreden aufgezählt, welche man -gegen die in diesem Bande aufgestellten Ansichten erheben könnte. Die -meisten derselben sind jetzt bereits erörtert worden. Darunter ist eine -allerdings von handgreiflicher Schwierigkeit: die der Verschiedenheit -der Art-Formen ohne wesentliche Verkettung durch zahllose -Übergangs-Formen. Ich habe die Ursachen nachgewiesen, warum solche -Glieder heutzutage unter den anscheinend für ihr Daseyn günstigsten -Umständen, namentlich auf ausgedehnten und zusammenhängenden Flächen -mit allmählich abgestuften physikalischen Bedingungen nicht gewöhnlich -zu finden sind. Ich versuchte zu zeigen, dass das Leben einer jeden -Art noch wesentlicher abhängt von der Anwesenheit gewisser andrer -organischer Formen, als vom Klima, und dass daher die wesentlich -leitenden Lebens-Bedingungen sich nicht so allmählig abstufen, wie -Wärme und Feuchtigkeit. Ich versuchte ferner zu zeigen, dass mittle -Varietäten desswegen, weil sie in geringrer Anzahl als die von ihnen -verketteten Formen vorkommen, im Verlaufe weitrer Veränderung und -Vervollkommnung dieser letzten bald verdrängt werden. Die Hauptursache -jedoch, warum nicht in der ganzen Natur jetzt noch zahllose solche -Zwischenglieder vorkommen, liegt im Prozesse der natürlichen Züchtung, -wodurch neue Varietäten fortwährend die Stelle der Stamm-Formen -einnehmen und dieselben vertilgen. Aber gerade in dem Verhältnisse, wie -dieser Prozess der Vertilgung in ungeheurem Maasse thätig gewesen ist, -so muss auch die Anzahl der Zwischenvarietäten, welche vordem auf der -Erde vorhanden waren, eine wahrhaft ungeheure gewesen seyn. Doch woher -kömmt es dann, dass nicht jede Formation und jede Gesteins-Schicht -voll von solchen Zwischenformen ist? Die Geologie enthüllt uns -sicherlich nicht eine solche fein abgestufte Organismen-Reihe; und -Diess ist vielleicht die handgreiflichste und gewichtigste Einrede, -die man meiner Theorie entgegenhalten kann. Die Erklärung liegt aber, -wie ich glaube, in der äussersten Unvollständigkeit der geologischen -Überlieferungen. - -Zuerst muss man sich erinnern, was für Zwischenformen meiner Theorie -zufolge vordem bestanden haben müssten. Ich habe es schwierig -gefunden, wenn ich irgend welche zwei Arten betrachtete, unmittelbare -Zwischenformen zwischen denselben mir in Gedanken auszumalen. Es ist -Diess aber auch eine ganz falsche Ansicht; denn man hat sich vielmehr -nach Formen umzusehen, welche zwischen jeder der zwei Spezies und -einem gemeinsamen aber unbekannten Stammvater das Mittel halten; -und dieser Stammvater wird gewöhnlich von allen seinen Nachkommen -einigermaassen verschieden gewesen seyn. Ich will Diess mit einem -einfachen Beispiele erläutern. Die Pfauen-Taube und der Kröpfer leiten -beide ihren Ursprung von der Felstaube (C. livia) her; aber eine -unmittelbare Zwischen-Varietät zwischen Pfauen-Taube und Kropf-Taube -wird es nicht geben, keine z. B., die einen etwas ausgebreiteteren -Schwanz mit einem nur mässig erweiterten Kropfe verbände, worin doch -eben die bezeichnenden Merkmale jener zwei Rassen liegen. Diese beiden -Rassen sind überdiess so sehr modifizirt worden, dass, wenn wir keinen -historischen oder indirekten Beweis über ihren Ursprung hätten, wir -unmöglich im Stande gewesen seyn würden durch blosse Vergleichung ihrer -Struktur zu bestimmen, ob sie aus der Felstaube (Columba livia) oder -einer andern ihr verwandten Art, wie z. B. Columba oenas, entstanden -seyen. - -So verhält es sich auch mit den natürlichen Arten. Wenn wir uns nach -sehr verschiedenen Formen umsehen, wie z. B. Pferd und Tapir, so -finden wir keinen Grund zu unterstellen, dass es jemals unmittelbare -Zwischenglieder zwischen denselben gegeben habe, wohl aber zwischen -jedem von beiden und irgend einem unbekannten Stamm-Vater. Dieser -gemeinsame Stamm-Vater wird in seiner ganzen Organisation viele -allgemeine Ähnlichkeit mit dem Tapir so wie mit dem Pferde besessen -haben; doch in einer und der andern Hinsicht auch von beiden -beträchtlich verschieden gewesen seyn, vielleicht in noch höherem -Grade, als beide jetzt unter sich sind. Daher wir in allen solchen -Fällen nicht im Stande seyn würden, die älterliche Form für irgend -welche zwei oder drei sich nahe-stehende Arten auszumitteln, selbst -dann nicht, wenn wir den Bau des Stamm-Vaters genau mit dem seiner -abgeänderten Nachkommen vergleichen, es seye denn, dass wir eine nahezu -vollständige Kette von Zwischengliedern dabei hätten. - -Es wäre nach meiner Theorie allerdings möglich, dass von zwei noch -lebenden Formen die eine von der andern abstammte, wie z. B. das Pferd -von Tapir, und in diesem Falle müsste es unmittelbare Zwischenglieder -zwischen denselben gegeben haben. Ein solcher Fall würde jedoch -voraussetzen, dass die eine der zwei Arten (der Tapir) sich eine sehr -lange Zeit hindurch unverändert erhalten habe, während ein Theil ihrer -Nachkommen sehr ansehnliche Veränderungen erfuhren. Aber das Princip -der Mitbewerbung zwischen Organismus und Organismus, zwischen Vater und -Sohn, wird diesen Fall nur sehr selten aufkommen lassen; denn in allen -Fällen streben die neuen und verbesserten Lebens-Formen die alten und -unpassendern zu ersetzen. - -Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung stehen alle lebenden Arten -mit einer Stamm-Art ihrer Sippe in Verbindung durch Charaktere, deren -Unterschiede nicht grösser sind, als wir sie heutzutage zwischen -Varietäten einer Art sehen; diese jetzt gewöhnlich erloschenen -Stamm-Arten waren ihrerseits wieder in ähnlicher Weise mit älteren -Arten verkettet; und so immer weiter rückwärts, bis endlich alle -in einem gemeinsamen Vorgänger einer ganzen Ordnung oder Klasse -zusammentreffen. So muss daher die Anzahl der Zwischen- und -Übergangs-Glieder zwischen allen lebenden und erloschenen Arten ganz -unbegreiflich gross gewesen seyn. Aber, wenn diese Theorie richtig ist, -haben sie gewiss auf dieser Erde gelebt. - -+Über die Zeitdauer.+) Unabhängig von der aus dem Mangel jener -endlosen Anzahl von Zwischengliedern hergenommenen Einrede könnte man -mir ferner entgegenhalten, dass die Zeit nicht hingereicht habe, ein -so ungeheures Maass organischer Veränderungen durchzuführen, weil -alle Abänderungen nur sehr langsam durch Natürliche Züchtung bewirkt -worden seyen. Es würde mir kaum möglich seyn, demjenigen Leser, welcher -kein praktischer Geologe ist, alle Thatsachen vorzuführen, welche uns -einigermaassen die unermessliche Länge der verflossenen Zeiträume zu -erfassen in den Stand setzen. Wer Sir ~Charles Lyell’s~ grosses -Werk „_the Principles of Geology_“, welchem spätre Historiker -die Anerkennung eine grosse Umwälzung in den Natur-Wissenschaften -bewirkt zu haben nicht versagen werden, lesen kann und nicht sofort die -unbegreifliche Länge der verflossenen Erd-Perioden zugesteht, der mag -dieses Buch nur schliessen. Nicht als ob es genüge die _Principles -of Geology_ zu studiren oder die Special-Abhandlungen verschiedner -Beobachter über einzelne Formationen zu lesen, deren jeder bestrebt -ist einen ungenügenden Begriff von der Entstehungs-Dauer einer jeden -Formation oder sogar jeder einzelnen Schicht zu geben. Jeder muss -vielmehr erst Jahre lang für sich selbst diese ungeheuren Stösse -übereinander gelagerter Schichten untersuchen und die See bei der -Arbeit, wie sie alle Gesteins-Schichten unterwühlt und zertrümmert und -neue Ablagerungen daraus bildet, beobachtet haben, ehe er hoffen kann, -nur einigermaassen die Länge der Zeit zu begreifen, deren Denkmäler wir -um uns her erblicken. - -Es ist gut den See-Küsten entlang zu wandern, welche aus mässig -harten Fels-Schichten aufgebaut sind, und den Zerstörungs-Prozess zu -beobachten. Die Gezeiten erreichen diese Fels-Wände gewöhnlich nur auf -kurze Zeit zweimal am Tage, und die Wogen nagen sie nur aus, wenn sie -mit Sand und Geschieben beladen sind; denn es ist leicht zu beweisen, -dass reines Wasser Gesteine jeder Art nicht oder nur wenig angreift. -Zuletzt wird der Fuss der Fels-Wände unterwaschen, mächtige Massen -brechen zusammen, und die nun fest liegen bleiben werden, Atom um Atom -zerrieben, bis sie klein genug geworden, dass die Wellen sie zu rollen -und vollends in Geschiebe und Sand und Schlamm zu verarbeiten vermögen. -Aber wie oft sehen wir längs dem Fusse sich zurückziehender Klippen -gerundete Blöcke liegen, alle dick überzogen mit Meeres-Erzeugnissen, -welche beweisen, wie wenig sie durch Abreibung leiden und wie selten -sie umhergerollt werden! Überdiess, wenn wir einige Meilen weit eine -derartige Küsten-Wand verfolgen, welche der Zerstörung unterliegt, -so finden wir, dass es nur hier und da, auf kurze Strecken oder etwa -um ein Vorgebirge her der Fall ist, dass die Klippen jetzt leiden. -Die Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der auf ihnen erscheinende -Pflanzen-Wuchs beweisen, dass allenthalben Jahre verflossen sind, -seitdem die Wasser deren Fuss gewaschen haben. - -Wer die Thätigkeit des Meeres an unsren Küsten näher studirt hat, -der muss einen tiefen Eindruck in sich aufgenommen haben von der -Langsamkeit ihrer Zerstörung. Die trefflichen Beobachtungen von ~Hugh -Miller~ und von ~Smith~ von _Jordanhill_ sind vorzugsweise geeignet -diese Überzeugung zu gewähren. Von ihr durchdrungen möge Jeder die -viele Tausend Fuss mächtigen Konglomerat-Schichten untersuchen, welche, -obschon wahrscheinlich in rascherem Verhältnisse als so viele andere -Ablagerungen gebildet, doch nun an jedem der zahllosen abgeriebenen und -gerundeten Geschiebe, woraus sie bestehen, den Stempel einer langen -Zeit tragen und vortrefflich zu zeigen geeignet sind, wie langsam -diese Massen zusammengehäuft worden seyn müssen. In den Cordilleren -habe ich einen Stoss solcher Konglomerat-Schichten zu zehntausend -Fuss Mächtigkeit geschätzt. Nun mag sich der Beobachter der wohl -begründeten Bemerkung ~Lyell’s~ erinnern, dass die Dicke und Ausdehnung -der Sediment-Formationen Ergebniss und Maassstab der Abtragungen -sind, welche die Erd-Rinde an andern Stellen erlitten hat. Und was -für ungeheure Abtragungen werden durch die Sediment-Ablagerungen -mancher Gegenden vorausgesetzt! Professor ~Ramsay~ hat mir, meistens -nach wirklichen Messungen und geringentheils nach Schätzungen, die -Maasse der grössten unsrer Formationen aus verschiedenen Theilen -_Gross-Britanniens_ in folgender Weise angegeben: - - Tertiäre Schichten 2,240′ } - Sekundär-Schichten 13,190′ } = 72,584′ - Paläolithische Schichten 57,154′ } - -d. i. beinahe 13¾ _Englische_ Meilen. Einige dieser Formationen, welche -in _England_ nur durch dünne Lagen vertreten sind, haben auf dem -Kontinente Tausende von Fussen Mächtigkeit. Überdiess sollen nach der -Meinung der meisten Geologen zwischen je zwei aufeinander-folgenden -Formationen immer unermessliche leere Perioden fallen. Wenn somit -selbst jener ungeheure Stoss von Sediment-Schichten in _Britannien_ -nur eine unvollkommene Vorstellung von der Zeit gewährt, wie -lang muss diese Zeit gewesen seyn! Gute Beobachter haben die -Sediment-Ablagerungen des grossen Mississippi-Stromes nur auf 600′ -Mächtigkeit in 100,000 Jahren berechnet. Diese Berechnung macht keinen -Anspruch auf grosse Genauigkeit. Wenn wir aber nun berücksichtigen, -wie ausserordentlich weit ganz feine Sedimente von den See-Strömungen -fortgetragen werden, so muss der Prozess ihrer Anhäufung über irgend -welche Erstreckung des See-Bodens äusserst langsam seyn. - -Doch scheint das Maass der Entblössung, welche die Schichten mancher -Gegenden erlitten, unabhängig von dem Verhältnisse der Anhäufung der -zertrümmerten Massen, die besten Beweise für die Länge der Zeiten zu -liefern. Ich erinnere mich, von dem Beweise der Entblössungen in hohem -Grade betroffen gewesen zu seyn, als ich vulkanische Inseln sah, welche -rundum von den Wellen so abgewaschen waren, dass sie in 1000-2000′ -hohen Fels-Wänden senkrecht emporragten, während sich aus dem schwachen -Fall-Winkel, mit welchem sich die Lava-Ströme einst in ihrem flüssigen -Zustand herabgesenkt, auf den ersten Blick ermessen liess, wie weit -einstens die harten Fels-Lagen in den offnen Ozean hinausgereicht haben -müssen. Dieselbe Geschichte ergibt sich oft noch deutlicher durch -die mächtigen Rücken, jene grossen Gebirgs-Spalten, längs deren die -Schichten bis zu Tausenden von Fussen an einer Seite emporgestiegen -oder an der andern Seite hinabgesunken sind; denn seit dieser -senkrechten Verschiebung (gleichviel ob die Hebung plötzlich oder -allmählich und stufenweise erfolgt ist) ist die Oberfläche des Bodens -durch die Thätigkeit des Meeres wieder so vollkommen ausgeebnet worden, -dass keine Spur von dieser ungeheuren Verwerfung mehr äusserlich zu -erkennen ist. - -So erstreckt sich der _Craven_-Rücken z. B. 30 Englische Meilen -weit, und auf dieser ganzen Strecke sind die von beiden Seiten her -zusammenstossenden Schichten um 600′–3000′ senkrechter Höhe verworfen. -Professor ~Ramsay~ hat eine Senkung von 2300′ in _Anglesea_ -beschrieben und benachrichtigt mich, dass er sich überzeugt hatte, -dass in _Merionetshire_ eine von 12,000′ vorhanden seye. Und doch -verräth in diesen Fällen die Oberfläche des Bodens nichts von solchen -wunderbaren Bewegungen, indem die ganze anfangs auf der einen Seite -höher emporragende Schichten-Reihe bis zur Abebnung der Oberfläche -weggespült worden ist. Die Betrachtung dieser Thatsachen macht auf -mich denselben Eindruck, wie das vergebliche Ringen des Geistes um den -Gedanken der Ewigkeit zu erfassen. - -Ich habe diese wenigen Bemerkungen gemacht, weil es für uns von -höchster Wichtigkeit ist, eine wenn auch unvollkommene Vorstellung von -der Länge verflossener Erd-Perioden zu haben. Und jedes Jahr während -der ganzen Dauer dieser Perioden war die Erd-Oberfläche, waren Land und -Wasser von Schaaren lebender Formen bevölkert. Was für eine endlose, -dem Geiste unerfassliche Anzahl von Generationen muss, seitdem die Erde -bewohnt ist, schon aufeinander gefolgt seyn! Und sieht man nun unsre -reichsten geologischen Sammlungen an, -- welche armselige Schaustellung -davon! - -+Armuth paläontologischer Sammlungen.+) Jedermann gibt die -ausserordentliche Unvollständigkeit unsrer paläontologischen -Sammlungen zu. Überdiess sollte man die Bemerkung des vortrefflichen -Paläontologen, des verstorbnen ~Edward Forbes~, nicht vergessen, -dass eine Menge unsrer fossilen Arten nur nach einem einzigen oft -zerbrochenen Exemplare oder nur wenigen auf einem kleinen Fleck -beisammen gefundenen Individuen bekannt und benannt sind. Nur ein -kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht und noch -keiner mit erschöpfender Genauigkeit erforscht, wie die noch jährlich -in _Europa_ aufeinanderfolgenden wichtigen Entdeckungen beweisen. -Kein ganz weicher Organismus ist Erhaltungs-fähig. Selbst Schaalen -und Knochen zerfallen und verschwinden auf dem Boden des Meeres, wo -sich keine Sedimente anhäufen. Ich glaube, dass wir beständig in einem -grossen Irrthum begriffen sind, wenn wir uns der stillen Ansicht -überlassen, dass sich Niederschläge fortwährend auf fast der ganzen -Erstreckung des See-Grundes in genügendem Maasse bilden, um die zu -Boden sinkenden organischen Stoffe zu umhüllen und zu erhalten. Auf -eine ungeheure Ausdehnung des Ozeans spricht die klar blaue Farbe -seines Wassers für dessen Reinheit. Die vielen Berichte von mehren -in gleichförmiger Lagerung aufeinander-folgenden Formationen, deren -keine auch nur Spuren aufrichtender, zerreissender oder abwaschender -Thätigkeit an sich trägt, scheinen nur durch die Ansicht erklärbar -zu seyn, dass der Boden des Meeres oft eine unermessliche Zeit in -völlig unveränderter Lage bleibt. Die Reste, welche in Sand und -Kies eingebettet worden, werden gewöhnlich von Kohlensäure-haltigen -Tage-Wassern wieder aufgelöst, welche den Boden nach seiner Emporhebung -über den Meeres-Spiegel zu durchsinken beginnen. - -Einige von den vielen Thier-Arten, welche zwischen Ebbe- und Fluth-Stand -des Meeres am Strande leben, scheinen sich nur selten fossil zu -erhalten. Einige von den manchfaltigen Thier-Arten, welche am Strande -zwischen Hoch- und Tief-Wasserstand leben, scheinen sich nur selten zu -erhalten. So z. B. überziehen in aller Welt zahllose Chthamalinen (eine -Familie der sitzenden Cirripeden) die dort gelegenen Klippen. Alle sind -im strengen Sinne litoral, mit Ausnahme einer einzigen mittelmeerischen -Art, welche dem tiefen Wasser angehört und auch in _Sicilien_ -fossil gefunden worden ist, während man fast noch keine tertiäre Art -kennt und aus der Kreide-Zeit noch keine Spur davon vorliegt. Die -Mollusken-Sippe Chiton bietet ein theilweise analoges Beispiel dar[33]. - -Hinsichtlich der Land-Bewohner, welche in der paläolithischen und -sekundären Zeit gelebt, ist es überflüssig darzuthun, dass unsre -Kenntnisse höchst fragmentarisch sind. So ist z. B. nicht eine -Landschnecke aus einer dieser langen Perioden bekannt, mit Ausnahme -der von Sir ~Ch. Lyell~ und Dr. ~Dawson~ in den Kohlen-Schichten -_Nord-Amerika’s_ entdeckten Art, wovon jetzt über hundert Exemplare -gesammelt sind. Was die Säugthier-Reste betrifft, so ergibt ein -Blick auf die Tabelle im Supplement zu ~Lyell’s~ Handbuch weit -besser, wie zufällig und selten ihre Erhaltung seye, als Seiten-lange -Einzelnheiten, und doch kann ihre Seltenheit keine Verwunderung -erregen, wenn wir uns erinnern, was für ein grosser Theil der tertiären -Reste derselben aus Knochen-Höhlen und Süsswasser-Ablagerungen -herrühren, während nicht eine Knochen-Höhle und ächte -Süsswasser-Schicht vom Alter unsrer paläolithischen und sekundären -Formationen bekannt ist. - -Aber die Unvollständigkeit der geologischen Nachrichten rührt -hauptsächlich von einer andren und weit wichtigeren Ursache her, als -irgend eine der vorhin angegebenen ist, dass nämlich die verschiedenen -Formationen durch lange Zeiträume von einander getrennt sind. Auf diese -Behauptung ist von manchen Geologen und Paläontologen, welche mit -~E. Forbes~ nicht an eine Veränderlichkeit der Arten glauben -mögen, grosser Nachdruck gelegt worden. Wenn wir die Formationen in -wissenschaftlichen Werken in Tabellen geordnet finden, oder wenn -wir sie in der Natur verfolgen, so können wir uns nicht wohl der -Überzeugung verschliessen, dass sie nicht unmittelbar auf einander -gefolgt sind. So wissen wir z. B. aus Sir ~R. Murchisons~ -grossem Werke über _Russland_, dass daselbst weite Lücken zwischen -den aufeinanderliegenden Formationen bestehen; und so ist es auch in -_Nord-Amerika_ und vielen andern Weltgegenden. Und doch würde der -beste Geologe, wenn er sich nur mit einem dieser weiten Länder-Gebiete -allein beschäftigt hätte, nimmer vermuthet haben, dass während dieser -langen Perioden, aus welchen in seiner eignen Gegend kein Denkmal -übrig ist, sich grosse Schichten-Stösse voll neuer und eigenthümlicher -Lebenformen anderweitig auf einander gehäuft haben. Und wenn man sich -in jeder einzelnen Gegend kaum eine Vorstellung von der Länge der -Zwischenzeiten zu machen im Stande ist, so wird man glauben, dass Diess -nirgends möglich seye. Die häufigen und grossen Veränderungen in der -mineralogischen Zusammensetzung aufeinander-folgender Formationen, -welche gewöhnlich auch grosse Veränderungen in der geographischen -Beschaffenheit des umgebenden Landes unterstellen lassen, aus welchem -das Material zu diesen Niederschlägen entnommen ist, stimmen mit -der Annahme langer zwischen den einzelnen Formationen verflossener -Zeiträume überein. - -Doch kann man, wie ich glaube, leicht einsehen, warum die geologischen -Formationen jeder Gegend fast unabänderlich überall unterbrochen sind, -d. h. sich nicht ohne Zwischenpausen abgelagert haben. Kaum hat eine -Thatsache bei Untersuchung viele Hundert Meilen langer Strecken der -_Süd-Amerikanischen_ Küsten, die in der jetzigen Periode einige -hundert Fuss hoch emporgehoben worden sind, einen lebhafteren Eindruck -auf mich gemacht als die Abwesenheit aller neueren Ablagerungen von -hinreichender Entwickelung, um auch nur für eine kurze geologische -Periode zu gelten. Längs der ganzen West-Küste, die von einer -eigenthümlichen Meeres-Fauna bewohnt wird, sind die Tertiär-Schichten -so spärlich entwickelt, dass wahrscheinlich kein Denkmal von -verschiedenen aufeinander-folgenden Meeres-Faunen für spätre Zeiten -erhalten bleiben wird. Ein wenig Nachdenken erklärt es uns, warum längs -der fortwährend höher steigenden West-Küste _Süd-Amerikas_ keine -ausgedehnten Formationen mit neuen oder mit tertiären Resten irgendwo -zu finden sind, obwohl nach den ungeheuren Abtragungen der Küsten-Wände -und den Schlamm-reichen Flüssen zu urtheilen, die sich dort in das Meer -ergiessen, die Zuführung von Sedimenten lange Perioden hindurch eine -sehr grosse gewesen seyn muss. Die Erklärung liegt ohne Zweifel darin, -dass die litoralen und sublitoralen Ablagerungen beständig wieder -weggewaschen werden, sobald sie durch die langsame oder stufenweise -Hebung des Landes in den Bereich der zerstörenden Brandung gelangen. - -Wir dürfen wohl mit Sicherheit schliessen, dass Sediment in ungeheuer -dicken harten und ausgedehnten Massen angehäuft worden seyn müsse, -um während der ersten Emporhebung und der späteren Schwankungen des -Niveaus der ununterbrochnen Thätigkeit der Wogen zu widerstehen. Solche -dicke und ausgedehnte Sediment-Ablagerungen können auf zweierlei Weise -gebildet werden; entweder in grossen Tiefen des Meeres, in welchem -Falle wir nach den Untersuchungen von ~E. Forbes~ annehmen -müssen, dass der See-Grund nur von sehr wenigen Thieren bewohnt seye, -obwohl er, wie sich aus den Telegraphen-Sondirungen erwiesen, nicht -ganz ohne Leben ist, daher die Massen nach ihrer Emporhebung nur eine -sehr unvollkommene Vorstellung von den zur Zeit ihrer Ablagerung dort -vorhanden gewesenen Lebenformen gewähren können; -- oder die Sedimente -werden über einen seichten Grund zu einiger Dicke und Ausdehnung -angehäuft, wenn er in langsamer Senkung begriffen ist. In diesem -letzten Falle bleibt das Meer so lange seicht und dem Thier-Leben -günstig, als Senkung des Bodens und Zufuhr der Niederschläge einander -nahezu das Gleichgewicht halten; so dass auf diese Weise eine -hinreichend dicke Fossilien-reiche Formation entstehen kann, um bei -ihrer spätren Emporhebung jedem Grade von Zerstörung zu widerstehen. - -Ich bin demgemäss überzeugt, dass alle unsre alten Formationen, welche -reich an fossilen Resten sind, bei ausdauernder Senkung abgelagert -worden sind. Seitdem ich im Jahr _1845_ meine Ansichten in dieser -Beziehung bekannt gemacht, habe ich die Fortschritte der Geologie -verfolgt und mit Überraschung wahrgenommen, wie ein Schriftsteller -nach dem andern bei Beschreibung dieser oder jener grossen Formation -zum Schlusse gelangt ist, dass sie sich während der Senkung des -Bodens gebildet habe. Ich will hinzufügen, dass die einzige alte -Tertiär-Formation an der West-Küste _Süd-Amerikas_, die mächtig -genug war um der bisherigen Zerstörung nicht zu widerstehen, aber wohl -schwerlich bis zu fernen geologischen Zeiten auszudauern im Stande -ist, sich gewiss während der Senkung des Bodens gebildet und so eine -ansehnliche Mächtigkeit erlangt hat. - -Alle geologischen Thatsachen zeigen uns deutlich, dass jedes Gebiet -der Erd-Oberfläche viele langsame Niveau-Schwankungen durchzumachen -hatte, und alle diese Schwankungen sind zweifelsohne von weiter -Erstreckung gewesen. Demzufolge müssen Fossilien-reiche und genügend -entwickelte Bildungen, um späteren Abtragungen zu widerstehen, während -der Senkungs-Perioden über weit-ausgedehnte Flächen entstanden seyn, -doch nur so lange, als die Zufuhr von Materialien stark genug war, -um die See seicht zu erhalten und die fossilen Reste schnell genug -einzuschichten und zu schützen, ehe sie Zeit hatten zu zerfallen. -Dagegen konnten sich mächtige Schichten auf seichtem und dem Leben -günstigem Grunde so lange nicht bilden, als derselbe stet blieb. Viel -weniger konnte Diess während wechselnder Perioden von Hebung und -Senkung geschehen, oder, um mich genauer auszudrücken, die Schichten, -welche während solcher Senkungen abgelagert wurden, müssen bei -nachfolgender Hebung wieder in den Bereich der Brandung versetzt und so -zerstört worden seyn. - -Diese Bemerkungen beziehen sich hauptsächlich auf Litoral-Ablagerungen. -In einem weiten und seichten Meere dagegen, wie im _Malayischen_ -Archipel, wo die Tiefe nur von 30 oder 40 bis zu 60 Faden wechselt, -dürfte während der Zeit der Erhebung eine weit ausgedehnte Formation -entstehen, und auch durch Entblössung nicht sonderlich leiden. Aber -diese Formation dürfte nicht mächtig seyn, da sie der Tiefe des -seichten Meeres bei weitem nicht gleichkommen kann; sie dürfte nicht -fest noch von späteren Bildungen überlagert seyn, so dass sie bei -späteren Boden-Schwankungen wahrscheinlich bald ganz verschwinden -würden. ~Hopkins~ hat behauptet, dass, wenn ein Theil der Bodenfläche -nach ihrer Hebung und vor ihrer Entblössung wieder sinke, die während -der Hebung entstandene, wenn auch gering mächtige Ablagerung durch -spätre Niederschläge geschützt werden dürfte, und so für eine sehr -lange Zeit-Periode erhalten werden könnte. Ich habe diesen Satz -bei meinen früheren Betrachtungen übersehen. Bei Erörterung dieses -Gegenstandes sagt ~Hopkins~ dann weiter, dass er die gänzliche -Zerstörung von Sediment-Schichten von grosser wagrechter Erstreckung -für etwas seltenes halte. Meine Bemerkungen beziehen sich bloss auf -Fossilien-reiche Schichten, insoferne ich glaube annehmen zu dürfen, -dass in sehr dicken und harten Schichten oder in weit-erstreckten -Massen abgelagerte Niederschläge nicht leicht gänzlicher Fortwaschung -unterliegen. Es handelt sich hier nämlich um die Frage: ob weit -ausgedehnte und an organischen Resten reiche Bildungen von grosser -und einem langen Zeit-Abschnitte entsprechender Mächtigkeit während -einer Senkungs-Periode entstehen können. Meine Ansicht ist, dass Diess -nur selten der Fall seyn dürfte. Da die Frage von der gänzlichen -Entblössung durch ~Hopkins~ aufgebracht worden, so will ich bemerken, -dass wohl alle Geologen, mit Ausnahme der wenigen, welche in den -metamorphischen Schiefern und plutonischen Gesteinen noch den glühenden -Primordial-Kern der Erde erblicken, auch annehmen werden, dass von dem -Gesteine dieser Beschaffenheit grosse Massen abgewaschen worden sind. -Denn es ist nicht wohl denkbar, dass diese Gesteine in unbedecktem -Zustande sollten krystallisirt und gehärtet worden seyn, hätte -aber die metamorphosirende Thätigkeit in grossen Tiefen des Ozeans -eingewirkt, so brauchte der frühere Mantel nicht dick gewesen zu seyn. -Unterstellt man aber, dass solche Gesteine wie Gneiss, Glimmerschiefer, -Granit, Diorit u. s. w. einmal bedeckt gewesen sind, wie lassen sich -dann die weiten nackten Flächen, welche diese Gesteine in so vielen -Weltgegenden darbieten, anders erklären, als durch die Annahme einer -späteren Entblössung von allen überlagernden Schichten? Dass solche -ausgedehnte granitische Gebiete bestehen, unterliegt keinem Zweifel. -Die granitische Region von _Parime_ ist nach ~Humboldt~ wenigstens -19mal so gross als die _Schweitz_. Im Süden des _Amazonen_-Stromes -zeigt ~Boué’s~ Karte eine aus solchen Gesteinen zusammengesetzte Fläche -so gross wie _Spanien_, _Frankreich_, _Italien_, _Grossbritannien_ -und ein Theil von _Deutschland_ zusammengenommen. Diese Gegend ist -noch nicht genau untersucht worden, aber nach dem übereinstimmenden -Zeugniss der Reisenden muss dieses granitische Gebiet sehr gross seyn. -von ~Eschwege~ gibt einen detaillirten Durchschnitt desselben, der -sich vom _Rio de Janeiro_ an in gerader Linie 260 geographische Meilen -weit einwärts erstreckt, und ich selbst habe ihn 150 Meilen weit in -einer andern Richtung durchschnitten, ohne ein anderes Gestein als -Granit zu sehen. Viele längs der ganzen 1100 geographische Meilen -langen Küste von _Rio de Janeiro_ bis zur _Plata_-Mündung gesammelte -Handstücke, die man mir gezeigt, gehörten sämmtlich dieser Klasse -an. Landeinwärts sah ich längs des ganzen nördlichen Ufers des -_Plata_-Stromes, abgesehen von jung-tertiären Gebilden, nur noch einen -kleinen Fleck mit schwach metamorphischen Gesteinen, der als Rest -der früheren Hülle der granitischen Bildungen hätte gelten können. -Wenden wir uns von da zu den besser bekannten Gegenden der _Vereinten -Staaten_ und _Canadas_. Indem ich aus ~H. D. Roger’s~ schöner Karte -die den genannten Formationen entsprechend kolorirten Papier-Stücke -herausschnitt und wog, fand ich, dass die metamorphischen (ohne die -halb-metamorphischen) und granitischen Gesteine im Verhältnisse von -190 : 125 die ächte dort so mächtig entwickelte Kohlen-Formation in -Verbindung mit der Umbral-Reihe übertrifft, welche mit einander die -ganze jüngere Paläolithen-Formation zusammensetzen. In vielen Gegenden -würden die metamorphischen und granitischen Bezirke natürlich sehr -ansehnlich an Ausdehnung zunehmen, wenn man alle ihnen ungleichförmig -aufgelagerten und an der Auflagerungs-Fläche nicht metamorphosirten -und daher nicht zum ursprünglichen Mantel gehörigen Sediment-Schichten -von ihnen abhöbe. Somit ist es also wahrscheinlich, dass in manchen -Weltgegenden ganze mindestens den Haupttheilen der aufeinanderfolgenden -geologischen Perioden entsprechende Formationen spurlos fortgewaschen -worden sind. - -Eine Bemerkung ist hier noch der Erwähnung werth. Während der -Erhebungs-Zeiten wird die Ausdehnung des Landes und der angrenzenden -seichten Meeres-Strecken vergrössert, und werden oft neue Arten von -Wohnorten gebildet. Alles für die Bildung neuer Arten und Varietäten, -wie früher bemerkt worden, günstige Umstände; aber gerade während -diesen Perioden bleiben Lücken im geologischen Berichte. Während der -Senkung dagegen nimmt die bewohnbare Fläche und die Anzahl der Bewohner -ab (die der Küsten-Bewohner etwa in dem Falle ausgenommen, dass ein -Kontinent in Insel-Gruppen zerfällt wird), daher während der Senkung -nicht nur mehr Arten erlöschen, sondern auch wenige Varietäten und -Arten entstehen; und gerade während solcher Senkungs-Zeiten sind unsre -grossen Fossilien-reichen Schichten-Massen abgelagert worden. Man -möchte sagen, die Natur habe die häufige Entdeckung der Übergangs- und -verkettenden Formen erschweren wollen. - -Nach den vorangehenden Betrachtungen ist es nicht zu bezweifeln, dass -der geologische Schöpfungs-Bericht im Ganzen genommen ausserordentlich -unvollständig ist; wenn wir aber dann unsre Aufmerksamkeit auf -irgend eine einzelne Formation beschränken, so ist es noch schwerer -zu begreifen, warum wir nicht enge aneinander-gereihete Abstufungen -zwischen denjenigen Arten finden, welche am Anfang und am Ende ihrer -Bildung gelebt haben. Es wird zwar von einigen Fällen berichtet, wo -eine Art in andern Varietäten in den obern als in den untern Theilen -derselben Formation auftritt; doch mögen sie hier übergangen werden, -da ihrer nur wenige sind. Obwohl nun jede Formation ohne allen Zweifel -eine lange Reihe von Jahren zu ihrer Ablagerung bedurft hat, so -glaube ich doch verschiedene Gründe zu erkennen, warum sich solche -Stufen-Reihen zwischen den zuerst und den zuletzt lebenden Arten nicht -darin vorfinden; doch kann ich kaum hoffen den folgenden Betrachtungen -die ihnen gebührende Berücksichtigung zuzuwenden. - -Obwohl jede Formation einer sehr langen Reihe von Jahren entspricht, -so ist doch jede kurz im Vergleiche mit der zur Umänderung einer -Art in die andre erforderlichen Zeit. Nun weiss ich wohl, dass zwei -Paläontologen, deren Meinungen wohl der Beachtung werth sind, nämlich -~Bronn~[34] und ~Woodward~, zum Schlusse gelangt sind, dass die mittle -Dauer einer jeden Formation zwei- bis drei-mal so lang, als die mittle -Dauer einer Art-Form ist. Indessen hindern uns, wie mir scheint, -unübersteigliche Schwierigkeiten in dieser Hinsicht zu einem richtigen -Schlusse zu gelangen. Wenn wir eine Art in der Mitte einer Formation -zum ersten Male auftreten sehen, so würde es äusserst übereilt seyn -zu schliessen, dass sie nicht irgendwo anders schon länger existirt -haben könne. Eben so, wenn wir eine Art schon vor den letzten Schichten -einer Formation verschwinden sehen, würde es übereilt seyn anzunehmen, -dass sie schon völlig erloschen seye. Wir vergessen, wie klein die -Ausdehnung _Europa’s_ im Vergleich zur übrigen Welt ist; auch sind die -verschiedenen Stöcke der einzelnen Formationen noch nicht durch ganz -_Europa_ mit vollkommener Genauigkeit parallelisirt worden. - -Bei allen Sorten von Seethieren können wir getrost annehmen, dass in -Folge von klimatischen u. a. Veränderungen massenhafte und ausgedehnte -Wanderungen stattgefunden haben; und wenn wir eine Art zum ersten Male -in einer Formation auftreten sehen, so liegt die Wahrscheinlichkeit -vor, dass sie eben da erst von einer andern Gegend her eingewandert -seye. So ist es z. B. wohl bekannt, dass einige Thier-Arten in den -paläolithischen Bildungen _Nord-Amerika’s_ etwas früher als in -den _Europäischen_ auftreten, indem sie zweifelsohne Zeit nöthig -hatten, um die Wanderung von _Amerika_ nach _Europa_ zu -machen. Bei Untersuchungen der neuesten Ablagerungen in verschiedenen -Weltgegenden ist überall die Wahrnehmung gemacht worden, dass einige -wenige noch lebende Arten in diesen Ablagerungen häufig, aber in -den unmittelbar umgebenden Meeren verschwunden sind, oder dass -umgekehrt einige jetzt in den benachbarten Meeren häufige Arten -und jener Ablagerungen noch selten oder gar nicht zu finden sind. -Es ist aber lehrreich über den erwiesenen Umfang der Wanderungen -_Europäischer_ Thiere während der Eis-Zeit nachzudenken, welche -doch nur einen kleinen Theil der ganzen geologischen Zeitdauer -ausmacht, so wie die grosser Niveau-Veränderungen, die aussergewöhnlich -grossen Klima-Wechsel, die unermessliche Länge der Zeiträume in -Erwägung zu ziehen, welche alle mit dieser Eis-Periode zusammen fallen. -Dann dürfte zu bezweifeln seyn, dass sich in irgend einem Theile der -Welt Sediment-Ablagerungen, +welche fossile Reste enthalten+, -auf dem gleichen Gebiete während der ganzen Dauer dieser Periode -abgelagert haben. So ist es z. B. nicht wahrscheinlich, dass während -der ganzen Dauer der Eis-Periode Sediment-Schichten an der Mündung -des _Mississippi_ innerhalb derjenigen Tiefe, worin Thiere noch -reichlich leben können, abgelagert worden seyen; denn wir wissen, -was für ausgedehnte geographische Veränderungen während dieser Zeit -in andern Theilen von _Amerika_ erfolgt sind. Würden solche -während der Eis-Periode in seichtem Wasser an der Mississippi-Mündung -abgelagerte Schichten einmal über den See-Spiegel gehoben werden, -so würden organische Reste wahrscheinlich in verschiedenen Niveaus -derselben zuerst erscheinen und wieder verschwinden, je nach den -stattgefundenen Wanderungen der Arten und den geographischen -Veränderungen des Landes. Und wenn in ferner Zukunft ein Geologe diese -Schichten untersuchte, so möchte er zu schliessen geneigt seyn, dass -die mittle Lebens-Dauer der dort eingebetteten Organismen-Arten kürzer -als die Eis-Periode gewesen seye, obwohl sie in der That viel länger -war, indem sie vor dieser begonnen und bis in unsre Tage gewährt hat. - -Um nun eine vollständige Stufen-Reihe zwischen zwei Formen in den -untern und obern Theilen einer Formation darbieten zu können, müsste -deren Ablagerung sehr lange Zeit fortgedauert haben, um dem langsamen -Prozess der Variation Zeit zu lassen; die Schichten-Masse müsste daher -von sehr ansehnlicher Mächtigkeit seyn; die in Abänderung begriffenen -Spezies müssten während der ganzen Zeit da gelebt haben. Wir haben -jedoch gesehen, dass die organische Reste enthaltenden Schichten -sich nur während einer Periode der Senkung ansammeln, damit nun die -Tiefe sich nahezu gleich bleibe und dieselben Thiere fortdauernd an -derselben Stelle wohnen können, wäre ferner nothwendig, dass die Zufuhr -von Sedimenten die Senkung fortwährend wieder ausgleiche. Aber eben -diese senkende Bewegung wird oft auch die Nachbargegend mit berühren, -aus welcher jene Zufuhr erfolgt, und eben dadurch die Zufuhr selbst -vermindern. Eine solche nahezu genaue Ausgleichung zwischen der Stärke -der stattfindenden Senkung und dem Betrag der zugeführten Sedimente mag -in der That nur selten vorkommen; denn mehr als ein Paläontologe hat -beobachtet, dass sehr dicke Ablagerungen ausser an ihren oberen und -unteren Grenzen gewöhnlich leer an Versteinerungen sind. - -Wahrscheinlich ist die Bildung einer jeden einzelnen Formation -gewöhnlich eben so wie die der ganzen Formationen-Reihe einer Gegend -mit Unterbrechungen vor sich gegangen. Wenn wir, wie es oft der Fall, -eine Formation aus Schichten von verschiedener Mineral-Beschaffenheit -zusammengesetzt sehen, so müssen wir vernünftiger Weise vermuthen, -dass der Ablagerungs-Prozess sehr unterbrochen gewesen seye, indem -eine Veränderung in den See-Strömungen und eine Änderung in der -Beschaffenheit der zugeführten Sedimente gewöhnlich von geographischen -Bewegungen, welche viele Zeit kosten, veranlasst worden seyn mag. -Nun wird auch die genaueste Untersuchung einer Formation keinen -Maassstab liefern, um die Länge der Zeit zu messen, welche über ihre -Ablagerung vergangen ist. Man könnte viele Beispiele anführen, wo -eine einzelne nur wenige Fuss dicke Schicht eine ganze Formation -vertritt, die in andren Gegenden Tausende von Fussen mächtig ist -und mithin eine ungeheure Länge der Zeit zu ihrer Bildung bedurft -hat; und doch würde Niemand, der Diess nicht weiss, auch nur geahnt -haben, welch’ eine unermessliche Zeit über der Entstehung jener dünnen -Schicht verflossen ist. So liessen sich auch viele Fälle anführen, wo -die untern Schichten einer Formation emporgehoben, entblösst, wieder -versenkt und dann von den oberen Schichten der nämlichen Formation -bedeckt worden sind, Thatsachen, welche beweisen, dass weite leicht -zu übersehende Zwischenräume während der Ablagerung vorhanden gewesen -sind. In andern Fällen liefert uns eine Anzahl grosser fossilisirter -und noch auf ihrem natürlichen Boden aufrecht stehender Bäume den -klaren Beweis von mehren langen Pausen und wiederholten Höhen-Wechseln -während des Ablagerungs-Prozesses, wie man sie ausserdem nie hätte -vermuthen können. So fanden ~Lyell~ und ~Dawson~ in einem 1400′ -mächtigen Kohlen-Gebirge _Neu-Schottlands_ noch alle von Baum-Wurzeln -durchzogenen Boden-Schichten, eine über der andern in nicht weniger als -68 verschiedenen Höhen. Wenn daher die nämliche Art unten, mitten und -oben in der Formation vorkommt, so ist Wahrscheinlichkeit vorhanden, -dass sie nicht während der ganzen Ablagerungs-Zeit immer an dieser -Stelle gelebt hat, sondern während derselben, vielleicht mehrmals, dort -verschwunden und wieder erschienen ist. Wenn daher eine solche Spezies -im Verlaufe einer geologischen Periode beträchtliche Umänderungen -erfahren, so würde ein Durchschnitt durch jene Schichten-Reihe -wahrscheinlich nicht alle die feinen Abstufungen zu Tage fördern, -welche nach meiner Theorie die Anfangs- mit der End-Form jener Art -verkettet haben müssen; man würde vielmehr sprungweise, wenn auch -vielleicht nur kleine, Veränderungen zu sehen bekommen. - -Es ist nun äusserst wichtig sich zu erinnern, dass die Naturforscher -keine goldene Regel haben, um mit deren Hilfe Arten von Varietäten zu -unterscheiden. Sie gestehen jeder Art einige Veränderlichkeit zu; wenn -sie aber etwas grössre Unterschiede zwischen zwei Formen wahrnehmen, -so machen sie Arten daraus, wofern sie nicht etwa im Stande sind -dieselben durch Zwischenstufen miteinander zu verketten. Und diese -dürfen wir nach den zuletzt angegebenen Gründen selten hoffen, in einem -geologischen Durchschnitte zu finden. Nehmen wir an, B und C seyen -zwei Arten, und eine dritte A werde in einer tieferen und älteren -Schicht gefunden. Hielte nun A genau das Mittel zwischen B und C, so -würde man sie wohl einfach als eine weitere dritte Art ansehen, wenn -nicht ihre Verkettung mit einer von beiden oder mit beiden andern -durch Zwischenglieder nachgewiesen werden kann. Nun muss man nicht -vergessen, dass, wie vorhin erläutert worden, wenn A auch der wirkliche -Stamm-Vater von B und C ist, derselbe doch nicht in allen Punkten -der Organisation nothwendig das Mittel zwischen beiden halten muss. -So können wir denn sowohl die Stammart als auch die von ihr durch -Umwandlung abgeleiteten Formen aus den untern und obern Schichten einer -Formation erhalten und doch vielleicht in Ermangelung zahlreicher -Übergangs-Stufen ihre Beziehungen zu einander nicht erkennen, sondern -alle für eigenthümliche Arten ansehen. - -Es ist eine bekannte Sache, auf was für äusserst kleine Unterschiede -manche Paläontologen ihre Arten gründen, und sie können Diess -auch um so leichter thun, wenn ihre wenig verschiedenen Exemplare -aus verschiedenen Stöcken einer Formation herrühren. Einige -erfahrene Paläontologen setzen jetzt viele von den schönen Arten -~d’Orbigny’s~ u. A. zum Rang blosser Varietäten herunter, -und darin finden wir eine Art von Beweis für die Abänderungs-Weise, -welche nach meiner Theorie stattfinden muss. Berücksichtigen wir die -jüngst-tertiären Ablagerungen mit so vielen Weichthier-Arten, welche -die Mehrzahl der Naturforscher für identisch mit noch lebenden Arten -hält, während andre, wie ~Agassiz~ und ~Pictet~, sie alle -für von diesen letzten verschiedene Spezies erklären, wenn auch die -Unterschiede nur sehr gering seyn mögen. Mögen wir nun den Einen oder -den Andern Recht geben, so wird dieser Fall doch immerhin als Beleg für -eine ganz allmähliche Umgestaltung der Formen dienen können, wie er -oben verlangt worden ist. Wenn wir überdiess grössre Zeit-Unterschiede -den aufeinander folgenden Stöcken einer nämlichen grossen Formation -entsprechend berücksichtigen, so finden wir, dass die ihnen angehörigen -Fossil-Reste, wenn auch gewöhnlich allgemein als verschiedene Arten -betrachtet, doch immerhin näher mit einander verwandt zu seyn pflegen, -als die in weit getrennten Formationen enthaltenen Arten; so dass wir -hier zwar einen unzweifelhaften Beleg eines stattgefundenen Wechsels, -wenn auch keinen strengen Beweis einer Umänderung der Formen nach -Maassgabe meiner Theorie erhalten. Doch werde ich auf diesen Gegenstand -im folgenden Abschnitte zurückkommen. - -So ist auch noch eine andre schon früher gemachte Bemerkung zu -berücksichtigen, dass nämlich die Varietäten von Pflanzen wie von -Thieren, welche sich rasch vervielfältigen, aber ihre Stelle nicht viel -ändern können, anfangs gewöhnlich lokal seyn werden, und dass solche -örtliche Varietäten sich nicht weit verbreiten und ihre Stamm-Formen -erst ersetzen, wenn sie sich in einem etwas grössren Maasse verändert -und vervollkommnet haben. Nach dieser Annahme ist die Aussicht, die -früheren Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei Arten einer -Formation auf einer Stelle in übereinander-folgenden Schichten zu -finden, nur klein, weil vorauszusetzen ist, dass die einzelnen -Übergangs-Stufen als Lokalformen je eine andere örtliche Verbreitung -gehabt haben. Die meisten Seethiere besitzen eine weite Verbreitung; -und da wir gesehen, dass diejenigen Arten unter den Pflanzen, welche am -weitesten verbreitet sind, auch am öftesten Varietäten darbieten, so -wird es sich mit Mollusken u. a. See-Thieren wohl ähnlich verhalten, -und es werden diejenigen unter ihnen, welche sich vordem am weitesten -bis über die Grenzen _Europa’s_ hinaus erstreckten, auch am -öftesten die Bildung neuer anfangs lokaler Varietäten und später Arten -veranlasst haben. Auch dadurch muss die Wahrscheinlichkeit in irgend -welcher Formation die Reihenfolge der Übergangs-Stufen aufzufinden -ausserordentlich vermindert werden. - -Man muss nicht vergessen, dass man heutigen Tages, selbst wenn man -vollständige Exemplare vor sich hat, selten zwei Varietäten durch -Zwischenstufen verbinden und so deren Zusammengehörigkeit zu einer Art -beweisen kann, bis man viele Exemplare von mancherlei Örtlichkeiten -zusammengebracht hat; und bei fossilen Arten ist der Paläontologe -selten im Stande Diess zu thun. Man wird vielleicht am besten -begreifen, wie wenig wir in der Lage seyn können, Arten durch zahllose -feine fossil-gefundene Zwischenglieder zu verketten, wenn wir uns -selbst fragen, ob z. B. Paläontologen spätrer Zeiten im Stande seyn -würden zu beweisen, dass unsre verschiedenen Rinds-, Schaafe-, Pferde- -und Hunde-Rassen von einem oder von mehren Stämmen herkommen, -- oder -ob gewisse See-Konchylien der _Nord-Amerikanischen_ Küsten, welche -von einigen Konchyliologen als von ihren _Europäischen_ Vertretern -abweichende Arten und von andern Konchyliologen als blosse Varietäten -angesehen werden, nur wirkliche Varietäten oder sogenannte eigne -Arten sind. Diess könnte künftigen Geologen nur gelingen, wenn sie -viele fossile Zwischenstufen entdeckten, was jedoch im höchsten Grade -unwahrscheinlich ist. - -Es ist von Schriftstellern, welche an die Unveränderlichkeit der -Arten glauben, übergenug behauptet worden, die Geologie liefere keine -vermittelnden Formen. Diese Behauptung ist aber ganz falsch. ~Lubbock~ -hat kürzlich gesagt: jede Art ist ein Mittelglied zwischen andern -verwandten Formen. Wir erkennen Diess deutlich, wenn wir aus einer -Sippe, welche reich an fossilen und lebenden Arten ist, vier Fünftel -der Arten ausstossen, wo dann niemand bezweiflen wird, dass die Lücken -zwischen den noch übrig bleibenden Arten grösser seyn werden als -vorher. Sind es aber die extremen Art-Formen, welche man ausgestossen -hat, so wird die Sippe selbst in der Regel von andern Sippen weiter -getrennt erscheinen, als sie zuvor war. Kameel und Schweine, Pferd und -Tapir sind jetzt offenbar sehr getrennte Formen. Schaltet man aber die -fossilen Genera zwischen sie ein, die man aus gleichen Familien im -fossilen Zustande kennen gelernt hat, so knüpfen sich jene Sippen durch -diese Zwischenglieder enger aneinander. Die Reihe der verkettenden -Formen läuft jedoch in diesen Fällen nie, oder überhaupt nie, gerade -von einer lebenden Form zur andern, sondern berühret auf Umwegen -zugleich solche Formen mit, welche in längst verflossenen Zeiten -gelebt haben. Was aber die geologischen Forschungen allerdings nicht -enthüllt haben, das ist das frühere Daseyn der unendlich zahlreichen -Abstufungen vom Range wirklicher Varietäten zur Verkettung aller -Arten untereinander[35]; und dass sie Diess nicht bewirkt haben, ist -zweifelsohne eine der ersten und gewichtigsten Einwände, die man -gegen meine Ansichten vorbringen mag. Daher wird es angemessen seyn, -die vorangehenden Bemerkungen über die Ursachen der Unvollkommenheit -unsrer geologischen Berichte zur Erläuterung eines ersonnenen Falles -zusammenzufassen. Der _Malayische_ Archipel ist etwa von der Grösse -_Europas_ vom _Nord-Kap_ bis zum _Mittelmeere_ und von _Britannien_ -bis _Russland_, entspricht mithin der Ausdehnung desjenigen Theils -der Erd-Oberfläche, auf welchem, _Nord-Amerika_ ausgenommen, alle -geologischen Formationen am sorgfältigsten und zusammenhängendsten -untersucht worden sind. Ich stimme mit Hrn. ~Godwin-Austen~ in der -Meinung vollkommen überein, dass der jetzige Zustand des _Malayischen_ -Archipels mit seinen zahlreichen durch breite und seichte Meeres-Arme -getrennten Inseln wahrscheinlich der früheren Beschaffenheit _Europas_, -während noch die meisten unsrer Formationen in Ablagerung begriffen -waren, entspricht. Der _Malayische_ Archipel ist eine der an Organismen -reichsten Gegenden der ganzen Erd-Oberfläche; aber wenn man auch alle -Arten sammelte, welche jemals da gelebt haben, wie unvollständig würden -sie die Naturgeschichte der ganzen Erd-Oberfläche vertreten! - -Indessen haben wir alle Ursache zu glauben, dass die Überreste der -Landbewohner dieses Archipels nur äusserst unvollständig in die -Formationen übergehen dürften, die unsrer Annahme gemäss sich dort noch -ablagern werden. Ich vermuthe selbst, dass nicht viele der eigentlichen -Küsten-Bewohner und der auf kahlen untermeerischen Felsen wohnenden -Thiere in die neuen Schichten eingeschlossen werden würden; und die -etwa in Kies und Sand eingeschlossenen dürften keiner späten Nachwelt -überliefert werden. Da wo sich aber keine Niederschläge auf dem -Meeres-Boden bildeten oder sich nicht in genügender Masse anhäuften, um -organische Einflüsse gegen Zerstörung zu schützen, da würden auch gar -keine organischen Überreste erhalten werden können. - -Die gewöhnlichen Muster-Formationen, hinreichend mächtig um bis zu -einer eben so weit in der Zukunft entfernten Zeit zu reichen, als -die Sekundär-Formationen bereits hinter uns liegen, würden wohl nur -während Perioden der Senkung in dem Archipel entstehen können. Diese -Perioden würden dann durch unermessliche Zwischen-Zeiten der Hebung -oder Ruhe von einander getrennt werden; während der Hebung würden alle -Fossilien-führenden Formationen in dem Maasse, als sie entstünden, an -steilen Küsten durch die ununterbrochene Thätigkeit der Brandung wieder -zerstört werden, wie wir es jetzt an den Küsten _Süd-Amerikas_ -gesehen haben; und selbst in ausgedehnten aber seichten Meeren -innerhalb einer Insel-Welt könnten während der Emporhebung durch -Niederschlag gebildete Schichten nicht in grosser Mächtigkeit angehäuft -oder von spätren Bildungen so bedeckt und geschützt werden, dass ihnen -eine Erhaltung bis in eine ferne Zukunft in wahrscheinlicher Aussicht -stünde. Während der Senkungs-Zeiten würden viele Lebensformen zu Grunde -gehen, während der Hebungs-Perioden dagegen sich die Formen am meisten -durch Abänderung entfalten, aber die geologischen Denkmäler würden der -Folgezeit wenig Nachricht davon überliefern. - -Es wäre zu bezweifeln, dass die Dauer irgend einer grossen Periode -über den ganzen Archipel sich erstreckender Senkung und entsprechender -gleichzeitiger Sediment-Ablagerung die mittle Dauer der alsdann -vorhandnen spezifischen Formen übertreffen würde; und doch würde -diese Bedingung unerlässlich nothwendig seyn für die Erhaltung aller -Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei oder mehr von einander -abstammenden Arten. Wo diese Zwischenstufen aber nicht alle vollständig -erhalten sind, da werden die durch sie verkettet gewesenen Varietäten -als eben so viele verschiedene Spezies erscheinen. Es ist jedoch -wahrscheinlich, dass während so langer Senkungs-Perioden auch wieder -Höhen-Schwankungen eintreten und kleine klimatische Veränderungen -erfolgen werden, welche die Bewohner des Archipels zu Wanderungen -veranlassen, so dass kein genau zusammenhängender Bericht über deren -Abänderungs-Gang in einer der dortigen Formationen niedergelegt werden -kann. - -Sehr viele der jetzigen Meeres-Bewohner jenes Archipels wohnen -gegenwärtig noch Tausende von Englischen Meilen weit über seine Grenzen -hinaus, und die Analogie veranlasst mich zu glauben, dass diese -weit-verbreiteten Arten hauptsächlich zur Erzeugung neuer Varietäten -geeignet seyn würden. Diese Varietäten dürften anfangs gewöhnlich nur -eine örtliche Verbreitung besitzen, jedoch, wenn sie als solche irgend -einen Vortheil voraus haben, oder wenn sie erst noch weiter abgeändert -und verbessert sind, sich allmählich ausbreiten und ihre Stamm-Ältern -ersetzen. Kehrte dann eine solche Varietät in ihre alte Heimath zurück, -so würde sie, weil vielleicht zwar nur wenig, aber doch einförmig -von ihrer früheren Beschaffenheit abweichend, und weil in etwas -abweichenden Unterabtheilungen der nämlichen Formation eingeschichtet -befunden, nach den Grundsätzen der meisten Paläontologen als eine neue -und verschiedene Art aufgeführt werden müssen. - -Wenn daher diese Bemerkungen einiger Maassen begründet sind, so sind -wir nicht berechtigt zu erwarten, dass wir in unseren geologischen -Formationen eine endlose Anzahl solcher feinen Übergangs-Formen -finden werden, welche nach meiner Betrachtungs-Weise sicher einmal -alle früheren und jetzigen Arten einer Gruppe zu einer langen und -verzweigten Kette von Lebenformen verbunden haben. Wir werden uns nur -nach einigen wenigen (und gewiss zu findenden) Zwischengliedern umsehen -müssen, von welchen die einen fester und die andren loser mit einander -vereinigt sind; und diese Glieder, grenzten sie auch noch so nahe an -einander, werden von den meisten Paläontologen für verschiedene Arten -erklärt werden, sobald sie in verschiedene Stöcke einer Formation -vertheilt sind. Jedoch gestehe ich ein, dass ich nie geglaubt haben -würde, welch’ dürftige Nachricht von der Veränderung der einstigen -Lebenformen uns auch das beste geologische Profil gewähre, hätte nicht -die Schwierigkeit, die zahllosen Mittelglieder zwischen den am Anfang -und am Ende einer Formation vorhandenen Arten aufzufinden, meine -Theorie so sehr ins Gedränge gebracht. - -+Plötzliches Auftreten ganzer Gruppen verwandter Arten.+) Das -plötzliche Erscheinen ganzer Gruppen neuer Arten in gewissen -Formationen ist von mehren Paläontologen, wie ~Agassiz~, ~Pictet~ -und am Eindringlichsten von ~Sedgwick~ zur Widerlegung des Glaubens -an eine allmähliche Umgestaltung der Arten hervorgehoben worden. -Wären wirklich viele Arten von einerlei Sippe oder Familie auf einmal -plötzlich ins Leben getreten, so müsste Diess freilich meiner Theorie -einer langsamen Abänderung durch Natürliche Züchtung verderblich -werden. Denn die Entwickelung einer Gruppe von Formen, die alle von -einem Stamm-Vater herrühren, muss nicht nur selbst ein sehr langsamer -Prozess gewesen seyn, sondern auch die Stamm-Form muss schon sehr -lange vor ihren abgeänderten Nachkommen da gewesen seyn. Aber wir -überschätzen fortwährend die Vollständigkeit der geologischen Berichte -und unterstellen irrthümlich dass, weil gewisse Sippen oder Familien -noch nicht unterhalb einer gewissen geologischen Gesichtsebene gefunden -worden, sie auch tiefer noch nicht existirt haben. Jedenfalls verdienen -positive paläontologische Beweise ein unbedingtes Vertrauen, während -solche von negativer Art, wie die Erfahrung so oft ergibt, werthlos -sind. Wir vergessen fortwährend, wie gross die Welt der kleinen Fläche -gegenüber ist, über die sich unsre genauere Untersuchung geologischer -Formationen erstreckt; wir vergessen, dass Arten-Gruppen anderwärts -schon lange vertreten gewesen seyn und sich langsam vervielfältigt -haben können, bevor sie in die alten Archipele _Europas_ und der -_Vereinten Staaten_ eingedrungen. Wir bringen die Länge der Zeiträume -nicht genug in Anschlag, welche wahrscheinlich zwischen der Ablagerung -unsrer unmittelbar aufeinander-gelagerten Formationen verflossen und -vermuthlich meistens länger als diejenigen gewesen sind, die zur -Ablagerung einer Formation erforderlich waren. Die Zwischenräume -waren lange genug für die Vervielfältigung der Arten von einer oder -von einigen wenigen Stamm-Formen aus, so dass dann solche Arten in der -jedesmal nachfolgenden Formation auftreten konnten, als ob sie erst -plötzlich und gleichzeitig geschaffen worden seyen. - -Ich will hier an eine schon früher gemachte Bemerkung erinnern, dass -nämlich wohl eine ganze Reihe von Welt-Perioden dazu gehören dürfte, -bis ein Organismus sich einer ganz neuen Lebens-Weise anpasse, -wie z. B. durch die Luft zu fliegen und dass Dem entsprechend die -Übergangs-Formen oft lange auf einen kleinen Flächen-Raum beschränkt -bleiben müssen; dass aber, wenn Diess einmal geschehen ist und nur -einmal eine geringe Anzahl hiedurch einen grossen Vortheil vor andern -Organismen erworben hat, nur noch eine verhältnissmässig kurze -Zeit dazu erforderlich ist, um viele auseinander-weichende Formen -hervorzubringen, welche dann geeignet sind sich schnell und weit über -die Erd-Oberfläche zu verbreiten. Professor ~Pictet~ sagt -in dem vortrefflichen Berichte, welchen er über dieses Buch gibt, -bei Erwähnung der frühesten Übergangs-Formen beispielsweise zu den -Vögeln, er könne nicht einsehen, welchen Vortheil die allmähliche -Abänderung der vordren Gliedmaassen einer unterstellten Stammform -dieser zu gewähren im Stande gewesen seyn sollte? Betrachten wir doch -die Pinguine der südlichen Weltmeere; sind denn nicht bei diesen -Vögeln die Vordergliedmaassen gerade eine Zwischenform von „weder -wirklichen Armen noch wirklichen Flügeln“. Und doch behaupten diese -Vögel im Kampfe ums Daseyn siegreich ihre Stelle, zahllos an Individuen -und manchfaltigen Arten. Ich bin nicht der Meinung, hier eine der -wirklichen Übergangs-Stufen zu sehen, durch welche der Flügel der Vögel -sich gebildet habe; was könnte man aber im Besondern gegen die Meinung -einwenden, dass es den Nachkommen dieser Pinguine von Nutzen seyn -würde, wenn sie allmählig solche Abänderung erführen, dass sie zuerst -gleich der ......Ente flach über den Meeresspiegel hinflattern und dann -sich erheben und durch die Luft schweben lernten? - -Ich will nun einige wenige Beispiele zur Erläuterung dieser Bemerkungen -und insbesondre zum Nachweis darüber mittheilen, wie leicht wir -uns in der Meinung, dass ganze Arten-Gruppen auf einmal geschaffen -worden seyen, irren können. Schon die kurze Zeit, welche zwischen -der ersten und der zweiten Ausgabe von ~Pictet’s~ _Paléontologie_ -verlaufen ist (1844-46 bis 1853-57) hat zur wesentlichen Umgestaltung -der Schlüsse über das erste Auftreten und das Erlöschen verschiedener -Thier-Gruppen beigetragen, und eine dritte Auflage würde schon -wieder bedeutende Abänderungen erheischen. Ich will zuerst an die -wohlbekannte Thatsache erinnern, dass nach den noch vor wenigen Jahren -erschienenen Lehrbüchern der Geologie die grosse Klasse der Säugthiere -ganz plötzlich am Anfange der Tertiär-Periode aufgetreten seyn sollte. -Und nun zeigt sich eine der, im Verhältniss ihrer Dicke, reichsten -Lagerstätten fossiler Säugthier-Reste mitten in der Sekundär-Reihe, -und ein ächtes Säugthier ist in den ältesten Schichten des New red -Sandstone entdeckt worden. ~Cuvier~ pflegte Nachdruck darauf zu -legen, dass noch kein Affe in irgend einer Tertiär-Schicht gefunden -worden seye; jetzt aber kennt man fossile Arten von Vierhändern in -_Ostindien_, in _Süd-Amerika_ und selbst in _Europa_, sogar schon -aus der eocänen Periode. Hätte uns nicht ein seltener Zufall die -zahlreichen Fährten im New red Sandstone der _Vereinten Staaten_ -aufbewahrt, wie würden wir anzunehmen gewagt haben, dass ausser -Reptilien auch schon nicht weniger als dreissig Vogel-Arten von -riesiger Grösse in so früher Zeit existirt hätten, zumal noch nicht -ein Stückchen Knochen in jenen Schichten gefunden worden ist. Obwohl -nun die Anzahl der Füsse, Zehen und verschiedenen Zehen-Glieder in -jenen fossilen Eindrücken vollkommen mit denen unsrer jetzigen Vögel -übereinstimmen, so zweifeln doch noch einige Schriftsteller daran, ob -jene Fährten wirklich von Vögeln herrühren. So konnten also bis vor -ganz kurzer Zeit dieselben Autoren behaupten und haben einige derselben -wirklich behauptet, dass die ganze Klasse der Vögel plötzlich erst im -Anfang der Tertiär-Periode aufgetreten seye; doch können wir uns jetzt -auf die Versicherung Professor ~Owen’s~ (in ~Lyell’s~ „_Manual_“) -berufen, dass ein Vogel gewiss schon zur Zeit gelebt habe, als der obre -Grünsand sich ablagerte. - -Ich will als ein andres Beispiel anführen, was mir in einer Abhandlung -über fossile sitzende Cirripeden selber passirt ist. Nachdem ich -nachgewiesen, dass es eine Menge von lebenden und von erloschenen -tertiären Arten gebe, so schloss ich aus dem ausserordentlichen -Reichthume vieler Balaniden-Arten an Individuen, aus ihrer Verbreitung -über die ganze Erde von den arktischen Regionen an bis zum Äquator -und von der obren Fluth-Grenze an bis zu 50 Faden Tiefe hinab, -aus der vollkommenen Erhaltungs-Weise ihrer Reste in den ältesten -Tertiär-Schichten, aus der Leichtigkeit selbst einzelne Klappen zu -erkennen und zu bestimmen: aus allen diesen Umständen schloss ich -dass, wenn es in der sekundären Periode sitzende Cirripeden gegeben -hätte, solche gewiss erhalten und wieder entdeckt worden seyn würden; -da jedoch noch keine Schaale einer Spezies in Schichten dieses -Alters gefunden worden seye, so müsse sich diese grosse Gruppe erst -im Beginne der Tertiär-Zeit plötzlich entwickelt haben. Es war eine -grosse Verlegenheit für mich, selbst noch ein weiteres Beispiel vom -plötzlichen Auftreten einer grossen Arten-Gruppe bestätigen zu müssen. -Kaum war jedoch mein Werk erschienen, als ein bewährter Paläontologe, -Hr. ~Bosquet~, mir eine Zeichnung von einem vollständigen -Exemplare eines unverkennbaren Balaniden sandte, welchen er selbst aus -dem _Belgischen_ Kreide-Gebirge entnommen hatte. Und um den Fall -so treffend als möglich zu machen, so ist der entdeckte Balanide ein -Chthamalus, eine sehr gemeine und überall weitverbreitete Sippe, -wovon sogar in tertiären Schichten bis jetzt noch keine Spur gefunden -worden war. Wir wissen daher jetzt mit Sicherheit, dass es auch in -der Sekundär-Zeit schon sitzende Cirripeden gegeben, welche möglicher -Weise die Stamm-Ältern unsrer vielen tertiären und noch lebenden Arten -gewesen seyn können. - -Der Fall von plötzlichem Auftreten einer ganzen Arten-Gruppe, worauf -sich die Paläontologen am öftesten berufen, ist die Erscheinung der -ächten Knochen-Fische oder Teleostier erst in den unteren Schichten -der Kreide-Periode. Diese Gruppe enthält bei weitem die grösste -Anzahl der jetzigen Fische. Inzwischen hat Professor ~Pictet~ -neuerlich ihre erste Erscheinung schon wieder um einen Stock tiefer -nachgewiesen und glauben andre Paläontologen, dass viele ältre Fische, -deren Verwandtschaften bis jetzt noch nicht genau bekannt, wirkliche -Teleostier seyen. Nähme man mit ~Agassiz~ an, dass deren ganze -Gruppe wirklich erst zu Anfang der Kreide-Zeit erschienen seye, so -wäre diese Thatsache freilich höchst merkwürdig; aber auch in ihr -vermöchte ich noch keine unübersteigliche Schwierigkeit für meine -Theorie zu erkennen, bis auch erwiesen wäre, dass in der That die -Arten dieser Gruppe auf der ganzen Erde gleichzeitig in jener Frist -aufgetreten seyen. Es ist fast überflüssig zu bemerken, dass ja noch -kaum ein fossiler Fisch von der Süd-Seite des Äquators bekannt ist -und nach ~Pictet’s~ Paläontologie selbst in einigen Gegenden -_Europas_ erst sehr wenige Arten gefunden worden sind. Einige -wenige Fisch-Familien haben jetzt enge Verbreitungs-Grenzen, und -so könnte es auch mit den Teleostiern der Fall gewesen seyn, dass -sie erst dann, nachdem sie sich in diesem oder jenem Meere sehr -vervielfältigt, sich weit verbreitet hätten. Auch sind wir nicht -anzunehmen berechtigt, dass die Welt-Meere von Norden nach Süden -allezeit so offen wie jetzt gewesen seyen. Selbst heutigen Tages könnte -der tropische Theil des _Indischen Ozeans_ durch eine Hebung des -_Malayischen Archipels_ über den Meeres-Spiegel in ein grosses -geschlossenes Becken verwandelt werden, worin sich irgend welche grosse -Seethier-Gruppen zu entwickeln und vervielfältigen vermöchten; und -da würde sie dann eingeschlossen bleiben, bis einige der Arten für -ein kühleres Klima geeignet und in Stand gesetzt worden wären, die -Süd-Cap’s in _Afrika_ und _Australien_ zu umwandern und so in -andre ferne Meere zu gelangen. - -Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen, aber hauptsächlich in -Berücksichtigung unsrer Unkunde über die geologischen Verhältnisse -andrer Welt-Gegenden ausserhalb _Europa_ und _Nord-Amerika_, -endlich nach dem Umschwung, welchen unsre paläontologischen -Vorstellungen durch die Entdeckungen während der letzten Jahrzehnte -erlitten, glaube ich folgern zu dürfen, dass wir eben so übereilt -handeln würden, die bei uns bekannt gewordene Art der Aufeinanderfolge -der Organismen auf die ganze Erd-Oberfläche zu übertragen, als ein -Naturforscher thäte, welcher nach einer Landung von fünf Minuten -an irgend einer armen Küste _Australiens_ auf die Zahl und -Verbreitung seiner Organismen schliessen wollte. - -+Plötzliches Erscheinen ganzer Gruppen verwandter Arten in den -untersten Fossilien-führenden Schichten.+) Grösser ist eine andre -Schwierigkeit; ich meine das plötzliche Auftreten vieler Arten einer -Gruppe in den untersten Fossilien-führenden Gebirgen. Die meisten der -Gründe, welche mich zur Überzeugung geführt, dass alle lebenden Arten -einer Gruppe von einem gemeinsamen Urvater herrühren, sind mit fast -gleicher Stärke auch auf die ältesten fossilen Arten anwendbar. So -kann ich z. B. nicht daran zweifeln, dass alle silurischen Trilobiten -von irgend einem Kruster herkommen, welcher von allen jetzt lebenden -Krustern sehr verschieden war. Einige der ältesten silurischen Thiere -sind zwar nicht sehr von noch jetzt lebenden Arten verschieden, wie -Lingula, Nautilus u. a., und man kann nach meiner Theorie nicht -annehmen, dass diese alten Arten die Erzeuger aller Arten der Ordnungen -gewesen seyen, wozu sie gehören, indem sie in keiner Weise Mittelformen -zwischen denselben darbieten. Und wären sie deren Stamm-Ältern -gewesen, so würden sie jetzt gewiss längst durch ihre vervollkommneten -Nachfolger ersetzt und ausgetilgt seyn. - -Wenn meine Theorie richtig, so müssten unbestreitbar schon vor -Ablagerung der ältesten silurischen Schichten eben so lange oder -noch längere Zeiträume, wie nachher, verflossen, und müsste die -Erd-Oberfläche während dieser ganz unbekannten Zeiträume von lebenden -Geschöpfen bewohnt gewesen seyn. - -Was nun die Frage betrifft, warum wir aus diesen weiten -Primordial-Perioden keine Denkmäler mehr finden, so kann ich darauf -keine genügende Antwort geben. Mehre der ausgezeichnetsten Geologen -mit Sir ~R. Murchison~ an der Spitze sind überzeugt, in -diesen untersten Silur-Schichten die Wiege des Lebens auf unsrem -Planeten zu erblicken. Andre hoch-bewährte Beurtheiler, wie ~Ch. -Lyell~ und der verstorbene ~Edw. Forbes~ bestreiten diese -Behauptung. Und wir müssen nicht vergessen, dass nur ein geringer -Theil unsrer Erd-Oberfläche mit einiger Genauigkeit erforscht ist. -Erst unlängst hat Hr. ~Barrande~ dem silurischen Systeme noch -einen anderen älteren Stock angefügt, der reich ist an neuen und -eigenthümlichen Arten. Spuren einstigen Lebens sind auch noch in den -Longmynd-Schichten entdeckt worden unterhalb ~Barrande’s~ -sogenannter Primordial-Zone. Die Anwesenheit Phosphate-haltiger Nieren -und bituminöser Materien in einigen der untersten azoischen Schichten -deutet wahrscheinlich auf ein ehemaliges noch früheres Leben hin. -Aber dann ist die Schwierigkeit noch grösser, das gänzliche Fehlen -der mächtigen Stösse Fossilien-führender Schichten zu begreifen, die -meiner Theorie zufolge sich gewiss irgendwo aufgehäuft hatten. Wären -diese ältesten Schichten durch Entblössungen ganz und gar weggewaschen -oder durch Metamorphismus ganz und gar unkenntlich gemacht worden, so -würden wir wohl auch nur noch ganz kleine Überreste der nächst-jüngeren -Formationen entdecken, und diese müssten sich meistens in einem -metamorphischen Zustande befinden. Aber die Beschreibungen, welche -wir jetzt von den silurischen Ablagerungen in den unermesslichen -Länder-Gebieten in _Russland_ und _Nord-Amerika_ besitzen, -sind nicht zu Gunsten der Meinung dass, je älter eine Formation, desto -mehr sie durch Entblössung und Metamorphismus gelitten haben müsse. - -Diese Thatsache muss fürerst unerklärt bleiben und wird mit Recht -als eine wesentliche Einrede gegen die hier entwickelten Ansichten -hervorgehoben werden. Ich will jedoch folgende Hypothese aufstellen, -um zu zeigen, dass doch vielleicht einige Erklärung möglich ist. Aus -der Natur der in den verschiedenen Formationen _Europa’s_ und -der _Vereinten Staaten_ vertretenen organischen Wesen, welche -keine grossen Tiefen bewohnt zu haben scheinen, und aus der ungeheuren -Masse der Meilen-dicken Niederschläge, woraus diese Formationen -bestehen, können wir zwar schliessen, dass von Anfang bis zu Ende -grosse Inseln oder Landstriche, aus welchen die Sedimente herbeigeführt -worden, in der Nähe der jetzigen Kontinente von _Europa_ und -_Nord-Amerika_ existirt haben müssen. Aber vom Zustande der Dinge -in den langen Perioden, welche zwischen der Bildung dieser Formationen -verflossen sind, wissen wir nichts; wir vermögen nicht zu sagen, ob -während derselben _Europa_ und die _Vereinten Staaten_ als -trockne Länder-Strecken oder als untermeerische Küsten-Flächen, auf -welchen inzwischen keine Ablagerungen erfolgten, oder als endlicher -unergründlicher Meeres-Boden eines offnen und unergründlichen Ozeans -vorhanden waren. - -Betrachten wir die jetzigen Weltmeere, welche dreimal so viel Fläche -als das trockne Land einnehmen, so finden wir sie mit zahlreichen -Inseln besäet, unter welchen aber keine der perugischen bis jetzt -einen Überrest von paläolitischen und sekundären Formationen geliefert -hat, etwa _Neuseeland_, _Spitzbergen_ und die benachbarte -_Bären-Insel_ ausgenommen, welche in mancher Beziehung kaum in -jener Klasse mitzubegreifen seyn würden. Man kann daraus vielleicht -schliessen, dass während der paläolitischen und Sekundär-Zeit weder -Kontinente noch kontinentale Inseln da existirt haben, wo sich jetzt -der Ozean ausdehnt; denn wären solche vorhanden gewesen, so würden -sich nach aller Wahrscheinlichkeit aus dem von ihnen herbei-geführten -Schutte auch paläolitische und sekundäre Schichten gebildet haben, und -es würden dann in Folge der Niveau-Schwankungen, welche während dieser -ungeheuer langen Zeiträume jedenfalls stattgefunden haben müssen, -wenigstens theilweise Emporhebungen trocknen Landes haben erfolgen -können. Wenn wir also aus diesen Thatsachen irgend einen Schluss -ziehen wollen, so können wir sagen, dass da, wo sich jetzt unsre -Weltmeere ausdehnen, solche schon seit den ältesten Zeiten, von denen -wir Kunde besitzen, bestanden haben, und dass da, wo jetzt Kontinente -sind, grosse Landstrecken existirt haben, welche von der frühesten -Silur-Zeit an zweifelsohne grossem Niveau-Wechsel unterworfen gewesen -sind. Die kolorirte Karte, welche meinem Werke über die Korallen-Riffe -beigegeben ist, führte mich zum Schluss, dass die grossen Weltmeere -noch jetzt hauptsächlich Senkungs-Felder, die grossen Archipele noch -jetzt schwankende Gebiete und die Kontinente noch jetzt in Hebung -begriffen seyen. Aber haben wir ein Recht anzunehmen, dass diese -Dinge sich seit dem Beginne dieser Welt gleich geblieben sind? Unsre -Festländer scheinen hauptsächlich durch vorherrschende Hebung während -vielfacher Höhen-Schwankungen entstanden zu seyn. Aber können nicht -die Felder verwaltender Hebungen und Senkungen ihre Rollen vor noch -längrer Zeit umgetauscht haben? In einer unermesslich früheren Zeit -vor der silurischen Periode können Kontinente da existirt haben, -wo sich jetzt die Weltmeere ausbreiten, und können offne Weltmeere -gewesen seyn, wo jetzt die Festländer emporragen. Und doch würde -man noch nicht anzunehmen berechtigt seyn, dass z. B. das Bette des -Stillen Ozeans, wenn es jetzt in ein Festland verwandelt würde, uns -ältre als silurische Schichten darbieten müsse, vorausgesetzt selbst -dass sich solche einstens dort gebildet haben; denn es wäre möglich, -dass Schichten, welche dem Mittelpunkt der Erde um einige Meilen -näher gerückt und von dem ungeheuren Gewichte darüber stehender -Wasser zusammengedrückt gewesen, stärkere metamorphische Einwirkungen -erfahren habe als jene, welche näher an der Oberfläche verweilten. Die -in einigen Welt-Gegenden wie z. B. in _Süd-Amerika_ vorhandenen -unermesslichen Strecken bloss metamorphischen Gebirges, welche -hohen Graden von Druck und Hitze ausgesetzt gewesen seyn müssen, -haben mir einer besonderen Erklärung zu bedürfen geschienen; und -vielleicht darf man annehmen, dass sie uns die zahlreichen schon lange -vor der silurischen Zeit abgesetzten Formationen in einem völlig -metamorphischen Zustande darbieten. - -Die mancherlei hier erörterten Schwierigkeiten, welche namentlich -daraus entspringen, dass wir in der Reihe der aufeinander-folgenden -Formationen zwar manche Mittelformen zwischen früher dagewesenen -und jetzt vorhandenen Arten, nicht aber die unzähligen nur leicht -abgestuften Zwischenglieder zwischen allen successiven Arten finden, --- dass ganze Gruppen verwandter Arten in unsren _Europäischen_ -Formationen oft plötzlich zum Vorschein kommen, -- dass, so viel -bis jetzt bekannt, ältre Fossilien-führende Formationen noch -unter den silurischen Schichten gänzlich fehlen, -- alle diese -Schwierigkeiten sind zweifelsohne von grösstem Gewichte. Wir ersehen -Diess am deutlichsten aus der Thatsache, dass die ausgezeichnetsten -Paläontologen, wie ~Cuvier~, ~Agassiz~, ~Barrande~, ~Falconer~, ~Edw. -Forbes~ und andre, sowie unsre grössten Geologen, ~Lyell~, ~Murchison~, -~Sedgwick~ etc. die Unveränderlichkeit der Arten einstimmig und oft -mit grosser Heftigkeit vertheidigt haben. Inzwischen habe ich Grund -anzunehmen, dass eine grosse Autorität, Sir ~Ch. Lyell~, in Folge -fernerer Erwägungen sehr zweifelhaft in dieser Beziehung geworden ist. -Ich fühle wohl, wie bedenklich es ist, von diesen Gewährsmännern, denen -wir mit Andern alle unsre Kenntnisse verdanken, abzuweichen. Alle, die -den geologischen Schöpfungs-Bericht für einigermaassen vollständig -halten und nicht viel Gewicht auf andre in diesem Bande mitgetheilten -Thatsachen und Schlussfolgerungen legen, werden zweifelsohne meine -ganze Theorie auf einmal verwerfen. Ich für meinen Theil betrachte -(um ~Lyell’s~ bildlichen Ausdruck durchzuführen) den Natürlichen -Schöpfungs-Bericht als eine Geschichte der Erde, unvollständig erhalten -und in wechselnden Dialekten geschrieben, -- wovon aber nur der letzte -bloss auf einige Theile der Erd-Oberfläche sich beziehende Band bis -auf uns gekommen ist. Doch auch von diesem Bande ist nur hier und da -ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seite sind nur da und dort -einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wechselnden Sprache dieser -Beschreibung, mehr und weniger verschieden in den aufeinander-folgenden -Abschnitten, mag den anscheinend plötzlich wechselnden Lebenformen -entsprechen, welche in den unmittelbar aufeinander-liegenden Schichten -unsrer weit von einander getrennten Formationen begraben liegen. - - - - -Zehntes Kapitel. - -Geologische Aufeinanderfolge organischer Wesen. - - Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. -- Ungleiches - Maass ihrer Veränderung. -- Einmal untergegangene Arten kommen nicht - wieder zum Vorschein. -- Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen - Regeln des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. -- - Erlöschen der Arten. -- Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen - auf der ganzen Erd-Oberfläche. -- Verwandtschaft erloschener Arten - mit andern fossilen und mit lebenden Arten. -- Entwickelungs-Stufe - aller Formen. -- Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen - Länder-Gebiete. -- Zusammenfassung des jetzigen mit früheren - Abschnitten. - - -Sehen wir nun zu, ob die verschiedenen Thatsachen und Regeln -hinsichtlich der geologischen Aufeinanderfolge der organischen Wesen -besser mit der gewöhnlichen Ansicht von der Unabänderlichkeit der -Arten, oder mit der Theorie einer langsamen und stufenweisen Abänderung -der Nachkommenschaft durch Natürliche Züchtung übereinstimmen. - -Neue Arten sind im Wasser wie auf dem Lande nur sehr langsam, -eine nach der andern zum Vorschein gekommen. ~Lyell~ hat -gezeigt, dass es kaum möglich ist, sich den in den verschiedenen -Tertiär-Schichten niedergelegten Beweisen in dieser Hinsicht zu -verschliessen und jedes Jahr strebt die noch vorhandenen Lücken mehr -auszufüllen und das Prozent-Verhältniss der noch lebend vorhandenen -zu den ganz ausgestorbenen Arten mehr und mehr abzustufen. In einigen -der neuesten, wenn auch, in Jahren ausgedrückt, gewiss sehr alten -Schichten kommen nur noch 1-2 ausgestorbene Arten vor, und nur je eine -oder zwei überhaupt oder für die Örtlichkeit neue Formen gesellen sich -den früheren bei. Wenn wir den Beobachtungen ~Philippi’s~ in -_Sizilien_ vertrauen dürfen, so ist die stufenweise Ersetzung -der früheren Meeres-Bewohner bei dieser Insel durch andre Arten -ein äusserst langsamer gewesen. Die Sekundär-Formationen sind mehr -unterbrochen; aber in jeder einzelnen Formation hat, wie ~Bronn~ -bemerkt hat, weder das Auftreten noch das Verschwinden ihrer vielen -jetzt erloschenen Arten gleichzeitig stattgefunden. - -Arten verschiedener Sippen und Klassen haben weder gleichen -Schrittes noch in gleichem Verhältnisse gewechselt. In den ältesten -Tertiär-Schichten liegen die wenigen lebenden Arten mitten zwischen -einer Menge erloschener Formen. ~Falconer~ hat ein schlagendes -Beispiel der Art berichtet, nämlich von einem Krokodile noch lebender -Art, welches mit einer Menge fremder und untergegangener Säugthiere -und Reptilien in Schichten des _Subhimalaya_ beisammen lagert. Die -silurischen Lingula-Arten weichen nur sehr wenig von den lebenden -Spezies dieser Sippe ab, während die meisten der übrigen silurischen -Mollusken und alle Kruster grossen Veränderungen unterlegen sind. Die -Land-Bewohner scheinen schnelleren Schrittes als die Meeres-Bewohner -zu wechseln, wovon ein treffender Beleg kürzlich aus der _Schweitz_ -berichtet worden ist. Es scheint einiger Grund zur Annahme vorhanden, -dass solche Organismen, welche auf höherer Organisations-Stufe -stehen, rascher als die unvollkommen entwickelten wechseln; doch gibt -es Ausnahmen von dieser Regel. Das Maass organischer Veränderung -entspricht nach ~Pictet’s~ Bemerkung nicht genau der Aufeinanderfolge -unsrer geologischen Formationen, so dass zwischen je zwei -aufeinander-folgenden Bildungen die Lebens-Formen genau in gleichem -Grade sich änderten. Wenn wir aber irgend welche, seyen es auch nur -zwei einander zunächst verwandte Formationen mit einander vergleichen, -so finden wir, dass alle Arten einige Veränderungen erfahren haben. -Ist eine Art einmal von der Erd-Oberfläche verschwunden, so haben wir -einigen Grund zu vermuthen, dass dieselbe Art nie wieder zum Vorschein -kommen werde. Die anscheinend auffallendsten Ausnahmen von dieser -Regel bilden ~Barrande’s~ sogenannte „Kolonien“ von Arten, welche sich -eine Zeit lang mitten in ältre Formationen einschieben und dann später -wieder erscheinen; doch halte ich ~Lyell’s~ Erklärung, sie seyen durch -Wanderungen aus einer geographischen Provinz in die andre bedingt, für -vollkommen genügend. - -Diese verschiedenen Thatsachen vertragen sich wohl mit meiner Theorie. -Ich glaube an kein festes Entwickelungs-Gesetz, welches alle Bewohner -einer Gegend veranlasste, sich plötzlich oder gleichzeitig oder -gleichmässig zu ändern. Der Abänderungs-Prozess muss ein sehr langsamer -seyn. Die Veränderlichkeit jeder Art ist ganz unabhängig von der der -andern Arten. Ob sich die Natürliche Züchtung solche Veränderlichkeit -zu Nutzen macht, und ob die in grösserem oder geringerem Maasse -gehäuften Abänderungen stärkere oder schwächre Modifikationen in den -sich ändernden Arten veranlassen, Diess hängt von vielen verwickelten -Bedingungen ab: von der Nützlichkeit der Veränderung, von der Wirkung -der Kreutzung, von dem Maass der Züchtung, vom allmählichen Wechsel -in der natürlichen Beschaffenheit der Gegend, und zumal von der -Beschaffenheit der übrigen Organismen, welche mit den sich ändernden -Arten in Mitbewerbung kommen; daher es keineswegs überraschend ist, -wenn eine Art ihre Form unverändert bewahrt, während andre sie -wechseln, oder wenn sie solche in geringerem Grade wechselt als diese. -Wir beobachten Dasselbe in der geographischen Verbreitung, z. B. auf -_Madeira_, wo die Landschnecken und Käfer in beträchtlichem -Maasse von ihren nächsten Verwandten in _Europa_ abgewichen, -während Vögel und See-Mollusken die nämlichen geblieben sind. Man kann -vielleicht die anscheinend raschere Veränderung in den Land-Bewohnern -und den höher organisirten Formen gegenüber derjenigen der meerischen -und der tiefer-stehenden Arten aus den zusammengesetzteren -Beziehungen der vollkommeneren Wesen zu ihren organischen und -unorganischen Lebens-Bedingungen, wie sie in einem früheren Abschnitte -auseinandergesetzt worden sind, herleiten. Wenn viele von den Bewohnern -einer Gegend abgeändert und vervollkommnet worden sind, so begreift -man aus dem Prinzip der Mitbewerbung und aus den höchst-wichtigen -Beziehungen von Organismus zu Organismus, dass eine Form, welche gar -keine Änderung und Vervollkommnung erfährt, der Austilgung preisgegeben -ist. Daraus ergibt sich dann, dass alle Arten einer Gegend zuletzt, -wenn wir nämlich hinreichend lange Zeiträume dafür zugestehen, entweder -abändern oder zu Grunde gehen müssen. - -Bei Gliedern einer Klasse mag das Maass der Änderung während langer -und gleicher Zeit-Perioden im Mittel vielleicht nahezu gleich -seyn. Da jedoch die Anhäufung lange dauernder Fossilreste-führender -Formationen davon bedingt ist, ob grosse Sediment-Massen während einer -Senkungs-Periode abgesetzt werden, so müssen sich unsre Formationen -nothwendig meistens mit langen und unregelmässigen Zwischenpausen -gebildet haben; daher denn auch der Grad organischer Veränderung, -welchen die in den Erd-Schichten abgelagerten organischen Reste an sich -tragen, in aufeinander-folgenden Formationen nicht gleich ist. Jede -Formation bezeichnet nach dieser Anschauungs-Weise nicht einen neuen -und vollständigen Akt der Schöpfung, sondern nur eine meistens ganz -nach Zufall herausgerissene Szene aus einem langsam vor sich gehenden -Drama. - -Man begreift leicht, dass eine einmal zu Grunde gegangene Art -nicht wieder zum Vorschein kommen kann, selbst wenn die nämlichen -unorganischen und organischen Lebens-Bedingungen nochmals eintreten. -Denn obwohl die Nachkommenschaft einer Art so hergerichtet werden kann -(und gewiss in unzähligen Fällen hergerichtet worden ist), dass sie -den Platz einer andern Art im Haushalte der Natur genau ausfüllt und -sie ersetzt, so können doch beide Formen, die alte und die neue, nicht -identisch die nämlichen seyn, weil beide gewiss von ihren verschiedenen -Stamm-Vätern auch verschiedene Charaktere mit-geerbt haben. So könnten -z. B., wenn unsre Pfauentauben ausstürben, Tauben-Liebhaber durch lange -Zeit fortgesetzte und auf denselben Punkt gerichtete Bemühungen wohl -eine neue von unsrer jetzigen Pfauentaube kaum unterscheidbare Rasse -zu Stande bringen. Wäre aber auch deren Urform, unsre Felstaube im -Natur-Zustande, wo die Stamm-Form gewöhnlich durch ihre vervollkommnete -Nachkommenschaft ersetzt und vertilgt wird, zerstört worden, so müsste -es doch ganz unglaubhaft erscheinen, dass ein Pfauenschwanz, mit unsrer -jetzigen Rasse identisch, von irgend einer andern Tauben-Art oder einer -andern guten Varietät unsrer Haustauben gezogen werden könne, weil -die neu-gebildete Pfauentaube von ihrem neuen Stamm-Vater fast gewiss -einige wenn auch nur leichte Unterscheidungs-Merkmale beibehalten würde. - -Arten-Gruppen, wie Sippen und Familien sind, folgen in ihrem Auftreten -und Verschwinden denselben allgemeinen Regeln, wie die einzelnen -Arten selbst, indem sie mehr oder weniger schnell, in grössrem oder -geringerem Grade wechseln. Eine Gruppe erscheint nicht wieder, wenn -sie einmal untergegangen ist; ihr Daseyn ist abgeschnitten. Ich weiss -wohl, dass es einige anscheinende Ausnahmen von dieser Regel gibt; -allein es sind deren so erstaunlich wenig, dass ~Edw. Forbes~, ~Pictet~ -und ~Woodward~ (obwohl dieselben alle diese von mir vertheidigten -Ansichten sonst bestreiten) deren Richtigkeit zugestehen, und diese -Regel entspricht vollkommen meiner Theorie. Denn, wenn alle Arten einer -Gruppe von nur einer Stamm-Art herkommen, dann ist es klar, dass, so -lange als noch irgend eine Art der Gruppe in der langen Reihenfolge der -geologischen Perioden zum Vorschein kommt, so lange auch noch Glieder -derselben Gruppe in ununterbrochner Reihenfolge existirt haben müssen, -um allmählich veränderte und neue oder noch die alten und unveränderten -Formen hervorbringen zu können. So müssen also Arten der Sippe Lingula -seit deren Erscheinen in den untersten Schichten bis zum heutigen Tage -ununterbrochen vorhanden gewesen seyn. - -Wir haben im letzten Kapitel gesehen, dass es zuweilen aussieht, als -seyen die Arten einer Gruppe ganz plötzlich in Masse aufgetreten, -und ich habe versucht diese Thatsache zu erklären, welche, wenn sie -sich richtig verhielte, meiner Theorie verderblich seyn würde. Aber -derartige Fälle sind gewiss nur als Ausnahmen zu betrachten; nach der -allgemeinen Regel wächst die Arten-Zahl jeder Gruppe allmählich bis zu -ihrem Maximum an und nimmt dann früher oder später wieder langsam ab. -Wenn man die Arten-Zahl einer Sippe oder die Sippen-Zahl einer Familie -durch eine Vertikal-Linie ausdrückt, welche die übereinander-folgenden -Formationen mit einer nach Maassgabe der in jeder derselben enthaltenen -Arten-Zahl veränderlichen Dicke durchsetzt, so kann es manchmal -scheinen, als beginne dieselbe unten breit, statt mit scharfer Spitze; -sie nimmt dann aufwärts noch weiter an Breite zu, hält darauf oft eine -Zeit lang gleiche Stärke ein und läuft dann in den obren Schichten, -der Abnahme und dem Erlöschen der Arten entsprechend, allmählich spitz -aus. Diese allmähliche Zunahme einer Gruppe steht mit meiner Theorie -vollkommen in Einklang, da die Arten einer Sippe und die Sippen einer -Familie nur langsam und allmählich an Zahl wachsen können, weil der -Vorgang der Umwandlung und der Entwickelung einer Anzahl verwandter -Formen nur ein langsamer seyn kann, da eine Art anfänglich nur -eine oder zwei Varietäten liefert, welche sich allmählich in Arten -verwandeln, die ihrerseits mit gleicher Langsamkeit wieder andre Arten -hervorbringen und so weiter (wie ein grosser Baum sich allmählich -verzweigt), bis die Gruppe gross wird. - -+Erlöschen.+) Wir haben bis jetzt nur gelegentlich von dem Verschwinden -der Arten und der Arten-Gruppen gesprochen. Nach der Theorie der -Natürlichen Züchtung sind jedoch das Erlöschen alter und die Bildung -neuer verbesserter Formen aufs Innigste mit einander verbunden. Die -alte Meinung, dass von Zeit zu Zeit sämmtliche Bewohner der Erde durch -grosse Umwälzungen von der Oberfläche weggefegt worden seyen, ist -jetzt ziemlich allgemein und selbst von solchen Geologen, wie ~Elie de -Beaumont~, ~Murchison~, ~Barrande~ u. a. aufgegeben, deren allgemeinere -Anschauungs-Weise sie auf dieselbe hinlenken müsste. Wir haben vielmehr -nach den über die Tertiär-Formationen angestellten Studien allen Grund -zur Annahme, dass Arten und Arten-Gruppen ganz allmählich eine nach -der andern zuerst an einer Stelle, dann an einer andern und endlich -überall verschwinden. In einigen Fällen jedoch, wie beim Durchbruch -einer Landenge und der nachfolgenden Einwanderung einer Menge von neuen -Bewohnern, oder bei dem Untertauchen einer Insel mag das Erlöschen -verhältnissmässig rasch vor sich gegangen seyn. Einzelne Arten sowohl -als Arten-Gruppen haben sehr ungleich lange Zeiten gedauert, einige -Gruppen, wie wir gesehen, von der ersten Wiegen-Zeit des Lebens an -bis zum heutigen Tage, während andre nicht einmal den Schluss der -paläolithischen Zeit erreicht haben. Es scheint kein bestimmtes Gesetz -zu geben, welches die Länge der Dauer einer Art oder Sippe bestimmte. -Doch scheint Grund zur Annahme vorhanden, dass das gänzliche Erlöschen -der Arten einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als selbst -ihre Entstehung ist. Wenn man das Erscheinen und Verschwinden der Arten -einer Gruppe ebenso wie im vorigen Falle durch eine Vertikallinie -von veränderlicher Dicke ausdrückt, so pflegt sich dieselbe weit -allmählicher an ihrem obren dem Erlöschen entsprechenden, als am untern -die Entwickelung darstellenden Ende zuzuspitzen. Doch ist in einigen -Fällen das Erlöschen ganzer Gruppen von Wesen, wie das der Ammoniten am -Ende der Sekundär-Zeit, den meisten andern Gruppen gegenüber wunderbar -rasch erfolgt. - -Die ganze Frage vom Erlöschen der Arten ist in das geheimnissvollste -Dunkel gehüllt gewesen. Einige Schriftsteller haben sogar angenommen, -dass Arten gerade so wie Individuen eine regelmässige Lebensdauer -haben. Durch das Verschwinden der Arten ist wohl Niemand mehr in -Verwunderung gesetzt worden, als es mit mir der Fall gewesen. Als -ich im _La-Plata_-Staate einen Pferde-Zahn in einerlei Schicht -mit Resten von Mastodon, Megatherium, Toxodon u. a. Ungeheuern -zusammenliegend fand, welche sämmtlich noch in später geologischer -Zeit mit noch jetzt lebenden Konchilien-Arten zusammen-gelebt haben, -war ich mit Erstaunen erfüllt. Denn da die von den Spaniern in -_Süd-Amerika_ eingeführten Pferde sich wild über das ganze Land -verbreitet und zu unermesslicher Anzahl vermehrt haben, so musste ich -mich bei jener Entdeckung selber fragen, was in verhältnissmässig noch -so neuer Zeit das frühere Pferd unter Lebens-Bedingungen zu vertilgen -vermocht, welche sich der Vervielfältigung des _Spanischen_ -Pferdes so ausserordentlich günstig erwiesen haben? Aber wie ganz -ungegründet war mein Erstaunen! Professor ~Owen~ erkannte bald, -dass der Zahn, wenn auch denen der lebenden Arten sehr ähnlich, doch -von einer ganz anderen nun erloschenen Art herrühre. Wäre diese Art -noch jetzt, wenn auch schon etwas selten, vorhanden, so würde sich -kein Naturforscher im mindesten über deren Seltenheit wundern, da es -viele seltene Arten aller Klassen in allen Gegenden gibt. Fragen wir -uns selbst, warum diese oder jene Art selten ist, so antworten wir, -es müsse irgend etwas in den vorhandenen Lebens-Bedingungen ungünstig -seyn, obwohl wir dieses Etwas nicht leicht näher zu bezeichnen wissen. -Existirte das fossile Pferd noch jetzt als eine seltene Art, so würden -wir in Berücksichtigung der Analogie mit allen andern Säugthier-Arten -und selbst mit dem sich nur langsam fortpflanzenden Elephanten und -der Vermehrungs-Geschichte des in _Süd-Amerika_ verwilderten -Hauspferdes fühlen, dass jene fossile Art unter günstigeren -Verhältnissen binnen wenigen Jahren im Stande seyn müsse den ganzen -Kontinent zu bevölkern. Aber wir können nicht sagen, welche ungünstigen -Bedingungen es seyen, die dessen Vermehrung hindern, ob deren nur -eine oder ob ihrer mehre seyen, und in welcher Lebens-Periode und in -welchem Grade jede derselben ungünstig wirke. Verschlimmerten sich aber -jene Bedingungen allmählich, so würden wir die Thatsache sicher nicht -bemerken, obschon jene (fossile) Pferde-Art gewiss immer seltener und -seltener werden und zuletzt erlöschen würde; denn ihr Platz ist bereits -von einem andern siegreichen Mitbewerber eingenommen. - -Man hat viele Schwierigkeit sich immer zu erinnern, dass die Zunahme -eines jeden lebenden Wesens durch unbemerkbare schädliche Agentien -fortwährend aufgehalten wird, und dass dieselben unbemerkbaren -Agentien vollkommen genügen können, um eine fortdauernde Verminderung -und endliche Vertilgung zu bewirken. Dieser Satz bleibt aber so -unbegriffen, dass ich wiederholt habe eine Verwunderung darüber -äussern hören, dass so grosse Thiere wie der Mastodon und die ältren -Dinosaurier haben untergehen können, als ob die grosse Körper-Masse -schon genüge um den Sieg im Kampfe um’s Daseyn zu sichern. Im -Gegentheile könnte gerade eine beträchtliche Grösse in manchen -Fällen des früher unzureichend werdenden Futter-Bedarfes wegen das -Erlöschen beschleunigen. Schon ehe der Mensch _Ostindien_ und -_Afrika_ bewohnte, muss irgend eine Ursache die fortdauernde -Vervielfältigung der dort lebenden Elephanten-Arten gehemmt haben. Ein -sehr fähiger Beurtheiler glaubt, dass es gegenwärtig hauptsächlich -Insekten sind (wie sie ~Bruce~ auch in Abyssinien beschrieben -hat), die durch beständiges Beunruhigen und Ermüden die raschere -Vermehrung der Elephanten hauptsächlich hemmen. Es ist gewiss, dass -sowohl Insekten verschiedener Art als auch Blut-saugende Fledermäuse -bedingend wirken auf die Ausbreitung der in verschiedenen Theilen -_Süd-Amerikas_ eingeführten Haus-Säugethiere. Wir sehen in den -neueren Tertiär-Bildungen viele Beispiele, dass Seltenwerden dem -gänzlichen Verschwinden vorangeht, und wir wissen, dass es derselbe -Fall bei denjenigen Thier-Arten gewesen ist, welche durch den Einfluss -des Menschen örtlich oder überall von der Erde verschwunden sind. Ich -will hier wiederholen, was ich im Jahr 1845 drucken liess: Zugeben, -dass Arten gewöhnlich selten werden, ehe sie erlöschen, und sich -über das Seltnerwerden einer Art nicht wundern, aber dann doch hoch -erstaunen, wenn sie endlich zu Grunde geht, -- heisst Dasselbe, wie: -Zugeben, dass bei Individuen Krankheit dem Tode vorangeht, und sich -über das Erkranken eines Individuums nicht befremdet fühlen, aber sich -wundern, wenn der kranke Mensch stirbt, und seinen Tod irgend einer -unbekannten Gewalt zuschreiben. - -Die Theorie der natürlichen Züchtung beruhet auf der Annahme, dass jede -neue Varietät und zuletzt jede neue Art dadurch gebildet und erhalten -worden seye, dass sie irgend einen Vorzug vor den mitbewerbenden -Arten an sich habe, in Folge dessen die nicht bevortheilten Arten -meistens unvermeidlich erlöschen. Es verhält sich eben so mit unsren -Kultur-Erzeugnissen. Ist eine neue etwas vervollkommnete Varietät -gebildet worden, so ersetzt sie anfangs die minder vollkommenen -Varietäten in der Nachbarschaft; ist sie mehr verbessert, so breitet -sie sich in Nähe und Ferne aus, wie unsre kurz-hörnigen Rinder gethan, -und nimmt die Stelle der andern Rassen in andern Gegenden ein. So -sind die Erscheinungen neuer und das Verschwinden alter Formen, -natürlicher wie künstlicher, enge miteinander verknüpft. In manchen -wohl gedeihenden Gruppen ist die Anzahl der in einer gegebenen Zeit -gebildeten neuen Art-Formen grösser als die alten erloschenen; da wir -aber wissen, dass gleichwohl die Arten-Zahl wenigstens in den letzten -geologischen Perioden nicht unbeschränkt zugenommen hat, so dürfen wir -annehmen, dass eben die Hervorbringung neuer Formen das Erlöschen einer -ungefähr gleichen Anzahl alter veranlasst habe. - -Die Mitbewerbung wird gewöhnlich, wie schon früher erklärt und -durch Beispiele erläutert worden ist, zwischen denjenigen Formen am -ernstesten seyn, welche sich in allen Beziehungen am ähnlichsten -sind. Daher die abgeänderten und verbesserten Nachkommen gewöhnlich -die Austilgung ihrer Stamm-Art veranlassen werden; und wenn viele -neue Formen von irgend einer einzelnen Art entstanden sind, so werden -die nächsten Verwandten dieser Art, das heisst die mit ihr zu einer -Sippe gehörenden, der Vertilgung am meisten ausgesetzt seyn. Und so -muss, wie ich mir vorstelle, eine Anzahl neuer von einer Stamm-Art -entsprossener Spezies, d. h. eine Sippe, eine alte Sippe der nämlichen -Familie ersetzen. Aber es muss sich auch oft zutragen, dass eine neue -Art aus dieser oder jener Gruppe den Platz einer Art aus einer andern -Gruppe einnimmt und somit deren Erlöschen veranlasst; wenn sich dann -von dem siegreichen Eindringlinge viele verwandte Formen entwickeln, so -werden auch viele diesen ihre Plätze überlassen müssen, und es werden -gewöhnlich verwandte Arten seyn, die in Folge eines gemeinschaftlich -ererbten Nachtheils den andern gegenüber unterliegen. Mögen jedoch die -unterliegenden Arten zu einer oder zu verschiedenen Klassen gehören, -so kann doch öfter einer oder der andre von ihnen in Folge einer -Befähigung zu einer etwas abweichenderen Lebensweise, oder seines -abgelegenen Wohnortes wegen, eine minder strenge Mitbewerbung zu -befahren haben und sich so noch längre Zeit erhalten. So überlebt z. B. -nur noch eine einzige Trigonia in dem _Australischen_ Meere die -in der Sekundär-Zeit zahlreich gewesenen Arten dieser Sippe, und eine -geringe Zahl von Arten der einst reichen Gruppe der Ganoiden-Fische -kommt noch in unsren Süsswassern vor. Und so ist dann das gänzliche -Erlöschen einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als ihre -Entwicklung. - -Was das anscheinend plötzliche Aussterben ganzer Familien und Ordnungen -betrifft, wie das der Trilobiten am Ende der paläolithischen und der -Ammoniten am Ende der mesolithischen Zeit-Periode, so müssen wir -uns zunächst dessen erinnern, was schon oben über die sehr langen -Zwischenräume zwischen unsren verschiedenen Formationen gesagt -worden ist, während welcher viele Formen langsam erloschen seyn -können. Wenn ferner durch plötzliche Einwanderung oder ungewöhnlich -rasche Entwickelung viele Arten einer neuen Gruppe von einem neuen -Gebiete Besitz nehmen, so können sie auch in entsprechend rascher -Weise viele der alten Bewohner verdrängen; und die Formen, welche -ihnen ihre Stellen überlassen, werden gewöhnlich mit einander -verwandte Theilnehmer an irgend einem ihnen gemeinsamen Nachtheile der -Organisation seyn. - -So scheint mir die Weise, wie einzelne Arten und ganze Arten-Gruppen -erlöschen, gut mit der Theorie der Natürlichen Züchtung -übereinzustimmen. Das Erlöschen kann uns nicht wunder-nehmen; was -uns eher wundern müsste, ist vielmehr unsre einen Augenblick lang -genährte Anmassung, die vielen verwickelten Bedingungen zu begreifen, -von welchen das Daseyn jeder Spezies abhängig ist. Wenn wir einen -Augenblick vergessen, dass jede Art auf ungeregelte Weise zuzunehmen -strebt und irgend eine wenn auch ganz selten wahrgenommene Gegenwirkung -immer in Thätigkeit ist, so muss uns der ganze Haushalt der Natur -allerdings sehr dunkel erscheinen. Nur wenn wir genau anzugeben -wüssten, warum diese Art reicher an Individuen als jene ist, warum -diese und nicht eine andere in einer angedeuteten Gegend naturalisirt -werden kann, dann und nur dann hätten wir Ursache uns zu wundern, warum -wir uns von dem Erlöschen dieser oder jener einzelnen Spezies oder -Arten-Gruppe keine Rechenschaft zu geben im Stande sind. - -+Über das fast gleichzeitige Wechseln der Lebenformen auf der ganzen -Erd-Oberfläche.+) Kaum ist irgend eine andere paläontologische -Entdeckung so überraschend als die Thatsache, dass die Lebenformen -einem auf fast der ganzen Erd-Oberfläche gleichzeitigen Wechsel -unterliegen. So kann unsre _Europäische_ Kreide-Formation in vielen -entfernten Weltgegenden und in den verschiedensten Klimaten wieder -erkannt werden, wo nicht ein Stückchen Kreide selbst zu entdecken ist. -So namentlich in _Nord-_ und im tropischen _Süd-Amerika_, am _Kap der -guten Hoffnung_ und auf der _Ostindischen_ Halbinsel, weil an diesen -entfernten Punkten der Erd-Oberfläche die organischen Reste gewisser -Schichten eine unverkennbare Ähnlichkeit mit denen unsrer Kreide -besitzen. Nicht als ob es überall die nämlichen Arten wären; denn -manche dieser Örtlichkeiten haben nicht eine Art miteinander gemein; --- aber sie gehören zu einerlei Familie, Sippe, Untersippe und ähneln -sich oft bis auf die gleichgiltigen Skulpturen der Oberfläche. Ferner -fehlen andre Formen, welche in _Europa_ nicht in, sondern über oder -unter der Kreide-Formation vorkommen, der genannten Formation auch -in jenen fernen Gegenden. In den aufeinander-folgenden paläozoischen -Formationen _Russlands_, _West-Europas_ und _Nord-Amerikas_ ist ein -ähnlicher Parallelismus im Auftreten der Lebenformen von mehren -Autoren wahrgenommen worden; und eben so in dem _Europäischen_ und -_Nord-Amerikanischen_ Tertiär-Gebirge nach ~Lyell~. Selbst wenn wir die -wenigen Arten ganz aus dem Auge lassen, welche die _Alte_ und die _Neue -Welt_ mit einander gemein haben, so steht der allgemeine Parallelismus -der aufeinander-folgenden Lebenformen in den verschiedenen Stöcken der -so weit auseinander-gelegenen paläolithischen und tertiären Gebilde so -fest, dass sich diese Formationen leicht Glied um Glied miteinander -vergleichen lassen. - -Diese Beobachtungen jedoch beziehen sich nur auf die Meeres-Bewohner -der verschiedenen Weltgegenden, und wir haben nicht genügende -Nachweisungen um zu beurtheilen, ob die Erzeugnisse des Landes und der -Süsswasser an so entfernten Punkten einander gleichfalls in paralleler -Weise ablösen. Man möchte daran zweifeln, ob es der Fall; denn wenn -das Megatherium, der Mylodon und Toxodon und die Macrauchenia aus dem -_La-Plata_-Gebiete nach _Europa_ gebracht worden wären ohne -alle Nachweisung über ihre geologische Lagerstätte, so würde wohl -niemand vermuthet haben, dass sie mit noch jetzt lebend vorkommenden -See-Mollusken gleichzeitig existirten; da jedoch diese monströsen -Wesen mit Mastodon und Pferd zusammengelagert sind, so lässt sich -daraus wenigstens schliessen, dass sie in einem der letzten Stadien der -Tertiär-Periode gelebt haben müssen. - -Wenn vorhin von dem gleichzeitigen Wechsel der Meeres-Bewohner auf -der ganzen Erd-Oberfläche gesprochen worden, so handelt es sich dabei -nicht um die nämlichen tausend oder hunderttausend Jahre oder auch nur -um eine strenge Gleichzeitigkeit im geologischen Sinne des Wortes. -Denn, wenn alle Meeres-Thiere, welche jetzt in _Europa_ leben, und -alle, welche in der pleistocänen Periode (eine, in Jahren ausgedrückt, -ungeheuer entfernt liegende Periode, indem sie die Eis-Zeit mit in -sich begreift) da gelebt haben, mit den jetzt in _Süd-Amerika_ oder -in _Australien_ lebenden verglichen würden, so dürfte der erfahrenste -Naturforscher schwerlich zu sagen im Stande seyn, ob die jetzt -lebenden oder die pleistocänen Bewohner _Europas_ mit denen der -südlichen Halbkugel näher übereinstimmen. Eben so glauben mehre der -sachkundigsten Beobachter, dass die jetzige Lebenwelt in den _Vereinten -Staaten_ mit derjenigen Bevölkerung näher verwandt seye, welche während -einiger der letzten Stadien der Tertiär-Zeit in _Europa_ existirt -hat, als mit der noch jetzt da wohnenden; und wenn Diess so ist, so -würde man offenbar die Fossilien-führenden Schichten, welche jetzt an -den _Nord-Amerikanischen_ Küsten abgelagert werden, in einer späteren -Zeit eher mit etwas älteren _Europäischen_ Schichten zusammenstellen. -Demungeachtet kann, wie ich glaube, kaum ein Zweifel seyn, dass man in -einer sehr fernen Zukunft doch alle neueren +meerischen+ Bildungen, -namentlich die obern pliocänen, die pleistocänen und die jetzt-zeitigen -Schichten _Europas_, _Nord-_ und _Süd-Amerikas_ und _Australiens_, -weil sie Reste in gewissem Grade mit einander verwandter Organismen -und nicht auch diejenigen Arten, welche allein den tiefer-liegenden -älteren Ablagerungen angehören, in sich einschliessen, ganz richtig als -gleich-alt in geologischem Sinne bezeichnen würde. - -Die Thatsache, dass die Lebenformen gleichzeitig miteinander, in dem -obigen weiten Sinne des Wortes, selbst in entfernten Theilen der Welt -wechseln, hat die vortrefflichen Beobachter ~de Verneuil~ -und ~d’Archiac~ sehr betroffen gemacht. Nachdem sie über den -Parallelismus der paläolithischen Lebenformen in verschiedenen Theilen -von _Europa_ berichtet, sagen sie weiter: „Wenden wir unsre -Aufmerksamkeit nun nach _Nord-Amerika_, so entdecken wir dort -eine Reihe analoger Thatsachen, und scheint es gewiss zu seyn, dass -alle diese Abänderungen der Arten, ihr Erlöschen und das Auftreten -neuer nicht blossen Veränderungen in den Meeres-Strömungen oder andern -mehr und weniger örtlichen und vorübergehenden Ursachen zugeschrieben -werden können, sondern von allgemeinen Gesetzen abhängen, welche das -ganze Thier-Reich betreffen.“ Auch ~Barrande~ hat ähnliche -Wahrnehmungen gemacht und nachdrücklich hervorgehoben. Es ist in der -That ganz ohne Nutzen, die Ursache dieser grossen Veränderungen in -den Lebenformen der ganzen Erd-Oberfläche und in den verschiedensten -Klimaten im Wechsel der See-Strömungen, des Klimas oder andrer -natürlicher Lebens-Bedingungen aufsuchen zu wollen; wir müssen uns, -wie schon ~Barrande~ bemerkt, nach einem besondren Gesetze -dafür umsehen. Wir werden Diess deutlicher erkennen, wenn von der -gegenwärtigen Vertheilung der organischen Wesen die Rede seyn wird; wir -werden dann finden, wie gering die Beziehungen zwischen den natürlichen -Lebens-Bedingungen verschiedener Länder und der Natur ihrer Bewohner -ist. - -Diese grosse Thatsache von der parallelen Aufeinanderfolge der -Lebenformen auf der ganzen Erde ist aus der Theorie der Natürlichen -Züchtung erklärbar. Neue Arten entstehen aus neuen Varietäten, welche -einige Vorzüge von älteren Formen an sich tragen, und diejenigen -Formen, welche bereits der Zahl nach vorherrschen oder irgend einen -Vortheil vor andern Formen voraus haben, werden natürlich am öftesten -die Entstehung neuer Varietäten oder beginnender Arten veranlassen; -denn diese letzten werden in noch höherem Grade siegreich gegen andre -bestehen und sie überleben. Wir finden einen bestimmten Beweis dafür -darin, dass den herrschenden, d. h. in ihrer Heimath gemeinsten und am -weitesten verbreiteten Pflanzen-Arten im Vergleiche zu andren Arten -in ihrer eignen Heimath die grösste Anzahl neuer Varietäten gebildet -haben. Ebenso ist es natürlich, dass die herrschenden veränderlichen -und weit verbreiteten Arten, die bis zu einem gewissen Grade bereits -in die Gebiete andrer Arten eingedrungen sind, auch bessere Aussicht -als andre zu noch weitrer Ausbreitung und zur Bildung fernerer -Varietäten und Arten in den neuen Gegenden haben. Dieser Vorgang der -Ausbreitung mag oft ein sehr langsamer seyn, indem er von klimatischen -und geographischen Veränderungen, zufälligen Ereignissen oder von der -allmählichen Acclimatisirung neuer Arten in den verschiedenen von -ihnen zu durchwandernden Klimaten abhängt; doch mit der Zeit wird die -Verbreitung der herrschenden Formen gewöhnlich durchgreifen. Sie wird -bei Land-Bewohnern geschiedener Kontinente wahrscheinlich langsamer vor -sich gehen als bei den Organismen zusammenhängender Meere. Wir werden -daher einen minder genauen Grad paralleler Aufeinanderfolge in den -Land- als in den Meeres-Erzeugnissen zu finden erwarten dürfen, wie es -auch in der That der Fall ist. - -Wenn herrschende Arten sich von einer Gegend aus verbreiten, so werden -sie mitunter auf noch herrschendere Arten stossen, und dann wird ihr -Siegeslauf und selbst ihre Existenz aufhören. Wir wissen durchaus nicht -genau, welches alle die günstigsten Bedingungen für die Vermehrung -neuer und herrschender Arten sind; doch Das können wir, glaube ich, -klar erkennen, dass eine grosse Anzahl von Individuen, insoferne sie -mehr Aussicht auf die Hervorbringung vortheilhafter Abänderungen hat, -und dass eine strenge Mitbewerbung mittelst vieler schon bestehender -Formen im höchsten Grade vortheilhaft seyn müsse, sowie das Vermögen -sich in neue Gebiete zu verbreiten. Ein gewisser Grad von Isolirung, -nach langen Zwischenzeiten zuweilen wiederkehrend, dürfte, wie früher -erläutert worden, wohl gleichfalls förderlich seyn. Ein Theil der -Erd-Oberfläche mag für die Hervorbringung neuer und herrschender Arten -des Landes und ein andrer für solche des Meeres günstiger seyn. Wenn -zwei grosse Gegenden sehr lange Zeiten hindurch zur Hervorbringung -herrschender Arten in gleichem Grade geeignet gewesen, so wird der -Kampf ihrer Einwohner miteinander, wann immer sie zusammentreffen -mögen, ein langer und harter werden, und werden einige von der einen -und einige von der andern Geburts-Stätte aus siegreich vordringen. -Aber im Laufe der Zeit werden die im höchsten Grade herrschenden -Formen, auf welcher von beiden Seiten sie auch entstanden seyn mögen, -überall das Übergewicht erlangen. In dem Maasse, als sie überwiegen, -werden sie das Erlöschen andrer unvollkommenerer Formen bedingen; und -da oft ganze unter sich verwandte Gruppen die gleiche Unvollkommenheit -gemeinsam ererbt haben, so werden solche Gruppen sich allmählich ganz -zum Erlöschen neigen, wenn auch da und dort ein einzelnes Glied sich -noch eine Zeit lang durchbringen mag. - -So, scheint mir, stimmt die parallele und, in einem weiten Sinne -genommen, gleichzeitige Aufeinanderfolge der nämlichen Lebenformen auf -der ganzen Erde wohl mit dem Prinzip überein, dass neue Arten durch -sich weit verbreitende und sehr veränderliche herrschende Spezies -gebildet werden; die so erzeugten neuen Arten werden in Folge von -Vererbung und, weil sie bereits einige Vortheile über ihre Ältern -und über andre Arten besitzen, selber herrschend; auch diese breiten -sich nun aus, variiren und bilden wieder neue Spezies. Diejenigen -Formen, welche verdrängt werden und ihre Stellen den neuen siegreichen -Formen überlassen, werden gewöhnlich gruppenweise verwandt seyn, -weil sie irgend eine Unvollkommenheit gemeinsam ererbt haben; daher -in dem Maasse als sich die neuen und vollkommeneren Gruppen über die -Erde verbreiten, alte Gruppen vor ihnen verschwinden müssen. Diese -Aufeinanderfolge der Formen auf beiden Wegen wird sich überall zu -entsprechen geneigt seyn. - -Noch bleibt eine Bemerkung über diesen Gegenstand zu machen übrig. -Ich habe die Gründe angeführt, wesshalb ich glaube, dass jede unsrer -grossen Fossil-reichen Formationen in Perioden fortdauernder Senkung -abgesetzt worden sind, dass aber diese Ablagerungen durch lange -Zwischenräume getrennt gewesen, wo der Meeres-Boden stet oder in Hebung -begriffen war, oder wo die Anschüttungen nicht rasch genug erfolgten, -um die organischen Reste einzuhüllen und gegen Zerstörung zu bewahren. -Während dieser langen leeren Zwischenzeiten nun haben, nach meiner -Annahme, die Bewohner jeder Gegend viele Abänderungen erfahren und -viel durch Erlöschen gelitten, und haben grosse Wanderungen von einem -Theile der Erde zum andern stattgefunden. Da nun Grund zur Annahme -vorhanden ist, dass weite Felder die gleichen Bewegungen durchgemacht -haben, so haben gewiss auch oft genau gleichzeitige Formationen über -sehr weiten Räumen einer Weltgegend abgesetzt werden können; doch sind -wir hieraus nicht zu schliessen berechtigt, dass Diess unabänderlich -der Fall gewesen, oder dass weite Felder unabänderlich von gleichen -Bewegungen betroffen worden seyen. Sind zwei Formationen in zwei -Gegenden zu beinahe, aber nicht genau, gleicher Zeit entstanden, so -werden wir in beiden aus schon oben auseinandergesetzten Gründen im -Allgemeinen die nämliche Aufeinanderfolge der Lebenformen erkennen; -aber die Arten werden sich nicht genau entsprechen, weil sie in der -einen Gegend etwas mehr und in der andern etwas weniger Zeit gehabt -haben abzuändern, zu wandern und zu erlöschen. - -Ich vermuthe, dass Fälle dieser Art in _Europa_ selbst vorkommen. -~Prestwich~ ist in seiner vortrefflichen Abhandlung über die -Eocän-Schichten in _England_ und _Frankreich_ im Stande einen im -Allgemeinen genauen Parallelismus zwischen den aufeinanderfolgenden -Stöcken beider Gegenden nachzuweisen. Obwohl sich nun bei Vergleichung -gewisser Stöcke in _England_ mit denen in _Frankreich_ eine -merkwürdige Übereinstimmung beider in den zu einerlei Sippen gehörigen -Arten ergibt, so weichen doch diese Arten selber in einer bei der -geringen Entfernung beider Gebiete schwer zu erklärenden Weise von -einander ab, wenn man nicht annehmen will, dass eine Landenge zwei -benachbarte Meere getrennt habe, welche von gleichzeitig verschiedenen -Faunen bewohnt gewesen seyen. ~Lyell~ hat ähnliche Beobachtungen -über einige der späteren Tertiär-Formationen gemacht, und eben so -hat ~Barrande~ gezeigt, dass zwischen den aufeinanderfolgenden -Silur-Schichten _Böhmen’s_ und _Skandinavien’s_ im Allgemeinen ein -genauer Parallelismus herrsche, demungeachtet aber eine erstaunliche -Verschiedenheit zwischen den Arten bestehe. Wären aber nun die -verschiedenen Formationen dieser Gegenden nicht genau während der -gleichen Periode abgesetzt worden, indem etwa die Ablagerung in der -einen Gegend mit einer Pause in der andern zusammenfiele, -- und -hätten in beiden Gegenden die Arten sowohl während der Anhäufung -der Schichten als während der langen Pausen dazwischen langsame -Veränderungen erfahren: so würden die verschiedenen Formationen beider -Gegenden auf gleiche Weise und in Übereinstimmung mit der allgemeinen -Aufeinanderfolge der Lebenformen geordnet erscheinen, und ihre Ordnung -sogar genauparallel scheinen (ohne es zu seyn); demungeachtet würden -in den einzelnen einander anscheinend entsprechenden Stöcken beider -Gegenden nicht alle Arten übereinstimmen. - -+Verwandtschaft erloschener Arten unter sich und mit den lebenden -Formen.+) Werfen wir nun einen Blick auf die gegenseitigen -Verwandtschaften erloschener und lebender Formen. Alle fallen in -ein grosses Natur-System, was sich aus dem Prinzip gemeinsamer -Abstammung erklärt. Je älter eine Form, desto mehr weicht sie der -allgemeinen Regel zufolge von den lebenden Formen ab. Doch können, wie -~Buckland~ schon längst bemerkt, alle fossile Formen in noch -lebende Gruppen eingetheilt oder zwischen sie eingeschoben werden. -Es ist nicht zu bestreiten, dass die erloschenen Formen weite Lücken -zwischen den jetzt noch bestehenden Sippen, Familien und Ordnungen -ausfüllen helfen. Denn wenn wir unsre Aufmerksamkeit entweder auf die -lebenden oder auf die erloschenen Formen allein richten, so ist die -Reihe viel minder vollkommen, als wenn wir beide in ein gemeinsames -System zusammenfassen. Hinsichtlich der Wirbelthiere liessen sich viele -Seiten mit den trefflichen Erläuterungen unsres grossen Paläontologen -~Owen~ über die Verbindung lebender Thier-Gruppen durch fossile -Formen anfüllen. Nachdem ~Cuvier~ die Wiederkäuer und die -Pachydermen als zwei der aller-verschiedensten Säugthier-Ordnungen -betrachtet, hat ~Owen~ so viele fossile Zwischenglieder -entdeckt, dass er die ganze Klassifikation dieser zwei Ordnungen zu -ändern genöthigt war und gewisse Pachydermen in gleiche Unterordnung -mit Ruminanten versetzte. So z. B. füllt er die weite Lücke zwischen -Kameel und Schwein mit kleinen Zwischenstufen aus. Was die Wirbel-losen -betrifft, so versichert ~Barrande~, gewiss die erste Autorität -in dieser Beziehung, wie er jeden Tag deutlicher erkenne, dass die -paläolithischen Thiere, wenn auch in einerlei Ordnungen, Familien und -Sippen mit den jetzt lebenden gehörig, doch noch nicht in so bestimmte -Gruppen geschieden waren, wie diese letzten. - -Einige Schriftsteller haben sich gegen die Meinung erklärt, dass -eine erloschene Art oder Arten-Gruppe zwischen lebenden Arten oder -Gruppen in der Mitte stehe. Wenn damit gesagt werden sollte, dass die -erloschene Form in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen -zwei lebenden Formen halte, so wäre die Einwendung begründet. Aber ich -erkenne, dass in einer vollkommen natürlichen Klassifikation viele -fossile Arten zwischen lebenden Arten, und manche erloschene Sippen -zwischen lebenden Sippen oder sogar zwischen Sippen verschiedener -Familien ihre Stelle einzunehmen haben. Der gewöhnliche Fall zumal bei -sehr ausgezeichneten Gruppen, wie Fische und Reptilien sind, scheint -mir der zu seyn, dass da, wo dieselben heutigen Tages z. B. durch -ein Dutzend Charaktere von einander abweichen, die alten Glieder der -nämlichen zwei Gruppen in einer etwas geringeren Anzahl von Merkmalen -unterschieden waren, so dass beide Gruppen vordem, wenn auch schon -völlig verschieden, doch einander etwas näher stunden als jetzt. - -Es ist eine gewöhnliche Meinung, dass eine Form je älter um so mehr -geeignet seye, mittelst einiger ihrer Charaktere jetzt weit getrennte -Gruppen zu verknüpfen. Diese Bemerkung muss ohne Zweifel auf solche -Gruppen beschränkt werden, die im Verlaufe geologischer Zeiten grosse -Veränderungen erfahren haben, und es möchte schwer seyn, die Wahrheit -zu beweisen; denn hier und da wird auch noch ein lebendes Thier wie -der Lepidosiren entdeckt, das mit sehr verschiedenen Gruppen zugleich -verwandt ist. Wenn wir jedoch die ältern Reptilien und Batrachier, die -alten Fische, die alten Cephalopoden und die eocänen Säugthiere mit den -neueren Gliedern derselben Klassen vergleichen, so müssen wir einige -Wahrheit in der Bemerkung zugestehen. - -Wir wollen nun zusehen, in wie ferne diese verschiedenen Thatsachen -und Schlüsse mit der Theorie abändernder Nachkommenschaft -übereinstimmen. Da der Gegenstand etwas verwickelt ist, so muss ich den -Leser bitten, sich nochmals nach dem Bilde S. 131 umzusehen. Nehmen -wir an, die numerirten Buchstaben stellen Sippen und die von ihnen -ausstrahlenden Punkt-Reihen die dazu gehörigen Arten vor. Das Bild ist -insoferne zu einfach, als zu wenige Sippen und Arten darauf angenommen -sind; doch ist Das unwesentlich für uns. Die wagrechten Linien mögen -die aufeinander-folgenden geologischen Formationen vorstellen und alle -Formen unter der obersten dieser Linien als erloschene gelten. Die -drei lebenden Sippen a^{14}, q^{14}, p^{14} mögen eine kleine Familie -bilden; b^{14} und f^{14} eine nahe verwandte oder eine Unter-Familie, -und o^{14}, e^{14}, m^{14} eine dritte Familie vertreten. Diese drei -Familien mit den vielen erloschenen Sippen auf den verschiedenen von -der Stamm-Form A auslaufenden Verzweigungs-Linien bilden eine Ordnung; -denn alle werden von ihrem alten und gemeinschaftlichen Stammvater -aus etwas Gemeinsames ererbt haben. Nach dem Prinzip fortdauernder -Divergenz des Charakters, zu dessen Erläuterung jenes Bild bestimmt -war, muss jede Form je neuer um so stärker von ihrem ersten Stammvater -abweichen. Daraus erklärt sich eben auch die Regel, dass die ältesten -fossilen am meisten von den jetzt lebenden Formen verschieden sind. -Doch dürfen wir nicht glauben, dass Divergenz des Charakters eine -nothwendige Eigenschaft ist; sie hängt allein davon ab, ob die -Nachkommen einer Art befähigt sind, viele und verschiedenartige Plätze -im Haushalt der Natur einzunehmen. Daher ist es auch ganz wohl möglich, -wie wir bei einigen silurischen Fossilien gesehen, dass eine Art bei -nur geringer, nur wenig veränderten Lebens-Bedingungen entsprechender -Modifikation fortbestehen und während langer Perioden stets dieselben -allgemeinen Charaktere beibehalten kann. Diess wird in dem Bilde durch -den Buchstaben ~F~^{14} ausgedrückt. - -All’ die vielerlei von A abstammenden Formen, erloschene wie noch -lebende, bilden nach unsrer Annahme zusammen eine Ordnung, und diese -Ordnung ist in Folge fortwährenden Erlöschens der Formen und Divergenz -der Charaktere allmählich in Familien und Unterfamilien getheilt -worden, von welchen einige in früheren Perioden zu Gründe gegangen sind -und andre bis auf den heutigen Tag währen. - -Das Bild zeigt uns ferner, dass, wenn eine Anzahl der schon -früher erloschenen und in die aufeinander-folgenden Formationen -eingeschlossenen Formen an verschiedenen Stellen tief unten in der -Reihe wieder entdeckt würden, die drei noch lebenden Familien auf der -obersten Linie mehr unter sich verkettet scheinen müssten. Wären z. B. -die Sippen a^1, a^5, a^{10}, f^8, m^3, m^6, m^9 wieder ausgegraben -worden, so würden die drei Familien so eng mit einander verkettet -erscheinen, dass man sie wahrscheinlich in eine grosse Familie -vereinigen würde, etwa so wie es mit den Wiederkäuern und gewissen -Dickhäutern geschehen ist. Wer nun gegen die Bezeichnung jener die drei -lebenden Familien verbindenden Sippen als „intermediäre dem Charakter -nach“ Verwahrung einlegen wollte, würde in der That in so ferne Recht -haben, als sie nicht direkt, sondern nur auf einem durch viele sehr -abweichende Formen hergestellten Umwege sich zwischen jene andern -einschieben. Wären viele erloschene Formen über einer der mitteln -Horizontal-Linien oder Formationen, wie z. B. Nr. VI--, aber keine -unterhalb dieser Linie gefunden worden, so würde man nur die zwei -auf der linken Seite stehenden Familien -- nämlich a^{14} etc. und -b^{14} etc. -- in eine grosse Familie vereinigen, und die zwei andern -a^{14}-f^{14} mit fünf und o^{14}-m^{14} mit drei Sippen würden dann -davon getrennt bleiben. Doch würden diese zwei Familien weniger von -einander verschieden erscheinen, als vor Entdeckung der fossilen Reste. -Wenn wir z. B. annehmen, die noch bestehenden Sippen der zwei Familien -wichen in einem Dutzend Merkmale von einander ab, so müssen dieselben -in der früheren mit VI bezeichneten Periode weniger Unterschiede -gezeigt haben, weil sie auf jener Fortbildungs-Stufe von dem -gemeinsamen Stammvater der Ordnung im Charakter noch nicht so stark wie -späterhin divergirten. So geschieht es dann, dass alte und erloschene -Sippen oft einigermaassen zwischen ihren abgeänderten Nachkommen oder -zwischen ihren Seiten-Verwandten das Mittel halten. - -In der Natur wird der Fall weit zusammengesetzter seyn, als ihn unser -Bild darstellt; denn die Gruppen sind viel zahlreicher, ihre Dauer -ist von ausserordentlich ungleicher Länge, und die Abänderungen haben -manchfaltige Abstufungen erreicht. Da wir nun den letzten Band des -geologischen Berichtes mit vielfältig unterbrochnem Zusammenhange -besitzen, so haben wir, einige sehr seltene Fälle ausgenommen, -kein Recht, die Ausfüllung grosser Lücken im Natur-Systeme und die -Verbindung getrennter Familien und Ordnungen zu erwarten. Alles, -was wir hoffen dürfen, ist diejenigen Gruppen, welche erst in der -bekannten geologischen Zeit grosse Veränderungen erfahren, in den -frühesten Formationen etwas näher aneinander gerückt zu finden, so -dass die älteren Glieder in einigen ihrer Charaktere etwas weniger -weit auseinander gehen, als die jetzigen Glieder derselben Gruppen; -und Diess scheint nach dem einstimmigem Zeugnisse unserer besten -Paläontologen oft der Fall zu seyn. - -So scheinen sich mir nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit -fortschreitender Modifikation die wichtigsten Thatsachen hinsichtlich -der wechselseitigen Verwandtschaft der erloschenen Lebenformen zu -einander und zu den noch bestehenden Formen in genügender Weise -zu erklären. Nach jeder andern Betrachtungs-Weise sind sie völlig -unerklärbar. - -Aus der nämlichen Theorie erhellt, dass die Fauna einer grossen Periode -in der Erd-Geschichte in ihrem allgemeinen Charakter das Mittel halten -müsse zwischen der zunächst vorangehenden und nachfolgenden. So sind -die Arten, welche im sechsten grossen Schichten-Stocke unsres Bildes -vorkommen, die abgeänderten Nachkommen derjenigen, welche schon -im fünften vorhanden gewesen, und sind die Ältern der noch weiter -abgeänderten im siebenten; sie können daher nicht wohl anders als -nahezu das Mittel zwischen beiden halten. Wir müssen jedoch hiebei im -Auge behalten das gänzliche Erlöschen einiger früheren Formen, die -Einwanderung neuer Formen aus andern Gegenden und die beträchtliche -Umänderung der Formen während der langen Lücke zwischen zwei -aufeinander-folgenden Formationen. Diese Zugeständnisse berücksichtigt, -muss die Fauna jeder grossen geologischen Periode zweifelsohne genau -das Mittel einnehmen zwischen der vorhergehenden und der folgenden. -Ich brauche nur als Beispiel anzuführen, wie die Fossil-Reste des -Devon-Systems die Paläontologen zu dessen Aufstellung veranlasst haben, -als sie deren mitteln Charakter zwischen denen des darunterliegenden -Silur- und des darauf-folgenden Steinkohlen-Systemes erkannten. Aber -nicht jede Fauna muss dieses Mittel genau einhalten, weil die zwischen -aufeinander-folgenden Formationen verflossenen Zeiträume ungleich lang -seyn können. - -Es ist kein wesentlicher Einwand gegen die Wahrheit der Behauptung, -dass die Fauna jeder Periode im Ganzen genommen ungefähr das Mittel -zwischen der vorigen und der folgenden Fauna halten müsse, darin -zu finden, dass manche Sippen Ausnahmen von dieser Regel bilden. -So stimmen z. B., wenn man Mastodonten und Elephanten nach Dr. -~Falconer~ zuerst nach ihrer gegenseitigen Verwandtschaft und -dann nach ihrer geologischen Aufeinanderfolge in zwei Reihen ordnet, -beide Reihen nicht mit einander überein. Die in ihren Charakteren am -weitesten abweichenden Arten sind weder die ältesten noch die jüngsten, -noch sind die von mittlem Charakter auch von mittlem Alter. Nehmen wir -aber für einen Augenblick an, unsre Kenntniss von den Zeitpunkten des -Erscheinens und Verschwindens der Arten seye in diesem und ähnlichen -Fällen vollkommen genau, so haben wir doch noch kein Recht zu glauben, -dass die nacheinander auftretenden Formen nothwendig auch gleich-lang -bestehen müssen; eine sehr alte Form kann zufällig eine längre Dauer -als eine irgendwo später entwickelte Form haben, was insbesondre von -solchen Landbewohnern gilt, welche in ganz getrennten Bezirken zu -Hause sind. Kleines mit Grossem vergleichend wollen wir die Tauben als -Beispiel wählen. Wenn man die lebenden und erloschenen Haupt-Rassen -unsrer Haus-Tauben so gut als möglich nach ihren Verwandtschaften -in Reihen ordnete, so würde diese Anordnungs-Weise nicht genau -übereinstimmen weder mit der Zeitfolge ihrer Entstehung und noch -weniger mit der ihres Untergangs. Denn die stammälterliche Felstaube -lebt noch, und viele Zwischenvarietäten zwischen ihr und der Botentaube -sind erloschen, und Botentauben, welche in der Länge des Schnabels -das Äusserste bieten, sind früher entstanden, als die kurzschnäbeligen -Purzler, welche das entgegengesetzte Ende der auf die Schnabel-Länge -gegründeten Reihenfolge bilden. - -Mit der Behauptung, dass die organischen Reste einer mitteln Formation -auch einen nahezu mitteln Charakter besitzen, steht die Thatsache, -worauf alle Paläontologen bestehen, in nahem Zusammenhang, dass nämlich -die fossilen aus zwei aufeinander-folgenden Formationen viel näher -als die aus entfernten mit einander verwandt sind. ~Pictet~ -führt als ein wohl-bekanntes Beispiel die allgemeine Ähnlichkeit der -organischen Reste aus den verschiedenen Stöcken der Kreide-Formation -an, obwohl die Arten in allen Stöcken verschieden sind. Diese Thatsache -allein scheint ihrer Allgemeinheit wegen Professor ~Pictet~ -in seinem festen Glauben an die Unveränderlichkeit der Arten wankend -gemacht zu haben. Wohl bekannt mit der Vertheilungs-Weise der jetzt -lebenden Arten über die Erd-Oberfläche, wagt er doch nicht eine -Erklärung über die grosse Ähnlichkeit verschiedener Spezies in nahe -aufeinander-folgenden Formationen aus der Annahme herzuleiten, dass -die physikalischen Bedingungen der alten Länder-Gebiete sich fast -gleich geblieben seyen. Erinnern wir uns, dass die Lebenformen -wenigstens des Meeres auf der ganzen Erde und mithin unter den -aller-verschiedensten Klimaten u. a. Bedingungen fast gleichzeitig -gewechselt haben; -- und bedenken wir, welchen unbedeutenden Einfluss -die wunderbarsten klimatischen Veränderungen während der die ganze -Eis-Zeit umschliessenden Pleistocän-Periode auf die spezifischen Formen -der Meeres-Bewohner ausgeübt haben! - -Nach der Theorie der gemeinsamen Abstammung ist die volle -Bedeutung der Thatsache klar, dass fossile Reste aus unmittelbar -aufeinander-folgenden Formationen, wenn auch als Arten verschieden, -nahe mit einander verwandt sind. Da die Ablagerung jeder Formation -oft unterbrochen worden ist und lange Pausen zwischen der Absetzung -verschiedener Formationen stattgefunden haben, so dürfen wir, wie ich -im letzten Kapitel zu zeigen versucht, nicht erwarten in irgend einer -oder zwei Formationen alle Zwischenvarietäten zwischen den Arten zu -finden, welche am Anfang und am Ende dieser Formationen gelebt haben; -wohl aber müssten wir nach mehr oder weniger grossen Zwischenräumen -(sehr lang in Jahren ausgedrückt, aber mässig lang in geologischem -Sinne) nahe verwandte Formen oder, wie manche Schriftsteller sie -genannt haben, „stellvertretende Arten“ finden, und diese finden wir -in der That. Kurz wir entdecken diejenigen Beweise einer langsamen -und fast unmerkbaren Umänderung spezifischer Formen, wie wir sie zu -erwarten berechtigt sind. - -+Über die Entwickelungs-Stufe alter gegenüber den noch lebenden -Formen.+) Wir haben im vierten Kapitel gesehen, dass der Grad der -Differenzirung und Spezialisirung der Theile und organischen Wesen -in ihrem reifen Alter den besten bis jetzt versuchten Maasstab zur -Bemessung der Vollkommenheits- oder Höhen-Stufe derselben abgibt. -Wir haben auch gesehen, dass, insoferne Spezialisirung der Theile -und Organe ein Vortheil für jedes Wesen ist, die Natürliche Züchtung -beständig streben wird, die Organisation eines jeden Wesens immer mehr -zu spezialisiren und somit, in diesem Sinne genommen, vollkommener zu -machen; was jedoch nicht ausschliesst, dass noch immer viele Geschöpfe, -für einfachre Lebens-Bedingungen bestimmt, auch ihre Organisation -einfach und unverbessert behalten. Es ist keine wesentliche Einwendung -gegen meine Ansichten (obwohl wir zu wenig von den Lebens-Beziehungen -kennen um irgend eine genaue Erklärung zu bieten), wenn gewisse -Brachiopoden seit der frühesten geologischen Periode fast unverändert -geblieben sind und wenn Süsswasser-Mollusken, wie Professor -~Philipps~ hervorgehoben hat, bis zum heutigen Tage fast keine -Umänderung erfahren haben; jedoch sind diese letzten einer lebhaftern -Mitbewerbung ausgesetzt gewesen, als die Bewohner des weiten Meeres. -Auch in einem anderen und allgemeineren Sinne ergibt sich, dass nach -der Theorie der Natürlichen Züchtung die neueren Formen höher als ihre -Vorfahren streben; denn jede neue Art hat sich allmählich entwickelt, -weil sie im Kampfe ums Daseyn stets einen Vorzug vor andern und älteren -Formen besass. Wenn in einem nahezu ähnlichen Klima die eocänen -Bewohner einer Weltgegend zur Bewerbung mit den jetzigen Bewohnern -derselben oder einer andern Weltgegend berufen würden, so müsste die -eocäne Fauna oder Flora gewiss unterliegen und vertilgt werden, wie -eine sekundäre Fauna von der eocänen und eine paläolitische von der -sekundären überwunden werden würde. -- Der Theorie der Natürlichen -Züchtung gemäss müssten demnach die neuen Formen ihre höhere Stellung -den alten gegenüber nicht nur durch ihren Sieg im Kampfe ums Daseyn, -sondern auch durch eine weiter gediehene Spezialisirung der Organe -bewähren. Ist Diess aber wirklich der Fall? Eine grosse Mehrzahl der -Geologen würde Diess zweifelsohne bejahen. Aber mein unvollkommenes -Urtheil vermag ihnen, nachdem ich die Erörterungen von ~Lyell~ -in dieser Beziehung gelesen und ~Hooker’s~ Meinung in Bezug auf -die Pflanzen kennen gelernt habe, nur bis zu einem beschränkten Grade -beizupflichten. Demungeachtet dürfte der entscheidende Beweis erst noch -durch spätre geologische Forschungen zu liefern seyn. ~Bronn~ -hat diesen Gegenstand vollständiger und angemessener als irgend ein -anderer Autor behandelt[36]. - -Die Aufgabe ist in vieler Hinsicht ausserordentlich verwickelt. Der -geologische Schöpfungs-Bericht, schon zu allen Zeiten unvollständig, -reicht nach meiner Meinung nicht weit genug zurück, um mit -unverkennbarer Klarheit zu zeigen, dass innerhalb der bekannten -Geschichte der Erde die Organisation grosse Fortschritte gemacht -hat. Sind doch selbst heutzutage noch die Naturforscher oft nicht -einstimmig, welche Thiere einer Klasse die höheren sind. So sehen -Einige die Haie wegen einiger wichtigen Beziehungen ihrer Organisation -zu der der Reptilien als die höchsten Fische an, während andre die -Knochenfische als solche betrachten. Die Ganoiden stehen in der Mitte -zwischen den Haien und Knochenfischen. Heutzutage sind diese letzten -an Zahl weit vorwaltend, während es vordem nur Haie und Ganoiden -gegeben hat und in diesem Falle wird man sagen, die Fische seyen -in ihrer Organisation vorwärts geschritten oder zurückgegangen, je -nachdem man sie mit einem andern Maasstabe misst[37]. Aber es ist ein -hoffnungsloser Versuch die Höhe von Gliedern ganz verschiedener Typen -gegen einander abzumessen. Wer vermöchte zu sagen, ob ein Tintenfisch -(Sepia) höher als die Biene stehe: als dieses Insekt, von dem der -grosse Naturforscher ~v. Baer~ sagt, dass es in der That höher -als ein Fisch organisirt seye, wenn auch nach einem andern Typus. In -dem verwickelten Kampfe ums Daseyn ist es ganz glaublich, dass solche -Kruster z. B., welche in ihrer eignen Klasse nicht sehr hoch stehen, -die Cephalopoden oder unvollkommensten Weichthiere überwinden würden; -und diese Kruster, obwohl nicht hoch entwickelt, müssen doch sehr hoch -auf der Stufenleiter der Wirbel-losen Thiere stehen, wenn man nach -dem entscheidendsten aller Kriterien, dem Gesetze des Wettkampfes ums -Daseyn urtheilt. - -Abgesehen von der Schwierigkeit, die es an und für sich hat zu -entscheiden, welche Formen der Organisation nach die höchsten sind, -haben wir nicht allein die höchsten Glieder einer Klasse in zwei -verschiedenen Perioden (obwohl Diess gewiss eines der wichtigsten -oder vielleicht das wichtigste Element bei der Abwägung ist), -sondern wir haben alle Glieder, hoch und nieder, mit einander zu -vergleichen. In alter Zeit wimmelte es von vollkommensten sowohl als -unvollkommensten Weichthieren, von Cephalopoden und Brachiopoden -nämlich; während heutzutage diese beiden Ordnungen sehr zurückgegangen -und die zwischen ihnen in der Mitte stehenden Klassen mächtig -angewachsen sind. Demgemäss haben einige Naturforscher geschlossen, -dass die Mollusken vordem höher entwickelt gewesen sind als jetzt; -während andre sich auf die gegenwärtige beträchtliche Verminderung -der unvollkommenen Mollusken um so mehr beriefen, als auch die noch -vorhandenen Cephalopoden, obgleich weniger an Zahl, doch höher als -ihre alten Stellvertreter organisirt seyen. Wir müssen daher die -Proportional-Zahlen der obren und der unteren Klassen der Bevölkerung -der Erde in zwei verschiedenen Perioden mit einander vergleichen. Wenn -es z. B. jetzt 50,000 Arten Wirbelthiere gäbe und wir dürften deren -Anzahl in irgend einer früheren Periode nur auf 10,000 schätzen, so -müssten wir diese Zunahme der obersten Klassen, welche zugleich eine -grosse Verdrängung tieferer Formen aus ihrer Stelle bedingte, als -einen entschiedenen Fortschritt in der organischen Bildung betrachten, -gleichviel ob es die höheren oder die tieferen Wirbelthiere wären, -welche dabei sehr zugenommen hätten.[38] Man ersieht hieraus, wie -gering allem Anscheine nach die Hoffnung ist, unter so äusserst -verwickelten Beziehungen jemals in vollkommen richtiger Weise -die relative Organisations-Stufe unvollkommen bekannter Faunen -nach-einander folgender Perioden in der Erd-Geschichte zu beurtheilen. - -Von einem andern wichtigen Gesichtspunkte aus werden wir diese -Schwierigkeit um so richtiger würdigen, wenn wir gewisse -jetzt vorhandene Faunen und Floren ins Auge fassen. Nach der -aussergewöhnlichen Art zu schliessen, wie sich in neuerer Zeit aus -_Europa_ eingeführte Erzeugnisse über _Neuseeland_ verbreitet und -Plätze eingenommen haben, welche doch schon vorher besetzt gewesen, -würde sich wohl, wenn man alle Pflanzen und Thiere _Grossbritanniens_ -dort frei aussetzte, eine Menge Britischer Formen mit der Zeit -vollständig daselbst naturalisiren und viele der eingebornen vertilgen. -Dagegen dürfte Das, was wir jetzt in _Neuseeland_ sich zutragen -sehen, und die Thatsache, dass noch kaum ein Bewohner der südlichen -Hemisphäre in irgend einem Theile _Europa’s_ verwildert ist, uns zu -zweifeln veranlassen, ob, wenn alle Natur-Erzeugnisse _Neuseelands_ in -_Grossbritannien_ frei ausgesetzt würden, eine etwas grössere Anzahl -derselben vermögend wäre, sich jetzt von eingeborenen Pflanzen und -Thieren schon besetzte Stellen zu erobern. Von diesem Gesichtspunkte -aus kann man sagen, dass die Produkte _Grossbritanniens_ höher als die -_Neuseeländischen_ stehen. Und doch hätte der tüchtigste Naturforscher -nach der sorgfältigsten Untersuchung der Arten beider Gegenden dieses -Resultat nicht voraussehen können. - -~Agassiz~ hebt hervor, dass die alten Thiere in gewissen -Beziehungen den Embryonen neuer Thiere derselben Klasse gleichen, -oder dass die geologische Aufeinanderfolge erloschener Formen -gewissermaassen der embryonischen Entwickelung neuer Formen parallel -läuft. Ich muss jedoch ~Pictet’s~ und ~Huxley’s~ Meinung -beipflichten, dass diese Lehre von Ferne nicht erwiesen ist. Doch -bin ich ganz der Erwartung sie sich später wenigstens hinsichtlich -solcher untergeordneter Gruppen bestätigen zu sehen, die sich erst -in neuerer Zeit von einander abgezweigt haben. Denn diese Lehre von -~Agassiz~ stimmt wohl mit der Theorie der Natürlichen Züchtung -überein. In einem spätern Kapitel werde ich zu zeigen versuchen, -dass die Alten von ihren Embryonen in Folge von Abänderungen -abweichen, welche nicht in der frühesten Jugend erfolgen und auch -erst auf ein entsprechendes späteres Alter vererbt werden. Während -dieser Prozess den Embryo fast unverändert lässt, häuft er im Laufe -aufeinander-folgender Generationen immer mehr Verschiedenheit im Alten -zusammen. - -So erscheint der Embryo gleichsam wie ein von der Natur aufbewahrtes -Portrait des frühern und noch nicht sehr modifizirten Zustandes eines -jeden Thieres. Diese Ansicht mag wahr seyn, ist jedoch nie eines -vollkommenen Beweises fähig. Denn fänden wir auch, dass z. B. die -ältesten bekannten Formen der Säugthiere, der Reptilien und der Fische -zwar genau diesen Klassen entsprächen, aber doch einander etwas näher -stünden als die jetzigen typischen Vertreter dieser Klassen, so würden -wir uns doch so lange vergebens nach Thieren umsehen, welche noch den -gemeinsamen Embryo-Charakter der Vertebraten an sich trügen, als wir -nicht Fossilien-führende Schichten noch tief unter den silurischen -entdeckten, wozu in der That sehr wenig Aussicht vorhanden ist. - -+Aufeinanderfolge derselben Typen innerhalb gleicher Gebiete während -der späteren Tertiär-Perioden.+) ~Clift~ hat vor vielen Jahren gezeigt, -dass die fossilen Säugthiere aus den Knochen-Höhlen _Neuhollands_ sehr -nahe mit den noch jetzt dort lebenden Beutelthieren verwandt gewesen -sind. In _Süd-Amerika_ hat sich eine ähnliche Beziehung selbst für -das ungeübte Auge ergeben in den Armadill-ähnlichen Panzer-Stücken -von riesiger Grösse, welche in verschiedenen Theilen von _la Plata_ -gefunden worden sind; und Professor ~Owen~ hat aufs Triftigste -bewiesen, dass die meisten der dort so zahlreich fossil gefundenen -Thiere _Südamerikanischen_ Typen angehören. Diese Beziehung ist noch -deutlicher in den wundervollen Sammlungen fossiler Knochen zu erkennen, -welche ~Lund~ und ~Clausen~ aus den _Brasilischen_ Höhlen mitgebracht -haben. Diese Thatsachen machten einen solchen Eindruck auf mich, dass -ich in den Jahren 1839 und 1845 dieses „Gesetz der Succession gleicher -Typen“, diese „wunderbare Beziehung zwischen dem Todten und Lebenden -in einerlei Kontinent“ sehr nachdrücklich hervorhob. Professor ~Owen~ -hat später dieselbe Verallgemeinerung auch auf die Säugthiere der -_alten Welt_ ausgedehnt. Wir finden dasselbe Gesetz wieder in den von -ihm restaurirten Riesenvögeln _Neuseelands_. Wir sehen es auch in -den Vögeln der _Brasilischen_ Höhlen. ~Woodward~ hat gezeigt, dass -dasselbe Gesetz auch auf die See-Konchylien anwendbar ist, obwohl er -es der weiten Verbreitung der meisten Mollusken-Sippen wegen nicht gut -entwickelt hat. Es liessen sich noch andre Beispiele anführen, wie die -Beziehungen zwischen den erloschenen und lebenden Land-Schnecken auf -_Madeira_ und zwischen den alten und jetzigen Brackwasser-Konchylien -des _Aral-Kaspischen_ Meeres. - -Doch, was bedeutet dieses merkwürdige Gesetz der Aufeinanderfolge -gleicher Typen in gleichen Länder-Gebieten? Vergleicht man das -jetzige Klima _Neuhollands_ und der unter gleicher Breite damit -gelegenen Theile _Süd-Amerika’s_ mit einander, so würde es als ein -thörichtes Unternehmen erscheinen, einerseits aus der Unähnlichkeit -der natürlichen Bedingungen die Unähnlichkeit der Bewohner dieser -zwei Kontinente und anderseits aus der Ähnlichkeit der Verhältnisse -das Gleichbleiben der Typen in jedem derselben während der späteren -Tertiär-Perioden erklären zu wollen. Auch lässt sich nicht behaupten, -dass einem unveränderlichen Gesetze zufolge Beutelthiere hauptsächlich -oder allein nur in _Neuholland_, oder Edentaten u. a. der jetzigen -_Amerikanischen_ Typen nur in _Amerika_ hervorgebracht werden können. -Denn es ist bekannt, dass _Europa_ in alten Zeiten von zahlreichen -Beutelthieren bevölkert war, und ich habe in den oben angeführten -Schriften gezeigt, dass in _Amerika_ das Verbreitungs-Gesetz für -die Land-Säugthiere früher ein andres gewesen, als es jetzt ist. -_Nord-Amerika_ betheiligte sich früher sehr an dem jetzigen Charakter -der südlichen Hälfte des Kontinentes, und die südliche Hälfte war -früher mehr als jetzt mit der nördlichen verwandt. Durch ~Falconer~ und -~Cautley’s~ Entdeckungen wissen wir, dass _Nord-Indien_ hinsichtlich -seiner Säugthiere früher in näherer Beziehung als jetzt mit _Afrika_ -stund. Analoge Thatsachen liessen sich auch von der Verbreitung der -See-Thiere mittheilen. - -Nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit fortschreitender -Abänderung erklärt sich das grosse Gesetz langwährender aber nicht -unveränderlicher Aufeinanderfolge gleicher Typen auf einem und -demselben Felde unmittelbar. Denn die Bewohner eines jeden Theiles der -Welt werden offenbar streben in diesem Theile während der nächsten -Zeitperiode nahe verwandte, doch etwas abgeänderte Nachkommen zu -hinterlassen. Sind die Bewohner eines Kontinents früher von denen eines -andern Festlandes sehr verschieden gewesen, so werden ihre abgeänderten -Nachkommen auch jetzt noch in fast gleicher Art und Stufe von -einander abweichen. Aber nach sehr langen Zeiträumen und sehr grosse -Wechselwanderungen gestattenden geographischen Veränderungen werden -die schwächeren den herrschenden Formen weichen und so ist nichts -unveränderlich in Verbreitungs-Gesetzen früherer und jetziger Zeit. - -Vielleicht fragt man mich im Spott, ob ich glaube, dass das Megatherium -und die andern ihm verwandten Ungethüme in _Süd-Amerika_ das -Faulthier, das Armadill und die Ameisenfresser als abgeänderte -Nachkommen hinterlassen haben. Diess kann man keinen Augenblick -zugeben. Jene grossen Thiere sind völlig erloschen, ohne eine -Nachkommenschaft zu hinterlassen. Aber in den Höhlen _Brasiliens_ -sind viele ausgestorbene Arten, in Grösse u. a. Merkmalen nahe verwandt -mit den noch jetzt in _Süd-Amerika_ lebenden Spezies, und einige -der fossilen mögen wirklich die Erzeuger noch jetzt dort lebender -Arten seyn. Man darf nicht vergessen, dass nach meiner Theorie alle -Arten einer Sippe von einer und der nämlichen Spezies abstammen, so -dass wenn von sechs Sippen jede acht Arten in einerlei geologischer -Formation enthält und in der nächst-folgenden Formation wieder sechs -andre verwandte oder stellvertretende Sippen mit gleicher Arten-Zahl -vorkommen, wir dann schliessen dürfen, dass nur eine Art von jeder der -sechs älteren Sippen modifizirte Nachkommen hinterlassen habe, welche -die sechs neueren Sippen bildeten. Die andren sieben Arten der alten -Genera sind alle ausgestorben, ohne Erben zu hinterlassen. Doch möchte -es wohl weit öfter vorkommen, dass zwei oder drei Arten von nur zwei -oder drei der alten Sippen die Ältern der sechs neuen Genera gewesen -und die andern alten Arten und sämmtliche übrigen alten Sippen gänzlich -erloschen sind. In untergehenden Ordnungen mit abnehmender Sippen- und -Arten-Zahl, wie es offenbar die Edentaten _Süd-Amerika’s_ sind, -werden weniger Genera und Spezies abgeänderte Nachkommen in gerader -Linie hinterlassen. - -+Zusammenstellung des vorigen und jetzigen Kapitels.+) Ich habe -zu zeigen gesucht, dass die geologische Schöpfungs-Urkunde äusserst -unvollkommen ist; dass erst nur ein kleiner Theil der Erd-Oberfläche -sorgfältig untersucht worden ist; dass nur gewisse Klassen organischer -Wesen zahlreich in fossilem Zustande erhalten sind; dass die Anzahl -der in unsren Museen aufbewahrten Individuen und Arten gar nichts -bedeutet im Vergleiche mit der unberechenbaren Zahl von Generationen, -die nur während einer Formations-Zeit aufeinander-gefolgt seyn -müssen; dass in der Regel ungeheure Zeiträume zwischen je zwei -aufeinander-folgenden Formationen verflossen seyn müssen, weil -Fossilien-reiche Bildungen mächtig genug, um künftiger Zerstörung zu -widerstehen, sich gewöhnlich nur während Senkungs-Perioden ablagern -können; dass mithin wahrscheinlich während der Senkungs-Zeiten mehr -Aussterben und während der Hebungs-Zeiten mehr Abändern organischer -Formen stattgefunden hat; dass der Schöpfungs-Bericht aus diesen -letzten Perioden am unvollkommensten erhalten ist; dass jede einzelne -Formation nicht in ununterbrochenem Zusammenhang abgelagert worden; -dass die Dauer jeder Formation vielleicht kurz ist im Vergleich zur -mitteln Dauer der Arten-Formen; dass Einwanderungen einen grossen -Antheil am ersten Auftreten neuer Formen in der Formation einer Gegend -gehabt haben; dass die am weitesten verbreiteten Arten auch am meisten -variirt und am öftesten Veranlassung zur Entstehung neuer Arten gegeben -haben; und dass Varietäten anfangs oft nur örtlich gewesen sind. -Alle diese Ursachen zusammengenommen müssen die geologische Urkunde -äusserst unvollständig machen und können es grossentheils erklären, -warum wir zwar einzelne Mittelformen zwischen den Gliedern einer -Organismen-Gruppe finden, aber nicht endlose Varietäten-Reihen die -erloschenen und lebenden Formen in den feinsten Abstufungen miteinander -verketten sehen. - -Wer diese Ansichten von der Beschaffenheit des geologischen Berichtes -verwerfen will, muss auch meine ganze Theorie verwerfen. Denn vergebens -wird er dann fragen, wo die zahllosen Übergangs-Glieder geblieben, -welche die nächst verwandten oder stellvertretenden Arten einst -mit einander verkettet haben müssen, die man in den verschiedenen -Stöcken einer grossen Formation übereinander findet. Er wird nicht an -die unermesslichen Zwischenzeiten glauben, welche zwischen unseren -aufeinander-folgenden Formationen verflossen sind; er wird übersehen, -welchen wesentlichen Antheil die Wanderungen seit dem ersten -Erscheinen der Organismen in den Formationen einer grossen Weltgegend -wie _Europa_ für sich allein betrachtet gehabt haben; er wird sich -auf das anscheinend, aber oft nur anscheinend, plötzliche Auftreten -ganzer Arten-Gruppen berufen. Wenn er fragen sollte, wo denn die Reste -jener unendlich zahlreichen Organismen geblieben, welche lange vor der -Bildung der ältesten Silur-Schichten abgelagert worden seyn müssen, -so kann ich nur hypothetisch darauf antworten, dass, so viel noch zu -sehen, unsre Ozeane sich schon seit unermesslichen Zeiträumen an ihren -jetzigen Stellen befunden haben, und dass da, wo unsre Kontinente jetzt -stehen, sie sicher seit der Silur-Zeit gestanden sind; dass aber die -Erd-Oberfläche lange vor dieser Periode ein ganz andres Aussehen gehabt -haben dürfte, und dass die alten Kontinente aus Formationen noch viel -älter als die silurische bestehend sich bereits alle in metamorphischem -Zustande befinden oder tief unter den Ozean versenkt liegen. - -Doch sehen wir von diesen Schwierigkeiten ab, so scheinen mir -alle andern grossen und leitenden Thatsachen in der Paläontologie -einfach aus der Theorie der Abstammung von gemeinsamen Urältern mit -fortschreitender Abänderung durch Natürliche Züchtung zu folgen. -Es erklärt sich daraus, warum neue Arten nur langsam nacheinander -auftreten; warum Arten verschiedener Klassen nicht nothwendig in -gleichem Verhältnisse oder gleichem Grade miteinander wechseln, -sondern alle nur im Verlauf langer Perioden Veränderungen unterliegen. -Das Erlöschen alter Formen ist die unvermeidlichste Folge vom -Entstehen neuer. Es erklärt sich warum eine Spezies, wenn einmal -verschwunden, nie wieder erscheint. Arten-Gruppen (Sippen u. s. w.) -wachsen nur langsam an Zahl und dauern ungleich lange Perioden aus; -denn der Prozess der Abänderung ist nothwendig ein langsamer und von -vielerlei verwickelten Zufällen abhängig. Die herrschenden Arten der -grösseren herrschenden Gruppen streben viele abgeänderte Nachkommen -zu hinterlassen, und so werden wieder neue Untergruppen und Gruppen -gebildet. Im Verhältnisse als diese entstehen, neigen sich die -Arten minder kräftiger Gruppen in Folge ihrer gemeinsam ererbten -Unvollkommenheit dem gemeinsamen Erlöschen zu, ohne irgendwo auf der -Erd-Oberfläche eine abgeänderte Nachkommenschaft zu hinterlassen. -Aber das gänzliche Erlöschen einer ganzen Arten-Gruppe mag oft ein -sehr langsamer Prozess seyn, wenn einzelne Arten in geschützten oder -abgeschlossenen Standorten kümmernd noch eine Zeit lang fortleben -können. Ist eine Gruppe einmal untergegangen, so kann sie nie wieder -erscheinen, weil ein Glied aus der Generationen-Reihe zerbrochen ist. - -So ist es begreiflich, dass die Ausbreitung herrschender Lebenformen, -welche eben am öftesten variiren, mit der Länge der Zeit die Erde mit -nahe verwandten jedoch modifizirten Formen bevölkern, denen es sodann -gewöhnlich gelingt die Plätze jener Arten-Gruppen einzunehmen, welche -ihnen im Kampfe ums Daseyn unterliegen. Daher wird es denn nach langen -Zwischenzeiten aussehen, als hätten die Bewohner der Erd-Oberfläche -überall gleich-zeitig gewechselt. - -So ist es ferner begreiflich, woher es kommt, dass die alten und neuen -Lebenformen ein grosses System mit einander bilden, da sie durch -Zeugung mit einander verbunden sind. Es ist aus der fortgesetzten -Neigung zur Divergenz des Charakters begreiflich, warum die fossilen -Formen um so mehr von den jetzt lebenden abweichen, je älter sie -sind; warum alte und erloschene Formen oft Lücken zwischen lebenden -auszufüllen geeignet sind und zuweilen zwei Gruppen mit einander -vereinigen, welche zuvor getrennt aufgestellt worden, obwohl sie solche -in der Regel nur etwas näher einander rücken. Je älter eine Form ist, -um so öfter scheint sie Charaktere zu entwickeln, welche zwischen jetzt -getrennten Gruppen mehr und weniger das Mittel halten; denn je älter -eine Form ist, desto näher verwandt und mithin ähnlicher wird sie dem -gemeinsamen Stamm-Vater solcher Gruppen seyn, welche seither weit -auseinander gegangen sind. Erloschene Formen halten selten genau das -Mittel zwischen lebenden, sondern stehen in deren Mitte nur in Folge -einer weitläufigen Verkettung durch viele erloschene und abweichende -Formen. Wir ersehen deutlich, warum die organischen Reste dicht -aufeinanderfolgender Formationen einander ähnlicher als die weit von -einander entfernter seyn müssen; denn jene Formen stehen in näherer -Bluts-Verwandtschaft als diese mit einander. Wir vermögen endlich -einzusehen, warum die organischen Reste mittler Formationen auch das -Mittel in ihren Charakteren halten. - -Die Erd-Bewohner einer jeden späteren Periode müssen die früheren -im Kampfe um’s Daseyn besiegt haben und müssen in soferne auf einer -höheren Vollkommenheits-Stufe als diese stehen und ihr Körper-Bau -ist seitdem im Allgemeinen mehr spezialisirt worden, und es mag -sich aus dem unbestimmten und missdeuteten Gefühl davon erklären, -dass viele Paläontologen an einen Fortschritt der Organisation im -Ganzen glauben. Sollte sich später ergeben, dass alte Thier-Formen -in gewissem Grade den Embryonen neuer aus der nämlichen Klasse -gleichen, so würde auch Diess zu begreifen seyn. Die Aufeinanderfolge -gleicher Organisations-Typen auf gleichem Gebiete während der letzten -geologischen Perioden hört auf geheimnissvoll zu seyn und ist eine -einfache Folge der Vererbung. - -Wenn daher die geologische Schöpfungs-Urkunde so unvollständig ist, -als ich es glaube (und es lässt sich wenigstens behaupten, dass das -Gegentheil nicht erweisbar), so werden sich die Haupteinwände gegen -die Theorie der Natürlichen Züchtung in hohem Grade vermindern oder -gänzlich verschwinden. Dagegen scheinen mir die Haupt-Gesetze der -Paläontologie deutlich zu beweisen, dass die Arten durch gewöhnliche -Zeugung entstanden sind. Frühere Lebenformen sind durch die noch -fortwährend um uns her thätigen Variations-Gesetze entstandene und -durch Natürliche Züchtung erhaltene vollkommenere Formen ersetzt -worden. - - - - -Eilftes Kapitel. - -Geographische Verbreitung. - - Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus - den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. -- Wichtigkeit der - Verbreitungs-Schranken. -- Verwandtschaft der Erzeugnisse eines - nämlichen Kontinentes. -- Schöpfungs-Mittelpunkte. -- Ursachen der - Verbreitung sind Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und - mitunter zufällige. -- Die Zerstreuung während der Eis-Periode über - die ganze Erd-Oberfläche erstreckt. - - -Bei Betrachtung der Verbreitungs-Weise der organischen Wesen über -die Erd-Oberfläche besteht die erste wichtige Thatsache, welche -uns in die Augen fällt, darin, dass weder die Ähnlichkeit noch die -Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden aus klimatischen -u. a. physikalischen Bedingungen erklärbar ist. Alle, welche diesen -Gegenstand studirt haben, sind endlich zu dem nämlichen Ergebniss -gelangt. Das Beispiel _Amerika’s_ würde schon allein genügen, Diess zu -beweisen. Denn alle Autoren stimmen darin überein, dass mit Ausschluss -des nördlichen um den Pol her ziemlich zusammenhängenden Theiles, die -Trennung der _alten_ und der _neuen Welt_ eine der ersten Grundlagen -der geographischen Vertheilung der Organismen bilde. Wenn wir aber -den weiten _Amerikanischen_ Kontinent von den mitteln Theilen der -_Vereinten Staaten_ an bis zu seinem südlichsten Punkte durchwandern, -so begegnen wir den aller-verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, -den feuchtesten Strichen und den trockensten Wüsten, hohen Gebirgen -und grasigen Ebenen, Wäldern und Marschen, Seen und Strömen mit fast -jeder Temperatur. Es gibt kaum ein Klima oder eine Bedingung in der -_alten Welt_ wozu sich nicht eine Parallele in der _neuen_ fände, -so ähnlich wenigstens, als Diess zum Fortkommen der nämlichen Arten -erforderlich wäre; denn es ist ein äusserst seltener Fall, irgend eine -Organismen-Gruppe auf einen kleinen Fleck mit etwas eigenthümlichen -Lebens-Bedingungen beschränkt zu finden. So z. B. gibt es in der _alten -Welt_ wohl einige Stellen, heisser als irgend welche in der _neuen_; -und doch haben diese keine eigenthümliche Fauna oder Flora. Aber -ungeachtet dieses Parallelismus in den Lebens-Bedingungen der _alten_ -und der _neuen_ Welt wie weit sind ihre lebenden Bewohner verschieden! - -Wenn wir in der südlichen Halbkugel grosse Landstriche in _Australien_, -_Süd-Afrika_ und _West-Südamerika_ zwischen 25°-35° S. Br. miteinander -vergleichen, so werden wir manche in allen ihren natürlichen -Verhältnissen einander äusserst ähnliche Theile finden, und doch würde -es nicht möglich seyn, drei einander unähnliche Faunen und Floren -ausfindig zu machen. Oder wenn wir die Natur-Produkte _Süd-Amerikas_ im -Süden vom 35° Br. und im Norden vom 25° Br. mit einander vergleichen, -die mithin ein sehr verschiedenes Klima bewohnen, so zeigen sich -dieselben einander weit näher verwandt, als die in _Australien_ und -_Afrika_ in fast einerlei Klima lebenden sind. Und analoge Thatsachen -lassen sich auch in Bezug auf die Meeres-Thiere nachweisen. - -Als zweite allgemeine Thatsache fällt uns auf, dass Schranken -verschiedener Art oder Hindernisse freier Wanderung mit den -Verschiedenheiten zwischen Bevölkerungen verschiedener Gegenden -in engem und wesentlichem Zusammenhange stehen. So die grosse -Verschiedenheit fast aller Land-Bewohner der _alten_ und der _neuen_ -Welt mit Ausnahme der nördlichen Theile, wo sich beide nahezu berühren -und vordem bei einem nur wenig abweichenden Klima die Wanderungen der -Bewohner der nördlich-gemässigten Zone in ähnlicher Weise möglich -gewesen seyn dürften, wie sie noch jetzt von Seiten der arktischen -Bevölkerung stattfinden. Wir erkennen dieselbe Thatsache in der -grossen Verschiedenheit zwischen den Bewohnern von _Australien_, -_Afrika_ und _Süd-Amerika_ wieder; denn diese Gegenden sind fast so -vollständig von einander geschieden, als es nur immer möglich ist. Auch -auf jedem Festlande sehen wir die nämliche Erscheinung; denn auf den -entgegengesetzten Seiten hoher und zusammenhängender Gebirgs-Ketten, -grosser Wüsten und mitunter sogar nur grosser Ströme finden wir -verschiedene Erzeugnisse. Da jedoch Gebirgs-Ketten, Wüsten u. s. w. -nicht ganz unüberschreitbar sind oder noch nicht so lang als die -zwischen den Festländern gelegenen Weltmeere bestehen, so sind diese -Verschiedenheiten dem Grade nach viel kleiner als die in verschiedenen -Kontinenten. - -Wenden wir uns nach dem Meere, so finden wir das nämliche Gesetz. -Keine andern zwei Meeres-Faunen sind so verschieden von einander -als die an den östlichen und den westlichen Küsten _Süd-_ und -_Mittel-Amerikas_. Da ist fast kein Fisch, keine Schnecke, keine -Krabbe gemeinsam. Und doch sind diese grosse Faunen nur durch die -schmale Landenge von _Panama_ von einander getrennt. Westwärts -von den _Amerikanischen_ Gestaden erstreckt sich ein weiter und -offener Ozean mit nicht einer Insel zum Ruheplatz für Auswanderer; hier -haben wir eine Schranke andrer Art, und sobald diese überschritten -ist, treffen wir auf den östlichen Inseln des _stillen Meeres_ -auf eine neue und ganz verschiedene Fauna. Es erstrecken sich also -drei Meeres-Faunen nicht weit von einander in parallelen Linien -weit nach Norden und Süden in sich entsprechenden Klimaten. Da sie -aber durch unübersteigliche Schranken von Land oder offnem Meer -von einander getrennt sind, so bleiben sie völlig von einander -verschieden. Gehen wir aber von den östlichen Inseln im tropischen -Theile des _stillen Meeres_ noch weiter nach Westen, so finden -wir keine unüberschreitbaren Schranken mehr; unzählige Inseln oder -zusammenhängende Küsten bieten sich als Ruheplätze dar, bis wir nach -Umwanderung einer Hemisphäre zu den Küsten _Afrikas_ gelangen; -aber in diese weiten Flächen theilen sich keine wohl-charakterisirten -verschiedenen Meeres-Faunen mehr. Obwohl kaum eine Schnecke, eine -Krabbe oder ein Fisch jenen drei Faunen an der Ost- und West-Küste -_Amerikas_ und im östlichen Theile des _stillen Ozeans_ -gemeinsam ist, so reichen doch viele Fisch-Arten vom _stillen_ bis -zum _Indischen Ozean_ und sind viele Weichthiere den östlichen -Inseln der _Südsee_ und den östlichen Küsten _Afrikas_ unter -sich fast genau entgegenstehenden Meridianen gemein. - -Eine dritte grosse Thatsache, schon zum Theil in den vorigen -mitbegriffen, ist die Verwandtschaft zwischen den Erzeugnissen eines -nämlichen Festlandes oder Weltmeeres, obwohl die Arten verschiedener -Theile und Standorte desselben verschieden sind. Es ist Diess ein -Gesetz von der grössten Allgemeinheit, und jeder Kontinent bietet -unzählige Belege dafür. Demungeachtet fühlt sich der Naturforscher auf -seinem Wege von Norden nach Süden unfehlbar betroffen von der Art und -Weise wie Gruppen von Organismen der Reihe nach einander ersetzen, -die in den Arten verschieden aber offenbar verwandt sind. Er hört von -nahe verwandten aber doch verschiedenen Vögeln ähnliche Gesänge, sieht -ihre ähnlich gebauten Nester mit ähnlich gefärbten Eiern. Die Ebenen -der _Magellans-Strasse_ sind von einem Nandu (Rhea Americana) bewohnt, -und im Norden der _Laplata_-Ebene wohnt eine andre Art derselben -Sippe, doch kein ächter Strauss (Struthio) oder Emu (Dromaius), -welche in _Afrika_ und beziehungsweise in _Neuholland_ unter gleichen -Breiten vorkommen. In denselben _Laplata_-Ebenen finden wir das Aguti -(Dasyprocta) und die Hasenmaus (Lagostomus), zwei Nagethiere von der -Lebensweise unsrer Hasen und Kaninchen und mit ihnen in gleiche Ordnung -gehörig, aber einen rein _Amerikanischen_ Organisations-Typus bildend. -Steigen wir zu dem Hoch-Gebirge der _Cordilleren_ hinan, so treffen wir -die Berg-Hasenmaus (Lagidium); sehen wir uns am Wasser um, so finden -wir zwei andre _Süd-Amerikanische_ Typen, den Coypu (Myopotamus) und -Capybara (Hydrochoerus) statt des Bibers und der Bisamratte. So liessen -sich zahllose andre Beispiele anführen. Wie sehr auch die Inseln an den -_Amerikanischen_ Küsten in ihrem geologischen Bau abweichen mögen, ihre -Bewohner sind wesentlich _Amerikanisch_, wenn auch von eigenthümlichen -Arten. Schauen wir zurück nach nächstfrüheren Zeit-Perioden, wie -sie im letzten Kapitel erörtert worden, so finden wir auch da noch -_Amerikanische_ Typen vorherrschend auf dem _Amerikanischen_ Festlande -wie in _Amerikanischen_ Meeren. Wir erkennen in diesen Thatsachen ein -tief-liegendes organisches Band, in Zeit und Raum vorherrschend über -gegebene Land- und Wasser-Flächen, unabhängig von ihrer natürlichen -Beschaffenheit. Der Naturforscher müsste nicht sehr wissbegierig seyn, -der sich nicht versucht fühlte, näher nach diesem Bande zu forschen. - -Diess Band besteht nach meiner Theorie lediglich in der Vererbung, -derjenigen Ursache, welche allein, soweit wir Sicheres wissen, gleiche -oder ähnliche Organismen, wie die Varietäten sind, hervorbringt. Die -Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden wird der Umgestaltung -durch Natürliche Züchtung und in einem ganz untergeordneten Grade, -dem unmittelbaren Einflusse äussrer Lebensbedingungen zuzuschreiben -seyn. Der Grad der Unähnlichkeit hängt davon ab, ob die Wanderung der -herrschenderen Lebenformen aus der einen Gegend in die andre rascher -oder langsamer in spätrer oder früherer Zeit vor sich gegangen; er -hängt von der Natur und Zahl der früheren Einwanderer, von deren -Wirkung und Rückwirkung im gegenseitigen Kampfe ums Daseyn ab, indem, -wie ich schon oft bemerkt habe, die Beziehung von Organismus zu -Organismus die wichtigste aller Beziehungen ist. Bei den Wanderungen -kommen die oben erwähnten Schranken wesentlich in Betracht, wie -die Zeit bei dem langsamen Prozess der Natürlichen Züchtung. -Weit-verbreitete und an Individuen reiche Arten, welche schon über -viele Mitbewerber in ihrer eignen ausgedehnten Heimath gesiegt, werden -beim Vordringen in neuen Gegenden die beste Aussicht haben neue Plätze -zu gewinnen. Unter den neuen Lebens-Bedingungen ihrer späteren Heimath -werden sie häufig neue Abänderungen und Verbesserungen erfahren; sie -werden den andern noch überlegener werden und Gruppen abändernder -Nachkommen erzeugen. Aus diesem Prinzip fortschreitender Vererbung mit -Abänderung ergibt sich, wie es zugeht, dass Untersippen, Sippen und -selbst ganze Familien, wie es so gewohnter und anerkannter Maassen der -Fall, auf gewisse Flächen beschränkt erscheinen. - -Wie schon im letzten Kapitel bemerkt worden, so glaube ich an kein -Gesetz nothwendiger Vervollkommnung; so wie die Veränderlichkeit -der Arten eine unabhängige Eigenschaft ist und von der Natürlichen -Züchtung nur so weit ausgebeutet wird, als es den Individuen in ihrem -vielseitigen Kampfe ums Daseyn zum Vortheile gereicht, so besteht auch -für die Modifikation der verschiedenen Spezies kein gleiches Maass. -Wenn z. B. eine Anzahl von Arten, die miteinander in unmittelbarer -Mitbewerbung stehen, in Masse nach einer neuen und nachher isolirten -Gegend auswandern, so werden sie wenig Modifikation erfahren, indem -weder die Wanderung noch die Isolirung an sich etwas dabei thun. Jene -Prinzipien kommen hauptsächlich nur in Betracht, wenn man Organismen in -neue Beziehungen unter einander, weniger wenn man sie in Berührung mit -neuen Lebens-Bedingungen bringt. Wie wir im letzten Kapitel gesehen, -dass einige Formen ihren Charakter seit ungeheuer weit zurückgelegenen -geologischen Perioden fast unverändert behauptet haben, so sind auch -manche Arten über weite Räume gewandert, ohne grosse Veränderungen zu -erleiden. - -Nach diesen Ansichten liegt es auf der Hand, dass verschiedene Arten -einer Sippe, wenn sie auch die entferntesten Theile der Welt bewohnen, -doch ursprünglich aus gleicher Quelle entsprungen, vom nämlichen -Stammvater entstanden seyn müssen. Was diese Arten betrifft, welche -im Verlaufe ganzer geologischer Perioden sich nur wenig verändert -haben, so hat es keine Schwierigkeit anzunehmen, dass sie aus einerlei -Gegend hergewandert sind; denn während der grossen geographischen -und klimatischen Veränderungen, welche seit allen Zeiten vor sich -gegangen, sind Wanderungen auf jede Entfernung möglich gewesen. In -vielen andern Fällen aber, wo wir Grund haben zu glauben, dass die -Arten einer Sippe erst in vergleichungsweise neuer Zeit entstanden -sind, ist die Schwierigkeit weit grösser. Eben so ist es einleuchtend, -dass Individuen einer Art, wenn sie jetzt auch weit auseinander und -abgesondert gelegene Gegenden bewohnen, von einer Stelle ausgegangen -seyn müssen, wo ihre Ältern zuerst erstanden sind; denn, so wie es -im letzten Abschnitte erläutert worden, ist es unglaublich, dass -spezifisch gleiche Individuen von verschiedenen Stamm-Arten abstammen -können. - -So wären wir denn bei der neuerlich oft von Naturforschern erörterten -Frage angelangt, ob Arten je an einer oder an mehren Stellen der -Erd-Oberfläche erzeugt worden seyen. Zweifelsohne mag es da sehr -viele Fälle geben, wo es äusserst schwer zu begreifen ist, wie die -gleiche Art von einem Punkte aus nach den verschiedenen entfernten -und abgesonderten Gegenden gewandert seyn solle, wo sie nun gefunden -wird. Demungeachtet drängt sich die Vorstellung, dass jede Art nur von -einem ursprünglichen Geburtsorte ausgegangen seyn müsse, durch ihre -Einfachheit dem Geiste auf. Und wer sie verwirft, verwirft die vera -causa, die gewöhnliche Zeugung mit nachfolgender Wanderung, um zu einem -Wunder seine Zuflucht zu nehmen. Es wird allgemein zugestanden, dass -die von einer Art bewohnte Gegend in der Regel zusammenhängend ist; und -wenn eine Pflanzen- oder Thier-Art zwei von einander so weit entfernte -oder durch solche Schranken getrennte Punkte bewohnt, dass sie nicht -leicht von einem zum andern gewandert seyn kann, so betrachtet man -Diess als etwas Merkwürdiges und Ausnahmsweises. Die Fähigkeit über -Meer zu wandern, ist bei Land-Säugethieren vielleicht mehr als bei -irgend einem andern organischen Wesen beschränkt; und wir finden -damit übereinstimmend auch keinen unerklärbaren Fall, wo dieselbe -Säugethier-Art sehr entfernte Punkte der Erde bewohnte. Kein Geologe -findet eine Schwierigkeit darin anzunehmen, dass _Grossbritannien_ -ehedem mit dem _Europäischen_ Kontinente zusammengehangen sey und -mithin die nämlichen Säugethiere besessen habe. Wenn aber dieselbe Art -an zwei entfernten Punkten der Welt erzeugt werden kann, warum finden -wir nicht eine einzige _Europa_ und _Australien_ oder _Süd-Amerika_ -gemeinsam angehörige Säugethier-Art? Die Lebens-Bedingungen sind nahezu -die nämlichen, so dass eine Menge _Europäischer_ Pflanzen und Thiere in -_Amerika_ und _Australien_ naturalisirt worden sind, und sogar einige -der ureinheimischen Pflanzen-Arten sind genau dieselben an diesen zwei -so entfernten Punkten der nördlichen und der südlichen Hemisphäre! -Die Antwort liegt, wie ich glaube, darin, dass Säugethiere nicht -fähig sind die Wanderung zu machen, während einige Pflanzen mit ihren -manchfaltigen Verbreitungs-Mitteln diesen weiten und unterbrochenen -Zwischenraum zu überschreiten vermochten. Der mächtige Einfluss, -welchen geographische Schranken aller Art auf die Verbreitungs-Weise -geübt, wird nur unter der Voraussetzung begreiflich, dass weitaus der -grösste Theil der Spezies nur auf einer Seite derselben erzeugt worden -ist und Mittel zur Wanderung nach der andern Seite nicht besessen -hat. Einige wenige Familien, viele Unterfamilien, sehr viele Sippen -und eine noch grössre Anzahl von Untersippen sind nur auf je eine -einzelne Gegend beschränkt, und mehre Naturforscher haben die Bemerkung -gemacht, dass die meisten natürlichen Sippen, diejenigen nämlich, -deren Arten alle am nächsten mit einander verwandt sind, nur örtlich -oder wenigstens auf eine zusammenhängende Gegend angewiesen zu seyn -pflegen. Was für eine wunderliche Anomalie würde es nun seyn, wenn eine -Stufe tiefer unten in der Reihe die Individuen einer Art sich geradezu -entgegengesetzt verhielten und die Arten nicht örtlich, sondern in zwei -oder mehr ganz verschiedenen Gegenden erzeugt worden wären! - -Daher scheint mir, wie so vielen andern Naturforschern, die Ansicht -die wahrscheinlichere zu seyn, dass jede Art nur in einer einzigen -Gegend entstanden, aber nachher von da aus so weit gewandert seye, als -Mittel und Subsistenz unter früheren und gegenwärtigen Bedingungen -gestatteten. Es kommen unzweifelhaft auch jetzt noch viele Fälle -vor, wo sich nicht erklären lässt, auf welche Weise diese oder jene -Art von einer Stelle zur andern gelangt ist. Aber geographische und -klimatische Veränderungen, welche sich in den neuen geologischen Zeiten -zuverlässig ereignet, müssen den früher bestandnen Zusammenhang der -Verbreitungs-Flächen vieler Arten unterbrochen haben. So gelangen -wir zur Erwägung, ob diese Ausnahmen von der Ununterbrochenheit der -Verbreitungs-Bezirke so zahlreich und so gewichtiger Natur sind, dass -wir die durch die vorangehenden Betrachtungen wahrscheinlich gemachte -Meinung, dass jede Art nur auf einem Felde entstanden und von da so -weit als möglich gewandert seye, aufzugeben genöthigt werden? Es würde -zum Verzweifeln langweilig seyn, alle Ausnahms-Fälle aufzuzählen und -zu erörtern, wo eine und dieselbe Art jetzt an verschiedenen weit -von einander entfernten Orten lebt; auch will ich keinen Augenblick -behaupten, für viele dieser Fälle eine genügende Erklärung wirklich -geben zu können. Doch möchte ich nach einigen vorläufigen Bemerkungen -die wichtigsten Klassen solcher Thatsachen erörtern, wie insbesondere -das Vorkommen von einerlei Art auf den Spitzen weit von einander -gelegener Bergketten, oder im arktischen und antarktischen Kreise -zugleich; dann, zweitens (im folgenden Kapitel) die weite Verbreitung -der Süsswasser-Bewohner, und drittens, das Vorkommen von einerlei -Landthier-Arten auf Festland und Inseln, welche durch Hunderte von -Meilen offnen Meeres von einander getrennt sind. Wenn das Vorkommen von -einer und der nämlichen Art an entfernten und vereinzelten Fundstätten -der Erd-Oberfläche sich in vielen Fällen durch die Voraussetzung -erklären lässt, dass diese Art von ihrer Geburts-Stätte aus dahin -gewandert seye, dann scheint mir in Anbetracht unsrer gänzlichen -Unbekanntschaft mit den früheren geographischen und klimatischen -Veränderungen so wie mit manchen zufälligen Transport-Mitteln die -Annahme, dass Diess die allgemeine Regel gewesen seye, bei Weitem die -richtigste zu seyn. - -Bei Erörterung dieses Gegenstandes werden wir Gelegenheit haben noch -einen andern für uns gleich-wichtigen Punkt in Betracht zu ziehen, ob -nämlich die mancherlei verschiedenen Arten einer Sippe, welche meiner -Theorie zufolge einen gemeinsamen Stammvater hatten, von der Wohnstätte -ihres Stammvaters ausgegangen seyn (und unterwegs sich etwa noch -weiter angemessen entwickelt haben) können. Kann gezeigt werden, dass -eine Gegend, deren meisten Bewohner enge verwandt oder aus gleichen -Sippen mit den Arten einer zweiten Gegend sind, in früherer Zeit -wahrscheinlich einmal Einwanderer aus dieser letzten erhalten hat, so -wird Diess zur Bestätigung meiner Theorie beitragen; denn wir begreifen -dann aus dem Modifikations-Prinzipe deutlich, warum die Bewohner der -einen Gegend denen der andern verwandt sind, da sie aus ihr stammen. -Eine vulkanische Insel z. B., welche einige Hundert Meilen von einem -Kontinente entfernt emporstiege, würde wahrscheinlich im Laufe der -Zeit einige Kolonisten erhalten, deren Nachkommen, wenn auch etwas -abändernd, doch ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des Kontinents -auf ihre Nachkommen vererben würden. Fälle dieser Art sind gewöhnlich -und, wie wir nachher ersehen werden, nach der Theorie unabhängiger -Schöpfung unerklärlich. Diese Ansicht über die Verwandtschaft der -Arten einer Gegend zu denen einer andern ist (wenn wir nun das -Wort Varietät statt Art anwenden) nicht sehr von der durch Hrn. -~Wallace~ aufgestellten verschieden, wonach „jede Art entstanden -ist in Zeit und Raum zusammentreffend mit einer früher vorhandenen nahe -verwandten Art“. Ich weiss nun aus seiner Korrespondenz, dass er dieses -„Zusammentreffen“ der Generation mit Abänderung zuschreibt und dafür -eine lange geologische Zeit-Periode zugesteht. - -Die vorangehenden Bemerkungen über ein- oder mehr-fältige -Schöpfungs-Mittelpunkte führen nicht unmittelbar zu einer andern -verwandten Frage, ob nämlich alle Individuen einer Art von einem -einzigen Punkte oder einem Hermaphroditen abstammen, oder ob, wie -einige Autoren annehmen, von vielen gleichzeitig entstandenen -Individuen einer Art? Bei solchen Organismen, welche sich niemals -kreutzen (wenn dergleichen überhaupt existiren), muss nach meiner -Theorie die Art von einer Reihenfolge vervollkommneter Varietäten -herrühren, die sich nie mit andern Individuen oder Varietäten -gekreutzt, sondern einfach einander ersetzt haben, so dass auf jeder -der aufeinanderfolgenden Umänderungs- und Verbesserungs-Stufen alle -Individuen von einerlei Varietät auch von einerlei Stammvater herrühren -müssen. In der Mehrzahl der Fälle jedoch und namentlich bei allen -Organismen, welche sich zu jeder einzelnen Fortpflanzung paaren oder -sich oft mit andern kreutzen, glaube ich, dass während des langsamen -Modifikations-Prozesses die Individuen der Spezies bei der Kreutzung -sich nahezu gleichförmig erhalten haben, so dass viele derselben -sich gleichzeitig abänderten und der ganze Betrag der Abänderung auf -jeder Stufe nicht von der Abstammung von einem gemeinsamen Stammvater -herrührt. Um zu erläutern, was ich meine, will ich anführen, dass unsre -Englischen Rasse-Pferde nur wenig von den Pferden jeder andern Züchtung -abweichen, aber ihre Verschiedenheit und Vollkommenheit nicht davon -haben, dass sie von einem einzigen Paare abstammen, sondern dieselbe -der während vieler Generationen angewendeten Sorgfalt bei Auswahl und -Erziehung vieler Individuen verdanken. - -Ehe ich auf nähere Erörterung über diejenigen drei Klassen -von Thatsachen eingehe, welche der Theorie von den „einzigen -Schöpfungs-Mittelpunkten“ die meisten Schwierigkeiten darbieten, muss -ich den Verbreitungs-Mitteln noch einige Worte widmen. - -+Verbreitungs-Mittel.+) Sir ~Ch. Lyell~ u. a. Autoren haben -diesen Gegenstand sehr angemessen erörtert. Ich kann hier nur einen -kurzen Auszug von den wichtigsten Thatsachen liefern. Klima-Wechsel -mag auf Wanderung der Organismen vom grössten Einflusse gewesen seyn. -Eine Gegend mit änderndem Klima kann eine Hochstrasse der Auswanderung -gewesen und jetzt ungangbar seyn; ich muss daher diesen Gegenstand -zunächst mit einigem Detail behandeln. Höhen-Wechsel des Landes kommt -dabei wesentlich in Betracht. Eine schmale Landenge trennt jetzt zwei -Meeres-Faunen; taucht sie unter oder ist sie früher untergetaucht, so -werden beide Faunen zusammenfliessen oder vordem untergeflossen seyn. -Wo dagegen sich jetzt die See ausbreitet, da mag vormals trocknes Land, -Inseln oder selbst Kontinente miteinander verbunden und so Landbewohner -in den Stand gesetzt haben von einer Seite zur andern zu wandern. Kein -Geologe bestreitet, dass grosse Veränderungen der Boden-Höhen während -der Periode der jetzt lebenden Organismen-Arten stattgefunden haben, -und ~Edw. Forbes~ behauptet, alle Inseln des _Atlantischen -Meeres_ müssten noch unlängst mit _Afrika_ oder _Europa_, -wie gleicherweise _Europa_ mit _Amerika_ zusammengehangen -haben. Andre Schriftsteller haben hypothetisch der Reihe nach jeden -Ozean überbrückt und fast jede Insel mit dem nächsten Festlande -verbunden. Und wenn sich die Argumente von ~Forbes~ bestätigen -liessen, so müsste man gestehen, dass es kaum irgend eine Insel gebe, -welche nicht noch neuerlich mit einem Kontinente zusammenhing. Diese -Ansicht zerhaut den gordischen Knoten der Verbreitung einer Art bis zu -den entlegensten Punkten und beseitigt eine Menge von Schwierigkeiten. -Aber nach meiner besten Ueberzeugung sind wir nicht berechtigt, so -ungeheure Veränderungen innerhalb der Periode der noch jetzt lebenden -Arten anzunehmen. Es scheint mir, dass wir genug Beweise von grossen -Schwankungen des Bodens in unsrem Kontinente besitzen, doch nicht -von Bewegungen so ausgedehnt und in solcher Richtung, dass sich -mittelst derselben eine Verbindung _Europas_ mit _Amerika_ -und den dazwischen gelegenen _Atlantischen_ Inseln noch in der -jetzigen Erd-Periode ergäbe. Dagegen gestehe ich gerne die vormalige -Existenz mancher jetzt im Meere begrabener Inseln zu, welche vielen -Pflanzen- und Thier-Arten bei ihren Wanderungen als Ruhepunkte dienen -konnten. In den Korallen-Meeren erkennt man, nach meiner Meinung, -solche versunkene Inseln noch jetzt mittelst der auf ihnen stehenden -Korallen-Ringe oder Atolls. Wenn es einmal vollständig eingeräumt seyn -wird, wie es eines Tages vermuthlich noch geschehen wird, dass jede -Art nur eine Geburts-Stätte gehabt, und wenn wir im Laufe der Zeit -etwas Bestimmteres über die Verbreitungs-Mittel erkennen, so werden -wir im Stande seyn die frühere Ausdehnung des Landes mit einiger -Sicherheit zu berechnen. Dagegen glaube ich nicht, dass es je zu -beweisen seyn wird, dass jetzt vollständig getrennte Kontinente noch -in neuerer Zeit wirklich oder nahezu miteinander und mit den vielen -noch vorhandenen ozeanischen Inseln zusammenhingen. Manche Thatsachen -in der Vertheilung, wie die grosse Verschiedenheit der Meeres-Faunen -an den entgegengesetzten Seiten fast jedes grossen Kontinentes und -ein gewisser Grad von Beziehungen (wovon nachher die Rede seyn wird) -zwischen der Verbreitung der Säugthiere und der Tiefe des Meeres; -diese und noch manche andere scheinen mir sich der Annahme solcher -ungeheuren geographischen Umwälzungen in der neuesten Periode zu -widersetzen, wie sie durch die von ~E. Forbes~ aufgestellten -und von vielen Nachfolgern angenommenen Ansichten nöthig werden. Die -Natur und Zahlen-Verhältnisse der Bewohner ozeanischer Inseln scheinen -mir gleicherweise die Annahme eines früheren Zusammenhangs mit den -Festländern zu widerstreben. Eben so wenig ist ihre meist vulkanische -Zusammensetzung der Annahme günstig, dass sie blosse Trümmer -versunkener Kontinente seyen; denn wären es ursprüngliche Spitzen von -Bergketten des Festlandes gewesen, so würden doch wenigstens einige -derselben gleich andern Gebirgs-Höhen aus Graniten, metamorphischen -Schiefern, alten organische Reste führenden Schichten u. dgl. statt -immer nur aus Kegeln vulkanischer Massen bestehen. - -Ich habe nun noch einige Worte von den sogenannten „zufälligen“ -Verbreitungs-Mitteln zu sprechen, die man besser „gelegenheitliche“ -nennen würde. Doch ich will mich hier auf die Pflanzen beschränken. In -botanischen Werken findet man bemerkt, dass diese oder jene Pflanze für -weite Aussaat nicht gut geeignet ist. Aber was den Transport derselben -durch das Meer betrifft, so lässt sich behaupten, dass es bei den -meisten derselben noch ganz unbekannt ist, wie es mit der Möglichkeit -desselben steht. Bis zur Zeit, wo ich mit Hrn. ~Berkeley’s~ -Hilfe einige wenige Versuche darüber angestellt, war nicht einmal -bekannt, in wie weit Saamen dem schädlichen Einflusse des Salz-Wassers -zu widerstehen vermögen. Zu meiner Verwunderung fand ich, dass von -87 Arten 64 noch keimten, nachdem sie 28 Tage lang in See-Wasser -gelegen; und einige wenige thaten es sogar nach 137 Tagen noch. Es -ist beachtenswerth, dass gewisse Ordnungen viel stärker als andre vom -Salz-Wasser angegriffen werden. So gingen von neun Leguminosen acht -zu Grunde, und sieben Arten der unter einander verwandten Ordnungen -der Hydrophyllaceae und Polemoniaceae waren nach einem Monate alle -todt. Der Bequemlichkeit wegen wählte ich meistens nur kleine Saamen -ohne Fruchthülle, und da alle schon nach wenigen Tagen untersanken, -so können sie natürlich keine weiten Räume des Meeres durchschiffen, -mögen sie nun ihre Keim-Kraft im Salzwasser bewahren oder nicht. -Nachher wählte ich grössre Früchte mit Kapseln u. s. w., und von -diesen blieben einige lange Zeit schwimmend. Es ist wohl bekannt, -wie verschieden die Schwimm-Fähigkeit einer Holzart im grünen und im -trocknen Zustande ist. Ich dachte mir daher, dass Fluthen wohl Pflanzen -oder deren Zweige forttragen und dann ans Ufer werfen könnten, wo der -Strom, wenn sie erst ausgetrocknet wären, sie aufs Neue ergreifen -und dem Meere zuführen könnte; daher nahm ich von 94 Pflanzen-Arten -trockne Stengel und Zweige mit reifen Früchten daran und legte sie ins -Wasser. Die Mehrzahl versank sogleich; doch einige, welche grün nur -sehr kurze Zeit an der Oberfläche geblieben, hielten sich nun länger. -So sanken reife Haselnüsse unmittelbar unter, schwammen aber, wenn sie -vorher ausgetrocknet worden, 90 Tage lang und keimten dann noch, wenn -sie gepflanzt wurden. Eine Spargel-Pflanze mit reifen Beeren schwamm -23 Tage, nach vorherigem Austrocknen aber 85 Tage, und ihre Saamen -keimten noch. Die reifen Früchte von Helosciadium sanken in zwei Tagen, -schwammen aber nach vorgängigem Trocknen 90 Tage und keimten hierauf. -Im Ganzen schwammen von den 94 getrockneten Pflanzen 18 Arten 28 Tage -lang und einige davon sogar noch viel länger. Es keimten also 64/87 = -0,74 der Saamen-Arten nach einer Eintauchung von 28 Tagen und schwammen -18/94 = 0,19 der getrockneten Pflanzen-Arten mit reifen Saamen (doch -z. Th. andre Arten als die vorigen) noch über 28 Tage; und würden daher, -so viel man aus diesen Thatsachen schliessen darf, die Saamen von 0,14 -der Pflanzen-Arten einer Gegend ohne Nachtheil für ihre Keim-Kraft -28 Tage lang von See-Strömungen fortgetragen werden können. In -~Johnston’s~ physikalischem Atlas ist die mittle Geschwindigkeit -der _Atlantischen_ Ströme auf 33 See-Meilen im Tag (manche laufen -60 M. weit) angegeben; und somit könnten jene Saamen bei diesem Mittel -924 See-Meilen weit fortgeführt werden und, wenn sie dann strandeten, -und vom Winde sofort auf eine passende Stelle weiter landeinwärts -getrieben würden, noch keimen. - -Nach mir stellte ~Martins~[39] ähnliche Versuche, doch in -bessrer Weise an, indem er Kistchen mit Saamen in’s wirkliche Meer -versenkte, so dass sie abwechselnd feucht und wieder der Luft -ausgesetzt wurden, wie wirklich schwimmende Pflanzen. Er versuchte -es mit 98 Saamen-Arten, meistens verschieden von den meinigen, und -darunter manche grosse Früchte und auch Saamen von solchen Pflanzen, -welche in der Nähe des Meeres wachsen, was wohl dazu beitrug die mittle -Länge der Zeit, während welcher sie sich schwimmend zu halten und der -schädlichen Wirkung des Salz-Wassers zu widerstehen vermochten, etwas -zu vermehren. Anderseits aber trocknete er nicht vorher die Früchte mit -den Zweigen oder Stengeln, was einige derselben befähigt haben würde, -länger zu schwimmen. Das Ergebniss war, dass 18/98 = 0,185 Saamen-Arten -42 Tage lang schwammen und dann noch keimten. Ich bezweifle jedoch -nicht, dass Pflanzen, die mit den Wogen treiben, sich länger schwimmend -erhalten als jene, welche so wie in unseren Versuchen gegen jede -Bewegung geschützt sind. Daher wäre es vielleicht sicherer anzunehmen, -dass die Saamen von etwa 0,10 Arten einer Flora nach dem Austrocknen -noch eine 900 Meilen weite Strecke des Meeres durchschwimmen und dann -keimen können. Die Thatsache, dass die grösseren Früchte länger als die -kleinen schwimmen, ist interessant, weil grosse Saamen oder Früchte -nicht wohl anders als schwimmend aus einer Gegend in die andre versetzt -werden können; daher, wie ~Alph. DeCandolle~ gezeigt hat, solche -Pflanzen beschränkte Verbreitungs-Bezirke besitzen. - -Doch können Saamen gelegenheitlich auch auf andre Weise fortgeführt -werden. So gelangt Treibholz zu den meisten Inseln in der Mitte des -weitesten Ozeans; und die Eingebornen der Korallen-Inseln des Stillen -Meeres verschaffen sich härtere Steine für ihr Geräthe fast nur von den -Wurzeln der Treibholz-Stämme; die Taxen für diese Steine bilden ein -erhebliches Einkommen ihrer Könige. Wenn nun unregelmässig geformte -Steine zwischen die Wurzeln der Bäume fest eingewachsen sind, so sind -auch zuweilen noch kleine Parthien Erde dahinter eingeschlossen, -mitunter so genau, dass nicht das Geringste davon während des längsten -Transportes weggewaschen werden könnte. Und nun kenne ich einen Fall -genau, wo aus einer solchen vollständig eingeschlossenen Parthie Erde -zwischen den Wurzeln einer 50jährigen Eiche drei Dikotyledonen-Saamen -gekeimt haben. So kann ich ferner nachweisen, dass zuweilen todte Vögel -lange auf dem Meere treiben, ohne verschlungen zu werden, und dass in -ihrem Kropfe enthaltene Saamen lange ihre Keimkraft behalten; Erbsen -und Wicken z. B., welche sonst schon zu Grunde gehen, wenn sie nur -wenige Tage im Wasser liegen, zeigten sich zu meinem grossen Erstaunen -noch keimfähig, als ich sie aus dem Kropfe einer Taube nahm, welche -schon 30 Tage lang auf künstlich bereitetem Salzwasser geschwommen. - -Lebende Vögel haben unfehlbar einen grossen Antheil am Transport -lebender Saamen. Ich könnte viele Fälle anführen um zu beweisen, -wie oft Vögel von mancherlei Art durch Stürme weit über den Ozean -verschlagen werden. Wir dürfen wohl als gewiss annehmen, dass unter -solchen Umständen ihre Schnelligkeit oft 35 Engl. Meilen in der -Stunde betragen mag, und manche Schriftsteller haben sie viel höher -angeschlagen. Ich habe nie eine nahrhafte Saamen-Art durch die -Eingeweide eines Vogels passiren sehen, wogegen harte Saamen und -Früchte unangegriffen selbst durch die Gedärme des Wälschhuhns gehen. -Im Laufe von zwei Monaten sammelte ich in meinem Garten aus den -Exkrementen kleiner Vögel zwölf Arten Saamen, welche alle noch gut zu -seyn schienen, und einige von ihnen, die ich probirte, haben wirklich -gekeimt. Wichtiger ist jedoch folgende Thatsache. Der Kropf der Vögel -sondert keinen Magensaft aus und benachtheiligt nach meinen Versuchen -die Keimkraft der Saamen nicht im mindesten. Nun sagt man, dass, wenn -ein Vogel eine grosse Menge Saamen gefunden und gefressen hat, die -Körner nicht vor 12-18 Stunden in den Magen gelangen. In dieser Zeit -aber kann ein Vogel leicht 500 Meilen weit fortgetrieben werden; und -wenn Falken, wie sie gerne thun, auf den ermüdeten Vogel Jagd machen, -so kann dann der Inhalt seines Kropfes bald umhergestreut seyn. Nun -verschlingen einige Falken und Eulen ihre Beute ganz und brechen nach -12-20 Stunden Ballen unverdauter Federn wieder aus, die, wie ich aus -Versuchen in den Zoological Gardens weiss, oft noch keimfähige Saamen -enthalten. Einige Saamen von Hafer, Weitzen, Hirse, Kanariengras, -Hanf, Klee und Mangold keimten noch, nachdem sie 12-20 Stunden in den -Magen verschiedener Raubvögel verweilt hatten, und zwei Mangold-Saamen -wuchsen sogar, nachdem sie zwei Tage und vierzehn Stunden dort gewesen -waren. Süsswasser-Fische verschlingen Saamen verschiedener Land- und -Wasser-Pflanzen; Fische werden oft von Vögeln verzehrt, und so können -jene Saamen von Ort zu Ort ausgestreut werden. Ich brachte mancherlei -Saamen-Arten in den Magen todter Fische und gab diese sodann Pelikanen, -Störchen und Fischadlern zu fressen; diese Vögel gaben einige Stunden -später die Saamen in ihren Exkrementen wieder von sich oder brachen sie -in Gewöll-Ballen aus. Mehre dieser Saamen besassen alsdann noch ihre -Keim-Kraft; andre dagegen verloren sie jederzeit durch diesen Prozess. - -Obwohl Schnäbel und Füsse der Vögel gewöhnlich ganz rein sind, so -hängen doch oft auch Erd-Theile daran. In einem Falle trennte ich -61 und in einem andern 22 Gran thoniger Erde von dem Fusse eines -Feldhuhns, und in dieser Erde befand sich ein Steinchen so gross wie -ein Wicken-Saamen. Daher mögen auf dieselbe Art auch Saamen zuweilen -auf grosse Entfernungen fortgeführt werden, indem sich nachweisen -lässt, dass der Ackerboden überall voll von Säämereien steckt. Erwägt -man, wie viele Millionen Wachteln jährlich das Mittelmeer überfliegen, -so wird man die Möglichkeit nicht bezweifeln, dass wohl auch einmal ein -paar kleine Saamen an ihren Füssen mit herüber oder hinüber gelangen. -Doch werde ich auf diesen Gegenstand noch zurückkommen. - -Bekanntlich sind Eisberge oft mit Steinen und Erde beladen; auch -Buschholz, Knochen und selbst einmal ein Vogel-Nest hat man darauf -gefunden; daher wohl nicht zu zweifeln ist, dass sie mitunter auch, -wie ~Lyell~ bereits angenommen, Saamen von einem zum andern -Theile der arktischen oder antarktischen Zone, und in der Glacial-Zeit -sogar von einem Theile der jetzigen gemässigten Zonen zum andern -geführt haben. Da auf den Azoren eine im Verhältniss zu den übrigen -zum Theile dem Festlande näher gelegenen Inseln des Atlantischen -Meeres grosse Anzahl _Europäischer_ Pflanzen und (wie Hr. ~H. -C. Watson~ bemerkt) insbesondere solcher Arten vorkommt, die -einen etwas nördlicheren Charakter haben, als der Lage entspricht, -so vermuthete ich, dass ein Theil derselben mit Eisbergen in der -Glacial-Zeit dahin gelangt seye. Auf meine Bitte fragte Sir ~Ch. -Lyell~ Hrn. ~Hartung~, ob er erratische Blöcke auf diesen -Inseln gefunden habe, und erhielt zur Antwort, dass grosse Blöcke von -Granit u. a. nicht auf den Inseln anstehenden Gesteinen dort vorkommen. -Wir dürfen daher getrost folgern, dass Eisberge vordem ihre Bürden an -der Küste dieser mittel-ozeanischen Inseln abgesetzt haben, und so ist -es wenigstens möglich, dass auch einige Saamen nordischer Pflanzen mit -dahin gelangt sind. - -In Berücksichtigung, dass manche der oben erwähnten und andre wohl -später zu entdeckende Transport-Mittel ganze Jahrhunderte und -Jahrtausende alljährlich in Thätigkeit gewesen, würde es nach meiner -Ansicht eine wunderbare Thatsache seyn, wenn nicht auf diesen Wegen -viele Pflanzen mitunter in weite Fernen versetzt worden wären. Diese -Transport-Mittel werden zuweilen zufällige genannt, was nicht ganz -richtig ist, indem weder die See-Strömungen noch die vorwaltende -Richtung der Stürme zufällig sind. Indessen ist von diesen Mitteln wohl -keines im Stande, keimfähige Saamen in sehr grosse Fernen zu versetzen, -indem die Saamen weder ihre Keimfähigkeit im Seewasser lange behalten, -noch in Kropf und Eingeweiden der Vögel weit transportirt werden -können. Wohl aber genügen sie, um dieselben gelegenheitlich über einige -Hundert Meilen breite See-Striche hinwegzuführen und so von Kontinent -zu Insel, oder von Insel zu Insel, aber nicht von einem Kontinente zum -andern zu fördern. Die Floren entfernter Kontinente werden auf diese -Weise mithin nicht in hohem Grade gemengt werden, sondern so weit -getrennt bleiben, als wir sie jetzt finden. Die Ströme würden ihrer -Richtung nach niemals Saamen von _Nord-Amerika_ nach _Britannien_ -bringen können, wie sie deren von _Westindien_ aus an unsre Küsten -spülen, wo sie aber, selbst wenn sie auf diesem langen Wege noch ihre -Lebenskraft bewahrt haben, nicht das Klima zu ertragen vermögen. Fast -jedes Jahr werden 1-2 Land-Vögel durch Stürme von _Nord-Amerika_ über -den ganzen _Atlantischen Ozean_ bis an die _Irischen_ und _Englischen_ -Küsten getrieben; Saamen aber könnten diese Wanderer nur auf eine Weise -mit sich bringen, nämlich in dem zufällig an ihren Füssen hängenden -Schmutz, was doch immer an sich schon ein seltener Zufall ist. Und wie -gering wäre selbst in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit, dass ein -solcher Saame in einen günstigen Boden gelange, keime und zur Reife -komme. Doch wäre es ein grosser Irrthum zu folgern, dass, weil eine -schon wohl-bevölkerte Insel, wie _Grossbritannien_ ist, in den paar -letzten Jahrhunderten (was übrigens doch schwer zu beweisen steht) -durch gelegenheitliche Transport-Mittel keine Einwanderer aus _Europa_ -oder einem andern Kontinente aufgenommen, auch sparsam bevölkerte -Inseln selbst in noch grössren Entfernungen vom Festlande keine -Kolonisten auf solchen Wegen erhalten könnten. Ich zweifle nicht, dass -aus 20 zu einer Insel verschlagenen Saamen- oder Thier-Arten, auch wenn -sie viel weniger bevölkert wäre als _Britannien_, kaum mehr als eine so -für diese neue Heimath geeignet seyn würde, um nun dort naturalisirt -zu werden. Doch ist Diess, wie mir scheint, kein bedeutender Einwand -hinsichtlich dessen, was durch solche gelegenheitliche Transport-Mittel -im langen Verlaufe der geologischen Zeiten geschehen konnte, während -der Hebung und Bildung einer Insel und bevor sie mit Ansiedlern -vollständig besetzt war. Auf einem fast noch öden Lande, wo noch keine -oder nur wenige Insekten und Vögel jedem neu ankommenden Saamen-Korne -nachstellen, wird dasselbe leicht zum Keimen und Fortleben gelangen, -wenn es anders für dieses Klima passt. - -+Zerstreuung während der Eis-Zeit.+) Die Übereinstimmung so vieler -Pflanzen- und Thier-Arten auf Berges-Höhen, welche Hunderte von Meilen -weit durch Tiefländer von einander getrennt sind, wo die Alpen-Bewohner -nicht fortkommen können, ist eines der schlagendsten Beispiele des -Vorkommens gleicher Arten auf von einander entlegenen Punkten, ohne -anscheinende Möglichkeit einer Wanderung von einem derselben zum -andern. Es ist in der That merkwürdig, so viele Pflanzen-Arten in -den Schnee-Gegenden der _Alpen_ oder _Pyrenäen_ und wieder -in den nördlichsten Theilen _Europa’s_ zu sehen; aber noch -merkwürdiger ist es, dass die Pflanzen-Arten der _Weissen Berge_ -in den _Vereinten Staaten Amerika’s_ alle die nämlichen wie in -_Labrador_ und ferner nach ~Asa Gray’s~ Versicherung die -nämlichen wie auf den höchsten Bergen _Europa’s_ sind. Schon -vor langer Zeit, im Jahre 1747, veranlassten ähnliche Thatsachen -~Gmelin~ zu schliessen, dass einerlei Spezies an verschiedenen -Orten unabhängig von einander geschaffen worden seyn müssen, und -wir würden dieser Meinung vielleicht noch zugethan geblieben seyn, -hätten nicht ~Agassiz~ u. A. unsre Aufmerksamkeit auf die -Eis-Zeit gelenkt, die, wie wir sofort sehen werden, diese Thatsachen -sehr einfach erklärt. Wir haben Beweise fast jeder möglichen Art, -organische und unorganische, dass in einer sehr jungen geologischen -Periode _Zentral-Europa_ und _Nord-Amerika_ unter einem -arktischen Klima litten. Die Ruinen eines abgebrannten Hauses erzählen -ihre Geschichte nicht so verständlich, wie die _Schottischen_ und -_Wales’schen_ Gebirge mit ihren geschrammten Seiten, polirten -Flächen, schwebenden Blöcken von den Eis-Strömen berichten, womit ihre -Thäler noch in später Zeit ausgefüllt gewesen. So sehr war das Klima -in _Europa_ verschieden, dass in _Nord-Italien_ riesige -Moränen von einstigen Gletschern herrührend jetzt mit Mays und Wein -bepflanzt sind. Durch einen grossen Theil der _Vereinten Staaten_ -bezeugen erratische Blöcke und von treibenden Eisbergen und Küsten-Eis -geschrammte Felsen mit Bestimmtheit eine frühere Periode grosser Kälte. - -Der frühere Einfluss des Eis-Klima’s auf die Vertheilung der -Bewohner _Europa’s_, wie ihn ~Edw. Forbes~ so klar dargestellt, -ist im Wesentlichen folgender. Doch wir werden die Veränderungen -rascher verfolgen können, wenn wir annehmen, eine neue Eis-Zeit -rücke langsam an und verlaufe dann und verschwinde so, wie es früher -geschehen ist. In dem Grade wie bei zunehmender Kälte jede weiter -südlich gelegene Zone der Reihe nach für arktische Wesen geeigneter -wird und ihren bisherigen Bewohnern nicht mehr zusagen kann, werden -arktische Ansiedler die Stelle der bisherigen einnehmen. Zur gleichen -Zeit werden auch ihrerseits diese Bewohner der gemässigten Gegenden -südwärts wandern, wenn ihnen der Weg nicht versperrt ist, in welchem -Falle sie zu Grunde gehen müssten. Die Berge werden sich mit Schnee -und Eis bedecken, und die früheren Alpen-Bewohner werden in die Ebene -herabsteigen. Erreicht mit der Zeit die Kälte ihr Maximum, so bedeckt -eine einförmige arktische Flora und Fauna den mitteln Theil _Europa’s_ -bis im Süden der _Alpen_ und _Pyrenäen_ und bis nach _Spanien_ hinein. -Auch die gegenwärtig gemässigten Gegenden der _Vereinten Staaten_ -bevölkern sich mit arktischen Pflanzen und Thieren und zwar nahezu -mit den nämlichen Arten wie _Europa_; denn die jetzigen Bewohner der -Polar-Länder, von welchen so eben angenommen worden, dass sie überall -nach Süden gewandert, sind rund um den Pol merkwürdig einförmig. Nimmt -man an, dass die Eis-Zeit in _Nord-Amerika_ etwas früher oder später -als in _Europa_ angefangen, so wird auch die Auswanderung nach Süden -etwas früher oder später beginnen, was jedoch im End-Ergebnisse keinen -Unterschied macht. - -Wenn nun die Wärme zurückkehrt, so ziehen sich die arktischen Formen -wieder nach Norden zurück und die Bewohner der gemässigteren Gegenden -rücken ihnen unmittelbar nach. Wenn der Schnee am Fusse der Gebirge -schmilzt, werden die arktischen Formen von dem entblössten und -aufgethauten Boden Besitz nehmen; sie werden immer höher und höher -hinansteigen, wie die Wärme zunimmt und ihre Brüder in der Ebene den -Rückzug nach Norden hin fortsetzen. Ist daher die Wärme vollständig -wieder hergestellt, so werden die nämlichen arktischen Arten, welche -bisher in Masse beisammen in den Tiefländern der _alten_ und der -_neuen_ Welt gelebt, nur noch auf abgesonderten Berg-Höhen und in -der arktischen Zone beider Hemisphären übrig seyn. - -Auf diese Weise begreift sich die Übereinstimmung so vieler -Pflanzen-Arten an so unermesslich weit von einander entlegenen -Stellen, als die Gebirge der _Vereinten Staaten_ und _Europa’s_ -sind. So begreift sich ferner die Thatsache, dass die Alpen-Pflanzen -jeder Gebirgs-Kette mit den gerade oder fast gerade nördlich von -ihnen lebenden Arten in nächster Beziehung stehen; die Wanderung -bei Eintritt der Kälte und die Rückwanderung bei Wiederkehr der -Wärme wird im Allgemeinen eine gerade südliche und nördliche gewesen -seyn. Denn die Alpen-Pflanzen _Schottland’s_ z. B. sind nach ~H. C. -Watson’s~ Bemerkung und die der _Pyrenäen_ nach ~Ramond~ spezieller -mit denen _Skandinaviens_ verwandt, wie die der _Vereinten Staaten_ -und die _Sibirischen_ mehr mit den im Norden dieser Länder lebenden -Arten übereinstimmen. Diese Ansicht, gegründet auf den zuverlässig -bestätigten Verlauf einer früheren Eis-Zeit, scheint mir in so -genügender Weise die gegenwärtige Vertheilung der alpinen und -arktischen Arten in _Europa_ und _Nord-Amerika_ zu erklären, dass, -wenn wir in noch andern Regionen gleiche Spezies auf entfernten -Gebirgs-Höhen zerstreut finden, wir auch ohne einen weiteren Beweis -schliessen dürfen, dass ein kälteres Klima ihnen vordem durch -zwischen-gelegene Tiefländer zu wandern gestattet habe, welche seitdem -zu warm für dieselben geworden sind. - -Wenn das Klima seit der Eis-Zeit je einigermaassen wärmer als jetzt -gewesen wäre (wie einige Geologen aus der Verbreitung der fossilen -Gnathodon-Muscheln in den _Vereinten Staaten_ geschlossen), dann -würden die Bewohner der gemässigten und der kalten Zone noch in sehr -später Zeit etwas nach Norden vorgerückt seyn, um sich noch später -wieder in ihre jetzige Heimath zurückzuziehen; doch habe ich keinen -genügenden Beweis für eine solche wärmere Periode, die nach der -Eis-Zeit eingeschaltet gewesen wäre. - -Die arktischen Formen werden während ihrer südlichen Wanderung und -Rückkehr nach Norden nahezu dem nämlichen Klima ausgesetzt gewesen -und, was gleichfalls zu bemerken, in Masse beisammen geblieben -seyn; daher sie denn auch in ihren gegenseitigen Beziehungen nicht -sonderlich gestört und mithin, nach den in diesem Bande vertheidigten -Prinzipien, nicht allzu-grosser Umänderung ausgesetzt worden wären. -Etwas anders würde es sich jedoch mit unsern Alpen-Bewohnern verhalten, -welche bei rückkehrender Wärme sich vom Fusse der Gebirge immer -höher an deren Seiten bis zu den Gipfeln hinan geflüchtet haben. -Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass alle dieselben arktischen -Arten auf weit getrennten Gebirgs-Ketten zurückgeblieben sind und -dort seither fortgelebt haben. Auch werden die zurückgebliebenen -aller Wahrscheinlichkeit nach sich mit alten Alpen-Pflanzen gemengt -haben, welche schon vor der Eis-Zeit die Gebirge bewohnten und für -die Dauer der kältesten Periode in die Ebene herabgetrieben wurden; -sie werden ferner einem etwas abweichenden klimatischen Einflusse -ausgesetzt gewesen seyn. Ihre gegenseitigen Beziehungen können -hiedurch etwas gestört und sie selbst mithin zur Abänderung geneigt -geworden seyn; und so ist es wirklich der Fall. Denn, wenn wir die -gegenwärtigen Alpen-Pflanzen und -Thiere der verschiedenen grossen -_Europäischen_ Gebirgs-Ketten verglichen, so finden wir zwar im -Ganzen viele identische Arten, von welchen aber manche als Varietäten -auftreten, andre als zweifelhafte Formen schwanken, und einige wenige -als verschiedene doch nahe verwandte oder stellvertretende Arten -erscheinen. - -Bei Erläuterung dessen, was nach meiner Meinung während der Eis-Periode -sich wirklich zugetragen, unterstellte ich, dass bei deren Beginn -die arktischen Organismen rund um den Pol so einförmig wie heutigen -Tages gewesen seyen. Aber die vorangehenden Bemerkungen beziehen sich -nicht allein auf die strengen arktischen Formen, sondern auch auf -viele subarktische und auf einige Formen der nördlich-gemässigten -Zone; denn manche von diesen Arten sind ebenfalls übereinstimmend -auf den niedrigeren Bergen und in den Ebenen _Nord-Amerika’s_ -und _Europa’s_, und man kann mit Grund fragen, wie ich denn -die Übereinstimmung der Formen, welche in der subarktischen und -der nördlich-gemässigten Zone rund um die Erde am Anfange der -Eis-Periode stattgefunden haben muss, erkläre? Heutzutage sind die -Formen der subarktischen und nördlich-gemässigten Gegenden der -_alten_ und der _neuen Welt_ von einander getrennt durch -den _atlantischen_ und den nördlichsten Theil des _stillen -Ozeans_. Als während der Eis-Zeit die Bewohner der _alten_ und -der _neuen Welt_ weiter südwärts als jetzt lebten, müssen sie auch -durch weitere Räume des Ozeans vollständiger von einander geschieden -gewesen seyn. Ich glaube, dass die oben erwähnte Schwierigkeit zu -umgehen ist, wenn man sich nach noch früheren Klima-Wechseln in einem -entgegengesetzten Sinne umsieht. Wir haben nämlich guten Grund zu -glauben, dass während der neuem Pliocän-Periode vor der Eis-Zeit, wo -schon die Mehrzahl der Erd-Bewohner mit den jetzigen von gleichen -Arten gewesen, das Klima wärmer war als jetzt. Wir dürfen daher -annehmen, dass Organismen, welche jetzt unter dem 60. Breite-Grad -leben, in der Pliocän-Periode weiter nördlich am Polar-Kreise unter -dem 66°-70° Br. wohnten, und dass die eigentlich arktischen Wesen auf -die unterbrochenen Land-Striche naher bei den Polen beschränkt waren. -Wenn wir nun einen Globus ansehen, so werden wir finden, dass unter -dem Polar-Kreise meist zusammen-hängendes Land von _West-Europa_ -an durch _Sibirien_ bis _Ost-Amerika_ vorhanden ist. Und -diesem Zusammenhange des Circumpolar-Landes und der ihm entsprechenden -freien Wanderung in einem schon günstigeren Klima schreibe ich den -nothwendigen Grad von Einförmigkeit in den Bewohnern der subarktischen -und nördlich-gemässigten Zone der _alten_ und _neuen Welt_ -vor der Eis-Zeit zu. (Dieser Ansicht sind drei vorzugsweise berufene -Beurtheiler, Prof. ~Asa Gray~, Dr. ~Hooker~ und Prof. ~Oliver~ -beigetreten.) - -Von dem Glauben ausgehend, dass, wie schon oben gesagt, unsre -Kontinente langezeit in fast nahezu der nämlichen Lage gegen einander -geblieben, wenn sie auch theilweise beträchtlichen Höhen-Schwankungen -unterworfen gewesen, habe ich grosse Neigung die erwähnte Ansicht -noch weiter auszudehnen und zu unterstellen, dass in einer noch -früheren und wärmeren Zeit, in der ältern Pliocän-Zeit nämlich, -eine grosse Anzahl der nämlichen Pflanzen- und Thier-Arten das -fast zusammenhängende Circumpolar-Land bewohnt habe, und dass -diese Pflanzen und Thiere sowohl in der _alten_ als in der -_neuen Welt_ langsam südwärts zu wandern anfingen, wie das -Klima kühler wurde, lange vor Anfang der Eis-Periode. Wir sehen nun -ihre Nachkommen, wie ich glaube, meistens in einem abgeänderten -Zustande die Zentral-Theile von _Europa_ und den _Vereinigten -Staaten_ bewohnen. Von dieser Annahme ausgehend begreift man dann -die Verwandtschaft, bei sehr geringer Gleichheit, der Arten von -_Nord-Amerika_ und _Europa_, eine Verwandtschaft, welche -bei der grossen Entfernung beider Gegenden und ihrer Trennung durch -das _Atlantische Meer_ äusserst merkwürdig ist. Man begreift -ferner die von einigen Beobachtern wahrgenommene sonderbare Thatsache, -dass die Natur-Erzeugnisse _Europa’s_ und _Nord-Amerika’s_ -während der letzten Abschnitte der Tertiär-Zeit näher mit einander -verwandt sind, als sie es in der vorangehenden Zeit waren; denn in -dieser wärmeren Zeit sind die nördlichen Theile der _alten_ und -der _neuen Welt_ durch Zwischenländer in zusammen-hängenderer -Weise mit einander verbunden gewesen, die aber seither durch Kälte zur -Auswanderung unbrauchbar gemacht worden sind. - -Sobald während der langsamen Temperatur-Abnahme in der Pliocän-Periode -die gemeinsam ausgewanderten Bewohner der _alten_ und _neuen -Welt_ südwärts vom Polar-Kreise angelangt waren, wurden sie -vollständig von einander abgeschnitten. Diese Trennung trug sich, was -die Bewohner der gemässigteren Gegenden betrifft, vor langen langen -Zeiten zu. Und als damals die Pflanzen- und Thier-Arten südwärts -wanderten, werden sie sich mit den Eingeborenen der niedrigeren -Breiten gemengt und in der einen Gegend _Amerikanische_ und in -der andern _Europäische_ Arten zu neuen Mitbewerbern bekommen -haben. Hier ist demnach Alles zu reichlicher Abänderung der Arten -angethan, weit mehr als es hinsichtlich der auf südlichen Alpen-Höhen -abgeschnitten zurückgelassenen Polar-Bewohner beider Welttheile der -Fall gewesen ist. Davon rührt es her, dass, wenn wir die jetzt lebenden -Erzeugnisse gemässigterer Gegenden der _alten_ und der _neuen -Welt_ mit einander vergleichen, wir nur sehr wenige identische Arten -finden (obwohl ~Asa Gray~ kürzlich gezeigt, dass deren Anzahl -grösser ist, als man bisher angenommen hatte); aber wir finden in -jeder grossen Klasse viele Formen, welche ein Theil der Naturforscher -als geographische Rassen und ein andrer als unterschiedene -Arten betrachten, zusammen mit einem Heere nahe verwandter oder -stellvertretender Formen, die bei allen Naturforschern für eigene Arten -gelten. - -Wie auf dem Lande, so kann auch in der See eine langsame südliche -Wanderung der Fauna, welche während oder etwas vor der Pliocän-Periode -längs der zusammen-hängenden Küsten des Polar-Kreises sehr einförmig -gewesen, nach der Abänderungs-Theorie zur Erklärung der vielen nahe -verwandten Formen dienen, welche jetzt in ganz gesonderten Gebieten -leben. Mit ihrer Hilfe lässt sich, wie ich glaube, das Daseyn -einer Menge noch lebender und tertiärer stellvertretender Arten an -den östlichen und westlichen Küsten des gemässigteren Theiles von -_Nord-Amerika_ erklären, so wie die bei weitem auffallendere -Erscheinung vieler nahe verwandter Kruster (in ~Dana’s~ -ausgezeichnetem Werke beschrieben), einiger Fische und andrer -Seethiere im _Japanischen_ und im _Mittelmeere_ zugleich, in -Gegenden mithin, welche jetzt durch einen grossen Kontinent und fast -eine ganze Hemisphäre von Äquatoral-Meeren von einander getrennt sind. - -Diese Fälle von Verwandtschaft, ohne Identität, zwischen den Bewohnern -jetzt getrennter Meere wie zwischen den früheren und jetzigen Bewohnern -der gemässigten Länder _Nord-Amerika’s_ und _Europa’s_ sind aus der -Schöpfungs-Theorie unerklärbar. Wir können nicht sagen, sie seyen -ähnlich geschaffen zur Anpassung an die ähnlichen Natur-Bedingungen der -beiderlei Gegenden; denn wenn wir z. B. gewisse Theile _Süd-Amerika’s_ -mit den südlichen Kontinenten der _alten Welt_ vergleichen, so finden -wir Striche in beiden, die sich hinsichtlich ihrer Natur-Beschaffenheit -einander genau entsprechen, aber in ihren Bewohnern sich ganz unähnlich -sind. - -Wir müssen jedoch zu unsrer unmittelbaren Aufgabe zurückkehren, -nämlich zur Eis-Zeit. Ich bin überzeugt, dass ~Edw. Forbes’~ -Theorie einer grossen Erweiterung fähig ist. In _Europa_ haben -wir die deutlichsten Beweise einer Kälte-Periode von den West-Küsten -_Britanniens_ ostwärts bis zur _Ural_-Kette und südwärts -bis zu den _Pyrenäen_. Aus den im Eise eingefrorenen Säugthieren -und der Beschaffenheit der Gebirgs-Vegetation zu schliessen, war -_Sibirien_ auf ähnliche Weise betroffen gewesen. Längs dem -_Himalaya_ haben Gletscher an 900 Engl. Meilen von einander -entlegenen Punkten Spuren ihrer ehemaligen weiten Erstreckung nach -der Tiefe hinterlassen; und in _Sikkim_ sah Dr. ~Hooker~ -Mays wachsen auf alten Riesen-Moränen. Im Süden des Äquators -haben wir einige unmittelbare Beweise früherer Eis-Thätigkeit in -_Neuseeland_, und das Wiedererscheinen derselben Pflanzen-Arten -auf weit von einander getrennten Bergen dieser Insel spricht für die -gleiche Geschichte. Nach den von dem unermüdlichen Geologen ~W. B. -Clarke~ mir gewordenen Mittheilungen scheinen deutliche Spuren von -einer früheren Gletscher-Thätigkeit auch in der süd-östlichen Spitze -_Neu-Hollands_ vorzukommen. - -Sehen wir uns in _Amerika_ um. In der nördlichen Hälfte sind von -Eis transportirte Fels-Trümmer beobachtet worden an der Ost-Seite -abwärts bis zum 36° und an der Küste des _stillen Meeres_, wo das -Klima jetzt so verschieden ist, bis zum 46° nördlicher Breite; auch -in den _Rocky Mountains_ sind erratische Blöcke gesehen worden. -In den _Cordilleren_ des äquatorialen _Süd-Amerika’s_ haben -sich Gletscher ehedem weit über ihre jetzige Grenze herabbewegt. -In _Central-Chili_ habe ich ein ungeheures Detritus-Haufwerk -untersucht, welches das _Portillo-Thal_ queer durchsetzt, und, -wie ich jetzt überzeugt bin, eine riesige Moräne tief unter jedem -noch jetzt dort vorkommenden Gletscher. ~D. Forbes~ hat mir -die folgende nun genauere Auskunft darüber mitgetheilt: dass er in -der _Cordillere_ vom 13° bis 30° SBr. in der ungefähren Höhe von -12000′ starkgefurchte Felsen gefunden ganz wie jene, die er in Norwegen -gesehen, sowie grosse Detritus-Massen mit gefurchten Geschieben; -längs dieser ganzen _Cordilleren_-Strecke gibt es selbst in viel -beträchtlicheren Höhen gar keine wirklichen Gletscher. -- Weiter -südwärts an beiden Seiten des Kontinents, von 41° Br. bis zur südlichen -Spitze finden wir die klarsten Beweise früherer Gletscher-Thätigkeit in -mächtigen von ihrer Geburtsstätte weit entführten Blöcken. - -Wir wissen nicht, ob die Eis-Zeit an allen diesen Punkten auf ganz -entgegengesetzten Seiten der Erde genau gleichzeitig gewesen seye; -doch fiel sie, in fast allen Fällen wohl erweislich, in die letzte -geologische Periode. Eben so haben wir vortreffliche Beweise, dass -sie überall, in Jahren ausgedrückt, von ungeheurer Dauer gewesen. Sie -kann an einer Stelle der Erde früher begonnen oder früher aufgehört -haben, als an der andern; da sie aber überall lange gewährt hat und -wenigstens in geologischem Sinne überall gleichzeitig war, so ist es -mir wahrscheinlich, dass jedenfalls ein Theil der Glazial-Ereignisse -an allen diesen Orten über die ganze Erde hin der Zeit nach genau -zusammenfiel. So lange wir nicht irgend einen bestimmten Beweis -für das Gegentheil haben, dürfen wir daher unterstellen, dass -die Glazial-Thätigkeit eine gleichzeitige gewesen ist an der -Ost- und West-Seite _Nord-Amerika’s_, in den äquatorialen -_Cordilleren_ der tropischen wie der wärmer-gemässigten Zone, -und zu beiden Seiten des südlichen Endes dieses Welttheiles. Ist -Diess anzunehmen erlaubt, so wird man auch annehmen müssen, dass -die Temperatur der ganzen Erde in dieser Periode gleichzeitig kühler -gewesen ist; doch wird es für meinen Zweck genügen, wenn die Temperatur -nur auf gewissen breiten von Norden nach Süden ziehenden Strecken der -Erde gleichzeitig niedriger war. - -Von dieser Voraussetzung ausgehend, dass die Erde oder wenigstens -breite Meridianal-Streifen derselben von einem Pol zum andern -gleichzeitig kälter geworden sind, lässt sich viel Licht über die -jetzige Vertheilung identischer und verwandter Arten verbreiten. Dr. -~Hooker~ hat gezeigt, dass in _Amerika_ 40-50 Blüthen-Pflanzen des -_Feuerlandes_, welche keinen unbeträchtlichen Theil der dortigen -kleinen Flora bilden, trotz der ungeheuren Entfernung beider Punkte, -mit _Europäischen_ Arten übereinstimmen; ausserdem gibt es viele -nahe verwandte Arten. Auf den hoch-ragenden Gebirgen des tropischen -_Amerika’s_ kommt eine Menge besondrer Arten aus _Europäischen_ -Sippen vor. Auf den höchsten Bergen _Brasiliens_ sind einige wenige -_Europäische_ Sippen von ~Gardener~ gefunden worden, welche in den -weit-gedehnten warmen Zwischenländern nicht fortkommen. An der -_Silla_ von _Caraccas_ fand ~Al. von Humboldt~ schon vor langer -Zeit Sippen, welche für die _Cordilleren_ bezeichnend sind. Auf -den _Abyssinischen_ Gebirgen kommen verschiedene _Europäische_ -Formen und einige wenige stellvertretende Arten der eigenthümlichen -Flora des _Caps der guten Hoffnung_ vor. Am Cap sind einige wenige -_Europäische_ Arten, die man nicht für eingeführt hält, und auf den -Bergen verschiedene stellvertretende Formen _Europäischer_ Arten -gefunden worden, dergleichen man in den tropischen Ländern _Afrika’s_ -noch nicht entdeckt hat. Dr. ~Hooker~ hat unlängst gezeigt, dass mehre -der auf der Insel _Fernando Po_ im Golfe von _Guinea_ wachsenden -Pflanzen mit denen der _Abyssinischen_ Gebirge an der andren Seite -des _Afrikanischen_ Kontinents und mit solchen des gemässigten -_Europa’s_ nahe verwandt sind; Diess ist eine der überraschendsten -Thatsachen in der Pflanzen-Geographie. -- Am _Himalaya_ und auf den -vereinzelten Berg-Ketten der _Indischen_ Halbinsel, auf den Höhen von -_Ceylon_ und den vulkanischen Kegeln _Javas_ treten viele Pflanzen -auf, welche entweder der Art nach mit einander übereinstimmen, oder -sich wechselseitig vertreten und zugleich für _Europäische_ Formen -vikariiren, aber in den dazwischen gelegenen warmen Tiefländern nicht -gefunden werden. Ein Verzeichniss der auf den luftigen Berg-Spitzen -_Javas_ gesammelten Sippen liefert ein Bild wie von einer auf -_Europäischen_ Gebirgen gemachten Sammlung. Noch viel schlagender ist -die Thatsache, dass die _Süd-Australischen_ Formen offenbar durch -Pflanzen repräsentirt werden, welche auf den Berg-Höhen von Borneo -wachsen. Einige dieser _Australischen_ (_Neuholländischen_) Formen -erstrecken sich nach Dr. ~Hooker~ längs der Höhen der Halbinsel -_Malakka_ und sind dünne zerstreut einerseits über _Indien_ und -andrerseits nordwärts bis _Japan_. - -Auf den südlichen Gebirgen _Neuhollands_ hat Dr. ~F. Müller~ mehre -_Europäische_ Arten entdeckt; andre nicht von Menschen eingeführte -Spezies kommen in den Niederungen vor, und, wie mir Dr. ~Hooker~ sagt, -könnte noch eine lange Liste von _Europäischen_ Sippen aufgestellt -werden, die sich in _Neuholland_, aber nicht in den heissen -Zwischenländern finden. In der vortrefflichen Einleitung zur Flora -_Neuseelands_ liefert Dr. ~Hooker~ noch andre analoge und schlagende -Beispiele hinsichtlich der Pflanzen dieser grossen Insel. Wir sehen -daher, dass über der ganzen Erd-Oberfläche einestheils die auf den -höheren Bergen wachsenden Pflanzen, wie anderntheils die in den -gemässigten Tiefländern der nördlichen und der südlichen Hemisphäre -verbreiteten zuweilen von gleicher Art sind; noch öfter aber erscheinen -sie spezifisch verschieden, obwohl in merkwürdiger Weise mit einander -verwandt. - -Dieser kurze Umriss bezieht sich nur auf Pflanzen allein; aber genau -analoge Thatsachen lassen sich auch über die Vertheilung der Landthiere -anführen. Auch bei den Seethieren kommen ähnliche Fälle vor. Ich -will als Beleg die Bemerkung eines der besten Gewährsmänner, nämlich -des Professors ~Dana~ anführen, „dass es gewiss eine wunderbare -Thatsache ist, dass _Neuseeland_ hinsichtlich seiner Kruster eine -grössre Verwandtschaft mit seinem Antipoden _Grossbritannien_ als mit -irgend einem andern Theile der Welt zeigt“. Eben so spricht Sir ~J. -Richardson~ von dem Wiedererscheinen nordischer Fisch-Formen an den -Küsten von _Neuseeland_, _Tasmania_ u. s. w. Dr. ~Hooker~ sagt mir, -dass _Neuseeland_ 25 Algen-Arten mit _Europa_ gemein hat, die in den -tropischen Zwischenmeeren noch nicht gefunden worden sind. - -Es ist zu bemerken, dass die in den südlichen Theilen der südlichen -Halbkugel und auf den tropischen Hochgebirgen gefundenen nördlichen -Arten und Formen keine arktischen sind, sondern dem nördlichen -Theile der gemässigten Zone entsprechen. Hr. ~H. C. Watson~ hat -neulich bemerkt, „je weiter man von den polaren gegen die tropischen -Breiten voranschreitet, desto weniger arktisch werden die alpinen -oder gebirglichen Formen der Organismen.