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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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-The Project Gutenberg eBook of Über die Entstehung der Arten im
-Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, by Charles Darwin
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch
- natürliche Züchtung
-
-Author: Charles Darwin
-
-Translator: Heinrich Georg Bronn
-
-Release Date: October 17, 2022 [eBook #69172]
-
-Language: German
-
-Produced by: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
- produced from images generously made available by The
- Internet Archive.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER
-ARTEN IM THIER- UND PFLANZEN-REICH DURCH NATÜRLICHE ZÜCHTUNG ***
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1863 so weit
- wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
- wurden stillschweigend korrigiert. Es werden teils stark veraltete
- Formen verwendet (z.B. ‚mittlem‘ statt ‚mittlerem‘; ‚Ägyptier‘ statt
- ‚Ägypter‘); dies wurde so belassen, soweit die Verständlichkeit des
- Textes dadurch nicht verlorengeht.
-
- Unterschiedliche Wortformen (z.B. ‚Maasstab‘ vs. ‚Maassstab‘)
- wurden nicht vereinheitlicht, sofern beide Formen mehrmals im
- Text auftreten. Darüberhinaus hat der Übersetzer in vielen Fällen
- anglisierte Begriffe verwendet, was sich auch bei der Worttrennung
- bemerkbar macht. Auch dies wurde in der Bearbeitung so belassen.
-
- Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- fett: =Gleichheitszeichen_
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Kapitälchen: ~Tilden~
-
- Das Caret-Zeichen (^) steht vor hochgestellten Zahlen; mehrstellige
- Zahlen werden durch geschweifte Klammern zusammengefasst, z. B.
- ‚a^{10}‘.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
-[Illustration:
-
- Phothogr. v. Buchner.
-
-_Charles Darwin._
-
-E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung in Stuttgart.]
-
-
-
-
- Charles Darwin,
-
- über die
-
- ENTSTEHUNG DER ARTEN
-
- im Thier- und Pflanzen-Reich
-
- durch
-
- natürliche Züchtung,
-
- oder
-
- Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe
- um’s Daseyn.
-
- Nach der =dritten Englischen Auflage= und mit neueren Zusätzen des
- Verfassers für diese deutsche Ausgabe
-
- aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen
-
- von
-
- Dr. =H. G. Bronn=.
-
- Zweite verbesserte und sehr vermehrte Auflage.
-
- Mit ~Darwin’s~ Porträt in Photographie.
-
- Stuttgart.
-
- E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung und Druckerei.
-
- 1863.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Vorrede des Verfassers. Seite 1.
-
- Einleitung S. 11.
-
- Erstes Kapitel. Abänderung durch Domestizität. S. 17.
-
- Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit.
- Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter
- Varietäten. Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten.
- Entstehung kultivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme
- Tauben, ihre Verschiedenheiten und Entstehung. Frühere Züchtung
- und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste Züchtung. Unbekannter
- Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für das
- Züchtungs-Vermögen des Menschen.
-
- Zweites Kapitel. Abänderung im Natur-Zustande. S. 55.
-
- Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten.
- Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am
- meisten. Arten grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren
- mehr, als die der kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen
- gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit
- einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.
-
- Drittes Kapitel. Der Kampf um’s Daseyn. S. 72.
-
- Stützt sich auf Natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern Sinne
- gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter
- Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine
- Mitbewerbung. Wirkungen des Klimas. Schutz durch die Zahl der
- Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in
- der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und
- Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung
- von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen.
-
- Viertes Kapitel. Natürliche Züchtung. S. 92.
-
- Natürliche Auswahl zur Züchtung; -- ihre Gewalt im Vergleich zu
- der des Menschen; -- ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer
- Wichtigkeit; -- ihre Gewalt in jedem Alter und über beide
- Geschlechter. -- Sexuelle Zuchtwahl. -- Über die Allgemeinheit
- der Kreutzung zwischen Individuen der nämlichen Art. -- Umstände
- günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung, insbesondere
- Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. -- Langsame Wirkung. --
- Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. -- Divergenz des
- Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer
- kleinen Fläche und auf Naturalisation. -- Wirkung der Natürlichen
- Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Ältern durch Divergenz des
- Charakters und durch Unterdrückung. -- Erklärt die Gruppirung aller
- organischen Wesen. -- Fortschritt in der Organisation. -- Erhaltung
- unvollkommener Formen. -- Betrachtung der Einwände. -- Unbeschränkte
- Vermehrung der Arten. -- Zusammenfassung.
-
- Fünftes Kapitel. Gesetze der Abänderung. S. 157.
-
- Wirkungen äusserer Bedingungen. Gebrauch und Nichtgebrauch
- der Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; -- Flieg-
- und Seh-Organe. -- Akklimatisirung. -- Wechselbeziehungen des
- Wachsthums. -- Kompensation und Ökonomie der Entwickelung. -- Falsche
- Wechselbeziehungen. -- Vielfache, rudimentäre und wenig entwickelte
- Organisationen sind veränderlich. -- In ungewöhnlicher Weise
- entwickelte Theile sind sehr veränderlich; -- spezifische mehr als
- Sippen-Charaktere. -- Sekundäre Geschlechts-Charaktere veränderlich.
- -- Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf analoge Weise. --
- Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. -- Summarium.
-
- Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Theorie. S. 197.
-
- Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. --
- Übergänge. -- Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen.
- -- Übergänge in der Lebensweise. -- Differenzirte Gewohnheiten in
- einerlei Art. -- Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer
- Verwandten. -- Organe von äusserster Vollkommenheit. -- Mittel der
- Übergänge. -- Schwierige Fälle. -- Natura non facit saltum. --
- Organe von geringer Wichtigkeit. -- Organe nicht in allen Fällen
- absolut vollkommen. -- Das Gesetz von der Einheit des Typus und
- den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen
- Züchtung.
-
- Siebentes Kapitel. Instinkt. S. 234.
-
- Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. --
- Abstufungen. -- Blattläuse und Ameisen. -- Instinkte veränderlich.
- -- Instinkte gezähmter Thiere und deren Entstehung. -- Natürliche
- Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen
- Bienen. -- Sklaven-machende Ameisen. -- Honigbienen und ihr
- Zellenbau-Instinkt. -- Wechsel von Instinkt und Körperbau erfolgen
- nicht nothwendig gleichzeitig. -- Schwierigkeiten der Theorie
- Natürlicher Züchtung in Bezug auf Instinkt. -- Geschlechtslose oder
- unfruchtbare Insekten. -- Zusammenfassung.
-
- Achtes Kapitel. Bastard-Bildung. S. 273.
-
- Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung
- und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. -- Unfruchtbarkeit der Stufe
- nach veränderlich, nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und
- durch Zähmung vermindert. -- Gesetze für die Unfruchtbarkeit der
- Bastarde. -- Unfruchtbarkeit keine besondre Eigenthümlichkeit,
- sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. --
- Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der
- Bastarde. -- Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten
- Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. -- Fruchtbarkeit miteinander
- gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein.
- -- Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit
- verglichen. -- Zusammenfassung.
-
- Neuntes Kapitel. Unvollkommenheit der Geologischen
- Überlieferungen. S. 307.
-
- Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. -- Natur
- der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. -- Länge der
- Zeit-Perioden nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen.
- -- Armuth unsrer paläontologischen Sammlungen. -- Unterbrechung
- geologischer Formationen. -- Abwesenheit der Mittel-Varietäten in
- allen Formationen. -- Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen.
- -- Ihr plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden
- Schichten.
-
- Zehntes Kapitel. Geologische Aufeinanderfolge organischer
- Wesen. S. 342.
-
- Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. -- Ungleiches
- Maass ihrer Veränderung. -- Einmal untergegangene Arten kommen nicht
- wieder zum Vorschein. -- Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen
- Regeln des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. --
- Erlöschen der Arten. -- Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen
- auf der ganzen Erd-Oberfläche. -- Verwandtschaft erloschener Arten
- mit andern fossilen und mit lebenden Arten. -- Entwickelungs-Stufe
- aller Formen. -- Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen
- Länder-Gebiete. -- Zusammenfassung des jetzigen mit früheren
- Abschnitten.
-
- Eilftes Kapitel. Geographische Verbreitung. S. 378.
-
- Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus
- den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. -- Wichtigkeit der
- Verbreitungs-Schranken. -- Verwandtschaft der Erzeugnisse eines
- nämlichen Kontinentes. -- Schöpfungs-Mittelpunkte. -- Ursachen der
- Verbreitung sind Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und
- mitunter zufällige. -- Die Zerstreuung während der Eis-Periode über
- die ganze Erd-Oberfläche erstreckt.
-
- Zwölftes Kapitel. Geographische Verbreitung (Fortsetzung). S. 415.
-
- Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. -- Die Bewohner der ozeanischen
- Inseln. -- Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugthieren. --
- Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten
- Festländer. -- Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und
- nachherige Abänderung. -- Zusammenfassung der Folgerungen aus dem
- letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.
-
- Dreizehntes Kapitel. Wechselseitige Verwandtschaft organischer
- Körper; Morphologie; Embryologie; Rudimentäre Organe. S. 443.
-
- +Klassifikation+: Unterordnung der Gruppen. -- Natürliches System. --
- Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt aus der Theorie
- der Fortpflanzung mit Abänderung. -- Klassifikation der Varietäten.
- -- Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. -- Analoge oder
- Anpassungs-Charaktere. -- +Verwandschaften+: allgemeine, verwickelte
- und strahlenförmige. -- Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen.
- -- +Morphologie+: zwischen Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen
- eines Einzelwesens. -- +Embryologie+: deren Gesetze daraus erklärt,
- dass Abänderung nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in
- korrespondirendem Alter vererbt wird. -- +Rudimentäre Organe+: ihre
- Entstehung erklärt. -- Zusammenfassung.
-
- Vierzehntes Kapitel. Allgemeine Wiederholung und Schluss. S. 491.
-
- Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher
- Züchtung. -- Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände,
- zu deren Gunsten. -- Ursachen des allgemeinen Glaubens an die
- Unveränderlichkeit der Arten. -- Wie weit die Theorie Natürlicher
- Züchtung auszudehnen. -- Folgen ihrer Annahme für das Studium der
- Naturgeschichte. -- Schluss-Bemerkungen.
-
- Fünfzehntes Kapitel. Schlusswort des Übersetzers. S. 525.
-
- Eindruck und Wesen des Buches. -- Stellung des Übersetzers zu
- demselben. -- Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. -- Einreden
- des Übersetzers. -- Aussicht auf künftigen Erfolg.
-
-
-
-
-Vorrede des Verfassers.
-
-
-Ich will hier versuchen, eine kurze und sehr unvollkommene Skizze von
-der Entwickelung der Meinungen über die Entstehung der Species zu
-geben. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher hat geglaubt, Arten seyen
-unveränderliche Erzeugnisse und jede einzelne für sich erschaffen:
-diese Ansicht ist von vielen Schriftstellern mit Geschick vertheidigt
-worden. Nur wenige Naturforscher nehmen dagegen an, dass Arten einer
-Veränderung unterliegen, und dass die jetzigen Lebenformen durch
-wirkliche Zeugung aus andern früher vorhandenen Formen hervorgegangen
-sind. Abgesehen von den Schriftstellern der klassischen Periode bis zu
-~Buffon~, mit deren Schriften ich nicht vertraut bin, war ~Lamarck~
-der erste, dessen Meinung, dass Arten sich verändern, Aufsehen
-erregte. Dieser mit Recht gefeierte Naturforscher veröffentlichte
-seine Ansichten zuerst _1801_ und dann besser entwickelt _1809_ in
-seiner _Zoologie philosophique_, so wie _1815_ in seiner Einleitung
-in die Naturgeschichte der Wirbel-losen Thiere, in welchen Schriften
-er die Lehre von der Abstammung der Arten von einander aufstellt.
-Er hat das grosse Verdienst, die Aufmerksamkeit zuerst auf die
-Wahrscheinlichkeit gelenkt zu haben, dass alle Veränderungen in der
-organischen wie in der unorganischen Welt die Folgen von Natur-Gesetzen
-und nicht von wunderbaren Zwischenfällen sind. ~Lamarck~ scheint
-hauptsächlich durch die Schwierigkeit Arten und Varietäten von einander
-zu unterscheiden, durch die fast ununterbrochene Stufen-Reihe der
-Formen in manchen Organismen-Gruppen und durch die Analogie mit unsren
-Züchtungs-Erzeugnissen zu jener Annahme geführt worden zu seyn. Was
-die Mittel betrifft, wodurch die Umwandlung der Arten in einander
-bewirkt werde, so schreibt er Einiges auf Rechnung der äusseren
-Lebens-Bedingungen, Einiges auf die einer Kreutzung der Formen und
-leitet das Meiste von dem Gebrauche und Nichtgebrauche der Organe oder
-von der Wirkung der Gewohnheit ab. Dieser letzten Kraft scheint er
-all’ die schönen Anpassungen in der Natur zuzuschreiben, wie z. B. den
-langen Hals der Giraffe, der sie in den Stand setzt, die Zweige grosser
-Bäume abzuweiden. Doch nahm er zugleich ein Gesetz fortschreitender
-Entwickelung an, und da hiernach alle Lebenformen fortzuschreiten
-gestrebt, so war er, um von dem Daseyn sehr einfacher Natur-Erzeugnisse
-auch in unsren Tagen Rechenschaft zu geben, noch eine Generatio
-spontanea zu Hülfe zu rufen genöthigt[1].
-
-~Etienne Geoffroy Saint-Hilaire~ vermuthete, wie sein Sohn in
-dessen Lebens-Beschreibung berichtet, schon ums Jahr _1795_, dass
-unsre sogenannten Species nur Ausartungen eines und des nämlichen
-Typus seyen. Doch erst im Jahre _1828_ veröffentlichte er seine
-Überzeugung[2], dass sich die Formen nicht in unveränderter Weise
-seit dem Anfang der Dinge fortgepflanzt haben. ~Geoffroy~ scheint
-die Ursache der Veränderungen hauptsächlich in dem „_Monde ambiant_“
-gesucht zu haben. Doch war er vorsichtig in dieser Beziehung, und sein
-Sohn sagt: „_C’est donc un problème à réserver entièrement à l’avenir,
-supposé même, que l’avenir doive avoir prise sur lui_“.
-
-In _England_ erklärte der Hochwürdige ~W. Herbert~, nachheriger Dechant
-von _Manchester_, in seinem Werke über die Amaryllidaceae (_1837_,
-S. 1, 19, 339), es seye durch Hortikultur-Versuche unwiderlegbar
-dargethan, dass Pflanzen-Arten nur eine höhere und beständigere Stufe
-von Varietäten seyen. Er dehnt die nämliche Ansicht auch auf die Thiere
-aus. Der Dechant ist der Meinung, dass anfangs nur einzelne Arten
-jeder Sippe von einer sehr bildsamen Organisation geschaffen worden
-seyen, und dass diese sodann durch Kreutzung und Abänderung alle unsre
-jetzigen Arten erzeugt haben.
-
-Im Jahre 1826 erklärte Professor ~Grant~ im Schluss-Paragraphen seiner
-wohl-bekannten Abhandlung über Spongilla (_Edinburgh Philos. Journ.
-XIV_, 283) seine Meinung ganz klar dahin, dass Arten von andern Arten
-entstanden sind und nur durch fortdauernde Veränderungen verbessert
-werden. Die nämliche Ansicht hat er auch _1834_ im „_Lancet_“ in seiner
-55. Vorlesung wiederholt.
-
-Dann entwickelte ~Patrick Matthew~ in seinem „_Naval Timber and
-Arboriculture_“ seine Überzeugung über die Entstehung der Arten ganz
-übereinstimmend mit der von ~Wallace~ und mir selbst im „_Linnean
-Journal_“ und in dem gegenwärtigen Bande gegebenen Darstellung.
-Unglücklicher Weise jedoch schrieb ~Matthew~ seine Ansicht nur in
-zerstreuten Sätzen in einem Werke über einen ganz anderen Gegenstand
-nieder, so dass sie völlig unbeachtet blieb, bis er selbst _1860_ im
-_Gardeners Chronicle_ vom 7. April die Aufmerksamkeit darauf lenkte.
-Die Abweichungen seiner Ansicht von der meinigen sind nicht von
-wesentlicher Bedeutung. Er scheint anzunehmen, dass die Organismen-Welt
-der Erde in aufeinander-folgenden Zeiträumen beinahe ausgestorben
-und diese dann wieder neu bevölkert worden ist, und er gibt als eine
-Alternative, dass neue Formen erzeugt werden „ohne die Anwesenheit
-eines Modells oder Keimes von früheren Aggregaten“. Ich bin nicht
-gewiss, ob ich alle Stellen richtig verstehe; doch scheint er grossen
-Werth auf die unmittelbare Wirkung der äussern Lebens-Bedingungen zu
-legen. Er erkannte jedoch deutlich die volle Bedeutung des Prinzips der
-Natürlichen Züchtung. Auf einen Brief (a. a. O. April 13.), in welchem
-ich ~Matthew’n~ als meinen Vorgänger anerkannte, entgegnete er mit
-edler Offenheit (a. a. O. Mai 12.) unter Andern mit folgenden Worten:
-„dieses Natur-Gesetz bot sich meinem Blicke wie eine für sich selbst
-klare Thatsache und nicht in Folge darauf verwendeten Nachdenkens dar.
-~Darwin~ hat ein weit grösseres Verdienst bei dieser Entdeckung; denn
-ich habe nicht geglaubt eine Entdeckung zu machen. Er scheint es auf
-induktivem Wege ausgemittelt zu haben, indem er langsam und mit der
-nöthigen Vorsicht voranging und eine Thatsache an die andere reihete,
--- während mir nur im Hinblick auf die Verfahrungs-Weise der Natur
-im Allgemeinen die Wahlerzeugung der Arten vorkam wie eine a priori
-erkennbare Thatsache, wie ein Axiom, das man nur auszusprechen brauche,
-um ihm die Anerkennung eines jeden unbefangenen fähigen Beurtheilers zu
-verschaffen.“
-
-~Rafinesque~ schreibt _1836_ in seiner _New Flora of North America_,
-_p._ 6, 18: „alle Arten mögen einmal blosse Varietäten gewesen und
-viele Varietäten durch allmähliche Befestigung ihrer Charaktere zu
-Species geworden seyn,“ -- „mit Ausnahme jedoch des Original-Typus oder
-Stammvaters jeder Sippe“.
-
-Im Jahre _1843-44_ hat Professor ~Haldeman~ zu _Boston_ in den
-_Vereinten Staaten_ die Gründe für und gegen die Hypothese der
-Entwickelung und Umgestaltung der Arten in angemessener Weise
-zusammengestellt (im _Journal of Natural History_, _vol. IV_, _p._ 468)
-und scheint sich mehr zur Ansicht für die Veränderlichkeit zu neigen.
-
-Die _Vestiges of Creation_ sind zuerst _1844_ erschienen. In der
-zehnten sehr verbesserten Ausgabe (_1853_, _p._ 155) sagt der
-ungenannte Verfasser: „das auf reichliche Erwägung gestützte Ergebniss
-ist, dass die verschiedenen Reihen beseelter Wesen von den einfachsten
-und ältesten an bis zu den höchsten und neuesten die unter Gottes
-Vorsehung gebildeten Erzeugnisse sind 1) eines den Lebenformen
-ertheilten Impulses, der sie in abgemessenen Zeiten auf dem Wege
-der Generation von einer zur anderen Organisations-Stufe bis zu den
-höchsten Dikotyledonen und Wirbelthieren erhebt, -- welche Stufen
-nur wenige an Zahl und gewöhnlich durch Lücken in der organischen
-Reihenfolge von einander geschieden sind, die eine praktische
-Schwierigkeit bei Ermittelung der Verwandtschaften abgeben; -- 2)
-eines andren Impulses, welcher mit den Lebenskräften zusammenhängt und
-im Laufe der Generationen die organischen Gebilde in Übereinstimmung
-mit den äusseren Bedingungen, wie Nahrung, Wohnort und meteorische
-Kräfte sind, abzuändern strebt: Diess sind die „Anpassungen des
-Natural-Theologen“. Der Verfasser ist offenbar der Meinung, dass
-die Organisation sich durch plötzliche Sprünge vervollkommne, die
-Wirkungen der äusseren Lebens-Bedingungen aber stufenweise seyen. Er
-folgert mit grossem Nachdruck aus allgemeinen Gründen, dass Arten keine
-unveränderlichen Produkte seyen. Ich vermag jedoch nicht zu ersehen,
-wie die unterstellten zwei „Impulse“ in einem wissenschaftlichen
-Sinne Rechenschaft geben können von den zahlreichen und schönen
-Zusammenpassungen, welche wir allerwärts in der ganzen Natur erblicken;
-ich vermag nicht zu erkennen, dass wir dadurch zur Einsicht gelangen,
-wie z. B. die Organisation des Spechtes seiner besondern Lebensweise
-angepasst worden ist. Das Buch hat sich durch seinen glänzenden und
-hinreissenden Styl sofort eine sehr weite Verbreitung errungen, obwohl
-es in seinen früheren Auflagen ungenaue Kenntnisse und einen grossen
-Mangel an wissenschaftlicher Vorsicht verrieth. Nach meiner Meinung hat
-es vortreffliche Dienste dadurch geleistet, dass es in unsrem Lande die
-Aufmerksamkeit auf den Gegenstand lenkte und Vorurtheile beseitigte.
-
-Im Jahre _1846_ veröffentlichte der Veterane unter den Geologen,
-~d’Omalius d’Halloy~, in einem vortrefflichen kurzen Aufsatze (im
-_Bulletin de l’Académie Roy. de Bruxelles_, _Tome XIII_, _p._ 581)
-seine Meinung, dass es wahrscheinlicher seye, dass neue Arten durch
-Descendenz mit Abänderung des alten Charakters hervorgebracht, als
-einzeln geschaffen worden seyen; er hatte diese Ansicht zuerst im Jahre
-_1831_ aufgestellt.
-
-In Professor ~R. Owen’s~ _Nature of Limbs_, _1849_, _p._ 86 kommt
-folgende Stelle vor: „Die Grund-Idee war in der Thier-Welt unseres
-Planeten in verschiedenen Modifikationen bereits ausgesprochen lange
-vor dem Daseyn der sie jetzt erläuternden Thier-Arten. Von welchen
-Natur-Gesetzen oder sekundären Ursachen aber das ordnungsmässige
-Aufeinanderfolgen und Fortschreiten solcher organischen Erscheinungen
-abhängig gewesen seye, Das ist uns bis jetzt nicht bekannt geworden.“
-In seiner Ansprache an die Britische Gelehrten-Versammlung im Jahre
-_1858_ spricht er (S. ~II~) vom „Axiom der fortwährenden Thätigkeit der
-Schöpfungs-Kraft oder des geordneten Werdens lebender Wesen“, -- und
-fügt später (S. ~XC~) mit Bezugnahme auf die geographische Verbreitung
-bei: „Diese Erscheinungen erschüttern unser Vertrauen in die Annahme,
-dass der Apteryx in _Neuseeland_ und das rothe Waldhuhn in _England_
-verschiedene Schöpfungen in und für die genannten Inseln allein seyen.
-Auch darf man nicht vergessen, dass das Wort Schöpfung für den Zoologen
-nur einen unbekannten Prozess bedeutet.“ ~Owen~ führt diese Vorstellung
-dann weiter aus, indem er sagt, „wenn der Zoologe solche Fälle, wie den
-vom rothen Waldhuhn als eine besondere Schöpfung des Vogels auf und für
-eine einzelne Insel aufzählt, so will er damit eben nur ausdrücken,
-dass er nicht begreife, wie derselbe dahin und eben nur dahin gekommen
-seye, und dass er demzufolge beide, Insel wie Vogel, von einer grossen
-ersten Schöpfungs-Kraft abzuleiten geneigt seye.“
-
-~Isidore Geoffroy St.-Hilaire~ spricht in seinen im Jahre _1850_
-gehaltenen Vorlesungen (von welchen ein Auszug in _Revue et Magazin
-de Zoologie 1851, Jan._ erschien) seine Meinung über Arten-Charaktere
-kürzlich dahin aus, dass sie „für jede Art feststehen, so lange als
-sich dieselbe inmitten der nämlichen Verhältnisse fortpflanze, dass
-sie aber abändern, sobald die äusseren Lebens-Bedingungen wechseln“.
-Im Ganzen „zeigt die Beobachtung der wilden Thiere schon die
-beschränkte Veränderlichkeit der Arten. Die Versuche mit gezähmten
-wilden Thieren und mit verwilderten Hausthieren zeigen Diess noch
-deutlicher. Dieselben Versuche beweisen auch, dass die hervorgebrachten
-Verschiedenheiten vom Werthe derjenigen seyn können, durch welche wir
-Sippen unterscheiden“. In seiner _Histoire naturelle générale_ (_1859_,
-_II_, 430) gelangt er zu ähnlichen Folgerungen.
-
-Aus einer unlängst erschienenen Veröffentlichung scheint hervorzugehen,
-dass ~Dr. Freke~ schon im Jahre _1851_ (_Dublin Medical Press p._ 322)
-die Lehre aufgestellt, dass alle organischen Wesen von +einer+ Urform
-abstammen. Seine Gründe und Behandlung des Gegenstandes sind aber von
-den meinigen gänzlich verschieden, und da sein „_Origin of Species by
-means of organic affinity 1861_“ jetzt erschienen ist, so dürfte mir
-der schwierige Versuch, eine Darstellung seiner Ansicht zu geben, wohl
-erlassen werden.
-
-~Herbert Spencer~ hat in einem Versuche (welcher zuerst im _Leader_
-vom März _1852_ und später in ~Spencer’s~ _Essays 1858_ erschien) die
-Theorie der Schöpfung und die der Entwickelung organischer Wesen in
-vorzüglich geschickter und wirksamer Weise einander gegenüber gestellt.
-Er folgert aus der Analogie mit den Züchtungs-Erzeugnissen, aus den
-Veränderungen, welchen die Embryonen vieler Arten unterliegen, aus der
-Schwierigkeit Arten und Varietäten zu unterscheiden, so wie endlich
-aus dem Prinzip einer allgemeinen Stufenfolge in der Natur, dass Arten
-abgeändert worden sind, und schreibt diese Abänderung dem Wechsel der
-Umstände zu. Derselbe Verfasser hat _1855_ die Psychologie nach dem
-Prinzip einer nothwendig stufenweisen Erwerbung jeder geistigen Kraft
-und Fähigkeit bearbeitet.
-
-Im Jahre _1852_ hat ~Naudin~, ein ausgezeichneter Botaniker (in der
-_Revue horticole, p._ 102) ausdrücklich erklärt, dass nach seiner
-Ansicht Arten in analoger Weise von der Natur, wie Varietäten durch die
-Kultur, gebildet worden seyen. Er zeigt aber nicht, wie die Züchtung
-in der Natur vor sich geht. Er nimmt wie Dechant ~Herbert~ an, dass
-die Arten anfangs bildsamer waren als jetzt, legt Gewicht auf sein
-sogenanntes Prinzip der Finalilät, „eine unbestimmte geheimnissvolle
-Kraft, gleich-bedeutend mit blinder Vorbestimmung für die Einen, mit
-Wille der Vorsehung für die Andern, durch deren unausgesetzten Einfluss
-auf die lebenden Wesen in allen Weltaltern die Form, der Umfang und die
-Dauer eines jeden derselben je nach seiner Bestimmung in der Ordnung
-der Dinge, wozu es gehört, bedingt wird. Es ist diese Kraft, welche
-jedes Glied mit dem Ganzen in Harmonie bringt, indem sie dasselbe
-der Verrichtung anpasst, die es im Gesammt-Organismus der Natur zu
-übernehmen hat, einer Verrichtung, welche für dasselbe Grund des
-Daseyns ist“[3].
-
-Im Jahre _1853_ hat ein berühmter Geologe, Graf ~Keyserling~ (im
-_Bulletin de la Société géologique, tome X, p._ 357) die Meinung
-vorgebracht, dass zu verschiedenen Zeiten eine Art Seuche durch irgend
-welches Miasma veranlasst, sich über die Erde verbreitet und auf die
-Keime der bereits vorhandenen Arten chemisch eingewirkt habe, indem sie
-dieselben mit irgend welchen Molekülen von besonderer Natur umgab und
-hiedurch die Entstehung neuer Formen veranlasste!
-
-Im nämlichen Jahre _1853_ lieferte auch Dr. ~Schaaffhausen~ einen
-Aufsatz in die Verhandlungen des naturhistorischen Vereins der Preuss.
-Rhein-Lande, worin er die fortschreitende Entwickelung organischer
-Formen auf der Erde behauptet. Er nimmt an, dass viele Arten sich
-lange Zeiträume hindurch unverändert erhalten haben, während andere
-Abänderungen erlitten. Das Auseinanderweichen der Arten ist nach
-ihm durch die Zerstörung der Zwischenstufen zu erklären. „Lebende
-Pflanzen und Thiere sind daher von den untergegangenen nicht als neue
-Schöpfungen verschieden, sondern vielmehr als deren Nachkommen in Folge
-unausgesetzter Fortpflanzung zu betrachten.“
-
-Ein wohl-bekannter französischer Botaniker, ~Lecoq~, schreibt _1854_
-in seinen _Études sur la géographie botanique I_, 250: „man sieht
-dass unsre Untersuchungen über die Stetigkeit und Veränderlichkeit
-der Arten uns geradezu auf die von ~Geoffroy St.-Hilaire~ und ~Göthe~
-ausgesprochenen Vorstellungen führen“. Einige andere in dem genannten
-Werke zerstreute Stellen lassen uns jedoch darüber im Zweifel, wie weit
-~Lecoq~ selbst diesen Vorstellungen zugethan seye.
-
-Die „Philosophie der Schöpfung“ ist _1855_ in bewundernswürdiger Weise
-durch den Hochwürdigen ~Baden-Powell~ (in seinen _Essays on the Unity
-of Worlds_) behandelt worden. Er zeigt auf’s treffendste, dass die
-Einführung neuer Arten „eine regelmässige und nicht eine zufällige
-Erscheinung“ oder, wie Sir ~John Herschel~ es ausdrückt, „eine Natur-
-im Gegensatze einer Wunder-Erscheinung“ ist.
-
-Aufsätze von Herrn ~Wallace~ und mir selbst im dritten Theile des
-_Journal of the Linnean Society_ (August _1858_) stellen zuerst, wie in
-der Einleitung zu diesem Bande gesagt wird, die Theorie der Natürlichen
-Züchtung auf.
-
-~Von Baer~, der bei allen Zoologen in höchster Achtung steht, drückte
-im Jahre _1849_ seine hauptsächlich auf die Gesetze der geographischen
-Verbreitung gegründete Überzeugung dahin aus, dass jetzt vollständig
-verschiedene Formen von je einer gemeinsamen Stamm-Form herrühren
-(~Rud. Wagner~ zoolog.-anthropolog. Untersuchungen _1861_, S. 51).
-
-Im Jahre _1859_ hielt Professor ~Huxley~ einen Vortrag vor der Royal
-Institution über den bleibenden Typus des Thier-Lebens. In Bezug auf
-derartige Fälle bemerkt er: „Es ist schwierig die Bedeutung solcher
-Thatsachen zu begreifen, wenn wir voraussetzen, dass jede Pflanzen-
-und Thier-Art oder jeder grosse Organisations-Typus nach langen
-Zwischenzeiten durch je einen besondern Akt der Schöpfungs-Kraft
-gebildet und auf die Erd-Oberfläche versetzt worden seye; und man
-muss nicht vergessen, dass eine solche Annahme weder in der Tradition
-noch in der Offenbarung eine Stütze findet, wie sie denn auch der
-allgemeinen Analogie in der Natur zuwider ist. Betrachten wir
-anderseits die „persistenten Typen“ in Bezug auf die Hypothese, wornach
-die zu irgend einer Zeit vorhandenen Wesen das Ergebniss allmählicher
-Abänderung schon früherer Wesen sind -- eine Hypothese, welche, wenn
-auch unerwiesen und auf klägliche Weise von einigen ihrer Anhänger
-verkümmert, doch die einzige ist, der die Physiologie einigen Halt
-verleiht --, so scheint das Daseyn dieser Typen zu zeigen, dass das
-Maass der Abänderung, welche lebende Wesen während der geologischen
-Zeit erfahren haben, sehr gering ist im Vergleich zu der ganzen Reihe
-von Veränderungen, welchen sie ausgesetzt gewesen sind.“
-
-Im Dezember _1859_ veröffentlichte Dr. ~Hooker~ seine bewundernswürdige
-Einleitung in die Tasmanische Flora, in deren erstem Theile er die
-Entstehung der Arten durch Abkommenschaft und Umänderung von andern
-zugesteht und diese Lehre durch viele schätzbare Original-Beobachtungen
-unterstützt.
-
-Im November _1859_ erschien die erste Ausgabe dieses Werkes, im Januar
-_1860_ die zweite, im April _1861_ die dritte.
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Als ich an Bord des Königlichen Schiffs „_Beagle_“ als Naturforscher
-_Südamerika_ erreichte, ward ich überrascht von der Wahrnehmung
-gewisser Thatsachen in der Vertheilung der Bewohner und in den
-geologischen Beziehungen zwischen der jetzigen und der früheren
-Bevölkerung dieses Welttheils. Diese Thatsachen schienen mir, wie sich
-aus dem letzten Kapitel dieses Bandes ergeben wird, einiges Licht
-über die Entstehung der Arten zu verbreiten, diess Geheimniss der
-Geheimnisse, wie es einer unsrer grössten Philosophen genannt hat. Nach
-meiner Heimkehr im Jahre _1837_ schien es mir, dass sich etwas über
-diese Frage müsse ermitteln lassen durch ein geduldiges Sammeln und
-Erwägen aller Arten von Thatsachen, welche möglicher Weise etwas zu
-deren Aufklärung beitragen könnten. Nachdem ich Diess fünf Jahre lang
-gethan, getraute ich mich erst eingehender über die Sache nachzusinnen
-und einige kurze Bemerkungen darüber niederzuschreiben, welche ich
-im Jahre _1844_ weiter ausführte, indem ich die Schlussfolgerungen
-hinzufügte, welche sich mir als wahrscheinlich ergaben, und von
-dieser Zeit an war ich mit beharrlicher Verfolgung des Gegenstandes
-beschäftigt. Ich hoffe, dass man die Anführung dieser auf meine Person
-bezüglichen Einzelnheiten entschuldigen wird: sie sollen zeigen, dass
-ich nicht übereilt zu einem Entschlusse gelangt bin.
-
-Mein Werk ist nun nahezu vollendet; aber ich will mir noch zwei oder
-drei weitere Jahre Zeit lassen, um es zu ergänzen; und da meine
-Gesundheit keineswegs fest ist, so sah ich mich zur Veröffentlichung
-dieses Auszugs gedrängt. Ich sah mich noch um so mehr dazu veranlasst,
-als Herr ~Wallace~ beim Studium der Naturgeschichte der _Malayischen_
-Inselwelt zu fast genau denselben allgemeinen Schlussfolgerungen
-über die Arten-Bildung gelangt ist. Im Jahre _1858_ sandte er mir
-eine Abhandlung darüber mit der Bitte zu, sie Herrn ~Charles Lyell~
-zuzustellen, welcher sie der ~Linné~ischen Gesellschaft übersandte,
-in deren Journal sie nun im dritten Bande abgedruckt worden ist. Herr
-~Lyell~ sowohl als Dr. ~Hooker~, welche beide meine Arbeit kennen (der
-letzte hat meinen Entwurf von _1844_ gelesen), beehrten mich indem
-sie den Wunsch ausdrückten, ich möge einen kurzen Auszug aus meinen
-Handschriften zugleich mit ~Wallace’s~ Abhandlung veröffentlichen.
-
-Dieser Auszug, welchen ich hiemit der Lesewelt vorlege, muss
-nothwendig unvollkommen seyn. Er kann keine Belege und Autoritäten
-für meine verschiedenen Feststellungen beibringen, und ich muss den
-Leser ansprechen einiges Vertrauen in meine Genauigkeit zu setzen.
-Zweifelsohne mögen Irrthümer mit untergelaufen seyn; doch glaube ich
-mich überall nur auf verlässige Autoritäten berufen zu haben. Ich
-kann hier überall nur die allgemeinen Schlussfolgerungen anführen, zu
-welchen ich gelangt bin, in Begleitung von nur wenigen erläuternden
-Thatsachen, die aber, wie ich hoffe, in den meisten Fällen genügen
-werden. Niemand kann mehr als ich selber die Nothwendigkeit fühlen,
-alle Thatsachen, auf welche meine Schlussfolgerungen sich stützen, mit
-ihren Einzelnheiten bekannt zu machen, und ich hoffe Diess in einem
-künftigen Werke zu thun. Denn ich weiss wohl, dass kaum ein Punkt
-in diesem Buche zur Sprache kommt, zu welchem man nicht Thatsachen
-anführen könnte, die oft zu gerade entgegengesetzten Folgerungen zu
-führen scheinen. Ein richtiges Ergebniss lässt sich aber nur dadurch
-erlangen, dass man alle Erscheinungen und Gründe zusammenstellt, welche
-für und gegen jede einzelne Frage sprechen, und sie dann sorgfältig
-gegen einander abwägt, und Diess kann nicht wohl hier geschehen.
-
-Ich muss bedauern nicht Raum zu finden, um so vielen Naturforschern
-meine Erkenntlichkeit für die Unterstützung auszudrücken, die sie
-mir, mitunter ihnen persönlich ganz unbekannt, in uneigennütziger
-Weise zu Theil werden liessen. Doch kann ich diese Gelegenheit nicht
-vorübergehen lassen, ohne wenigstens die grosse Verbindlichkeit
-anzuerkennen, welche ich Dr. ~Hooker’n~ dafür schulde, dass er mich
-in den letzten fünfzehn Jahren in jeder möglichen Weise durch seine
-reichen Kenntnisse und sein ausgezeichnetes Urtheil unterstützt hat.
-
-Wenn ein Naturforscher über die Entstehung der Arten nachdenkt,
-so ist es wohl begreiflich, dass er in Erwägung der gegenseitigen
-Verwandtschafts-Verhältnisse der Organismen, ihrer embryonalen
-Beziehungen, ihrer geographischen Verbreitung, ihrer geologischen
-Aufeinanderfolge und andrer solcher Thatsachen zu dem Schlusse gelangen
-könne, dass jede Art nicht unabhängig von andern erschaffen seye,
-sondern nach der Weise der Varietäten von andern Arten abstamme.
-Demungeachtet dürfte eine solche Schlussfolgerung, selbst wenn sie
-richtig wäre, kein Genüge leisten, so lange nicht nachgewiesen werden
-kann, auf welche Weise die zahllosen Arten, welche jetzt unsre
-Erde bewohnen, so abgeändert worden seyen, dass sie die jetzige
-Vollkommenheit des Baues und der Anpassung für ihre jedesmaligen
-Lebens-Verhältnisse erlangten, welche mit Recht unsre Bewunderung
-erregen. Die Naturforscher verweisen beständig auf die äusseren
-Bedingungen, wie Klima, Nahrung u. s. w. als die einzigen möglichen
-Ursachen ihrer Abänderung. In einem sehr beschränkten Sinne kann,
-wie wir später sehen werden, Diess wahr seyn. Aber es wäre verkehrt,
-lediglich äusseren Ursachen z. B. die Organisation des Spechtes, die
-Bildung seines Fusses, seines Schwanzes, seines Schnabels und seiner
-Zunge zuschreiben zu wollen, welche ihn so vorzüglich befähigen,
-Insekten unter der Rinde der Bäume hervorzuholen. Eben so wäre es
-verkehrt, bei der Mistel-Pflanze, die ihre Nahrung aus gewissen Bäumen
-zieht, und deren Saamen von gewissen Vögeln ausgestreut werden müssen,
-wie ihre Blüthen, welche getrennten Geschlechtes sind, die Thätigkeit
-gewisser Insekten zur Übertragung des Pollens von der männlichen
-auf die weibliche Blüthe voraussetzen, -- es wäre verkehrt, die
-organische Einrichtung dieses Parasiten mit seinen Beziehungen zu jenen
-verschiedenerlei organischen Wesen als eine Wirkung äussrer Ursachen
-oder der Gewohnheit oder des Willens der Pflanze selbst anzusehen.
-
-Es ist daher von der grössten Wichtigkeit eine klare Einsicht in die
-Mittel zu gewinnen, durch welche solche Umänderungen und Anpassungen
-bewirkt werden. Beim Beginne meiner Beobachtungen schien es mir
-wahrscheinlich, dass ein sorgfältiges Studium der Hausthiere und
-Kultur-Pflanzen die beste Aussicht auf Lösung dieser schwierigen
-Aufgabe gewähren würde. Und ich habe mich nicht getäuscht, sondern
-habe in diesem wie in allen andern verwickelten Fällen immer gefunden,
-dass unsre Erfahrungen über die im gezähmten und angebauten Zustande
-erfolgenden Veränderungen der Lebenwesen immer den besten und
-sichersten Aufschluss gewähren. Ich stehe nicht an, meine Überzeugung
-von dem hohen Werthe solcher von den Naturforschern gewöhnlich sehr
-vernachlässigten Studien auszudrücken.
-
-Aus diesem Grunde widme ich denn auch das erste Kapitel dieses Auszugs
-der Abänderung im Kultur-Zustande. Wir werden daraus ersehen, dass
-erbliche Abänderungen in grosser Ausdehnung wenigstens möglich sind,
-und, was nicht minder wichtig, dass das Vermögen des Menschen, geringe
-Abänderungen durch deren ausschliessliche Auswahl zur Nachzucht, d. h.
-durch +künstliche Züchtung+[4] zu häufen, sehr beträchtlich ist. Ich
-werde dann zur Veränderlichkeit der Lebenwesen im Natur-Zustande
-übergehen; doch bin ich unglücklicher Weise genöthigt diesen
-Gegenstand viel zu kurz abzuthun, da er angemessen eigentlich nur
-durch Mittheilung langer Listen von Thatsachen behandelt werden
-kann. Wir werden demungeachtet im Stande seyn zu erörtern, was für
-Umstände die Abänderung am meisten befördern. Im nächsten Abschnitte
-soll der +Kampf um’s Daseyn+ unter den organischen Wesen der ganzen
-Welt abgehandelt werden, welcher unvermeidlich aus ihrem hoch
-geometrischen Zunahme-Vermögen hervorgeht. Es ist Diess die Lehre
-von ~Malthus~ auf das ganze Thier- und Pflanzen-Reich angewendet. Da
-viel mehr Einzelwesen jeder Art geboren werden, als fortleben können,
-und demzufolge das Ringen um Existenz beständig wiederkehren muss, so
-folgt daraus, dass ein Wesen, welches in irgend einer für dasselbe
-vortheilhafteren Weise von den übrigen auch nur etwas abweicht, unter
-manchfachen und oft veränderlichen Lebens-Bedingungen mehr Aussicht auf
-Fortdauer hat und demnach bei der +Natürlichen Züchtung+ im Vortheil
-ist. Eine solche zur Nachzucht ausgewählte Varietät strebt dann nach
-dem strengen Erblichkeits-Gesetze jedesmal seine neue und abgeänderte
-Form fortzupflanzen.
-
-Diese Natürliche Züchtung ist ein Hauptgegenstand, welcher im vierten
-Kapitel etwas weitläufiger abgehandelt werden soll; und wir werden
-dann finden, wie die Natürliche Züchtung gewöhnlich die unvermeidliche
-Veranlassung zum Erlöschen minder geeigneter Lebenformen wird und
-herbeiführt, was ich +Divergenz des Charakters+[5] genannt habe. Im
-nächsten Abschnitte werden die zusammengesetzten und wenig bekannten
-Gesetze der Abänderung und der Wechselbeziehungen in der Entwickelung
-besprochen. In den vier folgenden Kapiteln sollen die auffälligsten und
-bedeutendsten Schwierigkeiten unsrer Theorie angegeben werden, und zwar
-erstens die Schwierigkeiten der Übergänge, oder wie es zu begreifen
-ist, dass ein einfaches Wesen oder Organ verwandelt und in ein höher
-entwickeltes Wesen oder ein höher ausgebildetes Organ umgestaltet
-werden kann; zweitens der Instinkt oder die geistigen Fähigkeiten der
-Thiere; drittens die Kreutzung oder die Unfruchtbarkeit der gekreutzten
-Species und die Fruchtbarkeit der gekreutzten Varietäten; und viertens
-die Unvollkommenheit der geologischen Urkunde. Im nächsten Abschnitte
-werde ich die geologische Aufeinanderfolge der Organismen in der Zeit
-betrachten; im eilften und zwölften deren geographische Verbreitung
-im Raume; im dreizehnten ihre Klassifikation und gegenseitigen
-Verwandtschaften im reifen wie im Embryo-Zustande. Im letzten
-Abschnitte endlich werde ich eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes
-des ganzen Werkes mit einigen Schluss-Bemerkungen geben.
-
-Darüber, dass noch so Vieles über die Entstehung der Arten und
-Varietäten unerklärt bleibe, wird sich niemand wundern, wenn er unsre
-tiefe Unwissenheit hinsichtlich der Wechselbeziehungen all’ der um
-uns her lebenden Wesen in Betracht zieht. Wie kann man erklären,
-dass eine Art in grosser Anzahl und weiter Verbreitung vorkömmt,
-während ihre nächste Verwandte selten und auf engen Raum beschränkt
-ist? Und doch sind diese Beziehungen von der höchsten Wichtigkeit,
-insoferne sie die gegenwärtige Wohlfahrt und, wie ich glaube, das
-künftige Gedeihen und die Modifikationen eines jeden Bewohners der
-Welt bedingen. Aber noch viel weniger Kenntniss haben wir von den
-Wechselbeziehungen der unzähligen Bewohner dieser Erde während der
-zahlreichen Perioden ihrer einstigen Bildungs-Geschichte. Wenn daher
-auch noch Vieles dunkel ist und noch lange dunkel bleiben wird, so
-zweifle ich nach den sorgfältigsten Studien und dem unbefangensten
-Urtheile, dessen ich fähig bin, doch nicht daran, dass die Meinung,
-welche die meisten Naturforscher hegen und auch ich lange gehabt habe,
-als wäre nämlich jede Species unabhängig von den übrigen erschaffen
-worden, eine irrthümliche sey. Ich bin vollkommen überzeugt, dass
-die Arten nicht unveränderlich sind; dass die zu einer sogenannten
-Sippe[6] zusammengehörigen Arten in einer Linie von anderen gewöhnlich
-erloschenen Arten abstammen in der nämlichen Weise, wie die anerkannten
-Varietäten einer Art Abkömmlinge dieser Species sind. Endlich bin ich
-überzeugt, dass Natürliche Züchtung das hauptsächlichste wenn auch
-nicht einzige Mittel zu Abänderung der Lebenformen gewesen ist.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Abänderung durch Domestizität.
-
- Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit.
- Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter
- Varietäten. Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten.
- Entstehung kultivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme
- Tauben, ihre Verschiedenheiten und Entstehung. Früher stattgefundene
- Züchtung und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste Züchtung.
- Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für
- das Züchtungs-Vermögen des Menschen.
-
-
-Wenn wir die Einzelwesen einer Varietät oder Untervarietät unsrer
-alten Kultur-Pflanzen und -Thiere betrachten, so ist einer der
-Punkte, die uns zuerst auffallen, dass sie im Allgemeinen mehr von
-einander abweichen, als die Einzelwesen einer Art oder Varietät
-im Natur-Zustande. Erwägen wir nun die grosse Manchfaltigkeit der
-Kultur-Pflanzen und -Thiere, welche sich zu allen Zeiten unter den
-verschiedensten Klimaten und Behandlungs-Weisen abgeändert haben,
-so glaube ich sind wir zum Schlusse gedrängt, dass diese grössere
-Veränderlichkeit unsrer Kultur-Erzeugnisse die Wirkung minder
-einförmiger und von den natürlichen der Stamm-Ältern etwas abweichender
-Lebens-Bedingungen ist. Auch hat, wie mir scheint, ~Andrew Knight’s~
-Meinung, dass diese Veränderlichkeit zum Theil mit überflüssiger
-Nahrung zusammenhänge, einige Wahrscheinlichkeit für sich. Es
-scheint ferner ganz klar zu seyn, dass die organischen Wesen einige
-Generationen hindurch neuen Lebens-Bedingungen ausgesetzt seyn müssen,
-ehe ein bemerkliches Maass von Veränderung in ihnen hervortreten kann,
-und dass, wenn ihre Organisation einmal abzuändern begonnen hat, diese
-Abänderung gewöhnlich durch viele Generationen fortwährt. Man kennt
-keinen Fall, dass ein veränderliches Wesen im Kultur-Zustande aufgehört
-hätte veränderlich zu seyn. Unsre ältesten Kultur-Pflanzen, wie der
-Weitzen z. B., geben oft noch neue Varietäten, und unsre ältesten
-Hausthiere sind noch immer rascher Umänderung oder Veredelung fähig.
-
-Man hat darüber gestritten, in welchem Lebens-Alter die Ursachen der
-Abänderungen, worin sie immer bestehen mögen, wirksam zu seyn pflegen,
-ob in der ersten, oder in der letzten Zeit der Entwickelung des
-Embryos, oder im Augenblicke der Empfängniss. ~Geoffroy St.-Hilaire’s~
-Versuche ergeben, dass eine unnatürliche Behandlung des Embryos
-Monstrositäten erzeuge, und Monstrositäten können durch keinerlei
-scharfe Grenzlinie von Varietäten unterschieden werden. Doch bin ich
-sehr zu vermuthen geneigt, dass die häufigste Ursache zur Abänderung
-in Einflüssen zu suchen seye, welche das männliche oder weibliche
-reproduktive Element schon vor dem Akte der Befruchtung erfahren
-hat. Ich habe verschiedene Gründe für diese Meinung; doch liegt der
-Hauptgrund in den bemerkenswerthen Folgen, welche Einsperrung oder
-Anbau auf die Verrichtungen des reproduktiven Systemes äussern, indem
-nämlich dieses System viel empfänglicher für die Wirkung irgend
-eines Wechsels in den Lebens-Bedingungen als jeder andere Theil der
-Organisation zu seyn scheint. Nichts ist leichter, als ein Thier zu
-zähmen, und wenige Dinge sind schwieriger, als es in der Gefangenschaft
-zu einer freiwilligen Fortpflanzung zu veranlassen in den zahlreichen
-Fällen sogar, wo man Männchen und Weibchen bis zur Paarung bringt. Wie
-viele Thiere wollen sich nicht fortpflanzen, obwohl sie schon lange
-in nicht sehr enger Gefangenschaft in ihrer Heimath-Gegend leben! Man
-schreibt Diess gewöhnlich verdorbenen Naturtrieben zu; allein wie viele
-Kultur-Pflanzen gedeihen in der äussersten Kraft-Fülle, ohne jemals
-oder fast jemals Samen anzusetzen! In einigen wenigen solchen Fällen
-hat man herausgefunden, dass sehr unbedeutende Verhältnisse, wie etwas
-mehr oder weniger Wasser zu einer gewissen Zeit des Wachsthums für oder
-gegen die Samen-Bildung entscheidend wird. Ich kann hier nicht eingehen
-in die zahlreichen Einzelheiten, die ich über diese merkwürdige Frage
-gesammelt; um aber zu zeigen, wie eigenthümlich die Gesetze sind,
-welche die Fortpflanzung der Thiere in Gefangenschaft bedingen, will
-ich nur anführen, dass Raubthiere selbst aus den Tropen-Gegenden sich
-bei uns auch in Gefangenschaft ziemlich gerne fortpflanzen, doch mit
-Ausnahme der Sohlengänger oder der Bären-Familie, welche nur selten
-Junge erzeugen, während Fleisch-fressende Vögel nur in den seltensten
-Fällen oder fast niemals fruchtbare Eier legen. Viele ausländische
-Pflanzen haben ganz werthlosen Pollen genau in demselben Zustande, wie
-die meist unfruchtbaren Bastard-Pflanzen. Wenn wir auf der einen Seite
-Hausthiere und Kultur-Pflanzen oft selbst in schwachem und krankem
-Zustande sich in der Gefangenschaft ganz freiwillig fortpflanzen sehen,
-während auf der andern Seite jung eingefangene Individuen, vollkommen
-gezähmt, Geschlechts-reif und kräftig (wovon ich viele Beispiele
-anführen kann), in ihrem Reproduktiv-Systeme durch nicht wahrnehmbare
-Ursachen so angegriffen erscheinen, dass sie sich nicht zu befruchten
-vermögen, so dürfen wir uns um so weniger darüber wundern, wenn dieses
-System in der Gefangenschaft in nicht ganz regelmässiger Weise wirkt
-und eine Nachkommenschaft erzeugt, welche den Ältern nicht vollkommen
-ähnlich oder welche veränderlich ist.
-
-Man hat Unfruchtbarkeit als den Untergang des Gartenbaues bezeichnet;
-aber Variabilität entsteht aus derselben Ursache wie Sterilität,
-und Variabilität ist die Quelle all der ausgesuchtesten Erzeugnisse
-unsrer Gärten. Ich möchte hinzufügen, dass, wenn einige Organismen
-(wie die in Kästen gehaltenen Kaninchen und Frettchen) sich unter den
-unnatürlichsten Verhältnissen fortpflanzen, Diess nur beweiset, dass
-ihr Reproduktions-System dadurch nicht angegriffen worden ist; und so
-widerstreben einige Thiere und Pflanzen der Veränderung durch Zähmung
-oder Kultur und erfahren nur sehr geringe Abänderung, vielleicht kaum
-eine stärkere als im Natur-Zustande.
-
-Man könnte eine lange Liste von Spielpflanzen (Sporting plants)
-aufstellen, mit welchem Namen die Gärtner einzelne Knospen oder
-Sprossen bezeichnen, welche plötzlich einen neuen und von der
-übrigen Pflanze oft sehr abweichenden Charakter annehmen. Solche
-Pflanzen kann man durch Propfen und oft mittelst Samen fortpflanzen.
-Diese Spielpflanzen sind in der Natur ausserordentlich selten, im
-Kultur-Zustande aber nichts Ungewöhnliches, und wir sehen in diesem
-Falle, dass die abweichende Behandlung der Mutterpflanze die Knospe
-oder den Sprossen, nicht aber das Ei’chen oder den Pollen berührt
-hat. Die meisten Physiologen sind aber der Meinung, dass zwischen
-einer Knospe und einem Ei’chen auf ihrer ersten Bildungs-Stufe kein
-wesentlicher Unterschied ist, so dass die Spielpflanzen in der That
-meiner Meinung zur Stütze gereichen, dass die Veränderlichkeit
-grossentheils von Einflüssen herzuleiten seye, welche die Behandlung
-der Mutterpflanze auf das Ei’chen oder den Pollen oder auf beide schon
-vor dem Befruchtungs-Akte ausgeübt hat. Diese Fälle zeigen dann auch,
-dass Abänderung nicht, wie einige Autoren angenommen, nothwendig mit
-dem Generations-Akte zusammenhänge.
-
-Sämlinge von derselben Frucht erzogen oder Junge von einem Wurfe
-weichen oft weit von einander ab, obwohl die Jungen und die Alten,
-wie ~Müller~ bemerkt, offenbar genau denselben Lebens-Bedingungen
-ausgesetzt gewesen; und es ergibt sich daraus, wie unerheblich die
-unmittelbaren Wirkungen der Lebens-Bedingungen im Vergleiche zu den
-Gesetzen der Reproduktion, der Wechselbeziehungen des Wachsthums und
-der Erblichkeit sind; denn wäre die Wirkung der Lebens-Bedingungen
-in dem Falle, wo nur ein Junges abändert, eine unmittelbare gewesen,
-so würden zweifelsohne alle Jungen dieselben Abänderungen zeigen. Es
-ist sehr schwer zu beurtheilen, wie viel bei einer solchen Abänderung
-dem unmittelbaren Einflusse der Wärme, der Feuchtigkeit, des Lichtes
-und der Nahrung im Einzelnen zuzuschreiben seye; ich halte mich aber
-überzeugt, dass solche Kräfte bei Thieren nur sehr wenig unmittelbaren
-Erfolg haben können, während derselbe bei Pflanzen offenbar grösser
-ist. In dieser Beziehung sind ~Buckman’s~ neuere Versuche mit Pflanzen
-von grossem Werthe. Wenn alle oder fast alle Einzelnwesen, welche
-den nämlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, auch auf dieselbe Weise
-abgeändert werden, so scheint diese Wirkung anfangs jenen Einflüssen
-unmittelbar zugeschrieben werden zu müssen; es lässt sich aber in
-einigen Fällen nachweisen, dass ganz entgegengesetzte Bedingungen
-ähnliche Veränderungen des Baues bewirken können. Demungeachtet
-glaube ich, dass ein kleiner Betrag der stattfindenden Umänderung
-der unmittelbaren Einwirkung der Lebens-Bedingungen zugeschrieben
-werden kann, wie in einigen Fällen die veränderte Grösse von der
-Nahrungs-Menge, die Färbung von besonderen Arten der Nahrung und vom
-Lichte, und vielleicht die Dichte des Pelzes vom Klima ableitbar ist.
-
-Auch Gewöhnung hat einen entschiedenen Einfluss, wie die Versetzung
-von Pflanzen aus einem Klima ins andere deren Blüthe-Zeit ändert.
-Bei Thieren ist er bemerkbarer; ich habe bei der Haus-Ente gefunden,
-dass die Flügel-Knochen leichter und die Bein-Knochen schwerer im
-Verhältniss zum ganzen Skelette sind als bei der wilden Ente; und ich
-glaube, dass man diese Veränderung getrost dem Umstande zuschreiben
-kann, dass die zahme Ente weniger fliegt und mehr geht, als bei dieser
-Enten-Art in ihrem wilden Zustande der Fall ist. Die erbliche stärkere
-Entwickelung der Euter bei Kühen und Geisen in solchen Gegenden, wo
-sie regelmässig gemelkt werden, im Verhältnisse zu andern, wo es
-nicht der Fall, ist ein anderer Beleg dafür. Es gibt keine Art von
-Haus-Säugethieren, welche nicht in dieser oder jener Gegend hängende
-Ohren hätte, und so ist die Meinung, die irgend ein Schriftsteller
-geäussert, dass dieses Hängendwerden der Ohren vom Nichtgebrauch der
-Ohr-Muskeln herrühre, weil das Thier sich nicht mehr durch drohende
-Gefahren beunruhigt fühle, ganz wahrscheinlich.
-
-Es gibt nun viele Gesetze, welche die Veränderungen regeln, von
-welchen einige wenige sich dunkel erkennen lassen, und die nachher
-noch kürzlich erwähnt werden sollen. Hier will ich nur anführen, was
-man +Wechselbeziehung der Entwicklung+ nennen kann. Eine Veränderung
-in Embryo oder Larve wird sicherlich meistens auch Veränderungen
-im reifen Thiere nach sich ziehen. Bei Monstrositäten sind die
-Wechselbeziehungen zwischen ganz verschiedenen Theilen des Körpers
-sehr sonderbar, und ~Isidore Geoffroy St.-Hilaire~ führt davon
-viele Belege in seinem grossen Werke an. Viehzüchter glauben, dass
-verlängerte Beine gewöhnlich auch von einem verlängerten Kopfe
-begleitet sind. Einige Beispiele erscheinen ganz wunderlicher Art; so,
-dass ganz weisse Katzen mit blauen Augen allezeit taub sind. Farbe und
-Eigenthümlichkeiten der Konstitution sind mit einander in Verbindung,
-wovon sich viele merkwürdige Fälle bei Pflanzen und Thieren anführen
-lassen. Aus den von ~Heusinger~ gesammelten Thatsachen geht hervor,
-dass weisse Schaafe und Schweine von gewissen Pflanzen-Giften ganz
-anders als die dunkel-farbigen berührt werden. Professor ~Wyman~ hat
-mir kürzlich einen sehr belehrenden Fall dieser Art mitgetheilt. Auf
-seine an einige Farmer in _Florida_ gerichtete Frage, woher es komme,
-dass alle ihre Schweine schwarz seyen, erhielt er zur Antwort, dass
-die Schweine die Farbwurzel (Lachnanthes) fressen, die ihre Knochen
-Nelken-braun färbe und, ausser an den schwarzen Varietäten derselben,
-die Hufe abfallen mache; und einer der Ansiedler (in _Florida_
-Squatters genannt) fügte hinzu: wir wählen die schwarzen Glieder eines
-Wurfes zum Aufziehen aus, weil sie allein Aussicht auf Gedeihen geben.
-Unbehaarte Hunde haben unvollkommene Zähne; lang- und grob-haarige
-Wiederkäuer sollen geneigter seyn, lange und viele Hörner zu bekommen;
-Tauben mit Federfüssen haben eine Haut zwischen ihren äusseren Zehen;
-kurz-schnäbelige Tauben haben kleine Füsse, und die mit langen
-Schnäbeln auch lange Füsse. Wenn man daher durch Auswahl geeigneter
-Individuen von Pflanzen und Thieren für die Nachzucht irgend eine
-Eigenthümlichkeit derselben zu steigeren gedenkt, so wird man gewiss
-meistens, ohne es zu wollen, diesen geheimnissvollen Wechselbeziehungen
-der Entwickelung gemäss noch andre Theile der Struktur mit abändern.
-
-Das Ergebniss der mancherlei entweder ganz unbekannten oder nur dunkel
-sichtbaren Gesetze der Variation ist ausserordentlich zusammengesetzt
-und vielfältig. Es ist wohl der Mühe werth, die verschiedenen
-Abhandlungen über unsre alten Kultur-Pflanzen, wie Hyazinthen,
-Kartoffeln, Dahlien u. s. w. sorgfältig zu studiren und von der
-endlosen Menge von Verschiedenheiten in Bau und Lebensäusserung
-Kenntniss zu nehmen, durch welche alle diese Varietäten und
-Subvarietäten von einander abweichen. Ihre ganze Organisation scheint
-bildsam geworden zu seyn, um bald in dieser und bald in jener Richtung
-sich etwas von dem älterlichen Typus zu entfernen.
-
-Nicht-erbliche Abänderungen sind für uns ohne Bedeutung. Aber schon
-die Zahl und Manchfaltigkeit der erblichen Abweichungen in dem Bau des
-Körpers, sey es von geringerer oder von beträchtlicher physiologischer
-Wichtigkeit, ist endlos. Dr. ~Prosper Lucas’~ Abhandlung in zwei
-starken Bänden ist das Beste und Vollständigste, was man darüber hat.
-Kein Viehzüchter ist darüber in Zweifel, dass die Neigung zur Vererbung
-sehr gross ist; „Gleiches erzeugt Gleiches“ ist sein Grund-Glaube,
-und nur theoretische Schriftsteller haben dagegen Zweifel erhoben.
-Wenn irgend eine Abweichung öfters zum Vorschein kommt und wir sie
-in Vater und Kind sehen, so können wir nicht sagen, ob sie nicht
-etwa von einerlei Grundursache herrühre, die auf beide gewirkt habe.
-Wenn aber unter Einzelwesen einer Art, welche offenbar denselben
-Bedingungen ausgesetzt sind, irgend eine seltene Abänderung in Folge
-eines ausserordentlichen Zusammentreffens von Umständen an einem Vater
-zum Vorschein kommt -- an einem unter mehren Millionen -- und dann am
-Kinde wieder erscheint, so nöthigt uns schon die Wahrscheinlichkeit
-diese Wiederkehr aus der Erblichkeit zu erklären. Jedermann hat schon
-von Fällen gehört, wo so seltene Erscheinungen, wie Albinismus,
-Stachelhaut, ganz behaarter Körper u. dgl. bei mehren Gliedern einer
-und der nämlichen Familie vorgekommen sind. Wenn aber so seltene und
-fremdartige Abweichungen der Körper-Bildung sich wirklich vererben, so
-werden minder fremdartige und ungewöhnliche Abänderungen um so mehr als
-erbliche zugestanden werden müssen. Ja vielleicht wäre die richtigste
-Art die Sache anzusehen die, dass man jedweden Charakter als erblich
-und die Nichterblichkeit als Ausnahme betrachtete.
-
-Die Gesetze, welche die Erblichkeit der Charaktere regeln, sind
-gänzlich unbekannt, und niemand vermag zu sagen, wie es komme, dass
-dieselbe Eigenthümlichkeit in verschiedenen Individuen einer Art und in
-Einzelwesen verschiedener Arten [?] zuweilen erblich ist und zuweilen
-es nicht ist; wie es komme, dass das Kind zuweilen zu gewissen
-Charakteren des Grossvaters oder der Grossmutter oder noch früherer
-Vorfahren zurückkehre; wie es komme, dass eine Eigenthümlichkeit sich
-oft von einem Geschlechte auf beide Geschlechter übertrage, oder
-sich auf eines und zwar dasselbe Geschlecht beschränke. Es ist eine
-Thatsache von nur geringer Wichtigkeit für uns, dass eigenthümliche
-Merkmale, welche an den Männchen unsrer Hausthiere zum Vorschein
-kommen, ausschliesslich oder doch vorzugsweise wieder nur auf männliche
-Nachkommen übergehen. Eine wichtigere und wie ich glaube verlässige
-Erscheinung ist die, dass, in welcher Periode des Lebens sich die
-abweichende Bildung zeigen möge, sie auch in der Nachkommenschaft
-immer in dem entsprechenden Alter, oder zuweilen wohl früher, zum
-Vorschein kommt. In vielen Fällen ist Diess nicht anders möglich, weil
-die erblichen Eigenthümlichkeiten z. B. in den Hörnern des Rindviehs
-an den Nachkommen sich erst im reifen Alter zeigen können; und eben so
-gibt es bekanntlich Eigenthümlichkeiten des Seidenwurms, die nur den
-Raupen- oder den Puppen-Zustand betreffen. Aber erbliche Krankheiten
-u. e. a. Thatsachen veranlassen mich zu glauben, dass die Regel
-eine weitere Ausdehnung hat, und dass selbst da, wo kein offenbarer
-Grund für das Erscheinen einer Abänderung in einem bestimmten Alter
-vorliegt, doch das Streben vorherrscht, auch am Nachkommen in dem
-gleichen Lebens-Abschnitte sich zu zeigen, wo sie an dem Vorfahren
-erstmals eingetreten ist. Ich glaube, dass diese Regel von der grössten
-Wichtigkeit für die Erklärung der Gesetze der Embryologie ist. Diese
-Bemerkungen beziehen sich übrigens auf das erste Sichtbarwerden
-der Eigenthümlichkeit, und nicht auf ihre erste Veranlassung, die
-vielleicht schon in dem männlichen oder weiblichen Zeugungsstoff liegen
-kann, in der Weise etwa, wie der aus der Kreutzung einer kurzhörnigen
-Kuh und eines langhörnigen Bullen hervorgegangene Sprössling die
-grössre Länge seiner Hörner erst spät im Leben zeigen kann, obwohl die
-erste Ursache dazu schon im Zeugungsstoff des Vaters liegt.
-
-Ich habe des Falles der Rückkehr zur grossälterlichen Bildung erwähnt
-und in dieser Beziehung noch anzuführen, dass die Naturforscher oft
-behaupten, unsre Hausthier-Rassen nähmen, wenn sie verwilderten, zwar
-nur allmählich, aber doch gewiss, wieder den Charakter ihrer wilden
-Stammältern an, woraus man dann geschlossen hat, dass Folgerungen von
-zahmen Rassen auf die Arten in ihrem Natur-Zustande nicht zulässig
-seyen. Ich habe jedoch vergeblich auszumitteln gestrebt, auf was für
-entscheidende Thatsachen sich jene so oft und so bestimmt wiederholte
-Behauptung stütze. Es möchte sehr schwer sein, ihre Richtigkeit
-nachzuweisen; denn wir können mit Sicherheit sagen, dass sehr viele
-der ausgeprägtesten zahmen Varietäten im wilden Zustande gar nicht
-leben könnten. In vielen Fällen kennen wir nicht einmal den Urstamm und
-vermögen uns daher noch weniger zu vergewissern, ob eine vollständige
-Rückkehr eingetreten ist oder nicht. Jedenfalls würde, um die Folgen
-der Kreutzung zu vermeiden, nöthig seyn, dass nur eine einzelne
-Varietät in die Freiheit zurückversetzt werde. Ungeachtet aber unsre
-Varietäten gewiss in einzelnen Merkmalen zuweilen zu ihren Urformen
-zurückkehren, so scheint mir doch nicht unwahrscheinlich, dass, wenn
-man die verschiedenen Abarten des Kohls z. B. einige Generationen
-hindurch in einem ganz armen Boden zu naturalisiren fortführe (in
-welchem Falle dann allerdings ein Theil des Erfolges der unmittelbaren
-Wirkung des Bodens zuzuschreiben wäre), dieselben ganz oder fast ganz
-wieder ihre wilde Urform annehmen würden. Ob der Versuch nun gelinge
-oder nicht, ist für unsere Folgerungs-Reihe ohne grosse Erheblichkeit,
-weil durch den Versuch selber die Lebens-Bedingungen geändert werden.
-Liesse sich beweisen, dass unsre kultivirten Rassen eine starke Neigung
-zur Rückkehr, d. h. zur Ablegung der angenommenen Merkmale an den Tag
-legten, wenn sie unter unveränderten Bedingungen und in beträchtlichen
-Massen beisammen gehalten würden, so dass freie Kreutzung etwaige
-geringe Abweichungen der Struktur in Folge ihrer Durcheinandermischung
-verhütete, -- in diesem Falle wollte ich zugeben, dass sich aus den
-zahmen Varietäten nichts hinsichtlich der Arten folgern lasse. Aber es
-ist nicht ein Schatten von Beweis zu Gunsten dieser Meinung vorhanden.
-Die Behauptung, dass sich unsere Wagen- und Rasse-Pferde, unsre
-lang- und kurz-hörnigen Rinder, unsre manchfaltigen Federvieh-Sorten
-und Nahrungs-Gewächse nicht eine fast endlose Zahl von Generationen
-hindurch fortpflanzen lassen, wäre aller Erfahrung entgegen. Ich will
-noch hinzufügen, dass, wenn im Natur-Zustande die Lebens-Bedingungen
-wechseln, Abänderungen und Rückkehr des Charakters wahrscheinlich
-eintreten werden; aber die Natürliche Züchtung würde, wie nachher
-gezeigt werden soll, bestimmen, wie weit die hieraus hervorgehenden
-neuen Charaktere erhalten bleiben.
-
-Wenn wir die erblichen Varietäten oder Rassen unsrer Haus-Thiere und
-Kultur-Gewächse betrachten und dieselben mit einander nahe verwandten
-Arten vergleichen, so finden wir in jeder zahmen Rasse, wie schon
-bemerkt worden, eine geringere Übereinstimmung des Charakters, als bei
-ächten Arten. Auch haben zahme Rassen von derselben Thier-Art oft einen
-etwas monströsen Charakter, womit ich sagen will, dass, wenn sie sich
-auch von einander und von den übrigen Arten derselben Sippe in mehren
-wichtigen Punkten unterscheiden, sie doch oft im äussersten Grade in
-irgend einem einzelnen Theile sowohl von den andern Varietäten als
-insbesondere von den übrigen nächstverwandten Arten derselben Sippe
-zurückweichen. Diese Fälle (und die der vollkommenen Fruchtbarkeit
-gekreutzter Varietäten einer Art, wovon nachher die Rede seyn soll)
-ausgenommen, weichen die kultivirten Rassen einer und derselben Spezies
-in gleicher Weise, nur gewöhnlich in geringerem Grade, von einander
-ab, wie die einander nächst verwandten Arten derselben Sippe im
-Natur-Zustande. Ich glaube, man wird Diess zugeben, wenn man findet,
-dass es kaum irgend-welche gepflegte Rassen unter den Thieren wie
-unter den Pflanzen gibt, die nicht schon von einigen urtheilsfähigen
-Richtern als wirkliche Varietäten und von andern ebenfalls sachkundigen
-Beurtheilern als Abkömmlinge einer ursprünglich verschiedenen Art
-erklärt worden wären. Gäbe es irgend einen bestimmten Unterschied
-zwischen kultivirten Rassen und Arten, so könnten dergleichen Zweifel
-nicht so oft wiederkehren. Oft hat man versichert, dass gepflegte
-Rassen nicht in Sippen-Charakteren von einander abweichen. Ich
-glaube zwar, dass sich diese Behauptung als irrig erweisen lässt;
-doch gehen die Meinungen der Naturforscher weit auseinander, wenn
-sie sagen sollen, worin Sippen-Charaktere bestehen, da alle solche
-Werthungen nur empirisch sind. Überdiess werden wir nach der Ansicht
-von der Entstehung der Sippen, die ich jetzt aufstellen will, kein
-Recht haben zur Erwartung, bei unseren Kultur-Erzeugnissen oft auf
-Sippen-Verschiedenheiten zu stossen.
-
-Wenn wir den Betrag der Struktur-Verschiedenheiten zwischen den
-gepflegten Rassen von einer Art zu schätzen versuchen, so werden
-wir bald dadurch in Zweifel versetzt, dass wir nicht wissen, ob
-dieselben von einer oder von mehren älterlichen Arten abstammen. Es
-wäre von Interesse, wenn sich diese Frage aufklären, wenn sich z. B.
-nachweisen liesse, ob das Windspiel, der Schweisshund, der Dachshund,
-der Jagdhund und der Bullenbeisser, welche sich so genau in ihrer Form
-fortpflanzen, Abkömmlinge von nur einer Stamm-Art seyen? Denn solche
-Thatsachen würden sehr geeignet seyn unsre Zweifel zu erregen über die
-Unveränderlichkeit der vielen einander sehr nahe-stehenden natürlichen
-Arten der Füchse z. B., die so ganz verschiedene Weltgegenden bewohnen.
-Ich glaube nicht, dass wir jetzt im Stande sind zu erkennen, ob
-alle unsre Hunde von einer wilden Stamm-Art herkommen, obwohl Diess
-bei einigen andren Hausthier-Rassen wahrscheinlich oder sogar genau
-nachweisbar ist.
-
-Es ist oft angenommen worden, der Mensch habe sich solche Pflanzen-
-und Thier-Arten zur Zähmung ausgewählt, welche ein angeborenes
-ausserordentlich starkes Vermögen abzuändern und in verschiedenen
-Klimaten auszudauern besässen. Ich will nicht bestreiten, dass
-diese Fähigkeiten viel zum Werthe unsrer meisten Kultur-Erzeugnisse
-beigetragen haben. Aber wie vermochte ein Wilder zu wissen, als er
-ein Thier zu zähmen begann, ob dasselbe in folgenden Generationen
-zu variiren geneigt und in anderen Klimaten auszudauern vermögend
-seyn werde? Oder hat die geringe Veränderlichkeit des Esels und des
-Perlhuhns, das geringe Ausdaurungs-Vermögen des Rennthiers in der Wärme
-und des Kameels in der Kälte ihre Zähmung gehindert? Ich hege keinen
-Zweifel, dass, wenn man andre Pflanzen- und Thier-Arten in gleicher
-Anzahl wie unsre gepflegten Rassen und aus eben so verschiedenen
-Klassen und Gegenden ihrem Natur-Zustande entnähme und eine gleich
-lange Reihe von Generationen hindurch im zahmen Zustande fortpflanzte,
-sie in gleichem Umfange variiren würden, wie es unsre jetzt schon
-kultivirten Arten thun.
-
-In Bezug auf die meisten unsrer längst gepflegten Pflanzen- und
-Thier-Rassen halte ich es nicht für möglich zu einem bestimmten
-Ergebniss darüber zu gelangen, ob sie von einer oder von mehren Arten
-abstammen. Die Anhänger der Lehre von einem mehrfältigen Ursprung
-unsrer Rassen berufen sich hauptsächlich darauf, dass schon die
-ältesten geschichtlichen Nachrichten und insbesondere die _Ägyptischen_
-Denkmäler von einer grossen Verschiedenheit der Rassen Zeugniss geben,
-und dass einige derselben mit unseren jetzigen bereits die grösste
-Ähnlichkeit haben, wenn nicht gänzlich übereinstimmen. Wäre aber diese
-Thatsache auch besser begründet, als sie es zu seyn scheint, so würde
-sie doch nichts anderes beweisen, als dass eine oder die andre unsrer
-Rassen dort vor vier bis fünf Tausend Jahren entstanden ist. Seit den
-neuerlichen Entdeckungen von Celtischen Feuerstein-Geräthen in den
-obren Boden-Schichten _Englands_, _Frankreichs_ und _Deutschlands_
-werden wenige Geologen mehr daran zweifeln, dass der Mensch in einem
-bereits genügend zivilisirten Zustande, um Waffen zu fabriziren, schon
-in einer nach Jahren ausgedrückt sehr frühen Zeit existirt hat; -- und
-bekanntlich gibt es heutzutage kaum noch einen so wilden Volks-Stamm,
-der sich nicht wenigstens den Hund gezähmt hätte.
-
-Der Ursprung der meisten unserer Hausthiere wird wohl immer ungewiss
-bleiben. Doch will ich hier bemerken, dass ich durch ein fleissiges
-Sammeln aller bekannten Thatsachen über die Haushunde in allen Theilen
-der Erde zu dem Ergebnisse gelangt bin, dass mehre wilde Hunde-Arten
-gezähmt worden sind und ihr Blut jetzt mehr und weniger gemischt in
-den Adern unsrer Hunde-Rassen fliesst. -- In Bezug auf Schaf und
-Ziege vermag ich mir keine Meinung zu bilden. Nach den mir von Blyth
-über die Lebens-Weise, Stimme, Konstitution u. s. w. des Indischen
-Höckerochsen mitgetheilten Thatsachen sollte ich denken, dass er von
-einer anderen Art als unser Europäisches Rind herstammen müsse, welches
-manche sachkundige Beurtheiler von mehrfachen Stamm-Arten ableiten
-wollen, und diese Annahme dürfte nach den neueren Untersuchungen
-Professor ~Rütimeyer’s~ allerdings als die richtigste zu betrachten
-seyn. -- Hinsichtlich des Pferdes bin ich aus Gründen, die ich hier
-nicht entwickeln kann, mit einigen Zweifeln gegen die Meinung einiger
-Schriftsteller anzunehmen geneigt, dass alle seine Rassen nur von
-einem wilden Stamme herrühren. ~Blyth~, dessen Meinung ich seiner
-reichen und manchfaltigen Kenntnisse wegen in dieser Beziehung höher
-als die fast eines jeden Andern anschlagen muss, glaubt dass alle
-unsre Hühner-Varietäten vom gemeinen Indischen Huhn (Gallus Bankiva)
-herkommen. Nachdem ich mir fast alle Englischen Rassen lebend gehalten,
-sie gekreutzt und ihre Skelette untersucht, bin auch ich zu einem
-ähnlichen Schlusse gelangt, wofür ich meine Gründe in einem späteren
-Werke auseinandersetzen will. -- In Bezug auf Enten und Stall-Hasen,
-deren Rassen in ihrem Körper-Bau beträchtlich von einander abweichen,
-sprechen alle Anzeigen zu Gunsten der Annahme, dass sie alle von der
-gemeinen Wild-Ente und dem Kaninchen stammen.
-
-Die Lehre der Abstammung unsrer verschiedenen Hausthier-Rassen von
-verschiedenen wilden Stamm-Arten ist von einigen Schriftstellern bis
-zu einem abgeschmackten Extreme getrieben worden. Sie glauben nämlich,
-dass jede wenn auch noch so wenig verschiedene Rasse, welche ihren
-unterscheidenden Charakter durch Inzucht bewahrt, auch ihre wilde
-Stamm-Form gehabt habe. Dann müsste es eine ganze Menge wilder Rinds-,
-viele Schaf- und einige Geisen-Arten in _Europa_ und mehre selbst
-schon innerhalb _Grossbritannien_ gegeben haben. Ein Autor meint, es
-hätten ehedem eilf wilde und dem Lande eigenthümliche Schaaf-Arten
-dort gelebt. Wenn wir nun erwägen, dass _Britannien_ jetzt kaum eine
-ihm eigenthümliche Säugethier-Art, _Frankreich_ nur sehr wenige nicht
-auch in _Deutschland_ vorkommende, und umgekehrt, besitze, dass es
-sich eben so mit _Ungarn_, _Spanien_ u. s. w. verhalte, dass aber
-jedes dieser Königreiche mehre ihm eigene Rassen von Rind, Schaaf
-u. s. w. darbiete, so müssen wir zugeben, dass in _Europa_ viele
-Hausthier-Stämme entstanden sind; denn von woher sollen alle gekommen
-seyn, da keines dieser Länder so viele eigenthümliche Arten als
-abweichende Stamm-Rassen besitzt? Und so ist es auch in _Ostindien_.
-Selbst in Bezug auf die Haushunde der ganzen Welt kann ich, obwohl ich
-ihre Abstammung von mehren verschiedenen Arten ganz wahrscheinlich
-finde, nicht in Zweifel ziehen, dass da ein unermesslicher Betrag
-vererblicher Abweichungen vorhanden gewesen ist. Denn wer kann glauben,
-dass Thiere nahezu übereinstimmend mit dem Italienischen Windspiel,
-mit dem Schweisshund, mit dem Bullenbeisser, mit dem Blenheimer
-Jagdhund und so abweichend von allen wilden Caniden, jemals frei im
-Natur-Zustande gelebt hätten. Es ist oft hingeworfen worden, alle
-unsre Hunde-Rassen seyen durch Kreutzung einiger weniger Stamm-Arten
-miteinander entstanden; aber Kreutzung kann nur solche Formen liefern,
-welche mehr oder weniger das Mittel zwischen ihren Ältern halten,
-und gingen wir von dieser Erfahrung bei unsern zahmen Rassen aus,
-so müssten wir annehmen, dass einstens die äussersten Formen des
-Windspiels, des Schweisshundes, des Bullenbeissers u. s. w. im wilden
-Zustande gelebt hätten. Überdiess ist die Möglichkeit, durch Kreutzung
-verschiedene Rassen zu bilden, sehr übertrieben worden. Wenn es
-auch keinem Zweifel unterliegt, dass eine Rasse durch gelegentliche
-Kreutzung mittelst sorgfältiger Auswahl der Blendlinge, welche irgend
-einen bezweckten Charakter darbieten, sich bedeutend modifiziren lässt,
-so kann ich doch kaum glauben, dass man eine nahezu das Mittel zwischen
-zwei weit verschiedenen Rassen oder Arten haltende Rasse zu züchten
-im Stande ist. Sir ~J. Sebright~ hat absichtliche Versuche in dieser
-Beziehung angestellt und keinen Erfolg erlangt. Die Nachkommenschaft
-aus der ersten Kreutzung zwischen zwei reinen Rassen ist erträglich
-und zuweilen, wie ich bei Tauben gefunden, ausserordentlich einförmig,
-und Alles scheint einfach genug. Werden aber diese Blendlinge einige
-Generationen hindurch unter einander gepaart, so werden kaum zwei
-ihrer Nachkommen mehr einander ähnlich ausfallen, und dann wird die
-äusserste Schwierigkeit oder vielmehr gänzliche Hoffnungslosigkeit
-des Erfolges klar. Gewiss kann eine Mittel-Rasse zwischen zwei sehr
-verschiedenen reinen Rassen nicht ohne die äusserste Sorgfalt und eine
-lang fortgesetzte Wahl der Zuchtthiere gebildet werden, und ich finde
-nicht einen Fall berichtet, wo dadurch eine bleibende Rasse erzielt
-worden wäre.
-
-+Züchtung der Haus-Tauben.+) Von der Ansicht ausgehend, dass es
-am zweckmässigsten seye, irgend eine besondere Thier-Gruppe zum
-Gegenstande der Forschung zu machen, habe ich mir nach einiger Erwägung
-die Haus-Tauben dazu ausersehen. Ich habe alle Rassen gehalten, die
-ich mir verschaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise
-mit Exemplaren aus verschiedenen Welt-Gegenden bedacht worden,
-insbesondere durch den ehrenwerthen ~W. Elliot~ aus _Ostindien_ und
-den ehrenwerthen ~C. Murray~ aus _Persien_. Es sind viele Abhandlungen
-in verschiedenen Sprachen veröffentlicht worden und einige darunter
-durch ihr ansehnliches Alter von besonderer Wichtigkeit. Ich habe mich
-mit einigen ausgezeichneten Tauben-Liebhabern verbunden und mich in
-zwei _Londoner_ Tauben-Clubs aufnehmen lassen. Die Verschiedenheit
-der Rassen ist oft erstaunlich gross. Man vergleiche z. B. die
-Englische Botentaube und den kurzstirnigen Purzler und betrachte die
-wunderbare Verschiedenheit in ihren Schnäbeln, welche entsprechende
-Verschiedenheiten in ihren Schädeln bedingt. Die Englische Botentaube
-(Carrier) und insbesondere das Männchen ist noch bemerkenswerth durch
-die wundervolle Entwickelung von Fleischlappen an der Kopfhaut, die
-mächtig verlängerten Augenlider, sehr weite äussere Nasenlöcher und
-einen weitklaffenden Mund. Der kurzstirnige Purzler hat einen Schnabel,
-im Profil fast wie beim Finken; und die gemeine Purzel-Taube hat
-die eigenthümliche und streng erbliche Gewohnheit, sich in dichten
-Gruppen zu ansehnlicher Höhe in die Luft zu erheben und dann Kopfüber
-herabzupurzeln. Die Runt-Taube ist von beträchtlicher Grösse mit langem
-massigem Schnabel und grossen Füssen; einige Unterrassen derselben
-haben einen sehr langen Hals, andre sehr lange Schwingen und Schwanz,
-noch andre einen ganz eigenthümlich kurzen Schwanz. Der „Barb“ ist mit
-der Botentaube verwandt, hat aber, statt des sehr langen, einen sehr
-kurzen und breiten Schnabel. Der Kröpfer hat Körper, Flügel und Beine
-sehr verlängert, und sein ungeheuer entwickelter Kropf, den er sich
-aufzublähen gefällt, mag wohl Verwunderung und selbst Lachen erregen.
-Die Möventaube (Turbit) besitzt einen sehr kurzen kegelförmigen
-Schnabel, mit einer Reihe umgewendeter Federn auf der Brust, und hat
-die Sitte den oberen Theil des Schlundes beständig etwas auszubreiten.
-Der Jakobiner oder die Perückentaube hat die Nacken-Federn so
-aufgerichtet, dass sie eine Perücke bilden, und verhältnissmässig lange
-Schwung- und Schwanz-Federn. Der Trompeter und die Trommeltaube[7]
-rucksen, wie ihre Namen ausdrücken, auf eine ganz andre Weise als die
-andern Rassen. Die Pfauentaube hat 30-40 statt der normalen 12-14
-Schwanz-Federn und trägt diese Federn in der Weise ausgebreitet und
-aufgerichtet, dass in guten Vögeln sich Kopf und Schwanz berühren;
-die Öl-Drüse ist gänzlich verkümmert. Noch blieben einige minder
-ausgezeichnete Rassen aufzuzählen übrig.
-
-Im Skelette der verschiedenen Rassen weicht die Entwickelung der
-Gesichtsknochen in Länge, Breite und Krümmung ausserordentlich ab. Die
-Form sowohl als die Breite und Länge des Unterkiefer-Astes ändern in
-sehr merkwürdiger Weise. Die Zahl der Heiligenbein- und Schwanz-Wirbel
-und der Rippen, die verhältnissmässige Breite und Anwesenheit ihrer
-Queerfortsätze wechseln ebenfalls. Sehr veränderlich sind ferner die
-Grösse und Form der Lücken im Brustbein, so wie der Öffnungs-Winkel und
-die bezügliche Grösse der zwei Schenkel des Gabelbeins. Die verglichene
-Weite des Mundspaltes, die verhältnissmässige Länge der Augenlider,
-der äusseren Nasenlöcher und der Zunge, welche sich nicht immer nach
-der des Schnabels richtet, die Grösse des Kropfes und des obern Theils
-des Schlundes, die Entwickelung oder Verkümmerung der Öl-Drüse, die
-Zahl der ersten Schwung- und der Schwanz-Federn, die verglichene Länge
-von Flügeln und Schwanz gegen einander und gegen die des Körpers,
-die des Laufs gegen die Zehen, die Zahl der Hornschuppen in der
-Zehen-Bekleidung sind Alles Abänderungs-fähige Punkte im Körper-Bau.
-Auch die Periode, wo sich das vollkommene Gefieder einstellt, ist
-ebenso veränderlich als die Beschaffenheit des Flaums, womit die
-Nestlinge beim Ausschlüpfen aus dem Eie bekleidet sind. Form und
-Grösse der Eier sind der Abänderung unterworfen. Die Art des Flugs ist
-eben so merkwürdig verschieden, wie es bei manchen Rassen mit Stimme
-und Gemüthsart der Fall ist. Endlich weichen bei gewissen Rassen die
-Männchen etwas von den Weibchen ab.
-
-So könnte man wenigstens eine ganze Menge von Tauben-Formen auswählen,
-die ein Ornithologe, wenn er überzeugt wäre, dass es wilde Vögel,
-unbedenklich für wohl-bezeichnete Arten erklären würde. Ich glaube
-nicht einmal, dass irgend ein Ornithologe die Englische Botentaube,
-den kurzstirnigen Purzler, den Runt, den Barb, die Kropf- und die
-Pfauen-Taube in dieselbe Sippe zusammenstellen würde, zumal eine jede
-dieser Rassen wieder mehre erbliche Unterrassen in sich enthält, die er
-für Arten nehmen könnte.
-
-Wie gross nun aber auch die Verschiedenheit zwischen den Tauben-Rassen
-seyn mag, so bin ich doch überzeugt, dass die gewöhnliche Meinung der
-Naturforscher, dass alle von der Felstaube (Columba livia) abstammen,
-richtig ist, wenn man unter diesem Namen nämlich verschiedene
-geographische Rassen oder Unterarten mit begreift, welche nur in den
-untergeordnetsten Merkmalen von einander abweichen. Da einige der
-Gründe, welche mich zu dieser Meinung bestimmt haben, mehr und weniger
-auch auf andre Fälle anwendbar sind, so will ich sie kurz angeben.
-Wären jene verschiedenen Rassen nicht Varietäten und nicht von der
-Felstaube entsprossen, so müssten sie von wenigstens 7-8 Stammarten
-herrühren; denn es wäre unmöglich alle unsere zahmen Rassen durch
-Kreutzung einer geringeren Arten-Zahl miteinander zu erlangen. Wie
-wollte man z. B. die Kropftaube durch Paarung zweier Arten miteinander
-erzielen, wovon nicht wenigstens eine den ungeheuern Kropf besässe? Die
-unterstellten wilden Stammarten müssten sämmtlich Fels-Tauben gewesen
-seyn, die nämlich nicht freiwillig auf Bäumen brüten oder sich auch
-nur darauf setzen. Doch ausser der C. livia und ihren geographischen
-Unterarten kennt man nur noch 2-3 Arten Fels-Tauben, welche aber nicht
-einen der Charaktere unsrer zahmen Rassen besitzen. Daher müssten dann
-die angeblichen Urstämme entweder noch in den Gegenden ihrer ersten
-Zähmung vorhanden und den Ornithologen unbekannt geblieben seyn, was
-wegen ihrer Grösse, Lebensweise und merkwürdigen Eigenschaften sehr
-unwahrscheinlich ist; oder sie müssten in wildem Zustande ausgestorben
-seyn. Aber Vögel, welche an Fels-Abhängen nisten und gut fliegen,
-sind nicht leicht auszurotten, und unsre gemeine Fels-Taube, welche
-mit unsren zahmen Rassen gleiche Lebens-Weise besitzt, hat noch
-nicht einmal auf einigen der kleineren _Britischen_ Inseln oder an
-den Küsten des Mittelmeeres ausgerottet werden können. Daher mir die
-angebliche Ausrottung so vieler Arten, die mit der Felstaube gleiche
-Lebens-Weise besitzen, eine sehr übereilte Annahme zu seyn scheint.
-Überdiess sind die obengenannten so abweichenden Rassen nach allen
-Weltgegenden verpflanzt worden und müssten daher wohl einige derselben
-in ihre Heimath zurückgelangt seyn. Und doch ist nicht eine derselben
-verwildert, obwohl die Feld-Taube, d. i. die Felstaube in ihrer am
-wenigsten veränderten Form, in einigen Gegenden wieder wild geworden
-ist. Da nun alle neueren Versuche zeigen, dass es sehr schwer ist ein
-wildes Thier zur Fortpflanzung im Zustande der Zähmung zu vermögen,
-so wäre man durch die Hypothese eines mehrfältigen Ursprungs unsrer
-Haus-Tauben zur Annahme genöthigt, es seyen schon in alten Zeiten und
-von halb-zivilisirten Menschen wenigstens 7-8 Arten so vollkommen
-gezähmt worden, dass sie jetzt in der Gefangenschaft ganz wohl gedeihen.
-
-Ein Beweisgrund, wie mir scheint, von grossem Werthe und auch
-anderweitiger Anwendbarkeit ist der, dass die oben aufgezählten Rassen,
-obwohl sie im Allgemeinen in organischer Thätigkeit, Lebens-Weise,
-Stimme, Färbung und den meisten Theilen ihres Körper-Baues mit der
-Felstaube übereinkommen, doch in anderen Theilen dieses letzten
-gewiss sehr weit davon abweichen; und wir würden uns in der ganzen
-grossen Familie der Columbiden vergeblich nach einem Schnabel, wie
-ihn die Englische Botentaube oder der kurzstirnige Purzler oder
-der Barb besitzen, -- oder nach umgedrehten Federn, wie sie die
-Perückentaube hat, -- oder nach einem Kropf wie beim Kröpfer, --
-oder nach einem Schwanz, wie bei der Pfauentaube umsehen. Man müsste
-daher annehmen, dass der halb-zivilisirte Mensch nicht allein bereits
-mehre Arten vollständig gezähmt, sondern auch absichtlich oder
-zufällig ausserordentlich abweichende Arten dazu erkoren habe, und
-dass diese Arten seitdem alle erloschen oder verschollen seyen. Das
-Zusammentreffen so vieler seltsamer Zufälligkeiten scheint mir im
-höchsten Grade unwahrscheinlich.
-
-Noch möchten hier einige Thatsachen in Bezug auf die Färbung des
-Gefieders Berücksichtigung verdienen. Die Felstaube ist Schiefer-blau
-mit weissem (bei der _Ostindischen_ Subspecies, C. intermedia
-~Strickl.~, blaulichem) Hinterrücken, hat am Schwanze eine schwarze
-End-Binde und an den äusseren Federn desselben einen weissen äusseren
-Rand, und die Flügel haben zwei schwarze Binden; einige halb und
-andere anscheinend ganz wilde Unterrassen haben auch noch schwarze
-Flecken auf den Flügeln. Diese verschiedenen Merkmale kommen bei
-keiner andern Art der ganzen Familie vereinigt vor. Nun treffen
-sich aber auch bei jeder unsrer zahmen Rassen zuweilen und selbst
-unter den ganz ausgebildeten Vögeln derselben alle jene Merkmale gut
-entwickelt in Verbindung miteinander, selbst bis auf die weissen
-Ränder der äusseren Schwanzfedern. Ja sogar, wenn man zwei oder mehr
-Vögel von verschiedenen Rassen, von welchen keine blau ist oder
-eines der erwähnten Merkmale besitzt, mit einander paart, sind die
-dadurch erzielten Blendlinge sehr geneigt, diese Charaktere plötzlich
-anzunehmen. So kreuzte ich z. B. einfarbig weisse Pfauentauben von
-sehr reiner Rasse mit einfarbig schwarzen Barb-Tauben, von deren
-blauen Varietäten mir kein Fall in _England_ bekannt ist, und erhielt
-eine braune, schwarze und gefleckte Nachkommenschaft. Ich kreuzte
-nun auch eine Barb- mit einer Bläss-Taube, einen weissen Vogel mit
-rothem Schwanz und rothem Bläss von sehr beständiger Rasse, und die
-Blendlinge waren dunkelfarbig und fleckig. Als ich ferner einen der
-von Pfauen- und von Barb-Tauben erzielten Blendlinge mit einem der
-Blendlinge von Barb- und von Bläss-Tauben paarte, kam ein Enkel mit
-schön blauem Gefieder, weissem Unterrücken, doppelter schwarzer
-Flügelbinde, schwarzer Schwanzbinde und weissen Seitenrändern der
-Steuerfedern, Alles wie bei der wilden Felstaube, zum Vorschein. Man
-kann diese Thatsache aus dem wohl bekannten Prinzip der Rückkehr zu
-vorälterlichen Charakteren begreifen, wenn alle zahmen Rassen von der
-Felstaube abstammen. Wollten wir aber Dieses läugnen, so müssten wir
-eine von den zwei folgenden sehr unwahrscheinlichen Unterstellungen
-machen. Entweder: dass all’ die verschiedenen eingebildeten Stamm-Arten
-wie die Felstaube gefärbt und gezeichnet gewesen (obwohl keine andre
-lebende Art mehr so gefärbt und gezeichnet ist), so dass in dessen
-Folge noch bei allen Rassen eine Neigung zu dieser anfänglichen Färbung
-und Zeichnung zurückzukehren vorhanden wäre. Oder: dass jede und auch
-die reinste Rasse seit etwa den letzten zwölf oder höchstens zwanzig
-Generationen einmal mit der Felstaube gekreutzt worden seye; ich sage:
-höchstens zwanzig, denn wir kennen keine Thatsache zur Unterstützung
-der Meinung, dass ein Abkömmling nach einer noch längeren Reihe von
-Generationen sogar zu den Charakteren seiner Vorfahren zurückkehren
-könne. Wenn in einer Rasse nur einmal eine Kreutzung mit einer andern
-stattgefunden hat, so wird die Neigung zu einem Charakter dieser
-letzten zurückzukehren natürlich um so kleiner und kleiner werden, je
-weniger Blut von derselben noch in jeder späteren Generation übrig ist.
-Hat aber eine Kreutzung mit fremder Rasse nicht stattgefunden und ist
-gleichwohl in beiden Ältern die Neigung der Rückkehr zu einem Charakter
-vorhanden, der schon seit mehren Generationen verloren gegangen,
-so ist trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, die Annahme
-geboten, dass sich diese Neigung in ungeschwächtem Grade während einer
-unbestimmten Reihe von Generationen fortpflanzen könne. Diese zwei
-ganz verschiedenen Fälle werden in Abhandlungen über Erblichkeit oft
-miteinander verwechselt.
-
-Endlich sind die Bastarde oder Blendlinge, welche durch die Kreutzung
-der verschiedenen Tauben-Rassen erzielt werden, alle vollkommen
-fruchtbar. Ich kann Diess mittelst meiner eigenen Versuche bestätigen,
-die ich absichtlich zwischen den aller-verschiedensten Rassen
-angestellt habe. Dagegen wird aber schwer und vielleicht unmöglich
-seyn, einen Fall anzuführen, wo ein Bastard an zwei bestimmt
-verschiedenen Arten schon selber vollkommen fruchtbar gewesen wäre.
-Einige Schriftsteller nehmen an, ein lang-dauernder Zustand der Zähmung
-beseitige allmählich diese Neigung zur Unfruchtbarkeit, und aus der
-Geschichte des Hundes zu schliessen scheint mir diese Hypothese
-einige Wahrscheinlichkeit zu haben, wenn sie auf einander sehr nahe
-verwandte Arten angewendet wird, obwohl sie noch durch keinen einzigen
-Versuch bestätigt worden ist. Aber eine Ausdehnung der Hypothese
-bis zu der Behauptung, dass Arten, die ursprünglich von einander
-eben so verschieden gewesen, wie es Botentaube, Purzler, Kröpfer und
-Pfauenschwanz jetzt sind, eine bei Inzucht vollkommen fruchtbare
-Nachkommenschaft liefern, scheint mir äusserst voreilig zu seyn.
-
-Diese verschiedenen Gründe und zwar: die Unwahrscheinlichkeit, dass
-der Mensch schon in früher Zeit sieben bis acht wilde Tauben-Arten
-zur Fortpflanzung in der Gefangenschaft vermocht habe, die wir weder
-im wilden noch im verwilderten Zustande kennen, ihre in manchen
-Beziehungen von der Bildung aller Columbiden mit Ausnahme der Felstaube
-ganz abweichenden Charaktere, das gelegentliche Wiedererscheinen der
-blauen Farbe und charakteristischen Zeichnung in allen Rassen sowohl im
-Falle der Inzucht als der Kreutzung, die vollkommene Fruchtbarkeit der
-Blendlinge: alle diese Gründe zusammengenommen gestatten mir nicht zu
-zweifeln, dass alle unsre zahmen Tauben-Rassen von Columba livia und
-deren geographischen Unterarten abstammen.
-
-Zu Gunsten dieser Ansicht will ich noch ferner anführen: 1) dass die
-Felstaube, C. livia, in _Europa_ wie in _Indien_ zur Zähmung geeignet
-gefunden worden ist, und dass sie in ihren Gewohnheiten wie in vielen
-Struktur-Beziehungen mit allen unsern zahmen Rassen übereinkommt. 2)
-Obwohl eine Englische Botentaube oder ein kurzstirniger Purzler sich
-in gewissen Charakteren weit von der Felstaube entfernen, so ist es
-doch dadurch, dass man die verschiedenen Unterformen dieser Rassen, mit
-Einschluss der z. Th. aus weit entfernten Gegenden abstammenden, mit
-in Vergleich ziehet, möglich, fast ununterbrochene Übergangs-Reihen
-zwischen den am weitesten auseinander-liegenden Bildungen derselben
-herzustellen. 3) Diejenigen Charaktere, welche die verschiedenen
-Rassen hauptsächlich von einander unterscheiden, wie die Fleischwarzen
-und der lange Schnabel der englischen Botentaube, der kurze Schnabel
-des Purzlers und die zahlreichen Schwanz-Federn der Pfauentaube sind
-in jeder Rasse doch äusserst veränderlich, und die Erklärung dieser
-Erscheinung wird uns erst möglich seyn, wenn von der Züchtung die
-Rede seyn wird. 4) Tauben sind bei vielen Völkern beobachtet und
-mit äusserster Sorgfalt und Liebhaberei gepflegt worden. Man hat
-sie schon vor Tausenden von Jahren in mehren Weltgegenden gezähmt;
-die älteste Nachricht von ihnen stammt aus der Zeit der fünften
-Ägyptischen Dynastie, etwa 3000 J. v. Chr., wie mir Professor ~Lepsius~
-mitgetheilt; aber ~Birch~ benachrichtigt mich, dass Tauben schon auf
-einem Küchenzettel der vorangehenden Dynastie vorkommen. Von ~Plinius~
-vernehmen wir, dass zur Zeit der Römer ungeheures Geld für Tauben
-ausgegeben worden ist; ja, es war dahin gekommen, dass man ihnen
-„Stammbaum und Rasse“ nachrechnete. Gegen das Jahr 1600 schätzte sie
-~Akber Khan~ in _Indien_ so sehr, dass ihrer nicht weniger als 20,000
-zur Hof-Haltung gehörten. „Die Monarchen von _Iran_ und _Turan_ sandten
-einige sehr seltene Vögel heim und“, berichtet der Hof-Historiker
-weiter, „Ihre Majestät hat durch Kreutzung der Rassen, welche Methode
-früher nie angewendet worden war, dieselbe in erstaunlicher Weise
-verbessert“. Um diese nämliche Zeit waren die Holländer eben so sehr,
-wie früher die Römer, auf die Tauben erpicht. Die äusserste Wichtigkeit
-dieser Betrachtungen für die Erklärung der ausserordentlichen
-Veränderungen, welche die Tauben erfahren haben, wird uns erst bei
-den späteren Erörterungen über die Züchtung deutlich werden. Wir
-werden dann auch sehen woher es kommt, dass die Rassen so oft ein
-etwas monströses Aussehen haben. Endlich ist es ein sehr günstiger
-Umstand für die Erzeugung verschiedener Rassen, dass bei den Tauben
-ein Männchen mit einem Weibchen leicht lebenslänglich zusammengepaart,
-und dass verschiedene Rassen in einem und dem nämlichen Vogel-Hause
-beisammen gehalten werden können.
-
-Ich habe die wahrscheinliche Entstehungs-Art der zahmen Tauben-Rassen
-mit einiger, wenn auch noch ganz ungenügender Ausführlichkeit
-besprochen, weil ich selbst zur Zeit, wo ich anfing Tauben zu halten
-und ihre verschiedenen Formen zu beobachten, es für ganz eben so
-schwer hielt zu glauben, dass alle ihre Rassen einem gemeinsamen
-Stammvater seit ihrer Zähmung entsprossen seyn könnten, als es einem
-Naturforscher schwer fallen würde, an die gemeinsame Abstammung aller
-Finken oder irgend einer andern grossen Vögel-Familie im Natur-Zustande
-zu glauben. Insbesondere machte mich der Umstand sehr betroffen,
-dass alle Züchter von Haus-Thieren und Kultur-Pflanzen, mit welchen
-ich je gesprochen oder deren Schriften ich gelesen, vollkommen
-überzeugt waren, dass die verschiedenen Rassen, welche ein Jeder von
-ihnen erzogen, von eben so vielen ursprünglich verschiedenen Arten
-herstammten. Fragt man, wie ich gefragt habe, irgend einen berühmten
-Veredler der Hereford’schen Rindvieh-Rasse, ob dieselbe nicht von der
-lang-hörnigen Rasse abstamme, so wird er spöttisch lächeln. Ich habe
-nie einen Tauben-, Hühner-, Enten- oder Kaninchen-Liebhaber gefunden,
-der nicht vollkommen überzeugt gewesen wäre, dass jede Haupt-Rasse von
-einer andern Stammart herkomme. ~Van Mons~ zeigt in seinem Werke über
-die Äpfel und Birnen, wie wenig er zu glauben geneigt seye, dass die
-verschiedenen Sorten, wie z. B. der Ribston-pippin, der Codlin-Apfel
-u. a., je von Saamen des nämlichen Baumes entsprungen seyen. Und so
-könnte ich unzählige andere Beispiele anführen. Diess lässt sich, wie
-ich glaube, einfach erklären. In Folge lang-jähriger Studien haben
-diese Leute einen tiefen Eindruck von den Unterschieden zwischen den
-verschiedenen Rassen in sich aufgenommen; und obgleich sie wohl wissen,
-dass jede Rasse etwas variire, da sie eben durch die Züchtung solcher
-geringen Abänderungen ihre Preise gewinnen, so gehen sie doch nicht
-von allgemeineren Vernunftschlüssen aus und rechnen nicht den ganzen
-Betrag zusammen, der sich durch Häufung kleiner Abänderungen während
-vieler aufeinander-folgender Generationen ergeben muss. Werden nicht
-jene Naturforscher, welche, obschon viel weniger als diese Züchter mit
-den Erblichkeits-Gesetzen bekannt und nicht besser als sie über die
-Zwischenglieder in der langen Reihe der Abkommenschaft unterrichtet,
-doch annehmen, dass viele von unseren gehegten Rassen von gleichen
-Ältern abstammen, -- werden sie nicht eine Lektion über Behutsamkeit zu
-gewärtigen haben, wenn sie über den Gedanken lachen, dass eine Art im
-Natur-Zustand in gerader Linie von einer andern Art abstammen könne?
-
-+Züchtung.+) Wir wollen jetzt kürzlich die Wege betrachten, auf
-welchen die gehegten Rassen jede von einer oder von mehren einander
-nahe verwandten Arten erzeugt worden sind. Ein kleiner Theil der
-Wirkung mag dabei vielleicht dem unmittelbaren Einflusse äussrer
-Lebensbedingungen und ein kleiner der Gewöhnung zuzuschreiben seyn;
-es wäre aber thöricht, solchen Kräften die Verschiedenheiten zwischen
-einem Karrengaul und einem Rasse-Pferd, zwischen einem Windspiele und
-einem Schweisshund, einer Boten- und einer Purzel-Taube zuschreiben
-zu wollen. Eine der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten, die wir an
-unseren kultivirten Rassen wahrnehmen, ist ihre Anpassung nicht
-an der Pflanze oder des Thieres eigenen Vortheil, sondern an des
-Menschen Nutzen und Liebhaberei. Einige ihm nützliche Abänderungen
-sind zweifelsohne plötzlich oder auf ein Mal entstanden, wie z. B.
-manche Botaniker glauben, dass die Weber-Karde mit ihren Haken, welchen
-keine mechanische Vorrichtung an Brauchbarkeit gleichkommt, nur eine
-Varietät des wilden Dipsacus seye, und diese ganze Abänderung mag
-wohl plötzlich in irgend einem Sämlinge dieses letzten zum Vorschein
-gekommen seyn. So ist es wahrscheinlich auch mit der in _England_ zum
-Drehen der Bratspiesse gebrauchten Hunde-Rasse der Fall, und es ist
-bekannt, dass eben so das Amerikanische Ancon-Schaaf entstanden ist.
-Wenn wir aber das Rasse-Pferd mit dem Karrengaul, den Dromedar mit dem
-Kameel, die für Kulturland tauglichen mit den für Berg-Weide passenden
-Schaafe-Rassen, deren Wollen sich zu ganz verschiedenen Zwecken eignen,
-wenn wir die manchfaltigen Hunde-Rassen vergleichen, deren jede dem
-Menschen in einer anderen Weise dient, -- wenn wir den im Kampfe so
-ausdauernden Streit-Hahn mit andern friedfertigen und trägen Rassen,
-welche „immer legen und niemals zu brüten verlangen“, oder mit dem so
-kleinen und zierlichen Bantam-Huhne vergleichen, -- wenn wir endlich
-das Heer der Acker-, Obst-, Küchen- und Zier-Pflanzenrassen in’s Auge
-fassen, welche dem Menschen jede zu anderem Zwecke und in andrer
-Jahreszeit so nützlich oder für seine Augen so angenehm sind, so müssen
-wir uns doch wohl weiter nach den Ursachen solcher Veränderlichkeit
-umsehen. Wir können nicht annehmen, dass alle diese Varietäten auf
-einmal so vollkommen und so nutzbar entstanden seyen, wie wir sie jetzt
-vor uns sehen, und kennen in der That von manchen ihre Geschichte
-genau genug um zu wissen, dass Diess nicht der Fall gewesen. Der
-Schlüssel liegt in des Menschen +accumulativem Wahl-Vermögen+, d. h. in
-seinem Vermögen, durch jedesmalige Auswahl derjenigen Individuen zur
-Nachzucht, welche die ihm erwünschten Eigenschaften im +höchsten+ Grade
-besitzen, diese Eigenschaften bei jeder Generation um einen wenn auch
-noch so unscheinbaren Betrag zu steigern. Die Natur liefert allmählich
-mancherlei Abänderungen; der Mensch befördert sie in gewissen ihm
-nützlichen Richtungen. In diesem Sinne kann man von ihm sagen, er
-schaffe sich nützliche Rassen.
-
-Die Macht dieses Züchtungs-Princips ist nicht hypothetisch; denn es
-ist gewiss, dass einige unserer ausgezeichnetsten Viehzüchter binnen
-einem Menschen-Alter mehre Rind- und Schaaf-Rassen in beträchtlichem
-Umfange modifizirt haben. Um das, was sie geleistet haben, in seinem
-ganzen Umfang zu würdigen, muss man einige von den vielen diesem
-Zwecke gewidmeten Schriften lesen und die Thiere selber sehen. --
-Züchter sprechen gewöhnlich von eines Thieres Organisation wie von
-einer ganz bildsamen Sache, die sie meistens völlig nach ihrem Gefallen
-modeln könnten. Wenn es der Raum gestattete, so würde ich viele
-Stellen von den sachkundigsten Gewährsmännern als Belege anführen.
-~Youatt~, der wahrscheinlich besser als fast irgend ein Anderer mit
-den landwirthschaftlichen Werken bekannt und selbst ein sehr guter
-Beurtheiler eines Thieres war, sagt von diesem Züchtungs-Prinzip,
-es seye, „was den Landwirth befähige den Charakter seiner Heerde
-nicht allein zu modifiziren, sondern gänzlich zu ändern. Es ist der
-Zauberstab, mit dessen Hülfe er jede Form in’s Leben ruft, die ihm
-gefällt.“ Lord ~Somerville~ sagt in Bezug auf das, was die Züchter
-hinsichtlich der Schaaf-Rassen geleistet: „Es ist, als hätten sie
-eine in sich vollkommene Form an die Wand gezeichnet und dann
-belebt“. Der erfahrenste Züchter, Sir ~John Sebright~, pflegte in
-Bezug auf die Tauben zu sagen: „er wolle eine ihm aufgegebene Feder
-in drei Jahren hervorbringen, bedürfe aber sechs Jahre, um Kopf und
-Schnabel zu erlangen“. In Sachsen ist die Wichtigkeit jenes Prinzips
-für die Merino-Zucht so anerkannt, dass die Leute es gewerbsmässig
-verfolgen. Die Schaafe werden auf einen Tisch gelegt und studirt,
-wie der Kenner ein Gemälde studirt. Dieses wird je nach Monatsfrist
-dreimal wiederholt, und die Schaafe werden jedesmal gezeichnet und
-klassifizirt, so dass nur die allerbesten zuletzt für die Nachzucht
-übrig bleiben.
-
-Was englische Züchter bis jetzt schon geleistet haben, geht aus den
-ungeheuren Preisen hervor, die man für Thiere bezahlt, die einen
-guten Stammbaum aufzuweisen haben, und diese hat man jetzt nach fast
-allen Weltgegenden ausgeführt. Diese Veredlung rührt im Allgemeinen
-keineswegs davon her, dass man verschiedene Rassen miteinander
-gekreutzt. All’ die besten Züchter sprechen sich streng gegen dieses
-Verfahren aus, es seye denn etwa zwischen einander nahe verwandten
-Unterrassen. Und hat eine solche Kreutzung stattgefunden, so ist die
-sorgfältigste Auswahl weit nothwendiger, als selbst in gewöhnlichen
-Fällen. Handelte es sich bei der Wahl nur darum, irgend welche sehr
-auffallende Abänderungen auszusondern und zur Nachzucht zu verwenden,
-so wäre das Prinzip so handgreiflich, dass es sich kaum der Mühe
-lohnte, davon zu sprechen. Aber seine Wichtigkeit besteht in dem
-grossen Erfolg von Generation zu Generation fortgesetzter Häufung von
-dem ungeübten Auge ganz unkenntlichen Abänderungen in einer Richtung
-hin: Abänderungen, die ich, einfach genommen, vergebens wahrzunehmen
-gestrebt habe. Nicht ein Mensch unter Tausend hat ein hinreichend
-scharfes Auge und Urtheil, um ein ausgezeichneter Züchter zu werden.
-Ist er mit diesen Eigenschaften versehen, studirt seinen Gegenstand
-Jahre lang und widmet ihm seine ganze Lebenszeit mit ungeschwächter
-Beharrlichkeit, so wird er Erfolg haben und grosse Verbesserungen
-bewirken. Ermangelt er aber jener Eigenschaften, so wird er sicher
-nichts ausrichten. Es haben wohl nur Wenige davon eine Vorstellung, was
-für ein Grad von natürlicher Befähigung und wie viele Jahre Übung dazu
-gehören, um nur ein geschickter Tauben-Züchter zu werden.
-
-Die nämlichen Grundsätze werden beim Garten-Bau befolgt, aber die
-Abänderungen erfolgen oft plötzlicher. Doch glaubt niemand, dass
-unsere edelsten Garten-Erzeugnisse durch eine einfache Abänderung
-unmittelbar aus der wilden Urform entstanden seyen. In einigen Fällen
-können wir beweisen, dass Diess nicht geschehen ist, indem genaue
-Protokolle darüber geführt worden sind; um aber ein sehr treffendes
-Beispiel anzuführen, können wir uns auf die stetig zunehmende Grösse
-der Stachelbeeren beziehen. Wir nehmen eine erstaunliche Veredlung in
-manchen Zierblumen wahr, wenn man die heutigen Blumen mit Abbildungen
-vergleicht, die vor 20-30 Jahren davon gemacht worden sind. Wenn eine
-Pflanzen-Rasse einmal wohl ausgebildet worden ist, so entfernt der
-Samen-Züchter nicht die besten Pflanzen, sondern diejenigen aus den
-Saamen-Beeten, welche am weitesten von ihrer eigenthümlichen Form
-abweichen. Bei Thieren findet diese Art von Auswahl ebenfalls statt;
-denn kaum dürfte Jemand so sorglos seyn, seine schlechtesten Thiere zur
-Nachzucht zu verwenden.
-
-Bei den Pflanzen gibt es noch ein anderes Mittel das Maas der
-Wirkungen der Zuchtwahl zu beobachten, nämlich die Vergleichung der
-Verschiedenheit der Blüthen in den mancherlei Varietäten einer Art im
-Blumen-Garten; der Verschiedenheit der Blätter, Hülsen, Knollen oder
-was sonst für Theile in Betracht kommen, im Küchen-Garten, gegenüber
-den Blüthen der nämlichen Varietäten; und der Verschiedenheit der
-Früchte bei den Varietäten einer Art im Obst-Garten, gegenüber den
-Blättern und Blüthen derselben Varietäten-Reihe. Wie verschieden
-sind die Blätter der Kohl-Sorten und wie ähnlich einander ihre
-Blüthen! wie unähnlich die Blüthen des Jelängerjeliebers und wie
-ähnlich die Blätter! wie sehr weichen die Früchte der verschiedenen
-Stachelbeer-Sorten in Grösse, Farbe, Gestalt und Behaarung von einander
-ab, während an den Blüthen nur ganz unbedeutende Verschiedenheiten zu
-bemerken sind! Nicht als ob die Varietäten, die in einer Beziehung
-weit auseinander, in andern gar nicht verschieden wären: Diess ist
-schwerlich je und (ich spreche nach sorgfältigen Beobachtungen)
-vielleicht niemals der Fall! Die Gesetze der Wechselbeziehungen des
-Wachsthums, deren Wichtigkeit nie übersehen werden sollte, werden immer
-einige Verschiedenheiten veranlassen; im Allgemeinen aber kann ich
-nicht zweifeln, dass die fortgesetzte Auswahl geringer Abänderungen in
-den Blättern, in den Blüthen oder in der Frucht solche Rassen erzeuge,
-welche hauptsächlich in diesen Theilen von einander abweichen.
-
-Man könnte einwenden, das Prinzip der Zuchtwahl seye erst seit kaum
-drei Vierteln eines Jahrhunderts zu planmässiger Anwendung gebracht
-worden; gewiss ist es erst seit den letzten Jahren mehr in Übung und
-sind viele Schriften darüber erschienen; die Ergebnisse sind in einem
-entsprechenden Grade immer rascher und erheblicher geworden. Es ist
-aber nicht entfernt wahr, dass dieses Prinzip eine neue Entdeckung
-seye. Ich kann mehre Beweise anführen, aus welchen sich die volle
-Anerkennung seiner Wichtigkeit schon in sehr alten Schriften ergibt.
-Selbst in den rohen und barbarischen Zeiten der _Englischen_ Geschichte
-sind ausgesuchte Zucht-Thiere oft eingeführt und ist ihre Ausfuhr
-gesetzlich verboten worden; auch war die Zerstörung der Pferde unter
-einer gewissen Grösse angeordnet, was sich mit dem oben erwähnten
-Ausjäten der Pflanzen vergleichen lässt. Das Prinzip der Züchtung
-finde ich auch in einer alten _Chinesischen_ Encyklopädie bestimmt
-angegeben. Bestimmte Regeln darüber sind bei einigen _Römischen_
-Klassikern niedergelegt. Aus einigen Stellen in der Genesis erhellt,
-dass man schon in jener frühen Zeit der Farbe der Hausthiere seine
-Aufmerksamkeit zugewendet hat. Wilde kreutzen noch jetzt zuweilen
-ihre Hunde mit wilden Hunde-Arten, um die Rasse zu verbessern, wie
-es nach ~Plinius’~ Zeugniss auch vormals geschehen ist. Die Wilden
-in _Süd-Afrika_ spannen ihre Zug-Ochsen nach der Farbe zusammen, wie
-einige Esquimaux ihre Zug-Hunde. ~Livingstone~ berichtet, wie hoch
-gute Hausthier-Rassen von den Negern im innern _Afrika_, welche nie
-mit Europäern in Berührung gewesen, geschätzt werden. Einige der
-angeführten Thatsachen sind zwar keine Belege für wirkliche Züchtung;
-aber sie zeigen, dass die Zucht der Hausthiere schon in älteren Zeiten
-ein Gegenstand der Bestrebung gewesen und es bei den rohesten Wilden
-noch jetzt ist. Es würde aber in der That doch befremden müssen,
-wenn sich bei der Züchtung die Aufmerksamkeit nicht sofort auf die
-Erblichkeit der so auffälligen guten und schlechten Eigenschaften
-gelenkt hätte.
-
-In jetziger Zeit versuchen es ausgezeichnete Züchter durch planmässige
-Wahl, mit einem bestimmten Ziel im Auge, neue Stämme oder Unterrassen
-zu bilden, die alles bis jetzt bei uns Vorhandene übertreffen sollen.
-Für unseren Zweck jedoch ist diejenige Art von Züchtung wichtiger,
-welche man die unbewusste nennen kann und welche ein Jeder in Anwendung
-bringt, der von den besten Thieren zu besitzen und nachzuziehen strebt.
-So wird Jemand, der einen guten Hühnerhund zu haben wünscht, zuerst
-möglichst gute Hunde zu erhalten suchen und hernach von den besten
-seiner eignen Hunde Nachzucht zu bekommen streben, ohne die Absicht
-oder die Erwartung zu haben, die Rasse hiedurch bleibend zu ändern.
-Demungeachtet zweifle ich nicht daran, dass, wenn er dieses Verfahren
-einige Jahrhunderte lang fortsetzte, er seine Rasse ändern und veredeln
-würde, wie ~Bakewell~, ~Collins~ u. A. durch ein gleiches und nur mehr
-planmässiges Verfahren schon während ihrer eigenen Lebens-Zeit die
-Formen und Eigenschaften ihrer Rinder-Heerden wesentlich verändert
-haben. Langsame und unmerkliche Veränderungen dieser Art lassen sich
-nicht erkennen, wenn nicht wirkliche Ausmessungen oder sorgfältige
-Zeichnungen der fraglichen Rassen von Anfang her gemacht worden sind,
-welche zur Vergleichung dienen können; zuweilen kann man jedoch noch
-unveredelte oder wenig veränderte Individuen in solchen Gegenden
-auffinden, wo die Veredlung derselben ursprünglichen Rasse noch nicht
-oder nur wenig fortgeschritten ist. So hat man Grund zu glauben,
-dass König ~Karl’s~ Jagdhund-Rasse[8] seit der Zeit dieses Monarchen
-unbewusster Weise beträchtlich verändert worden ist. Einige völlig
-sachkundige Gewährsmänner hegen die Überzeugung, dass der Spürhund in
-gerader Linie vom Jagdhund abstammt und wahrscheinlich durch langsame
-Veränderung aus demselben hervorgegangen ist. Es ist bekannt, dass der
-Vorstehehund im letzten Jahrhundert grosse Umänderung erfahren hat, und
-hier glaubt man seye die Umänderung hauptsächlich durch Kreutzung mit
-dem Fuchs-Hunde bewirkt worden; aber was uns berührt, das ist, dass
-diese Umänderung unbewusster und langsamer Weise geschehen und dennoch
-so beträchtlich ist, dass, obwohl der alte Vorstehehund gewiss aus
-_Spanien_ gekommen, Herr ~Borrow~ mich doch versichert hat, in ganz
-_Spanien_ keine einheimische Hunde-Rasse gesehen zu haben, die unserem
-Vorstehehund gliche.
-
-Durch ein gleiches Wahl-Verfahren und sorgfältige Aufzucht ist
-die ganze Masse der _Englischen_ Rasse-Pferde dahin gelangt in
-Schnelligkeit und Grösse ihren _Arabischen_ Urstamm zu übertreffen,
-so dass dieser letzte bei den Bestimmungen über die Goodwood-Rassen
-hinsichtlich des zu tragenden Gewichtes begünstigt werden musste.
-Lord ~Spencer~ u. A. haben gezeigt, dass in _England_ das Rindvieh an
-Schwere und früher Reife gegen frühere Zeiten zugenommen. Vergleicht
-man die Nachrichten, welche in alten Tauben-Büchern über die Boten-
-und Purzel-Tauben enthalten sind, mit diesen Rassen, wie sie jetzt
-in _Britannien_, _Indien_ und _Persien_ vorkommen, so kann man,
-scheint mir, deutlich die Stufen verfolgen, welche sie allmählich zu
-durchlaufen hatten, um endlich so weit von der Felstaube abzuweichen.
-
-~Youatt~ gibt eine vortreffliche Erläuterung von den Wirkungen
-einer fortdauernden Züchtung, welche man in so ferne als unbewusste
-betrachten kann, als die Züchter nie das von ihnen erlangte Ergebniss
-selbst erwartet oder gewünscht haben können, nämlich die Erzielung
-zweier ganz verschiedener Stämme. Es sind die zweierlei _Leicestrer_
-Schaaf-Heerden, welche von Mr. ~Buckley~ und Mr. ~Burgess~ seit etwas
-über 50 Jahren lediglich aus dem ~Bakewell~’schen Urstamme gezüchtet
-worden. Unter Allen, welche mit der Sache bekannt sind, glaubt Niemand
-von Ferne daran, dass die beiden Eigner dieser Heerden dem reinen
-~Bakewell~’schen Stamme jemals fremdes Blut beigemischt hätten, und
-doch ist jetzt die Verschiedenheit zwischen deren Heerden so gross,
-dass man glaubt ganz verschiedene Rassen zu sehen.
-
-Gäbe es Wilde so barbarisch, dass sie keine Vermuthung von der
-Erblichkeit des Charakters ihrer Hausthiere hätten, so würden sie doch
-jedes ihnen zu einem besondern Zwecke vorzugsweise nützliche Thier
-während Hungersnoth und anderen Unglücks-Fällen sorgfältig zu erhalten
-bedacht seyn, und ein derartig auserwähltes Thier würde mithin mehr
-Nachkommenschaft als ein anderes von geringerem Werthe hinterlassen,
-so dass schon auf diese Weise eine Auswahl zur Züchtung stattfände.
-Welchen Werth selbst die Barbaren des Feuerlandes auf ihre Thiere
-legen, sehen wir, wenn sie in Zeiten der Noth lieber ihre alten Weiber
-als ihre Hunde verzehren, weil ihnen diese nützlicher sind als jene.
-
-Bei den Pflanzen kann man dasselbe stufenweise Veredlungs-Verfahren in
-der gelegentlichen Erhaltung der besten Individuen wahrnehmen, mögen
-sie nun hinreichend oder nicht genügend verschieden seyn, um bei ihrem
-ersten Erscheinen schon als eine eigene Varietät zu gelten; mögen sie
-aus der Kreutzung von zwei oder mehr Rassen oder Arten hervorgegangen
-seyn. Wir erkennen Diess klar aus der zunehmenden Grösse und Schönheit
-der Blumen von Jelängerjelieber, Dahlien, Pelargonien, Rosen u. a.
-Pflanzen im Vergleich zu den älteren Varietäten von denselben Arten.
-Niemand wird erwarten eine Jelängerjelieber oder Dahlie erster Qualität
-aus dem Samen einer wilden Pflanze zu erhalten, oder eine Schmelzbirne
-erster Sorte aus dem Samen einer wilden Birne zu erziehen, obwohl es
-von einem wild-gewachsenen Sämlinge der Fall seyn könnte, welcher
-von einer im Garten gebildeten Varietät entstammte. Die schon in der
-klassischen Zeit kultivirte Birne scheint nach ~Plinius’~ Bericht eine
-Frucht von sehr untergeordneter Qualität gewesen zu seyn. Ich habe in
-Gartenbau-Schriften den Ausdruck grossen Erstaunens über die wunderbare
-Geschicklichkeit von Gärtnern gelesen, die aus dürftigem Material so
-glänzende Erfolge geärndet; aber ihre Kunst war ohne Zweifel einfach
-und, wenigstens in Bezug auf das End-Ergebniss, eine unbewusste.
-Sie bestand nur darin, dass sie die jederzeit beste Varietät wieder
-aussäeten und, wenn dann zufällig eine neue etwas bessere Abänderung
-zum Vorschein kam, nun diese zur Nachzucht wählten u. s. w. Aber die
-Gärtner der klassischen Zeit, welche die beste Birne, die sie erhalten
-konnten, nachzogen, dachten nie daran, was für eine herrliche Frucht
-wir einst essen würden; und doch schulden wir dieses treffliche Obst in
-geringem Grade wenigstens dem Umstande, dass schon sie begonnen haben,
-die besten Varietäten auszuwählen und zu erhalten.
-
-Der grosse Umfang von Veränderungen, die sich in unseren
-Kultur-Pflanzen langsamer und unbewusster Weise angehäuft haben,
-erklärt die wohl-bekannte Thatsache, dass wir in den meisten Fällen die
-wilde Mutterpflanze nicht wieder erkennen und daher nicht anzugeben
-vermögen, woher die am längsten in unseren Blumen- und Küchen-Gärten
-angebauten Pflanzen abstammen. Wenn es aber Hunderte oder Tausende
-von Jahren bedurft hat, um unsre Kultur-Pflanzen bis auf deren
-jetzige dem Menschen so nützliche Stufe zu veredeln, so wird es uns
-auch begreiflich, warum weder _Australien_, noch das _Kap der guten
-Hoffnung_ oder irgend eine andre von ganz unzivilisirten Menschen
-bewohnte Gegend uns eine der Kultur werthe Pflanze geboten hat. Nicht
-als ob diese an Pflanzen so reichen Gegenden in Folge eines eigenen
-Zufalles gar nicht mit Urformen nützlicher Pflanzen von der Natur
-versehen worden wären; sondern ihre einheimischen Pflanzen sind nur
-nicht durch unausgesetzte Züchtung bis zu einem Grade veredelt worden,
-welcher mit dem der Pflanzen in den schon längst kultivirten Ländern
-vergleichbar wäre.
-
-Was die Hausthiere nicht zivilisirter Völker betrifft, so darf man
-nicht übersehen, dass diese in der Regel, zu gewissen Jahreszeiten
-wenigstens, um ihre eigene Nahrung zu kämpfen haben. In zwei sehr
-verschieden beschaffenen Gegenden können Individuen von einerlei
-Organismen-Art aber zweierlei Bildung und Thätigkeit der Organe oft
-die einen in der ersten und die andern in der zweiten Gegend besser
-fortkommen und dann durch eine Art natürlicher Züchtung, wie nachher
-weiter erklärt werden soll, zwei Unterrassen bilden. Diess erklärt
-vielleicht zum Theile, was einige Gewährsmänner von den Thier-Rassen
-der Wilden berichten, dass dieselben mehr die Charaktere besonderer
-Species an sich tragen, als die bei zivilisirten Völkern gehaltenen
-Abänderungen.
-
-Nach der hier aufgestellten Ansicht von dem äusserst wichtigen
-Einflusse, den die Züchtung des Menschen geübt, erklärt es sich auch
-wie es komme, dass unsre veredelten Rassen sich in Struktur und
-Lebensweise so an die Bedürfnisse und Launen des Menschen anpassen. Es
-lassen sich daraus ferner, wie ich glaube, der so oft abnorme Charakter
-unsrer veredelten Rassen und die gewöhnlich äusserlich so grossen, in
-innern Theilen oder Organen aber verhältnissmässig so unbedeutenden
-Verschiedenheiten derselben begreifen. Denn der Mensch kann kaum
-oder nur sehr schwer andre als äusserlich sichtbare Abweichungen der
-Struktur bei seiner Auswahl beachten, und er bekümmert sich in der
-That nur selten um das Innere. Er kann durch Wahl nur auf solche
-Abänderungen verfallen, welche ihm von der Natur selbst in anfänglich
-schwachem Grade dargeboten werden. So würde niemals Jemand versuchen
-eine Pfauentaube zu machen, wenn er nicht zuvor schon eine Taube mit
-einem in etwas unregelmässiger Weise entwickelten Schwanz gesehen
-hätte, oder einen Kröpfer zu züchten, ehe er eine Taube mit einem
-grösseren Kropfe gefunden. Je eigenthümlicher und ungewöhnlicher ein
-Charakter bei dessen erster Wahrnehmung erscheint, desto mehr wird
-derselbe die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch wäre der Ausdruck
-„Versuchen eine Pfauentaube zu machen“ in den meisten Fällen äusserst
-unangemessen. Denn der, welcher zuerst eine Taube mit einem etwas
-stärkeren Schwanz zur Nachzucht ausgewählt, hat sich gewiss nicht
-träumen lassen, was aus den Nachkommen dieser Taube durch theils
-unbewusste und theils planmässige Züchtung werden könne. Vielleicht
-hat der Stammvater aller Pfauentauben nur vierzehn etwas ausgebreitete
-Schwanz-Federn gehabt, wie die jetzige _Javanesische_ Pfauentaube
-oder wie Individuen von verschiedenen andren Rassen, an welchen man bis
-zu 17 Schwanz-Federn gezählt hat. Vielleicht hat die erste Kropftaube
-ihren Kropf nicht stärker aufgeblähet, als es jetzt die Möventaube
-mit dem oberen Theile des Schlundes zu thun pflegt, eine Gewohnheit,
-welche bei allen Tauben-Liebhabern unbeachtet bleibt, weil sie keinen
-Gesichtspunkt für ihre Züchtung abgibt.
-
-Es lässt sich nicht annehmen, dass es erst einer grossen Abweichung
-in der Struktur bedürfe, um den Blick des Liebhabers auf sich zu
-ziehen; er nimmt äusserst kleine Verschiedenheiten wahr, und es ist
-in des Menschen Art begründet, auf eine wenn auch geringe Neuigkeit
-in seinem eigenen Besitze Werth zu legen. Auch ist der anfangs auf
-geringe individuelle Abweichungen bei einer Art gelegte Werth nicht
-mit demjenigen zu vergleichen, welcher denselben Verschiedenheiten
-beigelegt wird, wenn einmal mehre reine Rassen dieser Art
-hergestellt sind. Manche geringe Abänderungen mögen unter solchen
-Tauben vorgekommen seyn und noch vorkommen, welche als fehlerhafte
-Abweichungen vom vollkommenen Typus einer jeden Rasse zurückgeworfen
-worden. Die gemeine Gans hat keine auffallende Varietät geliefert,
-daher die Thoulouse- und die gewöhnliche Rasse, welche nur in der Farbe
-als dem biegsamsten aller Charaktere verschieden sind, bei unseren
-Geflügel-Ausstellungen für verschiedene Arten ausgegeben wurden.
-
-Diese Ansichten mögen ferner eine zuweilen gemachte Bemerkung
-erklären, dass wir nämlich nichts über die Entstehung oder Geschichte
-einer unsrer veredelten Rassen wissen. Denn man kann von einer Rasse,
-so wie von einem Sprach-Dialekte, in Wirklichkeit schwerlich sagen,
-dass sie einen bestimmten Anfang gehabt habe. Es pflegt jemand
-und gebraucht zur Züchtung irgend ein Einzelwesen mit geringen
-Abweichungen des Körper-Baues, oder er verwendet mehr Sorgfalt als
-gewöhnlich darauf, seine besten Thiere mit einander zu paaren; er
-verbessert dadurch seine Zucht und die verbesserten Thiere verbreiten
-sich unmittelbar in der Nachbarschaft. Da sie aber bis jetzt noch
-schwerlich einen besonderen Namen haben und sie noch nicht sonderlich
-geschätzt sind, so achtet niemand auf ihre Geschichte. Wenn sie dann
-durch dasselbe langsame und stufenweise Verfahren noch weiter veredelt
-worden, breiten sie sich immer weiter aus und werden jetzt als etwas
-Ausgezeichnetes und Werthvolles anerkannt und erhalten wahrscheinlich
-nun erst einen Provinzial-Namen. In halb-zivilisirten Gegenden mit
-wenig freiem Verkehr mag die Ausbreitung und Anerkennung einer neuen
-Unterrasse ein langsamer Vorgang seyn. Sobald aber die einzelnen
-werthvolleren Eigenschaften der neuen Unterrasse einmal vollständig
-anerkannt sind, wird das von mir sogenannte Prinzip der unbewussten
-Züchtung langsam und unaufhörlich -- wenn auch mehr zu einer als zur
-andern Zeit, je nachdem eine Rasse in der Mode steigt oder fällt,
-und vielleicht mehr in einer Gegend als in der andern, je nach der
-Zivilisations-Stufe ihrer Bewohner -- auf die Vervollkommnung der
-charakteristischen Eigenschaften der Rasse hinwirken, welcher Art
-sie nun seyn mögen. Aber es ist unendlich wenig Aussicht vorhanden,
-einen geschichtlichen Bericht von solchen langsam wechselnden und
-unmerklichen Veränderungen zu erhalten.
-
-Ich habe nun einige Worte über die für die künstliche Züchtung
-günstigen oder ungünstigen Umstände zu sagen. Ein hoher Grad von
-Veränderlichkeit ist insoferne offenbar günstig, als er ein reicheres
-Material zur Auswahl für die Züchtung liefert. Doch nicht als ob bloss
-individuelle Verschiedenheiten nicht vollkommen genügten, um mit
-äusserster Sorgfalt durch Häufung endlich eine bedeutende Umänderung
-in fast jeder beliebigen Richtung zu erwirken. Da aber solche dem
-Menschen offenbar nützliche oder gefällige Variationen nur zufällig
-vorkommen, so muss die Aussicht auf deren Erscheinen mit der Anzahl
-der gepflegten Individuen zunehmen, und so wird eine Vielzahl dieser
-letzten von höchster Wichtigkeit für den Erfolg. Mit Rücksicht auf
-dieses Prinzip hat ~Marschall~ über die Schaafe in einigen Theilen
-von _Yorkshire_ gesagt, dass, weil sie gewöhnlich nur armen Leuten
-gehören und meistens in kleine Loose vertheilt sind, sie nie veredelt
-werden können. Auf der andern Seite haben Handelsgärtner, welche
-alle Pflanzen in grossen Massen erziehen, gewöhnlich mehr Erfolg als
-die blossen Liebhaber in Bildung neuer und werthvoller Varietäten.
-Die Haltung einer grossen Anzahl von Einzelwesen einer Art in einer
-Gegend verlangt, dass man diese Species in günstige Lebens-Bedingungen
-versetze, so dass sie sich in dieser Gegend freiwillig fortpflanze.
-Sind nur wenige Individuen einer Art vorhanden, so werden sie
-gewöhnlich alle, wie auch ihre Beschaffenheit seyn mag, zur Nachzucht
-verwendet, und Diess hindert ihre Auswahl. Aber wahrscheinlich der
-wichtigste Punkt von allen ist, dass das Thier oder die Pflanze für
-den Besitzer so nützlich oder so hoch gewerthet sey, dass er die
-genaueste Aufmerksamkeit auf jede auch die geringste Abänderung in den
-Eigenschaften und dem Körper-Baue eines jeden Individuums verwende.
-Ist Diess nicht der Fall, so ist auch nichts zu erwirken. Ich habe es
-als wesentlich hervorheben sehen, es seye ein sehr glücklicher Zufall
-gewesen, dass die Erdbeere gerade zu variiren begann, als Gärtner
-diese Pflanze näher zu beobachten anfingen. Zweifelsohne hatte die
-Erdbeere immer variirt, seitdem sie angepflanzt worden; aber man hatte
-die geringen Abänderungen vernachlässigt. Als jedoch Gärtner später
-die Pflanzen mit etwas grösseren, früheren oder besseren Früchten
-heraushoben, Sämlinge davon erzogen und dann wieder die besten
-Sämlinge und deren Abkommen zur Nachzucht verwendeten, da lieferte
-diese, unterstützt durch die Kreutzung mit andern Arten, die vielen
-bewundernswerthen Varietäten, welche in den letzten 30-40 Jahren
-erzielt worden sind.
-
-Was Thiere getrennten Geschlechtes betrifft, so hat die Leichtigkeit,
-womit ihre Kreutzung gehindert werden kann, einen wichtigen Antheil an
-dem Erfolge in Bildung neuer Rassen, in einer Gegend wenigstens, welche
-bereits mit anderen Rassen besetzt ist. Dazu kann die Einschliessung
-des Landes in Betracht kommen. Wandernde Wilde oder die Bewohner
-offner Ebenen besitzen selten mehr als eine Rasse derselben Art. Man
-kann zwei Tauben lebenslänglich zusammen-paaren, und Diess ist eine
-grosse Bequemlichkeit für den Liebhaber, weil er viele Vollblut-Rassen
-im nämlichen Vogelhause beisammen erziehen kann. Dieser Umstand hat
-gewiss die Bildung und Veredlung neuer Rassen sehr befördert. Ich will
-noch beifügen, dass man die Tauben sehr rasch und in grosser Anzahl
-vermehren und die schlechten Vögel leicht beseitigen kann, weil sie
-getödtet zur Speise dienen. Auf der andern Seite lassen sich Katzen
-ihrer nächtlichen Wanderungen wegen nicht zusammen-paaren, daher
-man auch, trotzdem dass Frauen und Kinder sie gerne haben, selten
-eine neue Rasse aufkommen sieht; solche Rassen, wenn wir dergleichen
-jemals sehen, sind immer aus anderen Gegenden und zumal aus Inseln
-eingeführt. Obwohl ich nicht bezweifle, dass einige Hausthiere weniger
-als andre variiren, so wird doch die Seltenheit oder der gänzliche
-Mangel verschiedener Rassen bei Katze, Esel, Perlhuhn, Gans u. s. w.
-hauptsächlich davon herrühren, dass keine Züchtung bei ihnen in
-Anwendung gekommen ist: bei Katzen, wegen der Schwierigkeit sie zu
-paaren; bei Eseln, weil sie bei uns nur in geringer Anzahl von armen
-Leuten gehalten werden, welche auf ihre Züchtung wenig achten; wogegen
-dieses Thier in einigen Theilen von _Spanien_ und den _Vereinten
-Staaten_ durch sorgfältige Züchtung in erstaunlicher Weise abgeändert
-und veredelt worden ist; -- bei Perlhühnern, weil sie nicht leicht
-aufzuziehen und eine grosse Zahl nicht beisammen gehalten wird; bei
-Gänsen, weil sie nur zu zwei Zwecken dienen mittelst ihrer Federn und
-ihres Fleisches, welche noch nicht zur Züchtung neuer Rassen gereitzt
-haben; doch scheint die Gans auch eine eigenthümlich unbiegsame
-Organisation zu besitzen.
-
-Versuchen wir das über die Entstehung unsrer Hausthier- und
-Kulturpflanzen-Rassen Gesagte zusammenzufassen. Ich glaube, dass
-die äusseren Lebens-Bedingungen wegen ihrer Einwirkung auf das
-Reproduktiv-System von der höchsten Wichtigkeit für die Entstehung
-von Abänderungen sind. Ich glaube aber nicht, dass Veränderlichkeit
-als eine inhärente und nothwendige Eigenschaft allen organischen
-Wesen unter allen Umständen zukomme, wie einige Schriftsteller
-angenommen haben. Die Wirkungen der Veränderlichkeit werden in
-verschiedenem Grade modifizirt durch Vererblichkeit und Rückkehr. Sie
-wird durch viele unbekannte Gesetze geleitet, insbesondre aber durch
-das der Wechselbeziehungen des Wachsthums. Einiges mag der direkten
-Einwirkung der äusseren Lebens-Bedingungen, Manches dem Gebrauche
-und Nichtgebrauche der Organe zugeschrieben werden. Dadurch wird
-das End-Ergebniss ausserordentlich verwickelt. Ich bezweifle nicht,
-dass in einigen Fällen die Kreutzung ursprünglich verschiedener
-Arten einen wesentlichen Antheil an der Bildung unserer veredelten
-Erzeugnisse gehabt habe. Wenn in einer Gegend einmal mehre veredelte
-Rassen vorhanden gewesen sind, so hat ihre gelegentliche Kreutzung
-mit Hilfe der Wahl zweifelsohne mächtig zur Bildung neuer Rassen
-mitwirken können; aber die Wichtigkeit der Varietäten-Mischung ist,
-wie ich glaube, sehr übertrieben worden sowohl in Bezug auf die
-Thiere wie auf die Pflanzen, die sich aus Saamen verjüngten. Bei
-solchen Pflanzen dagegen, welche zeitweise durch Stecklinge, Knospen
-u. s. w. fortgepflanzt werden, ist die Wichtigkeit der Kreutzung
-zwischen Arten wie Varietäten unermesslich, weil der Pflanzenzüchter
-hier die ausserordentliche Veränderlichkeit sowohl der Bastarde als
-der Blendlinge ganz ausser Acht lässt; doch haben die Fälle, wo
-Pflanzen nicht aus Saamen fortgepflanzt werden, wenig Bedeutung für
-uns, weil ihre Dauer nur vorübergehend ist. Aber die über alle diese
-Änderungs-Ursachen bei weitem vorherrschende Kraft ist nach meiner
-Überzeugung die fortdauernd anhäufende Züchtung, mag sie nun planmässig
-und schnell, oder unbewusst und allmählicher aber wirksamer in
-Anwendung kommen.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Abänderung im Natur-Zustande.
-
- Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten.
- Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am
- meisten. Arten grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren
- mehr, als die der kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen
- gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit
- einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.
-
-
-Ehe wir von den Prinzipien, zu welchen wir im vorigen Kapitel
-gelangten, Anwendung auf die organischen Wesen im Natur-Zustande
-machen, müssen wir kürzlich untersuchen, in wieferne diese letzten
-veränderlich sind oder nicht. Um diesen Gegenstand angemessen zu
-behandeln, müsste ich ein langes Verzeichniss trockner Thatsachen
-aufstellen; doch will ich diese für mein künftiges Werk versparen.
-Auch will ich nicht die verschiedenen Definitionen erörtern, welche
-man von dem Worte „Species“ gegeben hat. Keine derselben hat bis jetzt
-alle Naturforscher befriedigt. Gewöhnlich schliesst die Definition
-ein unbekanntes Element von einem besondren Schöpfungs-Akte ein. Der
-Ausdruck „Varietät“ ist eben so schwer zu definiren; gemeinschaftliche
-Abstammung ist meistens mit einbedungen, obwohl so selten erweislich.
-Auch hat man von Monstrositäten gesprochen, die aber stufenweise in
-die Varietäten übergehen. Unter einer „Monstrosität“ versteht man
-nach meiner Meinung irgend eine beträchtliche Abweichung der Struktur
-in einem einzelnen Theile, welche der Art entweder nachtheilig oder
-doch nicht nützlich ist und sich gewöhnlich nicht vererbt. Einige
-Schriftsteller gebrauchen noch den Ausdruck „Variation“ in einem
-technischen Sinne, um Abänderungen durch die unmittelbare Einwirkung
-äussrer Lebens-Bedingungen zu bezeichnen, und die Variationen
-dieser Art gelten nicht für erblich. Doch, wer kann behaupten, dass
-die zwergartige Beschaffenheit der Konchylien im Brackwasser des
-_Baltischen Meeres_, oder die verringerte Grösse der Pflanzen auf
-den Höhen der Alpen, oder der dichtere Pelz eines Thieres in höheren
-Breiten nicht auf wenigstens einige Generationen vererblich seye? und
-in diesem Falle würde man, glaube ich, die Form eine „Varietät“ nennen.
-
-Es mag wohl zweifelhaft seyn, ob Monstrositäten oder solche plötzliche
-und grosse Abweichungen der Struktur, wie wir sie zuweilen in unsren
-gezähmten Rassen, zumal unter den Pflanzen auftauchen sehen, sich
-im Natur-Zustande stetig fortpflanzen können. Monstrositäten sind
-zur Unfruchtbarkeit geneigt, und gewöhnlich steht jeder Theil eines
-organischen Wesens wenigstens bei den Thieren in einer so schönen
-Beziehung zu den gesammten Lebens-Bedingungen, dass es eben so
-unwahrscheinlich ist, dass irgend ein Theil auf einmal in seiner
-ganzen Vollkommenheit erschienen seye, als dass ein Mensch irgend eine
-zusammengesetzte Maschine sogleich in vollkommenem Zustande erfunden
-habe. Es ist mir wenigstens nicht gelungen, im Natur-Zustande gute
-Beispiele von Arten zu finden, welche den Abänderungen der Struktur
-in den Monstrositäten ihrer Verwandten entsprächen. Wenn dergleichen
-vorgekommen sind, so muss ihre Fortpflanzung durch ihre Nützlichkeit
-bedingt gewesen seyn, so dass mithin Natürliche Züchtung dabei
-mitwirkte. Man kennt viele Pflanzen, welche an verschiedenen Zweigen,
-oder am Umfange, oder in der Mitte ihres Blüthenstandes Blüthen von
-ganz abweichender Beschaffenheit tragen; und wenn diese Pflanzen
-aufhören sollten, Blüthen der einen Art zu tragen, so dürfte wohl
-plötzlich eine bedeutende Veränderung im Art-Charakter eintreten. Doch
-scheint gerade in einigen dieser Fälle die Entstehung von zweierlei
-Blüthen stufenweise vor sich gegangen zu seyn; denn wir finden in
-gewissen Campanula- und Viola-Arten Mittelstufen zwischen den zweierlei
-Hauptzuständen der Blüthe einer und der nämlichen Pflanze.
-
-Was anderseits aber die kultivirten Pflanzen betrifft, so ist in den
-wenigen bekannten Fällen, wo eine Varietät Blüthen oder Früchte von
-zweierlei Beschaffenheit hervorzubringen pflegt, die Entstehung dieser
-Varietät eine plötzliche gewesen.
-
-Dagegen gibt es manche geringe Verschiedenheiten, welche man als
-individuelle bezeichnen kann, da man von ihnen weiss, dass sie oft
-unter den Abkömmlingen von einerlei Ältern vorkommen, oder unter
-solchen die wenigstens dafür gelten, weil sie zur nämlichen Art gehören
-und auf begrenztem Raume nahe beisammen wohnen. Niemand unterstellt,
-dass alle Individuen einer Art genau nach demselben Model gebildet
-seyen. Diese individuellen Verschiedenheiten sind nun gerade sehr
-wichtig für uns, theils weil sie oft ererbt sind, wie wohl Jedermann
-schon zu beobachten Gelegenheit hatte, und theils weil sie der
-Natürlichen Züchtung Stoff zur Häufung liefern, wie der Mensch in
-seinen kultivirten Rassen individuelle Verschiedenheiten in gegebener
-Richtung zusammenhäuft. Diese individuellen Verschiedenheiten betreffen
-in der Regel nur die in den Augen des Naturforschers unwesentlichen
-Theile; ich könnte jedoch aus einer langen Liste von Thatsachen
-nachweisen, dass auch Theile, die man aus dem physiologischen wie aus
-dem klassifikatorischen Gesichtspunkte als wesentliche bezeichnen
-muss, zuweilen bei den Individuen von einerlei Art variiren. Ich
-bin überzeugt, dass die erfahrensten Naturforscher erstaunt seyn
-würden über die Menge von Fällen möglicher Abänderungen sogar in
-wichtigen Theilen des Körpers, die ich im Laufe der Jahre nach guten
-Gewährsmännern zusammengetragen habe. Man muss sich aber auch dabei
-noch erinnern, dass Systematiker nicht erfreut sind Veränderlichkeit
-in wichtigen Charakteren zu entdecken, und dass es nicht viele Leute
-gibt, die ein Vergnügen daran fänden, innre wichtige Organe sorgfältig
-zu untersuchen und in vielen Exemplaren einer und der nämlichen Art
-mit einander zu vergleichen. So hätte ich nimmer erwartet, dass die
-Verzweigungen des Hauptnerven dicht am grossen Zentralnervenknoten
-eines Insektes in der nämlichen Species abändern könne, sondern hätte
-vielmehr gedacht, Veränderungen dieser Art könnten nur langsam und
-stufenweise eintreten. Und doch hat Mr. ~Lubbock~ kürzlich
-an Coccus einen Grad von Veränderlichkeit an diesen Hauptnerven
-nachgewiesen, welcher zumeist an die unregelmässige Verzweigung eines
-Baumstamms erinnert. Ebenso hat dieser ausgezeichnete Naturforscher
-ganz kürzlich gezeigt, dass die Muskeln in den Larven gewisser
-Insekten von Gleichförmigkeit weit entfernt sind. Die Schriftsteller
-bewegen sich oft in einem Zirkelschluss, wenn sie behaupten, dass
-wichtige Organe nicht variiren; denn dieselben Schriftsteller zählen
-praktisch diejenigen Organe zu den wichtigen (wie einige wenige ehrlich
-genug sind zu gestehen), welche nicht variiren, und unter dieser
-Voraussetzung kann dann allerdings niemals ein Beispiel von einem
-variirenden wichtigen Organe angeführt werden; aber von einem andern
-Gesichtspunkte aus lassen sich deren viele aufzählen.
-
-Mit den individuellen Verschiedenheiten steht noch ein andrer Punkt
-in Verbindung, der mir sehr verwirrend zu seyn scheint; ich will
-nämlich von den Sippen reden, die man zuweilen „proteische“ oder
-„polymorphe“ genannt hat, weil deren Arten ein ungeordnetes Maass
-von Veränderlichkeit zeigen, so dass kaum zwei Naturforscher darüber
-einig werden können, welche Formen als Arten und welche als Varietäten
-zu betrachten seyen. Man kann Rubus, Rosa, Hieracium unter den
-Pflanzen, mehre Insekten- und Brachiopoden-Sippen unter den Thieren
-als Beispiele anführen. In den meisten dieser polymorphen Sippen haben
-einige Arten feste und bestimmte Charaktere. Sippen, welche in einer
-Gegend polymorph sind, scheinen es mit einigen wenigen Ausnahmen auch
-in andern Gegenden zu seyn und, nach den Brachiopoden zu urtheilen,
-in früheren Zeiten gewesen zu seyn. Diese Thatsachen nun scheinen in
-soferne geeignet Verwirrung zu bewirken, als sie zeigen, dass diese
-Art von Veränderlichkeit unabhängig von den Lebens-Bedingungen ist.
-Ich bin zu vermuthen geneigt, dass wir in diesen polymorphen Sippen
-Veränderlichkeit nur in solchen Struktur-Verhältnissen begegnen,
-welche der Art weder nützlich noch schädlich sind und daher bei der
-Natürlichen Züchtung nicht berücksichtigt und befestigt worden sind,
-wie nachher erläutert werden soll.
-
-Diejenigen Formen, welche zwar einen schon etwas mehr entwickelten
-Art-Charakter besitzen, aber andren Formen so ähnlich oder durch
-Mittelstufen so enge verkettet sind, dass die Naturforscher sie nicht
-als besondre Arten aufführen wollen, sind in mehren Beziehungen die
-wichtigsten für uns. Wir haben allen Grund zu glauben, dass viele
-von diesen zweifelhaften und eng-verwandten Formen ihre Charaktere
-in ihrer Heimath-Gegend lange Zeit beharrlich behauptet haben, lang
-genug um sie für gute und ächte Species zu halten. Praktisch genommen
-pflegt ein Naturforscher, welcher zwei Formen durch Zwischenglieder
-mit einander verbinden kann, die eine als eine Varietät der anderen
-gewöhnlichern oder zuerst beschriebenen zu behandeln. Zuweilen treten
-aber sehr schwierige Fälle, die ich hier nicht aufzählen will, bei
-Entscheidung der Frage ein, ob eine Form als Varietät der anderen
-anzusehen seye oder nicht, sogar wenn beide durch Zwischenglieder
-enge miteinander verkettet sind; auch die gewöhnliche Annahme, dass
-diese Zwischenglieder Bastarde seyen, will nicht immer genügen um
-die Schwierigkeit zu beseitigen. In sehr vielen Fällen jedoch wird
-eine Form als eine Varietät der andern erklärt, nicht weil die
-Zwischenglieder wirklich gefunden worden, sondern weil Analogie den
-Beobachter verleitet anzunehmen, entweder dass sie noch irgendwo
-vorhanden sind, oder dass sie früher vorhanden gewesen sind; und damit
-ist dann Zweifeln und Vermuthungen eine weite Thüre geöffnet.
-
-Wenn es sich daher um die Frage handelt, ob eine Form als Art oder als
-Varietät zu bestimmen seye, scheint die Meinung der Naturforscher von
-gesundem Urtheil und reicher Erfahrung der einzige Führer zu bleiben.
-Gleichwohl können wir in vielen Fällen uns nur auf eine Majorität der
-Meinungen berufen; denn es lassen sich nur wenige wohl-bezeichnete und
-wohl-bekannte Varietäten namhaft machen, die nicht schon bei wenigstens
-einem oder dem anderen sachkundigen Richter als Species gegolten hätte.
-
-Dass Varietäten von so zweifelhafter Natur keinesweges selten
-seyen, kann nicht in Abrede gestellt werden. Man vergleiche die von
-verschiedenen Botanikern geschriebenen Floren von _Grossbritannien_,
-_Frankreich_ oder den _Vereinten Staaten_ mit einander und sehe, was
-für eine erstaunliche Anzahl von Formen von dem einen Naturforscher als
-gute Arten und von dem andern als blosse Varietäten angesehen werden.
-Herr ~H. C. Watson~, welchem ich zur innigsten Erkenntlichkeit für
-Unterstützung aller Art verbunden bin, hat mir 182 _Britische_ Pflanzen
-bezeichnet, welche gewöhnlich als Varietäten eingereiht werden, aber
-auch schon alle von Botanikern für Arten erklärt worden sind; dabei
-hat er noch manche leichtere aber auch schon von einem oder dem
-anderen Botaniker als Art aufgenommene Varietät übergangen und einige
-sehr polymorphe Sippen gänzlich ausser Acht gelassen. Unter Sippen,
-welche die am meisten polymorphen Formen enthalten, führt ~Babington~
-251, ~Bentham~ dagegen nur 112 Arten auf, ein Unterschied von 139
-zweifelhaften Formen! Unter den Thieren, welche sich zu jeder Paarung
-vereinigen und sehr ortwechselnd sind, können dergleichen zweifelhafte
-zwischen Art und Varietät schwankende Formen nicht so leicht in einer
-Gegend beisammen vorkommen, sind aber in getrennten Gebieten nicht
-selten. Wie viele dieser _Nordamerikanischen_ und _Europäischen_
-Insekten und Vögel sind von dem einen ausgezeichneten Naturforscher als
-unzweifelhafte Art und von dem anderen als Varietät oder sogenannte
-klimatische Rasse bezeichnet worden! Als ich vor vielen Jahren die
-Vögel von den einzelnen Inseln der _Galapagos_-Gruppe mit einander
-verglich und Andre sie vergleichen sah, war ich sehr darüber erstaunt,
-wie gänzlich schwankend und willkürlich der Unterschied zwischen Art
-und Varietät ist. Auf den Inselchen der kleinen _Madeira_-Gruppe
-kommen viele Insekten vor, welche in ~Wollastons~ bewundernswürdigem
-Werke als Varietäten charakterisirt sind, die aber ohne allen Zweifel
-von vielen Entomologen als besondre Arten aufgestellt werden würden.
-Selbst _Irland_ besitzt einige wenige jetzt allgemein als Varietäten
-angesehene Thiere, die aber von einigen Naturforschern für Arten
-erklärt worden sind. Einige sehr erfahrene Ornithologen betrachten
-unser _Britisches_ Rothhuhn (Lagopus) nur als eine scharf bezeichnete
-Rasse der _Norwegischen_ Art, während die meisten solche für eine
-unzweifelhaft eigenthümliche Art _Grossbritanniens_ erklären. Eine
-weite Entfernung zwischen der Heimath zweier zweifelhaften Formen
-bestimmt viele Naturforscher dieselben für zwei Arten zu erklären;
-aber nun fragt es sich, welche Entfernung dazu genüge? Wenn die
-zwischen _Europa_ und _Amerika_ gross genug ist, kann dann auch jene
-zwischen erstem Kontinente und den _Azoren_ oder _Madeira_ oder den
-_Canarischen_ Inseln oder _Irland_ genügen? Nur wenige Naturforscher
-läugnen alle Varietäten-Bildung bei den Thieren; dann sind sie aber
-genöthigt den geringsten Verschiedenheiten den Werth selbstständiger
-Arten beizulegen; und wenn nun dieselbe Form identisch in zwei
-verschiedenen Gegenden oder in zwei verschiedenen geologischen
-Formationen gefunden wird, gehen sie so weit zu behaupten, dass zwei
-Arten im nämlichen Gewande stecken. Endlich kann nicht in Zweifel
-gezogen werden, dass viele von hoch-befähigten Richtern als Varietäten
-betrachtete Formen so vollkommen den Charakter von Arten besitzen, dass
-sie von andern hoch-befähigten Beurtheilern für gute ächte Species
-erklärt werden. Aber es ist vergebene Arbeit die Frage zu erörtern, ob
-es Arten oder Varietäten seyen, so lange noch keine Definition von dem
-Begriffe dieser zwei Ausdrücke allgemein angenommen ist.
-
-Viele dieser stark ausgeprägten Varietäten oder zweifelhaften Arten
-verdienten wohl eine nähere Beachtung, weil man vielerlei interessante
-Beweis-Mittel aus ihrer geographischen Verbreitung, analogen
-Variationen, Bastard-Bildungen u. s. w. herbeigeholt hat, um die ihnen
-gebührende Rangstufe festzustellen. Ich will hier nur ein Beispiel
-anführen, das von den zwei Formen der Schlüsselblumen, Primula veris
-und Pr. elatior. Diese zwei Pflanzen weichen bedeutend im Aussehen
-von einander ab; jede hat einen anderen Geruch und Geschmack; sie
-blühen zu etwas verschiedener Zeit und wachsen an etwas verschiedenen
-Standorten; sie gehen an Bergen bis in verschiedene Höhen hinauf und
-haben eine verschiedene geographische Verbreitung; endlich lassen
-sie sich nach den vielen in den letzten Jahren von einem äusserst
-sorgfältigen Beobachter, ~Gärtner~, angestellten Versuchen nur sehr
-schwierig mit einander kreutzen. Man kann also schwerlich bessre
-Beweise dafür wünschen, dass beide Formen verschiedene Arten bilden.
-Auf der andern Seite aber werden sie durch zahlreiche Zwischenglieder
-mit einander verkettet, und es ist zweifelhaft, ob Solches Bastarde
-sind; darin liegt aber ein überwiegender Grad von Experimental-Beweis
-dafür, dass sie von gemeinsamen Ältern abstammen und mithin nur als
-Varietäten zu betrachten sind. Ich muss jedoch erklären, dass nach
-meinen neueren Beobachtungen über die Geschlechts-Verhältnisse der
-lang- und kurz-griffeligen Formen dieser Sippe und nach andern noch
-nicht beendigten Versuchen Primula vulgaris und Primula veris zwei gute
-und ganz verschiedene Arten seyn dürften.
-
-Sorgfältige Forschung wird in den meisten Fällen die Naturforscher
-zur Verständigung darüber bringen, wofür die zweifelhaften Formen zu
-halten sind. Doch müssen wir bekennen, dass es gerade in den am besten
-bekannten Gegenden die meisten zweifelhaften Formen gibt. Ich war
-über die Thatsache erstaunt, dass von solchen Thieren und Pflanzen,
-welche dem Menschen in ihrem Natur-Zustande sehr nützlich sind oder aus
-irgend einer anderen Ursache seine besondre Aufmerksamkeit erregen,
-fast überall Varietäten angeführt werden. Diese Varietäten werden
-jedoch oft von einem oder dem andern Autor als Arten bezeichnet. Wie
-sorgfältig ist die gemeine Eiche studirt worden! Nun macht aber ein
-_Deutscher_ Autor über ein Dutzend Arten aus den Formen, welche bis
-jetzt stets als Varietäten angesehen wurden; und in diesem Lande können
-unter den höchsten botanischen Gewährsmännern und vorzüglichsten
-Praktikern welche sowohl zu Gunsten der Meinung, dass die Trauben- und
-die Stiel-Eiche gut unterschiedene Arten seyen, wie auch andre für die
-gegentheilige Ansicht nachgewiesen werden.
-
-Wenn ein junger Naturforscher eine ihm ganz unbekannte Gruppe von
-Organismen zu studiren beginnt, so macht ihn anfangs die Frage
-verwirrt, was für Unterschiede die Arten bezeichnen, und welche von
-ihnen nur Varietäten angehören; denn er weiss noch nichts von der Art
-und der Grösse der Abänderungen, deren die Gruppe fähig ist; und Diess
-beweiset eben wieder, wie allgemein wenigstens einige Variation ist.
-Wenn er aber seine Aufmerksamkeit auf eine Klasse in einer Gegend
-beschränkt, so wird er bald darüber im Klaren seyn, wofür er diese
-zweifelhaften Formen anzuschlagen habe. Er wird im Allgemeinen geneigt
-seyn, viele Arten zu machen, weil ihn, so wie die vorhin erwähnten
-Tauben- oder Hühner-Freunde, das Maas der Abänderung in den seither
-von ihm studirten Formen betroffen macht, und weil er noch wenig
-allgemeine Kenntniss von analoger Abänderung in andern Gruppen und
-andern Gegenden zur Berichtigung jener zuerst empfangenen Eindrücke
-besitzt. Dehnt er nun den Kreis seiner Beobachtung weiter aus, so wird
-er noch auf andre Schwierigkeiten stossen; er wird einer grossen Anzahl
-nahe verwandter Formen begegnen. Erweitern sich seine Erfahrungen noch
-mehr, so wird er endlich in seinem eignen Kopfe darüber einig werden,
-was Varietät und was Spezies zu nennen seye; aber er wird zu diesem
-Ziele nur gelangen, indem er viel Veränderlichkeit zugibt, und er wird
-die Richtigkeit seiner Annahme von andern Naturforschern oft in Zweifel
-gezogen sehen. Wenn er nun überdiess verwandte Formen aus andern nicht
-unmittelbar angrenzenden Ländern zu studiren Gelegenheit erhält, in
-welchem Falle er kaum hoffen darf die Mittelglieder zwischen diesen
-zweifelhaften Formen zu finden, so wird er sich fast ganz auf Analogie
-verlassen müssen, und seine Schwierigkeiten werden sich bedeutend
-steigern.
-
-Eine bestimmte Grenzlinie ist bis jetzt sicherlich nicht gezogen
-worden, weder zwischen Arten und Unterarten, d. i. solchen Formen,
-welche nach der Meinung einiger Naturforscher den Rang einer Spezies
-nahezu aber doch nicht gänzlich erreichen, noch zwischen Unterarten
-und ausgezeichneten Varietäten, noch endlich zwischen den geringeren
-Varietäten und individuellen Verschiedenheiten. Diese Verschiedenheiten
-greifen, in eine Reihe geordnet, unmerklich in einander, und die Reihe
-weckt die Vorstellung von einem wirklichen Übergang.
-
-Daher werden die individuellen Abweichungen, welche für den
-Systematiker nur wenig Werth haben, für uns von grosser Wichtigkeit,
-weil sie die erste Stufe zu denjenigen geringeren Varietäten bilden,
-welche man in naturgeschichtlichen Werken der Erwähnung werth zu
-halten pflegt. Ich sehe ferner diejenigen Abänderungen, welche etwas
-erheblicher und beständiger sind, als die nächste Stufe an, welche uns
-zu den mehr auffälligen und bleibenderen Varietäten führt, wie uns
-diese zu den Subspezies und endlich Spezies leiten. Der Übergang von
-einer dieser Stufen in die andre nächst-höhere mag in einigen Fällen
-lediglich von der lang-währenden Einwirkung verschiedener natürlicher
-Bedingungen in zwei verschiedenen Gegenden herrühren; doch habe ich
-nicht viel Vertrauen zu dieser Ansicht und schreibe den Übergang von
-einer leichten Abänderung zu einer wesentlicher verschiedenen Varietät
-der Wirkung der Natürlichen Züchtung mittelst Anhäufung individueller
-Abweichungen der Struktur in gewisser steter Richtung zu, wie nachher
-näher auseinandergesetzt werden soll. Ich glaube daher, dass man eine
-gut ausgeprägte Varietät mit Recht eine beginnende Spezies nennen
-kann; ob sich aber dieser Glaube rechtfertigen lasse, muss aus dem
-allgemeinen Gewichte der in diesem Werke beigebrachten Thatsachen und
-Ansichten ermessen werden.
-
-Es ist nicht nöthig zu unterstellen, dass alle Varietäten oder
-beginnenden Spezies sich wirklich zum Range einer Art erheben.
-Sie können in diesem Beginnungs-Zustande wieder erlöschen; oder
-sie können als solche Varietäten lange Zeiträume durchlaufen, wie
-~Wollaston~ von den Varietäten gewisser Landschnecken-Arten auf
-_Madeira_ gezeigt[9]. Gedeihet eine Varietät derartig, dass sie
-die älterliche Spezies in Zahl übertrifft, so sieht man sie für die
-Art und die Art für die Varietät an; sie kann die älterliche Art aber
-allmählich auch ganz ersetzen und überleben; oder endlich beide können
-wie unabhängige Arten neben einander fortbestehen. Doch, wir werden
-nachher auf diesen Gegenstand zurückkommen.
-
-Aus diesen Bemerkungen geht hervor, dass ich den Kunstausdruck
-„Species“ als einen nur willkürlich und der Bequemlichkeit halber
-auf eine Reihe von einander sehr ähnlichen Individuen angewendeten
-betrachte, und dass er von dem Kunstausdrucke „Varietät“ nicht
-wesentlich, sondern nur insofern verschieden ist, als dieser auf minder
-abweichende und noch mehr schwankende Formen Anwendung findet. Und
-eben so ist die Unterscheidung zwischen „Varietät“ und „individueller
-Abänderung“ nur eine Sache der Willkür und Bequemlichkeit.
-
-Durch theoretische Betrachtungen geleitet habe ich geglaubt, dass
-sich einige interessante Ergebnisse in Bezug auf die Natur und die
-Beziehungen der am meisten variirenden Arten darbieten würden, wenn man
-alle Varietäten aus verschiedenen wohl-bearbeiteten Floren tabellarisch
-zusammenstellte. Anfangs schien mir Diess eine einfache Sache zu seyn.
-Aber Herr ~H. C. Watson~, dem ich für seine werthvollen Dienste
-und Hilfe in dieser Beziehung sehr dankbar bin, überzeugte mich bald,
-dass Diess mit vielen Schwierigkeiten verknüpft seye, was späterhin Dr.
-~Hooker~ in noch bestimmterer Weise bestätigte. Ich behalte mir
-daher für mein künftiges Werk die Erörterung dieser Schwierigkeiten und
-die Tabellen über die Zahlen-Verhältnisse der variirenden Spezies vor.
-Dr. ~Hooker~ erlaubt mir noch beizufügen, dass, nachdem er meine
-handschriftlichen Aufzeichnungen und Tabellen sorgfältig durchgelesen,
-er die folgenden Feststellungen für vollkommen wohl begründet halte.
-Der ganze Gegenstand aber, welcher hier nothwendig nur sehr kurz
-abgehandelt werden muss, ist ziemlich verwickelt, zumal Bezugnahmen auf
-das „Ringen um Existenz“ auf die „Divergenz des Charakters“ und andre
-erst später zu erörternde Fragen nicht vermieden werden können.
-
-~Alphons DeCandolle~ u. a. Botaniker haben gezeigt, dass solche
-Pflanzen, die sehr weit ausgedehnte Verbreitungs-Bezirke besitzen,
-gewöhnlich auch Varietäten darbieten, wie sich ohnediess schon erwarten
-lässt, weil sie verschiedenen physikalischen Einflüssen ausgesetzt sind
-und mit anderen Gruppen von Organismen in Mitbewerbung kommen, was, wie
-sich nachher ergeben soll, von noch viel grösserer Wichtigkeit ist.
-Meine Tabellen zeigen aber ferner, dass auch in einem beschränkten
-Gebiete die gemeinsten, d. h. die in den zahlreichsten Individuen
-vorkommenden Arten und jene, welche innerhalb ihrer eignen Gegend am
-meisten verbreitet sind (was von „weiter Verbreitung“ und in gewisser
-Weise von „Gemeinseyn“ wohl zu unterscheiden), oft zur Entstehung
-von hinreichend bezeichneten Varietäten Veranlassung geben, um sie
-in botanischen Werken aufgezählt zu finden. Es sind mithin die am
-üppigsten gedeihenden oder, wie man sie nennen kann, dominirenden
-Arten, nämlich die am weitesten über die Erd-Oberfläche ausgedehnten,
-die in ihrer eignen Gegend am allgemeinst verbreiteten, es sind die
-an Individuen reichsten Arten, welche am öftesten wohl ausgeprägte
-Varietäten oder, wie man sie nennen möchte, Beginnende Spezies
-liefern. Und Diess ist vielleicht vorauszusehen gewesen; denn so wie
-Varietäten, um einigermaassen stet zu werden, nothwendig mit andern
-Bewohnern der Gegend zu kämpfen haben, so werden auch die bereits
-herrschend gewordenen Arten am meisten geeignet seyn Nachkommen zu
-liefern, welche, mit einigen leichten Veränderungen, diejenigen Vorzüge
-noch weiter zu vererben im Stande sind, wodurch ihre Ältern über ihre
-Landesgenossen das Übergewicht errungen haben. Bei diesen Bemerkungen
-über das Übergewicht ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie sich nur
-auf diejenigen Formen beziehen, welche zu andern und namentlich zu
-Gliedern derselben Sippe oder Klasse mit ganz ähnlicher Lebensweise im
-Verhältnisse der Mitbewerbung stehen.
-
-Hinsichtlich der Gemeinheit oder der Individuen-Zahl einer Art
-erstreckt sich daher die Vergleichung nur auf Glieder der nämlichen
-Gruppe. Man mag eine Pflanze eine herrschende nennen, wenn sie an
-Individuen reicher und weiter verbreitet als die andern unter nahezu
-ähnlichen Verhältnissen lebenden Pflanzen der nämlichen Gegend ist.
-Eine solche Pflanze wird in dem hier gebrauchten Sinne darum nicht
-weniger eine herrschende seyn, weil etwa eine Konferve des Wassers oder
-ein schmarotzender Pilz unendlich viel zahlreicher an Individuen und
-noch weiter verbreitet ist als sie. Wenn aber eine Konferve oder ein
-Schmarotzer-Pilz seine Verwandten in den oben genannten Beziehungen
-übertrifft, dann ist es eine herrschende Form unter den Pflanzen ihrer
-eignen Klasse.
-
-Wenn man die eine Gegend bewohnenden und in einer Flora derselben
-beschriebenen Pflanzen in zwei gleiche Haufen theilt, wovon der
-eine alle Arten aus grossen, und der andre alle aus kleinen Sippen
-enthält, so wird man eine etwas grössere Anzahl sehr gemeiner und sehr
-verbreiteter oder herrschender Arten auf Seiten der grossen Sippen
-finden. Auch Diess hat vorausgesehen werden können; denn schon die
-einfache Thatsache, dass viele Arten einer und der nämlichen Sippe eine
-Gegend bewohnen, zeigt etwas in der organischen oder unorganischen
-Beschaffenheit der Gegend für die Sippe Günstiges an, daher man
-erwarten durfte, in den grösseren oder viele Arten enthaltenden
-Sippen auch eine verhältnissmässig grosse Anzahl herrschender Arten
-zu finden. Aber es gibt so viele Ursachen, welche dieses Ergebniss zu
-verhüllen streben, dass ich erstaunt bin, in meinen Tabellen doch noch
-ein kleines Übergewicht auf Seiten der grossen Sippen zu finden. Ich
-will hier nur zwei Ursachen dieser Verhüllungen anführen. Süsswasser-
-und Salz-Pflanzen haben gewöhnlich weit ausgedehnte Bezirke und eine
-starke Verbreitung; Diess scheint aber mit der Natur ihrer Standorte
-zusammenzuhängen und hat wenig oder gar keine Beziehung zu dem
-Arten-Reichthum der Sippen, wozu sie gehören. Ebenso sind Pflanzen von
-unvollkommenen Organisations-Stufen gewöhnlich viel weiter als die hoch
-organisirten verbreitet, und auch hier besteht keine nahe Beziehung
-zur Grösse der Sippen. Die Ursache dieser letzten Erscheinung soll in
-unseren Kapiteln über die geographische Verbreitung erörtert werden.
-
-Indem ich die Arten nur als stark ausgeprägte und wohl umschriebene
-Varietäten betrachtete, war ich im Stande vorauszusagen, dass die
-Arten der grösseren Sippen einer Gegend öfter, als die der kleineren,
-Varietäten darbieten würden; denn wo immer sich viele einander nahe
-verwandte Arten (die der grösseren Sippen) gebildet haben, werden sich
-im Allgemeinen auch viele Varietäten derselben oder beginnende Arten
-zu bilden geneigt seyn, -- wie da, wo viele grosse Bäume wachsen, man
-viele junge Bäumchen aufkommen zu sehen erwarten darf. Wo viele Arten
-einer Sippe durch Variation entstanden sind, da sind die Umstände
-günstig für Variation gewesen und möchte man mithin auch erwarten,
-sie noch jetzt günstig zu finden. Wenn wir dagegen jede Art als einen
-besonderen Akt der Schöpfung betrachten, so ist kein Grund einzusehen,
-wesshalb verhältnissmässig mehr Varietäten in einer Arten-reichen
-Gruppe als in einer solchen mit wenigen Arten vorkommen sollten.
-
-Um die Richtigkeit dieser Voraussagung zu beweisen, habe ich die
-Pflanzen-Arten in zwölf verschiedenen Ländern und die Käfer-Arten in
-zwei verschiedenen Gebieten in je zwei einander fast gleiche Haufen
-getheilt, die Arten der grossen Sippen auf der einen und die der
-kleinen auf der andern Seite, und es hat sich beharrlich überall
-dasselbe Ergebniss gezeigt, dass eine verhältnissmässig grössre Anzahl
-von Arten bei den grossen Sippen Varietäten haben als bei den kleinen.
-Überdiess bieten die Arten der grossen Sippen, welche überhaupt
-Varietäten haben, eine verhältnissmässig grössere Varietäten-Zahl dar,
-als die der kleineren. Zu diesen beiden Ergebnissen gelangt man auch,
-wenn man die Eintheilung anders macht und alle Sippen mit nur 1-4
-Arten ganz aus den Tabellen ausschliesst. Diese Thatsachen sind von
-klarer Bedeutung für die Ansicht, dass Arten nur streng ausgeprägte
-und bleibende Varietäten sind; denn wo immer viele Arten in einerlei
-Sippe gebildet worden sind oder wo, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die
-Arten-Fabrikation thätig betrieben worden ist, müssen wir gewöhnlich
-diese Fabrikation noch in Thätigkeit finden, zumal wir alle Ursache
-haben zu glauben, dass das Fabrikations-Verfahren ein sehr langsames
-seye. Und Diess ist sicherlich der Fall, wenn Varietäten als beginnende
-Arten zu betrachten; denn meine Tabellen zeigen deutlich ganz
-allgemein, dass, wo immer viele Arten einer Sippe gebildet worden sind,
-diese Arten eine den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten
-oder beginnenden neuen Arten enthalten. Damit soll nicht gesagt
-werden, dass alle grossen Sippen jetzt sehr variiren und in Vermehrung
-ihrer Arten-Zahl begriffen sind, oder dass keine kleine Sippe jetzt
-Varietäten bilde und wachse; denn dieser Fall wäre sehr verderblich für
-meine Theorie, zumal uns die Geologie klar beweiset, dass kleine Sippen
-im Laufe der Zeit oft sehr gross geworden, und dass grosse Sippen,
-nachdem sie ihr Maximum erreicht, wieder zurückgesunken und endlich
-verschwunden sind. Alles, was hier zu beweisen nöthig ist, beschränkt
-sich darauf, dass da, wo viele Arten in einer Sippe gebildet worden,
-auch noch jetzt durchschnittlich viele in Bildung begriffen sind; und
-Diess ist nachgewiesen.
-
-Es gibt aber noch andere beachtenswerthe Beziehungen zwischen den
-Arten grosser Sippen und den angeführt werdenden Varietäten derselben.
-Wir haben gesehen, dass es kein untrügliches Unterscheidungs-Merkmal
-zwischen Arten und stark ausgeprägten Varietäten gibt; und in jenen
-Fällen, wo Mittelglieder zwischen zweifelhaften Formen noch nicht
-gefunden worden, sind die Naturforscher genöthigt, ihre Bestimmung
-von der Grösse der Verschiedenheiten zwischen zwei Formen abhängig
-zu machen, indem sie nach der Analogie urtheilen, ob deren Betrag
-genüge, um nur eine oder alle beide zum Range von Arten zu erheben.
-Der Betrag der Verschiedenheit ist mithin ein sehr wichtiges Merkmal
-bei der Bestimmung, ob zwei Formen für Arten oder für Varietäten
-gelten sollen. Nun haben ~Fries~ in Bezug auf die Pflanzen und
-~Westwood~ hinsichtlich der Insekten die Bemerkung gemacht, dass
-in grossen Sippen der Grad der Verschiedenheit zwischen den Arten oft
-ausserordentlich klein ist. Ich habe Diess in Zahlen-Durchschnitten
-zu prüfen gesucht und, so weit meine noch unvollkommenen Ergebnisse
-reichen, bestätigt gefunden. Ich habe mich desshalb auch bei einigen
-genauen und erfahrenen Beobachtern befragt und nach Auseinandersetzung
-der Sache gefunden, dass sie in derselben übereinstimmen. In dieser
-Hinsicht gleichen demnach die Arten der grossen Sippen den Varietäten
-mehr, als die Arten der kleinen. Nun kann man die Sache aber auch
-anders ausdrücken und sagen, dass in den grösseren Sippen, wo eine
-den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten oder beginnenden
-Species noch jetzt fabricirt worden, viele der bereits fertigen Arten
-doch bis zu einem gewissen Grade Varietäten gleichen, insofern sie
-durch einen weniger als gewöhnlich grosses Maass von Verschiedenheit
-von einander getrennt werden.
-
-Überdiess stehen die Arten grosser Sippen in derselben Beziehung, wie
-die Varietäten einer Art zu einander. Kein Naturforscher glaubt, dass
-alle Arten einer Sippe in gleichem Grade von einander verschieden sind;
-sie werden daher gewöhnlich noch in Subgenera, in Sectionen oder noch
-untergeordnetere Gruppen getheilt. Wie ~Fries~ bemerkt, sind
-diese kleinen Arten-Gruppen gewöhnlich wie Satelliten um gewisse andere
-Arten geschaart. Und was sind Varietäten anders als Formen-Gruppen von
-ungleicher wechselseitiger Verwandtschaft um gewisse Formen versammelt,
-um die Stamm-Arten nämlich? Unzweifelhaft ist ein grössrer Unterschied
-zwischen Arten als zwischen Varietäten, insbesondre ist der Betrag der
-Verschiedenheit der Varietäten von einander oder von ihren Stamm-Arten
-kleiner, als der zwischen den Arten derselben Sippe. Wenn wir aber
-zur Erörterung des Princips, wie ich es nenne, der „Divergenz des
-Charakters“ kommen, so werden wir sehen, wie Diess zu erklären, und wie
-die geringeren Verschiedenheiten zwischen Varietäten erwachsen zu den
-grösseren Verschiedenheiten zwischen den Arten.
-
-Es gibt da noch einen andern Punkt, welcher mir der Beachtung werth
-scheint. Varietäten haben gewöhnlich eine beschränktere Verbreitung,
-was schon aus dem Vorigen folgt; denn wäre eine Varietät weiter
-verbreitet, als ihre angebliche Stamm-Art, so müsste deren Bezeichnung
-umgekehrt werden. Es ist aber auch Grund vorhanden zu glauben, dass
-diejenigen Arten, welche sehr nahe mit anderen Arten verwandt sind
-und insoferne Varietäten gleichen, oft engre Verbreitungs-Grenzen
-haben. So hat mir z. B. Herr ~H. C. Watson~ in dem wohlgesichteten
-Londoner Pflanzen-Katalog (vierte Ausgabe) 63 Pflanzen bemerkt,
-welche als Arten darin aufgeführt sind, die er aber für so nahe mit
-anderen Arten verwandt hält, dass ihr Rang zweifelhaft wird. Diese
-63 gering-werthigen Arten verbreiten sich im Mittel über 6,9 der
-Provinzen, in welche ~Watson~ _Grossbritannien_ eingetheilt hat. Nun
-sind im nämlichen Kataloge auch 53 anerkannte Varietäten aufgezählt,
-und diese erstrecken sich über 7,7 Provinzen, während die Arten, wozu
-diese Varietäten gehören, sich über 14,3 Provinzen ausdehnen. Daher
-denn die anerkannten Varietäten eine beinahe eben so beschränkte
-mittle Verbreitung besitzen, als jene nahe verwandten Formen, welche
-~Watson~ als zweifelhafte Arten bezeichnet hat, die aber von Britischen
-Botanikern gewöhnlich für gute und ächte Arten genommen werden. Endlich
-haben dann Varietäten auch die nämlichen allgemeinen Charaktere, wie
-Species; denn sie können von Arten nicht unterschieden werden, ausser,
-erstens, durch die Entdeckung von Mittelgliedern, und das Vorkommen
-solcher Glieder kann den wirklichen Charakter der Formen, welche sie
-verketten, nicht berühren, -- und ausser, zweitens, durch ein gewisses
-Maass von Verschiedenheit, indem zwei Formen, welche nur sehr wenig
-von einander abweichen, allgemein nur als Varietäten angesehen werden,
-wenn auch verbindende Mittelglieder noch nicht entdeckt worden sind;
-aber dieser Betrag von Verschiedenheit, welcher zur Erhebung zweier
-Formen zum Arten-Rang nöthig, ist ganz unbestimmt. In Sippen, welche
-mehr als die mittle Arten-Zahl in einer Gegend haben, zeigen die Arten
-auch mehr als die Mittelzahl von Varietäten. In grossen Sippen lassen
-sich die Arten nahe, aber in ungleichem Grade, mit einander verbinden
-zu kleinen um gewisse Arten geordneten Gruppen. Sehr nahe mit einander
-verwandte Arten sind von offenbar beschränkter Verbreitung. In all
-diesen verschiedenen Beziehungen zeigen die Arten grosser Sippen eine
-strenge Analogie mit Varietäten. Und man kann diese Analogie’n klar
-begreifen, wenn Arten einstens nur Varietäten gewesen und aus diesen
-hervorgegangen sind; wogegen diese Analogie’n ganz unverständlich seyn
-würden, wenn jede Species von den andern unabhängig erschaffen worden
-wäre.
-
-Wir haben nun gesehen, dass es die am besten gedeihende und herrschende
-Species der grösseren Sippen in jeder Klasse ist, die im Durchschnitte
-genommen am meisten variirt; und Varietäten haben, wie wir hernach
-finden werden, Neigung in neue und unterschiedene Arten überzugehen.
-Dadurch neigen auch die grossen Sippen zur Vergrösserung, und in
-der ganzen Natur streben die Lebens-Formen, welche jetzt herrschend
-sind, noch immer mehr herrschend zu werden durch Hinterlassung vieler
-abgeänderter und herrschender Abkömmlinge. Aber durch nachher zu
-erläuternde Abstufungen streben auch die grösseren Sippen immer mehr in
-kleine auseinander zu treten. Und so werden die Lebensformen auf der
-ganzen Erde in Gruppen und Untergruppen weiter abgetheilt.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Der Kampf um’s Daseyn.
-
- Stützt sich auf natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern Sinne
- gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter
- Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine
- Mitbewerbung. Wirkungen des Klimas. Schutz durch die Zahl der
- Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in
- der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und
- Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung
- von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen.
-
-
-Ehe wir auf den Gegenstand dieses Kapitels eingehen, muss ich einige
-Bemerkungen voraussenden, um zu zeigen, wie das Ringen um das Daseyn
-sich auf natürliche Züchtung stütze. Es ist im letzten Kapitel
-nachgewiesen worden, dass die Organismen im Natur-Zustande eine
-individuelle Variabilität besitzen, und ich wüsste in der That nicht,
-dass Diess je bestritten worden wäre. Es ist für uns unwesentlich,
-ob eine Menge von zweifelhaften Formen Art, Unterart oder Varietät
-genannt werde; welchen Rang z. B. die 200-300 zweifelhaften Formen
-_Britischer_ Pflanzen einzunehmen berechtigt sind, wenn die
-Existenz ausgeprägter Varietäten zulässig ist. Aber das blosse Daseyn
-einer individuellen Veränderlichkeit und einiger wohl-bezeichneter
-Varietäten, wenn auch nothwendig zu Begründung dieses Werkes, hilft
-uns nicht viel, um zu begreifen, wie Arten in der Natur entstehen.
-Wie sind alle diese vortrefflichen Anpassungen von einem Theile der
-Organisation an den andern und an die äusseren Lebensbedingungen, und
-von einem organischen Wesen an ein anderes bewirkt worden? Wir sehen
-diese schöne Anpassung am klarsten bei dem Specht und der Mistelpflanze
-und nur wenig minder deutlich am niedersten Parasiten, welcher sich an
-das Haar eines Säugthieres oder die Federn eines Vogels anklammert; am
-Bau des Käfers, welcher ins Wasser untertaucht; am befiederten Saamen,
-der vom leichtesten Lüftchen getragen wird; kurz wir sehen schöne
-Anpassungen überall und in jedem Theile der organischen Welt.
-
-Dagegen kann man fragen, wie kommt es, dass die Varietäten, die ich
-beginnende Species genannt habe, sich zuletzt in gute und abweichende
-Species verwandeln, welche meistens unter sich viel mehr, als die
-Varietäten der nämlichen Art verschieden sind? Wie entstehen diese
-Gruppen von Arten, welche als verschiedene Genera bezeichnet werden und
-mehr als die Arten dieser Genera von einander abweichen? Alle diese
-Wirkungen erfolgen unvermeidlich, wie wir im nächsten Abschnitte sehen
-werden, aus dem Ringen um’s Daseyn. In diesem Wettkampfe wird jede
-Abänderung, wie gering und auf welche Weise immer sie entstanden seyn
-mag, wenn sie nur einigermassen vortheilhaft für das Individuum einer
-Species ist, in dessen unendlich verwickelten Beziehungen zu anderen
-Wesen und zur äusseren Natur mehr zur Erhaltung dieses Individuums
-mitwirken und sich gewöhnlich auf dessen Nachkommen übertragen.
-Ebenso wird der Nachkömmling mehr Aussicht haben, die vielen anderen
-Einzelwesen dieser Art, welche von Zeit zu Zeit geboren werden, von
-denen aber nur eine kleinere Zahl am Leben bleibt, zu überdauern.
-Ich habe dieses Princip, wodurch jede solche geringe, wenn nützliche
-Abänderung erhalten wird, mit dem Namen „Natürliche Züchtung“ belegt,
-um dessen Beziehung zur Züchtung des Menschen zu bezeichnen. Wir
-haben gesehen, dass der Mensch durch Auswahl zum Zwecke der Nachzucht
-grosse Erfolge sicher zu erzielen und organische Wesen seinen eigenen
-Bedürfnissen anzupassen im Stande ist durch die Häufung kleiner aber
-nützlicher Abweichungen, die ihm durch die Hand der Natur dargeboten
-werden. Aber die Natürliche Auswahl ist, wie wir nachher sehen
-werden, unaufhörlich thätig und des Menschen schwachen Bemühungen so
-unvergleichbar überlegen, wie es die Werke der Natur überhaupt denen
-der Kunst sind.
-
-Wir wollen nun den Kampf um’s Daseyn etwas mehr ins Einzelne erörtern.
-In meinem späteren Werke über diesen Gegenstand soll er, wie er
-es verdient, in grösserem Umfang besprochen werden. Der ältere
-~DeCandolle~ und ~Lyell~ haben reichlich und in philosophischer
-Weise nachgewiesen, dass alle organischen Wesen im Verhältnisse der
-Mitbewerbung zu einander stehen. In Bezug auf die Pflanzen hat Niemand
-diesen Gegenstand mit mehr Geist und Geschicklichkeit behandelt als
-~W. Herbert~, der Dechant von _Manchester_, offenbar in Folge seiner
-ausgezeichneten Gartenbau-Kenntnisse. Nichts ist leichter als in Worten
-die Wahrheit des allgemeinen Wettkampfes um’s Daseyn zuzugestehen, und
-nichts schwerer, als -- wie ich wenigstens gefunden habe -- dieselbe
-im Sinne zu behalten. Und bevor wir solche nicht dem Geiste fest
-eingeprägt, bin ich überzeugt, dass wir den ganzen Haushalt der Natur,
-die Vertheilungs-Weise, die Seltenheit und den Überfluss, das Erlöschen
-und Abändern in derselben nur dunkel oder ganz unrichtig begreifen
-werden. Wir sehen die Natur äusserlich in Heiterkeit strahlen, wir
-sehen bloss Überfluss an Nahrung; aber wir sehen nicht oder vergessen,
-dass die Vögel, welche um uns her sorglos ihren Gesang erschallen
-lassen, meistens von Insekten oder Saamen leben und mithin beständig
-Leben vertilgen; oder wir vergessen, wie viele dieser Sänger oder ihrer
-Eier oder ihrer Nestlinge unaufhörlich von Raubvögeln u. a. Feinden
-zerstört werden; wir behalten nicht immer im Sinne, dass, wenn auch das
-Futter jetzt im Überfluss vorhanden, Diess doch nicht zu allen Zeiten
-im Umlaufe des Jahres der Fall ist.
-
-Ich will voraussenden, dass ich den Ausdruck „Ringen um’s Daseyn“ in
-einem weiten und metaphorischen Sinne gebrauche, in sich begreifend
-die Abhängigkeit der Wesen von einander und, was wichtiger ist,
-nicht allein das Leben des Individuums, sondern auch die Sicherung
-seiner Nachkommenschaft. Man kann mit Recht sagen, dass zwei Hunde
-in Zeiten des Mangels um Nahrung und Leben miteinander kämpfen. Aber
-man kann auch sagen, eine Pflanze ringe am Rande der Wüste um ihr
-Daseyn mit der Trockniss, obwohl es angemessener wäre zu sagen, sie
-seye von Feuchtigkeit abhängig. Von einer Pflanze, welche alljährlich
-tausend Saamen erzeugt, unter welchen im Durchschnitte nur einer zur
-Entwicklung kommt, kann man noch richtiger sagen, sie ringe um’s Daseyn
-mit andern Pflanzen derselben oder anderer Arten, welche bereits den
-Boden bekleiden. Die Mistel ist abhängig vom Apfelbaum und einigen
-anderen Baum-Arten; doch kann man nur in einem weit-ausholenden
-Sinne sagen, sie ringe mit diesen Bäumen; denn wenn zu viele dieser
-Schmarotzer auf demselben Stamme wachsen, so wird er verkümmern und
-sterben. Wachsen aber mehre Sämlinge derselben dicht auf einem Aste
-beisammen, so kann man in Wahrheit sagen, sie ringen miteinander. Da
-die Saamen der Mistel von Vögeln ausgestreut werden, so hängt ihr
-Daseyn mit von dem der Vögel ab und man kann metaphorisch sagen, sie
-ringen mit andern Beeren-tragenden Pflanzen, damit die Vögel eher ihre
-Früchte verzehren und ihre Saamen ausstreuen, als die der andern. In
-diesen mancherlei Bedeutungen, welche ineinander übergehen, gebrauche
-ich der Bequemlichkeit halber den Ausdruck „um’s Daseyn ringen“.
-
-Ein Kampf um’s Daseyn folgt unvermeidlich aus der Neigung aller
-Organismen, sich in starkem Verhältnisse zu vermehren. Jedes Wesen,
-das während seiner natürlichen Lebenszeit mehre Eier oder Saamen
-hervorbringt, muss während einer Periode seines Lebens oder zu gewisser
-Jahreszeit oder in einem zufälligen Jahre Zerstörung erfahren;
-sonst würde seine Zahl in geometrischer Progression rasch zu so
-ausserordentlicher Grösse anwachsen, dass keine Gegend das Erzeugniss
-zu ernähren im Stande wäre. Wenn daher mehr Individuen erzeugt werden,
-als möglicher Weise fortbestehen können, so muss jedenfalls ein Kampf
-um das Daseyn entstehen, entweder zwischen den Individuen einer Art
-oder zwischen denen verschiedener Arten, oder zwischen ihnen und den
-äusseren Lebens-Bedingungen. Es ist die Lehre von ~Malthus~,
-in verstärkter Kraft übertragen auf das gesammte Thier- und
-Pflanzen-Reich; denn in diesem Falle ist keine künstliche Vermehrung
-der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Enthaltung vom Heirathen
-möglich. Obwohl daher einige Arten jetzt in mehr oder weniger rascher
-Zunahme begriffen seyn mögen: alle können es nicht zugleich, denn die
-Welt würde sie nicht fassen.
-
-Es gibt keine Ausnahme von der Regel, dass jedes organische Wesen sich
-auf natürliche Weise in dem Grade vermehre, dass, wenn es nicht durch
-Zerstörung litte, die Erde bald von der Nachkommenschaft eines einzigen
-Paares bedeckt seyn würde. Selbst der Mensch, welcher sich doch nur
-langsam vermehrt, verdoppelt seine Anzahl in fünfundzwanzig Jahren,
-und bei so fortschreitender Vervielfältigung würde die Welt schon nach
-einigen Tausend Jahren keinen Raum mehr für seine Nachkommenschaft
-haben. ~Linné~ hat berechnet, dass, wenn eine einjährige Pflanze
-nur zwei Saamen erzeugte (und es gibt keine Pflanze, die so wenig
-produktiv wäre) und ihre Sämlinge gäben im nächsten Jahre wieder zwei
-u. s. w., sie in zwanzig Jahren schon eine Million Pflanzen liefern
-würde. Man sieht den Elephanten als das sich am langsamsten vermehrende
-von allen bekannten Thieren an. Ich habe das wahrscheinliche Minimum
-seiner natürlichen Vermehrung zu berechnen gesucht, unter der
-Voraussetzung, dass seine Fortpflanzung erst mit dreissig Jahren
-beginne und bis zum neunzigsten Jahre währe, und dass er in dieser
-Zeit nur drei Paar Junge zur Welt bringe. In diesem Falle würden nach
-fünfhundert Jahren schon fünfzehn Millionen Elephanten von dem ersten
-Paare vorhanden seyn.
-
-Doch wir haben bessre Belege für diese Sache, als bloss theoretische
-Berechnungen, namentlich in den oft berichteten Fällen von erstaunlich
-rascher Vermehrung verschiedener Thier-Arten im Natur-Zustande, wenn
-die natürlichen Bedingungen zwei oder drei Jahre lang dafür günstig
-gewesen sind. Noch schlagender sind die von unseren in verschiedenen
-Weltgegenden verwilderten Hausthier-Arten hergenommenen Beweise, so
-dass, wenn die Behauptungen von der Zunahme der sich doch nur langsam
-vermehrenden Rinder und Pferde in _Süd-Amerika_ und neuerlich in
-_Australien_ nicht sehr wohl bestätigt wären, sie ganz unglaublich
-erscheinen müssten. Eben so ist es mit den Pflanzen. Es lassen sich
-Fälle von eingeführten Pflanzen aufzählen, welche auf ganzen Inseln
-gemein geworden sind in weniger als zehn Jahren. Einige der Pflanzen,
-welche jetzt in solcher Zahl über die weiten Ebenen von _la Plata_
-verbreitet sind, dass sie alle anderen Pflanzen daselbst ausschliessen,
-sind aus _Europa_ eingebracht worden; und eben so gibt es, wie
-ich von Dr. ~Falconer~ gehört, in _Ostindien_ Pflanzen,
-welche jetzt vom _Cap Comorin_ bis zum _Himalaya_ reichen
-und seit der Entdeckung von _Amerika_ von dorther eingeführt
-worden sind. In Fällen dieser Art, von welchen endlose Beispiele
-angeführt werden könnten, wird Niemand unterstellen, dass die
-Fruchtbarkeit solcher Pflanzen und Thiere plötzlich und zeitweise in
-einem bemerklichen Grade zugenommen habe. Die handgreifliche Erklärung
-ist, dass die äussern Lebens-Bedingungen sehr günstig, dass in dessen
-Folge die Zerstörung von Jung und Alt geringer und mithin fast alle
-Abkömmlinge im Stande gewesen sind, sich fortzupflanzen. In solchen
-Fällen genügt schon das geometrische Verhältniss der Zahlen-Vermehrung,
-dessen Resultat nie verfehlt Erstaunen zu erregen, um einfach das
-ausserordentliche Wachsthum und die weite Verbreitung eingeführter
-Natur-Produkte in ihrer neuen Heimath zu erklären. Im Natur-Zustande
-bringen fast alle Pflanzen jährlich Saamen hervor, und unter den
-Thieren sind nur sehr wenige, die sich nicht jährlich paarten. Wir
-können daher mit Sicherheit behaupten, dass alle Pflanzen und Thiere
-sich in geometrischem Verhältnisse vermehren, dass sie jede zu ihrer
-Ansiedelung geeignete Gegend sehr rasch zu bevölkern im Stande seyen,
-und dass das Streben zur geometrischen Vermehrung zu irgend einer Zeit
-ihres Lebens beschränkt werden muss. Unsre genauere Bekanntschaft mit
-den grösseren Hausthieren könnte zwar unsre Meinung in dieser Beziehung
-irre leiten, da wir keine grosse Störung unter ihnen eintreten
-sehen; aber wir vergessen, dass Tausende jährlich zu unsrer Nahrung
-geschlachtet werden, und dass im Natur-Zustande wohl eben so viele
-irgendwie beseitigt werden würden.
-
-Der einzige Unterschied zwischen den Organismen, welche jährlich
-Tausende von Eiern oder Saamen hervorbringen, und jenen welche deren
-nur sehr wenige liefern, besteht darin, dass diese unter günstigen
-Verhältnissen ein paar Jahre länger als jene zur Bevölkerung eines
-Bezirks nöthig haben, seye derselbe auch noch so gross. Der Condor
-legt zwei Eier und der Strauss deren zwanzig, und doch dürfte in
-einer und derselben Gegend der Condor leicht der häufigere von beiden
-werden. Der Eis-Sturm-Vogel (Procellaria glacialis) legt nur ein Ei,
-und doch glaubt man er seye der zahlreichste Vogel in der Welt. Die
-eine Fliege legt hundert Eier und die andre wie z. B. Hippobosca deren
-nur eines; Diess bedingt aber nicht die Menge der Individuen, die in
-einem Bezirk ihren Unterhalt finden können. Eine grosse Anzahl von
-Eiern ist von einiger Wichtigkeit für eine Art, deren Futter-Vorräthe
-raschen Schwankungen unterworfen sind; denn diese muss ihre Vermehrung
-in kurzer Frist bewirken. Aber wesentliche Wichtigkeit erlangt eine
-grosse Zahl von Eiern oder Saamen der Grösse der Zerstörung gegenüber,
-welche zu irgend einer Lebenszeit erfolgt, und diese Zeit des Lebens
-ist in der grossen Mehrheit der Fälle eine sehr frühe. Kann ein Thier
-in irgend einer Weise seine eigenen Eier und Junge schützen, so wird es
-deren eine geringere Anzahl erzeugen und diese ganze durchschnittliche
-Anzahl aufbringen; werden aber viele Eier oder Junge zerstört, so
-müssen deren viele erzeugt werden, wenn die Art nicht untergehen soll.
-Wird eine Baum-Art durchschnittlich tausend Jahre alt, so würde es
-zur Erhaltung ihrer vollen Anzahl genügen, wenn sie in tausend Jahren
-nur einen Saamen hervorbrächte, vorausgesetzt, dass dieser eine nie
-zerstört würde und auf einen sicheren für die Keimung geeigneten
-Platz gelangen könnte. So hängt in allen Fällen die mittle Anzahl von
-Individuen einer Pflanzen- oder Thier-Art nur indirekt von der Zahl der
-Saamen oder Eier ab, die sie liefert.
-
-Bei Betrachtung der Natur ist es nöthig, diese Ergebnisse immer
-im Sinne zu behalten und nie zu vergessen, dass man von jedem
-einzelnen Organismus unsrer Umgebung sagen kann, er strebe nach
-der äussersten Vermehrung seiner Anzahl, dass aber jeder in irgend
-einem Zeit-Abschnitte seines Lebens in einem Kampfe mit feindlichen
-Bedingungen begriffen seye, und dass grosse Zerstörung unvermeidlich
-über Jung oder Alt ergehe in jeder Generation oder in wiederkehrenden
-Perioden. Wird irgend ein Hinderniss beseitigt oder die Zerstörung noch
-so wenig gemindert, so wird in der Regel augenblicklich die Zahl der
-Individuen stärker anwachsen.
-
-Was für Hindernisse es sind, welche das natürliche Streben jeder
-Art nach Vermehrung ihrer Anzahl beschränken, ist meistens unklar.
-Betrachtet man die am kräftigsten gedeihenden Arten, so wird man finden
-dass, je grösser ihre Zahl wird, desto mehr ihr Streben nach weitrer
-Vermehrung zunimmt. Wir wissen nicht einmal in einem einzelnen Falle
-genau, welches die Hindernisse der Vermehrung sind. Diess wird jedoch
-niemanden in Verwunderung setzen, der sich erinnert, wie unwissend wir
-in dieser Beziehung bei dem Menschen selbst sind, welcher doch ohne
-Vergleich besser bekannt ist als irgend eine andre Thier-Art. Doch ist
-dieser Gegenstand von mehren Schriftstellern vortrefflich erörtert
-worden; ich werde in meinem späteren Werke über mehre der Hindernisse
-mit einiger Ausführlichkeit handeln und insbesondre auf die Raubthiere
-_Südamerika’s_ etwas näher eingehen. Hier mögen nur einige wenige
-Bemerkungen Raum finden, nur um dem Leser einige Hauptpunkte ins
-Gedächtniss zu rufen. Eier und ganz junge Thiere scheinen am meisten
-zu leiden, doch ist Diess nicht ganz ohne Ausnahme. Den Pflanzen wird
-zwar eine gewaltige Menge von Saamen zerstört; aber nach einigen
-Beobachtungen scheint es mir, als litten die Sämlinge am meisten, wenn
-sie auf einem schon mit andern Pflanzen dicht bestockten Boden wachsen.
-Auch die Sämlinge werden noch in grosser Menge durch verschiedene
-Feinde vernichtet. So beobachtete ich auf einer locker umgegrabenen
-Boden-Fläche von 3′ Länge und 2′ Breite 357 Sämlinge unsrer
-verschiedenen Holz-Arten, wovon nicht weniger als 295 hauptsächlich
-durch Schnecken und Insekten zerstört wurden. Wenn man einen Rasen, der
-lang abgemähet wurde (und der Fall wird der nämliche bleiben, wenn er
-durch Säugthiere kurz abgeweidet worden), wachsen lässt, so werden die
-kräftigeren Pflanzen allmählich die minder kräftigen wenn auch voll
-ausgewachsenen tödten; und in einem solchen Falle hat man von zwanzig
-auf einem nur 3′ auf 4′ grossen Fleck beisammen wachsenden Arten neun
-zwischen den anderen nun üppiger aufwachsenden zu Grunde gehen sehen.
-
-Die für eine jede Art vorhandene Nahrungs-Menge bestimmt die äusserste
-Grenze, bis zu welcher sie sich vermehren kann; aber in vielen Fällen
-wird die Vermehrung einer Thier-Art schon weit unter dieser Grenze
-dadurch gehemmt, dass sie selbst wieder einer andern zur Beute wird.
-Es scheint daher wenig Zweifel unterworfen zu seyn, dass der Bestand
-an Feld- und Hasel-Hühnern, Hasen u. s. w. grossentheils hauptsächlich
-von der Zerstörung der kleinen Raubthiere abhängig ist. Wenn in
-_England_ in den nächsten zwanzig Jahren kein Stück Wildpret
-geschossen, aber auch keine solche Raubthiere zerstört würden, so würde
-nach aller Wahrscheinlichkeit der Wild-Stand nachher geringer seyn als
-jetzt, obwohl jetzt Hunderte und Tausende von Stücken Wildes erlegt
-werden. Anderseits gibt es aber auch einige Fälle wo, wie bei Elephant
-und Nashorn, eine Zerstörung durch Raubthiere gar nicht stattfindet,
-und selbst der Indische Tiger wagt es nur sehr selten einen jungen von
-seiner Mutter geschützten Elephanten anzugreifen.
-
-Das Klima hat ferner einen wesentlichen Antheil an Bestimmung der
-durchschnittlichen Individuen-Zahl einer Art, und ich glaube dass ein
-periodischer Eintritt von äusserst kalter oder trockener Jahreszeit zu
-den wirksamsten aller Hemmnisse gehört. Ich schätze hauptsächlich nach
-der geringen Anzahl von Nestern im nachfolgenden Frühling, dass der
-Winter _1854-55_ auf meinen eigenen Jagd-Gründen vier Fünftheile
-aller Vögel zerstört hat; und Diess ist eine furchtbare Zerstörung,
-wenn wir berücksichtigen, dass bei dem Menschen eine durch Seuchen
-verursachte Sterblichkeit von 10 Prozent schon ganz ausserordentlich
-stark ist. Die Wirkung des Klimas scheint beim ersten Anblick ganz
-unabhängig von dem Kampfe um die Existenz zu seyn; wenn aber das Klima
-hauptsächlich die Nahrung vermindert, veranlasst es den heftigsten
-Kampf zwischen den Einzelwesen, seye es nur einer oder seye es
-verschiedener Arten, welche von derselben Nahrung leben. Selbst wenn
-ein, z. B. äusserst kaltes, Klima unmittelbar wirkt, sind es die
-mindest kräftigen oder diejenigen Individuen, die beim vorrückenden
-Winter am wenigsten Futter bekommen haben, welche am meisten leiden.
-Wenn wir von Süden nach Norden oder aus einer feuchten in eine trockene
-Gegend wandern, werden wir stets einige Arten immer seltener und
-seltener werden und zuletzt gänzlich verschwinden sehen; und da der
-Wechsel des Klima’s zu Tage liegt, so werden wir am ehesten versucht
-seyn den ganzen Erfolg seiner direkten Einwirkung zuzuschreiben.
-Und doch ist Diess eine falsche Ansicht; wir vergessen dabei, dass
-jede Art selbst da, wo sie am häufigsten ist, in irgend einer Zeit
-ihres Lebens durch Feinde oder durch Mitbewerber um ihre Nahrung oder
-ihre Wohnstelle ungeheure Zerstörung erfährt; und wenn diese Feinde
-oder Mitbewerber nur im Mindesten durch irgend einen Wechsel des
-Klima’s begünstigt werden, so wachsen sie an Zahl, und da jede Fläche
-bereits vollständig mit Bewohnern besetzt ist, so muss die andre Art
-zurückweichen. Wenn wir auf dem Wege nach Süden eine Art in Abnahme
-begriffen sehen, so fühlen wir gewiss, dass die Ursache mehr in anderen
-begünstigten Arten liegt, als in dieser einen benachtheiligten. Eben
-so, wenn wir nordwärts gehen, obgleich in einem etwas geringeren Grade,
-weil die Zahl aller Arten und somit aller Mitbewerber gegen Norden hin
-abnimmt. Daher kömmt es, dass, wenn wir nach Norden oder einen Berg
-hinauf gehen, wir weit öfters verkümmerten Formen begegnen, welche
-von +unmittelbar+ schädlichen Einflüssen des Klima’s herrühren,
-als wenn wir nach Süden oder bergab gehen. Erreichen wir endlich die
-arktischen Regionen oder die Schnee-bedeckten Berg-Spitzen oder
-vollkommene Wüsten, so findet das Ringen ums Daseyn hauptsächlich gegen
-die Elemente statt.
-
-Dass die Wirkung des Klima’s vorzugsweise eine indirekte und durch
-Begünstigung andrer Arten vermittelt seye, ergibt sich klar aus der
-wunderbar grossen Menge solcher Pflanzen in unseren Gärten, welche
-zwar vollkommen im Stande sind unser Klima zu ertragen, aber niemals
-naturalisirt werden können, weil sie weder den Wettkampf mit anderen
-Pflanzen aushalten noch der Zerstörung durch unsere einheimischen
-Thiere widerstehen können.
-
-Wenn sich eine Art durch sehr günstige Umstände auf einem kleinen
-Raume zu ausserordentlicher Anzahl vermehrt, so sind Seuchen (so ist
-es wenigstens bei unseren Hausthieren gewöhnlich der Fall) oft die
-Folge davon, und hier haben wir ein vom Ringen ums Daseyn unabhängiges
-Hemmniss. Doch scheint wenigstens ein Theil dieser sogenannten
-Epidemien von parasitischen Würmern herzurühren, welche durch irgend
-eine Ursache und vielleicht durch die Leichtigkeit der Verbreitung
-zwischen gekreuzten Rassen unverhältnissmässig begünstigt worden sind,
-und so fände hier gewissermaassen ein Ringen zwischen den Würmern und
-ihren Nährthieren statt.
-
-Andrerseits ist in vielen Fällen wieder ein grosser Bestand von
-Individuen derselben Art unumgänglich für ihre Erhaltung nöthig. Man
-kann daher leicht Getreide, Repssaat u. s. w. in Masse auf unseren
-Feldern erziehen, weil hier deren Saamen in grossem Übermaasse
-gegenüber den Vögeln vorhanden sind, welche davon leben; und doch
-können diese Vögel, wenn sie auch mehr als nöthig Futter in der einen
-Jahreszeit haben, nicht im Verhältniss zur Menge dieses Futters
-zunehmen, weil die ganze Anzahl im Winter nicht ihr Fortkommen fände.
-Dagegen weiss jeder, der es versucht hat, Saamen aus Weitzen oder
-andern solchen Pflanzen im Garten zu erziehen, wie mühesam Diess
-ist. Ich habe in solchen Fällen jedes Saamenkorn verloren. Diese
-Anschauungsweise von der Nothwendigkeit eines grossen Bestandes einer
-Art für ihre Erhaltung erklärt, wie mir scheint, einige eigenthümliche
-Fälle in der Natur, wie z. B. dass sehr seltene Pflanzen zuweilen
-sehr zahlreich auf einem kleinen Fleck beisammen vorkommen; und dass
-manche gesellige Pflanzen gesellig oder in grosser Zahl beisammen
-selbst auf der äussersten Grenze ihres Verbreitungs-Bezirkes gefunden
-werden. In solchen Verhältnissen kann man glauben, eine Pflanzen-Art
-vermöge nur da zu bestehen, wo die Lebens-Bedingungen so günstig
-sind, dass ihrer viele beisammen leben und so einander vor äusserster
-Zerstörung bewahren können. Ich möchte hinzufügen, dass die guten
-Folgen einer häufigen Kreutzung und die schlimmen einer reinen Inzucht
-wahrscheinlich in einigen dieser Fälle mit in Betracht kommen; doch
-will ich mich über diesen verwickelten Gegenstand hier nicht weiter
-verbreiten.
-
-Man berichtet viele Beispiele, aus denen sich ergibt, wie
-zusammengesetzt und wie unerwartet die gegenseitigen Beschränkungen
-und Beziehungen zwischen organischen Wesen sind, die in einerlei
-Gegend mit einander zu ringen haben. Ich will nur ein solches
-Beispiel anführen, das, wenn auch einfach, mich angesprochen hat.
-In _Staffordshire_ auf einem Gute, über dessen Verhältnisse
-nachzuforschen ich in günstiger Lage war, befand sich eine grosse
-äusserst unfruchtbare Haide, die nie von eines Menschen Hand berührt
-worden. Doch waren einige Hundert Acker derselben von genau gleicher
-Beschaffenheit mit dem Übrigen fünfundzwanzig Jahre zuvor eingezäunt
-und mit der _Schottischen_ Kiefer bepflanzt worden. Die
-Veränderung in der ursprünglichen Vegetation des bepflanzten Theiles
-war äusserst merkwürdig, mehr als man gewöhnlich wahrnimmt, wenn man
-auf einen ganz verschiedenen Boden übergeht. Nicht allein erschienen
-die Zahlen-Verhältnisse zwischen den Haide-Pflanzen gänzlich verändert,
-sondern es blüheten auch in der Pflanzung noch zwölf solche Arten,
-Ried- u. a. Gräser ungerechnet, von welchen auf der Haide nichts zu
-finden war. Die Wirkung auf die Kerbthiere muss noch viel grösser
-gewesen seyn, da in der Pflanzung sechs Species Insekten-fressender
-Vögel sehr gemein waren, von welchen in der Haide nichts zu sehen
-gewesen, welche dagegen von zwei bis drei andren Arten derselben
-besucht wurde. Wir bemerken hier, wie mächtig die Folgen der Einführung
-einer einzelnen Baum-Art gewesen, indem durchaus nichts sonst geschehen
-war, ausser der Abhaltung des Wildes durch die Einfriedigung. Was für
-ein wichtiges Element aber die Einfriedigung seye, habe ich deutlich zu
-_Farnham_ in _Surrey_ erkannt. Hier waren ausgedehnte Haiden
-mit ein paar Gruppen alter _Schottischer_ Kiefern auf den Rücken
-der entfernteren Hügel; in den letzten 10 Jahren waren ansehnliche
-Strecken eingefriedigt worden, und innerhalb dieser Einfriedigungen
-schoss in Folge von Selbstbesaamung eine Menge junger Kiefern auf,
-so dicht beisammen, dass nicht alle fortleben können. Nachdem ich
-erfahren, dass diese jungen Stämmchen nicht absichtlich gesäet oder
-gepflanzt worden, war ich um so mehr erstaunt über deren Anzahl, als
-ich mich sofort nach mehren Seiten wandte, um Hunderte von Acres der
-nicht eingefriedigten Haide zu untersuchen, wo ich jedoch ausser den
-gepflanzten alten Gruppen buchstäblich genommen auch nicht eine Kiefer
-zu finden vermochte. Da ich mich jedoch genauer zwischen den Stämmen
-der freien Haide umsah, fand ich eine Menge Sämlinge und kleiner
-Bäumchen, welche aber fortwährend von den Rinder-Heerden abgeweidet
-worden waren. Auf einem eine Elle im Quadrat messenden Fleck mehre
-Hundert Schritte von den alten Baum-Gruppen entfernt zählte ich 32
-solcher abgeweideten Bäumchen, wovon eines nach der Zahl seiner
-Jahres-Ringe zu schliessen 26 Jahre lang gehindert worden war sich über
-die Haide-Pflanzen zu erheben und dann zu Grunde gegangen ist. Kein
-Wunder also, dass, sobald das Land eingefriedigt worden, es dicht von
-kräftigen jungen Kiefern überzogen wurde. Und doch war die Haide so
-äusserst unfruchtbar und so ausgedehnt, dass niemand geglaubt hätte,
-dass das Rindvieh hier so dicht und so erfolgreich nach Futter gesucht
-habe.
-
-Wir sehen hier das Vorkommen der _Schottischen_ Kiefer in Abhängigkeit
-vom Rinde; in andern Weltgegenden ist es von gewissen Insekten
-abhängig. Vielleicht bietet _Paraguay_ das merkwürdigste Beispiel
-dar; denn hier sind niemals Rinder, Pferde oder Hunde verwildert,
-obwohl sie im Süden und Norden davon in verwildertem Zustande
-umherschwärmen. ~Azara~ und ~Rengger~ haben gezeigt, dass die Ursache
-dieser Erscheinung in _Paraguay_ in dem häufigeren Vorkommen einer
-gewissen Fliege zu finden seye, welche ihre Eier in den Nabel der
-neu-geborenen Jungen dieser Thier-Arten legt. Die Vermehrung dieser
-Fliege muss gewöhnlich durch irgend ein Gegengewicht und vermuthlich
-durch Vögel gehindert werden. Wenn daher gewisse Insekten-fressende
-Vögel, deren Zahl wieder durch Raubvögel und Fleisch-Fresser geregelt
-werden mag, in _Paraguay_ zunähme, so würden sich die Fliegen
-vermindern und Rind und Pferd verwildern, was dann wieder (wie ich
-in einigen Theilen _Südamerika’s_ wirklich beobachtet habe) eine
-bedeutende Veränderung in der Pflanzen-Welt veranlassen würde. Diess
-müsste nun in hohem Grade auf die Insekten und hiedurch, wie wir in
-_Staffordshire_ gesehen, auf die Insekten-fressenden Vögel wirken, und
-so fort in immer und verwickelteren Kreisen. Wir haben diese Belege
-mit Insekten-fressenden Vögeln begonnen und endigen damit. Doch sind
-in der Natur die Verhältnisse nicht immer so einfach, wie hier. Kampf
-um Kampf mit veränderlichem Erfolge muss immer wiederkehren; aber in
-die Länge halten die Kräfte einander so genau das Gleichgewicht, dass
-die Natur auf weite Perioden hinaus immer ein gleiches Aussehen behält,
-obwohl gewiss oft die unbedeutendste Kleinigkeit genügen würde, einem
-organischen Wesen den Sieg über das andre zu verleihen. Demungeachtet
-ist unsre Unwissenheit so gross, dass wir uns verwundern, wenn wir
-von dem Erlöschen eines organischen Wesens vernehmen; und da wir die
-Ursache nicht sehen, so rufen wir Umwälzungen zu Hilfe um die Welt zu
-verwüsten, oder erfinden Gesetze über die Dauer der Lebenformen.
-
-Ich bin versucht durch ein weitres Beispiel nachzuweisen, wie
-solche Pflanzen und Thiere, welche auf der Stufenleiter der Natur
-am weitesten von einander entfernt stehen, durch ein Gewebe von
-verwickelten Beziehungen mit einander verkettet werden. Ich werde
-nachher Gelegenheit haben zu zeigen, dass die ausländische Lobelia
-fulgens in diesem Theile von _England_ niemals von Insekten
-besucht wird und daher nach ihrem eigenthümlichen Blüthen-Bau nie eine
-Frucht ansetzen kann. Viele unsrer Orchideen-Pflanzen müssen unbedingt
-von Motten besucht werden, um ihre Pollen-Massen wegzunehmen und sie
-zu befruchten. Ich habe durch Versuche ermittelt, dass Hummeln zur
-Befruchtung der Jelängerjelieber (Viola tricolor) unentbehrlich sind,
-indem andre Bienen sich nie auf dieser Blume einfinden. Eben so habe
-ich gefunden, dass der Besuch der Bienen zur Befruchtung von mehren
-unsrer Klee-Arten nothwendig seye. So lieferten mir hundert Stöcke
-weissen Klee’s (Trifolium repens) 2290 Saamen, während 20 andre
-Pflanzen dieser Art, welche den Bienen unzugänglich gemacht waren,
-nicht einen Saamen zur Entwicklung brachten. Und eben so ergaben
-hundert Stöcke rothen Klee’s (Trifolium pratense) 2700 Saamen, und
-die gleiche Anzahl gegen Bienen geschützter Stöcke nicht einen!
-Hummeln besuchen allein diesen rothen Klee, indem andre Bienen-Arten
-den Nektar dieser Blume nicht erreichen können. Auch von Motten hat
-man unterstellt, dass sie zur Befruchtung des Klee’s beitragen; ich
-zweifle aber wenigstens daran, dass Diess mit dem rothen Klee der
-Fall ist, indem sie nicht schwer genug sind, um die Seiten-Blätter
-der Blumenkrone niederzudrücken, daher man wohl annehmen darf, dass
-wenn die ganze Sippe der Hummeln in _England_ sehr selten oder
-ganz vertilgt würde, auch Jelängerjelieber und rother Klee sehr selten
-werden oder ganz verschwinden müssten. Die Zahl der Hummeln steht
-grossentheils in einem entgegengesetzten Verhältnisse zu der der
-Feldmäuse in derselben Gegend, welche deren Nester und Waben aufsuchen.
-Herr ~H. Newman~, welcher die Lebens-Weise der Hummeln lange
-beobachtet, glaubt dass über zwei Drittel derselben durch ganz
-_England_ zerstört werden. Nun findet aber, wie Jedermann weiss,
-die Zahl der Mäuse ein grosses Gegengewicht in der der Katzen, so dass
-~Newman~ sagt, in der Nähe von Dörfern und Flecken habe er die
-Zahl der Hummel-Nester am grössten gefunden, was er der reichlicheren
-Zerstörung der Mäuse durch die Katzen zuschreibe. Daher ist es denn
-wohl glaublich, dass die reichliche Anwesenheit eines Katzen-artigen
-Thieres in irgend einem Bezirke durch Vermittelung von Mäusen und
-Bienen auf die Menge gewisser Pflanzen daselbst von Einfluss seyn kann!
-
-Bei jeder Species kommen wahrscheinlich verschiedene Arten Gegengewicht
-in Betracht, solche die in verschiedenen Perioden des Lebens, und
-solche die während verschiedener Jahres-Zeiten wirken. Eines oder
-einige derselben mögen mächtiger als die andern seyn; aber alle
-zusammen bedingen die Durchschnitts-Zahl der Individuen oder selbst
-die Existenz der Art. In manchen Fällen lässt sich nachweisen, dass
-sehr verschiedene Gegengewichte in verschiedenen Gegenden auf eine
-Species einwirken. Wenn wir Büsche und Pflanzen betrachten, welche
-einen zerfallenen Wall überziehen, so sind wir geneigt, ihre Arten und
-deren Zahlen-Verhältnisse dem Zufalle zuzuschreiben. Doch wie falsch
-ist diese Ansicht! Jedermann hat gehört, dass, wenn in _Amerika_
-ein Wald niedergehauen wird, eine ganz verschiedene Pflanzenwelt zum
-Vorschein kommt, und doch ist beobachtet worden, dass die Bäume,
-welche jetzt auf den alten Indianer-Wällen im Süden der _Vereinten
-Staaten_ wachsen, deren früherer Baum-Bestand abgetrieben worden,
-jetzt wieder eben dieselbe bunte Manchfaltigkeit und dasselbe
-Arten-Verhältniss wie die umgebenden jungfräulichen Haine darbieten.
-Welch ein Wettringen muss hier Jahrhunderte lang zwischen den
-verschiedenen Baum-Arten stattgefunden haben, deren jede ihre Saamen
-jährlich zu Tausenden abwirft! Was für ein Kampf zwischen Insekten und
-Insekten u. a. Gewürm mit Vögeln und Raubthieren, welche alle sich zu
-vermehren strebten, alle sich von einander oder von den Bäumen und
-ihren Saamen und Sämlingen, oder von jenen andern Pflanzen nährten,
-welche anfänglich den Grund überzogen und hiedurch das Aufkommen der
-Bäume gehindert hatten. Wirft man eine Hand voll Federn in die Lüfte,
-so müssen alle nach bestimmten Gesetzen zu Boden fallen; aber wie
-einfach ist das Problem, wohin eine jede fallen wird, in Vergleich zu
-der Wirkung und Rückwirkung der zahllosen Pflanzen und Thiere, die im
-Laufe von Jahrhunderten Arten und Zahlen-Verhältniss der Bäume bestimmt
-haben, welche jetzt auf den alten indianischen Ruinen wachsen!
-
-Abhängigkeit eines organischen Wesens von einem andern, wie die
-des Parasiten von seinem Ernährer, findet in der Regel zwischen
-solchen Wesen statt, welche auf der Stufenleiter der Natur weit
-auseinander sind. Diess ist oft bei solchen der Fall, von denen man
-ganz richtig sagen kann, sie kämpfen miteinander auch um ihr Daseyn,
-wie Gras-fressende Säugthiere und Heuschrecken. Aber der meistens
-ununterbrochen-fortdauernde Kampf wird der heftigste seyn, der zwischen
-den Einzelwesen einer Art stattfindet, welche dieselben Bezirke
-bewohnen, dasselbe Futter verlangen und denselben Gefahren ausgesetzt
-sind. Bei Varietäten der nämlichen Art wird der Kampf meistens eben
-so heftig seyn, und zuweilen sehen wir den Streit schon in kurzer Zeit
-entschieden. So werden z. B., wenn wir verschiedene Weitzen-Varietäten
-durcheinander säen, und ihren gemischten Saamen-Ertrag wieder säen,
-einige Varietäten, welche dem Klima und Boden am besten entsprechen
-oder von Natur die fruchtbarsten sind, die andern überbieten und, indem
-sie mehr Saamen liefern, schon nach wenigen Jahren gänzlich ersetzen.
-Um einen gemischten Stock von so äusserst nahe verwandten Varietäten
-aufzubringen, wie die verschieden-farbigen Zuckererbsen sind, muss man
-sie jedes Jahr gesondert ärndten und dann die Saamen im erforderlichen
-Verhältnisse jedesmal auf’s Neue mengen, wenn nicht die schwächeren
-Sorten von Jahr zu Jahr abnehmen und endlich ganz ausgehen sollen.
-
-So verhält es sich auch mit den Schaaf-Rassen. Man hat versichert, dass
-gewisse Gebirgs-Varietäten derselben unter andern Gebirgs-Varietäten
-aussterben, so dass sie nicht durch einander gehalten werden können. Zu
-demselben Ergebnisse ist man gelangt, als man versuchte, verschiedene
-Abänderungen des medizinischen Blutegels durcheinander zu halten.
-Und ebenso ist zu bezweifeln, dass die Varietäten von irgend einer
-unsrer Kultur-Pflanzen oder Hausthier-Arten so genau dieselbe Stärke,
-Gewohnheiten und Konstitution besitzen, dass sich die ursprünglichen
-Zahlen-Verhältnisse eines gemischten Bestandes derselben auch nur ein
-halbes Dutzend Generationen hindurch zu erhalten vermöchten, wenn sie
-wie die organischen Wesen im Natur-Zustande mit einander zu ringen
-veranlasst wären und der Saamen oder die Jungen nicht alljährlich
-sortirt würden.
-
-Da die Arten einer Sippe gewöhnlich, doch keineswegs immer, einige
-Ähnlichkeit mit einander in Gewohnheiten und Konstitution und immer
-in der Struktur besitzen, so wird der Kampf zwischen Arten einer
-Sippe, welche in Mitbewerbung mit einander gerathen, gewöhnlich ein
-härterer seyn, als zwischen Arten verschiedener Sippen. Wir sehen
-Diess an der neuerlichen Ausbreitung einer Schwalben-Art über einen
-Theil der _Vereinten Staaten_, wo sie die Abnahme einer andern
-Art veranlasst. Die Vermehrung der Misteldrossel in einigen Theilen
-von _Schottland_ hat daselbst die Abnahme der Singdrossel zur
-Folge gehabt. Wie oft hören wir, dass eine Ratten-Art den Platz einer
-andern eingenommen, in den verschiedensten Klimaten. In _Russland_
-hat die kleine asiatische Schabe (Blatta) ihren grösseren [?]
-Sippen-Genossen überall vor sich hergetrieben. Eine Art Ackersenf
-ist im Begriffe eine andre zu ersetzen. In _Australien_ ist die
-eingeführte Stock-Biene im Begriff die kleine einheimische Biene
-ohne Stachel rasch zu vertilgen u. s. w. Wir vermögen undeutlich zu
-erkennen, warum die Mitbewerbung zwischen den verwandtesten Formen am
-heftigsten ist, welche nahezu denselben Platz im Haushalte der Natur
-ausfüllen; aber wahrscheinlich werden wir in keinem einzigen Falle
-genauer anzugeben im Stande seyn, wie es zugegangen, dass in dem
-grossen Wettringen um das Daseyn die eine den Sieg über die andre davon
-getragen hat.
-
-Aus den vorangehenden Bemerkungen lässt sich als Folgesatz von grösster
-Wichtigkeit ableiten, dass die Struktur eines jeden organischen Wesens
-auf die innigste aber oft verborgene Weise mit der aller andern
-organischen Wesen zusammenhängt, mit welchen es in Mitbewerbung um
-Nahrung oder Wohnung in Beziehung steht, welche es zu vermeiden hat,
-und von welchen es lebt. -- Diess erhellt eben so deutlich im Baue
-der Zähne und der Klauen des Tigers, wie in der Bildung der Beine und
-Krallen des Parasiten, welcher an des Tigers Haaren hängt. Zwar an dem
-zierlich gefiederten Saamen des Löwenzahns wie an den abgeplatteten und
-gewimperten Beinen des Wasserkäfers scheint anfänglich die Beziehung
-nur auf das Luft- und Wasser-Element beschränkt. Aber der Vortheil des
-fiedergrannigen Löwenzahn-Saamens steht ohne Zweifel in der engsten
-Beziehung zu dem durch andre Pflanzen bereits dicht besetzten Lande,
-so dass er in der Luft erst weit umhertreiben muss, um auf einen noch
-freien Boden fallen zu können. Den Wasserkäfer dagegen befähigt die
-Bildung seiner Beine vortrefflich zum Untertauchen, wodurch er in den
-Stand gesetzt wird, mit anderen Wasser-Insekten in Mitbewerbung zu
-treten, indem er nach seiner eignen Beute jagt, und anderen Thieren zu
-entgehen, welche ihn zu ihrer Ernährung verfolgen.
-
-Der Vorrath von Nahrungs-Stoff, welcher in den Saamen vieler Pflanzen
-niedergelegt ist, scheint anfänglich keine Art von Beziehung zu
-anderen Pflanzen zu haben. Aber aus dem lebhaften Wachsthum der jungen
-Pflanzen, welche aus solchen Saamen (wie Erbsen, Bohnen u. s. w.)
-hervorgehen, wenn sie mitten in hohes Gras ausgestreut worden, vermuthe
-ich, dass jener Nahrungs-Vorrath hauptsächlich dazu bestimmt ist, das
-Wachsthum des jungen Sämlings zu beschleunigen, welcher mit andern
-Pflanzen von kräftigem Gedeihen rund um ihn her zu kämpfen hat.
-
-Warum verdoppelt oder vervierfacht eine Pflanze in der Mitte ihres
-Verbreitungs-Bezirkes nicht ihre Zahl? Wir wissen, dass sie recht gut
-etwas mehr oder weniger Hitze und Kälte, Trockne und Feuchtigkeit
-aushalten kann; denn anderwärts verbreitet sie sich in etwas wärmere
-oder kältere, feuchtere oder trockenere Bezirke. Wir sehen wohl ein,
-dass, wenn wir in Gedanken wünschten, der Pflanze das Vermögen noch
-weiterer Zunahme zu verleihen, wir ihr irgend einen Vortheil über
-die andern mit ihr werbenden Pflanzen oder über die sich von ihr
-nährenden Thiere gewähren müssten. An den Grenzen ihrer geographischen
-Verbreitung würde eine Veränderung ihrer Konstitution in Bezug auf
-das Klima offenbar von wesentlichem Vortheil für unsre Pflanze seyn.
-Wir haben jedoch Grund zu glauben, dass nur wenige Pflanzen- oder
-Thier-Arten sich so weit verbreiten, dass sie durch die Strenge des
-Klima’s allein zerstört werden. Nur wo wir die äussersten Grenzen des
-Lebens überhaupt erreichen, in den arktischen Regionen oder am Rande
-der dürresten Wüste, da hört auch die Mitbewerbung auf. Mag das Land
-noch so kalt oder trocken seyn, immer werden sich noch einige Arten
-oder noch die Individuen derselben Art um das wärmste oder feuchteste
-Fleckchen streiten.
-
-Daher sehen wir auch, dass, wenn eine Pflanzen- oder eine Thier-Art in
-eine neue Gegend zwischen neue Mitbewohner versetzt wird, die äusseren
-Lebens-Bedingungen meistens wesentlich andre sind, wenn auch das
-Klima genau dasselbe wie in der alten Heimath bliebe. Wünschten wir
-das durchschnittliche Zahlen-Verhältniss dieser Art in ihrer neuen
-Heimath zu steigern, so müssten wir ihre Natur in einer andern Weise
-modifiziren, als es hätte in ihrer alten Heimath geschehen müssen; denn
-sie bedarf eines Vortheils über eine andre Reihe von Mitbewerbern oder
-Feinden, als sie dort gehabt hat.
-
-Versuchten wir in unsrer Einbildungskraft, dieser oder jener Form einen
-Vortheil über eine andre zu verleihen, so wüssten wir wahrscheinlich
-in keinem einzigen Falle, was zu thun seye, um zu diesem Ziele zu
-gelangen. Wir würden die Überzeugung von unsrer Unwissenheit über die
-Wechselbeziehungen zwischen allen organischen Wesen gewinnen: einer
-Überzeugung, welche eben so nothwendig ist, als sie schwer zu erlangen
-scheint. Alles was wir thun können, ist: stets im Sinne behalten,
-dass jedes organische Wesen nach Zunahme in einem geometrischen
-Verhältnisse strebt; dass jedes zu irgend einer Zeit seines Lebens
-oder zu einer gewissen Jahreszeit, während seiner Fortpflanzung oder
-nach unregelmässigen Zwischenräumen grosse Zerstörung zu erleiden hat.
-Wenn wir über diesen Kampf um’s Daseyn nachdenken, so mögen wir uns
-selbst trösten mit dem vollen Glauben, dass der Krieg der Natur nicht
-ununterbrochen ist, dass keine Furcht gefühlt wird, dass der Tod im
-Allgemeinen schnell ist, und dass es der Kräftigere, der Gesundere und
-Geschicktere ist, welcher überlebt und sich vermehrt.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Natürliche Züchtung.
-
- Natürliche Auswahl zur Nachzucht; -- ihre Gewalt im Vergleich zu
- der des Menschen; -- ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer
- Wichtigkeit; -- ihre Gewalt in jedem Alter und über beide
- Geschlechter; -- Sexuelle Zuchtwahl. -- Über die Allgemeinheit
- der Kreutzung zwischen Individuen der nämlichen Art. -- Umstände
- günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung, insbesondere
- Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. -- Langsame Wirkung.
- Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. -- Divergenz des
- Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer
- kleinen Fläche und auf Naturalisation. -- Wirkung der Natürlichen
- Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Ältern durch Divergenz des
- Charakters und durch Unterdrückung. -- Erklärt die Gruppirung aller
- organischen Wesen. -- Fortschritt in der Organisation. -- Erhaltung
- unvollkommener Formen. -- Betrachtung der Einwände. -- Unbeschränkte
- Vermehrung der Arten. -- Zusammenfassung.
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-Wie mag wohl der Kampf um das Daseyn, welcher im letzten Kapitel
-allzukurz abgehandelt worden, in Bezug auf Variation wirken? Kann das
-Prinzip der Auswahl für die Nachzucht, welche in des Menschen Hand so
-viel leistet, in der Natur angewendet werden? Ich glaube, wir werden
-sehen, dass ihre Thätigkeit eine äusserst wirksame ist. Erwägen wir
-in Gedanken, mit welch’ endloser Anzahl neuer Eigenthümlichkeiten die
-Erzeugnisse unsrer Züchtung und, in minderem Grade, die der Natur
-variiren, und wie stark die Neigung zur Vererbung ist. Durch Zähmung
-und Kultivirung, kann man wohl sagen, wird die ganze Organisation
-in gewissem Grade bildsam. Aber die Veränderlichkeit, welche wir an
-unseren Kultur-Erzeugnissen fast allgemein antreffen, ist, wie ~Hooker~
-und ~Asa Gray~ richtig bemerkt haben, nicht direkt durch den Menschen
-herbeigeführt worden; er kann weder Varietäten entstehen machen, noch
-ihr Entstehen hindern; er kann nur die vorkommenden erhalten und
-vermehren. Absichtslos setzt er organische Wesen neuen verändernden
-Lebens-Bedingungen aus und die Abänderungen beginnen. Aber ähnliche
-Wechsel der Lebens-Bedingungen kommen auch in der Natur vor. Erwägen
-wir ferner, wie unendlich verwickelt und wie genau anschliessend die
-gegenseitigen Beziehungen aller organischen Wesen zu einander und zu
-den natürlichen Lebens-Bedingungen sind und wie unendlich vielfältige
-Abänderungen der Struktur mithin einem jeden Wesen unter wechselnden
-Lebens-Bedingungen nützlich seyn können. Kann man es denn bei Erwägung,
-wie viele für den Menschen nützliche Abänderungen unzweifelhaft
-vorkommen, für unwahrscheinlich halten, dass auch andre mehr und
-weniger einem jeden Wesen selbst in dem grossen und zusammengesetzten
-Kampfe um’s Leben diensame Abänderungen im Laufe von Tausenden von
-Generationen zuweilen vorkommen werden? Wenn solche aber vorkommen,
-bleibt dann noch zu bezweifeln, dass (da offenbar viel mehr Individuen
-geboren werden, als möglicher Weise fortleben können) diejenigen
-Einzelwesen, welche irgend einen wenn auch geringen Vortheil vor andern
-voraus besitzen, die meiste Wahrscheinlichkeit haben, die andern zu
-überdauern und wieder ihresgleichen hervorzubringen? Andrerseits
-werden wir gewiss fühlen, dass eine im geringsten Grade nachtheilige
-Abänderung in gleichem Verhältnisse mehr der Vertilgung ausgesetzt
-ist. Diese Erhaltung vortheilhafter und Zurücksetzung nachtheiliger
-Abänderungen ist es, was ich „Natürliche Auswahl oder Züchtung“
-nenne[10]. Abänderungen, welche weder vortheilhaft noch nachtheilig
-sind, werden von der Natürlichen Auswahl nicht berührt, und bleiben
-ein schwankendes Element, wie wir es vielleicht in den sogenannten
-polymorphen Arten sehen.
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-Einige Schriftsteller haben den Ausdruck „_Natural Selection_“
-missverstanden oder unpassend gefunden. Die einen haben sich
-vorgestellt, Natürliche Züchtung führe zur Veränderlichkeit, während
-sie doch nur die Erhaltung solcher Varietäten vermittelt, welche dem
-Organismus in seinen eigenthümlichen Lebens-Beziehungen von Nutzen
-sind. Niemand macht dem Landwirth einen Vorwurf daraus, dass er von den
-grossen Wirkungen der Züchtung auf den Menschen spricht, und in diesem
-Falle müssen die individuellen Eigenthümlichkeiten, welche die Auswahl
-des Menschen bestimmen, nothwendig zuerst von der Natur verliehen
-seyn. Andre haben eingewendet, dass der Ausdruck „_Selection_“
-ein Bewusstsein in den Thieren voraussetze, welche verändert werden,
--- und doch hätten die Pflanzen keinen Willen und seye der Ausdruck
-auf sie nicht anwendbar. Es unterliegt allerdings keinem Zweifel,
-dass buchstäblich genommen „_Natural Selection_“ ein falscher
-Ausdruck ist; wer hat aber je den Chemiker getadelt, wenn er von einer
-Wahlverwandtschaft unter seinen chemischen Elementen gesprochen? und
-doch kann man nicht sagen, dass eine Säure sich die Basis auswähle,
-mit der sie sich vorzugsweise verbinden wolle. Man hat gesagt ich
-spreche von _Natural Selection_ wie von einer thätigen Macht oder
-Gottheit; wer aber erhebt gegen andere einen Einwand, wenn sie von der
-Anziehung reden, welche die Bewegung der Planeten regelt? Jedermann
-weiss, was damit gemeint, und ist an solche bildliche Ausdrücke
-gewöhnt; sie sind ihrer Kürze wegen nothwendig. Eben so schwer ist es
-eine Personifizirung der Natur zu vermeiden; und doch verstehe ich
-unter Natur bloss die vereinte Thätigkeit und Leistung der mancherlei
-Naturgesetze. Bei ein bis’chen Bekanntschaft mit der Sache sind solche
-oberflächliche Einwände bald vergessen.
-
-Wir werden den wahrscheinlichen Hergang bei der Natürlichen Zuchtwahl
-am besten verstehen, wenn wir den Fall annehmen, eine Gegend
-erfahre irgend eine physikalische Veränderung z. B. im Klima. Das
-Zahlen-Verhältniss seiner Bewohner wird dann unmittelbar ein andres
-werden, und ein oder die andre Art wird gänzlich erlöschen. Wir dürfen
-ferner aus dem innigen Abhängigkeits-Verhältnisse der Bewohner einer
-Gegend von einander schliessen, dass, ausser dem Klima-Wechsel an
-sich, die Änderung im Zahlen-Verhältnisse eines Theiles ihrer Bewohner
-auch sehr wesentlich auf die andern wirke. Hat diese Gegend offene
-Grenzen, so werden gewiss neue Formen einwandern und das Verhältniss
-eines Theiles der alten Bewohner zu einander ernstlich stören; denn
-erinnern wir uns, wie folgenreich die Einführung einer einzigen Baum-
-oder Säugthier-Art in den früher mitgetheilten Beispielen gewesen ist.
-Handelte es sich dagegen um eine Insel oder um ein so umschränktes
-Land, dass neue und besser angepasste Formen nicht eindringen
-können, so werden sich Lücken im Hausstande der Natur ergeben,
-welche sicherlich besser dadurch ausgefüllt werden, dass einige der
-ursprünglichen Bewohner eine angemessene Abänderung erfahren; denn,
-wäre das Land der Einwanderung geöffnet gewesen, so würden sich wohl
-Eindringlinge dieser Stellen bemächtigt haben. In diesem Falle würde
-daher jede geringe Abänderung, die sich im Laufe der Zeit entwickelt
-hat und irgendwie die Individuen einer oder der andern Species durch
-bessre Anpassung an die geänderten Lebens-Bedingungen begünstigt, ihre
-Erhaltung zu gewärtigen haben und die Natürliche Auswahl wird freien
-Spielraum für ihr Verbesserungs-Werk finden.
-
-Wie in dem ersten Kapitel gezeigt worden, ist Grund zur Annahme
-vorhanden, dass eine solche Änderung in den Lebens-Bedingungen, welche
-insbesondere auf das Reproduktiv-System wirkt, Variabilität verursacht,
-oder sie erhöhet. In dem vorangehenden Falle ist eine Änderung der
-Lebens-Bedingungen unterstellt worden, und diese wird gewiss für die
-Natürliche Züchtung insofern günstig gewesen seyn, als mit ihr die
-Aussicht auf das Vorkommen nützlicher Abänderungen verbunden war;
-kommen nützliche Abänderungen nicht vor, so kann die Natur keine
-Auswahl zur Züchtung treffen. Nicht als ob dazu ein äusserstes Mass
-von Veränderlichkeit nöthig wäre; denn wenn der Mensch grosse Erfolge
-durch Häufung bloss individueller Verschiedenheiten in einer und
-derselben Richtung erzielen kann, so vermag es die Natürliche Zuchtwahl
-in noch weit höherm Grade, da ihr unvergleichlich längre Zeitraume
-für ihre Plane zu Gebot stehen. Auch glaube ich nicht, dass eben eine
-grosse klimatische oder andre Veränderung oder ein ungewöhnlicher Grad
-von Abschränkung gegen die Einwanderung nöthig ist, um neue und noch
-unausgefüllte Stellen zu schaffen, damit die Natürliche Zuchtwahl
-sie durch Abänderung und Verbesserung einiger variirender Bewohner
-der Gegend ausfüllen könne. Denn da alle Bewohner einer jeden Gegend
-mit gegenseitig genau abgewogenen Kräften in beständigem Kampfe mit
-einander liegen, so genügen oft schon äusserst geringe Modifikationen
-in der Bildung oder Lebensweise eines Bewohners, um ihm einen Vortheil
-über andre zu geben, und weitre Abänderungen in gleicher Richtung
-werden sein Übergewicht noch vergrössern, so lange als das Wesen
-unter den nämlichen Lebens-Bedingungen fortbesteht und aus ähnlichen
-Subsistenz- und Vertheidigungs-Mitteln Nutzen zieht. Es lässt sich
-keine Gegend bezeichnen, in welcher alle natürlichen Bewohner bereits
-so vollkommen aneinander und an die äusseren Bedingungen des Lebens
-angepasst wären, dass keine unter ihnen mehr einer Veredelung fähig
-wäre; denn in allen Gegenden sind die eingebornen Arten so weit von
-naturalisirten Erzeugnissen überwunden worden, dass diese Fremdlinge
-im Stande gewesen sind festen Besitz vom Lande zu nehmen. Und da die
-Fremdlinge überall einige der Eingeborenen aus dem Felde geschlagen
-haben, so darf man wohl daraus schliessen dass, wenn diese mit mehr
-Vorzügen ausgestattet gewesen wären, sie solchen Eindringlingen mehr
-Widerstand geleistet haben würden.
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-Da nun der Mensch durch methodisch oder unbewusst ausgeführte Wahl
-zum Zwecke der Nachzucht so grosse Erfolge erzielen kann und gewiss
-erzielt hat, was muss nicht die Natürliche Züchtung leisten können? Der
-Mensch kann absichtlich nur auf äusserliche und sichtbare Charaktere
-wirken; die Natur (wenn es gestattet ist die natürliche Erhaltung
-veränderlicher und begünstigter Individuen während des Kampfes ums
-Daseyn zu personificiren) fragt nicht nach dem Aussehen, ausser wo es
-zu irgend einem Zwecke nützlich seyn kann. Sie kann auf jedes innere
-Organ, auf den geringsten Unterschied in der organischen Thätigkeit,
-auf die ganze Machinerie des Lebens wirken. Der Mensch wählt nur zu
-seinem eignen Nutzen; die Natur nur zum Nutzen des Wesens, das sie
-pflegt. Jeder von ihr ausgewählte Charakter wird daher in voller
-Thätigkeit erhalten und das Wesen in günstige Lebens-Bedingungen
-versetzt. Der Mensch dagegen hält die Eingebornen aus vielerlei
-Klimaten in derselben Gegend beisammen und entwickelt selten irgend
-einen Charakter in einer besonderen und ihm entsprechenden Weise fort.
-Er füttert eine lang- und eine kurz-schnäbelige Taube auf dieselbe
-Weise; er beschäftigt einen lang-rückenigen oder einen lang-beinigen
-Vierfüsser nicht in einer besondern Art; er setzt das lang- und das
-kurz-wollige Schaaf demselben Klima aus. Er veranlasst die kräftigeren
-Männchen nicht, um ihre Weibchen zu kämpfen. Er zerstört nicht mit
-Beharrlichkeit alle unvollkommenen Thiere, sondern schützt vielmehr
-alle diese Erzeugnisse, so viel in seiner Gewalt liegt, in jeder
-verschiedenen Jahreszeit. Oft beginnt er seine Auswahl mit einer
-halb-monströsen Form oder mindestens mit einer schon hinreichend
-vorragenden Abänderung, um sein Auge zu fesseln oder ihm offenbaren
-Nutzen zu versprechen. In der Natur dagegen kann schon die geringste
-Abweichung in Bau und organischer Thätigkeit das bisherige genaue
-Gleichgewicht zwischen den ringenden Formen aufheben und hiedurch ihre
-Erhaltung bewirken. Wie flüchtig sind die Wünsche und die Anstrengungen
-des Menschen! wie kurz ist seine Zeit! wie dürftig sind mithin seine
-Erzeugnisse denjenigen gegenüber, welche die Natur im Verlaufe ganzer
-geologischer Perioden anhäuft! Dürfen wir uns daher wundern, wenn die
-Natur-Produkte einen weit „ächteren“ Charakter als die des Menschen
-haben, wenn sie den verwickelten Lebens-Bedingungen weit besser
-angepasst sind und das Gepräge einer weit höheren Meisterschaft an sich
-tragen?
-
-Man kann figürlich sagen, die Natürliche Züchtung seye täglich und
-stündlich durch die ganze Welt beschäftigt, eine jede auch die
-geringste Abänderung ausfindig zu machen, sie zurückzuwerfen wenn
-sie schlecht, und sie zu erhalten und zu verbessern wenn sie gut
-ist. Stille und unmerkbar ist sie überall und allezeit, wo sich
-die Gelegenheit darbietet, mit der Vervollkommnung eines jeden
-organischen Wesens in Bezug auf dessen organische und unorganische
-Lebens-Bedingungen beschäftigt. Wir sehen nichts von diesen langsam
-fortschreitenden Veränderungen, bis die Hand der Zeit auf eine
-abgelaufene Welt-Periode hindeutet, und dann ist unsre Einsicht in die
-längst verflossenen Zeiten so unvollkommen, dass wir nur noch das Eine
-wahrnehmen, dass die Lebensformen jetzt ganz andre sind, als sie früher
-gewesen.
-
-Um irgend eine Modifikation mit der Länge der Zeit bis zu einer
-hohen Stufe steigern zu können, muss man unterstellen, dass eine
-aufgetauchte Varietät wenn auch vielleicht erst nach einem langen
-Zeitraume von Neuem variire und ihre Varietäten, wenn sie vortheilhaft,
-erhalten werden -- u. s. w. Nicht leicht wird jemand läugnen wollen,
-dass zuweilen Varietäten vorkommen, die mehr oder weniger vom
-älterlichen Stamm-Bilde abweichen; dass aber dieser Abänderungs-Prozess
-in’s Unendliche fortdauern könne, das ist eine Unterstellung, deren
-Richtigkeit beurtheilt werden muss nach dem Grad ihrer Übereinstimmung
-der Hypothese mit den allgemeinen Natur-Erscheinungen und ihrer
-Fähigkeit sie zu erklären. Eben so beruht aber auch die gewöhnlichere
-entgegengesetzte Meinung, dass die Abänderung eine scharf bestimmte
-Grenze nicht überschreiten könne, auf einer blossen Voraussetzung.
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-Obwohl die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute eines
-jeden Wesens wirken kann, so werden doch wohl auch Eigenschaften
-und Bildungen dadurch berührt, denen wir nur eine untergeordnete
-Wichtigkeit beilegen möchten. Wenn Blätter-fressende Insekten grün,
-Rinden-fressende grau-gefleckt, das Alpen-Schneehuhn im Winter weiss,
-die Schottische Art Haiden-farbig, der Birkhahn mit der Farbe der
-Moorerde erscheinen, so haben wir zu vermuthen Grund, dass solche
-Farben den genannten Vögeln und Insekten nützlich sind und sie vor
-Gefahren schützen. Wald- und Schnee-Hühner würden sich, wenn sie
-nicht in irgend einer Zeit ihres Lebens der Zerstörung ausgesetzt
-wären, in endloser Anzahl vermehren. Man weiss, dass sie sehr von
-Raubvögeln leiden, welche ihre Beute mit dem Auge entdecken; daher
-man in manchen Gegenden von _Europa_ auch nicht gerne weisse
-Tauben hält, weil diese der Entdeckung und Zerstörung am meisten
-ausgesetzt sind. So finde ich keinen Grund zu zweifeln, dass es
-hauptsächlich die Natürliche Züchtung ist, welche jeder Art von Wald-
-und Schnee-Hühnern die ihr eigenthümliche Farbe verleiht und, wenn
-solche einmal hergestellt ist, dieselbe fortwährend erhält. Auch
-müssen wir nicht glauben, dass die zufällige Zerstörung eines Thieres
-von abweichender Färbung nur wenig Wirkung habe, sondern vielmehr uns
-erinnern, wie wesentlich es ist aus einer weissen Schaaf-Heerde jedes
-weisse Lämmchen zu beseitigen, das die geringste Spur von Schwarz an
-sich hat. Wir haben oben gesehen wie in _Florida_ die Farbe der
-Schwanen, welche sich von der Farbwurzel nähren, über deren Leben und
-Tod entscheidet. Bei den Pflanzen rechnen die Botaniker den flaumigen
-Überzug der Früchte und die Farbe ihres Fleisches mit zu den mindest
-wichtigen Merkmalen; und doch vernehmen wir von einem ausgezeichneten
-Garten-Freunde, ~Downing~, dass in den _Vereinten Staaten_
-nackthäutige Früchte viel mehr durch einen Rüsselkäfer leiden als
-die flaumigen, und dass die Purpur-farbenen Pflaumen von einer
-gewissen Krankheit viel mehr leiden, als die gelben, während eine
-andre Krankheit die gelb-fleischigen Pfirsiche viel mehr angreift,
-als die andersfarbigen. Wenn bei aller Hilfe der Kunst diese geringen
-Unterschiede zwischen den Varietäten schon einen grossen Unterschied
-in deren Behandlung erheischen, so werden sich gewiss im Zustande der
-Natur, wo die Bäume mit andern Bäumen und mit einer Menge von Feinden
-zu kämpfen haben, diejenigen Varietäten am sichersten behaupten, deren
-Früchte, mögen sie nun nackt oder behaart seyn, ein gelbes oder ein
-purpurnes Fleisch haben, am besten gedeihen.
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-Was endlich eine Menge von kleinen Verschiedenheiten zwischen Species
-betrifft, welche, so weit unsre Unkenntniss zu urtheilen gestattet,
-ganz unwesentlich zu seyn scheinen, so dürfen wir nicht vergessen,
-dass auch Klima, Nahrung u. s. w. wohl einigen unmittelbaren Einfluss
-haben mögen. Weit nöthiger ist es aber noch im Gedächtniss zu behalten,
-dass es viele noch unbekannte Wechselbeziehungen des Wachsthums gibt,
-welche, wenn ein Theil der Organisation durch Variation modifizirt und
-wenn diese Modifikationen durch Natürliche Züchtung zum Besten des
-organischen Wesens gehäuft werden, dann wieder andre Modifikationen oft
-von der unerwartetsten Art veranlassen.
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-Wie die Abänderungen, welche im Kultur-Zustande zu irgend einer Zeit
-des Lebens hervorgetreten sind, auch beim Nachkömmling in der gleichen
-Lebens-Periode wieder zu erscheinen geneigt sind: in Form, Grösse und
-Geschmack der Saamen vieler Küchen- und Acker-Gewächse, in den Raupen
-und Coccons der Seidenwurm-Varietäten, in den Eiern des Hof-Geflügels
-und in der Färbung des Dunenkleides seiner Jungen, in den Hörnern
-unsrer Schaafe und Rinder, wenn sie fast ausgewachsen, -- so ist
-auch die Züchtung im Natur-Zustande fähig, in einem besondern Alter
-auf die organischen Wesen zu wirken, für diese Lebenszeit nützliche
-Abänderung zu häufen und sie in einem entsprechenden Alter zu vererben.
-Wenn es für eine Pflanze von Nutzen ist, ihre Saamen immer weiter
-und weiter mit dem Winde umherzustreuen, so ist für die Natur die
-Schwierigkeit diess Vermögen durch Züchtung zu bewirken nicht grösser,
-als sie für den Baumwollen-Pflanzer ist durch Züchtung die Baumwolle
-in den Fruchtkapseln seiner Pflanzen zu vermehren und zu verbessern.
-Natürliche Züchtung kann die Larve eines Insektes modifiziren und zu
-zwanzigerlei Bedürfnissen geeignet anpassen, welche ganz verschieden
-sind von jenen, die das reife Thier betreffen. Diese Abänderungen in
-der Larve werden zweifelsohne nach den Gesetzen der Wechselbeziehungen
-auch auf die Struktur des reifen Insektes wirken, und wahrscheinlich
-ist bei solchen Insekten, welche im reifen Zustande nur wenige Stunden
-zu leben und keine Nahrung zu sich zu nehmen haben, ein grosser
-Theil ihres Baues nur als ein korrelatives Ergebniss allmählicher
-Veränderungen in der Struktur ihrer Larven zu betrachten. So können
-aber wahrscheinlich auch umgekehrt gewisse Veränderungen im reifen
-Insekte oft die Struktur der Larve berühren, in allen Fällen aber nur
-unter der Bedingung, dass diejenige Modifikation, welche bloss die
-Folge einer Modifikation auf einer anderen Lebensstufe ist, durchaus
-nicht nachtheiliger Art seye, weil sie dann das Erlöschen der Species
-zur Folge haben müsste.
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-Natürliche Züchtung kann auch die Struktur des Jungen in Bezug
-zum Alten und die des Vaters derjenigen seiner Kinder gegenüber
-modifiziren. Bei Hausthieren passt sie die Struktur eines jeden
-Einzelwesens den Zwecken der Gemeinde an, vorausgesetzt, dass auch ein
-jedes Einzelne bei dem so bewirkten Wechsel gewinne. Was die natürliche
-Züchtung nicht bewirken kann, das ist: Umänderung der Struktur einer
-Species, ohne Ersatz, zu Gunsten einer anderen Species; und obwohl in
-naturhistorischen Werken Beispiele dafür angeführt werden, so ist doch
-keines darunter, das eine Prüfung aushielte. Selbst ein organisches
-Gebilde, das nur einmal im Leben eines Thieres gebraucht wird, kann,
-wenn es ihm von grosser Wichtigkeit ist, durch die Natürliche Zuchtwahl
-bis zu jedem Betrage modifizirt werden, wie die grossen Kinnladen
-einiger Insekten, welche nur zum Öffnen ihrer Coccons dienen, oder das
-zarte Spitzchen auf dem Ende des Schnabels junger Vögel, womit sie beim
-Ausschlüpfen die Ei-Schaale aufbrechen. Man hat versichert, dass von
-den besten kurzschnäbeligen Purzel-Tauben mehr im Eie zu Grunde gehen,
-als auszuschlüpfen im Stande sind, was Liebhaber mitunter veranlasst,
-bei Durchbrechung der Schaale mitzuwirken. Wenn demnach die Natur den
-Schnabel einer Taube zu deren eignem Nutzen im ausgewachsenen Zustande
-sehr zu verkürzen hätte, so würde dieser Prozess sehr langsam vor sich
-gehen, und müsste dabei zugleich eine sehr strenge Auswahl derjenigen
-jungen Vögel im Eie stattfinden, welche den stärksten und härtesten
-Schnabel besitzen, weil alle mit weichem Schnabel unvermeidlich zu
-Grunde gehen würden; oder aber müsste eine Auswahl der dünnsten und
-zerbrechlichsten Ei-Schaalen erfolgen, deren Dicke bekanntlich so wie
-jedes andere Gebilde variirt.
-
-+Sexuelle Zuchtwahl.+) Wie im Kultur-Zustande Eigenthümlichkeiten
-oft an einem Geschlechte zum Vorschein kommen und sich erblich an
-dieses Geschlecht heften, so wird es wohl auch im Natur-Zustande
-geschehen, und, wenn Diess der Fall, so muss die Natürliche Züchtung
-fähig seyn, ein Geschlecht in seinen funktionellen Beziehungen zum
-andern zu modifiziren, oder ganz verschiedene Gewohnheiten des Lebens
-in beiden Geschlechtern zu bewirken, wie es bei Insekten zuweilen der
-Fall ist, -- und Diess veranlasst mich, einige Worte über das zu sagen,
-was ich Sexuelle Züchtung nennen will. Sie hängt ab nicht von einem
-Kampfe um’s Daseyn, sondern von einem Kampfe zwischen den Männchen
-um den Besitz der Weibchen, dessen Folgen für den Besiegten nicht in
-Tod und erfolgloser Mitbewerbung, sondern in einer spärlicheren oder
-ganz ausfallenden Nachkommenschaft bestehen. Diese Geschlechtliche
-Auswahl ist daher minder verhängnissvoll, als die Natürliche. Im
-Allgemeinen werden die kräftigsten, die ihre Stelle in der Natur am
-besten ausfüllenden Männchen die meiste Nachkommenschaft hinterlassen.
-In manchen Fällen jedoch wird der Sieg nicht von der Stärke im
-Allgemeinen, sondern von besondern nur dem Männchen verliehenen Waffen
-abhängen. Ein Geweih-loser Hirsch und Sporn-loser Hahn haben wenig
-Aussicht Erben zu hinterlassen. Eine Sexuelle Züchtung, welche stets
-dem Sieger die Fortpflanzung ermöglichen sollte, müsste ihm unzähmbaren
-Muth, lange Spornen und starke Flügel verleihen, um mit dem gespornten
-Laufe kämpfen zu können; wie denn der Kampfhahn-Züchter seine Zucht
-durch sorgfältige Auswahl in dieser Beziehung sehr zu veredeln
-versteht. Wie weit hinab in der Stufenleiter der Natur dergleichen
-Kämpfe noch vorkommen, weiss ich nicht. Doch hat man männliche
-Alligatoren beschrieben, wie sie um den Besitz eines Weibchens kämpfen,
-brüllen und sich im Kreise drehen; männliche Salmen hat man Tage lang
-miteinander streiten sehen; männliche Hirschkäfer haben zuweilen
-Wunden von den mächtigen Kiefern andrer; -- und die Männchen gewisser
-Hymenopteren sah der unerreichbare Beobachter ~Fabre~ um ein
-besonderes Weibchen kämpfen, das wie ein unbefangener Zuschauer dem
-Kampfe beiwohnt und sich dann mit dem Sieger zurückzieht. Übrigens ist
-der Kampf am heftigsten zwischen den Männchen polygamischer Thiere,
-und diese scheinen auch am gewöhnlichsten mit besondern Waffen dazu
-versehen zu seyn. Die Männchen der Raub-Säugethiere sind schon an sich
-wohl bewehrt; doch pflegen ihnen u. e. a. durch sexuelle Züchtung
-noch besondere Waffen verliehen zu werden, wie dem Löwen seine Mähne,
-dem Eber sein Hauzahn, dem männlichen Salmen seine Haken-förmige
-Kinnlade; und der Schild mag für den Sieg eben so wichtig seyn, als
-das Schwert oder der Speer. Unter den Vögeln hat der Bewerbungskampf
-oft einen friedlicheren Charakter. Alle, welche diesen Gegenstand
-behandelt haben, glauben, die eifrigste Rivalität finde unter den
-Sing-Vögeln statt, wo die Männchen durch Gesang die Weibchen anzuziehen
-suchen. Der Felshahn in _Guiana_ (Rupicola), die Paradiesvögel
-u. e. a. schaaren sich zusammen, und ein Männchen um das andere
-entfaltet sein prächtiges Gefieder, um in theatralischen Stellungen
-vor den Weibchen zu paradiren, welche als Zuschauer dastehen und
-sich zuletzt den liebenswürdigsten Bewerber erkiesen. Sorgfältige
-Beobachter der in Gefangenschaft gehaltenen Vögel wissen sehr wohl,
-dass oft individuelle Bevorzugungen und Abneigungen stattfinden; so
-hat Herr ~R. Heron~ beschrieben, wie ein scheckiger Perlhahn
-ausserordentlich anziehend für alle seine Hennen gewesen. Es mag
-kindisch aussehen, solchen anscheinend schwachen Mitteln irgend eine
-Wirkung zuzuschreiben, und ich kann hier nicht in Einzelnheiten
-eingehen, um jene Ansicht zu unterstützen; wenn jedoch der Mensch im
-Stande ist seinen Bantam-Hühnern in kurzer Zeit eine elegante Haltung
-und Schönheit je nach seinen Begriffen von Schönheit zu geben, so kann
-ich keinen genügenden Grund zum Zweifel finden, dass weibliche Vögel,
-indem sie Tausende von Generationen hindurch den Melodie-reichsten oder
-schönsten Männchen, je nach ihren Begriffen von Schönheit, bei der Wahl
-den Vorzug geben, nicht ebenfalls einen merklichen Effekt bewirken
-können. Ich habe starke Vermuthung, dass einige wohlbekannte Gesetze in
-Betreff des Gefieders männlicher und weiblicher Vögel dem der jungen
-gegenüber sich aus der Ansicht erklären lassen, das Gefieder seye
-hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl modifizirt worden, welche
-im Geschlechts-reifen Alter während der Jahres-Zeit wirkt, welche der
-Fortpflanzung gewidmet ist. Die dadurch erfolgten Abänderungen sind
-dann auf entsprechende Alter und Jahres-Zeiten wieder vererbt worden
-entweder durch die Männchen allein, oder durch Männchen und Weibchen;
-ich habe aber hier nicht Raum weiter auf diesen Gegenstand einzugehen.
-
-Wenn daher Männchen und Weibchen einer Thier-Art die nämliche
-allgemeine Lebens-Weise haben, aber in Bau, Farbe oder Verzierungen von
-einander abweichen, so sind nach meiner Meinung diese Verschiedenheiten
-hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl bedingt; d. h.
-männliche Individuen haben in aufeinander-folgenden Generationen
-einige kleine Vortheile über andre Männchen gehabt in Waffen,
-Vertheidigungs-Mitteln oder Reitzen und haben diese Vortheile auf ihre
-männlichen Nachkommen übertragen. Doch möchte ich nicht alle solche
-Geschlechts-Verschiedenheiten aus dieser Quelle ableiten; denn wir
-sehen Eigenthümlichkeilen entstehen und beim männlichen Geschlechte
-unsrer Hausthiere erblich werden, wie die Hautlappen bei den Englischen
-Boten-Tauben, die Horn-artigen Auswüchse bei den Männchen einiger
-Hühner-Vögel u. s. w., von welchen wir nicht annehmen können, dass sie
-den Männchen im Kampfe nützlich sind oder eine Anziehungskraft auf die
-Weibchen ausüben[11]. Analoge Fälle sehen wir auch in der Natur, wo
-z. B. der Haar-Büschel auf der Brust des Puterhahns weder nützlich im
-Kampfe noch eine Zierde für den Brautwerber seyn kann; -- und wirklich,
-hätte sich dieser Büschel erst im Zustande der Zähmung gebildet, wir
-würden ihn eine Monstrosität nennen!
-
-+Beleuchtung der Wirkungsweise der Natürlichen Züchtung.+) In der
-Absicht die Art und Weise klar zu machen, wie nach meiner Meinung die
-Natürliche Wahl wirke, muss ich um die Erlaubniss bitten, ein oder zwei
-erdachte Beispiele zur Erläuterung vorzutragen. Denken wir uns zunächst
-einen Wolf, der sich seine Beute an verschiedenen Thieren theils durch
-List, theils durch Stärke und theils durch Schnelligkeit verschaffe,
-und nehmen wir an, seine schnelleste Beute, der Hirsch z. B., hätte
-sich aus irgend einer Ursache in einer Gegend sehr vervielfältigt,
-oder andre zu seiner Nahrung dienende Thiere hätten in der Jahreszeit,
-wo sich der Wolf seine Beute am schwersten verschaffen kann, sehr
-vermindert. Unter solchen Umständen kann ich keinen Grund zu zweifeln
-finden, dass die schlanksten und schnellsten Wölfe am meisten Aussicht
-auf Fortkommen und somit auf Erhaltung und Verwendung zur Nachzucht
-hätten, immerhin vorausgesetzt, dass sie dabei Stärke genug behielten,
-um sich ihrer Beute auch zu einer andern Jahreszeit zu bemeistern, wo
-sie veranlasst seyn könnten, auf andre Thiere auszugehen. Ich finde
-um so weniger Ursache daran zu zweifeln, da ja der Mensch auch die
-Schnelligkeit seines Windhundes durch sorgfältige und planmässige
-Auswahl oder durch jene unbewusste Wahl zu erhöhen im Stande ist,
-welche schon stattfindet, wenn nur Jedermann den besten Hund zu haben
-strebt, ohne einen Gedanken an Veredelung der Rasse.
-
-So könnte auch ohne eine Veränderung in den Verhältnisszahlen der
-Thiere, die dem Wolfe zur Beute dienen, ein junger Wolf zur Welt
-kommen mit angeborner Neigung gewisse Arten von Beutethieren zu
-verfolgen. Auch Diess ist nicht sehr unwahrscheinlich; denn wie oft
-nehmen wir grosse Unterschiede in den natürlichen Neigungen unsrer
-Hausthiere wahr! Eine Katze z. B. ist geneigt Ratten und die andre
-Mäuse zu fangen. Eine Katze bringt nach Hrn. ~St. John~
-geflügelte Beute nach Hause, die andre Hasen und Kaninchen, und
-die dritte jagt auf Marschland und meistens nächtlicher Weile nach
-Waldhühnern und Schnepfen. Man weiss, dass die Neigung Ratten statt
-Mäuse zu fangen, vererblich ist. Wenn nun eine angeborne schwache
-Veränderung in Gewohnheit oder Körper-Bau einen einzelnen Wolf
-begünstigt, so hat er am meisten Aussicht auszudauern und Nachkommen
-zu hinterlassen. Einige seiner Jungen werden dann vermuthlich
-dieselbe Gewohnheit oder Körper-Eigenschaft erben, und so kann durch
-oftmalige Wiederholung dieses Vorgangs eine neue Varietät entstehen,
-welche die alte Stamm-Form des Wolfes ersetzt oder zugleich mit ihr
-fortbesteht. Nun werden ferner Wölfe, welche Gebirgs-Gegenden bewohnen,
-und solche, die sich im Tieflande aufhalten, von Natur genöthigt,
-auf verschiedene Beute auszugehen, und mithin bei fortdauernder
-Erhaltung der für jede der zwei Landstriche geeignetsten Individuen
-allmählich zwei Abänderungen bilden. Diese Varietäten müssen da,
-wo ihre Verbreitungs-Bezirke zusammenstossen, sich vermischen und
-kreutzen; doch werden wir auf die Frage von der Kreutzung später
-zurückkommen. Hier will ich noch beifügen, dass nach ~Pierce~ im
-_Catskill-Gebirge_ in den _Vereinten Staaten_ zwei Varietäten
-des Wolfes hausen, eine leichtere von Windspiel-Form, welche Hirsche
-verfolgt, und eine andere schwerfälligere und mit kurzen Beinen, welche
-häufiger die Schaaf-Heerden angreift.
-
-Nehmen wir nun einen zusammengesetzteren Fall an. Gewisse Pflanzen
-scheiden eine süsse Flüssigkeit aus, wie es scheint, um irgend etwas
-Nachtheiliges aus ihrem Safte zu entfernen. Diess wird bei manchen
-Schmetterlings-blüthigen Gewächsen durch Drüsen am Grunde der Stipulä
-und beim gemeinen Lorbeerbaum auf dem Rücken seiner Blätter bewirkt.
-Diese Flüssigkeit, wenn auch nur in geringer Menge zu finden, wird
-von Insekten begierig aufgesucht. Nehmen wir nun an, es werde ein
-wenig solchen süssen Saftes oder Nektars an der inneren Basis der
-Kronenblätter einer Blume ausgesondert. In diesem Falle werden die
-Insekten, welche den Nektar aufsuchen, mit Pollen bestäubt werden
-und denselben gewiss oft von einer Blume auf das Stigma der andern
-übertragen. Die Blumen zweier verschiedener Individuen einer Art werden
-dadurch gekreutzt, und die Kreutzung liefert (wie nachher ausführlicher
-gezeigt werden soll) vorzugsweise kräftige Sämlinge, welche mithin
-die beste Aussicht haben auszudauern und sich fortzupflanzen. Einige
-dieser Sämlinge können wohl das Nektar-Absonderungs-Vermögen erben,
-und diejenigen Nektar-absondernden Blüthen, welche die stärksten
-Drüsen besitzen und den meisten Nektar liefern, werden am öftesten von
-Insekten besucht und am öftesten mit andern gekreutzt werden und so
-mit der Länge der Zeit allmählich die Oberhand gewinnen. Ebenso werden
-diejenigen Blüthen, deren Staubfäden und Staubwege so gestellt sind,
-dass sie je nach Grösse und sonstigen Eigenthümlichkeiten der sie
-besuchenden Insekten einigermaassen die Übertragung ihres Samenstaubs
-von Blüthe zu Blüthe erleichtern, glücklicherweise begünstigt und
-zur Nachzucht geeigneter seyn. Nehmen wir den Fall an, die zu den
-Blumen kommenden Insekten wollten Pollen statt Nektar einsammeln, so
-wäre zwar die Entführung des Pollens, der allein zur Befruchtung der
-Pflanze erzeugt wird, ein Verlust für dieselbe; wenn jedoch anfangs
-gelegentlich und nachher gewöhnlich ein wenig Pollen von den ihn
-einsammelnden Insekten entführt und von Blume zu Blume getragen wird,
-so wird die hiedurch bewirkte Kreutzung zum grossen Vortheil der
-Pflanzen seyn, mögen ihnen auch neun Zehntel der ganzen Pollen-Masse
-zerstört werden; denn diejenige Pflanze, welche mehr und mehr Pollen
-erzeugt und immer grössere Antheren bekommt, wird für die Nachzucht das
-Übergewicht haben.
-
-Wenn nun unsre Pflanze, welche auf diese Weise vor andern erhalten und
-durch Natürliche Wahl mit Blumen versehen worden, welche die Pollen
-verschleppenden Insekten immer mehr anziehen, so kann die Überführung
-des Pollens von einer Pflanze zur andern endlich zur Regel werden,
-wie Diess in vielen Fällen wirklich geschieht. Ich will nun einen
-nicht einmal sehr zutreffenden Fall als Beleg dafür anführen, welcher
-jedoch geeignet ist zugleich als Beispiel eines ersten Schrittes zur
-Trennung der Geschlechter zu dienen, von welcher noch weiter die Rede
-seyn wird. Einige Stechpalmen-Stämme bringen nur männliche Blüthen
-hervor, welche vier nur wenig Pollen erzeugende Staubgefässe und ein
-verkümmertes Pistill enthalten; andre Stämme liefern nur weibliche
-Blüthen, die ein vollständig entwickeltes Pistill und vier Staubfäden
-mit verschrumpften Antheren einschliessen, in welchen nicht ein
-Pollen-Körnchen bemerkt werden kann. Nachdem ich einen weiblichen
-Stamm genau 60 Ellen von einem männlichen entfernt gefunden, nehme ich
-die Stigmata aus zwanzig Blüthen von verschiedenen Zweigen unter das
-Mikroskop und entdecke an allen ohne Ausnahme einige Pollen-Körner
-und an einigen sogar eine übermässige Menge desselben. Da der Wind
-schon einige Tage lang vom weiblichen gegen den männlichen Stamm hin
-gewehet hatte, so kann er es nicht gewesen seyn, der den Pollen dahin
-geführt. Das Wetter war schon einige Tage lang kalt und stürmisch und
-daher nicht günstig für die Bienen gewesen, und demungeachtet war
-jede von mir untersuchte weibliche Blüthe durch den Pollen befruchtet
-worden, welchen die Bienen, von Blüthe zu Blüthe nach Nektar suchend,
-an ihren Haaren vom männlichen Stamme mit herüber gebracht hatten.
-Doch kehren wir nun zu unserem ersonnenen Falle zurück. Sobald jene
-Pflanze in solchem Grade anziehend für die Insekten geworden, dass sie
-den Pollen regelmässig von einer Blüthe zur andern tragen, wird ein
-andrer Prozess beginnen. Kein Naturforscher zweifelt an dem Vortheil
-der sogen. „physiologischen Theilung der Arbeit“; daher man glauben
-darf, es seye nützlich für eine Pflanzen-Art in einer Blüthe oder an
-einem ganzen Stocke nur Staubgefässe und in der andern Blüthe oder
-auf dem andern Stocke nur Pistille hervorzubringen. Bei kultivirten
-oder in neue Existenz-Bedingungen versetzten Pflanzen schlagen manchmal
-die männlichen und zuweilen die weiblichen Organe mehr oder weniger
-fehl. Nehmen wir aber an, Diess geschehe auch in einem wenn noch so
-geringen Grade im Natur-Zustande derselben, so würden, da der Pollen
-schon regelmässig von einer Blume zur andern geführt wird und eine
-vollständige Trennung der Geschlechter unsrer Pflanze ihr nach dem
-Prinzipe der Arbeitstheilung vortheilhaft ist, Individuen mit einer
-mehr und mehr entwickelten Tendenz dazu fortwährend begünstigt und zur
-Nachzucht ausgewählt werden, bis endlich die Trennung der Geschlechter
-vollständig wäre.
-
-Kehren wir nun zu den von Nektar lebenden Insekten in unserem
-ersonnenen Falle zurück; nehmen wir an, die Pflanze mit durch
-andauernde Züchtung zunehmender Nektar-Bildung sey eine gemeine Art,
-und unterstellen wir, dass gewisse Insekten hauptsächlich auf deren
-Nektar als ihre Nahrung angewiesen sind. Ich könnte durch manche
-Beispiele nachweisen, wie sehr die Bienen bestrebt sind, Zeit zu
-ersparen. Ich will mich jedoch nur auf ihre Gewohnheit berufen, in den
-Grund gewisser Blumen Öffnungen zu machen, um durch diese den Nektar
-zu saugen, welchen sie mit ein Bischen mehr Weile durch die Mündung
-heraus holen könnten. Dieser Thatsachen eingedenk halte ich es nicht
-für gewagt anzunehmen, dass eine zufällige Abweichung in der Grösse und
-Form ihres Körpers oder in der Länge und Krümmung ihres Rüssels, wenn
-auch viel zu unbedeutend für unsere Wahrnehmung, von solchem Nutzen für
-eine Biene oder ein anderes Insekt seyn könne, das sich mit deren Hülfe
-sein Futter leichter verschafft, dass es mehr Wahrscheinlichkeit der
-Fortdauer und der Fortpflanzung als andre Thiere seiner Art besitzt.
-Seine Nachkommen werden wahrscheinlich eine Neigung zu einer ähnlichen
-Abweichung des Organes erben. Die Röhren der Blumen-Kronen des rothen
-und des Inkarnat-Klee’s (Trifolium pratense und Tr. incarnatum)
-scheinen bei flüchtiger Betrachtung nicht sehr an Länge auseinander
-zu weichen; demungeachtet kann die Honig- oder Korb-Biene (Apis
-mellifica) den Nektar leicht aus der ersten aber nicht aus der letzten
-saugen, welche daher nur von Hummeln besucht wird, so dass ganze Felder
-rothen Klee’s der Korb-Biene vergebens einen Überschuss von köstlichem
-Nektar darbieten. Dass die Korb-Biene den Nektar aufsaugt, ist gewiss;
-denn ich habe unlängst, obschon bloss im Herbst viele dieser Bienen
-den Nektar durch Löcher aussaugen sehen, welche (wie ich glaube) die
-kleine Hummelart in die Basis der Korolle gebissen hatte. Es würde
-daher für die Korb-Biene von grösstem Vortheil seyn, einen etwas
-längeren oder abweichend gestalteten Rüssel zu haben. Auf der andern
-Seite habe ich (wie schon oben erwähnt) durch Versuche gefunden, dass
-die Fruchtbarkeit des rothen Klee’s grossentheils durch den Besuch
-der Honig-suchenden Bienen bedingt ist, welche bei diesem Geschäfte
-die Theile der Blumenkrone verschieben und dabei den Pollen auf die
-Oberfläche der Narbe wischen. Sollten dagegen die Hummeln in einer
-Gegend selten werden, so müsste eine kürzere oder tiefer getheilte
-Blumenkrone von grösstem Nutzen für den rothen Klee werden, damit die
-Honig-Biene seine Blüthen besuchen könne. Auf diese Weise begreife ich,
-wie eine Blüthe und eine Biene nach und nach, seye es gleichzeitig
-oder eine nach der andern, abgeändert und auf die vollkommenste Weise
-einander angepasst werden könnten durch fortwährende Erhaltung von
-Einzelnwesen mit beiderseits nur ein wenig günstigeren Abweichungen der
-Struktur.
-
-Ich weiss wohl, dass die durch die vorangehenden ersonnenen Beispiele
-erläuterte Lehre von der Natürlichen Auswahl denselben Einwendungen
-ausgesetzt ist, welche man anfangs gegen ~Ch. Lyell’s~ grossartige
-Ansichten in „_the Modern Changes of the Earth, as illustrative of
-Geology_“ vorgebracht hat; indessen hört man jetzt die Wirkung der
-Brandung z. B. in ihrer Anwendung auf die Aushöhlung riesiger Thäler
-oder auf die Bildung der längsten binnenländischen Klippen-Linien
-selten mehr als eine unbedeutende und lächerliche Ursache bezeichnen.
-Die Natürliche Züchtung kann nur durch Häufung unendlich kleiner
-vererbter Modifikationen wirken, deren jede für Erhaltung des Wesens,
-dem sie angehört, günstig ist; und wie die neuere Geologie solche
-Ansichten, wie die Aushöhlung grosser Thäler durch eine einzige
-Diluvial-Woge meistens verbannt hat, so wird auch die Natürliche
-Züchtung, wenn sie ein wahres Prinzip ist, den Glauben an eine
-fortgesetzte Schöpfung neuer Organismen oder an eine grosse und
-plötzliche Modifikation ihrer Organisation verbannen.
-
-+Über die Kreutzung der Individuen.+) Ich muss hier mit einem
-kleinen Absprung beginnen. Es liegt vor Augen, dass bei Pflanzen
-und Thieren getrennten Geschlechtes jedesmal zwei Individuen
-sich vereinigen müssen, um eine Geburt zu Stande zu bringen. Bei
-Hermaphroditen aber ist Diess keineswegs klar. Demungeachtet bin ich
-stark geneigt zu glauben, dass bei allen Hermaphroditen zwei Individuen
-gewöhnlich oder ausnahmsweise zu jeder einzelnen Fortpflanzung ihrer
-Art zusammenwirken (die sonderbaren und noch nicht recht begriffenen
-Fälle von Parthenogenesis ausgenommen). Diese Ansicht hat zuerst
-~Andreas Knight~ aufgestellt. Wir werden jetzt ihre Wichtigkeit
-erkennen. Zwar kann ich diese Frage nur in äusserster Kürze abhandeln;
-jedoch habe ich die Materialien für eine ausführlichere Erörterung
-vorbereitet. Alle Wirbelthiere, alle Insekten und noch einige andre
-grosse Thiergruppen paaren sich für jede Geburt. Neuere Untersuchungen
-haben die Anzahl der früher angenommenen Hermaphroditen sehr
-vermindert, und von den wirklichen Hermaphroditen paaren sich viele,
-d. h. zwei Individuen vereinigen sich zur Reproduktion; Diess ist
-alles, was uns hier angeht. Doch gibt es noch viele andere zwitterliche
-Thiere, welche gewiss sich gewöhnlich nicht paaren. Auch bei weitem die
-grösste Anzahl der Pflanzen sind Hermaphroditen. Man kann nun fragen,
-was ist in diesen Fällen für ein Grund zur Annahme vorhanden, dass
-jedesmal zwei Individuen zur Reproduktion zusammenwirken? Da es hier
-nicht möglich ist in Einzelnheiten einzugehen, so muss ich mich auf
-einige allgemeine Betrachtungen beschränken.
-
-Für’s Erste habe ich eine grosse Masse von Thatsachen gesammelt, welche
-übereinstimmend mit der fast allgemeinen Überzeugung der Viehzüchter
-beweisen, dass bei Thieren wie bei Pflanzen eine Kreutzung zwischen
-Thieren verschiedener Varietäten, oder zwischen solchen verschiedener
-Stämme einer Varietät der Nachkommenschaft Stärke und Fruchtbarkeit
-verleiht, während andrerseits enge Inzucht Kraft und Fruchtbarkeit
-vermindert. Diese Thatsachen allein machen mich glauben, dass es ein
-allgemeines Natur-Gesetz ist (wie unwissend wir auch über die Bedeutung
-des Gesetzes seyn mögen), dass kein organisches Wesen sich selbst
-für eine Ewigkeit von Generationen befruchten könne, dass daher eine
-Kreutzung mit einem andern Individuum von Zeit zu Zeit und vielleicht
-nach langen Zwischenräumen einmal unentbehrlich ist.
-
-Von dem Glauben ausgehend, dass Diess ein Natur-Gesetz seye, werden
-wir verschiedene grosse Klassen von Thatsachen verstehen, welche
-auf andre Weise unerklärlich sind. Jeder Blendlingsgetreide-Züchter
-weiss, wie nachtheilig für die Befruchtung einer Blüthe es ist, wenn
-sie während derselben der Feuchtigkeit ausgesetzt wird. Und doch, was
-für eine Menge von Blumen haben Staubbeutel und Narben vollständig
-dem Wetter ausgesetzt! Wenn aber eine Kreutzung von Zeit zu Zeit
-nun doch unerlässlich, so erklärt sich jene Aussetzung aus der
-Nothwendigkeit, dass die Blumen für den Eintritt fremden Pollens offen
-seyen, und zwar um so mehr, als die zusammengehörigen Staubgefässe
-und Pistille einer Blume gewöhnlich so nahe beisammen stehen, dass
-Selbstbefruchtung unvermeidlich scheint. Andrerseits aber haben viele
-Blumen ihre Befruchtungs-Werkzeuge sehr enge umschlossen, wie die
-Schmetterlingsblüthigen z. B.; aber in den meisten solchen Blumen ist
-eine sehr merkwürdige Anpassung zwischen dem Bau der Blume und der Art
-und Weise, wie die Bienen den Nektar daraus saugen, indem sie alsdann
-entweder den eignen Pollen der Blume über ihre Narbe wischen oder
-fremden Pollen mitbringen. Zur Befruchtung der Schmetterlingsblüthen
-ist der Besuch der Bienen so nothwendig, dass, wie ich durch anderwärts
-veröffentlichte Versuche gefunden, ihre Fruchtbarkeit sehr abnimmt,
-wenn dieser Besuch verhindert wird. Nun ist es aber kaum möglich, dass
-Bienen von Blüthe zu Blüthe fliegen, ohne den Pollen der einen zur
-andern zu bringen, wie ich überzeugt bin zum grossen Vortheil der
-Pflanze. Die Bienen wirken dabei wie ein Kameelhaar-Pinsel, und es ist
-vollkommen zur Befruchtung genügend, wenn man mit einem und demselben
-Bürstchen zuerst das Staubgefäss der einen Blume und dann die Narbe der
-andern berührt. Dabei ist aber nicht zu fürchten, dass die Bienen viele
-Bastarde zwischen verschiedenen Arten erzeugen; denn, wenn man den
-eignen Pollen und den einer andern Pflanzen-Art zugleich mit demselben
-Pinsel auf die Narbe streicht, so hat der erste eine so überwiegende
-Wirkung, dass er, wie schon ~Gärtner~ gezeigt, jeden Einfluss
-des andern gänzlich zerstört.
-
-Wenn die Staubgefässe einer Blume sich plötzlich gegen das Pistill
-schnellen oder sich eines nach dem andern langsam gegen dasselbe
-neigen, so scheint diese Einrichtung nur auf Sicherung der
-Selbstbefruchtung berechnet, und ohne Zweifel ist sie auch dafür
-nützlich. Aber die Thätigkeit der Insekten ist oft nothwendig,
-um die Staubfäden aufschnellen zu machen, wie ~Kölreuter~
-beim Sauerdorn insbesondere gezeigt hat; und sonderbarer Weise hat
-man gerade bei dieser Sippe (Berberis), welche so vorzüglich zur
-Selbstbefruchtung eingerichtet zu seyn scheint, die Beobachtung
-gemacht, dass, wenn man nahe verwandte Formen oder Varietäten dicht
-neben einander pflanzt, es in Folge der reichlichen Kreutzung kaum
-möglich ist noch eine reine Rasse zu erhalten. In vielen andern
-Fällen aber findet man, wie ~C. C. Sprengel’s~ Schriften
-und meine eignen Erfahrungen lehren, statt der Einrichtungen zu
-Begünstigung der Selbstbefruchtung vielmehr solche, welche das Stigma
-hindern, den Saamenstaub der nämlichen Blüthe aufzunehmen. So ist bei
-Lobelia fulgens eine wirklich schöne und sorgfältig ausgearbeitete
-Einrichtung, wodurch jedes der unendlich zahlreichen Pollen-Körnchen
-aus den verwachsenen Antheren einer jeden Blüthe fortgeführt wird,
-ehe das Stigma derselben Blüthe bereit ist dieselben aufzunehmen. Da
-nun, wenigstens in meinem Garten, diese Blumen niemals von Insekten
-besucht werden, so haben sie auch niemals Saamen angesetzt, bis ich
-auf künstlichem Wege den Pollen einer Blüthe auf die Narbe der andern
-übertrug und mich hiedurch auch in den Besitz zahlreicher Sämlinge zu
-setzen vermochte. Eine andere daneben stehende Lomelia-Art, die von
-Bienen besucht wird, bildet von freien Stücken Saamen. In sehr vielen
-anderen Fällen, wo keine besondere mechanische Einrichtung vorhanden
-ist, um das Stigma einer Blume an der Aufnahme des eignen Saamenstaubs
-zu hindern, platzen entweder, wie sowohl ~C. C. Sprengel~
-als ich selbst gefunden, die Staubbeutel schon bevor die Narbe zur
-Befruchtung reif ist, oder das Stigma ist vor dem Pollen derselben
-Blüthe reif, so dass diese Pflanzen in der That getrennte Geschlechter
-haben und sich fortwährend kreutzen. Wie wundersam erscheinen diese
-Thatsachen! Wie wundersam, dass der Pollen und die Oberfläche des
-Stigmas einer und derselben Blüthe so nahe zusammengerückt sind, als
-sollte dadurch die Selbstbefruchtung unvermeidlich werden, und dass
-beide gerade in so vielen dieser Fälle völlig unnütz für einander sind.
-Wie einfach sind dagegen diese Thatsachen zu erklären aus der Ansicht,
-dass von Zeit zu Zeit eine Kreutzung mit einem anderen Individuum
-vortheilhaft oder sogar unentbehrlich seye?
-
-Wenn verschiedene Varietäten von Kohl, Radies’chen, Lauch u. e. a.
-Pflanzen dicht nebeneinander zur Saamen-Bildung gebracht werden, so
-liefern ihre Saamen, wie ich gefunden, grossentheils Blendlinge.
-So z. B. erzog ich 233 Kohl-Sämlinge aus dem Saamen einiger Stöcke
-von verschiedenen Varietäten, die nahe bei einander gewachsen, und
-von diesen entsprachen nur 78 der Varietät des Stocks, von dem sie
-eingesammelt worden, und selbst diese nicht alle genau. Nun ist aber
-das Pistill einer jeden Kohl-Blüthe nicht allein von deren eignen
-sechs Staubgefässen, sondern auch von denen aller übrigen Blüthen
-derselben Pflanze nahe umgeben und der Pollen jeder Blüthe gelangt ohne
-Insekten-Hilfe leicht auf deren eignes Stigma; denn ich habe gefunden,
-dass eine sorgfältig bedeckte Pflanze eine Vollzahl von Schoten
-entwickelte. Wie kommt es aber, dass sich eine so grosse Anzahl von
-Sämlingen als Blendlinge erwiesen? Ich muss vermuthen, dass es davon
-herrührt, dass der Pollen einer fremden Varietät einen überwiegenden
-Einfluss auf das eigne Stigma habe, und zwar eben in Folge des
-Natur-Gesetzes, dass die Kreutzung zwischen verschiedenen Individuen
-derselben Species für diese nützlich ist. Werden dagegen verschiedene
-Arten mit einander gekreutzt, so ist der Erfolg gerade umgekehrt, indem
-der Pollen einer Art einen über den der andern überwiegenden Einfluss
-hat. Doch auf diesen Gegenstand werde ich in einem späteren Kapitel
-zurückkommen.
-
-Handelt es sich um mächtige mit zahllosen Blüthen bedeckte Bäume, so
-kann man einwenden, dass deren Pollen nur selten von einem Stamme auf
-den andern übertragen werden und meistens nur von einer Blüthe auf eine
-andre Blüthe desselben Stammes gelangen kann, dass aber verschiedene
-Blüthen eines Baumes nur in einem beschränkten Sinne als Individuen
-angesehen werden können. Ich halte diese Einrede für triftig; doch
-hat die Natur in dieser Hinsicht vorgesorgt, indem sie den Bäumen ein
-Streben zur Bildung von Blüthen getrennten Geschlechtes verliehen hat.
-Sind die Geschlechter getrennt, wenn gleich männliche und weibliche
-Blüthen auf einem Stamme vereinigt, so muss der Pollen regelmässig von
-einer Blüthe zur andern geführt werden, was denn auch mehr Aussicht
-gewährt, dass er gelegentlich von einem Stamm zum anderen komme. Ich
-finde, dass in unsren Gegenden die Bäume aller Pflanzen-Ordnungen
-öfter als Sträucher und Kräuter getrennte Geschlechter haben, und
-tabellarische Zusammenstellungen der _Neuseeländischen_ Bäume, welche
-Dr. ~Hooker~, und der _Vereinten Staaten_, welche ~Asa Gray~ mir
-auf meine Bitte geliefert, haben, wie vorauszusehen, zum nämlichen
-Ergebnisse geführt. Doch andrerseits hat mich Dr. ~Hooker~ neuerlich
-benachrichtigt, dass diese Regel nicht für _Australien_ gelte, und ich
-habe daher diese wenigen Bemerkungen über die Geschlechts-Verhältnisse
-der Bäume nur machen wollen, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.
-
-Was die Thiere betrifft, so gibt es unter den Landbewohnern nur
-wenige Zwitter wie Schnecken und Regenwürmer, und diese paaren sich
-alle. Ich habe noch kein Beispiel kennen gelernt, wo ein Landthier
-sich selbst befruchtete. Man kann diese merkwürdige Thatsache,
-welche einen so schroffen Gegensatz zu den Landpflanzen bildet, nach
-der Ansicht, dass eine Kreutzung von Zeit zu Zeit nöthig seye,
-erklären, indem man das Medium, worin die Landthiere leben, und die
-Beschaffenheit des befruchtenden Elementes berücksichtigt; denn wir
-kennen keinen Weg, auf welchem, wie durch Insekten und Wind bei den
-Pflanzen, eine gelegentliche Kreutzung zwischen Landthieren anders
-bewirkt werden könnte, als durch die unmittelbare Zusammenwirkung
-der beiderlei Individuen. Bei den Wasserthieren dagegen gibt es
-viele sich selbst befruchtende Hermaphroditen; hier liefern aber die
-Strömungen des Wassers ein handgreifliches Mittel für gelegentliche
-Kreutzungen. Und, wie bei den Pflanzen, so habe ich auch bei den
-Thieren, sogar nach Besprechung mit einer der ersten Autoritäten,
-mit Professor ~Huxley~ nämlich, vergebens gesucht, auch nur
-eine hermaphroditische Thier-Art zu finden, deren Geschlechts-Organe
-so vollständig im Körper eingeschlossen wären, dass dadurch der
-gelegentliche Einfluss eines andern Einzelwesens physisch unmöglich
-gemacht wurde. Die Cirripeden schienen mir zwar langezeit einen in
-dieser Beziehung sehr schwierigen Fall darzubieten; ich bin aber durch
-einen glücklichen Umstand in die Lage gesetzt gewesen, schon anderwärts
-zeigen zu können, dass zwei Individuen, wenn auch in der Regel sich
-selbst befruchtende Zwitter, sich doch zuweilen kreutzen.
-
-Es muss den meisten Naturforschern als eine sonderbare Ausnahme schon
-aufgefallen seyn, dass bei den meisten Pflanzen und Thieren solche
-Arten in einer Familie und oft in einer Sippe beisammen stehen,
-welche, obwohl im grösseren Theile ihrer übrigen Organisation unter
-sich nahe übereinstimmend, doch zum Theile Zwitter und zum Theile
-eingeschlechtig sind. Wenn aber auch alle Hermaphroditen sich von
-Zeit zu Zeit mit andern Einzelwesen kreutzen, so wird der Unterschied
-zwischen hermaphroditischen und eingeschlechtigen Arten, was ihre
-Geschlechts-Funktionen betrifft, ein sehr kleiner.
-
-Nach diesen mancherlei Betrachtungen und den vielen einzelnen Fällen,
-die ich gesammelt habe, jedoch hier nicht mittheilen kann, bin ich
-sehr zur Vermuthung geneigt, dass im Pflanzen- wie im Thier-Reiche die
-von Zeit zu Zeit erfolgende Kreutzung mit einem fremden Einzelwesen
-ein Natur-Gesetz ist. Ich weiss wohl, dass es in dieser Beziehung
-viele schwierige Fälle gibt, unter welchen einige sind, worüber ich
-mit Forschungen beschäftigt bin. Als Endergebniss können wir folgern,
-dass in vielen organischen Wesen die Kreutzung zweier Individuen eine
-offenbare Nothwendigkeit für jede Fortpflanzung ist; bei vielen andern
-genügt es, wenn sie von Zeit zu Zeit wiederkehrt; dagegen vermuthe ich,
-dass Selbstbefruchtung allein nirgends für immer ausreichend seye.
-
-+Für natürliche Züchtung günstige Verhältnisse.+) Das ist
-ein sehr verwickelter Gegenstand. Eine grosse Summe von erblicher
-Veränderlichkeit ist dafür günstig; aber ich glaube, dass schon
-individuelle Verschiedenheiten genügen. Eine grosse Anzahl von
-Individuen bietet mehr Aussicht auch auf das Hervortreten nutzbarer
-Abänderungen in einem gegebenen Zeitraum, selbst bei geringerem Betrag
-schon vorhandener Veränderlichkeit derselben, und ist eine äusserst
-wichtige Bedingung des Erfolges. Obwohl die Natur lange Zeiträume auf
-die Züchtung verwendet, so braucht sie doch keine von unendlicher
-Länge; denn da alle organischen Wesen sozusagen streben eine Stelle
-im Haushalte der Natur einzunehmen, so muss eine Art, welche nicht
-gleichen Schrittes mit ihren Mitbewerbern verändert und verbessert
-wird, bald erlöschen. Wenn vortheilhafte Abänderungen sich nicht
-wenigstens auf einige Nachkommen vererben, so vermag die Natürliche
-Zuchtwahl wohl nichts auszurichten. Nichtvererbung des neuen Charakters
-ist nichts andres als Rückkehr zum Charakter der Grossältern oder
-noch früherer Vorgänger. Gewiss mag diese Neigung zur Rückkehr die
-Thätigkeit der Natürlichen Züchtung oft vereitelt haben; aber ihre
-Bedeutung ist von einigen Schriftstellern weit überschätzt worden. Denn
-wenn diese Neigung nicht an der Ausbildung so vieler erblichen Rassen
-im Thier- wie im Pflanzen-Reich gehindert hat, wie sollte sie die
-Vorgänge der Natürlichen Züchtung verhindert haben?
-
-Bei planmässiger Züchtung wählt der Züchter stets bestimmte Objekte,
-und freie Kreutzung würde sein Werk gänzlich hemmen. Haben aber viele
-Menschen, ohne die Absicht ihre Rasse zu veredeln, eine ungefähr
-gleiche Ansicht von Vollkommenheit, und sind alle bestrebt, nur die
-besten und vollkommensten Thiere zur Nachzucht zu verwenden, so wird,
-wenn auch langsam, aus dieser unbewussten Züchtung gewiss schon viele
-Umänderung und Veredlung hervorgehen, wenn auch viele Kreutzung mit
-schlechteren Thieren zwischendurchläuft. So ist es auch in der Natur.
-Findet sich ein beschränktes Gebiet mit einer nicht ganz angemessen
-ausgefüllten Stelle in ihrer geselligen Zusammensetzung, so wird die
-Natürliche Züchtung bestrebt seyn, alle Individuen zu erhalten, die,
-wenn auch in verschiedenem Grade, doch in der angemessenen Richtung
-so variiren, dass sie die Stelle allmählich besser auszufüllen im
-Stande sind. Ist jenes Gebiet aber gross, so werden seine verschiedenen
-Bezirke gewiss ungleiche Lebens-Bedingungen darbieten; und wenn dann
-durch den Einfluss der Natürlichen Züchtung irgend eine Spezies auf
-eine andre Weise in jedem Bezirke abgeändert worden, so wird an
-den Grenzen dieser Bezirke eine Kreutzung zwischen den Individuen
-jener verschiedenen Abänderungen eintreten, und in diesem Falle
-kann die Wirkung der Kreutzung durch die der Natürlichen Züchtung,
-welche bestrebt ist alle Individuen eines jeden Bezirks genau in
-derselben Weise den Lebens-Bedingungen anzupassen, kaum aufgewogen
-werden, weil in einer zusammenhängenden Fläche die Lebens-Bedingungen
-des einen in die des anderen Bezirkes allmählich übergehen. Die
-Kreutzung wird hauptsächlich diejenigen Thiere berühren, welche sich
-zu jeder Fortpflanzung paaren, viel wandern und sich nicht rasch
-vervielfältigen. Daher bei Thieren dieser Art, Vögeln z. B., die
-Abänderungen gewöhnlich auf getrennte Gegenden beschränkt seyn müssen,
-wie es auch der Fall zu seyn scheint. Bei Zwitter-Organismen, welche
-sich nur von Zeit zu Zeit mit andern kreutzen, sowie bei solchen
-Thieren, die zu jeder Verjüngung ihrer Art sich paaren, aber wenig
-wandern und sich sehr rasch vervielfältigen können, dürfte sich eine
-neue und verbesserte Varietät an irgend einer Stelle rasch bilden und
-sich dort in Masse zusammenhalten, so dass alle Kreutzung, wie sie auch
-beschaffen seye, nur zwischen Einzelthieren derselben neuen Varietät
-erfolgt. Ist eine örtliche Varietät auf solche Weise einmal gebildet,
-so wird sie sich nachher nur langsam über andre Bezirke verbreiten.
-Nach dem obigen Prinzip ziehen Pflanzschulen-Besitzer es immer vor,
-Saamen von einer grossen Pflanzen-Masse gleicher Varietät zu ziehen,
-weil hiedurch die Möglichkeit einer Kreutzung mit anderen Varietäten
-gemindert wird.
-
-Selbst bei Thieren mit langsamer Vermehrung, die sich zu jeder
-Fortpflanzung paaren, dürfen wir die Wirkungen der Kreutzung auf
-Verzögerung der Natürlichen Züchtung nicht überschätzen; denn ich kann
-eine lange Liste von Thatsachen beibringen, woraus sich ergibt, dass in
-einem Gebiete Varietäten der nämlichen Thier-Art lange unterschieden
-bleiben können, wenn sie verschiedene Stationen innehaben, in etwas
-verschiedener Jahreszeit sich fortpflanzen, oder im Falle nur einerlei
-Varietät sich unter einander paart.
-
-Kreutzung spielt in der Natur insoferne eine grosse Rolle, als sie
-die Individuen einer Art oder einer Varietät rein und einförmig in
-ihrem Charakter erhält. Sie wird Diess offenbar weit wirksamer zu
-thun vermögen bei solchen Thieren, die sich für jede Fortpflanzung
-paaren; aber ich habe schon vorher zu zeigen gesucht, dass Ursache zur
-Vermuthung vorliegt, dass bei allen Pflanzen und bei allen Thieren von
-Zeit zu Zeit Kreutzungen erfolgen; -- und wenn Diess auch nur nach
-langen Zwischenräumen wieder einmal erfolgt, so bin ich überzeugt, dass
-die hiebei erzielten Abkömmlinge die durch lange Selbstbefruchtung
-erzielte Nachkommenschaft an Stärke und Fruchtbarkeit so sehr
-übertreffen, dass sie mehr Aussicht haben dieselben zu überleben und
-sich fortzupflanzen, und so wird in langen Zeiträumen der Einfluss der
-wenn auch nur seltenen Kreutzungen doch gross seyn. Bei Organismen,
-die sich niemals kreutzen, kann eine Gleichförmigkeit des Charakters
-so lange währen, als ihre äusseren Lebens-Bedingungen die nämlichen
-bleiben, theils in Folge der Vererbung und theils in Folge der
-Natürlichen Züchtung, welche jede zufällige Abweichung von dem eigenen
-Typus immer wieder zerstört; wenn aber die Lebens-Bedingungen sich
-ändern und jene Wesen dem entsprechende Abänderungen erleiden, so kann
-ihre hienach abgeänderte Nachkommenschaft nur dadurch Einförmigkeit
-des Charakters behaupten, dass Natürliche Züchtung dieselbe
-vortheilhafte Varietät erhält.
-
-Abschliessung ist eine wichtige Bedingung im Prozesse der Natürlichen
-Zuchtwahl. In einem umgrenzten oder vereinzelten Gebiete werden,
-wenn es nicht sehr gross ist, die unorganischen wie die organischen
-Lebens-Bedingungen gewöhnlich in hohem Grade einförmig seyn; daher die
-Natürliche Zuchtwahl streben wird, alle Individuen einer veränderlichen
-Art in gleicher Weise mit Hinsicht auf die gleichen Lebens-Bedingungen
-zu modifiziren. Auch Kreutzungen mit solchen Individuen derselben Art,
-welche die den Bezirk umgrenzenden und anders beschaffenen Gegenden
-bewohnen mögen, kommen da nicht vor. Isolirung wirkt aber vielleicht
-noch kräftiger, insoferne sie nach irgend einem physikalischen Wechsel
-im Klima, in der Höhe des Landes u. s. w. die Einwanderung hindert;
-und so bleiben die neuen Stellen im Natur-Haushalte der Gegend offen
-für die Bewerbung der alten Bewohner, bis diese sich durch geeignete
-Veränderungen in organischer Bildung und Thätigkeit derselben angepasst
-haben. Abschliessung wird endlich dadurch, dass sie Einwanderung und
-daher Mitbewerbung hemmt, Zeit geben zur Bildung neuer Varietäten, und
-Diess kann mitunter von Wichtigkeit seyn für die Hervorbringung neuer
-Arten. Wenn dagegen ein isolirtes Land-Gebiet sehr klein ist, so wird
-nothwendig auch, entweder der es umgebenden Schranken halber oder in
-Folge seiner ganz eigenthümlichen Lebens-Bedingungen, die Gesammtzahl
-der darin vorhandenen Individuen sehr klein seyn; und geringe
-Individuen-Zahl verzögert sehr die Bildung neuer Arten durch Natürliche
-Züchtung, weil sie die Möglichkeit des Auftretens neuer angemessener
-Abänderungen vermindert.
-
-Die blosse Zeit an und für sich thut nichts für und nichts gegen die
-Natürliche Züchtung. Ich bemerke Diess ausdrücklich, weil man irrig
-behauptet hat, dass ich dem Zeit-Element dabei einen allmächtigen
-Antheil zugestehe, als ob alle Species mit der Zeit nothwendig eine
-allmählige Veränderung erfahren müssten. Zeit ist aber nur insoferne
-von Bedeutung, als sie den vorkommenden Abänderungen die allmählich
-vergrösserte Möglichkeit der Wahl, Häufung und Befestigung in
-Bezug auf die langsam wechselnden organischen und unorganischen
-Lebens-Bedingungen gewährt. Auch begünstigt sie die direkte Wirkung
-neuer oder veränderter physischer Lebens-Bedingungen.
-
-Wenden wir uns zur Bestätigung der Wahrheit dieser Bemerkungen an
-die Natur und sehen uns um nach irgend einem kleinen abgeschlossenen
-Gebiete, nach einer ozeanischen Insel z. B., so werden wir finden dass,
-obwohl die Gesammtzahl der es bewohnenden Arten nur klein ist, wie
-sich in dem Kapitel über geographische Verbreitung ergeben wird, doch
-eine verhältnissmässig grosse Zahl dieser Arten endemisch ist, d. h.
-hier an Ort und Stelle und nirgends anderwärts erzeugt worden ist. Auf
-den ersten Anblick scheint es demnach, es müsse eine ozeanische Insel
-sehr geeignet zur Hervorbringung neuer Arten gewesen seyn; um jedoch
-thatsächlich zu ermitteln, ob ein kleines abgeschlossenes Gebiet oder
-eine weite offene Fläche für die Erzeugung neuer organischer Formen
-mehr geeignet gewesen seye, müssten wir auch gleich-lange Zeiträume
-dabei vergleichen können, und Diess sind wir nicht im Stande zu thun.
-
-Obwohl ich nun nicht zweifle, dass Isolirung bei Erzeugung neuer
-Arten ein sehr wichtiger Umstand ist, so möchte ich doch im Ganzen
-genommen glauben, dass grosse Ausdehnung des Gebietes noch wichtiger
-insbesondere für die Hervorbringung solcher Arten ist, die sich einer
-langen Dauer und weiten Verbreitung fähig zeigen. Auf einer grossen
-und offenen Fläche wird nicht nur die Aussicht auf vortheilhafte
-Abänderungen wegen der grösseren Anzahl von Individuen einer Art
-günstiger, es werden auch die Lebens-Bedingungen wegen der grossen
-Anzahl schon vorhandener Arten unendlich zusammengesetzter seyn; und
-wenn einige von diesen zahlreichen Arten verändert oder verbessert
-werden, so müssen auch andere in entsprechendem Grade verbessert werden
-oder untergehen. Eben so wird jede neue Form, sobald sie sich stark
-verbessert hat, fähig seyn, sich über die offene und zusammenhängende
-Fläche auszubreiten, und wird hiedurch in Mitbewerbung mit vielen
-andern treten. Es werden hiermit mehr neu zu besetzende Stellen
-entstehen, und die Mitbewerbung um deren Ausfüllung wird viel heftiger
-als auf einem kleinen und abgeschlossenen Gebiete werden. Ausserdem
-aber mögen grosse Flächen, wenn sie jetzt auch zusammenhängend sind,
-in Folge der Schwankungen ihrer Oberfläche, oft noch unlängst von
-unterbrochener Beschaffenheit gewesen seyn, so dass sie an den guten
-Wirkungen der Isolirung wenigstens bis zu einem gewissen Grade mit
-theilgenommen haben. Ich komme demnach zum Schlusse, dass, wenn kleine
-abgeschlossene Gebiete auch in manchen Beziehungen wahrscheinlich sehr
-günstig für die Erzeugung neuer Arten gewesen sind, doch auf grossen
-Flächen die Abänderungen im Allgemeinen rascher erfolgt sind und, was
-noch wichtiger ist, die auf den grossen Flächen entstandenen neuen
-Formen, welche bereits den Sieg über viele Mitbewerber davon getragen,
-solche sind, die sich am weitesten verbreiten und die zahlreichsten
-neuen Varietäten und Arten liefern, mithin den wesentlichsten Antheil
-an den geschichtlichen Veränderungen der organischen Welt nehmen.
-
-Wir können von diesen Gesichtspunkten aus vielleicht einige Thatsachen
-verstehen, welche in unserem Kapitel über die geographische
-Verbreitung erörtert werden sollen; z. B. dass die Erzeugnisse des
-kleineren Australischen Kontinentes früher vor denen der grössern
-Europäisch-Asiatischen Fläche gewichen und anscheinend noch jetzt im
-Weichen begriffen sind. Daher kommt es ferner, dass festländische
-Erzeugnisse allenthalben so reichlich auf Inseln naturalisirt worden
-sind. Auf einer kleinen Insel wird der Wettkampf ums Daseyn viel
-weniger heftig, Erlöschung wird weniger und Abänderung geringer gewesen
-seyn. Daher rührt es vielleicht auch, dass die Flora von _Madeira_
-nach ~Oswald Heer~ der erloschenen Tertiär-Flora _Europas_
-gleicht. Alle Süsswasser-Becken zusammengenommen nehmen dem Meere
-wie dem trockenen Lande gegenüber nur eine kleine Fläche ein, und
-demgemäss wird die Mitbewerbung zwischen den Süsswasser-Erzeugnissen
-minder heftig gewesen seyn als anderwärts; neue Formen sind langsamer
-entstanden und alte langsamer erloschen. Im süssen Wasser finden
-wir sieben Sippen ganoider oder schmelzschuppiger Fische als
-übrig-gebliebene Vertreter einer einst vorherrschenden Ordnung dieser
-Klasse; und im süssen Wasser finden wir auch einige der anomalsten
-Wesen, welche auf der Erde bekannt sind, den Ornithorhynchus und den
-Lepidosiren, welche gleich fossilen Formen bis zu gewissem Grade solche
-Ordnungen miteinander verbinden, welche jetzt auf der natürlichen
-Stufenleiter weit von einander entfernt sind. Man kann daher diese
-anomalen Formen immerhin „lebende Fossile“ nennen. Sie haben
-ausgedauert bis auf den heutigen Tag, weil sie eine beschränkte Fläche
-bewohnt haben und in dessen Folge einer minder heftigen Mitbewerbung
-ausgesetzt gewesen sind.
-
-Fassen wir die der Natürlichen Züchtung günstigen und ungünstigen
-Umstände schliesslich zusammen, so weit die äusserst verwickelte
-Beschaffenheit Solches gestattet. Ich gelange mit Hinsicht auf
-die Zukunft zum Schlusse: dass für Land-Erzeugnisse eine weite
-Festland-Fläche, welche wahrscheinlich noch vielfältige Höhenwechsel
-zu erfahren hat und sich daher lange Zeiträume hindurch in einem
-unterbrochenen Zustande befinden wird, für Hervorbringung vieler
-neuen zu langer Dauer und weiter Verbreitung geeigneter Lebens-Formen
-die günstigsten Bedingungen darbieten wird. Eine solche Fläche
-kann zuerst ein Festland gewesen seyn, dessen Bewohner in jener
-Zeit zahlreich an Arten und Individuen sehr lebhafter Mitbewerbung
-ausgesetzt gewesen sind. Ist sodann der Kontinent durch Senkung in
-grosse Inseln geschieden worden, so werden noch viele Individuen einer
-Art auf jeder Insel übrig seyn, welche sich an den Grenzen ihrer
-Verbreitungs-Bezirke (der Inseln) mit einander zu kreutzen gehindert
-sind. Eben so können nach irgend welchen physikalischen Veränderungen
-keine Einwanderungen stattfinden, daher die neu entstehenden Stellen
-in der gesellschaftlichen Verbindung jeder Insel durch Abänderungen
-ihrer alten Bewohner ausgefüllt werden müssen. Um die Varietäten einer
-jeden zu diesem Zwecke umzugestalten und zu vervollkommnen, wird lange
-Zeit nöthig seyn. Sollten durch eine neue Hebung die Inseln wieder
-in ein Festland zusammenfliessen, so wird eine heftige Mitbewerbung
-erfolgen. Die am meisten begünstigten oder verbesserten Varietäten
-werden sich ausbreiten, viele minder vollkommene Formen erlöschen und
-die Verhältniss-Zahlen des erneuerten Kontinents sich bedeutend ändern.
-Es wird daher der Natürlichen Züchtung ein reiches Feld zur ferneren
-Verbesserung der Bewohner und zur Hervorbringung neuer Arten geboten
-seyn.
-
-Ich gebe vollkommen zu, dass die Natürliche Züchtung zuweilen mit
-äusserster Langsamkeit wirke. Ihre Thätigkeit hängt davon ab, ob in dem
-gesellschaftlichen Verbande der Natur Stellen vorhanden sind, welche
-dadurch besser besetzt werden könnten, dass einige Bewohner der Gegend
-irgend welche Abänderung erführen. Das Vorhandenseyn solcher Stellen
-wird oft von gewöhnlich langsamen physikalischen Veränderungen und
-davon abhängen, ob die Einwanderung besser anpassender Formen gehindert
-ist. Aber die Thätigkeit der Natürlichen Züchtung wird wahrscheinlich
-noch öfter davon bedingt seyn, dass einige der Bewohner langsame
-Abänderungen erleiden, indem hiedurch die Wechselbeziehungen vieler
-alten Bewohner zu einander gestört werden. Nichts kann bewirkt werden,
-bevor nicht vortheilhafte Abänderungen vorkommen, und Abänderung selbst
-ist offenbar stets ein sehr langsamer Vorgang. Viele werden der Meinung
-seyn, dass diese verschiedenen Ursachen ganz genügend seyen, um die
-Thätigkeit der Natürlichen Züchtung vollständig zu hindern; ich bin
-jedoch nicht dieser Ansicht. Auf der andern Seite glaube ich, dass
-Natürliche Züchtung immer sehr langsam wirke, oft erst wieder nach
-langen Zeitzwischenräumen und gewöhnlich nur bei sehr wenigen Bewohnern
-einer Gegend zugleich. Ich glaube ferner, dass diese sehr langsame und
-aussetzende Thätigkeit der Natürlichen Züchtung ganz gut demjenigen
-entspricht, was uns die Geologie in Bezug auf die Ordnung und Art der
-Veränderung lehrt, welche die Bewohner dieser Erde allmählich erfahren
-haben.
-
-Wie langsam aber auch der Prozess der Züchtung seyn mag; wenn der
-schwache Mensch in kurzer Zeit schon so viel durch seine künstliche
-Züchtung thun kann, so vermag ich keine Grenze für den Umfang
-der Veränderungen, für die Schönheit und endlose Verflechtung
-der Anpassungen aller organischen Wesen an einander und an ihre
-natürlichen Lebens-Bedingungen zu erkennen, welche die natürliche
-Züchtung im Verlaufe unermesslicher Zeiträume zu bewirken im Stande ist.
-
-+Erlöschen.+) -- Dieser Gegenstand wird in unsrem Abschnitte
-über Geologie vollständiger abzuhandeln seyn; hier berühren wir ihn
-nur, insoferne er mit der Züchtung zusammenhängt. Natürliche Züchtung
-wirkt nur durch Erhaltung vortheilhafter Abänderungen, welche die
-andern zu überdauern vermögen. Wenn jedoch in Folge des geometrischen
-Vervielfältigungs-Vermögens aller organischen Wesen jeder Bezirk schon
-genügend mit Bewohnern und wenn die meisten Bezirke bereits mit einer
-grossen Manchfaltigkeit der Formen versorgt sind, so muss nothwendig
-in demselben Grade, in welchem die ausgewählte und begünstigte Form an
-Menge zunimmt, die minder begünstigte allmählich abnehmen und seltener
-werden. Seltenwerden ist, wie die Geologie uns lehrt, Anfang des
-Erlöschens. Man erkennt auch, dass eine nur durch wenige Individuen
-vertretene Form durch Schwankungen in den Jahreszeiten oder in der
-Zahl ihrer Feinde grosse Gefahr gänzlicher Vertilgung läuft. Doch
-können wir noch weiter gehen und sagen: wenn neue Formen langsam aber
-beständig erzeugt werden, so müssen andre unvermeidlich fortwährend
-erlöschen, wenn nicht die Zahl der specifischen Formen beständig und
-fast unendlich anwachsen soll. Die Geologie zeigt uns klärlich, dass
-die Zahl der Art-Formen nicht in’s Unbegrenzte gewachsen ist, und
-wir wollen jetzt versuchen nachzuweisen, wohin es komme, dass die
-Arten-Zahl auf der Erd-Oberfläche nicht unermesslich geworden ist.
-
-Wir haben gesehen, dass diejenigen Arten, welche die zahlreichsten
-Individuen zählen, die meiste Wahrscheinlichkeit für sich, innerhalb
-einer gegebenen Zeit vortheilhafte Abänderungen hervorzubringen. Die
-im zweiten Kapitel mitgetheilten Thatsachen können zum Beweise dafür
-dienen, indem sie zeigen, dass gerade die gemeinsten Arten die grösste
-Anzahl ausgezeichneter Varietäten oder anfangender Species liefern.
-Daher werden denn auch die selteneren Arten in einer gegebenen Periode
-weniger rasch umgeändert oder verbessert werden und demzufolge in
-dem Kampfe mit den umgeänderten Abkömmlingen der gemeineren Arten
-unterliegen.
-
-Aus diesen verschiedenen Betrachtungen scheint nun unvermeidlich zu
-folgen, dass in dem Masse, wie im Laufe der Zeit neue Arten durch
-Natürliche Züchtung entstehen, andre seltener und seltener werden
-und endlich erlöschen müssen. Diejenigen Formen werden natürlich am
-meisten leiden, welche den umgeänderten und verbesserten am nächsten
-stehen. Und wir haben in dem Abschnitte vom Ringen um’s Daseyn gesehen,
-dass es die miteinander am nächsten verwandten Formen -- Varietäten
-der nämlichen Art und Arten der nämlichen oder einander zunächst
-verwandten Sippen sind, die, weil sie nahezu gleichen Bau, Konstitution
-und Lebensweise haben, meistens auch in die heftigste Mitbewerbung
-miteinander gerathen. Wir sehen den nämlichen Prozess der Austilgung
-unter unseren Kultur-Erzeugnissen vor sich gehen, in Folge der
-Züchtung verbesserter Formen durch den Menschen. Ich könnte mit vielen
-merkwürdigen Belegen zeigen, wie schnell neue Rassen von Rindern,
-Schaafen und andern Thieren oder neue Varietäten von Blumen die Stelle
-der früheren und unvollkommeneren einnehmen. In _Yorkshire_
-ist es geschichtlich bekannt, dass das alte schwarze Rindvieh durch
-die Langhorn-Rasse verdrängt und dass diese nach dem Ausdruck eines
-landwirthschaftlichen Schriftstellers, wie durch eine mörderische
-Seuche von den Kurzhörnern weggefegt worden ist.
-
-+Divergenz des Charakters.+) -- Das Princip, welches ich mit
-diesem Ausdruck bezeichne, ist von hoher Wichtigkeit für meine Theorie
-und erklärt nach meiner Meinung verschiedene wichtige Thatsachen.
-Erstens gibt es manche sehr ausgeprägte Varietäten, die, obwohl sie
-etwas vom Charakter der Species an sich haben, wie in vielen Fällen aus
-den hoffnungslosen Zweifeln über ihren Rang erhellet, doch gewiss viel
-weniger als gute und ächte Arten von einander abweichen. Demungeachtet
-sind nach meiner Anschauungsweise Varietäten eben anfangende Species.
-Auf welche Weise wächst nun jene kleinere Verschiedenheit zur grössern
-specifischen Verschiedenheit an? Dass Diess allgemein geschehe, müssen
-wir aus den fast unzähligen in der ganzen Natur vorhandenen Arten mit
-wohl ausgeprägten Varietäten schliessen, während Varietäten, die von
-uns unterstellten Prototype und Ältern künftiger wohl unterschiedener
-Arten, nur geringe und schlecht-ausgeprägte Unterschiede darbieten.
-Wenn es bloss der sogenannte Zufall wäre, der die Abweichung einer
-Varietät von ihren Ältern in einigen Beziehungen und dann die noch
-stärkere Abweichung des Nachkömmlings dieser Varietät von jenen Ältern
-in gleicher Richtung veranlasste, so würde dieser doch nicht genügen,
-ein so gewöhnliches und grosses Maass von Verschiedenheit zu erklären,
-als zwischen Varietäten einer Art und zwischen Arten einer Sippe
-vorhanden ist.
-
-Wir wollen daher, wie ich es bis jetzt zu thun gewöhnt war, auch
-diesen Gegenstand mit Hilfe unsrer Kultur-Erzeugnisse erläutern.
-Wir werden dabei etwas Analoges finden. Nehmen wir an, dass die
-Bildung so weit auseinander laufender Rassen wie die des Kurzhorn-
-und des Hereforder-Rindes, des Rasse- und des Karren-Pferdes, der
-verschiedenen Tauben-Rassen u. s. w. durch bloss zufällige Häufung
-der Abänderungen in einerlei Richtung während vieler aufeinander
-folgender Generationen nicht hätte zu Stande kommen können. Wenn nun
-aber in der Wirklichkeit ein Liebhaber seine Freude an einer Taube
-mit merklich kürzerem und ein anderer die seinige an einer solchen
-mit viel längerem Schnabel hätte, so würden sich beide bestreben, da
-„Liebhaber Mittelmässigkeiten nicht bewundern, sondern Extreme lieben“
-(wie es mit Purzeltauben wirklich der Fall gewesen), zur Nachzucht
-Vögel mit immer kürzeren und kürzeren oder immer längeren und längeren
-Schnäbeln zu wählen. Eben so können wir unterstellen, es habe Jemand
-in früherer Zeit schlankere und ein andrer Jemand stärkere und
-schwerere Pferde vorgezogen. Die ersten Unterschiede werden nur sehr
-gering gewesen seyn; wenn nun aber im Laufe der Zeit einige Züchter
-fortwährend die schlankeren, und andre ebenso die schwereren Pferde
-zur Nachzucht erkiesen, so werden die Verschiedenheiten immer grösser
-werden und Veranlassung geben zwei Unterrassen zu unterscheiden,
-und nach Verlauf von Jahrhunderten können diese Unterrassen sich
-endlich zu zwei wohlbegründeten verschiedenen Rassen ausbilden. Da die
-Verschiedenheiten langsam zunehmen, so werden die unvollkommeneren
-Thiere von mittlem Charakter, die weder sehr leicht noch sehr schwer
-sind, vernachlässigt werden und sich zum Erlöschen neigen. Daher sehen
-wir dann auch in diesen künstlichen Erzeugnissen des Menschen, dass in
-Folge des Divergenz-Prinzips, wie man es nennen könnte, die anfangs
-kaum bemerkbaren Verschiedenheiten immer zunehmen und die Rassen immer
-weiter unter sich wie von ihren gemeinsamen Stamm-Ältern abweichen.
-
-Aber wie, kann man fragen, lässt sich ein solches Prinzip auf die
-Natur anwenden? Ich glaube, dass es schon durch den einfachen Umstand
-eine erfolgreiche Anwendung findet (obwohl ich selbst Diess lange Zeit
-nicht erkannt habe), dass, je weiter die Abkömmlinge einer Species in
-Bau, organischen Verrichtungen und Lebensweise auseinandergehen, um so
-besser sie geeignet seyn werden, viele und sehr verschiedene Stellen im
-Haushalte der Natur einzunehmen und somit an Zahl zuzunehmen.
-
-Diess zeigt sich deutlich bei Thieren mit einfacher Lebensweise.
-Nehmen wir ein vierfüssiges Raubthier zum Beispiel, dessen Zahl in
-einer Gegend schon längst zu dem vollen Betrage angestiegen ist,
-welches die Gegend zu ernähren vermag. Hat das ihm innewohnende
-Vervielfältigungs-Vermögen freies Spiel, so kann dieselbe Thier-Art
-(vorausgesetzt dass die Gegend keine Veränderung ihrer natürlichen
-Verhältnisse erfahre) nur dann noch weiter zunehmen, wenn ihre
-Nachkommen in der Weise abändern, dass sie allmählich solche Stellen
-einnehmen können, welche jetzt andere Thiere schon innehaben,
-wenn z. B. einige derselben geschickt werden auf neue Arten von
-lebender oder todter Beute auszugehen, indem sie neue Standorte
-bewohnen, Bäume erklimmen, in’s Wasser gehen oder auch einen Theil
-ihrer Raubthier-Natur aufgeben. Je mehr nun diese Nachkommen unsres
-Raubthieres in Organisation und Lebensweise auseinandergehen, desto
-mehr Stellen werden sie fähig seyn in der Natur einzunehmen. Und was
-von einem Thiere gilt, das gilt durch alle Zeiten von allen Thieren,
-vorausgesetzt, dass sie variiren; denn ausserdem kann Natürliche
-Züchtung nichts ausrichten. Und dasselbe gilt von den Pflanzen. Es ist
-durch Versuche dargethan worden, dass wenn man eine Strecke Landes
-mit Gräsern verschiedener Sippen besäet, man eine grössere Anzahl von
-Pflanzen erzielen und ein grösseres Gewicht von Heu einbringen kann,
-als wenn man eine gleiche Strecke nur mit einer Gras-Art ansäet. Zum
-nämlichen Ergebniss ist man gelangt, indem man zuerst eine Varietät
-und dann verschiedene gemischte Varietäten von Weitzen auf zwei gleich
-grosse Grund-Stücke säete. Wenn daher eine Gras-Art in Varietäten
-auseinandergeht und diese Varietäten, unter sich in derselben Weise
-verschieden wie die Arten und Sippen der Gräser verschieden sind, immer
-wieder zur Nachzucht gewählt werden, so wird eine grössere Anzahl
-einzelner Stöcke dieser Gras-Art mit Einschluss ihrer Varietäten auf
-gleicher Fläche wachsen können, als zuvor. Bekanntlich streut jede
-Gras-Art und Varietät jährlich eine fast zahllose Menge von Saamen
-aus, so dass man fast sagen könnte, ihr hauptsächlichstes Streben
-seye Vermehrung ihrer Anzahl. Daher zweifle ich nicht daran, dass
-im Verlaufe von vielen Tausend Generationen gerade die am weitesten
-auseinander gehenden Varietäten einer Gras-Art immer am meisten
-Wahrscheinlichkeit des Erfolges durch Vermehrung ihrer Anzahl und
-durch Verdrängung der geringeren Abweichungen für sich haben; und sind
-diese Varietäten nun weit von einander verschieden, so nehmen sie den
-Charakter der Arten an.