“ Viele der auf den Gebirgen -wärmerer Gegenden der Erde und in der südlichen Hemisphäre lebenden -Arten sind von so zweifelhaftem Werthe, dass sie von einigen -Naturforschern als wesentlich verschieden von _Europäischen_ Arten -und von andern als blosse Varietäten bezeichnet werden. Doch einige -darunter sind gewiss identisch und viele müssen, wenn auch mit -nordischen Formen nahe verwandt, als eigne Arten anerkannt werden. - -Wir wollen nun zusehen, welche Aufschlüsse die vorangehenden Thatsachen -über die durch eine Menge geologischer Beweise unterstützte Annahme -gewähren können, dass die ganze Erd-Oberfläche oder wenigstens ein -grosser Theil derselben während der Eis-Periode gleichzeitig viel -kälter als jetzt gewesen seye. Die Eis-Periode muss, in Jahren -ausgedrückt, sehr lang gewesen seyn; und wenn wir berücksichtigen, -über welch’ weite Flächen einige naturalisirte Pflanzen und Thiere in -wenigen Jahrhunderten sich ausgebreitet haben, so hat diese Periode -für jede noch so weite Wanderung ausreichen können. Da die Kälte -nur langsam zunahm, so werden alle tropischen Pflanzen und Thiere -sich von beiden Seiten her gegen den Äquator zurückgezogen haben, -gefolgt von den Bewohnern gemässigter Gegenden, welchen die der -Polar-Zonen nachrückten; doch haben wir es mit den letzten in diesem -Augenblicke nicht zu thun. Die Aufgabe ist eine äusserst verwickelte. -Selbst die wahrscheinlich vor der Eis-Periode vorhanden gewesene -pleistocäne Äquatorial-Flora, die einem noch mehr als tropischen -Klima entsprochen hätte, darf nicht ganz ausser Acht gelassen werden. -Diese alte Äquatorial-Flora würde während der Eis-Zeit, und die zwei -pleistocänen subtropischen Floren nun mit einander vermengt und an Zahl -zusammengeschmolzen, von der jetzigen Äquatorial-Flora verdrängt worden -sein. Eben so mussten während der Eis-Zeit sehr grosse Veränderungen -in den Feuchtigkeits- u. a. klimatischen Verhältnissen eingetreten -seyn, in deren Folge manche Thiere und Pflanzen in verschiedenen -Menge-Verhältnissen ausgewandert wären. Alle Lebens-Bedingungen -wären also während der Eis-Periode in den Tropen gleichzeitigem und -bedeutendem Wechsel unterlegen. Viele der tropischen Organismen -erloschen dabei ohne Zweifel; wie viele, kann niemand sagen. Vielleicht -waren vordem die Tropen-Gegenden eben so reich an Arten, wie jetzt das -_Kap der guten Hoffnung_ und einige gemässigte Theile _Neuhollands_. - -Da wir wissen, dass viele tropische Pflanzen und Thiere einen -ziemlichen Grad von Kälte aushalten können, so mögen manche derselben -der Zerstörung durch eine mässige Temperatur-Abnahme entgangen seyn, -zumal wenn sie in die tiefsten geschütztesten und wärmsten Bezirke -zu entkommen vermochten. Aber was man hauptsächlich nicht vergessen -darf, das ist, dass doch alle Tropen-Erzeugnisse mehr oder weniger -gelitten haben müssen. Am schwierigsten ist es zu sagen, auf welche -Weise sie gänzlicher Vertilgung entgangen sind; wobei die Möglichkeit -einiger Akklimatisation während des sehr langsamen Heranrückens -der Kälte-Periode nicht ganz übersehen werden darf. Anderseits -wurden auch die Bewohner gemässigter Gegenden, welche näher an den -Äquator heranziehen konnten, in einigermaassen neue Verhältnisse -versetzt, litten aber weniger. Auch ist es gewiss, dass viele -Pflanzen gemässigter Gegenden, wenn sie gegen Mitbewerbung geschützt -sind, ein viel wärmeres als ihr eigentliches Klima ertragen können. -Daher erscheint es mir möglich, dass, da die Tropen-Erzeugnisse -in leidendem Zustande waren und den Eindringlingen keinen ernsten -Widerstand zu leisten vermochten, eine gewisse Anzahl der kräftigsten -und herrschendsten Formen der gemässigten Zone in die Reihen der -Eingebornen eingedrungen sind und den Äquator erreicht und selbst noch -überschritten haben. Der Einfall wurde in der Regel durch Hochländer -und vielleicht ein trocknes Klima noch begünstigt; denn Dr. ~Falconer~ -sagt mir, dass es die mit der Hitze der Tropenländer verbundene -Feuchtigkeit ist, welche den perennirenden Gewächsen aus gemässigteren -Gegenden so verderblich wird. Dagegen werden die feuchtesten und -wärmsten Bezirke den Eingebornen der Tropen als Zufluchtsstätte -gedient haben. Die Gebirgs-Ketten im Nordwesten des _Himalaya_ und -die lange _Cordilleren_-Reihe scheinen zwei grosse Invasions-Linien -gebildet zu haben; und es ist eine schlagende Thatsache, dass nach -Dr. ~Hooker’s~ letzter Mittheilung die 46 Blüthen-Pflanzen, welche -_Feuerland_ mit _Europa_ gemein hat, alle auch in _Nord-Amerika_ -vorkommen, das auf ihrer Marsch-Route gelegen haben muss. Wollte man -daraus schliessen, dass das Land in manchen Tropen-Gegenden damals als -die aus gemässigten Gegenden kommenden Organismen es durchwanderten, -höher als jetzt gewesen seye, so fehlen uns wenigstens alle Beweise -dafür. Daher ich zu unterstellen genöthigt bin, dass auch einige -Bewohner der gemässigten Zonen sogar in die Tiefländer der Tropen und -namentlich _Ostindiens_ eingedrungen und diese überschritten, als zur -Zeit der grössten Kälte arktische Formen von ihrer Heimath aus 25 -Breiten-Grade südwärts wanderten und das Land am Fusse der _Pyrenäen_ -bedeckten. In dieser Zeit der grössten Kälte dürfte dann das Klima -unter dem Äquator im Niveau des Meeres-Spiegels ungefähr das nämliche -gewesen seyn, wie es jetzt dort in 5000′–6000′ Seehöhe herrscht. In -dieser Zeit der grössten Kälte waren meiner Meinung nach weite Räume -in den tropischen Tiefländern mit einer Vegetation bedeckt aus Formen -tropischer und gemässigter Gegenden zusammengesetzt und derjenigen -vergleichbar, welche sich nach ~Hooker’s~ lebendiger Beschreibung jetzt -in wunderbarer Üppigkeit am Fusse des _Himalaya_ in 4000′–5000′ Seehöhe -entfaltet. - -Als ~Mann~ auf der Insel _Fernando-Po_ botanisirte, sah er von -5000′ Höhe an einzelne Pflanzen-Formen aus dem gemässigten _Europa_ -auftreten, und Dr. ~Seemann~ fand in den Bergen von _Panama_ bei -2000′ eine Vegetation wie in _Mexico_ mit Formen der heissesten Zone -und solche der gemässigten einträchtig durchmengt; woraus sich mithin -die Möglichkeit ergibt, dass unter gewissen klimatischen Bedingungen -wirkliche Tropen-Gewächse eine unbegrenzte Zeit lang mit Formen -gemässigter Klimate zusammen leben können. - -Ich hatte eine Zeit lang gehofft den Beweis zu finden, dass -irgendwo auf der Erde die Tropen-Gegenden von den Frost-Wirkungen -der Eis-Periode verschont geblieben seyen und den leidenden -Tropen-Bewohnern einen sicheren Zufluchtsort dargeboten hätten. Wir -können diesen Zufluchtsort nicht auf der _Ostindischen_ Halbinsel oder -auf _Ceylon_ suchen, da Formen gemässigter Klimate fast alle ihre -einzeln gelegenen Berg-Höhen erreicht haben; wir vermögen sie nicht -im _Malayischen_ Archipel zu finden, denn auf den Vulkanen-Kegeln -_Javas_ sehen wir _Europäische_ Formen und auf den Höhen von _Borneo_ -Erzeugnisse des gemässigten Theiles von _Neuholland_ auftreten. -In _Afrika_ haben nicht nur einige gemässigt-_Europäische_ Formen -_Abyssinien_ auf der West-Seite bis zu dessen südlichem Ende -durchwandert, sondern auch Formen gemässigter Klimate von dort aus -den Kontinent bis _Fernando-Po_ an der West-Seite durchschritten mit -Hilfe vielleicht von Gebirgsketten, welche nach einigen Anzeichen -das Festland von Osten nach Westen durchstreichen. Wenn man aber -auch annähme, dass irgend eine ausgedehnte Tropen-Gegend während -der Eis-Zeit ihre volle Wärme bewahrt hätte, so würde uns diese -Unterstellung nicht viel helfen, weil die darin erhalten gebliebenen -tropischen Formen in einer so kurzen Zeitfrist nicht wohl von einer -dieser grossen Tropen-Gegenden gewandert seyn könnten. Auch haben -die tropischen Formen der ganzen Erd-Oberfläche gegen einander -gehalten keinesweges ein so einförmiges Aussehen, als ob sie von einem -gemeinsamen Sicherheits-Hafen ausgelaufen wären. - -Die östlichen Ebenen im tropischen _Süd-Amerika_ haben offenbar am -wenigsten von der Eis-Periode gelitten; und doch sind auch hier -einige wenige Formen gemässigter Gegenden in den _Brasilischen_ -Bergen gefunden worden, welche den Kontinent von den _Cordilleren_ -aus gekreuzt haben müssen; und eben so scheint während derselben -Zeit eine Wanderung von den _Cordilleren_ bis gegen _Caraccas_ -stattgefunden zu haben. Nun aber hat ~Bates~, welcher mit grossem -Eifer die Insekten-Fauna des _Guiana-Amazonas_-Gebietes studirt, -kürzlich mit grosser Lebhaftigkeit gegen jede Annahme einer in -neuerer Zeit stattgefundenen Abkühlung dieses grossen Gebietes -geeifert, indem er zeigte, dass es reich ist an ganz eigenthümlichen -einheimischen Schmetterlings-Formen, welche offenbar der Unterstellung -eines neuerlich stattgefundenen Erlöschens in der Nähe des Äquators -widersprechen. Ich will mich jedoch nicht vermessen zu sagen, in wie -ferne diese Erscheinung etwa durch die Annahme einer fast gänzlichen -Austilgung einer pleistocänen Fauna in der Eis-Zeit und der Bildung -der jetzigen Äquatorial-Fauna durch die Vereinigung der zwei vorigen -subtropischen Faunen erklärbar seyn möge. - -So sind, glaube ich, während der Eis-Periode beträchtlich viele -Pflanzen, einige Landthiere und verschiedene Meeres-Bewohner von beiden -gemässigten Zonen aus in die Tropen-Gegenden eingedrungen und haben -manche sogar den Äquator überschritten. Als die Wärme zurückkehrte, -stiegen die den gemässigten Klimaten entstammten Formen natürlich an -den Bergen hinan und verschwanden aus den Tiefebenen; diejenigen, -welche den Äquator nicht erreicht hatten, kehrten nord- und süd-wärts -in ihre frühere Heimath zurück; jene hauptsächlich nordischen Formen -aber, welche den Äquator schon überschritten, wanderten weiter in -die gemässigten Breiten der entgegengesetzten Hemisphäre. Obwohl -sich aus geologischen Forschungen ergibt, dass die ganze Masse der -arktischen Konchylien auf ihrer langen Wanderung nach Süden und ihrer -Rückwanderung nach Norden kaum irgend eine wesentliche Modification -erfahren habe, so ist das Verhältniss doch ein ganz andres hinsichtlich -der eingedrungenen Formen, welche sich auf den tropischen Gebirgen -und in der südlichen Hemisphäre festsetzten. Von Fremdlingen umgeben -geriethen sie mit vielen neuen Lebenformen in Mitbewerbung; und es ist -wahrscheinlich, dass Abänderungen in Struktur, organischer Thätigkeit -und Lebensweise davon die Folge waren und durch Natürliche Züchtung -fortgebildet wurden. So leben nun viele von diesen Wanderern, wenn auch -offenbar noch verwandt mit ihren Brüdern in der andern Hemisphäre, in -ihrer neuen Heimath als ausgezeichnete Varietäten oder eigene Spezies -fort. - -Es ist eine merkwürdige Thatsache, worauf ~Hooker~ hinsichtlich -_Amerikas_ und ~Alphons DeCandolle~ hinsichtlich _Australiens_ -bestehen, dass offenbar viel mehr identische und verwandte Pflanzen -von Norden nach Süden als in umgekehrter Richtung gewandert sind. -Wir sehen daher nur wenige südlichen Pflanzen-Formen auf den Bergen -von _Borneo_ und _Abyssinien_. Ich vermuthe, dass diese überwiegende -Wanderung von Norden nach Süden der grösseren Ausdehnung des Landes -im Norden und der zahlreichen Existenz der nordischen Formen in ihrer -Heimath zuzuschreiben ist, in deren Folge sie durch Natürliche Züchtung -und manchfaltigere Mitbewerbung bereits zu höherer Vollkommenheit und -Herrschafts-Fähigkeit als die südlicheren Formen gelangt waren. Und als -nun beide während der Eis-Periode sich durcheinander mengten, waren die -nördlichen Formen besser geeignet die südlichen zu überwinden, -- so -wie wir heutzutage noch die _Europäischen_ Einwanderer den Boden von -_La-Plata_ und seit 30-40 Jahren auch von _Neuholland_ bedecken sehen. -Die _Neil-gherrie_-Berge in _Ostindien_ bieten jedoch eine theilweise -Ausnahme dar, indem, wie mir Dr. ~Hooker~ sagt, _Australische_ Formen -sich dort rasch naturalisiren und durch Saamen verbreiten. Vor der -Eis-Zeit waren diese tropischen Gebirge ohne Zweifel mit einheimischen -Alpen-Pflanzen bevölkert. Auf vielen Inseln sind die eingeborenen -Erzeugnisse durch die naturalisirten bereits an Menge erreicht oder -überboten; und wenn jene ersten jetzt auch noch nicht verdrängt sind, -so hat ihre Anzahl doch schon sehr abgenommen, und Diess ist der erste -Schritt zum Untergang. Ein Gebirge ist eine Insel auf dem Lande, und -die tropischen Gebirge vor der Eis-Zeit müssen vollständig isolirt -gewesen seyn. Ich glaube, dass die Erzeugnisse dieser Inseln auf dem -Lande vor denen der grösseren nordischen Länder-Strecken ganz in -derselben Weise zurückgewichen sind, wie die Erzeugnisse der Inseln im -Meer zuletzt überall von den durch den Menschen daselbst naturalisirten -verdrängt wurden. - -Ich bin weit entfernt zu glauben, dass durch die hier aufgestellte -Ansicht über die Ausbreitung und die Beziehungen der verwandten Arten, -welche in der nördlichen und der südlichen gemässigten Zone und auf -den Gebirgen der Tropen-Gegenden wohnen, bereits alle Schwierigkeiten -ausgeglichen sind. Es ist sehr schwer zu begreifen, wie eine so grosse -Anzahl eigenthümlicher auf die Tropen beschränkter Formen den kältesten -Theil der Eis-Zeit zu überdauern im Stande war. Die Anzahl der Formen -in _Neuholland_, welche mit Formen des gemässigten _Europas_ -verwandt aber dennoch so abweichend von ihnen sind, dass man unmöglich -an eine Abänderung derselben erst seit der Glazial-Zeit glauben kann, -zeigt vielleicht eine noch ältre Kälte-Periode an, welche mit den -Spekulationen einiger neueren Geologen in Beziehung steht. -- Die -genauen Richtungen und die Mittel der Wanderungen oder die Ursachen, -warum die einen und nicht die andern Arten gewandert sind, oder warum -gewisse Spezies Abänderung erfahren haben und zur Bildung neuer -Formen-Gruppen verwendet worden, während andre unverändert geblieben -sind, lassen sich nicht nachweisen. Wir können nicht hoffen, solche -Verhältnisse zu erklären, so lange wir nicht zu sagen vermögen, warum -eine Art und nicht die andre durch menschliche Thätigkeit in fremden -Landen naturalisirt werden kann, oder warum die eine zwei oder drei mal -so weit verbreitet, zwei oder drei mal so gemein als die andre Art in -der gemeinsamen Heimath ist. - -Ich habe gesagt, dass viele Schwierigkeiten noch zu überwinden bleiben. -Einige der merkwürdigsten hat Dr. ~Hooker~ in seinen botanischen -Werken über die antarktischen Regionen mit bewundernswerther Klarheit -auseinandergesetzt. Diese können hier nicht erörtert werden. Nur -Das will ich bemerken, dass, wenn es sich um das Vorkommen einer -Spezies an so ungeheuer von einander entfernten Punkten handelt, wie -_Kerguelen-Land_, _Neuseeland_ und _Feuerland_ sind, nach meiner -Meinung (wie auch ~Lyell~ annimmt) Eisberge gegen das Ende der Eis-Zeit -hin sich reichlich an deren Verbreitung betheiligt haben dürften. Aber -das Vorkommen einiger verschiedenen Arten aus ganz südlichen Sippen an -diesem oder jenem entlegenen Punkte der südlichen Halbinsel ist nach -meiner Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung ein weit merkwürdigeres -schwieriges Beispiel. Denn einige dieser Arten sind so abweichend, -dass sich nicht annehmen lässt, die Zeit von Anbeginn der Eis-Periode -bis jetzt könne zu ihrer Wanderung und nachherigen Abänderung -bis zur erforderlichen Stufe hingereicht haben. Diese Thatsachen -scheinen mir anzuzeigen, dass sehr verschiedene eigenthümliche Arten -in strahlenförmiger Richtung von irgend einem gemeinsamen Zentrum -ausgegangen; und ich bin geneigt, mich auch in der südlichen so wie -in der nördlichen Halbkugel um eine wärmere Periode vor der Eis-Zeit -umzusehen, wo die jetzt mit Eis bedeckten antarktischen Länder -eine ganz eigenthümliche und abgesonderte Flora besessen haben. -Ich vermuthe, dass schon vor der Vertilgung dieser Flora durch die -Eis-Periode sich einige wenige Formen derselben durch gelegentliche -Transport-Mittel bis zu verschiedenen weit entlegenen Punkten der -südlichen Halbkugel verbreitet hatten. Dabei mögen ihnen einige -entweder noch vorhandene oder bereits versunkene Inseln als Ruheplätze -gedient haben. Und so, glaube ich, haben die südlichen Küsten von -_Amerika_, _Neuholland_ und _Neuseeland_ eine ähnliche Färbung durch -gleiche eigenthümliche Formen des Pflanzen-Lebens erhalten. - -Sir ~Ch. Lyell~ hat sich in einer der meinen fast ähnlichen -Weise in Vermuthungen ergangen über die Einflüsse grosser Schwankungen -des Klimas auf die geographische Verbreitung der Lebenformen. Ich -glaube also, dass die Erd-Oberfläche noch unlängst einen von diesen -grossen Kreisläufen erfahren hat, und dass durch diese Unterstellung -in Verbindung mit der Annahme der Abänderung durch Natürliche -Züchtung eine Menge von Thatsachen in der gegenwärtigen Vertheilung -von identischen sowohl als verwandten Lebenformen sich erklären -lässt. Man könnte sagen, die Ströme des Lebens seyen eine kurze -Zeit von Norden und von Süden her geflossen und hätten den Äquator -gekreuzt; aber die von Norden her seyen so viel stärker gewesen, dass -sie den Süden überschwemmt hätten. Wie die Gezeiten ihren Beitrieb -in wagrechten Linien abgesetzt am Strande zurücklassen, jedoch an -verschiedenen Küsten zu verschiedenen Höhen ansteigen, so haben auch -verschiedene Lebens-Ströme ihr lebendiges Drift auf unsern Berg-Höhen -hinterlassen in einer von den arktischen Tiefländern bis zu grossen -Äquatorial-Höhen langsam ansteigenden Linie. Die verschiedenen auf dem -Strande zurückgelassenen Lebenwesen kann man mit wilden Menschen-Rassen -vergleichen, die fast allerwärts zurückgedrängt sich noch in Bergfesten -erhalten als interessante Überreste der ehemaligen Bevölkerungen -umgebender Flachländer. - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Geographische Verbreitung. - -(Fortsetzung.) - - Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. -- Die Bewohner der ozeanischen - Inseln. -- Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugethieren. -- - Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten - Festländer. -- Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und - nachherige Abänderung. -- Zusammenfassung der Folgerungen aus dem - letzten und dem gegenwärtigen Kapitel. - - -Da See’n und Fluss-Systeme durch Schranken von Trockenland von einander -getrennt werden, so möchte man glauben, dass Süsswasser-Bewohner nicht -im Stande seyen sich aus einer Gegend in weite Ferne zu verbreiten. Und -doch verhält sich die Sache gerade entgegengesetzt. Nicht allein haben -viele Süsswasser-Bewohner aus ganz verschiedenen Klassen selbst eine -ungeheure Verbreitung, sondern einander nahe verwandte Formen herrschen -auch in auffallender Weise über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ich -besinne mich noch wohl der Überraschung, die ich fühlte, als ich zum -ersten Male in _Brasilien_ Süsswasser-Erzeugnisse sammelte und die -Süsswasser-Schaaler und -Kerbthiere mitten in einer ganz verschiedenen -Bevölkerung des Trockenlandes den _Britischen_ so ähnlich fand. - -Doch kann dieses Vermögen weiter Verbreitung bei den -Süsswasser-Bewohnern, wie unerwartet es auch seyn mag, in den meisten -Fällen, wie ich glaube, daraus erklärt werden, dass sie in einer für -sie sehr nützlichen Weise von Sumpf zu Sumpf und von Strom zu Strom zu -wandern fähig sind; woraus sich denn die Neigung zu weiter Verbreitung -als eine nothwendige Folge ergeben dürfte. Doch können wir hier nur -wenige Fälle in Betracht ziehen. Was die Fische betrifft, so glaube -ich, dass eine und dieselbe Spezies niemals in den Süsswassern weit von -einander entfernter Kontinente vorkommt, wohl aber verbreitet sie sich -in einem nämlichen Festlande oft weit und in anscheinend launischer -Weise, so dass zwei Fluss-Systeme einen Theil ihrer Fische miteinander -gemein haben, während andre Arten jedem derselben eigenthümlich sind. -Einige wenige Thatsachen scheinen ihre gelegenheitliche Versetzung aus -einem Fluss in den andern zu erläutern, wie deren in _Ostindien_ schon -öfters von Wirbelwinden bewirkte Entführung durch die Luft, wonach sie -als Fisch-Regen wieder zur Erde gelangten, und wie die Zählebigkeit -ihrer aus dem Wasser entnommenen Eier. Doch bin ich geneigt, die -Verbreitung der Süsswasser-Fische vorzugsweise geringen Höhenwechseln -des Landes während der gegenwärtigen Periode zuzuschreiben, wodurch -manche Flüsse veranlasst worden sind, sich in andrer Weise miteinander -zu verbinden. Auch lassen sich Beispiele anführen, dass Diess ohne -Veränderungen in den wechselseitigen Höhen durch Fluthen bewirkt -worden ist. Der Löss des _Rheines_ bietet uns Belege für ansehnliche -Veränderungen der Boden-Höhe in einer ganz neuen geologischen Zeit dar, -wo die Oberfläche schon mit ihren jetzigen Arten von Binnenmollusken -bevölkert war. Die grosse Verschiedenheit zwischen den Fischen auf den -entgegengesetzten Seiten von Gebirgs-Ketten, die schon seit früher -Zeit die Wasserscheide der Gegend gebildet und die Ineinandermündung -der beiderseitigen Fluss-Systeme gehindert haben müssen, scheint mir -zum nämlichen Schlusse zu führen. Was das Vorkommen verwandter Arten -von Süsswasser-Fischen an sehr entfernten Punkten der Erd-Oberfläche -betrifft, so gibt es zweifelsohne viele Fälle, welche zur Zeit nicht -erklärt werden können. Inzwischen stammen einige Süsswasser-Fische von -sehr alten Formen ab, welche mithin während grosser geographischer -Veränderungen Zeit und Mittel gefunden haben, sich durch weite -Wanderungen zu verbreiten. Zweitens können Salzwasser-Fische bei -sorgfältigem Verfahren langsam ans Leben im Süsswasser gewöhnt werden, -und nach ~Valenciennes~ gibt es kaum eine gänzlich aufs Süsswasser -beschränkte Fisch-Gruppe, so dass wir uns vorstellen können, ein -Meeres-Bewohner aus einer übrigens dem Süsswasser angehörigen Gruppe -wandre der See-Küste entlang und werde demzufolge abgeändert und -endlich in Süsswassern eines entlegenen Landes zu leben befähigt. - -Einige Arten von Süsswasser-Konchylien haben eine sehr weite -Verbreitung, und verwandte Arten, die nach meiner Theorie von -gemeinsamen Ältern abstammen und mithin aus einer einzigen Quelle -hervorgegangen sind, walten über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ihre -Verbreitung setzte mich anfangs in Verlegenheit, da ihre Eier nicht -zur Fortführung durch Vögel geeignet sind und wie die Thiere selbst -durch Seewasser getödtet werden. Ich konnte daher nicht begreifen, wie -es komme, dass einige naturalisirte Arten sich rasch durch eine ganze -Gegend verbreitet haben. Doch haben zwei von mir beobachtete Thatsachen --- und viele andre bleiben zweifelsohne noch fernerer Beobachtung -anheim gegeben -- einiges Licht über diesen Gegenstand verbreitet. Wenn -eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten Teiche -erhebt, so bleiben oft, wie ich zweimal gesehen habe, welche von diesen -kleinen Pflanzen auf ihrem Rücken hängen, und es ist mir geschehen, -dass, wenn ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andre -versetzte, ich ganz absichtlos das letzte mit Süsswasser-Mollusken -des ersten bevölkerte. Doch ist ein andrer Umstand vielleicht noch -wirksamer. In Betracht, dass Wasser-Vögel mitunter in Sümpfen -schlafen, hängte ich einen Enten-Fuss in einem Aquarium auf, wo viele -Eier von Süsswasser-Schnecken auszukriechen im Begriffe waren, und -fand, dass bald eine grosse Menge der äusserst kleinen ausgeschlüpften -Schnecken an dem Fuss umherkrochen und sich so fest anklebten, dass -sie von dem herausgenommenen Fusse nicht abgeschabt werden konnten, -obwohl sie in einem etwas mehr vorgeschrittenen Alter freiwillig davon -abliessen. Diese frisch ausgeschlüpften Weichthiere, obschon zum -Wohnen im Wasser bestimmt, lebten an dem Enten-Fusse in feuchter Luft -wohl 12-20 Stunden lang, und während dieser Zeit kann eine Ente oder -ein Reiher wenigstens 600-700 _Englische_ (140 _Deutsche_) -Meilen weit fliegen und sich dann wieder in einem Sumpfe oder Bache -niederlassen, vielleicht auf einer ozeanischen Insel, wenn ein Sturm -denselben erfasst und über’s Meer hin verschlagen hatte. Auch hat mich -Sir ~Ch. Lyell~ benachrichtigt, dass man einen Wasserkäfer -(Dyticus) mit einer ihm fest ansitzenden Süsswasser-Napfschnecke -(Ancylus) gefangen hat; und ein andrer Wasserkäfer aus der Sippe -Colymbetes kam einst an Bord des Beagle geflogen, als dieser 45 -Englische Meilen vom nächsten Lande entfernt war; wie viel weiter er -aber mit einem günstigen Winde noch gekommen seyn würde, Das vermag -Niemand zu sagen. - -Was die Pflanzen betrifft, so ist es längst bekannt, was für eine -ungeheure Ausbreitung manche Süsswasser- und selbst Sumpf-Gewächse auf -den Festländern und bis zu den entferntesten Inseln des Weltmeeres -besitzen. Diess ist nach ~Alph. DeCandolle’s~ Wahrnehmung am -deutlichsten in solchen grossen Gruppen von Landpflanzen zu ersehen, -aus welchen nur einige Glieder an Süsswassern leben; denn diese -letzten pflegen sofort eine viel grössre Verbreitung als die übrigen -zu erlangen. Ich glaube, dass die günstigeren Verbreitungs-Mittel -diese Erscheinung erklären können. Ich habe vorhin die Erd-Theilchen -erwähnt, welche, wenn auch nur selten und zufällig einmal, an -Schnäbeln und Füssen der Vögel hängen bleiben. Sumpfvögel, welche die -schlammigen Ränder der Sümpfe aufsuchen, werden meistens schmutzige -Füsse haben, wenn sie plötzlich aufgescheucht werden. Nun lässt sich -nachweisen, dass gerade Vögel dieser Ordnung die grössten Wanderer -sind und zuweilen auf den entferntesten und ödesten Inseln des offenen -Weltmeeres angetroffen werden. Sie können sich nicht auf der Oberfläche -des Meeres niederlassen, wo der noch an ihren Füssen hängende Schlamm -abgewaschen werden könnte; und wenn sie ans Land kommen, werden sie -gewiss alsbald ihre gewöhnlichen Aufenthalts-Orte an den Süsswassern -aufsuchen. Ich glaube kaum, dass die Botaniker wissen, wie beladen der -Schlamm der Sümpfe mit Pflanzen-Saamen ist; ich habe jedoch einige -kleine Beobachtungen darüber gemacht, deren zutreffendsten Ergebnisse -ich hier mittheilen will. Ich nahm im Februar drei Esslöffel voll -Schlamm von drei verschiedenen Stellen unter Wasser, am Rande eines -kleinen Sumpfes. Dieser Schlamm getrocknet wog 6¾ Unzen. Ich -bewahrte ihn sodann in meinem Arbeitszimmer bedeckt sechs Monate -lang auf und zählte und riss jedes aufkeimende Pflänzchen aus. Diese -Pflänzchen waren von mancherlei Art und 537 im Ganzen; und doch war -all’ dieser zähe Schlamm in einer einzigen Untertasse enthalten. -Diesen Thatsachen gegenüber würde es nun geradezu unerklärbar seyn, -wenn es nicht mitunter vorkäme, dass Wasser-Vögel die Saamen von -Süsswasser-Pflanzen in weite Fernen verschleppten und so zur immer -weitern Ausbreitung derselben beitrügen. Und derselbe Zufall mag -hinsichtlich der Eier einiger kleiner Süsswasser-Thiere in Betracht -kommen. - -Auch noch andre und mitunter unbekannte Kräfte mögen dabei ihren -Theil haben. Ich habe oben gesagt, dass Süsswasser-Fische manche -Arten Sämereien fressen, obwohl sie andre Arten, nachdem sie solche -verschlungen haben, wieder auswerfen; selbst kleine Fische verschlingen -Saamen von mässiger Grösse, wie die der gelben Wasserlilie und -des Potamogeton. Hunderte und abermals Hunderte von Reihern u. a. -Vögeln gehen täglich auf den Fischfang aus; wenn sie sich erheben, -suchen sie oft andre Wasser auf oder werden auch zufällig übers Meer -getrieben; und wir haben gesehen, dass Saamen oft ihre Keimkraft noch -besitzen, wenn sie in Gewölle, in Exkrementen u. dgl. einige Stunden -später wieder ausgeworfen werden. Als ich die grossen Saamen der -herrlichen Wasserlilie, Nelumbium, sah und mich dessen erinnerte, was -~Alphons DeCandolle~ über diese Pflanze gesagt, so meinte ich -ihre Verbreitung müsse ganz unerklärbar seyn. Doch ~Audubon~ -versichert, Saamen der grossen südlichen Wasserlilie (nach Dr. -~Hooker~ wahrscheinlich das Nelumbium speciosum) im Magen -eines Reihers gefunden zu haben, und, obwohl es mir als Thatsache -nicht bekannt ist, so schliesse ich doch aus der Analogie, dass, wenn -ein Reiher in solchem Falle nach einem andern Sumpfe flöge und dort -eine herzhafte Fisch-Mahlzeit zu sich nähme, er wahrscheinlich aus -seinem Magen wieder einen Ballen mit noch unverdauten Nelumbium-Saamen -auswerfen würde; oder der Vogel kann diese Saamen verlieren, wenn er -seine Jungen füttert, wie er bekanntlich zuweilen einen Fisch fallen -lässt[40]. - -Bei Betrachtung dieser verschiedenen Verbreitungs-Mittel muss man -sich noch erinnern, dass, wenn ein Sumpf oder Fluss z. B. auf einer -neuen Insel eben erst entsteht, er noch nicht bevölkert ist und ein -einzelnes Sämchen oder Ei’chen gute Aussicht auf Fortkommen hat. Auch -wenn ein Kampf ums Daseyn zwischen den Individuen der wenigen Arten, -die in einem Sumpfe beisammen leben, bereits begonnen hat, so wird in -Betracht, dass die Zahl der Arten gegen die auf dem Lande doch geringer -ist, der Wettkampf auch wohl minder heftig als der zwischen den -Landbewohnern seyn; ein neuer Eindringling, aus der Fremde angelangt, -würde mithin auch mehr Aussicht haben eine Stelle zu erobern, als ein -neuer Kolonist auf dem trocknen Lande. Auch dürfen wir nicht vergessen, -dass einige und vielleicht viele Süsswasser-Bewohner tief auf der -Stufenleiter der Natur stehen und wir mit Grund annehmen können, dass -solche tief organisirte Wesen langsamer als die höher ausgebildeten -abändern, demzufolge dann ein und die nämliche Art Wasser-bewohnender -Organismen längre Zeit wandern kann, als die Arten des trocknen -Landes. Endlich müssen wir der Möglichkeit gedenken, dass viele -Süsswasser-bewohnende Spezies, nachdem sie sich über ungeheure Flächen -verbreitet, in den mitteln Gegenden derselben wieder erloschen seyn -können. Aber die weite Verbreitung der Pflanzen und niederen Thiere -des Süsswassers, mögen sie nun ihre ursprüngliche Formen unverändert -bewahren oder in gewissem Grade verändern, hängt nach meiner Meinung -hauptsächlich von der Leichtigkeit ab, womit ihre Saamen und Eier durch -andere Thiere und zumal höchst flugfertige Süsswasser-Vögel von einem -Gewässer zum andern oft sehr entfernt gelegenen verschleppt werden -können. Die Natur hat wie ein sorgfältiger Gärtner ihre Saamen von -einem Beete von besondrer Beschaffenheit genommen und sie in ein andres -gleichfalls angemessen zubereitetes verpflanzt. - -+Bewohner der ozeanischen Inseln.+) Wir kommen nun zur letzten -der drei Klassen von Thatsachen, welche ich als diejenigen bezeichnet -habe, welche die grössten Schwierigkeiten für die Ansicht darbieten, -dass, weil alle Individuen sowohl der nämlichen Art als auch -nahe-verwandter Arten von einem gemeinsamen Stammvater herkommen, auch -alle von gemeinsamer Geburtsstätte aus sich über die entferntesten -Theile der Erd-Oberfläche, deren Bewohner sie jetzt sind, verbreitet -haben müssen. Ich habe bereits erklärt, dass ich nicht wohl mit -der ~Forbes~’schen Ansicht übereinstimmen kann, wonach alle -Inseln des _Atlantischen Ozeans_ noch in der gegenwärtigen -neuesten Periode mit einem der zwei Kontinente ganz oder fast ganz -zusammengehangen haben sollen. Diese Ansicht würde zwar allerdings -einige Schwierigkeiten beseitigen, dürfte aber keineswegs alle -Erscheinungen hinsichtlich der Insel-Bevölkerung erklären. In den -nachfolgenden Bemerkungen werde ich mich nicht auf die blosse Frage -von der Vertheilung der Arten beschränken, sondern auch einige andre -Thatsachen erläutern, welche sich auf die zwei Theorien, die der -selbstständigen Schöpfung der Arten und die ihrer Abstammung von -einander mit fortwährender Abänderung beziehen. - -Nur wenige Arten aller Klassen bewohnen ozeanische Inseln, im Vergleich -zu gleich grossen Flächen festen Landes, wie ~Alphons DeCandolle~ -in Bezug auf die Pflanzen und ~Wollaston~ hinsichtlich der Insekten -behaupten. Betrachten wir die erhebliche Grösse und die manchfaltigen -Standorte _Neuseelands_, das über 780 Englische Meilen Breite hat, und -vergleichen die Arten seiner Blüthen-Pflanzen, nur 750 an der Zahl, -mit denen einer gleich grossen Fläche am _Kap der guten Hoffnung_ -oder in _Neuholland_, so müssen wir, glaube ich, zugestehen, dass -etwas von den physikalischen Bedingungen ganz Unabhängiges die grosse -Verschiedenheit der Arten-Zahlen veranlasst hat. Selbst die einförmige -Umgegend von _Cambridge_ zählt 847 und das kleine Eiland _Anglesea_ -764 Pflanzen-Arten; doch sind auch einige Farne und einige eingeführte -Arten in diesen Zahlen mitbegriffen und ist die Vergleichung auch in -einigen andern Beziehungen nicht ganz richtig. Wir haben Beweise, dass -das kahle Eiland _Ascension_ bei seiner Entdeckung nicht ein halbes -Dutzend Blüthen-Pflanzen besass; jetzt sind viele dort naturalisirt, -wie es eben auch auf _Neuseeland_ und auf allen andern ozeanischen -Inseln der Fall ist. Auf _St. Helena_ nimmt man mit Grund an, dass -die naturalisirten Pflanzen und Thiere schon viele einheimische -Natur-Erzeugnisse gänzlich oder fast gänzlich vertilgt haben. Wer also -der Lehre von der selbstständigen Erschaffung aller einzelnen Arten -beipflichtet, der wird zugestehen müssen, dass auf den ozeanischen -Inseln keine hinreichende Anzahl bestens angepasster Pflanzen und -Thiere geschaffen worden seye, indem der Mensch diese Inseln ganz -absichtlos aus verschiedenen Quellen viel besser und vollständiger als -die Natur bevölkert hat. - -Obwohl auf ozeanischen Inseln die Arten-Zahl der Bewohner im Ganzen -dürftig, so ist doch das Verhältniss der endemischen, d. h. sonst -nirgends vorkommenden Arten oft ausserordentlich gross. Diess ergibt -sich, wenn man z. B. die Anzahl der endemischen Landschnecken auf -_Madeira_, oder der endemischen Vögel im _Galapagos-Archipel_ mit der -auf irgend einem Kontinente gefundenen Zahl vergleicht und dann auch -die beiderseitige Flächen-Ausdehnung gegeneinander hält. Dieses war -nach meiner Theorie zu erwarten; denn, wie bereits erklärt worden, -sind Arten, welche nach langen Zwischenzeiten gelegenheitlich in einen -neuen und abgeschlossenen Bezirk kommen und dort mit neuen Genossen -zu kämpfen haben, in ausgezeichnetem Grade abzuändern geneigt und -bringen oft Gruppen modifizirter Nachkommen hervor. Daraus folgt aber -keineswegs, dass, weil auf einer Insel fast alle Arten einer Klasse -eigenthümlich sind, auch die der übrigen Klassen oder auch nur einer -besondren Sektion derselben Klasse eigenthümlich seyn müsse; und dieser -Unterschied scheint theils davon herzurühren, dass diejenigen Arten, -welche nicht abänderten, leicht und gemeinsam eingewandert sind, so -dass ihre gegenseitigen Beziehungen nicht viel gestört wurden, theils -kann er aber auch von der häufigen Ankunft unveränderter Einwandrer aus -dem Mutterlande und der nachherigen Kreutzung mit vorigen bedingt seyn. -Hinsichtlich der Wirkung einer solchen Kreutzung ist zu bemerken, dass -die aus derselben entspringenden Nachkommen gewiss sehr kräftig werden -müssen, indem selbst eine zufällige Kreutzung wirksamer zu seyn pflegt, -als man voraus erwarten möchte. Ich will einige Beispiele anführen. -Auf den _Galapagos_-Eilanden gibt es 26 Landvögel, wovon 21 (oder -vielleicht 23) endemisch sind, während von den 11 Seevögeln ihnen nur -zwei eigenthümlich angehören, und es liegt auf der Hand, dass Seevögel -leichter als Landvögel nach diesen Eilanden gelangen können. _Bermuda_ -dagegen, welches ungefähr eben so weit von _Nord-Amerika_, wie die -_Galapagos_ von _Süd-Amerika_, entfernt liegt und einen eigenthümlichen -Boden besitzt, hat nicht eine endemische Art von Landvögeln, und wir -wissen aus Herrn ~J. M. Jones’~ trefflichem Berichte über _Bermuda_, -dass sehr viele _Nord-Amerikanische_ Vögel auf ihren grossen jährlichen -Zügen diese Insel theils regelmässig und theils auch einmal zufällig -berühren. Nach der Insel _Madeira_ werden fast alljährlich, wie mir -Hr. ~E. V. Harcourt~ gesagt, viele _Europäische_ und _Afrikanische_ -Vögel verschlagen. Es ist von 99 Vögel-Arten bewohnt, von welchen nur -1 der Insel eigenthümlich, aber mit einer _Europäischen_ Form sehr -nahe verwandt ist; aber 3-4 andre sind auf diese und die _Canarischen_ -Inseln beschränkt. So sind diese beiden Inseln _Bermuda_ und _Madeira_ -mit Vögel-Arten besetzt worden, welche schon seit langen Zeiten -in ihrer früheren Heimath miteinander gekämpft haben und einander -angepasst worden sind, nachdem sie sich nun in ihrer neuen Heimath -angesiedelt, hat jede Art den andern gegenüber ihre alte Stelle und -Lebensweise behauptet und mithin keine neuen Modifikationen erfahren. -Auch ist jede Neigung zur Abänderung durch die Kreutzung mit den -fortwährend aus dem Mutterlande unverändert nachkommenden neuen -Einwanderern gehemmt worden. _Madeira_ ist ferner von einer wundersamen -Anzahl eigenthümlicher Landschnecken-Arten bewohnt, während nicht eine -einzige Art von Weichthieren auf seine Küsten beschränkt ist. Obwohl -wir nun nicht wissen, auf welche Weise die meerischen Schaalthiere sich -verbreiten, so lässt sich doch einsehen, dass ihre Eier oder Larven -vielleicht an Seetang und Treibholz ansitzend oder an den Füssen der -Waldvögel hängend weit leichter als Land-Mollusken 300-400 Meilen -weit über die offne See fortgeführt werden können. Die verschiedenen -Insekten-Klassen auf _Madeira_ scheinen analoge Thatsachen darzubieten. - -Ozeanische Inseln sind zuweilen unvollständig in gewissen Klassen, -deren Stellen anscheinend durch andere Einwohner derselben eingenommen -werden. So vertreten auf den _Galapagos_ Reptilien und auf _Neuseeland_ -Flügel-lose Riesen-Vögel die Stelle der Säugthiere. Obwohl aber -_Neuseeland_ hier unter den ozeanischen Inseln mit besprochen wird, -so ist es doch zweifelhaft ob es mit Recht dazu gezählt werde; -denn es ist von ansehnlicher Grösse und durch kein tiefes Meer von -_Neuholland_ getrennt. Nach seinem geologischen Charakter und dem -Streichen seiner Gebirgs-Ketten möchte ~W. B. Clarke~ diese Insel nebst -_Neu-Caledonien_ nur als Anhängsel von _Neuholland_ betrachtet sehen. -Was die Pflanzen der _Galapagos_ betrifft, so hat Dr. ~Hooker~ gezeigt, -dass das Zahlen-Verhältniss zwischen den verschiedenen Ordnungen ein -ganz andres als sonst allerwärts ist. Solche Erscheinungen setzt man -gewöhnlich auf Rechnung der physikalischen Bedingungen der Inseln; aber -diese Erklärung dünkt mir etwas zweifelhaft zu seyn. Leichtigkeit der -Einwanderung ist, wie mir scheint, wenigstens eben so wichtig als die -Natur der Lebens-Bedingungen gewesen. - -Rücksichtlich der Bewohner abgelegener Inseln lassen sich viele -merkwürdige kleine Erscheinungen anführen. So haben z. B. auf -gewissen nicht mit Säugthieren besetzten Eilanden einige endemische -Pflanzen prächtig mit Häkchen versehene Saamen; und doch gibt es -nicht viele Beziehungen, die augenfälliger wären, als die Eignung -mit Haken besetzter Saamen für den Transport durch die Haare und -Wolle der Säugthiere. Dieser Fall bietet nach meiner Meinung keine -Schwierigkeit dar, indem Haken-reiche Saamen leicht noch durch andre -Mittel von Insel zu Insel geführt werden können, wo dann die Pflanze -etwas verändert, aber ihre widerhakenigen Saamen behaltend eine -endemische Form bildet, für welche diese Haken einen nun eben so -unnützen Anhang bilden, wie es rudimentäre Organe, z. B. die runzeligen -Flügel unter den zusammen-gewachsenen Flügeldecken mancher insulären -Käfer sind. Auch besitzen Inseln oft Bäume oder Büsche aus Ordnungen, -welche anderwärts nur Kräuter darbieten; nun aber haben Bäume, wie -~Alph. DeCandolle~ gezeigt hat, gewöhnlich nur beschränkte -Verbreitungs-Gebiete, was immer die Ursache dieser Erscheinung seyn -mag. Daher ergibt sich dann ferner, dass Baum-Arten wenig geeignet -sind, entlegene organische Inseln zu erreichen; und eine Kraut-artige -Pflanze, wenn sie auch keine Aussicht auf Erfolg im Wettkampfe mit -einem schon vollständig entwickelten Baume hat, kann, wenn sie bei -ihrer ersten Ansiedelung auf einer Insel nur mit andern Kraut-artigen -Pflanzen allein in Mitbewerbung tritt, leicht durch immer höher -strebenden Wuchs ein Übergewicht über dieselben erlangen. Ist Diess der -Fall, so mag Natürliche Züchtung den Wuchs Kraut-artiger Pflanzen, die -auf einer ozeanischen Insel wachsen, aus welcher Ordnung sie immer seyn -mögen, oft etwas zu verstärken und dieselben erst in Büsche und endlich -in Bäume zu verwandeln geneigt seyn. - -Was die Abwesenheit ganzer Organismen-Ordnungen auf ozeanischen -Inseln betrifft, so hat ~Bory de St.-Vincent~ schon längst -bemerkt, dass Batrachier (Frösche, Kröten und Molge) nie auf einer -der vielen Inseln gefunden worden sind, womit der grosse Ozean besäet -ist. Ich habe mich bemühet diese Behauptung zu prüfen und habe sie -genau richtig befunden. Inzwischen hat Dr. ~Hochstetter~ in den -Bergen von _Neuseeland_ jetzt einen Frosch gefunden, der (was -höchst merkwürdig) mit einer _Süd-Amerikanischen_ Form zunächst -verwandt ist. Aber gefrorene der Wiederbelebung fähige Frösche sind in -Gletschern eingebettet gefunden worden, und es scheint sogar möglich, -dass ein Frosch[41] oder sein Laich auf einem der grossen Eisberge des -Südpolar-Ozeans von den antarktischen Inseln dahin geführt worden ist, -von welchen die höchst eigenthümlichen Pflanzen-Formen ausgegangen -sind, welche _Neuholland_, _Neuseeland_ und die Süd-Spitze -_Amerika’s_ mit einander gemein haben. Dieser allgemeine Mangel -an Fröschen, Kröten und Molgen auf so vielen ozeanischen Inseln lässt -sich nicht aus ihrer natürlichen Beschaffenheit erklären, indem es -vielmehr scheint, dass dieselben recht gut für diese Thiere geeignet -wären; denn Frösche sind auf _Madeira_, den _Azoren_ und -auf _Mauritius_ eingeführt worden, um sie als Nahrungsmittel zu -vervielfältigen. Da aber bekanntlich diese Thiere so wie ihr Laich -durch Seewasser unmittelbar getödtet werden, so ist leicht zu ersehen, -dass deren Transport über Meer sehr schwierig seye und sie aus diesem -Grunde auf keiner ozeanischen Insel existiren. Dagegen würde es nach -der Schöpfungs-Theorie sehr schwer seyn zu erklären, weshalb sie auf -diesen Inseln nicht erschaffen worden seyen. - -Säugthiere bieten einen andern Fall ähnlicher Art dar. Ich habe die -ältesten Reisewerke sorgfältig durchgegangen und zwar meine Arbeit -noch nicht beendigt, aber bis jetzt noch kein unzweifelhaftes Beispiel -gefunden, dass ein Land-Säugthier (von den gezähmten Hausthieren -der Eingebornen abgesehen) irgend eine über 300 Engl. Meilen weit -von einem Festlande oder einer Kontinental-Insel entlegene Insel -bewohnt habe; und viele Inseln in viel geringeren Abständen entbehren -derselben ebenfalls gänzlich. Die _Falklands-Inseln_, welche von einem -Wolf-artigen Fuchse bewohnt sind, scheinen zunächst eine Ausnahme zu -machen, können aber nicht als ozeanisch gelten, da sie auf einer mit -dem Festlande zusammen-hängenden Bank 280 Engl. Meilen von diesem -entfernt liegen; und da schwimmende Eisberge Fels-Blöcke an ihren -westlichen Küsten abgesetzt, so könnten dieselben auch wohl einmal -Füchse mitgebracht haben, wie das jetzt in den arktischen Gegenden -oft vorkommt. Doch kann man nicht behaupten, dass kleine Inseln -nicht auch kleine Säugthiere ernähren können; denn es ist dies in -der That mit sehr kleinen Inseln der Fall, wenn sie dicht an einem -Kontinente liegen; und schwerlich lässt sich eine Insel bezeichnen, -auf der unsre kleinen Säugthiere sich nicht naturalisirt und vermehrt -hätten. Nach der gewöhnlichen Ansicht von der Schöpfung könnte man -nicht sagen, dass nicht Zeit zur Schöpfung von Säugthieren gewesen -seye; viele vulkanische Inseln sind auch alt genug, wie sich theils -aus der ungeheuren Zerstörung, die sie bereits erfahren, und theils -aus dem Vorkommen tertiärer Schichten auf ihnen ergibt; auch ist Zeit -gewesen zur Hervorbringung endemischer Arten aus andern Klassen; und -auf Kontinenten erscheinen und verschwinden Säugthiere bekanntlich -in rascherem Wechsel als die andern tiefer-stehenden Thiere. Aber -wenn auch Land-Säugethiere auf ozeanischen Inseln nicht vorhanden, so -finden sich doch fliegende Säugthiere fast auf jeder Insel ein. Das -nur mit Zweifel hieher bezogene _Neuseeland_ besitzt zwei Fledermäuse, -die sonst nirgends in der Welt vorkommen; die _Norfolk-Insel_, -der _Viti-Archipel_, die _Bonins-Inseln_, die _Marianen-_ und -_Carolinen-Gruppen_ und _Mauritius_: alle besitzen ihre eigenthümlichen -Fledermaus-Arten. Warum, kann man nun fragen, hat die angebliche -Schöpfungs-Kraft auf diesen entlegenen Inseln nur Fledermäuse und keine -andern Säugthiere hervorgebracht? Nach meiner Anschauungs-Weise lässt -sich diese Frage leicht beantworten, da kein Land-Säugthier über so -weite Meeres-Strecken hinwegkommen kann, welche Fledermäuse noch zu -überfliegen im Stande sind. Man hat Fledermäuse bei Tage weit über den -_Atlantischen Ozean_ ziehen sehen und zwei _Nord-Amerikanische_ Arten -derselben besuchen die _Bermuda-Insel_, 600 Engl. Meilen vom Festlande, -regelmässig oder zufällig. Ich höre von Mr. ~Tomes~, welcher diese -Familie näher studirt hat, dass viele Arten derselben einzeln genommen -eine ungeheure Verbreitung besitzen und sowohl auf Kontinenten als -weit entlegenen Inseln zugleich vorkommen. Wir brauchen daher nur zu -unterstellen, dass solche wandernde Arten durch Natürliche Züchtung der -Bedingungen ihrer neuen Heimath angemessen modificirt worden seyen, und -wir werden das Vorkommen von Fledermäusen auf solchen Inseln begreifen, -wo sonst keine Land-Säugthiere vorhanden sind. - -Neben der Abwesenheit der Land-Säugthiere auf Inseln, welche von -Kontinenten entlegen sind, ist noch eine andre Beziehung in einer -bis zu gewissem Grade davon unabhängigen Weise zu berücksichtigen, -die Beziehung nämlich zwischen der Tiefe des eine Insel vom -Festlande trennenden Meeres und dem Vorkommen gleicher oder -verwandter Säugthier-Arten auf beiden. Hr. ~Windsor Earl~ -hat einige treffende Beobachtungen in dieser Hinsicht über den -grossen _Malayischen Archipel_ gemacht, welcher in der Nähe von -_Celebes_ von einem Streifen sehr tiefen Meeres durchschnitten -wird, der zwei ganz verschiedene Säugthier-Faunen trennt. Auf der einen -Seite desselben liegen die Inseln auf mässig tiefen untermeerischen -Bänken und sind von einander nahe verwandten oder ganz identischen -Säugthier-Arten bewohnt. Allerdings kommen auch in dieser Insel-Gruppe -einige wenige Anomalien vor und ist es in einigen Fällen ziemlich -schwer zu beurtheilen, in wie ferne die Verbreitung gewisser Säugthiere -durch Naturalisirung von Seiten des Menschen bedingt ist; inzwischen -werden die eifrigen Forschungen des Hrn. ~Wallace~ bald mehr -Licht auf die Naturgeschichte dieser Inseln werfen. Ich habe bisher -nicht Zeit gefunden, diesem Gegenstand auch in andern Welt-Gegenden -nachzuforschen; so weit ich aber damit gekommen bin, bleiben die -Beziehungen sich gleich. Wir sehen _Britannien_ durch einen -schmalen Kanal vom _Europäischen_ Festlande getrennt, und die -Säugthier-Arten sind auf beiden Seiten die nämlichen. Ähnlich verhält -es sich mit vielen nur durch schmale Meerengen von _Neuholland_ -geschiedenen Eilanden. Die _Westindischen_ Inseln stehen auf -einer fast 1000 Faden tief untergetauchten Bank; und hier finden -wir zwar _Amerikanische_ Formen, aber von denen des Festlandes -verschiedene Arten und Sippen. Da das Maass der Abänderung überall -in gewissem Grade von der Zeitdauer abhängt und es eher anzunehmen -ist, dass durch seichte Meerengen abgesonderte Inseln länger als die -durch tiefe Kanäle geschiedenen mit dem Festlande in Zusammenhang -geblieben sind, so vermag man den Grund einer oftmaligen Beziehung -zwischen der Tiefe des Meeres und dem Verwandtschafts-Grad einzusehen, -der zwischen der Säugthier-Bevölkerung einer Insel und derjenigen des -benachbarten Festlandes besteht, eine Beziehung, welche bei Annahme -einer selbstständigen Schöpfung jeder Spezies ganz unerklärbar bleibt. - -Alle vorangehenden Wahrnehmungen über die Bewohner ozeanischer Eilande, -insbesondere die Spärlichkeit der Arten, die Menge endemischer Formen -in einzelnen Klassen oder deren Unterabtheilungen, das Fehlen ganzer -Gruppen wie der Batrachier und der am Boden lebenden Säugthiere -trotz der Anwesenheit fliegender Fledermäuse, die eigenthümlichen -Zahlen-Verhältnisse in manchen Pflanzen-Ordnungen, die Verwandlung -Kraut-artiger Pflanzen-Formen in Bäume, alle scheinen sich mit -der Ansicht, dass im Verlaufe langer Zeiträume gelegenheitliche -Transport-Mittel viel zur Verbreitung der Organismen mitgewirkt haben, -besser als mit der Meinung zu vertragen, dass alle unsre ozeanischen -Inseln vordem in unmittelbarem Zusammenhang mit dem nächsten Festlande -gestanden seyen; denn in diesem letzten Falle würde die Einwanderung -wohl vollständig gewesen seyn und müssten, wenn man Abänderung zulassen -will, alle Lebenformen in gleicherer Weise, der äussersten Wichtigkeit -der Beziehung von Organismus zu Organismus entsprechend, modificirt -worden seyn. - -Ich will nicht läugnen, dass da noch viele und grosse Schwierigkeiten -vorliegen zu erklären, auf welche Weise manche Bewohner vereinzelter -Inseln, mögen sie nun ihre anfängliche Form beibehalten oder seit -ihrer Ankunft abgeändert haben, bis zu ihrer gegenwärtigen Heimath -gelangt seyen. Ich will nur ein Beispiel dieser Art anführen. Fast -alle und selbst die abgelegensten und kleinsten ozeanischen Inseln -sind von Land-Schnecken bewohnt, und zwar meistens von endemischen, -doch zuweilen auch von anderwärts vorkommenden Arten. Dr. ~Aug. A. -Gould~ hat einige interessante Fälle von Land-Schnecken auf den -Inseln des _stillen Meeres_ mitgetheilt. Nun ist eine anerkannte -Thatsache, dass Land-Schnecken durch Salz sehr leicht zu tödten -sind, und ihre Eier (oder wenigstens diejenigen, womit ich Versuche -angestellt) sinken im See-Wasser unter und verderben. Und doch muss -es meiner Meinung nach irgend ein unbekanntes aber höchst wirksames -Verbreitungs-Mittel für dieselben geben. Sollten vielleicht die jungen -eben dem Eie entschlüpften Schneckchen an den Füssen irgend eines -am Boden ausruhenden Vogels emporkriechen und dann von ihm weiter -getragen werden? Es kam mir vor, als ob Land-Schnecken, im Zustande -des Winterschlafs begriffen und mit einem Winterdeckel auf ihrer -Schaalen-Mündung versehen, in Spalten von Treibholz über ziemlich -breite See-Arme müssten geführt werden können, ohne zu leiden. Ich -fand sodann, dass verschiedene Arten in diesem Zustande ohne Nachtheil -sieben Tage lang im See-Wasser liegen bleiben können. Eine dieser Arten -war Helix pomatia, die ich nach längerer Winterruhe noch zwanzig Tage -lang in See-Wasser legte, worauf sie sich wieder vollständig erholte. -Da diese Art einen dicken kalkigen Deckel besitzt, so nahm ich ihn ab, -und als sich hierauf wieder ein neuer häutiger Deckel gebildet hatte, -tauchte ich sie noch vierzehn Tage in See-Wasser, worauf sie wieder -vollkommen zu sich kam und davon kroch; indessen weitere Versuche in -dieser Beziehung fehlen noch. - -Die triftigste und für uns wichtigste Thatsache hinsichtlich der -Insel-Bewohner ist ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des nächsten -Festlandes, ohne mit denselben von gleichen Arten zu seyn. Davon -liessen sich zahllose Beispiele anführen. Ich will mich jedoch auf -ein einziges beschränken, auf das der _Galapagos_-Inseln, welche -500-600 Engl. Meilen von der Küste _Süd-Amerika’s_ liegen. -Hier trägt fast jedes Land- wie Wasser-Produkt ein unverkennbares -kontinental-amerikanisches Gepräge. Dabei befinden sich 26 Arten -Land-Vögel, von welchen 21 oder vielleicht 23 als eigenthümliche -und hier geschaffene Arten angesehen werden; und doch ist die nahe -Verwandtschaft der meisten dieser Vögel mit _Amerikanischen_ -Arten in jedem ihrer Charaktere, in Lebens-Weise, Betragen und Ton -der Stimme offenbar. So ist es auch mit andern Thieren und, wie Dr. -~Hooker~ in seinem ausgezeichneten Werke über die Flora dieser -Insel-Gruppe gezeigt, mit fast allen Pflanzen. Der Naturforscher, -welcher die Bewohner dieser vulkanischen Inseln des _stillen -Meeres_ betrachtet, fühlt, dass er auf _Amerikanischem_ -Boden steht, obwohl er noch einige hundert Meilen von dem Festlande -entfernt ist. Wie mag Diess kommen? Woher sollten die, angeblich nur im -_Galapagos_-Archipel und sonst nirgends erschaffenen Arten diesen -so deutlichen Stempel der Verwandtschaft mit den in _Amerika_ -geschaffenen haben? Es ist nichts in den Lebens-Bedingungen, nichts -in der geologischen Beschaffenheit, nichts in der Höhe oder dem Klima -dieser Inseln noch in dem Zahlen-Verhältnisse der verschiedenen -hier zusammengestellten Klassen, was den Lebens-Bedingungen auf den -_Süd-Amerikanischen_ Küsten sehr ähnlich wäre; ja es ist sogar ein -grosser Unterschied in allen Beziehungen vorhanden. Anderseits aber ist -eine grosse Ähnlichkeit zwischen der vulkanischen Natur des Bodens, dem -Klima und der Grösse und Höhe der Inseln der _Galapagos_ einer- -und der _Capverdischen_ Gruppe anderseits. Aber welche unbedingte -und gänzliche Verschiedenheit in ihren Bewohnern! Die der Inseln -des _grünen Vorgebirges_ stehen zu _Afrika_ im nämlichen -Verhältnisse, wie die der _Galapagos_ zu _Amerika_. Ich -glaube, diese bedeutende Thatsache hat von der gewöhnlichen Annahme -einer unabhängigen Schöpfung der Arten keine Erklärung zu erwarten, -während nach der hier aufgestellten Ansicht es offenbar ist, dass die -_Galapagos_ entweder durch gelegenheitliche Transport-Mittel -oder in Folge eines früheren unmittelbaren Zusammenhangs mit -_Amerika_ von diesem Welttheile, wie die _Capverdischen_ -Inseln von _Afrika_ aus, bevölkert worden sind, und dass, obwohl -diese Kolonisten Abänderungen erfahren haben, sie doch ihre erste -Geburts-Stätte durch das Vererblichkeits-Prinzip verrathen. - -Und so liessen sich noch viele analoge Fälle anführen; denn es ist in -der That eine fast allgemeine Regel, dass die endemischen Erzeugnisse -der Inseln mit denen der nächsten Festländer oder andrer benachbarter -Inseln in Beziehung stehen. Ausnahmen sind selten und gewöhnlich leicht -erklärbar. So sind die Pflanzen von _Kerguelen-Land_, obwohl -dieses näher bei _Afrika_ als bei _Amerika_ liegt, nach Dr. -~Hooker’s~ Bericht sehr enge mit denen der _Amerikanischen_ -Flora verwandt; doch erklärt sich diese Abweichung durch die Annahme, -dass die genannte Insel hauptsächlich durch strandende Eisberge -bevölkert worden seye, welche den vorherrschenden See-Strömungen -folgend Steine und Erde voll Saamen mit sich geführt haben. -_Neuseeland_ ist hinsichtlich seiner endemischen Pflanzen mit -_Neuholland_ als dem nächsten Kontinente näher als mit irgend -einer andern Gegend verwandt, wie es zu erwarten ist; es hat aber auch -offenbare Verwandtschaft mit _Süd-Amerika_, das, wenn auch das -zweitnächste Festland, so ungeheuer entfernt ist, dass die Thatsache -als eine Anomalie erscheint. Doch auch diese Schwierigkeit verschwindet -grösstentheils unter der Voraussetzung, dass _Neuseeland_, -_Süd-Amerika_ u. a. südliche Länder vor langen Zeiten theilweise -von einem entfernt gelegenen Mittelpunkte, nämlich von den -antarktischen Inseln aus bevölkert worden seyen, vor dem Anfange der -Eis-Periode. Die, wenn auch nur schwache, aber nach Dr. ~Hooker~ -doch thatsächliche Verwandtschaft zwischen den Floren der südwestlichen -Spitzen _Australiens_ und des _Caps der guten Hoffnung_ ist -ein viel merkwürdigerer Fall und für jetzt unerklärlich; doch ist -dieselbe auf die Pflanzen beschränkt und wird auch ihrerseits sich -gewiss eines Tages noch aufklären lassen. - -Das Gesetz, vermöge dessen die Bewohner eines Archipels, wenn auch -in den Arten verschieden, zumeist mit denen des nächsten Festlandes -übereinstimmen, wiederholt sich zuweilen in kleinerem Maassstabe -aber in sehr interessanter Weise innerhalb einer und der nämlichen -Insel-Gruppe. Namentlich haben ganz wunderbarer Weise die verschiedenen -Inseln des nur kleinen _Galapagos_-Archipels, wie schon anderwärts -gezeigt worden, ihre eigenthümlichen Bewohner, so dass fast auf jeder -derselben andre Arten vorkommen, welche aber in unvergleichbar -näherer Verwandtschaft zu einander stehen, als die irgend eines -andern Theiles der Welt. Und Diess ist nach meiner Anschauungs-Weise -zu erwarten gewesen, da die Inseln so nahe beisammen liegen, dass -alle zuverlässig ihre Einwanderer entweder aus gleicher Urquelle oder -eine von der andern erhalten haben müssen. Aber man könnte gerade die -Verschiedenheit zwischen den endemischen Bewohnern der einzelnen Inseln -als Argument gegen meine Ansicht gebrauchen; denn man könnte fragen, -wie es komme, dass auf diesen verschiedenen Inseln, welche einander -in Sicht liegen und die nämliche geologische Beschaffenheit, dieselbe -Höhe und das gleiche Klima besitzen, so viele Einwanderer auf jeder in -einer andren und doch nur wenig verschiedenen Weise modifizirt worden -seyen? Diess ist auch mir lange Zeit als eine grosse Schwierigkeit -erschienen, was aber hauptsächlich von dem tief eingewurzelten Irrthum -herrührt, die physischen Bedingungen einer Gegend als das Wichtigste -für deren Bewohner zu betrachten, während doch nicht in Abrede gestellt -werden kann, dass die Natur der übrigen Organismen, mit welchen sie -selbst zu kämpfen haben, wenigstens eben so hoch anzuschlagen und -gewöhnlich eine noch wichtigere Bedingung ihres Gedeihens seye. Wenn -wir nun diejenigen Bewohner der _Galapagos_, welche als nämliche -Spezies auch in andern Gegenden der Erde noch vorkommen (wobei für -einen Augenblick die endemischen Arten ausser Betracht bleiben müssen, -weil wir die seit der Ankunft dieser Organismen auf den genannten -Inseln erfolgten Umänderungen untersuchen wollen), so finden wir -einen grossen Unterschied zwischen den einzelnen Inseln selbst. Diese -Verschiedenheit wäre aus der Annahme erklärlich, dass die Inseln durch -gelegenheitliche Transport-Mittel bestockt worden seyen, so dass z. B. -der Saame einer Pflanzen-Art zu einer und der einer andern zu einer -andern Insel gelangt wäre. Wenn daher in früherer Zeit ein Einwandrer -sich auf einer oder mehren der Inseln angesiedelt oder sich später von -einer zu der andern Insel verbreitet hätte, so würde er zweifelsohne -auf den verschiedenen Inseln verschiedenen Lebens-Bedingungen -ausgesetzt gewesen seyn; denn er hätte auf jeder Insel mit andern -Organismen zu werben gehabt. Eine Pflanze z. B. hätte den für sie am -meisten geeigneten Grund auf der einen Insel schon vollständiger von -andern Pflanzen eingenommen gefunden, als auf der andern, und wäre -den Angriffen etwas verschiedener Feinde ausgesetzt gewesen. Wenn sie -nun abänderte, so wird die Natürliche Züchtung wahrscheinlich auf -verschiedenen Inseln verschiedene Varietäten begünstigt haben. Einzelne -Arten jedoch werden sich über die ganze Gruppe verbreitet und überall -den nämlichen Charakter beibehalten haben, wie wir auch auf Festländern -manche weit verbreitete Spezies überall unverändert bleiben sehen. - -Doch die wahrhaft überraschende Thatsache auf den _Galapagos_ wie in -minderem Grade in einigen anderen Fällen besteht darin, dass sich die -neu-gebildeten Arten nicht über die ganze Insel-Gruppe ausgebreitet -haben. Aber die einzelnen Inseln, wenn auch in Sicht von einander -gelegen, sind durch tiefe Meeres-Arme, meistens breiter als der -britische Kanal, von einander geschieden, und es liegt kein Grund -zur Annahme vor, dass sie früher unmittelbar mit einander vereinigt -gewesen seyen. Die Seeströmungen sind heftig und gehen queer durch -den Archipel hindurch, und heftige Windstösse sind ausserordentlich -selten, so dass die Inseln thatsächlich stärker von einander geschieden -sind, als Diess beim Ansehen einer Karte scheinen mag. Demungeachtet -sind doch ziemlich viele Arten, sowohl anderwärts vorkommende wie dem -Archipel eigenthümlich angehörende, mehren Inseln gemeinsam, und einige -Verhältnisse führen zur Vermuthung, dass diese sich wahrscheinlich -von einem der Eilande aus zu den andern verbreitet haben. Aber -wir bilden uns, wie ich glaube, oft eine irrige Meinung über die -Wahrscheinlichkeit, dass nahe verwandte Arten bei freiem Verkehre -die eine ins Gebiet der andern vordringen werden. Es unterliegt zwar -keinem Zweifel, dass, wenn eine Art irgend einen Vortheil über eine -andere hat, sie dieselbe in kurzer Zeit mehr oder weniger ersetzen -wird; wenn aber beide gleich gut für ihre Stellen in der Natur gemacht -sind, so werden sie wahrscheinlich ihre eigenen Plätze behaupten und -für alle Zeit behalten. Wenn wir wissen, dass viele von Menschen -einmal naturalisirte Arten sich mit erstaunlicher Schnelligkeit über -neue Gegenden verbreitet haben, so sind wir wohl zu glauben geneigt, -dass die meisten Arten es ebenso machen würden; aber wir müssen -bedenken, dass die in neuen Gegenden naturalisirten Formen gewöhnlich -keine nahen Verwandten der Ureinwohner, sondern eigenthümliche Arten -sind, welche nach ~Alph. DeCandolle~ verhältnissmässig sehr oft auch -besondern Sippen angehören. Auf den _Galapagos_ sind sogar viele -Vögel, welche ganz wohl im Stande wären von Insel zu Insel zu fliegen, -von einander verschieden, wie z B. drei einander nahe stehende Arten -von Spottdrosseln jede auf ein besondres Eiland beschränkt sind. -Nehmen wir nun an, die Spottdrossel von _Chatam-Island_ werde durch -einen Sturm nach _Charles-Island_ verschlagen, das schon seine eigene -Spottdrossel hat, wie sollte sie dazu gelangen sich hier festzusetzen? -Wir dürfen mit Gewissheit annehmen, dass _Charles-Island_ mit ihrer -eigenen Art wohl besetzt ist, indem jährlich mehr Eier dort gelegt -werden als auskommen können, und wir dürfen ferner annehmen, dass -die Art von _Charles-Island_ für diese ihre Heimath wenigstens eben -so gut geeignet ist als der neue Ankömmling. Sir ~Ch. Lyell~ und -Hr. ~Wollaston~ haben mir eine merkwürdige zur Erläuterung dieser -Verhältnisse dienende Thatsache mitgetheilt, dass nämlich _Madeira_ -und das dicht dabei gelegene _Porto Santo_ viele einander vertretende -Landschnecken besitzen, von welchen einige in Fels-Spalten leben; und -obwohl grosse Stein-Massen jährlich von _Porto Santo_ nach _Madeira_ -gebracht werden, so ist doch diese letzte Insel noch nicht mit den -Arten von _Porto Santo_ bevölkert worden; aber auf beiden Inseln -haben sich _Europäische_ Arten angesiedelt, weil sie zweifelsohne -irgend einen Vortheil vor den eingeborenen voraus hatten. Hiernach -werden wir uns nicht mehr sehr darüber wundern dürfen, dass die -endemischen und die stellvertretenden Arten, welche die verschiedenen -_Galapagos_-Inseln bewohnen, sich noch nicht von Insel zu Insel -verbreitet haben. In vielen andern Fällen, wie in den verschiedenen -Bezirken eines Kontinentes, mag die frühere Besitzergreifung durch -eine Art wesentlich dazu beigetragen haben, die Vermischung von Arten -unter gleichen Lebens-Bedingungen zu hindern. So haben die südöstliche -und südwestliche Ecke _Neuhollands_ eine nahezu gleiche physikalische -Beschaffenheit und sind durch zusammenhängendes Land miteinander -verkettet, aber gleichwohl durch eine grosse Anzahl verschiedener -Säugethier-, Vögel- und Pflanzen-Arten bewohnt. - -Das Prinzip, welches den allgemeinen Charakter der Fauna und Flora der -ozeanischen Inseln bestimmt, dass nämlich deren Bewohner, wenn nicht -genau die nämlichen Arten, doch offenbar mit den Bewohnern derjenigen -Gegenden am nächsten verwandt sind, von welchen aus die Kolonisirung -am leichtesten stattfinden konnte, und dass die Kolonisten nachher -abgeändert und für ihre neue Heimath geschickter gemacht worden sind: -dieses Prinzip ist von der weitesten Anwendbarkeit in der ganzen Natur. -Wir sehen Diess an jedem Berg, in jedem See, in jedem Marschlande. -Denn die alpinen Arten, mit Ausnahme der durch die Glacial-Ereignisse -weithin verbreiteten Formen hauptsächlich von Pflanzen, sind mit -denen der umgebenden Tiefländer verwandt; und so haben wir in -_Süd-Amerika_ alpine Kolibris, alpine Nager, alpine Pflanzen, -aber alle von streng _Amerikanischen_ Formen; und es liegt nahe, -dass ein Gebirge während seiner allmählichen Emporhebung aus den -benachbarten Tiefländern auf natürliche Weise kolonisirt worden seye. -So ist es auch mit den Bewohnern der Seen und Marschen, so weit nicht -durch grosse Leichtigkeit der Überführung aus einer Gegend in die andre -die ganze Erd-Oberfläche mit den nämlichen allgemeinen Formen versehen -worden ist. Wir sehen dasselbe Prinzip bei den blinden Höhlen-Thieren -_Europas_ und _Amerikas_, sowie in manchen andern Fällen. -Es wird sich nach meiner Meinung überall bestätigen, dass, wo immer -in zwei sehr von einander entfernten Gegenden viele nahe-verwandte -oder stellvertretende Arten vorkommen, auch einige identische Arten -vorhanden sind, welche in Übereinstimmung mit der vorangehenden Ansicht -zeigen, dass in irgend einer früheren Periode ein Verkehr oder eine -Wanderung zwischen beiden Gegenden stattgefunden hat. Und wo immer nahe -verwandte Arten vorkommen, da werden auch viele Formen seyn, welche -einige Naturforscher als besondre Arten und andre nur als Varietäten -betrachten. Diese zweifelhaften Formen drücken uns die Stufen in der -fortschreitenden Abänderung aus. - -Diese Beziehung zwischen Wanderungs-Vermögen und Ausdehnung einer -Art, (seye es in jetziger Zeit oder in einer früheren Periode unter -verschiedenen natürlichen Bedingungen) und dem Vorkommen andrer -verwandter Arten in entfernten Theilen der Erde ergibt sich in einer -noch allgemeinern Weise. Hr. ~Gould~ sagte mir vor langer Zeit, -dass in denjenigen Vogel-Sippen, welche sich über die ganze Erde -erstrecken, auch viele Arten eine weite Verbreitung besitzen. Ich -vermag kaum zu bezweifeln, dass diese Regel allgemein richtig ist, -obwohl Diess schwer zu beweisen seyn dürfte. Unter den Säugthieren -finden wir sie scharf bei den Fledermäusen und in schwächerem Grade -bei den Hunde- und Katzen-artigen Thieren ausgesprochen. Wir sehen -sie in der Verbreitung der Schmetterlinge und Käfer. Und so ist es -auch bei den meisten Süsswasser-Thieren, unter welchen so viele Sippen -über die ganze Erde reichen und viele einzelne Arten eine ungeheure -Verbreitung besitzen. Es soll nicht behauptet werden, dass in den -weit-verbreiteten Sippen alle Arten in weiter Ausdehnung vorkommen oder -auch nur eine durchschnittlich grosse Ausbreitung besitzen, sondern -nur dass es mit einzelnen Arten der Fall ist; denn die Leichtigkeit, -womit weit-verbreitete Spezies variiren und zur Bildung neuer Formen -Veranlassung geben, bestimmt ihre durchschnittliche Verbreitung -in genügender Weise. So können zwei Varietäten einer Art die eine -_Europa_ und die andere _Amerika_ bewohnen, und die Art hat -dann eine unermessliche Verbreitung; ist aber die Abänderung etwas -weiter gediehen, so werden die zwei Varietäten als zwei verschiedene -Arten gelten und die Verbreitung einer jeden wird sehr beschränkt -erscheinen. Noch weniger soll gesagt werden, dass eine Art, welche -offenbar das Vermögen besitzt, Schranken zu überschreiten und sich -weit auszubreiten, wie mancher langschwingige Vogel sich auch weit -ausbreiten muss; denn wir dürfen nicht vergessen, dass zur weiten -Verbreitung nicht allein das Vermögen Schranken zu überschreiten, -sondern auch noch das bei weitem wichtigere Vermögen gehört, in -fernen Landen den Kampf ums Daseyn mit den neuen Genossen siegreich -zu bestehen. Aber nach der Annahme, dass alle Arten einer Sippe, wenn -gleich jetzt über die entferntesten Theile der Erde zerstreut, von -einem gemeinsamen Stamm-Vater abstammen, müssten (und Diess ist, glaube -ich, der Fall) wenigstens einige Arten eine weite Verbreitung besitzen; -denn es ist nothwendig, dass der noch unveränderte Ahne sich unter -fortwährender Abänderung weit verbreite und unter verschiedenartigen -Lebens-Bedingungen eine günstige Stellung für die Umgestaltung seiner -Nachkommen zuerst in neue Varietäten und endlich in neue Arten gewinne. - -Bei Betrachtung der weiten Verbreitung mancher Sippen dürfen wir -nicht vergessen, dass viele derselben ausserordentlich alt sind -und von einem gemeinsamen Stamm-Vater in einer sehr frühen Periode -abstammen müssen; daher in solchen Fällen genügende Zeit war sowohl -für grosse klimatische und geographische Veränderungen als für die -Verpflanzung-vermittelnden Zufälle, folglich auch für die Wanderung -der Arten nach allen Theilen der Welt, wo sie dann in einer den neuen -Verhältnissen angemessenen Weise abgeändert worden sind. Ebenso -scheint sich aus geologischen Nachweisungen zu ergeben, dass in jeder -Hauptklasse die tief-stehenden Organismen gewöhnlich langsamer als -die höheren Formen abändern; daher die tieferen Formen mehr in der -Lage gewesen sind, ihre spezifischen Merkmale lange zu behaupten und -sich damit weit zu verbreiten. Diese Thatsache in Verbindung mit -dem Umstande, dass die Saamen und Eier vieler tief-stehenden Formen -sich durch ihre ausserordentliche Kleinheit zur weiten Fortführung -vorzugsweise eignen, erklärt wahrscheinlich zur Genüge ein Gesetz, -welches schon längst bekannt und erst unlängst von ~Alph. -DeCandolle~ in Bezug auf die Pflanzen vortrefflich erläutert worden -ist: dass nämlich jede Gruppe von Organismen sich zu einer um so -weitren Verbreitung eigne, je tiefer sie steht. - -Die soeben erörterten Beziehungen, dass nämlich unvollkommene und -sich langsam abändernde Organismen sich weiter als die vollkommenen -verbreiten, -- dass einige Arten weit ausgebreiteter Sippen selbst eine -grosse Verbreitung besitzen, -- dass Alpen-, Sumpf- und Marsch-Bewohner -(mit den angedeuteten Ausnahmen) ungeachtet der Verschiedenheit der -Standorte mit denen der umgebenden Tief- und Trockenländer verwandt -sind, -- dann die sehr enge Beziehung zwischen den verschiedenen -Arten, welche die einzelnen Eilande einer Insel-Gruppe bewohnen, -- -und insbesondre die auffallende Verwandtschaft der Bewohner einer -ganzen Insel-Gruppe mit denen des nächsten Festlandes: alle diese -Verhältnisse sind nach meiner Meinung nach der gewöhnlichen Annahme -einer unabhängigen Schöpfung der einzelnen Arten völlig unverständlich, -dagegen leicht zu erklären durch die Unterstellung stattgefundener -Besiedelung aus der nächsten oder gelegensten Quelle mit nachfolgender -Abänderung und besserer Anpassung der Ansiedeler an ihre neue Heimath. - -+Zusammenfassung des letzten und des jetzigen Kapitels.+) -In diesen zwei Kapiteln habe ich nachzuweisen gestrebt, dass, -wenn wir unsre Unwissenheit über alle Folgen der klimatischen und -Niveau-Veränderungen der Länder, welche in der laufenden Periode gewiss -vorgekommen sind, und noch anderer Veränderungen, die in derselben -Zeit stattgefunden haben mögen, gebührend eingestehen und unsre tiefe -Unkenntniss der manchfaltigen gelegenheitlichen Transport-Mittel -(worüber kaum jemals angemessene Versuche veranstaltet worden sind) -anerkennen, und wenn wir erwägen, wie oft eine oder die andre Art sich -über ein zusammenhängendes weites Gebiet ausgebreitet haben mag, um -sofort in den mitteln Theilen desselben zu erlöschen, so scheinen mir -die Schwierigkeiten der Annahme, dass alle Individuen einer Spezies, wo -immer deren Wiege gestanden, von gemeinsamen Ältern abstammen, nicht -unübersteiglich zu seyn; und so leiten uns schliesslich Betrachtungen -allgemeiner Art insbesondere über die Wichtigkeit der natürlichen -Schranken und die analoge Vertheilung von Untersippen, Sippen und -Familien zur Annahme dessen, was viele Naturforscher als einzelne -Schöpfungs-Mittelpunkte bezeichnet haben. - -Was die verschiedenen Arten einer nämlichen Sippe betrifft, die nach -meiner Theorie von einer Geburts-Stätte ausgegangen seyn sollen, so -halte ich, wenn wir unsre Unwissenheit so wie vorhin eingestehen -und bedenken, dass manche Lebenformen nur sehr langsam abändern und -mithin ungeheuer langer Zeiträume für ihre Wanderungen bedurften, -die Schwierigkeiten nicht für unüberwindlich, obgleich sie in diesem -Falle so wie hinsichtlich der Individuen einer nämlichen Art oft -ausserordentlich gross sind. - -Um die Wirkung des Klima-Wechsels auf die Vertheilung der Organismen -durch Beispiele zu erläutern, habe ich die Wichtigkeit des Einflusses -der Eis-Zeit nachzuweisen gesucht, welche nach meiner vollen -Überzeugung sich gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche oder -wenigstens über grosse Längen-Striche derselben erstreckt hat. Und -um zu zeigen, wie manchfaltig die gelegentlichen Transport-Mittel -sind, habe ich die Ausbreitungs-Weise der Süsswasser-Bewohner etwas -ausführlicher auseinandergesetzt. - -Wenn sich die Schwierigkeiten der Annahme, dass im Verlaufe langer -Zeiten die Einzelwesen einer Art eben so wie die verwandten Arten -von einer gemeinsamen Quelle ausgegangen, sich nicht unübersteiglich -erweisen, dann glaube ich, dass alle leitenden Erscheinungen der -geographischen Verbreitung mittelst der Theorie der Wanderung -(hauptsächlich der herrschenden Lebenformen) und darauf-folgender -Abänderung und Vermehrung der neuen Formen erklärbar sind. Man vermag -alsdann die grosse Bedeutung der natürlichen Schranken -- Wasser -oder Land -- zwischen den verschiedenen botanischen wie zoologischen -Provinzen zu erkennen. Man vermag dann die örtliche Beschränkung -von Untersippen, Sippen und Familien zu begreifen, und woher es -komme, dass in verschiedenen geographischen Breiten, wie z. B. in -_Süd-Amerika_, die Bewohner der Ebenen und Berge, der Wälder, -Marschen und Wüsten, in so geheimnissvoller Weise durch Verwandtschaft -miteinander wie mit den erloschenen Wesen verkettet sind, welche -ehedem denselben Welttheil bewohnt haben. Indem wir erwägen, dass die -gegenseitigen Beziehungen von Organismus zu Organismus von höchster -Wichtigkeit sind, vermögen wir einzusehen, warum zwei Gebiete mit -beinahe den gleichen physikalischen Bedingungen von verschiedenen -Lebenformen bewohnt sind. Denn je nach der Länge der seit der Ankunft -der neuen Bewohner in einer Gegend verflossenen Zeit, -- je nach der -Natur des Verkehrs, welcher gewissen Formen gestattete und andern -wehrte sich in grösserer oder geringerer Anzahl einzudrängen, -- -je nachdem diese Eindringlinge in mehr oder weniger unmittelbare -Bewerbung miteinander und mit den Urbewohnern geriethen oder nicht, --- und je nachdem dieselben mehr oder weniger rasch zu variiren -fähig waren: müssen in verschiedenen Gegenden, ganz unabhängig -von ihren physikalischen Verhältnissen, unendlich vermanchfachte -Lebens-Bedingungen entstanden seyn, muss ein fast endloser Betrag von -organischer Wirkung und Gegenwirkung sich entwickelt haben, -- und -müssen, wie es wirklich der Fall ist, einige Gruppen von Wesen in -hohem und andre nur in geringem Grade abgeändert, müssen einige zu -grossem Übergewicht entwickelt und andre nur in geringer Anzahl in den -verschiedenen grossen geographischen Provinzen der Erde vorhanden seyn. - -Nach diesen nämlichen Prinzipien ist es, wie ich nachzuweisen versucht, -auch zu begreifen, warum ozeanische Inseln nur wenige, aber der -Mehrzahl nach endemische oder eigenthümliche Bewohner haben, und -warum daselbst in Übereinstimmung mit den Wanderungs-Mitteln eine -Gruppe von Wesen lauter endemische und die andere Gruppe, sogar in der -nämlichen Klasse, lauter weltbürgerliche Arten darbietet. Es lässt -sich einsehen, warum ganze Gruppen von Organismen, wie Batrachier -und Boden-Säugthiere, auf den ozeanischen Inseln fehlen, während -die meisten vereinzelt liegenden Inseln ihre eigenthümlichen Arten -von Luft-Säugethieren oder Fledermäusen besitzen. Es lässt sich die -Ursache einer gewissen Beziehung erkennen zwischen der Anwesenheit -von Säugthieren von mehr oder weniger abgeänderter Beschaffenheit und -der Tiefe der die Inseln vom Festlande trennenden Kanäle. Es ergibt -sich deutlich, warum alle Bewohner einer Insel-Gruppe, wenn auch -auf jedem der Eilande von andrer Art, doch innig miteinander und, -in minderm Grade, mit denen des nächsten Festlandes oder des sonst -wahrscheinlichen Stammlandes verwandt sind. Wir sehen endlich ein, -warum in zwei, wenn auch weit von einander entfernten, Länder-Gebieten -eine gewisse Wechselbeziehung in der Anwesenheit von identischen Arten, -von Varietäten, von zweifelhaften Arten und von verschiedenen aber -stellvertretenden Spezies zu erkennen ist. - -Wie der verstorbene ~Edward Forbes~ oft behauptet: es besteht -ein strenger Parallelismus in den Gesetzen des Lebens durch Zeit -und Raum. Die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der Formen in -vergangenen Zeiten geleitet, sind fast die nämlichen, wovon in der -laufenden Periode deren Unterschiede in verschiedenen Länder-Gebieten -abhängen. Wir erkennen Diess aus vielen Thatsachen. Die Erscheinung -jeder Art und Arten-Gruppe ist zusammenhängend in der Zeit; denn -der Ausnahmen von dieser Regel sind so wenige, dass sie wohl am -richtigsten daraus erklärt werden, dass wir deren in den mittlen -Schichten vorkommenden Reste nur noch nicht entdeckt haben; -- sie -ist zusammenhängend im Raume, indem die allerdings nicht seltenen -Ausnahmen sich dadurch erklären, dass jene Arten in einer früheren -Zeit unter abweichenden Verhältnissen in regelmässiger Weise oder -mittelst gelegenheitlichen Transportes über weite Flächen gewandert, -aber dann in den mittlen Gegenden derselben erloschen sind. Arten und -Arten-Gruppen haben ein Maximum der Entwickelung in der Zeit wie im -Raum. Arten-Gruppen, welche in einen gewissen Zeit-Abschnitt oder in -einen gewissen Raum-Bezirk zusammengehören, sind oft durch besondre -auffallende Merkmale in Skulptur oder Farbe u. s. w. charakterisirt. -Wenn wir die lange Reihe verflossener Zeit-Abschnitte mit den mehr -und weniger weit über die Erd-Oberfläche vertheilten zoologischen -und botanischen Provinzen vergleichen, so finden wir hier wie dort, -dass einige Organismen nur wenig differiren, während andre aus andren -Klassen, Ordnungen oder auch nur Familien weit abweichen. In Zeit und -Raum ändern die tieferen Glieder jeder Klasse gewöhnlich minder als -die höhern ab; doch kommen in beiden auffallende Ausnahmen von dieser -Regel vor. Nach meiner Theorie sind diese verschiedenen Beziehungen -durch Zeit und Raum ganz begreiflich; denn sowohl die Lebenformen, -welche in aufeinander-folgenden Zeitaltern innerhalb derselben Theile -der Erd-Oberfläche gewechselt, als jene, welche erst im Verhältnisse -ihrer Wanderungen nach andern Weltgegenden sich abgeändert, beiderlei -Formen sind in jeder Klasse durch das nämliche Band der Generation -miteinander verkettet; und je näher zwei Formen in Blutverwandtschaft -zu einander stehen, desto näher werden sie sich gewöhnlich auch in Zeit -und Raum stehen. In beiden Fällen sind die Gesetze der Abänderung die -nämlichen gewesen und sind Modifikationen durch die nämliche Kraft der -Natürlichen Züchtung gehäuft worden. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - -Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper; Morphologie; -Embryologie; Rudimentäre Organe. - - +Klassifikation+: Unterordnung der Gruppen. -- Natürliches - System. -- Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt - aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. -- Klassifikation - der Varietäten. -- Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. -- - Analoge oder Anpassungs-Charaktere. -- +Verwandtschaften+: - allgemeine verwickelte und strahlenförmige. -- Erlöschung trennt - und begrenzt die Gruppen. -- +Morphologie+: zwischen - Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen eines Einzelwesens. -- - +Embryologie+: deren Gesetze daraus erklärt, dass Abänderung - nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in korrespondirendem Alter - vererbt wird. -- +Rudimentäre Organe+: ihre Entstehung erklärt. - -- Zusammenfassung. - - -Von der ersten Stufe des Lebens an gleichen alle organischen Wesen -einander in immer weiter abnehmendem Grade, so dass man sie in Gruppen -und Untergruppen klassifiziren kann. Diese Gruppirung ist offenbar -nicht willkürlich, wie die der Sterne zu Gestirnen. Das Daseyn von -Gruppen würde eine vielfache Bedeutung haben, wenn eine Gruppe -ausschliesslich für die Land- und eine andre für die Wasser-Bewohner, -eine für die Fleisch-, eine andre für die Pflanzen-Fresser u. s. w. -bestimmt wäre; in der Natur aber verhält sich die Sache sehr -abweichend, indem es bekannt ist, wie oft sogar Glieder einer nämlichen -Untergruppe verschiedene Lebens-Weisen besitzen. Im zweiten und vierten -Kapitel, von Abänderung und Natürlicher Züchtung handelnd, habe ich zu -zeigen versucht, dass es in jeder Gegend die weit verbreiteten, die -überall gemeinen und die herrschenden Arten der grossen Sippen in jeder -Klasse sind, die am meisten variiren. Die so gebildeten Varietäten -oder beginnenden Arten gehen, wie ich glaube, allmählich in neue und -verschiedene Arten über, welche nach dem Vererbungs-Prinzip geneigt -sind andre neue und herrschende Arten zu erzeugen. Demzufolge streben -die Gruppen, welche jetzt gross sind und gewöhnlich viele herrschende -Arten in sich einschliessen, ohne Ende an Umfang zuzunehmen. Ich habe -weiter nachzuweisen gesucht, dass aus dem Streben der abändernden -Nachkommen einer Art so viele und verschiedene Stellen als möglich im -Haushalte der Natur einzunehmen, eine beständige Neigung zur Divergenz -der Charaktere entspringt. Diese Folgerung war unterstützt worden durch -die Betrachtung der grossen Manchfaltigkeit, die auf den kleinsten -Feldern in Mitbewerbung zu einander gerathen, und durch die Wahrnehmung -gewisser Thatsachen bei der Naturalisirung. - -Ich habe weiter darzuthun versucht, dass bei den in Zahl und in -Divergenz des Charakters zunehmenden Formen ein fortwährendes Streben -vorhanden ist, die früheren minder divergenten und minder verbesserten -Formen zu unterdrücken und zu ersetzen. Ich ersuche den Leser, nochmals -das Bild (S. 131) anzusehen, welches bestimmt gewesen ist, diese -verschiedenen Prinzipien zu erläutern, und er wird finden, dass die -einem gemeinsamen Stamm-Vater entsprossenen abgeänderten Nachkommen -unvermeidlich immer weiter in unterbrochenen Gruppen und Untergruppen -auseinanderlaufen müssen. In dem genannten Bilde mag jeder Buchstabe -der obersten Linie eine Sippe bezeichnen, welche mehre Arten enthält, -und alle Sippen dieser obern Linie bilden miteinander eine Klasse, -indem alle von einem gemeinsamen alten aber unsichtbaren Stammvater -entspringen und mithin irgend etwas Gemeinsames ererbt haben. Aber die -drei Sippen auf der linken Seite haben diesem nämlichen Prinzip zufolge -mehr miteinander gemein und bilden eine Unterfamilie verschieden von -derjenigen, welche die zwei rechts zunächst-folgenden einschliesst, die -auf der fünften Abstammungs-Stufe einem ihnen und jenem gemeinsamen -Stamm-Vater entsprungen sind. Diese fünf Genera haben auch noch -Manches, doch weniger als vorhin miteinander gemein und bilden -miteinander eine Familie, verschieden von der die nächsten drei Sippen -weiter rechts umfassenden, welche sich in einer noch früheren Periode -von den vorigen abgezweigt hat. Und alle diese von A entsprungenen -Sippen bilden eine von der aus I entsprossenen verschiedene Ordnung. -So haben wir hier viele Arten von gemeinsamer Abstammung in mehre -Genera vertheilt, und diese Genera bilden, indem sie zu immer grösseren -Gruppen zusammentreten, erst Unterfamilien und dann Ordnungen -miteinander, welche zu einer Klasse gehören. So erklärt sich nach -meiner Ansicht in der Naturgeschichte die grosse Erscheinung der -Unterabtheilung der Gruppen, die uns freilich in Folge unsrer Gewöhnung -daran nicht mehr sehr aufzufallen pflegt. (Es soll damit nicht gesagt -werden, dass es keine andre Erklärung von der Unterordnung der -Charaktere gebe. Wir wissen, dass Hr. ~Maw~ als Einwand gegen -unsre Theorie hervorgehoben hat, dass man auch Mineralien und selbst -Elementar-Stoffe in Gruppen und Untergruppen klassifiziren könne. In -diesem Falle gibt es natürlich keine genealogische Aufeinanderfolge. -Aber die oben entwickelte Ansicht erklärt die Klassifikation bei den -organischen Körpern, und eine andre Erklärung ist nie aufgestellt -worden.) - -Die Naturforscher bemühen sich die Arten, Familien und Sippen jeder -Klasse in ein sogen. natürliches System zu ordnen. Aber was ist Diess -für ein System? Einige Schriftsteller betrachten es nur als ein -Fachwerk, worin die einander ähnlichsten Lebenwesen zusammen-geordnet -und die unähnlichsten auseinander-gehalten werden, -- oder als ein -künstliches Mittel um allgemeine Beschreibungen so kurz wie möglich -auszudrücken, so dass, wenn man z. B. in einem Satz (Diagnose) die -allen Säugthieren, in einem andern die allen Raub-Säugthieren und in -einem dritten die allen Hunde-artigen Raub-Säugthieren gemeinsamen -Merkmale zusammengefasst hat, man endlich im Stande ist, schon durch -Beifügung noch eines ferneren Satzes eine vollständige Beschreibung -jeder beliebigen Hunde-Art zu liefern. Das Sinnreiche und Nützliche -dieses Systems ist unbestreitbar; doch glauben einige Naturforscher, -dass das natürliche System noch eine weitre Bestimmung habe, nämlich -die den Plan des Schöpfers zu enthüllen; so lange als es aber keine -Ordnung im Raume oder in der Zeit oder in beiden nachweist, und -als nicht näher bezeichnet wird, was mit dem „Plane des Schöpfers“ -gemeint seye, scheint mir damit für unsre Kenntniss nichts gewonnen -zu seyn. Solche Ausdrücke, wie die berühmten ~Linné~’schen, -die wir oft in mancherlei Einkleidungen versteckt wieder finden, dass -nämlich die Charaktere nicht die Sippe machen, sondern die Sippe die -Charaktere geben müsse, scheinen mir zugleich andeuten zu sollen, -dass unsre Klassifikation noch etwas mehr als blosse Ähnlichkeit zu -berücksichtigen habe. Und ich glaube in der That, dass es so der -Fall ist, und dass die auf gemeinschaftlicher Abstammung beruhende -Blutsverwandtschaft die einzige bekannte Ursache der Ähnlichkeit -organischer Wesen, das durch mancherlei Modifikations-Stufen verborgene -Band ist, welches durch natürliche Klassifikation theilweise enthüllt -werden kann. - -Betrachten wir nun die bei der Klassifikation befolgten Regeln und -die dabei vorkommenden Schwierigkeiten von der Annahme ausgehend, -als ob die Klassifikation entweder einen unbekannten Schöpfungs-Plan -darstellen oder auch nur ein Mittel bieten solle, um das Verwandte -zusammenzustellen und dadurch die allgemeinen Beschreibungen -abzukürzen. Man könnte annehmen und es ist in älteren Zeiten -angenommen worden, dass diejenigen Theile der Organisation, welche die -Lebens-Weise und im Allgemeinen den Platz bestimmen, welchen jedes -Wesen im Haushalte der Natur einnimmt, von erster Wichtigkeit seyen. -Und doch kann nichts unrichtiger seyn. Niemand legt mehr der äussern -Ähnlichkeit der Maus mit der Spitzmaus, des Dugongs mit dem Wale, und -des Wales mit dem Fisch einige Wichtigkeit bei. Diese Ähnlichkeiten, -wenn auch in innigstem Zusammenhange mit dem ganzen Leben des Thieres -stehend, werden als blosse „analoge oder Anpassungs-Charaktere“ -bezeichnet; doch werden wir auf die Betrachtung dieser Ähnlichkeiten -später zurückkommen. Man kann es sogar als eine allgemeine Regel -ansehen, dass, je weniger ein Theil der Organisation für Spezial-Zwecke -bestimmt ist, desto wichtiger er für die Klassifikation seye. So z. B. -sagt ~R. Owen~, indem er vom Dugong spricht: „Ich habe die -Generations-Organe, insoferne als sie mit Lebens- und Ernährungs-Weise -der Thiere in wenigst naher Beziehung stehen, immer als solche -betrachtet, welche die klarsten Andeutungen über die wahren [tieferen] -Verwandtschaften derselben zu liefern vermögen. Wir sind am wenigsten -der Gefahr ausgesetzt, in ihren Modifikationen einen bloss adaptiven -für einen wesentlichen Charakter zu nehmen.“ So ist es auch mit den -Pflanzen. Wie merkwürdig ist es nicht, dass die Vegetations-Organe, -von welchen ihr Leben überhaupt abhängig ist, ausser für die -ersten Hauptabtheilungen, so wenig zu bedeuten haben, während die -Reproduktions-Werkzeuge und deren Erzeugniss, der Saame, von oberster -Bedeutung sind. - -Wir dürfen uns daher bei der Klassifikation nicht auf Ähnlichkeiten -zwischen Theilen der Organisation verlassen, wie bedeutend sie auch -für das Gedeihen des Wesens in seinen Beziehungen zur äusseren Welt -seyn mögen. Daher rührt es vielleicht auch zum Theile, dass fast -alle Naturforscher die grösste Wichtigkeit auf die Ähnlichkeit -solcher Organe legen, welche in physiologischer Hinsicht von hoher -Bedeutung sind. Das ist auch wohl im Allgemeinen, aber nicht in allen -Fällen richtig. Jedoch hängt die Wichtigkeit der Organe für die -Klassifikation nach meiner Meinung hauptsächlich von der Beständigkeit -ihrer Charaktere in grossen Arten-Gruppen ab, und diese Beständigkeit -findet sich gerade bei solchen Organismen, welche zur Anpassung an -äussere Lebens-Bedingungen weniger abgeändert worden. Dass aber auch -die physiologische Wichtigkeit eines Organes seine Bedeutung für die -Klassifikation nicht allein bestimme, ergibt sich deutlich schon aus -der Thatsache allein, dass der klassifikatorische Werth eines Organes -in verwandten Gruppen, wo doch eine gleiche physiologische Bedeutung -desselben unterstellt werden darf, oft weit verschieden ist. Kein -Naturforscher kann sich mit einer Gruppe näher beschäftigt haben, ohne -dass ihm Diess aufgefallen wäre, was auch in den Schriften fast aller -Autoren vollkommen anerkannt wird. Es wird genügen, wenn ich ~Robert -Brown~ als den höchsten Gewährsmann zitire, indem er bei Erwähnung -gewisser Organe bei den Proteaceen sagt: ihre generische Wichtigkeit -„ist so wie die aller ihrer Theile nicht allein in dieser, sondern -nach meiner Erfahrung in allen natürlichen Familien sehr ungleich und -scheint mir in einigen Fällen ganz verloren zu gehen.“ Eben so sagt -er in einem andern Werke: die Genera der Connaraceae „unterscheiden -sich durch die Ein- oder Mehrzahl ihrer Ovarien, durch Anwesenheit -oder Mangel des Eiweisses und durch die schuppige oder klappenartige -Ästivation. Ein jedes einzelne dieser Merkmale ist oft von mehr als -generischer Wichtigkeit; hier aber erscheinen alle zusammen genommen -unzureichend, um nur die Sippe Cnestis von Connarus zu unterscheiden.“ -Ich will noch ein Beispiel von den Insekten entlehnen, wo in der Klasse -der Hymenopteren nach ~Westwood’s~ Beobachtung die Fühler in -einer Hauptabtheilung von sehr beständiger Bildung sind, während sie -in andern Abtheilungen sehr abändern und die Abweichungen oft von ganz -untergeordnetem Werthe für die Klassifikation sind; und doch wird -niemand behaupten wollen, dass die Fühler in diesen zwei Gruppen von -ungleichem physiologischem Werthe seyen. So liessen sich noch viele -Beispiele von der veränderlichen Wichtigkeit eines wesentlichen Organes -für die Klassifikation innerhalb derselben Gruppe von Organismen -anführen. - -Es wird niemand behaupten, rudimentäre oder verkümmerte Organe seyen -von hoher physiologischer Wichtigkeit, und doch gibt es ohne Zweifel -Organe, welche in diesem Zustande für die Klassifikation einen grossen -Werth haben. So bestreitet niemand, dass die Zahn-Rudimente im -Oberkiefer junger Wiederkäuer so wie gewisse Knochen-Rudimente in den -Füssen sehr nützlich sind, um die nahe Verwandtschaft der Wiederkäuer -mit den Dickhäutern zu beweisen. Und so bestund auch ~Robert -Brown~ strenge auf der hohen Bedeutung, welche die Stellung der -verkümmerten Blumen der Gräser für ihre Klassifikation hätten. - -Dagegen lässt sich eine Menge von Fällen nachweisen, wo Charaktere -an Organen von ganz zweifelhafter physiologischer Wichtigkeit -allgemein für sehr nützlich zur Bestimmung ganzer Gruppen gelten. So -ist z. B. der offne Durchgang von den Nasenlöchern in die Mundhöhle -nach ~R. Owen~ der einzige unbedingte Unterschied zwischen -Reptilien und Fischen; und eben so wichtig ist die Einbiegung des -hintern Unterrandes des Unterkiefers bei den Beutelthieren, die -verschiedene Zusammenfaltungs-Weise der Flügel bei den Insekten, die -blasse Farbe bei gewissen Algen, die Behaarung gewisser Blüthen-Theile -bei den Gräsern, das Haar- und Feder-Kleid bei den zwei obern -Wirbelthier-Klassen. Hätte der Ornithorhynchus ein Feder- statt ein -Haar-Gewand, so würde dieser äussre unwesentlich scheinende Charakter -vielleicht von manchen Naturforschern als ein wichtiges Hilfsmittel zur -Bestimmung des Verwandtschafts-Grades dieses sonderbaren Geschöpfes -den Vögeln und den Reptilien gegenüber, welchen es sich in einigen -wesentlicheren inneren Struktur-Verhältnissen nähert, angesehen werden. - -Die Wichtigkeit an sich gleichgiltiger Charaktere für die -Klassifikation hängt hauptsächlich von ihrer Wechselbeziehung zu -manchen anderen mehr und weniger wichtigen Merkmalen ab. In der -That ist der Werth untereinander zusammenhängender Charaktere in -der Naturgeschichte sehr augenscheinlich. Daher kann sich, wie oft -bemerkt worden ist, eine Art in mehren einzelnen Charakteren von -hoher physiologischer Wichtigkeit wie von allgemeiner Verbreitung -weit von ihren Verwandten entfernen und uns doch nicht in Zweifel -darüber lassen, wohin sie gehört. Daher hat sich auch oft genug eine -bloss auf ein einziges Merkmal, wenn gleich von höchster Bedeutung, -gegründete Klassifikation als mangelhaft erwiesen; denn kein Theil -der Organisation ist allgemein beständig. Die Wichtigkeit einer -Verkettung von Charakteren, wenn auch keiner davon wesentlich ist, -erklärt nach meiner Meinung allein den Ausspruch ~Linnés~, -dass die Charaktere nicht das Genus machen, sondern dieses die -Charaktere gibt; denn dieser Ausspruch scheint gegründet auf eine -Würdigung vieler untergeordneter Ähnlichkeits-Beziehungen, welche -für die Definition zu gering sind. Gewisse zu den Malpighiaceae -gehörige Pflanzen bringen vollkommene und verkümmerte Blüthen -zugleich hervor; die letzten verlieren nach ~A. de Jussieu’s~ -Bemerkung „die Mehrzahl der Art-, Sippen-, Familien- und selbst -Klassen-Charaktere und spotten mithin unsrer Klassifikation.“ Als aber -die in _Frankreich_ eingeführte Aspicarpa mehre Jahre lang nur -verkümmerte Blüthen lieferte, welche in einer Anzahl der wichtigsten -Punkte der Organisation so wunderbar von dem eigentlichen Typus der -Ordnung abwichen, da erkannte ~Richard~ scharfsichtig genug, -wie ~Jussieu~ bemerkt, dass diese Sippe unter den Malpighiaceen -zurückbehalten werden müsse. Dieser Fall scheint mir den Geist wohl -zu bezeichnen, in welchem unsre Klassifikationen zuweilen nothwendig -gegründet sind. - -In der Praxis bekümmern sich aber die Naturforscher nicht viel um den -physiologischen Werth des Charakters, dessen sie sich zur Definition -einer Gruppe oder bei Einordnung einer Spezies bedienen. Wenn sie einen -nahezu einförmigen und einer grossen Anzahl von Formen gemeinsamen -Charakter finden, der bei andern nicht vorkommt, so betrachten sie -ihn als sehr werthvoll; kömmt er bei einer geringern Anzahl vor, -so ist er von geringerem Werthe. Zu diesem Grundsatze haben sich -einige Naturforscher offen als zu dem einzig richtigen bekannt, und -keiner entschiedener als der vortreffliche Botaniker ~August -St.-Hilaire~. Wenn gewisse Charaktere immer in Wechselbeziehung -mit einander erscheinen, mag auch ein bedingendes Band zwischen ihnen -nicht zu entdecken seyn, so wird ihnen besondrer Werth beigelegt. Da in -den meisten Säugthier-Gruppen wesentliche Organe, wie die zur Bewegung -des Blutes, zur Athmung, zur Fortpflanzung bestimmten, nahezu von -gleicher Beschaffenheit sind, so werden sie bei deren Klassifikation -hoch gewerthet; wogegen wieder in andern Gruppen alle diese wichtigsten -Lebens-Werkzeuge nur Charaktere von ganz untergeordnetem Werthe -darbieten. - -Vom Embryo entnommene Charaktere erweisen sich von gleicher -Wichtigkeit, wie die der ausgewachsenen Thiere, indem unsre -Klassifikationen die Arten in allen ihren Lebens-Altern umfassen. Doch -scheint es sich aus der gewöhnlichen Anschauungs-Weise keineswegs zu -rechtfertigen, dass man die Struktur des Embryos für diesen Zweck -höher in Anschlag bringe als die des erwachsenen Thieres, welches -doch nur allein vollen Antheil am Haushalte der Natur nimmt. Nun -haben die grossen Naturforscher ~Milne-Edwards~ und ~L. -Agassiz~ scharf hervorgehoben, dass embryonische Charaktere von -allen die wichtigsten für die Klassifikation sind, und diese Behauptung -ist fast allgemein als richtig aufgenommen worden. Sie entspricht -auch den Blüthen-Pflanzen ganz gut, deren zwei Hauptabtheilungen -nur auf embryonische Charaktere gegründet sind, nämlich auf die -Zahl und Stellung der Blätter des Embryos oder der Kotyledonen und -auf die Entwicklungs-Weise der Plumula und Radicula. In unsren -embryologischen Erörterungen werden wir den Grund einsehen, wesshalb -diese Charaktere so werthvoll sind, indem nämlich die auf dieselben -gegründete Klassifikations-Weise stillschweigend die Vorstellung von -der gemeinsamen Abstammung der Arten anerkennt. - -Unsre Klassifikationen stehen oft offenbar unter dem Einflusse -verwandtschaftlicher Verkettungen. Es ist nichts leichter, als eine -Anzahl allen Vögeln gemeinsamer Charaktere zu bezeichnen, während -Diess hinsichtlich der Kruster noch nicht möglich gewesen ist. Es gibt -Kruster an den beiden Enden der Reihe, welche kaum einen Charakter mit -einander gemein haben; aber da die an den zwei Enden stehenden Arten -offenbar mit andern und diese wieder mit andern Krustern u. s. w. -verwandt sind, so ergibt sich ganz unzweideutig, dass sie alle zu -dieser und zu keiner andern Klasse der Kerbthiere gehören. - -Auch die geographische Verbreitung ist oft, wenn gleich vielleicht -nicht logischer Weise, zur Klassifikation mit benützt worden, zumal in -sehr grossen Gruppen einander nahe verwandter Formen. ~Temminck~ -besteht auf der Nützlichkeit und selbst Nothwendigkeit dieser Übung bei -gewissen Vögel-Gruppen; wie sie denn auch von einigen Entomologen und -Botanikern in Anwendung gekommen ist. - -Was endlich die verglichenen Werthe der verschiedenen Arten-Gruppen, -wie Ordnungen und Unterordnungen, Familien und Unterfamilien, -Sippen u. s. w. betrifft, so scheinen sie wenigstens bis jetzt ganz -willkürlich zu seyn. Einige der besten Botaniker, wie ~Bentham~ -u. A., sind beharrlich auf ihrer Meinung von deren willkürlichem Werthe -geblieben. Man könnte bei den Pflanzen wie bei den Insekten Beispiele -anführen von Arten-Gruppen, die von geübten Naturforschern erst nur -als Sippen aufgestellt und dann allmählich zum Rang von Unterfamilien -und Familien erhoben worden sind, und zwar nicht desshalb, weil durch -spätre Forschungen neue wesentliche Unterschiede in ihrer Organisation -ausgemittelt worden wären, sondern nur in Folge spätrer Entdeckung -vieler verwandter Arten mit nur schwach abgestuften Unterschieden. - -Alle voranstehenden Regeln, Behelfe und Schwierigkeiten der -Klassifikation erklären sich, wenn ich mich nicht sehr täusche, durch -die Annahme, dass das natürliche System auf Fortpflanzung unter -fortwährender Abänderung beruhe, dass diejenigen Charaktere, welche -nach der Ansicht der Naturforscher eine ächte Verwandtschaft zwischen -zwei oder mehr Arten darthun, von einem gemeinsamen Ahnen ererbt -sind und in so fern alle ächte Klassifikation eine genealogische -ist; -- dass gemeinsame Abstammung das unsichtbare Band ist, wonach -alle Naturforscher unbewusster Weise gesucht haben, nicht aber ein -unbekannter Schöpfungs-Plan, oder eine bequeme Form für allgemeine -Beschreibung, oder eine angemessene Methode die Natur-Gegenstände nach -den Graden ihrer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zu sortiren. - -Doch ich muss meine Ansicht vollständiger auseinandersetzen. Ich -glaube, dass die +Anordnung+ der Gruppen in jeder Klasse, ihre -gegenseitige Nebenordnung und Unterordnung streng genealogisch -seyn muss, wenn sie natürlich seyn soll; dass aber das Maass der -Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Gruppen oder Verzweigungen, -obschon sie alle in gleicher Blutsverwandtschaft mit ihrem gemeinsamen -Stammvater stehen, sehr ungleich seyn kann, indem dieselbe von den -verschiedenen Graden erlittener Abänderung abhängig ist; und Diess -findet seinen Ausdruck darin, dass die Formen in verschiedene Sippen, -Familien, Sektionen und Ordnungen gruppirt werden. Der Leser wird -meine Meinung am besten verstehen, wenn er sich nochmals nach dem -Bilde S. 131 umsehen will. Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L -stellen verwandte Sippen vor, welche in der silurischen Zeit gelebt -und selber von einer Art abstammen, die in einer unbekannten früheren -Periode existirt hat. Arten von dreien dieser Genera (A, F und I) -haben sich in abgeänderten Nachkommen bis auf den heutigen Tag -fortgepflanzt, welche durch die fünfzehn Sippen a^{14} bis z^{14} der -obersten Reihe ausgedrückt sind. Nun sind aber alle diese abgeänderten -Nachkommen einer einzelnen Art in gleichem Grade blutsverwandt zu -einander; man könnte sie bildlich als Vettern im gleichen millionsten -Grade bezeichnen; und doch sind sie weit und in ungleichem Grade von -einander verschieden. Die von A herstammenden Formen, welche nun in -2-3 Familien geschieden sind, bilden eine andre Ordnung als die zwei -von I entsprossenen. Auch können die von A abgeleiteten jetzt lebenden -Formen eben so wenig in eine Sippe mit ihrem Ahnen A, als die von I -herkommenden in eine mit ihrem Stammvater I zusammengestellt werden. -Die noch jetzt lebende Sippe ~F~^{14} dagegen mag man als -nur wenig modifizirt betrachten und demnach mit deren Stamm-Sippe -F vereinigen, wie es ja in der That noch jetzt einige Genera gibt, -welche mit silurischen übereinstimmen. So kommt es, dass das Maass -oder der Werth der Verschiedenheiten zwischen organischen Wesen, -die alle in gleichem Grade miteinander blutsverwandt sind, doch so -ausserordentlich ungleich erscheint. Demungeachtet aber bleibt ihre -genealogische Anordnungs-Weise vollkommen richtig nicht allein in der -jetzigen sondern auch in allen künftigen Perioden der Fortstammung. -Alle abgeänderten Nachkommen von A haben etwas Gemeinsames von ihrem -gemeinsamen Ahnen geerbt, wie die des I von dem ihrigen, und so wird -es sich auch mit jedem untergeordneten Zweige der Nachkommenschaft -in jeder späteren Periode verhalten. Unterstellen wir dagegen, einer -der Nachkommen von A oder I seye so sehr modifizirt worden, dass er -die Spuren seiner Abkunft von demselben mehr oder weniger eingebüsst -habe, so wird er im natürlichen Systeme nur eine mehr und weniger -abgesonderte Stelle einnehmen können, wie Diess bei einigen noch -lebenden Formen wirklich der Fall zu seyn scheint. Von allen Nachkommen -der Sippe F ist der ganzen Reihe nach angenommen, dass sie nur wenig -modifizirt worden seyen und daher gegenwärtig nur ein einzelnes -Genus bilden. Aber dieses Genus wird, sehr vereinzelt, eine eigene -Zwischenstelle einnehmen; denn F hielt ursprünglich seinem Charakter -nach das Mittel zwischen A und I, und die verschiedenen von diesen -zwei Genera herstammenden Sippen werden jedes von seiner Stamm-Sippe -etwas Gemeinsames geerbt haben. Diese natürliche Anordnung ist, so -viel es auf dem Papiere möglich, nur in viel zu einfacher Weise, -bildlich dargestellt. Hätte ich, statt der verzweigten Darstellung, -nur die Namen der Gruppen in eine lineare Reihe schreiben wollen, so -würde es noch viel weniger möglich geworden seyn, ein Bild von der -natürlichen Anordnung zu geben, da es anerkannter Maassen unmöglich -ist, in einer Linie oder auf einer Fläche die Verwandtschaften -zwischen den verschiedenen Wesen einer Gruppe darzustellen. So ist -nach meiner Ansicht das Natur-System genealogisch in seiner Anordnung, -wie ein Stammbaum, aber die Abstufungen der Modifikationen, welche -die verschiedenen Gruppen durchlaufen haben, müssen durch Eintheilung -derselben in verschiedene sogenannte Sippen, Unterfamilien, Familien, -Sektionen, Ordnungen und Klassen ausgedrückt werden. - -Zur Erläuterung dieser meiner Ansicht von der Klassifikation mag -ein Vergleich mit den Sprachen angemessen seyn. Wenn wir einen -vollständigen Stammbaum des Menschen besässen, so würde eine -genealogische Anordnung der Menschen-Rassen die beste Klassifikation -aller jetzt auf der ganzen Erde gesprochenen Sprachen abgeben; und -könnte man alle erloschenen und mitteln Sprachen und alle langsam -abändernden Dialekte mit aufnehmen, so würde diese Anordnung, glaube -ich, die einzig mögliche seyn. Da könnte nun der Fall eintreten, dass -irgend eine sehr alte Sprache nur wenig abgeändert und zur Bildung -nur weniger neuen Sprachen gedient hätte, während andre (in Folge der -Ausbreitung und späteren Isolirung und Zivilisations-Stufen einiger -von gemeinsamem Stamm entsprossener Rassen) sich sehr veränderten -und die Entstehung vieler neuer Sprachen und Dialekte veranlassten. -Die Ungleichheit der Abstufungen in der Verschiedenheit der Sprachen -eines Sprach-Stammes müsste durch Unterordnung der Gruppen unter -einander ausgedrückt werden; aber die eigentliche oder eben allein -mögliche Anordnung könnte nur genealogisch seyn; und Diess wäre streng -naturgemäss, indem auf diese Weise alle lebenden wie erloschenen -Sprachen je nach ihren Verwandtschafts-Stufen mit einander verkettet -und der Ursprung und der Entwickelungs-Gang einer jeden einzelnen -nachgewiesen werden würde. - -Wir wollen nun, zur Bestätigung dieser Ansicht, einen Blick auf die -Klassifikation der Varietäten werfen, von welchen man annimmt oder -weiss, dass sie von einer Art abstammen. Diese werden unter die -Arten eingereihet und selbst in Unter-Varietäten weiter geschieden; -und bei unsren Kultur-Erzeugnissen werden noch manche andre -Unterscheidungs-Stufen angenommen, wie wir bei den Tauben gesehen -haben. Das Verhältniss der Gruppen zu den Untergruppen ist dasselbe, -wie das der Arten zu den Varietäten; es ist verwandte Abstammung mit -verschiedenen Abänderungs-Stufen. Bei Klassifikation der Varietäten -werden fast die nämlichen Regeln, wie bei den Arten befolgt. Manche -Schriftsteller sind auf der Nothwendigkeit bestanden, die Varietäten -nach einem natürlichen statt künstlichen Systeme zu klassifiziren; -wir sind z. B. so vorsichtig, nicht zwei Kiefer-Varietäten -zusammenzuordnen, weil bloss ihre Frucht, obgleich der wesentlichste -Theil, zufällig nahezu übereinstimmt. Niemand stellt den Schwedischen -mit dem gemeinen Turnips oder Rübsen zusammen, obwohl deren verdickter -essbarer Stiel so ähnlich ist. Der beständigste Theil, welcher es -immer seyn mag, wird zur Klassifikation der Varietäten benützt; aber -der grosse Landwirth ~Marshall~ sagt, die Hörner des Rindviehs -seyen für diesen Zweck sehr nützlich, weil sie weniger als die -Form oder Farbe des Körpers veränderlich seyen, während sie bei den -Schaafen ihrer Veränderlichkeit wegen viel weniger brauchbar seyen. Ich -stelle mir vor, dass, wenn man einen wirklichen Stammbaum hätte, eine -genealogische Klassifikation der Varietäten allgemein vorgezogen werden -würde, und einige Autoren haben in der That eine solche versucht. -Denn, mag ihre Abänderung gross oder klein seyn, so werden wir uns -doch überzeugt halten, dass das Vererbungs-Prinzip diejenigen Formen -zusammenhalte, welche in den meisten Beziehungen mit einander verwandt -sind. So werden alle Purzel-Tauben, obschon einige Untervarietäten -in der Länge des Schnabels weit von einander abweichen, doch durch -die gemeinsame Sitte zu purzeln unter sich zusammengehalten, aber -der kurzschnäbelige Stock hat diese Gewohnheit beinahe abgelegt. -Demungeachtet hält man diese Purzler, ohne über die Sache nachzudenken -oder zu urtheilen, in einer Gruppe beisammen, weil sie einander durch -Abstammung verwandt und in manchen andern Beziehungen ähnlich sind. -Liesse sich nachweisen, dass der Hottentott vom Neger abstammte, so -würde man ihn, wie ich glaube, unter den Neger einreihen, wie weit er -auch in Farbe und andern wichtigen Bedingungen davon verschieden seyn -mag. - -Was dann die Arten in ihrem Natur-Zustande betrifft, so hat jeder -Naturforscher die Abstammung bei der Klassifikation mit in Betracht -gezogen, indem er in seine unterste Gruppe, die Spezies nämlich, -beide Geschlechter aufnahm, und wie ungeheuer diese zuweilen sogar -in den wesentlichsten Charakteren von einander abweichen, ist jedem -Naturforscher bekannt; so haben Männchen und Hermaphroditen gewisser -Cirripeden im reifen Alter kaum ein Merkmal mit einander gemein, und -doch träumt niemand davon sie zu trennen. Sobald man wahrnahm, dass -drei ehedem als eben so viele Sippen aufgeführte Orchideen-Formen -(Monachanthus, Myanthus und Catasetum) zuweilen an der nämlichen -Blüthen-Ähre beisammensitzen, verband man sie unmittelbar als -merkwürdige Varietäten zu einer einzigen Art; es ist mir aber neuerlich -möglich geworden zu zeigen, dass sie die weibliche, zwitterliche und -männliche Form der nämlichen Orchidee bilden[42]. Der Naturforscher -schliesst in eine Spezies die verschiedenen Larven-Zustände des -nämlichen Individuums ein, wie weit dieselben auch unter sich und von -dem erwachsenen Thiere verschieden seyn mögen, wie er auch die von -~Steenstrup~ sogenannten Wechsel-Generationen mit einbegreift, -die man nur in einem technischen Sinne noch als zum nämlichen -Individuum gehörig betrachten kann. Er schliesst Missgeburten, er -schliesst Varietäten mit ein, nicht allein weil sie der älterlichen -Form nahezu gleichen, sondern weil sie von derselben abstammen. Wer -glaubt, dass die grosse hellgelbe Schlüsselblume (Primula elatior) von -der gewöhnlicheren kleinen und dunkelgelben (Pr. veris) abstamme oder -umgekehrt, stellt sie in eine Art zusammen und gibt eine gemeinsame -Definition derselben. - -Da die Abstammung bei Klassifikation der Individuen einer Art trotz der -oft ausserordentlichen Verschiedenheit zwischen Männchen, Weibchen und -Larven, allgemein massgebend ist, und da dieselbe bei Klassifikation -von Varietäten, welche ein gewisses und mitunter ansehnliches Maass von -Abänderung erfahren haben, in Betracht gezogen wird: mag es dann nicht -auch vorgekommen seyn, dass man das nämliche Element ganz unbewusst -bei Zusammenstellung der Arten in Sippen und der Sippen in höhere -Gruppen angewendet hat, obwohl hier die Unterschiede beträchtlicher -sind und eine längere Zeit zu ihrer Entwickelung bedurft haben? Ich -glaube, dass es allerdings so geschehen ist; und nur so vermag ich -die verschiedenen Regeln und Vorschriften zu verstehen, welche von -unsern besten Systematikern befolgt worden sind. Wir haben keine -geschriebenen Stammbäume, sondern ermitteln die gemeinschaftliche -Abstammung nur vermittelst der Ähnlichkeiten irgend welcher Art. -Daher wählen wir Charaktere aus, die, so viel wir beurtheilen -können, durch die Beziehungen zu den äusseren Lebens-Bedingungen, -welchen jede Art in der laufenden Periode ausgesetzt gewesen ist, am -wenigsten verändert worden sind. Rudimentäre Gebilde sind in dieser -Hinsicht eben so gut und zuweilen noch besser, als andre. Mag ein -Charakter noch so unwesentlich erscheinen, seye es ein eingebogner -Unterkiefer-Rand, oder die Faltungs-Weise eines Insekten-Flügels, sey -es das Haar- oder Feder-Gewand des Körpers: wenn sich derselbe durch -viele und verschiedene Spezies erhält, durch solche zumal, welche -sehr ungleiche Lebens-Weisen haben, so nimmt er einen hohen Werth -an; denn wir können seine Anwesenheit in so vielerlei Formen und mit -so manchfaltigen Lebens-Weisen nur durch seine Ererbung von einem -gemeinsamen Stamm-Vater erklären. Wir können uns dabei hinsichtlich -einzelner Punkte der Organisation irren; wenn aber verschiedene noch -so unwesentliche Charaktere durch eine ganze grosse Gruppe von Wesen -mit verschiedener Lebens-Weise gemeinschaftlich andauern, so werden -wir nach der Theorie der Abstammung fest überzeugt seyn können, dass -diese Gemeinschaft von Charakteren von einem gemeinsamen Vorfahren -ererbt ist. Und wir wissen, dass solche in Wechselbeziehung zu einander -vorkommende Charaktere bei der Klassifikation von grossem Werthe sind. -Es wird begreiflich, warum eine Art oder eine ganze Gruppe von Arten in -einigen ihrer wesentlichsten Charaktere von ihren Verwandten abweichen -und doch ganz wohl mit ihnen zusammen klassifizirt werden kann. Man -kann Diess getrost thun und hat es oft gethan, so lange als noch eine -genügende Anzahl von wenn auch unbedeutenden Charakteren das verbundene -Band gemeinsamer Abstammung verräth. Denn sogar, wenn zwei Formen nicht -einen einzigen Charakter gemeinsam besitzen, aber diese extremen Formen -noch durch eine Reihe vermittelnder Gruppen miteinander verkettet -sind, dürfen wir noch auf eine gemeinsame Abstammung schliessen und -sie alle zusammen in eine Klasse stellen. Da Charaktere von hoher -physiologischer Wichtigkeit, solche die zur Erhaltung des Lebens -unter den verschiedensten Existenz-Bedingungen dienen, gewöhnlich am -beständigsten sind, so legen wir ihnen grossen Werth bei; wenn aber -diese Organe in einer andern Gruppe oder Gruppen-Abtheilung sehr -abweichen, so schätzen wir sie hier auch bei der Klassifikation -geringer. Wir werden hiernach, wie ich glaube, klar einsehen, warum -embryonische Merkmale eine so hohe klassifikatorische Wichtigkeit -besitzen. Die geographische Verbreitung mag bei der Klassifikation -grosser und weitverbreiteter Sippen zuweilen mit Nutzen angewendet -werden, weil alle Arten einer solchen Sippe, welche eine eigenthümliche -und abgesonderte Gegend bewohnen, höchst wahrscheinlich von gleichen -Ältern abstammen. - -Aus diesem Gesichtspunkte wird es begreiflich, wie wesentlich -es ist, zwischen wirklicher Verwandtschaft und analoger oder -Anpassungs-Ähnlichkeit zu unterscheiden. ~Lamarck~ hat zuerst -die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied gelenkt, und ~Macleay~ -u. A. sind ihm darin glücklich gefolgt. Die Ähnlichkeit, welche -zwischen dem Dugong, einem den Pachydermen verwandten Thiere, und den -Walen in der Form des Körpers und der Bildung der vordem ruderförmigen -Gliedmaassen, und jene, welche zwischen diesen beiderlei Thieren -und den Fischen besteht, ist Analogie. Bei den Insekten finden sich -unzählige Beispiele dieser Art; daher ~Linné~, durch äussern -Anschein verleitet, wirklich ein homopteres Insekt unter die Motten -gestellt hat. Wir sehen etwas Ähnliches auch bei unseren kultivirten -Pflanzen in den verdickten Stämmen des gemeinen und des Schwedischen -Rutabaga-Turnips. Die Ähnlichkeit zwischen dem Windhund und dem -Englischen Wettrenner ist schwerlich eine mehr eingebildete, als andre -von einigen Autoren zwischen einander sehr entfernt stehenden Thieren -aufgesuchte Analogie’n. Nach meiner Ansicht, dass Charaktere nur in -so ferne von wesentlicher Wichtigkeit für die Klassifikation sind, -als sie die gemeinsame Abstammung ausdrücken, lernen wir deutlicher -einsehen, warum analoge oder Anpassungs-Charaktere, wenn auch vom -höchsten Werthe für das Gedeihen der Wesen, doch für den Systematiker -fast werthlos sind. Denn zwei Thiere von ganz verschiedener Abstammung -können wohl ganz ähnlichen Lebens-Bedingungen angepasst und sich daher -äusserlich sehr ähnlich seyn; aber solche Ähnlichkeiten verrathen -keine Bluts-Verwandtschaft, sondern sind vielmehr geeignet, die wahren -verwandtschaftlichen Beziehungen in Folge gemeinsamer Abstammung -zu verbergen. Wir begreifen ferner das anscheinende Paradoxon, dass -die nämlichen Charaktere analoge seyn können, wenn eine Klasse oder -Ordnung mit der andern verglichen wird, aber für ächte Verwandtschaft -zeugen, woferne es sich um die Vergleichung von Gliedern der nämlichen -Klasse oder Ordnung unter einander handelt. So beweisen Körper-Form -und Ruderfüsse der Wale nur eine Analogie mit den Fischen, indem -solche in beiden Klassen nur eine Anpassung des Thieres zum Schwimmen -im Wasser bezwecken; aber beiderlei Charaktere beweisen auch die nahe -Verwandtschaft zwischen den Gliedern der Wal-Familie selbst; denn diese -Wale stimmen in so vielen grossen und kleinen Charakteren miteinander -überein, dass wir nicht an der Ererbung ihrer allgemeinen Körper-Form -und ihrer Ruderfüsse von einem gemeinsamen Vorfahren zweifeln können. -Und eben so ist es mit den Fischen. - -(Einige Fälle von analoger oder adaptiver Ähnlichkeit sind sehr -bemerkenswerth. Ich will nur einen derselben hier erörtern, der von -minder augenfälliger Art ist, als die mehr äusserliche Ähnlichkeit -zwischen Fisch-Säugthieren und Fischen, zwischen fliegendem Oppossum -und fliegendem Eichhorn u. s. w. ~Bates~ hat kürzlich berichtet, wie -unter den zahlreichen Schmetterlingen des grossen _Amazonas-Thales_ -die Arten einer Sippe und selbst die Varietäten einer Art oft das -Kleid von Arten ganz verschiedener Genera oder Unterfamilien in so -vollkommener Weise annehmen, dass man sie ohne die sorgfältigste -Untersuchung gar nicht zu unterscheiden im Stande ist. Dabei ist ferner -eine bemerkenswerthe Thatsache, dass fast immer die nachahmende Art -selten, die nachgeahmte aber häufig und im Kampf ums Daseyn siegreich -ist. ~Bates~ ist der Meinung, dass die Nachahmer durch Natürliche -Züchtung allmählich zu ihrem jetzigen Kleide gelangt seyen, um unter -dieser Maske der häufigen und siegreichen Art irgend einer sie allein -bedrohenden Gefahr zu entgehen.) - -Da Glieder verschiedener Klassen oft durch zahlreich auf -einander-folgende geringe Abänderungen einer Lebens-Weise unter nahezu -ähnlichen Verhältnissen angepasst werden, um z. B. auf dem Boden, in -der Luft oder im Wasser zu leben, so werden wir vielleicht verstehen -woher es kommt, dass man zuweilen einen Zahlen-Parallelismus zwischen -Unter-Gruppen verschiedener Klassen bemerkt hat. Ein Naturforscher -kann unter dem Eindrucke, den dieser Parallelismus in einer Klasse auf -ihn macht, demselben dadurch, dass er den Werth der Gruppen in andern -Klassen etwas höher oder tiefer setzt (und alle unsre Erfahrung zeigt, -dass Schätzungen dieser Art noch immer sehr willkürlich sind), leicht -eine grosse Ausdehnung geben; und so sind wohl unsre sieben-, fünf-, -vier- und drei-gliedrigen Systeme entstanden. - -Da die abgeänderten Nachkommen herrschender Arten grosser Sippen -diejenigen Vorzüge, welche die Gruppen, wozu sie gehören, gross und -ihre Ältern herrschend gemacht haben, zu vererben streben, so sind -sie meistens sicher sich weit auszubreiten und mehr oder weniger -Stellen im Haushalte der Natur einzunehmen. So streben die grösseren -und herrschenderen Gruppen in jeder Klasse nach immer weiterer -Vergrösserung und ersetzen demnach viele kleinere und schwächere -Gruppen. So erklärt sich auch die Thatsache, dass alle erloschenen -wie noch lebenden Organismen einige wenige grosse Ordnungen in noch -wenigeren Klassen bilden, die alle in einem grossen Natur-Systeme -enthalten sind. Um zu zeigen, wie wenige an Zahl die oberen Gruppen und -wie weit sie in der Welt verbreitet sind, ist die Thatsache zutreffend, -dass die Entdeckung _Neu-Hollands_ nicht ein Insekt aus einer -neuen Klasse geliefert hat, und dass im Pflanzen-Reiche, wie ich von -Dr. ~Hooker~ vernehme, nur eine oder zwei kleine Ordnungen -hinzugekommen sind. - -Im Kapitel über die geologische Aufeinanderfolge habe ich nach dem -Prinzip, dass im Allgemeinen jede Gruppe während des lang-dauernden -Modifikations-Prozesses in ihrem Charakter sehr auseinander gelaufen -ist, zu zeigen mich bemühet, woher es kommt, dass die ältern -Lebenformen oft einigermaassen mittle Charaktere zwischen denen der -jetzigen Gruppen darbieten. Einige wenige solcher alten und mitteln -Stamm-Formen, welche sich zuweilen in nur wenig abgeänderten Nachkommen -bis zum heutigen Tage erhalten haben, geben zur Bildung unsrer -sogenannten schwankenden oder aberranten Gruppen Veranlassung. Je -abirrender eine Form ist, desto grösser muss die Zahl verkettender -Glieder seyn, welche gänzlich vertilgt worden und verloren gegangen -sind. Auch dafür, dass die aberranten Formen sehr durch Erlöschen -gelitten, haben wir einige Belege; denn sie sind gewöhnlich nur durch -einige wenige Arten vertreten, und auch diese Arten sind gewöhnlich -sehr verschieden von einander, was gleichfalls auf Erlöschung hinweist. -Die Sippen Ornithorhynchus und Lepidosiren z. B. würden nicht weniger -aberrant seyn, wenn sie jede durch ein Dutzend statt nur eine oder zwei -Arten vertreten wären; aber solcher Arten-Reichthum ist, wie ich nach -mancherlei Nachforschungen finde, den aberranten Sippen gewöhnlich -nicht zu Theil geworden. Wir können, glaube ich, diese Erscheinung -nur erklären, indem wir die aberranten Formen als Gruppen betrachten, -welche, im Kampfe mit siegreichen Mitbewerbern unterliegend, nur noch -wenige Glieder in Folge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens günstiger -Umstände bis heute erhalten haben. - -Hr. ~Waterhouse~ hat bemerkt, dass, wenn ein Glied aus -einer Thier-Gruppe Verwandtschaft mit einer sehr verschiedenen -andern Gruppe zeigt, diese Verwandtschaft in den meisten Fällen -eine Sippen- und nicht eine Art-Verwandtschaft ist. So ist nach -~Waterhouse~ von allen Nagern die Viscasche[43] am nächsten -mit den Beutelthieren verwandt; aber die Charaktere, worin sie sich -den Marsupialen am meisten nähert, haben eine allgemeine Beziehung zu -den Beutelthieren und nicht zu dieser oder jener Art im Besondern. Da -diese Verwandtschafts-Beziehungen der Viscasche zu den Beutelthieren -für wesentliche gelten und nicht Folge blosser Anpassung sind, so -rühren sie nach meiner Theorie von gemeinschaftlicher Ererbung her. -Daher wir dann auch unterstellen müssen, entweder dass alle Nager -einschliesslich der Viscasche von einem sehr alten Marsupialen -abgezweigt sind, der einen einigermaassen mitteln Charakter zwischen -denen aller jetzigen Beutelthiere besessen, oder dass sowohl Nager -wie Beutelthiere von einem gemeinsamen Stammvater herrühren und beide -Gruppen durch starke Abänderung seitdem in verschiedenen Richtungen -auseinander gegangen sind. Nach beiderlei Ansicht müssen wir annehmen, -dass die Viscasche mehr von den erblichen Charakteren des alten -Stamm-Vaters an sich behalten habe, als sämmtliche anderen Nager; und -desshalb zeigt sie keine besonderen Beziehungen zu diesem oder jenem -noch vorhandenen Beutler, sondern nur indirekte zu allen oder fast -allen Marsupialen überhaupt, indem sie sich einen Theil des Charakters -des gemeinsamen Urvaters oder eines früheren Gliedes dieser Gruppe -erhalten hat. Anderseits besitzt nach ~Waterhouse’s~ Bemerkung -unter allen Beutelthieren der Phascolomys am meisten Ähnlichkeit, -nicht zu einer einzelnen Art, sondern zur ganzen Ordnung der Nager -überhaupt. In diesem Falle ist sehr zu erwarten, dass die Ähnlichkeit -nur eine Analogie seye, indem der Phascolomys sich einer Lebens-Weise -anpasste, wie sie Nager besitzen. Der ältere ~DeCandolle~ hat -ziemlich ähnliche Bemerkungen hinsichtlich der allgemeinen Natur der -Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Pflanzen-Ordnungen gemacht. - -Nach dem Prinzip der Vermehrung und der stufenweisen Divergenz des -Charakters der von einem gemeinsamen Ahnen abstammenden Arten in -Verbindung mit der erblichen Erhaltung eines Theiles des gemeinsamen -Charakters erklären sich die ausserordentlich verwickelten und -strahlenförmig auseinander-gehenden Verwandtschaften, wodurch alle -Glieder einer Familie oder höheren Gruppe miteinander verkettet -werden. Denn der gemeinsame Stammvater einer ganzen Familie von Arten, -welche jetzt durch Erlöschung in verschiedene Gruppen und Untergruppen -gespalten ist, wird einige seiner Charaktere in verschiedener Art -und Abstufung modifizirt allen gemeinsam mitgetheilt haben, und die -verschiedenen Arten werden demnach nur durch Verwandtschafts-Linien -von verschiedener Länge miteinander verbunden seyn, welche in weit -älteren Vorgängern ihren Vereinigungs-Punkt finden, wie es das frühere -Bild S. 131 darstellt. Wie es schwer ist, die Blutsverwandtschaft -zwischen den zahlreichen Angehörigen einer alten adeligen Familie -sogar mit Hilfe eines Stammbaums zu zeigen, und fast unmöglich -es ohne dieses Hilfsmittel zu thun, so begreift man auch die -manchfaltigen Schwierigkeiten, auf welche Naturforscher, ohne die -Hilfe einer bildlichen Skizze, stossen, wenn sie die verschiedenen -Verwandtschafts-Beziehungen zwischen den vielen lebenden und -erloschenen Gliedern einer grossen natürlichen Klasse nachweisen wollen. - -Erlöschen hat, wie wir im vierten Kapitel gesehen, einen grossen -Antheil an der Bildung und Erweiterung der Lücken zwischen den -verschiedenen Gruppen in jeder Klasse. Wir können Diess eben so -wie die Trennung ganzer Klassen von einander, wie z. B. die der -Vögel von allen andern Wirbelthieren, durch die Annahme erklären, -dass viele alte Lebenformen ganz ausgegangen sind, durch welche die -ersten Stammältern der Vögel vordem mit den ersten Stammältern der -übrigen Wirbelthier-Klassen verkettet gewesen. Dagegen sind nur -wenige solche Lebenformen erloschen, welche einst die Fische mit -den Batrachiern verbanden. In noch geringerem Grade ist Diess in -einigen andern Klassen, wie z. B. bei den Krustern der Fall gewesen, -wo die wundersamst verschiedenen Formen noch durch eine lange -aber unterbrochene Verwandtschafts-Kette zusammengehalten werden. -Erlöschung hat die Gruppen nur getrennt, nicht gemacht. Denn wenn alle -Formen, welche jemals auf dieser Erde gelebt haben, plötzlich wieder -erscheinen könnten, so würde es ganz unmöglich seyn, die Gruppen durch -Definitionen von einander zu unterscheiden, weil alle durch eben so -feine Abstufungen, wie die zwischen den lebenden Varietäten sind, -in einander übergehen würden; demungeachtet würde eine natürliche -Klassifikation oder wenigstens eine natürliche Anordnung möglich seyn. -Wir können Diess ersehen, indem wir unser Bild (S. 131) umwenden. -Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L stellen 11 silurische Sippen dar, -wovon einige grosse Gruppen abgeänderter Nachkommen hinterlassen. Jedes -Mittelglied zwischen diesen 11 Sippen und deren Urvater so wie jedes -Mittelglied in allen Ästen und Zweigen ihrer Nachkommenschaft seye -noch am Leben, und diese Glieder seyen so fein, wie die zwischen den -feinsten Varietäten abgestuft. In diesem Falle würde es ganz unmöglich -seyn, die vielfachen Glieder der verschiedenen Gruppen von ihren mehr -unmittelbaren Ältern oder diese Ältern von ihren alten unbekannten -Stammvätern durch Definitionen zu unterscheiden. Und doch würde die in -dem Bilde gegebene natürliche Anordnung ganz gut passen und würden nach -dem Vererbungs-Prinzip alle von A so wie alle von I herkommenden Formen -unter sich etwas gemein haben. An einem Baume kann man diesen und jenen -Zweig unterscheiden, obwohl sich beide in einer Gabel vereinigen und in -einander fliessen. Wir könnten, wie gesagt, die verschiedenen Gruppen -nicht definiren; aber wir könnten Typen oder solche Formen hervorheben, -welche die meisten Charaktere jeder Gruppe, gross oder klein, in -sich vereinigten, und so eine allgemeine Vorstellung vom Werthe der -Verschiedenheiten zwischen denselben geben. Diess wäre, was wir thun -müssten, wenn wir je dahin gelangten, alle Formen einer Klasse, die -in Zeit und Raum vorhanden gewesen sind, zusammen zu bringen. Wir -werden zwar gewiss nie im Stande seyn, eine solche Sammlung zu machen, -demungeachtet aber bei gewissen Klassen in die Lage kommen, jene -Methode zu versuchen; und ~Milne Edwards~ ist noch unlängst in -einer vortrefflichen Abhandlung auf der grossen Wichtigkeit bestanden, -sich an Typen zu halten, gleichviel ob wir im Stande sind oder nicht, -die Gruppen zu trennen und zu umschreiben, zu welchen diese Typen -gehören. - -Endlich haben wir gesehen, dass Natürliche Züchtung, welche aus dem -Kampfe um’s Daseyn hervorgeht und mit Erlöschung und mit Divergenz des -Charakters in den vielen Nachkommen einer herrschenden Stamm-Art fast -untrennbar verbunden ist, jene grossen und allgemeinen Züge in der -Verwandtschaft aller organischen Wesen und namentlich ihre Sonderung -in Gruppen und Untergruppen erklärt. Wir benützen das Element der -Abstammung bei Klassifikation der Individuen beider Geschlechter -und aller Alters-Abstufungen in einer Art, wenn sie auch nur wenige -Charaktere miteinander gemein haben; wir benützen die Abstammung bei -der Einordnung anerkannter Varietäten, wie sehr sie auch von ihrer -Stamm-Art abweichen mögen; und ich glaube, dass dieses Element der -Abstammung das geheime Band ist, welches alle Naturforscher unter -dem Namen des natürlichen Systemes gesucht haben. Da nach dieser -Vorstellung das natürliche System, so weit es ausgeführt werden kann, -genealogisch geordnet ist und die Verschiedenheits-Stufen zwischen den -Nachkommen gemeinsamer Ältern durch die Ausdrücke Sippen, Familien, -Ordnungen u. s. w. bezeichnet, so begreifen wir die Regeln, welche wir -bei unsrer Klassifikation zu befolgen veranlasst sind. Wir begreifen, -warum wir manche Ähnlichkeit weit höher als andre zu werthen haben; -warum wir mitunter rudimentäre oder nutzlose oder andre physiologisch -unbedeutende Organe anwenden dürfen, warum wir bei Vergleichung -der einen mit der andern Gruppe analoge oder Anpassungs-Charaktere -verwerfen, obwohl wir dieselben innerhalb der nämlichen Gruppe -gebrauchen. Es wird uns klar, warum wir alle lebenden und erloschenen -Formen in ein grosses System zusammen ordnen können, und warum die -verschiedenen Glieder jeder Klasse in der verwickeltesten und nach -allen Richtungen verzweigten Weise miteinander verkettet sind. Wir -werden wahrscheinlich niemals das verwickelte Verwandtschafts-Gewebe -zwischen den Gliedern einer Klasse entwirren; wenn wir jedoch einen -einzelnen Gegenstand in’s Auge fassen und nicht nach irgend einem -unbekannten Schöpfungs-Plane ausschauen, so dürfen wir hoffen, sichere -aber langsame Fortschritte zu machen. - -+Morphologie.+) Wir haben gesehen, dass die Glieder einer Klasse, -unabhängig von ihrer Lebens-Weise, einander im allgemeinen Plane ihrer -Organisation gleichen. Diese Übereinstimmung wird oft mit dem Ausdrucke -„Einheit des Typus“ bezeichnet; oder man sagt, die verschiedenen Theile -und Organe der verschiedenen Spezies einer Klasse seyen einander -homolog. Der ganze Gegenstand wird unter dem Namen Morphologie zusammen -begriffen. Diess ist der interessanteste Theil der Naturgeschichte -und kann deren wahre Seele genannt werden. Was kann es sonderbareres -geben, als dass die Greifhand des Menschen, der Grabfuss des Maulwurfs, -das Rennbein des Pferdes, die Ruderflosse der Seeschildkröte und der -Flügel der Fledermaus nach demselben Model gearbeitet sind und gleiche -Knochen in der nämlichen gegenseitigen Lage enthalten. ~Geoffroy -Saint-Hilaire~ hat beharrlich an der grossen Wichtigkeit -der wechselseitigen Verbindung der Theile in homologen Organen -festgehalten; die Theile mögen in fast allen Abstufungen der Form und -Grösse abändern, aber sie bleiben fest in derselben Weise miteinander -verbunden. So finden wir z. B. die Knochen des Ober- und des -Vorder-Arms oder des Ober- und Unter-Schenkels nie aus ihrer Verbindung -gerissen. Daher kann man dem homologen Knochen in weit verschiedenen -Thieren denselben Namen geben. Dasselbe grosse Gesetz tritt in der -Mund-Bildung der Insekten hervor. Was kann verschiedener seyn, als -die unermesslich lange spirale Saugröhre eines Abend-Schmetterlings, -der sonderbar zurückgebrochene Rüssel einer Wanze und die grossen -Hörner eines Hirschkäfers? Und doch werden alle diese zu so ungleichen -Zwecken dienenden Organe durch unendlich zahlreiche Modifikationen der -Oberlippe, der Kinnbacken und zweier Paar Kinnladen gebildet. Analoge -Gesetze herrschen in der Zusammensetzung des Mundes und der Glieder der -Kruster. Und eben so ist es mit den Blüthen der Pflanzen. - -Nichts hat weniger Aussicht auf Erfolg, als ein Versuch diese -Ähnlichkeit des Bau-Planes in den Gliedern einer Klasse mit Hilfe -der Nützlichkeits-Theorie oder der Lehre von den endlichen Ursachen -zu erklären. Die Hoffnungslosigkeit eines solchen Versuches ist von -~Owen~ in seinem äusserst interessanten Werke „_Nature of -limbs_“ ausdrücklich anerkannt worden. Nach der gewöhnlichen Ansicht -von der selbstständigen Schöpfung einer jeden Spezies lässt sich nur -sagen, dass es so ist, und dass es dem Schöpfer gefallen hat jedes -Thier und jede Pflanze so zu machen. - -Dagegen ist die Erklärung handgreiflich nach der Theorie der -Natürlichen Züchtung durch Häufung aufeinander-folgender geringer -Abänderungen, deren jede der abgeänderten Form einigermassen nützlich -ist, welche aber in Folge der Wechselbeziehungen des Wachsthums oft -auch andre Theile der Organisation mit berühren. Bei Abänderungen -dieser Art wird sich nur wenig oder gar keine Neigung zu Änderung des -ursprünglichen Bau-Plans oder zu Versetzung der Theile zeigen. Die -Knochen eines Beines können in jeder Grösse verlängert oder verkürzt, -sie können stufenweise in dicke Häute eingehüllt werden, um ein Ruder -zu bilden; oder ein mit einer Binde-Haut zwischen den Zehen versehener -Fuss (Schwimmfuss) kann alle seine Knochen oder gewisse Knochen bis -zu irgend einem Maasse verlängern und die Binde-Haut in gleichem -Verhältniss vergrössern, so dass er als Flügel zu dienen im Stande -ist: und doch ist ungeachtet aller so bedeutender Abänderungen keine -Neigung zu einer Änderung der Knochen-Bestandtheile an sich oder zu -einer andern Zusammenfügung derselben vorhanden. Wenn wir unterstellen, -dass der alte Stamm-Vater oder Urtypus, wie man ihn nennen kann, aller -Säugthiere seine Beine, zu welchem Zwecke sie auch bestimmt gewesen -seyn mögen, nach dem vorhandenen allgemeinen Plane gebildet hatte, so -werden wir sofort die klare Bedeutung der homologen Bildung der Beine -in der ganzen Klasse begreifen. Wenn wir ferner hinsichtlich des Mundes -der Insekten einfach unterstellen, dass ihr gemeinsamer Stammvater -eine Oberlippe, Kinnbacken und zwei Paar Unterkiefer vielleicht von -sehr einfacher Form besessen, so wird Natürliche Züchtung auf irgend -eine ursprünglich erschaffene Form wirkend vollkommen zur Erklärung -der unendlichen Verschiedenheit in den Bildungen und Verrichtungen des -Mundes der Insekten genügen. Demungeachtet ist es begreiflich, dass das -ursprünglich gemeinsame Muster eines Organes allmählich ganz verloren -gehen kann, seye es durch Atrophie und endliche vollständige Resorption -gewisser Bestandtheile, oder durch Verwachsung einiger Theile, oder -durch Verdoppelung oder Vervielfältigung andrer: Abänderungen, die nach -unsrer Erfahrung alle in den Grenzen der Möglichkeit liegen. Nur in -den Ruderfüssen gewisser ausgestorbner Eidechsen (Ichthyosaurus) und -in den Theilen des Saugmundes gewisser Kruster scheint der gemeinsame -Grundplan bis zu einem gewissen Grade verwischt zu seyn. - -Ein andrer Zweig der Morphologie beschäftigt sich mit der -Vergleichung, nicht des nämlichen Theiles in verschiedenen Gliedern -einer Klasse, sondern der verschiedenen Theile oder Organe eines -nämlichen Individuums. Die meisten Physiologen glauben, dass die -Knochen des Schädels homolog[44] -- d. h. in Zahl und beziehungsweiser -Lage übereinstimmend -- seyen mit den Knochen-Elementen einer gewissen -Anzahl Wirbel. Die vorderen und die hinteren Gliedmaassen eines jeden -Thieres in den Kreisen der Wirbel- und der Kerb-Thiere sind offenbar -homolog zu einander. Dasselbe Gesetz bewährt sich auch bei Vergleichung -der wunderbar zusammengesetzten Kinnladen mit den Beinen der Kruster. -Fast Jedermann weiss, dass in einer Blume die gegenseitige Stellung -der Kelch- und der Kronen-Blätter und der Staubfäden und Staubwege zu -einander eben so wie deren innere Struktur aus der Annahme erklärbar -werden, dass es metamorphosirte spiralständige Blätter seyen. Bei -monströsen Pflanzen sehen wir nicht selten den direkten Beweis von -der Möglichkeit der Umbildung eines dieser Organe in’s andere. Auch -bei embryonischen Krustazeen u. a. Thieren erkennen wir so wie bei -den Blüthen, dass Organe, die im reifen Zustande äusserst verschieden -von einander sind, auf ihren ersten Entwickelungs-Stufen einander -ausserordentlich gleichen. - -Wie unerklärbar sind diese Erscheinungen nach der gewöhnlichen Ansicht -von der Schöpfung! Warum ist doch das Gehirn in einen aus so vielen und -so aussergewöhnlich geordneten Knochen-Stücken zusammengesetzten Kasten -eingeschlossen! Wie Owen bemerkt, kann der Vortheil, welcher aus einer -der Trennung der Theile entsprechenden Nachgiebigkeit des Schädels -für den Geburts-Akt bei den Säugthieren entspringt, keinenfalls die -nämliche Bildungs-Weise desselben bei den Vögeln erklären. Oder warum -sind den Fledermäusen dieselben Knochen wie den übrigen Säugthieren -zu Bildung ihrer Flügel anerschaffen worden, da sie dieselben doch zu -gänzlich verschiedenen Zwecken gebrauchen? Und warum haben Kruster -mit einem aus zahlreicheren Organen-Paaren zusammengesetzten Munde -in gleichem Verhältnisse weniger Beine, oder umgekehrt die mit mehr -Beinen versehenen weniger Mund-Theile? Endlich, warum sind die Kelch- -und Kronen-Blätter, die Staubgefässe und Staubwege einer Blüthe, trotz -ihrer Bestimmung zu so gänzlich verschiedenen Zwecken, alle nach -demselben Muster gebildet? - -Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung können wir alle diese Fragen -genügend beantworten. Bei den Wirbelthieren sehen wir eine Reihe -innerer Wirbel gewisse Fortsätze und Anhänge entwickeln; bei den -Kerbthieren ist der Körper in eine Reihe Segmente mit äusseren Anhängen -geschieden; und bei den Pflanzen sehen wir die Blätter auf eine Anzahl -über einander folgender Umgänge einer Spirale regelmässig vertheilt. -Eine unbegrenzte Wiederholung desselben Theiles oder Organes ist, wie -~Owen~ bemerkt hat, das gemeinsame Attribut aller niedrig oder -wenig modifizirten Formen[45]; daher wir leicht annehmen können, der -unbekannte Stammvater aller Wirbelthiere habe viele Wirbel besessen, -der aller Kerbthiere viele Körper-Segmente und der der Blüthen-Pflanzen -viele Blatt-Spiralen. Wir haben ferner gesehen, dass Theile, die sich -oft wiederholen, sehr geneigt sind, in Zahl und Struktur zu variiren; -daher es ganz wahrscheinlich ist, dass Natürliche Züchtung mittelst -lange fortgesetzter Abänderung eine gewisse Anzahl der sich oft -wiederholenden ähnlichen Bestandtheile des Skelettes ganz verschiedenen -Bestimmungen angepasst habe. Und da das ganze Maass der Abänderung -nur in unmerklichen Abstufungen bewirkt worden, so dürfen wir uns -nicht wundern, in solchen Theilen oder Organen noch einen gewissen -Grad fundamentaler Ähnlichkeit nach dem strengen Erblichkeits-Prinzip -zurückbehalten zu finden. - -In der grossen Klasse der Mollusken lassen sich zwar Homologie’n -zwischen Theilen verschiedener Spezies, aber nur wenige -Reihen-Homologie’n nachweisen, d. h. wir sind selten im Stande -zu sagen, dass ein Theil oder Organ mit einem andern im nämlichen -Individuum homolog seye. Diess lässt sich wohl erklären, weil wir -nicht einmal bei den untersten Gliedern des Weichthier-Kreises solche -unbegrenzte Wiederholung einzelner Theile wie in den übrigen grossen -Klassen des Thier- und Pflanzen-Reiches finden. - -Die Naturforscher stellen die Schädel oft als eine Reihe -metamorphosirter Wirbel, die Kinnladen der Krabben als metamorphosirte -Beine, die Staubgefässe und Staubwege der Blumen als metamorphosirte -Blätter dar; doch würde es, wie Prof. ~Huxley~ bemerkt hat, -wahrscheinlich richtiger seyn zu sagen, Schädel wie Wirbel, Kinnladen -wie Beine u. s. w. seyen nicht eines aus dem andern, sondern beide -aus einem gemeinsamen Elemente entstanden. Inzwischen gebrauchen -die Naturforscher jenen Ausdruck nur in bildlicher Weise, indem -sie weit von der Meinung entfernt sind, dass Primordial-Organe -irgend welcher Art -- Wirbel im einen und Beine im andern Falle -- -während einer langen Reihe von Generationen wirklich in Schädel und -Kinnladen umgebildet worden seyen. Und doch ist der Anschein, dass -eine derartige Modifikation stattgefunden habe, so vollkommen, dass -dieselben Naturforscher schwer vermeiden können, eine diesem letzten -Sinne entsprechende Ausdrucks-Weise zu gebrauchen. Nach meiner eigenen -Anschauungs-Weise aber sind jene Ausdrücke in der That nur wörtlich zu -nehmen, um die wunderbare Erscheinung zu erklären, dass die Kinnladen -z. B. eines Krabben zahlreiche Merkmale an sich tragen, welche -dieselben wahrscheinlich geerbt haben müssten, soferne sie wirklich -während einer langen Generationen-Reihe durch allmähliche Metamorphose -aus Beinen oder sonstigen einfachen Anhängen entstanden wären. - -+Embryonologie.+) Es ist schon gelegentlich bemerkt worden, dass -gewisse Organe, welche im reifen Alter der Thiere sehr verschieden -gebildet und zu ganz abweichenden Diensten bestimmt sind, sich im -Embryo ganz ähnlich sehen. Eben so sind die Embryonen verschiedener -Thiere derselben Klasse einander oft sehr ähnlich, wofür sich ein -besserer Beweis nicht anführen lässt, als die Versicherung von -~Baer’s~, die Embryonen von Säugthieren, Vögeln, Eidechsen, -Schlangen und wahrscheinlich auch Schildkröten seyen sich in der -ersten Zeit im Ganzen sowohl als in der Bildungs-Weise ihrer einzelnen -Theile so ähnlich, dass man sie nur an ihrer Grösse unterscheiden -könne. Ich besitze zwei Embryonen im Weingeist aufbewahrt, deren -Namen ich beizuschreiben vergessen habe, und nun bin ich ganz ausser -Stand zu sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Eidechsen -oder kleine Vögel oder sehr junge Säugthiere seyn, so vollständig -ist die Ähnlichkeit in der Bildungs-Weise von Kopf und Rumpf dieser -Thiere, und die Extremitäten fehlen noch. Aber auch wenn sie -vorhanden wären, so würden sie auf ihrer ersten Entwickelungs-Stufe -nichts beweisen; denn die Beine der Eidechsen und Säugthiere, die -Flügel und Beine der Vögel nicht weniger als die Hände und Füsse -des Menschen: alle entspringen aus der nämlichen Grundform. -- Die -Wurm-förmigen Larven der Motten, Fliegen, Käfer u. s. w. gleichen -einander viel mehr, als die reifen Insekten. In den Larven verräth -sich noch die Einförmigkeit des Embryo’s; das reife Insekt ist den -speziellen Lebens-Bedingungen angepasst. Zuweilen geht eine Spur -der embryonischen Ähnlichkeit noch in ein spätres Alter über; so -gleichen Vögel derselben Sippe oder nahe verwandter Genera einander -oft in ihrem ersten und zweiten Jugend-Kleide: alle Drosseln z. B. -in ihrem gefleckten Gefieder. In der Katzen-Familie sind die meisten -Arten gestreift oder streifenweise gefleckt; und solche Streifen oder -Flecken sind auch noch am neugeborenen Jungen des Löwen und des Puma -vorhanden. Wir sehen zuweilen, aber selten, auch etwas der Art bei -den Pflanzen. So sind die Embryonal-Blätter des Ulex und die ersten -Blätter der neuholländischen Acacien, welche später nur noch Phyllodien -hervorbringen, zusammengesetzt oder gefiedert, wie die gewöhnlichen -Leguminosen-Blätter. Diejenigen Punkte der Organisation, worin die -Embryonen ganz verschiedener Thiere einer und derselben Klasse sich -gegenseitig gleichen, haben oft keine unmittelbare Beziehung zu -ihren Existenz-Bedingungen. Wir können z. B. nicht annehmen, dass in -den Embryonen der Wirbelthiere der eigenthümliche Schleifen-artige -Verlauf der Arterien nächst den Kiemen-Schlitzen des Halses mit der -Ähnlichkeit der Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehe im jungen -Säugthiere, das im Mutterleibe ernährt wird, wie im Vogel, welcher -dem Eie entschlüpft, und im Frosche, der sich im Laiche unter Wasser -entwickelt. Wir haben nicht mehr Grund, an einen solchen Zusammenhang -zu glauben, als anzunehmen, dass die Übereinstimmung der Knochen in der -Hand des Menschen, im Flügel einer Fledermaus und im Ruderfusse einer -Schildkröte mit einer Übereinstimmung der äussern Lebens-Bedingungen in -Verbindung stehe. Niemand denkt, dass die Streifen an dem jungen Löwen -oder die Flecken an der jungen Schwarzdrossel (Amsel) diesen Thieren -nützen oder mit den Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehen, welchen -sie ausgesetzt sind. - -Anders verhält sich jedoch die Sache, wenn ein Thier während eines -Theiles seiner Embryo-Laufbahn thätig ist und für sich selbst zu -sorgen hat. Die Periode dieser Thätigkeit kann früher oder kann später -im Leben kommen; doch, wann immer sie kommen mag, die Anpassung -der Larve an ihre Lebens-Bedingungen ist eben so vollkommen und -schön, wie die des reifen Thieres an die seinige. Durch derartige -eigenthümliche Anpassungen wird dann zuweilen auch die Ähnlichkeit -der thätigen Larven oder Embryonen einander verwandter Thiere schon -sehr verdunkelt; und es liessen sich Beispiele anführen, wo die Larven -zweier Arten und sogar Arten-Gruppen eben so sehr oder noch mehr von -einander verschieden sind, als ihre reifen Ältern. In den meisten -Fällen jedoch gehorchen auch die thätigen Larven noch mehr und weniger -dem Gesetze der embryonalen Ähnlichkeit. Die Cirripeden liefern einen -guten Beleg dafür: selbst der berühmte ~Cuvier~ erkannte nicht, -dass dieselben Kruster seyen; aber schon ein Blick auf ihre Larven -verräth Diess in unverkennbarer Weise. Und eben so haben die zwei -Haupt-Abtheilungen der Cirripeden, die gestielten und die sitzenden, -welche in ihrem äusseren Ansehen so sehr von einander abweichen, -Larven, die in allen ihren Entwickelungs-Stufen kaum unterscheidbar -sind. - -Während des Verlaufes seiner Entwickelung steigt der Embryo gewöhnlich -in der Organisation: ich gebrauche diesen Ausdruck, obwohl ich weiss, -dass es kaum möglich ist, genau anzugeben, was unter höherer oder -tieferer Organisation zu verstehen seye. Niemand wird wohl bestreiten, -dass der Schmetterling höher organisirt seye als die Raupe. In einigen -Fällen jedoch, wie bei parasitischen Krustern, sieht man allgemein -das reife Thier für tieferstehend als die Larve an. Ich beziehe mich -wieder auf die Cirripeden. Auf ihrer ersten Stufe hat die Larve drei -Paar Füsse, ein sehr einfaches Auge und einen Rüssel-förmigen Mund, -womit sie reichliche Nahrung aufnimmt; denn sie wächst schnell an -Grösse zu. Auf der zweiten Stufe, dem Raupen-Stande des Schmetterlings -entsprechend, hat sie sechs Paar schön gebauter Schwimm-Füsse, ein Paar -herrlich zusammengesetzter Augen und äusserst zusammengesetzte Fühler, -aber einen geschlossenen Mund, der keine Nahrung aufnehmen kann; -ihre Verrichtung auf dieser Stufe ist, einen zur Befestigung und zur -letzten Metamorphose geeigneten Platz mittelst ihres wohl-entwickelten -Sinnes-Organes zu suchen und mit ihren mächtigen Schwimm-Werkzeugen -zu erreichen. Wenn diese Aufgabe erfüllt ist, so bleibt das Thier -lebenslänglich an seiner Stelle befestigt; seine Beine verwandeln sich -in Greif-Organe; es bildet sich ein wohl zusammengesetzter Mund aus; -aber es hat keine Fühler, und seine beiden Augen haben sich jetzt -wieder in einen kleinen und ganz einfachen Augenfleck verwandelt. In -diesem letzten und vollständigen Zustande kann man die Cirripeden als -höher oder als tiefer organisirt betrachten, als sie im Larven-Stande -gewesen sind. In einigen ihrer Sippen jedoch entwickeln sich die Larven -entweder zu Hermaphroditen von der gewöhnlichen Bildung oder zu (von -mir so genannten) komplementären Männchen; und in diesen letzten ist -die Entwickelung gewiss zurückgeschritten, denn sie bestehen in einem -blossen Sack mit kurzer Lebens-Frist, ohne Mund, Magen oder andres -wichtiges Organ, das der Reproduktion ausgenommen. - -Wir sind so sehr gewöhnt, Struktur-Verschiedenheiten zwischen -Embryonen und erwachsenen Organismen zu sehen und eben so eine grosse -Ähnlichkeit zwischen den Embryonen weit verschiedener Thiere derselben -Klasse zu finden, dass man sich versucht fühlt, diese Erscheinungen -als nothwendig in gewisser Weise zusammentreffend mit der Entwickelung -zu betrachten. Inzwischen ist doch kein Grund einzusehen, warum der -Plan z. B. zum Flügel der Fledermaus oder zum Ruder der Seeschildkröte -nach allen ihren Theilen in angemessener Proportion nicht schon im -Embryo entworfen worden seyn soll, sobald nur irgend eine Struktur in -demselben sichtbar wurde. Und in einigen ganzen Thier-Gruppen sowohl -als in gewissen Gliedern andrer Gruppen weicht der Embryo zu keiner -Zeit seines Lebens weit vom Erwachsenen ab; -- daher ~Owen~ -in Bezug auf die Sepien bemerkt hat: „da ist keine Metamorphose; der -Cephalopoden-Charakter ist deutlich schon weit früher als die Theile -des Embryo’s vollständig sind“, und in Bezug auf die Spinnen: „da ist -nichts, was die Benennung Metamorphose verdiente“. Die Insekten-Larven, -mögen sie nun thätig und den verschiedenartigsten Diensten angepasst -oder unthätig von ihren Ältern gefüttert oder mitten in die ihnen -angemessene Nahrung hineingesetzt werden, so haben doch alle eine -ähnliche wurmförmige Entwickelungs-Stufe zu durchlaufen; nur in einigen -wenigen Fällen ist, wie bei Aphis nach den herrlichen Zeichnungen -~Huxley’s~ zu urtheilen, keine Spur eines wurmförmigen Zustandes -zu finden[46]. - -Wie sind aber dann diese verschiedenen Erscheinungen der Embryologie zu -erklären? -- namentlich die sehr gewöhnliche wenn auch nicht allgemeine -Verschiedenheit der Organisation des Embryo’s und des Erwachsenen? -- -die ausserordentlich weit auseinanderlaufende Bildung und Verrichtung -von anfangs ganz ähnlichen Theilen eines und desselben Embryos? -- -die fast allgemeine obschon nicht ausnahmslose Ähnlichkeit zwischen -Embryonen verschiedener Spezies einer Klasse? -- die besondre Anpassung -der Struktur des Embryo’s an seine Existenz-Bedingungen bloss in dem -Falle, dass er zu irgend einer Zeit thätig ist und für sich selbst -zu sorgen hat? -- die zuweilen anscheinend höhere Organisation des -Embryo’s, als des reifen Thieres, in welches er übergeht? Ich glaube, -dass sich alle diese Erscheinungen auf folgende Weise aus der Annahme -einer Abstammung mit Abänderung erklären lassen. - -Gewöhnlich unterstellt man, vielleicht weil Monstrositäten sich oft -sehr früh am Embryo zu zeigen beginnen, dass geringe Abänderungen -nothwendig in einer gleichmässig frühen Periode des Embryos zum -Vorschein kommen. Doch haben wir dafür wenig Beweise, und der Anschein -spricht sogar für das Gegentheil; denn es ist bekannt, dass die Züchter -von Rindern, Pferden und verschiedenen Thieren der Liebhaberei erst -eine gewisse Zeit nach der Geburt des jungen Thieres zu sagen im Stande -sind, welche Form oder Vorzüge es schliesslich zeigen wird. Wir sehen -Diess deutlich bei unsern Kindern; wir können nicht immer sagen, ob die -Kinder von schlanker oder gedrungener Figur seyn oder wie sonst genau -aussehen werden. Die Frage ist nicht: in welcher Lebens-Periode eine -Abänderung verursacht, sondern in welcher sie vollkommen entwickelt -seyn wird. Die Ursache kann schon gewirkt haben und hat nach meiner -Meinung gewöhnlich gewirkt, ehe sich der Embryo gebildet hat; und die -Abänderung kann davon herkommen, dass das männliche oder das weibliche -Element durch die Lebens-Bedingungen berührt worden ist, welchen die -Ältern oder deren Vorgänger ausgesetzt gewesen sind. Demungeachtet -kann die so in sehr früher Zeit und selbst vor der Bildung des Embryos -veranlasste Wirkung erst spät im Leben hervortreten, wie z. B. auch -eine erbliche Krankheit, die dem Alter angehört, von dem reproduktiven -Elemente eines der Ältern auf die Nachkommen übertragen, oder die -Hörner-Form eines Blendlings aus einer lang- und einer kurz-hörnigen -Rasse von den Hörnern der beiden Ältern bedingt wird. Für das Wohl -eines sehr jungen Thieres, so lange es noch im Mutterleibe oder im -Ei eingeschlossen ist oder von seinen Ältern genährt und geschützt -wird, muss es hinsichtlich der meisten Charaktere ganz unwesentlich -seyn, ob es dieselben etwas früher oder später im Leben erlangt. Es -würde z. B. für einen Vogel, der sich sein Futter am besten mit einem -langen Schnabel verschaffte, gleichgültig seyn, ob er die entsprechende -Schnabel-Länge schon bekömmt, so lange er noch von seinen Ältern -gefüttert wird, oder nicht. Daher, schliesse ich, ist es ganz möglich, -dass jede der vielen nacheinander folgenden Modifikationen, wodurch -eine Art ihre gegenwärtige Bildung erlangt hat, in einer nicht sehr -frühen Lebens-Zeit eingetreten seye; und einige direkte Belege von -unseren Hausthieren unterstützen diese Ansicht. In anderen Fällen aber -ist es eben so möglich, dass alle oder die meisten dieser Umbildungen -in einer sehr frühen Zeit hervorgetreten sind. - -Ich habe im ersten Kapitel behauptet, dass einige Wahrscheinlichkeit -vorhanden ist, dass eine Abänderung, die in irgend welcher -Lebens-Zeit der Ältern zum Vorschein gekommen, sich auch in gleichem -Alter wieder beim Jungen zeige. Gewisse Abänderungen können nur -in sich entsprechenden Altern wieder erscheinen, wie z. B. die -Eigenthümlichkeiten der Raupe oder der Puppe des Seidenschmetterlings, -oder der Hörner des fast ausgewachsenen Rindes. Aber auch ausserdem -möchten, soviel zu ersehen, Abänderungen, welche einmal früher -oder später im Leben eingetreten sind, zum Wiedererscheinen im -entsprechenden Alter des Nachkommen geneigt seyn. Ich bin weit -entfernt zu glauben, dass Diess unabänderlich der Fall ist, und könnte -selbst eine gute Anzahl von Beispielen anführen, wo Abänderungen (im -weitesten Sinne des Wortes genommen) im Kinde früher als in den Ältern -eingetreten sind. - -Diese zwei Prinzipien, ihre Richtigkeit zugestanden, werden alle -oben aufgezählten Haupt-Erscheinungen in der Embryologie erklären. -Doch, sehen wir uns zuerst nach einigen analogen Fällen bei unseren -Hausthier-Varietäten um. Einige Autoren, die über den Hund geschrieben, -behaupten der Windhund und der Bullenbeisser seyen, wenn auch noch so -verschieden von Aussehen, in der That sehr nahe verwandte Varietäten, -wahrscheinlich vom nämlichen wilden Stamme entsprossen. Ich war daher -begierig zu erfahren, wie weit ihre neu-geworfenen Jungen von einander -abweichen. Züchter sagten mir, dass sie beinahe eben so verschieden -seyen, wie ihre Ältern; und nach dem Augenschein war Diess auch -ziemlich der Fall. Aber bei wirklicher Ausmessung der alten Hunde und -der 6 Tage alten Jungen, fand ich, dass diese letzten noch nicht ganz -die abweichenden Maass-Verhältnisse angenommen hatten. Eben so vernahm -ich, dass die Füllen des Karren- und des Renn-Pferdes eben so sehr wie -die ausgewachsenen Thiere von einander abweichen, was mich höchlich -wunderte, da es mir wahrscheinlich gewesen, dass die Verschiedenheit -zwischen diesen zwei Rassen lediglich eine Folge der Züchtung im -Zähmungs-Zustande seye. Als ich demnach sorgfältige Ausmessungen an -der Mutter und dem drei Tage alten Füllen eines Renners und eines -Karren-Gauls vornahm, so fand ich, dass die Füllen noch keineswegs die -ganze Verschiedenheit in ihren Maass-Verhältnissen besassen. - -Da es mir erwiesen scheint, dass die verschiedenen Haustauben-Rassen -von nur einer wilden Art herstammen, so verglich ich junge Tauben -verschiedener Rassen 12 Stunden nach dem Ausschlüpfen miteinander; -ich mass die Verhältnisse (wovon ich die Einzelnheiten hier nicht -mittheilen will) zwischen dem Schnabel, der Weite des Mundes, der Länge -der Nasenlöcher und des Augenlides, der Läufe und Zehen sowohl beim -wilden Stamme, als bei Kröpfern, Pfauen-Tauben, Runt- und Barb-Tauben -(S. 27), Drachen- und Boten-Tauben und Purzlern. Einige von diesen -Vögeln weichen im reifen Zustande so ausserordentlich in der Länge und -Form des Schnabels von einander ab, dass man sie, wären sie natürliche -Erzeugnisse, zweifelsohne in ganz verschiedene Genera bringen würde. -Wenn man aber die Nestlinge dieser verschiedenen Rassen in eine Reihe -ordnet, so erscheinen die Verschiedenheiten ihrer Proportionen in -den genannten Beziehungen, obwohl man die meisten derselben noch von -einander unterscheiden kann, unvergleichbar geringer, als in den -ausgewachsenen Vögeln. Einige charakteristische Differenz-Punkte der -Alten, wie z. B. die Weite des Mundspaltes, sind an den Jungen noch -kaum zu entdecken. Es war nur eine merkwürdige Ausnahme von dieser -Regel, indem die Jungen des kurzstirnigen Purzlers von den Jungen der -wilden Felstaube und der andren Rassen in allen Maass-Verhältnissen -fast genau ebenso verschieden waren, wie im erwachsenen Zustande[47]. - -Die zwei oben aufgestellten Prinzipien scheinen mir diese Thatsachen -in Bezug auf die letzten Embryo-Zustände unsrer zahmen Varietäten zu -erklären. Liebhaber wählen ihre Pferde, Hunde und Tauben zur Nachzucht -aus, wann sie nahezu ausgewachsen sind. Es ist ihnen gleichgültig, ob -die verlangten Bildungen und Eigenschaften früher oder später im Leben -zum Vorschein kommen, wenn nur das ausgewachsene Thier sie besitzt. Und -die eben mitgetheilten Beispiele insbesondre von den Tauben scheinen zu -zeigen, dass die charakteristischen Verschiedenheiten, welche den Werth -einer jeden Rasse bedingen und durch künstliche Züchtung gehäuft worden -sind, gewöhnlich nicht in früher Lebens-Periode zum Vorschein gekommen -und somit auch erst in einem entsprechenden späteren Lebens-Alter auf -den Nachkommen übergingen. Aber der Fall mit dem kurzstirnigen Purzler, -welcher schon in einem Alter von zwölf Stunden seine eigenthümlichen -Maass-Verhältnisse besitzt, beweist, dass Diess keine allgemeine Regel -ist; denn hier müssen die charakteristischen Unterschiede entweder -in einer frühern Periode als gewöhnlich erschienen seyn, oder wenn -nicht, so müssen die Unterschiede statt in dem entsprechenden in einem -früheren Alter vererbt worden seyn. - -Wenden wir nun diese Erscheinungen und die zwei obigen Prinzipien, -die, wenn auch noch nicht erwiesen, doch einigermaassen wahrscheinlich -sind, auf die Arten im Natur-Zustande an. Nehmen wir eine Vogel-Sippe -an, die nach meiner Theorie von irgend einer gemeinsamen Stamm-Art -herkommt, und deren verschiedenen neuen Arten durch natürliche Züchtung -in Übereinstimmung mit ihren verschiedenen Lebens-Weisen modifizirt -worden sind. Dann werden in Folge der vielen successiven kleinen -Abänderungs-Stufen, welche in späterem Alter eingetreten sind und -sich in entsprechendem Alter weiter vererbt haben, die Jungen aller -neuen Arten unsrer unterstellten Sippe sich einander offenbar mehr -zu gleichen geneigt seyn, als es bei den Alten der Fall, gerade so -wie wir es bei den Tauben gesehen haben. Dehnen wir diese Ansicht auf -ganze Familien oder selbst Klassen aus. Die vordern Gliedmaassen z. B., -welche der Stamm-Art als Beine gedient, mögen in Folge lang-währender -Modifikation bei einem Nachkommen zu den Diensten der Hand, bei einem -andern zu denen des Ruders und bei einem Dritten zu solchen des Flügels -angepasst worden seyn: so werden nach den zwei obigen Prinzipien, dass -nämlich jede der successiven Modifikationen in einem späteren Alter -entstand und sich auch erst in einem entsprechenden späteren Alter -vererbte, die vordern Gliedmaassen in den Embryonen der verschiedenen -Nachkommen der Stamm-Art einander noch sehr ähnlich seyn; denn sie -sind von den Modifikationen nicht betroffen worden. Nun werden aber -in jeder unsrer neuen Arten die embryonischen Vordergliedmaassen sehr -von denen des reifen Thieres verschieden seyn, weil diese letzten -erst in spätrer Lebens-Periode grosse Abänderung erfahren haben und -in Hände, Ruder und Flügel umgewandelt worden sind. Was immer für -einen Einfluss lange fortgesetzter Gebrauch und Übung einerseits und -Nichtgebrauch andrerseits auf die Abänderung eines Organes haben mag, -so wird ein solcher Einfluss hauptsächlich das reife Thier betreffen, -welches bereits zu seiner ganzen Thatkraft gelangt ist und sein Leben -selber fristen muss; und die so entstandenen Wirkungen werden sich im -entsprechenden reifen Alter vererben. Daher rührt es, dass das Junge -durch die Folgen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs nicht verändert wird -oder nur wenige Abänderung erfährt. - -In gewissen Fällen mögen die aufeinander-folgenden Abänderungs-Stufen, -aus uns ganz unbekannten Gründen, schon in sehr früher Lebens-Zeit -erfolgen, oder jede solche Stufe in einer früheren Lebens-Periode -vererbt werden, als worin sie zuerst entstanden ist. In beiden Fällen -wird das Junge oder der Embryo (wie die Beobachtung am kurzstirnigen -Purzler zeigt) der reifen älterlichen Form vollkommen gleichen. -Wir haben gesehen, dass Diess die Regel ist in einigen ganzen -Thier-Gruppen, bei den Sepien und Spinnen, und in einigen wenigen -Fällen auch in der grossen Klasse der sechsfüssigen Insekten, wie -namentlich bei den Blattläusen. Was nun die End-Ursache betrifft, warum -das Junge in diesen Fällen keine Metamorphose durchläuft oder seinen -Ältern von der frühesten Stufe an schon gleicht, so kann Diess etwa von -den folgenden zwei Bedingungen herrühren: erstens davon, dass das Junge -im Verlaufe seiner durch viele Generationen fortgesetzten Abänderung -schon von sehr früher Entwickelungs-Stufe an für seine eignen -Bedürfnisse zu sorgen hatte, und zweitens davon, dass es genau dieselbe -Lebens-Weise wie seine Ältern befolgte. Vielleicht ist jedoch noch eine -Erklärung erforderlich, warum der Embryo keine Metamorphose durchläuft? -Wenn auf der andern Seite es dem Jungen vortheilhaft ist, eine von der -älterlichen etwas verschiedene Lebens-Weise einzuhalten und demgemäss -einen etwas abweichenden Bau zu haben, so kann nach dem Prinzip der -Vererbung in übereinstimmenden Lebens-Zeiten die thätige Larve oder das -Junge durch Natürliche Züchtung leicht eine in merklichem Grade von -der seiner Ältern abweichende Bildung erlangen. Solche Abweichungen -können auch mit den aufeinander folgenden Entwickelungs-Stufen in -Wechselbeziehung treten, so dass die Larve auf ihrer ersten Stufe -weit von der Larve auf der zweiten Stufe abweicht, wie wir bei den -Cirripeden gesehen haben. Das Alte kann sich Lagen und Gewohnheiten -anpassen, wo ihm Bewegungs-, Sinnes- oder andere Organe nutzlos werden, -und in diesem Falle kann man dessen letzte Metamorphose als eine -zurückschreitende bezeichnen. - -Wenn alle organischen Wesen, welche noch leben oder jemals auf dieser -Erde gelebt haben, zusammen klassifizirt werden sollten, so würde, -da alle durch die feinsten Abstufungen mit einander verkettet sind, -die beste, oder in der That, wenn unsre Sammlungen einigermaassen -vollständig wären, die einzige mögliche Anordnung derselben die -genealogische seyn. Gemeinsame Abstammung ist nach meiner Ansicht das -geheime Band, welches die Naturforscher unter dem Namen Natürliches -System gesucht haben. Von dieser Annahme aus begreifen wir, woher -es kommt, dass in den Augen der meisten Naturforscher die Bildung -des Embryos für die Klassifikation noch wichtiger als die des -Erwachsenen ist. Denn der Embryo ist das Thier in seinem weniger -modifizirten Zustande und enthüllet uns in so ferne die Struktur eines -Stammvaters. Zwei Thier-Gruppen mögen jetzt in Bau und Lebens-Weise -noch so verschieden von einander seyn; wenn sie gleiche oder ähnliche -Embryo-Stände durchlaufen, so dürfen wir uns überzeugt halten, dass -beide von denselben oder von einander sehr ähnlichen Ältern abstammen -und desshalb in entsprechendem Grade einander nahe verwandt sind. So -verräth Übereinstimmung in der Embryo-Bildung gemeinsame Abstammung. -Sie verräth diese gemeinsame Abstammung, wie sehr auch die Organisation -des Alten abgeändert und verhüllt worden seyn mag; denn wir haben -gesehen, dass die Cirripeden z. B. an ihren Larven sogleich als zur -grossen Klasse der Kruster gehörig erkannt werden können. Da der -Embryo-Zustand einer jeden Art und jeden Arten-Gruppe uns theilweise -den Bau ihrer alten noch wenig modifizirten Stamm-Formen überliefert, -so ergibt sich auch deutlich, warum alte und erloschene Lebenformen -den Embryonen ihrer Nachkommen, unsren heutigen Sippen nämlich, -gleichen. Agassiz hält Diess für ein Natur-Gesetz; ich bin aber zu -bekennen genöthigt, dass ich erst später das Gesetz noch bestätigt zu -sehen hoffe. Denn es lässt sich nur in den Fällen allein beweisen, wo -der alte, angeblich in den jetzigen Embryonen vertretene Zustand in -dem langen Verlaufe andauernder Modifikation weder durch successive -in einem frühen Lebens-Alter erfolgte Abänderungen noch durch -Vererbung der Abweichungen auf ein früheres Lebens-Alter, als worin -sie ursprünglich aufgetreten sind, vermischt worden ist. Auch ist zu -erwägen, dass das angebliche Gesetz der Ähnlichkeit alter Lebenformen -mit den Embryo-Ständen der neuen ganz wahr seyn und doch, weil sich der -geologische Schöpfungs-Bericht nicht weit genug rückwärts erstreckt, -noch auf lange hinaus oder für immer unbeweisbar bleiben kann. - -So scheinen sich mir die Haupterscheinungen in der Embryologie, welche -an naturgeschichtlicher Wichtigkeit keinen andern nachstehen, aus -dem Prinzip zu erklären: dass geringe Modifikationen in der langen -Reihe von Nachkommen eines alten Stammvaters, wenn auch vielleicht in -sehr frühem Älter weiter vererbt worden sind. Die Embryologie gewinnt -sehr an Interesse, wenn wir uns den Embryo als ein mehr oder weniger -vererbliches Bild der gemeinsamen Stamm-Form einer jeden grossen -Thier-Klasse vorstellen. - -+Rudimentäre, atrophische und abortive Organe.+) Organe -oder Theile, in diesem eigenthümlichen Zustande den Stempel der -Nutzlosigkeit tragend, sind in der Natur äusserst gewöhnlich. So -sind rudimentäre Zitzen sehr gewöhnlich bei männlichen Säugthieren, -und ich glaube, dass man den Afterflügel der Vögel getrost als einen -verkümmerten Finger ansehen darf. In vielen Schlangen ist der eine -Lungenflügel verkümmert, und in andern Schlangen kommen Rudimente -des Beckens und der Hinterbeine vor. Einige Beispiele von solchen -Organen-Rudimenten sind sehr eigenthümlich, wie die Anwesenheit von -Zähnen bei Wal-Embryonen, die in erwachsenem Zustande nicht einen Zahn -im ganzen Kopfe haben; und das Daseyn von Schneide-Zähnen am Oberkiefer -unsrer Kälber vor der Geburt, welche aber niemals das Zahnfleisch -durchbrechen. Auch ist von einem guten Gewährsmann behauptet worden, -dass sich Zahn-Rudimente in den Schnäbeln der Embryonen gewisser -Vögel entdecken lassen. Nichts kann klarer seyn, als dass die Flügel -zum Fluge gemacht sind; und doch, in wie vielen Insekten sehen wir -die Flügel so verkleinert, dass sie zum Fluge ganz unbrauchbar und -überdiess noch unter fest miteinander verwachsenen Flügeldecken -verborgen liegen. - -Die Bedeutung rudimentärer Organe ist oft unverkennbar. So gibt es -z. B. in einer Sippe (und zuweilen in einer Spezies) beisammen Käfer, -die sich in allen Beziehungen aufs Genaueste gleichen, nur dass -die einen vollständig ausgebildete Flügel und die andern an deren -Stelle nur Haut-Lappen haben; und hier ist es unmöglich zu zweifeln, -dass diese Lappen die Flügel vertreten. Rudimentäre Organe behalten -zuweilen noch ihre Dienstfähigkeit, ohne ausgebildet zu seyn, wie die -Milchzitzen männlicher Säugethiere, wo von vielen Fällen berichtet -wird, dass diese Organe in ausgewachsenen Männchen sich wohl entwickelt -und Milch abgesondert haben. So hat das weibliche Rind gewöhnlich vier -entwickelte und zwei rudimentäre Zitzen am Euter; aber bei unsrer -zahmen Kuh entwickeln sich gewöhnlich auch die zwei letzten und geben -Milch. Bei Pflanzen sind in einer und der nämlichen Spezies die -Kronenblätter bald nur als Rudimente und bald in ganz ausgebildetem -Zustande vorhanden. Bei Pflanzen mit getrennten Geschlechtern haben -die männlichen Blüthen oft ein Rudiment von Pistill, und bei Kreutzung -einer solchen männlichen Pflanze mit einer hermaphroditischen Art -sah ~Kölreuter~ in dem Bastard das Pistill-Rudiment an Grösse -zunehmen, woraus sich ergibt, dass das Rudiment und das vollkommene -Pistill sich in ihrer Natur wesentlich gleichen. - -Ein für zweierlei Verrichtungen dienendes Organ kann für die eine und -sogar die wichtigere derselben rudimentär werden oder ganz fehlschlagen -und in voller Wirksamkeit für die andre bleiben. So ist die Bestimmung -des Pistills, die Pollen-Schläuche in den Stand zu setzen, die in -dem Ovarium an seiner Basis enthaltenen Ei’chen zu erreichen. Das -Pistill besteht aus der Narbe vom Griffel getragen; bei einigen -Compositae jedoch haben die männlichen Blüthchen, welche mithin nicht -befruchtet werden können, ein Pistill in rudimentärem Zustande, indem -es keine Narbe besitzt, und doch bleibt es sonst wohl entwickelt und -wie in andern Compositae mit Haaren überzogen, um den Pollen von den -umgebenden Antheren abzustreifen. So kann auch ein Organ für seine -eigene Bestimmung rudimentär werden und für einen andern Zweck dienen, -wie in gewissen Fischen die Schwimmblase für ihre eigene Verrichtung, -den Fisch im Wasser zu erleichtern, beinahe rudimentär zu werden -scheint, indem sie in ein Athmungs-Organ oder Lunge überzugehen beginnt. - -Nur wenig entwickelte aber doch brauchbare Organe sollten nicht -rudimentär genannt werden; man kann nicht mit Recht sagen, sie seyen in -atrophischem Zustand; sie mögen für „werdende“ Organe gelten und später -durch natürliche Züchtung in irgend welchem Maasse weiter entwickelt -werden. Dagegen sind rudimentäre Organe oft wesentlich nutzlos: wie -Zähne, welche niemals das Zahnfleisch durchbrechen, in ihrem noch wenig -entwickelten Zustande auch nur von wenig Nutzen seyn können. Bei ihrer -jetzigen Beschaffenheit können sie nicht von Natürlicher Züchtung -herrühren, welche bloss durch Erhaltung nützlicher Abänderungen -wirkt; sie sind, wie wir sehen werden, nur durch Vererbung erhalten -worden[48] und stehen mit der frühern Beschaffenheit ihres Besitzers -in Verbindung. Es ist schwer zu erkennen, was „werdende“ Organe sind; -in Bezug auf die Zukunft kann man nicht sagen, in welcher Weise sich -ein Theil entwickeln wird, und ob es jetzt ein „werdender“ ist; in -Bezug auf die Vergangenheit, so werden Geschöpfe mit werdenden Organen -gewöhnlich durch ihre Nachfolger mit vollkommeneren und entwickelteren -Organen ersetzt und ausgetilgt worden seyn. Der Flügel-Stümmel des -Pinguins ist als Ruder wirkend von grossem Nutzen und mag daher den -beginnenden Vogel-Flügel vorstellen; nicht als ob ich glaubte, dass er -es wirklich seye, denn wahrscheinlich ist er ein reduzirtes und für -eine neue Bestimmung hergerichtetes Organ. Der Flügel des Apteryx ist -nutzlos und ganz rudimentär. Die Milchzitzen-Drüse des Ornithorhynchus -kann vielleicht, einem Kuh-Euter gegenüber, als eine werdende -bezeichnet werden. Die Eierzügel gewisser Cirripeden (S. 219), welche -nur wenig entwickelt sind und nicht mehr zur Befestigung der Eier -dienen, sind werdende Kiemen. - -Rudimentäre Organe in Individuen einer nämlichen Art variiren sehr -gerne in ihrer Entwickelungs-Stufe sowohl als in andern Beziehungen. -Ausserdem ist der Grad, bis zu welchem das Organ rudimentär geworden, -in nahe verwandten Arten zuweilen sehr verschieden. Für diesen letzten -Fall liefert der Zustand der Flügel bei einigen Nacht-Schmetterlingen -ein gutes Beispiel. Rudimentäre Organe können gänzlich fehlschlagen -oder abortiren, und daher rührt es dann, dass wir in einem Thiere -oder einer Pflanze nicht einmal eine Spur mehr von einem Organe -finden, welches wir dort zu erwarten berechtigt sind und nur zuweilen -noch in monströsen Individuen hervortreten sehen. So finden wir z. B. -im Löwenmaul (Antirrhinum) gewöhnlich kein Rudiment eines fünften -Staubgefässes; doch kommt Diess zuweilen zum Vorschein. Wenn man die -Homologien eines Theiles in den verschiedenen Gliedern einer Klasse -verfolgt, so ist nichts gewöhnlicher oder nothwendiger, als die -Entdeckung von Rudimenten. ~R. Owen~ hat Diess ganz gut in -Zeichnungen der Bein-Knochen des Pferdes, des Ochsen und des Nashorns -dargestellt. - -Es ist eine wichtige Erscheinung, dass rudimentäre Organe, wie -die Zähne im Oberkiefer der Wale und Wiederkäuer, oft im Embryo -zu entdecken sind und nachher völlig verschwinden. Auch ist es, -glaube ich, eine allgemeine Regel, dass ein rudimentäres Organ den -angrenzenden Theilen gegenüber im Embryo grösser als im Erwachsenen -erscheint, so dass das Organ im Embryo minder rudimentär ist und oft -kaum als irgendwie rudimentär bezeichnet werden kann; oder man sagt oft -von ihm, es seye auf seiner embryonalen Entwickelungs-Stufe auch im -Erwachsenen stehen geblieben. - -Ich habe jetzt die leitenden Erscheinungen bei rudimentären Organen -aufgeführt. Bei weiterem Nachdenken darüber muss jeder von Erstaunen -betroffen werden; denn dieselbe Urtheilskraft, welche uns so deutlich -erkennen lässt, wie vortrefflich die meisten Theile und Organe -ihren verschiedenen Bestimmungen angepasst sind, lehrt uns auch mit -gleicher Deutlichkeit, dass diese rudimentären oder atrophirten Organe -unvollkommen und nutzlos sind. In den naturgeschichtlichen Werken -liest man gewöhnlich, dass die rudimentären Organe nur der „Symmetrie -wegen“ oder „um das Schema der Natur zu ergänzen“ vorhanden sind; -Diess scheint mir aber keine Erklärung, sondern eine andre blosse -Behauptung der Thatsache zu seyn. Würde es denn genügen zu sagen, -weil Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne laufen, nehmen -Satelliten denselben Lauf um die Planeten nur der Symmetrie wegen und -um das Schema der Natur zu vervollständigen? Ein ausgezeichneter -Physiologe sucht das Vorkommen rudimentärer Organe durch die Annahme -zu erklären, dass sie dazu dienen, überschüssige oder dem Systeme -schädliche Materie auszuscheiden. Aber kann man denn annehmen, dass das -kleine nur aus Zellgewebe bestehende Wärzchen, welches in männlichen -Blüthen oft die Stelle des Pistills vertritt, Diess zu bewirken -vermöge? Kann man unterstellen, dass die Bildung rudimentärer Zähne, -die später wieder resorbirt werden, dem in raschem Wachsen begriffenen -Kalb-Embryo durch Ausscheidung der ihm so werthvollen phosphorsauren -Kalkerde von irgend welchem Nutzen seyn könne? Wenn ein Mensch durch -Amputation einen Finger verliert, so kommt an dem Stümmel zuweilen ein -unvollkommener Nagel wieder zum Vorschein. Man könnte nun gerade so gut -glauben, dass dieses Rudiment eines Nagels nicht in Folge unbekannter -Wachsthums-Gesetze, sondern nur um Horn-Materie auszuscheiden wieder -erscheine, als dass die Nagel-Stümmel an den Ruderhänden des Mantels -dazu bestimmt seyen. - -Nach meiner Annahme von Fortpflanzung mit Abänderung erklärt sich die -Entstehung rudimentärer Organe sehr einfach. Wir kennen eine Menge -Beispiele von rudimentären Organen bei unseren Kultur-Erzeugnissen, -wie der Schwanz-Stümmel in ungeschwänzten Rassen, der Ohr-Stümmel -in Ohr-losen Rassen, das Wiedererscheinen kleiner nur in der Haut -hängender Hörner bei ungehörnten Rinder-Rassen und besonders, nach -~Youatt~, bei jungen Thieren derselben, und wie der Zustand der -ganzen Blüthe im Blumenkohl. Oft sehen wir auch Stümmel verschiedener -Art bei Missgeburten. Aber ich bezweifle, dass einer von diesen Fällen -geeignet ist, die Bildung rudimentärer Organe in der Natur weiter zu -beleuchten, als dass er uns zeigt, dass Stümmel entstehen können; -denn ich bezweifle eben so, dass Arten im Natur-Zustande jemals -plötzlichen Veränderungen unterliegen. Ich glaube, dass Nichtgebrauch -dabei hauptsächlich in Betracht komme, der während einer langen -Generationen-Reihe die allmähliche Abschwächung der Organe veranlassen -kann, bis sie endlich nur noch als Stümmel erscheinen: so bei den Augen -in dunklen Höhlen lebender Thiere, welche nie etwas sehen und bei den -Flügeln ozeanische Inseln bewohnender Vögel, welche selten zu fliegen -nöthig haben und daher dieses Vermögen zuletzt gänzlich einbüssen. -Ebenso kann ein unter Umständen nützliches Organ unter andern -Umständen sogar nachtheilig werden, wie die Flügel der auf kleinen und -ausgesetzten Inseln lebenden Insekten. In diesem Falle wird Natürliche -Züchtung fortwährend bestrebt seyn, das Organ langsam zu reduziren, bis -es unschädlich und rudimentär wird. - -Eine Änderung in den Verrichtungen, welche in unmerkbaren Abstufungen -eintreten kann, liegt im Bereiche der Natürlichen Züchtung; daher -ein Organ, welches in Folge geänderter Lebens-Weise nutzlos oder -nachtheilig für seine Bestimmung wird, abgeändert und für andre -Verrichtungen verwendet werden kann. Oder ein Organ wird nur noch -für eine von seinen früheren Verrichtungen beibehalten. Ein nutzlos -gewordenes Körper-Glied mag veränderlich seyn, weil seine Abänderungen -nicht durch Natürliche Züchtung geleitet werden können. In welchem -Lebens-Abschnitte nun ein Organ durch Nichtbenützung oder Züchtung -reduzirt werden mag (und Diess wird gewöhnlich erst der Fall seyn, -wenn das Thier zu seiner vollen Reife und Thatkraft gelangt ist): -so wird nach dem Prinzip der Wiedervererbung in sich entsprechenden -Altern dieses Organ in reduzirtem Zustande stets im nämlichen Alter -wieder erscheinen und sich mithin nur selten im Embryo ändern -oder verkleinern. So erklärt sich mithin die verhältnissmässig -beträchtlichere Grösse rudimentärer Organe im Embryo und deren -vergleichungsweise geringere Grösse im Erwachsenen. Wenn aber jede -Abstufung im Reduktions-Prozesse nicht in einem entsprechenden Alter, -sondern in einer sehr frühen Lebens-Periode vererbt werden sollte -(was wir guten Grund haben für möglich zu halten), so würde das -rudimentäre Organ endlich ganz zu verschwinden streben und den Fall -eines vollständigen Fehlschlagens darbieten. Auch das in einem früheren -Kapitel erläuterte Prinzip der Ökonomie, wornach die zur Bildung eines -dem Besitzer nicht mehr nützlichen Theiles verwendeten Bildungs-Stoffe -erspart werden, mag wohl oft mit ins Spiel kommen; und Diess wird dann -dazu beitragen, das gänzliche Verschwinden eines schon verkümmerten -Organes zu bewirken. - -Da hiernach die Anwesenheit rudimentärer Organe von dem Streben -eines jeden Theiles der Organisation sich nach langer Existenz -erblich zu übertragen bedingt ist, so wird aus dem Gesichtspunkte -einer genealogischen Klassifikation begreiflich, wie es komme, dass -Systematiker die rudimentären Organe für ihren Zweck zuweilen eben -so nützlich befunden haben, als die Theile von hoher physiologischer -Wichtigkeit. Organe-Stümmel kann man mit den Buchstaben eines Wortes -vergleichen, welche beim Buchstabiren desselben noch beibehalten -aber nicht mit ausgesprochen werden und bei Nachforschungen über -dessen Ursprung als vortreffliche Führer dienen. Nach der Annahme -einer Fortpflanzung mit Abänderung können wir schliessen, dass das -Vorkommen von Organen in einem verkümmerten, unvollkommenen und -nutzlosen Zustande und deren gänzliches Fehlschlagen, statt wie bei der -gewöhnlichen Theorie der Schöpfung grosse Schwierigkeiten zu bereiten, -vielmehr vorauszusehen war und aus den Erblichkeits-Gesetzen zu -erklären ist. - -+Zusammenfassung.+) Ich habe in diesem Kapitel zu zeigen -gesucht, dass die Unterordnung der Organismen-Gruppen aller Zeiten -untereinander, -- dass die Natur der Beziehungen, nach welchen alle -lebenden und erloschenen Wesen durch zusammengesetzte, strahlenförmige -und oft sehr mittelbar zusammenhängende Verwandtschafts-Linien -zu einem grossen Systeme vereinigt werden, -- dass die von den -Naturforschern bei ihren Klassifikationen befolgten Regeln und -begegneten Schwierigkeiten, -- dass der auf die beständigen und -andauernden Charaktere gelegte Werth, gleichviel ob sie für die -Lebens-Verrichtungen von grosser oder, wie die der rudimentären -Organe von gar keiner Wichtigkeit seyen, -- dass der weite -Unterschied im Werthe zwischen analogen oder Anpassungs- und wahren -Verwandtschafts-Charakteren: -- dass alle diese und noch viele andre -solcher regelmässigen Erscheinungen sich Natur-gemäss aus der Annahme -einer gemeinsamen Abstammung der bei den Naturforschern als verwandt -geltenden Formen und deren Modifikation durch Natürliche Züchtung in -Begleitung von Erlöschung und von Divergenz des Charakters herleiten -lassen. Von diesem Standpunkte aus die Klassifikation beurtheilend wird -man sich erinnern, dass das Element der Abstammung in so fern schon -längst allgemein berücksichtigt wird, als man beide Geschlechter, die -manchfaltigsten Entwickelungs-Formen und die anerkannten Varietäten, -wie verschieden von einander sie auch in ihrem Baue seyn mögen, -alle in eine Art zusammenordnet. Wenn wir nun die Anwendung dieses -Elementes als die einzige mit Sicherheit erkannte Ursache von der -Ähnlichkeit organischer Wesen unter einander etwas weiter ausdehnen, -so wird uns die Bedeutung des natürlichen Systemes klarer werden: -es ist ein Versuch genealogischer Anordnung, worin die Grade der -Verschiedenheiten, in welche die einzelnen Verzweigungen aus einander -gelaufen sind, mit den Kunst-Ausdrücken Abarten, Arten, Sippen, -Familien, Ordnungen und Klassen bezeichnet werden. - -Indem wir von der Annahme einer Fortpflanzung mit Abänderung ausgehen, -werden uns manche Haupterscheinungen in der Morphologie erklärlich: -sowohl das gemeinsame Modell, wornach die homologen Organe, zu welchem -Zwecke sie auch immer bestimmt seyn mögen, bei allen Arten einer -Klasse gebildet sind, als die Modelung aller homologen Theile eines -jeden Pflanzen- oder Thier-Individuums nach einem solchen gemeinsamen -Vorbilde. - -Andre der wichtigsten Erscheinungen in der Embryonologie dagegen -erklären sich aus dem Prinzip, dass allmähliche geringe Abänderungen -nicht nothwendig oder allgemein schon in einer sehr frühen Lebens-Zeit -eintreten, und dass sie sich in entsprechendem Alter weiter vererben. -So die Ähnlichkeit der homologen Theile in einem Embryo, welche im -reifen Alter in Form und Verrichtungen weit auseinander gehen, -- und -die Ähnlichkeit der homologen Theile oder Organe in verschiedenen -Arten einer Klasse, obwohl sie den erwachsenen Thieren zu den möglich -verschiedenen Zwecken dienen. Larven sind selbst-thätige Embryonen, -welche daher auch schon je für ihre verschiedene Lebens-Weise nach -dem Prinzip der Vererbung in gleichen Altern modifizirt worden sind. -Nach diesem nämlichen Prinzipe und in Betracht dass, wenn Organe in -Folge von Nichtgebrauch oder von Züchtung an Stärke abnehmen, Diess -gewöhnlich in derjenigen Lebens-Periode geschieht, wo das Wesen für -seine Bedürfnisse selbst zu sorgen hat, und in fernerem Betracht, -wie strenge das Walten des Erblichkeits-Prinzips ist: bietet uns -das Vorkommen rudimentärer Organe und ihr endlich vollständiges -Verschwinden keine unerklärbare Schwierigkeit dar; im Gegentheil haben -wir deren Vorkommen voraus sehen können. Die Wichtigkeit embryonischer -Charaktere und rudimentärer Organe für die Klassifikation wird aus der -Annahme begreiflich, dass nur eine genealogische Anordnung natürlich -seyn kann. - -Endlich: die verschiedenen Klassen von Thatsachen, welche in diesem -Kapitel in Betracht gezogen worden sind, scheinen mir so deutlich zu -verkündigen, dass die zahllosen Arten, Sippen und Familien organischer -Wesen, womit diese Welt bevölkert ist, allesammt und jedes wieder in -seiner eigenen Klasse oder Gruppe insbesondre, von gemeinsamen Ältern -abstammen und im Laufe der Fortpflanzung wesentlich modifizirt worden -sind, dass ich mir diese Anschauungs-Weise ohne Zögern aneignen würde, -selbst wenn ihr keine sonstigen Thatsachen und Argumente mehr zu Hilfe -kämen. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - -Allgemeine Wiederholung und Schluss. - - Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher - Züchtung. -- Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände, - zu deren Gunsten. -- Ursachen des allgemeinen Glaubens an die - Unveränderlichkeit der Arten. -- Wie weit die Theorie Natürlicher - Züchtung auszudehnen. -- Folgen ihrer Annahme für das Studium der - Naturgeschichte. -- Schluss-Bemerkungen. - - -Da dieser ganze Band eine lange Beweisführung ist, so mag es für den -Leser angenehm seyn, die leitenden Thatsachen und Schlussfolgerungen -kürzlich wiederholt zu sehen. - -Ich läugne nicht, dass man viele und ernste Einwände gegen die Theorie -der Abstammung mit fortwährender Abänderung durch Natürliche Züchtung -vorbringen kann. Ich habe versucht, sie in ihrer ganzen Stärke zu -entwickeln. Nichts kann im ersten Augenblick weniger glaubhaft -scheinen, als dass die zusammengesetztesten Organe und Instinkte -ihre Vollkommenheit erlangt haben sollen nicht durch höhere und doch -der menschlichen Vernunft analoge Kräfte, sondern durch die blosse -Zusammensparung zahlloser kleiner aber jedem individuellen Besitzer -vortheilhafter Abänderungen. Diese Schwierigkeit, wie unübersteiglich -gross sie auch unsrer Einbildungs-Kraft erscheinen mag, kann gleichwohl -nicht für wesentlich gelten, wenn wir folgende Vordersätze zulassen: -dass alle Organe und Instinkte in, wenn auch noch so geringem Grade, -veränderlich sind; -- dass ein Kampf ums Daseyn bestehe, welcher zur -Erhaltung einer jeden für den Besitzer nützlichen Abweichung von -den bisherigen Bildungen oder Instinkten führt, -- und endlich dass -Abstufungen in der Vollkommenheit eines jeden Organes bestanden haben, -die alle in ihrer Weise gut waren. Die Wahrheit dieser Sätze kann nach -meiner Meinung nicht bestritten werden. - -Es ist ohne Zweifel äusserst schwierig auch nur eine Vermuthung darüber -auszusprechen, durch welche Abstufungen, zumal in durchbrochnen und -erlöschenden Gruppen organischer Wesen, manche Bildungen vervollkommnet -worden seyen; aber wir sehen so viele befremdende Abstufungen in der -Natur, dass wir äusserst vorsichtig seyn müssen zu sagen, dass ein -Organ oder Instinkt oder ein ganzes Wesen nicht durch stufenweise -Fortschritte zu seiner gegenwärtigen Vollkommenheit gelangt seyn könne. -Insbesondere muss man zugeben, dass schwierige Fälle besondrer Art -der Theorie der Natürlichen Züchtung entgegentreten, und einer der -schwierigsten Fälle dieser Art zeigt sich in dem Vorkommen von zwei -oder drei bestimmten Kasten von Arbeitern oder unfruchtbaren Weibchen -in einer und derselben Ameisen-Gemeinde; doch habe ich zu zeigen -versucht, dass auch diese Schwierigkeit zu überwinden ist. - -Was die fast allgemeine Unfruchtbarkeit der Arten bei ihrer Kreutzung -anbelangt, die einen so merkwürdigen Gegensatz zur fast allgemeinen -Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten bildet, so muss ich den Leser -auf die am Ende des achten Kapitels gegebene Zusammenfassung der -Thatsachen verweisen, welche mir entscheidend genug zu seyn scheinen -um darzuthun, dass diese Unfruchtbarkeit in nicht höherem Grade -eine angeborne Eigenthümlichkeit bildet, als die Schwierigkeit zwei -Baum-Arten aufeinander zu propfen; sondern dass sie zusammenfalle mit -der Verschiedenheit der Lebensthätigkeit im Reproduktiv-Systeme der -gekreutzten Arten. Wir finden die Bestätigung dieser Annahme in der -weiten Verschiedenheit der Ergebnisse, wenn die nämlichen zwei Arten -wechselseitig von einander befruchtet werden, d. h. wenn eine Stelle -zuerst als Vater und dann als Mutter erscheint. - -Obwohl die Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten und ihrer Blendlinge von -so vielen Autoren als allgemein bezeichnet worden ist, so kann Diess -doch nach den von ~Gärtner~ und ~Kölreuter~ mitgetheilten Thatsachen -nicht als richtig gelten. Auch kann uns ihre sehr häufige Fruchtbarkeit -nicht überraschen, wenn wir bedenken, dass es nicht aussieht, als -ob ihre Konstitutionen überhaupt oder ihre Reproduktiv-Systeme sehr -angegriffen worden seyen. Überdiess sind die meisten zu Versuchen -benützten Abarten aus Kultur der Arten hervorgegangen, und da die -Kultur die Unfruchtbarkeit offenbar zu vermindern strebt, so dürfen wir -nicht erwarten, dass sie Unfruchtbarkeit irgendwo veranlasse. - -Die Unfruchtbarkeit der Bastarde ist eine von der der ersten Kreutzung -sehr verschiedene Erscheinung, da ihre Reproduktiv-Organe mehr oder -weniger unfähig zur Verrichtung sind, während sich bei den ersten -Kreutzungen die beiderseitigen Organe in vollkommenem Zustande -befinden. Da wir Organismen aller Art durch Störung ihrer Konstitution -unter nur wenig abweichenden Lebens-Bedingungen fortwährend mehr und -weniger steril werden sehen, so dürfen wir uns nicht wundern, dass -Bastarde weniger fruchtbar sind; denn ihre Konstitution kann als durch -Verschmelzung zweier verschiedenen Organisationen kaum anders gelitten -haben. Dieser Parallelismus wird noch durch eine andre parallele aber -gerade entgegengesetzte Klasse von Erscheinungen unterstützt: dass -nämlich die Kraft-Entwickelung und Fruchtbarkeit aller Organismen durch -geringen Wechsel in ihren Lebens-Bedingungen zunimmt und dass die -Nachkommen wenig modifizirter Formen oder Abarten durch die Kreutzung -an Kraft und Fruchtbarkeit gewinnen. Ebenso vermindern einerseits -beträchtliche Veränderungen in den Lebens-Bedingungen und Kreutzungen -zwischen sehr verschiedenen Formen die Fruchtbarkeit, wie anderseits -geringere Veränderungen dieselbe zwischen nur wenig abgeänderten Formen -vermehren. - -Wenden wir uns zur geographischen Verbreitung, so erscheinen auch da -die Schwierigkeiten für die Theorie der Fortpflanzung mit fortwährender -Abänderung erheblich genug. Alle Individuen einer Art und alle Arten -einer Sippe oder selbst noch höherer Gruppen müssen von gemeinsamen -Ältern herkommen; wesshalb sie, wenn auch noch so weit zerstreut und -isolirt in der Welt, im Laufe aufeinander-folgender Generationen aus -einer Gegend in die andre gewandert seyn müssen. Wir sind oft ganz -ausser Stand auch nur zu vermuthen, auf welche Weise Diess geschehen -seyn möge. Da wir jedoch anzunehmen berechtigt sind, dass einige Arten -die nämliche spezifische Form während ungeheuer langen Perioden, in -Jahren gemessen, beibehalten haben, so darf man kein allzu grosses -Gewicht auf die gelegentliche weite Verbreitung einer Spezies legen; -denn während solcher ausserordentlich langer Zeit-Perioden wird sie -auch zu weiter Verbreitung irgend welche Mittel gefunden haben. Eine -durchbrochene oder zerspaltene Gruppe lässt sich oft durch Erlöschen -der vermittelnden Arten erklären. Es ist nicht zu läugnen, dass wir mit -den manchfaltigen klimatischen und geographischen Veränderungen, welche -die Erde erst in der laufenden Periode erfahren, noch ganz unbekannt -sind; und solche Veränderungen müssen die Wanderungen offenbar in hohem -Grade befördert haben. Beispielsweise habe ich zu zeigen versucht, wie -mächtig die Eis-Zeit auf die Verbreitung sowohl der identischen als der -stellvertretenden Formen über die Erd-Oberfläche gewirkt habe. Ebenso -sind wir auch fast ganz unbekannt mit den vielen gelegenheitlichen -Transport-Mitteln. Was die Erscheinung betrifft, dass verschiedene -Arten einer Sippe sehr entfernt von einander abgesonderte Gegenden -bewohnen, so sind, da der Abänderungs-Prozess nothwendig sehr langsam -vor sich geht, während sehr langer Zeit-Abschnitte für alle Wanderungen -genügende Gelegenheiten vorhanden gewesen, wodurch sich einigermaassen -die Schwierigkeit vermindert die weite Verbreitung der Arten einer -Sippe zu erklären. - -Da nach der Theorie der Natürlichen Züchtung eine endlose Anzahl -Mittelformen alle Arten jeder Gruppe durch eben so feine Abstufungen, -als unsre jetzigen Varietäten darstellen, miteinander verkettet -haben muss, so wird man die Frage aufwerfen, warum wir nicht diese -vermittelnden Formen rund um uns her erblicken? Warum fliessen nicht -alle organischen Formen zu einem unentwirrbaren Chaos zusammen? Aber -was die noch lebenden Formen betrifft, so sind wir (mit Ausnahme -einiger seltenen Fälle) wohl nicht zur Erwartung berechtigt, direkt -vermittelnde Glieder zwischen ihnen selbst, sondern nur etwa zwischen -ihnen und einigen erloschenen und ersetzten Formen zu entdecken. -Selbst auf einem weiten Gebiete, das während einer langen Periode -seinen Zusammenhang bewahrt hat und dessen Klima und übrigen -Lebens-Bedingungen nur allmählich von einem Bezirke zu andern von -nahe verwandten Arten bewohnten Bezirken abändern, selbst da sind -wir nicht berechtigt oft die Erscheinung vermittelnder Formen in den -Grenz-Strichen zu erwarten. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass -nur wenige Arten einer Sippe jemals Abänderungen erleiden, da die -andern gänzlich erlöschen, ohne eine abgeänderte Nachkommenschaft zu -hinterlassen. Von den veränderlichen Arten ändern immer nur wenige -in der nämlichen Gegend zugleich ab, und alle Abänderungen gehen -nur langsam vor sich. Ich habe auch gezeigt, dass die vermittelnden -Formen, welche anfangs wahrscheinlich in den Zwischenstrichen vorhanden -gewesen, einer Ersetzung durch die verwandten Formen von beiden Seiten -her unterlegen sind, die vermöge ihrer grossen Anzahl gewöhnlich -schnellere Fortschritte in ihren Abänderungen und Verbesserungen als -die minder zahlreich vertretenen Mittelformen machen, so dass diese -vermittelnden Abarten mit der Länge der Zeit ersetzt und vertilgt -werden. - -Nach dieser Lehre von der Unterdrückung einer unendlichen Menge -vermittelnder Glieder zwischen den erloschenen und lebenden -Bewohnern der Erde und eben so zwischen den Arten einer jeden der -aufeinandergefolgten Perioden und den ihnen zunächst vorangegangenen -fragt es sich, warum nicht jede geologische Formation mit Resten -solcher Glieder erfüllt ist? und warum nicht jede Sammlung fossiler -Reste einen klaren Beweis von solcher Abstufung und Umänderung der -Lebenformen darbietet. Obwohl geologische Untersuchung uns die frühere -Existenz vieler Mittelglieder zur näheren Verkettung zahlreicher -Lebenformen miteinander dargethan, so liefert sie uns doch nicht die -unendlich zahlreichen feineren Abstufungen zwischen den früheren -und jetzigen Arten, welche meine Theorie erfordert, und Diess ist -eine der handgreiflichsten und stärksten von den vielen gegen meine -Theorie vorgebrachten Einwendungen. Und wie kommt es, dass ganze -Gruppen verwandter Arten in dem einen oder dem andern geologischen -Schichten-Systeme oft so plötzlich aufzutreten scheinen (gewiss oft -+nur+ scheinen!). Warum finden wir nicht grosse Schichten-Stösse -unter dem Silur-Systeme erfüllt mit den Überbleibseln der Stammväter -der silurischen Organismen-Gruppen? Denn nach meiner Theorie müssen -solche Schichten-Systeme in diesen alten und gänzlich unbekannten -Abschnitten der Erd-Geschichte gewiss irgendwo abgesetzt worden seyn. - -Man kann auf diese Fragen und gewichtigen Einwände nur mit der -Annahme antworten, dass der geologische Schöpfungs-Bericht bei weitem -unvollständiger ist, als die meisten Geologen glauben. Es lässt sich -nicht einwenden, dass für irgend welches Maass organischer Abänderung -nicht genügende Zeit gewesen; denn die Länge der abgelaufenen Zeit -ist für menschliche Begriffe unfassbar. Die Menge der Exemplare in -allen unsren Museen zusammengenommen ist absolut nichts im Vergleich -mit den zahllosen Generationen zahlloser Arten, welche sicherlich -schon existirt haben. Die gemeinsame Stammform von je 2-3 Arten wird -nicht in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen denen -ihrer Nachkommen halten, wie die Felstaube nicht genau in Kopf und -Schwanz das Mittel hält zwischen ihren Nachkommen, der Pouter- und -Pfauen-Taube. Wir werden ausser Stand seyn eine Art als die Stamm-Art -einer oder mehrer andren Arten zu erkennen, wenn wir nicht auch -viele der vermittelnden Glieder zwischen ihrer früheren und jetzigen -Beschaffenheit besitzen; und diese vermittelnden Glieder dürfen wir -bei der Unvollständigkeit der geologischen Schöpfungs-Urkunden kaum -jemals zu entdecken erwarten. Wenn man zwei oder drei oder noch -mehr Mittelglieder entdeckte, so würde man sie einfach als eben so -viele neue Arten einreihen, zumal wenn man sie in eben so vielen -verschiedenen Schichten-Abtheilungen fände, wären in diesem Falle ihre -Unterschiede auch noch so klein. Man könnte viele jetzige zweifelhafte -Formen nennen, welche wahrscheinlich Abarten sind; aber wer könnte -behaupten, dass in künftigen Welt-Perioden noch so viele fossile -Mittelglieder werden entdeckt werden, dass Naturforscher nach der -gewöhnlichen Anschauungs-Weise zu entscheiden im Stande seyn werden, -ob diese zweifelhaften Formen Varietäten sind oder nicht? -- Nur ein -kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht worden, und -nur von gewissen Organismen-Klassen können fossile Reste in grosser -Anzahl erhalten werden. Weit verbreitete Arten variiren am meisten, -und die Abarten sind anfänglich oft nur lokal; beide Ursachen machen -die Entdeckung von Zwischengliedern wenig wahrscheinlich. Örtliche -Varietäten verbreiten sich nicht in andre und entfernte Gegenden, bis -sie beträchtlich abgeändert und verbessert sind; -- und wenn sie nach -ihrer Verbreitung in einer geologischen Formation entdeckt werden, -so wird es scheinen, als seyen sie erst jetzt plötzlich erschaffen -worden, und man wird sie einfach als neue Arten betrachten. -- Die -meisten Formationen sind mit Unterbrechungen abgelagert worden; und -ihre Dauer ist, wie ich glaube, kürzer als die mittle Dauer der -Arten-Formen gewesen. Zunächst aufeinander-folgende Formationen sind -gewöhnlich durch ungeheure leere Zeiträume von einander getrennt; -denn Fossil-Reste führende Formationen, mächtig genug, um spätrer -Zerstörung zu widerstehen, können meistens nur da gebildet werden, -wo dem in Senkung begriffenen Meeres-Grund viele Sedimente zugeführt -werden. In den damit abwechselnden Perioden von Hebung oder Ruhe wird -das Blatt in der Schöpfungs-Geschichte in der Regel weiss bleiben. -Während dieser letzten Perioden wird wahrscheinlich mehr Veränderung in -den Lebenformen, während der Senkungs-Zeiten mehr Erlöschen derselben -stattfinden. - -Was die Abwesenheit Fossilien-führender Schichten unterhalb der -untersten Silur-Gebilde betrifft, so kann ich nur auf die im neunten -Kapitel aufgestellte Hypothese zurückkommen. Dass der geologische -Schöpfungs-Bericht lückenhaft ist, gibt jedermann zu; dass er es aber -in dem von mir verlangten Grade seye, werden nur wenige zugestehen -wollen. Hinreichend lange Zeiträume zugegeben, erklärt uns die Geologie -offenbar genug, dass alle Arten gewechselt haben, und sie haben in der -Weise gewechselt, wie es meine Theorie erheischt, nämlich langsam und -stufenweise. Wir erkennen Diess deutlich daraus, dass die organischen -Reste zunächst aufeinander-folgender Formationen einander allezeit -näher verwandt sind, als die fossilen Arten durch weite Zeiträume von -einander getrennter Gebirgs-Bildungen. - -Diess ist die Summe der hauptsächlichsten Einwürfe und Schwierigkeiten, -die man mit Recht gegen meine Theorie vorbringen kann; und ich habe die -darauf zu gebenden Antworten und Erläuterungen in Kürze wiederholt. Ich -habe diese Schwierigkeiten viele Jahre lang selbst zu sehr empfunden, -als dass ich an ihrem Gewichte zweifeln sollte. Aber es verdient noch -insbesondere hervorgehoben zu werden, dass die wichtigeren Einwände -sich auf Fragen beziehen, über die wir eingestandner Maassen in -Unwissenheit sind; und wir wissen nicht einmal, wie unwissend wir sind. -Wir kennen nicht all’ die möglichen Übergangs-Abstufungen zwischen -den einfachsten und den vollkommensten Organen; wir können nicht -behaupten, all’ die manchfaltigen Verbreitungs-Mittel der Organismen -während des Verlaufes so zahlloser Jahrtausende zu kennen, und wir -wissen nicht, wie unvollständig der geologische Schöpfungs-Bericht -ist. Wie bedeutend aber auch diese mancherlei Schwierigkeiten seyn -mögen, so genügen sie doch nicht, um meine Theorie einer +Abstammung -von einigen wenigen erschaffenen Formen mit nachheriger Abänderung -derselben+ umzustossen. - - * * * * * - -Wenden wir uns nun nach der andern Seite unsres Gegenstandes. Im -Kultur-Zustande der Wesen nehmen wir viel Veränderlichkeit derselben -wahr. Diess scheint daran zu liegen, dass das Reproduktiv-System -ausserordentlich empfindlich gegen Veränderungen in den äusseren -Lebens-Bedingungen ist, so dass dieses System, wenn es nicht ganz -unfähig wird, doch keine der älterlichen Form genau ähnliche -Nachkommenschaft mehr liefert. Die Abänderungen werden durch -viele verwickelte Gesetze geleitet, durch die Wechselbeziehungen -des Wachsthums, durch Gebrauch und Nichtgebrauch und durch die -unmittelbaren Einwirkungen der physikalischen Lebens-Bedingungen. -Es ist sehr schwierig zu bestimmen, wie viel Abänderung unsre -Kultur-Erzeugnisse erfahren haben; doch können wir getrost annehmen, -dass deren Maass gross gewesen seye, und dass Modifikationen auf lange -Perioden hinaus vererblich sind. So lange als die Lebens-Bedingungen -die nämlichen bleiben, sind wir zu unterstellen berechtigt, dass -eine Abweichung, welche sich schon seit vielen Generationen vererbt -hat, sich auch noch ferner auf eine fast unbegrenzte Zahl von -Generationen hinaus vererben kann. Andrerseits sind wir gewiss, dass -Veränderlichkeit, wenn sie einmal in’s Spiel gekommen, nicht mehr -gänzlich aufhört; denn unsre ältesten Kultur-Erzeugnisse bringen -gelegenheitlich noch immer neue Abarten hervor. - -Der Mensch erzeugt in Wirklichkeit keine Abänderungen, sondern -er versetzt nur unabsichtlich organische Wesen unter neue -Lebens-Bedingungen, und dann wirkt die Natur auf deren Organisation -und verursacht Veränderlichkeit. Der Mensch kann aber die ihm von der -Natur dargebotenen Abänderungen zur Nachzucht auswählen und dieselben -hiedurch in einer beliebigen Richtung häufen; und Diess thut er -wirklich. Er passt auf diese Weise Thiere und Pflanzen seinem eignen -Nutzen und Vergnügen an. Er mag Diess planmässig oder mag es unbewusst -thun, indem er die ihm zur Zeit nützlichsten Individuen, ohne einen -Gedanken an die Änderung der Rasse, zurückbehält. Es ist gewiss, dass -er einen grossen Einfluss auf den Charakter einer Rasse dadurch ausüben -kann, dass er von Generation zu Generation individuelle Abänderungen -zur Nachzucht auswählt, so gering, dass sie für das ungeübte Auge kaum -wahrnehmbar sind. Dieses Wahl-Verfahren ist das grosse Agens in der -Erzeugung der ausgezeichnetsten und nützlichsten unsrer veredelten -Thier- und Pflanzen-Rassen gewesen. Dass nun viele der vom Menschen -gebildeten Abänderungen den Charakter natürlicher Arten schon -grossentheils besitzen, geht aus den unausgesetzten Zweifeln in Bezug -auf viele derselben hervor, ob es Arten oder Abarten sind. - -Es ist kein Grund nachzuweisen, wesshalb diese Prinzipien, welche in -Bezug auf die kultivirten Organismen so erfolgreich gewirkt, nicht -auch in der Natur wirksam seyn sollten. In der Erhaltung begünstigter -Individuen und Rassen während des beständig wiederkehrenden Kampfs ums -Daseyn sehen wir das wirksamste und nie ruhende Mittel der Natürlichen -Züchtung. Der Kampf ums Daseyn ist die unvermeidliche Folge der -hochpotenzirten geometrischen Zunahme, welche allen organischen Wesen -gemein ist. Dieses rasche Zunahme-Verhältniss ist thatsächlich erwiesen -aus der schnellen Vermehrung vieler Pflanzen und Thiere während einer -Reihe günstiger Jahre und bei ihrer Naturalisirung in einer neuen -Gegend. Es werden mehr Einzelwesen geboren, als fortzuleben im Stande -sind. Ein Gran in der Wage kann den Ausschlag geben, welches Individuum -fortleben und welches zu Grunde gehen soll, welche Art oder Abart -sich vermehren und welche abnehmen und endlich erlöschen muss. Da die -Individuen einer nämlichen Art in allen Beziehungen in die nächste -Bewerbung miteinander gerathen, so wird gewöhnlich auch der Kampf -zwischen ihnen am heftigsten seyn; er wird fast eben so heftig zwischen -den Abarten einer Art, und dann zunächst zwischen den Arten einer Sippe -seyn. Aber der Kampf kann oft auch sehr heftig zwischen Wesen seyn, -welche auf der Stufenleiter der Natur am weitesten auseinander stehen. -Der geringste Vortheil, den ein Wesen in irgend einem Lebens-Alter -oder zu irgend einer Jahreszeit über seine Mitbewerber voraus hat, -oder eine wenn auch noch so wenig bessere Anpassung an die umgebenden -Natur-Verhältnisse kann die Wage sinken machen. - -Bei Thieren getrennten Geschlechts wird meistens ein Kampf der Männchen -um den Besitz der Weibchen stattfinden. Die kräftigsten oder diejenigen -Individuen, welche am erfolgreichsten mit ihren Lebens-Bedingungen -gekämpft haben, werden gewöhnlich am meisten Nachkommenschaft -hinterlassen. Aber der Erfolg wird oft davon abhängen, dass die -Männchen besondre Waffen oder Vertheidigungs-Mittel oder Reitze -besitzen; und der geringste Vortheil kann zum Siege führen. - -Da die Geologie uns deutlich nachweiset, dass ein jedes Land grosse -physikalische Veränderungen erfahren hat, so ist anzunehmen, dass die -organischen Wesen im Natur-Zustande ebenso wie die kultivirten unter -den veränderten Lebens-Bedingungen abgeändert haben. Wenn nun eine -Veränderlichkeit im Natur-Zustande vorhanden ist, so würde es eine -unerklärliche Erscheinung seyn, falls die Natürliche Züchtung nicht -eingriffe. Es ist oft versichert worden, aber eines Beweises nicht -fähig, dass das Maass der Abänderung in der Natur eine streng bestimmte -Quantität seye. Der Mensch, obwohl nur auf äussre Charaktere allein -und oft bloss nach seiner Laune wirkend, vermag in kurzer Zeit dadurch -grossen Erfolg zu erzielen, dass er allmählich alle in einer Richtung -hervortretenden individuellen Verschiedenheiten zusammenhäuft; und -jedermann gibt zu, dass wenigstens individuelle Verschiedenheiten bei -den Arten im Natur-Zustande vorkommen. Aber von diesen abgesehen, haben -alle Naturforscher das Daseyn von Abarten oder Varietäten eingestanden, -welche verschieden genug seyen, um in den systematischen Werken als -solche mit aufgeführt zu werden. Doch kann niemand einen bestimmten -Unterschied zwischen individuellen Abänderungen und leichten Varietäten -oder zwischen verschiedenen Abarten, Unterarten und Arten angeben. -Erinnern wir uns, wie sehr die Naturforscher in ihrer Ansicht über -den Rang der vielen stellvertretenden Formen in _Europa_ und -_Amerika_ auseinandergehen. - -Wenn es daher im Natur-Zustande Variabilität und ein mächtiges stets -zur Thätigkeit und Zuchtwahl bereites Agens gibt, wesshalb sollten -wir noch bezweifeln, dass irgend welche für die Organismen in ihren -äusserst verwickelten Lebens-Verhältnissen einigermaassen nützliche -Abänderungen erhalten, gehäuft und vererbt werden? Wenn der Mensch -die ihm selbst nützlichen Abänderungen geduldig zur Nachzucht -auswählt: warum sollte die Natur unterlassen, die unter veränderten -Lebens-Bedingungen für ihre Produkte nützlichsten Abänderungen -auszusuchen? Welche Schranken kann man einer Kraft setzen, welche -von einer Welt-Periode zur andern beschäftigt ist, die ganze -organische Bildung, Thätigkeit und Lebens-Weise eines jeden Geschöpfes -unausgesetzt zu sichten, das Gute zu befördern und das Schlechte -zurückzuwerfen? Ich vermag keine Grenze zu sehen für eine Kraft, welche -jede Form den verwickeltsten Lebens-Verhältnissen langsam anzupassen -beschäftigt ist. Die Theorie der Natürlichen Züchtung scheint mir, -auch wenn wir uns nur darauf allein beschränken, in sich selbst -wahrscheinlich zu seyn. Ich habe bereits, so ehrlich als möglich, die -dagegen erhobenen Schwierigkeiten und Einwände rekapitulirt; jetzt -wollen wir uns zu den Spezial-Erscheinungen und Folgerungen zu Gunsten -unsrer Theorie wenden. - -Aus meiner Ansicht, dass Arten nur stark ausgebildete und bleibende -Varietäten (Abarten) sind und jede Art zuerst als eine Varietät -existirt hat, ergibt sich, wesshalb keine Grenzlinie gezogen werden -kann zwischen Arten, welche man gewöhnlich als Produkte eben so vieler -besondrer Schöpfungs-Akte betrachtet, und zwischen Varietäten, die -man als Bildungen eines sekundären Gesetzes gelten lässt. Nach dieser -nämlichen Ansicht ist es ferner zu begreifen, dass in jeder Gegend, wo -viele Arten einer Sippe entstanden sind und nun gedeihen, diese Arten -noch viele Abarten darbieten; denn, wo die Arten-Fabrikation thätig -betrieben worden ist, da möchten wir als Regel erwarten, sie noch -in Thätigkeit zu finden; und Diess ist der Fall, woferne Varietäten -beginnende Arten sind. Überdiess behalten auch die Arten grosser -Sippen, welche die Mehrzahl der Varietäten oder beginnenden Arten -liefern, in gewissem Grade den Charakter von Varietäten bei; denn sie -unterscheiden sich in geringerem Maasse, als die Arten kleinerer Sippen -von einander. Auch haben die nahe-verwandten Arten grosser Sippen eine -beschränktere Verbreitung und bilden vermöge ihrer Verwandtschaft zu -einander kleine um andre Arten geschaarte Gruppen, in welcher Hinsicht -sie ebenfalls Varietäten gleichen. Diess sind, von dem Gesichtspunkte -aus beurtheilt, dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, -befremdende Erscheinungen, welche dagegen der Annahme ganz wohl -entsprechen, das alle Arten sich aus Varietäten entwickelt haben. - -Da jede Art bestrebt ist sich in geometrischem Verhältnisse unendlich -zu vermehren, und da die abgeänderten Nachkommen einer jeden Spezies -sich um so rascher zu vervielfältigen vermögen, jemehr dieselben in -Lebensweise und Organisation auseinander laufen, und mithin jemehr -und verschiedenartigere Stellen sie demnach im Haushalte der Natur -einzunehmen im Stande sind, so wird in der Natürlichen Züchtung ein -beständiges Streben vorhanden seyn, die am weitesten verschiedenen -Nachkommen einer jeden Art zu erhalten. Daher werden im langen Verlaufe -solcher allmählichen Abänderungen die geringen und blosse Varietäten -einer Art bezeichnenden Verschiedenheiten sich zu grösseren die -Spezies einer nämlichen Sippe charakterisirenden Verschiedenheiten -steigern. Neue und verbesserte Varietäten werden die älteren weniger -vervollkommneten und die letzten vermittelnden Abarten unvermeidlich -ersetzen und austilgen, und so entstehen grossentheils scharf -umschriebene und wohl unterschiedene Spezies. Herrschende Arten aus -den grösseren Gruppen einer jeden Klasse streben wieder neue und -herrschende Formen zu erzeugen, so dass jede grosse Gruppe geneigt ist -noch grösser und zugleich divergenter im Charakter zu werden. Da jedoch -nicht alle Gruppen beständig zunehmen können, indem zuletzt die Welt -sie nicht mehr zu fassen vermöchte, so verdrängen die herrschenderen -die minder herrschenden. Dieses Streben der grossen Gruppen an Umfang -zu wachsen und im Charakter auseinander zu laufen, in Verbindung mit -der meist unvermeidlichen Folge starken Erlöschens andrer, erklärt die -Anordnung aller Lebenformen in mehr und mehr unterabgetheilte Gruppen -innerhalb einiger wenigen grossen Klassen, die uns jetzt überall -umgeben und alle Zeiten überdauert haben. Diese grosse Thatsache der -Gruppirung aller organischen Wesen scheint mir nach der gewöhnlichen -Schöpfungs-Theorie ganz unerklärlich. - -Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung kleiner aufeinander-folgender -günstiger Abänderungen wirkt, so kann sie keine grosse und plötzliche -Umgestaltungen bewirken; sie kann nur mit sehr langsamen und kurzen -Schritten vorangehen. Daher denn auch der Canon „_Natura non facit -saltum_“, welcher sich mit jeder neuen Erweiterung unsrer Kenntnisse -mehr bestätigt, aus dieser Theorie einfach begreiflich wird. Wir sehen -ferner ein, warum die Natur so fruchtbar an Abänderungen und doch so -sparsam an Neuerungen ist. Wie Diess aber ein Natur-Gesetz seyn könnte, -wenn jede Art unabhängig erschaffen worden wäre, vermag niemand zu -erläutern. - -Aus dieser Theorie scheinen mir noch andre Thatsachen erklärbar. Wie -befremdend wäre es, dass ein Vogel in Gestalt eines Spechtes geschaffen -worden wäre, um Insekten am Boden aufzusuchen; dass eine Gans, welche -niemals oder selten schwimmt, mit Schwimmfüssen, dass eine Drossel zum -Tauchen und Leben von unter Wasser wohnenden Insekten, und dass ein -Sturmvogel geschaffen worden wäre mit einer Organisation, welche der -Lebens-Weise eines Alks oder Lappentauchers (S. 210) entspricht, und so -in zahllosen andern Fällen. Aber nach der Ansicht, dass die Arten sich -beständig zu vermehren streben, während die Natürliche Züchtung immer -bereit ist, die langsam abändernden Nachkommen jeder Art einem jeden in -der Natur noch nicht oder nur unvollkommen besetzten Platze anzupassen, -hören diese Erscheinungen auf befremdend zu seyn und hätten sich sogar -vielleicht voraussehen lassen. - -Da die Natürliche Züchtung neben der Mitbewerbung wirkt, so -passt sie die Bewohner einer jeden Gegend nur im Verhältniss der -Vollkommenheits-Stufe der andern Bewerber an, daher es uns nicht -überrascht, wenn die Bewohner eines Bezirkes, welche nach der -gewöhnlichen Ansicht doch speziell für diesen Bezirk geschaffen und -angepasst seyn sollen, durch die naturalisirten Erzeugnisse aus andern -Ländern besiegt und ersetzt werden. Noch dürfen wir uns wundern, wenn -nicht alle Erfindungen in der Natur, so weit wir ermessen können, ganz -vollkommen sind und manche derselben sogar hinter unsren Begriffen von -Angemessenheit weit zurückbleiben. Es darf uns daher nicht befremden, -wenn der Stich der Biene ihren eignen Tod verursacht; wenn die Dronen -in so ungeheurer Anzahl nur für einen einzelnen Akt erzeugt und dann -grösstentheils von ihren unfruchtbaren Schwestern getödtet werden; wenn -unsre Nadelhölzer eine so unermessliche Menge von Pollen erzeugen; wenn -die Bienenkönigin einen instinktiven Hass gegen ihre eignen fruchtbaren -Töchter empfindet; oder wenn die Ichneumoniden sich im lebenden Körper -von Raupen nähren u. s. w. Weit mehr hätte man sich nach der Theorie -der Natürlichen Züchtung darüber zu wundern, dass nicht noch mehr Fälle -von Mangel an unbedingter Vollkommenheit beobachtet werden. - -Die verwickelten und wenig bekannten Gesetze, welche die Variation -in der Natur beherrschen, sind, so weit unsre Einsicht reicht, -die nämlichen, welche auch die Erzeugung sogenannter spezifischer -Formen geleitet haben. In beiden Fällen scheinen die natürlichen -Bedingungen nur wenig Einfluss gehabt zu haben; wenn aber Varietäten -in eine neue Zone eindringen, so nehmen sie etwas von den Charakteren -der dieser Zone eigenthümlichen Spezies an. In Varietäten sowohl -als Arten scheinen Gebrauch und Nichtgebrauch einige Wirkung zu -haben; denn es ist schwer dieser Ansicht zu widerstehen, wenn man -z. B. die Dickkopf-Ente (Micropterus) mit Flügeln sieht, welche -zum Fluge eben so wenig brauchbar als die der Hausente sind, oder -wenn man den grabenden Tukutuku (Ctenomys), welcher mitunter blind -ist, und dann die Maulwurf-Arten betrachtet, die immer blind sind -und ihre Augen-Rudimente unter der Haut liegen haben, oder endlich -wenn man die blinden Thiere in den dunkeln Höhlen _Europa’s_ -und _Amerika’s_ ansieht. In Arten und Abarten scheint die -Wechselbeziehung der Entwickelung eine sehr wichtige Rolle gespielt zu -haben, so dass, wenn ein Theil abgeändert worden ist, auch andre Theile -nothwendig modifizirt werden mussten. In Arten wie in Abarten kommt -Rückkehr zu längst verlorenen Charakteren vor. Wie unerklärlich ist -nach der Schöpfungs-Theorie die gelegentliche Erscheinung von Streifen -an Schultern und Beinen der verschiedenen Arten der Pferde-Sippe -und ihrer Bastarde; und wie einfach erklärt sich diese Thatsache, -wenn wir annehmen, dass alle diese Arten von einem gestreiften -gemeinsamen Stamm-Vater herrühren in derselben Weise, wie unsre zahmen -Tauben-Rassen von der blau-grauen Felstaube mit schwarzen Flügelbinden. - -Wie lässt es sich nach der gewöhnlichen Ansicht, dass jede Art -unabhängig geschaffen worden seye, erklären, dass die Arten-Charaktere, -wodurch sich die verschiedenen Spezies einer Sippe von einander -unterscheiden, veränderlicher als die Sippen-Charaktere sind, in -welchen alle übereinstimmen? Warum wäre z. B. die Farbe einer -Blume in einer Art einer Sippe, wo alle übrigen Arten mit andern -Farben versehen sind, eher zu variiren geneigt, als wenn alle Arten -derselben Sippe von gleicher Farbe sind? Wenn aber Arten nur stark -abgebildete Abarten sind, deren Charaktere schon in hohem Grade -beständig geworden, so begreift sich Diess; denn sie haben bereits -seit ihrer Abzweigung von einem gemeinsamen Stammvater in gewissen -Merkmalen variirt, durch welche sie eben von einander verschieden -geworden sind; und desshalb werden auch die nämlichen Charaktere noch -fortdauernd unbeständiger seyn, als die Sippen-Charaktere, die sich -schon seit einer unermesslichen Zeit unverändert vererbt haben. Nach -der Theorie der Schöpfung ist es unerklärlich, warum ein bei der -einen Art einer Sippe in ganz ungewöhnlicher Weise entwickelter und -daher vermuthlich für dieselben sehr wichtiger Charakter vorzugsweise -zu variiren geneigt seyn soll; während dagegen nach meiner Ansicht -dieser Theil seit der Abzweigung der verschiedenen Arten von einem -gemeinsamen Stammvater in ungewöhnlichem Grade Abänderungen erfahren -hat und gerade desshalb seine noch fortwährende Veränderlichkeit -voraus zu erwarten stund. Dagegen kann es auch vorkommen, dass ein -in der ungewöhnlichsten Weise entwickelter Theil, wie der Flügel der -Fledermäuse, sich jetzt eben so wenig veränderlich als die übrigen -zeigt, wenn derselbe vielen untergeordneten Formen gemein, d. h. schon -seit sehr langer Zeit vererbt worden ist; denn in diesem Falle wird er -durch lang-fortgesetzte Natürliche Züchtung beständig geworden seyn. - -Werfen wir auf die Instinkte einen Blick, von welchen manche -wunderbar sind, so bieten sie der Theorie der Natürlichen Züchtung -mittelst leichter und allmählicher nützlicher Abänderungen keine -grössere Schwierigkeit als die körperlichen Bildungen dar. Man kann -daraus begreifen, warum die Natur bloss in kleinen Abstufungen die -Thiere einer nämlichen Klasse mit ihren verschiedenen Instinkten -vervollkommt. Ich habe zu zeigen versucht, wie viel Licht das Prinzip -der stufenweisen Entwickelung auf den Bau-Instinkt der Honigbiene -wirft. Auch Gewohnheit kommt bei Modifizirung der Instinkte gewiss -oft in Betracht; aber Diess ist sicher nicht unerlässlich der Fall, -wie wir bei den geschlechtlosen Insekten sehen, die keine Nachkommen -hinterlassen, auf welche sie die Erfolge lang-währender Gewohnheit -übertragen könnten. Nach der Ansicht, dass alle Arten einer Sippe von -einer gemeinsamen Stamm-Art herrühren und von dieser Vieles gemeinsam -geerbt haben, vermögen wir die Ursache zu erkennen, wesshalb verwandte -Arten, auch wenn sie wesentlich verschiedenen Lebens-Bedingungen -ausgesetzt sind, doch beinahe denselben Instinkten folgen: wie z. B. -die _Süd-Amerikanische_ Amsel ihr Nest inwendig eben so mit -Schlamm überzieht, wie es unsre _Europäische_ Art thut. In Folge -der Ansicht, dass Instinkte nur ein langsamer Erwerb unter der Leitung -Natürlicher Züchtung sind, dürfen wir uns nicht darüber wundern, wenn -manche derselben noch unvollkommen oder nicht verständlich sind, und -wenn manche unter ihnen andern Thieren zum Nachtheil gereichen. - -Wenn Arten nur wohl ausgebildete und bleibende Abarten sind, so -erkennen wir sogleich, warum ihre durch Kreutzung entstandenen -Nachkommen den nämlichen verwickelten Gesetzen unterliegen: in Art -und Grad der Ähnlichkeit mit den Ältern, in der Verschmelzung durch -wiederholte Kreutzung und in andern ähnlichen Punkten, wie es bei -den gekreutzten Nachkommen anerkannter Abarten der Fall ist; während -Diess wunderbare Erscheinungen blieben, wenn die Arten unabhängig -von einander erschaffen und die Abarten nur durch sekundäre Kräfte -entstanden wären. - -Wenn wir zugeben, dass der geologische Schöpfungs-Bericht im äussersten -Grade unvollständig ist, dann unterstützen solche Thatsachen, wie der -Bericht sie liefert, die Theorie der Abstammung mit fortwährender -Abänderung. Neue Arten sind von Zeit zu Zeit allmählich auf den -Schauplatz getreten und das Maass der Umänderung, welche sie nach -gleichen Zeiträumen erfahren, ist in den verschiedenen Gruppen weit -verschieden. Das Erlöschen von Arten und Arten-Gruppen, welches an -der Geschichte der organischen Welt einen so wesentlichen Theil hat, -folgt fast unvermeidlich aus dem Prinzip der Natürlichen Züchtung; -denn alte Formen werden durch neue und verbesserte Formen ersetzt. -Weder einzelne Arten noch Arten-Gruppen erscheinen wieder, wenn die -Kette ihrer regelmässigen Fortpflanzung einmal unterbrochen worden -war. Die stufenweise Ausbreitung herrschender Formen mit langsamer -Abänderung ihrer Nachkommen hat zur Folge, dass die Lebenformen -nach langen Zeiträumen gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche -zu wechseln scheinen. Die Thatsache, dass die Fossil-Reste jeder -Formation im Charakter einigermaassen das Mittel halten zwischen den -darunter und den darüber liegenden Resten, erklärt sich einfach aus -ihrer mitteln Stelle in der Abstammungs-Kette. Die grosse Thatsache, -dass alle erloschenen Organismen in ein gleiches grosses System mit -den lebenden Wesen zusammenfallen und mit ihnen entweder in gleiche -oder in vermittelnde Gruppen gehören, ist eine Folge davon, dass -die lebenden und die erloschenen Wesen die Nachkommen gemeinsamer -Stamm-Ältern sind. Da die von alten Stammvätern herrührenden Gruppen -gewöhnlich im Charakter auseinandergegangen, so werden der Stammvater -und seine nächsten Nachkommen in ihren Charakteren oft das Mittel -halten zwischen seinen späteren Nachkommen, und so ergibt sich warum, -je älter ein Fossil ist, desto öfter es einigermaassen in der Mitte -steht zwischen verwandten lebenden Gruppen. Man hält die neueren Formen -im Allgemeinen für vollkommener als die alten und erloschenen; und sie -stehen auch insoferne höher als diese, als sie in Folge fortwährender -Verbesserung die älteren und noch weniger verbesserten Formen im -Kampfe ums Daseyn besiegt haben. Auch sind im Allgemeinen ihre Organe -mehr spezialisirt für verschiedene Verrichtungen. Diese Thatsache ist -vollkommen verträglich mit der andern, dass viele Wesen jetzt noch -eine einfache und nur wenig verbesserte Organisation für einfachere -Lebens-Bedingungen besitzen, -- und mit der ferneren Annahme, dass -manche Formen in ihrer Organisation zurückgeschritten sind, weil sie -eben dadurch sich einer veränderten und verkümmerten Lebensweise besser -anpassten. Endlich wird das Gesetz langer Dauer unter sich verwandter -Formen in diesem oder jenem Kontinente -- wie die der Marsupialen in -_Neuholland_, der Edentaten in _Südamerika_ u. a. solche -Fälle -- erklärlich, da in einer begrenzten Gegend die neuen und -erloschenen Formen durch Abstammung miteinander verwandt sind. - -Wenn man, was die geographische Verbreitung betrifft, zugibt, -dass im Verlaufe langer Erd-Perioden je nach den klimatischen -und geographischen Veränderungen und der Wirkung so vieler -gelegenheitlicher und unbekannter Veranlassungen starke Wanderungen -von einem Welt-Theile zum andern stattgefunden haben, so erklären -sich die Haupterscheinungen der Verbreitung meistens aus der Theorie -der Abstammung mit fortdauernder Abänderung. Man kann einsehen, warum -ein so auffallender Parallelismus in der räumlichen Vertheilung -der organischen Wesen und ihrer geologischen Aufeinanderfolge in -der Zeit besteht; denn in beiden Fällen sind diese Wesen durch das -Band gewöhnlicher Fortpflanzung miteinander verkettet, und die -Abänderungs-Mittel sind die nämlichen. Wir begreifen die volle -Bedeutung der wunderbaren Erscheinung, welche jedem Reisenden -aufgefallen seyn muss, dass im nämlichen Kontinente unter den -verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, in Hitze und Kälte, im Gebirge -und Tiefland, in Marsch- und Sand-Strecken die meisten der Bewohner aus -jeder grossen Klasse offenbar verwandt sind; denn es sind gewöhnlich -Nachkommen von den nämlichen Stammvätern und ersten Kolonisten. Nach -diesem nämlichen Prinzip früherer Wanderungen meistens in Verbindung -mit entsprechender Abänderung begreift sich mit Hilfe der Eis-Periode -die Identität einiger wenigen Pflanzen und die nahe Verwandtschaft -vieler andern auf den entferntesten Gebirgen, und ebenso die nahe -Verwandtschaft einiger Meeres-Bewohner in der nördlichen und in der -südlichen gemässigten Zone, obwohl sie durch das ganze Tropen-Meer -getrennt sind. Und wenn anderntheils zwei Gebiete so übereinstimmende -natürliche Bedingungen darbieten, wie es zur Ernährung gleicher -Arten nöthig ist, so können wir uns darüber nicht wundern, dass ihre -Bewohner weit von einander verschieden sind, falls dieselben während -langer Perioden vollständig von einander getrennt waren; denn wenn -auch die Beziehung von einem Organismus zum andern die wichtigste -aller Beziehungen ist und die zwei Gebiete ihre ersten Ansiedler in -verschiedenen Perioden und Verhältnissen von einem dritten Gebiete oder -wechselseitig von einander erhalten haben können, so wird der Verlauf -der Abänderung in beiden Gebieten unvermeidlich ein verschiedener -gewesen seyn. - -Nach der Annahme stattgefundener Wanderungen mit nachfolgender -Abänderung erklärt es sich, warum ozeanische Inseln nur von wenigen -Arten bewohnt werden, von welchen jedoch viele eigenthümlich sind. -Man vermag klar einzusehen, warum diejenigen Thiere, welche weite -Strecken des Ozeans nicht zu überschreiten im Stande sind, wie -Frösche und Land-Säugethiere, keine ozeanischen Eilande bewohnen, und -wesshalb dagegen neue und eigenthümliche Fledermaus-Arten, welche -über den Ozean hinwegkommen können, auf oft weit vom Festlande -entlegenen Inseln vorkommen. Solche Erscheinungen, wie die Anwesenheit -besondrer Fledermaus-Arten und der Mangel aller andern Säugethiere -auf ozeanischen Inseln sind nach der Theorie selbstständiger -Schöpfungs-Akte gänzlich unerklärbar. - -Das Vorkommen nahe-verwandter oder stellvertretender Arten in -zweierlei Gebieten setzt nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit -allmählicher Abänderung voraus, dass die gleichen Ältern vordem beide -Gebiete bewohnt haben; und wir finden fast ohne Ausnahme, dass, wo -immer viele einander nahe-verwandte Arten zwei Gebiete bewohnen, auch -einige identische dazwischen sind. Und wo immer viele verwandte aber -verschiedene Arten erscheinen, da kommen auch viele zweifelhafte Formen -und Abarten der nämlichen Spezies vor. Es ist eine sehr allgemeine -Regel, dass die Bewohner eines jeden Gebietes mit den Bewohnern -desjenigen nächsten Gebietes verwandt sind, aus welchem sich die -Einwanderung der ersten mit Wahrscheinlichkeit ableiten lässt. Wir -sehen Diess in fast allen Pflanzen und Thieren der _Galapagos_-Eilande, -auf _Juan Fernandez_ und den andern _Amerikanischen_ Inseln, welche -in auffallendster Weise mit denen des benachbarten _Amerikanischen_ -Festlandes verwandt sind; und eben so verhalten sich die des -_Capverdischen_ Archipels und andrer _Afrikanischen_ Inseln zum -_Afrikanischen_ Festland. Man muss zugeben, dass diese Thatsachen aus -der gewöhnlichen Schöpfungs-Theorie nicht erklärbar sind. - -Wie wir gesehen, ist die Erscheinung, dass alle früheren und jetzigen -organischen Wesen nur ein grosses vielfach unter-abgetheiltes -natürliches System bilden, worin die erloschenen Gruppen oft zwischen -die noch lebenden fallen, aus der Theorie der Natürlichen Züchtung mit -ihrer Ergänzung durch Erlöschen und Divergenz des Charakters erklärbar. -Aus denselben Prinzipien ergibt sich auch, warum die wechselseitige -Verwandtschaft von Arten und Sippen in jeder Klasse so verwickelt und -mittelbar ist. Es ergibt sich, warum gewisse Charaktere viel besser als -andre zur Klassifikation brauchbar sind; warum Anpassungs-Charaktere, -obschon von oberster Bedeutung für das Wesen selbst, kaum von einiger -Wichtigkeit bei der Klassifikation sind; warum von Stümmel-Organen -abgeleitete Charaktere, obwohl diese Organe dem Organismus zu nichts -dienen, oft einen hohen Werth für die Klassifikation besitzen; und -warum embryonische Charaktere den höchsten Werth von allen haben. -Die wesentlichen Verwandtschaften aller Organismen rühren von -gemeinschaftlicher Ererbung oder Abstammung her. Das Natürliche System -ist eine genealogische Anordnung, worin uns die Abstammungs-Linien -durch die beständigsten Charaktere verrathen werden, wie gering auch -deren Wichtigkeit für das Leben seyn mag. - -Die Erscheinungen, dass das Knochen-Gerüste das nämliche in der Hand -des Menschen, wie im Flügel der Fledermaus, im Ruder der Seeschildkröte -und im Bein des Pferdes ist, -- dass die gleiche Anzahl von Wirbeln -den Hals aller Säugethiere, den der Giraffe wie den des Elephanten -bildet, und noch eine Menge ähnlicher, erklären sich sogleich aus der -Theorie der Abstammung mit geringer und langsam aufeinander-folgender -Abänderung. Die Ähnlichkeit des Modells im Flügel und im Hinterfusse -der Fledermaus, obwohl sie zu ganz verschiedenen Diensten bestimmt -sind, in den Kinnladen und den Beinen des Krabben, in den Kelch- und -Kronen-Blättern, in den Staubgefässen und Staubwegen der Blüthen wird -gleicherweise aus der Annahme allmählich divergirender Abänderung von -Theilen oder Organen erklärbar, welche in dem gemeinsamen Stammvater -jeder Klasse unter sich ähnlich gewesen sind. Nach dem Prinzip, -dass allmähliche Abänderungen nicht immer schon im frühen Alter -erfolgen und sich demnach auf ein gleiches und nicht früheres Alter -vererben, ergibt sich eine klare Ansicht, wesshalb die Embryonen von -Säugthieren, Vögeln, Reptilien und Fischen einander so ähnlich sind -und in späterem Alter so unähnlich werden. Man wird sich nicht mehr -darüber wundern, dass der Embryo eines Luft-athmenden Säugthieres oder -Vogels Kiemen-Spalten und Schleifen-artig verlaufende Arterien, wie -der Fisch besitze, welcher die im Wasser aufgelöste Luft mit Hilfe -wohl-entwickelter Kiemen zu athmen bestimmt ist. - -Nichtgebrauch, zuweilen mit Natürlicher Züchtung verbunden, führt oft -zur Verkümmerung eines Organes, wenn es bei veränderter Lebens-Weise -oder unter wechselnden Lebens-Bedingungen nutzlos geworden ist, und man -bekommt auf diese Weise eine richtige Vorstellung von rudimentären -Organen. Aber Nichtgebrauch und Natürliche Züchtung werden auf jedes -Geschöpf gewöhnlich erst wirken, wenn es zur Reife gelangt ist und -selbstständigen Antheil am Kampfe ums Daseyn nimmt. Sie werden nur -wenig über ein Organ in den ersten Lebens-Altern vermögen, wesshalb -kein Organ in solchen frühen Altern sehr verringert oder verkümmert -werden kann. Das Kalb z. B. hat Schneide-Zähne, welche aber im -Oberkiefer das Zahnfleisch nie durchbrechen, von einem frühen -Stammvater mit wohl-entwickelten Zähnen geerbt, und es ist anzunehmen, -dass diese Zähne im reifen Thiere während vieler aufeinander-folgender -Generationen reduzirt worden sind, entweder weil sie nicht gebraucht -oder weil Zunge und Gaumen zum Abweiden des Futters ohne ihre Hilfe -durch Natürliche Züchtung besser hergerichtet worden sind; wesshalb -dann im Kalb diese Zähne unentwickelt geblieben und nach dem Prinzip -der Erblichkeit in gleichem Alter von früher Zeit an bis auf den -heutigen Tag so vererbt worden sind. Wie ganz unerklärbar sind nach -der Annahme, dass jedes organische Wesen und jedes besondre Organ für -seinen Zweck besonders erschaffen worden seye, solche Erscheinungen, -die, wie diese nie zum Durchbruch gelangenden Schneidezähne des Kalbs -oder die verschrumpften Flügel unter den verwachsenen Flügeldecken -mancher Käfer, so auffallend das Gepräge der Nutzlosigkeit an sich -tragen! Man könnte sagen, die Natur habe Sorge getragen, durch -rudimentäre Organe und homologe Gebilde uns ihren Abänderungs-Plan zu -verrathen, welchen wir ausserdem nicht verstehen würden. - - * * * * * - -Ich habe jetzt die hauptsächlichsten Erscheinungen und Betrachtungen -wiederholt, welche mich zur innigsten Überzeugung geführt, dass die -Arten während langer Fortpflanzungs-Perioden durch Erhaltung oder -Natürliche Züchtung mittelst zahlreich aufeinander-folgender kleiner -aber nützlicher Abweichungen von ihrem anfänglichen Typus verändert -worden sind. Ich kann nicht glauben, dass eine falsche Theorie die -mancherlei grossen Gruppen oben aufgezählter Erscheinungen erklären -würde, wie meine Theorie der Natürlichen Züchtung es doch zu thun -scheint. Es ist keine triftige Einrede, dass die Wissenschaft bis jetzt -noch kein Licht über den Ursprung des Lebens verbreite. Wer vermöchte -zu erklären, was das Wesen der Attraktion oder Gravitation seye? Obwohl -~Leibnitz~ den ~Newton~ angeklagt, dass er „verborgene Qualitäten und -Wunder in die Philosophie“ eingeführt, so wird doch dieses unbekannte -Element der Attraktion jetzt allgemein als eine vollkommen begründete -vera causa angenommen. - -Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufgestellten -Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle verstossen sollten. -Es möge die Erinnerung genügen, dass die grösste Entdeckung, welche -der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Gravitation, von -~Leibnitz~ angegriffen worden ist, weil es die natürliche -Religion untergrabe und die offenbarte verläugne. Ein berühmter -Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, „er habe -allmählich einsehen gelernt, dass es eine ebenso erhabene Vorstellung -von der Gottheit seye, zu glauben, dass sie nur einige wenige der -Selbstentwickelung in andre und nothwendige Formen fähige Urtypen -geschaffen, als dass sie immer wieder neue Schöpfungs-Akte nöthig -gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer -eigenen Gesetze entstanden seyen.