-
-Die Wahrheit des Prinzips, dass die grösste Summe von Leben vermittelt
-werden kann durch die grösste Differenzirung der Struktur, lässt
-sich unter vielerlei natürlichen Verhältnissen erkennen. Wir sehen
-auf ganz kleinen Räumen, zumal wenn sie der Einwanderung offen sind
-und mithin das Ringen der Arten mit einander heftig ist, stets eine
-grosse Manchfaltigkeit von Bewohnern. So fand ich z. B. auf einem 3′
-langen und 4′ breiten Stück Rasen, welches viele Jahre lang genau
-denselben Bedingungen ausgesetzt gewesen, zwanzig Arten von Pflanzen
-aus achtzehn Sippen und acht Ordnungen beisammen, woraus sich ergibt,
-wie verschieden von einander eben diese Pflanzen sind. So ist es
-auch mit den Pflanzen und Insekten auf kleinen einförmigen Inseln;
-und ebenso in kleinen Süsswasser-Behältern. Die Landwirthe wissen,
-dass sie bei einer Rotation mit Pflanzen-Arten aus den verschiedensten
-Ordnungen am meisten Futter erziehen können[12], und die Natur bietet,
-was man eine simultane Rotation nennen könnte. Die meisten Pflanzen und
-Thiere, welche rings um ein kleines Grundstück wohnen, würden auch auf
-diesem Grundstücke (wenn es nicht in irgend einer Beziehung von sehr
-abweichender Beschaffenheit ist) leben können und streben so zu sagen
-in hohem Grade darnach da zu leben; wo sie aber in nächste Mitbewerbung
-mit einander kommen, da sehen wir, dass ihre aus der Differenzirung
-ihrer Organisation, Lebensweise und Konstitution sich ergebenden
-wechselseitigen Vorzüge bedingen, dass die am unmittelbarsten mit
-einander ringenden Bewohner im Allgemeinen verschiedenen Sippen und
-Ordnungen angehören.
-
-Dasselbe Princip erkennt man, wo der Mensch Pflanzen in fremdem Lande
-zu naturalisiren strebt. Man hätte erwarten dürfen, dass diejenigen
-Pflanzen, die mit Erfolg in einem Lande naturalisirt werden können,
-im Allgemeinen nahe verwandt mit den Eingeborenen seyen; denn diese
-betrachtet man gewöhnlich als besonders für ihre Heimath geschaffen
-und angepasst. Eben so hätte man vielleicht erwartet, dass die
-naturalisirten Pflanzen zu einigen wenigen Gruppen gehörten, welche
-nur etwa gewissen Stationen entsprächen. Aber die Sache verhält sich
-ganz anders, und ~Alphons DeCandolle~ hat in seinem grossen
-und vortrefflichen Werke ganz wohl gezeigt, dass die Floren durch
-Naturalisirung, der Anzahl der eingeborenen Sippen und Arten gegenüber,
-weit mehr an neuen Sippen als an neuen Arten gewinnen. Um nur ein
-Beispiel zu geben, so sind in Dr. ~Asa Gray’s~ „_Manual
-of the Flora of the northern United states_“ 260 naturalisirte
-Pflanzen-Arten aus 162 Sippen aufgezählt. Wir sehen ferner, dass diese
-naturalisirten Pflanzen von sehr verschiedener Natur sind, und auch von
-den eingebornen in so ferne nicht abweichen, als aus jenen 162 Sippen
-nicht weniger als 100 ganz fremdländisch sind, daher die eingeborene
-Flora verhältnissmässig mehr an Sippen als an Arten bereichert worden
-ist.
-
-Berücksichtigt man die Natur der Pflanzen und Thiere, welche der
-Reihe nach erfolgreich mit den eingeborenen einer Gegend gerungen
-haben und in dessen Folge naturalisirt worden sind, so kann man eine
-rohe Vorstellung davon gewinnen, wie etwa einige die eingeborenen
-hätten modificirt werden müssen, um einen Vortheil über die andern
-eingeborenen zu erlangen; wir können, wie ich glaube, wenigstens mit
-Sicherheit schliessen, dass eine Differenzirung ihrer Struktur bis zu
-einem zur Bildung neuer Sippen genügenden Betrage für sie erspriesslich
-gewesen wäre.
-
-Der Vortheil einer Differenzirung der Eingeborenen einer Gegend ist in
-der That derselbe, welcher für einen individuellen Organismus aus der
-physiologischen Theilung der Arbeit unter seine Organe entspringt, ein
-von ~Milne Edwards~ so trefflich erläuterter Gegenstand. Kein
-Physiologe zweifelt daran, dass ein Magen, welcher nur zur Verdauung
-von vegetabilischer oder von animalischer Materie allein geeignet ist,
-die meiste Nahrung aus diesen Stoffen zieht. So werden auch in dem
-grossen Haushalte eines Landes um so mehr Individuen von Pflanzen und
-Thieren ihren Unterhalt zu finden im Stande seyn, je mehr dieselben
-hinsichtlich ihrer Lebensweise differenzirt sind. Eine Gesellschaft von
-Thieren mit nur wenig differenzirter Organisation kann schwerlich mit
-einer andern von vollständiger differenzirtem Baue werben. So wird man
-z. B. bezweifeln müssen, dass die _Australischen_ Beutelthiere,
-welche nach ~Waterhouse’s~ u. A. Bemerkung, in weniger von
-einander abweichende Gruppen unterschieden, unsere Raub-Thiere,
-Wiederkäuer und Nager vertreten, im Stande seyn würden, mit diesen
-wohl ausgesprochenen Ordnungen zu werben. In den _Australischen_
-Säugethieren erblicken wir den Prozess der Differenzirung auf einer
-noch frühen und unvollkommenen Entwicklungs-Stufe.
-
-Nach dieser vorangehenden Erörterung, die einer grösseren Ausdehnung
-bedürfte, dürfen wir wohl annehmen, dass die abgeänderten Nachkommen
-einer Species um so mehr Erfolg haben werden, je mehr sie in ihrer
-Organisation differenzirt und hiedurch geeignet seyn werden, sich
-auf die bereits von andern Wesen eingenommenen Stellen einzudrängen.
-Wir wollen nun zusehen, wie dieses nützliche von der Divergenz des
-Charakters abgeleitete Prinzip in Verbindung mit den Prinzipien der
-Natürlichen Züchtung und der Erlöschung zusammenwirke.
-
-[Illustration: _Zur Seite 131._]
-
-Das beigefügte Bild wird uns dienen, diese sehr verwickelte Frage
-besser zu begreifen. Gesetzt es bezeichnen die Buchstaben A bis L
-die Arten einer grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; diese Arten
-gleichen einander in verschiedenen Abstufungen, wie es eben in der
-Natur der Fall zu seyn pflegt, und was durch verschiedene Entfernung
-jener Buchstaben von einander ausgedrückt werden soll. Wir wählen
-eine grosse Sippe, weil wir schon im zweiten Kapitel gesehen, dass
-verhältnissmässig mehr Arten grosser Sippen als kleiner variiren, und
-dass dieselben eine grössere Anzahl von Varietäten darbieten. Wir haben
-ferner gesehen, dass die gemeinsten und am weitesten verbreiteten
-Arten mehr als die seltenen mit kleinen Wohn-Bezirken abändern. Es
-seye nun A eine gemeine weit verbreitete und abändernde Art einer
-grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; der kleine Fächer divergirender
-Punkt-Linien von ungleicher Länge, welche von A ausgehen, möge ihre
-variirende Nachkommenschaft darstellen. Es ist ferner angenommen,
-deren Abänderungen seyen ausserordentlich gering, aber von der
-manchfaltigsten Beschaffenheit, nicht von gleichzeitiger, sondern oft
-durch lange Zwischenzeiten getrennter Erscheinung, und endlich von
-ungleich langer Dauer. Nur jene Abänderungen, welche in irgend einer
-Beziehung nützlich sind, werden erhalten und zur Natürlichen Züchtung
-verwendet. Und hier ist es wichtig, dass das Prinzip der Nützlichkeit
-von der Divergenz des Charakters abgeleitet ist; denn Diess wird
-meistens zu den am weitesten auseinandergehenden Abänderungen führen
-(welche durch unsre punktirten Linien dargestellt sind), wie sie durch
-Natürliche Züchtung erhalten und gehäuft worden. Wenn nun in unsrem
-Bilde eine der punktirten Linien eine der wagrechten Linien erreicht
-und dort mit einem kleinen numerirten Buchstaben bezeichnet erscheint,
-so ist angenommen, dass darin eine Summe von Abänderung gehäuft seye,
-genügend zur Bildung einer ganz wohl-bezeichneten Varietät, wie wir sie
-der Aufnahme in ein systematisches Werk werth achten.
-
-Die Zwischenräume zwischen zwei wagrechten Linien des Bildes mögen
-je 1000 (besser wären 10,000) Generationen entsprechen. Nach 1000
-Generationen hätte die Art A zwei ganz wohl ausgeprägte Varietäten
-a^1 und m^1 hervorgebracht. Diese zwei Varietäten seyen fortwährend
-denselben Bedingungen ausgesetzt, welche ihre Stammältern zur
-Abänderung veranlassten, und das Streben nach Abänderung in ihnen
-erblich. Sie werden daher nach weitrer Abänderung und gewöhnlich in
-derselben Art und Richtung streben wie ihre Stammältern. Überdiess
-werden diese zwei Varietäten, als nur erst wenig modificirte Formen,
-streben diejenigen Vorzüge wieder zu erwerben, welche ihren gemeinsamen
-Ältern A das numerische Übergewicht über die meisten andern Bewohner
-derselben Gegend verschafft haben; sie werden gleicherweise theilnehmen
-an denjenigen Vortheilen, welche die Sippe, wozu ihre Stammältern
-gehört, zur grossen Sippe ihrer Heimath erhoben. Und wir wissen, dass
-alle diese Umstände zur Hervorbringung neuer Varietäten günstig sind.
-
-Wenn nun diese zwei Varietäten ebenfalls veränderlich sind, so werden
-die divergentesten ihrer Abänderungen gewöhnlich in den nächsten 1000
-Generationen fortbestehen. Nach dieser Zeit, ist in unsrem Bilde
-angenommen, habe Varietät a^1 die Varietät a^2 hervorgebracht, die nach
-dem Differenzirungs-Principe weiter als a^1 von A verschieden ist.
-Varietät m^1 hat zwei andre Varietäten m^2 und s^2 ergeben, welche
-unter sich und noch mehr von ihrer gemeinsamen Stamm-Form A abweichen.
-So können wir den Vorgang lange Zeit von Stufe zu Stufe verfolgen und
-einige der Varietäten von je 1000 zu 1000 Generationen bald nur eine
-Abänderung von mehr und weniger abweichender Beschaffenheit, bald auch
-2-3 derselben hervorbringen sehen, während andre keine neuen Formen
-darbieten. Doch werden gewöhnlich diese Varietäten oder abgeänderten
-Nachkommen eines gemeinsamen Stamm-Vaters A im Ganzen immer zahlreicher
-werden und immer weiter auseinander laufen. In dem Bilde ist der
-Vorgang bis zur zehntausendsten Generation, -- und in einer mehr
-verdichteten und vereinfachten Weise bis zur vierzehntausendsten
-Generation dargestellt.
-
-Doch muss ich hier bemerken, dass ich nicht der Meinung bin, dass
-der Prozess jemals so regelmässig vor sich gehe, als er im Bilde
-dargestellt ist, obwohl er auch da schon etwas unregelmässig
-erscheint. Eben so bin ich entfernt nicht der Meinung, dass die am
-weitesten differirenden Varietäten unabänderlich vorherrschen und
-sich vervielfältigen werden. Oft mag auch eine Mittelform von langer
-Dauer seyn und entweder keine oder mehr als eine in ungleichem Grade
-abgeänderte Varietät hervorbringen; die Natürliche Züchtung wird
-immer thätig seyn, je nach der Beschaffenheit der noch gar nicht oder
-nur unvollständig von anderen Wesen eingenommenen Stellen; und Diess
-wird von unendlich verwickelten Beziehungen abhängen. Doch werden der
-allgemeinen Regel zufolge die Abkömmlinge einer Art um so mehr geeignet
-seyn jene Stellen einzunehmen und ihre abgeänderte Nachkommenschaft zu
-vermehren, je weiter sie in ihrer Organisation differenzirt sind. In
-unsrem Bilde ist die Successions-Linie in regelmässigen Zwischenräumen
-unterbrochen durch kleine numerirte Buchstaben, zu Bezeichnung der
-successiven Formen, welche genügend unterschieden sind, um als
-Varietäten aufgeführt zu werden. Aber diese Unterbrechungen sind nur
-eingebildete und hätten anderwärts eingeschoben werden können nach
-hinlänglich langen Zwischenräumen für die Häufung eines ansehnlichen
-Betrags divergenter Abänderung.
-
-Da alle diese verschiedenartigen Abkömmlinge von einer gemeinsamen
-und weit verbreiteten Art einer grossen Sippe an den gemeinsamen
-Verbesserungen theilzunehmen streben, welche den Erfolg ihrer
-Stamm-Ältern im Leben bedingt haben, so werden sie im Allgemeinen
-sowohl an Zahl als an Divergenz des Charakters zunehmen, und Diess
-ist im Bilde durch die verschiedenen von A ausgehenden Verzweigungen
-ausgedrückt. Die abgeänderten Nachkommen von den letzten und am
-meisten verbesserten Verzweigungen in den Nachkommenschafts-Linien
-werden wahrscheinlich oft die Stelle der ältern und minder
-vervollkommneten einnehmen und sie verdrängen, und Diess ist im Bilde
-dadurch ausgedrückt, dass einige der untern Zweige nicht bis zu den
-obern Horizontallinien hinauf reichen. In einigen Fällen zweifle
-ich nicht, dass der Prozess der Abänderung auf eine einfache Linie
-der Descendenz beschränkt bleiben und die Zahl der Nachkommen nicht
-vermehren wird, wenn auch das Maass divergenter Modifikation in den
-aufeinanderfolgenden Generationen zugenommen hat. Dieser Fall würde
-in dem Bilde dargestellt werden, wenn alle von A ausgehenden Linien
-bis auf die von a^1 bis a^{10} beseitigt würden. Auf diese Weise sind
-z. B. die Englischen Rasse-Pferde und Englischen Windspiele langsam vom
-Charakter ihrer Stammform abgewichen, ohne je eine neue Abzweigung oder
-Nebenrasse abgegeben zu haben.
-
-Es wird der Fall gesetzt, dass die Art A nach 10,000 Generationen drei
-Formen a^{10}, f^{10} und m^{10} hervorgebracht habe, welche in Folge
-ihrer Charakter-Divergenz in den aufeinanderfolgenden Generationen
-weit, doch in ungleichem Grade unter sich und von ihren Stamm-Ältern
-verschieden sind. Nehmen wir nur einen äusserst kleinen Betrag von
-Veränderung zwischen je zwei Horizontalen unsres Bildes an, so werden
-unsre drei Formen nur bis zur Stufe wohl ausgeprägter Varietäten oder
-etwa zweifelhafter Unterarten gelangt seyn; wir haben aber nur nöthig,
-uns die Abstufungen im Änderungs-Prozesse etwas grösser zu denken, um
-diese Formen in gute Arten zu verwandeln; alsdann drückt das Bild die
-Stufen aus, auf welchen die kleinen nur Varietäten charakterisirenden
-Verschiedenheiten in grössere schon Arten unterscheidende Unterschiede
-übergehen. Denkt man sich denselben Prozess in einer noch grösseren
-Anzahl von Generationen fortwährend (wie es oben im Bilde in
-zusammengezogener und vereinfachter Weise geschehen), so erhalten wir
-acht von A abstammende Arten mit a^{14} bis m^{14} bezeichnet. So
-werden, wie ich glaube, Arten vervielfältigt und Sippen gebildet.
-
-In einer grossen Sippe variirt wohl mehr als eine Art. Im Bilde habe
-ich angenommen, dass eine zweite Art I in analogen Abstufungen nach
-10,000 Generationen entweder zwei wohlbezeichnete Varietäten w^{10} und
-x^{10}, oder zwei Arten hervorgebracht habe, je nachdem man sich den
-Betrag der Veränderung, welcher zwischen zwei wagrechten Linien liegt,
-kleiner oder grösser denkt. Nach 14,000 Generationen werden nach unsrer
-Unterstellung sechs neue durch die Buchstaben n^{14}-z^{14} bezeichnete
-Arten entstanden seyn. In jeder Sippe werden die bereits am weitesten
-in ihrem Charakter auseinander gegangenen Arten die grösste Anzahl
-modificirter Nachkommen hervorzubringen streben, indem diese die beste
-Aussicht haben, neue und weit von einander verschiedene Stellen im
-Natur-Staate einzunehmen; daher ich im Bilde die extreme Art A und die
-fast gleich extreme Art I als die am weitesten auseinander gelaufenen
-bezeichnete, welche auch zur Bildung neuer Varietäten und Arten
-Veranlassung gegeben haben. Die andren neun mit grossen Buchstaben
-(B-H, K, L) bezeichneten Arten unsrer Stamm-Sippe mögen sich noch lange
-Zeit ohne Veränderung fortpflanzen, was im Bilde durch die punktirten
-Linien ausgedrückt ist, welche wegen mangelnden Raumes nicht weiter
-aufwärts verlängert sind.
-
-Inzwischen dürfte in dem auf unsrem Bilde dargestellten
-Umänderungs-Prozess noch ein andres unsrer Prinzipien, das der
-Erlöschung nämlich, eine wichtige Rolle gespielt haben. Da in jeder
-vollständig bevölkerten Gegend Natürliche Züchtung nothwendig durch
-Auswahl der Formen wirkt, welche in dem Kampfe um’s Daseyn irgend
-einen Vortheil vor den übrigen Formen voraus haben, so wird in den
-verbesserten Abkömmlingen einer Art ein beständiges Streben vorhanden
-seyn, auf jeder ferneren Stufe ihre Vorgänger und ihren Urstamm zu
-ersetzen und zu vertilgen. Denn man muss sich erinnern, dass der Kampf
-gewöhnlich am heftigsten zwischen solchen Formen ist, welche einander
-in Organisation, Konstitution und Lebensweise am nächsten stehen. Daher
-werden alle Zwischenformen zwischen den frühesten und spätesten, das
-ist zwischen den unvollkommensten und vollkommensten Stufen, sowie
-die Stamm-Art selbst zum Erlöschen geneigt seyn. Eben so wird es sich
-wahrscheinlich mit vielen ganzen Seiten-Linien verhalten, wenn sie
-durch spätere und vollkommenere Linien bekämpft werden. Wenn dagegen
-die abgeänderte Nachkommenschaft einer Art in einer besonderen Gegend
-aufkommt oder sich irgend einem ganz neuen Standorte rasch anpasst,
-wo Vater und Kind nicht in Mitbewerbung gerathen, dann mögen beide
-fortbestehen.
-
-Nimmt man daher in unsrem Bilde an, dass es ein grosses Maass von
-Abänderung vorstelle, so werden die Art A und alle frühern Abänderungen
-derselben erloschen und durch acht neue Arten a^{14}-m^{14}
-ersetzt seyn, und an der Stelle von I werden sich sechs neue Arten
-n^{14}-z^{14} befinden.
-
-Doch gehen wir noch weiter. Wir haben angenommen, dass die
-ursprünglichen Arten unsrer Sippe einander in ungleichem Grade ähnlich
-seyen, wie Das in der Natur gewöhnlich der Fall ist; dass die Art
-A näher mit B, C, D als mit den andern verwandt seye und I mehr
-Beziehungen mit G, H, K, L als zu den übrigen besitze; dass ferner
-diese zwei Arten A und I sehr gemein und weit verbreitet seyen, indem
-sie schon anfangs einige Vorzüge vor den andern Arten derselben Sippe
-voraus hatten. Ihre modifizirten Nachkommen, vierzehn an Zahl nach
-14,000 Generationen, werden wahrscheinlich einige derselben Vorzüge
-geerbt haben; auch sind sie auf jeder weiteren Stufe der Fortpflanzung
-in einer divergenten Weise abgeändert und verbessert worden, so dass
-sie sich zur Besetzung vieler passenden Stellen im Natur-Haushalte
-ihrer Gegend eignen. Es scheint mir daher äusserst wahrscheinlich,
-dass sie nicht allein ihre Ältern A und I ersetzt und vertilgt haben,
-sondern auch einige andre diesen zunächst verwandte ursprüngliche
-Spezies. Es werden daher nur sehr wenige der ursprünglichen Arten sich
-bis in die vierzehntausendste Generation fortgepflanzt haben. Wir
-nehmen an, dass nur eine von den zwei mit den übrigen neun weniger
-nahe verwandten Arten, nämlich F, ihre Nachkommen bis zu dieser späten
-Generation erstrecke.
-
-Der neuen von den eilf ursprünglichen Arten unsres Bildes
-abgeleiteten Spezies sind nun fünfzehn. Dem divergenten Streben
-der Natürlichen Züchtung gemäss, muss der äusserste Betrag von
-Charakter-Verschiedenheit zwischen den Arten a^{14} und z^{14} viel
-grösser als zwischen den unter sich verschiedensten der ursprünglichen
-eilf Arten seyn. Überdiess werden die neuen Arten in sehr ungleichem
-Grade mit einander verwandt seyn. Unter den acht Nachkommen von A
-mögen die drei a^{14}, q^{14} und p^{14} näher beisammen stehen, weil
-sie sich erst spät von a^{10} abgezweigt haben, wogegen b^{14} und
-f^{14} als alte Abzweigungen von a^5 etwas mehr von jenen drei entfernt
-sind; und endlich mögen o^{14}, e^{14} und m^{14} zwar unter sich
-nahe verwandt seyn, aber als Seitenzweige seit dem ersten Beginne des
-Abänderungs-Prozesses weit von den andern fünf Arten abstehen und eine
-besondere Untersippe oder sogar eine eigne Sippe bilden.
-
-Die sechs Nachkommen von I mögen zwei Subgenera oder selbst Genera
-bilden. Da aber die Stamm-Art I weit von A entfernt, fast am andern
-Ende der Arten-Reihe der ursprünglichen Sippe steht, so werden diese
-sechs Nachkommen durch Vererbung beträchtlich von den acht Nachkommen
-von A abweichen, indem überdiess angenommen worden, dass diese zwei
-Gruppen sich in auseinander weichenden Richtungen verändert haben. Auch
-sind die mittlen Arten, welche A mit I verbunden (was sehr wichtig ist
-zu beachten), mit Ausnahme von F erloschen, ohne Nachkommenschaft zu
-hinterlassen. Daher die sechs neuen von I entsprossenen und die acht
-von A abgeleiteten Spezies sich zu zwei sehr verschiedenen Sippen oder
-sogar Unterfamilien erhoben haben dürften.
-
-So kommt es, wie ich meine, dass zwei oder mehr Sippen durch Abänderung
-aus zwei oder mehr Arten eines Genus entspringen können. Und von den
-zwei oder mehr Stamm-Arten ist angenommen worden, dass sie von einer
-Art einer früheren Sippe herrühren. In unsrem Bilde ist Diess durch
-die gebrochenen Linien unter den grossen Buchstaben A-L angedeutet,
-welche abwärts gegen je einen Punkt konvergiren. Dieser Punkt stellt
-eine einzelne Spezies, die unterstellte Stamm-Art aller unsrer neuen
-Subgenera und Genera vor.
-
-Es ist der Mühe werth, einen Augenblick bei dem Charakter der neuen
-Art ~F~^{14} zu verweilen, von welcher angenommen wird, dass
-sie ohne grosse Divergenz zu erfahren, die Form von F unverändert oder
-mit nur geringer Abänderung ererbt habe. Ihre Verwandtschaften zu den
-andern vierzehn neuen Arten werden ganz sonderbar seyn. Von einer
-zwischen den zwei Stamm-Arten A und I stehenden Spezies abstammend,
-welche aber jetzt erloschen und unbekannt sind, wird sie einigermassen
-das Mittel zwischen den zwei davon abgeleiteten Arten-Gruppen halten.
-Da aber beide Gruppen in ihren Charakteren vom Typus ihrer Stamm-Ältern
-auseinandergelaufen sind, so wird die neue Art ~F~^{14} das
-Mittel nicht unmittelbar zwischen ihnen, sondern vielmehr zwischen den
-Typen beider Gruppen halten; und jeder Naturforscher dürfte im Stande
-seyn, sich ein Beispiel dieser Art in’s Gedächtniss zu rufen.
-
-In dem Bilde entspricht nach unsrer bisherigen Annahme jeder Abstand
-zwischen zwei Horizontalen tausend Generationen; lassen wir ihn jedoch
-für eine Million oder hundert Millionen von Generationen und zugleich
-einem entsprechenden Theile der Schichtenfolge unsrer Erd-Rinde mit
-organischen Resten gelten! In unsrem Kapitel über Geologie werden wir
-wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen und werden dann hoffentlich
-finden, dass unser Bild geeignet ist Licht über die Verwandtschaft
-erloschener Wesen zu verbreiten, die, wenn auch im Allgemeinen zu
-denselben Ordnungen, Familien oder Sippen wie ein Theil der jetzt
-lebenden gehörig, doch in ihrem Charakter oft in gewissem Grade
-das Mittel zwischen jetzigen Gruppen halten; und man wird diese
-Thatsache begreiflich finden, da die erloschenen Arten in sehr frühen
-Zeiten gelebt, wo die Verzweigungen der Nachkommenschaft noch wenig
-auseinander gegangen waren.
-
-Ich finde keinen Grund, den Verlauf der Abänderung, wie er bisher
-auseinander gesetzt worden, bloss auf die Bildung der Sippen zu
-beschränken. Nehmen wir in unsrem Bilde den von jeder successiven
-Gruppe auseinander-strahlender Punktlinien dargestellten Betrag von
-Abänderung sehr hoch an, so werden die mit a^{14} bis p^{14}, mit
-b^{14} bis f^{14} und mit o^{14} bis m^{14} bezeichneten Formen
-drei sehr verschiedene Genera darstellen. Wir werden dann zwei von
-I abgeleitete sehr verschiedene Sippen haben, und da diese zwei
-Sippen, in Folge sowohl einer fortdauernden Divergenz des Charakters
-als der Beerbung zweier verschiedener Stammväter, sehr weit von
-den von A hergeleiteten drei Sippen abweichen, so werden die zwei
-kleinen Sippen-Gruppen je nach dem Maasse der vom Bilde dargestellten
-divergenten Abänderung zwei verschiedene Familien oder selbst Ordnungen
-bilden. Und diese zwei neuen Familien oder Ordnungen leiten sich von
-zwei Arten einer Stamm-Sippe her, die selbst wieder einer Species eines
-viel älteren und noch unbekannten Genus entsprossen seyn dürfte.
-
-Wir haben gesehen, dass es in jeder Gegend die Arten der grössern
-Sippen sind, welche am öftesten Varietäten oder neue anfangende Arten
-bilden. Diess war in der That zu erwarten; denn, wenn die Natürliche
-Züchtung durch eine im Rassenkampf vor den andern bevorzugte Form
-wirkt, so wird sie hauptsächlich auf diejenigen wirken, welche
-bereits einige Vortheile voraus haben; und die Grösse einer Gruppe
-zeigt, dass ihre Arten von einem gemeinsamen Vorgänger einige Vorzüge
-gemeinschaftlich ererbt haben. Daher der Wettkampf in Erzeugung neuer
-und abgeänderter Sprösslinge hauptsächlich zwischen den grösseren
-Gruppen stattfinden wird, welche sich alle an Zahl zu vergrössern
-streben. Eine grosse Gruppe wird nur langsam eine andre grosse
-Gruppe überwinden, deren Zahl verringern und so deren Aussicht
-auf künftige Abänderung und Verbesserung vermindern. Innerhalb
-einer und derselben grossen Gruppe werden die neueren und höher
-vervollkommneten Untergruppen immer bestrebt seyn, durch Verzweigung
-und durch Besetzung von möglichst vielen Stellen im Staate der Natur
-die früheren und minder vervollkommneten Untergruppen allmählich zu
-verdrängen. Kleine und unterbrochene Gruppen und Untergruppen neigen
-sich immer mehr dem gänzlichen Verschwinden zu. In Bezug auf die
-Zukunft kann man vorhersagen, dass diejenigen Gruppen organischer
-Wesen, welche jetzt gross und siegreich und am wenigsten durchbrochen
-sind, d. h. bis jetzt am wenigsten durch Erlöschung gelitten haben,
-noch auf lange Zeit hinaus zunehmen werde. Welche Gruppen aber zuletzt
-vorwalten werden, kann niemand vorhersagen; denn wir wissen, dass
-viele Gruppen von ehedem sehr ausgedehnter Entwickelung heutzutage
-erloschen sind. Blicken wir noch weiter in die Zukunft hinaus, so
-lässt sich voraussehen, dass in Folge der fortdauernden und steten
-Zunahme der grossen Gruppen eine Menge kleiner gänzlich erlöschen
-wird ohne abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und dass demgemäss
-von den zu irgend einer Zeit lebenden Arten nur äusserst wenige ihre
-Nachkommenschaft bis in eine ferne Zukunft erstrecken werden. Ich will
-in dem Kapitel über Klassifikation auf diesen Gegenstand zurückkommen
-und hier nur noch bemerken, dass nach der Ansicht, dass nur äusserst
-wenige der ältesten Spezies uns Abkömmlinge hinterlassen haben und die
-Abkömmlinge von einer und derselben Spezies heutzutage eine Klasse
-bilden, uns begreiflich werden muss, warum es in jeder Hauptabtheilung
-des Pflanzen- und Thier-Reiches nur sehr wenige Klassen gebe. Obwohl
-indessen nur äusserst wenige der ältesten Arten noch jetzt lebende
-veränderte Nachkommen hinterlassen haben, so mag doch die Erde in den
-ältesten geologischen Zeit-Abschnitten eben so bevölkert gewesen seyn
-mit zahlreichen Arten aus manchfaltigen Sippen, Familien, Ordnungen und
-Klassen, wie heutigen Tages.
-
-Ein ausgezeichneter Naturforscher hat dagegen eingewendet, die
-fortwährende Thätigkeit der Züchtung, mit Divergenz des Charakters
-verbunden, müsse zu einer endlosen Menge von Arten-Formen führen. Was
-die bloss unorganischen Bedingungen betrifft, so würde allerdings
-wahrscheinlich eine genügende Anzahl von Arten allen erheblicheren
-Verschiedenheiten von Wärme, Feuchtigkeit u. s. w. angepasst werden
-können; ich nehme aber an, dass die Wechselbeziehungen der organischen
-Wesen zu einander bei weitem die wichtigsten sind, und wenn die Zahl
-der Arten in einer Gegend in Zunahme begriffen ist, so werden die
-organischen Lebens-Bedingungen immer verwickelter werden. Anfänglich
-scheint es daher wohl, als gebe es keine Grenze für den Betrag
-nützlicher Differenzirung der Organisation und daher keine Grenze
-für die Anzahl der möglicher Weise hervorzubringenden Arten. Es ist
-uns nicht bekannt, dass selbst das fruchtbarste Land-Gebiet mit
-organischen Formen vollständig besetzt seye, da ja selbst am _Cap der
-guten Hoffnung_, das eine so erstaunliche Arten-Zahl hervorbringt,
-noch viele Europäische Pflanzen naturalisirt worden sind. Die Geologie
-lehrt uns jedoch, dass wenigstens innerhalb der unermesslichen
-Tertiär-Periode die Arten-Zahl der Konchylien und wahrscheinlich auch
-der Säugthiere bis daher nicht vergrössert worden ist. Was hemmt nun
-dieses Wachsthum der Arten-Zahl in’s Unendliche? Erstens muss der
-Betrag des auf einem Gebiete unterhaltenen Lebens (ich meine damit
-nicht die Zahl der spezifischen Formen) eine Grenze haben, da es ja
-in so reichlichem Masse von physikalischen Bedingungen abhängt; wo
-daher viele Arten erhalten werden müssen, da werden sie alle oder
-meistens arm an Individuen seyn; und eine Art mit wenigen Individuen
-wird in Gefahr seyn durch zufällige Schwankungen in der Beschaffenheit
-der Jahres-Zeiten und in der Zahl ihrer Feinde zu erlöschen. Die
-Austilgung wird in solchen Fällen rasch erfolgen, während neue Arten
-immer nur langsam nachkommen. Man denke sich den äussersten Fall, es
-gebe in _England_ so viele Arten als Individuen, so wird der
-erste strenge Winter oder trockne Sommer Tausende und Tausende von
-Arten vertilgen, und Individuen von andern Arten werden ihre Stelle
-einnehmen. Zweitens vermuthe ich, dass, wenn einige Arten sehr selten
-werden, es in der Regel nicht nahe Verwandte seyn werden, welche
-sie zu verdrängen streben; wenigstens haben einige Autoren gemeint,
-dass Diess bei dem Rückgang des Auerochsen in _Lithauen_, des
-Edelhirschs in _Schottland_ und des Bären in _Norwegen_ in
-Betracht komme. Drittens, was die Thiere im Besondern betrifft, so sind
-einige Arten ganz dazu gemacht, sich von irgend einem andern Wesen zu
-nähren; wenn dieses aber selten geworden, so wird es nicht zum Vortheil
-jener Thiere seyn, dass sie in so enger Beziehung zu einer Nahrung
-gestanden, und sie werden nicht mehr durch Natürliche Züchtung vermehrt
-werden. Viertens, wenn irgend welche Arten arm an Individuen werden,
-so wird der Vorgang der Umbildung langsamer seyn, weil die Möglichkeit
-vortheilhafter Abänderung verringert ist. Wenn wir daher eine von
-sehr vielen Arten bewohnte Gegend annehmen, so müssen alle oder die
-meisten Arten arm an Individuen seyn und wird demnach der Prozess der
-Umänderung und Bildung neuer Formen verzögert werden. Fünftens, und wie
-ich glaube, ist Diess der wichtigste Punkt, wird eine herrschende Art,
-welche schon viele Mitbewerber in ihrer eignen Heimath verdrängt hat,
-sich auszubreiten und noch viele andre zu ersetzen streben. ~Alphons
-DeCandolle~ hat nachgewiesen, dass diejenigen Arten, welche sich
-weit verbreiten, gewöhnlich streben sich +sehr+ weit auszubreiten;
-sie werden folglich mehre andre in verschiedenen Gegenden auszutilgen
-streben; und Diess hemmt die ungeordnete Zunahme von Arten-Formen auf
-der ganzen Erd-Oberfläche. ~Hooker~ hat neuerlich gezeigt, dass
-in der südöstlichen Ecke _Australiens_, wo es viele Einwanderer
-aus allerlei Weltgegenden zu geben scheint, die eigenthümlich
-Australischen Arten an Menge sehr abgenommen haben. Ich wage nicht zu
-bestimmen, wie viel Gewicht diesen mancherlei Ursachen beizulegen seye;
-aber ich glaube, dass sie alle zusammen genommen in jeder Gegend das
-Streben nach unendlicher Vermehrung der Arten-Formen beschränken müssen.
-
-+Über die Stufe, bis zu welcher die Organisation sich zu erheben
-strebt.+) Natürliche Züchtung wirkt, wie wir gesehen haben,
-ausschliesslich durch Erhaltung und Zusammensparung solcher leichten
-Abweichungen, welche dem Geschöpfe, das sie betreffen, unter den
-organischen und unorganischen Bedingungen des Lebens, von welchen es
-in aufeinanderfolgenden Perioden abhängig ist, nützlich sind. Das
-Endergebniss wird seyn, dass jedes Geschöpf einer immer grösseren
-Verbesserung den Lebens-Bedingungen gegenüber entgegenstrebt. Diese
-Verbesserung dürfte unvermeidlich zu der stufenweisen Vervollkommnung
-der Organisation der Mehrzahl der über die ganze Erd-Oberfläche
-verbreiteten Wesen führen. Doch kommen wir hier auf einen sehr
-schwierigen Gegenstand, indem noch kein Naturforscher eine allgemein
-befriedigende Definition davon gegeben hat, was unter Vervollkommnung
-der Organisation zu verstehen seye. Bei den Wirbelthieren kommt deren
-geistige Befähigung und Annäherung an den Körper-Bau des Menschen
-offenbar mit in Betracht. Man möchte glauben, dass die Grösse der
-Veränderungen, welche die verschiedenen Theile und Organe während ihrer
-Entwickelung vom Embryo-Zustande an bis zum reifen Alter zu durchlaufen
-haben, als ein Anhalt bei der Vergleichung dienen könne; doch kommen
-Fälle vor, wie bei gewissen parasitischen Krustern, wo mehre Theile des
-Körper-Baues unvollkommener und sogar monströs werden, so dass man das
-reife Thier nicht vollkommener als seine Larve nennen kann. ~Von
-Baer’s~ Maasstab scheint noch der beste und allgemeinst anwendbare
-zu seyn, nämlich das Maass der Differenzirung der verschiedenen Theile
-(„im reifen Alter“ dürfte wohl beizusetzen seyn) und ihre Anpassung
-zu verschiedenen Verrichtungen, oder die Vollständigkeit der Theilung
-in die physiologische Arbeit, wie ~Milne Edwards~ sagen würde.
-Wir werden aber leicht ersehen, wie schwierig die wirkliche Anwendung
-jenes Kriteriums ist, wenn wir wahrnehmen, dass bei den Fischen z. B.
-die Haie von einem Theile der Naturforscher als die vollkommensten
-angesehen werden, weil sie den Reptilien am nächsten stehen, während
-andre den gewöhnlichen Knochen-Fischen (Teleosti) die erste Stelle
-anweisen, weil sie die ausgebildetste Fisch-Form haben und am meisten
-von allen andern Vertebraten abweichen[13]. Noch deutlicher erkennen
-wir die Schwierigkeit, wenn wir uns zu den Pflanzen wenden, wo der
-von geistiger Befähigung hergenommene Maasstab ganz wegfällt; und
-hier stellen einige Botaniker diejenigen Pflanzen am höchsten, welche
-sämmtliche Organe, wie Kelch- und Kronen-Blätter, Staubfäden und
-Staubwege in jeder Blüthe vollständig entwickelt besitzen, während
-Andre wohl mit mehr Recht jene für die vollkommensten erachten, deren
-verschiedenen Organe stärker metamorphosirt und auf geringere Zahlen
-zurückgeführt sind.
-
-Nehmen wir die Differenzirung und Spezialisirung der einzelnen Organe
-als den besten Maasstab der organischen Vollkommenheit der Wesen
-im ausgewachsenen Zustande an (was mithin auch die fortschreitende
-Entwickelung des Gehirnes für die geistigen Zwecke mit in sich
-begreift), so muss die Natürliche Züchtung offenbar zur Vervollkommnung
-führen; denn alle Physiologen geben zu, dass die Spezialisirung
-seiner Organe, insoferne sie in diesem Zustande ihre Aufgaben besser
-erfüllen, für jeden Organismus von Vortheil ist; und daher liegt
-Häufung der zur Spezialisirung führenden Abänderungen im Zwecke
-der Natürlichen Züchtung. Auf der andern Seite ist es aber auch,
-unter Berücksichtigung, dass alle organischen Wesen sich in raschem
-Verhältnisse zu vervielfältigen und jeden schlecht besetzten Platz im
-Hausstande der Natur einzunehmen streben, der Natürlichen Züchtung wohl
-möglich, ein organisches Wesen solchen Verhältnissen anzupassen, wo
-ihnen manche Organe nutzlos und überflüssig sind, und dann findet ein
-Rückschritt auf der Stufenleiter der Organisation (eine rückschreitende
-Metamorphose) statt. Ob die Organisation im Ganzen seit den frühesten
-geologischen Zeiten bis jetzt fortgeschritten seye, wird zweckmässiger
-in unserem Kampf über die geologische Aufeinanderfolge der Wesen zu
-erörtern seyn.
-
-Dagegen kann man einwenden, wie es denn komme, dass, wenn alle
-organischen Wesen von Anfang her fortwährend bestrebt gewesen
-sind, höher auf der Stufenleiter emporzusteigen, auf der ganzen
-Erd-Oberfläche noch eine Menge der unvollkommensten Wesen vorhanden
-sind, und dass in jeder grossen Klasse einige Formen viel höher
-als die andern entwickelt sind? Und warum haben diese viel höher
-ausgebildeten Formen nicht schon überall die minder vollkommenen
-ersetzt und vertilgt? ~Lamarck~, der an eine angeborene und
-unumgängliche Neigung zur Vervollkommnung in allen Organismen glaubte,
-scheint diese Schwierigkeit so sehr gefühlt zu haben, dass er sich zur
-Annahme veranlasst sah, einfache Formen würden überall und fortwährend
-durch Generatio spontanea neu erzeugt. Ich habe kaum nöthig zu sagen,
-dass die Wissenschaft auf ihrer jetzigen Stufe die Annahme, dass
-lebende Geschöpfe jetzt irgendwo aus unorganischer Materie erzeugt
-werden, keineswegs gestattet. Nach meiner Theorie dagegen bietet
-das gegenwärtige Vorhandenseyn niedrig organisirter Thiere keine
-Schwierigkeit dar; denn die Natürliche Züchtung schliesst denn doch
-kein nothwendiges und allgemeines Gesetz fortschreitender Entwickelung
-ein; sie benützt nur solche Abänderungen, die für jedes Wesen in seinen
-verwickelten Lebens-Beziehungen vortheilhaft sind. Und nun kann man
-fragen, welchen Vortheil (so weit wir urtheilen können) ein Infusorium,
-ein Eingeweidewurm, oder selbst ein Regenwurm davon haben könne, hoch
-organisirt zu seyn? Haben sie keinen Vortheil davon, so werden sie auch
-durch Natürliche Züchtung wenig oder gar nicht vervollkommnet werden
-und mithin für unendliche Zeiten auf ihrer tiefen Organisations-Stufe
-stehen bleiben. In der That lehrt uns die Geologie, dass einige der
-tiefsten Formen von Infusorien und Rhizopoden schon seit unermesslichen
-Zeiten nahezu auf ihrer jetzigen Stufe stehen. Demungeachtet möchte
-es voreilig seyn anzunehmen, dass einige der jetzt vorhandenen
-niedrigen Lebenformen seit den ersten Zeiten ihres Daseyns keinerlei
-Vervollkommnung erfahren hätten; denn jeder Naturforscher, der je
-welche von diesen Organismen zergliedert hat, welche jetzt als die
-niedrigsten auf der Stufenleiter der Natur gelten, muss oft über deren
-wunderbare und herrliche Organisation erstaunt gewesen seyn.
-
-Nahezu dieselben Bemerkungen lassen sich hinsichtlich der grossen
-Verschiedenheit zwischen den Graden der Organisations-Höhe innerhalb
-fast jeder grossen Klasse mit Ausnahme jedoch der Vögel machen;
-so hinsichtlich des Zusammenstehens von Säugthieren und Fischen
-bei den Wirbelthieren, oder von Mensch und Ornithorhynchus bei den
-Säugethieren, von Hai und Amphioxus bei den Fischen, indem dieser
-letzte Fisch in der äussersten Einfachheit seiner Organisation den
-Wirbel-losen Thieren ganz nahe kommt. Aber Säugthiere und Fische
-gerathen kaum in Mitbewerbung miteinander; die hohe Stellung gewisser
-Säugthiere oder auch der ganzen Klasse auf der obersten Stufe der
-Organisation treibt sie nicht die Stelle der Fische einzunehmen und
-diese zu unterdrücken. Die Physiologen glauben, das Gehirn müsse mit
-warmem Blute gebadet werden, um seine höchste Thätigkeit zu entfalten,
-und dazu ist Luft-Respiration nothwendig, so dass warm-blütige
-Säugthiere, wenn sie das Wasser bewohnen, den Fischen gegenüber
-sogar in gewissem Nachtheile sind. Eben so wird in dieser Klasse die
-Familie der Haie wahrscheinlich nicht geneigt seyn, den Amphioxus zu
-ersetzen; und dieser wird allem Anscheine nach seinen Kampf um’s Daseyn
-mit Gliedern der Wirbel-losen Thier-Klassen auszumachen haben. Die
-drei untersten Säugthier-Ordnungen, die Beutelthiere, die Zahnlosen
-und die Nager bestehen in _Süd-Amerika_ in einerlei Gegend
-beisammen mit zahlreichen Affen. Obwohl die Organisation im Ganzen
-auf der ganzen Erde in Zunahme begriffen seyn kann, so bildet die
-Stufenleiter der Vollkommenheit doch noch alle Abstufungen dar; denn
-die hohe Organisations-Stufe gewisser Klassen im Ganzen oder einzelner
-Glieder dieser Klasse führen in keiner Weise nothwendig zum Erlöschen
-derjenigen Gruppen, mit welchen sie nicht in nahe Bewerbung treten.
-In einigen Fällen scheinen tief organisirte Formen, wie wir hernach
-sehen werden, sich bis auf den heutigen Tag erhalten zu haben, weil sie
-eigenthümliche abgesonderte Wohnorte ohne alle erhebliche Mitbewerbung
-hatten, und wo auch sie selbst keine Fortschritte in der Organisation
-machten, weil ihre eigne geringe Individuen-Zahl der Bildung neuer
-vortheilhafter Abänderungen keinen Vorschub leistete.
-
-Endlich glaube ich, dass das Vorkommen zahlreicher niedrig
-organisirter Formen aus allen Thier- und Pflanzen-Klassen über die
-ganze Erd-Oberfläche von verschiedenen Ursachen herrühre. In einigen
-Fällen mag es an vortheilhaften Abänderungen gefehlt haben, mit deren
-Hilfe die Natürliche Züchtung zu wirken und veredeln vermocht hätte.
-In keinem Falle vielleicht ist die Zeit ausreichend gewesen, um das
-Höchste in möglichster Vervollkommnung zu leisten. In einigen wenigen
-Fällen kann auch sogenannte „rückschreitende Organisation“ eingetreten
-seyn. Aber die Hauptsache liegt in dem Umstande, dass unter sehr
-einfachen Lebens-Bedingungen eine hohe Organisation ohne Nutzen,
-sondern vielleicht sogar nachtheilig seyn kann, weil sie zarter,
-empfindlicher und leichter zu beschädigen ist.
-
-Eine weitere Schwierigkeit, welche der so eben besprochenen gerade
-entgegengesetzt ist, ergibt sich noch, wenn wir auf die Morgenröthe des
-Lebens zurückblicken, wo +alle+ organischen Wesen, nach unsrer
-Vorstellung, noch die einfachste Struktur besassen: wie konnten da die
-ersten Fortschritte in der Vervollkommnung, in der Differenzirung und
-Spezialisirung der Organe beginnen? Ich vermag darauf keine genügende
-Antwort zu geben, sondern nur zu sagen, dass wir nicht im Besitz
-leitender Thatsachen sind, wesshalb alle unsre Spekulationen in dieser
-Beziehung ohne Boden und ohne Nutzen sind. Es wäre jedoch ein Fehler zu
-unterstellen, dass kein Kampf um’s Daseyn und mithin keine Natürliche
-Zuchtwahl stattgefunden habe, bis es erst vielerlei Formen gegeben.
-Abänderungen einer einzelnen Art auf einem abgesonderten Standorte
-mögen vortheilhaft gewesen seyn und durch ihre Erhaltung entweder die
-ganze Masse von Individuen umgestaltet oder die Entstehung zweier
-verschiedenen Formen vermittelt haben. Doch ich muss auf Dasjenige
-zurückkommen, was ich schon am Ende der Einleitung ausgesprochen,
-dass sich nämlich Niemand wundern darf, wenn jetzt noch vieles in der
-Entstehung der Arten unerklärt bleiben muss, da wir in gänzlicher
-Unwissenheit über die Wechselbeziehungen der Erdbewohner während so
-vieler verflossenen Perioden ihrer Geschichte sind.
-
-Es wird hier der geeignetste Ort seyn, auf verschiedene Einreden zu
-antworten, die man gegen meine Anschauungs-Weise erhoben hat, indem
-das Folgende durch ihre vorgängige Erörterung klarer werden wird.
-Man hat hervorgehoben, dass, da keine der seit 3000 Jahren bekannten
-Pflanzen- und Thier-Arten Ägyptens in der Zwischenzeit sich verändert
-habe, solche Veränderungen wahrscheinlich auch in anderen Welttheilen
-nicht erfolgt seyen. Die vielen Thier-Arten, welche seit dem Beginne
-der Eis-Zeit unverändert geblieben, bieten eine noch weit triftigere
-Einrede dar, indem dieselben einem grossen Klima-Wechsel ausgesetzt
-gewesen und über grosse Erd-Strecken zu wandern genöthigt waren,
-während in Ägypten die Lebens-Bedingungen in den letzten 3000 Jahren
-durchaus die nämlichen blieben. Diese von der Eis-Zeit entliehene
-Thatsache kann Denjenigen entgegengestellt werden, welche an das Daseyn
-eines den Organismen angeborenen Gesetzes nothwendiger Fortentwickelung
-glauben, vermag aber nichts gegen die Lehre von der Natürlichen
-Züchtung zu beweisen, welche nur verlangt, dass gelegentlich
-entstandene Abänderungen einer Spezies unter günstigen Bedingungen
-erhalten werden. Es fragt daher Mr. ~Fawcett~ ganz richtig, was
-man wohl von einem Menschen denken würde, welcher behauptete, dass,
-weil der _Montblanc_ und die übrigen Alpen-Gipfel seit 3000 Jahren
-genau dieselbe Höhe wie jetzt einnahmen, sie sich niemals langsam
-gehoben haben, und dass demnach auch die Höhe andrer Gebirge in anderen
-Weltgegenden neuerlich keine Veränderung erfahren haben können.
-
-Man hat mir ferner eingewendet, wenn die Natürliche Züchtung so
-gewaltig seye, wie es denn komme, dass nicht dieses oder jenes Organ
-in neuerer Zeit verändert oder verbessert worden seye? warum sich
-nicht der Rüssel der Honigbiene so weit verlängert habe, um auch den
-Nektar im Grunde der rothen Kleeblüthe zu erreichen? warum der Strauss
-nicht Flug-Vermögen erlangt habe? Aber angenommen, dass diese Organe
-in der Lage waren in der gehörigen Richtung zu variiren, angenommen,
-dass trotz Zwischenpaarung und Neigung zur Rückkehr die Zeit für das
-langsame Werk der Natürlichen Züchtung genügt habe, wer vermag dann
-zu behaupten, dass er die Naturgeschichte irgend eines organischen
-Wesens genügend kenne, welche besondere Veränderung ihm zum Vortheil
-gereichen würde? Können wir z. B. mit Gewissheit sagen, dass ein langer
-Rüssel nicht der Honigbiene beim Aussaugen des Honigs aus so vielen
-andern von ihr besuchten Blüthen hinderlich werden würde? Können wir
-behaupten, dass nicht ein längerer Rüssel auch eine Vergrösserung
-andrer Mund-Theile erheischen würde, die mit ihrer Verwendung zum
-feineren Zellen-Bau im Widerspruch stände? Was den Strauss betrifft,
-so lässt sich alsbald einsehen, dass dieser Vogel der Wüste eine
-ausserordentliche Zulage zu seiner täglichen Futter-Ration nöthig haben
-würde, um seinen grossen und schweren Körper durch die Luft zu tragen.
-Doch sind Einwände solcher Art kaum einer Widerlegung werth.
-
-Der ersten Deutschen Übersetzung meines Buches hat Professor
-~Bronn~ einige Zusätze einverleibt, theils Einreden und
-theils Bemerkungen zu Gunsten meiner Ansicht. Unter den ersten sind
-einige nicht wesentlicher Art, andere beruhen auf Missverständniss,
-und noch andere sind nur da und dort in dem Buche eingestreut. In
-der irrthümlichen Voraussetzung, dass alle Arten einer Gegend einer
-gleichzeitigen Veränderung unterworfen seyn sollen[14], fragt er
-mit Recht, wie es denn komme, dass nicht alle Leben-Formen eine
-immer schwankende unentwirrbare Masse bilden? Für unsere Theorie
-aber genügt es schon, wenn nur einige wenige Formen zu gleicher
-Zeit abändern, und es wird nicht Viele geben, die Diess läugnen. Er
-fragt ferner, wie ist es möglich, dass eine Varietät in zahlreichen
-Individuen unmittelbar neben der älterlichen Art soll leben können,
-da ja die Individuen dieser Varietät auf dem Wege durch alle ihre
-vielzähligen Entwickelungs-Stufen hindurch sich beständig wieder mit
-der urälterlichen Stamm-Form mischen und neue Zwischenglieder bilden
-und endlich wohl die reine Stamm-Form selbst verdrängen mussten, statt
-dass beide ohne Vermittelung neben einander fortleben? Wenn Varietät
-und Stamm-Art zu einer etwas verschiedenen Lebens-Weise geschickt
-geworden sind, so mögen sie wohl miteinander leben können; bei den
-Thieren aber, die sich frei umher bewegen, scheinen die verschiedenen
-Varietäten in der Regel auch wieder auf verschiedene Örtlichkeiten
-beschränkt zu seyn. Ist es aber dann der Fall, dass Varietäten von
-Pflanzen und niederen Thieren oft in Menge neben den älterlichen Formen
-fortleben? Lässt man die polymorphen Arten bei Seite, deren zahllosen
-Abänderungen weder vortheilhaft noch nachtheilig zu seyn scheinen und
-nie stet geworden sind, lässt man die zeitweisen Abänderungen wie
-Albinos u. s. w. bei Seite, so scheinen mir die Varietäten und die
-älterlichen Spezies gewöhnlich entweder verschiedene Standorte in Hoch-
-und Flach-Land, auf trockenem oder nassem Boden zu haben oder ganz
-verschiedene Regionen zu bewohnen.
-
-Mit Recht bemerkt ~Bronn~ weiter, dass verschiedene Spezies
-nicht in einem einzelnen, sondern in mehreren Charakteren zugleich von
-einander abweichen, und er fragt, wie es komme, dass die Natürliche
-Züchtung immer mehre Theile des Organismus ergreife. Wahrscheinlich
-sind aber alle diese Abänderungen nicht gleichzeitig durchgeführt
-worden und die unbekannten Gesetze der Correlation dürften gewiss
-viele gleichzeitige Abänderungen erläutern oder selbst vollkommen
-erklären[?]. Wir sehen dieselbe Erscheinung auch bei unseren
-gezüchteten Rassen. Mögen sie auch nur in irgend einem einzelnen Organe
-von den übrigen Rassen stark abweichen, immer werden doch andere
-Theile der Organisation ebenfalls etwas abändern. ~Bronn~ fragt
-ferner in nachdrücklicher Weise, wie es aus der Natürlichen Züchtung
-zu erklären, dass z. B. die verschiedenen (je einem Stamm-Vater von
-unbekanntem Charakter entsprossenen) Arten von Ratten und Hasen längere
-oder kürzere Schwänze, längere oder kürzere Ohren, ein helleres oder
-dunkleres Fell u. s. w. besitzen, -- oder dass eine Pflanzen-Art spitze
-und die andere stumpfe Blätter besitze?[15] Ich kann keine bestimmte
-Antwort auf solche Fragen geben, möchte aber wohl die Frage umkehren
-und sagen: sollten diese Verschiedenheiten nach der Lehre von der
-unabhängigen Schöpfung ohne irgend einen Zweck hergestellt worden
-seyn? Sie sey vortheilhaft oder von der Correlation der Charaktere
-abhängig, so könnten sie gewiss auch durch die „Natürliche Erhaltung“
-solcher nützlichen oder in Correlation mit einander stehenden
-Abänderungen gebildet werden. Ich glaube an die Lehre der Fortpflanzung
-mit Modifikationen, wenn auch dieser oder jener eigenthümliche
-Struktur-Wechsel unerklärlich bleibt, -- weil diese Lehre, wie
-sich aus unserem letzten Kapitel ergeben wird, viele allgemeine
-Natur-Erscheinungen mit einander in Zusammenhang setzt und erklärt.
-
-Der treffliche Botaniker ~H. C. Watson~ glaubt, ich habe die
-Wichtigkeit des Princips der Divergenz der Charaktere (an welches
-er jedoch selbst zu glauben scheint) überschätzt, und sagt, dass
-auch die „Konvergenz der Charaktere“ mit in Betracht zu ziehen seye.
-Das ist jedoch eine zu verwickelte Frage, als dass wir hier darauf
-eingehen könnten. Ich will nur sagen, dass, wenn zwei Spezies von
-zwei nahe verwandten Sippen eine Anzahl neuer divergenter Arten
-hervorbringen, es wohl denkbar ist, dass auch einige darunter sich
-von beiden Seiten so sehr einander nähern, dass man sie in eine neue
-mittle Sippe zusammenstellen kann, in welcher also die zwei ersten
-Genera konvergiren. In Folge des Erblichkeits-Princips ist es aber kaum
-glaubbar, dass diese zwei Gruppen neuer Arten nicht wenigstens zwei
-Abtheilungen in der neuen Sippe bilden werden.
-
-~Watson~ hat auch eingewendet, dass die fortwährende Thätigkeit
-der Natürlichen Züchtung mit Divergenz der Charaktere zuletzt zu
-einer unbegrenzten Anzahl von Arten-Formen führen müsse. Was jedoch
-die unorganischen äusseren Lebens-Bedingungen betrifft, so ist es
-wohl wahrscheinlich, dass sich bald eine genügende Anzahl von Species
-allen erheblicheren Verschiedenheiten der Wärme, der Feuchtigkeit
-u. s. w. angepasst haben würden; -- doch gebe ich vollkommen zu, dass
-die Wechselbeziehungen zwischen den organischen Wesen erheblicher
-sind, und dass in dem Grade als die Arten der organisirten Bewohner
-einer Gegend sich vermehren, auch die organischen Lebens-Bedingungen
-verwickelter werden. Demgemäss scheint es dann beim ersten Anblick
-keine Grenze für den Betrag nutzbarer Struktur-Vervielfältigung und
-somit auch keine für die hervorzubringende Arten-Zahl zu geben. Wir
-können nicht behaupten, dass selbst das reichlichst bevölkerte Gebiet
-der Erd-Oberfläche vollständig mit Arten versorgt ist, indem selbst
-am _Kap der guten Hoffnung_ und in _Australien_, die eine
-so erstaunliche Menge von Arten darbieten, noch viele Europäische
-Arten naturalisirt werden. Die Geologie jedoch lehrt uns, dass
-wenigstens in der ganzen unermesslich langen Tertiär-Periode die Zahl
-der Weichthier- und wahrscheinlich auch der Säugthier-Arten[16] nicht
-viel oder gar nicht vergrössert. Was ist es nun, das die unendliche
-Zunahme der Arten-Zahl beeinträchtigt. Die Summe des Lebens (ich
-meine nicht die der Arten-Formen) auf einer gegebenen Fläche muss
-eine von den physikalischen Verhältnissen bedingte Grenze haben, so
-dass, wenn dieselbe von sehr vielen Arten bewohnt ist, jede Art nur
-durch wenige Individuen vertreten seyn kann und sich mithin in Gefahr
-befindet schon durch eine zufällige Schwankung in der Natur der
-Jahres-Zeiten oder in der Zahl ihrer Feinde zu Grunde zu gehen. Ein
-solcher Vertilgungs-Prozess kann rasch von Statten gehen, während die
-Neubildung der Arten nur langsam erfolgt. Nehmen wir den äussersten
-Fall an, dass es in _England_ eben so viele Arten als Individuen
-gebe, so würde der erste strenge Winter oder trockene Sommer Tausende
-und Tausende von Arten zu Grunde richten. Seltene Arten (und jede Art
-wird selten werden, wenn die Arten-Zahl in einer Gegend ins Unendliche
-wächst) werden nach dem oft entwickelten Principe in einem gegebenen
-Zeitraume nur wenige vortheilhafte Abänderungen darbieten und mithin
-nur langsam irgend welche neue Arten-Formen entwickeln können. Wird
-eine Art sehr selten, so muss auch die Paarung unter nahen Verwandten
-zu ihrer Vertilgung mitwirken; wenigstens haben einige Schriftsteller
-diesen Umstand als Grund für das allmählige Aussterben des Auerochsen
-in _Lithauen_, des Hirsches in _Schottland_, des Bären in
-_Norwegen_ u. s. w. angeführt[17]. Unter den Thieren sind manche
-nur im Stande von bloss einer Nahrungs-Art zu leben; wird aber diese
-Kost nur selten, so ist die weitere Entwickelung der Organisation zur
-Aneignung dieser Nahrung nicht mehr vortheilhaft und die Natürliche
-Züchtung wird aufhören darauf hinzuwirken. Endlich (und Diess scheint
-mir das Wichtigste zu seyn) wird eine herrschende Spezies, die bereits
-viele Mitbewerber ihrer ersten Heimath überwunden, streben sich immer
-weiter auszubreiten und andre zu ersetzen. ~Alphons DeCandolle~
-hat gezeigt, dass diejenigen Arten, welche sich weit ausbreiten,
-gewöhnlich nach sehr weiter Ausbreitung streben und daher in die Lage
-kommen in verschiedenen Flächen-Gebieten verschiedene Mitbewerber zu
-vertilgen und somit die ungeordnete Zunahme spezifischer Formen in
-der Welt zu hemmen. Dr. ~Hooker~ hat kürzlich nachgewiesen,
-dass auf der Südost-Spitze _Australiens_, wo viele Eindringlinge
-aus mancherlei Weltgegenden vorzukommen scheinen, die einheimischen
-_Australischen_ Arten sehr an Zahl abgenommen haben. Ich masse
-mir nur nicht an zu fragen, welches Gewicht allen diesen Betrachtungen
-beizulegen seye; doch müssen sie im Vereine miteinander jedenfalls
-der Neigung zu einer unendlichen Vermehrung der Arten-Formen in jeder
-Gegend eine Grenze setzen.
-
-+Zusammenfassung des Kapitels.+) Wenn während einer langen Reihe
-von Zeit-Perioden und unter veränderten äusseren Lebens-Bedingungen
-die organischen Wesen in allen Theilen ihrer Organisation abändern,
-was, wie ich glaube, nicht bestritten werden kann; wenn ferner wegen
-ihres Vermögens geometrisch schneller Vermehrung alle Arten in jedem
-Alter, zu jeder Jahreszeit und in jedem Jahr einen ernsten Kampf um ihr
-Daseyn zu kämpfen haben, was sicher nicht zu läugnen ist: dann meine
-ich im Hinblick auf die unendliche Verwickelung der Beziehungen aller
-organischen Wesen zu einander und zu den äusseren Lebens-Bedingungen,
-welche eine endlose Verschiedenheit angemessener Organisationen,
-Konstitutionen und Lebensweisen erheischen, dass es ein ganz
-ausserordentlicher Zufall seyn würde, wenn nicht jeweils auch eine
-zu eines jeden Wesens eigner Wohlfahrt dienende Abänderung vorkäme,
-wie deren so viele vorgekommen, die dem Menschen vortheilhaft waren.
-Wenn aber solche für ein organisches Wesen nützliche Abänderungen
-wirklich vorkommen, so werden sicherlich die dadurch bezeichneten
-Individuen die meiste Aussicht haben, den Kampf um’s Daseyn zu
-bestehen, und nach dem mächtigen Prinzip der Erblichkeit in ähnlicher
-Weise ausgezeichnete Nachkommen zu bilden streben. Diess Prinzip der
-Erhaltung habe ich der Kürze wegen Natürliche Züchtung genannt; es
-führt zur Vervollkommnung eines jeden Geschöpfes seinen organischen
-und unorganischen Lebens-Bedingungen gegenüber und mithin auch in den
-meisten Fällen zu einer Vervollkommnung ihrer Organisation an und für
-sich. Demungeachtet können tiefer-stehende und einfachere Formen lange
-ausdauern, wenn sie ihren einfacheren Lebens-Bedingungen gut angepasst
-sind. Die Natürliche Züchtung kann nach dem Prinzip der Vererbung einer
-Eigenschaft in entsprechenden Altern eben sowohl das Ei und den Saamen
-oder das Junge wie das Erwachsene abändern machen. Bei vielen Thieren
-unterstützt geschlechtliche Auswahl noch die gewöhnliche Züchtung,
-indem sie den kräftigsten und geeignetesten Männchen die zahlreichste
-Nachkommenschaft sichert. Geschlechtliche Auswahl vermag auch solche
-Charaktere zu verleihen, welche den künftigen Männchen allein in
-ihren Kämpfen mit Männchen von gewöhnlicher Beschaffenheit den Sieg
-verschaffen.
-
-Ob nun aber die Natürliche Züchtung zur Abänderung und Anpassung der
-verschiedenen Lebenformen an die mancherlei äusseren Bedingungen und
-Stationen wirklich mitgewirkt habe, muss nach Erwägung des Werthes der
-in den folgenden Kapiteln zu liefernden Beweise beurtheilt werden. Doch
-erkennen wir bereits, dass dieselbe auch Austilgung verursache, und
-die Geologie macht uns klar, in welch’ ausgedehntem Grade Austilgung
-bereits in die Geschichte der organischen Welt eingegriffen habe. Auch
-führt Natürliche Züchtung zur Divergenz des Charakters; denn je mehr
-die Wesen in Organisation, organischer Thätigkeit und Lebensweise
-abändern, desto mehr derselben können auf einer gegebenen Fläche
-neben einander bestehen, -- wovon man die Beweise bei Betrachtung der
-Bewohner eines kleinen Land-Flecks oder der naturalisirten Erzeugnisse
-finden kann. Je mehr daher während der Umänderung der Nachkommen einer
-Art und während des beständigen Kampfes aller Arten um Vermehrung ihrer
-Individuen jene Nachkommen differenzirt werden, desto besser ist ihre
-Aussicht auf Erfolg im Ringen um’s Daseyn. Auf diese Weise streben die
-kleinen Verschiedenheiten zwischen den Varietäten einer Spezies stets
-grösser zu werden, bis sie den grösseren Verschiedenheiten zwischen
-den Arten einer Sippe oder selbst zwischen verschiedenen Sippen gleich
-kommen.
-
-Wir haben gesehen, dass es die gemeinen, die weit verbreiteten und
-allerwärts zerstreuten Arten grosser Sippen in jeder Klasse sind, die
-am meisten abändern, und diese streben auf ihre abgeänderten Nachkommen
-dieselbe Überlegenheit zu vererben, welche sie jetzt in ihrer
-Heimath-Gegend zur herrschenden machen. Natürliche Züchtung führt, wie
-so eben bemerkt worden, zur Divergenz des Charakters und zu starker
-Austilgung der minder vollkommnen und der mitteln Lebenformen. Aus
-diesen Prinzipien lassen sich die Natur der Verwandtschaften und die im
-Allgemeinen deutliche Verschiedenheit der Organischen Wesen aus jeder
-Klasse auf der ganzen Erd-Oberfläche erklären. Es ist eine wirklich
-wunderbare Thatsache, obwohl wir das Wunder aus Vertrautheit damit zu
-übersehen pflegen, dass Thiere und Pflanzen zu allen Zeiten und überall
-so miteinander verwandt sind, dass sie in Untergruppen abgetheilte
-Gruppen bilden, so dass nämlich, wie wir allerwärts erkennen,
-Varietäten einer Art einander am nächsten stehen, dass Arten einer
-Sippe weniger und ungleiche Verwandtschaft zeigen und Untersippen und
-Sektionen bilden, dass Arten verschiedener Sippen einander noch weniger
-nahe stehen, und dass Sippen mit verschiedenen Verwandtschafts-Graden
-zu einander Unterfamilien, Familien, Ordnungen, Unterklassen und
-Klassen zusammensetzen. Die verschiedenen einer Klasse untergeordneten
-Gruppen können nicht in eine Linie aneinander gereihet werden, sondern
-scheinen vielmehr um gewisse Punkte geschaart und diese wieder um
-andre Mittelpunkte gesammelt zu seyn, und so weiter in fast endlosen
-Kreisen. Aus der Ansicht, dass jede Art unabhängig von der andern
-geschaffen worden seye, kann ich keine Erklärung dieser wichtigen
-Thatsache in der Klassifikation aller organischen Wesen entnehmen;
-sie ist aber nach meiner vollkommensten Überzeugung erklärlich aus
-der Erblichkeit und aus der zusammengesetzten Wirkungs-Weise der
-Natürlichen Züchtung, welche Austilgung der Formen und Divergenz der
-Charaktere verursacht, wie mit Hilfe bildlicher Darstellung (zu Seite
-131) gezeigt worden ist.
-
-Die Verwandtschaften aller Wesen einer Klasse zu einander sind manchmal
-in Form eines grossen Baumes dargestellt worden. Ich glaube, dieses
-Bild entspricht sehr der Wahrheit. Die grünen und knospenden Zweige
-stellen die jetzigen Arten, und die in jedem vorangehenden Jahre
-entstandenen die lange Aufeinanderfolge erloschener Arten vor. In jeder
-Wachsthums-Periode haben alle wachsenden Zweige nach allen Seiten
-hinaus zu treiben und die umgebenden Zweige und Äste zu überwachsen und
-zu unterdrücken gestrebt, ganz so wie Arten und Arten-Gruppen andre
-Arten in dem grossen Kampfe um’s Daseyn zu überwältigen suchen. Die
-grossen in Zweige getheilten und unterabgetheilten Äste waren zur Zeit,
-wo der Stamm noch jung, selbst knospende Zweige gewesen; und diese
-Verbindung der früheren mit den jetzigen Knospen durch unterabgetheilte
-Zweige mag ganz wohl die Klassifikation aller erloschenen und lebenden
-Arten in Gruppen und Untergruppen darstellen. Von den vielen Zweigen,
-die sich entwickelten, als der Baum noch ein Busch gewesen, leben
-nur noch zwei oder drei, die jetzt als mächtige Äste alle anderen
-Verzweigungen abgeben; und so haben von den Arten, welche in längst
-vergangenen geologischen Zeiten gelebt, nur sehr wenige noch lebende
-und abgeänderte Nachkommen. Von der ersten Entwickelung eines Stammes
-an ist mancher Ast und mancher Zweig verdürrt und verschwunden, und
-diese verlorenen Äste von verschiedener Grösse mögen jene ganzen
-Ordnungen, Familien und Sippen vorstellen, welche, uns nur im fossilen
-Zustande bekannt, keine lebenden Vertreter mehr haben. Wie wir hier
-und da einen vereinzelten dünnen Zweig aus einer Gabel tief unten
-am Stamme hervorkommen sehen, welcher durch Zufall begünstigt an
-seiner Spitze noch fortlebt, so sehen wir zuweilen ein Thier, wie
-Ornithorhynchus oder Lepidosiren, das durch seine Verwandtschaften
-gewissermassen zwei grosse Zweige der Lebenwelt, zwischen denen es in
-der Mitte steht, mit einander verbindet und vor einer verderblichen
-Mitwerberschaft offenbar dadurch gerettet worden ist, dass es irgend
-eine geschützte Station bewohnte. Wie Knospen bei ihrer Entwicklung
-neue Knospen hervorbringen und, wie auch diese wieder, wenn sie
-kräftig sind, nach allen Seiten ausragen und viele schwächere
-Zweige überwachsen, so ist es, wie ich glaube, durch Generation mit
-dem grossen Baume des Lebens ergangen, der mit seinen todten und
-heruntergebrochenen Ästen die Erd-Rinde erfüllt, und mit seinen
-herrlichen und sich noch immer weiter theilenden Verzweigungen ihre
-Oberfläche bekleidet.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Gesetze der Abänderung.
-
- Wirkungen äusserer Bedingungen. -- Gebrauch und Nichtgebrauch
- der Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; -- Flieg-
- und Seh-Organe. -- Akklimatisirung. -- Wechselbeziehungen des
- Wachsthums. -- Kompensation und Ökonomie der Entwickelung. -- Falsche
- Wechselbeziehungen. -- Vielfache, rudimentäre und wenig entwickelte
- Organisationen sind veränderlich. -- In ungewöhnlicher Weise
- entwickelte Theile sind sehr veränderlich; -- spezifische mehr als
- Sippen-Charaktere. -- Sekundäre Geschlechts-Charaktere veränderlich.
- -- Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf analoge Weise. --
- Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. -- Summarium.
-
-
-Ich habe bisher von den Abänderungen -- die so gemein und manchfaltig
-im Kultur-Stande der Organismen und in etwas minderem Grade häufig
-in der freien Natur sind -- zuweilen so gesprochen, als ob dieselben
-vom Zufall veranlasst wären. Diess ist aber eine ganz unrichtige
-Ausdrucks-Weise, welche nur geeignet ist unsre gänzliche Unwissenheit
-über die Ursache jeder besonderen Abweichung zu beurkunden. Einige
-Schriftsteller sehen es mehr als die Aufgabe des Reproduktiv-Systemes
-an, individuelle Verschiedenheiten oder ganz leichte Abweichungen des
-Baues hervorzubringen, als das Kind den Ältern gleich zu machen. Aber
-die viel grössere Veränderlichkeit sowohl als die viel häufigeren
-Monstrositäten der der Kultur unterworfenen Organismen leiten mich
-zur Annahme, dass Abweichungen der Struktur in irgend einer Weise
-von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen, welchen die
-Ältern und deren Vorfahren mehre Generationen lang ausgesetzt gewesen
-sind, abhängen. Ich habe im ersten Kapitel die Bemerkung gemacht --
-doch würde ein langes Verzeichniss von Thatsachen, welches hier nicht
-gegeben werden kann, dazu nöthig seyn, die Wahrheit dieser Bemerkung
-zu beweisen --, dass das Reproduktiv-System für Veränderungen in
-den äussern Lebens-Bedingungen äusserst empfindlich ist; daher ich
-dessen funktionellen Störungen in den Ältern hauptsächlich die
-veränderliche oder bildsame Beschaffenheit ihrer Nachkommenschaft
-zuschreibe. Die männlichen und weiblichen Elemente der Organisation
-scheinen davon schon berührt zu seyn vor deren Vereinigung zur
-Bildung neuer Abkömmlinge der Spezies. Was die Spielpflanzen (S. 15)
-anbelangt, so wird die Knospe allein betroffen, die auf ihrer ersten
-Entwickelungs-Stufe von einem Ei’chen nicht sehr wesentlich verschieden
-ist. Dagegen sind wir in gänzlicher Unwissenheit darüber, wie es komme,
-dass durch Störung des Reproduktiv-Systems dieser oder jener Theil mehr
-oder weniger als ein andrer berührt werde. Demungeachtet gelingt es uns
-hier und da einen schwachen Lichtstrahl aufzufangen, und wir halten uns
-überzeugt, dass es für jede Abänderung irgend eine, wenn auch geringe
-Ursache geben müsse.
-
-Wie viel unmittelbaren Einfluss Verschiedenheiten in Klima, Nahrung
-u. s. w. auf irgend ein Wesen auszuüben vermöge, ist äusserst
-zweifelhaft. Ich bin überzeugt, dass bei Thieren die Wirkung äusserst
-gering, bei Pflanzen vielleicht etwas grösser seye. Man kann wenigstens
-mit Sicherheit sagen, dass diese Einflüsse nicht die vielen trefflichen
-und zusammengesetzten Anpassungen der Organisation eines Wesens ans
-andre hervorgebracht haben können, welche wir in der Natur überall
-erblicken. Einige kleine Wirkungen mag man dem Klima, der Nahrung
-u. s. w. zuschreiben, wie z. B. ~Eduard Forbes~ sich mit
-Bestimmtheit darüber ausspricht, dass eine Konchylien-Art in wärmeren
-Gegenden und seichtem Wasser glänzendere Farben als in ihren kälteren
-Verbreitungs-Bezirken annehmen kann. ~Gould~ glaubt, dass Vögel
-derselben Art in einer stets heiteren Atmosphäre glänzender gefärbt
-sind, als auf einer Insel oder an der Küste[18]. So glaubt auch
-~Wollaston~, dass der Aufenthalt in der Nähe des Meeres die
-Farben der Insekten angreife. ~Moquin-Tandon~ gibt eine Liste
-von Pflanzen, welche an der See-Küste mehr und weniger fleischige
-Blätter bekommen, wenn sie auch landeinwärts nicht fleischig sind. Und
-so liessen sich noch manche ähnliche Beispiele anführen.
-
-Die Thatsache, dass Varietäten einer Art, wenn sie in die
-Verbreitungs-Zone einer andern Art hinüberreichen, in geringem Grade
-etwas von deren Charakteren annehmen, stimmt mit unsrer Ansicht
-überein, dass Spezies aller Art nur ausgeprägtere bleibende Varietäten
-sind. So haben die Konchylien-Arten seichter tropischer Meeres-Gegenden
-gewöhnlich glänzendere Farben als die in tiefen und kalten Gewässern
-wohnenden. So sind die Vögel-Arten der Binnenländer nach ~Gould~
-lebhafter als die der Inseln gefärbt. So sind die Insekten-Arten,
-welche auf die Küsten beschränkt sind, oft Bronze-artig und trüb von
-Aussehen wie jeder Sammler weiss. Pflanzen-Arten, welche nur längs dem
-Meere fortkommen, sind sehr oft mit fleischigen Blättern versehen. Wer
-an die besondere Erschaffung einer jeden einzelnen Spezies glaubt, wird
-daher sagen müssen, dass z. B. diese Konchylien für ein wärmeres Meer
-mit glänzenderen Farben geschaffen worden sind, während jene andern die
-lebhaftere Färbung erst durch Abänderung angenommen haben, als sie in
-die seichteren und wärmeren Gewässer übersiedelten.
-
-Wenn eine Abänderung für ein Wesen von geringstem Nutzen ist, vermögen
-wir nicht zu sagen, wie viel davon von der häufenden Thätigkeit
-der Natürlichen Züchtung und wie viel von dem Einfluss äusserer
-Lebens-Bedingungen herzuleiten ist. So ist es den Pelz-Händlern wohl
-bekannt, dass Thiere einer Art um so dichtere und bessere Pelze
-besitzen, in je kälterem Klima sie gelebt haben. Aber wer vermöchte
-zu sagen, wie viel von diesem Unterschied davon herrühre, dass die
-am wärmsten gekleideten Einzelwesen durch Natürliche Züchtung viele
-Generationen hindurch begünstigt und erhalten worden sind, und wie viel
-von dem direkten Einflusse des strengen Klimas? Denn es scheint wohl,
-dass das Klima einige unmittelbare Wirkung auf die Beschaffenheit des
-Haares unserer Hausthiere ausübe.
-
-Man kann Beispiele anführen, dass dieselbe Varietät unter den
-aller-verschiedensten Lebens-Bedingungen entstanden ist, während
-andrerseits verschiedene Varietäten einer Spezies unter gleichen
-Bedingungen zum Vorschein kommen[19]. Diese Thatsachen zeigen, wie
-mittelbar die Lebens-Bedingungen wirken. So sind jedem Naturforscher
-auch zahllose Beispiele von sich ächt erhaltenden Arten ohne alle
-Varietäten bekannt, obwohl dieselben in den entgegengesetztesten
-Klimaten leben. Derartige Betrachtungen veranlassen mich, nur ein sehr
-geringes Gewicht auf den direkten Einfluss der Lebens-Bedingungen
-zu legen. Indirekt scheinen sie, wie schon gesagt worden, einen
-wichtigen Antheil an der Störung des Reproduktiv-Systemes zu nehmen
-und hiedurch Veränderlichkeit herbeizuführen, und Natürliche
-Züchtung spart dann alle nützliche wenn auch geringe Abänderung
-zusammen, bis solche vollständig entwickelt und für uns wahrnehmbar
-wird. In einem weiter ausgeholten Sinne kann man sagen, dass die
-Lebens-Bedingungen nicht allein Veränderlichkeit, sondern auch
-Natürliche Züchtung einschliessen; denn es hängt von der Natur der
-Lebens-Bedingungen ab, ob diese oder jene Varietät aufkommen kann.
-Wir ersehen aber aus dem Züchtungs-Verfahren der Menschen, dass diese
-zwei Elemente der Veränderung wesentlich von einander verschieden
-sind; die Lebens-Bedingungen im Zustande der Domestizität verursachen
-Veränderlichkeit und der Wille des Menschen häuft bewusst oder
-unbewusst wirkend die Abänderung in diesen oder jenen bestimmten
-Richtungen an.
-
-+Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch.+) Die im ersten
-Kapitel angeführten Thatsachen lassen wenig Zweifel bei unseren
-Hausthieren übrig, dass Gebrauch gewisse Theile stärke und ausdehne und
-Nichtgebrauch sie schwäche, und dass solche Abänderungen vererblich
-sind. In der freien Natur hat man keinen Massstab zur Vergleichung der
-Wirkungen lang fortgesetzten Gebrauches oder Nichtgebrauches, weil
-wir die älterlichen Formen nicht kennen; doch tragen manche Thiere
-Bildungen an sich, die sich als Folge des Nichtgebrauchs erklären
-lassen. Professor ~R. Owen~ hat bemerkt, dass es eine grosse
-Anomalie in der Natur ist, dass ein Vogel nicht fliegen könne, und doch
-sind mehre in dieser Lage. Die _Südamerikanische_ Dickkopf-Ente
-kann nur über der Oberfläche des Wassers hinflattern und hat Flügel
-von fast der nämlichen Beschaffenheit wie die _Aylesburyer_
-Hausenten-Rasse. Da die grossen Boden-Vögel selten zu andren Zwecken
-fliegen, als um einer Gefahr zu entgehen, so glaube ich, dass die fast
-ungeflügelte Beschaffenheit verschiedener Vögel-Arten, welche einige
-Inseln des _Grossen Ozeans_ jetzt bewohnen oder einst bewohnt
-haben, wo sie keine Verfolgung von Raubthieren zu gewärtigen haben,
-vom Nichtgebrauche ihrer Flügel herrührt. Der Straus bewohnt zwar
-Kontinente und ist von Gefahren bedroht, denen er nicht durch Flug
-entgehen kann; aber er kann sich selbst durch Ausschlagen mit den
-Füssen gegen seine Feinde so gut vertheidigen wie einige der kleineren
-Vierfüsser. Man kann sich vorstellen, dass der Urvater des Strausses
-eine Lebens-Weise etwa wie der Trappe gehabt, und dass er in Folge
-Natürlicher Züchtung in einer langen Generationen-Reihe immer grösser
-und schwerer geworden seye, seine Beine mehr und seine Flügel weniger
-gebraucht habe, bis er endlich ganz unfähig geworden sey zu fliegen.
-
-~Kirby~ hat bemerkt (und ich habe dieselbe Thatsache beobachtet),
-dass die Vordertarsen vieler männlicher Kothkäfer oft abgebrochen
-sind; er untersuchte siebenzehn Musterstücke seiner Sammlung, und
-fand in keinem eine Spur mehr davon. Onites Apelles hat seine Tarsen
-so gewöhnlich verloren, dass man diess Insekt beschrieben, als
-fehlten sie ihm gänzlich. In einigen anderen Sippen sind sie nur in
-verkümmertem Zustande vorhanden. Dem Ateuchus oder heiligen Käfer der
-Ägyptier fehlen sie gänzlich. Es ist zwar kein genügender Nachweis
-vorhanden, dass zufällige Verstümmelungen erblich seyen; aber der
-von ~Brown-Sequard~ beobachtete Fall von der Vererbung der an einem
-_Guinea_-Schwein durch Beschädigung des Rückenmarks verursachten
-Epilepsie auf deren Nachkommen, müsste uns vorsichtig machen, wenn
-wir es läugnen wollten. Daher es gerathener erscheint den gänzlichen
-Mangel der Vordertarsen des Ateuchus und ihren verkümmerten Zustand
-in einigen anderen Sippen lieber der lang-fortgesetzten Wirkung ihres
-Nichtgebrauches bei deren Stamm-Vätern zuzuschreiben; denn da die
-Tarsen vieler Kothkäfer meistens fehlen, so müssen sie schon früh im
-Leben verloren gehen und können daher bei diesen Insekten nicht von
-wesentlichem Nutzen seyn noch viel gebraucht werden.
-
-In einigen Fällen möchten wir leicht dem Nichtgebrauche gewisse
-Abänderungen der Organisation zuschreiben, welche jedoch gänzlich oder
-hauptsächlich von Natürlicher Züchtung herrühren. ~Wollaston~
-hat die merkwürdige Thatsache entdeckt, dass von den 550 Käfer-Arten,
-welche _Madeira_ bewohnen, 200 so unvollkommene Flügel haben, dass
-sie nicht fliegen können, und dass von den 29 der Insel ausschliesslich
-angehörigen Sippen nicht weniger als 23 lauter solche Arten enthalten.
-Manche Thatsachen, wie unter andern, dass in vielen Theilen der Welt
-fliegende Käfer beständig ins Meer geweht werden und zu Grunde gehen,
-dass die Käfer auf _Madeira_ nach ~Wollastons~ Beobachtung
-meistens verborgen liegen, bis der Wind ruhet und die Sonne scheint,
-dass die Zahl der Flügel-losen Käfer an den ausgesetzten kahlen
-Felsklippen verhältnissmässig grösser als in _Madeira_ selbst ist,
-und zumal die ausserordentliche Thatsache, worauf ~Wollaston~
-so beharrlich fusset, dass gewisse grosse anderwärts sehr zahlreiche
-Käfer-Gruppen, welche durch ihre Lebens-Weise viel zu fliegen
-genöthigt sind, auf _Madeira_ gänzlich fehlen, -- diese mancherlei
-Gründe machen mich glauben, dass die ungeflügelte Beschaffenheit so
-vieler Käfer dieser Insel hauptsächlich von Natürlicher Züchtung, doch
-wahrscheinlich in Verbindung mit Nichtgebrauch herrühre. Denn während
-tausend aufeinanderfolgender Generationen wird jeder einzelne Käfer,
-der am wenigsten fliegt, entweder weil seine Flügel am wenigsten
-entwickelt sind oder weil er der indolenteste ist, die meiste Aussicht
-haben alle andern zu überleben, weil er nicht ins Meer gewehet wird;
-und auf der andern Seite werden diejenigen Käfer, welche am liebsten
-fliegen, am öftesten in die See getrieben und vernichtet werden.
-
-Diejenigen Insekten auf _Madeira_ dagegen, welche sich nicht
-am Boden aufhalten und, wie die an Blumen lebenden Käfer und
-Schmetterlinge, von ihren Flügeln gewöhnlich Gebrauch machen müssen um
-ihren Unterhalt zu gewinnen, haben nach ~Wollaston’s~ Vermuthung
-keineswegs verkümmerte, sondern vielmehr stärker entwickelte Flügel.
-Diess ist ganz verträglich mit der Thätigkeit der Natürlichen Züchtung.
-Denn, wenn ein neues Insekt zuerst auf die Insel kommt, wird das
-Streben der Natürlichen Züchtung die Flügel zu verkleinern oder zu
-vergrössern davon abhängen, ob eine grössre Anzahl von Individuen durch
-erfolgreiches Ankämpfen gegen die Winde, oder durch mehr und weniger
-häufigen Verzicht auf diesen Versuch sich rettet. Es ist derselbe Fall
-wie bei den Matrosen eines in der Nähe der Küste gestrandeten Schiffes;
-für diejenigen, welche gut schwimmen, ist es um so besser, je besser
-sie schwimmen könnten um ihr Heil im Weiterschwimmen zu versuchen,
-während es für die schlechten Schwimmer am besten wäre, wenn sie gar
-nicht schwimmen könnten und sich daher auf dem Wrack Rettung suchten.
-
-Die Augen der Maulwürfe und einiger wühlenden Nager sind an Grösse
-verkümmert und in manchen Fällen ganz von Haut und Pelz bedeckt. Dieser
-Zustand der Augen rührt wahrscheinlich von fortwährendem Nichtgebrauche
-her, dessen Wirkung vielleicht durch Natürliche Züchtung unterstützt
-wird. Ein _Süd-Amerikanischer_ Nager, Ctenomys, hat eine noch mehr
-unterirdische Lebensweise als der Maulwurf, und ein Spanier, welcher
-oft dergleichen gefangen, versicherte mir, dass solcher oft ganz blind
-seye; einer, den ich lebend bekommen, war es gewiss und zwar, wie die
-Sektion ergab, in Folge einer Entzündung der Nickhaut. Da häufige
-Augen-Entzündungen einem jeden Thiere nachtheilig werden müssen, und
-da für unterirdische Thiere die Augen gewiss nicht unentbehrlich sind,
-so wird eine Verminderung ihrer Grösse, die Verwachsung des Augenlides
-damit und die Überziehung derselben mit dem Felle für sie von Nutzen
-seyn; und wenn Diess der Fall, so wird Natürliche Züchtung die Wirkung
-des Nichtgebrauches beständig unterstützen.
-
-Es ist wohl bekannt, dass mehre Thiere aus den verschiedensten Klassen,
-welche die Höhlen in _Kärnthen_ und _Kentucky_ bewohnen,
-blind sind. In einigen Krabben ist der Augen-Stiel noch vorhanden,
-obwohl das Auge verloren ist: das Teleskopen-Gestell ist geblieben,
-obwohl das Teleskop mit seinem Glase fehlt. Da nicht wohl anzunehmen,
-dass Augen, wenn auch unnütz, den in Dunkelheit lebenden Thieren
-schädlich werden sollten, so schreibe ich ihren Verlust gänzlich
-auf Rechnung des Nichtgebrauchs. Bei einer der blinden Thier-Arten
-insbesondre, bei der Höhlen-Ratte (Neotoma), wovon Professor
-~Silliman~ zwei eine halbe englische Meile weit einwärts vom
-Eingange und mithin noch nicht gänzlich im Hintergrunde gefangen, waren
-die Augen gross und glänzend und erlangten, wie mir ~Silliman~
-mitgetheilt, nachdem sie einen Monat lang allmählich verstärktem Lichte
-ausgesetzt worden, ein unklares Wahrnehmungs-Vermögen für die ihnen
-vorgehaltenen Gegenstände und begannen zu blinzeln.
-
-Es ist schwer sich ähnlichere Lebens-Bedingungen vorzustellen, als
-tiefe Kalkstein-Höhlen in nahezu ähnlichem Klima, so dass, wenn man
-von der gewöhnlichen Ansicht ausgeht, dass die blinden Thiere für die
-_Amerikanischen_ und für die _Europäischen_ Höhlen besonders
-erschaffen worden seyen, auch eine grosse Ähnlichkeit derselben in
-Organisation und Verwandtschaft zu erwarten stünde. Diess ist aber
-zwischen den beiderseitigen Faunen im Ganzen genommen keineswegs
-vorhanden und ~Schiödte~ bemerkt in Bezug auf die Insekten, dass
-die ganze Erscheinung nur als eine rein örtliche betrachtet werden
-dürfe, indem die Ähnlichkeit, die sich zwischen einigen Bewohnern
-der Monmouth-Höhle in _Kentucky_ und den _Kärnthen’schen_
-Höhlen herausstellte, nur ein ganz einfacher Ausdruck der Analogie
-seye, die zwischen den Faunen _Nord-Amerikas_ und _Europas_
-überhaupt bestehe. Nach meiner Meinung muss man annehmen, dass
-_Amerikanische_ Thiere mit gewöhnlichem Sehe-Vermögen in
-nacheinanderfolgenden Generationen immer tiefer und tiefer in
-die entferntesten Schlupfwinkel der _Kentucky’schen_ Höhle
-eingedrungen sind, wie es _Europäische_ in den Höhlen von
-_Kärnthen_ gethan. Und wir haben einigen Beweis für diese
-stufenweise Veränderung des Aufenthalts; denn ~Schiödte~
-bemerkt: Wir betrachten demnach diese unterirdischen Faunen als kleine
-in die Erde eingedrungene Abzweigungen der geographisch-begrenzten
-Faunen der nächsten Umgegenden, welche in dem Grade, als sie sich
-weiter in die Dunkelheit ausbreiteten, sich den sie umgebenden
-Verhältnissen anpassten; Thiere, von gewöhnlichen Formen nicht sehr
-entfernt, bereiten den Übergang vom Tage zur Dunkelheit vor; dann
-folgen die fürs Zwielicht gebildeten und endlich die fürs gänzliche
-Dunkel bestimmten, deren Bildung ganz eigenthümlich ist. Diese
-Bemerkungen ~Schiödte’s~ beziehen sich daher nicht auf einerlei,
-sondern auf ganz verschiedene Species. Während der Zeit, in welcher
-ein Thier nach zahllosen Generationen die hintersten Theile der Höhle
-erreicht, wird hiernach Nichtgebrauch die Augen mehr oder weniger
-vollständig unterdrückt und Natürliche Züchtung oft andre Veränderungen
-erwirkt haben, die, wie verlängerte Fühler und Fressspitzen,
-einigermassen das Gesicht ersetzen. Ungeachtet dieser Modifikationen
-werden wir erwarten, noch Verwandtschaften der Höhlen-Thiere
-_Amerikas_ mit den anderen Bewohnern dieses Kontinents, und der
-Höhlen-Bewohner _Europas_ mit den übrigen _Europäischen_
-Thieren zu sehen. Und Diess ist bei einigen _Amerikanischen_
-Höhlen-Thieren der Fall, wie ich von Professor ~Dana~ höre;
-und einige _Europäische_ Höhlen-Insekten stehen manchen in der
-Umgegend der Höhle wohnenden Arten ganz nahe. Es dürfte sehr schwer
-seyn, eine vernünftige Erklärung von der Verwandtschaft der blinden
-Höhlen-Thiere mit den andern Bewohnern der beiden Kontinente aus
-dem gewöhnlichen Gesichtspunkte einer unabhängigen Erschaffung zu
-geben. Dass einige von den Höhlen-Bewohnern der _Alten_ und der
-_Neuen Welt_ in naher Beziehung zu einander stehen, lässt sich
-aus den wohl-bekannten Verwandtschafts-Verhältnissen ihrer meisten
-übrigen Erzeugnisse zu einander erwarten. Da eine blinde Bathyscia-Art
-häufig an schattigen Felsen ausserhalb der Höhlen gefunden wird,
-so hat der Verlust des Gesichtes an der die Höhle bewohnenden Art
-wahrscheinlich in keiner Beziehung zum Dunkel dieser Wohnstätte
-gestanden; und es ist ganz begreiflich, dass ein bereits blindes
-Insekt sich in der Bewohnung einer dunklen Höhle nicht zurecht finden
-wird. Eine andere blinde Sippe, Anophthalmus, bietet die merkwürdige
-Eigenthümlichkeit dar, dass, wie ~Murray~ bemerkte, ihre
-verschiedenen Arten in verschiedenen Höhlen _Europas_ sowohl
-als in der von _Kentucky_ wohnen, und dass die Sippe überhaupt
-nur in Höhlen vorkommt. Es ist jedoch möglich, dass der Stamm-Vater
-oder die Stamm-Väter dieser verschiedenen Spezies vordem in beiden
-Kontinenten weit verbreitet gewesen und (gleich den Elephanten
-beider Festländer) allmählich auf ihre jetzigen engen Wohnstätten
-eingeschränkt worden sind. Weit entfernt mich darüber zu wundern, dass
-einige der Höhlen-Thiere von sehr anomaler Beschaffenheit sind, wie
-~Agassiz~ von dem blinden Fische Amblyopsis in _Amerika_
-bemerkt, und wie es mit dem blinden Reptile Proteus in _Europa_
-der Fall ist, bin ich vielmehr erstaunt, dass sich darin nicht mehr
-Wracks der alten Lebenformen erhalten haben, da solche in diesen
-dunkeln Abgründen wohl einer minder strengen Mitbewerbung ausgesetzt
-gewesen seyn würden[20].
-
-+Akklimatisirung.+) Gewohnheit ist bei Pflanzen erblich in Bezug
-auf Blüthe-Zeit, nöthige Regen-Menge für den Keimungs-Prozess,
-Schlaf u. s. w., und Diess veranlasst mich hier noch Einiges über
-Akklimatisirung zu sagen. Es ist sehr gewöhnlich, dass Arten von
-einerlei Sippe sehr heisse sowie sehr kalte Gegenden bewohnen; und
-da ich glaube, dass alle Arten einer Sippe von einem gemeinsamen
-Urvater abstammen, so muss, wenn Diess richtig, Akklimatisirung
-während einer langen Fortpflanzung leicht bewirkt werden können. Es
-ist bekannt, dass jede Art dem Klima ihrer eignen Heimath angepasst
-ist; Arten einer arktischen oder auch nur einer gemässigten Gegend
-können in einem tropischen Klima nicht ausdauern, u. u. So können
-auch manche Fettpflanzen nicht in feuchtem Klima fortkommen. Doch
-ist der Grad der Anpassung der Arten an das Klima, worin sie leben,
-oft überschätzt worden. Wir können Diess schon aus unsrer oftmaligen
-Unfähigkeit vorauszusagen, ob eine eingeführte Pflanze unser Klima
-ausdauren werde oder nicht, sowie aus der grossen Anzahl von Pflanzen
-und Thieren entnehmen, welche aus wärmerem Klima zu uns verpflanzt hier
-ganz wohl gedeihen. Wir haben Grund anzunehmen, dass im Natur-Stande
-Arten durch die Mitbewerbung andrer organischer Wesen eben so sehr
-oder noch stärker in ihrer Verbreitung beschränkt werden, als durch
-ihre Anpassung an besondre Klimate. Mag aber die Anpassung im
-Allgemeinen eine sehr genaue seyn oder nicht: wir haben bei einigen
-wenigen Pflanzen-Arten Beweise, dass dieselben schon von der Natur in
-gewissem Grade an ungleiche Temperaturen gewöhnt oder akklimatisirt
-werden. So zeigen die von Dr. ~Hooker~ aus Saamen von verschiedenen
-Höhen des _Himalaya_ erzogenen Pinus- und Rhododendron-Arten auch
-ein verschiedenes Vermögen der Kälte zu widerstehen. Herr ~Twaites~
-berichtet mir, dass er ähnliche Thatsachen auf _Ceylon_ beobachtet
-habe, und Herr ~H. C. Watson~ hat ähnliche Erfahrungen mit Pflanzen
-gemacht, die von den _Azoren_ nach _England_ gebracht worden sind. In
-Bezug auf Thiere liessen sich manche wohl beglaubigte Fälle anführen,
-dass Arten derselben binnen geschichtlicher Zeit ihre Verbreitung weit
-aus wärmeren nach kälteren Zonen oder umgekehrt ausgedehnt haben;
-jedoch wissen wir nicht mit Bestimmtheit, ob diese Thiere einst ihrem
-heimathlichen Klima enge angepasst gewesen, obwohl wir Diess in allen
-gewöhnlichen Fällen voraussetzen, -- und ob demzufolge sie erst einer
-Akklimatisirung in ihrer neuen Heimath bedurft haben, oder nicht.
-
-Da ich glaube, dass unsre Hausthiere ursprünglich von noch
-unzivilisirten Menschen gezähmt worden sind, weil sie ihnen
-nützlich und in der Gefangenschaft leicht fortzupflanzen waren,
-und nicht wegen ihrer erst später erkundeten Tauglichkeit zu weit
-ausgedehnter Verpflanzung, so kann nach meiner Meinung das gewöhnlich
-ausserordentliche Vermögen unsrer Hausthiere die verschiedensten
-Klimate auszuhalten und sich darin (ein viel gewichtigeres Zeugniss)
-fortzupflanzen, zur Schlussfolgerung dienen, dass auch eine
-verhältnissmässig grosse Anzahl andrer Thiere, die sich jetzt noch
-im Natur-Zustande befinden, leicht dazu gebracht werden könnte, sehr
-verschiedene Klimate zu ertragen. Wir dürfen jedoch die vorangehende
-Folgerung nicht zu weit treiben, weil einige unsrer Hausthiere von
-verschiedenen wilden Stämmen herrühren können, wie z. B. in unsren
-Haushund-Rassen das Blut eines tropischen und eines arktischen
-Wolfes oder wilden Hundes gemischt seyn könnte. Ratten und Mäuse
-dürfen nicht als Hausthiere angesehen werden; und doch sind sie vom
-Menschen in viele Theile der Welt übergeführt worden und besitzen
-jetzt eine weitre Verbreitung als irgend ein andres Nagethier, indem
-sie frei unter dem kalten Himmel der _Faröer_ im Norden und der
-_Falklands-Inseln_ im Süden, wie auf vielen Inseln der Tropen-Zone
-leben. Daher ich geneigt bin, die Anpassung an ein besondres Klima als
-eine leicht auf eine angeborene weite Biegsamkeit der Konstitution,
-welche den meisten Thieren eigen ist, gepropfte Eigenschaft zu
-betrachten. Dieser Ansicht zu Folge hat man die Fähigkeit des Menschen
-und seiner meisten Hausthiere die verschiedensten Klimate zu ertragen
-und solche Thatsachen, wie das Vorkommen einstiger Elephanten- und
-Rhinoceros-Arten in einem Eis-Klima, während deren jetzt lebenden
-Arten alle eine tropische oder subtropische Heimath haben, nicht als
-Gesetzwidrigkeiten zu betrachten, sondern lediglich als Beispiele einer
-sehr gewöhnlichen Biegsamkeit der Konstitution anzusehen, welche nur
-unter besondern Umständen mehr zur Geltung gelangt ist.
-
-Wie viel von der Akklimatisirung der Arten an ein besondres Klima
-bloss Gewohnheits-Sache seye, wie viel von der Natürlichen Züchtung
-von Varietäten mit verschiedenen Körper-Verfassungen abhänge, oder wie
-weit beide Ursachen zusammenwirken, ist eine sehr schwierige Frage.
-Dass Gewohnheit und Übung einigen Einfluss habe, will ich sowohl nach
-der Analogie als nach den ununterbrochenen Warnungen wohl glauben,
-welche in unsern landwirthschaftlichen Werken und selbst in alten
-_Chinesischen_ Encyclopädien enthalten sind, recht vorsichtig
-bei Versetzung von Thieren aus einer Gegend in die andre zu seyn.
-Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass man durch Züchtung so viele
-Rassen und Unterrassen mit eben so vielen verschiedenen Gegenden
-angepassten Konstitutionen gebildet habe; das Ergebniss rührt vielmehr
-von Gewöhnung her. Andrerseits sehe ich auch keinen Grund zu zweifeln,
-dass Natürliche Züchtung beständig diejenigen Individuen zu erhalten
-strebe, welche mit den für ihre Heimath-Gegenden am besten geeigneten
-Körper-Verfassungen geboren sind. In Schriften über verschiedene Sorten
-kultivirter Pflanzen heisst es von gewissen Varietäten, dass sie
-dieses oder jenes Klima besser als andre vertragen. Diess ergibt sich
-sehr schlagend aus den in den _Vereinten Staaten_ erschienenen
-Werken über Obstbaum-Zucht, worin gewöhnlich diese Varietäten für die
-nördlichen und jene für die südlichen Staaten empfohlen werden; und
-da die meisten dieser Abarten noch neuen Ursprungs sind, so kann man
-die Verschiedenheit ihrer Konstitutionen in dieser Beziehung nicht
-der Gewöhnung zuschreiben. Man hat die Jerusalem-Artischoke, welche
-sich nicht aus Saamen fortpflanzt und daher niemals neue Varietäten
-geliefert hat, angeführt als Beweis, dass es nicht möglich seye eine
-Akklimatisirung zu bewirken, weil sie noch immer so empfindlich seye,
-wie sie jederzeit gewesen: zu gleichem Zwecke hat man sich oft auf
-die Schminkbohne, und zwar mit viel grösserem Nachdrucke berufen. So
-lange aber, als nicht jemand einige Dutzend Generationen hindurch
-seine Schminkbohnen so frühzeitig aussäet, dass ein sehr grosser
-Theil derselben durch Frost zerstört wird, und dann mit der gehörigen
-Vorsicht zur Vermeidung von Kreutzungen, seine Saamen von den wenigen
-überlebenden Stöcken nimmt und von deren Sämlingen mit gleicher
-Vorsicht abermals seine Saamen erzieht, so lange wird man nicht sagen
-können, dass der Versuch angestellt worden seye. Auch kann man nicht
-unterstellen, dass nicht zuweilen Verschiedenheiten in der Konstitution
-dieser verschiedenen Bohnen-Sämlinge zum Vorschein kommen; denn es
-ist bereits ein Bericht darüber erschienen, wie viel härter ein Theil
-dieser Sämlinge gegenüber den andern seye.
-
-Im Ganzen kann man, glaube ich, schliessen, dass Gewöhnung, Gebrauch
-und Nichtgebrauch in manchen Fällen einen beträchtlichen Einfluss auf
-die Änderung der Konstitution und den Bau verschiedener Organe ausgeübt
-haben; dass jedoch diese Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs oft
-in ansehnlichem Grade vermehrt und mitunter noch überboten worden sind
-durch Natürliche Züchtung mittelst angeborner Abänderungen.
-
-+Wechselbeziehungen der Bildung.+) -- Ich will mit diesem
-Ausdrucke sagen, dass die ganze Organisation der natürlichen Wesen
-so unter sich verkettet ist, dass, wenn während der Entwickelung und
-dem Wachsthume des einen Theiles eine geringe Abänderung erfolgt und
-von der Natürlichen Züchtung gehäuft wird, auch andre Theile geändert
-werden müssen. Diess ist ein sehr wichtiger Punkt, aber noch wenig
-begriffen. Der gewöhnlichste Fall ist der, dass Abänderungen, welche
-nur zum Nutzen der Larve oder des Jungen gehäuft werden, zweifelsohne
-auch die Organisation des Erwachsenen berühren; eben so wie eine
-Missbildung, welche den frühesten Embryo betrifft, auch die ganze
-Organisation des Alten ernstlich berühren wird. Die mehrzähligen
-homologen und in der frühesten Embryo-Zeit einander noch ähnlichen
-Theile des Körpers scheinen in verwandter Weise zu variiren geneigt;
-daher die rechte und linke Seite des Körpers in gleicher Weise
-abzuändern pflegen, die vorderen Gliedmaassen in gleicher Weise wie die
-hintern, und sogar in gleicher Weise wie die Kinnladen, da man ja den
-Unterkiefer für ein Homologon der Gliedmaassen hält. Diese Neigungen
-können, wie ich nicht bezweifle, durch Natürliche Züchtung mehr und
-weniger beherrscht werden; so hat es früher eine Hirsch-Familie
-mit einem Augsprossen nur an einem Geweihe gegeben, und wäre diese
-Eigenheit von irgend einem grösseren Nutzen gewesen, so würde sie
-durch Natürliche Züchtung vermuthlich bleibend geworden seyn.
-
-Homologe Theile streben, wie einige Autoren bemerkt haben,
-zusammenzuhängen, wie man es oft in monströsen Pflanzen sieht; und
-nichts ist gewöhnlicher als die Vereinigung homologer Theile zu
-normalen Bildungen, wie z. B. die Vereinigung der Kronen-Blätter
-zu einer Röhre[21]. Harte Theile scheinen auf die Form anliegender
-weicher einzuwirken, und einige Autoren sind der Meinung, dass die
-Verschiedenheit in der Form des Beckens der Vögel den merkwürdigen
-Unterschied in der Form ihrer Nieren verursache. Andere glauben, dass
-beim Menschen die Gestalt des Beckens der Mutter durch Druck auf
-die Schädel-Form des Kindes wirke[22]. Bei Schlangen bedingen nach
-~Schlegel~ die Form des Körpers und die Art des Schlingens die
-Lage einiger der wichtigsten Eingeweide.
-
-Die Beschaffenheit des Bandes der Wechselbeziehung ist sehr oft ganz
-dunkel. ~Isidore Geoffroy Saint-Hilaire~ hat auf nachdrückliche
-Weise hervorgehoben, dass gewisse Missbildungen sehr häufig und andre
-sehr selten zusammen vorkommen, ohne dass wir den Grund anzugeben
-vermöchten. Was kann eigenthümlicher seyn, als die Beziehung zwischen
-den blauen Augen und der Taubheit mancher weissen Katzen, oder die der
-Farbe des Panzers mit dem weiblichen Geschlechte der Schildkröten; die
-Beziehung zwischen den gefiederten Füssen und der Spannhaut zwischen
-den äusseren Zehen der Tauben, oder die zwischen der Anwesenheit von
-mehr oder weniger Flaum an den eben ausschlüpfenden Vögeln mit der
-künftigen Farbe ihres Gefieders; oder endlich zwischen Behaarung
-und Zahn-Bildung des nackten Türkischen Hundes, obschon hier wohl
-Homologie mit ins Spiel kommt. Mit Bezug auf diesen letzten Fall von
-Wechselbeziehung scheint es mir kaum zufällig zu seyn, dass diejenigen
-zwei Säugethier-Ordnungen, welche am abnormsten in ihrer Bekleidung,
-auch am abweichendsten in der Zahn-Bildung sind; nämlich die Cetaceen
-(Wale) und die Edentaten (Schuppenthiere, Gürtelthiere u. s. w.).
-
-Ich kenne keinen Fall, der besser geeignet wäre, die Wesenheit
-der Gesetze der Wechselbeziehung bei Abänderung wichtiger Gebilde
-unabhängig von deren Nützlichkeit und somit auch von der Natürlichen
-Züchtung darzuthun, als es die Verschiedenheit der äussern und innern
-Blüthen im Blüthenstande einiger Compositiflorae und Umbelliferae
-ist. Jedermann kennt den Unterschied zwischen den mitteln und
-den Rand-Blüthen z. B. des Gänseblümchens (Bellis), und diese
-Verschiedenheit ist oft verbunden mit der Verkümmerung einzelner
-Blumen-Theile. Aber in einigen Compositifloren unterscheiden sich
-auch die Früchte der beiderlei Blüthen in Grösse und Skulptur,
-und selbst die Ovarien mit einigen Nebentheilen weichen ab, wie
-~Cassini~ nachgewiesen. Diese Unterschiede sind von einigen
-Botanikern dem Druck zugeschrieben worden, und die Frucht-Formen in
-den Strahlen-Blumen der Compositifloren unterstützen diese Ansicht;
-keineswegs aber trifft es bei den Umbelliferen zu, dass die Arten
-mit den dichtesten Umbellen die grösste Verschiedenheit zwischen den
-inneren und äusseren Blüthen wahrnehmen liessen. Man hätte denken
-können, dass die stärkere Entwickelung der im Rande des Blüthenstandes
-befindlichen Kronenblätter die Verkümmerung andrer Blüthen-Theile
-veranlasst habe, indem sie ihnen Nahrung entzogen; aber bei einigen
-Compositifloren zeigt sich ein Unterschied in der Grösse der Früchte
-der innern und der Strahlen-Blüthen, ohne vorgängige Verschiedenheit
-der Krone. Möglich, dass diese mancherlei Unterschiede mit irgend
-einem Unterschiede in dem Zufluss der Säfte zu den mittel- und den
-Rand-ständigen Blüthen zusammenhängt; wir wissen wenigstens, dass bei
-unregelmässig geformten Blüthen die der Achse zunächst stehenden am
-öftesten der Peloria-Bildung unterworfen sind und regelmässig werden.
-Ich will als Beispiel dieses und zugleich als treffenden Fall von
-Wechselbeziehung der Entwickelung anführen, wie ich kürzlich in einigen
-Garten-Pelargonien beobachtet, dass die mitteln Blüthen der Dolde oft
-die dunkleren Flecken an den zwei oberen Kronenblättern verlieren
-und dass, wenn Diess der Fall, das abhängende Nectarium gänzlich
-verkümmert; fehlt der Fleck nur an einem der zwei oberen Kronenblätter,
-so wird das Nectarium nur stark verkürzt.
-
-Hinsichtlich der Verschiedenheiten der Blumenkronen der mitteln und
-randlichen Blumen einer Dolde oder eines Blüthenköpfchens, so halte
-ich ~C. C. Sprengel’s~ Einfall, dass die Strahlen-Blumen zur
-Anziehung der Insekten bestimmt seyen, deren Bewegungen die Befruchtung
-der Pflanzen jener zwei Ordnungen befördere, nicht für so weit
-hergeholt, als er beim ersten Blick scheinen mag; und wenn es wirklich
-von Nutzen, so kann Natürliche Züchtung mit in Betracht kommen. Dagegen
-scheint es kaum möglich, dass die Verschiedenheit zwischen dem Bau der
-äusseren und der inneren Früchte, welche in keiner Wechselbeziehung
-mit irgend einer verschiedenen Bildung der Blüthen steht, irgend
-wie den Pflanzen von Nutzen seyn kann. Jedoch erscheinen bei den
-Dolden-Pflanzen die Unterschiede von so auffallender Wichtigkeit (da
-in mehren Fällen nach ~Tausch~ die Früchte der äusseren Blüthen
-orthosperm und die der mittelständigen cölosperm sind), dass der ältere
-~DeCandolle~ seine Hauptabtheilungen in dieser Pflanzen-Ordnung
-auf analoge Verschiedenheiten gründete. Wir sehen daher, dass
-Abänderungen der Struktur von gänzlich unbekannten Gesetzen in den
-Wechselbeziehungen der Entwickelung bedingt seyn können, und zwar ohne
-selbst den geringsten erkennbaren Vortheil für die Spezies darzubieten.
-
-Wir mögen irriger Weise den Wechselbeziehungen der Entwickelung oft
-solche Bildungen zuschreiben, welche ganzen Arten-Gruppen gemein
-sind, aber in Wahrheit ganz einfach von Erblichkeit abhängen. Denn
-ein alter Stamm-Vater z. B. mag durch Natürliche Züchtung irgend eine
-Eigenthümlichkeit seiner Struktur und nach tausend Generationen irgend
-eine andre davon unabhängige Abänderung erlangt haben, und wenn dann
-beide Modifikationen mit einander auf eine ganze Gruppe von Nachkommen
-mit verschiedener Lebensweise übertragen worden sind, so wird man
-natürlich glauben, sie stünden in einer nothwendigen Wechselbeziehung
-mit einander. So zweifle ich auch nicht daran, dass einige anscheinende
-Wechselbeziehungen, welche in ganzen Ordnungen des Systemes vorkommen,
-lediglich nur von der möglichen Wirkungs-Weise der Züchtung bedingt
-sind. Wenn z. B. ~Alphons DeCandolle~ bemerkt, dass geflügelte
-Saamen nie in Früchten vorkommen, die sich nicht öffnen, so möchte
-ich diese Regel durch die Thatsache erklären, dass Saamen nicht durch
-Natürliche Züchtung allmählich beflügelt werden können, ausser in
-Früchten, die sich öffnen; so dass individuelle Pflanzen mit Saamen,
-welche etwas geflügelt und daher mehr zur weiten Fortführung geeignet
-sind, vor andern schlecht-beflügelten hinsichtlich ihrer Aussicht auf
-Erhaltung im Vortheil sind, und dieser Vorgang kann nicht wohl mit
-solchen Früchten vorkommen, welche nicht aufspringen.
-
-Der ältre ~Geoffroy~ und ~Göthe~ haben ihr Gesetz von
-der Compensation der Entwickelung fast gleichzeitig aufgestellt,
-wornach, wie ~Göthe~ sich ausdrückt, die Natur genöthigt ist
-auf der einen Seite zu ersparen, was sie auf der andern mehr gibt.
-Diess passt in gewisser Ausdehnung, wie mir scheint, ganz gut auf
-unsre Kultur-Erzeugnisse: denn wenn einem Theile oder Organe Nahrung
-in Überfluss zuströmt, so kann sie nicht, oder wenigstens nicht in
-Überfluss, auch einem andern zu Theil werden, daher man eine Kuh
-z. B. nicht zwingen kann, viel Milch zu geben und zugleich fett zu
-werden. Ein und dieselbe Kohl-Varietät kann nicht eine reichliche
-Menge nahrhafter Blätter und zugleich einen guten Ertrag von Öl-Saamen
-liefern. Wenn in unsrem Obste die Saamen verkümmern, gewinnt die
-Frucht selbst an Grösse und Güte. Bei unsern Hühnern ist einer grossen
-Federhaube auf dem Kopfe gewöhnlich ein kleinerer Kamm beigesellt,
-und ist ein grosser Feder-Bart mit kleinen Bartlappen verbunden.
-Dagegen ist kaum anzunehmen, dass dieses Gesetz auch auf Arten im
-Natur-Zustande allgemein anwendbar seye, obwohl viele gute Beobachter
-und namentlich Botaniker an seine Wahrheit glauben. Ich will jedoch
-hier keine Beispiele anführen; denn ich kann schwer ein Mittel finden
-zu unterscheiden einerseits zwischen der durch Natürliche Züchtung
-bewirkten ansehnlichen Vergrösserung eines Theiles und der durch
-gleiche Ursache oder durch Nichtgebrauch veranlassten Verminderung
-eines anderen nahe dabei befindlichen Organes, und anderseits der
-Verkümmerung eines Organes durch Nahrungs-Einbusse in Folge excessiver
-Entwickelung eines anderen nahe dabei befindlichen Theiles.
-
-Ich vermuthe auch, dass einige der Fälle, die man als Beweise der
-Compensation vorgebracht, sich mit einigen anderen Thatsachen unter
-ein allgemeineres Prinzip zusammenfassen lassen, das Prinzip nämlich,
-dass Natürliche Züchtung fortwährend bestrebt ist, in jedem Theile der
-Organisation zu sparen. Wenn unter veränderten Lebens-Verhältnissen
-eine bisher nützliche Vorrichtung weniger nützlich wird, so dürfte wohl
-eine wenn gleich nur unbedeutende Verminderung ihrer Grösse durch die
-Natürliche Züchtung erstrebt werden, indem es für das Individuum ja
-vortheilhaft ist, wenn es seine Säfte nicht zur Ausbildung nutzloser
-Organe verschwendet. Nur auf diese Weise kann ich eine Thatsache
-begreiflich finden, welche mich, als ich mit der Untersuchung über
-die Cirripeden beschäftigt war, überraschte, nämlich dass, wenn
-ein Cirripede in anderen Organismen als Schmarotzer lebt und daher
-geschützt ist, er mehr oder weniger seine eigene Kalk-Schaale verliert.
-Diess ist mit dem Männchen von Ibla und in ausserordentlich hohem
-Grade mit Proteolepas der Fall; denn während der Panzer aller anderen
-Cirripeden aus den drei hochwichtigen Vordersegmenten des ungeheuer
-entwickelten Kopfes besteht und mit starken Nerven und Muskeln versehen
-ist, erscheint an dem parasitischen und geschützten Proteolepas
-der ganze Vordertheil des Kopfes als ein blosses an die Basen der
-Rankenfüsse befestigtes Rudiment. Nun dürfte die Ersparung eines
-grossen und zusammengesetzten Gebildes, wenn es, wie hier durch die
-parasitische Lebens-Weise des Proteolepas, überflüssig wird, obgleich
-nur stufenweise voranschreitend, ein entschiedener Vortheil für jedes
-spätere Individuum der Spezies seyn, weil im Kampfe um’s Daseyn,
-welchen das Thier zu kämpfen hat, jeder einzelne Proteolepas um so
-mehr Aussicht sich zu behaupten erlangt, je weniger Nahrstoff zur
-Entwickelung eines nutzlos gewordenen Organes verloren geht.
-
-Darnach, glaube ich, wird es der Natürlichen Züchtung in die Länge
-immer gelingen, jeden Theil der Organisation zu verringern und zu
-ersparen, sobald er überflüssig geworden ist, ohne desshalb gerade
-einen anderen Theil in entsprechendem Grade stärker auszubilden. Und
-eben so dürfte sie, umgekehrt, vollkommen im Stande seyn ein Organ
-stärker auszubilden, ohne die Verminderung eines andern benachbarten
-Theiles als nothwendige Compensation zu verlangen.
-
-Nach ~Isidore Geoffroy Saint-Hilaire’s~ Wahrnehmung scheint
-es bei Varietäten wie bei Arten Regel zu seyn, dass, wenn ein Theil
-oder ein Organ oftmals im Baue eines Individuums vorkommt, wie der
-Wirbel in den Schlangen und die Staubgefässe in den polyandrischen
-Blüthen, dessen Zahl veränderlich wird, während die Zahl desselben
-Organes oder Theiles beständig bleibt, falls er sich weniger oft
-wiederholen muss. Derselbe Zoologe sowie einige Botaniker haben
-ferner die Bemerkung gemacht, dass sehr vielzählige Theile auch
-grösseren Veränderungen im inneren Bau ausgesetzt sind. Zumal nun
-diese vegetativen Wiederholungen, wie ~R. Owen~ sie nennt, ein
-Anzeigen niedriger Organisation sind, so scheint die vorangehende
-Bemerkung mit der sehr allgemeinen Ansicht der Naturforscher
-zusammenzuhängen, dass solche Wesen, welche tief auf der Stufenleiter
-der Natur stehen, veränderlicher als die höheren sind. Ich verstehe
-unter tiefer Organisation in diesem Falle eine geringe Differenzirung
-der Organe für verschiedene besondere Verrichtungen; denn solange ein
-und dasselbe Organ verschiedene Arbeiten zu verrichten hat, lässt sich
-ein Grund für seine Veränderlichkeit vielleicht darin finden, dass
-Natürliche Züchtung jede kleine Abweichung der Form weniger sorgfältig
-erhält oder unterdrückt, als wenn dasselbe Organ nur zu einem besondern
-Zweck allein bestimmt wäre. So mögen Messer, welche allerlei Dinge zu
-schneiden bestimmt sind, im Ganzen so ziemlich von einerlei Form seyn,
-während ein nur zu einerlei Gebrauch bestimmtes Werkzeug für jeden
-andern Gebrauch auch eine andere Form haben muss.
-
-Auch unvollkommen ausgebildete, rudimentäre Organe sind nach der
-Bemerkung einiger Schriftsteller, die mir richtig zu seyn scheint,
-sehr zur Veränderlichkeit geneigt. Ich verweise in dieser Hinsicht auf
-die Erörterung der rudimentären und abortiven Organe im Allgemeinen
-und will hier nur beifügen, dass ihre Veränderlichkeit durch ihre
-Gebrauchslosigkeit bedingt zu seyn scheint, indem in diesem Falle
-Natürliche Züchtung nichts vermag, um Abweichungen ihres Baues
-zu verhindern. Daher rudimentäre Theile dem freien Einfluss der
-verschiedenen Wachsthums-Gesetze, den Wirkungen lange fortgesetzten
-Nichtgebrauchs und dem Streben zur Rückkehr preisgegeben sind.
-
-+Ein in ausserordentlicher Stärke oder Weise in irgend einer
-Species entwickelter Theil hat, in Vergleich mit demselben Theile in
-anderen Arten, eine grosse Neigung zur Veränderlichkeit.+) -- Vor
-einigen Jahren wurde ich durch eine ähnliche von ~Waterhouse~
-veröffentlichte Äusserung überrascht. Auch schliesse ich aus einer
-Bemerkung des Professors ~R. Owen~ über die Länge der Arme des
-Orang-Utang, dass er zur nämlichen Ansicht gelangt seye. Es ist keine
-Hoffnung vorhanden, jemanden von der Wahrheit dieser Behauptung zu
-überzeugen, ohne die Aufzählung der langen Reihe von Thatsachen, die
-ich gesammelt, aber hier nicht mittheilen kann. Ich vermag nur meine
-Überzeugung auszusprechen, dass es eine sehr allgemeine Regel ist.
-Ich kenne zwar mehre Ursachen, welche zu Irrthum in dieser Hinsicht
-Veranlassung geben können, hoffe aber sie genügend berücksichtigt zu
-haben. Vor Allem ist zu bemerken, dass diese Regel auf keinen wenn
-auch an sich noch so ungewöhnlich entwickelten Theil Anwendung finden
-soll, woferne er nicht auch demselben Theile bei nahe verwandten Arten
-gegenüber ungewöhnlich ausgebildet ist. So abnorm daher auch die
-Flügel-Bildung der Fledermäuse in der Klasse der Säugethiere ist, so
-bezieht sich doch jene Regel nicht darauf, weil diese Bildung einer
-ganzen Ordnung zukommt; sie würde nur anwendbar seyn, wenn die Flügel
-einer Fledermaus-Art in merkwürdigem Verhältnisse gegen die Flügel
-andrer Arten derselben Sippe vergrössert wären. Diese Regel entspricht
-sehr gut den ungewöhnlich verwickelten „sekundären Sexual-Charaktern“,
-mit welchem Ausdrucke ~Hunter~ diejenigen Merkmale bezeichnete,
-welche nur dem Männchen oder dem Weibchen allein zukommen, aber mit dem
-Fortpflanzungs-Akte nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die
-Regel findet sowohl auf Männchen wie auf Weibchen Anwendung, doch mehr
-auf die ersten, weil auffallende Charaktere dieser Art bei Weibchen
-überhaupt selten sind. Die vollkommene Anwendbarkeit der Regel auf
-diese letzten Fälle dürfte mit der grossen und nicht zu bezweifelnden
-Veränderlichkeit dieser Charaktere überhaupt, mögen sie viel oder wenig
-entwickelt seyn, zusammenhängen. Dass sich aber unsre Regel in der That
-nicht auf die sekundären Charaktere dieser Art allein beziehe, erhellt
-aus den hermaphroditischen Cirripeden; und ich will hier beifügen, dass
-ich bei der Untersuchung dieser Ordnung Herrn ~Waterhouse’s~
-Bemerkung besondre Beachtung zugewandt habe und vollkommen von der
-fast unveränderlichen Anwendbarkeit dieser Regel auf die Cirripeden
-überzeugt bin. In meinem späteren Werke werde ich eine vollständigere
-Liste der einzelnen Fälle geben; hier aber will ich nur einen anführen,
-welcher die Regel in ihrer ausgedehntesten Anwendbarkeit erläutert. Die
-Deckelklappen der sitzenden Cirripeden (Balaniden) sind in jedem Sinne
-des Wortes sehr wichtige Gebilde und variiren selbst von einer Sippe
-zur andern nur wenig. Nur in den verschiedenen Arten von Pyrgoma allein
-bieten diese Klappen einen wundersamen Grad von Differenzirung dar. Die
-homologen Klappen sind in verschiedenen Arten zuweilen ganz unähnlich
-in Form, und der Betrag möglicher Abweichung zwischen den Individuen
-einiger Arten ist so gross, dass man ohne Übertreibung behaupten darf,
-ihre Varietäten weichen in den Merkmalen dieser wichtigen Klappen weit
-auseinander, als sonst Arten verschiedener Sippen.
-
-Da Vögel innerhalb einer und derselben Gegend ausserordentlich wenig
-variiren, so habe ich auch sie in dieser Hinsicht näher geprüft und
-die Regel auch in dieser Klasse sehr gut bewährt gefunden. Ich kann
-nicht nachweisen, dass sie sich auch bei den Pflanzen so verhalte,
-und mein Vertrauen auf ihre Allgemeinheit würde hiedurch sehr
-erschüttert worden seyn, wenn nicht eben die grosse Veränderlichkeit
-der Pflanzen überhaupt es sehr schwierig machte, die bezüglichen
-Veränderlichkeits-Grade beider miteinander zu vergleichen.
-
-Wenn wir bei irgend einer Spezies einen Theil oder ein Organ in
-merkwürdiger Höhe oder Weise entwickelt sehen, so läge es am nächsten
-anzunehmen, dass dasselbe dieser Art von grosser Wichtigkeit seyn
-müsse, und doch ist der Theil in diesem Falle ausserordentlich
-veränderlich. Wie kommt Diess? Aus der Ansicht, dass jede Art mit allen
-ihren Theilen, wie wir sie jetzt sehen, unabhängig erschaffen worden
-seye, können wir keine Erklärung schöpfen. Dagegen scheint mir die
-Annahme, dass Arten-Gruppen eine gemeinsame Abstammung von andern Arten
-haben und nur durch Natürliche Züchtung modifizirt worden sind, einiges
-Licht über die Frage zu verbreiten. Wenn bei unsren Hausthieren ein
-einzelner Theil oder das ganze Thier vernachlässigt und ohne Züchtung
-fortgepflanzt wird, so wird ein solcher Theil (wie z. B. der Kamm bei
-den Dorking-Hühnern) oder die ganze Rasse aufhören einen einförmigen
-Charakter zu bewahren. Man wird dann sagen, sie seye ausgeartet. In
-rudimentären und solchen Organen, welche nur wenig für einen besondern
-Zweck differenzirt worden sind, sowie in polymorphen Gruppen, sehen
-wir einen fast gleichlaufenden Fall in der Natur; denn hier kann die
-Natürliche Züchtung nicht oder nur wenig zur Geltung kommen und die
-Organisation bleibt in einem schwankenden Zustande. Was uns aber hier
-näher angeht, das ist, dass eben bei unseren Hausthieren diejenigen
-Charaktere, welche durch fortgesetzte Züchtung so rascher Abänderung
-unterliegen, eben so rasch zu variiren geneigt werden. Man vergleiche
-einmal die Tauben-Rassen; was für ein wunderbar grosses Maass von
-Veränderung zeigt sich nur in den Schnäbeln der Purzeltauben, in den
-Schnäbeln und rothen Lappen der verschiedenen Botentauben (Cyprianer),
-in Haltung und Schwanz der Pfauentaube, weil die _Englischen_
-Liebhaber auf diese Punkte wenig achten. Schon die Unterrassen wie die
-kurzstirnigen Purzler sind bekanntlich schwer vollkommen zu finden,
-und oft kommen dabei einzelne Thiere zum Vorschein, welche weit von
-dem Musterbilde abweichen. Man kann daher mit Wahrheit sagen, es
-finde ein beständiger Kampf statt zwischen einerseits einem Streben
-zur Rückkehr in eine minder differenzirte Beschaffenheit und einer
-angeborenen Neigung zu weiterer Veränderung aller Art, und andrerseits
-dem Vermögen fortwährender Züchtung zur Reinerhaltung der Rasse. Bei
-langer Dauer gewinnt Züchtung den Sieg, und wir fürchten nicht mehr
-so weit vom Ziele abzuweichen, dass wir von einem guten kurzstirnigen
-Stamm nur einen gemeinen Purzler erhielten. So lange aber die Züchtung
-noch in raschem Fortschritt begriffen ist, wird immer eine grosse
-Unbeständigkeit in dem der Veränderung unterliegenden Gebilde zu
-erwarten seyn. Es verdient ferner bemerkt zu werden, dass diese durch
-künstliche Züchtung erzeugten veränderlichen Charaktere aus uns ganz
-unbekannten Ursachen sich zuweilen mehr an das eine als an das andre
-Geschlecht knüpfen, und zwar gewöhnlich an das männliche, wie die
-Fleischwarzen der _Englischen_ Botentaube und der mächtige Kropf
-des Kröpfers.
-
-Doch kehren wir zur Natur zurück. Ist ein Theil in irgend einer Spezies
-den andern Arten derselben Sippe gegenüber auf aussergewöhnliche
-Weise vergrössert, so können wir annehmen, derselbe habe seit ihrer
-Abzweigung von dem gemeinsamen Stamme einen ungewöhnlichen Betrag
-von Abänderung erfahren. Diese Zeit der Abzweigung wird selten
-ausserordentlich weit zurückliegen, da Arten nur selten länger als
-eine geologische Periode dauern. Ein ungewöhnlicher Betrag von
-Verschiedenheit setzt ein ungewöhnlich langes und ausgedehntes
-Maass von Veränderlichkeit voraus, deren Produkt durch Züchtung
-zum Besten der Spezies fortwährend gehäuft worden ist. Da aber die
-Veränderlichkeit des ausserordentlich entwickelten Theiles oder
-Organes in einer nicht sehr weit zurückreichenden Zeit so gross
-und andauernd gewesen ist, so möchten wir auch jetzt noch in der
-Regel mehr Veränderlichkeit in solchen als in andern Theilen der
-Organisation, welche schon seit viel längerer Zeit beständig geworden
-sind, anzutreffen erwarten. Und diese findet nach meiner Überzeugung
-statt. Dass aber der Kampf zwischen Natürlicher Züchtung einerseits
-und der Neigung zur Rückkehr und zur weiteren Abänderung anderseits
-mit der Zeit aufhören und auch die am abnormsten gebildeten Organe
-beständig werden können, ist kein Grund vorhanden zu bezweifeln. Wenn
-daher ein Organ, wie regelmässig es auch seyn mag, in ungefähr gleicher
-Beschaffenheit auf viele bereits abändernde Nachkommen übertragen
-wird, wie Diess mit dem Flügel der Fledermaus der Fall ist, so muss
-es meiner Theorie zufolge schon eine unermessliche Zeit hindurch in
-dem gleichen Zustande vorhanden gewesen und in dessen Folge jetzt
-nicht mehr veränderlicher als irgend ein andres Organ seyn. Nur in
-denjenigen Fällen, wo die Modifikation noch verhältnissmässig jung
-und ausserordentlich gross ist, werden wir daher die „generative
-Veränderlichkeit“, wie wir sie nennen wollen, noch in hohem Grade
-fortdauernd finden. Denn in diesem Falle wird die Veränderlichkeit
-nur selten schon durch ununterbrochene Züchtung der in irgend einer
-beabsichtigten Weise und Stufe variirenden und durch fortwährende
-Verdrängung der zur Rückkehr geneigten Individuen zu einem festen Ziele
-gelangt seyn.
-
-Das in diesen Bemerkungen enthaltene Prinzip ist noch einer Ausdehnung
-fähig. Es ist nämlich bekannt, dass die spezifischen mehr als die
-Sippen-Charaktere abzuändern geneigt sind. Ich will mit einem
-einfachen Beispiele erklären, was ich meine. Wenn in einer grossen
-Pflanzen-Sippe einige Arten blaue Blüthen haben und andre haben
-rothe, so wird die Farbe nur ein Art-Charakter seyn und daher auch
-niemand überrascht werden, wenn eine blau-blühende Art zu Roth
-übergeht oder umgekehrt. Wenn aber alle Arten blaue Blumen haben,
-so wird die Farbe zum Sippen-Charaktere, und ihre Veränderung wird
-schon eine ungewöhnliche Erscheinung seyn. Ich habe gerade dieses
-Beispiel gewählt, weil eine Erklärung, welche die meisten Naturforscher
-sonst beizubringen geneigt seyn würden, darauf nicht anwendbar ist,
-dass nämlich spezifische Charaktere desshalb weniger als generische
-veränderlich erscheinen, weil sie von Theilen entlehnt sind, die eine
-mindere physiologische Wichtigkeit besitzen, als diejenigen, welche
-gewöhnlich zur Klassifikation der Sippen dienen. Ich glaube zwar, dass
-diese Erklärung theilweise, wenn auch nur indirekt, richtig ist, kann
-jedoch erst in dem Abschnitt über Klassifikation darauf zurückkommen.
-Es dürfte ganz überflüssig seyn, Beispiele zu Unterstützung der
-obigen Behauptung anzuführen, dass Arten-Charaktere veränderlicher
-als Sippen-Charaktere seyen; ich habe aber aus naturhistorischen
-Werken wiederholt entnommen, dass, wenn ein Schriftsteller durch die
-Wahrnehmung überrascht war, dass irgend ein wichtigeres Organ, welches
-sonst in ganzen grossen Arten-Gruppen beständig zu seyn pflegt, in
-nahe verwandten Arten ansehnlich abändere, dasselbe dann auch in den
-Individuen einiger der Arten variirte. Diese Thatsache zeigt, dass
-ein Charakter, der gewöhnlich von generischem Werthe ist, wenn er zu
-spezifischem Werthe herabsinkt, oft veränderlich wird, wenn auch seine
-physiologische Wichtigkeit die nämliche bleibt. Etwas Ähnliches findet
-auch auf Monstrositäten Anwendung; wenigstens scheint ~Isidore
-Geoffroy Saint-Hilaire~ keinen Zweifel darüber zu hegen, dass ein
-Organ um so mehr individuellen Anomalien unterliege, je mehr es in den
-verschiedenen Arten derselben Gruppe verschieden ist.
-
-Wie wäre es nach der gewöhnlichen Meinung, dass jede Art unabhängig
-erschaffen worden seye, zu erklären, dass derjenige Theil der
-Organisation, welcher von demselben Theile in anderen unabhängig
-erschaffenen Arten derselben Sippe mehr abweicht, auch veränderlicher
-ist, als jene Theile, welche in den verschiedenen Arten einer Sippe
-nahezu übereinstimmen. Ich sehe keine Möglichkeit ein Diess zu
-erklären. Wenn wir aber von der Ansicht ausgehen, dass Arten nur
-wohl unterschiedene und ständig gewordene Varietäten sind, so werden
-wir sicher auch erwarten dürfen zu sehen, dass dieselben noch jetzt
-oft fortfahren in denjenigen Theilen ihrer Organisation abzuändern,
-welche erst in verhältnissmässig neuer Zeit in Folge ihres Variirens
-von der gewöhnlicheren Bildung zurückgewichen sind. Oder, um den
-Fall in einer andern Weise darzustellen: die Merkmale, worin alle
-Arten einer Sippe einander gleichen, und worin dieselben von allen
-Arten einer andern Sippe abweichen, heissen generische, und diese
-Merkmale zusammengenommen leite ich mittelst Vererbung von einem
-gemeinschaftlichen Stammvater ab; denn nur selten kann es der Zufall
-gewollt haben, dass Natürliche Züchtung verschiedene mehr oder weniger
-abweichenden Lebensweisen angepasste Arten genau auf dieselbe Weise
-modifizirt hat; und da diese sogenannten generischen Charaktere schon
-von sehr frühe her, seit der Zeit nämlich wo sie sich von ihrer
-gemeinsamen Stamm-Art abgezweigt haben, vererbt worden sind, und
-sie sich später nicht mehr oder nur noch wenig verändert haben, so
-ist es nicht wahrscheinlich, dass sie noch heutiges Tages abändern.
-Anderseits nennt man die Punkte, wodurch sich Arten von andern Arten
-derselben Sippe unterscheiden, spezifische Charaktere, und da diese
-seit der Zeit der Abzweigung der Arten von der gemeinsamen Stamm-Art
-abgeändert haben, so ist es wahrscheinlich, dass dieselben noch jetzt
-oft einigermassen veränderlich sind, veränderlicher wenigstens, als
-diejenigen Theile der Organisation, welche während einer sehr langen
-Zeit-Dauer sich als beständig erwiesen haben.
-
-Im Zusammenhang mit diesem Gegenstande will ich noch zwei andre
-Bemerkungen machen. -- Ohne dass ich nöthig habe, darüber auf
-Einzelheiten einzugehen, wird man mir zugeben, dass sekundäre
-Sexual-Charaktere sehr veränderlich sind; man wird mir wohl auch ferner
-zugeben, dass die zu einerlei Gruppe gehörigen Arten hinsichtlich
-dieser Charaktere weiter als in andern Theilen ihrer Organisation
-auseinander gehen können. Vergleicht man Beispiels-weise die Grösse
-der Verschiedenheit zwischen den Männchen der Hühner-artigen Vögel,
-bei welchen diese Art von Charakteren vorzugsweise stark entwickelt
-sind, mit der Grösse der Verschiedenheit zwischen ihren Weibchen, so
-wird die Wahrheit jener Behauptung eingeräumt werden. Die Ursache der
-ursprünglichen Veränderlichkeit der sekundären Sexual-Charaktere ist
-nicht nachgewiesen; doch lässt sich begreifen, wie es komme, dass
-dieselben nicht eben so einförmig und beständig geworden sind als
-andre Theile der Organisation; denn die sekundären Sexual-Charaktere
-sind durch geschlechtliche Züchtung gehäuft worden, welche weniger
-strenge in ihrer Thätigkeit als die gewöhnliche ist, indem sie die
-minder begünstigten Männchen nicht zerstört, sondern bloss mit
-weniger Nachkommenschaft versieht. Welches aber immer die Ursache der
-Veränderlichkeit dieser sekundären Sexual-Charaktere seyn mag; da sie
-nun einmal sehr veränderlich sind, so hat die Natürliche Züchtung darin
-einen weiten Spielraum für ihre Thätigkeit gefunden und somit den Arten
-einer Gruppe leicht einen grösseren Betrag von Verschiedenheit in ihren
-Sexual-Charakteren, als in andern Theilen ihrer Organisation verleihen
-können.
-
-Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass die sekundären
-Sexual-Verschiedenheiten zwischen beiden Geschlechtern einer Art sich
-gewöhnlich genau in denselben Theilen der Organisation entfalten,
-in denen auch die verschiedenen Arten einer Sippe von einander
-abweichen. Um Diess zu erläutern will ich nur zwei Beispiele anführen,
-welche zufällig die ersten auf meiner Liste stehen; und da die
-Verschiedenheiten in diesen Fällen von sehr ungewöhnlicher Art sind, so
-kann die Beziehung kaum zufällig seyn. Sehr grosse Gruppen von Käfern
-haben eine gleiche Anzahl von Tarsal-Gliedern mit einander gemein; nur
-in der Familie der Engidae ändert nach ~Westwood’s~ Beobachtung
-diese Zahl sehr ab, sogar in den zwei Geschlechtern einer Art. Ebenso
-ist bei den Grabenden Hymenopteren der Verlauf der Flügel-Adern ein
-Charakter von höchster Wichtigkeit, weil er sich in grossen Gruppen
-gleich bleibt; in einigen Sippen jedoch ändert er von Art zu Art und
-dann gleicher Weise auch oft in den zwei Geschlechtern der nämlichen
-Art ab. ~Lubbock~ hat kürzlich bemerkt, dass einige kleine
-Kruster vortreffliche Belege für dieses Gesetz darbieten. In Pontella
-z. B. sind es hauptsächlich die vorderen Fühler und das fünfte
-Bein-Paar, welche die Sexual-Charaktere liefern und dieselben Organe
-bieten auch die wichtigsten Arten-Unterschiede dar. Diese Beziehung
-hat eine klare Bedeutung in meiner Anschauungs-Weise: ich betrachte
-nämlich mit Bestimmtheit alle Arten einer Sippe als Abkömmlinge
-von demselben Stamm-Vater, wie die zwei Geschlechter in jeder Art.
-Folglich: was immer für ein Theil der Organisation des gemeinsamen
-Stamm-Vaters oder seiner ersten Nachkommen veränderlich geworden,
-so werden höchst wahrscheinlich Abänderungen dieser Theile durch
-Natürliche und Geschlechtliche Züchtung begünstigt worden seyn, um
-die verschiedenen Arten verschiedenen Stellen im Haushalte der Natur
-anzupassen, und ebenso um die zwei Geschlechter einer nämlichen Spezies
-für einander geschickt zu machen, oder auch um Männchen und Weibchen zu
-verschiedenen Lebensweisen zu eignen, oder endlich die Männchen in den
-Stand zu setzen mit anderen Männchen um die Weibchen zu kämpfen.
-
-Endlich gelange ich also zu dem Schlusse, dass die grössre
-Veränderlichkeit der spezifischen Charaktere, wodurch sich Art von
-Art unterscheidet, gegenüber den generischen Merkmalen, welche
-die Arten einer Sippe gemein haben, -- dass die oft äusserste
-Veränderlichkeit des in irgend einer einzelnen Art ganz ungewöhnlich
-entwickelten Theiles gegenüber der geringen Veränderlichkeit eines
-wenn auch ausserordentlich entwickelten, aber einer ganzen Gruppe
-von Arten gemeinsamen Theiles, -- dass die grosse Unbeständigkeit
-sekundärer Sexual-Charaktere und das grosse Maass von Verschiedenheit
-in denselben Merkmalen zwischen einander nahe verwandten Arten,
--- dass die Entwickelung sekundärer Sexual- und gewöhnlicher
-Art-Charaktere gewöhnlich in einerlei Theilen der Organisation --
-Alles eng unter-einander verkettete Prinzipien sind. Alle entspringen
-hauptsächlich daher, dass die zu einer Gruppe gehörigen Arten von einem
-gemeinsamen Stamm-Vater herrühren, von welchem sie Vieles gemeinsam
-ererbt haben; -- dass Theile, welche erst neuerlich noch starke
-Umänderungen erlitten, leichter zu variiren geneigt sind als solche,
-welche sich schon seit langer Zeit ohne alle Veränderung fortgeerbt
-haben; -- dass die sexuelle Züchtung weniger streng als die gewöhnliche
-ist; -- endlich, dass Abänderungen in einerlei Organen durch natürliche
-und durch sexuelle Züchtung gehäuft und für sekundäre Sexual- und
-gewöhnliche spezifische Zwecke angepasst worden sind.
-
-+Verschiedene Arten zeigen analoge Abänderungen; und die Varietät
-einer Spezies nimmt oft einige von den Charakteren einer verwandten
-Spezies an, oder sie kehrt zu einigen von den Merkmalen der Stamm-Art
-zurück.+) Diese Behauptungen versteht man am leichtesten durch
-Betrachtung der Hausthier-Rassen. Die verschiedensten Tauben-Rassen
-bieten in weit auseinandergelegenen Gegenden Unter-Varietäten mit
-umgewendeten Federn am Kopfe und mit Federn an den Füssen dar,
-Merkmale, welche die ursprüngliche Felstaube nicht besitzt; Diess sind
-also analoge Abänderungen in zwei oder mehren verschiedenen Rassen.
-Die häufige Anwesenheit von vierzehn bis sechszehn Schwanzfedern im
-Kröpfer kann man als eine die Normal-Bildung einer andern Abart,
-der Pfauentaube nämlich, vertretende Abweichung betrachten. Ich
-unterstelle, dass Niemand daran zweifeln wird, dass alle solche analoge
-Abänderungen davon herrühren, dass die verschiedenen Tauben-Rassen die
-gleiche Konstitution und daher unter denselben unbekannten Einflüssen
-die gleiche Neigung zu variiren geerbt haben. Im Pflanzen-Reiche
-zeigt sich ein Fall von analoger Abänderung in dem verdickten Strunke
-(gewöhnlich wird er die Wurzel genannt) des _Schwedischen_
-Turnipses und der Rutabaga, Pflanzen, welche mehre Botaniker nur
-als durch die Kultur hervorgebrachte Varietäten einer Art ansehen.
-Wäre Diess aber nicht richtig, so hätten wir einen Fall analoger
-Abänderung in zwei sogenannten Arten, und diesen kann noch der gemeine
-Turnips als dritte beigezählt werden. Nach der gewöhnlichen Ansicht,
-dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, würden wir diese
-Ähnlichkeit der drei Pflanzen in ihrem verdickten Stengel nicht der
-wahren Ursache ihrer gemeinsamen Abstammung und einer daraus folgenden
-Neigung in ähnlicher Weise zu variiren zuzuschreiben haben, sondern
-drei verschiedenen aber enge unter sich verwandten Schöpfungs-Akten.
-Bei den Tauben haben wir noch einen andern Fall, nämlich das in
-allen Rassen gelegentliche Zumvorscheinkommen von Schiefer-blauen
-Vögeln mit zwei schwarzen Flügelbinden, einem weissen Steiss, einer
-Queerbinde auf dem Ende des Schwanzes und einem weissen äusseren Rande
-am Grunde der äusseren Schwanz-Federn. Da alle diese Merkmale für die
-Stamm-Art bezeichnend sind, so glaube ich wird Niemand bezweifeln,
-dass es sich hier um eine Rückkehr zum Ur-Charakter und nicht um
-eine analoge Abänderung in verschiedenen Rassen handle. Wir werden
-dieser Folgerung um so mehr vertrauen können, als, wie wir bereits
-gesehen, diese Farben-Charaktere sehr gerne in den Blendlingen zweier
-ganz verschieden gefärbter Rassen zum Vorschein kommen; und in diesem
-Falle ist auch in den äusseren Lebens-Bedingungen nichts zu finden,
-was das Wiedererscheinen der Schiefer-blauen Farbe mit den übrigen
-Farben-Abzeichen erklären könnte, als der Einfluss des Kreutzungs-Aktes
-auf die Erblichkeits-Gesetze.
-
-Es ist in der That eine Erstaunen-erregende Thatsache, dass seit
-vielen und vielleicht Hunderten von Generationen verlorene Merkmale
-wieder zum Vorschein kommen. Wenn jedoch eine Rasse nur einmal mit
-einer andern Rasse gekreutzt worden ist, so zeigt der Blendung die
-Neigung gelegentlich zum Charakter der fremden Rasse zurückzukehren
-noch einige, man sagt 12-20, Generationen lang. Nun ist zwar nach
-12 Generationen, nach der gewöhnlichen Ausdrucks-Weise, das Blut
-des einen fremden Vorfahren nur noch 1 in 2048, und doch genügt
-nach der allgemeinen Annahme dieser äusserst geringe Bruchtheil
-fremden Blutes noch, um eine Neigung zur Rückkehr in jenen Urstamm zu
-unterhalten. In einer Rasse, welche nicht gekreutzt worden, sondern
-worin +beide+ Ältern einige von den Charakteren ihrer gemeinsamen
-Stamm-Art eingebüsst, dürfte die stärkere oder schwächere Neigung den
-verlornen Charakter wieder herzustellen, wie schon früher bemerkt
-worden, trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, sich noch
-eine Reihe von Generationen hindurch erhalten. Wenn ein Charakter,
-der in einer Rasse verloren gegangen, nach einer grossen Anzahl von
-Generationen wiederkehrt, so ist die wahrscheinlichste Hypothese
-nicht die, dass der Abkömmling jetzt erst plötzlich nach einem mehre
-hundert Generationen älteren Vorgänger zurückstrebt, sondern die, dass
-in jeder der aufeinanderfolgenden Generationen noch ein Streben zur
-Wiederherstellung des fraglichen Charakters vorhanden gewesen, welches
-nun endlich unter unbekannten günstigen Verhältnissen zum Durchbruch
-gelangt. So ist z. B. wahrscheinlich, dass in jeder Generation der
-Barb-Taube (S. 32), welche nur sehr selten einen blauen Vogel mit
-schwarzen Binden hervorbringt; das Streben diese Färbung anzunehmen
-vorhanden seye. Diese Ansicht ist hypothetisch, kann jedoch durch
-einige Thatsachen unterstützt werden; und ich kann an und für sich
-keine grössere Unwahrscheinlichkeit in der Unterstellung einer Neigung
-sehen, einen durch eine endlose Zahl von Generationen fortgeerbt
-gewesenen Charakter wieder anzunehmen, als in der Vererbung eines
-thatsächlich ganz unnützen oder rudimentären Organes. Und doch können
-wir zuweilen ein solches Streben ein ererbtes Rudiment hervorzubringen
-wahrnehmen, wie sich z. B. in dem gemeinen Löwenmaul (Antirrhinum) das
-Rudiment eines fünften Staubgefässes so oft zeigt, dass dieser Pflanze
-eine Neigung es hervorzubringen angeerbt seyn muss.
-
-Da nach meiner Theorie alle Arten einer Sippe gemeinsamer Abstammung
-sind, so ist zu erwarten, dass sie zuweilen in analoger Weise variiren,
-so dass eine Varietät der einen Art in einigen ihrer Charaktere
-einer andern Art gleicht, welche ja nach meiner Meinung selbst nur
-eine ausgebildete und bleibend gewordene Abart ist. Doch dürften
-die hiedurch erlangten Charaktere nur unwesentlicher Art seyn; denn
-die Anwesenheit aller wesentlichen Charaktere wird durch Natürliche
-Züchtung in Übereinstimmung mit den verschiedenen Lebensweisen
-der Art geleitet und bleibt nicht der wechselseitigen Thätigkeit
-der Lebens-Bedingungen und einer ähnlichen ererbten Konstitution
-überlassen. Es wird ferner zu erwarten seyn, dass die Arten einer
-nämlichen Sippe zuweilen eine Neigung zur Rückkehr zu den Charakteren
-alter Vorfahren zeigen. Da wir jedoch niemals den genauen Charakter
-des gemeinsamen Stamm-Vaters einer Gruppe kennen, so vermögen wir
-diese zwei Fälle nicht zu unterscheiden. Wenn wir z. B. nicht wüssten,
-dass die Felstaube nicht mit Federfüssen oder mit umgewendeten Federn
-versehen ist, so hätten wir nicht sagen können, ob diese Charaktere in
-unsren Haustauben-Rassen Erscheinungen der Rückkehr zur Stamm-Form oder
-bloss analoge Abänderungen seyen; wohl aber hätten wir unterstellen
-dürfen, dass die blaue Färbung ein Beispiel von Rückkehr seye, wegen
-der Zahl der andern Zeichnungen, welche mit der blauen Färbung
-zugleich wieder zum Vorschein kommen und wahrscheinlich doch nicht
-bloss in Folge einfacher Abänderung damit zusammentreffen. Und noch
-mehr würden wir darauf geschlossen haben, weil die blaue Farbe und
-andren Zeichnungen so oft wiedererscheinen, wenn verschiedene Rassen
-von abweichender Färbung miteinander gekreutzt werden. Obwohl es
-daher in der freien Natur gewöhnlich zweifelhaft bleibt, welche Fälle
-als Rückkehr zu alten Stamm-Charakteren und welche als neue analoge
-Abänderungen zu betrachten sind, so müssen wir doch nach meiner Theorie
-zuweilen finden, dass die abändernden Nachkommen einer Art (seye es
-nun durch Rückkehr oder durch analoge Variation) Charaktere annehmen,
-welche schon in einigen andern Gliedern derselben Gruppe vorhanden
-sind. Das ist zweifelsohne in der Natur der Fall.
-
-Ein grosser Theil der Schwierigkeit eine veränderliche Art in unsren
-systematischen Werken wiederzuerkennen, rührt davon her, dass ihre
-Varietäten gleichsam einige der andern Arten der nämlichen Sippe
-nachahmen. Auch könnte man ein ansehnliches Verzeichniss von Formen
-geben, welche das Mittel zwischen zwei andern Formen halten, von
-welchen es zweifelhaft ist, ob sie als Arten oder als Varietäten
-anzusehen seyen; und daraus ergibt sich, wenn man nicht alle diese
-Formen als unabhängig erschaffene Arten ansehen will, dass die eine
-durch Abänderung die Charaktere der andern so weit angenommen hat,
-um hiedurch eine Mittelform zu bilden. Aber der beste Beweis bietet
-sich dar, indem Theile oder Organe von wesentlicher und einförmiger
-Beschaffenheit zuweilen so abändern, dass sie einigermassen den
-Charakter desselben Organes oder Theiles in einer verwandten Art
-annehmen. Ich habe ein langes Verzeichniss von solchen Fällen
-zusammengebracht, kann solches aber leider hier nicht mittheilen,
-sondern bloss wiederholen, dass solche Fälle vorkommen und mir sehr
-merkwürdig zu seyn scheinen.
-
-Ich will jedoch einen eigenthümlichen und zusammengesetzten Fall
-anführen, der zwar keinen wichtigen Charakter betrifft, aber in
-verschiedenen Arten einer Sippe theils im Natur- und theils im
-gezähmten Zustande vorkommt. Es ist offenbar ein Fall von Rückkehr.
-Der Esel hat manchmal sehr deutliche Queerbinden auf seinen Beinen,
-wie das Zebra. Man hat versichert, dass diese beim Füllen am
-deutlichsten zu sehen sind, und meine Nachforschungen scheinen Solches
-zu bestätigen. Auch hat man versichert, der Streifen an der Schulter
-seye zuweilen doppelt. Der Schulter-Streifen ist jedenfalls sehr
-veränderlich in Länge und Umriss. Man hat auch einen weissen Esel, der
-kein Albino ist, ohne Rücken- und Schulter-Streifen beschrieben; und
-diese Streifen sind auch bei dunkel-farbigen Thieren zuweilen sehr
-undeutlich oder gar nicht zu sehen. Der Kulan von ~Pallas~ soll
-mit einem doppelten Schulter-Streifen gesehen worden seyn. Der Hemionus
-hat keinen Schulter-Streifen; doch kommen nach ~Blyth’s~ u. A.
-Versicherung zuweilen Spuren davon vor, und Colonel ~Poole~ hat
-mich benachrichtigt, dass die Füllen dieser Art zuweilen an den Beinen
-und schwach an der Schulter gestreift sind. Das Quagga, obwohl am
-Körper eben so deutlich gestreift als das Zebra, ist ohne Binden an den
-Beinen; doch hat Dr. ~Gray~ ein Individuum mit sehr deutlichen
-denen des Zebras ähnlichen Binden an den Beinen abgebildet.
-
-Was das Pferd betrifft, so habe ich in _England_ Fälle vom
-Vorkommen des Rücken-Streifens bei den verschiedensten Rassen und allen
-Farben gesammelt. Beispiele von Queerbinden auf den Beinen sind nicht
-selten bei Braunen, Mäusebraunen und einmal bei einem Kastanienbraunen
-vorgekommen. Auch ein schwacher Schulter-Streifen tritt zuweilen
-bei Braunen auf, und eine Spur davon habe ich an einem Beerbraunen
-gefunden. Mein Sohn hat mir eine sorgfältige Untersuchung und Zeichnung
-von einem braunen _Belgischen_ Karren-Pferde mitgetheilt mit einem
-doppelten Streifen auf der Schulter und mit Streifen an den Beinen;
-ich selbst habe einen braunen _Devonshirer_ Pony gesehen, ein
-verlässiger Mann hat mir die sorgfältige Beschreibung eines kleinen
-braunen _Waliser_ Pony mitgetheilt, welche alle beiden mit drei
-kurzen gleichlaufenden Streifen auf jeder Schulter versehen waren.
-
-Im nordwestlichen Theile _Ostindiens_ ist die Kattywarer Pferde-Rasse
-so allgemein gestreift, dass, wie ich von Colonel ~Poole~ vernehme,
-welcher dieselbe im Auftrag der Regierung untersuchte, ein Pferd ohne
-Streifen nicht für Vollblut angesehen wird. Der Rückgrat ist immer
-gestreift; die Streifen auf den Beinen sind wie der Schulter-Streifen,
-welcher zuweilen doppelt und selbst dreifach ist, gewöhnlich vorhanden;
-überdiess sind die Seiten des Gesichts zuweilen gestreift. Die Streifen
-sind beim Füllen am deutlichsten und verschwinden zuweilen im Alter.
-~Poole~ hat ganz junge sowohl graue als beerbraune Füllen gestreift
-gefunden. Auch habe ich nach Mittheilungen, welche ich Herrn ~W. W.
-Edwards~ verdanke, Grund zu vermuthen, dass an _Englischen_ Rennpferden
-der Rücken-Streifen häufiger an Füllen als an alten Pferden vorkommt.
-Ich habe kürzlich ein Fohlen von einer Kastanien-braunen Stute (der
-Tochter eines _Turkomannischen_ Hengstes und einer _Flämischen_ Stute)
-und einem Kastanien-braunen _Englischen_ Rasse-Pferd gezüchtet. Dieses
-Fohlen war, eine Woche alt, am Rücken gegen den Schwanz hin sowie am
-Vorderkopfe mit schmalen Zebra-Streifen und an den Beinen mit blasseren
-solchen Streifen versehen, die zweifelsohne alle bald verschwinden
-werden. Ohne hier in Einzelnheiten noch weiter einzugehen, will ich
-anführen, dass ich Fälle von Bein- und Schulter-Streifen bei Pferden
-von ganz verschiedenen Rassen in verschiedenen Gegenden gesammelt
-habe von _England_ bis _Ost-China_ und von _Norwegen_ im Norden bis
-zum _Malayischen_ Archipel im Süden. In allen Theilen der Welt kommen
-diese Streifen weitaus am öftesten an Braunen und Mäusebraunen vor.
-Unter Braun schlechthin („Dun“) begreife ich hier Pferde mit einer
-langen Reihe von Farben-Abstufungen von Schwarzbraun an bis fast zum
-Rahmfarbigen[23].
-
-Ich weiss, dass Colonel ~Hamilton Smith~, der über diesen
-Gegenstand geschrieben, annimmt, unsre verschiedenen Pferde-Rassen
-rührten von verschiedenen Stamm-Arten her, wovon eine, die des Braunen,
-gestreift gewesen, und alle oben-beschriebenen Streifungen seyen Folge
-früherer Kreutzung mit dem Braunen-Stamme. Jedoch fühle ich mich durch
-diese Theorie in keiner Weise befriedigt und möchte sie nicht auf so
-verschiedene Rassen in Anwendung bringen, wie das _Belgische_
-Karren-Pferd, der _Walliser_ Pony, der Renner, die schlanke
-Kattywar-Rasse u. a., die in den verschiedensten Theilen der Welt
-zerstreut sind.
-
-Wenden wir uns nun zu den Folgen der Kreutzung zwischen den
-verschiedenen Arten der Pferde-Sippe: ~Rollin~ versichert, dass
-der gemeine Maulesel, von Esel und Pferd, sehr oft Queerstreifen auf
-den Beinen hat, und nach ~Gosse~ kommt Diess in den _Vereinten
-Staaten_ in zehn Fällen neunmal vor. Ich sah einst einen Maulesel
-mit so stark gestreiften Beinen, dass jedermann geneigt gewesen
-seyn würde ihn vom Zebra abzuleiten; und Herr ~W. C. Martin~
-hat in seinem vorzüglichen Werke über das Pferd die Abbildung von
-einem ähnlichen Maulesel mitgetheilt. In vier in Farben ausgeführten
-Bildern von Bastarden des Esels mit dem Zebra fand ich die Beine viel
-deutlicher gestreift als den übrigen Körper, und in einem derselben war
-ein doppelter Schulter-Streifen vorhanden. An Lord ~Morton’s~
-berühmtem Bastard von einem Quagga-Hengst und einer kastanienbraunen
-Stute sowie an einem nachher erzielten reinen Füllen von derselben
-Stute mit einem schwarzen Araber waren die Beine viel deutlicher
-queer-gestreift, als selbst beim reinen Quagga. Kürzlich, und Diess
-ist ein andrer sehr merkwürdiger Fall, hat Dr. ~Gray~ (dem
-noch ein zweites Beispiel dieser Art bekannt ist) einen Bastard von
-Esel und Hemionus abgebildet, an welchem Bastard, obwohl der Esel nur
-zuweilen und der Hemionus niemals Streifen auf den Beinen und letzter
-nicht einmal einen Schulter-Streifen hat, alle vier Beine queer
-gestreift und auch die Schulter mit drei Streifen wie die braunen
-_Walliser_ und _Devonshirer_ Pony (S. 190) versehen ist,
-und sogar einige Streifen wie beim Zebra an den Seiten des Gesichts
-vorhanden sind. Diese letzte Thatsache hat mich überzeugt, dass
-nicht einmal ein Farben-Streifen durch sogenannten Zufall entsteht,
-daher ich allein durch diese Erscheinung an einem Bastarde von Esel
-und Hemionus veranlasst wurde, Colonel ~Poole~ zu fragen, ob
-solche Gesichts-Streifen jemals bei der stark gestreiften Kattywarer
-Pferde-Rasse vorkommen, was er, wie wir oben gesehen, bejahete.
-
-Was bleibt uns nun zu diesen verschiedenen Thatsachen noch zu sagen?
-Wir sehen mehre wesentlich verschiedene Arten der Pferde-Sippe durch
-einfache Abänderung Streifen an den Beinen wie beim Zebra oder an der
-Schulter wie beim Esel erlangen. Beim Pferde sehen wir diese Neigung
-stark hervortreten, so oft eine der natürlichsten Pferde-Farben zum
-Vorschein kommt. Das Aussehen der Streifen ist von keiner Veränderung
-der Form und von keinem neuen Charakter begleitet. Wir sehen diese
-Neigung streifig zu werden sich am meisten bei Bastarden zwischen
-mehren der von einander verschiedensten Arten entwickeln. Vergleichen
-wir damit den vorhergehenden Fall von den Tauben: sie rühren von einer
-Stamm-Art (mit 2-3 geographischen Varietäten oder Unterarten) her,
-welche blaulich von Farbe und mit einigen bestimmten Band-Zeichnungen
-versehen ist, und nehmen, wenn eine ihrer Rassen in Folge einfacher
-Abänderung wieder einmal eine blaue Brut liefert, unfehlbar auch
-jene Bänder der Stamm-Form wieder an, doch ohne irgend eine andre
-Veränderung des Rasse-Charakters. Wenn man die ältesten und ächtesten
-Rassen von verschiedener Färbung mit einander kreutzt, so tritt
-in den Blendlingen eine starke Neigung hervor, die ursprüngliche
-schieferblaue Farbe mit den schwarzen und weissen Binden und Streifen
-wieder anzunehmen. Ich habe behauptet, die wahrscheinlichste Hypothese
-zur Erklärung des Wiedererscheinens sehr alter Charaktere seye die
-Annahme einer „Tendenz“ in den Jungen einer jeden neuen Generation den
-längst verlorenen Charakter wieder hervorzuholen, welche Tendenz in
-Folge unbekannter Ursachen zuweilen zum Durchbruch komme. Dann haben
-wir gesehen, dass in verschiedenen Arten des Pferde-Geschlechts die
-Streifen bei den Jungen deutlicher oder gewöhnlicher als bei den Alten
-sind. Wollte man nun die Tauben-Rassen, deren einige schon Jahrhunderte
-lang durch reine Inzucht fortgepflanzt worden, als Spezies bezeichnen,
-so wäre die Erscheinung genau dieselbe, wie bei der Pferde-Sippe. Über
-Tausende und Tausende von Generationen rückwärts schauend erkenne ich
-mit Zuversicht ein wie ein Zebra gestreiftes, aber sonst vielleicht
-sehr abweichend davon gebautes Thier als den gemeinsamen Stamm-Vater
-des Hauspferdes (rühre es nun von einem oder von mehren wilden Stämmen
-her), des Esels, des Hemionus, des Quaggas, und des Zebras.
-
-Wer an die unabhängige Erschaffung der einzelnen Pferde-Spezies
-glaubt, wird vermuthlich sagen, dass einer jeden Art die Neigung
-im freien wie im gezähmten Zustande auf so eigenthümliche Weise zu
-variiren anerschaffen worden seye, derzufolge sie oft wie andre Arten
-derselben Sippe gestreift erscheine; und dass einer jeden derselben
-eine starke Neigung anerschaffen seye bei einer Kreutzung mit Arten
-aus den entferntesten Weltgegenden Bastarde zu liefern, welche in der
-Streifung nicht ihren eignen Ältern, sondern andern Arten derselben
-Sippe gleichen[24]. Sich zu dieser Ansicht bekennen heisst nach meiner
-Meinung eine thatsächliche für eine nichtthatsächliche oder wenigstens
-unbekannte Ursache aufgeben. Sie macht aus den Werken Gottes nur
-Täuschung und Nachäfferei; -- und ich wollte fast eben so gerne mit den
-alten und unwissenden Kosmognisten annehmen, dass die fossilen Schaalen
-nie einem lebenden Thiere angehört, sondern im Gesteine erschaffen
-worden seyen, um die jetzt an der See-Küste lebenden Schaalthiere
-nachzuahmen.
-
-+Zusammenfassung.+) Wir sind in tiefer Unwissenheit über die
-Gesetze, wornach Abänderungen erfolgen. Nicht in einem von hundert
-Fällen dürfen wir behaupten den Grund zu kennen, warum dieser oder
-jener Theil eines Organismus von dem gleichen Theile bei seinen
-Ältern mehr oder weniger abweiche. Doch woimmer wir die Mittel haben
-eine Vergleichung anzustellen, da scheinen in Erzeugung geringerer
-Abweichungen zwischen Varietäten derselben Art wie in Hervorbringung
-grösserer Unterschiede zwischen Arten einer Sippe die nämlichen
-Gesetze gewirkt zu haben. Die äusseren Lebens-Bedingungen, wie Klima,
-Nahrung u. dgl. haben wohl nur einige geringe Abänderungen bedingt.
-Wesentlichere Folgen dürften Angewöhnung auf die Körper-Konstitution,
-Gebrauch der Organe auf ihre Verstärkung, Nichtgebrauch auf ihre
-Schwächung und Verkleinerung gehabt haben. Homologe Theile sind
-geneigt auf gleiche Weise abzuändern und streben unter sich
-zusammenzuhängen. Abänderungen in den harten und in den äusseren
-Theilen berühren zuweilen weichere und innere Organe. Wenn sich ein
-Theil stark entwickelt, strebt er vielleicht andren benachbarten
-Theilen Nahrung zu entziehen; -- und jeder Theil des organischen
-Baues, welcher ohne Nachtheil für das Individuum fortbestehen kann,
-wird erhalten. Eine Veränderung der Organisation in frühem Alter
-berührt auch die sich später entwickelnden Theile; dann gibt es
-aber noch viele Wechselbeziehungen der Entwickelung, deren Natur
-wir durchaus nicht im Stande sind zu begreifen. Vielzählige Theile
-sind veränderlicher in Zahl und Struktur, vielleicht desshalb, weil
-dieselben, durch Natürliche Züchtung für einzelne Verrichtungen noch
-nicht genug angepasst und differenzirt sind. Aus demselben Grunde
-werden wahrscheinlich auch die auf tiefer Organisations-Stufe stehenden
-Organismen veränderlicher seyn, als die höher entwickelten und in
-allen Beziehungen mehr differenzirten. Rudimentäre Organe bleiben
-ihrer Nutzlosigkeit wegen von der Natürlichen Züchtung unbeachtet und
-sind wahrscheinlich desshalb veränderlich. Spezifische Charaktere,
-solche nämlich, welche erst seit der Abzweigung der verschiedenen Arten
-einer Sippe von einem gemeinsamen Stamm-Vater auseinander gelaufen,
-sind veränderlicher als generische Merkmale, welche sich schon lange
-als solche vererbt haben, ohne in dieser Zeit eine Abänderung zu
-erleiden. Wir haben hier nur auf die einzelnen noch veränderlichen
-Theile und Organe Bezug genommen, weil sie erst neuerlich variirt
-haben und einander unähnlich geworden sind; wir haben jedoch schon
-im zweiten Kapitel gesehen, dass das nämliche Princip auch auf das
-ganze Thier anwendbar ist; denn in einem Bezirke, wo viele Arten
-einer Sippe gefunden werden, d. h. wo früher viele Abänderung und
-Differenzirung stattgefunden und die Fabrizirung neuer Arten-Formen
-lebhaft betrieben worden ist, in diesem Bezirke und unter diesen
-Arten finden wir jetzt durchschnittlich auch die meisten Varietäten.
--- Sekundäre Geschlechts-Charaktere sind sehr veränderlich, und
-solche Charaktere weichen am meisten in den Arten einer nämlichen
-Gruppe ab. Veränderlichkeit in denselben Theilen der Organisation
-hat gewöhnlich die sekundären Sexual-Verschiedenheiten für die
-zwei Geschlechter einer Spezies wie die Arten-Verschiedenheiten
-für die mancherlei Arten der nämlichen Sippe geliefert. Ein in
-ausserordentlicher Grösse oder Weise entwickeltes Glied oder Organ
--- nämlich vergleichungsweise mit der Entwickelung desselben Gliedes
-oder Organes in den nächst-verwandten Arten genommen -- muss seit
-dem Auftreten der Sippe ein ausserordentliches Maass von Abänderung
-durchlaufen haben, woraus wir dann auch begreiflich finden, warum
-dasselbe noch jetzt in höherem Grade als andre Theile Veränderungen
-unterliegt; denn Abänderung ist ein langsamer und lang-währender
-Prozess, und die Natürliche Züchtung wird in solchen Fällen noch nicht
-die Zeit gehabt haben, das Streben nach fernerer Veränderung und nach
-der Rückkehr zu einem weniger modifizirten Zustande zu überwinden.
-Wenn aber eine Art mit irgend einem ausserordentlich entwickelten
-Organe Stamm vieler abgeänderter Nachkommen geworden -- was nach meiner
-Ansicht ein sehr langsamer und daher viele Zeit erheischender Vorgang
-ist --, dann mag auch die Natürliche Züchtung im Stande gewesen seyn
-dem Organe, wie ausserordentlich es auch entwickelt seyn mag, schon
-ein festes Gepräge aufzudrücken. Haben Arten nahezu die nämliche
-Konstitution von einem Stamm-Vater geerbt und sind sie ähnlichen
-Einflüssen ausgesetzt gewesen, so werden sie natürlich auch geneigt
-seyn, analoge Abänderungen zu bilden und werden zuweilen zu einigen der
-Charaktere ihrer frühesten Ahnen zurückkehren. Obwohl neue und wichtige
-Modifikationen aus dieser Umkehr und jenen analogen Abänderungen nicht
-hervorgehen werden, so tragen solche Modifikationen doch zur Schönheit
-und harmonischen Manchfaltigkeit der Natur bei.
-
-Was aber auch die Ursache des ersten kleinen Unterschiedes zwischen
-Ältern und Nachkommen seyn mag, und eine Ursache muss dafür da seyn,
-so ist es doch nur die stete Häufung solcher für das Individuum
-nützlichen Unterschiede durch die Natürliche Züchtung, welche alle
-wichtigeren Abänderungen der Struktur hervorbringt, durch welche die
-zahllosen Wesen unsrer Erd-Oberfläche in den Stand gesetzt werden mit
-einander um das Daseyn zu ringen, und wodurch das hiezu am besten
-ausgestaltete die andern überlebt.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Schwierigkeiten der Theorie.
-
- Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. --
- Übergänge. -- Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen.
- -- Übergänge in der Lebensweise. -- Differenzirte Gewohnheiten in
- einerlei Art. -- Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer
- Verwandten. -- Organe von äusserster Vollkommenheit. -- Mittel der
- Übergänge. -- Schwierige Fälle. -- Natura non facit saltum. --
- Organe von geringer Wichtigkeit. -- Organe nicht in allen Fällen
- absolut vollkommen. -- Das Gesetz von der Einheit des Typus und
- den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen
- Züchtung.
-
-
-Schon lange bevor der Leser zu diesem Theile meines Buches gelangt ist,
-mag sich ihm eine Menge von Schwierigkeiten dargeboten haben. Einige
-derselben sind von solchem Gewichte, dass ich nicht an sie denken kann,
-ohne wankend zu werden; aber nach meinem besten Wissen sind die meisten
-von ihnen nur scheinbare, und diejenigen, welche in Wahrheit beruhen,
-dürften meiner Theorie nicht verderblich werden.
-
-Diese Schwierigkeiten und Einwendungen lassen sich in folgende Rubriken
-zusammenfassen: Erstens: wenn Arten aus andern Arten durch unmerkbar
-kleine Abstufungen entstanden sind, warum sehen wir nicht überall
-unzählige Übergangs-Formen? Warum bietet nicht die ganze Natur ein
-Mischmasch von Formen statt der wohl begrenzt scheinenden Arten dar?
-
-Zweitens: Ist es möglich, dass ein Thier z. B. mit der Organisation
-und Lebensweise einer Fledermaus durch Umbildung irgend eines
-andren Thieres mit ganz verschiedener Lebensweise entstanden ist?
-Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einerseits Organe von
-so unbedeutender Wesenheit, wie z. B. den Schwanz einer Giraffe,
-welcher als Fliegenwedel dient, und anderseits Organe von so
-wundervoller Struktur wie das Auge hervorbringe, dessen unnachahmliche
-Vollkommenheit wir noch kaum ganz begreifen.
-
-Drittens: Können Instinkte durch Natürliche Züchtung erlangt und
-abgeändert werden? Was sollen wir z. B. zu einem so wunderbaren
-Instinkte sagen, wie der ist, welcher die Biene veranlasst Zellen
-zu bilden, durch welche die Entdeckungen tiefsinniger Mathematiker
-praktisch vornweg genommen sind.
-
-Viertens: Wie ist es zu begreifen, dass Spezies bei der Kreutzung mit
-einander unfruchtbar sind oder unfruchtbare Nachkommen geben, während
-die Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten ungeschwächt bleibt.
-
-Die zwei ersten dieser Hauptfragen sollen hier und die letzten,
-Instinkt und Bastard-Bildung nämlich, in besondren Kapiteln erörtert
-werden.
-
-+Mangel oder Seltenheit vermittelnder Varietäten.+) Da Natürliche
-Züchtung nur durch Erhaltung nützlicher Abänderungen wirkt, so wird
-jede neue Form in einer schon vollständig bevölkerten Gegend streben
-ihre eignen minder vervollkommneten Ältern so wie alle andern minder
-vervollkommnete Formen, mit welchen sie in Bewerbung kommt, zu ersetzen
-und endlich zu vertilgen. Natürliche Züchtung geht, wie wir gesehen,
-mit dieser Verrichtung Hand in Hand. Wenn wir daher jede Spezies
-als Abkömmling von irgend einer andern unbekannten Form betrachten,
-so werden Urstamm und Übergangs-Formen gewöhnlich schon durch den
-Bildungs- und Vervollkommnungs-Prozess der neuen Form vertilgt seyn.
-
-Wenn nun aber dieser Theorie zufolge zahllose Übergangs-Formen
-existirt haben müssen, warum finden wir sie nicht in unendlicher Menge
-eingebettet in den Schichten der Erd-Rinde? Es wird angemessener seyn,
-diese Frage in dem Kapitel von der Unvollständigkeit der geologischen
-Urkunden zu erörtern. Hier will ich nur anführen, dass ich die
-Antwort hauptsächlich darin zu finden glaube, dass jene Urkunden
-unvergleichlich minder vollständig sind, als man gewöhnlich annimmt,
-und dass jene Unvollständigkeit der geologischen Urkunden hauptsächlich
-davon herrührt, dass organische Wesen keine sehr grosse Tiefen des
-Meeres bewohnen, daher ihre Reste nur von solchen Sediment-Massen
-umschlossen und für künftige Zeiten erhalten werden konnten, welche
-hinreichend dick und ausgedehnt gewesen, um einem ungeheuren Maasse
-spätrer Zerstörung zu entgehen. Und solche Fossilien-führende Massen
-können sich nur da ansammeln, wo viele Niederschläge in seichten
-Meeren während langsamer Senkung des Bodens abgelagert werden. Diese
-Zufälligkeiten werden nur selten und nur nach ausserordentlich langen
-Zwischenzeiten zusammentreffen. Während der Meeres-Boden in Ruhe oder
-in Hebung begriffen ist oder nur schwache Niederschläge stattfinden,
-bleiben die Blätter unsrer geologischen Geschichtsbücher unbeschrieben.
-Die Erd-Rinde ist ein weites Museum, dessen naturgeschichtlichen
-Sammlungen aber nur in einzelnen Zeitabschnitten eingebracht worden
-sind, die unendlich weit auseinander liegen.
-
-Man kann zwar einwenden, dass, wenn einige nahe-verwandte Arten
-jetzt in einerlei Gegend beisammen wohnen, man gewiss viele
-Zwischenformen finden müsse. Nehmen wir einen einfachen Fall an. Wenn
-man einen Kontinent von Norden nach Süden durchreiset, so trifft man
-gewöhnlich von Zeit zu Zeit auf andre einander nahe verwandte oder
-stellvertretende Arten, welche offenbar ungefähr dieselbe Stelle in dem
-Natur-Haushalte des Landes einnehmen. Diese stellvertretenden Arten
-grenzen oft an einander oder greifen in ihr Gebiet gegenseitig ein,
-und wie die einen seltener und seltener, so werden die andern immer
-häufiger, bis sie einander ersetzen. Vergleichen wir diese Arten da, wo
-sie sich mengen, miteinander, so sind sie in allen Theilen ihres Baues
-gewöhnlich noch eben so vollkommen von einander unterschieden, als wie
-die aus der Mitte des Verbreitungs-Bezirks einer jeden entnommenen
-Muster. Nun sind aber nach meiner Theorie alle diese Arten von einem
-gemeinsamen Stamm-Vater ausgegangen und ist jede derselben erst
-durch den Modifikations-Prozess den Lebensbedingungen ihrer Gegend
-angepasst worden, hat dort ihren Urstamm sowohl als alle Mittelstufen
-zwischen ihrer ersten und jetzigen Form ersetzt und verdrängt, so
-dass wir jetzt nicht mehr erwarten dürfen, in jeder Gegend noch
-zahlreiche Übergangs-Formen zu finden, obwohl dieselben existirt haben
-müssen und ihre Reste wohl auch in die Erd-Schichten aufgenommen
-worden seyn mögen. Aber warum finden wir in den Zwischengegenden, wo
-doch die äusseren Lebens-Bedingungen einen Übergang von denen des
-einen in die des andren Bezirkes bilden, nicht auch nahe verwandte
-Übergangs-Varietäten? Diese Schwierigkeit hat mir lange Zeit viel
-Kopfzerbrechen verursacht; indessen glaube ich jetzt, sie lasse sich
-grossentheils erklären.
-
-Vor Allem sollten wir sehr vorsichtig mit der Annahme seyn, dass eine
-Gegend, weil sie jetzt zusammenhängend ist, auch schon seit langer
-Zeit zusammenhängend gewesen seye. Die Geologie veranlasst uns zu
-glauben, dass fast jeder Kontinent noch in der letzten Tertiär-Zeit
-in viele Inseln getheilt gewesen seye; und auf solchen Inseln
-getrennt können sich verschiedene Arten gebildet haben, ohne die
-Möglichkeit Mittelformen in den Zwischengegenden zu liefern. In Folge
-der Veränderungen der Land-Form und des Klimas mögen auch die jetzt
-zusammenhängenden Meeres-Gebiete noch in verhältnissmässig später Zeit
-weniger zusammenhängend und einförmig gewesen seyn. Doch will ich von
-diesem Mittel der Schwierigkeit zu entkommen absehen; denn ich glaube,
-dass viele vollkommen unterschiedene Arten auf ganz zusammenhängenden
-Gebieten entstanden sind, wenn ich auch nicht daran zweifle, dass die
-früher unterbrochene Beschaffenheit jetzt zusammenhängender Gebiete
-einen wesentlichen Antheil an der Bildung neuer Arten zumal frei
-wandernder und sich kreutzender Thiere gehabt habe.
-
-Hinsichtlich der jetzigen Verbreitung der Arten über weite Flächen
-finden wir, dass sie gewöhnlich ziemlich zahlreich auf einem grossen
-Theile derselben vorkommen, dann aber ziemlich rasch gegen die Grenzen
-hin immer seltener werden und endlich ganz verschwinden; daher das
-neutrale Gebiet zwischen zwei stellvertretenden Arten gewöhnlich nur
-schmal ist im Verhältniss zu demjenigen, welches eine jede von ihnen
-eigenthümlich bewohnt. Wir machen dieselbe Bemerkung auch, wenn wir
-an Gebirgen emporsteigen, und zuweilen ist es sehr auffällig, wie
-plötzlich, nach ~Alphonse DeCandolle’s~ Beobachtung, eine
-gemeine Art in den Alpen verschwindet. ~Edw. Forbes~ hat
-dieselbe Wahrnehmung gemacht, als er die Bewohner des See-Grundes mit
-dem Schleppnetze herauf fischte. Diese Thatsache muss alle diejenigen
-in Verlegenheit setzen, welche die äusseren Lebens-Bedingungen, wie
-Klima und Höhe, als die allmächtigen Ursachen der Verbreitung der
-Organismen-Formen betrachten, indem der Wechsel von Klima und Höhe
-oder Tiefe überall ein allmählicher ist. Wenn wir uns aber erinnern,
-dass fast jede Art, mitten in ihrer Heimath sogar, zu unermesslicher
-Zahl anwachsen würde, wenn sie nicht in Mitbewerbung mit andern Arten
-stünde, -- dass fast alle von andern Arten leben oder ihnen zur Nahrung
-dienen, -- kurz dass jedes organische Wesen mittelbar oder unmittelbar
-in innigster Beziehung zu andern Organismen steht, so müssen wir
-erkennen, dass die Verbreitung der Bewohner einer Gegend keineswegs
-allein von der unmerklichen Veränderung physikalischer Bedingungen,
-sondern grossentheils von der Anwesenheit oder Abwesenheit andrer Arten
-abhängt, von welchen sie leben, durch welche sie zerstört werden, oder
-+mit+ welchen sie in Mitbewerbung stehen; und da diese Arten
-bereits eine bestimmte Begrenzung haben und nicht mehr unmerklich in
-einander übergehen, so muss die Verbreitung einer Spezies, welche von
-der einen oder andern abhängt, scharf umgrenzt werden. Überdiess muss
-jede Art an den Grenzen ihres Verbreitungs-Bezirkes, wo ihre Anzahl
-ohnediess geringer wird, durch Schwankungen in der Menge ihrer Feinde
-oder ihrer Beute oder in den Jahreszeiten sehr oft einer gänzlichen
-Zerstörung ausgesetzt seyn, und es mag auch hiedurch die schärfere
-Umschreibung ihrer geographischen Verbreitung mit bedingt werden.
-
-Wenn meine Meinung richtig ist, dass verwandte oder stellvertretende
-Arten, welche ein zusammenhängendes Gebiet bewohnen, gewöhnlich so
-vertheilt sind, dass jede von ihnen eine weite Strecke einnimmt,
-und dass diese Strecken durch verhältnissmässig enge neutrale
-Zwischenräume getrennt werden, in welchen jede Art rasch an Menge
-abnimmt, -- dann wird diese Regel, da Varietäten nicht wesentlich
-von Arten verschieden sind, wohl auf die einen wie auf die andern
-Anwendung finden; und wenn wir in Gedanken eine veränderliche Spezies
-einem sehr grossen Gebiete anpassen, so werden wir zwei Varietäten
-jenen zwei grossen Untergebieten und eine dritte Varietät dem schmalen
-Zwischengebiete anzupassen haben. Diese Zwischen-Varietät wird, weil
-sie einen geringeren Raum bewohnt, auch in geringerer Anzahl vorhanden
-seyn; und in Wirklichkeit genommen passt diese Regel, so viel ich
-ermitteln kann, ganz gut auf Varietäten im Natur-Zustande. Ich habe
-triftige Belege für diese Regel in Varietäten von Balanus-Arten
-gefunden, welche zwischen ausgeprägteren Varietäten derselben das
-Mittel halten. Und ebenso scheint es nach den Belehrungen, die ich den
-Herren ~Watson~, ~Asa Gray~ und ~Wollaston~ verdanke, dass gewöhnlich,
-wenn Mittel-Varietäten zwischen zwei andren Formen vorkommen, sie der
-Zahl nach weit hinter jenen zurückstehen, die sie verbinden. Wenn
-wir nun diese Thatsachen und Belege als richtig annehmen und daraus
-folgern, dass Varietäten, welche zwei andre Varietäten mit einander
-verbinden, gewöhnlich in geringerer Anzahl als diese letzten vorhanden
-waren, so dürfte man daraus auch begreifen, warum Zwischen-Varietäten
-keine lange Dauer haben und der allgemeinen Regel zufolge früher
-vertilgt werden und verschwinden müssen, als diejenigen Formen, welche
-sie ursprünglich mit einander verketten.
-
-Denn eine in geringerer Anzahl vorhandene Form wird, wie schon
-früher bemerkt worden, überhaupt mehr als die in reichlicher Menge
-verbreiteten in Gefahr seyn ausgetilgt zu werden; und in diesem
-besondren Falle dürfte die Zwischenform vorzugsweise den Angriffen der
-zwei nahe verwandten Formen zu ihren beiden Seiten ausgesetzt seyn.
-Aber eine weit wichtigere Betrachtung scheint mir die zu seyn, dass
-während des Prozesses weitrer Umbildung, wodurch nach meiner Theorie
-zwei Varietäten zu zwei ganz verschiedenen Spezies erhoben werden,
-diese zwei Varietäten, soferne sie grössere Flächen bewohnen, auch
-in grösserer Anzahl vorhanden sind und daher in grossem Vortheile
-gegen die mittle Varietät stehen, welche in kleinrer Anzahl nur einen
-schmalen Zwischenraum bewohnt. Denn Formen, welche in grössrer Zahl
-bestehen, haben immer eine bessre Aussicht, als die gering-zähligen,
-innerhalb einer gegebenen Periode noch andre nützliche Abänderungen
-zur Natürlichen Züchtung darzubieten. Daher in dem Kampfe um’s Daseyn
-die gemeineren Formen streben werden die selteneren zu verdrängen und
-zu ersetzen, welche sich nur langsam abzuändern und zu vervollkommnen
-vermögen. Es scheint mir dasselbe Prinzip zu seyn, wornach, wie im
-zweiten Kapitel gezeigt worden, die gemeinen Arten einer Gegend
-durchschnittlich auch eine grössre Anzahl von Varietäten darbieten als
-die selteneren. Ich will nun, um meine Meinung besser zu erläutern,
-einmal annehmen, es handle sich um drei Schaaf-Varietäten, von
-welchen eine für eine ausgedehnte Gebirgs-Gegend, die zweite nur für
-einen verhältnissmässig schmalen Hügel-Streifen und die dritte für
-weite Ebenen an deren Fusse geeignet seye; ich will ferner annehmen,
-die Bewohner seyen alle mit gleichem Schick und Eifer bestrebt,
-ihre Rassen durch Züchtung zu verbessern, so wird in diesem Falle
-die Wahrscheinlichkeit des Erfolges ganz auf Seiten der grossen
-Heerden-Besitzer im Gebirge und in der Ebene seyn, weil diese ihre
-Rassen schneller als die kleinen in der schmalen hügeligen Zwischenzone
-veredeln, so dass die verbesserte Rasse des Gebirges oder der Ebene
-bald die Stelle der minder verbesserten Hügelland-Rasse einnehmen wird;
-und so werden die zwei Rassen, welche anfänglich in grosser Anzahl
-existirt haben, in unmittelbare Berührung mit einander kommen ohne
-fernere Einschaltung der Zwischen-Rasse.
-
-In Summe: glaube ich, dass Arten leidlich gut umschrieben seyn können,
-ohne zu irgend einer Zeit ein unentwirrtes Chaos veränderlicher und
-vermittelnder Formen darzubieten: 1) weil sich neue Varietäten nur
-sehr langsam bilden, indem Abänderung ein äusserst träger Vorgang
-ist und Natürliche Züchtung so lange nichts auszurichten vermag,
-als nicht günstige Abweichungen vorkommen und nicht ein Platz im
-Natur-Haushalte der Gegend durch Modifikation eines oder des andern
-ihrer Bewohner besser ausgefüllt werden kann. Und solche neue Stellen
-werden von langsamen Veränderungen des Klimas oder der zufälligen
-Einwanderung neuer Bewohner und, in wahrscheinlich viel höherem Grade,
-davon abhängen, dass einige von den alten Bewohnern langsam abgeändert
-werden, während jene neu hervor-gebrachten und eingewanderten Formen
-mit einigen alten in Wechselwirkung gerathen: daher wir in jeder Gegend
-und zu jeder Zeit nur wenige Arten zu sehen bekommen, welche geringe
-einigermassen bleibende Modifikationen der Organisation darbieten. Und
-Diess sehen wir auch sicherlich so.
-
-Zweitens: viele jetzt zusammenhängende Bezirke der Erd-Oberfläche
-müssen noch in der jetzigen Erd-Periode in verschiedene Theile getrennt
-gewesen seyn, worin viele Formen zumal sich paarender und wandernder
-Thiere ganz von einander geschieden sich weit genug zu differenziren
-vermochten, um als Spezies gelten zu können. Zwischen-Varietäten
-zwischen diesen Spezies und ihrer gemeinsamen Stamm-Form müssen wohl
-vordem in jedem dieser Bruchtheile des Bezirkes gewesen seyn, sind aber
-später durch Natürliche Züchtung ersetzt und ausgetilgt worden, so dass
-sie lebend nicht mehr vorhanden sind.
-
-Drittens: Wenn zwei oder mehre Varietäten in den verschiedenen
-Theilen eines zusammenhängenden Bezirkes gebildet worden sind, so
-werden wahrscheinlich auch Zwischen-Varietäten in den schmalen
-Zwischenzonen entstanden seyn, aber nicht lange gewährt haben. Denn
-diese Zwischen-Varietäten werden aus schon entwickelten Gründen
-(und namentlich, was wir über die jetzige Verbreitung einander
-nahe-verwandter Arten und ausgebildeten Varietäten wissen) in den
-Zwischenzonen in geringrer Anzahl, als die Haupt-Varietäten, die
-sie verbinden, in deren eigenen Bezirken vorhanden seyn. Schon aus
-diesem Grunde allein werden die Zwischen-Varietäten gelegentlicher
-Vertilgung ausgesetzt seyn, werden aber zuverlässig während des
-Prozesses weitrer Modifikation von den Formen, welche sie mit einander
-verketten, meistens desshalb verdrängt und ersetzt werden, weil diese
-ihrer grösseren Anzahl wegen mehr abändern und daher leichter durch
-Natürliche Züchtung noch weiter verbessert und dadurch gesichert werden
-können.
-
-Letztens müssen, nicht bloss zu einer sondern zu allen Zeiten, wenn
-meine Theorie richtig ist, gewiss auch zahllose Zwischen-Varietäten
-zu Verbindung der Arten einer nämlichen Gruppe mit einander existirt
-haben, aber auch gerade der Prozess der Natürlichen Züchtung
-fortwährend thätig gewesen seyn, sowohl deren Stamm-Formen als die
-Mittelglieder selbst zu vertilgen. Daher ein Beweis ihrer früheren
-Existenz höchstens noch unter den Fossil-Resten der Erd-Rinde gefunden
-werden könnte, welche aber diese Urkunden früherer Zeiten, wie in einem
-späteren Abschnitte gezeigt werden soll, nur in sehr unvollkommener und
-unzusammenhängender Weise aufzubewahren geeignet ist.
-
-+Entstehung und Übergänge von Organismen mit eigenthümlicher
-Lebens-Weise und Organisation.+) Gegner meiner Ansichten haben
-mir die Frage entgegengehalten, wie denn z. B. ein Land-Raubthier in
-ein Wasser-Raubthier habe verwandelt werden können, da ein Thier in
-einem Zwischenzustande nicht wohl zu bestehen vermocht hätte? Es würde
-leicht seyn zu zeigen, dass innerhalb derselben Raubthier-Gruppe Thiere
-vorhanden sind, welche jede Mittelstufe zwischen einfachen Land- und
-ächten Wasser-Thieren einnehmen und daher durch ihre verschiedene
-Lebens-Weise wohl geeignet sind, in dem Kampfe mit andern um’s Daseyn
-ihre Stelle zu behaupten. So hat z. B. die nordamerikanische Mustela
-vison eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und gleicht der Fischotter
-in Pelz, kurzen Beinen und Form des Schwanzes. Den Sommer hindurch
-taucht dieses Thier ins Wasser und nährt sich von Fischen; während
-des langen Winters aber verlässt es die gefrorenen Gewässer und lebt
-gleich andern Iltissen von Mäusen und Landthieren. Hätte man einen
-andern Fall gewählt und mir die Frage gestellt, auf welche Weise ein
-Insekten-fressender Vierfüsser in eine fliegende Fledermaus verwandelt
-worden seye, so wäre diese Frage weit schwieriger zu beantworten.
-Doch haben nach meiner Meinung solche einzelne Schwierigkeiten kein
-allzugrosses Gewicht.
-
-Hier wie in anderen Fällen befinde ich mich in dem grossen Nachtheil,
-aus den vielen treffenden Belegen, die ich gesammelt habe, nur ein oder
-zwei Beispiele von einem Übergang der Lebens-Weise und Organisation
-zwischen nahe verwandten Arten einer Sippe und von vorübergehend oder
-bleibend veränderten Gewohnheiten einer nämlichen Spezies anführen zu
-können. Und es scheint mir selbst, dass nichts weniger als ein langes
-Verzeichniss solcher Beispiele genügend seye, die Schwierigkeiten der
-Erklärung eines so eigenthümlichen Falles zu beseitigen, wie der von
-der Fledermaus ist.
-
-Sehen wir uns in der Familie der Eichhörnchen um, so finden wir da die
-erste schwache Übergangs-Stufe zu den sogen. fliegenden Fleder-Mäusen
-angedeutet in dem zweizeilig abgeplatteten Schwanze der einen und, nach
-~J. Richardson’s~ Bemerkung, in dem verbreiterten Hintertheile
-und der volleren Haut an den Seiten des Körpers der andern Arten; denn
-bei Flughörnchen sind die Hintergliedmassen und selbst der Anfang des
-Schwanzes durch eine ansehnliche Ausbreitung der Haut mit einander
-verbunden, welche als Fallschirm dient und diese Thiere befähigt, auf
-erstaunliche Entfernungen von einem Baum zum andern durch die Luft zu
-gleiten. Es ist kein Zweifel, dass jeder Art von Eichhörnchen in deren
-Heimath jeder Theil dieser eigenthümlichen Organisation nützlich ist,
-indem er sie in den Stand setzt den Verfolgungen der Raubvögel oder
-andrer Raubthiere zu entgehen, reichlichere Nahrung einzusammeln und
-zweifelsohne auch die Gefahr jeweiligen Fallens zu vermindern. Daraus
-folgt aber noch nicht, dass die Organisation eines jeden Eichhörnchens
-auch die bestmögliche für alle natürlichen Verhältnisse seye. Gesetzt,
-Klima und Vegetation verändern sich, neue Nagethiere treten als
-Mitbewerber auf, und neue Raubthiere wandern ein oder alte erfahren
-eine Abänderung, so müssten wir aller Analogie nach auch vermuthen,
-dass wenigstens einige der Eichhörnchen sich an Zahl vermindern oder
-ganz aussterben werden, wenn ihre Organisation nicht ebenfalls in
-entsprechender Weise abgeändert und verbessert wird. Daher ich, zumal
-bei einem Wechsel der äussern Lebens-Bedingungen, keine Schwierigkeit
-für die Annahme finde, dass Individuen mit immer vollerer Seiten-Haut
-vorzugsweise dürften erhalten werden, weil dieser Charakter erblich
-und jede Verstärkung desselben nützlich ist, bis durch Häufung aller
-einzelnen Effekte dieses Prozesses natürlicher Züchtung aus dem
-Eichhörnchen endlich ein Flughörnchen geworden ist.
-
-Sehen wir nun den fliegenden Lemur oder den Galeopithecus an, welcher
-vordem irriger Weise zu den Fledermäusen versetzt worden ist. Er
-hat eine sehr breite Seitenhaut, welche von den Hinterenden der
-Kinnladen bis zum Schwanze erstreckt die Beine und verlängerten Finger
-einschliesst, auch mit einem Ausbreiter-Muskel versehen ist. Obwohl
-jetzt keine vermittelnden Zwischenstufen zwischen den gewöhnlichen
-Lemuriden und dem durch die Luft gleitenden Galeopithecus vorhanden
-sind, so sehe ich doch keine Schwierigkeiten für die Annahme, dass
-solche Zwischenglieder einmal existirt und sich auf ähnliche Art von
-Stufe zu Stufe entwickelt haben, wie oben die zwischen den Eich-
-und Flug-Hörnchen, indem jeder weitere Schritt zur Verbesserung der
-Organisation in dieser Richtung für den Besitzer von Nutzen war. Auch
-kann ich keine unüberwindliche Schwierigkeit erblicken weiter zu
-unterstellen, dass sowohl der Vorderarm als die durch die Flughaut
-verbundenen Finger des Galeopithecus sich in Folge Natürlicher Züchtung
-allmählich verlängert haben, und Diess würde genügen denselben, was die
-Flugwerkzeuge betrifft, in eine Fledermaus zu verwandeln. Bei jenen
-Fledermäusen, deren Flughaut nur von der Schulter bis, unter Einschluss
-der Hinterbeine, zum Schwanze geht, sehen wir vielleicht noch die
-Spuren einer Vorrichtung, welche ursprünglich mehr dazu gemacht war
-durch die Luft zu gleiten, als zu fliegen.
-
-Wenn etwa ein Dutzend eigenthümlich gebildeter Vogel-Sippen erloschen
-oder uns unbekannt geblieben wären, wie hätten wir nur die Vermuthung
-wagen dürfen, dass es jemals Vögel gegeben habe, welche gleich der
-Dickkopf-Ente (Micropterus ~Eyton’s~) ihre Flügel nur wie
-Klappen zum Flattern über dem Wasserspiegel hin, oder gleich den
-Fettgänsen wie Ruder im Meere und wie Vorderbeine auf dem Lande
-oder gleich dem Strausse wie Seegel zur Beförderung des Laufes
-gebrauchten, oder endlich gleich dem Apteryx gar nicht benützten.
-Und doch ist die Organisation eines jeden dieser Vögel unter den
-Lebens-Bedingungen, worin er sich befindet und um sein Daseyn kämpft,
-für ihn vortheilhaft, wenn auch nicht nothwendig die beste unter
-allen möglichen Einrichtungen. Aus diesen Bemerkungen soll übrigens
-nicht gefolgert werden, dass irgend eine der eben angeführten
-Abstufungen der Flügel-Bildungen, die vielleicht alle nur Folge des
-Nichtgebrauches sind, einer natürlichen Stufen-Reihe angehöre, auf
-welcher emporsteigend die Vögel das vollkommene Flug-Vermögen erlangt
-haben; aber sie können wenigstens zu zeigen dienen, was für mancherlei
-Wege des Übergangs möglich sind.
-
-Wenn man sieht, dass eine kleine Anzahl Thiere aus den Wasser-athmenden
-Klassen der Kruster und Mollusken zum Leben auf dem Lande geschickt
-sind, wenn man sieht, dass es fliegende Vögel, fliegende Säugthiere,
-fliegende Insekten von den verschiedenartigsten Typen gibt und vordem
-auch fliegende Reptilien gegeben hat, so wird es auch begreiflich, dass
-fliegende Fische, welche jetzt mit Hilfe ihrer flatternden Brustflossen
-sich in schiefer Richtung über den See-Spiegel erheben und in weitem
-Bogen durch die Luft gleiten, allmählich zu vollkommen beflügelten
-Thieren umgewandelt werden können. Und wäre Diess einmal bewirkt, wer
-würde sich dann je einbilden, dass sie in einer früheren Zeit Bewohner
-des offenen Meeres gewesen seyen und ihre beginnenden Flug-Organe, wie
-uns jetzt bekannt, bloss dazu gebraucht haben, dem Rachen andrer Fische
-zu entgehen.
-
-Wenn wir ein Organ zu irgend einem besondren Zwecke hoch ausgebildet
-sehen, wie eben die Flügel des Vogels zum Fluge, so müssen wir
-bedenken, dass solche Thiere auf der ersten Anfangs-Stufe dieser
-Bildung stehend selten die Aussicht hatten sich bis auf unsre Tage
-zu erhalten, eben weil sie durch den Vervollkommnungs-Prozess der
-Natürlichen Züchtung immer wieder von andren weiter fortgeschrittenen
-Formen ersetzt worden seyn müssen. Wir werden ferner bedenken,
-dass Übergangs-Stufen zwischen zu ganz verschiedenen Lebens-Weisen
-dienenden Bildungen in früherer Zeit selten in grosser Anzahl und
-mit mancherlei untergeordneten Formen ausgebildet worden seyn mögen.
-Doch, um zu unsrem fliegenden Fische zurückzukehren, so scheint es
-nicht sehr glaublich, dass zu wirklichem Fluge befähigte Fische in
-vielerlei untergeordneten Formen zur Erhaschung von mancherlei Beute
-auf mancherlei Wegen, zu Wasser und zu Land entwickelt worden seyen,
-bis dieselben ein entschiedenes Übergewicht über andre Thiere im
-Kampf ums Daseyn erlangten. Daher die Wahrscheinlichkeit, Arten auf
-Übergangsstufen der Organisation noch im fossilen Zustande zu entdecken
-immer nur gering seyn wird, weil sie in geringerer Anzahl als die Arten
-mit völlig entwickelten Bildungen existirt haben.
-
-Ich will nun zwei oder drei Beispiele abgeänderter und
-auseinander-gelaufener Lebensweisen bei Individuen einer nämlichen
-Art anführen. Vorkommenden Falles wird es der Natürlichen Züchtung
-leicht seyn, ein Thier durch irgend eine Abänderung seines Baues
-für seine veränderte Lebensweise oder ausschliesslich für nur eine
-seiner verschiedenen Gewohnheiten geschickt zu machen. Es ist aber
-schwer und für uns unwesentlich zu sagen, ob im Allgemeinen zuerst
-die Gewohnheiten und dann die Organisation sich ändere, oder ob
-geringe Modifikationen des Baues zu einer Änderung der Gewohnheiten
-führen; wahrscheinlich ändern beide gleichzeitig ab. Was Änderung
-der Gewohnheiten betrifft, so würde es genügen auf die Menge
-_Britischer_ Insekten-Arten zu verweisen, welche jetzt von
-ausländischen Pflanzen oder ganz ausschliesslich von Kunst-Erzeugnissen
-leben. Vom Auseinandergehen der Gewohnheiten liessen sich zahllose
-Beispiele anführen. Ich habe oft eine _Südamerikanische_
-Würger-Art (Saurophagus sulphuratus) beobachtet, als sie wie ein
-Thurmfalke über einem Fleck und dann wieder über einem andern schwebte
-und ein andermal steif am Rande des Wassers stund und dann plötzlich
-wie ein Eisvogel auf einen Fisch hinabstürzte. In unsrer eignen Gegend
-sieht man die Kohlmeise (Parus major) bald fast wie einen Baumläufer
-an den Zweigen herum klimmen, bald nach Art des Würgers kleine Vögel
-durch Hiebe auf den Kopf tödten; oft habe ich sie die Saamen des
-Eibenbaumes auf einem Zweige aufhämmern und dann wieder sie wie ein
-Nusshacker aufbrechen sehen. In _Nord-Amerika_ schwimmt nach
-~Hearne’s~ Beobachtung der schwarze Bär bis vier Stunden lang
-mit weit geöffnetem Munde im Wasser umher, um fast nach Art der Wale
-Wasser-Insekten zu fangen[25].
-
-Da wir zuweilen Individuen Gewohnheiten befolgen sehen, welche von
-denen andrer Individuen ihrer Art und andrer Arten ihrer Sippe weit
-abweichen, so hätten wir nach meiner Theorie zu erwarten, dass solche
-Individuen mitunter zur Entstehung neuer Arten mit abweichenden Sitten
-und einer mehr oder weniger modifizirten Organisation Veranlassung
-geben. Und solche Fälle kommen in der Natur vor. Kann es ein
-treffenderes Beispiel von Anpassung geben, als den Specht, welcher an
-Bäumen umherklettert, um Insekten in den Rissen der Rinde aufzusuchen?
-Und doch gibt es in _Nord-Amerika_ Spechte, welche grossentheils
-von Früchten leben, und andre mit verlängerten Flügeln, welche Insekten
-im Fluge haschen; und auf den Ebenen von _La Plata_, wo nicht
-ein Baum wächst, gibt es einen Specht (Colaptes campestris), welcher
-zwei Zehen vorn und zwei hinten, eine lange spitze Zunge, steife
-Schwanz-Federn und einen geraden kräftigen Schnabel besitzt. Doch
-sind die Schwanzfedern weniger steif als bei den typischeren Arten,
-und dienen dem Vogel, wenn er sich senkrecht zum Boden herablassen
-will. Auch der Schnabel ist weniger gerade, obwohl stark genug, um ihn
-ins Holz einzuhacken. Eine andere Erläuterung der verschiedenartigen
-Gewohnheiten dieser Vögel-Gruppe bietet nur ein _Mexikanischer_
-Colaptes dar, welcher nach ~de Saussure~ Löcher in hartem Holze
-aushöhlt um einen Vorrath von Eicheln für seine künftige Verzehrung
-darin unterzubringen. Demnach ist der Specht von _La Plata_ in
-allen wesentlichen Theilen seiner Organisation ein ächter Specht und
-ist auch bis vor kurzem in der typischen Sippe untergebracht worden.
-So unbedeutende Charaktere sogar wie seine Färbung, der schrille Ton
-seiner Stimme und sein welliger Flug, Alles überzeugte mich von seiner
-nahen Bluts-Verwandtschaft mit unseren gewöhnlichen Spechten. Aber
-dieser Specht klettert, wie auch der genaue ~Azara~ bereits
-versichert, niemals an Bäumen.
-
-Sturmvögel sind unter allen Vögeln diejenigen, die am besten fliegen
-und am meisten an das hohe Meer gebunden sind; und doch gibt es in den
-ruhigen stillen Meerengen des Feuerlandes eine Art, Puffinuria Berardi,
-die nach ihrer Lebensweise im Allgemeinen, nach ihrer erstaunlichen
-Fähigkeit zu tauchen, nach ihrer Art zu schwimmen und zu fliegen, wenn
-sie gegen ihren Willen zu fliegen genöthigt wird, von Jedem für einen
-Alk oder Lappentaucher (Colymbus) gehalten werden würde; sie ist aber
-ihrem Wesen nach ein Sturmvogel nur mit einigen tief eindringenden
-Änderungen der Organisation; während am Spechte von _La Plata_
-der Körper-Bau nur unbedeutende Veränderungen erfahren hat. Bei der
-Wasseramsel (Cinclus) dagegen würde man auch bei der genauesten
-Untersuchung des Körpers nicht die mindeste Spur von ihrer ans
-Wasser gebundenen Lebens-Weise zu entdecken im Stande seyn. Und doch
-verschafft sich dieses so abweichende Glied der Drossel-Familie seinen
-ganzen Unterhalt nur durch Tauchen, durch Aufscharren des Gerölles mit
-seinen Füssen und durch Anwendung seiner Flügel unter Wasser.
-
-Wer glaubt, dass jedes Wesen so geschaffen worden seye, wie wir es
-jetzt erblicken, muss schon manchmal überrascht gewesen seyn, ein
-Thier zu finden, dessen Organisation und Lebensweise durchaus nicht
-miteinander in Einklang stunden. Was kann klarer seyn, als dass die
-Füsse der Enten und Gänse mit der grossen Haut zwischen den Zehen
-zum Schwimmen gemacht sind? und doch gibt es Gänse mit solchen
-Schwimmfüssen, welche selten oder nie ins Wasser gehen; -- und ausser
-~Audubon~ hat noch Niemand den Fregattvogel, dessen vier Zehen
-durch eine Schwimmhaut verbunden sind, sich auf den Spiegel des Meeres
-niederlassen sehen. Andrerseits sind Lappentaucher und Wasserhühner
-ausgezeichnete Wasser-Vögel, und doch sind ihre Zehen nur mit einer
-Schwimmhaut gesäumt. Was scheint klarer zu seyn, als dass die langen
-Zehen der Sumpf-Vögel ihnen dazu gegeben sind, damit sie über
-Sumpf-Boden und schwimmende Wasser-Pflanzen hinwegschreiten können,
-und doch ist das Rohrhuhn (Ortygometra) fast eben so sehr Wasser-Vogel
-als das Wasserhuhn, und die Ralle fast eben so sehr Land-Vogel als
-die Wachtel oder das Feldhuhn. Man kann sagen, der Schwimmfuss seye
-verkümmert in seiner Verrichtung, aber nicht in seiner Form. Beim
-Fregattvogel dagegen zeigt der tiefe Ausschnitt der Schwimmhaut
-zwischen den Zehen, dass eine Veränderung der Fuss-Bildung begonnen hat.
-
-Wer an zahllose getrennte Schöpfungs-Akte glaubt, wird sagen, dass
-es in diesen Fällen dem Schöpfer gefallen hat, ein Wesen von dem
-einen Typus für den Platz eines Wesens von dem andren Typus zu
-bestimmen. Diess scheint mir aber wieder dieselbe Sache, nur in einer
-Würde-volleren Fassung. Wer an den Kampf um’s Daseyn und an das
-Princip der Natürlichen Züchtung glaubt, der wird anerkennen, dass
-jedes organische Wesen beständig nach Vermehrung seiner Anzahl strebt
-und dass, wenn es in Organisation oder Gewohnheiten auch noch so
-wenig variirt, aber hiedurch einen Vortheil über irgend einen andern
-Bewohner der Gegend erlangt, es dessen Stelle einnehmen kann, wie
-verschieden dieselbe auch von seiner eignen bisherigen Stelle seyn mag.
-Er wird desshalb nicht darüber erstaunt seyn, Gänse und Fregatt-Vögel
-mit Schwimmfüssen zu sehen, wovon die einen auf dem trocknen Lande
-leben und die andern sich nur selten aufs Wasser niederlassen, oder
-langzehige Rohrhühner (Crex) zu finden, welche auf Wiesen statt in
-Sümpfen wohnen; oder dass es Spechte gibt, wo keine Bäume sind, dass
-Drosseln unters Wasser tauchen und Sturmvögel wie Alke leben.
-
-+Organe von äusserster Vollkommenheit und Zusammengesetztheit.+)
-Die Annahme, dass sogar das Auge mit allen seinen der Nachahmung
-unerreichbaren Vorrichtungen, um den Focus den manchfaltigsten
-Entfernungen anzupassen, verschiedene Licht-Mengen zuzulassen und
-die sphärische und chromatische Abweichung zu verbessern, nur durch
-Natürliche Züchtung zu dem geworden seye, was es ist, scheint, ich
-will es offen gestehen, im höchsten möglichen Grade absurd zu seyn.
-Als es zum ersten Male ausgesprochen wurde, dass die Sonne stille
-stehe und die Erde sich um ihre Achse drehe, erklärte der gemeine
-Sinn des Menschen diese Lehre für falsch; aber das alte Sprichwort
-„vox populi, vox dei“ hat in der Wissenschaft keine Geltung. Und doch
-sagt mir die Vernunft, dass, wenn zahlreiche Abstufungen von einem
-vollkommenen und zusammengesetzten bis zu einem ganz einfachen und
-unvollkommenen Auge, alle nützlich für ihren Besitzer, vorhanden sind,
--- wenn das Auge etwas zu variiren geneigt ist und seine Abänderungen
-erblich sind, was sicher der Fall ist, -- wenn eine mehr und weniger
-beträchtliche Abänderung eines Organes immer nützlich ist für ein
-Thier, dessen äusseren Lebens-Bedingungen sich ändern: dann scheint
-der Annahme, dass ein vollkommenes und zusammengesetztes Auge durch
-Natürliche Züchtung gebildet werden könne, doch keine wesentliche
-Schwierigkeit mehr entgegenzustehen, wie schwierig auch die Vorstellung
-davon für unsre Einbildungskraft seyn mag. Die Frage, wie ein Nerv
-für Licht empfindlich werde, beunruhigt uns schwerlich mehr, als die,
-wie das Leben selbst ursprünglich entstehe. Jedoch will ich bemerken,
-dass verschiedene Thatsachen mich zur Vermuthung bringen, dass jeder
-sensitive Nerv für Licht und ebenso für jene gröberen Schwingungen der
-Luft empfindlich gemacht werden könne, welche den Ton hervorbringen.
-
-Was die Abstufungen betrifft, mittelst welcher ein Organ in irgend
-einer Spezies vervollkommnet worden ist, so sollten wir dieselbe
-allerdings nur in gerader Linie bei ihren Vorgängern aufsuchen. Diess
-ist aber schwerlich jemals möglich, und wir sind jedenfalls genöthigt
-uns unter den Arten derselben Gruppe, d. h. bei den Seitenverwandten
-von gleicher Abstammung mit der ersten, umzusehen um zu erkennen, was
-für Abstufungen möglich sind, und ob es wahrscheinlich, dass irgend
-welche Abstufungen von den ersten Stamm-Ältern an ohne alle oder mit
-nur geringer Abänderung auf die jetzigen Nachkommen übertragen worden
-seyen. Unter den jetzt lebenden Wirbelthieren finden wir nur eine
-geringe Abstufung in der Bildung des Auges (obwohl der Fisch Amphioxus
-ein sehr einfaches Auge ohne Linse besitzt), und an fossilen Wesen
-lässt sich keine Untersuchung mehr darüber anstellen. Wir hätten
-wahrscheinlich weit vor die untersten Fossilien-führenden Schichten
-zurückzugehen, um die ersten Stufen der Vervollkommnung des Auges in
-diesem Kreise des Thier-Reichs zu entdecken.
-
-Im Unterreiche der Kerbthiere kann man von einem einfach mit Pigment
-überzogenen Sehnerven ausgehen, der oft eine Art Pupille bildet,
-aber ohne Krystall-Linse und sonstige optische Vorrichtung ist. Von
-diesem Augen-Rudimente, welches etwa Licht von Dunkelheit, aber nichts
-weiter zu unterscheiden im Stande ist, schreitet die Vervollkommnung
-in zwei Richtungen fort, welche ~J. Müller~ von Grund aus
-verschieden glaubt; sie führt nämlich entweder 1) zu Stemmata oder
-sogen. „einfachen Augen“ mit Krystall-Linse und Hornhaut versehen, oder
-2) zu „zusammengesetzten Augen“, welche allein oder hauptsächlich nur
-dadurch wirken, dass sie alle Strahlen, welche von irgend einem Punkte
-des gesehenen Gegenstandes kommen, bis auf denjenigen Strahlenbüschel
-ausschliessen, welcher senkrecht auf die konvexe Netzhaut fällt.
-Diesen zusammengesetzten Augen nun mit Verschiedenheiten ohne Ende in
-Form, Verhältniss, Zahl und Stellung der durchsichtigen mit Pigment
-überzogenen Kegel, welche nur durch Ausschliessung wirken, gesellt sich
-bald noch eine mehr oder weniger vollkommene Konzentrirungs-Vorrichtung
-bei, indem in den Augen der Meloe z. B. die Facetten der Cornea aussen
-und innen etwas konvex, mithin Linsen-förmig werden. Viele Kruster
-haben eine doppelte Cornea, eine äussre glatte und eine innre in
-Facetten getheilte, in deren Substanz nach ~Milne Edwards~
-„renflemens lenticulaires paraissent s’être développés“, und zuweilen
-lassen sich diese Linsen als eine besondre Schicht von der Cornea
-ablösen. Die durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel, von
-welchen ~Müller~ angenommen, dass sie nur durch Ausschliessung
-divergenter Licht-Strahlenbüschel wirken, hängen gewöhnlich an der
-Cornea an, sind aber auch nicht selten davon abgesondert und zeigen
-eine konvexe äussre Fläche; sie müssen nach meiner Meinung in diesem
-Falle wie konvergirende Linsen wirken. Dabei ist die Struktur der
-zusammengesetzten Augen so manchfaltig, dass ~Müller~ drei
-Hauptklassen derselben mit nicht weniger als sieben Unterabtheilungen
-nach ihrer Struktur annimmt. Er bildet eine vierte Hauptklasse aus den
-„zusammengehäuften Augen“ oder Gruppen von Stemmata, welche nach seiner
-Erklärung den Übergang bilden von den Mosaik-artig „zusammengesetzten
-Augen“ ohne Konzentrations-Vorrichtung zu den Gesichts-Organen mit
-einer solchen.
-
-Wenn ich diese hier nur allzukurz und unvollständig angedeuteten
-Thatsachen, welche zeigen, dass es schon unter den jetzt lebenden
-Kerbthieren viele stufenweise Verschiedenheiten der Augen-Bildung gibt,
-erwäge und ferner bedenke, wie klein die Anzahl lebender Arten im
-Vergleich zu den bereits erloschenen ist, so kann ich (wenn auch mehr
-als in andern Bildungen) doch keine allzugrosse Schwierigkeit für die
-Annahme finden, dass der einfache Apparat eines von Pigment umgebenen
-und von durchsichtiger Haut bedeckten Sehnerven durch Natürliche
-Züchtung in ein so vollkommenes optisches Werkzeug umgewandelt worden
-seye, wie es bei den vollkommensten Kerbthieren gefunden wird.
-
-Wer nun weiter gehen will, wenn er beim Durchlesen dieses Buches
-findet, dass sich durch die Descendenz-Theorie eine grosse Menge von
-anderweitig unerklärbaren Thatsachen begreifen lasse, braucht kein
-Bedenken gegen die weitre Annahme zu haben, dass durch Natürliche
-Züchtung zuletzt auch ein so vollkommenes Gebilde, als das Adler-Auge
-ist, hergestellt werden könne, wenn ihm auch die Zwischenstufen
-in diesem Falle gänzlich unbekannt sind. Sein Verstand muss seine
-Einbildungs-Kraft überwinden. Doch habe ich selbst die Schwierigkeit
-viel zu gut gefühlt, als dass ich mich einigermaassen darüber wundern
-könnte, wenn Jemand es gewagt findet, die Theorie der Natürlichen
-Züchtung bis zu einer so erstaunlichen Weite auszudehnen.
-
-Man kann kaum vermeiden, das Auge mit einem Teleskop zu vergleichen.
-Wir wissen, dass dieses Werkzeug durch lang-fortgesetzte Anstrengungen
-der höchsten menschlichen Intelligenz verbessert worden ist, und
-folgern natürlich daraus, dass das Auge seine Vollkommenheit durch
-einen etwas ähnlichen Prozess erlangt habe. Sollte aber diese
-Vorstellung nicht bloss in der Einbildung beruhen? Haben wir ein Recht
-anzunehmen, der Schöpfer wirke, vermöge intellektueller Kräfte ähnlich
-denen des Menschen? Wollten wir das Auge einem optischen Instrumente
-vergleichen, so müssten wir in Gedanken eine dicke Schicht eines
-durchsichtigen Gewebes annehmen, getränkt mit Flüssigkeit und mit
-einem für Licht empfänglichen Nerven darunter, und dann unterstellen,
-dass jeder Theil dieser Schicht langsam aber unausgesetzt seine
-Dichte verändere, so dass verschiedene Lagen von verschiedener Dichte
-übereinander und in ungleichen Entfernungen von einander entstehen,
-und dass auch die Oberfläche einer jeden Lage langsam ihre Form ändre.
-Wir müssten ferner unterstellen, dass eine Kraft (die Natürliche
-Züchtung) vorhanden seye, welche beständig eine jede geringe zufällige
-Veränderung in den durchsichtigen Lagen genau beobachte und jede
-Abänderung sorgfältig auswähle, die unter veränderten Umständen in
-irgend einer Weise oder in irgend einem Grade ein deutlicheres Bild
-hervorzubringen geschickt wäre. Wir müssten unterstellen, jeder neue
-Zustand des Instrumentes werde mit einer Million vervielfältigt, und
-jeder werde so lange erhalten, bis ein bessrer hervorgebracht seye,
-dann aber zerstört. Bei lebenden Körpern bringt Variation jene geringen
-Verschiedenheiten hervor, Generation vervielfältigt sie in’s Unendliche
-und Natürliche Züchtung findet mit nie irrendem Takte jede Verbesserung
-zum Zwecke weiterer Vervollkommnung heraus. Denkt man sich nun diesen
-Prozess Millionen und Millionen Jahre lang und jedes Jahr an Millionen
-Individuen der manchfaltigsten Art fortgesetzt: sollte man da nicht
-erwarten, dass das lebende optische Instrument endlich in demselben
-Grade vollkommener als das gläserne werden müsse, wie des Schöpfers
-Werke überhaupt vollkommener sind, als die des Menschen?
-
-Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen
-Vollendung nicht durch zahllose kleine aufeinander folgende
-Modifikationen erfolgen könnte, so müsste meine Theorie unbedingt
-zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden.
-Zweifelsohne bestehen viele Organe, deren Vervollkommnungs-Stufen wir
-nicht kennen, insbesondre bei sehr vereinzelt stehenden Arten, deren
-verwandten Formen nach meiner Theorie in weitem Umkreise erloschen
-sind. So muss auch, wo es sich um ein allen Gliedern eines Unterreichs
-gemeinsames Organ handelt, dieses Organ schon in einer sehr frühen
-Vorzeit gebildet worden seyn, weil sich nachher erst alle Glieder
-dieses Unterreichs entwickelt haben; und wenn wir die frühesten
-Übergangs-Stufen entdecken wollten, welche das Organ zu durchlaufen
-hatte, so müssten wir uns bei den frühesten Anfangs-Formen umsehen,
-welche jetzt schon längst wieder erloschen sind.
-
-Wir müssen uns wohl bedenken zu behaupten, ein Organ habe nicht durch
-stufenweise Veränderungen irgend einer Art gebildet werden können. Man
-könnte zahlreiche Fälle anführen, wie bei den niederen Thieren ein und
-dasselbe Organ ganz verschiedene Verrichtungen besorgt: athmet doch und
-verdaut und exzernirt der Nahrungskanal in der Larve der Drachenfliege
-wie in dem Fische Cobitis. Wendet man die Hydra wie einen Handschuh um,
-das Innere nach aussen, so verdaut die äussre Oberfläche und die innre
-athmet. In solchen Fällen hätte durch die Natürliche Züchtung ganz
-leicht ein Theil oder Organ, welches bisher zweierlei Verrichtungen
-gehabt hat, ausschliesslich nur für einen der beiden Zwecke ausgebildet
-und die ganze Natur des Thieres allmählich umgeändert werden können,
-wenn Diess für dasselbe von Anfang an nützlich gewesen wäre. Gewisse
-Pflanzen, wie namentlich einige Hülsen-Gewächse, Violaceen u. a.
-bringen zwei Arten von Blüthen, die einen mit der ihrer Ordnung
-zustehenden Bildung, die andern verkümmert, aber zuweilen fruchtbarer
-als die ersten. Unterliesse nun eine solche Pflanze mehre Jahre lang
-Blüthen der ersten Art zu bringen, wie es ein in _Frankreich_
-eingeführtes Exemplar von Aspicarpa wirklich gethan, so würde in der
-That eine grosse und plötzliche Umwandlung in der Natur der Pflanze
-eintreten. Zwei verschiedene Organe verrichten zuweilen mit einander
-einerlei Dienste in demselben Individuum, wie es z. B. Fische gibt mit
-Kiemen, womit sie die im Wasser vertheilte Luft einathmen, während
-sie zu gleicher Zeit atmosphärische Luft mit ihrer Schwimmblase zu
-athmen im Stande sind, welche zu dem Ende durch einen Luftgang mit dem
-Schlunde verbunden und innerlich von sehr Gefäss-reichen Zwischenwänden
-durchzogen ist (Lepidosiren). In diesem Falle kann leicht eines von
-beiden Organen verändert und so vervollkommnet werden, dass es immer
-mehr die ganze Arbeit allein übernimmt, während das andre entweder zu
-einer neuen Bestimmung übergeht oder gänzlich verkümmert.
-
-Diess Beispiel von der Schwimmblase der Fische ist sehr belehrend, weil
-es uns die hoch-wichtige Thatsache zeigt, wie ein ursprünglich zu einem
-besondern Zwecke, zum Schwimmen nämlich, gebildetes Organ für eine ganz
-andre Verrichtung umgeändert werden kann, und zwar für die Athmung.
-Auch ist die Schwimmblase als ein Nebenbestandtheil für das Gehör-Organ
-mancher Fische mit verarbeitet worden, oder es ist (ich weiss nicht,
-welche Deutungs-Weise jetzt am allgemeinsten angenommen wird) ein Theil
-des Gehör-Organes zur Ergänzung der Schwimmblase verwendet worden.
-Alle Physiologen geben zu, dass die Schwimmblase in Lage und Struktur
-„homolog“ oder „ideal gleich“ seye den Lungen höherer Wirbelthiere;
-daher die Annahme, Natürliche Züchtung habe eine Schwimmblase in eine
-Lunge oder ein ausschliessliches Athem-Organ verwandelt, keinem grossen
-Bedenken zu unterliegen scheint.
-
-Ich kann in der That kaum bezweifeln, dass alle Wirbelthiere mit
-ächten Lungen auf dem gewöhnlichen Fortpflanzungs-Wege von einem alten
-unbekannten Urbilde mit einem Schwimm-Apparat oder einer Schwimmblase
-herstammen. So mag man sich, wie ich aus Professor ~Owen’s~
-interessanter Beschreibung dieser Theile entnehme, die sonderbare
-Thatsache erklären, wie es komme, dass jedes Theilchen von Speise und
-Trank, die wir zu uns nehmen, über die Mündung der Luftröhre weggleiten
-muss mit einiger Gefahr in die Lungen zu fallen, der sinnreichen
-Einrichtung ungeachtet, wodurch der Kehldeckel geschlossen wird. Bei
-den höheren Wirbelthieren sind die Kiemen gänzlich verschwunden, aber
-die Spalten an den Seiten des Halses und der Schlingen-förmige Verlauf
-der Arterien scheinen in dem Embryo des Menschen noch ihre frühere
-Stelle anzudeuten. Doch wäre es begreiflich gewesen, wenn die jetzt
-gänzlich verschwundenen Kiemen durch Natürliche Züchtung zu einem
-ganz andern Zwecke umgearbeitet worden wären; wie nach der Ansicht
-einiger Naturforscher, dass die Kiemen und Rückenschuppen gewisser
-Ringelwürmer mit den Flügeln und Flügeldecken der sechsfüssigen
-Insekten homolog sind, es wahrscheinlich wäre, dass Organe, die in sehr
-alter Zeit zur Athmung gedient, jetzt zu Flug-Organen umgewandelt seyen.
-
-Was den Übergang der Organe zu andern Funktionen betrifft, ist es so
-wichtig sich mit der Möglichkeit desselben vertraut zu machen, dass ich
-noch ein weiteres Beispiel anführen will. Die gestielten Rankenfüsser
-(Cirripedes) haben zwei kleine Hautfalten, von mir Eier-Zügel genannt,
-welche bestimmt sind mittelst einer klebrigen Absonderung die Eier
-zurückzuhalten, so lange sie im Eierstock ausgebrütet werden. Diese
-Rankenfüsser haben keine Kiemen, indem die ganze Oberfläche des Körpers
-und Sackes mit Einschluss der kleinen Zügel zur Athmung dient. Die
-Balaniden oder sitzenden Cirripeden dagegen haben keine solche Zügel,
-indem die Eier lose auf dem Grunde des Sackes in der wohl geschlossenen
-Schaale liegen; aber sie haben in derselben relativen Lage grosse
-faltige Membranen, welche mit den Kreislaufkanälen des Sacks und des
-Körpers frei kommuniziren und von ~R. Owen~ und allen andren
-mit dem Gegenstand vertrauten Anatomen für Kiemen erklärt worden sind.
-Nun denke ich, wird Niemand bestreiten, dass die Eier-Zügel der einen
-Familie homolog mit den Kiemen der andern sind, wie sie denn auch in
-der That stufenweise in einander übergehen. Daher bezweifle ich nicht,
-dass kleine Hautfalten, welche hier anfangs als Eier-Zügel gedient und
-in geringem Grade schon bei der Athmung mitgewirkt, durch Natürliche
-Züchtung stufenweise in Kiemen verwandelt worden sind bloss durch
-Vermehrung ihrer Grösse bei gleichzeitiger Verkümmerung der ihnen
-anhängenden Drüsen. Wären alle gestielten Cirripeden erloschen (und
-sie haben bereits mehr Vertilgung erfahren als die sitzenden): wie
-hätten wir uns je denken können, dass die Athmungs-Organe der Balaniden
-ursprünglich den Zweck gehabt hätten, die zu frühzeitige Ausführung der
-Eier aus dem Eiersack zu verhindern?
-
-Obwohl ich gemahnt habe vorsichtig bei der Annahme zu seyn, dass ein
-Organ nicht möglicher Weise durch ganz allmähliche Übergänge gebildet
-worden seyn könne, so gebe ich doch gerne zu, dass sehr schwierige
-Fälle vorkommen mögen, deren einige ich in meinem grösseren Werke zu
-erörtern gedenke.
-
-Einen der schwierigsten bilden die Geschlecht-losen Kerbthiere, die
-oft sehr abweichend sowohl von den Männchen als den fruchtbaren
-Weibchen ihrer Spezies gebildet sind, auf welchen Fall ich jedoch
-im nächsten Kapitel zurückkommen will. Die elektrischen Organe der
-Fische bieten einen andren Fall von eigenthümlicher Schwierigkeit dar;
-es ist unbegreiflich, durch welche Abstufungen die Bildung dieser
-wundersamen Organe bewirkt worden seyn mag. Doch gleicht nach ~R.
-Owen’s~ u. A. Bemerkung ihre innerste Struktur ganz derjenigen
-gewöhnlicher Muskeln, und da unlängst gezeigt worden, dass Rochen ein
-dem elektrischen Apparate ganz analoges Organ besitzen, aber nach
-~Matteucci’s~ Versicherung keine Elektricität entladen, so
-müssen wir gestehen, dass wir viel zu unwissend sind um behaupten zu
-dürfen, dass kein Übergang irgend einer Art möglich seye.
-
-Die elektrischen Organe bieten aber noch andre sehr ernstliche
-Schwierigkeiten dar. Wenn ein und dasselbe Organ in verschiedenen
-Gliedern einer Klasse und zumal mit sehr auseinander-gehenden
-Gewohnheiten auftritt, so mag man seine Anwesenheit in diesen Gliedern
-durch Erbschaft von einem gemeinsamen Stamm-Vater und seine Abwesenheit
-in andern durch Verlust in Folge von Nichtgebrauch oder Natürlicher
-Züchtung erklären. Hätte sich aber das elektrische Organ von einem
-alten damit versehen gewesenen Vorgänger auf jene Fische vererbt, so
-dürften wir erwarten, dass alle noch elektrischen Fische auch sonst
-in näherer Weise mit einander verwandt seyen. Nun gibt aber die
-Paläontologie durchaus keine Veranlassung zu glauben, dass vordem
-die meisten Fische mit elektrischen Organen versehen gewesen seyen,
-welche fast alle ihre Nachkommen eingebüsst hätten. Die Anwesenheit
-leuchtender Organe in einigen wenigen Insekten aus den manchfaltigsten
-Familien und Ordnungen bietet einen damit gleichlaufenden schwierigen
-Fall dar. Man könnte deren noch mehr anführen, wie denn z. B. im
-Pflanzen-Reiche die ganz eigenthümliche Entwickelung einer Masse
-von Pollen-Körnern auf einem Fussgestelle mit einer klebrigen
-Drüse an dessen Ende bei Orchis und bei Asclepias, zweien unter den
-Blüthen-Pflanzen möglich weit auseinanderstehenden Sippen, ganz die
-nämliche ist. Doch kann man bemerken, dass in solchen Fällen, wo zwei
-sehr verschiedene Arten mit anscheinend demselben anomalen Organe
-versehen sind, doch gewöhnlich einige Grund-Verschiedenheiten sich
-daran entdecken lassen. Ich möchte glauben, dass fast in gleicher
-Weise, wie zwei Menschen zuweilen unabhängig von einander auf genau
-die nämliche Entdeckung verfallen sind, so habe auch die Natürliche
-Züchtung, zum Besten eines jeden Wesens wirkend und von allen analogen
-Abänderungen Vortheil ziehend, zuweilen zwei Theile auf fast ganz
-gleiche Weise in zwei organischen Wesen modifizirt, welche ihrer
-Abstammung von einem nämlichen Stamm-Vater nur wenig Gemeinsames in
-ihrer Organisation verdanken.
-
-Obwohl es in vielen Fällen sehr schwer ist zu errathen, durch welche
-Übergänge die Organe zu ihrer jetzigen Beschaffenheit gelangt seyen, so
-bin ich doch, in Betracht der sehr geringen Anzahl noch lebender und
-bekannter gegenüber den untergegangenen und unbekannten Formen, sehr
-darüber erstaunt gewesen zu finden, wie selten ein Organ vorkommt, zu
-welchem leicht einige Übergangs-Stufen führten. Es ist gewiss nicht
-wahr, dass neue Organe oft plötzlich in einer Klasse erscheinen, als
-ob sie derselben für irgend einen besondren Zweck erst anerschaffen
-worden wären; -- und wie es auch schon durch die alte obwohl etwas
-übertriebene naturgeschichtliche Regel „Natura non facit saltum“
-anerkannt wird. Wir finden Diess in den Schriften fast aller erfahrenen
-Naturforscher angenommen; ~Milne Edwards~ hat es mit den Worten
-ausgedrückt: Die Natur ist verschwenderisch in Abänderungen, aber
-geitzig in Neuerungen. Wie sollte es nach der Schöpfungs-Theorie damit
-zugehen? woher sollte es kommen, dass alle Theile und Organe so vieler
-unabhängiger Wesen, wenn jedes derselben für seinen eignen Platz in
-der Natur erschaffen worden, doch durch ganz allmähliche Übergänge
-mit einander verkettet sind? Warum hätte die Natur nicht einen Sprung
-von der einen Organisation zur andern gemacht? Nach der Theorie
-Natürlicher Züchtung dagegen können wir es klar begreifen, weil diese
-sich nur ganz kleine allmähliche Abänderungen zu Nutzen macht; sie kann
-nie einen Sprung machen, sondern muss mit kürzesten und langsamsten
-Schritten voranschreiten.
-
-+Organe von anscheinend geringer Wichtigkeit.+) Da Natürliche
-Züchtung auf Leben und Tod arbeitet, indem sie nämlich Individuen
-mit vortheilhaften Abänderungen erhält und solche mit ungünstigen
-Abweichungen der Organisation unterdrückt, so schien mir manchmal die
-Entstehung einfacher Theile sehr schwer zu begreifen, deren Wichtigkeit
-nicht genügend erscheint, um die Erhaltung immer weiter abändernder
-Individuen zu begründen. Diese Schwierigkeit, obwohl von ganz andrer
-Art, schien mir manchmal eben so gross zu seyn als die hinsichtlich so
-vollkommener und zusammengesetzter Organe, wie die Augen.
-
-Erstens aber wissen wir viel zu wenig von dem ganzen Haushalte eines
-organischen Wesens, um sagen zu können, welche geringe Modifikationen
-für dasselbe wichtig seyn können, und ich habe in einem früheren
-Kapitel Beispiele von sehr geringen Charaktern, wie die Farbe der
-Haut und Haaren einiger Vierfüsser, oder wie der Flaum der Früchte
-und die Farbe ihres Fleisches angeführt, welche in so ferne, als
-sie auf die Angriffe der Insekten von Einfluss sind oder mit der
-Empfindlichkeit der Wesen für äussre Einflüsse im Zusammenhang stehen,
-bei der Natürlichen Züchtung gewiss mit in Betracht kommen. Der
-Schwanz der Giraffe sieht wie ein künstlich gemachter Fliegenwedel
-aus, und es scheint anfangs unglaublich, dass derselbe durch kleine
-aufeinanderfolgende Verbesserungen allmählich zur unbedeutenden
-Bestimmung eines solchen Instrumentes hergerichtet worden seyn
-solle. Doch hüten wir uns gerade in diesem Falle uns allzu bestimmt
-auszusprechen, indem wir ja wissen, dass Daseyn und Verbreitungs-Weise
-des Rindes u. a. Thiere in _Süd-Amerika_ unbedingt von deren
-Vermögen abhängt den Angriffen der Insekten zu widerstehen; daher
-Individuen, welche einigermaassen mit Mitteln zur Vertheidigung gegen
-diese kleinen Feinde versehen sind, geschickt wären sich mit grossem
-Vortheil über neue Weide-Plätze zu verbreiten. Nicht als ob grosse
-Säugthiere (einige seltene Fälle ausgenommen) jetzt durch Fliegen
-vertilgt würden; aber sie werden von ihnen so unausgesetzt ermüdet und
-geschwächt, dass sie Krankheiten, gelegentlichem Futter-Mangel und den
-Nachstellungen der Raubthiere in weit grössrer Anzahl erliegen.
-
-Organe von jetzt unwesentlicher Bedeutung können den ersten
-Stamm-Ältern zuweilen von hohem Werthe gewesen und nach früherer
-langsamer Vervollkommnung in ungefähr demselben Zustande auf deren
-Nachkommen vererbt worden seyn, obwohl deren nunmehriger Nutzen nur
-noch unbedeutend ist, während schädliche Abweichungen von dem früheren
-Baue durch Natürliche Züchtung fortdauernd gehindert werden. Wenn man
-beobachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der Schwanz
-für die meisten Wasser-Thiere ist, so lässt sich seine allgemeine
-Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken bei so vielen
-Land-Thieren, welche durch modifizirte Schwimmblasen oder Lungen ihre
-Abstammung aus dem Wasser verrathen, ganz wohl begreifen. Nachdem
-ein Wasser-Thier einmal mit einem wohl-entwickelten Steuer-Schwanze
-ausgestattet ist, kann derselbe später zu den manchfaltigsten Zwecken
-umgearbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerkzeug,
-oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie es beim Hunde
-der Fall ist, obwohl dieses Hilfsmittel nur schwach seyn mag, indem ja
-der Hase, fast ganz ohne Schwanz, sich rasch genug zu wenden im Stande
-ist.
-
-Zweitens: dürften wir mitunter Charakteren eine grosse Wichtigkeit
-zutrauen, die ihnen in Wahrheit nicht zukommt, und welche von ganz
-sekundären Ursachen unabhängig von Natürlicher Züchtung herrühren.
-Erinnern wir uns, dass Klima, Nahrung u. s. w. wahrscheinlich einigen
-kleinen Einfluss auf die Organisation haben; dass ältere Charaktere
-nach dem Gesetze der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen; dass
-Wechselbeziehungen in der Entwickelung einen oft bedeutenden Einfluss
-auf die Abänderung verschiedener Gebilde äussern, und endlich dass
-sexuelle Zuchtwahl oft wesentlich auf solche äussere Charaktere
-einer Thier-Art eingewirkt hat, welche dem mit andren kämpfenden
-Männchen eine bessre Waffe oder einen besondren Reiz in den Augen
-des Weibchens verliehen. Überdiess mag eine aus den genannten
-Ursachen hervorgegangene Abänderung der Struktur anfangs oft ohne
-Werth für die Art gewesen seyn, späterhin aber bei deren unter neue
-Lebens-Bedingungen versetzten und mit neuen Gewohnheiten versehenen
-Nachkommen an Bedeutung gewonnen haben.
-
-Ich will einige Beispiele zu Erläuterung dieser letzten Bemerkung
-anführen. Wenn es nur grüne Spechte gäbe und wir wüssten von schwarzen
-und bunten nichts, so würde ich mir zu sagen erlauben, dass die
-grüne Farbe eine schöne Anpassung und dazu bestimmt seye, diese an
-den Bäumen herumkletternden Vögel vor den Augen ihrer Feinde zu
-verbergen, dass es mithin ein für die Spezies wichtiger und durch
-Natürliche Züchtung erlangter Charakter seye; so aber, wie sich die
-Sache verhält, rührt die Färbung zweifelsohne von einer ganz andern
-Ursache und wahrscheinlich von geschlechtlicher Zuchtwahl her. Eine
-kletternde Palmen-Art im _Malayischen Archipel_ steigt bis zu
-den höchsten Baum-Gipfeln empor mit Hilfe ausgezeichneter Ranken,
-welche Büschelweise an den Enden der Zweige befestigt sind, und diese
-Einrichtung ist zweifelsohne für die Pflanze von grösstem Nutzen.
-Da wir jedoch fast ähnliche Ranken an vielen Pflanzen sehen, welche
-nicht klettern, so mögen dieselben auch beim Bambus von unbekannten
-Wachsthums-Gesetzen herrühren und von der Pflanze erst später, als
-sie noch sonstige Abänderung erfuhr und ein Kletterer wurde, zu ihrem
-Vortheile benützt und weiter entwickelt worden seyn. Die nackte Haut
-am Kopfe des Geyers wird gewöhnlich als eine unmittelbare Anbequemung
-des oft in faulen Kadavern damit wühlenden Thieres betrachtet;
-inzwischen müssen wir vorsichtig seyn mit dieser Deutung, da ja auch
-die Kopfhaut des ganz säuberlich fressenden Wälschhahns nackt ist.
-Die Nähte an den Schädeln junger Säugthiere sind als eine schöne
-Anpassung zur Erleichterung der Geburt dargestellt worden, und ohne
-Zweifel begünstigen sie dieselbe oder sind sogar unentbehrlich; da
-aber auch solche Nähte an den Schädeln junger Vögel und Reptilien
-vorkommen, welche nur aus einem zerbrochenen Eie zu schlüpfen nöthig
-haben, so dürfen wir schliessen, dass diese Bildungs-Weise von den
-Wachsthums-Gesetzen herrühre und den höheren Wirbelthieren dann nur
-gelegentlich auf jene Weise nütze.
-
-Wir wissen ganz und gar nichts über die Ursachen, welche die kleinen
-Abänderungen veranlassen und fühlen Diess am meisten, wenn wir über
-die Verschiedenheiten unsrer Hausthier-Rassen in andern Gegenden und
-zumal bei minder zivilisirten Völkern nachdenken, welche sich nicht
-mit planmässiger Züchtung befassen. Die in verschiedenen Gegenden von
-wilden Völkern gehaltenen Hausthiere haben oft um ihr eigenes Daseyn zu
-kämpfen; sie mögen bis zu einem gewissen Grade der Natürlichen Züchtung
-unterliegen, und Individuen mit nur wenig abweichender Konstitution
-gedeihen zuweilen am besten in verschiedenen Klimaten. Ein Beobachter
-versichert, dass das Rind bei gewisser Färbung den Angriffen der
-Fliegen mehr ausgesetzt, wie es auch empfänglicher für Gifte seye, so
-dass auf diese Weise die Farbe ein Gegenstand Natürlicher Züchtung
-werde. Andre Beobachter sind der Überzeugung, dass ein feuchtes Klima
-den Haarwuchs befördre und dass Horn und Haar in gleicher Beziehung
-stehe. Gebirgs-Rassen sind überall von Niederungs-Rassen verschieden,
-und Gebirgs-Gegenden werden wahrscheinlich auf die Hinterbeine
-und allenfalls auf das Becken wirken, sofern diese daselbst mehr
-in Anspruch genommen werden; nach dem Gesetze homologer Variation
-werden dann auch die vordren Gliedmaassen und wahrscheinlich der
-Kopf mit betroffen werden. Auch dürfte die Form des Beckens der
-Mutter durch Druck auf die Kopf-Form des Jungen in ihrem Leibe
-wirken. Wahrscheinlich vermehrt auch die schwierigere Athmung in
-hohen Gebirgen die Weite des Brust-Kastens, und Diess nicht ohne
-Einfluss auf noch andre Theile. Die Wirkung unterbleibender Übung auf
-die Gesammt-Organisation in Verbindung mit reichlichem Futter ist
-wahrscheinlich von noch grössrer Wichtigkeit; und darin liegt, wie von
-~Nathusius~ kürzlich nachgewiesen, offenbar eine Haupt-Ursache
-der grossen Veränderungen, welche die verschiedenen Schweine-Rassen
-erlitten haben. Wir haben aber viel zu wenig Erfahrung, um über
-die Vergleichungsweise Wichtigkeit der verschiedenen bekannten und
-unbekannten Abänderungs-Gesetze Betrachtungen anzustellen, und ich habe
-hier deren nur erwähnt um zu zeigen, dass, wenn wir nicht im Stande
-sind, die charakteristischen Verschiedenheiten unsrer kultivirten
-Rassen zu erklären, welche doch allgemeiner Annahme zufolge durch
-gewöhnliche Fortpflanzung entstanden sind, wir auch unsre Unwissenheit
-über die genaue Ursache geringer analoger Verschiedenheiten zwischen
-Arten nicht zu hoch anschlagen dürfen. Ich möchte in dieser Beziehung
-die so scharf ausgeprägten Unterschiede zwischen den Menschen-Rassen
-anführen, über deren Entstehung sich vielleicht einiges Licht
-verbreiten liesse durch die Annahme einer sexuellen Züchtung eigener
-Art; doch würde es unnütz seyn dabei zu verweilen, indem ich mich hier
-nicht auf die zur Erläuterung nöthigen Einzelheiten einlassen kann.
-
-Die voranstehenden Bemerkungen veranlassen mich auch einige Worte
-über die neuerlich von mehren Naturforschern eingelegte Verwahrung
-gegen die Nützlichkeits-Lehre zu sagen, nach welcher nämlich alle
-Einzelnheiten der Bildung zum Vortheil ihres Besitzers da seyn sollen.
-Dieselben sind der Meinung, dass sehr viele organische Gebilde nur der
-Manchfaltigkeit wegen vorhanden seyen oder um die Augen des Menschen
-zu ergötzen. Wäre diese Lehre richtig, so müssten sie meiner Theorie
-unbedingt verderblich werden. Doch gebe ich vollkommen zu, dass
-manche Bildungen von keinem unmittelbaren Nutzen für deren Besitzer
-sind. Die natürlichen Lebens-Bedingungen haben wahrscheinlich einigen
-geringen Einfluss auf die Organisation, möge diese zu irgend etwas
-nützen oder nicht. Wechselbeziehungen in der Entwickelung haben
-zweifelsohne ebenfalls einen sehr grossen Antheil, und die nützliche
-Abänderung eines Organes hat oft nutzlose Veränderungen auch in
-andern Theilen veranlasst. So können auch Charaktere, welche vordem
-nützlich gewesen, oder welche durch Wechselbeziehung in der früheren
-Entwickelung oder durch ganz unbekannte Ursache entstanden, nach den
-Gesetzen der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen, wenngleich sie
-keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Wirkungen der geschlechtlichen
-Züchtung, soferne sie in das Weibchen fesselnden Reitzen beruhen,
-können nur in einem mehr gezwungenen Sinne nützlich genannt werden.
-Aber bei weitem die wichtigste Erwägung ist die, dass der Haupttheil
-der Organisation eines jeden Wesens einfach durch Erbschaft erworben
-ist, daher denn auch, obschon zweifelsohne jedes Wesen für seinen Platz
-im Haushalte der Natur ganz wohl gemacht seyn mag, viele Bildungen
-keine unmittelbaren Beziehungen mehr zur Lebensweise der gegenwärtigen
-Spezies haben. So können wir kaum glauben, dass der Schwimmfuss des
-Fregattvogels oder der Landgans (Chloephaga Maghellanica) diesen Vögeln
-von speciellem Nutzen seye; und wir können nicht annehmen, dass die
-nämlichen Knochen im Arme des Affen, im Vorderfuss des Pferdes, im
-Flügel der Fledermaus und im Ruder des Seehundes allen diesen Thieren
-einen speciellen Nutzen bringe. Wir mögen diese Bildungen getrost als
-Erbschaft ansehen; denn zweifelsohne sind Schwimmfüsse dem Stamm-Vater
-jener Gans und des Fregattvogels eben so nützlich gewesen, als sie den
-meisten jetzt lebenden Wasser-Vögeln sind. So dürfen wir vermuthen,
-dass der Stammvater des Seehunds nicht einen Ruderfuss, sondern einen
-fünfzehigen Geh- oder Greif-Fuss besessen; wir dürfen ferner vermuthen,
-dass die einzelnen von einem Stammvater ererbten Knochen in den Beinen
-des Affen, des Pferdes, der Fledermaus ihrem gemeinsamen Stammvater
-oder ihren Stamm-Vätern vordem nützlicher gewesen sind, als sie jetzt
-diesen in ihrer Lebensweise so weit auseinandergehenden Thieren sind.
-Wir können daher annehmen, diese verschiedenen Knochen seyen durch
-Natürliche Züchtung entstanden, welche früher so wie jetzt den Gesetzen
-der Erblichkeit, der Rückkehr, der Wechselbeziehung in der Entwickelung
-u. s. w. unterlagen. Daher man von jeder Einzelheit der Struktur in
-jedem lebenden Geschöpfe (ausser einigen geringen Zugeständnissen
-an den Einfluss der natürlichen äussren Bedingungen) annehmen darf,
-sie seye einmal einem Vorfahren der Spezies von besondrem Nutzen
-gewesen, oder sie seye jetzt, entweder direkt oder durch verwickelte
-Wachsthumsgesetze indirekt, ein besondrer Vortheil für die Abkömmlinge
-dieser Vorfahren.
-
-Natürliche Züchtung kann nicht wohl irgend eine Abänderung in einer
-Spezies bewirken, welche nur einer anderen Art zum ausschliesslichen
-Vortheil gereichte, obwohl in der ganzen Natur eine Spezies ohne
-Unterlass von der Organisation einer andern Nutzen zieht. Aber
-Natürliche Züchtung kann auch oft hervorbringen und bringt oft
-in Wirklichkeit solche Gebilde hervor, die einer andern Art zum
-unmittelbaren Nachtheil gereichen, wie wir im Giftzahne der Otter und
-in der Legeröhre des Ichneumon sehen, welcher mit deren Hülfe seine
-Eier in den Körper andrer lebenden Insekten einführt. Liesse sich
-beweisen, dass irgend ein Theil der Organisation einer Spezies zum
-ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden seye, so
-wäre meine Theorie vernichtet, weil eine solche Bildung nicht durch
-Natürliche Züchtung bewirkt werden kann. Obwohl in naturhistorischen
-Schriften vielerlei Behauptungen in dieser Hinsicht aufgestellt werden,
-so kann ich doch keine darunter von einigem Gewichte finden. So gesteht
-man zu, dass die Klapperschlange einen Giftzahn zu ihrer eignen
-Vertheidigung und zur Tödtung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren
-unterstellen auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eignen Nachtheile
-erhalten habe, nämlich um ihre Beute zu warnen und zur Flucht zu
-veranlassen. Man könnte jedoch eben so gut behaupten, die Katze mache
-die Wellenkrümmungen mit dem Ende ihres Schwanzes, wenn sie im Begriffe
-einzuspringen ist, in der Absicht um die bereits zum Tode verurtheilte
-Maus zu warnen. Doch, ich habe hier nicht Raum auf diese und andre
-Fälle noch weiter einzugehen.
-
-Natürliche Züchtung kann in keiner Spezies irgend etwas für dieselbe
-Schädliches erzeugen, indem sie ausschliesslich nur durch und zu deren
-Vortheil wirkt. Kein Organ kann, wie ~Paley~ bemerkt, gebildet
-werden um seinem Besitzer Qual und Schaden zu bringen. Eine genaue
-Abwägung zwischen dem Nutzen und Schaden, welchen ein jeder Theil
-verursacht, wird immer zeigen, dass er im Ganzen genommen vortheilhaft
-ist. Wird etwa in spätrer Zeit bei wechselnden Lebens-Bedingungen ein
-Theil schädlich, so wird er entweder verändert, oder die Art geht zu
-Grunde, wie ihrer Myriaden zu Grunde gegangen sind.
-
-Natürliche Züchtung strebt jedes organische Wesen eben so vollkommen
-oder ein wenig vollkommener als die übrigen Bewohner derselben Gegend
-zu machen, mit welchen dieselbe um sein Daseyn zu ringen hat. Und wir
-sehen, dass Diess der Grad von Vollkommenheit ist, welchen die Natur
-erstrebt. Die _Neuseeland_ eigenthümlichen Natur-Erzeugnisse
-sind vollkommen, eines mit den andern verglichen; aber sie weichen
-jetzt rasch zurück vor den vordringenden Legionen aus _Europa_
-eingeführter Pflanzen und Thiere. Natürliche Züchtung wird keine
-absolute Vollkommenheit herstellen; auch begegnen wir, so viel sich
-beurtheilen lässt, einer so hohen Stufe nirgends in der Natur. Die
-Verbesserung für die Abweichung des Lichtes ist, wie der ausgezeichnete
-Gewährsmann ~Joh. Müller~ erklärt, selbst in dem vollkommensten
-aller Organe, dem menschlichen Auge, noch nicht vollständig. Wenn uns
-unsre Vernunft zu begeisterter Bewunderung einer Menge unnachahmlicher
-Einrichtungen in der Natur auffordert, so lehrt uns auch diese
-nämliche Vernunft, dass wir leicht nach beiden Seiten irren können,
-indem andre Einrichtungen weniger vollkommen sind. Wir können nie den
-Stachel der Wespe oder Biene als vollkommen betrachten, der, wenn er
-einmal gegen die Angriffe von mancherlei Thieren angewandt worden,
-den unvermeidlichen Tod seines Besitzers bewirken muss, weil er
-seiner Widerhaken wegen nicht mehr aus der Wunde, die er gemacht hat,
-zurückgezogen werden kann, ohne die Eingeweide des Insekts nach sich zu
-ziehen.
-
-Nehmen wir an, der Stachel der Biene seye bei einer sehr frühen
-Stammform bereits als Bohr- und Säge-Werkzeug bestanden, wie es
-häufig bei andern Gliedern der Hymenopteren-Ordnung vorkommt, und
-seye für seine gegenwärtige Bestimmung mit dem ursprünglich zur
-Hervorbringung von Gallen-Auswüchsen oder andern Zwecken bestimmten
-Gifte umgeändert aber nicht zugleich verbessert worden, so können wir
-vielleicht begreifen, warum der Gebrauch dieses Stachels so oft des
-Insektes eignen Tod veranlasst; denn wenn das Vermögen zu stechen der
-ganzen Bienen-Gemeinde nützlich ist, so mag er allen Anforderungen
-der Natürlichen Züchtung entsprechen, obwohl seine Beschaffenheit den
-Tod der einzelnen Individuen veranlasst, die ihn anwenden. Wenn wir
-über das wirklich wunderbar scharfe Witterungs-Vermögen erstaunen,
-mit dessen Hilfe manche Männchen ihre Weibchen ausfindig zu machen im
-Stande sind, können wir dann auch die für diesen einen Zweck bestimmte
-Hervorbringung von Tausenden von Dronen bewundern, welche, der Gemeinde
-für jeden andern Zweck gänzlich nutzlos, bestimmt sind zuletzt von
-ihren arbeitenden aber unfruchtbaren Schwestern umgebracht zu werden?
-Es mag schwer seyn, aber wir müssen den wilden Instinkt-mässigen Hass
-der Bienenkönigin bewundern, welcher sie beständig drängt, die jungen
-Königinnen, ihre Töchter, augenblicklich nach ihrer Geburt zu tödten
-oder selbst in dem Kampfe zu Grunde zu gehen; denn unzweifelhaft ist
-Diess zum Besten der Gemeinde, und mütterliche Liebe oder mütterlicher
-Hass, obwohl dieser letzte glücklicher Weise viel seltener ist, gilt
-dem unerbittlichen Prinzipe Natürlicher Züchtung völlig gleich.
-Wenn wir die verschiedenen sinnreichen Einrichtungen vergleichen,
-vermöge welcher die Blüthen der Orchideen und mancher andren Pflanzen
-vermittelst Insekten-Thätigkeit befruchtet werden, wie können wir dann
-die Anordnung bei unsren Nadelhölzern als gleich vollkommne ansehen,
-vermöge welcher grosse und dichte Staubwolken von Pollen hervorgebracht
-werden müssen, damit einige Körnchen davon durch einen günstigen
-Lufthauch dem Ei’chen zugeführt werden mögen?
-
-+Zusammenfassung des Kapitels.+) Wir haben in diesem Kapitel
-gewisse Schwierigkeiten und Einwendungen erörtert, welche sich
-meiner Theorie entgegenstellen. Einige derselben sind sehr ernster
-Art; doch glaube ich, dass durch ihre Erörterung einiges Licht über
-mehre Thatsachen verbreitet worden, welche dagegen nach der Theorie
-der unabhängigen Schöpfungs-Akte ganz dunkel bleiben würden. Wir
-haben gesehen, dass Arten zu irgend welcher Zeit nicht ins Endlose
-abändern können und nicht durch zahllose Übergangs-Formen unter
-einander zusammenhängen, theils weil der Prozess Natürlicher Züchtung
-immer sehr langsam ist und jederzeit nur auf sehr wenige Formen
-wirkt, und theils weil gerade der Prozess Natürlicher Züchtung auch
-meistens die fortwährende Ersetzung und Erlöschung vorhergehender
-und mittler Abstufungen schon in sich schliesst. Nahe verwandte
-Arten, welche jetzt auf einer zusammenhängenden Fläche wohnen, mögen
-oft gebildet worden seyn, als die Fläche noch nicht zusammenhängend
-war und die Lebens-Bedingungen nicht unmerkbar von einer Stelle
-zur andern abänderten. Wenn zwei Varietäten an zwei Stellen eines
-zusammenhängenden Gebietes sich bildeten, so wird oft auch eine mittle
-Varietät für eine mittle Zone entstanden seyn; aber aus angegebenen
-Gründen wird die mittle Varietät gewöhnlich in geringerer Anzahl als
-die zwei durch sie verbundenen Abänderungen vorhanden gewesen seyn,
-welche mithin im Verlaufe weitrer Umbildung sich durch ihre grössre
-Anzahl in entschiedenem Vortheil vor den andren befanden und mithin
-gewöhnlich auch im Stande waren sie zu ersetzen und zu vertilgen.
-
-Wir haben in diesem Kapitel gesehen, wie vorsichtig man seyn muss zu
-schliessen, dass die verschiedenartigsten Gewohnheiten des Lebens nicht
-in einander übergehen können, dass eine Fledermaus z. B. nicht etwa auf
-dem Wege Natürlicher Züchtung entstanden seyn könne von einem Thiere,
-welches bloss durch die Luft zu gleiten im Stande war.
-
-Wir haben gesehen, dass eine Art unter veränderten Lebens-Bedingungen
-ihre Gewohnheiten ändern oder vermanchfaltigen und manche Sitten
-annehmen könne, die von denen ihrer nächsten Verwandten abweichen.
-Daraus können wir begreifen, wenn wir uns zugleich erinnern, dass jedes
-organische Wesen gedrängt wird zu leben wo es immer leben kann, wie
-es zugegangen, dass es Land-Gänse mit Schwimmfüssen, an Boden lebende
-Spechte, tauchende Drosseln und Sturmvögel mit den Sitten der Alke gebe.
-
-Obwohl die Meinung, dass ein so vollkommenes Organ, als das Auge
-ist, durch Natürliche Züchtung hervorgebracht werden könne, mehr
-als genügt um jeden wankend zu machen, so ist doch keine logische
-Unmöglichkeit vorhanden, dass irgend ein Organ unter veränderlichen
-Lebens-Bedingungen durch eine lange Reihe von Abstufungen in seiner
-Zusammensetzung, deren jede dem Besitzer nützlich ist, endlich jeden
-begreiflichen Grad von Vollkommenheit auf dem Wege Natürlicher Züchtung
-erlange. In Fällen, wo wir keine Zwischenzustände kennen, müssen wir
-uns wohl zu schliessen hüten, dass solche niemals bestanden hatten;
-denn die Homologien vieler Organe und ihre Zwischenstufen zeigen, dass
-wunderbare Veränderungen in ihren Verrichtungen wenigstens möglich
-sind. So ist z. B. eine Schwimmblase offenbar in eine Luft-athmende
-Lunge verwandelt worden. Übergänge müssen namentlich oft in hohem
-Grade erleichtert worden seyn da, wo ein und dasselbe Organ mehre sehr
-verschiedene Verrichtungen zugleich zu besorgen hatte und dann nur
-für eine von beiden Verrichtungen allein noch besser hergestellt zu
-werden brauchte und da wo gleichzeitig zwei sehr verschiedene Organe
-an derselben Funktion theilnahmen und das eine mit Unterstützung des
-andern sich weiter vervollkommnen konnte.
-
-Wir sind in Bezug auf die meisten Fälle viel zu unwissend, um
-behaupten zu dürfen, dass ein Theil oder Organ für das Gedeihen einer
-Art unwesentlich seye, und dass Abänderungen seiner Bildung nicht
-durch Natürliche Züchtung mittelst langsamer Häufung haben bewirkt
-werden können. Doch dürfen wir zuversichtlich annehmen, dass viele
-Abänderungen gänzlich nur von den Wachsthums-Gesetzen veranlasst und,
-anfänglich ohne allen Nutzen für die Art, später zum Vortheil weiter
-umgeänderter Nachkommen dieser Art verwendet worden sind. Wir dürfen
-ferner glauben, dass ein für frühere Formen hochwichtiger Theil auch
-von späteren Formen (wie der Schwanz eines Wasser-Thieres von den
-davon abstammenden Land-Thieren) beibehalten worden ist, obwohl er für
-dieselben so unwichtig erscheint, dass er in seinem jetzigen Zustande
-nicht durch Natürliche Züchtung erworben seyn könnte, indem diese Kraft
-nur auf die Erhaltung solcher Abänderungen gerichtet ist, welche im
-Kampfe ums Daseyn nützlich sind.
-
-Natürliche Züchtung erzeugt bei keiner Spezies etwas, das zum
-ausschliesslichen Nutzen oder Schaden einer andern wäre; obwohl sie
-Theile, Organe und Excretionen herstellen kann, die, wenn auch für
-andre sehr nützlich und sogar unentbehrlich oder in hohem Grade
-verderblich, doch in allen Fällen zugleich nützlich für den Besitzer
-sind. Natürliche Züchtung muss in jeder wohl-bevölkerten Gegend in
-Folge hauptsächlich der Mitbewerbung der Bewohner unter einander
-nothwendig auf Verbesserung oder Kräftigung für den Kampf um’s Daseyn
-hinwirken, doch lediglich nach dem für diese Gegend giltigen Maassstab.
-Daher die Bewohner einer, und zwar gewöhnlich der kleineren, Gegend
-oft vor denen einer andern und gemeiniglich grösseren zurückweichen
-müssen. Denn in der grösseren Gegend werden mehr Individuen und mehr
-differenzirte Formen existirt haben, wird die Mitbewerbung stärker
-gewesen und mithin das Ziel der Vervollkommnung höher gesteckt gewesen
-seyn. Natürliche Züchtung wird nicht nothwendig absolute Vollkommenheit
-hervorbringen, und diese ist auch, so viel wir mit unsern beschränkten
-Fähigkeiten zu beurtheilen vermögen, nirgends zu finden.
-
-Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung lässt sich die ganze
-Bedeutung des alten Glaubenssatzes in der Naturgeschichte „_Natura
-non facit saltum_“ verstehen. Dieser Satz ist, wenn wir nur die
-jetzigen Bewohner der Erde berücksichtigen, nicht ganz richtig, muss
-aber nach meiner Theorie vollkommen wahr seyn, wenn wir alle Wesen
-vergangener Zeiten mit einschliessen.
-
-Es ist allgemein anerkannt, dass alle organischen Wesen nach zwei
-grossen Gesetzen gebildet worden sind: Einheit des Typus und Anpassung
-an die Existenz-Bedingungen. Unter Einheit des Typus begreift man
-die Übereinstimmung im Grundplane des Baues, wie wir ihn bei den
-Wesen eines Unterreiches finden, und welcher ganz unabhängig von
-ihrer Lebensweise ist. Nach meiner Theorie erklärt sich die Einheit
-des Typus aus der Einheit der Abstammung. Die Anpassung an die
-Lebens-Bedingungen, so oft von dem berühmten ~Cuvier~ in
-Anwendung gebracht, ist in meinem Prinzipe der Natürlichen Züchtung
-vollständig mit inbegriffen. Denn die Natürliche Züchtung wirkt nur in
-soferne, als sie die veränderlichen Theile eines jeden Wesens seinen
-organischen und unorganischen Lebens-Bedingungen entweder jetzt
-anpasst oder in längst vergangenen Zeit-Perioden angepasst hat. Diese
-Anpassungen können in manchen Fällen durch Gebrauch und Nichtgebrauch
-unterstützt, durch direkte Einwirkung äussrer Lebens-Bedingungen
-modifizirt werden und sind in allen Fällen den verschiedenen
-Entwicklungs-Gesetzen unterworfen. Daher ist denn auch das Gesetz der
-Anpassung an die Lebens-Bedingungen in der That das höhere, indem es
-vermöge der Erblichkeit früherer Anpassungen das der Einheit des Typus
-mit in sich begreift.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Instinkt.
-
- Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. --
- Abstufungen. -- Blattläuse und Ameisen. -- Instinkte veränderlich.
- -- Instinkte gezähmter Thiere und deren Entstehung. -- Natürliche
- Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen
- Bienen. -- Sklaven-machende Ameisen. -- Honigbienen und ihr
- Zellenbau-Instinkt. -- Veränderung von Instinkt und Struktur nicht
- nothwendig gleichzeitig. -- Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher
- Züchtung in Bezug auf Instinkt. -- Geschlechtslose oder unfruchtbare
- Insekten. -- Zusammenfassung.
-
-
-Der Instinkt hätte wohl noch in den vorigen Kapiteln mit abgehandelt
-werden sollen; doch habe ich es für angemessener erachtet den
-Gegenstand abgesondert zu behandeln, zumal ein so wunderbarer Instinkt,
-wie der der Zellen-bauenden Bienen ist, wohl manchem Leser eine
-genügende Schwierigkeit geschienen haben mag, um meine Theorie über
-den Haufen zu werfen. Ich muss vorausschicken, dass ich nichts mit dem
-Ursprung der geistigen Grundkräfte noch mit dem des Lebens selbst zu
-schaffen habe. Wir haben es nur mit der Verschiedenheit des Instinktes
-und der übrigen geistigen Fähigkeiten der Thiere in einer und der
-nämlichen Klasse zu thun.
-
-Ich will keine Definition des Wortes zu geben versuchen. Es würde
-leicht seyn zu zeigen, dass gewöhnlich ganz verschiedene geistige
-Fähigkeiten unter diesem Namen begriffen werden. Doch weiss jeder,
-was damit gemeint ist, wenn ich sage, der Instinkt veranlasse den
-Kuckuck zu wandern und seine Eier in fremde Nester zu legen. Wenn eine
-Handlung, zu deren Vollziehung selbst von unserer Seite Erfahrung
-vorausgesetzt wird, von Seiten eines Thieres und besonders eines sehr
-jungen Thieres noch ohne alle Erfahrung ausgeübt wird, und wenn sie auf
-gleiche Weise von vielen Thieren erfolgt, ohne dass diese ihren Zweck
-kennen, so wird sie gewöhnlich eine instinktive Handlung genannt. Ich
-könnte jedoch zeigen, dass keiner von diesen Charakteren des Instinkts
-allgemein ist. Eine kleine Dosis von Urtheil oder Verstand, wie
-~Pierre Huber~ es ausdrückt, kommt oft mit in’s Spiel, selbst
-bei Thieren, welche sehr tief auf der Stufenleiter der Natur stehen.
-
-~Friedrich Cuvier~ und verschiedene ältre Methaphysiker haben
-Instinkt mit Gewohnheit verglichen. Diese Vergleichung scheint mir
-eine sehr genaue Nachweisung von den Schranken des Geistes zu geben,
-innerhalb welcher die Handlung vollzogen wird, aber nicht von ihrem
-Ursprunge. Wie unbewusst werden manche unsrer Handlungen vollzogen,
-ja nicht selten in geradem Gegensatz mit unsrem bewussten Willen!
-Doch können sie durch den Willen oder Verstand abgeändert werden.
-Gewohnheiten verbinden sich leicht mit andern Gewohnheiten oder mit
-gewissen Zeit-Abschnitten und Zuständen des Körpers. Einmal angenommen
-erhalten sie sich oft lebenslänglich. Es liessen sich noch manche
-andre Ähnlichkeiten zwischen Instinkten und Gewohnheiten nachweisen.
-Wie bei Wiederholung eines wohlbekannten Gesanges, so folgt auch beim
-Instinkte eine Handlung auf die andre durch eine Art Rythmus. Wenn
-Jemand beim Gesange oder bei Hersagung auswendig gelernter Worte
-unterbrochen worden, so ist er gewöhnlich genöthigt, wieder etwas
-zurückzugehen, um den Gedanken-Gang wieder zu finden. So sah es ~P.
-Huber~ auch bei einer Raupen-Art, wenn sie beschäftigt war ihr
-sehr zusammengesetztes Gewebe zu fertigen; nahm er sie heraus, nachdem
-dieselbe z. B. das letzte Sechstel vollendet hatte, und setzte er sie
-in ein andres nur bis zum dritten Sechstel vollendetes, so fertigte
-sie einfach den dritten, vierten und fünften Theil nochmals mit dem
-sechsten an. Nahm er sie aber aus einem z. B. bis zum dritten Theile
-vollendeten Gewebe und setzte sie in ein bis zum sechsten Theil
-fertiges, so dass sie ihre Arbeit schon grösstentheils gethan fand, so
-war sie sehr entfernt, diesen Vortheil zu fühlen und fing in grosser
-Befangenheit über diesen Stand der Sache die Arbeit nochmals vom
-dritten Stadium an, da wo sie solche in ihrem eignen Gewebe verlassen
-hatte, und suchte von da aus das schon fertige Werk zu Ende zu führen.
-
-Wenn sich nun, wie ich in einigen Fällen es zu können glaube,
-nachweisen liesse, dass eine durch Gewohnheit angenommene
-Handlungs-Weise auch auf die Nachkommen vererblich seye, so würde das,
-was ursprünglich Gewohnheit war, von Instinkt nicht mehr unterscheidbar
-seyn. Wenn ~Mozart~ statt in einem Alter von drei Jahren das
-Pianoforte mit wundervoller kleiner Fertigkeit zu spielen, ohne alle
-vorgängige Übung eine Melodie angestimmt hätte, so könnte man mit
-Wahrheit sagen, er habe Diess Instinkt-mässig gethan. Es würde aber ein
-sehr ernster Irrthum seyn anzunehmen, dass die Mehrzahl der Instinkte
-durch Gewohnheit schon während einer Generation erworben und dann auf
-die nachfolgenden Generationen vererbt worden seye. Es lässt sich genau
-nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte, die wir kennen, wie die
-der Korb-Bienen und vieler Ameisen, unmöglich in solcher Frist erworben
-worden seyn können.
-
-Man gibt allgemein zu, dass für das Gedeihen einer jeden Spezies in
-ihren jetzigen Existenz-Verhältnissen Instinkte eben so wichtig sind,
-als die Körper-Bildung. Ändern sich die Lebens-Bedingungen einer
-Spezies, so ist es wenigstens möglich, dass auch geringe Änderungen in
-ihrem Instinkte für sie nützlich seyn würden. Wenn sich nun nachweisen
-lässt, dass Instinkte, wenn auch noch so wenig variiren, dann kann
-ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass Natürliche
-Züchtung auch geringe Abänderungen des Instinktes erhalte und durch
-beständige Häufung bis zu einem vortheilhaften Grade vermehre. So
-dürften, wie ich glaube, alle und auch die zusammengesetztesten und
-wunderbarsten Instinkte entstanden seyn. Wie Abänderungen im Körper-Bau
-durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt, dagegen
-durch Nichtgebrauch verringert und ganz eingebüsst werden können,
-so ist es zweifelsohne auch mit den Instinkten. Ich glaube aber,
-dass die Wirkungen der Gewohnheit von ganz untergeordneter Bedeutung
-sind gegenüber den Wirkungen Natürlicher Züchtung auf sogenannte
-zufällige Abänderungen des Instinktes, d. h. auf Abänderungen in Folge
-unbekannter Ursachen, welche geringe Abweichungen in der Körper-Bildung
-veranlassen.
-
-Kein zusammengesetzter Instinkt kann durch Natürliche Züchtung
-anders als durch langsame und stufenweise Häufung vieler geringen
-und nutzbaren Abänderungen hervorgebracht werden. Hier müssten wir,
-wie bei der Körper-Bildung, in der Natur zwar nicht die wirklichen
-Übergangs-Stufen, die der zusammengesetzte Instinkt bis zu seiner
-jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat und welche bei jeder Art
-nur in ihrem Vorgänger gerader Linie zu entdecken seyn würden, wohl
-aber einige Spuren solcher Abstufungen in den Seitenlinien von
-gleicher Abstammung finden, oder wenigstens nachweisen können, dass
-irgend welche Abstufungen möglich sind; und dazu sind wir gewiss
-im Stande. Obwohl indessen die Instinkte fast nur in _Europa_
-und _Nord-Amerika_ lebender Thiere näher beobachtet worden und
-die der untergegangenen Thiere uns ganz unbekannt sind, so war ich
-doch erstaunt zu finden, wie ganz allgemein sich Abstufungen bis
-zu den Instinkten der zusammengesetztesten Arten entdecken lassen.
-Instinkt-Änderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden, dass
-eine und dieselbe Spezies verschiedene Instinkte in verschiedenen
-Lebens-Perioden oder Jahreszeiten besitzt, oder dass sie unter andre
-äussre Lebens-Bedingungen versetzt wird, in welchen Fällen dann wohl
-entweder nur der eine oder nur der andre durch Natürliche Züchtung
-erhalten werden wird. Beispiele von solcher Verschiedenheit des
-Instinktes lassen sich in der Natur nachweisen.
-
-Nun ist, wie bei der Körper-Bildung auch meiner Theorie gemäss der
-Instinkt einer jeden Art nützlich für diese und, so viel wir wissen,
-niemals zum ausschliesslichen Nutzen andrer Arten vorhanden. Eines der
-triftigsten Beispiele, die ich kenne, von Thieren, welche anscheinend
-zum blossen Besten andrer etwas thun, liefern die Blattläuse, indem
-sie, wie ~Huber~ zuerst bemerkte, freiwillig den Ameisen ihre
-süssen Excretionen überlassen. Dass sie Diess freiwillig thun, geht
-aus folgenden Thatsachen hervor. Ich entfernte alle Ameisen von einer
-Gruppe von etwa zwölf Aphiden auf einer Ampfer-Pflanze und hinderte
-ihr Zusammenkommen mehrere Stunden lang. Nach dieser Zeit nahm ich
-wahr, dass die Blattläuse das Bedürfniss der Excretion hatten. Ich
-beobachtete sie eine Zeit lang durch eine Lupe: aber nicht eine gab
-eine Excretion von sich. Darauf streichelte und kitzelte ich sie mit
-einem Haare auf dieselbe Weise, wie es die Ameisen mit ihren Fühlern
-machen, aber keine Excretion erfolgte. Nun liess ich eine Ameise zu,
-und aus ihrem Widerstreben sich von den Blattläusen zurücktreiben zu
-lassen, schien hervorzugehen, dass sie augenblicklich erkannt hatte,
-welch’ ein reicher Genuss ihrer harre. Sie begann dann mit ihren
-Fühlern den Hinterleib erst einer und dann einer andren Blattlaus zu
-betasten, deren jede, so wie sie die Berührung des Fühlers empfand,
-sofort den Hinterleib in die Höhe richtete und einen klaren Tropfen
-süsser Flüssigkeit ausschied, der alsbald von der Ameise eingesogen
-wurde. Selbst ganz junge Blattläuse, auf diese Weise behandelt,
-zeigten, dass ihr Verhalten ein instinktives und nicht die Folge
-der Erfahrung war. Nach ~Huber~ zeigen die Blattläuse keine
-Abneigung gegen die Ameisen, und wenn diese fehlen, so sind sie
-genöthigt ihre Excretionen auszustossen. Da nun die Aussonderung
-ausserordentlich klebrig ist, so ist es wahrscheinlich für die Aphiden
-von Nutzen, dass sie entfernt werde; und so ist es denn auch mit dieser
-Excretion wohl nicht auf den ausschliesslichen Vortheil der Ameisen
-abgesehen. Obwohl ich nicht glaube, dass irgend ein Thier in der Welt
-etwas zum ausschliesslichen Nutzen einer andern Art thue, so sucht doch
-jede Art Vortheil von den Instinkten anderer zu ziehen und hat Vortheil
-von der schwächeren Körper-Beschaffenheit andrer. So können dann auch
-in einigen wenigen Fällen gewisse Instinkte nicht als ganz vollkommen
-betrachtet werden, was ich aber bis ins Einzelne auseinanderzusetzen
-hier unterlassen muss.
-
-Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden, um zu
-zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von Abänderung in den
-Instinkten und die Erblichkeit solcher Abänderungen zur Thätigkeit der
-Natürlichen Züchtung unerlässlich ist, aber Mangel an Raum hindert
-mich es zu thun. Ich kann bloss versichern, dass Instinkte gewiss
-variiren, wie z. B. der Wander-Instinkt nach Ausdehnung und Richtung
-variiren oder auch ganz aufhören kann. So ist es mit den Nestern der
-Vögel, welche theils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den
-Natur- und Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus
-ganz unbekannten Ursachen abändern. So hat ~Audubon~ einige
-sehr merkwürdige Fälle von Verschiedenheiten in den Nestern derselben
-Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden der _Vereinten
-Staaten_ leben, mitgetheilt. Warum, hat man gefragt, hat die
-Natur der Biene, wenn Instinkt veränderlich ist, nicht die Fähigkeit
-ertheilt, andre Materialien da zu benützen, wo Wachs fehlt? Aber welche
-andre Materialien könnten die Bienen benützen. Ich habe gesehen,
-dass sie mit Kochenille und mit Fett versetztes Wachs gebrauchen und
-verarbeiten. ~Andrew Knight~ sah seine Bienen, statt emsig
-Pollen einzusammeln, ein Zäment aus Wachs und Terpentin gebrauchen,
-womit entrindete Bäume überstrichen worden waren. Endlich hat man
-kürzlich Bienen beobachtet, die, statt Blüthen um ihres Samenstaubes
-willen aufzusuchen, gerne eine ganz verschiedene Substanz, nämlich
-Hafermehl verwendeten. -- Furcht vor irgend einem besondren Feinde
-ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im
-Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwohl sie durch
-Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor demselben Feinde bei
-anderen Thieren noch verstärkt wird. Thiere auf abgelegenen kleinen
-Eilanden fürchten sich nicht vor den Menschen und lernen, wie ich
-anderwärts gezeigt habe, ihn nur langsam fürchten; und so nehmen wir
-auch in _England_ selbst wahr, dass die grossen Vögel, weil sie
-vom Menschen mehr verfolgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als
-die kleinen. Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost
-dieser Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln
-sind die grossen nicht scheuer als die kleinen; und die Elster, so
-furchtsam in _England_, ist in _Norwegen_ eben so zahm als
-die Krähe (Corvus cornix) in _Ägypten_.
-
-Dass die Gemüthsart der Individuen einer Spezies im Allgemeinen, auch
-wenn sie in der freien Natur geboren sind, äusserst manchfaltig seye,
-kann mit vielen Thatsachen belegt werden. Auch liessen sich bei einigen
-Arten Beispiele von zufälligen und fremdartigen Gewohnheiten anführen,
-die, wenn sie der Art nützlich wären, durch Natürliche Züchtung zu ganz
-neuen Instinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dass
-diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thatsachen zum Belege,
-nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers machen werden,
-kann jedoch nur meine Versicherung wiederholen, dass ich nicht ohne
-gute Beweise so spreche.
-
-Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen des
-Instinktes im Natur-Zustande zu vererben wird durch Betrachtung einiger
-Fälle bei gezähmten Thieren noch stärker hervortreten. Wir werden
-dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt, welchen vergleichungsweisen
-Einfluss Gewöhnung und die Züchtung sogenannter zufälliger Abweichungen
-auf die Abänderung der Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere ausgeübt
-haben. Es lässt sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele
-anführen von der Vererblichkeit aller Abschattungen der Gemüthsart,
-des Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in
-Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen
-Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschiedenen
-Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich habe selbst
-einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge Vorstehehunde
-zuweilen vor andern Hunden anziehen, wenn sie das erstemal mit
-hinausgenommen werden. So ist das Aufstöbern der Feldhühner gewiss oft
-erblich bei Hunden der vorzugsweise dazu gebrauchten Rasse, wie junge
-Schäferhunde geneigt sind die Heerde zu umkreisen statt nebenher zu
-laufen. Ich kann nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von
-denen des Instinktes verschieden sind; denn die jungen Hunde handeln
-ohne Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und ohne
-den Zweck des Handelns zu kennen. Denn der junge Vorstehehund weiss
-noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen den Absichten seines
-Herrn dient, als der Kohlschmetterling weiss, warum er seine Eier auf
-ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art Wolf sähen, welcher noch jung
-und ohne Abrichtung bei Witterung seiner Beute bewegungslos wie eine
-Bildsäule stehen bliebe und dann mit eigenthümlicher Haltung langsam
-auf sie hinschliche, oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen
-Rudel Hirsche zuzuspringen, dasselbe umkreiste und so nach einem
-entfernten Punkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem
-Instinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen könnte, sind
-gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natürlichen; denn
-sie sind durch viel minder strenge Züchtung ausgeprägt und eine bei
-weitem kürzere Zeit hindurch unter minder steten Lebens-Bedingungen
-vererbt worden.
-
-Wie streng diese „zahmen Instinkte“, Gewohnheiten und Neigungen vererbt
-werden und wie wundersam sie sich zuweilen mischen, zeigt sich ganz
-wohl, wenn verschiedene Hunde-Rassen miteinander gekreutzt werden. So
-ist eine Kreutzung mit Bullbeissern auf viele Generationen hinaus auf
-den Muth und die Beharrlichkeit des Windhundes von Einfluss gewesen,
-und eine Kreutzung mit dem Wind-Hunde hat auf eine ganze Familie von
-Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese zahmen
-Instinkte, auf solche Art durch Kreutzung erprobt, gleichen natürlichen
-Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise sonderbar mit einander
-verbinden, so dass sich auf lange Zeit hinaus Spuren des Instinktes
-beider Ältern erhalten. So beschreibt ~Le Roy~ einen Hund,
-dessen Grossvater ein Wolf war; dieser Hund verrieth die Spuren seiner
-wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von
-seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam.
-
-Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen, welche
-bloss durch eine lang-fortgesetzte und erzwungene Gewohnheit erblich
-werden; ich glaube aber, dass Diess nicht richtig ist. Gewiss hat
-niemals jemand daran gedacht oder versucht, der Purzeltaube das Purzeln
-zu lehren, was meines Wissens auch schon junge Tauben thun, welche
-nie andere purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal
-eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-Weise
-gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfältiger und lang-fortgesetzter
-Züchtung aus ihr die Purzler allmählich das geworden, was sie jetzt
-sind; und wie ich von Herrn ~Brent~ vernehme, gibt es bei
-_Glasgow_ Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle weit fliegen
-können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen. Eben so ist es schwer
-zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand daran gedacht habe, einen Hund
-zum Vorstehen abzurichten, hätte nicht etwa ein Individuum von selbst
-eine Neigung verrathen es zu thun, und man weiss, dass Diess zuweilen
-vorkommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete; das
-„Stehen“ ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine verstärkte
-Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt, auf seine Beute
-einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des Stehens einmal gezeigt,
-so mögen methodische Züchtung und die erbliche Wirkung zwangsweiser
-Abrichtung in jeder nachfolgenden Generation das Werk bald vollendet
-haben: und unbewusste Züchtung ist immer in Thätigkeit, da jedermann,
-wenn auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich gerne
-die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und jagen. Anderseits
-hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt. Kaum ist in der Regel
-ein Thier schwerer zu zähmen als das Junge des wilden Kaninchens,
-und kein Thier zahmer als das Junge des zahmen Kaninchens; und doch
-kann ich kaum glauben, dass die Haus-Kaninchen auf Zahmheit gezüchtet
-worden sind, sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche
-Veränderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit
-einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangenschaft
-zuzuschreiben haben. Demungeachtet können, wie der _Französische_
-Übersetzer dieses Buches bemerkt hat, gerade die zahmsten Kaninchen,
-weil am wenigsten lästig, am öftesten erhalten worden seyn, so dass
-mithin auch in diesem Falle Züchtung mit ins Spiel gekommen wäre.
-
-Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren; ein
-merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen Geflügel-Rassen,
-welche selten oder nie „brütig“ werden[26], d. h. nie auf ihren Eiern
-zu sitzen verlangen. Die tägliche Gewöhnung daran allein verhindert
-uns zu sehen, in wie hohem Grade und wie allgemein die geistigen
-Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch Zähmung verändert worden sind.
-Man kann kaum daran zweifeln, dass die Liebe des Menschen als
-Instinkt auf den Hund übergegangen ist. Alle Wölfe, Füchse, Schakals
-und Katzen-Arten sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig
-Geflügel, Schaafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung
-hat sich unheilbar auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung
-aus Gegenden zu uns gebracht hat, wo wie im _Feuerlande_ und
-in _Australien_ die Wilden jene Hausthiere nicht halten. Und
-wie selten ist es auf der andern Seite nöthig, unsren zivilisirten
-Hunden, selbst wenn sie noch jung sind, die Angriffe auf jene
-Thiere abzugewöhnen. Allerdings machen sie manchmal einen solchen
-Angriff und werden dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft,
-endlich weggeschafft, -- so dass Gewohnheit und wahrscheinlich
-einige Züchtung zusammengewirkt haben, unsren Hunden ihre erbliche
-Zivilisation beizubringen. Andrerseits haben junge Hühnchen, ganz
-in Folge von Gewöhnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren,
-welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte besessen;
-denn ich erfahre von Capt. ~Hutton~, dass die jungen vom
-_Ostindischen_ Stammvater dieser Art (Gallus Bankiva), wenn
-sie auch von einer gewöhnlichen Henne ausgebrütet worden, anfangs
-ausserordentlich wild sind. Und so ist es auch mit den jungen Phasanen
-aus Eiern, die man in England von einem Haushuhn hat ausbrüten lassen.
-Und doch haben die Hühnchen keineswegs alle Furcht verloren, sondern
-nur die Furcht vor Hunden und Katzen; denn sobald die Henne ihnen durch
-Glucken eine Gefahr anmeldet, laufen alle (zumal junge Welschhühner),
-um sich unter ihren Schutz zu begehen, oder um sich im Grase und
-Dickicht umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven
-Absicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter
-möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei unseren
-jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten Zustande ganz
-nutzlos, weil die Mutter-Henne das Flug-Vermögen durch Nichtgebrauch
-gewöhnlich eingebüsst hat.
-
-Daraus lässt sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben worden
-und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch eigne
-Gewohnheit und theils durch die Einwirkung des Menschen, welche viele
-aufeinander-folgende Generationen hindurch eigenthümliche geistige
-Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer Unwissenheit anfangs
-nur ein sogenannter Zufall geschienen, durch Züchtung gehäuft und
-gesteigert hat. In einigen Fällen hat erzwungene Gewöhnung genügt, um
-solche erbliche Veränderung geistiger Eigenschaften zu bewirken; in
-andern ist durch Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch
-unbewusste oder methodische Züchtung bewirkt worden; in den meisten
-Fällen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt.
-
-Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht am besten
-geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte im Natur-Zustande
-durch Züchtung modifizirt worden sind. Ich will aus der grossen Anzahl
-derjenigen, welche ich gesammelt und in meinem späteren Werke zu
-erörtern haben werde, nur drei Fälle hervorheben, nämlich den Instinkt,
-welcher den Kuckuck treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den
-Instinkt der Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der
-Honig-Bienen; die zwei zuletzt genannten sind von den Naturforschern
-wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten Instinkte
-bezeichnet worden.
-
-Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die Grund-Ursache
-für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in fremde Nester zu legen
-beruhe darin, dass dieselben der Reihe nach nicht täglich, sondern
-erst jeden zweiten oder dritten Tag zur Reife kommen, so dass, wenn
-der Kuckuck sein eignes Nest zu bauen und auf seinen eignen Eiern
-zu sitzen hätte, die ersten Eier entweder eine Zeitlang unbebrütet
-bleiben oder Eier und junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen
-Neste zusammen kommen müssten[27]. Wäre Diess so der Fall, so müssten
-allerdings die Prozesse des Legens und Ausschlüpfens unangemessen lang
-währen, und die zuerst ausgeschlüpften jungen Vögel wahrscheinlich vom
-Männchen allein aufgefüttert werden. Allein der _Amerikanische_
-Kuckuck findet sich in derselben Lage, und doch macht er sein eignes
-Nest und legt seine Eier nach-einander hinein, und seine Jungen
-schlüpfen gleichzeitig aus. Man hat zwar versichert, auch der
-_Amerikanische_ Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester,
-aber nach Dr. _Brewer’s_ verlässiger Gewährschaft in diesen Dingen
-ist es ein Irrthum. Demungeachtet könnte ich noch mehre andre Beispiele
-von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde Nester legen.
-Nehmen wir nun an, der Stamm-Vater unsres _Europäischen_ Kuckucks
-habe die Gewohnheiten des _Amerikanischen_ gehabt, doch zuweilen
-ein Ei in das Nest eines andren Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von
-diesem gelegentlichen Brauche Vortheil hatte, oder der junge durch den
-fehlgreifenden Instinkt einer fremden Mutter kräftiger wurde, als er
-unter der Sorge seiner eignen Mutter geworden seyn würde, weil diese
-mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von verschiedenem Alter
-überladen gewesen wäre und von selbst in sehr zartem Alter schon hätte
-wandern müssen; so gewann entweder der Alte oder das auf fremde Kosten
-gepflegte Junge dabei. Der Analogie nach möchte ich dann glauben, dass
-als Folge der Erblichkeit das so aufgeatzte Junge mehr geneigt seye,
-die zufällige und abweichende Handlungsweise seiner Mutter nachzuahmen,
-auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kräftigere Nachkommen
-zu erlangen. Durch einen fortgesetzten Prozess dieser Art könnte nach
-meiner Meinung der wunderliche Instinkt des Kuckucks entstanden seyn.
-Ich will jedoch noch beifügen, dass nach Dr. ~Gray~ u. e. a.
-Beobachtern der _Europäische_ Kuckuck doch keineswegs alle
-mütterliche Liebe und Sorge für seine eignen Sprösslinge verloren hat.
-
-Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von derselben oder
-einer andern Spezies zu legen, ist unter den Hühner-artigen Vögeln
-nicht ganz ungewöhnlich; und Diess erklärt vielleicht die Entstehung
-eines eigenthümlichen Instinktes in der benachbarten Gruppe der
-Strauss-artigen Vögel. Denn mehre Strauss-Hennen wenigstens von der
-_Amerikanischen_ Art vereinigen sich, um zuerst einige Eier in ein
-Nest und dann in ein andres zu legen; und diese werden von den Männchen
-ausgebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrscheinlich
-die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen eine grosse
-Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen
-legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim _Amerikanischen_ Strausse
-noch nicht sehr entwickelt; denn es liegt dort auch noch eine so
-erstaunliche Menge von Eiern über die Ebene zerstreut, dass ich auf der
-Jagd an einem Tage nicht weniger als 20 verlassener und verdorbener
-Eier aufzunehmen im Stand war.
-
-Manche Bienen schmarotzen und legen ihre Eier in Nester andrer
-Bienen-Arten. Diess ist noch merkwürdiger, als beim Kuckuck; denn diese
-Bienen haben nicht allein ihren Instinkt, sondern auch ihren Bau in
-Übereinstimmung mit ihrer parasitischen Lebens-Weise geändert, indem
-sie nämlich nicht die Vorrichtung zur Einsammlung des Pollens besitzen,
-deren sie bedürften, wenn sie Nahrung für ihre eigne Brut vorräthig
-aufhäufen müssten. Einige Insekten-Arten schmarotzen nach der Weise der
-Sphegiden bei andern Arten, und Herr ~Fabre~ hat neulich guten
-Grund nachgewiesen zu glauben, dass, obwohl Tachytes nigra gewöhnlich
-ihre eigne Höhle macht und darin noch lebende aber gelähmte Beute zur
-Nahrung ihrer eignen Larve im Vorrath niederlegt, dieselbe doch, wenn
-sie eine schon fertige und mit Vorräthen versehene Höhle einer andern
-Sphex findet, davon Besitz ergreift und in Folge dieser Gelegenheit
-Parasit wird. In diesem Falle wie in dem angenommenen Beispiele von dem
-Kuckuck liegt kein Hinderniss für die Natürliche Züchtung vor, aus dem
-gelegentlichen Brauche einen beständigen zu machen, wenn er für die Art
-nützlich ist, und wenn nicht in Folge dessen die andre Insekten-Art,
-deren Nest und Futter-Vorräthe sie sich verrätherischer Weise aneignet,
-dadurch vertilgt wird.
-
-+Instinkt Sklaven zu machen+.) Dieser Naturtrieb wurde zuerst bei
-Formica (Poliergus) rufescens von ~Peter Huber~ beobachtet,
-einem noch besseren Beobachter, als sein berühmter Vater gewesen. Diese
-Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven abhängig, ohne deren Hülfe
-die Art schon in einem Jahre gänzlich zu Grunde gehen müsste. Die
-Männchen und fruchtbaren Weibchen arbeiten nicht. Die arbeitenden oder
-unfruchtbaren Weibchen dagegen, obgleich sehr muthig und thatkräftig
-beim Sklaven-Fangen, thun nichts andres. Sie sind unfähig ihre eignen
-Nester zu machen oder ihre eignen Jungen zu füttern. Wenn das alte Nest
-unpassend befunden und eine Auswanderung nöthig wird, entscheiden die
-Sklaven darüber und schleppen dann ihre Meister zwischen den Kinnladen
-fort. Diese letzten sind so äusserst hülfelos, dass, als ~Huber~
-deren dreissig ohne Sklaven aber mit einer reichlichen Menge des besten
-Futters und zugleich mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Thätigkeit
-anzuspornen, zusammen-sperrte, sie nicht einmal sich selbst fütterten
-und grossentheils Hungers starben. ~Huber~ brachte dann einen
-einzigen Sklaven (Formica fusca) dazu, der sich unverzüglich ans Werk
-begab und die noch überlebenden fütterte und rettete, einige Zellen
-machte, die Larven pflegte und Alles in Ordnung brachte. Was kann es
-Ausserordentlicheres geben, als diese wohl verbürgten Thatsachen? Hätte
-man nicht noch von einigen andern Sklaven-machenden Ameisen Kenntniss,
-so würde es ein Hoffnungs-loser Versuch gewesen seyn sich eine
-Vorstellung davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher
-Vollkommenheit gedeihen könne.
-
-Eine andre Ameisen-Art, Formica sanguinea, wurde gleichfalls zuerst
-von ~Huber~ als Sklavenmacherin erkannt. Sie kömmt im südlichen
-Theile von _England_ vor, wo ihre Gewohnheiten von ~H. F.
-Smith~ vom _Britischen Museum_ beobachtet worden sind, dem
-ich für seine Mittheilungen über diesen und andre Gegenstände sehr
-verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die Versicherungen der
-zwei genannten Naturforscher setzend, vermochte ich doch nicht ohne
-einigen Zweifel an die Sache zu gehen, und es mag wohl zu entschuldigen
-seyn, wenn jemand an einen so ausserordentlichen und hässlichen
-Instinkt, wie der ist Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben
-kann. Ich will daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit
-einigen Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nest-Haufen der
-Formica sanguinea und fand in allen einige Sklaven. Männchen und
-fruchtbare Weibchen der Sklaven-Art (F. fusca) kommen nur in ihrer
-eignen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen der F. sanguinea
-gefunden worden. Die Sklaven sind schwarz und von nicht mehr als der
-halben Grösse ihrer Herrn, so dass der Gegensatz in ihrer Erscheinung
-sogleich auffällt. Wird der Haufe nur leicht wenig gestört, so kommen
-die Sklaven zuweilen heraus und zeigen sich gleich ihren Meistern
-sehr beunruhigt und zur Vertheidigung bereit. Wird aber der Haufe so
-zerrüttet, dass Larven und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die
-Sklaven mit ihren Meistern zugleich lebhaft bemüht, dieselben nach
-einem sicheren Platze zu schleppen. Daraus ist klar, dass sich die
-Sklaven ganz heimisch fühlen. Während der Monate Juni und Juli habe ich
-in drei aufeinander-folgenden Jahren in den Grafschaften _Surrey_
-und _Sussex_ mehre solcher Ameisen-Haufen Stunden-lang beobachtet
-und nie einen Sklaven aus- oder eingehen sehen. Da während dieser
-Monate der Sklaven nur wenige sind, so dachte ich sie würden sich
-anders benehmen, wenn sie in grössrer Anzahl wären; aber auch Hr.
-~Smith~ theilt mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen
-Stunden während der Monate Mai, Juni und August in _Surrey_ wie
-in _Hampshire_ beobachtet und, obwohl die Sklaven im August
-zahlreich sind, nie einen derselben aus- oder eingehen gesehen hat. Er
-betrachtet sie daher lediglich als Haus-Sklaven. Dagegen sieht man ihre
-Herrn beständig Nestbau-Stoffe und Futter aller Art herbeischleppen.
-Im jetzigen Jahre jedoch kam ich im Juli zu einer Gemeinde mit einem
-ungewöhnlich starken Sklaven-Stande und sah einige wenige Sklaven
-unter ihre Meister gemengt das Nest verlassen und mit ihnen den
-nämlichen Weg zu einer _Schottischen_ Kiefer, 25 Ellen entfernt,
-einschlagen und am Stamme hinauflaufen, wahrscheinlich um nach Blatt-
-oder Schild-Läusen zu suchen. Nach ~Huber~, welcher reichliche
-Gelegenheit zur Beobachtung gehabt, arbeiten in der _Schweitz_
-die Sklaven gewöhnlich mit ihren Herrn an der Aufführung des Nestes,
-und sie allein öffnen und schliessen die Thore in den Morgen- und
-Abend-Stunden; jedoch ist, wie ~Huber~ ausdrücklich versichert,
-ihr Hauptgeschäft nach Blattläusen zu suchen. Dieser Unterschied in den
-herrschenden Gewohnheiten von Herrn und Sklaven in zweierlei Gegenden
-mag lediglich davon abhängen, dass in der _Schweitz_ die Sklaven
-zahlreicher einzufangen sind als in _England_.
-
-Eines Tages bemerkte ich glücklicherweise eine Wanderung der
-F. sanguinea von einem Haufen zum andern, und es war ein sehr
-interessanter Anblick, wie die Herrn ihre Sklaven sorgfältig zwischen
-ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von ihnen getragen
-zu werden, wie es bei F. rufescens der Fall ist. Eines andern
-Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei Dutzend Ameisen der
-Sklaven-machenden Art in Anspruch genommen, welche dieselbe Stelle
-besuchten, doch offenbar nicht des Futters wegen. Bei ihrer Annäherung
-wurden sie von einer unabhängigen Kolonie der Sklaven-gebenden Art, F.
-fusca, zurückgetrieben, so dass zuweilen bis drei dieser letzten an den
-Beinen einer F. sanguinea hingen. Diese letzte tödtete ihre kleineren
-Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung in ihr 29
-Ellen entferntes Nest; aber sie wurde verhindert Puppen wegzunehmen, um
-sie zu Sklaven aufzuziehen. Ich entnahm dann aus einem andern Haufen
-der F. fusca eine geringe Anzahl Puppen und legte sie auf eine kahle
-Stelle nächst dem Kampfplatze nieder. Diese wurden begierig von den
-Tyrannen ergriffen und fortgetragen, die sich vielleicht einbildeten,
-doch endlich Sieger in dem letzten Kampfe gewesen zu seyn.
-
-Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen der
-Formica flava mit einigen wenigen reifen Ameisen dieser gelben Art
-nieder, welche noch an Bruchstücken ihres Nestes hingen. Auch diese Art
-wird zuweilen, doch selten zu Sklaven gemacht, wie Herr ~Smith~
-beschrieben hat. Obwohl klein ist diese Art sehr muthig, und ich habe
-sie mit wildem Ungestüm andre Ameisen angreifen sehen. Einmal fand
-ich zu meinem Erstaunen unter einem Steine eine unabhängige Kolonie
-der Formica flava noch unterhalb einem Neste der Sklaven-machenden F.
-sanguinea; und da ich zufällig beide Nester gestört hatte, so griff
-die kleine Art ihre grosse Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich
-war nun neugierig zu erfahren, ob F. sanguinea im Stande seye, die
-Puppen der F. fusca, welche sie gewöhnlich zur Sklaven-Zucht verwendet,
-von denen der kleinen wüthenden F. flava zu unterscheiden, welche sie
-nur selten in Gefangenschaft führt, und es ergab sich bald, dass sie
-dieses Unterscheidungs-Vermögen besass; denn ich sah sie begierig und
-augenblicklich über die Puppen der F. fusca herfallen, während sie sehr
-erschrocken schien, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde
-aus dem Neste der F. flava stiess, und rasch davonrannte. Aber nach
-einer Viertel-Stunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben Ameisen die
-Stelle verlassen hatten, bekamen sie Muth und griffen auch diese Puppen
-auf.
-
-Eines Abends besuchte ich eine andre Gemeinde der F. sanguinea und fand
-eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und beim Eingang in ihr Nest,
-Leichen und viele Puppen der F. fusca mit sich schleppend, also nicht
-auf blosser Wanderung begriffen. Ich verfolgte eine 40 Ellen lange
-Reihe mit Beute beladener Ameisen bis zu einem dichten Haide-Gebüsch,
-wo ich das letzte Individuum der F. sanguinea mit einer Puppe belastet
-herauskommen sah; aber das zerstörte Nest konnte ich in der dichten
-Haide nicht finden, obwohl es nicht mehr ferne gewesen seyn kann,
-indem zwei oder drei Individuen der F. fusca in der grössten Aufregung
-umherrannten und eines bewegungslos an der Spitze eines Haide-Zweiges
-hing: alle mit ihren eignen Puppen im Maul, ein Bild der Verzweiflung
-über ihre zerstörte Heimath.
-
-Diess sind die Thatsachen, welche ich, obwohl sie meiner Bestätigung
-nicht erst bedurft hätten, über den wundersamen Sklavenmacher-Instinkt,
-berichten kann. Zuerst ist der grosse Gegensatz zwischen den
-instinktiven Gewohnheiten der F. sanguinea und der kontinentalen
-F. rufescens zu bemerken. Diese letzte baut nicht selbst ihr Nest,
-bestimmt nicht ihre eignen Wanderungen, sammelt nicht das Futter für
-sich und ihre Brut und kann nicht einmal allein fressen; sie ist
-absolut abhängig von ihren zahlreichen Sklaven. Die F. sanguinea
-dagegen hält viel weniger und zumal im ersten Theile des Sommers sehr
-wenige Sklaven; die Herrn bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut
-werden soll; und wenn sie wandern, schleppen die Herrn die Sklaven.
-In der _Schweitz_ wie in _England_ scheinen die Sklaven
-ausschliesslich mit der Sorge für die Brut beauftragt zu seyn, und die
-Herrn allein gehen auf den Sklavenfang aus. In der _Schweitz_
-arbeiten Herrn und Sklaven miteinander um Nestbau-Materialien
-herbeizuschaffen; beide und doch vorzugsweise die Sklaven besuchen
-und melken, wie man es nennen könnte, ihre Aphiden, und beide sammeln
-Nahrung für die Gemeinschaft ein. In _England_ verlassen die
-Herrn gewöhnlich allein das Nest, um Bau-Stoffe und Futter für sich,
-ihre Larven und Sklaven einzusammeln, so dass dieselben hier von ihren
-Sklaven viel weniger Dienste empfangen als in der _Schweitz_.
-
-Ich will mich nicht vermessen zu errathen, auf welchem Wege der
-Instinkt der F. sanguinea sich entwickelt hat. Da jedoch Ameisen,
-welche keine Sklavenmacher sind, wie wir gesehen haben, zufällig um
-ihr Nest zerstreute Puppen andrer Arten heimschleppen, vielleicht um
-sie zur Nahrung zu verwenden, so können sich solche Puppen dort auch
-noch zuweilen entwickeln, und die auf solche Weise absichtslos im Haus
-erzognen Fremdlinge mögen dann ihren eignen Instinkten folgen und
-arbeiten, was sie können. Erweiset sich ihre Anwesenheit nützlich für
-die Art, welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten mehr zu
-Arbeiter zu fangen als zu erziehen, so kann der ursprünglich zufällige
-Brauch fremde Puppen zur Nahrung einzusammeln durch Natürliche Züchtung
-verstärkt und endlich zu dem ganz verschiedenen Zwecke Sklaven zu
-erziehen bleibend befestigt werden. Wenn dieser Naturtrieb zur Zeit
-seines Ursprungs in einem noch viel minderen Grade als bei unsrer F.
-sanguinea entwickelt war, welche noch jetzt von ihren Sklaven weniger
-Hülfe in _England_ als in der _Schweitz_ empfängt, so finde
-ich kein Bedenken anzunehmen, Natürliche Züchtung habe dann diesen
-Instinkt verändert und, immer vorausgesetzt, dass jede Abänderung der
-Spezies nützlich gewesen, allmählich so weit abgeändert, dass endlich
-eine Ameisen-Art entstand in so verächtlicher Abhängigkeit von ihren
-eignen Sklaven, wie es F. rufescens ist.
-
-+Zellenbau-Instinkt der Korb-Bienen.+) Ich beabsichtige nicht
-über diesen Gegenstand in kleine Einzelnheiten einzugehen, sondern
-will mich beschränken, eine Skizze von den Ergebnissen zu liefern,
-zu welchen ich gelangt bin. Es müsste ein beschränkter Mensch seyn,
-welcher bei Untersuchung des ausgezeichneten Baues einer Bienen-Wabe,
-die ihrem Zwecke so wundersam angepasst ist, nicht in begeisterte
-Verwunderung geriethe. Wir hören von Mathematikern, dass die Bienen
-praktisch ein schwieriges Problem gelöst und ihre Zellen in derjenigen
-Form, welche die grösst-mögliche Menge von Honig aufnehmen kann, mit
-dem geringst-möglichen Aufwande des kostspieligen Bau-Materiales, des
-Wachses nämlich, hergestellt haben. Man hat bemerkt, dass es einem
-geschickten Arbeiter mit passenden Maassen und Werkzeugen sehr schwer
-fallen würde, regelmässig sechseckige Wachs-Zellen zu machen, obwohl
-Diess eine wimmelnde Menge von Bienen in dunklem Korbe mit grösster
-Genauigkeit vollführt. Was für einen Instinkt man auch annehmen mag,
-so scheint es doch anfangs ganz unbegreiflich, wie derselbe solle
-alle nöthigen Winkel und Flächen berechnen, oder auch nur beurtheilen
-können, ob sie richtig gemacht sind. Inzwischen ist doch die
-Schwierigkeit nicht so gross, wie sie Anfangs scheint; denn all’ diess
-schöne Werk lässt sich von einigen wenigen sehr einfachen Naturtrieben
-herleiten.
-
-Ich war diesen Gegenstand zu verfolgen durch Herrn ~Waterhouse~
-veranlasst worden, welcher gezeigt hat, dass die Form der Zellen in
-enger Beziehung zur Anwesenheit von Nachbarzellen steht, und die
-folgende Ansicht ist vielleicht nur eine Modifikation seiner Theorie.
-Wenden wir uns zu dem grossen Abstufungs-Prinzipe und sehen wir zu,
-ob uns die Natur nicht ihre Methode zu wirken enthülle. Am einen Ende
-der kurzen Stufen-Reihe sehen wir die Hummel-Biene, welche ihre alten
-Coccons zur Aufnahme von Honig verwendet, indem sie ihnen zuweilen
-kurze Wachs-Röhren anfügt und ebenso auch einzeln abgesonderte und
-sehr unregelmässig abgerundete Zellen von Wachs anfertigt. Am andern
-Ende der Reihe haben wir die Zellen der Korbbiene, eine doppelte
-Schicht bildend: jede Zelle ist bekanntlich ein sechsseitiges
-Prisma, deren Grundfläche durch eine stumpf-dreiseitige Pyramide aus
-drei Rautenflächen, mit festen Winkeln ersetzt ist. Dieselben drei
-Rautenflächen, welche die pyramidale Basis einer Zelle in der einen
-Zellen-Schicht der Scheibe bilden, entsprechen je einer Rautenfläche
-in drei aneinanderstossenden Zellen der entgegengesetzten Schicht. Als
-Zwischenstufe zwischen der äussersten Vervollkommnung im Zellenbau
-der Korb-Biene und der äussersten Einfachheit in dem der Hummel-Biene
-haben wir dann die Zellen der _Mexikanischen_ Melipona domestica,
-welche ~P. Huber~ gleichfalls sorgfältig beschrieben und
-abgebildet hat. Diese Biene steht in ihrer Körperbildung zwischen
-unsrer Honig-Biene und der Hummel in der Mitte, doch der letzten näher,
-bildet einen fast regelmässigen wächsernen Zellen-Kuchen mit walzigen
-Zellen, worin die Jungen gepflegt werden, und überdiess mit einigen
-grossen Zellen zur Aufnahme von Honig. Diese letzten sind von ihrer
-freien Seite gesehen fast kreisförmig und von nahezu gleicher Grösse,
-in eine unregelmässige Masse zusammengefügt; am wichtigsten aber ist
-daran zu bemerken, dass sie so nahe aneinander gerückt sind, dass alle
-kreisförmigen Wände, wenn sie auch da, wo die Zellen einander stossen,
-ihre Kreise fortsetzten, einander schneiden oder durchsetzen müssten;
-daher die Wände an den aneinanderliegenden Stellen eben abgeplattet
-sind. Jede dieser im Ganzen genommen kreisrunden Zellen hat mithin doch
-2-3 oder mehr vollkommen ebene Seitenflächen, je nachdem sie an 2-3
-oder mehr andre Zellen seitlich angrenzt. Kommt eine Zelle in Berührung
-mit drei andern Zellen, was, da alle von fast gleicher Grösse sind,
-nothwendig sehr oft geschieht, so vereinigen sich die drei ebenen
-Flächen zu einer dreiseitigen Pyramide, welche, nach ~Huber’s~
-Bemerkung, offenbar der dreiseitigen Pyramide an der Basis der
-Zellen unsrer Korb-Biene zu vergleichen ist. Wie in den Zellen der
-Honigbiene, so nehmen auch hier die drei ebenen Flächen einer Zelle an
-der Zusammensetzung dreier andren anstossenden Zellen Theil. Es ist
-offenbar, dass die Melipona bei dieser Bildungs-Weise Wachs erspart;
-denn die Wände sind da, wo mehre solche Zellen aneinandergrenzen,
-nicht doppelt und nur von der Dicke wie die kreisförmigen Theile, und
-jedes flache Stück Zwischenwand nimmt an der Zusammensetzung zweier
-aneinanderstossenden Zellen Antheil.
-
-Indem ich über diesen Fall nachdachte, kam es mir vor, als ob, wenn die
-Melipona ihre walzigen Zellen von gleicher Grösse in einer gegebenen
-gleichen Entfernung von einander gefertigt und symmetrisch in eine
-doppelte Schicht geordnet hätte, der dadurch erzielte Bau so vollkommen
-als der der Korb-Biene geworden seyn würde. Demzufolge schrieb ich an
-Professor ~Miller~ in _Cambridge_, und dieser Geometer bezeichnet die
-folgende seiner Belehrung entnommene Darstellung als richtig.
-
-Wenn eine Anzahl unter sich gleicher Kreise so beschrieben wird,
-dass ihre Mittelpunkte in zwei parallelen Ebenen liegen, und das
-Centrum eines jeden Kreises um Radius × √2 oder Radius × 1.41421
-(oder weniger) von den Mittelpunkten der sechs umgebenden Kreise in
-derselben Schicht und eben so weit von den Centren der angrenzenden
-Kreise in der andren parallelen Schicht entfernt ist[28], und wenn
-alsdann Durchschneidungsflächen zwischen den verschiedenen Kreisen
-beider Schichten gebildet werden: -- so muss sich eine doppelte Lage
-sechsseitiger Prismen ergeben, welche mit aus drei Rauten gebildeten
-dreiseitig-pyramidalen Basen aufeinanderstehen, und diese Rauten-
-sowie die Seiten-Flächen der sechsseitigen Prismen werden in allen
-Winkeln aufs Genaueste übereinstimmen, wie sie an den Wachsscheiben
-der Bienen nach den sorgfältigsten Messungen vorkommen. Wir können
-daher mit Verlässigkeit schliessen, dass, wenn wir die jetzigen noch
-nicht sehr ausgezeichneten Instinkte der Melipona etwas zu verbessern
-im Stande wären, diese einen Bau eben so wunderbar vollkommen zu
-liefern vermöchte, als die Korb-Biene. Stellen wir uns also vor, die
-Melipona mache ihre Zellen ganz kreisrund und gleich-gross, was nicht
-zum Verwundern seyn würde, da sie es schon in gewissem Grade thut und
-viele Insekten sich vollkommen walzenförmige Zellen in Holz aushöhlen,
-indem sie anscheinend sich um einen festen Punkt drehen. Stellen wir
-uns ferner vor, die Melipona ordne ihre Zellen in ebenen Lagen, wie
-sie es bereits mit ihren Walzen-Zellen thut. Nehmen wir ferner an (und
-Diess ist die grösste Schwierigkeit), sie vermöge irgend-wie genau zu
-beurtheilen, in welchem Abstände von ihren gleichzeitig beschäftigten
-Mitarbeiterinnen sie ihre kreisrunden Zellen beginnen müsse; wir
-sahen sie ja bereits Entfernungen hinreichend bemessen, um alle ihre
-Kreise so zu beschreiben, dass sie einander stark schneiden, und sahen
-sie dann die Schneidungs-Punkte durch vollkommen ebene Wände mit
-einander verbinden. Unterstellen wir endlich, was keiner Schwierigkeit
-unterliegt, dass wenn die sechsseitigen Prismen durch Schneidung in
-der nämlichen Schicht aneinanderliegender Kreise gebildet sind, sie
-deren Sechsecke bis zu genügender Ausdehnung verlängern könne, um
-den Honig-Vorrath aufzunehmen, wie die Hummel den runden Mündungen
-ihrer alten Coccons noch Wachs-Zylinder ansetzt. Diess sind die nicht
-sehr wunderbaren Modifikationen dieses Instinktes (wenigstens nicht
-wunderbarer als jene, die den Vogel bei seinem Nestbau leiten), durch
-welche, wie ich glaube, die Korb-Biene auf dem Wege Natürlicher
-Züchtung zu ihrer unnachahmlichen architektonischen Geschicklichkeit
-gelangt ist.
-
-Doch diese Theorie lässt sich durch Versuche bewähren. Nach Herrn
-~Tegemeier’s~ Vorgange trennte ich zwei Bienen-Waben und fügte
-einen langen dicken rechteckigen Streifen Wachs dazwischen. Die Bienen
-begannen sogleich kleine kreisrunde Grübchen darin auszuhöhlen, die sie
-immer mehr erweiterten je tiefer sie wurden, bis flache Becken daraus
-entstanden, die genau kreisrund und vom Durchmesser der gewöhnlichen
-Zellen waren. Es war sehr ansprechend für mich zu beobachten, dass
-überall, wo mehre Bienen zugleich neben einander solche Aushöhlungen
-zu machen begannen, sie genau die richtigen Entfernungen einhielten,
-dass jene Becken mit der Zeit vollkommen die erwähnte Weite einer
-gewöhnlichen Zelle erlangten, so dass, als sie den sechsten Theil des
-Durchmessers des Kreises, wovon sie einen Theil bildeten, erreicht
-hatten, sie einander schneiden mussten. Sobald dies der Fall war,
-hielten die Bienen mit der weiteren Austiefung ein und begannen auf den
-Schneidungs-Linien zwischen den Becken ebene Wände von Wachs senkrecht
-aufzuführen, so dass jede sechsseitige Zelle auf den unebenen Rand
-eines glatten Beckens statt auf die geraden Ränder einer dreiseitigen
-Pyramide zu stehen kam, wie bei den gewöhnlichen Bienen-Zellen.
-
-Ich brachte dann statt eines dicken rechteckigen Stückes Wachs einen
-schmalen und nur Messerrücken-dicken Wachs-Streifen, mit Cochenille
-gefärbt, in den Korb. Die Bienen begannen sogleich von zwei Seiten her
-kleine Becken nahe beieinander darin auszuhöhlen, wie zuvor; aber der
-Wachs-Streifen war so dünn, dass die Böden der Becken bei gleich-tiefer
-Aushöhlung wie vorhin von zwei entgegengesetzten Seiten her hätten
-ineinander brechen müssen. Dazu liessen es aber die Bienen nicht
-kommen, sondern hörten bei Zeiten mit der Vertiefung auf, so dass die
-Becken, so bald sie etwas vertieft waren, ebene Böden bekamen; und
-diese ebenen Böden, aus dünnen Plättchen des rothgefärbten Wachses
-bestehend, die nicht weiter ausgenagt wurden, kamen, so weit das Auge
-unterscheiden konnte, genau längs den eingebildeten Schneidungs-Ebenen
-zwischen den Becken der zwei entgegengesetzten Seiten des
-Wachs-Streifens zu liegen. Stellenweise waren kleine Anfänge, an
-anderen Stellen grössre Theile rhombischer Tafeln zwischen den
-einander entgegenstehenden Becken übrig geblieben; aber das Werk wurde
-in Folge der unnatürlichen Lage der Dinge nicht zierlich ausgeführt.
-Die Bienen müssen in ungefähr gleichem Verhältniss auf beiden Seiten
-des rothen Wachs-Streifens gearbeitet haben, als sie die kreisrunden
-Vertiefungen von beiden Seiten her ausnagten, um bei Einstellung der
-Arbeit die ebenen Boden-Plättchen auf der Zwischenwand übrig lassen zu
-können.
-
-Berücksichtigt man, wie biegsam dieses Wachs ist, so sehe ich
-keine Schwierigkeit für die Bienen ein, es von beiden Seiten
-her wahrzunehmen, wenn sie das Wachs bis zur angemessenen Dünne
-weggenagt haben, um dann ihre Arbeit einzustellen. In gewöhnlichen
-Bienenwaben schien mir, dass es den Bienen nicht immer gelinge, genau
-gleichen Schrittes von beiden Seiten her zu arbeiten. Denn ich habe
-halb-vollendete Rauten am Grunde einer eben begonnenen Zelle bemerkt,
-die an einer Seite etwas konkav waren, wo nach meiner Vermuthung die
-Bienen ein wenig zu rasch vorgedrungen waren, und auf der anderen
-Seite konvex erschienen, wo sie träger in der Arbeit gewesen. In einem
-sehr ausgezeichneten Falle der Art brachte ich die Wabe in den Korb
-zurück, liess die Bienen kurze Zeit daran arbeiten, und nahm sie darauf
-wieder heraus, um die Zellen aufs Neue zu untersuchen. Ich fand dann
-die Rauten-förmigen Platten ergänzt und von beiden Seiten vollkommen
-eben. Es war aber bei der ausserordentlichen Dünne der rhombischen
-Plättchen unmöglich gewesen, Diess durch ein weiteres Benagen von der
-konvexen Seite her zu bewirken, und ich vermuthe, dass die Bienen in
-solchen Fällen von den entgegengesetzten Zellen aus das biegsame und
-warme Wachs (was nach einem Versuche leicht geschehen kann) in die
-zukömmliche mittle Ebene gedrückt und gebogen haben, bis es flach wurde.
-
-Aus dem Versuche mit dem roth-gefärbten Streifen ist klar zu ersehen,
-dass, wenn die Bienen eine dünne Wachs-Wand zur Bearbeitung vor sich
-haben, sie ihre Zellen von angemessener Form machen können, indem sie
-sich in richtigen Entfernungen von einander halten, gleichen Schritts
-mit der Austiefung vorrücken, und gleiche runde Höhlen machen, ohne
-jedoch deren Zwischenwände zu durchbrechen. Nun machen die Bienen,
-wie man bei Untersuchung des Randes einer in umfänglicher Zunahme
-begriffenen Honigwabe deutlich erkennt, eine rauhe Einfassung oder Wand
-rund um die Wabe, und nagen darin von den entgegengesetzten Seiten ihre
-Zellen aus, indem sie mit deren Vertiefung auch den kreisrunden Umfang
-erweitern. Sie machen nie die ganze dreiseitige Pyramide des Bodens
-einer Zelle auf einmal, sondern nur die eine der drei rhombischen
-Platten, welche dem äussersten in Zunahme begriffenen Rande entspricht,
-oder auch die zwei Platten, wie es die Lage mit sich bringt. Auch
-ergänzen sie nie die oberen Ränder der rhombischen Platten, als bis die
-sechsseitige Zellenwand angefangen wird. Einige dieser Angaben weichen
-von denen des mit Recht berühmten älteren ~Huber~ ab, aber ich
-bin überzeugt, dass sie richtig sind; und wenn es der Raum gestattete,
-so würde ich zeigen, dass sie so mit meiner Theorie in Einklang stehen.
-
-~Huber’s~ Behauptung, dass die allererste Zelle in einer nicht
-vollkommen parallel-seitigen Wachs-Wand ausgehöhlt worden, ist, so
-viel ich gesehen, nicht ganz richtig: der erste Anfang war immer eine
-kleine Haube von Wachs; doch will ich in diese Einzelnheiten hier nicht
-eingehen. Wir sehen, was für einen wichtigen Antheil die Aushöhlung an
-der Zellen-Bildung hat; doch wäre es ein grosser Fehler anzunehmen,
-die Bienen könnten auf eine rauhe Wachs-Wand nicht in geeigneter Lage,
-d. h. längs der Durchschnitts-Ebene zwischen zwei aneinandergrenzenden
-Kreisen bauen. Ich habe verschiedene Musterstücke, welche beweisen,
-dass sie Diess können. Selbst in dem rohen umfänglichen Wachs-Rande
-rund um eine in Zunahme begriffene Wabe beobachtet man zuweilen
-Krümmungen, welche ihrer Lage nach den Ebenen der rautenförmigen
-Grund-Platten künftiger Zellen entsprechen. Aber in allen Fällen muss
-die rauhe Wachs-Wand durch Wegnagung ansehnlicher Theile derselben von
-beiden Seiten her ausgearbeitet werden. Die Art, wie die Bienen bauen,
-ist sonderbar. Sie machen immer die erste rohe Wand zehn bis zwanzig
-mal dicker, als die äusserst feine Scheidewand, die zuletzt zwischen
-den Zellen übrig bleiben soll. Wir werden besser verstehen, wie sie
-zu Werke gehen, wenn wir uns denken, Maurer häuften zuerst einen
-breiten Zäment-Wall auf, begännen dann am Boden denselben von zwei
-Seiten her gleichen Schrittes, bis noch eine dünne Wand in der Mitte,
-wegzuhauen und häuften das Weggehauene mit neuem Zäment immer wieder
-auf dem Rücken des Walles an. Wir haben dann eine dünne stetig in die
-Höhe wachsende Wand, die aber stets noch überragt ist von einem dicken
-rohen Wall. Da alle Zellen, die erst angefangenen sowohl als die schon
-fertigen, auf diese Weise von einer starken Wachs-Masse gekrönt sind,
-so können sich die Bienen auf der Wabe zusammenhäufen und herumtummeln,
-ohne die zarten sechseckigen Zellen-Wände zu beschädigen, welche nach
-Professor ~Miller’s~ Mittheilung im Mittel am Rande der Wabe
-1/353″, an den Platten der Grund-Pyramide aber 1/229″ dick sind.
-Durch diese eigenthümliche Weise zu bauen erhält die Wabe fortwährend
-die erforderliche Stärke mit der grösst-möglichen Ersparung von Wachs.
-
-Anfangs scheint die Schwierigkeit, die Anfertigungs-Weise der Zellen
-zu begreifen, noch dadurch vermehrt zu werden, dass eine Menge von
-Bienen gemeinsam arbeiten, indem jede, wenn sie eine Zeit lang an einer
-Zelle gearbeitet hat, an eine andre geht, so dass, wie Huber bemerkt,
-ein oder zwei Dutzend Individuen sogar am Anfang der ersten Zelle sich
-betheiligen. Es ist mir möglich gewesen, diese Thatsache zu bestätigen,
-indem ich die Ränder der sechsseitigen Wand einer einzelnen Zelle oder
-den äussersten Rand der Umfassungs-Wand einer im Wachsthum begriffenen
-Wabe mit einer äusserst dünnen Schicht flüssigen roth-gefärbten
-Wachses überzog und dann jedesmal fand, dass die Bienen diese Farbe
-auf die zarteste Weise, wie es kein Maler zarter mit seinem Pinsel
-vermocht hätte, vertheilten, indem sie Atome des gefärbten Wachses von
-ihrer Stelle entnahmen und ringsum in die zunehmenden Zellen-Ränder
-verarbeiteten. Diese Art zu bauen kömmt mir vor, wie ein Wetteifer
-zwischen vielen Bienen einander das Gleichgewicht zu halten, indem
-alle Instinkt-gemäss in gleichen Entfernungen von einander stehen,
-und alle gleiche Kreise um sich zu beschreiben suchen, dann aber die
-Durchschnitts-Ebenen zwischen diesen Kreisen entweder aufzubauen oder
-unbenagt zu lassen. Es war in der That eigenthümlich anzusehen, wie
-manchmal in schwierigen Fällen, wenn z. B. zwei Stücke einer Wabe unter
-irgend einem Winkel aneinanderstiessen, die Bienen dieselbe Zelle
-wieder niederrissen und in andrer Art herstellten, mitunter auch zu
-einer Form zurückkehrten, die sie schon einmal verworfen hatten.
-
-Wenn Bienen einen Platz haben, wo sie in zur Arbeit angemessener
-Haltung stehen können, -- z. B auf einem Holz-Stückchen gerade unter
-der Mitte einer abwärts wachsenden Wabe, so dass die Wabe über eine
-Seite des Holzes gebaut werden muss, -- so können sie den Grund zu
-einer Wand eines neuen Sechsecks legen, so dass es genau am gehörigen
-Platze unter den andern fertigen Zellen vorragt. Es genügt, dass die
-Bienen im Stande sind, in zukömmlicher Entfernung von einander und
-von den Wänden der zuletzt vollendeten Zellen zu stehen, und dann
-können sie, nach Maassgabe der eingebildeten Kreise, eine Zwischenwand
-zwischen zwei benachbarten Zellen aufführen; aber, so viel ich
-gesehen, arbeiten sie niemals die Ecken einer Zelle scharf aus, als
-bis ein grosser Theil sowohl dieser als der anstossenden Zellen
-fertig ist. Dieses Vermögen der Bienen unter gewissen Verhältnissen
-an angemessener Stelle zwischen zwei soeben angefangenen Zellen eine
-rauhe Wand zu bilden ist wichtig, weil es eine Thatsache erklärt,
-welche anfänglich die vorangehende Theorie mit gänzlichem Umsturze
-bedrohete, nämlich dass die Zellen auf der äussersten Kante einer
-Bienen-Wabe zuweilen genau sechseckig sind; inzwischen habe ich hier
-nicht Raum auf diesen Gegenstand einzugehen. Dann scheint es mir auch
-keine grosse Schwierigkeit mehr darzubieten, dass ein einzelnes Insekt
-(wie es bei der Bienenkönigin z. B. der Fall ist) sechskantige Zellen
-baut, wenn es nämlich abwechselnd an der Aussen- und der Innen-Seite
-von zwei oder drei gleichzeitig angefangenen Zellen arbeitet und
-dabei immer in der angemessenen Entfernung von den Theilen der
-eben begonnenen Zellen steht, Kreise um sich beschreibt und in den
-Schneidungs-Ebenen Zwischenwände aufführt. Auch ist es zu begreifen,
-dass ein Insekt, indem es seinen Platz am Anfangs-Punkte einer Zelle
-einnimmt, und sich von da auswärts zuerst nach einem und dann nach
-fünf andern Punkten in angemessenen Entfernungen von einander und vom
-Mittelpunkte wendet, der Richtung der Schneidungs-Ebenen folgt und
-so ein einzelnes Sechseck zuwegebringt; doch ist mir nicht bekannt,
-dass ein Fall dieser Art beobachtet worden wäre, wie denn auch aus der
-Erbauung einer einzeln-stehenden sechseckigen Zelle dem Insekt kein
-Vortheil entspränge, indem dieselbe mehr Bau-Material als ein Zylinder
-erheischen würde.
-
-Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung geringer Abweichungen des
-Baues oder Instinktes wirkt, welche alle dem Individuum in seinen
-Lebens-Verhältnissen nützlich sind, so mag man vernünftiger Weise
-fragen, welchen Nutzen eine lange und stufenweise Reihenfolge von
-Abänderungen des Bau-Triebes in der zu seiner jetzigen Vollkommenheit
-führenden Richtung der Stamm-Form unsrer Honig-Bienen habe bringen
-können? Ich glaube, die Antwort ist nicht schwer. Es ist bekannt,
-dass Bienen oft in grosser Noth sind, genügenden Nektar aufzutreiben;
-und ich habe von Herrn ~Tegetmeier~ erfahren, dass er durch
-Versuche ermittelt habe, dass nicht weniger als 12-15 Pfund trocknen
-Zuckers zur Sekretion von jedem Pfund Wachs in einem Bienen-Korbe
-verbraucht werden, daher eine überschwängliche Menge flüssigen Honigs
-eingesammelt und von den Bienen eines Stockes verzehrt werden muss,
-um das zur Erbauung ihrer Waben nöthige Wachs zu erhalten. Überdiess
-muss eine grosse Anzahl Bienen während des Sekretions-Prozesses viele
-Tage lang unbeschäftigt bleiben. Ein grosser Honig-Vorrath ist ferner
-nöthig für den Unterhalt eines starken Stockes über Winter, und es ist
-bekannt, dass die Sicherheit desselben hauptsächlich gerade von seiner
-Stärke abhängt. Daher Ersparniss von Wachs eine grosse Ersparniss von
-Honig veranlasst und eine wesentliche Bedingniss des Gedeihens einer
-Bienen-Familie ist. Für gewöhnlich mag der Erfolg einer Bienen-Art
-von der Zahl ihrer Parasiten und andrer Feinde oder von ganz andern
-Ursachen bedingt und in soferne von der Menge des Honigs unabhängig
-seyn, welche die Bienen einsammeln können. Nehmen wir aber an, diess
-Letzte seye doch wirklich der Fall, wie in der That oft die Menge der
-Hummel-Bienen in einer Gegend davon bedingt ist, und nehmen wir ferner
-an (was in Wirklichkeit nicht so ist), ihre Gemeinde durchlebe den
-Winter und verlange mithin einen Honig-Vorrath, so wäre es in diesem
-Falle für unsre Hummel-Bienen gewiss ein Vortheil, wenn eine geringe
-Veränderung ihres Instinktes sie veranlasste, ihre Wachs-Zellen etwas
-näher an einander zu machen, so dass sich deren kreisrunden Wände
-etwas schnitten; denn eine jede zweien aneinanderstossenden Zellen
-gemeinsam dienende Zwischenwand müsste etwas Wachs ersparen. Es würde
-daher ein zunehmender Vortheil für unsre Hummeln seyn, wenn sie ihre
-Zellen immer regelmässiger machten, immer näher zusammenrückten und
-immer mehr zu einer Masse vereinigten, wie Melipona, weil alsdann ein
-grosser Theil der eine jede Zelle begrenzenden Wand auch andern Zellen
-zur Begrenzung dienen und viel Wachs erspart werden würde. Aus gleichem
-Grunde würde es für die Melipona vortheilhaft seyn, wenn sie ihre
-walzenförmigen Zellen noch näher zusammenrückte und noch regelmässiger
-als jetzt machte, weil dann, wie wir gesehen haben, die kreisförmigen
-Wände gänzlich verschwinden und durch ebene Zwischen-Wände ersetzt
-werden müssten, wo dann die Melipona eine so vollkommene Wabe als
-die Honig-Biene liefern würde. Aber über diese Stufe hinaus kann
-Natürliche Züchtung den Bau-Trieb nicht mehr vervollkommnen, weil die
-Wabe der Honig-Biene, so viel wir einsehen können, hinsichtlich der
-Wachs-Ersparniss unbedingt vollkommen ist.