“ - -Aber warum, wird man fragen, haben denn fast alle ausgezeichneten -lebenden Naturforscher und Geologen diese Ansicht von der -Veränderlichkeit der Spezies verworfen? Es kann ja doch nicht behauptet -werden, dass organische Wesen im Naturzustande keiner Abänderung -unterliegen; es kann nicht bewiesen werden, dass das Maass der -Abänderung im Verlaufe ganzer Erd-Perioden eine beschränkte Grösse -seye; ein bestimmter Unterschied zwischen Arten und ausgeprägten -Abarten ist noch nicht angegeben worden und kann nicht angegeben -werden. Es lässt sich nicht behaupten, dass Arten bei der Kreutzung -ohne Ausnahme unfruchtbar seyen, noch dass Unfruchtbarkeit eine -besondre Gabe und ein Merkmal der Schöpfung seye. Die Annahme, dass -Arten unveränderliche Erzeugnisse seyen, war fast unvermeidlich so -lange, als man der Geschichte der Erde nur eine kurze Dauer zuschrieb; -und nun, da wir einen Begriff von der Länge der Zeit erlangt haben, -sind wir zu verständig, um ohne Beweis anzunehmen, der geologische -Schöpfungs-Bericht seye so vollkommen, dass er uns einen klaren -Nachweis über die Abänderung der Arten liefern müsste, wenn sie solche -Abänderung erfahren hätten. - -Aber die Hauptursache, wesshalb wir von Natur nicht geneigt sind -zuzugestehen, dass eine Art eine andere verschiedene Art erzeugt haben -könne, liegt darin, dass wir stets behutsam in der Zulassung einer -grossen Veränderung sind, deren Mittelstufen wir nicht kennen. Die -Schwierigkeit ist dieselbe, welche so viele Geologen gefühlt, als -~Lyell~ zuerst behauptete, dass binnen-ländische Fels-Klippen -gebildet und grosse Thäler ausgehöhlt worden seyen durch die langsame -Thätigkeit der Küsten-Wogen. Der Begriff kann die volle Bedeutung des -Ausdruckes Hundert Millionen Jahre unmöglich fassen; er kann nicht die -ganze Grösse der Wirkung zusammenrechnen und begreifen, welche durch -Häufung einer Menge kleiner Abänderungen während einer fast unendlichen -Anzahl von Generationen entsteht. - -Obwohl ich von der Wahrheit der in diesem Bande auszugsweise -mitgetheilten Ansichten vollkommen durchdrungen bin, so hege ich doch -keinesweges die Erwartung erfahrene Naturforscher davon zu überzeugen, -deren Geist von einer Menge von Thatsachen erfüllt ist, welche sie -seit einer langen Reihe von Jahren gewöhnt sind aus den meinigen ganz -entgegengesetzten Gesichtspunkten zu betrachten. Es ist so leicht -unsre Unwissenheit unter Ausdrücken, wie „Schöpfungs-Plan“, „Einheit -des Zweckes“ u. s. w. zu verbergen und zu glauben, dass wir eine -Erklärung geben, wenn wir bloss eine Thatsache wiederholen. Wer von -Natur geneigt ist, unerklärten Schwierigkeiten mehr Werth als der -Erklärung einer Summe von Thatsachen beizulegen, der wird gewiss meine -Theorie verwerfen. Auf einige wenige Naturforscher von empfänglicherem -Geiste und solche, die schon an der Unveränderlichkeit der Arten zu -zweifeln begonnen haben, mag Diess Buch einigen Eindruck machen; aber -ich blicke mit Vertrauen auf die Zukunft, auf junge und strebende -Naturforscher, welche beide Seiten der Frage mit Unpartheilichkeit zu -beurtheilen fähig seyn werden. Wer immer sich zur Ansicht neigt, dass -Arten veränderlich sind, wird durch gewissenhaftes Geständniss seiner -Überzeugung der Wissenschaft einen guten Dienst leisten; denn nur so -kann dieser Berg von Vorurtheilen, unter welchen dieser Gegenstand -vergraben ist, allmählich beseitigt werden. - -Einige hervorragende Naturforscher haben noch neuerlich ihre Ansicht -veröffentlicht, dass eine Menge angeblicher Arten in jeder Sippe -keine wirklichen Arten vorstellen, wogegen andre Arten wirkliche, -d. h. selbstständig erschaffene Spezies seyen. Diess scheint mir eine -sonderbare Annahme zu seyn. Sie geben zu, dass eine Menge von Formen, -die sie selbst bis vor Kurzem für spezielle Schöpfungen gehalten -und welche noch jetzt von der Mehrzahl der Naturforscher als solche -angesehen werden, welche mithin das ganze äussre charakteristische -Gepräge von Arten besitzen, -- sie geben zu, dass diese durch -Abänderung hervorgebracht worden seyen, weigern sich aber dieselbe -Ansicht auf andre davon nur sehr unbedeutend verschiedene Formen -auszudehnen. Demungeachtet beanspruchen sie nicht eine Definition -oder auch nur eine Vermuthung darüber geben zu können, welches die -erschaffenen und welches die durch sekundäre Gesetze entstandenen -Lebenformen seyen. Sie geben Abänderung als eine vera causa in einem -Falle zu und verwerfen solche willkürlich im andern, ohne den Grund der -Verschiedenheit in beiden Fällen nachzuweisen. Der Tag wird kommen, wo -man Diess als einen ergötzlichen Beleg von der Blindheit vorgefasster -Meinung anführen wird. Diese Schriftsteller scheinen mir nicht mehr -vor der Annahme eines wunderbaren Schöpfungs-Aktes als vor der einer -gewöhnlichen Geburt zurückzuschrecken. Aber glauben sie denn wirklich, -dass in unzähligen Momenten unsrer Erd-Geschichte jedesmal gewisse -Urstoff-Atome kommandirt worden seyen zu lebendigen Geweben in einander -zu fahren? Sind sie der Meinung, dass durch jeden unterstellten -Schöpfungs-Akt bloss ein einziger, oder dass viele Individuen -entstanden sind? Sind all’ diese zahllosen Sorten von Pflanzen und -Thieren in Form von Saamen und Eiern, oder sind sie als ausgewachsene -Individuen erschaffen worden? und die Säugthiere insbesondere, sind -sie geschaffen worden mit dem falschen Merkmale der Ernährung vom -Mutterleibe? Zweifelsohne können diese nämlichen Fragen beim jetzigen -Stande unseres Wissens auch von denjenigen nicht beantwortet werden, -welche an die Schöpfung von nur wenigen Urformen oder von irgend -einer Form von Organismen glauben. Verschiedene Schriftsteller haben -versichert, dass es leichter seye an die Schöpfung von Hundert -Millionen Dingen als von einem zu glauben; aber ~Maupertuis’~ -philosophischer Grundsatz von „der kleinsten Thätigkeit“ leitet uns -lieber die kleinere Zahl anzunehmen; und gewiss dürfen wir nicht -glauben, dass zahllose Wesen in jeder grossen Klasse mit klaren und -doch trügerischen Merkmalen der Abstammung von einem gemeinsamen -Stammvater geschaffen worden seyen. - -Man kann noch die Frage aufwerfen, wie weit ich die Lehre von der -Abänderung der Spezies ausdehne? Diese Frage ist schwer zu beantworten, -weil, je verschiedener die Formen sind, welche wir betrachten, -desto mehr die Argumente an Stärke verlieren. Doch sind einige -schwer-wiegende Beweisgründe sehr weit-reichend. Alle Glieder einer -ganzen Klasse können durch Verwandtschafts-Beziehungen mit einander -verkettet und alle nach dem nämlichen Prinzip in unterabgetheilte -Gruppen klassifizirt werden. Fossile Reste sind oft geeignet grosse -Lücken zwischen den lebenden Ordnungen des Systemes auszufüllen. -Verkümmerte Organe beweisen oft, dass der erste Stammvater dieselben -Organe in vollkommen entwickeltem Zustande besessen habe; daher ihr -Vorkommen nach ihrer jetzigen Beschaffenheit ein ungeheures Maass -von Abänderung in dessen Nachkommen voraussetzt. Durch ganze Klassen -hindurch sind mancherlei Gebilde nach einem gemeinsamen Model geformt, -und im Embryo-Stande gleichen alle Arten einander genau. Daher ich -keinen Zweifel hege, dass die Theorie der Abstammung mit allmählicher -Abänderung alle Glieder einer nämlichen Klasse mit einander verbinde. -Ich glaube, dass die Thiere von höchstens vier oder fünf[49] und die -Pflanzen von eben so vielen oder noch weniger Stamm-Arten herrühren. - -Die Analogie würde mich noch einen Schritt weiter führen, nämlich zu -glauben, dass alle Pflanzen und Thiere nur von einer einzigen Urform -herrühren; doch könnte die Analogie eine trügerische Führerin seyn. -Demungeachtet haben alle lebenden Wesen Vieles miteinander gemein -in ihrer chemischen Zusammensetzung, ihrer zelligen Struktur, ihren -Wachsthums-Gesetzen, ihrer Empfindlichkeit gegen schädliche Einflüsse. -Wir sehen Diess oft in sehr zutreffender Weise, wenn dasselbe Gift -Pflanzen und Thiere in ähnlicher Art berührt, oder wenn das von der -Gallwespe abgesonderte Gift monströse Auswüchse an der wilden Rose -wie an der Eiche verursacht. In allen organischen Wesen scheint die -gelegentliche Vereinigung männlicher und weiblicher Elementar-Zellen -zur Erzeugung eines neuen solchen Wesens nothwendig zu seyn. In allen -ist, so viel bis jetzt bekannt, das Keim-Bläschen dasselbe. Daher -alle individuellen organischen Wesen von gemeinsamer Entstehung sind. -Und selbst was ihre Trennung in zwei Haupt-Abtheilungen, in ein -Pflanzen- und ein Thierreich betrifft, so gibt es gewisse niedrige -Formen, welche in ihren Charakteren so sehr das Mittel zwischen -beiden halten, dass sich die Naturforscher noch darüber streiten, -zu welchem Reiche sie gehören und Professor ~Asa Gray~ hat -bemerkt, dass Sporen und andre reproduktive Körper von manchen der -unvollkommenen Algen zuerst ein charakteristisch thierisches und dann -erst ein unzweifelhaft pflanzliches Daseyn besitzen. Nach dem Prinzipe -der Natürlichen Züchtung mit Divergenz des Charakters erscheint -es auch nicht unglaublich, dass sich einige solche Zwischenformen -zwischen Pflanzen und Thieren entwickelt haben müssen. Und wenn wir -Diess zugeben, so müssen wir auch zugeben, +dass alle organischen -Wesen, die jemals auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform -abstammen+[50]. Doch beruhet dieser Schluss hauptsächlich auf -Analogie, und es ist unwesentlich, ob man ihn anerkenne oder nicht. -Aber anders verhält sich die Sache mit den Gliedern einer jeden grossen -Klasse, wie der Wirbelthiere oder Kerbthiere; denn hier haben wir, wie -schon bemerkt worden, in den Gesetzen der Homologie und Embryonologie -einige bestimmten Beweise dafür, dass alle von einem einzigen Urvater -abstammen. - -Wenn die von mir in diesem Bande und die von Hrn. ~Wallace~ im -Linnean Journal aufgestellten oder sonstige analoge Ansichten über die -Entstehung der Arten zugelassen werden, so lässt sich bereits dunkel -voraussehen, dass der Naturgeschichte eine grosse Umwälzung bevorsteht. -Die Systematiker werden ihre Arbeiten so wie bisher verfolgen können, -aber nicht mehr unablässig durch den gespenstischen Zweifel beängstigt -werden, ob diese oder jene Form eine wirkliche Art seye. Diess, fühle -ich sicher und sage es aus Erfahrung, wird eine Erleichterung von -grossen Sorgen gewähren. Der endlose Streit, ob die fünfzig Britischen -Brombeer-Sorten wirkliche Arten sind oder nicht, wird aufhören. Die -Systematiker haben nur zu entscheiden (was keineswegs immer leicht -ist), ob eine Form beständig oder verschieden genug von andern Formen -ist, um eine Definition zuzulassen und, wenn Diess der Fall, ob die -Verschiedenheiten wichtig genug sind, um einen spezifischen Namen -zu verdienen. Dieser letzte Punkt aber wird eine weit wesentlichere -Betrachtung als bisher erheischen, wo auch die geringfügigsten -Unterschiede zwischen zwei Formen, wenn sie nicht durch Zwischenstufen -miteinander verschmolzen waren, bei den meisten Naturforschern für -genügend galten, um beide zum Range zweier Arten zu erheben. Hiernach -sind wir anzuerkennen genöthigt, dass der einzige Unterschied -zwischen Arten und ausgebildeten Abarten nur darin besteht, dass diese -letzten durch erkannte oder vermuthete Zwischenstufen noch heutzutage -miteinander verbunden sind und die ersten es früher gewesen sind. Ohne -daher die Berücksichtigung noch jetzt vorhandener Zwischenglieder -zwischen zwei Formen verwerfen zu wollen, werden wir veranlasst -seyn, den wirklichen Betrag der Verschiedenheit zwischen denselben -sorgfältiger abzuwägen und höher zu werthen. Es ist ganz möglich, dass -jetzt allgemein als blosse Varietäten anerkannte Formen künftighin -spezifischer Benennungen werth geachtet werden, wie z. B. die beiden -Sorten Schlüsselblumen, in welchem Falle dann die wissenschaftliche -und die gemeine Sprache miteinander in Übereinstimmung kämen[51]. -Kurz wir werden die Arten auf dieselbe Weise zu behandeln haben, wie -die Naturforscher jetzt die Sippen behandeln, welche annehmen, dass -die Sippen nichts weiter als willkürliche der Bequemlichkeit halber -eingeführte Gruppirungen seyen. Das mag nun keine eben sehr heitre -Aussicht seyn; aber wir werden hiedurch endlich das vergebliche Suchen -nach dem unbekannten und unentdeckbaren Wesen der „Spezies“ los werden. - -Die anderen und allgemeineren Zweige der Naturgeschichte werden sehr -an Interesse gewinnen. Die von Naturforschern gebrauchten Ausdrücke -Verwandtschaft, Beziehung, gemeinsamer Typus, älterliches Verhältniss, -Morphologie, Anpassungs-Charaktere, verkümmerte und fehlgeschlagene -Organe u. s. w. werden statt der bisherigen bildlichen eine sachliche -Bedeutung gewinnen. Wenn wir ein organisches Wesen nicht länger, so wie -die Wilden ein Linienschiff, als etwas ganz ausser unsren Begriffen -liegendes betrachten, -- wenn wir jedem organischen Natur-Erzeugnisse -eine Geschichte zugestehen; -- wenn wir jedes zusammengesetzte -Gebilde oder jeden Instinkt als die Summe vieler einzelner dem -Besitzer nützlicher Erfindungen betrachten, wie wir etwa ein grosses -mechanisches Kunstwerk als das Produkt der vereinten Arbeit, Erfahrung, -Beurtheilung und selbst Fehler zahlreicher Techniker ansehen, und -wenn wir jedes organische Wesen auf diese Weise betrachten: wie viel -ansprechender (ich rede aus Erfahrung) wird dann das Studium der -Naturgeschichte werden! - -Ein grosses und fast noch unbetretenes Feld wird sich öffnen für -Untersuchungen über die Wechselbeziehungen der Entwickelung, über die -Folgen von Gebrauch und Nichtgebrauch, über den unmittelbaren Einfluss -äussrer Lebens-Bedingungen u. s. w. Das Studium der Kultur-Erzeugnisse -wird unermesslich an Werth steigen. Eine vom Menschen neu erzogene -Varietät wird ein für das Studium wichtigerer und anziehenderer -Gegenstand seyn, als die Vermehrung der bereits unzähligen Arten unsrer -Systeme mit einer neuen. Unsre Klassifikationen werden, so weit es -möglich, zu Genealogien werden und dann erst den wirklichen sogen. -Schöpfungs-Plan darlegen. Die Regeln der Klassifikation werden ohne -Zweifel einfacher seyn, wenn wir ein bestimmtes Ziel im Auge haben. -Wir besitzen keine Stamm-Bäume und Wappen-Bücher und werden daher -die vielfältig auseinander-laufenden Abstammungs-Linien in unsren -Natur-Genealogien mit Hilfe von mehr oder weniger lang vererbten -Charakteren zu entdecken und zu verfolgen haben. Rudimentäre Organe -werden in Bezug auf längst verloren gegangene Gebilde untrügliches -Zeugniss geben. Arten und Arten-Gruppen, welche man abirrende genannt -und mit einiger Einbildungs-Kraft lebende Fossile nennen könnte, -werden uns helfen ein vollständigeres Bild von den alten Lebenformen -zu entwerfen, und die Embryonologie wird uns die mehr und weniger -verdunkelte Bildung der Prototype einer jeden der Hauptklassen des -Systemes enthüllen. - -Wenn wir erst für gewiss annehmen, dass alle Individuen einer Art -und alle nahe verwandten Arten der meisten Sippen in einer nicht -sehr fernen Vorzeit von einem gemeinsamen Vater entsprungen und von -ihrer Geburts-Stätte aus gewandert, und wenn wir erst besser die -mancherlei Mittel kennen werden, welche ihnen bei ihren Wanderungen zu -gut gekommen sind, dann wird das Licht, welches die Geologie über die -früheren Veränderungen des Klima’s und der Formen der Erd-Oberfläche -schon verbreitet hat und noch ferner verbreiten wird, uns gewiss in den -Stand setzen, ein vollkommenes Bild von den früheren Wanderungen der -Erd-Bewohner zu entwerfen. Sogar jetzt schon kann die Vergleichung der -Meeres-Bewohner an den zwei entgegengesetzten Küsten eines Kontinents -und die Beschaffenheit der manchfaltigen Bewohner dieses Kontinentes in -Bezug auf ihre Einwanderungs-Mittel dazu dienen, die alte Geographie -einigermaassen zu beleuchten. - -Die erhabene Wissenschaft der Geologie verliert von ihrem Glanze durch -die Unvollständigkeit der Aufzeichnungen. Man kann die Erd-Rinde -mit den in ihr enthaltenen organischen Resten nicht als ein wohl -gefülltes Museum, sondern nur als eine zufällige und nur dann und -wann einmal bedachte arme Sammlung ansehen. Die Ablagerung jeder -grossen Fossilien-reichen Formation ergibt sich als die Folge eines -ungewöhnlichen Zusammentreffens von Umständen, und die Pausen zwischen -den aufeinander-folgenden Ablagerungs-Zeiten entsprechen Perioden -von unermesslicher Dauer. Doch werden wir im Stande seyn, die Länge -dieser Perioden einigermaassen durch die Vergleichung der ihnen -vorhergehenden und nachfolgenden organischen Formen zu bemessen. -Wir dürfen nach den Successions-Gesetzen der organischen Wesen nur -mit grosser Vorsicht versuchen, zwei in verschiedenen Gegenden -abgelagerte Bildungen, welche einige identische Arten enthalten, -als genau gleichzeitig zu betrachten. Da die Arten in Folge langsam -wirkender und noch fortdauernder Ursachen und nicht durch wundervolle -Schöpfungs-Akte und gewaltige Katastrophen entstehen und vergehen, -und da die wichtigste aller Ursachen, welche auf organische Wesen -hinwirken, nämlich die Wechselbeziehung zwischen den Organismen selbst, -in deren Folge eine Verbesserung des einen die Verbesserung oder die -Vertilgung des andern bedingt, fast unabhängig von der Veränderung und -zumal plötzlichen Veränderung der physikalischen Bedingungen ist: so -folgt, dass der Grad der von einer Formation zur andern stattgefundenen -Abänderung der fossilen Wesen wahrscheinlich als ein guter Maassstab -für die Länge der inzwischen abgelaufenen Zeit dienen kann. Eine -Anzahl in Masse zusammen-gehaltener Arten jedoch dürfte lange Zeit -unverändert fortleben können, während in der gleichen Zeit einzelne -Spezies derselben, die in neue Gegenden auswandern und in Kampf mit -neuen Mitbewerbern gerathen, Abänderung erfahren würden; daher wir -die Genauigkeit dieses von den organischen Veränderungen entlehnten -Zeit-Maasses nicht überschätzen dürfen. Als in frühen Zeiten der -Erd-Geschichte die Lebenformen wahrscheinlich noch einfacher und minder -zahlreich waren, mag deren Wechsel auch langsamer vor sich gegangen -seyn; und als es zur Zeit der ersten Morgenröthe des organischen Lebens -wahrscheinlich nur sehr wenige Organismen von dieser einfachsten -Bildung gab, mag deren Wechsel im äussersten Grade langsam gewesen -seyn. Die ganze Geschichte dieser organischen Welt, so weit sie bekannt -ist, wird sich hiernach als von einer uns ganz unerfasslichen Länge -herausstellen, aber von derjenigen Zeit, welche seit der Erschaffung -des ersten Geschöpfes, des Stamm-Vaters all’ der unzähligen schon -erloschenen und noch lebenden Wesen verflossen ist, nur ein kleines -Bruchstück ausmachen. - -In einer fernen Zukunft sehe ich Felder für noch weit wichtigere -Untersuchungen sich öffnen. Die Physiologie wird sich auf eine neue -Grundlage stützen, sie wird anerkennen müssen, dass jedes Vermögen und -jede Fähigkeit des Geistes nur stufenweise erworben werden kann. - -Schriftsteller ersten Rangs scheinen vollkommen davon überzeugt zu -seyn, dass jede Art unabhängig erschaffen worden seye. Nach meiner -Meinung stimmt es besser mit den der Materie vom Schöpfer eingeprägten -Gesetzen überein, dass Entstehen und Vergehen früherer und jetziger -Bewohner der Erde, so wie der Tod des Einzelwesens, durch sekundäre -Ursachen veranlasst werde. Wenn ich alle Wesen nicht als besondre -Schöpfungen, sondern als lineare Nachkommen einiger weniger schon -lange vor der Ablagerung der silurischen Schichten vorhanden gewesener -Vorfahren betrachte, so scheinen sie mir dadurch veredelt zu werden. -Und aus der Vergangenheit schliessend dürfen wir getrost annehmen, -dass nicht eine der jetzt lebenden Arten ihr unverändertes Abbild auf -eine ferne Zukunft übertragen wird. Überhaupt werden von den jetzt -lebenden Arten nur sehr wenige durch Nachkommenschaft irgend welcher -Art sich bis in eine sehr ferne Zukunft fortpflanzen; denn die Art -und Weise, wie die organischen Wesen im Systeme gruppirt sind, zeigt, -dass die Mehrzahl der Arten einer jeden Sippe und alle Arten vieler -Sippen früherer Zeiten keine Nachkommenschaft hinterlassen haben, -sondern gänzlich erloschen sind. Man kann insoferne einen prophetischen -Blick in die Zukunft werfen und voraussagen, dass es die gemeinsten -und weit-verbreitetsten Arten in den grossen und herrschenden Gruppen -einer jeden Klasse sind, welche schliesslich die andern überdauern und -neue herrschende Arten liefern werden. Da alle jetzigen Organismen -lineare Abkommen derjenigen sind, welche lange vor der silurischen -Periode gelebt, so werden wir gewiss fühlen, dass die regelmässige -Aufeinanderfolge der Generationen niemals unterbrochen worden ist -und eine allgemeine Fluth niemals die ganze Welt zerstört hat. Daher -können wir mit einigem Vertrauen auf eine Zukunft von gleichfalls -unberechenbarer Länge blicken. Und da die Natürliche Züchtung nur -durch und für das Gute eines jeden Wesens wirkt, so wird jede fernere -körperliche und geistige Ausstattung desselben seine Vervollkommnung -fördern. - -Es ist anziehend beim Anblick eines Stückes Erde bedeckt mit blühenden -Pflanzen aller Art, mit singenden Vögeln in den Büschen, mit -schaukelnden Faltern in der Luft, mit kriechenden Würmern im feuchten -Boden sich zu denken, dass alle diese Lebenformen so vollkommen in -ihrer Art, so abweichend unter sich und in allen Richtungen so abhängig -von einander, durch Gesetze hervorgebracht sind, welche noch fort -und fort um uns wirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen, -heissen: Wachsthum und Fortpflanzung; Vererbung mit der Fortpflanzung, -Abänderung in Folge der mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen -äusserer Lebens-Bedingungen und des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs, -rasche Vermehrung bald zum Kampfe um’s Daseyn führend, verbunden mit -Divergenz des Charakters und Erlöschen minder vervollkommneter Formen. -So geht aus dem Kampfe der Natur, aus Hunger und Tod unmittelbar die -Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen, die -Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Thiere. Es ist wahrlich -eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das -uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, -und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft -folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine -endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat -und noch fort entwickelt. - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - -Schlusswort des Übersetzers zur ersten Deutschen Auflage[52]. - - Eindruck und Wesen des Buches. -- Stellung des Übersetzers zu - demselben. -- Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. -- Einreden - des Übersetzers. -- Aussicht auf künftigen Erfolg. - - -Und nun, lieber Leser, der Du mit Aufmerksamkeit dem Gedanken-Gange -dieses wunderbaren Buches bis zu Ende gefolgt bist, dessen Übersetzung -wir Dir hier vorlegen, wie sieht es in Deinem Kopfe aus? Du besinnst -Dich, was es noch unberührt gelassen von Deinen bisherigen Ansichten -über die wichtigsten Natur-Erscheinungen, was noch fest stehe von -Deinen bisher festgestandnen Überzeugungen? Es sind nicht etwa -teleskopische Entdeckungen, nicht neue Elementar-Stoffe, nicht die -anatomischen Enthüllungen eines 10,000fältig vergrössernden Mikroskops, -die der Verfasser gegen unsre bisherigen Vorstellungen auftreten lässt; -es sind neue Gesichtspunkte, unter welchen ein gediegener Naturforscher -in geistreicher und scharfsinniger Weise alte Thatsachen betrachtet, -die er seit zwanzig Jahren gesammelt und gesichtet, über die er -seit zwanzig Jahren unablässig gesonnen und gebrütet hat. Tief in -seinen Gegenstand versenkt, von der Wahrheit der gewonnenen Resultate -unerschütterlich überzeugt, trägt er sie mit so bewältigender Klarheit -vor, beleuchtet er sie mit so viel Geist, vertheidigt er sie mit so -scharfer Logik, zieht er so wichtige Schlüsse daraus, dass wir, was -auch unsre bisherige Überzeugung gewesen seyn mag, uns eben so wenig -ihrem Eindrucke entziehen, als unsre Anerkennung der Aufrichtigkeit -versagen können, womit er selbst alle Einreden, die man ihm -entgegen-halten kann, herbeisucht und nach ihrem Gewichte anerkennt. Er -gesteht zu, dass sich gegen fast alle seine Gründe Gegengründe anführen -lassen, und behält sich die ausführlichere Erörterung der Einzelnheiten -in einem Umfang-reicheren Werke vor, da es sich hier nur um eine -Gesammt-Darstellung seiner Theorie handelte. - -Auf diese Weise ausgerüstet kann ein Werk nicht verfehlen die grösste -Aufmerksamkeit zu erregen, das sich zur Aufgabe gesetzt, die dunkelsten -Tiefen der Natur zu beleuchten, das bisher unlösbar geschienene -Problem, das grösste Räthsel für die Naturforschung zu lösen und -+einen+ Gedanken, +ein+ Grund-Gesetz in Werden und Seyn der -ganzen Organismen-Welt nachzuweisen, das dieselbe in Zeit und Raum -eben so beherrscht, wie die Schwerkraft in den Himmelskörpern und die -Wahlverwandtschaft in aller Materie waltet, und auf welches alle andern -Gesetze zurückführbar sind, die man bisher für sie aufgestellt hat. -Es ist das Entwickelungs-Gesetz durch Natürliche Züchtung, das in der -ganzen organischen Natur eben so wie im Systeme und im Individuum durch -Zeit und Raum herrscht. - -Die bisherigen Versuche, jenes Problem ganz oder theilweise zu lösen, -waren Einfälle ohne alle Begründung und nicht fähig, eine Prüfung -nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auszuhalten, ja nur zu -veranlassen[53]. Gleichwohl hat jeder Naturforscher gefühlt, dass die -Annahme einer jedesmaligen persönlichen Thätigkeit des Schöpfers, um -die unzähligen Pflanzen- und Thier-Arten in’s Daseyn zu rufen und -ihren Existenz-Bedingungen anzupassen, im Widerspruch ist mit allen -Erscheinungen in der unorganischen Natur, welche durch einige wenige -unabänderliche Gesetze geregelt werden[54], durch Kräfte, die der -Materie selbst eingeprägt sind. Da wir es auf Hrn. ~Darwin’s~ -Wunsch übernommen haben, sein Werk in’s Deutsche zu übertragen, so -glauben wir dem Leser einige Rechenschaft von unsrer eigenen bisherigen -Ansicht über mehre der durch den Verf. erörterten Fragen im Einzelnen -und über seine Theorie im Ganzen, so wie von dem Einflusse schuldig zu -seyn, welchen dieselbe auf unsre eigene Vorstellungs-Weise hinterlassen -hat. Wir leisten diese Rechenschaft um so lieber, als, was wir auch -immer gegen diese neue Theorie einzuwenden haben mögen, Diess unsre -hohe Achtung und Bewunderung für ihren Begründer, unsere Dankbarkeit -für seine zahlreichen Belehrungen und unsre zuversichtliche Hoffnung -auf glänzende Erfolge seiner Bestrebungen nicht schmälern kann[55]. - -Wir haben an ~Cuvier’s~ Definition festhaltend die +Art+ -als Inbegriff aller Individuen von einerlei Abkunft und derjenigen, -welche ihnen eben so ähnlich als sie unter sich sind, betrachtet[56]. -Wir haben die Arten im Ganzen für beständig in ihren Charakteren, -doch der Abartung in Folge äusserer oder unbekannter Einflüsse für -fähig gehalten[57], die Abarten oder Varietäten aber für fähig -unter angemessenen Verhältnissen wieder zu dem älterlichen Typus -zurückzukehren; doch werde Diess der bestehenden Erfahrung gemäss um -so schwerer halten, je länger die Abart unter fortwährendem Einflusse -derselben äusseren Bedingungen, denen sie ihre Entstehung verdankte, -schon als solche fortgepflanzt worden seye[58]. Das Maass der möglichen -Abänderung einer Art wurde als ein beschränktes vorausgesetzt und -nach den vorhandenen Erfahrungen in der geschichtlichen Zeit taxirt, -ohne jedoch das mögliche Maximum dieser Grenzen zu bestimmen. -Successiv auftretende Arten-Formen nahmen wir daher als selbstständig -an[59]. Eine Generatio aequivoca der Arten haben wir nach den bisher -bestehenden Erfahrungen nicht anerkannt[60]; und daher in Ermangelung -einer andern Arten-bildenden Natur-Kraft (da Bastarde keine neue -Arten gründen) nöthig gefunden, uns einstweilen noch auf eine -Schöpfung zu berufen[61], jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung, -dass solche Annahme einer persönlichen Thätigkeit des Schöpfers mit -dem übrigen Walten in der Natur im Widerspruch stehe[62]. Wir haben -die Leistungen dieser Schöpfungs-Kraft, welcher Art sie nun seyn -möge[63], näher charakterisirt und darauf hingewiesen, dass sie -neben den unvollkommenen auch immer höher vervollkommnete Organismen -hervorgebracht habe, wovon die neu auftretenden Formen immer in festen -verwandtschaftlichen Beziehungen zu den untergegangenen und zu den -jedesmaligen äusseren Lebens-Bedingungen gestanden, was auf ein nahes -Verhältniss der schaffenden Kraft zu der erhaltenden und zu diesen -äusseren Verhältnissen hinweise. - -~Darwin’s~ +Theorie+ lässt sich nun in folgender Weise -zusammenfassen. Der Schöpfer hat einigen wenigen erschaffenen -Pflanzen- und Thier-Formen, vielleicht auch nur einer einzigen, Leben -eingeblasen[64], in Folge dessen diese Organismen im Stande waren zu -wachsen und sich fortzupflanzen, aber auch bei jeder Fortpflanzung in -verschiedener Richtung um ein Minimum zu variiren („Fortpflanzung mit -Abänderung“). Die Ursachen solchen Abändern’s sind zumal in Affektionen -der Generations-Organe und nur geringentheils in unmittelbaren -Einflüssen der äusseren Lebens-Bedingungen zu suchen. Solche kleine -Abweichungen vom älterlichen Typus können schädliche, gleichgültige -und nützliche seyn. Waren sie es in noch so geringem Grade, so hatten -die Individuen mit den ersten am wenigsten und die mit den letzten -am meisten Aussicht die andern zu überleben und sich fortzupflanzen. -Die überlebenden Individuen werden die ihnen nützlich gewordene -Abweichung oft wieder auf ihre Nachkommen „vererbt“ haben, und wenn -diese nur nach 10 Generationen wieder einmal in gleicher Richtung -und Stärke variirten, so war das Maass der Abänderung und somit ihre -Aussicht die anderen Individuen zu überleben auf’s Neue vermehrt. Die -Natur begünstigt also vorzugsweise die Fortpflanzung der mit jener -nützlichen Abweichung versehenen Individuen auf Kosten der andern -und häuft dieselbe bei späteren Nachkommen zu immer höherem Betrage -an, etwa wie ein Viehzüchter bei Veredlung seiner Rassen verfährt -(„Natürliche Züchtung“), um deren ihm selbst willkommene Eigenschaften -zu steigern. So kann nach tausend, zehntausend oder hunderttausend -Generationen in einzelnen Nachkommen der ersten Urform jene Abweichung -eine 100-, 1000-, 10,000fach gehäufte, es kann aus der anfänglich ganz -unbemerkbaren Abänderung eine wirkliche Abart, eine eigene Art, eine -andere Sippe, ja zuletzt nach 1,000,000 und mehr Generationen eine -andere Ordnung oder Klasse von Organismen entstehen; denn es liegt -keine natürliche Ursache und kein logischer Grund vor anzunehmen, dass -das Maass der langsamen Abänderung irgendwo eine Grenze finde. Eine -Abänderung aber, die in einer Gegend, Lage, Gesellschaft u. s. w. -nützlich ist, kann in der andern schädlich seyn u. a. Es können mithin -aus derselben Grundform unter verschiedenen äusseren Verhältnissen -Abänderungen in ganz verschiedener Richtung entstehen, fortdauern und -mit der Zeit allmählich ganz verschiedene Sippen, Familien und Klassen -bilden („Divergenz des Charakters“). Da die Nützlichkeit jeder Art -von Abänderung von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen -abhängig ist, unter welchen sie nützlich erscheinen, und da die -Abänderung selbst unter andern Bedingungen eine andere seyn muss, -um dem Organismus zu nützen, so besteht diese Natürliche Züchtung -in einer fortwährenden „Anpassung der vorhandenen Lebenformen an -die äusseren Bedingungen“ und Angewöhnung an dieselben. Diese sind -Wohn-Elemente, Boden, Klima, Licht, Nahrung, vor allem Andern aber die -Wechselbeziehungen der beisammen wohnenden Organismen zu einander, ihr -Leben von einander, die Nothwendigkeit sich gegenseitig zu verdrängen -und zu vertilgen, weil bei Weitem nicht alle, die geboren werden, auch -neben einander fortleben können; daher der „Kampf um’s Daseyn“ bei -fortdauernder Vervielfältigung und Ausbreitung der vervollkommneten -Sieger und fortwährende „Erlöschung“ der wegen minderer Vollkommenheit -Besiegten. Je mehr Lebenformen entstehen, desto manchfaltiger werden -mithin wieder die Lebens-Bedingungen. Daher auch eine fortwährende -Veränderung, Vervollkommnung und Vervielfältigung eines Theiles der -Lebenformen (obwohl andere verschwinden) nicht als Zufall, sondern -als nothwendige gesetzliche Erscheinung! Manche Organe mögen sich -wohl auch in Folge der Art ihres „Gebrauches“ weiter entwickeln und -vervollkommnen, wie andere durch „Nichtgebrauch“ allmählich zurückgehen -und verkümmern („rudimentäre Organe“), wenn sie etwa unter veränderten -Lebens-Bedingungen nicht mehr nöthig und vielleicht sogar schädlich -sind. Wie die Natürliche Züchtung die ganzen Lebenformen allmählich -differenzirt, um sie verschiedenen Lebens-Bedingungen anzupassen, so -verfährt sie oft auch mit gleichartigen Organen, die in grösserer -Anzahl an einerlei Individuen vorkommen. Wenn jedoch erbliche -Abänderungen nur in einem gewissen Lebens-Alter auftreten oder -erworben werden, so vererben sie sich auch nur auf dieses Lebens-Alter -der Nachkommenschaft; diese bekommt mit fortschreitendem Alter neue -Formen, durchläuft vom Embryo-Zustande an eine „Metamorphose“, -während es andere Lebenformen gibt, welche lebenslänglich fast -gleiche („embryonische“) Gestalt beibehalten, daher die ursprüngliche -Verwandtschaft der Wesen sich gewöhnlich durch Übereinstimmung im -Embryo-Zustande am längsten verräth. Die allmähliche Entstehung so -vieler immer manchfaltigerer und z. Th. immer vollkommenerer Lebenwesen -durch Fortpflanzung mit Abänderung und unter gleichzeitigem Aussterben -anderer lässt sich daher mit der Entwickelung eines Baumes vergleichen; -die Urformen bilden den Stamm, die Ordnungen, Sippen und Arten, die -Äste und Zweige, und ein natürliches System kann nicht anders als in -Form eines Stammbaumes dargestellt werden. Dieser Baum erstreckt sich -gleichsam durch alle Gebirgs-Formationen aus der Tiefe herauf; da er -aber in der Silur-Zeit schon in viele Äste auseinander gelaufen, so -muss der eigentliche Stamm in noch viel älteren und tieferen Schichten -stecken, die man noch nicht entdeckt oder erkannt hat, entweder weil -sie durch metamorphische Prozesse verändert und sammt ihren organischen -Resten unkenntlich geworden sind, oder weil sie unter dem Ozean liegen. -Denn es könnte möglich seyn, dass seit der silurischen Periode das -Weltmeer im Ganzen genommen in Senkung, wie unsre jetzigen Kontinente -im Ganzen genommen fortwährend in Hebung begriffen wären. Im Übrigen -erklärt sich die geographische Verbreitungs-Weise der Organismen, von -zufälligen und gelegentlichen Verbreitungs-Mitteln einzelner Individuen -abgesehen, hauptsächlich aus grossen klimatischen und geographischen -Veränderungen (wie die Eis-Zeit), welche der Reihe nach alle Theile der -Erd-Oberfläche betroffen, ihre Bewohner in andere Gegenden gedrängt und -ihnen die Wege bald hier und bald dort geebnet haben, so dass manche -Bewohner gemässigter Zonen sogar den Äquator überschreiten und ihre Art -in die andre Hemisphäre verpflanzen konnten. - -Die neue Hypothese gibt Thatsachen und Urtheile, um zu zeigen, wie -sich die Erscheinungen im Allgemeinen verhalten haben können oder noch -verhalten können, und es gelingt ihr das oft in einem überraschenden -Grade. Es sind ganze in langen Kapiteln abgehandelte Probleme, die -sich mit deren Hülfe dann so einfach lösen, dass man fast keinen -Augenblick darüber in Zweifel geräth, ob sich die Sache nicht auch -anders verhalten könne, und man sich selbst aufrütteln muss, um sich zu -erinnern, es handle sich vorerst nur um eine in ihren Grundbedingungen -der Rechtfertigung noch durchaus bedürftigen Hypothese. Und in der -That, wenn man dann über den Rand des Buches hinaus auf irgend ein -andres Werk blickt, welches die Erscheinungen so schildert, wie sie -in der Natur vorliegen, so fühlt man oft, dass die Anwendbarkeit der -~Darwin~’schen Theorie auf die Wirklichkeit nicht so einfach und -nicht so unmittelbar ist, als es geschienen, so lange man sich mit dem -Verfasser ganz in seine Ansichten versenkt hatte, weil (begreiflich) -die Verhältnisse überall nicht so einfach oder so geartet sind, wie -er sie Beispiels-weise unterstellt. Wie sehr man sich daher auch von -des Verfs. Theorie angezogen fühlen mag, weil sie, ihrem Grundgedanken -nach einmal zugestanden, eine Menge einzelner unerklärter Erscheinungen -auf die überraschendste Weise verkettet und als nothwendige erklärt, -so muss man wohl erwägen, in wie ferne sie wirklich annehmbar seye. In -dieser Beziehung wollen wir hier zum Schlusse noch einige erläuternde -Betrachtungen mit unseren wesentlichsten Einreden dagegen folgen -lassen, weil uns Diess angemessener und schicklicher erscheint, als -die Übersetzung selbst überall mit Einwürfen zu begleiten. Eine nicht -unerhebliche Anzahl noch andrer Gegenreden könnte leicht aus unsren -früheren Schriften beigebracht werden, die wir hier übergehen, ohne sie -jedoch für entkräftet zu halten. - -Zuerst haben wir keine weitre positive Kenntniss von den natürlichen -Grenzen der Veränderlichkeit der Arten überhaupt, als dass Varietäten -aus ihnen entstehen, die unter denselben äusseren Bedingungen, unter -welchen sie entstanden sind, auch um so ständiger werden können, je -länger sie sich unter demselben Einflusse gleichbleibend fortpflanzen. -Darin liegt allerdings schon ein grosses Zugeständniss, indem wir, -sehr lange Zeiträume unterstellend, meistens nicht die Hoffnung hegen -dürfen, eine solche während 1000 Generationen ständig fortgepflanzte -Varietät jemals wieder auf ihren Urtypus wirklich zurückzuführen. Ja -wir dürfen uns dieser Hoffnung um so weniger hingeben, als wir sehr -oft die wahre Ursache der Entstehung einer solchen Varietät nicht -einmal kennen, und sogar dann, wenn wir sie kennen, meistens kaum im -Stande seyn dürften, dasjenige Agens zu finden oder diejenige Reihe -von Agentien zu enträthseln oder anzuwenden, welche dem ersten direkt -entgegenwirken. Wir würden daher oft weder den positiven Beweis der -Abstammung noch auch aus der Thatsache, dass sich eine Abart nicht -mehr auf ihre Stamm-Form zurückbringen lässt, den Gegenbeweis liefern -können, dass jene aus dieser +nicht+ entstanden seye. Was daher -auch immer für die +Möglichkeit unbegrenzter Abänderung+ angeführt -werden mag, so ist sie vorerst und wird sie wohl noch lange eine -unerweisliche, aber allerdings auch unwiderlegliche Hypothese bleiben, -eine Hypothese, gegen deren Annahme mithin aus diesem Gesichtspunkte -logisch nichts einzuwenden ist, woferne sie sonst ihrer Bestimmung -genügt. - -Ganz anders aber verhält es sich mit einer andern Erscheinung, und -diese bildet unsres Bedünkens den +ersten und erheblichsten Einwand -gegen die neue Theorie+, da er sie in ihren Grundlagen berührt, -wie Hr. ~Darwin~ auch ganz wohl gefühlt hat und ihn daher gar -vielfältig zu widerlegen sucht[65], dessen Bedeutung aber gerade -darum um so schärfer hervortritt, weil aller auf diese Widerlegung -verwendete Fleiss und Scharfsinn die beabsichtigte Wirkung bei -Weitem nicht in genügendem Grade hervorzubringen im Stande ist. -Diese Erscheinung ist folgende. Da die entstehenden Varietäten nach -~Darwin~ in der Regel sich nicht durch äussre Einflüsse und -nie in Folge eines eigenen innern in bestimmter Richtung beharrlich -abweichenden Bildungs-Triebes entwickeln, sondern dadurch, dass von -ganz zufälligen in allen möglichen Richtungen auseinanderlaufenden -unmerkbar kleinen Abänderungen diejenigen, welche dem Organismus -nützlich sind, am meisten Aussicht haben, die übrigen zu überleben und -sich reichlicher als sie fortzupflanzen, -- da eine jede dieser in -verschiedenen Richtungen auseinander-laufenden kleinsten Abänderungen -wieder in allen Richtungen um ein Minimum abändern kann, -- da nach -des Verfs. eigner Annahme nur in 4-8-10 Generationen wieder einmal -eine genau in gleiche Richtung mit einer der vorigen fällt und sie -steigert oder durch Häufung verstärkt; -- und da unter so unmerkbar -kleinen Abänderungen noch keine ein merkbar grosses Übergewicht über -die andern im Rassen-Kampfe haben kann: -- so werden die Abarten -nicht als solche nett und fertig sich von der Stammform wie ein -gestieltes Dikotyledonen-Blatt vom Stengel, sondern etwa wie der -unregelmässig krause Lappen einer Blätterflechte von der übrigen -Flechten-Masse ablösen, welcher sich auch im weitren Verlaufe nie zu -einem scharf und regelmässig contourirten Blatt entwickelt, sondern -stets seine unsichere Gestalt beibehält, indem, wie lang er endlich -auch werden mag, er immer wieder in ähnlicher Weise wuchert. Und -diese Unsicherheit der Begrenzung wird um so bedeutender werden, -da die neuen Abarten nicht auf einzelnen Merkmalen, sondern auf -2-3-4 von den alten abweichenden Charakteren beruhen, deren aber -jeder für sich allein auftreten oder sich in verschiedener Weise -und in verschiedenen Graden mit jedem andern verbinden kann, und da -nach des Verfs. eigener Theorie Varietäten unter sich vorzugsweise -fruchtbar sind und kräftige Nachkommenschaft liefern. Es müssten -Formen-Gewirre entstehen noch weil ärger, als wir sie z. Th. in Folge -anderer Ursachen in der Pflanzen-Welt wirklich in einigen Fällen -kennen, bei Rubus, Salix, Rosa, Saxifraga. So müssten sie, wenn auch -nicht ausnahmslos, doch vorherrschend überall vorkommen, obwohl sie -jetzt im Pflanzen-Reiche selbst nur als Ausnahmen erscheinen und im -[lebenden] Thier-Reiche noch überhaupt kaum bekannt sind. Wählen wir -daher zu bessrer Versinnlichung einige hypothetische Fälle aus diesem -letzten aus. Wenn z. B. aus der Haus-Ratte (Mus rattus) eine Wander- -oder Kanal-Ratte (Mus decumanus) werden sollte (wir wählen diess -Beispiel, weil in der That noch vor unsern Augen diese letzte als die -stärkere die erste allenthalben verdrängt), so müssten nicht nur alle -Übergänge aus der minderen Grösse, aus der bläulich-grauen Farbe, -aus den längeren Ohren und dem längeren Schwanze der ersten in die -ansehnlichere Grösse, die oben braun-graue und unten weissliche Farbe, -die kürzren Ohren und den kürzren Schwanz der letzten eintreten und, da -sie sich nicht gegenseitig bedingen, wahrscheinlich alle sich mit allen -andern Merkmalen und in allen mit allen Abstufungen (zum Theil sogar -in überschüssigem Maasse) so lange verbinden, als nicht eine dieser -Verbindungen ihrem Besitzer positiv schädlich oder entschieden nützlich -würde. Da jede dieser vier Verschiedenheiten sich mit den drei andern -verbinden kann, so entstehen hiedurch schon zehnerlei Verbindungen; -und da jede derselben auf jeder Abstufung der Umänderung sich mit -allen Abstufungen der Umänderung der drei andern zusammen-gesellen -kann, so werden die Mittelformen zahllos seyn, und es ist in keiner -Weise abzusehen, wie statt solcher zahlloser Abänderungen, Abstufungen -und Kombinationen zuletzt gerade nur die einzige feste und bestimmte -Form der Wander-Ratte entstehen solle, zumal wir nicht wahrzunehmen -vermögen, dass alle Abweichungen derselben von der Organisation der -andern Art wesentlich zu ihrer grösseren Vollkommenheit beitragen, -sondern mitunter für das Thier ganz gleichgültig seyn mögen, und -da beide Arten keineswegs sich genau um dieselben Aufenthalts-Orte -streiten. Geben wir aber zu, dass (aus uns unbekannten Ursachen) gerade -nur die eine Kombination der Charaktere, wie sie in der Wander-Ratte -vorkommt, derjenigen in der Haus-Ratte so überlegen seye, dass die -erste die letzte überall zu besiegen und zu verdrängen im Stande ist, -wo sie mit ihr in Mitbewerbung tritt, so begreift man (trotz Allem, -was Hr. ~Darwin~ dafür anführt) doch nicht, warum die der -Wander-Ratte näher-stehenden schon weniger oder mehr verbesserten -und jedenfalls nur in viel unbedeutenderem Nachtheil befindlichen -Abänderungen immer und fortwährend zuerst besiegt und verdrängt werden -sollten, die blaugraue Ratte aber, welche am weitesten von dem -verbesserten Vorbilde entfernt ist, zuletzt? Man begreift nicht, warum -die neue Art zuerst zur vollständigen Ausbildung gelangen müsse, ehe -sie die andre zu besiegen im Stande ist, da ja die überlegenere von -ihnen doch fortwährend die begünstigteren und schon halb verbesserten -Mittelformen verdrängen und in einer Weise vernichten soll, als ob ein -Individuum das andre unausgesetzt mit positiven Waffen angriffe. Hr. -~Darwin~ wird uns in dem von den zwei Ratten-Arten entnommenen -Beispiele etwa antworten, dass (obwohl thatsächlich eine die andre -verdrängt und besiegt) sie nicht eine aus der andern, sondern dass -beide aus einer bereits untergegangenen dritten Art entstanden sind, -oder etwa dass sie sich unter Umständen aus einander entwickelt haben, -die wir nicht kennen, daher wir auch nicht zu sagen im Stande seyen, -in wieferne ihnen eine jede einzelne Eigenschaft nützlich gewesen -seye oder nicht. Dieselben Antworten etwa würde uns ~Darwin~ -ertheilen, wenn wir Hasen und Kaninchen zum Beispiele wählten; -- -und wenn wir fragten, warum wir die blinden Höhlen-Thiere nicht noch -halb-blind im vordem Theile der Höhlen finden, durch welche sie in den -hintern dunkelsten Theil eingedrungen, so würde er uns noch weiter -sagen, dass diese durch spätre Mitbewerber dort ausgetilgt seyn können. -Diese und ähnliche an und für sich unangreifbare allgemeine Antworten -wird er jeder Einrede entgegenhalten; aber wenn sie auch in manchen -+einzelnen+ Fällen begründet sind und in keinem Falle als absolut -unpassend beseitigt oder widerlegt werden können, so fühlt doch Jeder, -dass die Sache +im Ganzen+ genommen nach der ~Darwin~’schen -Theorie selbst sich ganz anders gestaltet haben würde und noch -gestalten müsste, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Er ist dadurch -im Vortheil, dass er desshalb über +gar keinen+ einzelnen Fall -Rechenschaft zu geben braucht, weil man nicht über +jeden+ -einzelnen Fall Rechenschaft von ihm fordern kann! - -Den Mangel der Zwischenformen der Arten in den Erd-Schichten erklärt -Hr. ~Darwin~ unter Anderem aus der unvollständigen Erhaltung der -einst vorhanden gewesenen Organismen-Formen im Fossil-Zustande und aus -der Länge der Ruhe-Perioden zwischen den verschiedenen Formationen. -Wenn wir aber eine Menge von Arten in identischen Formationen (wie Hr. -~Darwin~ selbst anerkennt) überall in zahlreichen und sogar in -Tausenden von Exemplaren wieder finden, so können die Bedingungen der -Erhaltung für die Zwischenformen unmöglich so ganz ungünstig gewesen -seyn, dass gar nichts von ihnen übrig geblieben; Zwischenformen -müssten sich um so eher finden, als im Fossil-Zustande eine Menge -von Charakteren verloren gehen, mit deren Hülfe allein wir viele -sonst ganz selbstständige lebende Arten von einander unterscheiden. -Endlich, wie lange auch, in Jahren ausgedrückt, die Zwischenräume -gewesen seyn mögen, welche zwischen der Absetzung verschiedener -Formationen vergangen: geologisch oder relativ genommen sind sie nicht -so unermesslich lang, als sie Hr. ~Darwin~ darstellt, indem -nämlich die Veränderungen, welche von einer Formation zur andern in der -Organismen-Welt vor sich gegangen, meistens gar nicht viel grösser zu -seyn pflegen als jene, die von einem Schichten-Stock zum andern oder -von einer Schicht zur andern in derselben Formation stattfinden. So -sind wenigstens von der Silur- bis zur Kohlen-Formation, und von der -Trias- bis zur heutigen Periode selbst auf _Europäischem_ Gebiete -keine sehr grossen Lücken mehr vorhanden, und hier und da scheint sogar -eine ununterbrochene Bildungs-Reihe von Schichten zwei Formationen zu -verbinden! - -Aber selbst wenn wir den einfachsten Fall annehmen, wenn wir uns unter -denjenigen Abarten umsehen, welche sich heutzutage als solche in unsren -Systemen aufgeführt finden, so ist auch da schon die Kette hinter ihnen -abgeschnitten; auch da schon fehlen fast überall die Glieder, welche -sie mit der Stamm-Art verbinden; denn wären diese noch vorhanden, so -könnte keinen Augenblick mehr ein Streit darüber fortdauern, ob sie -selbstständige Arten oder nur Abarten seyen, ein Streit, auf welchen -sich ~Darwin~ so oft beruft! Und wenn Art und Abart als solche -noch reichlich neben einander bestehen, wie könnten die Zwischenglieder -durch die Abart bereits ausgetilgt seyn? Hr. ~Darwin~ gibt uns -auch hier eine vortreffliche Erklärung, wie Diess in einigen Fällen -möglich gewesen seyn könne, indem er die Varietäten und Arten zuerst -auf Inseln u. a. ringsum abgeschlossenen Gebieten entstehen lässt, -wo alle divergirenden Stämme einer Spezies sich immer wieder mit -einander kreutzen können und durch Vererbung eine gemeinsame Mittelform -herzustellen im Stande sind. Aber dürfte diese Erklärungs-Weise -wirklich als Regel und ihre Nichtanwendbarkeit nur als seltene Ausnahme -zu betrachten seyn?? Muss es in allen Fällen so gewesen seyn, weil es -in einzelnen Fällen so gewesen seyn kann? - -Doch verweilen wir bei dieser Erklärung; denn sie würde in der That -vortrefflich seyn, wenn man annehmen dürfte, dass sich jede Art aus -Individuen einer andern entwickelt habe, die auf beschränktem Raume -gänzlich von allen ihren Art-Genossen abgeschlossen gewesen wären, so -dass alle Nachkommen dieser Individuen unter neuen Existenz-Bedingungen -sich jederzeit alle mit einander mischen, aber nie mehr mit ihren -andern Verwandten in irgend eine Berührung kommen konnten, bis die -neue Art vollendet war! Das treffendste thatsächliche Beispiel für -einen solchen Fall liefert uns der Mensch selbst. Der Mensch war gewiss -noch lange, nachdem er sich bereits über die ganze Erd-Oberfläche -verbreitet hatte, nicht im Stande, sich in Masse von einem Welttheile -zum andern zu bewegen. Beobachtungen in _Neu-Orleans_ u. a. haben -zur Berechnung geführt, dass schon etwa in der Diluvial-Zeit, vor -10,000-100,000 oder noch mehr Jahren, die jetzigen Menschen-Rassen -vorhanden und in jetziger Weise vertheilt gewesen sind. Die Bewohner -eines jeden Welttheils waren von den übrigen fast isolirt, aber unter -sich mehr und weniger verbunden; sie erfüllten die oben geforderten -Bedingungen so genügend, wie man es in keinem andern Falle zu finden -und nachzuweisen erwarten darf, und so war eine ungestörte Divergenz -des Charakters der Menschen-Spezies während einer Zeit-Periode möglich, -welche anerkannter Maassen zur Bildung neuer Spezies, wenn auch noch -nicht zur Umgestaltung der ganzen Flora und Fauna, genügend war. Und -was ist die Folge jener Isolirung einzelner Menschen-Gruppen während -eines so langen Zeitraumes gewesen? Es sind eben so viele Rassen als -getrennte Welttheile und eine Anzahl Mischlinge entstanden, die -zuletzt sehr verschieden im Aussehen und noch verschiedener in ihrer -geistigen Befähigung doch einander so nahe verwandt geblieben und so -fruchtbar miteinander sind, dass Niemand an ihrer Art-Verwandtschaft -miteinander zweifelt, obschon der Kampf um’s Daseyn binnen der drei -oder vier Jahrhunderte, seit welchen in den verschiedenen Gegenden -allmählich entwickelten Rassen miteinander in Berührung gekommen -sind, bereits genügt hat, um einige derselben (und zwar nicht die -ausgeprägtesten) dem Erlöschen nahe zu bringen. Wir dürfen wohl nicht -hoffen einen andern +thatsächlichen+ Beleg über das Abändern der -Arten und die Divergenz des Charakters zu finden, der sich in der -erweislichen Länge der Zeitdauer und Vollkommenheit der Isolirung -der Rassen der verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, welche diese -Erde einer nämlichen Spezies darzubieten im Stande ist, mit diesem -vergleichen liesse. - -Gerne möchten wir zu Gunsten der ~Darwin~’schen Theorie und zur -Erklärung, warum nicht viele Arten durch Zwischenglieder in einander -verfliessen, noch irgend ein inneres oder äusseres Prinzip entdecken, -welches die Abänderungen jeder Art nur in +einer+ Richtung weiter -drängte, statt sie in allen Richtungen bloss zu gestatten. Das Problem -wurde dann ein einfachres werden; aber immer müssten wir wieder -erwarten, auch in dieser einfachen Reihe die Kette der Zwischenglieder -aufzufinden, und diese sind weder vorhanden, noch ist uns ein innres -derartiges Prinzip irgendwo bekannt. - -Freilich liegen +äussre+ solche Prinzipien vor. Es sind die -Existenz-Bedingungen, welchen sich die Organismen anpassen müssen, -und welche eine so grosse Rolle in diesem Buche spielen. Sie sind -theils organische und theils unorganische, und die ersten nach -Hrn. ~Darwin~ weitaus die zahlreichsten und wichtigsten und -daher auch an und für sich geeignet, die manchfaltigsten Folgen -zu veranlassen. Doch eben diese organischen Prinzipien haben für -~Darwin~ wieder den grossen Vortheil, dass, indem er sich auf -ihre Manchfaltigkeit und auf den Kampf ums Daseyn überhaupt beruft, er -der Nothwendigkeit überhoben ist, Rechenschaft von ihrer Wirkungs-Weise -im Einzelnen zu geben und nachzuweisen, welche spezielle Folgen -diese oder jene spezielle organische Bedingungen auf die Struktur und -Entwickelung der ihrem Einfluss unterliegenden Organismen überhaupt, -oder auf einzelne insbesondere ausübt. Hr. ~Darwin~ beruft sich -auf jeder Seite darauf, dass nur solche Abänderungen Aussicht auf -Erhaltung haben, welche dem Individuum und somit der künftigen Spezies -nützlich sind; und theoretisch muss man zugestehen, dass, woferne es -eine Natürliche Züchtung gebe, die Sache sich nicht anders verhalten -könne. Aber wir müssen gestehen, doch in fast allen unseren aus -angeblich innern Ursachen hervorgegangenen Varietäten gar nicht finden -zu können, worin denn der Nutzen ihrer Abänderung bestehe; und wenn -Hr. ~Darwin~ sich auf die Erfahrung beruft, dass ein grosser -Theil der _Britischen_ Flora der _Neuseeländischen_ gegenüber -so vervollkommnet sey, dass er sie verdränge, so hätten wir gehofft, -doch auch nur in einzelnen Fällen nachgewiesen zu sehen, worin denn -diese Überlegenheit beruhe. Hr. ~Darwin~ entzieht sich auch hier -jeder Rechenschaft. Warum bekommt z. B. in diesem Kampfe ums Daseyn -eine Pflanzen-Art ovale statt lanzettlicher und die andre lanzettliche -statt ovaler Blätter? warum die eine einen Dolden-artigen und die -andre einen Rispen-förmigen Blüthenstand? warum die eine fünf und die -andre vier Staubgefässe, die eine eine geschlossne und die andre eine -weit geöffnete Blüthe? Wozu nützt der einen Diess und der andern das -Gegentheil? Warum bewirken die organischen Bedingungen Diess? Mit -welchen Mitteln fangen sie es an? und wie müssen sie beschaffen seyn, -um es zu können? Und wie kann die eine Art der andern dadurch überlegen -werden? Wir gestehen, keinen Zusammenhang zwischen diesen Erscheinungen -zu erkennen, und Hr. ~Darwin~ würde uns antworten, dass es -möglicher Weise so oder so zugehen +könne+. Wir gestehen ferner, -uns vergeblich um positive Beweise oder auch nur Belege in dieser -Beziehung umgesehen zu haben, manche spezielle Fälle eigenthümlicher -Art etwa ausgenommen; denn wir sind weit entfernt davon, allen solchen -Einfluss überhaupt läugnen zu wollen. Wir wollen sogar ein spezielles -Beispiel anführen. ~Brehm~ hat die meisten unsrer anerkannten -deutschen Vögel-Arten nach den Proportionen des Kopfes, des Schnabels, -der Füsse, der Flügel und zuweilen mit Zuhilfenahme der Färbung in je -zwei bis vier Formen unterschieden und als wirkliche Arten bezeichnet, -weil sie sich in der Regel nur je unter sich paaren, als solche -fortpflanzen, gewöhnlich einen abweichenden Aufenthalts-Ort, oft andres -Futter, demgemäss auch eine andre Lebens-Weise, zuweilen einen andern -Gesang haben; doch ist es uns noch nicht gelungen, eine feste Beziehung -bestimmter Körper-Proportionen zu bestimmten äussren Ursachen überhaupt -zu erkennen; dieselben Beziehungen scheinen bei jeder Spezies von -andrer Wirkung zu seyn. Und in der That hätte Hr. ~Darwin~ hier -vielleicht die besten Belege für seine „beginnenden Spezies“ finden -können! - -Dagegen lässt sich ein Einfluss unorganischer äussrer -Lebens-Bedingungen und zwar ein spezieller Einfluss spezieller -Bedingungen in bestimmter Richtung nachweisen, wie wir ihn bei den -organischen Bedingungen nachgewiesen zu sehen gewünscht hätten. Hr. -~Darwin~ gibt diesen Einfluss zu; er führt einige Beispiele -davon an, erklärt aber wiederholt, dass er ein vergleichungsweise nur -geringer seye. Anfangs möchte es scheinen, als ob Hr. ~Darwin~ -diesen Einfluss unterschätze, indem sich eine grosse Menge von -Erscheinungen aus ihm nachweisen lassen. Wir kennen Bedingungen, -welche auf die Grösse der Pflanzen, auf ihre ein- oder mehr-jährige -Dauer, auf ihren Strauch- oder Baum-Wuchs, auf ihre Blüthen-Bildung -und Fruchtbarkeit, auf die Farbe ihrer Blüthen, auf ihre glatte oder -behaarte Oberfläche, auf die häutige oder fleischige Beschaffenheit -ihrer Blätter (wie Hr. ~Darwin~ selber anführt), zuweilen auch -auf Monöcismus und Diöcismus, auf die aromatischen u. a. Absonderungen -wirken; wir vermögen selbst diese Erscheinungen hervorzubringen. Und -wir sehen, dass bei diesen Abänderungen die Übergänge nicht mangeln, -indem wir im Stande sind fortwährend deren ganze Kette darzulegen -und gerade desshalb wenig versucht sind in diesen Abweichungen -neue Arten zu erblicken! Warum also fehlen die Übergänge bei den -andern Abartungen, welche aus der innern Neigung zur Variation -hervorgehen? Allerdings gibt es auch manche ganz plötzlich auftretende -Abänderungen ohne Übergänge zumal bei den schon vielfach abgeänderten -Kultur-Pflanzen, wie z. B. die hängenden oder Trauer-Varietäten vieler -Bäume, viele unsrer Obst-Sorten, wovon manche nicht das Erzeugniss -langsamer Züchtung, sondern eines einzelnen ohne nachweisbaren Grund -abändernden Saamen-Kornes sind, die sich aber eben desshalb auch in der -Regel nicht beständig aus Saamen fortpflanzen. - -Auch von den Thieren wissen wir, dass Menge und Art des Futters und -Beschaffenheit des Klimas auf Grösse und Farbe des Körpers, ja sogar -(wie Hr. ~Darwin~ selbst vom Amerikanischen Wolf erwähnt) -auf deren Gestalt und Sitten wirken können. Auch des Einflusses des -Klimas auf das Gefieder der Vögel gedenkt er, doch ohne sich der -Umfang-reichen Nachweisungen zu erinnern, welche ~Gloger~ in -dieser Beziehung geliefert hat. Dass viele Säugthier-Arten in kalten -Gegenden weiss werden und andre, welche solche nie verlassen, stets -weiss bleiben, ist bekannt. Die Farbe der Schmetterlinge ändert oft mit -dem Futter und die der Käfer u. a. Insekten je nach ihrem Aufenthalte -in verschiedenen Gebirgs-Höhen ab. Die Grösse vieler Wasser-Konchylien -steht mit dem Salz-Gehalt des Wassers in Zusammenhang; ihre Farbe -mit dem Lichte, ihre glatte oder stachelige Beschaffenheit mit der -schlammigen und felsigen Natur des See-Grundes; die Dichte des Pelzes -mancher Säugthiere wechselt mit dem Klima und der Erhebung ihres -Wohnortes über den Meeres-Spiegel, und die Instinkte einer Art ändern -ausserordentlich unter neuen Lebens-Bedingungen ab. Es lässt sich -nicht nur die Ursache, sondern auch der Zweck und die Nützlichkeit -dieser Abänderung ermitteln, wir können in der Regel die Zwischenstufen -nachweisen, die oft vom Grade und der Intensität der äussern Ursachen -abhängen; wir können diese Abänderungen beliebig hervorbringen und -sie durch entgegengesetzte Existenz-Bedingungen wieder in die Urform -zurückführen. Aber vielleicht der wichtigste aller Belege für den -Einfluss äussrer Existenz-Bedingungen ist in der Beobachtung zu -finden, dass Kröten an feuchten und doch des stehenden Wassers ganz -entbehrenden Orten im Stande sind, sich aus dem Ei unmittelbar zur -reifen Form zu entwickeln, ohne dazwischen-fallende Kiemen-Bildung und -also auch nothwendig ohne denjenigen übrigen Theil der Metamorphose und -Lebens-Weise, welcher einen Aufenthalt im Wasser voraussetzt[66]. Um -den möglichen Übergang von den Fischen zu den Reptilien zu erläutern, -zitirt Hr. ~Darwin~ den Lepidosiren; in jenen Kröten liegt er -aber weit unmittelbarer vor in einer Weise, dass wohl jedermann zugeben -wird, dass, wenn diese Bedingungen sich in allen Generationen der Kröte -lange Zeit wiederholten, das Ausfallen der Metamorphose endlich zur -Regel auch unter andern Verhältnissen werden könne. - -Aber bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit alle diese -Abänderungen in Folge der äusseren Existenz-Bedingungen eintreten, -muss man sich allerdings fragen, ob die aus dieser äussern Ursache -entstandenen Abweichungen jemals ganz bleibend werden und sich fest -vererben können? Diess ist nicht der Fall. Denn so leicht und schnell -sie sogar an ganz alten Arten aus bekannten Ursachen entstehen, -eben so leicht und sicher sind sie, im Gegensatz zu den aus innren -aber freilich unbekannten (nach ~Darwin~ wahrscheinlich im -Genital-Systeme zu suchenden) Ursachen entstandenen, durch eine -der ersten entgegengesetzte Behandlung auch wieder auf die Urform -zurückzuführen, woferne nicht etwa die Natürliche Züchtung sich ihrer -bemächtigt und mit den äusseren Ursachen in gleicher Richtung thätig -ist, um eine der Abänderungen rascher zur selbstständigen Form zu -entwickeln. So lange Diess aber nicht der Fall, wird man wohl meistens -darauf verzichten müssen, durch äussre Ursachen bleibende Abänderungen -und „beginnende Arten“ entstehen zu sehen und wer +nur+ die -Wirkung +äussrer+ Ursachen im Auge hat, mag allerdings mit Recht -Hrn. ~Darwin~ entgegenhalten, dass aus Abänderungen keine -festen Arten werden. Da nun überdiess die Zwischenstufen zwischen den -Extremen solcher Abänderungen nur Bindeglieder zwischen nebeneinander -bestehenden, und nicht zwischen auseinander entstehenden Formen sind, -und da jede der ersten für ihr eignes Daseyn gewöhnlich keine andren -Abstufungen voraussetzt, während diese letzten ohne andre Abstufungen -meistens nicht vorhanden seyn würden, so herrscht allerdings zwischen -den durch äussre Ursachen und den durch Züchtung entstandenen -Abänderungen ein solch wesentlicher Unterschied, dass wir uns daraus -erklären zu müssen glauben, wesshalb Hr. ~Darwin~ auf die -Abänderungen dieser Art so wenige Rücksicht nimmt, obwohl er selbst uns -keine derartige bestimmte Rechenschaft darüber gibt? - -Wenn uns daher zur Zeit weder die äusseren Lebens-Bedingungen, noch der -Prozess der Natürlichen Züchtung genügend erscheinen, um die Theorie -Hrn. ~Darwin’s~, so wie sie vorliegt, zu begründen, so wollen -wir dagegen gerne zugestehen, dass alle bisherigen Beobachtungen ohne -Ausnahme von dem Gesichtspunkte feststehender unabänderlicher Arten -aus gemacht worden sind, und dass eine unbefangene Beurtheilung seiner -Theorie vielleicht erst möglich seyn wird, wenn einige Menschen-Alter -weiter unter fortwährender Prüfung der Frage von der Abänderung der -Arten aus den zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten verflossen seyn -werden. - -Je mehr ein Naturforscher sich mit Detail-Studien über den Bau der -natürlichen Wesen und über dessen wunderbare Zweckmässigkeit, über -das Zusammenstimmen aller Einzelnheiten zu einem Organismus, wovon -kein Theilchen willkürlich geändert werden kann, ohne das Ganze zu -gefährden, -- über die Wiederholung derselben planmässigen Einrichtung -in jedesmaliger andrer Weise bei 250,000 bekannten Organismen-Arten der -jetzigen Schöpfung, -- über die kulminirende Vollendung des Ganzen bei -dem vollkommensten dieser Organismen, -- über die Entwickelung aller -dieser Einrichtungen in einem Embryo der ihrer noch nicht bedarf, zu -künftigen Zwecken, beschäftigt hat, um so schwerer wird es ihm anfangs -werden, darin nichts weiter als die Folgen eines fortschreitenden -Verbesserungs-Prozesses zu sehen, worin jeder neue weitre Fortschritt -nach des Vfs. Theorie selbst jedesmal nur ein +Zufall+ ist und -erst durch Vererbung festgehalten werden kann. Doch darf man darin -noch kein unbedingtes Hinderniss für diese Theorie erblicken! - -Eine andre Erscheinung, hinsichtlich welcher uns und Andre Hrn. -~Darwins~ Erklärungen nicht ganz befriedigt haben, bietet der -Umstand dar, dass trotz der unausgesetzten Thätigkeit der Natürlichen -Züchtung und der fortdauernden Verbesserung der Organismen durch -dieselbe, noch immer die unvollkommensten aller unvollkommenen -Organismen in so unermesslicher Menge vorhanden sind. Doch hat ein -daraus zu entnehmender Einwand kein solches Gewicht, dass er für die -Annahme oder Nichtannahme der neuen Theorie entscheidend wäre, und wir -würden in dessen Folge nur etwa genöthigt seyn, eine noch fortwährende -Entstehung neuer Urformen anzunehmen, welche sich mit dieser Theorie -als verträglich oder sogar als nothwendige Folge derselben ergibt, -obwohl Hr. ~Darwin~ die Generatio originaria nirgends in -Anspruch nimmt. Endlich würde, wenn wir alle Organismen nur von einer -Urform ableiten wollten, Diess jedenfalls von einer sehr niedren -zelligen Form als Grundlage weitrer Entwickelung geschehen müssen, und -es dürfte dann sehr schwer seyn zu begreifen, wodurch in einer von zwei -äusserlich von einander nicht unterscheidbaren Zellen sich Empfindung -und willkürliche Bewegung ausbilde und vererbe, und in der andern nicht? - -Indem Hr. ~Darwin~ alle jetzt lebenden und früher vorhanden -gewesenen Lebenformen durch Abstammung mit fortwährenden leichten -Abänderungen und Divergenz des Charakters von immer früheren und -früheren Formen ableitet, glaubt er in einer Zeit, die wenigstens -eben so weit vor der silurischen, wie diese vor der jetzigen Periode -zurückliegt, nur noch acht bis zehn Stamm-Arten zu bedürfen, welchen -der Schöpfer unmittelbar das Leben eingehaucht hätte. Wahrscheinlich -hatte sich Herr ~Darwin~ eine Stamm-Art zur Ableitung aller -Arten eines jeden der Unterreiche oder Kreise unsrer Systeme gedacht, -und wahrscheinlich wird diese Stamm-Art einer der tiefsten Stufen -in jedem dieser Kreise entsprochen haben; doch drückt er sich nicht -näher darüber aus. Die Entwickelung eines jeden so vielverzweigten -Kreises aus einer Stamm-Art wäre dann vergleichbar der Entwickelung -eines vielästigen Baumes aus einem Stamme: eine Annahme, welche -wenigstens den Bildungs-Verhältnissen in der ganzen organischen Natur -parallel liefe. Hr. ~Darwin~ fragt die Anhänger der alten -Schöpfungs-Theorie, welche Millionen von Pflanzen- und Thier-Spezies -zum Gegenstande von Millionen verschiedener Schöpfungs-Akte eines -persönlichen Schöpfers machen, der durch seine spätren Schöpfungen die -an den frühern Formen begangenen Fehler verbessere: welche Vorstellung -sie sich denn eigentlich von der Erschaffung der einzelnen Geschöpfe -machen? (S. 517) -- ob jede Art in einem oder in vielen Individuen, im -Ei- oder im ausgewachsenen Zustande, ob die ersten Säugthiere mit oder -ohne Nabel geschaffen worden seyen? Sie könnten Hrn. ~Darwin~ -seine Frage zurückgeben, wenn er nach seiner Theorie auch nur 8-10 -erschaffene Arten bedarf (S. 517); ja sie könnten noch weiter fragen, -ob der ersten Flechte, dem ersten Farnen, der ersten Palme und dem -ersten Veilchen, mit dem ersten Infusorium, dem ersten Seeigel, der -ersten Raupe und dem ersten Frosch gleichzeitig oder nacheinander -auf einem Fleck beisammen oder auf eben so vielen Punkten der ganzen -Erd-Oberfläche zerstreut das Leben eingeblasen worden seye, und ob sie -sogleich angefangen sich -- so ferne sie sich gegenseitig erreichbar --- in Ermanglung andrer Nahrung wechselseitig aufzufressen, oder mit -welcher Nahrung sie bis zu ihrer Vervielfältigung ihr Leben gefristet -haben? Offenbar muss entweder ein ganzes Natur-System von Wesen auf -einmal geschaffen worden seyn, oder sie müssen sich von einem tiefen -Punkte an aufwärts ganz allmählich aber massenhaft entwickelt haben. -Hr. ~Darwin~ hat es jedoch sogleich gefühlt, dass jene seine -Annahme noch misslicher als die einer gleichzeitigen Erschaffung -aller Wesen ist, die er bekämpft; daher er etwas später sich mit -+einer+ Ur-Pflanze und +einem+ Ur-Thiere, ja sogar mit einem -einzigen Ur-Organismus begnügen will, welchem der Schöpfer das Leben -eingehaucht habe (S. 518). Die Bedürfnisse dieses einzigen erschaffenen -Individuums, von welchem die ganze lebende Natur abstammt, müssen dann -freilich sehr klein gewesen seyn; -- es war zweifelsohne nur eine -Fadenalge oder etwas der Art, die sich ihre Nahrung aus unorganischen -Elementen selbst bereiten und sich selbst befruchten musste? Aus ihr -und ihren Nachkommen konnten lange Zeit nur vegetabilische Formen -entstehen, bis genug organische Materie vorhanden war, um auch Thiere -selbst der unvollkommensten Stufe zu ernähren. - -Aber immer ist noch ein persönlicher Schöpfungs-Akt für dieses eine -organische Wesen nöthig, und wenn derselbe einmal erforderlich, so -scheint es uns ganz gleichgültig, ob der erste Schöpfungs-Akt sich -nur mit einer oder mit 10 oder mit 100,000 Arten befasst, und ob er -Diess nur ein- für allemal gethan oder von Zeit zu Zeit wiederholt -hat. Es fragt sich nicht, wie viele Organismen-Arten derselbe ins -Leben gerufen, sondern ob es überhaupt jemals nöthig seyn kann, -dass dieser eingreife in die wundervollen Getriebe der Natur und -statt eines bewegenden Natur-Gesetzes aushelfend wirke? Wenn Hr. -~Darwin~ die organische Schöpfung überhaupt angreift, so muss -er nach unsrer Überzeugung auch auf die Erschaffung einer ersten Alge -verzichten! Und in dieser Thatsache, dass die neue Theorie noch die -unmittelbare Erschaffung wenn auch nur eines Dutzends, ja wenn auch -nur einer einzigen Organismen-Art erheischt, erblicken wir einen -+zweiten wesentlichen Einwand gegen dieselbe+; weil, Diess -einmal zugestanden, nicht der entfernteste Grund mehr vorliegt, ihr -die ungeheure und so schwer zu erfassende Ausdehnung anzueignen, -die ihr Hr. ~Darwin~ gibt. -- Wer eine organische Zelle oder -Zellen-Reihe, einen Algen-Faden u. dgl. betrachtet und damit den -wunderbaren Bau eines höheren Säugethieres vergleicht mit allen -seinen Gliedern, Organen und Organen-Systemen, seinen unbewussten und -willkürlichen Verrichtungen, der wird freilich anfangs zu lächeln -geneigt seyn über eine Theorie, welche aus einer Algen-Zelle wenn auch -erst nach Verlauf von wenigstens 20[67] Millionen Jahren einen Affen -durch Natürliche Züchtung hervorgehen lässt. Und doch, erlässt man -uns jenen einen Schöpfungs-Akt an der Algen-Zelle, was wäre dann so -gänzlich befremdend an der neuen Theorie? Sehen wir denn nicht diesen -Prozess tausendfältig und unausgesetzt bei Organismen aller Art binnen -wenigen Wochen durch gewöhnliche Zeugung sich vollenden, ohne eine -andre Auskunft darüber geben zu können, als dass es durch „Vererbung“ -geschehe, ein ganz dunkles Prinzip, das ebenfalls erst durch die -~Darwin~’sche Theorie einige nähere Begründung wenigstens -hinsichtlich seiner spezifischen Verschiedenheiten erlangt? daher an -und für sich uns der Gedanke der Entstehung des Säugethieres aus einer -ursprünglichen Protophyten- oder Protozoen-Zelle doch nicht so ganz -und gar abenteuerlich erscheint. Und so läge auch für alle anderen -Verheissungen dieser Theorie die Schwierigkeit nur etwa in der Länge -der zur Lösung der einzelnen Aufgaben nöthigen Zeit, und daran ist -wahrlich kein Mangel, sondern Überfluss, wo es sich darum handelt die -Ewigkeit auszufüllen! - -Noch eine Bemerkung über das, in geologischem Sinne, gleichzeitige -Erscheinen und Verschwinden identischer Lebenformen auf der ganzen -Erd-Oberfläche. Die ~Darwin~’sche Theorie leistet viel in dieser -Beziehung! Sie zeigt uns, wie die Lebenwesen der gemässigten oder -kalten Zone in Folge einer Eis-Zeit sogar den Äquator zu überschreiten -vermochten! Aber welchen Grund haben wir zu glauben, dass es viele -solcher Eiszeiten, dass es deren in allen Erd-Perioden gegeben, und -insbesondere dass die die Verbreitung bewirkenden Ursachen in allen -Perioden eine universelle Verbreitung der herrschenden Formen bis in -den letzten Winkel der Erde vermittelt haben, ehe wieder irgendwo -neue Formen entstanden, und dass nie ein Theil der Erde in dieser -Hinsicht auf seine unabhängige Weise rascher oder langsamer als der -andre fortgeschritten seye? Diese Erscheinung ist so befremdend, dass -sie, so lange sie nicht als eine nothwendige nachgewiesen ist, trotz -~Darwin’s~ Erklärungs-Versuch die ganze Theorie bedroht. - -+Aussicht auf Erfolg.+) Unsre innigste Überzeugung ist, dass -alle Bewegungen auch in der organischen Natur einem grossen Gesetze -unterliegen, dass dieses Gesetz, allen organischen Erscheinungen -entsprechend, ein Entwickelungs- und Fortbildungs-Gesetz seye, und dass -dasselbe Gesetz, welches die heutige Lebenwelt beherrscht, auch ihr -Entstehen bedingt und ihre ganze geologische Entwickelung geleitet habe. - -Wir haben bisher organische Wesen entstehen und vergehen sehen; wir -haben die bestehenden Arten sich erhalten und fortpflanzen, aber keine -neuen Arten erscheinen sehen und keine Natur-Kraft gekannt, welche neue -Arten in’s Daseyn ruft. Alle unsere Bemühungen sie zu finden, um von -dem ersten Auftreten neuer Arten mit deren Hilfe Rechenschaft zu geben, -waren vergeblich. - -Hilft aber die ~Darwin~’sche Theorie diesem Mangel ab? Wir haben -oben einige Einreden gegen sie vorgebracht, und unser persönliches -Vermögen sie uns so, wie sie ist, anzueignen ist noch weit geringer als -jene Einreden vermuthen lassen. Aber sie leitet uns auf den einzigen -möglichen Weg! Es ist vielleicht das befruchtete Ei, woraus sich die -Wahrheit allmählich entwickeln wird; es ist vielleicht die Puppe, aus -der sich das längst gesuchte Natur-Gesetz entfalten wird, nachdem es -einen Theil der seinem unvollkommenen Zustande angehörigen Anhänge -abgestreift und andere seiner Bestandtheile vollständiger ausgebildet -haben wird. Oder wir haben das gesuchte Gesetz vielleicht bereits vor -Augen, aber sehen es nur durch ein Kaleidoskop, dessen Facettirung wir -erst studiren oder abschleifen müssen, um das Objekt nach seiner wahren -Beschaffenheit beurtheilen zu können? - -Die Möglichkeit nach dieser Theorie alle Erscheinungen in der -organischen Natur durch einen einzigen Gedanken zu verbinden, aus -einem einzigen Gesichtspunkt zu betrachten, aus einer einzigen Ursache -abzuleiten, eine Menge bisher vereinzelt gestandener Thatsachen den -übrigen auf’s innigste anzuschliessen und als nothwendige Ergänzungen -derselben darzulegen, die meisten Probleme auf’s Schlagendste zu -erklären, ohne sie in Bezug auf die andern als unmöglich zu erweisen, -geben ihr einen Stempel der Wahrheit und berechtigen zur Erwartung auch -die für diese Theorie noch vorhandenen grossen Schwierigkeiten endlich -zu überwinden. Diese glänzenden Leistungen der Theorie (ihre Wahrheit -einmal zugestanden) sind es, die uns so mächtig zu ihr hinziehen, -wie sehr wir auch des Wankens ihrer Grundlage uns bewusst sind. Denn -die grösste Schwierigkeit für die Anerkennung dieser Theorie scheint -allerdings zunächst im Grundgedanken selbst zu liegen, wenigstens nach -seiner jetzigen Fassung: in der Vorstellung einer fortwährenden Bildung -von Varietäten, die sich von den Stamm-Arten abzweigen und endlich -ablösen, ohne durch Mittelglieder unter einander verkettet zu bleiben, -wie wir auch nach allen aus der Theorie geschöpften Erläuterungen doch -noch erwarten zu müssen glauben, wenn diese Theorie richtig wäre. -Möglich, dass fortgesetzte Forschung und Prüfung darüber noch Auskunft -und Aufklärung gibt! - -Unser zweiter Einwand ist gegen die Annahme einiger oder auch nur einer -ursprünglich erschaffenen Organismen-Spezies. Mit der Schöpfung müsste -auch die eine wegfallen. So lange wir sie aber nicht entbehren können, -so lange müssen wir daran zweifeln, in der ~Darwin~’schen -Theorie bereits den +wahren+ Schlüssel der Erscheinungen gefunden -zu haben. - -Auf welche Weise auch die +eine+ erschaffene Spezies entbehrlich -gemacht werden könne, darüber haben wir keine Vermuthung. Könnte durch -unorganische chemische Prozesse aus unorganischer Materie organische -werden, -- könnte die organische Materie für sich die Form und Textur -organischer Kern-Zellen annehmen, -- könnten diese Zellen sich weiter -entwickeln und zu wachsen beginnen --: doch hier stehen wir auf -der letzten, der alleräussersten Grenze zwischen unorganischer und -organischer Welt. Organische Mischungen könnten aus unorganischen -durch gewisse chemische Prozesse vielleicht entstehen; dass organisch -gebildete Zellen und gar belebte Zellen sich aus solcher Mischung -gestalten können, hat man früher geglaubt, aber neuere Forschungen -haben diese Ansicht mehr und mehr unmöglich gemacht; doch sollen jetzt -auf Veranlassung der Französischen Akademie fernere Versuche mit die -Frage verlässig entscheidender Beweiskraft angestellt werden! - -Die ~Darwin~’sche Theorie wird wohl nicht mehr ganz untergehen! -Aber ungeachtet der ausgezeichneten Leistungen derselben stehen -ihr noch so wesentliche Gründe entgegen, dass wir vorerst nicht -vermögen sie anzunehmen, obwohl uns eingewendet werden kann, -auch die gewöhnliche Schöpfungs-Theorie lasse Einreden und zwar -noch gewichtigere aber freilich von ganz andrer Beschaffenheit -zu. Denn, unnatürlich an sich, braucht die Theorie der Schöpfung -nicht mit natürlichen Erklärungen zu antworten. Sie kennt nur -Wunder! Daher scheint es uns wenigstens konsequenter, auf dem -alten naturwissenschaftlich haltlosen Standpunkte zu verharren in -der Erwartung, dass eben in Folge des Streites der Meinungen sich -eine haltbare Theorie entwickele, kläre und reife; -- obwohl wir -voraussehen, dass ein Theil unserer Naturforscher (und eine noch -grössere Anzahl Nichtnaturforscher) der ~Darwin~’schen Theorie, -auch so wie sie ist, alsbald zufallen werden. Nur aus dem Widerstreite -der Meinungen wird die Wahrheit hervorgehen und der Urheber dieser -Theorie selbst zweifelsohne noch die grosse Befriedigung erleben, der -Naturforschung einen neuen Weg geöffnet zu haben! - - -Fußnoten: - -[1] Ich habe die obige Angabe der ersten Veröffentlichung ~Lamarck’s~ -aus ~Isid. Geoffroy St.-Hilaire’s~ vortrefflicher _Histoire naturelle -générale 1859, II, 405_ entnommen, wo auch ein vollständiger Bericht -von ~Buffon’s~ schwankenden Urtheilen über denselben Gegenstand zu -finden ist. -- Nach ~Isid. Geoffroy Saint-Hilaire~ wäre auch ~Göthe~ -einer der eifrigsten Partheigänger für solche Ansichten gewesen, wie -aus seiner Einleitung zu einem _1794-1795_ geschriebenen, aber erst -viel später veröffentlichten Werke hervorgehe. Er hat sich nämlich ganz -bestimmt dahin ausgesprochen, dass für den Naturforscher in Zukunft die -Frage Beispiels-weise nicht mehr die seye, wozu das Rind seine Hörner -habe, sondern wie es zu seinen Hörnern gekommen seye (~K. Meding~ -über ~Göthe~ als Naturforscher S. 34). -- Es ist ein eigenthümliches -Zusammentreffen, dass ~Göthe~ in _Deutschland_, Dr. ~Darwin~ in -_England_ und ~Et. Geoffroy St.-Hilaire~ in _Frankreich_ gleichzeitig -zu gleichen Ansichten über die Entstehung der Arten gelangt sind. - - D. Vf. - -[2] Bekanntlich kam es in der Akademie mehrmals zu heftigen Auftritten -mit ~Cuvier~, welcher die Beständigkeit der Species gegen ihn -vertheidigte. - - D. Übers. - - -[3] Nach einigen Zitaten in ~Bronn’s~ „Untersuchungen über die -Entwickelungs-Gesetze“ (S. 79 u. a.) scheint es, dass der berühmte -Botaniker und Paläontologe ~Unger~ im Jahre _1852_ die Meinung -ausgesprochen habe, dass Arten sich entwickeln und abändern. Ebenso -~d’Alton~ _1881_ in ~Pander~ und ~d’Alton’s~ Werk über das fossile -Riesen-Faulthier; -- und ähnliche Ansichten entwickelte ~Oken~ in -seiner mystischen „Natur-Philosophie“. Nach Zitaten in ~Godron’s~ -Werk „_sur l’espèce_“ scheint es, dass ~Bory St.-Vincent~, ~Burdach~, -~Poiret~ und ~Fries~ alle eine fortwährende Erzeugung neuer Arten -angenommen haben. -- Ich will noch hinzufügen, dass von 33 Autoren, -welche in dieser historischen Skizze als solche aufgezählt werden, -die an eine Abänderung der Arten oder wenigstens nicht an getrennte -Schöpfungs-Akte glauben, 28 sind, welche über spezielle Zweige der -Naturgeschichte geschrieben haben, darunter 3 blosse Geologen, 10 -Botaniker, 15 Zoologen; aber unter den Botanikern und Zoologen haben -einige auch über Paläontologie und Geologie geschrieben. - -[4] Durch „+Züchtung+“ werde ich den stets wiederkehrenden _Englischen_ -Ausdruck „_Selection_“ übertragen, welcher in gegenwärtigem Sinne auch -in _England_ nicht gebräuchlich und desshalb dort angegriffen worden -ist. Richtiger wäre wohl „Auswahl zur Züchtung“ gewesen, zumal da bei -der „Züchtung“ auch noch Anderes als die Auswahl der Zucht-Thiere -allein in Betracht kommen kann; doch ist Diess von wohl nur -untergeordnetem Interesse. Zuweilen entspricht jedoch eine Übersetzung -etwa durch das neu zu bildende Wort „+Zuchtwahl+“ wirklich besser, -insbesondere bei Übertragung des Ausdrucks „_Sexual selection_“. - - D. Übrs. - - -[5] Analog mit derjenigen Erscheinung, welche in meinen Morphologischen -Studien „Differenzierung der Organe“ genannt worden ist. - - D. Übrs. - - -[6] Ich wähle das ~Oken~’sche Wort „Sippe“ für _Genus_, weil das -Deutsche Wort „Geschlecht“ seiner zweifachen Bedeutung („_genus_“ -und „_sexus_“) wegen hier das Verständniss nicht selten erschweren -würde. Leider besitzen wir keinen ähnlichen Ausweg, der Missdeutung -des ebenfalls zweisinnigen Wortes „Art“ zu entgehen, welches bald für -_Species_ und bald für das Englische „_kind_“ angewendet werden muss. -Der Ausdruck „Gattung“ endlich wird bald für Sippe und bald für Art -(„was sich gattet“) gebraucht. - - D. Übrs. - - -[7] _the laugher_, die Lachtaube; doch scheint nach dem Zusammenhange -hier eher die Trommeltaube, als die Columba risoria gemeint zu seyn. - - D. Übs. - -[8] Herr ~Darwin~ ertheilt mir über die hier genannten Englischen -Hunde-Rassen folgende Auskunft: - -der Jagdhund (_Spaniel_) ist klein, rauhhaarig, mit hängenden Ohren und -gibt auf der Fährte des Wildes Laut; - -der Spürhund (_Setter_) ist ebenfalls rauhhaarig, aber gross, und -drückt sich, wenn er Wind vom Wilde hat, ohne Laut zu geben lange Zeit -regungslos auf den Boden; - -der Vorstehehund (_Pointer_) endlich entspricht dem deutschen -Hühnerhunde und ist in England gross und glatthaarig. - - D. Übs. - - -[9] ~Albers~ hat dieselbe Beobachtung auf _Madeira_ gemacht, aber eine -andre Folgerung daraus gezogen: dass nämlich diese Formen, die während -unermesslicher Zeiträume immer dieselben geblieben, +nicht+ in einander -übergehen und nicht +eine+ Spezies bilden. - - D. Ü. - - -[10] Vergl. die Anmerkung auf Seite 14. - - D. Übs. - - -[11] Aber wie vermöchten +wir+ zu ermessen, was einen Bewerber in den -Augen einer Henne oder einer Taube liebenswürdig machen könne! - - D. Übs. - -[12] Diess dürfte jedoch der Hauptsache nach einen ganz verschiedenen -Grund haben. - - D. Ü. - - -[13] Hier ist ein Missverständniss. Aus den zwei zuletzt genannten -Gründen könnten die Knochen-Fische die „vollkommensten +Fische+,“ -aber nicht die „+vollkommensten+ Fische“ seyn, d. h. den Typus der -Fische aber nicht die Vollkommenheit am besten repräsentiren. Die -Knochen-Fische sind aber +vollkommenere+ Fische aus andern Gründen. - - D. Übs. - - -[14] Diese Voraussetzung ist keinesweges von uns gemacht worden und ist -für unsre Einrede auch durchaus nicht nöthig; wir haben uns vielmehr -ausdrücklich auf einzelne Arten von Ratten und Kaninchen als Beispiele -berufen, um an ihnen unsre Meinung zu erläutern. -- Wir sehen auch -noch jetzt nicht ein, wesshalb, wenn kleine Verschiedenheiten in -die äusseren Existenz-Bedingungen (A und C) dem Fortkommen kleiner -Verschiedenheiten in der Organisation (A und C) günstig sind, nicht -auch mittle Verschiedenheiten der ersten (b), welche ja in der Regel -nicht fehlen, nicht auch das Fortkommen von B gestatten sollten. - - ~Br.~ - - -[15] So lautete unsere Frage nicht, -- sondern: wie es komme, dass -so vielerlei an einer Spezies nebeneinander-bestehende Abänderungen -der Grundform je in ihrer Weise beständig seyen und sich nicht in -manchfachen Kombinationen und Abstufungen zusammengesellten. (Vgl. -übrigens unsern Anhang zu dieser Übersetzung.) - - ~Br.~ - - -[16] Bekanntlich hat sich die Säugthier-Welt fast ganz erst im Laufe -der Tertiär-Zeit entwickelt. - -[17] Wenn dieser Grund so erheblich wäre, so würde man gar keine neuen -Rassen bilden können, weil diese immer bei der Paarung zwischen den -nächsten Verwandten, die anfänglich ja nur allein vorhanden sind, -hervorgehen müssen. Was den in _Lithauen_ eingehegten Auerochsen -betrifft, so vernehmen wir, dass an der Krankheit Wilddieberei jährlich -mehr Individuen eingehen, als geboren werden. - -[18] Diese Abhängigkeit vom Klima ist denn doch in grosser Ausdehnung -nachgewiesen worden von ~Gloger~ in seiner Schrift „Über das Abändern -der Vögel durch das Klima,“ _Breslau 1833_, 8^o. Von vielen anderen -Abänderungen sind die äusseren Ursachen zusammengestellt in unserer -„Geschichte der Natur“ II, 68-116. - - D. Übers. - - -[19] So lange man die wahre Ursache dieser Entstehung nicht kennt, hat -Diess nichts Befremdendes. - - D. Übers. - - -[20] Ein vollständiges Verzeichniss der Bewohner dunkler Höhlen hat -~Ehrenberg~ zusammengetragen in den Monats-Berichten der _Berliner_ -Akademie 1859, 758 ff. - - D. Übs. - - -[21] Weit gewöhnlicher ist gewiss das Streben homologer Theile -sich sowie andre mit fortschreitender Entwickelung selbständiger -zu differenziren, es seye denn, dass jenes Streben unter sich -zusammenzuhängen eine Differenzirung von heterologen Theilen bewirke, -wie eben in Blumen. - - D. Übrs. - - -[22] Dieses ist nur bei solchen weichen Theilen denkbar, welche sich -+nach+ den ihnen anliegenden harten bilden, die ihrerseits selbst aus -weichen hervorgehen. Der Schädel modelt nicht das werdende Gehirn, -sondern dieses den Schädel! - - D. Übrs. - - -[23] Wie sie nämlich als Grund-Farben der verschiedenen Equus-Arten -in der Natur vorkommen. Man könnte also etwa sagen „natürliche -Pferde-Farben“. - - D. Übrs. - - -[24] Nach der ~Agassiz~’schen Lehre von den embryonischen Charakteren -würde man diese Streifung, wie die weissen Flecken in der Hirsch-Sippe, -als einen embryonischen Charakter ansehen und sagen, dass Zebra, Quagga -etc. dem Pferde gegenüber auf tieferer Stufe zurückgeblieben seyen und -embryonische Charaktere behalten haben, wie der Damhirsch gegenüber dem -Edelhirsch. - - D. Übers. - - -[25] Diess Beispiel war in der ersten Auflage angeführt um zu zeigen, -wie etwa ein Wal entstehen könne. - - D. Übrs. - - -[26] „Brütig“ für _broody_; das Wort ist im Deutschen nicht üblich; -doch gibt es in _Nord-Deutschland_ dafür einen Provinzialismus -„heckisch“. - - D. Übs. - - -[27] Diess kann kein Grund seyn: denn das Alter der Eier polygamischer -Vögel, welche 10-20 und mehr Eier legen und eben so viele Tage dazu -bedürfen, ist noch viel ungleicher, und doch kommen die Jungen -gleichzeitig aus. Es fallen somit auch die Folgerungen weg. - - D. Übs. - - -[28] Ich glaube die Aufgabe der Bienen ist eine einfachre, als -dieser mathematischen Formel zu genügen! Eine Einzelbiene macht -eine zylindrische Zelle. Stossen wir ihre Zellen möglichst dicht -aneinander, so dass keine Zwischenräume bleiben, so können die -Zellen nur sechs-, vier- oder dreieckige seyn, indem sie sich an den -Aneinanderlagerungs-Seiten abplatten. Nun weichen sechseckige am -wenigsten, dreieckige Zellen am meisten von den runden ab; jene bilden -mithin die einfachste der möglichen Modifikationen. Diese einfachste -Modifikation erheischt im Verhältniss zu ihrem Inhalte allerdings -am wenigsten Wachs; -- sie beengt aber auch, da ihre verschiedenen -Queermesser am wenigsten ungleich sind, die darin nistende Made am -wenigsten in ihrer Entwickelung und Bewegung; endlich gibt sie der Wabe -am meisten Festigkeit, weil die Zwischenwände sich in drei und bei -viereckigen nur in zwei Richtungen kreutzen. - - D. Übrs. - - -[29] ~v. Siebold~ hat bekanntlich im vorigen Jahre nachgewiesen, dass -bei der Honigbiene (u. a. Insekten) das Geschlecht der Eier von der -Befruchtung abhängig ist, welche im Willen der Bienenkönigin steht und -nur in gewissen Zellen erfolgt, in andern unterbleibt. - - D. Übs. - - -[30] Obwohl mir dieser Satz nahezu wahr zu seyn scheint, so habe -ich doch bis jetzt zu berücksichtigen vergessen, dass daraus noch -keineswegs folge, dass nicht Unfruchtbarkeit für zwei im Entstehen -begriffene Spezies von grossen Vortheilen soferne seyn könne, als -sie dieselben getrennt hält und für verschiedene Lebens-Beziehungen -geeignet macht. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mag eine -unvermeidliche Folge der erlangten Unfruchtbarkeit [?] ihrer Ältern -seyn; aber ich will nicht mehr sagen, weil einige Versuche, die ich -in Bezug auf diese wichtige Frage durchzuführen beschäftigt bin, noch -nicht zum Abschluss gelangt sind. (Im April 1862.) - -[31] ~C. F. v. Gärtner~: Versuche und Beobachtungen über die -Befruchtungs-Organe der vollkommenen Gewächse und über die natürliche -und künstliche Befruchtung durch den eigenen Pollen. Stuttgart 1844. -- -Versuche und Beobachtungen über die Bastarderzeugung im Pflanzenreich. -Mit Hinweisung auf die ähnlichen Erscheinungen im Thierreiche. -Stuttgart 1849. - - D. Übs. - - -[32] „_Flowers_“ doch wohl Blüthen-Ähren. - - D. Übs. - - -[33] Doch kennt man über zwei Dutzend fossile Arten von der -Kohlen-Formation an bis in die obersten Tertiär-Schichten. - - D. Übs. - - -[34] Meine Meinung ist die, dass nur wenige Arten eine unsrer -angenommenen Perioden überdauern, viele aber schon in 0,1-0,2-0,5 -dieser Zeit zu Grunde gehen. - - ~Br.~ - - -[35] Wir glauben, dass das Bestehen dieser unausfüllbaren Lücken in -der unter unsren Augen lebenden Schöpfung einen wesentlicheren Einwand -bildet, als das der weit grösseren Lücken in den früheren Weltperioden, -welche der Phantasie genügenderen Spielraum zur Ersinnung von -Möglichkeiten gewähren. - - D. Übers. - - -[36] ~H. G. Bronn~: Morphologische Studien über die Gestaltungs-Gesetze -der Natur-Körper. Leipzig 1858, 8^o: -- und zumal dessen Untersuchungen -über die Entwickelungs-Gesetze der organischen Welt. Stuttg. 1858, 8^o. - -[37] Es ist allerdings leicht, einige Beispiele ausser allem -Zusammenhang als Belege irgend einer beliebigen Ansicht aufzuführen; -da aber wo eine auf gesammelten Thatsachen begründete Lehre bereits -in der Weise systematisch entwickelt worden, dass man zu allgemeinen -Schlusssätzen gelangt ist, muss man das ganze Lehrgebäude widerlegen, -statt sich auf eine vereinzelte Einrede zu beschränken. Es ist im -vorliegenden Falle auch ganz gleichgültig ob z. B. die Biene oder -die Sepie höher organisirt sind; das sind Glieder zweier auf ganz -verschiedenen Grundplanen aufgebauter Unterreiche und in soferne -incommensurable Grössen. Will man die aufsteigende Entwickelung der -Organisation verfolgen, so muss man sich mehr an die Thiere +eines+ -Unterreichs halten. - - D. Übers. - - -[38] Doch kaum! Wenn es sonst 10,000 Fische und Reptilien ohne -Säugthiere gegeben hätte, und gäbe jetzt deren nur 5000 mit 1000 -Säugthier-Arten: diess organische Leben wäre dennoch höher gestiegen! - - D. Übs. - - -[39] Diese neueren Versuche von ~Martins~ vgl. in _Bibliothèq. univers. -de Genève, 1858, I_, 89-92 > Neu. Jahrb. f. Mineral. 1858, 877-878. - - D. Übers. - - -[40] In diesem Falle wäre vielleicht wahrscheinlicher anzunehmen, -der Reiher habe einen Fisch verschlungen gehabt, welcher jene Saamen -gefressen hatte; und die Saamen würden keimfähig wieder zu Boden -gelangt seyn, wenn nun ein Raubvogel den Reiher zerrissen hätte. - - D. Übs. - - -[41] Da die Frösche ihre Eier erst nach dem Legen befruchten, so -müssten doch wohl mehre zusammengefroren gewesen seyn. - - D. Übs. - - -[42] Vgl. ~Darwin~: über die Einrichtungen zur Befruchtung Britischer -und ausländischer Orchideen durch Insekten und über die günstigen -Erfolge der Wechselbefruchtung. Aus dem Englischen übersetzt von ~H. G. -Bronn~. Stuttg. - - D. Üb. - - -[43] Ob Lagostomus oder Lagidium oder beide gemeint seyen, ist nicht zu -ersehen, doch kann sich das oben Gesagte auf beide beziehen. - - D. Übs. - - -[44] Zu Bezeichnung der Übereinstimmung von Organen eines nämlichen -Individuums miteinander haben wir den Ausdruck „homonym“ angewendet, -indem wir Homologien nur bei Vergleichung verschiedener Thier-Arten -annehmen (Morphologische Studien S. 410). - - D. Übs. - - -[45] Diese und verwandte Fragen sind in unsern Morphologischen Studien -viel erschöpfender entwickelt wurden, als von ~Owen~. - - D. Übs. - - -[46] Ich denke, dass Diess bei allen Insecta ametabola ohne unthätigen -Zustand der Fall ist? - - D. Übs. - - -[47] Das ist wohl insoferne nicht wörtlich zu nehmen, als ja die Jungen -der andern Rassen noch nicht so wie im Alter verschieden waren. - - D. Übs. - - -[48] Aber wenn sie jetzt nicht von Natürlicher Züchtung herrühren -können, wie sind sie dann das erste Mal entstanden, ehe sie wieder zu -schwinden begannen? Gewiss verdienen sie aber in diesem letzten Falle -nicht den Namen „werdende“ oder „beginnende“ Organe, sondern müssen -„verkümmernde“ heissen. - - D. Übs. - - -[49] Diese Zahl entspräche also den Unterreichen oder Kreisen des -Thier-Reichs, welche der Verf. gewöhnlich auch unter dem Namen der -„grossen Klassen“ versteht. Er sagt aber nirgends, auf welche Weise er -sich das Thier-Reich an diese 4-5 Stammarten vertheilt denke. - - D. Übs. - - -[50] Hier war in der vorigen Original-Auflage, die unsrer Deutschen -Übersetzung zu Grunde gelegen, noch der Nachsatz angehängt, „+welcher -das Leben zuerst vom Schöpfer eingehaucht worden ist+.“ Wir müssen -Diess bemerken, weil sich auf ihn ein mehrfach geäusserter Vorwurf der -Inconsequenz des Verfassers bezog, und weil diese Änderung uns die -wesentlichste in der ganzen neuen Auflage zu seyn scheint. - - D. Übers. - - -[51] In _England_ nämlich, wo die gewöhnliche Form der Schlüsselblume -(Primula veris) als „Primrose“ oder Frühröschen, die grosse blassgelbe -(Pr. elatior) aber als „Cowslip“ oder Kuhtritt bezeichnet zu werden -pflegt. In _Deutschland_ hat der Volks-Mund meines Wissens noch keinen -stetig verschiedenen Namen dafür. - - D. Übs. - - -[52] Da in der neuesten Original-Auflage des ~Darwin~’schen Werkes -einige Erwiderungen auf dieses Kapitel enthalten sind, so sehen wir uns -veranlasst, es auch in der zweiten Deutschen Auflage unverändert stehen -zu lassen. - - ~Br.~ - - -[53] Vgl. unsere Entwickelungs-Gesetze der organ. Welt S. 78. - -[54] Entwickelungs-Gesetze der organ. Welt 77-80, 229. - -[55] Wir glauben uns keiner Indiskretion schuldig zu machen, wenn wir -der Übersetzung Einreden beifügen, da Hr. ~Darwin~ unsre abweichende -Ansicht kannte, als er den Wunsch ausdrückte eine Übersetzung durch -uns selbst oder unter unsrer Aufsicht veranstaltet zu sehen, und da er -selbst die allseitige Diskussion seiner Theorie ausdrücklich wünscht. - -[56] Geschichte der Natur, 1843, II, 63; Entwickelungs-Gesetze der -organ. Welt 1858, S. 228. - -[57] Geschichte d. Nat. II, 65-133. - -[58] Geschichte d. Nat. II, 180-196. - -[59] Entwickelungs-Gesetze S. 79, 232. - -[60] Geschichte d. Nat. II, 29-60; Entwickelungs-Gesetze 79. - -[61] Entwickelungs-Ges. S. 235. - -[62] Entwickelungs-Ges. 77-80. - -[63] A. a. O. S. 80-82. - -[64] Diese Vorstellung ist in der neuen Auflage weggeblieben; vgl. S. -519, Anmerkung. - -[65] Vgl. das sechste Kapitel, S. 197 u. a. m. - -[66] So nach ~E. J. Lowe~; -- während dagegen ~Schreibers~, wenn wir -nicht irren, Frosch-Larven dadurch an ihrer Verwandlung zu Fröschen -(ohne Kiemen) hinderte, dass er sie nöthigte unter Wasser zu bleiben. -(Zusatz zur zweiten Auflage.) - -[67] Man hat die Dauer der Steinkohlen-Flora allein auf etwa 1 Million -Jahre berechnet; setzt man dieselbe nun auch nur = 0,1 von der Dauer -aller unsrer geologischen Schichten-Bildungen und diese nach ~Darwin~ -gleich der Dauer der vor-silurischen Schichten, so ergibt sich obiges -Resultat. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER ARTEN -IM THIER- UND PFLANZEN-REICH DURCH NATÜRLICHE ZÜCHTUNG *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Es werden -teils stark veraltete Formen verwendet (z.B. ‚mittlem‘ statt -‚mittlerem‘; ‚Ägyptier‘ statt ‚Ägypter‘); dies wurde so belassen, -soweit die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht verlorengeht.</p> - -<p class="p0">Unterschiedliche Wortformen (z.B. ‚Maasstab‘ vs. -‚Maassstab‘) wurden nicht vereinheitlicht, sofern beide Formen mehrmals -im Text auftreten. Darüberhinaus hat der Übersetzer in vielen Fällen -anglisierte Begriffe verwendet, was sich auch bei der Worttrennung -bemerkbar macht. Auch dies wurde in der Bearbeitung so belassen.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em -class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="figcenter illowe40" id="frontispiz"> - <img class="w100" src="images/frontispiz.jpg" alt="" /> - <div class="caption_left mleft1">Phothogr. v. Buchner.</div> - <div class="caption"><i class="s3">Charles Darwin.</i></div> - <div class="caption mtop1"><span class="s5">E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung - in Stuttgart.</span></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/frontispiz_gross.jpg" - id="frontispiz_gross" rel="nofollow">⇒<br /> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s4 center mtop3 break-before"><b>Charles Darwin,</b></p> - -<h1 title="Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch -natürliche Züchtung"><span class="s7">über die</span><br /> -ENTSTEHUNG DER ARTEN<br /> -<span class="s6"><b>im Thier- und Pflanzen-Reich</b></span><br /> -<span class="s7">durch</span><br /> -<span class="s6"><b>natürliche Züchtung,</b></span></h1> - -<p class="center s4">oder</p> - -<p class="s3 center">Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.</p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="center">Nach der <b>dritten Englischen Auflage</b> und mit neueren Zusätzen -des Verfassers für diese deutsche Ausgabe</p> - -<p class="s5 center mtop1">aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen</p> - -<p class="s6a center">von</p> - -<p class="s3 center">Dr. <b>H. G. Bronn</b>.</p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="s5 center mtop1">Zweite verbesserte und sehr vermehrte Auflage.</p> - -<p class="s6a center">Mit D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span> -Porträt in Photographie.</p> - -<div class="figcenter illowe8" id="titel_deko"> - <img class="w100" src="images/titel_deko.png" alt="Titelseite, Deko" /> -</div> - -<p class="s3 center"><b>Stuttgart.</b></p> - -<p class="s5 center">E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung und Druckerei.</p> - -<p class="s5 center">1863.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -</div> - -<div class="schmal"> - -<p class="p0"><b>Vorrede des Verfassers.</b> <a href="#Vorrede_des_Verfassers">Seite 1.</a></p> - -<p class="p0"><b>Einleitung.</b> <a href="#Einleitung">S. 11.</a></p> - -<p><b>Erstes Kapitel. Abänderung durch Domestizität.</b> <a href="#Erstes_Kapitel">S. 17.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit. -Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter Varietäten. -Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten. Entstehung kultivirter -Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme Tauben, ihre Verschiedenheiten -und Entstehung. Frühere Züchtung und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste -Züchtung. Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für -das Züchtungs-Vermögen des Menschen.</p> - -<p><b>Zweites Kapitel. Abänderung im Natur-Zustande.</b> <a href="#Zweites_Kapitel">S. 55.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten. -Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am meisten. Arten -grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren mehr, als die der kleinen Sippen. -Viele Arten der grossen Sippen gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe -aber ungleich mit einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.</p> - -<p><b>Drittes Kapitel. Der Kampf um’s Daseyn.</b> <a href="#Drittes_Kapitel">S. 72.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Stützt sich auf Natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern -Sinne gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter Pflanzen und -Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine Mitbewerbung. Wirkungen des -Klimas. Schutz durch die Zahl der Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere -und Pflanzen in der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und -Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung von Organismus -zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen.</p> - -<p><b>Viertes Kapitel. Natürliche Züchtung.</b> <a href="#Viertes_Kapitel">S. 92.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Natürliche Auswahl zur Züchtung; — ihre Gewalt im Vergleich zu -der des Menschen; — ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer Wichtigkeit; — ihre -Gewalt in jedem Alter und über beide Geschlechter. — Sexuelle Zuchtwahl. — Über die -Allgemeinheit der Kreutzung zwischen Individuen<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span> -der nämlichen Art. — Umstände günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung, -insbesondere Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. — Langsame Wirkung. — -Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. — Divergenz des Charakters, in -Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer kleinen Fläche und auf -Naturalisation. — Wirkung der Natürlichen Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer -Ältern durch Divergenz des Charakters und durch Unterdrückung. — Erklärt die -Gruppirung aller organischen Wesen. — Fortschritt in der Organisation. — Erhaltung -unvollkommener Formen. — Betrachtung der Einwände. — Unbeschränkte Vermehrung der -Arten. — Zusammenfassung.</p> - -<p><b>Fünftes Kapitel. Gesetze der Abänderung.</b> <a href="#Fuenftes_Kapitel">S. 157.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Wirkungen äusserer Bedingungen. Gebrauch und Nichtgebrauch der -Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; — Flieg- und Seh-Organe. — -Akklimatisirung. — Wechselbeziehungen des Wachsthums. — Kompensation und Ökonomie -der Entwickelung. — Falsche Wechselbeziehungen. — Vielfache, rudimentäre und wenig -entwickelte Organisationen sind veränderlich. — In ungewöhnlicher Weise entwickelte -Theile sind sehr veränderlich; — spezifische mehr als Sippen-Charaktere. — Sekundäre -Geschlechts-Charaktere veränderlich. — Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf -analoge Weise. — Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. — Summarium.</p> - -<p><b>Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Theorie.</b> <a href="#Sechstes_Kapitel">S. 197.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. -— Übergänge. — Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. — Übergänge in -der Lebensweise. — Differenzirte Gewohnheiten in einerlei Art. — Arten mit Sitten -weit abweichend von denen ihrer Verwandten. — Organe von äusserster Vollkommenheit. -— Mittel der Übergänge. — Schwierige Fälle. — Natura non facit saltum. — Organe von -geringer Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen absolut vollkommen. — Das -Gesetz von der Einheit des Typus und den Existenz-Bedingungen enthalten in der -Theorie der Natürlichen Züchtung.</p> - -<p><b>Siebentes Kapitel. Instinkt.</b> <a href="#Siebentes_Kapitel">S. 234.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. -— Abstufungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. — Instinkte -gezähmter Thiere und deren Entstehung. — Natürliche Instinkte des Kuckucks, des -Strausses und der parasitischen Bienen. — Sklaven-machende Ameisen. — Honigbienen -und ihr Zellenbau-Instinkt. — Wechsel von Instinkt und Körperbau erfolgen nicht -nothwendig gleichzeitig. — Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher Züchtung in -Bezug auf Instinkt. — Geschlechtslose oder unfruchtbare Insekten. — Zusammenfassung.</p> - -<p><b>Achtes Kapitel. Bastard-Bildung.</b> <a href="#Achtes_Kapitel">S. 273.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten -Kreutzung und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit der Stufe nach -veränderlich, nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und durch Zähmung vermindert. -<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span> -— Gesetze für die Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit keine besondre -Eigenthümlichkeit, sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. — Ursachen -der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der Bastarde. — Parallelismus zwischen -den Wirkungen der veränderten Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. — Fruchtbarkeit -miteinander gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. — Bastarde -und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit verglichen. — Zusammenfassung.</p> - -<p><b>Neuntes Kapitel. Unvollkommenheit der Geologischen -Überlieferungen.</b> <a href="#Neuntes_Kapitel">S. 307.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. — Natur -der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. — Länge der Zeit-Perioden nach -Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen. — Armuth unsrer paläontologischen -Sammlungen. — Unterbrechung geologischer Formationen. — Abwesenheit der -Mittel-Varietäten in allen Formationen. — Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen. -— Ihr plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten.</p> - -<p><b>Zehntes Kapitel. Geologische Aufeinanderfolge organischer -Wesen.</b> <a href="#Zehntes_Kapitel">S. 342.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. — Ungleiches -Maass ihrer Veränderung. — Einmal untergegangene Arten kommen nicht wieder zum -Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen Regeln des Auftretens und -Verschwindens, wie die einzelnen Arten. — Erlöschen der Arten. — Gleichzeitige -Veränderungen der Lebenformen auf der ganzen Erd-Oberfläche. — Verwandtschaft -erloschener Arten mit andern fossilen und mit lebenden Arten. — Entwickelungs-Stufe -aller Formen. — Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen Länder-Gebiete. — -Zusammenfassung des jetzigen mit früheren Abschnitten.</p> - -<p><b>Eilftes Kapitel. Geographische Verbreitung.</b> <a href="#Eilftes_Kapitel">S. 378.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus -den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. — Wichtigkeit der -Verbreitungs-Schranken. — Verwandtschaft der Erzeugnisse eines nämlichen -Kontinentes. — Schöpfungs-Mittelpunkte. — Ursachen der Verbreitung sind Wechsel des -Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und mitunter zufällige. — Die Zerstreuung -während der Eis-Periode über die ganze Erd-Oberfläche erstreckt.</p> - -<p><b>Zwölftes Kapitel. Geographische Verbreitung</b> (Fortsetzung)<b>.</b> <a href="#Zwoelftes_Kapitel">S. 415.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. — Die Bewohner der -ozeanischen Inseln. — Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugthieren. — -Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten Festländer. — Über -Ansiedelung aus den nächsten Quellen und nachherige Abänderung. — Zusammenfassung -der Folgerungen aus dem letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span><b>Dreizehntes Kapitel. -Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper; Morphologie; Embryologie; -Rudimentäre Organe.</b> <a href="#Dreizehntes_Kapitel">S. 443.</a></p> - -<p class="s5 hang1"><em class="gesperrt">Klassifikation</em>: Unterordnung der -Gruppen. — Natürliches System. — Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation -erklärt aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. — Klassifikation der -Varietäten. — Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. — Analoge oder -Anpassungs-Charaktere. — <em class="gesperrt">Verwandschaften</em>: allgemeine, -verwickelte und strahlenförmige. — Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen. — -<em class="gesperrt">Morphologie</em>: zwischen Gliedern einer Klasse und zwischen -Theilen eines Einzelwesens. — <em class="gesperrt">Embryologie</em>: deren Gesetze -daraus erklärt, dass Abänderung nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in -korrespondirendem Alter vererbt wird. — <em class="gesperrt">Rudimentäre Organe</em>: -ihre Entstehung erklärt. — Zusammenfassung.</p> - -<p><b>Vierzehntes Kapitel. Allgemeine Wiederholung und Schluss.</b> <a href="#Vierzehntes_Kapitel">S. 491.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher -Züchtung. — Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände, zu deren Gunsten. — -Ursachen des allgemeinen Glaubens an die Unveränderlichkeit der Arten. — Wie weit -die Theorie Natürlicher Züchtung auszudehnen. — Folgen ihrer Annahme für das -Studium der Naturgeschichte. — Schluss-Bemerkungen.</p> - -<p><b>Fünfzehntes Kapitel. Schlusswort des Übersetzers.</b> <a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">S. 525.</a></p> - -<p class="s5 hang1">Eindruck und Wesen des Buches. — Stellung des Übersetzers zu -demselben. — Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. — Einreden des Übersetzers. -— Aussicht auf künftigen Erfolg.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorrede_des_Verfassers">Vorrede des Verfassers.</h2> - -</div> - -<p>Ich will hier versuchen, eine kurze und sehr unvollkommene Skizze von -der Entwickelung der Meinungen über die Entstehung der Species zu -geben. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher hat geglaubt, Arten seyen -unveränderliche Erzeugnisse und jede einzelne für sich erschaffen: -diese Ansicht ist von vielen Schriftstellern mit Geschick vertheidigt -worden. Nur wenige Naturforscher nehmen dagegen an, dass Arten einer -Veränderung unterliegen, und dass die jetzigen Lebenformen durch -wirkliche Zeugung aus andern früher vorhandenen Formen hervorgegangen -sind. Abgesehen von den Schriftstellern der klassischen Periode bis -zu B<span class="smaller">UFFON</span>, mit deren Schriften ich nicht vertraut bin, -war L<span class="smaller">AMARCK</span> der erste, dessen Meinung, dass Arten sich -verändern, Aufsehen erregte. Dieser mit Recht gefeierte Naturforscher -veröffentlichte seine Ansichten zuerst <i>1801</i> und dann besser -entwickelt <i>1809</i> in seiner <i>Zoologie philosophique</i>, so -wie <i>1815</i> in seiner Einleitung in die Naturgeschichte der -Wirbel-losen Thiere, in welchen Schriften er die Lehre von der -Abstammung der Arten von einander aufstellt. Er hat das grosse -Verdienst, die Aufmerksamkeit zuerst auf die Wahrscheinlichkeit -gelenkt zu haben, dass alle Veränderungen in der organischen wie -in der unorganischen Welt die Folgen von Natur-Gesetzen und nicht -von wunderbaren Zwischenfällen sind. L<span class="smaller">AMARCK</span> scheint -hauptsächlich durch die Schwierigkeit Arten und Varietäten von einander -zu unterscheiden, durch die fast ununterbrochene Stufen-Reihe der -Formen in manchen Organismen-Gruppen und durch die Analogie mit unsren -Züchtungs-Erzeugnissen zu jener Annahme geführt worden zu seyn. Was -die Mittel betrifft, wodurch die Umwandlung der Arten in einander -bewirkt werde, so schreibt er Einiges auf Rechnung der äusseren<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> -Lebens-Bedingungen, Einiges auf die einer Kreutzung der Formen und -leitet das Meiste von dem Gebrauche und Nichtgebrauche der Organe oder -von der Wirkung der Gewohnheit ab. Dieser letzten Kraft scheint er -all’ die schönen Anpassungen in der Natur zuzuschreiben, wie z. B. den -langen Hals der Giraffe, der sie in den Stand setzt, die Zweige grosser -Bäume abzuweiden. Doch nahm er zugleich ein Gesetz fortschreitender -Entwickelung an, und da hiernach alle Lebenformen fortzuschreiten -gestrebt, so war er, um von dem Daseyn sehr einfacher Natur-Erzeugnisse -auch in unsren Tagen Rechenschaft zu geben, noch eine Generatio -spontanea zu Hülfe zu rufen genöthigt<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p> - -<p>E<span class="smaller">TIENNE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span> -S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> vermuthete, wie sein Sohn in -dessen Lebens-Beschreibung berichtet, schon ums Jahr <i>1795</i>, dass -unsre sogenannten Species nur Ausartungen eines und des nämlichen -Typus seyen. Doch erst im Jahre <i>1828</i> veröffentlichte er seine -Überzeugung<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>, dass sich die Formen nicht in unveränderter Weise seit -dem Anfang der Dinge fortgepflanzt haben. G<span class="smaller">EOFFROY</span> scheint die -Ursache der Veränderungen hauptsächlich in dem „<i>Monde ambiant</i>“ -gesucht zu haben. Doch war er vorsichtig in dieser Beziehung, und -sein Sohn sagt: „<i>C’est donc un problème à réserver entièrement à -l’avenir, supposé même, que l’avenir doive avoir prise sur lui</i>“.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> - -<p>In <i>England</i> erklärte der Hochwürdige W. H<span class="smaller">ERBERT</span>, -nachheriger Dechant von <i>Manchester</i>, in seinem Werke über -die Amaryllidaceae (<i>1837</i>, S. 1, 19, 339), es seye durch -Hortikultur-Versuche unwiderlegbar dargethan, dass Pflanzen-Arten nur -eine höhere und beständigere Stufe von Varietäten seyen. Er dehnt die -nämliche Ansicht auch auf die Thiere aus. Der Dechant ist der Meinung, -dass anfangs nur einzelne Arten jeder Sippe von einer sehr bildsamen -Organisation geschaffen worden seyen, und dass diese sodann durch -Kreutzung und Abänderung alle unsre jetzigen Arten erzeugt haben.</p> - -<p>Im Jahre 1826 erklärte Professor G<span class="smaller">RANT</span> im Schluss-Paragraphen -seiner wohl-bekannten Abhandlung über Spongilla (<i>Edinburgh Philos. -Journ. XIV</i>, 283) seine Meinung ganz klar dahin, dass Arten von -andern Arten entstanden sind und nur durch fortdauernde Veränderungen -verbessert werden. Die nämliche Ansicht hat er auch <i>1834</i> im -„<i>Lancet</i>“ in seiner 55. Vorlesung wiederholt.</p> - -<p>Dann entwickelte P<span class="smaller">ATRICK</span> M<span class="smaller">ATTHEW</span> in seinem „<i>Naval Timber -and Arboriculture</i>“ seine Überzeugung über die Entstehung der Arten -ganz übereinstimmend mit der von W<span class="smaller">ALLACE</span> und mir selbst im -„<i>Linnean Journal</i>“ und in dem gegenwärtigen Bande gegebenen -Darstellung. Unglücklicher Weise jedoch schrieb M<span class="smaller">ATTHEW</span> seine -Ansicht nur in zerstreuten Sätzen in einem Werke über einen ganz -anderen Gegenstand nieder, so dass sie völlig unbeachtet blieb, bis -er selbst <i>1860</i> im <i>Gardeners Chronicle</i> vom 7. April die -Aufmerksamkeit darauf lenkte. Die Abweichungen seiner Ansicht von der -meinigen sind nicht von wesentlicher Bedeutung. Er scheint anzunehmen, -dass die Organismen-Welt der Erde in aufeinander-folgenden Zeiträumen -beinahe ausgestorben und diese dann wieder neu bevölkert worden ist, -und er gibt als eine Alternative, dass neue Formen erzeugt werden „ohne -die Anwesenheit eines Modells oder Keimes von früheren Aggregaten“. -Ich bin nicht gewiss, ob ich alle Stellen richtig verstehe; doch -scheint er grossen Werth auf die unmittelbare Wirkung der äussern -Lebens-Bedingungen zu legen. Er erkannte jedoch deutlich die volle -Bedeutung des Prinzips der Natürlichen Züchtung.<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> Auf einen Brief -(a. a. O. April 13.), in welchem ich M<span class="smaller">ATTHEW</span>’<span class="smaller">N</span> als meinen -Vorgänger anerkannte, entgegnete er mit edler Offenheit (a. a. O. -Mai 12.) unter Andern mit folgenden Worten: „dieses Natur-Gesetz bot -sich meinem Blicke wie eine für sich selbst klare Thatsache und nicht -in Folge darauf verwendeten Nachdenkens dar. D<span class="smaller">ARWIN</span> hat ein -weit grösseres Verdienst bei dieser Entdeckung; denn ich habe nicht -geglaubt eine Entdeckung zu machen. Er scheint es auf induktivem Wege -ausgemittelt zu haben, indem er langsam und mit der nöthigen Vorsicht -voranging und eine Thatsache an die andere reihete, — während mir -nur im Hinblick auf die Verfahrungs-Weise der Natur im Allgemeinen -die Wahlerzeugung der Arten vorkam wie eine a priori erkennbare -Thatsache, wie ein Axiom, das man nur auszusprechen brauche, um ihm -die Anerkennung eines jeden unbefangenen fähigen Beurtheilers zu -verschaffen.“</p> - -<p>R<span class="smaller">AFINESQUE</span> schreibt <i>1836</i> in seiner <i>New Flora of -North America</i>, <i>p.</i> 6, 18: „alle Arten mögen einmal blosse -Varietäten gewesen und viele Varietäten durch allmähliche Befestigung -ihrer Charaktere zu Species geworden seyn,“ — „mit Ausnahme jedoch des -Original-Typus oder Stammvaters jeder Sippe“.</p> - -<p>Im Jahre <i>1843–44</i> hat Professor H<span class="smaller">ALDEMAN</span> zu -<i>Boston</i> in den <i>Vereinten Staaten</i> die Gründe für und -gegen die Hypothese der Entwickelung und Umgestaltung der Arten -in angemessener Weise zusammengestellt (im <i>Journal of Natural -History</i>, <i>vol. IV</i>, <i>p.</i> 468) und scheint sich mehr zur -Ansicht für die Veränderlichkeit zu neigen.</p> - -<p>Die <i>Vestiges of Creation</i> sind zuerst <i>1844</i> erschienen. -In der zehnten sehr verbesserten Ausgabe (<i>1853</i>, <i>p.</i> 155) -sagt der ungenannte Verfasser: „das auf reichliche Erwägung gestützte -Ergebniss ist, dass die verschiedenen Reihen beseelter Wesen von den -einfachsten und ältesten an bis zu den höchsten und neuesten die unter -Gottes Vorsehung gebildeten Erzeugnisse sind 1) eines den Lebenformen -ertheilten Impulses, der sie in abgemessenen Zeiten auf dem Wege -der Generation von einer zur anderen Organisations-Stufe bis zu den -höchsten Dikotyledonen und Wirbelthieren erhebt, — welche Stufen -nur<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> wenige an Zahl und gewöhnlich durch Lücken in der organischen -Reihenfolge von einander geschieden sind, die eine praktische -Schwierigkeit bei Ermittelung der Verwandtschaften abgeben; — 2) -eines andren Impulses, welcher mit den Lebenskräften zusammenhängt und -im Laufe der Generationen die organischen Gebilde in Übereinstimmung -mit den äusseren Bedingungen, wie Nahrung, Wohnort und meteorische -Kräfte sind, abzuändern strebt: Diess sind die „Anpassungen des -Natural-Theologen“. Der Verfasser ist offenbar der Meinung, dass -die Organisation sich durch plötzliche Sprünge vervollkommne, die -Wirkungen der äusseren Lebens-Bedingungen aber stufenweise seyen. Er -folgert mit grossem Nachdruck aus allgemeinen Gründen, dass Arten keine -unveränderlichen Produkte seyen. Ich vermag jedoch nicht zu ersehen, -wie die unterstellten zwei „Impulse“ in einem wissenschaftlichen -Sinne Rechenschaft geben können von den zahlreichen und schönen -Zusammenpassungen, welche wir allerwärts in der ganzen Natur erblicken; -ich vermag nicht zu erkennen, dass wir dadurch zur Einsicht gelangen, -wie z. B. die Organisation des Spechtes seiner besondern Lebensweise -angepasst worden ist. Das Buch hat sich durch seinen glänzenden und -hinreissenden Styl sofort eine sehr weite Verbreitung errungen, obwohl -es in seinen früheren Auflagen ungenaue Kenntnisse und einen grossen -Mangel an wissenschaftlicher Vorsicht verrieth. Nach meiner Meinung hat -es vortreffliche Dienste dadurch geleistet, dass es in unsrem Lande die -Aufmerksamkeit auf den Gegenstand lenkte und Vorurtheile beseitigte.</p> - -<p>Im Jahre <i>1846</i> veröffentlichte der Veterane unter den Geologen, -<span class="smaller">D</span>’O<span class="smaller">MALIUS D</span>’H<span class="smaller">ALLOY</span>, in einem vortrefflichen kurzen Aufsatze -(im <i>Bulletin de l’Académie Roy. de Bruxelles</i>, <i>Tome XIII</i>, -<i>p.</i> 581) seine Meinung, dass es wahrscheinlicher seye, dass -neue Arten durch Descendenz mit Abänderung des alten Charakters -hervorgebracht, als einzeln geschaffen worden seyen; er hatte diese -Ansicht zuerst im Jahre <i>1831</i> aufgestellt.</p> - -<p>In Professor R. O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span> <i>Nature of Limbs</i>, <i>1849</i>, -<i>p.</i> 86 kommt folgende Stelle vor: „Die Grund-Idee war in der -Thier-Welt unseres Planeten in verschiedenen Modifikationen bereits -ausgesprochen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> lange vor dem Daseyn der sie jetzt erläuternden -Thier-Arten. Von welchen Natur-Gesetzen oder sekundären Ursachen -aber das ordnungsmässige Aufeinanderfolgen und Fortschreiten solcher -organischen Erscheinungen abhängig gewesen seye, Das ist uns bis -jetzt nicht bekannt geworden.“ In seiner Ansprache an die Britische -Gelehrten-Versammlung im Jahre <i>1858</i> spricht er (S. <span class="smaller">II</span>) -vom „Axiom der fortwährenden Thätigkeit der Schöpfungs-Kraft oder des -geordneten Werdens lebender Wesen“, — und fügt später (S. <span class="smaller">XC</span>) -mit Bezugnahme auf die geographische Verbreitung bei: „Diese -Erscheinungen erschüttern unser Vertrauen in die Annahme, dass der -Apteryx in <i>Neuseeland</i> und das rothe Waldhuhn in <i>England</i> -verschiedene Schöpfungen in und für die genannten Inseln allein seyen. -Auch darf man nicht vergessen, dass das Wort Schöpfung für den Zoologen -nur einen unbekannten Prozess bedeutet.“ O<span class="smaller">WEN</span> führt diese -Vorstellung dann weiter aus, indem er sagt, „wenn der Zoologe solche -Fälle, wie den vom rothen Waldhuhn als eine besondere Schöpfung des -Vogels auf und für eine einzelne Insel aufzählt, so will er damit eben -nur ausdrücken, dass er nicht begreife, wie derselbe dahin und eben nur -dahin gekommen seye, und dass er demzufolge beide, Insel wie Vogel, von -einer grossen ersten Schöpfungs-Kraft abzuleiten geneigt seye.“</p> - -<p>I<span class="smaller">SIDORE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> spricht in seinen im Jahre -<i>1850</i> gehaltenen Vorlesungen (von welchen ein Auszug in -<i>Revue et Magazin de Zoologie 1851, Jan.</i> erschien) seine -Meinung über Arten-Charaktere kürzlich dahin aus, dass sie „für jede -Art feststehen, so lange als sich dieselbe inmitten der nämlichen -Verhältnisse fortpflanze, dass sie aber abändern, sobald die äusseren -Lebens-Bedingungen wechseln“. Im Ganzen „zeigt die Beobachtung der -wilden Thiere schon die beschränkte Veränderlichkeit der Arten. Die -Versuche mit gezähmten wilden Thieren und mit verwilderten Hausthieren -zeigen Diess noch deutlicher. Dieselben Versuche beweisen auch, dass -die hervorgebrachten Verschiedenheiten vom Werthe derjenigen seyn -können, durch welche wir Sippen unterscheiden“. In seiner <i>Histoire -naturelle générale</i> (<i>1859</i>, <i>II</i>, 430) gelangt er zu -ähnlichen Folgerungen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> - -<p>Aus einer unlängst erschienenen Veröffentlichung scheint hervorzugehen, -dass Dr. F<span class="smaller">REKE</span> schon im Jahre <i>1851</i> (<i>Dublin Medical -Press p.</i> 322) die Lehre aufgestellt, dass alle organischen Wesen -von <em class="gesperrt">einer</em> Urform abstammen. Seine Gründe und Behandlung des -Gegenstandes sind aber von den meinigen gänzlich verschieden, und da -sein „<i>Origin of Species by means of organic affinity 1861</i>“ jetzt -erschienen ist, so dürfte mir der schwierige Versuch, eine Darstellung -seiner Ansicht zu geben, wohl erlassen werden.</p> - -<p>H<span class="smaller">ERBERT</span> S<span class="smaller">PENCER</span> hat in einem Versuche (welcher zuerst im -<i>Leader</i> vom März <i>1852</i> und später in S<span class="smaller">PENCER</span>’<span class="smaller">S</span> -<i>Essays 1858</i> erschien) die Theorie der Schöpfung und die der -Entwickelung organischer Wesen in vorzüglich geschickter und wirksamer -Weise einander gegenüber gestellt. Er folgert aus der Analogie mit den -Züchtungs-Erzeugnissen, aus den Veränderungen, welchen die Embryonen -vieler Arten unterliegen, aus der Schwierigkeit Arten und Varietäten -zu unterscheiden, so wie endlich aus dem Prinzip einer allgemeinen -Stufenfolge in der Natur, dass Arten abgeändert worden sind, und -schreibt diese Abänderung dem Wechsel der Umstände zu. Derselbe -Verfasser hat <i>1855</i> die Psychologie nach dem Prinzip einer -nothwendig stufenweisen Erwerbung jeder geistigen Kraft und Fähigkeit -bearbeitet.</p> - -<p>Im Jahre <i>1852</i> hat N<span class="smaller">AUDIN</span>, ein ausgezeichneter Botaniker -(in der <i>Revue horticole, p.</i> 102) ausdrücklich erklärt, dass -nach seiner Ansicht Arten in analoger Weise von der Natur, wie -Varietäten durch die Kultur, gebildet worden seyen. Er zeigt aber -nicht, wie die Züchtung in der Natur vor sich geht. Er nimmt wie -Dechant H<span class="smaller">ERBERT</span> an, dass die Arten anfangs bildsamer waren -als jetzt, legt Gewicht auf sein sogenanntes Prinzip der Finalilät, -„eine unbestimmte geheimnissvolle Kraft, gleich-bedeutend mit blinder -Vorbestimmung für die Einen, mit Wille der Vorsehung für die Andern, -durch deren unausgesetzten Einfluss auf die lebenden Wesen in allen -Weltaltern die Form, der Umfang und die Dauer eines jeden derselben -je nach seiner Bestimmung in der Ordnung der Dinge, wozu es gehört, -bedingt wird. Es ist diese Kraft, welche jedes Glied mit dem Ganzen in -Harmonie bringt, indem sie dasselbe der Verrichtung anpasst, die es<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> -im Gesammt-Organismus der Natur zu übernehmen hat, einer Verrichtung, -welche für dasselbe Grund des Daseyns ist“<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p> - -<p>Im Jahre <i>1853</i> hat ein berühmter Geologe, Graf -K<span class="smaller">EYSERLING</span> (im <i>Bulletin de la Société géologique, tome X, -p.</i> 357) die Meinung vorgebracht, dass zu verschiedenen Zeiten eine -Art Seuche durch irgend welches Miasma veranlasst, sich über die Erde -verbreitet und auf die Keime der bereits vorhandenen Arten chemisch -eingewirkt habe, indem sie dieselben mit irgend welchen Molekülen -von besonderer Natur umgab und hiedurch die Entstehung neuer Formen -veranlasste!</p> - -<p>Im nämlichen Jahre <i>1853</i> lieferte auch Dr. S<span class="smaller">CHAAFFHAUSEN</span> -einen Aufsatz in die Verhandlungen des naturhistorischen Vereins -der Preuss. Rhein-Lande, worin er die fortschreitende Entwickelung -organischer Formen auf der Erde behauptet. Er nimmt an, dass viele -Arten sich lange Zeiträume hindurch unverändert erhalten haben, während -andere Abänderungen erlitten. Das Auseinanderweichen der Arten ist -nach ihm durch die Zerstörung der Zwischenstufen zu erklären. „Lebende -Pflanzen und Thiere sind daher von den untergegangenen nicht als neue -Schöpfungen verschieden, sondern vielmehr als deren Nachkommen in Folge -unausgesetzter Fortpflanzung zu betrachten.“</p> - -<p>Ein wohl-bekannter französischer Botaniker, L<span class="smaller">ECOQ</span>, schreibt -<i>1854</i> in seinen <i>Études sur la géographie botanique I</i>, -250: „man sieht dass unsre Untersuchungen über die Stetigkeit und -Veränderlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> der Arten uns geradezu auf die von G<span class="smaller">EOFFROY</span> -S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> und G<span class="smaller">ÖTHE</span> ausgesprochenen Vorstellungen -führen“. Einige andere in dem genannten Werke zerstreute Stellen lassen -uns jedoch darüber im Zweifel, wie weit L<span class="smaller">ECOQ</span> selbst diesen -Vorstellungen zugethan seye.</p> - -<p>Die „Philosophie der Schöpfung“ ist <i>1855</i> in bewundernswürdiger -Weise durch den Hochwürdigen B<span class="smaller">ADEN</span>-P<span class="smaller">OWELL</span> (in seinen -<i>Essays on the Unity of Worlds</i>) behandelt worden. Er zeigt auf’s -treffendste, dass die Einführung neuer Arten „eine regelmässige und -nicht eine zufällige Erscheinung“ oder, wie Sir J<span class="smaller">OHN</span> H<span class="smaller">ERSCHEL</span> -es ausdrückt, „eine Natur- im Gegensatze einer Wunder-Erscheinung“ ist.</p> - -<p>Aufsätze von Herrn W<span class="smaller">ALLACE</span> und mir selbst im dritten Theile -des <i>Journal of the Linnean Society</i> (August <i>1858</i>) stellen -zuerst, wie in der Einleitung zu diesem Bande gesagt wird, die Theorie -der Natürlichen Züchtung auf.</p> - -<p>V<span class="smaller">ON</span> B<span class="smaller">AER</span>, der bei allen Zoologen in höchster Achtung steht, -drückte im Jahre <i>1849</i> seine hauptsächlich auf die Gesetze der -geographischen Verbreitung gegründete Überzeugung dahin aus, dass jetzt -vollständig verschiedene Formen von je einer gemeinsamen Stamm-Form -herrühren (R<span class="smaller">UD.</span> W<span class="smaller">AGNER</span> zoolog.-anthropolog. Untersuchungen -<i>1861</i>, S. 51).</p> - -<p>Im Jahre <i>1859</i> hielt Professor H<span class="smaller">UXLEY</span> einen Vortrag vor -der Royal Institution über den bleibenden Typus des Thier-Lebens. In -Bezug auf derartige Fälle bemerkt er: „Es ist schwierig die Bedeutung -solcher Thatsachen zu begreifen, wenn wir voraussetzen, dass jede -Pflanzen- und Thier-Art oder jeder grosse Organisations-Typus nach -langen Zwischenzeiten durch je einen besondern Akt der Schöpfungs-Kraft -gebildet und auf die Erd-Oberfläche versetzt worden seye; und man -muss nicht vergessen, dass eine solche Annahme weder in der Tradition -noch in der Offenbarung eine Stütze findet, wie sie denn auch der -allgemeinen Analogie in der Natur zuwider ist. Betrachten wir -anderseits die „persistenten Typen“ in Bezug auf die Hypothese, wornach -die zu irgend einer Zeit vorhandenen Wesen das Ergebniss allmählicher -Abänderung schon früherer Wesen sind — eine Hypothese, welche, wenn -auch<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> unerwiesen und auf klägliche Weise von einigen ihrer Anhänger -verkümmert, doch die einzige ist, der die Physiologie einigen Halt -verleiht —, so scheint das Daseyn dieser Typen zu zeigen, dass das -Maass der Abänderung, welche lebende Wesen während der geologischen -Zeit erfahren haben, sehr gering ist im Vergleich zu der ganzen Reihe -von Veränderungen, welchen sie ausgesetzt gewesen sind.“</p> - -<p>Im Dezember <i>1859</i> veröffentlichte Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> seine -bewundernswürdige Einleitung in die Tasmanische Flora, in deren -erstem Theile er die Entstehung der Arten durch Abkommenschaft und -Umänderung von andern zugesteht und diese Lehre durch viele schätzbare -Original-Beobachtungen unterstützt.</p> - -<p>Im November <i>1859</i> erschien die erste Ausgabe dieses Werkes, im -Januar <i>1860</i> die zweite, im April <i>1861</i> die dritte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2> - -</div> - -<p>Als ich an Bord des Königlichen Schiffs „<i>Beagle</i>“ als -Naturforscher <i>Südamerika</i> erreichte, ward ich überrascht von -der Wahrnehmung gewisser Thatsachen in der Vertheilung der Bewohner -und in den geologischen Beziehungen zwischen der jetzigen und der -früheren Bevölkerung dieses Welttheils. Diese Thatsachen schienen mir, -wie sich aus dem letzten Kapitel dieses Bandes ergeben wird, einiges -Licht über die Entstehung der Arten zu verbreiten, diess Geheimniss der -Geheimnisse, wie es einer unsrer grössten Philosophen genannt hat. Nach -meiner Heimkehr im Jahre <i>1837</i> schien es mir, dass sich etwas -über diese Frage müsse ermitteln lassen durch ein geduldiges Sammeln -und Erwägen aller Arten von Thatsachen, welche möglicher Weise etwas zu -deren Aufklärung beitragen könnten. Nachdem ich Diess fünf Jahre lang -gethan, getraute ich mich erst eingehender über die Sache nachzusinnen -und einige kurze Bemerkungen darüber niederzuschreiben, welche ich im -Jahre <i>1844</i> weiter ausführte, indem ich die Schlussfolgerungen -hinzufügte, welche sich mir als wahrscheinlich ergaben, und von -dieser Zeit an war ich mit beharrlicher Verfolgung des Gegenstandes -beschäftigt. Ich hoffe, dass man die Anführung dieser auf meine Person -bezüglichen Einzelnheiten entschuldigen wird: sie sollen zeigen, dass -ich nicht übereilt zu einem Entschlusse gelangt bin.</p> - -<p>Mein Werk ist nun nahezu vollendet; aber ich will mir noch zwei oder -drei weitere Jahre Zeit lassen, um es zu ergänzen; und da meine -Gesundheit keineswegs fest ist, so sah ich mich zur Veröffentlichung -dieses Auszugs gedrängt. Ich sah mich noch um so mehr dazu veranlasst, -als Herr W<span class="smaller">ALLACE</span> beim Studium der Naturgeschichte der -<i>Malayischen</i> Inselwelt zu fast genau<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> denselben allgemeinen -Schlussfolgerungen über die Arten-Bildung gelangt ist. Im Jahre -<i>1858</i> sandte er mir eine Abhandlung darüber mit der Bitte -zu, sie Herrn C<span class="smaller">HARLES</span> L<span class="smaller">YELL</span> zuzustellen, welcher sie der -L<span class="smaller">INNÉ</span>ischen Gesellschaft übersandte, in deren Journal sie -nun im dritten Bande abgedruckt worden ist. Herr L<span class="smaller">YELL</span> -sowohl als Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>, welche beide meine Arbeit kennen -(der letzte hat meinen Entwurf von <i>1844</i> gelesen), beehrten -mich indem sie den Wunsch ausdrückten, ich möge einen kurzen Auszug -aus meinen Handschriften zugleich mit W<span class="smaller">ALLACE</span>’<span class="smaller">S</span> Abhandlung -veröffentlichen.</p> - -<p>Dieser Auszug, welchen ich hiemit der Lesewelt vorlege, muss -nothwendig unvollkommen seyn. Er kann keine Belege und Autoritäten -für meine verschiedenen Feststellungen beibringen, und ich muss den -Leser ansprechen einiges Vertrauen in meine Genauigkeit zu setzen. -Zweifelsohne mögen Irrthümer mit untergelaufen seyn; doch glaube ich -mich überall nur auf verlässige Autoritäten berufen zu haben. Ich -kann hier überall nur die allgemeinen Schlussfolgerungen anführen, zu -welchen ich gelangt bin, in Begleitung von nur wenigen erläuternden -Thatsachen, die aber, wie ich hoffe, in den meisten Fällen genügen -werden. Niemand kann mehr als ich selber die Nothwendigkeit fühlen, -alle Thatsachen, auf welche meine Schlussfolgerungen sich stützen, mit -ihren Einzelnheiten bekannt zu machen, und ich hoffe Diess in einem -künftigen Werke zu thun. Denn ich weiss wohl, dass kaum ein Punkt -in diesem Buche zur Sprache kommt, zu welchem man nicht Thatsachen -anführen könnte, die oft zu gerade entgegengesetzten Folgerungen zu -führen scheinen. Ein richtiges Ergebniss lässt sich aber nur dadurch -erlangen, dass man alle Erscheinungen und Gründe zusammenstellt, welche -für und gegen jede einzelne Frage sprechen, und sie dann sorgfältig -gegen einander abwägt, und Diess kann nicht wohl hier geschehen.</p> - -<p>Ich muss bedauern nicht Raum zu finden, um so vielen Naturforschern -meine Erkenntlichkeit für die Unterstützung auszudrücken, die sie -mir, mitunter ihnen persönlich ganz unbekannt, in uneigennütziger -Weise zu Theil werden liessen. Doch kann ich diese Gelegenheit nicht -vorübergehen lassen, ohne wenigstens<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> die grosse Verbindlichkeit -anzuerkennen, welche ich Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">N</span> dafür schulde, dass er -mich in den letzten fünfzehn Jahren in jeder möglichen Weise durch -seine reichen Kenntnisse und sein ausgezeichnetes Urtheil unterstützt -hat.</p> - -<p>Wenn ein Naturforscher über die Entstehung der Arten nachdenkt, -so ist es wohl begreiflich, dass er in Erwägung der gegenseitigen -Verwandtschafts-Verhältnisse der Organismen, ihrer embryonalen -Beziehungen, ihrer geographischen Verbreitung, ihrer geologischen -Aufeinanderfolge und andrer solcher Thatsachen zu dem Schlusse gelangen -könne, dass jede Art nicht unabhängig von andern erschaffen seye, -sondern nach der Weise der Varietäten von andern Arten abstamme. -Demungeachtet dürfte eine solche Schlussfolgerung, selbst wenn sie -richtig wäre, kein Genüge leisten, so lange nicht nachgewiesen werden -kann, auf welche Weise die zahllosen Arten, welche jetzt unsre -Erde bewohnen, so abgeändert worden seyen, dass sie die jetzige -Vollkommenheit des Baues und der Anpassung für ihre jedesmaligen -Lebens-Verhältnisse erlangten, welche mit Recht unsre Bewunderung -erregen. Die Naturforscher verweisen beständig auf die äusseren -Bedingungen, wie Klima, Nahrung u. s. w. als die einzigen möglichen -Ursachen ihrer Abänderung. In einem sehr beschränkten Sinne kann, -wie wir später sehen werden, Diess wahr seyn. Aber es wäre verkehrt, -lediglich äusseren Ursachen z. B. die Organisation des Spechtes, die -Bildung seines Fusses, seines Schwanzes, seines Schnabels und seiner -Zunge zuschreiben zu wollen, welche ihn so vorzüglich befähigen, -Insekten unter der Rinde der Bäume hervorzuholen. Eben so wäre es -verkehrt, bei der Mistel-Pflanze, die ihre Nahrung aus gewissen Bäumen -zieht, und deren Saamen von gewissen Vögeln ausgestreut werden müssen, -wie ihre Blüthen, welche getrennten Geschlechtes sind, die Thätigkeit -gewisser Insekten zur Übertragung des Pollens von der männlichen -auf die weibliche Blüthe voraussetzen, — es wäre verkehrt, die -organische Einrichtung dieses Parasiten mit seinen Beziehungen zu jenen -verschiedenerlei organischen Wesen als eine Wirkung äussrer Ursachen -oder der Gewohnheit oder des Willens der Pflanze selbst anzusehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> - -<p>Es ist daher von der grössten Wichtigkeit eine klare Einsicht in die -Mittel zu gewinnen, durch welche solche Umänderungen und Anpassungen -bewirkt werden. Beim Beginne meiner Beobachtungen schien es mir -wahrscheinlich, dass ein sorgfältiges Studium der Hausthiere und -Kultur-Pflanzen die beste Aussicht auf Lösung dieser schwierigen -Aufgabe gewähren würde. Und ich habe mich nicht getäuscht, sondern -habe in diesem wie in allen andern verwickelten Fällen immer gefunden, -dass unsre Erfahrungen über die im gezähmten und angebauten Zustande -erfolgenden Veränderungen der Lebenwesen immer den besten und -sichersten Aufschluss gewähren. Ich stehe nicht an, meine Überzeugung -von dem hohen Werthe solcher von den Naturforschern gewöhnlich sehr -vernachlässigten Studien auszudrücken.</p> - -<p>Aus diesem Grunde widme ich denn auch das erste Kapitel dieses -Auszugs der Abänderung im Kultur-Zustande. Wir werden daraus ersehen, -dass erbliche Abänderungen in grosser Ausdehnung wenigstens möglich -sind, und, was nicht minder wichtig, dass das Vermögen des Menschen, -geringe Abänderungen durch deren ausschliessliche Auswahl zur -Nachzucht, d. h. durch <em class="gesperrt">künstliche Züchtung</em><a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> zu häufen, sehr -beträchtlich ist. Ich werde dann zur Veränderlichkeit der Lebenwesen im -Natur-Zustande übergehen; doch bin ich unglücklicher Weise genöthigt -diesen Gegenstand viel zu kurz abzuthun, da er angemessen eigentlich -nur durch Mittheilung langer Listen von Thatsachen behandelt werden -kann. Wir werden demungeachtet im Stande seyn zu erörtern, was für -Umstände die Abänderung am meisten befördern. Im nächsten Abschnitte -soll der <em class="gesperrt">Kampf um’s Daseyn</em> unter den organischen Wesen der -ganzen Welt abgehandelt werden, welcher unvermeidlich aus ihrem hoch -geometrischen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Zunahme-Vermögen hervorgeht. Es ist Diess die Lehre von -M<span class="smaller">ALTHUS</span> auf das ganze Thier- und Pflanzen-Reich angewendet. Da -viel mehr Einzelwesen jeder Art geboren werden, als fortleben können, -und demzufolge das Ringen um Existenz beständig wiederkehren muss, so -folgt daraus, dass ein Wesen, welches in irgend einer für dasselbe -vortheilhafteren Weise von den übrigen auch nur etwas abweicht, unter -manchfachen und oft veränderlichen Lebens-Bedingungen mehr Aussicht -auf Fortdauer hat und demnach bei der <em class="gesperrt">Natürlichen Züchtung</em> im -Vortheil ist. Eine solche zur Nachzucht ausgewählte Varietät strebt -dann nach dem strengen Erblichkeits-Gesetze jedesmal seine neue und -abgeänderte Form fortzupflanzen.</p> - -<p>Diese Natürliche Züchtung ist ein Hauptgegenstand, welcher im vierten -Kapitel etwas weitläufiger abgehandelt werden soll; und wir werden -dann finden, wie die Natürliche Züchtung gewöhnlich die unvermeidliche -Veranlassung zum Erlöschen minder geeigneter Lebenformen wird und -herbeiführt, was ich <em class="gesperrt">Divergenz des Charakters</em><a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> genannt habe. -Im nächsten Abschnitte werden die zusammengesetzten und wenig bekannten -Gesetze der Abänderung und der Wechselbeziehungen in der Entwickelung -besprochen. In den vier folgenden Kapiteln sollen die auffälligsten und -bedeutendsten Schwierigkeiten unsrer Theorie angegeben werden, und zwar -erstens die Schwierigkeiten der Übergänge, oder wie es zu begreifen -ist, dass ein einfaches Wesen oder Organ verwandelt und in ein höher -entwickeltes Wesen oder ein höher ausgebildetes Organ umgestaltet -werden kann; zweitens der Instinkt oder die geistigen Fähigkeiten der -Thiere; drittens die Kreutzung oder die Unfruchtbarkeit der gekreutzten -Species und die Fruchtbarkeit der gekreutzten Varietäten; und viertens -die Unvollkommenheit der geologischen Urkunde. Im nächsten Abschnitte -werde ich die geologische Aufeinanderfolge der Organismen in der Zeit -betrachten; im eilften und zwölften deren geographische Verbreitung -im Raume; im dreizehnten ihre Klassifikation und gegenseitigen -Verwandtschaften im reifen wie im Embryo-Zustande.<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Im letzten -Abschnitte endlich werde ich eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes -des ganzen Werkes mit einigen Schluss-Bemerkungen geben.</p> - -<p>Darüber, dass noch so Vieles über die Entstehung der Arten und -Varietäten unerklärt bleibe, wird sich niemand wundern, wenn er unsre -tiefe Unwissenheit hinsichtlich der Wechselbeziehungen all’ der um -uns her lebenden Wesen in Betracht zieht. Wie kann man erklären, -dass eine Art in grosser Anzahl und weiter Verbreitung vorkömmt, -während ihre nächste Verwandte selten und auf engen Raum beschränkt -ist? Und doch sind diese Beziehungen von der höchsten Wichtigkeit, -insoferne sie die gegenwärtige Wohlfahrt und, wie ich glaube, das -künftige Gedeihen und die Modifikationen eines jeden Bewohners der -Welt bedingen. Aber noch viel weniger Kenntniss haben wir von den -Wechselbeziehungen der unzähligen Bewohner dieser Erde während der -zahlreichen Perioden ihrer einstigen Bildungs-Geschichte. Wenn daher -auch noch Vieles dunkel ist und noch lange dunkel bleiben wird, so -zweifle ich nach den sorgfältigsten Studien und dem unbefangensten -Urtheile, dessen ich fähig bin, doch nicht daran, dass die Meinung, -welche die meisten Naturforscher hegen und auch ich lange gehabt habe, -als wäre nämlich jede Species unabhängig von den übrigen erschaffen -worden, eine irrthümliche sey. Ich bin vollkommen überzeugt, dass -die Arten nicht unveränderlich sind; dass die zu einer sogenannten -Sippe<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> zusammengehörigen Arten in einer Linie von anderen gewöhnlich -erloschenen Arten abstammen in der nämlichen Weise, wie die anerkannten -Varietäten einer Art Abkömmlinge dieser Species sind. Endlich bin ich -überzeugt, dass Natürliche Züchtung das hauptsächlichste wenn auch -nicht einzige Mittel zu Abänderung der Lebenformen gewesen ist.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br /> - -<b>Abänderung durch Domestizität.</b></h2> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit. -Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter -Varietäten. Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten. -Entstehung kultivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme -Tauben, ihre Verschiedenheiten und Entstehung. Früher stattgefundene -Züchtung und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste Züchtung. -Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für -das Züchtungs-Vermögen des Menschen.</p> -</div> - -<p>Wenn wir die Einzelwesen einer Varietät oder Untervarietät unsrer -alten Kultur-Pflanzen und -Thiere betrachten, so ist einer der -Punkte, die uns zuerst auffallen, dass sie im Allgemeinen mehr von -einander abweichen, als die Einzelwesen einer Art oder Varietät -im Natur-Zustande. Erwägen wir nun die grosse Manchfaltigkeit der -Kultur-Pflanzen und -Thiere, welche sich zu allen Zeiten unter den -verschiedensten Klimaten und Behandlungs-Weisen abgeändert haben, -so glaube ich sind wir zum Schlusse gedrängt, dass diese grössere -Veränderlichkeit unsrer Kultur-Erzeugnisse die Wirkung minder -einförmiger und von den natürlichen der Stamm-Ältern etwas abweichender -Lebens-Bedingungen ist. Auch hat, wie mir scheint, A<span class="smaller">NDREW</span> -K<span class="smaller">NIGHT</span>’<span class="smaller">S</span> Meinung, dass diese Veränderlichkeit zum Theil mit -überflüssiger Nahrung zusammenhänge, einige Wahrscheinlichkeit für -sich. Es scheint ferner ganz klar zu seyn, dass die organischen Wesen -einige Generationen hindurch neuen Lebens-Bedingungen ausgesetzt -seyn müssen, ehe ein bemerkliches Maass von Veränderung in ihnen -hervortreten kann, und dass, wenn ihre Organisation einmal abzuändern -begonnen hat, diese Abänderung gewöhnlich durch viele Generationen -fortwährt. Man kennt keinen Fall, dass ein veränderliches Wesen -im Kultur-Zustande aufgehört hätte veränderlich zu seyn. Unsre -ältesten Kultur-Pflanzen,<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> wie der Weitzen z. B., geben oft noch neue -Varietäten, und unsre ältesten Hausthiere sind noch immer rascher -Umänderung oder Veredelung fähig.</p> - -<p>Man hat darüber gestritten, in welchem Lebens-Alter die Ursachen -der Abänderungen, worin sie immer bestehen mögen, wirksam zu seyn -pflegen, ob in der ersten, oder in der letzten Zeit der Entwickelung -des Embryos, oder im Augenblicke der Empfängniss. G<span class="smaller">EOFFROY</span> -S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span>’<span class="smaller">S</span> Versuche ergeben, dass eine unnatürliche Behandlung -des Embryos Monstrositäten erzeuge, und Monstrositäten können durch -keinerlei scharfe Grenzlinie von Varietäten unterschieden werden. Doch -bin ich sehr zu vermuthen geneigt, dass die häufigste Ursache zur -Abänderung in Einflüssen zu suchen seye, welche das männliche oder -weibliche reproduktive Element schon vor dem Akte der Befruchtung -erfahren hat. Ich habe verschiedene Gründe für diese Meinung; doch -liegt der Hauptgrund in den bemerkenswerthen Folgen, welche Einsperrung -oder Anbau auf die Verrichtungen des reproduktiven Systemes äussern, -indem nämlich dieses System viel empfänglicher für die Wirkung irgend -eines Wechsels in den Lebens-Bedingungen als jeder andere Theil der -Organisation zu seyn scheint. Nichts ist leichter, als ein Thier zu -zähmen, und wenige Dinge sind schwieriger, als es in der Gefangenschaft -zu einer freiwilligen Fortpflanzung zu veranlassen in den zahlreichen -Fällen sogar, wo man Männchen und Weibchen bis zur Paarung bringt. Wie -viele Thiere wollen sich nicht fortpflanzen, obwohl sie schon lange -in nicht sehr enger Gefangenschaft in ihrer Heimath-Gegend leben! Man -schreibt Diess gewöhnlich verdorbenen Naturtrieben zu; allein wie viele -Kultur-Pflanzen gedeihen in der äussersten Kraft-Fülle, ohne jemals -oder fast jemals Samen anzusetzen! In einigen wenigen solchen Fällen -hat man herausgefunden, dass sehr unbedeutende Verhältnisse, wie etwas -mehr oder weniger Wasser zu einer gewissen Zeit des Wachsthums für oder -gegen die Samen-Bildung entscheidend wird. Ich kann hier nicht eingehen -in die zahlreichen Einzelheiten, die ich über diese merkwürdige Frage -gesammelt; um aber zu zeigen, wie eigenthümlich die Gesetze sind, -welche die<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Fortpflanzung der Thiere in Gefangenschaft bedingen, will -ich nur anführen, dass Raubthiere selbst aus den Tropen-Gegenden sich -bei uns auch in Gefangenschaft ziemlich gerne fortpflanzen, doch mit -Ausnahme der Sohlengänger oder der Bären-Familie, welche nur selten -Junge erzeugen, während Fleisch-fressende Vögel nur in den seltensten -Fällen oder fast niemals fruchtbare Eier legen. Viele ausländische -Pflanzen haben ganz werthlosen Pollen genau in demselben Zustande, wie -die meist unfruchtbaren Bastard-Pflanzen. Wenn wir auf der einen Seite -Hausthiere und Kultur-Pflanzen oft selbst in schwachem und krankem -Zustande sich in der Gefangenschaft ganz freiwillig fortpflanzen sehen, -während auf der andern Seite jung eingefangene Individuen, vollkommen -gezähmt, Geschlechts-reif und kräftig (wovon ich viele Beispiele -anführen kann), in ihrem Reproduktiv-Systeme durch nicht wahrnehmbare -Ursachen so angegriffen erscheinen, dass sie sich nicht zu befruchten -vermögen, so dürfen wir uns um so weniger darüber wundern, wenn dieses -System in der Gefangenschaft in nicht ganz regelmässiger Weise wirkt -und eine Nachkommenschaft erzeugt, welche den Ältern nicht vollkommen -ähnlich oder welche veränderlich ist.</p> - -<p>Man hat Unfruchtbarkeit als den Untergang des Gartenbaues bezeichnet; -aber Variabilität entsteht aus derselben Ursache wie Sterilität, -und Variabilität ist die Quelle all der ausgesuchtesten Erzeugnisse -unsrer Gärten. Ich möchte hinzufügen, dass, wenn einige Organismen -(wie die in Kästen gehaltenen Kaninchen und Frettchen) sich unter den -unnatürlichsten Verhältnissen fortpflanzen, Diess nur beweiset, dass -ihr Reproduktions-System dadurch nicht angegriffen worden ist; und so -widerstreben einige Thiere und Pflanzen der Veränderung durch Zähmung -oder Kultur und erfahren nur sehr geringe Abänderung, vielleicht kaum -eine stärkere als im Natur-Zustande.</p> - -<p>Man könnte eine lange Liste von Spielpflanzen (Sporting plants) -aufstellen, mit welchem Namen die Gärtner einzelne Knospen oder -Sprossen bezeichnen, welche plötzlich einen neuen und von der -übrigen Pflanze oft sehr abweichenden Charakter annehmen. Solche -Pflanzen kann man durch Propfen und oft<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> mittelst Samen fortpflanzen. -Diese Spielpflanzen sind in der Natur ausserordentlich selten, im -Kultur-Zustande aber nichts Ungewöhnliches, und wir sehen in diesem -Falle, dass die abweichende Behandlung der Mutterpflanze die Knospe -oder den Sprossen, nicht aber das Ei’chen oder den Pollen berührt -hat. Die meisten Physiologen sind aber der Meinung, dass zwischen -einer Knospe und einem Ei’chen auf ihrer ersten Bildungs-Stufe kein -wesentlicher Unterschied ist, so dass die Spielpflanzen in der That -meiner Meinung zur Stütze gereichen, dass die Veränderlichkeit -grossentheils von Einflüssen herzuleiten seye, welche die Behandlung -der Mutterpflanze auf das Ei’chen oder den Pollen oder auf beide schon -vor dem Befruchtungs-Akte ausgeübt hat. Diese Fälle zeigen dann auch, -dass Abänderung nicht, wie einige Autoren angenommen, nothwendig mit -dem Generations-Akte zusammenhänge.</p> - -<p>Sämlinge von derselben Frucht erzogen oder Junge von einem Wurfe -weichen oft weit von einander ab, obwohl die Jungen und die Alten, wie -M<span class="smaller">ÜLLER</span> bemerkt, offenbar genau denselben Lebens-Bedingungen -ausgesetzt gewesen; und es ergibt sich daraus, wie unerheblich die -unmittelbaren Wirkungen der Lebens-Bedingungen im Vergleiche zu den -Gesetzen der Reproduktion, der Wechselbeziehungen des Wachsthums und -der Erblichkeit sind; denn wäre die Wirkung der Lebens-Bedingungen -in dem Falle, wo nur ein Junges abändert, eine unmittelbare gewesen, -so würden zweifelsohne alle Jungen dieselben Abänderungen zeigen. Es -ist sehr schwer zu beurtheilen, wie viel bei einer solchen Abänderung -dem unmittelbaren Einflusse der Wärme, der Feuchtigkeit, des Lichtes -und der Nahrung im Einzelnen zuzuschreiben seye; ich halte mich aber -überzeugt, dass solche Kräfte bei Thieren nur sehr wenig unmittelbaren -Erfolg haben können, während derselbe bei Pflanzen offenbar grösser -ist. In dieser Beziehung sind B<span class="smaller">UCKMAN</span>’<span class="smaller">S</span> neuere Versuche mit -Pflanzen von grossem Werthe. Wenn alle oder fast alle Einzelnwesen, -welche den nämlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, auch auf dieselbe -Weise abgeändert werden, so scheint diese Wirkung anfangs jenen -Einflüssen unmittelbar zugeschrieben werden zu müssen;<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> es lässt -sich aber in einigen Fällen nachweisen, dass ganz entgegengesetzte -Bedingungen ähnliche Veränderungen des Baues bewirken können. -Demungeachtet glaube ich, dass ein kleiner Betrag der stattfindenden -Umänderung der unmittelbaren Einwirkung der Lebens-Bedingungen -zugeschrieben werden kann, wie in einigen Fällen die veränderte -Grösse von der Nahrungs-Menge, die Färbung von besonderen Arten der -Nahrung und vom Lichte, und vielleicht die Dichte des Pelzes vom Klima -ableitbar ist.</p> - -<p>Auch Gewöhnung hat einen entschiedenen Einfluss, wie die Versetzung -von Pflanzen aus einem Klima ins andere deren Blüthe-Zeit ändert. -Bei Thieren ist er bemerkbarer; ich habe bei der Haus-Ente gefunden, -dass die Flügel-Knochen leichter und die Bein-Knochen schwerer im -Verhältniss zum ganzen Skelette sind als bei der wilden Ente; und ich -glaube, dass man diese Veränderung getrost dem Umstande zuschreiben -kann, dass die zahme Ente weniger fliegt und mehr geht, als bei dieser -Enten-Art in ihrem wilden Zustande der Fall ist. Die erbliche stärkere -Entwickelung der Euter bei Kühen und Geisen in solchen Gegenden, wo -sie regelmässig gemelkt werden, im Verhältnisse zu andern, wo es -nicht der Fall, ist ein anderer Beleg dafür. Es gibt keine Art von -Haus-Säugethieren, welche nicht in dieser oder jener Gegend hängende -Ohren hätte, und so ist die Meinung, die irgend ein Schriftsteller -geäussert, dass dieses Hängendwerden der Ohren vom Nichtgebrauch der -Ohr-Muskeln herrühre, weil das Thier sich nicht mehr durch drohende -Gefahren beunruhigt fühle, ganz wahrscheinlich.</p> - -<p>Es gibt nun viele Gesetze, welche die Veränderungen regeln, von -welchen einige wenige sich dunkel erkennen lassen, und die nachher -noch kürzlich erwähnt werden sollen. Hier will ich nur anführen, -was man <em class="gesperrt">Wechselbeziehung der Entwicklung</em> nennen kann. Eine -Veränderung in Embryo oder Larve wird sicherlich meistens auch -Veränderungen im reifen Thiere nach sich ziehen. Bei Monstrositäten -sind die Wechselbeziehungen zwischen ganz verschiedenen Theilen des -Körpers sehr sonderbar, und I<span class="smaller">SIDORE</span> -G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> führt -davon viele Belege in seinem grossen Werke an. Viehzüchter glauben, -dass verlängerte Beine gewöhnlich<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> auch von einem verlängerten Kopfe -begleitet sind. Einige Beispiele erscheinen ganz wunderlicher Art; so, -dass ganz weisse Katzen mit blauen Augen allezeit taub sind. Farbe und -Eigenthümlichkeiten der Konstitution sind mit einander in Verbindung, -wovon sich viele merkwürdige Fälle bei Pflanzen und Thieren anführen -lassen. Aus den von H<span class="smaller">EUSINGER</span> gesammelten Thatsachen geht -hervor, dass weisse Schaafe und Schweine von gewissen Pflanzen-Giften -ganz anders als die dunkel-farbigen berührt werden. Professor -W<span class="smaller">YMAN</span> hat mir kürzlich einen sehr belehrenden Fall dieser Art -mitgetheilt. Auf seine an einige Farmer in <i>Florida</i> gerichtete -Frage, woher es komme, dass alle ihre Schweine schwarz seyen, erhielt -er zur Antwort, dass die Schweine die Farbwurzel (Lachnanthes) fressen, -die ihre Knochen Nelken-braun färbe und, ausser an den schwarzen -Varietäten derselben, die Hufe abfallen mache; und einer der Ansiedler -(in <i>Florida</i> Squatters genannt) fügte hinzu: wir wählen die -schwarzen Glieder eines Wurfes zum Aufziehen aus, weil sie allein -Aussicht auf Gedeihen geben. Unbehaarte Hunde haben unvollkommene -Zähne; lang- und grob-haarige Wiederkäuer sollen geneigter seyn, lange -und viele Hörner zu bekommen; Tauben mit Federfüssen haben eine Haut -zwischen ihren äusseren Zehen; kurz-schnäbelige Tauben haben kleine -Füsse, und die mit langen Schnäbeln auch lange Füsse. Wenn man daher -durch Auswahl geeigneter Individuen von Pflanzen und Thieren für die -Nachzucht irgend eine Eigenthümlichkeit derselben zu steigeren gedenkt, -so wird man gewiss meistens, ohne es zu wollen, diesen geheimnissvollen -Wechselbeziehungen der Entwickelung gemäss noch andre Theile der -Struktur mit abändern.</p> - -<p>Das Ergebniss der mancherlei entweder ganz unbekannten oder nur dunkel -sichtbaren Gesetze der Variation ist ausserordentlich zusammengesetzt -und vielfältig. Es ist wohl der Mühe werth, die verschiedenen -Abhandlungen über unsre alten Kultur-Pflanzen, wie Hyazinthen, -Kartoffeln, Dahlien u. s. w. sorgfältig zu studiren und von der -endlosen Menge von Verschiedenheiten in Bau und Lebensäusserung -Kenntniss zu nehmen, durch welche alle diese Varietäten und -Subvarietäten von einander abweichen.<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Ihre ganze Organisation scheint -bildsam geworden zu seyn, um bald in dieser und bald in jener Richtung -sich etwas von dem älterlichen Typus zu entfernen.</p> - -<p>Nicht-erbliche Abänderungen sind für uns ohne Bedeutung. Aber schon -die Zahl und Manchfaltigkeit der erblichen Abweichungen in dem Bau des -Körpers, sey es von geringerer oder von beträchtlicher physiologischer -Wichtigkeit, ist endlos. Dr. P<span class="smaller">ROSPER</span> L<span class="smaller">UCAS</span>’ Abhandlung in zwei -starken Bänden ist das Beste und Vollständigste, was man darüber hat. -Kein Viehzüchter ist darüber in Zweifel, dass die Neigung zur Vererbung -sehr gross ist; „Gleiches erzeugt Gleiches“ ist sein Grund-Glaube, -und nur theoretische Schriftsteller haben dagegen Zweifel erhoben. -Wenn irgend eine Abweichung öfters zum Vorschein kommt und wir sie -in Vater und Kind sehen, so können wir nicht sagen, ob sie nicht -etwa von einerlei Grundursache herrühre, die auf beide gewirkt habe. -Wenn aber unter Einzelwesen einer Art, welche offenbar denselben -Bedingungen ausgesetzt sind, irgend eine seltene Abänderung in Folge -eines ausserordentlichen Zusammentreffens von Umständen an einem Vater -zum Vorschein kommt — an einem unter mehren Millionen — und dann am -Kinde wieder erscheint, so nöthigt uns schon die Wahrscheinlichkeit -diese Wiederkehr aus der Erblichkeit zu erklären. Jedermann hat schon -von Fällen gehört, wo so seltene Erscheinungen, wie Albinismus, -Stachelhaut, ganz behaarter Körper u. dgl. bei mehren Gliedern einer -und der nämlichen Familie vorgekommen sind. Wenn aber so seltene und -fremdartige Abweichungen der Körper-Bildung sich wirklich vererben, so -werden minder fremdartige und ungewöhnliche Abänderungen um so mehr als -erbliche zugestanden werden müssen. Ja vielleicht wäre die richtigste -Art die Sache anzusehen die, dass man jedweden Charakter als erblich -und die Nichterblichkeit als Ausnahme betrachtete.</p> - -<p>Die Gesetze, welche die Erblichkeit der Charaktere regeln, sind -gänzlich unbekannt, und niemand vermag zu sagen, wie es komme, dass -dieselbe Eigenthümlichkeit in verschiedenen Individuen einer Art und in -Einzelwesen verschiedener Arten [?] zuweilen erblich ist und zuweilen -es nicht ist; wie es komme,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> dass das Kind zuweilen zu gewissen -Charakteren des Grossvaters oder der Grossmutter oder noch früherer -Vorfahren zurückkehre; wie es komme, dass eine Eigenthümlichkeit sich -oft von einem Geschlechte auf beide Geschlechter übertrage, oder -sich auf eines und zwar dasselbe Geschlecht beschränke. Es ist eine -Thatsache von nur geringer Wichtigkeit für uns, dass eigenthümliche -Merkmale, welche an den Männchen unsrer Hausthiere zum Vorschein -kommen, ausschliesslich oder doch vorzugsweise wieder nur auf männliche -Nachkommen übergehen. Eine wichtigere und wie ich glaube verlässige -Erscheinung ist die, dass, in welcher Periode des Lebens sich die -abweichende Bildung zeigen möge, sie auch in der Nachkommenschaft -immer in dem entsprechenden Alter, oder zuweilen wohl früher, zum -Vorschein kommt. In vielen Fällen ist Diess nicht anders möglich, weil -die erblichen Eigenthümlichkeiten z. B. in den Hörnern des Rindviehs -an den Nachkommen sich erst im reifen Alter zeigen können; und eben so -gibt es bekanntlich Eigenthümlichkeiten des Seidenwurms, die nur den -Raupen- oder den Puppen-Zustand betreffen. Aber erbliche Krankheiten -u. e. a. Thatsachen veranlassen mich zu glauben, dass die Regel -eine weitere Ausdehnung hat, und dass selbst da, wo kein offenbarer -Grund für das Erscheinen einer Abänderung in einem bestimmten Alter -vorliegt, doch das Streben vorherrscht, auch am Nachkommen in dem -gleichen Lebens-Abschnitte sich zu zeigen, wo sie an dem Vorfahren -erstmals eingetreten ist. Ich glaube, dass diese Regel von der grössten -Wichtigkeit für die Erklärung der Gesetze der Embryologie ist. Diese -Bemerkungen beziehen sich übrigens auf das erste Sichtbarwerden -der Eigenthümlichkeit, und nicht auf ihre erste Veranlassung, die -vielleicht schon in dem männlichen oder weiblichen Zeugungsstoff liegen -kann, in der Weise etwa, wie der aus der Kreutzung einer kurzhörnigen -Kuh und eines langhörnigen Bullen hervorgegangene Sprössling die -grössre Länge seiner Hörner erst spät im Leben zeigen kann, obwohl die -erste Ursache dazu schon im Zeugungsstoff des Vaters liegt.</p> - -<p>Ich habe des Falles der Rückkehr zur grossälterlichen Bildung erwähnt -und in dieser Beziehung noch anzuführen, dass<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> die Naturforscher oft -behaupten, unsre Hausthier-Rassen nähmen, wenn sie verwilderten, zwar -nur allmählich, aber doch gewiss, wieder den Charakter ihrer wilden -Stammältern an, woraus man dann geschlossen hat, dass Folgerungen von -zahmen Rassen auf die Arten in ihrem Natur-Zustande nicht zulässig -seyen. Ich habe jedoch vergeblich auszumitteln gestrebt, auf was für -entscheidende Thatsachen sich jene so oft und so bestimmt wiederholte -Behauptung stütze. Es möchte sehr schwer sein, ihre Richtigkeit -nachzuweisen; denn wir können mit Sicherheit sagen, dass sehr viele -der ausgeprägtesten zahmen Varietäten im wilden Zustande gar nicht -leben könnten. In vielen Fällen kennen wir nicht einmal den Urstamm und -vermögen uns daher noch weniger zu vergewissern, ob eine vollständige -Rückkehr eingetreten ist oder nicht. Jedenfalls würde, um die Folgen -der Kreutzung zu vermeiden, nöthig seyn, dass nur eine einzelne -Varietät in die Freiheit zurückversetzt werde. Ungeachtet aber unsre -Varietäten gewiss in einzelnen Merkmalen zuweilen zu ihren Urformen -zurückkehren, so scheint mir doch nicht unwahrscheinlich, dass, wenn -man die verschiedenen Abarten des Kohls z. B. einige Generationen -hindurch in einem ganz armen Boden zu naturalisiren fortführe (in -welchem Falle dann allerdings ein Theil des Erfolges der unmittelbaren -Wirkung des Bodens zuzuschreiben wäre), dieselben ganz oder fast ganz -wieder ihre wilde Urform annehmen würden. Ob der Versuch nun gelinge -oder nicht, ist für unsere Folgerungs-Reihe ohne grosse Erheblichkeit, -weil durch den Versuch selber die Lebens-Bedingungen geändert werden. -Liesse sich beweisen, dass unsre kultivirten Rassen eine starke Neigung -zur Rückkehr, d. h. zur Ablegung der angenommenen Merkmale an den Tag -legten, wenn sie unter unveränderten Bedingungen und in beträchtlichen -Massen beisammen gehalten würden, so dass freie Kreutzung etwaige -geringe Abweichungen der Struktur in Folge ihrer Durcheinandermischung -verhütete, — in diesem Falle wollte ich zugeben, dass sich aus den -zahmen Varietäten nichts hinsichtlich der Arten folgern lasse. Aber es -ist nicht ein Schatten von Beweis zu Gunsten dieser Meinung vorhanden. -Die Behauptung, dass sich unsere Wagen- und<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> Rasse-Pferde, unsre -lang- und kurz-hörnigen Rinder, unsre manchfaltigen Federvieh-Sorten -und Nahrungs-Gewächse nicht eine fast endlose Zahl von Generationen -hindurch fortpflanzen lassen, wäre aller Erfahrung entgegen. Ich will -noch hinzufügen, dass, wenn im Natur-Zustande die Lebens-Bedingungen -wechseln, Abänderungen und Rückkehr des Charakters wahrscheinlich -eintreten werden; aber die Natürliche Züchtung würde, wie nachher -gezeigt werden soll, bestimmen, wie weit die hieraus hervorgehenden -neuen Charaktere erhalten bleiben.</p> - -<p>Wenn wir die erblichen Varietäten oder Rassen unsrer Haus-Thiere und -Kultur-Gewächse betrachten und dieselben mit einander nahe verwandten -Arten vergleichen, so finden wir in jeder zahmen Rasse, wie schon -bemerkt worden, eine geringere Übereinstimmung des Charakters, als bei -ächten Arten. Auch haben zahme Rassen von derselben Thier-Art oft einen -etwas monströsen Charakter, womit ich sagen will, dass, wenn sie sich -auch von einander und von den übrigen Arten derselben Sippe in mehren -wichtigen Punkten unterscheiden, sie doch oft im äussersten Grade in -irgend einem einzelnen Theile sowohl von den andern Varietäten als -insbesondere von den übrigen nächstverwandten Arten derselben Sippe -zurückweichen. Diese Fälle (und die der vollkommenen Fruchtbarkeit -gekreutzter Varietäten einer Art, wovon nachher die Rede seyn soll) -ausgenommen, weichen die kultivirten Rassen einer und derselben Spezies -in gleicher Weise, nur gewöhnlich in geringerem Grade, von einander -ab, wie die einander nächst verwandten Arten derselben Sippe im -Natur-Zustande. Ich glaube, man wird Diess zugeben, wenn man findet, -dass es kaum irgend-welche gepflegte Rassen unter den Thieren wie -unter den Pflanzen gibt, die nicht schon von einigen urtheilsfähigen -Richtern als wirkliche Varietäten und von andern ebenfalls sachkundigen -Beurtheilern als Abkömmlinge einer ursprünglich verschiedenen Art -erklärt worden wären. Gäbe es irgend einen bestimmten Unterschied -zwischen kultivirten Rassen und Arten, so könnten dergleichen Zweifel -nicht so oft wiederkehren. Oft hat man versichert, dass gepflegte -Rassen nicht in Sippen-Charakteren von einander abweichen. Ich -glaube<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> zwar, dass sich diese Behauptung als irrig erweisen lässt; -doch gehen die Meinungen der Naturforscher weit auseinander, wenn -sie sagen sollen, worin Sippen-Charaktere bestehen, da alle solche -Werthungen nur empirisch sind. Überdiess werden wir nach der Ansicht -von der Entstehung der Sippen, die ich jetzt aufstellen will, kein -Recht haben zur Erwartung, bei unseren Kultur-Erzeugnissen oft auf -Sippen-Verschiedenheiten zu stossen.</p> - -<p>Wenn wir den Betrag der Struktur-Verschiedenheiten zwischen den -gepflegten Rassen von einer Art zu schätzen versuchen, so werden -wir bald dadurch in Zweifel versetzt, dass wir nicht wissen, ob -dieselben von einer oder von mehren älterlichen Arten abstammen. Es -wäre von Interesse, wenn sich diese Frage aufklären, wenn sich z. B. -nachweisen liesse, ob das Windspiel, der Schweisshund, der Dachshund, -der Jagdhund und der Bullenbeisser, welche sich so genau in ihrer Form -fortpflanzen, Abkömmlinge von nur einer Stamm-Art seyen? Denn solche -Thatsachen würden sehr geeignet seyn unsre Zweifel zu erregen über die -Unveränderlichkeit der vielen einander sehr nahe-stehenden natürlichen -Arten der Füchse z. B., die so ganz verschiedene Weltgegenden bewohnen. -Ich glaube nicht, dass wir jetzt im Stande sind zu erkennen, ob -alle unsre Hunde von einer wilden Stamm-Art herkommen, obwohl Diess -bei einigen andren Hausthier-Rassen wahrscheinlich oder sogar genau -nachweisbar ist.</p> - -<p>Es ist oft angenommen worden, der Mensch habe sich solche Pflanzen- -und Thier-Arten zur Zähmung ausgewählt, welche ein angeborenes -ausserordentlich starkes Vermögen abzuändern und in verschiedenen -Klimaten auszudauern besässen. Ich will nicht bestreiten, dass -diese Fähigkeiten viel zum Werthe unsrer meisten Kultur-Erzeugnisse -beigetragen haben. Aber wie vermochte ein Wilder zu wissen, als er -ein Thier zu zähmen begann, ob dasselbe in folgenden Generationen -zu variiren geneigt und in anderen Klimaten auszudauern vermögend -seyn werde? Oder hat die geringe Veränderlichkeit des Esels und des -Perlhuhns, das geringe Ausdaurungs-Vermögen des Rennthiers in der Wärme -und des Kameels in der Kälte ihre Zähmung gehindert? Ich hege keinen -Zweifel, dass, wenn man andre Pflanzen- und<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Thier-Arten in gleicher -Anzahl wie unsre gepflegten Rassen und aus eben so verschiedenen -Klassen und Gegenden ihrem Natur-Zustande entnähme und eine gleich -lange Reihe von Generationen hindurch im zahmen Zustande fortpflanzte, -sie in gleichem Umfange variiren würden, wie es unsre jetzt schon -kultivirten Arten thun.</p> - -<p>In Bezug auf die meisten unsrer längst gepflegten Pflanzen- und -Thier-Rassen halte ich es nicht für möglich zu einem bestimmten -Ergebniss darüber zu gelangen, ob sie von einer oder von mehren -Arten abstammen. Die Anhänger der Lehre von einem mehrfältigen -Ursprung unsrer Rassen berufen sich hauptsächlich darauf, dass -schon die ältesten geschichtlichen Nachrichten und insbesondere -die <i>Ägyptischen</i> Denkmäler von einer grossen Verschiedenheit -der Rassen Zeugniss geben, und dass einige derselben mit unseren -jetzigen bereits die grösste Ähnlichkeit haben, wenn nicht gänzlich -übereinstimmen. Wäre aber diese Thatsache auch besser begründet, als -sie es zu seyn scheint, so würde sie doch nichts anderes beweisen, als -dass eine oder die andre unsrer Rassen dort vor vier bis fünf Tausend -Jahren entstanden ist. Seit den neuerlichen Entdeckungen von Celtischen -Feuerstein-Geräthen in den obren Boden-Schichten <i>Englands</i>, -<i>Frankreichs</i> und <i>Deutschlands</i> werden wenige Geologen mehr -daran zweifeln, dass der Mensch in einem bereits genügend zivilisirten -Zustande, um Waffen zu fabriziren, schon in einer nach Jahren -ausgedrückt sehr frühen Zeit existirt hat; — und bekanntlich gibt -es heutzutage kaum noch einen so wilden Volks-Stamm, der sich nicht -wenigstens den Hund gezähmt hätte.</p> - -<p>Der Ursprung der meisten unserer Hausthiere wird wohl immer ungewiss -bleiben. Doch will ich hier bemerken, dass ich durch ein fleissiges -Sammeln aller bekannten Thatsachen über die Haushunde in allen Theilen -der Erde zu dem Ergebnisse gelangt bin, dass mehre wilde Hunde-Arten -gezähmt worden sind und ihr Blut jetzt mehr und weniger gemischt in -den Adern unsrer Hunde-Rassen fliesst. — In Bezug auf Schaf und Ziege -vermag ich mir keine Meinung zu bilden. Nach den mir von Blyth über die -Lebens-Weise, Stimme, Konstitution u. s. w. des<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Indischen Höckerochsen -mitgetheilten Thatsachen sollte ich denken, dass er von einer anderen -Art als unser Europäisches Rind herstammen müsse, welches manche -sachkundige Beurtheiler von mehrfachen Stamm-Arten ableiten wollen, -und diese Annahme dürfte nach den neueren Untersuchungen Professor -R<span class="smaller">ÜTIMEYER</span>’<span class="smaller">S</span> allerdings als die richtigste zu betrachten -seyn. — Hinsichtlich des Pferdes bin ich aus Gründen, die ich hier -nicht entwickeln kann, mit einigen Zweifeln gegen die Meinung einiger -Schriftsteller anzunehmen geneigt, dass alle seine Rassen nur von einem -wilden Stamme herrühren. B<span class="smaller">LYTH</span>, dessen Meinung ich seiner -reichen und manchfaltigen Kenntnisse wegen in dieser Beziehung höher -als die fast eines jeden Andern anschlagen muss, glaubt dass alle -unsre Hühner-Varietäten vom gemeinen Indischen Huhn (Gallus Bankiva) -herkommen. Nachdem ich mir fast alle Englischen Rassen lebend gehalten, -sie gekreutzt und ihre Skelette untersucht, bin auch ich zu einem -ähnlichen Schlusse gelangt, wofür ich meine Gründe in einem späteren -Werke auseinandersetzen will. — In Bezug auf Enten und Stall-Hasen, -deren Rassen in ihrem Körper-Bau beträchtlich von einander abweichen, -sprechen alle Anzeigen zu Gunsten der Annahme, dass sie alle von der -gemeinen Wild-Ente und dem Kaninchen stammen.</p> - -<p>Die Lehre der Abstammung unsrer verschiedenen Hausthier-Rassen von -verschiedenen wilden Stamm-Arten ist von einigen Schriftstellern bis -zu einem abgeschmackten Extreme getrieben worden. Sie glauben nämlich, -dass jede wenn auch noch so wenig verschiedene Rasse, welche ihren -unterscheidenden Charakter durch Inzucht bewahrt, auch ihre wilde -Stamm-Form gehabt habe. Dann müsste es eine ganze Menge wilder Rinds-, -viele Schaf- und einige Geisen-Arten in <i>Europa</i> und mehre selbst -schon innerhalb <i>Grossbritannien</i> gegeben haben. Ein Autor meint, -es hätten ehedem eilf wilde und dem Lande eigenthümliche Schaaf-Arten -dort gelebt. Wenn wir nun erwägen, dass <i>Britannien</i> jetzt kaum -eine ihm eigenthümliche Säugethier-Art, <i>Frankreich</i> nur sehr -wenige nicht auch in <i>Deutschland</i> vorkommende, und umgekehrt, -besitze, dass es sich eben so mit <i>Ungarn</i>, <i>Spanien</i> -u. s. w. verhalte, dass aber jedes dieser Königreiche mehre ihm eigene<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> -Rassen von Rind, Schaaf u. s. w. darbiete, so müssen wir zugeben, -dass in <i>Europa</i> viele Hausthier-Stämme entstanden sind; denn -von woher sollen alle gekommen seyn, da keines dieser Länder so viele -eigenthümliche Arten als abweichende Stamm-Rassen besitzt? Und so -ist es auch in <i>Ostindien</i>. Selbst in Bezug auf die Haushunde -der ganzen Welt kann ich, obwohl ich ihre Abstammung von mehren -verschiedenen Arten ganz wahrscheinlich finde, nicht in Zweifel -ziehen, dass da ein unermesslicher Betrag vererblicher Abweichungen -vorhanden gewesen ist. Denn wer kann glauben, dass Thiere nahezu -übereinstimmend mit dem Italienischen Windspiel, mit dem Schweisshund, -mit dem Bullenbeisser, mit dem Blenheimer Jagdhund und so abweichend -von allen wilden Caniden, jemals frei im Natur-Zustande gelebt hätten. -Es ist oft hingeworfen worden, alle unsre Hunde-Rassen seyen durch -Kreutzung einiger weniger Stamm-Arten miteinander entstanden; aber -Kreutzung kann nur solche Formen liefern, welche mehr oder weniger -das Mittel zwischen ihren Ältern halten, und gingen wir von dieser -Erfahrung bei unsern zahmen Rassen aus, so müssten wir annehmen, dass -einstens die äussersten Formen des Windspiels, des Schweisshundes, des -Bullenbeissers u. s. w. im wilden Zustande gelebt hätten. Überdiess ist -die Möglichkeit, durch Kreutzung verschiedene Rassen zu bilden, sehr -übertrieben worden. Wenn es auch keinem Zweifel unterliegt, dass eine -Rasse durch gelegentliche Kreutzung mittelst sorgfältiger Auswahl der -Blendlinge, welche irgend einen bezweckten Charakter darbieten, sich -bedeutend modifiziren lässt, so kann ich doch kaum glauben, dass man -eine nahezu das Mittel zwischen zwei weit verschiedenen Rassen oder -Arten haltende Rasse zu züchten im Stande ist. Sir J. S<span class="smaller">EBRIGHT</span> -hat absichtliche Versuche in dieser Beziehung angestellt und keinen -Erfolg erlangt. Die Nachkommenschaft aus der ersten Kreutzung zwischen -zwei reinen Rassen ist erträglich und zuweilen, wie ich bei Tauben -gefunden, ausserordentlich einförmig, und Alles scheint einfach genug. -Werden aber diese Blendlinge einige Generationen hindurch unter -einander gepaart, so werden kaum zwei ihrer Nachkommen mehr einander -ähnlich ausfallen,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und dann wird die äusserste Schwierigkeit oder -vielmehr gänzliche Hoffnungslosigkeit des Erfolges klar. Gewiss kann -eine Mittel-Rasse zwischen zwei sehr verschiedenen reinen Rassen -nicht ohne die äusserste Sorgfalt und eine lang fortgesetzte Wahl der -Zuchtthiere gebildet werden, und ich finde nicht einen Fall berichtet, -wo dadurch eine bleibende Rasse erzielt worden wäre.</p> - -<p><em class="gesperrt">Züchtung der Haus-Tauben.</em>) Von der Ansicht ausgehend, dass -es am zweckmässigsten seye, irgend eine besondere Thier-Gruppe zum -Gegenstande der Forschung zu machen, habe ich mir nach einiger Erwägung -die Haus-Tauben dazu ausersehen. Ich habe alle Rassen gehalten, die -ich mir verschaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise mit -Exemplaren aus verschiedenen Welt-Gegenden bedacht worden, insbesondere -durch den ehrenwerthen W. E<span class="smaller">LLIOT</span> aus <i>Ostindien</i> und -den ehrenwerthen C. M<span class="smaller">URRAY</span> aus <i>Persien</i>. Es sind viele -Abhandlungen in verschiedenen Sprachen veröffentlicht worden und einige -darunter durch ihr ansehnliches Alter von besonderer Wichtigkeit. Ich -habe mich mit einigen ausgezeichneten Tauben-Liebhabern verbunden -und mich in zwei <i>Londoner</i> Tauben-Clubs aufnehmen lassen. Die -Verschiedenheit der Rassen ist oft erstaunlich gross. Man vergleiche -z. B. die Englische Botentaube und den kurzstirnigen Purzler und -betrachte die wunderbare Verschiedenheit in ihren Schnäbeln, welche -entsprechende Verschiedenheiten in ihren Schädeln bedingt. Die -Englische Botentaube (Carrier) und insbesondere das Männchen ist noch -bemerkenswerth durch die wundervolle Entwickelung von Fleischlappen -an der Kopfhaut, die mächtig verlängerten Augenlider, sehr weite -äussere Nasenlöcher und einen weitklaffenden Mund. Der kurzstirnige -Purzler hat einen Schnabel, im Profil fast wie beim Finken; und die -gemeine Purzel-Taube hat die eigenthümliche und streng erbliche -Gewohnheit, sich in dichten Gruppen zu ansehnlicher Höhe in die Luft -zu erheben und dann Kopfüber herabzupurzeln. Die Runt-Taube ist von -beträchtlicher Grösse mit langem massigem Schnabel und grossen Füssen; -einige Unterrassen derselben haben einen sehr langen Hals, andre sehr -lange<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Schwingen und Schwanz, noch andre einen ganz eigenthümlich -kurzen Schwanz. Der „Barb“ ist mit der Botentaube verwandt, hat -aber, statt des sehr langen, einen sehr kurzen und breiten Schnabel. -Der Kröpfer hat Körper, Flügel und Beine sehr verlängert, und sein -ungeheuer entwickelter Kropf, den er sich aufzublähen gefällt, mag wohl -Verwunderung und selbst Lachen erregen. Die Möventaube (Turbit) besitzt -einen sehr kurzen kegelförmigen Schnabel, mit einer Reihe umgewendeter -Federn auf der Brust, und hat die Sitte den oberen Theil des Schlundes -beständig etwas auszubreiten. Der Jakobiner oder die Perückentaube hat -die Nacken-Federn so aufgerichtet, dass sie eine Perücke bilden, und -verhältnissmässig lange Schwung- und Schwanz-Federn. Der Trompeter und -die Trommeltaube<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> rucksen, wie ihre Namen ausdrücken, auf eine ganz -andre Weise als die andern Rassen. Die Pfauentaube hat 30–40 statt -der normalen 12–14 Schwanz-Federn und trägt diese Federn in der Weise -ausgebreitet und aufgerichtet, dass in guten Vögeln sich Kopf und -Schwanz berühren; die Öl-Drüse ist gänzlich verkümmert. Noch blieben -einige minder ausgezeichnete Rassen aufzuzählen übrig.</p> - -<p>Im Skelette der verschiedenen Rassen weicht die Entwickelung der -Gesichtsknochen in Länge, Breite und Krümmung ausserordentlich ab. Die -Form sowohl als die Breite und Länge des Unterkiefer-Astes ändern in -sehr merkwürdiger Weise. Die Zahl der Heiligenbein- und Schwanz-Wirbel -und der Rippen, die verhältnissmässige Breite und Anwesenheit ihrer -Queerfortsätze wechseln ebenfalls. Sehr veränderlich sind ferner die -Grösse und Form der Lücken im Brustbein, so wie der Öffnungs-Winkel und -die bezügliche Grösse der zwei Schenkel des Gabelbeins. Die verglichene -Weite des Mundspaltes, die verhältnissmässige Länge der Augenlider, -der äusseren Nasenlöcher und der Zunge, welche sich nicht immer nach -der des Schnabels richtet, die Grösse des Kropfes und des obern Theils -des Schlundes, die<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Entwickelung oder Verkümmerung der Öl-Drüse, die -Zahl der ersten Schwung- und der Schwanz-Federn, die verglichene Länge -von Flügeln und Schwanz gegen einander und gegen die des Körpers, -die des Laufs gegen die Zehen, die Zahl der Hornschuppen in der -Zehen-Bekleidung sind Alles Abänderungs-fähige Punkte im Körper-Bau. -Auch die Periode, wo sich das vollkommene Gefieder einstellt, ist -ebenso veränderlich als die Beschaffenheit des Flaums, womit die -Nestlinge beim Ausschlüpfen aus dem Eie bekleidet sind. Form und -Grösse der Eier sind der Abänderung unterworfen. Die Art des Flugs ist -eben so merkwürdig verschieden, wie es bei manchen Rassen mit Stimme -und Gemüthsart der Fall ist. Endlich weichen bei gewissen Rassen die -Männchen etwas von den Weibchen ab.</p> - -<p>So könnte man wenigstens eine ganze Menge von Tauben-Formen auswählen, -die ein Ornithologe, wenn er überzeugt wäre, dass es wilde Vögel, -unbedenklich für wohl-bezeichnete Arten erklären würde. Ich glaube -nicht einmal, dass irgend ein Ornithologe die Englische Botentaube, -den kurzstirnigen Purzler, den Runt, den Barb, die Kropf- und die -Pfauen-Taube in dieselbe Sippe zusammenstellen würde, zumal eine jede -dieser Rassen wieder mehre erbliche Unterrassen in sich enthält, die er -für Arten nehmen könnte.</p> - -<p>Wie gross nun aber auch die Verschiedenheit zwischen den Tauben-Rassen -seyn mag, so bin ich doch überzeugt, dass die gewöhnliche Meinung der -Naturforscher, dass alle von der Felstaube (Columba livia) abstammen, -richtig ist, wenn man unter diesem Namen nämlich verschiedene -geographische Rassen oder Unterarten mit begreift, welche nur in den -untergeordnetsten Merkmalen von einander abweichen. Da einige der -Gründe, welche mich zu dieser Meinung bestimmt haben, mehr und weniger -auch auf andre Fälle anwendbar sind, so will ich sie kurz angeben. -Wären jene verschiedenen Rassen nicht Varietäten und nicht von der -Felstaube entsprossen, so müssten sie von wenigstens 7–8 Stammarten -herrühren; denn es wäre unmöglich alle unsere zahmen Rassen durch -Kreutzung einer geringeren Arten-Zahl miteinander zu erlangen. Wie -wollte man z. B. die<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> Kropftaube durch Paarung zweier Arten miteinander -erzielen, wovon nicht wenigstens eine den ungeheuern Kropf besässe? Die -unterstellten wilden Stammarten müssten sämmtlich Fels-Tauben gewesen -seyn, die nämlich nicht freiwillig auf Bäumen brüten oder sich auch -nur darauf setzen. Doch ausser der C. livia und ihren geographischen -Unterarten kennt man nur noch 2–3 Arten Fels-Tauben, welche aber nicht -einen der Charaktere unsrer zahmen Rassen besitzen. Daher müssten dann -die angeblichen Urstämme entweder noch in den Gegenden ihrer ersten -Zähmung vorhanden und den Ornithologen unbekannt geblieben seyn, was -wegen ihrer Grösse, Lebensweise und merkwürdigen Eigenschaften sehr -unwahrscheinlich ist; oder sie müssten in wildem Zustande ausgestorben -seyn. Aber Vögel, welche an Fels-Abhängen nisten und gut fliegen, -sind nicht leicht auszurotten, und unsre gemeine Fels-Taube, welche -mit unsren zahmen Rassen gleiche Lebens-Weise besitzt, hat noch nicht -einmal auf einigen der kleineren <i>Britischen</i> Inseln oder an -den Küsten des Mittelmeeres ausgerottet werden können. Daher mir die -angebliche Ausrottung so vieler Arten, die mit der Felstaube gleiche -Lebens-Weise besitzen, eine sehr übereilte Annahme zu seyn scheint. -Überdiess sind die obengenannten so abweichenden Rassen nach allen -Weltgegenden verpflanzt worden und müssten daher wohl einige derselben -in ihre Heimath zurückgelangt seyn. Und doch ist nicht eine derselben -verwildert, obwohl die Feld-Taube, d. i. die Felstaube in ihrer am -wenigsten veränderten Form, in einigen Gegenden wieder wild geworden -ist. Da nun alle neueren Versuche zeigen, dass es sehr schwer ist ein -wildes Thier zur Fortpflanzung im Zustande der Zähmung zu vermögen, -so wäre man durch die Hypothese eines mehrfältigen Ursprungs unsrer -Haus-Tauben zur Annahme genöthigt, es seyen schon in alten Zeiten und -von halb-zivilisirten Menschen wenigstens 7–8 Arten so vollkommen -gezähmt worden, dass sie jetzt in der Gefangenschaft ganz wohl gedeihen.</p> - -<p>Ein Beweisgrund, wie mir scheint, von grossem Werthe und auch -anderweitiger Anwendbarkeit ist der, dass die oben aufgezählten Rassen, -obwohl sie im Allgemeinen in organischer<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Thätigkeit, Lebens-Weise, -Stimme, Färbung und den meisten Theilen ihres Körper-Baues mit der -Felstaube übereinkommen, doch in anderen Theilen dieses letzten -gewiss sehr weit davon abweichen; und wir würden uns in der ganzen -grossen Familie der Columbiden vergeblich nach einem Schnabel, wie -ihn die Englische Botentaube oder der kurzstirnige Purzler oder -der Barb besitzen, — oder nach umgedrehten Federn, wie sie die -Perückentaube hat, — oder nach einem Kropf wie beim Kröpfer, — -oder nach einem Schwanz, wie bei der Pfauentaube umsehen. Man müsste -daher annehmen, dass der halb-zivilisirte Mensch nicht allein bereits -mehre Arten vollständig gezähmt, sondern auch absichtlich oder -zufällig ausserordentlich abweichende Arten dazu erkoren habe, und -dass diese Arten seitdem alle erloschen oder verschollen seyen. Das -Zusammentreffen so vieler seltsamer Zufälligkeiten scheint mir im -höchsten Grade unwahrscheinlich.</p> - -<p>Noch möchten hier einige Thatsachen in Bezug auf die Färbung des -Gefieders Berücksichtigung verdienen. Die Felstaube ist Schiefer-blau -mit weissem (bei der <i>Ostindischen</i> Subspecies, C. intermedia -S<span class="smaller">TRICKL</span>., blaulichem) Hinterrücken, hat am Schwanze eine -schwarze End-Binde und an den äusseren Federn desselben einen weissen -äusseren Rand, und die Flügel haben zwei schwarze Binden; einige -halb und andere anscheinend ganz wilde Unterrassen haben auch noch -schwarze Flecken auf den Flügeln. Diese verschiedenen Merkmale kommen -bei keiner andern Art der ganzen Familie vereinigt vor. Nun treffen -sich aber auch bei jeder unsrer zahmen Rassen zuweilen und selbst -unter den ganz ausgebildeten Vögeln derselben alle jene Merkmale gut -entwickelt in Verbindung miteinander, selbst bis auf die weissen -Ränder der äusseren Schwanzfedern. Ja sogar, wenn man zwei oder mehr -Vögel von verschiedenen Rassen, von welchen keine blau ist oder -eines der erwähnten Merkmale besitzt, mit einander paart, sind die -dadurch erzielten Blendlinge sehr geneigt, diese Charaktere plötzlich -anzunehmen. So kreuzte ich z. B. einfarbig weisse Pfauentauben von -sehr reiner Rasse mit einfarbig schwarzen Barb-Tauben, von deren -blauen Varietäten mir kein Fall in <i>England</i> bekannt ist, und -erhielt eine braune, schwarze und<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> gefleckte Nachkommenschaft. Ich -kreuzte nun auch eine Barb- mit einer Bläss-Taube, einen weissen Vogel -mit rothem Schwanz und rothem Bläss von sehr beständiger Rasse, und -die Blendlinge waren dunkelfarbig und fleckig. Als ich ferner einen -der von Pfauen- und von Barb-Tauben erzielten Blendlinge mit einem -der Blendlinge von Barb- und von Bläss-Tauben paarte, kam ein Enkel -mit schön blauem Gefieder, weissem Unterrücken, doppelter schwarzer -Flügelbinde, schwarzer Schwanzbinde und weissen Seitenrändern der -Steuerfedern, Alles wie bei der wilden Felstaube, zum Vorschein. Man -kann diese Thatsache aus dem wohl bekannten Prinzip der Rückkehr zu -vorälterlichen Charakteren begreifen, wenn alle zahmen Rassen von der -Felstaube abstammen. Wollten wir aber Dieses läugnen, so müssten wir -eine von den zwei folgenden sehr unwahrscheinlichen Unterstellungen -machen. Entweder: dass all’ die verschiedenen eingebildeten Stamm-Arten -wie die Felstaube gefärbt und gezeichnet gewesen (obwohl keine andre -lebende Art mehr so gefärbt und gezeichnet ist), so dass in dessen -Folge noch bei allen Rassen eine Neigung zu dieser anfänglichen Färbung -und Zeichnung zurückzukehren vorhanden wäre. Oder: dass jede und auch -die reinste Rasse seit etwa den letzten zwölf oder höchstens zwanzig -Generationen einmal mit der Felstaube gekreutzt worden seye; ich sage: -höchstens zwanzig, denn wir kennen keine Thatsache zur Unterstützung -der Meinung, dass ein Abkömmling nach einer noch längeren Reihe von -Generationen sogar zu den Charakteren seiner Vorfahren zurückkehren -könne. Wenn in einer Rasse nur einmal eine Kreutzung mit einer andern -stattgefunden hat, so wird die Neigung zu einem Charakter dieser -letzten zurückzukehren natürlich um so kleiner und kleiner werden, je -weniger Blut von derselben noch in jeder späteren Generation übrig ist. -Hat aber eine Kreutzung mit fremder Rasse nicht stattgefunden und ist -gleichwohl in beiden Ältern die Neigung der Rückkehr zu einem Charakter -vorhanden, der schon seit mehren Generationen verloren gegangen, -so ist trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, die Annahme -geboten, dass sich diese Neigung in ungeschwächtem Grade während einer -unbestimmten Reihe von<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Generationen fortpflanzen könne. Diese zwei -ganz verschiedenen Fälle werden in Abhandlungen über Erblichkeit oft -miteinander verwechselt.</p> - -<p>Endlich sind die Bastarde oder Blendlinge, welche durch die Kreutzung -der verschiedenen Tauben-Rassen erzielt werden, alle vollkommen -fruchtbar. Ich kann Diess mittelst meiner eigenen Versuche bestätigen, -die ich absichtlich zwischen den aller-verschiedensten Rassen -angestellt habe. Dagegen wird aber schwer und vielleicht unmöglich -seyn, einen Fall anzuführen, wo ein Bastard an zwei bestimmt -verschiedenen Arten schon selber vollkommen fruchtbar gewesen wäre. -Einige Schriftsteller nehmen an, ein lang-dauernder Zustand der Zähmung -beseitige allmählich diese Neigung zur Unfruchtbarkeit, und aus der -Geschichte des Hundes zu schliessen scheint mir diese Hypothese -einige Wahrscheinlichkeit zu haben, wenn sie auf einander sehr nahe -verwandte Arten angewendet wird, obwohl sie noch durch keinen einzigen -Versuch bestätigt worden ist. Aber eine Ausdehnung der Hypothese -bis zu der Behauptung, dass Arten, die ursprünglich von einander -eben so verschieden gewesen, wie es Botentaube, Purzler, Kröpfer und -Pfauenschwanz jetzt sind, eine bei Inzucht vollkommen fruchtbare -Nachkommenschaft liefern, scheint mir äusserst voreilig zu seyn.</p> - -<p>Diese verschiedenen Gründe und zwar: die Unwahrscheinlichkeit, dass -der Mensch schon in früher Zeit sieben bis acht wilde Tauben-Arten -zur Fortpflanzung in der Gefangenschaft vermocht habe, die wir weder -im wilden noch im verwilderten Zustande kennen, ihre in manchen -Beziehungen von der Bildung aller Columbiden mit Ausnahme der Felstaube -ganz abweichenden Charaktere, das gelegentliche Wiedererscheinen der -blauen Farbe und charakteristischen Zeichnung in allen Rassen sowohl im -Falle der Inzucht als der Kreutzung, die vollkommene Fruchtbarkeit der -Blendlinge: alle diese Gründe zusammengenommen gestatten mir nicht zu -zweifeln, dass alle unsre zahmen Tauben-Rassen von Columba livia und -deren geographischen Unterarten abstammen.</p> - -<p>Zu Gunsten dieser Ansicht will ich noch ferner anführen: 1) dass -die Felstaube, C. livia, in <i>Europa</i> wie in <i>Indien</i> -zur<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Zähmung geeignet gefunden worden ist, und dass sie in ihren -Gewohnheiten wie in vielen Struktur-Beziehungen mit allen unsern -zahmen Rassen übereinkommt. 2) Obwohl eine Englische Botentaube -oder ein kurzstirniger Purzler sich in gewissen Charakteren weit -von der Felstaube entfernen, so ist es doch dadurch, dass man die -verschiedenen Unterformen dieser Rassen, mit Einschluss der z. Th. -aus weit entfernten Gegenden abstammenden, mit in Vergleich ziehet, -möglich, fast ununterbrochene Übergangs-Reihen zwischen den am -weitesten auseinander-liegenden Bildungen derselben herzustellen. 3) -Diejenigen Charaktere, welche die verschiedenen Rassen hauptsächlich -von einander unterscheiden, wie die Fleischwarzen und der lange -Schnabel der englischen Botentaube, der kurze Schnabel des Purzlers und -die zahlreichen Schwanz-Federn der Pfauentaube sind in jeder Rasse doch -äusserst veränderlich, und die Erklärung dieser Erscheinung wird uns -erst möglich seyn, wenn von der Züchtung die Rede seyn wird. 4) Tauben -sind bei vielen Völkern beobachtet und mit äusserster Sorgfalt und -Liebhaberei gepflegt worden. Man hat sie schon vor Tausenden von Jahren -in mehren Weltgegenden gezähmt; die älteste Nachricht von ihnen stammt -aus der Zeit der fünften Ägyptischen Dynastie, etwa 3000 J. v. Chr., -wie mir Professor L<span class="smaller">EPSIUS</span> mitgetheilt; aber B<span class="smaller">IRCH</span> -benachrichtigt mich, dass Tauben schon auf einem Küchenzettel der -vorangehenden Dynastie vorkommen. Von P<span class="smaller">LINIUS</span> vernehmen -wir, dass zur Zeit der Römer ungeheures Geld für Tauben ausgegeben -worden ist; ja, es war dahin gekommen, dass man ihnen „Stammbaum -und Rasse“ nachrechnete. Gegen das Jahr 1600 schätzte sie A<span class="smaller">KBER</span> -K<span class="smaller">HAN</span> in <i>Indien</i> so sehr, dass ihrer nicht weniger als -20,000 zur Hof-Haltung gehörten. „Die Monarchen von <i>Iran</i> und -<i>Turan</i> sandten einige sehr seltene Vögel heim und“, berichtet -der Hof-Historiker weiter, „Ihre Majestät hat durch Kreutzung der -Rassen, welche Methode früher nie angewendet worden war, dieselbe in -erstaunlicher Weise verbessert“. Um diese nämliche Zeit waren die -Holländer eben so sehr, wie früher die Römer, auf die Tauben erpicht. -Die äusserste Wichtigkeit dieser Betrachtungen für die Erklärung -der ausserordentlichen<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Veränderungen, welche die Tauben erfahren -haben, wird uns erst bei den späteren Erörterungen über die Züchtung -deutlich werden. Wir werden dann auch sehen woher es kommt, dass die -Rassen so oft ein etwas monströses Aussehen haben. Endlich ist es ein -sehr günstiger Umstand für die Erzeugung verschiedener Rassen, dass -bei den Tauben ein Männchen mit einem Weibchen leicht lebenslänglich -zusammengepaart, und dass verschiedene Rassen in einem und dem -nämlichen Vogel-Hause beisammen gehalten werden können.</p> - -<p>Ich habe die wahrscheinliche Entstehungs-Art der zahmen Tauben-Rassen -mit einiger, wenn auch noch ganz ungenügender Ausführlichkeit -besprochen, weil ich selbst zur Zeit, wo ich anfing Tauben zu halten -und ihre verschiedenen Formen zu beobachten, es für ganz eben so schwer -hielt zu glauben, dass alle ihre Rassen einem gemeinsamen Stammvater -seit ihrer Zähmung entsprossen seyn könnten, als es einem Naturforscher -schwer fallen würde, an die gemeinsame Abstammung aller Finken oder -irgend einer andern grossen Vögel-Familie im Natur-Zustande zu glauben. -Insbesondere machte mich der Umstand sehr betroffen, dass alle Züchter -von Haus-Thieren und Kultur-Pflanzen, mit welchen ich je gesprochen -oder deren Schriften ich gelesen, vollkommen überzeugt waren, dass -die verschiedenen Rassen, welche ein Jeder von ihnen erzogen, von -eben so vielen ursprünglich verschiedenen Arten herstammten. Fragt -man, wie ich gefragt habe, irgend einen berühmten Veredler der -Hereford’schen Rindvieh-Rasse, ob dieselbe nicht von der lang-hörnigen -Rasse abstamme, so wird er spöttisch lächeln. Ich habe nie einen -Tauben-, Hühner-, Enten- oder Kaninchen-Liebhaber gefunden, der nicht -vollkommen überzeugt gewesen wäre, dass jede Haupt-Rasse von einer -andern Stammart herkomme. V<span class="smaller">AN</span> M<span class="smaller">ONS</span> zeigt in seinem Werke über -die Äpfel und Birnen, wie wenig er zu glauben geneigt seye, dass die -verschiedenen Sorten, wie z. B. der Ribston-pippin, der Codlin-Apfel -u. a., je von Saamen des nämlichen Baumes entsprungen seyen. Und so -könnte ich unzählige andere Beispiele anführen. Diess lässt sich, wie -ich glaube, einfach erklären. In Folge lang-jähriger Studien haben<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> -diese Leute einen tiefen Eindruck von den Unterschieden zwischen den -verschiedenen Rassen in sich aufgenommen; und obgleich sie wohl wissen, -dass jede Rasse etwas variire, da sie eben durch die Züchtung solcher -geringen Abänderungen ihre Preise gewinnen, so gehen sie doch nicht -von allgemeineren Vernunftschlüssen aus und rechnen nicht den ganzen -Betrag zusammen, der sich durch Häufung kleiner Abänderungen während -vieler aufeinander-folgender Generationen ergeben muss. Werden nicht -jene Naturforscher, welche, obschon viel weniger als diese Züchter mit -den Erblichkeits-Gesetzen bekannt und nicht besser als sie über die -Zwischenglieder in der langen Reihe der Abkommenschaft unterrichtet, -doch annehmen, dass viele von unseren gehegten Rassen von gleichen -Ältern abstammen, — werden sie nicht eine Lektion über Behutsamkeit zu -gewärtigen haben, wenn sie über den Gedanken lachen, dass eine Art im -Natur-Zustand in gerader Linie von einer andern Art abstammen könne?</p> - -<p><em class="gesperrt">Züchtung.</em>) Wir wollen jetzt kürzlich die Wege betrachten, auf -welchen die gehegten Rassen jede von einer oder von mehren einander -nahe verwandten Arten erzeugt worden sind. Ein kleiner Theil der -Wirkung mag dabei vielleicht dem unmittelbaren Einflusse äussrer -Lebensbedingungen und ein kleiner der Gewöhnung zuzuschreiben seyn; -es wäre aber thöricht, solchen Kräften die Verschiedenheiten zwischen -einem Karrengaul und einem Rasse-Pferd, zwischen einem Windspiele und -einem Schweisshund, einer Boten- und einer Purzel-Taube zuschreiben -zu wollen. Eine der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten, die wir an -unseren kultivirten Rassen wahrnehmen, ist ihre Anpassung nicht -an der Pflanze oder des Thieres eigenen Vortheil, sondern an des -Menschen Nutzen und Liebhaberei. Einige ihm nützliche Abänderungen -sind zweifelsohne plötzlich oder auf ein Mal entstanden, wie z. B. -manche Botaniker glauben, dass die Weber-Karde mit ihren Haken, welchen -keine mechanische Vorrichtung an Brauchbarkeit gleichkommt, nur eine -Varietät des wilden Dipsacus seye, und diese ganze Abänderung mag -wohl plötzlich in irgend einem Sämlinge dieses letzten zum Vorschein -gekommen seyn. So ist es wahrscheinlich auch<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> mit der in <i>England</i> -zum Drehen der Bratspiesse gebrauchten Hunde-Rasse der Fall, und es ist -bekannt, dass eben so das Amerikanische Ancon-Schaaf entstanden ist. -Wenn wir aber das Rasse-Pferd mit dem Karrengaul, den Dromedar mit dem -Kameel, die für Kulturland tauglichen mit den für Berg-Weide passenden -Schaafe-Rassen, deren Wollen sich zu ganz verschiedenen Zwecken eignen, -wenn wir die manchfaltigen Hunde-Rassen vergleichen, deren jede dem -Menschen in einer anderen Weise dient, — wenn wir den im Kampfe so -ausdauernden Streit-Hahn mit andern friedfertigen und trägen Rassen, -welche „immer legen und niemals zu brüten verlangen“, oder mit dem so -kleinen und zierlichen Bantam-Huhne vergleichen, — wenn wir endlich -das Heer der Acker-, Obst-, Küchen- und Zier-Pflanzenrassen in’s Auge -fassen, welche dem Menschen jede zu anderem Zwecke und in andrer -Jahreszeit so nützlich oder für seine Augen so angenehm sind, so müssen -wir uns doch wohl weiter nach den Ursachen solcher Veränderlichkeit -umsehen. Wir können nicht annehmen, dass alle diese Varietäten auf -einmal so vollkommen und so nutzbar entstanden seyen, wie wir sie jetzt -vor uns sehen, und kennen in der That von manchen ihre Geschichte genau -genug um zu wissen, dass Diess nicht der Fall gewesen. Der Schlüssel -liegt in des Menschen <em class="gesperrt">accumulativem Wahl-Vermögen</em>, d. h. in -seinem Vermögen, durch jedesmalige Auswahl derjenigen Individuen zur -Nachzucht, welche die ihm erwünschten Eigenschaften im <em class="gesperrt">höchsten</em> -Grade besitzen, diese Eigenschaften bei jeder Generation um einen -wenn auch noch so unscheinbaren Betrag zu steigern. Die Natur liefert -allmählich mancherlei Abänderungen; der Mensch befördert sie in -gewissen ihm nützlichen Richtungen. In diesem Sinne kann man von ihm -sagen, er schaffe sich nützliche Rassen.</p> - -<p>Die Macht dieses Züchtungs-Princips ist nicht hypothetisch; denn es -ist gewiss, dass einige unserer ausgezeichnetsten Viehzüchter binnen -einem Menschen-Alter mehre Rind- und Schaaf-Rassen in beträchtlichem -Umfange modifizirt haben. Um das, was sie geleistet haben, in seinem -ganzen Umfang zu würdigen, muss man einige von den vielen diesem -Zwecke gewidmeten Schriften lesen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> und die Thiere selber sehen. — -Züchter sprechen gewöhnlich von eines Thieres Organisation wie von -einer ganz bildsamen Sache, die sie meistens völlig nach ihrem Gefallen -modeln könnten. Wenn es der Raum gestattete, so würde ich viele -Stellen von den sachkundigsten Gewährsmännern als Belege anführen. -Y<span class="smaller">OUATT</span>, der wahrscheinlich besser als fast irgend ein Anderer -mit den landwirthschaftlichen Werken bekannt und selbst ein sehr guter -Beurtheiler eines Thieres war, sagt von diesem Züchtungs-Prinzip, -es seye, „was den Landwirth befähige den Charakter seiner Heerde -nicht allein zu modifiziren, sondern gänzlich zu ändern. Es ist der -Zauberstab, mit dessen Hülfe er jede Form in’s Leben ruft, die ihm -gefällt.“ Lord S<span class="smaller">OMERVILLE</span> sagt in Bezug auf das, was die -Züchter hinsichtlich der Schaaf-Rassen geleistet: „Es ist, als hätten -sie eine in sich vollkommene Form an die Wand gezeichnet und dann -belebt“. Der erfahrenste Züchter, Sir J<span class="smaller">OHN</span> S<span class="smaller">EBRIGHT</span>, pflegte -in Bezug auf die Tauben zu sagen: „er wolle eine ihm aufgegebene Feder -in drei Jahren hervorbringen, bedürfe aber sechs Jahre, um Kopf und -Schnabel zu erlangen“. In Sachsen ist die Wichtigkeit jenes Prinzips -für die Merino-Zucht so anerkannt, dass die Leute es gewerbsmässig -verfolgen. Die Schaafe werden auf einen Tisch gelegt und studirt, -wie der Kenner ein Gemälde studirt. Dieses wird je nach Monatsfrist -dreimal wiederholt, und die Schaafe werden jedesmal gezeichnet und -klassifizirt, so dass nur die allerbesten zuletzt für die Nachzucht -übrig bleiben.</p> - -<p>Was englische Züchter bis jetzt schon geleistet haben, geht aus den -ungeheuren Preisen hervor, die man für Thiere bezahlt, die einen -guten Stammbaum aufzuweisen haben, und diese hat man jetzt nach fast -allen Weltgegenden ausgeführt. Diese Veredlung rührt im Allgemeinen -keineswegs davon her, dass man verschiedene Rassen miteinander -gekreutzt. All’ die besten Züchter sprechen sich streng gegen dieses -Verfahren aus, es seye denn etwa zwischen einander nahe verwandten -Unterrassen. Und hat eine solche Kreutzung stattgefunden, so ist die -sorgfältigste Auswahl weit nothwendiger, als selbst in gewöhnlichen -Fällen. Handelte es sich bei der Wahl nur darum, irgend welche<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> sehr -auffallende Abänderungen auszusondern und zur Nachzucht zu verwenden, -so wäre das Prinzip so handgreiflich, dass es sich kaum der Mühe -lohnte, davon zu sprechen. Aber seine Wichtigkeit besteht in dem -grossen Erfolg von Generation zu Generation fortgesetzter Häufung von -dem ungeübten Auge ganz unkenntlichen Abänderungen in einer Richtung -hin: Abänderungen, die ich, einfach genommen, vergebens wahrzunehmen -gestrebt habe. Nicht ein Mensch unter Tausend hat ein hinreichend -scharfes Auge und Urtheil, um ein ausgezeichneter Züchter zu werden. -Ist er mit diesen Eigenschaften versehen, studirt seinen Gegenstand -Jahre lang und widmet ihm seine ganze Lebenszeit mit ungeschwächter -Beharrlichkeit, so wird er Erfolg haben und grosse Verbesserungen -bewirken. Ermangelt er aber jener Eigenschaften, so wird er sicher -nichts ausrichten. Es haben wohl nur Wenige davon eine Vorstellung, was -für ein Grad von natürlicher Befähigung und wie viele Jahre Übung dazu -gehören, um nur ein geschickter Tauben-Züchter zu werden.</p> - -<p>Die nämlichen Grundsätze werden beim Garten-Bau befolgt, aber die -Abänderungen erfolgen oft plötzlicher. Doch glaubt niemand, dass -unsere edelsten Garten-Erzeugnisse durch eine einfache Abänderung -unmittelbar aus der wilden Urform entstanden seyen. In einigen Fällen -können wir beweisen, dass Diess nicht geschehen ist, indem genaue -Protokolle darüber geführt worden sind; um aber ein sehr treffendes -Beispiel anzuführen, können wir uns auf die stetig zunehmende Grösse -der Stachelbeeren beziehen. Wir nehmen eine erstaunliche Veredlung in -manchen Zierblumen wahr, wenn man die heutigen Blumen mit Abbildungen -vergleicht, die vor 20–30 Jahren davon gemacht worden sind. Wenn eine -Pflanzen-Rasse einmal wohl ausgebildet worden ist, so entfernt der -Samen-Züchter nicht die besten Pflanzen, sondern diejenigen aus den -Saamen-Beeten, welche am weitesten von ihrer eigenthümlichen Form -abweichen. Bei Thieren findet diese Art von Auswahl ebenfalls statt; -denn kaum dürfte Jemand so sorglos seyn, seine schlechtesten Thiere zur -Nachzucht zu verwenden.</p> - -<p>Bei den Pflanzen gibt es noch ein anderes Mittel das Maas der -Wirkungen der Zuchtwahl zu beobachten, nämlich die Vergleichung<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> der -Verschiedenheit der Blüthen in den mancherlei Varietäten einer Art im -Blumen-Garten; der Verschiedenheit der Blätter, Hülsen, Knollen oder -was sonst für Theile in Betracht kommen, im Küchen-Garten, gegenüber -den Blüthen der nämlichen Varietäten; und der Verschiedenheit der -Früchte bei den Varietäten einer Art im Obst-Garten, gegenüber den -Blättern und Blüthen derselben Varietäten-Reihe. Wie verschieden -sind die Blätter der Kohl-Sorten und wie ähnlich einander ihre -Blüthen! wie unähnlich die Blüthen des Jelängerjeliebers und wie -ähnlich die Blätter! wie sehr weichen die Früchte der verschiedenen -Stachelbeer-Sorten in Grösse, Farbe, Gestalt und Behaarung von einander -ab, während an den Blüthen nur ganz unbedeutende Verschiedenheiten zu -bemerken sind! Nicht als ob die Varietäten, die in einer Beziehung -weit auseinander, in andern gar nicht verschieden wären: Diess ist -schwerlich je und (ich spreche nach sorgfältigen Beobachtungen) -vielleicht niemals der Fall! Die Gesetze der Wechselbeziehungen des -Wachsthums, deren Wichtigkeit nie übersehen werden sollte, werden immer -einige Verschiedenheiten veranlassen; im Allgemeinen aber kann ich -nicht zweifeln, dass die fortgesetzte Auswahl geringer Abänderungen in -den Blättern, in den Blüthen oder in der Frucht solche Rassen erzeuge, -welche hauptsächlich in diesen Theilen von einander abweichen.</p> - -<p>Man könnte einwenden, das Prinzip der Zuchtwahl seye erst seit kaum -drei Vierteln eines Jahrhunderts zu planmässiger Anwendung gebracht -worden; gewiss ist es erst seit den letzten Jahren mehr in Übung und -sind viele Schriften darüber erschienen; die Ergebnisse sind in einem -entsprechenden Grade immer rascher und erheblicher geworden. Es ist -aber nicht entfernt wahr, dass dieses Prinzip eine neue Entdeckung -seye. Ich kann mehre Beweise anführen, aus welchen sich die volle -Anerkennung seiner Wichtigkeit schon in sehr alten Schriften ergibt. -Selbst in den rohen und barbarischen Zeiten der <i>Englischen</i> -Geschichte sind ausgesuchte Zucht-Thiere oft eingeführt und ist ihre -Ausfuhr gesetzlich verboten worden; auch war die Zerstörung der Pferde -unter einer gewissen Grösse angeordnet, was sich mit dem oben erwähnten -Ausjäten der Pflanzen vergleichen lässt.<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Das Prinzip der Züchtung -finde ich auch in einer alten <i>Chinesischen</i> Encyklopädie bestimmt -angegeben. Bestimmte Regeln darüber sind bei einigen <i>Römischen</i> -Klassikern niedergelegt. Aus einigen Stellen in der Genesis erhellt, -dass man schon in jener frühen Zeit der Farbe der Hausthiere seine -Aufmerksamkeit zugewendet hat. Wilde kreutzen noch jetzt zuweilen -ihre Hunde mit wilden Hunde-Arten, um die Rasse zu verbessern, wie -es nach P<span class="smaller">LINIUS</span>’ Zeugniss auch vormals geschehen ist. Die -Wilden in <i>Süd-Afrika</i> spannen ihre Zug-Ochsen nach der Farbe -zusammen, wie einige Esquimaux ihre Zug-Hunde. L<span class="smaller">IVINGSTONE</span> -berichtet, wie hoch gute Hausthier-Rassen von den Negern im innern -<i>Afrika</i>, welche nie mit Europäern in Berührung gewesen, geschätzt -werden. Einige der angeführten Thatsachen sind zwar keine Belege für -wirkliche Züchtung; aber sie zeigen, dass die Zucht der Hausthiere -schon in älteren Zeiten ein Gegenstand der Bestrebung gewesen und es -bei den rohesten Wilden noch jetzt ist. Es würde aber in der That doch -befremden müssen, wenn sich bei der Züchtung die Aufmerksamkeit nicht -sofort auf die Erblichkeit der so auffälligen guten und schlechten -Eigenschaften gelenkt hätte.</p> - -<p>In jetziger Zeit versuchen es ausgezeichnete Züchter durch planmässige -Wahl, mit einem bestimmten Ziel im Auge, neue Stämme oder Unterrassen -zu bilden, die alles bis jetzt bei uns Vorhandene übertreffen sollen. -Für unseren Zweck jedoch ist diejenige Art von Züchtung wichtiger, -welche man die unbewusste nennen kann und welche ein Jeder in Anwendung -bringt, der von den besten Thieren zu besitzen und nachzuziehen -strebt. So wird Jemand, der einen guten Hühnerhund zu haben wünscht, -zuerst möglichst gute Hunde zu erhalten suchen und hernach von den -besten seiner eignen Hunde Nachzucht zu bekommen streben, ohne die -Absicht oder die Erwartung zu haben, die Rasse hiedurch bleibend zu -ändern. Demungeachtet zweifle ich nicht daran, dass, wenn er dieses -Verfahren einige Jahrhunderte lang fortsetzte, er seine Rasse ändern -und veredeln würde, wie B<span class="smaller">AKEWELL</span>, C<span class="smaller">OLLINS</span> u. A. durch -ein gleiches und nur mehr planmässiges Verfahren schon während ihrer -eigenen Lebens-Zeit die Formen<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> und Eigenschaften ihrer Rinder-Heerden -wesentlich verändert haben. Langsame und unmerkliche Veränderungen -dieser Art lassen sich nicht erkennen, wenn nicht wirkliche -Ausmessungen oder sorgfältige Zeichnungen der fraglichen Rassen von -Anfang her gemacht worden sind, welche zur Vergleichung dienen können; -zuweilen kann man jedoch noch unveredelte oder wenig veränderte -Individuen in solchen Gegenden auffinden, wo die Veredlung derselben -ursprünglichen Rasse noch nicht oder nur wenig fortgeschritten ist. So -hat man Grund zu glauben, dass König K<span class="smaller">ARL</span>’<span class="smaller">S</span> Jagdhund-Rasse<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> -seit der Zeit dieses Monarchen unbewusster Weise beträchtlich -verändert worden ist. Einige völlig sachkundige Gewährsmänner hegen -die Überzeugung, dass der Spürhund in gerader Linie vom Jagdhund -abstammt und wahrscheinlich durch langsame Veränderung aus demselben -hervorgegangen ist. Es ist bekannt, dass der Vorstehehund im letzten -Jahrhundert grosse Umänderung erfahren hat, und hier glaubt man seye -die Umänderung hauptsächlich durch Kreutzung mit dem Fuchs-Hunde -bewirkt worden; aber was uns berührt, das ist, dass diese Umänderung -unbewusster und langsamer Weise geschehen und dennoch so beträchtlich -ist, dass, obwohl der alte Vorstehehund gewiss aus <i>Spanien</i> -gekommen, Herr B<span class="smaller">ORROW</span> mich doch versichert hat, in ganz -<i>Spanien</i> keine einheimische Hunde-Rasse gesehen zu haben, die -unserem Vorstehehund gliche.</p> - -<p>Durch ein gleiches Wahl-Verfahren und sorgfältige Aufzucht ist -die ganze Masse der <i>Englischen</i> Rasse-Pferde dahin gelangt -in Schnelligkeit und Grösse ihren <i>Arabischen</i> Urstamm zu -übertreffen, so dass dieser letzte bei den Bestimmungen über die -Goodwood-Rassen hinsichtlich des zu tragenden Gewichtes begünstigt<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> -werden musste. Lord S<span class="smaller">PENCER</span> u. A. haben gezeigt, dass in -<i>England</i> das Rindvieh an Schwere und früher Reife gegen frühere -Zeiten zugenommen. Vergleicht man die Nachrichten, welche in alten -Tauben-Büchern über die Boten- und Purzel-Tauben enthalten sind, mit -diesen Rassen, wie sie jetzt in <i>Britannien</i>, <i>Indien</i> und -<i>Persien</i> vorkommen, so kann man, scheint mir, deutlich die Stufen -verfolgen, welche sie allmählich zu durchlaufen hatten, um endlich so -weit von der Felstaube abzuweichen.</p> - -<p>Y<span class="smaller">OUATT</span> gibt eine vortreffliche Erläuterung von den Wirkungen -einer fortdauernden Züchtung, welche man in so ferne als unbewusste -betrachten kann, als die Züchter nie das von ihnen erlangte -Ergebniss selbst erwartet oder gewünscht haben können, nämlich die -Erzielung zweier ganz verschiedener Stämme. Es sind die zweierlei -<i>Leicestrer</i> Schaaf-Heerden, welche von Mr. B<span class="smaller">UCKLEY</span> -und Mr. B<span class="smaller">URGESS</span> seit etwas über 50 Jahren lediglich aus dem -B<span class="smaller">AKEWELL</span>’schen Urstamme gezüchtet worden. Unter Allen, welche -mit der Sache bekannt sind, glaubt Niemand von Ferne daran, dass -die beiden Eigner dieser Heerden dem reinen B<span class="smaller">AKEWELL</span>’schen -Stamme jemals fremdes Blut beigemischt hätten, und doch ist jetzt die -Verschiedenheit zwischen deren Heerden so gross, dass man glaubt ganz -verschiedene Rassen zu sehen.</p> - -<p>Gäbe es Wilde so barbarisch, dass sie keine Vermuthung von der -Erblichkeit des Charakters ihrer Hausthiere hätten, so würden sie doch -jedes ihnen zu einem besondern Zwecke vorzugsweise nützliche Thier -während Hungersnoth und anderen Unglücks-Fällen sorgfältig zu erhalten -bedacht seyn, und ein derartig auserwähltes Thier würde mithin mehr -Nachkommenschaft als ein anderes von geringerem Werthe hinterlassen, -so dass schon auf diese Weise eine Auswahl zur Züchtung stattfände. -Welchen Werth selbst die Barbaren des Feuerlandes auf ihre Thiere -legen, sehen wir, wenn sie in Zeiten der Noth lieber ihre alten Weiber -als ihre Hunde verzehren, weil ihnen diese nützlicher sind als jene.</p> - -<p>Bei den Pflanzen kann man dasselbe stufenweise Veredlungs-Verfahren in -der gelegentlichen Erhaltung der besten Individuen wahrnehmen, mögen -sie nun hinreichend oder nicht genügend verschieden seyn, um bei ihrem -ersten Erscheinen schon als<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> eine eigene Varietät zu gelten; mögen sie -aus der Kreutzung von zwei oder mehr Rassen oder Arten hervorgegangen -seyn. Wir erkennen Diess klar aus der zunehmenden Grösse und Schönheit -der Blumen von Jelängerjelieber, Dahlien, Pelargonien, Rosen u. a. -Pflanzen im Vergleich zu den älteren Varietäten von denselben Arten. -Niemand wird erwarten eine Jelängerjelieber oder Dahlie erster Qualität -aus dem Samen einer wilden Pflanze zu erhalten, oder eine Schmelzbirne -erster Sorte aus dem Samen einer wilden Birne zu erziehen, obwohl es -von einem wild-gewachsenen Sämlinge der Fall seyn könnte, welcher -von einer im Garten gebildeten Varietät entstammte. Die schon in der -klassischen Zeit kultivirte Birne scheint nach P<span class="smaller">linius</span>’ -Bericht eine Frucht von sehr untergeordneter Qualität gewesen zu -seyn. Ich habe in Gartenbau-Schriften den Ausdruck grossen Erstaunens -über die wunderbare Geschicklichkeit von Gärtnern gelesen, die aus -dürftigem Material so glänzende Erfolge geärndet; aber ihre Kunst war -ohne Zweifel einfach und, wenigstens in Bezug auf das End-Ergebniss, -eine unbewusste. Sie bestand nur darin, dass sie die jederzeit beste -Varietät wieder aussäeten und, wenn dann zufällig eine neue etwas -bessere Abänderung zum Vorschein kam, nun diese zur Nachzucht wählten -u. s. w. Aber die Gärtner der klassischen Zeit, welche die beste Birne, -die sie erhalten konnten, nachzogen, dachten nie daran, was für eine -herrliche Frucht wir einst essen würden; und doch schulden wir dieses -treffliche Obst in geringem Grade wenigstens dem Umstande, dass schon -sie begonnen haben, die besten Varietäten auszuwählen und zu erhalten.</p> - -<p>Der grosse Umfang von Veränderungen, die sich in unseren -Kultur-Pflanzen langsamer und unbewusster Weise angehäuft haben, -erklärt die wohl-bekannte Thatsache, dass wir in den meisten Fällen die -wilde Mutterpflanze nicht wieder erkennen und daher nicht anzugeben -vermögen, woher die am längsten in unseren Blumen- und Küchen-Gärten -angebauten Pflanzen abstammen. Wenn es aber Hunderte oder Tausende von -Jahren bedurft hat, um unsre Kultur-Pflanzen bis auf deren jetzige -dem Menschen so nützliche Stufe zu veredeln, so wird es uns auch -begreiflich, warum weder <i>Australien</i>, noch das <i>Kap der guten -Hoffnung</i> oder irgend<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> eine andre von ganz unzivilisirten Menschen -bewohnte Gegend uns eine der Kultur werthe Pflanze geboten hat. Nicht -als ob diese an Pflanzen so reichen Gegenden in Folge eines eigenen -Zufalles gar nicht mit Urformen nützlicher Pflanzen von der Natur -versehen worden wären; sondern ihre einheimischen Pflanzen sind nur -nicht durch unausgesetzte Züchtung bis zu einem Grade veredelt worden, -welcher mit dem der Pflanzen in den schon längst kultivirten Ländern -vergleichbar wäre.</p> - -<p>Was die Hausthiere nicht zivilisirter Völker betrifft, so darf man -nicht übersehen, dass diese in der Regel, zu gewissen Jahreszeiten -wenigstens, um ihre eigene Nahrung zu kämpfen haben. In zwei sehr -verschieden beschaffenen Gegenden können Individuen von einerlei -Organismen-Art aber zweierlei Bildung und Thätigkeit der Organe oft -die einen in der ersten und die andern in der zweiten Gegend besser -fortkommen und dann durch eine Art natürlicher Züchtung, wie nachher -weiter erklärt werden soll, zwei Unterrassen bilden. Diess erklärt -vielleicht zum Theile, was einige Gewährsmänner von den Thier-Rassen -der Wilden berichten, dass dieselben mehr die Charaktere besonderer -Species an sich tragen, als die bei zivilisirten Völkern gehaltenen -Abänderungen.</p> - -<p>Nach der hier aufgestellten Ansicht von dem äusserst wichtigen -Einflusse, den die Züchtung des Menschen geübt, erklärt es sich auch -wie es komme, dass unsre veredelten Rassen sich in Struktur und -Lebensweise so an die Bedürfnisse und Launen des Menschen anpassen. Es -lassen sich daraus ferner, wie ich glaube, der so oft abnorme Charakter -unsrer veredelten Rassen und die gewöhnlich äusserlich so grossen, in -innern Theilen oder Organen aber verhältnissmässig so unbedeutenden -Verschiedenheiten derselben begreifen. Denn der Mensch kann kaum -oder nur sehr schwer andre als äusserlich sichtbare Abweichungen der -Struktur bei seiner Auswahl beachten, und er bekümmert sich in der -That nur selten um das Innere. Er kann durch Wahl nur auf solche -Abänderungen verfallen, welche ihm von der Natur selbst in anfänglich -schwachem Grade dargeboten werden. So würde niemals Jemand versuchen -eine Pfauentaube zu machen, wenn er nicht zuvor schon eine Taube mit -einem in etwas unregelmässiger<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Weise entwickelten Schwanz gesehen -hätte, oder einen Kröpfer zu züchten, ehe er eine Taube mit einem -grösseren Kropfe gefunden. Je eigenthümlicher und ungewöhnlicher ein -Charakter bei dessen erster Wahrnehmung erscheint, desto mehr wird -derselbe die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch wäre der Ausdruck -„Versuchen eine Pfauentaube zu machen“ in den meisten Fällen äusserst -unangemessen. Denn der, welcher zuerst eine Taube mit einem etwas -stärkeren Schwanz zur Nachzucht ausgewählt, hat sich gewiss nicht -träumen lassen, was aus den Nachkommen dieser Taube durch theils -unbewusste und theils planmässige Züchtung werden könne. Vielleicht -hat der Stammvater aller Pfauentauben nur vierzehn etwas ausgebreitete -Schwanz-Federn gehabt, wie die jetzige <i>Javanesische</i> Pfauentaube -oder wie Individuen von verschiedenen andren Rassen, an welchen man bis -zu 17 Schwanz-Federn gezählt hat. Vielleicht hat die erste Kropftaube -ihren Kropf nicht stärker aufgeblähet, als es jetzt die Möventaube -mit dem oberen Theile des Schlundes zu thun pflegt, eine Gewohnheit, -welche bei allen Tauben-Liebhabern unbeachtet bleibt, weil sie keinen -Gesichtspunkt für ihre Züchtung abgibt.</p> - -<p>Es lässt sich nicht annehmen, dass es erst einer grossen Abweichung -in der Struktur bedürfe, um den Blick des Liebhabers auf sich zu -ziehen; er nimmt äusserst kleine Verschiedenheiten wahr, und es ist -in des Menschen Art begründet, auf eine wenn auch geringe Neuigkeit -in seinem eigenen Besitze Werth zu legen. Auch ist der anfangs auf -geringe individuelle Abweichungen bei einer Art gelegte Werth nicht -mit demjenigen zu vergleichen, welcher denselben Verschiedenheiten -beigelegt wird, wenn einmal mehre reine Rassen dieser Art -hergestellt sind. Manche geringe Abänderungen mögen unter solchen -Tauben vorgekommen seyn und noch vorkommen, welche als fehlerhafte -Abweichungen vom vollkommenen Typus einer jeden Rasse zurückgeworfen -worden. Die gemeine Gans hat keine auffallende Varietät geliefert, -daher die Thoulouse- und die gewöhnliche Rasse, welche nur in der Farbe -als dem biegsamsten aller Charaktere verschieden sind, bei unseren -Geflügel-Ausstellungen für verschiedene Arten ausgegeben wurden.</p> - -<p>Diese Ansichten mögen ferner eine zuweilen gemachte Bemerkung<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> -erklären, dass wir nämlich nichts über die Entstehung oder Geschichte -einer unsrer veredelten Rassen wissen. Denn man kann von einer Rasse, -so wie von einem Sprach-Dialekte, in Wirklichkeit schwerlich sagen, -dass sie einen bestimmten Anfang gehabt habe. Es pflegt jemand -und gebraucht zur Züchtung irgend ein Einzelwesen mit geringen -Abweichungen des Körper-Baues, oder er verwendet mehr Sorgfalt als -gewöhnlich darauf, seine besten Thiere mit einander zu paaren; er -verbessert dadurch seine Zucht und die verbesserten Thiere verbreiten -sich unmittelbar in der Nachbarschaft. Da sie aber bis jetzt noch -schwerlich einen besonderen Namen haben und sie noch nicht sonderlich -geschätzt sind, so achtet niemand auf ihre Geschichte. Wenn sie dann -durch dasselbe langsame und stufenweise Verfahren noch weiter veredelt -worden, breiten sie sich immer weiter aus und werden jetzt als etwas -Ausgezeichnetes und Werthvolles anerkannt und erhalten wahrscheinlich -nun erst einen Provinzial-Namen. In halb-zivilisirten Gegenden mit -wenig freiem Verkehr mag die Ausbreitung und Anerkennung einer neuen -Unterrasse ein langsamer Vorgang seyn. Sobald aber die einzelnen -werthvolleren Eigenschaften der neuen Unterrasse einmal vollständig -anerkannt sind, wird das von mir sogenannte Prinzip der unbewussten -Züchtung langsam und unaufhörlich — wenn auch mehr zu einer als zur -andern Zeit, je nachdem eine Rasse in der Mode steigt oder fällt, -und vielleicht mehr in einer Gegend als in der andern, je nach der -Zivilisations-Stufe ihrer Bewohner — auf die Vervollkommnung der -charakteristischen Eigenschaften der Rasse hinwirken, welcher Art -sie nun seyn mögen. Aber es ist unendlich wenig Aussicht vorhanden, -einen geschichtlichen Bericht von solchen langsam wechselnden und -unmerklichen Veränderungen zu erhalten.</p> - -<p>Ich habe nun einige Worte über die für die künstliche Züchtung -günstigen oder ungünstigen Umstände zu sagen. Ein hoher Grad von -Veränderlichkeit ist insoferne offenbar günstig, als er ein reicheres -Material zur Auswahl für die Züchtung liefert. Doch nicht als ob -bloss individuelle Verschiedenheiten nicht vollkommen genügten, -um mit äusserster Sorgfalt durch Häufung endlich eine<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> bedeutende -Umänderung in fast jeder beliebigen Richtung zu erwirken. Da aber -solche dem Menschen offenbar nützliche oder gefällige Variationen -nur zufällig vorkommen, so muss die Aussicht auf deren Erscheinen -mit der Anzahl der gepflegten Individuen zunehmen, und so wird eine -Vielzahl dieser letzten von höchster Wichtigkeit für den Erfolg. -Mit Rücksicht auf dieses Prinzip hat M<span class="smaller">ARSCHALL</span> über die -Schaafe in einigen Theilen von <i>Yorkshire</i> gesagt, dass, weil -sie gewöhnlich nur armen Leuten gehören und meistens in kleine Loose -vertheilt sind, sie nie veredelt werden können. Auf der andern Seite -haben Handelsgärtner, welche alle Pflanzen in grossen Massen erziehen, -gewöhnlich mehr Erfolg als die blossen Liebhaber in Bildung neuer -und werthvoller Varietäten. Die Haltung einer grossen Anzahl von -Einzelwesen einer Art in einer Gegend verlangt, dass man diese Species -in günstige Lebens-Bedingungen versetze, so dass sie sich in dieser -Gegend freiwillig fortpflanze. Sind nur wenige Individuen einer Art -vorhanden, so werden sie gewöhnlich alle, wie auch ihre Beschaffenheit -seyn mag, zur Nachzucht verwendet, und Diess hindert ihre Auswahl. -Aber wahrscheinlich der wichtigste Punkt von allen ist, dass das Thier -oder die Pflanze für den Besitzer so nützlich oder so hoch gewerthet -sey, dass er die genaueste Aufmerksamkeit auf jede auch die geringste -Abänderung in den Eigenschaften und dem Körper-Baue eines jeden -Individuums verwende. Ist Diess nicht der Fall, so ist auch nichts zu -erwirken. Ich habe es als wesentlich hervorheben sehen, es seye ein -sehr glücklicher Zufall gewesen, dass die Erdbeere gerade zu variiren -begann, als Gärtner diese Pflanze näher zu beobachten anfingen. -Zweifelsohne hatte die Erdbeere immer variirt, seitdem sie angepflanzt -worden; aber man hatte die geringen Abänderungen vernachlässigt. Als -jedoch Gärtner später die Pflanzen mit etwas grösseren, früheren oder -besseren Früchten heraushoben, Sämlinge davon erzogen und dann wieder -die besten Sämlinge und deren Abkommen zur Nachzucht verwendeten, da -lieferte diese, unterstützt durch die Kreutzung mit andern Arten, die -vielen bewundernswerthen Varietäten, welche in den letzten 30–40 Jahren -erzielt worden sind.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> - -<p>Was Thiere getrennten Geschlechtes betrifft, so hat die Leichtigkeit, -womit ihre Kreutzung gehindert werden kann, einen wichtigen Antheil an -dem Erfolge in Bildung neuer Rassen, in einer Gegend wenigstens, welche -bereits mit anderen Rassen besetzt ist. Dazu kann die Einschliessung -des Landes in Betracht kommen. Wandernde Wilde oder die Bewohner -offner Ebenen besitzen selten mehr als eine Rasse derselben Art. Man -kann zwei Tauben lebenslänglich zusammen-paaren, und Diess ist eine -grosse Bequemlichkeit für den Liebhaber, weil er viele Vollblut-Rassen -im nämlichen Vogelhause beisammen erziehen kann. Dieser Umstand hat -gewiss die Bildung und Veredlung neuer Rassen sehr befördert. Ich will -noch beifügen, dass man die Tauben sehr rasch und in grosser Anzahl -vermehren und die schlechten Vögel leicht beseitigen kann, weil sie -getödtet zur Speise dienen. Auf der andern Seite lassen sich Katzen -ihrer nächtlichen Wanderungen wegen nicht zusammen-paaren, daher -man auch, trotzdem dass Frauen und Kinder sie gerne haben, selten -eine neue Rasse aufkommen sieht; solche Rassen, wenn wir dergleichen -jemals sehen, sind immer aus anderen Gegenden und zumal aus Inseln -eingeführt. Obwohl ich nicht bezweifle, dass einige Hausthiere weniger -als andre variiren, so wird doch die Seltenheit oder der gänzliche -Mangel verschiedener Rassen bei Katze, Esel, Perlhuhn, Gans u. s. w. -hauptsächlich davon herrühren, dass keine Züchtung bei ihnen in -Anwendung gekommen ist: bei Katzen, wegen der Schwierigkeit sie -zu paaren; bei Eseln, weil sie bei uns nur in geringer Anzahl von -armen Leuten gehalten werden, welche auf ihre Züchtung wenig achten; -wogegen dieses Thier in einigen Theilen von <i>Spanien</i> und den -<i>Vereinten Staaten</i> durch sorgfältige Züchtung in erstaunlicher -Weise abgeändert und veredelt worden ist; — bei Perlhühnern, weil sie -nicht leicht aufzuziehen und eine grosse Zahl nicht beisammen gehalten -wird; bei Gänsen, weil sie nur zu zwei Zwecken dienen mittelst ihrer -Federn und ihres Fleisches, welche noch nicht zur Züchtung neuer -Rassen gereitzt haben; doch scheint die Gans auch eine eigenthümlich -unbiegsame Organisation zu besitzen.</p> - -<p>Versuchen wir das über die Entstehung unsrer Hausthier-<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> und -Kulturpflanzen-Rassen Gesagte zusammenzufassen. Ich glaube, dass -die äusseren Lebens-Bedingungen wegen ihrer Einwirkung auf das -Reproduktiv-System von der höchsten Wichtigkeit für die Entstehung -von Abänderungen sind. Ich glaube aber nicht, dass Veränderlichkeit -als eine inhärente und nothwendige Eigenschaft allen organischen -Wesen unter allen Umständen zukomme, wie einige Schriftsteller -angenommen haben. Die Wirkungen der Veränderlichkeit werden in -verschiedenem Grade modifizirt durch Vererblichkeit und Rückkehr. Sie -wird durch viele unbekannte Gesetze geleitet, insbesondre aber durch -das der Wechselbeziehungen des Wachsthums. Einiges mag der direkten -Einwirkung der äusseren Lebens-Bedingungen, Manches dem Gebrauche -und Nichtgebrauche der Organe zugeschrieben werden. Dadurch wird -das End-Ergebniss ausserordentlich verwickelt. Ich bezweifle nicht, -dass in einigen Fällen die Kreutzung ursprünglich verschiedener -Arten einen wesentlichen Antheil an der Bildung unserer veredelten -Erzeugnisse gehabt habe. Wenn in einer Gegend einmal mehre veredelte -Rassen vorhanden gewesen sind, so hat ihre gelegentliche Kreutzung -mit Hilfe der Wahl zweifelsohne mächtig zur Bildung neuer Rassen -mitwirken können; aber die Wichtigkeit der Varietäten-Mischung ist, -wie ich glaube, sehr übertrieben worden sowohl in Bezug auf die -Thiere wie auf die Pflanzen, die sich aus Saamen verjüngten. Bei -solchen Pflanzen dagegen, welche zeitweise durch Stecklinge, Knospen -u. s. w. fortgepflanzt werden, ist die Wichtigkeit der Kreutzung -zwischen Arten wie Varietäten unermesslich, weil der Pflanzenzüchter -hier die ausserordentliche Veränderlichkeit sowohl der Bastarde als -der Blendlinge ganz ausser Acht lässt; doch haben die Fälle, wo -Pflanzen nicht aus Saamen fortgepflanzt werden, wenig Bedeutung für -uns, weil ihre Dauer nur vorübergehend ist. Aber die über alle diese -Änderungs-Ursachen bei weitem vorherrschende Kraft ist nach meiner -Überzeugung die fortdauernd anhäufende Züchtung, mag sie nun planmässig -und schnell, oder unbewusst und allmählicher aber wirksamer in -Anwendung kommen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br /> - -<b>Abänderung im Natur-Zustande.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten. -Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am -meisten. Arten grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren -mehr, als die der kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen -gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit -einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.</p> - -<p>Ehe wir von den Prinzipien, zu welchen wir im vorigen Kapitel -gelangten, Anwendung auf die organischen Wesen im Natur-Zustande -machen, müssen wir kürzlich untersuchen, in wieferne diese letzten -veränderlich sind oder nicht. Um diesen Gegenstand angemessen zu -behandeln, müsste ich ein langes Verzeichniss trockner Thatsachen -aufstellen; doch will ich diese für mein künftiges Werk versparen. -Auch will ich nicht die verschiedenen Definitionen erörtern, welche -man von dem Worte „Species“ gegeben hat. Keine derselben hat bis jetzt -alle Naturforscher befriedigt. Gewöhnlich schliesst die Definition -ein unbekanntes Element von einem besondren Schöpfungs-Akte ein. Der -Ausdruck „Varietät“ ist eben so schwer zu definiren; gemeinschaftliche -Abstammung ist meistens mit einbedungen, obwohl so selten erweislich. -Auch hat man von Monstrositäten gesprochen, die aber stufenweise in -die Varietäten übergehen. Unter einer „Monstrosität“ versteht man -nach meiner Meinung irgend eine beträchtliche Abweichung der Struktur -in einem einzelnen Theile, welche der Art entweder nachtheilig oder -doch nicht nützlich ist und sich gewöhnlich nicht vererbt. Einige -Schriftsteller gebrauchen noch den Ausdruck „Variation“ in einem -technischen Sinne, um Abänderungen durch die unmittelbare Einwirkung -äussrer Lebens-Bedingungen zu bezeichnen, und die Variationen -dieser Art gelten nicht für erblich. Doch, wer kann behaupten, dass -die zwergartige Beschaffenheit der Konchylien im Brackwasser des -<i>Baltischen Meeres</i>, oder die verringerte Grösse der Pflanzen auf -den Höhen der Alpen, oder der dichtere Pelz eines Thieres in höheren -Breiten nicht auf wenigstens einige Generationen vererblich seye? und -in diesem<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Falle würde man, glaube ich, die Form eine „Varietät“ nennen.</p> - -<p>Es mag wohl zweifelhaft seyn, ob Monstrositäten oder solche plötzliche -und grosse Abweichungen der Struktur, wie wir sie zuweilen in unsren -gezähmten Rassen, zumal unter den Pflanzen auftauchen sehen, sich -im Natur-Zustande stetig fortpflanzen können. Monstrositäten sind -zur Unfruchtbarkeit geneigt, und gewöhnlich steht jeder Theil eines -organischen Wesens wenigstens bei den Thieren in einer so schönen -Beziehung zu den gesammten Lebens-Bedingungen, dass es eben so -unwahrscheinlich ist, dass irgend ein Theil auf einmal in seiner -ganzen Vollkommenheit erschienen seye, als dass ein Mensch irgend eine -zusammengesetzte Maschine sogleich in vollkommenem Zustande erfunden -habe. Es ist mir wenigstens nicht gelungen, im Natur-Zustande gute -Beispiele von Arten zu finden, welche den Abänderungen der Struktur -in den Monstrositäten ihrer Verwandten entsprächen. Wenn dergleichen -vorgekommen sind, so muss ihre Fortpflanzung durch ihre Nützlichkeit -bedingt gewesen seyn, so dass mithin Natürliche Züchtung dabei -mitwirkte. Man kennt viele Pflanzen, welche an verschiedenen Zweigen, -oder am Umfange, oder in der Mitte ihres Blüthenstandes Blüthen von -ganz abweichender Beschaffenheit tragen; und wenn diese Pflanzen -aufhören sollten, Blüthen der einen Art zu tragen, so dürfte wohl -plötzlich eine bedeutende Veränderung im Art-Charakter eintreten. Doch -scheint gerade in einigen dieser Fälle die Entstehung von zweierlei -Blüthen stufenweise vor sich gegangen zu seyn; denn wir finden in -gewissen Campanula- und Viola-Arten Mittelstufen zwischen den zweierlei -Hauptzuständen der Blüthe einer und der nämlichen Pflanze.</p> - -<p>Was anderseits aber die kultivirten Pflanzen betrifft, so ist in den -wenigen bekannten Fällen, wo eine Varietät Blüthen oder Früchte von -zweierlei Beschaffenheit hervorzubringen pflegt, die Entstehung dieser -Varietät eine plötzliche gewesen.</p> - -<p>Dagegen gibt es manche geringe Verschiedenheiten, welche man als -individuelle bezeichnen kann, da man von ihnen weiss, dass sie oft -unter den Abkömmlingen von einerlei Ältern vorkommen,<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> oder unter -solchen die wenigstens dafür gelten, weil sie zur nämlichen Art gehören -und auf begrenztem Raume nahe beisammen wohnen. Niemand unterstellt, -dass alle Individuen einer Art genau nach demselben Model gebildet -seyen. Diese individuellen Verschiedenheiten sind nun gerade sehr -wichtig für uns, theils weil sie oft ererbt sind, wie wohl Jedermann -schon zu beobachten Gelegenheit hatte, und theils weil sie der -Natürlichen Züchtung Stoff zur Häufung liefern, wie der Mensch in -seinen kultivirten Rassen individuelle Verschiedenheiten in gegebener -Richtung zusammenhäuft. Diese individuellen Verschiedenheiten betreffen -in der Regel nur die in den Augen des Naturforschers unwesentlichen -Theile; ich könnte jedoch aus einer langen Liste von Thatsachen -nachweisen, dass auch Theile, die man aus dem physiologischen wie aus -dem klassifikatorischen Gesichtspunkte als wesentliche bezeichnen -muss, zuweilen bei den Individuen von einerlei Art variiren. Ich -bin überzeugt, dass die erfahrensten Naturforscher erstaunt seyn -würden über die Menge von Fällen möglicher Abänderungen sogar in -wichtigen Theilen des Körpers, die ich im Laufe der Jahre nach guten -Gewährsmännern zusammengetragen habe. Man muss sich aber auch dabei -noch erinnern, dass Systematiker nicht erfreut sind Veränderlichkeit -in wichtigen Charakteren zu entdecken, und dass es nicht viele Leute -gibt, die ein Vergnügen daran fänden, innre wichtige Organe sorgfältig -zu untersuchen und in vielen Exemplaren einer und der nämlichen Art -mit einander zu vergleichen. So hätte ich nimmer erwartet, dass die -Verzweigungen des Hauptnerven dicht am grossen Zentralnervenknoten -eines Insektes in der nämlichen Species abändern könne, sondern hätte -vielmehr gedacht, Veränderungen dieser Art könnten nur langsam und -stufenweise eintreten. Und doch hat Mr. L<span class="smaller">UBBOCK</span> kürzlich -an Coccus einen Grad von Veränderlichkeit an diesen Hauptnerven -nachgewiesen, welcher zumeist an die unregelmässige Verzweigung eines -Baumstamms erinnert. Ebenso hat dieser ausgezeichnete Naturforscher -ganz kürzlich gezeigt, dass die Muskeln in den Larven gewisser -Insekten von Gleichförmigkeit weit entfernt sind. Die Schriftsteller -bewegen sich oft in einem<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Zirkelschluss, wenn sie behaupten, dass -wichtige Organe nicht variiren; denn dieselben Schriftsteller zählen -praktisch diejenigen Organe zu den wichtigen (wie einige wenige ehrlich -genug sind zu gestehen), welche nicht variiren, und unter dieser -Voraussetzung kann dann allerdings niemals ein Beispiel von einem -variirenden wichtigen Organe angeführt werden; aber von einem andern -Gesichtspunkte aus lassen sich deren viele aufzählen.</p> - -<p>Mit den individuellen Verschiedenheiten steht noch ein andrer Punkt -in Verbindung, der mir sehr verwirrend zu seyn scheint; ich will -nämlich von den Sippen reden, die man zuweilen „proteische“ oder -„polymorphe“ genannt hat, weil deren Arten ein ungeordnetes Maass -von Veränderlichkeit zeigen, so dass kaum zwei Naturforscher darüber -einig werden können, welche Formen als Arten und welche als Varietäten -zu betrachten seyen. Man kann Rubus, Rosa, Hieracium unter den -Pflanzen, mehre Insekten- und Brachiopoden-Sippen unter den Thieren -als Beispiele anführen. In den meisten dieser polymorphen Sippen haben -einige Arten feste und bestimmte Charaktere. Sippen, welche in einer -Gegend polymorph sind, scheinen es mit einigen wenigen Ausnahmen auch -in andern Gegenden zu seyn und, nach den Brachiopoden zu urtheilen, -in früheren Zeiten gewesen zu seyn. Diese Thatsachen nun scheinen in -soferne geeignet Verwirrung zu bewirken, als sie zeigen, dass diese -Art von Veränderlichkeit unabhängig von den Lebens-Bedingungen ist. -Ich bin zu vermuthen geneigt, dass wir in diesen polymorphen Sippen -Veränderlichkeit nur in solchen Struktur-Verhältnissen begegnen, -welche der Art weder nützlich noch schädlich sind und daher bei der -Natürlichen Züchtung nicht berücksichtigt und befestigt worden sind, -wie nachher erläutert werden soll.</p> - -<p>Diejenigen Formen, welche zwar einen schon etwas mehr entwickelten -Art-Charakter besitzen, aber andren Formen so ähnlich oder durch -Mittelstufen so enge verkettet sind, dass die Naturforscher sie nicht -als besondre Arten aufführen wollen, sind in mehren Beziehungen die -wichtigsten für uns. Wir haben allen Grund zu glauben, dass viele -von diesen zweifelhaften und eng-verwandten Formen ihre Charaktere -in ihrer Heimath-Gegend<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> lange Zeit beharrlich behauptet haben, lang -genug um sie für gute und ächte Species zu halten. Praktisch genommen -pflegt ein Naturforscher, welcher zwei Formen durch Zwischenglieder -mit einander verbinden kann, die eine als eine Varietät der anderen -gewöhnlichern oder zuerst beschriebenen zu behandeln. Zuweilen treten -aber sehr schwierige Fälle, die ich hier nicht aufzählen will, bei -Entscheidung der Frage ein, ob eine Form als Varietät der anderen -anzusehen seye oder nicht, sogar wenn beide durch Zwischenglieder -enge miteinander verkettet sind; auch die gewöhnliche Annahme, dass -diese Zwischenglieder Bastarde seyen, will nicht immer genügen um -die Schwierigkeit zu beseitigen. In sehr vielen Fällen jedoch wird -eine Form als eine Varietät der andern erklärt, nicht weil die -Zwischenglieder wirklich gefunden worden, sondern weil Analogie den -Beobachter verleitet anzunehmen, entweder dass sie noch irgendwo -vorhanden sind, oder dass sie früher vorhanden gewesen sind; und damit -ist dann Zweifeln und Vermuthungen eine weite Thüre geöffnet.</p> - -<p>Wenn es sich daher um die Frage handelt, ob eine Form als Art oder als -Varietät zu bestimmen seye, scheint die Meinung der Naturforscher von -gesundem Urtheil und reicher Erfahrung der einzige Führer zu bleiben. -Gleichwohl können wir in vielen Fällen uns nur auf eine Majorität der -Meinungen berufen; denn es lassen sich nur wenige wohl-bezeichnete und -wohl-bekannte Varietäten namhaft machen, die nicht schon bei wenigstens -einem oder dem anderen sachkundigen Richter als Species gegolten hätte.</p> - -<p>Dass Varietäten von so zweifelhafter Natur keinesweges selten -seyen, kann nicht in Abrede gestellt werden. Man vergleiche -die von verschiedenen Botanikern geschriebenen Floren von -<i>Grossbritannien</i>, <i>Frankreich</i> oder den <i>Vereinten -Staaten</i> mit einander und sehe, was für eine erstaunliche Anzahl von -Formen von dem einen Naturforscher als gute Arten und von dem andern -als blosse Varietäten angesehen werden. Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span>, -welchem ich zur innigsten Erkenntlichkeit für Unterstützung aller -Art verbunden bin, hat mir 182 <i>Britische</i> Pflanzen bezeichnet, -welche gewöhnlich als Varietäten eingereiht werden, aber auch<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> schon -alle von Botanikern für Arten erklärt worden sind; dabei hat er noch -manche leichtere aber auch schon von einem oder dem anderen Botaniker -als Art aufgenommene Varietät übergangen und einige sehr polymorphe -Sippen gänzlich ausser Acht gelassen. Unter Sippen, welche die am -meisten polymorphen Formen enthalten, führt B<span class="smaller">ABINGTON</span> 251, -B<span class="smaller">ENTHAM</span> dagegen nur 112 Arten auf, ein Unterschied von -139 zweifelhaften Formen! Unter den Thieren, welche sich zu jeder -Paarung vereinigen und sehr ortwechselnd sind, können dergleichen -zweifelhafte zwischen Art und Varietät schwankende Formen nicht so -leicht in einer Gegend beisammen vorkommen, sind aber in getrennten -Gebieten nicht selten. Wie viele dieser <i>Nordamerikanischen</i> -und <i>Europäischen</i> Insekten und Vögel sind von dem einen -ausgezeichneten Naturforscher als unzweifelhafte Art und von dem -anderen als Varietät oder sogenannte klimatische Rasse bezeichnet -worden! Als ich vor vielen Jahren die Vögel von den einzelnen Inseln -der <i>Galapagos</i>-Gruppe mit einander verglich und Andre sie -vergleichen sah, war ich sehr darüber erstaunt, wie gänzlich schwankend -und willkürlich der Unterschied zwischen Art und Varietät ist. Auf den -Inselchen der kleinen <i>Madeira</i>-Gruppe kommen viele Insekten vor, -welche in W<span class="smaller">OLLASTONS</span> bewundernswürdigem Werke als Varietäten -charakterisirt sind, die aber ohne allen Zweifel von vielen Entomologen -als besondre Arten aufgestellt werden würden. Selbst <i>Irland</i> -besitzt einige wenige jetzt allgemein als Varietäten angesehene -Thiere, die aber von einigen Naturforschern für Arten erklärt -worden sind. Einige sehr erfahrene Ornithologen betrachten unser -<i>Britisches</i> Rothhuhn (Lagopus) nur als eine scharf bezeichnete -Rasse der <i>Norwegischen</i> Art, während die meisten solche für eine -unzweifelhaft eigenthümliche Art <i>Grossbritanniens</i> erklären. -Eine weite Entfernung zwischen der Heimath zweier zweifelhaften Formen -bestimmt viele Naturforscher dieselben für zwei Arten zu erklären; aber -nun fragt es sich, welche Entfernung dazu genüge? Wenn die zwischen -<i>Europa</i> und <i>Amerika</i> gross genug ist, kann dann auch jene -zwischen erstem Kontinente und den <i>Azoren</i> oder <i>Madeira</i> -oder den <i>Canarischen</i> Inseln oder <i>Irland</i> genügen? Nur -wenige<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Naturforscher läugnen alle Varietäten-Bildung bei den Thieren; -dann sind sie aber genöthigt den geringsten Verschiedenheiten den Werth -selbstständiger Arten beizulegen; und wenn nun dieselbe Form identisch -in zwei verschiedenen Gegenden oder in zwei verschiedenen geologischen -Formationen gefunden wird, gehen sie so weit zu behaupten, dass zwei -Arten im nämlichen Gewande stecken. Endlich kann nicht in Zweifel -gezogen werden, dass viele von hoch-befähigten Richtern als Varietäten -betrachtete Formen so vollkommen den Charakter von Arten besitzen, dass -sie von andern hoch-befähigten Beurtheilern für gute ächte Species -erklärt werden. Aber es ist vergebene Arbeit die Frage zu erörtern, ob -es Arten oder Varietäten seyen, so lange noch keine Definition von dem -Begriffe dieser zwei Ausdrücke allgemein angenommen ist.</p> - -<p>Viele dieser stark ausgeprägten Varietäten oder zweifelhaften Arten -verdienten wohl eine nähere Beachtung, weil man vielerlei interessante -Beweis-Mittel aus ihrer geographischen Verbreitung, analogen -Variationen, Bastard-Bildungen u. s. w. herbeigeholt hat, um die ihnen -gebührende Rangstufe festzustellen. Ich will hier nur ein Beispiel -anführen, das von den zwei Formen der Schlüsselblumen, Primula veris -und Pr. elatior. Diese zwei Pflanzen weichen bedeutend im Aussehen -von einander ab; jede hat einen anderen Geruch und Geschmack; sie -blühen zu etwas verschiedener Zeit und wachsen an etwas verschiedenen -Standorten; sie gehen an Bergen bis in verschiedene Höhen hinauf und -haben eine verschiedene geographische Verbreitung; endlich lassen -sie sich nach den vielen in den letzten Jahren von einem äusserst -sorgfältigen Beobachter, G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, angestellten Versuchen nur -sehr schwierig mit einander kreutzen. Man kann also schwerlich bessre -Beweise dafür wünschen, dass beide Formen verschiedene Arten bilden. -Auf der andern Seite aber werden sie durch zahlreiche Zwischenglieder -mit einander verkettet, und es ist zweifelhaft, ob Solches Bastarde -sind; darin liegt aber ein überwiegender Grad von Experimental-Beweis -dafür, dass sie von gemeinsamen Ältern abstammen und mithin nur als -Varietäten zu betrachten sind. Ich muss jedoch erklären, dass nach<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> -meinen neueren Beobachtungen über die Geschlechts-Verhältnisse der -lang- und kurz-griffeligen Formen dieser Sippe und nach andern noch -nicht beendigten Versuchen Primula vulgaris und Primula veris zwei gute -und ganz verschiedene Arten seyn dürften.</p> - -<p>Sorgfältige Forschung wird in den meisten Fällen die Naturforscher -zur Verständigung darüber bringen, wofür die zweifelhaften Formen zu -halten sind. Doch müssen wir bekennen, dass es gerade in den am besten -bekannten Gegenden die meisten zweifelhaften Formen gibt. Ich war -über die Thatsache erstaunt, dass von solchen Thieren und Pflanzen, -welche dem Menschen in ihrem Natur-Zustande sehr nützlich sind oder aus -irgend einer anderen Ursache seine besondre Aufmerksamkeit erregen, -fast überall Varietäten angeführt werden. Diese Varietäten werden -jedoch oft von einem oder dem andern Autor als Arten bezeichnet. Wie -sorgfältig ist die gemeine Eiche studirt worden! Nun macht aber ein -<i>Deutscher</i> Autor über ein Dutzend Arten aus den Formen, welche -bis jetzt stets als Varietäten angesehen wurden; und in diesem Lande -können unter den höchsten botanischen Gewährsmännern und vorzüglichsten -Praktikern welche sowohl zu Gunsten der Meinung, dass die Trauben- und -die Stiel-Eiche gut unterschiedene Arten seyen, wie auch andre für die -gegentheilige Ansicht nachgewiesen werden.</p> - -<p>Wenn ein junger Naturforscher eine ihm ganz unbekannte Gruppe von -Organismen zu studiren beginnt, so macht ihn anfangs die Frage -verwirrt, was für Unterschiede die Arten bezeichnen, und welche von -ihnen nur Varietäten angehören; denn er weiss noch nichts von der Art -und der Grösse der Abänderungen, deren die Gruppe fähig ist; und Diess -beweiset eben wieder, wie allgemein wenigstens einige Variation ist. -Wenn er aber seine Aufmerksamkeit auf eine Klasse in einer Gegend -beschränkt, so wird er bald darüber im Klaren seyn, wofür er diese -zweifelhaften Formen anzuschlagen habe. Er wird im Allgemeinen geneigt -seyn, viele Arten zu machen, weil ihn, so wie die vorhin erwähnten -Tauben- oder Hühner-Freunde, das Maas der Abänderung in den seither -von ihm studirten Formen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> betroffen macht, und weil er noch wenig -allgemeine Kenntniss von analoger Abänderung in andern Gruppen und -andern Gegenden zur Berichtigung jener zuerst empfangenen Eindrücke -besitzt. Dehnt er nun den Kreis seiner Beobachtung weiter aus, so wird -er noch auf andre Schwierigkeiten stossen; er wird einer grossen Anzahl -nahe verwandter Formen begegnen. Erweitern sich seine Erfahrungen noch -mehr, so wird er endlich in seinem eignen Kopfe darüber einig werden, -was Varietät und was Spezies zu nennen seye; aber er wird zu diesem -Ziele nur gelangen, indem er viel Veränderlichkeit zugibt, und er wird -die Richtigkeit seiner Annahme von andern Naturforschern oft in Zweifel -gezogen sehen. Wenn er nun überdiess verwandte Formen aus andern nicht -unmittelbar angrenzenden Ländern zu studiren Gelegenheit erhält, in -welchem Falle er kaum hoffen darf die Mittelglieder zwischen diesen -zweifelhaften Formen zu finden, so wird er sich fast ganz auf Analogie -verlassen müssen, und seine Schwierigkeiten werden sich bedeutend -steigern.</p> - -<p>Eine bestimmte Grenzlinie ist bis jetzt sicherlich nicht gezogen -worden, weder zwischen Arten und Unterarten, d. i. solchen Formen, -welche nach der Meinung einiger Naturforscher den Rang einer Spezies -nahezu aber doch nicht gänzlich erreichen, noch zwischen Unterarten -und ausgezeichneten Varietäten, noch endlich zwischen den geringeren -Varietäten und individuellen Verschiedenheiten. Diese Verschiedenheiten -greifen, in eine Reihe geordnet, unmerklich in einander, und die Reihe -weckt die Vorstellung von einem wirklichen Übergang.</p> - -<p>Daher werden die individuellen Abweichungen, welche für den -Systematiker nur wenig Werth haben, für uns von grosser Wichtigkeit, -weil sie die erste Stufe zu denjenigen geringeren Varietäten bilden, -welche man in naturgeschichtlichen Werken der Erwähnung werth zu -halten pflegt. Ich sehe ferner diejenigen Abänderungen, welche etwas -erheblicher und beständiger sind, als die nächste Stufe an, welche uns -zu den mehr auffälligen und bleibenderen Varietäten führt, wie uns -diese zu den Subspezies und endlich Spezies leiten. Der Übergang von -einer dieser Stufen in die andre nächst-höhere mag in einigen Fällen<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> -lediglich von der lang-währenden Einwirkung verschiedener natürlicher -Bedingungen in zwei verschiedenen Gegenden herrühren; doch habe ich -nicht viel Vertrauen zu dieser Ansicht und schreibe den Übergang von -einer leichten Abänderung zu einer wesentlicher verschiedenen Varietät -der Wirkung der Natürlichen Züchtung mittelst Anhäufung individueller -Abweichungen der Struktur in gewisser steter Richtung zu, wie nachher -näher auseinandergesetzt werden soll. Ich glaube daher, dass man eine -gut ausgeprägte Varietät mit Recht eine beginnende Spezies nennen -kann; ob sich aber dieser Glaube rechtfertigen lasse, muss aus dem -allgemeinen Gewichte der in diesem Werke beigebrachten Thatsachen und -Ansichten ermessen werden.</p> - -<p>Es ist nicht nöthig zu unterstellen, dass alle Varietäten oder -beginnenden Spezies sich wirklich zum Range einer Art erheben. -Sie können in diesem Beginnungs-Zustande wieder erlöschen; oder -sie können als solche Varietäten lange Zeiträume durchlaufen, wie -W<span class="smaller">OLLASTON</span> von den Varietäten gewisser Landschnecken-Arten auf -<i>Madeira</i> gezeigt<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>. Gedeihet eine Varietät derartig, dass sie -die älterliche Spezies in Zahl übertrifft, so sieht man sie für die -Art und die Art für die Varietät an; sie kann die älterliche Art aber -allmählich auch ganz ersetzen und überleben; oder endlich beide können -wie unabhängige Arten neben einander fortbestehen. Doch, wir werden -nachher auf diesen Gegenstand zurückkommen.</p> - -<p>Aus diesen Bemerkungen geht hervor, dass ich den Kunstausdruck -„Species“ als einen nur willkürlich und der Bequemlichkeit halber -auf eine Reihe von einander sehr ähnlichen Individuen angewendeten -betrachte, und dass er von dem Kunstausdrucke „Varietät“ nicht -wesentlich, sondern nur insofern verschieden ist, als dieser auf minder -abweichende und noch mehr schwankende Formen Anwendung findet. Und -eben so ist die<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Unterscheidung zwischen „Varietät“ und „individueller -Abänderung“ nur eine Sache der Willkür und Bequemlichkeit.</p> - -<p>Durch theoretische Betrachtungen geleitet habe ich geglaubt, dass -sich einige interessante Ergebnisse in Bezug auf die Natur und die -Beziehungen der am meisten variirenden Arten darbieten würden, wenn man -alle Varietäten aus verschiedenen wohl-bearbeiteten Floren tabellarisch -zusammenstellte. Anfangs schien mir Diess eine einfache Sache zu seyn. -Aber Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span>, dem ich für seine werthvollen Dienste -und Hilfe in dieser Beziehung sehr dankbar bin, überzeugte mich bald, -dass Diess mit vielen Schwierigkeiten verknüpft seye, was späterhin Dr. -H<span class="smaller">OOKER</span> in noch bestimmterer Weise bestätigte. Ich behalte mir -daher für mein künftiges Werk die Erörterung dieser Schwierigkeiten und -die Tabellen über die Zahlen-Verhältnisse der variirenden Spezies vor. -Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> erlaubt mir noch beizufügen, dass, nachdem er meine -handschriftlichen Aufzeichnungen und Tabellen sorgfältig durchgelesen, -er die folgenden Feststellungen für vollkommen wohl begründet halte. -Der ganze Gegenstand aber, welcher hier nothwendig nur sehr kurz -abgehandelt werden muss, ist ziemlich verwickelt, zumal Bezugnahmen auf -das „Ringen um Existenz“ auf die „Divergenz des Charakters“ und andre -erst später zu erörternde Fragen nicht vermieden werden können.</p> - -<p>A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> u. a. Botaniker haben gezeigt, dass solche -Pflanzen, die sehr weit ausgedehnte Verbreitungs-Bezirke besitzen, -gewöhnlich auch Varietäten darbieten, wie sich ohnediess schon erwarten -lässt, weil sie verschiedenen physikalischen Einflüssen ausgesetzt sind -und mit anderen Gruppen von Organismen in Mitbewerbung kommen, was, wie -sich nachher ergeben soll, von noch viel grösserer Wichtigkeit ist. -Meine Tabellen zeigen aber ferner, dass auch in einem beschränkten -Gebiete die gemeinsten, d. h. die in den zahlreichsten Individuen -vorkommenden Arten und jene, welche innerhalb ihrer eignen Gegend am -meisten verbreitet sind (was von „weiter Verbreitung“ und in gewisser -Weise von „Gemeinseyn“ wohl zu unterscheiden), oft zur Entstehung -von hinreichend bezeichneten<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Varietäten Veranlassung geben, um sie -in botanischen Werken aufgezählt zu finden. Es sind mithin die am -üppigsten gedeihenden oder, wie man sie nennen kann, dominirenden -Arten, nämlich die am weitesten über die Erd-Oberfläche ausgedehnten, -die in ihrer eignen Gegend am allgemeinst verbreiteten, es sind die -an Individuen reichsten Arten, welche am öftesten wohl ausgeprägte -Varietäten oder, wie man sie nennen möchte, Beginnende Spezies -liefern. Und Diess ist vielleicht vorauszusehen gewesen; denn so wie -Varietäten, um einigermaassen stet zu werden, nothwendig mit andern -Bewohnern der Gegend zu kämpfen haben, so werden auch die bereits -herrschend gewordenen Arten am meisten geeignet seyn Nachkommen zu -liefern, welche, mit einigen leichten Veränderungen, diejenigen Vorzüge -noch weiter zu vererben im Stande sind, wodurch ihre Ältern über ihre -Landesgenossen das Übergewicht errungen haben. Bei diesen Bemerkungen -über das Übergewicht ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie sich nur -auf diejenigen Formen beziehen, welche zu andern und namentlich zu -Gliedern derselben Sippe oder Klasse mit ganz ähnlicher Lebensweise im -Verhältnisse der Mitbewerbung stehen.</p> - -<p>Hinsichtlich der Gemeinheit oder der Individuen-Zahl einer Art -erstreckt sich daher die Vergleichung nur auf Glieder der nämlichen -Gruppe. Man mag eine Pflanze eine herrschende nennen, wenn sie an -Individuen reicher und weiter verbreitet als die andern unter nahezu -ähnlichen Verhältnissen lebenden Pflanzen der nämlichen Gegend ist. -Eine solche Pflanze wird in dem hier gebrauchten Sinne darum nicht -weniger eine herrschende seyn, weil etwa eine Konferve des Wassers oder -ein schmarotzender Pilz unendlich viel zahlreicher an Individuen und -noch weiter verbreitet ist als sie. Wenn aber eine Konferve oder ein -Schmarotzer-Pilz seine Verwandten in den oben genannten Beziehungen -übertrifft, dann ist es eine herrschende Form unter den Pflanzen ihrer -eignen Klasse.</p> - -<p>Wenn man die eine Gegend bewohnenden und in einer Flora derselben -beschriebenen Pflanzen in zwei gleiche Haufen theilt, wovon der -eine alle Arten aus grossen, und der andre<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> alle aus kleinen Sippen -enthält, so wird man eine etwas grössere Anzahl sehr gemeiner und sehr -verbreiteter oder herrschender Arten auf Seiten der grossen Sippen -finden. Auch Diess hat vorausgesehen werden können; denn schon die -einfache Thatsache, dass viele Arten einer und der nämlichen Sippe eine -Gegend bewohnen, zeigt etwas in der organischen oder unorganischen -Beschaffenheit der Gegend für die Sippe Günstiges an, daher man -erwarten durfte, in den grösseren oder viele Arten enthaltenden -Sippen auch eine verhältnissmässig grosse Anzahl herrschender Arten -zu finden. Aber es gibt so viele Ursachen, welche dieses Ergebniss zu -verhüllen streben, dass ich erstaunt bin, in meinen Tabellen doch noch -ein kleines Übergewicht auf Seiten der grossen Sippen zu finden. Ich -will hier nur zwei Ursachen dieser Verhüllungen anführen. Süsswasser- -und Salz-Pflanzen haben gewöhnlich weit ausgedehnte Bezirke und eine -starke Verbreitung; Diess scheint aber mit der Natur ihrer Standorte -zusammenzuhängen und hat wenig oder gar keine Beziehung zu dem -Arten-Reichthum der Sippen, wozu sie gehören. Ebenso sind Pflanzen von -unvollkommenen Organisations-Stufen gewöhnlich viel weiter als die hoch -organisirten verbreitet, und auch hier besteht keine nahe Beziehung -zur Grösse der Sippen. Die Ursache dieser letzten Erscheinung soll in -unseren Kapiteln über die geographische Verbreitung erörtert werden.</p> - -<p>Indem ich die Arten nur als stark ausgeprägte und wohl umschriebene -Varietäten betrachtete, war ich im Stande vorauszusagen, dass die -Arten der grösseren Sippen einer Gegend öfter, als die der kleineren, -Varietäten darbieten würden; denn wo immer sich viele einander nahe -verwandte Arten (die der grösseren Sippen) gebildet haben, werden sich -im Allgemeinen auch viele Varietäten derselben oder beginnende Arten -zu bilden geneigt seyn, — wie da, wo viele grosse Bäume wachsen, man -viele junge Bäumchen aufkommen zu sehen erwarten darf. Wo viele Arten -einer Sippe durch Variation entstanden sind, da sind die Umstände -günstig für Variation gewesen und möchte man mithin auch erwarten, -sie noch jetzt günstig zu finden. Wenn wir dagegen jede Art als einen -besonderen Akt der Schöpfung<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> betrachten, so ist kein Grund einzusehen, -wesshalb verhältnissmässig mehr Varietäten in einer Arten-reichen -Gruppe als in einer solchen mit wenigen Arten vorkommen sollten.</p> - -<p>Um die Richtigkeit dieser Voraussagung zu beweisen, habe ich die -Pflanzen-Arten in zwölf verschiedenen Ländern und die Käfer-Arten in -zwei verschiedenen Gebieten in je zwei einander fast gleiche Haufen -getheilt, die Arten der grossen Sippen auf der einen und die der -kleinen auf der andern Seite, und es hat sich beharrlich überall -dasselbe Ergebniss gezeigt, dass eine verhältnissmässig grössre Anzahl -von Arten bei den grossen Sippen Varietäten haben als bei den kleinen. -Überdiess bieten die Arten der grossen Sippen, welche überhaupt -Varietäten haben, eine verhältnissmässig grössere Varietäten-Zahl dar, -als die der kleineren. Zu diesen beiden Ergebnissen gelangt man auch, -wenn man die Eintheilung anders macht und alle Sippen mit nur 1–4 -Arten ganz aus den Tabellen ausschliesst. Diese Thatsachen sind von -klarer Bedeutung für die Ansicht, dass Arten nur streng ausgeprägte -und bleibende Varietäten sind; denn wo immer viele Arten in einerlei -Sippe gebildet worden sind oder wo, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die -Arten-Fabrikation thätig betrieben worden ist, müssen wir gewöhnlich -diese Fabrikation noch in Thätigkeit finden, zumal wir alle Ursache -haben zu glauben, dass das Fabrikations-Verfahren ein sehr langsames -seye. Und Diess ist sicherlich der Fall, wenn Varietäten als beginnende -Arten zu betrachten; denn meine Tabellen zeigen deutlich ganz -allgemein, dass, wo immer viele Arten einer Sippe gebildet worden sind, -diese Arten eine den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten -oder beginnenden neuen Arten enthalten. Damit soll nicht gesagt -werden, dass alle grossen Sippen jetzt sehr variiren und in Vermehrung -ihrer Arten-Zahl begriffen sind, oder dass keine kleine Sippe jetzt -Varietäten bilde und wachse; denn dieser Fall wäre sehr verderblich für -meine Theorie, zumal uns die Geologie klar beweiset, dass kleine Sippen -im Laufe der Zeit oft sehr gross geworden, und dass grosse Sippen, -nachdem sie ihr Maximum erreicht, wieder zurückgesunken und endlich -verschwunden sind.<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Alles, was hier zu beweisen nöthig ist, beschränkt -sich darauf, dass da, wo viele Arten in einer Sippe gebildet worden, -auch noch jetzt durchschnittlich viele in Bildung begriffen sind; und -Diess ist nachgewiesen.</p> - -<p>Es gibt aber noch andere beachtenswerthe Beziehungen zwischen den -Arten grosser Sippen und den angeführt werdenden Varietäten derselben. -Wir haben gesehen, dass es kein untrügliches Unterscheidungs-Merkmal -zwischen Arten und stark ausgeprägten Varietäten gibt; und in jenen -Fällen, wo Mittelglieder zwischen zweifelhaften Formen noch nicht -gefunden worden, sind die Naturforscher genöthigt, ihre Bestimmung -von der Grösse der Verschiedenheiten zwischen zwei Formen abhängig -zu machen, indem sie nach der Analogie urtheilen, ob deren Betrag -genüge, um nur eine oder alle beide zum Range von Arten zu erheben. -Der Betrag der Verschiedenheit ist mithin ein sehr wichtiges Merkmal -bei der Bestimmung, ob zwei Formen für Arten oder für Varietäten -gelten sollen. Nun haben F<span class="smaller">RIES</span> in Bezug auf die Pflanzen und -W<span class="smaller">ESTWOOD</span> hinsichtlich der Insekten die Bemerkung gemacht, dass -in grossen Sippen der Grad der Verschiedenheit zwischen den Arten oft -ausserordentlich klein ist. Ich habe Diess in Zahlen-Durchschnitten -zu prüfen gesucht und, so weit meine noch unvollkommenen Ergebnisse -reichen, bestätigt gefunden. Ich habe mich desshalb auch bei einigen -genauen und erfahrenen Beobachtern befragt und nach Auseinandersetzung -der Sache gefunden, dass sie in derselben übereinstimmen. In dieser -Hinsicht gleichen demnach die Arten der grossen Sippen den Varietäten -mehr, als die Arten der kleinen. Nun kann man die Sache aber auch -anders ausdrücken und sagen, dass in den grösseren Sippen, wo eine -den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten oder beginnenden -Species noch jetzt fabricirt worden, viele der bereits fertigen Arten -doch bis zu einem gewissen Grade Varietäten gleichen, insofern sie -durch einen weniger als gewöhnlich grosses Maass von Verschiedenheit -von einander getrennt werden.</p> - -<p>Überdiess stehen die Arten grosser Sippen in derselben Beziehung, wie -die Varietäten einer Art zu einander. Kein<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Naturforscher glaubt, dass -alle Arten einer Sippe in gleichem Grade von einander verschieden sind; -sie werden daher gewöhnlich noch in Subgenera, in Sectionen oder noch -untergeordnetere Gruppen getheilt. Wie F<span class="smaller">RIES</span> bemerkt, sind -diese kleinen Arten-Gruppen gewöhnlich wie Satelliten um gewisse andere -Arten geschaart. Und was sind Varietäten anders als Formen-Gruppen von -ungleicher wechselseitiger Verwandtschaft um gewisse Formen versammelt, -um die Stamm-Arten nämlich? Unzweifelhaft ist ein grössrer Unterschied -zwischen Arten als zwischen Varietäten, insbesondre ist der Betrag der -Verschiedenheit der Varietäten von einander oder von ihren Stamm-Arten -kleiner, als der zwischen den Arten derselben Sippe. Wenn wir aber -zur Erörterung des Princips, wie ich es nenne, der „Divergenz des -Charakters“ kommen, so werden wir sehen, wie Diess zu erklären, und wie -die geringeren Verschiedenheiten zwischen Varietäten erwachsen zu den -grösseren Verschiedenheiten zwischen den Arten.</p> - -<p>Es gibt da noch einen andern Punkt, welcher mir der Beachtung werth -scheint. Varietäten haben gewöhnlich eine beschränktere Verbreitung, -was schon aus dem Vorigen folgt; denn wäre eine Varietät weiter -verbreitet, als ihre angebliche Stamm-Art, so müsste deren Bezeichnung -umgekehrt werden. Es ist aber auch Grund vorhanden zu glauben, dass -diejenigen Arten, welche sehr nahe mit anderen Arten verwandt sind und -insoferne Varietäten gleichen, oft engre Verbreitungs-Grenzen haben. -So hat mir z. B. Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span> in dem wohlgesichteten -Londoner Pflanzen-Katalog (vierte Ausgabe) 63 Pflanzen bemerkt, -welche als Arten darin aufgeführt sind, die er aber für so nahe -mit anderen Arten verwandt hält, dass ihr Rang zweifelhaft wird. -Diese 63 gering-werthigen Arten verbreiten sich im Mittel über 6,9 -der Provinzen, in welche W<span class="smaller">ATSON</span> <i>Grossbritannien</i> -eingetheilt hat. Nun sind im nämlichen Kataloge auch 53 anerkannte -Varietäten aufgezählt, und diese erstrecken sich über 7,7 Provinzen, -während die Arten, wozu diese Varietäten gehören, sich über 14,3 -Provinzen ausdehnen. Daher denn die anerkannten Varietäten eine -beinahe eben so beschränkte mittle<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Verbreitung besitzen, als jene -nahe verwandten Formen, welche W<span class="smaller">ATSON</span> als zweifelhafte Arten -bezeichnet hat, die aber von Britischen Botanikern gewöhnlich für -gute und ächte Arten genommen werden. Endlich haben dann Varietäten -auch die nämlichen allgemeinen Charaktere, wie Species; denn sie -können von Arten nicht unterschieden werden, ausser, erstens, durch -die Entdeckung von Mittelgliedern, und das Vorkommen solcher Glieder -kann den wirklichen Charakter der Formen, welche sie verketten, nicht -berühren, — und ausser, zweitens, durch ein gewisses Maass von -Verschiedenheit, indem zwei Formen, welche nur sehr wenig von einander -abweichen, allgemein nur als Varietäten angesehen werden, wenn auch -verbindende Mittelglieder noch nicht entdeckt worden sind; aber dieser -Betrag von Verschiedenheit, welcher zur Erhebung zweier Formen zum -Arten-Rang nöthig, ist ganz unbestimmt. In Sippen, welche mehr als -die mittle Arten-Zahl in einer Gegend haben, zeigen die Arten auch -mehr als die Mittelzahl von Varietäten. In grossen Sippen lassen sich -die Arten nahe, aber in ungleichem Grade, mit einander verbinden zu -kleinen um gewisse Arten geordneten Gruppen. Sehr nahe mit einander -verwandte Arten sind von offenbar beschränkter Verbreitung. In all -diesen verschiedenen Beziehungen zeigen die Arten grosser Sippen eine -strenge Analogie mit Varietäten. Und man kann diese Analogie’n klar -begreifen, wenn Arten einstens nur Varietäten gewesen und aus diesen -hervorgegangen sind; wogegen diese Analogie’n ganz unverständlich seyn -würden, wenn jede Species von den andern unabhängig erschaffen worden -wäre.</p> - -<p>Wir haben nun gesehen, dass es die am besten gedeihende und herrschende -Species der grösseren Sippen in jeder Klasse ist, die im Durchschnitte -genommen am meisten variirt; und Varietäten haben, wie wir hernach -finden werden, Neigung in neue und unterschiedene Arten überzugehen. -Dadurch neigen auch die grossen Sippen zur Vergrösserung, und in -der ganzen Natur streben die Lebens-Formen, welche jetzt herrschend -sind, noch immer mehr herrschend zu werden durch Hinterlassung vieler -abgeänderter und herrschender Abkömmlinge. Aber durch nachher<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> zu -erläuternde Abstufungen streben auch die grösseren Sippen immer mehr in -kleine auseinander zu treten. Und so werden die Lebensformen auf der -ganzen Erde in Gruppen und Untergruppen weiter abgetheilt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br /> - -<b>Der Kampf um’s Daseyn.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Stützt sich auf natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern Sinne -gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter -Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine -Mitbewerbung. Wirkungen des Klimas. Schutz durch die Zahl der -Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in -der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und -Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung -von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen.</p> - -<p>Ehe wir auf den Gegenstand dieses Kapitels eingehen, muss ich einige -Bemerkungen voraussenden, um zu zeigen, wie das Ringen um das Daseyn -sich auf natürliche Züchtung stütze. Es ist im letzten Kapitel -nachgewiesen worden, dass die Organismen im Natur-Zustande eine -individuelle Variabilität besitzen, und ich wüsste in der That nicht, -dass Diess je bestritten worden wäre. Es ist für uns unwesentlich, -ob eine Menge von zweifelhaften Formen Art, Unterart oder Varietät -genannt werde; welchen Rang z. B. die 200–300 zweifelhaften Formen -<i>Britischer</i> Pflanzen einzunehmen berechtigt sind, wenn die -Existenz ausgeprägter Varietäten zulässig ist. Aber das blosse Daseyn -einer individuellen Veränderlichkeit und einiger wohl-bezeichneter -Varietäten, wenn auch nothwendig zu Begründung dieses Werkes, hilft -uns nicht viel, um zu begreifen, wie Arten in der Natur entstehen. -Wie sind alle diese vortrefflichen Anpassungen von einem Theile der -Organisation an den andern und an die äusseren Lebensbedingungen, und -von einem organischen Wesen an ein anderes bewirkt worden? Wir sehen -diese schöne Anpassung am klarsten bei dem Specht und der Mistelpflanze -und nur wenig minder<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> deutlich am niedersten Parasiten, welcher sich an -das Haar eines Säugthieres oder die Federn eines Vogels anklammert; am -Bau des Käfers, welcher ins Wasser untertaucht; am befiederten Saamen, -der vom leichtesten Lüftchen getragen wird; kurz wir sehen schöne -Anpassungen überall und in jedem Theile der organischen Welt.</p> - -<p>Dagegen kann man fragen, wie kommt es, dass die Varietäten, die ich -beginnende Species genannt habe, sich zuletzt in gute und abweichende -Species verwandeln, welche meistens unter sich viel mehr, als die -Varietäten der nämlichen Art verschieden sind? Wie entstehen diese -Gruppen von Arten, welche als verschiedene Genera bezeichnet werden und -mehr als die Arten dieser Genera von einander abweichen? Alle diese -Wirkungen erfolgen unvermeidlich, wie wir im nächsten Abschnitte sehen -werden, aus dem Ringen um’s Daseyn. In diesem Wettkampfe wird jede -Abänderung, wie gering und auf welche Weise immer sie entstanden seyn -mag, wenn sie nur einigermassen vortheilhaft für das Individuum einer -Species ist, in dessen unendlich verwickelten Beziehungen zu anderen -Wesen und zur äusseren Natur mehr zur Erhaltung dieses Individuums -mitwirken und sich gewöhnlich auf dessen Nachkommen übertragen. -Ebenso wird der Nachkömmling mehr Aussicht haben, die vielen anderen -Einzelwesen dieser Art, welche von Zeit zu Zeit geboren werden, von -denen aber nur eine kleinere Zahl am Leben bleibt, zu überdauern. -Ich habe dieses Princip, wodurch jede solche geringe, wenn nützliche -Abänderung erhalten wird, mit dem Namen „Natürliche Züchtung“ belegt, -um dessen Beziehung zur Züchtung des Menschen zu bezeichnen. Wir -haben gesehen, dass der Mensch durch Auswahl zum Zwecke der Nachzucht -grosse Erfolge sicher zu erzielen und organische Wesen seinen eigenen -Bedürfnissen anzupassen im Stande ist durch die Häufung kleiner aber -nützlicher Abweichungen, die ihm durch die Hand der Natur dargeboten -werden. Aber die Natürliche Auswahl ist, wie wir nachher sehen -werden, unaufhörlich thätig und des Menschen schwachen Bemühungen so -unvergleichbar überlegen, wie es die Werke der Natur überhaupt denen -der Kunst sind.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> - -<p>Wir wollen nun den Kampf um’s Daseyn etwas mehr ins Einzelne -erörtern. In meinem späteren Werke über diesen Gegenstand soll -er, wie er es verdient, in grösserem Umfang besprochen werden. -Der ältere D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> und L<span class="smaller">YELL</span> haben reichlich -und in philosophischer Weise nachgewiesen, dass alle organischen -Wesen im Verhältnisse der Mitbewerbung zu einander stehen. In Bezug -auf die Pflanzen hat Niemand diesen Gegenstand mit mehr Geist und -Geschicklichkeit behandelt als W. H<span class="smaller">ERBERT</span>, der Dechant -von <i>Manchester</i>, offenbar in Folge seiner ausgezeichneten -Gartenbau-Kenntnisse. Nichts ist leichter als in Worten die Wahrheit -des allgemeinen Wettkampfes um’s Daseyn zuzugestehen, und nichts -schwerer, als — wie ich wenigstens gefunden habe — dieselbe im Sinne -zu behalten. Und bevor wir solche nicht dem Geiste fest eingeprägt, -bin ich überzeugt, dass wir den ganzen Haushalt der Natur, die -Vertheilungs-Weise, die Seltenheit und den Überfluss, das Erlöschen und -Abändern in derselben nur dunkel oder ganz unrichtig begreifen werden. -Wir sehen die Natur äusserlich in Heiterkeit strahlen, wir sehen -bloss Überfluss an Nahrung; aber wir sehen nicht oder vergessen, dass -die Vögel, welche um uns her sorglos ihren Gesang erschallen lassen, -meistens von Insekten oder Saamen leben und mithin beständig Leben -vertilgen; oder wir vergessen, wie viele dieser Sänger oder ihrer Eier -oder ihrer Nestlinge unaufhörlich von Raubvögeln u. a. Feinden zerstört -werden; wir behalten nicht immer im Sinne, dass, wenn auch das Futter -jetzt im Überfluss vorhanden, Diess doch nicht zu allen Zeiten im -Umlaufe des Jahres der Fall ist.</p> - -<p>Ich will voraussenden, dass ich den Ausdruck „Ringen um’s Daseyn“ in -einem weiten und metaphorischen Sinne gebrauche, in sich begreifend -die Abhängigkeit der Wesen von einander und, was wichtiger ist, -nicht allein das Leben des Individuums, sondern auch die Sicherung -seiner Nachkommenschaft. Man kann mit Recht sagen, dass zwei Hunde -in Zeiten des Mangels um Nahrung und Leben miteinander kämpfen. Aber -man kann auch sagen, eine Pflanze ringe am Rande der Wüste um ihr -Daseyn mit der Trockniss, obwohl es angemessener wäre zu sagen, sie<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> -seye von Feuchtigkeit abhängig. Von einer Pflanze, welche alljährlich -tausend Saamen erzeugt, unter welchen im Durchschnitte nur einer zur -Entwicklung kommt, kann man noch richtiger sagen, sie ringe um’s Daseyn -mit andern Pflanzen derselben oder anderer Arten, welche bereits den -Boden bekleiden. Die Mistel ist abhängig vom Apfelbaum und einigen -anderen Baum-Arten; doch kann man nur in einem weit-ausholenden -Sinne sagen, sie ringe mit diesen Bäumen; denn wenn zu viele dieser -Schmarotzer auf demselben Stamme wachsen, so wird er verkümmern und -sterben. Wachsen aber mehre Sämlinge derselben dicht auf einem Aste -beisammen, so kann man in Wahrheit sagen, sie ringen miteinander. Da -die Saamen der Mistel von Vögeln ausgestreut werden, so hängt ihr -Daseyn mit von dem der Vögel ab und man kann metaphorisch sagen, sie -ringen mit andern Beeren-tragenden Pflanzen, damit die Vögel eher ihre -Früchte verzehren und ihre Saamen ausstreuen, als die der andern. In -diesen mancherlei Bedeutungen, welche ineinander übergehen, gebrauche -ich der Bequemlichkeit halber den Ausdruck „um’s Daseyn ringen“.</p> - -<p>Ein Kampf um’s Daseyn folgt unvermeidlich aus der Neigung aller -Organismen, sich in starkem Verhältnisse zu vermehren. Jedes Wesen, -das während seiner natürlichen Lebenszeit mehre Eier oder Saamen -hervorbringt, muss während einer Periode seines Lebens oder zu gewisser -Jahreszeit oder in einem zufälligen Jahre Zerstörung erfahren; -sonst würde seine Zahl in geometrischer Progression rasch zu so -ausserordentlicher Grösse anwachsen, dass keine Gegend das Erzeugniss -zu ernähren im Stande wäre. Wenn daher mehr Individuen erzeugt werden, -als möglicher Weise fortbestehen können, so muss jedenfalls ein Kampf -um das Daseyn entstehen, entweder zwischen den Individuen einer Art -oder zwischen denen verschiedener Arten, oder zwischen ihnen und den -äusseren Lebens-Bedingungen. Es ist die Lehre von M<span class="smaller">ALTHUS</span>, -in verstärkter Kraft übertragen auf das gesammte Thier- und -Pflanzen-Reich; denn in diesem Falle ist keine künstliche Vermehrung -der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Enthaltung vom Heirathen -möglich. Obwohl<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> daher einige Arten jetzt in mehr oder weniger rascher -Zunahme begriffen seyn mögen: alle können es nicht zugleich, denn die -Welt würde sie nicht fassen.</p> - -<p>Es gibt keine Ausnahme von der Regel, dass jedes organische Wesen sich -auf natürliche Weise in dem Grade vermehre, dass, wenn es nicht durch -Zerstörung litte, die Erde bald von der Nachkommenschaft eines einzigen -Paares bedeckt seyn würde. Selbst der Mensch, welcher sich doch nur -langsam vermehrt, verdoppelt seine Anzahl in fünfundzwanzig Jahren, -und bei so fortschreitender Vervielfältigung würde die Welt schon nach -einigen Tausend Jahren keinen Raum mehr für seine Nachkommenschaft -haben. L<span class="smaller">INNÉ</span> hat berechnet, dass, wenn eine einjährige Pflanze -nur zwei Saamen erzeugte (und es gibt keine Pflanze, die so wenig -produktiv wäre) und ihre Sämlinge gäben im nächsten Jahre wieder zwei -u. s. w., sie in zwanzig Jahren schon eine Million Pflanzen liefern -würde. Man sieht den Elephanten als das sich am langsamsten vermehrende -von allen bekannten Thieren an. Ich habe das wahrscheinliche Minimum -seiner natürlichen Vermehrung zu berechnen gesucht, unter der -Voraussetzung, dass seine Fortpflanzung erst mit dreissig Jahren -beginne und bis zum neunzigsten Jahre währe, und dass er in dieser -Zeit nur drei Paar Junge zur Welt bringe. In diesem Falle würden nach -fünfhundert Jahren schon fünfzehn Millionen Elephanten von dem ersten -Paare vorhanden seyn.</p> - -<p>Doch wir haben bessre Belege für diese Sache, als bloss theoretische -Berechnungen, namentlich in den oft berichteten Fällen von erstaunlich -rascher Vermehrung verschiedener Thier-Arten im Natur-Zustande, wenn -die natürlichen Bedingungen zwei oder drei Jahre lang dafür günstig -gewesen sind. Noch schlagender sind die von unseren in verschiedenen -Weltgegenden verwilderten Hausthier-Arten hergenommenen Beweise, so -dass, wenn die Behauptungen von der Zunahme der sich doch nur langsam -vermehrenden Rinder und Pferde in <i>Süd-Amerika</i> und neuerlich in -<i>Australien</i> nicht sehr wohl bestätigt wären, sie ganz unglaublich -erscheinen müssten. Eben so ist es mit den Pflanzen. Es lassen sich -Fälle von eingeführten Pflanzen aufzählen, welche<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> auf ganzen Inseln -gemein geworden sind in weniger als zehn Jahren. Einige der Pflanzen, -welche jetzt in solcher Zahl über die weiten Ebenen von <i>la Plata</i> -verbreitet sind, dass sie alle anderen Pflanzen daselbst ausschliessen, -sind aus <i>Europa</i> eingebracht worden; und eben so gibt es, wie -ich von Dr. F<span class="smaller">ALCONER</span> gehört, in <i>Ostindien</i> Pflanzen, -welche jetzt vom <i>Cap Comorin</i> bis zum <i>Himalaya</i> reichen -und seit der Entdeckung von <i>Amerika</i> von dorther eingeführt -worden sind. In Fällen dieser Art, von welchen endlose Beispiele -angeführt werden könnten, wird Niemand unterstellen, dass die -Fruchtbarkeit solcher Pflanzen und Thiere plötzlich und zeitweise in -einem bemerklichen Grade zugenommen habe. Die handgreifliche Erklärung -ist, dass die äussern Lebens-Bedingungen sehr günstig, dass in dessen -Folge die Zerstörung von Jung und Alt geringer und mithin fast alle -Abkömmlinge im Stande gewesen sind, sich fortzupflanzen. In solchen -Fällen genügt schon das geometrische Verhältniss der Zahlen-Vermehrung, -dessen Resultat nie verfehlt Erstaunen zu erregen, um einfach das -ausserordentliche Wachsthum und die weite Verbreitung eingeführter -Natur-Produkte in ihrer neuen Heimath zu erklären. Im Natur-Zustande -bringen fast alle Pflanzen jährlich Saamen hervor, und unter den -Thieren sind nur sehr wenige, die sich nicht jährlich paarten. Wir -können daher mit Sicherheit behaupten, dass alle Pflanzen und Thiere -sich in geometrischem Verhältnisse vermehren, dass sie jede zu ihrer -Ansiedelung geeignete Gegend sehr rasch zu bevölkern im Stande seyen, -und dass das Streben zur geometrischen Vermehrung zu irgend einer Zeit -ihres Lebens beschränkt werden muss. Unsre genauere Bekanntschaft mit -den grösseren Hausthieren könnte zwar unsre Meinung in dieser Beziehung -irre leiten, da wir keine grosse Störung unter ihnen eintreten -sehen; aber wir vergessen, dass Tausende jährlich zu unsrer Nahrung -geschlachtet werden, und dass im Natur-Zustande wohl eben so viele -irgendwie beseitigt werden würden.</p> - -<p>Der einzige Unterschied zwischen den Organismen, welche jährlich -Tausende von Eiern oder Saamen hervorbringen, und jenen welche deren -nur sehr wenige liefern, besteht darin, dass<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> diese unter günstigen -Verhältnissen ein paar Jahre länger als jene zur Bevölkerung eines -Bezirks nöthig haben, seye derselbe auch noch so gross. Der Condor -legt zwei Eier und der Strauss deren zwanzig, und doch dürfte in -einer und derselben Gegend der Condor leicht der häufigere von beiden -werden. Der Eis-Sturm-Vogel (Procellaria glacialis) legt nur ein Ei, -und doch glaubt man er seye der zahlreichste Vogel in der Welt. Die -eine Fliege legt hundert Eier und die andre wie z. B. Hippobosca deren -nur eines; Diess bedingt aber nicht die Menge der Individuen, die in -einem Bezirk ihren Unterhalt finden können. Eine grosse Anzahl von -Eiern ist von einiger Wichtigkeit für eine Art, deren Futter-Vorräthe -raschen Schwankungen unterworfen sind; denn diese muss ihre Vermehrung -in kurzer Frist bewirken. Aber wesentliche Wichtigkeit erlangt eine -grosse Zahl von Eiern oder Saamen der Grösse der Zerstörung gegenüber, -welche zu irgend einer Lebenszeit erfolgt, und diese Zeit des Lebens -ist in der grossen Mehrheit der Fälle eine sehr frühe. Kann ein Thier -in irgend einer Weise seine eigenen Eier und Junge schützen, so wird es -deren eine geringere Anzahl erzeugen und diese ganze durchschnittliche -Anzahl aufbringen; werden aber viele Eier oder Junge zerstört, so -müssen deren viele erzeugt werden, wenn die Art nicht untergehen soll. -Wird eine Baum-Art durchschnittlich tausend Jahre alt, so würde es -zur Erhaltung ihrer vollen Anzahl genügen, wenn sie in tausend Jahren -nur einen Saamen hervorbrächte, vorausgesetzt, dass dieser eine nie -zerstört würde und auf einen sicheren für die Keimung geeigneten -Platz gelangen könnte. So hängt in allen Fällen die mittle Anzahl von -Individuen einer Pflanzen- oder Thier-Art nur indirekt von der Zahl der -Saamen oder Eier ab, die sie liefert.</p> - -<p>Bei Betrachtung der Natur ist es nöthig, diese Ergebnisse immer -im Sinne zu behalten und nie zu vergessen, dass man von jedem -einzelnen Organismus unsrer Umgebung sagen kann, er strebe nach -der äussersten Vermehrung seiner Anzahl, dass aber jeder in irgend -einem Zeit-Abschnitte seines Lebens in einem Kampfe mit feindlichen -Bedingungen begriffen seye, und dass grosse Zerstörung unvermeidlich -über Jung oder Alt ergehe<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> in jeder Generation oder in wiederkehrenden -Perioden. Wird irgend ein Hinderniss beseitigt oder die Zerstörung noch -so wenig gemindert, so wird in der Regel augenblicklich die Zahl der -Individuen stärker anwachsen.</p> - -<p>Was für Hindernisse es sind, welche das natürliche Streben jeder -Art nach Vermehrung ihrer Anzahl beschränken, ist meistens unklar. -Betrachtet man die am kräftigsten gedeihenden Arten, so wird man finden -dass, je grösser ihre Zahl wird, desto mehr ihr Streben nach weitrer -Vermehrung zunimmt. Wir wissen nicht einmal in einem einzelnen Falle -genau, welches die Hindernisse der Vermehrung sind. Diess wird jedoch -niemanden in Verwunderung setzen, der sich erinnert, wie unwissend wir -in dieser Beziehung bei dem Menschen selbst sind, welcher doch ohne -Vergleich besser bekannt ist als irgend eine andre Thier-Art. Doch ist -dieser Gegenstand von mehren Schriftstellern vortrefflich erörtert -worden; ich werde in meinem späteren Werke über mehre der Hindernisse -mit einiger Ausführlichkeit handeln und insbesondre auf die Raubthiere -<i>Südamerika’s</i> etwas näher eingehen. Hier mögen nur einige wenige -Bemerkungen Raum finden, nur um dem Leser einige Hauptpunkte ins -Gedächtniss zu rufen. Eier und ganz junge Thiere scheinen am meisten -zu leiden, doch ist Diess nicht ganz ohne Ausnahme. Den Pflanzen wird -zwar eine gewaltige Menge von Saamen zerstört; aber nach einigen -Beobachtungen scheint es mir, als litten die Sämlinge am meisten, wenn -sie auf einem schon mit andern Pflanzen dicht bestockten Boden wachsen. -Auch die Sämlinge werden noch in grosser Menge durch verschiedene -Feinde vernichtet. So beobachtete ich auf einer locker umgegrabenen -Boden-Fläche von 3′ Länge und 2′ Breite 357 Sämlinge unsrer -verschiedenen Holz-Arten, wovon nicht weniger als 295 hauptsächlich -durch Schnecken und Insekten zerstört wurden. Wenn man einen Rasen, der -lang abgemähet wurde (und der Fall wird der nämliche bleiben, wenn er -durch Säugthiere kurz abgeweidet worden), wachsen lässt, so werden die -kräftigeren Pflanzen allmählich die minder kräftigen wenn auch voll -ausgewachsenen tödten; und in einem solchen Falle hat man von zwanzig -auf<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> einem nur 3′ auf 4′ grossen Fleck beisammen wachsenden Arten neun -zwischen den anderen nun üppiger aufwachsenden zu Grunde gehen sehen.</p> - -<p>Die für eine jede Art vorhandene Nahrungs-Menge bestimmt die äusserste -Grenze, bis zu welcher sie sich vermehren kann; aber in vielen Fällen -wird die Vermehrung einer Thier-Art schon weit unter dieser Grenze -dadurch gehemmt, dass sie selbst wieder einer andern zur Beute wird. -Es scheint daher wenig Zweifel unterworfen zu seyn, dass der Bestand -an Feld- und Hasel-Hühnern, Hasen u. s. w. grossentheils hauptsächlich -von der Zerstörung der kleinen Raubthiere abhängig ist. Wenn in -<i>England</i> in den nächsten zwanzig Jahren kein Stück Wildpret -geschossen, aber auch keine solche Raubthiere zerstört würden, so würde -nach aller Wahrscheinlichkeit der Wild-Stand nachher geringer seyn als -jetzt, obwohl jetzt Hunderte und Tausende von Stücken Wildes erlegt -werden. Anderseits gibt es aber auch einige Fälle wo, wie bei Elephant -und Nashorn, eine Zerstörung durch Raubthiere gar nicht stattfindet, -und selbst der Indische Tiger wagt es nur sehr selten einen jungen von -seiner Mutter geschützten Elephanten anzugreifen.</p> - -<p>Das Klima hat ferner einen wesentlichen Antheil an Bestimmung der -durchschnittlichen Individuen-Zahl einer Art, und ich glaube dass ein -periodischer Eintritt von äusserst kalter oder trockener Jahreszeit zu -den wirksamsten aller Hemmnisse gehört. Ich schätze hauptsächlich nach -der geringen Anzahl von Nestern im nachfolgenden Frühling, dass der -Winter <i>1854–55</i> auf meinen eigenen Jagd-Gründen vier Fünftheile -aller Vögel zerstört hat; und Diess ist eine furchtbare Zerstörung, -wenn wir berücksichtigen, dass bei dem Menschen eine durch Seuchen -verursachte Sterblichkeit von 10 Prozent schon ganz ausserordentlich -stark ist. Die Wirkung des Klimas scheint beim ersten Anblick ganz -unabhängig von dem Kampfe um die Existenz zu seyn; wenn aber das Klima -hauptsächlich die Nahrung vermindert, veranlasst es den heftigsten -Kampf zwischen den Einzelwesen, seye es nur einer oder seye es -verschiedener Arten, welche von derselben Nahrung leben. Selbst wenn -ein, z. B. äusserst kaltes, Klima<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> unmittelbar wirkt, sind es die -mindest kräftigen oder diejenigen Individuen, die beim vorrückenden -Winter am wenigsten Futter bekommen haben, welche am meisten leiden. -Wenn wir von Süden nach Norden oder aus einer feuchten in eine trockene -Gegend wandern, werden wir stets einige Arten immer seltener und -seltener werden und zuletzt gänzlich verschwinden sehen; und da der -Wechsel des Klima’s zu Tage liegt, so werden wir am ehesten versucht -seyn den ganzen Erfolg seiner direkten Einwirkung zuzuschreiben. -Und doch ist Diess eine falsche Ansicht; wir vergessen dabei, dass -jede Art selbst da, wo sie am häufigsten ist, in irgend einer Zeit -ihres Lebens durch Feinde oder durch Mitbewerber um ihre Nahrung oder -ihre Wohnstelle ungeheure Zerstörung erfährt; und wenn diese Feinde -oder Mitbewerber nur im Mindesten durch irgend einen Wechsel des -Klima’s begünstigt werden, so wachsen sie an Zahl, und da jede Fläche -bereits vollständig mit Bewohnern besetzt ist, so muss die andre Art -zurückweichen. Wenn wir auf dem Wege nach Süden eine Art in Abnahme -begriffen sehen, so fühlen wir gewiss, dass die Ursache mehr in anderen -begünstigten Arten liegt, als in dieser einen benachtheiligten. Eben -so, wenn wir nordwärts gehen, obgleich in einem etwas geringeren Grade, -weil die Zahl aller Arten und somit aller Mitbewerber gegen Norden hin -abnimmt. Daher kömmt es, dass, wenn wir nach Norden oder einen Berg -hinauf gehen, wir weit öfters verkümmerten Formen begegnen, welche -von <em class="gesperrt">unmittelbar</em> schädlichen Einflüssen des Klima’s herrühren, -als wenn wir nach Süden oder bergab gehen. Erreichen wir endlich die -arktischen Regionen oder die Schnee-bedeckten Berg-Spitzen oder -vollkommene Wüsten, so findet das Ringen ums Daseyn hauptsächlich gegen -die Elemente statt.</p> - -<p>Dass die Wirkung des Klima’s vorzugsweise eine indirekte und durch -Begünstigung andrer Arten vermittelt seye, ergibt sich klar aus der -wunderbar grossen Menge solcher Pflanzen in unseren Gärten, welche -zwar vollkommen im Stande sind unser Klima zu ertragen, aber niemals -naturalisirt werden können, weil sie weder den Wettkampf mit anderen -Pflanzen aushalten<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> noch der Zerstörung durch unsere einheimischen -Thiere widerstehen können.</p> - -<p>Wenn sich eine Art durch sehr günstige Umstände auf einem kleinen -Raume zu ausserordentlicher Anzahl vermehrt, so sind Seuchen (so ist -es wenigstens bei unseren Hausthieren gewöhnlich der Fall) oft die -Folge davon, und hier haben wir ein vom Ringen ums Daseyn unabhängiges -Hemmniss. Doch scheint wenigstens ein Theil dieser sogenannten -Epidemien von parasitischen Würmern herzurühren, welche durch irgend -eine Ursache und vielleicht durch die Leichtigkeit der Verbreitung -zwischen gekreuzten Rassen unverhältnissmässig begünstigt worden sind, -und so fände hier gewissermaassen ein Ringen zwischen den Würmern und -ihren Nährthieren statt.</p> - -<p>Andrerseits ist in vielen Fällen wieder ein grosser Bestand von -Individuen derselben Art unumgänglich für ihre Erhaltung nöthig. Man -kann daher leicht Getreide, Repssaat u. s. w. in Masse auf unseren -Feldern erziehen, weil hier deren Saamen in grossem Übermaasse -gegenüber den Vögeln vorhanden sind, welche davon leben; und doch -können diese Vögel, wenn sie auch mehr als nöthig Futter in der einen -Jahreszeit haben, nicht im Verhältniss zur Menge dieses Futters -zunehmen, weil die ganze Anzahl im Winter nicht ihr Fortkommen fände. -Dagegen weiss jeder, der es versucht hat, Saamen aus Weitzen oder -andern solchen Pflanzen im Garten zu erziehen, wie mühesam Diess -ist. Ich habe in solchen Fällen jedes Saamenkorn verloren. Diese -Anschauungsweise von der Nothwendigkeit eines grossen Bestandes einer -Art für ihre Erhaltung erklärt, wie mir scheint, einige eigenthümliche -Fälle in der Natur, wie z. B. dass sehr seltene Pflanzen zuweilen -sehr zahlreich auf einem kleinen Fleck beisammen vorkommen; und dass -manche gesellige Pflanzen gesellig oder in grosser Zahl beisammen -selbst auf der äussersten Grenze ihres Verbreitungs-Bezirkes gefunden -werden. In solchen Verhältnissen kann man glauben, eine Pflanzen-Art -vermöge nur da zu bestehen, wo die Lebens-Bedingungen so günstig -sind, dass ihrer viele beisammen leben und so einander vor äusserster -Zerstörung bewahren können. Ich möchte hinzufügen, dass die<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> guten -Folgen einer häufigen Kreutzung und die schlimmen einer reinen Inzucht -wahrscheinlich in einigen dieser Fälle mit in Betracht kommen; doch -will ich mich über diesen verwickelten Gegenstand hier nicht weiter -verbreiten.</p> - -<p>Man berichtet viele Beispiele, aus denen sich ergibt, wie -zusammengesetzt und wie unerwartet die gegenseitigen Beschränkungen -und Beziehungen zwischen organischen Wesen sind, die in einerlei -Gegend mit einander zu ringen haben. Ich will nur ein solches -Beispiel anführen, das, wenn auch einfach, mich angesprochen hat. -In <i>Staffordshire</i> auf einem Gute, über dessen Verhältnisse -nachzuforschen ich in günstiger Lage war, befand sich eine grosse -äusserst unfruchtbare Haide, die nie von eines Menschen Hand berührt -worden. Doch waren einige Hundert Acker derselben von genau gleicher -Beschaffenheit mit dem Übrigen fünfundzwanzig Jahre zuvor eingezäunt -und mit der <i>Schottischen</i> Kiefer bepflanzt worden. Die -Veränderung in der ursprünglichen Vegetation des bepflanzten Theiles -war äusserst merkwürdig, mehr als man gewöhnlich wahrnimmt, wenn man -auf einen ganz verschiedenen Boden übergeht. Nicht allein erschienen -die Zahlen-Verhältnisse zwischen den Haide-Pflanzen gänzlich verändert, -sondern es blüheten auch in der Pflanzung noch zwölf solche Arten, -Ried- u. a. Gräser ungerechnet, von welchen auf der Haide nichts zu -finden war. Die Wirkung auf die Kerbthiere muss noch viel grösser -gewesen seyn, da in der Pflanzung sechs Species Insekten-fressender -Vögel sehr gemein waren, von welchen in der Haide nichts zu sehen -gewesen, welche dagegen von zwei bis drei andren Arten derselben -besucht wurde. Wir bemerken hier, wie mächtig die Folgen der Einführung -einer einzelnen Baum-Art gewesen, indem durchaus nichts sonst geschehen -war, ausser der Abhaltung des Wildes durch die Einfriedigung. Was für -ein wichtiges Element aber die Einfriedigung seye, habe ich deutlich zu -<i>Farnham</i> in <i>Surrey</i> erkannt. Hier waren ausgedehnte Haiden -mit ein paar Gruppen alter <i>Schottischer</i> Kiefern auf den Rücken -der entfernteren Hügel; in den letzten 10 Jahren waren ansehnliche -Strecken eingefriedigt worden, und innerhalb dieser Einfriedigungen -schoss in Folge<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> von Selbstbesaamung eine Menge junger Kiefern auf, -so dicht beisammen, dass nicht alle fortleben können. Nachdem ich -erfahren, dass diese jungen Stämmchen nicht absichtlich gesäet oder -gepflanzt worden, war ich um so mehr erstaunt über deren Anzahl, als -ich mich sofort nach mehren Seiten wandte, um Hunderte von Acres der -nicht eingefriedigten Haide zu untersuchen, wo ich jedoch ausser den -gepflanzten alten Gruppen buchstäblich genommen auch nicht eine Kiefer -zu finden vermochte. Da ich mich jedoch genauer zwischen den Stämmen -der freien Haide umsah, fand ich eine Menge Sämlinge und kleiner -Bäumchen, welche aber fortwährend von den Rinder-Heerden abgeweidet -worden waren. Auf einem eine Elle im Quadrat messenden Fleck mehre -Hundert Schritte von den alten Baum-Gruppen entfernt zählte ich 32 -solcher abgeweideten Bäumchen, wovon eines nach der Zahl seiner -Jahres-Ringe zu schliessen 26 Jahre lang gehindert worden war sich über -die Haide-Pflanzen zu erheben und dann zu Grunde gegangen ist. Kein -Wunder also, dass, sobald das Land eingefriedigt worden, es dicht von -kräftigen jungen Kiefern überzogen wurde. Und doch war die Haide so -äusserst unfruchtbar und so ausgedehnt, dass niemand geglaubt hätte, -dass das Rindvieh hier so dicht und so erfolgreich nach Futter gesucht -habe.</p> - -<p>Wir sehen hier das Vorkommen der <i>Schottischen</i> Kiefer in -Abhängigkeit vom Rinde; in andern Weltgegenden ist es von gewissen -Insekten abhängig. Vielleicht bietet <i>Paraguay</i> das merkwürdigste -Beispiel dar; denn hier sind niemals Rinder, Pferde oder Hunde -verwildert, obwohl sie im Süden und Norden davon in verwildertem -Zustande umherschwärmen. A<span class="smaller">ZARA</span> und R<span class="smaller">ENGGER</span> haben -gezeigt, dass die Ursache dieser Erscheinung in <i>Paraguay</i> in -dem häufigeren Vorkommen einer gewissen Fliege zu finden seye, welche -ihre Eier in den Nabel der neu-geborenen Jungen dieser Thier-Arten -legt. Die Vermehrung dieser Fliege muss gewöhnlich durch irgend ein -Gegengewicht und vermuthlich durch Vögel gehindert werden. Wenn daher -gewisse Insekten-fressende Vögel, deren Zahl wieder durch Raubvögel -und Fleisch-Fresser geregelt werden mag,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> in <i>Paraguay</i> zunähme, -so würden sich die Fliegen vermindern und Rind und Pferd verwildern, -was dann wieder (wie ich in einigen Theilen <i>Südamerika’s</i> -wirklich beobachtet habe) eine bedeutende Veränderung in der -Pflanzen-Welt veranlassen würde. Diess müsste nun in hohem Grade auf -die Insekten und hiedurch, wie wir in <i>Staffordshire</i> gesehen, -auf die Insekten-fressenden Vögel wirken, und so fort in immer und -verwickelteren Kreisen. Wir haben diese Belege mit Insekten-fressenden -Vögeln begonnen und endigen damit. Doch sind in der Natur die -Verhältnisse nicht immer so einfach, wie hier. Kampf um Kampf mit -veränderlichem Erfolge muss immer wiederkehren; aber in die Länge -halten die Kräfte einander so genau das Gleichgewicht, dass die -Natur auf weite Perioden hinaus immer ein gleiches Aussehen behält, -obwohl gewiss oft die unbedeutendste Kleinigkeit genügen würde, einem -organischen Wesen den Sieg über das andre zu verleihen. Demungeachtet -ist unsre Unwissenheit so gross, dass wir uns verwundern, wenn wir -von dem Erlöschen eines organischen Wesens vernehmen; und da wir die -Ursache nicht sehen, so rufen wir Umwälzungen zu Hilfe um die Welt zu -verwüsten, oder erfinden Gesetze über die Dauer der Lebenformen.</p> - -<p>Ich bin versucht durch ein weitres Beispiel nachzuweisen, wie -solche Pflanzen und Thiere, welche auf der Stufenleiter der Natur -am weitesten von einander entfernt stehen, durch ein Gewebe von -verwickelten Beziehungen mit einander verkettet werden. Ich werde -nachher Gelegenheit haben zu zeigen, dass die ausländische Lobelia -fulgens in diesem Theile von <i>England</i> niemals von Insekten -besucht wird und daher nach ihrem eigenthümlichen Blüthen-Bau nie eine -Frucht ansetzen kann. Viele unsrer Orchideen-Pflanzen müssen unbedingt -von Motten besucht werden, um ihre Pollen-Massen wegzunehmen und sie -zu befruchten. Ich habe durch Versuche ermittelt, dass Hummeln zur -Befruchtung der Jelängerjelieber (Viola tricolor) unentbehrlich sind, -indem andre Bienen sich nie auf dieser Blume einfinden. Eben so habe -ich gefunden, dass der Besuch der Bienen zur Befruchtung von mehren -unsrer Klee-Arten nothwendig seye. So lieferten mir hundert Stöcke -weissen Klee’s (Trifolium repens)<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> 2290 Saamen, während 20 andre -Pflanzen dieser Art, welche den Bienen unzugänglich gemacht waren, -nicht einen Saamen zur Entwicklung brachten. Und eben so ergaben -hundert Stöcke rothen Klee’s (Trifolium pratense) 2700 Saamen, und -die gleiche Anzahl gegen Bienen geschützter Stöcke nicht einen! -Hummeln besuchen allein diesen rothen Klee, indem andre Bienen-Arten -den Nektar dieser Blume nicht erreichen können. Auch von Motten hat -man unterstellt, dass sie zur Befruchtung des Klee’s beitragen; ich -zweifle aber wenigstens daran, dass Diess mit dem rothen Klee der -Fall ist, indem sie nicht schwer genug sind, um die Seiten-Blätter -der Blumenkrone niederzudrücken, daher man wohl annehmen darf, dass -wenn die ganze Sippe der Hummeln in <i>England</i> sehr selten oder -ganz vertilgt würde, auch Jelängerjelieber und rother Klee sehr selten -werden oder ganz verschwinden müssten. Die Zahl der Hummeln steht -grossentheils in einem entgegengesetzten Verhältnisse zu der der -Feldmäuse in derselben Gegend, welche deren Nester und Waben aufsuchen. -Herr H. N<span class="smaller">EWMAN</span>, welcher die Lebens-Weise der Hummeln lange -beobachtet, glaubt dass über zwei Drittel derselben durch ganz -<i>England</i> zerstört werden. Nun findet aber, wie Jedermann weiss, -die Zahl der Mäuse ein grosses Gegengewicht in der der Katzen, so dass -N<span class="smaller">EWMAN</span> sagt, in der Nähe von Dörfern und Flecken habe er die -Zahl der Hummel-Nester am grössten gefunden, was er der reichlicheren -Zerstörung der Mäuse durch die Katzen zuschreibe. Daher ist es denn -wohl glaublich, dass die reichliche Anwesenheit eines Katzen-artigen -Thieres in irgend einem Bezirke durch Vermittelung von Mäusen und -Bienen auf die Menge gewisser Pflanzen daselbst von Einfluss seyn kann!</p> - -<p>Bei jeder Species kommen wahrscheinlich verschiedene Arten Gegengewicht -in Betracht, solche die in verschiedenen Perioden des Lebens, und -solche die während verschiedener Jahres-Zeiten wirken. Eines oder -einige derselben mögen mächtiger als die andern seyn; aber alle -zusammen bedingen die Durchschnitts-Zahl der Individuen oder selbst -die Existenz der Art. In manchen Fällen lässt sich nachweisen, dass -sehr verschiedene Gegengewichte in verschiedenen Gegenden auf eine -Species einwirken.<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Wenn wir Büsche und Pflanzen betrachten, welche -einen zerfallenen Wall überziehen, so sind wir geneigt, ihre Arten und -deren Zahlen-Verhältnisse dem Zufalle zuzuschreiben. Doch wie falsch -ist diese Ansicht! Jedermann hat gehört, dass, wenn in <i>Amerika</i> -ein Wald niedergehauen wird, eine ganz verschiedene Pflanzenwelt zum -Vorschein kommt, und doch ist beobachtet worden, dass die Bäume, -welche jetzt auf den alten Indianer-Wällen im Süden der <i>Vereinten -Staaten</i> wachsen, deren früherer Baum-Bestand abgetrieben worden, -jetzt wieder eben dieselbe bunte Manchfaltigkeit und dasselbe -Arten-Verhältniss wie die umgebenden jungfräulichen Haine darbieten. -Welch ein Wettringen muss hier Jahrhunderte lang zwischen den -verschiedenen Baum-Arten stattgefunden haben, deren jede ihre Saamen -jährlich zu Tausenden abwirft! Was für ein Kampf zwischen Insekten und -Insekten u. a. Gewürm mit Vögeln und Raubthieren, welche alle sich zu -vermehren strebten, alle sich von einander oder von den Bäumen und -ihren Saamen und Sämlingen, oder von jenen andern Pflanzen nährten, -welche anfänglich den Grund überzogen und hiedurch das Aufkommen der -Bäume gehindert hatten. Wirft man eine Hand voll Federn in die Lüfte, -so müssen alle nach bestimmten Gesetzen zu Boden fallen; aber wie -einfach ist das Problem, wohin eine jede fallen wird, in Vergleich zu -der Wirkung und Rückwirkung der zahllosen Pflanzen und Thiere, die im -Laufe von Jahrhunderten Arten und Zahlen-Verhältniss der Bäume bestimmt -haben, welche jetzt auf den alten indianischen Ruinen wachsen!</p> - -<p>Abhängigkeit eines organischen Wesens von einem andern, wie die -des Parasiten von seinem Ernährer, findet in der Regel zwischen -solchen Wesen statt, welche auf der Stufenleiter der Natur weit -auseinander sind. Diess ist oft bei solchen der Fall, von denen man -ganz richtig sagen kann, sie kämpfen miteinander auch um ihr Daseyn, -wie Gras-fressende Säugthiere und Heuschrecken. Aber der meistens -ununterbrochen-fortdauernde Kampf wird der heftigste seyn, der zwischen -den Einzelwesen einer Art stattfindet, welche dieselben Bezirke -bewohnen, dasselbe Futter verlangen und denselben Gefahren ausgesetzt -sind. Bei<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Varietäten der nämlichen Art wird der Kampf meistens eben -so heftig seyn, und zuweilen sehen wir den Streit schon in kurzer Zeit -entschieden. So werden z. B., wenn wir verschiedene Weitzen-Varietäten -durcheinander säen, und ihren gemischten Saamen-Ertrag wieder säen, -einige Varietäten, welche dem Klima und Boden am besten entsprechen -oder von Natur die fruchtbarsten sind, die andern überbieten und, indem -sie mehr Saamen liefern, schon nach wenigen Jahren gänzlich ersetzen. -Um einen gemischten Stock von so äusserst nahe verwandten Varietäten -aufzubringen, wie die verschieden-farbigen Zuckererbsen sind, muss man -sie jedes Jahr gesondert ärndten und dann die Saamen im erforderlichen -Verhältnisse jedesmal auf’s Neue mengen, wenn nicht die schwächeren -Sorten von Jahr zu Jahr abnehmen und endlich ganz ausgehen sollen.</p> - -<p>So verhält es sich auch mit den Schaaf-Rassen. Man hat versichert, dass -gewisse Gebirgs-Varietäten derselben unter andern Gebirgs-Varietäten -aussterben, so dass sie nicht durch einander gehalten werden können. Zu -demselben Ergebnisse ist man gelangt, als man versuchte, verschiedene -Abänderungen des medizinischen Blutegels durcheinander zu halten. -Und ebenso ist zu bezweifeln, dass die Varietäten von irgend einer -unsrer Kultur-Pflanzen oder Hausthier-Arten so genau dieselbe Stärke, -Gewohnheiten und Konstitution besitzen, dass sich die ursprünglichen -Zahlen-Verhältnisse eines gemischten Bestandes derselben auch nur ein -halbes Dutzend Generationen hindurch zu erhalten vermöchten, wenn sie -wie die organischen Wesen im Natur-Zustande mit einander zu ringen -veranlasst wären und der Saamen oder die Jungen nicht alljährlich -sortirt würden.</p> - -<p>Da die Arten einer Sippe gewöhnlich, doch keineswegs immer, einige -Ähnlichkeit mit einander in Gewohnheiten und Konstitution und immer -in der Struktur besitzen, so wird der Kampf zwischen Arten einer -Sippe, welche in Mitbewerbung mit einander gerathen, gewöhnlich ein -härterer seyn, als zwischen Arten verschiedener Sippen. Wir sehen -Diess an der neuerlichen Ausbreitung einer Schwalben-Art über einen -Theil der <i>Vereinten Staaten</i>, wo sie die Abnahme einer andern -Art veranlasst. Die<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Vermehrung der Misteldrossel in einigen Theilen -von <i>Schottland</i> hat daselbst die Abnahme der Singdrossel zur -Folge gehabt. Wie oft hören wir, dass eine Ratten-Art den Platz einer -andern eingenommen, in den verschiedensten Klimaten. In <i>Russland</i> -hat die kleine asiatische Schabe (Blatta) ihren grösseren [?] -Sippen-Genossen überall vor sich hergetrieben. Eine Art Ackersenf -ist im Begriffe eine andre zu ersetzen. In <i>Australien</i> ist die -eingeführte Stock-Biene im Begriff die kleine einheimische Biene -ohne Stachel rasch zu vertilgen u. s. w. Wir vermögen undeutlich zu -erkennen, warum die Mitbewerbung zwischen den verwandtesten Formen am -heftigsten ist, welche nahezu denselben Platz im Haushalte der Natur -ausfüllen; aber wahrscheinlich werden wir in keinem einzigen Falle -genauer anzugeben im Stande seyn, wie es zugegangen, dass in dem -grossen Wettringen um das Daseyn die eine den Sieg über die andre davon -getragen hat.</p> - -<p>Aus den vorangehenden Bemerkungen lässt sich als Folgesatz von grösster -Wichtigkeit ableiten, dass die Struktur eines jeden organischen Wesens -auf die innigste aber oft verborgene Weise mit der aller andern -organischen Wesen zusammenhängt, mit welchen es in Mitbewerbung um -Nahrung oder Wohnung in Beziehung steht, welche es zu vermeiden hat, -und von welchen es lebt. — Diess erhellt eben so deutlich im Baue -der Zähne und der Klauen des Tigers, wie in der Bildung der Beine und -Krallen des Parasiten, welcher an des Tigers Haaren hängt. Zwar an dem -zierlich gefiederten Saamen des Löwenzahns wie an den abgeplatteten und -gewimperten Beinen des Wasserkäfers scheint anfänglich die Beziehung -nur auf das Luft- und Wasser-Element beschränkt. Aber der Vortheil des -fiedergrannigen Löwenzahn-Saamens steht ohne Zweifel in der engsten -Beziehung zu dem durch andre Pflanzen bereits dicht besetzten Lande, -so dass er in der Luft erst weit umhertreiben muss, um auf einen noch -freien Boden fallen zu können. Den Wasserkäfer dagegen befähigt die -Bildung seiner Beine vortrefflich zum Untertauchen, wodurch er in den -Stand gesetzt wird, mit anderen Wasser-Insekten in Mitbewerbung zu -treten, indem er nach seiner eignen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Beute jagt, und anderen Thieren zu -entgehen, welche ihn zu ihrer Ernährung verfolgen.</p> - -<p>Der Vorrath von Nahrungs-Stoff, welcher in den Saamen vieler Pflanzen -niedergelegt ist, scheint anfänglich keine Art von Beziehung zu -anderen Pflanzen zu haben. Aber aus dem lebhaften Wachsthum der jungen -Pflanzen, welche aus solchen Saamen (wie Erbsen, Bohnen u. s. w.) -hervorgehen, wenn sie mitten in hohes Gras ausgestreut worden, vermuthe -ich, dass jener Nahrungs-Vorrath hauptsächlich dazu bestimmt ist, das -Wachsthum des jungen Sämlings zu beschleunigen, welcher mit andern -Pflanzen von kräftigem Gedeihen rund um ihn her zu kämpfen hat.</p> - -<p>Warum verdoppelt oder vervierfacht eine Pflanze in der Mitte ihres -Verbreitungs-Bezirkes nicht ihre Zahl? Wir wissen, dass sie recht gut -etwas mehr oder weniger Hitze und Kälte, Trockne und Feuchtigkeit -aushalten kann; denn anderwärts verbreitet sie sich in etwas wärmere -oder kältere, feuchtere oder trockenere Bezirke. Wir sehen wohl ein, -dass, wenn wir in Gedanken wünschten, der Pflanze das Vermögen noch -weiterer Zunahme zu verleihen, wir ihr irgend einen Vortheil über -die andern mit ihr werbenden Pflanzen oder über die sich von ihr -nährenden Thiere gewähren müssten. An den Grenzen ihrer geographischen -Verbreitung würde eine Veränderung ihrer Konstitution in Bezug auf -das Klima offenbar von wesentlichem Vortheil für unsre Pflanze seyn. -Wir haben jedoch Grund zu glauben, dass nur wenige Pflanzen- oder -Thier-Arten sich so weit verbreiten, dass sie durch die Strenge des -Klima’s allein zerstört werden. Nur wo wir die äussersten Grenzen des -Lebens überhaupt erreichen, in den arktischen Regionen oder am Rande -der dürresten Wüste, da hört auch die Mitbewerbung auf. Mag das Land -noch so kalt oder trocken seyn, immer werden sich noch einige Arten -oder noch die Individuen derselben Art um das wärmste oder feuchteste -Fleckchen streiten.</p> - -<p>Daher sehen wir auch, dass, wenn eine Pflanzen- oder eine Thier-Art in -eine neue Gegend zwischen neue Mitbewohner versetzt wird, die äusseren -Lebens-Bedingungen meistens wesentlich<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> andre sind, wenn auch das -Klima genau dasselbe wie in der alten Heimath bliebe. Wünschten wir -das durchschnittliche Zahlen-Verhältniss dieser Art in ihrer neuen -Heimath zu steigern, so müssten wir ihre Natur in einer andern Weise -modifiziren, als es hätte in ihrer alten Heimath geschehen müssen; denn -sie bedarf eines Vortheils über eine andre Reihe von Mitbewerbern oder -Feinden, als sie dort gehabt hat.</p> - -<p>Versuchten wir in unsrer Einbildungskraft, dieser oder jener Form einen -Vortheil über eine andre zu verleihen, so wüssten wir wahrscheinlich -in keinem einzigen Falle, was zu thun seye, um zu diesem Ziele zu -gelangen. Wir würden die Überzeugung von unsrer Unwissenheit über die -Wechselbeziehungen zwischen allen organischen Wesen gewinnen: einer -Überzeugung, welche eben so nothwendig ist, als sie schwer zu erlangen -scheint. Alles was wir thun können, ist: stets im Sinne behalten, -dass jedes organische Wesen nach Zunahme in einem geometrischen -Verhältnisse strebt; dass jedes zu irgend einer Zeit seines Lebens -oder zu einer gewissen Jahreszeit, während seiner Fortpflanzung oder -nach unregelmässigen Zwischenräumen grosse Zerstörung zu erleiden hat. -Wenn wir über diesen Kampf um’s Daseyn nachdenken, so mögen wir uns -selbst trösten mit dem vollen Glauben, dass der Krieg der Natur nicht -ununterbrochen ist, dass keine Furcht gefühlt wird, dass der Tod im -Allgemeinen schnell ist, und dass es der Kräftigere, der Gesundere und -Geschicktere ist, welcher überlebt und sich vermehrt.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br /> - -<b>Natürliche Züchtung.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Natürliche Auswahl zur Nachzucht; — ihre Gewalt im Vergleich zu -der des Menschen; — ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer -Wichtigkeit; — ihre Gewalt in jedem Alter und über beide -Geschlechter; — Sexuelle Zuchtwahl. — Über die Allgemeinheit -der Kreutzung zwischen Individuen der nämlichen Art. — Umstände -günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung, insbesondere -Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. — Langsame Wirkung. -Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. — Divergenz des -Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer -kleinen Fläche und auf Naturalisation. — Wirkung der Natürlichen -Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Ältern durch Divergenz des -Charakters und durch Unterdrückung. — Erklärt die Gruppirung aller -organischen Wesen. — Fortschritt in der Organisation. — Erhaltung -unvollkommener Formen. — Betrachtung der Einwände. — Unbeschränkte -Vermehrung der Arten. — Zusammenfassung.</p> - -<p>Wie mag wohl der Kampf um das Daseyn, welcher im letzten Kapitel -allzukurz abgehandelt worden, in Bezug auf Variation wirken? Kann das -Prinzip der Auswahl für die Nachzucht, welche in des Menschen Hand so -viel leistet, in der Natur angewendet werden? Ich glaube, wir werden -sehen, dass ihre Thätigkeit eine äusserst wirksame ist. Erwägen wir -in Gedanken, mit welch’ endloser Anzahl neuer Eigenthümlichkeiten die -Erzeugnisse unsrer Züchtung und, in minderem Grade, die der Natur -variiren, und wie stark die Neigung zur Vererbung ist. Durch Zähmung -und Kultivirung, kann man wohl sagen, wird die ganze Organisation -in gewissem Grade bildsam. Aber die Veränderlichkeit, welche wir -an unseren Kultur-Erzeugnissen fast allgemein antreffen, ist, wie -H<span class="smaller">OOKER</span> und A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> richtig bemerkt haben, nicht -direkt durch den Menschen herbeigeführt worden; er kann weder -Varietäten entstehen machen, noch ihr Entstehen hindern; er kann -nur die vorkommenden erhalten und vermehren. Absichtslos setzt er -organische Wesen neuen verändernden Lebens-Bedingungen aus und die -Abänderungen beginnen. Aber ähnliche Wechsel der Lebens-Bedingungen -kommen auch in der Natur vor. Erwägen wir ferner, wie unendlich<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> -verwickelt und wie genau anschliessend die gegenseitigen Beziehungen -aller organischen Wesen zu einander und zu den natürlichen -Lebens-Bedingungen sind und wie unendlich vielfältige Abänderungen der -Struktur mithin einem jeden Wesen unter wechselnden Lebens-Bedingungen -nützlich seyn können. Kann man es denn bei Erwägung, wie viele für -den Menschen nützliche Abänderungen unzweifelhaft vorkommen, für -unwahrscheinlich halten, dass auch andre mehr und weniger einem jeden -Wesen selbst in dem grossen und zusammengesetzten Kampfe um’s Leben -diensame Abänderungen im Laufe von Tausenden von Generationen zuweilen -vorkommen werden? Wenn solche aber vorkommen, bleibt dann noch zu -bezweifeln, dass (da offenbar viel mehr Individuen geboren werden, als -möglicher Weise fortleben können) diejenigen Einzelwesen, welche irgend -einen wenn auch geringen Vortheil vor andern voraus besitzen, die -meiste Wahrscheinlichkeit haben, die andern zu überdauern und wieder -ihresgleichen hervorzubringen? Andrerseits werden wir gewiss fühlen, -dass eine im geringsten Grade nachtheilige Abänderung in gleichem -Verhältnisse mehr der Vertilgung ausgesetzt ist. Diese Erhaltung -vortheilhafter und Zurücksetzung nachtheiliger Abänderungen ist es, was -ich „Natürliche Auswahl oder Züchtung“ nenne<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>. Abänderungen, welche -weder vortheilhaft noch nachtheilig sind, werden von der Natürlichen -Auswahl nicht berührt, und bleiben ein schwankendes Element, wie wir es -vielleicht in den sogenannten polymorphen Arten sehen.</p> - -<p>Einige Schriftsteller haben den Ausdruck „<i>Natural Selection</i>“ -missverstanden oder unpassend gefunden. Die einen haben sich -vorgestellt, Natürliche Züchtung führe zur Veränderlichkeit, während -sie doch nur die Erhaltung solcher Varietäten vermittelt, welche dem -Organismus in seinen eigenthümlichen Lebens-Beziehungen von Nutzen -sind. Niemand macht dem Landwirth einen Vorwurf daraus, dass er von den -grossen Wirkungen der Züchtung auf den Menschen spricht, und in diesem -Falle müssen die individuellen Eigenthümlichkeiten, welche die Auswahl -des Menschen<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> bestimmen, nothwendig zuerst von der Natur verliehen -seyn. Andre haben eingewendet, dass der Ausdruck „<i>Selection</i>“ -ein Bewusstsein in den Thieren voraussetze, welche verändert werden, -— und doch hätten die Pflanzen keinen Willen und seye der Ausdruck -auf sie nicht anwendbar. Es unterliegt allerdings keinem Zweifel, -dass buchstäblich genommen „<i>Natural Selection</i>“ ein falscher -Ausdruck ist; wer hat aber je den Chemiker getadelt, wenn er von einer -Wahlverwandtschaft unter seinen chemischen Elementen gesprochen? und -doch kann man nicht sagen, dass eine Säure sich die Basis auswähle, -mit der sie sich vorzugsweise verbinden wolle. Man hat gesagt ich -spreche von <i>Natural Selection</i> wie von einer thätigen Macht oder -Gottheit; wer aber erhebt gegen andere einen Einwand, wenn sie von der -Anziehung reden, welche die Bewegung der Planeten regelt? Jedermann -weiss, was damit gemeint, und ist an solche bildliche Ausdrücke -gewöhnt; sie sind ihrer Kürze wegen nothwendig. Eben so schwer ist es -eine Personifizirung der Natur zu vermeiden; und doch verstehe ich -unter Natur bloss die vereinte Thätigkeit und Leistung der mancherlei -Naturgesetze. Bei ein bis’chen Bekanntschaft mit der Sache sind solche -oberflächliche Einwände bald vergessen.</p> - -<p>Wir werden den wahrscheinlichen Hergang bei der Natürlichen Zuchtwahl -am besten verstehen, wenn wir den Fall annehmen, eine Gegend -erfahre irgend eine physikalische Veränderung z. B. im Klima. Das -Zahlen-Verhältniss seiner Bewohner wird dann unmittelbar ein andres -werden, und ein oder die andre Art wird gänzlich erlöschen. Wir dürfen -ferner aus dem innigen Abhängigkeits-Verhältnisse der Bewohner einer -Gegend von einander schliessen, dass, ausser dem Klima-Wechsel an -sich, die Änderung im Zahlen-Verhältnisse eines Theiles ihrer Bewohner -auch sehr wesentlich auf die andern wirke. Hat diese Gegend offene -Grenzen, so werden gewiss neue Formen einwandern und das Verhältniss -eines Theiles der alten Bewohner zu einander ernstlich stören; denn -erinnern wir uns, wie folgenreich die Einführung einer einzigen Baum- -oder Säugthier-Art in den früher mitgetheilten Beispielen gewesen ist. -Handelte es sich dagegen um<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> eine Insel oder um ein so umschränktes -Land, dass neue und besser angepasste Formen nicht eindringen -können, so werden sich Lücken im Hausstande der Natur ergeben, -welche sicherlich besser dadurch ausgefüllt werden, dass einige der -ursprünglichen Bewohner eine angemessene Abänderung erfahren; denn, -wäre das Land der Einwanderung geöffnet gewesen, so würden sich wohl -Eindringlinge dieser Stellen bemächtigt haben. In diesem Falle würde -daher jede geringe Abänderung, die sich im Laufe der Zeit entwickelt -hat und irgendwie die Individuen einer oder der andern Species durch -bessre Anpassung an die geänderten Lebens-Bedingungen begünstigt, ihre -Erhaltung zu gewärtigen haben und die Natürliche Auswahl wird freien -Spielraum für ihr Verbesserungs-Werk finden.</p> - -<p>Wie in dem ersten Kapitel gezeigt worden, ist Grund zur Annahme -vorhanden, dass eine solche Änderung in den Lebens-Bedingungen, welche -insbesondere auf das Reproduktiv-System wirkt, Variabilität verursacht, -oder sie erhöhet. In dem vorangehenden Falle ist eine Änderung der -Lebens-Bedingungen unterstellt worden, und diese wird gewiss für die -Natürliche Züchtung insofern günstig gewesen seyn, als mit ihr die -Aussicht auf das Vorkommen nützlicher Abänderungen verbunden war; -kommen nützliche Abänderungen nicht vor, so kann die Natur keine -Auswahl zur Züchtung treffen. Nicht als ob dazu ein äusserstes Mass -von Veränderlichkeit nöthig wäre; denn wenn der Mensch grosse Erfolge -durch Häufung bloss individueller Verschiedenheiten in einer und -derselben Richtung erzielen kann, so vermag es die Natürliche Zuchtwahl -in noch weit höherm Grade, da ihr unvergleichlich längre Zeitraume -für ihre Plane zu Gebot stehen. Auch glaube ich nicht, dass eben eine -grosse klimatische oder andre Veränderung oder ein ungewöhnlicher Grad -von Abschränkung gegen die Einwanderung nöthig ist, um neue und noch -unausgefüllte Stellen zu schaffen, damit die Natürliche Zuchtwahl -sie durch Abänderung und Verbesserung einiger variirender Bewohner -der Gegend ausfüllen könne. Denn da alle Bewohner einer jeden Gegend -mit gegenseitig genau abgewogenen Kräften in beständigem Kampfe mit -einander liegen, so genügen oft schon äusserst<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> geringe Modifikationen -in der Bildung oder Lebensweise eines Bewohners, um ihm einen Vortheil -über andre zu geben, und weitre Abänderungen in gleicher Richtung -werden sein Übergewicht noch vergrössern, so lange als das Wesen -unter den nämlichen Lebens-Bedingungen fortbesteht und aus ähnlichen -Subsistenz- und Vertheidigungs-Mitteln Nutzen zieht. Es lässt sich -keine Gegend bezeichnen, in welcher alle natürlichen Bewohner bereits -so vollkommen aneinander und an die äusseren Bedingungen des Lebens -angepasst wären, dass keine unter ihnen mehr einer Veredelung fähig -wäre; denn in allen Gegenden sind die eingebornen Arten so weit von -naturalisirten Erzeugnissen überwunden worden, dass diese Fremdlinge -im Stande gewesen sind festen Besitz vom Lande zu nehmen. Und da die -Fremdlinge überall einige der Eingeborenen aus dem Felde geschlagen -haben, so darf man wohl daraus schliessen dass, wenn diese mit mehr -Vorzügen ausgestattet gewesen wären, sie solchen Eindringlingen mehr -Widerstand geleistet haben würden.</p> - -<p>Da nun der Mensch durch methodisch oder unbewusst ausgeführte Wahl -zum Zwecke der Nachzucht so grosse Erfolge erzielen kann und gewiss -erzielt hat, was muss nicht die Natürliche Züchtung leisten können? Der -Mensch kann absichtlich nur auf äusserliche und sichtbare Charaktere -wirken; die Natur (wenn es gestattet ist die natürliche Erhaltung -veränderlicher und begünstigter Individuen während des Kampfes ums -Daseyn zu personificiren) fragt nicht nach dem Aussehen, ausser wo es -zu irgend einem Zwecke nützlich seyn kann. Sie kann auf jedes innere -Organ, auf den geringsten Unterschied in der organischen Thätigkeit, -auf die ganze Machinerie des Lebens wirken. Der Mensch wählt nur zu -seinem eignen Nutzen; die Natur nur zum Nutzen des Wesens, das sie -pflegt. Jeder von ihr ausgewählte Charakter wird daher in voller -Thätigkeit erhalten und das Wesen in günstige Lebens-Bedingungen -versetzt. Der Mensch dagegen hält die Eingebornen aus vielerlei -Klimaten in derselben Gegend beisammen und entwickelt selten irgend -einen Charakter in einer besonderen und ihm entsprechenden Weise fort. -Er füttert eine lang- und eine kurz-schnäbelige Taube auf dieselbe -Weise; er<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> beschäftigt einen lang-rückenigen oder einen lang-beinigen -Vierfüsser nicht in einer besondern Art; er setzt das lang- und das -kurz-wollige Schaaf demselben Klima aus. Er veranlasst die kräftigeren -Männchen nicht, um ihre Weibchen zu kämpfen. Er zerstört nicht mit -Beharrlichkeit alle unvollkommenen Thiere, sondern schützt vielmehr -alle diese Erzeugnisse, so viel in seiner Gewalt liegt, in jeder -verschiedenen Jahreszeit. Oft beginnt er seine Auswahl mit einer -halb-monströsen Form oder mindestens mit einer schon hinreichend -vorragenden Abänderung, um sein Auge zu fesseln oder ihm offenbaren -Nutzen zu versprechen. In der Natur dagegen kann schon die geringste -Abweichung in Bau und organischer Thätigkeit das bisherige genaue -Gleichgewicht zwischen den ringenden Formen aufheben und hiedurch ihre -Erhaltung bewirken. Wie flüchtig sind die Wünsche und die Anstrengungen -des Menschen! wie kurz ist seine Zeit! wie dürftig sind mithin seine -Erzeugnisse denjenigen gegenüber, welche die Natur im Verlaufe ganzer -geologischer Perioden anhäuft! Dürfen wir uns daher wundern, wenn die -Natur-Produkte einen weit „ächteren“ Charakter als die des Menschen -haben, wenn sie den verwickelten Lebens-Bedingungen weit besser -angepasst sind und das Gepräge einer weit höheren Meisterschaft an sich -tragen?</p> - -<p>Man kann figürlich sagen, die Natürliche Züchtung seye täglich und -stündlich durch die ganze Welt beschäftigt, eine jede auch die -geringste Abänderung ausfindig zu machen, sie zurückzuwerfen wenn -sie schlecht, und sie zu erhalten und zu verbessern wenn sie gut -ist. Stille und unmerkbar ist sie überall und allezeit, wo sich -die Gelegenheit darbietet, mit der Vervollkommnung eines jeden -organischen Wesens in Bezug auf dessen organische und unorganische -Lebens-Bedingungen beschäftigt. Wir sehen nichts von diesen langsam -fortschreitenden Veränderungen, bis die Hand der Zeit auf eine -abgelaufene Welt-Periode hindeutet, und dann ist unsre Einsicht in die -längst verflossenen Zeiten so unvollkommen, dass wir nur noch das Eine -wahrnehmen, dass die Lebensformen jetzt ganz andre sind, als sie früher -gewesen.</p> - -<p>Um irgend eine Modifikation mit der Länge der Zeit bis zu einer -hohen Stufe steigern zu können, muss man unterstellen,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> dass eine -aufgetauchte Varietät wenn auch vielleicht erst nach einem langen -Zeitraume von Neuem variire und ihre Varietäten, wenn sie vortheilhaft, -erhalten werden — u. s. w. Nicht leicht wird jemand läugnen wollen, -dass zuweilen Varietäten vorkommen, die mehr oder weniger vom -älterlichen Stamm-Bilde abweichen; dass aber dieser Abänderungs-Prozess -in’s Unendliche fortdauern könne, das ist eine Unterstellung, deren -Richtigkeit beurtheilt werden muss nach dem Grad ihrer Übereinstimmung -der Hypothese mit den allgemeinen Natur-Erscheinungen und ihrer -Fähigkeit sie zu erklären. Eben so beruht aber auch die gewöhnlichere -entgegengesetzte Meinung, dass die Abänderung eine scharf bestimmte -Grenze nicht überschreiten könne, auf einer blossen Voraussetzung.</p> - -<p>Obwohl die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute eines -jeden Wesens wirken kann, so werden doch wohl auch Eigenschaften -und Bildungen dadurch berührt, denen wir nur eine untergeordnete -Wichtigkeit beilegen möchten. Wenn Blätter-fressende Insekten grün, -Rinden-fressende grau-gefleckt, das Alpen-Schneehuhn im Winter weiss, -die Schottische Art Haiden-farbig, der Birkhahn mit der Farbe der -Moorerde erscheinen, so haben wir zu vermuthen Grund, dass solche -Farben den genannten Vögeln und Insekten nützlich sind und sie vor -Gefahren schützen. Wald- und Schnee-Hühner würden sich, wenn sie -nicht in irgend einer Zeit ihres Lebens der Zerstörung ausgesetzt -wären, in endloser Anzahl vermehren. Man weiss, dass sie sehr von -Raubvögeln leiden, welche ihre Beute mit dem Auge entdecken; daher -man in manchen Gegenden von <i>Europa</i> auch nicht gerne weisse -Tauben hält, weil diese der Entdeckung und Zerstörung am meisten -ausgesetzt sind. So finde ich keinen Grund zu zweifeln, dass es -hauptsächlich die Natürliche Züchtung ist, welche jeder Art von Wald- -und Schnee-Hühnern die ihr eigenthümliche Farbe verleiht und, wenn -solche einmal hergestellt ist, dieselbe fortwährend erhält. Auch -müssen wir nicht glauben, dass die zufällige Zerstörung eines Thieres -von abweichender Färbung nur wenig Wirkung habe, sondern vielmehr uns -erinnern, wie wesentlich es ist aus einer weissen Schaaf-Heerde jedes -weisse Lämmchen zu beseitigen, das die geringste Spur von<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Schwarz an -sich hat. Wir haben oben gesehen wie in <i>Florida</i> die Farbe der -Schwanen, welche sich von der Farbwurzel nähren, über deren Leben und -Tod entscheidet. Bei den Pflanzen rechnen die Botaniker den flaumigen -Überzug der Früchte und die Farbe ihres Fleisches mit zu den mindest -wichtigen Merkmalen; und doch vernehmen wir von einem ausgezeichneten -Garten-Freunde, D<span class="smaller">OWNING</span>, dass in den <i>Vereinten Staaten</i> -nackthäutige Früchte viel mehr durch einen Rüsselkäfer leiden als -die flaumigen, und dass die Purpur-farbenen Pflaumen von einer -gewissen Krankheit viel mehr leiden, als die gelben, während eine -andre Krankheit die gelb-fleischigen Pfirsiche viel mehr angreift, -als die andersfarbigen. Wenn bei aller Hilfe der Kunst diese geringen -Unterschiede zwischen den Varietäten schon einen grossen Unterschied -in deren Behandlung erheischen, so werden sich gewiss im Zustande der -Natur, wo die Bäume mit andern Bäumen und mit einer Menge von Feinden -zu kämpfen haben, diejenigen Varietäten am sichersten behaupten, deren -Früchte, mögen sie nun nackt oder behaart seyn, ein gelbes oder ein -purpurnes Fleisch haben, am besten gedeihen.</p> - -<p>Was endlich eine Menge von kleinen Verschiedenheiten zwischen Species -betrifft, welche, so weit unsre Unkenntniss zu urtheilen gestattet, -ganz unwesentlich zu seyn scheinen, so dürfen wir nicht vergessen, -dass auch Klima, Nahrung u. s. w. wohl einigen unmittelbaren Einfluss -haben mögen. Weit nöthiger ist es aber noch im Gedächtniss zu behalten, -dass es viele noch unbekannte Wechselbeziehungen des Wachsthums gibt, -welche, wenn ein Theil der Organisation durch Variation modifizirt und -wenn diese Modifikationen durch Natürliche Züchtung zum Besten des -organischen Wesens gehäuft werden, dann wieder andre Modifikationen oft -von der unerwartetsten Art veranlassen.</p> - -<p>Wie die Abänderungen, welche im Kultur-Zustande zu irgend einer Zeit -des Lebens hervorgetreten sind, auch beim Nachkömmling in der gleichen -Lebens-Periode wieder zu erscheinen geneigt sind: in Form, Grösse und -Geschmack der Saamen vieler Küchen- und Acker-Gewächse, in den Raupen -und Coccons der Seidenwurm-Varietäten, in den Eiern des Hof-Geflügels -und in der Färbung des Dunenkleides seiner Jungen, in den Hörnern -unsrer<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Schaafe und Rinder, wenn sie fast ausgewachsen, — so ist -auch die Züchtung im Natur-Zustande fähig, in einem besondern Alter -auf die organischen Wesen zu wirken, für diese Lebenszeit nützliche -Abänderung zu häufen und sie in einem entsprechenden Alter zu vererben. -Wenn es für eine Pflanze von Nutzen ist, ihre Saamen immer weiter -und weiter mit dem Winde umherzustreuen, so ist für die Natur die -Schwierigkeit diess Vermögen durch Züchtung zu bewirken nicht grösser, -als sie für den Baumwollen-Pflanzer ist durch Züchtung die Baumwolle -in den Fruchtkapseln seiner Pflanzen zu vermehren und zu verbessern. -Natürliche Züchtung kann die Larve eines Insektes modifiziren und zu -zwanzigerlei Bedürfnissen geeignet anpassen, welche ganz verschieden -sind von jenen, die das reife Thier betreffen. Diese Abänderungen in -der Larve werden zweifelsohne nach den Gesetzen der Wechselbeziehungen -auch auf die Struktur des reifen Insektes wirken, und wahrscheinlich -ist bei solchen Insekten, welche im reifen Zustande nur wenige Stunden -zu leben und keine Nahrung zu sich zu nehmen haben, ein grosser -Theil ihres Baues nur als ein korrelatives Ergebniss allmählicher -Veränderungen in der Struktur ihrer Larven zu betrachten. So können -aber wahrscheinlich auch umgekehrt gewisse Veränderungen im reifen -Insekte oft die Struktur der Larve berühren, in allen Fällen aber nur -unter der Bedingung, dass diejenige Modifikation, welche bloss die -Folge einer Modifikation auf einer anderen Lebensstufe ist, durchaus -nicht nachtheiliger Art seye, weil sie dann das Erlöschen der Species -zur Folge haben müsste.</p> - -<p>Natürliche Züchtung kann auch die Struktur des Jungen in Bezug -zum Alten und die des Vaters derjenigen seiner Kinder gegenüber -modifiziren. Bei Hausthieren passt sie die Struktur eines jeden -Einzelwesens den Zwecken der Gemeinde an, vorausgesetzt, dass auch ein -jedes Einzelne bei dem so bewirkten Wechsel gewinne. Was die natürliche -Züchtung nicht bewirken kann, das ist: Umänderung der Struktur einer -Species, ohne Ersatz, zu Gunsten einer anderen Species; und obwohl in -naturhistorischen Werken Beispiele dafür angeführt werden, so ist doch -keines darunter, das eine Prüfung aushielte. Selbst ein organisches<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> -Gebilde, das nur einmal im Leben eines Thieres gebraucht wird, kann, -wenn es ihm von grosser Wichtigkeit ist, durch die Natürliche Zuchtwahl -bis zu jedem Betrage modifizirt werden, wie die grossen Kinnladen -einiger Insekten, welche nur zum Öffnen ihrer Coccons dienen, oder das -zarte Spitzchen auf dem Ende des Schnabels junger Vögel, womit sie beim -Ausschlüpfen die Ei-Schaale aufbrechen. Man hat versichert, dass von -den besten kurzschnäbeligen Purzel-Tauben mehr im Eie zu Grunde gehen, -als auszuschlüpfen im Stande sind, was Liebhaber mitunter veranlasst, -bei Durchbrechung der Schaale mitzuwirken. Wenn demnach die Natur den -Schnabel einer Taube zu deren eignem Nutzen im ausgewachsenen Zustande -sehr zu verkürzen hätte, so würde dieser Prozess sehr langsam vor sich -gehen, und müsste dabei zugleich eine sehr strenge Auswahl derjenigen -jungen Vögel im Eie stattfinden, welche den stärksten und härtesten -Schnabel besitzen, weil alle mit weichem Schnabel unvermeidlich zu -Grunde gehen würden; oder aber müsste eine Auswahl der dünnsten und -zerbrechlichsten Ei-Schaalen erfolgen, deren Dicke bekanntlich so wie -jedes andere Gebilde variirt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Sexuelle Zuchtwahl.</em>) Wie im Kultur-Zustande Eigenthümlichkeiten -oft an einem Geschlechte zum Vorschein kommen und sich erblich an -dieses Geschlecht heften, so wird es wohl auch im Natur-Zustande -geschehen, und, wenn Diess der Fall, so muss die Natürliche Züchtung -fähig seyn, ein Geschlecht in seinen funktionellen Beziehungen zum -andern zu modifiziren, oder ganz verschiedene Gewohnheiten des Lebens -in beiden Geschlechtern zu bewirken, wie es bei Insekten zuweilen der -Fall ist, — und Diess veranlasst mich, einige Worte über das zu sagen, -was ich Sexuelle Züchtung nennen will. Sie hängt ab nicht von einem -Kampfe um’s Daseyn, sondern von einem Kampfe zwischen den Männchen -um den Besitz der Weibchen, dessen Folgen für den Besiegten nicht in -Tod und erfolgloser Mitbewerbung, sondern in einer spärlicheren oder -ganz ausfallenden Nachkommenschaft bestehen. Diese Geschlechtliche -Auswahl ist daher minder verhängnissvoll, als die Natürliche. Im -Allgemeinen werden die kräftigsten, die ihre Stelle in der Natur am -besten ausfüllenden Männchen<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> die meiste Nachkommenschaft hinterlassen. -In manchen Fällen jedoch wird der Sieg nicht von der Stärke im -Allgemeinen, sondern von besondern nur dem Männchen verliehenen Waffen -abhängen. Ein Geweih-loser Hirsch und Sporn-loser Hahn haben wenig -Aussicht Erben zu hinterlassen. Eine Sexuelle Züchtung, welche stets -dem Sieger die Fortpflanzung ermöglichen sollte, müsste ihm unzähmbaren -Muth, lange Spornen und starke Flügel verleihen, um mit dem gespornten -Laufe kämpfen zu können; wie denn der Kampfhahn-Züchter seine Zucht -durch sorgfältige Auswahl in dieser Beziehung sehr zu veredeln -versteht. Wie weit hinab in der Stufenleiter der Natur dergleichen -Kämpfe noch vorkommen, weiss ich nicht. Doch hat man männliche -Alligatoren beschrieben, wie sie um den Besitz eines Weibchens kämpfen, -brüllen und sich im Kreise drehen; männliche Salmen hat man Tage lang -miteinander streiten sehen; männliche Hirschkäfer haben zuweilen -Wunden von den mächtigen Kiefern andrer; — und die Männchen gewisser -Hymenopteren sah der unerreichbare Beobachter F<span class="smaller">ABRE</span> um ein -besonderes Weibchen kämpfen, das wie ein unbefangener Zuschauer dem -Kampfe beiwohnt und sich dann mit dem Sieger zurückzieht. Übrigens ist -der Kampf am heftigsten zwischen den Männchen polygamischer Thiere, -und diese scheinen auch am gewöhnlichsten mit besondern Waffen dazu -versehen zu seyn. Die Männchen der Raub-Säugethiere sind schon an sich -wohl bewehrt; doch pflegen ihnen u. e. a. durch sexuelle Züchtung -noch besondere Waffen verliehen zu werden, wie dem Löwen seine Mähne, -dem Eber sein Hauzahn, dem männlichen Salmen seine Haken-förmige -Kinnlade; und der Schild mag für den Sieg eben so wichtig seyn, als -das Schwert oder der Speer. Unter den Vögeln hat der Bewerbungskampf -oft einen friedlicheren Charakter. Alle, welche diesen Gegenstand -behandelt haben, glauben, die eifrigste Rivalität finde unter den -Sing-Vögeln statt, wo die Männchen durch Gesang die Weibchen anzuziehen -suchen. Der Felshahn in <i>Guiana</i> (Rupicola), die Paradiesvögel -u. e. a. schaaren sich zusammen, und ein Männchen um das andere -entfaltet sein prächtiges Gefieder, um in theatralischen Stellungen -vor den Weibchen zu paradiren, welche als Zuschauer dastehen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> und -sich zuletzt den liebenswürdigsten Bewerber erkiesen. Sorgfältige -Beobachter der in Gefangenschaft gehaltenen Vögel wissen sehr wohl, -dass oft individuelle Bevorzugungen und Abneigungen stattfinden; so -hat Herr R. H<span class="smaller">ERON</span> beschrieben, wie ein scheckiger Perlhahn -ausserordentlich anziehend für alle seine Hennen gewesen. Es mag -kindisch aussehen, solchen anscheinend schwachen Mitteln irgend eine -Wirkung zuzuschreiben, und ich kann hier nicht in Einzelnheiten -eingehen, um jene Ansicht zu unterstützen; wenn jedoch der Mensch im -Stande ist seinen Bantam-Hühnern in kurzer Zeit eine elegante Haltung -und Schönheit je nach seinen Begriffen von Schönheit zu geben, so kann -ich keinen genügenden Grund zum Zweifel finden, dass weibliche Vögel, -indem sie Tausende von Generationen hindurch den Melodie-reichsten oder -schönsten Männchen, je nach ihren Begriffen von Schönheit, bei der Wahl -den Vorzug geben, nicht ebenfalls einen merklichen Effekt bewirken -können. Ich habe starke Vermuthung, dass einige wohlbekannte Gesetze in -Betreff des Gefieders männlicher und weiblicher Vögel dem der jungen -gegenüber sich aus der Ansicht erklären lassen, das Gefieder seye -hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl modifizirt worden, welche -im Geschlechts-reifen Alter während der Jahres-Zeit wirkt, welche der -Fortpflanzung gewidmet ist. Die dadurch erfolgten Abänderungen sind -dann auf entsprechende Alter und Jahres-Zeiten wieder vererbt worden -entweder durch die Männchen allein, oder durch Männchen und Weibchen; -ich habe aber hier nicht Raum weiter auf diesen Gegenstand einzugehen.</p> - -<p>Wenn daher Männchen und Weibchen einer Thier-Art die nämliche -allgemeine Lebens-Weise haben, aber in Bau, Farbe oder Verzierungen von -einander abweichen, so sind nach meiner Meinung diese Verschiedenheiten -hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl bedingt; d. h. -männliche Individuen haben in aufeinander-folgenden Generationen -einige kleine Vortheile über andre Männchen gehabt in Waffen, -Vertheidigungs-Mitteln oder Reitzen und haben diese Vortheile auf ihre -männlichen Nachkommen übertragen. Doch möchte ich nicht alle solche -Geschlechts-Verschiedenheiten aus dieser Quelle ableiten; denn wir -sehen Eigenthümlichkeilen<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> entstehen und beim männlichen Geschlechte -unsrer Hausthiere erblich werden, wie die Hautlappen bei den Englischen -Boten-Tauben, die Horn-artigen Auswüchse bei den Männchen einiger -Hühner-Vögel u. s. w., von welchen wir nicht annehmen können, dass sie -den Männchen im Kampfe nützlich sind oder eine Anziehungskraft auf die -Weibchen ausüben<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>. Analoge Fälle sehen wir auch in der Natur, wo -z. B. der Haar-Büschel auf der Brust des Puterhahns weder nützlich im -Kampfe noch eine Zierde für den Brautwerber seyn kann; — und wirklich, -hätte sich dieser Büschel erst im Zustande der Zähmung gebildet, wir -würden ihn eine Monstrosität nennen!</p> - -<p><em class="gesperrt">Beleuchtung der Wirkungsweise der Natürlichen Züchtung.</em>) In der -Absicht die Art und Weise klar zu machen, wie nach meiner Meinung die -Natürliche Wahl wirke, muss ich um die Erlaubniss bitten, ein oder zwei -erdachte Beispiele zur Erläuterung vorzutragen. Denken wir uns zunächst -einen Wolf, der sich seine Beute an verschiedenen Thieren theils durch -List, theils durch Stärke und theils durch Schnelligkeit verschaffe, -und nehmen wir an, seine schnelleste Beute, der Hirsch z. B., hätte -sich aus irgend einer Ursache in einer Gegend sehr vervielfältigt, -oder andre zu seiner Nahrung dienende Thiere hätten in der Jahreszeit, -wo sich der Wolf seine Beute am schwersten verschaffen kann, sehr -vermindert. Unter solchen Umständen kann ich keinen Grund zu zweifeln -finden, dass die schlanksten und schnellsten Wölfe am meisten Aussicht -auf Fortkommen und somit auf Erhaltung und Verwendung zur Nachzucht -hätten, immerhin vorausgesetzt, dass sie dabei Stärke genug behielten, -um sich ihrer Beute auch zu einer andern Jahreszeit zu bemeistern, wo -sie veranlasst seyn könnten, auf andre Thiere auszugehen. Ich finde -um so weniger Ursache daran zu zweifeln, da ja der Mensch auch die -Schnelligkeit seines Windhundes durch sorgfältige und planmässige -Auswahl oder durch jene unbewusste Wahl zu erhöhen im Stande ist, -welche schon stattfindet, wenn nur<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Jedermann den besten Hund zu haben -strebt, ohne einen Gedanken an Veredelung der Rasse.</p> - -<p>So könnte auch ohne eine Veränderung in den Verhältnisszahlen der -Thiere, die dem Wolfe zur Beute dienen, ein junger Wolf zur Welt -kommen mit angeborner Neigung gewisse Arten von Beutethieren zu -verfolgen. Auch Diess ist nicht sehr unwahrscheinlich; denn wie oft -nehmen wir grosse Unterschiede in den natürlichen Neigungen unsrer -Hausthiere wahr! Eine Katze z. B. ist geneigt Ratten und die andre -Mäuse zu fangen. Eine Katze bringt nach Hrn. St. J<span class="smaller">OHN</span> -geflügelte Beute nach Hause, die andre Hasen und Kaninchen, und -die dritte jagt auf Marschland und meistens nächtlicher Weile nach -Waldhühnern und Schnepfen. Man weiss, dass die Neigung Ratten statt -Mäuse zu fangen, vererblich ist. Wenn nun eine angeborne schwache -Veränderung in Gewohnheit oder Körper-Bau einen einzelnen Wolf -begünstigt, so hat er am meisten Aussicht auszudauern und Nachkommen -zu hinterlassen. Einige seiner Jungen werden dann vermuthlich -dieselbe Gewohnheit oder Körper-Eigenschaft erben, und so kann durch -oftmalige Wiederholung dieses Vorgangs eine neue Varietät entstehen, -welche die alte Stamm-Form des Wolfes ersetzt oder zugleich mit ihr -fortbesteht. Nun werden ferner Wölfe, welche Gebirgs-Gegenden bewohnen, -und solche, die sich im Tieflande aufhalten, von Natur genöthigt, -auf verschiedene Beute auszugehen, und mithin bei fortdauernder -Erhaltung der für jede der zwei Landstriche geeignetsten Individuen -allmählich zwei Abänderungen bilden. Diese Varietäten müssen da, -wo ihre Verbreitungs-Bezirke zusammenstossen, sich vermischen und -kreutzen; doch werden wir auf die Frage von der Kreutzung später -zurückkommen. Hier will ich noch beifügen, dass nach P<span class="smaller">IERCE</span> im -<i>Catskill-Gebirge</i> in den <i>Vereinten Staaten</i> zwei Varietäten -des Wolfes hausen, eine leichtere von Windspiel-Form, welche Hirsche -verfolgt, und eine andere schwerfälligere und mit kurzen Beinen, welche -häufiger die Schaaf-Heerden angreift.</p> - -<p>Nehmen wir nun einen zusammengesetzteren Fall an. Gewisse Pflanzen -scheiden eine süsse Flüssigkeit aus, wie es scheint, um irgend etwas -Nachtheiliges aus ihrem Safte zu entfernen.<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Diess wird bei manchen -Schmetterlings-blüthigen Gewächsen durch Drüsen am Grunde der Stipulä -und beim gemeinen Lorbeerbaum auf dem Rücken seiner Blätter bewirkt. -Diese Flüssigkeit, wenn auch nur in geringer Menge zu finden, wird -von Insekten begierig aufgesucht. Nehmen wir nun an, es werde ein -wenig solchen süssen Saftes oder Nektars an der inneren Basis der -Kronenblätter einer Blume ausgesondert. In diesem Falle werden die -Insekten, welche den Nektar aufsuchen, mit Pollen bestäubt werden -und denselben gewiss oft von einer Blume auf das Stigma der andern -übertragen. Die Blumen zweier verschiedener Individuen einer Art werden -dadurch gekreutzt, und die Kreutzung liefert (wie nachher ausführlicher -gezeigt werden soll) vorzugsweise kräftige Sämlinge, welche mithin -die beste Aussicht haben auszudauern und sich fortzupflanzen. Einige -dieser Sämlinge können wohl das Nektar-Absonderungs-Vermögen erben, -und diejenigen Nektar-absondernden Blüthen, welche die stärksten -Drüsen besitzen und den meisten Nektar liefern, werden am öftesten von -Insekten besucht und am öftesten mit andern gekreutzt werden und so -mit der Länge der Zeit allmählich die Oberhand gewinnen. Ebenso werden -diejenigen Blüthen, deren Staubfäden und Staubwege so gestellt sind, -dass sie je nach Grösse und sonstigen Eigenthümlichkeiten der sie -besuchenden Insekten einigermaassen die Übertragung ihres Samenstaubs -von Blüthe zu Blüthe erleichtern, glücklicherweise begünstigt und -zur Nachzucht geeigneter seyn. Nehmen wir den Fall an, die zu den -Blumen kommenden Insekten wollten Pollen statt Nektar einsammeln, so -wäre zwar die Entführung des Pollens, der allein zur Befruchtung der -Pflanze erzeugt wird, ein Verlust für dieselbe; wenn jedoch anfangs -gelegentlich und nachher gewöhnlich ein wenig Pollen von den ihn -einsammelnden Insekten entführt und von Blume zu Blume getragen wird, -so wird die hiedurch bewirkte Kreutzung zum grossen Vortheil der -Pflanzen seyn, mögen ihnen auch neun Zehntel der ganzen Pollen-Masse -zerstört werden; denn diejenige Pflanze, welche mehr und mehr Pollen -erzeugt und immer grössere Antheren bekommt, wird für die Nachzucht das -Übergewicht haben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> - -<p>Wenn nun unsre Pflanze, welche auf diese Weise vor andern erhalten und -durch Natürliche Wahl mit Blumen versehen worden, welche die Pollen -verschleppenden Insekten immer mehr anziehen, so kann die Überführung -des Pollens von einer Pflanze zur andern endlich zur Regel werden, -wie Diess in vielen Fällen wirklich geschieht. Ich will nun einen -nicht einmal sehr zutreffenden Fall als Beleg dafür anführen, welcher -jedoch geeignet ist zugleich als Beispiel eines ersten Schrittes zur -Trennung der Geschlechter zu dienen, von welcher noch weiter die Rede -seyn wird. Einige Stechpalmen-Stämme bringen nur männliche Blüthen -hervor, welche vier nur wenig Pollen erzeugende Staubgefässe und ein -verkümmertes Pistill enthalten; andre Stämme liefern nur weibliche -Blüthen, die ein vollständig entwickeltes Pistill und vier Staubfäden -mit verschrumpften Antheren einschliessen, in welchen nicht ein -Pollen-Körnchen bemerkt werden kann. Nachdem ich einen weiblichen -Stamm genau 60 Ellen von einem männlichen entfernt gefunden, nehme ich -die Stigmata aus zwanzig Blüthen von verschiedenen Zweigen unter das -Mikroskop und entdecke an allen ohne Ausnahme einige Pollen-Körner -und an einigen sogar eine übermässige Menge desselben. Da der Wind -schon einige Tage lang vom weiblichen gegen den männlichen Stamm hin -gewehet hatte, so kann er es nicht gewesen seyn, der den Pollen dahin -geführt. Das Wetter war schon einige Tage lang kalt und stürmisch und -daher nicht günstig für die Bienen gewesen, und demungeachtet war -jede von mir untersuchte weibliche Blüthe durch den Pollen befruchtet -worden, welchen die Bienen, von Blüthe zu Blüthe nach Nektar suchend, -an ihren Haaren vom männlichen Stamme mit herüber gebracht hatten. -Doch kehren wir nun zu unserem ersonnenen Falle zurück. Sobald jene -Pflanze in solchem Grade anziehend für die Insekten geworden, dass sie -den Pollen regelmässig von einer Blüthe zur andern tragen, wird ein -andrer Prozess beginnen. Kein Naturforscher zweifelt an dem Vortheil -der sogen. „physiologischen Theilung der Arbeit“; daher man glauben -darf, es seye nützlich für eine Pflanzen-Art in einer Blüthe oder an -einem ganzen Stocke nur Staubgefässe und in der andern Blüthe<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> oder -auf dem andern Stocke nur Pistille hervorzubringen. Bei kultivirten -oder in neue Existenz-Bedingungen versetzten Pflanzen schlagen manchmal -die männlichen und zuweilen die weiblichen Organe mehr oder weniger -fehl. Nehmen wir aber an, Diess geschehe auch in einem wenn noch so -geringen Grade im Natur-Zustande derselben, so würden, da der Pollen -schon regelmässig von einer Blume zur andern geführt wird und eine -vollständige Trennung der Geschlechter unsrer Pflanze ihr nach dem -Prinzipe der Arbeitstheilung vortheilhaft ist, Individuen mit einer -mehr und mehr entwickelten Tendenz dazu fortwährend begünstigt und zur -Nachzucht ausgewählt werden, bis endlich die Trennung der Geschlechter -vollständig wäre.</p> - -<p>Kehren wir nun zu den von Nektar lebenden Insekten in unserem -ersonnenen Falle zurück; nehmen wir an, die Pflanze mit durch -andauernde Züchtung zunehmender Nektar-Bildung sey eine gemeine Art, -und unterstellen wir, dass gewisse Insekten hauptsächlich auf deren -Nektar als ihre Nahrung angewiesen sind. Ich könnte durch manche -Beispiele nachweisen, wie sehr die Bienen bestrebt sind, Zeit zu -ersparen. Ich will mich jedoch nur auf ihre Gewohnheit berufen, in den -Grund gewisser Blumen Öffnungen zu machen, um durch diese den Nektar -zu saugen, welchen sie mit ein Bischen mehr Weile durch die Mündung -heraus holen könnten. Dieser Thatsachen eingedenk halte ich es nicht -für gewagt anzunehmen, dass eine zufällige Abweichung in der Grösse und -Form ihres Körpers oder in der Länge und Krümmung ihres Rüssels, wenn -auch viel zu unbedeutend für unsere Wahrnehmung, von solchem Nutzen für -eine Biene oder ein anderes Insekt seyn könne, das sich mit deren Hülfe -sein Futter leichter verschafft, dass es mehr Wahrscheinlichkeit der -Fortdauer und der Fortpflanzung als andre Thiere seiner Art besitzt. -Seine Nachkommen werden wahrscheinlich eine Neigung zu einer ähnlichen -Abweichung des Organes erben. Die Röhren der Blumen-Kronen des rothen -und des Inkarnat-Klee’s (Trifolium pratense und Tr. incarnatum) -scheinen bei flüchtiger Betrachtung nicht sehr an Länge auseinander -zu weichen; demungeachtet kann die Honig- oder Korb-Biene (Apis<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> -mellifica) den Nektar leicht aus der ersten aber nicht aus der letzten -saugen, welche daher nur von Hummeln besucht wird, so dass ganze Felder -rothen Klee’s der Korb-Biene vergebens einen Überschuss von köstlichem -Nektar darbieten. Dass die Korb-Biene den Nektar aufsaugt, ist gewiss; -denn ich habe unlängst, obschon bloss im Herbst viele dieser Bienen -den Nektar durch Löcher aussaugen sehen, welche (wie ich glaube) die -kleine Hummelart in die Basis der Korolle gebissen hatte. Es würde -daher für die Korb-Biene von grösstem Vortheil seyn, einen etwas -längeren oder abweichend gestalteten Rüssel zu haben. Auf der andern -Seite habe ich (wie schon oben erwähnt) durch Versuche gefunden, dass -die Fruchtbarkeit des rothen Klee’s grossentheils durch den Besuch -der Honig-suchenden Bienen bedingt ist, welche bei diesem Geschäfte -die Theile der Blumenkrone verschieben und dabei den Pollen auf die -Oberfläche der Narbe wischen. Sollten dagegen die Hummeln in einer -Gegend selten werden, so müsste eine kürzere oder tiefer getheilte -Blumenkrone von grösstem Nutzen für den rothen Klee werden, damit die -Honig-Biene seine Blüthen besuchen könne. Auf diese Weise begreife ich, -wie eine Blüthe und eine Biene nach und nach, seye es gleichzeitig -oder eine nach der andern, abgeändert und auf die vollkommenste Weise -einander angepasst werden könnten durch fortwährende Erhaltung von -Einzelnwesen mit beiderseits nur ein wenig günstigeren Abweichungen der -Struktur.</p> - -<p>Ich weiss wohl, dass die durch die vorangehenden ersonnenen Beispiele -erläuterte Lehre von der Natürlichen Auswahl denselben Einwendungen -ausgesetzt ist, welche man anfangs gegen C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> -grossartige Ansichten in „<i>the Modern Changes of the Earth, as -illustrative of Geology</i>“ vorgebracht hat; indessen hört man jetzt -die Wirkung der Brandung z. B. in ihrer Anwendung auf die Aushöhlung -riesiger Thäler oder auf die Bildung der längsten binnenländischen -Klippen-Linien selten mehr als eine unbedeutende und lächerliche -Ursache bezeichnen. Die Natürliche Züchtung kann nur durch Häufung -unendlich kleiner vererbter Modifikationen wirken, deren jede für -Erhaltung des Wesens, dem sie angehört, günstig ist; und wie die neuere -Geologie<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> solche Ansichten, wie die Aushöhlung grosser Thäler durch -eine einzige Diluvial-Woge meistens verbannt hat, so wird auch die -Natürliche Züchtung, wenn sie ein wahres Prinzip ist, den Glauben an -eine fortgesetzte Schöpfung neuer Organismen oder an eine grosse und -plötzliche Modifikation ihrer Organisation verbannen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Über die Kreutzung der Individuen.</em>) Ich muss hier mit einem -kleinen Absprung beginnen. Es liegt vor Augen, dass bei Pflanzen -und Thieren getrennten Geschlechtes jedesmal zwei Individuen -sich vereinigen müssen, um eine Geburt zu Stande zu bringen. Bei -Hermaphroditen aber ist Diess keineswegs klar. Demungeachtet bin ich -stark geneigt zu glauben, dass bei allen Hermaphroditen zwei Individuen -gewöhnlich oder ausnahmsweise zu jeder einzelnen Fortpflanzung ihrer -Art zusammenwirken (die sonderbaren und noch nicht recht begriffenen -Fälle von Parthenogenesis ausgenommen). Diese Ansicht hat zuerst -A<span class="smaller">NDREAS</span> K<span class="smaller">NIGHT</span> aufgestellt. Wir werden jetzt ihre Wichtigkeit -erkennen. Zwar kann ich diese Frage nur in äusserster Kürze abhandeln; -jedoch habe ich die Materialien für eine ausführlichere Erörterung -vorbereitet. Alle Wirbelthiere, alle Insekten und noch einige andre -grosse Thiergruppen paaren sich für jede Geburt. Neuere Untersuchungen -haben die Anzahl der früher angenommenen Hermaphroditen sehr -vermindert, und von den wirklichen Hermaphroditen paaren sich viele, -d. h. zwei Individuen vereinigen sich zur Reproduktion; Diess ist -alles, was uns hier angeht. Doch gibt es noch viele andere zwitterliche -Thiere, welche gewiss sich gewöhnlich nicht paaren. Auch bei weitem die -grösste Anzahl der Pflanzen sind Hermaphroditen. Man kann nun fragen, -was ist in diesen Fällen für ein Grund zur Annahme vorhanden, dass -jedesmal zwei Individuen zur Reproduktion zusammenwirken? Da es hier -nicht möglich ist in Einzelnheiten einzugehen, so muss ich mich auf -einige allgemeine Betrachtungen beschränken.</p> - -<p>Für’s Erste habe ich eine grosse Masse von Thatsachen gesammelt, welche -übereinstimmend mit der fast allgemeinen Überzeugung der Viehzüchter -beweisen, dass bei Thieren wie bei<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Pflanzen eine Kreutzung zwischen -Thieren verschiedener Varietäten, oder zwischen solchen verschiedener -Stämme einer Varietät der Nachkommenschaft Stärke und Fruchtbarkeit -verleiht, während andrerseits enge Inzucht Kraft und Fruchtbarkeit -vermindert. Diese Thatsachen allein machen mich glauben, dass es ein -allgemeines Natur-Gesetz ist (wie unwissend wir auch über die Bedeutung -des Gesetzes seyn mögen), dass kein organisches Wesen sich selbst -für eine Ewigkeit von Generationen befruchten könne, dass daher eine -Kreutzung mit einem andern Individuum von Zeit zu Zeit und vielleicht -nach langen Zwischenräumen einmal unentbehrlich ist.</p> - -<p>Von dem Glauben ausgehend, dass Diess ein Natur-Gesetz seye, werden -wir verschiedene grosse Klassen von Thatsachen verstehen, welche -auf andre Weise unerklärlich sind. Jeder Blendlingsgetreide-Züchter -weiss, wie nachtheilig für die Befruchtung einer Blüthe es ist, wenn -sie während derselben der Feuchtigkeit ausgesetzt wird. Und doch, was -für eine Menge von Blumen haben Staubbeutel und Narben vollständig -dem Wetter ausgesetzt! Wenn aber eine Kreutzung von Zeit zu Zeit -nun doch unerlässlich, so erklärt sich jene Aussetzung aus der -Nothwendigkeit, dass die Blumen für den Eintritt fremden Pollens offen -seyen, und zwar um so mehr, als die zusammengehörigen Staubgefässe -und Pistille einer Blume gewöhnlich so nahe beisammen stehen, dass -Selbstbefruchtung unvermeidlich scheint. Andrerseits aber haben viele -Blumen ihre Befruchtungs-Werkzeuge sehr enge umschlossen, wie die -Schmetterlingsblüthigen z. B.; aber in den meisten solchen Blumen ist -eine sehr merkwürdige Anpassung zwischen dem Bau der Blume und der Art -und Weise, wie die Bienen den Nektar daraus saugen, indem sie alsdann -entweder den eignen Pollen der Blume über ihre Narbe wischen oder -fremden Pollen mitbringen. Zur Befruchtung der Schmetterlingsblüthen -ist der Besuch der Bienen so nothwendig, dass, wie ich durch anderwärts -veröffentlichte Versuche gefunden, ihre Fruchtbarkeit sehr abnimmt, -wenn dieser Besuch verhindert wird. Nun ist es aber kaum möglich, dass -Bienen von Blüthe zu Blüthe fliegen, ohne den Pollen der einen zur -andern zu bringen,<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> wie ich überzeugt bin zum grossen Vortheil der -Pflanze. Die Bienen wirken dabei wie ein Kameelhaar-Pinsel, und es ist -vollkommen zur Befruchtung genügend, wenn man mit einem und demselben -Bürstchen zuerst das Staubgefäss der einen Blume und dann die Narbe der -andern berührt. Dabei ist aber nicht zu fürchten, dass die Bienen viele -Bastarde zwischen verschiedenen Arten erzeugen; denn, wenn man den -eignen Pollen und den einer andern Pflanzen-Art zugleich mit demselben -Pinsel auf die Narbe streicht, so hat der erste eine so überwiegende -Wirkung, dass er, wie schon G<span class="smaller">ÄRTNER</span> gezeigt, jeden Einfluss -des andern gänzlich zerstört.</p> - -<p>Wenn die Staubgefässe einer Blume sich plötzlich gegen das Pistill -schnellen oder sich eines nach dem andern langsam gegen dasselbe -neigen, so scheint diese Einrichtung nur auf Sicherung der -Selbstbefruchtung berechnet, und ohne Zweifel ist sie auch dafür -nützlich. Aber die Thätigkeit der Insekten ist oft nothwendig, -um die Staubfäden aufschnellen zu machen, wie K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> -beim Sauerdorn insbesondere gezeigt hat; und sonderbarer Weise hat -man gerade bei dieser Sippe (Berberis), welche so vorzüglich zur -Selbstbefruchtung eingerichtet zu seyn scheint, die Beobachtung -gemacht, dass, wenn man nahe verwandte Formen oder Varietäten dicht -neben einander pflanzt, es in Folge der reichlichen Kreutzung kaum -möglich ist noch eine reine Rasse zu erhalten. In vielen andern -Fällen aber findet man, wie C. C. S<span class="smaller">PRENGEL</span>’<span class="smaller">S</span> Schriften -und meine eignen Erfahrungen lehren, statt der Einrichtungen zu -Begünstigung der Selbstbefruchtung vielmehr solche, welche das Stigma -hindern, den Saamenstaub der nämlichen Blüthe aufzunehmen. So ist bei -Lobelia fulgens eine wirklich schöne und sorgfältig ausgearbeitete -Einrichtung, wodurch jedes der unendlich zahlreichen Pollen-Körnchen -aus den verwachsenen Antheren einer jeden Blüthe fortgeführt wird, -ehe das Stigma derselben Blüthe bereit ist dieselben aufzunehmen. Da -nun, wenigstens in meinem Garten, diese Blumen niemals von Insekten -besucht werden, so haben sie auch niemals Saamen angesetzt, bis ich -auf künstlichem Wege den Pollen einer Blüthe auf die Narbe der andern -übertrug und mich hiedurch auch in<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> den Besitz zahlreicher Sämlinge zu -setzen vermochte. Eine andere daneben stehende Lomelia-Art, die von -Bienen besucht wird, bildet von freien Stücken Saamen. In sehr vielen -anderen Fällen, wo keine besondere mechanische Einrichtung vorhanden -ist, um das Stigma einer Blume an der Aufnahme des eignen Saamenstaubs -zu hindern, platzen entweder, wie sowohl C. C. S<span class="smaller">PRENGEL</span> -als ich selbst gefunden, die Staubbeutel schon bevor die Narbe zur -Befruchtung reif ist, oder das Stigma ist vor dem Pollen derselben -Blüthe reif, so dass diese Pflanzen in der That getrennte Geschlechter -haben und sich fortwährend kreutzen. Wie wundersam erscheinen diese -Thatsachen! Wie wundersam, dass der Pollen und die Oberfläche des -Stigmas einer und derselben Blüthe so nahe zusammengerückt sind, als -sollte dadurch die Selbstbefruchtung unvermeidlich werden, und dass -beide gerade in so vielen dieser Fälle völlig unnütz für einander sind. -Wie einfach sind dagegen diese Thatsachen zu erklären aus der Ansicht, -dass von Zeit zu Zeit eine Kreutzung mit einem anderen Individuum -vortheilhaft oder sogar unentbehrlich seye?</p> - -<p>Wenn verschiedene Varietäten von Kohl, Radies’chen, Lauch u. e. a. -Pflanzen dicht nebeneinander zur Saamen-Bildung gebracht werden, so -liefern ihre Saamen, wie ich gefunden, grossentheils Blendlinge. -So z. B. erzog ich 233 Kohl-Sämlinge aus dem Saamen einiger Stöcke -von verschiedenen Varietäten, die nahe bei einander gewachsen, und -von diesen entsprachen nur 78 der Varietät des Stocks, von dem sie -eingesammelt worden, und selbst diese nicht alle genau. Nun ist aber -das Pistill einer jeden Kohl-Blüthe nicht allein von deren eignen -sechs Staubgefässen, sondern auch von denen aller übrigen Blüthen -derselben Pflanze nahe umgeben und der Pollen jeder Blüthe gelangt ohne -Insekten-Hilfe leicht auf deren eignes Stigma; denn ich habe gefunden, -dass eine sorgfältig bedeckte Pflanze eine Vollzahl von Schoten -entwickelte. Wie kommt es aber, dass sich eine so grosse Anzahl von -Sämlingen als Blendlinge erwiesen? Ich muss vermuthen, dass es davon -herrührt, dass der Pollen einer fremden Varietät einen überwiegenden -Einfluss auf das eigne Stigma habe, und zwar eben in Folge des -Natur-Gesetzes, dass die<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Kreutzung zwischen verschiedenen Individuen -derselben Species für diese nützlich ist. Werden dagegen verschiedene -Arten mit einander gekreutzt, so ist der Erfolg gerade umgekehrt, indem -der Pollen einer Art einen über den der andern überwiegenden Einfluss -hat. Doch auf diesen Gegenstand werde ich in einem späteren Kapitel -zurückkommen.</p> - -<p>Handelt es sich um mächtige mit zahllosen Blüthen bedeckte Bäume, so -kann man einwenden, dass deren Pollen nur selten von einem Stamme auf -den andern übertragen werden und meistens nur von einer Blüthe auf eine -andre Blüthe desselben Stammes gelangen kann, dass aber verschiedene -Blüthen eines Baumes nur in einem beschränkten Sinne als Individuen -angesehen werden können. Ich halte diese Einrede für triftig; doch -hat die Natur in dieser Hinsicht vorgesorgt, indem sie den Bäumen ein -Streben zur Bildung von Blüthen getrennten Geschlechtes verliehen hat. -Sind die Geschlechter getrennt, wenn gleich männliche und weibliche -Blüthen auf einem Stamme vereinigt, so muss der Pollen regelmässig von -einer Blüthe zur andern geführt werden, was denn auch mehr Aussicht -gewährt, dass er gelegentlich von einem Stamm zum anderen komme. Ich -finde, dass in unsren Gegenden die Bäume aller Pflanzen-Ordnungen -öfter als Sträucher und Kräuter getrennte Geschlechter haben, und -tabellarische Zusammenstellungen der <i>Neuseeländischen</i> Bäume, -welche Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>, und der <i>Vereinten Staaten</i>, -welche A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> mir auf meine Bitte geliefert, haben, wie -vorauszusehen, zum nämlichen Ergebnisse geführt. Doch andrerseits hat -mich Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> neuerlich benachrichtigt, dass diese Regel -nicht für <i>Australien</i> gelte, und ich habe daher diese wenigen -Bemerkungen über die Geschlechts-Verhältnisse der Bäume nur machen -wollen, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.</p> - -<p>Was die Thiere betrifft, so gibt es unter den Landbewohnern nur -wenige Zwitter wie Schnecken und Regenwürmer, und diese paaren sich -alle. Ich habe noch kein Beispiel kennen gelernt, wo ein Landthier -sich selbst befruchtete. Man kann diese merkwürdige Thatsache, -welche einen so schroffen Gegensatz zu den Landpflanzen bildet, nach -der Ansicht, dass eine Kreutzung<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> von Zeit zu Zeit nöthig seye, -erklären, indem man das Medium, worin die Landthiere leben, und die -Beschaffenheit des befruchtenden Elementes berücksichtigt; denn wir -kennen keinen Weg, auf welchem, wie durch Insekten und Wind bei den -Pflanzen, eine gelegentliche Kreutzung zwischen Landthieren anders -bewirkt werden könnte, als durch die unmittelbare Zusammenwirkung -der beiderlei Individuen. Bei den Wasserthieren dagegen gibt es -viele sich selbst befruchtende Hermaphroditen; hier liefern aber die -Strömungen des Wassers ein handgreifliches Mittel für gelegentliche -Kreutzungen. Und, wie bei den Pflanzen, so habe ich auch bei den -Thieren, sogar nach Besprechung mit einer der ersten Autoritäten, -mit Professor H<span class="smaller">UXLEY</span> nämlich, vergebens gesucht, auch nur -eine hermaphroditische Thier-Art zu finden, deren Geschlechts-Organe -so vollständig im Körper eingeschlossen wären, dass dadurch der -gelegentliche Einfluss eines andern Einzelwesens physisch unmöglich -gemacht wurde. Die Cirripeden schienen mir zwar langezeit einen in -dieser Beziehung sehr schwierigen Fall darzubieten; ich bin aber durch -einen glücklichen Umstand in die Lage gesetzt gewesen, schon anderwärts -zeigen zu können, dass zwei Individuen, wenn auch in der Regel sich -selbst befruchtende Zwitter, sich doch zuweilen kreutzen.</p> - -<p>Es muss den meisten Naturforschern als eine sonderbare Ausnahme schon -aufgefallen seyn, dass bei den meisten Pflanzen und Thieren solche -Arten in einer Familie und oft in einer Sippe beisammen stehen, -welche, obwohl im grösseren Theile ihrer übrigen Organisation unter -sich nahe übereinstimmend, doch zum Theile Zwitter und zum Theile -eingeschlechtig sind. Wenn aber auch alle Hermaphroditen sich von -Zeit zu Zeit mit andern Einzelwesen kreutzen, so wird der Unterschied -zwischen hermaphroditischen und eingeschlechtigen Arten, was ihre -Geschlechts-Funktionen betrifft, ein sehr kleiner.</p> - -<p>Nach diesen mancherlei Betrachtungen und den vielen einzelnen Fällen, -die ich gesammelt habe, jedoch hier nicht mittheilen kann, bin ich -sehr zur Vermuthung geneigt, dass im Pflanzen- wie im Thier-Reiche die -von Zeit zu Zeit erfolgende Kreutzung mit einem fremden Einzelwesen -ein Natur-Gesetz ist. Ich<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> weiss wohl, dass es in dieser Beziehung -viele schwierige Fälle gibt, unter welchen einige sind, worüber ich -mit Forschungen beschäftigt bin. Als Endergebniss können wir folgern, -dass in vielen organischen Wesen die Kreutzung zweier Individuen eine -offenbare Nothwendigkeit für jede Fortpflanzung ist; bei vielen andern -genügt es, wenn sie von Zeit zu Zeit wiederkehrt; dagegen vermuthe ich, -dass Selbstbefruchtung allein nirgends für immer ausreichend seye.</p> - -<p><em class="gesperrt">Für natürliche Züchtung günstige Verhältnisse.</em>) Das ist -ein sehr verwickelter Gegenstand. Eine grosse Summe von erblicher -Veränderlichkeit ist dafür günstig; aber ich glaube, dass schon -individuelle Verschiedenheiten genügen. Eine grosse Anzahl von -Individuen bietet mehr Aussicht auch auf das Hervortreten nutzbarer -Abänderungen in einem gegebenen Zeitraum, selbst bei geringerem Betrag -schon vorhandener Veränderlichkeit derselben, und ist eine äusserst -wichtige Bedingung des Erfolges. Obwohl die Natur lange Zeiträume auf -die Züchtung verwendet, so braucht sie doch keine von unendlicher -Länge; denn da alle organischen Wesen sozusagen streben eine Stelle -im Haushalte der Natur einzunehmen, so muss eine Art, welche nicht -gleichen Schrittes mit ihren Mitbewerbern verändert und verbessert -wird, bald erlöschen. Wenn vortheilhafte Abänderungen sich nicht -wenigstens auf einige Nachkommen vererben, so vermag die Natürliche -Zuchtwahl wohl nichts auszurichten. Nichtvererbung des neuen Charakters -ist nichts andres als Rückkehr zum Charakter der Grossältern oder -noch früherer Vorgänger. Gewiss mag diese Neigung zur Rückkehr die -Thätigkeit der Natürlichen Züchtung oft vereitelt haben; aber ihre -Bedeutung ist von einigen Schriftstellern weit überschätzt worden. Denn -wenn diese Neigung nicht an der Ausbildung so vieler erblichen Rassen -im Thier- wie im Pflanzen-Reich gehindert hat, wie sollte sie die -Vorgänge der Natürlichen Züchtung verhindert haben?</p> - -<p>Bei planmässiger Züchtung wählt der Züchter stets bestimmte Objekte, -und freie Kreutzung würde sein Werk gänzlich hemmen. Haben aber viele -Menschen, ohne die Absicht ihre Rasse zu veredeln, eine ungefähr -gleiche Ansicht von Vollkommenheit, und<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> sind alle bestrebt, nur die -besten und vollkommensten Thiere zur Nachzucht zu verwenden, so wird, -wenn auch langsam, aus dieser unbewussten Züchtung gewiss schon viele -Umänderung und Veredlung hervorgehen, wenn auch viele Kreutzung mit -schlechteren Thieren zwischendurchläuft. So ist es auch in der Natur. -Findet sich ein beschränktes Gebiet mit einer nicht ganz angemessen -ausgefüllten Stelle in ihrer geselligen Zusammensetzung, so wird die -Natürliche Züchtung bestrebt seyn, alle Individuen zu erhalten, die, -wenn auch in verschiedenem Grade, doch in der angemessenen Richtung -so variiren, dass sie die Stelle allmählich besser auszufüllen im -Stande sind. Ist jenes Gebiet aber gross, so werden seine verschiedenen -Bezirke gewiss ungleiche Lebens-Bedingungen darbieten; und wenn dann -durch den Einfluss der Natürlichen Züchtung irgend eine Spezies auf -eine andre Weise in jedem Bezirke abgeändert worden, so wird an -den Grenzen dieser Bezirke eine Kreutzung zwischen den Individuen -jener verschiedenen Abänderungen eintreten, und in diesem Falle -kann die Wirkung der Kreutzung durch die der Natürlichen Züchtung, -welche bestrebt ist alle Individuen eines jeden Bezirks genau in -derselben Weise den Lebens-Bedingungen anzupassen, kaum aufgewogen -werden, weil in einer zusammenhängenden Fläche die Lebens-Bedingungen -des einen in die des anderen Bezirkes allmählich übergehen. Die -Kreutzung wird hauptsächlich diejenigen Thiere berühren, welche sich -zu jeder Fortpflanzung paaren, viel wandern und sich nicht rasch -vervielfältigen. Daher bei Thieren dieser Art, Vögeln z. B., die -Abänderungen gewöhnlich auf getrennte Gegenden beschränkt seyn müssen, -wie es auch der Fall zu seyn scheint. Bei Zwitter-Organismen, welche -sich nur von Zeit zu Zeit mit andern kreutzen, sowie bei solchen -Thieren, die zu jeder Verjüngung ihrer Art sich paaren, aber wenig -wandern und sich sehr rasch vervielfältigen können, dürfte sich eine -neue und verbesserte Varietät an irgend einer Stelle rasch bilden und -sich dort in Masse zusammenhalten, so dass alle Kreutzung, wie sie auch -beschaffen seye, nur zwischen Einzelthieren derselben neuen Varietät -erfolgt. Ist eine örtliche Varietät auf solche Weise einmal gebildet, -so wird sie sich nachher<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> nur langsam über andre Bezirke verbreiten. -Nach dem obigen Prinzip ziehen Pflanzschulen-Besitzer es immer vor, -Saamen von einer grossen Pflanzen-Masse gleicher Varietät zu ziehen, -weil hiedurch die Möglichkeit einer Kreutzung mit anderen Varietäten -gemindert wird.</p> - -<p>Selbst bei Thieren mit langsamer Vermehrung, die sich zu jeder -Fortpflanzung paaren, dürfen wir die Wirkungen der Kreutzung auf -Verzögerung der Natürlichen Züchtung nicht überschätzen; denn ich kann -eine lange Liste von Thatsachen beibringen, woraus sich ergibt, dass in -einem Gebiete Varietäten der nämlichen Thier-Art lange unterschieden -bleiben können, wenn sie verschiedene Stationen innehaben, in etwas -verschiedener Jahreszeit sich fortpflanzen, oder im Falle nur einerlei -Varietät sich unter einander paart.</p> - -<p>Kreutzung spielt in der Natur insoferne eine grosse Rolle, als sie -die Individuen einer Art oder einer Varietät rein und einförmig in -ihrem Charakter erhält. Sie wird Diess offenbar weit wirksamer zu -thun vermögen bei solchen Thieren, die sich für jede Fortpflanzung -paaren; aber ich habe schon vorher zu zeigen gesucht, dass Ursache zur -Vermuthung vorliegt, dass bei allen Pflanzen und bei allen Thieren von -Zeit zu Zeit Kreutzungen erfolgen; — und wenn Diess auch nur nach -langen Zwischenräumen wieder einmal erfolgt, so bin ich überzeugt, dass -die hiebei erzielten Abkömmlinge die durch lange Selbstbefruchtung -erzielte Nachkommenschaft an Stärke und Fruchtbarkeit so sehr -übertreffen, dass sie mehr Aussicht haben dieselben zu überleben und -sich fortzupflanzen, und so wird in langen Zeiträumen der Einfluss der -wenn auch nur seltenen Kreutzungen doch gross seyn. Bei Organismen, -die sich niemals kreutzen, kann eine Gleichförmigkeit des Charakters -so lange währen, als ihre äusseren Lebens-Bedingungen die nämlichen -bleiben, theils in Folge der Vererbung und theils in Folge der -Natürlichen Züchtung, welche jede zufällige Abweichung von dem eigenen -Typus immer wieder zerstört; wenn aber die Lebens-Bedingungen sich -ändern und jene Wesen dem entsprechende Abänderungen erleiden, so kann -ihre hienach abgeänderte Nachkommenschaft nur dadurch<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Einförmigkeit -des Charakters behaupten, dass Natürliche Züchtung dieselbe -vortheilhafte Varietät erhält.</p> - -<p>Abschliessung ist eine wichtige Bedingung im Prozesse der Natürlichen -Zuchtwahl. In einem umgrenzten oder vereinzelten Gebiete werden, -wenn es nicht sehr gross ist, die unorganischen wie die organischen -Lebens-Bedingungen gewöhnlich in hohem Grade einförmig seyn; daher die -Natürliche Zuchtwahl streben wird, alle Individuen einer veränderlichen -Art in gleicher Weise mit Hinsicht auf die gleichen Lebens-Bedingungen -zu modifiziren. Auch Kreutzungen mit solchen Individuen derselben Art, -welche die den Bezirk umgrenzenden und anders beschaffenen Gegenden -bewohnen mögen, kommen da nicht vor. Isolirung wirkt aber vielleicht -noch kräftiger, insoferne sie nach irgend einem physikalischen Wechsel -im Klima, in der Höhe des Landes u. s. w. die Einwanderung hindert; -und so bleiben die neuen Stellen im Natur-Haushalte der Gegend offen -für die Bewerbung der alten Bewohner, bis diese sich durch geeignete -Veränderungen in organischer Bildung und Thätigkeit derselben angepasst -haben. Abschliessung wird endlich dadurch, dass sie Einwanderung und -daher Mitbewerbung hemmt, Zeit geben zur Bildung neuer Varietäten, und -Diess kann mitunter von Wichtigkeit seyn für die Hervorbringung neuer -Arten. Wenn dagegen ein isolirtes Land-Gebiet sehr klein ist, so wird -nothwendig auch, entweder der es umgebenden Schranken halber oder in -Folge seiner ganz eigenthümlichen Lebens-Bedingungen, die Gesammtzahl -der darin vorhandenen Individuen sehr klein seyn; und geringe -Individuen-Zahl verzögert sehr die Bildung neuer Arten durch Natürliche -Züchtung, weil sie die Möglichkeit des Auftretens neuer angemessener -Abänderungen vermindert.</p> - -<p>Die blosse Zeit an und für sich thut nichts für und nichts gegen die -Natürliche Züchtung. Ich bemerke Diess ausdrücklich, weil man irrig -behauptet hat, dass ich dem Zeit-Element dabei einen allmächtigen -Antheil zugestehe, als ob alle Species mit der Zeit nothwendig eine -allmählige Veränderung erfahren müssten. Zeit ist aber nur insoferne -von Bedeutung, als sie den vorkommenden Abänderungen die allmählich -vergrösserte Möglichkeit der Wahl,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Häufung und Befestigung in -Bezug auf die langsam wechselnden organischen und unorganischen -Lebens-Bedingungen gewährt. Auch begünstigt sie die direkte Wirkung -neuer oder veränderter physischer Lebens-Bedingungen.</p> - -<p>Wenden wir uns zur Bestätigung der Wahrheit dieser Bemerkungen an -die Natur und sehen uns um nach irgend einem kleinen abgeschlossenen -Gebiete, nach einer ozeanischen Insel z. B., so werden wir finden dass, -obwohl die Gesammtzahl der es bewohnenden Arten nur klein ist, wie -sich in dem Kapitel über geographische Verbreitung ergeben wird, doch -eine verhältnissmässig grosse Zahl dieser Arten endemisch ist, d. h. -hier an Ort und Stelle und nirgends anderwärts erzeugt worden ist. Auf -den ersten Anblick scheint es demnach, es müsse eine ozeanische Insel -sehr geeignet zur Hervorbringung neuer Arten gewesen seyn; um jedoch -thatsächlich zu ermitteln, ob ein kleines abgeschlossenes Gebiet oder -eine weite offene Fläche für die Erzeugung neuer organischer Formen -mehr geeignet gewesen seye, müssten wir auch gleich-lange Zeiträume -dabei vergleichen können, und Diess sind wir nicht im Stande zu thun.</p> - -<p>Obwohl ich nun nicht zweifle, dass Isolirung bei Erzeugung neuer -Arten ein sehr wichtiger Umstand ist, so möchte ich doch im Ganzen -genommen glauben, dass grosse Ausdehnung des Gebietes noch wichtiger -insbesondere für die Hervorbringung solcher Arten ist, die sich einer -langen Dauer und weiten Verbreitung fähig zeigen. Auf einer grossen -und offenen Fläche wird nicht nur die Aussicht auf vortheilhafte -Abänderungen wegen der grösseren Anzahl von Individuen einer Art -günstiger, es werden auch die Lebens-Bedingungen wegen der grossen -Anzahl schon vorhandener Arten unendlich zusammengesetzter seyn; und -wenn einige von diesen zahlreichen Arten verändert oder verbessert -werden, so müssen auch andere in entsprechendem Grade verbessert werden -oder untergehen. Eben so wird jede neue Form, sobald sie sich stark -verbessert hat, fähig seyn, sich über die offene und zusammenhängende -Fläche auszubreiten, und wird hiedurch in Mitbewerbung mit vielen -andern treten. Es werden hiermit mehr neu zu besetzende Stellen -entstehen, und<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> die Mitbewerbung um deren Ausfüllung wird viel heftiger -als auf einem kleinen und abgeschlossenen Gebiete werden. Ausserdem -aber mögen grosse Flächen, wenn sie jetzt auch zusammenhängend sind, -in Folge der Schwankungen ihrer Oberfläche, oft noch unlängst von -unterbrochener Beschaffenheit gewesen seyn, so dass sie an den guten -Wirkungen der Isolirung wenigstens bis zu einem gewissen Grade mit -theilgenommen haben. Ich komme demnach zum Schlusse, dass, wenn kleine -abgeschlossene Gebiete auch in manchen Beziehungen wahrscheinlich sehr -günstig für die Erzeugung neuer Arten gewesen sind, doch auf grossen -Flächen die Abänderungen im Allgemeinen rascher erfolgt sind und, was -noch wichtiger ist, die auf den grossen Flächen entstandenen neuen -Formen, welche bereits den Sieg über viele Mitbewerber davon getragen, -solche sind, die sich am weitesten verbreiten und die zahlreichsten -neuen Varietäten und Arten liefern, mithin den wesentlichsten Antheil -an den geschichtlichen Veränderungen der organischen Welt nehmen.</p> - -<p>Wir können von diesen Gesichtspunkten aus vielleicht einige Thatsachen -verstehen, welche in unserem Kapitel über die geographische -Verbreitung erörtert werden sollen; z. B. dass die Erzeugnisse des -kleineren Australischen Kontinentes früher vor denen der grössern -Europäisch-Asiatischen Fläche gewichen und anscheinend noch jetzt im -Weichen begriffen sind. Daher kommt es ferner, dass festländische -Erzeugnisse allenthalben so reichlich auf Inseln naturalisirt worden -sind. Auf einer kleinen Insel wird der Wettkampf ums Daseyn viel -weniger heftig, Erlöschung wird weniger und Abänderung geringer gewesen -seyn. Daher rührt es vielleicht auch, dass die Flora von <i>Madeira</i> -nach O<span class="smaller">SWALD</span> H<span class="smaller">EER</span> der erloschenen Tertiär-Flora <i>Europas</i> -gleicht. Alle Süsswasser-Becken zusammengenommen nehmen dem Meere -wie dem trockenen Lande gegenüber nur eine kleine Fläche ein, und -demgemäss wird die Mitbewerbung zwischen den Süsswasser-Erzeugnissen -minder heftig gewesen seyn als anderwärts; neue Formen sind langsamer -entstanden und alte langsamer erloschen. Im süssen Wasser finden -wir sieben Sippen ganoider oder schmelzschuppiger Fische als -übrig-gebliebene Vertreter einer<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> einst vorherrschenden Ordnung dieser -Klasse; und im süssen Wasser finden wir auch einige der anomalsten -Wesen, welche auf der Erde bekannt sind, den Ornithorhynchus und den -Lepidosiren, welche gleich fossilen Formen bis zu gewissem Grade solche -Ordnungen miteinander verbinden, welche jetzt auf der natürlichen -Stufenleiter weit von einander entfernt sind. Man kann daher diese -anomalen Formen immerhin „lebende Fossile“ nennen. Sie haben -ausgedauert bis auf den heutigen Tag, weil sie eine beschränkte Fläche -bewohnt haben und in dessen Folge einer minder heftigen Mitbewerbung -ausgesetzt gewesen sind.</p> - -<p>Fassen wir die der Natürlichen Züchtung günstigen und ungünstigen -Umstände schliesslich zusammen, so weit die äusserst verwickelte -Beschaffenheit Solches gestattet. Ich gelange mit Hinsicht auf -die Zukunft zum Schlusse: dass für Land-Erzeugnisse eine weite -Festland-Fläche, welche wahrscheinlich noch vielfältige Höhenwechsel -zu erfahren hat und sich daher lange Zeiträume hindurch in einem -unterbrochenen Zustande befinden wird, für Hervorbringung vieler -neuen zu langer Dauer und weiter Verbreitung geeigneter Lebens-Formen -die günstigsten Bedingungen darbieten wird. Eine solche Fläche -kann zuerst ein Festland gewesen seyn, dessen Bewohner in jener -Zeit zahlreich an Arten und Individuen sehr lebhafter Mitbewerbung -ausgesetzt gewesen sind. Ist sodann der Kontinent durch Senkung in -grosse Inseln geschieden worden, so werden noch viele Individuen einer -Art auf jeder Insel übrig seyn, welche sich an den Grenzen ihrer -Verbreitungs-Bezirke (der Inseln) mit einander zu kreutzen gehindert -sind. Eben so können nach irgend welchen physikalischen Veränderungen -keine Einwanderungen stattfinden, daher die neu entstehenden Stellen -in der gesellschaftlichen Verbindung jeder Insel durch Abänderungen -ihrer alten Bewohner ausgefüllt werden müssen. Um die Varietäten einer -jeden zu diesem Zwecke umzugestalten und zu vervollkommnen, wird lange -Zeit nöthig seyn. Sollten durch eine neue Hebung die Inseln wieder -in ein Festland zusammenfliessen, so wird eine heftige Mitbewerbung -erfolgen. Die am meisten begünstigten oder verbesserten Varietäten -werden sich ausbreiten, viele minder<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> vollkommene Formen erlöschen und -die Verhältniss-Zahlen des erneuerten Kontinents sich bedeutend ändern. -Es wird daher der Natürlichen Züchtung ein reiches Feld zur ferneren -Verbesserung der Bewohner und zur Hervorbringung neuer Arten geboten -seyn.</p> - -<p>Ich gebe vollkommen zu, dass die Natürliche Züchtung zuweilen mit -äusserster Langsamkeit wirke. Ihre Thätigkeit hängt davon ab, ob in dem -gesellschaftlichen Verbande der Natur Stellen vorhanden sind, welche -dadurch besser besetzt werden könnten, dass einige Bewohner der Gegend -irgend welche Abänderung erführen. Das Vorhandenseyn solcher Stellen -wird oft von gewöhnlich langsamen physikalischen Veränderungen und -davon abhängen, ob die Einwanderung besser anpassender Formen gehindert -ist. Aber die Thätigkeit der Natürlichen Züchtung wird wahrscheinlich -noch öfter davon bedingt seyn, dass einige der Bewohner langsame -Abänderungen erleiden, indem hiedurch die Wechselbeziehungen vieler -alten Bewohner zu einander gestört werden. Nichts kann bewirkt werden, -bevor nicht vortheilhafte Abänderungen vorkommen, und Abänderung selbst -ist offenbar stets ein sehr langsamer Vorgang. Viele werden der Meinung -seyn, dass diese verschiedenen Ursachen ganz genügend seyen, um die -Thätigkeit der Natürlichen Züchtung vollständig zu hindern; ich bin -jedoch nicht dieser Ansicht. Auf der andern Seite glaube ich, dass -Natürliche Züchtung immer sehr langsam wirke, oft erst wieder nach -langen Zeitzwischenräumen und gewöhnlich nur bei sehr wenigen Bewohnern -einer Gegend zugleich. Ich glaube ferner, dass diese sehr langsame und -aussetzende Thätigkeit der Natürlichen Züchtung ganz gut demjenigen -entspricht, was uns die Geologie in Bezug auf die Ordnung und Art der -Veränderung lehrt, welche die Bewohner dieser Erde allmählich erfahren -haben.</p> - -<p>Wie langsam aber auch der Prozess der Züchtung seyn mag; wenn der -schwache Mensch in kurzer Zeit schon so viel durch seine künstliche -Züchtung thun kann, so vermag ich keine Grenze für den Umfang -der Veränderungen, für die Schönheit und endlose Verflechtung -der Anpassungen aller organischen<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Wesen an einander und an ihre -natürlichen Lebens-Bedingungen zu erkennen, welche die natürliche -Züchtung im Verlaufe unermesslicher Zeiträume zu bewirken im Stande ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Erlöschen.</em>) — Dieser Gegenstand wird in unsrem Abschnitte -über Geologie vollständiger abzuhandeln seyn; hier berühren wir ihn -nur, insoferne er mit der Züchtung zusammenhängt. Natürliche Züchtung -wirkt nur durch Erhaltung vortheilhafter Abänderungen, welche die -andern zu überdauern vermögen. Wenn jedoch in Folge des geometrischen -Vervielfältigungs-Vermögens aller organischen Wesen jeder Bezirk schon -genügend mit Bewohnern und wenn die meisten Bezirke bereits mit einer -grossen Manchfaltigkeit der Formen versorgt sind, so muss nothwendig -in demselben Grade, in welchem die ausgewählte und begünstigte Form an -Menge zunimmt, die minder begünstigte allmählich abnehmen und seltener -werden. Seltenwerden ist, wie die Geologie uns lehrt, Anfang des -Erlöschens. Man erkennt auch, dass eine nur durch wenige Individuen -vertretene Form durch Schwankungen in den Jahreszeiten oder in der -Zahl ihrer Feinde grosse Gefahr gänzlicher Vertilgung läuft. Doch -können wir noch weiter gehen und sagen: wenn neue Formen langsam aber -beständig erzeugt werden, so müssen andre unvermeidlich fortwährend -erlöschen, wenn nicht die Zahl der specifischen Formen beständig und -fast unendlich anwachsen soll. Die Geologie zeigt uns klärlich, dass -die Zahl der Art-Formen nicht in’s Unbegrenzte gewachsen ist, und -wir wollen jetzt versuchen nachzuweisen, wohin es komme, dass die -Arten-Zahl auf der Erd-Oberfläche nicht unermesslich geworden ist.</p> - -<p>Wir haben gesehen, dass diejenigen Arten, welche die zahlreichsten -Individuen zählen, die meiste Wahrscheinlichkeit für sich, innerhalb -einer gegebenen Zeit vortheilhafte Abänderungen hervorzubringen. Die -im zweiten Kapitel mitgetheilten Thatsachen können zum Beweise dafür -dienen, indem sie zeigen, dass gerade die gemeinsten Arten die grösste -Anzahl ausgezeichneter Varietäten oder anfangender Species liefern. -Daher werden denn auch die selteneren Arten in einer gegebenen Periode -weniger rasch umgeändert oder verbessert werden und demzufolge in<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> -dem Kampfe mit den umgeänderten Abkömmlingen der gemeineren Arten -unterliegen.</p> - -<p>Aus diesen verschiedenen Betrachtungen scheint nun unvermeidlich zu -folgen, dass in dem Masse, wie im Laufe der Zeit neue Arten durch -Natürliche Züchtung entstehen, andre seltener und seltener werden -und endlich erlöschen müssen. Diejenigen Formen werden natürlich am -meisten leiden, welche den umgeänderten und verbesserten am nächsten -stehen. Und wir haben in dem Abschnitte vom Ringen um’s Daseyn gesehen, -dass es die miteinander am nächsten verwandten Formen — Varietäten -der nämlichen Art und Arten der nämlichen oder einander zunächst -verwandten Sippen sind, die, weil sie nahezu gleichen Bau, Konstitution -und Lebensweise haben, meistens auch in die heftigste Mitbewerbung -miteinander gerathen. Wir sehen den nämlichen Prozess der Austilgung -unter unseren Kultur-Erzeugnissen vor sich gehen, in Folge der -Züchtung verbesserter Formen durch den Menschen. Ich könnte mit vielen -merkwürdigen Belegen zeigen, wie schnell neue Rassen von Rindern, -Schaafen und andern Thieren oder neue Varietäten von Blumen die Stelle -der früheren und unvollkommeneren einnehmen. In <i>Yorkshire</i> -ist es geschichtlich bekannt, dass das alte schwarze Rindvieh durch -die Langhorn-Rasse verdrängt und dass diese nach dem Ausdruck eines -landwirthschaftlichen Schriftstellers, wie durch eine mörderische -Seuche von den Kurzhörnern weggefegt worden ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Divergenz des Charakters.</em>) — Das Princip, welches ich mit -diesem Ausdruck bezeichne, ist von hoher Wichtigkeit für meine Theorie -und erklärt nach meiner Meinung verschiedene wichtige Thatsachen. -Erstens gibt es manche sehr ausgeprägte Varietäten, die, obwohl sie -etwas vom Charakter der Species an sich haben, wie in vielen Fällen aus -den hoffnungslosen Zweifeln über ihren Rang erhellet, doch gewiss viel -weniger als gute und ächte Arten von einander abweichen. Demungeachtet -sind nach meiner Anschauungsweise Varietäten eben anfangende Species. -Auf welche Weise wächst nun jene kleinere Verschiedenheit zur grössern -specifischen Verschiedenheit an? Dass Diess<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> allgemein geschehe, müssen -wir aus den fast unzähligen in der ganzen Natur vorhandenen Arten mit -wohl ausgeprägten Varietäten schliessen, während Varietäten, die von -uns unterstellten Prototype und Ältern künftiger wohl unterschiedener -Arten, nur geringe und schlecht-ausgeprägte Unterschiede darbieten. -Wenn es bloss der sogenannte Zufall wäre, der die Abweichung einer -Varietät von ihren Ältern in einigen Beziehungen und dann die noch -stärkere Abweichung des Nachkömmlings dieser Varietät von jenen Ältern -in gleicher Richtung veranlasste, so würde dieser doch nicht genügen, -ein so gewöhnliches und grosses Maass von Verschiedenheit zu erklären, -als zwischen Varietäten einer Art und zwischen Arten einer Sippe -vorhanden ist.</p> - -<p>Wir wollen daher, wie ich es bis jetzt zu thun gewöhnt war, auch -diesen Gegenstand mit Hilfe unsrer Kultur-Erzeugnisse erläutern. -Wir werden dabei etwas Analoges finden. Nehmen wir an, dass die -Bildung so weit auseinander laufender Rassen wie die des Kurzhorn- -und des Hereforder-Rindes, des Rasse- und des Karren-Pferdes, der -verschiedenen Tauben-Rassen u. s. w. durch bloss zufällige Häufung -der Abänderungen in einerlei Richtung während vieler aufeinander -folgender Generationen nicht hätte zu Stande kommen können. Wenn nun -aber in der Wirklichkeit ein Liebhaber seine Freude an einer Taube -mit merklich kürzerem und ein anderer die seinige an einer solchen -mit viel längerem Schnabel hätte, so würden sich beide bestreben, da -„Liebhaber Mittelmässigkeiten nicht bewundern, sondern Extreme lieben“ -(wie es mit Purzeltauben wirklich der Fall gewesen), zur Nachzucht -Vögel mit immer kürzeren und kürzeren oder immer längeren und längeren -Schnäbeln zu wählen. Eben so können wir unterstellen, es habe Jemand -in früherer Zeit schlankere und ein andrer Jemand stärkere und -schwerere Pferde vorgezogen. Die ersten Unterschiede werden nur sehr -gering gewesen seyn; wenn nun aber im Laufe der Zeit einige Züchter -fortwährend die schlankeren, und andre ebenso die schwereren Pferde -zur Nachzucht erkiesen, so werden die Verschiedenheiten immer grösser -werden und Veranlassung geben zwei Unterrassen zu unterscheiden, -und nach Verlauf von Jahrhunderten<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> können diese Unterrassen sich -endlich zu zwei wohlbegründeten verschiedenen Rassen ausbilden. Da die -Verschiedenheiten langsam zunehmen, so werden die unvollkommeneren -Thiere von mittlem Charakter, die weder sehr leicht noch sehr schwer -sind, vernachlässigt werden und sich zum Erlöschen neigen. Daher sehen -wir dann auch in diesen künstlichen Erzeugnissen des Menschen, dass in -Folge des Divergenz-Prinzips, wie man es nennen könnte, die anfangs -kaum bemerkbaren Verschiedenheiten immer zunehmen und die Rassen immer -weiter unter sich wie von ihren gemeinsamen Stamm-Ältern abweichen.</p> - -<p>Aber wie, kann man fragen, lässt sich ein solches Prinzip auf die -Natur anwenden? Ich glaube, dass es schon durch den einfachen Umstand -eine erfolgreiche Anwendung findet (obwohl ich selbst Diess lange Zeit -nicht erkannt habe), dass, je weiter die Abkömmlinge einer Species in -Bau, organischen Verrichtungen und Lebensweise auseinandergehen, um so -besser sie geeignet seyn werden, viele und sehr verschiedene Stellen im -Haushalte der Natur einzunehmen und somit an Zahl zuzunehmen.</p> - -<p>Diess zeigt sich deutlich bei Thieren mit einfacher Lebensweise. -Nehmen wir ein vierfüssiges Raubthier zum Beispiel, dessen Zahl in -einer Gegend schon längst zu dem vollen Betrage angestiegen ist, -welches die Gegend zu ernähren vermag. Hat das ihm innewohnende -Vervielfältigungs-Vermögen freies Spiel, so kann dieselbe Thier-Art -(vorausgesetzt dass die Gegend keine Veränderung ihrer natürlichen -Verhältnisse erfahre) nur dann noch weiter zunehmen, wenn ihre -Nachkommen in der Weise abändern, dass sie allmählich solche Stellen -einnehmen können, welche jetzt andere Thiere schon innehaben, -wenn z. B. einige derselben geschickt werden auf neue Arten von -lebender oder todter Beute auszugehen, indem sie neue Standorte -bewohnen, Bäume erklimmen, in’s Wasser gehen oder auch einen Theil -ihrer Raubthier-Natur aufgeben. Je mehr nun diese Nachkommen unsres -Raubthieres in Organisation und Lebensweise auseinandergehen, desto -mehr Stellen werden sie fähig seyn in der Natur einzunehmen. Und was -von einem Thiere gilt, das gilt durch alle Zeiten von allen Thieren, -vorausgesetzt, dass sie<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> variiren; denn ausserdem kann Natürliche -Züchtung nichts ausrichten. Und dasselbe gilt von den Pflanzen. Es ist -durch Versuche dargethan worden, dass wenn man eine Strecke Landes -mit Gräsern verschiedener Sippen besäet, man eine grössere Anzahl von -Pflanzen erzielen und ein grösseres Gewicht von Heu einbringen kann, -als wenn man eine gleiche Strecke nur mit einer Gras-Art ansäet. Zum -nämlichen Ergebniss ist man gelangt, indem man zuerst eine Varietät -und dann verschiedene gemischte Varietäten von Weitzen auf zwei gleich -grosse Grund-Stücke säete. Wenn daher eine Gras-Art in Varietäten -auseinandergeht und diese Varietäten, unter sich in derselben Weise -verschieden wie die Arten und Sippen der Gräser verschieden sind, immer -wieder zur Nachzucht gewählt werden, so wird eine grössere Anzahl -einzelner Stöcke dieser Gras-Art mit Einschluss ihrer Varietäten auf -gleicher Fläche wachsen können, als zuvor. Bekanntlich streut jede -Gras-Art und Varietät jährlich eine fast zahllose Menge von Saamen -aus, so dass man fast sagen könnte, ihr hauptsächlichstes Streben -seye Vermehrung ihrer Anzahl. Daher zweifle ich nicht daran, dass -im Verlaufe von vielen Tausend Generationen gerade die am weitesten -auseinander gehenden Varietäten einer Gras-Art immer am meisten -Wahrscheinlichkeit des Erfolges durch Vermehrung ihrer Anzahl und -durch Verdrängung der geringeren Abweichungen für sich haben; und sind -diese Varietäten nun weit von einander verschieden, so nehmen sie den -Charakter der Arten an.</p> - -<p>Die Wahrheit des Prinzips, dass die grösste Summe von Leben vermittelt -werden kann durch die grösste Differenzirung der Struktur, lässt -sich unter vielerlei natürlichen Verhältnissen erkennen. Wir sehen -auf ganz kleinen Räumen, zumal wenn sie der Einwanderung offen sind -und mithin das Ringen der Arten mit einander heftig ist, stets eine -grosse Manchfaltigkeit von Bewohnern. So fand ich z. B. auf einem 3′ -langen und 4′ breiten Stück Rasen, welches viele Jahre lang genau -denselben Bedingungen ausgesetzt gewesen, zwanzig Arten von Pflanzen -aus achtzehn Sippen und acht Ordnungen beisammen, woraus sich ergibt, -wie verschieden von einander eben diese Pflanzen sind.<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> So ist es -auch mit den Pflanzen und Insekten auf kleinen einförmigen Inseln; -und ebenso in kleinen Süsswasser-Behältern. Die Landwirthe wissen, -dass sie bei einer Rotation mit Pflanzen-Arten aus den verschiedensten -Ordnungen am meisten Futter erziehen können<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>, und die Natur bietet, -was man eine simultane Rotation nennen könnte. Die meisten Pflanzen und -Thiere, welche rings um ein kleines Grundstück wohnen, würden auch auf -diesem Grundstücke (wenn es nicht in irgend einer Beziehung von sehr -abweichender Beschaffenheit ist) leben können und streben so zu sagen -in hohem Grade darnach da zu leben; wo sie aber in nächste Mitbewerbung -mit einander kommen, da sehen wir, dass ihre aus der Differenzirung -ihrer Organisation, Lebensweise und Konstitution sich ergebenden -wechselseitigen Vorzüge bedingen, dass die am unmittelbarsten mit -einander ringenden Bewohner im Allgemeinen verschiedenen Sippen und -Ordnungen angehören.</p> - -<p>Dasselbe Princip erkennt man, wo der Mensch Pflanzen in fremdem Lande -zu naturalisiren strebt. Man hätte erwarten dürfen, dass diejenigen -Pflanzen, die mit Erfolg in einem Lande naturalisirt werden können, -im Allgemeinen nahe verwandt mit den Eingeborenen seyen; denn diese -betrachtet man gewöhnlich als besonders für ihre Heimath geschaffen -und angepasst. Eben so hätte man vielleicht erwartet, dass die -naturalisirten Pflanzen zu einigen wenigen Gruppen gehörten, welche -nur etwa gewissen Stationen entsprächen. Aber die Sache verhält sich -ganz anders, und A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hat in seinem grossen -und vortrefflichen Werke ganz wohl gezeigt, dass die Floren durch -Naturalisirung, der Anzahl der eingeborenen Sippen und Arten gegenüber, -weit mehr an neuen Sippen als an neuen Arten gewinnen. Um nur ein -Beispiel zu geben, so sind in Dr. A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span>’<span class="smaller">S</span> „<i>Manual -of the Flora of the northern United states</i>“ 260 naturalisirte -Pflanzen-Arten aus 162 Sippen aufgezählt. Wir sehen ferner, dass diese -naturalisirten Pflanzen von sehr verschiedener Natur sind, und auch von -den eingebornen in<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> so ferne nicht abweichen, als aus jenen 162 Sippen -nicht weniger als 100 ganz fremdländisch sind, daher die eingeborene -Flora verhältnissmässig mehr an Sippen als an Arten bereichert worden -ist.</p> - -<p>Berücksichtigt man die Natur der Pflanzen und Thiere, welche der -Reihe nach erfolgreich mit den eingeborenen einer Gegend gerungen -haben und in dessen Folge naturalisirt worden sind, so kann man eine -rohe Vorstellung davon gewinnen, wie etwa einige die eingeborenen -hätten modificirt werden müssen, um einen Vortheil über die andern -eingeborenen zu erlangen; wir können, wie ich glaube, wenigstens mit -Sicherheit schliessen, dass eine Differenzirung ihrer Struktur bis zu -einem zur Bildung neuer Sippen genügenden Betrage für sie erspriesslich -gewesen wäre.</p> - -<p>Der Vortheil einer Differenzirung der Eingeborenen einer Gegend ist in -der That derselbe, welcher für einen individuellen Organismus aus der -physiologischen Theilung der Arbeit unter seine Organe entspringt, ein -von M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> so trefflich erläuterter Gegenstand. Kein -Physiologe zweifelt daran, dass ein Magen, welcher nur zur Verdauung -von vegetabilischer oder von animalischer Materie allein geeignet ist, -die meiste Nahrung aus diesen Stoffen zieht. So werden auch in dem -grossen Haushalte eines Landes um so mehr Individuen von Pflanzen und -Thieren ihren Unterhalt zu finden im Stande seyn, je mehr dieselben -hinsichtlich ihrer Lebensweise differenzirt sind. Eine Gesellschaft von -Thieren mit nur wenig differenzirter Organisation kann schwerlich mit -einer andern von vollständiger differenzirtem Baue werben. So wird man -z. B. bezweifeln müssen, dass die <i>Australischen</i> Beutelthiere, -welche nach W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>’<span class="smaller">S</span> u. A. Bemerkung, in weniger von -einander abweichende Gruppen unterschieden, unsere Raub-Thiere, -Wiederkäuer und Nager vertreten, im Stande seyn würden, mit diesen -wohl ausgesprochenen Ordnungen zu werben. In den <i>Australischen</i> -Säugethieren erblicken wir den Prozess der Differenzirung auf einer -noch frühen und unvollkommenen Entwicklungs-Stufe.</p> - -<p>Nach dieser vorangehenden Erörterung, die einer grösseren<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Ausdehnung -bedürfte, dürfen wir wohl annehmen, dass die abgeänderten Nachkommen -einer Species um so mehr Erfolg haben werden, je mehr sie in ihrer -Organisation differenzirt und hiedurch geeignet seyn werden, sich -auf die bereits von andern Wesen eingenommenen Stellen einzudrängen. -Wir wollen nun zusehen, wie dieses nützliche von der Divergenz des -Charakters abgeleitete Prinzip in Verbindung mit den Prinzipien der -Natürlichen Züchtung und der Erlöschung zusammenwirke.</p> - -<div class="figcenter illowe36" id="stammbaum"> - <img class="w100" src="images/stammbaum.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><i><a href="#Bild">Zur Seite 131.</a></i></div> - <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/stammbaum_gross.jpg" - id="stammbaum_gross" rel="nofollow">⇒<br /> - <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div> -</div> - -<p id="Bild"><a href="#stammbaum">Das beigefügte Bild</a> wird uns dienen, diese sehr verwickelte Frage -besser zu begreifen. Gesetzt es bezeichnen die Buchstaben A bis L -die Arten einer grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; diese Arten -gleichen einander in verschiedenen Abstufungen, wie es eben in der -Natur der Fall zu seyn pflegt, und was durch verschiedene Entfernung -jener Buchstaben von einander ausgedrückt werden soll. Wir wählen -eine grosse Sippe, weil wir schon im zweiten Kapitel gesehen, dass -verhältnissmässig mehr Arten grosser Sippen als kleiner variiren, und -dass dieselben eine grössere Anzahl von Varietäten darbieten. Wir haben -ferner gesehen, dass die gemeinsten und am weitesten verbreiteten -Arten mehr als die seltenen mit kleinen Wohn-Bezirken abändern. Es -seye nun A eine gemeine weit verbreitete und abändernde Art einer -grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; der kleine Fächer divergirender -Punkt-Linien von ungleicher Länge, welche von A ausgehen, möge ihre -variirende Nachkommenschaft darstellen. Es ist ferner angenommen, -deren Abänderungen seyen ausserordentlich gering, aber von der -manchfaltigsten Beschaffenheit, nicht von gleichzeitiger, sondern oft -durch lange Zwischenzeiten getrennter Erscheinung, und endlich von -ungleich langer Dauer. Nur jene Abänderungen, welche in irgend einer -Beziehung nützlich sind, werden erhalten und zur Natürlichen Züchtung -verwendet. Und hier ist es wichtig, dass das Prinzip der Nützlichkeit -von der Divergenz des Charakters abgeleitet ist; denn Diess wird -meistens zu den am weitesten auseinandergehenden Abänderungen führen -(welche durch unsre punktirten Linien dargestellt sind), wie sie durch -Natürliche Züchtung erhalten und gehäuft worden. Wenn nun in<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> unsrem -<a href="#stammbaum">Bilde</a> eine der punktirten Linien eine der wagrechten Linien erreicht -und dort mit einem kleinen numerirten Buchstaben bezeichnet erscheint, -so ist angenommen, dass darin eine Summe von Abänderung gehäuft seye, -genügend zur Bildung einer ganz wohl-bezeichneten Varietät, wie wir sie -der Aufnahme in ein systematisches Werk werth achten.</p> - -<p>Die Zwischenräume zwischen zwei wagrechten Linien des <a href="#stammbaum">Bildes</a> mögen -je 1000 (besser wären 10,000) Generationen entsprechen. Nach 1000 -Generationen hätte die Art A zwei ganz wohl ausgeprägte Varietäten -a<sup>1</sup> und m<sup>1</sup> hervorgebracht. Diese zwei Varietäten seyen fortwährend -denselben Bedingungen ausgesetzt, welche ihre Stammältern zur -Abänderung veranlassten, und das Streben nach Abänderung in ihnen -erblich. Sie werden daher nach weitrer Abänderung und gewöhnlich in -derselben Art und Richtung streben wie ihre Stammältern. Überdiess -werden diese zwei Varietäten, als nur erst wenig modificirte Formen, -streben diejenigen Vorzüge wieder zu erwerben, welche ihren gemeinsamen -Ältern A das numerische Übergewicht über die meisten andern Bewohner -derselben Gegend verschafft haben; sie werden gleicherweise theilnehmen -an denjenigen Vortheilen, welche die Sippe, wozu ihre Stammältern -gehört, zur grossen Sippe ihrer Heimath erhoben. Und wir wissen, dass -alle diese Umstände zur Hervorbringung neuer Varietäten günstig sind.</p> - -<p>Wenn nun diese zwei Varietäten ebenfalls veränderlich sind, so werden -die divergentesten ihrer Abänderungen gewöhnlich in den nächsten 1000 -Generationen fortbestehen. Nach dieser Zeit, ist in unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> -angenommen, habe Varietät a<sup>1</sup> die Varietät a<sup>2</sup> hervorgebracht, die nach -dem Differenzirungs-Principe weiter als a<sup>1</sup> von A verschieden ist. -Varietät m<sup>1</sup> hat zwei andre Varietäten m<sup>2</sup> und s<sup>2</sup> ergeben, welche -unter sich und noch mehr von ihrer gemeinsamen Stamm-Form A abweichen. -So können wir den Vorgang lange Zeit von Stufe zu Stufe verfolgen und -einige der Varietäten von je 1000 zu 1000 Generationen bald nur eine -Abänderung von mehr und weniger abweichender Beschaffenheit, bald auch -2–3 derselben hervorbringen sehen, während andre keine neuen Formen -darbieten. Doch<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> werden gewöhnlich diese Varietäten oder abgeänderten -Nachkommen eines gemeinsamen Stamm-Vaters A im Ganzen immer zahlreicher -werden und immer weiter auseinander laufen. In dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> ist der -Vorgang bis zur zehntausendsten Generation, — und in einer mehr -verdichteten und vereinfachten Weise bis zur vierzehntausendsten -Generation dargestellt.</p> - -<p>Doch muss ich hier bemerken, dass ich nicht der Meinung bin, dass -der Prozess jemals so regelmässig vor sich gehe, als er im <a href="#stammbaum">Bilde</a> -dargestellt ist, obwohl er auch da schon etwas unregelmässig -erscheint. Eben so bin ich entfernt nicht der Meinung, dass die am -weitesten differirenden Varietäten unabänderlich vorherrschen und -sich vervielfältigen werden. Oft mag auch eine Mittelform von langer -Dauer seyn und entweder keine oder mehr als eine in ungleichem Grade -abgeänderte Varietät hervorbringen; die Natürliche Züchtung wird -immer thätig seyn, je nach der Beschaffenheit der noch gar nicht oder -nur unvollständig von anderen Wesen eingenommenen Stellen; und Diess -wird von unendlich verwickelten Beziehungen abhängen. Doch werden der -allgemeinen Regel zufolge die Abkömmlinge einer Art um so mehr geeignet -seyn jene Stellen einzunehmen und ihre abgeänderte Nachkommenschaft zu -vermehren, je weiter sie in ihrer Organisation differenzirt sind. In -unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> ist die Successions-Linie in regelmässigen Zwischenräumen -unterbrochen durch kleine numerirte Buchstaben, zu Bezeichnung der -successiven Formen, welche genügend unterschieden sind, um als -Varietäten aufgeführt zu werden. Aber diese Unterbrechungen sind nur -eingebildete und hätten anderwärts eingeschoben werden können nach -hinlänglich langen Zwischenräumen für die Häufung eines ansehnlichen -Betrags divergenter Abänderung.</p> - -<p>Da alle diese verschiedenartigen Abkömmlinge von einer gemeinsamen -und weit verbreiteten Art einer grossen Sippe an den gemeinsamen -Verbesserungen theilzunehmen streben, welche den Erfolg ihrer -Stamm-Ältern im Leben bedingt haben, so werden sie im Allgemeinen -sowohl an Zahl als an Divergenz des Charakters zunehmen, und Diess -ist im <a href="#stammbaum">Bilde</a> durch die verschiedenen von A ausgehenden Verzweigungen -ausgedrückt. Die abgeänderten<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Nachkommen von den letzten und am -meisten verbesserten Verzweigungen in den Nachkommenschafts-Linien -werden wahrscheinlich oft die Stelle der ältern und minder -vervollkommneten einnehmen und sie verdrängen, und Diess ist im <a href="#stammbaum">Bilde</a> -dadurch ausgedrückt, dass einige der untern Zweige nicht bis zu den -obern Horizontallinien hinauf reichen. In einigen Fällen zweifle -ich nicht, dass der Prozess der Abänderung auf eine einfache Linie -der Descendenz beschränkt bleiben und die Zahl der Nachkommen nicht -vermehren wird, wenn auch das Maass divergenter Modifikation in den -aufeinanderfolgenden Generationen zugenommen hat. Dieser Fall würde -in dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> dargestellt werden, wenn alle von A ausgehenden Linien -bis auf die von a<sup>1</sup> bis a<sup>10</sup> beseitigt würden. Auf diese Weise sind -z. B. die Englischen Rasse-Pferde und Englischen Windspiele langsam vom -Charakter ihrer Stammform abgewichen, ohne je eine neue Abzweigung oder -Nebenrasse abgegeben zu haben.</p> - -<p>Es wird der Fall gesetzt, dass die Art A nach 10,000 Generationen drei -Formen a<sup>10</sup>, f<sup>10</sup> und m<sup>10</sup> hervorgebracht habe, welche in Folge -ihrer Charakter-Divergenz in den aufeinanderfolgenden Generationen -weit, doch in ungleichem Grade unter sich und von ihren Stamm-Ältern -verschieden sind. Nehmen wir nur einen äusserst kleinen Betrag von -Veränderung zwischen je zwei Horizontalen unsres <a href="#stammbaum">Bildes</a> an, so werden -unsre drei Formen nur bis zur Stufe wohl ausgeprägter Varietäten oder -etwa zweifelhafter Unterarten gelangt seyn; wir haben aber nur nöthig, -uns die Abstufungen im Änderungs-Prozesse etwas grösser zu denken, um -diese Formen in gute Arten zu verwandeln; alsdann drückt das <a href="#stammbaum">Bild</a> die -Stufen aus, auf welchen die kleinen nur Varietäten charakterisirenden -Verschiedenheiten in grössere schon Arten unterscheidende Unterschiede -übergehen. Denkt man sich denselben Prozess in einer noch grösseren -Anzahl von Generationen fortwährend (wie es oben im <a href="#stammbaum">Bilde</a> in -zusammengezogener und vereinfachter Weise geschehen), so erhalten wir -acht von A abstammende Arten mit a<sup>14</sup> bis m<sup>14</sup> bezeichnet. So -werden, wie ich glaube, Arten vervielfältigt und Sippen gebildet.</p> - -<p>In einer grossen Sippe variirt wohl mehr als eine Art.<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> -Im <a href="#stammbaum">Bilde</a> habe -ich angenommen, dass eine zweite Art I in analogen Abstufungen nach -10,000 Generationen entweder zwei wohlbezeichnete Varietäten w<sup>10</sup> und -x<sup>10</sup>, oder zwei Arten hervorgebracht habe, je nachdem man sich den -Betrag der Veränderung, welcher zwischen zwei wagrechten Linien liegt, -kleiner oder grösser denkt. Nach 14,000 Generationen werden nach unsrer -Unterstellung sechs neue durch die Buchstaben n<sup>14</sup>–z<sup>14</sup> bezeichnete -Arten entstanden seyn. In jeder Sippe werden die bereits am weitesten -in ihrem Charakter auseinander gegangenen Arten die grösste Anzahl -modificirter Nachkommen hervorzubringen streben, indem diese die beste -Aussicht haben, neue und weit von einander verschiedene Stellen im -Natur-Staate einzunehmen; daher ich im <a href="#stammbaum">Bilde</a> die extreme Art A und die -fast gleich extreme Art I als die am weitesten auseinander gelaufenen -bezeichnete, welche auch zur Bildung neuer Varietäten und Arten -Veranlassung gegeben haben. Die andren neun mit grossen Buchstaben -(B–H, K, L) bezeichneten Arten unsrer Stamm-Sippe mögen sich noch lange -Zeit ohne Veränderung fortpflanzen, was im <a href="#stammbaum">Bilde</a> durch die punktirten -Linien ausgedrückt ist, welche wegen mangelnden Raumes nicht weiter -aufwärts verlängert sind.</p> - -<p>Inzwischen dürfte in dem auf unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> dargestellten -Umänderungs-Prozess noch ein andres unsrer Prinzipien, das der -Erlöschung nämlich, eine wichtige Rolle gespielt haben. Da in jeder -vollständig bevölkerten Gegend Natürliche Züchtung nothwendig durch -Auswahl der Formen wirkt, welche in dem Kampfe um’s Daseyn irgend -einen Vortheil vor den übrigen Formen voraus haben, so wird in den -verbesserten Abkömmlingen einer Art ein beständiges Streben vorhanden -seyn, auf jeder ferneren Stufe ihre Vorgänger und ihren Urstamm zu -ersetzen und zu vertilgen. Denn man muss sich erinnern, dass der Kampf -gewöhnlich am heftigsten zwischen solchen Formen ist, welche einander -in Organisation, Konstitution und Lebensweise am nächsten stehen. Daher -werden alle Zwischenformen zwischen den frühesten und spätesten, das -ist zwischen den unvollkommensten und vollkommensten Stufen, sowie -die Stamm-Art selbst zum Erlöschen geneigt seyn. Eben so wird es sich -wahrscheinlich<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> mit vielen ganzen Seiten-Linien verhalten, wenn sie -durch spätere und vollkommenere Linien bekämpft werden. Wenn dagegen -die abgeänderte Nachkommenschaft einer Art in einer besonderen Gegend -aufkommt oder sich irgend einem ganz neuen Standorte rasch anpasst, -wo Vater und Kind nicht in Mitbewerbung gerathen, dann mögen beide -fortbestehen.</p> - -<p>Nimmt man daher in unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> an, dass es ein grosses Maass von -Abänderung vorstelle, so werden die Art A und alle frühern Abänderungen -derselben erloschen und durch acht neue Arten a<sup>14</sup>–m<sup>14</sup> -ersetzt seyn, und an der Stelle von I werden sich sechs neue Arten -n<sup>14</sup>–z<sup>14</sup> befinden.</p> - -<p>Doch gehen wir noch weiter. Wir haben angenommen, dass die -ursprünglichen Arten unsrer Sippe einander in ungleichem Grade ähnlich -seyen, wie Das in der Natur gewöhnlich der Fall ist; dass die Art -A näher mit B, C, D als mit den andern verwandt seye und I mehr -Beziehungen mit G, H, K, L als zu den übrigen besitze; dass ferner -diese zwei Arten A und I sehr gemein und weit verbreitet seyen, indem -sie schon anfangs einige Vorzüge vor den andern Arten derselben Sippe -voraus hatten. Ihre modifizirten Nachkommen, vierzehn an Zahl nach -14,000 Generationen, werden wahrscheinlich einige derselben Vorzüge -geerbt haben; auch sind sie auf jeder weiteren Stufe der Fortpflanzung -in einer divergenten Weise abgeändert und verbessert worden, so dass -sie sich zur Besetzung vieler passenden Stellen im Natur-Haushalte -ihrer Gegend eignen. Es scheint mir daher äusserst wahrscheinlich, -dass sie nicht allein ihre Ältern A und I ersetzt und vertilgt haben, -sondern auch einige andre diesen zunächst verwandte ursprüngliche -Spezies. Es werden daher nur sehr wenige der ursprünglichen Arten sich -bis in die vierzehntausendste Generation fortgepflanzt haben. Wir -nehmen an, dass nur eine von den zwei mit den übrigen neun weniger -nahe verwandten Arten, nämlich F, ihre Nachkommen bis zu dieser späten -Generation erstrecke.</p> - -<p>Der neuen von den eilf ursprünglichen Arten unsres <a href="#stammbaum">Bildes</a> -abgeleiteten Spezies sind nun fünfzehn. Dem divergenten Streben -der Natürlichen Züchtung gemäss, muss der äusserste Betrag von<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> -Charakter-Verschiedenheit zwischen den Arten a<sup>14</sup> und z<sup>14</sup> viel -grösser als zwischen den unter sich verschiedensten der ursprünglichen -eilf Arten seyn. Überdiess werden die neuen Arten in sehr ungleichem -Grade mit einander verwandt seyn. Unter den acht Nachkommen von A -mögen die drei a<sup>14</sup>, q<sup>14</sup> und p<sup>14</sup> näher beisammen stehen, weil -sie sich erst spät von a<sup>10</sup> abgezweigt haben, wogegen b<sup>14</sup> und -f<sup>14</sup> als alte Abzweigungen von a<sup>5</sup> etwas mehr von jenen drei entfernt -sind; und endlich mögen o<sup>14</sup>, e<sup>14</sup> und m<sup>14</sup> zwar unter sich -nahe verwandt seyn, aber als Seitenzweige seit dem ersten Beginne des -Abänderungs-Prozesses weit von den andern fünf Arten abstehen und eine -besondere Untersippe oder sogar eine eigne Sippe bilden.</p> - -<p>Die sechs Nachkommen von I mögen zwei Subgenera oder selbst Genera -bilden. Da aber die Stamm-Art I weit von A entfernt, fast am andern -Ende der Arten-Reihe der ursprünglichen Sippe steht, so werden diese -sechs Nachkommen durch Vererbung beträchtlich von den acht Nachkommen -von A abweichen, indem überdiess angenommen worden, dass diese zwei -Gruppen sich in auseinander weichenden Richtungen verändert haben. Auch -sind die mittlen Arten, welche A mit I verbunden (was sehr wichtig ist -zu beachten), mit Ausnahme von F erloschen, ohne Nachkommenschaft zu -hinterlassen. Daher die sechs neuen von I entsprossenen und die acht -von A abgeleiteten Spezies sich zu zwei sehr verschiedenen Sippen oder -sogar Unterfamilien erhoben haben dürften.</p> - -<p>So kommt es, wie ich meine, dass zwei oder mehr Sippen durch Abänderung -aus zwei oder mehr Arten eines Genus entspringen können. Und von den -zwei oder mehr Stamm-Arten ist angenommen worden, dass sie von einer -Art einer früheren Sippe herrühren. In unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> ist Diess durch -die gebrochenen Linien unter den grossen Buchstaben A–L angedeutet, -welche abwärts gegen je einen Punkt konvergiren. Dieser Punkt stellt -eine einzelne Spezies, die unterstellte Stamm-Art aller unsrer neuen -Subgenera und Genera vor.</p> - -<p>Es ist der Mühe werth, einen Augenblick bei dem Charakter der neuen -<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span>Art <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> zu verweilen, von welcher angenommen wird, dass -sie ohne grosse Divergenz zu erfahren, die Form von F unverändert oder -mit nur geringer Abänderung ererbt habe. Ihre Verwandtschaften zu den -andern vierzehn neuen Arten werden ganz sonderbar seyn. Von einer -zwischen den zwei Stamm-Arten A und I stehenden Spezies abstammend, -welche aber jetzt erloschen und unbekannt sind, wird sie einigermassen -das Mittel zwischen den zwei davon abgeleiteten Arten-Gruppen halten. -Da aber beide Gruppen in ihren Charakteren vom Typus ihrer Stamm-Ältern -auseinandergelaufen sind, so wird die neue Art <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> das -Mittel nicht unmittelbar zwischen ihnen, sondern vielmehr zwischen den -Typen beider Gruppen halten; und jeder Naturforscher dürfte im Stande -seyn, sich ein Beispiel dieser Art in’s Gedächtniss zu rufen.</p> - -<p>In dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> entspricht nach unsrer bisherigen Annahme jeder Abstand -zwischen zwei Horizontalen tausend Generationen; lassen wir ihn jedoch -für eine Million oder hundert Millionen von Generationen und zugleich -einem entsprechenden Theile der Schichtenfolge unsrer Erd-Rinde mit -organischen Resten gelten! In unsrem Kapitel über Geologie werden wir -wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen und werden dann hoffentlich -finden, dass unser <a href="#stammbaum">Bild</a> geeignet ist Licht über die Verwandtschaft -erloschener Wesen zu verbreiten, die, wenn auch im Allgemeinen zu -denselben Ordnungen, Familien oder Sippen wie ein Theil der jetzt -lebenden gehörig, doch in ihrem Charakter oft in gewissem Grade -das Mittel zwischen jetzigen Gruppen halten; und man wird diese -Thatsache begreiflich finden, da die erloschenen Arten in sehr frühen -Zeiten gelebt, wo die Verzweigungen der Nachkommenschaft noch wenig -auseinander gegangen waren.</p> - -<p>Ich finde keinen Grund, den Verlauf der Abänderung, wie er bisher -auseinander gesetzt worden, bloss auf die Bildung der Sippen zu -beschränken. Nehmen wir in unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> den von jeder successiven -Gruppe auseinander-strahlender Punktlinien dargestellten Betrag von -Abänderung sehr hoch an, so werden die mit a<sup>14</sup> bis p<sup>14</sup>, mit -b<sup>14</sup> bis f<sup>14</sup> und mit o<sup>14</sup> bis m<sup>14</sup> bezeichneten Formen -drei sehr verschiedene Genera darstellen. Wir werden dann zwei von -I abgeleitete sehr verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Sippen haben, und da diese zwei -Sippen, in Folge sowohl einer fortdauernden Divergenz des Charakters -als der Beerbung zweier verschiedener Stammväter, sehr weit von -den von A hergeleiteten drei Sippen abweichen, so werden die zwei -kleinen Sippen-Gruppen je nach dem Maasse der vom <a href="#stammbaum">Bilde</a> dargestellten -divergenten Abänderung zwei verschiedene Familien oder selbst Ordnungen -bilden. Und diese zwei neuen Familien oder Ordnungen leiten sich von -zwei Arten einer Stamm-Sippe her, die selbst wieder einer Species eines -viel älteren und noch unbekannten Genus entsprossen seyn dürfte.</p> - -<p>Wir haben gesehen, dass es in jeder Gegend die Arten der grössern -Sippen sind, welche am öftesten Varietäten oder neue anfangende Arten -bilden. Diess war in der That zu erwarten; denn, wenn die Natürliche -Züchtung durch eine im Rassenkampf vor den andern bevorzugte Form -wirkt, so wird sie hauptsächlich auf diejenigen wirken, welche -bereits einige Vortheile voraus haben; und die Grösse einer Gruppe -zeigt, dass ihre Arten von einem gemeinsamen Vorgänger einige Vorzüge -gemeinschaftlich ererbt haben. Daher der Wettkampf in Erzeugung neuer -und abgeänderter Sprösslinge hauptsächlich zwischen den grösseren -Gruppen stattfinden wird, welche sich alle an Zahl zu vergrössern -streben. Eine grosse Gruppe wird nur langsam eine andre grosse -Gruppe überwinden, deren Zahl verringern und so deren Aussicht -auf künftige Abänderung und Verbesserung vermindern. Innerhalb -einer und derselben grossen Gruppe werden die neueren und höher -vervollkommneten Untergruppen immer bestrebt seyn, durch Verzweigung -und durch Besetzung von möglichst vielen Stellen im Staate der Natur -die früheren und minder vervollkommneten Untergruppen allmählich zu -verdrängen. Kleine und unterbrochene Gruppen und Untergruppen neigen -sich immer mehr dem gänzlichen Verschwinden zu. In Bezug auf die -Zukunft kann man vorhersagen, dass diejenigen Gruppen organischer -Wesen, welche jetzt gross und siegreich und am wenigsten durchbrochen -sind, d. h. bis jetzt am wenigsten durch Erlöschung gelitten haben, -noch auf lange Zeit hinaus zunehmen werde. Welche Gruppen aber zuletzt -vorwalten werden, kann<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> niemand vorhersagen; denn wir wissen, dass -viele Gruppen von ehedem sehr ausgedehnter Entwickelung heutzutage -erloschen sind. Blicken wir noch weiter in die Zukunft hinaus, so -lässt sich voraussehen, dass in Folge der fortdauernden und steten -Zunahme der grossen Gruppen eine Menge kleiner gänzlich erlöschen -wird ohne abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und dass demgemäss -von den zu irgend einer Zeit lebenden Arten nur äusserst wenige ihre -Nachkommenschaft bis in eine ferne Zukunft erstrecken werden. Ich will -in dem Kapitel über Klassifikation auf diesen Gegenstand zurückkommen -und hier nur noch bemerken, dass nach der Ansicht, dass nur äusserst -wenige der ältesten Spezies uns Abkömmlinge hinterlassen haben und die -Abkömmlinge von einer und derselben Spezies heutzutage eine Klasse -bilden, uns begreiflich werden muss, warum es in jeder Hauptabtheilung -des Pflanzen- und Thier-Reiches nur sehr wenige Klassen gebe. Obwohl -indessen nur äusserst wenige der ältesten Arten noch jetzt lebende -veränderte Nachkommen hinterlassen haben, so mag doch die Erde in den -ältesten geologischen Zeit-Abschnitten eben so bevölkert gewesen seyn -mit zahlreichen Arten aus manchfaltigen Sippen, Familien, Ordnungen und -Klassen, wie heutigen Tages.</p> - -<p>Ein ausgezeichneter Naturforscher hat dagegen eingewendet, die -fortwährende Thätigkeit der Züchtung, mit Divergenz des Charakters -verbunden, müsse zu einer endlosen Menge von Arten-Formen führen. Was -die bloss unorganischen Bedingungen betrifft, so würde allerdings -wahrscheinlich eine genügende Anzahl von Arten allen erheblicheren -Verschiedenheiten von Wärme, Feuchtigkeit u. s. w. angepasst werden -können; ich nehme aber an, dass die Wechselbeziehungen der organischen -Wesen zu einander bei weitem die wichtigsten sind, und wenn die Zahl -der Arten in einer Gegend in Zunahme begriffen ist, so werden die -organischen Lebens-Bedingungen immer verwickelter werden. Anfänglich -scheint es daher wohl, als gebe es keine Grenze für den Betrag -nützlicher Differenzirung der Organisation und daher keine Grenze -für die Anzahl der möglicher Weise hervorzubringenden Arten. Es ist -uns nicht bekannt, dass selbst das<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> fruchtbarste Land-Gebiet mit -organischen Formen vollständig besetzt seye, da ja selbst am <i>Cap der -guten Hoffnung</i>, das eine so erstaunliche Arten-Zahl hervorbringt, -noch viele Europäische Pflanzen naturalisirt worden sind. Die Geologie -lehrt uns jedoch, dass wenigstens innerhalb der unermesslichen -Tertiär-Periode die Arten-Zahl der Konchylien und wahrscheinlich auch -der Säugthiere bis daher nicht vergrössert worden ist. Was hemmt nun -dieses Wachsthum der Arten-Zahl in’s Unendliche? Erstens muss der -Betrag des auf einem Gebiete unterhaltenen Lebens (ich meine damit -nicht die Zahl der spezifischen Formen) eine Grenze haben, da es ja -in so reichlichem Masse von physikalischen Bedingungen abhängt; wo -daher viele Arten erhalten werden müssen, da werden sie alle oder -meistens arm an Individuen seyn; und eine Art mit wenigen Individuen -wird in Gefahr seyn durch zufällige Schwankungen in der Beschaffenheit -der Jahres-Zeiten und in der Zahl ihrer Feinde zu erlöschen. Die -Austilgung wird in solchen Fällen rasch erfolgen, während neue Arten -immer nur langsam nachkommen. Man denke sich den äussersten Fall, es -gebe in <i>England</i> so viele Arten als Individuen, so wird der -erste strenge Winter oder trockne Sommer Tausende und Tausende von -Arten vertilgen, und Individuen von andern Arten werden ihre Stelle -einnehmen. Zweitens vermuthe ich, dass, wenn einige Arten sehr selten -werden, es in der Regel nicht nahe Verwandte seyn werden, welche -sie zu verdrängen streben; wenigstens haben einige Autoren gemeint, -dass Diess bei dem Rückgang des Auerochsen in <i>Lithauen</i>, des -Edelhirschs in <i>Schottland</i> und des Bären in <i>Norwegen</i> in -Betracht komme. Drittens, was die Thiere im Besondern betrifft, so sind -einige Arten ganz dazu gemacht, sich von irgend einem andern Wesen zu -nähren; wenn dieses aber selten geworden, so wird es nicht zum Vortheil -jener Thiere seyn, dass sie in so enger Beziehung zu einer Nahrung -gestanden, und sie werden nicht mehr durch Natürliche Züchtung vermehrt -werden. Viertens, wenn irgend welche Arten arm an Individuen werden, -so wird der Vorgang der Umbildung langsamer seyn, weil die Möglichkeit -vortheilhafter Abänderung verringert ist. Wenn wir daher eine von -sehr vielen Arten bewohnte<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Gegend annehmen, so müssen alle oder die -meisten Arten arm an Individuen seyn und wird demnach der Prozess der -Umänderung und Bildung neuer Formen verzögert werden. Fünftens, und wie -ich glaube, ist Diess der wichtigste Punkt, wird eine herrschende Art, -welche schon viele Mitbewerber in ihrer eignen Heimath verdrängt hat, -sich auszubreiten und noch viele andre zu ersetzen streben. A<span class="smaller">LPHONS</span> -D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hat nachgewiesen, dass diejenigen Arten, welche sich -weit verbreiten, gewöhnlich streben sich <em class="gesperrt">sehr</em> weit auszubreiten; -sie werden folglich mehre andre in verschiedenen Gegenden auszutilgen -streben; und Diess hemmt die ungeordnete Zunahme von Arten-Formen auf -der ganzen Erd-Oberfläche. H<span class="smaller">OOKER</span> hat neuerlich gezeigt, dass -in der südöstlichen Ecke <i>Australiens</i>, wo es viele Einwanderer -aus allerlei Weltgegenden zu geben scheint, die eigenthümlich -Australischen Arten an Menge sehr abgenommen haben. Ich wage nicht zu -bestimmen, wie viel Gewicht diesen mancherlei Ursachen beizulegen seye; -aber ich glaube, dass sie alle zusammen genommen in jeder Gegend das -Streben nach unendlicher Vermehrung der Arten-Formen beschränken müssen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Über die Stufe, bis zu welcher die Organisation sich zu erheben -strebt.</em>) Natürliche Züchtung wirkt, wie wir gesehen haben, -ausschliesslich durch Erhaltung und Zusammensparung solcher leichten -Abweichungen, welche dem Geschöpfe, das sie betreffen, unter den -organischen und unorganischen Bedingungen des Lebens, von welchen es -in aufeinanderfolgenden Perioden abhängig ist, nützlich sind. Das -Endergebniss wird seyn, dass jedes Geschöpf einer immer grösseren -Verbesserung den Lebens-Bedingungen gegenüber entgegenstrebt. Diese -Verbesserung dürfte unvermeidlich zu der stufenweisen Vervollkommnung -der Organisation der Mehrzahl der über die ganze Erd-Oberfläche -verbreiteten Wesen führen. Doch kommen wir hier auf einen sehr -schwierigen Gegenstand, indem noch kein Naturforscher eine allgemein -befriedigende Definition davon gegeben hat, was unter Vervollkommnung -der Organisation zu verstehen seye. Bei den Wirbelthieren kommt deren -geistige Befähigung und Annäherung an den Körper-Bau des Menschen -offenbar mit in Betracht. Man<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> möchte glauben, dass die Grösse der -Veränderungen, welche die verschiedenen Theile und Organe während ihrer -Entwickelung vom Embryo-Zustande an bis zum reifen Alter zu durchlaufen -haben, als ein Anhalt bei der Vergleichung dienen könne; doch kommen -Fälle vor, wie bei gewissen parasitischen Krustern, wo mehre Theile des -Körper-Baues unvollkommener und sogar monströs werden, so dass man das -reife Thier nicht vollkommener als seine Larve nennen kann. V<span class="smaller">ON</span> -B<span class="smaller">AER</span>’<span class="smaller">S</span> Maasstab scheint noch der beste und allgemeinst anwendbare -zu seyn, nämlich das Maass der Differenzirung der verschiedenen Theile -(„im reifen Alter“ dürfte wohl beizusetzen seyn) und ihre Anpassung -zu verschiedenen Verrichtungen, oder die Vollständigkeit der Theilung -in die physiologische Arbeit, wie M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> sagen würde. -Wir werden aber leicht ersehen, wie schwierig die wirkliche Anwendung -jenes Kriteriums ist, wenn wir wahrnehmen, dass bei den Fischen z. B. -die Haie von einem Theile der Naturforscher als die vollkommensten -angesehen werden, weil sie den Reptilien am nächsten stehen, während -andre den gewöhnlichen Knochen-Fischen (Teleosti) die erste Stelle -anweisen, weil sie die ausgebildetste Fisch-Form haben und am meisten -von allen andern Vertebraten abweichen<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. Noch deutlicher erkennen -wir die Schwierigkeit, wenn wir uns zu den Pflanzen wenden, wo der -von geistiger Befähigung hergenommene Maasstab ganz wegfällt; und -hier stellen einige Botaniker diejenigen Pflanzen am höchsten, welche -sämmtliche Organe, wie Kelch- und Kronen-Blätter, Staubfäden und -Staubwege in jeder Blüthe vollständig entwickelt besitzen, während -Andre wohl mit mehr Recht jene für die vollkommensten erachten, deren -verschiedenen Organe stärker metamorphosirt und auf geringere Zahlen -zurückgeführt sind.</p> - -<p>Nehmen wir die Differenzirung und Spezialisirung der einzelnen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Organe -als den besten Maasstab der organischen Vollkommenheit der Wesen -im ausgewachsenen Zustande an (was mithin auch die fortschreitende -Entwickelung des Gehirnes für die geistigen Zwecke mit in sich -begreift), so muss die Natürliche Züchtung offenbar zur Vervollkommnung -führen; denn alle Physiologen geben zu, dass die Spezialisirung -seiner Organe, insoferne sie in diesem Zustande ihre Aufgaben besser -erfüllen, für jeden Organismus von Vortheil ist; und daher liegt -Häufung der zur Spezialisirung führenden Abänderungen im Zwecke -der Natürlichen Züchtung. Auf der andern Seite ist es aber auch, -unter Berücksichtigung, dass alle organischen Wesen sich in raschem -Verhältnisse zu vervielfältigen und jeden schlecht besetzten Platz im -Hausstande der Natur einzunehmen streben, der Natürlichen Züchtung wohl -möglich, ein organisches Wesen solchen Verhältnissen anzupassen, wo -ihnen manche Organe nutzlos und überflüssig sind, und dann findet ein -Rückschritt auf der Stufenleiter der Organisation (eine rückschreitende -Metamorphose) statt. Ob die Organisation im Ganzen seit den frühesten -geologischen Zeiten bis jetzt fortgeschritten seye, wird zweckmässiger -in unserem Kampf über die geologische Aufeinanderfolge der Wesen zu -erörtern seyn.</p> - -<p>Dagegen kann man einwenden, wie es denn komme, dass, wenn alle -organischen Wesen von Anfang her fortwährend bestrebt gewesen -sind, höher auf der Stufenleiter emporzusteigen, auf der ganzen -Erd-Oberfläche noch eine Menge der unvollkommensten Wesen vorhanden -sind, und dass in jeder grossen Klasse einige Formen viel höher -als die andern entwickelt sind? Und warum haben diese viel höher -ausgebildeten Formen nicht schon überall die minder vollkommenen -ersetzt und vertilgt? L<span class="smaller">AMARCK</span>, der an eine angeborene und -unumgängliche Neigung zur Vervollkommnung in allen Organismen glaubte, -scheint diese Schwierigkeit so sehr gefühlt zu haben, dass er sich zur -Annahme veranlasst sah, einfache Formen würden überall und fortwährend -durch Generatio spontanea neu erzeugt. Ich habe kaum nöthig zu sagen, -dass die Wissenschaft auf ihrer jetzigen Stufe die Annahme, dass -lebende Geschöpfe jetzt irgendwo aus unorganischer<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Materie erzeugt -werden, keineswegs gestattet. Nach meiner Theorie dagegen bietet -das gegenwärtige Vorhandenseyn niedrig organisirter Thiere keine -Schwierigkeit dar; denn die Natürliche Züchtung schliesst denn doch -kein nothwendiges und allgemeines Gesetz fortschreitender Entwickelung -ein; sie benützt nur solche Abänderungen, die für jedes Wesen in seinen -verwickelten Lebens-Beziehungen vortheilhaft sind. Und nun kann man -fragen, welchen Vortheil (so weit wir urtheilen können) ein Infusorium, -ein Eingeweidewurm, oder selbst ein Regenwurm davon haben könne, hoch -organisirt zu seyn? Haben sie keinen Vortheil davon, so werden sie auch -durch Natürliche Züchtung wenig oder gar nicht vervollkommnet werden -und mithin für unendliche Zeiten auf ihrer tiefen Organisations-Stufe -stehen bleiben. In der That lehrt uns die Geologie, dass einige der -tiefsten Formen von Infusorien und Rhizopoden schon seit unermesslichen -Zeiten nahezu auf ihrer jetzigen Stufe stehen. Demungeachtet möchte -es voreilig seyn anzunehmen, dass einige der jetzt vorhandenen -niedrigen Lebenformen seit den ersten Zeiten ihres Daseyns keinerlei -Vervollkommnung erfahren hätten; denn jeder Naturforscher, der je -welche von diesen Organismen zergliedert hat, welche jetzt als die -niedrigsten auf der Stufenleiter der Natur gelten, muss oft über deren -wunderbare und herrliche Organisation erstaunt gewesen seyn.</p> - -<p>Nahezu dieselben Bemerkungen lassen sich hinsichtlich der grossen -Verschiedenheit zwischen den Graden der Organisations-Höhe innerhalb -fast jeder grossen Klasse mit Ausnahme jedoch der Vögel machen; -so hinsichtlich des Zusammenstehens von Säugthieren und Fischen -bei den Wirbelthieren, oder von Mensch und Ornithorhynchus bei den -Säugethieren, von Hai und Amphioxus bei den Fischen, indem dieser -letzte Fisch in der äussersten Einfachheit seiner Organisation den -Wirbel-losen Thieren ganz nahe kommt. Aber Säugthiere und Fische -gerathen kaum in Mitbewerbung miteinander; die hohe Stellung gewisser -Säugthiere oder auch der ganzen Klasse auf der obersten Stufe der -Organisation treibt sie nicht die Stelle der Fische einzunehmen und -diese zu unterdrücken. Die Physiologen glauben, das Gehirn<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> müsse mit -warmem Blute gebadet werden, um seine höchste Thätigkeit zu entfalten, -und dazu ist Luft-Respiration nothwendig, so dass warm-blütige -Säugthiere, wenn sie das Wasser bewohnen, den Fischen gegenüber -sogar in gewissem Nachtheile sind. Eben so wird in dieser Klasse die -Familie der Haie wahrscheinlich nicht geneigt seyn, den Amphioxus zu -ersetzen; und dieser wird allem Anscheine nach seinen Kampf um’s Daseyn -mit Gliedern der Wirbel-losen Thier-Klassen auszumachen haben. Die -drei untersten Säugthier-Ordnungen, die Beutelthiere, die Zahnlosen -und die Nager bestehen in <i>Süd-Amerika</i> in einerlei Gegend -beisammen mit zahlreichen Affen. Obwohl die Organisation im Ganzen -auf der ganzen Erde in Zunahme begriffen seyn kann, so bildet die -Stufenleiter der Vollkommenheit doch noch alle Abstufungen dar; denn -die hohe Organisations-Stufe gewisser Klassen im Ganzen oder einzelner -Glieder dieser Klasse führen in keiner Weise nothwendig zum Erlöschen -derjenigen Gruppen, mit welchen sie nicht in nahe Bewerbung treten. -In einigen Fällen scheinen tief organisirte Formen, wie wir hernach -sehen werden, sich bis auf den heutigen Tag erhalten zu haben, weil sie -eigenthümliche abgesonderte Wohnorte ohne alle erhebliche Mitbewerbung -hatten, und wo auch sie selbst keine Fortschritte in der Organisation -machten, weil ihre eigne geringe Individuen-Zahl der Bildung neuer -vortheilhafter Abänderungen keinen Vorschub leistete.</p> - -<p>Endlich glaube ich, dass das Vorkommen zahlreicher niedrig -organisirter Formen aus allen Thier- und Pflanzen-Klassen über die -ganze Erd-Oberfläche von verschiedenen Ursachen herrühre. In einigen -Fällen mag es an vortheilhaften Abänderungen gefehlt haben, mit deren -Hilfe die Natürliche Züchtung zu wirken und veredeln vermocht hätte. -In keinem Falle vielleicht ist die Zeit ausreichend gewesen, um das -Höchste in möglichster Vervollkommnung zu leisten. In einigen wenigen -Fällen kann auch sogenannte „rückschreitende Organisation“ eingetreten -seyn. Aber die Hauptsache liegt in dem Umstande, dass unter sehr -einfachen Lebens-Bedingungen eine hohe Organisation ohne Nutzen, -sondern vielleicht sogar nachtheilig seyn kann, weil sie zarter, -empfindlicher und leichter zu beschädigen ist.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> - -<p>Eine weitere Schwierigkeit, welche der so eben besprochenen gerade -entgegengesetzt ist, ergibt sich noch, wenn wir auf die Morgenröthe des -Lebens zurückblicken, wo <em class="gesperrt">alle</em> organischen Wesen, nach unsrer -Vorstellung, noch die einfachste Struktur besassen: wie konnten da die -ersten Fortschritte in der Vervollkommnung, in der Differenzirung und -Spezialisirung der Organe beginnen? Ich vermag darauf keine genügende -Antwort zu geben, sondern nur zu sagen, dass wir nicht im Besitz -leitender Thatsachen sind, wesshalb alle unsre Spekulationen in dieser -Beziehung ohne Boden und ohne Nutzen sind. Es wäre jedoch ein Fehler zu -unterstellen, dass kein Kampf um’s Daseyn und mithin keine Natürliche -Zuchtwahl stattgefunden habe, bis es erst vielerlei Formen gegeben. -Abänderungen einer einzelnen Art auf einem abgesonderten Standorte -mögen vortheilhaft gewesen seyn und durch ihre Erhaltung entweder die -ganze Masse von Individuen umgestaltet oder die Entstehung zweier -verschiedenen Formen vermittelt haben. Doch ich muss auf Dasjenige -zurückkommen, was ich schon am Ende der Einleitung ausgesprochen, -dass sich nämlich Niemand wundern darf, wenn jetzt noch vieles in der -Entstehung der Arten unerklärt bleiben muss, da wir in gänzlicher -Unwissenheit über die Wechselbeziehungen der Erdbewohner während so -vieler verflossenen Perioden ihrer Geschichte sind.</p> - -<p>Es wird hier der geeignetste Ort seyn, auf verschiedene Einreden zu -antworten, die man gegen meine Anschauungs-Weise erhoben hat, indem -das Folgende durch ihre vorgängige Erörterung klarer werden wird. -Man hat hervorgehoben, dass, da keine der seit 3000 Jahren bekannten -Pflanzen- und Thier-Arten Ägyptens in der Zwischenzeit sich verändert -habe, solche Veränderungen wahrscheinlich auch in anderen Welttheilen -nicht erfolgt seyen. Die vielen Thier-Arten, welche seit dem Beginne -der Eis-Zeit unverändert geblieben, bieten eine noch weit triftigere -Einrede dar, indem dieselben einem grossen Klima-Wechsel ausgesetzt -gewesen und über grosse Erd-Strecken zu wandern genöthigt waren, -während in Ägypten die Lebens-Bedingungen in den letzten 3000 Jahren -durchaus die nämlichen blieben.<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Diese von der Eis-Zeit entliehene -Thatsache kann Denjenigen entgegengestellt werden, welche an das Daseyn -eines den Organismen angeborenen Gesetzes nothwendiger Fortentwickelung -glauben, vermag aber nichts gegen die Lehre von der Natürlichen -Züchtung zu beweisen, welche nur verlangt, dass gelegentlich -entstandene Abänderungen einer Spezies unter günstigen Bedingungen -erhalten werden. Es fragt daher Mr. F<span class="smaller">AWCETT</span> ganz richtig, was -man wohl von einem Menschen denken würde, welcher behauptete, dass, -weil der <i>Montblanc</i> und die übrigen Alpen-Gipfel seit 3000 Jahren -genau dieselbe Höhe wie jetzt einnahmen, sie sich niemals langsam -gehoben haben, und dass demnach auch die Höhe andrer Gebirge in anderen -Weltgegenden neuerlich keine Veränderung erfahren haben können.</p> - -<p>Man hat mir ferner eingewendet, wenn die Natürliche Züchtung so -gewaltig seye, wie es denn komme, dass nicht dieses oder jenes Organ -in neuerer Zeit verändert oder verbessert worden seye? warum sich -nicht der Rüssel der Honigbiene so weit verlängert habe, um auch den -Nektar im Grunde der rothen Kleeblüthe zu erreichen? warum der Strauss -nicht Flug-Vermögen erlangt habe? Aber angenommen, dass diese Organe -in der Lage waren in der gehörigen Richtung zu variiren, angenommen, -dass trotz Zwischenpaarung und Neigung zur Rückkehr die Zeit für das -langsame Werk der Natürlichen Züchtung genügt habe, wer vermag dann -zu behaupten, dass er die Naturgeschichte irgend eines organischen -Wesens genügend kenne, welche besondere Veränderung ihm zum Vortheil -gereichen würde? Können wir z. B. mit Gewissheit sagen, dass ein langer -Rüssel nicht der Honigbiene beim Aussaugen des Honigs aus so vielen -andern von ihr besuchten Blüthen hinderlich werden würde? Können wir -behaupten, dass nicht ein längerer Rüssel auch eine Vergrösserung -andrer Mund-Theile erheischen würde, die mit ihrer Verwendung zum -feineren Zellen-Bau im Widerspruch stände? Was den Strauss betrifft, -so lässt sich alsbald einsehen, dass dieser Vogel der Wüste eine -ausserordentliche Zulage zu seiner täglichen Futter-Ration nöthig haben -würde, um seinen grossen und schweren<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Körper durch die Luft zu tragen. -Doch sind Einwände solcher Art kaum einer Widerlegung werth.</p> - -<p>Der ersten Deutschen Übersetzung meines Buches hat Professor -B<span class="smaller">RONN</span> einige Zusätze einverleibt, theils Einreden und -theils Bemerkungen zu Gunsten meiner Ansicht. Unter den ersten sind -einige nicht wesentlicher Art, andere beruhen auf Missverständniss, -und noch andere sind nur da und dort in dem Buche eingestreut. In -der irrthümlichen Voraussetzung, dass alle Arten einer Gegend einer -gleichzeitigen Veränderung unterworfen seyn sollen<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>, fragt er -mit Recht, wie es denn komme, dass nicht alle Leben-Formen eine -immer schwankende unentwirrbare Masse bilden? Für unsere Theorie -aber genügt es schon, wenn nur einige wenige Formen zu gleicher -Zeit abändern, und es wird nicht Viele geben, die Diess läugnen. Er -fragt ferner, wie ist es möglich, dass eine Varietät in zahlreichen -Individuen unmittelbar neben der älterlichen Art soll leben können, -da ja die Individuen dieser Varietät auf dem Wege durch alle ihre -vielzähligen Entwickelungs-Stufen hindurch sich beständig wieder mit -der urälterlichen Stamm-Form mischen und neue Zwischenglieder bilden -und endlich wohl die reine Stamm-Form selbst verdrängen mussten, statt -dass beide ohne Vermittelung neben einander fortleben? Wenn Varietät -und Stamm-Art zu einer etwas verschiedenen Lebens-Weise geschickt -geworden sind, so mögen sie wohl miteinander leben können; bei den -Thieren aber, die sich frei umher bewegen, scheinen die verschiedenen -Varietäten in der Regel auch wieder auf verschiedene Örtlichkeiten -beschränkt zu seyn. Ist es aber dann der Fall, dass Varietäten von -Pflanzen und niederen Thieren oft in Menge neben den älterlichen Formen -fortleben? Lässt man<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> die polymorphen Arten bei Seite, deren zahllosen -Abänderungen weder vortheilhaft noch nachtheilig zu seyn scheinen und -nie stet geworden sind, lässt man die zeitweisen Abänderungen wie -Albinos u. s. w. bei Seite, so scheinen mir die Varietäten und die -älterlichen Spezies gewöhnlich entweder verschiedene Standorte in Hoch- -und Flach-Land, auf trockenem oder nassem Boden zu haben oder ganz -verschiedene Regionen zu bewohnen.</p> - -<p>Mit Recht bemerkt B<span class="smaller">RONN</span> weiter, dass verschiedene Spezies -nicht in einem einzelnen, sondern in mehreren Charakteren zugleich von -einander abweichen, und er fragt, wie es komme, dass die Natürliche -Züchtung immer mehre Theile des Organismus ergreife. Wahrscheinlich -sind aber alle diese Abänderungen nicht gleichzeitig durchgeführt -worden und die unbekannten Gesetze der Correlation dürften gewiss -viele gleichzeitige Abänderungen erläutern oder selbst vollkommen -erklären[?]. Wir sehen dieselbe Erscheinung auch bei unseren -gezüchteten Rassen. Mögen sie auch nur in irgend einem einzelnen Organe -von den übrigen Rassen stark abweichen, immer werden doch andere -Theile der Organisation ebenfalls etwas abändern. B<span class="smaller">RONN</span> fragt -ferner in nachdrücklicher Weise, wie es aus der Natürlichen Züchtung -zu erklären, dass z. B. die verschiedenen (je einem Stamm-Vater von -unbekanntem Charakter entsprossenen) Arten von Ratten und Hasen längere -oder kürzere Schwänze, längere oder kürzere Ohren, ein helleres oder -dunkleres Fell u. s. w. besitzen, — oder dass eine Pflanzen-Art spitze -und die andere stumpfe Blätter besitze?<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> Ich kann keine bestimmte -Antwort auf solche Fragen geben, möchte aber wohl die Frage umkehren -und sagen: sollten diese Verschiedenheiten nach der Lehre von der -unabhängigen Schöpfung ohne irgend einen Zweck hergestellt worden -seyn? Sie sey vortheilhaft oder von der Correlation der Charaktere -abhängig, so könnten sie gewiss auch durch<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> die „Natürliche Erhaltung“ -solcher nützlichen oder in Correlation mit einander stehenden -Abänderungen gebildet werden. Ich glaube an die Lehre der Fortpflanzung -mit Modifikationen, wenn auch dieser oder jener eigenthümliche -Struktur-Wechsel unerklärlich bleibt, — weil diese Lehre, wie -sich aus unserem letzten Kapitel ergeben wird, viele allgemeine -Natur-Erscheinungen mit einander in Zusammenhang setzt und erklärt.</p> - -<p>Der treffliche Botaniker H. C. W<span class="smaller">ATSON</span> glaubt, ich habe die -Wichtigkeit des Princips der Divergenz der Charaktere (an welches -er jedoch selbst zu glauben scheint) überschätzt, und sagt, dass -auch die „Konvergenz der Charaktere“ mit in Betracht zu ziehen seye. -Das ist jedoch eine zu verwickelte Frage, als dass wir hier darauf -eingehen könnten. Ich will nur sagen, dass, wenn zwei Spezies von -zwei nahe verwandten Sippen eine Anzahl neuer divergenter Arten -hervorbringen, es wohl denkbar ist, dass auch einige darunter sich -von beiden Seiten so sehr einander nähern, dass man sie in eine neue -mittle Sippe zusammenstellen kann, in welcher also die zwei ersten -Genera konvergiren. In Folge des Erblichkeits-Princips ist es aber kaum -glaubbar, dass diese zwei Gruppen neuer Arten nicht wenigstens zwei -Abtheilungen in der neuen Sippe bilden werden.</p> - -<p>W<span class="smaller">ATSON</span> hat auch eingewendet, dass die fortwährende Thätigkeit -der Natürlichen Züchtung mit Divergenz der Charaktere zuletzt zu -einer unbegrenzten Anzahl von Arten-Formen führen müsse. Was jedoch -die unorganischen äusseren Lebens-Bedingungen betrifft, so ist es -wohl wahrscheinlich, dass sich bald eine genügende Anzahl von Species -allen erheblicheren Verschiedenheiten der Wärme, der Feuchtigkeit -u. s. w. angepasst haben würden; — doch gebe ich vollkommen zu, dass -die Wechselbeziehungen zwischen den organischen Wesen erheblicher -sind, und dass in dem Grade als die Arten der organisirten Bewohner -einer Gegend sich vermehren, auch die organischen Lebens-Bedingungen -verwickelter werden. Demgemäss scheint es dann beim ersten Anblick -keine Grenze für den Betrag nutzbarer Struktur-Vervielfältigung und -somit auch keine für die hervorzubringende Arten-Zahl zu geben. Wir -können nicht behaupten,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> dass selbst das reichlichst bevölkerte Gebiet -der Erd-Oberfläche vollständig mit Arten versorgt ist, indem selbst -am <i>Kap der guten Hoffnung</i> und in <i>Australien</i>, die eine -so erstaunliche Menge von Arten darbieten, noch viele Europäische -Arten naturalisirt werden. Die Geologie jedoch lehrt uns, dass -wenigstens in der ganzen unermesslich langen Tertiär-Periode die Zahl -der Weichthier- und wahrscheinlich auch der Säugthier-Arten<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> nicht -viel oder gar nicht vergrössert. Was ist es nun, das die unendliche -Zunahme der Arten-Zahl beeinträchtigt. Die Summe des Lebens (ich -meine nicht die der Arten-Formen) auf einer gegebenen Fläche muss -eine von den physikalischen Verhältnissen bedingte Grenze haben, so -dass, wenn dieselbe von sehr vielen Arten bewohnt ist, jede Art nur -durch wenige Individuen vertreten seyn kann und sich mithin in Gefahr -befindet schon durch eine zufällige Schwankung in der Natur der -Jahres-Zeiten oder in der Zahl ihrer Feinde zu Grunde zu gehen. Ein -solcher Vertilgungs-Prozess kann rasch von Statten gehen, während die -Neubildung der Arten nur langsam erfolgt. Nehmen wir den äussersten -Fall an, dass es in <i>England</i> eben so viele Arten als Individuen -gebe, so würde der erste strenge Winter oder trockene Sommer Tausende -und Tausende von Arten zu Grunde richten. Seltene Arten (und jede Art -wird selten werden, wenn die Arten-Zahl in einer Gegend ins Unendliche -wächst) werden nach dem oft entwickelten Principe in einem gegebenen -Zeitraume nur wenige vortheilhafte Abänderungen darbieten und mithin -nur langsam irgend welche neue Arten-Formen entwickeln können. Wird -eine Art sehr selten, so muss auch die Paarung unter nahen Verwandten -zu ihrer Vertilgung mitwirken; wenigstens haben einige Schriftsteller -diesen Umstand als Grund für das allmählige Aussterben des Auerochsen -in <i>Lithauen</i>, des Hirsches in <i>Schottland</i>, des Bären in -<i>Norwegen</i> u. s. w. angeführt<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>. Unter den Thieren sind manche -nur im Stande<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> von bloss einer Nahrungs-Art zu leben; wird aber diese -Kost nur selten, so ist die weitere Entwickelung der Organisation zur -Aneignung dieser Nahrung nicht mehr vortheilhaft und die Natürliche -Züchtung wird aufhören darauf hinzuwirken. Endlich (und Diess scheint -mir das Wichtigste zu seyn) wird eine herrschende Spezies, die bereits -viele Mitbewerber ihrer ersten Heimath überwunden, streben sich immer -weiter auszubreiten und andre zu ersetzen. A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> -hat gezeigt, dass diejenigen Arten, welche sich weit ausbreiten, -gewöhnlich nach sehr weiter Ausbreitung streben und daher in die Lage -kommen in verschiedenen Flächen-Gebieten verschiedene Mitbewerber zu -vertilgen und somit die ungeordnete Zunahme spezifischer Formen in -der Welt zu hemmen. Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> hat kürzlich nachgewiesen, -dass auf der Südost-Spitze <i>Australiens</i>, wo viele Eindringlinge -aus mancherlei Weltgegenden vorzukommen scheinen, die einheimischen -<i>Australischen</i> Arten sehr an Zahl abgenommen haben. Ich masse -mir nur nicht an zu fragen, welches Gewicht allen diesen Betrachtungen -beizulegen seye; doch müssen sie im Vereine miteinander jedenfalls -der Neigung zu einer unendlichen Vermehrung der Arten-Formen in jeder -Gegend eine Grenze setzen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des Kapitels.</em>) Wenn während einer langen Reihe -von Zeit-Perioden und unter veränderten äusseren Lebens-Bedingungen -die organischen Wesen in allen Theilen ihrer Organisation abändern, -was, wie ich glaube, nicht bestritten werden kann; wenn ferner wegen -ihres Vermögens geometrisch schneller Vermehrung alle Arten in jedem -Alter, zu jeder Jahreszeit und in jedem Jahr einen ernsten Kampf um ihr -Daseyn zu kämpfen haben, was sicher nicht zu läugnen ist: dann meine -ich im Hinblick auf die unendliche Verwickelung der Beziehungen aller -organischen Wesen zu einander und zu den äusseren Lebens-Bedingungen, -welche eine endlose Verschiedenheit angemessener Organisationen, -Konstitutionen und Lebensweisen erheischen, dass es ein ganz -ausserordentlicher Zufall<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> seyn würde, wenn nicht jeweils auch eine -zu eines jeden Wesens eigner Wohlfahrt dienende Abänderung vorkäme, -wie deren so viele vorgekommen, die dem Menschen vortheilhaft waren. -Wenn aber solche für ein organisches Wesen nützliche Abänderungen -wirklich vorkommen, so werden sicherlich die dadurch bezeichneten -Individuen die meiste Aussicht haben, den Kampf um’s Daseyn zu -bestehen, und nach dem mächtigen Prinzip der Erblichkeit in ähnlicher -Weise ausgezeichnete Nachkommen zu bilden streben. Diess Prinzip der -Erhaltung habe ich der Kürze wegen Natürliche Züchtung genannt; es -führt zur Vervollkommnung eines jeden Geschöpfes seinen organischen -und unorganischen Lebens-Bedingungen gegenüber und mithin auch in den -meisten Fällen zu einer Vervollkommnung ihrer Organisation an und für -sich. Demungeachtet können tiefer-stehende und einfachere Formen lange -ausdauern, wenn sie ihren einfacheren Lebens-Bedingungen gut angepasst -sind. Die Natürliche Züchtung kann nach dem Prinzip der Vererbung einer -Eigenschaft in entsprechenden Altern eben sowohl das Ei und den Saamen -oder das Junge wie das Erwachsene abändern machen. Bei vielen Thieren -unterstützt geschlechtliche Auswahl noch die gewöhnliche Züchtung, -indem sie den kräftigsten und geeignetesten Männchen die zahlreichste -Nachkommenschaft sichert. Geschlechtliche Auswahl vermag auch solche -Charaktere zu verleihen, welche den künftigen Männchen allein in -ihren Kämpfen mit Männchen von gewöhnlicher Beschaffenheit den Sieg -verschaffen.</p> - -<p>Ob nun aber die Natürliche Züchtung zur Abänderung und Anpassung der -verschiedenen Lebenformen an die mancherlei äusseren Bedingungen und -Stationen wirklich mitgewirkt habe, muss nach Erwägung des Werthes der -in den folgenden Kapiteln zu liefernden Beweise beurtheilt werden. Doch -erkennen wir bereits, dass dieselbe auch Austilgung verursache, und -die Geologie macht uns klar, in welch’ ausgedehntem Grade Austilgung -bereits in die Geschichte der organischen Welt eingegriffen habe. Auch -führt Natürliche Züchtung zur Divergenz des Charakters; denn je mehr -die Wesen in Organisation, organischer Thätigkeit und Lebensweise -abändern, desto mehr derselben können auf<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> einer gegebenen Fläche -neben einander bestehen, — wovon man die Beweise bei Betrachtung der -Bewohner eines kleinen Land-Flecks oder der naturalisirten Erzeugnisse -finden kann. Je mehr daher während der Umänderung der Nachkommen einer -Art und während des beständigen Kampfes aller Arten um Vermehrung ihrer -Individuen jene Nachkommen differenzirt werden, desto besser ist ihre -Aussicht auf Erfolg im Ringen um’s Daseyn. Auf diese Weise streben die -kleinen Verschiedenheiten zwischen den Varietäten einer Spezies stets -grösser zu werden, bis sie den grösseren Verschiedenheiten zwischen -den Arten einer Sippe oder selbst zwischen verschiedenen Sippen gleich -kommen.</p> - -<p>Wir haben gesehen, dass es die gemeinen, die weit verbreiteten und -allerwärts zerstreuten Arten grosser Sippen in jeder Klasse sind, die -am meisten abändern, und diese streben auf ihre abgeänderten Nachkommen -dieselbe Überlegenheit zu vererben, welche sie jetzt in ihrer -Heimath-Gegend zur herrschenden machen. Natürliche Züchtung führt, wie -so eben bemerkt worden, zur Divergenz des Charakters und zu starker -Austilgung der minder vollkommnen und der mitteln Lebenformen. Aus -diesen Prinzipien lassen sich die Natur der Verwandtschaften und die im -Allgemeinen deutliche Verschiedenheit der Organischen Wesen aus jeder -Klasse auf der ganzen Erd-Oberfläche erklären. Es ist eine wirklich -wunderbare Thatsache, obwohl wir das Wunder aus Vertrautheit damit zu -übersehen pflegen, dass Thiere und Pflanzen zu allen Zeiten und überall -so miteinander verwandt sind, dass sie in Untergruppen abgetheilte -Gruppen bilden, so dass nämlich, wie wir allerwärts erkennen, -Varietäten einer Art einander am nächsten stehen, dass Arten einer -Sippe weniger und ungleiche Verwandtschaft zeigen und Untersippen und -Sektionen bilden, dass Arten verschiedener Sippen einander noch weniger -nahe stehen, und dass Sippen mit verschiedenen Verwandtschafts-Graden -zu einander Unterfamilien, Familien, Ordnungen, Unterklassen und -Klassen zusammensetzen. Die verschiedenen einer Klasse untergeordneten -Gruppen können nicht in eine Linie aneinander gereihet werden, sondern -scheinen vielmehr um gewisse Punkte geschaart und diese wieder um -andre Mittelpunkte gesammelt zu<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> seyn, und so weiter in fast endlosen -Kreisen. Aus der Ansicht, dass jede Art unabhängig von der andern -geschaffen worden seye, kann ich keine Erklärung dieser wichtigen -Thatsache in der Klassifikation aller organischen Wesen entnehmen; -sie ist aber nach meiner vollkommensten Überzeugung erklärlich aus -der Erblichkeit und aus der zusammengesetzten Wirkungs-Weise der -Natürlichen Züchtung, welche Austilgung der Formen und Divergenz der -Charaktere verursacht, wie mit Hilfe bildlicher Darstellung (zu <a href="#Seite_131">Seite -131</a>) gezeigt worden ist.</p> - -<p>Die Verwandtschaften aller Wesen einer Klasse zu einander sind manchmal -in Form eines grossen Baumes dargestellt worden. Ich glaube, dieses -Bild entspricht sehr der Wahrheit. Die grünen und knospenden Zweige -stellen die jetzigen Arten, und die in jedem vorangehenden Jahre -entstandenen die lange Aufeinanderfolge erloschener Arten vor. In jeder -Wachsthums-Periode haben alle wachsenden Zweige nach allen Seiten -hinaus zu treiben und die umgebenden Zweige und Äste zu überwachsen und -zu unterdrücken gestrebt, ganz so wie Arten und Arten-Gruppen andre -Arten in dem grossen Kampfe um’s Daseyn zu überwältigen suchen. Die -grossen in Zweige getheilten und unterabgetheilten Äste waren zur Zeit, -wo der Stamm noch jung, selbst knospende Zweige gewesen; und diese -Verbindung der früheren mit den jetzigen Knospen durch unterabgetheilte -Zweige mag ganz wohl die Klassifikation aller erloschenen und lebenden -Arten in Gruppen und Untergruppen darstellen. Von den vielen Zweigen, -die sich entwickelten, als der Baum noch ein Busch gewesen, leben -nur noch zwei oder drei, die jetzt als mächtige Äste alle anderen -Verzweigungen abgeben; und so haben von den Arten, welche in längst -vergangenen geologischen Zeiten gelebt, nur sehr wenige noch lebende -und abgeänderte Nachkommen. Von der ersten Entwickelung eines Stammes -an ist mancher Ast und mancher Zweig verdürrt und verschwunden, und -diese verlorenen Äste von verschiedener Grösse mögen jene ganzen -Ordnungen, Familien und Sippen vorstellen, welche, uns nur im fossilen -Zustande bekannt, keine lebenden Vertreter mehr haben. Wie wir hier -und da einen vereinzelten dünnen Zweig aus einer<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Gabel tief unten -am Stamme hervorkommen sehen, welcher durch Zufall begünstigt an -seiner Spitze noch fortlebt, so sehen wir zuweilen ein Thier, wie -Ornithorhynchus oder Lepidosiren, das durch seine Verwandtschaften -gewissermassen zwei grosse Zweige der Lebenwelt, zwischen denen es in -der Mitte steht, mit einander verbindet und vor einer verderblichen -Mitwerberschaft offenbar dadurch gerettet worden ist, dass es irgend -eine geschützte Station bewohnte. Wie Knospen bei ihrer Entwicklung -neue Knospen hervorbringen und, wie auch diese wieder, wenn sie -kräftig sind, nach allen Seiten ausragen und viele schwächere -Zweige überwachsen, so ist es, wie ich glaube, durch Generation mit -dem grossen Baume des Lebens ergangen, der mit seinen todten und -heruntergebrochenen Ästen die Erd-Rinde erfüllt, und mit seinen -herrlichen und sich noch immer weiter theilenden Verzweigungen ihre -Oberfläche bekleidet.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br /> - -<b>Gesetze der Abänderung.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Wirkungen äusserer Bedingungen. — Gebrauch und Nichtgebrauch -der Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; — Flieg- -und Seh-Organe. — Akklimatisirung. — Wechselbeziehungen des -Wachsthums. — Kompensation und Ökonomie der Entwickelung. — Falsche -Wechselbeziehungen. — Vielfache, rudimentäre und wenig entwickelte -Organisationen sind veränderlich. — In ungewöhnlicher Weise -entwickelte Theile sind sehr veränderlich; — spezifische mehr als -Sippen-Charaktere. — Sekundäre Geschlechts-Charaktere veränderlich. -— Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf analoge Weise. — -Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. — Summarium.</p> - -<p>Ich habe bisher von den Abänderungen — die so gemein und manchfaltig -im Kultur-Stande der Organismen und in etwas minderem Grade häufig -in der freien Natur sind — zuweilen so gesprochen, als ob dieselben -vom Zufall veranlasst wären. Diess ist aber eine ganz unrichtige -Ausdrucks-Weise, welche nur geeignet ist unsre gänzliche Unwissenheit -über die Ursache jeder besonderen Abweichung zu beurkunden. Einige -Schriftsteller<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> sehen es mehr als die Aufgabe des Reproduktiv-Systemes -an, individuelle Verschiedenheiten oder ganz leichte Abweichungen des -Baues hervorzubringen, als das Kind den Ältern gleich zu machen. Aber -die viel grössere Veränderlichkeit sowohl als die viel häufigeren -Monstrositäten der der Kultur unterworfenen Organismen leiten mich -zur Annahme, dass Abweichungen der Struktur in irgend einer Weise -von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen, welchen die -Ältern und deren Vorfahren mehre Generationen lang ausgesetzt gewesen -sind, abhängen. Ich habe im ersten Kapitel die Bemerkung gemacht — -doch würde ein langes Verzeichniss von Thatsachen, welches hier nicht -gegeben werden kann, dazu nöthig seyn, die Wahrheit dieser Bemerkung -zu beweisen —, dass das Reproduktiv-System für Veränderungen in -den äussern Lebens-Bedingungen äusserst empfindlich ist; daher ich -dessen funktionellen Störungen in den Ältern hauptsächlich die -veränderliche oder bildsame Beschaffenheit ihrer Nachkommenschaft -zuschreibe. Die männlichen und weiblichen Elemente der Organisation -scheinen davon schon berührt zu seyn vor deren Vereinigung zur -Bildung neuer Abkömmlinge der Spezies. Was die Spielpflanzen (<a href="#Seite_15">S. 15</a>) -anbelangt, so wird die Knospe allein betroffen, die auf ihrer ersten -Entwickelungs-Stufe von einem Ei’chen nicht sehr wesentlich verschieden -ist. Dagegen sind wir in gänzlicher Unwissenheit darüber, wie es komme, -dass durch Störung des Reproduktiv-Systems dieser oder jener Theil mehr -oder weniger als ein andrer berührt werde. Demungeachtet gelingt es uns -hier und da einen schwachen Lichtstrahl aufzufangen, und wir halten uns -überzeugt, dass es für jede Abänderung irgend eine, wenn auch geringe -Ursache geben müsse.</p> - -<p>Wie viel unmittelbaren Einfluss Verschiedenheiten in Klima, Nahrung -u. s. w. auf irgend ein Wesen auszuüben vermöge, ist äusserst -zweifelhaft. Ich bin überzeugt, dass bei Thieren die Wirkung äusserst -gering, bei Pflanzen vielleicht etwas grösser seye. Man kann wenigstens -mit Sicherheit sagen, dass diese Einflüsse nicht die vielen trefflichen -und zusammengesetzten Anpassungen der Organisation eines Wesens ans -andre hervorgebracht<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> haben können, welche wir in der Natur überall -erblicken. Einige kleine Wirkungen mag man dem Klima, der Nahrung -u. s. w. zuschreiben, wie z. B. E<span class="smaller">DUARD</span> F<span class="smaller">ORBES</span> sich mit -Bestimmtheit darüber ausspricht, dass eine Konchylien-Art in wärmeren -Gegenden und seichtem Wasser glänzendere Farben als in ihren kälteren -Verbreitungs-Bezirken annehmen kann. G<span class="smaller">OULD</span> glaubt, dass Vögel -derselben Art in einer stets heiteren Atmosphäre glänzender gefärbt -sind, als auf einer Insel oder an der Küste<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>. So glaubt auch -W<span class="smaller">OLLASTON</span>, dass der Aufenthalt in der Nähe des Meeres die -Farben der Insekten angreife. M<span class="smaller">OQUIN</span>-T<span class="smaller">ANDON</span> gibt eine Liste -von Pflanzen, welche an der See-Küste mehr und weniger fleischige -Blätter bekommen, wenn sie auch landeinwärts nicht fleischig sind. Und -so liessen sich noch manche ähnliche Beispiele anführen.</p> - -<p>Die Thatsache, dass Varietäten einer Art, wenn sie in die -Verbreitungs-Zone einer andern Art hinüberreichen, in geringem Grade -etwas von deren Charakteren annehmen, stimmt mit unsrer Ansicht -überein, dass Spezies aller Art nur ausgeprägtere bleibende Varietäten -sind. So haben die Konchylien-Arten seichter tropischer Meeres-Gegenden -gewöhnlich glänzendere Farben als die in tiefen und kalten Gewässern -wohnenden. So sind die Vögel-Arten der Binnenländer nach G<span class="smaller">OULD</span> -lebhafter als die der Inseln gefärbt. So sind die Insekten-Arten, -welche auf die Küsten beschränkt sind, oft Bronze-artig und trüb von -Aussehen wie jeder Sammler weiss. Pflanzen-Arten, welche nur längs dem -Meere fortkommen, sind sehr oft mit fleischigen Blättern versehen. Wer -an die besondere Erschaffung einer jeden einzelnen Spezies glaubt, wird -daher sagen müssen, dass z. B. diese Konchylien für ein wärmeres Meer -mit glänzenderen Farben geschaffen worden sind, während jene andern die -lebhaftere Färbung erst durch Abänderung angenommen haben, als sie in -die seichteren und wärmeren Gewässer übersiedelten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> - -<p>Wenn eine Abänderung für ein Wesen von geringstem Nutzen ist, vermögen -wir nicht zu sagen, wie viel davon von der häufenden Thätigkeit -der Natürlichen Züchtung und wie viel von dem Einfluss äusserer -Lebens-Bedingungen herzuleiten ist. So ist es den Pelz-Händlern wohl -bekannt, dass Thiere einer Art um so dichtere und bessere Pelze -besitzen, in je kälterem Klima sie gelebt haben. Aber wer vermöchte -zu sagen, wie viel von diesem Unterschied davon herrühre, dass die -am wärmsten gekleideten Einzelwesen durch Natürliche Züchtung viele -Generationen hindurch begünstigt und erhalten worden sind, und wie viel -von dem direkten Einflusse des strengen Klimas? Denn es scheint wohl, -dass das Klima einige unmittelbare Wirkung auf die Beschaffenheit des -Haares unserer Hausthiere ausübe.</p> - -<p>Man kann Beispiele anführen, dass dieselbe Varietät unter den -aller-verschiedensten Lebens-Bedingungen entstanden ist, während -andrerseits verschiedene Varietäten einer Spezies unter gleichen -Bedingungen zum Vorschein kommen<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>. Diese Thatsachen zeigen, wie -mittelbar die Lebens-Bedingungen wirken. So sind jedem Naturforscher -auch zahllose Beispiele von sich ächt erhaltenden Arten ohne alle -Varietäten bekannt, obwohl dieselben in den entgegengesetztesten -Klimaten leben. Derartige Betrachtungen veranlassen mich, nur ein sehr -geringes Gewicht auf den direkten Einfluss der Lebens-Bedingungen -zu legen. Indirekt scheinen sie, wie schon gesagt worden, einen -wichtigen Antheil an der Störung des Reproduktiv-Systemes zu nehmen -und hiedurch Veränderlichkeit herbeizuführen, und Natürliche -Züchtung spart dann alle nützliche wenn auch geringe Abänderung -zusammen, bis solche vollständig entwickelt und für uns wahrnehmbar -wird. In einem weiter ausgeholten Sinne kann man sagen, dass die -Lebens-Bedingungen nicht allein Veränderlichkeit, sondern auch -Natürliche Züchtung einschliessen; denn es hängt von der Natur der -Lebens-Bedingungen ab, ob diese oder jene Varietät aufkommen kann. -Wir ersehen aber aus dem Züchtungs-Verfahren der Menschen, dass diese -zwei Elemente der Veränderung<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> wesentlich von einander verschieden -sind; die Lebens-Bedingungen im Zustande der Domestizität verursachen -Veränderlichkeit und der Wille des Menschen häuft bewusst oder -unbewusst wirkend die Abänderung in diesen oder jenen bestimmten -Richtungen an.