-
-So kann nach meiner Meinung der wunderbarste aller bekannten Instinkte,
-der der Honig-Biene, durch die Annahme erklärt werden, Natürliche
-Züchtung habe allmählich eine Menge kleiner Abänderungen einfachrer
-Naturtriebe benützt; sie habe auf langsamen Stufen die Bienen geleitet,
-in einer doppelten Schicht gleiche Kreise in gegebenen Entfernungen
-von einander zu ziehen und das Wachs längs ihrer Durchschnitts-Ebenen
-aufzuschichten und auszuhöhlen, wenn auch die Bienen selbst von den
-bestimmten Abständen ihrer Kreise von einander eben so wenig als
-von den Winkeln ihrer Sechsecke und den Rautenflächen am Boden ein
-Bewusstseyn haben. Die treibende Ursache des Prozesses der Natürlichen
-Züchtung war Ersparniss an Wachs, genügende Stärke der Zellen, und
-deren geeignete Form und Grösse für die Larven. Der einzelne Schwarm,
-welcher die besten Zellen machte und am wenigsten Honig zur Sekretion
-von Wachs bedurfte, gedieh am besten und vererbte seinen neu-erworbenen
-Ersparniss-Trieb auf spätre Schwärme, welche dann ihrerseits wieder die
-meiste Wahrscheinlichkeit des Erfolges in dem Kampfe um’s Daseyn hatten.
-
-Man hat auf die vorangehende Anschauungs-Weise über die Entstehung
-des Instinktes erwidert, dass Abänderung von Körperbau und Instinkt
-gleichzeitig und in genauem Verhältnisse zu einander erfolgt seyn
-müssen, weil eine Abänderung des einen ohne entsprechenden Wechsel
-des andern den Thieren hätte verderblich werden müssen. Die Stärke
-dieses Einwandes scheint jedoch gänzlich auf der Annahme zu beruhen,
-dass die beiderlei Veränderungen in Struktur und Instinkt plötzlich
-erfolgten: Kommen wir zur Erläuterung des Falles auf die Kohlmeise
-(Parus major) zurück, von welcher im letzten Kapitel die Rede gewesen.
-Dieser Vogel hält oft auf einem Zweige sitzend Eiben-Saamen zwischen
-seinen Füssen und hämmert darauf los bis er zum Kerne gelangt. Welche
-besondere Schwierigkeit könnte nun für die Natürliche Züchtung in
-der Erhaltung aller geringeren Abänderungen des Schnabels liegen,
-welche ihn zum Aufhacken der Saamen immer besser geeignet machten,
-bis er endlich für diesen Zweck so wohl gebildet wäre, wie der des
-Nusspickers (Sitta), während zugleich die erbliche Gewohnheit, oder
-Mangel an andrem Futter, oder zufällige Veränderungen des Geschmacks
-aus dem Vogel mehr und mehr einen ausschliesslichen Körnerfresser
-werden liessen? Es ist hier angenommen, dass durch Natürliche Züchtung
-der Schnabel nach, aber in Zusammenhang mit, dem langsamen Wechsel der
-Gewohnheit verändert worden seye. Lasse man aber nun auch noch die
-Füsse der Kohlmeise sich verändern und in Correlation mit dem Schnabel
-oder aus irgend einer andern Ursache sich vergrössern, so bleibt es
-doch sehr unwahrscheinlich, dass diese grösseren Füsse den Vogel auch
-mehr und mehr zum Klettern verleiten, bis er auch die merkwürdige
-Neigung und Fähigkeit des Kletterns wie der Nusspicker erlangt. In
-diesem Falle würde denn ein stufenweiser Wechsel des Körper-Baues zu
-einer Veränderung von Instinkt und Lebens-Weise führen. -- Nehmen wir
-einen andern Fall an. Wenige Instinkte sind merkwürdiger als derjenige,
-welcher die Schwalbe der _Ostbritischen_ Inseln veranlasst ihr
-Nest ganz aus verdicktem Speichel zu machen. Einige Vögel bauen ihr
-Nest aus durchspeicheltem Schlamm, und eine _Nordamerikanische_
-Schwalben-Art sah ich ihr Nest aus Reisern mit Speichel und selbst
-mit Flocken von dieser Substanz zusammenkitten. Ist es dann nun
-so unwahrscheinlich, dass Natürliche Züchtung mittelst einzelner
-Schwalben-Individuen, welche mehr und mehr Speichel absondern, endlich
-zu einer Art geführt habe, welche mit Vernachlässigung aller andern
-Bau-Stoffe ihr Nest allein aus verdichtetem Speichel bildete? Und so in
-andern Fällen. Man muss zugeben, dass wir in vielen Fällen gar keine
-Vermuthung darüber haben können, ob Instinkt oder Körper-Bau zuerst
-sich zu ändern begonnen habe; -- noch vermögen wir zu errathen, durch
-welche Abstufungen hindurch viele Instinkte sich haben entwickeln
-müssen, wenn sie sich auf Organe beziehen, über deren ersten Anfänge
-(wie z. B. der Brustzitze) wir gar nichts wissen.
-
-Ohne Zweifel liessen sich noch viele schwer erklärbare Instinkte
-meiner Theorie Natürlicher Züchtung entgegenhalten: Fälle, wo sich die
-Veranlassung zur Entstehung eines Instinktes nicht einsehen lässt;
-Fälle, wo keine Zwischenstufen bekannt sind; Fälle von anscheinend so
-unwichtigen Instinkten, dass kaum abzusehen, wie sich die Natürliche
-Züchtung an ihnen betheiligt haben könne; Fälle von fast gleichen
-Instinkten bei Thieren, welche auf der Stufenleiter der Natur so
-weit auseinander stehen, dass sich deren Übereinstimmung nicht durch
-Ererbung von einer gemeinsamen Stamm-Form erklären lässt, sondern von
-einander unabhängigen Züchtungs-Thätigkeiten zugeschrieben werden muss.
-Ich will hier nicht auf diese mancherlei Fälle eingehen, sondern nur
-bei einer besondern Schwierigkeit stehen bleiben, welche mir anfangs
-unübersteiglich und meiner ganzen Theorie verderblich zu seyn schien.
-Ich will von den geschlechtlosen Individuen oder unfruchtbaren Weibchen
-der Insekten-Kolonien sprechen; denn diese Geschlechtlosen weichen
-sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen in Bau und
-Instinkt oft sehr weit ab und können doch, weil sie steril sind, ihre
-eigenthümliche Beschaffenheit nicht selbst durch Fortpflanzung weiter
-übertragen.
-
-Dieser Gegenstand würde sich zu einer weitläufigen Erörterung
-eignen; doch will ich hier nur einen einzelnen Fall herausheben, die
-Arbeits-Ameisen. Anzugeben wie diese Arbeiter steril geworden sind,
-ist eine grosse Schwierigkeit, doch nicht grösser als bei andren
-auffälligen Abänderungen in der Organisation auch. Denn es lässt sich
-nachweisen, dass einige Sechsfüsser u. a. Kerbthiere im Natur-Zustande
-zuweilen unfruchtbar werden; und falls Diess nun bei gesellig lebenden
-Arten vorgekommen und es der Gemeinde vortheilhaft gewesen ist, dass
-jährlich eine Anzahl zur Arbeit geschickter aber zur Fortpflanzung
-untauglicher Individuen unter ihnen geboren werde, so dürfte keine
-grosse Schwierigkeit für die Natürliche Züchtung mehr stattgefunden
-haben, jenen Zufall zur weitern Entwickelung dieser Anlage zu benützen.
-Doch muss ich über dieses vorläufige Bedenken hinweggehen. Die Grösse
-der Schwierigkeit liegt darin, dass diese Arbeiter sowohl von den
-männlichen wie von den weiblichen Ameisen auch in ihrem übrigen Bau,
-in der Form des Bruststückes, in dem Mangel der Flügel und zuweilen
-der Augen, so wie in ihren Instinkten weit abweichen. Was den Instinkt
-allein betrifft, so hätte sich die wunderbare Verschiedenheit, welche
-in dieser Hinsicht zwischen den Arbeiterinnen und den fruchtbaren
-Weibchen ergibt, noch weit besser bei den Honig-Bienen[29] nachweisen
-lassen. Wäre eine Arbeits-Ameise oder ein andres Geschlecht-loses
-Insekt ein Thier in seinem gewöhnlichen Zustande, so würde ich
-unbedenklich angenommen haben, dass alle seine Charaktere durch
-Natürliche Züchtung entwickelt worden seyen, und dass namentlich, wenn
-ein Individuum mit irgend einer kleinen Nutz-bringenden Abweichung des
-Baues geboren worden wäre, sich diese Abweichung auf dessen Nachkommen
-vererbt habe, welche dann ebenfalls variirten und bei weiterer
-Züchtung voranstunden. In der Arbeits-Ameise aber haben wir ein von
-seinen Ältern weit abweichendes Insekt, unbedingt unfruchtbar, welches
-daher zufällige Abänderungen des Baues nie ererbt haben noch auf eine
-Nachkommenschaft weiter vererben kann. Man muss daher fragen, wie es
-möglich seye, diesen Fall mit der Theorie Natürlicher Züchtung in
-Einklang zu bringen?
-
-Erstens können wir mit unzähligen Beispielen sowohl unter unsern
-kultivirten als unter den natürlichen Erzeugnissen belegen, dass
-Struktur-Verschiedenheiten aller Arten mit gewissen Altern oder mit nur
-einem der zwei Geschlechter in eine feste Wechselbeziehung getreten
-sind. Wir haben Abänderungen, die in solcher Wechselbeziehung nicht
-allein mit nur dem einen Geschlechte, sondern sogar mit bloss der
-kurzen Jahreszeit stehen, wo das Reproductiv-System thätig ist, wie
-das hochzeitliche Kleid vieler Vögel und der Haken-förmige Unterkiefer
-des Salmen. Wir haben auch geringe Unterschiede in den Hörnern einiger
-Rinds-Rassen, welche mit einem künstlich unvollkommenen Zustande des
-männlichen Geschlechtes stehen; denn die Ochsen haben in manchen
-Rassen längre Hörner als in andern, in Vergleich zu denen ihrer Bullen
-oder Kühe. Ich finde daher keine wesentliche Schwierigkeit darin,
-dass ein Charakter mit dem unfruchtbaren Zustande gewisser Mitglieder
-von Insekten-Gemeinden in Correlation steht; die Schwierigkeit liegt
-nur darin zu begreifen, wie solche in Wechselbeziehung stehende
-Abänderungen des Baues durch Natürliche Züchtung langsam gehäuft werden
-konnten.
-
-Diese anscheinend unüberwindliche Schwierigkeit wird aber bedeutend
-geringer oder verschwindet, wie ich glaube, gänzlich, wenn wir
-bedenken, dass Züchtung ebensowohl bei der Familie als bei den
-Individuen anwendbar ist und daher zum erwünschten Ziele führen
-kann. So wird eine wohl-schmeckende Gemüse-Sorte gekocht, und diess
-Individuum ist zerstört; aber der Gärtner säet Saamen vom nämlichen
-Stock und erwartet mit Zuversicht wieder nahezu dieselbe Varietät
-zu ärndten. Rindvieh-Züchter wünschen das Fleisch vom Fett gut
-durchwachsen. Das Thier ist geschlachtet worden, aber der Züchter
-wendet sich mit Vertrauen wieder zur nämlichen Familie. Ich habe
-solchen Glauben an die Macht der Züchtung, dass ich nicht bezweifle,
-dass eine Rinder-Rasse, welche stets Ochsen mit ausserordentlich langen
-Hörnern liefert, langsam gezüchtet werden könne durch sorgfältige
-Anwendung von solchen Bullen und Kühen, die, miteinander gepaart,
-Ochsen mit den längsten Hörnern geben, obwohl nie ein Ochse selbst
-diese Eigenschaft auf Nachkommen zu übertragen im Stande ist. So mag es
-wohl auch mit geselligen Insekten gewesen seyn, eine kleine Abänderung
-im Bau oder Instinkt, welche mit der unfruchtbaren Beschaffenheit
-gewisser Mitglieder der Gemeinde in Zusammenhang steht, hat sich
-für die Gemeinde nützlich erwiesen, in Folge dessen die fruchtbaren
-Männchen und Weibchen derselben besser gediehen und auf ihre
-fruchtbaren Nachkommen eine Neigung übertrugen, unfruchtbare Glieder
-mit gleicher Abänderung hervorzubringen. Und ich glaube, dass dieser
-Vorgang oft genug wiederholt worden ist, bis diese Verschiedenheit
-zwischen den fruchtbaren und unfruchtbaren Weibchen einer Spezies zu
-der wunderbaren Höhe gedieh, wie wir sie jetzt bei vielen gesellig
-lebenden Insekten wahrnehmen.
-
-Aber es gibt noch eine grössere Schwierigkeit, die wir bis jetzt nicht
-berührt haben, indem die Geschlechtlosen bei mehren Ameisen-Arten nicht
-allein von den fruchtbaren Männchen und Weibchen, sondern auch noch
-untereinander selbst in oft unglaublichem Grade abweichen und danach
-in 2-3 Kasten getheilt werden. Diese Kasten gehen in der Regel nicht
-in einander über, sondern sind vollkommen getrennt, so verschieden von
-einander, wie es sonst zwei Arten einer Sippe oder zwei Sippen einer
-Familie zu seyn pflegen. So kommen bei Eciton arbeitende und kämpfende
-Individuen mit ausserordentlich verschiedenen Kinnladen und Instinkten
-vor; bei Cryptocerus tragen die Arbeiter der einen Kaste allein eine
-wunderbare Art von Schild an ihrem Kopfe, dessen Zweck ganz unbekannt
-ist. Bei den _Mexikanischen_ Myrmecocystus verlassen die Arbeiter
-der einen Kaste niemals das Nest; sie werden durch die Arbeiter einer
-andern Kaste gefüttert und haben ein ungeheuer entwickeltes Abdomen,
-das eine Art Honig absondert, der die Stelle desjenigen vertritt,
-welchen unsre Ameisen durch das Melken der Blattläuse erlangen; die
-_Mexikanischen_ gewinnen ihn von Individuen ihrer eignen Art, die
-sie als „Kühe“ im Hause eingestellt halten.
-
-Man mag in der That denken, dass ich ein übermässiges Vertrauen in das
-Prinzip der Natürlichen Züchtung setze, wenn ich nicht zugebe, dass
-so wunderbare und wohl-begründete Thatsachen meine Theorie auf einmal
-gänzlich vernichten. In dem einfacheren Falle, wo Geschlecht-lose
-Ameisen nur von einer Kaste vorkommen, die nach meiner Meinung
-durch Natürliche Züchtung ganz leicht von den fruchtbaren Männchen
-und Weibchen abgetrennt worden seyn können, in diesem Falle dürfen
-wir aus der Analogie mit gewöhnlichen Abänderungen zuversichtlich
-schliessen, dass jede geringe nützliche spätre Abweichung nicht alsbald
-an allen Geschlecht-losen Individuen eines Nestes zugleich, sondern
-nur an einigen wenigen zum Vorschein kam, und dass erst in Folge
-lang-fortgesetzter Züchtung fruchtbarer Ältern, welche die meisten
-Geschlechtlosen mit der nutzbaren Abänderung erzeugen konnten, die
-Geschlechtlosen endlich alle diesen gewünschten Charakter erlangten.
-Nach dieser Ansicht müsste man auch im nämlichen Neste zuweilen noch
-Geschlecht-lose Individuen derselben Insekten-Art finden, welche
-Zwischenstufen der Körper-Bildung darstellen; und diese findet man in
-der That und zwar, wenn man berücksichtigt, wie selten in _Europa_
-diese Geschlechtlosen näher untersucht werden, oft genug. Herr ~F.
-Smith~ hat gezeigt, wie erstaunlich dieselben bei den verschiedenen
-_Englischen_ Ameisen-Arten in der Grösse und mitunter in der Form
-variiren, und dass selbst die äussersten Formen zuweilen vollständig
-durch aus demselben Neste entnommene Individuen unter einander
-verkettet werden können. Ich selbst habe vollkommene Stufenreihen
-dieser Art miteinander vergleichen können. Oft geschieht es, dass die
-grösseren oder die kleineren Arbeiter die zahlreicheren sind, oft auch
-sind beide gleich zahlreich mit einer mittlen Abstufung. Formica flava
-hat grössre und kleinere Arbeiter mit einigen von mittler Grösse;
-und bei dieser Art haben nach Herrn ~Smith’s~ Beobachtung die
-grösseren Arbeiter einfache Augen (Ocelli), welche, wenn auch klein,
-doch deutlich zu beobachten sind, während die Ocellen der kleineren
-nur rudimentär erscheinen. Nachdem ich verschiedene Individuen dieser
-Arbeiter sorgfältig zerlegt habe, kann ich versichern, dass die Ocellen
-der letzten weit rudimentärer sind, als nach ihrer Grösse allein zu
-erwarten gewesen wäre, und ich glaube fest, wenn ich es auch nicht für
-gewiss zu behaupten wage, dass die Arbeiter von mittler Grösse auch
-Ocellen von mittlem Vollkommenheits-Grade besitzen. Es gibt daher zwei
-Gruppen steriler Arbeiter in einem Neste, welche nicht allein in der
-Grösse, sondern auch in den Gesichts-Organen von einander abweichen
-und durch einige wenige Glieder von mittler Beschaffenheit miteinander
-verbunden werden. Ich könnte nun noch weiter gehen und sagen, dass wenn
-die kleineren die nützlicheren für den Haushalt der Gemeinde gewesen
-wären und demzufolge immer diejenigen Männchen und Weibchen, welche die
-kleineren Arbeiter liefern, bei der Züchtung das Übergewicht gewonnen
-hätten, bis alle Arbeiter einerlei Beschaffenheit erlangten, wir eine
-Ameisen-Art haben müssten, deren Geschlecht-losen fast wie bei Myrmica
-beschaffen wären. Denn die Arbeiter von Myrmica haben nicht einmal
-Augen-Rudimente, obwohl deren Männchen und Weibchen wohl entwickelte
-Ocellen besitzen.
-
-Ich will noch ein andres Beispiel anführen. Ich erwartete so
-zuversichtlich, Abstufungen in wesentlichen Theilen des Körper-Baues
-zwischen den verschiedenen Kasten der Geschlecht-losen in einer
-nämlichen Art zu finden, dass ich mir gerne Hrn. ~F. Smith’s~
-Anerbieten zahlreicher Exemplare der Treiber-Ameise (Anomma) aus
-_West-Afrika_ zu Nutz’ machte. Der Leser wird vielleicht
-die Grösse des Unterschiedes zwischen deren Arbeitern am besten
-bemessen, wenn ich ihm nicht die wirklichen Ausmessungen, sondern
-eine streng genaue Vergleichung mittheile. Die Verschiedenheit ist
-eben so gross, als ob wir eine Reihe von Arbeitsleuten ein Haus
-bauen sähen, von welchen viele nur fünf Fuss vier Zoll hoch und
-viele andre bis sechszehn Fuss gross wären (1 : 3); dann müssten wir
-aber noch unterstellen, dass die grösseren vier- statt drei-mal so
-grosse Köpfe als die kleineren und fast fünfmal so grosse Kinnladen
-hätten. Überdiess ändern die Kinnladen dieser Arbeiter wunderbar
-in Form, in Grösse und in der Zahl der Zähne ab. Aber die für uns
-wichtigste Thatsache ist, dass, obwohl man diese Arbeiter in Kasten
-von verschiedener Grösse unterscheiden kann, sie doch unmerklich in
-einander übergehen, wie es auch mit der so weit auseinander weichenden
-Bildung ihrer Kinnladen der Fall ist. Ich kann mit Zuversicht über
-diesen letzten Punkt sprechen, da Hr. ~Lubbock~ Zeichnungen
-dieser Kinnlade mit der Camera lucida für mich angefertigt hat, welche
-ich von den Arbeitern verschiedener Grösse abgelöst hatte.
-
-Mit diesen Thatsachen vor mir glaube ich, dass Natürliche Züchtung
-auf die fruchtbaren Ältern wirkend Arten zu bilden im Stande ist,
-welche regelmässig auch ungeschlechtliche Individuen hervorbringen,
-die entweder alle eine ansehnliche Grösse und gleich beschaffene
-Kinnladen haben, oder welche alle klein und mit Kinnladen von sehr
-veränderlicher Bildung versehen sind, oder welche endlich (und
-Diess ist die Hauptschwierigkeit) zwei Gruppen von verschiedener
-Beschaffenheit darstellen, wovon die eine von gleicher Grösse und
-Bildung und die andre in beiderlei Hinsicht veränderlich ist, beide aus
-einer anfänglichen Stufenreihe wie bei Anomma hervorgegangen, wovon
-aber die zwei äussersten Formen, soferne sie für die Gemeinde die
-nützlichsten sind, durch Natürliche Züchtung der sie erzeugenden Ältern
-immer zahlreicher überwiegend werden, bis die Zwischenstufen gänzlich
-verschwinden.
-
-So ist nach meiner Meinung die wunderbare Erscheinung von zwei streng
-begrenzten Kasten unfruchtbarer Arbeiter in einerlei Nest zu erklären,
-welche beide weit voneinander und von ihren Ältern verschieden sind.
-Es lässt sich annehmen, dass ihre Hervorbringung für eine soziale
-Insekten-Gemeinde nach gleichem Prinzipe, wie die Theilung der Arbeit
-für die zivilisirten Menschen, nützlich geworden seye. Die Ameisen
-arbeiten jedoch mit ererbten Instinkten und mit ererbten Organen und
-Werkzeugen und nicht mit erworbenen Kenntnissen und fabrizirtem Geräthe
-wie der Mensch. Aber ich bin zu bekennen genöthigt, dass ich bei allem
-Vertrauen in die Natürliche Züchtung doch, ohne die vorliegenden
-Thatsachen zu kennen, nie geahnt haben würde, dass dieses Prinzip
-sich in so hohem Grade wirksam erweisen könne. Ich habe desshalb auch
-diesen Gegenstand mit etwas grössrer, obwohl noch ganz ungenügender
-Ausführlichkeit abgehandelt, um daran die Macht Natürlicher Züchtung zu
-zeigen und weil er in der That die ernsteste spezielle Schwierigkeit
-für meine Theorie darbietet. Auch ist der Fall darum sehr interessant,
-weil er zeigt, dass sowohl bei Thieren als bei Pflanzen jeder Betrag
-von Abänderung in der Structur durch Häufung vieler kleinen und
-anscheinend zufälligen Abweichungen von irgend welcher Nützlichkeit,
-ohne alle Unterstützung durch Übung und Gewohnheit, bewirkt werden
-kann. Denn keinerlei Grad von Übung, Gewohnheit und Willen in
-den gänzlich unfruchtbaren Gliedern einer Gemeinde vermöchte die
-Bildung oder Instinkte der fruchtbaren Glieder, welche allein die
-Nachkommenschaft liefern, zu beeinflussen. Ich bin erstaunt, dass
-noch Niemand den lehrreichen Fall der Geschlecht-losen Insekten der
-wohlbekannten Lehre ~Lamarck’s~ von den ererbten Gewohnheiten
-entgegengesetzt hat.
-
-+Zusammenfassung.+) Ich habe in diesem Kapitel versucht kürzlich
-zu zeigen, dass die Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere abändern,
-und dass diese Abänderungen vererblich sind. Und in noch kürzrer Weise
-habe ich darzuthun gestrebt, dass Instinkte im Natur-Zustande etwas
-abändern. Niemand wird bestreiten, dass Instinkte von der höchsten
-Wichtigkeit für jedes Thier sind. Ich sehe daher keine Schwierigkeit,
-warum unter veränderten Lebens-Bedingungen Natürliche Züchtung
-nicht auch im Stande gewesen seyn sollte, kleine Abänderungen des
-Instinktes in einer nützlichen Richtung bis zu jedem Betrag zu häufen.
-In einigen Fällen haben Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch
-wahrscheinlich mitgewirkt. Ich glaube nicht durch die in diesem
-Abschnitte mitgetheilten Thatsachen meine Theorie in irgend einer
-Weise zu stützen; doch ist nach meiner besten Überzeugung auch keine
-dieser Schwierigkeiten im Stande sie umzustossen. Auf der andern
-Seite aber eignen sich die Thatsachen, dass Instinkte nicht immer
-vollkommen und noch Missdeutungen unterworfen sind, -- dass kein
-Instinkt zum ausschliesslichen Vortheil eines andern Thieres vorhanden
-ist, wenn auch jedes Thier von Instinkten andrer Nutzen zieht, -- dass
-der naturhistorische Glaubenssatz „_Natura non facit saltum_“
-ebensowohl auf Instinkte als auf körperliche Bildung anwendbar und aus
-den vorgetragenen Ansichten eben so erklärlich als auf andre Weise
-unerklärbar ist: alle diese Thatsachen eignen sich die Theorie der
-Natürlichen Züchtung zu befestigen.
-
-Diese Theorie wird noch durch einige andre Erscheinungen hinsichtlich
-der Instinkte bestärkt. So durch die gemeine Beobachtung, dass
-einander nahe verwandte aber sicherlich verschiedene Spezies, wenn
-sie von einander entfernte Welttheile bewohnen und unter beträchtlich
-verschiedenen Existenz-Bedingungen leben, doch oft fast dieselben
-Instinkte beibehalten. So z. B. lässt sich aus dem Erblichkeits-Prinzip
-erklären, wie es kommt, dass die _Süd-Amerikanische_ Drossel ihr
-Nest mit Schlamm auskleidet ganz in derselben Weise, wie es unsre
-_Europäische_ Drossel thut; -- wie es kommt, dass die Männchen
-des _Ostindischen_ und des _Afrikanischen_ Nashorn-Vogels,
-welche zu zwei verschiedenen Untersippen von Buceros gehören, beide
-dieselben eigenthümlichen Instinkte besitzen, ihre in Baumhöhlen
-brütenden Weibchen so einzumauern, dass nur noch ein kleines Loch
-in der Kerker-Wand offen bleibt, durch welches sie das Weibchen und
-später auch die Jungen mit Nahrung versehen; -- wie es kommt, dass
-das Männchen des _Amerikanischen_ Zaunkönigs (Troglodytes)
-ein besondres Nest für sich baut, ganz wie das Männchen unsrer
-einheimischen Art: Alles Sitten, die bei andern Vögeln gar nicht
-vorkommen. Endlich mag es wohl keine logisch richtige Folgerung seyn,
-es entspricht aber meiner Vorstellungs-Art weit besser, solche
-Instinkte wie die des jungen Kuckucks, der seine Nährbrüder aus dem
-Neste stösst, -- wie die der Ameisen, welche Sklaven machen, -- oder
-die der Ichneumoniden, welche ihre Eier in lebende Raupen legen: nicht
-als eigenthümlich anerschaffne Instinkte, sondern nur als geringe
-Ausflüsse eines allgemeinen Gesetzes zu betrachten, welches allen
-organischen Wesen zum Vortheil gereicht, nämlich: Vermehrung und
-Abänderung macht die stärksten siegen und die schwächsten erliegen.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Bastard-Bildung.
-
- Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung
- und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. -- Unfruchtbarkeit der Stufe
- nach veränderlich; nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und
- durch Zähmung vermindert. -- Gesetze für die Unfruchtbarkeit der
- Bastarde. -- Unfruchtbarkeit keine besondre Eigenthümlichkeit,
- sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. --
- Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der
- Bastarde. -- Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten
- Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. -- Fruchtbarkeit miteinander
- gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein.
- -- Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit
- verglichen. -- Zusammenfassung.
-
-
-Die allgemeine Meinung der Naturforscher geht dahin, dass Arten im
-Falle der Kreutzung von sich aus unfruchtbar sind, um die Verschmelzung
-aller organischen Formen mit einander zu verhindern. Diese Meinung hat
-anfangs gewiss grosse Wahrscheinlichkeit für sich; denn in derselben
-Gegend beisammen-lebende Arten würden sich, wenn freie Kreutzung
-möglich wäre, kaum getrennt erhalten können. Die Wichtigkeit der
-Thatsache, dass Bastarde sehr allgemein steril sind, ist nach meiner
-Ansicht von einigen neueren Schriftstellern sehr unterschätzt worden.
-Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung ist der Fall um so mehr von
-spezieller Wichtigkeit, als die Unfruchtbarkeit der Bastarde nicht
-wohl vortheilhaft für sie und auch desshalb nicht durch fortgesetzte
-Erhaltung aufeinander-folgender nützlicher Abstufungen der Sterilität
-erworben seyn kann[30]. Ich hoffe jedoch zeigen zu können, dass
-Unfruchtbarkeit nicht eine speziell erworbene oder für sich angeborene
-Eigenschaft ist, sondern mit anderen erworbenen Verschiedenheiten
-zusammenhängt.
-
-Bei Behandlung dieses Gegenstandes hat man zwei Klassen von Thatsachen,
-welche von Grund aus weit verschieden sind, gewöhnlich mit einander
-verwechselt, nämlich die Unfruchtbarkeit zweier Arten bei ihrer ersten
-Kreutzung und die Unfruchtbarkeit der von ihnen erhaltenen Bastarde.
-
-Reine Arten haben regelmässig Fortpflanzungs-Organe von vollkommener
-Beschaffenheit, liefern aber, wenn sie mit einander gekreutzt
-werden, nur wenige oder gar keine Nachkommen. Bastarde dagegen haben
-Reproduktions-Organe, welche zur Dienstleistung unfähig sind, wie man
-aus dem Zustande des männlichen Elementes bei Pflanzen und Thieren
-erkennt, während die Organe selbst ihrer Bildung nach vollkommen sind,
-wie die mikroskopische Untersuchung ergibt. Im ersten Falle sind die
-zweierlei geschlechtlichen Elemente, welche den Embryo liefern sollen,
-vollkommen; im andern sind sie entweder gar nicht oder nur sehr
-unvollständig entwickelt. Diese Unterscheidung ist wesentlich, wenn
-die Ursache der in beiden Fällen stattfindenden Sterilität in Betracht
-gezogen werden soll. Der Unterschied ist wahrscheinlich übersehen
-worden, weil man die Unfruchtbarkeit in beiden Fällen als eine besondre
-Eigenthümlichkeit betrachtet hat, deren Beurtheilung ausser dem
-Bereiche unsrer Kräfte liege.
-
-Die Fruchtbarkeit der Varietäten oder derjenigen Formen, welche von
-gemeinsamen Ältern abstammen oder doch so angesehen werden, bei deren
-Kreutzung, und ebenso die ihrer Blendlinge ist nach meiner Theorie
-von gleicher Wichtigkeit mit der Unfruchtbarkeit der Spezies unter
-einander; denn es scheint sich daraus ein klarer und weiter Unterschied
-zwischen Arten und Varietäten zu ergeben.
-
-Erstens: Die Unfruchtbarkeit miteinander gekreutzter Arten und ihrer
-Bastarde. Man kann unmöglich die verschiedenen Werke und Abhandlungen
-der zwei gewissenhaften und bewundernswerthen Beobachter ~Kölreuter~
-und ~Gärtner~, welche fast ihr ganzes Leben diesem Gegenstande gewidmet
-haben, durchlesen, ohne einen tiefen Eindruck von der Allgemeinheit
-eines höheren oder geringeren Grades der Unfruchtbarkeit gekreutzter
-Arten in sich aufzunehmen. ~Kölreuter~ macht es zur allgemeinen Regel;
-aber er durchhaut den Knoten, indem er in zehn Fällen, wo zwei fast
-allgemein für verschiedene Arten geltende Formen ganz fruchtbar mit
-einander sind, dieselben unbedenklich für blosse Varietäten erklärt.
-Auch ~Gärtner~ macht die Regel zur allgemeinen und bestreitet die zehn
-Fälle gänzlicher Fruchtbarkeit bei ~Kölreuter~. Doch ist ~Gärtner~ in
-diesen wie in vielen andern Fällen genöthigt, die erzielten Saamen
-sorgfältig zu zählen um zu beweisen, dass doch einige Verminderung der
-Fruchtbarkeit stattfindet. Er vergleicht immer die höchste Anzahl der
-von zwei gekreutzten Arten oder ihren Bastarden erzielten Saamen mit
-deren Durchschnittszahl bei den zwei reinen älterlichen Arten in ihrem
-Natur-Stande. Doch scheint mir dabei noch eine Ursache ernsten Irrthums
-mit unterzulaufen. Eine Pflanze, deren Unfruchtbarkeit bewiesen werden
-soll, muss kastrirt und, was oft noch wichtiger ist, eingeschlossen
-werden, damit ihr kein Pollen von andren Pflanzen durch Insekten
-zugeführt werden kann. Fast alle Pflanzen, die zu ~Gärtner’s~ Versuchen
-gedient, waren in Töpfe gepflanzt und, wie es scheint, in einem
-Zimmer seines Hauses untergebracht. Dass aber solches Verfahren die
-Fruchtbarkeit der Pflanzen oft beeinträchtigt haben müsse, lässt sich
-nicht in Abrede stellen. Denn ~Gärtner~ selbst führt in seiner Tabelle
-etwa zwanzig Fälle an, wo er die Pflanzen kastrirte und dann mit ihrem
-eignen Pollen künstlich befruchtete; aber die Leguminosen und andre
-solche Fälle, wo die Manipulation anerkannter Maassen schwierig ist,
-ganz bei Seite gesetzt, zeigte die Hälfte jener zwanzig Pflanzen eine
-mehr und weniger verminderte Fruchtbarkeit. Da nun überdiess ~Gärtner~
-einige Jahre hintereinander die Primula officinalis und Pr. elatior,
-welche wir nur für Varietäten einer Art zu halten einigen Grund haben,
-mit einander kreutzte und doch nur ein- oder zwei-mal fruchtbaren
-Saamen erhielt, -- da er Anagallis arvensis und A. coerulea, welche die
-besten Botaniker nur als Varietäten betrachten, durchaus unfruchtbar
-mit einander fand und noch in mehren analogen Fällen zu gleichem
-Ergebniss gelangte: so scheint mir wohl zu zweifeln erlaubt, ob viele
-andre Spezies wirklich so steril bei der Kreutzung seyen als ~Gärtner~
-behauptet.
-
-Einerseits ist es gewiss, dass die Unfruchtbarkeit mancher Arten bei
-gegenseitiger Kreutzung so ungleich an Stärke ist und so manchfaltige
-Abstufungen darbietet, -- und dass anderseits die Fruchtbarkeit ächter
-Spezies so leicht durch mancherlei Umstände berührt wird, dass es
-für die meisten praktischen Zwecke schwierig ist zu sagen, wo die
-vollkommene Fruchtbarkeit aufhöre und wo die Unfruchtbarkeit beginne?
-Ich glaube, man kann keinen bessern Beweis dafür verlangen, als der
-ist, dass die erfahrensten zwei Beobachter, die es je gegeben, nämlich
-~Kölreuter~ und ~Gärtner~, hinsichtlich einerlei Spezies
-zu schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen gelangt sind. Auch ist
-es sehr belehrend, die von unseren besten Botanikern vorgebrachten
-Argumente über die Frage, ob diese oder jene zweifelhafte Form
-als Art oder als Varietät zu betrachten sey, zu vergleichen mit
-dem aus der Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit nach den Berichten
-verschiedener Bastard-Züchter oder den mehrjährigen Versuchen der
-Verfasser selbst entnommenen Beweise. Es lässt sich daraus darthun,
-dass weder Fruchtbarkeit noch Unfruchtbarkeit einen klaren Unterschied
-zwischen Arten und Varietäten liefert, indem der darauf gestützte
-Beweis stufenweise verschwindet und mithin so, wie die übrigen von der
-organischen Bildung und Thätigkeit hergenommenen Beweise zweifelhaft
-bleibt.
-
-Was die Unfruchtbarkeit der Bastarde auf dem Wege der Inzucht betrifft,
-so hat ~Gärtner~ zwar einige Versuche angestellt und die
-Inzucht während 6-7 und in einem Falle sogar 10 Generationen vor aller
-Kreutzung mit einer der zwei Stammarten geschützt, versichert aber
-ausdrücklich, dass ihre Fruchtbarkeit nie zugenommen, sondern vielmehr
-stark abgenommen habe. Ich zweifle nicht daran, dass Diess gewöhnlich
-der Fall ist und die Fruchtbarkeit in den ersten Generationen oft
-plötzlich abnimmt. Demungeachtet aber glaube ich, dass bei allen diesen
-Versuchen die Fruchtbarkeit durch eine unabhängige Ursache vermindert
-worden ist, nämlich durch die allzu strenge Inzucht. Ich habe eine
-grosse Menge von Thatsachen gesammelt, welche zeigen, dass eine allzu
-strenge Inzucht die Fruchtbarkeit vermindert, während dagegen die
-jeweilige Kreutzung mit einem andern Individuum oder einer andern
-Varietät die Fruchtbarkeit vermehrt, daher ich an der Richtigkeit
-dieser unter den Züchtern fast allgemein verbreiteten Meinung nicht
-zweifeln kann. Bastarde werden selten in grössrer Anzahl zu Versuchen
-erzogen, und da die älterlichen Arten oder andre nahe verwandte
-Arten gewöhnlich im nämlichen Garten wachsen, so müssen die Besuche
-der Insekten während der Blüthe-Zeit sorgfältig verhütet werden,
-daher Bastarde für jede Generation gewöhnlich durch ihren eignen
-Pollen befruchtet werden müssen; und ich bin überzeugt, dass Diess
-ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt, welche durch ihre Bastard-Natur
-schon ohnediess geschwächt ist. In dieser Überzeugung bestärkt mich
-noch eine von ~Gärtner~ mehrmals wiederholte Versicherung,
-dass nämlich die minder fruchtbaren Bastarde sogar, wenn sie mit
-gleichartigem Bastard-Pollen künstlich befruchtet werden, ungeachtet
-des oft schlechten Erfolges der Behandlung, doch zuweilen entschieden
-an Fruchtbarkeit weiter und weiter zunehmen. Nun wird bei künstlicher
-Befruchtung der Pollen oft zufällig (wie ich aus meinen eignen
-Versuchen weiss) von Antheren einer andern als der zu befruchtenden
-Blume genommen, so dass hiedurch eine Kreutzung zwischen zwei Blumen,
-doch gewöhnlich derselben Pflanze, bewirkt wird. Wenn nun ferner ein
-so sorgfältiger Beobachter, als ~Gärtner~ ist, im Verlaufe
-seiner zusammengesetzten Versuche seine Bastarde kastrirt hätte, so
-würde Diess bei jeder Generation eine Kreutzung mit dem Pollen einer
-andern Blume entweder von derselben oder von einer andern Pflanze von
-gleicher Bastard-Beschaffenheit nöthig gemacht haben. Und so kann
-die befremdende Erscheinung, dass die Fruchtbarkeit in aufeinander
-folgenden Generationen von +künstlich+ befruchteten Bastarden
-zugenommen hat, wie ich glaube, dadurch erklärt werden, dass allzu enge
-Inzucht vermieden worden ist.
-
-Wenden wir uns jetzt zu den Ergebnissen, welche sich durch die Versuche
-des dritten der erfahrensten Bastard-Züchter, des Ehrenwerthen und
-Hochwürdigen ~W. Herbert~, herausgestellt haben. Er versichert
-ebenso ausdrücklich, dass manche Bastarde vollkommen fruchtbar und
-nicht minder züchtbar als jede der Stamm-Arten für sich seyen, wie
-~Kölreuter~ und ~Gärtner~ einen gewissen Grad von Sterilität bei
-Kreutzung verschiedener Spezies mit einander für ein allgemeines
-Natur-Gesetz erklären. Seine Versuche bezogen sich auf einige derselben
-Arten, welche auch zu den Experimenten ~Gärtner’s~ gedient hatten. Die
-Verschiedenheit der Ergebnisse, zu welchen beide gelangt sind, lässt
-sich, wie ich glaube, ableiten zum Theile aus ~Herbert’s~ grosser
-Erfahrung in der Blumen-Zucht und zum Theile davon, dass er Warmhäuser
-zu seiner Verfügung hatte. Von seinen vielen wichtigen Ergebnissen will
-ich hier nur eines beispielsweise hervorheben, dass nämlich „jedes
-mit Crinum revolutum befruchtete Ei’chen an einem Stocke von Crinum
-capense auch eine Pflanze lieferte, was ich (sagt er) bei natürlicher
-Befruchtung nie wahrgenommen habe.“ Wir haben mithin hier den Fall
-vollkommener und selbst mehr als vollkommener Fruchtbarkeit bei der
-Kreutzung zweier verschiedener Arten.
-
-Dieser Fall mit Crinum führt mich zu einer ganz eigenthümlichen
-Thatsache, dass es nämlich bei einigen Arten von Lobelia und mehren
-andren Sippen einzelne Pflanzen gibt, welche viel leichter mit dem
-Pollen einer verschiednen andern Art als ihrer eignen befruchtet werden
-können; und gleicherweise scheint es sich auch mit allen Individuen
-fast aller Hippeastrum-Arten zu verhalten. Denn man hat gefunden, dass
-diese Pflanzen, mit dem Pollen einer andern Spezies befruchtet, Saamen
-ansetzen, aber mit ihrem eignen Pollen ganz unfruchtbar sind, obwohl
-derselbe vollkommen gut und wieder andre Arten zu befruchten im Stande
-ist. So können mithin gewisse einzelne Pflanzen und alle Individuen
-gewisser Spezies viel leichter zur Bastard-Zucht dienen, als durch
-sich selbst befruchtet werden. Eine Zwiebel von Hippeastrum aulicum
-z. B. brachte vier Blumen; drei davon wurden mit ihren eigenen Pollen
-befruchtet und die vierte hierauf mit dem Pollen eines aus drei andern
-verschiednen Arten gezüchteten Bastards versehen, und das Resultat war,
-dass „die Ovarien der drei ersten Blumen bald zu wachsen aufhörten und
-nach einigen Tagen gänzlich verdarben, während das Ovarium der mit
-dem Bastard-Pollen versehenen Blume rasch zunahm und reifte und gute
-Saamen lieferte, welche kräftig gediehen“. Im Jahr 1839 schrieb mir
-~Herbert~, dass er den Versuch fünf Jahre lang fortgesetzt habe
-und jedes Jahr mit gleichem Erfolge. Denselben Erfolg hatten auch andre
-Beobachter bei Hippeastrum und dessen Untersippen so wie bei einigen
-andern Geschlechtern, nämlich Lobelia, Passiflora und Verbascum.
-Obwohl diese Pflanzen bei den Versuchen ganz gesund erschienen und
-sowohl Ei’chen als Saamenstaub einer und der nämlichen Blume sich bei
-der Befruchtung mit andern Arten vollkommen gut erwiesen, so waren
-sie doch zur gegenseitigen Selbstbefruchtung funktionell ungenügend,
-und wir müssen daher schliessen, dass sich die Pflanzen in einem
-unnatürlichen Zustande befanden. Jedenfalls zeigen diese Erscheinungen,
-von was für geringen und geheimnissvollen Ursachen die grössre oder
-geringere Fruchtbarkeit der Arten bei der Kreutzung, gegenüber der
-Selbstbefruchtung, zuweilen abhänge.
-
-Die praktischen Versuche der Gartenfreunde, wenn auch nicht mit
-wissenschaftlicher Genauigkeit ausgeführt, verdienen gleichfalls einige
-Beachtung. Es ist bekannt, in welch’ verwickelter Weise die Arten
-von Pelargonium, Fuchsia, Calceolaria, Petunia, Rhododendron u. a.
-gekreutzt worden sind, und doch setzen viele dieser Bastarde Saamen
-an. So versichert ~Herbert~, dass ein Bastard von Calceolaria
-integrifolia und C. plumbaginea, zweier in ihrer allgemeinen
-Beschaffenheit sehr unähnlicher Arten, „sich selbst so vollkommen aus
-Saamen verjüngte, als ob er einer natürlichen Spezies aus den Bergen
-Chile’s angehört hätte“. Ich habe mir einige Mühe gegeben, den Grund
-der Fruchtbarkeit bei einigen durch mehrseitige Kreutzung erzielten
-Rhododendren kennen zu lernen, und die Gewissheit erlangt, dass mehre
-derselben vollkommen fruchtbar sind. Herr ~C. Noble~ z. B.
-berichtet mir, dass er zur Gewinnung von Pfropfreisern Stöcke eines
-Bastardes von Rhododendron Ponticum und Rh. Catawbiense erzieht, und
-dass dieser Bastard „so reichlichen Saamen ansetzt, als man sich
-nur denken kann“. Nähme bei richtiger Behandlung die Fruchtbarkeit
-der Bastarde in aufeinander-folgenden Generationen in der Weise ab,
-wie ~Gärtner~ versichert, so müsste diese Thatsache unsern
-Plantage-Besitzern bekannt seyn. Garten-Freunde erziehen grosse Beete
-voll der nämlichen Bastarde; und diese allein erfreuen sich einer
-richtigen Behandlung; denn hier allein können die verschiedenen
-Individuen einer nämlichen Bastard-Form durch die Thätigkeit der
-Insekten sich untereinander kreutzen und den schädlichen Einflüssen
-zu enger Inzucht entgehen. Von der Wirkung der Insekten-Thätigkeit
-kann jeder sich selbst überzeugen, wenn er die Blumen der sterileren
-Rhododendron-Formen, welche keine Pollen bilden, untersucht; denn er
-wird ihre Narben ganz mit Saamenstaub bedeckt finden, der von andern
-Blumen hergetragen worden ist.
-
-Was die Thiere betrifft, so sind der genauen Versuche viel weniger
-mit ihnen veranstaltet worden. Wenn unsre systematischen Anordnungen
-Vertrauen verdienen, d. h. wenn die Sippen der Thiere eben so
-verschieden von einander als die der Pflanzen sind, dann können
-wir behaupten, dass viel weiter auf der Stufenleiter der Natur
-auseinander-stehende Thiere noch gekreutzt werden können, als es bei
-den Pflanzen der Fall ist; dagegen scheinen die Bastarde unfruchtbarer
-zu seyn. Ich bezweifle, ob auch nur eine Angabe von einem ganz
-fruchtbaren Thier-Bastard als vollkommen beglaubigt angesehen werden
-darf. Man muss jedoch nicht vergessen, dass sich nur wenige Thiere
-in der Gefangenschaft reichlich fortpflanzen und daher nur wenige
-richtige Versuche mit ihnen angestellt werden können. So hat man z. B.
-den Kanarienvogel mit neun andern Finken-Arten gekreutzt, da sich
-aber keine dieser neun Arten in der Gefangenschaft gut fortpflanzt,
-so haben wir kein Recht zu erwarten, dass die ersten Bastarde von
-ihnen und dem Kanarienvogel vollkommen fruchtbar seyn sollen. Ebenso,
-was die Fruchtbarkeit der vergleichungsweise fruchtbaren Bastarde in
-späteren Generationen betrifft, so kenne ich wohl kaum ein Beispiel,
-dass zwei Familien gleicher Bastarde gleichzeitig von verschiedenen
-Ältern erzogen worden wären, um die üblen Folgen allzustrenger Inzucht
-vermeiden zu können, im Gegentheil hat man in jeder nachfolgenden
-Generation die beständig wiederholten Mahnungen aller Züchter nicht
-beachtend, gewöhnlich Brüder und Schwestern miteinander gepaart. Und so
-ist es durchaus nicht überraschend, dass die vererbliche Sterilität der
-Bastarde mit jeder Generation zunahm. Wenn wir in der Absicht darauf
-hinzuwirken immer Brüder und Schwestern reiner Spezies miteinander
-paarten, in welchen aus irgend einer Ursache bereits eine noch so
-geringe Neigung zur Unfruchtbarkeit vorhanden wäre, so würde die Rasse
-gewiss nach wenigen Generationen aussterben.
-
-Obwohl ich keinen irgend wohl-beglaubigten Fall vollkommen fruchtbarer
-Thier-Bastarde kenne, so habe ich doch einige Ursache anzunehmen,
-dass die Bastarde von Cervulus vaginalis und C. Reevesi, und die von
-Phasianus Colchicus und Ph. torquatus vollkommen fruchtbar sind. Es
-unterliegt insbesondere keinem Zweifel, dass diese zwei nahe-verwandte
-Fasanen-Arten sowohl als Ph. versicolor aus _Japan_ in den Wäldern
-einiger Theile von _England_ sich kreutzen und Nachkommen liefern.
-Nach den unlängst in _Frankreich_ nach grossem Maassstabe angestellten
-Versuchen scheint es als ob zwei voneinander so verschiedene Arten, wie
-Hase und Kaninchen, wenn sie zur Paarung miteinander veranlasst werden
-können, eine meistens ganz fruchtbare Nachkommenschaft zu liefern im
-Stande sind. Die Bastarde der gemeinen und der Schwanen-Gans (Anser
-cygnoides), zweier so verschiedener Arten, dass man sie in verschiedene
-Sippen zu stellen pflegt, haben hierzulande oft Nachkommen mit einer
-der reinen Stamm-Arten und in einem Falle sogar unter sich geliefert.
-Diess ist durch Hrn. ~Eyton~ bewirkt worden, der zwei Bastarde von
-gleichen Ältern aber verschiedenen Bruten erzog und dann von beiden
-zusammen nicht weniger als acht Nachkommen aus einem Neste erhielt.
-In _Indien_ dagegen müssen die durch Kreutzung gewonnenen Gänse weit
-fruchtbarer seyn, indem zwei ausgezeichnet befähigte Beurtheiler,
-nämlich Hr. ~Blyth~ und Capt. ~Hutton~, mir versichert haben, dass dort
-in verschiedenen Landes-Gegenden ganze Heerden dieser Bastard-Gans
-gehalten werden; und da Diess des Nutzens wegen geschieht, wo die
-reinen Stamm-Arten gar nicht existiren, so müssen sie nothwendig sehr
-fruchtbar seyn.
-
-Neuere Naturforscher haben grossentheils eine von ~Pallas~
-ausgegangene Lehre angenommen, dass nämlich die meisten unsrer
-Hausthiere von je zwei oder mehr wilden Arten abstammten, welche
-sich seither durch Kreutzung vermischt hätten. Hiernach müssten also
-entweder die Stamm-Arten gleich anfangs ganz fruchtbare Bastarde
-geliefert haben oder die Bastarde erst in späteren Generationen in
-zahmem Zustande ganz fruchtbar geworden seyn. Diese letzte Alternative
-ist mir die wahrscheinlichere. Ich nehme z. B. an, dass unsre Hunde von
-mehren wilden Arten herrühren, und doch sind vielleicht mit Ausnahme
-gewisser in _Süd-Amerika_ gehaltenen Haushunde alle vollkommen
-fruchtbar miteinander; aber die Analogie erweckt grosse Zweifel
-in mir, dass die verschiedenen Stamm-Arten derselben sich anfangs
-freiwillig mit einander gepaart und sogleich ganz fruchtbare Bastarde
-geliefert haben sollen. Ich habe vorhin die Aufmerksamkeit auf den
-_Ostindischen_ Bullochsen [oder Zebu?] geleitet. Wenn ich ihn nun,
-hinsichtlich seiner Lebensweise, seines äussern Körperbaues und seiner
-osteologischen Eigenthümlichkeiten (wie sie Prof. ~Rütimeyer~
-deutlich nachgewiesen) mit unsern _Englischen_ Rassen vergleiche,
-so ist es eine so wohl unterschiedene Art, als irgend eine in der
-Welt; und doch habe ich kürzlich den Beweis erhalten, dass die durch
-Kreutzung beider erzielte Nachkommenschaft unter sich fruchtbar ist.
-Bei dieser Ansicht von der Entstehung vieler unsrer Hausthiere müssen
-wir entweder den Glauben an die fast allgemeine Unfruchtbarkeit einer
-Paarung verschiedener Thier-Arten mit einander aufgeben, oder aber die
-Sterilität nicht als eine unzerstörbare, sondern als eine durch Zähmung
-zu beseitigende Folge einer solchen Kreutzung betrachten.
-
-Überblicken wir endlich alle über die Kreutzung von Pflanzen- und
-Thier-Arten festgestellten Thatsachen, so gelangen wir zum Schlusse,
-dass ein gewisser Grad von Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung
-und den daraus entspringenden Bastarden zwar eine äusserst gewöhnliche
-Erscheinung ist, aber nach dem gegenwärtigen Stand unsrer Kenntnisse
-nicht als unbedingt allgemein betrachtet werden darf.
-
-+Gesetze, welche die Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der
-Bastarde regeln.+) Wir wollen nun die Umstände und die Regeln
-etwas näher betrachten, welche die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit
-der ersten Kreutzung und der Bastarde bestimmen. Unsre Hauptaufgabe
-wird seyn zu erfahren, ob sich nach diesen Regeln Unfruchtbarkeit
-der Arten miteinander als eine denselben inhärente Eigenschaft
-ergibt, deren Bestimmung es wäre eine Kreutzung der Arten bis zur
-äussersten Verschmelzung der Formen zu verhüten, oder ob sich Diess
-nicht herausstellt. Die nachstehenden Regeln und Folgerungen sind
-hauptsächlich aus ~Gärtner’s~ bewundernswerthem Werke über die
-Bastard-Erzeugung bei den Pflanzen entnommen[31]. Ich habe mir viel
-Mühe gegeben zu erfahren, in wie ferne diese Regeln auch auf Thiere
-Anwendung finden, und obwohl unsre Erfahrungen über Bastard-Thiere sehr
-dürftig sind, so war ich doch erstaunt zu sehen, in wie ausgedehntem
-Grade die nämlichen Regeln für beide Reiche gelten.
-
-Es ist bereits bemerkt worden, dass sich die Fruchtbarkeit sowohl
-der ersten Kreutzung als der daraus entspringenden Bastarde von
-Zero an bis zur Vollkommenheit abstuft. Es ist erstaunlich, auf wie
-mancherlei eigenthümliche Weise sich diese Abstufung darthun lässt;
-doch können hier nur die nacktesten Umrisse der Thatsachen geliefert
-werden. Wenn der Pollen einer Pflanze von der einen Familie auf
-die Narbe einer Pflanze von andrer Familie gebracht wird, so hat er
-nicht mehr Wirkung, als eben so viel unorganischer Staub. Wenn man
-aber Saamenstaub von Arten einer Sippe auf das Stigma einer Spezies
-derselben Sippe bringt, so wird der Erfolg ein günstigerer, aber bei
-verschiedenen Arten doch wieder so ungleich, dass sich mittelst der
-Anzahl der jedesmal erzeugten Saamen alle Abstufungen von jenem Zero
-an bis zur vollständigen Fruchtbarkeit und, wie wir gesehen haben, in
-einigen abnormen Fällen sogar über das gewöhnlich bei Selbstbefruchtung
-gewöhnliche Maass hinaus ergeben. So gibt es auch unter den Bastarden
-selber einige, welche sogar mit dem Pollen von einer der zwei reinen
-Stamm-Arten nie auch nur einen fruchtbaren Saamen hervorgebracht haben
-noch wahrscheinlich jemals hervorbringen werden. Doch hat sich in
-einigen dieser Fälle eine erste Spur von der Wirkung eines solchen
-Pollens insoferne gezeigt, als er ein frühzeitigeres Abwelken der Blume
-der Bastard-Pflanze veranlasste, worauf er gebracht worden war; und
-rasches Abwelken einer Blüthe ist bekanntlich ein Zeichen beginnender
-Befruchtung. An diesen äussersten Grad der Unfruchtbarkeit reihen sich
-dann Bastarde an, die durch Selbstbefruchtung eine immer grössre Anzahl
-von Saamen bis zur vollständigen Fruchtbarkeit hervorbringen.
-
-Bastarde von solchen zwei Arten erzielt, welche sehr schwer zu
-kreutzen sind und nur selten einen Nachkommen liefern, pflegen
-selber sehr unfruchtbar zu seyn. Aber der Parallelismus zwischen
-der Schwierigkeit eine erste Kreutzung zu Stande zu bringen, und
-der einen daraus entsprungenen Bastard zu befruchten, -- zwei sehr
-gewöhnlich miteinander verwechselte Klassen von Thatsachen -- ist
-keineswegs strenge. Denn es gibt viele Fälle, wo zwei reine Arten mit
-ungewöhnlicher Leichtigkeit mit einander gepaart werden und zahlreiche
-Bastarde liefern können, welche aber äusserst unfruchtbar sind.
-Anderseits gibt es Arten, welche nur selten oder äusserst schwierig
-zu kreutzen gelingt, aber ihre Bastarde, wenn sie einmal vorhanden,
-sind sehr fruchtbar. Und diese zwei so entgegengesetzten Fälle können
-innerhalb der nämlichen Sippe vorkommen, wie z. B. bei Dianthus.
-
-Die Fruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen als der Bastarde
-wird leichter als die der reinen Arten durch ungünstige Bedingungen
-gefährdet. Aber der Grad der Fruchtbarkeit ist gleicher Weise an sich
-veränderlich; denn der Erfolg ist nicht immer der nämliche, wenn man
-dieselben zwei Arten unter denselben äusseren Umständen kreutzt,
-sondern hängt zum Theile von der Verfassung der zwei zufällig für den
-Versuch ausgewählten Individuen ab. So ist es auch mit den Bastarden,
-indem sich der Grad der Fruchtbarkeit in verschiedenen aus Saamen einer
-Kapsel erzogenen und den nämlichen Bedingungen ausgesetzten Individuen
-oft ganz verschieden erweist.
-
-Mit dem Ausdruck +systematische Affinität+ soll die Ähnlichkeit
-verschiedener Arten in organischer Bildung und Thätigkeit zumal solcher
-Theile bezeichnet werden, welche eine grosse physiologische Bedeutung
-haben und in verwandten Arten nur wenig von einander abweichen. Nun
-ist die Fruchtbarkeit der ersten Kreutzung zweier Spezies und der
-daraus hervorgehenden Bastarde in reichem Maasse abhängig von dieser
-„systematischen Verwandtschaft“. Diess geht deutlich daraus schon
-hervor, dass man noch niemals Bastarde von zwei Arten erzielt hat,
-welche die Systematiker in verschiedene Familien stellen, während es
-dagegen gewöhnlich leicht ist, nahe verwandte Arten miteinander zu
-paaren. Doch ist die Beziehung zwischen systematischer Verwandtschaft
-und Leichtigkeit der Kreutzung keineswegs eine strenge. Denn es liessen
-sich eine Menge Fälle von sehr nahe verwandten Arten anführen, die gar
-nicht oder nur mit grösster Mühe zur Paarung gebracht werden können,
-während mitunter auch sehr verschiedene Arten sich mit grösster
-Leichtigkeit kreutzen lassen. In einer nämlichen Familie können zwei
-Sippen beisammen stehen, wovon die eine wie Dianthus viele solche
-Arten enthält, die sehr leicht zu kreutzen sind, während die der
-andern, z. B. Silene, den beharrlichsten Versuchen eine Kreutzung zu
-bewirken in dem Grade widerstehen, dass man auch noch nicht einen
-Bastard zwischen den einander am nächsten verwandten Arten derselben
-zu erzielen vermochte. Ja selbst innerhalb der Grenzen einer und der
-nämlichen Sippe zeigt sich ein solcher Unterschied. So sind z. B. die
-zahlreichen Nicotiana-Arten mehr unter einander gekreutzt worden, als
-die der meisten übrigen Sippen, und ~Gärtner~ hat gefunden,
-dass N. acuminata, die keineswegs eine besonders abweichende Art
-ist, beharrlich allen Befruchtungs-Versuchen widerstand, so dass von
-acht andern Nicotiana-Arten keine weder sie befruchten noch von ihr
-befruchtet werden konnte. Und analoge Thatsachen liessen sich noch
-viele anführen.
-
-Noch niemand hat auszumitteln vermocht, welche Art oder welcher Grad
-von Verschiedenheit in irgend einem erkennbaren Charakter genüge, um
-die Kreutzung zweier Spezies zu hindern. Es lässt sich nachweisen, dass
-Pflanzen, welche in Lebens-Weise und allgemeiner Tracht am weitesten
-auseinandergehen, welche in allen Theilen ihrer Blüthen sogar bis
-zum Pollen oder in der Frucht oder in den Kotyledonen sehr scharfe
-Unterschiede zeigen, mit einander gekreutzt werden können. Einjährige
-und ausdauernde Gewächs-Arten, winterkahle und immergrüne Bäume,
-Pflanzen für die abweichendsten Standorte und die entgegengesetztesten
-Klimate gemacht, können oft leicht mit einander gekreutzt werden.
-
-Unter +wechselseitiger Kreutzung+ zweier Arten verstehe ich
-den Fall, wo z. B. ein Pferde-Hengst mit einer Eselin und dann ein
-Esel-Hengst mit einer Pferde-Stute gepaart wird; man kann dann
-sagen, diese zwei Arten seyen wechselseitig gekreutzt worden. In der
-Leichtigkeit einer wechselseitigen Kreutzung findet oft der möglich
-grösste Unterschied statt. Solche Fälle sind höchst wichtig, weil
-sie beweisen, dass die Empfänglichkeit für die Kreutzung zwischen
-irgend zwei Arten von ihrer systematischen Verwandtschaft oder von
-irgend welchem kennbaren Unterschied in ihrer ganzen Organisation oft
-ganz unabhängig ist. Dagegen zeigen diese Fälle auch deutlich, dass
-jene Empfänglichkeit mit Unterschieden in der Verfassung des Körpers
-zusammenhängt, welche für uns nicht wahrnehmbar sind und sich auf das
-Reproduktiv-System beschränken. Diese Verschiedenheit der Ergebnisse
-aus wechselseitigen Kreutzungen zwischen je zwei Arten war schon längst
-von ~Kölreuter~ beobachtet worden. So kann, um ein Beispiel
-anzuführen, Mirabilis Jalapa leicht durch den Saamenstaub der M.
-longiflora befruchtet werden, und die daraus entspringenden Bastarde
-sind genügend fruchtbar; aber mehr als zweihundert Male versuchte
-es ~Kölreuter~ im Verlaufe von acht Jahren vergebens die M.
-longiflora nun auch mit Pollen der M. Jalapa zu befruchten. Und so
-liessen sich noch einige andre Beispiele geben. ~Thuret~ hat
-dieselbe Bemerkung an einigen Seepflanzen gemacht, und ~Gärtner~
-noch überdiess gefunden, dass diese Erscheinung in einem geringeren
-Grade ausserordentlich gemein ist. Er hat sie selbst zwischen Formen
-wahrgenommen, welche viele Botaniker nur als Varietäten einer nämlichen
-Art betrachten, wie Matthiola annua und M. glabra. Eben so ist es eine
-bemerkenswerthe Thatsache, dass die beiderlei aus wechselseitiger
-Kreutzung hervorgegangenen Bastarde, wenn auch von denselben zwei
-Stamm-Arten herrührend, hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit gewöhnlich
-in einem geringen, zuweilen aber auch in hohem Grade von einander
-abweichen.
-
-Es lassen sich noch manche andre eigenthümliche Regeln aus
-~Gärtner~ entnehmen, wie z. B. dass manche Arten sich überhaupt
-sehr leicht zur Kreutzung mit andern verwenden lassen, während andren
-Arten derselben Sippe das Vermögen innewohnt, den Bastarden eine grosse
-Ähnlichkeit mit ihnen aufzuprägen; doch stehen beiderlei Fähigkeiten
-nicht in nothwendiger Beziehung zu einander. Es gibt Bastarde, welche,
-statt wie gewöhnlich das Mittel zwischen ihren zwei älterlichen Arten
-zu halten, stets nur einer derselben sehr ähnlich sind; und gerade
-diese äusserlich der einen Stammart so ähnlichen Bastarde sind mit
-seltener Ausnahme äusserst unfruchtbar. Dagegen kommen aber auch unter
-denjenigen Bastarden, welche zwischen ihren Ältern das Mittel zu
-halten pflegen, zuweilen abnorme Individuen vor, die einer der reinen
-Stammarten ausserordentlich gleichen; und diese Bastarde sind dann
-gewöhnlich auch äusserst steril, obwohl die mit ihnen aus gleicher
-Frucht-Kapsel entsprungenen Mittelformen sehr fruchtbar zu seyn
-pflegen. Aus diesen Erscheinungen geht hervor, wie ganz unabhängig die
-Fruchtbarkeit der Bastarde vom Grade ihrer Ähnlichkeit mit ihren beiden
-Stammältern ist.
-
-Aus den bis daher gegebenen Regeln über die Fruchtbarkeit der ersten
-Kreutzungen und der dadurch erzielten Bastarde ergibt sich, dass,
-wenn man Formen, die als gute und verschiedene Arten angesehen werden
-müssen, mit einander paart, ihre Fruchtbarkeit in allen Abstufungen
-von Zero an bis selbst über das unter gewöhnlichen Bedingungen
-stattfindende Maass vollkommener Fruchtbarkeit hinaus wechseln kann.
-Ferner ist ihre Fruchtbarkeit nicht nur äusserst empfindlich für
-günstige und ungünstige Bedingungen, sondern auch an und für sich
-veränderlich. Die Fruchtbarkeit verhält sich nicht immer an Stärke
-gleich bei der ersten Kreutzung und den daraus erzielten Bastarden.
-Die Fruchtbarkeit dieser letzten steht in keinem Verhältniss zu deren
-äusserer Ähnlichkeit mit ihren beiden Ältern. Die Leichtigkeit einer
-ersten Kreutzung zwischen zwei Arten ist nicht von deren systematischer
-Affinität noch von ihrer Ähnlichkeit miteinander abhängig. Dieses
-letzte Ergebniss ist hauptsächlich aus der Verschiedenheit des
-Ergebnisses der Wechselkreutzungen zweier nämlichen Arten erweisbar,
-wo die Paarung gewöhnlich etwas, mitunter aber auch viel leichter oder
-schwerer erfolgt, je nachdem man den Vater von der einen oder von der
-andern der zwei gekreutzten Arten nimmt. Endlich sind die zweierlei
-durch Wechselkreutzung erzielten Bastarde oft in ihrer Fruchtbarkeit
-verschieden.
-
-Nun fragt es sich, ob aus diesen eigenthümlich verwickelten Regeln
-hervorgehe, dass die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit der Arten bei
-deren Kreutzung den Zweck habe, ihre Vermischung im Natur-Zustande
-zu verhüten! Ich glaube nicht. Denn warum wäre in diesem Falle der
-Grad der Unfruchtbarkeit so ausserordentlich verschieden, da wir doch
-annehmen müssen diese Verhütung seye gleich wichtig bei allen? Warum
-wäre sogar schon eine angeborene Verschiedenheit zwischen Individuen
-einer nämlichen Art vorhanden? Zu welchem Ende sollten manche Arten
-so leicht zu kreutzen seyn und doch sehr sterile Bastarde erzeugen,
-während andre sich nur sehr schwierig paaren lassen und vollkommen
-fruchtbare Bastarde liefern? Wozu sollte es dienen, dass die zweierlei
-Produkte einer Wechselkreutzung zwischen den nämlichen Arten sich
-oft so sehr abweichend verhalten? Wozu, kann man sogar fragen, soll
-überhaupt die Möglichkeit Bastarde zu liefern dienen? Es scheint doch
-eine wunderliche Anordnung zu seyn, dass die Arten das Vermögen haben
-Bastarde zu bilden, deren weitre Fortpflanzung aber durch verschiedene
-Grade von Sterilität gehemmt ist, welche in keiner Beziehung zur
-Leichtigkeit der ersten Kreutzung zweier Ältern verschiedener Spezies
-miteinander stehen.
-
-Die voranstehenden Regeln und Thatsachen scheinen mir dagegen deutlich
-zu beweisen, dass die Unfruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen
-als der Bastarde von unbekannten Verhältnissen hauptsächlich
-im Fortpflanzungs-Systeme der gekreutzten Arten abhänge. Die
-Verschiedenheiten sind von so eigenthümlicher und beschränkter Natur,
-dass bei wechselseitigen Kreutzungen zwischen zwei Arten oft das
-männliche Element der einen von üppiger Wirkung auf das weibliche
-der andern ist, während bei der Kreutzung in der andern Richtung das
-Gegentheil eintritt. Es wird angemessen seyn durch ein Beispiel etwas
-vollständiger auseinander zu setzen, was ich unter der Bemerkung
-verstehe, dass Sterilität mit andern Ursachen zusammenhänge und nicht
-eine spezielle Eigenthümlichkeit für sich bilde. Die Fähigkeit einer
-Pflanze sich auf eine andre zweigen oder nicht zweigen und okuliren
-zu lassen, ist für deren Gedeihen im Natur-Zustande so gänzlich
-gleichgiltig, dass wohl niemand diese Fähigkeit für eine spezielle
-Anordnung der Natur halten, sondern jedermann anzunehmen geneigt seyn
-wird, sie falle mit Verschiedenheiten in den Wachsthums-Gesetzen
-der zwei Pflanzen zusammen. Den Grund davon, dass eine Art auf der
-andern etwa nicht anschlagen will, kann man zuweilen in abweichender
-Wachsthums-Weise, Härte des Holzes, Natur des Saftes, Zeit der Blüthe
-u. dgl. finden; in sehr vielen Fällen aber lässt sich gar keine
-Ursache dafür ergeben. Denn selbst sehr bedeutende Verschiedenheiten
-in der Grösse der zwei Pflanzen, oder in holziger und krautartiger,
-immergrüner und sommergrüner Beschaffenheit und selbst ihre Anpassung
-an ganz verschiedene Klimate bilden nicht immer ein Hinderniss ihrer
-Aufeinanderpropfung. Wie bei der Bastard-Bildung so ist auch beim
-Propfen die Fähigkeit durch systematische Affinität beschränkt; denn
-es ist noch nie gelungen Holzarten aus ganz verschiedenen Familien
-aufeinanderzusetzen, während dagegen nahe verwandte Arten einer
-Sippe und Varietäten einer Art gewöhnlich, aber nicht immer, leicht
-aufeinander gepropft werden können. Doch ist auch dieses Vermögen eben
-so wenig als das der Bastard-Bildung durch systematische Verwandtschaft
-in absoluter Weise bedingt. Denn wenn auch viele verschiedene Sippen
-einer Familie aufeinander zu propfen gelungen ist, so nehmen doch
-wieder in andern Fällen sogar Arten einer nämlichen Sippe einander
-nicht an. Der Birnbaum kann viel leichter auf den Quittenbaum, den
-man zu einem eignen Genus erhoben, als auf den Apfelbaum gezweigt
-werden, der mit ihm zur nämlichen Sippe gehört. Selbst verschiedene
-Varietäten der Birne schlagen nicht mit gleicher Leichtigkeit auf dem
-Quittenbaum an, und eben so verhalten sich verschiedene Aprikosen- und
-Pfirsich-Varietäten dem Pflaumen-Baume gegenüber.
-
-Wie nach ~Gärtner~ zuweilen eine angeborene Verschiedenheit im
-Verhalten der Individuen zweier zu kreutzenden Arten vorhanden ist,
-so glaubt ~Sagaret~ auch an eine angeborene Verschiedenheit im
-Verhalten der Individuen zweier aufeinander zu propfender Arten. Wie
-bei Wechselkreutzungen die Leichtigkeit der zweierlei Paarungen oft
-sehr ungleich ist, so verhält es sich oft auch bei dem wechselseitigen
-Verpropfen. So kann die gemeine Stachelbeere z. B. auf den
-Johannisbeer-Strauch gezweigt werden, dieser wird aber nur schwer auf
-dem Stachelbeer-Strauch anschlagen.
-
-Wir haben gesehen, dass die Unfruchtbarkeit der Bastarde, deren
-Reproduktions-Organe von unvollkommener Beschaffenheit sind, eine
-ganz andere Sache ist, als die Schwierigkeit zwei reine Arten mit
-vollständigen Organen mit einander zu paaren; doch laufen beide
-Fälle bis zu gewissem Grade mit einander parallel. Etwas Ähnliches
-kommt auch beim Propfen vor; denn ~Thouin~ hat gefunden, dass
-die drei Robinia-Arten, welche auf eigner Wurzel reichlichen Saamen
-gebildet hatten und sich leicht auf einander zweigen liessen, durch die
-Aufeinanderimpfung unfruchtbar gemacht wurden; während dagegen gewisse
-Sorbus-Arten, eine auf die andre gesetzt, doppelt so viel Früchte als
-auf eigner Wurzel lieferten. Diess erinnert uns an die oben-erwähnten
-ausserordentlichen Fälle bei Hippeastrum, Lobelia u. dgl., welche viel
-reichlicher fruktifiziren, wenn sie mit Pollen einer andern Art als
-wenn sie mit ihren eignen Pollen versehen werden.
-
-Wir sehen daher, dass, wenn auch ein klarer und gründlicher
-Unterschied zwischen der blossen Adhäsion auf einander gepropfter
-Stöcke und der Zusammenwirkung männlicher und weiblicher Urstoffe
-zum Zwecke der Fortpflanzung stattfindet, sich doch ein gewisser
-Parallelismus zwischen den Wirkungen der Impfung und der Befruchtung
-verschiedener Arten mit einander kundgibt. Wenn wir die sonderbaren und
-verwickelten Regeln, welche die Leichtigkeit der Propfung bedingen,
-als mit unbekannten Verschiedenheiten in den vegetativen Organen
-zusammenhängend betrachten, so müssen wir nach meiner Meinung auch die
-viel zusammengesetzteren für die Leichtigkeit der ersten Kreutzungen
-mit unbekannten Verschiedenheiten in ihrem Reproduktiv-Systeme im
-Zusammenhang stehend ansehen. Diese Verschiedenheiten folgen, wie
-sich erwarten lässt, bis zu einem gewissen Grade der systematischen
-Affinität, durch welche Bezeichnung jede Art von Ähnlichkeit und
-Unähnlichkeit zwischen organischen Wesen ausgedrückt werden soll. Die
-Thatsachen scheinen mir in keiner Weise anzuzeigen, dass die grössre
-oder geringere Schwierigkeit verschiedene Arten auf und mit einander
-zu propfen und zu kreutzen eine besondre Eigenthümlichkeit ist, obwohl
-dieselbe beim Kreutzen für die Dauer und Stetigkeit der Art-Formen eben
-so wichtig als beim Propfen unwesentlich für deren Gedeihen ist.
-
-+Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen und
-der Bastarde.+) Sehen wir uns nun etwas näher um nach den
-wahrscheinlichen Ursachen der Sterilität der ersten Kreutzungen und der
-Bastarde. Diese zwei Fälle sind von Grund aus verschieden, da, wie oben
-bemerkt worden, die männlichen und die weiblichen Geschlechtstheile
-bei Paarung zweier reinen Arten vollkommen, bei Bastarden aber
-unvollkommen sind. Selbst bei ersten Kreutzungen hängt die grössre
-oder geringere Schwierigkeit, eine Paarung zu bewirken, anscheinend
-von mehren verschiedenen Ursachen ab. Oft liegt sie in der physischen
-Unmöglichkeit für das männliche Element bis zum Ei’chen zu gelangen,
-wie es bei solchen Pflanzen der Fall, deren Pistill so lang ist, dass
-die Pollen-Schläuche nicht bis ins Ovarium hinabreichen können. So
-ist auch beobachtet worden, dass wenn der Pollen einer Art auf das
-Stigma einer nur entfernt damit verwandten Art gebracht wird, die
-Pollen-Schläuche zwar hervortreten, aber nicht in die Oberfläche
-des Stigmas eindringen. In andern Fällen kann das männliche Element
-zwar das weibliche erreichen aber unfähig seyn, die Entwickelung des
-Embryos zu bewirken, wie Das aus einigen Versuchen ~Thurets~
-mit Seetangen hervorzugehen scheint. Wir können diese Thatsachen
-eben so wenig erklären, als warum gewisse Holzarten nicht auf andre
-gepropft werden können. Endlich kann es auch vorkommen, dass ein Embryo
-sich zwar zu entwickeln beginnt, aber schon in der nächsten Zeit zu
-Grunde geht. Diese letzte Möglichkeit ist nicht genügend aufgeklärt
-worden; doch glaube ich nach den von Hrn. ~Hewitt~ erhaltenen
-Mittheilungen, welcher grosse Erfahrung in der Bastard-Züchtung der
-Hühner-artigen Vögel besessen, dass der frühzeitige Tod des Embryos
-eine sehr häufige Ursache des Fehlschlagens der ersten Kreutzungen
-ist. Ich war anfangs sehr wenig daran zu glauben geneigt, weil
-Bastarde, wenn sie einmal geboren sind, sehr kräftig und langlebend zu
-seyn pflegen, wie Maulthier und Maulesel zeigen. Überdiess befinden
-sich Bastarde vor und nach der Geburt unter ganz verschiedenen
-Verhältnissen. In einer Gegend geboren und lebend, wo auch ihre beiden
-Ältern leben, mögen ihnen die Lebens-Bedingungen wohl zusagen. Aber ein
-Bastard hat nur halb an der organischen Bildung und Thätigkeit seiner
-Mutter Antheil und mag mithin vor der Geburt, so lange als er sich noch
-im Mutterleibe oder in den von der Mutter hervorgebrachten Eiern und
-Saamen befindet, einigermassen ungünstigeren Bedingungen ausgesetzt
-und demzufolge in der ersten Zeit leichter zu Grunde zu gehen geneigt
-seyn, zumal alle sehr jungen Wesen gegen schädliche und unnatürliche
-Lebens-Verhältnisse ausserordentlich empfindlich sind.
-
-Hinsichtlich der Sterilität der Bastarde, deren Sexual-Organe
-unvollkommen entwickelt sind, verhält sich die Sache ganz anders.
-Ich habe schon mehrmals angeführt, dass ich eine grosse Menge von
-Thatsachen gesammelt habe, welche zeigen, dass, wenn Pflanzen und
-Thiere aus ihren natürlichen Verhältnissen gerissen werden, es
-vorzugsweise die Fortpflanzungs-Organe sind, welche dabei angegriffen
-werden. Diess ist in der That die grosse Schranke für die Zähmung der
-Thiere. Zwischen der dadurch veranlassten Unfruchtbarkeit derselben
-und der der Bastarde sind manche Ähnlichkeiten. In beiden Fällen ist
-die Sterilität unabhängig von der Gesundheit im Allgemeinen und oft
-begleitet von vermehrter Grösse und Üppigkeit. In beiden Fällen kommt
-die Unfruchtbarkeit in vielerlei Abstufungen vor; in beiden leidet
-das männliche Element am meisten, zuweilen aber das Weibchen doch
-noch mehr als das Männchen. In beiden geht die Fruchtbarkeit bis zu
-gewisser Stufe gleichen Schritts mit der systematischen Verwandtschaft;
-denn ganze Gruppen von Pflanzen und Thieren werden durch dieselben
-unnatürlichen Bedingungen impotent, und gleiche Gruppen von Arten
-neigen zur Hervorbringung unfruchtbarer Bastarde. Dagegen widersteht
-zuweilen eine einzelne Art in einer Gruppe grossen Veränderungen in
-den äusseren Bedingungen mit ungeschwächter Fruchtbarkeit, und gewisse
-Arten einer Gruppe liefern ungewöhnlich fruchtbare Bastarde. Niemand
-kann, ehe er es versucht hat, voraussagen, ob dieses oder jenes Thier
-in der Gefangenschaft und ob diese oder jene ausländische Pflanze
-während ihres Anbaues sich gut fortpflanzen wird, noch ob irgend welche
-zwei Arten einer Sippe mehr oder weniger sterile Bastarde mit einander
-hervorbringen werden. Endlich, wenn organische Wesen während mehrer
-Generationen in für sie unnatürliche Verhältnisse versetzt werden, so
-sind sie ausserordentlich zu variiren geneigt, was, wie ich glaube,
-davon herrührt, dass ihre Reproduktiv-Systeme vorzugsweise angegriffen
-sind, obwohl in mindrem Grade als wenn gänzliche Unfruchtbarkeit
-folgt. Eben so ist es mit Bastarden; denn Bastarde sind in
-aufeinander-folgenden Generationen sehr zu variiren geneigt, wie es
-jeder Züchter erfahren hat.
-
-So sehen wir denn, dass, wenn organische Wesen in neue und unnatürliche
-Verhältnisse versetzt, und wenn Bastarde durch unnatürliche Kreutzung
-zweier Arten erzeugt werden, das Reproduktiv-System ganz unabhängig
-von der allgemeinen Gesundheit, in ganz eigenthümlicher Weise
-von Unfruchtbarkeit betroffen wird. In dem einen Falle sind die
-Lebens-Bedingungen gestört worden, obwohl oft nur in einem für uns
-nicht wahrnehmbaren Grade; in dem andern, bei den Bastarden nämlich,
-sind jene Verhältnisse unverändert geblieben, aber die Organisation
-ist dadurch gestört worden, dass zweierlei Bau und Verfassung des
-Körpers mit einander vermischt worden ist. Denn es ist kaum möglich,
-dass zwei Organisationen in eine verbunden werden, ohne einige Störung
-in der Entwickelung oder in der periodischen Thätigkeit oder in den
-Wechselbeziehungen der verschiedenen Theile und Organe zu einander
-oder endlich in den Lebens-Beziehungen zu veranlassen. Wenn Bastarde
-fähig sind sich unter sich fortzupflanzen, so übertragen sie von
-Generation zu Generation auf ihre Abkommen dieselbe Vereinigung
-zweier Organisationen, und wir dürfen daher nicht erstaunen, ihre
-Unfruchtbarkeit, wenn auch einigem Schwanken unterworfen, selten
-abnehmen zu sehen.
-
-Wir müssen jedoch bekennen, dass wir, von haltlosen Hypothesen
-abgesehen, nicht im Stande sind, gewisse Thatsachen in Bezug auf die
-Unfruchtbarkeit der Bastarde zu begreifen, wie z. B. die ungleiche
-Fruchtbarkeit der zweierlei Bastarde aus der Wechselkreutzung, oder
-die zunehmende Unfruchtbarkeit derjenigen Bastarde, welche zufällig
-oder ausnahmsweise einem ihrer beiden Ältern sehr ähnlich sind. Auch
-bilde ich mir nicht ein, durch die vorangehenden Bemerkungen der Sache
-auf den Grund zu kommen; denn wir haben keine Erklärung dafür, warum
-ein Organismus unter unnatürlichen Lebens-Bedingungen unfruchtbar
-wird. Alles, was ich habe zeigen wollen, ist, dass in zwei in mancher
-Beziehung einander ähnlichen Fällen Unfruchtbarkeit das gleiche
-Resultat ist, in dem einen Falle, weil die äussren Lebens-Bedingungen,
-und in dem andern weil durch Verbindung zweier Bildungen in eine die
-Organisation selbst gestört worden sind.
-
-Es mag wunderlich scheinen, aber ich vermuthe, dass ein gleicher
-Parallelismus noch in einer andern zwar verwandten, doch an sich
-sehr verschiedenen Reihe von Thatsachen besteht. Es ist ein alter
-und fast allgemeiner Glaube, welcher meines Wissens auf einer Masse
-von Erfahrungen beruhet, dass leichte Veränderungen in den äusseren
-Lebens-Bedingungen für alle Lebewesen wohlthätig sind. Wir sehen
-daher Landwirthe und Gärtner beständig ihre Saamen, Knollen u. s. w.
-austauschen, sie aus einem Boden und Klima ins andre und endlich
-wohl auch wieder zurück versetzen. Während der Wiedergenesung von
-Thieren sehen wir sie oft grossen Vortheil aus diesem oder jenem
-Wechsel in ihrer Lebens-Weise ziehen. So sind auch bei Pflanzen und
-Thieren reichliche Beweise vorhanden, dass eine Kreutzung zwischen
-sehr verschiedenen Individuen einer Art, nämlich zwischen solchen
-von verschiedenen Stämmen oder Unterrassen, der Nachzucht Kraft und
-Fruchtbarkeit verleihe. Ich glaube in der That, nach den im vierten
-Kapitel angeführten Thatsachen, dass ein gewisses Maass von Kreutzung
-selbst für Hermaphroditen unentbehrlich ist, und dass enge Inzucht
-zwischen den nächsten Verwandten einige Generationen lang fortgesetzt,
-zumal wenn dieselben unter gleichen Lebens-Bedingungen gehalten werden,
-endlich schwache und unfruchtbare Sprösslinge liefert.
-
-So scheint es mir denn, dass einerseits geringe Wechsel der
-Lebens-Bedingungen allen organischen Wesen vortheilhaft sind, und
-dass anderseits schwache Kreutzungen, nämlich zwischen verschiedenen
-Stämmen und geringen Varietäten einer Art, der Nachkommenschaft Kraft
-und Stärke verleihen. Dagegen haben wir aber auch gesehen, dass
-stärkere Wechsel der Verhältnisse und zumal solche von gewisser Art
-die Organismen oft in gewissem Grade unfruchtbar machen können, wie
-auch stärkere Kreutzungen, nämlich zwischen sehr verschiedenen oder in
-gewissen Beziehungen von einander abweichenden Männchen und Weibchen
-Bastarde hervorbringen, die gewöhnlich einigermaassen unfruchtbar
-sind. Ich vermag mich nicht zu überreden, dass dieser Parallelismus
-auf einem blossen Zufalle oder einer Täuschung beruhen solle. Beide
-Reihen von Thatsachen scheinen durch ein gemeinsames aber unbekanntes
-Band mit einander verkettet, welches mit dem Lebens-Prinzipe wesentlich
-zusammenhängt.
-
-+Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge.+)
-Man mag uns als einen sehr kräftigen Beweis-Grund entgegenhalten,
-es müsse irgend ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten und
-Varietäten seyn und sich irgend ein Irrthum durch alle vorangehenden
-Bemerkungen hindurchziehen, da ja Varietäten, wenn sie in ihrer
-äusseren Erscheinung auch noch so sehr auseinandergehen, sich doch
-leicht kreutzen und vollkommene fruchtbare Nachkommen liefern. Ich gebe
-mit einigen sogleich nachzuweisenden Ausnahmen vollkommen zu, dass sich
-Diess meistens unabänderlich so verhält. Aber dieser Fall bietet noch
-grosse Schwierigkeiten dar; denn wenn wir die in der Natur vorkommenden
-Varietäten betrachten, so werden wir unmittelbar in hoffnungslose
-Schwierigkeiten eingehüllt, weil, sobald zwei bisher als Varietäten
-angesehene Formen sich einigermaassen steril mit einander zeigen,
-dieselben von den meisten Naturforschern sogleich zu Arten erhoben
-werden. So sind z. B. die rothe und die blaue Anagillis, die hell-
-und die dunkel-gelbe Schlüsselblume, welche die meisten unsrer besten
-Botaniker für blosse Varietäten halten, nach ~Gärtner~ bei der
-Kreutzung nicht vollkommen fruchtbar und werden desshalb von ihm als
-unzweifelhafte Arten bezeichnet. Wenn wir daraus im Zirkel schliessen,
-so muss die Fruchtbarkeit aller natürlich entstandenen Varietäten als
-erwiesen angesehen werden.
-
-Auch wenn wir uns zu den erwiesener oder vermutheter Maassen im
-Kultur-Zustande erzeugten Varietäten wenden, sehen wir uns noch in
-Zweifel verwickelt. Denn wenn es z. B. feststeht, dass der deutsche
-Spitz-Hund sich leichter als andre Hunde-Rassen mit dem Fuchse
-paart, oder dass gewisse in _Südamerika_ einheimische Haushunde
-sich nicht wirklich mit Europäischen Hunden kreutzen, so ist die
-Erklärung, welche jedem einfallen wird und wahrscheinlich auch die
-richtige ist, die, dass diese Hunde von verschiedenen wilden Arten
-abstammen. Dem ungeachtet ist die vollkommene Fruchtbarkeit so vieler
-gepflegter Varietäten, die in ihrem äusseren Ansehen so weit von
-einander verschieden sind, wie die der Tauben und des Kohles, eine
-merkwürdige Thatsache, besonders wenn wir erwägen, wie zahlreiche Arten
-es gibt, die äusserlich einander sehr ähnlich, doch bei der Kreutzung
-ganz unfruchtbar mit einander sind. Verschiedene Betrachtungen
-jedoch lassen die Fruchtbarkeit der gepflegten Varietäten weniger
-merkwürdig erscheinen, als es anfänglich der Fall ist. Denn erstens
-müssen wir uns erinnern, wie wenig wir über die wahre Ursache der
-Unfruchtbarkeit sowohl der miteinander gekreutzten als der ihren
-natürlichen Lebens-Bedingungen entfremdeten Arten wissen. Hinsichtlich
-dieses letzten Punktes hat mir der Raum nicht gestattet, die vielen
-merkwürdigen Thatsachen aufzuzählen, die ich gesammelt habe; was die
-Unfruchtbarkeit betrifft, so spiegelt sie sich in der Verschiedenheit
-der beiderlei Bastarde der Wechselkreutzung sowie in den
-eigenthümlichen Fällen ab, wo eine Pflanze leichter durch fremden als
-durch ihren eigenen Saamenstaub befruchtet werden kann. Wenn wir über
-diese und andre Fälle, wie über den nachher zu berichtenden von den
-verschieden gefärbten Varietäten der Verbascum thapsus nachdenken, so
-müssen wir fühlen, wie gross unsre Unwissenheit und wie klein für uns
-die Wahrscheinlichkeit ist zu begreifen, woher es komme, dass bei der
-Kreutzung gewisse Formen fruchtbar und andre unfruchtbar sind. Es lässt
-sich zweitens klar nachweisen, dass die blosse äussre Unähnlichkeit
-zwischen zwei Arten deren grössre oder geringere Unfruchtbarkeit im
-Falle einer Kreutzung nicht bedingt; und dieselbe Regel wird auch auf
-die gepflegten Varietäten anzuwenden seyn. Drittens glauben einige
-ausgezeichnete Naturforscher, dass ein lang-dauernder Zähmungs- oder
-Kultur-Zustand geeignet seye, die Unfruchtbarkeit der Bastarde, welche
-anfangs nur wenig steril gewesen sind, in aufeinander-folgenden
-Generationen mehr und mehr zu verwischen; und wenn Diess der Fall, so
-werden wir gewiss nicht erwarten dürfen, Sterilität unter dem Einflusse
-von nahezu den nämlichen Lebens-Bedingungen erscheinen und verschwinden
-zu sehen. Endlich, und Diess scheint mir bei weitem die wichtigste
-Betrachtung zu seyn, bringt der Mensch neue Pflanzen- und Thier-Rassen
-im Kultur-Zustande durch die Kraft planmässiger oder unbewusster
-Züchtung zu eignem Nutzen und Vergnügen hervor; er will nicht und kann
-nicht die kleinen Verschiedenheiten im Reproduktiv-Systeme oder andre
-mit dem Reproduktiv-Systeme in Wechselbeziehung stehenden Unterschiede
-zum Gegenstande seiner Züchtung machen. Die Erzeugnisse der Kultur
-und Zähmung sind dem Klima und andern physischen Lebens-Bedingungen
-viel minder vollkommen als die der Natur angepasst; denn gewöhnlich
-lassen sie sich ohne Nachtheil in andre Gegenden von verschiedener
-Beschaffenheit verpflanzen. Der Mensch versieht diese verschiedenen
-Abänderungen mit der nämlichen Nahrung, behandelt sie fast auf dieselbe
-Weise und will ihre allgemeine Lebens-Weise nicht ändern. Die Natur
-wirkt einförmig und langsam während unermesslicher Zeit-Perioden auf
-die gesammte Organisation der Geschöpfe in einer Weise, die zu deren
-eignem Besten dient; und so mag sie unmittelbar oder wahrscheinlicher
-mittelbar, durch Correlation, auch das Reproduktiv-System in den
-mancherlei Abkömmlingen einer nämlichen Art abändern. Wenn man diese
-Verschiedenheit im Züchtungs-Verfahren von Seiten des Menschen und der
-Natur berücksichtigt, wird man sich nicht mehr wundern können, dass
-sich einiger Unterschied auch in den Ergebnissen zeigt.
-
-Ich habe bis jetzt so gesprochen, als seyen die Varietäten einer
-nämlichen Art bei der Kreutzung meistens unabänderlich fruchtbar.
-Es scheint mir aber unmöglich, sich dem Beweise von dem Daseyn
-eines gewissen Maasses von Unfruchtbarkeit in einigen wenigen
-Fällen zu verschliessen, von denen ich kürzlich berichten will. Der
-Beweis ist wenigstens eben so gut als derjenige, welcher uns an die
-Unfruchtbarkeit einer Menge von Arten [bei der Kreutzung?] glauben
-macht, und ist von gegnerischen Zeugen entlehnt, die in allen andern
-Fällen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit als gute Art-Kriterien
-betrachten. ~Gärtner~ hielt einige Jahre lang eine Sorte
-Zwerg-Mais mit gelbem und eine grosse Varietät mit rothem Saamen,
-welche nahe beisammen in seinem Garten wuchsen; und obwohl diese
-Pflanzen getrennten Geschlechtes sind, so kreutzen sie sich doch nie
-von selbst mit einander. Er befruchtete dann dreizehn Blüthen-Ähren[32]
-des einen mit dem Pollen des andern; aber nur ein einziger Stock gab
-einige Saamen und zwar nur fünf Körner.
-
-Die Behandlungs-Weise kann in diesem Falle nicht schädlich gewesen
-seyn, indem die Pflanzen getrennte Geschlechter haben. Noch Niemand hat
-meines Wissens diese zwei Mais-Sorten für verschiedene Arten angesehen;
-und es ist wesentlich zu bemerken, dass die aus ihnen erzogenen
-Blendlinge vollkommen fruchtbar waren, so dass auch ~Gärtner~
-selbst nicht wagte, jene Sorten für zwei verschiedene Arten zu erklären.
-
-~Gireau de Buzareingues~ kreutzte drei Varietäten von Gurken
-miteinander, welche wie der Mais getrennten Geschlechtes sind, und
-versicherte, ihre gegenseitige Befruchtung seye um so schwieriger, je
-grösser ihre Verschiedenheit. In wie weit dieser Versuch Vertrauen
-verdient, weiss ich nicht, aber die drei zu denselben benützten Formen
-sind von ~Sagaret~, welcher sich bei seiner Unterscheidung der
-Arten hauptsächlich auf ihre Unfruchtbarkeit stützt, als Varietäten
-aufgestellt worden.
-
-Weit merkwürdiger und anfangs fast unglaublich erscheint der folgende
-Fall; jedoch ist er das Resultat einer Menge viele Jahre lang an neun
-Verbascum-Arten fortgesetzter Versuche, welche hier noch um so höher
-in Anschlag zu bringen, als sie von ~Gärtner’n~ herrühren, der
-ein eben so vortrefflicher Beobachter als entschiedener Gegner der
-Meinung ist, dass die gelben und die weissen Varietäten der nämlichen
-Verbascum-Arten bei der Kreutzung mit einander weniger Saamen geben,
-als jede derselben liefert, wenn sie mit Pollen aus Blüthen von ihrer
-eignen Farbe befruchtet worden. Er erklärt nun, dass wenn gelbe und
-weisse Varietäten einer Art mit gelben und weissen Varietäten einer
-+andern+ Art gekreutzt werden, man mehr Saamen erhält, indem
-man die gleichfarbigen als wenn man die ungleichfarbigen Varietäten
-miteinander paart. Und doch ist zwischen diesen Varietäten von
-Verbascum kein andrer Unterschied als in der Farbe ihrer Blüthen,
-und die eine Farbe entspringt zuweilen aus Saamen der andersfarbigen
-Varietät.
-
-Nach Versuchen, die ich mit gewissen Varietäten der Rosen-Malve
-angestellt, möchte ich vermuthen, dass sie ähnliche Erscheinungen
-darbieten.
-
-~Kölreuter~, dessen Genauigkeit durch jeden späteren Beobachter
-bestätigt worden ist, hat die merkwürdige Thatsache bewiesen, dass eine
-Varietät des Tabaks, wenn sie mit einer ganz andern ihr weit entfernt
-stehenden Art gekreutzt wird, fruchtbarer ist als mit Varietäten der
-nämlichen Art. Er machte mit fünf Formen Versuche, die allgemein für
-Varietäten gelten, was er auch durch die strengste Probe, nämlich durch
-Wechselkreutzungen bewies, welche lauter ganz fruchtbare Blendlinge
-lieferten. Doch gab eine dieser fünf Varietäten, mochte sie nun als
-Vater oder Mutter mit ins Spiel kommen, bei der Kreutzung mit Nicotiana
-glutinosa stets minder unfruchtbare Bastarde, als die vier andern
-Varietäten. Es muss daher das Reproduktiv-System dieser einen Varietät
-in irgend einer Weise weniger modifizirt worden seyn.
-
-Bei der grossen Schwierigkeit die Unfruchtbarkeit der Varietäten
-im Natur-Zustande zu bestätigen, weil jede bei der Kreutzung etwas
-unfruchtbare Varietät alsbald allgemein für eine Spezies erklärt werden
-würde, so wie in Folge des Umstandes, dass der Mensch bei seinen
-künstlichen Züchtungen nur auf die äusseren Charaktere sieht und nicht
-verborgene und funktionelle Verschiedenheiten im Reproduktiv-System
-hervorzubringen beabsichtigt, glaube ich mich aus der Zusammenstellung
-aller Thatsachen zu folgern berechtigt, dass die Fruchtbarkeit der
-Varietäten unter einander keineswegs eine allgemeine Regel und
-mithin auch nicht geeignet seye, eine Grundlage zur Unterscheidung
-von Varietäten und Arten abzugeben. Die gewöhnlich stattfindende
-Fruchtbarkeit der Varietäten unter einander scheint mir, bei unsrer
-gänzlichen Unkenntniss von den Ursachen sowohl der Fruchtbarkeit
-als der Sterilität, nicht genügend, um meine Ansicht über die sehr
-allgemeine aber nicht beständige Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen
-und der Bastarde umzustossen, dass dieselbe nämlich keine besondre
-Eigenschaft für sich darstelle, sondern mit andern langsam entwickelten
-Modifikationen zumal im Reproduktiv-Systeme der mit einander
-gekreutzten Formen zusammenhänge.
-
-+Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit
-verglichen.+) Die Nachkommenschaft der untereinander gekreutzten
-Arten und die der Varietäten lassen sich unabhängig von der Frage der
-Fruchtbarkeit noch in mehren Beziehungen mit einander vergleichen.
-~Gärtner~, dessen beharrlicher Wunsch es war, eine scharfe
-Unterscheidungs-Linie zwischen Arten und Varietäten zu ziehen,
-konnte nur sehr wenige und wie es scheint nur ganz unwesentliche
-Unterschiede zwischen den sogenannten Bastarden der Arten und den
-Blendlingen der Varietäten entdecken, wogegen sie sich in vielen andern
-wesentlichen Beziehungen vollkommen gleichen. Hier kann ich diesen
-Gegenstand nur ganz kurz erörtern. Als wichtigster Unterschied hat
-sich ergeben, dass in der ersten Generation Blendlinge veränderlicher
-als Bastarde sind; doch gibt ~Gärtner~ zu, dass Bastarde
-von bereits lange kultivirten Arten oft schon in erster Generation
-sehr veränderlich sind, und ich selbst habe sehr treffende Belege
-für diese Thatsache. ~Gärtner~ gibt ferner zu, dass Bastarde
-zwischen sehr nahe verwandten Arten veränderlicher sind, als die von
-weit auseinander-stehenden; und daraus ergibt sich, dass der im Grade
-der Veränderlichkeit gesuchte Unterschied stufenweise abnimmt. Wenn
-Blendlinge oder fruchtbarere Bastarde einige Generationen lang in sich
-fortgepflanzt werden, so nimmt anerkannter Maassen die Veränderlichkeit
-ihrer Nachkommen bis zu einem ausserordentlichen Maasse zu; dagegen
-lassen sich einige wenige Fälle anführen, wo Bastarde sowohl als
-Blendlinge ihren einförmigen Charakter lange Zeit behauptet haben. Doch
-ist die Veränderlichkeit in den aufeinanderfolgenden Generationen der
-Blendlinge vielleicht grösser als bei den Bastarden.
-
-Diese grössre Veränderlichkeit der Blendlinge den Bastarden gegenüber
-scheint mir in keiner Weise überraschend. Denn die Ältern der
-Blendlinge sind Varietäten und meistens zahme und kultivirte Varietäten
-(da nur sehr wenige Versuche mit wilden Varietäten angestellt worden
-sind), wesshalb als Regel anzunehmen, dass ihre Veränderlichkeit
-noch eine neue ist, daher denn auch zu erwarten steht, dass dieselbe
-oft noch fortdaure und die schon aus der Kreutzung entspringende
-Veränderlichkeit verstärke. Der geringere Grad von Variabilität bei
-Bastarden aus erster Kreutzung oder aus erster Generation im Gegensatze
-zu ihrer ausserordentlichen Veränderlichkeit in späteren Generationen
-ist eine eigenthümliche und Beachtung verdienende Thatsache; denn sie
-führt zu der Ansicht, die ich mir über die Ursache der gewöhnlichen
-Variabilität gebildet, und unterstützt dieselbe, dass diese letzte
-nämlich aus dem Reproduktions-Systeme herrühre, welches für jede
-Veränderung in den Lebens-Bedingungen so empfindlich ist, dass es
-hiedurch oft ganz unvermögend oder wenigstens für seine eigentliche
-Funktion, mit der älterlichen Form übereinstimmende Nachkommen zu
-erzeugen, unfähig gemacht wird. Nun rühren die in erster Generation
-gebildeten Bastarde alle von Arten her, deren Reproduktiv-Systeme
-ausser bei schon lange kultivirten Arten in keiner Weise leidend
-gewesen, und sind nicht veränderlich; aber Bastarde selber haben ein
-ernstlich angegriffenes Reproduktiv-System, und ihre Nachkommen sind
-sehr veränderlich.
-
-Doch kehren wir zur Vergleichung zwischen Blendlingen und Bastarden
-zurück. ~Gärtner~ behauptet, dass Blendlinge mehr als Bastarde
-geneigt seyen, wieder in eine der älterlichen Formen zurückzuschlagen;
-doch ist dieser Unterschied, wenn er richtig, gewiss nur ein
-stufenweiser. ~Gärtner~ legt ferner Nachdruck darauf, dass,
-wenn zwei obgleich nahe mit einander verwandte Arten mit einer dritten
-gekreutzt werden, deren Bastarde doch weit auseinander weichen,
-während, wenn zwei sehr verschiedene Varietäten einer Art mit einer
-andern Art gekreutzt werden, deren Blendlinge unter sich nicht sehr
-verschieden sind. Dieses Ergebniss ist jedoch so viel ich zu ersehen im
-Stande bin, nur auf einen einzigen Versuch gegründet und scheint den
-Erfahrungen geradezu entgegengesetzt zu seyn, welche ~Kölreuter~
-bei mehren Versuchen gemacht hat.
-
-Diess sind allein die an sich unwesentlichen Verschiedenheiten, welche
-~Gärtner~ zwischen Bastarden und Blendlingen der Pflanzen
-auszumitteln im Stande gewesen ist. Aber auch die Ähnlichkeit der
-Bastarde und Blendlinge, und insbesondere die von nahe verwandten Arten
-entsprungenen Bastarde mit ihren Ältern folgt nach ~Gärtner~
-den nämlichen Gesetzen. Wenn zwei Arten gekreutzt werden, so zeigt
-zuweilen eine derselben ein überwiegendes Vermögen eine Ähnlichkeit
-mit ihr dem Bastarde aufzuprägen, und so ist es, wie ich glaube,
-auch mit Pflanzen-Varietäten. Bei Thieren besitzt gewiss oft eine
-Varietät dieses überwiegende Vermögen über eine andre. Die beiderlei
-Bastard-Pflanzen aus einer Wechselkreutzung gleichen einander
-gewöhnlich sehr, und so ist es auch mit den zweierlei Blendlingen aus
-Wechselkreutzungen. Bastarde sowohl als Blendlinge können wieder in
-jede der zwei älterlichen Formen zurückgeführt werden, wenn man sie
-in aufeinander-folgenden Generationen wiederholt mit der einen ihrer
-Stamm-Formen kreutzt.
-
-Diese verschiedenen Bemerkungen lassen sich offenbar auch auf Thiere
-anwenden; doch wird hier der Gegenstand ausserordentlich verwickelt,
-theils in Folge vorhandener sekundärer Sexual-Charaktere und theils
-insbesondere in Folge des gewöhnlich bei einem von beiden Geschlechtern
-überwiegenden Vermögens sein Bild dem Nachkommen aufzuprägen, eben
-sowohl wo es sich um die Kreutzung von Arten, als dort, wo es sich
-um die von Varietäten unter einander handelt. So glaube ich z. B.,
-dass diejenigen Schriftsteller Recht haben, welche behaupten, der
-Esel besitze ein solches Übergewicht über das Pferd, in dessen Folge
-sowohl Maulesel als Maulthier mehr dem Esel als dem Pferde glichen;
-dass jedoch dieses Übergewicht noch mehr bei dem männlichen als dem
-weiblichen Esel hervortrete, daher der Maulesel als der Bastard von
-Esel-Hengst und Pferde-Stute dem Esel mehr als das Maulthier gleiche,
-welches das Pferd zum Vater und eine Eselin zur Mutter hat.
-
-Einige Schriftsteller haben viel Gewicht darauf gelegt, dass es unter
-den Thieren nur bei Blendlingen vorkomme, dass solche einem ihrer
-Ältern ausserordentlich ähnlich seyen; doch lässt sich nachweisen, dass
-Solches auch bei Bastarden, wenn gleich seltener als bei Blendlingen,
-der Fall ist. Was die von mir gesammelten Fälle von einer Kreutzung
-entsprungenen Thieren betrifft, die einem der zwei Ältern sehr ähnlich
-gewesen, so scheint sich diese Ähnlichkeit vorzugsweise auf in ihrer
-Art monströse und plötzlich aufgetretene Charaktere zu beschränken, wie
-Albinismus, Melanismus, Mangel der Hörner, Fehlen des Schwanzes und
-Überzahl der Finger und Zehen, daher sie keinen Zusammenhang mit den
-durch Züchtung langsam entwickelten Merkmalen haben. Demzufolge werden
-auch Fälle plötzlicher Rückkehr zu einem der zwei älterlichen Typen bei
-Blendlingen vorkommen, welche von oft plötzlich entstandenen und ihrem
-Charakter nach halb-monströsen Varietäten abstammen, als bei Bastarden,
-die von langsam und auf natürliche Weise gebildeten Arten herrühren.
-Im Ganzen aber bin ich der Meinung von Dr. ~Prosper Lucas~,
-welcher nach der Musterung einer ungeheuren Menge von Thatsachen bei
-den Thieren zu dem Schlusse gelangt, dass die Gesetze der Ähnlichkeit
-zwischen Kindern und Ältern die nämlichen sind, ob beide Ältern mehr
-oder ob sie weniger von einander abweichen, ob sie einer oder ob sie
-verschiedenen Varietäten oder ganz verschiedenen Arten angehören.
-
-Von der Frage über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit abgesehen, scheint
-sich in allen andern Beziehungen eine grosse Ähnlichkeit des Verhaltens
-zwischen Bastarden und Blendlingen zu ergeben. Bei der Annahme, dass
-die Arten einzeln erschaffen und die Varietäten erst durch sekundäre
-Gesetze entwickelt worden seyen, müsste ein solches ähnliches Verhalten
-als eine äusserst befremdende Thatsache erscheinen. Geht man aber von
-der Ansicht aus, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten
-und Varietäten gar nicht vorhanden seye, so steht es vollkommen mit
-derselben im Einklang.
-
-+Zusammenfassung des Kapitels.+) Erste Kreutzungen sowohl zwischen
-genügend unterschiedenen Formen, um für Varietäten zu gelten, wie
-zwischen ihren Bastarden sind sehr oft, aber nicht immer unfruchtbar.
-Diese Unfruchtbarkeit findet in allen Abstufungen statt und ist
-oft so unbedeutend, dass die zwei erfahrensten Experimentisten,
-welche jemals gelebt, zu mitunter schnurstracks entgegengesetzten
-Folgerungen gelangten, als sie die Formen darnach ordnen wollten. Die
-Unfruchtbarkeit ist von angeborener Veränderlichkeit bei Individuen
-einer nämlichen Art, und für günstige und ungünstige Einflüsse
-ausserordentlich empfänglich. Der Grad der Unfruchtbarkeit richtet sich
-nicht genau nach systematischer Affinität, sondern ist von einigen
-eigenthümlichen und verwickelten Gesetzen abhängig. Er ist gewöhnlich
-ungleich und oft sehr ungleich bei Wechselkreutzung der nämlichen
-zwei Arten. Er ist nicht immer von gleicher Stärke bei einer ersten
-Kreutzung und den daraus entspringenden Nachkommen.
-
-In derselben Weise, wie beim Zweigen der Bäume die Fähigkeit einer Art
-oder Varietät bei andern anzuschlagen mit meistens ganz unbekannten
-Verschiedenheiten in ihren vegetativen Systemen zusammenhängt, so ist
-bei Kreutzungen die grössere oder geringere Leichtigkeit einer Art
-sich mit der andern zu befruchten von unbekannten Verschiedenheiten
-in ihren Reproduktions-Systemen veranlasst. Es ist daher nicht mehr
-Grund anzunehmen, dass von der Natur einer jeden Art ein verschiedener
-Grad von Sterilität in der Absicht ihr gegenseitiges Durchkreutzen und
-Ineinanderlaufen zu verhüten besonders eingebunden worden seye, -- als
-Ursache vorhanden ist anzunehmen, dass jeder Holzart ein verschiedener
-und etwas analoger Grad von Schwierigkeit beim Verpropfen auf andern
-Arten anzuschlagen eingebunden worden seye, um zu verhüten, dass sich
-nicht alle in unsern Wäldern aufeinander-propfen.
-
-Die Sterilität der ersten Kreutzungen zwischen reinen Arten mit
-vollkommenen Reproduktiv-Systemen scheint von verschiedenen Ursachen
-abzuhängen: in einigen Fällen meistens von frühzeitigem Verderben
-des Embryos. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mit unvollkommenem
-Reproduktions-Systeme und derjenigen wo dieses System so wie die
-ganze Organisation durch Verschmelzung zweier Arten in eine gestört
-worden ist, scheint nahe übereinzukommen mit derjenigen Sterilität,
-welche so oft auch reine Spezies befällt, wenn ihre natürlichen
-Lebens-Bedingungen gestört worden sind. Diese Betrachtungs-Weise
-wird noch durch einen Parallelismus andrer Art unterstützt, indem
-nämlich die Kreutzung nur wenig von einander abweichender Formen die
-Kraft und Fruchtbarkeit der Nachkommenschaft befördert, wie geringe
-Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen für Gesundheit und
-Fruchtbarkeit aller organischen Wesen vortheilhaft sind. Es ist
-nicht überraschend, dass der Grad der Schwierigkeit zwei Arten mit
-einander zu befruchten und der Grad der Unfruchtbarkeit ihrer Bastarde
-einander im Allgemeinen entsprechen, obwohl sie von verschiedenen
-Ursachen herrühren; denn beide hängen von dem Maasse irgend welcher
-Verschiedenheit zwischen den gekreutzten Arten ab. Eben so ist es nicht
-überraschend, dass die Leichtigkeit eine erste Kreutzung zu bewirken,
-die Fruchtbarkeit der daraus entsprungenen Bastarde und die Fähigkeit
-wechselseitiger Aufeinanderpropfung, obwohl diese letzte offenbar
-von weit verschiedenen Ursachen abhängt, alle bis zu einem gewissen
-Grade parallel gehen mit der systematischen Verwandtschaft der Formen,
-welche bei den Versuchen in Anwendung gekommen; denn „systematische
-Affinität“ bezweckt alle Sorten von Ähnlichkeiten zwischen den Spezies
-auszudrücken.
-
-Erste Kreutzungen zwischen Formen, die als Varietäten gelten oder
-doch genügend von einander verschieden sind um dafür zu gehen,
-und ihre Blendlinge sind zwar gewöhnlich, aber nicht (wie so oft
-irrthümlich behauptet worden) ohne Ausnahme fruchtbar. Doch ist
-diese gewöhnliche und vollkommene Fruchtbarkeit nicht befremdend,
-wenn wir uns erinnern, wie leicht wir hinsichtlich der Varietäten im
-Natur-Zustande in einen Zirkelschluss gerathen, und wenn wir uns ins
-Gedächtniss rufen, dass die grössre Anzahl der Varietäten durch Kultur
-mittelst Züchtung bloss nach äusseren Verschiedenheiten und nicht
-nach solchen im Reproduktiv-System hervorgebracht worden sind. In
-allen andren Beziehungen, ausser der Fruchtbarkeit, ist eine allgemein
-sehr grosse Ähnlichkeit zwischen Bastarden und Blendlingen. Endlich
-scheinen mir die in diesem Kapitel kürzlich aufgezählten Thatsachen,
-trotz unsrer völligen Unbekanntschaft mit den wirklichen Ursachen der
-Unfruchtbarkeit nicht im Widerspruch, sondern in mehrfacher Hinsicht
-im Einklang zu stehen mit der Ansicht, dass es keinen gründlichen
-Unterschied zwischen Arten und Varietäten gibt.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Unvollkommenheit der Geologischen Überlieferungen.
-
- Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. -- Natur
- der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. -- Länge der
- Zeit-Perioden nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen.
- -- Armuth unsrer paläontologischen Sammlungen. -- Entblössung
- granitischer Boden-Flächen. -- Unterbrechung geologischer
- Formationen. -- Abwesenheit der Mittel-Varietäten in allen
- Formationen. -- Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen. -- Ihr
- plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten.
-
-
-Im sechsten Kapitel habe ich die Haupteinreden aufgezählt, welche man
-gegen die in diesem Bande aufgestellten Ansichten erheben könnte. Die
-meisten derselben sind jetzt bereits erörtert worden. Darunter ist eine
-allerdings von handgreiflicher Schwierigkeit: die der Verschiedenheit
-der Art-Formen ohne wesentliche Verkettung durch zahllose
-Übergangs-Formen. Ich habe die Ursachen nachgewiesen, warum solche
-Glieder heutzutage unter den anscheinend für ihr Daseyn günstigsten
-Umständen, namentlich auf ausgedehnten und zusammenhängenden Flächen
-mit allmählich abgestuften physikalischen Bedingungen nicht gewöhnlich
-zu finden sind. Ich versuchte zu zeigen, dass das Leben einer jeden
-Art noch wesentlicher abhängt von der Anwesenheit gewisser andrer
-organischer Formen, als vom Klima, und dass daher die wesentlich
-leitenden Lebens-Bedingungen sich nicht so allmählig abstufen, wie
-Wärme und Feuchtigkeit. Ich versuchte ferner zu zeigen, dass mittle
-Varietäten desswegen, weil sie in geringrer Anzahl als die von ihnen
-verketteten Formen vorkommen, im Verlaufe weitrer Veränderung und
-Vervollkommnung dieser letzten bald verdrängt werden. Die Hauptursache
-jedoch, warum nicht in der ganzen Natur jetzt noch zahllose solche
-Zwischenglieder vorkommen, liegt im Prozesse der natürlichen Züchtung,
-wodurch neue Varietäten fortwährend die Stelle der Stamm-Formen
-einnehmen und dieselben vertilgen. Aber gerade in dem Verhältnisse, wie
-dieser Prozess der Vertilgung in ungeheurem Maasse thätig gewesen ist,
-so muss auch die Anzahl der Zwischenvarietäten, welche vordem auf der
-Erde vorhanden waren, eine wahrhaft ungeheure gewesen seyn. Doch woher
-kömmt es dann, dass nicht jede Formation und jede Gesteins-Schicht
-voll von solchen Zwischenformen ist? Die Geologie enthüllt uns
-sicherlich nicht eine solche fein abgestufte Organismen-Reihe; und
-Diess ist vielleicht die handgreiflichste und gewichtigste Einrede,
-die man meiner Theorie entgegenhalten kann. Die Erklärung liegt aber,
-wie ich glaube, in der äussersten Unvollständigkeit der geologischen
-Überlieferungen.
-
-Zuerst muss man sich erinnern, was für Zwischenformen meiner Theorie
-zufolge vordem bestanden haben müssten. Ich habe es schwierig
-gefunden, wenn ich irgend welche zwei Arten betrachtete, unmittelbare
-Zwischenformen zwischen denselben mir in Gedanken auszumalen. Es ist
-Diess aber auch eine ganz falsche Ansicht; denn man hat sich vielmehr
-nach Formen umzusehen, welche zwischen jeder der zwei Spezies und
-einem gemeinsamen aber unbekannten Stammvater das Mittel halten;
-und dieser Stammvater wird gewöhnlich von allen seinen Nachkommen
-einigermaassen verschieden gewesen seyn. Ich will Diess mit einem
-einfachen Beispiele erläutern. Die Pfauen-Taube und der Kröpfer leiten
-beide ihren Ursprung von der Felstaube (C. livia) her; aber eine
-unmittelbare Zwischen-Varietät zwischen Pfauen-Taube und Kropf-Taube
-wird es nicht geben, keine z. B., die einen etwas ausgebreiteteren
-Schwanz mit einem nur mässig erweiterten Kropfe verbände, worin doch
-eben die bezeichnenden Merkmale jener zwei Rassen liegen. Diese beiden
-Rassen sind überdiess so sehr modifizirt worden, dass, wenn wir keinen
-historischen oder indirekten Beweis über ihren Ursprung hätten, wir
-unmöglich im Stande gewesen seyn würden durch blosse Vergleichung ihrer
-Struktur zu bestimmen, ob sie aus der Felstaube (Columba livia) oder
-einer andern ihr verwandten Art, wie z. B. Columba oenas, entstanden
-seyen.
-
-So verhält es sich auch mit den natürlichen Arten. Wenn wir uns nach
-sehr verschiedenen Formen umsehen, wie z. B. Pferd und Tapir, so
-finden wir keinen Grund zu unterstellen, dass es jemals unmittelbare
-Zwischenglieder zwischen denselben gegeben habe, wohl aber zwischen
-jedem von beiden und irgend einem unbekannten Stamm-Vater. Dieser
-gemeinsame Stamm-Vater wird in seiner ganzen Organisation viele
-allgemeine Ähnlichkeit mit dem Tapir so wie mit dem Pferde besessen
-haben; doch in einer und der andern Hinsicht auch von beiden
-beträchtlich verschieden gewesen seyn, vielleicht in noch höherem
-Grade, als beide jetzt unter sich sind. Daher wir in allen solchen
-Fällen nicht im Stande seyn würden, die älterliche Form für irgend
-welche zwei oder drei sich nahe-stehende Arten auszumitteln, selbst
-dann nicht, wenn wir den Bau des Stamm-Vaters genau mit dem seiner
-abgeänderten Nachkommen vergleichen, es seye denn, dass wir eine nahezu
-vollständige Kette von Zwischengliedern dabei hätten.
-
-Es wäre nach meiner Theorie allerdings möglich, dass von zwei noch
-lebenden Formen die eine von der andern abstammte, wie z. B. das Pferd
-von Tapir, und in diesem Falle müsste es unmittelbare Zwischenglieder
-zwischen denselben gegeben haben. Ein solcher Fall würde jedoch
-voraussetzen, dass die eine der zwei Arten (der Tapir) sich eine sehr
-lange Zeit hindurch unverändert erhalten habe, während ein Theil ihrer
-Nachkommen sehr ansehnliche Veränderungen erfuhren. Aber das Princip
-der Mitbewerbung zwischen Organismus und Organismus, zwischen Vater und
-Sohn, wird diesen Fall nur sehr selten aufkommen lassen; denn in allen
-Fällen streben die neuen und verbesserten Lebens-Formen die alten und
-unpassendern zu ersetzen.
-
-Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung stehen alle lebenden Arten
-mit einer Stamm-Art ihrer Sippe in Verbindung durch Charaktere, deren
-Unterschiede nicht grösser sind, als wir sie heutzutage zwischen
-Varietäten einer Art sehen; diese jetzt gewöhnlich erloschenen
-Stamm-Arten waren ihrerseits wieder in ähnlicher Weise mit älteren
-Arten verkettet; und so immer weiter rückwärts, bis endlich alle
-in einem gemeinsamen Vorgänger einer ganzen Ordnung oder Klasse
-zusammentreffen. So muss daher die Anzahl der Zwischen- und
-Übergangs-Glieder zwischen allen lebenden und erloschenen Arten ganz
-unbegreiflich gross gewesen seyn. Aber, wenn diese Theorie richtig ist,
-haben sie gewiss auf dieser Erde gelebt.
-
-+Über die Zeitdauer.+) Unabhängig von der aus dem Mangel jener
-endlosen Anzahl von Zwischengliedern hergenommenen Einrede könnte man
-mir ferner entgegenhalten, dass die Zeit nicht hingereicht habe, ein
-so ungeheures Maass organischer Veränderungen durchzuführen, weil
-alle Abänderungen nur sehr langsam durch Natürliche Züchtung bewirkt
-worden seyen. Es würde mir kaum möglich seyn, demjenigen Leser, welcher
-kein praktischer Geologe ist, alle Thatsachen vorzuführen, welche uns
-einigermaassen die unermessliche Länge der verflossenen Zeiträume zu
-erfassen in den Stand setzen. Wer Sir ~Charles Lyell’s~ grosses
-Werk „_the Principles of Geology_“, welchem spätre Historiker
-die Anerkennung eine grosse Umwälzung in den Natur-Wissenschaften
-bewirkt zu haben nicht versagen werden, lesen kann und nicht sofort die
-unbegreifliche Länge der verflossenen Erd-Perioden zugesteht, der mag
-dieses Buch nur schliessen. Nicht als ob es genüge die _Principles
-of Geology_ zu studiren oder die Special-Abhandlungen verschiedner
-Beobachter über einzelne Formationen zu lesen, deren jeder bestrebt
-ist einen ungenügenden Begriff von der Entstehungs-Dauer einer jeden
-Formation oder sogar jeder einzelnen Schicht zu geben. Jeder muss
-vielmehr erst Jahre lang für sich selbst diese ungeheuren Stösse
-übereinander gelagerter Schichten untersuchen und die See bei der
-Arbeit, wie sie alle Gesteins-Schichten unterwühlt und zertrümmert und
-neue Ablagerungen daraus bildet, beobachtet haben, ehe er hoffen kann,
-nur einigermaassen die Länge der Zeit zu begreifen, deren Denkmäler wir
-um uns her erblicken.
-
-Es ist gut den See-Küsten entlang zu wandern, welche aus mässig
-harten Fels-Schichten aufgebaut sind, und den Zerstörungs-Prozess zu
-beobachten. Die Gezeiten erreichen diese Fels-Wände gewöhnlich nur auf
-kurze Zeit zweimal am Tage, und die Wogen nagen sie nur aus, wenn sie
-mit Sand und Geschieben beladen sind; denn es ist leicht zu beweisen,
-dass reines Wasser Gesteine jeder Art nicht oder nur wenig angreift.
-Zuletzt wird der Fuss der Fels-Wände unterwaschen, mächtige Massen
-brechen zusammen, und die nun fest liegen bleiben werden, Atom um Atom
-zerrieben, bis sie klein genug geworden, dass die Wellen sie zu rollen
-und vollends in Geschiebe und Sand und Schlamm zu verarbeiten vermögen.
-Aber wie oft sehen wir längs dem Fusse sich zurückziehender Klippen
-gerundete Blöcke liegen, alle dick überzogen mit Meeres-Erzeugnissen,
-welche beweisen, wie wenig sie durch Abreibung leiden und wie selten
-sie umhergerollt werden! Überdiess, wenn wir einige Meilen weit eine
-derartige Küsten-Wand verfolgen, welche der Zerstörung unterliegt,
-so finden wir, dass es nur hier und da, auf kurze Strecken oder etwa
-um ein Vorgebirge her der Fall ist, dass die Klippen jetzt leiden.
-Die Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der auf ihnen erscheinende
-Pflanzen-Wuchs beweisen, dass allenthalben Jahre verflossen sind,
-seitdem die Wasser deren Fuss gewaschen haben.
-
-Wer die Thätigkeit des Meeres an unsren Küsten näher studirt hat,
-der muss einen tiefen Eindruck in sich aufgenommen haben von der
-Langsamkeit ihrer Zerstörung. Die trefflichen Beobachtungen von ~Hugh
-Miller~ und von ~Smith~ von _Jordanhill_ sind vorzugsweise geeignet
-diese Überzeugung zu gewähren. Von ihr durchdrungen möge Jeder die
-viele Tausend Fuss mächtigen Konglomerat-Schichten untersuchen, welche,
-obschon wahrscheinlich in rascherem Verhältnisse als so viele andere
-Ablagerungen gebildet, doch nun an jedem der zahllosen abgeriebenen und
-gerundeten Geschiebe, woraus sie bestehen, den Stempel einer langen
-Zeit tragen und vortrefflich zu zeigen geeignet sind, wie langsam
-diese Massen zusammengehäuft worden seyn müssen. In den Cordilleren
-habe ich einen Stoss solcher Konglomerat-Schichten zu zehntausend
-Fuss Mächtigkeit geschätzt. Nun mag sich der Beobachter der wohl
-begründeten Bemerkung ~Lyell’s~ erinnern, dass die Dicke und Ausdehnung
-der Sediment-Formationen Ergebniss und Maassstab der Abtragungen
-sind, welche die Erd-Rinde an andern Stellen erlitten hat. Und was
-für ungeheure Abtragungen werden durch die Sediment-Ablagerungen
-mancher Gegenden vorausgesetzt! Professor ~Ramsay~ hat mir, meistens
-nach wirklichen Messungen und geringentheils nach Schätzungen, die
-Maasse der grössten unsrer Formationen aus verschiedenen Theilen
-_Gross-Britanniens_ in folgender Weise angegeben:
-
- Tertiäre Schichten 2,240′ }
- Sekundär-Schichten 13,190′ } = 72,584′
- Paläolithische Schichten 57,154′ }
-
-d. i. beinahe 13¾ _Englische_ Meilen. Einige dieser Formationen, welche
-in _England_ nur durch dünne Lagen vertreten sind, haben auf dem
-Kontinente Tausende von Fussen Mächtigkeit. Überdiess sollen nach der
-Meinung der meisten Geologen zwischen je zwei aufeinander-folgenden
-Formationen immer unermessliche leere Perioden fallen. Wenn somit
-selbst jener ungeheure Stoss von Sediment-Schichten in _Britannien_
-nur eine unvollkommene Vorstellung von der Zeit gewährt, wie
-lang muss diese Zeit gewesen seyn! Gute Beobachter haben die
-Sediment-Ablagerungen des grossen Mississippi-Stromes nur auf 600′
-Mächtigkeit in 100,000 Jahren berechnet. Diese Berechnung macht keinen
-Anspruch auf grosse Genauigkeit. Wenn wir aber nun berücksichtigen,
-wie ausserordentlich weit ganz feine Sedimente von den See-Strömungen
-fortgetragen werden, so muss der Prozess ihrer Anhäufung über irgend
-welche Erstreckung des See-Bodens äusserst langsam seyn.
-
-Doch scheint das Maass der Entblössung, welche die Schichten mancher
-Gegenden erlitten, unabhängig von dem Verhältnisse der Anhäufung der
-zertrümmerten Massen, die besten Beweise für die Länge der Zeiten zu
-liefern. Ich erinnere mich, von dem Beweise der Entblössungen in hohem
-Grade betroffen gewesen zu seyn, als ich vulkanische Inseln sah, welche
-rundum von den Wellen so abgewaschen waren, dass sie in 1000-2000′
-hohen Fels-Wänden senkrecht emporragten, während sich aus dem schwachen
-Fall-Winkel, mit welchem sich die Lava-Ströme einst in ihrem flüssigen
-Zustand herabgesenkt, auf den ersten Blick ermessen liess, wie weit
-einstens die harten Fels-Lagen in den offnen Ozean hinausgereicht haben
-müssen. Dieselbe Geschichte ergibt sich oft noch deutlicher durch
-die mächtigen Rücken, jene grossen Gebirgs-Spalten, längs deren die
-Schichten bis zu Tausenden von Fussen an einer Seite emporgestiegen
-oder an der andern Seite hinabgesunken sind; denn seit dieser
-senkrechten Verschiebung (gleichviel ob die Hebung plötzlich oder
-allmählich und stufenweise erfolgt ist) ist die Oberfläche des Bodens
-durch die Thätigkeit des Meeres wieder so vollkommen ausgeebnet worden,
-dass keine Spur von dieser ungeheuren Verwerfung mehr äusserlich zu
-erkennen ist.
-
-So erstreckt sich der _Craven_-Rücken z. B. 30 Englische Meilen
-weit, und auf dieser ganzen Strecke sind die von beiden Seiten her
-zusammenstossenden Schichten um 600′–3000′ senkrechter Höhe verworfen.
-Professor ~Ramsay~ hat eine Senkung von 2300′ in _Anglesea_
-beschrieben und benachrichtigt mich, dass er sich überzeugt hatte,
-dass in _Merionetshire_ eine von 12,000′ vorhanden seye. Und doch
-verräth in diesen Fällen die Oberfläche des Bodens nichts von solchen
-wunderbaren Bewegungen, indem die ganze anfangs auf der einen Seite
-höher emporragende Schichten-Reihe bis zur Abebnung der Oberfläche
-weggespült worden ist. Die Betrachtung dieser Thatsachen macht auf
-mich denselben Eindruck, wie das vergebliche Ringen des Geistes um den
-Gedanken der Ewigkeit zu erfassen.
-
-Ich habe diese wenigen Bemerkungen gemacht, weil es für uns von
-höchster Wichtigkeit ist, eine wenn auch unvollkommene Vorstellung von
-der Länge verflossener Erd-Perioden zu haben. Und jedes Jahr während
-der ganzen Dauer dieser Perioden war die Erd-Oberfläche, waren Land und
-Wasser von Schaaren lebender Formen bevölkert. Was für eine endlose,
-dem Geiste unerfassliche Anzahl von Generationen muss, seitdem die Erde
-bewohnt ist, schon aufeinander gefolgt seyn! Und sieht man nun unsre
-reichsten geologischen Sammlungen an, -- welche armselige Schaustellung
-davon!
-
-+Armuth paläontologischer Sammlungen.+) Jedermann gibt die
-ausserordentliche Unvollständigkeit unsrer paläontologischen
-Sammlungen zu. Überdiess sollte man die Bemerkung des vortrefflichen
-Paläontologen, des verstorbnen ~Edward Forbes~, nicht vergessen,
-dass eine Menge unsrer fossilen Arten nur nach einem einzigen oft
-zerbrochenen Exemplare oder nur wenigen auf einem kleinen Fleck
-beisammen gefundenen Individuen bekannt und benannt sind. Nur ein
-kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht und noch
-keiner mit erschöpfender Genauigkeit erforscht, wie die noch jährlich
-in _Europa_ aufeinanderfolgenden wichtigen Entdeckungen beweisen.
-Kein ganz weicher Organismus ist Erhaltungs-fähig. Selbst Schaalen
-und Knochen zerfallen und verschwinden auf dem Boden des Meeres, wo
-sich keine Sedimente anhäufen. Ich glaube, dass wir beständig in einem
-grossen Irrthum begriffen sind, wenn wir uns der stillen Ansicht
-überlassen, dass sich Niederschläge fortwährend auf fast der ganzen
-Erstreckung des See-Grundes in genügendem Maasse bilden, um die zu
-Boden sinkenden organischen Stoffe zu umhüllen und zu erhalten. Auf
-eine ungeheure Ausdehnung des Ozeans spricht die klar blaue Farbe
-seines Wassers für dessen Reinheit. Die vielen Berichte von mehren
-in gleichförmiger Lagerung aufeinander-folgenden Formationen, deren
-keine auch nur Spuren aufrichtender, zerreissender oder abwaschender
-Thätigkeit an sich trägt, scheinen nur durch die Ansicht erklärbar
-zu seyn, dass der Boden des Meeres oft eine unermessliche Zeit in
-völlig unveränderter Lage bleibt. Die Reste, welche in Sand und
-Kies eingebettet worden, werden gewöhnlich von Kohlensäure-haltigen
-Tage-Wassern wieder aufgelöst, welche den Boden nach seiner Emporhebung
-über den Meeres-Spiegel zu durchsinken beginnen.
-
-Einige von den vielen Thier-Arten, welche zwischen Ebbe- und Fluth-Stand
-des Meeres am Strande leben, scheinen sich nur selten fossil zu
-erhalten. Einige von den manchfaltigen Thier-Arten, welche am Strande
-zwischen Hoch- und Tief-Wasserstand leben, scheinen sich nur selten zu
-erhalten. So z. B. überziehen in aller Welt zahllose Chthamalinen (eine
-Familie der sitzenden Cirripeden) die dort gelegenen Klippen. Alle sind
-im strengen Sinne litoral, mit Ausnahme einer einzigen mittelmeerischen
-Art, welche dem tiefen Wasser angehört und auch in _Sicilien_
-fossil gefunden worden ist, während man fast noch keine tertiäre Art
-kennt und aus der Kreide-Zeit noch keine Spur davon vorliegt. Die
-Mollusken-Sippe Chiton bietet ein theilweise analoges Beispiel dar[33].
-
-Hinsichtlich der Land-Bewohner, welche in der paläolithischen und
-sekundären Zeit gelebt, ist es überflüssig darzuthun, dass unsre
-Kenntnisse höchst fragmentarisch sind. So ist z. B. nicht eine
-Landschnecke aus einer dieser langen Perioden bekannt, mit Ausnahme
-der von Sir ~Ch. Lyell~ und Dr. ~Dawson~ in den Kohlen-Schichten
-_Nord-Amerika’s_ entdeckten Art, wovon jetzt über hundert Exemplare
-gesammelt sind. Was die Säugthier-Reste betrifft, so ergibt ein
-Blick auf die Tabelle im Supplement zu ~Lyell’s~ Handbuch weit
-besser, wie zufällig und selten ihre Erhaltung seye, als Seiten-lange
-Einzelnheiten, und doch kann ihre Seltenheit keine Verwunderung
-erregen, wenn wir uns erinnern, was für ein grosser Theil der tertiären
-Reste derselben aus Knochen-Höhlen und Süsswasser-Ablagerungen
-herrühren, während nicht eine Knochen-Höhle und ächte
-Süsswasser-Schicht vom Alter unsrer paläolithischen und sekundären
-Formationen bekannt ist.
-
-Aber die Unvollständigkeit der geologischen Nachrichten rührt
-hauptsächlich von einer andren und weit wichtigeren Ursache her, als
-irgend eine der vorhin angegebenen ist, dass nämlich die verschiedenen
-Formationen durch lange Zeiträume von einander getrennt sind. Auf diese
-Behauptung ist von manchen Geologen und Paläontologen, welche mit
-~E. Forbes~ nicht an eine Veränderlichkeit der Arten glauben
-mögen, grosser Nachdruck gelegt worden. Wenn wir die Formationen in
-wissenschaftlichen Werken in Tabellen geordnet finden, oder wenn
-wir sie in der Natur verfolgen, so können wir uns nicht wohl der
-Überzeugung verschliessen, dass sie nicht unmittelbar auf einander
-gefolgt sind. So wissen wir z. B. aus Sir ~R. Murchisons~
-grossem Werke über _Russland_, dass daselbst weite Lücken zwischen
-den aufeinanderliegenden Formationen bestehen; und so ist es auch in
-_Nord-Amerika_ und vielen andern Weltgegenden. Und doch würde der
-beste Geologe, wenn er sich nur mit einem dieser weiten Länder-Gebiete
-allein beschäftigt hätte, nimmer vermuthet haben, dass während dieser
-langen Perioden, aus welchen in seiner eignen Gegend kein Denkmal
-übrig ist, sich grosse Schichten-Stösse voll neuer und eigenthümlicher
-Lebenformen anderweitig auf einander gehäuft haben. Und wenn man sich
-in jeder einzelnen Gegend kaum eine Vorstellung von der Länge der
-Zwischenzeiten zu machen im Stande ist, so wird man glauben, dass Diess
-nirgends möglich seye. Die häufigen und grossen Veränderungen in der
-mineralogischen Zusammensetzung aufeinander-folgender Formationen,
-welche gewöhnlich auch grosse Veränderungen in der geographischen
-Beschaffenheit des umgebenden Landes unterstellen lassen, aus welchem
-das Material zu diesen Niederschlägen entnommen ist, stimmen mit
-der Annahme langer zwischen den einzelnen Formationen verflossener
-Zeiträume überein.
-
-Doch kann man, wie ich glaube, leicht einsehen, warum die geologischen
-Formationen jeder Gegend fast unabänderlich überall unterbrochen sind,
-d. h. sich nicht ohne Zwischenpausen abgelagert haben. Kaum hat eine
-Thatsache bei Untersuchung viele Hundert Meilen langer Strecken der
-_Süd-Amerikanischen_ Küsten, die in der jetzigen Periode einige
-hundert Fuss hoch emporgehoben worden sind, einen lebhafteren Eindruck
-auf mich gemacht als die Abwesenheit aller neueren Ablagerungen von
-hinreichender Entwickelung, um auch nur für eine kurze geologische
-Periode zu gelten. Längs der ganzen West-Küste, die von einer
-eigenthümlichen Meeres-Fauna bewohnt wird, sind die Tertiär-Schichten
-so spärlich entwickelt, dass wahrscheinlich kein Denkmal von
-verschiedenen aufeinander-folgenden Meeres-Faunen für spätre Zeiten
-erhalten bleiben wird. Ein wenig Nachdenken erklärt es uns, warum längs
-der fortwährend höher steigenden West-Küste _Süd-Amerikas_ keine
-ausgedehnten Formationen mit neuen oder mit tertiären Resten irgendwo
-zu finden sind, obwohl nach den ungeheuren Abtragungen der Küsten-Wände
-und den Schlamm-reichen Flüssen zu urtheilen, die sich dort in das Meer
-ergiessen, die Zuführung von Sedimenten lange Perioden hindurch eine
-sehr grosse gewesen seyn muss. Die Erklärung liegt ohne Zweifel darin,
-dass die litoralen und sublitoralen Ablagerungen beständig wieder
-weggewaschen werden, sobald sie durch die langsame oder stufenweise
-Hebung des Landes in den Bereich der zerstörenden Brandung gelangen.
-
-Wir dürfen wohl mit Sicherheit schliessen, dass Sediment in ungeheuer
-dicken harten und ausgedehnten Massen angehäuft worden seyn müsse,
-um während der ersten Emporhebung und der späteren Schwankungen des
-Niveaus der ununterbrochnen Thätigkeit der Wogen zu widerstehen. Solche
-dicke und ausgedehnte Sediment-Ablagerungen können auf zweierlei Weise
-gebildet werden; entweder in grossen Tiefen des Meeres, in welchem
-Falle wir nach den Untersuchungen von ~E. Forbes~ annehmen
-müssen, dass der See-Grund nur von sehr wenigen Thieren bewohnt seye,
-obwohl er, wie sich aus den Telegraphen-Sondirungen erwiesen, nicht
-ganz ohne Leben ist, daher die Massen nach ihrer Emporhebung nur eine
-sehr unvollkommene Vorstellung von den zur Zeit ihrer Ablagerung dort
-vorhanden gewesenen Lebenformen gewähren können; -- oder die Sedimente
-werden über einen seichten Grund zu einiger Dicke und Ausdehnung
-angehäuft, wenn er in langsamer Senkung begriffen ist. In diesem
-letzten Falle bleibt das Meer so lange seicht und dem Thier-Leben
-günstig, als Senkung des Bodens und Zufuhr der Niederschläge einander
-nahezu das Gleichgewicht halten; so dass auf diese Weise eine
-hinreichend dicke Fossilien-reiche Formation entstehen kann, um bei
-ihrer spätren Emporhebung jedem Grade von Zerstörung zu widerstehen.
-
-Ich bin demgemäss überzeugt, dass alle unsre alten Formationen, welche
-reich an fossilen Resten sind, bei ausdauernder Senkung abgelagert
-worden sind. Seitdem ich im Jahr _1845_ meine Ansichten in dieser
-Beziehung bekannt gemacht, habe ich die Fortschritte der Geologie
-verfolgt und mit Überraschung wahrgenommen, wie ein Schriftsteller
-nach dem andern bei Beschreibung dieser oder jener grossen Formation
-zum Schlusse gelangt ist, dass sie sich während der Senkung des
-Bodens gebildet habe. Ich will hinzufügen, dass die einzige alte
-Tertiär-Formation an der West-Küste _Süd-Amerikas_, die mächtig
-genug war um der bisherigen Zerstörung nicht zu widerstehen, aber wohl
-schwerlich bis zu fernen geologischen Zeiten auszudauern im Stande
-ist, sich gewiss während der Senkung des Bodens gebildet und so eine
-ansehnliche Mächtigkeit erlangt hat.
-
-Alle geologischen Thatsachen zeigen uns deutlich, dass jedes Gebiet
-der Erd-Oberfläche viele langsame Niveau-Schwankungen durchzumachen
-hatte, und alle diese Schwankungen sind zweifelsohne von weiter
-Erstreckung gewesen. Demzufolge müssen Fossilien-reiche und genügend
-entwickelte Bildungen, um späteren Abtragungen zu widerstehen, während
-der Senkungs-Perioden über weit-ausgedehnte Flächen entstanden seyn,
-doch nur so lange, als die Zufuhr von Materialien stark genug war,
-um die See seicht zu erhalten und die fossilen Reste schnell genug
-einzuschichten und zu schützen, ehe sie Zeit hatten zu zerfallen.
-Dagegen konnten sich mächtige Schichten auf seichtem und dem Leben
-günstigem Grunde so lange nicht bilden, als derselbe stet blieb. Viel
-weniger konnte Diess während wechselnder Perioden von Hebung und
-Senkung geschehen, oder, um mich genauer auszudrücken, die Schichten,
-welche während solcher Senkungen abgelagert wurden, müssen bei
-nachfolgender Hebung wieder in den Bereich der Brandung versetzt und so
-zerstört worden seyn.
-
-Diese Bemerkungen beziehen sich hauptsächlich auf Litoral-Ablagerungen.
-In einem weiten und seichten Meere dagegen, wie im _Malayischen_
-Archipel, wo die Tiefe nur von 30 oder 40 bis zu 60 Faden wechselt,
-dürfte während der Zeit der Erhebung eine weit ausgedehnte Formation
-entstehen, und auch durch Entblössung nicht sonderlich leiden. Aber
-diese Formation dürfte nicht mächtig seyn, da sie der Tiefe des
-seichten Meeres bei weitem nicht gleichkommen kann; sie dürfte nicht
-fest noch von späteren Bildungen überlagert seyn, so dass sie bei
-späteren Boden-Schwankungen wahrscheinlich bald ganz verschwinden
-würden. ~Hopkins~ hat behauptet, dass, wenn ein Theil der Bodenfläche
-nach ihrer Hebung und vor ihrer Entblössung wieder sinke, die während
-der Hebung entstandene, wenn auch gering mächtige Ablagerung durch
-spätre Niederschläge geschützt werden dürfte, und so für eine sehr
-lange Zeit-Periode erhalten werden könnte. Ich habe diesen Satz
-bei meinen früheren Betrachtungen übersehen. Bei Erörterung dieses
-Gegenstandes sagt ~Hopkins~ dann weiter, dass er die gänzliche
-Zerstörung von Sediment-Schichten von grosser wagrechter Erstreckung
-für etwas seltenes halte. Meine Bemerkungen beziehen sich bloss auf
-Fossilien-reiche Schichten, insoferne ich glaube annehmen zu dürfen,
-dass in sehr dicken und harten Schichten oder in weit-erstreckten
-Massen abgelagerte Niederschläge nicht leicht gänzlicher Fortwaschung
-unterliegen. Es handelt sich hier nämlich um die Frage: ob weit
-ausgedehnte und an organischen Resten reiche Bildungen von grosser
-und einem langen Zeit-Abschnitte entsprechender Mächtigkeit während
-einer Senkungs-Periode entstehen können. Meine Ansicht ist, dass Diess
-nur selten der Fall seyn dürfte. Da die Frage von der gänzlichen
-Entblössung durch ~Hopkins~ aufgebracht worden, so will ich bemerken,
-dass wohl alle Geologen, mit Ausnahme der wenigen, welche in den
-metamorphischen Schiefern und plutonischen Gesteinen noch den glühenden
-Primordial-Kern der Erde erblicken, auch annehmen werden, dass von dem
-Gesteine dieser Beschaffenheit grosse Massen abgewaschen worden sind.
-Denn es ist nicht wohl denkbar, dass diese Gesteine in unbedecktem
-Zustande sollten krystallisirt und gehärtet worden seyn, hätte
-aber die metamorphosirende Thätigkeit in grossen Tiefen des Ozeans
-eingewirkt, so brauchte der frühere Mantel nicht dick gewesen zu seyn.
-Unterstellt man aber, dass solche Gesteine wie Gneiss, Glimmerschiefer,
-Granit, Diorit u. s. w. einmal bedeckt gewesen sind, wie lassen sich
-dann die weiten nackten Flächen, welche diese Gesteine in so vielen
-Weltgegenden darbieten, anders erklären, als durch die Annahme einer
-späteren Entblössung von allen überlagernden Schichten? Dass solche
-ausgedehnte granitische Gebiete bestehen, unterliegt keinem Zweifel.
-Die granitische Region von _Parime_ ist nach ~Humboldt~ wenigstens
-19mal so gross als die _Schweitz_. Im Süden des _Amazonen_-Stromes
-zeigt ~Boué’s~ Karte eine aus solchen Gesteinen zusammengesetzte Fläche
-so gross wie _Spanien_, _Frankreich_, _Italien_, _Grossbritannien_
-und ein Theil von _Deutschland_ zusammengenommen. Diese Gegend ist
-noch nicht genau untersucht worden, aber nach dem übereinstimmenden
-Zeugniss der Reisenden muss dieses granitische Gebiet sehr gross seyn.
-von ~Eschwege~ gibt einen detaillirten Durchschnitt desselben, der
-sich vom _Rio de Janeiro_ an in gerader Linie 260 geographische Meilen
-weit einwärts erstreckt, und ich selbst habe ihn 150 Meilen weit in
-einer andern Richtung durchschnitten, ohne ein anderes Gestein als
-Granit zu sehen. Viele längs der ganzen 1100 geographische Meilen
-langen Küste von _Rio de Janeiro_ bis zur _Plata_-Mündung gesammelte
-Handstücke, die man mir gezeigt, gehörten sämmtlich dieser Klasse
-an. Landeinwärts sah ich längs des ganzen nördlichen Ufers des
-_Plata_-Stromes, abgesehen von jung-tertiären Gebilden, nur noch einen
-kleinen Fleck mit schwach metamorphischen Gesteinen, der als Rest
-der früheren Hülle der granitischen Bildungen hätte gelten können.
-Wenden wir uns von da zu den besser bekannten Gegenden der _Vereinten
-Staaten_ und _Canadas_. Indem ich aus ~H. D. Roger’s~ schöner Karte
-die den genannten Formationen entsprechend kolorirten Papier-Stücke
-herausschnitt und wog, fand ich, dass die metamorphischen (ohne die
-halb-metamorphischen) und granitischen Gesteine im Verhältnisse von
-190 : 125 die ächte dort so mächtig entwickelte Kohlen-Formation in
-Verbindung mit der Umbral-Reihe übertrifft, welche mit einander die
-ganze jüngere Paläolithen-Formation zusammensetzen. In vielen Gegenden
-würden die metamorphischen und granitischen Bezirke natürlich sehr
-ansehnlich an Ausdehnung zunehmen, wenn man alle ihnen ungleichförmig
-aufgelagerten und an der Auflagerungs-Fläche nicht metamorphosirten
-und daher nicht zum ursprünglichen Mantel gehörigen Sediment-Schichten
-von ihnen abhöbe. Somit ist es also wahrscheinlich, dass in manchen
-Weltgegenden ganze mindestens den Haupttheilen der aufeinanderfolgenden
-geologischen Perioden entsprechende Formationen spurlos fortgewaschen
-worden sind.
-
-Eine Bemerkung ist hier noch der Erwähnung werth. Während der
-Erhebungs-Zeiten wird die Ausdehnung des Landes und der angrenzenden
-seichten Meeres-Strecken vergrössert, und werden oft neue Arten von
-Wohnorten gebildet. Alles für die Bildung neuer Arten und Varietäten,
-wie früher bemerkt worden, günstige Umstände; aber gerade während
-diesen Perioden bleiben Lücken im geologischen Berichte. Während der
-Senkung dagegen nimmt die bewohnbare Fläche und die Anzahl der Bewohner
-ab (die der Küsten-Bewohner etwa in dem Falle ausgenommen, dass ein
-Kontinent in Insel-Gruppen zerfällt wird), daher während der Senkung
-nicht nur mehr Arten erlöschen, sondern auch wenige Varietäten und
-Arten entstehen; und gerade während solcher Senkungs-Zeiten sind unsre
-grossen Fossilien-reichen Schichten-Massen abgelagert worden. Man
-möchte sagen, die Natur habe die häufige Entdeckung der Übergangs- und
-verkettenden Formen erschweren wollen.
-
-Nach den vorangehenden Betrachtungen ist es nicht zu bezweifeln, dass
-der geologische Schöpfungs-Bericht im Ganzen genommen ausserordentlich
-unvollständig ist; wenn wir aber dann unsre Aufmerksamkeit auf
-irgend eine einzelne Formation beschränken, so ist es noch schwerer
-zu begreifen, warum wir nicht enge aneinander-gereihete Abstufungen
-zwischen denjenigen Arten finden, welche am Anfang und am Ende ihrer
-Bildung gelebt haben. Es wird zwar von einigen Fällen berichtet, wo
-eine Art in andern Varietäten in den obern als in den untern Theilen
-derselben Formation auftritt; doch mögen sie hier übergangen werden,
-da ihrer nur wenige sind. Obwohl nun jede Formation ohne allen Zweifel
-eine lange Reihe von Jahren zu ihrer Ablagerung bedurft hat, so
-glaube ich doch verschiedene Gründe zu erkennen, warum sich solche
-Stufen-Reihen zwischen den zuerst und den zuletzt lebenden Arten nicht
-darin vorfinden; doch kann ich kaum hoffen den folgenden Betrachtungen
-die ihnen gebührende Berücksichtigung zuzuwenden.
-
-Obwohl jede Formation einer sehr langen Reihe von Jahren entspricht,
-so ist doch jede kurz im Vergleiche mit der zur Umänderung einer
-Art in die andre erforderlichen Zeit. Nun weiss ich wohl, dass zwei
-Paläontologen, deren Meinungen wohl der Beachtung werth sind, nämlich
-~Bronn~[34] und ~Woodward~, zum Schlusse gelangt sind, dass die mittle
-Dauer einer jeden Formation zwei- bis drei-mal so lang, als die mittle
-Dauer einer Art-Form ist. Indessen hindern uns, wie mir scheint,
-unübersteigliche Schwierigkeiten in dieser Hinsicht zu einem richtigen
-Schlusse zu gelangen. Wenn wir eine Art in der Mitte einer Formation
-zum ersten Male auftreten sehen, so würde es äusserst übereilt seyn
-zu schliessen, dass sie nicht irgendwo anders schon länger existirt
-haben könne. Eben so, wenn wir eine Art schon vor den letzten Schichten
-einer Formation verschwinden sehen, würde es übereilt seyn anzunehmen,
-dass sie schon völlig erloschen seye. Wir vergessen, wie klein die
-Ausdehnung _Europa’s_ im Vergleich zur übrigen Welt ist; auch sind die
-verschiedenen Stöcke der einzelnen Formationen noch nicht durch ganz
-_Europa_ mit vollkommener Genauigkeit parallelisirt worden.
-
-Bei allen Sorten von Seethieren können wir getrost annehmen, dass in
-Folge von klimatischen u. a. Veränderungen massenhafte und ausgedehnte
-Wanderungen stattgefunden haben; und wenn wir eine Art zum ersten Male
-in einer Formation auftreten sehen, so liegt die Wahrscheinlichkeit
-vor, dass sie eben da erst von einer andern Gegend her eingewandert
-seye. So ist es z. B. wohl bekannt, dass einige Thier-Arten in den
-paläolithischen Bildungen _Nord-Amerika’s_ etwas früher als in
-den _Europäischen_ auftreten, indem sie zweifelsohne Zeit nöthig
-hatten, um die Wanderung von _Amerika_ nach _Europa_ zu
-machen. Bei Untersuchungen der neuesten Ablagerungen in verschiedenen
-Weltgegenden ist überall die Wahrnehmung gemacht worden, dass einige
-wenige noch lebende Arten in diesen Ablagerungen häufig, aber in
-den unmittelbar umgebenden Meeren verschwunden sind, oder dass
-umgekehrt einige jetzt in den benachbarten Meeren häufige Arten
-und jener Ablagerungen noch selten oder gar nicht zu finden sind.
-Es ist aber lehrreich über den erwiesenen Umfang der Wanderungen
-_Europäischer_ Thiere während der Eis-Zeit nachzudenken, welche
-doch nur einen kleinen Theil der ganzen geologischen Zeitdauer
-ausmacht, so wie die grosser Niveau-Veränderungen, die aussergewöhnlich
-grossen Klima-Wechsel, die unermessliche Länge der Zeiträume in
-Erwägung zu ziehen, welche alle mit dieser Eis-Periode zusammen fallen.
-Dann dürfte zu bezweifeln seyn, dass sich in irgend einem Theile der
-Welt Sediment-Ablagerungen, +welche fossile Reste enthalten+,
-auf dem gleichen Gebiete während der ganzen Dauer dieser Periode
-abgelagert haben. So ist es z. B. nicht wahrscheinlich, dass während
-der ganzen Dauer der Eis-Periode Sediment-Schichten an der Mündung
-des _Mississippi_ innerhalb derjenigen Tiefe, worin Thiere noch
-reichlich leben können, abgelagert worden seyen; denn wir wissen,
-was für ausgedehnte geographische Veränderungen während dieser Zeit
-in andern Theilen von _Amerika_ erfolgt sind. Würden solche
-während der Eis-Periode in seichtem Wasser an der Mississippi-Mündung
-abgelagerte Schichten einmal über den See-Spiegel gehoben werden,
-so würden organische Reste wahrscheinlich in verschiedenen Niveaus
-derselben zuerst erscheinen und wieder verschwinden, je nach den
-stattgefundenen Wanderungen der Arten und den geographischen
-Veränderungen des Landes. Und wenn in ferner Zukunft ein Geologe diese
-Schichten untersuchte, so möchte er zu schliessen geneigt seyn, dass
-die mittle Lebens-Dauer der dort eingebetteten Organismen-Arten kürzer
-als die Eis-Periode gewesen seye, obwohl sie in der That viel länger
-war, indem sie vor dieser begonnen und bis in unsre Tage gewährt hat.
-
-Um nun eine vollständige Stufen-Reihe zwischen zwei Formen in den
-untern und obern Theilen einer Formation darbieten zu können, müsste
-deren Ablagerung sehr lange Zeit fortgedauert haben, um dem langsamen
-Prozess der Variation Zeit zu lassen; die Schichten-Masse müsste daher
-von sehr ansehnlicher Mächtigkeit seyn; die in Abänderung begriffenen
-Spezies müssten während der ganzen Zeit da gelebt haben. Wir haben
-jedoch gesehen, dass die organische Reste enthaltenden Schichten
-sich nur während einer Periode der Senkung ansammeln, damit nun die
-Tiefe sich nahezu gleich bleibe und dieselben Thiere fortdauernd an
-derselben Stelle wohnen können, wäre ferner nothwendig, dass die Zufuhr
-von Sedimenten die Senkung fortwährend wieder ausgleiche. Aber eben
-diese senkende Bewegung wird oft auch die Nachbargegend mit berühren,
-aus welcher jene Zufuhr erfolgt, und eben dadurch die Zufuhr selbst
-vermindern. Eine solche nahezu genaue Ausgleichung zwischen der Stärke
-der stattfindenden Senkung und dem Betrag der zugeführten Sedimente mag
-in der That nur selten vorkommen; denn mehr als ein Paläontologe hat
-beobachtet, dass sehr dicke Ablagerungen ausser an ihren oberen und
-unteren Grenzen gewöhnlich leer an Versteinerungen sind.
-
-Wahrscheinlich ist die Bildung einer jeden einzelnen Formation
-gewöhnlich eben so wie die der ganzen Formationen-Reihe einer Gegend
-mit Unterbrechungen vor sich gegangen. Wenn wir, wie es oft der Fall,
-eine Formation aus Schichten von verschiedener Mineral-Beschaffenheit
-zusammengesetzt sehen, so müssen wir vernünftiger Weise vermuthen,
-dass der Ablagerungs-Prozess sehr unterbrochen gewesen seye, indem
-eine Veränderung in den See-Strömungen und eine Änderung in der
-Beschaffenheit der zugeführten Sedimente gewöhnlich von geographischen
-Bewegungen, welche viele Zeit kosten, veranlasst worden seyn mag.
-Nun wird auch die genaueste Untersuchung einer Formation keinen
-Maassstab liefern, um die Länge der Zeit zu messen, welche über ihre
-Ablagerung vergangen ist. Man könnte viele Beispiele anführen, wo
-eine einzelne nur wenige Fuss dicke Schicht eine ganze Formation
-vertritt, die in andren Gegenden Tausende von Fussen mächtig ist
-und mithin eine ungeheure Länge der Zeit zu ihrer Bildung bedurft
-hat; und doch würde Niemand, der Diess nicht weiss, auch nur geahnt
-haben, welch’ eine unermessliche Zeit über der Entstehung jener dünnen
-Schicht verflossen ist. So liessen sich auch viele Fälle anführen, wo
-die untern Schichten einer Formation emporgehoben, entblösst, wieder
-versenkt und dann von den oberen Schichten der nämlichen Formation
-bedeckt worden sind, Thatsachen, welche beweisen, dass weite leicht
-zu übersehende Zwischenräume während der Ablagerung vorhanden gewesen
-sind. In andern Fällen liefert uns eine Anzahl grosser fossilisirter
-und noch auf ihrem natürlichen Boden aufrecht stehender Bäume den
-klaren Beweis von mehren langen Pausen und wiederholten Höhen-Wechseln
-während des Ablagerungs-Prozesses, wie man sie ausserdem nie hätte
-vermuthen können. So fanden ~Lyell~ und ~Dawson~ in einem 1400′
-mächtigen Kohlen-Gebirge _Neu-Schottlands_ noch alle von Baum-Wurzeln
-durchzogenen Boden-Schichten, eine über der andern in nicht weniger als
-68 verschiedenen Höhen. Wenn daher die nämliche Art unten, mitten und
-oben in der Formation vorkommt, so ist Wahrscheinlichkeit vorhanden,
-dass sie nicht während der ganzen Ablagerungs-Zeit immer an dieser
-Stelle gelebt hat, sondern während derselben, vielleicht mehrmals, dort
-verschwunden und wieder erschienen ist. Wenn daher eine solche Spezies
-im Verlaufe einer geologischen Periode beträchtliche Umänderungen
-erfahren, so würde ein Durchschnitt durch jene Schichten-Reihe
-wahrscheinlich nicht alle die feinen Abstufungen zu Tage fördern,
-welche nach meiner Theorie die Anfangs- mit der End-Form jener Art
-verkettet haben müssen; man würde vielmehr sprungweise, wenn auch
-vielleicht nur kleine, Veränderungen zu sehen bekommen.
-
-Es ist nun äusserst wichtig sich zu erinnern, dass die Naturforscher
-keine goldene Regel haben, um mit deren Hilfe Arten von Varietäten zu
-unterscheiden. Sie gestehen jeder Art einige Veränderlichkeit zu; wenn
-sie aber etwas grössre Unterschiede zwischen zwei Formen wahrnehmen,
-so machen sie Arten daraus, wofern sie nicht etwa im Stande sind
-dieselben durch Zwischenstufen miteinander zu verketten. Und diese
-dürfen wir nach den zuletzt angegebenen Gründen selten hoffen, in einem
-geologischen Durchschnitte zu finden. Nehmen wir an, B und C seyen
-zwei Arten, und eine dritte A werde in einer tieferen und älteren
-Schicht gefunden. Hielte nun A genau das Mittel zwischen B und C, so
-würde man sie wohl einfach als eine weitere dritte Art ansehen, wenn
-nicht ihre Verkettung mit einer von beiden oder mit beiden andern
-durch Zwischenglieder nachgewiesen werden kann. Nun muss man nicht
-vergessen, dass, wie vorhin erläutert worden, wenn A auch der wirkliche
-Stamm-Vater von B und C ist, derselbe doch nicht in allen Punkten
-der Organisation nothwendig das Mittel zwischen beiden halten muss.
-So können wir denn sowohl die Stammart als auch die von ihr durch
-Umwandlung abgeleiteten Formen aus den untern und obern Schichten einer
-Formation erhalten und doch vielleicht in Ermangelung zahlreicher
-Übergangs-Stufen ihre Beziehungen zu einander nicht erkennen, sondern
-alle für eigenthümliche Arten ansehen.
-
-Es ist eine bekannte Sache, auf was für äusserst kleine Unterschiede
-manche Paläontologen ihre Arten gründen, und sie können Diess
-auch um so leichter thun, wenn ihre wenig verschiedenen Exemplare
-aus verschiedenen Stöcken einer Formation herrühren. Einige
-erfahrene Paläontologen setzen jetzt viele von den schönen Arten
-~d’Orbigny’s~ u. A. zum Rang blosser Varietäten herunter,
-und darin finden wir eine Art von Beweis für die Abänderungs-Weise,
-welche nach meiner Theorie stattfinden muss. Berücksichtigen wir die
-jüngst-tertiären Ablagerungen mit so vielen Weichthier-Arten, welche
-die Mehrzahl der Naturforscher für identisch mit noch lebenden Arten
-hält, während andre, wie ~Agassiz~ und ~Pictet~, sie alle
-für von diesen letzten verschiedene Spezies erklären, wenn auch die
-Unterschiede nur sehr gering seyn mögen. Mögen wir nun den Einen oder
-den Andern Recht geben, so wird dieser Fall doch immerhin als Beleg für
-eine ganz allmähliche Umgestaltung der Formen dienen können, wie er
-oben verlangt worden ist. Wenn wir überdiess grössre Zeit-Unterschiede
-den aufeinander folgenden Stöcken einer nämlichen grossen Formation
-entsprechend berücksichtigen, so finden wir, dass die ihnen angehörigen
-Fossil-Reste, wenn auch gewöhnlich allgemein als verschiedene Arten
-betrachtet, doch immerhin näher mit einander verwandt zu seyn pflegen,
-als die in weit getrennten Formationen enthaltenen Arten; so dass wir
-hier zwar einen unzweifelhaften Beleg eines stattgefundenen Wechsels,
-wenn auch keinen strengen Beweis einer Umänderung der Formen nach
-Maassgabe meiner Theorie erhalten. Doch werde ich auf diesen Gegenstand
-im folgenden Abschnitte zurückkommen.
-
-So ist auch noch eine andre schon früher gemachte Bemerkung zu
-berücksichtigen, dass nämlich die Varietäten von Pflanzen wie von
-Thieren, welche sich rasch vervielfältigen, aber ihre Stelle nicht viel
-ändern können, anfangs gewöhnlich lokal seyn werden, und dass solche
-örtliche Varietäten sich nicht weit verbreiten und ihre Stamm-Formen
-erst ersetzen, wenn sie sich in einem etwas grössren Maasse verändert
-und vervollkommnet haben. Nach dieser Annahme ist die Aussicht, die
-früheren Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei Arten einer
-Formation auf einer Stelle in übereinander-folgenden Schichten zu
-finden, nur klein, weil vorauszusetzen ist, dass die einzelnen
-Übergangs-Stufen als Lokalformen je eine andere örtliche Verbreitung
-gehabt haben. Die meisten Seethiere besitzen eine weite Verbreitung;
-und da wir gesehen, dass diejenigen Arten unter den Pflanzen, welche am
-weitesten verbreitet sind, auch am öftesten Varietäten darbieten, so
-wird es sich mit Mollusken u. a. See-Thieren wohl ähnlich verhalten,
-und es werden diejenigen unter ihnen, welche sich vordem am weitesten
-bis über die Grenzen _Europa’s_ hinaus erstreckten, auch am
-öftesten die Bildung neuer anfangs lokaler Varietäten und später Arten
-veranlasst haben. Auch dadurch muss die Wahrscheinlichkeit in irgend
-welcher Formation die Reihenfolge der Übergangs-Stufen aufzufinden
-ausserordentlich vermindert werden.