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch.</em>) Die im ersten -Kapitel angeführten Thatsachen lassen wenig Zweifel bei unseren -Hausthieren übrig, dass Gebrauch gewisse Theile stärke und ausdehne und -Nichtgebrauch sie schwäche, und dass solche Abänderungen vererblich -sind. In der freien Natur hat man keinen Massstab zur Vergleichung der -Wirkungen lang fortgesetzten Gebrauches oder Nichtgebrauches, weil -wir die älterlichen Formen nicht kennen; doch tragen manche Thiere -Bildungen an sich, die sich als Folge des Nichtgebrauchs erklären -lassen. Professor R. O<span class="smaller">WEN</span> hat bemerkt, dass es eine grosse -Anomalie in der Natur ist, dass ein Vogel nicht fliegen könne, und doch -sind mehre in dieser Lage. Die <i>Südamerikanische</i> Dickkopf-Ente -kann nur über der Oberfläche des Wassers hinflattern und hat Flügel -von fast der nämlichen Beschaffenheit wie die <i>Aylesburyer</i> -Hausenten-Rasse. Da die grossen Boden-Vögel selten zu andren Zwecken -fliegen, als um einer Gefahr zu entgehen, so glaube ich, dass die fast -ungeflügelte Beschaffenheit verschiedener Vögel-Arten, welche einige -Inseln des <i>Grossen Ozeans</i> jetzt bewohnen oder einst bewohnt -haben, wo sie keine Verfolgung von Raubthieren zu gewärtigen haben, -vom Nichtgebrauche ihrer Flügel herrührt. Der Straus bewohnt zwar -Kontinente und ist von Gefahren bedroht, denen er nicht durch Flug -entgehen kann; aber er kann sich selbst durch Ausschlagen mit den -Füssen gegen seine Feinde so gut vertheidigen wie einige der kleineren -Vierfüsser. Man kann sich vorstellen, dass der Urvater des Strausses -eine Lebens-Weise etwa wie der Trappe gehabt, und dass er in Folge -Natürlicher Züchtung in einer langen Generationen-Reihe immer grösser -und schwerer geworden seye, seine Beine mehr und seine Flügel weniger -gebraucht habe, bis er endlich ganz unfähig geworden sey zu fliegen.</p> - -<p>K<span class="smaller">IRBY</span> hat bemerkt (und ich habe dieselbe Thatsache -beobachtet), dass die Vordertarsen vieler männlicher Kothkäfer oft<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> -abgebrochen sind; er untersuchte siebenzehn Musterstücke seiner -Sammlung, und fand in keinem eine Spur mehr davon. Onites Apelles hat -seine Tarsen so gewöhnlich verloren, dass man diess Insekt beschrieben, -als fehlten sie ihm gänzlich. In einigen anderen Sippen sind sie nur -in verkümmertem Zustande vorhanden. Dem Ateuchus oder heiligen Käfer -der Ägyptier fehlen sie gänzlich. Es ist zwar kein genügender Nachweis -vorhanden, dass zufällige Verstümmelungen erblich seyen; aber der von -B<span class="smaller">ROWN</span>-S<span class="smaller">EQUARD</span> beobachtete Fall von der Vererbung der an einem -<i>Guinea</i>-Schwein durch Beschädigung des Rückenmarks verursachten -Epilepsie auf deren Nachkommen, müsste uns vorsichtig machen, wenn -wir es läugnen wollten. Daher es gerathener erscheint den gänzlichen -Mangel der Vordertarsen des Ateuchus und ihren verkümmerten Zustand in -einigen anderen Sippen lieber der lang-fortgesetzten Wirkung ihres -Nichtgebrauches bei deren Stamm-Vätern zuzuschreiben; denn da die -Tarsen vieler Kothkäfer meistens fehlen, so müssen sie schon früh im -Leben verloren gehen und können daher bei diesen Insekten nicht von -wesentlichem Nutzen seyn noch viel gebraucht werden.</p> - -<p>In einigen Fällen möchten wir leicht dem Nichtgebrauche gewisse -Abänderungen der Organisation zuschreiben, welche jedoch gänzlich oder -hauptsächlich von Natürlicher Züchtung herrühren. W<span class="smaller">OLLASTON</span> -hat die merkwürdige Thatsache entdeckt, dass von den 550 Käfer-Arten, -welche <i>Madeira</i> bewohnen, 200 so unvollkommene Flügel haben, dass -sie nicht fliegen können, und dass von den 29 der Insel ausschliesslich -angehörigen Sippen nicht weniger als 23 lauter solche Arten enthalten. -Manche Thatsachen, wie unter andern, dass in vielen Theilen der Welt -fliegende Käfer beständig ins Meer geweht werden und zu Grunde gehen, -dass die Käfer auf <i>Madeira</i> nach W<span class="smaller">OLLASTONS</span> Beobachtung -meistens verborgen liegen, bis der Wind ruhet und die Sonne scheint, -dass die Zahl der Flügel-losen Käfer an den ausgesetzten kahlen -Felsklippen verhältnissmässig grösser als in <i>Madeira</i> selbst ist, -und zumal die ausserordentliche Thatsache, worauf W<span class="smaller">OLLASTON</span> -so beharrlich fusset, dass gewisse grosse anderwärts sehr zahlreiche -Käfer-Gruppen, welche durch ihre Lebens-Weise<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> viel zu fliegen -genöthigt sind, auf <i>Madeira</i> gänzlich fehlen, — diese mancherlei -Gründe machen mich glauben, dass die ungeflügelte Beschaffenheit so -vieler Käfer dieser Insel hauptsächlich von Natürlicher Züchtung, doch -wahrscheinlich in Verbindung mit Nichtgebrauch herrühre. Denn während -tausend aufeinanderfolgender Generationen wird jeder einzelne Käfer, -der am wenigsten fliegt, entweder weil seine Flügel am wenigsten -entwickelt sind oder weil er der indolenteste ist, die meiste Aussicht -haben alle andern zu überleben, weil er nicht ins Meer gewehet wird; -und auf der andern Seite werden diejenigen Käfer, welche am liebsten -fliegen, am öftesten in die See getrieben und vernichtet werden.</p> - -<p>Diejenigen Insekten auf <i>Madeira</i> dagegen, welche sich nicht -am Boden aufhalten und, wie die an Blumen lebenden Käfer und -Schmetterlinge, von ihren Flügeln gewöhnlich Gebrauch machen müssen um -ihren Unterhalt zu gewinnen, haben nach W<span class="smaller">OLLASTON</span>’<span class="smaller">S</span> Vermuthung -keineswegs verkümmerte, sondern vielmehr stärker entwickelte Flügel. -Diess ist ganz verträglich mit der Thätigkeit der Natürlichen Züchtung. -Denn, wenn ein neues Insekt zuerst auf die Insel kommt, wird das -Streben der Natürlichen Züchtung die Flügel zu verkleinern oder zu -vergrössern davon abhängen, ob eine grössre Anzahl von Individuen durch -erfolgreiches Ankämpfen gegen die Winde, oder durch mehr und weniger -häufigen Verzicht auf diesen Versuch sich rettet. Es ist derselbe Fall -wie bei den Matrosen eines in der Nähe der Küste gestrandeten Schiffes; -für diejenigen, welche gut schwimmen, ist es um so besser, je besser -sie schwimmen könnten um ihr Heil im Weiterschwimmen zu versuchen, -während es für die schlechten Schwimmer am besten wäre, wenn sie gar -nicht schwimmen könnten und sich daher auf dem Wrack Rettung suchten.</p> - -<p>Die Augen der Maulwürfe und einiger wühlenden Nager sind an Grösse -verkümmert und in manchen Fällen ganz von Haut und Pelz bedeckt. Dieser -Zustand der Augen rührt wahrscheinlich von fortwährendem Nichtgebrauche -her, dessen Wirkung vielleicht durch Natürliche Züchtung unterstützt -wird. Ein <i>Süd-Amerikanischer</i> Nager, Ctenomys, hat eine noch mehr -unterirdische<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Lebensweise als der Maulwurf, und ein Spanier, welcher -oft dergleichen gefangen, versicherte mir, dass solcher oft ganz blind -seye; einer, den ich lebend bekommen, war es gewiss und zwar, wie die -Sektion ergab, in Folge einer Entzündung der Nickhaut. Da häufige -Augen-Entzündungen einem jeden Thiere nachtheilig werden müssen, und -da für unterirdische Thiere die Augen gewiss nicht unentbehrlich sind, -so wird eine Verminderung ihrer Grösse, die Verwachsung des Augenlides -damit und die Überziehung derselben mit dem Felle für sie von Nutzen -seyn; und wenn Diess der Fall, so wird Natürliche Züchtung die Wirkung -des Nichtgebrauches beständig unterstützen.</p> - -<p>Es ist wohl bekannt, dass mehre Thiere aus den verschiedensten Klassen, -welche die Höhlen in <i>Kärnthen</i> und <i>Kentucky</i> bewohnen, -blind sind. In einigen Krabben ist der Augen-Stiel noch vorhanden, -obwohl das Auge verloren ist: das Teleskopen-Gestell ist geblieben, -obwohl das Teleskop mit seinem Glase fehlt. Da nicht wohl anzunehmen, -dass Augen, wenn auch unnütz, den in Dunkelheit lebenden Thieren -schädlich werden sollten, so schreibe ich ihren Verlust gänzlich -auf Rechnung des Nichtgebrauchs. Bei einer der blinden Thier-Arten -insbesondre, bei der Höhlen-Ratte (Neotoma), wovon Professor -S<span class="smaller">ILLIMAN</span> zwei eine halbe englische Meile weit einwärts vom -Eingange und mithin noch nicht gänzlich im Hintergrunde gefangen, waren -die Augen gross und glänzend und erlangten, wie mir S<span class="smaller">ILLIMAN</span> -mitgetheilt, nachdem sie einen Monat lang allmählich verstärktem Lichte -ausgesetzt worden, ein unklares Wahrnehmungs-Vermögen für die ihnen -vorgehaltenen Gegenstände und begannen zu blinzeln.</p> - -<p>Es ist schwer sich ähnlichere Lebens-Bedingungen vorzustellen, als -tiefe Kalkstein-Höhlen in nahezu ähnlichem Klima, so dass, wenn man -von der gewöhnlichen Ansicht ausgeht, dass die blinden Thiere für die -<i>Amerikanischen</i> und für die <i>Europäischen</i> Höhlen besonders -erschaffen worden seyen, auch eine grosse Ähnlichkeit derselben in -Organisation und Verwandtschaft zu erwarten stünde. Diess ist aber -zwischen den beiderseitigen Faunen im Ganzen genommen keineswegs -vorhanden und S<span class="smaller">CHIÖDTE</span> bemerkt in Bezug auf die Insekten, dass -die ganze Erscheinung<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> nur als eine rein örtliche betrachtet werden -dürfe, indem die Ähnlichkeit, die sich zwischen einigen Bewohnern -der Monmouth-Höhle in <i>Kentucky</i> und den <i>Kärnthen’schen</i> -Höhlen herausstellte, nur ein ganz einfacher Ausdruck der Analogie -seye, die zwischen den Faunen <i>Nord-Amerikas</i> und <i>Europas</i> -überhaupt bestehe. Nach meiner Meinung muss man annehmen, dass -<i>Amerikanische</i> Thiere mit gewöhnlichem Sehe-Vermögen in -nacheinanderfolgenden Generationen immer tiefer und tiefer in -die entferntesten Schlupfwinkel der <i>Kentucky’schen</i> Höhle -eingedrungen sind, wie es <i>Europäische</i> in den Höhlen von -<i>Kärnthen</i> gethan. Und wir haben einigen Beweis für diese -stufenweise Veränderung des Aufenthalts; denn S<span class="smaller">CHIÖDTE</span> -bemerkt: Wir betrachten demnach diese unterirdischen Faunen als kleine -in die Erde eingedrungene Abzweigungen der geographisch-begrenzten -Faunen der nächsten Umgegenden, welche in dem Grade, als sie sich -weiter in die Dunkelheit ausbreiteten, sich den sie umgebenden -Verhältnissen anpassten; Thiere, von gewöhnlichen Formen nicht sehr -entfernt, bereiten den Übergang vom Tage zur Dunkelheit vor; dann -folgen die fürs Zwielicht gebildeten und endlich die fürs gänzliche -Dunkel bestimmten, deren Bildung ganz eigenthümlich ist. Diese -Bemerkungen S<span class="smaller">CHIÖDTE</span>’<span class="smaller">S</span> beziehen sich daher nicht auf einerlei, -sondern auf ganz verschiedene Species. Während der Zeit, in welcher -ein Thier nach zahllosen Generationen die hintersten Theile der Höhle -erreicht, wird hiernach Nichtgebrauch die Augen mehr oder weniger -vollständig unterdrückt und Natürliche Züchtung oft andre Veränderungen -erwirkt haben, die, wie verlängerte Fühler und Fressspitzen, -einigermassen das Gesicht ersetzen. Ungeachtet dieser Modifikationen -werden wir erwarten, noch Verwandtschaften der Höhlen-Thiere -<i>Amerikas</i> mit den anderen Bewohnern dieses Kontinents, und der -Höhlen-Bewohner <i>Europas</i> mit den übrigen <i>Europäischen</i> -Thieren zu sehen. Und Diess ist bei einigen <i>Amerikanischen</i> -Höhlen-Thieren der Fall, wie ich von Professor D<span class="smaller">ANA</span> höre; -und einige <i>Europäische</i> Höhlen-Insekten stehen manchen in der -Umgegend der Höhle wohnenden Arten ganz nahe. Es dürfte sehr schwer -seyn, eine vernünftige Erklärung von der Verwandtschaft der blinden -Höhlen-Thiere mit<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> den andern Bewohnern der beiden Kontinente aus -dem gewöhnlichen Gesichtspunkte einer unabhängigen Erschaffung zu -geben. Dass einige von den Höhlen-Bewohnern der <i>Alten</i> und der -<i>Neuen Welt</i> in naher Beziehung zu einander stehen, lässt sich -aus den wohl-bekannten Verwandtschafts-Verhältnissen ihrer meisten -übrigen Erzeugnisse zu einander erwarten. Da eine blinde Bathyscia-Art -häufig an schattigen Felsen ausserhalb der Höhlen gefunden wird, -so hat der Verlust des Gesichtes an der die Höhle bewohnenden Art -wahrscheinlich in keiner Beziehung zum Dunkel dieser Wohnstätte -gestanden; und es ist ganz begreiflich, dass ein bereits blindes -Insekt sich in der Bewohnung einer dunklen Höhle nicht zurecht finden -wird. Eine andere blinde Sippe, Anophthalmus, bietet die merkwürdige -Eigenthümlichkeit dar, dass, wie M<span class="smaller">URRAY</span> bemerkte, ihre -verschiedenen Arten in verschiedenen Höhlen <i>Europas</i> sowohl -als in der von <i>Kentucky</i> wohnen, und dass die Sippe überhaupt -nur in Höhlen vorkommt. Es ist jedoch möglich, dass der Stamm-Vater -oder die Stamm-Väter dieser verschiedenen Spezies vordem in beiden -Kontinenten weit verbreitet gewesen und (gleich den Elephanten -beider Festländer) allmählich auf ihre jetzigen engen Wohnstätten -eingeschränkt worden sind. Weit entfernt mich darüber zu wundern, dass -einige der Höhlen-Thiere von sehr anomaler Beschaffenheit sind, wie -A<span class="smaller">GASSIZ</span> von dem blinden Fische Amblyopsis in <i>Amerika</i> -bemerkt, und wie es mit dem blinden Reptile Proteus in <i>Europa</i> -der Fall ist, bin ich vielmehr erstaunt, dass sich darin nicht mehr -Wracks der alten Lebenformen erhalten haben, da solche in diesen -dunkeln Abgründen wohl einer minder strengen Mitbewerbung ausgesetzt -gewesen seyn würden<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Akklimatisirung.</em>) Gewohnheit ist bei Pflanzen erblich in -Bezug auf Blüthe-Zeit, nöthige Regen-Menge für den Keimungs-Prozess, -Schlaf u. s. w., und Diess veranlasst mich hier noch Einiges über -Akklimatisirung zu sagen. Es ist sehr gewöhnlich, dass Arten von -einerlei Sippe sehr heisse sowie sehr kalte Gegenden<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> bewohnen; und -da ich glaube, dass alle Arten einer Sippe von einem gemeinsamen -Urvater abstammen, so muss, wenn Diess richtig, Akklimatisirung -während einer langen Fortpflanzung leicht bewirkt werden können. Es -ist bekannt, dass jede Art dem Klima ihrer eignen Heimath angepasst -ist; Arten einer arktischen oder auch nur einer gemässigten Gegend -können in einem tropischen Klima nicht ausdauern, u. u. So können -auch manche Fettpflanzen nicht in feuchtem Klima fortkommen. Doch -ist der Grad der Anpassung der Arten an das Klima, worin sie leben, -oft überschätzt worden. Wir können Diess schon aus unsrer oftmaligen -Unfähigkeit vorauszusagen, ob eine eingeführte Pflanze unser Klima -ausdauren werde oder nicht, sowie aus der grossen Anzahl von Pflanzen -und Thieren entnehmen, welche aus wärmerem Klima zu uns verpflanzt hier -ganz wohl gedeihen. Wir haben Grund anzunehmen, dass im Natur-Stande -Arten durch die Mitbewerbung andrer organischer Wesen eben so sehr oder -noch stärker in ihrer Verbreitung beschränkt werden, als durch ihre -Anpassung an besondre Klimate. Mag aber die Anpassung im Allgemeinen -eine sehr genaue seyn oder nicht: wir haben bei einigen wenigen -Pflanzen-Arten Beweise, dass dieselben schon von der Natur in gewissem -Grade an ungleiche Temperaturen gewöhnt oder akklimatisirt werden. So -zeigen die von Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> aus Saamen von verschiedenen Höhen -des <i>Himalaya</i> erzogenen Pinus- und Rhododendron-Arten auch ein -verschiedenes Vermögen der Kälte zu widerstehen. Herr T<span class="smaller">WAITES</span> -berichtet mir, dass er ähnliche Thatsachen auf <i>Ceylon</i> beobachtet -habe, und Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span> hat ähnliche Erfahrungen mit -Pflanzen gemacht, die von den <i>Azoren</i> nach <i>England</i> -gebracht worden sind. In Bezug auf Thiere liessen sich manche wohl -beglaubigte Fälle anführen, dass Arten derselben binnen geschichtlicher -Zeit ihre Verbreitung weit aus wärmeren nach kälteren Zonen oder -umgekehrt ausgedehnt haben; jedoch wissen wir nicht mit Bestimmtheit, -ob diese Thiere einst ihrem heimathlichen Klima enge angepasst gewesen, -obwohl wir Diess in allen gewöhnlichen Fällen voraussetzen, — und -ob demzufolge sie erst einer Akklimatisirung in ihrer neuen Heimath -bedurft haben, oder nicht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> - -<p>Da ich glaube, dass unsre Hausthiere ursprünglich von noch -unzivilisirten Menschen gezähmt worden sind, weil sie ihnen -nützlich und in der Gefangenschaft leicht fortzupflanzen waren, -und nicht wegen ihrer erst später erkundeten Tauglichkeit zu weit -ausgedehnter Verpflanzung, so kann nach meiner Meinung das gewöhnlich -ausserordentliche Vermögen unsrer Hausthiere die verschiedensten -Klimate auszuhalten und sich darin (ein viel gewichtigeres Zeugniss) -fortzupflanzen, zur Schlussfolgerung dienen, dass auch eine -verhältnissmässig grosse Anzahl andrer Thiere, die sich jetzt noch -im Natur-Zustande befinden, leicht dazu gebracht werden könnte, sehr -verschiedene Klimate zu ertragen. Wir dürfen jedoch die vorangehende -Folgerung nicht zu weit treiben, weil einige unsrer Hausthiere von -verschiedenen wilden Stämmen herrühren können, wie z. B. in unsren -Haushund-Rassen das Blut eines tropischen und eines arktischen -Wolfes oder wilden Hundes gemischt seyn könnte. Ratten und Mäuse -dürfen nicht als Hausthiere angesehen werden; und doch sind sie vom -Menschen in viele Theile der Welt übergeführt worden und besitzen -jetzt eine weitre Verbreitung als irgend ein andres Nagethier, indem -sie frei unter dem kalten Himmel der <i>Faröer</i> im Norden und der -<i>Falklands-Inseln</i> im Süden, wie auf vielen Inseln der Tropen-Zone -leben. Daher ich geneigt bin, die Anpassung an ein besondres Klima als -eine leicht auf eine angeborene weite Biegsamkeit der Konstitution, -welche den meisten Thieren eigen ist, gepropfte Eigenschaft zu -betrachten. Dieser Ansicht zu Folge hat man die Fähigkeit des Menschen -und seiner meisten Hausthiere die verschiedensten Klimate zu ertragen -und solche Thatsachen, wie das Vorkommen einstiger Elephanten- und -Rhinoceros-Arten in einem Eis-Klima, während deren jetzt lebenden -Arten alle eine tropische oder subtropische Heimath haben, nicht als -Gesetzwidrigkeiten zu betrachten, sondern lediglich als Beispiele einer -sehr gewöhnlichen Biegsamkeit der Konstitution anzusehen, welche nur -unter besondern Umständen mehr zur Geltung gelangt ist.</p> - -<p>Wie viel von der Akklimatisirung der Arten an ein besondres Klima -bloss Gewohnheits-Sache seye, wie viel von der Natürlichen<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Züchtung -von Varietäten mit verschiedenen Körper-Verfassungen abhänge, oder wie -weit beide Ursachen zusammenwirken, ist eine sehr schwierige Frage. -Dass Gewohnheit und Übung einigen Einfluss habe, will ich sowohl nach -der Analogie als nach den ununterbrochenen Warnungen wohl glauben, -welche in unsern landwirthschaftlichen Werken und selbst in alten -<i>Chinesischen</i> Encyclopädien enthalten sind, recht vorsichtig -bei Versetzung von Thieren aus einer Gegend in die andre zu seyn. -Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass man durch Züchtung so viele -Rassen und Unterrassen mit eben so vielen verschiedenen Gegenden -angepassten Konstitutionen gebildet habe; das Ergebniss rührt vielmehr -von Gewöhnung her. Andrerseits sehe ich auch keinen Grund zu zweifeln, -dass Natürliche Züchtung beständig diejenigen Individuen zu erhalten -strebe, welche mit den für ihre Heimath-Gegenden am besten geeigneten -Körper-Verfassungen geboren sind. In Schriften über verschiedene Sorten -kultivirter Pflanzen heisst es von gewissen Varietäten, dass sie -dieses oder jenes Klima besser als andre vertragen. Diess ergibt sich -sehr schlagend aus den in den <i>Vereinten Staaten</i> erschienenen -Werken über Obstbaum-Zucht, worin gewöhnlich diese Varietäten für die -nördlichen und jene für die südlichen Staaten empfohlen werden; und -da die meisten dieser Abarten noch neuen Ursprungs sind, so kann man -die Verschiedenheit ihrer Konstitutionen in dieser Beziehung nicht -der Gewöhnung zuschreiben. Man hat die Jerusalem-Artischoke, welche -sich nicht aus Saamen fortpflanzt und daher niemals neue Varietäten -geliefert hat, angeführt als Beweis, dass es nicht möglich seye eine -Akklimatisirung zu bewirken, weil sie noch immer so empfindlich seye, -wie sie jederzeit gewesen: zu gleichem Zwecke hat man sich oft auf -die Schminkbohne, und zwar mit viel grösserem Nachdrucke berufen. So -lange aber, als nicht jemand einige Dutzend Generationen hindurch -seine Schminkbohnen so frühzeitig aussäet, dass ein sehr grosser -Theil derselben durch Frost zerstört wird, und dann mit der gehörigen -Vorsicht zur Vermeidung von Kreutzungen, seine Saamen von den wenigen -überlebenden Stöcken nimmt und von deren Sämlingen mit gleicher -Vorsicht abermals seine<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> Saamen erzieht, so lange wird man nicht sagen -können, dass der Versuch angestellt worden seye. Auch kann man nicht -unterstellen, dass nicht zuweilen Verschiedenheiten in der Konstitution -dieser verschiedenen Bohnen-Sämlinge zum Vorschein kommen; denn es -ist bereits ein Bericht darüber erschienen, wie viel härter ein Theil -dieser Sämlinge gegenüber den andern seye.</p> - -<p>Im Ganzen kann man, glaube ich, schliessen, dass Gewöhnung, Gebrauch -und Nichtgebrauch in manchen Fällen einen beträchtlichen Einfluss auf -die Änderung der Konstitution und den Bau verschiedener Organe ausgeübt -haben; dass jedoch diese Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs oft -in ansehnlichem Grade vermehrt und mitunter noch überboten worden sind -durch Natürliche Züchtung mittelst angeborner Abänderungen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wechselbeziehungen der Bildung.</em>) — Ich will mit diesem -Ausdrucke sagen, dass die ganze Organisation der natürlichen Wesen -so unter sich verkettet ist, dass, wenn während der Entwickelung und -dem Wachsthume des einen Theiles eine geringe Abänderung erfolgt und -von der Natürlichen Züchtung gehäuft wird, auch andre Theile geändert -werden müssen. Diess ist ein sehr wichtiger Punkt, aber noch wenig -begriffen. Der gewöhnlichste Fall ist der, dass Abänderungen, welche -nur zum Nutzen der Larve oder des Jungen gehäuft werden, zweifelsohne -auch die Organisation des Erwachsenen berühren; eben so wie eine -Missbildung, welche den frühesten Embryo betrifft, auch die ganze -Organisation des Alten ernstlich berühren wird. Die mehrzähligen -homologen und in der frühesten Embryo-Zeit einander noch ähnlichen -Theile des Körpers scheinen in verwandter Weise zu variiren geneigt; -daher die rechte und linke Seite des Körpers in gleicher Weise -abzuändern pflegen, die vorderen Gliedmaassen in gleicher Weise wie die -hintern, und sogar in gleicher Weise wie die Kinnladen, da man ja den -Unterkiefer für ein Homologon der Gliedmaassen hält. Diese Neigungen -können, wie ich nicht bezweifle, durch Natürliche Züchtung mehr und -weniger beherrscht werden; so hat es früher eine Hirsch-Familie -mit einem Augsprossen nur an einem Geweihe gegeben, und wäre diese -Eigenheit von irgend einem grösseren Nutzen<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> gewesen, so würde sie -durch Natürliche Züchtung vermuthlich bleibend geworden seyn.</p> - -<p>Homologe Theile streben, wie einige Autoren bemerkt haben, -zusammenzuhängen, wie man es oft in monströsen Pflanzen sieht; und -nichts ist gewöhnlicher als die Vereinigung homologer Theile zu -normalen Bildungen, wie z. B. die Vereinigung der Kronen-Blätter -zu einer Röhre<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>. Harte Theile scheinen auf die Form anliegender -weicher einzuwirken, und einige Autoren sind der Meinung, dass die -Verschiedenheit in der Form des Beckens der Vögel den merkwürdigen -Unterschied in der Form ihrer Nieren verursache. Andere glauben, dass -beim Menschen die Gestalt des Beckens der Mutter durch Druck auf -die Schädel-Form des Kindes wirke<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a>. Bei Schlangen bedingen nach -S<span class="smaller">CHLEGEL</span> die Form des Körpers und die Art des Schlingens die -Lage einiger der wichtigsten Eingeweide.</p> - -<p>Die Beschaffenheit des Bandes der Wechselbeziehung ist sehr oft ganz -dunkel. I<span class="smaller">SIDORE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> hat auf nachdrückliche -Weise hervorgehoben, dass gewisse Missbildungen sehr häufig und andre -sehr selten zusammen vorkommen, ohne dass wir den Grund anzugeben -vermöchten. Was kann eigenthümlicher seyn, als die Beziehung zwischen -den blauen Augen und der Taubheit mancher weissen Katzen, oder die der -Farbe des Panzers mit dem weiblichen Geschlechte der Schildkröten; die -Beziehung zwischen den gefiederten Füssen und der Spannhaut zwischen -den äusseren Zehen der Tauben, oder die zwischen der Anwesenheit von -mehr oder weniger Flaum an den eben ausschlüpfenden Vögeln mit der -künftigen Farbe ihres Gefieders; oder endlich zwischen Behaarung -und Zahn-Bildung des nackten Türkischen Hundes, obschon hier wohl -Homologie<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> mit ins Spiel kommt. Mit Bezug auf diesen letzten Fall von -Wechselbeziehung scheint es mir kaum zufällig zu seyn, dass diejenigen -zwei Säugethier-Ordnungen, welche am abnormsten in ihrer Bekleidung, -auch am abweichendsten in der Zahn-Bildung sind; nämlich die Cetaceen -(Wale) und die Edentaten (Schuppenthiere, Gürtelthiere u. s. w.).</p> - -<p>Ich kenne keinen Fall, der besser geeignet wäre, die Wesenheit -der Gesetze der Wechselbeziehung bei Abänderung wichtiger Gebilde -unabhängig von deren Nützlichkeit und somit auch von der Natürlichen -Züchtung darzuthun, als es die Verschiedenheit der äussern und innern -Blüthen im Blüthenstande einiger Compositiflorae und Umbelliferae -ist. Jedermann kennt den Unterschied zwischen den mitteln und -den Rand-Blüthen z. B. des Gänseblümchens (Bellis), und diese -Verschiedenheit ist oft verbunden mit der Verkümmerung einzelner -Blumen-Theile. Aber in einigen Compositifloren unterscheiden sich -auch die Früchte der beiderlei Blüthen in Grösse und Skulptur, -und selbst die Ovarien mit einigen Nebentheilen weichen ab, wie -C<span class="smaller">ASSINI</span> nachgewiesen. Diese Unterschiede sind von einigen -Botanikern dem Druck zugeschrieben worden, und die Frucht-Formen in -den Strahlen-Blumen der Compositifloren unterstützen diese Ansicht; -keineswegs aber trifft es bei den Umbelliferen zu, dass die Arten -mit den dichtesten Umbellen die grösste Verschiedenheit zwischen den -inneren und äusseren Blüthen wahrnehmen liessen. Man hätte denken -können, dass die stärkere Entwickelung der im Rande des Blüthenstandes -befindlichen Kronenblätter die Verkümmerung andrer Blüthen-Theile -veranlasst habe, indem sie ihnen Nahrung entzogen; aber bei einigen -Compositifloren zeigt sich ein Unterschied in der Grösse der Früchte -der innern und der Strahlen-Blüthen, ohne vorgängige Verschiedenheit -der Krone. Möglich, dass diese mancherlei Unterschiede mit irgend -einem Unterschiede in dem Zufluss der Säfte zu den mittel- und den -Rand-ständigen Blüthen zusammenhängt; wir wissen wenigstens, dass bei -unregelmässig geformten Blüthen die der Achse zunächst stehenden am -öftesten der Peloria-Bildung unterworfen sind und regelmässig werden. -Ich will als Beispiel dieses und<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> zugleich als treffenden Fall von -Wechselbeziehung der Entwickelung anführen, wie ich kürzlich in einigen -Garten-Pelargonien beobachtet, dass die mitteln Blüthen der Dolde oft -die dunkleren Flecken an den zwei oberen Kronenblättern verlieren -und dass, wenn Diess der Fall, das abhängende Nectarium gänzlich -verkümmert; fehlt der Fleck nur an einem der zwei oberen Kronenblätter, -so wird das Nectarium nur stark verkürzt.</p> - -<p>Hinsichtlich der Verschiedenheiten der Blumenkronen der mitteln und -randlichen Blumen einer Dolde oder eines Blüthenköpfchens, so halte -ich C. C. S<span class="smaller">PRENGEL</span>’<span class="smaller">S</span> Einfall, dass die Strahlen-Blumen zur -Anziehung der Insekten bestimmt seyen, deren Bewegungen die Befruchtung -der Pflanzen jener zwei Ordnungen befördere, nicht für so weit -hergeholt, als er beim ersten Blick scheinen mag; und wenn es wirklich -von Nutzen, so kann Natürliche Züchtung mit in Betracht kommen. Dagegen -scheint es kaum möglich, dass die Verschiedenheit zwischen dem Bau der -äusseren und der inneren Früchte, welche in keiner Wechselbeziehung -mit irgend einer verschiedenen Bildung der Blüthen steht, irgend -wie den Pflanzen von Nutzen seyn kann. Jedoch erscheinen bei den -Dolden-Pflanzen die Unterschiede von so auffallender Wichtigkeit (da -in mehren Fällen nach T<span class="smaller">AUSCH</span> die Früchte der äusseren Blüthen -orthosperm und die der mittelständigen cölosperm sind), dass der ältere -D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> seine Hauptabtheilungen in dieser Pflanzen-Ordnung -auf analoge Verschiedenheiten gründete. Wir sehen daher, dass -Abänderungen der Struktur von gänzlich unbekannten Gesetzen in den -Wechselbeziehungen der Entwickelung bedingt seyn können, und zwar ohne -selbst den geringsten erkennbaren Vortheil für die Spezies darzubieten.</p> - -<p>Wir mögen irriger Weise den Wechselbeziehungen der Entwickelung oft -solche Bildungen zuschreiben, welche ganzen Arten-Gruppen gemein -sind, aber in Wahrheit ganz einfach von Erblichkeit abhängen. Denn -ein alter Stamm-Vater z. B. mag durch Natürliche Züchtung irgend eine -Eigenthümlichkeit seiner Struktur und nach tausend Generationen irgend -eine andre davon unabhängige Abänderung erlangt haben, und wenn dann -beide<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Modifikationen mit einander auf eine ganze Gruppe von Nachkommen -mit verschiedener Lebensweise übertragen worden sind, so wird man -natürlich glauben, sie stünden in einer nothwendigen Wechselbeziehung -mit einander. So zweifle ich auch nicht daran, dass einige anscheinende -Wechselbeziehungen, welche in ganzen Ordnungen des Systemes vorkommen, -lediglich nur von der möglichen Wirkungs-Weise der Züchtung bedingt -sind. Wenn z. B. A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> bemerkt, dass geflügelte -Saamen nie in Früchten vorkommen, die sich nicht öffnen, so möchte -ich diese Regel durch die Thatsache erklären, dass Saamen nicht durch -Natürliche Züchtung allmählich beflügelt werden können, ausser in -Früchten, die sich öffnen; so dass individuelle Pflanzen mit Saamen, -welche etwas geflügelt und daher mehr zur weiten Fortführung geeignet -sind, vor andern schlecht-beflügelten hinsichtlich ihrer Aussicht auf -Erhaltung im Vortheil sind, und dieser Vorgang kann nicht wohl mit -solchen Früchten vorkommen, welche nicht aufspringen.</p> - -<p>Der ältre G<span class="smaller">EOFFROY</span> und G<span class="smaller">ÖTHE</span> haben ihr Gesetz von -der Compensation der Entwickelung fast gleichzeitig aufgestellt, -wornach, wie G<span class="smaller">ÖTHE</span> sich ausdrückt, die Natur genöthigt ist -auf der einen Seite zu ersparen, was sie auf der andern mehr gibt. -Diess passt in gewisser Ausdehnung, wie mir scheint, ganz gut auf -unsre Kultur-Erzeugnisse: denn wenn einem Theile oder Organe Nahrung -in Überfluss zuströmt, so kann sie nicht, oder wenigstens nicht in -Überfluss, auch einem andern zu Theil werden, daher man eine Kuh -z. B. nicht zwingen kann, viel Milch zu geben und zugleich fett zu -werden. Ein und dieselbe Kohl-Varietät kann nicht eine reichliche -Menge nahrhafter Blätter und zugleich einen guten Ertrag von Öl-Saamen -liefern. Wenn in unsrem Obste die Saamen verkümmern, gewinnt die -Frucht selbst an Grösse und Güte. Bei unsern Hühnern ist einer grossen -Federhaube auf dem Kopfe gewöhnlich ein kleinerer Kamm beigesellt, -und ist ein grosser Feder-Bart mit kleinen Bartlappen verbunden. -Dagegen ist kaum anzunehmen, dass dieses Gesetz auch auf Arten im -Natur-Zustande allgemein anwendbar seye, obwohl viele gute Beobachter -und namentlich Botaniker an seine<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Wahrheit glauben. Ich will jedoch -hier keine Beispiele anführen; denn ich kann schwer ein Mittel finden -zu unterscheiden einerseits zwischen der durch Natürliche Züchtung -bewirkten ansehnlichen Vergrösserung eines Theiles und der durch -gleiche Ursache oder durch Nichtgebrauch veranlassten Verminderung -eines anderen nahe dabei befindlichen Organes, und anderseits der -Verkümmerung eines Organes durch Nahrungs-Einbusse in Folge excessiver -Entwickelung eines anderen nahe dabei befindlichen Theiles.</p> - -<p>Ich vermuthe auch, dass einige der Fälle, die man als Beweise der -Compensation vorgebracht, sich mit einigen anderen Thatsachen unter -ein allgemeineres Prinzip zusammenfassen lassen, das Prinzip nämlich, -dass Natürliche Züchtung fortwährend bestrebt ist, in jedem Theile der -Organisation zu sparen. Wenn unter veränderten Lebens-Verhältnissen -eine bisher nützliche Vorrichtung weniger nützlich wird, so dürfte wohl -eine wenn gleich nur unbedeutende Verminderung ihrer Grösse durch die -Natürliche Züchtung erstrebt werden, indem es für das Individuum ja -vortheilhaft ist, wenn es seine Säfte nicht zur Ausbildung nutzloser -Organe verschwendet. Nur auf diese Weise kann ich eine Thatsache -begreiflich finden, welche mich, als ich mit der Untersuchung über -die Cirripeden beschäftigt war, überraschte, nämlich dass, wenn -ein Cirripede in anderen Organismen als Schmarotzer lebt und daher -geschützt ist, er mehr oder weniger seine eigene Kalk-Schaale verliert. -Diess ist mit dem Männchen von Ibla und in ausserordentlich hohem -Grade mit Proteolepas der Fall; denn während der Panzer aller anderen -Cirripeden aus den drei hochwichtigen Vordersegmenten des ungeheuer -entwickelten Kopfes besteht und mit starken Nerven und Muskeln versehen -ist, erscheint an dem parasitischen und geschützten Proteolepas -der ganze Vordertheil des Kopfes als ein blosses an die Basen der -Rankenfüsse befestigtes Rudiment. Nun dürfte die Ersparung eines -grossen und zusammengesetzten Gebildes, wenn es, wie hier durch die -parasitische Lebens-Weise des Proteolepas, überflüssig wird, obgleich -nur stufenweise voranschreitend, ein entschiedener Vortheil für jedes -spätere Individuum der Spezies<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> seyn, weil im Kampfe um’s Daseyn, -welchen das Thier zu kämpfen hat, jeder einzelne Proteolepas um so -mehr Aussicht sich zu behaupten erlangt, je weniger Nahrstoff zur -Entwickelung eines nutzlos gewordenen Organes verloren geht.</p> - -<p>Darnach, glaube ich, wird es der Natürlichen Züchtung in die Länge -immer gelingen, jeden Theil der Organisation zu verringern und zu -ersparen, sobald er überflüssig geworden ist, ohne desshalb gerade -einen anderen Theil in entsprechendem Grade stärker auszubilden. Und -eben so dürfte sie, umgekehrt, vollkommen im Stande seyn ein Organ -stärker auszubilden, ohne die Verminderung eines andern benachbarten -Theiles als nothwendige Compensation zu verlangen.</p> - -<p>Nach I<span class="smaller">SIDORE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span>’<span class="smaller">S</span> Wahrnehmung scheint -es bei Varietäten wie bei Arten Regel zu seyn, dass, wenn ein Theil -oder ein Organ oftmals im Baue eines Individuums vorkommt, wie der -Wirbel in den Schlangen und die Staubgefässe in den polyandrischen -Blüthen, dessen Zahl veränderlich wird, während die Zahl desselben -Organes oder Theiles beständig bleibt, falls er sich weniger oft -wiederholen muss. Derselbe Zoologe sowie einige Botaniker haben -ferner die Bemerkung gemacht, dass sehr vielzählige Theile auch -grösseren Veränderungen im inneren Bau ausgesetzt sind. Zumal nun -diese vegetativen Wiederholungen, wie R. O<span class="smaller">WEN</span> sie nennt, ein -Anzeigen niedriger Organisation sind, so scheint die vorangehende -Bemerkung mit der sehr allgemeinen Ansicht der Naturforscher -zusammenzuhängen, dass solche Wesen, welche tief auf der Stufenleiter -der Natur stehen, veränderlicher als die höheren sind. Ich verstehe -unter tiefer Organisation in diesem Falle eine geringe Differenzirung -der Organe für verschiedene besondere Verrichtungen; denn solange ein -und dasselbe Organ verschiedene Arbeiten zu verrichten hat, lässt sich -ein Grund für seine Veränderlichkeit vielleicht darin finden, dass -Natürliche Züchtung jede kleine Abweichung der Form weniger sorgfältig -erhält oder unterdrückt, als wenn dasselbe Organ nur zu einem besondern -Zweck allein bestimmt wäre. So mögen Messer, welche allerlei Dinge zu -schneiden bestimmt sind, im Ganzen so ziemlich von<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> einerlei Form seyn, -während ein nur zu einerlei Gebrauch bestimmtes Werkzeug für jeden -andern Gebrauch auch eine andere Form haben muss.</p> - -<p>Auch unvollkommen ausgebildete, rudimentäre Organe sind nach der -Bemerkung einiger Schriftsteller, die mir richtig zu seyn scheint, -sehr zur Veränderlichkeit geneigt. Ich verweise in dieser Hinsicht auf -die Erörterung der rudimentären und abortiven Organe im Allgemeinen -und will hier nur beifügen, dass ihre Veränderlichkeit durch ihre -Gebrauchslosigkeit bedingt zu seyn scheint, indem in diesem Falle -Natürliche Züchtung nichts vermag, um Abweichungen ihres Baues -zu verhindern. Daher rudimentäre Theile dem freien Einfluss der -verschiedenen Wachsthums-Gesetze, den Wirkungen lange fortgesetzten -Nichtgebrauchs und dem Streben zur Rückkehr preisgegeben sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ein in ausserordentlicher Stärke oder Weise in irgend einer -Species entwickelter Theil hat, in Vergleich mit demselben Theile in -anderen Arten, eine grosse Neigung zur Veränderlichkeit.</em>) — Vor -einigen Jahren wurde ich durch eine ähnliche von W<span class="smaller">ATERHOUSE</span> -veröffentlichte Äusserung überrascht. Auch schliesse ich aus einer -Bemerkung des Professors R. O<span class="smaller">WEN</span> über die Länge der Arme des -Orang-Utang, dass er zur nämlichen Ansicht gelangt seye. Es ist keine -Hoffnung vorhanden, jemanden von der Wahrheit dieser Behauptung zu -überzeugen, ohne die Aufzählung der langen Reihe von Thatsachen, die -ich gesammelt, aber hier nicht mittheilen kann. Ich vermag nur meine -Überzeugung auszusprechen, dass es eine sehr allgemeine Regel ist. -Ich kenne zwar mehre Ursachen, welche zu Irrthum in dieser Hinsicht -Veranlassung geben können, hoffe aber sie genügend berücksichtigt zu -haben. Vor Allem ist zu bemerken, dass diese Regel auf keinen wenn -auch an sich noch so ungewöhnlich entwickelten Theil Anwendung finden -soll, woferne er nicht auch demselben Theile bei nahe verwandten Arten -gegenüber ungewöhnlich ausgebildet ist. So abnorm daher auch die -Flügel-Bildung der Fledermäuse in der Klasse der Säugethiere ist, so -bezieht sich doch jene Regel nicht darauf, weil diese Bildung einer -ganzen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Ordnung zukommt; sie würde nur anwendbar seyn, wenn die Flügel -einer Fledermaus-Art in merkwürdigem Verhältnisse gegen die Flügel -andrer Arten derselben Sippe vergrössert wären. Diese Regel entspricht -sehr gut den ungewöhnlich verwickelten „sekundären Sexual-Charaktern“, -mit welchem Ausdrucke H<span class="smaller">UNTER</span> diejenigen Merkmale bezeichnete, -welche nur dem Männchen oder dem Weibchen allein zukommen, aber mit dem -Fortpflanzungs-Akte nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die -Regel findet sowohl auf Männchen wie auf Weibchen Anwendung, doch mehr -auf die ersten, weil auffallende Charaktere dieser Art bei Weibchen -überhaupt selten sind. Die vollkommene Anwendbarkeit der Regel auf -diese letzten Fälle dürfte mit der grossen und nicht zu bezweifelnden -Veränderlichkeit dieser Charaktere überhaupt, mögen sie viel oder wenig -entwickelt seyn, zusammenhängen. Dass sich aber unsre Regel in der That -nicht auf die sekundären Charaktere dieser Art allein beziehe, erhellt -aus den hermaphroditischen Cirripeden; und ich will hier beifügen, dass -ich bei der Untersuchung dieser Ordnung Herrn W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>’<span class="smaller">S</span> -Bemerkung besondre Beachtung zugewandt habe und vollkommen von der -fast unveränderlichen Anwendbarkeit dieser Regel auf die Cirripeden -überzeugt bin. In meinem späteren Werke werde ich eine vollständigere -Liste der einzelnen Fälle geben; hier aber will ich nur einen anführen, -welcher die Regel in ihrer ausgedehntesten Anwendbarkeit erläutert. Die -Deckelklappen der sitzenden Cirripeden (Balaniden) sind in jedem Sinne -des Wortes sehr wichtige Gebilde und variiren selbst von einer Sippe -zur andern nur wenig. Nur in den verschiedenen Arten von Pyrgoma allein -bieten diese Klappen einen wundersamen Grad von Differenzirung dar. Die -homologen Klappen sind in verschiedenen Arten zuweilen ganz unähnlich -in Form, und der Betrag möglicher Abweichung zwischen den Individuen -einiger Arten ist so gross, dass man ohne Übertreibung behaupten darf, -ihre Varietäten weichen in den Merkmalen dieser wichtigen Klappen weit -auseinander, als sonst Arten verschiedener Sippen.</p> - -<p>Da Vögel innerhalb einer und derselben Gegend ausserordentlich<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> wenig -variiren, so habe ich auch sie in dieser Hinsicht näher geprüft und -die Regel auch in dieser Klasse sehr gut bewährt gefunden. Ich kann -nicht nachweisen, dass sie sich auch bei den Pflanzen so verhalte, -und mein Vertrauen auf ihre Allgemeinheit würde hiedurch sehr -erschüttert worden seyn, wenn nicht eben die grosse Veränderlichkeit -der Pflanzen überhaupt es sehr schwierig machte, die bezüglichen -Veränderlichkeits-Grade beider miteinander zu vergleichen.</p> - -<p>Wenn wir bei irgend einer Spezies einen Theil oder ein Organ in -merkwürdiger Höhe oder Weise entwickelt sehen, so läge es am nächsten -anzunehmen, dass dasselbe dieser Art von grosser Wichtigkeit seyn -müsse, und doch ist der Theil in diesem Falle ausserordentlich -veränderlich. Wie kommt Diess? Aus der Ansicht, dass jede Art mit allen -ihren Theilen, wie wir sie jetzt sehen, unabhängig erschaffen worden -seye, können wir keine Erklärung schöpfen. Dagegen scheint mir die -Annahme, dass Arten-Gruppen eine gemeinsame Abstammung von andern Arten -haben und nur durch Natürliche Züchtung modifizirt worden sind, einiges -Licht über die Frage zu verbreiten. Wenn bei unsren Hausthieren ein -einzelner Theil oder das ganze Thier vernachlässigt und ohne Züchtung -fortgepflanzt wird, so wird ein solcher Theil (wie z. B. der Kamm bei -den Dorking-Hühnern) oder die ganze Rasse aufhören einen einförmigen -Charakter zu bewahren. Man wird dann sagen, sie seye ausgeartet. In -rudimentären und solchen Organen, welche nur wenig für einen besondern -Zweck differenzirt worden sind, sowie in polymorphen Gruppen, sehen -wir einen fast gleichlaufenden Fall in der Natur; denn hier kann die -Natürliche Züchtung nicht oder nur wenig zur Geltung kommen und die -Organisation bleibt in einem schwankenden Zustande. Was uns aber hier -näher angeht, das ist, dass eben bei unseren Hausthieren diejenigen -Charaktere, welche durch fortgesetzte Züchtung so rascher Abänderung -unterliegen, eben so rasch zu variiren geneigt werden. Man vergleiche -einmal die Tauben-Rassen; was für ein wunderbar grosses Maass von -Veränderung zeigt sich nur in den Schnäbeln der Purzeltauben, in den -Schnäbeln und rothen Lappen der verschiedenen Botentauben (Cyprianer), -in Haltung und<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Schwanz der Pfauentaube, weil die <i>Englischen</i> -Liebhaber auf diese Punkte wenig achten. Schon die Unterrassen wie die -kurzstirnigen Purzler sind bekanntlich schwer vollkommen zu finden, -und oft kommen dabei einzelne Thiere zum Vorschein, welche weit von -dem Musterbilde abweichen. Man kann daher mit Wahrheit sagen, es -finde ein beständiger Kampf statt zwischen einerseits einem Streben -zur Rückkehr in eine minder differenzirte Beschaffenheit und einer -angeborenen Neigung zu weiterer Veränderung aller Art, und andrerseits -dem Vermögen fortwährender Züchtung zur Reinerhaltung der Rasse. Bei -langer Dauer gewinnt Züchtung den Sieg, und wir fürchten nicht mehr -so weit vom Ziele abzuweichen, dass wir von einem guten kurzstirnigen -Stamm nur einen gemeinen Purzler erhielten. So lange aber die Züchtung -noch in raschem Fortschritt begriffen ist, wird immer eine grosse -Unbeständigkeit in dem der Veränderung unterliegenden Gebilde zu -erwarten seyn. Es verdient ferner bemerkt zu werden, dass diese durch -künstliche Züchtung erzeugten veränderlichen Charaktere aus uns ganz -unbekannten Ursachen sich zuweilen mehr an das eine als an das andre -Geschlecht knüpfen, und zwar gewöhnlich an das männliche, wie die -Fleischwarzen der <i>Englischen</i> Botentaube und der mächtige Kropf -des Kröpfers.</p> - -<p>Doch kehren wir zur Natur zurück. Ist ein Theil in irgend einer Spezies -den andern Arten derselben Sippe gegenüber auf aussergewöhnliche -Weise vergrössert, so können wir annehmen, derselbe habe seit ihrer -Abzweigung von dem gemeinsamen Stamme einen ungewöhnlichen Betrag -von Abänderung erfahren. Diese Zeit der Abzweigung wird selten -ausserordentlich weit zurückliegen, da Arten nur selten länger als -eine geologische Periode dauern. Ein ungewöhnlicher Betrag von -Verschiedenheit setzt ein ungewöhnlich langes und ausgedehntes -Maass von Veränderlichkeit voraus, deren Produkt durch Züchtung -zum Besten der Spezies fortwährend gehäuft worden ist. Da aber die -Veränderlichkeit des ausserordentlich entwickelten Theiles oder -Organes in einer nicht sehr weit zurückreichenden Zeit so gross -und andauernd gewesen ist, so möchten wir auch jetzt noch in der -Regel mehr Veränderlichkeit in solchen als in andern Theilen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> der -Organisation, welche schon seit viel längerer Zeit beständig geworden -sind, anzutreffen erwarten. Und diese findet nach meiner Überzeugung -statt. Dass aber der Kampf zwischen Natürlicher Züchtung einerseits -und der Neigung zur Rückkehr und zur weiteren Abänderung anderseits -mit der Zeit aufhören und auch die am abnormsten gebildeten Organe -beständig werden können, ist kein Grund vorhanden zu bezweifeln. Wenn -daher ein Organ, wie regelmässig es auch seyn mag, in ungefähr gleicher -Beschaffenheit auf viele bereits abändernde Nachkommen übertragen -wird, wie Diess mit dem Flügel der Fledermaus der Fall ist, so muss -es meiner Theorie zufolge schon eine unermessliche Zeit hindurch in -dem gleichen Zustande vorhanden gewesen und in dessen Folge jetzt -nicht mehr veränderlicher als irgend ein andres Organ seyn. Nur in -denjenigen Fällen, wo die Modifikation noch verhältnissmässig jung -und ausserordentlich gross ist, werden wir daher die „generative -Veränderlichkeit“, wie wir sie nennen wollen, noch in hohem Grade -fortdauernd finden. Denn in diesem Falle wird die Veränderlichkeit -nur selten schon durch ununterbrochene Züchtung der in irgend einer -beabsichtigten Weise und Stufe variirenden und durch fortwährende -Verdrängung der zur Rückkehr geneigten Individuen zu einem festen Ziele -gelangt seyn.</p> - -<p>Das in diesen Bemerkungen enthaltene Prinzip ist noch einer Ausdehnung -fähig. Es ist nämlich bekannt, dass die spezifischen mehr als die -Sippen-Charaktere abzuändern geneigt sind. Ich will mit einem -einfachen Beispiele erklären, was ich meine. Wenn in einer grossen -Pflanzen-Sippe einige Arten blaue Blüthen haben und andre haben -rothe, so wird die Farbe nur ein Art-Charakter seyn und daher auch -niemand überrascht werden, wenn eine blau-blühende Art zu Roth -übergeht oder umgekehrt. Wenn aber alle Arten blaue Blumen haben, -so wird die Farbe zum Sippen-Charaktere, und ihre Veränderung wird -schon eine ungewöhnliche Erscheinung seyn. Ich habe gerade dieses -Beispiel gewählt, weil eine Erklärung, welche die meisten Naturforscher -sonst beizubringen geneigt seyn würden, darauf nicht anwendbar ist, -dass nämlich spezifische Charaktere desshalb weniger als generische -veränderlich erscheinen, weil sie von Theilen entlehnt sind, die<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> eine -mindere physiologische Wichtigkeit besitzen, als diejenigen, welche -gewöhnlich zur Klassifikation der Sippen dienen. Ich glaube zwar, dass -diese Erklärung theilweise, wenn auch nur indirekt, richtig ist, kann -jedoch erst in dem Abschnitt über Klassifikation darauf zurückkommen. -Es dürfte ganz überflüssig seyn, Beispiele zu Unterstützung der -obigen Behauptung anzuführen, dass Arten-Charaktere veränderlicher -als Sippen-Charaktere seyen; ich habe aber aus naturhistorischen -Werken wiederholt entnommen, dass, wenn ein Schriftsteller durch die -Wahrnehmung überrascht war, dass irgend ein wichtigeres Organ, welches -sonst in ganzen grossen Arten-Gruppen beständig zu seyn pflegt, in -nahe verwandten Arten ansehnlich abändere, dasselbe dann auch in den -Individuen einiger der Arten variirte. Diese Thatsache zeigt, dass -ein Charakter, der gewöhnlich von generischem Werthe ist, wenn er zu -spezifischem Werthe herabsinkt, oft veränderlich wird, wenn auch seine -physiologische Wichtigkeit die nämliche bleibt. Etwas Ähnliches findet -auch auf Monstrositäten Anwendung; wenigstens scheint I<span class="smaller">SIDORE</span> -G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> keinen Zweifel darüber zu hegen, dass ein -Organ um so mehr individuellen Anomalien unterliege, je mehr es in den -verschiedenen Arten derselben Gruppe verschieden ist.</p> - -<p>Wie wäre es nach der gewöhnlichen Meinung, dass jede Art unabhängig -erschaffen worden seye, zu erklären, dass derjenige Theil der -Organisation, welcher von demselben Theile in anderen unabhängig -erschaffenen Arten derselben Sippe mehr abweicht, auch veränderlicher -ist, als jene Theile, welche in den verschiedenen Arten einer Sippe -nahezu übereinstimmen. Ich sehe keine Möglichkeit ein Diess zu -erklären. Wenn wir aber von der Ansicht ausgehen, dass Arten nur -wohl unterschiedene und ständig gewordene Varietäten sind, so werden -wir sicher auch erwarten dürfen zu sehen, dass dieselben noch jetzt -oft fortfahren in denjenigen Theilen ihrer Organisation abzuändern, -welche erst in verhältnissmässig neuer Zeit in Folge ihres Variirens -von der gewöhnlicheren Bildung zurückgewichen sind. Oder, um den -Fall in einer andern Weise darzustellen: die Merkmale, worin alle -Arten einer Sippe einander gleichen, und worin dieselben<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> von allen -Arten einer andern Sippe abweichen, heissen generische, und diese -Merkmale zusammengenommen leite ich mittelst Vererbung von einem -gemeinschaftlichen Stammvater ab; denn nur selten kann es der Zufall -gewollt haben, dass Natürliche Züchtung verschiedene mehr oder weniger -abweichenden Lebensweisen angepasste Arten genau auf dieselbe Weise -modifizirt hat; und da diese sogenannten generischen Charaktere schon -von sehr frühe her, seit der Zeit nämlich wo sie sich von ihrer -gemeinsamen Stamm-Art abgezweigt haben, vererbt worden sind, und -sie sich später nicht mehr oder nur noch wenig verändert haben, so -ist es nicht wahrscheinlich, dass sie noch heutiges Tages abändern. -Anderseits nennt man die Punkte, wodurch sich Arten von andern Arten -derselben Sippe unterscheiden, spezifische Charaktere, und da diese -seit der Zeit der Abzweigung der Arten von der gemeinsamen Stamm-Art -abgeändert haben, so ist es wahrscheinlich, dass dieselben noch jetzt -oft einigermassen veränderlich sind, veränderlicher wenigstens, als -diejenigen Theile der Organisation, welche während einer sehr langen -Zeit-Dauer sich als beständig erwiesen haben.</p> - -<p>Im Zusammenhang mit diesem Gegenstande will ich noch zwei andre -Bemerkungen machen. — Ohne dass ich nöthig habe, darüber auf -Einzelheiten einzugehen, wird man mir zugeben, dass sekundäre -Sexual-Charaktere sehr veränderlich sind; man wird mir wohl auch ferner -zugeben, dass die zu einerlei Gruppe gehörigen Arten hinsichtlich -dieser Charaktere weiter als in andern Theilen ihrer Organisation -auseinander gehen können. Vergleicht man Beispiels-weise die Grösse -der Verschiedenheit zwischen den Männchen der Hühner-artigen Vögel, -bei welchen diese Art von Charakteren vorzugsweise stark entwickelt -sind, mit der Grösse der Verschiedenheit zwischen ihren Weibchen, so -wird die Wahrheit jener Behauptung eingeräumt werden. Die Ursache der -ursprünglichen Veränderlichkeit der sekundären Sexual-Charaktere ist -nicht nachgewiesen; doch lässt sich begreifen, wie es komme, dass -dieselben nicht eben so einförmig und beständig geworden sind als -andre Theile der Organisation; denn die sekundären Sexual-Charaktere -sind durch geschlechtliche Züchtung<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> gehäuft worden, welche weniger -strenge in ihrer Thätigkeit als die gewöhnliche ist, indem sie die -minder begünstigten Männchen nicht zerstört, sondern bloss mit -weniger Nachkommenschaft versieht. Welches aber immer die Ursache der -Veränderlichkeit dieser sekundären Sexual-Charaktere seyn mag; da sie -nun einmal sehr veränderlich sind, so hat die Natürliche Züchtung darin -einen weiten Spielraum für ihre Thätigkeit gefunden und somit den Arten -einer Gruppe leicht einen grösseren Betrag von Verschiedenheit in ihren -Sexual-Charakteren, als in andern Theilen ihrer Organisation verleihen -können.</p> - -<p>Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass die sekundären -Sexual-Verschiedenheiten zwischen beiden Geschlechtern einer Art sich -gewöhnlich genau in denselben Theilen der Organisation entfalten, -in denen auch die verschiedenen Arten einer Sippe von einander -abweichen. Um Diess zu erläutern will ich nur zwei Beispiele anführen, -welche zufällig die ersten auf meiner Liste stehen; und da die -Verschiedenheiten in diesen Fällen von sehr ungewöhnlicher Art sind, so -kann die Beziehung kaum zufällig seyn. Sehr grosse Gruppen von Käfern -haben eine gleiche Anzahl von Tarsal-Gliedern mit einander gemein; nur -in der Familie der Engidae ändert nach W<span class="smaller">ESTWOOD</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung -diese Zahl sehr ab, sogar in den zwei Geschlechtern einer Art. Ebenso -ist bei den Grabenden Hymenopteren der Verlauf der Flügel-Adern ein -Charakter von höchster Wichtigkeit, weil er sich in grossen Gruppen -gleich bleibt; in einigen Sippen jedoch ändert er von Art zu Art und -dann gleicher Weise auch oft in den zwei Geschlechtern der nämlichen -Art ab. L<span class="smaller">UBBOCK</span> hat kürzlich bemerkt, dass einige kleine -Kruster vortreffliche Belege für dieses Gesetz darbieten. In Pontella -z. B. sind es hauptsächlich die vorderen Fühler und das fünfte -Bein-Paar, welche die Sexual-Charaktere liefern und dieselben Organe -bieten auch die wichtigsten Arten-Unterschiede dar. Diese Beziehung -hat eine klare Bedeutung in meiner Anschauungs-Weise: ich betrachte -nämlich mit Bestimmtheit alle Arten einer Sippe als Abkömmlinge -von demselben Stamm-Vater, wie die zwei Geschlechter in jeder Art. -Folglich: was immer für ein Theil der Organisation des gemeinsamen<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> -Stamm-Vaters oder seiner ersten Nachkommen veränderlich geworden, -so werden höchst wahrscheinlich Abänderungen dieser Theile durch -Natürliche und Geschlechtliche Züchtung begünstigt worden seyn, um -die verschiedenen Arten verschiedenen Stellen im Haushalte der Natur -anzupassen, und ebenso um die zwei Geschlechter einer nämlichen Spezies -für einander geschickt zu machen, oder auch um Männchen und Weibchen zu -verschiedenen Lebensweisen zu eignen, oder endlich die Männchen in den -Stand zu setzen mit anderen Männchen um die Weibchen zu kämpfen.</p> - -<p>Endlich gelange ich also zu dem Schlusse, dass die grössre -Veränderlichkeit der spezifischen Charaktere, wodurch sich Art von -Art unterscheidet, gegenüber den generischen Merkmalen, welche -die Arten einer Sippe gemein haben, — dass die oft äusserste -Veränderlichkeit des in irgend einer einzelnen Art ganz ungewöhnlich -entwickelten Theiles gegenüber der geringen Veränderlichkeit eines -wenn auch ausserordentlich entwickelten, aber einer ganzen Gruppe -von Arten gemeinsamen Theiles, — dass die grosse Unbeständigkeit -sekundärer Sexual-Charaktere und das grosse Maass von Verschiedenheit -in denselben Merkmalen zwischen einander nahe verwandten Arten, -— dass die Entwickelung sekundärer Sexual- und gewöhnlicher -Art-Charaktere gewöhnlich in einerlei Theilen der Organisation — -Alles eng unter-einander verkettete Prinzipien sind. Alle entspringen -hauptsächlich daher, dass die zu einer Gruppe gehörigen Arten von einem -gemeinsamen Stamm-Vater herrühren, von welchem sie Vieles gemeinsam -ererbt haben; — dass Theile, welche erst neuerlich noch starke -Umänderungen erlitten, leichter zu variiren geneigt sind als solche, -welche sich schon seit langer Zeit ohne alle Veränderung fortgeerbt -haben; — dass die sexuelle Züchtung weniger streng als die gewöhnliche -ist; — endlich, dass Abänderungen in einerlei Organen durch natürliche -und durch sexuelle Züchtung gehäuft und für sekundäre Sexual- und -gewöhnliche spezifische Zwecke angepasst worden sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">Verschiedene Arten zeigen analoge Abänderungen; und die Varietät -einer Spezies nimmt oft einige von den Charakteren einer verwandten -Spezies an,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> oder sie kehrt zu einigen von den Merkmalen der Stamm-Art -zurück.</em>) Diese Behauptungen versteht man am leichtesten durch -Betrachtung der Hausthier-Rassen. Die verschiedensten Tauben-Rassen -bieten in weit auseinandergelegenen Gegenden Unter-Varietäten mit -umgewendeten Federn am Kopfe und mit Federn an den Füssen dar, -Merkmale, welche die ursprüngliche Felstaube nicht besitzt; Diess sind -also analoge Abänderungen in zwei oder mehren verschiedenen Rassen. -Die häufige Anwesenheit von vierzehn bis sechszehn Schwanzfedern im -Kröpfer kann man als eine die Normal-Bildung einer andern Abart, -der Pfauentaube nämlich, vertretende Abweichung betrachten. Ich -unterstelle, dass Niemand daran zweifeln wird, dass alle solche analoge -Abänderungen davon herrühren, dass die verschiedenen Tauben-Rassen die -gleiche Konstitution und daher unter denselben unbekannten Einflüssen -die gleiche Neigung zu variiren geerbt haben. Im Pflanzen-Reiche -zeigt sich ein Fall von analoger Abänderung in dem verdickten Strunke -(gewöhnlich wird er die Wurzel genannt) des <i>Schwedischen</i> -Turnipses und der Rutabaga, Pflanzen, welche mehre Botaniker nur -als durch die Kultur hervorgebrachte Varietäten einer Art ansehen. -Wäre Diess aber nicht richtig, so hätten wir einen Fall analoger -Abänderung in zwei sogenannten Arten, und diesen kann noch der gemeine -Turnips als dritte beigezählt werden. Nach der gewöhnlichen Ansicht, -dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, würden wir diese -Ähnlichkeit der drei Pflanzen in ihrem verdickten Stengel nicht der -wahren Ursache ihrer gemeinsamen Abstammung und einer daraus folgenden -Neigung in ähnlicher Weise zu variiren zuzuschreiben haben, sondern -drei verschiedenen aber enge unter sich verwandten Schöpfungs-Akten. -Bei den Tauben haben wir noch einen andern Fall, nämlich das in -allen Rassen gelegentliche Zumvorscheinkommen von Schiefer-blauen -Vögeln mit zwei schwarzen Flügelbinden, einem weissen Steiss, einer -Queerbinde auf dem Ende des Schwanzes und einem weissen äusseren Rande -am Grunde der äusseren Schwanz-Federn. Da alle diese Merkmale für die -Stamm-Art bezeichnend sind, so glaube ich wird Niemand bezweifeln, -dass es sich hier um eine<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Rückkehr zum Ur-Charakter und nicht um -eine analoge Abänderung in verschiedenen Rassen handle. Wir werden -dieser Folgerung um so mehr vertrauen können, als, wie wir bereits -gesehen, diese Farben-Charaktere sehr gerne in den Blendlingen zweier -ganz verschieden gefärbter Rassen zum Vorschein kommen; und in diesem -Falle ist auch in den äusseren Lebens-Bedingungen nichts zu finden, -was das Wiedererscheinen der Schiefer-blauen Farbe mit den übrigen -Farben-Abzeichen erklären könnte, als der Einfluss des Kreutzungs-Aktes -auf die Erblichkeits-Gesetze.</p> - -<p>Es ist in der That eine Erstaunen-erregende Thatsache, dass seit -vielen und vielleicht Hunderten von Generationen verlorene Merkmale -wieder zum Vorschein kommen. Wenn jedoch eine Rasse nur einmal mit -einer andern Rasse gekreutzt worden ist, so zeigt der Blendung die -Neigung gelegentlich zum Charakter der fremden Rasse zurückzukehren -noch einige, man sagt 12–20, Generationen lang. Nun ist zwar nach -12 Generationen, nach der gewöhnlichen Ausdrucks-Weise, das Blut -des einen fremden Vorfahren nur noch 1 in 2048, und doch genügt -nach der allgemeinen Annahme dieser äusserst geringe Bruchtheil -fremden Blutes noch, um eine Neigung zur Rückkehr in jenen Urstamm zu -unterhalten. In einer Rasse, welche nicht gekreutzt worden, sondern -worin <em class="gesperrt">beide</em> Ältern einige von den Charakteren ihrer gemeinsamen -Stamm-Art eingebüsst, dürfte die stärkere oder schwächere Neigung den -verlornen Charakter wieder herzustellen, wie schon früher bemerkt -worden, trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, sich noch -eine Reihe von Generationen hindurch erhalten. Wenn ein Charakter, -der in einer Rasse verloren gegangen, nach einer grossen Anzahl von -Generationen wiederkehrt, so ist die wahrscheinlichste Hypothese -nicht die, dass der Abkömmling jetzt erst plötzlich nach einem mehre -hundert Generationen älteren Vorgänger zurückstrebt, sondern die, dass -in jeder der aufeinanderfolgenden Generationen noch ein Streben zur -Wiederherstellung des fraglichen Charakters vorhanden gewesen, welches -nun endlich unter unbekannten günstigen Verhältnissen zum Durchbruch -gelangt. So ist z. B. wahrscheinlich, dass in jeder Generation der -Barb-Taube (<a href="#Seite_32">S. 32</a>), welche<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> nur sehr selten einen blauen Vogel mit -schwarzen Binden hervorbringt; das Streben diese Färbung anzunehmen -vorhanden seye. Diese Ansicht ist hypothetisch, kann jedoch durch -einige Thatsachen unterstützt werden; und ich kann an und für sich -keine grössere Unwahrscheinlichkeit in der Unterstellung einer Neigung -sehen, einen durch eine endlose Zahl von Generationen fortgeerbt -gewesenen Charakter wieder anzunehmen, als in der Vererbung eines -thatsächlich ganz unnützen oder rudimentären Organes. Und doch können -wir zuweilen ein solches Streben ein ererbtes Rudiment hervorzubringen -wahrnehmen, wie sich z. B. in dem gemeinen Löwenmaul (Antirrhinum) das -Rudiment eines fünften Staubgefässes so oft zeigt, dass dieser Pflanze -eine Neigung es hervorzubringen angeerbt seyn muss.</p> - -<p>Da nach meiner Theorie alle Arten einer Sippe gemeinsamer Abstammung -sind, so ist zu erwarten, dass sie zuweilen in analoger Weise variiren, -so dass eine Varietät der einen Art in einigen ihrer Charaktere -einer andern Art gleicht, welche ja nach meiner Meinung selbst nur -eine ausgebildete und bleibend gewordene Abart ist. Doch dürften -die hiedurch erlangten Charaktere nur unwesentlicher Art seyn; denn -die Anwesenheit aller wesentlichen Charaktere wird durch Natürliche -Züchtung in Übereinstimmung mit den verschiedenen Lebensweisen -der Art geleitet und bleibt nicht der wechselseitigen Thätigkeit -der Lebens-Bedingungen und einer ähnlichen ererbten Konstitution -überlassen. Es wird ferner zu erwarten seyn, dass die Arten einer -nämlichen Sippe zuweilen eine Neigung zur Rückkehr zu den Charakteren -alter Vorfahren zeigen. Da wir jedoch niemals den genauen Charakter -des gemeinsamen Stamm-Vaters einer Gruppe kennen, so vermögen wir -diese zwei Fälle nicht zu unterscheiden. Wenn wir z. B. nicht wüssten, -dass die Felstaube nicht mit Federfüssen oder mit umgewendeten Federn -versehen ist, so hätten wir nicht sagen können, ob diese Charaktere in -unsren Haustauben-Rassen Erscheinungen der Rückkehr zur Stamm-Form oder -bloss analoge Abänderungen seyen; wohl aber hätten wir unterstellen -dürfen, dass die blaue Färbung ein Beispiel von Rückkehr seye, wegen -der Zahl der andern Zeichnungen, welche mit der blauen Färbung<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> -zugleich wieder zum Vorschein kommen und wahrscheinlich doch nicht -bloss in Folge einfacher Abänderung damit zusammentreffen. Und noch -mehr würden wir darauf geschlossen haben, weil die blaue Farbe und -andren Zeichnungen so oft wiedererscheinen, wenn verschiedene Rassen -von abweichender Färbung miteinander gekreutzt werden. Obwohl es -daher in der freien Natur gewöhnlich zweifelhaft bleibt, welche Fälle -als Rückkehr zu alten Stamm-Charakteren und welche als neue analoge -Abänderungen zu betrachten sind, so müssen wir doch nach meiner Theorie -zuweilen finden, dass die abändernden Nachkommen einer Art (seye es -nun durch Rückkehr oder durch analoge Variation) Charaktere annehmen, -welche schon in einigen andern Gliedern derselben Gruppe vorhanden -sind. Das ist zweifelsohne in der Natur der Fall.</p> - -<p>Ein grosser Theil der Schwierigkeit eine veränderliche Art in unsren -systematischen Werken wiederzuerkennen, rührt davon her, dass ihre -Varietäten gleichsam einige der andern Arten der nämlichen Sippe -nachahmen. Auch könnte man ein ansehnliches Verzeichniss von Formen -geben, welche das Mittel zwischen zwei andern Formen halten, von -welchen es zweifelhaft ist, ob sie als Arten oder als Varietäten -anzusehen seyen; und daraus ergibt sich, wenn man nicht alle diese -Formen als unabhängig erschaffene Arten ansehen will, dass die eine -durch Abänderung die Charaktere der andern so weit angenommen hat, -um hiedurch eine Mittelform zu bilden. Aber der beste Beweis bietet -sich dar, indem Theile oder Organe von wesentlicher und einförmiger -Beschaffenheit zuweilen so abändern, dass sie einigermassen den -Charakter desselben Organes oder Theiles in einer verwandten Art -annehmen. Ich habe ein langes Verzeichniss von solchen Fällen -zusammengebracht, kann solches aber leider hier nicht mittheilen, -sondern bloss wiederholen, dass solche Fälle vorkommen und mir sehr -merkwürdig zu seyn scheinen.</p> - -<p>Ich will jedoch einen eigenthümlichen und zusammengesetzten Fall -anführen, der zwar keinen wichtigen Charakter betrifft, aber in -verschiedenen Arten einer Sippe theils im Natur- und theils im -gezähmten Zustande vorkommt. Es ist offenbar ein Fall von Rückkehr. -Der Esel hat manchmal sehr deutliche Queerbinden<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> auf seinen Beinen, -wie das Zebra. Man hat versichert, dass diese beim Füllen am -deutlichsten zu sehen sind, und meine Nachforschungen scheinen Solches -zu bestätigen. Auch hat man versichert, der Streifen an der Schulter -seye zuweilen doppelt. Der Schulter-Streifen ist jedenfalls sehr -veränderlich in Länge und Umriss. Man hat auch einen weissen Esel, der -kein Albino ist, ohne Rücken- und Schulter-Streifen beschrieben; und -diese Streifen sind auch bei dunkel-farbigen Thieren zuweilen sehr -undeutlich oder gar nicht zu sehen. Der Kulan von P<span class="smaller">ALLAS</span> soll -mit einem doppelten Schulter-Streifen gesehen worden seyn. Der Hemionus -hat keinen Schulter-Streifen; doch kommen nach B<span class="smaller">LYTH</span>’<span class="smaller">S</span> u. A. -Versicherung zuweilen Spuren davon vor, und Colonel P<span class="smaller">OOLE</span> hat -mich benachrichtigt, dass die Füllen dieser Art zuweilen an den Beinen -und schwach an der Schulter gestreift sind. Das Quagga, obwohl am -Körper eben so deutlich gestreift als das Zebra, ist ohne Binden an den -Beinen; doch hat Dr. G<span class="smaller">RAY</span> ein Individuum mit sehr deutlichen -denen des Zebras ähnlichen Binden an den Beinen abgebildet.</p> - -<p>Was das Pferd betrifft, so habe ich in <i>England</i> Fälle vom -Vorkommen des Rücken-Streifens bei den verschiedensten Rassen und allen -Farben gesammelt. Beispiele von Queerbinden auf den Beinen sind nicht -selten bei Braunen, Mäusebraunen und einmal bei einem Kastanienbraunen -vorgekommen. Auch ein schwacher Schulter-Streifen tritt zuweilen -bei Braunen auf, und eine Spur davon habe ich an einem Beerbraunen -gefunden. Mein Sohn hat mir eine sorgfältige Untersuchung und Zeichnung -von einem braunen <i>Belgischen</i> Karren-Pferde mitgetheilt mit einem -doppelten Streifen auf der Schulter und mit Streifen an den Beinen; -ich selbst habe einen braunen <i>Devonshirer</i> Pony gesehen, ein -verlässiger Mann hat mir die sorgfältige Beschreibung eines kleinen -braunen <i>Waliser</i> Pony mitgetheilt, welche alle beiden mit drei -kurzen gleichlaufenden Streifen auf jeder Schulter versehen waren.</p> - -<p>Im nordwestlichen Theile <i>Ostindiens</i> ist die Kattywarer -Pferde-Rasse so allgemein gestreift, dass, wie ich von Colonel -P<span class="smaller">OOLE</span> vernehme, welcher dieselbe im Auftrag der Regierung -untersuchte, ein Pferd ohne Streifen nicht für Vollblut angesehen -wird.<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Der Rückgrat ist immer gestreift; die Streifen auf den -Beinen sind wie der Schulter-Streifen, welcher zuweilen doppelt -und selbst dreifach ist, gewöhnlich vorhanden; überdiess sind -die Seiten des Gesichts zuweilen gestreift. Die Streifen sind -beim Füllen am deutlichsten und verschwinden zuweilen im Alter. -P<span class="smaller">OOLE</span> hat ganz junge sowohl graue als beerbraune Füllen -gestreift gefunden. Auch habe ich nach Mittheilungen, welche ich -Herrn W. W. E<span class="smaller">DWARDS</span> verdanke, Grund zu vermuthen, dass an -<i>Englischen</i> Rennpferden der Rücken-Streifen häufiger an Füllen -als an alten Pferden vorkommt. Ich habe kürzlich ein Fohlen von einer -Kastanien-braunen Stute (der Tochter eines <i>Turkomannischen</i> -Hengstes und einer <i>Flämischen</i> Stute) und einem Kastanien-braunen -<i>Englischen</i> Rasse-Pferd gezüchtet. Dieses Fohlen war, eine -Woche alt, am Rücken gegen den Schwanz hin sowie am Vorderkopfe mit -schmalen Zebra-Streifen und an den Beinen mit blasseren solchen -Streifen versehen, die zweifelsohne alle bald verschwinden werden. -Ohne hier in Einzelnheiten noch weiter einzugehen, will ich anführen, -dass ich Fälle von Bein- und Schulter-Streifen bei Pferden von ganz -verschiedenen Rassen in verschiedenen Gegenden gesammelt habe von -<i>England</i> bis <i>Ost-China</i> und von <i>Norwegen</i> im Norden -bis zum <i>Malayischen</i> Archipel im Süden. In allen Theilen der Welt -kommen diese Streifen weitaus am öftesten an Braunen und Mäusebraunen -vor. Unter Braun schlechthin („Dun“) begreife ich hier Pferde mit einer -langen Reihe von Farben-Abstufungen von Schwarzbraun an bis fast zum -Rahmfarbigen<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>.</p> - -<p>Ich weiss, dass Colonel H<span class="smaller">AMILTON</span> S<span class="smaller">MITH</span>, der über diesen -Gegenstand geschrieben, annimmt, unsre verschiedenen Pferde-Rassen -rührten von verschiedenen Stamm-Arten her, wovon eine, die des Braunen, -gestreift gewesen, und alle oben-beschriebenen Streifungen seyen Folge -früherer Kreutzung mit dem Braunen-Stamme. Jedoch fühle ich mich durch -diese Theorie in keiner Weise befriedigt und möchte sie nicht auf so -verschiedene Rassen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> in Anwendung bringen, wie das <i>Belgische</i> -Karren-Pferd, der <i>Walliser</i> Pony, der Renner, die schlanke -Kattywar-Rasse u. a., die in den verschiedensten Theilen der Welt -zerstreut sind.</p> - -<p>Wenden wir uns nun zu den Folgen der Kreutzung zwischen den -verschiedenen Arten der Pferde-Sippe: R<span class="smaller">OLLIN</span> versichert, dass -der gemeine Maulesel, von Esel und Pferd, sehr oft Queerstreifen auf -den Beinen hat, und nach G<span class="smaller">OSSE</span> kommt Diess in den <i>Vereinten -Staaten</i> in zehn Fällen neunmal vor. Ich sah einst einen Maulesel -mit so stark gestreiften Beinen, dass jedermann geneigt gewesen -seyn würde ihn vom Zebra abzuleiten; und Herr W. C. M<span class="smaller">ARTIN</span> -hat in seinem vorzüglichen Werke über das Pferd die Abbildung von -einem ähnlichen Maulesel mitgetheilt. In vier in Farben ausgeführten -Bildern von Bastarden des Esels mit dem Zebra fand ich die Beine viel -deutlicher gestreift als den übrigen Körper, und in einem derselben war -ein doppelter Schulter-Streifen vorhanden. An Lord M<span class="smaller">ORTON</span>’<span class="smaller">S</span> -berühmtem Bastard von einem Quagga-Hengst und einer kastanienbraunen -Stute sowie an einem nachher erzielten reinen Füllen von derselben -Stute mit einem schwarzen Araber waren die Beine viel deutlicher -queer-gestreift, als selbst beim reinen Quagga. Kürzlich, und Diess -ist ein andrer sehr merkwürdiger Fall, hat Dr. G<span class="smaller">RAY</span> (dem -noch ein zweites Beispiel dieser Art bekannt ist) einen Bastard von -Esel und Hemionus abgebildet, an welchem Bastard, obwohl der Esel nur -zuweilen und der Hemionus niemals Streifen auf den Beinen und letzter -nicht einmal einen Schulter-Streifen hat, alle vier Beine queer -gestreift und auch die Schulter mit drei Streifen wie die braunen -<i>Walliser</i> und <i>Devonshirer</i> Pony (<a href="#Seite_190">S. 190</a>) versehen ist, -und sogar einige Streifen wie beim Zebra an den Seiten des Gesichts -vorhanden sind. Diese letzte Thatsache hat mich überzeugt, dass -nicht einmal ein Farben-Streifen durch sogenannten Zufall entsteht, -daher ich allein durch diese Erscheinung an einem Bastarde von Esel -und Hemionus veranlasst wurde, Colonel P<span class="smaller">OOLE</span> zu fragen, ob -solche Gesichts-Streifen jemals bei der stark gestreiften Kattywarer -Pferde-Rasse vorkommen, was er, wie wir oben gesehen, bejahete.</p> - -<p>Was bleibt uns nun zu diesen verschiedenen Thatsachen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> noch zu sagen? -Wir sehen mehre wesentlich verschiedene Arten der Pferde-Sippe durch -einfache Abänderung Streifen an den Beinen wie beim Zebra oder an der -Schulter wie beim Esel erlangen. Beim Pferde sehen wir diese Neigung -stark hervortreten, so oft eine der natürlichsten Pferde-Farben zum -Vorschein kommt. Das Aussehen der Streifen ist von keiner Veränderung -der Form und von keinem neuen Charakter begleitet. Wir sehen diese -Neigung streifig zu werden sich am meisten bei Bastarden zwischen -mehren der von einander verschiedensten Arten entwickeln. Vergleichen -wir damit den vorhergehenden Fall von den Tauben: sie rühren von einer -Stamm-Art (mit 2–3 geographischen Varietäten oder Unterarten) her, -welche blaulich von Farbe und mit einigen bestimmten Band-Zeichnungen -versehen ist, und nehmen, wenn eine ihrer Rassen in Folge einfacher -Abänderung wieder einmal eine blaue Brut liefert, unfehlbar auch -jene Bänder der Stamm-Form wieder an, doch ohne irgend eine andre -Veränderung des Rasse-Charakters. Wenn man die ältesten und ächtesten -Rassen von verschiedener Färbung mit einander kreutzt, so tritt -in den Blendlingen eine starke Neigung hervor, die ursprüngliche -schieferblaue Farbe mit den schwarzen und weissen Binden und Streifen -wieder anzunehmen. Ich habe behauptet, die wahrscheinlichste Hypothese -zur Erklärung des Wiedererscheinens sehr alter Charaktere seye die -Annahme einer „Tendenz“ in den Jungen einer jeden neuen Generation den -längst verlorenen Charakter wieder hervorzuholen, welche Tendenz in -Folge unbekannter Ursachen zuweilen zum Durchbruch komme. Dann haben -wir gesehen, dass in verschiedenen Arten des Pferde-Geschlechts die -Streifen bei den Jungen deutlicher oder gewöhnlicher als bei den Alten -sind. Wollte man nun die Tauben-Rassen, deren einige schon Jahrhunderte -lang durch reine Inzucht fortgepflanzt worden, als Spezies bezeichnen, -so wäre die Erscheinung genau dieselbe, wie bei der Pferde-Sippe. Über -Tausende und Tausende von Generationen rückwärts schauend erkenne ich -mit Zuversicht ein wie ein Zebra gestreiftes, aber sonst vielleicht -sehr abweichend davon gebautes Thier als den gemeinsamen Stamm-Vater -des Hauspferdes (rühre es nun von einem<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> oder von mehren wilden Stämmen -her), des Esels, des Hemionus, des Quaggas, und des Zebras.</p> - -<p>Wer an die unabhängige Erschaffung der einzelnen Pferde-Spezies -glaubt, wird vermuthlich sagen, dass einer jeden Art die Neigung -im freien wie im gezähmten Zustande auf so eigenthümliche Weise zu -variiren anerschaffen worden seye, derzufolge sie oft wie andre Arten -derselben Sippe gestreift erscheine; und dass einer jeden derselben -eine starke Neigung anerschaffen seye bei einer Kreutzung mit Arten -aus den entferntesten Weltgegenden Bastarde zu liefern, welche in der -Streifung nicht ihren eignen Ältern, sondern andern Arten derselben -Sippe gleichen<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>. Sich zu dieser Ansicht bekennen heisst nach meiner -Meinung eine thatsächliche für eine nichtthatsächliche oder wenigstens -unbekannte Ursache aufgeben. Sie macht aus den Werken Gottes nur -Täuschung und Nachäfferei; — und ich wollte fast eben so gerne mit den -alten und unwissenden Kosmognisten annehmen, dass die fossilen Schaalen -nie einem lebenden Thiere angehört, sondern im Gesteine erschaffen -worden seyen, um die jetzt an der See-Küste lebenden Schaalthiere -nachzuahmen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung.</em>) Wir sind in tiefer Unwissenheit über die -Gesetze, wornach Abänderungen erfolgen. Nicht in einem von hundert -Fällen dürfen wir behaupten den Grund zu kennen, warum dieser oder -jener Theil eines Organismus von dem gleichen Theile bei seinen -Ältern mehr oder weniger abweiche. Doch woimmer wir die Mittel haben -eine Vergleichung anzustellen, da scheinen in Erzeugung geringerer -Abweichungen zwischen Varietäten derselben Art wie in Hervorbringung -grösserer Unterschiede zwischen Arten einer Sippe die nämlichen -Gesetze gewirkt zu haben. Die äusseren Lebens-Bedingungen, wie Klima, -Nahrung u. dgl. haben wohl nur einige geringe Abänderungen<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> bedingt. -Wesentlichere Folgen dürften Angewöhnung auf die Körper-Konstitution, -Gebrauch der Organe auf ihre Verstärkung, Nichtgebrauch auf ihre -Schwächung und Verkleinerung gehabt haben. Homologe Theile sind -geneigt auf gleiche Weise abzuändern und streben unter sich -zusammenzuhängen. Abänderungen in den harten und in den äusseren -Theilen berühren zuweilen weichere und innere Organe. Wenn sich ein -Theil stark entwickelt, strebt er vielleicht andren benachbarten -Theilen Nahrung zu entziehen; — und jeder Theil des organischen -Baues, welcher ohne Nachtheil für das Individuum fortbestehen kann, -wird erhalten. Eine Veränderung der Organisation in frühem Alter -berührt auch die sich später entwickelnden Theile; dann gibt es -aber noch viele Wechselbeziehungen der Entwickelung, deren Natur -wir durchaus nicht im Stande sind zu begreifen. Vielzählige Theile -sind veränderlicher in Zahl und Struktur, vielleicht desshalb, weil -dieselben, durch Natürliche Züchtung für einzelne Verrichtungen noch -nicht genug angepasst und differenzirt sind. Aus demselben Grunde -werden wahrscheinlich auch die auf tiefer Organisations-Stufe stehenden -Organismen veränderlicher seyn, als die höher entwickelten und in -allen Beziehungen mehr differenzirten. Rudimentäre Organe bleiben -ihrer Nutzlosigkeit wegen von der Natürlichen Züchtung unbeachtet und -sind wahrscheinlich desshalb veränderlich. Spezifische Charaktere, -solche nämlich, welche erst seit der Abzweigung der verschiedenen Arten -einer Sippe von einem gemeinsamen Stamm-Vater auseinander gelaufen, -sind veränderlicher als generische Merkmale, welche sich schon lange -als solche vererbt haben, ohne in dieser Zeit eine Abänderung zu -erleiden. Wir haben hier nur auf die einzelnen noch veränderlichen -Theile und Organe Bezug genommen, weil sie erst neuerlich variirt -haben und einander unähnlich geworden sind; wir haben jedoch schon -im zweiten Kapitel gesehen, dass das nämliche Princip auch auf das -ganze Thier anwendbar ist; denn in einem Bezirke, wo viele Arten -einer Sippe gefunden werden, d. h. wo früher viele Abänderung und -Differenzirung stattgefunden und die Fabrizirung neuer Arten-Formen -lebhaft betrieben worden ist, in diesem Bezirke und<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> unter diesen -Arten finden wir jetzt durchschnittlich auch die meisten Varietäten. -— Sekundäre Geschlechts-Charaktere sind sehr veränderlich, und -solche Charaktere weichen am meisten in den Arten einer nämlichen -Gruppe ab. Veränderlichkeit in denselben Theilen der Organisation -hat gewöhnlich die sekundären Sexual-Verschiedenheiten für die -zwei Geschlechter einer Spezies wie die Arten-Verschiedenheiten -für die mancherlei Arten der nämlichen Sippe geliefert. Ein in -ausserordentlicher Grösse oder Weise entwickeltes Glied oder Organ -— nämlich vergleichungsweise mit der Entwickelung desselben Gliedes -oder Organes in den nächst-verwandten Arten genommen — muss seit -dem Auftreten der Sippe ein ausserordentliches Maass von Abänderung -durchlaufen haben, woraus wir dann auch begreiflich finden, warum -dasselbe noch jetzt in höherem Grade als andre Theile Veränderungen -unterliegt; denn Abänderung ist ein langsamer und lang-währender -Prozess, und die Natürliche Züchtung wird in solchen Fällen noch nicht -die Zeit gehabt haben, das Streben nach fernerer Veränderung und nach -der Rückkehr zu einem weniger modifizirten Zustande zu überwinden. -Wenn aber eine Art mit irgend einem ausserordentlich entwickelten -Organe Stamm vieler abgeänderter Nachkommen geworden — was nach meiner -Ansicht ein sehr langsamer und daher viele Zeit erheischender Vorgang -ist —, dann mag auch die Natürliche Züchtung im Stande gewesen seyn -dem Organe, wie ausserordentlich es auch entwickelt seyn mag, schon -ein festes Gepräge aufzudrücken. Haben Arten nahezu die nämliche -Konstitution von einem Stamm-Vater geerbt und sind sie ähnlichen -Einflüssen ausgesetzt gewesen, so werden sie natürlich auch geneigt -seyn, analoge Abänderungen zu bilden und werden zuweilen zu einigen der -Charaktere ihrer frühesten Ahnen zurückkehren. Obwohl neue und wichtige -Modifikationen aus dieser Umkehr und jenen analogen Abänderungen nicht -hervorgehen werden, so tragen solche Modifikationen doch zur Schönheit -und harmonischen Manchfaltigkeit der Natur bei.</p> - -<p>Was aber auch die Ursache des ersten kleinen Unterschiedes zwischen -Ältern und Nachkommen seyn mag, und eine Ursache muss dafür da seyn, -so ist es doch nur die stete Häufung solcher<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> für das Individuum -nützlichen Unterschiede durch die Natürliche Züchtung, welche alle -wichtigeren Abänderungen der Struktur hervorbringt, durch welche die -zahllosen Wesen unsrer Erd-Oberfläche in den Stand gesetzt werden mit -einander um das Daseyn zu ringen, und wodurch das hiezu am besten -ausgestaltete die andern überlebt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br /> - -<b>Schwierigkeiten der Theorie.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. — -Übergänge. — Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. -— Übergänge in der Lebensweise. — Differenzirte Gewohnheiten in -einerlei Art. — Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer -Verwandten. — Organe von äusserster Vollkommenheit. — Mittel der -Übergänge. — Schwierige Fälle. — Natura non facit saltum. — -Organe von geringer Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen -absolut vollkommen. — Das Gesetz von der Einheit des Typus und -den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen -Züchtung.</p> - -<p>Schon lange bevor der Leser zu diesem Theile meines Buches gelangt ist, -mag sich ihm eine Menge von Schwierigkeiten dargeboten haben. Einige -derselben sind von solchem Gewichte, dass ich nicht an sie denken kann, -ohne wankend zu werden; aber nach meinem besten Wissen sind die meisten -von ihnen nur scheinbare, und diejenigen, welche in Wahrheit beruhen, -dürften meiner Theorie nicht verderblich werden.</p> - -<p>Diese Schwierigkeiten und Einwendungen lassen sich in folgende Rubriken -zusammenfassen: Erstens: wenn Arten aus andern Arten durch unmerkbar -kleine Abstufungen entstanden sind, warum sehen wir nicht überall -unzählige Übergangs-Formen? Warum bietet nicht die ganze Natur ein -Mischmasch von Formen statt der wohl begrenzt scheinenden Arten dar?</p> - -<p>Zweitens: Ist es möglich, dass ein Thier z. B. mit der Organisation -und Lebensweise einer Fledermaus durch Umbildung irgend eines -andren Thieres mit ganz verschiedener Lebensweise entstanden ist? -Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einerseits<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Organe von -so unbedeutender Wesenheit, wie z. B. den Schwanz einer Giraffe, -welcher als Fliegenwedel dient, und anderseits Organe von so -wundervoller Struktur wie das Auge hervorbringe, dessen unnachahmliche -Vollkommenheit wir noch kaum ganz begreifen.</p> - -<p>Drittens: Können Instinkte durch Natürliche Züchtung erlangt und -abgeändert werden? Was sollen wir z. B. zu einem so wunderbaren -Instinkte sagen, wie der ist, welcher die Biene veranlasst Zellen -zu bilden, durch welche die Entdeckungen tiefsinniger Mathematiker -praktisch vornweg genommen sind.</p> - -<p>Viertens: Wie ist es zu begreifen, dass Spezies bei der Kreutzung mit -einander unfruchtbar sind oder unfruchtbare Nachkommen geben, während -die Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten ungeschwächt bleibt.</p> - -<p>Die zwei ersten dieser Hauptfragen sollen hier und die letzten, -Instinkt und Bastard-Bildung nämlich, in besondren Kapiteln erörtert -werden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Mangel oder Seltenheit vermittelnder Varietäten.</em>) Da Natürliche -Züchtung nur durch Erhaltung nützlicher Abänderungen wirkt, so wird -jede neue Form in einer schon vollständig bevölkerten Gegend streben -ihre eignen minder vervollkommneten Ältern so wie alle andern minder -vervollkommnete Formen, mit welchen sie in Bewerbung kommt, zu ersetzen -und endlich zu vertilgen. Natürliche Züchtung geht, wie wir gesehen, -mit dieser Verrichtung Hand in Hand. Wenn wir daher jede Spezies -als Abkömmling von irgend einer andern unbekannten Form betrachten, -so werden Urstamm und Übergangs-Formen gewöhnlich schon durch den -Bildungs- und Vervollkommnungs-Prozess der neuen Form vertilgt seyn.</p> - -<p>Wenn nun aber dieser Theorie zufolge zahllose Übergangs-Formen -existirt haben müssen, warum finden wir sie nicht in unendlicher Menge -eingebettet in den Schichten der Erd-Rinde? Es wird angemessener seyn, -diese Frage in dem Kapitel von der Unvollständigkeit der geologischen -Urkunden zu erörtern. Hier will ich nur anführen, dass ich die -Antwort hauptsächlich darin zu finden glaube, dass jene Urkunden -unvergleichlich minder<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> vollständig sind, als man gewöhnlich annimmt, -und dass jene Unvollständigkeit der geologischen Urkunden hauptsächlich -davon herrührt, dass organische Wesen keine sehr grosse Tiefen des -Meeres bewohnen, daher ihre Reste nur von solchen Sediment-Massen -umschlossen und für künftige Zeiten erhalten werden konnten, welche -hinreichend dick und ausgedehnt gewesen, um einem ungeheuren Maasse -spätrer Zerstörung zu entgehen. Und solche Fossilien-führende Massen -können sich nur da ansammeln, wo viele Niederschläge in seichten -Meeren während langsamer Senkung des Bodens abgelagert werden. Diese -Zufälligkeiten werden nur selten und nur nach ausserordentlich langen -Zwischenzeiten zusammentreffen. Während der Meeres-Boden in Ruhe oder -in Hebung begriffen ist oder nur schwache Niederschläge stattfinden, -bleiben die Blätter unsrer geologischen Geschichtsbücher unbeschrieben. -Die Erd-Rinde ist ein weites Museum, dessen naturgeschichtlichen -Sammlungen aber nur in einzelnen Zeitabschnitten eingebracht worden -sind, die unendlich weit auseinander liegen.</p> - -<p>Man kann zwar einwenden, dass, wenn einige nahe-verwandte Arten -jetzt in einerlei Gegend beisammen wohnen, man gewiss viele -Zwischenformen finden müsse. Nehmen wir einen einfachen Fall an. Wenn -man einen Kontinent von Norden nach Süden durchreiset, so trifft man -gewöhnlich von Zeit zu Zeit auf andre einander nahe verwandte oder -stellvertretende Arten, welche offenbar ungefähr dieselbe Stelle in dem -Natur-Haushalte des Landes einnehmen. Diese stellvertretenden Arten -grenzen oft an einander oder greifen in ihr Gebiet gegenseitig ein, -und wie die einen seltener und seltener, so werden die andern immer -häufiger, bis sie einander ersetzen. Vergleichen wir diese Arten da, wo -sie sich mengen, miteinander, so sind sie in allen Theilen ihres Baues -gewöhnlich noch eben so vollkommen von einander unterschieden, als wie -die aus der Mitte des Verbreitungs-Bezirks einer jeden entnommenen -Muster. Nun sind aber nach meiner Theorie alle diese Arten von einem -gemeinsamen Stamm-Vater ausgegangen und ist jede derselben erst -durch den Modifikations-Prozess den Lebensbedingungen ihrer Gegend -angepasst<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> worden, hat dort ihren Urstamm sowohl als alle Mittelstufen -zwischen ihrer ersten und jetzigen Form ersetzt und verdrängt, so -dass wir jetzt nicht mehr erwarten dürfen, in jeder Gegend noch -zahlreiche Übergangs-Formen zu finden, obwohl dieselben existirt haben -müssen und ihre Reste wohl auch in die Erd-Schichten aufgenommen -worden seyn mögen. Aber warum finden wir in den Zwischengegenden, wo -doch die äusseren Lebens-Bedingungen einen Übergang von denen des -einen in die des andren Bezirkes bilden, nicht auch nahe verwandte -Übergangs-Varietäten? Diese Schwierigkeit hat mir lange Zeit viel -Kopfzerbrechen verursacht; indessen glaube ich jetzt, sie lasse sich -grossentheils erklären.</p> - -<p>Vor Allem sollten wir sehr vorsichtig mit der Annahme seyn, dass eine -Gegend, weil sie jetzt zusammenhängend ist, auch schon seit langer -Zeit zusammenhängend gewesen seye. Die Geologie veranlasst uns zu -glauben, dass fast jeder Kontinent noch in der letzten Tertiär-Zeit -in viele Inseln getheilt gewesen seye; und auf solchen Inseln -getrennt können sich verschiedene Arten gebildet haben, ohne die -Möglichkeit Mittelformen in den Zwischengegenden zu liefern. In Folge -der Veränderungen der Land-Form und des Klimas mögen auch die jetzt -zusammenhängenden Meeres-Gebiete noch in verhältnissmässig später Zeit -weniger zusammenhängend und einförmig gewesen seyn. Doch will ich von -diesem Mittel der Schwierigkeit zu entkommen absehen; denn ich glaube, -dass viele vollkommen unterschiedene Arten auf ganz zusammenhängenden -Gebieten entstanden sind, wenn ich auch nicht daran zweifle, dass die -früher unterbrochene Beschaffenheit jetzt zusammenhängender Gebiete -einen wesentlichen Antheil an der Bildung neuer Arten zumal frei -wandernder und sich kreutzender Thiere gehabt habe.</p> - -<p>Hinsichtlich der jetzigen Verbreitung der Arten über weite Flächen -finden wir, dass sie gewöhnlich ziemlich zahlreich auf einem grossen -Theile derselben vorkommen, dann aber ziemlich rasch gegen die Grenzen -hin immer seltener werden und endlich ganz verschwinden; daher das -neutrale Gebiet zwischen zwei stellvertretenden Arten gewöhnlich nur -schmal ist im Verhältniss<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> zu demjenigen, welches eine jede von ihnen -eigenthümlich bewohnt. Wir machen dieselbe Bemerkung auch, wenn wir -an Gebirgen emporsteigen, und zuweilen ist es sehr auffällig, wie -plötzlich, nach A<span class="smaller">LPHONSE</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung, eine -gemeine Art in den Alpen verschwindet. E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> hat -dieselbe Wahrnehmung gemacht, als er die Bewohner des See-Grundes mit -dem Schleppnetze herauf fischte. Diese Thatsache muss alle diejenigen -in Verlegenheit setzen, welche die äusseren Lebens-Bedingungen, wie -Klima und Höhe, als die allmächtigen Ursachen der Verbreitung der -Organismen-Formen betrachten, indem der Wechsel von Klima und Höhe -oder Tiefe überall ein allmählicher ist. Wenn wir uns aber erinnern, -dass fast jede Art, mitten in ihrer Heimath sogar, zu unermesslicher -Zahl anwachsen würde, wenn sie nicht in Mitbewerbung mit andern Arten -stünde, — dass fast alle von andern Arten leben oder ihnen zur Nahrung -dienen, — kurz dass jedes organische Wesen mittelbar oder unmittelbar -in innigster Beziehung zu andern Organismen steht, so müssen wir -erkennen, dass die Verbreitung der Bewohner einer Gegend keineswegs -allein von der unmerklichen Veränderung physikalischer Bedingungen, -sondern grossentheils von der Anwesenheit oder Abwesenheit andrer Arten -abhängt, von welchen sie leben, durch welche sie zerstört werden, oder -<em class="gesperrt">mit</em> welchen sie in Mitbewerbung stehen; und da diese Arten -bereits eine bestimmte Begrenzung haben und nicht mehr unmerklich in -einander übergehen, so muss die Verbreitung einer Spezies, welche von -der einen oder andern abhängt, scharf umgrenzt werden. Überdiess muss -jede Art an den Grenzen ihres Verbreitungs-Bezirkes, wo ihre Anzahl -ohnediess geringer wird, durch Schwankungen in der Menge ihrer Feinde -oder ihrer Beute oder in den Jahreszeiten sehr oft einer gänzlichen -Zerstörung ausgesetzt seyn, und es mag auch hiedurch die schärfere -Umschreibung ihrer geographischen Verbreitung mit bedingt werden.</p> - -<p>Wenn meine Meinung richtig ist, dass verwandte oder stellvertretende -Arten, welche ein zusammenhängendes Gebiet bewohnen, gewöhnlich so -vertheilt sind, dass jede von ihnen eine weite Strecke einnimmt, -und dass diese Strecken durch verhältnissmässig<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> enge neutrale -Zwischenräume getrennt werden, in welchen jede Art rasch an Menge -abnimmt, — dann wird diese Regel, da Varietäten nicht wesentlich -von Arten verschieden sind, wohl auf die einen wie auf die andern -Anwendung finden; und wenn wir in Gedanken eine veränderliche Spezies -einem sehr grossen Gebiete anpassen, so werden wir zwei Varietäten -jenen zwei grossen Untergebieten und eine dritte Varietät dem schmalen -Zwischengebiete anzupassen haben. Diese Zwischen-Varietät wird, weil -sie einen geringeren Raum bewohnt, auch in geringerer Anzahl vorhanden -seyn; und in Wirklichkeit genommen passt diese Regel, so viel ich -ermitteln kann, ganz gut auf Varietäten im Natur-Zustande. Ich habe -triftige Belege für diese Regel in Varietäten von Balanus-Arten -gefunden, welche zwischen ausgeprägteren Varietäten derselben das -Mittel halten. Und ebenso scheint es nach den Belehrungen, die ich -den Herren W<span class="smaller">ATSON</span>, A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> und W<span class="smaller">OLLASTON</span> -verdanke, dass gewöhnlich, wenn Mittel-Varietäten zwischen zwei andren -Formen vorkommen, sie der Zahl nach weit hinter jenen zurückstehen, die -sie verbinden. Wenn wir nun diese Thatsachen und Belege als richtig -annehmen und daraus folgern, dass Varietäten, welche zwei andre -Varietäten mit einander verbinden, gewöhnlich in geringerer Anzahl als -diese letzten vorhanden waren, so dürfte man daraus auch begreifen, -warum Zwischen-Varietäten keine lange Dauer haben und der allgemeinen -Regel zufolge früher vertilgt werden und verschwinden müssen, als -diejenigen Formen, welche sie ursprünglich mit einander verketten.</p> - -<p>Denn eine in geringerer Anzahl vorhandene Form wird, wie schon -früher bemerkt worden, überhaupt mehr als die in reichlicher Menge -verbreiteten in Gefahr seyn ausgetilgt zu werden; und in diesem -besondren Falle dürfte die Zwischenform vorzugsweise den Angriffen der -zwei nahe verwandten Formen zu ihren beiden Seiten ausgesetzt seyn. -Aber eine weit wichtigere Betrachtung scheint mir die zu seyn, dass -während des Prozesses weitrer Umbildung, wodurch nach meiner Theorie -zwei Varietäten zu zwei ganz verschiedenen Spezies erhoben werden, -diese zwei Varietäten, soferne sie grössere Flächen bewohnen, auch<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> -in grösserer Anzahl vorhanden sind und daher in grossem Vortheile -gegen die mittle Varietät stehen, welche in kleinrer Anzahl nur einen -schmalen Zwischenraum bewohnt. Denn Formen, welche in grössrer Zahl -bestehen, haben immer eine bessre Aussicht, als die gering-zähligen, -innerhalb einer gegebenen Periode noch andre nützliche Abänderungen -zur Natürlichen Züchtung darzubieten. Daher in dem Kampfe um’s Daseyn -die gemeineren Formen streben werden die selteneren zu verdrängen und -zu ersetzen, welche sich nur langsam abzuändern und zu vervollkommnen -vermögen. Es scheint mir dasselbe Prinzip zu seyn, wornach, wie im -zweiten Kapitel gezeigt worden, die gemeinen Arten einer Gegend -durchschnittlich auch eine grössre Anzahl von Varietäten darbieten als -die selteneren. Ich will nun, um meine Meinung besser zu erläutern, -einmal annehmen, es handle sich um drei Schaaf-Varietäten, von -welchen eine für eine ausgedehnte Gebirgs-Gegend, die zweite nur für -einen verhältnissmässig schmalen Hügel-Streifen und die dritte für -weite Ebenen an deren Fusse geeignet seye; ich will ferner annehmen, -die Bewohner seyen alle mit gleichem Schick und Eifer bestrebt, -ihre Rassen durch Züchtung zu verbessern, so wird in diesem Falle -die Wahrscheinlichkeit des Erfolges ganz auf Seiten der grossen -Heerden-Besitzer im Gebirge und in der Ebene seyn, weil diese ihre -Rassen schneller als die kleinen in der schmalen hügeligen Zwischenzone -veredeln, so dass die verbesserte Rasse des Gebirges oder der Ebene -bald die Stelle der minder verbesserten Hügelland-Rasse einnehmen wird; -und so werden die zwei Rassen, welche anfänglich in grosser Anzahl -existirt haben, in unmittelbare Berührung mit einander kommen ohne -fernere Einschaltung der Zwischen-Rasse.</p> - -<p>In Summe: glaube ich, dass Arten leidlich gut umschrieben seyn können, -ohne zu irgend einer Zeit ein unentwirrtes Chaos veränderlicher und -vermittelnder Formen darzubieten: 1) weil sich neue Varietäten nur -sehr langsam bilden, indem Abänderung ein äusserst träger Vorgang -ist und Natürliche Züchtung so lange nichts auszurichten vermag, -als nicht günstige Abweichungen vorkommen und nicht ein Platz im -Natur-Haushalte der Gegend<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> durch Modifikation eines oder des andern -ihrer Bewohner besser ausgefüllt werden kann. Und solche neue Stellen -werden von langsamen Veränderungen des Klimas oder der zufälligen -Einwanderung neuer Bewohner und, in wahrscheinlich viel höherem Grade, -davon abhängen, dass einige von den alten Bewohnern langsam abgeändert -werden, während jene neu hervor-gebrachten und eingewanderten Formen -mit einigen alten in Wechselwirkung gerathen: daher wir in jeder Gegend -und zu jeder Zeit nur wenige Arten zu sehen bekommen, welche geringe -einigermassen bleibende Modifikationen der Organisation darbieten. Und -Diess sehen wir auch sicherlich so.</p> - -<p>Zweitens: viele jetzt zusammenhängende Bezirke der Erd-Oberfläche -müssen noch in der jetzigen Erd-Periode in verschiedene Theile getrennt -gewesen seyn, worin viele Formen zumal sich paarender und wandernder -Thiere ganz von einander geschieden sich weit genug zu differenziren -vermochten, um als Spezies gelten zu können. Zwischen-Varietäten -zwischen diesen Spezies und ihrer gemeinsamen Stamm-Form müssen wohl -vordem in jedem dieser Bruchtheile des Bezirkes gewesen seyn, sind aber -später durch Natürliche Züchtung ersetzt und ausgetilgt worden, so dass -sie lebend nicht mehr vorhanden sind.</p> - -<p>Drittens: Wenn zwei oder mehre Varietäten in den verschiedenen -Theilen eines zusammenhängenden Bezirkes gebildet worden sind, so -werden wahrscheinlich auch Zwischen-Varietäten in den schmalen -Zwischenzonen entstanden seyn, aber nicht lange gewährt haben. Denn -diese Zwischen-Varietäten werden aus schon entwickelten Gründen -(und namentlich, was wir über die jetzige Verbreitung einander -nahe-verwandter Arten und ausgebildeten Varietäten wissen) in den -Zwischenzonen in geringrer Anzahl, als die Haupt-Varietäten, die -sie verbinden, in deren eigenen Bezirken vorhanden seyn. Schon aus -diesem Grunde allein werden die Zwischen-Varietäten gelegentlicher -Vertilgung ausgesetzt seyn, werden aber zuverlässig während des -Prozesses weitrer Modifikation von den Formen, welche sie mit einander -verketten, meistens desshalb verdrängt und ersetzt werden, weil diese -ihrer grösseren Anzahl wegen mehr abändern und daher<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> leichter durch -Natürliche Züchtung noch weiter verbessert und dadurch gesichert werden -können.</p> - -<p>Letztens müssen, nicht bloss zu einer sondern zu allen Zeiten, wenn -meine Theorie richtig ist, gewiss auch zahllose Zwischen-Varietäten -zu Verbindung der Arten einer nämlichen Gruppe mit einander existirt -haben, aber auch gerade der Prozess der Natürlichen Züchtung -fortwährend thätig gewesen seyn, sowohl deren Stamm-Formen als die -Mittelglieder selbst zu vertilgen. Daher ein Beweis ihrer früheren -Existenz höchstens noch unter den Fossil-Resten der Erd-Rinde gefunden -werden könnte, welche aber diese Urkunden früherer Zeiten, wie in einem -späteren Abschnitte gezeigt werden soll, nur in sehr unvollkommener und -unzusammenhängender Weise aufzubewahren geeignet ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Entstehung und Übergänge von Organismen mit eigenthümlicher -Lebens-Weise und Organisation.</em>) Gegner meiner Ansichten haben -mir die Frage entgegengehalten, wie denn z. B. ein Land-Raubthier in -ein Wasser-Raubthier habe verwandelt werden können, da ein Thier in -einem Zwischenzustande nicht wohl zu bestehen vermocht hätte? Es würde -leicht seyn zu zeigen, dass innerhalb derselben Raubthier-Gruppe Thiere -vorhanden sind, welche jede Mittelstufe zwischen einfachen Land- und -ächten Wasser-Thieren einnehmen und daher durch ihre verschiedene -Lebens-Weise wohl geeignet sind, in dem Kampfe mit andern um’s Daseyn -ihre Stelle zu behaupten. So hat z. B. die nordamerikanische Mustela -vison eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und gleicht der Fischotter -in Pelz, kurzen Beinen und Form des Schwanzes. Den Sommer hindurch -taucht dieses Thier ins Wasser und nährt sich von Fischen; während -des langen Winters aber verlässt es die gefrorenen Gewässer und lebt -gleich andern Iltissen von Mäusen und Landthieren. Hätte man einen -andern Fall gewählt und mir die Frage gestellt, auf welche Weise ein -Insekten-fressender Vierfüsser in eine fliegende Fledermaus verwandelt -worden seye, so wäre diese Frage weit schwieriger zu beantworten. -Doch haben nach meiner Meinung solche einzelne Schwierigkeiten kein -allzugrosses Gewicht.</p> - -<p>Hier wie in anderen Fällen befinde ich mich in dem grossen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Nachtheil, -aus den vielen treffenden Belegen, die ich gesammelt habe, nur ein oder -zwei Beispiele von einem Übergang der Lebens-Weise und Organisation -zwischen nahe verwandten Arten einer Sippe und von vorübergehend oder -bleibend veränderten Gewohnheiten einer nämlichen Spezies anführen zu -können. Und es scheint mir selbst, dass nichts weniger als ein langes -Verzeichniss solcher Beispiele genügend seye, die Schwierigkeiten der -Erklärung eines so eigenthümlichen Falles zu beseitigen, wie der von -der Fledermaus ist.</p> - -<p>Sehen wir uns in der Familie der Eichhörnchen um, so finden wir da die -erste schwache Übergangs-Stufe zu den sogen. fliegenden Fleder-Mäusen -angedeutet in dem zweizeilig abgeplatteten Schwanze der einen und, nach -J. R<span class="smaller">ICHARDSON</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung, in dem verbreiterten Hintertheile -und der volleren Haut an den Seiten des Körpers der andern Arten; denn -bei Flughörnchen sind die Hintergliedmassen und selbst der Anfang des -Schwanzes durch eine ansehnliche Ausbreitung der Haut mit einander -verbunden, welche als Fallschirm dient und diese Thiere befähigt, auf -erstaunliche Entfernungen von einem Baum zum andern durch die Luft zu -gleiten. Es ist kein Zweifel, dass jeder Art von Eichhörnchen in deren -Heimath jeder Theil dieser eigenthümlichen Organisation nützlich ist, -indem er sie in den Stand setzt den Verfolgungen der Raubvögel oder -andrer Raubthiere zu entgehen, reichlichere Nahrung einzusammeln und -zweifelsohne auch die Gefahr jeweiligen Fallens zu vermindern. Daraus -folgt aber noch nicht, dass die Organisation eines jeden Eichhörnchens -auch die bestmögliche für alle natürlichen Verhältnisse seye. Gesetzt, -Klima und Vegetation verändern sich, neue Nagethiere treten als -Mitbewerber auf, und neue Raubthiere wandern ein oder alte erfahren -eine Abänderung, so müssten wir aller Analogie nach auch vermuthen, -dass wenigstens einige der Eichhörnchen sich an Zahl vermindern oder -ganz aussterben werden, wenn ihre Organisation nicht ebenfalls in -entsprechender Weise abgeändert und verbessert wird. Daher ich, zumal -bei einem Wechsel der äussern Lebens-Bedingungen, keine Schwierigkeit -für die Annahme finde, dass Individuen mit immer vollerer Seiten-Haut -vorzugsweise<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> dürften erhalten werden, weil dieser Charakter erblich -und jede Verstärkung desselben nützlich ist, bis durch Häufung aller -einzelnen Effekte dieses Prozesses natürlicher Züchtung aus dem -Eichhörnchen endlich ein Flughörnchen geworden ist.</p> - -<p>Sehen wir nun den fliegenden Lemur oder den Galeopithecus an, welcher -vordem irriger Weise zu den Fledermäusen versetzt worden ist. Er -hat eine sehr breite Seitenhaut, welche von den Hinterenden der -Kinnladen bis zum Schwanze erstreckt die Beine und verlängerten Finger -einschliesst, auch mit einem Ausbreiter-Muskel versehen ist. Obwohl -jetzt keine vermittelnden Zwischenstufen zwischen den gewöhnlichen -Lemuriden und dem durch die Luft gleitenden Galeopithecus vorhanden -sind, so sehe ich doch keine Schwierigkeiten für die Annahme, dass -solche Zwischenglieder einmal existirt und sich auf ähnliche Art von -Stufe zu Stufe entwickelt haben, wie oben die zwischen den Eich- -und Flug-Hörnchen, indem jeder weitere Schritt zur Verbesserung der -Organisation in dieser Richtung für den Besitzer von Nutzen war. Auch -kann ich keine unüberwindliche Schwierigkeit erblicken weiter zu -unterstellen, dass sowohl der Vorderarm als die durch die Flughaut -verbundenen Finger des Galeopithecus sich in Folge Natürlicher Züchtung -allmählich verlängert haben, und Diess würde genügen denselben, was die -Flugwerkzeuge betrifft, in eine Fledermaus zu verwandeln. Bei jenen -Fledermäusen, deren Flughaut nur von der Schulter bis, unter Einschluss -der Hinterbeine, zum Schwanze geht, sehen wir vielleicht noch die -Spuren einer Vorrichtung, welche ursprünglich mehr dazu gemacht war -durch die Luft zu gleiten, als zu fliegen.</p> - -<p>Wenn etwa ein Dutzend eigenthümlich gebildeter Vogel-Sippen erloschen -oder uns unbekannt geblieben wären, wie hätten wir nur die Vermuthung -wagen dürfen, dass es jemals Vögel gegeben habe, welche gleich der -Dickkopf-Ente (Micropterus E<span class="smaller">YTON</span>’<span class="smaller">S</span>) ihre Flügel nur wie -Klappen zum Flattern über dem Wasserspiegel hin, oder gleich den -Fettgänsen wie Ruder im Meere und wie Vorderbeine auf dem Lande -oder gleich dem Strausse wie Seegel zur Beförderung des Laufes -gebrauchten, oder endlich gleich dem Apteryx gar nicht benützten. -Und doch<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> ist die Organisation eines jeden dieser Vögel unter den -Lebens-Bedingungen, worin er sich befindet und um sein Daseyn kämpft, -für ihn vortheilhaft, wenn auch nicht nothwendig die beste unter -allen möglichen Einrichtungen. Aus diesen Bemerkungen soll übrigens -nicht gefolgert werden, dass irgend eine der eben angeführten -Abstufungen der Flügel-Bildungen, die vielleicht alle nur Folge des -Nichtgebrauches sind, einer natürlichen Stufen-Reihe angehöre, auf -welcher emporsteigend die Vögel das vollkommene Flug-Vermögen erlangt -haben; aber sie können wenigstens zu zeigen dienen, was für mancherlei -Wege des Übergangs möglich sind.</p> - -<p>Wenn man sieht, dass eine kleine Anzahl Thiere aus den Wasser-athmenden -Klassen der Kruster und Mollusken zum Leben auf dem Lande geschickt -sind, wenn man sieht, dass es fliegende Vögel, fliegende Säugthiere, -fliegende Insekten von den verschiedenartigsten Typen gibt und vordem -auch fliegende Reptilien gegeben hat, so wird es auch begreiflich, dass -fliegende Fische, welche jetzt mit Hilfe ihrer flatternden Brustflossen -sich in schiefer Richtung über den See-Spiegel erheben und in weitem -Bogen durch die Luft gleiten, allmählich zu vollkommen beflügelten -Thieren umgewandelt werden können. Und wäre Diess einmal bewirkt, wer -würde sich dann je einbilden, dass sie in einer früheren Zeit Bewohner -des offenen Meeres gewesen seyen und ihre beginnenden Flug-Organe, wie -uns jetzt bekannt, bloss dazu gebraucht haben, dem Rachen andrer Fische -zu entgehen.</p> - -<p>Wenn wir ein Organ zu irgend einem besondren Zwecke hoch ausgebildet -sehen, wie eben die Flügel des Vogels zum Fluge, so müssen wir -bedenken, dass solche Thiere auf der ersten Anfangs-Stufe dieser -Bildung stehend selten die Aussicht hatten sich bis auf unsre Tage -zu erhalten, eben weil sie durch den Vervollkommnungs-Prozess der -Natürlichen Züchtung immer wieder von andren weiter fortgeschrittenen -Formen ersetzt worden seyn müssen. Wir werden ferner bedenken, -dass Übergangs-Stufen zwischen zu ganz verschiedenen Lebens-Weisen -dienenden Bildungen in früherer Zeit selten in grosser Anzahl und -mit mancherlei untergeordneten Formen ausgebildet worden seyn mögen. -Doch, um zu unsrem fliegenden Fische zurückzukehren,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> so scheint es -nicht sehr glaublich, dass zu wirklichem Fluge befähigte Fische in -vielerlei untergeordneten Formen zur Erhaschung von mancherlei Beute -auf mancherlei Wegen, zu Wasser und zu Land entwickelt worden seyen, -bis dieselben ein entschiedenes Übergewicht über andre Thiere im -Kampf ums Daseyn erlangten. Daher die Wahrscheinlichkeit, Arten auf -Übergangsstufen der Organisation noch im fossilen Zustande zu entdecken -immer nur gering seyn wird, weil sie in geringerer Anzahl als die Arten -mit völlig entwickelten Bildungen existirt haben.</p> - -<p>Ich will nun zwei oder drei Beispiele abgeänderter und -auseinander-gelaufener Lebensweisen bei Individuen einer nämlichen -Art anführen. Vorkommenden Falles wird es der Natürlichen Züchtung -leicht seyn, ein Thier durch irgend eine Abänderung seines Baues -für seine veränderte Lebensweise oder ausschliesslich für nur eine -seiner verschiedenen Gewohnheiten geschickt zu machen. Es ist aber -schwer und für uns unwesentlich zu sagen, ob im Allgemeinen zuerst -die Gewohnheiten und dann die Organisation sich ändere, oder ob -geringe Modifikationen des Baues zu einer Änderung der Gewohnheiten -führen; wahrscheinlich ändern beide gleichzeitig ab. Was Änderung -der Gewohnheiten betrifft, so würde es genügen auf die Menge -<i>Britischer</i> Insekten-Arten zu verweisen, welche jetzt von -ausländischen Pflanzen oder ganz ausschliesslich von Kunst-Erzeugnissen -leben. Vom Auseinandergehen der Gewohnheiten liessen sich zahllose -Beispiele anführen. Ich habe oft eine <i>Südamerikanische</i> -Würger-Art (Saurophagus sulphuratus) beobachtet, als sie wie ein -Thurmfalke über einem Fleck und dann wieder über einem andern schwebte -und ein andermal steif am Rande des Wassers stund und dann plötzlich -wie ein Eisvogel auf einen Fisch hinabstürzte. In unsrer eignen Gegend -sieht man die Kohlmeise (Parus major) bald fast wie einen Baumläufer -an den Zweigen herum klimmen, bald nach Art des Würgers kleine Vögel -durch Hiebe auf den Kopf tödten; oft habe ich sie die Saamen des -Eibenbaumes auf einem Zweige aufhämmern und dann wieder sie wie ein -Nusshacker aufbrechen sehen. In <i>Nord-Amerika</i> schwimmt nach -H<span class="smaller">EARNE</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung der schwarze Bär bis vier Stunden<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> lang -mit weit geöffnetem Munde im Wasser umher, um fast nach Art der Wale -Wasser-Insekten zu fangen<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p> - -<p>Da wir zuweilen Individuen Gewohnheiten befolgen sehen, welche von -denen andrer Individuen ihrer Art und andrer Arten ihrer Sippe weit -abweichen, so hätten wir nach meiner Theorie zu erwarten, dass solche -Individuen mitunter zur Entstehung neuer Arten mit abweichenden Sitten -und einer mehr oder weniger modifizirten Organisation Veranlassung -geben. Und solche Fälle kommen in der Natur vor. Kann es ein -treffenderes Beispiel von Anpassung geben, als den Specht, welcher an -Bäumen umherklettert, um Insekten in den Rissen der Rinde aufzusuchen? -Und doch gibt es in <i>Nord-Amerika</i> Spechte, welche grossentheils -von Früchten leben, und andre mit verlängerten Flügeln, welche Insekten -im Fluge haschen; und auf den Ebenen von <i>La Plata</i>, wo nicht -ein Baum wächst, gibt es einen Specht (Colaptes campestris), welcher -zwei Zehen vorn und zwei hinten, eine lange spitze Zunge, steife -Schwanz-Federn und einen geraden kräftigen Schnabel besitzt. Doch -sind die Schwanzfedern weniger steif als bei den typischeren Arten, -und dienen dem Vogel, wenn er sich senkrecht zum Boden herablassen -will. Auch der Schnabel ist weniger gerade, obwohl stark genug, um ihn -ins Holz einzuhacken. Eine andere Erläuterung der verschiedenartigen -Gewohnheiten dieser Vögel-Gruppe bietet nur ein <i>Mexikanischer</i> -Colaptes dar, welcher nach <span class="smaller">DE</span> S<span class="smaller">AUSSURE</span> Löcher in hartem Holze -aushöhlt um einen Vorrath von Eicheln für seine künftige Verzehrung -darin unterzubringen. Demnach ist der Specht von <i>La Plata</i> in -allen wesentlichen Theilen seiner Organisation ein ächter Specht und -ist auch bis vor kurzem in der typischen Sippe untergebracht worden. -So unbedeutende Charaktere sogar wie seine Färbung, der schrille Ton -seiner Stimme und sein welliger Flug, Alles überzeugte mich von seiner -nahen Bluts-Verwandtschaft mit unseren gewöhnlichen Spechten. Aber -dieser Specht klettert, wie auch der genaue A<span class="smaller">ZARA</span> bereits -versichert, niemals an Bäumen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> - -<p>Sturmvögel sind unter allen Vögeln diejenigen, die am besten fliegen -und am meisten an das hohe Meer gebunden sind; und doch gibt es in den -ruhigen stillen Meerengen des Feuerlandes eine Art, Puffinuria Berardi, -die nach ihrer Lebensweise im Allgemeinen, nach ihrer erstaunlichen -Fähigkeit zu tauchen, nach ihrer Art zu schwimmen und zu fliegen, wenn -sie gegen ihren Willen zu fliegen genöthigt wird, von Jedem für einen -Alk oder Lappentaucher (Colymbus) gehalten werden würde; sie ist aber -ihrem Wesen nach ein Sturmvogel nur mit einigen tief eindringenden -Änderungen der Organisation; während am Spechte von <i>La Plata</i> -der Körper-Bau nur unbedeutende Veränderungen erfahren hat. Bei der -Wasseramsel (Cinclus) dagegen würde man auch bei der genauesten -Untersuchung des Körpers nicht die mindeste Spur von ihrer ans -Wasser gebundenen Lebens-Weise zu entdecken im Stande seyn. Und doch -verschafft sich dieses so abweichende Glied der Drossel-Familie seinen -ganzen Unterhalt nur durch Tauchen, durch Aufscharren des Gerölles mit -seinen Füssen und durch Anwendung seiner Flügel unter Wasser.</p> - -<p>Wer glaubt, dass jedes Wesen so geschaffen worden seye, wie wir es -jetzt erblicken, muss schon manchmal überrascht gewesen seyn, ein -Thier zu finden, dessen Organisation und Lebensweise durchaus nicht -miteinander in Einklang stunden. Was kann klarer seyn, als dass die -Füsse der Enten und Gänse mit der grossen Haut zwischen den Zehen -zum Schwimmen gemacht sind? und doch gibt es Gänse mit solchen -Schwimmfüssen, welche selten oder nie ins Wasser gehen; — und ausser -A<span class="smaller">UDUBON</span> hat noch Niemand den Fregattvogel, dessen vier Zehen -durch eine Schwimmhaut verbunden sind, sich auf den Spiegel des Meeres -niederlassen sehen. Andrerseits sind Lappentaucher und Wasserhühner -ausgezeichnete Wasser-Vögel, und doch sind ihre Zehen nur mit einer -Schwimmhaut gesäumt. Was scheint klarer zu seyn, als dass die langen -Zehen der Sumpf-Vögel ihnen dazu gegeben sind, damit sie über -Sumpf-Boden und schwimmende Wasser-Pflanzen hinwegschreiten können, -und doch ist das Rohrhuhn (Ortygometra) fast eben so sehr Wasser-Vogel -als das Wasserhuhn, und die Ralle fast eben so sehr Land-Vogel als -die<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Wachtel oder das Feldhuhn. Man kann sagen, der Schwimmfuss seye -verkümmert in seiner Verrichtung, aber nicht in seiner Form. Beim -Fregattvogel dagegen zeigt der tiefe Ausschnitt der Schwimmhaut -zwischen den Zehen, dass eine Veränderung der Fuss-Bildung begonnen hat.</p> - -<p>Wer an zahllose getrennte Schöpfungs-Akte glaubt, wird sagen, dass -es in diesen Fällen dem Schöpfer gefallen hat, ein Wesen von dem -einen Typus für den Platz eines Wesens von dem andren Typus zu -bestimmen. Diess scheint mir aber wieder dieselbe Sache, nur in einer -Würde-volleren Fassung. Wer an den Kampf um’s Daseyn und an das -Princip der Natürlichen Züchtung glaubt, der wird anerkennen, dass -jedes organische Wesen beständig nach Vermehrung seiner Anzahl strebt -und dass, wenn es in Organisation oder Gewohnheiten auch noch so -wenig variirt, aber hiedurch einen Vortheil über irgend einen andern -Bewohner der Gegend erlangt, es dessen Stelle einnehmen kann, wie -verschieden dieselbe auch von seiner eignen bisherigen Stelle seyn mag. -Er wird desshalb nicht darüber erstaunt seyn, Gänse und Fregatt-Vögel -mit Schwimmfüssen zu sehen, wovon die einen auf dem trocknen Lande -leben und die andern sich nur selten aufs Wasser niederlassen, oder -langzehige Rohrhühner (Crex) zu finden, welche auf Wiesen statt in -Sümpfen wohnen; oder dass es Spechte gibt, wo keine Bäume sind, dass -Drosseln unters Wasser tauchen und Sturmvögel wie Alke leben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Organe von äusserster Vollkommenheit und Zusammengesetztheit.</em>) -Die Annahme, dass sogar das Auge mit allen seinen der Nachahmung -unerreichbaren Vorrichtungen, um den Focus den manchfaltigsten -Entfernungen anzupassen, verschiedene Licht-Mengen zuzulassen und -die sphärische und chromatische Abweichung zu verbessern, nur durch -Natürliche Züchtung zu dem geworden seye, was es ist, scheint, ich -will es offen gestehen, im höchsten möglichen Grade absurd zu seyn. -Als es zum ersten Male ausgesprochen wurde, dass die Sonne stille -stehe und die Erde sich um ihre Achse drehe, erklärte der gemeine -Sinn des Menschen diese Lehre für falsch; aber<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> das alte Sprichwort -„vox populi, vox dei“ hat in der Wissenschaft keine Geltung. Und doch -sagt mir die Vernunft, dass, wenn zahlreiche Abstufungen von einem -vollkommenen und zusammengesetzten bis zu einem ganz einfachen und -unvollkommenen Auge, alle nützlich für ihren Besitzer, vorhanden sind, -— wenn das Auge etwas zu variiren geneigt ist und seine Abänderungen -erblich sind, was sicher der Fall ist, — wenn eine mehr und weniger -beträchtliche Abänderung eines Organes immer nützlich ist für ein -Thier, dessen äusseren Lebens-Bedingungen sich ändern: dann scheint -der Annahme, dass ein vollkommenes und zusammengesetztes Auge durch -Natürliche Züchtung gebildet werden könne, doch keine wesentliche -Schwierigkeit mehr entgegenzustehen, wie schwierig auch die Vorstellung -davon für unsre Einbildungskraft seyn mag. Die Frage, wie ein Nerv -für Licht empfindlich werde, beunruhigt uns schwerlich mehr, als die, -wie das Leben selbst ursprünglich entstehe. Jedoch will ich bemerken, -dass verschiedene Thatsachen mich zur Vermuthung bringen, dass jeder -sensitive Nerv für Licht und ebenso für jene gröberen Schwingungen der -Luft empfindlich gemacht werden könne, welche den Ton hervorbringen.</p> - -<p>Was die Abstufungen betrifft, mittelst welcher ein Organ in irgend -einer Spezies vervollkommnet worden ist, so sollten wir dieselbe -allerdings nur in gerader Linie bei ihren Vorgängern aufsuchen. Diess -ist aber schwerlich jemals möglich, und wir sind jedenfalls genöthigt -uns unter den Arten derselben Gruppe, d. h. bei den Seitenverwandten -von gleicher Abstammung mit der ersten, umzusehen um zu erkennen, was -für Abstufungen möglich sind, und ob es wahrscheinlich, dass irgend -welche Abstufungen von den ersten Stamm-Ältern an ohne alle oder mit -nur geringer Abänderung auf die jetzigen Nachkommen übertragen worden -seyen. Unter den jetzt lebenden Wirbelthieren finden wir nur eine -geringe Abstufung in der Bildung des Auges (obwohl der Fisch Amphioxus -ein sehr einfaches Auge ohne Linse besitzt), und an fossilen Wesen -lässt sich keine Untersuchung mehr darüber anstellen. Wir hätten -wahrscheinlich weit vor die untersten Fossilien-führenden Schichten -zurückzugehen,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> um die ersten Stufen der Vervollkommnung des Auges in -diesem Kreise des Thier-Reichs zu entdecken.</p> - -<p>Im Unterreiche der Kerbthiere kann man von einem einfach mit Pigment -überzogenen Sehnerven ausgehen, der oft eine Art Pupille bildet, -aber ohne Krystall-Linse und sonstige optische Vorrichtung ist. Von -diesem Augen-Rudimente, welches etwa Licht von Dunkelheit, aber nichts -weiter zu unterscheiden im Stande ist, schreitet die Vervollkommnung -in zwei Richtungen fort, welche J. M<span class="smaller">ÜLLER</span> von Grund aus -verschieden glaubt; sie führt nämlich entweder 1) zu Stemmata oder -sogen. „einfachen Augen“ mit Krystall-Linse und Hornhaut versehen, oder -2) zu „zusammengesetzten Augen“, welche allein oder hauptsächlich nur -dadurch wirken, dass sie alle Strahlen, welche von irgend einem Punkte -des gesehenen Gegenstandes kommen, bis auf denjenigen Strahlenbüschel -ausschliessen, welcher senkrecht auf die konvexe Netzhaut fällt. -Diesen zusammengesetzten Augen nun mit Verschiedenheiten ohne Ende in -Form, Verhältniss, Zahl und Stellung der durchsichtigen mit Pigment -überzogenen Kegel, welche nur durch Ausschliessung wirken, gesellt sich -bald noch eine mehr oder weniger vollkommene Konzentrirungs-Vorrichtung -bei, indem in den Augen der Meloe z. B. die Facetten der Cornea aussen -und innen etwas konvex, mithin Linsen-förmig werden. Viele Kruster -haben eine doppelte Cornea, eine äussre glatte und eine innre in -Facetten getheilte, in deren Substanz nach M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> -„renflemens lenticulaires paraissent s’être développés“, und zuweilen -lassen sich diese Linsen als eine besondre Schicht von der Cornea -ablösen. Die durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel, von -welchen M<span class="smaller">ÜLLER</span> angenommen, dass sie nur durch Ausschliessung -divergenter Licht-Strahlenbüschel wirken, hängen gewöhnlich an der -Cornea an, sind aber auch nicht selten davon abgesondert und zeigen -eine konvexe äussre Fläche; sie müssen nach meiner Meinung in diesem -Falle wie konvergirende Linsen wirken. Dabei ist die Struktur der -zusammengesetzten Augen so manchfaltig, dass M<span class="smaller">ÜLLER</span> drei -Hauptklassen derselben mit nicht weniger als sieben Unterabtheilungen -nach ihrer Struktur annimmt. Er bildet eine vierte<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> Hauptklasse aus den -„zusammengehäuften Augen“ oder Gruppen von Stemmata, welche nach seiner -Erklärung den Übergang bilden von den Mosaik-artig „zusammengesetzten -Augen“ ohne Konzentrations-Vorrichtung zu den Gesichts-Organen mit -einer solchen.</p> - -<p>Wenn ich diese hier nur allzukurz und unvollständig angedeuteten -Thatsachen, welche zeigen, dass es schon unter den jetzt lebenden -Kerbthieren viele stufenweise Verschiedenheiten der Augen-Bildung gibt, -erwäge und ferner bedenke, wie klein die Anzahl lebender Arten im -Vergleich zu den bereits erloschenen ist, so kann ich (wenn auch mehr -als in andern Bildungen) doch keine allzugrosse Schwierigkeit für die -Annahme finden, dass der einfache Apparat eines von Pigment umgebenen -und von durchsichtiger Haut bedeckten Sehnerven durch Natürliche -Züchtung in ein so vollkommenes optisches Werkzeug umgewandelt worden -seye, wie es bei den vollkommensten Kerbthieren gefunden wird.</p> - -<p>Wer nun weiter gehen will, wenn er beim Durchlesen dieses Buches -findet, dass sich durch die Descendenz-Theorie eine grosse Menge von -anderweitig unerklärbaren Thatsachen begreifen lasse, braucht kein -Bedenken gegen die weitre Annahme zu haben, dass durch Natürliche -Züchtung zuletzt auch ein so vollkommenes Gebilde, als das Adler-Auge -ist, hergestellt werden könne, wenn ihm auch die Zwischenstufen -in diesem Falle gänzlich unbekannt sind. Sein Verstand muss seine -Einbildungs-Kraft überwinden. Doch habe ich selbst die Schwierigkeit -viel zu gut gefühlt, als dass ich mich einigermaassen darüber wundern -könnte, wenn Jemand es gewagt findet, die Theorie der Natürlichen -Züchtung bis zu einer so erstaunlichen Weite auszudehnen.</p> - -<p>Man kann kaum vermeiden, das Auge mit einem Teleskop zu vergleichen. -Wir wissen, dass dieses Werkzeug durch lang-fortgesetzte Anstrengungen -der höchsten menschlichen Intelligenz verbessert worden ist, und -folgern natürlich daraus, dass das Auge seine Vollkommenheit durch -einen etwas ähnlichen Prozess erlangt habe. Sollte aber diese -Vorstellung nicht bloss in der Einbildung beruhen? Haben wir ein Recht -anzunehmen, der Schöpfer wirke, vermöge intellektueller Kräfte ähnlich -denen des<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Menschen? Wollten wir das Auge einem optischen Instrumente -vergleichen, so müssten wir in Gedanken eine dicke Schicht eines -durchsichtigen Gewebes annehmen, getränkt mit Flüssigkeit und mit -einem für Licht empfänglichen Nerven darunter, und dann unterstellen, -dass jeder Theil dieser Schicht langsam aber unausgesetzt seine -Dichte verändere, so dass verschiedene Lagen von verschiedener Dichte -übereinander und in ungleichen Entfernungen von einander entstehen, -und dass auch die Oberfläche einer jeden Lage langsam ihre Form ändre. -Wir müssten ferner unterstellen, dass eine Kraft (die Natürliche -Züchtung) vorhanden seye, welche beständig eine jede geringe zufällige -Veränderung in den durchsichtigen Lagen genau beobachte und jede -Abänderung sorgfältig auswähle, die unter veränderten Umständen in -irgend einer Weise oder in irgend einem Grade ein deutlicheres Bild -hervorzubringen geschickt wäre. Wir müssten unterstellen, jeder neue -Zustand des Instrumentes werde mit einer Million vervielfältigt, und -jeder werde so lange erhalten, bis ein bessrer hervorgebracht seye, -dann aber zerstört. Bei lebenden Körpern bringt Variation jene geringen -Verschiedenheiten hervor, Generation vervielfältigt sie in’s Unendliche -und Natürliche Züchtung findet mit nie irrendem Takte jede Verbesserung -zum Zwecke weiterer Vervollkommnung heraus. Denkt man sich nun diesen -Prozess Millionen und Millionen Jahre lang und jedes Jahr an Millionen -Individuen der manchfaltigsten Art fortgesetzt: sollte man da nicht -erwarten, dass das lebende optische Instrument endlich in demselben -Grade vollkommener als das gläserne werden müsse, wie des Schöpfers -Werke überhaupt vollkommener sind, als die des Menschen?</p> - -<p>Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen -Vollendung nicht durch zahllose kleine aufeinander folgende -Modifikationen erfolgen könnte, so müsste meine Theorie unbedingt -zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden. -Zweifelsohne bestehen viele Organe, deren Vervollkommnungs-Stufen wir -nicht kennen, insbesondre bei sehr vereinzelt stehenden Arten, deren -verwandten Formen nach meiner Theorie in weitem Umkreise erloschen -sind. So muss auch, wo<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> es sich um ein allen Gliedern eines Unterreichs -gemeinsames Organ handelt, dieses Organ schon in einer sehr frühen -Vorzeit gebildet worden seyn, weil sich nachher erst alle Glieder -dieses Unterreichs entwickelt haben; und wenn wir die frühesten -Übergangs-Stufen entdecken wollten, welche das Organ zu durchlaufen -hatte, so müssten wir uns bei den frühesten Anfangs-Formen umsehen, -welche jetzt schon längst wieder erloschen sind.</p> - -<p>Wir müssen uns wohl bedenken zu behaupten, ein Organ habe nicht durch -stufenweise Veränderungen irgend einer Art gebildet werden können. Man -könnte zahlreiche Fälle anführen, wie bei den niederen Thieren ein und -dasselbe Organ ganz verschiedene Verrichtungen besorgt: athmet doch und -verdaut und exzernirt der Nahrungskanal in der Larve der Drachenfliege -wie in dem Fische Cobitis. Wendet man die Hydra wie einen Handschuh um, -das Innere nach aussen, so verdaut die äussre Oberfläche und die innre -athmet. In solchen Fällen hätte durch die Natürliche Züchtung ganz -leicht ein Theil oder Organ, welches bisher zweierlei Verrichtungen -gehabt hat, ausschliesslich nur für einen der beiden Zwecke ausgebildet -und die ganze Natur des Thieres allmählich umgeändert werden können, -wenn Diess für dasselbe von Anfang an nützlich gewesen wäre. Gewisse -Pflanzen, wie namentlich einige Hülsen-Gewächse, Violaceen u. a. -bringen zwei Arten von Blüthen, die einen mit der ihrer Ordnung -zustehenden Bildung, die andern verkümmert, aber zuweilen fruchtbarer -als die ersten. Unterliesse nun eine solche Pflanze mehre Jahre lang -Blüthen der ersten Art zu bringen, wie es ein in <i>Frankreich</i> -eingeführtes Exemplar von Aspicarpa wirklich gethan, so würde in der -That eine grosse und plötzliche Umwandlung in der Natur der Pflanze -eintreten. Zwei verschiedene Organe verrichten zuweilen mit einander -einerlei Dienste in demselben Individuum, wie es z. B. Fische gibt mit -Kiemen, womit sie die im Wasser vertheilte Luft einathmen, während -sie zu gleicher Zeit atmosphärische Luft mit ihrer Schwimmblase zu -athmen im Stande sind, welche zu dem Ende durch einen Luftgang mit dem -Schlunde verbunden und innerlich von sehr Gefäss-reichen Zwischenwänden -durchzogen ist (Lepidosiren). In diesem Falle kann<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> leicht eines von -beiden Organen verändert und so vervollkommnet werden, dass es immer -mehr die ganze Arbeit allein übernimmt, während das andre entweder zu -einer neuen Bestimmung übergeht oder gänzlich verkümmert.</p> - -<p>Diess Beispiel von der Schwimmblase der Fische ist sehr belehrend, weil -es uns die hoch-wichtige Thatsache zeigt, wie ein ursprünglich zu einem -besondern Zwecke, zum Schwimmen nämlich, gebildetes Organ für eine ganz -andre Verrichtung umgeändert werden kann, und zwar für die Athmung. -Auch ist die Schwimmblase als ein Nebenbestandtheil für das Gehör-Organ -mancher Fische mit verarbeitet worden, oder es ist (ich weiss nicht, -welche Deutungs-Weise jetzt am allgemeinsten angenommen wird) ein Theil -des Gehör-Organes zur Ergänzung der Schwimmblase verwendet worden. -Alle Physiologen geben zu, dass die Schwimmblase in Lage und Struktur -„homolog“ oder „ideal gleich“ seye den Lungen höherer Wirbelthiere; -daher die Annahme, Natürliche Züchtung habe eine Schwimmblase in eine -Lunge oder ein ausschliessliches Athem-Organ verwandelt, keinem grossen -Bedenken zu unterliegen scheint.</p> - -<p>Ich kann in der That kaum bezweifeln, dass alle Wirbelthiere mit -ächten Lungen auf dem gewöhnlichen Fortpflanzungs-Wege von einem alten -unbekannten Urbilde mit einem Schwimm-Apparat oder einer Schwimmblase -herstammen. So mag man sich, wie ich aus Professor O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span> -interessanter Beschreibung dieser Theile entnehme, die sonderbare -Thatsache erklären, wie es komme, dass jedes Theilchen von Speise und -Trank, die wir zu uns nehmen, über die Mündung der Luftröhre weggleiten -muss mit einiger Gefahr in die Lungen zu fallen, der sinnreichen -Einrichtung ungeachtet, wodurch der Kehldeckel geschlossen wird. Bei -den höheren Wirbelthieren sind die Kiemen gänzlich verschwunden, aber -die Spalten an den Seiten des Halses und der Schlingen-förmige Verlauf -der Arterien scheinen in dem Embryo des Menschen noch ihre frühere -Stelle anzudeuten. Doch wäre es begreiflich gewesen, wenn die jetzt -gänzlich verschwundenen Kiemen durch Natürliche Züchtung zu einem -ganz andern Zwecke umgearbeitet worden wären; wie nach der Ansicht -einiger Naturforscher,<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> dass die Kiemen und Rückenschuppen gewisser -Ringelwürmer mit den Flügeln und Flügeldecken der sechsfüssigen -Insekten homolog sind, es wahrscheinlich wäre, dass Organe, die in sehr -alter Zeit zur Athmung gedient, jetzt zu Flug-Organen umgewandelt seyen.</p> - -<p>Was den Übergang der Organe zu andern Funktionen betrifft, ist es so -wichtig sich mit der Möglichkeit desselben vertraut zu machen, dass ich -noch ein weiteres Beispiel anführen will. Die gestielten Rankenfüsser -(Cirripedes) haben zwei kleine Hautfalten, von mir Eier-Zügel genannt, -welche bestimmt sind mittelst einer klebrigen Absonderung die Eier -zurückzuhalten, so lange sie im Eierstock ausgebrütet werden. Diese -Rankenfüsser haben keine Kiemen, indem die ganze Oberfläche des Körpers -und Sackes mit Einschluss der kleinen Zügel zur Athmung dient. Die -Balaniden oder sitzenden Cirripeden dagegen haben keine solche Zügel, -indem die Eier lose auf dem Grunde des Sackes in der wohl geschlossenen -Schaale liegen; aber sie haben in derselben relativen Lage grosse -faltige Membranen, welche mit den Kreislaufkanälen des Sacks und des -Körpers frei kommuniziren und von R. O<span class="smaller">WEN</span> und allen andren -mit dem Gegenstand vertrauten Anatomen für Kiemen erklärt worden sind. -Nun denke ich, wird Niemand bestreiten, dass die Eier-Zügel der einen -Familie homolog mit den Kiemen der andern sind, wie sie denn auch in -der That stufenweise in einander übergehen. Daher bezweifle ich nicht, -dass kleine Hautfalten, welche hier anfangs als Eier-Zügel gedient und -in geringem Grade schon bei der Athmung mitgewirkt, durch Natürliche -Züchtung stufenweise in Kiemen verwandelt worden sind bloss durch -Vermehrung ihrer Grösse bei gleichzeitiger Verkümmerung der ihnen -anhängenden Drüsen. Wären alle gestielten Cirripeden erloschen (und -sie haben bereits mehr Vertilgung erfahren als die sitzenden): wie -hätten wir uns je denken können, dass die Athmungs-Organe der Balaniden -ursprünglich den Zweck gehabt hätten, die zu frühzeitige Ausführung der -Eier aus dem Eiersack zu verhindern?</p> - -<p>Obwohl ich gemahnt habe vorsichtig bei der Annahme zu seyn, dass ein -Organ nicht möglicher Weise durch ganz allmähliche<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Übergänge gebildet -worden seyn könne, so gebe ich doch gerne zu, dass sehr schwierige -Fälle vorkommen mögen, deren einige ich in meinem grösseren Werke zu -erörtern gedenke.</p> - -<p>Einen der schwierigsten bilden die Geschlecht-losen Kerbthiere, die -oft sehr abweichend sowohl von den Männchen als den fruchtbaren -Weibchen ihrer Spezies gebildet sind, auf welchen Fall ich jedoch -im nächsten Kapitel zurückkommen will. Die elektrischen Organe der -Fische bieten einen andren Fall von eigenthümlicher Schwierigkeit dar; -es ist unbegreiflich, durch welche Abstufungen die Bildung dieser -wundersamen Organe bewirkt worden seyn mag. Doch gleicht nach -R. O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span> u. A. Bemerkung ihre innerste Struktur ganz derjenigen -gewöhnlicher Muskeln, und da unlängst gezeigt worden, dass Rochen ein -dem elektrischen Apparate ganz analoges Organ besitzen, aber nach -M<span class="smaller">ATTEUCCI</span>’<span class="smaller">S</span> Versicherung keine Elektricität entladen, so -müssen wir gestehen, dass wir viel zu unwissend sind um behaupten zu -dürfen, dass kein Übergang irgend einer Art möglich seye.</p> - -<p>Die elektrischen Organe bieten aber noch andre sehr ernstliche -Schwierigkeiten dar. Wenn ein und dasselbe Organ in verschiedenen -Gliedern einer Klasse und zumal mit sehr auseinander-gehenden -Gewohnheiten auftritt, so mag man seine Anwesenheit in diesen Gliedern -durch Erbschaft von einem gemeinsamen Stamm-Vater und seine Abwesenheit -in andern durch Verlust in Folge von Nichtgebrauch oder Natürlicher -Züchtung erklären. Hätte sich aber das elektrische Organ von einem -alten damit versehen gewesenen Vorgänger auf jene Fische vererbt, so -dürften wir erwarten, dass alle noch elektrischen Fische auch sonst -in näherer Weise mit einander verwandt seyen. Nun gibt aber die -Paläontologie durchaus keine Veranlassung zu glauben, dass vordem -die meisten Fische mit elektrischen Organen versehen gewesen seyen, -welche fast alle ihre Nachkommen eingebüsst hätten. Die Anwesenheit -leuchtender Organe in einigen wenigen Insekten aus den manchfaltigsten -Familien und Ordnungen bietet einen damit gleichlaufenden schwierigen -Fall dar. Man könnte deren noch mehr anführen, wie denn z. B. im -Pflanzen-Reiche die ganz eigenthümliche Entwickelung einer Masse -von Pollen-Körnern auf<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> einem Fussgestelle mit einer klebrigen -Drüse an dessen Ende bei Orchis und bei Asclepias, zweien unter den -Blüthen-Pflanzen möglich weit auseinanderstehenden Sippen, ganz die -nämliche ist. Doch kann man bemerken, dass in solchen Fällen, wo zwei -sehr verschiedene Arten mit anscheinend demselben anomalen Organe -versehen sind, doch gewöhnlich einige Grund-Verschiedenheiten sich -daran entdecken lassen. Ich möchte glauben, dass fast in gleicher -Weise, wie zwei Menschen zuweilen unabhängig von einander auf genau -die nämliche Entdeckung verfallen sind, so habe auch die Natürliche -Züchtung, zum Besten eines jeden Wesens wirkend und von allen analogen -Abänderungen Vortheil ziehend, zuweilen zwei Theile auf fast ganz -gleiche Weise in zwei organischen Wesen modifizirt, welche ihrer -Abstammung von einem nämlichen Stamm-Vater nur wenig Gemeinsames in -ihrer Organisation verdanken.</p> - -<p>Obwohl es in vielen Fällen sehr schwer ist zu errathen, durch welche -Übergänge die Organe zu ihrer jetzigen Beschaffenheit gelangt seyen, so -bin ich doch, in Betracht der sehr geringen Anzahl noch lebender und -bekannter gegenüber den untergegangenen und unbekannten Formen, sehr -darüber erstaunt gewesen zu finden, wie selten ein Organ vorkommt, zu -welchem leicht einige Übergangs-Stufen führten. Es ist gewiss nicht -wahr, dass neue Organe oft plötzlich in einer Klasse erscheinen, als -ob sie derselben für irgend einen besondren Zweck erst anerschaffen -worden wären; — und wie es auch schon durch die alte obwohl etwas -übertriebene naturgeschichtliche Regel „Natura non facit saltum“ -anerkannt wird. Wir finden Diess in den Schriften fast aller erfahrenen -Naturforscher angenommen; M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> hat es mit den Worten -ausgedrückt: Die Natur ist verschwenderisch in Abänderungen, aber -geitzig in Neuerungen. Wie sollte es nach der Schöpfungs-Theorie damit -zugehen? woher sollte es kommen, dass alle Theile und Organe so vieler -unabhängiger Wesen, wenn jedes derselben für seinen eignen Platz in -der Natur erschaffen worden, doch durch ganz allmähliche Übergänge -mit einander verkettet sind? Warum hätte die Natur nicht einen Sprung -von der einen Organisation zur andern<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> gemacht? Nach der Theorie -Natürlicher Züchtung dagegen können wir es klar begreifen, weil diese -sich nur ganz kleine allmähliche Abänderungen zu Nutzen macht; sie kann -nie einen Sprung machen, sondern muss mit kürzesten und langsamsten -Schritten voranschreiten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Organe von anscheinend geringer Wichtigkeit.</em>) Da Natürliche -Züchtung auf Leben und Tod arbeitet, indem sie nämlich Individuen -mit vortheilhaften Abänderungen erhält und solche mit ungünstigen -Abweichungen der Organisation unterdrückt, so schien mir manchmal die -Entstehung einfacher Theile sehr schwer zu begreifen, deren Wichtigkeit -nicht genügend erscheint, um die Erhaltung immer weiter abändernder -Individuen zu begründen. Diese Schwierigkeit, obwohl von ganz andrer -Art, schien mir manchmal eben so gross zu seyn als die hinsichtlich so -vollkommener und zusammengesetzter Organe, wie die Augen.</p> - -<p>Erstens aber wissen wir viel zu wenig von dem ganzen Haushalte eines -organischen Wesens, um sagen zu können, welche geringe Modifikationen -für dasselbe wichtig seyn können, und ich habe in einem früheren -Kapitel Beispiele von sehr geringen Charaktern, wie die Farbe der -Haut und Haaren einiger Vierfüsser, oder wie der Flaum der Früchte -und die Farbe ihres Fleisches angeführt, welche in so ferne, als -sie auf die Angriffe der Insekten von Einfluss sind oder mit der -Empfindlichkeit der Wesen für äussre Einflüsse im Zusammenhang stehen, -bei der Natürlichen Züchtung gewiss mit in Betracht kommen. Der -Schwanz der Giraffe sieht wie ein künstlich gemachter Fliegenwedel -aus, und es scheint anfangs unglaublich, dass derselbe durch kleine -aufeinanderfolgende Verbesserungen allmählich zur unbedeutenden -Bestimmung eines solchen Instrumentes hergerichtet worden seyn -solle. Doch hüten wir uns gerade in diesem Falle uns allzu bestimmt -auszusprechen, indem wir ja wissen, dass Daseyn und Verbreitungs-Weise -des Rindes u. a. Thiere in <i>Süd-Amerika</i> unbedingt von deren -Vermögen abhängt den Angriffen der Insekten zu widerstehen; daher -Individuen, welche einigermaassen mit Mitteln zur Vertheidigung gegen -diese kleinen<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> Feinde versehen sind, geschickt wären sich mit grossem -Vortheil über neue Weide-Plätze zu verbreiten. Nicht als ob grosse -Säugthiere (einige seltene Fälle ausgenommen) jetzt durch Fliegen -vertilgt würden; aber sie werden von ihnen so unausgesetzt ermüdet und -geschwächt, dass sie Krankheiten, gelegentlichem Futter-Mangel und den -Nachstellungen der Raubthiere in weit grössrer Anzahl erliegen.</p> - -<p>Organe von jetzt unwesentlicher Bedeutung können den ersten -Stamm-Ältern zuweilen von hohem Werthe gewesen und nach früherer -langsamer Vervollkommnung in ungefähr demselben Zustande auf deren -Nachkommen vererbt worden seyn, obwohl deren nunmehriger Nutzen nur -noch unbedeutend ist, während schädliche Abweichungen von dem früheren -Baue durch Natürliche Züchtung fortdauernd gehindert werden. Wenn man -beobachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der Schwanz -für die meisten Wasser-Thiere ist, so lässt sich seine allgemeine -Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken bei so vielen -Land-Thieren, welche durch modifizirte Schwimmblasen oder Lungen ihre -Abstammung aus dem Wasser verrathen, ganz wohl begreifen. Nachdem -ein Wasser-Thier einmal mit einem wohl-entwickelten Steuer-Schwanze -ausgestattet ist, kann derselbe später zu den manchfaltigsten Zwecken -umgearbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerkzeug, -oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie es beim Hunde -der Fall ist, obwohl dieses Hilfsmittel nur schwach seyn mag, indem ja -der Hase, fast ganz ohne Schwanz, sich rasch genug zu wenden im Stande -ist.</p> - -<p>Zweitens: dürften wir mitunter Charakteren eine grosse Wichtigkeit -zutrauen, die ihnen in Wahrheit nicht zukommt, und welche von ganz -sekundären Ursachen unabhängig von Natürlicher Züchtung herrühren. -Erinnern wir uns, dass Klima, Nahrung u. s. w. wahrscheinlich einigen -kleinen Einfluss auf die Organisation haben; dass ältere Charaktere -nach dem Gesetze der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen; dass -Wechselbeziehungen in der Entwickelung einen oft bedeutenden Einfluss -auf die Abänderung verschiedener Gebilde äussern, und endlich dass<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> -sexuelle Zuchtwahl oft wesentlich auf solche äussere Charaktere -einer Thier-Art eingewirkt hat, welche dem mit andren kämpfenden -Männchen eine bessre Waffe oder einen besondren Reiz in den Augen -des Weibchens verliehen. Überdiess mag eine aus den genannten -Ursachen hervorgegangene Abänderung der Struktur anfangs oft ohne -Werth für die Art gewesen seyn, späterhin aber bei deren unter neue -Lebens-Bedingungen versetzten und mit neuen Gewohnheiten versehenen -Nachkommen an Bedeutung gewonnen haben.</p> - -<p>Ich will einige Beispiele zu Erläuterung dieser letzten Bemerkung -anführen. Wenn es nur grüne Spechte gäbe und wir wüssten von schwarzen -und bunten nichts, so würde ich mir zu sagen erlauben, dass die -grüne Farbe eine schöne Anpassung und dazu bestimmt seye, diese an -den Bäumen herumkletternden Vögel vor den Augen ihrer Feinde zu -verbergen, dass es mithin ein für die Spezies wichtiger und durch -Natürliche Züchtung erlangter Charakter seye; so aber, wie sich die -Sache verhält, rührt die Färbung zweifelsohne von einer ganz andern -Ursache und wahrscheinlich von geschlechtlicher Zuchtwahl her. Eine -kletternde Palmen-Art im <i>Malayischen Archipel</i> steigt bis zu -den höchsten Baum-Gipfeln empor mit Hilfe ausgezeichneter Ranken, -welche Büschelweise an den Enden der Zweige befestigt sind, und diese -Einrichtung ist zweifelsohne für die Pflanze von grösstem Nutzen. -Da wir jedoch fast ähnliche Ranken an vielen Pflanzen sehen, welche -nicht klettern, so mögen dieselben auch beim Bambus von unbekannten -Wachsthums-Gesetzen herrühren und von der Pflanze erst später, als -sie noch sonstige Abänderung erfuhr und ein Kletterer wurde, zu ihrem -Vortheile benützt und weiter entwickelt worden seyn. Die nackte Haut -am Kopfe des Geyers wird gewöhnlich als eine unmittelbare Anbequemung -des oft in faulen Kadavern damit wühlenden Thieres betrachtet; -inzwischen müssen wir vorsichtig seyn mit dieser Deutung, da ja auch -die Kopfhaut des ganz säuberlich fressenden Wälschhahns nackt ist. -Die Nähte an den Schädeln junger Säugthiere sind als eine schöne -Anpassung zur Erleichterung der Geburt dargestellt worden, und ohne -Zweifel begünstigen sie dieselbe oder sind<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> sogar unentbehrlich; da -aber auch solche Nähte an den Schädeln junger Vögel und Reptilien -vorkommen, welche nur aus einem zerbrochenen Eie zu schlüpfen nöthig -haben, so dürfen wir schliessen, dass diese Bildungs-Weise von den -Wachsthums-Gesetzen herrühre und den höheren Wirbelthieren dann nur -gelegentlich auf jene Weise nütze.</p> - -<p>Wir wissen ganz und gar nichts über die Ursachen, welche die kleinen -Abänderungen veranlassen und fühlen Diess am meisten, wenn wir über -die Verschiedenheiten unsrer Hausthier-Rassen in andern Gegenden und -zumal bei minder zivilisirten Völkern nachdenken, welche sich nicht -mit planmässiger Züchtung befassen. Die in verschiedenen Gegenden von -wilden Völkern gehaltenen Hausthiere haben oft um ihr eigenes Daseyn zu -kämpfen; sie mögen bis zu einem gewissen Grade der Natürlichen Züchtung -unterliegen, und Individuen mit nur wenig abweichender Konstitution -gedeihen zuweilen am besten in verschiedenen Klimaten. Ein Beobachter -versichert, dass das Rind bei gewisser Färbung den Angriffen der -Fliegen mehr ausgesetzt, wie es auch empfänglicher für Gifte seye, so -dass auf diese Weise die Farbe ein Gegenstand Natürlicher Züchtung -werde. Andre Beobachter sind der Überzeugung, dass ein feuchtes Klima -den Haarwuchs befördre und dass Horn und Haar in gleicher Beziehung -stehe. Gebirgs-Rassen sind überall von Niederungs-Rassen verschieden, -und Gebirgs-Gegenden werden wahrscheinlich auf die Hinterbeine -und allenfalls auf das Becken wirken, sofern diese daselbst mehr -in Anspruch genommen werden; nach dem Gesetze homologer Variation -werden dann auch die vordren Gliedmaassen und wahrscheinlich der -Kopf mit betroffen werden. Auch dürfte die Form des Beckens der -Mutter durch Druck auf die Kopf-Form des Jungen in ihrem Leibe -wirken. Wahrscheinlich vermehrt auch die schwierigere Athmung in -hohen Gebirgen die Weite des Brust-Kastens, und Diess nicht ohne -Einfluss auf noch andre Theile. Die Wirkung unterbleibender Übung auf -die Gesammt-Organisation in Verbindung mit reichlichem Futter ist -wahrscheinlich von noch grössrer Wichtigkeit; und darin liegt, wie von -N<span class="smaller">ATHUSIUS</span> kürzlich nachgewiesen, offenbar eine Haupt-Ursache<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> -der grossen Veränderungen, welche die verschiedenen Schweine-Rassen -erlitten haben. Wir haben aber viel zu wenig Erfahrung, um über -die Vergleichungsweise Wichtigkeit der verschiedenen bekannten und -unbekannten Abänderungs-Gesetze Betrachtungen anzustellen, und ich habe -hier deren nur erwähnt um zu zeigen, dass, wenn wir nicht im Stande -sind, die charakteristischen Verschiedenheiten unsrer kultivirten -Rassen zu erklären, welche doch allgemeiner Annahme zufolge durch -gewöhnliche Fortpflanzung entstanden sind, wir auch unsre Unwissenheit -über die genaue Ursache geringer analoger Verschiedenheiten zwischen -Arten nicht zu hoch anschlagen dürfen. Ich möchte in dieser Beziehung -die so scharf ausgeprägten Unterschiede zwischen den Menschen-Rassen -anführen, über deren Entstehung sich vielleicht einiges Licht -verbreiten liesse durch die Annahme einer sexuellen Züchtung eigener -Art; doch würde es unnütz seyn dabei zu verweilen, indem ich mich hier -nicht auf die zur Erläuterung nöthigen Einzelheiten einlassen kann.</p> - -<p>Die voranstehenden Bemerkungen veranlassen mich auch einige Worte -über die neuerlich von mehren Naturforschern eingelegte Verwahrung -gegen die Nützlichkeits-Lehre zu sagen, nach welcher nämlich alle -Einzelnheiten der Bildung zum Vortheil ihres Besitzers da seyn sollen. -Dieselben sind der Meinung, dass sehr viele organische Gebilde nur der -Manchfaltigkeit wegen vorhanden seyen oder um die Augen des Menschen -zu ergötzen. Wäre diese Lehre richtig, so müssten sie meiner Theorie -unbedingt verderblich werden. Doch gebe ich vollkommen zu, dass -manche Bildungen von keinem unmittelbaren Nutzen für deren Besitzer -sind. Die natürlichen Lebens-Bedingungen haben wahrscheinlich einigen -geringen Einfluss auf die Organisation, möge diese zu irgend etwas -nützen oder nicht. Wechselbeziehungen in der Entwickelung haben -zweifelsohne ebenfalls einen sehr grossen Antheil, und die nützliche -Abänderung eines Organes hat oft nutzlose Veränderungen auch in -andern Theilen veranlasst. So können auch Charaktere, welche vordem -nützlich gewesen, oder welche durch Wechselbeziehung in der früheren -Entwickelung oder durch ganz unbekannte Ursache entstanden, nach<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> den -Gesetzen der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen, wenngleich sie -keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Wirkungen der geschlechtlichen -Züchtung, soferne sie in das Weibchen fesselnden Reitzen beruhen, -können nur in einem mehr gezwungenen Sinne nützlich genannt werden. -Aber bei weitem die wichtigste Erwägung ist die, dass der Haupttheil -der Organisation eines jeden Wesens einfach durch Erbschaft erworben -ist, daher denn auch, obschon zweifelsohne jedes Wesen für seinen Platz -im Haushalte der Natur ganz wohl gemacht seyn mag, viele Bildungen -keine unmittelbaren Beziehungen mehr zur Lebensweise der gegenwärtigen -Spezies haben. So können wir kaum glauben, dass der Schwimmfuss des -Fregattvogels oder der Landgans (Chloephaga Maghellanica) diesen Vögeln -von speciellem Nutzen seye; und wir können nicht annehmen, dass die -nämlichen Knochen im Arme des Affen, im Vorderfuss des Pferdes, im -Flügel der Fledermaus und im Ruder des Seehundes allen diesen Thieren -einen speciellen Nutzen bringe. Wir mögen diese Bildungen getrost als -Erbschaft ansehen; denn zweifelsohne sind Schwimmfüsse dem Stamm-Vater -jener Gans und des Fregattvogels eben so nützlich gewesen, als sie den -meisten jetzt lebenden Wasser-Vögeln sind. So dürfen wir vermuthen, -dass der Stammvater des Seehunds nicht einen Ruderfuss, sondern einen -fünfzehigen Geh- oder Greif-Fuss besessen; wir dürfen ferner vermuthen, -dass die einzelnen von einem Stammvater ererbten Knochen in den Beinen -des Affen, des Pferdes, der Fledermaus ihrem gemeinsamen Stammvater -oder ihren Stamm-Vätern vordem nützlicher gewesen sind, als sie jetzt -diesen in ihrer Lebensweise so weit auseinandergehenden Thieren sind. -Wir können daher annehmen, diese verschiedenen Knochen seyen durch -Natürliche Züchtung entstanden, welche früher so wie jetzt den Gesetzen -der Erblichkeit, der Rückkehr, der Wechselbeziehung in der Entwickelung -u. s. w. unterlagen. Daher man von jeder Einzelheit der Struktur in -jedem lebenden Geschöpfe (ausser einigen geringen Zugeständnissen -an den Einfluss der natürlichen äussren Bedingungen) annehmen darf, -sie seye einmal einem Vorfahren der Spezies von besondrem Nutzen -gewesen, oder sie seye jetzt, entweder direkt<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> oder durch verwickelte -Wachsthumsgesetze indirekt, ein besondrer Vortheil für die Abkömmlinge -dieser Vorfahren.</p> - -<p>Natürliche Züchtung kann nicht wohl irgend eine Abänderung in einer -Spezies bewirken, welche nur einer anderen Art zum ausschliesslichen -Vortheil gereichte, obwohl in der ganzen Natur eine Spezies ohne -Unterlass von der Organisation einer andern Nutzen zieht. Aber -Natürliche Züchtung kann auch oft hervorbringen und bringt oft -in Wirklichkeit solche Gebilde hervor, die einer andern Art zum -unmittelbaren Nachtheil gereichen, wie wir im Giftzahne der Otter und -in der Legeröhre des Ichneumon sehen, welcher mit deren Hülfe seine -Eier in den Körper andrer lebenden Insekten einführt. Liesse sich -beweisen, dass irgend ein Theil der Organisation einer Spezies zum -ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden seye, so -wäre meine Theorie vernichtet, weil eine solche Bildung nicht durch -Natürliche Züchtung bewirkt werden kann. Obwohl in naturhistorischen -Schriften vielerlei Behauptungen in dieser Hinsicht aufgestellt werden, -so kann ich doch keine darunter von einigem Gewichte finden. So gesteht -man zu, dass die Klapperschlange einen Giftzahn zu ihrer eignen -Vertheidigung und zur Tödtung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren -unterstellen auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eignen Nachtheile -erhalten habe, nämlich um ihre Beute zu warnen und zur Flucht zu -veranlassen. Man könnte jedoch eben so gut behaupten, die Katze mache -die Wellenkrümmungen mit dem Ende ihres Schwanzes, wenn sie im Begriffe -einzuspringen ist, in der Absicht um die bereits zum Tode verurtheilte -Maus zu warnen. Doch, ich habe hier nicht Raum auf diese und andre -Fälle noch weiter einzugehen.</p> - -<p>Natürliche Züchtung kann in keiner Spezies irgend etwas für dieselbe -Schädliches erzeugen, indem sie ausschliesslich nur durch und zu deren -Vortheil wirkt. Kein Organ kann, wie P<span class="smaller">ALEY</span> bemerkt, gebildet -werden um seinem Besitzer Qual und Schaden zu bringen. Eine genaue -Abwägung zwischen dem Nutzen und Schaden, welchen ein jeder Theil -verursacht, wird immer zeigen, dass er im Ganzen genommen vortheilhaft -ist. Wird etwa in spätrer Zeit bei wechselnden Lebens-Bedingungen ein -Theil<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> schädlich, so wird er entweder verändert, oder die Art geht zu -Grunde, wie ihrer Myriaden zu Grunde gegangen sind.</p> - -<p>Natürliche Züchtung strebt jedes organische Wesen eben so vollkommen -oder ein wenig vollkommener als die übrigen Bewohner derselben Gegend -zu machen, mit welchen dieselbe um sein Daseyn zu ringen hat. Und wir -sehen, dass Diess der Grad von Vollkommenheit ist, welchen die Natur -erstrebt. Die <i>Neuseeland</i> eigenthümlichen Natur-Erzeugnisse -sind vollkommen, eines mit den andern verglichen; aber sie weichen -jetzt rasch zurück vor den vordringenden Legionen aus <i>Europa</i> -eingeführter Pflanzen und Thiere. Natürliche Züchtung wird keine -absolute Vollkommenheit herstellen; auch begegnen wir, so viel sich -beurtheilen lässt, einer so hohen Stufe nirgends in der Natur. Die -Verbesserung für die Abweichung des Lichtes ist, wie der ausgezeichnete -Gewährsmann J<span class="smaller">OH</span>. M<span class="smaller">ÜLLER</span> erklärt, selbst in dem vollkommensten -aller Organe, dem menschlichen Auge, noch nicht vollständig. Wenn uns -unsre Vernunft zu begeisterter Bewunderung einer Menge unnachahmlicher -Einrichtungen in der Natur auffordert, so lehrt uns auch diese -nämliche Vernunft, dass wir leicht nach beiden Seiten irren können, -indem andre Einrichtungen weniger vollkommen sind. Wir können nie den -Stachel der Wespe oder Biene als vollkommen betrachten, der, wenn er -einmal gegen die Angriffe von mancherlei Thieren angewandt worden, -den unvermeidlichen Tod seines Besitzers bewirken muss, weil er -seiner Widerhaken wegen nicht mehr aus der Wunde, die er gemacht hat, -zurückgezogen werden kann, ohne die Eingeweide des Insekts nach sich zu -ziehen.</p> - -<p>Nehmen wir an, der Stachel der Biene seye bei einer sehr frühen -Stammform bereits als Bohr- und Säge-Werkzeug bestanden, wie es -häufig bei andern Gliedern der Hymenopteren-Ordnung vorkommt, und -seye für seine gegenwärtige Bestimmung mit dem ursprünglich zur -Hervorbringung von Gallen-Auswüchsen oder andern Zwecken bestimmten -Gifte umgeändert aber nicht zugleich verbessert worden, so können wir -vielleicht begreifen, warum der Gebrauch dieses Stachels so oft des -Insektes eignen Tod veranlasst; denn wenn das Vermögen zu stechen<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> der -ganzen Bienen-Gemeinde nützlich ist, so mag er allen Anforderungen -der Natürlichen Züchtung entsprechen, obwohl seine Beschaffenheit den -Tod der einzelnen Individuen veranlasst, die ihn anwenden. Wenn wir -über das wirklich wunderbar scharfe Witterungs-Vermögen erstaunen, -mit dessen Hilfe manche Männchen ihre Weibchen ausfindig zu machen im -Stande sind, können wir dann auch die für diesen einen Zweck bestimmte -Hervorbringung von Tausenden von Dronen bewundern, welche, der Gemeinde -für jeden andern Zweck gänzlich nutzlos, bestimmt sind zuletzt von -ihren arbeitenden aber unfruchtbaren Schwestern umgebracht zu werden? -Es mag schwer seyn, aber wir müssen den wilden Instinkt-mässigen Hass -der Bienenkönigin bewundern, welcher sie beständig drängt, die jungen -Königinnen, ihre Töchter, augenblicklich nach ihrer Geburt zu tödten -oder selbst in dem Kampfe zu Grunde zu gehen; denn unzweifelhaft ist -Diess zum Besten der Gemeinde, und mütterliche Liebe oder mütterlicher -Hass, obwohl dieser letzte glücklicher Weise viel seltener ist, gilt -dem unerbittlichen Prinzipe Natürlicher Züchtung völlig gleich. -Wenn wir die verschiedenen sinnreichen Einrichtungen vergleichen, -vermöge welcher die Blüthen der Orchideen und mancher andren Pflanzen -vermittelst Insekten-Thätigkeit befruchtet werden, wie können wir dann -die Anordnung bei unsren Nadelhölzern als gleich vollkommne ansehen, -vermöge welcher grosse und dichte Staubwolken von Pollen hervorgebracht -werden müssen, damit einige Körnchen davon durch einen günstigen -Lufthauch dem Ei’chen zugeführt werden mögen?</p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des Kapitels.</em>) Wir haben in diesem Kapitel -gewisse Schwierigkeiten und Einwendungen erörtert, welche sich -meiner Theorie entgegenstellen. Einige derselben sind sehr ernster -Art; doch glaube ich, dass durch ihre Erörterung einiges Licht über -mehre Thatsachen verbreitet worden, welche dagegen nach der Theorie -der unabhängigen Schöpfungs-Akte ganz dunkel bleiben würden. Wir -haben gesehen, dass Arten zu irgend welcher Zeit nicht ins Endlose -abändern können und nicht durch zahllose Übergangs-Formen unter -einander zusammenhängen, theils weil der Prozess Natürlicher Züchtung -immer sehr<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> langsam ist und jederzeit nur auf sehr wenige Formen -wirkt, und theils weil gerade der Prozess Natürlicher Züchtung auch -meistens die fortwährende Ersetzung und Erlöschung vorhergehender -und mittler Abstufungen schon in sich schliesst. Nahe verwandte -Arten, welche jetzt auf einer zusammenhängenden Fläche wohnen, mögen -oft gebildet worden seyn, als die Fläche noch nicht zusammenhängend -war und die Lebens-Bedingungen nicht unmerkbar von einer Stelle -zur andern abänderten. Wenn zwei Varietäten an zwei Stellen eines -zusammenhängenden Gebietes sich bildeten, so wird oft auch eine mittle -Varietät für eine mittle Zone entstanden seyn; aber aus angegebenen -Gründen wird die mittle Varietät gewöhnlich in geringerer Anzahl als -die zwei durch sie verbundenen Abänderungen vorhanden gewesen seyn, -welche mithin im Verlaufe weitrer Umbildung sich durch ihre grössre -Anzahl in entschiedenem Vortheil vor den andren befanden und mithin -gewöhnlich auch im Stande waren sie zu ersetzen und zu vertilgen.</p> - -<p>Wir haben in diesem Kapitel gesehen, wie vorsichtig man seyn muss zu -schliessen, dass die verschiedenartigsten Gewohnheiten des Lebens nicht -in einander übergehen können, dass eine Fledermaus z. B. nicht etwa auf -dem Wege Natürlicher Züchtung entstanden seyn könne von einem Thiere, -welches bloss durch die Luft zu gleiten im Stande war.</p> - -<p>Wir haben gesehen, dass eine Art unter veränderten Lebens-Bedingungen -ihre Gewohnheiten ändern oder vermanchfaltigen und manche Sitten -annehmen könne, die von denen ihrer nächsten Verwandten abweichen. -Daraus können wir begreifen, wenn wir uns zugleich erinnern, dass jedes -organische Wesen gedrängt wird zu leben wo es immer leben kann, wie -es zugegangen, dass es Land-Gänse mit Schwimmfüssen, an Boden lebende -Spechte, tauchende Drosseln und Sturmvögel mit den Sitten der Alke gebe.</p> - -<p>Obwohl die Meinung, dass ein so vollkommenes Organ, als das Auge -ist, durch Natürliche Züchtung hervorgebracht werden könne, mehr -als genügt um jeden wankend zu machen, so ist doch keine logische -Unmöglichkeit vorhanden, dass irgend ein<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Organ unter veränderlichen -Lebens-Bedingungen durch eine lange Reihe von Abstufungen in seiner -Zusammensetzung, deren jede dem Besitzer nützlich ist, endlich jeden -begreiflichen Grad von Vollkommenheit auf dem Wege Natürlicher Züchtung -erlange. In Fällen, wo wir keine Zwischenzustände kennen, müssen wir -uns wohl zu schliessen hüten, dass solche niemals bestanden hatten; -denn die Homologien vieler Organe und ihre Zwischenstufen zeigen, dass -wunderbare Veränderungen in ihren Verrichtungen wenigstens möglich -sind. So ist z. B. eine Schwimmblase offenbar in eine Luft-athmende -Lunge verwandelt worden. Übergänge müssen namentlich oft in hohem -Grade erleichtert worden seyn da, wo ein und dasselbe Organ mehre sehr -verschiedene Verrichtungen zugleich zu besorgen hatte und dann nur -für eine von beiden Verrichtungen allein noch besser hergestellt zu -werden brauchte und da wo gleichzeitig zwei sehr verschiedene Organe -an derselben Funktion theilnahmen und das eine mit Unterstützung des -andern sich weiter vervollkommnen konnte.</p> - -<p>Wir sind in Bezug auf die meisten Fälle viel zu unwissend, um -behaupten zu dürfen, dass ein Theil oder Organ für das Gedeihen einer -Art unwesentlich seye, und dass Abänderungen seiner Bildung nicht -durch Natürliche Züchtung mittelst langsamer Häufung haben bewirkt -werden können. Doch dürfen wir zuversichtlich annehmen, dass viele -Abänderungen gänzlich nur von den Wachsthums-Gesetzen veranlasst und, -anfänglich ohne allen Nutzen für die Art, später zum Vortheil weiter -umgeänderter Nachkommen dieser Art verwendet worden sind. Wir dürfen -ferner glauben, dass ein für frühere Formen hochwichtiger Theil auch -von späteren Formen (wie der Schwanz eines Wasser-Thieres von den -davon abstammenden Land-Thieren) beibehalten worden ist, obwohl er für -dieselben so unwichtig erscheint, dass er in seinem jetzigen Zustande -nicht durch Natürliche Züchtung erworben seyn könnte, indem diese Kraft -nur auf die Erhaltung solcher Abänderungen gerichtet ist, welche im -Kampfe ums Daseyn nützlich sind.</p> - -<p>Natürliche Züchtung erzeugt bei keiner Spezies etwas, das<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> zum -ausschliesslichen Nutzen oder Schaden einer andern wäre; obwohl sie -Theile, Organe und Excretionen herstellen kann, die, wenn auch für -andre sehr nützlich und sogar unentbehrlich oder in hohem Grade -verderblich, doch in allen Fällen zugleich nützlich für den Besitzer -sind. Natürliche Züchtung muss in jeder wohl-bevölkerten Gegend in -Folge hauptsächlich der Mitbewerbung der Bewohner unter einander -nothwendig auf Verbesserung oder Kräftigung für den Kampf um’s Daseyn -hinwirken, doch lediglich nach dem für diese Gegend giltigen Maassstab. -Daher die Bewohner einer, und zwar gewöhnlich der kleineren, Gegend -oft vor denen einer andern und gemeiniglich grösseren zurückweichen -müssen. Denn in der grösseren Gegend werden mehr Individuen und mehr -differenzirte Formen existirt haben, wird die Mitbewerbung stärker -gewesen und mithin das Ziel der Vervollkommnung höher gesteckt gewesen -seyn. Natürliche Züchtung wird nicht nothwendig absolute Vollkommenheit -hervorbringen, und diese ist auch, so viel wir mit unsern beschränkten -Fähigkeiten zu beurtheilen vermögen, nirgends zu finden.</p> - -<p>Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung lässt sich die ganze -Bedeutung des alten Glaubenssatzes in der Naturgeschichte „<i>Natura -non facit saltum</i>“ verstehen. Dieser Satz ist, wenn wir nur die -jetzigen Bewohner der Erde berücksichtigen, nicht ganz richtig, muss -aber nach meiner Theorie vollkommen wahr seyn, wenn wir alle Wesen -vergangener Zeiten mit einschliessen.</p> - -<p>Es ist allgemein anerkannt, dass alle organischen Wesen nach zwei -grossen Gesetzen gebildet worden sind: Einheit des Typus und Anpassung -an die Existenz-Bedingungen. Unter Einheit des Typus begreift man -die Übereinstimmung im Grundplane des Baues, wie wir ihn bei den -Wesen eines Unterreiches finden, und welcher ganz unabhängig von -ihrer Lebensweise ist. Nach meiner Theorie erklärt sich die Einheit -des Typus aus der Einheit der Abstammung. Die Anpassung an die -Lebens-Bedingungen, so oft von dem berühmten C<span class="smaller">UVIER</span> in -Anwendung gebracht, ist in meinem Prinzipe der Natürlichen Züchtung -vollständig mit inbegriffen. Denn die Natürliche Züchtung wirkt nur in -soferne, als sie die veränderlichen Theile eines jeden Wesens seinen -organischen und<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> unorganischen Lebens-Bedingungen entweder jetzt -anpasst oder in längst vergangenen Zeit-Perioden angepasst hat. Diese -Anpassungen können in manchen Fällen durch Gebrauch und Nichtgebrauch -unterstützt, durch direkte Einwirkung äussrer Lebens-Bedingungen -modifizirt werden und sind in allen Fällen den verschiedenen -Entwicklungs-Gesetzen unterworfen. Daher ist denn auch das Gesetz der -Anpassung an die Lebens-Bedingungen in der That das höhere, indem es -vermöge der Erblichkeit früherer Anpassungen das der Einheit des Typus -mit in sich begreift.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br /> - -<b>Instinkt.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. — -Abstufungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. -— Instinkte gezähmter Thiere und deren Entstehung. — Natürliche -Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen -Bienen. — Sklaven-machende Ameisen. — Honigbienen und ihr -Zellenbau-Instinkt. — Veränderung von Instinkt und Struktur nicht -nothwendig gleichzeitig. — Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher -Züchtung in Bezug auf Instinkt. — Geschlechtslose oder unfruchtbare -Insekten. — Zusammenfassung.</p> - -<p>Der Instinkt hätte wohl noch in den vorigen Kapiteln mit abgehandelt -werden sollen; doch habe ich es für angemessener erachtet den -Gegenstand abgesondert zu behandeln, zumal ein so wunderbarer Instinkt, -wie der der Zellen-bauenden Bienen ist, wohl manchem Leser eine -genügende Schwierigkeit geschienen haben mag, um meine Theorie über -den Haufen zu werfen. Ich muss vorausschicken, dass ich nichts mit dem -Ursprung der geistigen Grundkräfte noch mit dem des Lebens selbst zu -schaffen habe. Wir haben es nur mit der Verschiedenheit des Instinktes -und der übrigen geistigen Fähigkeiten der Thiere in einer und der -nämlichen Klasse zu thun.</p> - -<p>Ich will keine Definition des Wortes zu geben versuchen. Es würde -leicht seyn zu zeigen, dass gewöhnlich ganz verschiedene geistige -Fähigkeiten unter diesem Namen begriffen werden.<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Doch weiss jeder, -was damit gemeint ist, wenn ich sage, der Instinkt veranlasse den -Kuckuck zu wandern und seine Eier in fremde Nester zu legen. Wenn eine -Handlung, zu deren Vollziehung selbst von unserer Seite Erfahrung -vorausgesetzt wird, von Seiten eines Thieres und besonders eines sehr -jungen Thieres noch ohne alle Erfahrung ausgeübt wird, und wenn sie auf -gleiche Weise von vielen Thieren erfolgt, ohne dass diese ihren Zweck -kennen, so wird sie gewöhnlich eine instinktive Handlung genannt. Ich -könnte jedoch zeigen, dass keiner von diesen Charakteren des Instinkts -allgemein ist. Eine kleine Dosis von Urtheil oder Verstand, wie -P<span class="smaller">IERRE</span> H<span class="smaller">UBER</span> es ausdrückt, kommt oft mit in’s Spiel, selbst -bei Thieren, welche sehr tief auf der Stufenleiter der Natur stehen.</p> - -<p>F<span class="smaller">RIEDRICH</span> C<span class="smaller">UVIER</span> und verschiedene ältre Methaphysiker haben -Instinkt mit Gewohnheit verglichen. Diese Vergleichung scheint mir -eine sehr genaue Nachweisung von den Schranken des Geistes zu geben, -innerhalb welcher die Handlung vollzogen wird, aber nicht von ihrem -Ursprunge. Wie unbewusst werden manche unsrer Handlungen vollzogen, -ja nicht selten in geradem Gegensatz mit unsrem bewussten Willen! -Doch können sie durch den Willen oder Verstand abgeändert werden. -Gewohnheiten verbinden sich leicht mit andern Gewohnheiten oder mit -gewissen Zeit-Abschnitten und Zuständen des Körpers. Einmal angenommen -erhalten sie sich oft lebenslänglich. Es liessen sich noch manche -andre Ähnlichkeiten zwischen Instinkten und Gewohnheiten nachweisen. -Wie bei Wiederholung eines wohlbekannten Gesanges, so folgt auch beim -Instinkte eine Handlung auf die andre durch eine Art Rythmus. Wenn -Jemand beim Gesange oder bei Hersagung auswendig gelernter Worte -unterbrochen worden, so ist er gewöhnlich genöthigt, wieder etwas -zurückzugehen, um den Gedanken-Gang wieder zu finden. So sah es -P. H<span class="smaller">UBER</span> auch bei einer Raupen-Art, wenn sie beschäftigt war ihr -sehr zusammengesetztes Gewebe zu fertigen; nahm er sie heraus, nachdem -dieselbe z. B. das letzte Sechstel vollendet hatte, und setzte er sie -in ein andres nur bis zum dritten Sechstel vollendetes, so fertigte -sie einfach den dritten, vierten und fünften Theil nochmals<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> mit dem -sechsten an. Nahm er sie aber aus einem z. B. bis zum dritten Theile -vollendeten Gewebe und setzte sie in ein bis zum sechsten Theil -fertiges, so dass sie ihre Arbeit schon grösstentheils gethan fand, so -war sie sehr entfernt, diesen Vortheil zu fühlen und fing in grosser -Befangenheit über diesen Stand der Sache die Arbeit nochmals vom -dritten Stadium an, da wo sie solche in ihrem eignen Gewebe verlassen -hatte, und suchte von da aus das schon fertige Werk zu Ende zu führen.</p> - -<p>Wenn sich nun, wie ich in einigen Fällen es zu können glaube, -nachweisen liesse, dass eine durch Gewohnheit angenommene -Handlungs-Weise auch auf die Nachkommen vererblich seye, so würde das, -was ursprünglich Gewohnheit war, von Instinkt nicht mehr unterscheidbar -seyn. Wenn M<span class="smaller">OZART</span> statt in einem Alter von drei Jahren das -Pianoforte mit wundervoller kleiner Fertigkeit zu spielen, ohne alle -vorgängige Übung eine Melodie angestimmt hätte, so könnte man mit -Wahrheit sagen, er habe Diess Instinkt-mässig gethan. Es würde aber ein -sehr ernster Irrthum seyn anzunehmen, dass die Mehrzahl der Instinkte -durch Gewohnheit schon während einer Generation erworben und dann auf -die nachfolgenden Generationen vererbt worden seye. Es lässt sich genau -nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte, die wir kennen, wie die -der Korb-Bienen und vieler Ameisen, unmöglich in solcher Frist erworben -worden seyn können.</p> - -<p>Man gibt allgemein zu, dass für das Gedeihen einer jeden Spezies in -ihren jetzigen Existenz-Verhältnissen Instinkte eben so wichtig sind, -als die Körper-Bildung. Ändern sich die Lebens-Bedingungen einer -Spezies, so ist es wenigstens möglich, dass auch geringe Änderungen in -ihrem Instinkte für sie nützlich seyn würden. Wenn sich nun nachweisen -lässt, dass Instinkte, wenn auch noch so wenig variiren, dann kann -ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass Natürliche -Züchtung auch geringe Abänderungen des Instinktes erhalte und durch -beständige Häufung bis zu einem vortheilhaften Grade vermehre. So -dürften, wie ich glaube, alle und auch die zusammengesetztesten und -wunderbarsten Instinkte entstanden seyn. Wie Abänderungen im Körper-Bau -durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt,<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> dagegen -durch Nichtgebrauch verringert und ganz eingebüsst werden können, -so ist es zweifelsohne auch mit den Instinkten. Ich glaube aber, -dass die Wirkungen der Gewohnheit von ganz untergeordneter Bedeutung -sind gegenüber den Wirkungen Natürlicher Züchtung auf sogenannte -zufällige Abänderungen des Instinktes, d. h. auf Abänderungen in Folge -unbekannter Ursachen, welche geringe Abweichungen in der Körper-Bildung -veranlassen.</p> - -<p>Kein zusammengesetzter Instinkt kann durch Natürliche Züchtung -anders als durch langsame und stufenweise Häufung vieler geringen -und nutzbaren Abänderungen hervorgebracht werden. Hier müssten wir, -wie bei der Körper-Bildung, in der Natur zwar nicht die wirklichen -Übergangs-Stufen, die der zusammengesetzte Instinkt bis zu seiner -jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat und welche bei jeder Art -nur in ihrem Vorgänger gerader Linie zu entdecken seyn würden, wohl -aber einige Spuren solcher Abstufungen in den Seitenlinien von -gleicher Abstammung finden, oder wenigstens nachweisen können, dass -irgend welche Abstufungen möglich sind; und dazu sind wir gewiss -im Stande. Obwohl indessen die Instinkte fast nur in <i>Europa</i> -und <i>Nord-Amerika</i> lebender Thiere näher beobachtet worden und -die der untergegangenen Thiere uns ganz unbekannt sind, so war ich -doch erstaunt zu finden, wie ganz allgemein sich Abstufungen bis -zu den Instinkten der zusammengesetztesten Arten entdecken lassen. -Instinkt-Änderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden, dass -eine und dieselbe Spezies verschiedene Instinkte in verschiedenen -Lebens-Perioden oder Jahreszeiten besitzt, oder dass sie unter andre -äussre Lebens-Bedingungen versetzt wird, in welchen Fällen dann wohl -entweder nur der eine oder nur der andre durch Natürliche Züchtung -erhalten werden wird. Beispiele von solcher Verschiedenheit des -Instinktes lassen sich in der Natur nachweisen.</p> - -<p>Nun ist, wie bei der Körper-Bildung auch meiner Theorie gemäss der -Instinkt einer jeden Art nützlich für diese und, so viel wir wissen, -niemals zum ausschliesslichen Nutzen andrer Arten vorhanden. Eines der -triftigsten Beispiele, die ich kenne, von Thieren, welche anscheinend -zum blossen Besten andrer etwas thun, liefern die Blattläuse, indem -sie, wie H<span class="smaller">UBER</span> zuerst<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> bemerkte, freiwillig den Ameisen ihre -süssen Excretionen überlassen. Dass sie Diess freiwillig thun, geht -aus folgenden Thatsachen hervor. Ich entfernte alle Ameisen von einer -Gruppe von etwa zwölf Aphiden auf einer Ampfer-Pflanze und hinderte -ihr Zusammenkommen mehrere Stunden lang. Nach dieser Zeit nahm ich -wahr, dass die Blattläuse das Bedürfniss der Excretion hatten. Ich -beobachtete sie eine Zeit lang durch eine Lupe: aber nicht eine gab -eine Excretion von sich. Darauf streichelte und kitzelte ich sie mit -einem Haare auf dieselbe Weise, wie es die Ameisen mit ihren Fühlern -machen, aber keine Excretion erfolgte. Nun liess ich eine Ameise zu, -und aus ihrem Widerstreben sich von den Blattläusen zurücktreiben zu -lassen, schien hervorzugehen, dass sie augenblicklich erkannt hatte, -welch’ ein reicher Genuss ihrer harre. Sie begann dann mit ihren -Fühlern den Hinterleib erst einer und dann einer andren Blattlaus zu -betasten, deren jede, so wie sie die Berührung des Fühlers empfand, -sofort den Hinterleib in die Höhe richtete und einen klaren Tropfen -süsser Flüssigkeit ausschied, der alsbald von der Ameise eingesogen -wurde. Selbst ganz junge Blattläuse, auf diese Weise behandelt, -zeigten, dass ihr Verhalten ein instinktives und nicht die Folge -der Erfahrung war. Nach H<span class="smaller">UBER</span> zeigen die Blattläuse keine -Abneigung gegen die Ameisen, und wenn diese fehlen, so sind sie -genöthigt ihre Excretionen auszustossen. Da nun die Aussonderung -ausserordentlich klebrig ist, so ist es wahrscheinlich für die Aphiden -von Nutzen, dass sie entfernt werde; und so ist es denn auch mit dieser -Excretion wohl nicht auf den ausschliesslichen Vortheil der Ameisen -abgesehen. Obwohl ich nicht glaube, dass irgend ein Thier in der Welt -etwas zum ausschliesslichen Nutzen einer andern Art thue, so sucht doch -jede Art Vortheil von den Instinkten anderer zu ziehen und hat Vortheil -von der schwächeren Körper-Beschaffenheit andrer. So können dann auch -in einigen wenigen Fällen gewisse Instinkte nicht als ganz vollkommen -betrachtet werden, was ich aber bis ins Einzelne auseinanderzusetzen -hier unterlassen muss.</p> - -<p>Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden, um zu -zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Abänderung in den -Instinkten und die Erblichkeit solcher Abänderungen zur Thätigkeit der -Natürlichen Züchtung unerlässlich ist, aber Mangel an Raum hindert -mich es zu thun. Ich kann bloss versichern, dass Instinkte gewiss -variiren, wie z. B. der Wander-Instinkt nach Ausdehnung und Richtung -variiren oder auch ganz aufhören kann. So ist es mit den Nestern der -Vögel, welche theils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den -Natur- und Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus -ganz unbekannten Ursachen abändern. So hat A<span class="smaller">UDUBON</span> einige -sehr merkwürdige Fälle von Verschiedenheiten in den Nestern derselben -Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden der <i>Vereinten -Staaten</i> leben, mitgetheilt. Warum, hat man gefragt, hat die -Natur der Biene, wenn Instinkt veränderlich ist, nicht die Fähigkeit -ertheilt, andre Materialien da zu benützen, wo Wachs fehlt? Aber welche -andre Materialien könnten die Bienen benützen. Ich habe gesehen, -dass sie mit Kochenille und mit Fett versetztes Wachs gebrauchen und -verarbeiten. A<span class="smaller">NDREW</span> K<span class="smaller">NIGHT</span> sah seine Bienen, statt emsig -Pollen einzusammeln, ein Zäment aus Wachs und Terpentin gebrauchen, -womit entrindete Bäume überstrichen worden waren. Endlich hat man -kürzlich Bienen beobachtet, die, statt Blüthen um ihres Samenstaubes -willen aufzusuchen, gerne eine ganz verschiedene Substanz, nämlich -Hafermehl verwendeten. — Furcht vor irgend einem besondren Feinde -ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im -Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwohl sie durch -Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor demselben Feinde bei -anderen Thieren noch verstärkt wird. Thiere auf abgelegenen kleinen -Eilanden fürchten sich nicht vor den Menschen und lernen, wie ich -anderwärts gezeigt habe, ihn nur langsam fürchten; und so nehmen wir -auch in <i>England</i> selbst wahr, dass die grossen Vögel, weil sie -vom Menschen mehr verfolgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als -die kleinen. Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost -dieser Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln -sind die grossen nicht scheuer als die kleinen; und die Elster,<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> so -furchtsam in <i>England</i>, ist in <i>Norwegen</i> eben so zahm als -die Krähe (Corvus cornix) in <i>Ägypten</i>.</p> - -<p>Dass die Gemüthsart der Individuen einer Spezies im Allgemeinen, auch -wenn sie in der freien Natur geboren sind, äusserst manchfaltig seye, -kann mit vielen Thatsachen belegt werden. Auch liessen sich bei einigen -Arten Beispiele von zufälligen und fremdartigen Gewohnheiten anführen, -die, wenn sie der Art nützlich wären, durch Natürliche Züchtung zu ganz -neuen Instinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dass -diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thatsachen zum Belege, -nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers machen werden, -kann jedoch nur meine Versicherung wiederholen, dass ich nicht ohne -gute Beweise so spreche.</p> - -<p>Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen des -Instinktes im Natur-Zustande zu vererben wird durch Betrachtung einiger -Fälle bei gezähmten Thieren noch stärker hervortreten. Wir werden -dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt, welchen vergleichungsweisen -Einfluss Gewöhnung und die Züchtung sogenannter zufälliger Abweichungen -auf die Abänderung der Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere ausgeübt -haben. Es lässt sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele -anführen von der Vererblichkeit aller Abschattungen der Gemüthsart, -des Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in -Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen -Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschiedenen -Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich habe selbst -einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge Vorstehehunde -zuweilen vor andern Hunden anziehen, wenn sie das erstemal mit -hinausgenommen werden. So ist das Aufstöbern der Feldhühner gewiss oft -erblich bei Hunden der vorzugsweise dazu gebrauchten Rasse, wie junge -Schäferhunde geneigt sind die Heerde zu umkreisen statt nebenher zu -laufen. Ich kann nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von -denen des Instinktes verschieden sind; denn die jungen Hunde handeln -ohne Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und ohne -den Zweck des Handelns zu kennen. Denn der junge Vorstehehund<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> weiss -noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen den Absichten seines -Herrn dient, als der Kohlschmetterling weiss, warum er seine Eier auf -ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art Wolf sähen, welcher noch jung -und ohne Abrichtung bei Witterung seiner Beute bewegungslos wie eine -Bildsäule stehen bliebe und dann mit eigenthümlicher Haltung langsam -auf sie hinschliche, oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen -Rudel Hirsche zuzuspringen, dasselbe umkreiste und so nach einem -entfernten Punkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem -Instinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen könnte, sind -gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natürlichen; denn -sie sind durch viel minder strenge Züchtung ausgeprägt und eine bei -weitem kürzere Zeit hindurch unter minder steten Lebens-Bedingungen -vererbt worden.</p> - -<p>Wie streng diese „zahmen Instinkte“, Gewohnheiten und Neigungen vererbt -werden und wie wundersam sie sich zuweilen mischen, zeigt sich ganz -wohl, wenn verschiedene Hunde-Rassen miteinander gekreutzt werden. So -ist eine Kreutzung mit Bullbeissern auf viele Generationen hinaus auf -den Muth und die Beharrlichkeit des Windhundes von Einfluss gewesen, -und eine Kreutzung mit dem Wind-Hunde hat auf eine ganze Familie von -Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese zahmen -Instinkte, auf solche Art durch Kreutzung erprobt, gleichen natürlichen -Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise sonderbar mit einander -verbinden, so dass sich auf lange Zeit hinaus Spuren des Instinktes -beider Ältern erhalten. So beschreibt L<span class="smaller">E</span> R<span class="smaller">OY</span> einen Hund, -dessen Grossvater ein Wolf war; dieser Hund verrieth die Spuren seiner -wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von -seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam.</p> - -<p>Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen, welche -bloss durch eine lang-fortgesetzte und erzwungene Gewohnheit erblich -werden; ich glaube aber, dass Diess nicht richtig ist. Gewiss hat -niemals jemand daran gedacht oder versucht, der Purzeltaube das Purzeln -zu lehren, was meines Wissens auch schon junge Tauben thun, welche -nie andere<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal -eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-Weise -gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfältiger und lang-fortgesetzter -Züchtung aus ihr die Purzler allmählich das geworden, was sie jetzt -sind; und wie ich von Herrn B<span class="smaller">RENT</span> vernehme, gibt es bei -<i>Glasgow</i> Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle weit fliegen -können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen. Eben so ist es schwer -zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand daran gedacht habe, einen Hund -zum Vorstehen abzurichten, hätte nicht etwa ein Individuum von selbst -eine Neigung verrathen es zu thun, und man weiss, dass Diess zuweilen -vorkommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete; das -„Stehen“ ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine verstärkte -Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt, auf seine Beute -einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des Stehens einmal gezeigt, -so mögen methodische Züchtung und die erbliche Wirkung zwangsweiser -Abrichtung in jeder nachfolgenden Generation das Werk bald vollendet -haben: und unbewusste Züchtung ist immer in Thätigkeit, da jedermann, -wenn auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich gerne -die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und jagen. Anderseits -hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt. Kaum ist in der Regel -ein Thier schwerer zu zähmen als das Junge des wilden Kaninchens, -und kein Thier zahmer als das Junge des zahmen Kaninchens; und doch -kann ich kaum glauben, dass die Haus-Kaninchen auf Zahmheit gezüchtet -worden sind, sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche -Veränderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit -einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangenschaft -zuzuschreiben haben. Demungeachtet können, wie der <i>Französische</i> -Übersetzer dieses Buches bemerkt hat, gerade die zahmsten Kaninchen, -weil am wenigsten lästig, am öftesten erhalten worden seyn, so dass -mithin auch in diesem Falle Züchtung mit ins Spiel gekommen wäre.</p> - -<p>Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren; ein -merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Geflügel-Rassen, -welche selten oder nie „brütig“ werden<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>, d. h. nie auf ihren Eiern -zu sitzen verlangen. Die tägliche Gewöhnung daran allein verhindert -uns zu sehen, in wie hohem Grade und wie allgemein die geistigen -Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch Zähmung verändert worden sind. -Man kann kaum daran zweifeln, dass die Liebe des Menschen als -Instinkt auf den Hund übergegangen ist. Alle Wölfe, Füchse, Schakals -und Katzen-Arten sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig -Geflügel, Schaafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung -hat sich unheilbar auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung -aus Gegenden zu uns gebracht hat, wo wie im <i>Feuerlande</i> und -in <i>Australien</i> die Wilden jene Hausthiere nicht halten. Und -wie selten ist es auf der andern Seite nöthig, unsren zivilisirten -Hunden, selbst wenn sie noch jung sind, die Angriffe auf jene -Thiere abzugewöhnen. Allerdings machen sie manchmal einen solchen -Angriff und werden dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft, -endlich weggeschafft, — so dass Gewohnheit und wahrscheinlich -einige Züchtung zusammengewirkt haben, unsren Hunden ihre erbliche -Zivilisation beizubringen. Andrerseits haben junge Hühnchen, ganz -in Folge von Gewöhnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren, -welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte besessen; -denn ich erfahre von Capt. H<span class="smaller">UTTON</span>, dass die jungen vom -<i>Ostindischen</i> Stammvater dieser Art (Gallus Bankiva), wenn -sie auch von einer gewöhnlichen Henne ausgebrütet worden, anfangs -ausserordentlich wild sind. Und so ist es auch mit den jungen Phasanen -aus Eiern, die man in England von einem Haushuhn hat ausbrüten lassen. -Und doch haben die Hühnchen keineswegs alle Furcht verloren, sondern -nur die Furcht vor Hunden und Katzen; denn sobald die Henne ihnen durch -Glucken eine Gefahr anmeldet, laufen alle (zumal junge Welschhühner), -um sich unter ihren Schutz zu begehen, oder um sich im Grase und -Dickicht umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven -Absicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> -möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei unseren -jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten Zustande ganz -nutzlos, weil die Mutter-Henne das Flug-Vermögen durch Nichtgebrauch -gewöhnlich eingebüsst hat.</p> - -<p>Daraus lässt sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben worden -und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch eigne -Gewohnheit und theils durch die Einwirkung des Menschen, welche viele -aufeinander-folgende Generationen hindurch eigenthümliche geistige -Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer Unwissenheit anfangs -nur ein sogenannter Zufall geschienen, durch Züchtung gehäuft und -gesteigert hat. In einigen Fällen hat erzwungene Gewöhnung genügt, um -solche erbliche Veränderung geistiger Eigenschaften zu bewirken; in -andern ist durch Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch -unbewusste oder methodische Züchtung bewirkt worden; in den meisten -Fällen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt.</p> - -<p>Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht am besten -geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte im Natur-Zustande -durch Züchtung modifizirt worden sind. Ich will aus der grossen Anzahl -derjenigen, welche ich gesammelt und in meinem späteren Werke zu -erörtern haben werde, nur drei Fälle hervorheben, nämlich den Instinkt, -welcher den Kuckuck treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den -Instinkt der Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der -Honig-Bienen; die zwei zuletzt genannten sind von den Naturforschern -wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten Instinkte -bezeichnet worden.</p> - -<p>Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die Grund-Ursache -für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in fremde Nester zu legen -beruhe darin, dass dieselben der Reihe nach nicht täglich, sondern -erst jeden zweiten oder dritten Tag zur Reife kommen, so dass, wenn -der Kuckuck sein eignes Nest zu bauen und auf seinen eignen Eiern -zu sitzen hätte, die ersten Eier entweder eine Zeitlang unbebrütet -bleiben oder Eier und junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen -Neste zusammen<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> kommen müssten<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>. Wäre Diess so der Fall, so müssten -allerdings die Prozesse des Legens und Ausschlüpfens unangemessen lang -währen, und die zuerst ausgeschlüpften jungen Vögel wahrscheinlich vom -Männchen allein aufgefüttert werden. Allein der <i>Amerikanische</i> -Kuckuck findet sich in derselben Lage, und doch macht er sein eignes -Nest und legt seine Eier nach-einander hinein, und seine Jungen -schlüpfen gleichzeitig aus. Man hat zwar versichert, auch der -<i>Amerikanische</i> Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester, -aber nach Dr. <i>Brewer’s</i> verlässiger Gewährschaft in diesen Dingen -ist es ein Irrthum. Demungeachtet könnte ich noch mehre andre Beispiele -von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde Nester legen. -Nehmen wir nun an, der Stamm-Vater unsres <i>Europäischen</i> Kuckucks -habe die Gewohnheiten des <i>Amerikanischen</i> gehabt, doch zuweilen -ein Ei in das Nest eines andren Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von -diesem gelegentlichen Brauche Vortheil hatte, oder der junge durch den -fehlgreifenden Instinkt einer fremden Mutter kräftiger wurde, als er -unter der Sorge seiner eignen Mutter geworden seyn würde, weil diese -mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von verschiedenem Alter -überladen gewesen wäre und von selbst in sehr zartem Alter schon hätte -wandern müssen; so gewann entweder der Alte oder das auf fremde Kosten -gepflegte Junge dabei. Der Analogie nach möchte ich dann glauben, dass -als Folge der Erblichkeit das so aufgeatzte Junge mehr geneigt seye, -die zufällige und abweichende Handlungsweise seiner Mutter nachzuahmen, -auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kräftigere Nachkommen -zu erlangen. Durch einen fortgesetzten Prozess dieser Art könnte nach -meiner Meinung der wunderliche Instinkt des Kuckucks entstanden seyn. -Ich will jedoch noch beifügen, dass nach Dr. G<span class="smaller">RAY</span> u. e. a. -Beobachtern der <i>Europäische</i> Kuckuck<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> doch keineswegs alle -mütterliche Liebe und Sorge für seine eignen Sprösslinge verloren hat.</p> - -<p>Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von derselben oder -einer andern Spezies zu legen, ist unter den Hühner-artigen Vögeln -nicht ganz ungewöhnlich; und Diess erklärt vielleicht die Entstehung -eines eigenthümlichen Instinktes in der benachbarten Gruppe der -Strauss-artigen Vögel. Denn mehre Strauss-Hennen wenigstens von der -<i>Amerikanischen</i> Art vereinigen sich, um zuerst einige Eier in ein -Nest und dann in ein andres zu legen; und diese werden von den Männchen -ausgebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrscheinlich -die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen eine grosse -Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen -legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim <i>Amerikanischen</i> Strausse -noch nicht sehr entwickelt; denn es liegt dort auch noch eine so -erstaunliche Menge von Eiern über die Ebene zerstreut, dass ich auf der -Jagd an einem Tage nicht weniger als 20 verlassener und verdorbener -Eier aufzunehmen im Stand war.</p> - -<p>Manche Bienen schmarotzen und legen ihre Eier in Nester andrer -Bienen-Arten. Diess ist noch merkwürdiger, als beim Kuckuck; denn diese -Bienen haben nicht allein ihren Instinkt, sondern auch ihren Bau in -Übereinstimmung mit ihrer parasitischen Lebens-Weise geändert, indem -sie nämlich nicht die Vorrichtung zur Einsammlung des Pollens besitzen, -deren sie bedürften, wenn sie Nahrung für ihre eigne Brut vorräthig -aufhäufen müssten. Einige Insekten-Arten schmarotzen nach der Weise der -Sphegiden bei andern Arten, und Herr F<span class="smaller">ABRE</span> hat neulich guten -Grund nachgewiesen zu glauben, dass, obwohl Tachytes nigra gewöhnlich -ihre eigne Höhle macht und darin noch lebende aber gelähmte Beute zur -Nahrung ihrer eignen Larve im Vorrath niederlegt, dieselbe doch, wenn -sie eine schon fertige und mit Vorräthen versehene Höhle einer andern -Sphex findet, davon Besitz ergreift und in Folge dieser Gelegenheit -Parasit wird. In diesem Falle wie in dem angenommenen Beispiele von dem -Kuckuck liegt kein Hinderniss für die Natürliche Züchtung vor,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> aus dem -gelegentlichen Brauche einen beständigen zu machen, wenn er für die Art -nützlich ist, und wenn nicht in Folge dessen die andre Insekten-Art, -deren Nest und Futter-Vorräthe sie sich verrätherischer Weise aneignet, -dadurch vertilgt wird.</p> - -<p><em class="gesperrt">Instinkt Sklaven zu machen</em>.) Dieser Naturtrieb wurde zuerst bei -Formica (Poliergus) rufescens von P<span class="smaller">ETER</span> H<span class="smaller">UBER</span> beobachtet, -einem noch besseren Beobachter, als sein berühmter Vater gewesen. Diese -Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven abhängig, ohne deren Hülfe -die Art schon in einem Jahre gänzlich zu Grunde gehen müsste. Die -Männchen und fruchtbaren Weibchen arbeiten nicht. Die arbeitenden oder -unfruchtbaren Weibchen dagegen, obgleich sehr muthig und thatkräftig -beim Sklaven-Fangen, thun nichts andres. Sie sind unfähig ihre eignen -Nester zu machen oder ihre eignen Jungen zu füttern. Wenn das alte Nest -unpassend befunden und eine Auswanderung nöthig wird, entscheiden die -Sklaven darüber und schleppen dann ihre Meister zwischen den Kinnladen -fort. Diese letzten sind so äusserst hülfelos, dass, als H<span class="smaller">UBER</span> -deren dreissig ohne Sklaven aber mit einer reichlichen Menge des besten -Futters und zugleich mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Thätigkeit -anzuspornen, zusammen-sperrte, sie nicht einmal sich selbst fütterten -und grossentheils Hungers starben. H<span class="smaller">UBER</span> brachte dann einen -einzigen Sklaven (Formica fusca) dazu, der sich unverzüglich ans Werk -begab und die noch überlebenden fütterte und rettete, einige Zellen -machte, die Larven pflegte und Alles in Ordnung brachte. Was kann es -Ausserordentlicheres geben, als diese wohl verbürgten Thatsachen? Hätte -man nicht noch von einigen andern Sklaven-machenden Ameisen Kenntniss, -so würde es ein Hoffnungs-loser Versuch gewesen seyn sich eine -Vorstellung davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher -Vollkommenheit gedeihen könne.</p> - -<p>Eine andre Ameisen-Art, Formica sanguinea, wurde gleichfalls zuerst -von H<span class="smaller">UBER</span> als Sklavenmacherin erkannt. Sie kömmt im südlichen -Theile von <i>England</i> vor, wo ihre Gewohnheiten von H. F. -S<span class="smaller">MITH</span> vom <i>Britischen Museum</i> beobachtet worden sind, dem -ich für seine Mittheilungen über diesen und andre Gegenstände<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> sehr -verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die Versicherungen der -zwei genannten Naturforscher setzend, vermochte ich doch nicht ohne -einigen Zweifel an die Sache zu gehen, und es mag wohl zu entschuldigen -seyn, wenn jemand an einen so ausserordentlichen und hässlichen -Instinkt, wie der ist Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben -kann. Ich will daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit -einigen Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nest-Haufen der -Formica sanguinea und fand in allen einige Sklaven. Männchen und -fruchtbare Weibchen der Sklaven-Art (F. fusca) kommen nur in ihrer -eignen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen der F. sanguinea -gefunden worden. Die Sklaven sind schwarz und von nicht mehr als der -halben Grösse ihrer Herrn, so dass der Gegensatz in ihrer Erscheinung -sogleich auffällt. Wird der Haufe nur leicht wenig gestört, so kommen -die Sklaven zuweilen heraus und zeigen sich gleich ihren Meistern -sehr beunruhigt und zur Vertheidigung bereit. Wird aber der Haufe so -zerrüttet, dass Larven und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die -Sklaven mit ihren Meistern zugleich lebhaft bemüht, dieselben nach -einem sicheren Platze zu schleppen. Daraus ist klar, dass sich die -Sklaven ganz heimisch fühlen. Während der Monate Juni und Juli habe ich -in drei aufeinander-folgenden Jahren in den Grafschaften <i>Surrey</i> -und <i>Sussex</i> mehre solcher Ameisen-Haufen Stunden-lang beobachtet -und nie einen Sklaven aus- oder eingehen sehen. Da während dieser -Monate der Sklaven nur wenige sind, so dachte ich sie würden sich -anders benehmen, wenn sie in grössrer Anzahl wären; aber auch Hr. -S<span class="smaller">MITH</span> theilt mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen -Stunden während der Monate Mai, Juni und August in <i>Surrey</i> wie -in <i>Hampshire</i> beobachtet und, obwohl die Sklaven im August -zahlreich sind, nie einen derselben aus- oder eingehen gesehen hat. Er -betrachtet sie daher lediglich als Haus-Sklaven. Dagegen sieht man ihre -Herrn beständig Nestbau-Stoffe und Futter aller Art herbeischleppen. -Im jetzigen Jahre jedoch kam ich im Juli zu einer Gemeinde mit einem -ungewöhnlich starken Sklaven-Stande und sah einige wenige Sklaven -unter ihre Meister gemengt das<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> Nest verlassen und mit ihnen den -nämlichen Weg zu einer <i>Schottischen</i> Kiefer, 25 Ellen entfernt, -einschlagen und am Stamme hinauflaufen, wahrscheinlich um nach Blatt- -oder Schild-Läusen zu suchen. Nach H<span class="smaller">UBER</span>, welcher reichliche -Gelegenheit zur Beobachtung gehabt, arbeiten in der <i>Schweitz</i> -die Sklaven gewöhnlich mit ihren Herrn an der Aufführung des Nestes, -und sie allein öffnen und schliessen die Thore in den Morgen- und -Abend-Stunden; jedoch ist, wie H<span class="smaller">UBER</span> ausdrücklich versichert, -ihr Hauptgeschäft nach Blattläusen zu suchen. Dieser Unterschied in den -herrschenden Gewohnheiten von Herrn und Sklaven in zweierlei Gegenden -mag lediglich davon abhängen, dass in der <i>Schweitz</i> die Sklaven -zahlreicher einzufangen sind als in <i>England</i>.</p> - -<p>Eines Tages bemerkte ich glücklicherweise eine Wanderung der -F. sanguinea von einem Haufen zum andern, und es war ein sehr -interessanter Anblick, wie die Herrn ihre Sklaven sorgfältig zwischen -ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von ihnen getragen -zu werden, wie es bei F. rufescens der Fall ist. Eines andern -Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei Dutzend Ameisen der -Sklaven-machenden Art in Anspruch genommen, welche dieselbe Stelle -besuchten, doch offenbar nicht des Futters wegen. Bei ihrer Annäherung -wurden sie von einer unabhängigen Kolonie der Sklaven-gebenden Art, F. -fusca, zurückgetrieben, so dass zuweilen bis drei dieser letzten an den -Beinen einer F. sanguinea hingen. Diese letzte tödtete ihre kleineren -Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung in ihr 29 -Ellen entferntes Nest; aber sie wurde verhindert Puppen wegzunehmen, um -sie zu Sklaven aufzuziehen. Ich entnahm dann aus einem andern Haufen -der F. fusca eine geringe Anzahl Puppen und legte sie auf eine kahle -Stelle nächst dem Kampfplatze nieder. Diese wurden begierig von den -Tyrannen ergriffen und fortgetragen, die sich vielleicht einbildeten, -doch endlich Sieger in dem letzten Kampfe gewesen zu seyn.</p> - -<p>Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen der -Formica flava mit einigen wenigen reifen Ameisen dieser gelben Art -nieder, welche noch an Bruchstücken ihres Nestes hingen. Auch diese Art -wird zuweilen, doch selten zu Sklaven<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> gemacht, wie Herr S<span class="smaller">MITH</span> -beschrieben hat. Obwohl klein ist diese Art sehr muthig, und ich habe -sie mit wildem Ungestüm andre Ameisen angreifen sehen. Einmal fand -ich zu meinem Erstaunen unter einem Steine eine unabhängige Kolonie -der Formica flava noch unterhalb einem Neste der Sklaven-machenden F. -sanguinea; und da ich zufällig beide Nester gestört hatte, so griff -die kleine Art ihre grosse Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich -war nun neugierig zu erfahren, ob F. sanguinea im Stande seye, die -Puppen der F. fusca, welche sie gewöhnlich zur Sklaven-Zucht verwendet, -von denen der kleinen wüthenden F. flava zu unterscheiden, welche sie -nur selten in Gefangenschaft führt, und es ergab sich bald, dass sie -dieses Unterscheidungs-Vermögen besass; denn ich sah sie begierig und -augenblicklich über die Puppen der F. fusca herfallen, während sie sehr -erschrocken schien, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde -aus dem Neste der F. flava stiess, und rasch davonrannte. Aber nach -einer Viertel-Stunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben Ameisen die -Stelle verlassen hatten, bekamen sie Muth und griffen auch diese Puppen -auf.</p> - -<p>Eines Abends besuchte ich eine andre Gemeinde der F. sanguinea und fand -eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und beim Eingang in ihr Nest, -Leichen und viele Puppen der F. fusca mit sich schleppend, also nicht -auf blosser Wanderung begriffen. Ich verfolgte eine 40 Ellen lange -Reihe mit Beute beladener Ameisen bis zu einem dichten Haide-Gebüsch, -wo ich das letzte Individuum der F. sanguinea mit einer Puppe belastet -herauskommen sah; aber das zerstörte Nest konnte ich in der dichten -Haide nicht finden, obwohl es nicht mehr ferne gewesen seyn kann, -indem zwei oder drei Individuen der F. fusca in der grössten Aufregung -umherrannten und eines bewegungslos an der Spitze eines Haide-Zweiges -hing: alle mit ihren eignen Puppen im Maul, ein Bild der Verzweiflung -über ihre zerstörte Heimath.</p> - -<p>Diess sind die Thatsachen, welche ich, obwohl sie meiner Bestätigung -nicht erst bedurft hätten, über den wundersamen Sklavenmacher-Instinkt, -berichten kann. Zuerst ist der grosse Gegensatz zwischen den -instinktiven Gewohnheiten der F. sanguinea<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> und der kontinentalen -F. rufescens zu bemerken. Diese letzte baut nicht selbst ihr Nest, -bestimmt nicht ihre eignen Wanderungen, sammelt nicht das Futter für -sich und ihre Brut und kann nicht einmal allein fressen; sie ist -absolut abhängig von ihren zahlreichen Sklaven. Die F. sanguinea -dagegen hält viel weniger und zumal im ersten Theile des Sommers sehr -wenige Sklaven; die Herrn bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut -werden soll; und wenn sie wandern, schleppen die Herrn die Sklaven. -In der <i>Schweitz</i> wie in <i>England</i> scheinen die Sklaven -ausschliesslich mit der Sorge für die Brut beauftragt zu seyn, und die -Herrn allein gehen auf den Sklavenfang aus. In der <i>Schweitz</i> -arbeiten Herrn und Sklaven miteinander um Nestbau-Materialien -herbeizuschaffen; beide und doch vorzugsweise die Sklaven besuchen -und melken, wie man es nennen könnte, ihre Aphiden, und beide sammeln -Nahrung für die Gemeinschaft ein. In <i>England</i> verlassen die -Herrn gewöhnlich allein das Nest, um Bau-Stoffe und Futter für sich, -ihre Larven und Sklaven einzusammeln, so dass dieselben hier von ihren -Sklaven viel weniger Dienste empfangen als in der <i>Schweitz</i>.</p> - -<p>Ich will mich nicht vermessen zu errathen, auf welchem Wege der -Instinkt der F. sanguinea sich entwickelt hat. Da jedoch Ameisen, -welche keine Sklavenmacher sind, wie wir gesehen haben, zufällig um -ihr Nest zerstreute Puppen andrer Arten heimschleppen, vielleicht um -sie zur Nahrung zu verwenden, so können sich solche Puppen dort auch -noch zuweilen entwickeln, und die auf solche Weise absichtslos im Haus -erzognen Fremdlinge mögen dann ihren eignen Instinkten folgen und -arbeiten, was sie können. Erweiset sich ihre Anwesenheit nützlich für -die Art, welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten mehr zu -Arbeiter zu fangen als zu erziehen, so kann der ursprünglich zufällige -Brauch fremde Puppen zur Nahrung einzusammeln durch Natürliche Züchtung -verstärkt und endlich zu dem ganz verschiedenen Zwecke Sklaven zu -erziehen bleibend befestigt werden. Wenn dieser Naturtrieb zur Zeit -seines Ursprungs in einem noch viel minderen Grade als bei unsrer F. -sanguinea entwickelt war, welche noch jetzt von ihren Sklaven weniger<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> -Hülfe in <i>England</i> als in der <i>Schweitz</i> empfängt, so finde -ich kein Bedenken anzunehmen, Natürliche Züchtung habe dann diesen -Instinkt verändert und, immer vorausgesetzt, dass jede Abänderung der -Spezies nützlich gewesen, allmählich so weit abgeändert, dass endlich -eine Ameisen-Art entstand in so verächtlicher Abhängigkeit von ihren -eignen Sklaven, wie es F. rufescens ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zellenbau-Instinkt der Korb-Bienen.</em>) Ich beabsichtige nicht -über diesen Gegenstand in kleine Einzelnheiten einzugehen, sondern -will mich beschränken, eine Skizze von den Ergebnissen zu liefern, -zu welchen ich gelangt bin. Es müsste ein beschränkter Mensch seyn, -welcher bei Untersuchung des ausgezeichneten Baues einer Bienen-Wabe, -die ihrem Zwecke so wundersam angepasst ist, nicht in begeisterte -Verwunderung geriethe. Wir hören von Mathematikern, dass die Bienen -praktisch ein schwieriges Problem gelöst und ihre Zellen in derjenigen -Form, welche die grösst-mögliche Menge von Honig aufnehmen kann, mit -dem geringst-möglichen Aufwande des kostspieligen Bau-Materiales, des -Wachses nämlich, hergestellt haben. Man hat bemerkt, dass es einem -geschickten Arbeiter mit passenden Maassen und Werkzeugen sehr schwer -fallen würde, regelmässig sechseckige Wachs-Zellen zu machen, obwohl -Diess eine wimmelnde Menge von Bienen in dunklem Korbe mit grösster -Genauigkeit vollführt. Was für einen Instinkt man auch annehmen mag, -so scheint es doch anfangs ganz unbegreiflich, wie derselbe solle -alle nöthigen Winkel und Flächen berechnen, oder auch nur beurtheilen -können, ob sie richtig gemacht sind. Inzwischen ist doch die -Schwierigkeit nicht so gross, wie sie Anfangs scheint; denn all’ diess -schöne Werk lässt sich von einigen wenigen sehr einfachen Naturtrieben -herleiten.</p> - -<p>Ich war diesen Gegenstand zu verfolgen durch Herrn W<span class="smaller">ATERHOUSE</span> -veranlasst worden, welcher gezeigt hat, dass die Form der Zellen in -enger Beziehung zur Anwesenheit von Nachbarzellen steht, und die -folgende Ansicht ist vielleicht nur eine Modifikation seiner Theorie. -Wenden wir uns zu dem grossen Abstufungs-Prinzipe und sehen wir zu, -ob uns die Natur nicht ihre Methode zu wirken enthülle. Am einen Ende -der kurzen<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> Stufen-Reihe sehen wir die Hummel-Biene, welche ihre alten -Coccons zur Aufnahme von Honig verwendet, indem sie ihnen zuweilen -kurze Wachs-Röhren anfügt und ebenso auch einzeln abgesonderte und -sehr unregelmässig abgerundete Zellen von Wachs anfertigt. Am andern -Ende der Reihe haben wir die Zellen der Korbbiene, eine doppelte -Schicht bildend: jede Zelle ist bekanntlich ein sechsseitiges -Prisma, deren Grundfläche durch eine stumpf-dreiseitige Pyramide aus -drei Rautenflächen, mit festen Winkeln ersetzt ist. Dieselben drei -Rautenflächen, welche die pyramidale Basis einer Zelle in der einen -Zellen-Schicht der Scheibe bilden, entsprechen je einer Rautenfläche -in drei aneinanderstossenden Zellen der entgegengesetzten Schicht. Als -Zwischenstufe zwischen der äussersten Vervollkommnung im Zellenbau -der Korb-Biene und der äussersten Einfachheit in dem der Hummel-Biene -haben wir dann die Zellen der <i>Mexikanischen</i> Melipona domestica, -welche P. H<span class="smaller">UBER</span> gleichfalls sorgfältig beschrieben und -abgebildet hat. Diese Biene steht in ihrer Körperbildung zwischen -unsrer Honig-Biene und der Hummel in der Mitte, doch der letzten näher, -bildet einen fast regelmässigen wächsernen Zellen-Kuchen mit walzigen -Zellen, worin die Jungen gepflegt werden, und überdiess mit einigen -grossen Zellen zur Aufnahme von Honig. Diese letzten sind von ihrer -freien Seite gesehen fast kreisförmig und von nahezu gleicher Grösse, -in eine unregelmässige Masse zusammengefügt; am wichtigsten aber ist -daran zu bemerken, dass sie so nahe aneinander gerückt sind, dass alle -kreisförmigen Wände, wenn sie auch da, wo die Zellen einander stossen, -ihre Kreise fortsetzten, einander schneiden oder durchsetzen müssten; -daher die Wände an den aneinanderliegenden Stellen eben abgeplattet -sind. Jede dieser im Ganzen genommen kreisrunden Zellen hat mithin doch -2–3 oder mehr vollkommen ebene Seitenflächen, je nachdem sie an 2–3 -oder mehr andre Zellen seitlich angrenzt. Kommt eine Zelle in Berührung -mit drei andern Zellen, was, da alle von fast gleicher Grösse sind, -nothwendig sehr oft geschieht, so vereinigen sich die drei ebenen -Flächen zu einer dreiseitigen Pyramide, welche, nach H<span class="smaller">UBER</span>’<span class="smaller">S</span> -Bemerkung, offenbar der dreiseitigen Pyramide an<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> der Basis der -Zellen unsrer Korb-Biene zu vergleichen ist. Wie in den Zellen der -Honigbiene, so nehmen auch hier die drei ebenen Flächen einer Zelle an -der Zusammensetzung dreier andren anstossenden Zellen Theil. Es ist -offenbar, dass die Melipona bei dieser Bildungs-Weise Wachs erspart; -denn die Wände sind da, wo mehre solche Zellen aneinandergrenzen, -nicht doppelt und nur von der Dicke wie die kreisförmigen Theile, und -jedes flache Stück Zwischenwand nimmt an der Zusammensetzung zweier -aneinanderstossenden Zellen Antheil.</p> - -<p>Indem ich über diesen Fall nachdachte, kam es mir vor, als ob, wenn die -Melipona ihre walzigen Zellen von gleicher Grösse in einer gegebenen -gleichen Entfernung von einander gefertigt und symmetrisch in eine -doppelte Schicht geordnet hätte, der dadurch erzielte Bau so vollkommen -als der der Korb-Biene geworden seyn würde. Demzufolge schrieb ich an -Professor M<span class="smaller">ILLER</span> in <i>Cambridge</i>, und dieser Geometer -bezeichnet die folgende seiner Belehrung entnommene Darstellung als -richtig.</p> - -<p>Wenn eine Anzahl unter sich gleicher Kreise so beschrieben wird, -dass ihre Mittelpunkte in zwei parallelen Ebenen liegen, und das -Centrum eines jeden Kreises um Radius × √<span class="bt">2</span> oder -Radius × 1.41421 -(oder weniger) von den Mittelpunkten der sechs umgebenden Kreise in -derselben Schicht und eben so weit von den Centren der angrenzenden -Kreise in der andren parallelen Schicht entfernt ist<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>, und wenn -alsdann Durchschneidungsflächen zwischen den verschiedenen Kreisen -beider Schichten gebildet<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> werden: — so muss sich eine doppelte Lage -sechsseitiger Prismen ergeben, welche mit aus drei Rauten gebildeten -dreiseitig-pyramidalen Basen aufeinanderstehen, und diese Rauten- -sowie die Seiten-Flächen der sechsseitigen Prismen werden in allen -Winkeln aufs Genaueste übereinstimmen, wie sie an den Wachsscheiben -der Bienen nach den sorgfältigsten Messungen vorkommen. Wir können -daher mit Verlässigkeit schliessen, dass, wenn wir die jetzigen noch -nicht sehr ausgezeichneten Instinkte der Melipona etwas zu verbessern -im Stande wären, diese einen Bau eben so wunderbar vollkommen zu -liefern vermöchte, als die Korb-Biene. Stellen wir uns also vor, die -Melipona mache ihre Zellen ganz kreisrund und gleich-gross, was nicht -zum Verwundern seyn würde, da sie es schon in gewissem Grade thut und -viele Insekten sich vollkommen walzenförmige Zellen in Holz aushöhlen, -indem sie anscheinend sich um einen festen Punkt drehen. Stellen wir -uns ferner vor, die Melipona ordne ihre Zellen in ebenen Lagen, wie -sie es bereits mit ihren Walzen-Zellen thut. Nehmen wir ferner an (und -Diess ist die grösste Schwierigkeit), sie vermöge irgend-wie genau zu -beurtheilen, in welchem Abstände von ihren gleichzeitig beschäftigten -Mitarbeiterinnen sie ihre kreisrunden Zellen beginnen müsse; wir -sahen sie ja bereits Entfernungen hinreichend bemessen, um alle ihre -Kreise so zu beschreiben, dass sie einander stark schneiden, und sahen -sie dann die Schneidungs-Punkte durch vollkommen ebene Wände mit -einander verbinden. Unterstellen wir endlich, was keiner Schwierigkeit -unterliegt, dass wenn die sechsseitigen Prismen durch Schneidung in -der nämlichen Schicht aneinanderliegender Kreise gebildet sind, sie -deren Sechsecke bis zu genügender Ausdehnung verlängern könne, um -den Honig-Vorrath aufzunehmen, wie die Hummel den runden Mündungen -ihrer alten Coccons noch Wachs-Zylinder ansetzt. Diess sind die nicht -sehr wunderbaren Modifikationen dieses Instinktes (wenigstens nicht -wunderbarer als jene, die den Vogel bei seinem Nestbau leiten), durch -welche, wie ich glaube, die Korb-Biene auf dem Wege Natürlicher -Züchtung zu ihrer unnachahmlichen architektonischen Geschicklichkeit -gelangt ist.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> - -<p>Doch diese Theorie lässt sich durch Versuche bewähren. Nach Herrn -T<span class="smaller">EGEMEIER</span>’<span class="smaller">S</span> Vorgange trennte ich zwei Bienen-Waben und fügte -einen langen dicken rechteckigen Streifen Wachs dazwischen. Die Bienen -begannen sogleich kleine kreisrunde Grübchen darin auszuhöhlen, die sie -immer mehr erweiterten je tiefer sie wurden, bis flache Becken daraus -entstanden, die genau kreisrund und vom Durchmesser der gewöhnlichen -Zellen waren. Es war sehr ansprechend für mich zu beobachten, dass -überall, wo mehre Bienen zugleich neben einander solche Aushöhlungen -zu machen begannen, sie genau die richtigen Entfernungen einhielten, -dass jene Becken mit der Zeit vollkommen die erwähnte Weite einer -gewöhnlichen Zelle erlangten, so dass, als sie den sechsten Theil des -Durchmessers des Kreises, wovon sie einen Theil bildeten, erreicht -hatten, sie einander schneiden mussten. Sobald dies der Fall war, -hielten die Bienen mit der weiteren Austiefung ein und begannen auf den -Schneidungs-Linien zwischen den Becken ebene Wände von Wachs senkrecht -aufzuführen, so dass jede sechsseitige Zelle auf den unebenen Rand -eines glatten Beckens statt auf die geraden Ränder einer dreiseitigen -Pyramide zu stehen kam, wie bei den gewöhnlichen Bienen-Zellen.</p> - -<p>Ich brachte dann statt eines dicken rechteckigen Stückes Wachs einen -schmalen und nur Messerrücken-dicken Wachs-Streifen, mit Cochenille -gefärbt, in den Korb. Die Bienen begannen sogleich von zwei Seiten her -kleine Becken nahe beieinander darin auszuhöhlen, wie zuvor; aber der -Wachs-Streifen war so dünn, dass die Böden der Becken bei gleich-tiefer -Aushöhlung wie vorhin von zwei entgegengesetzten Seiten her hätten -ineinander brechen müssen. Dazu liessen es aber die Bienen nicht -kommen, sondern hörten bei Zeiten mit der Vertiefung auf, so dass die -Becken, so bald sie etwas vertieft waren, ebene Böden bekamen; und -diese ebenen Böden, aus dünnen Plättchen des rothgefärbten Wachses -bestehend, die nicht weiter ausgenagt wurden, kamen, so weit das Auge -unterscheiden konnte, genau längs den eingebildeten Schneidungs-Ebenen -zwischen den Becken der zwei entgegengesetzten Seiten des -Wachs-Streifens zu liegen. Stellenweise waren kleine Anfänge, an -anderen Stellen grössre<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> Theile rhombischer Tafeln zwischen den -einander entgegenstehenden Becken übrig geblieben; aber das Werk wurde -in Folge der unnatürlichen Lage der Dinge nicht zierlich ausgeführt. -Die Bienen müssen in ungefähr gleichem Verhältniss auf beiden Seiten -des rothen Wachs-Streifens gearbeitet haben, als sie die kreisrunden -Vertiefungen von beiden Seiten her ausnagten, um bei Einstellung der -Arbeit die ebenen Boden-Plättchen auf der Zwischenwand übrig lassen zu -können.</p> - -<p>Berücksichtigt man, wie biegsam dieses Wachs ist, so sehe ich -keine Schwierigkeit für die Bienen ein, es von beiden Seiten -her wahrzunehmen, wenn sie das Wachs bis zur angemessenen Dünne -weggenagt haben, um dann ihre Arbeit einzustellen. In gewöhnlichen -Bienenwaben schien mir, dass es den Bienen nicht immer gelinge, genau -gleichen Schrittes von beiden Seiten her zu arbeiten. Denn ich habe -halb-vollendete Rauten am Grunde einer eben begonnenen Zelle bemerkt, -die an einer Seite etwas konkav waren, wo nach meiner Vermuthung die -Bienen ein wenig zu rasch vorgedrungen waren, und auf der anderen -Seite konvex erschienen, wo sie träger in der Arbeit gewesen. In einem -sehr ausgezeichneten Falle der Art brachte ich die Wabe in den Korb -zurück, liess die Bienen kurze Zeit daran arbeiten, und nahm sie darauf -wieder heraus, um die Zellen aufs Neue zu untersuchen. Ich fand dann -die Rauten-förmigen Platten ergänzt und von beiden Seiten vollkommen -eben. Es war aber bei der ausserordentlichen Dünne der rhombischen -Plättchen unmöglich gewesen, Diess durch ein weiteres Benagen von der -konvexen Seite her zu bewirken, und ich vermuthe, dass die Bienen in -solchen Fällen von den entgegengesetzten Zellen aus das biegsame und -warme Wachs (was nach einem Versuche leicht geschehen kann) in die -zukömmliche mittle Ebene gedrückt und gebogen haben, bis es flach wurde.</p> - -<p>Aus dem Versuche mit dem roth-gefärbten Streifen ist klar zu ersehen, -dass, wenn die Bienen eine dünne Wachs-Wand zur Bearbeitung vor sich -haben, sie ihre Zellen von angemessener Form machen können, indem sie -sich in richtigen Entfernungen von einander halten, gleichen Schritts -mit der Austiefung vorrücken,<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> und gleiche runde Höhlen machen, ohne -jedoch deren Zwischenwände zu durchbrechen. Nun machen die Bienen, -wie man bei Untersuchung des Randes einer in umfänglicher Zunahme -begriffenen Honigwabe deutlich erkennt, eine rauhe Einfassung oder Wand -rund um die Wabe, und nagen darin von den entgegengesetzten Seiten ihre -Zellen aus, indem sie mit deren Vertiefung auch den kreisrunden Umfang -erweitern. Sie machen nie die ganze dreiseitige Pyramide des Bodens -einer Zelle auf einmal, sondern nur die eine der drei rhombischen -Platten, welche dem äussersten in Zunahme begriffenen Rande entspricht, -oder auch die zwei Platten, wie es die Lage mit sich bringt. Auch -ergänzen sie nie die oberen Ränder der rhombischen Platten, als bis die -sechsseitige Zellenwand angefangen wird. Einige dieser Angaben weichen -von denen des mit Recht berühmten älteren H<span class="smaller">UBER</span> ab, aber ich -bin überzeugt, dass sie richtig sind; und wenn es der Raum gestattete, -so würde ich zeigen, dass sie so mit meiner Theorie in Einklang stehen.</p> - -<p>H<span class="smaller">UBER</span>’<span class="smaller">S</span> Behauptung, dass die allererste Zelle in einer nicht -vollkommen parallel-seitigen Wachs-Wand ausgehöhlt worden, ist, so -viel ich gesehen, nicht ganz richtig: der erste Anfang war immer eine -kleine Haube von Wachs; doch will ich in diese Einzelnheiten hier nicht -eingehen. Wir sehen, was für einen wichtigen Antheil die Aushöhlung an -der Zellen-Bildung hat; doch wäre es ein grosser Fehler anzunehmen, -die Bienen könnten auf eine rauhe Wachs-Wand nicht in geeigneter Lage, -d. h. längs der Durchschnitts-Ebene zwischen zwei aneinandergrenzenden -Kreisen bauen. Ich habe verschiedene Musterstücke, welche beweisen, -dass sie Diess können. Selbst in dem rohen umfänglichen Wachs-Rande -rund um eine in Zunahme begriffene Wabe beobachtet man zuweilen -Krümmungen, welche ihrer Lage nach den Ebenen der rautenförmigen -Grund-Platten künftiger Zellen entsprechen. Aber in allen Fällen muss -die rauhe Wachs-Wand durch Wegnagung ansehnlicher Theile derselben von -beiden Seiten her ausgearbeitet werden. Die Art, wie die Bienen bauen, -ist sonderbar. Sie machen immer die erste rohe Wand zehn bis zwanzig -mal dicker, als die äusserst feine Scheidewand, die<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> zuletzt zwischen -den Zellen übrig bleiben soll. Wir werden besser verstehen, wie sie -zu Werke gehen, wenn wir uns denken, Maurer häuften zuerst einen -breiten Zäment-Wall auf, begännen dann am Boden denselben von zwei -Seiten her gleichen Schrittes, bis noch eine dünne Wand in der Mitte, -wegzuhauen und häuften das Weggehauene mit neuem Zäment immer wieder -auf dem Rücken des Walles an. Wir haben dann eine dünne stetig in die -Höhe wachsende Wand, die aber stets noch überragt ist von einem dicken -rohen Wall. Da alle Zellen, die erst angefangenen sowohl als die schon -fertigen, auf diese Weise von einer starken Wachs-Masse gekrönt sind, -so können sich die Bienen auf der Wabe zusammenhäufen und herumtummeln, -ohne die zarten sechseckigen Zellen-Wände zu beschädigen, welche nach -Professor M<span class="smaller">ILLER</span>’<span class="smaller">S</span> Mittheilung im Mittel am Rande der Wabe -<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">353</span>″, an den Platten der Grund-Pyramide aber -<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">229</span>″ dick sind. -Durch diese eigenthümliche Weise zu bauen erhält die Wabe fortwährend -die erforderliche Stärke mit der grösst-möglichen Ersparung von Wachs.</p> - -<p>Anfangs scheint die Schwierigkeit, die Anfertigungs-Weise der Zellen -zu begreifen, noch dadurch vermehrt zu werden, dass eine Menge von -Bienen gemeinsam arbeiten, indem jede, wenn sie eine Zeit lang an einer -Zelle gearbeitet hat, an eine andre geht, so dass, wie Huber bemerkt, -ein oder zwei Dutzend Individuen sogar am Anfang der ersten Zelle sich -betheiligen. Es ist mir möglich gewesen, diese Thatsache zu bestätigen, -indem ich die Ränder der sechsseitigen Wand einer einzelnen Zelle oder -den äussersten Rand der Umfassungs-Wand einer im Wachsthum begriffenen -Wabe mit einer äusserst dünnen Schicht flüssigen roth-gefärbten -Wachses überzog und dann jedesmal fand, dass die Bienen diese Farbe -auf die zarteste Weise, wie es kein Maler zarter mit seinem Pinsel -vermocht hätte, vertheilten, indem sie Atome des gefärbten Wachses von -ihrer Stelle entnahmen und ringsum in die zunehmenden Zellen-Ränder -verarbeiteten. Diese Art zu bauen kömmt mir vor, wie ein Wetteifer -zwischen vielen Bienen einander das Gleichgewicht zu halten, indem -alle Instinkt-gemäss in gleichen Entfernungen von<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> einander stehen, -und alle gleiche Kreise um sich zu beschreiben suchen, dann aber die -Durchschnitts-Ebenen zwischen diesen Kreisen entweder aufzubauen oder -unbenagt zu lassen. Es war in der That eigenthümlich anzusehen, wie -manchmal in schwierigen Fällen, wenn z. B. zwei Stücke einer Wabe unter -irgend einem Winkel aneinanderstiessen, die Bienen dieselbe Zelle -wieder niederrissen und in andrer Art herstellten, mitunter auch zu -einer Form zurückkehrten, die sie schon einmal verworfen hatten.</p> - -<p>Wenn Bienen einen Platz haben, wo sie in zur Arbeit angemessener -Haltung stehen können, — z. B auf einem Holz-Stückchen gerade unter -der Mitte einer abwärts wachsenden Wabe, so dass die Wabe über eine -Seite des Holzes gebaut werden muss, — so können sie den Grund zu -einer Wand eines neuen Sechsecks legen, so dass es genau am gehörigen -Platze unter den andern fertigen Zellen vorragt. Es genügt, dass die -Bienen im Stande sind, in zukömmlicher Entfernung von einander und -von den Wänden der zuletzt vollendeten Zellen zu stehen, und dann -können sie, nach Maassgabe der eingebildeten Kreise, eine Zwischenwand -zwischen zwei benachbarten Zellen aufführen; aber, so viel ich -gesehen, arbeiten sie niemals die Ecken einer Zelle scharf aus, als -bis ein grosser Theil sowohl dieser als der anstossenden Zellen -fertig ist. Dieses Vermögen der Bienen unter gewissen Verhältnissen -an angemessener Stelle zwischen zwei soeben angefangenen Zellen eine -rauhe Wand zu bilden ist wichtig, weil es eine Thatsache erklärt, -welche anfänglich die vorangehende Theorie mit gänzlichem Umsturze -bedrohete, nämlich dass die Zellen auf der äussersten Kante einer -Bienen-Wabe zuweilen genau sechseckig sind; inzwischen habe ich hier -nicht Raum auf diesen Gegenstand einzugehen. Dann scheint es mir auch -keine grosse Schwierigkeit mehr darzubieten, dass ein einzelnes Insekt -(wie es bei der Bienenkönigin z. B. der Fall ist) sechskantige Zellen -baut, wenn es nämlich abwechselnd an der Aussen- und der Innen-Seite -von zwei oder drei gleichzeitig angefangenen Zellen arbeitet und -dabei immer in der angemessenen Entfernung von den Theilen der -eben begonnenen Zellen steht, Kreise um sich beschreibt und in den -Schneidungs-Ebenen<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Zwischenwände aufführt. Auch ist es zu begreifen, -dass ein Insekt, indem es seinen Platz am Anfangs-Punkte einer Zelle -einnimmt, und sich von da auswärts zuerst nach einem und dann nach -fünf andern Punkten in angemessenen Entfernungen von einander und vom -Mittelpunkte wendet, der Richtung der Schneidungs-Ebenen folgt und -so ein einzelnes Sechseck zuwegebringt; doch ist mir nicht bekannt, -dass ein Fall dieser Art beobachtet worden wäre, wie denn auch aus der -Erbauung einer einzeln-stehenden sechseckigen Zelle dem Insekt kein -Vortheil entspränge, indem dieselbe mehr Bau-Material als ein Zylinder -erheischen würde.</p> - -<p>Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung geringer Abweichungen des -Baues oder Instinktes wirkt, welche alle dem Individuum in seinen -Lebens-Verhältnissen nützlich sind, so mag man vernünftiger Weise -fragen, welchen Nutzen eine lange und stufenweise Reihenfolge von -Abänderungen des Bau-Triebes in der zu seiner jetzigen Vollkommenheit -führenden Richtung der Stamm-Form unsrer Honig-Bienen habe bringen -können? Ich glaube, die Antwort ist nicht schwer. Es ist bekannt, -dass Bienen oft in grosser Noth sind, genügenden Nektar aufzutreiben; -und ich habe von Herrn T<span class="smaller">EGETMEIER</span> erfahren, dass er durch -Versuche ermittelt habe, dass nicht weniger als 12–15 Pfund trocknen -Zuckers zur Sekretion von jedem Pfund Wachs in einem Bienen-Korbe -verbraucht werden, daher eine überschwängliche Menge flüssigen Honigs -eingesammelt und von den Bienen eines Stockes verzehrt werden muss, -um das zur Erbauung ihrer Waben nöthige Wachs zu erhalten. Überdiess -muss eine grosse Anzahl Bienen während des Sekretions-Prozesses viele -Tage lang unbeschäftigt bleiben. Ein grosser Honig-Vorrath ist ferner -nöthig für den Unterhalt eines starken Stockes über Winter, und es ist -bekannt, dass die Sicherheit desselben hauptsächlich gerade von seiner -Stärke abhängt. Daher Ersparniss von Wachs eine grosse Ersparniss von -Honig veranlasst und eine wesentliche Bedingniss des Gedeihens einer -Bienen-Familie ist. Für gewöhnlich mag der Erfolg einer Bienen-Art -von der Zahl ihrer Parasiten und andrer Feinde oder von ganz andern -Ursachen bedingt<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> und in soferne von der Menge des Honigs unabhängig -seyn, welche die Bienen einsammeln können. Nehmen wir aber an, diess -Letzte seye doch wirklich der Fall, wie in der That oft die Menge der -Hummel-Bienen in einer Gegend davon bedingt ist, und nehmen wir ferner -an (was in Wirklichkeit nicht so ist), ihre Gemeinde durchlebe den -Winter und verlange mithin einen Honig-Vorrath, so wäre es in diesem -Falle für unsre Hummel-Bienen gewiss ein Vortheil, wenn eine geringe -Veränderung ihres Instinktes sie veranlasste, ihre Wachs-Zellen etwas -näher an einander zu machen, so dass sich deren kreisrunden Wände -etwas schnitten; denn eine jede zweien aneinanderstossenden Zellen -gemeinsam dienende Zwischenwand müsste etwas Wachs ersparen. Es würde -daher ein zunehmender Vortheil für unsre Hummeln seyn, wenn sie ihre -Zellen immer regelmässiger machten, immer näher zusammenrückten und -immer mehr zu einer Masse vereinigten, wie Melipona, weil alsdann ein -grosser Theil der eine jede Zelle begrenzenden Wand auch andern Zellen -zur Begrenzung dienen und viel Wachs erspart werden würde. Aus gleichem -Grunde würde es für die Melipona vortheilhaft seyn, wenn sie ihre -walzenförmigen Zellen noch näher zusammenrückte und noch regelmässiger -als jetzt machte, weil dann, wie wir gesehen haben, die kreisförmigen -Wände gänzlich verschwinden und durch ebene Zwischen-Wände ersetzt -werden müssten, wo dann die Melipona eine so vollkommene Wabe als -die Honig-Biene liefern würde. Aber über diese Stufe hinaus kann -Natürliche Züchtung den Bau-Trieb nicht mehr vervollkommnen, weil die -Wabe der Honig-Biene, so viel wir einsehen können, hinsichtlich der -Wachs-Ersparniss unbedingt vollkommen ist.</p> - -<p>So kann nach meiner Meinung der wunderbarste aller bekannten Instinkte, -der der Honig-Biene, durch die Annahme erklärt werden, Natürliche -Züchtung habe allmählich eine Menge kleiner Abänderungen einfachrer -Naturtriebe benützt; sie habe auf langsamen Stufen die Bienen geleitet, -in einer doppelten Schicht gleiche Kreise in gegebenen Entfernungen -von einander zu ziehen und das Wachs längs ihrer Durchschnitts-Ebenen -aufzuschichten und auszuhöhlen, wenn auch die Bienen selbst von<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> den -bestimmten Abständen ihrer Kreise von einander eben so wenig als -von den Winkeln ihrer Sechsecke und den Rautenflächen am Boden ein -Bewusstseyn haben. Die treibende Ursache des Prozesses der Natürlichen -Züchtung war Ersparniss an Wachs, genügende Stärke der Zellen, und -deren geeignete Form und Grösse für die Larven. Der einzelne Schwarm, -welcher die besten Zellen machte und am wenigsten Honig zur Sekretion -von Wachs bedurfte, gedieh am besten und vererbte seinen neu-erworbenen -Ersparniss-Trieb auf spätre Schwärme, welche dann ihrerseits wieder die -meiste Wahrscheinlichkeit des Erfolges in dem Kampfe um’s Daseyn hatten.</p> - -<p>Man hat auf die vorangehende Anschauungs-Weise über die Entstehung -des Instinktes erwidert, dass Abänderung von Körperbau und Instinkt -gleichzeitig und in genauem Verhältnisse zu einander erfolgt seyn -müssen, weil eine Abänderung des einen ohne entsprechenden Wechsel -des andern den Thieren hätte verderblich werden müssen. Die Stärke -dieses Einwandes scheint jedoch gänzlich auf der Annahme zu beruhen, -dass die beiderlei Veränderungen in Struktur und Instinkt plötzlich -erfolgten: Kommen wir zur Erläuterung des Falles auf die Kohlmeise -(Parus major) zurück, von welcher im letzten Kapitel die Rede gewesen. -Dieser Vogel hält oft auf einem Zweige sitzend Eiben-Saamen zwischen -seinen Füssen und hämmert darauf los bis er zum Kerne gelangt. Welche -besondere Schwierigkeit könnte nun für die Natürliche Züchtung in -der Erhaltung aller geringeren Abänderungen des Schnabels liegen, -welche ihn zum Aufhacken der Saamen immer besser geeignet machten, -bis er endlich für diesen Zweck so wohl gebildet wäre, wie der des -Nusspickers (Sitta), während zugleich die erbliche Gewohnheit, oder -Mangel an andrem Futter, oder zufällige Veränderungen des Geschmacks -aus dem Vogel mehr und mehr einen ausschliesslichen Körnerfresser -werden liessen? Es ist hier angenommen, dass durch Natürliche Züchtung -der Schnabel nach, aber in Zusammenhang mit, dem langsamen Wechsel der -Gewohnheit verändert worden seye. Lasse man aber nun auch noch die -Füsse der Kohlmeise sich verändern und in Correlation mit dem Schnabel -oder aus irgend einer andern<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Ursache sich vergrössern, so bleibt es -doch sehr unwahrscheinlich, dass diese grösseren Füsse den Vogel auch -mehr und mehr zum Klettern verleiten, bis er auch die merkwürdige -Neigung und Fähigkeit des Kletterns wie der Nusspicker erlangt. In -diesem Falle würde denn ein stufenweiser Wechsel des Körper-Baues zu -einer Veränderung von Instinkt und Lebens-Weise führen. — Nehmen wir -einen andern Fall an. Wenige Instinkte sind merkwürdiger als derjenige, -welcher die Schwalbe der <i>Ostbritischen</i> Inseln veranlasst ihr -Nest ganz aus verdicktem Speichel zu machen. Einige Vögel bauen ihr -Nest aus durchspeicheltem Schlamm, und eine <i>Nordamerikanische</i> -Schwalben-Art sah ich ihr Nest aus Reisern mit Speichel und selbst -mit Flocken von dieser Substanz zusammenkitten. Ist es dann nun -so unwahrscheinlich, dass Natürliche Züchtung mittelst einzelner -Schwalben-Individuen, welche mehr und mehr Speichel absondern, endlich -zu einer Art geführt habe, welche mit Vernachlässigung aller andern -Bau-Stoffe ihr Nest allein aus verdichtetem Speichel bildete? Und so in -andern Fällen. Man muss zugeben, dass wir in vielen Fällen gar keine -Vermuthung darüber haben können, ob Instinkt oder Körper-Bau zuerst -sich zu ändern begonnen habe; — noch vermögen wir zu errathen, durch -welche Abstufungen hindurch viele Instinkte sich haben entwickeln -müssen, wenn sie sich auf Organe beziehen, über deren ersten Anfänge -(wie z. B. der Brustzitze) wir gar nichts wissen.</p> - -<p>Ohne Zweifel liessen sich noch viele schwer erklärbare Instinkte -meiner Theorie Natürlicher Züchtung entgegenhalten: Fälle, wo sich die -Veranlassung zur Entstehung eines Instinktes nicht einsehen lässt; -Fälle, wo keine Zwischenstufen bekannt sind; Fälle von anscheinend so -unwichtigen Instinkten, dass kaum abzusehen, wie sich die Natürliche -Züchtung an ihnen betheiligt haben könne; Fälle von fast gleichen -Instinkten bei Thieren, welche auf der Stufenleiter der Natur so -weit auseinander stehen, dass sich deren Übereinstimmung nicht durch -Ererbung von einer gemeinsamen Stamm-Form erklären lässt, sondern von -einander unabhängigen Züchtungs-Thätigkeiten zugeschrieben werden muss. -Ich will hier nicht auf diese mancherlei Fälle eingehen, sondern<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> nur -bei einer besondern Schwierigkeit stehen bleiben, welche mir anfangs -unübersteiglich und meiner ganzen Theorie verderblich zu seyn schien. -Ich will von den geschlechtlosen Individuen oder unfruchtbaren Weibchen -der Insekten-Kolonien sprechen; denn diese Geschlechtlosen weichen -sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen in Bau und -Instinkt oft sehr weit ab und können doch, weil sie steril sind, ihre -eigenthümliche Beschaffenheit nicht selbst durch Fortpflanzung weiter -übertragen.</p> - -<p>Dieser Gegenstand würde sich zu einer weitläufigen Erörterung -eignen; doch will ich hier nur einen einzelnen Fall herausheben, die -Arbeits-Ameisen. Anzugeben wie diese Arbeiter steril geworden sind, -ist eine grosse Schwierigkeit, doch nicht grösser als bei andren -auffälligen Abänderungen in der Organisation auch. Denn es lässt sich -nachweisen, dass einige Sechsfüsser u. a. Kerbthiere im Natur-Zustande -zuweilen unfruchtbar werden; und falls Diess nun bei gesellig lebenden -Arten vorgekommen und es der Gemeinde vortheilhaft gewesen ist, dass -jährlich eine Anzahl zur Arbeit geschickter aber zur Fortpflanzung -untauglicher Individuen unter ihnen geboren werde, so dürfte keine -grosse Schwierigkeit für die Natürliche Züchtung mehr stattgefunden -haben, jenen Zufall zur weitern Entwickelung dieser Anlage zu benützen. -Doch muss ich über dieses vorläufige Bedenken hinweggehen. Die Grösse -der Schwierigkeit liegt darin, dass diese Arbeiter sowohl von den -männlichen wie von den weiblichen Ameisen auch in ihrem übrigen Bau, -in der Form des Bruststückes, in dem Mangel der Flügel und zuweilen -der Augen, so wie in ihren Instinkten weit abweichen. Was den Instinkt -allein betrifft, so hätte sich die wunderbare Verschiedenheit, welche -in dieser Hinsicht zwischen den Arbeiterinnen und den fruchtbaren -Weibchen ergibt, noch weit besser bei den Honig-Bienen<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> nachweisen -lassen. Wäre eine Arbeits-Ameise oder ein andres Geschlecht-loses -Insekt ein Thier in seinem gewöhnlichen Zustande,<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> so würde ich -unbedenklich angenommen haben, dass alle seine Charaktere durch -Natürliche Züchtung entwickelt worden seyen, und dass namentlich, wenn -ein Individuum mit irgend einer kleinen Nutz-bringenden Abweichung des -Baues geboren worden wäre, sich diese Abweichung auf dessen Nachkommen -vererbt habe, welche dann ebenfalls variirten und bei weiterer -Züchtung voranstunden. In der Arbeits-Ameise aber haben wir ein von -seinen Ältern weit abweichendes Insekt, unbedingt unfruchtbar, welches -daher zufällige Abänderungen des Baues nie ererbt haben noch auf eine -Nachkommenschaft weiter vererben kann. Man muss daher fragen, wie es -möglich seye, diesen Fall mit der Theorie Natürlicher Züchtung in -Einklang zu bringen?</p> - -<p>Erstens können wir mit unzähligen Beispielen sowohl unter unsern -kultivirten als unter den natürlichen Erzeugnissen belegen, dass -Struktur-Verschiedenheiten aller Arten mit gewissen Altern oder mit nur -einem der zwei Geschlechter in eine feste Wechselbeziehung getreten -sind. Wir haben Abänderungen, die in solcher Wechselbeziehung nicht -allein mit nur dem einen Geschlechte, sondern sogar mit bloss der -kurzen Jahreszeit stehen, wo das Reproductiv-System thätig ist, wie -das hochzeitliche Kleid vieler Vögel und der Haken-förmige Unterkiefer -des Salmen. Wir haben auch geringe Unterschiede in den Hörnern einiger -Rinds-Rassen, welche mit einem künstlich unvollkommenen Zustande des -männlichen Geschlechtes stehen; denn die Ochsen haben in manchen -Rassen längre Hörner als in andern, in Vergleich zu denen ihrer Bullen -oder Kühe. Ich finde daher keine wesentliche Schwierigkeit darin, -dass ein Charakter mit dem unfruchtbaren Zustande gewisser Mitglieder -von Insekten-Gemeinden in Correlation steht; die Schwierigkeit liegt -nur darin zu begreifen, wie solche in Wechselbeziehung stehende -Abänderungen des Baues durch Natürliche Züchtung langsam gehäuft werden -konnten.</p> - -<p>Diese anscheinend unüberwindliche Schwierigkeit wird aber bedeutend -geringer oder verschwindet, wie ich glaube, gänzlich, wenn wir -bedenken, dass Züchtung ebensowohl bei der Familie als bei den -Individuen anwendbar ist und daher zum erwünschten<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Ziele führen -kann. So wird eine wohl-schmeckende Gemüse-Sorte gekocht, und diess -Individuum ist zerstört; aber der Gärtner säet Saamen vom nämlichen -Stock und erwartet mit Zuversicht wieder nahezu dieselbe Varietät -zu ärndten. Rindvieh-Züchter wünschen das Fleisch vom Fett gut -durchwachsen. Das Thier ist geschlachtet worden, aber der Züchter -wendet sich mit Vertrauen wieder zur nämlichen Familie. Ich habe -solchen Glauben an die Macht der Züchtung, dass ich nicht bezweifle, -dass eine Rinder-Rasse, welche stets Ochsen mit ausserordentlich langen -Hörnern liefert, langsam gezüchtet werden könne durch sorgfältige -Anwendung von solchen Bullen und Kühen, die, miteinander gepaart, -Ochsen mit den längsten Hörnern geben, obwohl nie ein Ochse selbst -diese Eigenschaft auf Nachkommen zu übertragen im Stande ist. So mag es -wohl auch mit geselligen Insekten gewesen seyn, eine kleine Abänderung -im Bau oder Instinkt, welche mit der unfruchtbaren Beschaffenheit -gewisser Mitglieder der Gemeinde in Zusammenhang steht, hat sich -für die Gemeinde nützlich erwiesen, in Folge dessen die fruchtbaren -Männchen und Weibchen derselben besser gediehen und auf ihre -fruchtbaren Nachkommen eine Neigung übertrugen, unfruchtbare Glieder -mit gleicher Abänderung hervorzubringen. Und ich glaube, dass dieser -Vorgang oft genug wiederholt worden ist, bis diese Verschiedenheit -zwischen den fruchtbaren und unfruchtbaren Weibchen einer Spezies zu -der wunderbaren Höhe gedieh, wie wir sie jetzt bei vielen gesellig -lebenden Insekten wahrnehmen.</p> - -<p>Aber es gibt noch eine grössere Schwierigkeit, die wir bis jetzt nicht -berührt haben, indem die Geschlechtlosen bei mehren Ameisen-Arten nicht -allein von den fruchtbaren Männchen und Weibchen, sondern auch noch -untereinander selbst in oft unglaublichem Grade abweichen und danach -in 2–3 Kasten getheilt werden. Diese Kasten gehen in der Regel nicht -in einander über, sondern sind vollkommen getrennt, so verschieden von -einander, wie es sonst zwei Arten einer Sippe oder zwei Sippen einer -Familie zu seyn pflegen. So kommen bei Eciton arbeitende und kämpfende -Individuen mit ausserordentlich verschiedenen Kinnladen und Instinkten -vor; bei Cryptocerus tragen die Arbeiter der<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> einen Kaste allein eine -wunderbare Art von Schild an ihrem Kopfe, dessen Zweck ganz unbekannt -ist. Bei den <i>Mexikanischen</i> Myrmecocystus verlassen die Arbeiter -der einen Kaste niemals das Nest; sie werden durch die Arbeiter einer -andern Kaste gefüttert und haben ein ungeheuer entwickeltes Abdomen, -das eine Art Honig absondert, der die Stelle desjenigen vertritt, -welchen unsre Ameisen durch das Melken der Blattläuse erlangen; die -<i>Mexikanischen</i> gewinnen ihn von Individuen ihrer eignen Art, die -sie als „Kühe“ im Hause eingestellt halten.</p> - -<p>Man mag in der That denken, dass ich ein übermässiges Vertrauen in das -Prinzip der Natürlichen Züchtung setze, wenn ich nicht zugebe, dass -so wunderbare und wohl-begründete Thatsachen meine Theorie auf einmal -gänzlich vernichten. In dem einfacheren Falle, wo Geschlecht-lose -Ameisen nur von einer Kaste vorkommen, die nach meiner Meinung -durch Natürliche Züchtung ganz leicht von den fruchtbaren Männchen -und Weibchen abgetrennt worden seyn können, in diesem Falle dürfen -wir aus der Analogie mit gewöhnlichen Abänderungen zuversichtlich -schliessen, dass jede geringe nützliche spätre Abweichung nicht alsbald -an allen Geschlecht-losen Individuen eines Nestes zugleich, sondern -nur an einigen wenigen zum Vorschein kam, und dass erst in Folge -lang-fortgesetzter Züchtung fruchtbarer Ältern, welche die meisten -Geschlechtlosen mit der nutzbaren Abänderung erzeugen konnten, die -Geschlechtlosen endlich alle diesen gewünschten Charakter erlangten. -Nach dieser Ansicht müsste man auch im nämlichen Neste zuweilen noch -Geschlecht-lose Individuen derselben Insekten-Art finden, welche -Zwischenstufen der Körper-Bildung darstellen; und diese findet man in -der That und zwar, wenn man berücksichtigt, wie selten in <i>Europa</i> -diese Geschlechtlosen näher untersucht werden, oft genug. Herr F. -S<span class="smaller">MITH</span> hat gezeigt, wie erstaunlich dieselben bei den verschiedenen -<i>Englischen</i> Ameisen-Arten in der Grösse und mitunter in der Form -variiren, und dass selbst die äussersten Formen zuweilen vollständig -durch aus demselben Neste entnommene Individuen unter einander -verkettet werden können. Ich selbst<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> habe vollkommene Stufenreihen -dieser Art miteinander vergleichen können. Oft geschieht es, dass die -grösseren oder die kleineren Arbeiter die zahlreicheren sind, oft auch -sind beide gleich zahlreich mit einer mittlen Abstufung. Formica flava -hat grössre und kleinere Arbeiter mit einigen von mittler Grösse; -und bei dieser Art haben nach Herrn S<span class="smaller">MITH</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung die -grösseren Arbeiter einfache Augen (Ocelli), welche, wenn auch klein, -doch deutlich zu beobachten sind, während die Ocellen der kleineren -nur rudimentär erscheinen. Nachdem ich verschiedene Individuen dieser -Arbeiter sorgfältig zerlegt habe, kann ich versichern, dass die Ocellen -der letzten weit rudimentärer sind, als nach ihrer Grösse allein zu -erwarten gewesen wäre, und ich glaube fest, wenn ich es auch nicht für -gewiss zu behaupten wage, dass die Arbeiter von mittler Grösse auch -Ocellen von mittlem Vollkommenheits-Grade besitzen. Es gibt daher zwei -Gruppen steriler Arbeiter in einem Neste, welche nicht allein in der -Grösse, sondern auch in den Gesichts-Organen von einander abweichen -und durch einige wenige Glieder von mittler Beschaffenheit miteinander -verbunden werden. Ich könnte nun noch weiter gehen und sagen, dass wenn -die kleineren die nützlicheren für den Haushalt der Gemeinde gewesen -wären und demzufolge immer diejenigen Männchen und Weibchen, welche die -kleineren Arbeiter liefern, bei der Züchtung das Übergewicht gewonnen -hätten, bis alle Arbeiter einerlei Beschaffenheit erlangten, wir eine -Ameisen-Art haben müssten, deren Geschlecht-losen fast wie bei Myrmica -beschaffen wären. Denn die Arbeiter von Myrmica haben nicht einmal -Augen-Rudimente, obwohl deren Männchen und Weibchen wohl entwickelte -Ocellen besitzen.</p> - -<p>Ich will noch ein andres Beispiel anführen. Ich erwartete so -zuversichtlich, Abstufungen in wesentlichen Theilen des Körper-Baues -zwischen den verschiedenen Kasten der Geschlecht-losen in einer -nämlichen Art zu finden, dass ich mir gerne Hrn. F. S<span class="smaller">MITH</span>’<span class="smaller">S</span> -Anerbieten zahlreicher Exemplare der Treiber-Ameise (Anomma) aus -<i>West-Afrika</i> zu Nutz’ machte. Der Leser wird vielleicht -die Grösse des Unterschiedes zwischen deren Arbeitern am besten -bemessen, wenn ich ihm nicht die wirklichen Ausmessungen,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> sondern -eine streng genaue Vergleichung mittheile. Die Verschiedenheit ist -eben so gross, als ob wir eine Reihe von Arbeitsleuten ein Haus -bauen sähen, von welchen viele nur fünf Fuss vier Zoll hoch und -viele andre bis sechszehn Fuss gross wären (1 : 3); dann müssten wir -aber noch unterstellen, dass die grösseren vier- statt drei-mal so -grosse Köpfe als die kleineren und fast fünfmal so grosse Kinnladen -hätten. Überdiess ändern die Kinnladen dieser Arbeiter wunderbar -in Form, in Grösse und in der Zahl der Zähne ab. Aber die für uns -wichtigste Thatsache ist, dass, obwohl man diese Arbeiter in Kasten -von verschiedener Grösse unterscheiden kann, sie doch unmerklich in -einander übergehen, wie es auch mit der so weit auseinander weichenden -Bildung ihrer Kinnladen der Fall ist. Ich kann mit Zuversicht über -diesen letzten Punkt sprechen, da Hr. L<span class="smaller">UBBOCK</span> Zeichnungen -dieser Kinnlade mit der Camera lucida für mich angefertigt hat, welche -ich von den Arbeitern verschiedener Grösse abgelöst hatte.</p> - -<p>Mit diesen Thatsachen vor mir glaube ich, dass Natürliche Züchtung -auf die fruchtbaren Ältern wirkend Arten zu bilden im Stande ist, -welche regelmässig auch ungeschlechtliche Individuen hervorbringen, -die entweder alle eine ansehnliche Grösse und gleich beschaffene -Kinnladen haben, oder welche alle klein und mit Kinnladen von sehr -veränderlicher Bildung versehen sind, oder welche endlich (und -Diess ist die Hauptschwierigkeit) zwei Gruppen von verschiedener -Beschaffenheit darstellen, wovon die eine von gleicher Grösse und -Bildung und die andre in beiderlei Hinsicht veränderlich ist, beide aus -einer anfänglichen Stufenreihe wie bei Anomma hervorgegangen, wovon -aber die zwei äussersten Formen, soferne sie für die Gemeinde die -nützlichsten sind, durch Natürliche Züchtung der sie erzeugenden Ältern -immer zahlreicher überwiegend werden, bis die Zwischenstufen gänzlich -verschwinden.</p> - -<p>So ist nach meiner Meinung die wunderbare Erscheinung von zwei streng -begrenzten Kasten unfruchtbarer Arbeiter in einerlei Nest zu erklären, -welche beide weit voneinander und von ihren Ältern verschieden sind. -Es lässt sich annehmen,<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> dass ihre Hervorbringung für eine soziale -Insekten-Gemeinde nach gleichem Prinzipe, wie die Theilung der Arbeit -für die zivilisirten Menschen, nützlich geworden seye. Die Ameisen -arbeiten jedoch mit ererbten Instinkten und mit ererbten Organen und -Werkzeugen und nicht mit erworbenen Kenntnissen und fabrizirtem Geräthe -wie der Mensch. Aber ich bin zu bekennen genöthigt, dass ich bei allem -Vertrauen in die Natürliche Züchtung doch, ohne die vorliegenden -Thatsachen zu kennen, nie geahnt haben würde, dass dieses Prinzip -sich in so hohem Grade wirksam erweisen könne. Ich habe desshalb auch -diesen Gegenstand mit etwas grössrer, obwohl noch ganz ungenügender -Ausführlichkeit abgehandelt, um daran die Macht Natürlicher Züchtung zu -zeigen und weil er in der That die ernsteste spezielle Schwierigkeit -für meine Theorie darbietet. Auch ist der Fall darum sehr interessant, -weil er zeigt, dass sowohl bei Thieren als bei Pflanzen jeder Betrag -von Abänderung in der Structur durch Häufung vieler kleinen und -anscheinend zufälligen Abweichungen von irgend welcher Nützlichkeit, -ohne alle Unterstützung durch Übung und Gewohnheit, bewirkt werden -kann. Denn keinerlei Grad von Übung, Gewohnheit und Willen in -den gänzlich unfruchtbaren Gliedern einer Gemeinde vermöchte die -Bildung oder Instinkte der fruchtbaren Glieder, welche allein die -Nachkommenschaft liefern, zu beeinflussen. Ich bin erstaunt, dass -noch Niemand den lehrreichen Fall der Geschlecht-losen Insekten der -wohlbekannten Lehre L<span class="smaller">AMARCK</span>’<span class="smaller">S</span> von den ererbten Gewohnheiten -entgegengesetzt hat.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung.</em>) Ich habe in diesem Kapitel versucht kürzlich -zu zeigen, dass die Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere abändern, -und dass diese Abänderungen vererblich sind. Und in noch kürzrer Weise -habe ich darzuthun gestrebt, dass Instinkte im Natur-Zustande etwas -abändern. Niemand wird bestreiten, dass Instinkte von der höchsten -Wichtigkeit für jedes Thier sind. Ich sehe daher keine Schwierigkeit, -warum unter veränderten Lebens-Bedingungen Natürliche Züchtung -nicht auch im Stande gewesen seyn sollte, kleine Abänderungen des -Instinktes in einer nützlichen Richtung bis zu jedem Betrag zu häufen. -In einigen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Fällen haben Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch -wahrscheinlich mitgewirkt. Ich glaube nicht durch die in diesem -Abschnitte mitgetheilten Thatsachen meine Theorie in irgend einer -Weise zu stützen; doch ist nach meiner besten Überzeugung auch keine -dieser Schwierigkeiten im Stande sie umzustossen. Auf der andern -Seite aber eignen sich die Thatsachen, dass Instinkte nicht immer -vollkommen und noch Missdeutungen unterworfen sind, — dass kein -Instinkt zum ausschliesslichen Vortheil eines andern Thieres vorhanden -ist, wenn auch jedes Thier von Instinkten andrer Nutzen zieht, — dass -der naturhistorische Glaubenssatz „<i>Natura non facit saltum</i>“ -ebensowohl auf Instinkte als auf körperliche Bildung anwendbar und aus -den vorgetragenen Ansichten eben so erklärlich als auf andre Weise -unerklärbar ist: alle diese Thatsachen eignen sich die Theorie der -Natürlichen Züchtung zu befestigen.</p> - -<p>Diese Theorie wird noch durch einige andre Erscheinungen hinsichtlich -der Instinkte bestärkt. So durch die gemeine Beobachtung, dass -einander nahe verwandte aber sicherlich verschiedene Spezies, wenn -sie von einander entfernte Welttheile bewohnen und unter beträchtlich -verschiedenen Existenz-Bedingungen leben, doch oft fast dieselben -Instinkte beibehalten. So z. B. lässt sich aus dem Erblichkeits-Prinzip -erklären, wie es kommt, dass die <i>Süd-Amerikanische</i> Drossel ihr -Nest mit Schlamm auskleidet ganz in derselben Weise, wie es unsre -<i>Europäische</i> Drossel thut; — wie es kommt, dass die Männchen -des <i>Ostindischen</i> und des <i>Afrikanischen</i> Nashorn-Vogels, -welche zu zwei verschiedenen Untersippen von Buceros gehören, beide -dieselben eigenthümlichen Instinkte besitzen, ihre in Baumhöhlen -brütenden Weibchen so einzumauern, dass nur noch ein kleines Loch -in der Kerker-Wand offen bleibt, durch welches sie das Weibchen und -später auch die Jungen mit Nahrung versehen; — wie es kommt, dass -das Männchen des <i>Amerikanischen</i> Zaunkönigs (Troglodytes) -ein besondres Nest für sich baut, ganz wie das Männchen unsrer -einheimischen Art: Alles Sitten, die bei andern Vögeln gar nicht -vorkommen. Endlich mag es wohl keine logisch richtige Folgerung seyn, -es entspricht aber meiner Vorstellungs-Art<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> weit besser, solche -Instinkte wie die des jungen Kuckucks, der seine Nährbrüder aus dem -Neste stösst, — wie die der Ameisen, welche Sklaven machen, — oder -die der Ichneumoniden, welche ihre Eier in lebende Raupen legen: nicht -als eigenthümlich anerschaffne Instinkte, sondern nur als geringe -Ausflüsse eines allgemeinen Gesetzes zu betrachten, welches allen -organischen Wesen zum Vortheil gereicht, nämlich: Vermehrung und -Abänderung macht die stärksten siegen und die schwächsten erliegen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br /> - -<b>Bastard-Bildung.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung -und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit der Stufe -nach veränderlich; nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und -durch Zähmung vermindert. — Gesetze für die Unfruchtbarkeit der -Bastarde. — Unfruchtbarkeit keine besondre Eigenthümlichkeit, -sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. — -Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der -Bastarde. — Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten -Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. — Fruchtbarkeit miteinander -gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. -— Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit -verglichen. — Zusammenfassung.</p> - -<p>Die allgemeine Meinung der Naturforscher geht dahin, dass Arten im -Falle der Kreutzung von sich aus unfruchtbar sind, um die Verschmelzung -aller organischen Formen mit einander zu verhindern. Diese Meinung hat -anfangs gewiss grosse Wahrscheinlichkeit für sich; denn in derselben -Gegend beisammen-lebende Arten würden sich, wenn freie Kreutzung -möglich wäre, kaum getrennt erhalten können. Die Wichtigkeit der -Thatsache, dass Bastarde sehr allgemein steril sind, ist nach meiner -Ansicht von einigen neueren Schriftstellern sehr unterschätzt worden. -Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung ist der Fall um so mehr von -spezieller Wichtigkeit, als die Unfruchtbarkeit der Bastarde nicht -wohl vortheilhaft für sie und auch desshalb nicht durch fortgesetzte -Erhaltung aufeinander-folgender nützlicher<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Abstufungen der Sterilität -erworben seyn kann<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>. Ich hoffe jedoch zeigen zu können, dass -Unfruchtbarkeit nicht eine speziell erworbene oder für sich angeborene -Eigenschaft ist, sondern mit anderen erworbenen Verschiedenheiten -zusammenhängt.</p> - -<p>Bei Behandlung dieses Gegenstandes hat man zwei Klassen von Thatsachen, -welche von Grund aus weit verschieden sind, gewöhnlich mit einander -verwechselt, nämlich die Unfruchtbarkeit zweier Arten bei ihrer ersten -Kreutzung und die Unfruchtbarkeit der von ihnen erhaltenen Bastarde.</p> - -<p>Reine Arten haben regelmässig Fortpflanzungs-Organe von vollkommener -Beschaffenheit, liefern aber, wenn sie mit einander gekreutzt -werden, nur wenige oder gar keine Nachkommen. Bastarde dagegen haben -Reproduktions-Organe, welche zur Dienstleistung unfähig sind, wie man -aus dem Zustande des männlichen Elementes bei Pflanzen und Thieren -erkennt, während die Organe selbst ihrer Bildung nach vollkommen sind, -wie die mikroskopische Untersuchung ergibt. Im ersten Falle sind die -zweierlei geschlechtlichen Elemente, welche den Embryo liefern sollen, -vollkommen; im andern sind sie entweder gar nicht oder nur sehr -unvollständig entwickelt. Diese Unterscheidung ist wesentlich, wenn -die Ursache der in beiden Fällen stattfindenden Sterilität in Betracht -gezogen werden soll. Der Unterschied ist wahrscheinlich übersehen -worden, weil man die Unfruchtbarkeit in beiden Fällen als eine besondre -Eigenthümlichkeit betrachtet hat, deren Beurtheilung ausser dem -Bereiche unsrer Kräfte liege.</p> - -<p>Die Fruchtbarkeit der Varietäten oder derjenigen Formen, welche von -gemeinsamen Ältern abstammen oder doch so angesehen werden, bei deren -Kreutzung, und ebenso die ihrer Blendlinge<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> ist nach meiner Theorie -von gleicher Wichtigkeit mit der Unfruchtbarkeit der Spezies unter -einander; denn es scheint sich daraus ein klarer und weiter Unterschied -zwischen Arten und Varietäten zu ergeben.</p> - -<p>Erstens: Die Unfruchtbarkeit miteinander gekreutzter Arten und -ihrer Bastarde. Man kann unmöglich die verschiedenen Werke und -Abhandlungen der zwei gewissenhaften und bewundernswerthen Beobachter -K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> und G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, welche fast ihr ganzes -Leben diesem Gegenstande gewidmet haben, durchlesen, ohne einen -tiefen Eindruck von der Allgemeinheit eines höheren oder geringeren -Grades der Unfruchtbarkeit gekreutzter Arten in sich aufzunehmen. -K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> macht es zur allgemeinen Regel; aber er durchhaut -den Knoten, indem er in zehn Fällen, wo zwei fast allgemein für -verschiedene Arten geltende Formen ganz fruchtbar mit einander -sind, dieselben unbedenklich für blosse Varietäten erklärt. Auch -G<span class="smaller">ÄRTNER</span> macht die Regel zur allgemeinen und bestreitet die -zehn Fälle gänzlicher Fruchtbarkeit bei K<span class="smaller">ÖLREUTER</span>. Doch ist -G<span class="smaller">ÄRTNER</span> in diesen wie in vielen andern Fällen genöthigt, die -erzielten Saamen sorgfältig zu zählen um zu beweisen, dass doch einige -Verminderung der Fruchtbarkeit stattfindet. Er vergleicht immer die -höchste Anzahl der von zwei gekreutzten Arten oder ihren Bastarden -erzielten Saamen mit deren Durchschnittszahl bei den zwei reinen -älterlichen Arten in ihrem Natur-Stande. Doch scheint mir dabei noch -eine Ursache ernsten Irrthums mit unterzulaufen. Eine Pflanze, deren -Unfruchtbarkeit bewiesen werden soll, muss kastrirt und, was oft noch -wichtiger ist, eingeschlossen werden, damit ihr kein Pollen von andren -Pflanzen durch Insekten zugeführt werden kann. Fast alle Pflanzen, -die zu G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">S</span> Versuchen gedient, waren in Töpfe gepflanzt -und, wie es scheint, in einem Zimmer seines Hauses untergebracht. -Dass aber solches Verfahren die Fruchtbarkeit der Pflanzen oft -beeinträchtigt haben müsse, lässt sich nicht in Abrede stellen. Denn -G<span class="smaller">ÄRTNER</span> selbst führt in seiner Tabelle etwa zwanzig Fälle -an, wo er die Pflanzen kastrirte und dann mit ihrem eignen Pollen -künstlich befruchtete; aber die Leguminosen und andre solche Fälle, wo -die Manipulation anerkannter<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Maassen schwierig ist, ganz bei Seite -gesetzt, zeigte die Hälfte jener zwanzig Pflanzen eine mehr und weniger -verminderte Fruchtbarkeit. Da nun überdiess G<span class="smaller">ÄRTNER</span> einige -Jahre hintereinander die Primula officinalis und Pr. elatior, welche -wir nur für Varietäten einer Art zu halten einigen Grund haben, mit -einander kreutzte und doch nur ein- oder zwei-mal fruchtbaren Saamen -erhielt, — da er Anagallis arvensis und A. coerulea, welche die besten -Botaniker nur als Varietäten betrachten, durchaus unfruchtbar mit -einander fand und noch in mehren analogen Fällen zu gleichem Ergebniss -gelangte: so scheint mir wohl zu zweifeln erlaubt, ob viele andre -Spezies wirklich so steril bei der Kreutzung seyen als G<span class="smaller">ÄRTNER</span> -behauptet.</p> - -<p>Einerseits ist es gewiss, dass die Unfruchtbarkeit mancher Arten bei -gegenseitiger Kreutzung so ungleich an Stärke ist und so manchfaltige -Abstufungen darbietet, — und dass anderseits die Fruchtbarkeit ächter -Spezies so leicht durch mancherlei Umstände berührt wird, dass es -für die meisten praktischen Zwecke schwierig ist zu sagen, wo die -vollkommene Fruchtbarkeit aufhöre und wo die Unfruchtbarkeit beginne? -Ich glaube, man kann keinen bessern Beweis dafür verlangen, als der -ist, dass die erfahrensten zwei Beobachter, die es je gegeben, nämlich -K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> und G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, hinsichtlich einerlei Spezies -zu schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen gelangt sind. Auch ist -es sehr belehrend, die von unseren besten Botanikern vorgebrachten -Argumente über die Frage, ob diese oder jene zweifelhafte Form -als Art oder als Varietät zu betrachten sey, zu vergleichen mit -dem aus der Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit nach den Berichten -verschiedener Bastard-Züchter oder den mehrjährigen Versuchen der -Verfasser selbst entnommenen Beweise. Es lässt sich daraus darthun, -dass weder Fruchtbarkeit noch Unfruchtbarkeit einen klaren Unterschied -zwischen Arten und Varietäten liefert, indem der darauf gestützte -Beweis stufenweise verschwindet und mithin so, wie die übrigen von der -organischen Bildung und Thätigkeit hergenommenen Beweise zweifelhaft -bleibt.</p> - -<p>Was die Unfruchtbarkeit der Bastarde auf dem Wege der Inzucht betrifft, -so hat G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zwar einige Versuche angestellt<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> und die -Inzucht während 6–7 und in einem Falle sogar 10 Generationen vor aller -Kreutzung mit einer der zwei Stammarten geschützt, versichert aber -ausdrücklich, dass ihre Fruchtbarkeit nie zugenommen, sondern vielmehr -stark abgenommen habe. Ich zweifle nicht daran, dass Diess gewöhnlich -der Fall ist und die Fruchtbarkeit in den ersten Generationen oft -plötzlich abnimmt. Demungeachtet aber glaube ich, dass bei allen diesen -Versuchen die Fruchtbarkeit durch eine unabhängige Ursache vermindert -worden ist, nämlich durch die allzu strenge Inzucht. Ich habe eine -grosse Menge von Thatsachen gesammelt, welche zeigen, dass eine allzu -strenge Inzucht die Fruchtbarkeit vermindert, während dagegen die -jeweilige Kreutzung mit einem andern Individuum oder einer andern -Varietät die Fruchtbarkeit vermehrt, daher ich an der Richtigkeit -dieser unter den Züchtern fast allgemein verbreiteten Meinung nicht -zweifeln kann. Bastarde werden selten in grössrer Anzahl zu Versuchen -erzogen, und da die älterlichen Arten oder andre nahe verwandte -Arten gewöhnlich im nämlichen Garten wachsen, so müssen die Besuche -der Insekten während der Blüthe-Zeit sorgfältig verhütet werden, -daher Bastarde für jede Generation gewöhnlich durch ihren eignen -Pollen befruchtet werden müssen; und ich bin überzeugt, dass Diess -ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt, welche durch ihre Bastard-Natur -schon ohnediess geschwächt ist. In dieser Überzeugung bestärkt mich -noch eine von G<span class="smaller">ÄRTNER</span> mehrmals wiederholte Versicherung, -dass nämlich die minder fruchtbaren Bastarde sogar, wenn sie mit -gleichartigem Bastard-Pollen künstlich befruchtet werden, ungeachtet -des oft schlechten Erfolges der Behandlung, doch zuweilen entschieden -an Fruchtbarkeit weiter und weiter zunehmen. Nun wird bei künstlicher -Befruchtung der Pollen oft zufällig (wie ich aus meinen eignen -Versuchen weiss) von Antheren einer andern als der zu befruchtenden -Blume genommen, so dass hiedurch eine Kreutzung zwischen zwei Blumen, -doch gewöhnlich derselben Pflanze, bewirkt wird. Wenn nun ferner ein -so sorgfältiger Beobachter, als G<span class="smaller">ÄRTNER</span> ist, im Verlaufe -seiner zusammengesetzten Versuche seine Bastarde kastrirt hätte, so -würde Diess bei jeder Generation eine Kreutzung mit dem Pollen<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> einer -andern Blume entweder von derselben oder von einer andern Pflanze von -gleicher Bastard-Beschaffenheit nöthig gemacht haben. Und so kann -die befremdende Erscheinung, dass die Fruchtbarkeit in aufeinander -folgenden Generationen von <em class="gesperrt">künstlich</em> befruchteten Bastarden -zugenommen hat, wie ich glaube, dadurch erklärt werden, dass allzu enge -Inzucht vermieden worden ist.</p> - -<p>Wenden wir uns jetzt zu den Ergebnissen, welche sich durch die Versuche -des dritten der erfahrensten Bastard-Züchter, des Ehrenwerthen und -Hochwürdigen W. H<span class="smaller">ERBERT</span>, herausgestellt haben. Er versichert -ebenso ausdrücklich, dass manche Bastarde vollkommen fruchtbar und -nicht minder züchtbar als jede der Stamm-Arten für sich seyen, -wie K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> und G<span class="smaller">ÄRTNER</span> einen gewissen Grad -von Sterilität bei Kreutzung verschiedener Spezies mit einander -für ein allgemeines Natur-Gesetz erklären. Seine Versuche bezogen -sich auf einige derselben Arten, welche auch zu den Experimenten -G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">S</span> gedient hatten. Die Verschiedenheit der Ergebnisse, -zu welchen beide gelangt sind, lässt sich, wie ich glaube, ableiten zum -Theile aus H<span class="smaller">ERBERT</span>’<span class="smaller">S</span> grosser Erfahrung in der Blumen-Zucht -und zum Theile davon, dass er Warmhäuser zu seiner Verfügung hatte. -Von seinen vielen wichtigen Ergebnissen will ich hier nur eines -beispielsweise hervorheben, dass nämlich „jedes mit Crinum revolutum -befruchtete Ei’chen an einem Stocke von Crinum capense auch eine -Pflanze lieferte, was ich (sagt er) bei natürlicher Befruchtung nie -wahrgenommen habe.“ Wir haben mithin hier den Fall vollkommener und -selbst mehr als vollkommener Fruchtbarkeit bei der Kreutzung zweier -verschiedener Arten.</p> - -<p>Dieser Fall mit Crinum führt mich zu einer ganz eigenthümlichen -Thatsache, dass es nämlich bei einigen Arten von Lobelia und mehren -andren Sippen einzelne Pflanzen gibt, welche viel leichter mit dem -Pollen einer verschiednen andern Art als ihrer eignen befruchtet werden -können; und gleicherweise scheint es sich auch mit allen Individuen -fast aller Hippeastrum-Arten zu verhalten. Denn man hat gefunden, dass -diese Pflanzen, mit dem Pollen einer andern Spezies befruchtet, Saamen -ansetzen, aber mit ihrem eignen Pollen ganz unfruchtbar sind, obwohl -derselbe<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> vollkommen gut und wieder andre Arten zu befruchten im Stande -ist. So können mithin gewisse einzelne Pflanzen und alle Individuen -gewisser Spezies viel leichter zur Bastard-Zucht dienen, als durch -sich selbst befruchtet werden. Eine Zwiebel von Hippeastrum aulicum -z. B. brachte vier Blumen; drei davon wurden mit ihren eigenen Pollen -befruchtet und die vierte hierauf mit dem Pollen eines aus drei andern -verschiednen Arten gezüchteten Bastards versehen, und das Resultat war, -dass „die Ovarien der drei ersten Blumen bald zu wachsen aufhörten und -nach einigen Tagen gänzlich verdarben, während das Ovarium der mit -dem Bastard-Pollen versehenen Blume rasch zunahm und reifte und gute -Saamen lieferte, welche kräftig gediehen“. Im Jahr 1839 schrieb mir -H<span class="smaller">ERBERT</span>, dass er den Versuch fünf Jahre lang fortgesetzt habe -und jedes Jahr mit gleichem Erfolge. Denselben Erfolg hatten auch andre -Beobachter bei Hippeastrum und dessen Untersippen so wie bei einigen -andern Geschlechtern, nämlich Lobelia, Passiflora und Verbascum. -Obwohl diese Pflanzen bei den Versuchen ganz gesund erschienen und -sowohl Ei’chen als Saamenstaub einer und der nämlichen Blume sich bei -der Befruchtung mit andern Arten vollkommen gut erwiesen, so waren -sie doch zur gegenseitigen Selbstbefruchtung funktionell ungenügend, -und wir müssen daher schliessen, dass sich die Pflanzen in einem -unnatürlichen Zustande befanden. Jedenfalls zeigen diese Erscheinungen, -von was für geringen und geheimnissvollen Ursachen die grössre oder -geringere Fruchtbarkeit der Arten bei der Kreutzung, gegenüber der -Selbstbefruchtung, zuweilen abhänge.</p> - -<p>Die praktischen Versuche der Gartenfreunde, wenn auch nicht mit -wissenschaftlicher Genauigkeit ausgeführt, verdienen gleichfalls einige -Beachtung. Es ist bekannt, in welch’ verwickelter Weise die Arten -von Pelargonium, Fuchsia, Calceolaria, Petunia, Rhododendron u. a. -gekreutzt worden sind, und doch setzen viele dieser Bastarde Saamen -an. So versichert H<span class="smaller">ERBERT</span>, dass ein Bastard von Calceolaria -integrifolia und C. plumbaginea, zweier in ihrer allgemeinen -Beschaffenheit sehr unähnlicher Arten, „sich selbst so vollkommen aus -Saamen verjüngte, als ob er einer natürlichen Spezies aus den Bergen -Chile’s angehört hätte“. Ich<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> habe mir einige Mühe gegeben, den Grund -der Fruchtbarkeit bei einigen durch mehrseitige Kreutzung erzielten -Rhododendren kennen zu lernen, und die Gewissheit erlangt, dass mehre -derselben vollkommen fruchtbar sind. Herr C. N<span class="smaller">OBLE</span> z. B. -berichtet mir, dass er zur Gewinnung von Pfropfreisern Stöcke eines -Bastardes von Rhododendron Ponticum und Rh. Catawbiense erzieht, und -dass dieser Bastard „so reichlichen Saamen ansetzt, als man sich -nur denken kann“. Nähme bei richtiger Behandlung die Fruchtbarkeit -der Bastarde in aufeinander-folgenden Generationen in der Weise ab, -wie G<span class="smaller">ÄRTNER</span> versichert, so müsste diese Thatsache unsern -Plantage-Besitzern bekannt seyn. Garten-Freunde erziehen grosse Beete -voll der nämlichen Bastarde; und diese allein erfreuen sich einer -richtigen Behandlung; denn hier allein können die verschiedenen -Individuen einer nämlichen Bastard-Form durch die Thätigkeit der -Insekten sich untereinander kreutzen und den schädlichen Einflüssen -zu enger Inzucht entgehen. Von der Wirkung der Insekten-Thätigkeit -kann jeder sich selbst überzeugen, wenn er die Blumen der sterileren -Rhododendron-Formen, welche keine Pollen bilden, untersucht; denn er -wird ihre Narben ganz mit Saamenstaub bedeckt finden, der von andern -Blumen hergetragen worden ist.</p> - -<p>Was die Thiere betrifft, so sind der genauen Versuche viel weniger -mit ihnen veranstaltet worden. Wenn unsre systematischen Anordnungen -Vertrauen verdienen, d. h. wenn die Sippen der Thiere eben so -verschieden von einander als die der Pflanzen sind, dann können -wir behaupten, dass viel weiter auf der Stufenleiter der Natur -auseinander-stehende Thiere noch gekreutzt werden können, als es bei -den Pflanzen der Fall ist; dagegen scheinen die Bastarde unfruchtbarer -zu seyn. Ich bezweifle, ob auch nur eine Angabe von einem ganz -fruchtbaren Thier-Bastard als vollkommen beglaubigt angesehen werden -darf. Man muss jedoch nicht vergessen, dass sich nur wenige Thiere -in der Gefangenschaft reichlich fortpflanzen und daher nur wenige -richtige Versuche mit ihnen angestellt werden können. So hat man z. B. -den Kanarienvogel mit neun andern Finken-Arten gekreutzt, da sich -aber keine dieser neun Arten in der Gefangenschaft gut fortpflanzt,<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> -so haben wir kein Recht zu erwarten, dass die ersten Bastarde von -ihnen und dem Kanarienvogel vollkommen fruchtbar seyn sollen. Ebenso, -was die Fruchtbarkeit der vergleichungsweise fruchtbaren Bastarde in -späteren Generationen betrifft, so kenne ich wohl kaum ein Beispiel, -dass zwei Familien gleicher Bastarde gleichzeitig von verschiedenen -Ältern erzogen worden wären, um die üblen Folgen allzustrenger Inzucht -vermeiden zu können, im Gegentheil hat man in jeder nachfolgenden -Generation die beständig wiederholten Mahnungen aller Züchter nicht -beachtend, gewöhnlich Brüder und Schwestern miteinander gepaart. Und so -ist es durchaus nicht überraschend, dass die vererbliche Sterilität der -Bastarde mit jeder Generation zunahm. Wenn wir in der Absicht darauf -hinzuwirken immer Brüder und Schwestern reiner Spezies miteinander -paarten, in welchen aus irgend einer Ursache bereits eine noch so -geringe Neigung zur Unfruchtbarkeit vorhanden wäre, so würde die Rasse -gewiss nach wenigen Generationen aussterben.</p> - -<p>Obwohl ich keinen irgend wohl-beglaubigten Fall vollkommen fruchtbarer -Thier-Bastarde kenne, so habe ich doch einige Ursache anzunehmen, -dass die Bastarde von Cervulus vaginalis und C. Reevesi, und die -von Phasianus Colchicus und Ph. torquatus vollkommen fruchtbar -sind. Es unterliegt insbesondere keinem Zweifel, dass diese zwei -nahe-verwandte Fasanen-Arten sowohl als Ph. versicolor aus <i>Japan</i> -in den Wäldern einiger Theile von <i>England</i> sich kreutzen und -Nachkommen liefern. Nach den unlängst in <i>Frankreich</i> nach grossem -Maassstabe angestellten Versuchen scheint es als ob zwei voneinander -so verschiedene Arten, wie Hase und Kaninchen, wenn sie zur Paarung -miteinander veranlasst werden können, eine meistens ganz fruchtbare -Nachkommenschaft zu liefern im Stande sind. Die Bastarde der gemeinen -und der Schwanen-Gans (Anser cygnoides), zweier so verschiedener -Arten, dass man sie in verschiedene Sippen zu stellen pflegt, haben -hierzulande oft Nachkommen mit einer der reinen Stamm-Arten und -in einem Falle sogar unter sich geliefert. Diess ist durch Hrn. -E<span class="smaller">YTON</span> bewirkt worden, der zwei Bastarde von gleichen Ältern -aber verschiedenen Bruten erzog und dann von beiden<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> zusammen nicht -weniger als acht Nachkommen aus einem Neste erhielt. In <i>Indien</i> -dagegen müssen die durch Kreutzung gewonnenen Gänse weit fruchtbarer -seyn, indem zwei ausgezeichnet befähigte Beurtheiler, nämlich Hr. -B<span class="smaller">LYTH</span> und Capt. H<span class="smaller">UTTON</span>, mir versichert haben, dass -dort in verschiedenen Landes-Gegenden ganze Heerden dieser Bastard-Gans -gehalten werden; und da Diess des Nutzens wegen geschieht, wo die -reinen Stamm-Arten gar nicht existiren, so müssen sie nothwendig sehr -fruchtbar seyn.</p> - -<p>Neuere Naturforscher haben grossentheils eine von P<span class="smaller">ALLAS</span> -ausgegangene Lehre angenommen, dass nämlich die meisten unsrer -Hausthiere von je zwei oder mehr wilden Arten abstammten, welche -sich seither durch Kreutzung vermischt hätten. Hiernach müssten also -entweder die Stamm-Arten gleich anfangs ganz fruchtbare Bastarde -geliefert haben oder die Bastarde erst in späteren Generationen in -zahmem Zustande ganz fruchtbar geworden seyn. Diese letzte Alternative -ist mir die wahrscheinlichere. Ich nehme z. B. an, dass unsre Hunde von -mehren wilden Arten herrühren, und doch sind vielleicht mit Ausnahme -gewisser in <i>Süd-Amerika</i> gehaltenen Haushunde alle vollkommen -fruchtbar miteinander; aber die Analogie erweckt grosse Zweifel -in mir, dass die verschiedenen Stamm-Arten derselben sich anfangs -freiwillig mit einander gepaart und sogleich ganz fruchtbare Bastarde -geliefert haben sollen. Ich habe vorhin die Aufmerksamkeit auf den -<i>Ostindischen</i> Bullochsen [oder Zebu?] geleitet. Wenn ich ihn nun, -hinsichtlich seiner Lebensweise, seines äussern Körperbaues und seiner -osteologischen Eigenthümlichkeiten (wie sie Prof. R<span class="smaller">ÜTIMEYER</span> -deutlich nachgewiesen) mit unsern <i>Englischen</i> Rassen vergleiche, -so ist es eine so wohl unterschiedene Art, als irgend eine in der -Welt; und doch habe ich kürzlich den Beweis erhalten, dass die durch -Kreutzung beider erzielte Nachkommenschaft unter sich fruchtbar ist. -Bei dieser Ansicht von der Entstehung vieler unsrer Hausthiere müssen -wir entweder den Glauben an die fast allgemeine Unfruchtbarkeit einer -Paarung verschiedener Thier-Arten mit einander aufgeben, oder aber die -Sterilität nicht als eine unzerstörbare, sondern als eine durch Zähmung -zu beseitigende Folge einer solchen Kreutzung betrachten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p> - -<p>Überblicken wir endlich alle über die Kreutzung von Pflanzen- und -Thier-Arten festgestellten Thatsachen, so gelangen wir zum Schlusse, -dass ein gewisser Grad von Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung -und den daraus entspringenden Bastarden zwar eine äusserst gewöhnliche -Erscheinung ist, aber nach dem gegenwärtigen Stand unsrer Kenntnisse -nicht als unbedingt allgemein betrachtet werden darf.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gesetze, welche die Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der -Bastarde regeln.</em>) Wir wollen nun die Umstände und die Regeln -etwas näher betrachten, welche die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit -der ersten Kreutzung und der Bastarde bestimmen. Unsre Hauptaufgabe -wird seyn zu erfahren, ob sich nach diesen Regeln Unfruchtbarkeit -der Arten miteinander als eine denselben inhärente Eigenschaft -ergibt, deren Bestimmung es wäre eine Kreutzung der Arten bis zur -äussersten Verschmelzung der Formen zu verhüten, oder ob sich Diess -nicht herausstellt. Die nachstehenden Regeln und Folgerungen sind -hauptsächlich aus G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">S</span> bewundernswerthem Werke über die -Bastard-Erzeugung bei den Pflanzen entnommen<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a>. Ich habe mir viel -Mühe gegeben zu erfahren, in wie ferne diese Regeln auch auf Thiere -Anwendung finden, und obwohl unsre Erfahrungen über Bastard-Thiere sehr -dürftig sind, so war ich doch erstaunt zu sehen, in wie ausgedehntem -Grade die nämlichen Regeln für beide Reiche gelten.</p> - -<p>Es ist bereits bemerkt worden, dass sich die Fruchtbarkeit sowohl -der ersten Kreutzung als der daraus entspringenden Bastarde von -Zero an bis zur Vollkommenheit abstuft. Es ist erstaunlich, auf wie -mancherlei eigenthümliche Weise sich diese Abstufung darthun lässt; -doch können hier nur die nacktesten Umrisse der Thatsachen geliefert -werden. Wenn der Pollen einer<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> Pflanze von der einen Familie auf -die Narbe einer Pflanze von andrer Familie gebracht wird, so hat er -nicht mehr Wirkung, als eben so viel unorganischer Staub. Wenn man -aber Saamenstaub von Arten einer Sippe auf das Stigma einer Spezies -derselben Sippe bringt, so wird der Erfolg ein günstigerer, aber bei -verschiedenen Arten doch wieder so ungleich, dass sich mittelst der -Anzahl der jedesmal erzeugten Saamen alle Abstufungen von jenem Zero -an bis zur vollständigen Fruchtbarkeit und, wie wir gesehen haben, in -einigen abnormen Fällen sogar über das gewöhnlich bei Selbstbefruchtung -gewöhnliche Maass hinaus ergeben. So gibt es auch unter den Bastarden -selber einige, welche sogar mit dem Pollen von einer der zwei reinen -Stamm-Arten nie auch nur einen fruchtbaren Saamen hervorgebracht haben -noch wahrscheinlich jemals hervorbringen werden. Doch hat sich in -einigen dieser Fälle eine erste Spur von der Wirkung eines solchen -Pollens insoferne gezeigt, als er ein frühzeitigeres Abwelken der Blume -der Bastard-Pflanze veranlasste, worauf er gebracht worden war; und -rasches Abwelken einer Blüthe ist bekanntlich ein Zeichen beginnender -Befruchtung. An diesen äussersten Grad der Unfruchtbarkeit reihen sich -dann Bastarde an, die durch Selbstbefruchtung eine immer grössre Anzahl -von Saamen bis zur vollständigen Fruchtbarkeit hervorbringen.</p> - -<p>Bastarde von solchen zwei Arten erzielt, welche sehr schwer zu -kreutzen sind und nur selten einen Nachkommen liefern, pflegen -selber sehr unfruchtbar zu seyn. Aber der Parallelismus zwischen -der Schwierigkeit eine erste Kreutzung zu Stande zu bringen, und -der einen daraus entsprungenen Bastard zu befruchten, — zwei sehr -gewöhnlich miteinander verwechselte Klassen von Thatsachen — ist -keineswegs strenge. Denn es gibt viele Fälle, wo zwei reine Arten mit -ungewöhnlicher Leichtigkeit mit einander gepaart werden und zahlreiche -Bastarde liefern können, welche aber äusserst unfruchtbar sind. -Anderseits gibt es Arten, welche nur selten oder äusserst schwierig -zu kreutzen gelingt, aber ihre Bastarde, wenn sie einmal vorhanden, -sind sehr fruchtbar. Und diese zwei so entgegengesetzten Fälle können -innerhalb der nämlichen Sippe vorkommen, wie z. B. bei Dianthus.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> - -<p>Die Fruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen als der Bastarde -wird leichter als die der reinen Arten durch ungünstige Bedingungen -gefährdet. Aber der Grad der Fruchtbarkeit ist gleicher Weise an sich -veränderlich; denn der Erfolg ist nicht immer der nämliche, wenn man -dieselben zwei Arten unter denselben äusseren Umständen kreutzt, -sondern hängt zum Theile von der Verfassung der zwei zufällig für den -Versuch ausgewählten Individuen ab. So ist es auch mit den Bastarden, -indem sich der Grad der Fruchtbarkeit in verschiedenen aus Saamen einer -Kapsel erzogenen und den nämlichen Bedingungen ausgesetzten Individuen -oft ganz verschieden erweist.</p> - -<p>Mit dem Ausdruck <em class="gesperrt">systematische Affinität</em> soll die Ähnlichkeit -verschiedener Arten in organischer Bildung und Thätigkeit zumal solcher -Theile bezeichnet werden, welche eine grosse physiologische Bedeutung -haben und in verwandten Arten nur wenig von einander abweichen. Nun -ist die Fruchtbarkeit der ersten Kreutzung zweier Spezies und der -daraus hervorgehenden Bastarde in reichem Maasse abhängig von dieser -„systematischen Verwandtschaft“. Diess geht deutlich daraus schon -hervor, dass man noch niemals Bastarde von zwei Arten erzielt hat, -welche die Systematiker in verschiedene Familien stellen, während es -dagegen gewöhnlich leicht ist, nahe verwandte Arten miteinander zu -paaren. Doch ist die Beziehung zwischen systematischer Verwandtschaft -und Leichtigkeit der Kreutzung keineswegs eine strenge. Denn es liessen -sich eine Menge Fälle von sehr nahe verwandten Arten anführen, die gar -nicht oder nur mit grösster Mühe zur Paarung gebracht werden können, -während mitunter auch sehr verschiedene Arten sich mit grösster -Leichtigkeit kreutzen lassen. In einer nämlichen Familie können zwei -Sippen beisammen stehen, wovon die eine wie Dianthus viele solche -Arten enthält, die sehr leicht zu kreutzen sind, während die der -andern, z. B. Silene, den beharrlichsten Versuchen eine Kreutzung zu -bewirken in dem Grade widerstehen, dass man auch noch nicht einen -Bastard zwischen den einander am nächsten verwandten Arten derselben -zu erzielen vermochte. Ja selbst innerhalb der Grenzen einer und der -nämlichen Sippe zeigt sich ein<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> solcher Unterschied. So sind z. B. die -zahlreichen Nicotiana-Arten mehr unter einander gekreutzt worden, als -die der meisten übrigen Sippen, und G<span class="smaller">ÄRTNER</span> hat gefunden, -dass N. acuminata, die keineswegs eine besonders abweichende Art -ist, beharrlich allen Befruchtungs-Versuchen widerstand, so dass von -acht andern Nicotiana-Arten keine weder sie befruchten noch von ihr -befruchtet werden konnte. Und analoge Thatsachen liessen sich noch -viele anführen.</p> - -<p>Noch niemand hat auszumitteln vermocht, welche Art oder welcher Grad -von Verschiedenheit in irgend einem erkennbaren Charakter genüge, um -die Kreutzung zweier Spezies zu hindern. Es lässt sich nachweisen, dass -Pflanzen, welche in Lebens-Weise und allgemeiner Tracht am weitesten -auseinandergehen, welche in allen Theilen ihrer Blüthen sogar bis -zum Pollen oder in der Frucht oder in den Kotyledonen sehr scharfe -Unterschiede zeigen, mit einander gekreutzt werden können. Einjährige -und ausdauernde Gewächs-Arten, winterkahle und immergrüne Bäume, -Pflanzen für die abweichendsten Standorte und die entgegengesetztesten -Klimate gemacht, können oft leicht mit einander gekreutzt werden.</p> - -<p>Unter <em class="gesperrt">wechselseitiger Kreutzung</em> zweier Arten verstehe ich -den Fall, wo z. B. ein Pferde-Hengst mit einer Eselin und dann ein -Esel-Hengst mit einer Pferde-Stute gepaart wird; man kann dann -sagen, diese zwei Arten seyen wechselseitig gekreutzt worden. In der -Leichtigkeit einer wechselseitigen Kreutzung findet oft der möglich -grösste Unterschied statt. Solche Fälle sind höchst wichtig, weil -sie beweisen, dass die Empfänglichkeit für die Kreutzung zwischen -irgend zwei Arten von ihrer systematischen Verwandtschaft oder von -irgend welchem kennbaren Unterschied in ihrer ganzen Organisation oft -ganz unabhängig ist. Dagegen zeigen diese Fälle auch deutlich, dass -jene Empfänglichkeit mit Unterschieden in der Verfassung des Körpers -zusammenhängt, welche für uns nicht wahrnehmbar sind und sich auf das -Reproduktiv-System beschränken. Diese Verschiedenheit der Ergebnisse -aus wechselseitigen Kreutzungen zwischen je zwei Arten war schon längst -von K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> beobachtet<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> worden. So kann, um ein Beispiel -anzuführen, Mirabilis Jalapa leicht durch den Saamenstaub der M. -longiflora befruchtet werden, und die daraus entspringenden Bastarde -sind genügend fruchtbar; aber mehr als zweihundert Male versuchte -es K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> im Verlaufe von acht Jahren vergebens die M. -longiflora nun auch mit Pollen der M. Jalapa zu befruchten. Und so -liessen sich noch einige andre Beispiele geben. T<span class="smaller">HURET</span> hat -dieselbe Bemerkung an einigen Seepflanzen gemacht, und G<span class="smaller">ÄRTNER</span> -noch überdiess gefunden, dass diese Erscheinung in einem geringeren -Grade ausserordentlich gemein ist. Er hat sie selbst zwischen Formen -wahrgenommen, welche viele Botaniker nur als Varietäten einer nämlichen -Art betrachten, wie Matthiola annua und M. glabra. Eben so ist es eine -bemerkenswerthe Thatsache, dass die beiderlei aus wechselseitiger -Kreutzung hervorgegangenen Bastarde, wenn auch von denselben zwei -Stamm-Arten herrührend, hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit gewöhnlich -in einem geringen, zuweilen aber auch in hohem Grade von einander -abweichen.</p> - -<p>Es lassen sich noch manche andre eigenthümliche Regeln aus -G<span class="smaller">ÄRTNER</span> entnehmen, wie z. B. dass manche Arten sich überhaupt -sehr leicht zur Kreutzung mit andern verwenden lassen, während andren -Arten derselben Sippe das Vermögen innewohnt, den Bastarden eine grosse -Ähnlichkeit mit ihnen aufzuprägen; doch stehen beiderlei Fähigkeiten -nicht in nothwendiger Beziehung zu einander. Es gibt Bastarde, welche, -statt wie gewöhnlich das Mittel zwischen ihren zwei älterlichen Arten -zu halten, stets nur einer derselben sehr ähnlich sind; und gerade -diese äusserlich der einen Stammart so ähnlichen Bastarde sind mit -seltener Ausnahme äusserst unfruchtbar. Dagegen kommen aber auch unter -denjenigen Bastarden, welche zwischen ihren Ältern das Mittel zu -halten pflegen, zuweilen abnorme Individuen vor, die einer der reinen -Stammarten ausserordentlich gleichen; und diese Bastarde sind dann -gewöhnlich auch äusserst steril, obwohl die mit ihnen aus gleicher -Frucht-Kapsel entsprungenen Mittelformen sehr fruchtbar zu seyn -pflegen. Aus diesen Erscheinungen geht hervor, wie ganz unabhängig die -Fruchtbarkeit der Bastarde vom Grade ihrer Ähnlichkeit mit ihren beiden -Stammältern ist.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p> - -<p>Aus den bis daher gegebenen Regeln über die Fruchtbarkeit der ersten -Kreutzungen und der dadurch erzielten Bastarde ergibt sich, dass, -wenn man Formen, die als gute und verschiedene Arten angesehen werden -müssen, mit einander paart, ihre Fruchtbarkeit in allen Abstufungen -von Zero an bis selbst über das unter gewöhnlichen Bedingungen -stattfindende Maass vollkommener Fruchtbarkeit hinaus wechseln kann. -Ferner ist ihre Fruchtbarkeit nicht nur äusserst empfindlich für -günstige und ungünstige Bedingungen, sondern auch an und für sich -veränderlich. Die Fruchtbarkeit verhält sich nicht immer an Stärke -gleich bei der ersten Kreutzung und den daraus erzielten Bastarden. -Die Fruchtbarkeit dieser letzten steht in keinem Verhältniss zu deren -äusserer Ähnlichkeit mit ihren beiden Ältern. Die Leichtigkeit einer -ersten Kreutzung zwischen zwei Arten ist nicht von deren systematischer -Affinität noch von ihrer Ähnlichkeit miteinander abhängig. Dieses -letzte Ergebniss ist hauptsächlich aus der Verschiedenheit des -Ergebnisses der Wechselkreutzungen zweier nämlichen Arten erweisbar, -wo die Paarung gewöhnlich etwas, mitunter aber auch viel leichter oder -schwerer erfolgt, je nachdem man den Vater von der einen oder von der -andern der zwei gekreutzten Arten nimmt. Endlich sind die zweierlei -durch Wechselkreutzung erzielten Bastarde oft in ihrer Fruchtbarkeit -verschieden.</p> - -<p>Nun fragt es sich, ob aus diesen eigenthümlich verwickelten Regeln -hervorgehe, dass die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit der Arten bei -deren Kreutzung den Zweck habe, ihre Vermischung im Natur-Zustande -zu verhüten! Ich glaube nicht. Denn warum wäre in diesem Falle der -Grad der Unfruchtbarkeit so ausserordentlich verschieden, da wir doch -annehmen müssen diese Verhütung seye gleich wichtig bei allen? Warum -wäre sogar schon eine angeborene Verschiedenheit zwischen Individuen -einer nämlichen Art vorhanden? Zu welchem Ende sollten manche Arten -so leicht zu kreutzen seyn und doch sehr sterile Bastarde erzeugen, -während andre sich nur sehr schwierig paaren lassen und vollkommen -fruchtbare Bastarde liefern? Wozu sollte es dienen, dass die zweierlei -Produkte einer Wechselkreutzung zwischen den nämlichen Arten sich -oft so sehr abweichend verhalten?<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> Wozu, kann man sogar fragen, soll -überhaupt die Möglichkeit Bastarde zu liefern dienen? Es scheint doch -eine wunderliche Anordnung zu seyn, dass die Arten das Vermögen haben -Bastarde zu bilden, deren weitre Fortpflanzung aber durch verschiedene -Grade von Sterilität gehemmt ist, welche in keiner Beziehung zur -Leichtigkeit der ersten Kreutzung zweier Ältern verschiedener Spezies -miteinander stehen.</p> - -<p>Die voranstehenden Regeln und Thatsachen scheinen mir dagegen deutlich -zu beweisen, dass die Unfruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen -als der Bastarde von unbekannten Verhältnissen hauptsächlich -im Fortpflanzungs-Systeme der gekreutzten Arten abhänge. Die -Verschiedenheiten sind von so eigenthümlicher und beschränkter Natur, -dass bei wechselseitigen Kreutzungen zwischen zwei Arten oft das -männliche Element der einen von üppiger Wirkung auf das weibliche -der andern ist, während bei der Kreutzung in der andern Richtung das -Gegentheil eintritt. Es wird angemessen seyn durch ein Beispiel etwas -vollständiger auseinander zu setzen, was ich unter der Bemerkung -verstehe, dass Sterilität mit andern Ursachen zusammenhänge und nicht -eine spezielle Eigenthümlichkeit für sich bilde. Die Fähigkeit einer -Pflanze sich auf eine andre zweigen oder nicht zweigen und okuliren -zu lassen, ist für deren Gedeihen im Natur-Zustande so gänzlich -gleichgiltig, dass wohl niemand diese Fähigkeit für eine spezielle -Anordnung der Natur halten, sondern jedermann anzunehmen geneigt seyn -wird, sie falle mit Verschiedenheiten in den Wachsthums-Gesetzen -der zwei Pflanzen zusammen. Den Grund davon, dass eine Art auf der -andern etwa nicht anschlagen will, kann man zuweilen in abweichender -Wachsthums-Weise, Härte des Holzes, Natur des Saftes, Zeit der Blüthe -u. dgl. finden; in sehr vielen Fällen aber lässt sich gar keine -Ursache dafür ergeben. Denn selbst sehr bedeutende Verschiedenheiten -in der Grösse der zwei Pflanzen, oder in holziger und krautartiger, -immergrüner und sommergrüner Beschaffenheit und selbst ihre Anpassung -an ganz verschiedene Klimate bilden nicht immer ein Hinderniss ihrer -Aufeinanderpropfung. Wie bei der Bastard-Bildung so ist auch beim -Propfen die Fähigkeit durch systematische<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Affinität beschränkt; denn -es ist noch nie gelungen Holzarten aus ganz verschiedenen Familien -aufeinanderzusetzen, während dagegen nahe verwandte Arten einer -Sippe und Varietäten einer Art gewöhnlich, aber nicht immer, leicht -aufeinander gepropft werden können. Doch ist auch dieses Vermögen eben -so wenig als das der Bastard-Bildung durch systematische Verwandtschaft -in absoluter Weise bedingt. Denn wenn auch viele verschiedene Sippen -einer Familie aufeinander zu propfen gelungen ist, so nehmen doch -wieder in andern Fällen sogar Arten einer nämlichen Sippe einander -nicht an. Der Birnbaum kann viel leichter auf den Quittenbaum, den -man zu einem eignen Genus erhoben, als auf den Apfelbaum gezweigt -werden, der mit ihm zur nämlichen Sippe gehört. Selbst verschiedene -Varietäten der Birne schlagen nicht mit gleicher Leichtigkeit auf dem -Quittenbaum an, und eben so verhalten sich verschiedene Aprikosen- und -Pfirsich-Varietäten dem Pflaumen-Baume gegenüber.</p> - -<p>Wie nach G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zuweilen eine angeborene Verschiedenheit im -Verhalten der Individuen zweier zu kreutzenden Arten vorhanden ist, -so glaubt S<span class="smaller">AGARET</span> auch an eine angeborene Verschiedenheit im -Verhalten der Individuen zweier aufeinander zu propfender Arten. Wie -bei Wechselkreutzungen die Leichtigkeit der zweierlei Paarungen oft -sehr ungleich ist, so verhält es sich oft auch bei dem wechselseitigen -Verpropfen. So kann die gemeine Stachelbeere z. B. auf den -Johannisbeer-Strauch gezweigt werden, dieser wird aber nur schwer auf -dem Stachelbeer-Strauch anschlagen.</p> - -<p>Wir haben gesehen, dass die Unfruchtbarkeit der Bastarde, deren -Reproduktions-Organe von unvollkommener Beschaffenheit sind, eine -ganz andere Sache ist, als die Schwierigkeit zwei reine Arten mit -vollständigen Organen mit einander zu paaren; doch laufen beide -Fälle bis zu gewissem Grade mit einander parallel. Etwas Ähnliches -kommt auch beim Propfen vor; denn T<span class="smaller">HOUIN</span> hat gefunden, dass -die drei Robinia-Arten, welche auf eigner Wurzel reichlichen Saamen -gebildet hatten und sich leicht auf einander zweigen liessen, durch die -Aufeinanderimpfung unfruchtbar gemacht wurden; während dagegen gewisse -Sorbus-Arten, eine auf<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> die andre gesetzt, doppelt so viel Früchte als -auf eigner Wurzel lieferten. Diess erinnert uns an die oben-erwähnten -ausserordentlichen Fälle bei Hippeastrum, Lobelia u. dgl., welche viel -reichlicher fruktifiziren, wenn sie mit Pollen einer andern Art als -wenn sie mit ihren eignen Pollen versehen werden.</p> - -<p>Wir sehen daher, dass, wenn auch ein klarer und gründlicher -Unterschied zwischen der blossen Adhäsion auf einander gepropfter -Stöcke und der Zusammenwirkung männlicher und weiblicher Urstoffe -zum Zwecke der Fortpflanzung stattfindet, sich doch ein gewisser -Parallelismus zwischen den Wirkungen der Impfung und der Befruchtung -verschiedener Arten mit einander kundgibt. Wenn wir die sonderbaren und -verwickelten Regeln, welche die Leichtigkeit der Propfung bedingen, -als mit unbekannten Verschiedenheiten in den vegetativen Organen -zusammenhängend betrachten, so müssen wir nach meiner Meinung auch die -viel zusammengesetzteren für die Leichtigkeit der ersten Kreutzungen -mit unbekannten Verschiedenheiten in ihrem Reproduktiv-Systeme im -Zusammenhang stehend ansehen. Diese Verschiedenheiten folgen, wie -sich erwarten lässt, bis zu einem gewissen Grade der systematischen -Affinität, durch welche Bezeichnung jede Art von Ähnlichkeit und -Unähnlichkeit zwischen organischen Wesen ausgedrückt werden soll. Die -Thatsachen scheinen mir in keiner Weise anzuzeigen, dass die grössre -oder geringere Schwierigkeit verschiedene Arten auf und mit einander -zu propfen und zu kreutzen eine besondre Eigenthümlichkeit ist, obwohl -dieselbe beim Kreutzen für die Dauer und Stetigkeit der Art-Formen eben -so wichtig als beim Propfen unwesentlich für deren Gedeihen ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen und -der Bastarde.</em>) Sehen wir uns nun etwas näher um nach den -wahrscheinlichen Ursachen der Sterilität der ersten Kreutzungen und der -Bastarde. Diese zwei Fälle sind von Grund aus verschieden, da, wie oben -bemerkt worden, die männlichen und die weiblichen Geschlechtstheile -bei Paarung zweier reinen Arten vollkommen, bei Bastarden aber -unvollkommen<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> sind. Selbst bei ersten Kreutzungen hängt die grössre -oder geringere Schwierigkeit, eine Paarung zu bewirken, anscheinend -von mehren verschiedenen Ursachen ab. Oft liegt sie in der physischen -Unmöglichkeit für das männliche Element bis zum Ei’chen zu gelangen, -wie es bei solchen Pflanzen der Fall, deren Pistill so lang ist, dass -die Pollen-Schläuche nicht bis ins Ovarium hinabreichen können. So -ist auch beobachtet worden, dass wenn der Pollen einer Art auf das -Stigma einer nur entfernt damit verwandten Art gebracht wird, die -Pollen-Schläuche zwar hervortreten, aber nicht in die Oberfläche -des Stigmas eindringen. In andern Fällen kann das männliche Element -zwar das weibliche erreichen aber unfähig seyn, die Entwickelung des -Embryos zu bewirken, wie Das aus einigen Versuchen T<span class="smaller">HURETS</span> -mit Seetangen hervorzugehen scheint. Wir können diese Thatsachen -eben so wenig erklären, als warum gewisse Holzarten nicht auf andre -gepropft werden können. Endlich kann es auch vorkommen, dass ein Embryo -sich zwar zu entwickeln beginnt, aber schon in der nächsten Zeit zu -Grunde geht. Diese letzte Möglichkeit ist nicht genügend aufgeklärt -worden; doch glaube ich nach den von Hrn. H<span class="smaller">EWITT</span> erhaltenen -Mittheilungen, welcher grosse Erfahrung in der Bastard-Züchtung der -Hühner-artigen Vögel besessen, dass der frühzeitige Tod des Embryos -eine sehr häufige Ursache des Fehlschlagens der ersten Kreutzungen -ist. Ich war anfangs sehr wenig daran zu glauben geneigt, weil -Bastarde, wenn sie einmal geboren sind, sehr kräftig und langlebend zu -seyn pflegen, wie Maulthier und Maulesel zeigen. Überdiess befinden -sich Bastarde vor und nach der Geburt unter ganz verschiedenen -Verhältnissen. In einer Gegend geboren und lebend, wo auch ihre beiden -Ältern leben, mögen ihnen die Lebens-Bedingungen wohl zusagen. Aber ein -Bastard hat nur halb an der organischen Bildung und Thätigkeit seiner -Mutter Antheil und mag mithin vor der Geburt, so lange als er sich noch -im Mutterleibe oder in den von der Mutter hervorgebrachten Eiern und -Saamen befindet, einigermassen ungünstigeren Bedingungen ausgesetzt -und demzufolge in der ersten Zeit leichter zu Grunde zu gehen geneigt -seyn, zumal alle sehr jungen Wesen<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> gegen schädliche und unnatürliche -Lebens-Verhältnisse ausserordentlich empfindlich sind.</p> - -<p>Hinsichtlich der Sterilität der Bastarde, deren Sexual-Organe -unvollkommen entwickelt sind, verhält sich die Sache ganz anders. -Ich habe schon mehrmals angeführt, dass ich eine grosse Menge von -Thatsachen gesammelt habe, welche zeigen, dass, wenn Pflanzen und -Thiere aus ihren natürlichen Verhältnissen gerissen werden, es -vorzugsweise die Fortpflanzungs-Organe sind, welche dabei angegriffen -werden. Diess ist in der That die grosse Schranke für die Zähmung der -Thiere. Zwischen der dadurch veranlassten Unfruchtbarkeit derselben -und der der Bastarde sind manche Ähnlichkeiten. In beiden Fällen ist -die Sterilität unabhängig von der Gesundheit im Allgemeinen und oft -begleitet von vermehrter Grösse und Üppigkeit. In beiden Fällen kommt -die Unfruchtbarkeit in vielerlei Abstufungen vor; in beiden leidet -das männliche Element am meisten, zuweilen aber das Weibchen doch -noch mehr als das Männchen. In beiden geht die Fruchtbarkeit bis zu -gewisser Stufe gleichen Schritts mit der systematischen Verwandtschaft; -denn ganze Gruppen von Pflanzen und Thieren werden durch dieselben -unnatürlichen Bedingungen impotent, und gleiche Gruppen von Arten -neigen zur Hervorbringung unfruchtbarer Bastarde. Dagegen widersteht -zuweilen eine einzelne Art in einer Gruppe grossen Veränderungen in -den äusseren Bedingungen mit ungeschwächter Fruchtbarkeit, und gewisse -Arten einer Gruppe liefern ungewöhnlich fruchtbare Bastarde. Niemand -kann, ehe er es versucht hat, voraussagen, ob dieses oder jenes Thier -in der Gefangenschaft und ob diese oder jene ausländische Pflanze -während ihres Anbaues sich gut fortpflanzen wird, noch ob irgend welche -zwei Arten einer Sippe mehr oder weniger sterile Bastarde mit einander -hervorbringen werden. Endlich, wenn organische Wesen während mehrer -Generationen in für sie unnatürliche Verhältnisse versetzt werden, so -sind sie ausserordentlich zu variiren geneigt, was, wie ich glaube, -davon herrührt, dass ihre Reproduktiv-Systeme vorzugsweise angegriffen -sind, obwohl in mindrem Grade als wenn gänzliche Unfruchtbarkeit -folgt. Eben so ist es mit Bastarden;<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> denn Bastarde sind in -aufeinander-folgenden Generationen sehr zu variiren geneigt, wie es -jeder Züchter erfahren hat.</p> - -<p>So sehen wir denn, dass, wenn organische Wesen in neue und unnatürliche -Verhältnisse versetzt, und wenn Bastarde durch unnatürliche Kreutzung -zweier Arten erzeugt werden, das Reproduktiv-System ganz unabhängig -von der allgemeinen Gesundheit, in ganz eigenthümlicher Weise -von Unfruchtbarkeit betroffen wird. In dem einen Falle sind die -Lebens-Bedingungen gestört worden, obwohl oft nur in einem für uns -nicht wahrnehmbaren Grade; in dem andern, bei den Bastarden nämlich, -sind jene Verhältnisse unverändert geblieben, aber die Organisation -ist dadurch gestört worden, dass zweierlei Bau und Verfassung des -Körpers mit einander vermischt worden ist. Denn es ist kaum möglich, -dass zwei Organisationen in eine verbunden werden, ohne einige Störung -in der Entwickelung oder in der periodischen Thätigkeit oder in den -Wechselbeziehungen der verschiedenen Theile und Organe zu einander -oder endlich in den Lebens-Beziehungen zu veranlassen. Wenn Bastarde -fähig sind sich unter sich fortzupflanzen, so übertragen sie von -Generation zu Generation auf ihre Abkommen dieselbe Vereinigung -zweier Organisationen, und wir dürfen daher nicht erstaunen, ihre -Unfruchtbarkeit, wenn auch einigem Schwanken unterworfen, selten -abnehmen zu sehen.</p> - -<p>Wir müssen jedoch bekennen, dass wir, von haltlosen Hypothesen -abgesehen, nicht im Stande sind, gewisse Thatsachen in Bezug auf die -Unfruchtbarkeit der Bastarde zu begreifen, wie z. B. die ungleiche -Fruchtbarkeit der zweierlei Bastarde aus der Wechselkreutzung, oder -die zunehmende Unfruchtbarkeit derjenigen Bastarde, welche zufällig -oder ausnahmsweise einem ihrer beiden Ältern sehr ähnlich sind. Auch -bilde ich mir nicht ein, durch die vorangehenden Bemerkungen der Sache -auf den Grund zu kommen; denn wir haben keine Erklärung dafür, warum -ein Organismus unter unnatürlichen Lebens-Bedingungen unfruchtbar -wird. Alles, was ich habe zeigen wollen, ist, dass in zwei in mancher -Beziehung einander ähnlichen Fällen Unfruchtbarkeit das gleiche -Resultat ist, in dem einen Falle, weil die äussren<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> Lebens-Bedingungen, -und in dem andern weil durch Verbindung zweier Bildungen in eine die -Organisation selbst gestört worden sind.</p> - -<p>Es mag wunderlich scheinen, aber ich vermuthe, dass ein gleicher -Parallelismus noch in einer andern zwar verwandten, doch an sich -sehr verschiedenen Reihe von Thatsachen besteht. Es ist ein alter -und fast allgemeiner Glaube, welcher meines Wissens auf einer Masse -von Erfahrungen beruhet, dass leichte Veränderungen in den äusseren -Lebens-Bedingungen für alle Lebewesen wohlthätig sind. Wir sehen -daher Landwirthe und Gärtner beständig ihre Saamen, Knollen u. s. w. -austauschen, sie aus einem Boden und Klima ins andre und endlich -wohl auch wieder zurück versetzen. Während der Wiedergenesung von -Thieren sehen wir sie oft grossen Vortheil aus diesem oder jenem -Wechsel in ihrer Lebens-Weise ziehen. So sind auch bei Pflanzen und -Thieren reichliche Beweise vorhanden, dass eine Kreutzung zwischen -sehr verschiedenen Individuen einer Art, nämlich zwischen solchen -von verschiedenen Stämmen oder Unterrassen, der Nachzucht Kraft und -Fruchtbarkeit verleihe. Ich glaube in der That, nach den im vierten -Kapitel angeführten Thatsachen, dass ein gewisses Maass von Kreutzung -selbst für Hermaphroditen unentbehrlich ist, und dass enge Inzucht -zwischen den nächsten Verwandten einige Generationen lang fortgesetzt, -zumal wenn dieselben unter gleichen Lebens-Bedingungen gehalten werden, -endlich schwache und unfruchtbare Sprösslinge liefert.</p> - -<p>So scheint es mir denn, dass einerseits geringe Wechsel der -Lebens-Bedingungen allen organischen Wesen vortheilhaft sind, und -dass anderseits schwache Kreutzungen, nämlich zwischen verschiedenen -Stämmen und geringen Varietäten einer Art, der Nachkommenschaft Kraft -und Stärke verleihen. Dagegen haben wir aber auch gesehen, dass -stärkere Wechsel der Verhältnisse und zumal solche von gewisser Art -die Organismen oft in gewissem Grade unfruchtbar machen können, wie -auch stärkere Kreutzungen, nämlich zwischen sehr verschiedenen oder in -gewissen Beziehungen von einander abweichenden Männchen und<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Weibchen -Bastarde hervorbringen, die gewöhnlich einigermaassen unfruchtbar -sind. Ich vermag mich nicht zu überreden, dass dieser Parallelismus -auf einem blossen Zufalle oder einer Täuschung beruhen solle. Beide -Reihen von Thatsachen scheinen durch ein gemeinsames aber unbekanntes -Band mit einander verkettet, welches mit dem Lebens-Prinzipe wesentlich -zusammenhängt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge.</em>) -Man mag uns als einen sehr kräftigen Beweis-Grund entgegenhalten, -es müsse irgend ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten und -Varietäten seyn und sich irgend ein Irrthum durch alle vorangehenden -Bemerkungen hindurchziehen, da ja Varietäten, wenn sie in ihrer -äusseren Erscheinung auch noch so sehr auseinandergehen, sich doch -leicht kreutzen und vollkommene fruchtbare Nachkommen liefern. Ich gebe -mit einigen sogleich nachzuweisenden Ausnahmen vollkommen zu, dass sich -Diess meistens unabänderlich so verhält. Aber dieser Fall bietet noch -grosse Schwierigkeiten dar; denn wenn wir die in der Natur vorkommenden -Varietäten betrachten, so werden wir unmittelbar in hoffnungslose -Schwierigkeiten eingehüllt, weil, sobald zwei bisher als Varietäten -angesehene Formen sich einigermaassen steril mit einander zeigen, -dieselben von den meisten Naturforschern sogleich zu Arten erhoben -werden. So sind z. B. die rothe und die blaue Anagillis, die hell- -und die dunkel-gelbe Schlüsselblume, welche die meisten unsrer besten -Botaniker für blosse Varietäten halten, nach G<span class="smaller">ÄRTNER</span> bei der -Kreutzung nicht vollkommen fruchtbar und werden desshalb von ihm als -unzweifelhafte Arten bezeichnet. Wenn wir daraus im Zirkel schliessen, -so muss die Fruchtbarkeit aller natürlich entstandenen Varietäten als -erwiesen angesehen werden.</p> - -<p>Auch wenn wir uns zu den erwiesener oder vermutheter Maassen im -Kultur-Zustande erzeugten Varietäten wenden, sehen wir uns noch in -Zweifel verwickelt. Denn wenn es z. B. feststeht, dass der deutsche -Spitz-Hund sich leichter als andre Hunde-Rassen mit dem Fuchse -paart, oder dass gewisse in <i>Südamerika</i> einheimische Haushunde -sich nicht wirklich mit Europäischen<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> Hunden kreutzen, so ist die -Erklärung, welche jedem einfallen wird und wahrscheinlich auch die -richtige ist, die, dass diese Hunde von verschiedenen wilden Arten -abstammen. Dem ungeachtet ist die vollkommene Fruchtbarkeit so vieler -gepflegter Varietäten, die in ihrem äusseren Ansehen so weit von -einander verschieden sind, wie die der Tauben und des Kohles, eine -merkwürdige Thatsache, besonders wenn wir erwägen, wie zahlreiche Arten -es gibt, die äusserlich einander sehr ähnlich, doch bei der Kreutzung -ganz unfruchtbar mit einander sind. Verschiedene Betrachtungen -jedoch lassen die Fruchtbarkeit der gepflegten Varietäten weniger -merkwürdig erscheinen, als es anfänglich der Fall ist. Denn erstens -müssen wir uns erinnern, wie wenig wir über die wahre Ursache der -Unfruchtbarkeit sowohl der miteinander gekreutzten als der ihren -natürlichen Lebens-Bedingungen entfremdeten Arten wissen. Hinsichtlich -dieses letzten Punktes hat mir der Raum nicht gestattet, die vielen -merkwürdigen Thatsachen aufzuzählen, die ich gesammelt habe; was die -Unfruchtbarkeit betrifft, so spiegelt sie sich in der Verschiedenheit -der beiderlei Bastarde der Wechselkreutzung sowie in den -eigenthümlichen Fällen ab, wo eine Pflanze leichter durch fremden als -durch ihren eigenen Saamenstaub befruchtet werden kann. Wenn wir über -diese und andre Fälle, wie über den nachher zu berichtenden von den -verschieden gefärbten Varietäten der Verbascum thapsus nachdenken, so -müssen wir fühlen, wie gross unsre Unwissenheit und wie klein für uns -die Wahrscheinlichkeit ist zu begreifen, woher es komme, dass bei der -Kreutzung gewisse Formen fruchtbar und andre unfruchtbar sind. Es lässt -sich zweitens klar nachweisen, dass die blosse äussre Unähnlichkeit -zwischen zwei Arten deren grössre oder geringere Unfruchtbarkeit im -Falle einer Kreutzung nicht bedingt; und dieselbe Regel wird auch auf -die gepflegten Varietäten anzuwenden seyn. Drittens glauben einige -ausgezeichnete Naturforscher, dass ein lang-dauernder Zähmungs- oder -Kultur-Zustand geeignet seye, die Unfruchtbarkeit der Bastarde, welche -anfangs nur wenig steril gewesen sind, in aufeinander-folgenden -Generationen mehr und mehr zu verwischen; und wenn Diess der Fall,<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> so -werden wir gewiss nicht erwarten dürfen, Sterilität unter dem Einflusse -von nahezu den nämlichen Lebens-Bedingungen erscheinen und verschwinden -zu sehen. Endlich, und Diess scheint mir bei weitem die wichtigste -Betrachtung zu seyn, bringt der Mensch neue Pflanzen- und Thier-Rassen -im Kultur-Zustande durch die Kraft planmässiger oder unbewusster -Züchtung zu eignem Nutzen und Vergnügen hervor; er will nicht und kann -nicht die kleinen Verschiedenheiten im Reproduktiv-Systeme oder andre -mit dem Reproduktiv-Systeme in Wechselbeziehung stehenden Unterschiede -zum Gegenstande seiner Züchtung machen. Die Erzeugnisse der Kultur -und Zähmung sind dem Klima und andern physischen Lebens-Bedingungen -viel minder vollkommen als die der Natur angepasst; denn gewöhnlich -lassen sie sich ohne Nachtheil in andre Gegenden von verschiedener -Beschaffenheit verpflanzen. Der Mensch versieht diese verschiedenen -Abänderungen mit der nämlichen Nahrung, behandelt sie fast auf dieselbe -Weise und will ihre allgemeine Lebens-Weise nicht ändern. Die Natur -wirkt einförmig und langsam während unermesslicher Zeit-Perioden auf -die gesammte Organisation der Geschöpfe in einer Weise, die zu deren -eignem Besten dient; und so mag sie unmittelbar oder wahrscheinlicher -mittelbar, durch Correlation, auch das Reproduktiv-System in den -mancherlei Abkömmlingen einer nämlichen Art abändern. Wenn man diese -Verschiedenheit im Züchtungs-Verfahren von Seiten des Menschen und der -Natur berücksichtigt, wird man sich nicht mehr wundern können, dass -sich einiger Unterschied auch in den Ergebnissen zeigt.</p> - -<p>Ich habe bis jetzt so gesprochen, als seyen die Varietäten einer -nämlichen Art bei der Kreutzung meistens unabänderlich fruchtbar. -Es scheint mir aber unmöglich, sich dem Beweise von dem Daseyn -eines gewissen Maasses von Unfruchtbarkeit in einigen wenigen -Fällen zu verschliessen, von denen ich kürzlich berichten will. Der -Beweis ist wenigstens eben so gut als derjenige, welcher uns an die -Unfruchtbarkeit einer Menge von Arten [bei der Kreutzung?] glauben -macht, und ist von gegnerischen Zeugen entlehnt, die in allen andern -Fällen Fruchtbarkeit<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> und Unfruchtbarkeit als gute Art-Kriterien -betrachten. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> hielt einige Jahre lang eine Sorte -Zwerg-Mais mit gelbem und eine grosse Varietät mit rothem Saamen, -welche nahe beisammen in seinem Garten wuchsen; und obwohl diese -Pflanzen getrennten Geschlechtes sind, so kreutzen sie sich doch nie -von selbst mit einander. Er befruchtete dann dreizehn Blüthen-Ähren<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> -des einen mit dem Pollen des andern; aber nur ein einziger Stock gab -einige Saamen und zwar nur fünf Körner.</p> - -<p>Die Behandlungs-Weise kann in diesem Falle nicht schädlich gewesen -seyn, indem die Pflanzen getrennte Geschlechter haben. Noch Niemand hat -meines Wissens diese zwei Mais-Sorten für verschiedene Arten angesehen; -und es ist wesentlich zu bemerken, dass die aus ihnen erzogenen -Blendlinge vollkommen fruchtbar waren, so dass auch G<span class="smaller">ÄRTNER</span> -selbst nicht wagte, jene Sorten für zwei verschiedene Arten zu erklären.</p> - -<p>G<span class="smaller">IREAU DE</span> B<span class="smaller">UZAREINGUES</span> kreutzte drei Varietäten von Gurken -miteinander, welche wie der Mais getrennten Geschlechtes sind, und -versicherte, ihre gegenseitige Befruchtung seye um so schwieriger, je -grösser ihre Verschiedenheit. In wie weit dieser Versuch Vertrauen -verdient, weiss ich nicht, aber die drei zu denselben benützten Formen -sind von S<span class="smaller">AGARET</span>, welcher sich bei seiner Unterscheidung der -Arten hauptsächlich auf ihre Unfruchtbarkeit stützt, als Varietäten -aufgestellt worden.</p> - -<p>Weit merkwürdiger und anfangs fast unglaublich erscheint der folgende -Fall; jedoch ist er das Resultat einer Menge viele Jahre lang an neun -Verbascum-Arten fortgesetzter Versuche, welche hier noch um so höher -in Anschlag zu bringen, als sie von G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">N</span> herrühren, der -ein eben so vortrefflicher Beobachter als entschiedener Gegner der -Meinung ist, dass die gelben und die weissen Varietäten der nämlichen -Verbascum-Arten bei der Kreutzung mit einander weniger Saamen geben, -als jede derselben liefert, wenn sie mit Pollen aus Blüthen von ihrer -eignen Farbe befruchtet worden. Er erklärt nun, dass wenn gelbe und -weisse Varietäten einer Art mit gelben und weissen<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Varietäten einer -<em class="gesperrt">andern</em> Art gekreutzt werden, man mehr Saamen erhält, indem -man die gleichfarbigen als wenn man die ungleichfarbigen Varietäten -miteinander paart. Und doch ist zwischen diesen Varietäten von -Verbascum kein andrer Unterschied als in der Farbe ihrer Blüthen, -und die eine Farbe entspringt zuweilen aus Saamen der andersfarbigen -Varietät.</p> - -<p>Nach Versuchen, die ich mit gewissen Varietäten der Rosen-Malve -angestellt, möchte ich vermuthen, dass sie ähnliche Erscheinungen -darbieten.</p> - -<p>K<span class="smaller">ÖLREUTER</span>, dessen Genauigkeit durch jeden späteren Beobachter -bestätigt worden ist, hat die merkwürdige Thatsache bewiesen, dass eine -Varietät des Tabaks, wenn sie mit einer ganz andern ihr weit entfernt -stehenden Art gekreutzt wird, fruchtbarer ist als mit Varietäten der -nämlichen Art. Er machte mit fünf Formen Versuche, die allgemein für -Varietäten gelten, was er auch durch die strengste Probe, nämlich durch -Wechselkreutzungen bewies, welche lauter ganz fruchtbare Blendlinge -lieferten. Doch gab eine dieser fünf Varietäten, mochte sie nun als -Vater oder Mutter mit ins Spiel kommen, bei der Kreutzung mit Nicotiana -glutinosa stets minder unfruchtbare Bastarde, als die vier andern -Varietäten. Es muss daher das Reproduktiv-System dieser einen Varietät -in irgend einer Weise weniger modifizirt worden seyn.</p> - -<p>Bei der grossen Schwierigkeit die Unfruchtbarkeit der Varietäten -im Natur-Zustande zu bestätigen, weil jede bei der Kreutzung etwas -unfruchtbare Varietät alsbald allgemein für eine Spezies erklärt werden -würde, so wie in Folge des Umstandes, dass der Mensch bei seinen -künstlichen Züchtungen nur auf die äusseren Charaktere sieht und nicht -verborgene und funktionelle Verschiedenheiten im Reproduktiv-System -hervorzubringen beabsichtigt, glaube ich mich aus der Zusammenstellung -aller Thatsachen zu folgern berechtigt, dass die Fruchtbarkeit der -Varietäten unter einander keineswegs eine allgemeine Regel und -mithin auch nicht geeignet seye, eine Grundlage zur Unterscheidung -von Varietäten und Arten abzugeben. Die gewöhnlich stattfindende -Fruchtbarkeit der Varietäten unter einander scheint<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> mir, bei unsrer -gänzlichen Unkenntniss von den Ursachen sowohl der Fruchtbarkeit -als der Sterilität, nicht genügend, um meine Ansicht über die sehr -allgemeine aber nicht beständige Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen -und der Bastarde umzustossen, dass dieselbe nämlich keine besondre -Eigenschaft für sich darstelle, sondern mit andern langsam entwickelten -Modifikationen zumal im Reproduktiv-Systeme der mit einander -gekreutzten Formen zusammenhänge.</p> - -<p><em class="gesperrt">Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit -verglichen.</em>) Die Nachkommenschaft der untereinander gekreutzten -Arten und die der Varietäten lassen sich unabhängig von der Frage der -Fruchtbarkeit noch in mehren Beziehungen mit einander vergleichen. -G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, dessen beharrlicher Wunsch es war, eine scharfe -Unterscheidungs-Linie zwischen Arten und Varietäten zu ziehen, -konnte nur sehr wenige und wie es scheint nur ganz unwesentliche -Unterschiede zwischen den sogenannten Bastarden der Arten und den -Blendlingen der Varietäten entdecken, wogegen sie sich in vielen andern -wesentlichen Beziehungen vollkommen gleichen. Hier kann ich diesen -Gegenstand nur ganz kurz erörtern. Als wichtigster Unterschied hat -sich ergeben, dass in der ersten Generation Blendlinge veränderlicher -als Bastarde sind; doch gibt G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zu, dass Bastarde -von bereits lange kultivirten Arten oft schon in erster Generation -sehr veränderlich sind, und ich selbst habe sehr treffende Belege -für diese Thatsache. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> gibt ferner zu, dass Bastarde -zwischen sehr nahe verwandten Arten veränderlicher sind, als die von -weit auseinander-stehenden; und daraus ergibt sich, dass der im Grade -der Veränderlichkeit gesuchte Unterschied stufenweise abnimmt. Wenn -Blendlinge oder fruchtbarere Bastarde einige Generationen lang in sich -fortgepflanzt werden, so nimmt anerkannter Maassen die Veränderlichkeit -ihrer Nachkommen bis zu einem ausserordentlichen Maasse zu; dagegen -lassen sich einige wenige Fälle anführen, wo Bastarde sowohl als -Blendlinge ihren einförmigen Charakter lange Zeit behauptet haben. Doch -ist die Veränderlichkeit in den aufeinanderfolgenden<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Generationen der -Blendlinge vielleicht grösser als bei den Bastarden.</p> - -<p>Diese grössre Veränderlichkeit der Blendlinge den Bastarden gegenüber -scheint mir in keiner Weise überraschend. Denn die Ältern der -Blendlinge sind Varietäten und meistens zahme und kultivirte Varietäten -(da nur sehr wenige Versuche mit wilden Varietäten angestellt worden -sind), wesshalb als Regel anzunehmen, dass ihre Veränderlichkeit -noch eine neue ist, daher denn auch zu erwarten steht, dass dieselbe -oft noch fortdaure und die schon aus der Kreutzung entspringende -Veränderlichkeit verstärke. Der geringere Grad von Variabilität bei -Bastarden aus erster Kreutzung oder aus erster Generation im Gegensatze -zu ihrer ausserordentlichen Veränderlichkeit in späteren Generationen -ist eine eigenthümliche und Beachtung verdienende Thatsache; denn sie -führt zu der Ansicht, die ich mir über die Ursache der gewöhnlichen -Variabilität gebildet, und unterstützt dieselbe, dass diese letzte -nämlich aus dem Reproduktions-Systeme herrühre, welches für jede -Veränderung in den Lebens-Bedingungen so empfindlich ist, dass es -hiedurch oft ganz unvermögend oder wenigstens für seine eigentliche -Funktion, mit der älterlichen Form übereinstimmende Nachkommen zu -erzeugen, unfähig gemacht wird. Nun rühren die in erster Generation -gebildeten Bastarde alle von Arten her, deren Reproduktiv-Systeme -ausser bei schon lange kultivirten Arten in keiner Weise leidend -gewesen, und sind nicht veränderlich; aber Bastarde selber haben ein -ernstlich angegriffenes Reproduktiv-System, und ihre Nachkommen sind -sehr veränderlich.</p> - -<p>Doch kehren wir zur Vergleichung zwischen Blendlingen und Bastarden -zurück. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> behauptet, dass Blendlinge mehr als Bastarde -geneigt seyen, wieder in eine der älterlichen Formen zurückzuschlagen; -doch ist dieser Unterschied, wenn er richtig, gewiss nur ein -stufenweiser. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> legt ferner Nachdruck darauf, dass, -wenn zwei obgleich nahe mit einander verwandte Arten mit einer dritten -gekreutzt werden, deren Bastarde doch weit auseinander weichen, -während, wenn zwei sehr verschiedene Varietäten einer Art mit einer -andern Art gekreutzt werden,<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> deren Blendlinge unter sich nicht sehr -verschieden sind. Dieses Ergebniss ist jedoch so viel ich zu ersehen im -Stande bin, nur auf einen einzigen Versuch gegründet und scheint den -Erfahrungen geradezu entgegengesetzt zu seyn, welche K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> -bei mehren Versuchen gemacht hat.</p> - -<p>Diess sind allein die an sich unwesentlichen Verschiedenheiten, welche -G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zwischen Bastarden und Blendlingen der Pflanzen -auszumitteln im Stande gewesen ist. Aber auch die Ähnlichkeit der -Bastarde und Blendlinge, und insbesondere die von nahe verwandten Arten -entsprungenen Bastarde mit ihren Ältern folgt nach G<span class="smaller">ÄRTNER</span> -den nämlichen Gesetzen. Wenn zwei Arten gekreutzt werden, so zeigt -zuweilen eine derselben ein überwiegendes Vermögen eine Ähnlichkeit -mit ihr dem Bastarde aufzuprägen, und so ist es, wie ich glaube, -auch mit Pflanzen-Varietäten. Bei Thieren besitzt gewiss oft eine -Varietät dieses überwiegende Vermögen über eine andre. Die beiderlei -Bastard-Pflanzen aus einer Wechselkreutzung gleichen einander -gewöhnlich sehr, und so ist es auch mit den zweierlei Blendlingen aus -Wechselkreutzungen. Bastarde sowohl als Blendlinge können wieder in -jede der zwei älterlichen Formen zurückgeführt werden, wenn man sie -in aufeinander-folgenden Generationen wiederholt mit der einen ihrer -Stamm-Formen kreutzt.</p> - -<p>Diese verschiedenen Bemerkungen lassen sich offenbar auch auf Thiere -anwenden; doch wird hier der Gegenstand ausserordentlich verwickelt, -theils in Folge vorhandener sekundärer Sexual-Charaktere und theils -insbesondere in Folge des gewöhnlich bei einem von beiden Geschlechtern -überwiegenden Vermögens sein Bild dem Nachkommen aufzuprägen, eben -sowohl wo es sich um die Kreutzung von Arten, als dort, wo es sich -um die von Varietäten unter einander handelt. So glaube ich z. B., -dass diejenigen Schriftsteller Recht haben, welche behaupten, der -Esel besitze ein solches Übergewicht über das Pferd, in dessen Folge -sowohl Maulesel als Maulthier mehr dem Esel als dem Pferde glichen; -dass jedoch dieses Übergewicht noch mehr bei dem männlichen als dem -weiblichen Esel hervortrete, daher der Maulesel als der Bastard von -Esel-Hengst und Pferde-Stute dem<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Esel mehr als das Maulthier gleiche, -welches das Pferd zum Vater und eine Eselin zur Mutter hat.</p> - -<p>Einige Schriftsteller haben viel Gewicht darauf gelegt, dass es unter -den Thieren nur bei Blendlingen vorkomme, dass solche einem ihrer -Ältern ausserordentlich ähnlich seyen; doch lässt sich nachweisen, dass -Solches auch bei Bastarden, wenn gleich seltener als bei Blendlingen, -der Fall ist. Was die von mir gesammelten Fälle von einer Kreutzung -entsprungenen Thieren betrifft, die einem der zwei Ältern sehr ähnlich -gewesen, so scheint sich diese Ähnlichkeit vorzugsweise auf in ihrer -Art monströse und plötzlich aufgetretene Charaktere zu beschränken, wie -Albinismus, Melanismus, Mangel der Hörner, Fehlen des Schwanzes und -Überzahl der Finger und Zehen, daher sie keinen Zusammenhang mit den -durch Züchtung langsam entwickelten Merkmalen haben. Demzufolge werden -auch Fälle plötzlicher Rückkehr zu einem der zwei älterlichen Typen bei -Blendlingen vorkommen, welche von oft plötzlich entstandenen und ihrem -Charakter nach halb-monströsen Varietäten abstammen, als bei Bastarden, -die von langsam und auf natürliche Weise gebildeten Arten herrühren. -Im Ganzen aber bin ich der Meinung von Dr. P<span class="smaller">ROSPER</span> L<span class="smaller">UCAS</span>, -welcher nach der Musterung einer ungeheuren Menge von Thatsachen bei -den Thieren zu dem Schlusse gelangt, dass die Gesetze der Ähnlichkeit -zwischen Kindern und Ältern die nämlichen sind, ob beide Ältern mehr -oder ob sie weniger von einander abweichen, ob sie einer oder ob sie -verschiedenen Varietäten oder ganz verschiedenen Arten angehören.</p> - -<p>Von der Frage über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit abgesehen, scheint -sich in allen andern Beziehungen eine grosse Ähnlichkeit des Verhaltens -zwischen Bastarden und Blendlingen zu ergeben. Bei der Annahme, dass -die Arten einzeln erschaffen und die Varietäten erst durch sekundäre -Gesetze entwickelt worden seyen, müsste ein solches ähnliches Verhalten -als eine äusserst befremdende Thatsache erscheinen. Geht man aber von -der Ansicht aus, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten -und Varietäten gar nicht vorhanden seye, so steht es vollkommen mit -derselben im Einklang.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des Kapitels.</em>) Erste Kreutzungen sowohl zwischen -genügend unterschiedenen Formen, um für Varietäten zu gelten, wie -zwischen ihren Bastarden sind sehr oft, aber nicht immer unfruchtbar. -Diese Unfruchtbarkeit findet in allen Abstufungen statt und ist -oft so unbedeutend, dass die zwei erfahrensten Experimentisten, -welche jemals gelebt, zu mitunter schnurstracks entgegengesetzten -Folgerungen gelangten, als sie die Formen darnach ordnen wollten. Die -Unfruchtbarkeit ist von angeborener Veränderlichkeit bei Individuen -einer nämlichen Art, und für günstige und ungünstige Einflüsse -ausserordentlich empfänglich. Der Grad der Unfruchtbarkeit richtet sich -nicht genau nach systematischer Affinität, sondern ist von einigen -eigenthümlichen und verwickelten Gesetzen abhängig. Er ist gewöhnlich -ungleich und oft sehr ungleich bei Wechselkreutzung der nämlichen -zwei Arten. Er ist nicht immer von gleicher Stärke bei einer ersten -Kreutzung und den daraus entspringenden Nachkommen.</p> - -<p>In derselben Weise, wie beim Zweigen der Bäume die Fähigkeit einer Art -oder Varietät bei andern anzuschlagen mit meistens ganz unbekannten -Verschiedenheiten in ihren vegetativen Systemen zusammenhängt, so ist -bei Kreutzungen die grössere oder geringere Leichtigkeit einer Art -sich mit der andern zu befruchten von unbekannten Verschiedenheiten -in ihren Reproduktions-Systemen veranlasst. Es ist daher nicht mehr -Grund anzunehmen, dass von der Natur einer jeden Art ein verschiedener -Grad von Sterilität in der Absicht ihr gegenseitiges Durchkreutzen und -Ineinanderlaufen zu verhüten besonders eingebunden worden seye, — als -Ursache vorhanden ist anzunehmen, dass jeder Holzart ein verschiedener -und etwas analoger Grad von Schwierigkeit beim Verpropfen auf andern -Arten anzuschlagen eingebunden worden seye, um zu verhüten, dass sich -nicht alle in unsern Wäldern aufeinander-propfen.</p> - -<p>Die Sterilität der ersten Kreutzungen zwischen reinen Arten mit -vollkommenen Reproduktiv-Systemen scheint von verschiedenen Ursachen -abzuhängen: in einigen Fällen meistens von frühzeitigem Verderben -des Embryos. Die Unfruchtbarkeit der<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> Bastarde mit unvollkommenem -Reproduktions-Systeme und derjenigen wo dieses System so wie die -ganze Organisation durch Verschmelzung zweier Arten in eine gestört -worden ist, scheint nahe übereinzukommen mit derjenigen Sterilität, -welche so oft auch reine Spezies befällt, wenn ihre natürlichen -Lebens-Bedingungen gestört worden sind. Diese Betrachtungs-Weise -wird noch durch einen Parallelismus andrer Art unterstützt, indem -nämlich die Kreutzung nur wenig von einander abweichender Formen die -Kraft und Fruchtbarkeit der Nachkommenschaft befördert, wie geringe -Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen für Gesundheit und -Fruchtbarkeit aller organischen Wesen vortheilhaft sind. Es ist -nicht überraschend, dass der Grad der Schwierigkeit zwei Arten mit -einander zu befruchten und der Grad der Unfruchtbarkeit ihrer Bastarde -einander im Allgemeinen entsprechen, obwohl sie von verschiedenen -Ursachen herrühren; denn beide hängen von dem Maasse irgend welcher -Verschiedenheit zwischen den gekreutzten Arten ab. Eben so ist es nicht -überraschend, dass die Leichtigkeit eine erste Kreutzung zu bewirken, -die Fruchtbarkeit der daraus entsprungenen Bastarde und die Fähigkeit -wechselseitiger Aufeinanderpropfung, obwohl diese letzte offenbar -von weit verschiedenen Ursachen abhängt, alle bis zu einem gewissen -Grade parallel gehen mit der systematischen Verwandtschaft der Formen, -welche bei den Versuchen in Anwendung gekommen; denn „systematische -Affinität“ bezweckt alle Sorten von Ähnlichkeiten zwischen den Spezies -auszudrücken.</p> - -<p>Erste Kreutzungen zwischen Formen, die als Varietäten gelten oder -doch genügend von einander verschieden sind um dafür zu gehen, -und ihre Blendlinge sind zwar gewöhnlich, aber nicht (wie so oft -irrthümlich behauptet worden) ohne Ausnahme fruchtbar. Doch ist -diese gewöhnliche und vollkommene Fruchtbarkeit nicht befremdend, -wenn wir uns erinnern, wie leicht wir hinsichtlich der Varietäten im -Natur-Zustande in einen Zirkelschluss gerathen, und wenn wir uns ins -Gedächtniss rufen, dass die grössre Anzahl der Varietäten durch Kultur -mittelst Züchtung bloss nach äusseren Verschiedenheiten und nicht -nach solchen<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> im Reproduktiv-System hervorgebracht worden sind. In -allen andren Beziehungen, ausser der Fruchtbarkeit, ist eine allgemein -sehr grosse Ähnlichkeit zwischen Bastarden und Blendlingen. Endlich -scheinen mir die in diesem Kapitel kürzlich aufgezählten Thatsachen, -trotz unsrer völligen Unbekanntschaft mit den wirklichen Ursachen der -Unfruchtbarkeit nicht im Widerspruch, sondern in mehrfacher Hinsicht -im Einklang zu stehen mit der Ansicht, dass es keinen gründlichen -Unterschied zwischen Arten und Varietäten gibt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br /> - -<b>Unvollkommenheit der Geologischen Überlieferungen.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. — Natur -der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. — Länge der -Zeit-Perioden nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen. -— Armuth unsrer paläontologischen Sammlungen. — Entblössung -granitischer Boden-Flächen. — Unterbrechung geologischer -Formationen. — Abwesenheit der Mittel-Varietäten in allen -Formationen. — Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen. — Ihr -plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten.</p> - -<p>Im sechsten Kapitel habe ich die Haupteinreden aufgezählt, welche man -gegen die in diesem Bande aufgestellten Ansichten erheben könnte. Die -meisten derselben sind jetzt bereits erörtert worden. Darunter ist eine -allerdings von handgreiflicher Schwierigkeit: die der Verschiedenheit -der Art-Formen ohne wesentliche Verkettung durch zahllose -Übergangs-Formen. Ich habe die Ursachen nachgewiesen, warum solche -Glieder heutzutage unter den anscheinend für ihr Daseyn günstigsten -Umständen, namentlich auf ausgedehnten und zusammenhängenden Flächen -mit allmählich abgestuften physikalischen Bedingungen nicht gewöhnlich -zu finden sind. Ich versuchte zu zeigen, dass das Leben einer jeden -Art noch wesentlicher abhängt von der Anwesenheit gewisser andrer -organischer Formen, als vom Klima, und dass<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> daher die wesentlich -leitenden Lebens-Bedingungen sich nicht so allmählig abstufen, wie -Wärme und Feuchtigkeit. Ich versuchte ferner zu zeigen, dass mittle -Varietäten desswegen, weil sie in geringrer Anzahl als die von ihnen -verketteten Formen vorkommen, im Verlaufe weitrer Veränderung und -Vervollkommnung dieser letzten bald verdrängt werden. Die Hauptursache -jedoch, warum nicht in der ganzen Natur jetzt noch zahllose solche -Zwischenglieder vorkommen, liegt im Prozesse der natürlichen Züchtung, -wodurch neue Varietäten fortwährend die Stelle der Stamm-Formen -einnehmen und dieselben vertilgen. Aber gerade in dem Verhältnisse, wie -dieser Prozess der Vertilgung in ungeheurem Maasse thätig gewesen ist, -so muss auch die Anzahl der Zwischenvarietäten, welche vordem auf der -Erde vorhanden waren, eine wahrhaft ungeheure gewesen seyn. Doch woher -kömmt es dann, dass nicht jede Formation und jede Gesteins-Schicht -voll von solchen Zwischenformen ist? Die Geologie enthüllt uns -sicherlich nicht eine solche fein abgestufte Organismen-Reihe; und -Diess ist vielleicht die handgreiflichste und gewichtigste Einrede, -die man meiner Theorie entgegenhalten kann. Die Erklärung liegt aber, -wie ich glaube, in der äussersten Unvollständigkeit der geologischen -Überlieferungen.</p> - -<p>Zuerst muss man sich erinnern, was für Zwischenformen meiner Theorie -zufolge vordem bestanden haben müssten. Ich habe es schwierig -gefunden, wenn ich irgend welche zwei Arten betrachtete, unmittelbare -Zwischenformen zwischen denselben mir in Gedanken auszumalen. Es ist -Diess aber auch eine ganz falsche Ansicht; denn man hat sich vielmehr -nach Formen umzusehen, welche zwischen jeder der zwei Spezies und -einem gemeinsamen aber unbekannten Stammvater das Mittel halten; -und dieser Stammvater wird gewöhnlich von allen seinen Nachkommen -einigermaassen verschieden gewesen seyn. Ich will Diess mit einem -einfachen Beispiele erläutern. Die Pfauen-Taube und der Kröpfer leiten -beide ihren Ursprung von der Felstaube (C. livia) her; aber eine -unmittelbare Zwischen-Varietät zwischen Pfauen-Taube und Kropf-Taube -wird es nicht geben, keine z. B., die einen etwas ausgebreiteteren -Schwanz mit einem nur mässig<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> erweiterten Kropfe verbände, worin doch -eben die bezeichnenden Merkmale jener zwei Rassen liegen. Diese beiden -Rassen sind überdiess so sehr modifizirt worden, dass, wenn wir keinen -historischen oder indirekten Beweis über ihren Ursprung hätten, wir -unmöglich im Stande gewesen seyn würden durch blosse Vergleichung ihrer -Struktur zu bestimmen, ob sie aus der Felstaube (Columba livia) oder -einer andern ihr verwandten Art, wie z. B. Columba oenas, entstanden -seyen.</p> - -<p>So verhält es sich auch mit den natürlichen Arten. Wenn wir uns nach -sehr verschiedenen Formen umsehen, wie z. B. Pferd und Tapir, so -finden wir keinen Grund zu unterstellen, dass es jemals unmittelbare -Zwischenglieder zwischen denselben gegeben habe, wohl aber zwischen -jedem von beiden und irgend einem unbekannten Stamm-Vater. Dieser -gemeinsame Stamm-Vater wird in seiner ganzen Organisation viele -allgemeine Ähnlichkeit mit dem Tapir so wie mit dem Pferde besessen -haben; doch in einer und der andern Hinsicht auch von beiden -beträchtlich verschieden gewesen seyn, vielleicht in noch höherem -Grade, als beide jetzt unter sich sind. Daher wir in allen solchen -Fällen nicht im Stande seyn würden, die älterliche Form für irgend -welche zwei oder drei sich nahe-stehende Arten auszumitteln, selbst -dann nicht, wenn wir den Bau des Stamm-Vaters genau mit dem seiner -abgeänderten Nachkommen vergleichen, es seye denn, dass wir eine nahezu -vollständige Kette von Zwischengliedern dabei hätten.</p> - -<p>Es wäre nach meiner Theorie allerdings möglich, dass von zwei noch -lebenden Formen die eine von der andern abstammte, wie z. B. das Pferd -von Tapir, und in diesem Falle müsste es unmittelbare Zwischenglieder -zwischen denselben gegeben haben. Ein solcher Fall würde jedoch -voraussetzen, dass die eine der zwei Arten (der Tapir) sich eine sehr -lange Zeit hindurch unverändert erhalten habe, während ein Theil ihrer -Nachkommen sehr ansehnliche Veränderungen erfuhren. Aber das Princip -der Mitbewerbung zwischen Organismus und Organismus, zwischen Vater und -Sohn, wird diesen Fall nur sehr selten aufkommen<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> lassen; denn in allen -Fällen streben die neuen und verbesserten Lebens-Formen die alten und -unpassendern zu ersetzen.</p> - -<p>Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung stehen alle lebenden Arten -mit einer Stamm-Art ihrer Sippe in Verbindung durch Charaktere, deren -Unterschiede nicht grösser sind, als wir sie heutzutage zwischen -Varietäten einer Art sehen; diese jetzt gewöhnlich erloschenen -Stamm-Arten waren ihrerseits wieder in ähnlicher Weise mit älteren -Arten verkettet; und so immer weiter rückwärts, bis endlich alle -in einem gemeinsamen Vorgänger einer ganzen Ordnung oder Klasse -zusammentreffen. So muss daher die Anzahl der Zwischen- und -Übergangs-Glieder zwischen allen lebenden und erloschenen Arten ganz -unbegreiflich gross gewesen seyn. Aber, wenn diese Theorie richtig ist, -haben sie gewiss auf dieser Erde gelebt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Über die Zeitdauer.</em>) Unabhängig von der aus dem Mangel jener -endlosen Anzahl von Zwischengliedern hergenommenen Einrede könnte man -mir ferner entgegenhalten, dass die Zeit nicht hingereicht habe, ein -so ungeheures Maass organischer Veränderungen durchzuführen, weil -alle Abänderungen nur sehr langsam durch Natürliche Züchtung bewirkt -worden seyen. Es würde mir kaum möglich seyn, demjenigen Leser, welcher -kein praktischer Geologe ist, alle Thatsachen vorzuführen, welche uns -einigermaassen die unermessliche Länge der verflossenen Zeiträume zu -erfassen in den Stand setzen. Wer Sir C<span class="smaller">HARLES</span> -L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> grosses -Werk „<i>the Principles of Geology</i>“, welchem spätre Historiker -die Anerkennung eine grosse Umwälzung in den Natur-Wissenschaften -bewirkt zu haben nicht versagen werden, lesen kann und nicht sofort die -unbegreifliche Länge der verflossenen Erd-Perioden zugesteht, der mag -dieses Buch nur schliessen. Nicht als ob es genüge die <i>Principles -of Geology</i> zu studiren oder die Special-Abhandlungen verschiedner -Beobachter über einzelne Formationen zu lesen, deren jeder bestrebt -ist einen ungenügenden Begriff von der Entstehungs-Dauer einer jeden -Formation oder sogar jeder einzelnen Schicht zu geben. Jeder muss -vielmehr erst Jahre lang für sich selbst diese ungeheuren Stösse -übereinander gelagerter Schichten untersuchen und die See bei<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> der -Arbeit, wie sie alle Gesteins-Schichten unterwühlt und zertrümmert und -neue Ablagerungen daraus bildet, beobachtet haben, ehe er hoffen kann, -nur einigermaassen die Länge der Zeit zu begreifen, deren Denkmäler wir -um uns her erblicken.</p> - -<p>Es ist gut den See-Küsten entlang zu wandern, welche aus mässig -harten Fels-Schichten aufgebaut sind, und den Zerstörungs-Prozess zu -beobachten. Die Gezeiten erreichen diese Fels-Wände gewöhnlich nur auf -kurze Zeit zweimal am Tage, und die Wogen nagen sie nur aus, wenn sie -mit Sand und Geschieben beladen sind; denn es ist leicht zu beweisen, -dass reines Wasser Gesteine jeder Art nicht oder nur wenig angreift. -Zuletzt wird der Fuss der Fels-Wände unterwaschen, mächtige Massen -brechen zusammen, und die nun fest liegen bleiben werden, Atom um Atom -zerrieben, bis sie klein genug geworden, dass die Wellen sie zu rollen -und vollends in Geschiebe und Sand und Schlamm zu verarbeiten vermögen. -Aber wie oft sehen wir längs dem Fusse sich zurückziehender Klippen -gerundete Blöcke liegen, alle dick überzogen mit Meeres-Erzeugnissen, -welche beweisen, wie wenig sie durch Abreibung leiden und wie selten -sie umhergerollt werden! Überdiess, wenn wir einige Meilen weit eine -derartige Küsten-Wand verfolgen, welche der Zerstörung unterliegt, -so finden wir, dass es nur hier und da, auf kurze Strecken oder etwa -um ein Vorgebirge her der Fall ist, dass die Klippen jetzt leiden. -Die Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der auf ihnen erscheinende -Pflanzen-Wuchs beweisen, dass allenthalben Jahre verflossen sind, -seitdem die Wasser deren Fuss gewaschen haben.</p> - -<p>Wer die Thätigkeit des Meeres an unsren Küsten näher studirt hat, -der muss einen tiefen Eindruck in sich aufgenommen haben von der -Langsamkeit ihrer Zerstörung. Die trefflichen Beobachtungen von -H<span class="smaller">UGH</span> M<span class="smaller">ILLER</span> und von S<span class="smaller">MITH</span> von <i>Jordanhill</i> -sind vorzugsweise geeignet diese Überzeugung zu gewähren. Von -ihr durchdrungen möge Jeder die viele Tausend Fuss mächtigen -Konglomerat-Schichten untersuchen, welche, obschon wahrscheinlich in -rascherem Verhältnisse als so viele andere Ablagerungen gebildet, doch -nun an jedem der zahllosen abgeriebenen und gerundeten Geschiebe, -woraus sie bestehen, den Stempel einer<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> langen Zeit tragen und -vortrefflich zu zeigen geeignet sind, wie langsam diese Massen -zusammengehäuft worden seyn müssen. In den Cordilleren habe ich einen -Stoss solcher Konglomerat-Schichten zu zehntausend Fuss Mächtigkeit -geschätzt. Nun mag sich der Beobachter der wohl begründeten Bemerkung -L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> erinnern, dass die Dicke und Ausdehnung der -Sediment-Formationen Ergebniss und Maassstab der Abtragungen sind, -welche die Erd-Rinde an andern Stellen erlitten hat. Und was für -ungeheure Abtragungen werden durch die Sediment-Ablagerungen mancher -Gegenden vorausgesetzt! Professor R<span class="smaller">AMSAY</span> hat mir, meistens -nach wirklichen Messungen und geringentheils nach Schätzungen, die -Maasse der grössten unsrer Formationen aus verschiedenen Theilen -<i>Gross-Britanniens</i> in folgender Weise angegeben:</p> - -<table> - <tr> - <td> - <div class="left">Tertiäre Schichten</div> - </td> - <td> - <div class="center"> 2,240′</div> - </td> - <td rowspan="3"> - <img class="h3em vam" src="images/klammer.jpg" alt="" /> - </td> - <td rowspan="3"> - <div class="left vam">= 72,584′</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="left">Sekundär-Schichten</div> - </td> - <td> - <div class="center">13,190′</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <div class="left">Paläolithische Schichten</div> - </td> - <td> - <div class="center"> 57,154′</div> - </td> - </tr> -</table> - -<p class="p0">d. i. beinahe 13¾ <i>Englische</i> Meilen. Einige dieser -Formationen, welche in <i>England</i> nur durch dünne Lagen vertreten -sind, haben auf dem Kontinente Tausende von Fussen Mächtigkeit. -Überdiess sollen nach der Meinung der meisten Geologen zwischen je zwei -aufeinander-folgenden Formationen immer unermessliche leere Perioden -fallen. Wenn somit selbst jener ungeheure Stoss von Sediment-Schichten -in <i>Britannien</i> nur eine unvollkommene Vorstellung von der Zeit -gewährt, wie lang muss diese Zeit gewesen seyn! Gute Beobachter haben -die Sediment-Ablagerungen des grossen Mississippi-Stromes nur auf 600′ -Mächtigkeit in 100,000 Jahren berechnet. Diese Berechnung macht keinen -Anspruch auf grosse Genauigkeit. Wenn wir aber nun berücksichtigen, -wie ausserordentlich weit ganz feine Sedimente von den See-Strömungen -fortgetragen werden, so muss der Prozess ihrer Anhäufung über irgend -welche Erstreckung des See-Bodens äusserst langsam seyn.</p> - -<p>Doch scheint das Maass der Entblössung, welche die Schichten mancher -Gegenden erlitten, unabhängig von dem Verhältnisse der Anhäufung der -zertrümmerten Massen, die besten Beweise<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> für die Länge der Zeiten zu -liefern. Ich erinnere mich, von dem Beweise der Entblössungen in hohem -Grade betroffen gewesen zu seyn, als ich vulkanische Inseln sah, welche -rundum von den Wellen so abgewaschen waren, dass sie in 1000–2000′ -hohen Fels-Wänden senkrecht emporragten, während sich aus dem schwachen -Fall-Winkel, mit welchem sich die Lava-Ströme einst in ihrem flüssigen -Zustand herabgesenkt, auf den ersten Blick ermessen liess, wie weit -einstens die harten Fels-Lagen in den offnen Ozean hinausgereicht haben -müssen. Dieselbe Geschichte ergibt sich oft noch deutlicher durch -die mächtigen Rücken, jene grossen Gebirgs-Spalten, längs deren die -Schichten bis zu Tausenden von Fussen an einer Seite emporgestiegen -oder an der andern Seite hinabgesunken sind; denn seit dieser -senkrechten Verschiebung (gleichviel ob die Hebung plötzlich oder -allmählich und stufenweise erfolgt ist) ist die Oberfläche des Bodens -durch die Thätigkeit des Meeres wieder so vollkommen ausgeebnet worden, -dass keine Spur von dieser ungeheuren Verwerfung mehr äusserlich zu -erkennen ist.</p> - -<p>So erstreckt sich der <i>Craven</i>-Rücken z. B. 30 Englische Meilen -weit, und auf dieser ganzen Strecke sind die von beiden Seiten her -zusammenstossenden Schichten um 600′–3000′ senkrechter Höhe verworfen. -Professor R<span class="smaller">AMSAY</span> hat eine Senkung von 2300′ in <i>Anglesea</i> -beschrieben und benachrichtigt mich, dass er sich überzeugt hatte, -dass in <i>Merionetshire</i> eine von 12,000′ vorhanden seye. Und doch -verräth in diesen Fällen die Oberfläche des Bodens nichts von solchen -wunderbaren Bewegungen, indem die ganze anfangs auf der einen Seite -höher emporragende Schichten-Reihe bis zur Abebnung der Oberfläche -weggespült worden ist. Die Betrachtung dieser Thatsachen macht auf -mich denselben Eindruck, wie das vergebliche Ringen des Geistes um den -Gedanken der Ewigkeit zu erfassen.</p> - -<p>Ich habe diese wenigen Bemerkungen gemacht, weil es für uns von -höchster Wichtigkeit ist, eine wenn auch unvollkommene Vorstellung von -der Länge verflossener Erd-Perioden zu haben. Und jedes Jahr während -der ganzen Dauer dieser Perioden war die Erd-Oberfläche, waren Land und -Wasser von Schaaren<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> lebender Formen bevölkert. Was für eine endlose, -dem Geiste unerfassliche Anzahl von Generationen muss, seitdem die Erde -bewohnt ist, schon aufeinander gefolgt seyn! Und sieht man nun unsre -reichsten geologischen Sammlungen an, — welche armselige Schaustellung -davon!</p> - -<p><em class="gesperrt">Armuth paläontologischer Sammlungen.</em>) Jedermann gibt die -ausserordentliche Unvollständigkeit unsrer paläontologischen -Sammlungen zu. Überdiess sollte man die Bemerkung des vortrefflichen -Paläontologen, des verstorbnen E<span class="smaller">DWARD</span> F<span class="smaller">ORBES</span>, nicht vergessen, -dass eine Menge unsrer fossilen Arten nur nach einem einzigen oft -zerbrochenen Exemplare oder nur wenigen auf einem kleinen Fleck -beisammen gefundenen Individuen bekannt und benannt sind. Nur ein -kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht und noch -keiner mit erschöpfender Genauigkeit erforscht, wie die noch jährlich -in <i>Europa</i> aufeinanderfolgenden wichtigen Entdeckungen beweisen. -Kein ganz weicher Organismus ist Erhaltungs-fähig. Selbst Schaalen -und Knochen zerfallen und verschwinden auf dem Boden des Meeres, wo -sich keine Sedimente anhäufen. Ich glaube, dass wir beständig in einem -grossen Irrthum begriffen sind, wenn wir uns der stillen Ansicht -überlassen, dass sich Niederschläge fortwährend auf fast der ganzen -Erstreckung des See-Grundes in genügendem Maasse bilden, um die zu -Boden sinkenden organischen Stoffe zu umhüllen und zu erhalten. Auf -eine ungeheure Ausdehnung des Ozeans spricht die klar blaue Farbe -seines Wassers für dessen Reinheit. Die vielen Berichte von mehren -in gleichförmiger Lagerung aufeinander-folgenden Formationen, deren -keine auch nur Spuren aufrichtender, zerreissender oder abwaschender -Thätigkeit an sich trägt, scheinen nur durch die Ansicht erklärbar -zu seyn, dass der Boden des Meeres oft eine unermessliche Zeit in -völlig unveränderter Lage bleibt. Die Reste, welche in Sand und -Kies eingebettet worden, werden gewöhnlich von Kohlensäure-haltigen -Tage-Wassern wieder aufgelöst, welche den Boden nach seiner Emporhebung -über den Meeres-Spiegel zu durchsinken beginnen.</p> - -<p>Einige von den vielen Thier-Arten, welche zwischen Ebbe- und<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> Fluth-Stand -des Meeres am Strande leben, scheinen sich nur selten fossil zu -erhalten. Einige von den manchfaltigen Thier-Arten, welche am Strande -zwischen Hoch- und Tief-Wasserstand leben, scheinen sich nur selten zu -erhalten. So z. B. überziehen in aller Welt zahllose Chthamalinen (eine -Familie der sitzenden Cirripeden) die dort gelegenen Klippen. Alle sind -im strengen Sinne litoral, mit Ausnahme einer einzigen mittelmeerischen -Art, welche dem tiefen Wasser angehört und auch in <i>Sicilien</i> -fossil gefunden worden ist, während man fast noch keine tertiäre Art -kennt und aus der Kreide-Zeit noch keine Spur davon vorliegt. Die -Mollusken-Sippe Chiton bietet ein theilweise analoges Beispiel dar<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>.</p> - -<p>Hinsichtlich der Land-Bewohner, welche in der paläolithischen und -sekundären Zeit gelebt, ist es überflüssig darzuthun, dass unsre -Kenntnisse höchst fragmentarisch sind. So ist z. B. nicht eine -Landschnecke aus einer dieser langen Perioden bekannt, mit Ausnahme -der von Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> und Dr. D<span class="smaller">AWSON</span> in den -Kohlen-Schichten <i>Nord-Amerika’s</i> entdeckten Art, wovon jetzt -über hundert Exemplare gesammelt sind. Was die Säugthier-Reste -betrifft, so ergibt ein Blick auf die Tabelle im Supplement zu -L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> Handbuch weit besser, wie zufällig und selten ihre -Erhaltung seye, als Seiten-lange Einzelnheiten, und doch kann ihre -Seltenheit keine Verwunderung erregen, wenn wir uns erinnern, was für -ein grosser Theil der tertiären Reste derselben aus Knochen-Höhlen und -Süsswasser-Ablagerungen herrühren, während nicht eine Knochen-Höhle -und ächte Süsswasser-Schicht vom Alter unsrer paläolithischen und -sekundären Formationen bekannt ist.</p> - -<p>Aber die Unvollständigkeit der geologischen Nachrichten rührt -hauptsächlich von einer andren und weit wichtigeren Ursache her, als -irgend eine der vorhin angegebenen ist, dass nämlich die verschiedenen -Formationen durch lange Zeiträume von einander getrennt sind. Auf diese -Behauptung ist von<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> manchen Geologen und Paläontologen, welche mit -E. F<span class="smaller">ORBES</span> nicht an eine Veränderlichkeit der Arten glauben -mögen, grosser Nachdruck gelegt worden. Wenn wir die Formationen in -wissenschaftlichen Werken in Tabellen geordnet finden, oder wenn -wir sie in der Natur verfolgen, so können wir uns nicht wohl der -Überzeugung verschliessen, dass sie nicht unmittelbar auf einander -gefolgt sind. So wissen wir z. B. aus Sir R. M<span class="smaller">URCHISONS</span> -grossem Werke über <i>Russland</i>, dass daselbst weite Lücken zwischen -den aufeinanderliegenden Formationen bestehen; und so ist es auch in -<i>Nord-Amerika</i> und vielen andern Weltgegenden. Und doch würde der -beste Geologe, wenn er sich nur mit einem dieser weiten Länder-Gebiete -allein beschäftigt hätte, nimmer vermuthet haben, dass während dieser -langen Perioden, aus welchen in seiner eignen Gegend kein Denkmal -übrig ist, sich grosse Schichten-Stösse voll neuer und eigenthümlicher -Lebenformen anderweitig auf einander gehäuft haben. Und wenn man sich -in jeder einzelnen Gegend kaum eine Vorstellung von der Länge der -Zwischenzeiten zu machen im Stande ist, so wird man glauben, dass Diess -nirgends möglich seye. Die häufigen und grossen Veränderungen in der -mineralogischen Zusammensetzung aufeinander-folgender Formationen, -welche gewöhnlich auch grosse Veränderungen in der geographischen -Beschaffenheit des umgebenden Landes unterstellen lassen, aus welchem -das Material zu diesen Niederschlägen entnommen ist, stimmen mit -der Annahme langer zwischen den einzelnen Formationen verflossener -Zeiträume überein.</p> - -<p>Doch kann man, wie ich glaube, leicht einsehen, warum die geologischen -Formationen jeder Gegend fast unabänderlich überall unterbrochen sind, -d. h. sich nicht ohne Zwischenpausen abgelagert haben. Kaum hat eine -Thatsache bei Untersuchung viele Hundert Meilen langer Strecken der -<i>Süd-Amerikanischen</i> Küsten, die in der jetzigen Periode einige -hundert Fuss hoch emporgehoben worden sind, einen lebhafteren Eindruck -auf mich gemacht als die Abwesenheit aller neueren Ablagerungen von -hinreichender Entwickelung, um auch nur für eine kurze geologische -Periode zu gelten. Längs der ganzen West-Küste, die von<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> einer -eigenthümlichen Meeres-Fauna bewohnt wird, sind die Tertiär-Schichten -so spärlich entwickelt, dass wahrscheinlich kein Denkmal von -verschiedenen aufeinander-folgenden Meeres-Faunen für spätre Zeiten -erhalten bleiben wird. Ein wenig Nachdenken erklärt es uns, warum längs -der fortwährend höher steigenden West-Küste <i>Süd-Amerikas</i> keine -ausgedehnten Formationen mit neuen oder mit tertiären Resten irgendwo -zu finden sind, obwohl nach den ungeheuren Abtragungen der Küsten-Wände -und den Schlamm-reichen Flüssen zu urtheilen, die sich dort in das Meer -ergiessen, die Zuführung von Sedimenten lange Perioden hindurch eine -sehr grosse gewesen seyn muss. Die Erklärung liegt ohne Zweifel darin, -dass die litoralen und sublitoralen Ablagerungen beständig wieder -weggewaschen werden, sobald sie durch die langsame oder stufenweise -Hebung des Landes in den Bereich der zerstörenden Brandung gelangen.</p> - -<p>Wir dürfen wohl mit Sicherheit schliessen, dass Sediment in ungeheuer -dicken harten und ausgedehnten Massen angehäuft worden seyn müsse, -um während der ersten Emporhebung und der späteren Schwankungen des -Niveaus der ununterbrochnen Thätigkeit der Wogen zu widerstehen. Solche -dicke und ausgedehnte Sediment-Ablagerungen können auf zweierlei Weise -gebildet werden; entweder in grossen Tiefen des Meeres, in welchem -Falle wir nach den Untersuchungen von E. F<span class="smaller">ORBES</span> annehmen -müssen, dass der See-Grund nur von sehr wenigen Thieren bewohnt seye, -obwohl er, wie sich aus den Telegraphen-Sondirungen erwiesen, nicht -ganz ohne Leben ist, daher die Massen nach ihrer Emporhebung nur eine -sehr unvollkommene Vorstellung von den zur Zeit ihrer Ablagerung dort -vorhanden gewesenen Lebenformen gewähren können; — oder die Sedimente -werden über einen seichten Grund zu einiger Dicke und Ausdehnung -angehäuft, wenn er in langsamer Senkung begriffen ist. In diesem -letzten Falle bleibt das Meer so lange seicht und dem Thier-Leben -günstig, als Senkung des Bodens und Zufuhr der Niederschläge einander -nahezu das Gleichgewicht halten; so dass auf diese Weise eine -hinreichend dicke Fossilien-reiche Formation<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> entstehen kann, um bei -ihrer spätren Emporhebung jedem Grade von Zerstörung zu widerstehen.</p> - -<p>Ich bin demgemäss überzeugt, dass alle unsre alten Formationen, welche -reich an fossilen Resten sind, bei ausdauernder Senkung abgelagert -worden sind. Seitdem ich im Jahr <i>1845</i> meine Ansichten in dieser -Beziehung bekannt gemacht, habe ich die Fortschritte der Geologie -verfolgt und mit Überraschung wahrgenommen, wie ein Schriftsteller -nach dem andern bei Beschreibung dieser oder jener grossen Formation -zum Schlusse gelangt ist, dass sie sich während der Senkung des -Bodens gebildet habe. Ich will hinzufügen, dass die einzige alte -Tertiär-Formation an der West-Küste <i>Süd-Amerikas</i>, die mächtig -genug war um der bisherigen Zerstörung nicht zu widerstehen, aber wohl -schwerlich bis zu fernen geologischen Zeiten auszudauern im Stande -ist, sich gewiss während der Senkung des Bodens gebildet und so eine -ansehnliche Mächtigkeit erlangt hat.</p> - -<p>Alle geologischen Thatsachen zeigen uns deutlich, dass jedes Gebiet -der Erd-Oberfläche viele langsame Niveau-Schwankungen durchzumachen -hatte, und alle diese Schwankungen sind zweifelsohne von weiter -Erstreckung gewesen. Demzufolge müssen Fossilien-reiche und genügend -entwickelte Bildungen, um späteren Abtragungen zu widerstehen, während -der Senkungs-Perioden über weit-ausgedehnte Flächen entstanden seyn, -doch nur so lange, als die Zufuhr von Materialien stark genug war, -um die See seicht zu erhalten und die fossilen Reste schnell genug -einzuschichten und zu schützen, ehe sie Zeit hatten zu zerfallen. -Dagegen konnten sich mächtige Schichten auf seichtem und dem Leben -günstigem Grunde so lange nicht bilden, als derselbe stet blieb. Viel -weniger konnte Diess während wechselnder Perioden von Hebung und -Senkung geschehen, oder, um mich genauer auszudrücken, die Schichten, -welche während solcher Senkungen abgelagert wurden, müssen bei -nachfolgender Hebung wieder in den Bereich der Brandung versetzt und so -zerstört worden seyn.</p> - -<p>Diese Bemerkungen beziehen sich hauptsächlich auf Litoral-Ablagerungen. -In einem weiten und seichten Meere dagegen,<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> wie im <i>Malayischen</i> -Archipel, wo die Tiefe nur von 30 oder 40 bis zu 60 Faden wechselt, -dürfte während der Zeit der Erhebung eine weit ausgedehnte Formation -entstehen, und auch durch Entblössung nicht sonderlich leiden. Aber -diese Formation dürfte nicht mächtig seyn, da sie der Tiefe des -seichten Meeres bei weitem nicht gleichkommen kann; sie dürfte nicht -fest noch von späteren Bildungen überlagert seyn, so dass sie bei -späteren Boden-Schwankungen wahrscheinlich bald ganz verschwinden -würden. H<span class="smaller">OPKINS</span> hat behauptet, dass, wenn ein Theil der -Bodenfläche nach ihrer Hebung und vor ihrer Entblössung wieder -sinke, die während der Hebung entstandene, wenn auch gering mächtige -Ablagerung durch spätre Niederschläge geschützt werden dürfte, und -so für eine sehr lange Zeit-Periode erhalten werden könnte. Ich -habe diesen Satz bei meinen früheren Betrachtungen übersehen. Bei -Erörterung dieses Gegenstandes sagt H<span class="smaller">OPKINS</span> dann weiter, -dass er die gänzliche Zerstörung von Sediment-Schichten von grosser -wagrechter Erstreckung für etwas seltenes halte. Meine Bemerkungen -beziehen sich bloss auf Fossilien-reiche Schichten, insoferne ich -glaube annehmen zu dürfen, dass in sehr dicken und harten Schichten -oder in weit-erstreckten Massen abgelagerte Niederschläge nicht leicht -gänzlicher Fortwaschung unterliegen. Es handelt sich hier nämlich -um die Frage: ob weit ausgedehnte und an organischen Resten reiche -Bildungen von grosser und einem langen Zeit-Abschnitte entsprechender -Mächtigkeit während einer Senkungs-Periode entstehen können. Meine -Ansicht ist, dass Diess nur selten der Fall seyn dürfte. Da die Frage -von der gänzlichen Entblössung durch H<span class="smaller">OPKINS</span> aufgebracht -worden, so will ich bemerken, dass wohl alle Geologen, mit Ausnahme -der wenigen, welche in den metamorphischen Schiefern und plutonischen -Gesteinen noch den glühenden Primordial-Kern der Erde erblicken, auch -annehmen werden, dass von dem Gesteine dieser Beschaffenheit grosse -Massen abgewaschen worden sind. Denn es ist nicht wohl denkbar, dass -diese Gesteine in unbedecktem Zustande sollten krystallisirt und -gehärtet worden seyn, hätte aber die metamorphosirende Thätigkeit -in grossen Tiefen des Ozeans eingewirkt, so brauchte der frühere -Mantel nicht dick<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> gewesen zu seyn. Unterstellt man aber, dass solche -Gesteine wie Gneiss, Glimmerschiefer, Granit, Diorit u. s. w. einmal -bedeckt gewesen sind, wie lassen sich dann die weiten nackten Flächen, -welche diese Gesteine in so vielen Weltgegenden darbieten, anders -erklären, als durch die Annahme einer späteren Entblössung von allen -überlagernden Schichten? Dass solche ausgedehnte granitische Gebiete -bestehen, unterliegt keinem Zweifel. Die granitische Region von -<i>Parime</i> ist nach H<span class="smaller">UMBOLDT</span> wenigstens 19mal so gross -als die <i>Schweitz</i>. Im Süden des <i>Amazonen</i>-Stromes zeigt -B<span class="smaller">OUÉ</span>’<span class="smaller">S</span> Karte eine aus solchen Gesteinen zusammengesetzte -Fläche so gross wie <i>Spanien</i>, <i>Frankreich</i>, <i>Italien</i>, -<i>Grossbritannien</i> und ein Theil von <i>Deutschland</i> -zusammengenommen. Diese Gegend ist noch nicht genau untersucht worden, -aber nach dem übereinstimmenden Zeugniss der Reisenden muss dieses -granitische Gebiet sehr gross seyn. von E<span class="smaller">SCHWEGE</span> gibt einen -detaillirten Durchschnitt desselben, der sich vom <i>Rio de Janeiro</i> -an in gerader Linie 260 geographische Meilen weit einwärts erstreckt, -und ich selbst habe ihn 150 Meilen weit in einer andern Richtung -durchschnitten, ohne ein anderes Gestein als Granit zu sehen. Viele -längs der ganzen 1100 geographische Meilen langen Küste von <i>Rio de -Janeiro</i> bis zur <i>Plata</i>-Mündung gesammelte Handstücke, die -man mir gezeigt, gehörten sämmtlich dieser Klasse an. Landeinwärts -sah ich längs des ganzen nördlichen Ufers des <i>Plata</i>-Stromes, -abgesehen von jung-tertiären Gebilden, nur noch einen kleinen Fleck -mit schwach metamorphischen Gesteinen, der als Rest der früheren Hülle -der granitischen Bildungen hätte gelten können. Wenden wir uns von -da zu den besser bekannten Gegenden der <i>Vereinten Staaten</i> und -<i>Canadas</i>. Indem ich aus H. D. R<span class="smaller">OGER</span>’<span class="smaller">S</span> schöner Karte -die den genannten Formationen entsprechend kolorirten Papier-Stücke -herausschnitt und wog, fand ich, dass die metamorphischen (ohne die -halb-metamorphischen) und granitischen Gesteine im Verhältnisse von -190 : 125 die ächte dort so mächtig entwickelte Kohlen-Formation in -Verbindung mit der Umbral-Reihe übertrifft, welche mit einander die -ganze jüngere Paläolithen-Formation zusammensetzen. In vielen Gegenden -würden die metamorphischen und granitischen Bezirke<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> natürlich sehr -ansehnlich an Ausdehnung zunehmen, wenn man alle ihnen ungleichförmig -aufgelagerten und an der Auflagerungs-Fläche nicht metamorphosirten -und daher nicht zum ursprünglichen Mantel gehörigen Sediment-Schichten -von ihnen abhöbe. Somit ist es also wahrscheinlich, dass in manchen -Weltgegenden ganze mindestens den Haupttheilen der aufeinanderfolgenden -geologischen Perioden entsprechende Formationen spurlos fortgewaschen -worden sind.</p> - -<p>Eine Bemerkung ist hier noch der Erwähnung werth. Während der -Erhebungs-Zeiten wird die Ausdehnung des Landes und der angrenzenden -seichten Meeres-Strecken vergrössert, und werden oft neue Arten von -Wohnorten gebildet. Alles für die Bildung neuer Arten und Varietäten, -wie früher bemerkt worden, günstige Umstände; aber gerade während -diesen Perioden bleiben Lücken im geologischen Berichte. Während der -Senkung dagegen nimmt die bewohnbare Fläche und die Anzahl der Bewohner -ab (die der Küsten-Bewohner etwa in dem Falle ausgenommen, dass ein -Kontinent in Insel-Gruppen zerfällt wird), daher während der Senkung -nicht nur mehr Arten erlöschen, sondern auch wenige Varietäten und -Arten entstehen; und gerade während solcher Senkungs-Zeiten sind unsre -grossen Fossilien-reichen Schichten-Massen abgelagert worden. Man -möchte sagen, die Natur habe die häufige Entdeckung der Übergangs- und -verkettenden Formen erschweren wollen.</p> - -<p>Nach den vorangehenden Betrachtungen ist es nicht zu bezweifeln, dass -der geologische Schöpfungs-Bericht im Ganzen genommen ausserordentlich -unvollständig ist; wenn wir aber dann unsre Aufmerksamkeit auf -irgend eine einzelne Formation beschränken, so ist es noch schwerer -zu begreifen, warum wir nicht enge aneinander-gereihete Abstufungen -zwischen denjenigen Arten finden, welche am Anfang und am Ende ihrer -Bildung gelebt haben. Es wird zwar von einigen Fällen berichtet, wo -eine Art in andern Varietäten in den obern als in den untern Theilen -derselben Formation auftritt; doch mögen sie hier übergangen werden, -da ihrer nur wenige sind. Obwohl nun jede Formation ohne allen Zweifel -eine lange Reihe von Jahren zu ihrer Ablagerung<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> bedurft hat, so -glaube ich doch verschiedene Gründe zu erkennen, warum sich solche -Stufen-Reihen zwischen den zuerst und den zuletzt lebenden Arten nicht -darin vorfinden; doch kann ich kaum hoffen den folgenden Betrachtungen -die ihnen gebührende Berücksichtigung zuzuwenden.</p> - -<p>Obwohl jede Formation einer sehr langen Reihe von Jahren entspricht, -so ist doch jede kurz im Vergleiche mit der zur Umänderung einer -Art in die andre erforderlichen Zeit. Nun weiss ich wohl, dass zwei -Paläontologen, deren Meinungen wohl der Beachtung werth sind, nämlich -B<span class="smaller">RONN</span><a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> und W<span class="smaller">OODWARD</span>, zum Schlusse gelangt sind, -dass die mittle Dauer einer jeden Formation zwei- bis drei-mal so lang, -als die mittle Dauer einer Art-Form ist. Indessen hindern uns, wie -mir scheint, unübersteigliche Schwierigkeiten in dieser Hinsicht zu -einem richtigen Schlusse zu gelangen. Wenn wir eine Art in der Mitte -einer Formation zum ersten Male auftreten sehen, so würde es äusserst -übereilt seyn zu schliessen, dass sie nicht irgendwo anders schon -länger existirt haben könne. Eben so, wenn wir eine Art schon vor den -letzten Schichten einer Formation verschwinden sehen, würde es übereilt -seyn anzunehmen, dass sie schon völlig erloschen seye. Wir vergessen, -wie klein die Ausdehnung <i>Europa’s</i> im Vergleich zur übrigen Welt -ist; auch sind die verschiedenen Stöcke der einzelnen Formationen -noch nicht durch ganz <i>Europa</i> mit vollkommener Genauigkeit -parallelisirt worden.</p> - -<p>Bei allen Sorten von Seethieren können wir getrost annehmen, dass in -Folge von klimatischen u. a. Veränderungen massenhafte und ausgedehnte -Wanderungen stattgefunden haben; und wenn wir eine Art zum ersten Male -in einer Formation auftreten sehen, so liegt die Wahrscheinlichkeit -vor, dass sie eben da erst von einer andern Gegend her eingewandert -seye. So ist es z. B. wohl bekannt, dass einige Thier-Arten in den -paläolithischen Bildungen <i>Nord-Amerika’s</i> etwas früher als in -den <i>Europäischen</i> auftreten, indem sie zweifelsohne Zeit nöthig -hatten,<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> um die Wanderung von <i>Amerika</i> nach <i>Europa</i> zu -machen. Bei Untersuchungen der neuesten Ablagerungen in verschiedenen -Weltgegenden ist überall die Wahrnehmung gemacht worden, dass einige -wenige noch lebende Arten in diesen Ablagerungen häufig, aber in -den unmittelbar umgebenden Meeren verschwunden sind, oder dass -umgekehrt einige jetzt in den benachbarten Meeren häufige Arten -und jener Ablagerungen noch selten oder gar nicht zu finden sind. -Es ist aber lehrreich über den erwiesenen Umfang der Wanderungen -<i>Europäischer</i> Thiere während der Eis-Zeit nachzudenken, welche -doch nur einen kleinen Theil der ganzen geologischen Zeitdauer -ausmacht, so wie die grosser Niveau-Veränderungen, die aussergewöhnlich -grossen Klima-Wechsel, die unermessliche Länge der Zeiträume in -Erwägung zu ziehen, welche alle mit dieser Eis-Periode zusammen fallen. -Dann dürfte zu bezweifeln seyn, dass sich in irgend einem Theile der -Welt Sediment-Ablagerungen, <em class="gesperrt">welche fossile Reste enthalten</em>, -auf dem gleichen Gebiete während der ganzen Dauer dieser Periode -abgelagert haben. So ist es z. B. nicht wahrscheinlich, dass während -der ganzen Dauer der Eis-Periode Sediment-Schichten an der Mündung -des <i>Mississippi</i> innerhalb derjenigen Tiefe, worin Thiere noch -reichlich leben können, abgelagert worden seyen; denn wir wissen, -was für ausgedehnte geographische Veränderungen während dieser Zeit -in andern Theilen von <i>Amerika</i> erfolgt sind. Würden solche -während der Eis-Periode in seichtem Wasser an der Mississippi-Mündung -abgelagerte Schichten einmal über den See-Spiegel gehoben werden, -so würden organische Reste wahrscheinlich in verschiedenen Niveaus -derselben zuerst erscheinen und wieder verschwinden, je nach den -stattgefundenen Wanderungen der Arten und den geographischen -Veränderungen des Landes. Und wenn in ferner Zukunft ein Geologe diese -Schichten untersuchte, so möchte er zu schliessen geneigt seyn, dass -die mittle Lebens-Dauer der dort eingebetteten Organismen-Arten kürzer -als die Eis-Periode gewesen seye, obwohl sie in der That viel länger -war, indem sie vor dieser begonnen und bis in unsre Tage gewährt hat.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p> - -<p>Um nun eine vollständige Stufen-Reihe zwischen zwei Formen in den -untern und obern Theilen einer Formation darbieten zu können, müsste -deren Ablagerung sehr lange Zeit fortgedauert haben, um dem langsamen -Prozess der Variation Zeit zu lassen; die Schichten-Masse müsste daher -von sehr ansehnlicher Mächtigkeit seyn; die in Abänderung begriffenen -Spezies müssten während der ganzen Zeit da gelebt haben. Wir haben -jedoch gesehen, dass die organische Reste enthaltenden Schichten -sich nur während einer Periode der Senkung ansammeln, damit nun die -Tiefe sich nahezu gleich bleibe und dieselben Thiere fortdauernd an -derselben Stelle wohnen können, wäre ferner nothwendig, dass die Zufuhr -von Sedimenten die Senkung fortwährend wieder ausgleiche. Aber eben -diese senkende Bewegung wird oft auch die Nachbargegend mit berühren, -aus welcher jene Zufuhr erfolgt, und eben dadurch die Zufuhr selbst -vermindern. Eine solche nahezu genaue Ausgleichung zwischen der Stärke -der stattfindenden Senkung und dem Betrag der zugeführten Sedimente mag -in der That nur selten vorkommen; denn mehr als ein Paläontologe hat -beobachtet, dass sehr dicke Ablagerungen ausser an ihren oberen und -unteren Grenzen gewöhnlich leer an Versteinerungen sind.</p> - -<p>Wahrscheinlich ist die Bildung einer jeden einzelnen Formation -gewöhnlich eben so wie die der ganzen Formationen-Reihe einer Gegend -mit Unterbrechungen vor sich gegangen. Wenn wir, wie es oft der Fall, -eine Formation aus Schichten von verschiedener Mineral-Beschaffenheit -zusammengesetzt sehen, so müssen wir vernünftiger Weise vermuthen, -dass der Ablagerungs-Prozess sehr unterbrochen gewesen seye, indem -eine Veränderung in den See-Strömungen und eine Änderung in der -Beschaffenheit der zugeführten Sedimente gewöhnlich von geographischen -Bewegungen, welche viele Zeit kosten, veranlasst worden seyn mag. -Nun wird auch die genaueste Untersuchung einer Formation keinen -Maassstab liefern, um die Länge der Zeit zu messen, welche über ihre -Ablagerung vergangen ist. Man könnte viele Beispiele anführen, wo -eine einzelne nur wenige Fuss dicke Schicht eine ganze Formation -vertritt, die in andren Gegenden<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Tausende von Fussen mächtig ist -und mithin eine ungeheure Länge der Zeit zu ihrer Bildung bedurft -hat; und doch würde Niemand, der Diess nicht weiss, auch nur geahnt -haben, welch’ eine unermessliche Zeit über der Entstehung jener dünnen -Schicht verflossen ist. So liessen sich auch viele Fälle anführen, wo -die untern Schichten einer Formation emporgehoben, entblösst, wieder -versenkt und dann von den oberen Schichten der nämlichen Formation -bedeckt worden sind, Thatsachen, welche beweisen, dass weite leicht -zu übersehende Zwischenräume während der Ablagerung vorhanden gewesen -sind. In andern Fällen liefert uns eine Anzahl grosser fossilisirter -und noch auf ihrem natürlichen Boden aufrecht stehender Bäume den -klaren Beweis von mehren langen Pausen und wiederholten Höhen-Wechseln -während des Ablagerungs-Prozesses, wie man sie ausserdem nie hätte -vermuthen können. So fanden L<span class="smaller">YELL</span> und D<span class="smaller">AWSON</span> in -einem 1400′ mächtigen Kohlen-Gebirge <i>Neu-Schottlands</i> noch -alle von Baum-Wurzeln durchzogenen Boden-Schichten, eine über der -andern in nicht weniger als 68 verschiedenen Höhen. Wenn daher die -nämliche Art unten, mitten und oben in der Formation vorkommt, so -ist Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass sie nicht während der ganzen -Ablagerungs-Zeit immer an dieser Stelle gelebt hat, sondern während -derselben, vielleicht mehrmals, dort verschwunden und wieder erschienen -ist. Wenn daher eine solche Spezies im Verlaufe einer geologischen -Periode beträchtliche Umänderungen erfahren, so würde ein Durchschnitt -durch jene Schichten-Reihe wahrscheinlich nicht alle die feinen -Abstufungen zu Tage fördern, welche nach meiner Theorie die Anfangs- -mit der End-Form jener Art verkettet haben müssen; man würde vielmehr -sprungweise, wenn auch vielleicht nur kleine, Veränderungen zu sehen -bekommen.</p> - -<p>Es ist nun äusserst wichtig sich zu erinnern, dass die Naturforscher -keine goldene Regel haben, um mit deren Hilfe Arten von Varietäten zu -unterscheiden. Sie gestehen jeder Art einige Veränderlichkeit zu; wenn -sie aber etwas grössre Unterschiede zwischen zwei Formen wahrnehmen, -so machen sie Arten daraus, wofern sie nicht etwa im Stande sind -dieselben durch Zwischenstufen<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> miteinander zu verketten. Und diese -dürfen wir nach den zuletzt angegebenen Gründen selten hoffen, in einem -geologischen Durchschnitte zu finden. Nehmen wir an, B und C seyen -zwei Arten, und eine dritte A werde in einer tieferen und älteren -Schicht gefunden. Hielte nun A genau das Mittel zwischen B und C, so -würde man sie wohl einfach als eine weitere dritte Art ansehen, wenn -nicht ihre Verkettung mit einer von beiden oder mit beiden andern -durch Zwischenglieder nachgewiesen werden kann. Nun muss man nicht -vergessen, dass, wie vorhin erläutert worden, wenn A auch der wirkliche -Stamm-Vater von B und C ist, derselbe doch nicht in allen Punkten -der Organisation nothwendig das Mittel zwischen beiden halten muss. -So können wir denn sowohl die Stammart als auch die von ihr durch -Umwandlung abgeleiteten Formen aus den untern und obern Schichten einer -Formation erhalten und doch vielleicht in Ermangelung zahlreicher -Übergangs-Stufen ihre Beziehungen zu einander nicht erkennen, sondern -alle für eigenthümliche Arten ansehen.</p> - -<p>Es ist eine bekannte Sache, auf was für äusserst kleine Unterschiede -manche Paläontologen ihre Arten gründen, und sie können Diess -auch um so leichter thun, wenn ihre wenig verschiedenen Exemplare -aus verschiedenen Stöcken einer Formation herrühren. Einige -erfahrene Paläontologen setzen jetzt viele von den schönen Arten -<span class="smaller">D</span>’O<span class="smaller">RBIGNY</span>’<span class="smaller">S</span> u. A. zum Rang blosser Varietäten herunter, -und darin finden wir eine Art von Beweis für die Abänderungs-Weise, -welche nach meiner Theorie stattfinden muss. Berücksichtigen wir die -jüngst-tertiären Ablagerungen mit so vielen Weichthier-Arten, welche -die Mehrzahl der Naturforscher für identisch mit noch lebenden Arten -hält, während andre, wie A<span class="smaller">GASSIZ</span> und P<span class="smaller">ICTET</span>, sie alle -für von diesen letzten verschiedene Spezies erklären, wenn auch die -Unterschiede nur sehr gering seyn mögen. Mögen wir nun den Einen oder -den Andern Recht geben, so wird dieser Fall doch immerhin als Beleg für -eine ganz allmähliche Umgestaltung der Formen dienen können, wie er -oben verlangt worden ist. Wenn wir überdiess grössre Zeit-Unterschiede -den aufeinander folgenden Stöcken einer nämlichen<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> grossen Formation -entsprechend berücksichtigen, so finden wir, dass die ihnen angehörigen -Fossil-Reste, wenn auch gewöhnlich allgemein als verschiedene Arten -betrachtet, doch immerhin näher mit einander verwandt zu seyn pflegen, -als die in weit getrennten Formationen enthaltenen Arten; so dass wir -hier zwar einen unzweifelhaften Beleg eines stattgefundenen Wechsels, -wenn auch keinen strengen Beweis einer Umänderung der Formen nach -Maassgabe meiner Theorie erhalten. Doch werde ich auf diesen Gegenstand -im folgenden Abschnitte zurückkommen.</p> - -<p>So ist auch noch eine andre schon früher gemachte Bemerkung zu -berücksichtigen, dass nämlich die Varietäten von Pflanzen wie von -Thieren, welche sich rasch vervielfältigen, aber ihre Stelle nicht viel -ändern können, anfangs gewöhnlich lokal seyn werden, und dass solche -örtliche Varietäten sich nicht weit verbreiten und ihre Stamm-Formen -erst ersetzen, wenn sie sich in einem etwas grössren Maasse verändert -und vervollkommnet haben. Nach dieser Annahme ist die Aussicht, die -früheren Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei Arten einer -Formation auf einer Stelle in übereinander-folgenden Schichten zu -finden, nur klein, weil vorauszusetzen ist, dass die einzelnen -Übergangs-Stufen als Lokalformen je eine andere örtliche Verbreitung -gehabt haben. Die meisten Seethiere besitzen eine weite Verbreitung; -und da wir gesehen, dass diejenigen Arten unter den Pflanzen, welche am -weitesten verbreitet sind, auch am öftesten Varietäten darbieten, so -wird es sich mit Mollusken u. a. See-Thieren wohl ähnlich verhalten, -und es werden diejenigen unter ihnen, welche sich vordem am weitesten -bis über die Grenzen <i>Europa’s</i> hinaus erstreckten, auch am -öftesten die Bildung neuer anfangs lokaler Varietäten und später Arten -veranlasst haben. Auch dadurch muss die Wahrscheinlichkeit in irgend -welcher Formation die Reihenfolge der Übergangs-Stufen aufzufinden -ausserordentlich vermindert werden.</p> - -<p>Man muss nicht vergessen, dass man heutigen Tages, selbst wenn man -vollständige Exemplare vor sich hat, selten zwei Varietäten durch -Zwischenstufen verbinden und so deren Zusammengehörigkeit zu einer Art -beweisen kann, bis man viele<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> Exemplare von mancherlei Örtlichkeiten -zusammengebracht hat; und bei fossilen Arten ist der Paläontologe -selten im Stande Diess zu thun. Man wird vielleicht am besten -begreifen, wie wenig wir in der Lage seyn können, Arten durch zahllose -feine fossil-gefundene Zwischenglieder zu verketten, wenn wir uns -selbst fragen, ob z. B. Paläontologen spätrer Zeiten im Stande seyn -würden zu beweisen, dass unsre verschiedenen Rinds-, Schaafe-, Pferde- -und Hunde-Rassen von einem oder von mehren Stämmen herkommen, — oder -ob gewisse See-Konchylien der <i>Nord-Amerikanischen</i> Küsten, welche -von einigen Konchyliologen als von ihren <i>Europäischen</i> Vertretern -abweichende Arten und von andern Konchyliologen als blosse Varietäten -angesehen werden, nur wirkliche Varietäten oder sogenannte eigne -Arten sind. Diess könnte künftigen Geologen nur gelingen, wenn sie -viele fossile Zwischenstufen entdeckten, was jedoch im höchsten Grade -unwahrscheinlich ist.</p> - -<p>Es ist von Schriftstellern, welche an die Unveränderlichkeit der -Arten glauben, übergenug behauptet worden, die Geologie liefere -keine vermittelnden Formen. Diese Behauptung ist aber ganz falsch. -L<span class="smaller">UBBOCK</span> hat kürzlich gesagt: jede Art ist ein Mittelglied -zwischen andern verwandten Formen. Wir erkennen Diess deutlich, wenn -wir aus einer Sippe, welche reich an fossilen und lebenden Arten ist, -vier Fünftel der Arten ausstossen, wo dann niemand bezweiflen wird, -dass die Lücken zwischen den noch übrig bleibenden Arten grösser seyn -werden als vorher. Sind es aber die extremen Art-Formen, welche man -ausgestossen hat, so wird die Sippe selbst in der Regel von andern -Sippen weiter getrennt erscheinen, als sie zuvor war. Kameel und -Schweine, Pferd und Tapir sind jetzt offenbar sehr getrennte Formen. -Schaltet man aber die fossilen Genera zwischen sie ein, die man aus -gleichen Familien im fossilen Zustande kennen gelernt hat, so knüpfen -sich jene Sippen durch diese Zwischenglieder enger aneinander. Die -Reihe der verkettenden Formen läuft jedoch in diesen Fällen nie, -oder überhaupt nie, gerade von einer lebenden Form zur andern, -sondern berühret auf Umwegen zugleich solche Formen mit, welche in -längst verflossenen Zeiten gelebt<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> haben. Was aber die geologischen -Forschungen allerdings nicht enthüllt haben, das ist das frühere Daseyn -der unendlich zahlreichen Abstufungen vom Range wirklicher Varietäten -zur Verkettung aller Arten untereinander<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>; und dass sie Diess nicht -bewirkt haben, ist zweifelsohne eine der ersten und gewichtigsten -Einwände, die man gegen meine Ansichten vorbringen mag. Daher wird es -angemessen seyn, die vorangehenden Bemerkungen über die Ursachen der -Unvollkommenheit unsrer geologischen Berichte zur Erläuterung eines -ersonnenen Falles zusammenzufassen. Der <i>Malayische</i> Archipel -ist etwa von der Grösse <i>Europas</i> vom <i>Nord-Kap</i> bis zum -<i>Mittelmeere</i> und von <i>Britannien</i> bis <i>Russland</i>, -entspricht mithin der Ausdehnung desjenigen Theils der Erd-Oberfläche, -auf welchem, <i>Nord-Amerika</i> ausgenommen, alle geologischen -Formationen am sorgfältigsten und zusammenhängendsten untersucht -worden sind. Ich stimme mit Hrn. G<span class="smaller">ODWIN</span>-A<span class="smaller">USTEN</span> in der Meinung -vollkommen überein, dass der jetzige Zustand des <i>Malayischen</i> -Archipels mit seinen zahlreichen durch breite und seichte Meeres-Arme -getrennten Inseln wahrscheinlich der früheren Beschaffenheit -<i>Europas</i>, während noch die meisten unsrer Formationen in -Ablagerung begriffen waren, entspricht. Der <i>Malayische</i> -Archipel ist eine der an Organismen reichsten Gegenden der ganzen -Erd-Oberfläche; aber wenn man auch alle Arten sammelte, welche jemals -da gelebt haben, wie unvollständig würden sie die Naturgeschichte der -ganzen Erd-Oberfläche vertreten!</p> - -<p>Indessen haben wir alle Ursache zu glauben, dass die Überreste der -Landbewohner dieses Archipels nur äusserst unvollständig in die -Formationen übergehen dürften, die unsrer Annahme gemäss sich dort noch -ablagern werden. Ich vermuthe selbst, dass nicht viele der eigentlichen -Küsten-Bewohner und der auf kahlen untermeerischen Felsen wohnenden -Thiere in die neuen Schichten eingeschlossen werden würden; und die -etwa<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> in Kies und Sand eingeschlossenen dürften keiner späten Nachwelt -überliefert werden. Da wo sich aber keine Niederschläge auf dem -Meeres-Boden bildeten oder sich nicht in genügender Masse anhäuften, um -organische Einflüsse gegen Zerstörung zu schützen, da würden auch gar -keine organischen Überreste erhalten werden können.</p> - -<p>Die gewöhnlichen Muster-Formationen, hinreichend mächtig um bis zu -einer eben so weit in der Zukunft entfernten Zeit zu reichen, als -die Sekundär-Formationen bereits hinter uns liegen, würden wohl nur -während Perioden der Senkung in dem Archipel entstehen können. Diese -Perioden würden dann durch unermessliche Zwischen-Zeiten der Hebung -oder Ruhe von einander getrennt werden; während der Hebung würden alle -Fossilien-führenden Formationen in dem Maasse, als sie entstünden, an -steilen Küsten durch die ununterbrochene Thätigkeit der Brandung wieder -zerstört werden, wie wir es jetzt an den Küsten <i>Süd-Amerikas</i> -gesehen haben; und selbst in ausgedehnten aber seichten Meeren -innerhalb einer Insel-Welt könnten während der Emporhebung durch -Niederschlag gebildete Schichten nicht in grosser Mächtigkeit angehäuft -oder von spätren Bildungen so bedeckt und geschützt werden, dass ihnen -eine Erhaltung bis in eine ferne Zukunft in wahrscheinlicher Aussicht -stünde. Während der Senkungs-Zeiten würden viele Lebensformen zu Grunde -gehen, während der Hebungs-Perioden dagegen sich die Formen am meisten -durch Abänderung entfalten, aber die geologischen Denkmäler würden der -Folgezeit wenig Nachricht davon überliefern.</p> - -<p>Es wäre zu bezweifeln, dass die Dauer irgend einer grossen Periode -über den ganzen Archipel sich erstreckender Senkung und entsprechender -gleichzeitiger Sediment-Ablagerung die mittle Dauer der alsdann -vorhandnen spezifischen Formen übertreffen würde; und doch würde -diese Bedingung unerlässlich nothwendig seyn für die Erhaltung aller -Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei oder mehr von einander -abstammenden Arten. Wo diese Zwischenstufen aber nicht alle vollständig -erhalten sind, da werden die durch sie verkettet gewesenen Varietäten -als eben so viele verschiedene Spezies erscheinen. Es ist jedoch<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> -wahrscheinlich, dass während so langer Senkungs-Perioden auch wieder -Höhen-Schwankungen eintreten und kleine klimatische Veränderungen -erfolgen werden, welche die Bewohner des Archipels zu Wanderungen -veranlassen, so dass kein genau zusammenhängender Bericht über deren -Abänderungs-Gang in einer der dortigen Formationen niedergelegt werden -kann.</p> - -<p>Sehr viele der jetzigen Meeres-Bewohner jenes Archipels wohnen -gegenwärtig noch Tausende von Englischen Meilen weit über seine Grenzen -hinaus, und die Analogie veranlasst mich zu glauben, dass diese -weit-verbreiteten Arten hauptsächlich zur Erzeugung neuer Varietäten -geeignet seyn würden. Diese Varietäten dürften anfangs gewöhnlich nur -eine örtliche Verbreitung besitzen, jedoch, wenn sie als solche irgend -einen Vortheil voraus haben, oder wenn sie erst noch weiter abgeändert -und verbessert sind, sich allmählich ausbreiten und ihre Stamm-Ältern -ersetzen. Kehrte dann eine solche Varietät in ihre alte Heimath zurück, -so würde sie, weil vielleicht zwar nur wenig, aber doch einförmig -von ihrer früheren Beschaffenheit abweichend, und weil in etwas -abweichenden Unterabtheilungen der nämlichen Formation eingeschichtet -befunden, nach den Grundsätzen der meisten Paläontologen als eine neue -und verschiedene Art aufgeführt werden müssen.</p> - -<p>Wenn daher diese Bemerkungen einiger Maassen begründet sind, so sind -wir nicht berechtigt zu erwarten, dass wir in unseren geologischen -Formationen eine endlose Anzahl solcher feinen Übergangs-Formen -finden werden, welche nach meiner Betrachtungs-Weise sicher einmal -alle früheren und jetzigen Arten einer Gruppe zu einer langen und -verzweigten Kette von Lebenformen verbunden haben. Wir werden uns nur -nach einigen wenigen (und gewiss zu findenden) Zwischengliedern umsehen -müssen, von welchen die einen fester und die andren loser mit einander -vereinigt sind; und diese Glieder, grenzten sie auch noch so nahe an -einander, werden von den meisten Paläontologen für verschiedene Arten -erklärt werden, sobald sie in verschiedene Stöcke einer Formation -vertheilt sind. Jedoch gestehe ich ein, dass ich nie geglaubt haben -würde, welch’ dürftige<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Nachricht von der Veränderung der einstigen -Lebenformen uns auch das beste geologische Profil gewähre, hätte nicht -die Schwierigkeit, die zahllosen Mittelglieder zwischen den am Anfang -und am Ende einer Formation vorhandenen Arten aufzufinden, meine -Theorie so sehr ins Gedränge gebracht.</p> - -<p><em class="gesperrt">Plötzliches Auftreten ganzer Gruppen verwandter Arten.</em>) -Das plötzliche Erscheinen ganzer Gruppen neuer Arten in gewissen -Formationen ist von mehren Paläontologen, wie A<span class="smaller">GASSIZ</span>, -P<span class="smaller">ICTET</span> und am Eindringlichsten von S<span class="smaller">EDGWICK</span> zur -Widerlegung des Glaubens an eine allmähliche Umgestaltung der Arten -hervorgehoben worden. Wären wirklich viele Arten von einerlei Sippe -oder Familie auf einmal plötzlich ins Leben getreten, so müsste Diess -freilich meiner Theorie einer langsamen Abänderung durch Natürliche -Züchtung verderblich werden. Denn die Entwickelung einer Gruppe von -Formen, die alle von einem Stamm-Vater herrühren, muss nicht nur -selbst ein sehr langsamer Prozess gewesen seyn, sondern auch die -Stamm-Form muss schon sehr lange vor ihren abgeänderten Nachkommen da -gewesen seyn. Aber wir überschätzen fortwährend die Vollständigkeit -der geologischen Berichte und unterstellen irrthümlich dass, weil -gewisse Sippen oder Familien noch nicht unterhalb einer gewissen -geologischen Gesichtsebene gefunden worden, sie auch tiefer noch -nicht existirt haben. Jedenfalls verdienen positive paläontologische -Beweise ein unbedingtes Vertrauen, während solche von negativer -Art, wie die Erfahrung so oft ergibt, werthlos sind. Wir vergessen -fortwährend, wie gross die Welt der kleinen Fläche gegenüber ist, -über die sich unsre genauere Untersuchung geologischer Formationen -erstreckt; wir vergessen, dass Arten-Gruppen anderwärts schon lange -vertreten gewesen seyn und sich langsam vervielfältigt haben können, -bevor sie in die alten Archipele <i>Europas</i> und der <i>Vereinten -Staaten</i> eingedrungen. Wir bringen die Länge der Zeiträume nicht -genug in Anschlag, welche wahrscheinlich zwischen der Ablagerung -unsrer unmittelbar aufeinander-gelagerten Formationen verflossen und -vermuthlich meistens länger als diejenigen gewesen sind, die zur -Ablagerung einer Formation erforderlich waren. Die Zwischenräume -waren<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> lange genug für die Vervielfältigung der Arten von einer oder -von einigen wenigen Stamm-Formen aus, so dass dann solche Arten in der -jedesmal nachfolgenden Formation auftreten konnten, als ob sie erst -plötzlich und gleichzeitig geschaffen worden seyen.</p> - -<p>Ich will hier an eine schon früher gemachte Bemerkung erinnern, dass -nämlich wohl eine ganze Reihe von Welt-Perioden dazu gehören dürfte, -bis ein Organismus sich einer ganz neuen Lebens-Weise anpasse, -wie z. B. durch die Luft zu fliegen und dass Dem entsprechend die -Übergangs-Formen oft lange auf einen kleinen Flächen-Raum beschränkt -bleiben müssen; dass aber, wenn Diess einmal geschehen ist und nur -einmal eine geringe Anzahl hiedurch einen grossen Vortheil vor andern -Organismen erworben hat, nur noch eine verhältnissmässig kurze -Zeit dazu erforderlich ist, um viele auseinander-weichende Formen -hervorzubringen, welche dann geeignet sind sich schnell und weit über -die Erd-Oberfläche zu verbreiten. Professor P<span class="smaller">ICTET</span> sagt -in dem vortrefflichen Berichte, welchen er über dieses Buch gibt, -bei Erwähnung der frühesten Übergangs-Formen beispielsweise zu den -Vögeln, er könne nicht einsehen, welchen Vortheil die allmähliche -Abänderung der vordren Gliedmaassen einer unterstellten Stammform -dieser zu gewähren im Stande gewesen seyn sollte? Betrachten wir doch -die Pinguine der südlichen Weltmeere; sind denn nicht bei diesen -Vögeln die Vordergliedmaassen gerade eine Zwischenform von „weder -wirklichen Armen noch wirklichen Flügeln“. Und doch behaupten diese -Vögel im Kampfe ums Daseyn siegreich ihre Stelle, zahllos an Individuen -und manchfaltigen Arten. Ich bin nicht der Meinung, hier eine der -wirklichen Übergangs-Stufen zu sehen, durch welche der Flügel der Vögel -sich gebildet habe; was könnte man aber im Besondern gegen die Meinung -einwenden, dass es den Nachkommen dieser Pinguine von Nutzen seyn -würde, wenn sie allmählig solche Abänderung erführen, dass sie zuerst -gleich der ......Ente flach über den Meeresspiegel hinflattern und dann -sich erheben und durch die Luft schweben lernten?</p> - -<p>Ich will nun einige wenige Beispiele zur Erläuterung dieser Bemerkungen -und insbesondre zum Nachweis darüber mittheilen,<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> wie leicht wir uns -in der Meinung, dass ganze Arten-Gruppen auf einmal geschaffen worden -seyen, irren können. Schon die kurze Zeit, welche zwischen der ersten -und der zweiten Ausgabe von P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> <i>Paléontologie</i> -verlaufen ist (1844–46 bis 1853–57) hat zur wesentlichen Umgestaltung -der Schlüsse über das erste Auftreten und das Erlöschen verschiedener -Thier-Gruppen beigetragen, und eine dritte Auflage würde schon -wieder bedeutende Abänderungen erheischen. Ich will zuerst an die -wohlbekannte Thatsache erinnern, dass nach den noch vor wenigen Jahren -erschienenen Lehrbüchern der Geologie die grosse Klasse der Säugthiere -ganz plötzlich am Anfange der Tertiär-Periode aufgetreten seyn sollte. -Und nun zeigt sich eine der, im Verhältniss ihrer Dicke, reichsten -Lagerstätten fossiler Säugthier-Reste mitten in der Sekundär-Reihe, -und ein ächtes Säugthier ist in den ältesten Schichten des New red -Sandstone entdeckt worden. C<span class="smaller">UVIER</span> pflegte Nachdruck darauf zu -legen, dass noch kein Affe in irgend einer Tertiär-Schicht gefunden -worden seye; jetzt aber kennt man fossile Arten von Vierhändern in -<i>Ostindien</i>, in <i>Süd-Amerika</i> und selbst in <i>Europa</i>, -sogar schon aus der eocänen Periode. Hätte uns nicht ein seltener -Zufall die zahlreichen Fährten im New red Sandstone der <i>Vereinten -Staaten</i> aufbewahrt, wie würden wir anzunehmen gewagt haben, dass -ausser Reptilien auch schon nicht weniger als dreissig Vogel-Arten von -riesiger Grösse in so früher Zeit existirt hätten, zumal noch nicht -ein Stückchen Knochen in jenen Schichten gefunden worden ist. Obwohl -nun die Anzahl der Füsse, Zehen und verschiedenen Zehen-Glieder in -jenen fossilen Eindrücken vollkommen mit denen unsrer jetzigen Vögel -übereinstimmen, so zweifeln doch noch einige Schriftsteller daran, ob -jene Fährten wirklich von Vögeln herrühren. So konnten also bis vor -ganz kurzer Zeit dieselben Autoren behaupten und haben einige derselben -wirklich behauptet, dass die ganze Klasse der Vögel plötzlich erst im -Anfang der Tertiär-Periode aufgetreten seye; doch können wir uns jetzt -auf die Versicherung Professor O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span> (in L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> -„<i>Manual</i>“) berufen, dass ein Vogel gewiss schon zur Zeit gelebt -habe, als der obre Grünsand sich ablagerte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p> - -<p>Ich will als ein andres Beispiel anführen, was mir in einer Abhandlung -über fossile sitzende Cirripeden selber passirt ist. Nachdem ich -nachgewiesen, dass es eine Menge von lebenden und von erloschenen -tertiären Arten gebe, so schloss ich aus dem ausserordentlichen -Reichthume vieler Balaniden-Arten an Individuen, aus ihrer Verbreitung -über die ganze Erde von den arktischen Regionen an bis zum Äquator -und von der obren Fluth-Grenze an bis zu 50 Faden Tiefe hinab, -aus der vollkommenen Erhaltungs-Weise ihrer Reste in den ältesten -Tertiär-Schichten, aus der Leichtigkeit selbst einzelne Klappen zu -erkennen und zu bestimmen: aus allen diesen Umständen schloss ich -dass, wenn es in der sekundären Periode sitzende Cirripeden gegeben -hätte, solche gewiss erhalten und wieder entdeckt worden seyn würden; -da jedoch noch keine Schaale einer Spezies in Schichten dieses -Alters gefunden worden seye, so müsse sich diese grosse Gruppe erst -im Beginne der Tertiär-Zeit plötzlich entwickelt haben. Es war eine -grosse Verlegenheit für mich, selbst noch ein weiteres Beispiel vom -plötzlichen Auftreten einer grossen Arten-Gruppe bestätigen zu müssen. -Kaum war jedoch mein Werk erschienen, als ein bewährter Paläontologe, -Hr. B<span class="smaller">OSQUET</span>, mir eine Zeichnung von einem vollständigen -Exemplare eines unverkennbaren Balaniden sandte, welchen er selbst aus -dem <i>Belgischen</i> Kreide-Gebirge entnommen hatte. Und um den Fall -so treffend als möglich zu machen, so ist der entdeckte Balanide ein -Chthamalus, eine sehr gemeine und überall weitverbreitete Sippe, -wovon sogar in tertiären Schichten bis jetzt noch keine Spur gefunden -worden war. Wir wissen daher jetzt mit Sicherheit, dass es auch in -der Sekundär-Zeit schon sitzende Cirripeden gegeben, welche möglicher -Weise die Stamm-Ältern unsrer vielen tertiären und noch lebenden Arten -gewesen seyn können.</p> - -<p>Der Fall von plötzlichem Auftreten einer ganzen Arten-Gruppe, worauf -sich die Paläontologen am öftesten berufen, ist die Erscheinung der -ächten Knochen-Fische oder Teleostier erst in den unteren Schichten -der Kreide-Periode. Diese Gruppe enthält bei weitem die grösste -Anzahl der jetzigen Fische.<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Inzwischen hat Professor P<span class="smaller">ICTET</span> -neuerlich ihre erste Erscheinung schon wieder um einen Stock tiefer -nachgewiesen und glauben andre Paläontologen, dass viele ältre Fische, -deren Verwandtschaften bis jetzt noch nicht genau bekannt, wirkliche -Teleostier seyen. Nähme man mit A<span class="smaller">GASSIZ</span> an, dass deren ganze -Gruppe wirklich erst zu Anfang der Kreide-Zeit erschienen seye, so -wäre diese Thatsache freilich höchst merkwürdig; aber auch in ihr -vermöchte ich noch keine unübersteigliche Schwierigkeit für meine -Theorie zu erkennen, bis auch erwiesen wäre, dass in der That die -Arten dieser Gruppe auf der ganzen Erde gleichzeitig in jener Frist -aufgetreten seyen. Es ist fast überflüssig zu bemerken, dass ja noch -kaum ein fossiler Fisch von der Süd-Seite des Äquators bekannt ist -und nach P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> Paläontologie selbst in einigen Gegenden -<i>Europas</i> erst sehr wenige Arten gefunden worden sind. Einige -wenige Fisch-Familien haben jetzt enge Verbreitungs-Grenzen, und -so könnte es auch mit den Teleostiern der Fall gewesen seyn, dass -sie erst dann, nachdem sie sich in diesem oder jenem Meere sehr -vervielfältigt, sich weit verbreitet hätten. Auch sind wir nicht -anzunehmen berechtigt, dass die Welt-Meere von Norden nach Süden -allezeit so offen wie jetzt gewesen seyen. Selbst heutigen Tages könnte -der tropische Theil des <i>Indischen Ozeans</i> durch eine Hebung des -<i>Malayischen Archipels</i> über den Meeres-Spiegel in ein grosses -geschlossenes Becken verwandelt werden, worin sich irgend welche grosse -Seethier-Gruppen zu entwickeln und vervielfältigen vermöchten; und -da würde sie dann eingeschlossen bleiben, bis einige der Arten für -ein kühleres Klima geeignet und in Stand gesetzt worden wären, die -Süd-Cap’s in <i>Afrika</i> und <i>Australien</i> zu umwandern und so in -andre ferne Meere zu gelangen.</p> - -<p>Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen, aber hauptsächlich in -Berücksichtigung unsrer Unkunde über die geologischen Verhältnisse -andrer Welt-Gegenden ausserhalb <i>Europa</i> und <i>Nord-Amerika</i>, -endlich nach dem Umschwung, welchen unsre paläontologischen -Vorstellungen durch die Entdeckungen während der letzten Jahrzehnte -erlitten, glaube ich folgern zu dürfen, dass wir eben so übereilt -handeln würden, die bei uns bekannt<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> gewordene Art der Aufeinanderfolge -der Organismen auf die ganze Erd-Oberfläche zu übertragen, als ein -Naturforscher thäte, welcher nach einer Landung von fünf Minuten -an irgend einer armen Küste <i>Australiens</i> auf die Zahl und -Verbreitung seiner Organismen schliessen wollte.</p> - -<p><em class="gesperrt">Plötzliches Erscheinen ganzer Gruppen verwandter Arten in den -untersten Fossilien-führenden Schichten.</em>) Grösser ist eine andre -Schwierigkeit; ich meine das plötzliche Auftreten vieler Arten einer -Gruppe in den untersten Fossilien-führenden Gebirgen. Die meisten der -Gründe, welche mich zur Überzeugung geführt, dass alle lebenden Arten -einer Gruppe von einem gemeinsamen Urvater herrühren, sind mit fast -gleicher Stärke auch auf die ältesten fossilen Arten anwendbar. So -kann ich z. B. nicht daran zweifeln, dass alle silurischen Trilobiten -von irgend einem Kruster herkommen, welcher von allen jetzt lebenden -Krustern sehr verschieden war. Einige der ältesten silurischen Thiere -sind zwar nicht sehr von noch jetzt lebenden Arten verschieden, wie -Lingula, Nautilus u. a., und man kann nach meiner Theorie nicht -annehmen, dass diese alten Arten die Erzeuger aller Arten der Ordnungen -gewesen seyen, wozu sie gehören, indem sie in keiner Weise Mittelformen -zwischen denselben darbieten. Und wären sie deren Stamm-Ältern -gewesen, so würden sie jetzt gewiss längst durch ihre vervollkommneten -Nachfolger ersetzt und ausgetilgt seyn.</p> - -<p>Wenn meine Theorie richtig, so müssten unbestreitbar schon vor -Ablagerung der ältesten silurischen Schichten eben so lange oder -noch längere Zeiträume, wie nachher, verflossen, und müsste die -Erd-Oberfläche während dieser ganz unbekannten Zeiträume von lebenden -Geschöpfen bewohnt gewesen seyn.</p> - -<p>Was nun die Frage betrifft, warum wir aus diesen weiten -Primordial-Perioden keine Denkmäler mehr finden, so kann ich darauf -keine genügende Antwort geben. Mehre der ausgezeichnetsten Geologen -mit Sir R. M<span class="smaller">URCHISON</span> an der Spitze sind überzeugt, in -diesen untersten Silur-Schichten die Wiege des Lebens auf unsrem -Planeten zu erblicken. Andre hoch-bewährte Beurtheiler, wie C<span class="smaller">H</span>. -L<span class="smaller">YELL</span> und der verstorbene E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> bestreiten<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> diese -Behauptung. Und wir müssen nicht vergessen, dass nur ein geringer -Theil unsrer Erd-Oberfläche mit einiger Genauigkeit erforscht ist. -Erst unlängst hat Hr. B<span class="smaller">ARRANDE</span> dem silurischen Systeme noch -einen anderen älteren Stock angefügt, der reich ist an neuen und -eigenthümlichen Arten. Spuren einstigen Lebens sind auch noch in den -Longmynd-Schichten entdeckt worden unterhalb B<span class="smaller">ARRANDE</span>’<span class="smaller">S</span> -sogenannter Primordial-Zone. Die Anwesenheit Phosphate-haltiger Nieren -und bituminöser Materien in einigen der untersten azoischen Schichten -deutet wahrscheinlich auf ein ehemaliges noch früheres Leben hin. -Aber dann ist die Schwierigkeit noch grösser, das gänzliche Fehlen -der mächtigen Stösse Fossilien-führender Schichten zu begreifen, die -meiner Theorie zufolge sich gewiss irgendwo aufgehäuft hatten. Wären -diese ältesten Schichten durch Entblössungen ganz und gar weggewaschen -oder durch Metamorphismus ganz und gar unkenntlich gemacht worden, so -würden wir wohl auch nur noch ganz kleine Überreste der nächst-jüngeren -Formationen entdecken, und diese müssten sich meistens in einem -metamorphischen Zustande befinden. Aber die Beschreibungen, welche -wir jetzt von den silurischen Ablagerungen in den unermesslichen -Länder-Gebieten in <i>Russland</i> und <i>Nord-Amerika</i> besitzen, -sind nicht zu Gunsten der Meinung dass, je älter eine Formation, desto -mehr sie durch Entblössung und Metamorphismus gelitten haben müsse.</p> - -<p>Diese Thatsache muss fürerst unerklärt bleiben und wird mit Recht -als eine wesentliche Einrede gegen die hier entwickelten Ansichten -hervorgehoben werden. Ich will jedoch folgende Hypothese aufstellen, -um zu zeigen, dass doch vielleicht einige Erklärung möglich ist. Aus -der Natur der in den verschiedenen Formationen <i>Europa’s</i> und -der <i>Vereinten Staaten</i> vertretenen organischen Wesen, welche -keine grossen Tiefen bewohnt zu haben scheinen, und aus der ungeheuren -Masse der Meilen-dicken Niederschläge, woraus diese Formationen -bestehen, können wir zwar schliessen, dass von Anfang bis zu Ende -grosse Inseln oder Landstriche, aus welchen die Sedimente herbeigeführt -worden, in der Nähe der jetzigen Kontinente von <i>Europa</i> und -<i>Nord-Amerika</i> existirt haben müssen. Aber vom Zustande der Dinge -in<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> den langen Perioden, welche zwischen der Bildung dieser Formationen -verflossen sind, wissen wir nichts; wir vermögen nicht zu sagen, ob -während derselben <i>Europa</i> und die <i>Vereinten Staaten</i> als -trockne Länder-Strecken oder als untermeerische Küsten-Flächen, auf -welchen inzwischen keine Ablagerungen erfolgten, oder als endlicher -unergründlicher Meeres-Boden eines offnen und unergründlichen Ozeans -vorhanden waren.</p> - -<p>Betrachten wir die jetzigen Weltmeere, welche dreimal so viel Fläche -als das trockne Land einnehmen, so finden wir sie mit zahlreichen -Inseln besäet, unter welchen aber keine der perugischen bis jetzt -einen Überrest von paläolitischen und sekundären Formationen geliefert -hat, etwa <i>Neuseeland</i>, <i>Spitzbergen</i> und die benachbarte -<i>Bären-Insel</i> ausgenommen, welche in mancher Beziehung kaum in -jener Klasse mitzubegreifen seyn würden. Man kann daraus vielleicht -schliessen, dass während der paläolitischen und Sekundär-Zeit weder -Kontinente noch kontinentale Inseln da existirt haben, wo sich jetzt -der Ozean ausdehnt; denn wären solche vorhanden gewesen, so würden -sich nach aller Wahrscheinlichkeit aus dem von ihnen herbei-geführten -Schutte auch paläolitische und sekundäre Schichten gebildet haben, und -es würden dann in Folge der Niveau-Schwankungen, welche während dieser -ungeheuer langen Zeiträume jedenfalls stattgefunden haben müssen, -wenigstens theilweise Emporhebungen trocknen Landes haben erfolgen -können. Wenn wir also aus diesen Thatsachen irgend einen Schluss -ziehen wollen, so können wir sagen, dass da, wo sich jetzt unsre -Weltmeere ausdehnen, solche schon seit den ältesten Zeiten, von denen -wir Kunde besitzen, bestanden haben, und dass da, wo jetzt Kontinente -sind, grosse Landstrecken existirt haben, welche von der frühesten -Silur-Zeit an zweifelsohne grossem Niveau-Wechsel unterworfen gewesen -sind. Die kolorirte Karte, welche meinem Werke über die Korallen-Riffe -beigegeben ist, führte mich zum Schluss, dass die grossen Weltmeere -noch jetzt hauptsächlich Senkungs-Felder, die grossen Archipele noch -jetzt schwankende Gebiete und die Kontinente noch jetzt in Hebung -begriffen seyen. Aber haben wir ein Recht anzunehmen, dass diese -Dinge sich seit dem<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> Beginne dieser Welt gleich geblieben sind? Unsre -Festländer scheinen hauptsächlich durch vorherrschende Hebung während -vielfacher Höhen-Schwankungen entstanden zu seyn. Aber können nicht -die Felder verwaltender Hebungen und Senkungen ihre Rollen vor noch -längrer Zeit umgetauscht haben? In einer unermesslich früheren Zeit -vor der silurischen Periode können Kontinente da existirt haben, -wo sich jetzt die Weltmeere ausbreiten, und können offne Weltmeere -gewesen seyn, wo jetzt die Festländer emporragen. Und doch würde -man noch nicht anzunehmen berechtigt seyn, dass z. B. das Bette des -Stillen Ozeans, wenn es jetzt in ein Festland verwandelt würde, uns -ältre als silurische Schichten darbieten müsse, vorausgesetzt selbst -dass sich solche einstens dort gebildet haben; denn es wäre möglich, -dass Schichten, welche dem Mittelpunkt der Erde um einige Meilen -näher gerückt und von dem ungeheuren Gewichte darüber stehender -Wasser zusammengedrückt gewesen, stärkere metamorphische Einwirkungen -erfahren habe als jene, welche näher an der Oberfläche verweilten. Die -in einigen Welt-Gegenden wie z. B. in <i>Süd-Amerika</i> vorhandenen -unermesslichen Strecken bloss metamorphischen Gebirges, welche -hohen Graden von Druck und Hitze ausgesetzt gewesen seyn müssen, -haben mir einer besonderen Erklärung zu bedürfen geschienen; und -vielleicht darf man annehmen, dass sie uns die zahlreichen schon lange -vor der silurischen Zeit abgesetzten Formationen in einem völlig -metamorphischen Zustande darbieten.</p> - -<p>Die mancherlei hier erörterten Schwierigkeiten, welche namentlich -daraus entspringen, dass wir in der Reihe der aufeinander-folgenden -Formationen zwar manche Mittelformen zwischen früher dagewesenen -und jetzt vorhandenen Arten, nicht aber die unzähligen nur leicht -abgestuften Zwischenglieder zwischen allen successiven Arten finden, -— dass ganze Gruppen verwandter Arten in unsren <i>Europäischen</i> -Formationen oft plötzlich zum Vorschein kommen, — dass, so -viel bis jetzt bekannt, ältre Fossilien-führende Formationen -noch unter den silurischen Schichten gänzlich fehlen, — alle -diese Schwierigkeiten sind zweifelsohne von grösstem Gewichte. -Wir ersehen Diess am deutlichsten aus<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> der Thatsache, dass die -ausgezeichnetsten Paläontologen, wie C<span class="smaller">UVIER</span>, A<span class="smaller">GASSIZ</span>, -B<span class="smaller">ARRANDE</span>, F<span class="smaller">ALCONER</span>, E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> und andre, -sowie unsre grössten Geologen, L<span class="smaller">YELL</span>, M<span class="smaller">URCHISON</span>, -S<span class="smaller">EDGWICK</span> etc. die Unveränderlichkeit der Arten einstimmig und -oft mit grosser Heftigkeit vertheidigt haben. Inzwischen habe ich Grund -anzunehmen, dass eine grosse Autorität, Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span>, in -Folge fernerer Erwägungen sehr zweifelhaft in dieser Beziehung geworden -ist. Ich fühle wohl, wie bedenklich es ist, von diesen Gewährsmännern, -denen wir mit Andern alle unsre Kenntnisse verdanken, abzuweichen. -Alle, die den geologischen Schöpfungs-Bericht für einigermaassen -vollständig halten und nicht viel Gewicht auf andre in diesem Bande -mitgetheilten Thatsachen und Schlussfolgerungen legen, werden -zweifelsohne meine ganze Theorie auf einmal verwerfen. Ich für meinen -Theil betrachte (um L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> bildlichen Ausdruck durchzuführen) -den Natürlichen Schöpfungs-Bericht als eine Geschichte der Erde, -unvollständig erhalten und in wechselnden Dialekten geschrieben, — -wovon aber nur der letzte bloss auf einige Theile der Erd-Oberfläche -sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Doch auch von diesem -Bande ist nur hier und da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder -Seite sind nur da und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam -wechselnden Sprache dieser Beschreibung, mehr und weniger verschieden -in den aufeinander-folgenden Abschnitten, mag den anscheinend plötzlich -wechselnden Lebenformen entsprechen, welche in den unmittelbar -aufeinander-liegenden Schichten unsrer weit von einander getrennten -Formationen begraben liegen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br /> - -<b>Geologische Aufeinanderfolge organischer Wesen.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. — Ungleiches -Maass ihrer Veränderung. — Einmal untergegangene Arten kommen nicht -wieder zum Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen -Regeln des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. — -Erlöschen der Arten. — Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen -auf der ganzen Erd-Oberfläche. — Verwandtschaft erloschener Arten -mit andern fossilen und mit lebenden Arten. — Entwickelungs-Stufe -aller Formen. — Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen -Länder-Gebiete. — Zusammenfassung des jetzigen mit früheren -Abschnitten.</p> - -<p>Sehen wir nun zu, ob die verschiedenen Thatsachen und Regeln -hinsichtlich der geologischen Aufeinanderfolge der organischen Wesen -besser mit der gewöhnlichen Ansicht von der Unabänderlichkeit der -Arten, oder mit der Theorie einer langsamen und stufenweisen Abänderung -der Nachkommenschaft durch Natürliche Züchtung übereinstimmen.</p> - -<p>Neue Arten sind im Wasser wie auf dem Lande nur sehr langsam, -eine nach der andern zum Vorschein gekommen. L<span class="smaller">YELL</span> hat -gezeigt, dass es kaum möglich ist, sich den in den verschiedenen -Tertiär-Schichten niedergelegten Beweisen in dieser Hinsicht zu -verschliessen und jedes Jahr strebt die noch vorhandenen Lücken mehr -auszufüllen und das Prozent-Verhältniss der noch lebend vorhandenen -zu den ganz ausgestorbenen Arten mehr und mehr abzustufen. In einigen -der neuesten, wenn auch, in Jahren ausgedrückt, gewiss sehr alten -Schichten kommen nur noch 1–2 ausgestorbene Arten vor, und nur je eine -oder zwei überhaupt oder für die Örtlichkeit neue Formen gesellen sich -den früheren bei. Wenn wir den Beobachtungen P<span class="smaller">HILIPPI</span>’<span class="smaller">S</span> in -<i>Sizilien</i> vertrauen dürfen, so ist die stufenweise Ersetzung -der früheren Meeres-Bewohner bei dieser Insel durch andre Arten -ein äusserst langsamer gewesen. Die Sekundär-Formationen sind mehr -unterbrochen; aber in jeder einzelnen Formation hat, wie B<span class="smaller">RONN</span> -bemerkt hat, weder das Auftreten noch das Verschwinden ihrer vielen -jetzt erloschenen Arten gleichzeitig stattgefunden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p> - -<p>Arten verschiedener Sippen und Klassen haben weder gleichen -Schrittes noch in gleichem Verhältnisse gewechselt. In den ältesten -Tertiär-Schichten liegen die wenigen lebenden Arten mitten zwischen -einer Menge erloschener Formen. F<span class="smaller">ALCONER</span> hat ein schlagendes -Beispiel der Art berichtet, nämlich von einem Krokodile noch lebender -Art, welches mit einer Menge fremder und untergegangener Säugthiere -und Reptilien in Schichten des <i>Subhimalaya</i> beisammen lagert. -Die silurischen Lingula-Arten weichen nur sehr wenig von den lebenden -Spezies dieser Sippe ab, während die meisten der übrigen silurischen -Mollusken und alle Kruster grossen Veränderungen unterlegen sind. Die -Land-Bewohner scheinen schnelleren Schrittes als die Meeres-Bewohner zu -wechseln, wovon ein treffender Beleg kürzlich aus der <i>Schweitz</i> -berichtet worden ist. Es scheint einiger Grund zur Annahme vorhanden, -dass solche Organismen, welche auf höherer Organisations-Stufe -stehen, rascher als die unvollkommen entwickelten wechseln; doch gibt -es Ausnahmen von dieser Regel. Das Maass organischer Veränderung -entspricht nach P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung nicht genau der -Aufeinanderfolge unsrer geologischen Formationen, so dass zwischen -je zwei aufeinander-folgenden Bildungen die Lebens-Formen genau in -gleichem Grade sich änderten. Wenn wir aber irgend welche, seyen es -auch nur zwei einander zunächst verwandte Formationen mit einander -vergleichen, so finden wir, dass alle Arten einige Veränderungen -erfahren haben. Ist eine Art einmal von der Erd-Oberfläche -verschwunden, so haben wir einigen Grund zu vermuthen, dass -dieselbe Art nie wieder zum Vorschein kommen werde. Die anscheinend -auffallendsten Ausnahmen von dieser Regel bilden B<span class="smaller">ARRANDE</span>’<span class="smaller">S</span> -sogenannte „Kolonien“ von Arten, welche sich eine Zeit lang mitten -in ältre Formationen einschieben und dann später wieder erscheinen; -doch halte ich L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> Erklärung, sie seyen durch Wanderungen -aus einer geographischen Provinz in die andre bedingt, für vollkommen -genügend.</p> - -<p>Diese verschiedenen Thatsachen vertragen sich wohl mit meiner Theorie. -Ich glaube an kein festes Entwickelungs-Gesetz, welches alle Bewohner -einer Gegend veranlasste, sich plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> oder gleichzeitig oder -gleichmässig zu ändern. Der Abänderungs-Prozess muss ein sehr langsamer -seyn. Die Veränderlichkeit jeder Art ist ganz unabhängig von der der -andern Arten. Ob sich die Natürliche Züchtung solche Veränderlichkeit -zu Nutzen macht, und ob die in grösserem oder geringerem Maasse -gehäuften Abänderungen stärkere oder schwächre Modifikationen in den -sich ändernden Arten veranlassen, Diess hängt von vielen verwickelten -Bedingungen ab: von der Nützlichkeit der Veränderung, von der Wirkung -der Kreutzung, von dem Maass der Züchtung, vom allmählichen Wechsel -in der natürlichen Beschaffenheit der Gegend, und zumal von der -Beschaffenheit der übrigen Organismen, welche mit den sich ändernden -Arten in Mitbewerbung kommen; daher es keineswegs überraschend ist, -wenn eine Art ihre Form unverändert bewahrt, während andre sie -wechseln, oder wenn sie solche in geringerem Grade wechselt als diese. -Wir beobachten Dasselbe in der geographischen Verbreitung, z. B. auf -<i>Madeira</i>, wo die Landschnecken und Käfer in beträchtlichem -Maasse von ihren nächsten Verwandten in <i>Europa</i> abgewichen, -während Vögel und See-Mollusken die nämlichen geblieben sind. Man kann -vielleicht die anscheinend raschere Veränderung in den Land-Bewohnern -und den höher organisirten Formen gegenüber derjenigen der meerischen -und der tiefer-stehenden Arten aus den zusammengesetzteren -Beziehungen der vollkommeneren Wesen zu ihren organischen und -unorganischen Lebens-Bedingungen, wie sie in einem früheren Abschnitte -auseinandergesetzt worden sind, herleiten. Wenn viele von den Bewohnern -einer Gegend abgeändert und vervollkommnet worden sind, so begreift -man aus dem Prinzip der Mitbewerbung und aus den höchst-wichtigen -Beziehungen von Organismus zu Organismus, dass eine Form, welche gar -keine Änderung und Vervollkommnung erfährt, der Austilgung preisgegeben -ist. Daraus ergibt sich dann, dass alle Arten einer Gegend zuletzt, -wenn wir nämlich hinreichend lange Zeiträume dafür zugestehen, entweder -abändern oder zu Grunde gehen müssen.</p> - -<p>Bei Gliedern einer Klasse mag das Maass der Änderung während langer -und gleicher Zeit-Perioden im Mittel vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> nahezu gleich -seyn. Da jedoch die Anhäufung lange dauernder Fossilreste-führender -Formationen davon bedingt ist, ob grosse Sediment-Massen während einer -Senkungs-Periode abgesetzt werden, so müssen sich unsre Formationen -nothwendig meistens mit langen und unregelmässigen Zwischenpausen -gebildet haben; daher denn auch der Grad organischer Veränderung, -welchen die in den Erd-Schichten abgelagerten organischen Reste an sich -tragen, in aufeinander-folgenden Formationen nicht gleich ist. Jede -Formation bezeichnet nach dieser Anschauungs-Weise nicht einen neuen -und vollständigen Akt der Schöpfung, sondern nur eine meistens ganz -nach Zufall herausgerissene Szene aus einem langsam vor sich gehenden -Drama.</p> - -<p>Man begreift leicht, dass eine einmal zu Grunde gegangene Art -nicht wieder zum Vorschein kommen kann, selbst wenn die nämlichen -unorganischen und organischen Lebens-Bedingungen nochmals eintreten. -Denn obwohl die Nachkommenschaft einer Art so hergerichtet werden kann -(und gewiss in unzähligen Fällen hergerichtet worden ist), dass sie -den Platz einer andern Art im Haushalte der Natur genau ausfüllt und -sie ersetzt, so können doch beide Formen, die alte und die neue, nicht -identisch die nämlichen seyn, weil beide gewiss von ihren verschiedenen -Stamm-Vätern auch verschiedene Charaktere mit-geerbt haben. So könnten -z. B., wenn unsre Pfauentauben ausstürben, Tauben-Liebhaber durch lange -Zeit fortgesetzte und auf denselben Punkt gerichtete Bemühungen wohl -eine neue von unsrer jetzigen Pfauentaube kaum unterscheidbare Rasse -zu Stande bringen. Wäre aber auch deren Urform, unsre Felstaube im -Natur-Zustande, wo die Stamm-Form gewöhnlich durch ihre vervollkommnete -Nachkommenschaft ersetzt und vertilgt wird, zerstört worden, so müsste -es doch ganz unglaubhaft erscheinen, dass ein Pfauenschwanz, mit unsrer -jetzigen Rasse identisch, von irgend einer andern Tauben-Art oder einer -andern guten Varietät unsrer Haustauben gezogen werden könne, weil -die neu-gebildete Pfauentaube von ihrem neuen Stamm-Vater fast gewiss -einige wenn auch nur leichte Unterscheidungs-Merkmale beibehalten würde.</p> - -<p>Arten-Gruppen, wie Sippen und Familien sind, folgen in<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> ihrem Auftreten -und Verschwinden denselben allgemeinen Regeln, wie die einzelnen -Arten selbst, indem sie mehr oder weniger schnell, in grössrem oder -geringerem Grade wechseln. Eine Gruppe erscheint nicht wieder, wenn -sie einmal untergegangen ist; ihr Daseyn ist abgeschnitten. Ich weiss -wohl, dass es einige anscheinende Ausnahmen von dieser Regel gibt; -allein es sind deren so erstaunlich wenig, dass E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span>, -P<span class="smaller">ICTET</span> und W<span class="smaller">OODWARD</span> (obwohl dieselben alle diese -von mir vertheidigten Ansichten sonst bestreiten) deren Richtigkeit -zugestehen, und diese Regel entspricht vollkommen meiner Theorie. Denn, -wenn alle Arten einer Gruppe von nur einer Stamm-Art herkommen, dann -ist es klar, dass, so lange als noch irgend eine Art der Gruppe in der -langen Reihenfolge der geologischen Perioden zum Vorschein kommt, so -lange auch noch Glieder derselben Gruppe in ununterbrochner Reihenfolge -existirt haben müssen, um allmählich veränderte und neue oder noch -die alten und unveränderten Formen hervorbringen zu können. So müssen -also Arten der Sippe Lingula seit deren Erscheinen in den untersten -Schichten bis zum heutigen Tage ununterbrochen vorhanden gewesen seyn.</p> - -<p>Wir haben im letzten Kapitel gesehen, dass es zuweilen aussieht, als -seyen die Arten einer Gruppe ganz plötzlich in Masse aufgetreten, -und ich habe versucht diese Thatsache zu erklären, welche, wenn sie -sich richtig verhielte, meiner Theorie verderblich seyn würde. Aber -derartige Fälle sind gewiss nur als Ausnahmen zu betrachten; nach der -allgemeinen Regel wächst die Arten-Zahl jeder Gruppe allmählich bis zu -ihrem Maximum an und nimmt dann früher oder später wieder langsam ab. -Wenn man die Arten-Zahl einer Sippe oder die Sippen-Zahl einer Familie -durch eine Vertikal-Linie ausdrückt, welche die übereinander-folgenden -Formationen mit einer nach Maassgabe der in jeder derselben enthaltenen -Arten-Zahl veränderlichen Dicke durchsetzt, so kann es manchmal -scheinen, als beginne dieselbe unten breit, statt mit scharfer Spitze; -sie nimmt dann aufwärts noch weiter an Breite zu, hält darauf oft eine -Zeit lang gleiche Stärke ein und läuft dann in den obren Schichten, -der Abnahme und dem Erlöschen der Arten entsprechend, allmählich spitz -aus.<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Diese allmähliche Zunahme einer Gruppe steht mit meiner Theorie -vollkommen in Einklang, da die Arten einer Sippe und die Sippen einer -Familie nur langsam und allmählich an Zahl wachsen können, weil der -Vorgang der Umwandlung und der Entwickelung einer Anzahl verwandter -Formen nur ein langsamer seyn kann, da eine Art anfänglich nur -eine oder zwei Varietäten liefert, welche sich allmählich in Arten -verwandeln, die ihrerseits mit gleicher Langsamkeit wieder andre Arten -hervorbringen und so weiter (wie ein grosser Baum sich allmählich -verzweigt), bis die Gruppe gross wird.</p> - -<p><em class="gesperrt">Erlöschen.</em>) Wir haben bis jetzt nur gelegentlich von dem -Verschwinden der Arten und der Arten-Gruppen gesprochen. Nach der -Theorie der Natürlichen Züchtung sind jedoch das Erlöschen alter und -die Bildung neuer verbesserter Formen aufs Innigste mit einander -verbunden. Die alte Meinung, dass von Zeit zu Zeit sämmtliche Bewohner -der Erde durch grosse Umwälzungen von der Oberfläche weggefegt worden -seyen, ist jetzt ziemlich allgemein und selbst von solchen Geologen, -wie E<span class="smaller">LIE DE</span> B<span class="smaller">EAUMONT</span>, M<span class="smaller">URCHISON</span>, B<span class="smaller">ARRANDE</span> -u. a. aufgegeben, deren allgemeinere Anschauungs-Weise sie auf -dieselbe hinlenken müsste. Wir haben vielmehr nach den über die -Tertiär-Formationen angestellten Studien allen Grund zur Annahme, dass -Arten und Arten-Gruppen ganz allmählich eine nach der andern zuerst an -einer Stelle, dann an einer andern und endlich überall verschwinden. -In einigen Fällen jedoch, wie beim Durchbruch einer Landenge und der -nachfolgenden Einwanderung einer Menge von neuen Bewohnern, oder bei -dem Untertauchen einer Insel mag das Erlöschen verhältnissmässig -rasch vor sich gegangen seyn. Einzelne Arten sowohl als Arten-Gruppen -haben sehr ungleich lange Zeiten gedauert, einige Gruppen, wie wir -gesehen, von der ersten Wiegen-Zeit des Lebens an bis zum heutigen -Tage, während andre nicht einmal den Schluss der paläolithischen Zeit -erreicht haben. Es scheint kein bestimmtes Gesetz zu geben, welches die -Länge der Dauer einer Art oder Sippe bestimmte. Doch scheint Grund zur -Annahme vorhanden, dass das gänzliche Erlöschen der Arten einer Gruppe -gewöhnlich ein langsamerer<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Vorgang als selbst ihre Entstehung ist. -Wenn man das Erscheinen und Verschwinden der Arten einer Gruppe ebenso -wie im vorigen Falle durch eine Vertikallinie von veränderlicher Dicke -ausdrückt, so pflegt sich dieselbe weit allmählicher an ihrem obren dem -Erlöschen entsprechenden, als am untern die Entwickelung darstellenden -Ende zuzuspitzen. Doch ist in einigen Fällen das Erlöschen ganzer -Gruppen von Wesen, wie das der Ammoniten am Ende der Sekundär-Zeit, den -meisten andern Gruppen gegenüber wunderbar rasch erfolgt.</p> - -<p>Die ganze Frage vom Erlöschen der Arten ist in das geheimnissvollste -Dunkel gehüllt gewesen. Einige Schriftsteller haben sogar angenommen, -dass Arten gerade so wie Individuen eine regelmässige Lebensdauer -haben. Durch das Verschwinden der Arten ist wohl Niemand mehr in -Verwunderung gesetzt worden, als es mit mir der Fall gewesen. Als -ich im <i>La-Plata</i>-Staate einen Pferde-Zahn in einerlei Schicht -mit Resten von Mastodon, Megatherium, Toxodon u. a. Ungeheuern -zusammenliegend fand, welche sämmtlich noch in später geologischer -Zeit mit noch jetzt lebenden Konchilien-Arten zusammen-gelebt haben, -war ich mit Erstaunen erfüllt. Denn da die von den Spaniern in -<i>Süd-Amerika</i> eingeführten Pferde sich wild über das ganze Land -verbreitet und zu unermesslicher Anzahl vermehrt haben, so musste ich -mich bei jener Entdeckung selber fragen, was in verhältnissmässig noch -so neuer Zeit das frühere Pferd unter Lebens-Bedingungen zu vertilgen -vermocht, welche sich der Vervielfältigung des <i>Spanischen</i> -Pferdes so ausserordentlich günstig erwiesen haben? Aber wie ganz -ungegründet war mein Erstaunen! Professor O<span class="smaller">WEN</span> erkannte bald, -dass der Zahn, wenn auch denen der lebenden Arten sehr ähnlich, doch -von einer ganz anderen nun erloschenen Art herrühre. Wäre diese Art -noch jetzt, wenn auch schon etwas selten, vorhanden, so würde sich -kein Naturforscher im mindesten über deren Seltenheit wundern, da es -viele seltene Arten aller Klassen in allen Gegenden gibt. Fragen wir -uns selbst, warum diese oder jene Art selten ist, so antworten wir, -es müsse irgend etwas in den vorhandenen Lebens-Bedingungen ungünstig -seyn, obwohl wir dieses Etwas<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> nicht leicht näher zu bezeichnen wissen. -Existirte das fossile Pferd noch jetzt als eine seltene Art, so würden -wir in Berücksichtigung der Analogie mit allen andern Säugthier-Arten -und selbst mit dem sich nur langsam fortpflanzenden Elephanten und -der Vermehrungs-Geschichte des in <i>Süd-Amerika</i> verwilderten -Hauspferdes fühlen, dass jene fossile Art unter günstigeren -Verhältnissen binnen wenigen Jahren im Stande seyn müsse den ganzen -Kontinent zu bevölkern. Aber wir können nicht sagen, welche ungünstigen -Bedingungen es seyen, die dessen Vermehrung hindern, ob deren nur -eine oder ob ihrer mehre seyen, und in welcher Lebens-Periode und in -welchem Grade jede derselben ungünstig wirke. Verschlimmerten sich aber -jene Bedingungen allmählich, so würden wir die Thatsache sicher nicht -bemerken, obschon jene (fossile) Pferde-Art gewiss immer seltener und -seltener werden und zuletzt erlöschen würde; denn ihr Platz ist bereits -von einem andern siegreichen Mitbewerber eingenommen.</p> - -<p>Man hat viele Schwierigkeit sich immer zu erinnern, dass die Zunahme -eines jeden lebenden Wesens durch unbemerkbare schädliche Agentien -fortwährend aufgehalten wird, und dass dieselben unbemerkbaren -Agentien vollkommen genügen können, um eine fortdauernde Verminderung -und endliche Vertilgung zu bewirken. Dieser Satz bleibt aber so -unbegriffen, dass ich wiederholt habe eine Verwunderung darüber -äussern hören, dass so grosse Thiere wie der Mastodon und die ältren -Dinosaurier haben untergehen können, als ob die grosse Körper-Masse -schon genüge um den Sieg im Kampfe um’s Daseyn zu sichern. Im -Gegentheile könnte gerade eine beträchtliche Grösse in manchen -Fällen des früher unzureichend werdenden Futter-Bedarfes wegen das -Erlöschen beschleunigen. Schon ehe der Mensch <i>Ostindien</i> und -<i>Afrika</i> bewohnte, muss irgend eine Ursache die fortdauernde -Vervielfältigung der dort lebenden Elephanten-Arten gehemmt haben. Ein -sehr fähiger Beurtheiler glaubt, dass es gegenwärtig hauptsächlich -Insekten sind (wie sie B<span class="smaller">RUCE</span> auch in Abyssinien beschrieben -hat), die durch beständiges Beunruhigen und Ermüden die raschere -Vermehrung der Elephanten hauptsächlich hemmen. Es ist gewiss, dass -sowohl Insekten verschiedener Art als auch<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> Blut-saugende Fledermäuse -bedingend wirken auf die Ausbreitung der in verschiedenen Theilen -<i>Süd-Amerikas</i> eingeführten Haus-Säugethiere. Wir sehen in den -neueren Tertiär-Bildungen viele Beispiele, dass Seltenwerden dem -gänzlichen Verschwinden vorangeht, und wir wissen, dass es derselbe -Fall bei denjenigen Thier-Arten gewesen ist, welche durch den Einfluss -des Menschen örtlich oder überall von der Erde verschwunden sind. Ich -will hier wiederholen, was ich im Jahr 1845 drucken liess: Zugeben, -dass Arten gewöhnlich selten werden, ehe sie erlöschen, und sich -über das Seltnerwerden einer Art nicht wundern, aber dann doch hoch -erstaunen, wenn sie endlich zu Grunde geht, — heisst Dasselbe, wie: -Zugeben, dass bei Individuen Krankheit dem Tode vorangeht, und sich -über das Erkranken eines Individuums nicht befremdet fühlen, aber sich -wundern, wenn der kranke Mensch stirbt, und seinen Tod irgend einer -unbekannten Gewalt zuschreiben.</p> - -<p>Die Theorie der natürlichen Züchtung beruhet auf der Annahme, dass jede -neue Varietät und zuletzt jede neue Art dadurch gebildet und erhalten -worden seye, dass sie irgend einen Vorzug vor den mitbewerbenden -Arten an sich habe, in Folge dessen die nicht bevortheilten Arten -meistens unvermeidlich erlöschen. Es verhält sich eben so mit unsren -Kultur-Erzeugnissen. Ist eine neue etwas vervollkommnete Varietät -gebildet worden, so ersetzt sie anfangs die minder vollkommenen -Varietäten in der Nachbarschaft; ist sie mehr verbessert, so breitet -sie sich in Nähe und Ferne aus, wie unsre kurz-hörnigen Rinder gethan, -und nimmt die Stelle der andern Rassen in andern Gegenden ein. So -sind die Erscheinungen neuer und das Verschwinden alter Formen, -natürlicher wie künstlicher, enge miteinander verknüpft. In manchen -wohl gedeihenden Gruppen ist die Anzahl der in einer gegebenen Zeit -gebildeten neuen Art-Formen grösser als die alten erloschenen; da wir -aber wissen, dass gleichwohl die Arten-Zahl wenigstens in den letzten -geologischen Perioden nicht unbeschränkt zugenommen hat, so dürfen wir -annehmen, dass eben die Hervorbringung neuer Formen das Erlöschen einer -ungefähr gleichen Anzahl alter veranlasst habe.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p> - -<p>Die Mitbewerbung wird gewöhnlich, wie schon früher erklärt und -durch Beispiele erläutert worden ist, zwischen denjenigen Formen am -ernstesten seyn, welche sich in allen Beziehungen am ähnlichsten -sind. Daher die abgeänderten und verbesserten Nachkommen gewöhnlich -die Austilgung ihrer Stamm-Art veranlassen werden; und wenn viele -neue Formen von irgend einer einzelnen Art entstanden sind, so werden -die nächsten Verwandten dieser Art, das heisst die mit ihr zu einer -Sippe gehörenden, der Vertilgung am meisten ausgesetzt seyn. Und so -muss, wie ich mir vorstelle, eine Anzahl neuer von einer Stamm-Art -entsprossener Spezies, d. h. eine Sippe, eine alte Sippe der nämlichen -Familie ersetzen. Aber es muss sich auch oft zutragen, dass eine neue -Art aus dieser oder jener Gruppe den Platz einer Art aus einer andern -Gruppe einnimmt und somit deren Erlöschen veranlasst; wenn sich dann -von dem siegreichen Eindringlinge viele verwandte Formen entwickeln, so -werden auch viele diesen ihre Plätze überlassen müssen, und es werden -gewöhnlich verwandte Arten seyn, die in Folge eines gemeinschaftlich -ererbten Nachtheils den andern gegenüber unterliegen. Mögen jedoch die -unterliegenden Arten zu einer oder zu verschiedenen Klassen gehören, -so kann doch öfter einer oder der andre von ihnen in Folge einer -Befähigung zu einer etwas abweichenderen Lebensweise, oder seines -abgelegenen Wohnortes wegen, eine minder strenge Mitbewerbung zu -befahren haben und sich so noch längre Zeit erhalten. So überlebt z. B. -nur noch eine einzige Trigonia in dem <i>Australischen</i> Meere die -in der Sekundär-Zeit zahlreich gewesenen Arten dieser Sippe, und eine -geringe Zahl von Arten der einst reichen Gruppe der Ganoiden-Fische -kommt noch in unsren Süsswassern vor. Und so ist dann das gänzliche -Erlöschen einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als ihre -Entwicklung.</p> - -<p>Was das anscheinend plötzliche Aussterben ganzer Familien und Ordnungen -betrifft, wie das der Trilobiten am Ende der paläolithischen und der -Ammoniten am Ende der mesolithischen Zeit-Periode, so müssen wir -uns zunächst dessen erinnern, was schon oben über die sehr langen -Zwischenräume zwischen unsren<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> verschiedenen Formationen gesagt -worden ist, während welcher viele Formen langsam erloschen seyn -können. Wenn ferner durch plötzliche Einwanderung oder ungewöhnlich -rasche Entwickelung viele Arten einer neuen Gruppe von einem neuen -Gebiete Besitz nehmen, so können sie auch in entsprechend rascher -Weise viele der alten Bewohner verdrängen; und die Formen, welche -ihnen ihre Stellen überlassen, werden gewöhnlich mit einander -verwandte Theilnehmer an irgend einem ihnen gemeinsamen Nachtheile der -Organisation seyn.</p> - -<p>So scheint mir die Weise, wie einzelne Arten und ganze Arten-Gruppen -erlöschen, gut mit der Theorie der Natürlichen Züchtung -übereinzustimmen. Das Erlöschen kann uns nicht wunder-nehmen; was -uns eher wundern müsste, ist vielmehr unsre einen Augenblick lang -genährte Anmassung, die vielen verwickelten Bedingungen zu begreifen, -von welchen das Daseyn jeder Spezies abhängig ist. Wenn wir einen -Augenblick vergessen, dass jede Art auf ungeregelte Weise zuzunehmen -strebt und irgend eine wenn auch ganz selten wahrgenommene Gegenwirkung -immer in Thätigkeit ist, so muss uns der ganze Haushalt der Natur -allerdings sehr dunkel erscheinen. Nur wenn wir genau anzugeben -wüssten, warum diese Art reicher an Individuen als jene ist, warum -diese und nicht eine andere in einer angedeuteten Gegend naturalisirt -werden kann, dann und nur dann hätten wir Ursache uns zu wundern, warum -wir uns von dem Erlöschen dieser oder jener einzelnen Spezies oder -Arten-Gruppe keine Rechenschaft zu geben im Stande sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">Über das fast gleichzeitige Wechseln der Lebenformen auf der ganzen -Erd-Oberfläche.</em>) Kaum ist irgend eine andere paläontologische -Entdeckung so überraschend als die Thatsache, dass die Lebenformen -einem auf fast der ganzen Erd-Oberfläche gleichzeitigen Wechsel -unterliegen. So kann unsre <i>Europäische</i> Kreide-Formation in -vielen entfernten Weltgegenden und in den verschiedensten Klimaten -wieder erkannt werden, wo nicht ein Stückchen Kreide selbst zu -entdecken ist. So namentlich in <i>Nord-</i> und im tropischen -<i>Süd-Amerika</i>, am <i>Kap der guten Hoffnung</i> und auf der -<i>Ostindischen</i> Halbinsel,<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> weil an diesen entfernten Punkten -der Erd-Oberfläche die organischen Reste gewisser Schichten eine -unverkennbare Ähnlichkeit mit denen unsrer Kreide besitzen. Nicht -als ob es überall die nämlichen Arten wären; denn manche dieser -Örtlichkeiten haben nicht eine Art miteinander gemein; — aber sie -gehören zu einerlei Familie, Sippe, Untersippe und ähneln sich -oft bis auf die gleichgiltigen Skulpturen der Oberfläche. Ferner -fehlen andre Formen, welche in <i>Europa</i> nicht in, sondern über -oder unter der Kreide-Formation vorkommen, der genannten Formation -auch in jenen fernen Gegenden. In den aufeinander-folgenden -paläozoischen Formationen <i>Russlands</i>, <i>West-Europas</i> und -<i>Nord-Amerikas</i> ist ein ähnlicher Parallelismus im Auftreten der -Lebenformen von mehren Autoren wahrgenommen worden; und eben so in dem -<i>Europäischen</i> und <i>Nord-Amerikanischen</i> Tertiär-Gebirge -nach L<span class="smaller">YELL</span>. Selbst wenn wir die wenigen Arten ganz aus dem -Auge lassen, welche die <i>Alte</i> und die <i>Neue Welt</i> mit -einander gemein haben, so steht der allgemeine Parallelismus der -aufeinander-folgenden Lebenformen in den verschiedenen Stöcken der so -weit auseinander-gelegenen paläolithischen und tertiären Gebilde so -fest, dass sich diese Formationen leicht Glied um Glied miteinander -vergleichen lassen.</p> - -<p>Diese Beobachtungen jedoch beziehen sich nur auf die Meeres-Bewohner -der verschiedenen Weltgegenden, und wir haben nicht genügende -Nachweisungen um zu beurtheilen, ob die Erzeugnisse des Landes und der -Süsswasser an so entfernten Punkten einander gleichfalls in paralleler -Weise ablösen. Man möchte daran zweifeln, ob es der Fall; denn wenn -das Megatherium, der Mylodon und Toxodon und die Macrauchenia aus dem -<i>La-Plata</i>-Gebiete nach <i>Europa</i> gebracht worden wären ohne -alle Nachweisung über ihre geologische Lagerstätte, so würde wohl -niemand vermuthet haben, dass sie mit noch jetzt lebend vorkommenden -See-Mollusken gleichzeitig existirten; da jedoch diese monströsen -Wesen mit Mastodon und Pferd zusammengelagert sind, so lässt sich -daraus wenigstens schliessen, dass sie in einem der letzten Stadien der -Tertiär-Periode gelebt haben müssen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span></p> - -<p>Wenn vorhin von dem gleichzeitigen Wechsel der Meeres-Bewohner auf -der ganzen Erd-Oberfläche gesprochen worden, so handelt es sich dabei -nicht um die nämlichen tausend oder hunderttausend Jahre oder auch nur -um eine strenge Gleichzeitigkeit im geologischen Sinne des Wortes. -Denn, wenn alle Meeres-Thiere, welche jetzt in <i>Europa</i> leben, und -alle, welche in der pleistocänen Periode (eine, in Jahren ausgedrückt, -ungeheuer entfernt liegende Periode, indem sie die Eis-Zeit mit in -sich begreift) da gelebt haben, mit den jetzt in <i>Süd-Amerika</i> -oder in <i>Australien</i> lebenden verglichen würden, so dürfte der -erfahrenste Naturforscher schwerlich zu sagen im Stande seyn, ob die -jetzt lebenden oder die pleistocänen Bewohner <i>Europas</i> mit denen -der südlichen Halbkugel näher übereinstimmen. Eben so glauben mehre -der sachkundigsten Beobachter, dass die jetzige Lebenwelt in den -<i>Vereinten Staaten</i> mit derjenigen Bevölkerung näher verwandt -seye, welche während einiger der letzten Stadien der Tertiär-Zeit -in <i>Europa</i> existirt hat, als mit der noch jetzt da wohnenden; -und wenn Diess so ist, so würde man offenbar die Fossilien-führenden -Schichten, welche jetzt an den <i>Nord-Amerikanischen</i> Küsten -abgelagert werden, in einer späteren Zeit eher mit etwas älteren -<i>Europäischen</i> Schichten zusammenstellen. Demungeachtet kann, -wie ich glaube, kaum ein Zweifel seyn, dass man in einer sehr fernen -Zukunft doch alle neueren <em class="gesperrt">meerischen</em> Bildungen, namentlich -die obern pliocänen, die pleistocänen und die jetzt-zeitigen -Schichten <i>Europas</i>, <i>Nord-</i> und <i>Süd-Amerikas</i> und -<i>Australiens</i>, weil sie Reste in gewissem Grade mit einander -verwandter Organismen und nicht auch diejenigen Arten, welche -allein den tiefer-liegenden älteren Ablagerungen angehören, in sich -einschliessen, ganz richtig als gleich-alt in geologischem Sinne -bezeichnen würde.</p> - -<p>Die Thatsache, dass die Lebenformen gleichzeitig miteinander, in dem -obigen weiten Sinne des Wortes, selbst in entfernten Theilen der Welt -wechseln, hat die vortrefflichen Beobachter <span class="smaller">DE</span> V<span class="smaller">ERNEUIL</span> -und <span class="smaller">D</span>’A<span class="smaller">RCHIAC</span> sehr betroffen gemacht. Nachdem sie über den -Parallelismus der paläolithischen Lebenformen in verschiedenen Theilen -von <i>Europa</i> berichtet, sagen sie weiter:<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> „Wenden wir unsre -Aufmerksamkeit nun nach <i>Nord-Amerika</i>, so entdecken wir dort -eine Reihe analoger Thatsachen, und scheint es gewiss zu seyn, dass -alle diese Abänderungen der Arten, ihr Erlöschen und das Auftreten -neuer nicht blossen Veränderungen in den Meeres-Strömungen oder andern -mehr und weniger örtlichen und vorübergehenden Ursachen zugeschrieben -werden können, sondern von allgemeinen Gesetzen abhängen, welche das -ganze Thier-Reich betreffen.“ Auch B<span class="smaller">ARRANDE</span> hat ähnliche -Wahrnehmungen gemacht und nachdrücklich hervorgehoben. Es ist in der -That ganz ohne Nutzen, die Ursache dieser grossen Veränderungen in -den Lebenformen der ganzen Erd-Oberfläche und in den verschiedensten -Klimaten im Wechsel der See-Strömungen, des Klimas oder andrer -natürlicher Lebens-Bedingungen aufsuchen zu wollen; wir müssen uns, -wie schon B<span class="smaller">ARRANDE</span> bemerkt, nach einem besondren Gesetze -dafür umsehen. Wir werden Diess deutlicher erkennen, wenn von der -gegenwärtigen Vertheilung der organischen Wesen die Rede seyn wird; wir -werden dann finden, wie gering die Beziehungen zwischen den natürlichen -Lebens-Bedingungen verschiedener Länder und der Natur ihrer Bewohner -ist.</p> - -<p>Diese grosse Thatsache von der parallelen Aufeinanderfolge der -Lebenformen auf der ganzen Erde ist aus der Theorie der Natürlichen -Züchtung erklärbar. Neue Arten entstehen aus neuen Varietäten, welche -einige Vorzüge von älteren Formen an sich tragen, und diejenigen -Formen, welche bereits der Zahl nach vorherrschen oder irgend einen -Vortheil vor andern Formen voraus haben, werden natürlich am öftesten -die Entstehung neuer Varietäten oder beginnender Arten veranlassen; -denn diese letzten werden in noch höherem Grade siegreich gegen andre -bestehen und sie überleben. Wir finden einen bestimmten Beweis dafür -darin, dass den herrschenden, d. h. in ihrer Heimath gemeinsten und am -weitesten verbreiteten Pflanzen-Arten im Vergleiche zu andren Arten -in ihrer eignen Heimath die grösste Anzahl neuer Varietäten gebildet -haben. Ebenso ist es natürlich, dass die herrschenden veränderlichen -und weit verbreiteten Arten, die bis zu einem gewissen Grade bereits -in die Gebiete andrer<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> Arten eingedrungen sind, auch bessere Aussicht -als andre zu noch weitrer Ausbreitung und zur Bildung fernerer -Varietäten und Arten in den neuen Gegenden haben. Dieser Vorgang der -Ausbreitung mag oft ein sehr langsamer seyn, indem er von klimatischen -und geographischen Veränderungen, zufälligen Ereignissen oder von der -allmählichen Acclimatisirung neuer Arten in den verschiedenen von -ihnen zu durchwandernden Klimaten abhängt; doch mit der Zeit wird die -Verbreitung der herrschenden Formen gewöhnlich durchgreifen. Sie wird -bei Land-Bewohnern geschiedener Kontinente wahrscheinlich langsamer vor -sich gehen als bei den Organismen zusammenhängender Meere. Wir werden -daher einen minder genauen Grad paralleler Aufeinanderfolge in den -Land- als in den Meeres-Erzeugnissen zu finden erwarten dürfen, wie es -auch in der That der Fall ist.</p> - -<p>Wenn herrschende Arten sich von einer Gegend aus verbreiten, so werden -sie mitunter auf noch herrschendere Arten stossen, und dann wird ihr -Siegeslauf und selbst ihre Existenz aufhören. Wir wissen durchaus nicht -genau, welches alle die günstigsten Bedingungen für die Vermehrung -neuer und herrschender Arten sind; doch Das können wir, glaube ich, -klar erkennen, dass eine grosse Anzahl von Individuen, insoferne sie -mehr Aussicht auf die Hervorbringung vortheilhafter Abänderungen hat, -und dass eine strenge Mitbewerbung mittelst vieler schon bestehender -Formen im höchsten Grade vortheilhaft seyn müsse, sowie das Vermögen -sich in neue Gebiete zu verbreiten. Ein gewisser Grad von Isolirung, -nach langen Zwischenzeiten zuweilen wiederkehrend, dürfte, wie früher -erläutert worden, wohl gleichfalls förderlich seyn. Ein Theil der -Erd-Oberfläche mag für die Hervorbringung neuer und herrschender Arten -des Landes und ein andrer für solche des Meeres günstiger seyn. Wenn -zwei grosse Gegenden sehr lange Zeiten hindurch zur Hervorbringung -herrschender Arten in gleichem Grade geeignet gewesen, so wird der -Kampf ihrer Einwohner miteinander, wann immer sie zusammentreffen -mögen, ein langer und harter werden, und werden einige von der einen -und einige von der andern Geburts-Stätte aus siegreich vordringen. -Aber im<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> Laufe der Zeit werden die im höchsten Grade herrschenden -Formen, auf welcher von beiden Seiten sie auch entstanden seyn mögen, -überall das Übergewicht erlangen. In dem Maasse, als sie überwiegen, -werden sie das Erlöschen andrer unvollkommenerer Formen bedingen; und -da oft ganze unter sich verwandte Gruppen die gleiche Unvollkommenheit -gemeinsam ererbt haben, so werden solche Gruppen sich allmählich ganz -zum Erlöschen neigen, wenn auch da und dort ein einzelnes Glied sich -noch eine Zeit lang durchbringen mag.</p> - -<p>So, scheint mir, stimmt die parallele und, in einem weiten Sinne -genommen, gleichzeitige Aufeinanderfolge der nämlichen Lebenformen auf -der ganzen Erde wohl mit dem Prinzip überein, dass neue Arten durch -sich weit verbreitende und sehr veränderliche herrschende Spezies -gebildet werden; die so erzeugten neuen Arten werden in Folge von -Vererbung und, weil sie bereits einige Vortheile über ihre Ältern -und über andre Arten besitzen, selber herrschend; auch diese breiten -sich nun aus, variiren und bilden wieder neue Spezies. Diejenigen -Formen, welche verdrängt werden und ihre Stellen den neuen siegreichen -Formen überlassen, werden gewöhnlich gruppenweise verwandt seyn, -weil sie irgend eine Unvollkommenheit gemeinsam ererbt haben; daher -in dem Maasse als sich die neuen und vollkommeneren Gruppen über die -Erde verbreiten, alte Gruppen vor ihnen verschwinden müssen. Diese -Aufeinanderfolge der Formen auf beiden Wegen wird sich überall zu -entsprechen geneigt seyn.</p> - -<p>Noch bleibt eine Bemerkung über diesen Gegenstand zu machen übrig. -Ich habe die Gründe angeführt, wesshalb ich glaube, dass jede unsrer -grossen Fossil-reichen Formationen in Perioden fortdauernder Senkung -abgesetzt worden sind, dass aber diese Ablagerungen durch lange -Zwischenräume getrennt gewesen, wo der Meeres-Boden stet oder in Hebung -begriffen war, oder wo die Anschüttungen nicht rasch genug erfolgten, -um die organischen Reste einzuhüllen und gegen Zerstörung zu bewahren. -Während dieser langen leeren Zwischenzeiten nun haben, nach meiner -Annahme, die Bewohner jeder Gegend viele Abänderungen erfahren und -viel durch Erlöschen gelitten, und<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> haben grosse Wanderungen von einem -Theile der Erde zum andern stattgefunden. Da nun Grund zur Annahme -vorhanden ist, dass weite Felder die gleichen Bewegungen durchgemacht -haben, so haben gewiss auch oft genau gleichzeitige Formationen über -sehr weiten Räumen einer Weltgegend abgesetzt werden können; doch sind -wir hieraus nicht zu schliessen berechtigt, dass Diess unabänderlich -der Fall gewesen, oder dass weite Felder unabänderlich von gleichen -Bewegungen betroffen worden seyen. Sind zwei Formationen in zwei -Gegenden zu beinahe, aber nicht genau, gleicher Zeit entstanden, so -werden wir in beiden aus schon oben auseinandergesetzten Gründen im -Allgemeinen die nämliche Aufeinanderfolge der Lebenformen erkennen; -aber die Arten werden sich nicht genau entsprechen, weil sie in der -einen Gegend etwas mehr und in der andern etwas weniger Zeit gehabt -haben abzuändern, zu wandern und zu erlöschen.</p> - -<p>Ich vermuthe, dass Fälle dieser Art in <i>Europa</i> selbst vorkommen. -P<span class="smaller">RESTWICH</span> ist in seiner vortrefflichen Abhandlung über die -Eocän-Schichten in <i>England</i> und <i>Frankreich</i> im Stande einen -im Allgemeinen genauen Parallelismus zwischen den aufeinanderfolgenden -Stöcken beider Gegenden nachzuweisen. Obwohl sich nun bei Vergleichung -gewisser Stöcke in <i>England</i> mit denen in <i>Frankreich</i> eine -merkwürdige Übereinstimmung beider in den zu einerlei Sippen gehörigen -Arten ergibt, so weichen doch diese Arten selber in einer bei der -geringen Entfernung beider Gebiete schwer zu erklärenden Weise von -einander ab, wenn man nicht annehmen will, dass eine Landenge zwei -benachbarte Meere getrennt habe, welche von gleichzeitig verschiedenen -Faunen bewohnt gewesen seyen. L<span class="smaller">YELL</span> hat ähnliche Beobachtungen -über einige der späteren Tertiär-Formationen gemacht, und eben so hat -B<span class="smaller">ARRANDE</span> gezeigt, dass zwischen den aufeinanderfolgenden -Silur-Schichten <i>Böhmen’s</i> und <i>Skandinavien’s</i> im -Allgemeinen ein genauer Parallelismus herrsche, demungeachtet aber eine -erstaunliche Verschiedenheit zwischen den Arten bestehe. Wären aber -nun die verschiedenen Formationen dieser Gegenden nicht genau während -der gleichen Periode abgesetzt worden, indem etwa die Ablagerung in -der einen Gegend mit einer Pause in der andern<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> zusammenfiele, — -und hätten in beiden Gegenden die Arten sowohl während der Anhäufung -der Schichten als während der langen Pausen dazwischen langsame -Veränderungen erfahren: so würden die verschiedenen Formationen beider -Gegenden auf gleiche Weise und in Übereinstimmung mit der allgemeinen -Aufeinanderfolge der Lebenformen geordnet erscheinen, und ihre Ordnung -sogar genauparallel scheinen (ohne es zu seyn); demungeachtet würden -in den einzelnen einander anscheinend entsprechenden Stöcken beider -Gegenden nicht alle Arten übereinstimmen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Verwandtschaft erloschener Arten unter sich und mit den lebenden -Formen.</em>) Werfen wir nun einen Blick auf die gegenseitigen -Verwandtschaften erloschener und lebender Formen. Alle fallen in -ein grosses Natur-System, was sich aus dem Prinzip gemeinsamer -Abstammung erklärt. Je älter eine Form, desto mehr weicht sie der -allgemeinen Regel zufolge von den lebenden Formen ab. Doch können, wie -B<span class="smaller">UCKLAND</span> schon längst bemerkt, alle fossile Formen in noch -lebende Gruppen eingetheilt oder zwischen sie eingeschoben werden. -Es ist nicht zu bestreiten, dass die erloschenen Formen weite Lücken -zwischen den jetzt noch bestehenden Sippen, Familien und Ordnungen -ausfüllen helfen. Denn wenn wir unsre Aufmerksamkeit entweder auf die -lebenden oder auf die erloschenen Formen allein richten, so ist die -Reihe viel minder vollkommen, als wenn wir beide in ein gemeinsames -System zusammenfassen. Hinsichtlich der Wirbelthiere liessen sich viele -Seiten mit den trefflichen Erläuterungen unsres grossen Paläontologen -O<span class="smaller">WEN</span> über die Verbindung lebender Thier-Gruppen durch fossile -Formen anfüllen. Nachdem C<span class="smaller">UVIER</span> die Wiederkäuer und die -Pachydermen als zwei der aller-verschiedensten Säugthier-Ordnungen -betrachtet, hat O<span class="smaller">WEN</span> so viele fossile Zwischenglieder -entdeckt, dass er die ganze Klassifikation dieser zwei Ordnungen zu -ändern genöthigt war und gewisse Pachydermen in gleiche Unterordnung -mit Ruminanten versetzte. So z. B. füllt er die weite Lücke zwischen -Kameel und Schwein mit kleinen Zwischenstufen aus. Was die Wirbel-losen -betrifft, so versichert B<span class="smaller">ARRANDE</span>, gewiss die erste<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> Autorität -in dieser Beziehung, wie er jeden Tag deutlicher erkenne, dass die -paläolithischen Thiere, wenn auch in einerlei Ordnungen, Familien und -Sippen mit den jetzt lebenden gehörig, doch noch nicht in so bestimmte -Gruppen geschieden waren, wie diese letzten.</p> - -<p>Einige Schriftsteller haben sich gegen die Meinung erklärt, dass -eine erloschene Art oder Arten-Gruppe zwischen lebenden Arten oder -Gruppen in der Mitte stehe. Wenn damit gesagt werden sollte, dass die -erloschene Form in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen -zwei lebenden Formen halte, so wäre die Einwendung begründet. Aber ich -erkenne, dass in einer vollkommen natürlichen Klassifikation viele -fossile Arten zwischen lebenden Arten, und manche erloschene Sippen -zwischen lebenden Sippen oder sogar zwischen Sippen verschiedener -Familien ihre Stelle einzunehmen haben. Der gewöhnliche Fall zumal bei -sehr ausgezeichneten Gruppen, wie Fische und Reptilien sind, scheint -mir der zu seyn, dass da, wo dieselben heutigen Tages z. B. durch -ein Dutzend Charaktere von einander abweichen, die alten Glieder der -nämlichen zwei Gruppen in einer etwas geringeren Anzahl von Merkmalen -unterschieden waren, so dass beide Gruppen vordem, wenn auch schon -völlig verschieden, doch einander etwas näher stunden als jetzt.