-
-Man muss nicht vergessen, dass man heutigen Tages, selbst wenn man
-vollständige Exemplare vor sich hat, selten zwei Varietäten durch
-Zwischenstufen verbinden und so deren Zusammengehörigkeit zu einer Art
-beweisen kann, bis man viele Exemplare von mancherlei Örtlichkeiten
-zusammengebracht hat; und bei fossilen Arten ist der Paläontologe
-selten im Stande Diess zu thun. Man wird vielleicht am besten
-begreifen, wie wenig wir in der Lage seyn können, Arten durch zahllose
-feine fossil-gefundene Zwischenglieder zu verketten, wenn wir uns
-selbst fragen, ob z. B. Paläontologen spätrer Zeiten im Stande seyn
-würden zu beweisen, dass unsre verschiedenen Rinds-, Schaafe-, Pferde-
-und Hunde-Rassen von einem oder von mehren Stämmen herkommen, -- oder
-ob gewisse See-Konchylien der _Nord-Amerikanischen_ Küsten, welche
-von einigen Konchyliologen als von ihren _Europäischen_ Vertretern
-abweichende Arten und von andern Konchyliologen als blosse Varietäten
-angesehen werden, nur wirkliche Varietäten oder sogenannte eigne
-Arten sind. Diess könnte künftigen Geologen nur gelingen, wenn sie
-viele fossile Zwischenstufen entdeckten, was jedoch im höchsten Grade
-unwahrscheinlich ist.
-
-Es ist von Schriftstellern, welche an die Unveränderlichkeit der
-Arten glauben, übergenug behauptet worden, die Geologie liefere keine
-vermittelnden Formen. Diese Behauptung ist aber ganz falsch. ~Lubbock~
-hat kürzlich gesagt: jede Art ist ein Mittelglied zwischen andern
-verwandten Formen. Wir erkennen Diess deutlich, wenn wir aus einer
-Sippe, welche reich an fossilen und lebenden Arten ist, vier Fünftel
-der Arten ausstossen, wo dann niemand bezweiflen wird, dass die Lücken
-zwischen den noch übrig bleibenden Arten grösser seyn werden als
-vorher. Sind es aber die extremen Art-Formen, welche man ausgestossen
-hat, so wird die Sippe selbst in der Regel von andern Sippen weiter
-getrennt erscheinen, als sie zuvor war. Kameel und Schweine, Pferd und
-Tapir sind jetzt offenbar sehr getrennte Formen. Schaltet man aber die
-fossilen Genera zwischen sie ein, die man aus gleichen Familien im
-fossilen Zustande kennen gelernt hat, so knüpfen sich jene Sippen durch
-diese Zwischenglieder enger aneinander. Die Reihe der verkettenden
-Formen läuft jedoch in diesen Fällen nie, oder überhaupt nie, gerade
-von einer lebenden Form zur andern, sondern berühret auf Umwegen
-zugleich solche Formen mit, welche in längst verflossenen Zeiten
-gelebt haben. Was aber die geologischen Forschungen allerdings nicht
-enthüllt haben, das ist das frühere Daseyn der unendlich zahlreichen
-Abstufungen vom Range wirklicher Varietäten zur Verkettung aller
-Arten untereinander[35]; und dass sie Diess nicht bewirkt haben, ist
-zweifelsohne eine der ersten und gewichtigsten Einwände, die man
-gegen meine Ansichten vorbringen mag. Daher wird es angemessen seyn,
-die vorangehenden Bemerkungen über die Ursachen der Unvollkommenheit
-unsrer geologischen Berichte zur Erläuterung eines ersonnenen Falles
-zusammenzufassen. Der _Malayische_ Archipel ist etwa von der Grösse
-_Europas_ vom _Nord-Kap_ bis zum _Mittelmeere_ und von _Britannien_
-bis _Russland_, entspricht mithin der Ausdehnung desjenigen Theils
-der Erd-Oberfläche, auf welchem, _Nord-Amerika_ ausgenommen, alle
-geologischen Formationen am sorgfältigsten und zusammenhängendsten
-untersucht worden sind. Ich stimme mit Hrn. ~Godwin-Austen~ in der
-Meinung vollkommen überein, dass der jetzige Zustand des _Malayischen_
-Archipels mit seinen zahlreichen durch breite und seichte Meeres-Arme
-getrennten Inseln wahrscheinlich der früheren Beschaffenheit _Europas_,
-während noch die meisten unsrer Formationen in Ablagerung begriffen
-waren, entspricht. Der _Malayische_ Archipel ist eine der an Organismen
-reichsten Gegenden der ganzen Erd-Oberfläche; aber wenn man auch alle
-Arten sammelte, welche jemals da gelebt haben, wie unvollständig würden
-sie die Naturgeschichte der ganzen Erd-Oberfläche vertreten!
-
-Indessen haben wir alle Ursache zu glauben, dass die Überreste der
-Landbewohner dieses Archipels nur äusserst unvollständig in die
-Formationen übergehen dürften, die unsrer Annahme gemäss sich dort noch
-ablagern werden. Ich vermuthe selbst, dass nicht viele der eigentlichen
-Küsten-Bewohner und der auf kahlen untermeerischen Felsen wohnenden
-Thiere in die neuen Schichten eingeschlossen werden würden; und die
-etwa in Kies und Sand eingeschlossenen dürften keiner späten Nachwelt
-überliefert werden. Da wo sich aber keine Niederschläge auf dem
-Meeres-Boden bildeten oder sich nicht in genügender Masse anhäuften, um
-organische Einflüsse gegen Zerstörung zu schützen, da würden auch gar
-keine organischen Überreste erhalten werden können.
-
-Die gewöhnlichen Muster-Formationen, hinreichend mächtig um bis zu
-einer eben so weit in der Zukunft entfernten Zeit zu reichen, als
-die Sekundär-Formationen bereits hinter uns liegen, würden wohl nur
-während Perioden der Senkung in dem Archipel entstehen können. Diese
-Perioden würden dann durch unermessliche Zwischen-Zeiten der Hebung
-oder Ruhe von einander getrennt werden; während der Hebung würden alle
-Fossilien-führenden Formationen in dem Maasse, als sie entstünden, an
-steilen Küsten durch die ununterbrochene Thätigkeit der Brandung wieder
-zerstört werden, wie wir es jetzt an den Küsten _Süd-Amerikas_
-gesehen haben; und selbst in ausgedehnten aber seichten Meeren
-innerhalb einer Insel-Welt könnten während der Emporhebung durch
-Niederschlag gebildete Schichten nicht in grosser Mächtigkeit angehäuft
-oder von spätren Bildungen so bedeckt und geschützt werden, dass ihnen
-eine Erhaltung bis in eine ferne Zukunft in wahrscheinlicher Aussicht
-stünde. Während der Senkungs-Zeiten würden viele Lebensformen zu Grunde
-gehen, während der Hebungs-Perioden dagegen sich die Formen am meisten
-durch Abänderung entfalten, aber die geologischen Denkmäler würden der
-Folgezeit wenig Nachricht davon überliefern.
-
-Es wäre zu bezweifeln, dass die Dauer irgend einer grossen Periode
-über den ganzen Archipel sich erstreckender Senkung und entsprechender
-gleichzeitiger Sediment-Ablagerung die mittle Dauer der alsdann
-vorhandnen spezifischen Formen übertreffen würde; und doch würde
-diese Bedingung unerlässlich nothwendig seyn für die Erhaltung aller
-Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei oder mehr von einander
-abstammenden Arten. Wo diese Zwischenstufen aber nicht alle vollständig
-erhalten sind, da werden die durch sie verkettet gewesenen Varietäten
-als eben so viele verschiedene Spezies erscheinen. Es ist jedoch
-wahrscheinlich, dass während so langer Senkungs-Perioden auch wieder
-Höhen-Schwankungen eintreten und kleine klimatische Veränderungen
-erfolgen werden, welche die Bewohner des Archipels zu Wanderungen
-veranlassen, so dass kein genau zusammenhängender Bericht über deren
-Abänderungs-Gang in einer der dortigen Formationen niedergelegt werden
-kann.
-
-Sehr viele der jetzigen Meeres-Bewohner jenes Archipels wohnen
-gegenwärtig noch Tausende von Englischen Meilen weit über seine Grenzen
-hinaus, und die Analogie veranlasst mich zu glauben, dass diese
-weit-verbreiteten Arten hauptsächlich zur Erzeugung neuer Varietäten
-geeignet seyn würden. Diese Varietäten dürften anfangs gewöhnlich nur
-eine örtliche Verbreitung besitzen, jedoch, wenn sie als solche irgend
-einen Vortheil voraus haben, oder wenn sie erst noch weiter abgeändert
-und verbessert sind, sich allmählich ausbreiten und ihre Stamm-Ältern
-ersetzen. Kehrte dann eine solche Varietät in ihre alte Heimath zurück,
-so würde sie, weil vielleicht zwar nur wenig, aber doch einförmig
-von ihrer früheren Beschaffenheit abweichend, und weil in etwas
-abweichenden Unterabtheilungen der nämlichen Formation eingeschichtet
-befunden, nach den Grundsätzen der meisten Paläontologen als eine neue
-und verschiedene Art aufgeführt werden müssen.
-
-Wenn daher diese Bemerkungen einiger Maassen begründet sind, so sind
-wir nicht berechtigt zu erwarten, dass wir in unseren geologischen
-Formationen eine endlose Anzahl solcher feinen Übergangs-Formen
-finden werden, welche nach meiner Betrachtungs-Weise sicher einmal
-alle früheren und jetzigen Arten einer Gruppe zu einer langen und
-verzweigten Kette von Lebenformen verbunden haben. Wir werden uns nur
-nach einigen wenigen (und gewiss zu findenden) Zwischengliedern umsehen
-müssen, von welchen die einen fester und die andren loser mit einander
-vereinigt sind; und diese Glieder, grenzten sie auch noch so nahe an
-einander, werden von den meisten Paläontologen für verschiedene Arten
-erklärt werden, sobald sie in verschiedene Stöcke einer Formation
-vertheilt sind. Jedoch gestehe ich ein, dass ich nie geglaubt haben
-würde, welch’ dürftige Nachricht von der Veränderung der einstigen
-Lebenformen uns auch das beste geologische Profil gewähre, hätte nicht
-die Schwierigkeit, die zahllosen Mittelglieder zwischen den am Anfang
-und am Ende einer Formation vorhandenen Arten aufzufinden, meine
-Theorie so sehr ins Gedränge gebracht.
-
-+Plötzliches Auftreten ganzer Gruppen verwandter Arten.+) Das
-plötzliche Erscheinen ganzer Gruppen neuer Arten in gewissen
-Formationen ist von mehren Paläontologen, wie ~Agassiz~, ~Pictet~
-und am Eindringlichsten von ~Sedgwick~ zur Widerlegung des Glaubens
-an eine allmähliche Umgestaltung der Arten hervorgehoben worden.
-Wären wirklich viele Arten von einerlei Sippe oder Familie auf einmal
-plötzlich ins Leben getreten, so müsste Diess freilich meiner Theorie
-einer langsamen Abänderung durch Natürliche Züchtung verderblich
-werden. Denn die Entwickelung einer Gruppe von Formen, die alle von
-einem Stamm-Vater herrühren, muss nicht nur selbst ein sehr langsamer
-Prozess gewesen seyn, sondern auch die Stamm-Form muss schon sehr
-lange vor ihren abgeänderten Nachkommen da gewesen seyn. Aber wir
-überschätzen fortwährend die Vollständigkeit der geologischen Berichte
-und unterstellen irrthümlich dass, weil gewisse Sippen oder Familien
-noch nicht unterhalb einer gewissen geologischen Gesichtsebene gefunden
-worden, sie auch tiefer noch nicht existirt haben. Jedenfalls verdienen
-positive paläontologische Beweise ein unbedingtes Vertrauen, während
-solche von negativer Art, wie die Erfahrung so oft ergibt, werthlos
-sind. Wir vergessen fortwährend, wie gross die Welt der kleinen Fläche
-gegenüber ist, über die sich unsre genauere Untersuchung geologischer
-Formationen erstreckt; wir vergessen, dass Arten-Gruppen anderwärts
-schon lange vertreten gewesen seyn und sich langsam vervielfältigt
-haben können, bevor sie in die alten Archipele _Europas_ und der
-_Vereinten Staaten_ eingedrungen. Wir bringen die Länge der Zeiträume
-nicht genug in Anschlag, welche wahrscheinlich zwischen der Ablagerung
-unsrer unmittelbar aufeinander-gelagerten Formationen verflossen und
-vermuthlich meistens länger als diejenigen gewesen sind, die zur
-Ablagerung einer Formation erforderlich waren. Die Zwischenräume
-waren lange genug für die Vervielfältigung der Arten von einer oder
-von einigen wenigen Stamm-Formen aus, so dass dann solche Arten in der
-jedesmal nachfolgenden Formation auftreten konnten, als ob sie erst
-plötzlich und gleichzeitig geschaffen worden seyen.
-
-Ich will hier an eine schon früher gemachte Bemerkung erinnern, dass
-nämlich wohl eine ganze Reihe von Welt-Perioden dazu gehören dürfte,
-bis ein Organismus sich einer ganz neuen Lebens-Weise anpasse,
-wie z. B. durch die Luft zu fliegen und dass Dem entsprechend die
-Übergangs-Formen oft lange auf einen kleinen Flächen-Raum beschränkt
-bleiben müssen; dass aber, wenn Diess einmal geschehen ist und nur
-einmal eine geringe Anzahl hiedurch einen grossen Vortheil vor andern
-Organismen erworben hat, nur noch eine verhältnissmässig kurze
-Zeit dazu erforderlich ist, um viele auseinander-weichende Formen
-hervorzubringen, welche dann geeignet sind sich schnell und weit über
-die Erd-Oberfläche zu verbreiten. Professor ~Pictet~ sagt
-in dem vortrefflichen Berichte, welchen er über dieses Buch gibt,
-bei Erwähnung der frühesten Übergangs-Formen beispielsweise zu den
-Vögeln, er könne nicht einsehen, welchen Vortheil die allmähliche
-Abänderung der vordren Gliedmaassen einer unterstellten Stammform
-dieser zu gewähren im Stande gewesen seyn sollte? Betrachten wir doch
-die Pinguine der südlichen Weltmeere; sind denn nicht bei diesen
-Vögeln die Vordergliedmaassen gerade eine Zwischenform von „weder
-wirklichen Armen noch wirklichen Flügeln“. Und doch behaupten diese
-Vögel im Kampfe ums Daseyn siegreich ihre Stelle, zahllos an Individuen
-und manchfaltigen Arten. Ich bin nicht der Meinung, hier eine der
-wirklichen Übergangs-Stufen zu sehen, durch welche der Flügel der Vögel
-sich gebildet habe; was könnte man aber im Besondern gegen die Meinung
-einwenden, dass es den Nachkommen dieser Pinguine von Nutzen seyn
-würde, wenn sie allmählig solche Abänderung erführen, dass sie zuerst
-gleich der ......Ente flach über den Meeresspiegel hinflattern und dann
-sich erheben und durch die Luft schweben lernten?
-
-Ich will nun einige wenige Beispiele zur Erläuterung dieser Bemerkungen
-und insbesondre zum Nachweis darüber mittheilen, wie leicht wir
-uns in der Meinung, dass ganze Arten-Gruppen auf einmal geschaffen
-worden seyen, irren können. Schon die kurze Zeit, welche zwischen
-der ersten und der zweiten Ausgabe von ~Pictet’s~ _Paléontologie_
-verlaufen ist (1844-46 bis 1853-57) hat zur wesentlichen Umgestaltung
-der Schlüsse über das erste Auftreten und das Erlöschen verschiedener
-Thier-Gruppen beigetragen, und eine dritte Auflage würde schon
-wieder bedeutende Abänderungen erheischen. Ich will zuerst an die
-wohlbekannte Thatsache erinnern, dass nach den noch vor wenigen Jahren
-erschienenen Lehrbüchern der Geologie die grosse Klasse der Säugthiere
-ganz plötzlich am Anfange der Tertiär-Periode aufgetreten seyn sollte.
-Und nun zeigt sich eine der, im Verhältniss ihrer Dicke, reichsten
-Lagerstätten fossiler Säugthier-Reste mitten in der Sekundär-Reihe,
-und ein ächtes Säugthier ist in den ältesten Schichten des New red
-Sandstone entdeckt worden. ~Cuvier~ pflegte Nachdruck darauf zu
-legen, dass noch kein Affe in irgend einer Tertiär-Schicht gefunden
-worden seye; jetzt aber kennt man fossile Arten von Vierhändern in
-_Ostindien_, in _Süd-Amerika_ und selbst in _Europa_, sogar schon
-aus der eocänen Periode. Hätte uns nicht ein seltener Zufall die
-zahlreichen Fährten im New red Sandstone der _Vereinten Staaten_
-aufbewahrt, wie würden wir anzunehmen gewagt haben, dass ausser
-Reptilien auch schon nicht weniger als dreissig Vogel-Arten von
-riesiger Grösse in so früher Zeit existirt hätten, zumal noch nicht
-ein Stückchen Knochen in jenen Schichten gefunden worden ist. Obwohl
-nun die Anzahl der Füsse, Zehen und verschiedenen Zehen-Glieder in
-jenen fossilen Eindrücken vollkommen mit denen unsrer jetzigen Vögel
-übereinstimmen, so zweifeln doch noch einige Schriftsteller daran, ob
-jene Fährten wirklich von Vögeln herrühren. So konnten also bis vor
-ganz kurzer Zeit dieselben Autoren behaupten und haben einige derselben
-wirklich behauptet, dass die ganze Klasse der Vögel plötzlich erst im
-Anfang der Tertiär-Periode aufgetreten seye; doch können wir uns jetzt
-auf die Versicherung Professor ~Owen’s~ (in ~Lyell’s~ „_Manual_“)
-berufen, dass ein Vogel gewiss schon zur Zeit gelebt habe, als der obre
-Grünsand sich ablagerte.
-
-Ich will als ein andres Beispiel anführen, was mir in einer Abhandlung
-über fossile sitzende Cirripeden selber passirt ist. Nachdem ich
-nachgewiesen, dass es eine Menge von lebenden und von erloschenen
-tertiären Arten gebe, so schloss ich aus dem ausserordentlichen
-Reichthume vieler Balaniden-Arten an Individuen, aus ihrer Verbreitung
-über die ganze Erde von den arktischen Regionen an bis zum Äquator
-und von der obren Fluth-Grenze an bis zu 50 Faden Tiefe hinab,
-aus der vollkommenen Erhaltungs-Weise ihrer Reste in den ältesten
-Tertiär-Schichten, aus der Leichtigkeit selbst einzelne Klappen zu
-erkennen und zu bestimmen: aus allen diesen Umständen schloss ich
-dass, wenn es in der sekundären Periode sitzende Cirripeden gegeben
-hätte, solche gewiss erhalten und wieder entdeckt worden seyn würden;
-da jedoch noch keine Schaale einer Spezies in Schichten dieses
-Alters gefunden worden seye, so müsse sich diese grosse Gruppe erst
-im Beginne der Tertiär-Zeit plötzlich entwickelt haben. Es war eine
-grosse Verlegenheit für mich, selbst noch ein weiteres Beispiel vom
-plötzlichen Auftreten einer grossen Arten-Gruppe bestätigen zu müssen.
-Kaum war jedoch mein Werk erschienen, als ein bewährter Paläontologe,
-Hr. ~Bosquet~, mir eine Zeichnung von einem vollständigen
-Exemplare eines unverkennbaren Balaniden sandte, welchen er selbst aus
-dem _Belgischen_ Kreide-Gebirge entnommen hatte. Und um den Fall
-so treffend als möglich zu machen, so ist der entdeckte Balanide ein
-Chthamalus, eine sehr gemeine und überall weitverbreitete Sippe,
-wovon sogar in tertiären Schichten bis jetzt noch keine Spur gefunden
-worden war. Wir wissen daher jetzt mit Sicherheit, dass es auch in
-der Sekundär-Zeit schon sitzende Cirripeden gegeben, welche möglicher
-Weise die Stamm-Ältern unsrer vielen tertiären und noch lebenden Arten
-gewesen seyn können.
-
-Der Fall von plötzlichem Auftreten einer ganzen Arten-Gruppe, worauf
-sich die Paläontologen am öftesten berufen, ist die Erscheinung der
-ächten Knochen-Fische oder Teleostier erst in den unteren Schichten
-der Kreide-Periode. Diese Gruppe enthält bei weitem die grösste
-Anzahl der jetzigen Fische. Inzwischen hat Professor ~Pictet~
-neuerlich ihre erste Erscheinung schon wieder um einen Stock tiefer
-nachgewiesen und glauben andre Paläontologen, dass viele ältre Fische,
-deren Verwandtschaften bis jetzt noch nicht genau bekannt, wirkliche
-Teleostier seyen. Nähme man mit ~Agassiz~ an, dass deren ganze
-Gruppe wirklich erst zu Anfang der Kreide-Zeit erschienen seye, so
-wäre diese Thatsache freilich höchst merkwürdig; aber auch in ihr
-vermöchte ich noch keine unübersteigliche Schwierigkeit für meine
-Theorie zu erkennen, bis auch erwiesen wäre, dass in der That die
-Arten dieser Gruppe auf der ganzen Erde gleichzeitig in jener Frist
-aufgetreten seyen. Es ist fast überflüssig zu bemerken, dass ja noch
-kaum ein fossiler Fisch von der Süd-Seite des Äquators bekannt ist
-und nach ~Pictet’s~ Paläontologie selbst in einigen Gegenden
-_Europas_ erst sehr wenige Arten gefunden worden sind. Einige
-wenige Fisch-Familien haben jetzt enge Verbreitungs-Grenzen, und
-so könnte es auch mit den Teleostiern der Fall gewesen seyn, dass
-sie erst dann, nachdem sie sich in diesem oder jenem Meere sehr
-vervielfältigt, sich weit verbreitet hätten. Auch sind wir nicht
-anzunehmen berechtigt, dass die Welt-Meere von Norden nach Süden
-allezeit so offen wie jetzt gewesen seyen. Selbst heutigen Tages könnte
-der tropische Theil des _Indischen Ozeans_ durch eine Hebung des
-_Malayischen Archipels_ über den Meeres-Spiegel in ein grosses
-geschlossenes Becken verwandelt werden, worin sich irgend welche grosse
-Seethier-Gruppen zu entwickeln und vervielfältigen vermöchten; und
-da würde sie dann eingeschlossen bleiben, bis einige der Arten für
-ein kühleres Klima geeignet und in Stand gesetzt worden wären, die
-Süd-Cap’s in _Afrika_ und _Australien_ zu umwandern und so in
-andre ferne Meere zu gelangen.
-
-Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen, aber hauptsächlich in
-Berücksichtigung unsrer Unkunde über die geologischen Verhältnisse
-andrer Welt-Gegenden ausserhalb _Europa_ und _Nord-Amerika_,
-endlich nach dem Umschwung, welchen unsre paläontologischen
-Vorstellungen durch die Entdeckungen während der letzten Jahrzehnte
-erlitten, glaube ich folgern zu dürfen, dass wir eben so übereilt
-handeln würden, die bei uns bekannt gewordene Art der Aufeinanderfolge
-der Organismen auf die ganze Erd-Oberfläche zu übertragen, als ein
-Naturforscher thäte, welcher nach einer Landung von fünf Minuten
-an irgend einer armen Küste _Australiens_ auf die Zahl und
-Verbreitung seiner Organismen schliessen wollte.
-
-+Plötzliches Erscheinen ganzer Gruppen verwandter Arten in den
-untersten Fossilien-führenden Schichten.+) Grösser ist eine andre
-Schwierigkeit; ich meine das plötzliche Auftreten vieler Arten einer
-Gruppe in den untersten Fossilien-führenden Gebirgen. Die meisten der
-Gründe, welche mich zur Überzeugung geführt, dass alle lebenden Arten
-einer Gruppe von einem gemeinsamen Urvater herrühren, sind mit fast
-gleicher Stärke auch auf die ältesten fossilen Arten anwendbar. So
-kann ich z. B. nicht daran zweifeln, dass alle silurischen Trilobiten
-von irgend einem Kruster herkommen, welcher von allen jetzt lebenden
-Krustern sehr verschieden war. Einige der ältesten silurischen Thiere
-sind zwar nicht sehr von noch jetzt lebenden Arten verschieden, wie
-Lingula, Nautilus u. a., und man kann nach meiner Theorie nicht
-annehmen, dass diese alten Arten die Erzeuger aller Arten der Ordnungen
-gewesen seyen, wozu sie gehören, indem sie in keiner Weise Mittelformen
-zwischen denselben darbieten. Und wären sie deren Stamm-Ältern
-gewesen, so würden sie jetzt gewiss längst durch ihre vervollkommneten
-Nachfolger ersetzt und ausgetilgt seyn.
-
-Wenn meine Theorie richtig, so müssten unbestreitbar schon vor
-Ablagerung der ältesten silurischen Schichten eben so lange oder
-noch längere Zeiträume, wie nachher, verflossen, und müsste die
-Erd-Oberfläche während dieser ganz unbekannten Zeiträume von lebenden
-Geschöpfen bewohnt gewesen seyn.
-
-Was nun die Frage betrifft, warum wir aus diesen weiten
-Primordial-Perioden keine Denkmäler mehr finden, so kann ich darauf
-keine genügende Antwort geben. Mehre der ausgezeichnetsten Geologen
-mit Sir ~R. Murchison~ an der Spitze sind überzeugt, in
-diesen untersten Silur-Schichten die Wiege des Lebens auf unsrem
-Planeten zu erblicken. Andre hoch-bewährte Beurtheiler, wie ~Ch.
-Lyell~ und der verstorbene ~Edw. Forbes~ bestreiten diese
-Behauptung. Und wir müssen nicht vergessen, dass nur ein geringer
-Theil unsrer Erd-Oberfläche mit einiger Genauigkeit erforscht ist.
-Erst unlängst hat Hr. ~Barrande~ dem silurischen Systeme noch
-einen anderen älteren Stock angefügt, der reich ist an neuen und
-eigenthümlichen Arten. Spuren einstigen Lebens sind auch noch in den
-Longmynd-Schichten entdeckt worden unterhalb ~Barrande’s~
-sogenannter Primordial-Zone. Die Anwesenheit Phosphate-haltiger Nieren
-und bituminöser Materien in einigen der untersten azoischen Schichten
-deutet wahrscheinlich auf ein ehemaliges noch früheres Leben hin.
-Aber dann ist die Schwierigkeit noch grösser, das gänzliche Fehlen
-der mächtigen Stösse Fossilien-führender Schichten zu begreifen, die
-meiner Theorie zufolge sich gewiss irgendwo aufgehäuft hatten. Wären
-diese ältesten Schichten durch Entblössungen ganz und gar weggewaschen
-oder durch Metamorphismus ganz und gar unkenntlich gemacht worden, so
-würden wir wohl auch nur noch ganz kleine Überreste der nächst-jüngeren
-Formationen entdecken, und diese müssten sich meistens in einem
-metamorphischen Zustande befinden. Aber die Beschreibungen, welche
-wir jetzt von den silurischen Ablagerungen in den unermesslichen
-Länder-Gebieten in _Russland_ und _Nord-Amerika_ besitzen,
-sind nicht zu Gunsten der Meinung dass, je älter eine Formation, desto
-mehr sie durch Entblössung und Metamorphismus gelitten haben müsse.
-
-Diese Thatsache muss fürerst unerklärt bleiben und wird mit Recht
-als eine wesentliche Einrede gegen die hier entwickelten Ansichten
-hervorgehoben werden. Ich will jedoch folgende Hypothese aufstellen,
-um zu zeigen, dass doch vielleicht einige Erklärung möglich ist. Aus
-der Natur der in den verschiedenen Formationen _Europa’s_ und
-der _Vereinten Staaten_ vertretenen organischen Wesen, welche
-keine grossen Tiefen bewohnt zu haben scheinen, und aus der ungeheuren
-Masse der Meilen-dicken Niederschläge, woraus diese Formationen
-bestehen, können wir zwar schliessen, dass von Anfang bis zu Ende
-grosse Inseln oder Landstriche, aus welchen die Sedimente herbeigeführt
-worden, in der Nähe der jetzigen Kontinente von _Europa_ und
-_Nord-Amerika_ existirt haben müssen. Aber vom Zustande der Dinge
-in den langen Perioden, welche zwischen der Bildung dieser Formationen
-verflossen sind, wissen wir nichts; wir vermögen nicht zu sagen, ob
-während derselben _Europa_ und die _Vereinten Staaten_ als
-trockne Länder-Strecken oder als untermeerische Küsten-Flächen, auf
-welchen inzwischen keine Ablagerungen erfolgten, oder als endlicher
-unergründlicher Meeres-Boden eines offnen und unergründlichen Ozeans
-vorhanden waren.
-
-Betrachten wir die jetzigen Weltmeere, welche dreimal so viel Fläche
-als das trockne Land einnehmen, so finden wir sie mit zahlreichen
-Inseln besäet, unter welchen aber keine der perugischen bis jetzt
-einen Überrest von paläolitischen und sekundären Formationen geliefert
-hat, etwa _Neuseeland_, _Spitzbergen_ und die benachbarte
-_Bären-Insel_ ausgenommen, welche in mancher Beziehung kaum in
-jener Klasse mitzubegreifen seyn würden. Man kann daraus vielleicht
-schliessen, dass während der paläolitischen und Sekundär-Zeit weder
-Kontinente noch kontinentale Inseln da existirt haben, wo sich jetzt
-der Ozean ausdehnt; denn wären solche vorhanden gewesen, so würden
-sich nach aller Wahrscheinlichkeit aus dem von ihnen herbei-geführten
-Schutte auch paläolitische und sekundäre Schichten gebildet haben, und
-es würden dann in Folge der Niveau-Schwankungen, welche während dieser
-ungeheuer langen Zeiträume jedenfalls stattgefunden haben müssen,
-wenigstens theilweise Emporhebungen trocknen Landes haben erfolgen
-können. Wenn wir also aus diesen Thatsachen irgend einen Schluss
-ziehen wollen, so können wir sagen, dass da, wo sich jetzt unsre
-Weltmeere ausdehnen, solche schon seit den ältesten Zeiten, von denen
-wir Kunde besitzen, bestanden haben, und dass da, wo jetzt Kontinente
-sind, grosse Landstrecken existirt haben, welche von der frühesten
-Silur-Zeit an zweifelsohne grossem Niveau-Wechsel unterworfen gewesen
-sind. Die kolorirte Karte, welche meinem Werke über die Korallen-Riffe
-beigegeben ist, führte mich zum Schluss, dass die grossen Weltmeere
-noch jetzt hauptsächlich Senkungs-Felder, die grossen Archipele noch
-jetzt schwankende Gebiete und die Kontinente noch jetzt in Hebung
-begriffen seyen. Aber haben wir ein Recht anzunehmen, dass diese
-Dinge sich seit dem Beginne dieser Welt gleich geblieben sind? Unsre
-Festländer scheinen hauptsächlich durch vorherrschende Hebung während
-vielfacher Höhen-Schwankungen entstanden zu seyn. Aber können nicht
-die Felder verwaltender Hebungen und Senkungen ihre Rollen vor noch
-längrer Zeit umgetauscht haben? In einer unermesslich früheren Zeit
-vor der silurischen Periode können Kontinente da existirt haben,
-wo sich jetzt die Weltmeere ausbreiten, und können offne Weltmeere
-gewesen seyn, wo jetzt die Festländer emporragen. Und doch würde
-man noch nicht anzunehmen berechtigt seyn, dass z. B. das Bette des
-Stillen Ozeans, wenn es jetzt in ein Festland verwandelt würde, uns
-ältre als silurische Schichten darbieten müsse, vorausgesetzt selbst
-dass sich solche einstens dort gebildet haben; denn es wäre möglich,
-dass Schichten, welche dem Mittelpunkt der Erde um einige Meilen
-näher gerückt und von dem ungeheuren Gewichte darüber stehender
-Wasser zusammengedrückt gewesen, stärkere metamorphische Einwirkungen
-erfahren habe als jene, welche näher an der Oberfläche verweilten. Die
-in einigen Welt-Gegenden wie z. B. in _Süd-Amerika_ vorhandenen
-unermesslichen Strecken bloss metamorphischen Gebirges, welche
-hohen Graden von Druck und Hitze ausgesetzt gewesen seyn müssen,
-haben mir einer besonderen Erklärung zu bedürfen geschienen; und
-vielleicht darf man annehmen, dass sie uns die zahlreichen schon lange
-vor der silurischen Zeit abgesetzten Formationen in einem völlig
-metamorphischen Zustande darbieten.
-
-Die mancherlei hier erörterten Schwierigkeiten, welche namentlich
-daraus entspringen, dass wir in der Reihe der aufeinander-folgenden
-Formationen zwar manche Mittelformen zwischen früher dagewesenen
-und jetzt vorhandenen Arten, nicht aber die unzähligen nur leicht
-abgestuften Zwischenglieder zwischen allen successiven Arten finden,
--- dass ganze Gruppen verwandter Arten in unsren _Europäischen_
-Formationen oft plötzlich zum Vorschein kommen, -- dass, so viel
-bis jetzt bekannt, ältre Fossilien-führende Formationen noch
-unter den silurischen Schichten gänzlich fehlen, -- alle diese
-Schwierigkeiten sind zweifelsohne von grösstem Gewichte. Wir ersehen
-Diess am deutlichsten aus der Thatsache, dass die ausgezeichnetsten
-Paläontologen, wie ~Cuvier~, ~Agassiz~, ~Barrande~, ~Falconer~, ~Edw.
-Forbes~ und andre, sowie unsre grössten Geologen, ~Lyell~, ~Murchison~,
-~Sedgwick~ etc. die Unveränderlichkeit der Arten einstimmig und oft
-mit grosser Heftigkeit vertheidigt haben. Inzwischen habe ich Grund
-anzunehmen, dass eine grosse Autorität, Sir ~Ch. Lyell~, in Folge
-fernerer Erwägungen sehr zweifelhaft in dieser Beziehung geworden ist.
-Ich fühle wohl, wie bedenklich es ist, von diesen Gewährsmännern, denen
-wir mit Andern alle unsre Kenntnisse verdanken, abzuweichen. Alle, die
-den geologischen Schöpfungs-Bericht für einigermaassen vollständig
-halten und nicht viel Gewicht auf andre in diesem Bande mitgetheilten
-Thatsachen und Schlussfolgerungen legen, werden zweifelsohne meine
-ganze Theorie auf einmal verwerfen. Ich für meinen Theil betrachte
-(um ~Lyell’s~ bildlichen Ausdruck durchzuführen) den Natürlichen
-Schöpfungs-Bericht als eine Geschichte der Erde, unvollständig erhalten
-und in wechselnden Dialekten geschrieben, -- wovon aber nur der letzte
-bloss auf einige Theile der Erd-Oberfläche sich beziehende Band bis
-auf uns gekommen ist. Doch auch von diesem Bande ist nur hier und da
-ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seite sind nur da und dort
-einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wechselnden Sprache dieser
-Beschreibung, mehr und weniger verschieden in den aufeinander-folgenden
-Abschnitten, mag den anscheinend plötzlich wechselnden Lebenformen
-entsprechen, welche in den unmittelbar aufeinander-liegenden Schichten
-unsrer weit von einander getrennten Formationen begraben liegen.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Geologische Aufeinanderfolge organischer Wesen.
-
- Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. -- Ungleiches
- Maass ihrer Veränderung. -- Einmal untergegangene Arten kommen nicht
- wieder zum Vorschein. -- Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen
- Regeln des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. --
- Erlöschen der Arten. -- Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen
- auf der ganzen Erd-Oberfläche. -- Verwandtschaft erloschener Arten
- mit andern fossilen und mit lebenden Arten. -- Entwickelungs-Stufe
- aller Formen. -- Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen
- Länder-Gebiete. -- Zusammenfassung des jetzigen mit früheren
- Abschnitten.
-
-
-Sehen wir nun zu, ob die verschiedenen Thatsachen und Regeln
-hinsichtlich der geologischen Aufeinanderfolge der organischen Wesen
-besser mit der gewöhnlichen Ansicht von der Unabänderlichkeit der
-Arten, oder mit der Theorie einer langsamen und stufenweisen Abänderung
-der Nachkommenschaft durch Natürliche Züchtung übereinstimmen.
-
-Neue Arten sind im Wasser wie auf dem Lande nur sehr langsam,
-eine nach der andern zum Vorschein gekommen. ~Lyell~ hat
-gezeigt, dass es kaum möglich ist, sich den in den verschiedenen
-Tertiär-Schichten niedergelegten Beweisen in dieser Hinsicht zu
-verschliessen und jedes Jahr strebt die noch vorhandenen Lücken mehr
-auszufüllen und das Prozent-Verhältniss der noch lebend vorhandenen
-zu den ganz ausgestorbenen Arten mehr und mehr abzustufen. In einigen
-der neuesten, wenn auch, in Jahren ausgedrückt, gewiss sehr alten
-Schichten kommen nur noch 1-2 ausgestorbene Arten vor, und nur je eine
-oder zwei überhaupt oder für die Örtlichkeit neue Formen gesellen sich
-den früheren bei. Wenn wir den Beobachtungen ~Philippi’s~ in
-_Sizilien_ vertrauen dürfen, so ist die stufenweise Ersetzung
-der früheren Meeres-Bewohner bei dieser Insel durch andre Arten
-ein äusserst langsamer gewesen. Die Sekundär-Formationen sind mehr
-unterbrochen; aber in jeder einzelnen Formation hat, wie ~Bronn~
-bemerkt hat, weder das Auftreten noch das Verschwinden ihrer vielen
-jetzt erloschenen Arten gleichzeitig stattgefunden.
-
-Arten verschiedener Sippen und Klassen haben weder gleichen
-Schrittes noch in gleichem Verhältnisse gewechselt. In den ältesten
-Tertiär-Schichten liegen die wenigen lebenden Arten mitten zwischen
-einer Menge erloschener Formen. ~Falconer~ hat ein schlagendes
-Beispiel der Art berichtet, nämlich von einem Krokodile noch lebender
-Art, welches mit einer Menge fremder und untergegangener Säugthiere
-und Reptilien in Schichten des _Subhimalaya_ beisammen lagert. Die
-silurischen Lingula-Arten weichen nur sehr wenig von den lebenden
-Spezies dieser Sippe ab, während die meisten der übrigen silurischen
-Mollusken und alle Kruster grossen Veränderungen unterlegen sind. Die
-Land-Bewohner scheinen schnelleren Schrittes als die Meeres-Bewohner
-zu wechseln, wovon ein treffender Beleg kürzlich aus der _Schweitz_
-berichtet worden ist. Es scheint einiger Grund zur Annahme vorhanden,
-dass solche Organismen, welche auf höherer Organisations-Stufe
-stehen, rascher als die unvollkommen entwickelten wechseln; doch gibt
-es Ausnahmen von dieser Regel. Das Maass organischer Veränderung
-entspricht nach ~Pictet’s~ Bemerkung nicht genau der Aufeinanderfolge
-unsrer geologischen Formationen, so dass zwischen je zwei
-aufeinander-folgenden Bildungen die Lebens-Formen genau in gleichem
-Grade sich änderten. Wenn wir aber irgend welche, seyen es auch nur
-zwei einander zunächst verwandte Formationen mit einander vergleichen,
-so finden wir, dass alle Arten einige Veränderungen erfahren haben.
-Ist eine Art einmal von der Erd-Oberfläche verschwunden, so haben wir
-einigen Grund zu vermuthen, dass dieselbe Art nie wieder zum Vorschein
-kommen werde. Die anscheinend auffallendsten Ausnahmen von dieser
-Regel bilden ~Barrande’s~ sogenannte „Kolonien“ von Arten, welche sich
-eine Zeit lang mitten in ältre Formationen einschieben und dann später
-wieder erscheinen; doch halte ich ~Lyell’s~ Erklärung, sie seyen durch
-Wanderungen aus einer geographischen Provinz in die andre bedingt, für
-vollkommen genügend.
-
-Diese verschiedenen Thatsachen vertragen sich wohl mit meiner Theorie.
-Ich glaube an kein festes Entwickelungs-Gesetz, welches alle Bewohner
-einer Gegend veranlasste, sich plötzlich oder gleichzeitig oder
-gleichmässig zu ändern. Der Abänderungs-Prozess muss ein sehr langsamer
-seyn. Die Veränderlichkeit jeder Art ist ganz unabhängig von der der
-andern Arten. Ob sich die Natürliche Züchtung solche Veränderlichkeit
-zu Nutzen macht, und ob die in grösserem oder geringerem Maasse
-gehäuften Abänderungen stärkere oder schwächre Modifikationen in den
-sich ändernden Arten veranlassen, Diess hängt von vielen verwickelten
-Bedingungen ab: von der Nützlichkeit der Veränderung, von der Wirkung
-der Kreutzung, von dem Maass der Züchtung, vom allmählichen Wechsel
-in der natürlichen Beschaffenheit der Gegend, und zumal von der
-Beschaffenheit der übrigen Organismen, welche mit den sich ändernden
-Arten in Mitbewerbung kommen; daher es keineswegs überraschend ist,
-wenn eine Art ihre Form unverändert bewahrt, während andre sie
-wechseln, oder wenn sie solche in geringerem Grade wechselt als diese.
-Wir beobachten Dasselbe in der geographischen Verbreitung, z. B. auf
-_Madeira_, wo die Landschnecken und Käfer in beträchtlichem
-Maasse von ihren nächsten Verwandten in _Europa_ abgewichen,
-während Vögel und See-Mollusken die nämlichen geblieben sind. Man kann
-vielleicht die anscheinend raschere Veränderung in den Land-Bewohnern
-und den höher organisirten Formen gegenüber derjenigen der meerischen
-und der tiefer-stehenden Arten aus den zusammengesetzteren
-Beziehungen der vollkommeneren Wesen zu ihren organischen und
-unorganischen Lebens-Bedingungen, wie sie in einem früheren Abschnitte
-auseinandergesetzt worden sind, herleiten. Wenn viele von den Bewohnern
-einer Gegend abgeändert und vervollkommnet worden sind, so begreift
-man aus dem Prinzip der Mitbewerbung und aus den höchst-wichtigen
-Beziehungen von Organismus zu Organismus, dass eine Form, welche gar
-keine Änderung und Vervollkommnung erfährt, der Austilgung preisgegeben
-ist. Daraus ergibt sich dann, dass alle Arten einer Gegend zuletzt,
-wenn wir nämlich hinreichend lange Zeiträume dafür zugestehen, entweder
-abändern oder zu Grunde gehen müssen.
-
-Bei Gliedern einer Klasse mag das Maass der Änderung während langer
-und gleicher Zeit-Perioden im Mittel vielleicht nahezu gleich
-seyn. Da jedoch die Anhäufung lange dauernder Fossilreste-führender
-Formationen davon bedingt ist, ob grosse Sediment-Massen während einer
-Senkungs-Periode abgesetzt werden, so müssen sich unsre Formationen
-nothwendig meistens mit langen und unregelmässigen Zwischenpausen
-gebildet haben; daher denn auch der Grad organischer Veränderung,
-welchen die in den Erd-Schichten abgelagerten organischen Reste an sich
-tragen, in aufeinander-folgenden Formationen nicht gleich ist. Jede
-Formation bezeichnet nach dieser Anschauungs-Weise nicht einen neuen
-und vollständigen Akt der Schöpfung, sondern nur eine meistens ganz
-nach Zufall herausgerissene Szene aus einem langsam vor sich gehenden
-Drama.
-
-Man begreift leicht, dass eine einmal zu Grunde gegangene Art
-nicht wieder zum Vorschein kommen kann, selbst wenn die nämlichen
-unorganischen und organischen Lebens-Bedingungen nochmals eintreten.
-Denn obwohl die Nachkommenschaft einer Art so hergerichtet werden kann
-(und gewiss in unzähligen Fällen hergerichtet worden ist), dass sie
-den Platz einer andern Art im Haushalte der Natur genau ausfüllt und
-sie ersetzt, so können doch beide Formen, die alte und die neue, nicht
-identisch die nämlichen seyn, weil beide gewiss von ihren verschiedenen
-Stamm-Vätern auch verschiedene Charaktere mit-geerbt haben. So könnten
-z. B., wenn unsre Pfauentauben ausstürben, Tauben-Liebhaber durch lange
-Zeit fortgesetzte und auf denselben Punkt gerichtete Bemühungen wohl
-eine neue von unsrer jetzigen Pfauentaube kaum unterscheidbare Rasse
-zu Stande bringen. Wäre aber auch deren Urform, unsre Felstaube im
-Natur-Zustande, wo die Stamm-Form gewöhnlich durch ihre vervollkommnete
-Nachkommenschaft ersetzt und vertilgt wird, zerstört worden, so müsste
-es doch ganz unglaubhaft erscheinen, dass ein Pfauenschwanz, mit unsrer
-jetzigen Rasse identisch, von irgend einer andern Tauben-Art oder einer
-andern guten Varietät unsrer Haustauben gezogen werden könne, weil
-die neu-gebildete Pfauentaube von ihrem neuen Stamm-Vater fast gewiss
-einige wenn auch nur leichte Unterscheidungs-Merkmale beibehalten würde.
-
-Arten-Gruppen, wie Sippen und Familien sind, folgen in ihrem Auftreten
-und Verschwinden denselben allgemeinen Regeln, wie die einzelnen
-Arten selbst, indem sie mehr oder weniger schnell, in grössrem oder
-geringerem Grade wechseln. Eine Gruppe erscheint nicht wieder, wenn
-sie einmal untergegangen ist; ihr Daseyn ist abgeschnitten. Ich weiss
-wohl, dass es einige anscheinende Ausnahmen von dieser Regel gibt;
-allein es sind deren so erstaunlich wenig, dass ~Edw. Forbes~, ~Pictet~
-und ~Woodward~ (obwohl dieselben alle diese von mir vertheidigten
-Ansichten sonst bestreiten) deren Richtigkeit zugestehen, und diese
-Regel entspricht vollkommen meiner Theorie. Denn, wenn alle Arten einer
-Gruppe von nur einer Stamm-Art herkommen, dann ist es klar, dass, so
-lange als noch irgend eine Art der Gruppe in der langen Reihenfolge der
-geologischen Perioden zum Vorschein kommt, so lange auch noch Glieder
-derselben Gruppe in ununterbrochner Reihenfolge existirt haben müssen,
-um allmählich veränderte und neue oder noch die alten und unveränderten
-Formen hervorbringen zu können. So müssen also Arten der Sippe Lingula
-seit deren Erscheinen in den untersten Schichten bis zum heutigen Tage
-ununterbrochen vorhanden gewesen seyn.
-
-Wir haben im letzten Kapitel gesehen, dass es zuweilen aussieht, als
-seyen die Arten einer Gruppe ganz plötzlich in Masse aufgetreten,
-und ich habe versucht diese Thatsache zu erklären, welche, wenn sie
-sich richtig verhielte, meiner Theorie verderblich seyn würde. Aber
-derartige Fälle sind gewiss nur als Ausnahmen zu betrachten; nach der
-allgemeinen Regel wächst die Arten-Zahl jeder Gruppe allmählich bis zu
-ihrem Maximum an und nimmt dann früher oder später wieder langsam ab.
-Wenn man die Arten-Zahl einer Sippe oder die Sippen-Zahl einer Familie
-durch eine Vertikal-Linie ausdrückt, welche die übereinander-folgenden
-Formationen mit einer nach Maassgabe der in jeder derselben enthaltenen
-Arten-Zahl veränderlichen Dicke durchsetzt, so kann es manchmal
-scheinen, als beginne dieselbe unten breit, statt mit scharfer Spitze;
-sie nimmt dann aufwärts noch weiter an Breite zu, hält darauf oft eine
-Zeit lang gleiche Stärke ein und läuft dann in den obren Schichten,
-der Abnahme und dem Erlöschen der Arten entsprechend, allmählich spitz
-aus. Diese allmähliche Zunahme einer Gruppe steht mit meiner Theorie
-vollkommen in Einklang, da die Arten einer Sippe und die Sippen einer
-Familie nur langsam und allmählich an Zahl wachsen können, weil der
-Vorgang der Umwandlung und der Entwickelung einer Anzahl verwandter
-Formen nur ein langsamer seyn kann, da eine Art anfänglich nur
-eine oder zwei Varietäten liefert, welche sich allmählich in Arten
-verwandeln, die ihrerseits mit gleicher Langsamkeit wieder andre Arten
-hervorbringen und so weiter (wie ein grosser Baum sich allmählich
-verzweigt), bis die Gruppe gross wird.
-
-+Erlöschen.+) Wir haben bis jetzt nur gelegentlich von dem Verschwinden
-der Arten und der Arten-Gruppen gesprochen. Nach der Theorie der
-Natürlichen Züchtung sind jedoch das Erlöschen alter und die Bildung
-neuer verbesserter Formen aufs Innigste mit einander verbunden. Die
-alte Meinung, dass von Zeit zu Zeit sämmtliche Bewohner der Erde durch
-grosse Umwälzungen von der Oberfläche weggefegt worden seyen, ist
-jetzt ziemlich allgemein und selbst von solchen Geologen, wie ~Elie de
-Beaumont~, ~Murchison~, ~Barrande~ u. a. aufgegeben, deren allgemeinere
-Anschauungs-Weise sie auf dieselbe hinlenken müsste. Wir haben vielmehr
-nach den über die Tertiär-Formationen angestellten Studien allen Grund
-zur Annahme, dass Arten und Arten-Gruppen ganz allmählich eine nach
-der andern zuerst an einer Stelle, dann an einer andern und endlich
-überall verschwinden. In einigen Fällen jedoch, wie beim Durchbruch
-einer Landenge und der nachfolgenden Einwanderung einer Menge von neuen
-Bewohnern, oder bei dem Untertauchen einer Insel mag das Erlöschen
-verhältnissmässig rasch vor sich gegangen seyn. Einzelne Arten sowohl
-als Arten-Gruppen haben sehr ungleich lange Zeiten gedauert, einige
-Gruppen, wie wir gesehen, von der ersten Wiegen-Zeit des Lebens an
-bis zum heutigen Tage, während andre nicht einmal den Schluss der
-paläolithischen Zeit erreicht haben. Es scheint kein bestimmtes Gesetz
-zu geben, welches die Länge der Dauer einer Art oder Sippe bestimmte.
-Doch scheint Grund zur Annahme vorhanden, dass das gänzliche Erlöschen
-der Arten einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als selbst
-ihre Entstehung ist. Wenn man das Erscheinen und Verschwinden der Arten
-einer Gruppe ebenso wie im vorigen Falle durch eine Vertikallinie
-von veränderlicher Dicke ausdrückt, so pflegt sich dieselbe weit
-allmählicher an ihrem obren dem Erlöschen entsprechenden, als am untern
-die Entwickelung darstellenden Ende zuzuspitzen. Doch ist in einigen
-Fällen das Erlöschen ganzer Gruppen von Wesen, wie das der Ammoniten am
-Ende der Sekundär-Zeit, den meisten andern Gruppen gegenüber wunderbar
-rasch erfolgt.
-
-Die ganze Frage vom Erlöschen der Arten ist in das geheimnissvollste
-Dunkel gehüllt gewesen. Einige Schriftsteller haben sogar angenommen,
-dass Arten gerade so wie Individuen eine regelmässige Lebensdauer
-haben. Durch das Verschwinden der Arten ist wohl Niemand mehr in
-Verwunderung gesetzt worden, als es mit mir der Fall gewesen. Als
-ich im _La-Plata_-Staate einen Pferde-Zahn in einerlei Schicht
-mit Resten von Mastodon, Megatherium, Toxodon u. a. Ungeheuern
-zusammenliegend fand, welche sämmtlich noch in später geologischer
-Zeit mit noch jetzt lebenden Konchilien-Arten zusammen-gelebt haben,
-war ich mit Erstaunen erfüllt. Denn da die von den Spaniern in
-_Süd-Amerika_ eingeführten Pferde sich wild über das ganze Land
-verbreitet und zu unermesslicher Anzahl vermehrt haben, so musste ich
-mich bei jener Entdeckung selber fragen, was in verhältnissmässig noch
-so neuer Zeit das frühere Pferd unter Lebens-Bedingungen zu vertilgen
-vermocht, welche sich der Vervielfältigung des _Spanischen_
-Pferdes so ausserordentlich günstig erwiesen haben? Aber wie ganz
-ungegründet war mein Erstaunen! Professor ~Owen~ erkannte bald,
-dass der Zahn, wenn auch denen der lebenden Arten sehr ähnlich, doch
-von einer ganz anderen nun erloschenen Art herrühre. Wäre diese Art
-noch jetzt, wenn auch schon etwas selten, vorhanden, so würde sich
-kein Naturforscher im mindesten über deren Seltenheit wundern, da es
-viele seltene Arten aller Klassen in allen Gegenden gibt. Fragen wir
-uns selbst, warum diese oder jene Art selten ist, so antworten wir,
-es müsse irgend etwas in den vorhandenen Lebens-Bedingungen ungünstig
-seyn, obwohl wir dieses Etwas nicht leicht näher zu bezeichnen wissen.
-Existirte das fossile Pferd noch jetzt als eine seltene Art, so würden
-wir in Berücksichtigung der Analogie mit allen andern Säugthier-Arten
-und selbst mit dem sich nur langsam fortpflanzenden Elephanten und
-der Vermehrungs-Geschichte des in _Süd-Amerika_ verwilderten
-Hauspferdes fühlen, dass jene fossile Art unter günstigeren
-Verhältnissen binnen wenigen Jahren im Stande seyn müsse den ganzen
-Kontinent zu bevölkern. Aber wir können nicht sagen, welche ungünstigen
-Bedingungen es seyen, die dessen Vermehrung hindern, ob deren nur
-eine oder ob ihrer mehre seyen, und in welcher Lebens-Periode und in
-welchem Grade jede derselben ungünstig wirke. Verschlimmerten sich aber
-jene Bedingungen allmählich, so würden wir die Thatsache sicher nicht
-bemerken, obschon jene (fossile) Pferde-Art gewiss immer seltener und
-seltener werden und zuletzt erlöschen würde; denn ihr Platz ist bereits
-von einem andern siegreichen Mitbewerber eingenommen.
-
-Man hat viele Schwierigkeit sich immer zu erinnern, dass die Zunahme
-eines jeden lebenden Wesens durch unbemerkbare schädliche Agentien
-fortwährend aufgehalten wird, und dass dieselben unbemerkbaren
-Agentien vollkommen genügen können, um eine fortdauernde Verminderung
-und endliche Vertilgung zu bewirken. Dieser Satz bleibt aber so
-unbegriffen, dass ich wiederholt habe eine Verwunderung darüber
-äussern hören, dass so grosse Thiere wie der Mastodon und die ältren
-Dinosaurier haben untergehen können, als ob die grosse Körper-Masse
-schon genüge um den Sieg im Kampfe um’s Daseyn zu sichern. Im
-Gegentheile könnte gerade eine beträchtliche Grösse in manchen
-Fällen des früher unzureichend werdenden Futter-Bedarfes wegen das
-Erlöschen beschleunigen. Schon ehe der Mensch _Ostindien_ und
-_Afrika_ bewohnte, muss irgend eine Ursache die fortdauernde
-Vervielfältigung der dort lebenden Elephanten-Arten gehemmt haben. Ein
-sehr fähiger Beurtheiler glaubt, dass es gegenwärtig hauptsächlich
-Insekten sind (wie sie ~Bruce~ auch in Abyssinien beschrieben
-hat), die durch beständiges Beunruhigen und Ermüden die raschere
-Vermehrung der Elephanten hauptsächlich hemmen. Es ist gewiss, dass
-sowohl Insekten verschiedener Art als auch Blut-saugende Fledermäuse
-bedingend wirken auf die Ausbreitung der in verschiedenen Theilen
-_Süd-Amerikas_ eingeführten Haus-Säugethiere. Wir sehen in den
-neueren Tertiär-Bildungen viele Beispiele, dass Seltenwerden dem
-gänzlichen Verschwinden vorangeht, und wir wissen, dass es derselbe
-Fall bei denjenigen Thier-Arten gewesen ist, welche durch den Einfluss
-des Menschen örtlich oder überall von der Erde verschwunden sind. Ich
-will hier wiederholen, was ich im Jahr 1845 drucken liess: Zugeben,
-dass Arten gewöhnlich selten werden, ehe sie erlöschen, und sich
-über das Seltnerwerden einer Art nicht wundern, aber dann doch hoch
-erstaunen, wenn sie endlich zu Grunde geht, -- heisst Dasselbe, wie:
-Zugeben, dass bei Individuen Krankheit dem Tode vorangeht, und sich
-über das Erkranken eines Individuums nicht befremdet fühlen, aber sich
-wundern, wenn der kranke Mensch stirbt, und seinen Tod irgend einer
-unbekannten Gewalt zuschreiben.
-
-Die Theorie der natürlichen Züchtung beruhet auf der Annahme, dass jede
-neue Varietät und zuletzt jede neue Art dadurch gebildet und erhalten
-worden seye, dass sie irgend einen Vorzug vor den mitbewerbenden
-Arten an sich habe, in Folge dessen die nicht bevortheilten Arten
-meistens unvermeidlich erlöschen. Es verhält sich eben so mit unsren
-Kultur-Erzeugnissen. Ist eine neue etwas vervollkommnete Varietät
-gebildet worden, so ersetzt sie anfangs die minder vollkommenen
-Varietäten in der Nachbarschaft; ist sie mehr verbessert, so breitet
-sie sich in Nähe und Ferne aus, wie unsre kurz-hörnigen Rinder gethan,
-und nimmt die Stelle der andern Rassen in andern Gegenden ein. So
-sind die Erscheinungen neuer und das Verschwinden alter Formen,
-natürlicher wie künstlicher, enge miteinander verknüpft. In manchen
-wohl gedeihenden Gruppen ist die Anzahl der in einer gegebenen Zeit
-gebildeten neuen Art-Formen grösser als die alten erloschenen; da wir
-aber wissen, dass gleichwohl die Arten-Zahl wenigstens in den letzten
-geologischen Perioden nicht unbeschränkt zugenommen hat, so dürfen wir
-annehmen, dass eben die Hervorbringung neuer Formen das Erlöschen einer
-ungefähr gleichen Anzahl alter veranlasst habe.
-
-Die Mitbewerbung wird gewöhnlich, wie schon früher erklärt und
-durch Beispiele erläutert worden ist, zwischen denjenigen Formen am
-ernstesten seyn, welche sich in allen Beziehungen am ähnlichsten
-sind. Daher die abgeänderten und verbesserten Nachkommen gewöhnlich
-die Austilgung ihrer Stamm-Art veranlassen werden; und wenn viele
-neue Formen von irgend einer einzelnen Art entstanden sind, so werden
-die nächsten Verwandten dieser Art, das heisst die mit ihr zu einer
-Sippe gehörenden, der Vertilgung am meisten ausgesetzt seyn. Und so
-muss, wie ich mir vorstelle, eine Anzahl neuer von einer Stamm-Art
-entsprossener Spezies, d. h. eine Sippe, eine alte Sippe der nämlichen
-Familie ersetzen. Aber es muss sich auch oft zutragen, dass eine neue
-Art aus dieser oder jener Gruppe den Platz einer Art aus einer andern
-Gruppe einnimmt und somit deren Erlöschen veranlasst; wenn sich dann
-von dem siegreichen Eindringlinge viele verwandte Formen entwickeln, so
-werden auch viele diesen ihre Plätze überlassen müssen, und es werden
-gewöhnlich verwandte Arten seyn, die in Folge eines gemeinschaftlich
-ererbten Nachtheils den andern gegenüber unterliegen. Mögen jedoch die
-unterliegenden Arten zu einer oder zu verschiedenen Klassen gehören,
-so kann doch öfter einer oder der andre von ihnen in Folge einer
-Befähigung zu einer etwas abweichenderen Lebensweise, oder seines
-abgelegenen Wohnortes wegen, eine minder strenge Mitbewerbung zu
-befahren haben und sich so noch längre Zeit erhalten. So überlebt z. B.
-nur noch eine einzige Trigonia in dem _Australischen_ Meere die
-in der Sekundär-Zeit zahlreich gewesenen Arten dieser Sippe, und eine
-geringe Zahl von Arten der einst reichen Gruppe der Ganoiden-Fische
-kommt noch in unsren Süsswassern vor. Und so ist dann das gänzliche
-Erlöschen einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als ihre
-Entwicklung.
-
-Was das anscheinend plötzliche Aussterben ganzer Familien und Ordnungen
-betrifft, wie das der Trilobiten am Ende der paläolithischen und der
-Ammoniten am Ende der mesolithischen Zeit-Periode, so müssen wir
-uns zunächst dessen erinnern, was schon oben über die sehr langen
-Zwischenräume zwischen unsren verschiedenen Formationen gesagt
-worden ist, während welcher viele Formen langsam erloschen seyn
-können. Wenn ferner durch plötzliche Einwanderung oder ungewöhnlich
-rasche Entwickelung viele Arten einer neuen Gruppe von einem neuen
-Gebiete Besitz nehmen, so können sie auch in entsprechend rascher
-Weise viele der alten Bewohner verdrängen; und die Formen, welche
-ihnen ihre Stellen überlassen, werden gewöhnlich mit einander
-verwandte Theilnehmer an irgend einem ihnen gemeinsamen Nachtheile der
-Organisation seyn.
-
-So scheint mir die Weise, wie einzelne Arten und ganze Arten-Gruppen
-erlöschen, gut mit der Theorie der Natürlichen Züchtung
-übereinzustimmen. Das Erlöschen kann uns nicht wunder-nehmen; was
-uns eher wundern müsste, ist vielmehr unsre einen Augenblick lang
-genährte Anmassung, die vielen verwickelten Bedingungen zu begreifen,
-von welchen das Daseyn jeder Spezies abhängig ist. Wenn wir einen
-Augenblick vergessen, dass jede Art auf ungeregelte Weise zuzunehmen
-strebt und irgend eine wenn auch ganz selten wahrgenommene Gegenwirkung
-immer in Thätigkeit ist, so muss uns der ganze Haushalt der Natur
-allerdings sehr dunkel erscheinen. Nur wenn wir genau anzugeben
-wüssten, warum diese Art reicher an Individuen als jene ist, warum
-diese und nicht eine andere in einer angedeuteten Gegend naturalisirt
-werden kann, dann und nur dann hätten wir Ursache uns zu wundern, warum
-wir uns von dem Erlöschen dieser oder jener einzelnen Spezies oder
-Arten-Gruppe keine Rechenschaft zu geben im Stande sind.
-
-+Über das fast gleichzeitige Wechseln der Lebenformen auf der ganzen
-Erd-Oberfläche.+) Kaum ist irgend eine andere paläontologische
-Entdeckung so überraschend als die Thatsache, dass die Lebenformen
-einem auf fast der ganzen Erd-Oberfläche gleichzeitigen Wechsel
-unterliegen. So kann unsre _Europäische_ Kreide-Formation in vielen
-entfernten Weltgegenden und in den verschiedensten Klimaten wieder
-erkannt werden, wo nicht ein Stückchen Kreide selbst zu entdecken ist.
-So namentlich in _Nord-_ und im tropischen _Süd-Amerika_, am _Kap der
-guten Hoffnung_ und auf der _Ostindischen_ Halbinsel, weil an diesen
-entfernten Punkten der Erd-Oberfläche die organischen Reste gewisser
-Schichten eine unverkennbare Ähnlichkeit mit denen unsrer Kreide
-besitzen. Nicht als ob es überall die nämlichen Arten wären; denn
-manche dieser Örtlichkeiten haben nicht eine Art miteinander gemein;
--- aber sie gehören zu einerlei Familie, Sippe, Untersippe und ähneln
-sich oft bis auf die gleichgiltigen Skulpturen der Oberfläche. Ferner
-fehlen andre Formen, welche in _Europa_ nicht in, sondern über oder
-unter der Kreide-Formation vorkommen, der genannten Formation auch
-in jenen fernen Gegenden. In den aufeinander-folgenden paläozoischen
-Formationen _Russlands_, _West-Europas_ und _Nord-Amerikas_ ist ein
-ähnlicher Parallelismus im Auftreten der Lebenformen von mehren
-Autoren wahrgenommen worden; und eben so in dem _Europäischen_ und
-_Nord-Amerikanischen_ Tertiär-Gebirge nach ~Lyell~. Selbst wenn wir die
-wenigen Arten ganz aus dem Auge lassen, welche die _Alte_ und die _Neue
-Welt_ mit einander gemein haben, so steht der allgemeine Parallelismus
-der aufeinander-folgenden Lebenformen in den verschiedenen Stöcken der
-so weit auseinander-gelegenen paläolithischen und tertiären Gebilde so
-fest, dass sich diese Formationen leicht Glied um Glied miteinander
-vergleichen lassen.
-
-Diese Beobachtungen jedoch beziehen sich nur auf die Meeres-Bewohner
-der verschiedenen Weltgegenden, und wir haben nicht genügende
-Nachweisungen um zu beurtheilen, ob die Erzeugnisse des Landes und der
-Süsswasser an so entfernten Punkten einander gleichfalls in paralleler
-Weise ablösen. Man möchte daran zweifeln, ob es der Fall; denn wenn
-das Megatherium, der Mylodon und Toxodon und die Macrauchenia aus dem
-_La-Plata_-Gebiete nach _Europa_ gebracht worden wären ohne
-alle Nachweisung über ihre geologische Lagerstätte, so würde wohl
-niemand vermuthet haben, dass sie mit noch jetzt lebend vorkommenden
-See-Mollusken gleichzeitig existirten; da jedoch diese monströsen
-Wesen mit Mastodon und Pferd zusammengelagert sind, so lässt sich
-daraus wenigstens schliessen, dass sie in einem der letzten Stadien der
-Tertiär-Periode gelebt haben müssen.
-
-Wenn vorhin von dem gleichzeitigen Wechsel der Meeres-Bewohner auf
-der ganzen Erd-Oberfläche gesprochen worden, so handelt es sich dabei
-nicht um die nämlichen tausend oder hunderttausend Jahre oder auch nur
-um eine strenge Gleichzeitigkeit im geologischen Sinne des Wortes.
-Denn, wenn alle Meeres-Thiere, welche jetzt in _Europa_ leben, und
-alle, welche in der pleistocänen Periode (eine, in Jahren ausgedrückt,
-ungeheuer entfernt liegende Periode, indem sie die Eis-Zeit mit in
-sich begreift) da gelebt haben, mit den jetzt in _Süd-Amerika_ oder
-in _Australien_ lebenden verglichen würden, so dürfte der erfahrenste
-Naturforscher schwerlich zu sagen im Stande seyn, ob die jetzt
-lebenden oder die pleistocänen Bewohner _Europas_ mit denen der
-südlichen Halbkugel näher übereinstimmen. Eben so glauben mehre der
-sachkundigsten Beobachter, dass die jetzige Lebenwelt in den _Vereinten
-Staaten_ mit derjenigen Bevölkerung näher verwandt seye, welche während
-einiger der letzten Stadien der Tertiär-Zeit in _Europa_ existirt
-hat, als mit der noch jetzt da wohnenden; und wenn Diess so ist, so
-würde man offenbar die Fossilien-führenden Schichten, welche jetzt an
-den _Nord-Amerikanischen_ Küsten abgelagert werden, in einer späteren
-Zeit eher mit etwas älteren _Europäischen_ Schichten zusammenstellen.
-Demungeachtet kann, wie ich glaube, kaum ein Zweifel seyn, dass man in
-einer sehr fernen Zukunft doch alle neueren +meerischen+ Bildungen,
-namentlich die obern pliocänen, die pleistocänen und die jetzt-zeitigen
-Schichten _Europas_, _Nord-_ und _Süd-Amerikas_ und _Australiens_,
-weil sie Reste in gewissem Grade mit einander verwandter Organismen
-und nicht auch diejenigen Arten, welche allein den tiefer-liegenden
-älteren Ablagerungen angehören, in sich einschliessen, ganz richtig als
-gleich-alt in geologischem Sinne bezeichnen würde.
-
-Die Thatsache, dass die Lebenformen gleichzeitig miteinander, in dem
-obigen weiten Sinne des Wortes, selbst in entfernten Theilen der Welt
-wechseln, hat die vortrefflichen Beobachter ~de Verneuil~
-und ~d’Archiac~ sehr betroffen gemacht. Nachdem sie über den
-Parallelismus der paläolithischen Lebenformen in verschiedenen Theilen
-von _Europa_ berichtet, sagen sie weiter: „Wenden wir unsre
-Aufmerksamkeit nun nach _Nord-Amerika_, so entdecken wir dort
-eine Reihe analoger Thatsachen, und scheint es gewiss zu seyn, dass
-alle diese Abänderungen der Arten, ihr Erlöschen und das Auftreten
-neuer nicht blossen Veränderungen in den Meeres-Strömungen oder andern
-mehr und weniger örtlichen und vorübergehenden Ursachen zugeschrieben
-werden können, sondern von allgemeinen Gesetzen abhängen, welche das
-ganze Thier-Reich betreffen.“ Auch ~Barrande~ hat ähnliche
-Wahrnehmungen gemacht und nachdrücklich hervorgehoben. Es ist in der
-That ganz ohne Nutzen, die Ursache dieser grossen Veränderungen in
-den Lebenformen der ganzen Erd-Oberfläche und in den verschiedensten
-Klimaten im Wechsel der See-Strömungen, des Klimas oder andrer
-natürlicher Lebens-Bedingungen aufsuchen zu wollen; wir müssen uns,
-wie schon ~Barrande~ bemerkt, nach einem besondren Gesetze
-dafür umsehen. Wir werden Diess deutlicher erkennen, wenn von der
-gegenwärtigen Vertheilung der organischen Wesen die Rede seyn wird; wir
-werden dann finden, wie gering die Beziehungen zwischen den natürlichen
-Lebens-Bedingungen verschiedener Länder und der Natur ihrer Bewohner
-ist.
-
-Diese grosse Thatsache von der parallelen Aufeinanderfolge der
-Lebenformen auf der ganzen Erde ist aus der Theorie der Natürlichen
-Züchtung erklärbar. Neue Arten entstehen aus neuen Varietäten, welche
-einige Vorzüge von älteren Formen an sich tragen, und diejenigen
-Formen, welche bereits der Zahl nach vorherrschen oder irgend einen
-Vortheil vor andern Formen voraus haben, werden natürlich am öftesten
-die Entstehung neuer Varietäten oder beginnender Arten veranlassen;
-denn diese letzten werden in noch höherem Grade siegreich gegen andre
-bestehen und sie überleben. Wir finden einen bestimmten Beweis dafür
-darin, dass den herrschenden, d. h. in ihrer Heimath gemeinsten und am
-weitesten verbreiteten Pflanzen-Arten im Vergleiche zu andren Arten
-in ihrer eignen Heimath die grösste Anzahl neuer Varietäten gebildet
-haben. Ebenso ist es natürlich, dass die herrschenden veränderlichen
-und weit verbreiteten Arten, die bis zu einem gewissen Grade bereits
-in die Gebiete andrer Arten eingedrungen sind, auch bessere Aussicht
-als andre zu noch weitrer Ausbreitung und zur Bildung fernerer
-Varietäten und Arten in den neuen Gegenden haben. Dieser Vorgang der
-Ausbreitung mag oft ein sehr langsamer seyn, indem er von klimatischen
-und geographischen Veränderungen, zufälligen Ereignissen oder von der
-allmählichen Acclimatisirung neuer Arten in den verschiedenen von
-ihnen zu durchwandernden Klimaten abhängt; doch mit der Zeit wird die
-Verbreitung der herrschenden Formen gewöhnlich durchgreifen. Sie wird
-bei Land-Bewohnern geschiedener Kontinente wahrscheinlich langsamer vor
-sich gehen als bei den Organismen zusammenhängender Meere. Wir werden
-daher einen minder genauen Grad paralleler Aufeinanderfolge in den
-Land- als in den Meeres-Erzeugnissen zu finden erwarten dürfen, wie es
-auch in der That der Fall ist.
-
-Wenn herrschende Arten sich von einer Gegend aus verbreiten, so werden
-sie mitunter auf noch herrschendere Arten stossen, und dann wird ihr
-Siegeslauf und selbst ihre Existenz aufhören. Wir wissen durchaus nicht
-genau, welches alle die günstigsten Bedingungen für die Vermehrung
-neuer und herrschender Arten sind; doch Das können wir, glaube ich,
-klar erkennen, dass eine grosse Anzahl von Individuen, insoferne sie
-mehr Aussicht auf die Hervorbringung vortheilhafter Abänderungen hat,
-und dass eine strenge Mitbewerbung mittelst vieler schon bestehender
-Formen im höchsten Grade vortheilhaft seyn müsse, sowie das Vermögen
-sich in neue Gebiete zu verbreiten. Ein gewisser Grad von Isolirung,
-nach langen Zwischenzeiten zuweilen wiederkehrend, dürfte, wie früher
-erläutert worden, wohl gleichfalls förderlich seyn. Ein Theil der
-Erd-Oberfläche mag für die Hervorbringung neuer und herrschender Arten
-des Landes und ein andrer für solche des Meeres günstiger seyn. Wenn
-zwei grosse Gegenden sehr lange Zeiten hindurch zur Hervorbringung
-herrschender Arten in gleichem Grade geeignet gewesen, so wird der
-Kampf ihrer Einwohner miteinander, wann immer sie zusammentreffen
-mögen, ein langer und harter werden, und werden einige von der einen
-und einige von der andern Geburts-Stätte aus siegreich vordringen.
-Aber im Laufe der Zeit werden die im höchsten Grade herrschenden
-Formen, auf welcher von beiden Seiten sie auch entstanden seyn mögen,
-überall das Übergewicht erlangen. In dem Maasse, als sie überwiegen,
-werden sie das Erlöschen andrer unvollkommenerer Formen bedingen; und
-da oft ganze unter sich verwandte Gruppen die gleiche Unvollkommenheit
-gemeinsam ererbt haben, so werden solche Gruppen sich allmählich ganz
-zum Erlöschen neigen, wenn auch da und dort ein einzelnes Glied sich
-noch eine Zeit lang durchbringen mag.
-
-So, scheint mir, stimmt die parallele und, in einem weiten Sinne
-genommen, gleichzeitige Aufeinanderfolge der nämlichen Lebenformen auf
-der ganzen Erde wohl mit dem Prinzip überein, dass neue Arten durch
-sich weit verbreitende und sehr veränderliche herrschende Spezies
-gebildet werden; die so erzeugten neuen Arten werden in Folge von
-Vererbung und, weil sie bereits einige Vortheile über ihre Ältern
-und über andre Arten besitzen, selber herrschend; auch diese breiten
-sich nun aus, variiren und bilden wieder neue Spezies. Diejenigen
-Formen, welche verdrängt werden und ihre Stellen den neuen siegreichen
-Formen überlassen, werden gewöhnlich gruppenweise verwandt seyn,
-weil sie irgend eine Unvollkommenheit gemeinsam ererbt haben; daher
-in dem Maasse als sich die neuen und vollkommeneren Gruppen über die
-Erde verbreiten, alte Gruppen vor ihnen verschwinden müssen. Diese
-Aufeinanderfolge der Formen auf beiden Wegen wird sich überall zu
-entsprechen geneigt seyn.
-
-Noch bleibt eine Bemerkung über diesen Gegenstand zu machen übrig.
-Ich habe die Gründe angeführt, wesshalb ich glaube, dass jede unsrer
-grossen Fossil-reichen Formationen in Perioden fortdauernder Senkung
-abgesetzt worden sind, dass aber diese Ablagerungen durch lange
-Zwischenräume getrennt gewesen, wo der Meeres-Boden stet oder in Hebung
-begriffen war, oder wo die Anschüttungen nicht rasch genug erfolgten,
-um die organischen Reste einzuhüllen und gegen Zerstörung zu bewahren.
-Während dieser langen leeren Zwischenzeiten nun haben, nach meiner
-Annahme, die Bewohner jeder Gegend viele Abänderungen erfahren und
-viel durch Erlöschen gelitten, und haben grosse Wanderungen von einem
-Theile der Erde zum andern stattgefunden. Da nun Grund zur Annahme
-vorhanden ist, dass weite Felder die gleichen Bewegungen durchgemacht
-haben, so haben gewiss auch oft genau gleichzeitige Formationen über
-sehr weiten Räumen einer Weltgegend abgesetzt werden können; doch sind
-wir hieraus nicht zu schliessen berechtigt, dass Diess unabänderlich
-der Fall gewesen, oder dass weite Felder unabänderlich von gleichen
-Bewegungen betroffen worden seyen. Sind zwei Formationen in zwei
-Gegenden zu beinahe, aber nicht genau, gleicher Zeit entstanden, so
-werden wir in beiden aus schon oben auseinandergesetzten Gründen im
-Allgemeinen die nämliche Aufeinanderfolge der Lebenformen erkennen;
-aber die Arten werden sich nicht genau entsprechen, weil sie in der
-einen Gegend etwas mehr und in der andern etwas weniger Zeit gehabt
-haben abzuändern, zu wandern und zu erlöschen.
-
-Ich vermuthe, dass Fälle dieser Art in _Europa_ selbst vorkommen.
-~Prestwich~ ist in seiner vortrefflichen Abhandlung über die
-Eocän-Schichten in _England_ und _Frankreich_ im Stande einen im
-Allgemeinen genauen Parallelismus zwischen den aufeinanderfolgenden
-Stöcken beider Gegenden nachzuweisen. Obwohl sich nun bei Vergleichung
-gewisser Stöcke in _England_ mit denen in _Frankreich_ eine
-merkwürdige Übereinstimmung beider in den zu einerlei Sippen gehörigen
-Arten ergibt, so weichen doch diese Arten selber in einer bei der
-geringen Entfernung beider Gebiete schwer zu erklärenden Weise von
-einander ab, wenn man nicht annehmen will, dass eine Landenge zwei
-benachbarte Meere getrennt habe, welche von gleichzeitig verschiedenen
-Faunen bewohnt gewesen seyen. ~Lyell~ hat ähnliche Beobachtungen
-über einige der späteren Tertiär-Formationen gemacht, und eben so
-hat ~Barrande~ gezeigt, dass zwischen den aufeinanderfolgenden
-Silur-Schichten _Böhmen’s_ und _Skandinavien’s_ im Allgemeinen ein
-genauer Parallelismus herrsche, demungeachtet aber eine erstaunliche
-Verschiedenheit zwischen den Arten bestehe. Wären aber nun die
-verschiedenen Formationen dieser Gegenden nicht genau während der
-gleichen Periode abgesetzt worden, indem etwa die Ablagerung in der
-einen Gegend mit einer Pause in der andern zusammenfiele, -- und
-hätten in beiden Gegenden die Arten sowohl während der Anhäufung
-der Schichten als während der langen Pausen dazwischen langsame
-Veränderungen erfahren: so würden die verschiedenen Formationen beider
-Gegenden auf gleiche Weise und in Übereinstimmung mit der allgemeinen
-Aufeinanderfolge der Lebenformen geordnet erscheinen, und ihre Ordnung
-sogar genauparallel scheinen (ohne es zu seyn); demungeachtet würden
-in den einzelnen einander anscheinend entsprechenden Stöcken beider
-Gegenden nicht alle Arten übereinstimmen.
-
-+Verwandtschaft erloschener Arten unter sich und mit den lebenden
-Formen.+) Werfen wir nun einen Blick auf die gegenseitigen
-Verwandtschaften erloschener und lebender Formen. Alle fallen in
-ein grosses Natur-System, was sich aus dem Prinzip gemeinsamer
-Abstammung erklärt. Je älter eine Form, desto mehr weicht sie der
-allgemeinen Regel zufolge von den lebenden Formen ab. Doch können, wie
-~Buckland~ schon längst bemerkt, alle fossile Formen in noch
-lebende Gruppen eingetheilt oder zwischen sie eingeschoben werden.
-Es ist nicht zu bestreiten, dass die erloschenen Formen weite Lücken
-zwischen den jetzt noch bestehenden Sippen, Familien und Ordnungen
-ausfüllen helfen. Denn wenn wir unsre Aufmerksamkeit entweder auf die
-lebenden oder auf die erloschenen Formen allein richten, so ist die
-Reihe viel minder vollkommen, als wenn wir beide in ein gemeinsames
-System zusammenfassen. Hinsichtlich der Wirbelthiere liessen sich viele
-Seiten mit den trefflichen Erläuterungen unsres grossen Paläontologen
-~Owen~ über die Verbindung lebender Thier-Gruppen durch fossile
-Formen anfüllen. Nachdem ~Cuvier~ die Wiederkäuer und die
-Pachydermen als zwei der aller-verschiedensten Säugthier-Ordnungen
-betrachtet, hat ~Owen~ so viele fossile Zwischenglieder
-entdeckt, dass er die ganze Klassifikation dieser zwei Ordnungen zu
-ändern genöthigt war und gewisse Pachydermen in gleiche Unterordnung
-mit Ruminanten versetzte. So z. B. füllt er die weite Lücke zwischen
-Kameel und Schwein mit kleinen Zwischenstufen aus. Was die Wirbel-losen
-betrifft, so versichert ~Barrande~, gewiss die erste Autorität
-in dieser Beziehung, wie er jeden Tag deutlicher erkenne, dass die
-paläolithischen Thiere, wenn auch in einerlei Ordnungen, Familien und
-Sippen mit den jetzt lebenden gehörig, doch noch nicht in so bestimmte
-Gruppen geschieden waren, wie diese letzten.
-
-Einige Schriftsteller haben sich gegen die Meinung erklärt, dass
-eine erloschene Art oder Arten-Gruppe zwischen lebenden Arten oder
-Gruppen in der Mitte stehe. Wenn damit gesagt werden sollte, dass die
-erloschene Form in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen
-zwei lebenden Formen halte, so wäre die Einwendung begründet. Aber ich
-erkenne, dass in einer vollkommen natürlichen Klassifikation viele
-fossile Arten zwischen lebenden Arten, und manche erloschene Sippen
-zwischen lebenden Sippen oder sogar zwischen Sippen verschiedener
-Familien ihre Stelle einzunehmen haben. Der gewöhnliche Fall zumal bei
-sehr ausgezeichneten Gruppen, wie Fische und Reptilien sind, scheint
-mir der zu seyn, dass da, wo dieselben heutigen Tages z. B. durch
-ein Dutzend Charaktere von einander abweichen, die alten Glieder der
-nämlichen zwei Gruppen in einer etwas geringeren Anzahl von Merkmalen
-unterschieden waren, so dass beide Gruppen vordem, wenn auch schon
-völlig verschieden, doch einander etwas näher stunden als jetzt.
-
-Es ist eine gewöhnliche Meinung, dass eine Form je älter um so mehr
-geeignet seye, mittelst einiger ihrer Charaktere jetzt weit getrennte
-Gruppen zu verknüpfen. Diese Bemerkung muss ohne Zweifel auf solche
-Gruppen beschränkt werden, die im Verlaufe geologischer Zeiten grosse
-Veränderungen erfahren haben, und es möchte schwer seyn, die Wahrheit
-zu beweisen; denn hier und da wird auch noch ein lebendes Thier wie
-der Lepidosiren entdeckt, das mit sehr verschiedenen Gruppen zugleich
-verwandt ist. Wenn wir jedoch die ältern Reptilien und Batrachier, die
-alten Fische, die alten Cephalopoden und die eocänen Säugthiere mit den
-neueren Gliedern derselben Klassen vergleichen, so müssen wir einige
-Wahrheit in der Bemerkung zugestehen.
-
-Wir wollen nun zusehen, in wie ferne diese verschiedenen Thatsachen
-und Schlüsse mit der Theorie abändernder Nachkommenschaft
-übereinstimmen. Da der Gegenstand etwas verwickelt ist, so muss ich den
-Leser bitten, sich nochmals nach dem Bilde S. 131 umzusehen. Nehmen
-wir an, die numerirten Buchstaben stellen Sippen und die von ihnen
-ausstrahlenden Punkt-Reihen die dazu gehörigen Arten vor. Das Bild ist
-insoferne zu einfach, als zu wenige Sippen und Arten darauf angenommen
-sind; doch ist Das unwesentlich für uns. Die wagrechten Linien mögen
-die aufeinander-folgenden geologischen Formationen vorstellen und alle
-Formen unter der obersten dieser Linien als erloschene gelten. Die
-drei lebenden Sippen a^{14}, q^{14}, p^{14} mögen eine kleine Familie
-bilden; b^{14} und f^{14} eine nahe verwandte oder eine Unter-Familie,
-und o^{14}, e^{14}, m^{14} eine dritte Familie vertreten. Diese drei
-Familien mit den vielen erloschenen Sippen auf den verschiedenen von
-der Stamm-Form A auslaufenden Verzweigungs-Linien bilden eine Ordnung;
-denn alle werden von ihrem alten und gemeinschaftlichen Stammvater
-aus etwas Gemeinsames ererbt haben. Nach dem Prinzip fortdauernder
-Divergenz des Charakters, zu dessen Erläuterung jenes Bild bestimmt
-war, muss jede Form je neuer um so stärker von ihrem ersten Stammvater
-abweichen. Daraus erklärt sich eben auch die Regel, dass die ältesten
-fossilen am meisten von den jetzt lebenden Formen verschieden sind.
-Doch dürfen wir nicht glauben, dass Divergenz des Charakters eine
-nothwendige Eigenschaft ist; sie hängt allein davon ab, ob die
-Nachkommen einer Art befähigt sind, viele und verschiedenartige Plätze
-im Haushalt der Natur einzunehmen. Daher ist es auch ganz wohl möglich,
-wie wir bei einigen silurischen Fossilien gesehen, dass eine Art bei
-nur geringer, nur wenig veränderten Lebens-Bedingungen entsprechender
-Modifikation fortbestehen und während langer Perioden stets dieselben
-allgemeinen Charaktere beibehalten kann. Diess wird in dem Bilde durch
-den Buchstaben ~F~^{14} ausgedrückt.
-
-All’ die vielerlei von A abstammenden Formen, erloschene wie noch
-lebende, bilden nach unsrer Annahme zusammen eine Ordnung, und diese
-Ordnung ist in Folge fortwährenden Erlöschens der Formen und Divergenz
-der Charaktere allmählich in Familien und Unterfamilien getheilt
-worden, von welchen einige in früheren Perioden zu Gründe gegangen sind
-und andre bis auf den heutigen Tag währen.
-
-Das Bild zeigt uns ferner, dass, wenn eine Anzahl der schon
-früher erloschenen und in die aufeinander-folgenden Formationen
-eingeschlossenen Formen an verschiedenen Stellen tief unten in der
-Reihe wieder entdeckt würden, die drei noch lebenden Familien auf der
-obersten Linie mehr unter sich verkettet scheinen müssten. Wären z. B.
-die Sippen a^1, a^5, a^{10}, f^8, m^3, m^6, m^9 wieder ausgegraben
-worden, so würden die drei Familien so eng mit einander verkettet
-erscheinen, dass man sie wahrscheinlich in eine grosse Familie
-vereinigen würde, etwa so wie es mit den Wiederkäuern und gewissen
-Dickhäutern geschehen ist. Wer nun gegen die Bezeichnung jener die drei
-lebenden Familien verbindenden Sippen als „intermediäre dem Charakter
-nach“ Verwahrung einlegen wollte, würde in der That in so ferne Recht
-haben, als sie nicht direkt, sondern nur auf einem durch viele sehr
-abweichende Formen hergestellten Umwege sich zwischen jene andern
-einschieben. Wären viele erloschene Formen über einer der mitteln
-Horizontal-Linien oder Formationen, wie z. B. Nr. VI--, aber keine
-unterhalb dieser Linie gefunden worden, so würde man nur die zwei
-auf der linken Seite stehenden Familien -- nämlich a^{14} etc. und
-b^{14} etc. -- in eine grosse Familie vereinigen, und die zwei andern
-a^{14}-f^{14} mit fünf und o^{14}-m^{14} mit drei Sippen würden dann
-davon getrennt bleiben. Doch würden diese zwei Familien weniger von
-einander verschieden erscheinen, als vor Entdeckung der fossilen Reste.
-Wenn wir z. B. annehmen, die noch bestehenden Sippen der zwei Familien
-wichen in einem Dutzend Merkmale von einander ab, so müssen dieselben
-in der früheren mit VI bezeichneten Periode weniger Unterschiede
-gezeigt haben, weil sie auf jener Fortbildungs-Stufe von dem
-gemeinsamen Stammvater der Ordnung im Charakter noch nicht so stark wie
-späterhin divergirten. So geschieht es dann, dass alte und erloschene
-Sippen oft einigermaassen zwischen ihren abgeänderten Nachkommen oder
-zwischen ihren Seiten-Verwandten das Mittel halten.
-
-In der Natur wird der Fall weit zusammengesetzter seyn, als ihn unser
-Bild darstellt; denn die Gruppen sind viel zahlreicher, ihre Dauer
-ist von ausserordentlich ungleicher Länge, und die Abänderungen haben
-manchfaltige Abstufungen erreicht. Da wir nun den letzten Band des
-geologischen Berichtes mit vielfältig unterbrochnem Zusammenhange
-besitzen, so haben wir, einige sehr seltene Fälle ausgenommen,
-kein Recht, die Ausfüllung grosser Lücken im Natur-Systeme und die
-Verbindung getrennter Familien und Ordnungen zu erwarten. Alles,
-was wir hoffen dürfen, ist diejenigen Gruppen, welche erst in der
-bekannten geologischen Zeit grosse Veränderungen erfahren, in den
-frühesten Formationen etwas näher aneinander gerückt zu finden, so
-dass die älteren Glieder in einigen ihrer Charaktere etwas weniger
-weit auseinander gehen, als die jetzigen Glieder derselben Gruppen;
-und Diess scheint nach dem einstimmigem Zeugnisse unserer besten
-Paläontologen oft der Fall zu seyn.
-
-So scheinen sich mir nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit
-fortschreitender Modifikation die wichtigsten Thatsachen hinsichtlich
-der wechselseitigen Verwandtschaft der erloschenen Lebenformen zu
-einander und zu den noch bestehenden Formen in genügender Weise
-zu erklären. Nach jeder andern Betrachtungs-Weise sind sie völlig
-unerklärbar.
-
-Aus der nämlichen Theorie erhellt, dass die Fauna einer grossen Periode
-in der Erd-Geschichte in ihrem allgemeinen Charakter das Mittel halten
-müsse zwischen der zunächst vorangehenden und nachfolgenden. So sind
-die Arten, welche im sechsten grossen Schichten-Stocke unsres Bildes
-vorkommen, die abgeänderten Nachkommen derjenigen, welche schon
-im fünften vorhanden gewesen, und sind die Ältern der noch weiter
-abgeänderten im siebenten; sie können daher nicht wohl anders als
-nahezu das Mittel zwischen beiden halten. Wir müssen jedoch hiebei im
-Auge behalten das gänzliche Erlöschen einiger früheren Formen, die
-Einwanderung neuer Formen aus andern Gegenden und die beträchtliche
-Umänderung der Formen während der langen Lücke zwischen zwei
-aufeinander-folgenden Formationen. Diese Zugeständnisse berücksichtigt,
-muss die Fauna jeder grossen geologischen Periode zweifelsohne genau
-das Mittel einnehmen zwischen der vorhergehenden und der folgenden.
-Ich brauche nur als Beispiel anzuführen, wie die Fossil-Reste des
-Devon-Systems die Paläontologen zu dessen Aufstellung veranlasst haben,
-als sie deren mitteln Charakter zwischen denen des darunterliegenden
-Silur- und des darauf-folgenden Steinkohlen-Systemes erkannten. Aber
-nicht jede Fauna muss dieses Mittel genau einhalten, weil die zwischen
-aufeinander-folgenden Formationen verflossenen Zeiträume ungleich lang
-seyn können.
-
-Es ist kein wesentlicher Einwand gegen die Wahrheit der Behauptung,
-dass die Fauna jeder Periode im Ganzen genommen ungefähr das Mittel
-zwischen der vorigen und der folgenden Fauna halten müsse, darin
-zu finden, dass manche Sippen Ausnahmen von dieser Regel bilden.
-So stimmen z. B., wenn man Mastodonten und Elephanten nach Dr.
-~Falconer~ zuerst nach ihrer gegenseitigen Verwandtschaft und
-dann nach ihrer geologischen Aufeinanderfolge in zwei Reihen ordnet,
-beide Reihen nicht mit einander überein. Die in ihren Charakteren am
-weitesten abweichenden Arten sind weder die ältesten noch die jüngsten,
-noch sind die von mittlem Charakter auch von mittlem Alter. Nehmen wir
-aber für einen Augenblick an, unsre Kenntniss von den Zeitpunkten des
-Erscheinens und Verschwindens der Arten seye in diesem und ähnlichen
-Fällen vollkommen genau, so haben wir doch noch kein Recht zu glauben,
-dass die nacheinander auftretenden Formen nothwendig auch gleich-lang
-bestehen müssen; eine sehr alte Form kann zufällig eine längre Dauer
-als eine irgendwo später entwickelte Form haben, was insbesondre von
-solchen Landbewohnern gilt, welche in ganz getrennten Bezirken zu
-Hause sind. Kleines mit Grossem vergleichend wollen wir die Tauben als
-Beispiel wählen. Wenn man die lebenden und erloschenen Haupt-Rassen
-unsrer Haus-Tauben so gut als möglich nach ihren Verwandtschaften
-in Reihen ordnete, so würde diese Anordnungs-Weise nicht genau
-übereinstimmen weder mit der Zeitfolge ihrer Entstehung und noch
-weniger mit der ihres Untergangs. Denn die stammälterliche Felstaube
-lebt noch, und viele Zwischenvarietäten zwischen ihr und der Botentaube
-sind erloschen, und Botentauben, welche in der Länge des Schnabels
-das Äusserste bieten, sind früher entstanden, als die kurzschnäbeligen
-Purzler, welche das entgegengesetzte Ende der auf die Schnabel-Länge
-gegründeten Reihenfolge bilden.
-
-Mit der Behauptung, dass die organischen Reste einer mitteln Formation
-auch einen nahezu mitteln Charakter besitzen, steht die Thatsache,
-worauf alle Paläontologen bestehen, in nahem Zusammenhang, dass nämlich
-die fossilen aus zwei aufeinander-folgenden Formationen viel näher
-als die aus entfernten mit einander verwandt sind. ~Pictet~
-führt als ein wohl-bekanntes Beispiel die allgemeine Ähnlichkeit der
-organischen Reste aus den verschiedenen Stöcken der Kreide-Formation
-an, obwohl die Arten in allen Stöcken verschieden sind. Diese Thatsache
-allein scheint ihrer Allgemeinheit wegen Professor ~Pictet~
-in seinem festen Glauben an die Unveränderlichkeit der Arten wankend
-gemacht zu haben. Wohl bekannt mit der Vertheilungs-Weise der jetzt
-lebenden Arten über die Erd-Oberfläche, wagt er doch nicht eine
-Erklärung über die grosse Ähnlichkeit verschiedener Spezies in nahe
-aufeinander-folgenden Formationen aus der Annahme herzuleiten, dass
-die physikalischen Bedingungen der alten Länder-Gebiete sich fast
-gleich geblieben seyen. Erinnern wir uns, dass die Lebenformen
-wenigstens des Meeres auf der ganzen Erde und mithin unter den
-aller-verschiedensten Klimaten u. a. Bedingungen fast gleichzeitig
-gewechselt haben; -- und bedenken wir, welchen unbedeutenden Einfluss
-die wunderbarsten klimatischen Veränderungen während der die ganze
-Eis-Zeit umschliessenden Pleistocän-Periode auf die spezifischen Formen
-der Meeres-Bewohner ausgeübt haben!
-
-Nach der Theorie der gemeinsamen Abstammung ist die volle
-Bedeutung der Thatsache klar, dass fossile Reste aus unmittelbar
-aufeinander-folgenden Formationen, wenn auch als Arten verschieden,
-nahe mit einander verwandt sind. Da die Ablagerung jeder Formation
-oft unterbrochen worden ist und lange Pausen zwischen der Absetzung
-verschiedener Formationen stattgefunden haben, so dürfen wir, wie ich
-im letzten Kapitel zu zeigen versucht, nicht erwarten in irgend einer
-oder zwei Formationen alle Zwischenvarietäten zwischen den Arten zu
-finden, welche am Anfang und am Ende dieser Formationen gelebt haben;
-wohl aber müssten wir nach mehr oder weniger grossen Zwischenräumen
-(sehr lang in Jahren ausgedrückt, aber mässig lang in geologischem
-Sinne) nahe verwandte Formen oder, wie manche Schriftsteller sie
-genannt haben, „stellvertretende Arten“ finden, und diese finden wir
-in der That. Kurz wir entdecken diejenigen Beweise einer langsamen
-und fast unmerkbaren Umänderung spezifischer Formen, wie wir sie zu
-erwarten berechtigt sind.
-
-+Über die Entwickelungs-Stufe alter gegenüber den noch lebenden
-Formen.+) Wir haben im vierten Kapitel gesehen, dass der Grad der
-Differenzirung und Spezialisirung der Theile und organischen Wesen
-in ihrem reifen Alter den besten bis jetzt versuchten Maasstab zur
-Bemessung der Vollkommenheits- oder Höhen-Stufe derselben abgibt.
-Wir haben auch gesehen, dass, insoferne Spezialisirung der Theile
-und Organe ein Vortheil für jedes Wesen ist, die Natürliche Züchtung
-beständig streben wird, die Organisation eines jeden Wesens immer mehr
-zu spezialisiren und somit, in diesem Sinne genommen, vollkommener zu
-machen; was jedoch nicht ausschliesst, dass noch immer viele Geschöpfe,
-für einfachre Lebens-Bedingungen bestimmt, auch ihre Organisation
-einfach und unverbessert behalten. Es ist keine wesentliche Einwendung
-gegen meine Ansichten (obwohl wir zu wenig von den Lebens-Beziehungen
-kennen um irgend eine genaue Erklärung zu bieten), wenn gewisse
-Brachiopoden seit der frühesten geologischen Periode fast unverändert
-geblieben sind und wenn Süsswasser-Mollusken, wie Professor
-~Philipps~ hervorgehoben hat, bis zum heutigen Tage fast keine
-Umänderung erfahren haben; jedoch sind diese letzten einer lebhaftern
-Mitbewerbung ausgesetzt gewesen, als die Bewohner des weiten Meeres.
-Auch in einem anderen und allgemeineren Sinne ergibt sich, dass nach
-der Theorie der Natürlichen Züchtung die neueren Formen höher als ihre
-Vorfahren streben; denn jede neue Art hat sich allmählich entwickelt,
-weil sie im Kampfe ums Daseyn stets einen Vorzug vor andern und älteren
-Formen besass. Wenn in einem nahezu ähnlichen Klima die eocänen
-Bewohner einer Weltgegend zur Bewerbung mit den jetzigen Bewohnern
-derselben oder einer andern Weltgegend berufen würden, so müsste die
-eocäne Fauna oder Flora gewiss unterliegen und vertilgt werden, wie
-eine sekundäre Fauna von der eocänen und eine paläolitische von der
-sekundären überwunden werden würde. -- Der Theorie der Natürlichen
-Züchtung gemäss müssten demnach die neuen Formen ihre höhere Stellung
-den alten gegenüber nicht nur durch ihren Sieg im Kampfe ums Daseyn,
-sondern auch durch eine weiter gediehene Spezialisirung der Organe
-bewähren. Ist Diess aber wirklich der Fall? Eine grosse Mehrzahl der
-Geologen würde Diess zweifelsohne bejahen. Aber mein unvollkommenes
-Urtheil vermag ihnen, nachdem ich die Erörterungen von ~Lyell~
-in dieser Beziehung gelesen und ~Hooker’s~ Meinung in Bezug auf
-die Pflanzen kennen gelernt habe, nur bis zu einem beschränkten Grade
-beizupflichten. Demungeachtet dürfte der entscheidende Beweis erst noch
-durch spätre geologische Forschungen zu liefern seyn. ~Bronn~
-hat diesen Gegenstand vollständiger und angemessener als irgend ein
-anderer Autor behandelt[36].
-
-Die Aufgabe ist in vieler Hinsicht ausserordentlich verwickelt. Der
-geologische Schöpfungs-Bericht, schon zu allen Zeiten unvollständig,
-reicht nach meiner Meinung nicht weit genug zurück, um mit
-unverkennbarer Klarheit zu zeigen, dass innerhalb der bekannten
-Geschichte der Erde die Organisation grosse Fortschritte gemacht
-hat. Sind doch selbst heutzutage noch die Naturforscher oft nicht
-einstimmig, welche Thiere einer Klasse die höheren sind. So sehen
-Einige die Haie wegen einiger wichtigen Beziehungen ihrer Organisation
-zu der der Reptilien als die höchsten Fische an, während andre die
-Knochenfische als solche betrachten. Die Ganoiden stehen in der Mitte
-zwischen den Haien und Knochenfischen. Heutzutage sind diese letzten
-an Zahl weit vorwaltend, während es vordem nur Haie und Ganoiden
-gegeben hat und in diesem Falle wird man sagen, die Fische seyen
-in ihrer Organisation vorwärts geschritten oder zurückgegangen, je
-nachdem man sie mit einem andern Maasstabe misst[37]. Aber es ist ein
-hoffnungsloser Versuch die Höhe von Gliedern ganz verschiedener Typen
-gegen einander abzumessen. Wer vermöchte zu sagen, ob ein Tintenfisch
-(Sepia) höher als die Biene stehe: als dieses Insekt, von dem der
-grosse Naturforscher ~v. Baer~ sagt, dass es in der That höher
-als ein Fisch organisirt seye, wenn auch nach einem andern Typus. In
-dem verwickelten Kampfe ums Daseyn ist es ganz glaublich, dass solche
-Kruster z. B., welche in ihrer eignen Klasse nicht sehr hoch stehen,
-die Cephalopoden oder unvollkommensten Weichthiere überwinden würden;
-und diese Kruster, obwohl nicht hoch entwickelt, müssen doch sehr hoch
-auf der Stufenleiter der Wirbel-losen Thiere stehen, wenn man nach
-dem entscheidendsten aller Kriterien, dem Gesetze des Wettkampfes ums
-Daseyn urtheilt.
-
-Abgesehen von der Schwierigkeit, die es an und für sich hat zu
-entscheiden, welche Formen der Organisation nach die höchsten sind,
-haben wir nicht allein die höchsten Glieder einer Klasse in zwei
-verschiedenen Perioden (obwohl Diess gewiss eines der wichtigsten
-oder vielleicht das wichtigste Element bei der Abwägung ist),
-sondern wir haben alle Glieder, hoch und nieder, mit einander zu
-vergleichen. In alter Zeit wimmelte es von vollkommensten sowohl als
-unvollkommensten Weichthieren, von Cephalopoden und Brachiopoden
-nämlich; während heutzutage diese beiden Ordnungen sehr zurückgegangen
-und die zwischen ihnen in der Mitte stehenden Klassen mächtig
-angewachsen sind. Demgemäss haben einige Naturforscher geschlossen,
-dass die Mollusken vordem höher entwickelt gewesen sind als jetzt;
-während andre sich auf die gegenwärtige beträchtliche Verminderung
-der unvollkommenen Mollusken um so mehr beriefen, als auch die noch
-vorhandenen Cephalopoden, obgleich weniger an Zahl, doch höher als
-ihre alten Stellvertreter organisirt seyen. Wir müssen daher die
-Proportional-Zahlen der obren und der unteren Klassen der Bevölkerung
-der Erde in zwei verschiedenen Perioden mit einander vergleichen. Wenn
-es z. B. jetzt 50,000 Arten Wirbelthiere gäbe und wir dürften deren
-Anzahl in irgend einer früheren Periode nur auf 10,000 schätzen, so
-müssten wir diese Zunahme der obersten Klassen, welche zugleich eine
-grosse Verdrängung tieferer Formen aus ihrer Stelle bedingte, als
-einen entschiedenen Fortschritt in der organischen Bildung betrachten,
-gleichviel ob es die höheren oder die tieferen Wirbelthiere wären,
-welche dabei sehr zugenommen hätten.[38] Man ersieht hieraus, wie
-gering allem Anscheine nach die Hoffnung ist, unter so äusserst
-verwickelten Beziehungen jemals in vollkommen richtiger Weise
-die relative Organisations-Stufe unvollkommen bekannter Faunen
-nach-einander folgender Perioden in der Erd-Geschichte zu beurtheilen.
-
-Von einem andern wichtigen Gesichtspunkte aus werden wir diese
-Schwierigkeit um so richtiger würdigen, wenn wir gewisse
-jetzt vorhandene Faunen und Floren ins Auge fassen. Nach der
-aussergewöhnlichen Art zu schliessen, wie sich in neuerer Zeit aus
-_Europa_ eingeführte Erzeugnisse über _Neuseeland_ verbreitet und
-Plätze eingenommen haben, welche doch schon vorher besetzt gewesen,
-würde sich wohl, wenn man alle Pflanzen und Thiere _Grossbritanniens_
-dort frei aussetzte, eine Menge Britischer Formen mit der Zeit
-vollständig daselbst naturalisiren und viele der eingebornen vertilgen.
-Dagegen dürfte Das, was wir jetzt in _Neuseeland_ sich zutragen
-sehen, und die Thatsache, dass noch kaum ein Bewohner der südlichen
-Hemisphäre in irgend einem Theile _Europa’s_ verwildert ist, uns zu
-zweifeln veranlassen, ob, wenn alle Natur-Erzeugnisse _Neuseelands_ in
-_Grossbritannien_ frei ausgesetzt würden, eine etwas grössere Anzahl
-derselben vermögend wäre, sich jetzt von eingeborenen Pflanzen und
-Thieren schon besetzte Stellen zu erobern. Von diesem Gesichtspunkte
-aus kann man sagen, dass die Produkte _Grossbritanniens_ höher als die
-_Neuseeländischen_ stehen. Und doch hätte der tüchtigste Naturforscher
-nach der sorgfältigsten Untersuchung der Arten beider Gegenden dieses
-Resultat nicht voraussehen können.
-
-~Agassiz~ hebt hervor, dass die alten Thiere in gewissen
-Beziehungen den Embryonen neuer Thiere derselben Klasse gleichen,
-oder dass die geologische Aufeinanderfolge erloschener Formen
-gewissermaassen der embryonischen Entwickelung neuer Formen parallel
-läuft. Ich muss jedoch ~Pictet’s~ und ~Huxley’s~ Meinung
-beipflichten, dass diese Lehre von Ferne nicht erwiesen ist. Doch
-bin ich ganz der Erwartung sie sich später wenigstens hinsichtlich
-solcher untergeordneter Gruppen bestätigen zu sehen, die sich erst
-in neuerer Zeit von einander abgezweigt haben. Denn diese Lehre von
-~Agassiz~ stimmt wohl mit der Theorie der Natürlichen Züchtung
-überein. In einem spätern Kapitel werde ich zu zeigen versuchen,
-dass die Alten von ihren Embryonen in Folge von Abänderungen
-abweichen, welche nicht in der frühesten Jugend erfolgen und auch
-erst auf ein entsprechendes späteres Alter vererbt werden. Während
-dieser Prozess den Embryo fast unverändert lässt, häuft er im Laufe
-aufeinander-folgender Generationen immer mehr Verschiedenheit im Alten
-zusammen.
-
-So erscheint der Embryo gleichsam wie ein von der Natur aufbewahrtes
-Portrait des frühern und noch nicht sehr modifizirten Zustandes eines
-jeden Thieres. Diese Ansicht mag wahr seyn, ist jedoch nie eines
-vollkommenen Beweises fähig. Denn fänden wir auch, dass z. B. die
-ältesten bekannten Formen der Säugthiere, der Reptilien und der Fische
-zwar genau diesen Klassen entsprächen, aber doch einander etwas näher
-stünden als die jetzigen typischen Vertreter dieser Klassen, so würden
-wir uns doch so lange vergebens nach Thieren umsehen, welche noch den
-gemeinsamen Embryo-Charakter der Vertebraten an sich trügen, als wir
-nicht Fossilien-führende Schichten noch tief unter den silurischen
-entdeckten, wozu in der That sehr wenig Aussicht vorhanden ist.
-
-+Aufeinanderfolge derselben Typen innerhalb gleicher Gebiete während
-der späteren Tertiär-Perioden.+) ~Clift~ hat vor vielen Jahren gezeigt,
-dass die fossilen Säugthiere aus den Knochen-Höhlen _Neuhollands_ sehr
-nahe mit den noch jetzt dort lebenden Beutelthieren verwandt gewesen
-sind. In _Süd-Amerika_ hat sich eine ähnliche Beziehung selbst für
-das ungeübte Auge ergeben in den Armadill-ähnlichen Panzer-Stücken
-von riesiger Grösse, welche in verschiedenen Theilen von _la Plata_
-gefunden worden sind; und Professor ~Owen~ hat aufs Triftigste
-bewiesen, dass die meisten der dort so zahlreich fossil gefundenen
-Thiere _Südamerikanischen_ Typen angehören. Diese Beziehung ist noch
-deutlicher in den wundervollen Sammlungen fossiler Knochen zu erkennen,
-welche ~Lund~ und ~Clausen~ aus den _Brasilischen_ Höhlen mitgebracht
-haben. Diese Thatsachen machten einen solchen Eindruck auf mich, dass
-ich in den Jahren 1839 und 1845 dieses „Gesetz der Succession gleicher
-Typen“, diese „wunderbare Beziehung zwischen dem Todten und Lebenden
-in einerlei Kontinent“ sehr nachdrücklich hervorhob. Professor ~Owen~
-hat später dieselbe Verallgemeinerung auch auf die Säugthiere der
-_alten Welt_ ausgedehnt. Wir finden dasselbe Gesetz wieder in den von
-ihm restaurirten Riesenvögeln _Neuseelands_. Wir sehen es auch in
-den Vögeln der _Brasilischen_ Höhlen. ~Woodward~ hat gezeigt, dass
-dasselbe Gesetz auch auf die See-Konchylien anwendbar ist, obwohl er
-es der weiten Verbreitung der meisten Mollusken-Sippen wegen nicht gut
-entwickelt hat. Es liessen sich noch andre Beispiele anführen, wie die
-Beziehungen zwischen den erloschenen und lebenden Land-Schnecken auf
-_Madeira_ und zwischen den alten und jetzigen Brackwasser-Konchylien
-des _Aral-Kaspischen_ Meeres.
-
-Doch, was bedeutet dieses merkwürdige Gesetz der Aufeinanderfolge
-gleicher Typen in gleichen Länder-Gebieten? Vergleicht man das
-jetzige Klima _Neuhollands_ und der unter gleicher Breite damit
-gelegenen Theile _Süd-Amerika’s_ mit einander, so würde es als ein
-thörichtes Unternehmen erscheinen, einerseits aus der Unähnlichkeit
-der natürlichen Bedingungen die Unähnlichkeit der Bewohner dieser
-zwei Kontinente und anderseits aus der Ähnlichkeit der Verhältnisse
-das Gleichbleiben der Typen in jedem derselben während der späteren
-Tertiär-Perioden erklären zu wollen. Auch lässt sich nicht behaupten,
-dass einem unveränderlichen Gesetze zufolge Beutelthiere hauptsächlich
-oder allein nur in _Neuholland_, oder Edentaten u. a. der jetzigen
-_Amerikanischen_ Typen nur in _Amerika_ hervorgebracht werden können.
-Denn es ist bekannt, dass _Europa_ in alten Zeiten von zahlreichen
-Beutelthieren bevölkert war, und ich habe in den oben angeführten
-Schriften gezeigt, dass in _Amerika_ das Verbreitungs-Gesetz für
-die Land-Säugthiere früher ein andres gewesen, als es jetzt ist.
-_Nord-Amerika_ betheiligte sich früher sehr an dem jetzigen Charakter
-der südlichen Hälfte des Kontinentes, und die südliche Hälfte war
-früher mehr als jetzt mit der nördlichen verwandt. Durch ~Falconer~ und
-~Cautley’s~ Entdeckungen wissen wir, dass _Nord-Indien_ hinsichtlich
-seiner Säugthiere früher in näherer Beziehung als jetzt mit _Afrika_
-stund. Analoge Thatsachen liessen sich auch von der Verbreitung der
-See-Thiere mittheilen.
-
-Nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit fortschreitender
-Abänderung erklärt sich das grosse Gesetz langwährender aber nicht
-unveränderlicher Aufeinanderfolge gleicher Typen auf einem und
-demselben Felde unmittelbar. Denn die Bewohner eines jeden Theiles der
-Welt werden offenbar streben in diesem Theile während der nächsten
-Zeitperiode nahe verwandte, doch etwas abgeänderte Nachkommen zu
-hinterlassen. Sind die Bewohner eines Kontinents früher von denen eines
-andern Festlandes sehr verschieden gewesen, so werden ihre abgeänderten
-Nachkommen auch jetzt noch in fast gleicher Art und Stufe von
-einander abweichen. Aber nach sehr langen Zeiträumen und sehr grosse
-Wechselwanderungen gestattenden geographischen Veränderungen werden
-die schwächeren den herrschenden Formen weichen und so ist nichts
-unveränderlich in Verbreitungs-Gesetzen früherer und jetziger Zeit.
-
-Vielleicht fragt man mich im Spott, ob ich glaube, dass das Megatherium
-und die andern ihm verwandten Ungethüme in _Süd-Amerika_ das
-Faulthier, das Armadill und die Ameisenfresser als abgeänderte
-Nachkommen hinterlassen haben. Diess kann man keinen Augenblick
-zugeben. Jene grossen Thiere sind völlig erloschen, ohne eine
-Nachkommenschaft zu hinterlassen. Aber in den Höhlen _Brasiliens_
-sind viele ausgestorbene Arten, in Grösse u. a. Merkmalen nahe verwandt
-mit den noch jetzt in _Süd-Amerika_ lebenden Spezies, und einige
-der fossilen mögen wirklich die Erzeuger noch jetzt dort lebender
-Arten seyn. Man darf nicht vergessen, dass nach meiner Theorie alle
-Arten einer Sippe von einer und der nämlichen Spezies abstammen, so
-dass wenn von sechs Sippen jede acht Arten in einerlei geologischer
-Formation enthält und in der nächst-folgenden Formation wieder sechs
-andre verwandte oder stellvertretende Sippen mit gleicher Arten-Zahl
-vorkommen, wir dann schliessen dürfen, dass nur eine Art von jeder der
-sechs älteren Sippen modifizirte Nachkommen hinterlassen habe, welche
-die sechs neueren Sippen bildeten. Die andren sieben Arten der alten
-Genera sind alle ausgestorben, ohne Erben zu hinterlassen. Doch möchte
-es wohl weit öfter vorkommen, dass zwei oder drei Arten von nur zwei
-oder drei der alten Sippen die Ältern der sechs neuen Genera gewesen
-und die andern alten Arten und sämmtliche übrigen alten Sippen gänzlich
-erloschen sind. In untergehenden Ordnungen mit abnehmender Sippen- und
-Arten-Zahl, wie es offenbar die Edentaten _Süd-Amerika’s_ sind,
-werden weniger Genera und Spezies abgeänderte Nachkommen in gerader
-Linie hinterlassen.
-
-+Zusammenstellung des vorigen und jetzigen Kapitels.+) Ich habe
-zu zeigen gesucht, dass die geologische Schöpfungs-Urkunde äusserst
-unvollkommen ist; dass erst nur ein kleiner Theil der Erd-Oberfläche
-sorgfältig untersucht worden ist; dass nur gewisse Klassen organischer
-Wesen zahlreich in fossilem Zustande erhalten sind; dass die Anzahl
-der in unsren Museen aufbewahrten Individuen und Arten gar nichts
-bedeutet im Vergleiche mit der unberechenbaren Zahl von Generationen,
-die nur während einer Formations-Zeit aufeinander-gefolgt seyn
-müssen; dass in der Regel ungeheure Zeiträume zwischen je zwei
-aufeinander-folgenden Formationen verflossen seyn müssen, weil
-Fossilien-reiche Bildungen mächtig genug, um künftiger Zerstörung zu
-widerstehen, sich gewöhnlich nur während Senkungs-Perioden ablagern
-können; dass mithin wahrscheinlich während der Senkungs-Zeiten mehr
-Aussterben und während der Hebungs-Zeiten mehr Abändern organischer
-Formen stattgefunden hat; dass der Schöpfungs-Bericht aus diesen
-letzten Perioden am unvollkommensten erhalten ist; dass jede einzelne
-Formation nicht in ununterbrochenem Zusammenhang abgelagert worden;
-dass die Dauer jeder Formation vielleicht kurz ist im Vergleich zur
-mitteln Dauer der Arten-Formen; dass Einwanderungen einen grossen
-Antheil am ersten Auftreten neuer Formen in der Formation einer Gegend
-gehabt haben; dass die am weitesten verbreiteten Arten auch am meisten
-variirt und am öftesten Veranlassung zur Entstehung neuer Arten gegeben
-haben; und dass Varietäten anfangs oft nur örtlich gewesen sind.
-Alle diese Ursachen zusammengenommen müssen die geologische Urkunde
-äusserst unvollständig machen und können es grossentheils erklären,
-warum wir zwar einzelne Mittelformen zwischen den Gliedern einer
-Organismen-Gruppe finden, aber nicht endlose Varietäten-Reihen die
-erloschenen und lebenden Formen in den feinsten Abstufungen miteinander
-verketten sehen.
-
-Wer diese Ansichten von der Beschaffenheit des geologischen Berichtes
-verwerfen will, muss auch meine ganze Theorie verwerfen. Denn vergebens
-wird er dann fragen, wo die zahllosen Übergangs-Glieder geblieben,
-welche die nächst verwandten oder stellvertretenden Arten einst
-mit einander verkettet haben müssen, die man in den verschiedenen
-Stöcken einer grossen Formation übereinander findet. Er wird nicht an
-die unermesslichen Zwischenzeiten glauben, welche zwischen unseren
-aufeinander-folgenden Formationen verflossen sind; er wird übersehen,
-welchen wesentlichen Antheil die Wanderungen seit dem ersten
-Erscheinen der Organismen in den Formationen einer grossen Weltgegend
-wie _Europa_ für sich allein betrachtet gehabt haben; er wird sich
-auf das anscheinend, aber oft nur anscheinend, plötzliche Auftreten
-ganzer Arten-Gruppen berufen. Wenn er fragen sollte, wo denn die Reste
-jener unendlich zahlreichen Organismen geblieben, welche lange vor der
-Bildung der ältesten Silur-Schichten abgelagert worden seyn müssen,
-so kann ich nur hypothetisch darauf antworten, dass, so viel noch zu
-sehen, unsre Ozeane sich schon seit unermesslichen Zeiträumen an ihren
-jetzigen Stellen befunden haben, und dass da, wo unsre Kontinente jetzt
-stehen, sie sicher seit der Silur-Zeit gestanden sind; dass aber die
-Erd-Oberfläche lange vor dieser Periode ein ganz andres Aussehen gehabt
-haben dürfte, und dass die alten Kontinente aus Formationen noch viel
-älter als die silurische bestehend sich bereits alle in metamorphischem
-Zustande befinden oder tief unter den Ozean versenkt liegen.
-
-Doch sehen wir von diesen Schwierigkeiten ab, so scheinen mir
-alle andern grossen und leitenden Thatsachen in der Paläontologie
-einfach aus der Theorie der Abstammung von gemeinsamen Urältern mit
-fortschreitender Abänderung durch Natürliche Züchtung zu folgen.
-Es erklärt sich daraus, warum neue Arten nur langsam nacheinander
-auftreten; warum Arten verschiedener Klassen nicht nothwendig in
-gleichem Verhältnisse oder gleichem Grade miteinander wechseln,
-sondern alle nur im Verlauf langer Perioden Veränderungen unterliegen.
-Das Erlöschen alter Formen ist die unvermeidlichste Folge vom
-Entstehen neuer. Es erklärt sich warum eine Spezies, wenn einmal
-verschwunden, nie wieder erscheint. Arten-Gruppen (Sippen u. s. w.)
-wachsen nur langsam an Zahl und dauern ungleich lange Perioden aus;
-denn der Prozess der Abänderung ist nothwendig ein langsamer und von
-vielerlei verwickelten Zufällen abhängig. Die herrschenden Arten der
-grösseren herrschenden Gruppen streben viele abgeänderte Nachkommen
-zu hinterlassen, und so werden wieder neue Untergruppen und Gruppen
-gebildet. Im Verhältnisse als diese entstehen, neigen sich die
-Arten minder kräftiger Gruppen in Folge ihrer gemeinsam ererbten
-Unvollkommenheit dem gemeinsamen Erlöschen zu, ohne irgendwo auf der
-Erd-Oberfläche eine abgeänderte Nachkommenschaft zu hinterlassen.
-Aber das gänzliche Erlöschen einer ganzen Arten-Gruppe mag oft ein
-sehr langsamer Prozess seyn, wenn einzelne Arten in geschützten oder
-abgeschlossenen Standorten kümmernd noch eine Zeit lang fortleben
-können. Ist eine Gruppe einmal untergegangen, so kann sie nie wieder
-erscheinen, weil ein Glied aus der Generationen-Reihe zerbrochen ist.
-
-So ist es begreiflich, dass die Ausbreitung herrschender Lebenformen,
-welche eben am öftesten variiren, mit der Länge der Zeit die Erde mit
-nahe verwandten jedoch modifizirten Formen bevölkern, denen es sodann
-gewöhnlich gelingt die Plätze jener Arten-Gruppen einzunehmen, welche
-ihnen im Kampfe ums Daseyn unterliegen. Daher wird es denn nach langen
-Zwischenzeiten aussehen, als hätten die Bewohner der Erd-Oberfläche
-überall gleich-zeitig gewechselt.
-
-So ist es ferner begreiflich, woher es kommt, dass die alten und neuen
-Lebenformen ein grosses System mit einander bilden, da sie durch
-Zeugung mit einander verbunden sind. Es ist aus der fortgesetzten
-Neigung zur Divergenz des Charakters begreiflich, warum die fossilen
-Formen um so mehr von den jetzt lebenden abweichen, je älter sie
-sind; warum alte und erloschene Formen oft Lücken zwischen lebenden
-auszufüllen geeignet sind und zuweilen zwei Gruppen mit einander
-vereinigen, welche zuvor getrennt aufgestellt worden, obwohl sie solche
-in der Regel nur etwas näher einander rücken. Je älter eine Form ist,
-um so öfter scheint sie Charaktere zu entwickeln, welche zwischen jetzt
-getrennten Gruppen mehr und weniger das Mittel halten; denn je älter
-eine Form ist, desto näher verwandt und mithin ähnlicher wird sie dem
-gemeinsamen Stamm-Vater solcher Gruppen seyn, welche seither weit
-auseinander gegangen sind. Erloschene Formen halten selten genau das
-Mittel zwischen lebenden, sondern stehen in deren Mitte nur in Folge
-einer weitläufigen Verkettung durch viele erloschene und abweichende
-Formen. Wir ersehen deutlich, warum die organischen Reste dicht
-aufeinanderfolgender Formationen einander ähnlicher als die weit von
-einander entfernter seyn müssen; denn jene Formen stehen in näherer
-Bluts-Verwandtschaft als diese mit einander. Wir vermögen endlich
-einzusehen, warum die organischen Reste mittler Formationen auch das
-Mittel in ihren Charakteren halten.
-
-Die Erd-Bewohner einer jeden späteren Periode müssen die früheren
-im Kampfe um’s Daseyn besiegt haben und müssen in soferne auf einer
-höheren Vollkommenheits-Stufe als diese stehen und ihr Körper-Bau
-ist seitdem im Allgemeinen mehr spezialisirt worden, und es mag
-sich aus dem unbestimmten und missdeuteten Gefühl davon erklären,
-dass viele Paläontologen an einen Fortschritt der Organisation im
-Ganzen glauben. Sollte sich später ergeben, dass alte Thier-Formen
-in gewissem Grade den Embryonen neuer aus der nämlichen Klasse
-gleichen, so würde auch Diess zu begreifen seyn. Die Aufeinanderfolge
-gleicher Organisations-Typen auf gleichem Gebiete während der letzten
-geologischen Perioden hört auf geheimnissvoll zu seyn und ist eine
-einfache Folge der Vererbung.
-
-Wenn daher die geologische Schöpfungs-Urkunde so unvollständig ist,
-als ich es glaube (und es lässt sich wenigstens behaupten, dass das
-Gegentheil nicht erweisbar), so werden sich die Haupteinwände gegen
-die Theorie der Natürlichen Züchtung in hohem Grade vermindern oder
-gänzlich verschwinden. Dagegen scheinen mir die Haupt-Gesetze der
-Paläontologie deutlich zu beweisen, dass die Arten durch gewöhnliche
-Zeugung entstanden sind. Frühere Lebenformen sind durch die noch
-fortwährend um uns her thätigen Variations-Gesetze entstandene und
-durch Natürliche Züchtung erhaltene vollkommenere Formen ersetzt
-worden.
-
-
-
-
-Eilftes Kapitel.
-
-Geographische Verbreitung.
-
- Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus
- den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. -- Wichtigkeit der
- Verbreitungs-Schranken. -- Verwandtschaft der Erzeugnisse eines
- nämlichen Kontinentes. -- Schöpfungs-Mittelpunkte. -- Ursachen der
- Verbreitung sind Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und
- mitunter zufällige. -- Die Zerstreuung während der Eis-Periode über
- die ganze Erd-Oberfläche erstreckt.
-
-
-Bei Betrachtung der Verbreitungs-Weise der organischen Wesen über
-die Erd-Oberfläche besteht die erste wichtige Thatsache, welche
-uns in die Augen fällt, darin, dass weder die Ähnlichkeit noch die
-Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden aus klimatischen
-u. a. physikalischen Bedingungen erklärbar ist. Alle, welche diesen
-Gegenstand studirt haben, sind endlich zu dem nämlichen Ergebniss
-gelangt. Das Beispiel _Amerika’s_ würde schon allein genügen, Diess zu
-beweisen. Denn alle Autoren stimmen darin überein, dass mit Ausschluss
-des nördlichen um den Pol her ziemlich zusammenhängenden Theiles, die
-Trennung der _alten_ und der _neuen Welt_ eine der ersten Grundlagen
-der geographischen Vertheilung der Organismen bilde. Wenn wir aber
-den weiten _Amerikanischen_ Kontinent von den mitteln Theilen der
-_Vereinten Staaten_ an bis zu seinem südlichsten Punkte durchwandern,
-so begegnen wir den aller-verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen,
-den feuchtesten Strichen und den trockensten Wüsten, hohen Gebirgen
-und grasigen Ebenen, Wäldern und Marschen, Seen und Strömen mit fast
-jeder Temperatur. Es gibt kaum ein Klima oder eine Bedingung in der
-_alten Welt_ wozu sich nicht eine Parallele in der _neuen_ fände,
-so ähnlich wenigstens, als Diess zum Fortkommen der nämlichen Arten
-erforderlich wäre; denn es ist ein äusserst seltener Fall, irgend eine
-Organismen-Gruppe auf einen kleinen Fleck mit etwas eigenthümlichen
-Lebens-Bedingungen beschränkt zu finden. So z. B. gibt es in der _alten
-Welt_ wohl einige Stellen, heisser als irgend welche in der _neuen_;
-und doch haben diese keine eigenthümliche Fauna oder Flora. Aber
-ungeachtet dieses Parallelismus in den Lebens-Bedingungen der _alten_
-und der _neuen_ Welt wie weit sind ihre lebenden Bewohner verschieden!
-
-Wenn wir in der südlichen Halbkugel grosse Landstriche in _Australien_,
-_Süd-Afrika_ und _West-Südamerika_ zwischen 25°-35° S. Br. miteinander
-vergleichen, so werden wir manche in allen ihren natürlichen
-Verhältnissen einander äusserst ähnliche Theile finden, und doch würde
-es nicht möglich seyn, drei einander unähnliche Faunen und Floren
-ausfindig zu machen. Oder wenn wir die Natur-Produkte _Süd-Amerikas_ im
-Süden vom 35° Br. und im Norden vom 25° Br. mit einander vergleichen,
-die mithin ein sehr verschiedenes Klima bewohnen, so zeigen sich
-dieselben einander weit näher verwandt, als die in _Australien_ und
-_Afrika_ in fast einerlei Klima lebenden sind. Und analoge Thatsachen
-lassen sich auch in Bezug auf die Meeres-Thiere nachweisen.
-
-Als zweite allgemeine Thatsache fällt uns auf, dass Schranken
-verschiedener Art oder Hindernisse freier Wanderung mit den
-Verschiedenheiten zwischen Bevölkerungen verschiedener Gegenden
-in engem und wesentlichem Zusammenhange stehen. So die grosse
-Verschiedenheit fast aller Land-Bewohner der _alten_ und der _neuen_
-Welt mit Ausnahme der nördlichen Theile, wo sich beide nahezu berühren
-und vordem bei einem nur wenig abweichenden Klima die Wanderungen der
-Bewohner der nördlich-gemässigten Zone in ähnlicher Weise möglich
-gewesen seyn dürften, wie sie noch jetzt von Seiten der arktischen
-Bevölkerung stattfinden. Wir erkennen dieselbe Thatsache in der
-grossen Verschiedenheit zwischen den Bewohnern von _Australien_,
-_Afrika_ und _Süd-Amerika_ wieder; denn diese Gegenden sind fast so
-vollständig von einander geschieden, als es nur immer möglich ist. Auch
-auf jedem Festlande sehen wir die nämliche Erscheinung; denn auf den
-entgegengesetzten Seiten hoher und zusammenhängender Gebirgs-Ketten,
-grosser Wüsten und mitunter sogar nur grosser Ströme finden wir
-verschiedene Erzeugnisse. Da jedoch Gebirgs-Ketten, Wüsten u. s. w.
-nicht ganz unüberschreitbar sind oder noch nicht so lang als die
-zwischen den Festländern gelegenen Weltmeere bestehen, so sind diese
-Verschiedenheiten dem Grade nach viel kleiner als die in verschiedenen
-Kontinenten.
-
-Wenden wir uns nach dem Meere, so finden wir das nämliche Gesetz.
-Keine andern zwei Meeres-Faunen sind so verschieden von einander
-als die an den östlichen und den westlichen Küsten _Süd-_ und
-_Mittel-Amerikas_. Da ist fast kein Fisch, keine Schnecke, keine
-Krabbe gemeinsam. Und doch sind diese grosse Faunen nur durch die
-schmale Landenge von _Panama_ von einander getrennt. Westwärts
-von den _Amerikanischen_ Gestaden erstreckt sich ein weiter und
-offener Ozean mit nicht einer Insel zum Ruheplatz für Auswanderer; hier
-haben wir eine Schranke andrer Art, und sobald diese überschritten
-ist, treffen wir auf den östlichen Inseln des _stillen Meeres_
-auf eine neue und ganz verschiedene Fauna. Es erstrecken sich also
-drei Meeres-Faunen nicht weit von einander in parallelen Linien
-weit nach Norden und Süden in sich entsprechenden Klimaten. Da sie
-aber durch unübersteigliche Schranken von Land oder offnem Meer
-von einander getrennt sind, so bleiben sie völlig von einander
-verschieden. Gehen wir aber von den östlichen Inseln im tropischen
-Theile des _stillen Meeres_ noch weiter nach Westen, so finden
-wir keine unüberschreitbaren Schranken mehr; unzählige Inseln oder
-zusammenhängende Küsten bieten sich als Ruheplätze dar, bis wir nach
-Umwanderung einer Hemisphäre zu den Küsten _Afrikas_ gelangen;
-aber in diese weiten Flächen theilen sich keine wohl-charakterisirten
-verschiedenen Meeres-Faunen mehr. Obwohl kaum eine Schnecke, eine
-Krabbe oder ein Fisch jenen drei Faunen an der Ost- und West-Küste
-_Amerikas_ und im östlichen Theile des _stillen Ozeans_
-gemeinsam ist, so reichen doch viele Fisch-Arten vom _stillen_ bis
-zum _Indischen Ozean_ und sind viele Weichthiere den östlichen
-Inseln der _Südsee_ und den östlichen Küsten _Afrikas_ unter
-sich fast genau entgegenstehenden Meridianen gemein.
-
-Eine dritte grosse Thatsache, schon zum Theil in den vorigen
-mitbegriffen, ist die Verwandtschaft zwischen den Erzeugnissen eines
-nämlichen Festlandes oder Weltmeeres, obwohl die Arten verschiedener
-Theile und Standorte desselben verschieden sind. Es ist Diess ein
-Gesetz von der grössten Allgemeinheit, und jeder Kontinent bietet
-unzählige Belege dafür. Demungeachtet fühlt sich der Naturforscher auf
-seinem Wege von Norden nach Süden unfehlbar betroffen von der Art und
-Weise wie Gruppen von Organismen der Reihe nach einander ersetzen,
-die in den Arten verschieden aber offenbar verwandt sind. Er hört von
-nahe verwandten aber doch verschiedenen Vögeln ähnliche Gesänge, sieht
-ihre ähnlich gebauten Nester mit ähnlich gefärbten Eiern. Die Ebenen
-der _Magellans-Strasse_ sind von einem Nandu (Rhea Americana) bewohnt,
-und im Norden der _Laplata_-Ebene wohnt eine andre Art derselben
-Sippe, doch kein ächter Strauss (Struthio) oder Emu (Dromaius),
-welche in _Afrika_ und beziehungsweise in _Neuholland_ unter gleichen
-Breiten vorkommen. In denselben _Laplata_-Ebenen finden wir das Aguti
-(Dasyprocta) und die Hasenmaus (Lagostomus), zwei Nagethiere von der
-Lebensweise unsrer Hasen und Kaninchen und mit ihnen in gleiche Ordnung
-gehörig, aber einen rein _Amerikanischen_ Organisations-Typus bildend.
-Steigen wir zu dem Hoch-Gebirge der _Cordilleren_ hinan, so treffen wir
-die Berg-Hasenmaus (Lagidium); sehen wir uns am Wasser um, so finden
-wir zwei andre _Süd-Amerikanische_ Typen, den Coypu (Myopotamus) und
-Capybara (Hydrochoerus) statt des Bibers und der Bisamratte. So liessen
-sich zahllose andre Beispiele anführen. Wie sehr auch die Inseln an den
-_Amerikanischen_ Küsten in ihrem geologischen Bau abweichen mögen, ihre
-Bewohner sind wesentlich _Amerikanisch_, wenn auch von eigenthümlichen
-Arten. Schauen wir zurück nach nächstfrüheren Zeit-Perioden, wie
-sie im letzten Kapitel erörtert worden, so finden wir auch da noch
-_Amerikanische_ Typen vorherrschend auf dem _Amerikanischen_ Festlande
-wie in _Amerikanischen_ Meeren. Wir erkennen in diesen Thatsachen ein
-tief-liegendes organisches Band, in Zeit und Raum vorherrschend über
-gegebene Land- und Wasser-Flächen, unabhängig von ihrer natürlichen
-Beschaffenheit. Der Naturforscher müsste nicht sehr wissbegierig seyn,
-der sich nicht versucht fühlte, näher nach diesem Bande zu forschen.
-
-Diess Band besteht nach meiner Theorie lediglich in der Vererbung,
-derjenigen Ursache, welche allein, soweit wir Sicheres wissen, gleiche
-oder ähnliche Organismen, wie die Varietäten sind, hervorbringt. Die
-Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden wird der Umgestaltung
-durch Natürliche Züchtung und in einem ganz untergeordneten Grade,
-dem unmittelbaren Einflusse äussrer Lebensbedingungen zuzuschreiben
-seyn. Der Grad der Unähnlichkeit hängt davon ab, ob die Wanderung der
-herrschenderen Lebenformen aus der einen Gegend in die andre rascher
-oder langsamer in spätrer oder früherer Zeit vor sich gegangen; er
-hängt von der Natur und Zahl der früheren Einwanderer, von deren
-Wirkung und Rückwirkung im gegenseitigen Kampfe ums Daseyn ab, indem,
-wie ich schon oft bemerkt habe, die Beziehung von Organismus zu
-Organismus die wichtigste aller Beziehungen ist. Bei den Wanderungen
-kommen die oben erwähnten Schranken wesentlich in Betracht, wie
-die Zeit bei dem langsamen Prozess der Natürlichen Züchtung.
-Weit-verbreitete und an Individuen reiche Arten, welche schon über
-viele Mitbewerber in ihrer eignen ausgedehnten Heimath gesiegt, werden
-beim Vordringen in neuen Gegenden die beste Aussicht haben neue Plätze
-zu gewinnen. Unter den neuen Lebens-Bedingungen ihrer späteren Heimath
-werden sie häufig neue Abänderungen und Verbesserungen erfahren; sie
-werden den andern noch überlegener werden und Gruppen abändernder
-Nachkommen erzeugen. Aus diesem Prinzip fortschreitender Vererbung mit
-Abänderung ergibt sich, wie es zugeht, dass Untersippen, Sippen und
-selbst ganze Familien, wie es so gewohnter und anerkannter Maassen der
-Fall, auf gewisse Flächen beschränkt erscheinen.
-
-Wie schon im letzten Kapitel bemerkt worden, so glaube ich an kein
-Gesetz nothwendiger Vervollkommnung; so wie die Veränderlichkeit
-der Arten eine unabhängige Eigenschaft ist und von der Natürlichen
-Züchtung nur so weit ausgebeutet wird, als es den Individuen in ihrem
-vielseitigen Kampfe ums Daseyn zum Vortheile gereicht, so besteht auch
-für die Modifikation der verschiedenen Spezies kein gleiches Maass.
-Wenn z. B. eine Anzahl von Arten, die miteinander in unmittelbarer
-Mitbewerbung stehen, in Masse nach einer neuen und nachher isolirten
-Gegend auswandern, so werden sie wenig Modifikation erfahren, indem
-weder die Wanderung noch die Isolirung an sich etwas dabei thun. Jene
-Prinzipien kommen hauptsächlich nur in Betracht, wenn man Organismen in
-neue Beziehungen unter einander, weniger wenn man sie in Berührung mit
-neuen Lebens-Bedingungen bringt. Wie wir im letzten Kapitel gesehen,
-dass einige Formen ihren Charakter seit ungeheuer weit zurückgelegenen
-geologischen Perioden fast unverändert behauptet haben, so sind auch
-manche Arten über weite Räume gewandert, ohne grosse Veränderungen zu
-erleiden.
-
-Nach diesen Ansichten liegt es auf der Hand, dass verschiedene Arten
-einer Sippe, wenn sie auch die entferntesten Theile der Welt bewohnen,
-doch ursprünglich aus gleicher Quelle entsprungen, vom nämlichen
-Stammvater entstanden seyn müssen. Was diese Arten betrifft, welche
-im Verlaufe ganzer geologischer Perioden sich nur wenig verändert
-haben, so hat es keine Schwierigkeit anzunehmen, dass sie aus einerlei
-Gegend hergewandert sind; denn während der grossen geographischen
-und klimatischen Veränderungen, welche seit allen Zeiten vor sich
-gegangen, sind Wanderungen auf jede Entfernung möglich gewesen. In
-vielen andern Fällen aber, wo wir Grund haben zu glauben, dass die
-Arten einer Sippe erst in vergleichungsweise neuer Zeit entstanden
-sind, ist die Schwierigkeit weit grösser. Eben so ist es einleuchtend,
-dass Individuen einer Art, wenn sie jetzt auch weit auseinander und
-abgesondert gelegene Gegenden bewohnen, von einer Stelle ausgegangen
-seyn müssen, wo ihre Ältern zuerst erstanden sind; denn, so wie es
-im letzten Abschnitte erläutert worden, ist es unglaublich, dass
-spezifisch gleiche Individuen von verschiedenen Stamm-Arten abstammen
-können.
-
-So wären wir denn bei der neuerlich oft von Naturforschern erörterten
-Frage angelangt, ob Arten je an einer oder an mehren Stellen der
-Erd-Oberfläche erzeugt worden seyen. Zweifelsohne mag es da sehr
-viele Fälle geben, wo es äusserst schwer zu begreifen ist, wie die
-gleiche Art von einem Punkte aus nach den verschiedenen entfernten
-und abgesonderten Gegenden gewandert seyn solle, wo sie nun gefunden
-wird. Demungeachtet drängt sich die Vorstellung, dass jede Art nur von
-einem ursprünglichen Geburtsorte ausgegangen seyn müsse, durch ihre
-Einfachheit dem Geiste auf. Und wer sie verwirft, verwirft die vera
-causa, die gewöhnliche Zeugung mit nachfolgender Wanderung, um zu einem
-Wunder seine Zuflucht zu nehmen. Es wird allgemein zugestanden, dass
-die von einer Art bewohnte Gegend in der Regel zusammenhängend ist; und
-wenn eine Pflanzen- oder Thier-Art zwei von einander so weit entfernte
-oder durch solche Schranken getrennte Punkte bewohnt, dass sie nicht
-leicht von einem zum andern gewandert seyn kann, so betrachtet man
-Diess als etwas Merkwürdiges und Ausnahmsweises. Die Fähigkeit über
-Meer zu wandern, ist bei Land-Säugethieren vielleicht mehr als bei
-irgend einem andern organischen Wesen beschränkt; und wir finden
-damit übereinstimmend auch keinen unerklärbaren Fall, wo dieselbe
-Säugethier-Art sehr entfernte Punkte der Erde bewohnte. Kein Geologe
-findet eine Schwierigkeit darin anzunehmen, dass _Grossbritannien_
-ehedem mit dem _Europäischen_ Kontinente zusammengehangen sey und
-mithin die nämlichen Säugethiere besessen habe. Wenn aber dieselbe Art
-an zwei entfernten Punkten der Welt erzeugt werden kann, warum finden
-wir nicht eine einzige _Europa_ und _Australien_ oder _Süd-Amerika_
-gemeinsam angehörige Säugethier-Art? Die Lebens-Bedingungen sind nahezu
-die nämlichen, so dass eine Menge _Europäischer_ Pflanzen und Thiere in
-_Amerika_ und _Australien_ naturalisirt worden sind, und sogar einige
-der ureinheimischen Pflanzen-Arten sind genau dieselben an diesen zwei
-so entfernten Punkten der nördlichen und der südlichen Hemisphäre!
-Die Antwort liegt, wie ich glaube, darin, dass Säugethiere nicht
-fähig sind die Wanderung zu machen, während einige Pflanzen mit ihren
-manchfaltigen Verbreitungs-Mitteln diesen weiten und unterbrochenen
-Zwischenraum zu überschreiten vermochten. Der mächtige Einfluss,
-welchen geographische Schranken aller Art auf die Verbreitungs-Weise
-geübt, wird nur unter der Voraussetzung begreiflich, dass weitaus der
-grösste Theil der Spezies nur auf einer Seite derselben erzeugt worden
-ist und Mittel zur Wanderung nach der andern Seite nicht besessen
-hat. Einige wenige Familien, viele Unterfamilien, sehr viele Sippen
-und eine noch grössre Anzahl von Untersippen sind nur auf je eine
-einzelne Gegend beschränkt, und mehre Naturforscher haben die Bemerkung
-gemacht, dass die meisten natürlichen Sippen, diejenigen nämlich,
-deren Arten alle am nächsten mit einander verwandt sind, nur örtlich
-oder wenigstens auf eine zusammenhängende Gegend angewiesen zu seyn
-pflegen. Was für eine wunderliche Anomalie würde es nun seyn, wenn eine
-Stufe tiefer unten in der Reihe die Individuen einer Art sich geradezu
-entgegengesetzt verhielten und die Arten nicht örtlich, sondern in zwei
-oder mehr ganz verschiedenen Gegenden erzeugt worden wären!
-
-Daher scheint mir, wie so vielen andern Naturforschern, die Ansicht
-die wahrscheinlichere zu seyn, dass jede Art nur in einer einzigen
-Gegend entstanden, aber nachher von da aus so weit gewandert seye, als
-Mittel und Subsistenz unter früheren und gegenwärtigen Bedingungen
-gestatteten. Es kommen unzweifelhaft auch jetzt noch viele Fälle
-vor, wo sich nicht erklären lässt, auf welche Weise diese oder jene
-Art von einer Stelle zur andern gelangt ist. Aber geographische und
-klimatische Veränderungen, welche sich in den neuen geologischen Zeiten
-zuverlässig ereignet, müssen den früher bestandnen Zusammenhang der
-Verbreitungs-Flächen vieler Arten unterbrochen haben. So gelangen
-wir zur Erwägung, ob diese Ausnahmen von der Ununterbrochenheit der
-Verbreitungs-Bezirke so zahlreich und so gewichtiger Natur sind, dass
-wir die durch die vorangehenden Betrachtungen wahrscheinlich gemachte
-Meinung, dass jede Art nur auf einem Felde entstanden und von da so
-weit als möglich gewandert seye, aufzugeben genöthigt werden? Es würde
-zum Verzweifeln langweilig seyn, alle Ausnahms-Fälle aufzuzählen und
-zu erörtern, wo eine und dieselbe Art jetzt an verschiedenen weit
-von einander entfernten Orten lebt; auch will ich keinen Augenblick
-behaupten, für viele dieser Fälle eine genügende Erklärung wirklich
-geben zu können. Doch möchte ich nach einigen vorläufigen Bemerkungen
-die wichtigsten Klassen solcher Thatsachen erörtern, wie insbesondere
-das Vorkommen von einerlei Art auf den Spitzen weit von einander
-gelegener Bergketten, oder im arktischen und antarktischen Kreise
-zugleich; dann, zweitens (im folgenden Kapitel) die weite Verbreitung
-der Süsswasser-Bewohner, und drittens, das Vorkommen von einerlei
-Landthier-Arten auf Festland und Inseln, welche durch Hunderte von
-Meilen offnen Meeres von einander getrennt sind. Wenn das Vorkommen von
-einer und der nämlichen Art an entfernten und vereinzelten Fundstätten
-der Erd-Oberfläche sich in vielen Fällen durch die Voraussetzung
-erklären lässt, dass diese Art von ihrer Geburts-Stätte aus dahin
-gewandert seye, dann scheint mir in Anbetracht unsrer gänzlichen
-Unbekanntschaft mit den früheren geographischen und klimatischen
-Veränderungen so wie mit manchen zufälligen Transport-Mitteln die
-Annahme, dass Diess die allgemeine Regel gewesen seye, bei Weitem die
-richtigste zu seyn.
-
-Bei Erörterung dieses Gegenstandes werden wir Gelegenheit haben noch
-einen andern für uns gleich-wichtigen Punkt in Betracht zu ziehen, ob
-nämlich die mancherlei verschiedenen Arten einer Sippe, welche meiner
-Theorie zufolge einen gemeinsamen Stammvater hatten, von der Wohnstätte
-ihres Stammvaters ausgegangen seyn (und unterwegs sich etwa noch
-weiter angemessen entwickelt haben) können. Kann gezeigt werden, dass
-eine Gegend, deren meisten Bewohner enge verwandt oder aus gleichen
-Sippen mit den Arten einer zweiten Gegend sind, in früherer Zeit
-wahrscheinlich einmal Einwanderer aus dieser letzten erhalten hat, so
-wird Diess zur Bestätigung meiner Theorie beitragen; denn wir begreifen
-dann aus dem Modifikations-Prinzipe deutlich, warum die Bewohner der
-einen Gegend denen der andern verwandt sind, da sie aus ihr stammen.
-Eine vulkanische Insel z. B., welche einige Hundert Meilen von einem
-Kontinente entfernt emporstiege, würde wahrscheinlich im Laufe der
-Zeit einige Kolonisten erhalten, deren Nachkommen, wenn auch etwas
-abändernd, doch ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des Kontinents
-auf ihre Nachkommen vererben würden. Fälle dieser Art sind gewöhnlich
-und, wie wir nachher ersehen werden, nach der Theorie unabhängiger
-Schöpfung unerklärlich. Diese Ansicht über die Verwandtschaft der
-Arten einer Gegend zu denen einer andern ist (wenn wir nun das
-Wort Varietät statt Art anwenden) nicht sehr von der durch Hrn.
-~Wallace~ aufgestellten verschieden, wonach „jede Art entstanden
-ist in Zeit und Raum zusammentreffend mit einer früher vorhandenen nahe
-verwandten Art“. Ich weiss nun aus seiner Korrespondenz, dass er dieses
-„Zusammentreffen“ der Generation mit Abänderung zuschreibt und dafür
-eine lange geologische Zeit-Periode zugesteht.
-
-Die vorangehenden Bemerkungen über ein- oder mehr-fältige
-Schöpfungs-Mittelpunkte führen nicht unmittelbar zu einer andern
-verwandten Frage, ob nämlich alle Individuen einer Art von einem
-einzigen Punkte oder einem Hermaphroditen abstammen, oder ob, wie
-einige Autoren annehmen, von vielen gleichzeitig entstandenen
-Individuen einer Art? Bei solchen Organismen, welche sich niemals
-kreutzen (wenn dergleichen überhaupt existiren), muss nach meiner
-Theorie die Art von einer Reihenfolge vervollkommneter Varietäten
-herrühren, die sich nie mit andern Individuen oder Varietäten
-gekreutzt, sondern einfach einander ersetzt haben, so dass auf jeder
-der aufeinanderfolgenden Umänderungs- und Verbesserungs-Stufen alle
-Individuen von einerlei Varietät auch von einerlei Stammvater herrühren
-müssen. In der Mehrzahl der Fälle jedoch und namentlich bei allen
-Organismen, welche sich zu jeder einzelnen Fortpflanzung paaren oder
-sich oft mit andern kreutzen, glaube ich, dass während des langsamen
-Modifikations-Prozesses die Individuen der Spezies bei der Kreutzung
-sich nahezu gleichförmig erhalten haben, so dass viele derselben
-sich gleichzeitig abänderten und der ganze Betrag der Abänderung auf
-jeder Stufe nicht von der Abstammung von einem gemeinsamen Stammvater
-herrührt. Um zu erläutern, was ich meine, will ich anführen, dass unsre
-Englischen Rasse-Pferde nur wenig von den Pferden jeder andern Züchtung
-abweichen, aber ihre Verschiedenheit und Vollkommenheit nicht davon
-haben, dass sie von einem einzigen Paare abstammen, sondern dieselbe
-der während vieler Generationen angewendeten Sorgfalt bei Auswahl und
-Erziehung vieler Individuen verdanken.
-
-Ehe ich auf nähere Erörterung über diejenigen drei Klassen
-von Thatsachen eingehe, welche der Theorie von den „einzigen
-Schöpfungs-Mittelpunkten“ die meisten Schwierigkeiten darbieten, muss
-ich den Verbreitungs-Mitteln noch einige Worte widmen.
-
-+Verbreitungs-Mittel.+) Sir ~Ch. Lyell~ u. a. Autoren haben
-diesen Gegenstand sehr angemessen erörtert. Ich kann hier nur einen
-kurzen Auszug von den wichtigsten Thatsachen liefern. Klima-Wechsel
-mag auf Wanderung der Organismen vom grössten Einflusse gewesen seyn.
-Eine Gegend mit änderndem Klima kann eine Hochstrasse der Auswanderung
-gewesen und jetzt ungangbar seyn; ich muss daher diesen Gegenstand
-zunächst mit einigem Detail behandeln. Höhen-Wechsel des Landes kommt
-dabei wesentlich in Betracht. Eine schmale Landenge trennt jetzt zwei
-Meeres-Faunen; taucht sie unter oder ist sie früher untergetaucht, so
-werden beide Faunen zusammenfliessen oder vordem untergeflossen seyn.
-Wo dagegen sich jetzt die See ausbreitet, da mag vormals trocknes Land,
-Inseln oder selbst Kontinente miteinander verbunden und so Landbewohner
-in den Stand gesetzt haben von einer Seite zur andern zu wandern. Kein
-Geologe bestreitet, dass grosse Veränderungen der Boden-Höhen während
-der Periode der jetzt lebenden Organismen-Arten stattgefunden haben,
-und ~Edw. Forbes~ behauptet, alle Inseln des _Atlantischen
-Meeres_ müssten noch unlängst mit _Afrika_ oder _Europa_,
-wie gleicherweise _Europa_ mit _Amerika_ zusammengehangen
-haben. Andre Schriftsteller haben hypothetisch der Reihe nach jeden
-Ozean überbrückt und fast jede Insel mit dem nächsten Festlande
-verbunden. Und wenn sich die Argumente von ~Forbes~ bestätigen
-liessen, so müsste man gestehen, dass es kaum irgend eine Insel gebe,
-welche nicht noch neuerlich mit einem Kontinente zusammenhing. Diese
-Ansicht zerhaut den gordischen Knoten der Verbreitung einer Art bis zu
-den entlegensten Punkten und beseitigt eine Menge von Schwierigkeiten.
-Aber nach meiner besten Ueberzeugung sind wir nicht berechtigt, so
-ungeheure Veränderungen innerhalb der Periode der noch jetzt lebenden
-Arten anzunehmen. Es scheint mir, dass wir genug Beweise von grossen
-Schwankungen des Bodens in unsrem Kontinente besitzen, doch nicht
-von Bewegungen so ausgedehnt und in solcher Richtung, dass sich
-mittelst derselben eine Verbindung _Europas_ mit _Amerika_
-und den dazwischen gelegenen _Atlantischen_ Inseln noch in der
-jetzigen Erd-Periode ergäbe. Dagegen gestehe ich gerne die vormalige
-Existenz mancher jetzt im Meere begrabener Inseln zu, welche vielen
-Pflanzen- und Thier-Arten bei ihren Wanderungen als Ruhepunkte dienen
-konnten. In den Korallen-Meeren erkennt man, nach meiner Meinung,
-solche versunkene Inseln noch jetzt mittelst der auf ihnen stehenden
-Korallen-Ringe oder Atolls. Wenn es einmal vollständig eingeräumt seyn
-wird, wie es eines Tages vermuthlich noch geschehen wird, dass jede
-Art nur eine Geburts-Stätte gehabt, und wenn wir im Laufe der Zeit
-etwas Bestimmteres über die Verbreitungs-Mittel erkennen, so werden
-wir im Stande seyn die frühere Ausdehnung des Landes mit einiger
-Sicherheit zu berechnen. Dagegen glaube ich nicht, dass es je zu
-beweisen seyn wird, dass jetzt vollständig getrennte Kontinente noch
-in neuerer Zeit wirklich oder nahezu miteinander und mit den vielen
-noch vorhandenen ozeanischen Inseln zusammenhingen. Manche Thatsachen
-in der Vertheilung, wie die grosse Verschiedenheit der Meeres-Faunen
-an den entgegengesetzten Seiten fast jedes grossen Kontinentes und
-ein gewisser Grad von Beziehungen (wovon nachher die Rede seyn wird)
-zwischen der Verbreitung der Säugthiere und der Tiefe des Meeres;
-diese und noch manche andere scheinen mir sich der Annahme solcher
-ungeheuren geographischen Umwälzungen in der neuesten Periode zu
-widersetzen, wie sie durch die von ~E. Forbes~ aufgestellten
-und von vielen Nachfolgern angenommenen Ansichten nöthig werden. Die
-Natur und Zahlen-Verhältnisse der Bewohner ozeanischer Inseln scheinen
-mir gleicherweise die Annahme eines früheren Zusammenhangs mit den
-Festländern zu widerstreben. Eben so wenig ist ihre meist vulkanische
-Zusammensetzung der Annahme günstig, dass sie blosse Trümmer
-versunkener Kontinente seyen; denn wären es ursprüngliche Spitzen von
-Bergketten des Festlandes gewesen, so würden doch wenigstens einige
-derselben gleich andern Gebirgs-Höhen aus Graniten, metamorphischen
-Schiefern, alten organische Reste führenden Schichten u. dgl. statt
-immer nur aus Kegeln vulkanischer Massen bestehen.
-
-Ich habe nun noch einige Worte von den sogenannten „zufälligen“
-Verbreitungs-Mitteln zu sprechen, die man besser „gelegenheitliche“
-nennen würde. Doch ich will mich hier auf die Pflanzen beschränken. In
-botanischen Werken findet man bemerkt, dass diese oder jene Pflanze für
-weite Aussaat nicht gut geeignet ist. Aber was den Transport derselben
-durch das Meer betrifft, so lässt sich behaupten, dass es bei den
-meisten derselben noch ganz unbekannt ist, wie es mit der Möglichkeit
-desselben steht. Bis zur Zeit, wo ich mit Hrn. ~Berkeley’s~
-Hilfe einige wenige Versuche darüber angestellt, war nicht einmal
-bekannt, in wie weit Saamen dem schädlichen Einflusse des Salz-Wassers
-zu widerstehen vermögen. Zu meiner Verwunderung fand ich, dass von
-87 Arten 64 noch keimten, nachdem sie 28 Tage lang in See-Wasser
-gelegen; und einige wenige thaten es sogar nach 137 Tagen noch. Es
-ist beachtenswerth, dass gewisse Ordnungen viel stärker als andre vom
-Salz-Wasser angegriffen werden. So gingen von neun Leguminosen acht
-zu Grunde, und sieben Arten der unter einander verwandten Ordnungen
-der Hydrophyllaceae und Polemoniaceae waren nach einem Monate alle
-todt. Der Bequemlichkeit wegen wählte ich meistens nur kleine Saamen
-ohne Fruchthülle, und da alle schon nach wenigen Tagen untersanken,
-so können sie natürlich keine weiten Räume des Meeres durchschiffen,
-mögen sie nun ihre Keim-Kraft im Salzwasser bewahren oder nicht.
-Nachher wählte ich grössre Früchte mit Kapseln u. s. w., und von
-diesen blieben einige lange Zeit schwimmend. Es ist wohl bekannt,
-wie verschieden die Schwimm-Fähigkeit einer Holzart im grünen und im
-trocknen Zustande ist. Ich dachte mir daher, dass Fluthen wohl Pflanzen
-oder deren Zweige forttragen und dann ans Ufer werfen könnten, wo der
-Strom, wenn sie erst ausgetrocknet wären, sie aufs Neue ergreifen
-und dem Meere zuführen könnte; daher nahm ich von 94 Pflanzen-Arten
-trockne Stengel und Zweige mit reifen Früchten daran und legte sie ins
-Wasser. Die Mehrzahl versank sogleich; doch einige, welche grün nur
-sehr kurze Zeit an der Oberfläche geblieben, hielten sich nun länger.
-So sanken reife Haselnüsse unmittelbar unter, schwammen aber, wenn sie
-vorher ausgetrocknet worden, 90 Tage lang und keimten dann noch, wenn
-sie gepflanzt wurden. Eine Spargel-Pflanze mit reifen Beeren schwamm
-23 Tage, nach vorherigem Austrocknen aber 85 Tage, und ihre Saamen
-keimten noch. Die reifen Früchte von Helosciadium sanken in zwei Tagen,
-schwammen aber nach vorgängigem Trocknen 90 Tage und keimten hierauf.
-Im Ganzen schwammen von den 94 getrockneten Pflanzen 18 Arten 28 Tage
-lang und einige davon sogar noch viel länger. Es keimten also 64/87 =
-0,74 der Saamen-Arten nach einer Eintauchung von 28 Tagen und schwammen
-18/94 = 0,19 der getrockneten Pflanzen-Arten mit reifen Saamen (doch
-z. Th. andre Arten als die vorigen) noch über 28 Tage; und würden daher,
-so viel man aus diesen Thatsachen schliessen darf, die Saamen von 0,14
-der Pflanzen-Arten einer Gegend ohne Nachtheil für ihre Keim-Kraft
-28 Tage lang von See-Strömungen fortgetragen werden können. In
-~Johnston’s~ physikalischem Atlas ist die mittle Geschwindigkeit
-der _Atlantischen_ Ströme auf 33 See-Meilen im Tag (manche laufen
-60 M. weit) angegeben; und somit könnten jene Saamen bei diesem Mittel
-924 See-Meilen weit fortgeführt werden und, wenn sie dann strandeten,
-und vom Winde sofort auf eine passende Stelle weiter landeinwärts
-getrieben würden, noch keimen.
-
-Nach mir stellte ~Martins~[39] ähnliche Versuche, doch in
-bessrer Weise an, indem er Kistchen mit Saamen in’s wirkliche Meer
-versenkte, so dass sie abwechselnd feucht und wieder der Luft
-ausgesetzt wurden, wie wirklich schwimmende Pflanzen. Er versuchte
-es mit 98 Saamen-Arten, meistens verschieden von den meinigen, und
-darunter manche grosse Früchte und auch Saamen von solchen Pflanzen,
-welche in der Nähe des Meeres wachsen, was wohl dazu beitrug die mittle
-Länge der Zeit, während welcher sie sich schwimmend zu halten und der
-schädlichen Wirkung des Salz-Wassers zu widerstehen vermochten, etwas
-zu vermehren. Anderseits aber trocknete er nicht vorher die Früchte mit
-den Zweigen oder Stengeln, was einige derselben befähigt haben würde,
-länger zu schwimmen. Das Ergebniss war, dass 18/98 = 0,185 Saamen-Arten
-42 Tage lang schwammen und dann noch keimten. Ich bezweifle jedoch
-nicht, dass Pflanzen, die mit den Wogen treiben, sich länger schwimmend
-erhalten als jene, welche so wie in unseren Versuchen gegen jede
-Bewegung geschützt sind. Daher wäre es vielleicht sicherer anzunehmen,
-dass die Saamen von etwa 0,10 Arten einer Flora nach dem Austrocknen
-noch eine 900 Meilen weite Strecke des Meeres durchschwimmen und dann
-keimen können. Die Thatsache, dass die grösseren Früchte länger als die
-kleinen schwimmen, ist interessant, weil grosse Saamen oder Früchte
-nicht wohl anders als schwimmend aus einer Gegend in die andre versetzt
-werden können; daher, wie ~Alph. DeCandolle~ gezeigt hat, solche
-Pflanzen beschränkte Verbreitungs-Bezirke besitzen.
-
-Doch können Saamen gelegenheitlich auch auf andre Weise fortgeführt
-werden. So gelangt Treibholz zu den meisten Inseln in der Mitte des
-weitesten Ozeans; und die Eingebornen der Korallen-Inseln des Stillen
-Meeres verschaffen sich härtere Steine für ihr Geräthe fast nur von den
-Wurzeln der Treibholz-Stämme; die Taxen für diese Steine bilden ein
-erhebliches Einkommen ihrer Könige. Wenn nun unregelmässig geformte
-Steine zwischen die Wurzeln der Bäume fest eingewachsen sind, so sind
-auch zuweilen noch kleine Parthien Erde dahinter eingeschlossen,
-mitunter so genau, dass nicht das Geringste davon während des längsten
-Transportes weggewaschen werden könnte. Und nun kenne ich einen Fall
-genau, wo aus einer solchen vollständig eingeschlossenen Parthie Erde
-zwischen den Wurzeln einer 50jährigen Eiche drei Dikotyledonen-Saamen
-gekeimt haben. So kann ich ferner nachweisen, dass zuweilen todte Vögel
-lange auf dem Meere treiben, ohne verschlungen zu werden, und dass in
-ihrem Kropfe enthaltene Saamen lange ihre Keimkraft behalten; Erbsen
-und Wicken z. B., welche sonst schon zu Grunde gehen, wenn sie nur
-wenige Tage im Wasser liegen, zeigten sich zu meinem grossen Erstaunen
-noch keimfähig, als ich sie aus dem Kropfe einer Taube nahm, welche
-schon 30 Tage lang auf künstlich bereitetem Salzwasser geschwommen.
-
-Lebende Vögel haben unfehlbar einen grossen Antheil am Transport
-lebender Saamen. Ich könnte viele Fälle anführen um zu beweisen,
-wie oft Vögel von mancherlei Art durch Stürme weit über den Ozean
-verschlagen werden. Wir dürfen wohl als gewiss annehmen, dass unter
-solchen Umständen ihre Schnelligkeit oft 35 Engl. Meilen in der
-Stunde betragen mag, und manche Schriftsteller haben sie viel höher
-angeschlagen. Ich habe nie eine nahrhafte Saamen-Art durch die
-Eingeweide eines Vogels passiren sehen, wogegen harte Saamen und
-Früchte unangegriffen selbst durch die Gedärme des Wälschhuhns gehen.
-Im Laufe von zwei Monaten sammelte ich in meinem Garten aus den
-Exkrementen kleiner Vögel zwölf Arten Saamen, welche alle noch gut zu
-seyn schienen, und einige von ihnen, die ich probirte, haben wirklich
-gekeimt. Wichtiger ist jedoch folgende Thatsache. Der Kropf der Vögel
-sondert keinen Magensaft aus und benachtheiligt nach meinen Versuchen
-die Keimkraft der Saamen nicht im mindesten. Nun sagt man, dass, wenn
-ein Vogel eine grosse Menge Saamen gefunden und gefressen hat, die
-Körner nicht vor 12-18 Stunden in den Magen gelangen. In dieser Zeit
-aber kann ein Vogel leicht 500 Meilen weit fortgetrieben werden; und
-wenn Falken, wie sie gerne thun, auf den ermüdeten Vogel Jagd machen,
-so kann dann der Inhalt seines Kropfes bald umhergestreut seyn. Nun
-verschlingen einige Falken und Eulen ihre Beute ganz und brechen nach
-12-20 Stunden Ballen unverdauter Federn wieder aus, die, wie ich aus
-Versuchen in den Zoological Gardens weiss, oft noch keimfähige Saamen
-enthalten. Einige Saamen von Hafer, Weitzen, Hirse, Kanariengras,
-Hanf, Klee und Mangold keimten noch, nachdem sie 12-20 Stunden in den
-Magen verschiedener Raubvögel verweilt hatten, und zwei Mangold-Saamen
-wuchsen sogar, nachdem sie zwei Tage und vierzehn Stunden dort gewesen
-waren. Süsswasser-Fische verschlingen Saamen verschiedener Land- und
-Wasser-Pflanzen; Fische werden oft von Vögeln verzehrt, und so können
-jene Saamen von Ort zu Ort ausgestreut werden. Ich brachte mancherlei
-Saamen-Arten in den Magen todter Fische und gab diese sodann Pelikanen,
-Störchen und Fischadlern zu fressen; diese Vögel gaben einige Stunden
-später die Saamen in ihren Exkrementen wieder von sich oder brachen sie
-in Gewöll-Ballen aus. Mehre dieser Saamen besassen alsdann noch ihre
-Keim-Kraft; andre dagegen verloren sie jederzeit durch diesen Prozess.
-
-Obwohl Schnäbel und Füsse der Vögel gewöhnlich ganz rein sind, so
-hängen doch oft auch Erd-Theile daran. In einem Falle trennte ich
-61 und in einem andern 22 Gran thoniger Erde von dem Fusse eines
-Feldhuhns, und in dieser Erde befand sich ein Steinchen so gross wie
-ein Wicken-Saamen. Daher mögen auf dieselbe Art auch Saamen zuweilen
-auf grosse Entfernungen fortgeführt werden, indem sich nachweisen
-lässt, dass der Ackerboden überall voll von Säämereien steckt. Erwägt
-man, wie viele Millionen Wachteln jährlich das Mittelmeer überfliegen,
-so wird man die Möglichkeit nicht bezweifeln, dass wohl auch einmal ein
-paar kleine Saamen an ihren Füssen mit herüber oder hinüber gelangen.
-Doch werde ich auf diesen Gegenstand noch zurückkommen.
-
-Bekanntlich sind Eisberge oft mit Steinen und Erde beladen; auch
-Buschholz, Knochen und selbst einmal ein Vogel-Nest hat man darauf
-gefunden; daher wohl nicht zu zweifeln ist, dass sie mitunter auch,
-wie ~Lyell~ bereits angenommen, Saamen von einem zum andern
-Theile der arktischen oder antarktischen Zone, und in der Glacial-Zeit
-sogar von einem Theile der jetzigen gemässigten Zonen zum andern
-geführt haben. Da auf den Azoren eine im Verhältniss zu den übrigen
-zum Theile dem Festlande näher gelegenen Inseln des Atlantischen
-Meeres grosse Anzahl _Europäischer_ Pflanzen und (wie Hr. ~H.
-C. Watson~ bemerkt) insbesondere solcher Arten vorkommt, die
-einen etwas nördlicheren Charakter haben, als der Lage entspricht,
-so vermuthete ich, dass ein Theil derselben mit Eisbergen in der
-Glacial-Zeit dahin gelangt seye. Auf meine Bitte fragte Sir ~Ch.
-Lyell~ Hrn. ~Hartung~, ob er erratische Blöcke auf diesen
-Inseln gefunden habe, und erhielt zur Antwort, dass grosse Blöcke von
-Granit u. a. nicht auf den Inseln anstehenden Gesteinen dort vorkommen.
-Wir dürfen daher getrost folgern, dass Eisberge vordem ihre Bürden an
-der Küste dieser mittel-ozeanischen Inseln abgesetzt haben, und so ist
-es wenigstens möglich, dass auch einige Saamen nordischer Pflanzen mit
-dahin gelangt sind.
-
-In Berücksichtigung, dass manche der oben erwähnten und andre wohl
-später zu entdeckende Transport-Mittel ganze Jahrhunderte und
-Jahrtausende alljährlich in Thätigkeit gewesen, würde es nach meiner
-Ansicht eine wunderbare Thatsache seyn, wenn nicht auf diesen Wegen
-viele Pflanzen mitunter in weite Fernen versetzt worden wären. Diese
-Transport-Mittel werden zuweilen zufällige genannt, was nicht ganz
-richtig ist, indem weder die See-Strömungen noch die vorwaltende
-Richtung der Stürme zufällig sind. Indessen ist von diesen Mitteln wohl
-keines im Stande, keimfähige Saamen in sehr grosse Fernen zu versetzen,
-indem die Saamen weder ihre Keimfähigkeit im Seewasser lange behalten,
-noch in Kropf und Eingeweiden der Vögel weit transportirt werden
-können. Wohl aber genügen sie, um dieselben gelegenheitlich über einige
-Hundert Meilen breite See-Striche hinwegzuführen und so von Kontinent
-zu Insel, oder von Insel zu Insel, aber nicht von einem Kontinente zum
-andern zu fördern. Die Floren entfernter Kontinente werden auf diese
-Weise mithin nicht in hohem Grade gemengt werden, sondern so weit
-getrennt bleiben, als wir sie jetzt finden. Die Ströme würden ihrer
-Richtung nach niemals Saamen von _Nord-Amerika_ nach _Britannien_
-bringen können, wie sie deren von _Westindien_ aus an unsre Küsten
-spülen, wo sie aber, selbst wenn sie auf diesem langen Wege noch ihre
-Lebenskraft bewahrt haben, nicht das Klima zu ertragen vermögen. Fast
-jedes Jahr werden 1-2 Land-Vögel durch Stürme von _Nord-Amerika_ über
-den ganzen _Atlantischen Ozean_ bis an die _Irischen_ und _Englischen_
-Küsten getrieben; Saamen aber könnten diese Wanderer nur auf eine Weise
-mit sich bringen, nämlich in dem zufällig an ihren Füssen hängenden
-Schmutz, was doch immer an sich schon ein seltener Zufall ist. Und wie
-gering wäre selbst in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit, dass ein
-solcher Saame in einen günstigen Boden gelange, keime und zur Reife
-komme. Doch wäre es ein grosser Irrthum zu folgern, dass, weil eine
-schon wohl-bevölkerte Insel, wie _Grossbritannien_ ist, in den paar
-letzten Jahrhunderten (was übrigens doch schwer zu beweisen steht)
-durch gelegenheitliche Transport-Mittel keine Einwanderer aus _Europa_
-oder einem andern Kontinente aufgenommen, auch sparsam bevölkerte
-Inseln selbst in noch grössren Entfernungen vom Festlande keine
-Kolonisten auf solchen Wegen erhalten könnten. Ich zweifle nicht, dass
-aus 20 zu einer Insel verschlagenen Saamen- oder Thier-Arten, auch wenn
-sie viel weniger bevölkert wäre als _Britannien_, kaum mehr als eine so
-für diese neue Heimath geeignet seyn würde, um nun dort naturalisirt
-zu werden. Doch ist Diess, wie mir scheint, kein bedeutender Einwand
-hinsichtlich dessen, was durch solche gelegenheitliche Transport-Mittel
-im langen Verlaufe der geologischen Zeiten geschehen konnte, während
-der Hebung und Bildung einer Insel und bevor sie mit Ansiedlern
-vollständig besetzt war. Auf einem fast noch öden Lande, wo noch keine
-oder nur wenige Insekten und Vögel jedem neu ankommenden Saamen-Korne
-nachstellen, wird dasselbe leicht zum Keimen und Fortleben gelangen,
-wenn es anders für dieses Klima passt.
-
-+Zerstreuung während der Eis-Zeit.+) Die Übereinstimmung so vieler
-Pflanzen- und Thier-Arten auf Berges-Höhen, welche Hunderte von Meilen
-weit durch Tiefländer von einander getrennt sind, wo die Alpen-Bewohner
-nicht fortkommen können, ist eines der schlagendsten Beispiele des
-Vorkommens gleicher Arten auf von einander entlegenen Punkten, ohne
-anscheinende Möglichkeit einer Wanderung von einem derselben zum
-andern. Es ist in der That merkwürdig, so viele Pflanzen-Arten in
-den Schnee-Gegenden der _Alpen_ oder _Pyrenäen_ und wieder
-in den nördlichsten Theilen _Europa’s_ zu sehen; aber noch
-merkwürdiger ist es, dass die Pflanzen-Arten der _Weissen Berge_
-in den _Vereinten Staaten Amerika’s_ alle die nämlichen wie in
-_Labrador_ und ferner nach ~Asa Gray’s~ Versicherung die
-nämlichen wie auf den höchsten Bergen _Europa’s_ sind. Schon
-vor langer Zeit, im Jahre 1747, veranlassten ähnliche Thatsachen
-~Gmelin~ zu schliessen, dass einerlei Spezies an verschiedenen
-Orten unabhängig von einander geschaffen worden seyn müssen, und
-wir würden dieser Meinung vielleicht noch zugethan geblieben seyn,
-hätten nicht ~Agassiz~ u. A. unsre Aufmerksamkeit auf die
-Eis-Zeit gelenkt, die, wie wir sofort sehen werden, diese Thatsachen
-sehr einfach erklärt. Wir haben Beweise fast jeder möglichen Art,
-organische und unorganische, dass in einer sehr jungen geologischen
-Periode _Zentral-Europa_ und _Nord-Amerika_ unter einem
-arktischen Klima litten. Die Ruinen eines abgebrannten Hauses erzählen
-ihre Geschichte nicht so verständlich, wie die _Schottischen_ und
-_Wales’schen_ Gebirge mit ihren geschrammten Seiten, polirten
-Flächen, schwebenden Blöcken von den Eis-Strömen berichten, womit ihre
-Thäler noch in später Zeit ausgefüllt gewesen. So sehr war das Klima
-in _Europa_ verschieden, dass in _Nord-Italien_ riesige
-Moränen von einstigen Gletschern herrührend jetzt mit Mays und Wein
-bepflanzt sind. Durch einen grossen Theil der _Vereinten Staaten_
-bezeugen erratische Blöcke und von treibenden Eisbergen und Küsten-Eis
-geschrammte Felsen mit Bestimmtheit eine frühere Periode grosser Kälte.
-
-Der frühere Einfluss des Eis-Klima’s auf die Vertheilung der
-Bewohner _Europa’s_, wie ihn ~Edw. Forbes~ so klar dargestellt,
-ist im Wesentlichen folgender. Doch wir werden die Veränderungen
-rascher verfolgen können, wenn wir annehmen, eine neue Eis-Zeit
-rücke langsam an und verlaufe dann und verschwinde so, wie es früher
-geschehen ist. In dem Grade wie bei zunehmender Kälte jede weiter
-südlich gelegene Zone der Reihe nach für arktische Wesen geeigneter
-wird und ihren bisherigen Bewohnern nicht mehr zusagen kann, werden
-arktische Ansiedler die Stelle der bisherigen einnehmen. Zur gleichen
-Zeit werden auch ihrerseits diese Bewohner der gemässigten Gegenden
-südwärts wandern, wenn ihnen der Weg nicht versperrt ist, in welchem
-Falle sie zu Grunde gehen müssten. Die Berge werden sich mit Schnee
-und Eis bedecken, und die früheren Alpen-Bewohner werden in die Ebene
-herabsteigen. Erreicht mit der Zeit die Kälte ihr Maximum, so bedeckt
-eine einförmige arktische Flora und Fauna den mitteln Theil _Europa’s_
-bis im Süden der _Alpen_ und _Pyrenäen_ und bis nach _Spanien_ hinein.
-Auch die gegenwärtig gemässigten Gegenden der _Vereinten Staaten_
-bevölkern sich mit arktischen Pflanzen und Thieren und zwar nahezu
-mit den nämlichen Arten wie _Europa_; denn die jetzigen Bewohner der
-Polar-Länder, von welchen so eben angenommen worden, dass sie überall
-nach Süden gewandert, sind rund um den Pol merkwürdig einförmig. Nimmt
-man an, dass die Eis-Zeit in _Nord-Amerika_ etwas früher oder später
-als in _Europa_ angefangen, so wird auch die Auswanderung nach Süden
-etwas früher oder später beginnen, was jedoch im End-Ergebnisse keinen
-Unterschied macht.
-
-Wenn nun die Wärme zurückkehrt, so ziehen sich die arktischen Formen
-wieder nach Norden zurück und die Bewohner der gemässigteren Gegenden
-rücken ihnen unmittelbar nach. Wenn der Schnee am Fusse der Gebirge
-schmilzt, werden die arktischen Formen von dem entblössten und
-aufgethauten Boden Besitz nehmen; sie werden immer höher und höher
-hinansteigen, wie die Wärme zunimmt und ihre Brüder in der Ebene den
-Rückzug nach Norden hin fortsetzen. Ist daher die Wärme vollständig
-wieder hergestellt, so werden die nämlichen arktischen Arten, welche
-bisher in Masse beisammen in den Tiefländern der _alten_ und der
-_neuen_ Welt gelebt, nur noch auf abgesonderten Berg-Höhen und in
-der arktischen Zone beider Hemisphären übrig seyn.
-
-Auf diese Weise begreift sich die Übereinstimmung so vieler
-Pflanzen-Arten an so unermesslich weit von einander entlegenen
-Stellen, als die Gebirge der _Vereinten Staaten_ und _Europa’s_
-sind. So begreift sich ferner die Thatsache, dass die Alpen-Pflanzen
-jeder Gebirgs-Kette mit den gerade oder fast gerade nördlich von
-ihnen lebenden Arten in nächster Beziehung stehen; die Wanderung
-bei Eintritt der Kälte und die Rückwanderung bei Wiederkehr der
-Wärme wird im Allgemeinen eine gerade südliche und nördliche gewesen
-seyn. Denn die Alpen-Pflanzen _Schottland’s_ z. B. sind nach ~H. C.
-Watson’s~ Bemerkung und die der _Pyrenäen_ nach ~Ramond~ spezieller
-mit denen _Skandinaviens_ verwandt, wie die der _Vereinten Staaten_
-und die _Sibirischen_ mehr mit den im Norden dieser Länder lebenden
-Arten übereinstimmen. Diese Ansicht, gegründet auf den zuverlässig
-bestätigten Verlauf einer früheren Eis-Zeit, scheint mir in so
-genügender Weise die gegenwärtige Vertheilung der alpinen und
-arktischen Arten in _Europa_ und _Nord-Amerika_ zu erklären, dass,
-wenn wir in noch andern Regionen gleiche Spezies auf entfernten
-Gebirgs-Höhen zerstreut finden, wir auch ohne einen weiteren Beweis
-schliessen dürfen, dass ein kälteres Klima ihnen vordem durch
-zwischen-gelegene Tiefländer zu wandern gestattet habe, welche seitdem
-zu warm für dieselben geworden sind.
-
-Wenn das Klima seit der Eis-Zeit je einigermaassen wärmer als jetzt
-gewesen wäre (wie einige Geologen aus der Verbreitung der fossilen
-Gnathodon-Muscheln in den _Vereinten Staaten_ geschlossen), dann
-würden die Bewohner der gemässigten und der kalten Zone noch in sehr
-später Zeit etwas nach Norden vorgerückt seyn, um sich noch später
-wieder in ihre jetzige Heimath zurückzuziehen; doch habe ich keinen
-genügenden Beweis für eine solche wärmere Periode, die nach der
-Eis-Zeit eingeschaltet gewesen wäre.
-
-Die arktischen Formen werden während ihrer südlichen Wanderung und
-Rückkehr nach Norden nahezu dem nämlichen Klima ausgesetzt gewesen
-und, was gleichfalls zu bemerken, in Masse beisammen geblieben
-seyn; daher sie denn auch in ihren gegenseitigen Beziehungen nicht
-sonderlich gestört und mithin, nach den in diesem Bande vertheidigten
-Prinzipien, nicht allzu-grosser Umänderung ausgesetzt worden wären.
-Etwas anders würde es sich jedoch mit unsern Alpen-Bewohnern verhalten,
-welche bei rückkehrender Wärme sich vom Fusse der Gebirge immer
-höher an deren Seiten bis zu den Gipfeln hinan geflüchtet haben.
-Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass alle dieselben arktischen
-Arten auf weit getrennten Gebirgs-Ketten zurückgeblieben sind und
-dort seither fortgelebt haben. Auch werden die zurückgebliebenen
-aller Wahrscheinlichkeit nach sich mit alten Alpen-Pflanzen gemengt
-haben, welche schon vor der Eis-Zeit die Gebirge bewohnten und für
-die Dauer der kältesten Periode in die Ebene herabgetrieben wurden;
-sie werden ferner einem etwas abweichenden klimatischen Einflusse
-ausgesetzt gewesen seyn. Ihre gegenseitigen Beziehungen können
-hiedurch etwas gestört und sie selbst mithin zur Abänderung geneigt
-geworden seyn; und so ist es wirklich der Fall. Denn, wenn wir die
-gegenwärtigen Alpen-Pflanzen und -Thiere der verschiedenen grossen
-_Europäischen_ Gebirgs-Ketten verglichen, so finden wir zwar im
-Ganzen viele identische Arten, von welchen aber manche als Varietäten
-auftreten, andre als zweifelhafte Formen schwanken, und einige wenige
-als verschiedene doch nahe verwandte oder stellvertretende Arten
-erscheinen.
-
-Bei Erläuterung dessen, was nach meiner Meinung während der Eis-Periode
-sich wirklich zugetragen, unterstellte ich, dass bei deren Beginn
-die arktischen Organismen rund um den Pol so einförmig wie heutigen
-Tages gewesen seyen. Aber die vorangehenden Bemerkungen beziehen sich
-nicht allein auf die strengen arktischen Formen, sondern auch auf
-viele subarktische und auf einige Formen der nördlich-gemässigten
-Zone; denn manche von diesen Arten sind ebenfalls übereinstimmend
-auf den niedrigeren Bergen und in den Ebenen _Nord-Amerika’s_
-und _Europa’s_, und man kann mit Grund fragen, wie ich denn
-die Übereinstimmung der Formen, welche in der subarktischen und
-der nördlich-gemässigten Zone rund um die Erde am Anfange der
-Eis-Periode stattgefunden haben muss, erkläre? Heutzutage sind die
-Formen der subarktischen und nördlich-gemässigten Gegenden der
-_alten_ und der _neuen Welt_ von einander getrennt durch
-den _atlantischen_ und den nördlichsten Theil des _stillen
-Ozeans_. Als während der Eis-Zeit die Bewohner der _alten_ und
-der _neuen Welt_ weiter südwärts als jetzt lebten, müssen sie auch
-durch weitere Räume des Ozeans vollständiger von einander geschieden
-gewesen seyn. Ich glaube, dass die oben erwähnte Schwierigkeit zu
-umgehen ist, wenn man sich nach noch früheren Klima-Wechseln in einem
-entgegengesetzten Sinne umsieht. Wir haben nämlich guten Grund zu
-glauben, dass während der neuem Pliocän-Periode vor der Eis-Zeit, wo
-schon die Mehrzahl der Erd-Bewohner mit den jetzigen von gleichen
-Arten gewesen, das Klima wärmer war als jetzt. Wir dürfen daher
-annehmen, dass Organismen, welche jetzt unter dem 60. Breite-Grad
-leben, in der Pliocän-Periode weiter nördlich am Polar-Kreise unter
-dem 66°-70° Br. wohnten, und dass die eigentlich arktischen Wesen auf
-die unterbrochenen Land-Striche naher bei den Polen beschränkt waren.
-Wenn wir nun einen Globus ansehen, so werden wir finden, dass unter
-dem Polar-Kreise meist zusammen-hängendes Land von _West-Europa_
-an durch _Sibirien_ bis _Ost-Amerika_ vorhanden ist. Und
-diesem Zusammenhange des Circumpolar-Landes und der ihm entsprechenden
-freien Wanderung in einem schon günstigeren Klima schreibe ich den
-nothwendigen Grad von Einförmigkeit in den Bewohnern der subarktischen
-und nördlich-gemässigten Zone der _alten_ und _neuen Welt_
-vor der Eis-Zeit zu. (Dieser Ansicht sind drei vorzugsweise berufene
-Beurtheiler, Prof. ~Asa Gray~, Dr. ~Hooker~ und Prof. ~Oliver~
-beigetreten.)
-
-Von dem Glauben ausgehend, dass, wie schon oben gesagt, unsre
-Kontinente langezeit in fast nahezu der nämlichen Lage gegen einander
-geblieben, wenn sie auch theilweise beträchtlichen Höhen-Schwankungen
-unterworfen gewesen, habe ich grosse Neigung die erwähnte Ansicht
-noch weiter auszudehnen und zu unterstellen, dass in einer noch
-früheren und wärmeren Zeit, in der ältern Pliocän-Zeit nämlich,
-eine grosse Anzahl der nämlichen Pflanzen- und Thier-Arten das
-fast zusammenhängende Circumpolar-Land bewohnt habe, und dass
-diese Pflanzen und Thiere sowohl in der _alten_ als in der
-_neuen Welt_ langsam südwärts zu wandern anfingen, wie das
-Klima kühler wurde, lange vor Anfang der Eis-Periode. Wir sehen nun
-ihre Nachkommen, wie ich glaube, meistens in einem abgeänderten
-Zustande die Zentral-Theile von _Europa_ und den _Vereinigten
-Staaten_ bewohnen. Von dieser Annahme ausgehend begreift man dann
-die Verwandtschaft, bei sehr geringer Gleichheit, der Arten von
-_Nord-Amerika_ und _Europa_, eine Verwandtschaft, welche
-bei der grossen Entfernung beider Gegenden und ihrer Trennung durch
-das _Atlantische Meer_ äusserst merkwürdig ist. Man begreift
-ferner die von einigen Beobachtern wahrgenommene sonderbare Thatsache,
-dass die Natur-Erzeugnisse _Europa’s_ und _Nord-Amerika’s_
-während der letzten Abschnitte der Tertiär-Zeit näher mit einander
-verwandt sind, als sie es in der vorangehenden Zeit waren; denn in
-dieser wärmeren Zeit sind die nördlichen Theile der _alten_ und
-der _neuen Welt_ durch Zwischenländer in zusammen-hängenderer
-Weise mit einander verbunden gewesen, die aber seither durch Kälte zur
-Auswanderung unbrauchbar gemacht worden sind.
-
-Sobald während der langsamen Temperatur-Abnahme in der Pliocän-Periode
-die gemeinsam ausgewanderten Bewohner der _alten_ und _neuen
-Welt_ südwärts vom Polar-Kreise angelangt waren, wurden sie
-vollständig von einander abgeschnitten. Diese Trennung trug sich, was
-die Bewohner der gemässigteren Gegenden betrifft, vor langen langen
-Zeiten zu. Und als damals die Pflanzen- und Thier-Arten südwärts
-wanderten, werden sie sich mit den Eingeborenen der niedrigeren
-Breiten gemengt und in der einen Gegend _Amerikanische_ und in
-der andern _Europäische_ Arten zu neuen Mitbewerbern bekommen
-haben. Hier ist demnach Alles zu reichlicher Abänderung der Arten
-angethan, weit mehr als es hinsichtlich der auf südlichen Alpen-Höhen
-abgeschnitten zurückgelassenen Polar-Bewohner beider Welttheile der
-Fall gewesen ist. Davon rührt es her, dass, wenn wir die jetzt lebenden
-Erzeugnisse gemässigterer Gegenden der _alten_ und der _neuen
-Welt_ mit einander vergleichen, wir nur sehr wenige identische Arten
-finden (obwohl ~Asa Gray~ kürzlich gezeigt, dass deren Anzahl
-grösser ist, als man bisher angenommen hatte); aber wir finden in
-jeder grossen Klasse viele Formen, welche ein Theil der Naturforscher
-als geographische Rassen und ein andrer als unterschiedene
-Arten betrachten, zusammen mit einem Heere nahe verwandter oder
-stellvertretender Formen, die bei allen Naturforschern für eigene Arten
-gelten.
-
-Wie auf dem Lande, so kann auch in der See eine langsame südliche
-Wanderung der Fauna, welche während oder etwas vor der Pliocän-Periode
-längs der zusammen-hängenden Küsten des Polar-Kreises sehr einförmig
-gewesen, nach der Abänderungs-Theorie zur Erklärung der vielen nahe
-verwandten Formen dienen, welche jetzt in ganz gesonderten Gebieten
-leben. Mit ihrer Hilfe lässt sich, wie ich glaube, das Daseyn
-einer Menge noch lebender und tertiärer stellvertretender Arten an
-den östlichen und westlichen Küsten des gemässigteren Theiles von
-_Nord-Amerika_ erklären, so wie die bei weitem auffallendere
-Erscheinung vieler nahe verwandter Kruster (in ~Dana’s~
-ausgezeichnetem Werke beschrieben), einiger Fische und andrer
-Seethiere im _Japanischen_ und im _Mittelmeere_ zugleich, in
-Gegenden mithin, welche jetzt durch einen grossen Kontinent und fast
-eine ganze Hemisphäre von Äquatoral-Meeren von einander getrennt sind.
-
-Diese Fälle von Verwandtschaft, ohne Identität, zwischen den Bewohnern
-jetzt getrennter Meere wie zwischen den früheren und jetzigen Bewohnern
-der gemässigten Länder _Nord-Amerika’s_ und _Europa’s_ sind aus der
-Schöpfungs-Theorie unerklärbar. Wir können nicht sagen, sie seyen
-ähnlich geschaffen zur Anpassung an die ähnlichen Natur-Bedingungen der
-beiderlei Gegenden; denn wenn wir z. B. gewisse Theile _Süd-Amerika’s_
-mit den südlichen Kontinenten der _alten Welt_ vergleichen, so finden
-wir Striche in beiden, die sich hinsichtlich ihrer Natur-Beschaffenheit
-einander genau entsprechen, aber in ihren Bewohnern sich ganz unähnlich
-sind.
-
-Wir müssen jedoch zu unsrer unmittelbaren Aufgabe zurückkehren,
-nämlich zur Eis-Zeit. Ich bin überzeugt, dass ~Edw. Forbes’~
-Theorie einer grossen Erweiterung fähig ist. In _Europa_ haben
-wir die deutlichsten Beweise einer Kälte-Periode von den West-Küsten
-_Britanniens_ ostwärts bis zur _Ural_-Kette und südwärts
-bis zu den _Pyrenäen_. Aus den im Eise eingefrorenen Säugthieren
-und der Beschaffenheit der Gebirgs-Vegetation zu schliessen, war
-_Sibirien_ auf ähnliche Weise betroffen gewesen. Längs dem
-_Himalaya_ haben Gletscher an 900 Engl. Meilen von einander
-entlegenen Punkten Spuren ihrer ehemaligen weiten Erstreckung nach
-der Tiefe hinterlassen; und in _Sikkim_ sah Dr. ~Hooker~
-Mays wachsen auf alten Riesen-Moränen. Im Süden des Äquators
-haben wir einige unmittelbare Beweise früherer Eis-Thätigkeit in
-_Neuseeland_, und das Wiedererscheinen derselben Pflanzen-Arten
-auf weit von einander getrennten Bergen dieser Insel spricht für die
-gleiche Geschichte. Nach den von dem unermüdlichen Geologen ~W. B.
-Clarke~ mir gewordenen Mittheilungen scheinen deutliche Spuren von
-einer früheren Gletscher-Thätigkeit auch in der süd-östlichen Spitze
-_Neu-Hollands_ vorzukommen.
-
-Sehen wir uns in _Amerika_ um. In der nördlichen Hälfte sind von
-Eis transportirte Fels-Trümmer beobachtet worden an der Ost-Seite
-abwärts bis zum 36° und an der Küste des _stillen Meeres_, wo das
-Klima jetzt so verschieden ist, bis zum 46° nördlicher Breite; auch
-in den _Rocky Mountains_ sind erratische Blöcke gesehen worden.
-In den _Cordilleren_ des äquatorialen _Süd-Amerika’s_ haben
-sich Gletscher ehedem weit über ihre jetzige Grenze herabbewegt.
-In _Central-Chili_ habe ich ein ungeheures Detritus-Haufwerk
-untersucht, welches das _Portillo-Thal_ queer durchsetzt, und,
-wie ich jetzt überzeugt bin, eine riesige Moräne tief unter jedem
-noch jetzt dort vorkommenden Gletscher. ~D. Forbes~ hat mir
-die folgende nun genauere Auskunft darüber mitgetheilt: dass er in
-der _Cordillere_ vom 13° bis 30° SBr. in der ungefähren Höhe von
-12000′ starkgefurchte Felsen gefunden ganz wie jene, die er in Norwegen
-gesehen, sowie grosse Detritus-Massen mit gefurchten Geschieben;
-längs dieser ganzen _Cordilleren_-Strecke gibt es selbst in viel
-beträchtlicheren Höhen gar keine wirklichen Gletscher. -- Weiter
-südwärts an beiden Seiten des Kontinents, von 41° Br. bis zur südlichen
-Spitze finden wir die klarsten Beweise früherer Gletscher-Thätigkeit in
-mächtigen von ihrer Geburtsstätte weit entführten Blöcken.
-
-Wir wissen nicht, ob die Eis-Zeit an allen diesen Punkten auf ganz
-entgegengesetzten Seiten der Erde genau gleichzeitig gewesen seye;
-doch fiel sie, in fast allen Fällen wohl erweislich, in die letzte
-geologische Periode. Eben so haben wir vortreffliche Beweise, dass
-sie überall, in Jahren ausgedrückt, von ungeheurer Dauer gewesen. Sie
-kann an einer Stelle der Erde früher begonnen oder früher aufgehört
-haben, als an der andern; da sie aber überall lange gewährt hat und
-wenigstens in geologischem Sinne überall gleichzeitig war, so ist es
-mir wahrscheinlich, dass jedenfalls ein Theil der Glazial-Ereignisse
-an allen diesen Orten über die ganze Erde hin der Zeit nach genau
-zusammenfiel. So lange wir nicht irgend einen bestimmten Beweis
-für das Gegentheil haben, dürfen wir daher unterstellen, dass
-die Glazial-Thätigkeit eine gleichzeitige gewesen ist an der
-Ost- und West-Seite _Nord-Amerika’s_, in den äquatorialen
-_Cordilleren_ der tropischen wie der wärmer-gemässigten Zone,
-und zu beiden Seiten des südlichen Endes dieses Welttheiles. Ist
-Diess anzunehmen erlaubt, so wird man auch annehmen müssen, dass
-die Temperatur der ganzen Erde in dieser Periode gleichzeitig kühler
-gewesen ist; doch wird es für meinen Zweck genügen, wenn die Temperatur
-nur auf gewissen breiten von Norden nach Süden ziehenden Strecken der
-Erde gleichzeitig niedriger war.
-
-Von dieser Voraussetzung ausgehend, dass die Erde oder wenigstens
-breite Meridianal-Streifen derselben von einem Pol zum andern
-gleichzeitig kälter geworden sind, lässt sich viel Licht über die
-jetzige Vertheilung identischer und verwandter Arten verbreiten. Dr.
-~Hooker~ hat gezeigt, dass in _Amerika_ 40-50 Blüthen-Pflanzen des
-_Feuerlandes_, welche keinen unbeträchtlichen Theil der dortigen
-kleinen Flora bilden, trotz der ungeheuren Entfernung beider Punkte,
-mit _Europäischen_ Arten übereinstimmen; ausserdem gibt es viele
-nahe verwandte Arten. Auf den hoch-ragenden Gebirgen des tropischen
-_Amerika’s_ kommt eine Menge besondrer Arten aus _Europäischen_
-Sippen vor. Auf den höchsten Bergen _Brasiliens_ sind einige wenige
-_Europäische_ Sippen von ~Gardener~ gefunden worden, welche in den
-weit-gedehnten warmen Zwischenländern nicht fortkommen. An der
-_Silla_ von _Caraccas_ fand ~Al. von Humboldt~ schon vor langer
-Zeit Sippen, welche für die _Cordilleren_ bezeichnend sind. Auf
-den _Abyssinischen_ Gebirgen kommen verschiedene _Europäische_
-Formen und einige wenige stellvertretende Arten der eigenthümlichen
-Flora des _Caps der guten Hoffnung_ vor. Am Cap sind einige wenige
-_Europäische_ Arten, die man nicht für eingeführt hält, und auf den
-Bergen verschiedene stellvertretende Formen _Europäischer_ Arten
-gefunden worden, dergleichen man in den tropischen Ländern _Afrika’s_
-noch nicht entdeckt hat. Dr. ~Hooker~ hat unlängst gezeigt, dass mehre
-der auf der Insel _Fernando Po_ im Golfe von _Guinea_ wachsenden
-Pflanzen mit denen der _Abyssinischen_ Gebirge an der andren Seite
-des _Afrikanischen_ Kontinents und mit solchen des gemässigten
-_Europa’s_ nahe verwandt sind; Diess ist eine der überraschendsten
-Thatsachen in der Pflanzen-Geographie. -- Am _Himalaya_ und auf den
-vereinzelten Berg-Ketten der _Indischen_ Halbinsel, auf den Höhen von
-_Ceylon_ und den vulkanischen Kegeln _Javas_ treten viele Pflanzen
-auf, welche entweder der Art nach mit einander übereinstimmen, oder
-sich wechselseitig vertreten und zugleich für _Europäische_ Formen
-vikariiren, aber in den dazwischen gelegenen warmen Tiefländern nicht
-gefunden werden. Ein Verzeichniss der auf den luftigen Berg-Spitzen
-_Javas_ gesammelten Sippen liefert ein Bild wie von einer auf
-_Europäischen_ Gebirgen gemachten Sammlung. Noch viel schlagender ist
-die Thatsache, dass die _Süd-Australischen_ Formen offenbar durch
-Pflanzen repräsentirt werden, welche auf den Berg-Höhen von Borneo
-wachsen. Einige dieser _Australischen_ (_Neuholländischen_) Formen
-erstrecken sich nach Dr. ~Hooker~ längs der Höhen der Halbinsel
-_Malakka_ und sind dünne zerstreut einerseits über _Indien_ und
-andrerseits nordwärts bis _Japan_.
-
-Auf den südlichen Gebirgen _Neuhollands_ hat Dr. ~F. Müller~ mehre
-_Europäische_ Arten entdeckt; andre nicht von Menschen eingeführte
-Spezies kommen in den Niederungen vor, und, wie mir Dr. ~Hooker~ sagt,
-könnte noch eine lange Liste von _Europäischen_ Sippen aufgestellt
-werden, die sich in _Neuholland_, aber nicht in den heissen
-Zwischenländern finden. In der vortrefflichen Einleitung zur Flora
-_Neuseelands_ liefert Dr. ~Hooker~ noch andre analoge und schlagende
-Beispiele hinsichtlich der Pflanzen dieser grossen Insel. Wir sehen
-daher, dass über der ganzen Erd-Oberfläche einestheils die auf den
-höheren Bergen wachsenden Pflanzen, wie anderntheils die in den
-gemässigten Tiefländern der nördlichen und der südlichen Hemisphäre
-verbreiteten zuweilen von gleicher Art sind; noch öfter aber erscheinen
-sie spezifisch verschieden, obwohl in merkwürdiger Weise mit einander
-verwandt.
-
-Dieser kurze Umriss bezieht sich nur auf Pflanzen allein; aber genau
-analoge Thatsachen lassen sich auch über die Vertheilung der Landthiere
-anführen. Auch bei den Seethieren kommen ähnliche Fälle vor. Ich
-will als Beleg die Bemerkung eines der besten Gewährsmänner, nämlich
-des Professors ~Dana~ anführen, „dass es gewiss eine wunderbare
-Thatsache ist, dass _Neuseeland_ hinsichtlich seiner Kruster eine
-grössre Verwandtschaft mit seinem Antipoden _Grossbritannien_ als mit
-irgend einem andern Theile der Welt zeigt“. Eben so spricht Sir ~J.
-Richardson~ von dem Wiedererscheinen nordischer Fisch-Formen an den
-Küsten von _Neuseeland_, _Tasmania_ u. s. w. Dr. ~Hooker~ sagt mir,
-dass _Neuseeland_ 25 Algen-Arten mit _Europa_ gemein hat, die in den
-tropischen Zwischenmeeren noch nicht gefunden worden sind.
-
-Es ist zu bemerken, dass die in den südlichen Theilen der südlichen
-Halbkugel und auf den tropischen Hochgebirgen gefundenen nördlichen
-Arten und Formen keine arktischen sind, sondern dem nördlichen
-Theile der gemässigten Zone entsprechen. Hr. ~H. C. Watson~ hat
-neulich bemerkt, „je weiter man von den polaren gegen die tropischen
-Breiten voranschreitet, desto weniger arktisch werden die alpinen
-oder gebirglichen Formen der Organismen.“ Viele der auf den Gebirgen
-wärmerer Gegenden der Erde und in der südlichen Hemisphäre lebenden
-Arten sind von so zweifelhaftem Werthe, dass sie von einigen
-Naturforschern als wesentlich verschieden von _Europäischen_ Arten
-und von andern als blosse Varietäten bezeichnet werden. Doch einige
-darunter sind gewiss identisch und viele müssen, wenn auch mit
-nordischen Formen nahe verwandt, als eigne Arten anerkannt werden.
-
-Wir wollen nun zusehen, welche Aufschlüsse die vorangehenden Thatsachen
-über die durch eine Menge geologischer Beweise unterstützte Annahme
-gewähren können, dass die ganze Erd-Oberfläche oder wenigstens ein
-grosser Theil derselben während der Eis-Periode gleichzeitig viel
-kälter als jetzt gewesen seye. Die Eis-Periode muss, in Jahren
-ausgedrückt, sehr lang gewesen seyn; und wenn wir berücksichtigen,
-über welch’ weite Flächen einige naturalisirte Pflanzen und Thiere in
-wenigen Jahrhunderten sich ausgebreitet haben, so hat diese Periode
-für jede noch so weite Wanderung ausreichen können. Da die Kälte
-nur langsam zunahm, so werden alle tropischen Pflanzen und Thiere
-sich von beiden Seiten her gegen den Äquator zurückgezogen haben,
-gefolgt von den Bewohnern gemässigter Gegenden, welchen die der
-Polar-Zonen nachrückten; doch haben wir es mit den letzten in diesem
-Augenblicke nicht zu thun. Die Aufgabe ist eine äusserst verwickelte.
-Selbst die wahrscheinlich vor der Eis-Periode vorhanden gewesene
-pleistocäne Äquatorial-Flora, die einem noch mehr als tropischen
-Klima entsprochen hätte, darf nicht ganz ausser Acht gelassen werden.
-Diese alte Äquatorial-Flora würde während der Eis-Zeit, und die zwei
-pleistocänen subtropischen Floren nun mit einander vermengt und an Zahl
-zusammengeschmolzen, von der jetzigen Äquatorial-Flora verdrängt worden
-sein. Eben so mussten während der Eis-Zeit sehr grosse Veränderungen
-in den Feuchtigkeits- u. a. klimatischen Verhältnissen eingetreten
-seyn, in deren Folge manche Thiere und Pflanzen in verschiedenen
-Menge-Verhältnissen ausgewandert wären. Alle Lebens-Bedingungen
-wären also während der Eis-Periode in den Tropen gleichzeitigem und
-bedeutendem Wechsel unterlegen. Viele der tropischen Organismen
-erloschen dabei ohne Zweifel; wie viele, kann niemand sagen. Vielleicht
-waren vordem die Tropen-Gegenden eben so reich an Arten, wie jetzt das
-_Kap der guten Hoffnung_ und einige gemässigte Theile _Neuhollands_.
-
-Da wir wissen, dass viele tropische Pflanzen und Thiere einen
-ziemlichen Grad von Kälte aushalten können, so mögen manche derselben
-der Zerstörung durch eine mässige Temperatur-Abnahme entgangen seyn,
-zumal wenn sie in die tiefsten geschütztesten und wärmsten Bezirke
-zu entkommen vermochten. Aber was man hauptsächlich nicht vergessen
-darf, das ist, dass doch alle Tropen-Erzeugnisse mehr oder weniger
-gelitten haben müssen. Am schwierigsten ist es zu sagen, auf welche
-Weise sie gänzlicher Vertilgung entgangen sind; wobei die Möglichkeit
-einiger Akklimatisation während des sehr langsamen Heranrückens
-der Kälte-Periode nicht ganz übersehen werden darf. Anderseits
-wurden auch die Bewohner gemässigter Gegenden, welche näher an den
-Äquator heranziehen konnten, in einigermaassen neue Verhältnisse
-versetzt, litten aber weniger. Auch ist es gewiss, dass viele
-Pflanzen gemässigter Gegenden, wenn sie gegen Mitbewerbung geschützt
-sind, ein viel wärmeres als ihr eigentliches Klima ertragen können.
-Daher erscheint es mir möglich, dass, da die Tropen-Erzeugnisse
-in leidendem Zustande waren und den Eindringlingen keinen ernsten
-Widerstand zu leisten vermochten, eine gewisse Anzahl der kräftigsten
-und herrschendsten Formen der gemässigten Zone in die Reihen der
-Eingebornen eingedrungen sind und den Äquator erreicht und selbst noch
-überschritten haben. Der Einfall wurde in der Regel durch Hochländer
-und vielleicht ein trocknes Klima noch begünstigt; denn Dr. ~Falconer~
-sagt mir, dass es die mit der Hitze der Tropenländer verbundene
-Feuchtigkeit ist, welche den perennirenden Gewächsen aus gemässigteren
-Gegenden so verderblich wird. Dagegen werden die feuchtesten und
-wärmsten Bezirke den Eingebornen der Tropen als Zufluchtsstätte
-gedient haben. Die Gebirgs-Ketten im Nordwesten des _Himalaya_ und
-die lange _Cordilleren_-Reihe scheinen zwei grosse Invasions-Linien
-gebildet zu haben; und es ist eine schlagende Thatsache, dass nach
-Dr. ~Hooker’s~ letzter Mittheilung die 46 Blüthen-Pflanzen, welche
-_Feuerland_ mit _Europa_ gemein hat, alle auch in _Nord-Amerika_
-vorkommen, das auf ihrer Marsch-Route gelegen haben muss. Wollte man
-daraus schliessen, dass das Land in manchen Tropen-Gegenden damals als
-die aus gemässigten Gegenden kommenden Organismen es durchwanderten,
-höher als jetzt gewesen seye, so fehlen uns wenigstens alle Beweise
-dafür. Daher ich zu unterstellen genöthigt bin, dass auch einige
-Bewohner der gemässigten Zonen sogar in die Tiefländer der Tropen und
-namentlich _Ostindiens_ eingedrungen und diese überschritten, als zur
-Zeit der grössten Kälte arktische Formen von ihrer Heimath aus 25
-Breiten-Grade südwärts wanderten und das Land am Fusse der _Pyrenäen_
-bedeckten. In dieser Zeit der grössten Kälte dürfte dann das Klima
-unter dem Äquator im Niveau des Meeres-Spiegels ungefähr das nämliche
-gewesen seyn, wie es jetzt dort in 5000′–6000′ Seehöhe herrscht. In
-dieser Zeit der grössten Kälte waren meiner Meinung nach weite Räume
-in den tropischen Tiefländern mit einer Vegetation bedeckt aus Formen
-tropischer und gemässigter Gegenden zusammengesetzt und derjenigen
-vergleichbar, welche sich nach ~Hooker’s~ lebendiger Beschreibung jetzt
-in wunderbarer Üppigkeit am Fusse des _Himalaya_ in 4000′–5000′ Seehöhe
-entfaltet.
-
-Als ~Mann~ auf der Insel _Fernando-Po_ botanisirte, sah er von
-5000′ Höhe an einzelne Pflanzen-Formen aus dem gemässigten _Europa_
-auftreten, und Dr. ~Seemann~ fand in den Bergen von _Panama_ bei
-2000′ eine Vegetation wie in _Mexico_ mit Formen der heissesten Zone
-und solche der gemässigten einträchtig durchmengt; woraus sich mithin
-die Möglichkeit ergibt, dass unter gewissen klimatischen Bedingungen
-wirkliche Tropen-Gewächse eine unbegrenzte Zeit lang mit Formen
-gemässigter Klimate zusammen leben können.
-
-Ich hatte eine Zeit lang gehofft den Beweis zu finden, dass
-irgendwo auf der Erde die Tropen-Gegenden von den Frost-Wirkungen
-der Eis-Periode verschont geblieben seyen und den leidenden
-Tropen-Bewohnern einen sicheren Zufluchtsort dargeboten hätten. Wir
-können diesen Zufluchtsort nicht auf der _Ostindischen_ Halbinsel oder
-auf _Ceylon_ suchen, da Formen gemässigter Klimate fast alle ihre
-einzeln gelegenen Berg-Höhen erreicht haben; wir vermögen sie nicht
-im _Malayischen_ Archipel zu finden, denn auf den Vulkanen-Kegeln
-_Javas_ sehen wir _Europäische_ Formen und auf den Höhen von _Borneo_
-Erzeugnisse des gemässigten Theiles von _Neuholland_ auftreten.
-In _Afrika_ haben nicht nur einige gemässigt-_Europäische_ Formen
-_Abyssinien_ auf der West-Seite bis zu dessen südlichem Ende
-durchwandert, sondern auch Formen gemässigter Klimate von dort aus
-den Kontinent bis _Fernando-Po_ an der West-Seite durchschritten mit
-Hilfe vielleicht von Gebirgsketten, welche nach einigen Anzeichen
-das Festland von Osten nach Westen durchstreichen. Wenn man aber
-auch annähme, dass irgend eine ausgedehnte Tropen-Gegend während
-der Eis-Zeit ihre volle Wärme bewahrt hätte, so würde uns diese
-Unterstellung nicht viel helfen, weil die darin erhalten gebliebenen
-tropischen Formen in einer so kurzen Zeitfrist nicht wohl von einer
-dieser grossen Tropen-Gegenden gewandert seyn könnten. Auch haben
-die tropischen Formen der ganzen Erd-Oberfläche gegen einander
-gehalten keinesweges ein so einförmiges Aussehen, als ob sie von einem
-gemeinsamen Sicherheits-Hafen ausgelaufen wären.
-
-Die östlichen Ebenen im tropischen _Süd-Amerika_ haben offenbar am
-wenigsten von der Eis-Periode gelitten; und doch sind auch hier
-einige wenige Formen gemässigter Gegenden in den _Brasilischen_
-Bergen gefunden worden, welche den Kontinent von den _Cordilleren_
-aus gekreuzt haben müssen; und eben so scheint während derselben
-Zeit eine Wanderung von den _Cordilleren_ bis gegen _Caraccas_
-stattgefunden zu haben. Nun aber hat ~Bates~, welcher mit grossem
-Eifer die Insekten-Fauna des _Guiana-Amazonas_-Gebietes studirt,
-kürzlich mit grosser Lebhaftigkeit gegen jede Annahme einer in
-neuerer Zeit stattgefundenen Abkühlung dieses grossen Gebietes
-geeifert, indem er zeigte, dass es reich ist an ganz eigenthümlichen
-einheimischen Schmetterlings-Formen, welche offenbar der Unterstellung
-eines neuerlich stattgefundenen Erlöschens in der Nähe des Äquators
-widersprechen. Ich will mich jedoch nicht vermessen zu sagen, in wie
-ferne diese Erscheinung etwa durch die Annahme einer fast gänzlichen
-Austilgung einer pleistocänen Fauna in der Eis-Zeit und der Bildung
-der jetzigen Äquatorial-Fauna durch die Vereinigung der zwei vorigen
-subtropischen Faunen erklärbar seyn möge.
-
-So sind, glaube ich, während der Eis-Periode beträchtlich viele
-Pflanzen, einige Landthiere und verschiedene Meeres-Bewohner von beiden
-gemässigten Zonen aus in die Tropen-Gegenden eingedrungen und haben
-manche sogar den Äquator überschritten. Als die Wärme zurückkehrte,
-stiegen die den gemässigten Klimaten entstammten Formen natürlich an
-den Bergen hinan und verschwanden aus den Tiefebenen; diejenigen,
-welche den Äquator nicht erreicht hatten, kehrten nord- und süd-wärts
-in ihre frühere Heimath zurück; jene hauptsächlich nordischen Formen
-aber, welche den Äquator schon überschritten, wanderten weiter in
-die gemässigten Breiten der entgegengesetzten Hemisphäre. Obwohl
-sich aus geologischen Forschungen ergibt, dass die ganze Masse der
-arktischen Konchylien auf ihrer langen Wanderung nach Süden und ihrer
-Rückwanderung nach Norden kaum irgend eine wesentliche Modification
-erfahren habe, so ist das Verhältniss doch ein ganz andres hinsichtlich
-der eingedrungenen Formen, welche sich auf den tropischen Gebirgen
-und in der südlichen Hemisphäre festsetzten. Von Fremdlingen umgeben
-geriethen sie mit vielen neuen Lebenformen in Mitbewerbung; und es ist
-wahrscheinlich, dass Abänderungen in Struktur, organischer Thätigkeit
-und Lebensweise davon die Folge waren und durch Natürliche Züchtung
-fortgebildet wurden. So leben nun viele von diesen Wanderern, wenn auch
-offenbar noch verwandt mit ihren Brüdern in der andern Hemisphäre, in
-ihrer neuen Heimath als ausgezeichnete Varietäten oder eigene Spezies
-fort.
-
-Es ist eine merkwürdige Thatsache, worauf ~Hooker~ hinsichtlich
-_Amerikas_ und ~Alphons DeCandolle~ hinsichtlich _Australiens_
-bestehen, dass offenbar viel mehr identische und verwandte Pflanzen
-von Norden nach Süden als in umgekehrter Richtung gewandert sind.
-Wir sehen daher nur wenige südlichen Pflanzen-Formen auf den Bergen
-von _Borneo_ und _Abyssinien_. Ich vermuthe, dass diese überwiegende
-Wanderung von Norden nach Süden der grösseren Ausdehnung des Landes
-im Norden und der zahlreichen Existenz der nordischen Formen in ihrer
-Heimath zuzuschreiben ist, in deren Folge sie durch Natürliche Züchtung
-und manchfaltigere Mitbewerbung bereits zu höherer Vollkommenheit und
-Herrschafts-Fähigkeit als die südlicheren Formen gelangt waren. Und als
-nun beide während der Eis-Periode sich durcheinander mengten, waren die
-nördlichen Formen besser geeignet die südlichen zu überwinden, -- so
-wie wir heutzutage noch die _Europäischen_ Einwanderer den Boden von
-_La-Plata_ und seit 30-40 Jahren auch von _Neuholland_ bedecken sehen.
-Die _Neil-gherrie_-Berge in _Ostindien_ bieten jedoch eine theilweise
-Ausnahme dar, indem, wie mir Dr. ~Hooker~ sagt, _Australische_ Formen
-sich dort rasch naturalisiren und durch Saamen verbreiten. Vor der
-Eis-Zeit waren diese tropischen Gebirge ohne Zweifel mit einheimischen
-Alpen-Pflanzen bevölkert. Auf vielen Inseln sind die eingeborenen
-Erzeugnisse durch die naturalisirten bereits an Menge erreicht oder
-überboten; und wenn jene ersten jetzt auch noch nicht verdrängt sind,
-so hat ihre Anzahl doch schon sehr abgenommen, und Diess ist der erste
-Schritt zum Untergang. Ein Gebirge ist eine Insel auf dem Lande, und
-die tropischen Gebirge vor der Eis-Zeit müssen vollständig isolirt
-gewesen seyn. Ich glaube, dass die Erzeugnisse dieser Inseln auf dem
-Lande vor denen der grösseren nordischen Länder-Strecken ganz in
-derselben Weise zurückgewichen sind, wie die Erzeugnisse der Inseln im
-Meer zuletzt überall von den durch den Menschen daselbst naturalisirten
-verdrängt wurden.
-
-Ich bin weit entfernt zu glauben, dass durch die hier aufgestellte
-Ansicht über die Ausbreitung und die Beziehungen der verwandten Arten,
-welche in der nördlichen und der südlichen gemässigten Zone und auf
-den Gebirgen der Tropen-Gegenden wohnen, bereits alle Schwierigkeiten
-ausgeglichen sind. Es ist sehr schwer zu begreifen, wie eine so grosse
-Anzahl eigenthümlicher auf die Tropen beschränkter Formen den kältesten
-Theil der Eis-Zeit zu überdauern im Stande war. Die Anzahl der Formen
-in _Neuholland_, welche mit Formen des gemässigten _Europas_
-verwandt aber dennoch so abweichend von ihnen sind, dass man unmöglich
-an eine Abänderung derselben erst seit der Glazial-Zeit glauben kann,
-zeigt vielleicht eine noch ältre Kälte-Periode an, welche mit den
-Spekulationen einiger neueren Geologen in Beziehung steht. -- Die
-genauen Richtungen und die Mittel der Wanderungen oder die Ursachen,
-warum die einen und nicht die andern Arten gewandert sind, oder warum
-gewisse Spezies Abänderung erfahren haben und zur Bildung neuer
-Formen-Gruppen verwendet worden, während andre unverändert geblieben
-sind, lassen sich nicht nachweisen. Wir können nicht hoffen, solche
-Verhältnisse zu erklären, so lange wir nicht zu sagen vermögen, warum
-eine Art und nicht die andre durch menschliche Thätigkeit in fremden
-Landen naturalisirt werden kann, oder warum die eine zwei oder drei mal
-so weit verbreitet, zwei oder drei mal so gemein als die andre Art in
-der gemeinsamen Heimath ist.
-
-Ich habe gesagt, dass viele Schwierigkeiten noch zu überwinden bleiben.
-Einige der merkwürdigsten hat Dr. ~Hooker~ in seinen botanischen
-Werken über die antarktischen Regionen mit bewundernswerther Klarheit
-auseinandergesetzt. Diese können hier nicht erörtert werden. Nur
-Das will ich bemerken, dass, wenn es sich um das Vorkommen einer
-Spezies an so ungeheuer von einander entfernten Punkten handelt, wie
-_Kerguelen-Land_, _Neuseeland_ und _Feuerland_ sind, nach meiner
-Meinung (wie auch ~Lyell~ annimmt) Eisberge gegen das Ende der Eis-Zeit
-hin sich reichlich an deren Verbreitung betheiligt haben dürften. Aber
-das Vorkommen einiger verschiedenen Arten aus ganz südlichen Sippen an
-diesem oder jenem entlegenen Punkte der südlichen Halbinsel ist nach
-meiner Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung ein weit merkwürdigeres
-schwieriges Beispiel. Denn einige dieser Arten sind so abweichend,
-dass sich nicht annehmen lässt, die Zeit von Anbeginn der Eis-Periode
-bis jetzt könne zu ihrer Wanderung und nachherigen Abänderung
-bis zur erforderlichen Stufe hingereicht haben. Diese Thatsachen
-scheinen mir anzuzeigen, dass sehr verschiedene eigenthümliche Arten
-in strahlenförmiger Richtung von irgend einem gemeinsamen Zentrum
-ausgegangen; und ich bin geneigt, mich auch in der südlichen so wie
-in der nördlichen Halbkugel um eine wärmere Periode vor der Eis-Zeit
-umzusehen, wo die jetzt mit Eis bedeckten antarktischen Länder
-eine ganz eigenthümliche und abgesonderte Flora besessen haben.
-Ich vermuthe, dass schon vor der Vertilgung dieser Flora durch die
-Eis-Periode sich einige wenige Formen derselben durch gelegentliche
-Transport-Mittel bis zu verschiedenen weit entlegenen Punkten der
-südlichen Halbkugel verbreitet hatten. Dabei mögen ihnen einige
-entweder noch vorhandene oder bereits versunkene Inseln als Ruheplätze
-gedient haben. Und so, glaube ich, haben die südlichen Küsten von
-_Amerika_, _Neuholland_ und _Neuseeland_ eine ähnliche Färbung durch
-gleiche eigenthümliche Formen des Pflanzen-Lebens erhalten.
-
-Sir ~Ch. Lyell~ hat sich in einer der meinen fast ähnlichen
-Weise in Vermuthungen ergangen über die Einflüsse grosser Schwankungen
-des Klimas auf die geographische Verbreitung der Lebenformen. Ich
-glaube also, dass die Erd-Oberfläche noch unlängst einen von diesen
-grossen Kreisläufen erfahren hat, und dass durch diese Unterstellung
-in Verbindung mit der Annahme der Abänderung durch Natürliche
-Züchtung eine Menge von Thatsachen in der gegenwärtigen Vertheilung
-von identischen sowohl als verwandten Lebenformen sich erklären
-lässt. Man könnte sagen, die Ströme des Lebens seyen eine kurze
-Zeit von Norden und von Süden her geflossen und hätten den Äquator
-gekreuzt; aber die von Norden her seyen so viel stärker gewesen, dass
-sie den Süden überschwemmt hätten. Wie die Gezeiten ihren Beitrieb
-in wagrechten Linien abgesetzt am Strande zurücklassen, jedoch an
-verschiedenen Küsten zu verschiedenen Höhen ansteigen, so haben auch
-verschiedene Lebens-Ströme ihr lebendiges Drift auf unsern Berg-Höhen
-hinterlassen in einer von den arktischen Tiefländern bis zu grossen
-Äquatorial-Höhen langsam ansteigenden Linie. Die verschiedenen auf dem
-Strande zurückgelassenen Lebenwesen kann man mit wilden Menschen-Rassen
-vergleichen, die fast allerwärts zurückgedrängt sich noch in Bergfesten
-erhalten als interessante Überreste der ehemaligen Bevölkerungen
-umgebender Flachländer.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-Geographische Verbreitung.
-
-(Fortsetzung.)
-
- Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. -- Die Bewohner der ozeanischen
- Inseln. -- Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugethieren. --
- Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten
- Festländer. -- Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und
- nachherige Abänderung. -- Zusammenfassung der Folgerungen aus dem
- letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.
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-Da See’n und Fluss-Systeme durch Schranken von Trockenland von einander
-getrennt werden, so möchte man glauben, dass Süsswasser-Bewohner nicht
-im Stande seyen sich aus einer Gegend in weite Ferne zu verbreiten. Und
-doch verhält sich die Sache gerade entgegengesetzt. Nicht allein haben
-viele Süsswasser-Bewohner aus ganz verschiedenen Klassen selbst eine
-ungeheure Verbreitung, sondern einander nahe verwandte Formen herrschen
-auch in auffallender Weise über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ich
-besinne mich noch wohl der Überraschung, die ich fühlte, als ich zum
-ersten Male in _Brasilien_ Süsswasser-Erzeugnisse sammelte und die
-Süsswasser-Schaaler und -Kerbthiere mitten in einer ganz verschiedenen
-Bevölkerung des Trockenlandes den _Britischen_ so ähnlich fand.
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-Doch kann dieses Vermögen weiter Verbreitung bei den
-Süsswasser-Bewohnern, wie unerwartet es auch seyn mag, in den meisten
-Fällen, wie ich glaube, daraus erklärt werden, dass sie in einer für
-sie sehr nützlichen Weise von Sumpf zu Sumpf und von Strom zu Strom zu
-wandern fähig sind; woraus sich denn die Neigung zu weiter Verbreitung
-als eine nothwendige Folge ergeben dürfte. Doch können wir hier nur
-wenige Fälle in Betracht ziehen. Was die Fische betrifft, so glaube
-ich, dass eine und dieselbe Spezies niemals in den Süsswassern weit von
-einander entfernter Kontinente vorkommt, wohl aber verbreitet sie sich
-in einem nämlichen Festlande oft weit und in anscheinend launischer
-Weise, so dass zwei Fluss-Systeme einen Theil ihrer Fische miteinander
-gemein haben, während andre Arten jedem derselben eigenthümlich sind.
-Einige wenige Thatsachen scheinen ihre gelegenheitliche Versetzung aus
-einem Fluss in den andern zu erläutern, wie deren in _Ostindien_ schon
-öfters von Wirbelwinden bewirkte Entführung durch die Luft, wonach sie
-als Fisch-Regen wieder zur Erde gelangten, und wie die Zählebigkeit
-ihrer aus dem Wasser entnommenen Eier. Doch bin ich geneigt, die
-Verbreitung der Süsswasser-Fische vorzugsweise geringen Höhenwechseln
-des Landes während der gegenwärtigen Periode zuzuschreiben, wodurch
-manche Flüsse veranlasst worden sind, sich in andrer Weise miteinander
-zu verbinden. Auch lassen sich Beispiele anführen, dass Diess ohne
-Veränderungen in den wechselseitigen Höhen durch Fluthen bewirkt
-worden ist. Der Löss des _Rheines_ bietet uns Belege für ansehnliche
-Veränderungen der Boden-Höhe in einer ganz neuen geologischen Zeit dar,
-wo die Oberfläche schon mit ihren jetzigen Arten von Binnenmollusken
-bevölkert war. Die grosse Verschiedenheit zwischen den Fischen auf den
-entgegengesetzten Seiten von Gebirgs-Ketten, die schon seit früher
-Zeit die Wasserscheide der Gegend gebildet und die Ineinandermündung
-der beiderseitigen Fluss-Systeme gehindert haben müssen, scheint mir
-zum nämlichen Schlusse zu führen. Was das Vorkommen verwandter Arten
-von Süsswasser-Fischen an sehr entfernten Punkten der Erd-Oberfläche
-betrifft, so gibt es zweifelsohne viele Fälle, welche zur Zeit nicht
-erklärt werden können. Inzwischen stammen einige Süsswasser-Fische von
-sehr alten Formen ab, welche mithin während grosser geographischer
-Veränderungen Zeit und Mittel gefunden haben, sich durch weite
-Wanderungen zu verbreiten. Zweitens können Salzwasser-Fische bei
-sorgfältigem Verfahren langsam ans Leben im Süsswasser gewöhnt werden,
-und nach ~Valenciennes~ gibt es kaum eine gänzlich aufs Süsswasser
-beschränkte Fisch-Gruppe, so dass wir uns vorstellen können, ein
-Meeres-Bewohner aus einer übrigens dem Süsswasser angehörigen Gruppe
-wandre der See-Küste entlang und werde demzufolge abgeändert und
-endlich in Süsswassern eines entlegenen Landes zu leben befähigt.
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-Einige Arten von Süsswasser-Konchylien haben eine sehr weite
-Verbreitung, und verwandte Arten, die nach meiner Theorie von
-gemeinsamen Ältern abstammen und mithin aus einer einzigen Quelle
-hervorgegangen sind, walten über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ihre
-Verbreitung setzte mich anfangs in Verlegenheit, da ihre Eier nicht
-zur Fortführung durch Vögel geeignet sind und wie die Thiere selbst
-durch Seewasser getödtet werden. Ich konnte daher nicht begreifen, wie
-es komme, dass einige naturalisirte Arten sich rasch durch eine ganze
-Gegend verbreitet haben. Doch haben zwei von mir beobachtete Thatsachen
--- und viele andre bleiben zweifelsohne noch fernerer Beobachtung
-anheim gegeben -- einiges Licht über diesen Gegenstand verbreitet. Wenn
-eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten Teiche
-erhebt, so bleiben oft, wie ich zweimal gesehen habe, welche von diesen
-kleinen Pflanzen auf ihrem Rücken hängen, und es ist mir geschehen,
-dass, wenn ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andre
-versetzte, ich ganz absichtlos das letzte mit Süsswasser-Mollusken
-des ersten bevölkerte. Doch ist ein andrer Umstand vielleicht noch
-wirksamer. In Betracht, dass Wasser-Vögel mitunter in Sümpfen
-schlafen, hängte ich einen Enten-Fuss in einem Aquarium auf, wo viele
-Eier von Süsswasser-Schnecken auszukriechen im Begriffe waren, und
-fand, dass bald eine grosse Menge der äusserst kleinen ausgeschlüpften
-Schnecken an dem Fuss umherkrochen und sich so fest anklebten, dass
-sie von dem herausgenommenen Fusse nicht abgeschabt werden konnten,
-obwohl sie in einem etwas mehr vorgeschrittenen Alter freiwillig davon
-abliessen. Diese frisch ausgeschlüpften Weichthiere, obschon zum
-Wohnen im Wasser bestimmt, lebten an dem Enten-Fusse in feuchter Luft
-wohl 12-20 Stunden lang, und während dieser Zeit kann eine Ente oder
-ein Reiher wenigstens 600-700 _Englische_ (140 _Deutsche_)
-Meilen weit fliegen und sich dann wieder in einem Sumpfe oder Bache
-niederlassen, vielleicht auf einer ozeanischen Insel, wenn ein Sturm
-denselben erfasst und über’s Meer hin verschlagen hatte. Auch hat mich
-Sir ~Ch. Lyell~ benachrichtigt, dass man einen Wasserkäfer
-(Dyticus) mit einer ihm fest ansitzenden Süsswasser-Napfschnecke
-(Ancylus) gefangen hat; und ein andrer Wasserkäfer aus der Sippe
-Colymbetes kam einst an Bord des Beagle geflogen, als dieser 45
-Englische Meilen vom nächsten Lande entfernt war; wie viel weiter er
-aber mit einem günstigen Winde noch gekommen seyn würde, Das vermag
-Niemand zu sagen.
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-Was die Pflanzen betrifft, so ist es längst bekannt, was für eine
-ungeheure Ausbreitung manche Süsswasser- und selbst Sumpf-Gewächse auf
-den Festländern und bis zu den entferntesten Inseln des Weltmeeres
-besitzen. Diess ist nach ~Alph. DeCandolle’s~ Wahrnehmung am
-deutlichsten in solchen grossen Gruppen von Landpflanzen zu ersehen,
-aus welchen nur einige Glieder an Süsswassern leben; denn diese
-letzten pflegen sofort eine viel grössre Verbreitung als die übrigen
-zu erlangen. Ich glaube, dass die günstigeren Verbreitungs-Mittel
-diese Erscheinung erklären können. Ich habe vorhin die Erd-Theilchen
-erwähnt, welche, wenn auch nur selten und zufällig einmal, an
-Schnäbeln und Füssen der Vögel hängen bleiben. Sumpfvögel, welche die
-schlammigen Ränder der Sümpfe aufsuchen, werden meistens schmutzige
-Füsse haben, wenn sie plötzlich aufgescheucht werden. Nun lässt sich
-nachweisen, dass gerade Vögel dieser Ordnung die grössten Wanderer
-sind und zuweilen auf den entferntesten und ödesten Inseln des offenen
-Weltmeeres angetroffen werden. Sie können sich nicht auf der Oberfläche
-des Meeres niederlassen, wo der noch an ihren Füssen hängende Schlamm
-abgewaschen werden könnte; und wenn sie ans Land kommen, werden sie
-gewiss alsbald ihre gewöhnlichen Aufenthalts-Orte an den Süsswassern
-aufsuchen. Ich glaube kaum, dass die Botaniker wissen, wie beladen der
-Schlamm der Sümpfe mit Pflanzen-Saamen ist; ich habe jedoch einige
-kleine Beobachtungen darüber gemacht, deren zutreffendsten Ergebnisse
-ich hier mittheilen will. Ich nahm im Februar drei Esslöffel voll
-Schlamm von drei verschiedenen Stellen unter Wasser, am Rande eines
-kleinen Sumpfes. Dieser Schlamm getrocknet wog 6¾ Unzen. Ich
-bewahrte ihn sodann in meinem Arbeitszimmer bedeckt sechs Monate
-lang auf und zählte und riss jedes aufkeimende Pflänzchen aus. Diese
-Pflänzchen waren von mancherlei Art und 537 im Ganzen; und doch war
-all’ dieser zähe Schlamm in einer einzigen Untertasse enthalten.
-Diesen Thatsachen gegenüber würde es nun geradezu unerklärbar seyn,
-wenn es nicht mitunter vorkäme, dass Wasser-Vögel die Saamen von
-Süsswasser-Pflanzen in weite Fernen verschleppten und so zur immer
-weitern Ausbreitung derselben beitrügen. Und derselbe Zufall mag
-hinsichtlich der Eier einiger kleiner Süsswasser-Thiere in Betracht
-kommen.
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-Auch noch andre und mitunter unbekannte Kräfte mögen dabei ihren
-Theil haben. Ich habe oben gesagt, dass Süsswasser-Fische manche
-Arten Sämereien fressen, obwohl sie andre Arten, nachdem sie solche
-verschlungen haben, wieder auswerfen; selbst kleine Fische verschlingen
-Saamen von mässiger Grösse, wie die der gelben Wasserlilie und
-des Potamogeton. Hunderte und abermals Hunderte von Reihern u. a.
-Vögeln gehen täglich auf den Fischfang aus; wenn sie sich erheben,
-suchen sie oft andre Wasser auf oder werden auch zufällig übers Meer
-getrieben; und wir haben gesehen, dass Saamen oft ihre Keimkraft noch
-besitzen, wenn sie in Gewölle, in Exkrementen u. dgl. einige Stunden
-später wieder ausgeworfen werden. Als ich die grossen Saamen der
-herrlichen Wasserlilie, Nelumbium, sah und mich dessen erinnerte, was
-~Alphons DeCandolle~ über diese Pflanze gesagt, so meinte ich
-ihre Verbreitung müsse ganz unerklärbar seyn. Doch ~Audubon~
-versichert, Saamen der grossen südlichen Wasserlilie (nach Dr.
-~Hooker~ wahrscheinlich das Nelumbium speciosum) im Magen
-eines Reihers gefunden zu haben, und, obwohl es mir als Thatsache
-nicht bekannt ist, so schliesse ich doch aus der Analogie, dass, wenn
-ein Reiher in solchem Falle nach einem andern Sumpfe flöge und dort
-eine herzhafte Fisch-Mahlzeit zu sich nähme, er wahrscheinlich aus
-seinem Magen wieder einen Ballen mit noch unverdauten Nelumbium-Saamen
-auswerfen würde; oder der Vogel kann diese Saamen verlieren, wenn er
-seine Jungen füttert, wie er bekanntlich zuweilen einen Fisch fallen
-lässt[40].
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-Bei Betrachtung dieser verschiedenen Verbreitungs-Mittel muss man
-sich noch erinnern, dass, wenn ein Sumpf oder Fluss z. B. auf einer
-neuen Insel eben erst entsteht, er noch nicht bevölkert ist und ein
-einzelnes Sämchen oder Ei’chen gute Aussicht auf Fortkommen hat. Auch
-wenn ein Kampf ums Daseyn zwischen den Individuen der wenigen Arten,
-die in einem Sumpfe beisammen leben, bereits begonnen hat, so wird in
-Betracht, dass die Zahl der Arten gegen die auf dem Lande doch geringer
-ist, der Wettkampf auch wohl minder heftig als der zwischen den
-Landbewohnern seyn; ein neuer Eindringling, aus der Fremde angelangt,
-würde mithin auch mehr Aussicht haben eine Stelle zu erobern, als ein
-neuer Kolonist auf dem trocknen Lande. Auch dürfen wir nicht vergessen,
-dass einige und vielleicht viele Süsswasser-Bewohner tief auf der
-Stufenleiter der Natur stehen und wir mit Grund annehmen können, dass
-solche tief organisirte Wesen langsamer als die höher ausgebildeten
-abändern, demzufolge dann ein und die nämliche Art Wasser-bewohnender
-Organismen längre Zeit wandern kann, als die Arten des trocknen
-Landes. Endlich müssen wir der Möglichkeit gedenken, dass viele
-Süsswasser-bewohnende Spezies, nachdem sie sich über ungeheure Flächen
-verbreitet, in den mitteln Gegenden derselben wieder erloschen seyn
-können. Aber die weite Verbreitung der Pflanzen und niederen Thiere
-des Süsswassers, mögen sie nun ihre ursprüngliche Formen unverändert
-bewahren oder in gewissem Grade verändern, hängt nach meiner Meinung
-hauptsächlich von der Leichtigkeit ab, womit ihre Saamen und Eier durch
-andere Thiere und zumal höchst flugfertige Süsswasser-Vögel von einem
-Gewässer zum andern oft sehr entfernt gelegenen verschleppt werden
-können. Die Natur hat wie ein sorgfältiger Gärtner ihre Saamen von
-einem Beete von besondrer Beschaffenheit genommen und sie in ein andres
-gleichfalls angemessen zubereitetes verpflanzt.
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-+Bewohner der ozeanischen Inseln.+) Wir kommen nun zur letzten
-der drei Klassen von Thatsachen, welche ich als diejenigen bezeichnet
-habe, welche die grössten Schwierigkeiten für die Ansicht darbieten,
-dass, weil alle Individuen sowohl der nämlichen Art als auch
-nahe-verwandter Arten von einem gemeinsamen Stammvater herkommen, auch
-alle von gemeinsamer Geburtsstätte aus sich über die entferntesten
-Theile der Erd-Oberfläche, deren Bewohner sie jetzt sind, verbreitet
-haben müssen. Ich habe bereits erklärt, dass ich nicht wohl mit
-der ~Forbes~’schen Ansicht übereinstimmen kann, wonach alle
-Inseln des _Atlantischen Ozeans_ noch in der gegenwärtigen
-neuesten Periode mit einem der zwei Kontinente ganz oder fast ganz
-zusammengehangen haben sollen. Diese Ansicht würde zwar allerdings
-einige Schwierigkeiten beseitigen, dürfte aber keineswegs alle
-Erscheinungen hinsichtlich der Insel-Bevölkerung erklären. In den
-nachfolgenden Bemerkungen werde ich mich nicht auf die blosse Frage
-von der Vertheilung der Arten beschränken, sondern auch einige andre
-Thatsachen erläutern, welche sich auf die zwei Theorien, die der
-selbstständigen Schöpfung der Arten und die ihrer Abstammung von
-einander mit fortwährender Abänderung beziehen.
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-Nur wenige Arten aller Klassen bewohnen ozeanische Inseln, im Vergleich
-zu gleich grossen Flächen festen Landes, wie ~Alphons DeCandolle~
-in Bezug auf die Pflanzen und ~Wollaston~ hinsichtlich der Insekten
-behaupten. Betrachten wir die erhebliche Grösse und die manchfaltigen
-Standorte _Neuseelands_, das über 780 Englische Meilen Breite hat, und
-vergleichen die Arten seiner Blüthen-Pflanzen, nur 750 an der Zahl,
-mit denen einer gleich grossen Fläche am _Kap der guten Hoffnung_
-oder in _Neuholland_, so müssen wir, glaube ich, zugestehen, dass
-etwas von den physikalischen Bedingungen ganz Unabhängiges die grosse
-Verschiedenheit der Arten-Zahlen veranlasst hat. Selbst die einförmige
-Umgegend von _Cambridge_ zählt 847 und das kleine Eiland _Anglesea_
-764 Pflanzen-Arten; doch sind auch einige Farne und einige eingeführte
-Arten in diesen Zahlen mitbegriffen und ist die Vergleichung auch in
-einigen andern Beziehungen nicht ganz richtig. Wir haben Beweise, dass
-das kahle Eiland _Ascension_ bei seiner Entdeckung nicht ein halbes
-Dutzend Blüthen-Pflanzen besass; jetzt sind viele dort naturalisirt,
-wie es eben auch auf _Neuseeland_ und auf allen andern ozeanischen
-Inseln der Fall ist. Auf _St. Helena_ nimmt man mit Grund an, dass
-die naturalisirten Pflanzen und Thiere schon viele einheimische
-Natur-Erzeugnisse gänzlich oder fast gänzlich vertilgt haben. Wer also
-der Lehre von der selbstständigen Erschaffung aller einzelnen Arten
-beipflichtet, der wird zugestehen müssen, dass auf den ozeanischen
-Inseln keine hinreichende Anzahl bestens angepasster Pflanzen und
-Thiere geschaffen worden seye, indem der Mensch diese Inseln ganz
-absichtlos aus verschiedenen Quellen viel besser und vollständiger als
-die Natur bevölkert hat.
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-Obwohl auf ozeanischen Inseln die Arten-Zahl der Bewohner im Ganzen
-dürftig, so ist doch das Verhältniss der endemischen, d. h. sonst
-nirgends vorkommenden Arten oft ausserordentlich gross. Diess ergibt
-sich, wenn man z. B. die Anzahl der endemischen Landschnecken auf
-_Madeira_, oder der endemischen Vögel im _Galapagos-Archipel_ mit der
-auf irgend einem Kontinente gefundenen Zahl vergleicht und dann auch
-die beiderseitige Flächen-Ausdehnung gegeneinander hält. Dieses war
-nach meiner Theorie zu erwarten; denn, wie bereits erklärt worden,
-sind Arten, welche nach langen Zwischenzeiten gelegenheitlich in einen
-neuen und abgeschlossenen Bezirk kommen und dort mit neuen Genossen
-zu kämpfen haben, in ausgezeichnetem Grade abzuändern geneigt und
-bringen oft Gruppen modifizirter Nachkommen hervor. Daraus folgt aber
-keineswegs, dass, weil auf einer Insel fast alle Arten einer Klasse
-eigenthümlich sind, auch die der übrigen Klassen oder auch nur einer
-besondren Sektion derselben Klasse eigenthümlich seyn müsse; und dieser
-Unterschied scheint theils davon herzurühren, dass diejenigen Arten,
-welche nicht abänderten, leicht und gemeinsam eingewandert sind, so
-dass ihre gegenseitigen Beziehungen nicht viel gestört wurden, theils
-kann er aber auch von der häufigen Ankunft unveränderter Einwandrer aus
-dem Mutterlande und der nachherigen Kreutzung mit vorigen bedingt seyn.
-Hinsichtlich der Wirkung einer solchen Kreutzung ist zu bemerken, dass
-die aus derselben entspringenden Nachkommen gewiss sehr kräftig werden
-müssen, indem selbst eine zufällige Kreutzung wirksamer zu seyn pflegt,
-als man voraus erwarten möchte. Ich will einige Beispiele anführen.
-Auf den _Galapagos_-Eilanden gibt es 26 Landvögel, wovon 21 (oder
-vielleicht 23) endemisch sind, während von den 11 Seevögeln ihnen nur
-zwei eigenthümlich angehören, und es liegt auf der Hand, dass Seevögel
-leichter als Landvögel nach diesen Eilanden gelangen können. _Bermuda_
-dagegen, welches ungefähr eben so weit von _Nord-Amerika_, wie die
-_Galapagos_ von _Süd-Amerika_, entfernt liegt und einen eigenthümlichen
-Boden besitzt, hat nicht eine endemische Art von Landvögeln, und wir
-wissen aus Herrn ~J. M. Jones’~ trefflichem Berichte über _Bermuda_,
-dass sehr viele _Nord-Amerikanische_ Vögel auf ihren grossen jährlichen
-Zügen diese Insel theils regelmässig und theils auch einmal zufällig
-berühren. Nach der Insel _Madeira_ werden fast alljährlich, wie mir
-Hr. ~E. V. Harcourt~ gesagt, viele _Europäische_ und _Afrikanische_
-Vögel verschlagen. Es ist von 99 Vögel-Arten bewohnt, von welchen nur
-1 der Insel eigenthümlich, aber mit einer _Europäischen_ Form sehr
-nahe verwandt ist; aber 3-4 andre sind auf diese und die _Canarischen_
-Inseln beschränkt. So sind diese beiden Inseln _Bermuda_ und _Madeira_
-mit Vögel-Arten besetzt worden, welche schon seit langen Zeiten
-in ihrer früheren Heimath miteinander gekämpft haben und einander
-angepasst worden sind, nachdem sie sich nun in ihrer neuen Heimath
-angesiedelt, hat jede Art den andern gegenüber ihre alte Stelle und
-Lebensweise behauptet und mithin keine neuen Modifikationen erfahren.
-Auch ist jede Neigung zur Abänderung durch die Kreutzung mit den
-fortwährend aus dem Mutterlande unverändert nachkommenden neuen
-Einwanderern gehemmt worden. _Madeira_ ist ferner von einer wundersamen
-Anzahl eigenthümlicher Landschnecken-Arten bewohnt, während nicht eine
-einzige Art von Weichthieren auf seine Küsten beschränkt ist. Obwohl
-wir nun nicht wissen, auf welche Weise die meerischen Schaalthiere sich
-verbreiten, so lässt sich doch einsehen, dass ihre Eier oder Larven
-vielleicht an Seetang und Treibholz ansitzend oder an den Füssen der
-Waldvögel hängend weit leichter als Land-Mollusken 300-400 Meilen
-weit über die offne See fortgeführt werden können. Die verschiedenen
-Insekten-Klassen auf _Madeira_ scheinen analoge Thatsachen darzubieten.
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-Ozeanische Inseln sind zuweilen unvollständig in gewissen Klassen,
-deren Stellen anscheinend durch andere Einwohner derselben eingenommen
-werden. So vertreten auf den _Galapagos_ Reptilien und auf _Neuseeland_
-Flügel-lose Riesen-Vögel die Stelle der Säugthiere. Obwohl aber
-_Neuseeland_ hier unter den ozeanischen Inseln mit besprochen wird,
-so ist es doch zweifelhaft ob es mit Recht dazu gezählt werde;
-denn es ist von ansehnlicher Grösse und durch kein tiefes Meer von
-_Neuholland_ getrennt. Nach seinem geologischen Charakter und dem
-Streichen seiner Gebirgs-Ketten möchte ~W. B. Clarke~ diese Insel nebst
-_Neu-Caledonien_ nur als Anhängsel von _Neuholland_ betrachtet sehen.
-Was die Pflanzen der _Galapagos_ betrifft, so hat Dr. ~Hooker~ gezeigt,
-dass das Zahlen-Verhältniss zwischen den verschiedenen Ordnungen ein
-ganz andres als sonst allerwärts ist. Solche Erscheinungen setzt man
-gewöhnlich auf Rechnung der physikalischen Bedingungen der Inseln; aber
-diese Erklärung dünkt mir etwas zweifelhaft zu seyn. Leichtigkeit der
-Einwanderung ist, wie mir scheint, wenigstens eben so wichtig als die
-Natur der Lebens-Bedingungen gewesen.
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-Rücksichtlich der Bewohner abgelegener Inseln lassen sich viele
-merkwürdige kleine Erscheinungen anführen. So haben z. B. auf
-gewissen nicht mit Säugthieren besetzten Eilanden einige endemische
-Pflanzen prächtig mit Häkchen versehene Saamen; und doch gibt es
-nicht viele Beziehungen, die augenfälliger wären, als die Eignung
-mit Haken besetzter Saamen für den Transport durch die Haare und
-Wolle der Säugthiere. Dieser Fall bietet nach meiner Meinung keine
-Schwierigkeit dar, indem Haken-reiche Saamen leicht noch durch andre
-Mittel von Insel zu Insel geführt werden können, wo dann die Pflanze
-etwas verändert, aber ihre widerhakenigen Saamen behaltend eine
-endemische Form bildet, für welche diese Haken einen nun eben so
-unnützen Anhang bilden, wie es rudimentäre Organe, z. B. die runzeligen
-Flügel unter den zusammen-gewachsenen Flügeldecken mancher insulären
-Käfer sind. Auch besitzen Inseln oft Bäume oder Büsche aus Ordnungen,
-welche anderwärts nur Kräuter darbieten; nun aber haben Bäume, wie
-~Alph. DeCandolle~ gezeigt hat, gewöhnlich nur beschränkte
-Verbreitungs-Gebiete, was immer die Ursache dieser Erscheinung seyn
-mag. Daher ergibt sich dann ferner, dass Baum-Arten wenig geeignet
-sind, entlegene organische Inseln zu erreichen; und eine Kraut-artige
-Pflanze, wenn sie auch keine Aussicht auf Erfolg im Wettkampfe mit
-einem schon vollständig entwickelten Baume hat, kann, wenn sie bei
-ihrer ersten Ansiedelung auf einer Insel nur mit andern Kraut-artigen
-Pflanzen allein in Mitbewerbung tritt, leicht durch immer höher
-strebenden Wuchs ein Übergewicht über dieselben erlangen. Ist Diess der
-Fall, so mag Natürliche Züchtung den Wuchs Kraut-artiger Pflanzen, die
-auf einer ozeanischen Insel wachsen, aus welcher Ordnung sie immer seyn
-mögen, oft etwas zu verstärken und dieselben erst in Büsche und endlich
-in Bäume zu verwandeln geneigt seyn.
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-Was die Abwesenheit ganzer Organismen-Ordnungen auf ozeanischen
-Inseln betrifft, so hat ~Bory de St.-Vincent~ schon längst
-bemerkt, dass Batrachier (Frösche, Kröten und Molge) nie auf einer
-der vielen Inseln gefunden worden sind, womit der grosse Ozean besäet
-ist. Ich habe mich bemühet diese Behauptung zu prüfen und habe sie
-genau richtig befunden. Inzwischen hat Dr. ~Hochstetter~ in den
-Bergen von _Neuseeland_ jetzt einen Frosch gefunden, der (was
-höchst merkwürdig) mit einer _Süd-Amerikanischen_ Form zunächst
-verwandt ist. Aber gefrorene der Wiederbelebung fähige Frösche sind in
-Gletschern eingebettet gefunden worden, und es scheint sogar möglich,
-dass ein Frosch[41] oder sein Laich auf einem der grossen Eisberge des
-Südpolar-Ozeans von den antarktischen Inseln dahin geführt worden ist,
-von welchen die höchst eigenthümlichen Pflanzen-Formen ausgegangen
-sind, welche _Neuholland_, _Neuseeland_ und die Süd-Spitze
-_Amerika’s_ mit einander gemein haben. Dieser allgemeine Mangel
-an Fröschen, Kröten und Molgen auf so vielen ozeanischen Inseln lässt
-sich nicht aus ihrer natürlichen Beschaffenheit erklären, indem es
-vielmehr scheint, dass dieselben recht gut für diese Thiere geeignet
-wären; denn Frösche sind auf _Madeira_, den _Azoren_ und
-auf _Mauritius_ eingeführt worden, um sie als Nahrungsmittel zu
-vervielfältigen. Da aber bekanntlich diese Thiere so wie ihr Laich
-durch Seewasser unmittelbar getödtet werden, so ist leicht zu ersehen,
-dass deren Transport über Meer sehr schwierig seye und sie aus diesem
-Grunde auf keiner ozeanischen Insel existiren. Dagegen würde es nach
-der Schöpfungs-Theorie sehr schwer seyn zu erklären, weshalb sie auf
-diesen Inseln nicht erschaffen worden seyen.
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-Säugthiere bieten einen andern Fall ähnlicher Art dar. Ich habe die
-ältesten Reisewerke sorgfältig durchgegangen und zwar meine Arbeit
-noch nicht beendigt, aber bis jetzt noch kein unzweifelhaftes Beispiel
-gefunden, dass ein Land-Säugthier (von den gezähmten Hausthieren
-der Eingebornen abgesehen) irgend eine über 300 Engl. Meilen weit
-von einem Festlande oder einer Kontinental-Insel entlegene Insel
-bewohnt habe; und viele Inseln in viel geringeren Abständen entbehren
-derselben ebenfalls gänzlich. Die _Falklands-Inseln_, welche von einem
-Wolf-artigen Fuchse bewohnt sind, scheinen zunächst eine Ausnahme zu
-machen, können aber nicht als ozeanisch gelten, da sie auf einer mit
-dem Festlande zusammen-hängenden Bank 280 Engl. Meilen von diesem
-entfernt liegen; und da schwimmende Eisberge Fels-Blöcke an ihren
-westlichen Küsten abgesetzt, so könnten dieselben auch wohl einmal
-Füchse mitgebracht haben, wie das jetzt in den arktischen Gegenden
-oft vorkommt. Doch kann man nicht behaupten, dass kleine Inseln
-nicht auch kleine Säugthiere ernähren können; denn es ist dies in
-der That mit sehr kleinen Inseln der Fall, wenn sie dicht an einem
-Kontinente liegen; und schwerlich lässt sich eine Insel bezeichnen,
-auf der unsre kleinen Säugthiere sich nicht naturalisirt und vermehrt
-hätten. Nach der gewöhnlichen Ansicht von der Schöpfung könnte man
-nicht sagen, dass nicht Zeit zur Schöpfung von Säugthieren gewesen
-seye; viele vulkanische Inseln sind auch alt genug, wie sich theils
-aus der ungeheuren Zerstörung, die sie bereits erfahren, und theils
-aus dem Vorkommen tertiärer Schichten auf ihnen ergibt; auch ist Zeit
-gewesen zur Hervorbringung endemischer Arten aus andern Klassen; und
-auf Kontinenten erscheinen und verschwinden Säugthiere bekanntlich
-in rascherem Wechsel als die andern tiefer-stehenden Thiere. Aber
-wenn auch Land-Säugethiere auf ozeanischen Inseln nicht vorhanden, so
-finden sich doch fliegende Säugthiere fast auf jeder Insel ein. Das
-nur mit Zweifel hieher bezogene _Neuseeland_ besitzt zwei Fledermäuse,
-die sonst nirgends in der Welt vorkommen; die _Norfolk-Insel_,
-der _Viti-Archipel_, die _Bonins-Inseln_, die _Marianen-_ und
-_Carolinen-Gruppen_ und _Mauritius_: alle besitzen ihre eigenthümlichen
-Fledermaus-Arten. Warum, kann man nun fragen, hat die angebliche
-Schöpfungs-Kraft auf diesen entlegenen Inseln nur Fledermäuse und keine
-andern Säugthiere hervorgebracht? Nach meiner Anschauungs-Weise lässt
-sich diese Frage leicht beantworten, da kein Land-Säugthier über so
-weite Meeres-Strecken hinwegkommen kann, welche Fledermäuse noch zu
-überfliegen im Stande sind. Man hat Fledermäuse bei Tage weit über den
-_Atlantischen Ozean_ ziehen sehen und zwei _Nord-Amerikanische_ Arten
-derselben besuchen die _Bermuda-Insel_, 600 Engl. Meilen vom Festlande,
-regelmässig oder zufällig. Ich höre von Mr. ~Tomes~, welcher diese
-Familie näher studirt hat, dass viele Arten derselben einzeln genommen
-eine ungeheure Verbreitung besitzen und sowohl auf Kontinenten als
-weit entlegenen Inseln zugleich vorkommen. Wir brauchen daher nur zu
-unterstellen, dass solche wandernde Arten durch Natürliche Züchtung der
-Bedingungen ihrer neuen Heimath angemessen modificirt worden seyen, und
-wir werden das Vorkommen von Fledermäusen auf solchen Inseln begreifen,
-wo sonst keine Land-Säugthiere vorhanden sind.
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-Neben der Abwesenheit der Land-Säugthiere auf Inseln, welche von
-Kontinenten entlegen sind, ist noch eine andre Beziehung in einer
-bis zu gewissem Grade davon unabhängigen Weise zu berücksichtigen,
-die Beziehung nämlich zwischen der Tiefe des eine Insel vom
-Festlande trennenden Meeres und dem Vorkommen gleicher oder
-verwandter Säugthier-Arten auf beiden. Hr. ~Windsor Earl~
-hat einige treffende Beobachtungen in dieser Hinsicht über den
-grossen _Malayischen Archipel_ gemacht, welcher in der Nähe von
-_Celebes_ von einem Streifen sehr tiefen Meeres durchschnitten
-wird, der zwei ganz verschiedene Säugthier-Faunen trennt. Auf der einen
-Seite desselben liegen die Inseln auf mässig tiefen untermeerischen
-Bänken und sind von einander nahe verwandten oder ganz identischen
-Säugthier-Arten bewohnt. Allerdings kommen auch in dieser Insel-Gruppe
-einige wenige Anomalien vor und ist es in einigen Fällen ziemlich
-schwer zu beurtheilen, in wie ferne die Verbreitung gewisser Säugthiere
-durch Naturalisirung von Seiten des Menschen bedingt ist; inzwischen
-werden die eifrigen Forschungen des Hrn. ~Wallace~ bald mehr
-Licht auf die Naturgeschichte dieser Inseln werfen. Ich habe bisher
-nicht Zeit gefunden, diesem Gegenstand auch in andern Welt-Gegenden
-nachzuforschen; so weit ich aber damit gekommen bin, bleiben die
-Beziehungen sich gleich. Wir sehen _Britannien_ durch einen
-schmalen Kanal vom _Europäischen_ Festlande getrennt, und die
-Säugthier-Arten sind auf beiden Seiten die nämlichen. Ähnlich verhält
-es sich mit vielen nur durch schmale Meerengen von _Neuholland_
-geschiedenen Eilanden. Die _Westindischen_ Inseln stehen auf
-einer fast 1000 Faden tief untergetauchten Bank; und hier finden
-wir zwar _Amerikanische_ Formen, aber von denen des Festlandes
-verschiedene Arten und Sippen. Da das Maass der Abänderung überall
-in gewissem Grade von der Zeitdauer abhängt und es eher anzunehmen
-ist, dass durch seichte Meerengen abgesonderte Inseln länger als die
-durch tiefe Kanäle geschiedenen mit dem Festlande in Zusammenhang
-geblieben sind, so vermag man den Grund einer oftmaligen Beziehung
-zwischen der Tiefe des Meeres und dem Verwandtschafts-Grad einzusehen,
-der zwischen der Säugthier-Bevölkerung einer Insel und derjenigen des
-benachbarten Festlandes besteht, eine Beziehung, welche bei Annahme
-einer selbstständigen Schöpfung jeder Spezies ganz unerklärbar bleibt.
-
-Alle vorangehenden Wahrnehmungen über die Bewohner ozeanischer Eilande,
-insbesondere die Spärlichkeit der Arten, die Menge endemischer Formen
-in einzelnen Klassen oder deren Unterabtheilungen, das Fehlen ganzer
-Gruppen wie der Batrachier und der am Boden lebenden Säugthiere
-trotz der Anwesenheit fliegender Fledermäuse, die eigenthümlichen
-Zahlen-Verhältnisse in manchen Pflanzen-Ordnungen, die Verwandlung
-Kraut-artiger Pflanzen-Formen in Bäume, alle scheinen sich mit
-der Ansicht, dass im Verlaufe langer Zeiträume gelegenheitliche
-Transport-Mittel viel zur Verbreitung der Organismen mitgewirkt haben,
-besser als mit der Meinung zu vertragen, dass alle unsre ozeanischen
-Inseln vordem in unmittelbarem Zusammenhang mit dem nächsten Festlande
-gestanden seyen; denn in diesem letzten Falle würde die Einwanderung
-wohl vollständig gewesen seyn und müssten, wenn man Abänderung zulassen
-will, alle Lebenformen in gleicherer Weise, der äussersten Wichtigkeit
-der Beziehung von Organismus zu Organismus entsprechend, modificirt
-worden seyn.
-
-Ich will nicht läugnen, dass da noch viele und grosse Schwierigkeiten
-vorliegen zu erklären, auf welche Weise manche Bewohner vereinzelter
-Inseln, mögen sie nun ihre anfängliche Form beibehalten oder seit
-ihrer Ankunft abgeändert haben, bis zu ihrer gegenwärtigen Heimath
-gelangt seyen. Ich will nur ein Beispiel dieser Art anführen. Fast
-alle und selbst die abgelegensten und kleinsten ozeanischen Inseln
-sind von Land-Schnecken bewohnt, und zwar meistens von endemischen,
-doch zuweilen auch von anderwärts vorkommenden Arten. Dr. ~Aug. A.
-Gould~ hat einige interessante Fälle von Land-Schnecken auf den
-Inseln des _stillen Meeres_ mitgetheilt. Nun ist eine anerkannte
-Thatsache, dass Land-Schnecken durch Salz sehr leicht zu tödten
-sind, und ihre Eier (oder wenigstens diejenigen, womit ich Versuche
-angestellt) sinken im See-Wasser unter und verderben. Und doch muss
-es meiner Meinung nach irgend ein unbekanntes aber höchst wirksames
-Verbreitungs-Mittel für dieselben geben. Sollten vielleicht die jungen
-eben dem Eie entschlüpften Schneckchen an den Füssen irgend eines
-am Boden ausruhenden Vogels emporkriechen und dann von ihm weiter
-getragen werden? Es kam mir vor, als ob Land-Schnecken, im Zustande
-des Winterschlafs begriffen und mit einem Winterdeckel auf ihrer
-Schaalen-Mündung versehen, in Spalten von Treibholz über ziemlich
-breite See-Arme müssten geführt werden können, ohne zu leiden. Ich
-fand sodann, dass verschiedene Arten in diesem Zustande ohne Nachtheil
-sieben Tage lang im See-Wasser liegen bleiben können. Eine dieser Arten
-war Helix pomatia, die ich nach längerer Winterruhe noch zwanzig Tage
-lang in See-Wasser legte, worauf sie sich wieder vollständig erholte.
-Da diese Art einen dicken kalkigen Deckel besitzt, so nahm ich ihn ab,
-und als sich hierauf wieder ein neuer häutiger Deckel gebildet hatte,
-tauchte ich sie noch vierzehn Tage in See-Wasser, worauf sie wieder
-vollkommen zu sich kam und davon kroch; indessen weitere Versuche in
-dieser Beziehung fehlen noch.
-
-Die triftigste und für uns wichtigste Thatsache hinsichtlich der
-Insel-Bewohner ist ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des nächsten
-Festlandes, ohne mit denselben von gleichen Arten zu seyn. Davon
-liessen sich zahllose Beispiele anführen. Ich will mich jedoch auf
-ein einziges beschränken, auf das der _Galapagos_-Inseln, welche
-500-600 Engl. Meilen von der Küste _Süd-Amerika’s_ liegen.
-Hier trägt fast jedes Land- wie Wasser-Produkt ein unverkennbares
-kontinental-amerikanisches Gepräge. Dabei befinden sich 26 Arten
-Land-Vögel, von welchen 21 oder vielleicht 23 als eigenthümliche
-und hier geschaffene Arten angesehen werden; und doch ist die nahe
-Verwandtschaft der meisten dieser Vögel mit _Amerikanischen_
-Arten in jedem ihrer Charaktere, in Lebens-Weise, Betragen und Ton
-der Stimme offenbar. So ist es auch mit andern Thieren und, wie Dr.
-~Hooker~ in seinem ausgezeichneten Werke über die Flora dieser
-Insel-Gruppe gezeigt, mit fast allen Pflanzen. Der Naturforscher,
-welcher die Bewohner dieser vulkanischen Inseln des _stillen
-Meeres_ betrachtet, fühlt, dass er auf _Amerikanischem_
-Boden steht, obwohl er noch einige hundert Meilen von dem Festlande
-entfernt ist. Wie mag Diess kommen? Woher sollten die, angeblich nur im
-_Galapagos_-Archipel und sonst nirgends erschaffenen Arten diesen
-so deutlichen Stempel der Verwandtschaft mit den in _Amerika_
-geschaffenen haben? Es ist nichts in den Lebens-Bedingungen, nichts
-in der geologischen Beschaffenheit, nichts in der Höhe oder dem Klima
-dieser Inseln noch in dem Zahlen-Verhältnisse der verschiedenen
-hier zusammengestellten Klassen, was den Lebens-Bedingungen auf den
-_Süd-Amerikanischen_ Küsten sehr ähnlich wäre; ja es ist sogar ein
-grosser Unterschied in allen Beziehungen vorhanden. Anderseits aber ist
-eine grosse Ähnlichkeit zwischen der vulkanischen Natur des Bodens, dem
-Klima und der Grösse und Höhe der Inseln der _Galapagos_ einer-
-und der _Capverdischen_ Gruppe anderseits. Aber welche unbedingte
-und gänzliche Verschiedenheit in ihren Bewohnern! Die der Inseln
-des _grünen Vorgebirges_ stehen zu _Afrika_ im nämlichen
-Verhältnisse, wie die der _Galapagos_ zu _Amerika_. Ich
-glaube, diese bedeutende Thatsache hat von der gewöhnlichen Annahme
-einer unabhängigen Schöpfung der Arten keine Erklärung zu erwarten,
-während nach der hier aufgestellten Ansicht es offenbar ist, dass die
-_Galapagos_ entweder durch gelegenheitliche Transport-Mittel
-oder in Folge eines früheren unmittelbaren Zusammenhangs mit
-_Amerika_ von diesem Welttheile, wie die _Capverdischen_
-Inseln von _Afrika_ aus, bevölkert worden sind, und dass, obwohl
-diese Kolonisten Abänderungen erfahren haben, sie doch ihre erste
-Geburts-Stätte durch das Vererblichkeits-Prinzip verrathen.
-
-Und so liessen sich noch viele analoge Fälle anführen; denn es ist in
-der That eine fast allgemeine Regel, dass die endemischen Erzeugnisse
-der Inseln mit denen der nächsten Festländer oder andrer benachbarter
-Inseln in Beziehung stehen. Ausnahmen sind selten und gewöhnlich leicht
-erklärbar. So sind die Pflanzen von _Kerguelen-Land_, obwohl
-dieses näher bei _Afrika_ als bei _Amerika_ liegt, nach Dr.
-~Hooker’s~ Bericht sehr enge mit denen der _Amerikanischen_
-Flora verwandt; doch erklärt sich diese Abweichung durch die Annahme,
-dass die genannte Insel hauptsächlich durch strandende Eisberge
-bevölkert worden seye, welche den vorherrschenden See-Strömungen
-folgend Steine und Erde voll Saamen mit sich geführt haben.
-_Neuseeland_ ist hinsichtlich seiner endemischen Pflanzen mit
-_Neuholland_ als dem nächsten Kontinente näher als mit irgend
-einer andern Gegend verwandt, wie es zu erwarten ist; es hat aber auch
-offenbare Verwandtschaft mit _Süd-Amerika_, das, wenn auch das
-zweitnächste Festland, so ungeheuer entfernt ist, dass die Thatsache
-als eine Anomalie erscheint. Doch auch diese Schwierigkeit verschwindet
-grösstentheils unter der Voraussetzung, dass _Neuseeland_,
-_Süd-Amerika_ u. a. südliche Länder vor langen Zeiten theilweise
-von einem entfernt gelegenen Mittelpunkte, nämlich von den
-antarktischen Inseln aus bevölkert worden seyen, vor dem Anfange der
-Eis-Periode. Die, wenn auch nur schwache, aber nach Dr. ~Hooker~
-doch thatsächliche Verwandtschaft zwischen den Floren der südwestlichen
-Spitzen _Australiens_ und des _Caps der guten Hoffnung_ ist
-ein viel merkwürdigerer Fall und für jetzt unerklärlich; doch ist
-dieselbe auf die Pflanzen beschränkt und wird auch ihrerseits sich
-gewiss eines Tages noch aufklären lassen.
-
-Das Gesetz, vermöge dessen die Bewohner eines Archipels, wenn auch
-in den Arten verschieden, zumeist mit denen des nächsten Festlandes
-übereinstimmen, wiederholt sich zuweilen in kleinerem Maassstabe
-aber in sehr interessanter Weise innerhalb einer und der nämlichen
-Insel-Gruppe. Namentlich haben ganz wunderbarer Weise die verschiedenen
-Inseln des nur kleinen _Galapagos_-Archipels, wie schon anderwärts
-gezeigt worden, ihre eigenthümlichen Bewohner, so dass fast auf jeder
-derselben andre Arten vorkommen, welche aber in unvergleichbar
-näherer Verwandtschaft zu einander stehen, als die irgend eines
-andern Theiles der Welt. Und Diess ist nach meiner Anschauungs-Weise
-zu erwarten gewesen, da die Inseln so nahe beisammen liegen, dass
-alle zuverlässig ihre Einwanderer entweder aus gleicher Urquelle oder
-eine von der andern erhalten haben müssen. Aber man könnte gerade die
-Verschiedenheit zwischen den endemischen Bewohnern der einzelnen Inseln
-als Argument gegen meine Ansicht gebrauchen; denn man könnte fragen,
-wie es komme, dass auf diesen verschiedenen Inseln, welche einander
-in Sicht liegen und die nämliche geologische Beschaffenheit, dieselbe
-Höhe und das gleiche Klima besitzen, so viele Einwanderer auf jeder in
-einer andren und doch nur wenig verschiedenen Weise modifizirt worden
-seyen? Diess ist auch mir lange Zeit als eine grosse Schwierigkeit
-erschienen, was aber hauptsächlich von dem tief eingewurzelten Irrthum
-herrührt, die physischen Bedingungen einer Gegend als das Wichtigste
-für deren Bewohner zu betrachten, während doch nicht in Abrede gestellt
-werden kann, dass die Natur der übrigen Organismen, mit welchen sie
-selbst zu kämpfen haben, wenigstens eben so hoch anzuschlagen und
-gewöhnlich eine noch wichtigere Bedingung ihres Gedeihens seye. Wenn
-wir nun diejenigen Bewohner der _Galapagos_, welche als nämliche
-Spezies auch in andern Gegenden der Erde noch vorkommen (wobei für
-einen Augenblick die endemischen Arten ausser Betracht bleiben müssen,
-weil wir die seit der Ankunft dieser Organismen auf den genannten
-Inseln erfolgten Umänderungen untersuchen wollen), so finden wir
-einen grossen Unterschied zwischen den einzelnen Inseln selbst. Diese
-Verschiedenheit wäre aus der Annahme erklärlich, dass die Inseln durch
-gelegenheitliche Transport-Mittel bestockt worden seyen, so dass z. B.
-der Saame einer Pflanzen-Art zu einer und der einer andern zu einer
-andern Insel gelangt wäre. Wenn daher in früherer Zeit ein Einwandrer
-sich auf einer oder mehren der Inseln angesiedelt oder sich später von
-einer zu der andern Insel verbreitet hätte, so würde er zweifelsohne
-auf den verschiedenen Inseln verschiedenen Lebens-Bedingungen
-ausgesetzt gewesen seyn; denn er hätte auf jeder Insel mit andern
-Organismen zu werben gehabt. Eine Pflanze z. B. hätte den für sie am
-meisten geeigneten Grund auf der einen Insel schon vollständiger von
-andern Pflanzen eingenommen gefunden, als auf der andern, und wäre
-den Angriffen etwas verschiedener Feinde ausgesetzt gewesen. Wenn sie
-nun abänderte, so wird die Natürliche Züchtung wahrscheinlich auf
-verschiedenen Inseln verschiedene Varietäten begünstigt haben. Einzelne
-Arten jedoch werden sich über die ganze Gruppe verbreitet und überall
-den nämlichen Charakter beibehalten haben, wie wir auch auf Festländern
-manche weit verbreitete Spezies überall unverändert bleiben sehen.
-
-Doch die wahrhaft überraschende Thatsache auf den _Galapagos_ wie in
-minderem Grade in einigen anderen Fällen besteht darin, dass sich die
-neu-gebildeten Arten nicht über die ganze Insel-Gruppe ausgebreitet
-haben. Aber die einzelnen Inseln, wenn auch in Sicht von einander
-gelegen, sind durch tiefe Meeres-Arme, meistens breiter als der
-britische Kanal, von einander geschieden, und es liegt kein Grund
-zur Annahme vor, dass sie früher unmittelbar mit einander vereinigt
-gewesen seyen. Die Seeströmungen sind heftig und gehen queer durch
-den Archipel hindurch, und heftige Windstösse sind ausserordentlich
-selten, so dass die Inseln thatsächlich stärker von einander geschieden
-sind, als Diess beim Ansehen einer Karte scheinen mag. Demungeachtet
-sind doch ziemlich viele Arten, sowohl anderwärts vorkommende wie dem
-Archipel eigenthümlich angehörende, mehren Inseln gemeinsam, und einige
-Verhältnisse führen zur Vermuthung, dass diese sich wahrscheinlich
-von einem der Eilande aus zu den andern verbreitet haben. Aber
-wir bilden uns, wie ich glaube, oft eine irrige Meinung über die
-Wahrscheinlichkeit, dass nahe verwandte Arten bei freiem Verkehre
-die eine ins Gebiet der andern vordringen werden. Es unterliegt zwar
-keinem Zweifel, dass, wenn eine Art irgend einen Vortheil über eine
-andere hat, sie dieselbe in kurzer Zeit mehr oder weniger ersetzen
-wird; wenn aber beide gleich gut für ihre Stellen in der Natur gemacht
-sind, so werden sie wahrscheinlich ihre eigenen Plätze behaupten und
-für alle Zeit behalten. Wenn wir wissen, dass viele von Menschen
-einmal naturalisirte Arten sich mit erstaunlicher Schnelligkeit über
-neue Gegenden verbreitet haben, so sind wir wohl zu glauben geneigt,
-dass die meisten Arten es ebenso machen würden; aber wir müssen
-bedenken, dass die in neuen Gegenden naturalisirten Formen gewöhnlich
-keine nahen Verwandten der Ureinwohner, sondern eigenthümliche Arten
-sind, welche nach ~Alph. DeCandolle~ verhältnissmässig sehr oft auch
-besondern Sippen angehören. Auf den _Galapagos_ sind sogar viele
-Vögel, welche ganz wohl im Stande wären von Insel zu Insel zu fliegen,
-von einander verschieden, wie z B. drei einander nahe stehende Arten
-von Spottdrosseln jede auf ein besondres Eiland beschränkt sind.
-Nehmen wir nun an, die Spottdrossel von _Chatam-Island_ werde durch
-einen Sturm nach _Charles-Island_ verschlagen, das schon seine eigene
-Spottdrossel hat, wie sollte sie dazu gelangen sich hier festzusetzen?
-Wir dürfen mit Gewissheit annehmen, dass _Charles-Island_ mit ihrer
-eigenen Art wohl besetzt ist, indem jährlich mehr Eier dort gelegt
-werden als auskommen können, und wir dürfen ferner annehmen, dass
-die Art von _Charles-Island_ für diese ihre Heimath wenigstens eben
-so gut geeignet ist als der neue Ankömmling. Sir ~Ch. Lyell~ und
-Hr. ~Wollaston~ haben mir eine merkwürdige zur Erläuterung dieser
-Verhältnisse dienende Thatsache mitgetheilt, dass nämlich _Madeira_
-und das dicht dabei gelegene _Porto Santo_ viele einander vertretende
-Landschnecken besitzen, von welchen einige in Fels-Spalten leben; und
-obwohl grosse Stein-Massen jährlich von _Porto Santo_ nach _Madeira_
-gebracht werden, so ist doch diese letzte Insel noch nicht mit den
-Arten von _Porto Santo_ bevölkert worden; aber auf beiden Inseln
-haben sich _Europäische_ Arten angesiedelt, weil sie zweifelsohne
-irgend einen Vortheil vor den eingeborenen voraus hatten. Hiernach
-werden wir uns nicht mehr sehr darüber wundern dürfen, dass die
-endemischen und die stellvertretenden Arten, welche die verschiedenen
-_Galapagos_-Inseln bewohnen, sich noch nicht von Insel zu Insel
-verbreitet haben. In vielen andern Fällen, wie in den verschiedenen
-Bezirken eines Kontinentes, mag die frühere Besitzergreifung durch
-eine Art wesentlich dazu beigetragen haben, die Vermischung von Arten
-unter gleichen Lebens-Bedingungen zu hindern. So haben die südöstliche
-und südwestliche Ecke _Neuhollands_ eine nahezu gleiche physikalische
-Beschaffenheit und sind durch zusammenhängendes Land miteinander
-verkettet, aber gleichwohl durch eine grosse Anzahl verschiedener
-Säugethier-, Vögel- und Pflanzen-Arten bewohnt.
-
-Das Prinzip, welches den allgemeinen Charakter der Fauna und Flora der
-ozeanischen Inseln bestimmt, dass nämlich deren Bewohner, wenn nicht
-genau die nämlichen Arten, doch offenbar mit den Bewohnern derjenigen
-Gegenden am nächsten verwandt sind, von welchen aus die Kolonisirung
-am leichtesten stattfinden konnte, und dass die Kolonisten nachher
-abgeändert und für ihre neue Heimath geschickter gemacht worden sind:
-dieses Prinzip ist von der weitesten Anwendbarkeit in der ganzen Natur.
-Wir sehen Diess an jedem Berg, in jedem See, in jedem Marschlande.
-Denn die alpinen Arten, mit Ausnahme der durch die Glacial-Ereignisse
-weithin verbreiteten Formen hauptsächlich von Pflanzen, sind mit
-denen der umgebenden Tiefländer verwandt; und so haben wir in
-_Süd-Amerika_ alpine Kolibris, alpine Nager, alpine Pflanzen,
-aber alle von streng _Amerikanischen_ Formen; und es liegt nahe,
-dass ein Gebirge während seiner allmählichen Emporhebung aus den
-benachbarten Tiefländern auf natürliche Weise kolonisirt worden seye.
-So ist es auch mit den Bewohnern der Seen und Marschen, so weit nicht
-durch grosse Leichtigkeit der Überführung aus einer Gegend in die andre
-die ganze Erd-Oberfläche mit den nämlichen allgemeinen Formen versehen
-worden ist. Wir sehen dasselbe Prinzip bei den blinden Höhlen-Thieren
-_Europas_ und _Amerikas_, sowie in manchen andern Fällen.
-Es wird sich nach meiner Meinung überall bestätigen, dass, wo immer
-in zwei sehr von einander entfernten Gegenden viele nahe-verwandte
-oder stellvertretende Arten vorkommen, auch einige identische Arten
-vorhanden sind, welche in Übereinstimmung mit der vorangehenden Ansicht
-zeigen, dass in irgend einer früheren Periode ein Verkehr oder eine
-Wanderung zwischen beiden Gegenden stattgefunden hat. Und wo immer nahe
-verwandte Arten vorkommen, da werden auch viele Formen seyn, welche
-einige Naturforscher als besondre Arten und andre nur als Varietäten
-betrachten. Diese zweifelhaften Formen drücken uns die Stufen in der
-fortschreitenden Abänderung aus.
-
-Diese Beziehung zwischen Wanderungs-Vermögen und Ausdehnung einer
-Art, (seye es in jetziger Zeit oder in einer früheren Periode unter
-verschiedenen natürlichen Bedingungen) und dem Vorkommen andrer
-verwandter Arten in entfernten Theilen der Erde ergibt sich in einer
-noch allgemeinern Weise. Hr. ~Gould~ sagte mir vor langer Zeit,
-dass in denjenigen Vogel-Sippen, welche sich über die ganze Erde
-erstrecken, auch viele Arten eine weite Verbreitung besitzen. Ich
-vermag kaum zu bezweifeln, dass diese Regel allgemein richtig ist,
-obwohl Diess schwer zu beweisen seyn dürfte. Unter den Säugthieren
-finden wir sie scharf bei den Fledermäusen und in schwächerem Grade
-bei den Hunde- und Katzen-artigen Thieren ausgesprochen. Wir sehen
-sie in der Verbreitung der Schmetterlinge und Käfer. Und so ist es
-auch bei den meisten Süsswasser-Thieren, unter welchen so viele Sippen
-über die ganze Erde reichen und viele einzelne Arten eine ungeheure
-Verbreitung besitzen. Es soll nicht behauptet werden, dass in den
-weit-verbreiteten Sippen alle Arten in weiter Ausdehnung vorkommen oder
-auch nur eine durchschnittlich grosse Ausbreitung besitzen, sondern
-nur dass es mit einzelnen Arten der Fall ist; denn die Leichtigkeit,
-womit weit-verbreitete Spezies variiren und zur Bildung neuer Formen
-Veranlassung geben, bestimmt ihre durchschnittliche Verbreitung
-in genügender Weise. So können zwei Varietäten einer Art die eine
-_Europa_ und die andere _Amerika_ bewohnen, und die Art hat
-dann eine unermessliche Verbreitung; ist aber die Abänderung etwas
-weiter gediehen, so werden die zwei Varietäten als zwei verschiedene
-Arten gelten und die Verbreitung einer jeden wird sehr beschränkt
-erscheinen. Noch weniger soll gesagt werden, dass eine Art, welche
-offenbar das Vermögen besitzt, Schranken zu überschreiten und sich
-weit auszubreiten, wie mancher langschwingige Vogel sich auch weit
-ausbreiten muss; denn wir dürfen nicht vergessen, dass zur weiten
-Verbreitung nicht allein das Vermögen Schranken zu überschreiten,
-sondern auch noch das bei weitem wichtigere Vermögen gehört, in
-fernen Landen den Kampf ums Daseyn mit den neuen Genossen siegreich
-zu bestehen. Aber nach der Annahme, dass alle Arten einer Sippe, wenn
-gleich jetzt über die entferntesten Theile der Erde zerstreut, von
-einem gemeinsamen Stamm-Vater abstammen, müssten (und Diess ist, glaube
-ich, der Fall) wenigstens einige Arten eine weite Verbreitung besitzen;
-denn es ist nothwendig, dass der noch unveränderte Ahne sich unter
-fortwährender Abänderung weit verbreite und unter verschiedenartigen
-Lebens-Bedingungen eine günstige Stellung für die Umgestaltung seiner
-Nachkommen zuerst in neue Varietäten und endlich in neue Arten gewinne.
-
-Bei Betrachtung der weiten Verbreitung mancher Sippen dürfen wir
-nicht vergessen, dass viele derselben ausserordentlich alt sind
-und von einem gemeinsamen Stamm-Vater in einer sehr frühen Periode
-abstammen müssen; daher in solchen Fällen genügende Zeit war sowohl
-für grosse klimatische und geographische Veränderungen als für die
-Verpflanzung-vermittelnden Zufälle, folglich auch für die Wanderung
-der Arten nach allen Theilen der Welt, wo sie dann in einer den neuen
-Verhältnissen angemessenen Weise abgeändert worden sind. Ebenso
-scheint sich aus geologischen Nachweisungen zu ergeben, dass in jeder
-Hauptklasse die tief-stehenden Organismen gewöhnlich langsamer als
-die höheren Formen abändern; daher die tieferen Formen mehr in der
-Lage gewesen sind, ihre spezifischen Merkmale lange zu behaupten und
-sich damit weit zu verbreiten. Diese Thatsache in Verbindung mit
-dem Umstande, dass die Saamen und Eier vieler tief-stehenden Formen
-sich durch ihre ausserordentliche Kleinheit zur weiten Fortführung
-vorzugsweise eignen, erklärt wahrscheinlich zur Genüge ein Gesetz,
-welches schon längst bekannt und erst unlängst von ~Alph.
-DeCandolle~ in Bezug auf die Pflanzen vortrefflich erläutert worden
-ist: dass nämlich jede Gruppe von Organismen sich zu einer um so
-weitren Verbreitung eigne, je tiefer sie steht.
-
-Die soeben erörterten Beziehungen, dass nämlich unvollkommene und
-sich langsam abändernde Organismen sich weiter als die vollkommenen
-verbreiten, -- dass einige Arten weit ausgebreiteter Sippen selbst eine
-grosse Verbreitung besitzen, -- dass Alpen-, Sumpf- und Marsch-Bewohner
-(mit den angedeuteten Ausnahmen) ungeachtet der Verschiedenheit der
-Standorte mit denen der umgebenden Tief- und Trockenländer verwandt
-sind, -- dann die sehr enge Beziehung zwischen den verschiedenen
-Arten, welche die einzelnen Eilande einer Insel-Gruppe bewohnen, --
-und insbesondre die auffallende Verwandtschaft der Bewohner einer
-ganzen Insel-Gruppe mit denen des nächsten Festlandes: alle diese
-Verhältnisse sind nach meiner Meinung nach der gewöhnlichen Annahme
-einer unabhängigen Schöpfung der einzelnen Arten völlig unverständlich,
-dagegen leicht zu erklären durch die Unterstellung stattgefundener
-Besiedelung aus der nächsten oder gelegensten Quelle mit nachfolgender
-Abänderung und besserer Anpassung der Ansiedeler an ihre neue Heimath.
-
-+Zusammenfassung des letzten und des jetzigen Kapitels.+)
-In diesen zwei Kapiteln habe ich nachzuweisen gestrebt, dass,
-wenn wir unsre Unwissenheit über alle Folgen der klimatischen und
-Niveau-Veränderungen der Länder, welche in der laufenden Periode gewiss
-vorgekommen sind, und noch anderer Veränderungen, die in derselben
-Zeit stattgefunden haben mögen, gebührend eingestehen und unsre tiefe
-Unkenntniss der manchfaltigen gelegenheitlichen Transport-Mittel
-(worüber kaum jemals angemessene Versuche veranstaltet worden sind)
-anerkennen, und wenn wir erwägen, wie oft eine oder die andre Art sich
-über ein zusammenhängendes weites Gebiet ausgebreitet haben mag, um
-sofort in den mitteln Theilen desselben zu erlöschen, so scheinen mir
-die Schwierigkeiten der Annahme, dass alle Individuen einer Spezies, wo
-immer deren Wiege gestanden, von gemeinsamen Ältern abstammen, nicht
-unübersteiglich zu seyn; und so leiten uns schliesslich Betrachtungen
-allgemeiner Art insbesondere über die Wichtigkeit der natürlichen
-Schranken und die analoge Vertheilung von Untersippen, Sippen und
-Familien zur Annahme dessen, was viele Naturforscher als einzelne
-Schöpfungs-Mittelpunkte bezeichnet haben.
-
-Was die verschiedenen Arten einer nämlichen Sippe betrifft, die nach
-meiner Theorie von einer Geburts-Stätte ausgegangen seyn sollen, so
-halte ich, wenn wir unsre Unwissenheit so wie vorhin eingestehen
-und bedenken, dass manche Lebenformen nur sehr langsam abändern und
-mithin ungeheuer langer Zeiträume für ihre Wanderungen bedurften,
-die Schwierigkeiten nicht für unüberwindlich, obgleich sie in diesem
-Falle so wie hinsichtlich der Individuen einer nämlichen Art oft
-ausserordentlich gross sind.
-
-Um die Wirkung des Klima-Wechsels auf die Vertheilung der Organismen
-durch Beispiele zu erläutern, habe ich die Wichtigkeit des Einflusses
-der Eis-Zeit nachzuweisen gesucht, welche nach meiner vollen
-Überzeugung sich gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche oder
-wenigstens über grosse Längen-Striche derselben erstreckt hat. Und
-um zu zeigen, wie manchfaltig die gelegentlichen Transport-Mittel
-sind, habe ich die Ausbreitungs-Weise der Süsswasser-Bewohner etwas
-ausführlicher auseinandergesetzt.
-
-Wenn sich die Schwierigkeiten der Annahme, dass im Verlaufe langer
-Zeiten die Einzelwesen einer Art eben so wie die verwandten Arten
-von einer gemeinsamen Quelle ausgegangen, sich nicht unübersteiglich
-erweisen, dann glaube ich, dass alle leitenden Erscheinungen der
-geographischen Verbreitung mittelst der Theorie der Wanderung
-(hauptsächlich der herrschenden Lebenformen) und darauf-folgender
-Abänderung und Vermehrung der neuen Formen erklärbar sind. Man vermag
-alsdann die grosse Bedeutung der natürlichen Schranken -- Wasser
-oder Land -- zwischen den verschiedenen botanischen wie zoologischen
-Provinzen zu erkennen. Man vermag dann die örtliche Beschränkung
-von Untersippen, Sippen und Familien zu begreifen, und woher es
-komme, dass in verschiedenen geographischen Breiten, wie z. B. in
-_Süd-Amerika_, die Bewohner der Ebenen und Berge, der Wälder,
-Marschen und Wüsten, in so geheimnissvoller Weise durch Verwandtschaft
-miteinander wie mit den erloschenen Wesen verkettet sind, welche
-ehedem denselben Welttheil bewohnt haben. Indem wir erwägen, dass die
-gegenseitigen Beziehungen von Organismus zu Organismus von höchster
-Wichtigkeit sind, vermögen wir einzusehen, warum zwei Gebiete mit
-beinahe den gleichen physikalischen Bedingungen von verschiedenen
-Lebenformen bewohnt sind. Denn je nach der Länge der seit der Ankunft
-der neuen Bewohner in einer Gegend verflossenen Zeit, -- je nach der
-Natur des Verkehrs, welcher gewissen Formen gestattete und andern
-wehrte sich in grösserer oder geringerer Anzahl einzudrängen, --
-je nachdem diese Eindringlinge in mehr oder weniger unmittelbare
-Bewerbung miteinander und mit den Urbewohnern geriethen oder nicht,
--- und je nachdem dieselben mehr oder weniger rasch zu variiren
-fähig waren: müssen in verschiedenen Gegenden, ganz unabhängig
-von ihren physikalischen Verhältnissen, unendlich vermanchfachte
-Lebens-Bedingungen entstanden seyn, muss ein fast endloser Betrag von
-organischer Wirkung und Gegenwirkung sich entwickelt haben, -- und
-müssen, wie es wirklich der Fall ist, einige Gruppen von Wesen in
-hohem und andre nur in geringem Grade abgeändert, müssen einige zu
-grossem Übergewicht entwickelt und andre nur in geringer Anzahl in den
-verschiedenen grossen geographischen Provinzen der Erde vorhanden seyn.
-
-Nach diesen nämlichen Prinzipien ist es, wie ich nachzuweisen versucht,
-auch zu begreifen, warum ozeanische Inseln nur wenige, aber der
-Mehrzahl nach endemische oder eigenthümliche Bewohner haben, und
-warum daselbst in Übereinstimmung mit den Wanderungs-Mitteln eine
-Gruppe von Wesen lauter endemische und die andere Gruppe, sogar in der
-nämlichen Klasse, lauter weltbürgerliche Arten darbietet. Es lässt
-sich einsehen, warum ganze Gruppen von Organismen, wie Batrachier
-und Boden-Säugthiere, auf den ozeanischen Inseln fehlen, während
-die meisten vereinzelt liegenden Inseln ihre eigenthümlichen Arten
-von Luft-Säugethieren oder Fledermäusen besitzen. Es lässt sich die
-Ursache einer gewissen Beziehung erkennen zwischen der Anwesenheit
-von Säugthieren von mehr oder weniger abgeänderter Beschaffenheit und
-der Tiefe der die Inseln vom Festlande trennenden Kanäle. Es ergibt
-sich deutlich, warum alle Bewohner einer Insel-Gruppe, wenn auch
-auf jedem der Eilande von andrer Art, doch innig miteinander und,
-in minderm Grade, mit denen des nächsten Festlandes oder des sonst
-wahrscheinlichen Stammlandes verwandt sind. Wir sehen endlich ein,
-warum in zwei, wenn auch weit von einander entfernten, Länder-Gebieten
-eine gewisse Wechselbeziehung in der Anwesenheit von identischen Arten,
-von Varietäten, von zweifelhaften Arten und von verschiedenen aber
-stellvertretenden Spezies zu erkennen ist.
-
-Wie der verstorbene ~Edward Forbes~ oft behauptet: es besteht
-ein strenger Parallelismus in den Gesetzen des Lebens durch Zeit
-und Raum. Die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der Formen in
-vergangenen Zeiten geleitet, sind fast die nämlichen, wovon in der
-laufenden Periode deren Unterschiede in verschiedenen Länder-Gebieten
-abhängen. Wir erkennen Diess aus vielen Thatsachen. Die Erscheinung
-jeder Art und Arten-Gruppe ist zusammenhängend in der Zeit; denn
-der Ausnahmen von dieser Regel sind so wenige, dass sie wohl am
-richtigsten daraus erklärt werden, dass wir deren in den mittlen
-Schichten vorkommenden Reste nur noch nicht entdeckt haben; -- sie
-ist zusammenhängend im Raume, indem die allerdings nicht seltenen
-Ausnahmen sich dadurch erklären, dass jene Arten in einer früheren
-Zeit unter abweichenden Verhältnissen in regelmässiger Weise oder
-mittelst gelegenheitlichen Transportes über weite Flächen gewandert,
-aber dann in den mittlen Gegenden derselben erloschen sind. Arten und
-Arten-Gruppen haben ein Maximum der Entwickelung in der Zeit wie im
-Raum. Arten-Gruppen, welche in einen gewissen Zeit-Abschnitt oder in
-einen gewissen Raum-Bezirk zusammengehören, sind oft durch besondre
-auffallende Merkmale in Skulptur oder Farbe u. s. w. charakterisirt.
-Wenn wir die lange Reihe verflossener Zeit-Abschnitte mit den mehr
-und weniger weit über die Erd-Oberfläche vertheilten zoologischen
-und botanischen Provinzen vergleichen, so finden wir hier wie dort,
-dass einige Organismen nur wenig differiren, während andre aus andren
-Klassen, Ordnungen oder auch nur Familien weit abweichen. In Zeit und
-Raum ändern die tieferen Glieder jeder Klasse gewöhnlich minder als
-die höhern ab; doch kommen in beiden auffallende Ausnahmen von dieser
-Regel vor. Nach meiner Theorie sind diese verschiedenen Beziehungen
-durch Zeit und Raum ganz begreiflich; denn sowohl die Lebenformen,
-welche in aufeinander-folgenden Zeitaltern innerhalb derselben Theile
-der Erd-Oberfläche gewechselt, als jene, welche erst im Verhältnisse
-ihrer Wanderungen nach andern Weltgegenden sich abgeändert, beiderlei
-Formen sind in jeder Klasse durch das nämliche Band der Generation
-miteinander verkettet; und je näher zwei Formen in Blutverwandtschaft
-zu einander stehen, desto näher werden sie sich gewöhnlich auch in Zeit
-und Raum stehen. In beiden Fällen sind die Gesetze der Abänderung die
-nämlichen gewesen und sind Modifikationen durch die nämliche Kraft der
-Natürlichen Züchtung gehäuft worden.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper; Morphologie;
-Embryologie; Rudimentäre Organe.
-
- +Klassifikation+: Unterordnung der Gruppen. -- Natürliches
- System. -- Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt
- aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. -- Klassifikation
- der Varietäten. -- Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. --
- Analoge oder Anpassungs-Charaktere. -- +Verwandtschaften+:
- allgemeine verwickelte und strahlenförmige. -- Erlöschung trennt
- und begrenzt die Gruppen. -- +Morphologie+: zwischen
- Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen eines Einzelwesens. --
- +Embryologie+: deren Gesetze daraus erklärt, dass Abänderung
- nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in korrespondirendem Alter
- vererbt wird. -- +Rudimentäre Organe+: ihre Entstehung erklärt.
- -- Zusammenfassung.
-
-
-Von der ersten Stufe des Lebens an gleichen alle organischen Wesen
-einander in immer weiter abnehmendem Grade, so dass man sie in Gruppen
-und Untergruppen klassifiziren kann. Diese Gruppirung ist offenbar
-nicht willkürlich, wie die der Sterne zu Gestirnen. Das Daseyn von
-Gruppen würde eine vielfache Bedeutung haben, wenn eine Gruppe
-ausschliesslich für die Land- und eine andre für die Wasser-Bewohner,
-eine für die Fleisch-, eine andre für die Pflanzen-Fresser u. s. w.
-bestimmt wäre; in der Natur aber verhält sich die Sache sehr
-abweichend, indem es bekannt ist, wie oft sogar Glieder einer nämlichen
-Untergruppe verschiedene Lebens-Weisen besitzen. Im zweiten und vierten
-Kapitel, von Abänderung und Natürlicher Züchtung handelnd, habe ich zu
-zeigen versucht, dass es in jeder Gegend die weit verbreiteten, die
-überall gemeinen und die herrschenden Arten der grossen Sippen in jeder
-Klasse sind, die am meisten variiren. Die so gebildeten Varietäten
-oder beginnenden Arten gehen, wie ich glaube, allmählich in neue und
-verschiedene Arten über, welche nach dem Vererbungs-Prinzip geneigt
-sind andre neue und herrschende Arten zu erzeugen. Demzufolge streben
-die Gruppen, welche jetzt gross sind und gewöhnlich viele herrschende
-Arten in sich einschliessen, ohne Ende an Umfang zuzunehmen. Ich habe
-weiter nachzuweisen gesucht, dass aus dem Streben der abändernden
-Nachkommen einer Art so viele und verschiedene Stellen als möglich im
-Haushalte der Natur einzunehmen, eine beständige Neigung zur Divergenz
-der Charaktere entspringt. Diese Folgerung war unterstützt worden durch
-die Betrachtung der grossen Manchfaltigkeit, die auf den kleinsten
-Feldern in Mitbewerbung zu einander gerathen, und durch die Wahrnehmung
-gewisser Thatsachen bei der Naturalisirung.
-
-Ich habe weiter darzuthun versucht, dass bei den in Zahl und in
-Divergenz des Charakters zunehmenden Formen ein fortwährendes Streben
-vorhanden ist, die früheren minder divergenten und minder verbesserten
-Formen zu unterdrücken und zu ersetzen. Ich ersuche den Leser, nochmals
-das Bild (S. 131) anzusehen, welches bestimmt gewesen ist, diese
-verschiedenen Prinzipien zu erläutern, und er wird finden, dass die
-einem gemeinsamen Stamm-Vater entsprossenen abgeänderten Nachkommen
-unvermeidlich immer weiter in unterbrochenen Gruppen und Untergruppen
-auseinanderlaufen müssen. In dem genannten Bilde mag jeder Buchstabe
-der obersten Linie eine Sippe bezeichnen, welche mehre Arten enthält,
-und alle Sippen dieser obern Linie bilden miteinander eine Klasse,
-indem alle von einem gemeinsamen alten aber unsichtbaren Stammvater
-entspringen und mithin irgend etwas Gemeinsames ererbt haben. Aber die
-drei Sippen auf der linken Seite haben diesem nämlichen Prinzip zufolge
-mehr miteinander gemein und bilden eine Unterfamilie verschieden von
-derjenigen, welche die zwei rechts zunächst-folgenden einschliesst, die
-auf der fünften Abstammungs-Stufe einem ihnen und jenem gemeinsamen
-Stamm-Vater entsprungen sind. Diese fünf Genera haben auch noch
-Manches, doch weniger als vorhin miteinander gemein und bilden
-miteinander eine Familie, verschieden von der die nächsten drei Sippen
-weiter rechts umfassenden, welche sich in einer noch früheren Periode
-von den vorigen abgezweigt hat. Und alle diese von A entsprungenen
-Sippen bilden eine von der aus I entsprossenen verschiedene Ordnung.
-So haben wir hier viele Arten von gemeinsamer Abstammung in mehre
-Genera vertheilt, und diese Genera bilden, indem sie zu immer grösseren
-Gruppen zusammentreten, erst Unterfamilien und dann Ordnungen
-miteinander, welche zu einer Klasse gehören. So erklärt sich nach
-meiner Ansicht in der Naturgeschichte die grosse Erscheinung der
-Unterabtheilung der Gruppen, die uns freilich in Folge unsrer Gewöhnung
-daran nicht mehr sehr aufzufallen pflegt. (Es soll damit nicht gesagt
-werden, dass es keine andre Erklärung von der Unterordnung der
-Charaktere gebe. Wir wissen, dass Hr. ~Maw~ als Einwand gegen
-unsre Theorie hervorgehoben hat, dass man auch Mineralien und selbst
-Elementar-Stoffe in Gruppen und Untergruppen klassifiziren könne. In
-diesem Falle gibt es natürlich keine genealogische Aufeinanderfolge.
-Aber die oben entwickelte Ansicht erklärt die Klassifikation bei den
-organischen Körpern, und eine andre Erklärung ist nie aufgestellt
-worden.)
-
-Die Naturforscher bemühen sich die Arten, Familien und Sippen jeder
-Klasse in ein sogen. natürliches System zu ordnen. Aber was ist Diess
-für ein System? Einige Schriftsteller betrachten es nur als ein
-Fachwerk, worin die einander ähnlichsten Lebenwesen zusammen-geordnet
-und die unähnlichsten auseinander-gehalten werden, -- oder als ein
-künstliches Mittel um allgemeine Beschreibungen so kurz wie möglich
-auszudrücken, so dass, wenn man z. B. in einem Satz (Diagnose) die
-allen Säugthieren, in einem andern die allen Raub-Säugthieren und in
-einem dritten die allen Hunde-artigen Raub-Säugthieren gemeinsamen
-Merkmale zusammengefasst hat, man endlich im Stande ist, schon durch
-Beifügung noch eines ferneren Satzes eine vollständige Beschreibung
-jeder beliebigen Hunde-Art zu liefern. Das Sinnreiche und Nützliche
-dieses Systems ist unbestreitbar; doch glauben einige Naturforscher,
-dass das natürliche System noch eine weitre Bestimmung habe, nämlich
-die den Plan des Schöpfers zu enthüllen; so lange als es aber keine
-Ordnung im Raume oder in der Zeit oder in beiden nachweist, und
-als nicht näher bezeichnet wird, was mit dem „Plane des Schöpfers“
-gemeint seye, scheint mir damit für unsre Kenntniss nichts gewonnen
-zu seyn. Solche Ausdrücke, wie die berühmten ~Linné~’schen,
-die wir oft in mancherlei Einkleidungen versteckt wieder finden, dass
-nämlich die Charaktere nicht die Sippe machen, sondern die Sippe die
-Charaktere geben müsse, scheinen mir zugleich andeuten zu sollen,
-dass unsre Klassifikation noch etwas mehr als blosse Ähnlichkeit zu
-berücksichtigen habe. Und ich glaube in der That, dass es so der
-Fall ist, und dass die auf gemeinschaftlicher Abstammung beruhende
-Blutsverwandtschaft die einzige bekannte Ursache der Ähnlichkeit
-organischer Wesen, das durch mancherlei Modifikations-Stufen verborgene
-Band ist, welches durch natürliche Klassifikation theilweise enthüllt
-werden kann.
-
-Betrachten wir nun die bei der Klassifikation befolgten Regeln und
-die dabei vorkommenden Schwierigkeiten von der Annahme ausgehend,
-als ob die Klassifikation entweder einen unbekannten Schöpfungs-Plan
-darstellen oder auch nur ein Mittel bieten solle, um das Verwandte
-zusammenzustellen und dadurch die allgemeinen Beschreibungen
-abzukürzen. Man könnte annehmen und es ist in älteren Zeiten
-angenommen worden, dass diejenigen Theile der Organisation, welche die
-Lebens-Weise und im Allgemeinen den Platz bestimmen, welchen jedes
-Wesen im Haushalte der Natur einnimmt, von erster Wichtigkeit seyen.
-Und doch kann nichts unrichtiger seyn. Niemand legt mehr der äussern
-Ähnlichkeit der Maus mit der Spitzmaus, des Dugongs mit dem Wale, und
-des Wales mit dem Fisch einige Wichtigkeit bei. Diese Ähnlichkeiten,
-wenn auch in innigstem Zusammenhange mit dem ganzen Leben des Thieres
-stehend, werden als blosse „analoge oder Anpassungs-Charaktere“
-bezeichnet; doch werden wir auf die Betrachtung dieser Ähnlichkeiten
-später zurückkommen. Man kann es sogar als eine allgemeine Regel
-ansehen, dass, je weniger ein Theil der Organisation für Spezial-Zwecke
-bestimmt ist, desto wichtiger er für die Klassifikation seye. So z. B.
-sagt ~R. Owen~, indem er vom Dugong spricht: „Ich habe die
-Generations-Organe, insoferne als sie mit Lebens- und Ernährungs-Weise
-der Thiere in wenigst naher Beziehung stehen, immer als solche
-betrachtet, welche die klarsten Andeutungen über die wahren [tieferen]
-Verwandtschaften derselben zu liefern vermögen. Wir sind am wenigsten
-der Gefahr ausgesetzt, in ihren Modifikationen einen bloss adaptiven
-für einen wesentlichen Charakter zu nehmen.“ So ist es auch mit den
-Pflanzen. Wie merkwürdig ist es nicht, dass die Vegetations-Organe,
-von welchen ihr Leben überhaupt abhängig ist, ausser für die
-ersten Hauptabtheilungen, so wenig zu bedeuten haben, während die
-Reproduktions-Werkzeuge und deren Erzeugniss, der Saame, von oberster
-Bedeutung sind.
-
-Wir dürfen uns daher bei der Klassifikation nicht auf Ähnlichkeiten
-zwischen Theilen der Organisation verlassen, wie bedeutend sie auch
-für das Gedeihen des Wesens in seinen Beziehungen zur äusseren Welt
-seyn mögen. Daher rührt es vielleicht auch zum Theile, dass fast
-alle Naturforscher die grösste Wichtigkeit auf die Ähnlichkeit
-solcher Organe legen, welche in physiologischer Hinsicht von hoher
-Bedeutung sind. Das ist auch wohl im Allgemeinen, aber nicht in allen
-Fällen richtig. Jedoch hängt die Wichtigkeit der Organe für die
-Klassifikation nach meiner Meinung hauptsächlich von der Beständigkeit
-ihrer Charaktere in grossen Arten-Gruppen ab, und diese Beständigkeit
-findet sich gerade bei solchen Organismen, welche zur Anpassung an
-äussere Lebens-Bedingungen weniger abgeändert worden. Dass aber auch
-die physiologische Wichtigkeit eines Organes seine Bedeutung für die
-Klassifikation nicht allein bestimme, ergibt sich deutlich schon aus
-der Thatsache allein, dass der klassifikatorische Werth eines Organes
-in verwandten Gruppen, wo doch eine gleiche physiologische Bedeutung
-desselben unterstellt werden darf, oft weit verschieden ist. Kein
-Naturforscher kann sich mit einer Gruppe näher beschäftigt haben, ohne
-dass ihm Diess aufgefallen wäre, was auch in den Schriften fast aller
-Autoren vollkommen anerkannt wird. Es wird genügen, wenn ich ~Robert
-Brown~ als den höchsten Gewährsmann zitire, indem er bei Erwähnung
-gewisser Organe bei den Proteaceen sagt: ihre generische Wichtigkeit
-„ist so wie die aller ihrer Theile nicht allein in dieser, sondern
-nach meiner Erfahrung in allen natürlichen Familien sehr ungleich und
-scheint mir in einigen Fällen ganz verloren zu gehen.“ Eben so sagt
-er in einem andern Werke: die Genera der Connaraceae „unterscheiden
-sich durch die Ein- oder Mehrzahl ihrer Ovarien, durch Anwesenheit
-oder Mangel des Eiweisses und durch die schuppige oder klappenartige
-Ästivation. Ein jedes einzelne dieser Merkmale ist oft von mehr als
-generischer Wichtigkeit; hier aber erscheinen alle zusammen genommen
-unzureichend, um nur die Sippe Cnestis von Connarus zu unterscheiden.“
-Ich will noch ein Beispiel von den Insekten entlehnen, wo in der Klasse
-der Hymenopteren nach ~Westwood’s~ Beobachtung die Fühler in
-einer Hauptabtheilung von sehr beständiger Bildung sind, während sie
-in andern Abtheilungen sehr abändern und die Abweichungen oft von ganz
-untergeordnetem Werthe für die Klassifikation sind; und doch wird
-niemand behaupten wollen, dass die Fühler in diesen zwei Gruppen von
-ungleichem physiologischem Werthe seyen. So liessen sich noch viele
-Beispiele von der veränderlichen Wichtigkeit eines wesentlichen Organes
-für die Klassifikation innerhalb derselben Gruppe von Organismen
-anführen.
-
-Es wird niemand behaupten, rudimentäre oder verkümmerte Organe seyen
-von hoher physiologischer Wichtigkeit, und doch gibt es ohne Zweifel
-Organe, welche in diesem Zustande für die Klassifikation einen grossen
-Werth haben. So bestreitet niemand, dass die Zahn-Rudimente im
-Oberkiefer junger Wiederkäuer so wie gewisse Knochen-Rudimente in den
-Füssen sehr nützlich sind, um die nahe Verwandtschaft der Wiederkäuer
-mit den Dickhäutern zu beweisen. Und so bestund auch ~Robert
-Brown~ strenge auf der hohen Bedeutung, welche die Stellung der
-verkümmerten Blumen der Gräser für ihre Klassifikation hätten.
-
-Dagegen lässt sich eine Menge von Fällen nachweisen, wo Charaktere
-an Organen von ganz zweifelhafter physiologischer Wichtigkeit
-allgemein für sehr nützlich zur Bestimmung ganzer Gruppen gelten. So
-ist z. B. der offne Durchgang von den Nasenlöchern in die Mundhöhle
-nach ~R. Owen~ der einzige unbedingte Unterschied zwischen
-Reptilien und Fischen; und eben so wichtig ist die Einbiegung des
-hintern Unterrandes des Unterkiefers bei den Beutelthieren, die
-verschiedene Zusammenfaltungs-Weise der Flügel bei den Insekten, die
-blasse Farbe bei gewissen Algen, die Behaarung gewisser Blüthen-Theile
-bei den Gräsern, das Haar- und Feder-Kleid bei den zwei obern
-Wirbelthier-Klassen. Hätte der Ornithorhynchus ein Feder- statt ein
-Haar-Gewand, so würde dieser äussre unwesentlich scheinende Charakter
-vielleicht von manchen Naturforschern als ein wichtiges Hilfsmittel zur
-Bestimmung des Verwandtschafts-Grades dieses sonderbaren Geschöpfes
-den Vögeln und den Reptilien gegenüber, welchen es sich in einigen
-wesentlicheren inneren Struktur-Verhältnissen nähert, angesehen werden.
-
-Die Wichtigkeit an sich gleichgiltiger Charaktere für die
-Klassifikation hängt hauptsächlich von ihrer Wechselbeziehung zu
-manchen anderen mehr und weniger wichtigen Merkmalen ab. In der
-That ist der Werth untereinander zusammenhängender Charaktere in
-der Naturgeschichte sehr augenscheinlich. Daher kann sich, wie oft
-bemerkt worden ist, eine Art in mehren einzelnen Charakteren von
-hoher physiologischer Wichtigkeit wie von allgemeiner Verbreitung
-weit von ihren Verwandten entfernen und uns doch nicht in Zweifel
-darüber lassen, wohin sie gehört. Daher hat sich auch oft genug eine
-bloss auf ein einziges Merkmal, wenn gleich von höchster Bedeutung,
-gegründete Klassifikation als mangelhaft erwiesen; denn kein Theil
-der Organisation ist allgemein beständig. Die Wichtigkeit einer
-Verkettung von Charakteren, wenn auch keiner davon wesentlich ist,
-erklärt nach meiner Meinung allein den Ausspruch ~Linnés~,
-dass die Charaktere nicht das Genus machen, sondern dieses die
-Charaktere gibt; denn dieser Ausspruch scheint gegründet auf eine
-Würdigung vieler untergeordneter Ähnlichkeits-Beziehungen, welche
-für die Definition zu gering sind. Gewisse zu den Malpighiaceae
-gehörige Pflanzen bringen vollkommene und verkümmerte Blüthen
-zugleich hervor; die letzten verlieren nach ~A. de Jussieu’s~
-Bemerkung „die Mehrzahl der Art-, Sippen-, Familien- und selbst
-Klassen-Charaktere und spotten mithin unsrer Klassifikation.“ Als aber
-die in _Frankreich_ eingeführte Aspicarpa mehre Jahre lang nur
-verkümmerte Blüthen lieferte, welche in einer Anzahl der wichtigsten
-Punkte der Organisation so wunderbar von dem eigentlichen Typus der
-Ordnung abwichen, da erkannte ~Richard~ scharfsichtig genug,
-wie ~Jussieu~ bemerkt, dass diese Sippe unter den Malpighiaceen
-zurückbehalten werden müsse. Dieser Fall scheint mir den Geist wohl
-zu bezeichnen, in welchem unsre Klassifikationen zuweilen nothwendig
-gegründet sind.
-
-In der Praxis bekümmern sich aber die Naturforscher nicht viel um den
-physiologischen Werth des Charakters, dessen sie sich zur Definition
-einer Gruppe oder bei Einordnung einer Spezies bedienen. Wenn sie einen
-nahezu einförmigen und einer grossen Anzahl von Formen gemeinsamen
-Charakter finden, der bei andern nicht vorkommt, so betrachten sie
-ihn als sehr werthvoll; kömmt er bei einer geringern Anzahl vor,
-so ist er von geringerem Werthe. Zu diesem Grundsatze haben sich
-einige Naturforscher offen als zu dem einzig richtigen bekannt, und
-keiner entschiedener als der vortreffliche Botaniker ~August
-St.-Hilaire~. Wenn gewisse Charaktere immer in Wechselbeziehung
-mit einander erscheinen, mag auch ein bedingendes Band zwischen ihnen
-nicht zu entdecken seyn, so wird ihnen besondrer Werth beigelegt. Da in
-den meisten Säugthier-Gruppen wesentliche Organe, wie die zur Bewegung
-des Blutes, zur Athmung, zur Fortpflanzung bestimmten, nahezu von
-gleicher Beschaffenheit sind, so werden sie bei deren Klassifikation
-hoch gewerthet; wogegen wieder in andern Gruppen alle diese wichtigsten
-Lebens-Werkzeuge nur Charaktere von ganz untergeordnetem Werthe
-darbieten.
-
-Vom Embryo entnommene Charaktere erweisen sich von gleicher
-Wichtigkeit, wie die der ausgewachsenen Thiere, indem unsre
-Klassifikationen die Arten in allen ihren Lebens-Altern umfassen. Doch
-scheint es sich aus der gewöhnlichen Anschauungs-Weise keineswegs zu
-rechtfertigen, dass man die Struktur des Embryos für diesen Zweck
-höher in Anschlag bringe als die des erwachsenen Thieres, welches
-doch nur allein vollen Antheil am Haushalte der Natur nimmt. Nun
-haben die grossen Naturforscher ~Milne-Edwards~ und ~L.
-Agassiz~ scharf hervorgehoben, dass embryonische Charaktere von
-allen die wichtigsten für die Klassifikation sind, und diese Behauptung
-ist fast allgemein als richtig aufgenommen worden. Sie entspricht
-auch den Blüthen-Pflanzen ganz gut, deren zwei Hauptabtheilungen
-nur auf embryonische Charaktere gegründet sind, nämlich auf die
-Zahl und Stellung der Blätter des Embryos oder der Kotyledonen und
-auf die Entwicklungs-Weise der Plumula und Radicula. In unsren
-embryologischen Erörterungen werden wir den Grund einsehen, wesshalb
-diese Charaktere so werthvoll sind, indem nämlich die auf dieselben
-gegründete Klassifikations-Weise stillschweigend die Vorstellung von
-der gemeinsamen Abstammung der Arten anerkennt.
-
-Unsre Klassifikationen stehen oft offenbar unter dem Einflusse
-verwandtschaftlicher Verkettungen. Es ist nichts leichter, als eine
-Anzahl allen Vögeln gemeinsamer Charaktere zu bezeichnen, während
-Diess hinsichtlich der Kruster noch nicht möglich gewesen ist. Es gibt
-Kruster an den beiden Enden der Reihe, welche kaum einen Charakter mit
-einander gemein haben; aber da die an den zwei Enden stehenden Arten
-offenbar mit andern und diese wieder mit andern Krustern u. s. w.
-verwandt sind, so ergibt sich ganz unzweideutig, dass sie alle zu
-dieser und zu keiner andern Klasse der Kerbthiere gehören.
-
-Auch die geographische Verbreitung ist oft, wenn gleich vielleicht
-nicht logischer Weise, zur Klassifikation mit benützt worden, zumal in
-sehr grossen Gruppen einander nahe verwandter Formen. ~Temminck~
-besteht auf der Nützlichkeit und selbst Nothwendigkeit dieser Übung bei
-gewissen Vögel-Gruppen; wie sie denn auch von einigen Entomologen und
-Botanikern in Anwendung gekommen ist.
-
-Was endlich die verglichenen Werthe der verschiedenen Arten-Gruppen,
-wie Ordnungen und Unterordnungen, Familien und Unterfamilien,
-Sippen u. s. w. betrifft, so scheinen sie wenigstens bis jetzt ganz
-willkürlich zu seyn. Einige der besten Botaniker, wie ~Bentham~
-u. A., sind beharrlich auf ihrer Meinung von deren willkürlichem Werthe
-geblieben. Man könnte bei den Pflanzen wie bei den Insekten Beispiele
-anführen von Arten-Gruppen, die von geübten Naturforschern erst nur
-als Sippen aufgestellt und dann allmählich zum Rang von Unterfamilien
-und Familien erhoben worden sind, und zwar nicht desshalb, weil durch
-spätre Forschungen neue wesentliche Unterschiede in ihrer Organisation
-ausgemittelt worden wären, sondern nur in Folge spätrer Entdeckung
-vieler verwandter Arten mit nur schwach abgestuften Unterschieden.
-
-Alle voranstehenden Regeln, Behelfe und Schwierigkeiten der
-Klassifikation erklären sich, wenn ich mich nicht sehr täusche, durch
-die Annahme, dass das natürliche System auf Fortpflanzung unter
-fortwährender Abänderung beruhe, dass diejenigen Charaktere, welche
-nach der Ansicht der Naturforscher eine ächte Verwandtschaft zwischen
-zwei oder mehr Arten darthun, von einem gemeinsamen Ahnen ererbt
-sind und in so fern alle ächte Klassifikation eine genealogische
-ist; -- dass gemeinsame Abstammung das unsichtbare Band ist, wonach
-alle Naturforscher unbewusster Weise gesucht haben, nicht aber ein
-unbekannter Schöpfungs-Plan, oder eine bequeme Form für allgemeine
-Beschreibung, oder eine angemessene Methode die Natur-Gegenstände nach
-den Graden ihrer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zu sortiren.
-
-Doch ich muss meine Ansicht vollständiger auseinandersetzen. Ich
-glaube, dass die +Anordnung+ der Gruppen in jeder Klasse, ihre
-gegenseitige Nebenordnung und Unterordnung streng genealogisch
-seyn muss, wenn sie natürlich seyn soll; dass aber das Maass der
-Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Gruppen oder Verzweigungen,
-obschon sie alle in gleicher Blutsverwandtschaft mit ihrem gemeinsamen
-Stammvater stehen, sehr ungleich seyn kann, indem dieselbe von den
-verschiedenen Graden erlittener Abänderung abhängig ist; und Diess
-findet seinen Ausdruck darin, dass die Formen in verschiedene Sippen,
-Familien, Sektionen und Ordnungen gruppirt werden. Der Leser wird
-meine Meinung am besten verstehen, wenn er sich nochmals nach dem
-Bilde S. 131 umsehen will. Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L
-stellen verwandte Sippen vor, welche in der silurischen Zeit gelebt
-und selber von einer Art abstammen, die in einer unbekannten früheren
-Periode existirt hat. Arten von dreien dieser Genera (A, F und I)
-haben sich in abgeänderten Nachkommen bis auf den heutigen Tag
-fortgepflanzt, welche durch die fünfzehn Sippen a^{14} bis z^{14} der
-obersten Reihe ausgedrückt sind. Nun sind aber alle diese abgeänderten
-Nachkommen einer einzelnen Art in gleichem Grade blutsverwandt zu
-einander; man könnte sie bildlich als Vettern im gleichen millionsten
-Grade bezeichnen; und doch sind sie weit und in ungleichem Grade von
-einander verschieden. Die von A herstammenden Formen, welche nun in
-2-3 Familien geschieden sind, bilden eine andre Ordnung als die zwei
-von I entsprossenen. Auch können die von A abgeleiteten jetzt lebenden
-Formen eben so wenig in eine Sippe mit ihrem Ahnen A, als die von I
-herkommenden in eine mit ihrem Stammvater I zusammengestellt werden.
-Die noch jetzt lebende Sippe ~F~^{14} dagegen mag man als
-nur wenig modifizirt betrachten und demnach mit deren Stamm-Sippe
-F vereinigen, wie es ja in der That noch jetzt einige Genera gibt,
-welche mit silurischen übereinstimmen. So kommt es, dass das Maass
-oder der Werth der Verschiedenheiten zwischen organischen Wesen,
-die alle in gleichem Grade miteinander blutsverwandt sind, doch so
-ausserordentlich ungleich erscheint. Demungeachtet aber bleibt ihre
-genealogische Anordnungs-Weise vollkommen richtig nicht allein in der
-jetzigen sondern auch in allen künftigen Perioden der Fortstammung.
-Alle abgeänderten Nachkommen von A haben etwas Gemeinsames von ihrem
-gemeinsamen Ahnen geerbt, wie die des I von dem ihrigen, und so wird
-es sich auch mit jedem untergeordneten Zweige der Nachkommenschaft
-in jeder späteren Periode verhalten. Unterstellen wir dagegen, einer
-der Nachkommen von A oder I seye so sehr modifizirt worden, dass er
-die Spuren seiner Abkunft von demselben mehr oder weniger eingebüsst
-habe, so wird er im natürlichen Systeme nur eine mehr und weniger
-abgesonderte Stelle einnehmen können, wie Diess bei einigen noch
-lebenden Formen wirklich der Fall zu seyn scheint. Von allen Nachkommen
-der Sippe F ist der ganzen Reihe nach angenommen, dass sie nur wenig
-modifizirt worden seyen und daher gegenwärtig nur ein einzelnes
-Genus bilden. Aber dieses Genus wird, sehr vereinzelt, eine eigene
-Zwischenstelle einnehmen; denn F hielt ursprünglich seinem Charakter
-nach das Mittel zwischen A und I, und die verschiedenen von diesen
-zwei Genera herstammenden Sippen werden jedes von seiner Stamm-Sippe
-etwas Gemeinsames geerbt haben. Diese natürliche Anordnung ist, so
-viel es auf dem Papiere möglich, nur in viel zu einfacher Weise,
-bildlich dargestellt. Hätte ich, statt der verzweigten Darstellung,
-nur die Namen der Gruppen in eine lineare Reihe schreiben wollen, so
-würde es noch viel weniger möglich geworden seyn, ein Bild von der
-natürlichen Anordnung zu geben, da es anerkannter Maassen unmöglich
-ist, in einer Linie oder auf einer Fläche die Verwandtschaften
-zwischen den verschiedenen Wesen einer Gruppe darzustellen. So ist
-nach meiner Ansicht das Natur-System genealogisch in seiner Anordnung,
-wie ein Stammbaum, aber die Abstufungen der Modifikationen, welche
-die verschiedenen Gruppen durchlaufen haben, müssen durch Eintheilung
-derselben in verschiedene sogenannte Sippen, Unterfamilien, Familien,
-Sektionen, Ordnungen und Klassen ausgedrückt werden.
-
-Zur Erläuterung dieser meiner Ansicht von der Klassifikation mag
-ein Vergleich mit den Sprachen angemessen seyn. Wenn wir einen
-vollständigen Stammbaum des Menschen besässen, so würde eine
-genealogische Anordnung der Menschen-Rassen die beste Klassifikation
-aller jetzt auf der ganzen Erde gesprochenen Sprachen abgeben; und
-könnte man alle erloschenen und mitteln Sprachen und alle langsam
-abändernden Dialekte mit aufnehmen, so würde diese Anordnung, glaube
-ich, die einzig mögliche seyn. Da könnte nun der Fall eintreten, dass
-irgend eine sehr alte Sprache nur wenig abgeändert und zur Bildung
-nur weniger neuen Sprachen gedient hätte, während andre (in Folge der
-Ausbreitung und späteren Isolirung und Zivilisations-Stufen einiger
-von gemeinsamem Stamm entsprossener Rassen) sich sehr veränderten
-und die Entstehung vieler neuer Sprachen und Dialekte veranlassten.
-Die Ungleichheit der Abstufungen in der Verschiedenheit der Sprachen
-eines Sprach-Stammes müsste durch Unterordnung der Gruppen unter
-einander ausgedrückt werden; aber die eigentliche oder eben allein
-mögliche Anordnung könnte nur genealogisch seyn; und Diess wäre streng
-naturgemäss, indem auf diese Weise alle lebenden wie erloschenen
-Sprachen je nach ihren Verwandtschafts-Stufen mit einander verkettet
-und der Ursprung und der Entwickelungs-Gang einer jeden einzelnen
-nachgewiesen werden würde.
-
-Wir wollen nun, zur Bestätigung dieser Ansicht, einen Blick auf die
-Klassifikation der Varietäten werfen, von welchen man annimmt oder
-weiss, dass sie von einer Art abstammen. Diese werden unter die
-Arten eingereihet und selbst in Unter-Varietäten weiter geschieden;
-und bei unsren Kultur-Erzeugnissen werden noch manche andre
-Unterscheidungs-Stufen angenommen, wie wir bei den Tauben gesehen
-haben. Das Verhältniss der Gruppen zu den Untergruppen ist dasselbe,
-wie das der Arten zu den Varietäten; es ist verwandte Abstammung mit
-verschiedenen Abänderungs-Stufen. Bei Klassifikation der Varietäten
-werden fast die nämlichen Regeln, wie bei den Arten befolgt. Manche
-Schriftsteller sind auf der Nothwendigkeit bestanden, die Varietäten
-nach einem natürlichen statt künstlichen Systeme zu klassifiziren;
-wir sind z. B. so vorsichtig, nicht zwei Kiefer-Varietäten
-zusammenzuordnen, weil bloss ihre Frucht, obgleich der wesentlichste
-Theil, zufällig nahezu übereinstimmt. Niemand stellt den Schwedischen
-mit dem gemeinen Turnips oder Rübsen zusammen, obwohl deren verdickter
-essbarer Stiel so ähnlich ist. Der beständigste Theil, welcher es
-immer seyn mag, wird zur Klassifikation der Varietäten benützt; aber
-der grosse Landwirth ~Marshall~ sagt, die Hörner des Rindviehs
-seyen für diesen Zweck sehr nützlich, weil sie weniger als die
-Form oder Farbe des Körpers veränderlich seyen, während sie bei den
-Schaafen ihrer Veränderlichkeit wegen viel weniger brauchbar seyen. Ich
-stelle mir vor, dass, wenn man einen wirklichen Stammbaum hätte, eine
-genealogische Klassifikation der Varietäten allgemein vorgezogen werden
-würde, und einige Autoren haben in der That eine solche versucht.
-Denn, mag ihre Abänderung gross oder klein seyn, so werden wir uns
-doch überzeugt halten, dass das Vererbungs-Prinzip diejenigen Formen
-zusammenhalte, welche in den meisten Beziehungen mit einander verwandt
-sind. So werden alle Purzel-Tauben, obschon einige Untervarietäten
-in der Länge des Schnabels weit von einander abweichen, doch durch
-die gemeinsame Sitte zu purzeln unter sich zusammengehalten, aber
-der kurzschnäbelige Stock hat diese Gewohnheit beinahe abgelegt.
-Demungeachtet hält man diese Purzler, ohne über die Sache nachzudenken
-oder zu urtheilen, in einer Gruppe beisammen, weil sie einander durch
-Abstammung verwandt und in manchen andern Beziehungen ähnlich sind.
-Liesse sich nachweisen, dass der Hottentott vom Neger abstammte, so
-würde man ihn, wie ich glaube, unter den Neger einreihen, wie weit er
-auch in Farbe und andern wichtigen Bedingungen davon verschieden seyn
-mag.
-
-Was dann die Arten in ihrem Natur-Zustande betrifft, so hat jeder
-Naturforscher die Abstammung bei der Klassifikation mit in Betracht
-gezogen, indem er in seine unterste Gruppe, die Spezies nämlich,
-beide Geschlechter aufnahm, und wie ungeheuer diese zuweilen sogar
-in den wesentlichsten Charakteren von einander abweichen, ist jedem
-Naturforscher bekannt; so haben Männchen und Hermaphroditen gewisser
-Cirripeden im reifen Alter kaum ein Merkmal mit einander gemein, und
-doch träumt niemand davon sie zu trennen. Sobald man wahrnahm, dass
-drei ehedem als eben so viele Sippen aufgeführte Orchideen-Formen
-(Monachanthus, Myanthus und Catasetum) zuweilen an der nämlichen
-Blüthen-Ähre beisammensitzen, verband man sie unmittelbar als
-merkwürdige Varietäten zu einer einzigen Art; es ist mir aber neuerlich
-möglich geworden zu zeigen, dass sie die weibliche, zwitterliche und
-männliche Form der nämlichen Orchidee bilden[42]. Der Naturforscher
-schliesst in eine Spezies die verschiedenen Larven-Zustände des
-nämlichen Individuums ein, wie weit dieselben auch unter sich und von
-dem erwachsenen Thiere verschieden seyn mögen, wie er auch die von
-~Steenstrup~ sogenannten Wechsel-Generationen mit einbegreift,
-die man nur in einem technischen Sinne noch als zum nämlichen
-Individuum gehörig betrachten kann. Er schliesst Missgeburten, er
-schliesst Varietäten mit ein, nicht allein weil sie der älterlichen
-Form nahezu gleichen, sondern weil sie von derselben abstammen. Wer
-glaubt, dass die grosse hellgelbe Schlüsselblume (Primula elatior) von
-der gewöhnlicheren kleinen und dunkelgelben (Pr. veris) abstamme oder
-umgekehrt, stellt sie in eine Art zusammen und gibt eine gemeinsame
-Definition derselben.
-
-Da die Abstammung bei Klassifikation der Individuen einer Art trotz der
-oft ausserordentlichen Verschiedenheit zwischen Männchen, Weibchen und
-Larven, allgemein massgebend ist, und da dieselbe bei Klassifikation
-von Varietäten, welche ein gewisses und mitunter ansehnliches Maass von
-Abänderung erfahren haben, in Betracht gezogen wird: mag es dann nicht
-auch vorgekommen seyn, dass man das nämliche Element ganz unbewusst
-bei Zusammenstellung der Arten in Sippen und der Sippen in höhere
-Gruppen angewendet hat, obwohl hier die Unterschiede beträchtlicher
-sind und eine längere Zeit zu ihrer Entwickelung bedurft haben? Ich
-glaube, dass es allerdings so geschehen ist; und nur so vermag ich
-die verschiedenen Regeln und Vorschriften zu verstehen, welche von
-unsern besten Systematikern befolgt worden sind. Wir haben keine
-geschriebenen Stammbäume, sondern ermitteln die gemeinschaftliche
-Abstammung nur vermittelst der Ähnlichkeiten irgend welcher Art.
-Daher wählen wir Charaktere aus, die, so viel wir beurtheilen
-können, durch die Beziehungen zu den äusseren Lebens-Bedingungen,
-welchen jede Art in der laufenden Periode ausgesetzt gewesen ist, am
-wenigsten verändert worden sind. Rudimentäre Gebilde sind in dieser
-Hinsicht eben so gut und zuweilen noch besser, als andre. Mag ein
-Charakter noch so unwesentlich erscheinen, seye es ein eingebogner
-Unterkiefer-Rand, oder die Faltungs-Weise eines Insekten-Flügels, sey
-es das Haar- oder Feder-Gewand des Körpers: wenn sich derselbe durch
-viele und verschiedene Spezies erhält, durch solche zumal, welche
-sehr ungleiche Lebens-Weisen haben, so nimmt er einen hohen Werth
-an; denn wir können seine Anwesenheit in so vielerlei Formen und mit
-so manchfaltigen Lebens-Weisen nur durch seine Ererbung von einem
-gemeinsamen Stamm-Vater erklären. Wir können uns dabei hinsichtlich
-einzelner Punkte der Organisation irren; wenn aber verschiedene noch
-so unwesentliche Charaktere durch eine ganze grosse Gruppe von Wesen
-mit verschiedener Lebens-Weise gemeinschaftlich andauern, so werden
-wir nach der Theorie der Abstammung fest überzeugt seyn können, dass
-diese Gemeinschaft von Charakteren von einem gemeinsamen Vorfahren
-ererbt ist. Und wir wissen, dass solche in Wechselbeziehung zu einander
-vorkommende Charaktere bei der Klassifikation von grossem Werthe sind.