</p> - -<p>Es ist eine gewöhnliche Meinung, dass eine Form je älter um so mehr -geeignet seye, mittelst einiger ihrer Charaktere jetzt weit getrennte -Gruppen zu verknüpfen. Diese Bemerkung muss ohne Zweifel auf solche -Gruppen beschränkt werden, die im Verlaufe geologischer Zeiten grosse -Veränderungen erfahren haben, und es möchte schwer seyn, die Wahrheit -zu beweisen; denn hier und da wird auch noch ein lebendes Thier wie -der Lepidosiren entdeckt, das mit sehr verschiedenen Gruppen zugleich -verwandt ist. Wenn wir jedoch die ältern Reptilien und Batrachier, die -alten Fische, die alten Cephalopoden und die eocänen Säugthiere mit den -neueren Gliedern derselben Klassen vergleichen, so müssen wir einige -Wahrheit in der Bemerkung zugestehen.</p> - -<p>Wir wollen nun zusehen, in wie ferne diese verschiedenen<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> Thatsachen -und Schlüsse mit der Theorie abändernder Nachkommenschaft -übereinstimmen. Da der Gegenstand etwas verwickelt ist, so muss ich den -Leser bitten, sich nochmals nach dem <a href="#stammbaum">Bilde S. 131</a> umzusehen. Nehmen -wir an, die numerirten Buchstaben stellen Sippen und die von ihnen -ausstrahlenden Punkt-Reihen die dazu gehörigen Arten vor. Das <a href="#stammbaum">Bild</a> ist -insoferne zu einfach, als zu wenige Sippen und Arten darauf angenommen -sind; doch ist Das unwesentlich für uns. Die wagrechten Linien mögen -die aufeinander-folgenden geologischen Formationen vorstellen und alle -Formen unter der obersten dieser Linien als erloschene gelten. Die -drei lebenden Sippen a<sup>14</sup>, q<sup>14</sup>, p<sup>14</sup> mögen eine kleine Familie -bilden; b<sup>14</sup> und f<sup>14</sup> eine nahe verwandte oder eine Unter-Familie, -und o<sup>14</sup>, e<sup>14</sup>, m<sup>14</sup> eine dritte Familie vertreten. Diese drei -Familien mit den vielen erloschenen Sippen auf den verschiedenen von -der Stamm-Form A auslaufenden Verzweigungs-Linien bilden eine Ordnung; -denn alle werden von ihrem alten und gemeinschaftlichen Stammvater -aus etwas Gemeinsames ererbt haben. Nach dem Prinzip fortdauernder -Divergenz des Charakters, zu dessen Erläuterung jenes <a href="#stammbaum">Bild</a> bestimmt -war, muss jede Form je neuer um so stärker von ihrem ersten Stammvater -abweichen. Daraus erklärt sich eben auch die Regel, dass die ältesten -fossilen am meisten von den jetzt lebenden Formen verschieden sind. -Doch dürfen wir nicht glauben, dass Divergenz des Charakters eine -nothwendige Eigenschaft ist; sie hängt allein davon ab, ob die -Nachkommen einer Art befähigt sind, viele und verschiedenartige Plätze -im Haushalt der Natur einzunehmen. Daher ist es auch ganz wohl möglich, -wie wir bei einigen silurischen Fossilien gesehen, dass eine Art bei -nur geringer, nur wenig veränderten Lebens-Bedingungen entsprechender -Modifikation fortbestehen und während langer Perioden stets dieselben -allgemeinen Charaktere beibehalten kann. Diess wird in dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> durch -den Buchstaben <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> ausgedrückt.</p> - -<p>All’ die vielerlei von A abstammenden Formen, erloschene wie noch -lebende, bilden nach unsrer Annahme zusammen eine Ordnung, und diese -Ordnung ist in Folge fortwährenden Erlöschens der Formen und Divergenz -der Charaktere allmählich<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> in Familien und Unterfamilien getheilt -worden, von welchen einige in früheren Perioden zu Gründe gegangen sind -und andre bis auf den heutigen Tag währen.</p> - -<p>Das <a href="#stammbaum">Bild</a> zeigt uns ferner, dass, wenn eine Anzahl der schon -früher erloschenen und in die aufeinander-folgenden Formationen -eingeschlossenen Formen an verschiedenen Stellen tief unten in der -Reihe wieder entdeckt würden, die drei noch lebenden Familien auf der -obersten Linie mehr unter sich verkettet scheinen müssten. Wären z. B. -die Sippen a<sup>1</sup>, a<sup>5</sup>, a<sup>10</sup>, f<sup>8</sup>, m<sup>3</sup>, m<sup>6</sup>, m<sup>9</sup> wieder ausgegraben -worden, so würden die drei Familien so eng mit einander verkettet -erscheinen, dass man sie wahrscheinlich in eine grosse Familie -vereinigen würde, etwa so wie es mit den Wiederkäuern und gewissen -Dickhäutern geschehen ist. Wer nun gegen die Bezeichnung jener die drei -lebenden Familien verbindenden Sippen als „intermediäre dem Charakter -nach“ Verwahrung einlegen wollte, würde in der That in so ferne Recht -haben, als sie nicht direkt, sondern nur auf einem durch viele sehr -abweichende Formen hergestellten Umwege sich zwischen jene andern -einschieben. Wären viele erloschene Formen über einer der mitteln -Horizontal-Linien oder Formationen, wie z. B. Nr. VI—, aber keine -unterhalb dieser Linie gefunden worden, so würde man nur die zwei -auf der linken Seite stehenden Familien — nämlich a<sup>14</sup> etc. und -b<sup>14</sup> etc. — in eine grosse Familie vereinigen, und die zwei andern -a<sup>14</sup>–f<sup>14</sup> mit fünf und o<sup>14</sup>–m<sup>14</sup> mit drei Sippen würden dann -davon getrennt bleiben. Doch würden diese zwei Familien weniger von -einander verschieden erscheinen, als vor Entdeckung der fossilen Reste. -Wenn wir z. B. annehmen, die noch bestehenden Sippen der zwei Familien -wichen in einem Dutzend Merkmale von einander ab, so müssen dieselben -in der früheren mit VI bezeichneten Periode weniger Unterschiede -gezeigt haben, weil sie auf jener Fortbildungs-Stufe von dem -gemeinsamen Stammvater der Ordnung im Charakter noch nicht so stark wie -späterhin divergirten. So geschieht es dann, dass alte und erloschene -Sippen oft einigermaassen zwischen ihren abgeänderten Nachkommen oder -zwischen ihren Seiten-Verwandten das Mittel halten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p> - -<p>In der Natur wird der Fall weit zusammengesetzter seyn, als ihn unser -<a href="#stammbaum">Bild</a> darstellt; denn die Gruppen sind viel zahlreicher, ihre Dauer -ist von ausserordentlich ungleicher Länge, und die Abänderungen haben -manchfaltige Abstufungen erreicht. Da wir nun den letzten Band des -geologischen Berichtes mit vielfältig unterbrochnem Zusammenhange -besitzen, so haben wir, einige sehr seltene Fälle ausgenommen, -kein Recht, die Ausfüllung grosser Lücken im Natur-Systeme und die -Verbindung getrennter Familien und Ordnungen zu erwarten. Alles, -was wir hoffen dürfen, ist diejenigen Gruppen, welche erst in der -bekannten geologischen Zeit grosse Veränderungen erfahren, in den -frühesten Formationen etwas näher aneinander gerückt zu finden, so -dass die älteren Glieder in einigen ihrer Charaktere etwas weniger -weit auseinander gehen, als die jetzigen Glieder derselben Gruppen; -und Diess scheint nach dem einstimmigem Zeugnisse unserer besten -Paläontologen oft der Fall zu seyn.</p> - -<p>So scheinen sich mir nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit -fortschreitender Modifikation die wichtigsten Thatsachen hinsichtlich -der wechselseitigen Verwandtschaft der erloschenen Lebenformen zu -einander und zu den noch bestehenden Formen in genügender Weise -zu erklären. Nach jeder andern Betrachtungs-Weise sind sie völlig -unerklärbar.</p> - -<p>Aus der nämlichen Theorie erhellt, dass die Fauna einer grossen Periode -in der Erd-Geschichte in ihrem allgemeinen Charakter das Mittel halten -müsse zwischen der zunächst vorangehenden und nachfolgenden. So sind -die Arten, welche im sechsten grossen Schichten-Stocke unsres <a href="#stammbaum">Bildes</a> -vorkommen, die abgeänderten Nachkommen derjenigen, welche schon -im fünften vorhanden gewesen, und sind die Ältern der noch weiter -abgeänderten im siebenten; sie können daher nicht wohl anders als -nahezu das Mittel zwischen beiden halten. Wir müssen jedoch hiebei im -Auge behalten das gänzliche Erlöschen einiger früheren Formen, die -Einwanderung neuer Formen aus andern Gegenden und die beträchtliche -Umänderung der Formen während der langen Lücke zwischen zwei -aufeinander-folgenden Formationen. Diese Zugeständnisse berücksichtigt, -muss die Fauna jeder grossen<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> geologischen Periode zweifelsohne genau -das Mittel einnehmen zwischen der vorhergehenden und der folgenden. -Ich brauche nur als Beispiel anzuführen, wie die Fossil-Reste des -Devon-Systems die Paläontologen zu dessen Aufstellung veranlasst haben, -als sie deren mitteln Charakter zwischen denen des darunterliegenden -Silur- und des darauf-folgenden Steinkohlen-Systemes erkannten. Aber -nicht jede Fauna muss dieses Mittel genau einhalten, weil die zwischen -aufeinander-folgenden Formationen verflossenen Zeiträume ungleich lang -seyn können.</p> - -<p>Es ist kein wesentlicher Einwand gegen die Wahrheit der Behauptung, -dass die Fauna jeder Periode im Ganzen genommen ungefähr das Mittel -zwischen der vorigen und der folgenden Fauna halten müsse, darin -zu finden, dass manche Sippen Ausnahmen von dieser Regel bilden. -So stimmen z. B., wenn man Mastodonten und Elephanten nach Dr. -F<span class="smaller">ALCONER</span> zuerst nach ihrer gegenseitigen Verwandtschaft und -dann nach ihrer geologischen Aufeinanderfolge in zwei Reihen ordnet, -beide Reihen nicht mit einander überein. Die in ihren Charakteren am -weitesten abweichenden Arten sind weder die ältesten noch die jüngsten, -noch sind die von mittlem Charakter auch von mittlem Alter. Nehmen wir -aber für einen Augenblick an, unsre Kenntniss von den Zeitpunkten des -Erscheinens und Verschwindens der Arten seye in diesem und ähnlichen -Fällen vollkommen genau, so haben wir doch noch kein Recht zu glauben, -dass die nacheinander auftretenden Formen nothwendig auch gleich-lang -bestehen müssen; eine sehr alte Form kann zufällig eine längre Dauer -als eine irgendwo später entwickelte Form haben, was insbesondre von -solchen Landbewohnern gilt, welche in ganz getrennten Bezirken zu -Hause sind. Kleines mit Grossem vergleichend wollen wir die Tauben als -Beispiel wählen. Wenn man die lebenden und erloschenen Haupt-Rassen -unsrer Haus-Tauben so gut als möglich nach ihren Verwandtschaften -in Reihen ordnete, so würde diese Anordnungs-Weise nicht genau -übereinstimmen weder mit der Zeitfolge ihrer Entstehung und noch -weniger mit der ihres Untergangs. Denn die stammälterliche Felstaube -lebt noch, und viele Zwischenvarietäten zwischen ihr und der Botentaube -sind<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> erloschen, und Botentauben, welche in der Länge des Schnabels -das Äusserste bieten, sind früher entstanden, als die kurzschnäbeligen -Purzler, welche das entgegengesetzte Ende der auf die Schnabel-Länge -gegründeten Reihenfolge bilden.</p> - -<p>Mit der Behauptung, dass die organischen Reste einer mitteln Formation -auch einen nahezu mitteln Charakter besitzen, steht die Thatsache, -worauf alle Paläontologen bestehen, in nahem Zusammenhang, dass nämlich -die fossilen aus zwei aufeinander-folgenden Formationen viel näher -als die aus entfernten mit einander verwandt sind. P<span class="smaller">ICTET</span> -führt als ein wohl-bekanntes Beispiel die allgemeine Ähnlichkeit der -organischen Reste aus den verschiedenen Stöcken der Kreide-Formation -an, obwohl die Arten in allen Stöcken verschieden sind. Diese Thatsache -allein scheint ihrer Allgemeinheit wegen Professor P<span class="smaller">ICTET</span> -in seinem festen Glauben an die Unveränderlichkeit der Arten wankend -gemacht zu haben. Wohl bekannt mit der Vertheilungs-Weise der jetzt -lebenden Arten über die Erd-Oberfläche, wagt er doch nicht eine -Erklärung über die grosse Ähnlichkeit verschiedener Spezies in nahe -aufeinander-folgenden Formationen aus der Annahme herzuleiten, dass -die physikalischen Bedingungen der alten Länder-Gebiete sich fast -gleich geblieben seyen. Erinnern wir uns, dass die Lebenformen -wenigstens des Meeres auf der ganzen Erde und mithin unter den -aller-verschiedensten Klimaten u. a. Bedingungen fast gleichzeitig -gewechselt haben; — und bedenken wir, welchen unbedeutenden Einfluss -die wunderbarsten klimatischen Veränderungen während der die ganze -Eis-Zeit umschliessenden Pleistocän-Periode auf die spezifischen Formen -der Meeres-Bewohner ausgeübt haben!</p> - -<p>Nach der Theorie der gemeinsamen Abstammung ist die volle -Bedeutung der Thatsache klar, dass fossile Reste aus unmittelbar -aufeinander-folgenden Formationen, wenn auch als Arten verschieden, -nahe mit einander verwandt sind. Da die Ablagerung jeder Formation -oft unterbrochen worden ist und lange Pausen zwischen der Absetzung -verschiedener Formationen stattgefunden haben, so dürfen wir, wie ich -im letzten Kapitel zu zeigen versucht, nicht erwarten in irgend einer -oder zwei Formationen alle<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> Zwischenvarietäten zwischen den Arten zu -finden, welche am Anfang und am Ende dieser Formationen gelebt haben; -wohl aber müssten wir nach mehr oder weniger grossen Zwischenräumen -(sehr lang in Jahren ausgedrückt, aber mässig lang in geologischem -Sinne) nahe verwandte Formen oder, wie manche Schriftsteller sie -genannt haben, „stellvertretende Arten“ finden, und diese finden wir -in der That. Kurz wir entdecken diejenigen Beweise einer langsamen -und fast unmerkbaren Umänderung spezifischer Formen, wie wir sie zu -erwarten berechtigt sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">Über die Entwickelungs-Stufe alter gegenüber den noch lebenden -Formen.</em>) Wir haben im vierten Kapitel gesehen, dass der Grad der -Differenzirung und Spezialisirung der Theile und organischen Wesen -in ihrem reifen Alter den besten bis jetzt versuchten Maasstab zur -Bemessung der Vollkommenheits- oder Höhen-Stufe derselben abgibt. -Wir haben auch gesehen, dass, insoferne Spezialisirung der Theile -und Organe ein Vortheil für jedes Wesen ist, die Natürliche Züchtung -beständig streben wird, die Organisation eines jeden Wesens immer mehr -zu spezialisiren und somit, in diesem Sinne genommen, vollkommener zu -machen; was jedoch nicht ausschliesst, dass noch immer viele Geschöpfe, -für einfachre Lebens-Bedingungen bestimmt, auch ihre Organisation -einfach und unverbessert behalten. Es ist keine wesentliche Einwendung -gegen meine Ansichten (obwohl wir zu wenig von den Lebens-Beziehungen -kennen um irgend eine genaue Erklärung zu bieten), wenn gewisse -Brachiopoden seit der frühesten geologischen Periode fast unverändert -geblieben sind und wenn Süsswasser-Mollusken, wie Professor -P<span class="smaller">HILIPPS</span> hervorgehoben hat, bis zum heutigen Tage fast keine -Umänderung erfahren haben; jedoch sind diese letzten einer lebhaftern -Mitbewerbung ausgesetzt gewesen, als die Bewohner des weiten Meeres. -Auch in einem anderen und allgemeineren Sinne ergibt sich, dass nach -der Theorie der Natürlichen Züchtung die neueren Formen höher als ihre -Vorfahren streben; denn jede neue Art hat sich allmählich entwickelt, -weil sie im Kampfe ums Daseyn stets einen Vorzug vor andern und älteren -Formen besass. Wenn in einem nahezu ähnlichen Klima<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> die eocänen -Bewohner einer Weltgegend zur Bewerbung mit den jetzigen Bewohnern -derselben oder einer andern Weltgegend berufen würden, so müsste die -eocäne Fauna oder Flora gewiss unterliegen und vertilgt werden, wie -eine sekundäre Fauna von der eocänen und eine paläolitische von der -sekundären überwunden werden würde. — Der Theorie der Natürlichen -Züchtung gemäss müssten demnach die neuen Formen ihre höhere Stellung -den alten gegenüber nicht nur durch ihren Sieg im Kampfe ums Daseyn, -sondern auch durch eine weiter gediehene Spezialisirung der Organe -bewähren. Ist Diess aber wirklich der Fall? Eine grosse Mehrzahl der -Geologen würde Diess zweifelsohne bejahen. Aber mein unvollkommenes -Urtheil vermag ihnen, nachdem ich die Erörterungen von L<span class="smaller">YELL</span> -in dieser Beziehung gelesen und H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> Meinung in Bezug auf -die Pflanzen kennen gelernt habe, nur bis zu einem beschränkten Grade -beizupflichten. Demungeachtet dürfte der entscheidende Beweis erst noch -durch spätre geologische Forschungen zu liefern seyn. B<span class="smaller">RONN</span> -hat diesen Gegenstand vollständiger und angemessener als irgend ein -anderer Autor behandelt<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a>.</p> - -<p>Die Aufgabe ist in vieler Hinsicht ausserordentlich verwickelt. Der -geologische Schöpfungs-Bericht, schon zu allen Zeiten unvollständig, -reicht nach meiner Meinung nicht weit genug zurück, um mit -unverkennbarer Klarheit zu zeigen, dass innerhalb der bekannten -Geschichte der Erde die Organisation grosse Fortschritte gemacht -hat. Sind doch selbst heutzutage noch die Naturforscher oft nicht -einstimmig, welche Thiere einer Klasse die höheren sind. So sehen -Einige die Haie wegen einiger wichtigen Beziehungen ihrer Organisation -zu der der Reptilien als die höchsten Fische an, während andre die -Knochenfische als solche betrachten. Die Ganoiden stehen in der Mitte -zwischen den Haien und Knochenfischen. Heutzutage sind diese letzten -an Zahl weit vorwaltend, während es vordem nur Haie und Ganoiden -gegeben hat und in diesem Falle wird man sagen, die Fische<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> seyen -in ihrer Organisation vorwärts geschritten oder zurückgegangen, je -nachdem man sie mit einem andern Maasstabe misst<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>. Aber es ist ein -hoffnungsloser Versuch die Höhe von Gliedern ganz verschiedener Typen -gegen einander abzumessen. Wer vermöchte zu sagen, ob ein Tintenfisch -(Sepia) höher als die Biene stehe: als dieses Insekt, von dem der -grosse Naturforscher <span class="smaller">V</span>. B<span class="smaller">AER</span> sagt, dass es in der That höher -als ein Fisch organisirt seye, wenn auch nach einem andern Typus. In -dem verwickelten Kampfe ums Daseyn ist es ganz glaublich, dass solche -Kruster z. B., welche in ihrer eignen Klasse nicht sehr hoch stehen, -die Cephalopoden oder unvollkommensten Weichthiere überwinden würden; -und diese Kruster, obwohl nicht hoch entwickelt, müssen doch sehr hoch -auf der Stufenleiter der Wirbel-losen Thiere stehen, wenn man nach -dem entscheidendsten aller Kriterien, dem Gesetze des Wettkampfes ums -Daseyn urtheilt.</p> - -<p>Abgesehen von der Schwierigkeit, die es an und für sich hat zu -entscheiden, welche Formen der Organisation nach die höchsten sind, -haben wir nicht allein die höchsten Glieder einer Klasse in zwei -verschiedenen Perioden (obwohl Diess gewiss eines der wichtigsten -oder vielleicht das wichtigste Element bei der Abwägung ist), -sondern wir haben alle Glieder, hoch und nieder, mit einander zu -vergleichen. In alter Zeit wimmelte es von vollkommensten sowohl als -unvollkommensten Weichthieren, von Cephalopoden und Brachiopoden -nämlich; während heutzutage diese beiden Ordnungen sehr zurückgegangen -und die zwischen ihnen in der Mitte stehenden Klassen mächtig -angewachsen<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> sind. Demgemäss haben einige Naturforscher geschlossen, -dass die Mollusken vordem höher entwickelt gewesen sind als jetzt; -während andre sich auf die gegenwärtige beträchtliche Verminderung -der unvollkommenen Mollusken um so mehr beriefen, als auch die noch -vorhandenen Cephalopoden, obgleich weniger an Zahl, doch höher als -ihre alten Stellvertreter organisirt seyen. Wir müssen daher die -Proportional-Zahlen der obren und der unteren Klassen der Bevölkerung -der Erde in zwei verschiedenen Perioden mit einander vergleichen. Wenn -es z. B. jetzt 50,000 Arten Wirbelthiere gäbe und wir dürften deren -Anzahl in irgend einer früheren Periode nur auf 10,000 schätzen, so -müssten wir diese Zunahme der obersten Klassen, welche zugleich eine -grosse Verdrängung tieferer Formen aus ihrer Stelle bedingte, als -einen entschiedenen Fortschritt in der organischen Bildung betrachten, -gleichviel ob es die höheren oder die tieferen Wirbelthiere wären, -welche dabei sehr zugenommen hätten.<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a> Man ersieht hieraus, wie -gering allem Anscheine nach die Hoffnung ist, unter so äusserst -verwickelten Beziehungen jemals in vollkommen richtiger Weise -die relative Organisations-Stufe unvollkommen bekannter Faunen -nach-einander folgender Perioden in der Erd-Geschichte zu beurtheilen.</p> - -<p>Von einem andern wichtigen Gesichtspunkte aus werden wir diese -Schwierigkeit um so richtiger würdigen, wenn wir gewisse -jetzt vorhandene Faunen und Floren ins Auge fassen. Nach der -aussergewöhnlichen Art zu schliessen, wie sich in neuerer Zeit -aus <i>Europa</i> eingeführte Erzeugnisse über <i>Neuseeland</i> -verbreitet und Plätze eingenommen haben, welche doch schon vorher -besetzt gewesen, würde sich wohl, wenn man alle Pflanzen und Thiere -<i>Grossbritanniens</i> dort frei aussetzte, eine Menge Britischer -Formen mit der Zeit vollständig daselbst naturalisiren und viele -der eingebornen vertilgen. Dagegen dürfte Das, was wir jetzt in -<i>Neuseeland</i> sich zutragen sehen, und die Thatsache, dass<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> noch -kaum ein Bewohner der südlichen Hemisphäre in irgend einem Theile -<i>Europa’s</i> verwildert ist, uns zu zweifeln veranlassen, ob, wenn -alle Natur-Erzeugnisse <i>Neuseelands</i> in <i>Grossbritannien</i> -frei ausgesetzt würden, eine etwas grössere Anzahl derselben -vermögend wäre, sich jetzt von eingeborenen Pflanzen und Thieren -schon besetzte Stellen zu erobern. Von diesem Gesichtspunkte aus -kann man sagen, dass die Produkte <i>Grossbritanniens</i> höher als -die <i>Neuseeländischen</i> stehen. Und doch hätte der tüchtigste -Naturforscher nach der sorgfältigsten Untersuchung der Arten beider -Gegenden dieses Resultat nicht voraussehen können.</p> - -<p>A<span class="smaller">GASSIZ</span> hebt hervor, dass die alten Thiere in gewissen -Beziehungen den Embryonen neuer Thiere derselben Klasse gleichen, -oder dass die geologische Aufeinanderfolge erloschener Formen -gewissermaassen der embryonischen Entwickelung neuer Formen parallel -läuft. Ich muss jedoch P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> und H<span class="smaller">UXLEY</span>’<span class="smaller">S</span> Meinung -beipflichten, dass diese Lehre von Ferne nicht erwiesen ist. Doch -bin ich ganz der Erwartung sie sich später wenigstens hinsichtlich -solcher untergeordneter Gruppen bestätigen zu sehen, die sich erst -in neuerer Zeit von einander abgezweigt haben. Denn diese Lehre von -A<span class="smaller">GASSIZ</span> stimmt wohl mit der Theorie der Natürlichen Züchtung -überein. In einem spätern Kapitel werde ich zu zeigen versuchen, -dass die Alten von ihren Embryonen in Folge von Abänderungen -abweichen, welche nicht in der frühesten Jugend erfolgen und auch -erst auf ein entsprechendes späteres Alter vererbt werden. Während -dieser Prozess den Embryo fast unverändert lässt, häuft er im Laufe -aufeinander-folgender Generationen immer mehr Verschiedenheit im Alten -zusammen.</p> - -<p>So erscheint der Embryo gleichsam wie ein von der Natur aufbewahrtes -Portrait des frühern und noch nicht sehr modifizirten Zustandes eines -jeden Thieres. Diese Ansicht mag wahr seyn, ist jedoch nie eines -vollkommenen Beweises fähig. Denn fänden wir auch, dass z. B. die -ältesten bekannten Formen der Säugthiere, der Reptilien und der Fische -zwar genau diesen Klassen entsprächen, aber doch einander etwas näher -stünden als die jetzigen typischen Vertreter dieser Klassen, so würden -wir uns<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> doch so lange vergebens nach Thieren umsehen, welche noch den -gemeinsamen Embryo-Charakter der Vertebraten an sich trügen, als wir -nicht Fossilien-führende Schichten noch tief unter den silurischen -entdeckten, wozu in der That sehr wenig Aussicht vorhanden ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aufeinanderfolge derselben Typen innerhalb gleicher Gebiete -während der späteren Tertiär-Perioden.</em>) C<span class="smaller">LIFT</span> hat -vor vielen Jahren gezeigt, dass die fossilen Säugthiere aus den -Knochen-Höhlen <i>Neuhollands</i> sehr nahe mit den noch jetzt dort -lebenden Beutelthieren verwandt gewesen sind. In <i>Süd-Amerika</i> -hat sich eine ähnliche Beziehung selbst für das ungeübte Auge ergeben -in den Armadill-ähnlichen Panzer-Stücken von riesiger Grösse, -welche in verschiedenen Theilen von <i>la Plata</i> gefunden worden -sind; und Professor O<span class="smaller">WEN</span> hat aufs Triftigste bewiesen, -dass die meisten der dort so zahlreich fossil gefundenen Thiere -<i>Südamerikanischen</i> Typen angehören. Diese Beziehung ist -noch deutlicher in den wundervollen Sammlungen fossiler Knochen -zu erkennen, welche L<span class="smaller">UND</span> und C<span class="smaller">LAUSEN</span> aus den -<i>Brasilischen</i> Höhlen mitgebracht haben. Diese Thatsachen machten -einen solchen Eindruck auf mich, dass ich in den Jahren 1839 und 1845 -dieses „Gesetz der Succession gleicher Typen“, diese „wunderbare -Beziehung zwischen dem Todten und Lebenden in einerlei Kontinent“ -sehr nachdrücklich hervorhob. Professor O<span class="smaller">WEN</span> hat später -dieselbe Verallgemeinerung auch auf die Säugthiere der <i>alten -Welt</i> ausgedehnt. Wir finden dasselbe Gesetz wieder in den von -ihm restaurirten Riesenvögeln <i>Neuseelands</i>. Wir sehen es auch -in den Vögeln der <i>Brasilischen</i> Höhlen. W<span class="smaller">OODWARD</span> hat -gezeigt, dass dasselbe Gesetz auch auf die See-Konchylien anwendbar -ist, obwohl er es der weiten Verbreitung der meisten Mollusken-Sippen -wegen nicht gut entwickelt hat. Es liessen sich noch andre Beispiele -anführen, wie die Beziehungen zwischen den erloschenen und lebenden -Land-Schnecken auf <i>Madeira</i> und zwischen den alten und jetzigen -Brackwasser-Konchylien des <i>Aral-Kaspischen</i> Meeres.</p> - -<p>Doch, was bedeutet dieses merkwürdige Gesetz der Aufeinanderfolge -gleicher Typen in gleichen Länder-Gebieten? Vergleicht<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> man das -jetzige Klima <i>Neuhollands</i> und der unter gleicher Breite damit -gelegenen Theile <i>Süd-Amerika’s</i> mit einander, so würde es als ein -thörichtes Unternehmen erscheinen, einerseits aus der Unähnlichkeit -der natürlichen Bedingungen die Unähnlichkeit der Bewohner dieser -zwei Kontinente und anderseits aus der Ähnlichkeit der Verhältnisse -das Gleichbleiben der Typen in jedem derselben während der späteren -Tertiär-Perioden erklären zu wollen. Auch lässt sich nicht behaupten, -dass einem unveränderlichen Gesetze zufolge Beutelthiere hauptsächlich -oder allein nur in <i>Neuholland</i>, oder Edentaten u. a. der jetzigen -<i>Amerikanischen</i> Typen nur in <i>Amerika</i> hervorgebracht -werden können. Denn es ist bekannt, dass <i>Europa</i> in alten -Zeiten von zahlreichen Beutelthieren bevölkert war, und ich habe in -den oben angeführten Schriften gezeigt, dass in <i>Amerika</i> das -Verbreitungs-Gesetz für die Land-Säugthiere früher ein andres gewesen, -als es jetzt ist. <i>Nord-Amerika</i> betheiligte sich früher sehr an -dem jetzigen Charakter der südlichen Hälfte des Kontinentes, und die -südliche Hälfte war früher mehr als jetzt mit der nördlichen verwandt. -Durch F<span class="smaller">ALCONER</span> und C<span class="smaller">AUTLEY</span>’<span class="smaller">S</span> Entdeckungen wissen -wir, dass <i>Nord-Indien</i> hinsichtlich seiner Säugthiere früher in -näherer Beziehung als jetzt mit <i>Afrika</i> stund. Analoge Thatsachen -liessen sich auch von der Verbreitung der See-Thiere mittheilen.</p> - -<p>Nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit fortschreitender -Abänderung erklärt sich das grosse Gesetz langwährender aber nicht -unveränderlicher Aufeinanderfolge gleicher Typen auf einem und -demselben Felde unmittelbar. Denn die Bewohner eines jeden Theiles der -Welt werden offenbar streben in diesem Theile während der nächsten -Zeitperiode nahe verwandte, doch etwas abgeänderte Nachkommen zu -hinterlassen. Sind die Bewohner eines Kontinents früher von denen eines -andern Festlandes sehr verschieden gewesen, so werden ihre abgeänderten -Nachkommen auch jetzt noch in fast gleicher Art und Stufe von -einander abweichen. Aber nach sehr langen Zeiträumen und sehr grosse -Wechselwanderungen gestattenden geographischen Veränderungen werden -die schwächeren den herrschenden Formen<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> weichen und so ist nichts -unveränderlich in Verbreitungs-Gesetzen früherer und jetziger Zeit.</p> - -<p>Vielleicht fragt man mich im Spott, ob ich glaube, dass das Megatherium -und die andern ihm verwandten Ungethüme in <i>Süd-Amerika</i> das -Faulthier, das Armadill und die Ameisenfresser als abgeänderte -Nachkommen hinterlassen haben. Diess kann man keinen Augenblick -zugeben. Jene grossen Thiere sind völlig erloschen, ohne eine -Nachkommenschaft zu hinterlassen. Aber in den Höhlen <i>Brasiliens</i> -sind viele ausgestorbene Arten, in Grösse u. a. Merkmalen nahe verwandt -mit den noch jetzt in <i>Süd-Amerika</i> lebenden Spezies, und einige -der fossilen mögen wirklich die Erzeuger noch jetzt dort lebender -Arten seyn. Man darf nicht vergessen, dass nach meiner Theorie alle -Arten einer Sippe von einer und der nämlichen Spezies abstammen, so -dass wenn von sechs Sippen jede acht Arten in einerlei geologischer -Formation enthält und in der nächst-folgenden Formation wieder sechs -andre verwandte oder stellvertretende Sippen mit gleicher Arten-Zahl -vorkommen, wir dann schliessen dürfen, dass nur eine Art von jeder der -sechs älteren Sippen modifizirte Nachkommen hinterlassen habe, welche -die sechs neueren Sippen bildeten. Die andren sieben Arten der alten -Genera sind alle ausgestorben, ohne Erben zu hinterlassen. Doch möchte -es wohl weit öfter vorkommen, dass zwei oder drei Arten von nur zwei -oder drei der alten Sippen die Ältern der sechs neuen Genera gewesen -und die andern alten Arten und sämmtliche übrigen alten Sippen gänzlich -erloschen sind. In untergehenden Ordnungen mit abnehmender Sippen- und -Arten-Zahl, wie es offenbar die Edentaten <i>Süd-Amerika’s</i> sind, -werden weniger Genera und Spezies abgeänderte Nachkommen in gerader -Linie hinterlassen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenstellung des vorigen und jetzigen Kapitels.</em>) Ich habe -zu zeigen gesucht, dass die geologische Schöpfungs-Urkunde äusserst -unvollkommen ist; dass erst nur ein kleiner Theil der Erd-Oberfläche -sorgfältig untersucht worden ist; dass nur gewisse Klassen organischer -Wesen zahlreich in fossilem Zustande erhalten sind; dass die Anzahl -der in unsren<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> Museen aufbewahrten Individuen und Arten gar nichts -bedeutet im Vergleiche mit der unberechenbaren Zahl von Generationen, -die nur während einer Formations-Zeit aufeinander-gefolgt seyn -müssen; dass in der Regel ungeheure Zeiträume zwischen je zwei -aufeinander-folgenden Formationen verflossen seyn müssen, weil -Fossilien-reiche Bildungen mächtig genug, um künftiger Zerstörung zu -widerstehen, sich gewöhnlich nur während Senkungs-Perioden ablagern -können; dass mithin wahrscheinlich während der Senkungs-Zeiten mehr -Aussterben und während der Hebungs-Zeiten mehr Abändern organischer -Formen stattgefunden hat; dass der Schöpfungs-Bericht aus diesen -letzten Perioden am unvollkommensten erhalten ist; dass jede einzelne -Formation nicht in ununterbrochenem Zusammenhang abgelagert worden; -dass die Dauer jeder Formation vielleicht kurz ist im Vergleich zur -mitteln Dauer der Arten-Formen; dass Einwanderungen einen grossen -Antheil am ersten Auftreten neuer Formen in der Formation einer Gegend -gehabt haben; dass die am weitesten verbreiteten Arten auch am meisten -variirt und am öftesten Veranlassung zur Entstehung neuer Arten gegeben -haben; und dass Varietäten anfangs oft nur örtlich gewesen sind. -Alle diese Ursachen zusammengenommen müssen die geologische Urkunde -äusserst unvollständig machen und können es grossentheils erklären, -warum wir zwar einzelne Mittelformen zwischen den Gliedern einer -Organismen-Gruppe finden, aber nicht endlose Varietäten-Reihen die -erloschenen und lebenden Formen in den feinsten Abstufungen miteinander -verketten sehen.</p> - -<p>Wer diese Ansichten von der Beschaffenheit des geologischen Berichtes -verwerfen will, muss auch meine ganze Theorie verwerfen. Denn vergebens -wird er dann fragen, wo die zahllosen Übergangs-Glieder geblieben, -welche die nächst verwandten oder stellvertretenden Arten einst -mit einander verkettet haben müssen, die man in den verschiedenen -Stöcken einer grossen Formation übereinander findet. Er wird nicht an -die unermesslichen Zwischenzeiten glauben, welche zwischen unseren -aufeinander-folgenden Formationen verflossen sind; er wird übersehen, -welchen wesentlichen Antheil die Wanderungen seit dem ersten<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> -Erscheinen der Organismen in den Formationen einer grossen Weltgegend -wie <i>Europa</i> für sich allein betrachtet gehabt haben; er wird sich -auf das anscheinend, aber oft nur anscheinend, plötzliche Auftreten -ganzer Arten-Gruppen berufen. Wenn er fragen sollte, wo denn die Reste -jener unendlich zahlreichen Organismen geblieben, welche lange vor der -Bildung der ältesten Silur-Schichten abgelagert worden seyn müssen, -so kann ich nur hypothetisch darauf antworten, dass, so viel noch zu -sehen, unsre Ozeane sich schon seit unermesslichen Zeiträumen an ihren -jetzigen Stellen befunden haben, und dass da, wo unsre Kontinente jetzt -stehen, sie sicher seit der Silur-Zeit gestanden sind; dass aber die -Erd-Oberfläche lange vor dieser Periode ein ganz andres Aussehen gehabt -haben dürfte, und dass die alten Kontinente aus Formationen noch viel -älter als die silurische bestehend sich bereits alle in metamorphischem -Zustande befinden oder tief unter den Ozean versenkt liegen.</p> - -<p>Doch sehen wir von diesen Schwierigkeiten ab, so scheinen mir -alle andern grossen und leitenden Thatsachen in der Paläontologie -einfach aus der Theorie der Abstammung von gemeinsamen Urältern mit -fortschreitender Abänderung durch Natürliche Züchtung zu folgen. -Es erklärt sich daraus, warum neue Arten nur langsam nacheinander -auftreten; warum Arten verschiedener Klassen nicht nothwendig in -gleichem Verhältnisse oder gleichem Grade miteinander wechseln, -sondern alle nur im Verlauf langer Perioden Veränderungen unterliegen. -Das Erlöschen alter Formen ist die unvermeidlichste Folge vom -Entstehen neuer. Es erklärt sich warum eine Spezies, wenn einmal -verschwunden, nie wieder erscheint. Arten-Gruppen (Sippen u. s. w.) -wachsen nur langsam an Zahl und dauern ungleich lange Perioden aus; -denn der Prozess der Abänderung ist nothwendig ein langsamer und von -vielerlei verwickelten Zufällen abhängig. Die herrschenden Arten der -grösseren herrschenden Gruppen streben viele abgeänderte Nachkommen -zu hinterlassen, und so werden wieder neue Untergruppen und Gruppen -gebildet. Im Verhältnisse als diese entstehen, neigen sich die -Arten minder kräftiger Gruppen in Folge ihrer gemeinsam ererbten -Unvollkommenheit dem gemeinsamen<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> Erlöschen zu, ohne irgendwo auf der -Erd-Oberfläche eine abgeänderte Nachkommenschaft zu hinterlassen. -Aber das gänzliche Erlöschen einer ganzen Arten-Gruppe mag oft ein -sehr langsamer Prozess seyn, wenn einzelne Arten in geschützten oder -abgeschlossenen Standorten kümmernd noch eine Zeit lang fortleben -können. Ist eine Gruppe einmal untergegangen, so kann sie nie wieder -erscheinen, weil ein Glied aus der Generationen-Reihe zerbrochen ist.</p> - -<p>So ist es begreiflich, dass die Ausbreitung herrschender Lebenformen, -welche eben am öftesten variiren, mit der Länge der Zeit die Erde mit -nahe verwandten jedoch modifizirten Formen bevölkern, denen es sodann -gewöhnlich gelingt die Plätze jener Arten-Gruppen einzunehmen, welche -ihnen im Kampfe ums Daseyn unterliegen. Daher wird es denn nach langen -Zwischenzeiten aussehen, als hätten die Bewohner der Erd-Oberfläche -überall gleich-zeitig gewechselt.</p> - -<p>So ist es ferner begreiflich, woher es kommt, dass die alten und neuen -Lebenformen ein grosses System mit einander bilden, da sie durch -Zeugung mit einander verbunden sind. Es ist aus der fortgesetzten -Neigung zur Divergenz des Charakters begreiflich, warum die fossilen -Formen um so mehr von den jetzt lebenden abweichen, je älter sie -sind; warum alte und erloschene Formen oft Lücken zwischen lebenden -auszufüllen geeignet sind und zuweilen zwei Gruppen mit einander -vereinigen, welche zuvor getrennt aufgestellt worden, obwohl sie solche -in der Regel nur etwas näher einander rücken. Je älter eine Form ist, -um so öfter scheint sie Charaktere zu entwickeln, welche zwischen jetzt -getrennten Gruppen mehr und weniger das Mittel halten; denn je älter -eine Form ist, desto näher verwandt und mithin ähnlicher wird sie dem -gemeinsamen Stamm-Vater solcher Gruppen seyn, welche seither weit -auseinander gegangen sind. Erloschene Formen halten selten genau das -Mittel zwischen lebenden, sondern stehen in deren Mitte nur in Folge -einer weitläufigen Verkettung durch viele erloschene und abweichende -Formen. Wir ersehen deutlich, warum die organischen Reste dicht -aufeinanderfolgender Formationen einander ähnlicher als die weit von<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span> -einander entfernter seyn müssen; denn jene Formen stehen in näherer -Bluts-Verwandtschaft als diese mit einander. Wir vermögen endlich -einzusehen, warum die organischen Reste mittler Formationen auch das -Mittel in ihren Charakteren halten.</p> - -<p>Die Erd-Bewohner einer jeden späteren Periode müssen die früheren -im Kampfe um’s Daseyn besiegt haben und müssen in soferne auf einer -höheren Vollkommenheits-Stufe als diese stehen und ihr Körper-Bau -ist seitdem im Allgemeinen mehr spezialisirt worden, und es mag -sich aus dem unbestimmten und missdeuteten Gefühl davon erklären, -dass viele Paläontologen an einen Fortschritt der Organisation im -Ganzen glauben. Sollte sich später ergeben, dass alte Thier-Formen -in gewissem Grade den Embryonen neuer aus der nämlichen Klasse -gleichen, so würde auch Diess zu begreifen seyn. Die Aufeinanderfolge -gleicher Organisations-Typen auf gleichem Gebiete während der letzten -geologischen Perioden hört auf geheimnissvoll zu seyn und ist eine -einfache Folge der Vererbung.</p> - -<p>Wenn daher die geologische Schöpfungs-Urkunde so unvollständig ist, -als ich es glaube (und es lässt sich wenigstens behaupten, dass das -Gegentheil nicht erweisbar), so werden sich die Haupteinwände gegen -die Theorie der Natürlichen Züchtung in hohem Grade vermindern oder -gänzlich verschwinden. Dagegen scheinen mir die Haupt-Gesetze der -Paläontologie deutlich zu beweisen, dass die Arten durch gewöhnliche -Zeugung entstanden sind. Frühere Lebenformen sind durch die noch -fortwährend um uns her thätigen Variations-Gesetze entstandene und -durch Natürliche Züchtung erhaltene vollkommenere Formen ersetzt -worden.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Eilftes_Kapitel">Eilftes Kapitel.<br /> - -<b>Geographische Verbreitung.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus -den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. — Wichtigkeit der -Verbreitungs-Schranken. — Verwandtschaft der Erzeugnisse eines -nämlichen Kontinentes. — Schöpfungs-Mittelpunkte. — Ursachen der -Verbreitung sind Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und -mitunter zufällige. — Die Zerstreuung während der Eis-Periode über -die ganze Erd-Oberfläche erstreckt.</p> - -<p>Bei Betrachtung der Verbreitungs-Weise der organischen Wesen über -die Erd-Oberfläche besteht die erste wichtige Thatsache, welche -uns in die Augen fällt, darin, dass weder die Ähnlichkeit noch die -Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden aus klimatischen -u. a. physikalischen Bedingungen erklärbar ist. Alle, welche diesen -Gegenstand studirt haben, sind endlich zu dem nämlichen Ergebniss -gelangt. Das Beispiel <i>Amerika’s</i> würde schon allein genügen, -Diess zu beweisen. Denn alle Autoren stimmen darin überein, dass mit -Ausschluss des nördlichen um den Pol her ziemlich zusammenhängenden -Theiles, die Trennung der <i>alten</i> und der <i>neuen Welt</i> -eine der ersten Grundlagen der geographischen Vertheilung der -Organismen bilde. Wenn wir aber den weiten <i>Amerikanischen</i> -Kontinent von den mitteln Theilen der <i>Vereinten Staaten</i> an -bis zu seinem südlichsten Punkte durchwandern, so begegnen wir den -aller-verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, den feuchtesten Strichen -und den trockensten Wüsten, hohen Gebirgen und grasigen Ebenen, Wäldern -und Marschen, Seen und Strömen mit fast jeder Temperatur. Es gibt -kaum ein Klima oder eine Bedingung in der <i>alten Welt</i> wozu sich -nicht eine Parallele in der <i>neuen</i> fände, so ähnlich wenigstens, -als Diess zum Fortkommen der nämlichen Arten erforderlich wäre; denn -es ist ein äusserst seltener Fall, irgend eine Organismen-Gruppe auf -einen kleinen Fleck mit etwas eigenthümlichen Lebens-Bedingungen -beschränkt zu finden. So z. B. gibt es in der <i>alten Welt</i> wohl -einige Stellen, heisser als irgend welche in der <i>neuen</i>; und doch -haben diese keine eigenthümliche<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> Fauna oder Flora. Aber ungeachtet -dieses Parallelismus in den Lebens-Bedingungen der <i>alten</i> und der -<i>neuen</i> Welt wie weit sind ihre lebenden Bewohner verschieden!</p> - -<p>Wenn wir in der südlichen Halbkugel grosse Landstriche in -<i>Australien</i>, <i>Süd-Afrika</i> und <i>West-Südamerika</i> -zwischen 25°–35° S. Br. miteinander vergleichen, so werden wir manche -in allen ihren natürlichen Verhältnissen einander äusserst ähnliche -Theile finden, und doch würde es nicht möglich seyn, drei einander -unähnliche Faunen und Floren ausfindig zu machen. Oder wenn wir die -Natur-Produkte <i>Süd-Amerikas</i> im Süden vom 35° Br. und im Norden -vom 25° Br. mit einander vergleichen, die mithin ein sehr verschiedenes -Klima bewohnen, so zeigen sich dieselben einander weit näher verwandt, -als die in <i>Australien</i> und <i>Afrika</i> in fast einerlei Klima -lebenden sind. Und analoge Thatsachen lassen sich auch in Bezug auf die -Meeres-Thiere nachweisen.</p> - -<p>Als zweite allgemeine Thatsache fällt uns auf, dass Schranken -verschiedener Art oder Hindernisse freier Wanderung mit den -Verschiedenheiten zwischen Bevölkerungen verschiedener Gegenden -in engem und wesentlichem Zusammenhange stehen. So die grosse -Verschiedenheit fast aller Land-Bewohner der <i>alten</i> und der -<i>neuen</i> Welt mit Ausnahme der nördlichen Theile, wo sich beide -nahezu berühren und vordem bei einem nur wenig abweichenden Klima -die Wanderungen der Bewohner der nördlich-gemässigten Zone in -ähnlicher Weise möglich gewesen seyn dürften, wie sie noch jetzt von -Seiten der arktischen Bevölkerung stattfinden. Wir erkennen dieselbe -Thatsache in der grossen Verschiedenheit zwischen den Bewohnern von -<i>Australien</i>, <i>Afrika</i> und <i>Süd-Amerika</i> wieder; denn -diese Gegenden sind fast so vollständig von einander geschieden, als -es nur immer möglich ist. Auch auf jedem Festlande sehen wir die -nämliche Erscheinung; denn auf den entgegengesetzten Seiten hoher und -zusammenhängender Gebirgs-Ketten, grosser Wüsten und mitunter sogar -nur grosser Ströme finden wir verschiedene Erzeugnisse. Da jedoch -Gebirgs-Ketten, Wüsten u. s. w. nicht ganz unüberschreitbar sind -oder noch nicht so lang als die zwischen den<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> Festländern gelegenen -Weltmeere bestehen, so sind diese Verschiedenheiten dem Grade nach viel -kleiner als die in verschiedenen Kontinenten.</p> - -<p>Wenden wir uns nach dem Meere, so finden wir das nämliche Gesetz. -Keine andern zwei Meeres-Faunen sind so verschieden von einander -als die an den östlichen und den westlichen Küsten <i>Süd-</i> und -<i>Mittel-Amerikas</i>. Da ist fast kein Fisch, keine Schnecke, keine -Krabbe gemeinsam. Und doch sind diese grosse Faunen nur durch die -schmale Landenge von <i>Panama</i> von einander getrennt. Westwärts -von den <i>Amerikanischen</i> Gestaden erstreckt sich ein weiter und -offener Ozean mit nicht einer Insel zum Ruheplatz für Auswanderer; hier -haben wir eine Schranke andrer Art, und sobald diese überschritten -ist, treffen wir auf den östlichen Inseln des <i>stillen Meeres</i> -auf eine neue und ganz verschiedene Fauna. Es erstrecken sich also -drei Meeres-Faunen nicht weit von einander in parallelen Linien -weit nach Norden und Süden in sich entsprechenden Klimaten. Da sie -aber durch unübersteigliche Schranken von Land oder offnem Meer -von einander getrennt sind, so bleiben sie völlig von einander -verschieden. Gehen wir aber von den östlichen Inseln im tropischen -Theile des <i>stillen Meeres</i> noch weiter nach Westen, so finden -wir keine unüberschreitbaren Schranken mehr; unzählige Inseln oder -zusammenhängende Küsten bieten sich als Ruheplätze dar, bis wir nach -Umwanderung einer Hemisphäre zu den Küsten <i>Afrikas</i> gelangen; -aber in diese weiten Flächen theilen sich keine wohl-charakterisirten -verschiedenen Meeres-Faunen mehr. Obwohl kaum eine Schnecke, eine -Krabbe oder ein Fisch jenen drei Faunen an der Ost- und West-Küste -<i>Amerikas</i> und im östlichen Theile des <i>stillen Ozeans</i> -gemeinsam ist, so reichen doch viele Fisch-Arten vom <i>stillen</i> bis -zum <i>Indischen Ozean</i> und sind viele Weichthiere den östlichen -Inseln der <i>Südsee</i> und den östlichen Küsten <i>Afrikas</i> unter -sich fast genau entgegenstehenden Meridianen gemein.</p> - -<p>Eine dritte grosse Thatsache, schon zum Theil in den vorigen -mitbegriffen, ist die Verwandtschaft zwischen den Erzeugnissen eines -nämlichen Festlandes oder Weltmeeres, obwohl die<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> Arten verschiedener -Theile und Standorte desselben verschieden sind. Es ist Diess ein -Gesetz von der grössten Allgemeinheit, und jeder Kontinent bietet -unzählige Belege dafür. Demungeachtet fühlt sich der Naturforscher auf -seinem Wege von Norden nach Süden unfehlbar betroffen von der Art und -Weise wie Gruppen von Organismen der Reihe nach einander ersetzen, die -in den Arten verschieden aber offenbar verwandt sind. Er hört von nahe -verwandten aber doch verschiedenen Vögeln ähnliche Gesänge, sieht ihre -ähnlich gebauten Nester mit ähnlich gefärbten Eiern. Die Ebenen der -<i>Magellans-Strasse</i> sind von einem Nandu (Rhea Americana) bewohnt, -und im Norden der <i>Laplata</i>-Ebene wohnt eine andre Art derselben -Sippe, doch kein ächter Strauss (Struthio) oder Emu (Dromaius), -welche in <i>Afrika</i> und beziehungsweise in <i>Neuholland</i> -unter gleichen Breiten vorkommen. In denselben <i>Laplata</i>-Ebenen -finden wir das Aguti (Dasyprocta) und die Hasenmaus (Lagostomus), zwei -Nagethiere von der Lebensweise unsrer Hasen und Kaninchen und mit ihnen -in gleiche Ordnung gehörig, aber einen rein <i>Amerikanischen</i> -Organisations-Typus bildend. Steigen wir zu dem Hoch-Gebirge -der <i>Cordilleren</i> hinan, so treffen wir die Berg-Hasenmaus -(Lagidium); sehen wir uns am Wasser um, so finden wir zwei andre -<i>Süd-Amerikanische</i> Typen, den Coypu (Myopotamus) und Capybara -(Hydrochoerus) statt des Bibers und der Bisamratte. So liessen sich -zahllose andre Beispiele anführen. Wie sehr auch die Inseln an den -<i>Amerikanischen</i> Küsten in ihrem geologischen Bau abweichen -mögen, ihre Bewohner sind wesentlich <i>Amerikanisch</i>, wenn auch -von eigenthümlichen Arten. Schauen wir zurück nach nächstfrüheren -Zeit-Perioden, wie sie im letzten Kapitel erörtert worden, so finden -wir auch da noch <i>Amerikanische</i> Typen vorherrschend auf dem -<i>Amerikanischen</i> Festlande wie in <i>Amerikanischen</i> Meeren. -Wir erkennen in diesen Thatsachen ein tief-liegendes organisches Band, -in Zeit und Raum vorherrschend über gegebene Land- und Wasser-Flächen, -unabhängig von ihrer natürlichen Beschaffenheit. Der Naturforscher -müsste nicht sehr wissbegierig seyn, der sich nicht versucht fühlte, -näher nach diesem Bande zu forschen.</p> - -<p>Diess Band besteht nach meiner Theorie lediglich in der<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> Vererbung, -derjenigen Ursache, welche allein, soweit wir Sicheres wissen, gleiche -oder ähnliche Organismen, wie die Varietäten sind, hervorbringt. Die -Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden wird der Umgestaltung -durch Natürliche Züchtung und in einem ganz untergeordneten Grade, -dem unmittelbaren Einflusse äussrer Lebensbedingungen zuzuschreiben -seyn. Der Grad der Unähnlichkeit hängt davon ab, ob die Wanderung der -herrschenderen Lebenformen aus der einen Gegend in die andre rascher -oder langsamer in spätrer oder früherer Zeit vor sich gegangen; er -hängt von der Natur und Zahl der früheren Einwanderer, von deren -Wirkung und Rückwirkung im gegenseitigen Kampfe ums Daseyn ab, indem, -wie ich schon oft bemerkt habe, die Beziehung von Organismus zu -Organismus die wichtigste aller Beziehungen ist. Bei den Wanderungen -kommen die oben erwähnten Schranken wesentlich in Betracht, wie -die Zeit bei dem langsamen Prozess der Natürlichen Züchtung. -Weit-verbreitete und an Individuen reiche Arten, welche schon über -viele Mitbewerber in ihrer eignen ausgedehnten Heimath gesiegt, werden -beim Vordringen in neuen Gegenden die beste Aussicht haben neue Plätze -zu gewinnen. Unter den neuen Lebens-Bedingungen ihrer späteren Heimath -werden sie häufig neue Abänderungen und Verbesserungen erfahren; sie -werden den andern noch überlegener werden und Gruppen abändernder -Nachkommen erzeugen. Aus diesem Prinzip fortschreitender Vererbung mit -Abänderung ergibt sich, wie es zugeht, dass Untersippen, Sippen und -selbst ganze Familien, wie es so gewohnter und anerkannter Maassen der -Fall, auf gewisse Flächen beschränkt erscheinen.</p> - -<p>Wie schon im letzten Kapitel bemerkt worden, so glaube ich an kein -Gesetz nothwendiger Vervollkommnung; so wie die Veränderlichkeit -der Arten eine unabhängige Eigenschaft ist und von der Natürlichen -Züchtung nur so weit ausgebeutet wird, als es den Individuen in ihrem -vielseitigen Kampfe ums Daseyn zum Vortheile gereicht, so besteht auch -für die Modifikation der verschiedenen Spezies kein gleiches Maass. -Wenn z. B. eine Anzahl von Arten, die miteinander in unmittelbarer -Mitbewerbung stehen, in Masse nach einer neuen und nachher isolirten -Gegend<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> auswandern, so werden sie wenig Modifikation erfahren, indem -weder die Wanderung noch die Isolirung an sich etwas dabei thun. Jene -Prinzipien kommen hauptsächlich nur in Betracht, wenn man Organismen in -neue Beziehungen unter einander, weniger wenn man sie in Berührung mit -neuen Lebens-Bedingungen bringt. Wie wir im letzten Kapitel gesehen, -dass einige Formen ihren Charakter seit ungeheuer weit zurückgelegenen -geologischen Perioden fast unverändert behauptet haben, so sind auch -manche Arten über weite Räume gewandert, ohne grosse Veränderungen zu -erleiden.</p> - -<p>Nach diesen Ansichten liegt es auf der Hand, dass verschiedene Arten -einer Sippe, wenn sie auch die entferntesten Theile der Welt bewohnen, -doch ursprünglich aus gleicher Quelle entsprungen, vom nämlichen -Stammvater entstanden seyn müssen. Was diese Arten betrifft, welche -im Verlaufe ganzer geologischer Perioden sich nur wenig verändert -haben, so hat es keine Schwierigkeit anzunehmen, dass sie aus einerlei -Gegend hergewandert sind; denn während der grossen geographischen -und klimatischen Veränderungen, welche seit allen Zeiten vor sich -gegangen, sind Wanderungen auf jede Entfernung möglich gewesen. In -vielen andern Fällen aber, wo wir Grund haben zu glauben, dass die -Arten einer Sippe erst in vergleichungsweise neuer Zeit entstanden -sind, ist die Schwierigkeit weit grösser. Eben so ist es einleuchtend, -dass Individuen einer Art, wenn sie jetzt auch weit auseinander und -abgesondert gelegene Gegenden bewohnen, von einer Stelle ausgegangen -seyn müssen, wo ihre Ältern zuerst erstanden sind; denn, so wie es -im letzten Abschnitte erläutert worden, ist es unglaublich, dass -spezifisch gleiche Individuen von verschiedenen Stamm-Arten abstammen -können.</p> - -<p>So wären wir denn bei der neuerlich oft von Naturforschern erörterten -Frage angelangt, ob Arten je an einer oder an mehren Stellen der -Erd-Oberfläche erzeugt worden seyen. Zweifelsohne mag es da sehr -viele Fälle geben, wo es äusserst schwer zu begreifen ist, wie die -gleiche Art von einem Punkte aus nach den verschiedenen entfernten -und abgesonderten Gegenden gewandert seyn solle, wo sie nun gefunden -wird. Demungeachtet<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> drängt sich die Vorstellung, dass jede Art nur von -einem ursprünglichen Geburtsorte ausgegangen seyn müsse, durch ihre -Einfachheit dem Geiste auf. Und wer sie verwirft, verwirft die vera -causa, die gewöhnliche Zeugung mit nachfolgender Wanderung, um zu einem -Wunder seine Zuflucht zu nehmen. Es wird allgemein zugestanden, dass -die von einer Art bewohnte Gegend in der Regel zusammenhängend ist; und -wenn eine Pflanzen- oder Thier-Art zwei von einander so weit entfernte -oder durch solche Schranken getrennte Punkte bewohnt, dass sie nicht -leicht von einem zum andern gewandert seyn kann, so betrachtet man -Diess als etwas Merkwürdiges und Ausnahmsweises. Die Fähigkeit über -Meer zu wandern, ist bei Land-Säugethieren vielleicht mehr als bei -irgend einem andern organischen Wesen beschränkt; und wir finden -damit übereinstimmend auch keinen unerklärbaren Fall, wo dieselbe -Säugethier-Art sehr entfernte Punkte der Erde bewohnte. Kein Geologe -findet eine Schwierigkeit darin anzunehmen, dass <i>Grossbritannien</i> -ehedem mit dem <i>Europäischen</i> Kontinente zusammengehangen sey und -mithin die nämlichen Säugethiere besessen habe. Wenn aber dieselbe -Art an zwei entfernten Punkten der Welt erzeugt werden kann, warum -finden wir nicht eine einzige <i>Europa</i> und <i>Australien</i> -oder <i>Süd-Amerika</i> gemeinsam angehörige Säugethier-Art? Die -Lebens-Bedingungen sind nahezu die nämlichen, so dass eine Menge -<i>Europäischer</i> Pflanzen und Thiere in <i>Amerika</i> und -<i>Australien</i> naturalisirt worden sind, und sogar einige der -ureinheimischen Pflanzen-Arten sind genau dieselben an diesen zwei -so entfernten Punkten der nördlichen und der südlichen Hemisphäre! -Die Antwort liegt, wie ich glaube, darin, dass Säugethiere nicht -fähig sind die Wanderung zu machen, während einige Pflanzen mit ihren -manchfaltigen Verbreitungs-Mitteln diesen weiten und unterbrochenen -Zwischenraum zu überschreiten vermochten. Der mächtige Einfluss, -welchen geographische Schranken aller Art auf die Verbreitungs-Weise -geübt, wird nur unter der Voraussetzung begreiflich, dass weitaus der -grösste Theil der Spezies nur auf einer Seite derselben erzeugt worden -ist und Mittel zur Wanderung nach der andern Seite nicht besessen -hat. Einige wenige Familien, viele<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> Unterfamilien, sehr viele Sippen -und eine noch grössre Anzahl von Untersippen sind nur auf je eine -einzelne Gegend beschränkt, und mehre Naturforscher haben die Bemerkung -gemacht, dass die meisten natürlichen Sippen, diejenigen nämlich, -deren Arten alle am nächsten mit einander verwandt sind, nur örtlich -oder wenigstens auf eine zusammenhängende Gegend angewiesen zu seyn -pflegen. Was für eine wunderliche Anomalie würde es nun seyn, wenn eine -Stufe tiefer unten in der Reihe die Individuen einer Art sich geradezu -entgegengesetzt verhielten und die Arten nicht örtlich, sondern in zwei -oder mehr ganz verschiedenen Gegenden erzeugt worden wären!</p> - -<p>Daher scheint mir, wie so vielen andern Naturforschern, die Ansicht -die wahrscheinlichere zu seyn, dass jede Art nur in einer einzigen -Gegend entstanden, aber nachher von da aus so weit gewandert seye, als -Mittel und Subsistenz unter früheren und gegenwärtigen Bedingungen -gestatteten. Es kommen unzweifelhaft auch jetzt noch viele Fälle -vor, wo sich nicht erklären lässt, auf welche Weise diese oder jene -Art von einer Stelle zur andern gelangt ist. Aber geographische und -klimatische Veränderungen, welche sich in den neuen geologischen Zeiten -zuverlässig ereignet, müssen den früher bestandnen Zusammenhang der -Verbreitungs-Flächen vieler Arten unterbrochen haben. So gelangen -wir zur Erwägung, ob diese Ausnahmen von der Ununterbrochenheit der -Verbreitungs-Bezirke so zahlreich und so gewichtiger Natur sind, dass -wir die durch die vorangehenden Betrachtungen wahrscheinlich gemachte -Meinung, dass jede Art nur auf einem Felde entstanden und von da so -weit als möglich gewandert seye, aufzugeben genöthigt werden? Es würde -zum Verzweifeln langweilig seyn, alle Ausnahms-Fälle aufzuzählen und -zu erörtern, wo eine und dieselbe Art jetzt an verschiedenen weit -von einander entfernten Orten lebt; auch will ich keinen Augenblick -behaupten, für viele dieser Fälle eine genügende Erklärung wirklich -geben zu können. Doch möchte ich nach einigen vorläufigen Bemerkungen -die wichtigsten Klassen solcher Thatsachen erörtern, wie insbesondere -das Vorkommen von einerlei Art auf den Spitzen weit von einander -gelegener Bergketten,<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span> oder im arktischen und antarktischen Kreise -zugleich; dann, zweitens (im folgenden Kapitel) die weite Verbreitung -der Süsswasser-Bewohner, und drittens, das Vorkommen von einerlei -Landthier-Arten auf Festland und Inseln, welche durch Hunderte von -Meilen offnen Meeres von einander getrennt sind. Wenn das Vorkommen von -einer und der nämlichen Art an entfernten und vereinzelten Fundstätten -der Erd-Oberfläche sich in vielen Fällen durch die Voraussetzung -erklären lässt, dass diese Art von ihrer Geburts-Stätte aus dahin -gewandert seye, dann scheint mir in Anbetracht unsrer gänzlichen -Unbekanntschaft mit den früheren geographischen und klimatischen -Veränderungen so wie mit manchen zufälligen Transport-Mitteln die -Annahme, dass Diess die allgemeine Regel gewesen seye, bei Weitem die -richtigste zu seyn.</p> - -<p>Bei Erörterung dieses Gegenstandes werden wir Gelegenheit haben noch -einen andern für uns gleich-wichtigen Punkt in Betracht zu ziehen, ob -nämlich die mancherlei verschiedenen Arten einer Sippe, welche meiner -Theorie zufolge einen gemeinsamen Stammvater hatten, von der Wohnstätte -ihres Stammvaters ausgegangen seyn (und unterwegs sich etwa noch -weiter angemessen entwickelt haben) können. Kann gezeigt werden, dass -eine Gegend, deren meisten Bewohner enge verwandt oder aus gleichen -Sippen mit den Arten einer zweiten Gegend sind, in früherer Zeit -wahrscheinlich einmal Einwanderer aus dieser letzten erhalten hat, so -wird Diess zur Bestätigung meiner Theorie beitragen; denn wir begreifen -dann aus dem Modifikations-Prinzipe deutlich, warum die Bewohner der -einen Gegend denen der andern verwandt sind, da sie aus ihr stammen. -Eine vulkanische Insel z. B., welche einige Hundert Meilen von einem -Kontinente entfernt emporstiege, würde wahrscheinlich im Laufe der -Zeit einige Kolonisten erhalten, deren Nachkommen, wenn auch etwas -abändernd, doch ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des Kontinents -auf ihre Nachkommen vererben würden. Fälle dieser Art sind gewöhnlich -und, wie wir nachher ersehen werden, nach der Theorie unabhängiger -Schöpfung unerklärlich. Diese Ansicht über die Verwandtschaft der -Arten einer Gegend zu denen einer<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> andern ist (wenn wir nun das -Wort Varietät statt Art anwenden) nicht sehr von der durch Hrn. -W<span class="smaller">ALLACE</span> aufgestellten verschieden, wonach „jede Art entstanden -ist in Zeit und Raum zusammentreffend mit einer früher vorhandenen nahe -verwandten Art“. Ich weiss nun aus seiner Korrespondenz, dass er dieses -„Zusammentreffen“ der Generation mit Abänderung zuschreibt und dafür -eine lange geologische Zeit-Periode zugesteht.</p> - -<p>Die vorangehenden Bemerkungen über ein- oder mehr-fältige -Schöpfungs-Mittelpunkte führen nicht unmittelbar zu einer andern -verwandten Frage, ob nämlich alle Individuen einer Art von einem -einzigen Punkte oder einem Hermaphroditen abstammen, oder ob, wie -einige Autoren annehmen, von vielen gleichzeitig entstandenen -Individuen einer Art? Bei solchen Organismen, welche sich niemals -kreutzen (wenn dergleichen überhaupt existiren), muss nach meiner -Theorie die Art von einer Reihenfolge vervollkommneter Varietäten -herrühren, die sich nie mit andern Individuen oder Varietäten -gekreutzt, sondern einfach einander ersetzt haben, so dass auf jeder -der aufeinanderfolgenden Umänderungs- und Verbesserungs-Stufen alle -Individuen von einerlei Varietät auch von einerlei Stammvater herrühren -müssen. In der Mehrzahl der Fälle jedoch und namentlich bei allen -Organismen, welche sich zu jeder einzelnen Fortpflanzung paaren oder -sich oft mit andern kreutzen, glaube ich, dass während des langsamen -Modifikations-Prozesses die Individuen der Spezies bei der Kreutzung -sich nahezu gleichförmig erhalten haben, so dass viele derselben -sich gleichzeitig abänderten und der ganze Betrag der Abänderung auf -jeder Stufe nicht von der Abstammung von einem gemeinsamen Stammvater -herrührt. Um zu erläutern, was ich meine, will ich anführen, dass unsre -Englischen Rasse-Pferde nur wenig von den Pferden jeder andern Züchtung -abweichen, aber ihre Verschiedenheit und Vollkommenheit nicht davon -haben, dass sie von einem einzigen Paare abstammen, sondern dieselbe -der während vieler Generationen angewendeten Sorgfalt bei Auswahl und -Erziehung vieler Individuen verdanken.</p> - -<p>Ehe ich auf nähere Erörterung über diejenigen drei Klassen -von Thatsachen eingehe, welche der Theorie von den „einzigen<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span> -Schöpfungs-Mittelpunkten“ die meisten Schwierigkeiten darbieten, muss -ich den Verbreitungs-Mitteln noch einige Worte widmen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Verbreitungs-Mittel.</em>) Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> u. a. Autoren haben -diesen Gegenstand sehr angemessen erörtert. Ich kann hier nur einen -kurzen Auszug von den wichtigsten Thatsachen liefern. Klima-Wechsel -mag auf Wanderung der Organismen vom grössten Einflusse gewesen seyn. -Eine Gegend mit änderndem Klima kann eine Hochstrasse der Auswanderung -gewesen und jetzt ungangbar seyn; ich muss daher diesen Gegenstand -zunächst mit einigem Detail behandeln. Höhen-Wechsel des Landes kommt -dabei wesentlich in Betracht. Eine schmale Landenge trennt jetzt zwei -Meeres-Faunen; taucht sie unter oder ist sie früher untergetaucht, so -werden beide Faunen zusammenfliessen oder vordem untergeflossen seyn. -Wo dagegen sich jetzt die See ausbreitet, da mag vormals trocknes Land, -Inseln oder selbst Kontinente miteinander verbunden und so Landbewohner -in den Stand gesetzt haben von einer Seite zur andern zu wandern. Kein -Geologe bestreitet, dass grosse Veränderungen der Boden-Höhen während -der Periode der jetzt lebenden Organismen-Arten stattgefunden haben, -und E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> behauptet, alle Inseln des <i>Atlantischen -Meeres</i> müssten noch unlängst mit <i>Afrika</i> oder <i>Europa</i>, -wie gleicherweise <i>Europa</i> mit <i>Amerika</i> zusammengehangen -haben. Andre Schriftsteller haben hypothetisch der Reihe nach jeden -Ozean überbrückt und fast jede Insel mit dem nächsten Festlande -verbunden. Und wenn sich die Argumente von F<span class="smaller">ORBES</span> bestätigen -liessen, so müsste man gestehen, dass es kaum irgend eine Insel gebe, -welche nicht noch neuerlich mit einem Kontinente zusammenhing. Diese -Ansicht zerhaut den gordischen Knoten der Verbreitung einer Art bis zu -den entlegensten Punkten und beseitigt eine Menge von Schwierigkeiten. -Aber nach meiner besten Ueberzeugung sind wir nicht berechtigt, so -ungeheure Veränderungen innerhalb der Periode der noch jetzt lebenden -Arten anzunehmen. Es scheint mir, dass wir genug Beweise von grossen -Schwankungen des Bodens in unsrem Kontinente besitzen, doch nicht -von Bewegungen so ausgedehnt und in solcher Richtung, dass sich -mittelst derselben<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> eine Verbindung <i>Europas</i> mit <i>Amerika</i> -und den dazwischen gelegenen <i>Atlantischen</i> Inseln noch in der -jetzigen Erd-Periode ergäbe. Dagegen gestehe ich gerne die vormalige -Existenz mancher jetzt im Meere begrabener Inseln zu, welche vielen -Pflanzen- und Thier-Arten bei ihren Wanderungen als Ruhepunkte dienen -konnten. In den Korallen-Meeren erkennt man, nach meiner Meinung, -solche versunkene Inseln noch jetzt mittelst der auf ihnen stehenden -Korallen-Ringe oder Atolls. Wenn es einmal vollständig eingeräumt seyn -wird, wie es eines Tages vermuthlich noch geschehen wird, dass jede -Art nur eine Geburts-Stätte gehabt, und wenn wir im Laufe der Zeit -etwas Bestimmteres über die Verbreitungs-Mittel erkennen, so werden -wir im Stande seyn die frühere Ausdehnung des Landes mit einiger -Sicherheit zu berechnen. Dagegen glaube ich nicht, dass es je zu -beweisen seyn wird, dass jetzt vollständig getrennte Kontinente noch -in neuerer Zeit wirklich oder nahezu miteinander und mit den vielen -noch vorhandenen ozeanischen Inseln zusammenhingen. Manche Thatsachen -in der Vertheilung, wie die grosse Verschiedenheit der Meeres-Faunen -an den entgegengesetzten Seiten fast jedes grossen Kontinentes und -ein gewisser Grad von Beziehungen (wovon nachher die Rede seyn wird) -zwischen der Verbreitung der Säugthiere und der Tiefe des Meeres; -diese und noch manche andere scheinen mir sich der Annahme solcher -ungeheuren geographischen Umwälzungen in der neuesten Periode zu -widersetzen, wie sie durch die von E. F<span class="smaller">ORBES</span> aufgestellten -und von vielen Nachfolgern angenommenen Ansichten nöthig werden. Die -Natur und Zahlen-Verhältnisse der Bewohner ozeanischer Inseln scheinen -mir gleicherweise die Annahme eines früheren Zusammenhangs mit den -Festländern zu widerstreben. Eben so wenig ist ihre meist vulkanische -Zusammensetzung der Annahme günstig, dass sie blosse Trümmer -versunkener Kontinente seyen; denn wären es ursprüngliche Spitzen von -Bergketten des Festlandes gewesen, so würden doch wenigstens einige -derselben gleich andern Gebirgs-Höhen aus Graniten, metamorphischen -Schiefern, alten organische Reste führenden Schichten u. dgl. statt -immer nur aus Kegeln vulkanischer Massen bestehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span></p> - -<p>Ich habe nun noch einige Worte von den sogenannten „zufälligen“ -Verbreitungs-Mitteln zu sprechen, die man besser „gelegenheitliche“ -nennen würde. Doch ich will mich hier auf die Pflanzen beschränken. In -botanischen Werken findet man bemerkt, dass diese oder jene Pflanze für -weite Aussaat nicht gut geeignet ist. Aber was den Transport derselben -durch das Meer betrifft, so lässt sich behaupten, dass es bei den -meisten derselben noch ganz unbekannt ist, wie es mit der Möglichkeit -desselben steht. Bis zur Zeit, wo ich mit Hrn. B<span class="smaller">ERKELEY</span>’<span class="smaller">S</span> -Hilfe einige wenige Versuche darüber angestellt, war nicht einmal -bekannt, in wie weit Saamen dem schädlichen Einflusse des Salz-Wassers -zu widerstehen vermögen. Zu meiner Verwunderung fand ich, dass von -87 Arten 64 noch keimten, nachdem sie 28 Tage lang in See-Wasser -gelegen; und einige wenige thaten es sogar nach 137 Tagen noch. Es -ist beachtenswerth, dass gewisse Ordnungen viel stärker als andre vom -Salz-Wasser angegriffen werden. So gingen von neun Leguminosen acht -zu Grunde, und sieben Arten der unter einander verwandten Ordnungen -der Hydrophyllaceae und Polemoniaceae waren nach einem Monate alle -todt. Der Bequemlichkeit wegen wählte ich meistens nur kleine Saamen -ohne Fruchthülle, und da alle schon nach wenigen Tagen untersanken, -so können sie natürlich keine weiten Räume des Meeres durchschiffen, -mögen sie nun ihre Keim-Kraft im Salzwasser bewahren oder nicht. -Nachher wählte ich grössre Früchte mit Kapseln u. s. w., und von -diesen blieben einige lange Zeit schwimmend. Es ist wohl bekannt, -wie verschieden die Schwimm-Fähigkeit einer Holzart im grünen und im -trocknen Zustande ist. Ich dachte mir daher, dass Fluthen wohl Pflanzen -oder deren Zweige forttragen und dann ans Ufer werfen könnten, wo der -Strom, wenn sie erst ausgetrocknet wären, sie aufs Neue ergreifen -und dem Meere zuführen könnte; daher nahm ich von 94 Pflanzen-Arten -trockne Stengel und Zweige mit reifen Früchten daran und legte sie ins -Wasser. Die Mehrzahl versank sogleich; doch einige, welche grün nur -sehr kurze Zeit an der Oberfläche geblieben, hielten sich nun länger. -So sanken reife Haselnüsse unmittelbar unter, schwammen aber, wenn sie -vorher<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> ausgetrocknet worden, 90 Tage lang und keimten dann noch, wenn -sie gepflanzt wurden. Eine Spargel-Pflanze mit reifen Beeren schwamm -23 Tage, nach vorherigem Austrocknen aber 85 Tage, und ihre Saamen -keimten noch. Die reifen Früchte von Helosciadium sanken in zwei Tagen, -schwammen aber nach vorgängigem Trocknen 90 Tage und keimten hierauf. -Im Ganzen schwammen von den 94 getrockneten Pflanzen 18 Arten 28 Tage -lang und einige davon sogar noch viel länger. Es keimten also <span class="zaehler">64</span>⁄<span class="nenner">87</span> = -0,74 der Saamen-Arten nach einer Eintauchung von 28 Tagen und schwammen -<span class="zaehler">18</span>⁄<span class="nenner">94</span> = 0,19 der getrockneten Pflanzen-Arten mit reifen Saamen (doch -z. Th. andre Arten als die vorigen) noch über 28 Tage; und würden daher, -so viel man aus diesen Thatsachen schliessen darf, die Saamen von 0,14 -der Pflanzen-Arten einer Gegend ohne Nachtheil für ihre Keim-Kraft -28 Tage lang von See-Strömungen fortgetragen werden können. In -J<span class="smaller">OHNSTON</span>’<span class="smaller">S</span> physikalischem Atlas ist die mittle Geschwindigkeit -der <i>Atlantischen</i> Ströme auf 33 See-Meilen im Tag (manche laufen -60 M. weit) angegeben; und somit könnten jene Saamen bei diesem Mittel -924 See-Meilen weit fortgeführt werden und, wenn sie dann strandeten, -und vom Winde sofort auf eine passende Stelle weiter landeinwärts -getrieben würden, noch keimen.</p> - -<p>Nach mir stellte M<span class="smaller">ARTINS</span><a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> ähnliche Versuche, doch in -bessrer Weise an, indem er Kistchen mit Saamen in’s wirkliche Meer -versenkte, so dass sie abwechselnd feucht und wieder der Luft -ausgesetzt wurden, wie wirklich schwimmende Pflanzen. Er versuchte -es mit 98 Saamen-Arten, meistens verschieden von den meinigen, und -darunter manche grosse Früchte und auch Saamen von solchen Pflanzen, -welche in der Nähe des Meeres wachsen, was wohl dazu beitrug die mittle -Länge der Zeit, während welcher sie sich schwimmend zu halten und der -schädlichen Wirkung des Salz-Wassers zu widerstehen vermochten, etwas -zu vermehren. Anderseits aber trocknete er nicht vorher die Früchte mit -den Zweigen oder Stengeln, was einige derselben befähigt<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> haben würde, -länger zu schwimmen. Das Ergebniss war, dass <span class="zaehler">18</span>⁄<span class="nenner">98</span> = 0,185 Saamen-Arten -42 Tage lang schwammen und dann noch keimten. Ich bezweifle jedoch -nicht, dass Pflanzen, die mit den Wogen treiben, sich länger schwimmend -erhalten als jene, welche so wie in unseren Versuchen gegen jede -Bewegung geschützt sind. Daher wäre es vielleicht sicherer anzunehmen, -dass die Saamen von etwa 0,10 Arten einer Flora nach dem Austrocknen -noch eine 900 Meilen weite Strecke des Meeres durchschwimmen und dann -keimen können. Die Thatsache, dass die grösseren Früchte länger als die -kleinen schwimmen, ist interessant, weil grosse Saamen oder Früchte -nicht wohl anders als schwimmend aus einer Gegend in die andre versetzt -werden können; daher, wie A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> gezeigt hat, solche -Pflanzen beschränkte Verbreitungs-Bezirke besitzen.</p> - -<p>Doch können Saamen gelegenheitlich auch auf andre Weise fortgeführt -werden. So gelangt Treibholz zu den meisten Inseln in der Mitte des -weitesten Ozeans; und die Eingebornen der Korallen-Inseln des Stillen -Meeres verschaffen sich härtere Steine für ihr Geräthe fast nur von den -Wurzeln der Treibholz-Stämme; die Taxen für diese Steine bilden ein -erhebliches Einkommen ihrer Könige. Wenn nun unregelmässig geformte -Steine zwischen die Wurzeln der Bäume fest eingewachsen sind, so sind -auch zuweilen noch kleine Parthien Erde dahinter eingeschlossen, -mitunter so genau, dass nicht das Geringste davon während des längsten -Transportes weggewaschen werden könnte. Und nun kenne ich einen Fall -genau, wo aus einer solchen vollständig eingeschlossenen Parthie Erde -zwischen den Wurzeln einer 50jährigen Eiche drei Dikotyledonen-Saamen -gekeimt haben. So kann ich ferner nachweisen, dass zuweilen todte Vögel -lange auf dem Meere treiben, ohne verschlungen zu werden, und dass in -ihrem Kropfe enthaltene Saamen lange ihre Keimkraft behalten; Erbsen -und Wicken z. B., welche sonst schon zu Grunde gehen, wenn sie nur -wenige Tage im Wasser liegen, zeigten sich zu meinem grossen Erstaunen -noch keimfähig, als ich sie aus dem Kropfe einer Taube nahm, welche -schon 30 Tage lang auf künstlich bereitetem Salzwasser geschwommen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span></p> - -<p>Lebende Vögel haben unfehlbar einen grossen Antheil am Transport -lebender Saamen. Ich könnte viele Fälle anführen um zu beweisen, -wie oft Vögel von mancherlei Art durch Stürme weit über den Ozean -verschlagen werden. Wir dürfen wohl als gewiss annehmen, dass unter -solchen Umständen ihre Schnelligkeit oft 35 Engl. Meilen in der -Stunde betragen mag, und manche Schriftsteller haben sie viel höher -angeschlagen. Ich habe nie eine nahrhafte Saamen-Art durch die -Eingeweide eines Vogels passiren sehen, wogegen harte Saamen und -Früchte unangegriffen selbst durch die Gedärme des Wälschhuhns gehen. -Im Laufe von zwei Monaten sammelte ich in meinem Garten aus den -Exkrementen kleiner Vögel zwölf Arten Saamen, welche alle noch gut zu -seyn schienen, und einige von ihnen, die ich probirte, haben wirklich -gekeimt. Wichtiger ist jedoch folgende Thatsache. Der Kropf der Vögel -sondert keinen Magensaft aus und benachtheiligt nach meinen Versuchen -die Keimkraft der Saamen nicht im mindesten. Nun sagt man, dass, wenn -ein Vogel eine grosse Menge Saamen gefunden und gefressen hat, die -Körner nicht vor 12–18 Stunden in den Magen gelangen. In dieser Zeit -aber kann ein Vogel leicht 500 Meilen weit fortgetrieben werden; und -wenn Falken, wie sie gerne thun, auf den ermüdeten Vogel Jagd machen, -so kann dann der Inhalt seines Kropfes bald umhergestreut seyn. Nun -verschlingen einige Falken und Eulen ihre Beute ganz und brechen nach -12–20 Stunden Ballen unverdauter Federn wieder aus, die, wie ich aus -Versuchen in den Zoological Gardens weiss, oft noch keimfähige Saamen -enthalten. Einige Saamen von Hafer, Weitzen, Hirse, Kanariengras, -Hanf, Klee und Mangold keimten noch, nachdem sie 12–20 Stunden in den -Magen verschiedener Raubvögel verweilt hatten, und zwei Mangold-Saamen -wuchsen sogar, nachdem sie zwei Tage und vierzehn Stunden dort gewesen -waren. Süsswasser-Fische verschlingen Saamen verschiedener Land- und -Wasser-Pflanzen; Fische werden oft von Vögeln verzehrt, und so können -jene Saamen von Ort zu Ort ausgestreut werden. Ich brachte mancherlei -Saamen-Arten in den Magen todter Fische und gab diese sodann Pelikanen, -Störchen und Fischadlern zu fressen; diese Vögel<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> gaben einige Stunden -später die Saamen in ihren Exkrementen wieder von sich oder brachen sie -in Gewöll-Ballen aus. Mehre dieser Saamen besassen alsdann noch ihre -Keim-Kraft; andre dagegen verloren sie jederzeit durch diesen Prozess.</p> - -<p>Obwohl Schnäbel und Füsse der Vögel gewöhnlich ganz rein sind, so -hängen doch oft auch Erd-Theile daran. In einem Falle trennte ich -61 und in einem andern 22 Gran thoniger Erde von dem Fusse eines -Feldhuhns, und in dieser Erde befand sich ein Steinchen so gross wie -ein Wicken-Saamen. Daher mögen auf dieselbe Art auch Saamen zuweilen -auf grosse Entfernungen fortgeführt werden, indem sich nachweisen -lässt, dass der Ackerboden überall voll von Säämereien steckt. Erwägt -man, wie viele Millionen Wachteln jährlich das Mittelmeer überfliegen, -so wird man die Möglichkeit nicht bezweifeln, dass wohl auch einmal ein -paar kleine Saamen an ihren Füssen mit herüber oder hinüber gelangen. -Doch werde ich auf diesen Gegenstand noch zurückkommen.</p> - -<p>Bekanntlich sind Eisberge oft mit Steinen und Erde beladen; auch -Buschholz, Knochen und selbst einmal ein Vogel-Nest hat man darauf -gefunden; daher wohl nicht zu zweifeln ist, dass sie mitunter auch, -wie L<span class="smaller">YELL</span> bereits angenommen, Saamen von einem zum andern -Theile der arktischen oder antarktischen Zone, und in der Glacial-Zeit -sogar von einem Theile der jetzigen gemässigten Zonen zum andern -geführt haben. Da auf den Azoren eine im Verhältniss zu den übrigen -zum Theile dem Festlande näher gelegenen Inseln des Atlantischen -Meeres grosse Anzahl <i>Europäischer</i> Pflanzen und (wie Hr. H. -C. W<span class="smaller">ATSON</span> bemerkt) insbesondere solcher Arten vorkommt, die -einen etwas nördlicheren Charakter haben, als der Lage entspricht, -so vermuthete ich, dass ein Theil derselben mit Eisbergen in der -Glacial-Zeit dahin gelangt seye. Auf meine Bitte fragte Sir C<span class="smaller">H</span>. -L<span class="smaller">YELL</span> Hrn. H<span class="smaller">ARTUNG</span>, ob er erratische Blöcke auf diesen -Inseln gefunden habe, und erhielt zur Antwort, dass grosse Blöcke von -Granit u. a. nicht auf den Inseln anstehenden Gesteinen dort vorkommen. -Wir dürfen daher getrost folgern, dass Eisberge vordem ihre Bürden an -der Küste dieser mittel-ozeanischen Inseln abgesetzt haben,<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> und so ist -es wenigstens möglich, dass auch einige Saamen nordischer Pflanzen mit -dahin gelangt sind.</p> - -<p>In Berücksichtigung, dass manche der oben erwähnten und andre wohl -später zu entdeckende Transport-Mittel ganze Jahrhunderte und -Jahrtausende alljährlich in Thätigkeit gewesen, würde es nach meiner -Ansicht eine wunderbare Thatsache seyn, wenn nicht auf diesen Wegen -viele Pflanzen mitunter in weite Fernen versetzt worden wären. Diese -Transport-Mittel werden zuweilen zufällige genannt, was nicht ganz -richtig ist, indem weder die See-Strömungen noch die vorwaltende -Richtung der Stürme zufällig sind. Indessen ist von diesen Mitteln -wohl keines im Stande, keimfähige Saamen in sehr grosse Fernen zu -versetzen, indem die Saamen weder ihre Keimfähigkeit im Seewasser lange -behalten, noch in Kropf und Eingeweiden der Vögel weit transportirt -werden können. Wohl aber genügen sie, um dieselben gelegenheitlich -über einige Hundert Meilen breite See-Striche hinwegzuführen und so -von Kontinent zu Insel, oder von Insel zu Insel, aber nicht von einem -Kontinente zum andern zu fördern. Die Floren entfernter Kontinente -werden auf diese Weise mithin nicht in hohem Grade gemengt werden, -sondern so weit getrennt bleiben, als wir sie jetzt finden. Die Ströme -würden ihrer Richtung nach niemals Saamen von <i>Nord-Amerika</i> nach -<i>Britannien</i> bringen können, wie sie deren von <i>Westindien</i> -aus an unsre Küsten spülen, wo sie aber, selbst wenn sie auf diesem -langen Wege noch ihre Lebenskraft bewahrt haben, nicht das Klima -zu ertragen vermögen. Fast jedes Jahr werden 1–2 Land-Vögel durch -Stürme von <i>Nord-Amerika</i> über den ganzen <i>Atlantischen -Ozean</i> bis an die <i>Irischen</i> und <i>Englischen</i> Küsten -getrieben; Saamen aber könnten diese Wanderer nur auf eine Weise -mit sich bringen, nämlich in dem zufällig an ihren Füssen hängenden -Schmutz, was doch immer an sich schon ein seltener Zufall ist. Und -wie gering wäre selbst in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit, dass -ein solcher Saame in einen günstigen Boden gelange, keime und zur -Reife komme. Doch wäre es ein grosser Irrthum zu folgern, dass, weil -eine schon wohl-bevölkerte Insel, wie <i>Grossbritannien</i> ist, in -den paar letzten Jahrhunderten<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> (was übrigens doch schwer zu beweisen -steht) durch gelegenheitliche Transport-Mittel keine Einwanderer aus -<i>Europa</i> oder einem andern Kontinente aufgenommen, auch sparsam -bevölkerte Inseln selbst in noch grössren Entfernungen vom Festlande -keine Kolonisten auf solchen Wegen erhalten könnten. Ich zweifle nicht, -dass aus 20 zu einer Insel verschlagenen Saamen- oder Thier-Arten, -auch wenn sie viel weniger bevölkert wäre als <i>Britannien</i>, -kaum mehr als eine so für diese neue Heimath geeignet seyn würde, um -nun dort naturalisirt zu werden. Doch ist Diess, wie mir scheint, -kein bedeutender Einwand hinsichtlich dessen, was durch solche -gelegenheitliche Transport-Mittel im langen Verlaufe der geologischen -Zeiten geschehen konnte, während der Hebung und Bildung einer Insel und -bevor sie mit Ansiedlern vollständig besetzt war. Auf einem fast noch -öden Lande, wo noch keine oder nur wenige Insekten und Vögel jedem neu -ankommenden Saamen-Korne nachstellen, wird dasselbe leicht zum Keimen -und Fortleben gelangen, wenn es anders für dieses Klima passt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zerstreuung während der Eis-Zeit.</em>) Die Übereinstimmung so vieler -Pflanzen- und Thier-Arten auf Berges-Höhen, welche Hunderte von Meilen -weit durch Tiefländer von einander getrennt sind, wo die Alpen-Bewohner -nicht fortkommen können, ist eines der schlagendsten Beispiele des -Vorkommens gleicher Arten auf von einander entlegenen Punkten, ohne -anscheinende Möglichkeit einer Wanderung von einem derselben zum -andern. Es ist in der That merkwürdig, so viele Pflanzen-Arten in -den Schnee-Gegenden der <i>Alpen</i> oder <i>Pyrenäen</i> und wieder -in den nördlichsten Theilen <i>Europa’s</i> zu sehen; aber noch -merkwürdiger ist es, dass die Pflanzen-Arten der <i>Weissen Berge</i> -in den <i>Vereinten Staaten Amerika’s</i> alle die nämlichen wie in -<i>Labrador</i> und ferner nach A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span>’<span class="smaller">S</span> Versicherung die -nämlichen wie auf den höchsten Bergen <i>Europa’s</i> sind. Schon -vor langer Zeit, im Jahre 1747, veranlassten ähnliche Thatsachen -G<span class="smaller">MELIN</span> zu schliessen, dass einerlei Spezies an verschiedenen -Orten unabhängig von einander geschaffen worden seyn müssen, und -wir würden dieser Meinung vielleicht noch zugethan geblieben seyn, -hätten<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> nicht A<span class="smaller">GASSIZ</span> u. A. unsre Aufmerksamkeit auf die -Eis-Zeit gelenkt, die, wie wir sofort sehen werden, diese Thatsachen -sehr einfach erklärt. Wir haben Beweise fast jeder möglichen Art, -organische und unorganische, dass in einer sehr jungen geologischen -Periode <i>Zentral-Europa</i> und <i>Nord-Amerika</i> unter einem -arktischen Klima litten. Die Ruinen eines abgebrannten Hauses erzählen -ihre Geschichte nicht so verständlich, wie die <i>Schottischen</i> und -<i>Wales’schen</i> Gebirge mit ihren geschrammten Seiten, polirten -Flächen, schwebenden Blöcken von den Eis-Strömen berichten, womit ihre -Thäler noch in später Zeit ausgefüllt gewesen. So sehr war das Klima -in <i>Europa</i> verschieden, dass in <i>Nord-Italien</i> riesige -Moränen von einstigen Gletschern herrührend jetzt mit Mays und Wein -bepflanzt sind. Durch einen grossen Theil der <i>Vereinten Staaten</i> -bezeugen erratische Blöcke und von treibenden Eisbergen und Küsten-Eis -geschrammte Felsen mit Bestimmtheit eine frühere Periode grosser Kälte.</p> - -<p>Der frühere Einfluss des Eis-Klima’s auf die Vertheilung der Bewohner -<i>Europa’s</i>, wie ihn E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> so klar dargestellt, -ist im Wesentlichen folgender. Doch wir werden die Veränderungen -rascher verfolgen können, wenn wir annehmen, eine neue Eis-Zeit -rücke langsam an und verlaufe dann und verschwinde so, wie es früher -geschehen ist. In dem Grade wie bei zunehmender Kälte jede weiter -südlich gelegene Zone der Reihe nach für arktische Wesen geeigneter -wird und ihren bisherigen Bewohnern nicht mehr zusagen kann, werden -arktische Ansiedler die Stelle der bisherigen einnehmen. Zur gleichen -Zeit werden auch ihrerseits diese Bewohner der gemässigten Gegenden -südwärts wandern, wenn ihnen der Weg nicht versperrt ist, in welchem -Falle sie zu Grunde gehen müssten. Die Berge werden sich mit Schnee -und Eis bedecken, und die früheren Alpen-Bewohner werden in die -Ebene herabsteigen. Erreicht mit der Zeit die Kälte ihr Maximum, so -bedeckt eine einförmige arktische Flora und Fauna den mitteln Theil -<i>Europa’s</i> bis im Süden der <i>Alpen</i> und <i>Pyrenäen</i> -und bis nach <i>Spanien</i> hinein. Auch die gegenwärtig gemässigten -Gegenden der <i>Vereinten Staaten</i> bevölkern sich mit arktischen -Pflanzen und Thieren und zwar<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span> nahezu mit den nämlichen Arten wie -<i>Europa</i>; denn die jetzigen Bewohner der Polar-Länder, von welchen -so eben angenommen worden, dass sie überall nach Süden gewandert, sind -rund um den Pol merkwürdig einförmig. Nimmt man an, dass die Eis-Zeit -in <i>Nord-Amerika</i> etwas früher oder später als in <i>Europa</i> -angefangen, so wird auch die Auswanderung nach Süden etwas früher oder -später beginnen, was jedoch im End-Ergebnisse keinen Unterschied macht.</p> - -<p>Wenn nun die Wärme zurückkehrt, so ziehen sich die arktischen Formen -wieder nach Norden zurück und die Bewohner der gemässigteren Gegenden -rücken ihnen unmittelbar nach. Wenn der Schnee am Fusse der Gebirge -schmilzt, werden die arktischen Formen von dem entblössten und -aufgethauten Boden Besitz nehmen; sie werden immer höher und höher -hinansteigen, wie die Wärme zunimmt und ihre Brüder in der Ebene den -Rückzug nach Norden hin fortsetzen. Ist daher die Wärme vollständig -wieder hergestellt, so werden die nämlichen arktischen Arten, welche -bisher in Masse beisammen in den Tiefländern der <i>alten</i> und der -<i>neuen</i> Welt gelebt, nur noch auf abgesonderten Berg-Höhen und in -der arktischen Zone beider Hemisphären übrig seyn.</p> - -<p>Auf diese Weise begreift sich die Übereinstimmung so vieler -Pflanzen-Arten an so unermesslich weit von einander entlegenen Stellen, -als die Gebirge der <i>Vereinten Staaten</i> und <i>Europa’s</i> -sind. So begreift sich ferner die Thatsache, dass die Alpen-Pflanzen -jeder Gebirgs-Kette mit den gerade oder fast gerade nördlich von -ihnen lebenden Arten in nächster Beziehung stehen; die Wanderung -bei Eintritt der Kälte und die Rückwanderung bei Wiederkehr der -Wärme wird im Allgemeinen eine gerade südliche und nördliche gewesen -seyn. Denn die Alpen-Pflanzen <i>Schottland’s</i> z. B. sind nach -H. C. W<span class="smaller">ATSON</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung und die der <i>Pyrenäen</i> nach -R<span class="smaller">AMOND</span> spezieller mit denen <i>Skandinaviens</i> verwandt, -wie die der <i>Vereinten Staaten</i> und die <i>Sibirischen</i> mehr -mit den im Norden dieser Länder lebenden Arten übereinstimmen. Diese -Ansicht, gegründet auf den zuverlässig bestätigten Verlauf einer -früheren Eis-Zeit, scheint mir in so genügender Weise die gegenwärtige -Vertheilung der alpinen und<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> arktischen Arten in <i>Europa</i> und -<i>Nord-Amerika</i> zu erklären, dass, wenn wir in noch andern Regionen -gleiche Spezies auf entfernten Gebirgs-Höhen zerstreut finden, wir auch -ohne einen weiteren Beweis schliessen dürfen, dass ein kälteres Klima -ihnen vordem durch zwischen-gelegene Tiefländer zu wandern gestattet -habe, welche seitdem zu warm für dieselben geworden sind.</p> - -<p>Wenn das Klima seit der Eis-Zeit je einigermaassen wärmer als jetzt -gewesen wäre (wie einige Geologen aus der Verbreitung der fossilen -Gnathodon-Muscheln in den <i>Vereinten Staaten</i> geschlossen), dann -würden die Bewohner der gemässigten und der kalten Zone noch in sehr -später Zeit etwas nach Norden vorgerückt seyn, um sich noch später -wieder in ihre jetzige Heimath zurückzuziehen; doch habe ich keinen -genügenden Beweis für eine solche wärmere Periode, die nach der -Eis-Zeit eingeschaltet gewesen wäre.</p> - -<p>Die arktischen Formen werden während ihrer südlichen Wanderung und -Rückkehr nach Norden nahezu dem nämlichen Klima ausgesetzt gewesen -und, was gleichfalls zu bemerken, in Masse beisammen geblieben -seyn; daher sie denn auch in ihren gegenseitigen Beziehungen nicht -sonderlich gestört und mithin, nach den in diesem Bande vertheidigten -Prinzipien, nicht allzu-grosser Umänderung ausgesetzt worden wären. -Etwas anders würde es sich jedoch mit unsern Alpen-Bewohnern verhalten, -welche bei rückkehrender Wärme sich vom Fusse der Gebirge immer -höher an deren Seiten bis zu den Gipfeln hinan geflüchtet haben. -Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass alle dieselben arktischen -Arten auf weit getrennten Gebirgs-Ketten zurückgeblieben sind und -dort seither fortgelebt haben. Auch werden die zurückgebliebenen -aller Wahrscheinlichkeit nach sich mit alten Alpen-Pflanzen gemengt -haben, welche schon vor der Eis-Zeit die Gebirge bewohnten und für -die Dauer der kältesten Periode in die Ebene herabgetrieben wurden; -sie werden ferner einem etwas abweichenden klimatischen Einflusse -ausgesetzt gewesen seyn. Ihre gegenseitigen Beziehungen können -hiedurch etwas gestört und sie selbst mithin zur Abänderung geneigt -geworden seyn; und so ist es wirklich der Fall. Denn, wenn wir die -gegenwärtigen<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span> Alpen-Pflanzen und -Thiere der verschiedenen grossen -<i>Europäischen</i> Gebirgs-Ketten verglichen, so finden wir zwar im -Ganzen viele identische Arten, von welchen aber manche als Varietäten -auftreten, andre als zweifelhafte Formen schwanken, und einige wenige -als verschiedene doch nahe verwandte oder stellvertretende Arten -erscheinen.</p> - -<p>Bei Erläuterung dessen, was nach meiner Meinung während der Eis-Periode -sich wirklich zugetragen, unterstellte ich, dass bei deren Beginn -die arktischen Organismen rund um den Pol so einförmig wie heutigen -Tages gewesen seyen. Aber die vorangehenden Bemerkungen beziehen sich -nicht allein auf die strengen arktischen Formen, sondern auch auf -viele subarktische und auf einige Formen der nördlich-gemässigten -Zone; denn manche von diesen Arten sind ebenfalls übereinstimmend -auf den niedrigeren Bergen und in den Ebenen <i>Nord-Amerika’s</i> -und <i>Europa’s</i>, und man kann mit Grund fragen, wie ich denn -die Übereinstimmung der Formen, welche in der subarktischen und -der nördlich-gemässigten Zone rund um die Erde am Anfange der -Eis-Periode stattgefunden haben muss, erkläre? Heutzutage sind die -Formen der subarktischen und nördlich-gemässigten Gegenden der -<i>alten</i> und der <i>neuen Welt</i> von einander getrennt durch -den <i>atlantischen</i> und den nördlichsten Theil des <i>stillen -Ozeans</i>. Als während der Eis-Zeit die Bewohner der <i>alten</i> und -der <i>neuen Welt</i> weiter südwärts als jetzt lebten, müssen sie auch -durch weitere Räume des Ozeans vollständiger von einander geschieden -gewesen seyn. Ich glaube, dass die oben erwähnte Schwierigkeit zu -umgehen ist, wenn man sich nach noch früheren Klima-Wechseln in einem -entgegengesetzten Sinne umsieht. Wir haben nämlich guten Grund zu -glauben, dass während der neuem Pliocän-Periode vor der Eis-Zeit, wo -schon die Mehrzahl der Erd-Bewohner mit den jetzigen von gleichen -Arten gewesen, das Klima wärmer war als jetzt. Wir dürfen daher -annehmen, dass Organismen, welche jetzt unter dem 60. Breite-Grad -leben, in der Pliocän-Periode weiter nördlich am Polar-Kreise unter -dem 66°-70° Br. wohnten, und dass die eigentlich arktischen Wesen auf -die unterbrochenen Land-Striche naher bei den Polen beschränkt waren.<span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span> -Wenn wir nun einen Globus ansehen, so werden wir finden, dass unter -dem Polar-Kreise meist zusammen-hängendes Land von <i>West-Europa</i> -an durch <i>Sibirien</i> bis <i>Ost-Amerika</i> vorhanden ist. Und -diesem Zusammenhange des Circumpolar-Landes und der ihm entsprechenden -freien Wanderung in einem schon günstigeren Klima schreibe ich den -nothwendigen Grad von Einförmigkeit in den Bewohnern der subarktischen -und nördlich-gemässigten Zone der <i>alten</i> und <i>neuen Welt</i> -vor der Eis-Zeit zu. (Dieser Ansicht sind drei vorzugsweise berufene -Beurtheiler, Prof. A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span>, Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> und Prof. -O<span class="smaller">LIVER</span> beigetreten.)</p> - -<p>Von dem Glauben ausgehend, dass, wie schon oben gesagt, unsre -Kontinente langezeit in fast nahezu der nämlichen Lage gegen einander -geblieben, wenn sie auch theilweise beträchtlichen Höhen-Schwankungen -unterworfen gewesen, habe ich grosse Neigung die erwähnte Ansicht -noch weiter auszudehnen und zu unterstellen, dass in einer noch -früheren und wärmeren Zeit, in der ältern Pliocän-Zeit nämlich, -eine grosse Anzahl der nämlichen Pflanzen- und Thier-Arten das -fast zusammenhängende Circumpolar-Land bewohnt habe, und dass -diese Pflanzen und Thiere sowohl in der <i>alten</i> als in der -<i>neuen Welt</i> langsam südwärts zu wandern anfingen, wie das -Klima kühler wurde, lange vor Anfang der Eis-Periode. Wir sehen nun -ihre Nachkommen, wie ich glaube, meistens in einem abgeänderten -Zustande die Zentral-Theile von <i>Europa</i> und den <i>Vereinigten -Staaten</i> bewohnen. Von dieser Annahme ausgehend begreift man dann -die Verwandtschaft, bei sehr geringer Gleichheit, der Arten von -<i>Nord-Amerika</i> und <i>Europa</i>, eine Verwandtschaft, welche -bei der grossen Entfernung beider Gegenden und ihrer Trennung durch -das <i>Atlantische Meer</i> äusserst merkwürdig ist. Man begreift -ferner die von einigen Beobachtern wahrgenommene sonderbare Thatsache, -dass die Natur-Erzeugnisse <i>Europa’s</i> und <i>Nord-Amerika’s</i> -während der letzten Abschnitte der Tertiär-Zeit näher mit einander -verwandt sind, als sie es in der vorangehenden Zeit waren; denn in -dieser wärmeren Zeit sind die nördlichen Theile der <i>alten</i> und -der <i>neuen Welt</i> durch Zwischenländer in zusammen-hängenderer -Weise<span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span> mit einander verbunden gewesen, die aber seither durch Kälte zur -Auswanderung unbrauchbar gemacht worden sind.</p> - -<p>Sobald während der langsamen Temperatur-Abnahme in der Pliocän-Periode -die gemeinsam ausgewanderten Bewohner der <i>alten</i> und <i>neuen -Welt</i> südwärts vom Polar-Kreise angelangt waren, wurden sie -vollständig von einander abgeschnitten. Diese Trennung trug sich, was -die Bewohner der gemässigteren Gegenden betrifft, vor langen langen -Zeiten zu. Und als damals die Pflanzen- und Thier-Arten südwärts -wanderten, werden sie sich mit den Eingeborenen der niedrigeren -Breiten gemengt und in der einen Gegend <i>Amerikanische</i> und in -der andern <i>Europäische</i> Arten zu neuen Mitbewerbern bekommen -haben. Hier ist demnach Alles zu reichlicher Abänderung der Arten -angethan, weit mehr als es hinsichtlich der auf südlichen Alpen-Höhen -abgeschnitten zurückgelassenen Polar-Bewohner beider Welttheile der -Fall gewesen ist. Davon rührt es her, dass, wenn wir die jetzt lebenden -Erzeugnisse gemässigterer Gegenden der <i>alten</i> und der <i>neuen -Welt</i> mit einander vergleichen, wir nur sehr wenige identische Arten -finden (obwohl A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> kürzlich gezeigt, dass deren Anzahl -grösser ist, als man bisher angenommen hatte); aber wir finden in -jeder grossen Klasse viele Formen, welche ein Theil der Naturforscher -als geographische Rassen und ein andrer als unterschiedene -Arten betrachten, zusammen mit einem Heere nahe verwandter oder -stellvertretender Formen, die bei allen Naturforschern für eigene Arten -gelten.</p> - -<p>Wie auf dem Lande, so kann auch in der See eine langsame südliche -Wanderung der Fauna, welche während oder etwas vor der Pliocän-Periode -längs der zusammen-hängenden Küsten des Polar-Kreises sehr einförmig -gewesen, nach der Abänderungs-Theorie zur Erklärung der vielen nahe -verwandten Formen dienen, welche jetzt in ganz gesonderten Gebieten -leben. Mit ihrer Hilfe lässt sich, wie ich glaube, das Daseyn -einer Menge noch lebender und tertiärer stellvertretender Arten an -den östlichen und westlichen Küsten des gemässigteren Theiles von -<i>Nord-Amerika</i> erklären, so wie die bei weitem auffallendere -Erscheinung vieler nahe verwandter Kruster (in D<span class="smaller">ANA</span>’<span class="smaller">S</span> -ausgezeichnetem Werke<span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span> beschrieben), einiger Fische und andrer -Seethiere im <i>Japanischen</i> und im <i>Mittelmeere</i> zugleich, in -Gegenden mithin, welche jetzt durch einen grossen Kontinent und fast -eine ganze Hemisphäre von Äquatoral-Meeren von einander getrennt sind.</p> - -<p>Diese Fälle von Verwandtschaft, ohne Identität, zwischen den Bewohnern -jetzt getrennter Meere wie zwischen den früheren und jetzigen Bewohnern -der gemässigten Länder <i>Nord-Amerika’s</i> und <i>Europa’s</i> -sind aus der Schöpfungs-Theorie unerklärbar. Wir können nicht -sagen, sie seyen ähnlich geschaffen zur Anpassung an die ähnlichen -Natur-Bedingungen der beiderlei Gegenden; denn wenn wir z. B. gewisse -Theile <i>Süd-Amerika’s</i> mit den südlichen Kontinenten der <i>alten -Welt</i> vergleichen, so finden wir Striche in beiden, die sich -hinsichtlich ihrer Natur-Beschaffenheit einander genau entsprechen, -aber in ihren Bewohnern sich ganz unähnlich sind.</p> - -<p>Wir müssen jedoch zu unsrer unmittelbaren Aufgabe zurückkehren, -nämlich zur Eis-Zeit. Ich bin überzeugt, dass E<span class="smaller">DW</span>. F<span class="smaller">ORBES</span>’ -Theorie einer grossen Erweiterung fähig ist. In <i>Europa</i> haben -wir die deutlichsten Beweise einer Kälte-Periode von den West-Küsten -<i>Britanniens</i> ostwärts bis zur <i>Ural</i>-Kette und südwärts -bis zu den <i>Pyrenäen</i>. Aus den im Eise eingefrorenen Säugthieren -und der Beschaffenheit der Gebirgs-Vegetation zu schliessen, war -<i>Sibirien</i> auf ähnliche Weise betroffen gewesen. Längs dem -<i>Himalaya</i> haben Gletscher an 900 Engl. Meilen von einander -entlegenen Punkten Spuren ihrer ehemaligen weiten Erstreckung nach -der Tiefe hinterlassen; und in <i>Sikkim</i> sah Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> -Mays wachsen auf alten Riesen-Moränen. Im Süden des Äquators -haben wir einige unmittelbare Beweise früherer Eis-Thätigkeit in -<i>Neuseeland</i>, und das Wiedererscheinen derselben Pflanzen-Arten -auf weit von einander getrennten Bergen dieser Insel spricht für die -gleiche Geschichte. Nach den von dem unermüdlichen Geologen W. B. -C<span class="smaller">LARKE</span> mir gewordenen Mittheilungen scheinen deutliche Spuren von -einer früheren Gletscher-Thätigkeit auch in der süd-östlichen Spitze -<i>Neu-Hollands</i> vorzukommen.</p> - -<p>Sehen wir uns in <i>Amerika</i> um. In der nördlichen Hälfte sind von -Eis transportirte Fels-Trümmer beobachtet worden an<span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span> der Ost-Seite -abwärts bis zum 36° und an der Küste des <i>stillen Meeres</i>, wo das -Klima jetzt so verschieden ist, bis zum 46° nördlicher Breite; auch -in den <i>Rocky Mountains</i> sind erratische Blöcke gesehen worden. -In den <i>Cordilleren</i> des äquatorialen <i>Süd-Amerika’s</i> haben -sich Gletscher ehedem weit über ihre jetzige Grenze herabbewegt. -In <i>Central-Chili</i> habe ich ein ungeheures Detritus-Haufwerk -untersucht, welches das <i>Portillo-Thal</i> queer durchsetzt, und, -wie ich jetzt überzeugt bin, eine riesige Moräne tief unter jedem -noch jetzt dort vorkommenden Gletscher. D. F<span class="smaller">ORBES</span> hat mir -die folgende nun genauere Auskunft darüber mitgetheilt: dass er in -der <i>Cordillere</i> vom 13° bis 30° SBr. in der ungefähren Höhe von -12000′ starkgefurchte Felsen gefunden ganz wie jene, die er in Norwegen -gesehen, sowie grosse Detritus-Massen mit gefurchten Geschieben; -längs dieser ganzen <i>Cordilleren</i>-Strecke gibt es selbst in viel -beträchtlicheren Höhen gar keine wirklichen Gletscher. — Weiter -südwärts an beiden Seiten des Kontinents, von 41° Br. bis zur südlichen -Spitze finden wir die klarsten Beweise früherer Gletscher-Thätigkeit in -mächtigen von ihrer Geburtsstätte weit entführten Blöcken.</p> - -<p>Wir wissen nicht, ob die Eis-Zeit an allen diesen Punkten auf ganz -entgegengesetzten Seiten der Erde genau gleichzeitig gewesen seye; -doch fiel sie, in fast allen Fällen wohl erweislich, in die letzte -geologische Periode. Eben so haben wir vortreffliche Beweise, dass -sie überall, in Jahren ausgedrückt, von ungeheurer Dauer gewesen. Sie -kann an einer Stelle der Erde früher begonnen oder früher aufgehört -haben, als an der andern; da sie aber überall lange gewährt hat und -wenigstens in geologischem Sinne überall gleichzeitig war, so ist es -mir wahrscheinlich, dass jedenfalls ein Theil der Glazial-Ereignisse -an allen diesen Orten über die ganze Erde hin der Zeit nach genau -zusammenfiel. So lange wir nicht irgend einen bestimmten Beweis -für das Gegentheil haben, dürfen wir daher unterstellen, dass -die Glazial-Thätigkeit eine gleichzeitige gewesen ist an der -Ost- und West-Seite <i>Nord-Amerika’s</i>, in den äquatorialen -<i>Cordilleren</i> der tropischen wie der wärmer-gemässigten Zone, -und zu beiden Seiten des südlichen Endes dieses Welttheiles. Ist -Diess anzunehmen<span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span> erlaubt, so wird man auch annehmen müssen, dass -die Temperatur der ganzen Erde in dieser Periode gleichzeitig kühler -gewesen ist; doch wird es für meinen Zweck genügen, wenn die Temperatur -nur auf gewissen breiten von Norden nach Süden ziehenden Strecken der -Erde gleichzeitig niedriger war.</p> - -<p>Von dieser Voraussetzung ausgehend, dass die Erde oder wenigstens -breite Meridianal-Streifen derselben von einem Pol zum andern -gleichzeitig kälter geworden sind, lässt sich viel Licht über die -jetzige Vertheilung identischer und verwandter Arten verbreiten. -Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> hat gezeigt, dass in <i>Amerika</i> 40–50 -Blüthen-Pflanzen des <i>Feuerlandes</i>, welche keinen unbeträchtlichen -Theil der dortigen kleinen Flora bilden, trotz der ungeheuren -Entfernung beider Punkte, mit <i>Europäischen</i> Arten übereinstimmen; -ausserdem gibt es viele nahe verwandte Arten. Auf den hoch-ragenden -Gebirgen des tropischen <i>Amerika’s</i> kommt eine Menge besondrer -Arten aus <i>Europäischen</i> Sippen vor. Auf den höchsten Bergen -<i>Brasiliens</i> sind einige wenige <i>Europäische</i> Sippen von -G<span class="smaller">ARDENER</span> gefunden worden, welche in den weit-gedehnten -warmen Zwischenländern nicht fortkommen. An der <i>Silla</i> von -<i>Caraccas</i> fand A<span class="smaller">L</span>. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">UMBOLDT</span> schon vor langer Zeit -Sippen, welche für die <i>Cordilleren</i> bezeichnend sind. Auf den -<i>Abyssinischen</i> Gebirgen kommen verschiedene <i>Europäische</i> -Formen und einige wenige stellvertretende Arten der eigenthümlichen -Flora des <i>Caps der guten Hoffnung</i> vor. Am Cap sind einige -wenige <i>Europäische</i> Arten, die man nicht für eingeführt -hält, und auf den Bergen verschiedene stellvertretende Formen -<i>Europäischer</i> Arten gefunden worden, dergleichen man in den -tropischen Ländern <i>Afrika’s</i> noch nicht entdeckt hat. Dr. -H<span class="smaller">OOKER</span> hat unlängst gezeigt, dass mehre der auf der Insel -<i>Fernando Po</i> im Golfe von <i>Guinea</i> wachsenden Pflanzen -mit denen der <i>Abyssinischen</i> Gebirge an der andren Seite des -<i>Afrikanischen</i> Kontinents und mit solchen des gemässigten -<i>Europa’s</i> nahe verwandt sind; Diess ist eine der überraschendsten -Thatsachen in der Pflanzen-Geographie. — Am <i>Himalaya</i> und auf -den vereinzelten Berg-Ketten der <i>Indischen</i> Halbinsel, auf den -Höhen von <i>Ceylon</i> und den vulkanischen Kegeln <i>Javas</i> -treten viele Pflanzen auf, welche entweder der Art<span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span> nach mit einander -übereinstimmen, oder sich wechselseitig vertreten und zugleich -für <i>Europäische</i> Formen vikariiren, aber in den dazwischen -gelegenen warmen Tiefländern nicht gefunden werden. Ein Verzeichniss -der auf den luftigen Berg-Spitzen <i>Javas</i> gesammelten Sippen -liefert ein Bild wie von einer auf <i>Europäischen</i> Gebirgen -gemachten Sammlung. Noch viel schlagender ist die Thatsache, dass die -<i>Süd-Australischen</i> Formen offenbar durch Pflanzen repräsentirt -werden, welche auf den Berg-Höhen von Borneo wachsen. Einige dieser -<i>Australischen</i> (<i>Neuholländischen</i>) Formen erstrecken sich -nach Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> längs der Höhen der Halbinsel <i>Malakka</i> -und sind dünne zerstreut einerseits über <i>Indien</i> und andrerseits -nordwärts bis <i>Japan</i>.</p> - -<p>Auf den südlichen Gebirgen <i>Neuhollands</i> hat Dr. F. -M<span class="smaller">ÜLLER</span> mehre <i>Europäische</i> Arten entdeckt; andre nicht -von Menschen eingeführte Spezies kommen in den Niederungen vor, -und, wie mir Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> sagt, könnte noch eine lange Liste -von <i>Europäischen</i> Sippen aufgestellt werden, die sich in -<i>Neuholland</i>, aber nicht in den heissen Zwischenländern finden. -In der vortrefflichen Einleitung zur Flora <i>Neuseelands</i> liefert -Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> noch andre analoge und schlagende Beispiele -hinsichtlich der Pflanzen dieser grossen Insel. Wir sehen daher, -dass über der ganzen Erd-Oberfläche einestheils die auf den höheren -Bergen wachsenden Pflanzen, wie anderntheils die in den gemässigten -Tiefländern der nördlichen und der südlichen Hemisphäre verbreiteten -zuweilen von gleicher Art sind; noch öfter aber erscheinen sie -spezifisch verschieden, obwohl in merkwürdiger Weise mit einander -verwandt.</p> - -<p>Dieser kurze Umriss bezieht sich nur auf Pflanzen allein; aber genau -analoge Thatsachen lassen sich auch über die Vertheilung der Landthiere -anführen. Auch bei den Seethieren kommen ähnliche Fälle vor. Ich will -als Beleg die Bemerkung eines der besten Gewährsmänner, nämlich des -Professors D<span class="smaller">ANA</span> anführen, „dass es gewiss eine wunderbare -Thatsache ist, dass <i>Neuseeland</i> hinsichtlich seiner Kruster eine -grössre Verwandtschaft mit seinem Antipoden <i>Grossbritannien</i> -als mit irgend einem andern Theile der Welt zeigt“. Eben so spricht -Sir J. R<span class="smaller">ICHARDSON</span> von<span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span> dem Wiedererscheinen nordischer -Fisch-Formen an den Küsten von <i>Neuseeland</i>, <i>Tasmania</i> -u. s. w. Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> sagt mir, dass <i>Neuseeland</i> 25 -Algen-Arten mit <i>Europa</i> gemein hat, die in den tropischen -Zwischenmeeren noch nicht gefunden worden sind.</p> - -<p>Es ist zu bemerken, dass die in den südlichen Theilen der südlichen -Halbkugel und auf den tropischen Hochgebirgen gefundenen nördlichen -Arten und Formen keine arktischen sind, sondern dem nördlichen -Theile der gemässigten Zone entsprechen. Hr. H. C. W<span class="smaller">ATSON</span> -hat neulich bemerkt, „je weiter man von den polaren gegen die -tropischen Breiten voranschreitet, desto weniger arktisch werden die -alpinen oder gebirglichen Formen der Organismen.“ Viele der auf den -Gebirgen wärmerer Gegenden der Erde und in der südlichen Hemisphäre -lebenden Arten sind von so zweifelhaftem Werthe, dass sie von einigen -Naturforschern als wesentlich verschieden von <i>Europäischen</i> -Arten und von andern als blosse Varietäten bezeichnet werden. Doch -einige darunter sind gewiss identisch und viele müssen, wenn auch mit -nordischen Formen nahe verwandt, als eigne Arten anerkannt werden.</p> - -<p>Wir wollen nun zusehen, welche Aufschlüsse die vorangehenden Thatsachen -über die durch eine Menge geologischer Beweise unterstützte Annahme -gewähren können, dass die ganze Erd-Oberfläche oder wenigstens ein -grosser Theil derselben während der Eis-Periode gleichzeitig viel -kälter als jetzt gewesen seye. Die Eis-Periode muss, in Jahren -ausgedrückt, sehr lang gewesen seyn; und wenn wir berücksichtigen, -über welch’ weite Flächen einige naturalisirte Pflanzen und Thiere in -wenigen Jahrhunderten sich ausgebreitet haben, so hat diese Periode -für jede noch so weite Wanderung ausreichen können. Da die Kälte -nur langsam zunahm, so werden alle tropischen Pflanzen und Thiere -sich von beiden Seiten her gegen den Äquator zurückgezogen haben, -gefolgt von den Bewohnern gemässigter Gegenden, welchen die der -Polar-Zonen nachrückten; doch haben wir es mit den letzten in diesem -Augenblicke nicht zu thun. Die Aufgabe ist eine äusserst verwickelte. -Selbst die wahrscheinlich vor der Eis-Periode vorhanden gewesene -pleistocäne Äquatorial-Flora,<span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span> die einem noch mehr als tropischen -Klima entsprochen hätte, darf nicht ganz ausser Acht gelassen werden. -Diese alte Äquatorial-Flora würde während der Eis-Zeit, und die zwei -pleistocänen subtropischen Floren nun mit einander vermengt und an Zahl -zusammengeschmolzen, von der jetzigen Äquatorial-Flora verdrängt worden -sein. Eben so mussten während der Eis-Zeit sehr grosse Veränderungen -in den Feuchtigkeits- u. a. klimatischen Verhältnissen eingetreten -seyn, in deren Folge manche Thiere und Pflanzen in verschiedenen -Menge-Verhältnissen ausgewandert wären. Alle Lebens-Bedingungen -wären also während der Eis-Periode in den Tropen gleichzeitigem und -bedeutendem Wechsel unterlegen. Viele der tropischen Organismen -erloschen dabei ohne Zweifel; wie viele, kann niemand sagen. Vielleicht -waren vordem die Tropen-Gegenden eben so reich an Arten, wie jetzt -das <i>Kap der guten Hoffnung</i> und einige gemässigte Theile -<i>Neuhollands</i>.</p> - -<p>Da wir wissen, dass viele tropische Pflanzen und Thiere einen -ziemlichen Grad von Kälte aushalten können, so mögen manche derselben -der Zerstörung durch eine mässige Temperatur-Abnahme entgangen seyn, -zumal wenn sie in die tiefsten geschütztesten und wärmsten Bezirke -zu entkommen vermochten. Aber was man hauptsächlich nicht vergessen -darf, das ist, dass doch alle Tropen-Erzeugnisse mehr oder weniger -gelitten haben müssen. Am schwierigsten ist es zu sagen, auf welche -Weise sie gänzlicher Vertilgung entgangen sind; wobei die Möglichkeit -einiger Akklimatisation während des sehr langsamen Heranrückens -der Kälte-Periode nicht ganz übersehen werden darf. Anderseits -wurden auch die Bewohner gemässigter Gegenden, welche näher an den -Äquator heranziehen konnten, in einigermaassen neue Verhältnisse -versetzt, litten aber weniger. Auch ist es gewiss, dass viele -Pflanzen gemässigter Gegenden, wenn sie gegen Mitbewerbung geschützt -sind, ein viel wärmeres als ihr eigentliches Klima ertragen können. -Daher erscheint es mir möglich, dass, da die Tropen-Erzeugnisse -in leidendem Zustande waren und den Eindringlingen keinen ernsten -Widerstand zu leisten vermochten, eine gewisse Anzahl der kräftigsten -und herrschendsten Formen<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> der gemässigten Zone in die Reihen der -Eingebornen eingedrungen sind und den Äquator erreicht und selbst -noch überschritten haben. Der Einfall wurde in der Regel durch -Hochländer und vielleicht ein trocknes Klima noch begünstigt; denn Dr. -F<span class="smaller">ALCONER</span> sagt mir, dass es die mit der Hitze der Tropenländer -verbundene Feuchtigkeit ist, welche den perennirenden Gewächsen -aus gemässigteren Gegenden so verderblich wird. Dagegen werden die -feuchtesten und wärmsten Bezirke den Eingebornen der Tropen als -Zufluchtsstätte gedient haben. Die Gebirgs-Ketten im Nordwesten des -<i>Himalaya</i> und die lange <i>Cordilleren</i>-Reihe scheinen zwei -grosse Invasions-Linien gebildet zu haben; und es ist eine schlagende -Thatsache, dass nach Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> letzter Mittheilung die 46 -Blüthen-Pflanzen, welche <i>Feuerland</i> mit <i>Europa</i> gemein hat, -alle auch in <i>Nord-Amerika</i> vorkommen, das auf ihrer Marsch-Route -gelegen haben muss. Wollte man daraus schliessen, dass das Land in -manchen Tropen-Gegenden damals als die aus gemässigten Gegenden -kommenden Organismen es durchwanderten, höher als jetzt gewesen seye, -so fehlen uns wenigstens alle Beweise dafür. Daher ich zu unterstellen -genöthigt bin, dass auch einige Bewohner der gemässigten Zonen sogar in -die Tiefländer der Tropen und namentlich <i>Ostindiens</i> eingedrungen -und diese überschritten, als zur Zeit der grössten Kälte arktische -Formen von ihrer Heimath aus 25 Breiten-Grade südwärts wanderten und -das Land am Fusse der <i>Pyrenäen</i> bedeckten. In dieser Zeit der -grössten Kälte dürfte dann das Klima unter dem Äquator im Niveau des -Meeres-Spiegels ungefähr das nämliche gewesen seyn, wie es jetzt dort -in 5000′–6000′ Seehöhe herrscht. In dieser Zeit der grössten Kälte -waren meiner Meinung nach weite Räume in den tropischen Tiefländern -mit einer Vegetation bedeckt aus Formen tropischer und gemässigter -Gegenden zusammengesetzt und derjenigen vergleichbar, welche sich -nach H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> lebendiger Beschreibung jetzt in wunderbarer -Üppigkeit am Fusse des <i>Himalaya</i> in 4000′–5000′ Seehöhe entfaltet.</p> - -<p>Als M<span class="smaller">ANN</span> auf der Insel <i>Fernando-Po</i> botanisirte, sah -er von 5000′ Höhe an einzelne Pflanzen-Formen aus dem gemässigten -<i>Europa</i> auftreten, und Dr. S<span class="smaller">EEMANN</span> fand in den Bergen -von<span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span> <i>Panama</i> bei 2000′ eine Vegetation wie in <i>Mexico</i> mit -Formen der heissesten Zone und solche der gemässigten einträchtig -durchmengt; woraus sich mithin die Möglichkeit ergibt, dass unter -gewissen klimatischen Bedingungen wirkliche Tropen-Gewächse eine -unbegrenzte Zeit lang mit Formen gemässigter Klimate zusammen leben -können.</p> - -<p>Ich hatte eine Zeit lang gehofft den Beweis zu finden, dass -irgendwo auf der Erde die Tropen-Gegenden von den Frost-Wirkungen -der Eis-Periode verschont geblieben seyen und den leidenden -Tropen-Bewohnern einen sicheren Zufluchtsort dargeboten hätten. Wir -können diesen Zufluchtsort nicht auf der <i>Ostindischen</i> Halbinsel -oder auf <i>Ceylon</i> suchen, da Formen gemässigter Klimate fast -alle ihre einzeln gelegenen Berg-Höhen erreicht haben; wir vermögen -sie nicht im <i>Malayischen</i> Archipel zu finden, denn auf den -Vulkanen-Kegeln <i>Javas</i> sehen wir <i>Europäische</i> Formen und -auf den Höhen von <i>Borneo</i> Erzeugnisse des gemässigten Theiles -von <i>Neuholland</i> auftreten. In <i>Afrika</i> haben nicht nur -einige gemässigt-<i>Europäische</i> Formen <i>Abyssinien</i> auf -der West-Seite bis zu dessen südlichem Ende durchwandert, sondern -auch Formen gemässigter Klimate von dort aus den Kontinent bis -<i>Fernando-Po</i> an der West-Seite durchschritten mit Hilfe -vielleicht von Gebirgsketten, welche nach einigen Anzeichen das -Festland von Osten nach Westen durchstreichen. Wenn man aber -auch annähme, dass irgend eine ausgedehnte Tropen-Gegend während -der Eis-Zeit ihre volle Wärme bewahrt hätte, so würde uns diese -Unterstellung nicht viel helfen, weil die darin erhalten gebliebenen -tropischen Formen in einer so kurzen Zeitfrist nicht wohl von einer -dieser grossen Tropen-Gegenden gewandert seyn könnten. Auch haben -die tropischen Formen der ganzen Erd-Oberfläche gegen einander -gehalten keinesweges ein so einförmiges Aussehen, als ob sie von einem -gemeinsamen Sicherheits-Hafen ausgelaufen wären.</p> - -<p>Die östlichen Ebenen im tropischen <i>Süd-Amerika</i> haben offenbar am -wenigsten von der Eis-Periode gelitten; und doch sind auch hier einige -wenige Formen gemässigter Gegenden in den <i>Brasilischen</i> Bergen -gefunden worden, welche den Kontinent<span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span> von den <i>Cordilleren</i> aus -gekreuzt haben müssen; und eben so scheint während derselben Zeit -eine Wanderung von den <i>Cordilleren</i> bis gegen <i>Caraccas</i> -stattgefunden zu haben. Nun aber hat B<span class="smaller">ATES</span>, welcher mit -grossem Eifer die Insekten-Fauna des <i>Guiana-Amazonas</i>-Gebietes -studirt, kürzlich mit grosser Lebhaftigkeit gegen jede Annahme einer -in neuerer Zeit stattgefundenen Abkühlung dieses grossen Gebietes -geeifert, indem er zeigte, dass es reich ist an ganz eigenthümlichen -einheimischen Schmetterlings-Formen, welche offenbar der Unterstellung -eines neuerlich stattgefundenen Erlöschens in der Nähe des Äquators -widersprechen. Ich will mich jedoch nicht vermessen zu sagen, in wie -ferne diese Erscheinung etwa durch die Annahme einer fast gänzlichen -Austilgung einer pleistocänen Fauna in der Eis-Zeit und der Bildung -der jetzigen Äquatorial-Fauna durch die Vereinigung der zwei vorigen -subtropischen Faunen erklärbar seyn möge.</p> - -<p>So sind, glaube ich, während der Eis-Periode beträchtlich viele -Pflanzen, einige Landthiere und verschiedene Meeres-Bewohner von beiden -gemässigten Zonen aus in die Tropen-Gegenden eingedrungen und haben -manche sogar den Äquator überschritten. Als die Wärme zurückkehrte, -stiegen die den gemässigten Klimaten entstammten Formen natürlich an -den Bergen hinan und verschwanden aus den Tiefebenen; diejenigen, -welche den Äquator nicht erreicht hatten, kehrten nord- und süd-wärts -in ihre frühere Heimath zurück; jene hauptsächlich nordischen Formen -aber, welche den Äquator schon überschritten, wanderten weiter in -die gemässigten Breiten der entgegengesetzten Hemisphäre. Obwohl -sich aus geologischen Forschungen ergibt, dass die ganze Masse der -arktischen Konchylien auf ihrer langen Wanderung nach Süden und ihrer -Rückwanderung nach Norden kaum irgend eine wesentliche Modification -erfahren habe, so ist das Verhältniss doch ein ganz andres hinsichtlich -der eingedrungenen Formen, welche sich auf den tropischen Gebirgen -und in der südlichen Hemisphäre festsetzten. Von Fremdlingen umgeben -geriethen sie mit vielen neuen Lebenformen in Mitbewerbung; und es ist -wahrscheinlich, dass Abänderungen in Struktur, organischer Thätigkeit -und Lebensweise davon die Folge waren und<span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span> durch Natürliche Züchtung -fortgebildet wurden. So leben nun viele von diesen Wanderern, wenn auch -offenbar noch verwandt mit ihren Brüdern in der andern Hemisphäre, in -ihrer neuen Heimath als ausgezeichnete Varietäten oder eigene Spezies -fort.</p> - -<p>Es ist eine merkwürdige Thatsache, worauf H<span class="smaller">OOKER</span> hinsichtlich -<i>Amerikas</i> und A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hinsichtlich -<i>Australiens</i> bestehen, dass offenbar viel mehr identische und -verwandte Pflanzen von Norden nach Süden als in umgekehrter Richtung -gewandert sind. Wir sehen daher nur wenige südlichen Pflanzen-Formen -auf den Bergen von <i>Borneo</i> und <i>Abyssinien</i>. Ich vermuthe, -dass diese überwiegende Wanderung von Norden nach Süden der grösseren -Ausdehnung des Landes im Norden und der zahlreichen Existenz der -nordischen Formen in ihrer Heimath zuzuschreiben ist, in deren -Folge sie durch Natürliche Züchtung und manchfaltigere Mitbewerbung -bereits zu höherer Vollkommenheit und Herrschafts-Fähigkeit als die -südlicheren Formen gelangt waren. Und als nun beide während der -Eis-Periode sich durcheinander mengten, waren die nördlichen Formen -besser geeignet die südlichen zu überwinden, — so wie wir heutzutage -noch die <i>Europäischen</i> Einwanderer den Boden von <i>La-Plata</i> -und seit 30–40 Jahren auch von <i>Neuholland</i> bedecken sehen. Die -<i>Neil-gherrie</i>-Berge in <i>Ostindien</i> bieten jedoch eine -theilweise Ausnahme dar, indem, wie mir Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> sagt, -<i>Australische</i> Formen sich dort rasch naturalisiren und durch -Saamen verbreiten. Vor der Eis-Zeit waren diese tropischen Gebirge ohne -Zweifel mit einheimischen Alpen-Pflanzen bevölkert. Auf vielen Inseln -sind die eingeborenen Erzeugnisse durch die naturalisirten bereits an -Menge erreicht oder überboten; und wenn jene ersten jetzt auch noch -nicht verdrängt sind, so hat ihre Anzahl doch schon sehr abgenommen, -und Diess ist der erste Schritt zum Untergang. Ein Gebirge ist eine -Insel auf dem Lande, und die tropischen Gebirge vor der Eis-Zeit müssen -vollständig isolirt gewesen seyn. Ich glaube, dass die Erzeugnisse -dieser Inseln auf dem Lande vor denen der grösseren nordischen -Länder-Strecken ganz in derselben Weise zurückgewichen sind, wie die -Erzeugnisse der<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> Inseln im Meer zuletzt überall von den durch den -Menschen daselbst naturalisirten verdrängt wurden.</p> - -<p>Ich bin weit entfernt zu glauben, dass durch die hier aufgestellte -Ansicht über die Ausbreitung und die Beziehungen der verwandten Arten, -welche in der nördlichen und der südlichen gemässigten Zone und auf -den Gebirgen der Tropen-Gegenden wohnen, bereits alle Schwierigkeiten -ausgeglichen sind. Es ist sehr schwer zu begreifen, wie eine so grosse -Anzahl eigenthümlicher auf die Tropen beschränkter Formen den kältesten -Theil der Eis-Zeit zu überdauern im Stande war. Die Anzahl der Formen -in <i>Neuholland</i>, welche mit Formen des gemässigten <i>Europas</i> -verwandt aber dennoch so abweichend von ihnen sind, dass man unmöglich -an eine Abänderung derselben erst seit der Glazial-Zeit glauben kann, -zeigt vielleicht eine noch ältre Kälte-Periode an, welche mit den -Spekulationen einiger neueren Geologen in Beziehung steht. — Die -genauen Richtungen und die Mittel der Wanderungen oder die Ursachen, -warum die einen und nicht die andern Arten gewandert sind, oder warum -gewisse Spezies Abänderung erfahren haben und zur Bildung neuer -Formen-Gruppen verwendet worden, während andre unverändert geblieben -sind, lassen sich nicht nachweisen. Wir können nicht hoffen, solche -Verhältnisse zu erklären, so lange wir nicht zu sagen vermögen, warum -eine Art und nicht die andre durch menschliche Thätigkeit in fremden -Landen naturalisirt werden kann, oder warum die eine zwei oder drei mal -so weit verbreitet, zwei oder drei mal so gemein als die andre Art in -der gemeinsamen Heimath ist.</p> - -<p>Ich habe gesagt, dass viele Schwierigkeiten noch zu überwinden bleiben. -Einige der merkwürdigsten hat Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> in seinen botanischen -Werken über die antarktischen Regionen mit bewundernswerther Klarheit -auseinandergesetzt. Diese können hier nicht erörtert werden. Nur -Das will ich bemerken, dass, wenn es sich um das Vorkommen einer -Spezies an so ungeheuer von einander entfernten Punkten handelt, -wie <i>Kerguelen-Land</i>, <i>Neuseeland</i> und <i>Feuerland</i> -sind, nach meiner Meinung (wie auch L<span class="smaller">YELL</span> annimmt) Eisberge -gegen das Ende der Eis-Zeit hin sich<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> reichlich an deren Verbreitung -betheiligt haben dürften. Aber das Vorkommen einiger verschiedenen -Arten aus ganz südlichen Sippen an diesem oder jenem entlegenen Punkte -der südlichen Halbinsel ist nach meiner Theorie der Fortpflanzung mit -Abänderung ein weit merkwürdigeres schwieriges Beispiel. Denn einige -dieser Arten sind so abweichend, dass sich nicht annehmen lässt, die -Zeit von Anbeginn der Eis-Periode bis jetzt könne zu ihrer Wanderung -und nachherigen Abänderung bis zur erforderlichen Stufe hingereicht -haben. Diese Thatsachen scheinen mir anzuzeigen, dass sehr verschiedene -eigenthümliche Arten in strahlenförmiger Richtung von irgend einem -gemeinsamen Zentrum ausgegangen; und ich bin geneigt, mich auch in -der südlichen so wie in der nördlichen Halbkugel um eine wärmere -Periode vor der Eis-Zeit umzusehen, wo die jetzt mit Eis bedeckten -antarktischen Länder eine ganz eigenthümliche und abgesonderte Flora -besessen haben. Ich vermuthe, dass schon vor der Vertilgung dieser -Flora durch die Eis-Periode sich einige wenige Formen derselben durch -gelegentliche Transport-Mittel bis zu verschiedenen weit entlegenen -Punkten der südlichen Halbkugel verbreitet hatten. Dabei mögen ihnen -einige entweder noch vorhandene oder bereits versunkene Inseln als -Ruheplätze gedient haben. Und so, glaube ich, haben die südlichen -Küsten von <i>Amerika</i>, <i>Neuholland</i> und <i>Neuseeland</i> -eine ähnliche Färbung durch gleiche eigenthümliche Formen des -Pflanzen-Lebens erhalten.</p> - -<p>Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> hat sich in einer der meinen fast ähnlichen -Weise in Vermuthungen ergangen über die Einflüsse grosser Schwankungen -des Klimas auf die geographische Verbreitung der Lebenformen. Ich -glaube also, dass die Erd-Oberfläche noch unlängst einen von diesen -grossen Kreisläufen erfahren hat, und dass durch diese Unterstellung -in Verbindung mit der Annahme der Abänderung durch Natürliche -Züchtung eine Menge von Thatsachen in der gegenwärtigen Vertheilung -von identischen sowohl als verwandten Lebenformen sich erklären -lässt. Man könnte sagen, die Ströme des Lebens seyen eine kurze -Zeit von Norden und von Süden her geflossen und hätten den Äquator -gekreuzt;<span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span> aber die von Norden her seyen so viel stärker gewesen, dass -sie den Süden überschwemmt hätten. Wie die Gezeiten ihren Beitrieb -in wagrechten Linien abgesetzt am Strande zurücklassen, jedoch an -verschiedenen Küsten zu verschiedenen Höhen ansteigen, so haben auch -verschiedene Lebens-Ströme ihr lebendiges Drift auf unsern Berg-Höhen -hinterlassen in einer von den arktischen Tiefländern bis zu grossen -Äquatorial-Höhen langsam ansteigenden Linie. Die verschiedenen auf dem -Strande zurückgelassenen Lebenwesen kann man mit wilden Menschen-Rassen -vergleichen, die fast allerwärts zurückgedrängt sich noch in Bergfesten -erhalten als interessante Überreste der ehemaligen Bevölkerungen -umgebender Flachländer.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br /> - -<b>Geographische Verbreitung.</b><br /> - -<span class="s7">(Fortsetzung.)</span></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. — Die Bewohner der ozeanischen -Inseln. — Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugethieren. — -Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten -Festländer. — Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und -nachherige Abänderung. — Zusammenfassung der Folgerungen aus dem -letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.</p> - -<p>Da See’n und Fluss-Systeme durch Schranken von Trockenland von einander -getrennt werden, so möchte man glauben, dass Süsswasser-Bewohner nicht -im Stande seyen sich aus einer Gegend in weite Ferne zu verbreiten. Und -doch verhält sich die Sache gerade entgegengesetzt. Nicht allein haben -viele Süsswasser-Bewohner aus ganz verschiedenen Klassen selbst eine -ungeheure Verbreitung, sondern einander nahe verwandte Formen herrschen -auch in auffallender Weise über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ich -besinne mich noch wohl der Überraschung,<span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span> die ich fühlte, als ich zum -ersten Male in <i>Brasilien</i> Süsswasser-Erzeugnisse sammelte und die -Süsswasser-Schaaler und -Kerbthiere mitten in einer ganz verschiedenen -Bevölkerung des Trockenlandes den <i>Britischen</i> so ähnlich fand.</p> - -<p>Doch kann dieses Vermögen weiter Verbreitung bei den -Süsswasser-Bewohnern, wie unerwartet es auch seyn mag, in den meisten -Fällen, wie ich glaube, daraus erklärt werden, dass sie in einer für -sie sehr nützlichen Weise von Sumpf zu Sumpf und von Strom zu Strom zu -wandern fähig sind; woraus sich denn die Neigung zu weiter Verbreitung -als eine nothwendige Folge ergeben dürfte. Doch können wir hier nur -wenige Fälle in Betracht ziehen. Was die Fische betrifft, so glaube -ich, dass eine und dieselbe Spezies niemals in den Süsswassern weit von -einander entfernter Kontinente vorkommt, wohl aber verbreitet sie sich -in einem nämlichen Festlande oft weit und in anscheinend launischer -Weise, so dass zwei Fluss-Systeme einen Theil ihrer Fische miteinander -gemein haben, während andre Arten jedem derselben eigenthümlich -sind. Einige wenige Thatsachen scheinen ihre gelegenheitliche -Versetzung aus einem Fluss in den andern zu erläutern, wie deren in -<i>Ostindien</i> schon öfters von Wirbelwinden bewirkte Entführung -durch die Luft, wonach sie als Fisch-Regen wieder zur Erde gelangten, -und wie die Zählebigkeit ihrer aus dem Wasser entnommenen Eier. Doch -bin ich geneigt, die Verbreitung der Süsswasser-Fische vorzugsweise -geringen Höhenwechseln des Landes während der gegenwärtigen Periode -zuzuschreiben, wodurch manche Flüsse veranlasst worden sind, sich in -andrer Weise miteinander zu verbinden. Auch lassen sich Beispiele -anführen, dass Diess ohne Veränderungen in den wechselseitigen Höhen -durch Fluthen bewirkt worden ist. Der Löss des <i>Rheines</i> bietet -uns Belege für ansehnliche Veränderungen der Boden-Höhe in einer ganz -neuen geologischen Zeit dar, wo die Oberfläche schon mit ihren jetzigen -Arten von Binnenmollusken bevölkert war. Die grosse Verschiedenheit -zwischen den Fischen auf den entgegengesetzten Seiten von -Gebirgs-Ketten, die schon seit früher Zeit die Wasserscheide der Gegend -gebildet und die Ineinandermündung der beiderseitigen<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> Fluss-Systeme -gehindert haben müssen, scheint mir zum nämlichen Schlusse zu führen. -Was das Vorkommen verwandter Arten von Süsswasser-Fischen an sehr -entfernten Punkten der Erd-Oberfläche betrifft, so gibt es zweifelsohne -viele Fälle, welche zur Zeit nicht erklärt werden können. Inzwischen -stammen einige Süsswasser-Fische von sehr alten Formen ab, welche -mithin während grosser geographischer Veränderungen Zeit und Mittel -gefunden haben, sich durch weite Wanderungen zu verbreiten. Zweitens -können Salzwasser-Fische bei sorgfältigem Verfahren langsam ans Leben -im Süsswasser gewöhnt werden, und nach V<span class="smaller">ALENCIENNES</span> gibt es -kaum eine gänzlich aufs Süsswasser beschränkte Fisch-Gruppe, so dass -wir uns vorstellen können, ein Meeres-Bewohner aus einer übrigens dem -Süsswasser angehörigen Gruppe wandre der See-Küste entlang und werde -demzufolge abgeändert und endlich in Süsswassern eines entlegenen -Landes zu leben befähigt.</p> - -<p>Einige Arten von Süsswasser-Konchylien haben eine sehr weite -Verbreitung, und verwandte Arten, die nach meiner Theorie von -gemeinsamen Ältern abstammen und mithin aus einer einzigen Quelle -hervorgegangen sind, walten über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ihre -Verbreitung setzte mich anfangs in Verlegenheit, da ihre Eier nicht -zur Fortführung durch Vögel geeignet sind und wie die Thiere selbst -durch Seewasser getödtet werden. Ich konnte daher nicht begreifen, wie -es komme, dass einige naturalisirte Arten sich rasch durch eine ganze -Gegend verbreitet haben. Doch haben zwei von mir beobachtete Thatsachen -— und viele andre bleiben zweifelsohne noch fernerer Beobachtung -anheim gegeben — einiges Licht über diesen Gegenstand verbreitet. Wenn -eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten Teiche -erhebt, so bleiben oft, wie ich zweimal gesehen habe, welche von diesen -kleinen Pflanzen auf ihrem Rücken hängen, und es ist mir geschehen, -dass, wenn ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andre -versetzte, ich ganz absichtlos das letzte mit Süsswasser-Mollusken -des ersten bevölkerte. Doch ist ein andrer Umstand vielleicht noch -wirksamer. In Betracht, dass Wasser-Vögel mitunter in Sümpfen<span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span> -schlafen, hängte ich einen Enten-Fuss in einem Aquarium auf, wo viele -Eier von Süsswasser-Schnecken auszukriechen im Begriffe waren, und -fand, dass bald eine grosse Menge der äusserst kleinen ausgeschlüpften -Schnecken an dem Fuss umherkrochen und sich so fest anklebten, dass -sie von dem herausgenommenen Fusse nicht abgeschabt werden konnten, -obwohl sie in einem etwas mehr vorgeschrittenen Alter freiwillig davon -abliessen. Diese frisch ausgeschlüpften Weichthiere, obschon zum -Wohnen im Wasser bestimmt, lebten an dem Enten-Fusse in feuchter Luft -wohl 12–20 Stunden lang, und während dieser Zeit kann eine Ente oder -ein Reiher wenigstens 600–700 <i>Englische</i> (140 <i>Deutsche</i>) -Meilen weit fliegen und sich dann wieder in einem Sumpfe oder Bache -niederlassen, vielleicht auf einer ozeanischen Insel, wenn ein Sturm -denselben erfasst und über’s Meer hin verschlagen hatte. Auch hat mich -Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> benachrichtigt, dass man einen Wasserkäfer -(Dyticus) mit einer ihm fest ansitzenden Süsswasser-Napfschnecke -(Ancylus) gefangen hat; und ein andrer Wasserkäfer aus der Sippe -Colymbetes kam einst an Bord des Beagle geflogen, als dieser 45 -Englische Meilen vom nächsten Lande entfernt war; wie viel weiter er -aber mit einem günstigen Winde noch gekommen seyn würde, Das vermag -Niemand zu sagen.</p> - -<p>Was die Pflanzen betrifft, so ist es längst bekannt, was für eine -ungeheure Ausbreitung manche Süsswasser- und selbst Sumpf-Gewächse auf -den Festländern und bis zu den entferntesten Inseln des Weltmeeres -besitzen. Diess ist nach A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span>’<span class="smaller">S</span> Wahrnehmung am -deutlichsten in solchen grossen Gruppen von Landpflanzen zu ersehen, -aus welchen nur einige Glieder an Süsswassern leben; denn diese -letzten pflegen sofort eine viel grössre Verbreitung als die übrigen -zu erlangen. Ich glaube, dass die günstigeren Verbreitungs-Mittel -diese Erscheinung erklären können. Ich habe vorhin die Erd-Theilchen -erwähnt, welche, wenn auch nur selten und zufällig einmal, an -Schnäbeln und Füssen der Vögel hängen bleiben. Sumpfvögel, welche die -schlammigen Ränder der Sümpfe aufsuchen, werden meistens schmutzige -Füsse haben, wenn sie plötzlich aufgescheucht<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> werden. Nun lässt sich -nachweisen, dass gerade Vögel dieser Ordnung die grössten Wanderer -sind und zuweilen auf den entferntesten und ödesten Inseln des offenen -Weltmeeres angetroffen werden. Sie können sich nicht auf der Oberfläche -des Meeres niederlassen, wo der noch an ihren Füssen hängende Schlamm -abgewaschen werden könnte; und wenn sie ans Land kommen, werden sie -gewiss alsbald ihre gewöhnlichen Aufenthalts-Orte an den Süsswassern -aufsuchen. Ich glaube kaum, dass die Botaniker wissen, wie beladen der -Schlamm der Sümpfe mit Pflanzen-Saamen ist; ich habe jedoch einige -kleine Beobachtungen darüber gemacht, deren zutreffendsten Ergebnisse -ich hier mittheilen will. Ich nahm im Februar drei Esslöffel voll -Schlamm von drei verschiedenen Stellen unter Wasser, am Rande eines -kleinen Sumpfes. Dieser Schlamm getrocknet wog 6¾ Unzen. Ich -bewahrte ihn sodann in meinem Arbeitszimmer bedeckt sechs Monate -lang auf und zählte und riss jedes aufkeimende Pflänzchen aus. Diese -Pflänzchen waren von mancherlei Art und 537 im Ganzen; und doch war -all’ dieser zähe Schlamm in einer einzigen Untertasse enthalten. -Diesen Thatsachen gegenüber würde es nun geradezu unerklärbar seyn, -wenn es nicht mitunter vorkäme, dass Wasser-Vögel die Saamen von -Süsswasser-Pflanzen in weite Fernen verschleppten und so zur immer -weitern Ausbreitung derselben beitrügen. Und derselbe Zufall mag -hinsichtlich der Eier einiger kleiner Süsswasser-Thiere in Betracht -kommen.</p> - -<p>Auch noch andre und mitunter unbekannte Kräfte mögen dabei ihren -Theil haben. Ich habe oben gesagt, dass Süsswasser-Fische manche -Arten Sämereien fressen, obwohl sie andre Arten, nachdem sie solche -verschlungen haben, wieder auswerfen; selbst kleine Fische verschlingen -Saamen von mässiger Grösse, wie die der gelben Wasserlilie und -des Potamogeton. Hunderte und abermals Hunderte von Reihern u. a. -Vögeln gehen täglich auf den Fischfang aus; wenn sie sich erheben, -suchen sie oft andre Wasser auf oder werden auch zufällig übers Meer -getrieben; und wir haben gesehen, dass Saamen oft ihre Keimkraft noch -besitzen, wenn sie in Gewölle, in Exkrementen u. dgl.<span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span> einige Stunden -später wieder ausgeworfen werden. Als ich die grossen Saamen der -herrlichen Wasserlilie, Nelumbium, sah und mich dessen erinnerte, was -A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> über diese Pflanze gesagt, so meinte ich -ihre Verbreitung müsse ganz unerklärbar seyn. Doch A<span class="smaller">UDUBON</span> -versichert, Saamen der grossen südlichen Wasserlilie (nach Dr. -H<span class="smaller">OOKER</span> wahrscheinlich das Nelumbium speciosum) im Magen -eines Reihers gefunden zu haben, und, obwohl es mir als Thatsache -nicht bekannt ist, so schliesse ich doch aus der Analogie, dass, wenn -ein Reiher in solchem Falle nach einem andern Sumpfe flöge und dort -eine herzhafte Fisch-Mahlzeit zu sich nähme, er wahrscheinlich aus -seinem Magen wieder einen Ballen mit noch unverdauten Nelumbium-Saamen -auswerfen würde; oder der Vogel kann diese Saamen verlieren, wenn er -seine Jungen füttert, wie er bekanntlich zuweilen einen Fisch fallen -lässt<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a>.</p> - -<p>Bei Betrachtung dieser verschiedenen Verbreitungs-Mittel muss man -sich noch erinnern, dass, wenn ein Sumpf oder Fluss z. B. auf einer -neuen Insel eben erst entsteht, er noch nicht bevölkert ist und ein -einzelnes Sämchen oder Ei’chen gute Aussicht auf Fortkommen hat. Auch -wenn ein Kampf ums Daseyn zwischen den Individuen der wenigen Arten, -die in einem Sumpfe beisammen leben, bereits begonnen hat, so wird in -Betracht, dass die Zahl der Arten gegen die auf dem Lande doch geringer -ist, der Wettkampf auch wohl minder heftig als der zwischen den -Landbewohnern seyn; ein neuer Eindringling, aus der Fremde angelangt, -würde mithin auch mehr Aussicht haben eine Stelle zu erobern, als ein -neuer Kolonist auf dem trocknen Lande. Auch dürfen wir nicht vergessen, -dass einige und vielleicht viele Süsswasser-Bewohner tief auf der -Stufenleiter der Natur stehen und wir mit Grund annehmen können, dass -solche tief organisirte Wesen langsamer als die höher ausgebildeten -abändern, demzufolge dann ein und die nämliche Art Wasser-bewohnender<span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span> -Organismen längre Zeit wandern kann, als die Arten des trocknen -Landes. Endlich müssen wir der Möglichkeit gedenken, dass viele -Süsswasser-bewohnende Spezies, nachdem sie sich über ungeheure Flächen -verbreitet, in den mitteln Gegenden derselben wieder erloschen seyn -können. Aber die weite Verbreitung der Pflanzen und niederen Thiere -des Süsswassers, mögen sie nun ihre ursprüngliche Formen unverändert -bewahren oder in gewissem Grade verändern, hängt nach meiner Meinung -hauptsächlich von der Leichtigkeit ab, womit ihre Saamen und Eier durch -andere Thiere und zumal höchst flugfertige Süsswasser-Vögel von einem -Gewässer zum andern oft sehr entfernt gelegenen verschleppt werden -können. Die Natur hat wie ein sorgfältiger Gärtner ihre Saamen von -einem Beete von besondrer Beschaffenheit genommen und sie in ein andres -gleichfalls angemessen zubereitetes verpflanzt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Bewohner der ozeanischen Inseln.</em>) Wir kommen nun zur letzten -der drei Klassen von Thatsachen, welche ich als diejenigen bezeichnet -habe, welche die grössten Schwierigkeiten für die Ansicht darbieten, -dass, weil alle Individuen sowohl der nämlichen Art als auch -nahe-verwandter Arten von einem gemeinsamen Stammvater herkommen, auch -alle von gemeinsamer Geburtsstätte aus sich über die entferntesten -Theile der Erd-Oberfläche, deren Bewohner sie jetzt sind, verbreitet -haben müssen. Ich habe bereits erklärt, dass ich nicht wohl mit -der F<span class="smaller">ORBES</span>’schen Ansicht übereinstimmen kann, wonach alle -Inseln des <i>Atlantischen Ozeans</i> noch in der gegenwärtigen -neuesten Periode mit einem der zwei Kontinente ganz oder fast ganz -zusammengehangen haben sollen. Diese Ansicht würde zwar allerdings -einige Schwierigkeiten beseitigen, dürfte aber keineswegs alle -Erscheinungen hinsichtlich der Insel-Bevölkerung erklären. In den -nachfolgenden Bemerkungen werde ich mich nicht auf die blosse Frage -von der Vertheilung der Arten beschränken, sondern auch einige andre -Thatsachen erläutern, welche sich auf die zwei Theorien, die der -selbstständigen Schöpfung der Arten und die ihrer Abstammung von -einander mit fortwährender Abänderung beziehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span></p> - -<p>Nur wenige Arten aller Klassen bewohnen ozeanische Inseln, im -Vergleich zu gleich grossen Flächen festen Landes, wie A<span class="smaller">LPHONS -DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> in Bezug auf die Pflanzen und W<span class="smaller">OLLASTON</span> -hinsichtlich der Insekten behaupten. Betrachten wir die erhebliche -Grösse und die manchfaltigen Standorte <i>Neuseelands</i>, das über -780 Englische Meilen Breite hat, und vergleichen die Arten seiner -Blüthen-Pflanzen, nur 750 an der Zahl, mit denen einer gleich grossen -Fläche am <i>Kap der guten Hoffnung</i> oder in <i>Neuholland</i>, so -müssen wir, glaube ich, zugestehen, dass etwas von den physikalischen -Bedingungen ganz Unabhängiges die grosse Verschiedenheit der -Arten-Zahlen veranlasst hat. Selbst die einförmige Umgegend von -<i>Cambridge</i> zählt 847 und das kleine Eiland <i>Anglesea</i> 764 -Pflanzen-Arten; doch sind auch einige Farne und einige eingeführte -Arten in diesen Zahlen mitbegriffen und ist die Vergleichung auch in -einigen andern Beziehungen nicht ganz richtig. Wir haben Beweise, -dass das kahle Eiland <i>Ascension</i> bei seiner Entdeckung nicht -ein halbes Dutzend Blüthen-Pflanzen besass; jetzt sind viele dort -naturalisirt, wie es eben auch auf <i>Neuseeland</i> und auf allen -andern ozeanischen Inseln der Fall ist. Auf <i>St. Helena</i> nimmt man -mit Grund an, dass die naturalisirten Pflanzen und Thiere schon viele -einheimische Natur-Erzeugnisse gänzlich oder fast gänzlich vertilgt -haben. Wer also der Lehre von der selbstständigen Erschaffung aller -einzelnen Arten beipflichtet, der wird zugestehen müssen, dass auf -den ozeanischen Inseln keine hinreichende Anzahl bestens angepasster -Pflanzen und Thiere geschaffen worden seye, indem der Mensch diese -Inseln ganz absichtlos aus verschiedenen Quellen viel besser und -vollständiger als die Natur bevölkert hat.</p> - -<p>Obwohl auf ozeanischen Inseln die Arten-Zahl der Bewohner im Ganzen -dürftig, so ist doch das Verhältniss der endemischen, d. h. sonst -nirgends vorkommenden Arten oft ausserordentlich gross. Diess ergibt -sich, wenn man z. B. die Anzahl der endemischen Landschnecken auf -<i>Madeira</i>, oder der endemischen Vögel im <i>Galapagos-Archipel</i> -mit der auf irgend einem Kontinente gefundenen Zahl vergleicht und dann -auch die beiderseitige Flächen-Ausdehnung gegeneinander hält. Dieses -war nach meiner<span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span> Theorie zu erwarten; denn, wie bereits erklärt worden, -sind Arten, welche nach langen Zwischenzeiten gelegenheitlich in einen -neuen und abgeschlossenen Bezirk kommen und dort mit neuen Genossen -zu kämpfen haben, in ausgezeichnetem Grade abzuändern geneigt und -bringen oft Gruppen modifizirter Nachkommen hervor. Daraus folgt aber -keineswegs, dass, weil auf einer Insel fast alle Arten einer Klasse -eigenthümlich sind, auch die der übrigen Klassen oder auch nur einer -besondren Sektion derselben Klasse eigenthümlich seyn müsse; und dieser -Unterschied scheint theils davon herzurühren, dass diejenigen Arten, -welche nicht abänderten, leicht und gemeinsam eingewandert sind, so -dass ihre gegenseitigen Beziehungen nicht viel gestört wurden, theils -kann er aber auch von der häufigen Ankunft unveränderter Einwandrer -aus dem Mutterlande und der nachherigen Kreutzung mit vorigen bedingt -seyn. Hinsichtlich der Wirkung einer solchen Kreutzung ist zu bemerken, -dass die aus derselben entspringenden Nachkommen gewiss sehr kräftig -werden müssen, indem selbst eine zufällige Kreutzung wirksamer zu seyn -pflegt, als man voraus erwarten möchte. Ich will einige Beispiele -anführen. Auf den <i>Galapagos</i>-Eilanden gibt es 26 Landvögel, wovon -21 (oder vielleicht 23) endemisch sind, während von den 11 Seevögeln -ihnen nur zwei eigenthümlich angehören, und es liegt auf der Hand, -dass Seevögel leichter als Landvögel nach diesen Eilanden gelangen -können. <i>Bermuda</i> dagegen, welches ungefähr eben so weit von -<i>Nord-Amerika</i>, wie die <i>Galapagos</i> von <i>Süd-Amerika</i>, -entfernt liegt und einen eigenthümlichen Boden besitzt, hat nicht -eine endemische Art von Landvögeln, und wir wissen aus Herrn J. -M. J<span class="smaller">ONES</span>’ trefflichem Berichte über <i>Bermuda</i>, dass sehr -viele <i>Nord-Amerikanische</i> Vögel auf ihren grossen jährlichen -Zügen diese Insel theils regelmässig und theils auch einmal zufällig -berühren. Nach der Insel <i>Madeira</i> werden fast alljährlich, wie -mir Hr. E. V. H<span class="smaller">ARCOURT</span> gesagt, viele <i>Europäische</i> und -<i>Afrikanische</i> Vögel verschlagen. Es ist von 99 Vögel-Arten -bewohnt, von welchen nur 1 der Insel eigenthümlich, aber mit einer -<i>Europäischen</i> Form sehr nahe verwandt ist; aber 3–4 andre sind -auf diese und die <i>Canarischen</i> Inseln beschränkt.<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> So sind -diese beiden Inseln <i>Bermuda</i> und <i>Madeira</i> mit Vögel-Arten -besetzt worden, welche schon seit langen Zeiten in ihrer früheren -Heimath miteinander gekämpft haben und einander angepasst worden sind, -nachdem sie sich nun in ihrer neuen Heimath angesiedelt, hat jede Art -den andern gegenüber ihre alte Stelle und Lebensweise behauptet und -mithin keine neuen Modifikationen erfahren. Auch ist jede Neigung zur -Abänderung durch die Kreutzung mit den fortwährend aus dem Mutterlande -unverändert nachkommenden neuen Einwanderern gehemmt worden. -<i>Madeira</i> ist ferner von einer wundersamen Anzahl eigenthümlicher -Landschnecken-Arten bewohnt, während nicht eine einzige Art von -Weichthieren auf seine Küsten beschränkt ist. Obwohl wir nun nicht -wissen, auf welche Weise die meerischen Schaalthiere sich verbreiten, -so lässt sich doch einsehen, dass ihre Eier oder Larven vielleicht -an Seetang und Treibholz ansitzend oder an den Füssen der Waldvögel -hängend weit leichter als Land-Mollusken 300–400 Meilen weit über die -offne See fortgeführt werden können. Die verschiedenen Insekten-Klassen -auf <i>Madeira</i> scheinen analoge Thatsachen darzubieten.</p> - -<p>Ozeanische Inseln sind zuweilen unvollständig in gewissen Klassen, -deren Stellen anscheinend durch andere Einwohner derselben eingenommen -werden. So vertreten auf den <i>Galapagos</i> Reptilien und auf -<i>Neuseeland</i> Flügel-lose Riesen-Vögel die Stelle der Säugthiere. -Obwohl aber <i>Neuseeland</i> hier unter den ozeanischen Inseln mit -besprochen wird, so ist es doch zweifelhaft ob es mit Recht dazu -gezählt werde; denn es ist von ansehnlicher Grösse und durch kein -tiefes Meer von <i>Neuholland</i> getrennt. Nach seinem geologischen -Charakter und dem Streichen seiner Gebirgs-Ketten möchte W. -B. C<span class="smaller">LARKE</span> diese Insel nebst <i>Neu-Caledonien</i> nur als -Anhängsel von <i>Neuholland</i> betrachtet sehen. Was die Pflanzen -der <i>Galapagos</i> betrifft, so hat Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> gezeigt, -dass das Zahlen-Verhältniss zwischen den verschiedenen Ordnungen ein -ganz andres als sonst allerwärts ist. Solche Erscheinungen setzt man -gewöhnlich auf Rechnung der physikalischen Bedingungen der Inseln; aber -diese Erklärung dünkt mir etwas zweifelhaft zu seyn. Leichtigkeit der -Einwanderung ist,<span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span> wie mir scheint, wenigstens eben so wichtig als die -Natur der Lebens-Bedingungen gewesen.</p> - -<p>Rücksichtlich der Bewohner abgelegener Inseln lassen sich viele -merkwürdige kleine Erscheinungen anführen. So haben z. B. auf -gewissen nicht mit Säugthieren besetzten Eilanden einige endemische -Pflanzen prächtig mit Häkchen versehene Saamen; und doch gibt es -nicht viele Beziehungen, die augenfälliger wären, als die Eignung -mit Haken besetzter Saamen für den Transport durch die Haare und -Wolle der Säugthiere. Dieser Fall bietet nach meiner Meinung keine -Schwierigkeit dar, indem Haken-reiche Saamen leicht noch durch andre -Mittel von Insel zu Insel geführt werden können, wo dann die Pflanze -etwas verändert, aber ihre widerhakenigen Saamen behaltend eine -endemische Form bildet, für welche diese Haken einen nun eben so -unnützen Anhang bilden, wie es rudimentäre Organe, z. B. die runzeligen -Flügel unter den zusammen-gewachsenen Flügeldecken mancher insulären -Käfer sind. Auch besitzen Inseln oft Bäume oder Büsche aus Ordnungen, -welche anderwärts nur Kräuter darbieten; nun aber haben Bäume, wie -A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> gezeigt hat, gewöhnlich nur beschränkte -Verbreitungs-Gebiete, was immer die Ursache dieser Erscheinung seyn -mag. Daher ergibt sich dann ferner, dass Baum-Arten wenig geeignet -sind, entlegene organische Inseln zu erreichen; und eine Kraut-artige -Pflanze, wenn sie auch keine Aussicht auf Erfolg im Wettkampfe mit -einem schon vollständig entwickelten Baume hat, kann, wenn sie bei -ihrer ersten Ansiedelung auf einer Insel nur mit andern Kraut-artigen -Pflanzen allein in Mitbewerbung tritt, leicht durch immer höher -strebenden Wuchs ein Übergewicht über dieselben erlangen. Ist Diess der -Fall, so mag Natürliche Züchtung den Wuchs Kraut-artiger Pflanzen, die -auf einer ozeanischen Insel wachsen, aus welcher Ordnung sie immer seyn -mögen, oft etwas zu verstärken und dieselben erst in Büsche und endlich -in Bäume zu verwandeln geneigt seyn.</p> - -<p>Was die Abwesenheit ganzer Organismen-Ordnungen auf ozeanischen -Inseln betrifft, so hat B<span class="smaller">ORY DE</span> S<span class="smaller">T</span>.-V<span class="smaller">INCENT</span> schon längst -bemerkt, dass Batrachier (Frösche, Kröten und Molge) nie auf<span class="pagenum" id="Seite_426">[S. 426]</span> einer -der vielen Inseln gefunden worden sind, womit der grosse Ozean besäet -ist. Ich habe mich bemühet diese Behauptung zu prüfen und habe sie -genau richtig befunden. Inzwischen hat Dr. H<span class="smaller">OCHSTETTER</span> in den -Bergen von <i>Neuseeland</i> jetzt einen Frosch gefunden, der (was -höchst merkwürdig) mit einer <i>Süd-Amerikanischen</i> Form zunächst -verwandt ist. Aber gefrorene der Wiederbelebung fähige Frösche sind in -Gletschern eingebettet gefunden worden, und es scheint sogar möglich, -dass ein Frosch<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> oder sein Laich auf einem der grossen Eisberge des -Südpolar-Ozeans von den antarktischen Inseln dahin geführt worden ist, -von welchen die höchst eigenthümlichen Pflanzen-Formen ausgegangen -sind, welche <i>Neuholland</i>, <i>Neuseeland</i> und die Süd-Spitze -<i>Amerika’s</i> mit einander gemein haben. Dieser allgemeine Mangel -an Fröschen, Kröten und Molgen auf so vielen ozeanischen Inseln lässt -sich nicht aus ihrer natürlichen Beschaffenheit erklären, indem es -vielmehr scheint, dass dieselben recht gut für diese Thiere geeignet -wären; denn Frösche sind auf <i>Madeira</i>, den <i>Azoren</i> und -auf <i>Mauritius</i> eingeführt worden, um sie als Nahrungsmittel zu -vervielfältigen. Da aber bekanntlich diese Thiere so wie ihr Laich -durch Seewasser unmittelbar getödtet werden, so ist leicht zu ersehen, -dass deren Transport über Meer sehr schwierig seye und sie aus diesem -Grunde auf keiner ozeanischen Insel existiren. Dagegen würde es nach -der Schöpfungs-Theorie sehr schwer seyn zu erklären, weshalb sie auf -diesen Inseln nicht erschaffen worden seyen.</p> - -<p>Säugthiere bieten einen andern Fall ähnlicher Art dar. Ich habe die -ältesten Reisewerke sorgfältig durchgegangen und zwar meine Arbeit -noch nicht beendigt, aber bis jetzt noch kein unzweifelhaftes Beispiel -gefunden, dass ein Land-Säugthier (von den gezähmten Hausthieren -der Eingebornen abgesehen) irgend eine über 300 Engl. Meilen weit -von einem Festlande oder einer Kontinental-Insel entlegene Insel -bewohnt habe; und viele Inseln in viel geringeren Abständen entbehren -derselben ebenfalls<span class="pagenum" id="Seite_427">[S. 427]</span> gänzlich. Die <i>Falklands-Inseln</i>, welche -von einem Wolf-artigen Fuchse bewohnt sind, scheinen zunächst eine -Ausnahme zu machen, können aber nicht als ozeanisch gelten, da sie -auf einer mit dem Festlande zusammen-hängenden Bank 280 Engl. Meilen -von diesem entfernt liegen; und da schwimmende Eisberge Fels-Blöcke -an ihren westlichen Küsten abgesetzt, so könnten dieselben auch wohl -einmal Füchse mitgebracht haben, wie das jetzt in den arktischen -Gegenden oft vorkommt. Doch kann man nicht behaupten, dass kleine -Inseln nicht auch kleine Säugthiere ernähren können; denn es ist dies -in der That mit sehr kleinen Inseln der Fall, wenn sie dicht an einem -Kontinente liegen; und schwerlich lässt sich eine Insel bezeichnen, -auf der unsre kleinen Säugthiere sich nicht naturalisirt und vermehrt -hätten. Nach der gewöhnlichen Ansicht von der Schöpfung könnte man -nicht sagen, dass nicht Zeit zur Schöpfung von Säugthieren gewesen -seye; viele vulkanische Inseln sind auch alt genug, wie sich theils -aus der ungeheuren Zerstörung, die sie bereits erfahren, und theils -aus dem Vorkommen tertiärer Schichten auf ihnen ergibt; auch ist Zeit -gewesen zur Hervorbringung endemischer Arten aus andern Klassen; und -auf Kontinenten erscheinen und verschwinden Säugthiere bekanntlich in -rascherem Wechsel als die andern tiefer-stehenden Thiere. Aber wenn -auch Land-Säugethiere auf ozeanischen Inseln nicht vorhanden, so finden -sich doch fliegende Säugthiere fast auf jeder Insel ein. Das nur mit -Zweifel hieher bezogene <i>Neuseeland</i> besitzt zwei Fledermäuse, die -sonst nirgends in der Welt vorkommen; die <i>Norfolk-Insel</i>, der -<i>Viti-Archipel</i>, die <i>Bonins-Inseln</i>, die <i>Marianen-</i> -und <i>Carolinen-Gruppen</i> und <i>Mauritius</i>: alle besitzen -ihre eigenthümlichen Fledermaus-Arten. Warum, kann man nun fragen, -hat die angebliche Schöpfungs-Kraft auf diesen entlegenen Inseln -nur Fledermäuse und keine andern Säugthiere hervorgebracht? Nach -meiner Anschauungs-Weise lässt sich diese Frage leicht beantworten, -da kein Land-Säugthier über so weite Meeres-Strecken hinwegkommen -kann, welche Fledermäuse noch zu überfliegen im Stande sind. Man hat -Fledermäuse bei Tage weit über den <i>Atlantischen Ozean</i> ziehen -sehen und zwei <i>Nord-Amerikanische</i><span class="pagenum" id="Seite_428">[S. 428]</span> Arten derselben besuchen die -<i>Bermuda-Insel</i>, 600 Engl. Meilen vom Festlande, regelmässig oder -zufällig. Ich höre von Mr. T<span class="smaller">OMES</span>, welcher diese Familie näher -studirt hat, dass viele Arten derselben einzeln genommen eine ungeheure -Verbreitung besitzen und sowohl auf Kontinenten als weit entlegenen -Inseln zugleich vorkommen. Wir brauchen daher nur zu unterstellen, dass -solche wandernde Arten durch Natürliche Züchtung der Bedingungen ihrer -neuen Heimath angemessen modificirt worden seyen, und wir werden das -Vorkommen von Fledermäusen auf solchen Inseln begreifen, wo sonst keine -Land-Säugthiere vorhanden sind.</p> - -<p>Neben der Abwesenheit der Land-Säugthiere auf Inseln, welche von -Kontinenten entlegen sind, ist noch eine andre Beziehung in einer -bis zu gewissem Grade davon unabhängigen Weise zu berücksichtigen, -die Beziehung nämlich zwischen der Tiefe des eine Insel vom -Festlande trennenden Meeres und dem Vorkommen gleicher oder -verwandter Säugthier-Arten auf beiden. Hr. W<span class="smaller">INDSOR</span> E<span class="smaller">ARL</span> -hat einige treffende Beobachtungen in dieser Hinsicht über den -grossen <i>Malayischen Archipel</i> gemacht, welcher in der Nähe von -<i>Celebes</i> von einem Streifen sehr tiefen Meeres durchschnitten -wird, der zwei ganz verschiedene Säugthier-Faunen trennt. Auf der einen -Seite desselben liegen die Inseln auf mässig tiefen untermeerischen -Bänken und sind von einander nahe verwandten oder ganz identischen -Säugthier-Arten bewohnt. Allerdings kommen auch in dieser Insel-Gruppe -einige wenige Anomalien vor und ist es in einigen Fällen ziemlich -schwer zu beurtheilen, in wie ferne die Verbreitung gewisser Säugthiere -durch Naturalisirung von Seiten des Menschen bedingt ist; inzwischen -werden die eifrigen Forschungen des Hrn. W<span class="smaller">ALLACE</span> bald mehr -Licht auf die Naturgeschichte dieser Inseln werfen. Ich habe bisher -nicht Zeit gefunden, diesem Gegenstand auch in andern Welt-Gegenden -nachzuforschen; so weit ich aber damit gekommen bin, bleiben die -Beziehungen sich gleich. Wir sehen <i>Britannien</i> durch einen -schmalen Kanal vom <i>Europäischen</i> Festlande getrennt, und die -Säugthier-Arten sind auf beiden Seiten die nämlichen. Ähnlich verhält -es sich mit vielen nur durch schmale Meerengen von <i>Neuholland</i> -geschiedenen Eilanden. Die<span class="pagenum" id="Seite_429">[S. 429]</span> <i>Westindischen</i> Inseln stehen auf -einer fast 1000 Faden tief untergetauchten Bank; und hier finden -wir zwar <i>Amerikanische</i> Formen, aber von denen des Festlandes -verschiedene Arten und Sippen. Da das Maass der Abänderung überall -in gewissem Grade von der Zeitdauer abhängt und es eher anzunehmen -ist, dass durch seichte Meerengen abgesonderte Inseln länger als die -durch tiefe Kanäle geschiedenen mit dem Festlande in Zusammenhang -geblieben sind, so vermag man den Grund einer oftmaligen Beziehung -zwischen der Tiefe des Meeres und dem Verwandtschafts-Grad einzusehen, -der zwischen der Säugthier-Bevölkerung einer Insel und derjenigen des -benachbarten Festlandes besteht, eine Beziehung, welche bei Annahme -einer selbstständigen Schöpfung jeder Spezies ganz unerklärbar bleibt.</p> - -<p>Alle vorangehenden Wahrnehmungen über die Bewohner ozeanischer Eilande, -insbesondere die Spärlichkeit der Arten, die Menge endemischer Formen -in einzelnen Klassen oder deren Unterabtheilungen, das Fehlen ganzer -Gruppen wie der Batrachier und der am Boden lebenden Säugthiere -trotz der Anwesenheit fliegender Fledermäuse, die eigenthümlichen -Zahlen-Verhältnisse in manchen Pflanzen-Ordnungen, die Verwandlung -Kraut-artiger Pflanzen-Formen in Bäume, alle scheinen sich mit -der Ansicht, dass im Verlaufe langer Zeiträume gelegenheitliche -Transport-Mittel viel zur Verbreitung der Organismen mitgewirkt haben, -besser als mit der Meinung zu vertragen, dass alle unsre ozeanischen -Inseln vordem in unmittelbarem Zusammenhang mit dem nächsten Festlande -gestanden seyen; denn in diesem letzten Falle würde die Einwanderung -wohl vollständig gewesen seyn und müssten, wenn man Abänderung zulassen -will, alle Lebenformen in gleicherer Weise, der äussersten Wichtigkeit -der Beziehung von Organismus zu Organismus entsprechend, modificirt -worden seyn.</p> - -<p>Ich will nicht läugnen, dass da noch viele und grosse Schwierigkeiten -vorliegen zu erklären, auf welche Weise manche Bewohner vereinzelter -Inseln, mögen sie nun ihre anfängliche Form beibehalten oder seit -ihrer Ankunft abgeändert haben, bis zu ihrer gegenwärtigen Heimath -gelangt seyen. Ich will nur ein<span class="pagenum" id="Seite_430">[S. 430]</span> Beispiel dieser Art anführen. Fast -alle und selbst die abgelegensten und kleinsten ozeanischen Inseln -sind von Land-Schnecken bewohnt, und zwar meistens von endemischen, -doch zuweilen auch von anderwärts vorkommenden Arten. Dr. -A<span class="smaller">UG</span>. A. -G<span class="smaller">OULD</span> hat einige interessante Fälle von Land-Schnecken auf den -Inseln des <i>stillen Meeres</i> mitgetheilt. Nun ist eine anerkannte -Thatsache, dass Land-Schnecken durch Salz sehr leicht zu tödten -sind, und ihre Eier (oder wenigstens diejenigen, womit ich Versuche -angestellt) sinken im See-Wasser unter und verderben. Und doch muss -es meiner Meinung nach irgend ein unbekanntes aber höchst wirksames -Verbreitungs-Mittel für dieselben geben. Sollten vielleicht die jungen -eben dem Eie entschlüpften Schneckchen an den Füssen irgend eines -am Boden ausruhenden Vogels emporkriechen und dann von ihm weiter -getragen werden? Es kam mir vor, als ob Land-Schnecken, im Zustande -des Winterschlafs begriffen und mit einem Winterdeckel auf ihrer -Schaalen-Mündung versehen, in Spalten von Treibholz über ziemlich -breite See-Arme müssten geführt werden können, ohne zu leiden. Ich -fand sodann, dass verschiedene Arten in diesem Zustande ohne Nachtheil -sieben Tage lang im See-Wasser liegen bleiben können. Eine dieser Arten -war Helix pomatia, die ich nach längerer Winterruhe noch zwanzig Tage -lang in See-Wasser legte, worauf sie sich wieder vollständig erholte. -Da diese Art einen dicken kalkigen Deckel besitzt, so nahm ich ihn ab, -und als sich hierauf wieder ein neuer häutiger Deckel gebildet hatte, -tauchte ich sie noch vierzehn Tage in See-Wasser, worauf sie wieder -vollkommen zu sich kam und davon kroch; indessen weitere Versuche in -dieser Beziehung fehlen noch.</p> - -<p>Die triftigste und für uns wichtigste Thatsache hinsichtlich der -Insel-Bewohner ist ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des nächsten -Festlandes, ohne mit denselben von gleichen Arten zu seyn. Davon -liessen sich zahllose Beispiele anführen. Ich will mich jedoch auf -ein einziges beschränken, auf das der <i>Galapagos</i>-Inseln, welche -500–600 Engl. Meilen von der Küste <i>Süd-Amerika’s</i> liegen. -Hier trägt fast jedes Land- wie Wasser-Produkt ein unverkennbares -kontinental-amerikanisches Gepräge.<span class="pagenum" id="Seite_431">[S. 431]</span> Dabei befinden sich 26 Arten -Land-Vögel, von welchen 21 oder vielleicht 23 als eigenthümliche -und hier geschaffene Arten angesehen werden; und doch ist die nahe -Verwandtschaft der meisten dieser Vögel mit <i>Amerikanischen</i> -Arten in jedem ihrer Charaktere, in Lebens-Weise, Betragen und Ton -der Stimme offenbar. So ist es auch mit andern Thieren und, wie Dr. -H<span class="smaller">OOKER</span> in seinem ausgezeichneten Werke über die Flora dieser -Insel-Gruppe gezeigt, mit fast allen Pflanzen. Der Naturforscher, -welcher die Bewohner dieser vulkanischen Inseln des <i>stillen -Meeres</i> betrachtet, fühlt, dass er auf <i>Amerikanischem</i> -Boden steht, obwohl er noch einige hundert Meilen von dem Festlande -entfernt ist. Wie mag Diess kommen? Woher sollten die, angeblich nur im -<i>Galapagos</i>-Archipel und sonst nirgends erschaffenen Arten diesen -so deutlichen Stempel der Verwandtschaft mit den in <i>Amerika</i> -geschaffenen haben? Es ist nichts in den Lebens-Bedingungen, nichts -in der geologischen Beschaffenheit, nichts in der Höhe oder dem Klima -dieser Inseln noch in dem Zahlen-Verhältnisse der verschiedenen -hier zusammengestellten Klassen, was den Lebens-Bedingungen auf den -<i>Süd-Amerikanischen</i> Küsten sehr ähnlich wäre; ja es ist sogar ein -grosser Unterschied in allen Beziehungen vorhanden. Anderseits aber ist -eine grosse Ähnlichkeit zwischen der vulkanischen Natur des Bodens, dem -Klima und der Grösse und Höhe der Inseln der <i>Galapagos</i> einer- -und der <i>Capverdischen</i> Gruppe anderseits. Aber welche unbedingte -und gänzliche Verschiedenheit in ihren Bewohnern! Die der Inseln -des <i>grünen Vorgebirges</i> stehen zu <i>Afrika</i> im nämlichen -Verhältnisse, wie die der <i>Galapagos</i> zu <i>Amerika</i>. Ich -glaube, diese bedeutende Thatsache hat von der gewöhnlichen Annahme -einer unabhängigen Schöpfung der Arten keine Erklärung zu erwarten, -während nach der hier aufgestellten Ansicht es offenbar ist, dass die -<i>Galapagos</i> entweder durch gelegenheitliche Transport-Mittel -oder in Folge eines früheren unmittelbaren Zusammenhangs mit -<i>Amerika</i> von diesem Welttheile, wie die <i>Capverdischen</i> -Inseln von <i>Afrika</i> aus, bevölkert worden sind, und dass, obwohl -diese Kolonisten Abänderungen erfahren haben, sie doch ihre erste -Geburts-Stätte durch das Vererblichkeits-Prinzip verrathen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_432">[S. 432]</span></p> - -<p>Und so liessen sich noch viele analoge Fälle anführen; denn es ist in -der That eine fast allgemeine Regel, dass die endemischen Erzeugnisse -der Inseln mit denen der nächsten Festländer oder andrer benachbarter -Inseln in Beziehung stehen. Ausnahmen sind selten und gewöhnlich leicht -erklärbar. So sind die Pflanzen von <i>Kerguelen-Land</i>, obwohl -dieses näher bei <i>Afrika</i> als bei <i>Amerika</i> liegt, nach Dr. -H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> Bericht sehr enge mit denen der <i>Amerikanischen</i> -Flora verwandt; doch erklärt sich diese Abweichung durch die Annahme, -dass die genannte Insel hauptsächlich durch strandende Eisberge -bevölkert worden seye, welche den vorherrschenden See-Strömungen -folgend Steine und Erde voll Saamen mit sich geführt haben. -<i>Neuseeland</i> ist hinsichtlich seiner endemischen Pflanzen mit -<i>Neuholland</i> als dem nächsten Kontinente näher als mit irgend -einer andern Gegend verwandt, wie es zu erwarten ist; es hat aber auch -offenbare Verwandtschaft mit <i>Süd-Amerika</i>, das, wenn auch das -zweitnächste Festland, so ungeheuer entfernt ist, dass die Thatsache -als eine Anomalie erscheint. Doch auch diese Schwierigkeit verschwindet -grösstentheils unter der Voraussetzung, dass <i>Neuseeland</i>, -<i>Süd-Amerika</i> u. a. südliche Länder vor langen Zeiten theilweise -von einem entfernt gelegenen Mittelpunkte, nämlich von den -antarktischen Inseln aus bevölkert worden seyen, vor dem Anfange der -Eis-Periode. Die, wenn auch nur schwache, aber nach Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> -doch thatsächliche Verwandtschaft zwischen den Floren der südwestlichen -Spitzen <i>Australiens</i> und des <i>Caps der guten Hoffnung</i> ist -ein viel merkwürdigerer Fall und für jetzt unerklärlich; doch ist -dieselbe auf die Pflanzen beschränkt und wird auch ihrerseits sich -gewiss eines Tages noch aufklären lassen.</p> - -<p>Das Gesetz, vermöge dessen die Bewohner eines Archipels, wenn auch -in den Arten verschieden, zumeist mit denen des nächsten Festlandes -übereinstimmen, wiederholt sich zuweilen in kleinerem Maassstabe -aber in sehr interessanter Weise innerhalb einer und der nämlichen -Insel-Gruppe. Namentlich haben ganz wunderbarer Weise die verschiedenen -Inseln des nur kleinen <i>Galapagos</i>-Archipels, wie schon anderwärts -gezeigt worden, ihre eigenthümlichen Bewohner, so dass fast auf jeder -derselben andre<span class="pagenum" id="Seite_433">[S. 433]</span> Arten vorkommen, welche aber in unvergleichbar -näherer Verwandtschaft zu einander stehen, als die irgend eines -andern Theiles der Welt. Und Diess ist nach meiner Anschauungs-Weise -zu erwarten gewesen, da die Inseln so nahe beisammen liegen, dass -alle zuverlässig ihre Einwanderer entweder aus gleicher Urquelle oder -eine von der andern erhalten haben müssen. Aber man könnte gerade die -Verschiedenheit zwischen den endemischen Bewohnern der einzelnen Inseln -als Argument gegen meine Ansicht gebrauchen; denn man könnte fragen, -wie es komme, dass auf diesen verschiedenen Inseln, welche einander -in Sicht liegen und die nämliche geologische Beschaffenheit, dieselbe -Höhe und das gleiche Klima besitzen, so viele Einwanderer auf jeder in -einer andren und doch nur wenig verschiedenen Weise modifizirt worden -seyen? Diess ist auch mir lange Zeit als eine grosse Schwierigkeit -erschienen, was aber hauptsächlich von dem tief eingewurzelten Irrthum -herrührt, die physischen Bedingungen einer Gegend als das Wichtigste -für deren Bewohner zu betrachten, während doch nicht in Abrede gestellt -werden kann, dass die Natur der übrigen Organismen, mit welchen sie -selbst zu kämpfen haben, wenigstens eben so hoch anzuschlagen und -gewöhnlich eine noch wichtigere Bedingung ihres Gedeihens seye. Wenn -wir nun diejenigen Bewohner der <i>Galapagos</i>, welche als nämliche -Spezies auch in andern Gegenden der Erde noch vorkommen (wobei für -einen Augenblick die endemischen Arten ausser Betracht bleiben müssen, -weil wir die seit der Ankunft dieser Organismen auf den genannten -Inseln erfolgten Umänderungen untersuchen wollen), so finden wir -einen grossen Unterschied zwischen den einzelnen Inseln selbst. Diese -Verschiedenheit wäre aus der Annahme erklärlich, dass die Inseln durch -gelegenheitliche Transport-Mittel bestockt worden seyen, so dass z. B. -der Saame einer Pflanzen-Art zu einer und der einer andern zu einer -andern Insel gelangt wäre. Wenn daher in früherer Zeit ein Einwandrer -sich auf einer oder mehren der Inseln angesiedelt oder sich später von -einer zu der andern Insel verbreitet hätte, so würde er zweifelsohne -auf den verschiedenen Inseln verschiedenen Lebens-Bedingungen -ausgesetzt gewesen seyn; denn<span class="pagenum" id="Seite_434">[S. 434]</span> er hätte auf jeder Insel mit andern -Organismen zu werben gehabt. Eine Pflanze z. B. hätte den für sie am -meisten geeigneten Grund auf der einen Insel schon vollständiger von -andern Pflanzen eingenommen gefunden, als auf der andern, und wäre -den Angriffen etwas verschiedener Feinde ausgesetzt gewesen. Wenn sie -nun abänderte, so wird die Natürliche Züchtung wahrscheinlich auf -verschiedenen Inseln verschiedene Varietäten begünstigt haben. Einzelne -Arten jedoch werden sich über die ganze Gruppe verbreitet und überall -den nämlichen Charakter beibehalten haben, wie wir auch auf Festländern -manche weit verbreitete Spezies überall unverändert bleiben sehen.</p> - -<p>Doch die wahrhaft überraschende Thatsache auf den <i>Galapagos</i> -wie in minderem Grade in einigen anderen Fällen besteht darin, dass -sich die neu-gebildeten Arten nicht über die ganze Insel-Gruppe -ausgebreitet haben. Aber die einzelnen Inseln, wenn auch in Sicht von -einander gelegen, sind durch tiefe Meeres-Arme, meistens breiter als -der britische Kanal, von einander geschieden, und es liegt kein Grund -zur Annahme vor, dass sie früher unmittelbar mit einander vereinigt -gewesen seyen. Die Seeströmungen sind heftig und gehen queer durch -den Archipel hindurch, und heftige Windstösse sind ausserordentlich -selten, so dass die Inseln thatsächlich stärker von einander geschieden -sind, als Diess beim Ansehen einer Karte scheinen mag. Demungeachtet -sind doch ziemlich viele Arten, sowohl anderwärts vorkommende wie dem -Archipel eigenthümlich angehörende, mehren Inseln gemeinsam, und einige -Verhältnisse führen zur Vermuthung, dass diese sich wahrscheinlich -von einem der Eilande aus zu den andern verbreitet haben. Aber -wir bilden uns, wie ich glaube, oft eine irrige Meinung über die -Wahrscheinlichkeit, dass nahe verwandte Arten bei freiem Verkehre die -eine ins Gebiet der andern vordringen werden. Es unterliegt zwar keinem -Zweifel, dass, wenn eine Art irgend einen Vortheil über eine andere -hat, sie dieselbe in kurzer Zeit mehr oder weniger ersetzen wird; wenn -aber beide gleich gut für ihre Stellen in der Natur gemacht sind, -so werden sie wahrscheinlich ihre eigenen Plätze behaupten und für -alle Zeit behalten. Wenn wir wissen,<span class="pagenum" id="Seite_435">[S. 435]</span> dass viele von Menschen einmal -naturalisirte Arten sich mit erstaunlicher Schnelligkeit über neue -Gegenden verbreitet haben, so sind wir wohl zu glauben geneigt, dass -die meisten Arten es ebenso machen würden; aber wir müssen bedenken, -dass die in neuen Gegenden naturalisirten Formen gewöhnlich keine -nahen Verwandten der Ureinwohner, sondern eigenthümliche Arten sind, -welche nach A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> verhältnissmässig sehr oft -auch besondern Sippen angehören. Auf den <i>Galapagos</i> sind sogar -viele Vögel, welche ganz wohl im Stande wären von Insel zu Insel zu -fliegen, von einander verschieden, wie z B. drei einander nahe stehende -Arten von Spottdrosseln jede auf ein besondres Eiland beschränkt -sind. Nehmen wir nun an, die Spottdrossel von <i>Chatam-Island</i> -werde durch einen Sturm nach <i>Charles-Island</i> verschlagen, das -schon seine eigene Spottdrossel hat, wie sollte sie dazu gelangen -sich hier festzusetzen? Wir dürfen mit Gewissheit annehmen, dass -<i>Charles-Island</i> mit ihrer eigenen Art wohl besetzt ist, indem -jährlich mehr Eier dort gelegt werden als auskommen können, und wir -dürfen ferner annehmen, dass die Art von <i>Charles-Island</i> für -diese ihre Heimath wenigstens eben so gut geeignet ist als der neue -Ankömmling. Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> und Hr. W<span class="smaller">OLLASTON</span> haben -mir eine merkwürdige zur Erläuterung dieser Verhältnisse dienende -Thatsache mitgetheilt, dass nämlich <i>Madeira</i> und das dicht dabei -gelegene <i>Porto Santo</i> viele einander vertretende Landschnecken -besitzen, von welchen einige in Fels-Spalten leben; und obwohl grosse -Stein-Massen jährlich von <i>Porto Santo</i> nach <i>Madeira</i> -gebracht werden, so ist doch diese letzte Insel noch nicht mit den -Arten von <i>Porto Santo</i> bevölkert worden; aber auf beiden Inseln -haben sich <i>Europäische</i> Arten angesiedelt, weil sie zweifelsohne -irgend einen Vortheil vor den eingeborenen voraus hatten. Hiernach -werden wir uns nicht mehr sehr darüber wundern dürfen, dass die -endemischen und die stellvertretenden Arten, welche die verschiedenen -<i>Galapagos</i>-Inseln bewohnen, sich noch nicht von Insel zu Insel -verbreitet haben. In vielen andern Fällen, wie in den verschiedenen -Bezirken eines Kontinentes, mag die frühere Besitzergreifung durch eine -Art wesentlich dazu beigetragen haben,<span class="pagenum" id="Seite_436">[S. 436]</span> die Vermischung von Arten unter -gleichen Lebens-Bedingungen zu hindern. So haben die südöstliche und -südwestliche Ecke <i>Neuhollands</i> eine nahezu gleiche physikalische -Beschaffenheit und sind durch zusammenhängendes Land miteinander -verkettet, aber gleichwohl durch eine grosse Anzahl verschiedener -Säugethier-, Vögel- und Pflanzen-Arten bewohnt.</p> - -<p>Das Prinzip, welches den allgemeinen Charakter der Fauna und Flora der -ozeanischen Inseln bestimmt, dass nämlich deren Bewohner, wenn nicht -genau die nämlichen Arten, doch offenbar mit den Bewohnern derjenigen -Gegenden am nächsten verwandt sind, von welchen aus die Kolonisirung -am leichtesten stattfinden konnte, und dass die Kolonisten nachher -abgeändert und für ihre neue Heimath geschickter gemacht worden sind: -dieses Prinzip ist von der weitesten Anwendbarkeit in der ganzen Natur. -Wir sehen Diess an jedem Berg, in jedem See, in jedem Marschlande. -Denn die alpinen Arten, mit Ausnahme der durch die Glacial-Ereignisse -weithin verbreiteten Formen hauptsächlich von Pflanzen, sind mit -denen der umgebenden Tiefländer verwandt; und so haben wir in -<i>Süd-Amerika</i> alpine Kolibris, alpine Nager, alpine Pflanzen, -aber alle von streng <i>Amerikanischen</i> Formen; und es liegt nahe, -dass ein Gebirge während seiner allmählichen Emporhebung aus den -benachbarten Tiefländern auf natürliche Weise kolonisirt worden seye. -So ist es auch mit den Bewohnern der Seen und Marschen, so weit nicht -durch grosse Leichtigkeit der Überführung aus einer Gegend in die andre -die ganze Erd-Oberfläche mit den nämlichen allgemeinen Formen versehen -worden ist. Wir sehen dasselbe Prinzip bei den blinden Höhlen-Thieren -<i>Europas</i> und <i>Amerikas</i>, sowie in manchen andern Fällen. -Es wird sich nach meiner Meinung überall bestätigen, dass, wo immer -in zwei sehr von einander entfernten Gegenden viele nahe-verwandte -oder stellvertretende Arten vorkommen, auch einige identische Arten -vorhanden sind, welche in Übereinstimmung mit der vorangehenden Ansicht -zeigen, dass in irgend einer früheren Periode ein Verkehr oder eine -Wanderung zwischen beiden Gegenden stattgefunden hat. Und wo immer nahe -verwandte Arten vorkommen, da werden auch viele Formen seyn, welche -einige<span class="pagenum" id="Seite_437">[S. 437]</span> Naturforscher als besondre Arten und andre nur als Varietäten -betrachten. Diese zweifelhaften Formen drücken uns die Stufen in der -fortschreitenden Abänderung aus.</p> - -<p>Diese Beziehung zwischen Wanderungs-Vermögen und Ausdehnung einer -Art, (seye es in jetziger Zeit oder in einer früheren Periode unter -verschiedenen natürlichen Bedingungen) und dem Vorkommen andrer -verwandter Arten in entfernten Theilen der Erde ergibt sich in einer -noch allgemeinern Weise. Hr. G<span class="smaller">OULD</span> sagte mir vor langer Zeit, -dass in denjenigen Vogel-Sippen, welche sich über die ganze Erde -erstrecken, auch viele Arten eine weite Verbreitung besitzen. Ich -vermag kaum zu bezweifeln, dass diese Regel allgemein richtig ist, -obwohl Diess schwer zu beweisen seyn dürfte. Unter den Säugthieren -finden wir sie scharf bei den Fledermäusen und in schwächerem Grade -bei den Hunde- und Katzen-artigen Thieren ausgesprochen. Wir sehen -sie in der Verbreitung der Schmetterlinge und Käfer. Und so ist es -auch bei den meisten Süsswasser-Thieren, unter welchen so viele Sippen -über die ganze Erde reichen und viele einzelne Arten eine ungeheure -Verbreitung besitzen. Es soll nicht behauptet werden, dass in den -weit-verbreiteten Sippen alle Arten in weiter Ausdehnung vorkommen oder -auch nur eine durchschnittlich grosse Ausbreitung besitzen, sondern -nur dass es mit einzelnen Arten der Fall ist; denn die Leichtigkeit, -womit weit-verbreitete Spezies variiren und zur Bildung neuer Formen -Veranlassung geben, bestimmt ihre durchschnittliche Verbreitung -in genügender Weise. So können zwei Varietäten einer Art die eine -<i>Europa</i> und die andere <i>Amerika</i> bewohnen, und die Art hat -dann eine unermessliche Verbreitung; ist aber die Abänderung etwas -weiter gediehen, so werden die zwei Varietäten als zwei verschiedene -Arten gelten und die Verbreitung einer jeden wird sehr beschränkt -erscheinen. Noch weniger soll gesagt werden, dass eine Art, welche -offenbar das Vermögen besitzt, Schranken zu überschreiten und sich -weit auszubreiten, wie mancher langschwingige Vogel sich auch weit -ausbreiten muss; denn wir dürfen nicht vergessen, dass zur weiten -Verbreitung nicht allein das Vermögen Schranken zu überschreiten, -sondern auch noch<span class="pagenum" id="Seite_438">[S. 438]</span> das bei weitem wichtigere Vermögen gehört, in -fernen Landen den Kampf ums Daseyn mit den neuen Genossen siegreich -zu bestehen. Aber nach der Annahme, dass alle Arten einer Sippe, wenn -gleich jetzt über die entferntesten Theile der Erde zerstreut, von -einem gemeinsamen Stamm-Vater abstammen, müssten (und Diess ist, glaube -ich, der Fall) wenigstens einige Arten eine weite Verbreitung besitzen; -denn es ist nothwendig, dass der noch unveränderte Ahne sich unter -fortwährender Abänderung weit verbreite und unter verschiedenartigen -Lebens-Bedingungen eine günstige Stellung für die Umgestaltung seiner -Nachkommen zuerst in neue Varietäten und endlich in neue Arten gewinne.</p> - -<p>Bei Betrachtung der weiten Verbreitung mancher Sippen dürfen wir -nicht vergessen, dass viele derselben ausserordentlich alt sind -und von einem gemeinsamen Stamm-Vater in einer sehr frühen Periode -abstammen müssen; daher in solchen Fällen genügende Zeit war sowohl -für grosse klimatische und geographische Veränderungen als für die -Verpflanzung-vermittelnden Zufälle, folglich auch für die Wanderung -der Arten nach allen Theilen der Welt, wo sie dann in einer den neuen -Verhältnissen angemessenen Weise abgeändert worden sind. Ebenso -scheint sich aus geologischen Nachweisungen zu ergeben, dass in jeder -Hauptklasse die tief-stehenden Organismen gewöhnlich langsamer als -die höheren Formen abändern; daher die tieferen Formen mehr in der -Lage gewesen sind, ihre spezifischen Merkmale lange zu behaupten und -sich damit weit zu verbreiten. Diese Thatsache in Verbindung mit -dem Umstande, dass die Saamen und Eier vieler tief-stehenden Formen -sich durch ihre ausserordentliche Kleinheit zur weiten Fortführung -vorzugsweise eignen, erklärt wahrscheinlich zur Genüge ein Gesetz, -welches schon längst bekannt und erst unlängst von A<span class="smaller">LPH</span>. -<span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> in Bezug auf die Pflanzen vortrefflich erläutert worden -ist: dass nämlich jede Gruppe von Organismen sich zu einer um so -weitren Verbreitung eigne, je tiefer sie steht.</p> - -<p>Die soeben erörterten Beziehungen, dass nämlich unvollkommene und -sich langsam abändernde Organismen sich weiter als<span class="pagenum" id="Seite_439">[S. 439]</span> die vollkommenen -verbreiten, — dass einige Arten weit ausgebreiteter Sippen selbst eine -grosse Verbreitung besitzen, — dass Alpen-, Sumpf- und Marsch-Bewohner -(mit den angedeuteten Ausnahmen) ungeachtet der Verschiedenheit der -Standorte mit denen der umgebenden Tief- und Trockenländer verwandt -sind, — dann die sehr enge Beziehung zwischen den verschiedenen -Arten, welche die einzelnen Eilande einer Insel-Gruppe bewohnen, — -und insbesondre die auffallende Verwandtschaft der Bewohner einer -ganzen Insel-Gruppe mit denen des nächsten Festlandes: alle diese -Verhältnisse sind nach meiner Meinung nach der gewöhnlichen Annahme -einer unabhängigen Schöpfung der einzelnen Arten völlig unverständlich, -dagegen leicht zu erklären durch die Unterstellung stattgefundener -Besiedelung aus der nächsten oder gelegensten Quelle mit nachfolgender -Abänderung und besserer Anpassung der Ansiedeler an ihre neue Heimath.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des letzten und des jetzigen Kapitels.</em>) -In diesen zwei Kapiteln habe ich nachzuweisen gestrebt, dass, -wenn wir unsre Unwissenheit über alle Folgen der klimatischen und -Niveau-Veränderungen der Länder, welche in der laufenden Periode gewiss -vorgekommen sind, und noch anderer Veränderungen, die in derselben -Zeit stattgefunden haben mögen, gebührend eingestehen und unsre tiefe -Unkenntniss der manchfaltigen gelegenheitlichen Transport-Mittel -(worüber kaum jemals angemessene Versuche veranstaltet worden sind) -anerkennen, und wenn wir erwägen, wie oft eine oder die andre Art sich -über ein zusammenhängendes weites Gebiet ausgebreitet haben mag, um -sofort in den mitteln Theilen desselben zu erlöschen, so scheinen mir -die Schwierigkeiten der Annahme, dass alle Individuen einer Spezies, wo -immer deren Wiege gestanden, von gemeinsamen Ältern abstammen, nicht -unübersteiglich zu seyn; und so leiten uns schliesslich Betrachtungen -allgemeiner Art insbesondere über die Wichtigkeit der natürlichen -Schranken und die analoge Vertheilung von Untersippen, Sippen und -Familien zur Annahme dessen, was viele Naturforscher als einzelne -Schöpfungs-Mittelpunkte bezeichnet haben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_440">[S. 440]</span></p> - -<p>Was die verschiedenen Arten einer nämlichen Sippe betrifft, die nach -meiner Theorie von einer Geburts-Stätte ausgegangen seyn sollen, so -halte ich, wenn wir unsre Unwissenheit so wie vorhin eingestehen -und bedenken, dass manche Lebenformen nur sehr langsam abändern und -mithin ungeheuer langer Zeiträume für ihre Wanderungen bedurften, -die Schwierigkeiten nicht für unüberwindlich, obgleich sie in diesem -Falle so wie hinsichtlich der Individuen einer nämlichen Art oft -ausserordentlich gross sind.</p> - -<p>Um die Wirkung des Klima-Wechsels auf die Vertheilung der Organismen -durch Beispiele zu erläutern, habe ich die Wichtigkeit des Einflusses -der Eis-Zeit nachzuweisen gesucht, welche nach meiner vollen -Überzeugung sich gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche oder -wenigstens über grosse Längen-Striche derselben erstreckt hat. Und -um zu zeigen, wie manchfaltig die gelegentlichen Transport-Mittel -sind, habe ich die Ausbreitungs-Weise der Süsswasser-Bewohner etwas -ausführlicher auseinandergesetzt.</p> - -<p>Wenn sich die Schwierigkeiten der Annahme, dass im Verlaufe langer -Zeiten die Einzelwesen einer Art eben so wie die verwandten Arten -von einer gemeinsamen Quelle ausgegangen, sich nicht unübersteiglich -erweisen, dann glaube ich, dass alle leitenden Erscheinungen der -geographischen Verbreitung mittelst der Theorie der Wanderung -(hauptsächlich der herrschenden Lebenformen) und darauf-folgender -Abänderung und Vermehrung der neuen Formen erklärbar sind. Man vermag -alsdann die grosse Bedeutung der natürlichen Schranken — Wasser -oder Land — zwischen den verschiedenen botanischen wie zoologischen -Provinzen zu erkennen. Man vermag dann die örtliche Beschränkung -von Untersippen, Sippen und Familien zu begreifen, und woher es -komme, dass in verschiedenen geographischen Breiten, wie z. B. in -<i>Süd-Amerika</i>, die Bewohner der Ebenen und Berge, der Wälder, -Marschen und Wüsten, in so geheimnissvoller Weise durch Verwandtschaft -miteinander wie mit den erloschenen Wesen verkettet sind, welche -ehedem denselben Welttheil bewohnt haben. Indem wir erwägen, dass die -gegenseitigen Beziehungen von<span class="pagenum" id="Seite_441">[S. 441]</span> Organismus zu Organismus von höchster -Wichtigkeit sind, vermögen wir einzusehen, warum zwei Gebiete mit -beinahe den gleichen physikalischen Bedingungen von verschiedenen -Lebenformen bewohnt sind. Denn je nach der Länge der seit der Ankunft -der neuen Bewohner in einer Gegend verflossenen Zeit, — je nach der -Natur des Verkehrs, welcher gewissen Formen gestattete und andern -wehrte sich in grösserer oder geringerer Anzahl einzudrängen, — -je nachdem diese Eindringlinge in mehr oder weniger unmittelbare -Bewerbung miteinander und mit den Urbewohnern geriethen oder nicht, -— und je nachdem dieselben mehr oder weniger rasch zu variiren -fähig waren: müssen in verschiedenen Gegenden, ganz unabhängig -von ihren physikalischen Verhältnissen, unendlich vermanchfachte -Lebens-Bedingungen entstanden seyn, muss ein fast endloser Betrag von -organischer Wirkung und Gegenwirkung sich entwickelt haben, — und -müssen, wie es wirklich der Fall ist, einige Gruppen von Wesen in -hohem und andre nur in geringem Grade abgeändert, müssen einige zu -grossem Übergewicht entwickelt und andre nur in geringer Anzahl in den -verschiedenen grossen geographischen Provinzen der Erde vorhanden seyn.</p> - -<p>Nach diesen nämlichen Prinzipien ist es, wie ich nachzuweisen versucht, -auch zu begreifen, warum ozeanische Inseln nur wenige, aber der -Mehrzahl nach endemische oder eigenthümliche Bewohner haben, und -warum daselbst in Übereinstimmung mit den Wanderungs-Mitteln eine -Gruppe von Wesen lauter endemische und die andere Gruppe, sogar in der -nämlichen Klasse, lauter weltbürgerliche Arten darbietet. Es lässt -sich einsehen, warum ganze Gruppen von Organismen, wie Batrachier -und Boden-Säugthiere, auf den ozeanischen Inseln fehlen, während -die meisten vereinzelt liegenden Inseln ihre eigenthümlichen Arten -von Luft-Säugethieren oder Fledermäusen besitzen. Es lässt sich die -Ursache einer gewissen Beziehung erkennen zwischen der Anwesenheit -von Säugthieren von mehr oder weniger abgeänderter Beschaffenheit und -der Tiefe der die Inseln vom Festlande trennenden Kanäle. Es ergibt -sich deutlich, warum alle Bewohner einer Insel-Gruppe, wenn auch -auf jedem der Eilande von andrer<span class="pagenum" id="Seite_442">[S. 442]</span> Art, doch innig miteinander und, -in minderm Grade, mit denen des nächsten Festlandes oder des sonst -wahrscheinlichen Stammlandes verwandt sind. Wir sehen endlich ein, -warum in zwei, wenn auch weit von einander entfernten, Länder-Gebieten -eine gewisse Wechselbeziehung in der Anwesenheit von identischen Arten, -von Varietäten, von zweifelhaften Arten und von verschiedenen aber -stellvertretenden Spezies zu erkennen ist.</p> - -<p>Wie der verstorbene E<span class="smaller">DWARD</span> F<span class="smaller">ORBES</span> oft behauptet: es besteht -ein strenger Parallelismus in den Gesetzen des Lebens durch Zeit -und Raum. Die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der Formen in -vergangenen Zeiten geleitet, sind fast die nämlichen, wovon in der -laufenden Periode deren Unterschiede in verschiedenen Länder-Gebieten -abhängen. Wir erkennen Diess aus vielen Thatsachen. Die Erscheinung -jeder Art und Arten-Gruppe ist zusammenhängend in der Zeit; denn -der Ausnahmen von dieser Regel sind so wenige, dass sie wohl am -richtigsten daraus erklärt werden, dass wir deren in den mittlen -Schichten vorkommenden Reste nur noch nicht entdeckt haben; — sie -ist zusammenhängend im Raume, indem die allerdings nicht seltenen -Ausnahmen sich dadurch erklären, dass jene Arten in einer früheren -Zeit unter abweichenden Verhältnissen in regelmässiger Weise oder -mittelst gelegenheitlichen Transportes über weite Flächen gewandert, -aber dann in den mittlen Gegenden derselben erloschen sind. Arten und -Arten-Gruppen haben ein Maximum der Entwickelung in der Zeit wie im -Raum. Arten-Gruppen, welche in einen gewissen Zeit-Abschnitt oder in -einen gewissen Raum-Bezirk zusammengehören, sind oft durch besondre -auffallende Merkmale in Skulptur oder Farbe u. s. w. charakterisirt. -Wenn wir die lange Reihe verflossener Zeit-Abschnitte mit den mehr -und weniger weit über die Erd-Oberfläche vertheilten zoologischen -und botanischen Provinzen vergleichen, so finden wir hier wie dort, -dass einige Organismen nur wenig differiren, während andre aus andren -Klassen, Ordnungen oder auch nur Familien weit abweichen. In Zeit und -Raum ändern die tieferen Glieder jeder Klasse gewöhnlich minder als -die höhern ab; doch kommen in beiden auffallende Ausnahmen von dieser -Regel vor.<span class="pagenum" id="Seite_443">[S. 443]</span> Nach meiner Theorie sind diese verschiedenen Beziehungen -durch Zeit und Raum ganz begreiflich; denn sowohl die Lebenformen, -welche in aufeinander-folgenden Zeitaltern innerhalb derselben Theile -der Erd-Oberfläche gewechselt, als jene, welche erst im Verhältnisse -ihrer Wanderungen nach andern Weltgegenden sich abgeändert, beiderlei -Formen sind in jeder Klasse durch das nämliche Band der Generation -miteinander verkettet; und je näher zwei Formen in Blutverwandtschaft -zu einander stehen, desto näher werden sie sich gewöhnlich auch in Zeit -und Raum stehen. In beiden Fällen sind die Gesetze der Abänderung die -nämlichen gewesen und sind Modifikationen durch die nämliche Kraft der -Natürlichen Züchtung gehäuft worden.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.<br /> - -<b>Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper; Morphologie; -Embryologie; Rudimentäre Organe.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2"><em class="gesperrt">Klassifikation</em>: Unterordnung der Gruppen. — Natürliches -System. — Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt -aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. — Klassifikation -der Varietäten. — Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. — -Analoge oder Anpassungs-Charaktere. — <em class="gesperrt">Verwandtschaften</em>: -allgemeine verwickelte und strahlenförmige. — Erlöschung trennt -und begrenzt die Gruppen. — <em class="gesperrt">Morphologie</em>: zwischen -Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen eines Einzelwesens. — -<em class="gesperrt">Embryologie</em>: deren Gesetze daraus erklärt, dass Abänderung -nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in korrespondirendem Alter -vererbt wird. — <em class="gesperrt">Rudimentäre Organe</em>: ihre Entstehung erklärt. -— Zusammenfassung.</p> - -<p>Von der ersten Stufe des Lebens an gleichen alle organischen Wesen -einander in immer weiter abnehmendem Grade, so dass man sie in Gruppen -und Untergruppen klassifiziren kann. Diese Gruppirung ist offenbar -nicht willkürlich, wie die der Sterne zu Gestirnen. Das Daseyn von -Gruppen würde eine vielfache Bedeutung haben, wenn eine Gruppe -ausschliesslich für die Land- und eine andre für die Wasser-Bewohner, -eine für die<span class="pagenum" id="Seite_444">[S. 444]</span> Fleisch-, eine andre für die Pflanzen-Fresser u. s. w. -bestimmt wäre; in der Natur aber verhält sich die Sache sehr -abweichend, indem es bekannt ist, wie oft sogar Glieder einer nämlichen -Untergruppe verschiedene Lebens-Weisen besitzen. Im zweiten und vierten -Kapitel, von Abänderung und Natürlicher Züchtung handelnd, habe ich zu -zeigen versucht, dass es in jeder Gegend die weit verbreiteten, die -überall gemeinen und die herrschenden Arten der grossen Sippen in jeder -Klasse sind, die am meisten variiren. Die so gebildeten Varietäten -oder beginnenden Arten gehen, wie ich glaube, allmählich in neue und -verschiedene Arten über, welche nach dem Vererbungs-Prinzip geneigt -sind andre neue und herrschende Arten zu erzeugen. Demzufolge streben -die Gruppen, welche jetzt gross sind und gewöhnlich viele herrschende -Arten in sich einschliessen, ohne Ende an Umfang zuzunehmen. Ich habe -weiter nachzuweisen gesucht, dass aus dem Streben der abändernden -Nachkommen einer Art so viele und verschiedene Stellen als möglich im -Haushalte der Natur einzunehmen, eine beständige Neigung zur Divergenz -der Charaktere entspringt. Diese Folgerung war unterstützt worden durch -die Betrachtung der grossen Manchfaltigkeit, die auf den kleinsten -Feldern in Mitbewerbung zu einander gerathen, und durch die Wahrnehmung -gewisser Thatsachen bei der Naturalisirung.</p> - -<p>Ich habe weiter darzuthun versucht, dass bei den in Zahl und in -Divergenz des Charakters zunehmenden Formen ein fortwährendes Streben -vorhanden ist, die früheren minder divergenten und minder verbesserten -Formen zu unterdrücken und zu ersetzen. Ich ersuche den Leser, nochmals -das Bild (<a href="#stammbaum">S. 131</a>) anzusehen, welches bestimmt gewesen ist, diese -verschiedenen Prinzipien zu erläutern, und er wird finden, dass die -einem gemeinsamen Stamm-Vater entsprossenen abgeänderten Nachkommen -unvermeidlich immer weiter in unterbrochenen Gruppen und Untergruppen -auseinanderlaufen müssen. In dem genannten <a href="#stammbaum">Bilde</a> mag jeder Buchstabe -der obersten Linie eine Sippe bezeichnen, welche mehre Arten enthält, -und alle Sippen dieser obern Linie bilden miteinander eine Klasse, -indem alle von einem gemeinsamen alten aber unsichtbaren Stammvater -entspringen und mithin<span class="pagenum" id="Seite_445">[S. 445]</span> irgend etwas Gemeinsames ererbt haben. Aber die -drei Sippen auf der linken Seite haben diesem nämlichen Prinzip zufolge -mehr miteinander gemein und bilden eine Unterfamilie verschieden von -derjenigen, welche die zwei rechts zunächst-folgenden einschliesst, die -auf der fünften Abstammungs-Stufe einem ihnen und jenem gemeinsamen -Stamm-Vater entsprungen sind. Diese fünf Genera haben auch noch -Manches, doch weniger als vorhin miteinander gemein und bilden -miteinander eine Familie, verschieden von der die nächsten drei Sippen -weiter rechts umfassenden, welche sich in einer noch früheren Periode -von den vorigen abgezweigt hat. Und alle diese von A entsprungenen -Sippen bilden eine von der aus I entsprossenen verschiedene Ordnung. -So haben wir hier viele Arten von gemeinsamer Abstammung in mehre -Genera vertheilt, und diese Genera bilden, indem sie zu immer grösseren -Gruppen zusammentreten, erst Unterfamilien und dann Ordnungen -miteinander, welche zu einer Klasse gehören. So erklärt sich nach -meiner Ansicht in der Naturgeschichte die grosse Erscheinung der -Unterabtheilung der Gruppen, die uns freilich in Folge unsrer Gewöhnung -daran nicht mehr sehr aufzufallen pflegt. (Es soll damit nicht gesagt -werden, dass es keine andre Erklärung von der Unterordnung der -Charaktere gebe. Wir wissen, dass Hr. M<span class="smaller">AW</span> als Einwand gegen -unsre Theorie hervorgehoben hat, dass man auch Mineralien und selbst -Elementar-Stoffe in Gruppen und Untergruppen klassifiziren könne. In -diesem Falle gibt es natürlich keine genealogische Aufeinanderfolge. -Aber die oben entwickelte Ansicht erklärt die Klassifikation bei den -organischen Körpern, und eine andre Erklärung ist nie aufgestellt -worden.)</p> - -<p>Die Naturforscher bemühen sich die Arten, Familien und Sippen jeder -Klasse in ein sogen. natürliches System zu ordnen. Aber was ist Diess -für ein System? Einige Schriftsteller betrachten es nur als ein -Fachwerk, worin die einander ähnlichsten Lebenwesen zusammen-geordnet -und die unähnlichsten auseinander-gehalten werden, — oder als ein -künstliches Mittel um allgemeine Beschreibungen so kurz wie möglich -auszudrücken, so dass, wenn man z. B. in einem Satz (Diagnose) die -allen Säugthieren,<span class="pagenum" id="Seite_446">[S. 446]</span> in einem andern die allen Raub-Säugthieren und in -einem dritten die allen Hunde-artigen Raub-Säugthieren gemeinsamen -Merkmale zusammengefasst hat, man endlich im Stande ist, schon durch -Beifügung noch eines ferneren Satzes eine vollständige Beschreibung -jeder beliebigen Hunde-Art zu liefern. Das Sinnreiche und Nützliche -dieses Systems ist unbestreitbar; doch glauben einige Naturforscher, -dass das natürliche System noch eine weitre Bestimmung habe, nämlich -die den Plan des Schöpfers zu enthüllen; so lange als es aber keine -Ordnung im Raume oder in der Zeit oder in beiden nachweist, und -als nicht näher bezeichnet wird, was mit dem „Plane des Schöpfers“ -gemeint seye, scheint mir damit für unsre Kenntniss nichts gewonnen -zu seyn. Solche Ausdrücke, wie die berühmten L<span class="smaller">INNÉ</span>’schen, -die wir oft in mancherlei Einkleidungen versteckt wieder finden, dass -nämlich die Charaktere nicht die Sippe machen, sondern die Sippe die -Charaktere geben müsse, scheinen mir zugleich andeuten zu sollen, -dass unsre Klassifikation noch etwas mehr als blosse Ähnlichkeit zu -berücksichtigen habe. Und ich glaube in der That, dass es so der -Fall ist, und dass die auf gemeinschaftlicher Abstammung beruhende -Blutsverwandtschaft die einzige bekannte Ursache der Ähnlichkeit -organischer Wesen, das durch mancherlei Modifikations-Stufen verborgene -Band ist, welches durch natürliche Klassifikation theilweise enthüllt -werden kann.</p> - -<p>Betrachten wir nun die bei der Klassifikation befolgten Regeln und -die dabei vorkommenden Schwierigkeiten von der Annahme ausgehend, -als ob die Klassifikation entweder einen unbekannten Schöpfungs-Plan -darstellen oder auch nur ein Mittel bieten solle, um das Verwandte -zusammenzustellen und dadurch die allgemeinen Beschreibungen -abzukürzen. Man könnte annehmen und es ist in älteren Zeiten -angenommen worden, dass diejenigen Theile der Organisation, welche die -Lebens-Weise und im Allgemeinen den Platz bestimmen, welchen jedes -Wesen im Haushalte der Natur einnimmt, von erster Wichtigkeit seyen. -Und doch kann nichts unrichtiger seyn. Niemand legt mehr der äussern -Ähnlichkeit der Maus mit der Spitzmaus, des Dugongs mit dem Wale, und -des Wales mit dem Fisch einige Wichtigkeit<span class="pagenum" id="Seite_447">[S. 447]</span> bei. Diese Ähnlichkeiten, -wenn auch in innigstem Zusammenhange mit dem ganzen Leben des Thieres -stehend, werden als blosse „analoge oder Anpassungs-Charaktere“ -bezeichnet; doch werden wir auf die Betrachtung dieser Ähnlichkeiten -später zurückkommen. Man kann es sogar als eine allgemeine Regel -ansehen, dass, je weniger ein Theil der Organisation für Spezial-Zwecke -bestimmt ist, desto wichtiger er für die Klassifikation seye. So z. B. -sagt R. O<span class="smaller">WEN</span>, indem er vom Dugong spricht: „Ich habe die -Generations-Organe, insoferne als sie mit Lebens- und Ernährungs-Weise -der Thiere in wenigst naher Beziehung stehen, immer als solche -betrachtet, welche die klarsten Andeutungen über die wahren [tieferen] -Verwandtschaften derselben zu liefern vermögen. Wir sind am wenigsten -der Gefahr ausgesetzt, in ihren Modifikationen einen bloss adaptiven -für einen wesentlichen Charakter zu nehmen.“ So ist es auch mit den -Pflanzen. Wie merkwürdig ist es nicht, dass die Vegetations-Organe, -von welchen ihr Leben überhaupt abhängig ist, ausser für die -ersten Hauptabtheilungen, so wenig zu bedeuten haben, während die -Reproduktions-Werkzeuge und deren Erzeugniss, der Saame, von oberster -Bedeutung sind.</p> - -<p>Wir dürfen uns daher bei der Klassifikation nicht auf Ähnlichkeiten -zwischen Theilen der Organisation verlassen, wie bedeutend sie auch -für das Gedeihen des Wesens in seinen Beziehungen zur äusseren Welt -seyn mögen. Daher rührt es vielleicht auch zum Theile, dass fast -alle Naturforscher die grösste Wichtigkeit auf die Ähnlichkeit -solcher Organe legen, welche in physiologischer Hinsicht von hoher -Bedeutung sind. Das ist auch wohl im Allgemeinen, aber nicht in allen -Fällen richtig. Jedoch hängt die Wichtigkeit der Organe für die -Klassifikation nach meiner Meinung hauptsächlich von der Beständigkeit -ihrer Charaktere in grossen Arten-Gruppen ab, und diese Beständigkeit -findet sich gerade bei solchen Organismen, welche zur Anpassung an -äussere Lebens-Bedingungen weniger abgeändert worden. Dass aber auch -die physiologische Wichtigkeit eines Organes seine Bedeutung für die -Klassifikation nicht allein bestimme, ergibt sich deutlich schon aus -der Thatsache allein, dass der klassifikatorische<span class="pagenum" id="Seite_448">[S. 448]</span> Werth eines Organes -in verwandten Gruppen, wo doch eine gleiche physiologische Bedeutung -desselben unterstellt werden darf, oft weit verschieden ist. Kein -Naturforscher kann sich mit einer Gruppe näher beschäftigt haben, ohne -dass ihm Diess aufgefallen wäre, was auch in den Schriften fast aller -Autoren vollkommen anerkannt wird. Es wird genügen, wenn ich -R<span class="smaller">OBERT</span> B<span class="smaller">ROWN</span> -als den höchsten Gewährsmann zitire, indem er bei Erwähnung -gewisser Organe bei den Proteaceen sagt: ihre generische Wichtigkeit -„ist so wie die aller ihrer Theile nicht allein in dieser, sondern -nach meiner Erfahrung in allen natürlichen Familien sehr ungleich und -scheint mir in einigen Fällen ganz verloren zu gehen.“ Eben so sagt -er in einem andern Werke: die Genera der Connaraceae „unterscheiden -sich durch die Ein- oder Mehrzahl ihrer Ovarien, durch Anwesenheit -oder Mangel des Eiweisses und durch die schuppige oder klappenartige -Ästivation. Ein jedes einzelne dieser Merkmale ist oft von mehr als -generischer Wichtigkeit; hier aber erscheinen alle zusammen genommen -unzureichend, um nur die Sippe Cnestis von Connarus zu unterscheiden.“ -Ich will noch ein Beispiel von den Insekten entlehnen, wo in der Klasse -der Hymenopteren nach W<span class="smaller">ESTWOOD</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung die Fühler in -einer Hauptabtheilung von sehr beständiger Bildung sind, während sie -in andern Abtheilungen sehr abändern und die Abweichungen oft von ganz -untergeordnetem Werthe für die Klassifikation sind; und doch wird -niemand behaupten wollen, dass die Fühler in diesen zwei Gruppen von -ungleichem physiologischem Werthe seyen. So liessen sich noch viele -Beispiele von der veränderlichen Wichtigkeit eines wesentlichen Organes -für die Klassifikation innerhalb derselben Gruppe von Organismen -anführen.</p> - -<p>Es wird niemand behaupten, rudimentäre oder verkümmerte Organe seyen -von hoher physiologischer Wichtigkeit, und doch gibt es ohne Zweifel -Organe, welche in diesem Zustande für die Klassifikation einen grossen -Werth haben. So bestreitet niemand, dass die Zahn-Rudimente im -Oberkiefer junger Wiederkäuer so wie gewisse Knochen-Rudimente in den -Füssen sehr nützlich sind, um die nahe Verwandtschaft der Wiederkäuer -mit den<span class="pagenum" id="Seite_449">[S. 449]</span> Dickhäutern zu beweisen. Und so bestund auch -R<span class="smaller">OBERT</span> B<span class="smaller">ROWN</span> -strenge auf der hohen Bedeutung, welche die Stellung der -verkümmerten Blumen der Gräser für ihre Klassifikation hätten.</p> - -<p>Dagegen lässt sich eine Menge von Fällen nachweisen, wo Charaktere -an Organen von ganz zweifelhafter physiologischer Wichtigkeit -allgemein für sehr nützlich zur Bestimmung ganzer Gruppen gelten. So -ist z. B. der offne Durchgang von den Nasenlöchern in die Mundhöhle -nach R. O<span class="smaller">WEN</span> der einzige unbedingte Unterschied zwischen -Reptilien und Fischen; und eben so wichtig ist die Einbiegung des -hintern Unterrandes des Unterkiefers bei den Beutelthieren, die -verschiedene Zusammenfaltungs-Weise der Flügel bei den Insekten, die -blasse Farbe bei gewissen Algen, die Behaarung gewisser Blüthen-Theile -bei den Gräsern, das Haar- und Feder-Kleid bei den zwei obern -Wirbelthier-Klassen. Hätte der Ornithorhynchus ein Feder- statt ein -Haar-Gewand, so würde dieser äussre unwesentlich scheinende Charakter -vielleicht von manchen Naturforschern als ein wichtiges Hilfsmittel zur -Bestimmung des Verwandtschafts-Grades dieses sonderbaren Geschöpfes -den Vögeln und den Reptilien gegenüber, welchen es sich in einigen -wesentlicheren inneren Struktur-Verhältnissen nähert, angesehen werden.</p> - -<p>Die Wichtigkeit an sich gleichgiltiger Charaktere für die -Klassifikation hängt hauptsächlich von ihrer Wechselbeziehung zu -manchen anderen mehr und weniger wichtigen Merkmalen ab. In der -That ist der Werth untereinander zusammenhängender Charaktere in -der Naturgeschichte sehr augenscheinlich. Daher kann sich, wie oft -bemerkt worden ist, eine Art in mehren einzelnen Charakteren von -hoher physiologischer Wichtigkeit wie von allgemeiner Verbreitung -weit von ihren Verwandten entfernen und uns doch nicht in Zweifel -darüber lassen, wohin sie gehört. Daher hat sich auch oft genug eine -bloss auf ein einziges Merkmal, wenn gleich von höchster Bedeutung, -gegründete Klassifikation als mangelhaft erwiesen; denn kein Theil -der Organisation ist allgemein beständig. Die Wichtigkeit einer -Verkettung von Charakteren, wenn auch keiner davon wesentlich ist, -erklärt nach meiner Meinung allein den Ausspruch L<span class="smaller">INNÉS</span>,<span class="pagenum" id="Seite_450">[S. 450]</span> -dass die Charaktere nicht das Genus machen, sondern dieses die -Charaktere gibt; denn dieser Ausspruch scheint gegründet auf eine -Würdigung vieler untergeordneter Ähnlichkeits-Beziehungen, welche -für die Definition zu gering sind. Gewisse zu den Malpighiaceae -gehörige Pflanzen bringen vollkommene und verkümmerte Blüthen -zugleich hervor; die letzten verlieren nach A. <span class="smaller">DE</span> -J<span class="smaller">USSIEU</span>’<span class="smaller">S</span> -Bemerkung „die Mehrzahl der Art-, Sippen-, Familien- und selbst -Klassen-Charaktere und spotten mithin unsrer Klassifikation.“ Als aber -die in <i>Frankreich</i> eingeführte Aspicarpa mehre Jahre lang nur -verkümmerte Blüthen lieferte, welche in einer Anzahl der wichtigsten -Punkte der Organisation so wunderbar von dem eigentlichen Typus der -Ordnung abwichen, da erkannte R<span class="smaller">ICHARD</span> scharfsichtig genug, -wie J<span class="smaller">USSIEU</span> bemerkt, dass diese Sippe unter den Malpighiaceen -zurückbehalten werden müsse. Dieser Fall scheint mir den Geist wohl -zu bezeichnen, in welchem unsre Klassifikationen zuweilen nothwendig -gegründet sind.</p> - -<p>In der Praxis bekümmern sich aber die Naturforscher nicht viel um den -physiologischen Werth des Charakters, dessen sie sich zur Definition -einer Gruppe oder bei Einordnung einer Spezies bedienen. Wenn sie einen -nahezu einförmigen und einer grossen Anzahl von Formen gemeinsamen -Charakter finden, der bei andern nicht vorkommt, so betrachten sie -ihn als sehr werthvoll; kömmt er bei einer geringern Anzahl vor, -so ist er von geringerem Werthe. Zu diesem Grundsatze haben sich -einige Naturforscher offen als zu dem einzig richtigen bekannt, und -keiner entschiedener als der vortreffliche Botaniker A<span class="smaller">UGUST</span> -S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span>. Wenn gewisse Charaktere immer in Wechselbeziehung -mit einander erscheinen, mag auch ein bedingendes Band zwischen ihnen -nicht zu entdecken seyn, so wird ihnen besondrer Werth beigelegt. Da in -den meisten Säugthier-Gruppen wesentliche Organe, wie die zur Bewegung -des Blutes, zur Athmung, zur Fortpflanzung bestimmten, nahezu von -gleicher Beschaffenheit sind, so werden sie bei deren Klassifikation -hoch gewerthet; wogegen wieder in andern Gruppen alle diese wichtigsten -Lebens-Werkzeuge nur Charaktere von ganz untergeordnetem Werthe -darbieten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_451">[S. 451]</span></p> - -<p>Vom Embryo entnommene Charaktere erweisen sich von gleicher -Wichtigkeit, wie die der ausgewachsenen Thiere, indem unsre -Klassifikationen die Arten in allen ihren Lebens-Altern umfassen. Doch -scheint es sich aus der gewöhnlichen Anschauungs-Weise keineswegs zu -rechtfertigen, dass man die Struktur des Embryos für diesen Zweck -höher in Anschlag bringe als die des erwachsenen Thieres, welches -doch nur allein vollen Antheil am Haushalte der Natur nimmt. Nun -haben die grossen Naturforscher M<span class="smaller">ILNE</span>-E<span class="smaller">DWARDS</span> und -L. A<span class="smaller">GASSIZ</span> scharf hervorgehoben, dass embryonische Charaktere von -allen die wichtigsten für die Klassifikation sind, und diese Behauptung -ist fast allgemein als richtig aufgenommen worden. Sie entspricht -auch den Blüthen-Pflanzen ganz gut, deren zwei Hauptabtheilungen -nur auf embryonische Charaktere gegründet sind, nämlich auf die -Zahl und Stellung der Blätter des Embryos oder der Kotyledonen und -auf die Entwicklungs-Weise der Plumula und Radicula. In unsren -embryologischen Erörterungen werden wir den Grund einsehen, wesshalb -diese Charaktere so werthvoll sind, indem nämlich die auf dieselben -gegründete Klassifikations-Weise stillschweigend die Vorstellung von -der gemeinsamen Abstammung der Arten anerkennt.</p> - -<p>Unsre Klassifikationen stehen oft offenbar unter dem Einflusse -verwandtschaftlicher Verkettungen. Es ist nichts leichter, als eine -Anzahl allen Vögeln gemeinsamer Charaktere zu bezeichnen, während -Diess hinsichtlich der Kruster noch nicht möglich gewesen ist. Es gibt -Kruster an den beiden Enden der Reihe, welche kaum einen Charakter mit -einander gemein haben; aber da die an den zwei Enden stehenden Arten -offenbar mit andern und diese wieder mit andern Krustern u. s. w. -verwandt sind, so ergibt sich ganz unzweideutig, dass sie alle zu -dieser und zu keiner andern Klasse der Kerbthiere gehören.</p> - -<p>Auch die geographische Verbreitung ist oft, wenn gleich vielleicht -nicht logischer Weise, zur Klassifikation mit benützt worden, zumal in -sehr grossen Gruppen einander nahe verwandter Formen. T<span class="smaller">EMMINCK</span> -besteht auf der Nützlichkeit und selbst Nothwendigkeit dieser Übung bei -gewissen Vögel-Gruppen; wie<span class="pagenum" id="Seite_452">[S. 452]</span> sie denn auch von einigen Entomologen und -Botanikern in Anwendung gekommen ist.</p> - -<p>Was endlich die verglichenen Werthe der verschiedenen Arten-Gruppen, -wie Ordnungen und Unterordnungen, Familien und Unterfamilien, -Sippen u. s. w. betrifft, so scheinen sie wenigstens bis jetzt ganz -willkürlich zu seyn. Einige der besten Botaniker, wie B<span class="smaller">ENTHAM</span> -u. A., sind beharrlich auf ihrer Meinung von deren willkürlichem Werthe -geblieben. Man könnte bei den Pflanzen wie bei den Insekten Beispiele -anführen von Arten-Gruppen, die von geübten Naturforschern erst nur -als Sippen aufgestellt und dann allmählich zum Rang von Unterfamilien -und Familien erhoben worden sind, und zwar nicht desshalb, weil durch -spätre Forschungen neue wesentliche Unterschiede in ihrer Organisation -ausgemittelt worden wären, sondern nur in Folge spätrer Entdeckung -vieler verwandter Arten mit nur schwach abgestuften Unterschieden.</p> - -<p>Alle voranstehenden Regeln, Behelfe und Schwierigkeiten der -Klassifikation erklären sich, wenn ich mich nicht sehr täusche, durch -die Annahme, dass das natürliche System auf Fortpflanzung unter -fortwährender Abänderung beruhe, dass diejenigen Charaktere, welche -nach der Ansicht der Naturforscher eine ächte Verwandtschaft zwischen -zwei oder mehr Arten darthun, von einem gemeinsamen Ahnen ererbt -sind und in so fern alle ächte Klassifikation eine genealogische -ist; — dass gemeinsame Abstammung das unsichtbare Band ist, wonach -alle Naturforscher unbewusster Weise gesucht haben, nicht aber ein -unbekannter Schöpfungs-Plan, oder eine bequeme Form für allgemeine -Beschreibung, oder eine angemessene Methode die Natur-Gegenstände nach -den Graden ihrer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zu sortiren.</p> - -<p>Doch ich muss meine Ansicht vollständiger auseinandersetzen. Ich -glaube, dass die <em class="gesperrt">Anordnung</em> der Gruppen in jeder Klasse, ihre -gegenseitige Nebenordnung und Unterordnung streng genealogisch -seyn muss, wenn sie natürlich seyn soll; dass aber das Maass der -Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Gruppen oder Verzweigungen, -obschon sie alle in gleicher<span class="pagenum" id="Seite_453">[S. 453]</span> Blutsverwandtschaft mit ihrem gemeinsamen -Stammvater stehen, sehr ungleich seyn kann, indem dieselbe von den -verschiedenen Graden erlittener Abänderung abhängig ist; und Diess -findet seinen Ausdruck darin, dass die Formen in verschiedene Sippen, -Familien, Sektionen und Ordnungen gruppirt werden. Der Leser wird -meine Meinung am besten verstehen, wenn er sich nochmals nach dem -<a href="#stammbaum">Bilde S. 131</a> umsehen will. Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L -stellen verwandte Sippen vor, welche in der silurischen Zeit gelebt -und selber von einer Art abstammen, die in einer unbekannten früheren -Periode existirt hat. Arten von dreien dieser Genera (A, F und I) -haben sich in abgeänderten Nachkommen bis auf den heutigen Tag -fortgepflanzt, welche durch die fünfzehn Sippen a<sup>14</sup> bis z<sup>14</sup> der -obersten Reihe ausgedrückt sind. Nun sind aber alle diese abgeänderten -Nachkommen einer einzelnen Art in gleichem Grade blutsverwandt zu -einander; man könnte sie bildlich als Vettern im gleichen millionsten -Grade bezeichnen; und doch sind sie weit und in ungleichem Grade von -einander verschieden. Die von A herstammenden Formen, welche nun in -2–3 Familien geschieden sind, bilden eine andre Ordnung als die zwei -von I entsprossenen. Auch können die von A abgeleiteten jetzt lebenden -Formen eben so wenig in eine Sippe mit ihrem Ahnen A, als die von I -herkommenden in eine mit ihrem Stammvater I zusammengestellt werden. -Die noch jetzt lebende Sippe <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> dagegen mag man als -nur wenig modifizirt betrachten und demnach mit deren Stamm-Sippe -F vereinigen, wie es ja in der That noch jetzt einige Genera gibt, -welche mit silurischen übereinstimmen. So kommt es, dass das Maass -oder der Werth der Verschiedenheiten zwischen organischen Wesen, -die alle in gleichem Grade miteinander blutsverwandt sind, doch so -ausserordentlich ungleich erscheint. Demungeachtet aber bleibt ihre -genealogische Anordnungs-Weise vollkommen richtig nicht allein in der -jetzigen sondern auch in allen künftigen Perioden der Fortstammung. -Alle abgeänderten Nachkommen von A haben etwas Gemeinsames von ihrem -gemeinsamen Ahnen geerbt, wie die des I von dem ihrigen, und so wird -es sich auch mit jedem untergeordneten Zweige der<span class="pagenum" id="Seite_454">[S. 454]</span> Nachkommenschaft -in jeder späteren Periode verhalten. Unterstellen wir dagegen, einer -der Nachkommen von A oder I seye so sehr modifizirt worden, dass er -die Spuren seiner Abkunft von demselben mehr oder weniger eingebüsst -habe, so wird er im natürlichen Systeme nur eine mehr und weniger -abgesonderte Stelle einnehmen können, wie Diess bei einigen noch -lebenden Formen wirklich der Fall zu seyn scheint. Von allen Nachkommen -der Sippe F ist der ganzen Reihe nach angenommen, dass sie nur wenig -modifizirt worden seyen und daher gegenwärtig nur ein einzelnes -Genus bilden. Aber dieses Genus wird, sehr vereinzelt, eine eigene -Zwischenstelle einnehmen; denn F hielt ursprünglich seinem Charakter -nach das Mittel zwischen A und I, und die verschiedenen von diesen -zwei Genera herstammenden Sippen werden jedes von seiner Stamm-Sippe -etwas Gemeinsames geerbt haben. Diese natürliche Anordnung ist, so -viel es auf dem Papiere möglich, nur in viel zu einfacher Weise, -bildlich dargestellt. Hätte ich, statt der verzweigten Darstellung, -nur die Namen der Gruppen in eine lineare Reihe schreiben wollen, so -würde es noch viel weniger möglich geworden seyn, ein Bild von der -natürlichen Anordnung zu geben, da es anerkannter Maassen unmöglich -ist, in einer Linie oder auf einer Fläche die Verwandtschaften -zwischen den verschiedenen Wesen einer Gruppe darzustellen. So ist -nach meiner Ansicht das Natur-System genealogisch in seiner Anordnung, -wie ein Stammbaum, aber die Abstufungen der Modifikationen, welche -die verschiedenen Gruppen durchlaufen haben, müssen durch Eintheilung -derselben in verschiedene sogenannte Sippen, Unterfamilien, Familien, -Sektionen, Ordnungen und Klassen ausgedrückt werden.</p> - -<p>Zur Erläuterung dieser meiner Ansicht von der Klassifikation mag -ein Vergleich mit den Sprachen angemessen seyn. Wenn wir einen -vollständigen Stammbaum des Menschen besässen, so würde eine -genealogische Anordnung der Menschen-Rassen die beste Klassifikation -aller jetzt auf der ganzen Erde gesprochenen Sprachen abgeben; und -könnte man alle erloschenen und mitteln Sprachen und alle langsam -abändernden Dialekte mit aufnehmen, so würde diese Anordnung, glaube -ich, die einzig mögliche seyn.<span class="pagenum" id="Seite_455">[S. 455]</span> Da könnte nun der Fall eintreten, dass -irgend eine sehr alte Sprache nur wenig abgeändert und zur Bildung -nur weniger neuen Sprachen gedient hätte, während andre (in Folge der -Ausbreitung und späteren Isolirung und Zivilisations-Stufen einiger -von gemeinsamem Stamm entsprossener Rassen) sich sehr veränderten -und die Entstehung vieler neuer Sprachen und Dialekte veranlassten. -Die Ungleichheit der Abstufungen in der Verschiedenheit der Sprachen -eines Sprach-Stammes müsste durch Unterordnung der Gruppen unter -einander ausgedrückt werden; aber die eigentliche oder eben allein -mögliche Anordnung könnte nur genealogisch seyn; und Diess wäre streng -naturgemäss, indem auf diese Weise alle lebenden wie erloschenen -Sprachen je nach ihren Verwandtschafts-Stufen mit einander verkettet -und der Ursprung und der Entwickelungs-Gang einer jeden einzelnen -nachgewiesen werden würde.</p> - -<p>Wir wollen nun, zur Bestätigung dieser Ansicht, einen Blick auf die -Klassifikation der Varietäten werfen, von welchen man annimmt oder -weiss, dass sie von einer Art abstammen. Diese werden unter die -Arten eingereihet und selbst in Unter-Varietäten weiter geschieden; -und bei unsren Kultur-Erzeugnissen werden noch manche andre -Unterscheidungs-Stufen angenommen, wie wir bei den Tauben gesehen -haben. Das Verhältniss der Gruppen zu den Untergruppen ist dasselbe, -wie das der Arten zu den Varietäten; es ist verwandte Abstammung mit -verschiedenen Abänderungs-Stufen. Bei Klassifikation der Varietäten -werden fast die nämlichen Regeln, wie bei den Arten befolgt. Manche -Schriftsteller sind auf der Nothwendigkeit bestanden, die Varietäten -nach einem natürlichen statt künstlichen Systeme zu klassifiziren; -wir sind z. B. so vorsichtig, nicht zwei Kiefer-Varietäten -zusammenzuordnen, weil bloss ihre Frucht, obgleich der wesentlichste -Theil, zufällig nahezu übereinstimmt. Niemand stellt den Schwedischen -mit dem gemeinen Turnips oder Rübsen zusammen, obwohl deren verdickter -essbarer Stiel so ähnlich ist. Der beständigste Theil, welcher es -immer seyn mag, wird zur Klassifikation der Varietäten benützt; aber -der grosse Landwirth M<span class="smaller">ARSHALL</span> sagt, die Hörner des Rindviehs -seyen für diesen Zweck<span class="pagenum" id="Seite_456">[S. 456]</span> sehr nützlich, weil sie weniger als die -Form oder Farbe des Körpers veränderlich seyen, während sie bei den -Schaafen ihrer Veränderlichkeit wegen viel weniger brauchbar seyen. Ich -stelle mir vor, dass, wenn man einen wirklichen Stammbaum hätte, eine -genealogische Klassifikation der Varietäten allgemein vorgezogen werden -würde, und einige Autoren haben in der That eine solche versucht. -Denn, mag ihre Abänderung gross oder klein seyn, so werden wir uns -doch überzeugt halten, dass das Vererbungs-Prinzip diejenigen Formen -zusammenhalte, welche in den meisten Beziehungen mit einander verwandt -sind. So werden alle Purzel-Tauben, obschon einige Untervarietäten -in der Länge des Schnabels weit von einander abweichen, doch durch -die gemeinsame Sitte zu purzeln unter sich zusammengehalten, aber -der kurzschnäbelige Stock hat diese Gewohnheit beinahe abgelegt. -Demungeachtet hält man diese Purzler, ohne über die Sache nachzudenken -oder zu urtheilen, in einer Gruppe beisammen, weil sie einander durch -Abstammung verwandt und in manchen andern Beziehungen ähnlich sind. -Liesse sich nachweisen, dass der Hottentott vom Neger abstammte, so -würde man ihn, wie ich glaube, unter den Neger einreihen, wie weit er -auch in Farbe und andern wichtigen Bedingungen davon verschieden seyn -mag.</p> - -<p>Was dann die Arten in ihrem Natur-Zustande betrifft, so hat jeder -Naturforscher die Abstammung bei der Klassifikation mit in Betracht -gezogen, indem er in seine unterste Gruppe, die Spezies nämlich, -beide Geschlechter aufnahm, und wie ungeheuer diese zuweilen sogar -in den wesentlichsten Charakteren von einander abweichen, ist jedem -Naturforscher bekannt; so haben Männchen und Hermaphroditen gewisser -Cirripeden im reifen Alter kaum ein Merkmal mit einander gemein, und -doch träumt niemand davon sie zu trennen. Sobald man wahrnahm, dass -drei ehedem als eben so viele Sippen aufgeführte Orchideen-Formen -(Monachanthus, Myanthus und Catasetum) zuweilen an der nämlichen -Blüthen-Ähre beisammensitzen, verband man sie unmittelbar als -merkwürdige Varietäten zu einer einzigen Art; es ist mir aber neuerlich -möglich geworden zu zeigen, dass sie die<span class="pagenum" id="Seite_457">[S. 457]</span> weibliche, zwitterliche und -männliche Form der nämlichen Orchidee bilden<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a>. Der Naturforscher -schliesst in eine Spezies die verschiedenen Larven-Zustände des -nämlichen Individuums ein, wie weit dieselben auch unter sich und von -dem erwachsenen Thiere verschieden seyn mögen, wie er auch die von -S<span class="smaller">TEENSTRUP</span> sogenannten Wechsel-Generationen mit einbegreift, -die man nur in einem technischen Sinne noch als zum nämlichen -Individuum gehörig betrachten kann. Er schliesst Missgeburten, er -schliesst Varietäten mit ein, nicht allein weil sie der älterlichen -Form nahezu gleichen, sondern weil sie von derselben abstammen. Wer -glaubt, dass die grosse hellgelbe Schlüsselblume (Primula elatior) von -der gewöhnlicheren kleinen und dunkelgelben (Pr. veris) abstamme oder -umgekehrt, stellt sie in eine Art zusammen und gibt eine gemeinsame -Definition derselben.</p> - -<p>Da die Abstammung bei Klassifikation der Individuen einer Art trotz der -oft ausserordentlichen Verschiedenheit zwischen Männchen, Weibchen und -Larven, allgemein massgebend ist, und da dieselbe bei Klassifikation -von Varietäten, welche ein gewisses und mitunter ansehnliches Maass von -Abänderung erfahren haben, in Betracht gezogen wird: mag es dann nicht -auch vorgekommen seyn, dass man das nämliche Element ganz unbewusst -bei Zusammenstellung der Arten in Sippen und der Sippen in höhere -Gruppen angewendet hat, obwohl hier die Unterschiede beträchtlicher -sind und eine längere Zeit zu ihrer Entwickelung bedurft haben? Ich -glaube, dass es allerdings so geschehen ist; und nur so vermag ich -die verschiedenen Regeln und Vorschriften zu verstehen, welche von -unsern besten Systematikern befolgt worden sind. Wir haben keine -geschriebenen Stammbäume, sondern ermitteln die gemeinschaftliche -Abstammung nur vermittelst der Ähnlichkeiten irgend welcher Art. -Daher wählen wir Charaktere aus, die, so viel wir beurtheilen -können, durch die Beziehungen zu den äusseren Lebens-Bedingungen, -welchen jede Art in der laufenden Periode ausgesetzt gewesen ist, am -wenigsten<span class="pagenum" id="Seite_458">[S. 458]</span> verändert worden sind. Rudimentäre Gebilde sind in dieser -Hinsicht eben so gut und zuweilen noch besser, als andre. Mag ein -Charakter noch so unwesentlich erscheinen, seye es ein eingebogner -Unterkiefer-Rand, oder die Faltungs-Weise eines Insekten-Flügels, sey -es das Haar- oder Feder-Gewand des Körpers: wenn sich derselbe durch -viele und verschiedene Spezies erhält, durch solche zumal, welche -sehr ungleiche Lebens-Weisen haben, so nimmt er einen hohen Werth -an; denn wir können seine Anwesenheit in so vielerlei Formen und mit -so manchfaltigen Lebens-Weisen nur durch seine Ererbung von einem -gemeinsamen Stamm-Vater erklären. Wir können uns dabei hinsichtlich -einzelner Punkte der Organisation irren; wenn aber verschiedene noch -so unwesentliche Charaktere durch eine ganze grosse Gruppe von Wesen -mit verschiedener Lebens-Weise gemeinschaftlich andauern, so werden -wir nach der Theorie der Abstammung fest überzeugt seyn können, dass -diese Gemeinschaft von Charakteren von einem gemeinsamen Vorfahren -ererbt ist. Und wir wissen, dass solche in Wechselbeziehung zu einander -vorkommende Charaktere bei der Klassifikation von grossem Werthe sind. -Es wird begreiflich, warum eine Art oder eine ganze Gruppe von Arten in -einigen ihrer wesentlichsten Charaktere von ihren Verwandten abweichen -und doch ganz wohl mit ihnen zusammen klassifizirt werden kann. Man -kann Diess getrost thun und hat es oft gethan, so lange als noch eine -genügende Anzahl von wenn auch unbedeutenden Charakteren das verbundene -Band gemeinsamer Abstammung verräth. Denn sogar, wenn zwei Formen nicht -einen einzigen Charakter gemeinsam besitzen, aber diese extremen Formen -noch durch eine Reihe vermittelnder Gruppen miteinander verkettet -sind, dürfen wir noch auf eine gemeinsame Abstammung schliessen und -sie alle zusammen in eine Klasse stellen. Da Charaktere von hoher -physiologischer Wichtigkeit, solche die zur Erhaltung des Lebens -unter den verschiedensten Existenz-Bedingungen dienen, gewöhnlich am -beständigsten sind, so legen wir ihnen grossen Werth bei; wenn aber -diese Organe in einer andern Gruppe oder Gruppen-Abtheilung sehr -abweichen, so schätzen wir sie hier auch<span class="pagenum" id="Seite_459">[S. 459]</span> bei der Klassifikation -geringer. Wir werden hiernach, wie ich glaube, klar einsehen, warum -embryonische Merkmale eine so hohe klassifikatorische Wichtigkeit -besitzen. Die geographische Verbreitung mag bei der Klassifikation -grosser und weitverbreiteter Sippen zuweilen mit Nutzen angewendet -werden, weil alle Arten einer solchen Sippe, welche eine eigenthümliche -und abgesonderte Gegend bewohnen, höchst wahrscheinlich von gleichen -Ältern abstammen.</p> - -<p>Aus diesem Gesichtspunkte wird es begreiflich, wie wesentlich -es ist, zwischen wirklicher Verwandtschaft und analoger oder -Anpassungs-Ähnlichkeit zu unterscheiden. L<span class="smaller">AMARCK</span> hat zuerst -die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied gelenkt, und M<span class="smaller">ACLEAY</span> -u. A. sind ihm darin glücklich gefolgt. Die Ähnlichkeit, welche -zwischen dem Dugong, einem den Pachydermen verwandten Thiere, und den -Walen in der Form des Körpers und der Bildung der vordem ruderförmigen -Gliedmaassen, und jene, welche zwischen diesen beiderlei Thieren -und den Fischen besteht, ist Analogie. Bei den Insekten finden sich -unzählige Beispiele dieser Art; daher L<span class="smaller">INNÉ</span>, durch äussern -Anschein verleitet, wirklich ein homopteres Insekt unter die Motten -gestellt hat. Wir sehen etwas Ähnliches auch bei unseren kultivirten -Pflanzen in den verdickten Stämmen des gemeinen und des Schwedischen -Rutabaga-Turnips. Die Ähnlichkeit zwischen dem Windhund und dem -Englischen Wettrenner ist schwerlich eine mehr eingebildete, als andre -von einigen Autoren zwischen einander sehr entfernt stehenden Thieren -aufgesuchte Analogie’n. Nach meiner Ansicht, dass Charaktere nur in -so ferne von wesentlicher Wichtigkeit für die Klassifikation sind, -als sie die gemeinsame Abstammung ausdrücken, lernen wir deutlicher -einsehen, warum analoge oder Anpassungs-Charaktere, wenn auch vom -höchsten Werthe für das Gedeihen der Wesen, doch für den Systematiker -fast werthlos sind. Denn zwei Thiere von ganz verschiedener Abstammung -können wohl ganz ähnlichen Lebens-Bedingungen angepasst und sich daher -äusserlich sehr ähnlich seyn; aber solche Ähnlichkeiten verrathen -keine Bluts-Verwandtschaft, sondern sind vielmehr geeignet, die wahren -verwandtschaftlichen Beziehungen in<span class="pagenum" id="Seite_460">[S. 460]</span> Folge gemeinsamer Abstammung -zu verbergen. Wir begreifen ferner das anscheinende Paradoxon, dass -die nämlichen Charaktere analoge seyn können, wenn eine Klasse oder -Ordnung mit der andern verglichen wird, aber für ächte Verwandtschaft -zeugen, woferne es sich um die Vergleichung von Gliedern der nämlichen -Klasse oder Ordnung unter einander handelt. So beweisen Körper-Form -und Ruderfüsse der Wale nur eine Analogie mit den Fischen, indem -solche in beiden Klassen nur eine Anpassung des Thieres zum Schwimmen -im Wasser bezwecken; aber beiderlei Charaktere beweisen auch die nahe -Verwandtschaft zwischen den Gliedern der Wal-Familie selbst; denn diese -Wale stimmen in so vielen grossen und kleinen Charakteren miteinander -überein, dass wir nicht an der Ererbung ihrer allgemeinen Körper-Form -und ihrer Ruderfüsse von einem gemeinsamen Vorfahren zweifeln können. -Und eben so ist es mit den Fischen.</p> - -<p>(Einige Fälle von analoger oder adaptiver Ähnlichkeit sind sehr -bemerkenswerth. Ich will nur einen derselben hier erörtern, der von -minder augenfälliger Art ist, als die mehr äusserliche Ähnlichkeit -zwischen Fisch-Säugthieren und Fischen, zwischen fliegendem Oppossum -und fliegendem Eichhorn u. s. w. B<span class="smaller">ATES</span> hat kürzlich -berichtet, wie unter den zahlreichen Schmetterlingen des grossen -<i>Amazonas-Thales</i> die Arten einer Sippe und selbst die Varietäten -einer Art oft das Kleid von Arten ganz verschiedener Genera oder -Unterfamilien in so vollkommener Weise annehmen, dass man sie ohne -die sorgfältigste Untersuchung gar nicht zu unterscheiden im Stande -ist. Dabei ist ferner eine bemerkenswerthe Thatsache, dass fast immer -die nachahmende Art selten, die nachgeahmte aber häufig und im Kampf -ums Daseyn siegreich ist. B<span class="smaller">ATES</span> ist der Meinung, dass die -Nachahmer durch Natürliche Züchtung allmählich zu ihrem jetzigen Kleide -gelangt seyen, um unter dieser Maske der häufigen und siegreichen Art -irgend einer sie allein bedrohenden Gefahr zu entgehen.)</p> - -<p>Da Glieder verschiedener Klassen oft durch zahlreich auf -einander-folgende geringe Abänderungen einer Lebens-Weise unter nahezu -ähnlichen Verhältnissen angepasst werden, um z. B. auf dem Boden, in -der Luft oder im Wasser zu leben, so werden<span class="pagenum" id="Seite_461">[S. 461]</span> wir vielleicht verstehen -woher es kommt, dass man zuweilen einen Zahlen-Parallelismus zwischen -Unter-Gruppen verschiedener Klassen bemerkt hat. Ein Naturforscher -kann unter dem Eindrucke, den dieser Parallelismus in einer Klasse auf -ihn macht, demselben dadurch, dass er den Werth der Gruppen in andern -Klassen etwas höher oder tiefer setzt (und alle unsre Erfahrung zeigt, -dass Schätzungen dieser Art noch immer sehr willkürlich sind), leicht -eine grosse Ausdehnung geben; und so sind wohl unsre sieben-, fünf-, -vier- und drei-gliedrigen Systeme entstanden.</p> - -<p>Da die abgeänderten Nachkommen herrschender Arten grosser Sippen -diejenigen Vorzüge, welche die Gruppen, wozu sie gehören, gross und -ihre Ältern herrschend gemacht haben, zu vererben streben, so sind -sie meistens sicher sich weit auszubreiten und mehr oder weniger -Stellen im Haushalte der Natur einzunehmen. So streben die grösseren -und herrschenderen Gruppen in jeder Klasse nach immer weiterer -Vergrösserung und ersetzen demnach viele kleinere und schwächere -Gruppen. So erklärt sich auch die Thatsache, dass alle erloschenen -wie noch lebenden Organismen einige wenige grosse Ordnungen in noch -wenigeren Klassen bilden, die alle in einem grossen Natur-Systeme -enthalten sind. Um zu zeigen, wie wenige an Zahl die oberen Gruppen und -wie weit sie in der Welt verbreitet sind, ist die Thatsache zutreffend, -dass die Entdeckung <i>Neu-Hollands</i> nicht ein Insekt aus einer -neuen Klasse geliefert hat, und dass im Pflanzen-Reiche, wie ich von -Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> vernehme, nur eine oder zwei kleine Ordnungen -hinzugekommen sind.</p> - -<p>Im Kapitel über die geologische Aufeinanderfolge habe ich nach dem -Prinzip, dass im Allgemeinen jede Gruppe während des lang-dauernden -Modifikations-Prozesses in ihrem Charakter sehr auseinander gelaufen -ist, zu zeigen mich bemühet, woher es kommt, dass die ältern -Lebenformen oft einigermaassen mittle Charaktere zwischen denen der -jetzigen Gruppen darbieten. Einige wenige solcher alten und mitteln -Stamm-Formen, welche sich zuweilen in nur wenig abgeänderten Nachkommen -bis zum heutigen Tage erhalten haben, geben zur Bildung unsrer -sogenannten<span class="pagenum" id="Seite_462">[S. 462]</span> schwankenden oder aberranten Gruppen Veranlassung. Je -abirrender eine Form ist, desto grösser muss die Zahl verkettender -Glieder seyn, welche gänzlich vertilgt worden und verloren gegangen -sind. Auch dafür, dass die aberranten Formen sehr durch Erlöschen -gelitten, haben wir einige Belege; denn sie sind gewöhnlich nur durch -einige wenige Arten vertreten, und auch diese Arten sind gewöhnlich -sehr verschieden von einander, was gleichfalls auf Erlöschung hinweist. -Die Sippen Ornithorhynchus und Lepidosiren z. B. würden nicht weniger -aberrant seyn, wenn sie jede durch ein Dutzend statt nur eine oder zwei -Arten vertreten wären; aber solcher Arten-Reichthum ist, wie ich nach -mancherlei Nachforschungen finde, den aberranten Sippen gewöhnlich -nicht zu Theil geworden. Wir können, glaube ich, diese Erscheinung -nur erklären, indem wir die aberranten Formen als Gruppen betrachten, -welche, im Kampfe mit siegreichen Mitbewerbern unterliegend, nur noch -wenige Glieder in Folge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens günstiger -Umstände bis heute erhalten haben.</p> - -<p>Hr. W<span class="smaller">ATERHOUSE</span> hat bemerkt, dass, wenn ein Glied aus -einer Thier-Gruppe Verwandtschaft mit einer sehr verschiedenen -andern Gruppe zeigt, diese Verwandtschaft in den meisten Fällen -eine Sippen- und nicht eine Art-Verwandtschaft ist. So ist nach -W<span class="smaller">ATERHOUSE</span> von allen Nagern die Viscasche<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a> am nächsten -mit den Beutelthieren verwandt; aber die Charaktere, worin sie sich -den Marsupialen am meisten nähert, haben eine allgemeine Beziehung zu -den Beutelthieren und nicht zu dieser oder jener Art im Besondern. Da -diese Verwandtschafts-Beziehungen der Viscasche zu den Beutelthieren -für wesentliche gelten und nicht Folge blosser Anpassung sind, so -rühren sie nach meiner Theorie von gemeinschaftlicher Ererbung her. -Daher wir dann auch unterstellen müssen, entweder dass alle Nager -einschliesslich der Viscasche von einem sehr alten Marsupialen -abgezweigt sind, der einen einigermaassen mitteln Charakter zwischen -denen aller<span class="pagenum" id="Seite_463">[S. 463]</span> jetzigen Beutelthiere besessen, oder dass sowohl Nager -wie Beutelthiere von einem gemeinsamen Stammvater herrühren und beide -Gruppen durch starke Abänderung seitdem in verschiedenen Richtungen -auseinander gegangen sind. Nach beiderlei Ansicht müssen wir annehmen, -dass die Viscasche mehr von den erblichen Charakteren des alten -Stamm-Vaters an sich behalten habe, als sämmtliche anderen Nager; und -desshalb zeigt sie keine besonderen Beziehungen zu diesem oder jenem -noch vorhandenen Beutler, sondern nur indirekte zu allen oder fast -allen Marsupialen überhaupt, indem sie sich einen Theil des Charakters -des gemeinsamen Urvaters oder eines früheren Gliedes dieser Gruppe -erhalten hat. Anderseits besitzt nach W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung -unter allen Beutelthieren der Phascolomys am meisten Ähnlichkeit, -nicht zu einer einzelnen Art, sondern zur ganzen Ordnung der Nager -überhaupt. In diesem Falle ist sehr zu erwarten, dass die Ähnlichkeit -nur eine Analogie seye, indem der Phascolomys sich einer Lebens-Weise -anpasste, wie sie Nager besitzen. Der ältere <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hat -ziemlich ähnliche Bemerkungen hinsichtlich der allgemeinen Natur der -Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Pflanzen-Ordnungen gemacht.</p> - -<p>Nach dem Prinzip der Vermehrung und der stufenweisen Divergenz des -Charakters der von einem gemeinsamen Ahnen abstammenden Arten in -Verbindung mit der erblichen Erhaltung eines Theiles des gemeinsamen -Charakters erklären sich die ausserordentlich verwickelten und -strahlenförmig auseinander-gehenden Verwandtschaften, wodurch alle -Glieder einer Familie oder höheren Gruppe miteinander verkettet -werden. Denn der gemeinsame Stammvater einer ganzen Familie von Arten, -welche jetzt durch Erlöschung in verschiedene Gruppen und Untergruppen -gespalten ist, wird einige seiner Charaktere in verschiedener Art -und Abstufung modifizirt allen gemeinsam mitgetheilt haben, und die -verschiedenen Arten werden demnach nur durch Verwandtschafts-Linien -von verschiedener Länge miteinander verbunden seyn, welche in weit -älteren Vorgängern ihren Vereinigungs-Punkt finden, wie es das frühere -<a href="#stammbaum">Bild S. 131</a> darstellt. Wie es schwer ist, die Blutsverwandtschaft -zwischen den zahlreichen<span class="pagenum" id="Seite_464">[S. 464]</span> Angehörigen einer alten adeligen Familie -sogar mit Hilfe eines Stammbaums zu zeigen, und fast unmöglich -es ohne dieses Hilfsmittel zu thun, so begreift man auch die -manchfaltigen Schwierigkeiten, auf welche Naturforscher, ohne die -Hilfe einer bildlichen Skizze, stossen, wenn sie die verschiedenen -Verwandtschafts-Beziehungen zwischen den vielen lebenden und -erloschenen Gliedern einer grossen natürlichen Klasse nachweisen wollen.</p> - -<p>Erlöschen hat, wie wir im vierten Kapitel gesehen, einen grossen -Antheil an der Bildung und Erweiterung der Lücken zwischen den -verschiedenen Gruppen in jeder Klasse. Wir können Diess eben so -wie die Trennung ganzer Klassen von einander, wie z. B. die der -Vögel von allen andern Wirbelthieren, durch die Annahme erklären, -dass viele alte Lebenformen ganz ausgegangen sind, durch welche die -ersten Stammältern der Vögel vordem mit den ersten Stammältern der -übrigen Wirbelthier-Klassen verkettet gewesen. Dagegen sind nur -wenige solche Lebenformen erloschen, welche einst die Fische mit -den Batrachiern verbanden. In noch geringerem Grade ist Diess in -einigen andern Klassen, wie z. B. bei den Krustern der Fall gewesen, -wo die wundersamst verschiedenen Formen noch durch eine lange -aber unterbrochene Verwandtschafts-Kette zusammengehalten werden. -Erlöschung hat die Gruppen nur getrennt, nicht gemacht. Denn wenn alle -Formen, welche jemals auf dieser Erde gelebt haben, plötzlich wieder -erscheinen könnten, so würde es ganz unmöglich seyn, die Gruppen durch -Definitionen von einander zu unterscheiden, weil alle durch eben so -feine Abstufungen, wie die zwischen den lebenden Varietäten sind, -in einander übergehen würden; demungeachtet würde eine natürliche -Klassifikation oder wenigstens eine natürliche Anordnung möglich seyn. -Wir können Diess ersehen, indem wir unser Bild (<a href="#stammbaum">S. 131</a>) umwenden. -Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L stellen 11 silurische Sippen dar, -wovon einige grosse Gruppen abgeänderter Nachkommen hinterlassen. Jedes -Mittelglied zwischen diesen 11 Sippen und deren Urvater so wie jedes -Mittelglied in allen Ästen und Zweigen ihrer Nachkommenschaft seye -noch am Leben, und diese Glieder seyen so<span class="pagenum" id="Seite_465">[S. 465]</span> fein, wie die zwischen den -feinsten Varietäten abgestuft. In diesem Falle würde es ganz unmöglich -seyn, die vielfachen Glieder der verschiedenen Gruppen von ihren mehr -unmittelbaren Ältern oder diese Ältern von ihren alten unbekannten -Stammvätern durch Definitionen zu unterscheiden. Und doch würde die in -dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> gegebene natürliche Anordnung ganz gut passen und würden nach -dem Vererbungs-Prinzip alle von A so wie alle von I herkommenden Formen -unter sich etwas gemein haben. An einem Baume kann man diesen und jenen -Zweig unterscheiden, obwohl sich beide in einer Gabel vereinigen und in -einander fliessen. Wir könnten, wie gesagt, die verschiedenen Gruppen -nicht definiren; aber wir könnten Typen oder solche Formen hervorheben, -welche die meisten Charaktere jeder Gruppe, gross oder klein, in -sich vereinigten, und so eine allgemeine Vorstellung vom Werthe der -Verschiedenheiten zwischen denselben geben. Diess wäre, was wir thun -müssten, wenn wir je dahin gelangten, alle Formen einer Klasse, die -in Zeit und Raum vorhanden gewesen sind, zusammen zu bringen. Wir -werden zwar gewiss nie im Stande seyn, eine solche Sammlung zu machen, -demungeachtet aber bei gewissen Klassen in die Lage kommen, jene -Methode zu versuchen; und M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> ist noch unlängst in -einer vortrefflichen Abhandlung auf der grossen Wichtigkeit bestanden, -sich an Typen zu halten, gleichviel ob wir im Stande sind oder nicht, -die Gruppen zu trennen und zu umschreiben, zu welchen diese Typen -gehören.</p> - -<p>Endlich haben wir gesehen, dass Natürliche Züchtung, welche aus dem -Kampfe um’s Daseyn hervorgeht und mit Erlöschung und mit Divergenz des -Charakters in den vielen Nachkommen einer herrschenden Stamm-Art fast -untrennbar verbunden ist, jene grossen und allgemeinen Züge in der -Verwandtschaft aller organischen Wesen und namentlich ihre Sonderung -in Gruppen und Untergruppen erklärt. Wir benützen das Element der -Abstammung bei Klassifikation der Individuen beider Geschlechter -und aller Alters-Abstufungen in einer Art, wenn sie auch nur wenige -Charaktere miteinander gemein haben; wir benützen die Abstammung bei -der Einordnung anerkannter Varietäten, wie sehr sie<span class="pagenum" id="Seite_466">[S. 466]</span> auch von ihrer -Stamm-Art abweichen mögen; und ich glaube, dass dieses Element der -Abstammung das geheime Band ist, welches alle Naturforscher unter -dem Namen des natürlichen Systemes gesucht haben. Da nach dieser -Vorstellung das natürliche System, so weit es ausgeführt werden kann, -genealogisch geordnet ist und die Verschiedenheits-Stufen zwischen den -Nachkommen gemeinsamer Ältern durch die Ausdrücke Sippen, Familien, -Ordnungen u. s. w. bezeichnet, so begreifen wir die Regeln, welche wir -bei unsrer Klassifikation zu befolgen veranlasst sind. Wir begreifen, -warum wir manche Ähnlichkeit weit höher als andre zu werthen haben; -warum wir mitunter rudimentäre oder nutzlose oder andre physiologisch -unbedeutende Organe anwenden dürfen, warum wir bei Vergleichung -der einen mit der andern Gruppe analoge oder Anpassungs-Charaktere -verwerfen, obwohl wir dieselben innerhalb der nämlichen Gruppe -gebrauchen. Es wird uns klar, warum wir alle lebenden und erloschenen -Formen in ein grosses System zusammen ordnen können, und warum die -verschiedenen Glieder jeder Klasse in der verwickeltesten und nach -allen Richtungen verzweigten Weise miteinander verkettet sind. Wir -werden wahrscheinlich niemals das verwickelte Verwandtschafts-Gewebe -zwischen den Gliedern einer Klasse entwirren; wenn wir jedoch einen -einzelnen Gegenstand in’s Auge fassen und nicht nach irgend einem -unbekannten Schöpfungs-Plane ausschauen, so dürfen wir hoffen, sichere -aber langsame Fortschritte zu machen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Morphologie.</em>) Wir haben gesehen, dass die Glieder einer Klasse, -unabhängig von ihrer Lebens-Weise, einander im allgemeinen Plane ihrer -Organisation gleichen. Diese Übereinstimmung wird oft mit dem Ausdrucke -„Einheit des Typus“ bezeichnet; oder man sagt, die verschiedenen Theile -und Organe der verschiedenen Spezies einer Klasse seyen einander -homolog. Der ganze Gegenstand wird unter dem Namen Morphologie zusammen -begriffen. Diess ist der interessanteste Theil der Naturgeschichte -und kann deren wahre Seele genannt werden. Was kann es sonderbareres -geben, als dass die Greifhand des Menschen, der Grabfuss des Maulwurfs, -das Rennbein des Pferdes,<span class="pagenum" id="Seite_467">[S. 467]</span> die Ruderflosse der Seeschildkröte und der -Flügel der Fledermaus nach demselben Model gearbeitet sind und gleiche -Knochen in der nämlichen gegenseitigen Lage enthalten. G<span class="smaller">EOFFROY</span> -S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> hat beharrlich an der grossen Wichtigkeit -der wechselseitigen Verbindung der Theile in homologen Organen -festgehalten; die Theile mögen in fast allen Abstufungen der Form und -Grösse abändern, aber sie bleiben fest in derselben Weise miteinander -verbunden. So finden wir z. B. die Knochen des Ober- und des -Vorder-Arms oder des Ober- und Unter-Schenkels nie aus ihrer Verbindung -gerissen. Daher kann man dem homologen Knochen in weit verschiedenen -Thieren denselben Namen geben. Dasselbe grosse Gesetz tritt in der -Mund-Bildung der Insekten hervor. Was kann verschiedener seyn, als -die unermesslich lange spirale Saugröhre eines Abend-Schmetterlings, -der sonderbar zurückgebrochene Rüssel einer Wanze und die grossen -Hörner eines Hirschkäfers? Und doch werden alle diese zu so ungleichen -Zwecken dienenden Organe durch unendlich zahlreiche Modifikationen der -Oberlippe, der Kinnbacken und zweier Paar Kinnladen gebildet. Analoge -Gesetze herrschen in der Zusammensetzung des Mundes und der Glieder der -Kruster. Und eben so ist es mit den Blüthen der Pflanzen.</p> - -<p>Nichts hat weniger Aussicht auf Erfolg, als ein Versuch diese -Ähnlichkeit des Bau-Planes in den Gliedern einer Klasse mit Hilfe -der Nützlichkeits-Theorie oder der Lehre von den endlichen Ursachen -zu erklären. Die Hoffnungslosigkeit eines solchen Versuches ist von -O<span class="smaller">WEN</span> in seinem äusserst interessanten Werke „<i>Nature of -limbs</i>“ ausdrücklich anerkannt worden. Nach der gewöhnlichen Ansicht -von der selbstständigen Schöpfung einer jeden Spezies lässt sich nur -sagen, dass es so ist, und dass es dem Schöpfer gefallen hat jedes -Thier und jede Pflanze so zu machen.</p> - -<p>Dagegen ist die Erklärung handgreiflich nach der Theorie der -Natürlichen Züchtung durch Häufung aufeinander-folgender geringer -Abänderungen, deren jede der abgeänderten Form einigermassen nützlich -ist, welche aber in Folge der Wechselbeziehungen des Wachsthums oft -auch andre Theile der Organisation<span class="pagenum" id="Seite_468">[S. 468]</span> mit berühren. Bei Abänderungen -dieser Art wird sich nur wenig oder gar keine Neigung zu Änderung des -ursprünglichen Bau-Plans oder zu Versetzung der Theile zeigen. Die -Knochen eines Beines können in jeder Grösse verlängert oder verkürzt, -sie können stufenweise in dicke Häute eingehüllt werden, um ein Ruder -zu bilden; oder ein mit einer Binde-Haut zwischen den Zehen versehener -Fuss (Schwimmfuss) kann alle seine Knochen oder gewisse Knochen bis -zu irgend einem Maasse verlängern und die Binde-Haut in gleichem -Verhältniss vergrössern, so dass er als Flügel zu dienen im Stande -ist: und doch ist ungeachtet aller so bedeutender Abänderungen keine -Neigung zu einer Änderung der Knochen-Bestandtheile an sich oder zu -einer andern Zusammenfügung derselben vorhanden. Wenn wir unterstellen, -dass der alte Stamm-Vater oder Urtypus, wie man ihn nennen kann, aller -Säugthiere seine Beine, zu welchem Zwecke sie auch bestimmt gewesen -seyn mögen, nach dem vorhandenen allgemeinen Plane gebildet hatte, so -werden wir sofort die klare Bedeutung der homologen Bildung der Beine -in der ganzen Klasse begreifen. Wenn wir ferner hinsichtlich des Mundes -der Insekten einfach unterstellen, dass ihr gemeinsamer Stammvater -eine Oberlippe, Kinnbacken und zwei Paar Unterkiefer vielleicht von -sehr einfacher Form besessen, so wird Natürliche Züchtung auf irgend -eine ursprünglich erschaffene Form wirkend vollkommen zur Erklärung -der unendlichen Verschiedenheit in den Bildungen und Verrichtungen des -Mundes der Insekten genügen. Demungeachtet ist es begreiflich, dass das -ursprünglich gemeinsame Muster eines Organes allmählich ganz verloren -gehen kann, seye es durch Atrophie und endliche vollständige Resorption -gewisser Bestandtheile, oder durch Verwachsung einiger Theile, oder -durch Verdoppelung oder Vervielfältigung andrer: Abänderungen, die nach -unsrer Erfahrung alle in den Grenzen der Möglichkeit liegen. Nur in -den Ruderfüssen gewisser ausgestorbner Eidechsen (Ichthyosaurus) und -in den Theilen des Saugmundes gewisser Kruster scheint der gemeinsame -Grundplan bis zu einem gewissen Grade verwischt zu seyn.</p> - -<p>Ein andrer Zweig der Morphologie beschäftigt sich mit der<span class="pagenum" id="Seite_469">[S. 469]</span> -Vergleichung, nicht des nämlichen Theiles in verschiedenen Gliedern -einer Klasse, sondern der verschiedenen Theile oder Organe eines -nämlichen Individuums. Die meisten Physiologen glauben, dass die -Knochen des Schädels homolog<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a> — d. h. in Zahl und beziehungsweiser -Lage übereinstimmend — seyen mit den Knochen-Elementen einer gewissen -Anzahl Wirbel. Die vorderen und die hinteren Gliedmaassen eines jeden -Thieres in den Kreisen der Wirbel- und der Kerb-Thiere sind offenbar -homolog zu einander. Dasselbe Gesetz bewährt sich auch bei Vergleichung -der wunderbar zusammengesetzten Kinnladen mit den Beinen der Kruster. -Fast Jedermann weiss, dass in einer Blume die gegenseitige Stellung -der Kelch- und der Kronen-Blätter und der Staubfäden und Staubwege zu -einander eben so wie deren innere Struktur aus der Annahme erklärbar -werden, dass es metamorphosirte spiralständige Blätter seyen. Bei -monströsen Pflanzen sehen wir nicht selten den direkten Beweis von -der Möglichkeit der Umbildung eines dieser Organe in’s andere. Auch -bei embryonischen Krustazeen u. a. Thieren erkennen wir so wie bei -den Blüthen, dass Organe, die im reifen Zustande äusserst verschieden -von einander sind, auf ihren ersten Entwickelungs-Stufen einander -ausserordentlich gleichen.</p> - -<p>Wie unerklärbar sind diese Erscheinungen nach der gewöhnlichen Ansicht -von der Schöpfung! Warum ist doch das Gehirn in einen aus so vielen und -so aussergewöhnlich geordneten Knochen-Stücken zusammengesetzten Kasten -eingeschlossen! Wie Owen bemerkt, kann der Vortheil, welcher aus einer -der Trennung der Theile entsprechenden Nachgiebigkeit des Schädels -für den Geburts-Akt bei den Säugthieren entspringt, keinenfalls die -nämliche Bildungs-Weise desselben bei den Vögeln erklären. Oder warum -sind den Fledermäusen dieselben Knochen wie den übrigen Säugthieren -zu Bildung ihrer Flügel anerschaffen worden, da sie dieselben doch zu -gänzlich verschiedenen Zwecken<span class="pagenum" id="Seite_470">[S. 470]</span> gebrauchen? Und warum haben Kruster -mit einem aus zahlreicheren Organen-Paaren zusammengesetzten Munde -in gleichem Verhältnisse weniger Beine, oder umgekehrt die mit mehr -Beinen versehenen weniger Mund-Theile? Endlich, warum sind die Kelch- -und Kronen-Blätter, die Staubgefässe und Staubwege einer Blüthe, trotz -ihrer Bestimmung zu so gänzlich verschiedenen Zwecken, alle nach -demselben Muster gebildet?</p> - -<p>Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung können wir alle diese Fragen -genügend beantworten. Bei den Wirbelthieren sehen wir eine Reihe -innerer Wirbel gewisse Fortsätze und Anhänge entwickeln; bei den -Kerbthieren ist der Körper in eine Reihe Segmente mit äusseren Anhängen -geschieden; und bei den Pflanzen sehen wir die Blätter auf eine Anzahl -über einander folgender Umgänge einer Spirale regelmässig vertheilt. -Eine unbegrenzte Wiederholung desselben Theiles oder Organes ist, wie -O<span class="smaller">WEN</span> bemerkt hat, das gemeinsame Attribut aller niedrig oder -wenig modifizirten Formen<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a>; daher wir leicht annehmen können, der -unbekannte Stammvater aller Wirbelthiere habe viele Wirbel besessen, -der aller Kerbthiere viele Körper-Segmente und der der Blüthen-Pflanzen -viele Blatt-Spiralen. Wir haben ferner gesehen, dass Theile, die sich -oft wiederholen, sehr geneigt sind, in Zahl und Struktur zu variiren; -daher es ganz wahrscheinlich ist, dass Natürliche Züchtung mittelst -lange fortgesetzter Abänderung eine gewisse Anzahl der sich oft -wiederholenden ähnlichen Bestandtheile des Skelettes ganz verschiedenen -Bestimmungen angepasst habe. Und da das ganze Maass der Abänderung -nur in unmerklichen Abstufungen bewirkt worden, so dürfen wir uns -nicht wundern, in solchen Theilen oder Organen noch einen gewissen -Grad fundamentaler Ähnlichkeit nach dem strengen Erblichkeits-Prinzip -zurückbehalten zu finden.</p> - -<p>In der grossen Klasse der Mollusken lassen sich zwar Homologie’n -zwischen Theilen verschiedener Spezies, aber nur wenige -Reihen-Homologie’n nachweisen, d. h. wir sind selten im<span class="pagenum" id="Seite_471">[S. 471]</span> Stande -zu sagen, dass ein Theil oder Organ mit einem andern im nämlichen -Individuum homolog seye. Diess lässt sich wohl erklären, weil wir -nicht einmal bei den untersten Gliedern des Weichthier-Kreises solche -unbegrenzte Wiederholung einzelner Theile wie in den übrigen grossen -Klassen des Thier- und Pflanzen-Reiches finden.</p> - -<p>Die Naturforscher stellen die Schädel oft als eine Reihe -metamorphosirter Wirbel, die Kinnladen der Krabben als metamorphosirte -Beine, die Staubgefässe und Staubwege der Blumen als metamorphosirte -Blätter dar; doch würde es, wie Prof. H<span class="smaller">UXLEY</span> bemerkt hat, -wahrscheinlich richtiger seyn zu sagen, Schädel wie Wirbel, Kinnladen -wie Beine u. s. w. seyen nicht eines aus dem andern, sondern beide -aus einem gemeinsamen Elemente entstanden. Inzwischen gebrauchen -die Naturforscher jenen Ausdruck nur in bildlicher Weise, indem -sie weit von der Meinung entfernt sind, dass Primordial-Organe -irgend welcher Art — Wirbel im einen und Beine im andern Falle — -während einer langen Reihe von Generationen wirklich in Schädel und -Kinnladen umgebildet worden seyen. Und doch ist der Anschein, dass -eine derartige Modifikation stattgefunden habe, so vollkommen, dass -dieselben Naturforscher schwer vermeiden können, eine diesem letzten -Sinne entsprechende Ausdrucks-Weise zu gebrauchen. Nach meiner eigenen -Anschauungs-Weise aber sind jene Ausdrücke in der That nur wörtlich zu -nehmen, um die wunderbare Erscheinung zu erklären, dass die Kinnladen -z. B. eines Krabben zahlreiche Merkmale an sich tragen, welche -dieselben wahrscheinlich geerbt haben müssten, soferne sie wirklich -während einer langen Generationen-Reihe durch allmähliche Metamorphose -aus Beinen oder sonstigen einfachen Anhängen entstanden wären.</p> - -<p><em class="gesperrt">Embryonologie.</em>) Es ist schon gelegentlich bemerkt worden, dass -gewisse Organe, welche im reifen Alter der Thiere sehr verschieden -gebildet und zu ganz abweichenden Diensten bestimmt sind, sich im -Embryo ganz ähnlich sehen. Eben so sind die Embryonen verschiedener -Thiere derselben Klasse einander oft sehr ähnlich, wofür sich ein -besserer Beweis nicht<span class="pagenum" id="Seite_472">[S. 472]</span> anführen lässt, als die Versicherung von -B<span class="smaller">AER</span>’<span class="smaller">S</span>, die Embryonen von Säugthieren, Vögeln, Eidechsen, -Schlangen und wahrscheinlich auch Schildkröten seyen sich in der -ersten Zeit im Ganzen sowohl als in der Bildungs-Weise ihrer einzelnen -Theile so ähnlich, dass man sie nur an ihrer Grösse unterscheiden -könne. Ich besitze zwei Embryonen im Weingeist aufbewahrt, deren -Namen ich beizuschreiben vergessen habe, und nun bin ich ganz ausser -Stand zu sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Eidechsen -oder kleine Vögel oder sehr junge Säugthiere seyn, so vollständig -ist die Ähnlichkeit in der Bildungs-Weise von Kopf und Rumpf dieser -Thiere, und die Extremitäten fehlen noch. Aber auch wenn sie -vorhanden wären, so würden sie auf ihrer ersten Entwickelungs-Stufe -nichts beweisen; denn die Beine der Eidechsen und Säugthiere, die -Flügel und Beine der Vögel nicht weniger als die Hände und Füsse -des Menschen: alle entspringen aus der nämlichen Grundform. — Die -Wurm-förmigen Larven der Motten, Fliegen, Käfer u. s. w. gleichen -einander viel mehr, als die reifen Insekten. In den Larven verräth -sich noch die Einförmigkeit des Embryo’s; das reife Insekt ist den -speziellen Lebens-Bedingungen angepasst. Zuweilen geht eine Spur -der embryonischen Ähnlichkeit noch in ein spätres Alter über; so -gleichen Vögel derselben Sippe oder nahe verwandter Genera einander -oft in ihrem ersten und zweiten Jugend-Kleide: alle Drosseln z. B. -in ihrem gefleckten Gefieder. In der Katzen-Familie sind die meisten -Arten gestreift oder streifenweise gefleckt; und solche Streifen oder -Flecken sind auch noch am neugeborenen Jungen des Löwen und des Puma -vorhanden. Wir sehen zuweilen, aber selten, auch etwas der Art bei -den Pflanzen. So sind die Embryonal-Blätter des Ulex und die ersten -Blätter der neuholländischen Acacien, welche später nur noch Phyllodien -hervorbringen, zusammengesetzt oder gefiedert, wie die gewöhnlichen -Leguminosen-Blätter. Diejenigen Punkte der Organisation, worin die -Embryonen ganz verschiedener Thiere einer und derselben Klasse sich -gegenseitig gleichen, haben oft keine unmittelbare Beziehung zu -ihren Existenz-Bedingungen. Wir können z. B. nicht annehmen, dass in -den Embryonen der Wirbelthiere der eigenthümliche<span class="pagenum" id="Seite_473">[S. 473]</span> Schleifen-artige -Verlauf der Arterien nächst den Kiemen-Schlitzen des Halses mit der -Ähnlichkeit der Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehe im jungen -Säugthiere, das im Mutterleibe ernährt wird, wie im Vogel, welcher -dem Eie entschlüpft, und im Frosche, der sich im Laiche unter Wasser -entwickelt. Wir haben nicht mehr Grund, an einen solchen Zusammenhang -zu glauben, als anzunehmen, dass die Übereinstimmung der Knochen in der -Hand des Menschen, im Flügel einer Fledermaus und im Ruderfusse einer -Schildkröte mit einer Übereinstimmung der äussern Lebens-Bedingungen in -Verbindung stehe. Niemand denkt, dass die Streifen an dem jungen Löwen -oder die Flecken an der jungen Schwarzdrossel (Amsel) diesen Thieren -nützen oder mit den Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehen, welchen -sie ausgesetzt sind.</p> - -<p>Anders verhält sich jedoch die Sache, wenn ein Thier während eines -Theiles seiner Embryo-Laufbahn thätig ist und für sich selbst zu -sorgen hat. Die Periode dieser Thätigkeit kann früher oder kann später -im Leben kommen; doch, wann immer sie kommen mag, die Anpassung -der Larve an ihre Lebens-Bedingungen ist eben so vollkommen und -schön, wie die des reifen Thieres an die seinige. Durch derartige -eigenthümliche Anpassungen wird dann zuweilen auch die Ähnlichkeit -der thätigen Larven oder Embryonen einander verwandter Thiere schon -sehr verdunkelt; und es liessen sich Beispiele anführen, wo die Larven -zweier Arten und sogar Arten-Gruppen eben so sehr oder noch mehr von -einander verschieden sind, als ihre reifen Ältern. In den meisten -Fällen jedoch gehorchen auch die thätigen Larven noch mehr und weniger -dem Gesetze der embryonalen Ähnlichkeit. Die Cirripeden liefern einen -guten Beleg dafür: selbst der berühmte C<span class="smaller">UVIER</span> erkannte nicht, -dass dieselben Kruster seyen; aber schon ein Blick auf ihre Larven -verräth Diess in unverkennbarer Weise. Und eben so haben die zwei -Haupt-Abtheilungen der Cirripeden, die gestielten und die sitzenden, -welche in ihrem äusseren Ansehen so sehr von einander abweichen, -Larven, die in allen ihren Entwickelungs-Stufen kaum unterscheidbar -sind.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_474">[S. 474]</span></p> - -<p>Während des Verlaufes seiner Entwickelung steigt der Embryo gewöhnlich -in der Organisation: ich gebrauche diesen Ausdruck, obwohl ich weiss, -dass es kaum möglich ist, genau anzugeben, was unter höherer oder -tieferer Organisation zu verstehen seye. Niemand wird wohl bestreiten, -dass der Schmetterling höher organisirt seye als die Raupe. In einigen -Fällen jedoch, wie bei parasitischen Krustern, sieht man allgemein -das reife Thier für tieferstehend als die Larve an. Ich beziehe mich -wieder auf die Cirripeden. Auf ihrer ersten Stufe hat die Larve drei -Paar Füsse, ein sehr einfaches Auge und einen Rüssel-förmigen Mund, -womit sie reichliche Nahrung aufnimmt; denn sie wächst schnell an -Grösse zu. Auf der zweiten Stufe, dem Raupen-Stande des Schmetterlings -entsprechend, hat sie sechs Paar schön gebauter Schwimm-Füsse, ein Paar -herrlich zusammengesetzter Augen und äusserst zusammengesetzte Fühler, -aber einen geschlossenen Mund, der keine Nahrung aufnehmen kann; -ihre Verrichtung auf dieser Stufe ist, einen zur Befestigung und zur -letzten Metamorphose geeigneten Platz mittelst ihres wohl-entwickelten -Sinnes-Organes zu suchen und mit ihren mächtigen Schwimm-Werkzeugen -zu erreichen. Wenn diese Aufgabe erfüllt ist, so bleibt das Thier -lebenslänglich an seiner Stelle befestigt; seine Beine verwandeln sich -in Greif-Organe; es bildet sich ein wohl zusammengesetzter Mund aus; -aber es hat keine Fühler, und seine beiden Augen haben sich jetzt -wieder in einen kleinen und ganz einfachen Augenfleck verwandelt. In -diesem letzten und vollständigen Zustande kann man die Cirripeden als -höher oder als tiefer organisirt betrachten, als sie im Larven-Stande -gewesen sind. In einigen ihrer Sippen jedoch entwickeln sich die Larven -entweder zu Hermaphroditen von der gewöhnlichen Bildung oder zu (von -mir so genannten) komplementären Männchen; und in diesen letzten ist -die Entwickelung gewiss zurückgeschritten, denn sie bestehen in einem -blossen Sack mit kurzer Lebens-Frist, ohne Mund, Magen oder andres -wichtiges Organ, das der Reproduktion ausgenommen.</p> - -<p>Wir sind so sehr gewöhnt, Struktur-Verschiedenheiten zwischen -Embryonen und erwachsenen Organismen zu sehen und<span class="pagenum" id="Seite_475">[S. 475]</span> eben so eine grosse -Ähnlichkeit zwischen den Embryonen weit verschiedener Thiere derselben -Klasse zu finden, dass man sich versucht fühlt, diese Erscheinungen -als nothwendig in gewisser Weise zusammentreffend mit der Entwickelung -zu betrachten. Inzwischen ist doch kein Grund einzusehen, warum der -Plan z. B. zum Flügel der Fledermaus oder zum Ruder der Seeschildkröte -nach allen ihren Theilen in angemessener Proportion nicht schon im -Embryo entworfen worden seyn soll, sobald nur irgend eine Struktur in -demselben sichtbar wurde. Und in einigen ganzen Thier-Gruppen sowohl -als in gewissen Gliedern andrer Gruppen weicht der Embryo zu keiner -Zeit seines Lebens weit vom Erwachsenen ab; — daher O<span class="smaller">WEN</span> -in Bezug auf die Sepien bemerkt hat: „da ist keine Metamorphose; der -Cephalopoden-Charakter ist deutlich schon weit früher als die Theile -des Embryo’s vollständig sind“, und in Bezug auf die Spinnen: „da ist -nichts, was die Benennung Metamorphose verdiente“. Die Insekten-Larven, -mögen sie nun thätig und den verschiedenartigsten Diensten angepasst -oder unthätig von ihren Ältern gefüttert oder mitten in die ihnen -angemessene Nahrung hineingesetzt werden, so haben doch alle eine -ähnliche wurmförmige Entwickelungs-Stufe zu durchlaufen; nur in einigen -wenigen Fällen ist, wie bei Aphis nach den herrlichen Zeichnungen -H<span class="smaller">UXLEY</span>’<span class="smaller">S</span> zu urtheilen, keine Spur eines wurmförmigen Zustandes -zu finden<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a>.</p> - -<p>Wie sind aber dann diese verschiedenen Erscheinungen der Embryologie zu -erklären? — namentlich die sehr gewöhnliche wenn auch nicht allgemeine -Verschiedenheit der Organisation des Embryo’s und des Erwachsenen? — -die ausserordentlich weit auseinanderlaufende Bildung und Verrichtung -von anfangs ganz ähnlichen Theilen eines und desselben Embryos? — -die fast allgemeine obschon nicht ausnahmslose Ähnlichkeit zwischen -Embryonen verschiedener Spezies einer Klasse? — die besondre Anpassung -der Struktur des Embryo’s an seine Existenz-Bedingungen bloss in dem -Falle, dass er zu irgend einer Zeit thätig<span class="pagenum" id="Seite_476">[S. 476]</span> ist und für sich selbst -zu sorgen hat? — die zuweilen anscheinend höhere Organisation des -Embryo’s, als des reifen Thieres, in welches er übergeht? Ich glaube, -dass sich alle diese Erscheinungen auf folgende Weise aus der Annahme -einer Abstammung mit Abänderung erklären lassen.</p> - -<p>Gewöhnlich unterstellt man, vielleicht weil Monstrositäten sich oft -sehr früh am Embryo zu zeigen beginnen, dass geringe Abänderungen -nothwendig in einer gleichmässig frühen Periode des Embryos zum -Vorschein kommen. Doch haben wir dafür wenig Beweise, und der Anschein -spricht sogar für das Gegentheil; denn es ist bekannt, dass die Züchter -von Rindern, Pferden und verschiedenen Thieren der Liebhaberei erst -eine gewisse Zeit nach der Geburt des jungen Thieres zu sagen im Stande -sind, welche Form oder Vorzüge es schliesslich zeigen wird. Wir sehen -Diess deutlich bei unsern Kindern; wir können nicht immer sagen, ob die -Kinder von schlanker oder gedrungener Figur seyn oder wie sonst genau -aussehen werden. Die Frage ist nicht: in welcher Lebens-Periode eine -Abänderung verursacht, sondern in welcher sie vollkommen entwickelt -seyn wird. Die Ursache kann schon gewirkt haben und hat nach meiner -Meinung gewöhnlich gewirkt, ehe sich der Embryo gebildet hat; und die -Abänderung kann davon herkommen, dass das männliche oder das weibliche -Element durch die Lebens-Bedingungen berührt worden ist, welchen die -Ältern oder deren Vorgänger ausgesetzt gewesen sind. Demungeachtet -kann die so in sehr früher Zeit und selbst vor der Bildung des Embryos -veranlasste Wirkung erst spät im Leben hervortreten, wie z. B. auch -eine erbliche Krankheit, die dem Alter angehört, von dem reproduktiven -Elemente eines der Ältern auf die Nachkommen übertragen, oder die -Hörner-Form eines Blendlings aus einer lang- und einer kurz-hörnigen -Rasse von den Hörnern der beiden Ältern bedingt wird. Für das Wohl -eines sehr jungen Thieres, so lange es noch im Mutterleibe oder im -Ei eingeschlossen ist oder von seinen Ältern genährt und geschützt -wird, muss es hinsichtlich der meisten Charaktere ganz unwesentlich -seyn, ob es dieselben etwas früher oder später im Leben erlangt. Es<span class="pagenum" id="Seite_477">[S. 477]</span> -würde z. B. für einen Vogel, der sich sein Futter am besten mit einem -langen Schnabel verschaffte, gleichgültig seyn, ob er die entsprechende -Schnabel-Länge schon bekömmt, so lange er noch von seinen Ältern -gefüttert wird, oder nicht. Daher, schliesse ich, ist es ganz möglich, -dass jede der vielen nacheinander folgenden Modifikationen, wodurch -eine Art ihre gegenwärtige Bildung erlangt hat, in einer nicht sehr -frühen Lebens-Zeit eingetreten seye; und einige direkte Belege von -unseren Hausthieren unterstützen diese Ansicht. In anderen Fällen aber -ist es eben so möglich, dass alle oder die meisten dieser Umbildungen -in einer sehr frühen Zeit hervorgetreten sind.</p> - -<p>Ich habe im ersten Kapitel behauptet, dass einige Wahrscheinlichkeit -vorhanden ist, dass eine Abänderung, die in irgend welcher -Lebens-Zeit der Ältern zum Vorschein gekommen, sich auch in gleichem -Alter wieder beim Jungen zeige. Gewisse Abänderungen können nur -in sich entsprechenden Altern wieder erscheinen, wie z. B. die -Eigenthümlichkeiten der Raupe oder der Puppe des Seidenschmetterlings, -oder der Hörner des fast ausgewachsenen Rindes. Aber auch ausserdem -möchten, soviel zu ersehen, Abänderungen, welche einmal früher -oder später im Leben eingetreten sind, zum Wiedererscheinen im -entsprechenden Alter des Nachkommen geneigt seyn. Ich bin weit -entfernt zu glauben, dass Diess unabänderlich der Fall ist, und könnte -selbst eine gute Anzahl von Beispielen anführen, wo Abänderungen (im -weitesten Sinne des Wortes genommen) im Kinde früher als in den Ältern -eingetreten sind.</p> - -<p>Diese zwei Prinzipien, ihre Richtigkeit zugestanden, werden alle -oben aufgezählten Haupt-Erscheinungen in der Embryologie erklären. -Doch, sehen wir uns zuerst nach einigen analogen Fällen bei unseren -Hausthier-Varietäten um. Einige Autoren, die über den Hund geschrieben, -behaupten der Windhund und der Bullenbeisser seyen, wenn auch noch so -verschieden von Aussehen, in der That sehr nahe verwandte Varietäten, -wahrscheinlich vom nämlichen wilden Stamme entsprossen. Ich war daher -begierig zu erfahren, wie weit ihre neu-geworfenen Jungen von einander -abweichen. Züchter sagten mir, dass sie beinahe eben<span class="pagenum" id="Seite_478">[S. 478]</span> so verschieden -seyen, wie ihre Ältern; und nach dem Augenschein war Diess auch -ziemlich der Fall. Aber bei wirklicher Ausmessung der alten Hunde und -der 6 Tage alten Jungen, fand ich, dass diese letzten noch nicht ganz -die abweichenden Maass-Verhältnisse angenommen hatten. Eben so vernahm -ich, dass die Füllen des Karren- und des Renn-Pferdes eben so sehr wie -die ausgewachsenen Thiere von einander abweichen, was mich höchlich -wunderte, da es mir wahrscheinlich gewesen, dass die Verschiedenheit -zwischen diesen zwei Rassen lediglich eine Folge der Züchtung im -Zähmungs-Zustande seye. Als ich demnach sorgfältige Ausmessungen an -der Mutter und dem drei Tage alten Füllen eines Renners und eines -Karren-Gauls vornahm, so fand ich, dass die Füllen noch keineswegs die -ganze Verschiedenheit in ihren Maass-Verhältnissen besassen.</p> - -<p>Da es mir erwiesen scheint, dass die verschiedenen Haustauben-Rassen -von nur einer wilden Art herstammen, so verglich ich junge Tauben -verschiedener Rassen 12 Stunden nach dem Ausschlüpfen miteinander; -ich mass die Verhältnisse (wovon ich die Einzelnheiten hier nicht -mittheilen will) zwischen dem Schnabel, der Weite des Mundes, der Länge -der Nasenlöcher und des Augenlides, der Läufe und Zehen sowohl beim -wilden Stamme, als bei Kröpfern, Pfauen-Tauben, Runt- und Barb-Tauben -(<a href="#Seite_27">S. 27</a>), Drachen- und Boten-Tauben und Purzlern. Einige von diesen -Vögeln weichen im reifen Zustande so ausserordentlich in der Länge und -Form des Schnabels von einander ab, dass man sie, wären sie natürliche -Erzeugnisse, zweifelsohne in ganz verschiedene Genera bringen würde. -Wenn man aber die Nestlinge dieser verschiedenen Rassen in eine Reihe -ordnet, so erscheinen die Verschiedenheiten ihrer Proportionen in -den genannten Beziehungen, obwohl man die meisten derselben noch von -einander unterscheiden kann, unvergleichbar geringer, als in den -ausgewachsenen Vögeln. Einige charakteristische Differenz-Punkte der -Alten, wie z. B. die Weite des Mundspaltes, sind an den Jungen noch -kaum zu entdecken. Es war nur eine merkwürdige Ausnahme von dieser -Regel, indem die Jungen des kurzstirnigen Purzlers von den Jungen der -wilden Felstaube und der andren<span class="pagenum" id="Seite_479">[S. 479]</span> Rassen in allen Maass-Verhältnissen -fast genau ebenso verschieden waren, wie im erwachsenen Zustande<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a>.</p> - -<p>Die zwei oben aufgestellten Prinzipien scheinen mir diese Thatsachen -in Bezug auf die letzten Embryo-Zustände unsrer zahmen Varietäten zu -erklären. Liebhaber wählen ihre Pferde, Hunde und Tauben zur Nachzucht -aus, wann sie nahezu ausgewachsen sind. Es ist ihnen gleichgültig, ob -die verlangten Bildungen und Eigenschaften früher oder später im Leben -zum Vorschein kommen, wenn nur das ausgewachsene Thier sie besitzt. Und -die eben mitgetheilten Beispiele insbesondre von den Tauben scheinen zu -zeigen, dass die charakteristischen Verschiedenheiten, welche den Werth -einer jeden Rasse bedingen und durch künstliche Züchtung gehäuft worden -sind, gewöhnlich nicht in früher Lebens-Periode zum Vorschein gekommen -und somit auch erst in einem entsprechenden späteren Lebens-Alter auf -den Nachkommen übergingen. Aber der Fall mit dem kurzstirnigen Purzler, -welcher schon in einem Alter von zwölf Stunden seine eigenthümlichen -Maass-Verhältnisse besitzt, beweist, dass Diess keine allgemeine Regel -ist; denn hier müssen die charakteristischen Unterschiede entweder -in einer frühern Periode als gewöhnlich erschienen seyn, oder wenn -nicht, so müssen die Unterschiede statt in dem entsprechenden in einem -früheren Alter vererbt worden seyn.</p> - -<p>Wenden wir nun diese Erscheinungen und die zwei obigen Prinzipien, -die, wenn auch noch nicht erwiesen, doch einigermaassen wahrscheinlich -sind, auf die Arten im Natur-Zustande an. Nehmen wir eine Vogel-Sippe -an, die nach meiner Theorie von irgend einer gemeinsamen Stamm-Art -herkommt, und deren verschiedenen neuen Arten durch natürliche Züchtung -in Übereinstimmung mit ihren verschiedenen Lebens-Weisen modifizirt -worden sind. Dann werden in Folge der vielen successiven kleinen -Abänderungs-Stufen, welche in späterem Alter eingetreten sind und -sich in entsprechendem Alter weiter vererbt haben, die<span class="pagenum" id="Seite_480">[S. 480]</span> Jungen aller -neuen Arten unsrer unterstellten Sippe sich einander offenbar mehr -zu gleichen geneigt seyn, als es bei den Alten der Fall, gerade so -wie wir es bei den Tauben gesehen haben. Dehnen wir diese Ansicht auf -ganze Familien oder selbst Klassen aus. Die vordern Gliedmaassen z. B., -welche der Stamm-Art als Beine gedient, mögen in Folge lang-währender -Modifikation bei einem Nachkommen zu den Diensten der Hand, bei einem -andern zu denen des Ruders und bei einem Dritten zu solchen des Flügels -angepasst worden seyn: so werden nach den zwei obigen Prinzipien, dass -nämlich jede der successiven Modifikationen in einem späteren Alter -entstand und sich auch erst in einem entsprechenden späteren Alter -vererbte, die vordern Gliedmaassen in den Embryonen der verschiedenen -Nachkommen der Stamm-Art einander noch sehr ähnlich seyn; denn sie -sind von den Modifikationen nicht betroffen worden. Nun werden aber -in jeder unsrer neuen Arten die embryonischen Vordergliedmaassen sehr -von denen des reifen Thieres verschieden seyn, weil diese letzten -erst in spätrer Lebens-Periode grosse Abänderung erfahren haben und -in Hände, Ruder und Flügel umgewandelt worden sind. Was immer für -einen Einfluss lange fortgesetzter Gebrauch und Übung einerseits und -Nichtgebrauch andrerseits auf die Abänderung eines Organes haben mag, -so wird ein solcher Einfluss hauptsächlich das reife Thier betreffen, -welches bereits zu seiner ganzen Thatkraft gelangt ist und sein Leben -selber fristen muss; und die so entstandenen Wirkungen werden sich im -entsprechenden reifen Alter vererben. Daher rührt es, dass das Junge -durch die Folgen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs nicht verändert wird -oder nur wenige Abänderung erfährt.</p> - -<p>In gewissen Fällen mögen die aufeinander-folgenden Abänderungs-Stufen, -aus uns ganz unbekannten Gründen, schon in sehr früher Lebens-Zeit -erfolgen, oder jede solche Stufe in einer früheren Lebens-Periode -vererbt werden, als worin sie zuerst entstanden ist. In beiden Fällen -wird das Junge oder der Embryo (wie die Beobachtung am kurzstirnigen -Purzler zeigt) der reifen älterlichen Form vollkommen gleichen. -Wir haben gesehen, dass Diess die Regel ist in einigen ganzen -Thier-Gruppen,<span class="pagenum" id="Seite_481">[S. 481]</span> bei den Sepien und Spinnen, und in einigen wenigen -Fällen auch in der grossen Klasse der sechsfüssigen Insekten, wie -namentlich bei den Blattläusen. Was nun die End-Ursache betrifft, warum -das Junge in diesen Fällen keine Metamorphose durchläuft oder seinen -Ältern von der frühesten Stufe an schon gleicht, so kann Diess etwa von -den folgenden zwei Bedingungen herrühren: erstens davon, dass das Junge -im Verlaufe seiner durch viele Generationen fortgesetzten Abänderung -schon von sehr früher Entwickelungs-Stufe an für seine eignen -Bedürfnisse zu sorgen hatte, und zweitens davon, dass es genau dieselbe -Lebens-Weise wie seine Ältern befolgte. Vielleicht ist jedoch noch eine -Erklärung erforderlich, warum der Embryo keine Metamorphose durchläuft? -Wenn auf der andern Seite es dem Jungen vortheilhaft ist, eine von der -älterlichen etwas verschiedene Lebens-Weise einzuhalten und demgemäss -einen etwas abweichenden Bau zu haben, so kann nach dem Prinzip der -Vererbung in übereinstimmenden Lebens-Zeiten die thätige Larve oder das -Junge durch Natürliche Züchtung leicht eine in merklichem Grade von -der seiner Ältern abweichende Bildung erlangen. Solche Abweichungen -können auch mit den aufeinander folgenden Entwickelungs-Stufen in -Wechselbeziehung treten, so dass die Larve auf ihrer ersten Stufe -weit von der Larve auf der zweiten Stufe abweicht, wie wir bei den -Cirripeden gesehen haben. Das Alte kann sich Lagen und Gewohnheiten -anpassen, wo ihm Bewegungs-, Sinnes- oder andere Organe nutzlos werden, -und in diesem Falle kann man dessen letzte Metamorphose als eine -zurückschreitende bezeichnen.</p> - -<p>Wenn alle organischen Wesen, welche noch leben oder jemals auf dieser -Erde gelebt haben, zusammen klassifizirt werden sollten, so würde, -da alle durch die feinsten Abstufungen mit einander verkettet sind, -die beste, oder in der That, wenn unsre Sammlungen einigermaassen -vollständig wären, die einzige mögliche Anordnung derselben die -genealogische seyn. Gemeinsame Abstammung ist nach meiner Ansicht das -geheime Band, welches die Naturforscher unter dem Namen Natürliches -System gesucht haben. Von dieser Annahme aus begreifen wir, woher -es kommt,<span class="pagenum" id="Seite_482">[S. 482]</span> dass in den Augen der meisten Naturforscher die Bildung -des Embryos für die Klassifikation noch wichtiger als die des -Erwachsenen ist. Denn der Embryo ist das Thier in seinem weniger -modifizirten Zustande und enthüllet uns in so ferne die Struktur eines -Stammvaters. Zwei Thier-Gruppen mögen jetzt in Bau und Lebens-Weise -noch so verschieden von einander seyn; wenn sie gleiche oder ähnliche -Embryo-Stände durchlaufen, so dürfen wir uns überzeugt halten, dass -beide von denselben oder von einander sehr ähnlichen Ältern abstammen -und desshalb in entsprechendem Grade einander nahe verwandt sind. So -verräth Übereinstimmung in der Embryo-Bildung gemeinsame Abstammung. -Sie verräth diese gemeinsame Abstammung, wie sehr auch die Organisation -des Alten abgeändert und verhüllt worden seyn mag; denn wir haben -gesehen, dass die Cirripeden z. B. an ihren Larven sogleich als zur -grossen Klasse der Kruster gehörig erkannt werden können. Da der -Embryo-Zustand einer jeden Art und jeden Arten-Gruppe uns theilweise -den Bau ihrer alten noch wenig modifizirten Stamm-Formen überliefert, -so ergibt sich auch deutlich, warum alte und erloschene Lebenformen -den Embryonen ihrer Nachkommen, unsren heutigen Sippen nämlich, -gleichen. Agassiz hält Diess für ein Natur-Gesetz; ich bin aber zu -bekennen genöthigt, dass ich erst später das Gesetz noch bestätigt zu -sehen hoffe. Denn es lässt sich nur in den Fällen allein beweisen, wo -der alte, angeblich in den jetzigen Embryonen vertretene Zustand in -dem langen Verlaufe andauernder Modifikation weder durch successive -in einem frühen Lebens-Alter erfolgte Abänderungen noch durch -Vererbung der Abweichungen auf ein früheres Lebens-Alter, als worin -sie ursprünglich aufgetreten sind, vermischt worden ist. Auch ist zu -erwägen, dass das angebliche Gesetz der Ähnlichkeit alter Lebenformen -mit den Embryo-Ständen der neuen ganz wahr seyn und doch, weil sich der -geologische Schöpfungs-Bericht nicht weit genug rückwärts erstreckt, -noch auf lange hinaus oder für immer unbeweisbar bleiben kann.</p> - -<p>So scheinen sich mir die Haupterscheinungen in der Embryologie, welche -an naturgeschichtlicher Wichtigkeit keinen andern<span class="pagenum" id="Seite_483">[S. 483]</span> nachstehen, aus -dem Prinzip zu erklären: dass geringe Modifikationen in der langen -Reihe von Nachkommen eines alten Stammvaters, wenn auch vielleicht in -sehr frühem Älter weiter vererbt worden sind. Die Embryologie gewinnt -sehr an Interesse, wenn wir uns den Embryo als ein mehr oder weniger -vererbliches Bild der gemeinsamen Stamm-Form einer jeden grossen -Thier-Klasse vorstellen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Rudimentäre, atrophische und abortive Organe.</em>) Organe -oder Theile, in diesem eigenthümlichen Zustande den Stempel der -Nutzlosigkeit tragend, sind in der Natur äusserst gewöhnlich. So -sind rudimentäre Zitzen sehr gewöhnlich bei männlichen Säugthieren, -und ich glaube, dass man den Afterflügel der Vögel getrost als einen -verkümmerten Finger ansehen darf. In vielen Schlangen ist der eine -Lungenflügel verkümmert, und in andern Schlangen kommen Rudimente -des Beckens und der Hinterbeine vor. Einige Beispiele von solchen -Organen-Rudimenten sind sehr eigenthümlich, wie die Anwesenheit von -Zähnen bei Wal-Embryonen, die in erwachsenem Zustande nicht einen Zahn -im ganzen Kopfe haben; und das Daseyn von Schneide-Zähnen am Oberkiefer -unsrer Kälber vor der Geburt, welche aber niemals das Zahnfleisch -durchbrechen. Auch ist von einem guten Gewährsmann behauptet worden, -dass sich Zahn-Rudimente in den Schnäbeln der Embryonen gewisser -Vögel entdecken lassen. Nichts kann klarer seyn, als dass die Flügel -zum Fluge gemacht sind; und doch, in wie vielen Insekten sehen wir -die Flügel so verkleinert, dass sie zum Fluge ganz unbrauchbar und -überdiess noch unter fest miteinander verwachsenen Flügeldecken -verborgen liegen.</p> - -<p>Die Bedeutung rudimentärer Organe ist oft unverkennbar. So gibt es -z. B. in einer Sippe (und zuweilen in einer Spezies) beisammen Käfer, -die sich in allen Beziehungen aufs Genaueste gleichen, nur dass -die einen vollständig ausgebildete Flügel und die andern an deren -Stelle nur Haut-Lappen haben; und hier ist es unmöglich zu zweifeln, -dass diese Lappen die Flügel vertreten. Rudimentäre Organe behalten -zuweilen noch ihre Dienstfähigkeit, ohne ausgebildet zu seyn, wie die -Milchzitzen<span class="pagenum" id="Seite_484">[S. 484]</span> männlicher Säugethiere, wo von vielen Fällen berichtet -wird, dass diese Organe in ausgewachsenen Männchen sich wohl entwickelt -und Milch abgesondert haben. So hat das weibliche Rind gewöhnlich vier -entwickelte und zwei rudimentäre Zitzen am Euter; aber bei unsrer -zahmen Kuh entwickeln sich gewöhnlich auch die zwei letzten und geben -Milch. Bei Pflanzen sind in einer und der nämlichen Spezies die -Kronenblätter bald nur als Rudimente und bald in ganz ausgebildetem -Zustande vorhanden. Bei Pflanzen mit getrennten Geschlechtern haben -die männlichen Blüthen oft ein Rudiment von Pistill, und bei Kreutzung -einer solchen männlichen Pflanze mit einer hermaphroditischen Art -sah K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> in dem Bastard das Pistill-Rudiment an Grösse -zunehmen, woraus sich ergibt, dass das Rudiment und das vollkommene -Pistill sich in ihrer Natur wesentlich gleichen.</p> - -<p>Ein für zweierlei Verrichtungen dienendes Organ kann für die eine und -sogar die wichtigere derselben rudimentär werden oder ganz fehlschlagen -und in voller Wirksamkeit für die andre bleiben. So ist die Bestimmung -des Pistills, die Pollen-Schläuche in den Stand zu setzen, die in -dem Ovarium an seiner Basis enthaltenen Ei’chen zu erreichen. Das -Pistill besteht aus der Narbe vom Griffel getragen; bei einigen -Compositae jedoch haben die männlichen Blüthchen, welche mithin nicht -befruchtet werden können, ein Pistill in rudimentärem Zustande, indem -es keine Narbe besitzt, und doch bleibt es sonst wohl entwickelt und -wie in andern Compositae mit Haaren überzogen, um den Pollen von den -umgebenden Antheren abzustreifen. So kann auch ein Organ für seine -eigene Bestimmung rudimentär werden und für einen andern Zweck dienen, -wie in gewissen Fischen die Schwimmblase für ihre eigene Verrichtung, -den Fisch im Wasser zu erleichtern, beinahe rudimentär zu werden -scheint, indem sie in ein Athmungs-Organ oder Lunge überzugehen beginnt.</p> - -<p>Nur wenig entwickelte aber doch brauchbare Organe sollten nicht -rudimentär genannt werden; man kann nicht mit Recht sagen, sie seyen in -atrophischem Zustand; sie mögen für „werdende“ Organe gelten und später -durch natürliche Züchtung in irgend welchem Maasse weiter entwickelt -werden. Dagegen sind<span class="pagenum" id="Seite_485">[S. 485]</span> rudimentäre Organe oft wesentlich nutzlos: wie -Zähne, welche niemals das Zahnfleisch durchbrechen, in ihrem noch wenig -entwickelten Zustande auch nur von wenig Nutzen seyn können. Bei ihrer -jetzigen Beschaffenheit können sie nicht von Natürlicher Züchtung -herrühren, welche bloss durch Erhaltung nützlicher Abänderungen -wirkt; sie sind, wie wir sehen werden, nur durch Vererbung erhalten -worden<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a> und stehen mit der frühern Beschaffenheit ihres Besitzers -in Verbindung. Es ist schwer zu erkennen, was „werdende“ Organe sind; -in Bezug auf die Zukunft kann man nicht sagen, in welcher Weise sich -ein Theil entwickeln wird, und ob es jetzt ein „werdender“ ist; in -Bezug auf die Vergangenheit, so werden Geschöpfe mit werdenden Organen -gewöhnlich durch ihre Nachfolger mit vollkommeneren und entwickelteren -Organen ersetzt und ausgetilgt worden seyn. Der Flügel-Stümmel des -Pinguins ist als Ruder wirkend von grossem Nutzen und mag daher den -beginnenden Vogel-Flügel vorstellen; nicht als ob ich glaubte, dass er -es wirklich seye, denn wahrscheinlich ist er ein reduzirtes und für -eine neue Bestimmung hergerichtetes Organ. Der Flügel des Apteryx ist -nutzlos und ganz rudimentär. Die Milchzitzen-Drüse des Ornithorhynchus -kann vielleicht, einem Kuh-Euter gegenüber, als eine werdende -bezeichnet werden. Die Eierzügel gewisser Cirripeden (<a href="#Seite_219">S. 219</a>), welche -nur wenig entwickelt sind und nicht mehr zur Befestigung der Eier -dienen, sind werdende Kiemen.</p> - -<p>Rudimentäre Organe in Individuen einer nämlichen Art variiren sehr -gerne in ihrer Entwickelungs-Stufe sowohl als in andern Beziehungen. -Ausserdem ist der Grad, bis zu welchem das Organ rudimentär geworden, -in nahe verwandten Arten zuweilen sehr verschieden. Für diesen letzten -Fall liefert der Zustand der Flügel bei einigen Nacht-Schmetterlingen -ein gutes Beispiel. Rudimentäre Organe können gänzlich fehlschlagen -oder<span class="pagenum" id="Seite_486">[S. 486]</span> abortiren, und daher rührt es dann, dass wir in einem Thiere -oder einer Pflanze nicht einmal eine Spur mehr von einem Organe -finden, welches wir dort zu erwarten berechtigt sind und nur zuweilen -noch in monströsen Individuen hervortreten sehen. So finden wir z. B. -im Löwenmaul (Antirrhinum) gewöhnlich kein Rudiment eines fünften -Staubgefässes; doch kommt Diess zuweilen zum Vorschein. Wenn man die -Homologien eines Theiles in den verschiedenen Gliedern einer Klasse -verfolgt, so ist nichts gewöhnlicher oder nothwendiger, als die -Entdeckung von Rudimenten. R. O<span class="smaller">WEN</span> hat Diess ganz gut in -Zeichnungen der Bein-Knochen des Pferdes, des Ochsen und des Nashorns -dargestellt.</p> - -<p>Es ist eine wichtige Erscheinung, dass rudimentäre Organe, wie -die Zähne im Oberkiefer der Wale und Wiederkäuer, oft im Embryo -zu entdecken sind und nachher völlig verschwinden. Auch ist es, -glaube ich, eine allgemeine Regel, dass ein rudimentäres Organ den -angrenzenden Theilen gegenüber im Embryo grösser als im Erwachsenen -erscheint, so dass das Organ im Embryo minder rudimentär ist und oft -kaum als irgendwie rudimentär bezeichnet werden kann; oder man sagt oft -von ihm, es seye auf seiner embryonalen Entwickelungs-Stufe auch im -Erwachsenen stehen geblieben.</p> - -<p>Ich habe jetzt die leitenden Erscheinungen bei rudimentären Organen -aufgeführt. Bei weiterem Nachdenken darüber muss jeder von Erstaunen -betroffen werden; denn dieselbe Urtheilskraft, welche uns so deutlich -erkennen lässt, wie vortrefflich die meisten Theile und Organe -ihren verschiedenen Bestimmungen angepasst sind, lehrt uns auch mit -gleicher Deutlichkeit, dass diese rudimentären oder atrophirten Organe -unvollkommen und nutzlos sind. In den naturgeschichtlichen Werken -liest man gewöhnlich, dass die rudimentären Organe nur der „Symmetrie -wegen“ oder „um das Schema der Natur zu ergänzen“ vorhanden sind; -Diess scheint mir aber keine Erklärung, sondern eine andre blosse -Behauptung der Thatsache zu seyn. Würde es denn genügen zu sagen, -weil Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne laufen, nehmen -Satelliten denselben Lauf um die Planeten nur der Symmetrie wegen und -um das Schema der Natur zu<span class="pagenum" id="Seite_487">[S. 487]</span> vervollständigen? Ein ausgezeichneter -Physiologe sucht das Vorkommen rudimentärer Organe durch die Annahme -zu erklären, dass sie dazu dienen, überschüssige oder dem Systeme -schädliche Materie auszuscheiden. Aber kann man denn annehmen, dass das -kleine nur aus Zellgewebe bestehende Wärzchen, welches in männlichen -Blüthen oft die Stelle des Pistills vertritt, Diess zu bewirken -vermöge? Kann man unterstellen, dass die Bildung rudimentärer Zähne, -die später wieder resorbirt werden, dem in raschem Wachsen begriffenen -Kalb-Embryo durch Ausscheidung der ihm so werthvollen phosphorsauren -Kalkerde von irgend welchem Nutzen seyn könne? Wenn ein Mensch durch -Amputation einen Finger verliert, so kommt an dem Stümmel zuweilen ein -unvollkommener Nagel wieder zum Vorschein. Man könnte nun gerade so gut -glauben, dass dieses Rudiment eines Nagels nicht in Folge unbekannter -Wachsthums-Gesetze, sondern nur um Horn-Materie auszuscheiden wieder -erscheine, als dass die Nagel-Stümmel an den Ruderhänden des Mantels -dazu bestimmt seyen.</p> - -<p>Nach meiner Annahme von Fortpflanzung mit Abänderung erklärt sich die -Entstehung rudimentärer Organe sehr einfach. Wir kennen eine Menge -Beispiele von rudimentären Organen bei unseren Kultur-Erzeugnissen, -wie der Schwanz-Stümmel in ungeschwänzten Rassen, der Ohr-Stümmel -in Ohr-losen Rassen, das Wiedererscheinen kleiner nur in der Haut -hängender Hörner bei ungehörnten Rinder-Rassen und besonders, nach -Y<span class="smaller">OUATT</span>, bei jungen Thieren derselben, und wie der Zustand der -ganzen Blüthe im Blumenkohl. Oft sehen wir auch Stümmel verschiedener -Art bei Missgeburten. Aber ich bezweifle, dass einer von diesen Fällen -geeignet ist, die Bildung rudimentärer Organe in der Natur weiter zu -beleuchten, als dass er uns zeigt, dass Stümmel entstehen können; -denn ich bezweifle eben so, dass Arten im Natur-Zustande jemals -plötzlichen Veränderungen unterliegen. Ich glaube, dass Nichtgebrauch -dabei hauptsächlich in Betracht komme, der während einer langen -Generationen-Reihe die allmähliche Abschwächung der Organe veranlassen -kann, bis sie endlich nur noch als Stümmel erscheinen: so bei den Augen -in<span class="pagenum" id="Seite_488">[S. 488]</span> dunklen Höhlen lebender Thiere, welche nie etwas sehen und bei den -Flügeln ozeanische Inseln bewohnender Vögel, welche selten zu fliegen -nöthig haben und daher dieses Vermögen zuletzt gänzlich einbüssen. -Ebenso kann ein unter Umständen nützliches Organ unter andern -Umständen sogar nachtheilig werden, wie die Flügel der auf kleinen und -ausgesetzten Inseln lebenden Insekten. In diesem Falle wird Natürliche -Züchtung fortwährend bestrebt seyn, das Organ langsam zu reduziren, bis -es unschädlich und rudimentär wird.</p> - -<p>Eine Änderung in den Verrichtungen, welche in unmerkbaren Abstufungen -eintreten kann, liegt im Bereiche der Natürlichen Züchtung; daher -ein Organ, welches in Folge geänderter Lebens-Weise nutzlos oder -nachtheilig für seine Bestimmung wird, abgeändert und für andre -Verrichtungen verwendet werden kann. Oder ein Organ wird nur noch -für eine von seinen früheren Verrichtungen beibehalten. Ein nutzlos -gewordenes Körper-Glied mag veränderlich seyn, weil seine Abänderungen -nicht durch Natürliche Züchtung geleitet werden können. In welchem -Lebens-Abschnitte nun ein Organ durch Nichtbenützung oder Züchtung -reduzirt werden mag (und Diess wird gewöhnlich erst der Fall seyn, -wenn das Thier zu seiner vollen Reife und Thatkraft gelangt ist): -so wird nach dem Prinzip der Wiedervererbung in sich entsprechenden -Altern dieses Organ in reduzirtem Zustande stets im nämlichen Alter -wieder erscheinen und sich mithin nur selten im Embryo ändern -oder verkleinern. So erklärt sich mithin die verhältnissmässig -beträchtlichere Grösse rudimentärer Organe im Embryo und deren -vergleichungsweise geringere Grösse im Erwachsenen. Wenn aber jede -Abstufung im Reduktions-Prozesse nicht in einem entsprechenden Alter, -sondern in einer sehr frühen Lebens-Periode vererbt werden sollte -(was wir guten Grund haben für möglich zu halten), so würde das -rudimentäre Organ endlich ganz zu verschwinden streben und den Fall -eines vollständigen Fehlschlagens darbieten. Auch das in einem früheren -Kapitel erläuterte Prinzip der Ökonomie, wornach die zur Bildung eines -dem Besitzer nicht mehr nützlichen Theiles verwendeten Bildungs-Stoffe -erspart werden, mag wohl oft mit ins<span class="pagenum" id="Seite_489">[S. 489]</span> Spiel kommen; und Diess wird dann -dazu beitragen, das gänzliche Verschwinden eines schon verkümmerten -Organes zu bewirken.</p> - -<p>Da hiernach die Anwesenheit rudimentärer Organe von dem Streben -eines jeden Theiles der Organisation sich nach langer Existenz -erblich zu übertragen bedingt ist, so wird aus dem Gesichtspunkte -einer genealogischen Klassifikation begreiflich, wie es komme, dass -Systematiker die rudimentären Organe für ihren Zweck zuweilen eben -so nützlich befunden haben, als die Theile von hoher physiologischer -Wichtigkeit. Organe-Stümmel kann man mit den Buchstaben eines Wortes -vergleichen, welche beim Buchstabiren desselben noch beibehalten -aber nicht mit ausgesprochen werden und bei Nachforschungen über -dessen Ursprung als vortreffliche Führer dienen. Nach der Annahme -einer Fortpflanzung mit Abänderung können wir schliessen, dass das -Vorkommen von Organen in einem verkümmerten, unvollkommenen und -nutzlosen Zustande und deren gänzliches Fehlschlagen, statt wie bei der -gewöhnlichen Theorie der Schöpfung grosse Schwierigkeiten zu bereiten, -vielmehr vorauszusehen war und aus den Erblichkeits-Gesetzen zu -erklären ist.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung.</em>) Ich habe in diesem Kapitel zu zeigen -gesucht, dass die Unterordnung der Organismen-Gruppen aller Zeiten -untereinander, — dass die Natur der Beziehungen, nach welchen alle -lebenden und erloschenen Wesen durch zusammengesetzte, strahlenförmige -und oft sehr mittelbar zusammenhängende Verwandtschafts-Linien -zu einem grossen Systeme vereinigt werden, — dass die von den -Naturforschern bei ihren Klassifikationen befolgten Regeln und -begegneten Schwierigkeiten, — dass der auf die beständigen und -andauernden Charaktere gelegte Werth, gleichviel ob sie für die -Lebens-Verrichtungen von grosser oder, wie die der rudimentären -Organe von gar keiner Wichtigkeit seyen, — dass der weite -Unterschied im Werthe zwischen analogen oder Anpassungs- und wahren -Verwandtschafts-Charakteren: — dass alle diese und noch viele andre -solcher regelmässigen Erscheinungen sich Natur-gemäss aus der Annahme -einer gemeinsamen Abstammung der bei den Naturforschern<span class="pagenum" id="Seite_490">[S. 490]</span> als verwandt -geltenden Formen und deren Modifikation durch Natürliche Züchtung in -Begleitung von Erlöschung und von Divergenz des Charakters herleiten -lassen. Von diesem Standpunkte aus die Klassifikation beurtheilend wird -man sich erinnern, dass das Element der Abstammung in so fern schon -längst allgemein berücksichtigt wird, als man beide Geschlechter, die -manchfaltigsten Entwickelungs-Formen und die anerkannten Varietäten, -wie verschieden von einander sie auch in ihrem Baue seyn mögen, -alle in eine Art zusammenordnet. Wenn wir nun die Anwendung dieses -Elementes als die einzige mit Sicherheit erkannte Ursache von der -Ähnlichkeit organischer Wesen unter einander etwas weiter ausdehnen, -so wird uns die Bedeutung des natürlichen Systemes klarer werden: -es ist ein Versuch genealogischer Anordnung, worin die Grade der -Verschiedenheiten, in welche die einzelnen Verzweigungen aus einander -gelaufen sind, mit den Kunst-Ausdrücken Abarten, Arten, Sippen, -Familien, Ordnungen und Klassen bezeichnet werden.</p> - -<p>Indem wir von der Annahme einer Fortpflanzung mit Abänderung ausgehen, -werden uns manche Haupterscheinungen in der Morphologie erklärlich: -sowohl das gemeinsame Modell, wornach die homologen Organe, zu welchem -Zwecke sie auch immer bestimmt seyn mögen, bei allen Arten einer -Klasse gebildet sind, als die Modelung aller homologen Theile eines -jeden Pflanzen- oder Thier-Individuums nach einem solchen gemeinsamen -Vorbilde.</p> - -<p>Andre der wichtigsten Erscheinungen in der Embryonologie dagegen -erklären sich aus dem Prinzip, dass allmähliche geringe Abänderungen -nicht nothwendig oder allgemein schon in einer sehr frühen Lebens-Zeit -eintreten, und dass sie sich in entsprechendem Alter weiter vererben. -So die Ähnlichkeit der homologen Theile in einem Embryo, welche im -reifen Alter in Form und Verrichtungen weit auseinander gehen, — und -die Ähnlichkeit der homologen Theile oder Organe in verschiedenen -Arten einer Klasse, obwohl sie den erwachsenen Thieren zu den möglich -verschiedenen Zwecken dienen. Larven sind selbst-thätige Embryonen, -welche daher auch schon je für ihre verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_491">[S. 491]</span> Lebens-Weise nach -dem Prinzip der Vererbung in gleichen Altern modifizirt worden sind. -Nach diesem nämlichen Prinzipe und in Betracht dass, wenn Organe in -Folge von Nichtgebrauch oder von Züchtung an Stärke abnehmen, Diess -gewöhnlich in derjenigen Lebens-Periode geschieht, wo das Wesen für -seine Bedürfnisse selbst zu sorgen hat, und in fernerem Betracht, -wie strenge das Walten des Erblichkeits-Prinzips ist: bietet uns -das Vorkommen rudimentärer Organe und ihr endlich vollständiges -Verschwinden keine unerklärbare Schwierigkeit dar; im Gegentheil haben -wir deren Vorkommen voraus sehen können. Die Wichtigkeit embryonischer -Charaktere und rudimentärer Organe für die Klassifikation wird aus der -Annahme begreiflich, dass nur eine genealogische Anordnung natürlich -seyn kann.</p> - -<p>Endlich: die verschiedenen Klassen von Thatsachen, welche in diesem -Kapitel in Betracht gezogen worden sind, scheinen mir so deutlich zu -verkündigen, dass die zahllosen Arten, Sippen und Familien organischer -Wesen, womit diese Welt bevölkert ist, allesammt und jedes wieder in -seiner eigenen Klasse oder Gruppe insbesondre, von gemeinsamen Ältern -abstammen und im Laufe der Fortpflanzung wesentlich modifizirt worden -sind, dass ich mir diese Anschauungs-Weise ohne Zögern aneignen würde, -selbst wenn ihr keine sonstigen Thatsachen und Argumente mehr zu Hilfe -kämen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br /> - -<b>Allgemeine Wiederholung und Schluss.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher -Züchtung. — Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände, -zu deren Gunsten. — Ursachen des allgemeinen Glaubens an die -Unveränderlichkeit der Arten. — Wie weit die Theorie Natürlicher -Züchtung auszudehnen. — Folgen ihrer Annahme für das Studium der -Naturgeschichte. — Schluss-Bemerkungen.</p> - -<p>Da dieser ganze Band eine lange Beweisführung ist, so mag es für den -Leser angenehm seyn, die leitenden Thatsachen und Schlussfolgerungen -kürzlich wiederholt zu sehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_492">[S. 492]</span></p> - -<p>Ich läugne nicht, dass man viele und ernste Einwände gegen die Theorie -der Abstammung mit fortwährender Abänderung durch Natürliche Züchtung -vorbringen kann. Ich habe versucht, sie in ihrer ganzen Stärke zu -entwickeln. Nichts kann im ersten Augenblick weniger glaubhaft -scheinen, als dass die zusammengesetztesten Organe und Instinkte -ihre Vollkommenheit erlangt haben sollen nicht durch höhere und doch -der menschlichen Vernunft analoge Kräfte, sondern durch die blosse -Zusammensparung zahlloser kleiner aber jedem individuellen Besitzer -vortheilhafter Abänderungen. Diese Schwierigkeit, wie unübersteiglich -gross sie auch unsrer Einbildungs-Kraft erscheinen mag, kann gleichwohl -nicht für wesentlich gelten, wenn wir folgende Vordersätze zulassen: -dass alle Organe und Instinkte in, wenn auch noch so geringem Grade, -veränderlich sind; — dass ein Kampf ums Daseyn bestehe, welcher zur -Erhaltung einer jeden für den Besitzer nützlichen Abweichung von -den bisherigen Bildungen oder Instinkten führt, — und endlich dass -Abstufungen in der Vollkommenheit eines jeden Organes bestanden haben, -die alle in ihrer Weise gut waren. Die Wahrheit dieser Sätze kann nach -meiner Meinung nicht bestritten werden.</p> - -<p>Es ist ohne Zweifel äusserst schwierig auch nur eine Vermuthung darüber -auszusprechen, durch welche Abstufungen, zumal in durchbrochnen und -erlöschenden Gruppen organischer Wesen, manche Bildungen vervollkommnet -worden seyen; aber wir sehen so viele befremdende Abstufungen in der -Natur, dass wir äusserst vorsichtig seyn müssen zu sagen, dass ein -Organ oder Instinkt oder ein ganzes Wesen nicht durch stufenweise -Fortschritte zu seiner gegenwärtigen Vollkommenheit gelangt seyn könne. -Insbesondere muss man zugeben, dass schwierige Fälle besondrer Art -der Theorie der Natürlichen Züchtung entgegentreten, und einer der -schwierigsten Fälle dieser Art zeigt sich in dem Vorkommen von zwei -oder drei bestimmten Kasten von Arbeitern oder unfruchtbaren Weibchen -in einer und derselben Ameisen-Gemeinde; doch habe ich zu zeigen -versucht, dass auch diese Schwierigkeit zu überwinden ist.</p> - -<p>Was die fast allgemeine Unfruchtbarkeit der Arten bei ihrer<span class="pagenum" id="Seite_493">[S. 493]</span> Kreutzung -anbelangt, die einen so merkwürdigen Gegensatz zur fast allgemeinen -Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten bildet, so muss ich den Leser -auf die am Ende des achten Kapitels gegebene Zusammenfassung der -Thatsachen verweisen, welche mir entscheidend genug zu seyn scheinen -um darzuthun, dass diese Unfruchtbarkeit in nicht höherem Grade -eine angeborne Eigenthümlichkeit bildet, als die Schwierigkeit zwei -Baum-Arten aufeinander zu propfen; sondern dass sie zusammenfalle mit -der Verschiedenheit der Lebensthätigkeit im Reproduktiv-Systeme der -gekreutzten Arten. Wir finden die Bestätigung dieser Annahme in der -weiten Verschiedenheit der Ergebnisse, wenn die nämlichen zwei Arten -wechselseitig von einander befruchtet werden, d. h. wenn eine Stelle -zuerst als Vater und dann als Mutter erscheint.</p> - -<p>Obwohl die Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten und ihrer Blendlinge -von so vielen Autoren als allgemein bezeichnet worden ist, so kann -Diess doch nach den von G<span class="smaller">ÄRTNER</span> und K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> -mitgetheilten Thatsachen nicht als richtig gelten. Auch kann uns ihre -sehr häufige Fruchtbarkeit nicht überraschen, wenn wir bedenken, -dass es nicht aussieht, als ob ihre Konstitutionen überhaupt oder -ihre Reproduktiv-Systeme sehr angegriffen worden seyen. Überdiess -sind die meisten zu Versuchen benützten Abarten aus Kultur der Arten -hervorgegangen, und da die Kultur die Unfruchtbarkeit offenbar -zu vermindern strebt, so dürfen wir nicht erwarten, dass sie -Unfruchtbarkeit irgendwo veranlasse.</p> - -<p>Die Unfruchtbarkeit der Bastarde ist eine von der der ersten Kreutzung -sehr verschiedene Erscheinung, da ihre Reproduktiv-Organe mehr oder -weniger unfähig zur Verrichtung sind, während sich bei den ersten -Kreutzungen die beiderseitigen Organe in vollkommenem Zustande -befinden. Da wir Organismen aller Art durch Störung ihrer Konstitution -unter nur wenig abweichenden Lebens-Bedingungen fortwährend mehr und -weniger steril werden sehen, so dürfen wir uns nicht wundern, dass -Bastarde weniger fruchtbar sind; denn ihre Konstitution kann als durch -Verschmelzung zweier verschiedenen Organisationen kaum anders gelitten -haben. Dieser Parallelismus wird noch durch eine andre<span class="pagenum" id="Seite_494">[S. 494]</span> parallele aber -gerade entgegengesetzte Klasse von Erscheinungen unterstützt: dass -nämlich die Kraft-Entwickelung und Fruchtbarkeit aller Organismen durch -geringen Wechsel in ihren Lebens-Bedingungen zunimmt und dass die -Nachkommen wenig modifizirter Formen oder Abarten durch die Kreutzung -an Kraft und Fruchtbarkeit gewinnen. Ebenso vermindern einerseits -beträchtliche Veränderungen in den Lebens-Bedingungen und Kreutzungen -zwischen sehr verschiedenen Formen die Fruchtbarkeit, wie anderseits -geringere Veränderungen dieselbe zwischen nur wenig abgeänderten Formen -vermehren.</p> - -<p>Wenden wir uns zur geographischen Verbreitung, so erscheinen auch da -die Schwierigkeiten für die Theorie der Fortpflanzung mit fortwährender -Abänderung erheblich genug. Alle Individuen einer Art und alle Arten -einer Sippe oder selbst noch höherer Gruppen müssen von gemeinsamen -Ältern herkommen; wesshalb sie, wenn auch noch so weit zerstreut und -isolirt in der Welt, im Laufe aufeinander-folgender Generationen aus -einer Gegend in die andre gewandert seyn müssen. Wir sind oft ganz -ausser Stand auch nur zu vermuthen, auf welche Weise Diess geschehen -seyn möge. Da wir jedoch anzunehmen berechtigt sind, dass einige Arten -die nämliche spezifische Form während ungeheuer langen Perioden, in -Jahren gemessen, beibehalten haben, so darf man kein allzu grosses -Gewicht auf die gelegentliche weite Verbreitung einer Spezies legen; -denn während solcher ausserordentlich langer Zeit-Perioden wird sie -auch zu weiter Verbreitung irgend welche Mittel gefunden haben. Eine -durchbrochene oder zerspaltene Gruppe lässt sich oft durch Erlöschen -der vermittelnden Arten erklären. Es ist nicht zu läugnen, dass wir mit -den manchfaltigen klimatischen und geographischen Veränderungen, welche -die Erde erst in der laufenden Periode erfahren, noch ganz unbekannt -sind; und solche Veränderungen müssen die Wanderungen offenbar in hohem -Grade befördert haben. Beispielsweise habe ich zu zeigen versucht, wie -mächtig die Eis-Zeit auf die Verbreitung sowohl der identischen als der -stellvertretenden Formen über die Erd-Oberfläche gewirkt habe. Ebenso -sind wir auch fast ganz unbekannt mit den vielen<span class="pagenum" id="Seite_495">[S. 495]</span> gelegenheitlichen -Transport-Mitteln. Was die Erscheinung betrifft, dass verschiedene -Arten einer Sippe sehr entfernt von einander abgesonderte Gegenden -bewohnen, so sind, da der Abänderungs-Prozess nothwendig sehr langsam -vor sich geht, während sehr langer Zeit-Abschnitte für alle Wanderungen -genügende Gelegenheiten vorhanden gewesen, wodurch sich einigermaassen -die Schwierigkeit vermindert die weite Verbreitung der Arten einer -Sippe zu erklären.</p> - -<p>Da nach der Theorie der Natürlichen Züchtung eine endlose Anzahl -Mittelformen alle Arten jeder Gruppe durch eben so feine Abstufungen, -als unsre jetzigen Varietäten darstellen, miteinander verkettet -haben muss, so wird man die Frage aufwerfen, warum wir nicht diese -vermittelnden Formen rund um uns her erblicken? Warum fliessen nicht -alle organischen Formen zu einem unentwirrbaren Chaos zusammen? Aber -was die noch lebenden Formen betrifft, so sind wir (mit Ausnahme -einiger seltenen Fälle) wohl nicht zur Erwartung berechtigt, direkt -vermittelnde Glieder zwischen ihnen selbst, sondern nur etwa zwischen -ihnen und einigen erloschenen und ersetzten Formen zu entdecken. -Selbst auf einem weiten Gebiete, das während einer langen Periode -seinen Zusammenhang bewahrt hat und dessen Klima und übrigen -Lebens-Bedingungen nur allmählich von einem Bezirke zu andern von -nahe verwandten Arten bewohnten Bezirken abändern, selbst da sind -wir nicht berechtigt oft die Erscheinung vermittelnder Formen in den -Grenz-Strichen zu erwarten. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass -nur wenige Arten einer Sippe jemals Abänderungen erleiden, da die -andern gänzlich erlöschen, ohne eine abgeänderte Nachkommenschaft zu -hinterlassen. Von den veränderlichen Arten ändern immer nur wenige -in der nämlichen Gegend zugleich ab, und alle Abänderungen gehen -nur langsam vor sich. Ich habe auch gezeigt, dass die vermittelnden -Formen, welche anfangs wahrscheinlich in den Zwischenstrichen vorhanden -gewesen, einer Ersetzung durch die verwandten Formen von beiden Seiten -her unterlegen sind, die vermöge ihrer grossen Anzahl gewöhnlich -schnellere Fortschritte in ihren Abänderungen und Verbesserungen als -die minder zahlreich vertretenen Mittelformen<span class="pagenum" id="Seite_496">[S. 496]</span> machen, so dass diese -vermittelnden Abarten mit der Länge der Zeit ersetzt und vertilgt -werden.</p> - -<p>Nach dieser Lehre von der Unterdrückung einer unendlichen Menge -vermittelnder Glieder zwischen den erloschenen und lebenden -Bewohnern der Erde und eben so zwischen den Arten einer jeden der -aufeinandergefolgten Perioden und den ihnen zunächst vorangegangenen -fragt es sich, warum nicht jede geologische Formation mit Resten -solcher Glieder erfüllt ist? und warum nicht jede Sammlung fossiler -Reste einen klaren Beweis von solcher Abstufung und Umänderung der -Lebenformen darbietet. Obwohl geologische Untersuchung uns die frühere -Existenz vieler Mittelglieder zur näheren Verkettung zahlreicher -Lebenformen miteinander dargethan, so liefert sie uns doch nicht die -unendlich zahlreichen feineren Abstufungen zwischen den früheren -und jetzigen Arten, welche meine Theorie erfordert, und Diess ist -eine der handgreiflichsten und stärksten von den vielen gegen meine -Theorie vorgebrachten Einwendungen. Und wie kommt es, dass ganze -Gruppen verwandter Arten in dem einen oder dem andern geologischen -Schichten-Systeme oft so plötzlich aufzutreten scheinen (gewiss oft -<em class="gesperrt">nur</em> scheinen!). Warum finden wir nicht grosse Schichten-Stösse -unter dem Silur-Systeme erfüllt mit den Überbleibseln der Stammväter -der silurischen Organismen-Gruppen? Denn nach meiner Theorie müssen -solche Schichten-Systeme in diesen alten und gänzlich unbekannten -Abschnitten der Erd-Geschichte gewiss irgendwo abgesetzt worden seyn.</p> - -<p>Man kann auf diese Fragen und gewichtigen Einwände nur mit der -Annahme antworten, dass der geologische Schöpfungs-Bericht bei weitem -unvollständiger ist, als die meisten Geologen glauben. Es lässt sich -nicht einwenden, dass für irgend welches Maass organischer Abänderung -nicht genügende Zeit gewesen; denn die Länge der abgelaufenen Zeit -ist für menschliche Begriffe unfassbar. Die Menge der Exemplare in -allen unsren Museen zusammengenommen ist absolut nichts im Vergleich -mit den zahllosen Generationen zahlloser Arten, welche sicherlich -schon existirt haben. Die gemeinsame Stammform von je 2–3 Arten wird -nicht in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen<span class="pagenum" id="Seite_497">[S. 497]</span> denen -ihrer Nachkommen halten, wie die Felstaube nicht genau in Kopf und -Schwanz das Mittel hält zwischen ihren Nachkommen, der Pouter- und -Pfauen-Taube. Wir werden ausser Stand seyn eine Art als die Stamm-Art -einer oder mehrer andren Arten zu erkennen, wenn wir nicht auch -viele der vermittelnden Glieder zwischen ihrer früheren und jetzigen -Beschaffenheit besitzen; und diese vermittelnden Glieder dürfen wir -bei der Unvollständigkeit der geologischen Schöpfungs-Urkunden kaum -jemals zu entdecken erwarten. Wenn man zwei oder drei oder noch -mehr Mittelglieder entdeckte, so würde man sie einfach als eben so -viele neue Arten einreihen, zumal wenn man sie in eben so vielen -verschiedenen Schichten-Abtheilungen fände, wären in diesem Falle ihre -Unterschiede auch noch so klein. Man könnte viele jetzige zweifelhafte -Formen nennen, welche wahrscheinlich Abarten sind; aber wer könnte -behaupten, dass in künftigen Welt-Perioden noch so viele fossile -Mittelglieder werden entdeckt werden, dass Naturforscher nach der -gewöhnlichen Anschauungs-Weise zu entscheiden im Stande seyn werden, -ob diese zweifelhaften Formen Varietäten sind oder nicht? — Nur ein -kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht worden, und -nur von gewissen Organismen-Klassen können fossile Reste in grosser -Anzahl erhalten werden. Weit verbreitete Arten variiren am meisten, -und die Abarten sind anfänglich oft nur lokal; beide Ursachen machen -die Entdeckung von Zwischengliedern wenig wahrscheinlich. Örtliche -Varietäten verbreiten sich nicht in andre und entfernte Gegenden, bis -sie beträchtlich abgeändert und verbessert sind; — und wenn sie nach -ihrer Verbreitung in einer geologischen Formation entdeckt werden, -so wird es scheinen, als seyen sie erst jetzt plötzlich erschaffen -worden, und man wird sie einfach als neue Arten betrachten. — Die -meisten Formationen sind mit Unterbrechungen abgelagert worden; und -ihre Dauer ist, wie ich glaube, kürzer als die mittle Dauer der -Arten-Formen gewesen. Zunächst aufeinander-folgende Formationen sind -gewöhnlich durch ungeheure leere Zeiträume von einander getrennt; -denn Fossil-Reste führende Formationen, mächtig genug, um spätrer -Zerstörung zu widerstehen, können meistens nur<span class="pagenum" id="Seite_498">[S. 498]</span> da gebildet werden, -wo dem in Senkung begriffenen Meeres-Grund viele Sedimente zugeführt -werden. In den damit abwechselnden Perioden von Hebung oder Ruhe wird -das Blatt in der Schöpfungs-Geschichte in der Regel weiss bleiben. -Während dieser letzten Perioden wird wahrscheinlich mehr Veränderung in -den Lebenformen, während der Senkungs-Zeiten mehr Erlöschen derselben -stattfinden.</p> - -<p>Was die Abwesenheit Fossilien-führender Schichten unterhalb der -untersten Silur-Gebilde betrifft, so kann ich nur auf die im neunten -Kapitel aufgestellte Hypothese zurückkommen. Dass der geologische -Schöpfungs-Bericht lückenhaft ist, gibt jedermann zu; dass er es aber -in dem von mir verlangten Grade seye, werden nur wenige zugestehen -wollen. Hinreichend lange Zeiträume zugegeben, erklärt uns die Geologie -offenbar genug, dass alle Arten gewechselt haben, und sie haben in der -Weise gewechselt, wie es meine Theorie erheischt, nämlich langsam und -stufenweise. Wir erkennen Diess deutlich daraus, dass die organischen -Reste zunächst aufeinander-folgender Formationen einander allezeit -näher verwandt sind, als die fossilen Arten durch weite Zeiträume von -einander getrennter Gebirgs-Bildungen.</p> - -<p>Diess ist die Summe der hauptsächlichsten Einwürfe und Schwierigkeiten, -die man mit Recht gegen meine Theorie vorbringen kann; und ich habe die -darauf zu gebenden Antworten und Erläuterungen in Kürze wiederholt. Ich -habe diese Schwierigkeiten viele Jahre lang selbst zu sehr empfunden, -als dass ich an ihrem Gewichte zweifeln sollte. Aber es verdient noch -insbesondere hervorgehoben zu werden, dass die wichtigeren Einwände -sich auf Fragen beziehen, über die wir eingestandner Maassen in -Unwissenheit sind; und wir wissen nicht einmal, wie unwissend wir sind. -Wir kennen nicht all’ die möglichen Übergangs-Abstufungen zwischen -den einfachsten und den vollkommensten Organen; wir können nicht -behaupten, all’ die manchfaltigen Verbreitungs-Mittel der Organismen -während des Verlaufes so zahlloser Jahrtausende zu kennen, und wir -wissen nicht, wie unvollständig der geologische Schöpfungs-Bericht -ist. Wie bedeutend<span class="pagenum" id="Seite_499">[S. 499]</span> aber auch diese mancherlei Schwierigkeiten seyn -mögen, so genügen sie doch nicht, um meine Theorie einer <em class="gesperrt">Abstammung -von einigen wenigen erschaffenen Formen mit nachheriger Abänderung -derselben</em> umzustossen.</p> - -<p class="mtop2">Wenden wir uns nun nach der andern Seite unsres Gegenstandes. Im -Kultur-Zustande der Wesen nehmen wir viel Veränderlichkeit derselben -wahr. Diess scheint daran zu liegen, dass das Reproduktiv-System -ausserordentlich empfindlich gegen Veränderungen in den äusseren -Lebens-Bedingungen ist, so dass dieses System, wenn es nicht ganz -unfähig wird, doch keine der älterlichen Form genau ähnliche -Nachkommenschaft mehr liefert. Die Abänderungen werden durch -viele verwickelte Gesetze geleitet, durch die Wechselbeziehungen -des Wachsthums, durch Gebrauch und Nichtgebrauch und durch die -unmittelbaren Einwirkungen der physikalischen Lebens-Bedingungen. -Es ist sehr schwierig zu bestimmen, wie viel Abänderung unsre -Kultur-Erzeugnisse erfahren haben; doch können wir getrost annehmen, -dass deren Maass gross gewesen seye, und dass Modifikationen auf lange -Perioden hinaus vererblich sind. So lange als die Lebens-Bedingungen -die nämlichen bleiben, sind wir zu unterstellen berechtigt, dass -eine Abweichung, welche sich schon seit vielen Generationen vererbt -hat, sich auch noch ferner auf eine fast unbegrenzte Zahl von -Generationen hinaus vererben kann. Andrerseits sind wir gewiss, dass -Veränderlichkeit, wenn sie einmal in’s Spiel gekommen, nicht mehr -gänzlich aufhört; denn unsre ältesten Kultur-Erzeugnisse bringen -gelegenheitlich noch immer neue Abarten hervor.</p> - -<p>Der Mensch erzeugt in Wirklichkeit keine Abänderungen, sondern -er versetzt nur unabsichtlich organische Wesen unter neue -Lebens-Bedingungen, und dann wirkt die Natur auf deren Organisation -und verursacht Veränderlichkeit. Der Mensch kann aber die ihm von der -Natur dargebotenen Abänderungen zur Nachzucht auswählen und dieselben -hiedurch in einer beliebigen Richtung häufen; und Diess thut er -wirklich. Er passt auf diese Weise Thiere und Pflanzen seinem eignen -Nutzen und Vergnügen<span class="pagenum" id="Seite_500">[S. 500]</span> an. Er mag Diess planmässig oder mag es unbewusst -thun, indem er die ihm zur Zeit nützlichsten Individuen, ohne einen -Gedanken an die Änderung der Rasse, zurückbehält. Es ist gewiss, dass -er einen grossen Einfluss auf den Charakter einer Rasse dadurch ausüben -kann, dass er von Generation zu Generation individuelle Abänderungen -zur Nachzucht auswählt, so gering, dass sie für das ungeübte Auge kaum -wahrnehmbar sind. Dieses Wahl-Verfahren ist das grosse Agens in der -Erzeugung der ausgezeichnetsten und nützlichsten unsrer veredelten -Thier- und Pflanzen-Rassen gewesen. Dass nun viele der vom Menschen -gebildeten Abänderungen den Charakter natürlicher Arten schon -grossentheils besitzen, geht aus den unausgesetzten Zweifeln in Bezug -auf viele derselben hervor, ob es Arten oder Abarten sind.</p> - -<p>Es ist kein Grund nachzuweisen, wesshalb diese Prinzipien, welche in -Bezug auf die kultivirten Organismen so erfolgreich gewirkt, nicht -auch in der Natur wirksam seyn sollten. In der Erhaltung begünstigter -Individuen und Rassen während des beständig wiederkehrenden Kampfs ums -Daseyn sehen wir das wirksamste und nie ruhende Mittel der Natürlichen -Züchtung. Der Kampf ums Daseyn ist die unvermeidliche Folge der -hochpotenzirten geometrischen Zunahme, welche allen organischen Wesen -gemein ist. Dieses rasche Zunahme-Verhältniss ist thatsächlich erwiesen -aus der schnellen Vermehrung vieler Pflanzen und Thiere während einer -Reihe günstiger Jahre und bei ihrer Naturalisirung in einer neuen -Gegend. Es werden mehr Einzelwesen geboren, als fortzuleben im Stande -sind. Ein Gran in der Wage kann den Ausschlag geben, welches Individuum -fortleben und welches zu Grunde gehen soll, welche Art oder Abart -sich vermehren und welche abnehmen und endlich erlöschen muss. Da die -Individuen einer nämlichen Art in allen Beziehungen in die nächste -Bewerbung miteinander gerathen, so wird gewöhnlich auch der Kampf -zwischen ihnen am heftigsten seyn; er wird fast eben so heftig zwischen -den Abarten einer Art, und dann zunächst zwischen den Arten einer Sippe -seyn. Aber der Kampf kann oft auch sehr heftig zwischen Wesen seyn,<span class="pagenum" id="Seite_501">[S. 501]</span> -welche auf der Stufenleiter der Natur am weitesten auseinander stehen. -Der geringste Vortheil, den ein Wesen in irgend einem Lebens-Alter -oder zu irgend einer Jahreszeit über seine Mitbewerber voraus hat, -oder eine wenn auch noch so wenig bessere Anpassung an die umgebenden -Natur-Verhältnisse kann die Wage sinken machen.</p> - -<p>Bei Thieren getrennten Geschlechts wird meistens ein Kampf der Männchen -um den Besitz der Weibchen stattfinden. Die kräftigsten oder diejenigen -Individuen, welche am erfolgreichsten mit ihren Lebens-Bedingungen -gekämpft haben, werden gewöhnlich am meisten Nachkommenschaft -hinterlassen. Aber der Erfolg wird oft davon abhängen, dass die -Männchen besondre Waffen oder Vertheidigungs-Mittel oder Reitze -besitzen; und der geringste Vortheil kann zum Siege führen.</p> - -<p>Da die Geologie uns deutlich nachweiset, dass ein jedes Land grosse -physikalische Veränderungen erfahren hat, so ist anzunehmen, dass die -organischen Wesen im Natur-Zustande ebenso wie die kultivirten unter -den veränderten Lebens-Bedingungen abgeändert haben. Wenn nun eine -Veränderlichkeit im Natur-Zustande vorhanden ist, so würde es eine -unerklärliche Erscheinung seyn, falls die Natürliche Züchtung nicht -eingriffe. Es ist oft versichert worden, aber eines Beweises nicht -fähig, dass das Maass der Abänderung in der Natur eine streng bestimmte -Quantität seye. Der Mensch, obwohl nur auf äussre Charaktere allein -und oft bloss nach seiner Laune wirkend, vermag in kurzer Zeit dadurch -grossen Erfolg zu erzielen, dass er allmählich alle in einer Richtung -hervortretenden individuellen Verschiedenheiten zusammenhäuft; und -jedermann gibt zu, dass wenigstens individuelle Verschiedenheiten bei -den Arten im Natur-Zustande vorkommen. Aber von diesen abgesehen, haben -alle Naturforscher das Daseyn von Abarten oder Varietäten eingestanden, -welche verschieden genug seyen, um in den systematischen Werken als -solche mit aufgeführt zu werden. Doch kann niemand einen bestimmten -Unterschied zwischen individuellen Abänderungen und leichten Varietäten -oder zwischen verschiedenen Abarten, Unterarten und Arten angeben. -Erinnern<span class="pagenum" id="Seite_502">[S. 502]</span> wir uns, wie sehr die Naturforscher in ihrer Ansicht über -den Rang der vielen stellvertretenden Formen in <i>Europa</i> und -<i>Amerika</i> auseinandergehen.</p> - -<p>Wenn es daher im Natur-Zustande Variabilität und ein mächtiges stets -zur Thätigkeit und Zuchtwahl bereites Agens gibt, wesshalb sollten -wir noch bezweifeln, dass irgend welche für die Organismen in ihren -äusserst verwickelten Lebens-Verhältnissen einigermaassen nützliche -Abänderungen erhalten, gehäuft und vererbt werden? Wenn der Mensch -die ihm selbst nützlichen Abänderungen geduldig zur Nachzucht -auswählt: warum sollte die Natur unterlassen, die unter veränderten -Lebens-Bedingungen für ihre Produkte nützlichsten Abänderungen -auszusuchen? Welche Schranken kann man einer Kraft setzen, welche -von einer Welt-Periode zur andern beschäftigt ist, die ganze -organische Bildung, Thätigkeit und Lebens-Weise eines jeden Geschöpfes -unausgesetzt zu sichten, das Gute zu befördern und das Schlechte -zurückzuwerfen? Ich vermag keine Grenze zu sehen für eine Kraft, welche -jede Form den verwickeltsten Lebens-Verhältnissen langsam anzupassen -beschäftigt ist. Die Theorie der Natürlichen Züchtung scheint mir, -auch wenn wir uns nur darauf allein beschränken, in sich selbst -wahrscheinlich zu seyn. Ich habe bereits, so ehrlich als möglich, die -dagegen erhobenen Schwierigkeiten und Einwände rekapitulirt; jetzt -wollen wir uns zu den Spezial-Erscheinungen und Folgerungen zu Gunsten -unsrer Theorie wenden.</p> - -<p>Aus meiner Ansicht, dass Arten nur stark ausgebildete und bleibende -Varietäten (Abarten) sind und jede Art zuerst als eine Varietät -existirt hat, ergibt sich, wesshalb keine Grenzlinie gezogen werden -kann zwischen Arten, welche man gewöhnlich als Produkte eben so vieler -besondrer Schöpfungs-Akte betrachtet, und zwischen Varietäten, die -man als Bildungen eines sekundären Gesetzes gelten lässt. Nach dieser -nämlichen Ansicht ist es ferner zu begreifen, dass in jeder Gegend, wo -viele Arten einer Sippe entstanden sind und nun gedeihen, diese Arten -noch viele Abarten darbieten; denn, wo die Arten-Fabrikation thätig -betrieben worden ist, da möchten wir als Regel erwarten, sie noch -in<span class="pagenum" id="Seite_503">[S. 503]</span> Thätigkeit zu finden; und Diess ist der Fall, woferne Varietäten -beginnende Arten sind. Überdiess behalten auch die Arten grosser -Sippen, welche die Mehrzahl der Varietäten oder beginnenden Arten -liefern, in gewissem Grade den Charakter von Varietäten bei; denn sie -unterscheiden sich in geringerem Maasse, als die Arten kleinerer Sippen -von einander. Auch haben die nahe-verwandten Arten grosser Sippen eine -beschränktere Verbreitung und bilden vermöge ihrer Verwandtschaft zu -einander kleine um andre Arten geschaarte Gruppen, in welcher Hinsicht -sie ebenfalls Varietäten gleichen. Diess sind, von dem Gesichtspunkte -aus beurtheilt, dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, -befremdende Erscheinungen, welche dagegen der Annahme ganz wohl -entsprechen, das alle Arten sich aus Varietäten entwickelt haben.</p> - -<p>Da jede Art bestrebt ist sich in geometrischem Verhältnisse unendlich -zu vermehren, und da die abgeänderten Nachkommen einer jeden Spezies -sich um so rascher zu vervielfältigen vermögen, jemehr dieselben in -Lebensweise und Organisation auseinander laufen, und mithin jemehr -und verschiedenartigere Stellen sie demnach im Haushalte der Natur -einzunehmen im Stande sind, so wird in der Natürlichen Züchtung ein -beständiges Streben vorhanden seyn, die am weitesten verschiedenen -Nachkommen einer jeden Art zu erhalten. Daher werden im langen Verlaufe -solcher allmählichen Abänderungen die geringen und blosse Varietäten -einer Art bezeichnenden Verschiedenheiten sich zu grösseren die -Spezies einer nämlichen Sippe charakterisirenden Verschiedenheiten -steigern. Neue und verbesserte Varietäten werden die älteren weniger -vervollkommneten und die letzten vermittelnden Abarten unvermeidlich -ersetzen und austilgen, und so entstehen grossentheils scharf -umschriebene und wohl unterschiedene Spezies. Herrschende Arten aus -den grösseren Gruppen einer jeden Klasse streben wieder neue und -herrschende Formen zu erzeugen, so dass jede grosse Gruppe geneigt ist -noch grösser und zugleich divergenter im Charakter zu werden. Da jedoch -nicht alle Gruppen beständig zunehmen können, indem zuletzt die Welt -sie nicht mehr zu fassen vermöchte, so verdrängen<span class="pagenum" id="Seite_504">[S. 504]</span> die herrschenderen -die minder herrschenden. Dieses Streben der grossen Gruppen an Umfang -zu wachsen und im Charakter auseinander zu laufen, in Verbindung mit -der meist unvermeidlichen Folge starken Erlöschens andrer, erklärt die -Anordnung aller Lebenformen in mehr und mehr unterabgetheilte Gruppen -innerhalb einiger wenigen grossen Klassen, die uns jetzt überall -umgeben und alle Zeiten überdauert haben. Diese grosse Thatsache der -Gruppirung aller organischen Wesen scheint mir nach der gewöhnlichen -Schöpfungs-Theorie ganz unerklärlich.</p> - -<p>Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung kleiner aufeinander-folgender -günstiger Abänderungen wirkt, so kann sie keine grosse und plötzliche -Umgestaltungen bewirken; sie kann nur mit sehr langsamen und kurzen -Schritten vorangehen. Daher denn auch der Canon „<i>Natura non facit -saltum</i>“, welcher sich mit jeder neuen Erweiterung unsrer Kenntnisse -mehr bestätigt, aus dieser Theorie einfach begreiflich wird. Wir sehen -ferner ein, warum die Natur so fruchtbar an Abänderungen und doch so -sparsam an Neuerungen ist. Wie Diess aber ein Natur-Gesetz seyn könnte, -wenn jede Art unabhängig erschaffen worden wäre, vermag niemand zu -erläutern.</p> - -<p>Aus dieser Theorie scheinen mir noch andre Thatsachen erklärbar. Wie -befremdend wäre es, dass ein Vogel in Gestalt eines Spechtes geschaffen -worden wäre, um Insekten am Boden aufzusuchen; dass eine Gans, welche -niemals oder selten schwimmt, mit Schwimmfüssen, dass eine Drossel zum -Tauchen und Leben von unter Wasser wohnenden Insekten, und dass ein -Sturmvogel geschaffen worden wäre mit einer Organisation, welche der -Lebens-Weise eines Alks oder Lappentauchers (<a href="#Seite_210">S. 210</a>) entspricht, und so -in zahllosen andern Fällen. Aber nach der Ansicht, dass die Arten sich -beständig zu vermehren streben, während die Natürliche Züchtung immer -bereit ist, die langsam abändernden Nachkommen jeder Art einem jeden in -der Natur noch nicht oder nur unvollkommen besetzten Platze anzupassen, -hören diese Erscheinungen auf befremdend zu seyn und hätten sich sogar -vielleicht voraussehen lassen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_505">[S. 505]</span></p> - -<p>Da die Natürliche Züchtung neben der Mitbewerbung wirkt, so -passt sie die Bewohner einer jeden Gegend nur im Verhältniss der -Vollkommenheits-Stufe der andern Bewerber an, daher es uns nicht -überrascht, wenn die Bewohner eines Bezirkes, welche nach der -gewöhnlichen Ansicht doch speziell für diesen Bezirk geschaffen und -angepasst seyn sollen, durch die naturalisirten Erzeugnisse aus andern -Ländern besiegt und ersetzt werden. Noch dürfen wir uns wundern, wenn -nicht alle Erfindungen in der Natur, so weit wir ermessen können, ganz -vollkommen sind und manche derselben sogar hinter unsren Begriffen von -Angemessenheit weit zurückbleiben. Es darf uns daher nicht befremden, -wenn der Stich der Biene ihren eignen Tod verursacht; wenn die Dronen -in so ungeheurer Anzahl nur für einen einzelnen Akt erzeugt und dann -grösstentheils von ihren unfruchtbaren Schwestern getödtet werden; wenn -unsre Nadelhölzer eine so unermessliche Menge von Pollen erzeugen; wenn -die Bienenkönigin einen instinktiven Hass gegen ihre eignen fruchtbaren -Töchter empfindet; oder wenn die Ichneumoniden sich im lebenden Körper -von Raupen nähren u. s. w. Weit mehr hätte man sich nach der Theorie -der Natürlichen Züchtung darüber zu wundern, dass nicht noch mehr Fälle -von Mangel an unbedingter Vollkommenheit beobachtet werden.</p> - -<p>Die verwickelten und wenig bekannten Gesetze, welche die Variation -in der Natur beherrschen, sind, so weit unsre Einsicht reicht, -die nämlichen, welche auch die Erzeugung sogenannter spezifischer -Formen geleitet haben. In beiden Fällen scheinen die natürlichen -Bedingungen nur wenig Einfluss gehabt zu haben; wenn aber Varietäten -in eine neue Zone eindringen, so nehmen sie etwas von den Charakteren -der dieser Zone eigenthümlichen Spezies an. In Varietäten sowohl -als Arten scheinen Gebrauch und Nichtgebrauch einige Wirkung zu -haben; denn es ist schwer dieser Ansicht zu widerstehen, wenn man -z. B. die Dickkopf-Ente (Micropterus) mit Flügeln sieht, welche -zum Fluge eben so wenig brauchbar als die der Hausente sind, oder -wenn man den grabenden Tukutuku (Ctenomys), welcher mitunter blind -ist, und dann die Maulwurf-Arten betrachtet, die immer blind sind -und<span class="pagenum" id="Seite_506">[S. 506]</span> ihre Augen-Rudimente unter der Haut liegen haben, oder endlich -wenn man die blinden Thiere in den dunkeln Höhlen <i>Europa’s</i> -und <i>Amerika’s</i> ansieht. In Arten und Abarten scheint die -Wechselbeziehung der Entwickelung eine sehr wichtige Rolle gespielt zu -haben, so dass, wenn ein Theil abgeändert worden ist, auch andre Theile -nothwendig modifizirt werden mussten. In Arten wie in Abarten kommt -Rückkehr zu längst verlorenen Charakteren vor. Wie unerklärlich ist -nach der Schöpfungs-Theorie die gelegentliche Erscheinung von Streifen -an Schultern und Beinen der verschiedenen Arten der Pferde-Sippe -und ihrer Bastarde; und wie einfach erklärt sich diese Thatsache, -wenn wir annehmen, dass alle diese Arten von einem gestreiften -gemeinsamen Stamm-Vater herrühren in derselben Weise, wie unsre zahmen -Tauben-Rassen von der blau-grauen Felstaube mit schwarzen Flügelbinden.</p> - -<p>Wie lässt es sich nach der gewöhnlichen Ansicht, dass jede Art -unabhängig geschaffen worden seye, erklären, dass die Arten-Charaktere, -wodurch sich die verschiedenen Spezies einer Sippe von einander -unterscheiden, veränderlicher als die Sippen-Charaktere sind, in -welchen alle übereinstimmen? Warum wäre z. B. die Farbe einer -Blume in einer Art einer Sippe, wo alle übrigen Arten mit andern -Farben versehen sind, eher zu variiren geneigt, als wenn alle Arten -derselben Sippe von gleicher Farbe sind? Wenn aber Arten nur stark -abgebildete Abarten sind, deren Charaktere schon in hohem Grade -beständig geworden, so begreift sich Diess; denn sie haben bereits -seit ihrer Abzweigung von einem gemeinsamen Stammvater in gewissen -Merkmalen variirt, durch welche sie eben von einander verschieden -geworden sind; und desshalb werden auch die nämlichen Charaktere noch -fortdauernd unbeständiger seyn, als die Sippen-Charaktere, die sich -schon seit einer unermesslichen Zeit unverändert vererbt haben. Nach -der Theorie der Schöpfung ist es unerklärlich, warum ein bei der -einen Art einer Sippe in ganz ungewöhnlicher Weise entwickelter und -daher vermuthlich für dieselben sehr wichtiger Charakter vorzugsweise -zu variiren geneigt seyn soll; während dagegen nach meiner Ansicht -dieser Theil seit der<span class="pagenum" id="Seite_507">[S. 507]</span> Abzweigung der verschiedenen Arten von einem -gemeinsamen Stammvater in ungewöhnlichem Grade Abänderungen erfahren -hat und gerade desshalb seine noch fortwährende Veränderlichkeit -voraus zu erwarten stund. Dagegen kann es auch vorkommen, dass ein -in der ungewöhnlichsten Weise entwickelter Theil, wie der Flügel der -Fledermäuse, sich jetzt eben so wenig veränderlich als die übrigen -zeigt, wenn derselbe vielen untergeordneten Formen gemein, d. h. schon -seit sehr langer Zeit vererbt worden ist; denn in diesem Falle wird er -durch lang-fortgesetzte Natürliche Züchtung beständig geworden seyn.</p> - -<p>Werfen wir auf die Instinkte einen Blick, von welchen manche -wunderbar sind, so bieten sie der Theorie der Natürlichen Züchtung -mittelst leichter und allmählicher nützlicher Abänderungen keine -grössere Schwierigkeit als die körperlichen Bildungen dar. Man kann -daraus begreifen, warum die Natur bloss in kleinen Abstufungen die -Thiere einer nämlichen Klasse mit ihren verschiedenen Instinkten -vervollkommt. Ich habe zu zeigen versucht, wie viel Licht das Prinzip -der stufenweisen Entwickelung auf den Bau-Instinkt der Honigbiene -wirft. Auch Gewohnheit kommt bei Modifizirung der Instinkte gewiss -oft in Betracht; aber Diess ist sicher nicht unerlässlich der Fall, -wie wir bei den geschlechtlosen Insekten sehen, die keine Nachkommen -hinterlassen, auf welche sie die Erfolge lang-währender Gewohnheit -übertragen könnten. Nach der Ansicht, dass alle Arten einer Sippe von -einer gemeinsamen Stamm-Art herrühren und von dieser Vieles gemeinsam -geerbt haben, vermögen wir die Ursache zu erkennen, wesshalb verwandte -Arten, auch wenn sie wesentlich verschiedenen Lebens-Bedingungen -ausgesetzt sind, doch beinahe denselben Instinkten folgen: wie z. B. -die <i>Süd-Amerikanische</i> Amsel ihr Nest inwendig eben so mit -Schlamm überzieht, wie es unsre <i>Europäische</i> Art thut. In Folge -der Ansicht, dass Instinkte nur ein langsamer Erwerb unter der Leitung -Natürlicher Züchtung sind, dürfen wir uns nicht darüber wundern, wenn -manche derselben noch unvollkommen oder nicht verständlich sind, und -wenn manche unter ihnen andern Thieren zum Nachtheil gereichen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_508">[S. 508]</span></p> - -<p>Wenn Arten nur wohl ausgebildete und bleibende Abarten sind, so -erkennen wir sogleich, warum ihre durch Kreutzung entstandenen -Nachkommen den nämlichen verwickelten Gesetzen unterliegen: in Art -und Grad der Ähnlichkeit mit den Ältern, in der Verschmelzung durch -wiederholte Kreutzung und in andern ähnlichen Punkten, wie es bei -den gekreutzten Nachkommen anerkannter Abarten der Fall ist; während -Diess wunderbare Erscheinungen blieben, wenn die Arten unabhängig -von einander erschaffen und die Abarten nur durch sekundäre Kräfte -entstanden wären.</p> - -<p>Wenn wir zugeben, dass der geologische Schöpfungs-Bericht im äussersten -Grade unvollständig ist, dann unterstützen solche Thatsachen, wie der -Bericht sie liefert, die Theorie der Abstammung mit fortwährender -Abänderung. Neue Arten sind von Zeit zu Zeit allmählich auf den -Schauplatz getreten und das Maass der Umänderung, welche sie nach -gleichen Zeiträumen erfahren, ist in den verschiedenen Gruppen weit -verschieden. Das Erlöschen von Arten und Arten-Gruppen, welches an -der Geschichte der organischen Welt einen so wesentlichen Theil hat, -folgt fast unvermeidlich aus dem Prinzip der Natürlichen Züchtung; -denn alte Formen werden durch neue und verbesserte Formen ersetzt. -Weder einzelne Arten noch Arten-Gruppen erscheinen wieder, wenn die -Kette ihrer regelmässigen Fortpflanzung einmal unterbrochen worden -war. Die stufenweise Ausbreitung herrschender Formen mit langsamer -Abänderung ihrer Nachkommen hat zur Folge, dass die Lebenformen -nach langen Zeiträumen gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche -zu wechseln scheinen. Die Thatsache, dass die Fossil-Reste jeder -Formation im Charakter einigermaassen das Mittel halten zwischen den -darunter und den darüber liegenden Resten, erklärt sich einfach aus -ihrer mitteln Stelle in der Abstammungs-Kette. Die grosse Thatsache, -dass alle erloschenen Organismen in ein gleiches grosses System mit -den lebenden Wesen zusammenfallen und mit ihnen entweder in gleiche -oder in vermittelnde Gruppen gehören, ist eine Folge davon, dass -die lebenden und die erloschenen Wesen die Nachkommen gemeinsamer -Stamm-Ältern sind. Da die von alten<span class="pagenum" id="Seite_509">[S. 509]</span> Stammvätern herrührenden Gruppen -gewöhnlich im Charakter auseinandergegangen, so werden der Stammvater -und seine nächsten Nachkommen in ihren Charakteren oft das Mittel -halten zwischen seinen späteren Nachkommen, und so ergibt sich warum, -je älter ein Fossil ist, desto öfter es einigermaassen in der Mitte -steht zwischen verwandten lebenden Gruppen. Man hält die neueren Formen -im Allgemeinen für vollkommener als die alten und erloschenen; und sie -stehen auch insoferne höher als diese, als sie in Folge fortwährender -Verbesserung die älteren und noch weniger verbesserten Formen im -Kampfe ums Daseyn besiegt haben. Auch sind im Allgemeinen ihre Organe -mehr spezialisirt für verschiedene Verrichtungen. Diese Thatsache ist -vollkommen verträglich mit der andern, dass viele Wesen jetzt noch -eine einfache und nur wenig verbesserte Organisation für einfachere -Lebens-Bedingungen besitzen, — und mit der ferneren Annahme, dass -manche Formen in ihrer Organisation zurückgeschritten sind, weil sie -eben dadurch sich einer veränderten und verkümmerten Lebensweise besser -anpassten. Endlich wird das Gesetz langer Dauer unter sich verwandter -Formen in diesem oder jenem Kontinente — wie die der Marsupialen in -<i>Neuholland</i>, der Edentaten in <i>Südamerika</i> u. a. solche -Fälle — erklärlich, da in einer begrenzten Gegend die neuen und -erloschenen Formen durch Abstammung miteinander verwandt sind.</p> - -<p>Wenn man, was die geographische Verbreitung betrifft, zugibt, -dass im Verlaufe langer Erd-Perioden je nach den klimatischen -und geographischen Veränderungen und der Wirkung so vieler -gelegenheitlicher und unbekannter Veranlassungen starke Wanderungen -von einem Welt-Theile zum andern stattgefunden haben, so erklären -sich die Haupterscheinungen der Verbreitung meistens aus der Theorie -der Abstammung mit fortdauernder Abänderung. Man kann einsehen, warum -ein so auffallender Parallelismus in der räumlichen Vertheilung -der organischen Wesen und ihrer geologischen Aufeinanderfolge in -der Zeit besteht; denn in beiden Fällen sind diese Wesen durch das -Band gewöhnlicher Fortpflanzung miteinander verkettet, und die -Abänderungs-Mittel sind die nämlichen. Wir begreifen die volle<span class="pagenum" id="Seite_510">[S. 510]</span> -Bedeutung der wunderbaren Erscheinung, welche jedem Reisenden -aufgefallen seyn muss, dass im nämlichen Kontinente unter den -verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, in Hitze und Kälte, im Gebirge -und Tiefland, in Marsch- und Sand-Strecken die meisten der Bewohner aus -jeder grossen Klasse offenbar verwandt sind; denn es sind gewöhnlich -Nachkommen von den nämlichen Stammvätern und ersten Kolonisten. Nach -diesem nämlichen Prinzip früherer Wanderungen meistens in Verbindung -mit entsprechender Abänderung begreift sich mit Hilfe der Eis-Periode -die Identität einiger wenigen Pflanzen und die nahe Verwandtschaft -vieler andern auf den entferntesten Gebirgen, und ebenso die nahe -Verwandtschaft einiger Meeres-Bewohner in der nördlichen und in der -südlichen gemässigten Zone, obwohl sie durch das ganze Tropen-Meer -getrennt sind. Und wenn anderntheils zwei Gebiete so übereinstimmende -natürliche Bedingungen darbieten, wie es zur Ernährung gleicher -Arten nöthig ist, so können wir uns darüber nicht wundern, dass ihre -Bewohner weit von einander verschieden sind, falls dieselben während -langer Perioden vollständig von einander getrennt waren; denn wenn -auch die Beziehung von einem Organismus zum andern die wichtigste -aller Beziehungen ist und die zwei Gebiete ihre ersten Ansiedler in -verschiedenen Perioden und Verhältnissen von einem dritten Gebiete oder -wechselseitig von einander erhalten haben können, so wird der Verlauf -der Abänderung in beiden Gebieten unvermeidlich ein verschiedener -gewesen seyn.</p> - -<p>Nach der Annahme stattgefundener Wanderungen mit nachfolgender -Abänderung erklärt es sich, warum ozeanische Inseln nur von wenigen -Arten bewohnt werden, von welchen jedoch viele eigenthümlich sind. -Man vermag klar einzusehen, warum diejenigen Thiere, welche weite -Strecken des Ozeans nicht zu überschreiten im Stande sind, wie -Frösche und Land-Säugethiere, keine ozeanischen Eilande bewohnen, und -wesshalb dagegen neue und eigenthümliche Fledermaus-Arten, welche -über den Ozean hinwegkommen können, auf oft weit vom Festlande -entlegenen Inseln vorkommen. Solche Erscheinungen, wie die Anwesenheit -besondrer Fledermaus-Arten und der Mangel aller andern Säugethiere<span class="pagenum" id="Seite_511">[S. 511]</span> -auf ozeanischen Inseln sind nach der Theorie selbstständiger -Schöpfungs-Akte gänzlich unerklärbar.</p> - -<p>Das Vorkommen nahe-verwandter oder stellvertretender Arten in -zweierlei Gebieten setzt nach der Theorie gemeinsamer Abstammung -mit allmählicher Abänderung voraus, dass die gleichen Ältern vordem -beide Gebiete bewohnt haben; und wir finden fast ohne Ausnahme, -dass, wo immer viele einander nahe-verwandte Arten zwei Gebiete -bewohnen, auch einige identische dazwischen sind. Und wo immer viele -verwandte aber verschiedene Arten erscheinen, da kommen auch viele -zweifelhafte Formen und Abarten der nämlichen Spezies vor. Es ist -eine sehr allgemeine Regel, dass die Bewohner eines jeden Gebietes -mit den Bewohnern desjenigen nächsten Gebietes verwandt sind, aus -welchem sich die Einwanderung der ersten mit Wahrscheinlichkeit -ableiten lässt. Wir sehen Diess in fast allen Pflanzen und Thieren der -<i>Galapagos</i>-Eilande, auf <i>Juan Fernandez</i> und den andern -<i>Amerikanischen</i> Inseln, welche in auffallendster Weise mit denen -des benachbarten <i>Amerikanischen</i> Festlandes verwandt sind; -und eben so verhalten sich die des <i>Capverdischen</i> Archipels -und andrer <i>Afrikanischen</i> Inseln zum <i>Afrikanischen</i> -Festland. Man muss zugeben, dass diese Thatsachen aus der gewöhnlichen -Schöpfungs-Theorie nicht erklärbar sind.</p> - -<p>Wie wir gesehen, ist die Erscheinung, dass alle früheren und jetzigen -organischen Wesen nur ein grosses vielfach unter-abgetheiltes -natürliches System bilden, worin die erloschenen Gruppen oft zwischen -die noch lebenden fallen, aus der Theorie der Natürlichen Züchtung mit -ihrer Ergänzung durch Erlöschen und Divergenz des Charakters erklärbar. -Aus denselben Prinzipien ergibt sich auch, warum die wechselseitige -Verwandtschaft von Arten und Sippen in jeder Klasse so verwickelt und -mittelbar ist. Es ergibt sich, warum gewisse Charaktere viel besser als -andre zur Klassifikation brauchbar sind; warum Anpassungs-Charaktere, -obschon von oberster Bedeutung für das Wesen selbst, kaum von einiger -Wichtigkeit bei der Klassifikation sind; warum von Stümmel-Organen -abgeleitete Charaktere, obwohl diese Organe dem Organismus zu nichts -dienen, oft einen hohen Werth<span class="pagenum" id="Seite_512">[S. 512]</span> für die Klassifikation besitzen; und -warum embryonische Charaktere den höchsten Werth von allen haben. -Die wesentlichen Verwandtschaften aller Organismen rühren von -gemeinschaftlicher Ererbung oder Abstammung her. Das Natürliche System -ist eine genealogische Anordnung, worin uns die Abstammungs-Linien -durch die beständigsten Charaktere verrathen werden, wie gering auch -deren Wichtigkeit für das Leben seyn mag.</p> - -<p>Die Erscheinungen, dass das Knochen-Gerüste das nämliche in der Hand -des Menschen, wie im Flügel der Fledermaus, im Ruder der Seeschildkröte -und im Bein des Pferdes ist, — dass die gleiche Anzahl von Wirbeln -den Hals aller Säugethiere, den der Giraffe wie den des Elephanten -bildet, und noch eine Menge ähnlicher, erklären sich sogleich aus der -Theorie der Abstammung mit geringer und langsam aufeinander-folgender -Abänderung. Die Ähnlichkeit des Modells im Flügel und im Hinterfusse -der Fledermaus, obwohl sie zu ganz verschiedenen Diensten bestimmt -sind, in den Kinnladen und den Beinen des Krabben, in den Kelch- und -Kronen-Blättern, in den Staubgefässen und Staubwegen der Blüthen wird -gleicherweise aus der Annahme allmählich divergirender Abänderung von -Theilen oder Organen erklärbar, welche in dem gemeinsamen Stammvater -jeder Klasse unter sich ähnlich gewesen sind. Nach dem Prinzip, -dass allmähliche Abänderungen nicht immer schon im frühen Alter -erfolgen und sich demnach auf ein gleiches und nicht früheres Alter -vererben, ergibt sich eine klare Ansicht, wesshalb die Embryonen von -Säugthieren, Vögeln, Reptilien und Fischen einander so ähnlich sind -und in späterem Alter so unähnlich werden. Man wird sich nicht mehr -darüber wundern, dass der Embryo eines Luft-athmenden Säugthieres oder -Vogels Kiemen-Spalten und Schleifen-artig verlaufende Arterien, wie -der Fisch besitze, welcher die im Wasser aufgelöste Luft mit Hilfe -wohl-entwickelter Kiemen zu athmen bestimmt ist.</p> - -<p>Nichtgebrauch, zuweilen mit Natürlicher Züchtung verbunden, führt oft -zur Verkümmerung eines Organes, wenn es bei veränderter Lebens-Weise -oder unter wechselnden Lebens-Bedingungen nutzlos geworden ist, und man -bekommt auf diese Weise<span class="pagenum" id="Seite_513">[S. 513]</span> eine richtige Vorstellung von rudimentären -Organen. Aber Nichtgebrauch und Natürliche Züchtung werden auf jedes -Geschöpf gewöhnlich erst wirken, wenn es zur Reife gelangt ist und -selbstständigen Antheil am Kampfe ums Daseyn nimmt. Sie werden nur -wenig über ein Organ in den ersten Lebens-Altern vermögen, wesshalb -kein Organ in solchen frühen Altern sehr verringert oder verkümmert -werden kann. Das Kalb z. B. hat Schneide-Zähne, welche aber im -Oberkiefer das Zahnfleisch nie durchbrechen, von einem frühen -Stammvater mit wohl-entwickelten Zähnen geerbt, und es ist anzunehmen, -dass diese Zähne im reifen Thiere während vieler aufeinander-folgender -Generationen reduzirt worden sind, entweder weil sie nicht gebraucht -oder weil Zunge und Gaumen zum Abweiden des Futters ohne ihre Hilfe -durch Natürliche Züchtung besser hergerichtet worden sind; wesshalb -dann im Kalb diese Zähne unentwickelt geblieben und nach dem Prinzip -der Erblichkeit in gleichem Alter von früher Zeit an bis auf den -heutigen Tag so vererbt worden sind. Wie ganz unerklärbar sind nach -der Annahme, dass jedes organische Wesen und jedes besondre Organ für -seinen Zweck besonders erschaffen worden seye, solche Erscheinungen, -die, wie diese nie zum Durchbruch gelangenden Schneidezähne des Kalbs -oder die verschrumpften Flügel unter den verwachsenen Flügeldecken -mancher Käfer, so auffallend das Gepräge der Nutzlosigkeit an sich -tragen! Man könnte sagen, die Natur habe Sorge getragen, durch -rudimentäre Organe und homologe Gebilde uns ihren Abänderungs-Plan zu -verrathen, welchen wir ausserdem nicht verstehen würden.</p> - -<p class="mtop2">Ich habe jetzt die hauptsächlichsten Erscheinungen und Betrachtungen -wiederholt, welche mich zur innigsten Überzeugung geführt, dass die -Arten während langer Fortpflanzungs-Perioden durch Erhaltung oder -Natürliche Züchtung mittelst zahlreich aufeinander-folgender kleiner -aber nützlicher Abweichungen von ihrem anfänglichen Typus verändert -worden sind. Ich kann nicht glauben, dass eine falsche Theorie die -mancherlei grossen Gruppen<span class="pagenum" id="Seite_514">[S. 514]</span> oben aufgezählter Erscheinungen erklären -würde, wie meine Theorie der Natürlichen Züchtung es doch zu thun -scheint. Es ist keine triftige Einrede, dass die Wissenschaft bis jetzt -noch kein Licht über den Ursprung des Lebens verbreite. Wer vermöchte -zu erklären, was das Wesen der Attraktion oder Gravitation seye? Obwohl -L<span class="smaller">EIBNITZ</span> den N<span class="smaller">EWTON</span> angeklagt, dass er „verborgene -Qualitäten und Wunder in die Philosophie“ eingeführt, so wird doch -dieses unbekannte Element der Attraktion jetzt allgemein als eine -vollkommen begründete vera causa angenommen.</p> - -<p>Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufgestellten -Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle verstossen sollten. -Es möge die Erinnerung genügen, dass die grösste Entdeckung, welche -der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Gravitation, von -L<span class="smaller">EIBNITZ</span> angegriffen worden ist, weil es die natürliche -Religion untergrabe und die offenbarte verläugne. Ein berühmter -Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, „er habe -allmählich einsehen gelernt, dass es eine ebenso erhabene Vorstellung -von der Gottheit seye, zu glauben, dass sie nur einige wenige der -Selbstentwickelung in andre und nothwendige Formen fähige Urtypen -geschaffen, als dass sie immer wieder neue Schöpfungs-Akte nöthig -gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer -eigenen Gesetze entstanden seyen.“</p> - -<p>Aber warum, wird man fragen, haben denn fast alle ausgezeichneten -lebenden Naturforscher und Geologen diese Ansicht von der -Veränderlichkeit der Spezies verworfen? Es kann ja doch nicht behauptet -werden, dass organische Wesen im Naturzustande keiner Abänderung -unterliegen; es kann nicht bewiesen werden, dass das Maass der -Abänderung im Verlaufe ganzer Erd-Perioden eine beschränkte Grösse -seye; ein bestimmter Unterschied zwischen Arten und ausgeprägten -Abarten ist noch nicht angegeben worden und kann nicht angegeben -werden. Es lässt sich nicht behaupten, dass Arten bei der Kreutzung -ohne Ausnahme unfruchtbar seyen, noch dass Unfruchtbarkeit eine -besondre Gabe und ein Merkmal der Schöpfung seye. Die Annahme,<span class="pagenum" id="Seite_515">[S. 515]</span> dass -Arten unveränderliche Erzeugnisse seyen, war fast unvermeidlich so -lange, als man der Geschichte der Erde nur eine kurze Dauer zuschrieb; -und nun, da wir einen Begriff von der Länge der Zeit erlangt haben, -sind wir zu verständig, um ohne Beweis anzunehmen, der geologische -Schöpfungs-Bericht seye so vollkommen, dass er uns einen klaren -Nachweis über die Abänderung der Arten liefern müsste, wenn sie solche -Abänderung erfahren hätten.</p> - -<p>Aber die Hauptursache, wesshalb wir von Natur nicht geneigt sind -zuzugestehen, dass eine Art eine andere verschiedene Art erzeugt haben -könne, liegt darin, dass wir stets behutsam in der Zulassung einer -grossen Veränderung sind, deren Mittelstufen wir nicht kennen. Die -Schwierigkeit ist dieselbe, welche so viele Geologen gefühlt, als -L<span class="smaller">YELL</span> zuerst behauptete, dass binnen-ländische Fels-Klippen -gebildet und grosse Thäler ausgehöhlt worden seyen durch die langsame -Thätigkeit der Küsten-Wogen. Der Begriff kann die volle Bedeutung des -Ausdruckes Hundert Millionen Jahre unmöglich fassen; er kann nicht die -ganze Grösse der Wirkung zusammenrechnen und begreifen, welche durch -Häufung einer Menge kleiner Abänderungen während einer fast unendlichen -Anzahl von Generationen entsteht.</p> - -<p>Obwohl ich von der Wahrheit der in diesem Bande auszugsweise -mitgetheilten Ansichten vollkommen durchdrungen bin, so hege ich doch -keinesweges die Erwartung erfahrene Naturforscher davon zu überzeugen, -deren Geist von einer Menge von Thatsachen erfüllt ist, welche sie -seit einer langen Reihe von Jahren gewöhnt sind aus den meinigen ganz -entgegengesetzten Gesichtspunkten zu betrachten. Es ist so leicht -unsre Unwissenheit unter Ausdrücken, wie „Schöpfungs-Plan“, „Einheit -des Zweckes“ u. s. w. zu verbergen und zu glauben, dass wir eine -Erklärung geben, wenn wir bloss eine Thatsache wiederholen. Wer von -Natur geneigt ist, unerklärten Schwierigkeiten mehr Werth als der -Erklärung einer Summe von Thatsachen beizulegen, der wird gewiss meine -Theorie verwerfen. Auf einige wenige Naturforscher von empfänglicherem -Geiste und solche, die schon an der Unveränderlichkeit der Arten zu -zweifeln begonnen haben,<span class="pagenum" id="Seite_516">[S. 516]</span> mag Diess Buch einigen Eindruck machen; aber -ich blicke mit Vertrauen auf die Zukunft, auf junge und strebende -Naturforscher, welche beide Seiten der Frage mit Unpartheilichkeit zu -beurtheilen fähig seyn werden. Wer immer sich zur Ansicht neigt, dass -Arten veränderlich sind, wird durch gewissenhaftes Geständniss seiner -Überzeugung der Wissenschaft einen guten Dienst leisten; denn nur so -kann dieser Berg von Vorurtheilen, unter welchen dieser Gegenstand -vergraben ist, allmählich beseitigt werden.</p> - -<p>Einige hervorragende Naturforscher haben noch neuerlich ihre Ansicht -veröffentlicht, dass eine Menge angeblicher Arten in jeder Sippe -keine wirklichen Arten vorstellen, wogegen andre Arten wirkliche, -d. h. selbstständig erschaffene Spezies seyen. Diess scheint mir eine -sonderbare Annahme zu seyn. Sie geben zu, dass eine Menge von Formen, -die sie selbst bis vor Kurzem für spezielle Schöpfungen gehalten -und welche noch jetzt von der Mehrzahl der Naturforscher als solche -angesehen werden, welche mithin das ganze äussre charakteristische -Gepräge von Arten besitzen, — sie geben zu, dass diese durch -Abänderung hervorgebracht worden seyen, weigern sich aber dieselbe -Ansicht auf andre davon nur sehr unbedeutend verschiedene Formen -auszudehnen. Demungeachtet beanspruchen sie nicht eine Definition -oder auch nur eine Vermuthung darüber geben zu können, welches die -erschaffenen und welches die durch sekundäre Gesetze entstandenen -Lebenformen seyen. Sie geben Abänderung als eine vera causa in einem -Falle zu und verwerfen solche willkürlich im andern, ohne den Grund der -Verschiedenheit in beiden Fällen nachzuweisen. Der Tag wird kommen, wo -man Diess als einen ergötzlichen Beleg von der Blindheit vorgefasster -Meinung anführen wird. Diese Schriftsteller scheinen mir nicht mehr -vor der Annahme eines wunderbaren Schöpfungs-Aktes als vor der einer -gewöhnlichen Geburt zurückzuschrecken. Aber glauben sie denn wirklich, -dass in unzähligen Momenten unsrer Erd-Geschichte jedesmal gewisse -Urstoff-Atome kommandirt worden seyen zu lebendigen Geweben in einander -zu fahren? Sind sie der Meinung, dass durch jeden unterstellten -Schöpfungs-Akt<span class="pagenum" id="Seite_517">[S. 517]</span> bloss ein einziger, oder dass viele Individuen -entstanden sind? Sind all’ diese zahllosen Sorten von Pflanzen und -Thieren in Form von Saamen und Eiern, oder sind sie als ausgewachsene -Individuen erschaffen worden? und die Säugthiere insbesondere, sind -sie geschaffen worden mit dem falschen Merkmale der Ernährung vom -Mutterleibe? Zweifelsohne können diese nämlichen Fragen beim jetzigen -Stande unseres Wissens auch von denjenigen nicht beantwortet werden, -welche an die Schöpfung von nur wenigen Urformen oder von irgend -einer Form von Organismen glauben. Verschiedene Schriftsteller haben -versichert, dass es leichter seye an die Schöpfung von Hundert -Millionen Dingen als von einem zu glauben; aber M<span class="smaller">AUPERTUIS</span>’ -philosophischer Grundsatz von „der kleinsten Thätigkeit“ leitet uns -lieber die kleinere Zahl anzunehmen; und gewiss dürfen wir nicht -glauben, dass zahllose Wesen in jeder grossen Klasse mit klaren und -doch trügerischen Merkmalen der Abstammung von einem gemeinsamen -Stammvater geschaffen worden seyen.</p> - -<p>Man kann noch die Frage aufwerfen, wie weit ich die Lehre von der -Abänderung der Spezies ausdehne? Diese Frage ist schwer zu beantworten, -weil, je verschiedener die Formen sind, welche wir betrachten, -desto mehr die Argumente an Stärke verlieren. Doch sind einige -schwer-wiegende Beweisgründe sehr weit-reichend. Alle Glieder einer -ganzen Klasse können durch Verwandtschafts-Beziehungen mit einander -verkettet und alle nach dem nämlichen Prinzip in unterabgetheilte -Gruppen klassifizirt werden. Fossile Reste sind oft geeignet grosse -Lücken zwischen den lebenden Ordnungen des Systemes auszufüllen. -Verkümmerte Organe beweisen oft, dass der erste Stammvater dieselben -Organe in vollkommen entwickeltem Zustande besessen habe; daher ihr -Vorkommen nach ihrer jetzigen Beschaffenheit ein ungeheures Maass -von Abänderung in dessen Nachkommen voraussetzt. Durch ganze Klassen -hindurch sind mancherlei Gebilde nach einem gemeinsamen Model geformt, -und im Embryo-Stande gleichen alle Arten einander genau. Daher ich -keinen Zweifel hege, dass die Theorie der Abstammung mit allmählicher -Abänderung alle Glieder einer nämlichen Klasse mit<span class="pagenum" id="Seite_518">[S. 518]</span> einander verbinde. -Ich glaube, dass die Thiere von höchstens vier oder fünf<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a> und die -Pflanzen von eben so vielen oder noch weniger Stamm-Arten herrühren.</p> - -<p>Die Analogie würde mich noch einen Schritt weiter führen, nämlich zu -glauben, dass alle Pflanzen und Thiere nur von einer einzigen Urform -herrühren; doch könnte die Analogie eine trügerische Führerin seyn. -Demungeachtet haben alle lebenden Wesen Vieles miteinander gemein -in ihrer chemischen Zusammensetzung, ihrer zelligen Struktur, ihren -Wachsthums-Gesetzen, ihrer Empfindlichkeit gegen schädliche Einflüsse. -Wir sehen Diess oft in sehr zutreffender Weise, wenn dasselbe Gift -Pflanzen und Thiere in ähnlicher Art berührt, oder wenn das von der -Gallwespe abgesonderte Gift monströse Auswüchse an der wilden Rose -wie an der Eiche verursacht. In allen organischen Wesen scheint die -gelegentliche Vereinigung männlicher und weiblicher Elementar-Zellen -zur Erzeugung eines neuen solchen Wesens nothwendig zu seyn. In allen -ist, so viel bis jetzt bekannt, das Keim-Bläschen dasselbe. Daher -alle individuellen organischen Wesen von gemeinsamer Entstehung sind. -Und selbst was ihre Trennung in zwei Haupt-Abtheilungen, in ein -Pflanzen- und ein Thierreich betrifft, so gibt es gewisse niedrige -Formen, welche in ihren Charakteren so sehr das Mittel zwischen -beiden halten, dass sich die Naturforscher noch darüber streiten, -zu welchem Reiche sie gehören und Professor A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> hat -bemerkt, dass Sporen und andre reproduktive Körper von manchen der -unvollkommenen Algen zuerst ein charakteristisch thierisches und dann -erst ein unzweifelhaft pflanzliches Daseyn besitzen. Nach dem Prinzipe -der Natürlichen Züchtung mit Divergenz des Charakters erscheint -es auch nicht unglaublich, dass sich einige solche Zwischenformen -zwischen Pflanzen und Thieren entwickelt haben müssen. Und wenn wir -Diess zugeben, so müssen wir auch zugeben, <em class="gesperrt">dass alle organischen -Wesen, die jemals<span class="pagenum" id="Seite_519">[S. 519]</span> auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform -abstammen</em><a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a>. Doch beruhet dieser Schluss hauptsächlich auf -Analogie, und es ist unwesentlich, ob man ihn anerkenne oder nicht. -Aber anders verhält sich die Sache mit den Gliedern einer jeden grossen -Klasse, wie der Wirbelthiere oder Kerbthiere; denn hier haben wir, wie -schon bemerkt worden, in den Gesetzen der Homologie und Embryonologie -einige bestimmten Beweise dafür, dass alle von einem einzigen Urvater -abstammen.</p> - -<p>Wenn die von mir in diesem Bande und die von Hrn. W<span class="smaller">ALLACE</span> im -Linnean Journal aufgestellten oder sonstige analoge Ansichten über die -Entstehung der Arten zugelassen werden, so lässt sich bereits dunkel -voraussehen, dass der Naturgeschichte eine grosse Umwälzung bevorsteht. -Die Systematiker werden ihre Arbeiten so wie bisher verfolgen können, -aber nicht mehr unablässig durch den gespenstischen Zweifel beängstigt -werden, ob diese oder jene Form eine wirkliche Art seye. Diess, fühle -ich sicher und sage es aus Erfahrung, wird eine Erleichterung von -grossen Sorgen gewähren. Der endlose Streit, ob die fünfzig Britischen -Brombeer-Sorten wirkliche Arten sind oder nicht, wird aufhören. Die -Systematiker haben nur zu entscheiden (was keineswegs immer leicht -ist), ob eine Form beständig oder verschieden genug von andern Formen -ist, um eine Definition zuzulassen und, wenn Diess der Fall, ob die -Verschiedenheiten wichtig genug sind, um einen spezifischen Namen -zu verdienen. Dieser letzte Punkt aber wird eine weit wesentlichere -Betrachtung als bisher erheischen, wo auch die geringfügigsten -Unterschiede zwischen zwei Formen, wenn sie nicht durch Zwischenstufen -miteinander verschmolzen waren, bei den meisten Naturforschern für -genügend galten, um beide zum Range zweier Arten zu erheben. Hiernach -sind wir anzuerkennen genöthigt,<span class="pagenum" id="Seite_520">[S. 520]</span> dass der einzige Unterschied -zwischen Arten und ausgebildeten Abarten nur darin besteht, dass diese -letzten durch erkannte oder vermuthete Zwischenstufen noch heutzutage -miteinander verbunden sind und die ersten es früher gewesen sind. Ohne -daher die Berücksichtigung noch jetzt vorhandener Zwischenglieder -zwischen zwei Formen verwerfen zu wollen, werden wir veranlasst -seyn, den wirklichen Betrag der Verschiedenheit zwischen denselben -sorgfältiger abzuwägen und höher zu werthen. Es ist ganz möglich, dass -jetzt allgemein als blosse Varietäten anerkannte Formen künftighin -spezifischer Benennungen werth geachtet werden, wie z. B. die beiden -Sorten Schlüsselblumen, in welchem Falle dann die wissenschaftliche -und die gemeine Sprache miteinander in Übereinstimmung kämen<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a>. -Kurz wir werden die Arten auf dieselbe Weise zu behandeln haben, wie -die Naturforscher jetzt die Sippen behandeln, welche annehmen, dass -die Sippen nichts weiter als willkürliche der Bequemlichkeit halber -eingeführte Gruppirungen seyen. Das mag nun keine eben sehr heitre -Aussicht seyn; aber wir werden hiedurch endlich das vergebliche Suchen -nach dem unbekannten und unentdeckbaren Wesen der „Spezies“ los werden.</p> - -<p>Die anderen und allgemeineren Zweige der Naturgeschichte werden sehr -an Interesse gewinnen. Die von Naturforschern gebrauchten Ausdrücke -Verwandtschaft, Beziehung, gemeinsamer Typus, älterliches Verhältniss, -Morphologie, Anpassungs-Charaktere, verkümmerte und fehlgeschlagene -Organe u. s. w. werden statt der bisherigen bildlichen eine sachliche -Bedeutung gewinnen. Wenn wir ein organisches Wesen nicht länger, so wie -die Wilden ein Linienschiff, als etwas ganz ausser unsren Begriffen -liegendes betrachten, — wenn wir jedem organischen Natur-Erzeugnisse -eine Geschichte zugestehen; — wenn wir jedes zusammengesetzte -Gebilde oder jeden Instinkt als die<span class="pagenum" id="Seite_521">[S. 521]</span> Summe vieler einzelner dem -Besitzer nützlicher Erfindungen betrachten, wie wir etwa ein grosses -mechanisches Kunstwerk als das Produkt der vereinten Arbeit, Erfahrung, -Beurtheilung und selbst Fehler zahlreicher Techniker ansehen, und -wenn wir jedes organische Wesen auf diese Weise betrachten: wie viel -ansprechender (ich rede aus Erfahrung) wird dann das Studium der -Naturgeschichte werden!</p> - -<p>Ein grosses und fast noch unbetretenes Feld wird sich öffnen für -Untersuchungen über die Wechselbeziehungen der Entwickelung, über die -Folgen von Gebrauch und Nichtgebrauch, über den unmittelbaren Einfluss -äussrer Lebens-Bedingungen u. s. w. Das Studium der Kultur-Erzeugnisse -wird unermesslich an Werth steigen. Eine vom Menschen neu erzogene -Varietät wird ein für das Studium wichtigerer und anziehenderer -Gegenstand seyn, als die Vermehrung der bereits unzähligen Arten unsrer -Systeme mit einer neuen. Unsre Klassifikationen werden, so weit es -möglich, zu Genealogien werden und dann erst den wirklichen sogen. -Schöpfungs-Plan darlegen. Die Regeln der Klassifikation werden ohne -Zweifel einfacher seyn, wenn wir ein bestimmtes Ziel im Auge haben. -Wir besitzen keine Stamm-Bäume und Wappen-Bücher und werden daher -die vielfältig auseinander-laufenden Abstammungs-Linien in unsren -Natur-Genealogien mit Hilfe von mehr oder weniger lang vererbten -Charakteren zu entdecken und zu verfolgen haben. Rudimentäre Organe -werden in Bezug auf längst verloren gegangene Gebilde untrügliches -Zeugniss geben. Arten und Arten-Gruppen, welche man abirrende genannt -und mit einiger Einbildungs-Kraft lebende Fossile nennen könnte, -werden uns helfen ein vollständigeres Bild von den alten Lebenformen -zu entwerfen, und die Embryonologie wird uns die mehr und weniger -verdunkelte Bildung der Prototype einer jeden der Hauptklassen des -Systemes enthüllen.</p> - -<p>Wenn wir erst für gewiss annehmen, dass alle Individuen einer Art -und alle nahe verwandten Arten der meisten Sippen in einer nicht -sehr fernen Vorzeit von einem gemeinsamen Vater entsprungen und von -ihrer Geburts-Stätte aus gewandert, und<span class="pagenum" id="Seite_522">[S. 522]</span> wenn wir erst besser die -mancherlei Mittel kennen werden, welche ihnen bei ihren Wanderungen zu -gut gekommen sind, dann wird das Licht, welches die Geologie über die -früheren Veränderungen des Klima’s und der Formen der Erd-Oberfläche -schon verbreitet hat und noch ferner verbreiten wird, uns gewiss in den -Stand setzen, ein vollkommenes Bild von den früheren Wanderungen der -Erd-Bewohner zu entwerfen. Sogar jetzt schon kann die Vergleichung der -Meeres-Bewohner an den zwei entgegengesetzten Küsten eines Kontinents -und die Beschaffenheit der manchfaltigen Bewohner dieses Kontinentes in -Bezug auf ihre Einwanderungs-Mittel dazu dienen, die alte Geographie -einigermaassen zu beleuchten.</p> - -<p>Die erhabene Wissenschaft der Geologie verliert von ihrem Glanze durch -die Unvollständigkeit der Aufzeichnungen. Man kann die Erd-Rinde -mit den in ihr enthaltenen organischen Resten nicht als ein wohl -gefülltes Museum, sondern nur als eine zufällige und nur dann und -wann einmal bedachte arme Sammlung ansehen. Die Ablagerung jeder -grossen Fossilien-reichen Formation ergibt sich als die Folge eines -ungewöhnlichen Zusammentreffens von Umständen, und die Pausen zwischen -den aufeinander-folgenden Ablagerungs-Zeiten entsprechen Perioden -von unermesslicher Dauer. Doch werden wir im Stande seyn, die Länge -dieser Perioden einigermaassen durch die Vergleichung der ihnen -vorhergehenden und nachfolgenden organischen Formen zu bemessen. -Wir dürfen nach den Successions-Gesetzen der organischen Wesen nur -mit grosser Vorsicht versuchen, zwei in verschiedenen Gegenden -abgelagerte Bildungen, welche einige identische Arten enthalten, -als genau gleichzeitig zu betrachten. Da die Arten in Folge langsam -wirkender und noch fortdauernder Ursachen und nicht durch wundervolle -Schöpfungs-Akte und gewaltige Katastrophen entstehen und vergehen, -und da die wichtigste aller Ursachen, welche auf organische Wesen -hinwirken, nämlich die Wechselbeziehung zwischen den Organismen selbst, -in deren Folge eine Verbesserung des einen die Verbesserung oder die -Vertilgung des andern bedingt, fast unabhängig von der Veränderung und -zumal plötzlichen Veränderung der physikalischen<span class="pagenum" id="Seite_523">[S. 523]</span> Bedingungen ist: so -folgt, dass der Grad der von einer Formation zur andern stattgefundenen -Abänderung der fossilen Wesen wahrscheinlich als ein guter Maassstab -für die Länge der inzwischen abgelaufenen Zeit dienen kann. Eine -Anzahl in Masse zusammen-gehaltener Arten jedoch dürfte lange Zeit -unverändert fortleben können, während in der gleichen Zeit einzelne -Spezies derselben, die in neue Gegenden auswandern und in Kampf mit -neuen Mitbewerbern gerathen, Abänderung erfahren würden; daher wir -die Genauigkeit dieses von den organischen Veränderungen entlehnten -Zeit-Maasses nicht überschätzen dürfen. Als in frühen Zeiten der -Erd-Geschichte die Lebenformen wahrscheinlich noch einfacher und minder -zahlreich waren, mag deren Wechsel auch langsamer vor sich gegangen -seyn; und als es zur Zeit der ersten Morgenröthe des organischen Lebens -wahrscheinlich nur sehr wenige Organismen von dieser einfachsten -Bildung gab, mag deren Wechsel im äussersten Grade langsam gewesen -seyn. Die ganze Geschichte dieser organischen Welt, so weit sie bekannt -ist, wird sich hiernach als von einer uns ganz unerfasslichen Länge -herausstellen, aber von derjenigen Zeit, welche seit der Erschaffung -des ersten Geschöpfes, des Stamm-Vaters all’ der unzähligen schon -erloschenen und noch lebenden Wesen verflossen ist, nur ein kleines -Bruchstück ausmachen.</p> - -<p>In einer fernen Zukunft sehe ich Felder für noch weit wichtigere -Untersuchungen sich öffnen. Die Physiologie wird sich auf eine neue -Grundlage stützen, sie wird anerkennen müssen, dass jedes Vermögen und -jede Fähigkeit des Geistes nur stufenweise erworben werden kann.</p> - -<p>Schriftsteller ersten Rangs scheinen vollkommen davon überzeugt zu -seyn, dass jede Art unabhängig erschaffen worden seye. Nach meiner -Meinung stimmt es besser mit den der Materie vom Schöpfer eingeprägten -Gesetzen überein, dass Entstehen und Vergehen früherer und jetziger -Bewohner der Erde, so wie der Tod des Einzelwesens, durch sekundäre -Ursachen veranlasst werde. Wenn ich alle Wesen nicht als besondre -Schöpfungen, sondern als lineare Nachkommen einiger weniger<span class="pagenum" id="Seite_524">[S. 524]</span> schon -lange vor der Ablagerung der silurischen Schichten vorhanden gewesener -Vorfahren betrachte, so scheinen sie mir dadurch veredelt zu werden. -Und aus der Vergangenheit schliessend dürfen wir getrost annehmen, -dass nicht eine der jetzt lebenden Arten ihr unverändertes Abbild auf -eine ferne Zukunft übertragen wird. Überhaupt werden von den jetzt -lebenden Arten nur sehr wenige durch Nachkommenschaft irgend welcher -Art sich bis in eine sehr ferne Zukunft fortpflanzen; denn die Art -und Weise, wie die organischen Wesen im Systeme gruppirt sind, zeigt, -dass die Mehrzahl der Arten einer jeden Sippe und alle Arten vieler -Sippen früherer Zeiten keine Nachkommenschaft hinterlassen haben, -sondern gänzlich erloschen sind. Man kann insoferne einen prophetischen -Blick in die Zukunft werfen und voraussagen, dass es die gemeinsten -und weit-verbreitetsten Arten in den grossen und herrschenden Gruppen -einer jeden Klasse sind, welche schliesslich die andern überdauern und -neue herrschende Arten liefern werden. Da alle jetzigen Organismen -lineare Abkommen derjenigen sind, welche lange vor der silurischen -Periode gelebt, so werden wir gewiss fühlen, dass die regelmässige -Aufeinanderfolge der Generationen niemals unterbrochen worden ist -und eine allgemeine Fluth niemals die ganze Welt zerstört hat. Daher -können wir mit einigem Vertrauen auf eine Zukunft von gleichfalls -unberechenbarer Länge blicken. Und da die Natürliche Züchtung nur -durch und für das Gute eines jeden Wesens wirkt, so wird jede fernere -körperliche und geistige Ausstattung desselben seine Vervollkommnung -fördern.</p> - -<p>Es ist anziehend beim Anblick eines Stückes Erde bedeckt mit blühenden -Pflanzen aller Art, mit singenden Vögeln in den Büschen, mit -schaukelnden Faltern in der Luft, mit kriechenden Würmern im feuchten -Boden sich zu denken, dass alle diese Lebenformen so vollkommen in -ihrer Art, so abweichend unter sich und in allen Richtungen so abhängig -von einander, durch Gesetze hervorgebracht sind, welche noch fort -und fort um uns wirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen, -heissen: Wachsthum und Fortpflanzung; Vererbung mit der Fortpflanzung, -Abänderung in Folge der mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen<span class="pagenum" id="Seite_525">[S. 525]</span> -äusserer Lebens-Bedingungen und des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs, -rasche Vermehrung bald zum Kampfe um’s Daseyn führend, verbunden mit -Divergenz des Charakters und Erlöschen minder vervollkommneter Formen. -So geht aus dem Kampfe der Natur, aus Hunger und Tod unmittelbar die -Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen, die -Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Thiere. Es ist wahrlich -eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das -uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, -und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft -folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine -endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat -und noch fort entwickelt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br /> - -<b>Schlusswort des Übersetzers zur ersten Deutschen Auflage</b><a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor"><span class="s7a">[52]</span></a><b>.</b></h2> - -</div> - -<p class="s5 hang1 mbot2">Eindruck und Wesen des Buches. — Stellung des Übersetzers zu -demselben. — Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. — Einreden -des Übersetzers. — Aussicht auf künftigen Erfolg.</p> - -<p>Und nun, lieber Leser, der Du mit Aufmerksamkeit dem Gedanken-Gange -dieses wunderbaren Buches bis zu Ende gefolgt bist, dessen Übersetzung -wir Dir hier vorlegen, wie sieht es in Deinem Kopfe aus? Du besinnst -Dich, was es noch unberührt gelassen von Deinen bisherigen Ansichten -über die wichtigsten Natur-Erscheinungen, was noch fest stehe von -Deinen bisher festgestandnen Überzeugungen? Es sind nicht etwa -teleskopische<span class="pagenum" id="Seite_526">[S. 526]</span> Entdeckungen, nicht neue Elementar-Stoffe, nicht die -anatomischen Enthüllungen eines 10,000fältig vergrössernden Mikroskops, -die der Verfasser gegen unsre bisherigen Vorstellungen auftreten lässt; -es sind neue Gesichtspunkte, unter welchen ein gediegener Naturforscher -in geistreicher und scharfsinniger Weise alte Thatsachen betrachtet, -die er seit zwanzig Jahren gesammelt und gesichtet, über die er -seit zwanzig Jahren unablässig gesonnen und gebrütet hat. Tief in -seinen Gegenstand versenkt, von der Wahrheit der gewonnenen Resultate -unerschütterlich überzeugt, trägt er sie mit so bewältigender Klarheit -vor, beleuchtet er sie mit so viel Geist, vertheidigt er sie mit so -scharfer Logik, zieht er so wichtige Schlüsse daraus, dass wir, was -auch unsre bisherige Überzeugung gewesen seyn mag, uns eben so wenig -ihrem Eindrucke entziehen, als unsre Anerkennung der Aufrichtigkeit -versagen können, womit er selbst alle Einreden, die man ihm -entgegen-halten kann, herbeisucht und nach ihrem Gewichte anerkennt. Er -gesteht zu, dass sich gegen fast alle seine Gründe Gegengründe anführen -lassen, und behält sich die ausführlichere Erörterung der Einzelnheiten -in einem Umfang-reicheren Werke vor, da es sich hier nur um eine -Gesammt-Darstellung seiner Theorie handelte.</p> - -<p>Auf diese Weise ausgerüstet kann ein Werk nicht verfehlen die grösste -Aufmerksamkeit zu erregen, das sich zur Aufgabe gesetzt, die dunkelsten -Tiefen der Natur zu beleuchten, das bisher unlösbar geschienene -Problem, das grösste Räthsel für die Naturforschung zu lösen und -<em class="gesperrt">einen</em> Gedanken, <em class="gesperrt">ein</em> Grund-Gesetz in Werden und Seyn der -ganzen Organismen-Welt nachzuweisen, das dieselbe in Zeit und Raum -eben so beherrscht, wie die Schwerkraft in den Himmelskörpern und die -Wahlverwandtschaft in aller Materie waltet, und auf welches alle andern -Gesetze zurückführbar sind, die man bisher für sie aufgestellt hat. -Es ist das Entwickelungs-Gesetz durch Natürliche Züchtung, das in der -ganzen organischen Natur eben so wie im Systeme und im Individuum durch -Zeit und Raum herrscht.</p> - -<p>Die bisherigen Versuche, jenes Problem ganz oder theilweise zu lösen, -waren Einfälle ohne alle Begründung und nicht<span class="pagenum" id="Seite_527">[S. 527]</span> fähig, eine Prüfung -nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auszuhalten, ja nur zu -veranlassen<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a>. Gleichwohl hat jeder Naturforscher gefühlt, dass die -Annahme einer jedesmaligen persönlichen Thätigkeit des Schöpfers, um -die unzähligen Pflanzen- und Thier-Arten in’s Daseyn zu rufen und -ihren Existenz-Bedingungen anzupassen, im Widerspruch ist mit allen -Erscheinungen in der unorganischen Natur, welche durch einige wenige -unabänderliche Gesetze geregelt werden<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a>, durch Kräfte, die der -Materie selbst eingeprägt sind. Da wir es auf Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span> -Wunsch übernommen haben, sein Werk in’s Deutsche zu übertragen, so -glauben wir dem Leser einige Rechenschaft von unsrer eigenen bisherigen -Ansicht über mehre der durch den Verf. erörterten Fragen im Einzelnen -und über seine Theorie im Ganzen, so wie von dem Einflusse schuldig zu -seyn, welchen dieselbe auf unsre eigene Vorstellungs-Weise hinterlassen -hat. Wir leisten diese Rechenschaft um so lieber, als, was wir auch -immer gegen diese neue Theorie einzuwenden haben mögen, Diess unsre -hohe Achtung und Bewunderung für ihren Begründer, unsere Dankbarkeit -für seine zahlreichen Belehrungen und unsre zuversichtliche Hoffnung -auf glänzende Erfolge seiner Bestrebungen nicht schmälern kann<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a>.</p> - -<p>Wir haben an C<span class="smaller">UVIER</span>’<span class="smaller">S</span> Definition festhaltend die <em class="gesperrt">Art</em> -als Inbegriff aller Individuen von einerlei Abkunft und derjenigen, -welche ihnen eben so ähnlich als sie unter sich sind, betrachtet<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a>. -Wir haben die Arten im Ganzen für beständig in ihren Charakteren, -doch der Abartung in Folge äusserer oder unbekannter Einflüsse für -fähig gehalten<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a>, die Abarten oder Varietäten aber<span class="pagenum" id="Seite_528">[S. 528]</span> für fähig -unter angemessenen Verhältnissen wieder zu dem älterlichen Typus -zurückzukehren; doch werde Diess der bestehenden Erfahrung gemäss um -so schwerer halten, je länger die Abart unter fortwährendem Einflusse -derselben äusseren Bedingungen, denen sie ihre Entstehung verdankte, -schon als solche fortgepflanzt worden seye<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a>. Das Maass der möglichen -Abänderung einer Art wurde als ein beschränktes vorausgesetzt und -nach den vorhandenen Erfahrungen in der geschichtlichen Zeit taxirt, -ohne jedoch das mögliche Maximum dieser Grenzen zu bestimmen. -Successiv auftretende Arten-Formen nahmen wir daher als selbstständig -an<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a>. Eine Generatio aequivoca der Arten haben wir nach den bisher -bestehenden Erfahrungen nicht anerkannt<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a>; und daher in Ermangelung -einer andern Arten-bildenden Natur-Kraft (da Bastarde keine neue -Arten gründen) nöthig gefunden, uns einstweilen noch auf eine -Schöpfung zu berufen<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a>, jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung, -dass solche Annahme einer persönlichen Thätigkeit des Schöpfers mit -dem übrigen Walten in der Natur im Widerspruch stehe<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a>. Wir haben -die Leistungen dieser Schöpfungs-Kraft, welcher Art sie nun seyn -möge<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a>, näher charakterisirt und darauf hingewiesen, dass sie -neben den unvollkommenen auch immer höher vervollkommnete Organismen -hervorgebracht habe, wovon die neu auftretenden Formen immer in festen -verwandtschaftlichen Beziehungen zu den untergegangenen und zu den -jedesmaligen äusseren Lebens-Bedingungen gestanden, was auf ein nahes -Verhältniss der schaffenden Kraft zu der erhaltenden und zu diesen -äusseren Verhältnissen hinweise.</p> - -<p>D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span> <em class="gesperrt">Theorie</em> lässt sich nun in folgender Weise -zusammenfassen. Der Schöpfer hat einigen wenigen erschaffenen -Pflanzen- und Thier-Formen, vielleicht auch nur einer einzigen,<span class="pagenum" id="Seite_529">[S. 529]</span> Leben -eingeblasen<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a>, in Folge dessen diese Organismen im Stande waren zu -wachsen und sich fortzupflanzen, aber auch bei jeder Fortpflanzung in -verschiedener Richtung um ein Minimum zu variiren („Fortpflanzung mit -Abänderung“). Die Ursachen solchen Abändern’s sind zumal in Affektionen -der Generations-Organe und nur geringentheils in unmittelbaren -Einflüssen der äusseren Lebens-Bedingungen zu suchen. Solche kleine -Abweichungen vom älterlichen Typus können schädliche, gleichgültige -und nützliche seyn. Waren sie es in noch so geringem Grade, so hatten -die Individuen mit den ersten am wenigsten und die mit den letzten -am meisten Aussicht die andern zu überleben und sich fortzupflanzen. -Die überlebenden Individuen werden die ihnen nützlich gewordene -Abweichung oft wieder auf ihre Nachkommen „vererbt“ haben, und wenn -diese nur nach 10 Generationen wieder einmal in gleicher Richtung -und Stärke variirten, so war das Maass der Abänderung und somit ihre -Aussicht die anderen Individuen zu überleben auf’s Neue vermehrt. Die -Natur begünstigt also vorzugsweise die Fortpflanzung der mit jener -nützlichen Abweichung versehenen Individuen auf Kosten der andern -und häuft dieselbe bei späteren Nachkommen zu immer höherem Betrage -an, etwa wie ein Viehzüchter bei Veredlung seiner Rassen verfährt -(„Natürliche Züchtung“), um deren ihm selbst willkommene Eigenschaften -zu steigern. So kann nach tausend, zehntausend oder hunderttausend -Generationen in einzelnen Nachkommen der ersten Urform jene Abweichung -eine 100-, 1000-, 10,000fach gehäufte, es kann aus der anfänglich ganz -unbemerkbaren Abänderung eine wirkliche Abart, eine eigene Art, eine -andere Sippe, ja zuletzt nach 1,000,000 und mehr Generationen eine -andere Ordnung oder Klasse von Organismen entstehen; denn es liegt -keine natürliche Ursache und kein logischer Grund vor anzunehmen, dass -das Maass der langsamen Abänderung irgendwo eine Grenze finde. Eine -Abänderung aber, die in einer Gegend, Lage, Gesellschaft<span class="pagenum" id="Seite_530">[S. 530]</span> u. s. w. -nützlich ist, kann in der andern schädlich seyn u. a. Es können mithin -aus derselben Grundform unter verschiedenen äusseren Verhältnissen -Abänderungen in ganz verschiedener Richtung entstehen, fortdauern und -mit der Zeit allmählich ganz verschiedene Sippen, Familien und Klassen -bilden („Divergenz des Charakters“). Da die Nützlichkeit jeder Art -von Abänderung von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen -abhängig ist, unter welchen sie nützlich erscheinen, und da die -Abänderung selbst unter andern Bedingungen eine andere seyn muss, -um dem Organismus zu nützen, so besteht diese Natürliche Züchtung -in einer fortwährenden „Anpassung der vorhandenen Lebenformen an -die äusseren Bedingungen“ und Angewöhnung an dieselben. Diese sind -Wohn-Elemente, Boden, Klima, Licht, Nahrung, vor allem Andern aber die -Wechselbeziehungen der beisammen wohnenden Organismen zu einander, ihr -Leben von einander, die Nothwendigkeit sich gegenseitig zu verdrängen -und zu vertilgen, weil bei Weitem nicht alle, die geboren werden, auch -neben einander fortleben können; daher der „Kampf um’s Daseyn“ bei -fortdauernder Vervielfältigung und Ausbreitung der vervollkommneten -Sieger und fortwährende „Erlöschung“ der wegen minderer Vollkommenheit -Besiegten. Je mehr Lebenformen entstehen, desto manchfaltiger werden -mithin wieder die Lebens-Bedingungen. Daher auch eine fortwährende -Veränderung, Vervollkommnung und Vervielfältigung eines Theiles der -Lebenformen (obwohl andere verschwinden) nicht als Zufall, sondern -als nothwendige gesetzliche Erscheinung! Manche Organe mögen sich -wohl auch in Folge der Art ihres „Gebrauches“ weiter entwickeln und -vervollkommnen, wie andere durch „Nichtgebrauch“ allmählich zurückgehen -und verkümmern („rudimentäre Organe“), wenn sie etwa unter veränderten -Lebens-Bedingungen nicht mehr nöthig und vielleicht sogar schädlich -sind. Wie die Natürliche Züchtung die ganzen Lebenformen allmählich -differenzirt, um sie verschiedenen Lebens-Bedingungen anzupassen, so -verfährt sie oft auch mit gleichartigen Organen, die in grösserer -Anzahl an einerlei Individuen vorkommen. Wenn jedoch erbliche -Abänderungen nur in einem<span class="pagenum" id="Seite_531">[S. 531]</span> gewissen Lebens-Alter auftreten oder -erworben werden, so vererben sie sich auch nur auf dieses Lebens-Alter -der Nachkommenschaft; diese bekommt mit fortschreitendem Alter neue -Formen, durchläuft vom Embryo-Zustande an eine „Metamorphose“, -während es andere Lebenformen gibt, welche lebenslänglich fast -gleiche („embryonische“) Gestalt beibehalten, daher die ursprüngliche -Verwandtschaft der Wesen sich gewöhnlich durch Übereinstimmung im -Embryo-Zustande am längsten verräth. Die allmähliche Entstehung so -vieler immer manchfaltigerer und z. Th. immer vollkommenerer Lebenwesen -durch Fortpflanzung mit Abänderung und unter gleichzeitigem Aussterben -anderer lässt sich daher mit der Entwickelung eines Baumes vergleichen; -die Urformen bilden den Stamm, die Ordnungen, Sippen und Arten, die -Äste und Zweige, und ein natürliches System kann nicht anders als in -Form eines Stammbaumes dargestellt werden. Dieser Baum erstreckt sich -gleichsam durch alle Gebirgs-Formationen aus der Tiefe herauf; da er -aber in der Silur-Zeit schon in viele Äste auseinander gelaufen, so -muss der eigentliche Stamm in noch viel älteren und tieferen Schichten -stecken, die man noch nicht entdeckt oder erkannt hat, entweder weil -sie durch metamorphische Prozesse verändert und sammt ihren organischen -Resten unkenntlich geworden sind, oder weil sie unter dem Ozean liegen. -Denn es könnte möglich seyn, dass seit der silurischen Periode das -Weltmeer im Ganzen genommen in Senkung, wie unsre jetzigen Kontinente -im Ganzen genommen fortwährend in Hebung begriffen wären. Im Übrigen -erklärt sich die geographische Verbreitungs-Weise der Organismen, von -zufälligen und gelegentlichen Verbreitungs-Mitteln einzelner Individuen -abgesehen, hauptsächlich aus grossen klimatischen und geographischen -Veränderungen (wie die Eis-Zeit), welche der Reihe nach alle Theile der -Erd-Oberfläche betroffen, ihre Bewohner in andere Gegenden gedrängt und -ihnen die Wege bald hier und bald dort geebnet haben, so dass manche -Bewohner gemässigter Zonen sogar den Äquator überschreiten und ihre Art -in die andre Hemisphäre verpflanzen konnten.</p> - -<p>Die neue Hypothese gibt Thatsachen und Urtheile, um zu<span class="pagenum" id="Seite_532">[S. 532]</span> zeigen, wie -sich die Erscheinungen im Allgemeinen verhalten haben können oder noch -verhalten können, und es gelingt ihr das oft in einem überraschenden -Grade. Es sind ganze in langen Kapiteln abgehandelte Probleme, die -sich mit deren Hülfe dann so einfach lösen, dass man fast keinen -Augenblick darüber in Zweifel geräth, ob sich die Sache nicht auch -anders verhalten könne, und man sich selbst aufrütteln muss, um sich zu -erinnern, es handle sich vorerst nur um eine in ihren Grundbedingungen -der Rechtfertigung noch durchaus bedürftigen Hypothese. Und in der -That, wenn man dann über den Rand des Buches hinaus auf irgend ein -andres Werk blickt, welches die Erscheinungen so schildert, wie sie -in der Natur vorliegen, so fühlt man oft, dass die Anwendbarkeit der -D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Theorie auf die Wirklichkeit nicht so einfach und -nicht so unmittelbar ist, als es geschienen, so lange man sich mit dem -Verfasser ganz in seine Ansichten versenkt hatte, weil (begreiflich) -die Verhältnisse überall nicht so einfach oder so geartet sind, wie -er sie Beispiels-weise unterstellt. Wie sehr man sich daher auch von -des Verfs. Theorie angezogen fühlen mag, weil sie, ihrem Grundgedanken -nach einmal zugestanden, eine Menge einzelner unerklärter Erscheinungen -auf die überraschendste Weise verkettet und als nothwendige erklärt, -so muss man wohl erwägen, in wie ferne sie wirklich annehmbar seye. In -dieser Beziehung wollen wir hier zum Schlusse noch einige erläuternde -Betrachtungen mit unseren wesentlichsten Einreden dagegen folgen -lassen, weil uns Diess angemessener und schicklicher erscheint, als -die Übersetzung selbst überall mit Einwürfen zu begleiten. Eine nicht -unerhebliche Anzahl noch andrer Gegenreden könnte leicht aus unsren -früheren Schriften beigebracht werden, die wir hier übergehen, ohne sie -jedoch für entkräftet zu halten.</p> - -<p>Zuerst haben wir keine weitre positive Kenntniss von den natürlichen -Grenzen der Veränderlichkeit der Arten überhaupt, als dass Varietäten -aus ihnen entstehen, die unter denselben äusseren Bedingungen, unter -welchen sie entstanden sind, auch um so ständiger werden können, je -länger sie sich unter demselben Einflusse gleichbleibend fortpflanzen. -Darin liegt allerdings<span class="pagenum" id="Seite_533">[S. 533]</span> schon ein grosses Zugeständniss, indem wir, -sehr lange Zeiträume unterstellend, meistens nicht die Hoffnung hegen -dürfen, eine solche während 1000 Generationen ständig fortgepflanzte -Varietät jemals wieder auf ihren Urtypus wirklich zurückzuführen. Ja -wir dürfen uns dieser Hoffnung um so weniger hingeben, als wir sehr -oft die wahre Ursache der Entstehung einer solchen Varietät nicht -einmal kennen, und sogar dann, wenn wir sie kennen, meistens kaum im -Stande seyn dürften, dasjenige Agens zu finden oder diejenige Reihe -von Agentien zu enträthseln oder anzuwenden, welche dem ersten direkt -entgegenwirken. Wir würden daher oft weder den positiven Beweis der -Abstammung noch auch aus der Thatsache, dass sich eine Abart nicht -mehr auf ihre Stamm-Form zurückbringen lässt, den Gegenbeweis liefern -können, dass jene aus dieser <em class="gesperrt">nicht</em> entstanden seye. Was daher -auch immer für die <em class="gesperrt">Möglichkeit unbegrenzter Abänderung</em> angeführt -werden mag, so ist sie vorerst und wird sie wohl noch lange eine -unerweisliche, aber allerdings auch unwiderlegliche Hypothese bleiben, -eine Hypothese, gegen deren Annahme mithin aus diesem Gesichtspunkte -logisch nichts einzuwenden ist, woferne sie sonst ihrer Bestimmung -genügt.</p> - -<p>Ganz anders aber verhält es sich mit einer andern Erscheinung, und -diese bildet unsres Bedünkens den <em class="gesperrt">ersten und erheblichsten Einwand -gegen die neue Theorie</em>, da er sie in ihren Grundlagen berührt, -wie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> auch ganz wohl gefühlt hat und ihn daher gar -vielfältig zu widerlegen sucht<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a>, dessen Bedeutung aber gerade -darum um so schärfer hervortritt, weil aller auf diese Widerlegung -verwendete Fleiss und Scharfsinn die beabsichtigte Wirkung bei -Weitem nicht in genügendem Grade hervorzubringen im Stande ist. -Diese Erscheinung ist folgende. Da die entstehenden Varietäten nach -D<span class="smaller">ARWIN</span> in der Regel sich nicht durch äussre Einflüsse und -nie in Folge eines eigenen innern in bestimmter Richtung beharrlich -abweichenden Bildungs-Triebes entwickeln, sondern dadurch, dass von -ganz zufälligen in allen möglichen Richtungen auseinanderlaufenden<span class="pagenum" id="Seite_534">[S. 534]</span> -unmerkbar kleinen Abänderungen diejenigen, welche dem Organismus -nützlich sind, am meisten Aussicht haben, die übrigen zu überleben und -sich reichlicher als sie fortzupflanzen, — da eine jede dieser in -verschiedenen Richtungen auseinander-laufenden kleinsten Abänderungen -wieder in allen Richtungen um ein Minimum abändern kann, — da nach -des Verfs. eigner Annahme nur in 4–8–10 Generationen wieder einmal -eine genau in gleiche Richtung mit einer der vorigen fällt und sie -steigert oder durch Häufung verstärkt; — und da unter so unmerkbar -kleinen Abänderungen noch keine ein merkbar grosses Übergewicht über -die andern im Rassen-Kampfe haben kann: — so werden die Abarten -nicht als solche nett und fertig sich von der Stammform wie ein -gestieltes Dikotyledonen-Blatt vom Stengel, sondern etwa wie der -unregelmässig krause Lappen einer Blätterflechte von der übrigen -Flechten-Masse ablösen, welcher sich auch im weitren Verlaufe nie zu -einem scharf und regelmässig contourirten Blatt entwickelt, sondern -stets seine unsichere Gestalt beibehält, indem, wie lang er endlich -auch werden mag, er immer wieder in ähnlicher Weise wuchert. Und -diese Unsicherheit der Begrenzung wird um so bedeutender werden, -da die neuen Abarten nicht auf einzelnen Merkmalen, sondern auf -2–3–4 von den alten abweichenden Charakteren beruhen, deren aber -jeder für sich allein auftreten oder sich in verschiedener Weise -und in verschiedenen Graden mit jedem andern verbinden kann, und da -nach des Verfs. eigener Theorie Varietäten unter sich vorzugsweise -fruchtbar sind und kräftige Nachkommenschaft liefern. Es müssten -Formen-Gewirre entstehen noch weil ärger, als wir sie z. Th. in Folge -anderer Ursachen in der Pflanzen-Welt wirklich in einigen Fällen -kennen, bei Rubus, Salix, Rosa, Saxifraga. So müssten sie, wenn auch -nicht ausnahmslos, doch vorherrschend überall vorkommen, obwohl sie -jetzt im Pflanzen-Reiche selbst nur als Ausnahmen erscheinen und im -[lebenden] Thier-Reiche noch überhaupt kaum bekannt sind. Wählen wir -daher zu bessrer Versinnlichung einige hypothetische Fälle aus diesem -letzten aus. Wenn z. B. aus der Haus-Ratte (Mus rattus) eine Wander- -oder Kanal-Ratte (Mus decumanus) werden sollte<span class="pagenum" id="Seite_535">[S. 535]</span> (wir wählen diess -Beispiel, weil in der That noch vor unsern Augen diese letzte als die -stärkere die erste allenthalben verdrängt), so müssten nicht nur alle -Übergänge aus der minderen Grösse, aus der bläulich-grauen Farbe, -aus den längeren Ohren und dem längeren Schwanze der ersten in die -ansehnlichere Grösse, die oben braun-graue und unten weissliche Farbe, -die kürzren Ohren und den kürzren Schwanz der letzten eintreten und, da -sie sich nicht gegenseitig bedingen, wahrscheinlich alle sich mit allen -andern Merkmalen und in allen mit allen Abstufungen (zum Theil sogar -in überschüssigem Maasse) so lange verbinden, als nicht eine dieser -Verbindungen ihrem Besitzer positiv schädlich oder entschieden nützlich -würde. Da jede dieser vier Verschiedenheiten sich mit den drei andern -verbinden kann, so entstehen hiedurch schon zehnerlei Verbindungen; -und da jede derselben auf jeder Abstufung der Umänderung sich mit -allen Abstufungen der Umänderung der drei andern zusammen-gesellen -kann, so werden die Mittelformen zahllos seyn, und es ist in keiner -Weise abzusehen, wie statt solcher zahlloser Abänderungen, Abstufungen -und Kombinationen zuletzt gerade nur die einzige feste und bestimmte -Form der Wander-Ratte entstehen solle, zumal wir nicht wahrzunehmen -vermögen, dass alle Abweichungen derselben von der Organisation der -andern Art wesentlich zu ihrer grösseren Vollkommenheit beitragen, -sondern mitunter für das Thier ganz gleichgültig seyn mögen, und -da beide Arten keineswegs sich genau um dieselben Aufenthalts-Orte -streiten. Geben wir aber zu, dass (aus uns unbekannten Ursachen) gerade -nur die eine Kombination der Charaktere, wie sie in der Wander-Ratte -vorkommt, derjenigen in der Haus-Ratte so überlegen seye, dass die -erste die letzte überall zu besiegen und zu verdrängen im Stande ist, -wo sie mit ihr in Mitbewerbung tritt, so begreift man (trotz Allem, -was Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> dafür anführt) doch nicht, warum die der -Wander-Ratte näher-stehenden schon weniger oder mehr verbesserten -und jedenfalls nur in viel unbedeutenderem Nachtheil befindlichen -Abänderungen immer und fortwährend zuerst besiegt und verdrängt werden -sollten, die blaugraue Ratte aber, welche am weitesten von dem<span class="pagenum" id="Seite_536">[S. 536]</span> -verbesserten Vorbilde entfernt ist, zuletzt? Man begreift nicht, warum -die neue Art zuerst zur vollständigen Ausbildung gelangen müsse, ehe -sie die andre zu besiegen im Stande ist, da ja die überlegenere von -ihnen doch fortwährend die begünstigteren und schon halb verbesserten -Mittelformen verdrängen und in einer Weise vernichten soll, als ob ein -Individuum das andre unausgesetzt mit positiven Waffen angriffe. Hr. -D<span class="smaller">ARWIN</span> wird uns in dem von den zwei Ratten-Arten entnommenen -Beispiele etwa antworten, dass (obwohl thatsächlich eine die andre -verdrängt und besiegt) sie nicht eine aus der andern, sondern dass -beide aus einer bereits untergegangenen dritten Art entstanden sind, -oder etwa dass sie sich unter Umständen aus einander entwickelt haben, -die wir nicht kennen, daher wir auch nicht zu sagen im Stande seyen, -in wieferne ihnen eine jede einzelne Eigenschaft nützlich gewesen -seye oder nicht. Dieselben Antworten etwa würde uns D<span class="smaller">ARWIN</span> -ertheilen, wenn wir Hasen und Kaninchen zum Beispiele wählten; — -und wenn wir fragten, warum wir die blinden Höhlen-Thiere nicht noch -halb-blind im vordem Theile der Höhlen finden, durch welche sie in den -hintern dunkelsten Theil eingedrungen, so würde er uns noch weiter -sagen, dass diese durch spätre Mitbewerber dort ausgetilgt seyn können. -Diese und ähnliche an und für sich unangreifbare allgemeine Antworten -wird er jeder Einrede entgegenhalten; aber wenn sie auch in manchen -<em class="gesperrt">einzelnen</em> Fällen begründet sind und in keinem Falle als absolut -unpassend beseitigt oder widerlegt werden können, so fühlt doch Jeder, -dass die Sache <em class="gesperrt">im Ganzen</em> genommen nach der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen -Theorie selbst sich ganz anders gestaltet haben würde und noch -gestalten müsste, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Er ist dadurch -im Vortheil, dass er desshalb über <em class="gesperrt">gar keinen</em> einzelnen Fall -Rechenschaft zu geben braucht, weil man nicht über <em class="gesperrt">jeden</em> -einzelnen Fall Rechenschaft von ihm fordern kann!</p> - -<p>Den Mangel der Zwischenformen der Arten in den Erd-Schichten erklärt -Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> unter Anderem aus der unvollständigen Erhaltung der -einst vorhanden gewesenen Organismen-Formen im Fossil-Zustande und aus -der Länge der Ruhe-Perioden<span class="pagenum" id="Seite_537">[S. 537]</span> zwischen den verschiedenen Formationen. -Wenn wir aber eine Menge von Arten in identischen Formationen (wie Hr. -D<span class="smaller">ARWIN</span> selbst anerkennt) überall in zahlreichen und sogar in -Tausenden von Exemplaren wieder finden, so können die Bedingungen der -Erhaltung für die Zwischenformen unmöglich so ganz ungünstig gewesen -seyn, dass gar nichts von ihnen übrig geblieben; Zwischenformen -müssten sich um so eher finden, als im Fossil-Zustande eine Menge -von Charakteren verloren gehen, mit deren Hülfe allein wir viele -sonst ganz selbstständige lebende Arten von einander unterscheiden. -Endlich, wie lange auch, in Jahren ausgedrückt, die Zwischenräume -gewesen seyn mögen, welche zwischen der Absetzung verschiedener -Formationen vergangen: geologisch oder relativ genommen sind sie nicht -so unermesslich lang, als sie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> darstellt, indem -nämlich die Veränderungen, welche von einer Formation zur andern in der -Organismen-Welt vor sich gegangen, meistens gar nicht viel grösser zu -seyn pflegen als jene, die von einem Schichten-Stock zum andern oder -von einer Schicht zur andern in derselben Formation stattfinden. So -sind wenigstens von der Silur- bis zur Kohlen-Formation, und von der -Trias- bis zur heutigen Periode selbst auf <i>Europäischem</i> Gebiete -keine sehr grossen Lücken mehr vorhanden, und hier und da scheint sogar -eine ununterbrochene Bildungs-Reihe von Schichten zwei Formationen zu -verbinden!</p> - -<p>Aber selbst wenn wir den einfachsten Fall annehmen, wenn wir uns unter -denjenigen Abarten umsehen, welche sich heutzutage als solche in unsren -Systemen aufgeführt finden, so ist auch da schon die Kette hinter ihnen -abgeschnitten; auch da schon fehlen fast überall die Glieder, welche -sie mit der Stamm-Art verbinden; denn wären diese noch vorhanden, so -könnte keinen Augenblick mehr ein Streit darüber fortdauern, ob sie -selbstständige Arten oder nur Abarten seyen, ein Streit, auf welchen -sich D<span class="smaller">ARWIN</span> so oft beruft! Und wenn Art und Abart als solche -noch reichlich neben einander bestehen, wie könnten die Zwischenglieder -durch die Abart bereits ausgetilgt seyn? Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> gibt uns -auch hier eine vortreffliche Erklärung, wie Diess in einigen Fällen -möglich gewesen seyn könne, indem er die<span class="pagenum" id="Seite_538">[S. 538]</span> Varietäten und Arten zuerst -auf Inseln u. a. ringsum abgeschlossenen Gebieten entstehen lässt, -wo alle divergirenden Stämme einer Spezies sich immer wieder mit -einander kreutzen können und durch Vererbung eine gemeinsame Mittelform -herzustellen im Stande sind. Aber dürfte diese Erklärungs-Weise -wirklich als Regel und ihre Nichtanwendbarkeit nur als seltene Ausnahme -zu betrachten seyn?? Muss es in allen Fällen so gewesen seyn, weil es -in einzelnen Fällen so gewesen seyn kann?</p> - -<p>Doch verweilen wir bei dieser Erklärung; denn sie würde in der That -vortrefflich seyn, wenn man annehmen dürfte, dass sich jede Art aus -Individuen einer andern entwickelt habe, die auf beschränktem Raume -gänzlich von allen ihren Art-Genossen abgeschlossen gewesen wären, so -dass alle Nachkommen dieser Individuen unter neuen Existenz-Bedingungen -sich jederzeit alle mit einander mischen, aber nie mehr mit ihren -andern Verwandten in irgend eine Berührung kommen konnten, bis die -neue Art vollendet war! Das treffendste thatsächliche Beispiel für -einen solchen Fall liefert uns der Mensch selbst. Der Mensch war gewiss -noch lange, nachdem er sich bereits über die ganze Erd-Oberfläche -verbreitet hatte, nicht im Stande, sich in Masse von einem Welttheile -zum andern zu bewegen. Beobachtungen in <i>Neu-Orleans</i> u. a. haben -zur Berechnung geführt, dass schon etwa in der Diluvial-Zeit, vor -10,000–100,000 oder noch mehr Jahren, die jetzigen Menschen-Rassen -vorhanden und in jetziger Weise vertheilt gewesen sind. Die Bewohner -eines jeden Welttheils waren von den übrigen fast isolirt, aber unter -sich mehr und weniger verbunden; sie erfüllten die oben geforderten -Bedingungen so genügend, wie man es in keinem andern Falle zu finden -und nachzuweisen erwarten darf, und so war eine ungestörte Divergenz -des Charakters der Menschen-Spezies während einer Zeit-Periode möglich, -welche anerkannter Maassen zur Bildung neuer Spezies, wenn auch noch -nicht zur Umgestaltung der ganzen Flora und Fauna, genügend war. Und -was ist die Folge jener Isolirung einzelner Menschen-Gruppen während -eines so langen Zeitraumes gewesen? Es sind eben so viele Rassen als -getrennte Welttheile und eine Anzahl Mischlinge entstanden,<span class="pagenum" id="Seite_539">[S. 539]</span> die -zuletzt sehr verschieden im Aussehen und noch verschiedener in ihrer -geistigen Befähigung doch einander so nahe verwandt geblieben und so -fruchtbar miteinander sind, dass Niemand an ihrer Art-Verwandtschaft -miteinander zweifelt, obschon der Kampf um’s Daseyn binnen der drei -oder vier Jahrhunderte, seit welchen in den verschiedenen Gegenden -allmählich entwickelten Rassen miteinander in Berührung gekommen -sind, bereits genügt hat, um einige derselben (und zwar nicht die -ausgeprägtesten) dem Erlöschen nahe zu bringen. Wir dürfen wohl nicht -hoffen einen andern <em class="gesperrt">thatsächlichen</em> Beleg über das Abändern der -Arten und die Divergenz des Charakters zu finden, der sich in der -erweislichen Länge der Zeitdauer und Vollkommenheit der Isolirung -der Rassen der verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, welche diese -Erde einer nämlichen Spezies darzubieten im Stande ist, mit diesem -vergleichen liesse.</p> - -<p>Gerne möchten wir zu Gunsten der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Theorie und zur -Erklärung, warum nicht viele Arten durch Zwischenglieder in einander -verfliessen, noch irgend ein inneres oder äusseres Prinzip entdecken, -welches die Abänderungen jeder Art nur in <em class="gesperrt">einer</em> Richtung weiter -drängte, statt sie in allen Richtungen bloss zu gestatten. Das Problem -wurde dann ein einfachres werden; aber immer müssten wir wieder -erwarten, auch in dieser einfachen Reihe die Kette der Zwischenglieder -aufzufinden, und diese sind weder vorhanden, noch ist uns ein innres -derartiges Prinzip irgendwo bekannt.</p> - -<p>Freilich liegen <em class="gesperrt">äussre</em> solche Prinzipien vor. Es sind die -Existenz-Bedingungen, welchen sich die Organismen anpassen müssen, -und welche eine so grosse Rolle in diesem Buche spielen. Sie sind -theils organische und theils unorganische, und die ersten nach -Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span> weitaus die zahlreichsten und wichtigsten und -daher auch an und für sich geeignet, die manchfaltigsten Folgen -zu veranlassen. Doch eben diese organischen Prinzipien haben für -D<span class="smaller">ARWIN</span> wieder den grossen Vortheil, dass, indem er sich auf -ihre Manchfaltigkeit und auf den Kampf ums Daseyn überhaupt beruft, er -der Nothwendigkeit überhoben ist, Rechenschaft von ihrer Wirkungs-Weise -im Einzelnen zu geben<span class="pagenum" id="Seite_540">[S. 540]</span> und nachzuweisen, welche spezielle Folgen -diese oder jene spezielle organische Bedingungen auf die Struktur und -Entwickelung der ihrem Einfluss unterliegenden Organismen überhaupt, -oder auf einzelne insbesondere ausübt. Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> beruft sich -auf jeder Seite darauf, dass nur solche Abänderungen Aussicht auf -Erhaltung haben, welche dem Individuum und somit der künftigen Spezies -nützlich sind; und theoretisch muss man zugestehen, dass, woferne es -eine Natürliche Züchtung gebe, die Sache sich nicht anders verhalten -könne. Aber wir müssen gestehen, doch in fast allen unseren aus -angeblich innern Ursachen hervorgegangenen Varietäten gar nicht finden -zu können, worin denn der Nutzen ihrer Abänderung bestehe; und wenn -Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> sich auf die Erfahrung beruft, dass ein grosser -Theil der <i>Britischen</i> Flora der <i>Neuseeländischen</i> gegenüber -so vervollkommnet sey, dass er sie verdränge, so hätten wir gehofft, -doch auch nur in einzelnen Fällen nachgewiesen zu sehen, worin denn -diese Überlegenheit beruhe. Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> entzieht sich auch hier -jeder Rechenschaft. Warum bekommt z. B. in diesem Kampfe ums Daseyn -eine Pflanzen-Art ovale statt lanzettlicher und die andre lanzettliche -statt ovaler Blätter? warum die eine einen Dolden-artigen und die -andre einen Rispen-förmigen Blüthenstand? warum die eine fünf und die -andre vier Staubgefässe, die eine eine geschlossne und die andre eine -weit geöffnete Blüthe? Wozu nützt der einen Diess und der andern das -Gegentheil? Warum bewirken die organischen Bedingungen Diess? Mit -welchen Mitteln fangen sie es an? und wie müssen sie beschaffen seyn, -um es zu können? Und wie kann die eine Art der andern dadurch überlegen -werden? Wir gestehen, keinen Zusammenhang zwischen diesen Erscheinungen -zu erkennen, und Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> würde uns antworten, dass es -möglicher Weise so oder so zugehen <em class="gesperrt">könne</em>. Wir gestehen ferner, -uns vergeblich um positive Beweise oder auch nur Belege in dieser -Beziehung umgesehen zu haben, manche spezielle Fälle eigenthümlicher -Art etwa ausgenommen; denn wir sind weit entfernt davon, allen solchen -Einfluss überhaupt läugnen zu wollen. Wir wollen sogar ein spezielles -Beispiel anführen. B<span class="smaller">REHM</span> hat die meisten unsrer anerkannten -deutschen Vögel-Arten<span class="pagenum" id="Seite_541">[S. 541]</span> nach den Proportionen des Kopfes, des Schnabels, -der Füsse, der Flügel und zuweilen mit Zuhilfenahme der Färbung in je -zwei bis vier Formen unterschieden und als wirkliche Arten bezeichnet, -weil sie sich in der Regel nur je unter sich paaren, als solche -fortpflanzen, gewöhnlich einen abweichenden Aufenthalts-Ort, oft andres -Futter, demgemäss auch eine andre Lebens-Weise, zuweilen einen andern -Gesang haben; doch ist es uns noch nicht gelungen, eine feste Beziehung -bestimmter Körper-Proportionen zu bestimmten äussren Ursachen überhaupt -zu erkennen; dieselben Beziehungen scheinen bei jeder Spezies von -andrer Wirkung zu seyn. Und in der That hätte Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> hier -vielleicht die besten Belege für seine „beginnenden Spezies“ finden -können!</p> - -<p>Dagegen lässt sich ein Einfluss unorganischer äussrer -Lebens-Bedingungen und zwar ein spezieller Einfluss spezieller -Bedingungen in bestimmter Richtung nachweisen, wie wir ihn bei den -organischen Bedingungen nachgewiesen zu sehen gewünscht hätten. Hr. -D<span class="smaller">ARWIN</span> gibt diesen Einfluss zu; er führt einige Beispiele -davon an, erklärt aber wiederholt, dass er ein vergleichungsweise nur -geringer seye. Anfangs möchte es scheinen, als ob Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> -diesen Einfluss unterschätze, indem sich eine grosse Menge von -Erscheinungen aus ihm nachweisen lassen. Wir kennen Bedingungen, -welche auf die Grösse der Pflanzen, auf ihre ein- oder mehr-jährige -Dauer, auf ihren Strauch- oder Baum-Wuchs, auf ihre Blüthen-Bildung -und Fruchtbarkeit, auf die Farbe ihrer Blüthen, auf ihre glatte oder -behaarte Oberfläche, auf die häutige oder fleischige Beschaffenheit -ihrer Blätter (wie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> selber anführt), zuweilen auch -auf Monöcismus und Diöcismus, auf die aromatischen u. a. Absonderungen -wirken; wir vermögen selbst diese Erscheinungen hervorzubringen. Und -wir sehen, dass bei diesen Abänderungen die Übergänge nicht mangeln, -indem wir im Stande sind fortwährend deren ganze Kette darzulegen -und gerade desshalb wenig versucht sind in diesen Abweichungen -neue Arten zu erblicken! Warum also fehlen die Übergänge bei den -andern Abartungen, welche aus der innern Neigung zur Variation -hervorgehen? Allerdings gibt es auch manche ganz plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_542">[S. 542]</span> auftretende -Abänderungen ohne Übergänge zumal bei den schon vielfach abgeänderten -Kultur-Pflanzen, wie z. B. die hängenden oder Trauer-Varietäten vieler -Bäume, viele unsrer Obst-Sorten, wovon manche nicht das Erzeugniss -langsamer Züchtung, sondern eines einzelnen ohne nachweisbaren Grund -abändernden Saamen-Kornes sind, die sich aber eben desshalb auch in der -Regel nicht beständig aus Saamen fortpflanzen.</p> - -<p>Auch von den Thieren wissen wir, dass Menge und Art des Futters und -Beschaffenheit des Klimas auf Grösse und Farbe des Körpers, ja sogar -(wie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> selbst vom Amerikanischen Wolf erwähnt) -auf deren Gestalt und Sitten wirken können. Auch des Einflusses des -Klimas auf das Gefieder der Vögel gedenkt er, doch ohne sich der -Umfang-reichen Nachweisungen zu erinnern, welche G<span class="smaller">LOGER</span> in -dieser Beziehung geliefert hat. Dass viele Säugthier-Arten in kalten -Gegenden weiss werden und andre, welche solche nie verlassen, stets -weiss bleiben, ist bekannt. Die Farbe der Schmetterlinge ändert oft mit -dem Futter und die der Käfer u. a. Insekten je nach ihrem Aufenthalte -in verschiedenen Gebirgs-Höhen ab. Die Grösse vieler Wasser-Konchylien -steht mit dem Salz-Gehalt des Wassers in Zusammenhang; ihre Farbe -mit dem Lichte, ihre glatte oder stachelige Beschaffenheit mit der -schlammigen und felsigen Natur des See-Grundes; die Dichte des Pelzes -mancher Säugthiere wechselt mit dem Klima und der Erhebung ihres -Wohnortes über den Meeres-Spiegel, und die Instinkte einer Art ändern -ausserordentlich unter neuen Lebens-Bedingungen ab. Es lässt sich -nicht nur die Ursache, sondern auch der Zweck und die Nützlichkeit -dieser Abänderung ermitteln, wir können in der Regel die Zwischenstufen -nachweisen, die oft vom Grade und der Intensität der äussern Ursachen -abhängen; wir können diese Abänderungen beliebig hervorbringen und -sie durch entgegengesetzte Existenz-Bedingungen wieder in die Urform -zurückführen. Aber vielleicht der wichtigste aller Belege für den -Einfluss äussrer Existenz-Bedingungen ist in der Beobachtung zu -finden, dass Kröten an feuchten und doch des stehenden Wassers ganz -entbehrenden Orten im Stande sind, sich aus dem Ei unmittelbar zur -reifen Form zu entwickeln,<span class="pagenum" id="Seite_543">[S. 543]</span> ohne dazwischen-fallende Kiemen-Bildung und -also auch nothwendig ohne denjenigen übrigen Theil der Metamorphose und -Lebens-Weise, welcher einen Aufenthalt im Wasser voraussetzt<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a>. Um -den möglichen Übergang von den Fischen zu den Reptilien zu erläutern, -zitirt Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> den Lepidosiren; in jenen Kröten liegt er -aber weit unmittelbarer vor in einer Weise, dass wohl jedermann zugeben -wird, dass, wenn diese Bedingungen sich in allen Generationen der Kröte -lange Zeit wiederholten, das Ausfallen der Metamorphose endlich zur -Regel auch unter andern Verhältnissen werden könne.</p> - -<p>Aber bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit alle diese -Abänderungen in Folge der äusseren Existenz-Bedingungen eintreten, -muss man sich allerdings fragen, ob die aus dieser äussern Ursache -entstandenen Abweichungen jemals ganz bleibend werden und sich fest -vererben können? Diess ist nicht der Fall. Denn so leicht und schnell -sie sogar an ganz alten Arten aus bekannten Ursachen entstehen, -eben so leicht und sicher sind sie, im Gegensatz zu den aus innren -aber freilich unbekannten (nach D<span class="smaller">ARWIN</span> wahrscheinlich im -Genital-Systeme zu suchenden) Ursachen entstandenen, durch eine -der ersten entgegengesetzte Behandlung auch wieder auf die Urform -zurückzuführen, woferne nicht etwa die Natürliche Züchtung sich ihrer -bemächtigt und mit den äusseren Ursachen in gleicher Richtung thätig -ist, um eine der Abänderungen rascher zur selbstständigen Form zu -entwickeln. So lange Diess aber nicht der Fall, wird man wohl meistens -darauf verzichten müssen, durch äussre Ursachen bleibende Abänderungen -und „beginnende Arten“ entstehen zu sehen und wer <em class="gesperrt">nur</em> die -Wirkung <em class="gesperrt">äussrer</em> Ursachen im Auge hat, mag allerdings mit Recht -Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span> entgegenhalten, dass aus Abänderungen keine -festen Arten werden. Da nun überdiess die Zwischenstufen zwischen den -Extremen solcher Abänderungen nur Bindeglieder zwischen nebeneinander -bestehenden, und nicht<span class="pagenum" id="Seite_544">[S. 544]</span> zwischen auseinander entstehenden Formen sind, -und da jede der ersten für ihr eignes Daseyn gewöhnlich keine andren -Abstufungen voraussetzt, während diese letzten ohne andre Abstufungen -meistens nicht vorhanden seyn würden, so herrscht allerdings zwischen -den durch äussre Ursachen und den durch Züchtung entstandenen -Abänderungen ein solch wesentlicher Unterschied, dass wir uns daraus -erklären zu müssen glauben, wesshalb Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> auf die -Abänderungen dieser Art so wenige Rücksicht nimmt, obwohl er selbst uns -keine derartige bestimmte Rechenschaft darüber gibt?</p> - -<p>Wenn uns daher zur Zeit weder die äusseren Lebens-Bedingungen, noch der -Prozess der Natürlichen Züchtung genügend erscheinen, um die Theorie -Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span>, so wie sie vorliegt, zu begründen, so wollen -wir dagegen gerne zugestehen, dass alle bisherigen Beobachtungen ohne -Ausnahme von dem Gesichtspunkte feststehender unabänderlicher Arten -aus gemacht worden sind, und dass eine unbefangene Beurtheilung seiner -Theorie vielleicht erst möglich seyn wird, wenn einige Menschen-Alter -weiter unter fortwährender Prüfung der Frage von der Abänderung der -Arten aus den zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten verflossen seyn -werden.</p> - -<p>Je mehr ein Naturforscher sich mit Detail-Studien über den Bau der -natürlichen Wesen und über dessen wunderbare Zweckmässigkeit, über -das Zusammenstimmen aller Einzelnheiten zu einem Organismus, wovon -kein Theilchen willkürlich geändert werden kann, ohne das Ganze zu -gefährden, — über die Wiederholung derselben planmässigen Einrichtung -in jedesmaliger andrer Weise bei 250,000 bekannten Organismen-Arten der -jetzigen Schöpfung, — über die kulminirende Vollendung des Ganzen bei -dem vollkommensten dieser Organismen, — über die Entwickelung aller -dieser Einrichtungen in einem Embryo der ihrer noch nicht bedarf, zu -künftigen Zwecken, beschäftigt hat, um so schwerer wird es ihm anfangs -werden, darin nichts weiter als die Folgen eines fortschreitenden -Verbesserungs-Prozesses zu sehen, worin jeder neue weitre Fortschritt -nach des Vfs. Theorie selbst jedesmal nur ein <em class="gesperrt">Zufall</em> ist und -erst durch Vererbung festgehalten<span class="pagenum" id="Seite_545">[S. 545]</span> werden kann. Doch darf man darin -noch kein unbedingtes Hinderniss für diese Theorie erblicken!</p> - -<p>Eine andre Erscheinung, hinsichtlich welcher uns und Andre Hrn. -D<span class="smaller">ARWINS</span> Erklärungen nicht ganz befriedigt haben, bietet der -Umstand dar, dass trotz der unausgesetzten Thätigkeit der Natürlichen -Züchtung und der fortdauernden Verbesserung der Organismen durch -dieselbe, noch immer die unvollkommensten aller unvollkommenen -Organismen in so unermesslicher Menge vorhanden sind. Doch hat ein -daraus zu entnehmender Einwand kein solches Gewicht, dass er für die -Annahme oder Nichtannahme der neuen Theorie entscheidend wäre, und wir -würden in dessen Folge nur etwa genöthigt seyn, eine noch fortwährende -Entstehung neuer Urformen anzunehmen, welche sich mit dieser Theorie -als verträglich oder sogar als nothwendige Folge derselben ergibt, -obwohl Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> die Generatio originaria nirgends in -Anspruch nimmt. Endlich würde, wenn wir alle Organismen nur von einer -Urform ableiten wollten, Diess jedenfalls von einer sehr niedren -zelligen Form als Grundlage weitrer Entwickelung geschehen müssen, und -es dürfte dann sehr schwer seyn zu begreifen, wodurch in einer von zwei -äusserlich von einander nicht unterscheidbaren Zellen sich Empfindung -und willkürliche Bewegung ausbilde und vererbe, und in der andern nicht?</p> - -<p>Indem Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> alle jetzt lebenden und früher vorhanden -gewesenen Lebenformen durch Abstammung mit fortwährenden leichten -Abänderungen und Divergenz des Charakters von immer früheren und -früheren Formen ableitet, glaubt er in einer Zeit, die wenigstens -eben so weit vor der silurischen, wie diese vor der jetzigen Periode -zurückliegt, nur noch acht bis zehn Stamm-Arten zu bedürfen, welchen -der Schöpfer unmittelbar das Leben eingehaucht hätte. Wahrscheinlich -hatte sich Herr D<span class="smaller">ARWIN</span> eine Stamm-Art zur Ableitung aller -Arten eines jeden der Unterreiche oder Kreise unsrer Systeme gedacht, -und wahrscheinlich wird diese Stamm-Art einer der tiefsten Stufen -in jedem dieser Kreise entsprochen haben; doch drückt er sich nicht -näher darüber aus. Die Entwickelung eines jeden so vielverzweigten -Kreises aus einer Stamm-Art wäre dann vergleichbar der Entwickelung -eines<span class="pagenum" id="Seite_546">[S. 546]</span> vielästigen Baumes aus einem Stamme: eine Annahme, welche -wenigstens den Bildungs-Verhältnissen in der ganzen organischen Natur -parallel liefe. Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> fragt die Anhänger der alten -Schöpfungs-Theorie, welche Millionen von Pflanzen- und Thier-Spezies -zum Gegenstande von Millionen verschiedener Schöpfungs-Akte eines -persönlichen Schöpfers machen, der durch seine spätren Schöpfungen die -an den frühern Formen begangenen Fehler verbessere: welche Vorstellung -sie sich denn eigentlich von der Erschaffung der einzelnen Geschöpfe -machen? (<a href="#Seite_517">S. 517</a>) — ob jede Art in einem oder in vielen Individuen, im -Ei- oder im ausgewachsenen Zustande, ob die ersten Säugthiere mit oder -ohne Nabel geschaffen worden seyen? Sie könnten Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span> -seine Frage zurückgeben, wenn er nach seiner Theorie auch nur 8–10 -erschaffene Arten bedarf (<a href="#Seite_517">S. 517</a>); ja sie könnten noch weiter fragen, -ob der ersten Flechte, dem ersten Farnen, der ersten Palme und dem -ersten Veilchen, mit dem ersten Infusorium, dem ersten Seeigel, der -ersten Raupe und dem ersten Frosch gleichzeitig oder nacheinander -auf einem Fleck beisammen oder auf eben so vielen Punkten der ganzen -Erd-Oberfläche zerstreut das Leben eingeblasen worden seye, und ob sie -sogleich angefangen sich — so ferne sie sich gegenseitig erreichbar -— in Ermanglung andrer Nahrung wechselseitig aufzufressen, oder mit -welcher Nahrung sie bis zu ihrer Vervielfältigung ihr Leben gefristet -haben? Offenbar muss entweder ein ganzes Natur-System von Wesen auf -einmal geschaffen worden seyn, oder sie müssen sich von einem tiefen -Punkte an aufwärts ganz allmählich aber massenhaft entwickelt haben. -Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> hat es jedoch sogleich gefühlt, dass jene seine -Annahme noch misslicher als die einer gleichzeitigen Erschaffung -aller Wesen ist, die er bekämpft; daher er etwas später sich mit -<em class="gesperrt">einer</em> Ur-Pflanze und <em class="gesperrt">einem</em> Ur-Thiere, ja sogar mit einem -einzigen Ur-Organismus begnügen will, welchem der Schöpfer das Leben -eingehaucht habe (<a href="#Seite_518">S. 518</a>). Die Bedürfnisse dieses einzigen erschaffenen -Individuums, von welchem die ganze lebende Natur abstammt, müssen dann -freilich sehr klein gewesen seyn; — es war zweifelsohne nur eine -Fadenalge oder etwas der Art, die sich ihre Nahrung aus unorganischen<span class="pagenum" id="Seite_547">[S. 547]</span> -Elementen selbst bereiten und sich selbst befruchten musste? Aus ihr -und ihren Nachkommen konnten lange Zeit nur vegetabilische Formen -entstehen, bis genug organische Materie vorhanden war, um auch Thiere -selbst der unvollkommensten Stufe zu ernähren.</p> - -<p>Aber immer ist noch ein persönlicher Schöpfungs-Akt für dieses eine -organische Wesen nöthig, und wenn derselbe einmal erforderlich, so -scheint es uns ganz gleichgültig, ob der erste Schöpfungs-Akt sich -nur mit einer oder mit 10 oder mit 100,000 Arten befasst, und ob er -Diess nur ein- für allemal gethan oder von Zeit zu Zeit wiederholt -hat. Es fragt sich nicht, wie viele Organismen-Arten derselbe ins -Leben gerufen, sondern ob es überhaupt jemals nöthig seyn kann, -dass dieser eingreife in die wundervollen Getriebe der Natur und -statt eines bewegenden Natur-Gesetzes aushelfend wirke? Wenn Hr. -D<span class="smaller">ARWIN</span> die organische Schöpfung überhaupt angreift, so muss -er nach unsrer Überzeugung auch auf die Erschaffung einer ersten Alge -verzichten! Und in dieser Thatsache, dass die neue Theorie noch die -unmittelbare Erschaffung wenn auch nur eines Dutzends, ja wenn auch -nur einer einzigen Organismen-Art erheischt, erblicken wir einen -<em class="gesperrt">zweiten wesentlichen Einwand gegen dieselbe</em>; weil, Diess -einmal zugestanden, nicht der entfernteste Grund mehr vorliegt, ihr -die ungeheure und so schwer zu erfassende Ausdehnung anzueignen, -die ihr Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> gibt. — Wer eine organische Zelle oder -Zellen-Reihe, einen Algen-Faden u. dgl. betrachtet und damit den -wunderbaren Bau eines höheren Säugethieres vergleicht mit allen -seinen Gliedern, Organen und Organen-Systemen, seinen unbewussten und -willkürlichen Verrichtungen, der wird freilich anfangs zu lächeln -geneigt seyn über eine Theorie, welche aus einer Algen-Zelle wenn auch -erst nach Verlauf von wenigstens 20<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a> Millionen Jahren einen Affen -durch Natürliche Züchtung hervorgehen lässt. Und doch, erlässt man<span class="pagenum" id="Seite_548">[S. 548]</span> -uns jenen einen Schöpfungs-Akt an der Algen-Zelle, was wäre dann so -gänzlich befremdend an der neuen Theorie? Sehen wir denn nicht diesen -Prozess tausendfältig und unausgesetzt bei Organismen aller Art binnen -wenigen Wochen durch gewöhnliche Zeugung sich vollenden, ohne eine -andre Auskunft darüber geben zu können, als dass es durch „Vererbung“ -geschehe, ein ganz dunkles Prinzip, das ebenfalls erst durch die -D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie einige nähere Begründung wenigstens -hinsichtlich seiner spezifischen Verschiedenheiten erlangt? daher an -und für sich uns der Gedanke der Entstehung des Säugethieres aus einer -ursprünglichen Protophyten- oder Protozoen-Zelle doch nicht so ganz -und gar abenteuerlich erscheint. Und so läge auch für alle anderen -Verheissungen dieser Theorie die Schwierigkeit nur etwa in der Länge -der zur Lösung der einzelnen Aufgaben nöthigen Zeit, und daran ist -wahrlich kein Mangel, sondern Überfluss, wo es sich darum handelt die -Ewigkeit auszufüllen!</p> - -<p>Noch eine Bemerkung über das, in geologischem Sinne, gleichzeitige -Erscheinen und Verschwinden identischer Lebenformen auf der ganzen -Erd-Oberfläche. Die D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie leistet viel in dieser -Beziehung! Sie zeigt uns, wie die Lebenwesen der gemässigten oder -kalten Zone in Folge einer Eis-Zeit sogar den Äquator zu überschreiten -vermochten! Aber welchen Grund haben wir zu glauben, dass es viele -solcher Eiszeiten, dass es deren in allen Erd-Perioden gegeben, und -insbesondere dass die die Verbreitung bewirkenden Ursachen in allen -Perioden eine universelle Verbreitung der herrschenden Formen bis in -den letzten Winkel der Erde vermittelt haben, ehe wieder irgendwo -neue Formen entstanden, und dass nie ein Theil der Erde in dieser -Hinsicht auf seine unabhängige Weise rascher oder langsamer als der -andre fortgeschritten seye? Diese Erscheinung ist so befremdend, dass -sie, so lange sie nicht als eine nothwendige nachgewiesen ist, trotz -D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span> Erklärungs-Versuch die ganze Theorie bedroht.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aussicht auf Erfolg.</em>) Unsre innigste Überzeugung ist, dass -alle Bewegungen auch in der organischen Natur einem grossen Gesetze -unterliegen, dass dieses Gesetz, allen organischen<span class="pagenum" id="Seite_549">[S. 549]</span> Erscheinungen -entsprechend, ein Entwickelungs- und Fortbildungs-Gesetz seye, und dass -dasselbe Gesetz, welches die heutige Lebenwelt beherrscht, auch ihr -Entstehen bedingt und ihre ganze geologische Entwickelung geleitet habe.</p> - -<p>Wir haben bisher organische Wesen entstehen und vergehen sehen; wir -haben die bestehenden Arten sich erhalten und fortpflanzen, aber keine -neuen Arten erscheinen sehen und keine Natur-Kraft gekannt, welche neue -Arten in’s Daseyn ruft. Alle unsere Bemühungen sie zu finden, um von -dem ersten Auftreten neuer Arten mit deren Hilfe Rechenschaft zu geben, -waren vergeblich.</p> - -<p>Hilft aber die D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie diesem Mangel ab? Wir haben -oben einige Einreden gegen sie vorgebracht, und unser persönliches -Vermögen sie uns so, wie sie ist, anzueignen ist noch weit geringer als -jene Einreden vermuthen lassen. Aber sie leitet uns auf den einzigen -möglichen Weg! Es ist vielleicht das befruchtete Ei, woraus sich die -Wahrheit allmählich entwickeln wird; es ist vielleicht die Puppe, aus -der sich das längst gesuchte Natur-Gesetz entfalten wird, nachdem es -einen Theil der seinem unvollkommenen Zustande angehörigen Anhänge -abgestreift und andere seiner Bestandtheile vollständiger ausgebildet -haben wird. Oder wir haben das gesuchte Gesetz vielleicht bereits vor -Augen, aber sehen es nur durch ein Kaleidoskop, dessen Facettirung wir -erst studiren oder abschleifen müssen, um das Objekt nach seiner wahren -Beschaffenheit beurtheilen zu können?</p> - -<p>Die Möglichkeit nach dieser Theorie alle Erscheinungen in der -organischen Natur durch einen einzigen Gedanken zu verbinden, aus -einem einzigen Gesichtspunkt zu betrachten, aus einer einzigen Ursache -abzuleiten, eine Menge bisher vereinzelt gestandener Thatsachen den -übrigen auf’s innigste anzuschliessen und als nothwendige Ergänzungen -derselben darzulegen, die meisten Probleme auf’s Schlagendste zu -erklären, ohne sie in Bezug auf die andern als unmöglich zu erweisen, -geben ihr einen Stempel der Wahrheit und berechtigen zur Erwartung auch -die für diese Theorie noch vorhandenen grossen Schwierigkeiten endlich -zu überwinden. Diese glänzenden Leistungen der Theorie (ihre<span class="pagenum" id="Seite_550">[S. 550]</span> Wahrheit -einmal zugestanden) sind es, die uns so mächtig zu ihr hinziehen, -wie sehr wir auch des Wankens ihrer Grundlage uns bewusst sind. Denn -die grösste Schwierigkeit für die Anerkennung dieser Theorie scheint -allerdings zunächst im Grundgedanken selbst zu liegen, wenigstens nach -seiner jetzigen Fassung: in der Vorstellung einer fortwährenden Bildung -von Varietäten, die sich von den Stamm-Arten abzweigen und endlich -ablösen, ohne durch Mittelglieder unter einander verkettet zu bleiben, -wie wir auch nach allen aus der Theorie geschöpften Erläuterungen doch -noch erwarten zu müssen glauben, wenn diese Theorie richtig wäre. -Möglich, dass fortgesetzte Forschung und Prüfung darüber noch Auskunft -und Aufklärung gibt!</p> - -<p>Unser zweiter Einwand ist gegen die Annahme einiger oder auch nur einer -ursprünglich erschaffenen Organismen-Spezies. Mit der Schöpfung müsste -auch die eine wegfallen. So lange wir sie aber nicht entbehren können, -so lange müssen wir daran zweifeln, in der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen -Theorie bereits den <em class="gesperrt">wahren</em> Schlüssel der Erscheinungen gefunden -zu haben.</p> - -<p>Auf welche Weise auch die <em class="gesperrt">eine</em> erschaffene Spezies entbehrlich -gemacht werden könne, darüber haben wir keine Vermuthung. Könnte durch -unorganische chemische Prozesse aus unorganischer Materie organische -werden, — könnte die organische Materie für sich die Form und Textur -organischer Kern-Zellen annehmen, — könnten diese Zellen sich weiter -entwickeln und zu wachsen beginnen —: doch hier stehen wir auf -der letzten, der alleräussersten Grenze zwischen unorganischer und -organischer Welt. Organische Mischungen könnten aus unorganischen -durch gewisse chemische Prozesse vielleicht entstehen; dass organisch -gebildete Zellen und gar belebte Zellen sich aus solcher Mischung -gestalten können, hat man früher geglaubt, aber neuere Forschungen -haben diese Ansicht mehr und mehr unmöglich gemacht; doch sollen jetzt -auf Veranlassung der Französischen Akademie fernere Versuche mit die -Frage verlässig entscheidender Beweiskraft angestellt werden!</p> - -<p>Die D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie wird wohl nicht mehr ganz untergehen! -Aber ungeachtet der ausgezeichneten Leistungen derselben<span class="pagenum" id="Seite_551">[S. 551]</span> stehen -ihr noch so wesentliche Gründe entgegen, dass wir vorerst nicht -vermögen sie anzunehmen, obwohl uns eingewendet werden kann, -auch die gewöhnliche Schöpfungs-Theorie lasse Einreden und zwar -noch gewichtigere aber freilich von ganz andrer Beschaffenheit -zu. Denn, unnatürlich an sich, braucht die Theorie der Schöpfung -nicht mit natürlichen Erklärungen zu antworten. Sie kennt nur -Wunder! Daher scheint es uns wenigstens konsequenter, auf dem -alten naturwissenschaftlich haltlosen Standpunkte zu verharren in -der Erwartung, dass eben in Folge des Streites der Meinungen sich -eine haltbare Theorie entwickele, kläre und reife; — obwohl wir -voraussehen, dass ein Theil unserer Naturforscher (und eine noch -grössere Anzahl Nichtnaturforscher) der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Theorie, -auch so wie sie ist, alsbald zufallen werden. Nur aus dem Widerstreite -der Meinungen wird die Wahrheit hervorgehen und der Urheber dieser -Theorie selbst zweifelsohne noch die grosse Befriedigung erleben, der -Naturforschung einen neuen Weg geöffnet zu haben!</p> - -<div class="chapter"> - -<div class="footnotes"> - -<p class="s3 center"><b>Fußnoten:</b></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Ich habe die obige Angabe der ersten Veröffentlichung -L<span class="smaller">AMARCK</span>’<span class="smaller">S</span> aus -I<span class="smaller">SID</span>. G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span>’<span class="smaller">S</span> -vortrefflicher <i>Histoire naturelle générale 1859, II, 405</i> -entnommen, wo auch ein vollständiger Bericht von B<span class="smaller">UFFON</span>’<span class="smaller">S</span> -schwankenden Urtheilen über denselben Gegenstand zu finden ist. — -Nach I<span class="smaller">SID</span>. G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> wäre auch G<span class="smaller">ÖTHE</span> -einer der eifrigsten Partheigänger für solche Ansichten gewesen, -wie aus seiner Einleitung zu einem <i>1794–1795</i> geschriebenen, -aber erst viel später veröffentlichten Werke hervorgehe. Er hat sich -nämlich ganz bestimmt dahin ausgesprochen, dass für den Naturforscher -in Zukunft die Frage Beispiels-weise nicht mehr die seye, wozu das -Rind seine Hörner habe, sondern wie es zu seinen Hörnern gekommen seye -(K. M<span class="smaller">EDING</span> über G<span class="smaller">ÖTHE</span> als Naturforscher S. 34). — -Es ist ein eigenthümliches Zusammentreffen, dass G<span class="smaller">ÖTHE</span> in -<i>Deutschland</i>, Dr. D<span class="smaller">ARWIN</span> in <i>England</i> und -E<span class="smaller">T</span>. G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> in <i>Frankreich</i> gleichzeitig zu gleichen -Ansichten über die Entstehung der Arten gelangt sind.</p> - -<p class="zueignung">D. Vf.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Bekanntlich kam es in der Akademie mehrmals zu heftigen -Auftritten mit C<span class="smaller">UVIER</span>, welcher die Beständigkeit der Species -gegen ihn vertheidigte.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Nach einigen Zitaten in B<span class="smaller">RONN</span>’<span class="smaller">S</span> „Untersuchungen -über die Entwickelungs-Gesetze“ (S. 79 u. a.) scheint es, dass der -berühmte Botaniker und Paläontologe U<span class="smaller">NGER</span> im Jahre <i>1852</i> -die Meinung ausgesprochen habe, dass Arten sich entwickeln und -abändern. Ebenso <span class="smaller">D</span>’A<span class="smaller">LTON</span> <i>1881</i> in P<span class="smaller">ANDER</span> und -<span class="smaller">D</span>’A<span class="smaller">LTON</span>’<span class="smaller">S</span> Werk über das fossile Riesen-Faulthier; — und -ähnliche Ansichten entwickelte O<span class="smaller">KEN</span> in seiner mystischen -„Natur-Philosophie“. Nach Zitaten in G<span class="smaller">ODRON</span>’<span class="smaller">S</span> Werk -„<i>sur l’espèce</i>“ scheint es, dass B<span class="smaller">ORY</span> S<span class="smaller">T</span>.-V<span class="smaller">INCENT</span>, -B<span class="smaller">URDACH</span>, P<span class="smaller">OIRET</span> und F<span class="smaller">RIES</span> alle eine -fortwährende Erzeugung neuer Arten angenommen haben. — Ich will noch -hinzufügen, dass von 33 Autoren, welche in dieser historischen Skizze -als solche aufgezählt werden, die an eine Abänderung der Arten oder -wenigstens nicht an getrennte Schöpfungs-Akte glauben, 28 sind, welche -über spezielle Zweige der Naturgeschichte geschrieben haben, darunter 3 -blosse Geologen, 10 Botaniker, 15 Zoologen; aber unter den Botanikern -und Zoologen haben einige auch über Paläontologie und Geologie -geschrieben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Durch „<em class="gesperrt">Züchtung</em>“ werde ich den stets -wiederkehrenden <i>Englischen</i> Ausdruck „<i>Selection</i>“ -übertragen, welcher in gegenwärtigem Sinne auch in <i>England</i> nicht -gebräuchlich und desshalb dort angegriffen worden ist. Richtiger wäre -wohl „Auswahl zur Züchtung“ gewesen, zumal da bei der „Züchtung“ auch -noch Anderes als die Auswahl der Zucht-Thiere allein in Betracht kommen -kann; doch ist Diess von wohl nur untergeordnetem Interesse. Zuweilen -entspricht jedoch eine Übersetzung etwa durch das neu zu bildende Wort -„<em class="gesperrt">Zuchtwahl</em>“ wirklich besser, insbesondere bei Übertragung des -Ausdrucks „<i>Sexual selection</i>“.</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Analog mit derjenigen Erscheinung, welche in meinen -Morphologischen Studien „Differenzierung der Organe“ genannt worden ist.</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Ich wähle das O<span class="smaller">KEN</span>’sche Wort „Sippe“ für -<i>Genus</i>, weil das Deutsche Wort „Geschlecht“ seiner zweifachen -Bedeutung („<i>genus</i>“ und „<i>sexus</i>“) wegen hier das -Verständniss nicht selten erschweren würde. Leider besitzen wir keinen -ähnlichen Ausweg, der Missdeutung des ebenfalls zweisinnigen Wortes -„Art“ zu entgehen, welches bald für <i>Species</i> und bald für das -Englische „<i>kind</i>“ angewendet werden muss. Der Ausdruck „Gattung“ -endlich wird bald für Sippe und bald für Art („was sich gattet“) -gebraucht.</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> <i>the laugher</i>, die Lachtaube; doch scheint nach dem -Zusammenhange hier eher die Trommeltaube, als die Columba risoria -gemeint zu seyn.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Herr D<span class="smaller">ARWIN</span> ertheilt mir über die hier genannten -Englischen Hunde-Rassen folgende Auskunft:</p> - -<p>der Jagdhund (<i>Spaniel</i>) ist klein, rauhhaarig, mit hängenden -Ohren und gibt auf der Fährte des Wildes Laut;</p> - -<p>der Spürhund (<i>Setter</i>) ist ebenfalls rauhhaarig, aber gross, und -drückt sich, wenn er Wind vom Wilde hat, ohne Laut zu geben lange Zeit -regungslos auf den Boden;</p> - -<p>der Vorstehehund (<i>Pointer</i>) endlich entspricht dem deutschen -Hühnerhunde und ist in England gross und glatthaarig.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> A<span class="smaller">LBERS</span> hat dieselbe Beobachtung auf -<i>Madeira</i> gemacht, aber eine andre Folgerung daraus gezogen: -dass nämlich diese Formen, die während unermesslicher Zeiträume immer -dieselben geblieben, <em class="gesperrt">nicht</em> in einander übergehen und nicht -<em class="gesperrt">eine</em> Spezies bilden.</p> - -<p class="zueignung">D. Ü.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Vergl. -die <a href="#Fussnote_4">Anmerkung auf Seite 14</a>.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Aber wie vermöchten <em class="gesperrt">wir</em> zu ermessen, was einen -Bewerber in den Augen einer Henne oder einer Taube liebenswürdig machen -könne!</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Diess dürfte jedoch der Hauptsache nach einen ganz -verschiedenen Grund haben.</p> - -<p class="zueignung">D. Ü.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Hier ist ein Missverständniss. Aus den zwei zuletzt -genannten Gründen könnten die Knochen-Fische die „vollkommensten -<em class="gesperrt">Fische</em>,“ aber nicht die „<em class="gesperrt">vollkommensten</em> Fische“ seyn, -d. h. den Typus der Fische aber nicht die Vollkommenheit am besten -repräsentiren. Die Knochen-Fische sind aber <em class="gesperrt">vollkommenere</em> Fische -aus andern Gründen.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Diese Voraussetzung ist keinesweges von uns gemacht -worden und ist für unsre Einrede auch durchaus nicht nöthig; wir -haben uns vielmehr ausdrücklich auf einzelne Arten von Ratten und -Kaninchen als Beispiele berufen, um an ihnen unsre Meinung zu -erläutern. — Wir sehen auch noch jetzt nicht ein, wesshalb, wenn -kleine Verschiedenheiten in die äusseren Existenz-Bedingungen (A und -C) dem Fortkommen kleiner Verschiedenheiten in der Organisation (A und -C) günstig sind, nicht auch mittle Verschiedenheiten der ersten (b), -welche ja in der Regel nicht fehlen, nicht auch das Fortkommen von B -gestatten sollten.</p> - -<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> So lautete unsere Frage nicht, — sondern: wie es -komme, dass so vielerlei an einer Spezies nebeneinander-bestehende -Abänderungen der Grundform je in ihrer Weise beständig seyen und sich -nicht in manchfachen Kombinationen und Abstufungen zusammengesellten. -(Vgl. übrigens unsern <a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">Anhang zu dieser Übersetzung</a>.)</p> - -<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Bekanntlich hat sich die Säugthier-Welt fast ganz erst im -Laufe der Tertiär-Zeit entwickelt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Wenn dieser Grund so erheblich wäre, so würde man gar -keine neuen Rassen bilden können, weil diese immer bei der Paarung -zwischen den nächsten Verwandten, die anfänglich ja nur allein -vorhanden sind, hervorgehen müssen. Was den in <i>Lithauen</i> -eingehegten Auerochsen betrifft, so vernehmen wir, dass an der -Krankheit Wilddieberei jährlich mehr Individuen eingehen, als geboren -werden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Diese Abhängigkeit vom Klima ist denn doch in grosser -Ausdehnung nachgewiesen worden von G<span class="smaller">LOGER</span> in seiner Schrift -„Über das Abändern der Vögel durch das Klima,“ <i>Breslau 1833</i>, -8<sup class="oktavo">o</sup>. Von vielen anderen Abänderungen sind die äusseren Ursachen -zusammengestellt in unserer „Geschichte der Natur“ II, 68–116.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> So lange man die wahre Ursache dieser Entstehung nicht -kennt, hat Diess nichts Befremdendes.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Ein vollständiges Verzeichniss der Bewohner dunkler -Höhlen hat E<span class="smaller">HRENBERG</span> zusammengetragen in den Monats-Berichten -der <i>Berliner</i> Akademie 1859, 758 ff.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Weit gewöhnlicher ist gewiss das Streben homologer Theile -sich sowie andre mit fortschreitender Entwickelung selbständiger -zu differenziren, es seye denn, dass jenes Streben unter sich -zusammenzuhängen eine Differenzirung von heterologen Theilen bewirke, -wie eben in Blumen.</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Dieses ist nur bei solchen weichen Theilen denkbar, -welche sich <em class="gesperrt">nach</em> den ihnen anliegenden harten bilden, die -ihrerseits selbst aus weichen hervorgehen. Der Schädel modelt nicht das -werdende Gehirn, sondern dieses den Schädel!</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Wie sie nämlich als Grund-Farben der verschiedenen -Equus-Arten in der Natur vorkommen. Man könnte also etwa sagen -„natürliche Pferde-Farben“.</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Nach der A<span class="smaller">GASSIZ</span>’schen Lehre von den -embryonischen Charakteren würde man diese Streifung, wie die weissen -Flecken in der Hirsch-Sippe, als einen embryonischen Charakter ansehen -und sagen, dass Zebra, Quagga etc. dem Pferde gegenüber auf tieferer -Stufe zurückgeblieben seyen und embryonische Charaktere behalten haben, -wie der Damhirsch gegenüber dem Edelhirsch.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Diess Beispiel war in der ersten Auflage angeführt um zu -zeigen, wie etwa ein Wal entstehen könne.</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> „Brütig“ für <i>broody</i>; das Wort ist im Deutschen -nicht üblich; doch gibt es in <i>Nord-Deutschland</i> dafür einen -Provinzialismus „heckisch“.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Diess kann kein Grund seyn: denn das Alter der Eier -polygamischer Vögel, welche 10–20 und mehr Eier legen und eben so viele -Tage dazu bedürfen, ist noch viel ungleicher, und doch kommen die -Jungen gleichzeitig aus. Es fallen somit auch die Folgerungen weg.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Ich glaube die Aufgabe der Bienen ist eine einfachre, -als dieser mathematischen Formel zu genügen! Eine Einzelbiene macht -eine zylindrische Zelle. Stossen wir ihre Zellen möglichst dicht -aneinander, so dass keine Zwischenräume bleiben, so können die -Zellen nur sechs-, vier- oder dreieckige seyn, indem sie sich an den -Aneinanderlagerungs-Seiten abplatten. Nun weichen sechseckige am -wenigsten, dreieckige Zellen am meisten von den runden ab; jene bilden -mithin die einfachste der möglichen Modifikationen. Diese einfachste -Modifikation erheischt im Verhältniss zu ihrem Inhalte allerdings -am wenigsten Wachs; — sie beengt aber auch, da ihre verschiedenen -Queermesser am wenigsten ungleich sind, die darin nistende Made am -wenigsten in ihrer Entwickelung und Bewegung; endlich gibt sie der Wabe -am meisten Festigkeit, weil die Zwischenwände sich in drei und bei -viereckigen nur in zwei Richtungen kreutzen.</p> - -<p class="zueignung">D. Übrs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> -<span class="smaller">V</span>. S<span class="smaller">IEBOLD</span> hat bekanntlich im vorigen Jahre -nachgewiesen, dass bei der Honigbiene (u. a. Insekten) das Geschlecht -der Eier von der Befruchtung abhängig ist, welche im Willen der -Bienenkönigin steht und nur in gewissen Zellen erfolgt, in andern -unterbleibt.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Obwohl mir dieser Satz nahezu wahr zu seyn scheint, so -habe ich doch bis jetzt zu berücksichtigen vergessen, dass daraus noch -keineswegs folge, dass nicht Unfruchtbarkeit für zwei im Entstehen -begriffene Spezies von grossen Vortheilen soferne seyn könne, als -sie dieselben getrennt hält und für verschiedene Lebens-Beziehungen -geeignet macht. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mag eine -unvermeidliche Folge der erlangten Unfruchtbarkeit [?] ihrer Ältern -seyn; aber ich will nicht mehr sagen, weil einige Versuche, die ich -in Bezug auf diese wichtige Frage durchzuführen beschäftigt bin, noch -nicht zum Abschluss gelangt sind. (Im April 1862.)</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> -C. F. <span class="smaller">V</span>. G<span class="smaller">ÄRTNER</span>: Versuche und Beobachtungen -über die Befruchtungs-Organe der vollkommenen Gewächse und über die -natürliche und künstliche Befruchtung durch den eigenen Pollen. -Stuttgart 1844. — Versuche und Beobachtungen über die Bastarderzeugung -im Pflanzenreich. Mit Hinweisung auf die ähnlichen Erscheinungen im -Thierreiche. Stuttgart 1849.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> „<i>Flowers</i>“ doch wohl Blüthen-Ähren.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Doch kennt man über zwei Dutzend fossile Arten von der -Kohlen-Formation an bis in die obersten Tertiär-Schichten.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Meine Meinung ist die, dass nur wenige Arten eine unsrer -angenommenen Perioden überdauern, viele aber schon in 0,1–0,2–0,5 -dieser Zeit zu Grunde gehen.</p> - -<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Wir glauben, dass das Bestehen dieser unausfüllbaren -Lücken in der unter unsren Augen lebenden Schöpfung einen -wesentlicheren Einwand bildet, als das der weit grösseren Lücken in den -früheren Weltperioden, welche der Phantasie genügenderen Spielraum zur -Ersinnung von Möglichkeiten gewähren.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> H. G. B<span class="smaller">RONN</span>: Morphologische Studien über die -Gestaltungs-Gesetze der Natur-Körper. Leipzig 1858, 8°: — und zumal -dessen Untersuchungen über die Entwickelungs-Gesetze der organischen -Welt. Stuttg. 1858, 8°.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Es ist allerdings leicht, einige Beispiele ausser allem -Zusammenhang als Belege irgend einer beliebigen Ansicht aufzuführen; -da aber wo eine auf gesammelten Thatsachen begründete Lehre bereits -in der Weise systematisch entwickelt worden, dass man zu allgemeinen -Schlusssätzen gelangt ist, muss man das ganze Lehrgebäude widerlegen, -statt sich auf eine vereinzelte Einrede zu beschränken. Es ist im -vorliegenden Falle auch ganz gleichgültig ob z. B. die Biene oder -die Sepie höher organisirt sind; das sind Glieder zweier auf ganz -verschiedenen Grundplanen aufgebauter Unterreiche und in soferne -incommensurable Grössen. Will man die aufsteigende Entwickelung -der Organisation verfolgen, so muss man sich mehr an die Thiere -<em class="gesperrt">eines</em> Unterreichs halten.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Doch kaum! Wenn es sonst 10,000 Fische und Reptilien -ohne Säugthiere gegeben hätte, und gäbe jetzt deren nur 5000 mit 1000 -Säugthier-Arten: diess organische Leben wäre dennoch höher gestiegen!</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Diese neueren Versuche von M<span class="smaller">ARTINS</span> vgl. in -<i>Bibliothèq. univers. de Genève, 1858, I</i>, 89–92 <span class="s4">></span> Neu. Jahrb. f. -Mineral. 1858, 877–878.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> In diesem Falle wäre vielleicht wahrscheinlicher -anzunehmen, der Reiher habe einen Fisch verschlungen gehabt, welcher -jene Saamen gefressen hatte; und die Saamen würden keimfähig wieder zu -Boden gelangt seyn, wenn nun ein Raubvogel den Reiher zerrissen hätte.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Da die Frösche ihre Eier erst nach dem Legen befruchten, -so müssten doch wohl mehre zusammengefroren gewesen seyn.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Vgl. D<span class="smaller">ARWIN</span>: über die Einrichtungen zur -Befruchtung Britischer und ausländischer Orchideen durch Insekten und -über die günstigen Erfolge der Wechselbefruchtung. Aus dem Englischen -übersetzt von H. G. B<span class="smaller">RONN</span>. Stuttg.</p> - -<p class="zueignung">D. Üb.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Ob Lagostomus oder Lagidium oder beide gemeint seyen, ist -nicht zu ersehen, doch kann sich das oben Gesagte auf beide beziehen.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Zu Bezeichnung der Übereinstimmung von Organen eines -nämlichen Individuums miteinander haben wir den Ausdruck „homonym“ -angewendet, indem wir Homologien nur bei Vergleichung verschiedener -Thier-Arten annehmen (Morphologische Studien S. 410).</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Diese und verwandte Fragen sind in unsern Morphologischen -Studien viel erschöpfender entwickelt wurden, als von O<span class="smaller">WEN</span>.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Ich denke, dass Diess bei allen Insecta ametabola ohne -unthätigen Zustand der Fall ist?</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Das ist wohl insoferne nicht wörtlich zu nehmen, als ja -die Jungen der andern Rassen noch nicht so wie im Alter verschieden -waren.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Aber wenn sie jetzt nicht von Natürlicher Züchtung -herrühren können, wie sind sie dann das erste Mal entstanden, ehe sie -wieder zu schwinden begannen? Gewiss verdienen sie aber in diesem -letzten Falle nicht den Namen „werdende“ oder „beginnende“ Organe, -sondern müssen „verkümmernde“ heissen.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Diese Zahl entspräche also den Unterreichen oder Kreisen -des Thier-Reichs, welche der Verf. gewöhnlich auch unter dem Namen der -„grossen Klassen“ versteht. Er sagt aber nirgends, auf welche Weise er -sich das Thier-Reich an diese 4–5 Stammarten vertheilt denke.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Hier war in der vorigen Original-Auflage, die unsrer -Deutschen Übersetzung zu Grunde gelegen, noch der Nachsatz angehängt, -„<em class="gesperrt">welcher das Leben zuerst vom Schöpfer eingehaucht worden ist</em>.“ -Wir müssen Diess bemerken, weil sich auf ihn ein mehrfach geäusserter -Vorwurf der Inconsequenz des Verfassers bezog, und weil diese Änderung -uns die wesentlichste in der ganzen neuen Auflage zu seyn scheint.</p> - -<p class="zueignung">D. Übers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> In <i>England</i> nämlich, wo die gewöhnliche Form der -Schlüsselblume (Primula veris) als „Primrose“ oder Frühröschen, die -grosse blassgelbe (Pr. elatior) aber als „Cowslip“ oder Kuhtritt -bezeichnet zu werden pflegt. In <i>Deutschland</i> hat der Volks-Mund -meines Wissens noch keinen stetig verschiedenen Namen dafür.</p> - -<p class="zueignung">D. Übs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> Da in der neuesten Original-Auflage des -D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Werkes einige Erwiderungen auf dieses Kapitel -enthalten sind, so sehen wir uns veranlasst, es auch in der zweiten -Deutschen Auflage unverändert stehen zu lassen.</p> - -<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Vgl. unsere Entwickelungs-Gesetze der organ. -Welt S. 78.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Entwickelungs-Gesetze der organ. -Welt 77–80, 229.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Wir glauben uns keiner Indiskretion schuldig zu machen, -wenn wir der Übersetzung Einreden beifügen, da Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> -unsre abweichende Ansicht kannte, als er den Wunsch ausdrückte eine -Übersetzung durch uns selbst oder unter unsrer Aufsicht veranstaltet -zu sehen, und da er selbst die allseitige Diskussion seiner Theorie -ausdrücklich wünscht.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Geschichte der Natur, 1843, II, 63; Entwickelungs-Gesetze -der organ. Welt 1858, S. 228.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> Geschichte d. Nat. II, 65–133.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Geschichte d. Nat. II, 180–196.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> Entwickelungs-Gesetze S. 79, 232.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> Geschichte d. Nat. II, 29–60; Entwickelungs-Gesetze 79.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Entwickelungs-Ges. S. 235.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> Entwickelungs-Ges. 77–80.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> A. a. O. S. 80–82.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Diese Vorstellung ist in der neuen Auflage weggeblieben; -vgl. <a href="#Fussnote_50">S. 519, Anmerkung</a>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> -Vgl. <a href="#Sechstes_Kapitel">das sechste Kapitel, S. 197</a> u. a. m.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> So nach E. J. L<span class="smaller">OWE</span>; — während dagegen -S<span class="smaller">CHREIBERS</span>, wenn wir nicht irren, Frosch-Larven dadurch an -ihrer Verwandlung zu Fröschen (ohne Kiemen) hinderte, dass er sie -nöthigte unter Wasser zu bleiben. (Zusatz zur zweiten Auflage.)</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Man hat die Dauer der Steinkohlen-Flora allein auf etwa -1 Million Jahre berechnet; setzt man dieselbe nun auch nur = 0,1 von -der Dauer aller unsrer geologischen Schichten-Bildungen und diese nach -D<span class="smaller">ARWIN</span> gleich der Dauer der vor-silurischen Schichten, so -ergibt sich obiges Resultat.</p> - -</div> -</div> - -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER ARTEN IM THIER- UND PFLANZEN-REICH DURCH NATÜRLICHE ZÜCHTUNG</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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