-Es wird begreiflich, warum eine Art oder eine ganze Gruppe von Arten in
-einigen ihrer wesentlichsten Charaktere von ihren Verwandten abweichen
-und doch ganz wohl mit ihnen zusammen klassifizirt werden kann. Man
-kann Diess getrost thun und hat es oft gethan, so lange als noch eine
-genügende Anzahl von wenn auch unbedeutenden Charakteren das verbundene
-Band gemeinsamer Abstammung verräth. Denn sogar, wenn zwei Formen nicht
-einen einzigen Charakter gemeinsam besitzen, aber diese extremen Formen
-noch durch eine Reihe vermittelnder Gruppen miteinander verkettet
-sind, dürfen wir noch auf eine gemeinsame Abstammung schliessen und
-sie alle zusammen in eine Klasse stellen. Da Charaktere von hoher
-physiologischer Wichtigkeit, solche die zur Erhaltung des Lebens
-unter den verschiedensten Existenz-Bedingungen dienen, gewöhnlich am
-beständigsten sind, so legen wir ihnen grossen Werth bei; wenn aber
-diese Organe in einer andern Gruppe oder Gruppen-Abtheilung sehr
-abweichen, so schätzen wir sie hier auch bei der Klassifikation
-geringer. Wir werden hiernach, wie ich glaube, klar einsehen, warum
-embryonische Merkmale eine so hohe klassifikatorische Wichtigkeit
-besitzen. Die geographische Verbreitung mag bei der Klassifikation
-grosser und weitverbreiteter Sippen zuweilen mit Nutzen angewendet
-werden, weil alle Arten einer solchen Sippe, welche eine eigenthümliche
-und abgesonderte Gegend bewohnen, höchst wahrscheinlich von gleichen
-Ältern abstammen.
-
-Aus diesem Gesichtspunkte wird es begreiflich, wie wesentlich
-es ist, zwischen wirklicher Verwandtschaft und analoger oder
-Anpassungs-Ähnlichkeit zu unterscheiden. ~Lamarck~ hat zuerst
-die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied gelenkt, und ~Macleay~
-u. A. sind ihm darin glücklich gefolgt. Die Ähnlichkeit, welche
-zwischen dem Dugong, einem den Pachydermen verwandten Thiere, und den
-Walen in der Form des Körpers und der Bildung der vordem ruderförmigen
-Gliedmaassen, und jene, welche zwischen diesen beiderlei Thieren
-und den Fischen besteht, ist Analogie. Bei den Insekten finden sich
-unzählige Beispiele dieser Art; daher ~Linné~, durch äussern
-Anschein verleitet, wirklich ein homopteres Insekt unter die Motten
-gestellt hat. Wir sehen etwas Ähnliches auch bei unseren kultivirten
-Pflanzen in den verdickten Stämmen des gemeinen und des Schwedischen
-Rutabaga-Turnips. Die Ähnlichkeit zwischen dem Windhund und dem
-Englischen Wettrenner ist schwerlich eine mehr eingebildete, als andre
-von einigen Autoren zwischen einander sehr entfernt stehenden Thieren
-aufgesuchte Analogie’n. Nach meiner Ansicht, dass Charaktere nur in
-so ferne von wesentlicher Wichtigkeit für die Klassifikation sind,
-als sie die gemeinsame Abstammung ausdrücken, lernen wir deutlicher
-einsehen, warum analoge oder Anpassungs-Charaktere, wenn auch vom
-höchsten Werthe für das Gedeihen der Wesen, doch für den Systematiker
-fast werthlos sind. Denn zwei Thiere von ganz verschiedener Abstammung
-können wohl ganz ähnlichen Lebens-Bedingungen angepasst und sich daher
-äusserlich sehr ähnlich seyn; aber solche Ähnlichkeiten verrathen
-keine Bluts-Verwandtschaft, sondern sind vielmehr geeignet, die wahren
-verwandtschaftlichen Beziehungen in Folge gemeinsamer Abstammung
-zu verbergen. Wir begreifen ferner das anscheinende Paradoxon, dass
-die nämlichen Charaktere analoge seyn können, wenn eine Klasse oder
-Ordnung mit der andern verglichen wird, aber für ächte Verwandtschaft
-zeugen, woferne es sich um die Vergleichung von Gliedern der nämlichen
-Klasse oder Ordnung unter einander handelt. So beweisen Körper-Form
-und Ruderfüsse der Wale nur eine Analogie mit den Fischen, indem
-solche in beiden Klassen nur eine Anpassung des Thieres zum Schwimmen
-im Wasser bezwecken; aber beiderlei Charaktere beweisen auch die nahe
-Verwandtschaft zwischen den Gliedern der Wal-Familie selbst; denn diese
-Wale stimmen in so vielen grossen und kleinen Charakteren miteinander
-überein, dass wir nicht an der Ererbung ihrer allgemeinen Körper-Form
-und ihrer Ruderfüsse von einem gemeinsamen Vorfahren zweifeln können.
-Und eben so ist es mit den Fischen.
-
-(Einige Fälle von analoger oder adaptiver Ähnlichkeit sind sehr
-bemerkenswerth. Ich will nur einen derselben hier erörtern, der von
-minder augenfälliger Art ist, als die mehr äusserliche Ähnlichkeit
-zwischen Fisch-Säugthieren und Fischen, zwischen fliegendem Oppossum
-und fliegendem Eichhorn u. s. w. ~Bates~ hat kürzlich berichtet, wie
-unter den zahlreichen Schmetterlingen des grossen _Amazonas-Thales_
-die Arten einer Sippe und selbst die Varietäten einer Art oft das
-Kleid von Arten ganz verschiedener Genera oder Unterfamilien in so
-vollkommener Weise annehmen, dass man sie ohne die sorgfältigste
-Untersuchung gar nicht zu unterscheiden im Stande ist. Dabei ist ferner
-eine bemerkenswerthe Thatsache, dass fast immer die nachahmende Art
-selten, die nachgeahmte aber häufig und im Kampf ums Daseyn siegreich
-ist. ~Bates~ ist der Meinung, dass die Nachahmer durch Natürliche
-Züchtung allmählich zu ihrem jetzigen Kleide gelangt seyen, um unter
-dieser Maske der häufigen und siegreichen Art irgend einer sie allein
-bedrohenden Gefahr zu entgehen.)
-
-Da Glieder verschiedener Klassen oft durch zahlreich auf
-einander-folgende geringe Abänderungen einer Lebens-Weise unter nahezu
-ähnlichen Verhältnissen angepasst werden, um z. B. auf dem Boden, in
-der Luft oder im Wasser zu leben, so werden wir vielleicht verstehen
-woher es kommt, dass man zuweilen einen Zahlen-Parallelismus zwischen
-Unter-Gruppen verschiedener Klassen bemerkt hat. Ein Naturforscher
-kann unter dem Eindrucke, den dieser Parallelismus in einer Klasse auf
-ihn macht, demselben dadurch, dass er den Werth der Gruppen in andern
-Klassen etwas höher oder tiefer setzt (und alle unsre Erfahrung zeigt,
-dass Schätzungen dieser Art noch immer sehr willkürlich sind), leicht
-eine grosse Ausdehnung geben; und so sind wohl unsre sieben-, fünf-,
-vier- und drei-gliedrigen Systeme entstanden.
-
-Da die abgeänderten Nachkommen herrschender Arten grosser Sippen
-diejenigen Vorzüge, welche die Gruppen, wozu sie gehören, gross und
-ihre Ältern herrschend gemacht haben, zu vererben streben, so sind
-sie meistens sicher sich weit auszubreiten und mehr oder weniger
-Stellen im Haushalte der Natur einzunehmen. So streben die grösseren
-und herrschenderen Gruppen in jeder Klasse nach immer weiterer
-Vergrösserung und ersetzen demnach viele kleinere und schwächere
-Gruppen. So erklärt sich auch die Thatsache, dass alle erloschenen
-wie noch lebenden Organismen einige wenige grosse Ordnungen in noch
-wenigeren Klassen bilden, die alle in einem grossen Natur-Systeme
-enthalten sind. Um zu zeigen, wie wenige an Zahl die oberen Gruppen und
-wie weit sie in der Welt verbreitet sind, ist die Thatsache zutreffend,
-dass die Entdeckung _Neu-Hollands_ nicht ein Insekt aus einer
-neuen Klasse geliefert hat, und dass im Pflanzen-Reiche, wie ich von
-Dr. ~Hooker~ vernehme, nur eine oder zwei kleine Ordnungen
-hinzugekommen sind.
-
-Im Kapitel über die geologische Aufeinanderfolge habe ich nach dem
-Prinzip, dass im Allgemeinen jede Gruppe während des lang-dauernden
-Modifikations-Prozesses in ihrem Charakter sehr auseinander gelaufen
-ist, zu zeigen mich bemühet, woher es kommt, dass die ältern
-Lebenformen oft einigermaassen mittle Charaktere zwischen denen der
-jetzigen Gruppen darbieten. Einige wenige solcher alten und mitteln
-Stamm-Formen, welche sich zuweilen in nur wenig abgeänderten Nachkommen
-bis zum heutigen Tage erhalten haben, geben zur Bildung unsrer
-sogenannten schwankenden oder aberranten Gruppen Veranlassung. Je
-abirrender eine Form ist, desto grösser muss die Zahl verkettender
-Glieder seyn, welche gänzlich vertilgt worden und verloren gegangen
-sind. Auch dafür, dass die aberranten Formen sehr durch Erlöschen
-gelitten, haben wir einige Belege; denn sie sind gewöhnlich nur durch
-einige wenige Arten vertreten, und auch diese Arten sind gewöhnlich
-sehr verschieden von einander, was gleichfalls auf Erlöschung hinweist.
-Die Sippen Ornithorhynchus und Lepidosiren z. B. würden nicht weniger
-aberrant seyn, wenn sie jede durch ein Dutzend statt nur eine oder zwei
-Arten vertreten wären; aber solcher Arten-Reichthum ist, wie ich nach
-mancherlei Nachforschungen finde, den aberranten Sippen gewöhnlich
-nicht zu Theil geworden. Wir können, glaube ich, diese Erscheinung
-nur erklären, indem wir die aberranten Formen als Gruppen betrachten,
-welche, im Kampfe mit siegreichen Mitbewerbern unterliegend, nur noch
-wenige Glieder in Folge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens günstiger
-Umstände bis heute erhalten haben.
-
-Hr. ~Waterhouse~ hat bemerkt, dass, wenn ein Glied aus
-einer Thier-Gruppe Verwandtschaft mit einer sehr verschiedenen
-andern Gruppe zeigt, diese Verwandtschaft in den meisten Fällen
-eine Sippen- und nicht eine Art-Verwandtschaft ist. So ist nach
-~Waterhouse~ von allen Nagern die Viscasche[43] am nächsten
-mit den Beutelthieren verwandt; aber die Charaktere, worin sie sich
-den Marsupialen am meisten nähert, haben eine allgemeine Beziehung zu
-den Beutelthieren und nicht zu dieser oder jener Art im Besondern. Da
-diese Verwandtschafts-Beziehungen der Viscasche zu den Beutelthieren
-für wesentliche gelten und nicht Folge blosser Anpassung sind, so
-rühren sie nach meiner Theorie von gemeinschaftlicher Ererbung her.
-Daher wir dann auch unterstellen müssen, entweder dass alle Nager
-einschliesslich der Viscasche von einem sehr alten Marsupialen
-abgezweigt sind, der einen einigermaassen mitteln Charakter zwischen
-denen aller jetzigen Beutelthiere besessen, oder dass sowohl Nager
-wie Beutelthiere von einem gemeinsamen Stammvater herrühren und beide
-Gruppen durch starke Abänderung seitdem in verschiedenen Richtungen
-auseinander gegangen sind. Nach beiderlei Ansicht müssen wir annehmen,
-dass die Viscasche mehr von den erblichen Charakteren des alten
-Stamm-Vaters an sich behalten habe, als sämmtliche anderen Nager; und
-desshalb zeigt sie keine besonderen Beziehungen zu diesem oder jenem
-noch vorhandenen Beutler, sondern nur indirekte zu allen oder fast
-allen Marsupialen überhaupt, indem sie sich einen Theil des Charakters
-des gemeinsamen Urvaters oder eines früheren Gliedes dieser Gruppe
-erhalten hat. Anderseits besitzt nach ~Waterhouse’s~ Bemerkung
-unter allen Beutelthieren der Phascolomys am meisten Ähnlichkeit,
-nicht zu einer einzelnen Art, sondern zur ganzen Ordnung der Nager
-überhaupt. In diesem Falle ist sehr zu erwarten, dass die Ähnlichkeit
-nur eine Analogie seye, indem der Phascolomys sich einer Lebens-Weise
-anpasste, wie sie Nager besitzen. Der ältere ~DeCandolle~ hat
-ziemlich ähnliche Bemerkungen hinsichtlich der allgemeinen Natur der
-Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Pflanzen-Ordnungen gemacht.
-
-Nach dem Prinzip der Vermehrung und der stufenweisen Divergenz des
-Charakters der von einem gemeinsamen Ahnen abstammenden Arten in
-Verbindung mit der erblichen Erhaltung eines Theiles des gemeinsamen
-Charakters erklären sich die ausserordentlich verwickelten und
-strahlenförmig auseinander-gehenden Verwandtschaften, wodurch alle
-Glieder einer Familie oder höheren Gruppe miteinander verkettet
-werden. Denn der gemeinsame Stammvater einer ganzen Familie von Arten,
-welche jetzt durch Erlöschung in verschiedene Gruppen und Untergruppen
-gespalten ist, wird einige seiner Charaktere in verschiedener Art
-und Abstufung modifizirt allen gemeinsam mitgetheilt haben, und die
-verschiedenen Arten werden demnach nur durch Verwandtschafts-Linien
-von verschiedener Länge miteinander verbunden seyn, welche in weit
-älteren Vorgängern ihren Vereinigungs-Punkt finden, wie es das frühere
-Bild S. 131 darstellt. Wie es schwer ist, die Blutsverwandtschaft
-zwischen den zahlreichen Angehörigen einer alten adeligen Familie
-sogar mit Hilfe eines Stammbaums zu zeigen, und fast unmöglich
-es ohne dieses Hilfsmittel zu thun, so begreift man auch die
-manchfaltigen Schwierigkeiten, auf welche Naturforscher, ohne die
-Hilfe einer bildlichen Skizze, stossen, wenn sie die verschiedenen
-Verwandtschafts-Beziehungen zwischen den vielen lebenden und
-erloschenen Gliedern einer grossen natürlichen Klasse nachweisen wollen.
-
-Erlöschen hat, wie wir im vierten Kapitel gesehen, einen grossen
-Antheil an der Bildung und Erweiterung der Lücken zwischen den
-verschiedenen Gruppen in jeder Klasse. Wir können Diess eben so
-wie die Trennung ganzer Klassen von einander, wie z. B. die der
-Vögel von allen andern Wirbelthieren, durch die Annahme erklären,
-dass viele alte Lebenformen ganz ausgegangen sind, durch welche die
-ersten Stammältern der Vögel vordem mit den ersten Stammältern der
-übrigen Wirbelthier-Klassen verkettet gewesen. Dagegen sind nur
-wenige solche Lebenformen erloschen, welche einst die Fische mit
-den Batrachiern verbanden. In noch geringerem Grade ist Diess in
-einigen andern Klassen, wie z. B. bei den Krustern der Fall gewesen,
-wo die wundersamst verschiedenen Formen noch durch eine lange
-aber unterbrochene Verwandtschafts-Kette zusammengehalten werden.
-Erlöschung hat die Gruppen nur getrennt, nicht gemacht. Denn wenn alle
-Formen, welche jemals auf dieser Erde gelebt haben, plötzlich wieder
-erscheinen könnten, so würde es ganz unmöglich seyn, die Gruppen durch
-Definitionen von einander zu unterscheiden, weil alle durch eben so
-feine Abstufungen, wie die zwischen den lebenden Varietäten sind,
-in einander übergehen würden; demungeachtet würde eine natürliche
-Klassifikation oder wenigstens eine natürliche Anordnung möglich seyn.
-Wir können Diess ersehen, indem wir unser Bild (S. 131) umwenden.
-Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L stellen 11 silurische Sippen dar,
-wovon einige grosse Gruppen abgeänderter Nachkommen hinterlassen. Jedes
-Mittelglied zwischen diesen 11 Sippen und deren Urvater so wie jedes
-Mittelglied in allen Ästen und Zweigen ihrer Nachkommenschaft seye
-noch am Leben, und diese Glieder seyen so fein, wie die zwischen den
-feinsten Varietäten abgestuft. In diesem Falle würde es ganz unmöglich
-seyn, die vielfachen Glieder der verschiedenen Gruppen von ihren mehr
-unmittelbaren Ältern oder diese Ältern von ihren alten unbekannten
-Stammvätern durch Definitionen zu unterscheiden. Und doch würde die in
-dem Bilde gegebene natürliche Anordnung ganz gut passen und würden nach
-dem Vererbungs-Prinzip alle von A so wie alle von I herkommenden Formen
-unter sich etwas gemein haben. An einem Baume kann man diesen und jenen
-Zweig unterscheiden, obwohl sich beide in einer Gabel vereinigen und in
-einander fliessen. Wir könnten, wie gesagt, die verschiedenen Gruppen
-nicht definiren; aber wir könnten Typen oder solche Formen hervorheben,
-welche die meisten Charaktere jeder Gruppe, gross oder klein, in
-sich vereinigten, und so eine allgemeine Vorstellung vom Werthe der
-Verschiedenheiten zwischen denselben geben. Diess wäre, was wir thun
-müssten, wenn wir je dahin gelangten, alle Formen einer Klasse, die
-in Zeit und Raum vorhanden gewesen sind, zusammen zu bringen. Wir
-werden zwar gewiss nie im Stande seyn, eine solche Sammlung zu machen,
-demungeachtet aber bei gewissen Klassen in die Lage kommen, jene
-Methode zu versuchen; und ~Milne Edwards~ ist noch unlängst in
-einer vortrefflichen Abhandlung auf der grossen Wichtigkeit bestanden,
-sich an Typen zu halten, gleichviel ob wir im Stande sind oder nicht,
-die Gruppen zu trennen und zu umschreiben, zu welchen diese Typen
-gehören.
-
-Endlich haben wir gesehen, dass Natürliche Züchtung, welche aus dem
-Kampfe um’s Daseyn hervorgeht und mit Erlöschung und mit Divergenz des
-Charakters in den vielen Nachkommen einer herrschenden Stamm-Art fast
-untrennbar verbunden ist, jene grossen und allgemeinen Züge in der
-Verwandtschaft aller organischen Wesen und namentlich ihre Sonderung
-in Gruppen und Untergruppen erklärt. Wir benützen das Element der
-Abstammung bei Klassifikation der Individuen beider Geschlechter
-und aller Alters-Abstufungen in einer Art, wenn sie auch nur wenige
-Charaktere miteinander gemein haben; wir benützen die Abstammung bei
-der Einordnung anerkannter Varietäten, wie sehr sie auch von ihrer
-Stamm-Art abweichen mögen; und ich glaube, dass dieses Element der
-Abstammung das geheime Band ist, welches alle Naturforscher unter
-dem Namen des natürlichen Systemes gesucht haben. Da nach dieser
-Vorstellung das natürliche System, so weit es ausgeführt werden kann,
-genealogisch geordnet ist und die Verschiedenheits-Stufen zwischen den
-Nachkommen gemeinsamer Ältern durch die Ausdrücke Sippen, Familien,
-Ordnungen u. s. w. bezeichnet, so begreifen wir die Regeln, welche wir
-bei unsrer Klassifikation zu befolgen veranlasst sind. Wir begreifen,
-warum wir manche Ähnlichkeit weit höher als andre zu werthen haben;
-warum wir mitunter rudimentäre oder nutzlose oder andre physiologisch
-unbedeutende Organe anwenden dürfen, warum wir bei Vergleichung
-der einen mit der andern Gruppe analoge oder Anpassungs-Charaktere
-verwerfen, obwohl wir dieselben innerhalb der nämlichen Gruppe
-gebrauchen. Es wird uns klar, warum wir alle lebenden und erloschenen
-Formen in ein grosses System zusammen ordnen können, und warum die
-verschiedenen Glieder jeder Klasse in der verwickeltesten und nach
-allen Richtungen verzweigten Weise miteinander verkettet sind. Wir
-werden wahrscheinlich niemals das verwickelte Verwandtschafts-Gewebe
-zwischen den Gliedern einer Klasse entwirren; wenn wir jedoch einen
-einzelnen Gegenstand in’s Auge fassen und nicht nach irgend einem
-unbekannten Schöpfungs-Plane ausschauen, so dürfen wir hoffen, sichere
-aber langsame Fortschritte zu machen.
-
-+Morphologie.+) Wir haben gesehen, dass die Glieder einer Klasse,
-unabhängig von ihrer Lebens-Weise, einander im allgemeinen Plane ihrer
-Organisation gleichen. Diese Übereinstimmung wird oft mit dem Ausdrucke
-„Einheit des Typus“ bezeichnet; oder man sagt, die verschiedenen Theile
-und Organe der verschiedenen Spezies einer Klasse seyen einander
-homolog. Der ganze Gegenstand wird unter dem Namen Morphologie zusammen
-begriffen. Diess ist der interessanteste Theil der Naturgeschichte
-und kann deren wahre Seele genannt werden. Was kann es sonderbareres
-geben, als dass die Greifhand des Menschen, der Grabfuss des Maulwurfs,
-das Rennbein des Pferdes, die Ruderflosse der Seeschildkröte und der
-Flügel der Fledermaus nach demselben Model gearbeitet sind und gleiche
-Knochen in der nämlichen gegenseitigen Lage enthalten. ~Geoffroy
-Saint-Hilaire~ hat beharrlich an der grossen Wichtigkeit
-der wechselseitigen Verbindung der Theile in homologen Organen
-festgehalten; die Theile mögen in fast allen Abstufungen der Form und
-Grösse abändern, aber sie bleiben fest in derselben Weise miteinander
-verbunden. So finden wir z. B. die Knochen des Ober- und des
-Vorder-Arms oder des Ober- und Unter-Schenkels nie aus ihrer Verbindung
-gerissen. Daher kann man dem homologen Knochen in weit verschiedenen
-Thieren denselben Namen geben. Dasselbe grosse Gesetz tritt in der
-Mund-Bildung der Insekten hervor. Was kann verschiedener seyn, als
-die unermesslich lange spirale Saugröhre eines Abend-Schmetterlings,
-der sonderbar zurückgebrochene Rüssel einer Wanze und die grossen
-Hörner eines Hirschkäfers? Und doch werden alle diese zu so ungleichen
-Zwecken dienenden Organe durch unendlich zahlreiche Modifikationen der
-Oberlippe, der Kinnbacken und zweier Paar Kinnladen gebildet. Analoge
-Gesetze herrschen in der Zusammensetzung des Mundes und der Glieder der
-Kruster. Und eben so ist es mit den Blüthen der Pflanzen.
-
-Nichts hat weniger Aussicht auf Erfolg, als ein Versuch diese
-Ähnlichkeit des Bau-Planes in den Gliedern einer Klasse mit Hilfe
-der Nützlichkeits-Theorie oder der Lehre von den endlichen Ursachen
-zu erklären. Die Hoffnungslosigkeit eines solchen Versuches ist von
-~Owen~ in seinem äusserst interessanten Werke „_Nature of
-limbs_“ ausdrücklich anerkannt worden. Nach der gewöhnlichen Ansicht
-von der selbstständigen Schöpfung einer jeden Spezies lässt sich nur
-sagen, dass es so ist, und dass es dem Schöpfer gefallen hat jedes
-Thier und jede Pflanze so zu machen.
-
-Dagegen ist die Erklärung handgreiflich nach der Theorie der
-Natürlichen Züchtung durch Häufung aufeinander-folgender geringer
-Abänderungen, deren jede der abgeänderten Form einigermassen nützlich
-ist, welche aber in Folge der Wechselbeziehungen des Wachsthums oft
-auch andre Theile der Organisation mit berühren. Bei Abänderungen
-dieser Art wird sich nur wenig oder gar keine Neigung zu Änderung des
-ursprünglichen Bau-Plans oder zu Versetzung der Theile zeigen. Die
-Knochen eines Beines können in jeder Grösse verlängert oder verkürzt,
-sie können stufenweise in dicke Häute eingehüllt werden, um ein Ruder
-zu bilden; oder ein mit einer Binde-Haut zwischen den Zehen versehener
-Fuss (Schwimmfuss) kann alle seine Knochen oder gewisse Knochen bis
-zu irgend einem Maasse verlängern und die Binde-Haut in gleichem
-Verhältniss vergrössern, so dass er als Flügel zu dienen im Stande
-ist: und doch ist ungeachtet aller so bedeutender Abänderungen keine
-Neigung zu einer Änderung der Knochen-Bestandtheile an sich oder zu
-einer andern Zusammenfügung derselben vorhanden. Wenn wir unterstellen,
-dass der alte Stamm-Vater oder Urtypus, wie man ihn nennen kann, aller
-Säugthiere seine Beine, zu welchem Zwecke sie auch bestimmt gewesen
-seyn mögen, nach dem vorhandenen allgemeinen Plane gebildet hatte, so
-werden wir sofort die klare Bedeutung der homologen Bildung der Beine
-in der ganzen Klasse begreifen. Wenn wir ferner hinsichtlich des Mundes
-der Insekten einfach unterstellen, dass ihr gemeinsamer Stammvater
-eine Oberlippe, Kinnbacken und zwei Paar Unterkiefer vielleicht von
-sehr einfacher Form besessen, so wird Natürliche Züchtung auf irgend
-eine ursprünglich erschaffene Form wirkend vollkommen zur Erklärung
-der unendlichen Verschiedenheit in den Bildungen und Verrichtungen des
-Mundes der Insekten genügen. Demungeachtet ist es begreiflich, dass das
-ursprünglich gemeinsame Muster eines Organes allmählich ganz verloren
-gehen kann, seye es durch Atrophie und endliche vollständige Resorption
-gewisser Bestandtheile, oder durch Verwachsung einiger Theile, oder
-durch Verdoppelung oder Vervielfältigung andrer: Abänderungen, die nach
-unsrer Erfahrung alle in den Grenzen der Möglichkeit liegen. Nur in
-den Ruderfüssen gewisser ausgestorbner Eidechsen (Ichthyosaurus) und
-in den Theilen des Saugmundes gewisser Kruster scheint der gemeinsame
-Grundplan bis zu einem gewissen Grade verwischt zu seyn.
-
-Ein andrer Zweig der Morphologie beschäftigt sich mit der
-Vergleichung, nicht des nämlichen Theiles in verschiedenen Gliedern
-einer Klasse, sondern der verschiedenen Theile oder Organe eines
-nämlichen Individuums. Die meisten Physiologen glauben, dass die
-Knochen des Schädels homolog[44] -- d. h. in Zahl und beziehungsweiser
-Lage übereinstimmend -- seyen mit den Knochen-Elementen einer gewissen
-Anzahl Wirbel. Die vorderen und die hinteren Gliedmaassen eines jeden
-Thieres in den Kreisen der Wirbel- und der Kerb-Thiere sind offenbar
-homolog zu einander. Dasselbe Gesetz bewährt sich auch bei Vergleichung
-der wunderbar zusammengesetzten Kinnladen mit den Beinen der Kruster.
-Fast Jedermann weiss, dass in einer Blume die gegenseitige Stellung
-der Kelch- und der Kronen-Blätter und der Staubfäden und Staubwege zu
-einander eben so wie deren innere Struktur aus der Annahme erklärbar
-werden, dass es metamorphosirte spiralständige Blätter seyen. Bei
-monströsen Pflanzen sehen wir nicht selten den direkten Beweis von
-der Möglichkeit der Umbildung eines dieser Organe in’s andere. Auch
-bei embryonischen Krustazeen u. a. Thieren erkennen wir so wie bei
-den Blüthen, dass Organe, die im reifen Zustande äusserst verschieden
-von einander sind, auf ihren ersten Entwickelungs-Stufen einander
-ausserordentlich gleichen.
-
-Wie unerklärbar sind diese Erscheinungen nach der gewöhnlichen Ansicht
-von der Schöpfung! Warum ist doch das Gehirn in einen aus so vielen und
-so aussergewöhnlich geordneten Knochen-Stücken zusammengesetzten Kasten
-eingeschlossen! Wie Owen bemerkt, kann der Vortheil, welcher aus einer
-der Trennung der Theile entsprechenden Nachgiebigkeit des Schädels
-für den Geburts-Akt bei den Säugthieren entspringt, keinenfalls die
-nämliche Bildungs-Weise desselben bei den Vögeln erklären. Oder warum
-sind den Fledermäusen dieselben Knochen wie den übrigen Säugthieren
-zu Bildung ihrer Flügel anerschaffen worden, da sie dieselben doch zu
-gänzlich verschiedenen Zwecken gebrauchen? Und warum haben Kruster
-mit einem aus zahlreicheren Organen-Paaren zusammengesetzten Munde
-in gleichem Verhältnisse weniger Beine, oder umgekehrt die mit mehr
-Beinen versehenen weniger Mund-Theile? Endlich, warum sind die Kelch-
-und Kronen-Blätter, die Staubgefässe und Staubwege einer Blüthe, trotz
-ihrer Bestimmung zu so gänzlich verschiedenen Zwecken, alle nach
-demselben Muster gebildet?
-
-Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung können wir alle diese Fragen
-genügend beantworten. Bei den Wirbelthieren sehen wir eine Reihe
-innerer Wirbel gewisse Fortsätze und Anhänge entwickeln; bei den
-Kerbthieren ist der Körper in eine Reihe Segmente mit äusseren Anhängen
-geschieden; und bei den Pflanzen sehen wir die Blätter auf eine Anzahl
-über einander folgender Umgänge einer Spirale regelmässig vertheilt.
-Eine unbegrenzte Wiederholung desselben Theiles oder Organes ist, wie
-~Owen~ bemerkt hat, das gemeinsame Attribut aller niedrig oder
-wenig modifizirten Formen[45]; daher wir leicht annehmen können, der
-unbekannte Stammvater aller Wirbelthiere habe viele Wirbel besessen,
-der aller Kerbthiere viele Körper-Segmente und der der Blüthen-Pflanzen
-viele Blatt-Spiralen. Wir haben ferner gesehen, dass Theile, die sich
-oft wiederholen, sehr geneigt sind, in Zahl und Struktur zu variiren;
-daher es ganz wahrscheinlich ist, dass Natürliche Züchtung mittelst
-lange fortgesetzter Abänderung eine gewisse Anzahl der sich oft
-wiederholenden ähnlichen Bestandtheile des Skelettes ganz verschiedenen
-Bestimmungen angepasst habe. Und da das ganze Maass der Abänderung
-nur in unmerklichen Abstufungen bewirkt worden, so dürfen wir uns
-nicht wundern, in solchen Theilen oder Organen noch einen gewissen
-Grad fundamentaler Ähnlichkeit nach dem strengen Erblichkeits-Prinzip
-zurückbehalten zu finden.
-
-In der grossen Klasse der Mollusken lassen sich zwar Homologie’n
-zwischen Theilen verschiedener Spezies, aber nur wenige
-Reihen-Homologie’n nachweisen, d. h. wir sind selten im Stande
-zu sagen, dass ein Theil oder Organ mit einem andern im nämlichen
-Individuum homolog seye. Diess lässt sich wohl erklären, weil wir
-nicht einmal bei den untersten Gliedern des Weichthier-Kreises solche
-unbegrenzte Wiederholung einzelner Theile wie in den übrigen grossen
-Klassen des Thier- und Pflanzen-Reiches finden.
-
-Die Naturforscher stellen die Schädel oft als eine Reihe
-metamorphosirter Wirbel, die Kinnladen der Krabben als metamorphosirte
-Beine, die Staubgefässe und Staubwege der Blumen als metamorphosirte
-Blätter dar; doch würde es, wie Prof. ~Huxley~ bemerkt hat,
-wahrscheinlich richtiger seyn zu sagen, Schädel wie Wirbel, Kinnladen
-wie Beine u. s. w. seyen nicht eines aus dem andern, sondern beide
-aus einem gemeinsamen Elemente entstanden. Inzwischen gebrauchen
-die Naturforscher jenen Ausdruck nur in bildlicher Weise, indem
-sie weit von der Meinung entfernt sind, dass Primordial-Organe
-irgend welcher Art -- Wirbel im einen und Beine im andern Falle --
-während einer langen Reihe von Generationen wirklich in Schädel und
-Kinnladen umgebildet worden seyen. Und doch ist der Anschein, dass
-eine derartige Modifikation stattgefunden habe, so vollkommen, dass
-dieselben Naturforscher schwer vermeiden können, eine diesem letzten
-Sinne entsprechende Ausdrucks-Weise zu gebrauchen. Nach meiner eigenen
-Anschauungs-Weise aber sind jene Ausdrücke in der That nur wörtlich zu
-nehmen, um die wunderbare Erscheinung zu erklären, dass die Kinnladen
-z. B. eines Krabben zahlreiche Merkmale an sich tragen, welche
-dieselben wahrscheinlich geerbt haben müssten, soferne sie wirklich
-während einer langen Generationen-Reihe durch allmähliche Metamorphose
-aus Beinen oder sonstigen einfachen Anhängen entstanden wären.
-
-+Embryonologie.+) Es ist schon gelegentlich bemerkt worden, dass
-gewisse Organe, welche im reifen Alter der Thiere sehr verschieden
-gebildet und zu ganz abweichenden Diensten bestimmt sind, sich im
-Embryo ganz ähnlich sehen. Eben so sind die Embryonen verschiedener
-Thiere derselben Klasse einander oft sehr ähnlich, wofür sich ein
-besserer Beweis nicht anführen lässt, als die Versicherung von
-~Baer’s~, die Embryonen von Säugthieren, Vögeln, Eidechsen,
-Schlangen und wahrscheinlich auch Schildkröten seyen sich in der
-ersten Zeit im Ganzen sowohl als in der Bildungs-Weise ihrer einzelnen
-Theile so ähnlich, dass man sie nur an ihrer Grösse unterscheiden
-könne. Ich besitze zwei Embryonen im Weingeist aufbewahrt, deren
-Namen ich beizuschreiben vergessen habe, und nun bin ich ganz ausser
-Stand zu sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Eidechsen
-oder kleine Vögel oder sehr junge Säugthiere seyn, so vollständig
-ist die Ähnlichkeit in der Bildungs-Weise von Kopf und Rumpf dieser
-Thiere, und die Extremitäten fehlen noch. Aber auch wenn sie
-vorhanden wären, so würden sie auf ihrer ersten Entwickelungs-Stufe
-nichts beweisen; denn die Beine der Eidechsen und Säugthiere, die
-Flügel und Beine der Vögel nicht weniger als die Hände und Füsse
-des Menschen: alle entspringen aus der nämlichen Grundform. -- Die
-Wurm-förmigen Larven der Motten, Fliegen, Käfer u. s. w. gleichen
-einander viel mehr, als die reifen Insekten. In den Larven verräth
-sich noch die Einförmigkeit des Embryo’s; das reife Insekt ist den
-speziellen Lebens-Bedingungen angepasst. Zuweilen geht eine Spur
-der embryonischen Ähnlichkeit noch in ein spätres Alter über; so
-gleichen Vögel derselben Sippe oder nahe verwandter Genera einander
-oft in ihrem ersten und zweiten Jugend-Kleide: alle Drosseln z. B.
-in ihrem gefleckten Gefieder. In der Katzen-Familie sind die meisten
-Arten gestreift oder streifenweise gefleckt; und solche Streifen oder
-Flecken sind auch noch am neugeborenen Jungen des Löwen und des Puma
-vorhanden. Wir sehen zuweilen, aber selten, auch etwas der Art bei
-den Pflanzen. So sind die Embryonal-Blätter des Ulex und die ersten
-Blätter der neuholländischen Acacien, welche später nur noch Phyllodien
-hervorbringen, zusammengesetzt oder gefiedert, wie die gewöhnlichen
-Leguminosen-Blätter. Diejenigen Punkte der Organisation, worin die
-Embryonen ganz verschiedener Thiere einer und derselben Klasse sich
-gegenseitig gleichen, haben oft keine unmittelbare Beziehung zu
-ihren Existenz-Bedingungen. Wir können z. B. nicht annehmen, dass in
-den Embryonen der Wirbelthiere der eigenthümliche Schleifen-artige
-Verlauf der Arterien nächst den Kiemen-Schlitzen des Halses mit der
-Ähnlichkeit der Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehe im jungen
-Säugthiere, das im Mutterleibe ernährt wird, wie im Vogel, welcher
-dem Eie entschlüpft, und im Frosche, der sich im Laiche unter Wasser
-entwickelt. Wir haben nicht mehr Grund, an einen solchen Zusammenhang
-zu glauben, als anzunehmen, dass die Übereinstimmung der Knochen in der
-Hand des Menschen, im Flügel einer Fledermaus und im Ruderfusse einer
-Schildkröte mit einer Übereinstimmung der äussern Lebens-Bedingungen in
-Verbindung stehe. Niemand denkt, dass die Streifen an dem jungen Löwen
-oder die Flecken an der jungen Schwarzdrossel (Amsel) diesen Thieren
-nützen oder mit den Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehen, welchen
-sie ausgesetzt sind.
-
-Anders verhält sich jedoch die Sache, wenn ein Thier während eines
-Theiles seiner Embryo-Laufbahn thätig ist und für sich selbst zu
-sorgen hat. Die Periode dieser Thätigkeit kann früher oder kann später
-im Leben kommen; doch, wann immer sie kommen mag, die Anpassung
-der Larve an ihre Lebens-Bedingungen ist eben so vollkommen und
-schön, wie die des reifen Thieres an die seinige. Durch derartige
-eigenthümliche Anpassungen wird dann zuweilen auch die Ähnlichkeit
-der thätigen Larven oder Embryonen einander verwandter Thiere schon
-sehr verdunkelt; und es liessen sich Beispiele anführen, wo die Larven
-zweier Arten und sogar Arten-Gruppen eben so sehr oder noch mehr von
-einander verschieden sind, als ihre reifen Ältern. In den meisten
-Fällen jedoch gehorchen auch die thätigen Larven noch mehr und weniger
-dem Gesetze der embryonalen Ähnlichkeit. Die Cirripeden liefern einen
-guten Beleg dafür: selbst der berühmte ~Cuvier~ erkannte nicht,
-dass dieselben Kruster seyen; aber schon ein Blick auf ihre Larven
-verräth Diess in unverkennbarer Weise. Und eben so haben die zwei
-Haupt-Abtheilungen der Cirripeden, die gestielten und die sitzenden,
-welche in ihrem äusseren Ansehen so sehr von einander abweichen,
-Larven, die in allen ihren Entwickelungs-Stufen kaum unterscheidbar
-sind.
-
-Während des Verlaufes seiner Entwickelung steigt der Embryo gewöhnlich
-in der Organisation: ich gebrauche diesen Ausdruck, obwohl ich weiss,
-dass es kaum möglich ist, genau anzugeben, was unter höherer oder
-tieferer Organisation zu verstehen seye. Niemand wird wohl bestreiten,
-dass der Schmetterling höher organisirt seye als die Raupe. In einigen
-Fällen jedoch, wie bei parasitischen Krustern, sieht man allgemein
-das reife Thier für tieferstehend als die Larve an. Ich beziehe mich
-wieder auf die Cirripeden. Auf ihrer ersten Stufe hat die Larve drei
-Paar Füsse, ein sehr einfaches Auge und einen Rüssel-förmigen Mund,
-womit sie reichliche Nahrung aufnimmt; denn sie wächst schnell an
-Grösse zu. Auf der zweiten Stufe, dem Raupen-Stande des Schmetterlings
-entsprechend, hat sie sechs Paar schön gebauter Schwimm-Füsse, ein Paar
-herrlich zusammengesetzter Augen und äusserst zusammengesetzte Fühler,
-aber einen geschlossenen Mund, der keine Nahrung aufnehmen kann;
-ihre Verrichtung auf dieser Stufe ist, einen zur Befestigung und zur
-letzten Metamorphose geeigneten Platz mittelst ihres wohl-entwickelten
-Sinnes-Organes zu suchen und mit ihren mächtigen Schwimm-Werkzeugen
-zu erreichen. Wenn diese Aufgabe erfüllt ist, so bleibt das Thier
-lebenslänglich an seiner Stelle befestigt; seine Beine verwandeln sich
-in Greif-Organe; es bildet sich ein wohl zusammengesetzter Mund aus;
-aber es hat keine Fühler, und seine beiden Augen haben sich jetzt
-wieder in einen kleinen und ganz einfachen Augenfleck verwandelt. In
-diesem letzten und vollständigen Zustande kann man die Cirripeden als
-höher oder als tiefer organisirt betrachten, als sie im Larven-Stande
-gewesen sind. In einigen ihrer Sippen jedoch entwickeln sich die Larven
-entweder zu Hermaphroditen von der gewöhnlichen Bildung oder zu (von
-mir so genannten) komplementären Männchen; und in diesen letzten ist
-die Entwickelung gewiss zurückgeschritten, denn sie bestehen in einem
-blossen Sack mit kurzer Lebens-Frist, ohne Mund, Magen oder andres
-wichtiges Organ, das der Reproduktion ausgenommen.
-
-Wir sind so sehr gewöhnt, Struktur-Verschiedenheiten zwischen
-Embryonen und erwachsenen Organismen zu sehen und eben so eine grosse
-Ähnlichkeit zwischen den Embryonen weit verschiedener Thiere derselben
-Klasse zu finden, dass man sich versucht fühlt, diese Erscheinungen
-als nothwendig in gewisser Weise zusammentreffend mit der Entwickelung
-zu betrachten. Inzwischen ist doch kein Grund einzusehen, warum der
-Plan z. B. zum Flügel der Fledermaus oder zum Ruder der Seeschildkröte
-nach allen ihren Theilen in angemessener Proportion nicht schon im
-Embryo entworfen worden seyn soll, sobald nur irgend eine Struktur in
-demselben sichtbar wurde. Und in einigen ganzen Thier-Gruppen sowohl
-als in gewissen Gliedern andrer Gruppen weicht der Embryo zu keiner
-Zeit seines Lebens weit vom Erwachsenen ab; -- daher ~Owen~
-in Bezug auf die Sepien bemerkt hat: „da ist keine Metamorphose; der
-Cephalopoden-Charakter ist deutlich schon weit früher als die Theile
-des Embryo’s vollständig sind“, und in Bezug auf die Spinnen: „da ist
-nichts, was die Benennung Metamorphose verdiente“. Die Insekten-Larven,
-mögen sie nun thätig und den verschiedenartigsten Diensten angepasst
-oder unthätig von ihren Ältern gefüttert oder mitten in die ihnen
-angemessene Nahrung hineingesetzt werden, so haben doch alle eine
-ähnliche wurmförmige Entwickelungs-Stufe zu durchlaufen; nur in einigen
-wenigen Fällen ist, wie bei Aphis nach den herrlichen Zeichnungen
-~Huxley’s~ zu urtheilen, keine Spur eines wurmförmigen Zustandes
-zu finden[46].
-
-Wie sind aber dann diese verschiedenen Erscheinungen der Embryologie zu
-erklären? -- namentlich die sehr gewöhnliche wenn auch nicht allgemeine
-Verschiedenheit der Organisation des Embryo’s und des Erwachsenen? --
-die ausserordentlich weit auseinanderlaufende Bildung und Verrichtung
-von anfangs ganz ähnlichen Theilen eines und desselben Embryos? --
-die fast allgemeine obschon nicht ausnahmslose Ähnlichkeit zwischen
-Embryonen verschiedener Spezies einer Klasse? -- die besondre Anpassung
-der Struktur des Embryo’s an seine Existenz-Bedingungen bloss in dem
-Falle, dass er zu irgend einer Zeit thätig ist und für sich selbst
-zu sorgen hat? -- die zuweilen anscheinend höhere Organisation des
-Embryo’s, als des reifen Thieres, in welches er übergeht? Ich glaube,
-dass sich alle diese Erscheinungen auf folgende Weise aus der Annahme
-einer Abstammung mit Abänderung erklären lassen.
-
-Gewöhnlich unterstellt man, vielleicht weil Monstrositäten sich oft
-sehr früh am Embryo zu zeigen beginnen, dass geringe Abänderungen
-nothwendig in einer gleichmässig frühen Periode des Embryos zum
-Vorschein kommen. Doch haben wir dafür wenig Beweise, und der Anschein
-spricht sogar für das Gegentheil; denn es ist bekannt, dass die Züchter
-von Rindern, Pferden und verschiedenen Thieren der Liebhaberei erst
-eine gewisse Zeit nach der Geburt des jungen Thieres zu sagen im Stande
-sind, welche Form oder Vorzüge es schliesslich zeigen wird. Wir sehen
-Diess deutlich bei unsern Kindern; wir können nicht immer sagen, ob die
-Kinder von schlanker oder gedrungener Figur seyn oder wie sonst genau
-aussehen werden. Die Frage ist nicht: in welcher Lebens-Periode eine
-Abänderung verursacht, sondern in welcher sie vollkommen entwickelt
-seyn wird. Die Ursache kann schon gewirkt haben und hat nach meiner
-Meinung gewöhnlich gewirkt, ehe sich der Embryo gebildet hat; und die
-Abänderung kann davon herkommen, dass das männliche oder das weibliche
-Element durch die Lebens-Bedingungen berührt worden ist, welchen die
-Ältern oder deren Vorgänger ausgesetzt gewesen sind. Demungeachtet
-kann die so in sehr früher Zeit und selbst vor der Bildung des Embryos
-veranlasste Wirkung erst spät im Leben hervortreten, wie z. B. auch
-eine erbliche Krankheit, die dem Alter angehört, von dem reproduktiven
-Elemente eines der Ältern auf die Nachkommen übertragen, oder die
-Hörner-Form eines Blendlings aus einer lang- und einer kurz-hörnigen
-Rasse von den Hörnern der beiden Ältern bedingt wird. Für das Wohl
-eines sehr jungen Thieres, so lange es noch im Mutterleibe oder im
-Ei eingeschlossen ist oder von seinen Ältern genährt und geschützt
-wird, muss es hinsichtlich der meisten Charaktere ganz unwesentlich
-seyn, ob es dieselben etwas früher oder später im Leben erlangt. Es
-würde z. B. für einen Vogel, der sich sein Futter am besten mit einem
-langen Schnabel verschaffte, gleichgültig seyn, ob er die entsprechende
-Schnabel-Länge schon bekömmt, so lange er noch von seinen Ältern
-gefüttert wird, oder nicht. Daher, schliesse ich, ist es ganz möglich,
-dass jede der vielen nacheinander folgenden Modifikationen, wodurch
-eine Art ihre gegenwärtige Bildung erlangt hat, in einer nicht sehr
-frühen Lebens-Zeit eingetreten seye; und einige direkte Belege von
-unseren Hausthieren unterstützen diese Ansicht. In anderen Fällen aber
-ist es eben so möglich, dass alle oder die meisten dieser Umbildungen
-in einer sehr frühen Zeit hervorgetreten sind.
-
-Ich habe im ersten Kapitel behauptet, dass einige Wahrscheinlichkeit
-vorhanden ist, dass eine Abänderung, die in irgend welcher
-Lebens-Zeit der Ältern zum Vorschein gekommen, sich auch in gleichem
-Alter wieder beim Jungen zeige. Gewisse Abänderungen können nur
-in sich entsprechenden Altern wieder erscheinen, wie z. B. die
-Eigenthümlichkeiten der Raupe oder der Puppe des Seidenschmetterlings,
-oder der Hörner des fast ausgewachsenen Rindes. Aber auch ausserdem
-möchten, soviel zu ersehen, Abänderungen, welche einmal früher
-oder später im Leben eingetreten sind, zum Wiedererscheinen im
-entsprechenden Alter des Nachkommen geneigt seyn. Ich bin weit
-entfernt zu glauben, dass Diess unabänderlich der Fall ist, und könnte
-selbst eine gute Anzahl von Beispielen anführen, wo Abänderungen (im
-weitesten Sinne des Wortes genommen) im Kinde früher als in den Ältern
-eingetreten sind.
-
-Diese zwei Prinzipien, ihre Richtigkeit zugestanden, werden alle
-oben aufgezählten Haupt-Erscheinungen in der Embryologie erklären.
-Doch, sehen wir uns zuerst nach einigen analogen Fällen bei unseren
-Hausthier-Varietäten um. Einige Autoren, die über den Hund geschrieben,
-behaupten der Windhund und der Bullenbeisser seyen, wenn auch noch so
-verschieden von Aussehen, in der That sehr nahe verwandte Varietäten,
-wahrscheinlich vom nämlichen wilden Stamme entsprossen. Ich war daher
-begierig zu erfahren, wie weit ihre neu-geworfenen Jungen von einander
-abweichen. Züchter sagten mir, dass sie beinahe eben so verschieden
-seyen, wie ihre Ältern; und nach dem Augenschein war Diess auch
-ziemlich der Fall. Aber bei wirklicher Ausmessung der alten Hunde und
-der 6 Tage alten Jungen, fand ich, dass diese letzten noch nicht ganz
-die abweichenden Maass-Verhältnisse angenommen hatten. Eben so vernahm
-ich, dass die Füllen des Karren- und des Renn-Pferdes eben so sehr wie
-die ausgewachsenen Thiere von einander abweichen, was mich höchlich
-wunderte, da es mir wahrscheinlich gewesen, dass die Verschiedenheit
-zwischen diesen zwei Rassen lediglich eine Folge der Züchtung im
-Zähmungs-Zustande seye. Als ich demnach sorgfältige Ausmessungen an
-der Mutter und dem drei Tage alten Füllen eines Renners und eines
-Karren-Gauls vornahm, so fand ich, dass die Füllen noch keineswegs die
-ganze Verschiedenheit in ihren Maass-Verhältnissen besassen.
-
-Da es mir erwiesen scheint, dass die verschiedenen Haustauben-Rassen
-von nur einer wilden Art herstammen, so verglich ich junge Tauben
-verschiedener Rassen 12 Stunden nach dem Ausschlüpfen miteinander;
-ich mass die Verhältnisse (wovon ich die Einzelnheiten hier nicht
-mittheilen will) zwischen dem Schnabel, der Weite des Mundes, der Länge
-der Nasenlöcher und des Augenlides, der Läufe und Zehen sowohl beim
-wilden Stamme, als bei Kröpfern, Pfauen-Tauben, Runt- und Barb-Tauben
-(S. 27), Drachen- und Boten-Tauben und Purzlern. Einige von diesen
-Vögeln weichen im reifen Zustande so ausserordentlich in der Länge und
-Form des Schnabels von einander ab, dass man sie, wären sie natürliche
-Erzeugnisse, zweifelsohne in ganz verschiedene Genera bringen würde.
-Wenn man aber die Nestlinge dieser verschiedenen Rassen in eine Reihe
-ordnet, so erscheinen die Verschiedenheiten ihrer Proportionen in
-den genannten Beziehungen, obwohl man die meisten derselben noch von
-einander unterscheiden kann, unvergleichbar geringer, als in den
-ausgewachsenen Vögeln. Einige charakteristische Differenz-Punkte der
-Alten, wie z. B. die Weite des Mundspaltes, sind an den Jungen noch
-kaum zu entdecken. Es war nur eine merkwürdige Ausnahme von dieser
-Regel, indem die Jungen des kurzstirnigen Purzlers von den Jungen der
-wilden Felstaube und der andren Rassen in allen Maass-Verhältnissen
-fast genau ebenso verschieden waren, wie im erwachsenen Zustande[47].
-
-Die zwei oben aufgestellten Prinzipien scheinen mir diese Thatsachen
-in Bezug auf die letzten Embryo-Zustände unsrer zahmen Varietäten zu
-erklären. Liebhaber wählen ihre Pferde, Hunde und Tauben zur Nachzucht
-aus, wann sie nahezu ausgewachsen sind. Es ist ihnen gleichgültig, ob
-die verlangten Bildungen und Eigenschaften früher oder später im Leben
-zum Vorschein kommen, wenn nur das ausgewachsene Thier sie besitzt. Und
-die eben mitgetheilten Beispiele insbesondre von den Tauben scheinen zu
-zeigen, dass die charakteristischen Verschiedenheiten, welche den Werth
-einer jeden Rasse bedingen und durch künstliche Züchtung gehäuft worden
-sind, gewöhnlich nicht in früher Lebens-Periode zum Vorschein gekommen
-und somit auch erst in einem entsprechenden späteren Lebens-Alter auf
-den Nachkommen übergingen. Aber der Fall mit dem kurzstirnigen Purzler,
-welcher schon in einem Alter von zwölf Stunden seine eigenthümlichen
-Maass-Verhältnisse besitzt, beweist, dass Diess keine allgemeine Regel
-ist; denn hier müssen die charakteristischen Unterschiede entweder
-in einer frühern Periode als gewöhnlich erschienen seyn, oder wenn
-nicht, so müssen die Unterschiede statt in dem entsprechenden in einem
-früheren Alter vererbt worden seyn.
-
-Wenden wir nun diese Erscheinungen und die zwei obigen Prinzipien,
-die, wenn auch noch nicht erwiesen, doch einigermaassen wahrscheinlich
-sind, auf die Arten im Natur-Zustande an. Nehmen wir eine Vogel-Sippe
-an, die nach meiner Theorie von irgend einer gemeinsamen Stamm-Art
-herkommt, und deren verschiedenen neuen Arten durch natürliche Züchtung
-in Übereinstimmung mit ihren verschiedenen Lebens-Weisen modifizirt
-worden sind. Dann werden in Folge der vielen successiven kleinen
-Abänderungs-Stufen, welche in späterem Alter eingetreten sind und
-sich in entsprechendem Alter weiter vererbt haben, die Jungen aller
-neuen Arten unsrer unterstellten Sippe sich einander offenbar mehr
-zu gleichen geneigt seyn, als es bei den Alten der Fall, gerade so
-wie wir es bei den Tauben gesehen haben. Dehnen wir diese Ansicht auf
-ganze Familien oder selbst Klassen aus. Die vordern Gliedmaassen z. B.,
-welche der Stamm-Art als Beine gedient, mögen in Folge lang-währender
-Modifikation bei einem Nachkommen zu den Diensten der Hand, bei einem
-andern zu denen des Ruders und bei einem Dritten zu solchen des Flügels
-angepasst worden seyn: so werden nach den zwei obigen Prinzipien, dass
-nämlich jede der successiven Modifikationen in einem späteren Alter
-entstand und sich auch erst in einem entsprechenden späteren Alter
-vererbte, die vordern Gliedmaassen in den Embryonen der verschiedenen
-Nachkommen der Stamm-Art einander noch sehr ähnlich seyn; denn sie
-sind von den Modifikationen nicht betroffen worden. Nun werden aber
-in jeder unsrer neuen Arten die embryonischen Vordergliedmaassen sehr
-von denen des reifen Thieres verschieden seyn, weil diese letzten
-erst in spätrer Lebens-Periode grosse Abänderung erfahren haben und
-in Hände, Ruder und Flügel umgewandelt worden sind. Was immer für
-einen Einfluss lange fortgesetzter Gebrauch und Übung einerseits und
-Nichtgebrauch andrerseits auf die Abänderung eines Organes haben mag,
-so wird ein solcher Einfluss hauptsächlich das reife Thier betreffen,
-welches bereits zu seiner ganzen Thatkraft gelangt ist und sein Leben
-selber fristen muss; und die so entstandenen Wirkungen werden sich im
-entsprechenden reifen Alter vererben. Daher rührt es, dass das Junge
-durch die Folgen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs nicht verändert wird
-oder nur wenige Abänderung erfährt.
-
-In gewissen Fällen mögen die aufeinander-folgenden Abänderungs-Stufen,
-aus uns ganz unbekannten Gründen, schon in sehr früher Lebens-Zeit
-erfolgen, oder jede solche Stufe in einer früheren Lebens-Periode
-vererbt werden, als worin sie zuerst entstanden ist. In beiden Fällen
-wird das Junge oder der Embryo (wie die Beobachtung am kurzstirnigen
-Purzler zeigt) der reifen älterlichen Form vollkommen gleichen.
-Wir haben gesehen, dass Diess die Regel ist in einigen ganzen
-Thier-Gruppen, bei den Sepien und Spinnen, und in einigen wenigen
-Fällen auch in der grossen Klasse der sechsfüssigen Insekten, wie
-namentlich bei den Blattläusen. Was nun die End-Ursache betrifft, warum
-das Junge in diesen Fällen keine Metamorphose durchläuft oder seinen
-Ältern von der frühesten Stufe an schon gleicht, so kann Diess etwa von
-den folgenden zwei Bedingungen herrühren: erstens davon, dass das Junge
-im Verlaufe seiner durch viele Generationen fortgesetzten Abänderung
-schon von sehr früher Entwickelungs-Stufe an für seine eignen
-Bedürfnisse zu sorgen hatte, und zweitens davon, dass es genau dieselbe
-Lebens-Weise wie seine Ältern befolgte. Vielleicht ist jedoch noch eine
-Erklärung erforderlich, warum der Embryo keine Metamorphose durchläuft?
-Wenn auf der andern Seite es dem Jungen vortheilhaft ist, eine von der
-älterlichen etwas verschiedene Lebens-Weise einzuhalten und demgemäss
-einen etwas abweichenden Bau zu haben, so kann nach dem Prinzip der
-Vererbung in übereinstimmenden Lebens-Zeiten die thätige Larve oder das
-Junge durch Natürliche Züchtung leicht eine in merklichem Grade von
-der seiner Ältern abweichende Bildung erlangen. Solche Abweichungen
-können auch mit den aufeinander folgenden Entwickelungs-Stufen in
-Wechselbeziehung treten, so dass die Larve auf ihrer ersten Stufe
-weit von der Larve auf der zweiten Stufe abweicht, wie wir bei den
-Cirripeden gesehen haben. Das Alte kann sich Lagen und Gewohnheiten
-anpassen, wo ihm Bewegungs-, Sinnes- oder andere Organe nutzlos werden,
-und in diesem Falle kann man dessen letzte Metamorphose als eine
-zurückschreitende bezeichnen.
-
-Wenn alle organischen Wesen, welche noch leben oder jemals auf dieser
-Erde gelebt haben, zusammen klassifizirt werden sollten, so würde,
-da alle durch die feinsten Abstufungen mit einander verkettet sind,
-die beste, oder in der That, wenn unsre Sammlungen einigermaassen
-vollständig wären, die einzige mögliche Anordnung derselben die
-genealogische seyn. Gemeinsame Abstammung ist nach meiner Ansicht das
-geheime Band, welches die Naturforscher unter dem Namen Natürliches
-System gesucht haben. Von dieser Annahme aus begreifen wir, woher
-es kommt, dass in den Augen der meisten Naturforscher die Bildung
-des Embryos für die Klassifikation noch wichtiger als die des
-Erwachsenen ist. Denn der Embryo ist das Thier in seinem weniger
-modifizirten Zustande und enthüllet uns in so ferne die Struktur eines
-Stammvaters. Zwei Thier-Gruppen mögen jetzt in Bau und Lebens-Weise
-noch so verschieden von einander seyn; wenn sie gleiche oder ähnliche
-Embryo-Stände durchlaufen, so dürfen wir uns überzeugt halten, dass
-beide von denselben oder von einander sehr ähnlichen Ältern abstammen
-und desshalb in entsprechendem Grade einander nahe verwandt sind. So
-verräth Übereinstimmung in der Embryo-Bildung gemeinsame Abstammung.
-Sie verräth diese gemeinsame Abstammung, wie sehr auch die Organisation
-des Alten abgeändert und verhüllt worden seyn mag; denn wir haben
-gesehen, dass die Cirripeden z. B. an ihren Larven sogleich als zur
-grossen Klasse der Kruster gehörig erkannt werden können. Da der
-Embryo-Zustand einer jeden Art und jeden Arten-Gruppe uns theilweise
-den Bau ihrer alten noch wenig modifizirten Stamm-Formen überliefert,
-so ergibt sich auch deutlich, warum alte und erloschene Lebenformen
-den Embryonen ihrer Nachkommen, unsren heutigen Sippen nämlich,
-gleichen. Agassiz hält Diess für ein Natur-Gesetz; ich bin aber zu
-bekennen genöthigt, dass ich erst später das Gesetz noch bestätigt zu
-sehen hoffe. Denn es lässt sich nur in den Fällen allein beweisen, wo
-der alte, angeblich in den jetzigen Embryonen vertretene Zustand in
-dem langen Verlaufe andauernder Modifikation weder durch successive
-in einem frühen Lebens-Alter erfolgte Abänderungen noch durch
-Vererbung der Abweichungen auf ein früheres Lebens-Alter, als worin
-sie ursprünglich aufgetreten sind, vermischt worden ist. Auch ist zu
-erwägen, dass das angebliche Gesetz der Ähnlichkeit alter Lebenformen
-mit den Embryo-Ständen der neuen ganz wahr seyn und doch, weil sich der
-geologische Schöpfungs-Bericht nicht weit genug rückwärts erstreckt,
-noch auf lange hinaus oder für immer unbeweisbar bleiben kann.
-
-So scheinen sich mir die Haupterscheinungen in der Embryologie, welche
-an naturgeschichtlicher Wichtigkeit keinen andern nachstehen, aus
-dem Prinzip zu erklären: dass geringe Modifikationen in der langen
-Reihe von Nachkommen eines alten Stammvaters, wenn auch vielleicht in
-sehr frühem Älter weiter vererbt worden sind. Die Embryologie gewinnt
-sehr an Interesse, wenn wir uns den Embryo als ein mehr oder weniger
-vererbliches Bild der gemeinsamen Stamm-Form einer jeden grossen
-Thier-Klasse vorstellen.
-
-+Rudimentäre, atrophische und abortive Organe.+) Organe
-oder Theile, in diesem eigenthümlichen Zustande den Stempel der
-Nutzlosigkeit tragend, sind in der Natur äusserst gewöhnlich. So
-sind rudimentäre Zitzen sehr gewöhnlich bei männlichen Säugthieren,
-und ich glaube, dass man den Afterflügel der Vögel getrost als einen
-verkümmerten Finger ansehen darf. In vielen Schlangen ist der eine
-Lungenflügel verkümmert, und in andern Schlangen kommen Rudimente
-des Beckens und der Hinterbeine vor. Einige Beispiele von solchen
-Organen-Rudimenten sind sehr eigenthümlich, wie die Anwesenheit von
-Zähnen bei Wal-Embryonen, die in erwachsenem Zustande nicht einen Zahn
-im ganzen Kopfe haben; und das Daseyn von Schneide-Zähnen am Oberkiefer
-unsrer Kälber vor der Geburt, welche aber niemals das Zahnfleisch
-durchbrechen. Auch ist von einem guten Gewährsmann behauptet worden,
-dass sich Zahn-Rudimente in den Schnäbeln der Embryonen gewisser
-Vögel entdecken lassen. Nichts kann klarer seyn, als dass die Flügel
-zum Fluge gemacht sind; und doch, in wie vielen Insekten sehen wir
-die Flügel so verkleinert, dass sie zum Fluge ganz unbrauchbar und
-überdiess noch unter fest miteinander verwachsenen Flügeldecken
-verborgen liegen.
-
-Die Bedeutung rudimentärer Organe ist oft unverkennbar. So gibt es
-z. B. in einer Sippe (und zuweilen in einer Spezies) beisammen Käfer,
-die sich in allen Beziehungen aufs Genaueste gleichen, nur dass
-die einen vollständig ausgebildete Flügel und die andern an deren
-Stelle nur Haut-Lappen haben; und hier ist es unmöglich zu zweifeln,
-dass diese Lappen die Flügel vertreten. Rudimentäre Organe behalten
-zuweilen noch ihre Dienstfähigkeit, ohne ausgebildet zu seyn, wie die
-Milchzitzen männlicher Säugethiere, wo von vielen Fällen berichtet
-wird, dass diese Organe in ausgewachsenen Männchen sich wohl entwickelt
-und Milch abgesondert haben. So hat das weibliche Rind gewöhnlich vier
-entwickelte und zwei rudimentäre Zitzen am Euter; aber bei unsrer
-zahmen Kuh entwickeln sich gewöhnlich auch die zwei letzten und geben
-Milch. Bei Pflanzen sind in einer und der nämlichen Spezies die
-Kronenblätter bald nur als Rudimente und bald in ganz ausgebildetem
-Zustande vorhanden. Bei Pflanzen mit getrennten Geschlechtern haben
-die männlichen Blüthen oft ein Rudiment von Pistill, und bei Kreutzung
-einer solchen männlichen Pflanze mit einer hermaphroditischen Art
-sah ~Kölreuter~ in dem Bastard das Pistill-Rudiment an Grösse
-zunehmen, woraus sich ergibt, dass das Rudiment und das vollkommene
-Pistill sich in ihrer Natur wesentlich gleichen.
-
-Ein für zweierlei Verrichtungen dienendes Organ kann für die eine und
-sogar die wichtigere derselben rudimentär werden oder ganz fehlschlagen
-und in voller Wirksamkeit für die andre bleiben. So ist die Bestimmung
-des Pistills, die Pollen-Schläuche in den Stand zu setzen, die in
-dem Ovarium an seiner Basis enthaltenen Ei’chen zu erreichen. Das
-Pistill besteht aus der Narbe vom Griffel getragen; bei einigen
-Compositae jedoch haben die männlichen Blüthchen, welche mithin nicht
-befruchtet werden können, ein Pistill in rudimentärem Zustande, indem
-es keine Narbe besitzt, und doch bleibt es sonst wohl entwickelt und
-wie in andern Compositae mit Haaren überzogen, um den Pollen von den
-umgebenden Antheren abzustreifen. So kann auch ein Organ für seine
-eigene Bestimmung rudimentär werden und für einen andern Zweck dienen,
-wie in gewissen Fischen die Schwimmblase für ihre eigene Verrichtung,
-den Fisch im Wasser zu erleichtern, beinahe rudimentär zu werden
-scheint, indem sie in ein Athmungs-Organ oder Lunge überzugehen beginnt.
-
-Nur wenig entwickelte aber doch brauchbare Organe sollten nicht
-rudimentär genannt werden; man kann nicht mit Recht sagen, sie seyen in
-atrophischem Zustand; sie mögen für „werdende“ Organe gelten und später
-durch natürliche Züchtung in irgend welchem Maasse weiter entwickelt
-werden. Dagegen sind rudimentäre Organe oft wesentlich nutzlos: wie
-Zähne, welche niemals das Zahnfleisch durchbrechen, in ihrem noch wenig
-entwickelten Zustande auch nur von wenig Nutzen seyn können. Bei ihrer
-jetzigen Beschaffenheit können sie nicht von Natürlicher Züchtung
-herrühren, welche bloss durch Erhaltung nützlicher Abänderungen
-wirkt; sie sind, wie wir sehen werden, nur durch Vererbung erhalten
-worden[48] und stehen mit der frühern Beschaffenheit ihres Besitzers
-in Verbindung. Es ist schwer zu erkennen, was „werdende“ Organe sind;
-in Bezug auf die Zukunft kann man nicht sagen, in welcher Weise sich
-ein Theil entwickeln wird, und ob es jetzt ein „werdender“ ist; in
-Bezug auf die Vergangenheit, so werden Geschöpfe mit werdenden Organen
-gewöhnlich durch ihre Nachfolger mit vollkommeneren und entwickelteren
-Organen ersetzt und ausgetilgt worden seyn. Der Flügel-Stümmel des
-Pinguins ist als Ruder wirkend von grossem Nutzen und mag daher den
-beginnenden Vogel-Flügel vorstellen; nicht als ob ich glaubte, dass er
-es wirklich seye, denn wahrscheinlich ist er ein reduzirtes und für
-eine neue Bestimmung hergerichtetes Organ. Der Flügel des Apteryx ist
-nutzlos und ganz rudimentär. Die Milchzitzen-Drüse des Ornithorhynchus
-kann vielleicht, einem Kuh-Euter gegenüber, als eine werdende
-bezeichnet werden. Die Eierzügel gewisser Cirripeden (S. 219), welche
-nur wenig entwickelt sind und nicht mehr zur Befestigung der Eier
-dienen, sind werdende Kiemen.
-
-Rudimentäre Organe in Individuen einer nämlichen Art variiren sehr
-gerne in ihrer Entwickelungs-Stufe sowohl als in andern Beziehungen.
-Ausserdem ist der Grad, bis zu welchem das Organ rudimentär geworden,
-in nahe verwandten Arten zuweilen sehr verschieden. Für diesen letzten
-Fall liefert der Zustand der Flügel bei einigen Nacht-Schmetterlingen
-ein gutes Beispiel. Rudimentäre Organe können gänzlich fehlschlagen
-oder abortiren, und daher rührt es dann, dass wir in einem Thiere
-oder einer Pflanze nicht einmal eine Spur mehr von einem Organe
-finden, welches wir dort zu erwarten berechtigt sind und nur zuweilen
-noch in monströsen Individuen hervortreten sehen. So finden wir z. B.
-im Löwenmaul (Antirrhinum) gewöhnlich kein Rudiment eines fünften
-Staubgefässes; doch kommt Diess zuweilen zum Vorschein. Wenn man die
-Homologien eines Theiles in den verschiedenen Gliedern einer Klasse
-verfolgt, so ist nichts gewöhnlicher oder nothwendiger, als die
-Entdeckung von Rudimenten. ~R. Owen~ hat Diess ganz gut in
-Zeichnungen der Bein-Knochen des Pferdes, des Ochsen und des Nashorns
-dargestellt.
-
-Es ist eine wichtige Erscheinung, dass rudimentäre Organe, wie
-die Zähne im Oberkiefer der Wale und Wiederkäuer, oft im Embryo
-zu entdecken sind und nachher völlig verschwinden. Auch ist es,
-glaube ich, eine allgemeine Regel, dass ein rudimentäres Organ den
-angrenzenden Theilen gegenüber im Embryo grösser als im Erwachsenen
-erscheint, so dass das Organ im Embryo minder rudimentär ist und oft
-kaum als irgendwie rudimentär bezeichnet werden kann; oder man sagt oft
-von ihm, es seye auf seiner embryonalen Entwickelungs-Stufe auch im
-Erwachsenen stehen geblieben.
-
-Ich habe jetzt die leitenden Erscheinungen bei rudimentären Organen
-aufgeführt. Bei weiterem Nachdenken darüber muss jeder von Erstaunen
-betroffen werden; denn dieselbe Urtheilskraft, welche uns so deutlich
-erkennen lässt, wie vortrefflich die meisten Theile und Organe
-ihren verschiedenen Bestimmungen angepasst sind, lehrt uns auch mit
-gleicher Deutlichkeit, dass diese rudimentären oder atrophirten Organe
-unvollkommen und nutzlos sind. In den naturgeschichtlichen Werken
-liest man gewöhnlich, dass die rudimentären Organe nur der „Symmetrie
-wegen“ oder „um das Schema der Natur zu ergänzen“ vorhanden sind;
-Diess scheint mir aber keine Erklärung, sondern eine andre blosse
-Behauptung der Thatsache zu seyn. Würde es denn genügen zu sagen,
-weil Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne laufen, nehmen
-Satelliten denselben Lauf um die Planeten nur der Symmetrie wegen und
-um das Schema der Natur zu vervollständigen? Ein ausgezeichneter
-Physiologe sucht das Vorkommen rudimentärer Organe durch die Annahme
-zu erklären, dass sie dazu dienen, überschüssige oder dem Systeme
-schädliche Materie auszuscheiden. Aber kann man denn annehmen, dass das
-kleine nur aus Zellgewebe bestehende Wärzchen, welches in männlichen
-Blüthen oft die Stelle des Pistills vertritt, Diess zu bewirken
-vermöge? Kann man unterstellen, dass die Bildung rudimentärer Zähne,
-die später wieder resorbirt werden, dem in raschem Wachsen begriffenen
-Kalb-Embryo durch Ausscheidung der ihm so werthvollen phosphorsauren
-Kalkerde von irgend welchem Nutzen seyn könne? Wenn ein Mensch durch
-Amputation einen Finger verliert, so kommt an dem Stümmel zuweilen ein
-unvollkommener Nagel wieder zum Vorschein. Man könnte nun gerade so gut
-glauben, dass dieses Rudiment eines Nagels nicht in Folge unbekannter
-Wachsthums-Gesetze, sondern nur um Horn-Materie auszuscheiden wieder
-erscheine, als dass die Nagel-Stümmel an den Ruderhänden des Mantels
-dazu bestimmt seyen.
-
-Nach meiner Annahme von Fortpflanzung mit Abänderung erklärt sich die
-Entstehung rudimentärer Organe sehr einfach. Wir kennen eine Menge
-Beispiele von rudimentären Organen bei unseren Kultur-Erzeugnissen,
-wie der Schwanz-Stümmel in ungeschwänzten Rassen, der Ohr-Stümmel
-in Ohr-losen Rassen, das Wiedererscheinen kleiner nur in der Haut
-hängender Hörner bei ungehörnten Rinder-Rassen und besonders, nach
-~Youatt~, bei jungen Thieren derselben, und wie der Zustand der
-ganzen Blüthe im Blumenkohl. Oft sehen wir auch Stümmel verschiedener
-Art bei Missgeburten. Aber ich bezweifle, dass einer von diesen Fällen
-geeignet ist, die Bildung rudimentärer Organe in der Natur weiter zu
-beleuchten, als dass er uns zeigt, dass Stümmel entstehen können;
-denn ich bezweifle eben so, dass Arten im Natur-Zustande jemals
-plötzlichen Veränderungen unterliegen. Ich glaube, dass Nichtgebrauch
-dabei hauptsächlich in Betracht komme, der während einer langen
-Generationen-Reihe die allmähliche Abschwächung der Organe veranlassen
-kann, bis sie endlich nur noch als Stümmel erscheinen: so bei den Augen
-in dunklen Höhlen lebender Thiere, welche nie etwas sehen und bei den
-Flügeln ozeanische Inseln bewohnender Vögel, welche selten zu fliegen
-nöthig haben und daher dieses Vermögen zuletzt gänzlich einbüssen.
-Ebenso kann ein unter Umständen nützliches Organ unter andern
-Umständen sogar nachtheilig werden, wie die Flügel der auf kleinen und
-ausgesetzten Inseln lebenden Insekten. In diesem Falle wird Natürliche
-Züchtung fortwährend bestrebt seyn, das Organ langsam zu reduziren, bis
-es unschädlich und rudimentär wird.
-
-Eine Änderung in den Verrichtungen, welche in unmerkbaren Abstufungen
-eintreten kann, liegt im Bereiche der Natürlichen Züchtung; daher
-ein Organ, welches in Folge geänderter Lebens-Weise nutzlos oder
-nachtheilig für seine Bestimmung wird, abgeändert und für andre
-Verrichtungen verwendet werden kann. Oder ein Organ wird nur noch
-für eine von seinen früheren Verrichtungen beibehalten. Ein nutzlos
-gewordenes Körper-Glied mag veränderlich seyn, weil seine Abänderungen
-nicht durch Natürliche Züchtung geleitet werden können. In welchem
-Lebens-Abschnitte nun ein Organ durch Nichtbenützung oder Züchtung
-reduzirt werden mag (und Diess wird gewöhnlich erst der Fall seyn,
-wenn das Thier zu seiner vollen Reife und Thatkraft gelangt ist):
-so wird nach dem Prinzip der Wiedervererbung in sich entsprechenden
-Altern dieses Organ in reduzirtem Zustande stets im nämlichen Alter
-wieder erscheinen und sich mithin nur selten im Embryo ändern
-oder verkleinern. So erklärt sich mithin die verhältnissmässig
-beträchtlichere Grösse rudimentärer Organe im Embryo und deren
-vergleichungsweise geringere Grösse im Erwachsenen. Wenn aber jede
-Abstufung im Reduktions-Prozesse nicht in einem entsprechenden Alter,
-sondern in einer sehr frühen Lebens-Periode vererbt werden sollte
-(was wir guten Grund haben für möglich zu halten), so würde das
-rudimentäre Organ endlich ganz zu verschwinden streben und den Fall
-eines vollständigen Fehlschlagens darbieten. Auch das in einem früheren
-Kapitel erläuterte Prinzip der Ökonomie, wornach die zur Bildung eines
-dem Besitzer nicht mehr nützlichen Theiles verwendeten Bildungs-Stoffe
-erspart werden, mag wohl oft mit ins Spiel kommen; und Diess wird dann
-dazu beitragen, das gänzliche Verschwinden eines schon verkümmerten
-Organes zu bewirken.
-
-Da hiernach die Anwesenheit rudimentärer Organe von dem Streben
-eines jeden Theiles der Organisation sich nach langer Existenz
-erblich zu übertragen bedingt ist, so wird aus dem Gesichtspunkte
-einer genealogischen Klassifikation begreiflich, wie es komme, dass
-Systematiker die rudimentären Organe für ihren Zweck zuweilen eben
-so nützlich befunden haben, als die Theile von hoher physiologischer
-Wichtigkeit. Organe-Stümmel kann man mit den Buchstaben eines Wortes
-vergleichen, welche beim Buchstabiren desselben noch beibehalten
-aber nicht mit ausgesprochen werden und bei Nachforschungen über
-dessen Ursprung als vortreffliche Führer dienen. Nach der Annahme
-einer Fortpflanzung mit Abänderung können wir schliessen, dass das
-Vorkommen von Organen in einem verkümmerten, unvollkommenen und
-nutzlosen Zustande und deren gänzliches Fehlschlagen, statt wie bei der
-gewöhnlichen Theorie der Schöpfung grosse Schwierigkeiten zu bereiten,
-vielmehr vorauszusehen war und aus den Erblichkeits-Gesetzen zu
-erklären ist.
-
-+Zusammenfassung.+) Ich habe in diesem Kapitel zu zeigen
-gesucht, dass die Unterordnung der Organismen-Gruppen aller Zeiten
-untereinander, -- dass die Natur der Beziehungen, nach welchen alle
-lebenden und erloschenen Wesen durch zusammengesetzte, strahlenförmige
-und oft sehr mittelbar zusammenhängende Verwandtschafts-Linien
-zu einem grossen Systeme vereinigt werden, -- dass die von den
-Naturforschern bei ihren Klassifikationen befolgten Regeln und
-begegneten Schwierigkeiten, -- dass der auf die beständigen und
-andauernden Charaktere gelegte Werth, gleichviel ob sie für die
-Lebens-Verrichtungen von grosser oder, wie die der rudimentären
-Organe von gar keiner Wichtigkeit seyen, -- dass der weite
-Unterschied im Werthe zwischen analogen oder Anpassungs- und wahren
-Verwandtschafts-Charakteren: -- dass alle diese und noch viele andre
-solcher regelmässigen Erscheinungen sich Natur-gemäss aus der Annahme
-einer gemeinsamen Abstammung der bei den Naturforschern als verwandt
-geltenden Formen und deren Modifikation durch Natürliche Züchtung in
-Begleitung von Erlöschung und von Divergenz des Charakters herleiten
-lassen. Von diesem Standpunkte aus die Klassifikation beurtheilend wird
-man sich erinnern, dass das Element der Abstammung in so fern schon
-längst allgemein berücksichtigt wird, als man beide Geschlechter, die
-manchfaltigsten Entwickelungs-Formen und die anerkannten Varietäten,
-wie verschieden von einander sie auch in ihrem Baue seyn mögen,
-alle in eine Art zusammenordnet. Wenn wir nun die Anwendung dieses
-Elementes als die einzige mit Sicherheit erkannte Ursache von der
-Ähnlichkeit organischer Wesen unter einander etwas weiter ausdehnen,
-so wird uns die Bedeutung des natürlichen Systemes klarer werden:
-es ist ein Versuch genealogischer Anordnung, worin die Grade der
-Verschiedenheiten, in welche die einzelnen Verzweigungen aus einander
-gelaufen sind, mit den Kunst-Ausdrücken Abarten, Arten, Sippen,
-Familien, Ordnungen und Klassen bezeichnet werden.
-
-Indem wir von der Annahme einer Fortpflanzung mit Abänderung ausgehen,
-werden uns manche Haupterscheinungen in der Morphologie erklärlich:
-sowohl das gemeinsame Modell, wornach die homologen Organe, zu welchem
-Zwecke sie auch immer bestimmt seyn mögen, bei allen Arten einer
-Klasse gebildet sind, als die Modelung aller homologen Theile eines
-jeden Pflanzen- oder Thier-Individuums nach einem solchen gemeinsamen
-Vorbilde.
-
-Andre der wichtigsten Erscheinungen in der Embryonologie dagegen
-erklären sich aus dem Prinzip, dass allmähliche geringe Abänderungen
-nicht nothwendig oder allgemein schon in einer sehr frühen Lebens-Zeit
-eintreten, und dass sie sich in entsprechendem Alter weiter vererben.
-So die Ähnlichkeit der homologen Theile in einem Embryo, welche im
-reifen Alter in Form und Verrichtungen weit auseinander gehen, -- und
-die Ähnlichkeit der homologen Theile oder Organe in verschiedenen
-Arten einer Klasse, obwohl sie den erwachsenen Thieren zu den möglich
-verschiedenen Zwecken dienen. Larven sind selbst-thätige Embryonen,
-welche daher auch schon je für ihre verschiedene Lebens-Weise nach
-dem Prinzip der Vererbung in gleichen Altern modifizirt worden sind.
-Nach diesem nämlichen Prinzipe und in Betracht dass, wenn Organe in
-Folge von Nichtgebrauch oder von Züchtung an Stärke abnehmen, Diess
-gewöhnlich in derjenigen Lebens-Periode geschieht, wo das Wesen für
-seine Bedürfnisse selbst zu sorgen hat, und in fernerem Betracht,
-wie strenge das Walten des Erblichkeits-Prinzips ist: bietet uns
-das Vorkommen rudimentärer Organe und ihr endlich vollständiges
-Verschwinden keine unerklärbare Schwierigkeit dar; im Gegentheil haben
-wir deren Vorkommen voraus sehen können. Die Wichtigkeit embryonischer
-Charaktere und rudimentärer Organe für die Klassifikation wird aus der
-Annahme begreiflich, dass nur eine genealogische Anordnung natürlich
-seyn kann.
-
-Endlich: die verschiedenen Klassen von Thatsachen, welche in diesem
-Kapitel in Betracht gezogen worden sind, scheinen mir so deutlich zu
-verkündigen, dass die zahllosen Arten, Sippen und Familien organischer
-Wesen, womit diese Welt bevölkert ist, allesammt und jedes wieder in
-seiner eigenen Klasse oder Gruppe insbesondre, von gemeinsamen Ältern
-abstammen und im Laufe der Fortpflanzung wesentlich modifizirt worden
-sind, dass ich mir diese Anschauungs-Weise ohne Zögern aneignen würde,
-selbst wenn ihr keine sonstigen Thatsachen und Argumente mehr zu Hilfe
-kämen.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-Allgemeine Wiederholung und Schluss.
-
- Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher
- Züchtung. -- Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände,
- zu deren Gunsten. -- Ursachen des allgemeinen Glaubens an die
- Unveränderlichkeit der Arten. -- Wie weit die Theorie Natürlicher
- Züchtung auszudehnen. -- Folgen ihrer Annahme für das Studium der
- Naturgeschichte. -- Schluss-Bemerkungen.
-
-
-Da dieser ganze Band eine lange Beweisführung ist, so mag es für den
-Leser angenehm seyn, die leitenden Thatsachen und Schlussfolgerungen
-kürzlich wiederholt zu sehen.
-
-Ich läugne nicht, dass man viele und ernste Einwände gegen die Theorie
-der Abstammung mit fortwährender Abänderung durch Natürliche Züchtung
-vorbringen kann. Ich habe versucht, sie in ihrer ganzen Stärke zu
-entwickeln. Nichts kann im ersten Augenblick weniger glaubhaft
-scheinen, als dass die zusammengesetztesten Organe und Instinkte
-ihre Vollkommenheit erlangt haben sollen nicht durch höhere und doch
-der menschlichen Vernunft analoge Kräfte, sondern durch die blosse
-Zusammensparung zahlloser kleiner aber jedem individuellen Besitzer
-vortheilhafter Abänderungen. Diese Schwierigkeit, wie unübersteiglich
-gross sie auch unsrer Einbildungs-Kraft erscheinen mag, kann gleichwohl
-nicht für wesentlich gelten, wenn wir folgende Vordersätze zulassen:
-dass alle Organe und Instinkte in, wenn auch noch so geringem Grade,
-veränderlich sind; -- dass ein Kampf ums Daseyn bestehe, welcher zur
-Erhaltung einer jeden für den Besitzer nützlichen Abweichung von
-den bisherigen Bildungen oder Instinkten führt, -- und endlich dass
-Abstufungen in der Vollkommenheit eines jeden Organes bestanden haben,
-die alle in ihrer Weise gut waren. Die Wahrheit dieser Sätze kann nach
-meiner Meinung nicht bestritten werden.
-
-Es ist ohne Zweifel äusserst schwierig auch nur eine Vermuthung darüber
-auszusprechen, durch welche Abstufungen, zumal in durchbrochnen und
-erlöschenden Gruppen organischer Wesen, manche Bildungen vervollkommnet
-worden seyen; aber wir sehen so viele befremdende Abstufungen in der
-Natur, dass wir äusserst vorsichtig seyn müssen zu sagen, dass ein
-Organ oder Instinkt oder ein ganzes Wesen nicht durch stufenweise
-Fortschritte zu seiner gegenwärtigen Vollkommenheit gelangt seyn könne.
-Insbesondere muss man zugeben, dass schwierige Fälle besondrer Art
-der Theorie der Natürlichen Züchtung entgegentreten, und einer der
-schwierigsten Fälle dieser Art zeigt sich in dem Vorkommen von zwei
-oder drei bestimmten Kasten von Arbeitern oder unfruchtbaren Weibchen
-in einer und derselben Ameisen-Gemeinde; doch habe ich zu zeigen
-versucht, dass auch diese Schwierigkeit zu überwinden ist.
-
-Was die fast allgemeine Unfruchtbarkeit der Arten bei ihrer Kreutzung
-anbelangt, die einen so merkwürdigen Gegensatz zur fast allgemeinen
-Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten bildet, so muss ich den Leser
-auf die am Ende des achten Kapitels gegebene Zusammenfassung der
-Thatsachen verweisen, welche mir entscheidend genug zu seyn scheinen
-um darzuthun, dass diese Unfruchtbarkeit in nicht höherem Grade
-eine angeborne Eigenthümlichkeit bildet, als die Schwierigkeit zwei
-Baum-Arten aufeinander zu propfen; sondern dass sie zusammenfalle mit
-der Verschiedenheit der Lebensthätigkeit im Reproduktiv-Systeme der
-gekreutzten Arten. Wir finden die Bestätigung dieser Annahme in der
-weiten Verschiedenheit der Ergebnisse, wenn die nämlichen zwei Arten
-wechselseitig von einander befruchtet werden, d. h. wenn eine Stelle
-zuerst als Vater und dann als Mutter erscheint.
-
-Obwohl die Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten und ihrer Blendlinge von
-so vielen Autoren als allgemein bezeichnet worden ist, so kann Diess
-doch nach den von ~Gärtner~ und ~Kölreuter~ mitgetheilten Thatsachen
-nicht als richtig gelten. Auch kann uns ihre sehr häufige Fruchtbarkeit
-nicht überraschen, wenn wir bedenken, dass es nicht aussieht, als
-ob ihre Konstitutionen überhaupt oder ihre Reproduktiv-Systeme sehr
-angegriffen worden seyen. Überdiess sind die meisten zu Versuchen
-benützten Abarten aus Kultur der Arten hervorgegangen, und da die
-Kultur die Unfruchtbarkeit offenbar zu vermindern strebt, so dürfen wir
-nicht erwarten, dass sie Unfruchtbarkeit irgendwo veranlasse.
-
-Die Unfruchtbarkeit der Bastarde ist eine von der der ersten Kreutzung
-sehr verschiedene Erscheinung, da ihre Reproduktiv-Organe mehr oder
-weniger unfähig zur Verrichtung sind, während sich bei den ersten
-Kreutzungen die beiderseitigen Organe in vollkommenem Zustande
-befinden. Da wir Organismen aller Art durch Störung ihrer Konstitution
-unter nur wenig abweichenden Lebens-Bedingungen fortwährend mehr und
-weniger steril werden sehen, so dürfen wir uns nicht wundern, dass
-Bastarde weniger fruchtbar sind; denn ihre Konstitution kann als durch
-Verschmelzung zweier verschiedenen Organisationen kaum anders gelitten
-haben. Dieser Parallelismus wird noch durch eine andre parallele aber
-gerade entgegengesetzte Klasse von Erscheinungen unterstützt: dass
-nämlich die Kraft-Entwickelung und Fruchtbarkeit aller Organismen durch
-geringen Wechsel in ihren Lebens-Bedingungen zunimmt und dass die
-Nachkommen wenig modifizirter Formen oder Abarten durch die Kreutzung
-an Kraft und Fruchtbarkeit gewinnen. Ebenso vermindern einerseits
-beträchtliche Veränderungen in den Lebens-Bedingungen und Kreutzungen
-zwischen sehr verschiedenen Formen die Fruchtbarkeit, wie anderseits
-geringere Veränderungen dieselbe zwischen nur wenig abgeänderten Formen
-vermehren.
-
-Wenden wir uns zur geographischen Verbreitung, so erscheinen auch da
-die Schwierigkeiten für die Theorie der Fortpflanzung mit fortwährender
-Abänderung erheblich genug. Alle Individuen einer Art und alle Arten
-einer Sippe oder selbst noch höherer Gruppen müssen von gemeinsamen
-Ältern herkommen; wesshalb sie, wenn auch noch so weit zerstreut und
-isolirt in der Welt, im Laufe aufeinander-folgender Generationen aus
-einer Gegend in die andre gewandert seyn müssen. Wir sind oft ganz
-ausser Stand auch nur zu vermuthen, auf welche Weise Diess geschehen
-seyn möge. Da wir jedoch anzunehmen berechtigt sind, dass einige Arten
-die nämliche spezifische Form während ungeheuer langen Perioden, in
-Jahren gemessen, beibehalten haben, so darf man kein allzu grosses
-Gewicht auf die gelegentliche weite Verbreitung einer Spezies legen;
-denn während solcher ausserordentlich langer Zeit-Perioden wird sie
-auch zu weiter Verbreitung irgend welche Mittel gefunden haben. Eine
-durchbrochene oder zerspaltene Gruppe lässt sich oft durch Erlöschen
-der vermittelnden Arten erklären. Es ist nicht zu läugnen, dass wir mit
-den manchfaltigen klimatischen und geographischen Veränderungen, welche
-die Erde erst in der laufenden Periode erfahren, noch ganz unbekannt
-sind; und solche Veränderungen müssen die Wanderungen offenbar in hohem
-Grade befördert haben. Beispielsweise habe ich zu zeigen versucht, wie
-mächtig die Eis-Zeit auf die Verbreitung sowohl der identischen als der
-stellvertretenden Formen über die Erd-Oberfläche gewirkt habe. Ebenso
-sind wir auch fast ganz unbekannt mit den vielen gelegenheitlichen
-Transport-Mitteln. Was die Erscheinung betrifft, dass verschiedene
-Arten einer Sippe sehr entfernt von einander abgesonderte Gegenden
-bewohnen, so sind, da der Abänderungs-Prozess nothwendig sehr langsam
-vor sich geht, während sehr langer Zeit-Abschnitte für alle Wanderungen
-genügende Gelegenheiten vorhanden gewesen, wodurch sich einigermaassen
-die Schwierigkeit vermindert die weite Verbreitung der Arten einer
-Sippe zu erklären.
-
-Da nach der Theorie der Natürlichen Züchtung eine endlose Anzahl
-Mittelformen alle Arten jeder Gruppe durch eben so feine Abstufungen,
-als unsre jetzigen Varietäten darstellen, miteinander verkettet
-haben muss, so wird man die Frage aufwerfen, warum wir nicht diese
-vermittelnden Formen rund um uns her erblicken? Warum fliessen nicht
-alle organischen Formen zu einem unentwirrbaren Chaos zusammen? Aber
-was die noch lebenden Formen betrifft, so sind wir (mit Ausnahme
-einiger seltenen Fälle) wohl nicht zur Erwartung berechtigt, direkt
-vermittelnde Glieder zwischen ihnen selbst, sondern nur etwa zwischen
-ihnen und einigen erloschenen und ersetzten Formen zu entdecken.
-Selbst auf einem weiten Gebiete, das während einer langen Periode
-seinen Zusammenhang bewahrt hat und dessen Klima und übrigen
-Lebens-Bedingungen nur allmählich von einem Bezirke zu andern von
-nahe verwandten Arten bewohnten Bezirken abändern, selbst da sind
-wir nicht berechtigt oft die Erscheinung vermittelnder Formen in den
-Grenz-Strichen zu erwarten. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass
-nur wenige Arten einer Sippe jemals Abänderungen erleiden, da die
-andern gänzlich erlöschen, ohne eine abgeänderte Nachkommenschaft zu
-hinterlassen. Von den veränderlichen Arten ändern immer nur wenige
-in der nämlichen Gegend zugleich ab, und alle Abänderungen gehen
-nur langsam vor sich. Ich habe auch gezeigt, dass die vermittelnden
-Formen, welche anfangs wahrscheinlich in den Zwischenstrichen vorhanden
-gewesen, einer Ersetzung durch die verwandten Formen von beiden Seiten
-her unterlegen sind, die vermöge ihrer grossen Anzahl gewöhnlich
-schnellere Fortschritte in ihren Abänderungen und Verbesserungen als
-die minder zahlreich vertretenen Mittelformen machen, so dass diese
-vermittelnden Abarten mit der Länge der Zeit ersetzt und vertilgt
-werden.
-
-Nach dieser Lehre von der Unterdrückung einer unendlichen Menge
-vermittelnder Glieder zwischen den erloschenen und lebenden
-Bewohnern der Erde und eben so zwischen den Arten einer jeden der
-aufeinandergefolgten Perioden und den ihnen zunächst vorangegangenen
-fragt es sich, warum nicht jede geologische Formation mit Resten
-solcher Glieder erfüllt ist? und warum nicht jede Sammlung fossiler
-Reste einen klaren Beweis von solcher Abstufung und Umänderung der
-Lebenformen darbietet. Obwohl geologische Untersuchung uns die frühere
-Existenz vieler Mittelglieder zur näheren Verkettung zahlreicher
-Lebenformen miteinander dargethan, so liefert sie uns doch nicht die
-unendlich zahlreichen feineren Abstufungen zwischen den früheren
-und jetzigen Arten, welche meine Theorie erfordert, und Diess ist
-eine der handgreiflichsten und stärksten von den vielen gegen meine
-Theorie vorgebrachten Einwendungen. Und wie kommt es, dass ganze
-Gruppen verwandter Arten in dem einen oder dem andern geologischen
-Schichten-Systeme oft so plötzlich aufzutreten scheinen (gewiss oft
-+nur+ scheinen!). Warum finden wir nicht grosse Schichten-Stösse
-unter dem Silur-Systeme erfüllt mit den Überbleibseln der Stammväter
-der silurischen Organismen-Gruppen? Denn nach meiner Theorie müssen
-solche Schichten-Systeme in diesen alten und gänzlich unbekannten
-Abschnitten der Erd-Geschichte gewiss irgendwo abgesetzt worden seyn.
-
-Man kann auf diese Fragen und gewichtigen Einwände nur mit der
-Annahme antworten, dass der geologische Schöpfungs-Bericht bei weitem
-unvollständiger ist, als die meisten Geologen glauben. Es lässt sich
-nicht einwenden, dass für irgend welches Maass organischer Abänderung
-nicht genügende Zeit gewesen; denn die Länge der abgelaufenen Zeit
-ist für menschliche Begriffe unfassbar. Die Menge der Exemplare in
-allen unsren Museen zusammengenommen ist absolut nichts im Vergleich
-mit den zahllosen Generationen zahlloser Arten, welche sicherlich
-schon existirt haben. Die gemeinsame Stammform von je 2-3 Arten wird
-nicht in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen denen
-ihrer Nachkommen halten, wie die Felstaube nicht genau in Kopf und
-Schwanz das Mittel hält zwischen ihren Nachkommen, der Pouter- und
-Pfauen-Taube. Wir werden ausser Stand seyn eine Art als die Stamm-Art
-einer oder mehrer andren Arten zu erkennen, wenn wir nicht auch
-viele der vermittelnden Glieder zwischen ihrer früheren und jetzigen
-Beschaffenheit besitzen; und diese vermittelnden Glieder dürfen wir
-bei der Unvollständigkeit der geologischen Schöpfungs-Urkunden kaum
-jemals zu entdecken erwarten. Wenn man zwei oder drei oder noch
-mehr Mittelglieder entdeckte, so würde man sie einfach als eben so
-viele neue Arten einreihen, zumal wenn man sie in eben so vielen
-verschiedenen Schichten-Abtheilungen fände, wären in diesem Falle ihre
-Unterschiede auch noch so klein. Man könnte viele jetzige zweifelhafte
-Formen nennen, welche wahrscheinlich Abarten sind; aber wer könnte
-behaupten, dass in künftigen Welt-Perioden noch so viele fossile
-Mittelglieder werden entdeckt werden, dass Naturforscher nach der
-gewöhnlichen Anschauungs-Weise zu entscheiden im Stande seyn werden,
-ob diese zweifelhaften Formen Varietäten sind oder nicht? -- Nur ein
-kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht worden, und
-nur von gewissen Organismen-Klassen können fossile Reste in grosser
-Anzahl erhalten werden. Weit verbreitete Arten variiren am meisten,
-und die Abarten sind anfänglich oft nur lokal; beide Ursachen machen
-die Entdeckung von Zwischengliedern wenig wahrscheinlich. Örtliche
-Varietäten verbreiten sich nicht in andre und entfernte Gegenden, bis
-sie beträchtlich abgeändert und verbessert sind; -- und wenn sie nach
-ihrer Verbreitung in einer geologischen Formation entdeckt werden,
-so wird es scheinen, als seyen sie erst jetzt plötzlich erschaffen
-worden, und man wird sie einfach als neue Arten betrachten. -- Die
-meisten Formationen sind mit Unterbrechungen abgelagert worden; und
-ihre Dauer ist, wie ich glaube, kürzer als die mittle Dauer der
-Arten-Formen gewesen. Zunächst aufeinander-folgende Formationen sind
-gewöhnlich durch ungeheure leere Zeiträume von einander getrennt;
-denn Fossil-Reste führende Formationen, mächtig genug, um spätrer
-Zerstörung zu widerstehen, können meistens nur da gebildet werden,
-wo dem in Senkung begriffenen Meeres-Grund viele Sedimente zugeführt
-werden. In den damit abwechselnden Perioden von Hebung oder Ruhe wird
-das Blatt in der Schöpfungs-Geschichte in der Regel weiss bleiben.
-Während dieser letzten Perioden wird wahrscheinlich mehr Veränderung in
-den Lebenformen, während der Senkungs-Zeiten mehr Erlöschen derselben
-stattfinden.
-
-Was die Abwesenheit Fossilien-führender Schichten unterhalb der
-untersten Silur-Gebilde betrifft, so kann ich nur auf die im neunten
-Kapitel aufgestellte Hypothese zurückkommen. Dass der geologische
-Schöpfungs-Bericht lückenhaft ist, gibt jedermann zu; dass er es aber
-in dem von mir verlangten Grade seye, werden nur wenige zugestehen
-wollen. Hinreichend lange Zeiträume zugegeben, erklärt uns die Geologie
-offenbar genug, dass alle Arten gewechselt haben, und sie haben in der
-Weise gewechselt, wie es meine Theorie erheischt, nämlich langsam und
-stufenweise. Wir erkennen Diess deutlich daraus, dass die organischen
-Reste zunächst aufeinander-folgender Formationen einander allezeit
-näher verwandt sind, als die fossilen Arten durch weite Zeiträume von
-einander getrennter Gebirgs-Bildungen.
-
-Diess ist die Summe der hauptsächlichsten Einwürfe und Schwierigkeiten,
-die man mit Recht gegen meine Theorie vorbringen kann; und ich habe die
-darauf zu gebenden Antworten und Erläuterungen in Kürze wiederholt. Ich
-habe diese Schwierigkeiten viele Jahre lang selbst zu sehr empfunden,
-als dass ich an ihrem Gewichte zweifeln sollte. Aber es verdient noch
-insbesondere hervorgehoben zu werden, dass die wichtigeren Einwände
-sich auf Fragen beziehen, über die wir eingestandner Maassen in
-Unwissenheit sind; und wir wissen nicht einmal, wie unwissend wir sind.
-Wir kennen nicht all’ die möglichen Übergangs-Abstufungen zwischen
-den einfachsten und den vollkommensten Organen; wir können nicht
-behaupten, all’ die manchfaltigen Verbreitungs-Mittel der Organismen
-während des Verlaufes so zahlloser Jahrtausende zu kennen, und wir
-wissen nicht, wie unvollständig der geologische Schöpfungs-Bericht
-ist. Wie bedeutend aber auch diese mancherlei Schwierigkeiten seyn
-mögen, so genügen sie doch nicht, um meine Theorie einer +Abstammung
-von einigen wenigen erschaffenen Formen mit nachheriger Abänderung
-derselben+ umzustossen.
-
- * * * * *
-
-Wenden wir uns nun nach der andern Seite unsres Gegenstandes. Im
-Kultur-Zustande der Wesen nehmen wir viel Veränderlichkeit derselben
-wahr. Diess scheint daran zu liegen, dass das Reproduktiv-System
-ausserordentlich empfindlich gegen Veränderungen in den äusseren
-Lebens-Bedingungen ist, so dass dieses System, wenn es nicht ganz
-unfähig wird, doch keine der älterlichen Form genau ähnliche
-Nachkommenschaft mehr liefert. Die Abänderungen werden durch
-viele verwickelte Gesetze geleitet, durch die Wechselbeziehungen
-des Wachsthums, durch Gebrauch und Nichtgebrauch und durch die
-unmittelbaren Einwirkungen der physikalischen Lebens-Bedingungen.
-Es ist sehr schwierig zu bestimmen, wie viel Abänderung unsre
-Kultur-Erzeugnisse erfahren haben; doch können wir getrost annehmen,
-dass deren Maass gross gewesen seye, und dass Modifikationen auf lange
-Perioden hinaus vererblich sind. So lange als die Lebens-Bedingungen
-die nämlichen bleiben, sind wir zu unterstellen berechtigt, dass
-eine Abweichung, welche sich schon seit vielen Generationen vererbt
-hat, sich auch noch ferner auf eine fast unbegrenzte Zahl von
-Generationen hinaus vererben kann. Andrerseits sind wir gewiss, dass
-Veränderlichkeit, wenn sie einmal in’s Spiel gekommen, nicht mehr
-gänzlich aufhört; denn unsre ältesten Kultur-Erzeugnisse bringen
-gelegenheitlich noch immer neue Abarten hervor.
-
-Der Mensch erzeugt in Wirklichkeit keine Abänderungen, sondern
-er versetzt nur unabsichtlich organische Wesen unter neue
-Lebens-Bedingungen, und dann wirkt die Natur auf deren Organisation
-und verursacht Veränderlichkeit. Der Mensch kann aber die ihm von der
-Natur dargebotenen Abänderungen zur Nachzucht auswählen und dieselben
-hiedurch in einer beliebigen Richtung häufen; und Diess thut er
-wirklich. Er passt auf diese Weise Thiere und Pflanzen seinem eignen
-Nutzen und Vergnügen an. Er mag Diess planmässig oder mag es unbewusst
-thun, indem er die ihm zur Zeit nützlichsten Individuen, ohne einen
-Gedanken an die Änderung der Rasse, zurückbehält. Es ist gewiss, dass
-er einen grossen Einfluss auf den Charakter einer Rasse dadurch ausüben
-kann, dass er von Generation zu Generation individuelle Abänderungen
-zur Nachzucht auswählt, so gering, dass sie für das ungeübte Auge kaum
-wahrnehmbar sind. Dieses Wahl-Verfahren ist das grosse Agens in der
-Erzeugung der ausgezeichnetsten und nützlichsten unsrer veredelten
-Thier- und Pflanzen-Rassen gewesen. Dass nun viele der vom Menschen
-gebildeten Abänderungen den Charakter natürlicher Arten schon
-grossentheils besitzen, geht aus den unausgesetzten Zweifeln in Bezug
-auf viele derselben hervor, ob es Arten oder Abarten sind.
-
-Es ist kein Grund nachzuweisen, wesshalb diese Prinzipien, welche in
-Bezug auf die kultivirten Organismen so erfolgreich gewirkt, nicht
-auch in der Natur wirksam seyn sollten. In der Erhaltung begünstigter
-Individuen und Rassen während des beständig wiederkehrenden Kampfs ums
-Daseyn sehen wir das wirksamste und nie ruhende Mittel der Natürlichen
-Züchtung. Der Kampf ums Daseyn ist die unvermeidliche Folge der
-hochpotenzirten geometrischen Zunahme, welche allen organischen Wesen
-gemein ist. Dieses rasche Zunahme-Verhältniss ist thatsächlich erwiesen
-aus der schnellen Vermehrung vieler Pflanzen und Thiere während einer
-Reihe günstiger Jahre und bei ihrer Naturalisirung in einer neuen
-Gegend. Es werden mehr Einzelwesen geboren, als fortzuleben im Stande
-sind. Ein Gran in der Wage kann den Ausschlag geben, welches Individuum
-fortleben und welches zu Grunde gehen soll, welche Art oder Abart
-sich vermehren und welche abnehmen und endlich erlöschen muss. Da die
-Individuen einer nämlichen Art in allen Beziehungen in die nächste
-Bewerbung miteinander gerathen, so wird gewöhnlich auch der Kampf
-zwischen ihnen am heftigsten seyn; er wird fast eben so heftig zwischen
-den Abarten einer Art, und dann zunächst zwischen den Arten einer Sippe
-seyn. Aber der Kampf kann oft auch sehr heftig zwischen Wesen seyn,
-welche auf der Stufenleiter der Natur am weitesten auseinander stehen.
-Der geringste Vortheil, den ein Wesen in irgend einem Lebens-Alter
-oder zu irgend einer Jahreszeit über seine Mitbewerber voraus hat,
-oder eine wenn auch noch so wenig bessere Anpassung an die umgebenden
-Natur-Verhältnisse kann die Wage sinken machen.
-
-Bei Thieren getrennten Geschlechts wird meistens ein Kampf der Männchen
-um den Besitz der Weibchen stattfinden. Die kräftigsten oder diejenigen
-Individuen, welche am erfolgreichsten mit ihren Lebens-Bedingungen
-gekämpft haben, werden gewöhnlich am meisten Nachkommenschaft
-hinterlassen. Aber der Erfolg wird oft davon abhängen, dass die
-Männchen besondre Waffen oder Vertheidigungs-Mittel oder Reitze
-besitzen; und der geringste Vortheil kann zum Siege führen.
-
-Da die Geologie uns deutlich nachweiset, dass ein jedes Land grosse
-physikalische Veränderungen erfahren hat, so ist anzunehmen, dass die
-organischen Wesen im Natur-Zustande ebenso wie die kultivirten unter
-den veränderten Lebens-Bedingungen abgeändert haben. Wenn nun eine
-Veränderlichkeit im Natur-Zustande vorhanden ist, so würde es eine
-unerklärliche Erscheinung seyn, falls die Natürliche Züchtung nicht
-eingriffe. Es ist oft versichert worden, aber eines Beweises nicht
-fähig, dass das Maass der Abänderung in der Natur eine streng bestimmte
-Quantität seye. Der Mensch, obwohl nur auf äussre Charaktere allein
-und oft bloss nach seiner Laune wirkend, vermag in kurzer Zeit dadurch
-grossen Erfolg zu erzielen, dass er allmählich alle in einer Richtung
-hervortretenden individuellen Verschiedenheiten zusammenhäuft; und
-jedermann gibt zu, dass wenigstens individuelle Verschiedenheiten bei
-den Arten im Natur-Zustande vorkommen. Aber von diesen abgesehen, haben
-alle Naturforscher das Daseyn von Abarten oder Varietäten eingestanden,
-welche verschieden genug seyen, um in den systematischen Werken als
-solche mit aufgeführt zu werden. Doch kann niemand einen bestimmten
-Unterschied zwischen individuellen Abänderungen und leichten Varietäten
-oder zwischen verschiedenen Abarten, Unterarten und Arten angeben.
-Erinnern wir uns, wie sehr die Naturforscher in ihrer Ansicht über
-den Rang der vielen stellvertretenden Formen in _Europa_ und
-_Amerika_ auseinandergehen.
-
-Wenn es daher im Natur-Zustande Variabilität und ein mächtiges stets
-zur Thätigkeit und Zuchtwahl bereites Agens gibt, wesshalb sollten
-wir noch bezweifeln, dass irgend welche für die Organismen in ihren
-äusserst verwickelten Lebens-Verhältnissen einigermaassen nützliche
-Abänderungen erhalten, gehäuft und vererbt werden? Wenn der Mensch
-die ihm selbst nützlichen Abänderungen geduldig zur Nachzucht
-auswählt: warum sollte die Natur unterlassen, die unter veränderten
-Lebens-Bedingungen für ihre Produkte nützlichsten Abänderungen
-auszusuchen? Welche Schranken kann man einer Kraft setzen, welche
-von einer Welt-Periode zur andern beschäftigt ist, die ganze
-organische Bildung, Thätigkeit und Lebens-Weise eines jeden Geschöpfes
-unausgesetzt zu sichten, das Gute zu befördern und das Schlechte
-zurückzuwerfen? Ich vermag keine Grenze zu sehen für eine Kraft, welche
-jede Form den verwickeltsten Lebens-Verhältnissen langsam anzupassen
-beschäftigt ist. Die Theorie der Natürlichen Züchtung scheint mir,
-auch wenn wir uns nur darauf allein beschränken, in sich selbst
-wahrscheinlich zu seyn. Ich habe bereits, so ehrlich als möglich, die
-dagegen erhobenen Schwierigkeiten und Einwände rekapitulirt; jetzt
-wollen wir uns zu den Spezial-Erscheinungen und Folgerungen zu Gunsten
-unsrer Theorie wenden.
-
-Aus meiner Ansicht, dass Arten nur stark ausgebildete und bleibende
-Varietäten (Abarten) sind und jede Art zuerst als eine Varietät
-existirt hat, ergibt sich, wesshalb keine Grenzlinie gezogen werden
-kann zwischen Arten, welche man gewöhnlich als Produkte eben so vieler
-besondrer Schöpfungs-Akte betrachtet, und zwischen Varietäten, die
-man als Bildungen eines sekundären Gesetzes gelten lässt. Nach dieser
-nämlichen Ansicht ist es ferner zu begreifen, dass in jeder Gegend, wo
-viele Arten einer Sippe entstanden sind und nun gedeihen, diese Arten
-noch viele Abarten darbieten; denn, wo die Arten-Fabrikation thätig
-betrieben worden ist, da möchten wir als Regel erwarten, sie noch
-in Thätigkeit zu finden; und Diess ist der Fall, woferne Varietäten
-beginnende Arten sind. Überdiess behalten auch die Arten grosser
-Sippen, welche die Mehrzahl der Varietäten oder beginnenden Arten
-liefern, in gewissem Grade den Charakter von Varietäten bei; denn sie
-unterscheiden sich in geringerem Maasse, als die Arten kleinerer Sippen
-von einander. Auch haben die nahe-verwandten Arten grosser Sippen eine
-beschränktere Verbreitung und bilden vermöge ihrer Verwandtschaft zu
-einander kleine um andre Arten geschaarte Gruppen, in welcher Hinsicht
-sie ebenfalls Varietäten gleichen. Diess sind, von dem Gesichtspunkte
-aus beurtheilt, dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye,
-befremdende Erscheinungen, welche dagegen der Annahme ganz wohl
-entsprechen, das alle Arten sich aus Varietäten entwickelt haben.
-
-Da jede Art bestrebt ist sich in geometrischem Verhältnisse unendlich
-zu vermehren, und da die abgeänderten Nachkommen einer jeden Spezies
-sich um so rascher zu vervielfältigen vermögen, jemehr dieselben in
-Lebensweise und Organisation auseinander laufen, und mithin jemehr
-und verschiedenartigere Stellen sie demnach im Haushalte der Natur
-einzunehmen im Stande sind, so wird in der Natürlichen Züchtung ein
-beständiges Streben vorhanden seyn, die am weitesten verschiedenen
-Nachkommen einer jeden Art zu erhalten. Daher werden im langen Verlaufe
-solcher allmählichen Abänderungen die geringen und blosse Varietäten
-einer Art bezeichnenden Verschiedenheiten sich zu grösseren die
-Spezies einer nämlichen Sippe charakterisirenden Verschiedenheiten
-steigern. Neue und verbesserte Varietäten werden die älteren weniger
-vervollkommneten und die letzten vermittelnden Abarten unvermeidlich
-ersetzen und austilgen, und so entstehen grossentheils scharf
-umschriebene und wohl unterschiedene Spezies. Herrschende Arten aus
-den grösseren Gruppen einer jeden Klasse streben wieder neue und
-herrschende Formen zu erzeugen, so dass jede grosse Gruppe geneigt ist
-noch grösser und zugleich divergenter im Charakter zu werden. Da jedoch
-nicht alle Gruppen beständig zunehmen können, indem zuletzt die Welt
-sie nicht mehr zu fassen vermöchte, so verdrängen die herrschenderen
-die minder herrschenden. Dieses Streben der grossen Gruppen an Umfang
-zu wachsen und im Charakter auseinander zu laufen, in Verbindung mit
-der meist unvermeidlichen Folge starken Erlöschens andrer, erklärt die
-Anordnung aller Lebenformen in mehr und mehr unterabgetheilte Gruppen
-innerhalb einiger wenigen grossen Klassen, die uns jetzt überall
-umgeben und alle Zeiten überdauert haben. Diese grosse Thatsache der
-Gruppirung aller organischen Wesen scheint mir nach der gewöhnlichen
-Schöpfungs-Theorie ganz unerklärlich.
-
-Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung kleiner aufeinander-folgender
-günstiger Abänderungen wirkt, so kann sie keine grosse und plötzliche
-Umgestaltungen bewirken; sie kann nur mit sehr langsamen und kurzen
-Schritten vorangehen. Daher denn auch der Canon „_Natura non facit
-saltum_“, welcher sich mit jeder neuen Erweiterung unsrer Kenntnisse
-mehr bestätigt, aus dieser Theorie einfach begreiflich wird. Wir sehen
-ferner ein, warum die Natur so fruchtbar an Abänderungen und doch so
-sparsam an Neuerungen ist. Wie Diess aber ein Natur-Gesetz seyn könnte,
-wenn jede Art unabhängig erschaffen worden wäre, vermag niemand zu
-erläutern.
-
-Aus dieser Theorie scheinen mir noch andre Thatsachen erklärbar. Wie
-befremdend wäre es, dass ein Vogel in Gestalt eines Spechtes geschaffen
-worden wäre, um Insekten am Boden aufzusuchen; dass eine Gans, welche
-niemals oder selten schwimmt, mit Schwimmfüssen, dass eine Drossel zum
-Tauchen und Leben von unter Wasser wohnenden Insekten, und dass ein
-Sturmvogel geschaffen worden wäre mit einer Organisation, welche der
-Lebens-Weise eines Alks oder Lappentauchers (S. 210) entspricht, und so
-in zahllosen andern Fällen. Aber nach der Ansicht, dass die Arten sich
-beständig zu vermehren streben, während die Natürliche Züchtung immer
-bereit ist, die langsam abändernden Nachkommen jeder Art einem jeden in
-der Natur noch nicht oder nur unvollkommen besetzten Platze anzupassen,
-hören diese Erscheinungen auf befremdend zu seyn und hätten sich sogar
-vielleicht voraussehen lassen.
-
-Da die Natürliche Züchtung neben der Mitbewerbung wirkt, so
-passt sie die Bewohner einer jeden Gegend nur im Verhältniss der
-Vollkommenheits-Stufe der andern Bewerber an, daher es uns nicht
-überrascht, wenn die Bewohner eines Bezirkes, welche nach der
-gewöhnlichen Ansicht doch speziell für diesen Bezirk geschaffen und
-angepasst seyn sollen, durch die naturalisirten Erzeugnisse aus andern
-Ländern besiegt und ersetzt werden. Noch dürfen wir uns wundern, wenn
-nicht alle Erfindungen in der Natur, so weit wir ermessen können, ganz
-vollkommen sind und manche derselben sogar hinter unsren Begriffen von
-Angemessenheit weit zurückbleiben. Es darf uns daher nicht befremden,
-wenn der Stich der Biene ihren eignen Tod verursacht; wenn die Dronen
-in so ungeheurer Anzahl nur für einen einzelnen Akt erzeugt und dann
-grösstentheils von ihren unfruchtbaren Schwestern getödtet werden; wenn
-unsre Nadelhölzer eine so unermessliche Menge von Pollen erzeugen; wenn
-die Bienenkönigin einen instinktiven Hass gegen ihre eignen fruchtbaren
-Töchter empfindet; oder wenn die Ichneumoniden sich im lebenden Körper
-von Raupen nähren u. s. w. Weit mehr hätte man sich nach der Theorie
-der Natürlichen Züchtung darüber zu wundern, dass nicht noch mehr Fälle
-von Mangel an unbedingter Vollkommenheit beobachtet werden.
-
-Die verwickelten und wenig bekannten Gesetze, welche die Variation
-in der Natur beherrschen, sind, so weit unsre Einsicht reicht,
-die nämlichen, welche auch die Erzeugung sogenannter spezifischer
-Formen geleitet haben. In beiden Fällen scheinen die natürlichen
-Bedingungen nur wenig Einfluss gehabt zu haben; wenn aber Varietäten
-in eine neue Zone eindringen, so nehmen sie etwas von den Charakteren
-der dieser Zone eigenthümlichen Spezies an. In Varietäten sowohl
-als Arten scheinen Gebrauch und Nichtgebrauch einige Wirkung zu
-haben; denn es ist schwer dieser Ansicht zu widerstehen, wenn man
-z. B. die Dickkopf-Ente (Micropterus) mit Flügeln sieht, welche
-zum Fluge eben so wenig brauchbar als die der Hausente sind, oder
-wenn man den grabenden Tukutuku (Ctenomys), welcher mitunter blind
-ist, und dann die Maulwurf-Arten betrachtet, die immer blind sind
-und ihre Augen-Rudimente unter der Haut liegen haben, oder endlich
-wenn man die blinden Thiere in den dunkeln Höhlen _Europa’s_
-und _Amerika’s_ ansieht. In Arten und Abarten scheint die
-Wechselbeziehung der Entwickelung eine sehr wichtige Rolle gespielt zu
-haben, so dass, wenn ein Theil abgeändert worden ist, auch andre Theile
-nothwendig modifizirt werden mussten. In Arten wie in Abarten kommt
-Rückkehr zu längst verlorenen Charakteren vor. Wie unerklärlich ist
-nach der Schöpfungs-Theorie die gelegentliche Erscheinung von Streifen
-an Schultern und Beinen der verschiedenen Arten der Pferde-Sippe
-und ihrer Bastarde; und wie einfach erklärt sich diese Thatsache,
-wenn wir annehmen, dass alle diese Arten von einem gestreiften
-gemeinsamen Stamm-Vater herrühren in derselben Weise, wie unsre zahmen
-Tauben-Rassen von der blau-grauen Felstaube mit schwarzen Flügelbinden.
-
-Wie lässt es sich nach der gewöhnlichen Ansicht, dass jede Art
-unabhängig geschaffen worden seye, erklären, dass die Arten-Charaktere,
-wodurch sich die verschiedenen Spezies einer Sippe von einander
-unterscheiden, veränderlicher als die Sippen-Charaktere sind, in
-welchen alle übereinstimmen? Warum wäre z. B. die Farbe einer
-Blume in einer Art einer Sippe, wo alle übrigen Arten mit andern
-Farben versehen sind, eher zu variiren geneigt, als wenn alle Arten
-derselben Sippe von gleicher Farbe sind? Wenn aber Arten nur stark
-abgebildete Abarten sind, deren Charaktere schon in hohem Grade
-beständig geworden, so begreift sich Diess; denn sie haben bereits
-seit ihrer Abzweigung von einem gemeinsamen Stammvater in gewissen
-Merkmalen variirt, durch welche sie eben von einander verschieden
-geworden sind; und desshalb werden auch die nämlichen Charaktere noch
-fortdauernd unbeständiger seyn, als die Sippen-Charaktere, die sich
-schon seit einer unermesslichen Zeit unverändert vererbt haben. Nach
-der Theorie der Schöpfung ist es unerklärlich, warum ein bei der
-einen Art einer Sippe in ganz ungewöhnlicher Weise entwickelter und
-daher vermuthlich für dieselben sehr wichtiger Charakter vorzugsweise
-zu variiren geneigt seyn soll; während dagegen nach meiner Ansicht
-dieser Theil seit der Abzweigung der verschiedenen Arten von einem
-gemeinsamen Stammvater in ungewöhnlichem Grade Abänderungen erfahren
-hat und gerade desshalb seine noch fortwährende Veränderlichkeit
-voraus zu erwarten stund. Dagegen kann es auch vorkommen, dass ein
-in der ungewöhnlichsten Weise entwickelter Theil, wie der Flügel der
-Fledermäuse, sich jetzt eben so wenig veränderlich als die übrigen
-zeigt, wenn derselbe vielen untergeordneten Formen gemein, d. h. schon
-seit sehr langer Zeit vererbt worden ist; denn in diesem Falle wird er
-durch lang-fortgesetzte Natürliche Züchtung beständig geworden seyn.
-
-Werfen wir auf die Instinkte einen Blick, von welchen manche
-wunderbar sind, so bieten sie der Theorie der Natürlichen Züchtung
-mittelst leichter und allmählicher nützlicher Abänderungen keine
-grössere Schwierigkeit als die körperlichen Bildungen dar. Man kann
-daraus begreifen, warum die Natur bloss in kleinen Abstufungen die
-Thiere einer nämlichen Klasse mit ihren verschiedenen Instinkten
-vervollkommt. Ich habe zu zeigen versucht, wie viel Licht das Prinzip
-der stufenweisen Entwickelung auf den Bau-Instinkt der Honigbiene
-wirft. Auch Gewohnheit kommt bei Modifizirung der Instinkte gewiss
-oft in Betracht; aber Diess ist sicher nicht unerlässlich der Fall,
-wie wir bei den geschlechtlosen Insekten sehen, die keine Nachkommen
-hinterlassen, auf welche sie die Erfolge lang-währender Gewohnheit
-übertragen könnten. Nach der Ansicht, dass alle Arten einer Sippe von
-einer gemeinsamen Stamm-Art herrühren und von dieser Vieles gemeinsam
-geerbt haben, vermögen wir die Ursache zu erkennen, wesshalb verwandte
-Arten, auch wenn sie wesentlich verschiedenen Lebens-Bedingungen
-ausgesetzt sind, doch beinahe denselben Instinkten folgen: wie z. B.
-die _Süd-Amerikanische_ Amsel ihr Nest inwendig eben so mit
-Schlamm überzieht, wie es unsre _Europäische_ Art thut. In Folge
-der Ansicht, dass Instinkte nur ein langsamer Erwerb unter der Leitung
-Natürlicher Züchtung sind, dürfen wir uns nicht darüber wundern, wenn
-manche derselben noch unvollkommen oder nicht verständlich sind, und
-wenn manche unter ihnen andern Thieren zum Nachtheil gereichen.
-
-Wenn Arten nur wohl ausgebildete und bleibende Abarten sind, so
-erkennen wir sogleich, warum ihre durch Kreutzung entstandenen
-Nachkommen den nämlichen verwickelten Gesetzen unterliegen: in Art
-und Grad der Ähnlichkeit mit den Ältern, in der Verschmelzung durch
-wiederholte Kreutzung und in andern ähnlichen Punkten, wie es bei
-den gekreutzten Nachkommen anerkannter Abarten der Fall ist; während
-Diess wunderbare Erscheinungen blieben, wenn die Arten unabhängig
-von einander erschaffen und die Abarten nur durch sekundäre Kräfte
-entstanden wären.
-
-Wenn wir zugeben, dass der geologische Schöpfungs-Bericht im äussersten
-Grade unvollständig ist, dann unterstützen solche Thatsachen, wie der
-Bericht sie liefert, die Theorie der Abstammung mit fortwährender
-Abänderung. Neue Arten sind von Zeit zu Zeit allmählich auf den
-Schauplatz getreten und das Maass der Umänderung, welche sie nach
-gleichen Zeiträumen erfahren, ist in den verschiedenen Gruppen weit
-verschieden. Das Erlöschen von Arten und Arten-Gruppen, welches an
-der Geschichte der organischen Welt einen so wesentlichen Theil hat,
-folgt fast unvermeidlich aus dem Prinzip der Natürlichen Züchtung;
-denn alte Formen werden durch neue und verbesserte Formen ersetzt.
-Weder einzelne Arten noch Arten-Gruppen erscheinen wieder, wenn die
-Kette ihrer regelmässigen Fortpflanzung einmal unterbrochen worden
-war. Die stufenweise Ausbreitung herrschender Formen mit langsamer
-Abänderung ihrer Nachkommen hat zur Folge, dass die Lebenformen
-nach langen Zeiträumen gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche
-zu wechseln scheinen. Die Thatsache, dass die Fossil-Reste jeder
-Formation im Charakter einigermaassen das Mittel halten zwischen den
-darunter und den darüber liegenden Resten, erklärt sich einfach aus
-ihrer mitteln Stelle in der Abstammungs-Kette. Die grosse Thatsache,
-dass alle erloschenen Organismen in ein gleiches grosses System mit
-den lebenden Wesen zusammenfallen und mit ihnen entweder in gleiche
-oder in vermittelnde Gruppen gehören, ist eine Folge davon, dass
-die lebenden und die erloschenen Wesen die Nachkommen gemeinsamer
-Stamm-Ältern sind. Da die von alten Stammvätern herrührenden Gruppen
-gewöhnlich im Charakter auseinandergegangen, so werden der Stammvater
-und seine nächsten Nachkommen in ihren Charakteren oft das Mittel
-halten zwischen seinen späteren Nachkommen, und so ergibt sich warum,
-je älter ein Fossil ist, desto öfter es einigermaassen in der Mitte
-steht zwischen verwandten lebenden Gruppen. Man hält die neueren Formen
-im Allgemeinen für vollkommener als die alten und erloschenen; und sie
-stehen auch insoferne höher als diese, als sie in Folge fortwährender
-Verbesserung die älteren und noch weniger verbesserten Formen im
-Kampfe ums Daseyn besiegt haben. Auch sind im Allgemeinen ihre Organe
-mehr spezialisirt für verschiedene Verrichtungen. Diese Thatsache ist
-vollkommen verträglich mit der andern, dass viele Wesen jetzt noch
-eine einfache und nur wenig verbesserte Organisation für einfachere
-Lebens-Bedingungen besitzen, -- und mit der ferneren Annahme, dass
-manche Formen in ihrer Organisation zurückgeschritten sind, weil sie
-eben dadurch sich einer veränderten und verkümmerten Lebensweise besser
-anpassten. Endlich wird das Gesetz langer Dauer unter sich verwandter
-Formen in diesem oder jenem Kontinente -- wie die der Marsupialen in
-_Neuholland_, der Edentaten in _Südamerika_ u. a. solche
-Fälle -- erklärlich, da in einer begrenzten Gegend die neuen und
-erloschenen Formen durch Abstammung miteinander verwandt sind.
-
-Wenn man, was die geographische Verbreitung betrifft, zugibt,
-dass im Verlaufe langer Erd-Perioden je nach den klimatischen
-und geographischen Veränderungen und der Wirkung so vieler
-gelegenheitlicher und unbekannter Veranlassungen starke Wanderungen
-von einem Welt-Theile zum andern stattgefunden haben, so erklären
-sich die Haupterscheinungen der Verbreitung meistens aus der Theorie
-der Abstammung mit fortdauernder Abänderung. Man kann einsehen, warum
-ein so auffallender Parallelismus in der räumlichen Vertheilung
-der organischen Wesen und ihrer geologischen Aufeinanderfolge in
-der Zeit besteht; denn in beiden Fällen sind diese Wesen durch das
-Band gewöhnlicher Fortpflanzung miteinander verkettet, und die
-Abänderungs-Mittel sind die nämlichen. Wir begreifen die volle
-Bedeutung der wunderbaren Erscheinung, welche jedem Reisenden
-aufgefallen seyn muss, dass im nämlichen Kontinente unter den
-verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, in Hitze und Kälte, im Gebirge
-und Tiefland, in Marsch- und Sand-Strecken die meisten der Bewohner aus
-jeder grossen Klasse offenbar verwandt sind; denn es sind gewöhnlich
-Nachkommen von den nämlichen Stammvätern und ersten Kolonisten. Nach
-diesem nämlichen Prinzip früherer Wanderungen meistens in Verbindung
-mit entsprechender Abänderung begreift sich mit Hilfe der Eis-Periode
-die Identität einiger wenigen Pflanzen und die nahe Verwandtschaft
-vieler andern auf den entferntesten Gebirgen, und ebenso die nahe
-Verwandtschaft einiger Meeres-Bewohner in der nördlichen und in der
-südlichen gemässigten Zone, obwohl sie durch das ganze Tropen-Meer
-getrennt sind. Und wenn anderntheils zwei Gebiete so übereinstimmende
-natürliche Bedingungen darbieten, wie es zur Ernährung gleicher
-Arten nöthig ist, so können wir uns darüber nicht wundern, dass ihre
-Bewohner weit von einander verschieden sind, falls dieselben während
-langer Perioden vollständig von einander getrennt waren; denn wenn
-auch die Beziehung von einem Organismus zum andern die wichtigste
-aller Beziehungen ist und die zwei Gebiete ihre ersten Ansiedler in
-verschiedenen Perioden und Verhältnissen von einem dritten Gebiete oder
-wechselseitig von einander erhalten haben können, so wird der Verlauf
-der Abänderung in beiden Gebieten unvermeidlich ein verschiedener
-gewesen seyn.
-
-Nach der Annahme stattgefundener Wanderungen mit nachfolgender
-Abänderung erklärt es sich, warum ozeanische Inseln nur von wenigen
-Arten bewohnt werden, von welchen jedoch viele eigenthümlich sind.
-Man vermag klar einzusehen, warum diejenigen Thiere, welche weite
-Strecken des Ozeans nicht zu überschreiten im Stande sind, wie
-Frösche und Land-Säugethiere, keine ozeanischen Eilande bewohnen, und
-wesshalb dagegen neue und eigenthümliche Fledermaus-Arten, welche
-über den Ozean hinwegkommen können, auf oft weit vom Festlande
-entlegenen Inseln vorkommen. Solche Erscheinungen, wie die Anwesenheit
-besondrer Fledermaus-Arten und der Mangel aller andern Säugethiere
-auf ozeanischen Inseln sind nach der Theorie selbstständiger
-Schöpfungs-Akte gänzlich unerklärbar.
-
-Das Vorkommen nahe-verwandter oder stellvertretender Arten in
-zweierlei Gebieten setzt nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit
-allmählicher Abänderung voraus, dass die gleichen Ältern vordem beide
-Gebiete bewohnt haben; und wir finden fast ohne Ausnahme, dass, wo
-immer viele einander nahe-verwandte Arten zwei Gebiete bewohnen, auch
-einige identische dazwischen sind. Und wo immer viele verwandte aber
-verschiedene Arten erscheinen, da kommen auch viele zweifelhafte Formen
-und Abarten der nämlichen Spezies vor. Es ist eine sehr allgemeine
-Regel, dass die Bewohner eines jeden Gebietes mit den Bewohnern
-desjenigen nächsten Gebietes verwandt sind, aus welchem sich die
-Einwanderung der ersten mit Wahrscheinlichkeit ableiten lässt. Wir
-sehen Diess in fast allen Pflanzen und Thieren der _Galapagos_-Eilande,
-auf _Juan Fernandez_ und den andern _Amerikanischen_ Inseln, welche
-in auffallendster Weise mit denen des benachbarten _Amerikanischen_
-Festlandes verwandt sind; und eben so verhalten sich die des
-_Capverdischen_ Archipels und andrer _Afrikanischen_ Inseln zum
-_Afrikanischen_ Festland. Man muss zugeben, dass diese Thatsachen aus
-der gewöhnlichen Schöpfungs-Theorie nicht erklärbar sind.
-
-Wie wir gesehen, ist die Erscheinung, dass alle früheren und jetzigen
-organischen Wesen nur ein grosses vielfach unter-abgetheiltes
-natürliches System bilden, worin die erloschenen Gruppen oft zwischen
-die noch lebenden fallen, aus der Theorie der Natürlichen Züchtung mit
-ihrer Ergänzung durch Erlöschen und Divergenz des Charakters erklärbar.
-Aus denselben Prinzipien ergibt sich auch, warum die wechselseitige
-Verwandtschaft von Arten und Sippen in jeder Klasse so verwickelt und
-mittelbar ist. Es ergibt sich, warum gewisse Charaktere viel besser als
-andre zur Klassifikation brauchbar sind; warum Anpassungs-Charaktere,
-obschon von oberster Bedeutung für das Wesen selbst, kaum von einiger
-Wichtigkeit bei der Klassifikation sind; warum von Stümmel-Organen
-abgeleitete Charaktere, obwohl diese Organe dem Organismus zu nichts
-dienen, oft einen hohen Werth für die Klassifikation besitzen; und
-warum embryonische Charaktere den höchsten Werth von allen haben.
-Die wesentlichen Verwandtschaften aller Organismen rühren von
-gemeinschaftlicher Ererbung oder Abstammung her. Das Natürliche System
-ist eine genealogische Anordnung, worin uns die Abstammungs-Linien
-durch die beständigsten Charaktere verrathen werden, wie gering auch
-deren Wichtigkeit für das Leben seyn mag.
-
-Die Erscheinungen, dass das Knochen-Gerüste das nämliche in der Hand
-des Menschen, wie im Flügel der Fledermaus, im Ruder der Seeschildkröte
-und im Bein des Pferdes ist, -- dass die gleiche Anzahl von Wirbeln
-den Hals aller Säugethiere, den der Giraffe wie den des Elephanten
-bildet, und noch eine Menge ähnlicher, erklären sich sogleich aus der
-Theorie der Abstammung mit geringer und langsam aufeinander-folgender
-Abänderung. Die Ähnlichkeit des Modells im Flügel und im Hinterfusse
-der Fledermaus, obwohl sie zu ganz verschiedenen Diensten bestimmt
-sind, in den Kinnladen und den Beinen des Krabben, in den Kelch- und
-Kronen-Blättern, in den Staubgefässen und Staubwegen der Blüthen wird
-gleicherweise aus der Annahme allmählich divergirender Abänderung von
-Theilen oder Organen erklärbar, welche in dem gemeinsamen Stammvater
-jeder Klasse unter sich ähnlich gewesen sind. Nach dem Prinzip,
-dass allmähliche Abänderungen nicht immer schon im frühen Alter
-erfolgen und sich demnach auf ein gleiches und nicht früheres Alter
-vererben, ergibt sich eine klare Ansicht, wesshalb die Embryonen von
-Säugthieren, Vögeln, Reptilien und Fischen einander so ähnlich sind
-und in späterem Alter so unähnlich werden. Man wird sich nicht mehr
-darüber wundern, dass der Embryo eines Luft-athmenden Säugthieres oder
-Vogels Kiemen-Spalten und Schleifen-artig verlaufende Arterien, wie
-der Fisch besitze, welcher die im Wasser aufgelöste Luft mit Hilfe
-wohl-entwickelter Kiemen zu athmen bestimmt ist.
-
-Nichtgebrauch, zuweilen mit Natürlicher Züchtung verbunden, führt oft
-zur Verkümmerung eines Organes, wenn es bei veränderter Lebens-Weise
-oder unter wechselnden Lebens-Bedingungen nutzlos geworden ist, und man
-bekommt auf diese Weise eine richtige Vorstellung von rudimentären
-Organen. Aber Nichtgebrauch und Natürliche Züchtung werden auf jedes
-Geschöpf gewöhnlich erst wirken, wenn es zur Reife gelangt ist und
-selbstständigen Antheil am Kampfe ums Daseyn nimmt. Sie werden nur
-wenig über ein Organ in den ersten Lebens-Altern vermögen, wesshalb
-kein Organ in solchen frühen Altern sehr verringert oder verkümmert
-werden kann. Das Kalb z. B. hat Schneide-Zähne, welche aber im
-Oberkiefer das Zahnfleisch nie durchbrechen, von einem frühen
-Stammvater mit wohl-entwickelten Zähnen geerbt, und es ist anzunehmen,
-dass diese Zähne im reifen Thiere während vieler aufeinander-folgender
-Generationen reduzirt worden sind, entweder weil sie nicht gebraucht
-oder weil Zunge und Gaumen zum Abweiden des Futters ohne ihre Hilfe
-durch Natürliche Züchtung besser hergerichtet worden sind; wesshalb
-dann im Kalb diese Zähne unentwickelt geblieben und nach dem Prinzip
-der Erblichkeit in gleichem Alter von früher Zeit an bis auf den
-heutigen Tag so vererbt worden sind. Wie ganz unerklärbar sind nach
-der Annahme, dass jedes organische Wesen und jedes besondre Organ für
-seinen Zweck besonders erschaffen worden seye, solche Erscheinungen,
-die, wie diese nie zum Durchbruch gelangenden Schneidezähne des Kalbs
-oder die verschrumpften Flügel unter den verwachsenen Flügeldecken
-mancher Käfer, so auffallend das Gepräge der Nutzlosigkeit an sich
-tragen! Man könnte sagen, die Natur habe Sorge getragen, durch
-rudimentäre Organe und homologe Gebilde uns ihren Abänderungs-Plan zu
-verrathen, welchen wir ausserdem nicht verstehen würden.
-
- * * * * *
-
-Ich habe jetzt die hauptsächlichsten Erscheinungen und Betrachtungen
-wiederholt, welche mich zur innigsten Überzeugung geführt, dass die
-Arten während langer Fortpflanzungs-Perioden durch Erhaltung oder
-Natürliche Züchtung mittelst zahlreich aufeinander-folgender kleiner
-aber nützlicher Abweichungen von ihrem anfänglichen Typus verändert
-worden sind. Ich kann nicht glauben, dass eine falsche Theorie die
-mancherlei grossen Gruppen oben aufgezählter Erscheinungen erklären
-würde, wie meine Theorie der Natürlichen Züchtung es doch zu thun
-scheint. Es ist keine triftige Einrede, dass die Wissenschaft bis jetzt
-noch kein Licht über den Ursprung des Lebens verbreite. Wer vermöchte
-zu erklären, was das Wesen der Attraktion oder Gravitation seye? Obwohl
-~Leibnitz~ den ~Newton~ angeklagt, dass er „verborgene Qualitäten und
-Wunder in die Philosophie“ eingeführt, so wird doch dieses unbekannte
-Element der Attraktion jetzt allgemein als eine vollkommen begründete
-vera causa angenommen.
-
-Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufgestellten
-Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle verstossen sollten.
-Es möge die Erinnerung genügen, dass die grösste Entdeckung, welche
-der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Gravitation, von
-~Leibnitz~ angegriffen worden ist, weil es die natürliche
-Religion untergrabe und die offenbarte verläugne. Ein berühmter
-Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, „er habe
-allmählich einsehen gelernt, dass es eine ebenso erhabene Vorstellung
-von der Gottheit seye, zu glauben, dass sie nur einige wenige der
-Selbstentwickelung in andre und nothwendige Formen fähige Urtypen
-geschaffen, als dass sie immer wieder neue Schöpfungs-Akte nöthig
-gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer
-eigenen Gesetze entstanden seyen.“
-
-Aber warum, wird man fragen, haben denn fast alle ausgezeichneten
-lebenden Naturforscher und Geologen diese Ansicht von der
-Veränderlichkeit der Spezies verworfen? Es kann ja doch nicht behauptet
-werden, dass organische Wesen im Naturzustande keiner Abänderung
-unterliegen; es kann nicht bewiesen werden, dass das Maass der
-Abänderung im Verlaufe ganzer Erd-Perioden eine beschränkte Grösse
-seye; ein bestimmter Unterschied zwischen Arten und ausgeprägten
-Abarten ist noch nicht angegeben worden und kann nicht angegeben
-werden. Es lässt sich nicht behaupten, dass Arten bei der Kreutzung
-ohne Ausnahme unfruchtbar seyen, noch dass Unfruchtbarkeit eine
-besondre Gabe und ein Merkmal der Schöpfung seye. Die Annahme, dass
-Arten unveränderliche Erzeugnisse seyen, war fast unvermeidlich so
-lange, als man der Geschichte der Erde nur eine kurze Dauer zuschrieb;
-und nun, da wir einen Begriff von der Länge der Zeit erlangt haben,
-sind wir zu verständig, um ohne Beweis anzunehmen, der geologische
-Schöpfungs-Bericht seye so vollkommen, dass er uns einen klaren
-Nachweis über die Abänderung der Arten liefern müsste, wenn sie solche
-Abänderung erfahren hätten.
-
-Aber die Hauptursache, wesshalb wir von Natur nicht geneigt sind
-zuzugestehen, dass eine Art eine andere verschiedene Art erzeugt haben
-könne, liegt darin, dass wir stets behutsam in der Zulassung einer
-grossen Veränderung sind, deren Mittelstufen wir nicht kennen. Die
-Schwierigkeit ist dieselbe, welche so viele Geologen gefühlt, als
-~Lyell~ zuerst behauptete, dass binnen-ländische Fels-Klippen
-gebildet und grosse Thäler ausgehöhlt worden seyen durch die langsame
-Thätigkeit der Küsten-Wogen. Der Begriff kann die volle Bedeutung des
-Ausdruckes Hundert Millionen Jahre unmöglich fassen; er kann nicht die
-ganze Grösse der Wirkung zusammenrechnen und begreifen, welche durch
-Häufung einer Menge kleiner Abänderungen während einer fast unendlichen
-Anzahl von Generationen entsteht.
-
-Obwohl ich von der Wahrheit der in diesem Bande auszugsweise
-mitgetheilten Ansichten vollkommen durchdrungen bin, so hege ich doch
-keinesweges die Erwartung erfahrene Naturforscher davon zu überzeugen,
-deren Geist von einer Menge von Thatsachen erfüllt ist, welche sie
-seit einer langen Reihe von Jahren gewöhnt sind aus den meinigen ganz
-entgegengesetzten Gesichtspunkten zu betrachten. Es ist so leicht
-unsre Unwissenheit unter Ausdrücken, wie „Schöpfungs-Plan“, „Einheit
-des Zweckes“ u. s. w. zu verbergen und zu glauben, dass wir eine
-Erklärung geben, wenn wir bloss eine Thatsache wiederholen. Wer von
-Natur geneigt ist, unerklärten Schwierigkeiten mehr Werth als der
-Erklärung einer Summe von Thatsachen beizulegen, der wird gewiss meine
-Theorie verwerfen. Auf einige wenige Naturforscher von empfänglicherem
-Geiste und solche, die schon an der Unveränderlichkeit der Arten zu
-zweifeln begonnen haben, mag Diess Buch einigen Eindruck machen; aber
-ich blicke mit Vertrauen auf die Zukunft, auf junge und strebende
-Naturforscher, welche beide Seiten der Frage mit Unpartheilichkeit zu
-beurtheilen fähig seyn werden. Wer immer sich zur Ansicht neigt, dass
-Arten veränderlich sind, wird durch gewissenhaftes Geständniss seiner
-Überzeugung der Wissenschaft einen guten Dienst leisten; denn nur so
-kann dieser Berg von Vorurtheilen, unter welchen dieser Gegenstand
-vergraben ist, allmählich beseitigt werden.
-
-Einige hervorragende Naturforscher haben noch neuerlich ihre Ansicht
-veröffentlicht, dass eine Menge angeblicher Arten in jeder Sippe
-keine wirklichen Arten vorstellen, wogegen andre Arten wirkliche,
-d. h. selbstständig erschaffene Spezies seyen. Diess scheint mir eine
-sonderbare Annahme zu seyn. Sie geben zu, dass eine Menge von Formen,
-die sie selbst bis vor Kurzem für spezielle Schöpfungen gehalten
-und welche noch jetzt von der Mehrzahl der Naturforscher als solche
-angesehen werden, welche mithin das ganze äussre charakteristische
-Gepräge von Arten besitzen, -- sie geben zu, dass diese durch
-Abänderung hervorgebracht worden seyen, weigern sich aber dieselbe
-Ansicht auf andre davon nur sehr unbedeutend verschiedene Formen
-auszudehnen. Demungeachtet beanspruchen sie nicht eine Definition
-oder auch nur eine Vermuthung darüber geben zu können, welches die
-erschaffenen und welches die durch sekundäre Gesetze entstandenen
-Lebenformen seyen. Sie geben Abänderung als eine vera causa in einem
-Falle zu und verwerfen solche willkürlich im andern, ohne den Grund der
-Verschiedenheit in beiden Fällen nachzuweisen. Der Tag wird kommen, wo
-man Diess als einen ergötzlichen Beleg von der Blindheit vorgefasster
-Meinung anführen wird. Diese Schriftsteller scheinen mir nicht mehr
-vor der Annahme eines wunderbaren Schöpfungs-Aktes als vor der einer
-gewöhnlichen Geburt zurückzuschrecken. Aber glauben sie denn wirklich,
-dass in unzähligen Momenten unsrer Erd-Geschichte jedesmal gewisse
-Urstoff-Atome kommandirt worden seyen zu lebendigen Geweben in einander
-zu fahren? Sind sie der Meinung, dass durch jeden unterstellten
-Schöpfungs-Akt bloss ein einziger, oder dass viele Individuen
-entstanden sind? Sind all’ diese zahllosen Sorten von Pflanzen und
-Thieren in Form von Saamen und Eiern, oder sind sie als ausgewachsene
-Individuen erschaffen worden? und die Säugthiere insbesondere, sind
-sie geschaffen worden mit dem falschen Merkmale der Ernährung vom
-Mutterleibe? Zweifelsohne können diese nämlichen Fragen beim jetzigen
-Stande unseres Wissens auch von denjenigen nicht beantwortet werden,
-welche an die Schöpfung von nur wenigen Urformen oder von irgend
-einer Form von Organismen glauben. Verschiedene Schriftsteller haben
-versichert, dass es leichter seye an die Schöpfung von Hundert
-Millionen Dingen als von einem zu glauben; aber ~Maupertuis’~
-philosophischer Grundsatz von „der kleinsten Thätigkeit“ leitet uns
-lieber die kleinere Zahl anzunehmen; und gewiss dürfen wir nicht
-glauben, dass zahllose Wesen in jeder grossen Klasse mit klaren und
-doch trügerischen Merkmalen der Abstammung von einem gemeinsamen
-Stammvater geschaffen worden seyen.
-
-Man kann noch die Frage aufwerfen, wie weit ich die Lehre von der
-Abänderung der Spezies ausdehne? Diese Frage ist schwer zu beantworten,
-weil, je verschiedener die Formen sind, welche wir betrachten,
-desto mehr die Argumente an Stärke verlieren. Doch sind einige
-schwer-wiegende Beweisgründe sehr weit-reichend. Alle Glieder einer
-ganzen Klasse können durch Verwandtschafts-Beziehungen mit einander
-verkettet und alle nach dem nämlichen Prinzip in unterabgetheilte
-Gruppen klassifizirt werden. Fossile Reste sind oft geeignet grosse
-Lücken zwischen den lebenden Ordnungen des Systemes auszufüllen.
-Verkümmerte Organe beweisen oft, dass der erste Stammvater dieselben
-Organe in vollkommen entwickeltem Zustande besessen habe; daher ihr
-Vorkommen nach ihrer jetzigen Beschaffenheit ein ungeheures Maass
-von Abänderung in dessen Nachkommen voraussetzt. Durch ganze Klassen
-hindurch sind mancherlei Gebilde nach einem gemeinsamen Model geformt,
-und im Embryo-Stande gleichen alle Arten einander genau. Daher ich
-keinen Zweifel hege, dass die Theorie der Abstammung mit allmählicher
-Abänderung alle Glieder einer nämlichen Klasse mit einander verbinde.
-Ich glaube, dass die Thiere von höchstens vier oder fünf[49] und die
-Pflanzen von eben so vielen oder noch weniger Stamm-Arten herrühren.
-
-Die Analogie würde mich noch einen Schritt weiter führen, nämlich zu
-glauben, dass alle Pflanzen und Thiere nur von einer einzigen Urform
-herrühren; doch könnte die Analogie eine trügerische Führerin seyn.
-Demungeachtet haben alle lebenden Wesen Vieles miteinander gemein
-in ihrer chemischen Zusammensetzung, ihrer zelligen Struktur, ihren
-Wachsthums-Gesetzen, ihrer Empfindlichkeit gegen schädliche Einflüsse.
-Wir sehen Diess oft in sehr zutreffender Weise, wenn dasselbe Gift
-Pflanzen und Thiere in ähnlicher Art berührt, oder wenn das von der
-Gallwespe abgesonderte Gift monströse Auswüchse an der wilden Rose
-wie an der Eiche verursacht. In allen organischen Wesen scheint die
-gelegentliche Vereinigung männlicher und weiblicher Elementar-Zellen
-zur Erzeugung eines neuen solchen Wesens nothwendig zu seyn. In allen
-ist, so viel bis jetzt bekannt, das Keim-Bläschen dasselbe. Daher
-alle individuellen organischen Wesen von gemeinsamer Entstehung sind.
-Und selbst was ihre Trennung in zwei Haupt-Abtheilungen, in ein
-Pflanzen- und ein Thierreich betrifft, so gibt es gewisse niedrige
-Formen, welche in ihren Charakteren so sehr das Mittel zwischen
-beiden halten, dass sich die Naturforscher noch darüber streiten,
-zu welchem Reiche sie gehören und Professor ~Asa Gray~ hat
-bemerkt, dass Sporen und andre reproduktive Körper von manchen der
-unvollkommenen Algen zuerst ein charakteristisch thierisches und dann
-erst ein unzweifelhaft pflanzliches Daseyn besitzen. Nach dem Prinzipe
-der Natürlichen Züchtung mit Divergenz des Charakters erscheint
-es auch nicht unglaublich, dass sich einige solche Zwischenformen
-zwischen Pflanzen und Thieren entwickelt haben müssen. Und wenn wir
-Diess zugeben, so müssen wir auch zugeben, +dass alle organischen
-Wesen, die jemals auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform
-abstammen+[50]. Doch beruhet dieser Schluss hauptsächlich auf
-Analogie, und es ist unwesentlich, ob man ihn anerkenne oder nicht.
-Aber anders verhält sich die Sache mit den Gliedern einer jeden grossen
-Klasse, wie der Wirbelthiere oder Kerbthiere; denn hier haben wir, wie
-schon bemerkt worden, in den Gesetzen der Homologie und Embryonologie
-einige bestimmten Beweise dafür, dass alle von einem einzigen Urvater
-abstammen.
-
-Wenn die von mir in diesem Bande und die von Hrn. ~Wallace~ im
-Linnean Journal aufgestellten oder sonstige analoge Ansichten über die
-Entstehung der Arten zugelassen werden, so lässt sich bereits dunkel
-voraussehen, dass der Naturgeschichte eine grosse Umwälzung bevorsteht.
-Die Systematiker werden ihre Arbeiten so wie bisher verfolgen können,
-aber nicht mehr unablässig durch den gespenstischen Zweifel beängstigt
-werden, ob diese oder jene Form eine wirkliche Art seye. Diess, fühle
-ich sicher und sage es aus Erfahrung, wird eine Erleichterung von
-grossen Sorgen gewähren. Der endlose Streit, ob die fünfzig Britischen
-Brombeer-Sorten wirkliche Arten sind oder nicht, wird aufhören. Die
-Systematiker haben nur zu entscheiden (was keineswegs immer leicht
-ist), ob eine Form beständig oder verschieden genug von andern Formen
-ist, um eine Definition zuzulassen und, wenn Diess der Fall, ob die
-Verschiedenheiten wichtig genug sind, um einen spezifischen Namen
-zu verdienen. Dieser letzte Punkt aber wird eine weit wesentlichere
-Betrachtung als bisher erheischen, wo auch die geringfügigsten
-Unterschiede zwischen zwei Formen, wenn sie nicht durch Zwischenstufen
-miteinander verschmolzen waren, bei den meisten Naturforschern für
-genügend galten, um beide zum Range zweier Arten zu erheben. Hiernach
-sind wir anzuerkennen genöthigt, dass der einzige Unterschied
-zwischen Arten und ausgebildeten Abarten nur darin besteht, dass diese
-letzten durch erkannte oder vermuthete Zwischenstufen noch heutzutage
-miteinander verbunden sind und die ersten es früher gewesen sind. Ohne
-daher die Berücksichtigung noch jetzt vorhandener Zwischenglieder
-zwischen zwei Formen verwerfen zu wollen, werden wir veranlasst
-seyn, den wirklichen Betrag der Verschiedenheit zwischen denselben
-sorgfältiger abzuwägen und höher zu werthen. Es ist ganz möglich, dass
-jetzt allgemein als blosse Varietäten anerkannte Formen künftighin
-spezifischer Benennungen werth geachtet werden, wie z. B. die beiden
-Sorten Schlüsselblumen, in welchem Falle dann die wissenschaftliche
-und die gemeine Sprache miteinander in Übereinstimmung kämen[51].
-Kurz wir werden die Arten auf dieselbe Weise zu behandeln haben, wie
-die Naturforscher jetzt die Sippen behandeln, welche annehmen, dass
-die Sippen nichts weiter als willkürliche der Bequemlichkeit halber
-eingeführte Gruppirungen seyen. Das mag nun keine eben sehr heitre
-Aussicht seyn; aber wir werden hiedurch endlich das vergebliche Suchen
-nach dem unbekannten und unentdeckbaren Wesen der „Spezies“ los werden.
-
-Die anderen und allgemeineren Zweige der Naturgeschichte werden sehr
-an Interesse gewinnen. Die von Naturforschern gebrauchten Ausdrücke
-Verwandtschaft, Beziehung, gemeinsamer Typus, älterliches Verhältniss,
-Morphologie, Anpassungs-Charaktere, verkümmerte und fehlgeschlagene
-Organe u. s. w. werden statt der bisherigen bildlichen eine sachliche
-Bedeutung gewinnen. Wenn wir ein organisches Wesen nicht länger, so wie
-die Wilden ein Linienschiff, als etwas ganz ausser unsren Begriffen
-liegendes betrachten, -- wenn wir jedem organischen Natur-Erzeugnisse
-eine Geschichte zugestehen; -- wenn wir jedes zusammengesetzte
-Gebilde oder jeden Instinkt als die Summe vieler einzelner dem
-Besitzer nützlicher Erfindungen betrachten, wie wir etwa ein grosses
-mechanisches Kunstwerk als das Produkt der vereinten Arbeit, Erfahrung,
-Beurtheilung und selbst Fehler zahlreicher Techniker ansehen, und
-wenn wir jedes organische Wesen auf diese Weise betrachten: wie viel
-ansprechender (ich rede aus Erfahrung) wird dann das Studium der
-Naturgeschichte werden!
-
-Ein grosses und fast noch unbetretenes Feld wird sich öffnen für
-Untersuchungen über die Wechselbeziehungen der Entwickelung, über die
-Folgen von Gebrauch und Nichtgebrauch, über den unmittelbaren Einfluss
-äussrer Lebens-Bedingungen u. s. w. Das Studium der Kultur-Erzeugnisse
-wird unermesslich an Werth steigen. Eine vom Menschen neu erzogene
-Varietät wird ein für das Studium wichtigerer und anziehenderer
-Gegenstand seyn, als die Vermehrung der bereits unzähligen Arten unsrer
-Systeme mit einer neuen. Unsre Klassifikationen werden, so weit es
-möglich, zu Genealogien werden und dann erst den wirklichen sogen.
-Schöpfungs-Plan darlegen. Die Regeln der Klassifikation werden ohne
-Zweifel einfacher seyn, wenn wir ein bestimmtes Ziel im Auge haben.
-Wir besitzen keine Stamm-Bäume und Wappen-Bücher und werden daher
-die vielfältig auseinander-laufenden Abstammungs-Linien in unsren
-Natur-Genealogien mit Hilfe von mehr oder weniger lang vererbten
-Charakteren zu entdecken und zu verfolgen haben. Rudimentäre Organe
-werden in Bezug auf längst verloren gegangene Gebilde untrügliches
-Zeugniss geben. Arten und Arten-Gruppen, welche man abirrende genannt
-und mit einiger Einbildungs-Kraft lebende Fossile nennen könnte,
-werden uns helfen ein vollständigeres Bild von den alten Lebenformen
-zu entwerfen, und die Embryonologie wird uns die mehr und weniger
-verdunkelte Bildung der Prototype einer jeden der Hauptklassen des
-Systemes enthüllen.
-
-Wenn wir erst für gewiss annehmen, dass alle Individuen einer Art
-und alle nahe verwandten Arten der meisten Sippen in einer nicht
-sehr fernen Vorzeit von einem gemeinsamen Vater entsprungen und von
-ihrer Geburts-Stätte aus gewandert, und wenn wir erst besser die
-mancherlei Mittel kennen werden, welche ihnen bei ihren Wanderungen zu
-gut gekommen sind, dann wird das Licht, welches die Geologie über die
-früheren Veränderungen des Klima’s und der Formen der Erd-Oberfläche
-schon verbreitet hat und noch ferner verbreiten wird, uns gewiss in den
-Stand setzen, ein vollkommenes Bild von den früheren Wanderungen der
-Erd-Bewohner zu entwerfen. Sogar jetzt schon kann die Vergleichung der
-Meeres-Bewohner an den zwei entgegengesetzten Küsten eines Kontinents
-und die Beschaffenheit der manchfaltigen Bewohner dieses Kontinentes in
-Bezug auf ihre Einwanderungs-Mittel dazu dienen, die alte Geographie
-einigermaassen zu beleuchten.
-
-Die erhabene Wissenschaft der Geologie verliert von ihrem Glanze durch
-die Unvollständigkeit der Aufzeichnungen. Man kann die Erd-Rinde
-mit den in ihr enthaltenen organischen Resten nicht als ein wohl
-gefülltes Museum, sondern nur als eine zufällige und nur dann und
-wann einmal bedachte arme Sammlung ansehen. Die Ablagerung jeder
-grossen Fossilien-reichen Formation ergibt sich als die Folge eines
-ungewöhnlichen Zusammentreffens von Umständen, und die Pausen zwischen
-den aufeinander-folgenden Ablagerungs-Zeiten entsprechen Perioden
-von unermesslicher Dauer. Doch werden wir im Stande seyn, die Länge
-dieser Perioden einigermaassen durch die Vergleichung der ihnen
-vorhergehenden und nachfolgenden organischen Formen zu bemessen.
-Wir dürfen nach den Successions-Gesetzen der organischen Wesen nur
-mit grosser Vorsicht versuchen, zwei in verschiedenen Gegenden
-abgelagerte Bildungen, welche einige identische Arten enthalten,
-als genau gleichzeitig zu betrachten. Da die Arten in Folge langsam
-wirkender und noch fortdauernder Ursachen und nicht durch wundervolle
-Schöpfungs-Akte und gewaltige Katastrophen entstehen und vergehen,
-und da die wichtigste aller Ursachen, welche auf organische Wesen
-hinwirken, nämlich die Wechselbeziehung zwischen den Organismen selbst,
-in deren Folge eine Verbesserung des einen die Verbesserung oder die
-Vertilgung des andern bedingt, fast unabhängig von der Veränderung und
-zumal plötzlichen Veränderung der physikalischen Bedingungen ist: so
-folgt, dass der Grad der von einer Formation zur andern stattgefundenen
-Abänderung der fossilen Wesen wahrscheinlich als ein guter Maassstab
-für die Länge der inzwischen abgelaufenen Zeit dienen kann. Eine
-Anzahl in Masse zusammen-gehaltener Arten jedoch dürfte lange Zeit
-unverändert fortleben können, während in der gleichen Zeit einzelne
-Spezies derselben, die in neue Gegenden auswandern und in Kampf mit
-neuen Mitbewerbern gerathen, Abänderung erfahren würden; daher wir
-die Genauigkeit dieses von den organischen Veränderungen entlehnten
-Zeit-Maasses nicht überschätzen dürfen. Als in frühen Zeiten der
-Erd-Geschichte die Lebenformen wahrscheinlich noch einfacher und minder
-zahlreich waren, mag deren Wechsel auch langsamer vor sich gegangen
-seyn; und als es zur Zeit der ersten Morgenröthe des organischen Lebens
-wahrscheinlich nur sehr wenige Organismen von dieser einfachsten
-Bildung gab, mag deren Wechsel im äussersten Grade langsam gewesen
-seyn. Die ganze Geschichte dieser organischen Welt, so weit sie bekannt
-ist, wird sich hiernach als von einer uns ganz unerfasslichen Länge
-herausstellen, aber von derjenigen Zeit, welche seit der Erschaffung
-des ersten Geschöpfes, des Stamm-Vaters all’ der unzähligen schon
-erloschenen und noch lebenden Wesen verflossen ist, nur ein kleines
-Bruchstück ausmachen.
-
-In einer fernen Zukunft sehe ich Felder für noch weit wichtigere
-Untersuchungen sich öffnen. Die Physiologie wird sich auf eine neue
-Grundlage stützen, sie wird anerkennen müssen, dass jedes Vermögen und
-jede Fähigkeit des Geistes nur stufenweise erworben werden kann.
-
-Schriftsteller ersten Rangs scheinen vollkommen davon überzeugt zu
-seyn, dass jede Art unabhängig erschaffen worden seye. Nach meiner
-Meinung stimmt es besser mit den der Materie vom Schöpfer eingeprägten
-Gesetzen überein, dass Entstehen und Vergehen früherer und jetziger
-Bewohner der Erde, so wie der Tod des Einzelwesens, durch sekundäre
-Ursachen veranlasst werde. Wenn ich alle Wesen nicht als besondre
-Schöpfungen, sondern als lineare Nachkommen einiger weniger schon
-lange vor der Ablagerung der silurischen Schichten vorhanden gewesener
-Vorfahren betrachte, so scheinen sie mir dadurch veredelt zu werden.
-Und aus der Vergangenheit schliessend dürfen wir getrost annehmen,
-dass nicht eine der jetzt lebenden Arten ihr unverändertes Abbild auf
-eine ferne Zukunft übertragen wird. Überhaupt werden von den jetzt
-lebenden Arten nur sehr wenige durch Nachkommenschaft irgend welcher
-Art sich bis in eine sehr ferne Zukunft fortpflanzen; denn die Art
-und Weise, wie die organischen Wesen im Systeme gruppirt sind, zeigt,
-dass die Mehrzahl der Arten einer jeden Sippe und alle Arten vieler
-Sippen früherer Zeiten keine Nachkommenschaft hinterlassen haben,
-sondern gänzlich erloschen sind. Man kann insoferne einen prophetischen
-Blick in die Zukunft werfen und voraussagen, dass es die gemeinsten
-und weit-verbreitetsten Arten in den grossen und herrschenden Gruppen
-einer jeden Klasse sind, welche schliesslich die andern überdauern und
-neue herrschende Arten liefern werden. Da alle jetzigen Organismen
-lineare Abkommen derjenigen sind, welche lange vor der silurischen
-Periode gelebt, so werden wir gewiss fühlen, dass die regelmässige
-Aufeinanderfolge der Generationen niemals unterbrochen worden ist
-und eine allgemeine Fluth niemals die ganze Welt zerstört hat. Daher
-können wir mit einigem Vertrauen auf eine Zukunft von gleichfalls
-unberechenbarer Länge blicken. Und da die Natürliche Züchtung nur
-durch und für das Gute eines jeden Wesens wirkt, so wird jede fernere
-körperliche und geistige Ausstattung desselben seine Vervollkommnung
-fördern.
-
-Es ist anziehend beim Anblick eines Stückes Erde bedeckt mit blühenden
-Pflanzen aller Art, mit singenden Vögeln in den Büschen, mit
-schaukelnden Faltern in der Luft, mit kriechenden Würmern im feuchten
-Boden sich zu denken, dass alle diese Lebenformen so vollkommen in
-ihrer Art, so abweichend unter sich und in allen Richtungen so abhängig
-von einander, durch Gesetze hervorgebracht sind, welche noch fort
-und fort um uns wirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen,
-heissen: Wachsthum und Fortpflanzung; Vererbung mit der Fortpflanzung,
-Abänderung in Folge der mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen
-äusserer Lebens-Bedingungen und des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs,
-rasche Vermehrung bald zum Kampfe um’s Daseyn führend, verbunden mit
-Divergenz des Charakters und Erlöschen minder vervollkommneter Formen.
-So geht aus dem Kampfe der Natur, aus Hunger und Tod unmittelbar die
-Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen, die
-Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Thiere. Es ist wahrlich
-eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das
-uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe,
-und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft
-folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine
-endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat
-und noch fort entwickelt.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-Schlusswort des Übersetzers zur ersten Deutschen Auflage[52].
-
- Eindruck und Wesen des Buches. -- Stellung des Übersetzers zu
- demselben. -- Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. -- Einreden
- des Übersetzers. -- Aussicht auf künftigen Erfolg.
-
-
-Und nun, lieber Leser, der Du mit Aufmerksamkeit dem Gedanken-Gange
-dieses wunderbaren Buches bis zu Ende gefolgt bist, dessen Übersetzung
-wir Dir hier vorlegen, wie sieht es in Deinem Kopfe aus? Du besinnst
-Dich, was es noch unberührt gelassen von Deinen bisherigen Ansichten
-über die wichtigsten Natur-Erscheinungen, was noch fest stehe von
-Deinen bisher festgestandnen Überzeugungen? Es sind nicht etwa
-teleskopische Entdeckungen, nicht neue Elementar-Stoffe, nicht die
-anatomischen Enthüllungen eines 10,000fältig vergrössernden Mikroskops,
-die der Verfasser gegen unsre bisherigen Vorstellungen auftreten lässt;
-es sind neue Gesichtspunkte, unter welchen ein gediegener Naturforscher
-in geistreicher und scharfsinniger Weise alte Thatsachen betrachtet,
-die er seit zwanzig Jahren gesammelt und gesichtet, über die er
-seit zwanzig Jahren unablässig gesonnen und gebrütet hat. Tief in
-seinen Gegenstand versenkt, von der Wahrheit der gewonnenen Resultate
-unerschütterlich überzeugt, trägt er sie mit so bewältigender Klarheit
-vor, beleuchtet er sie mit so viel Geist, vertheidigt er sie mit so
-scharfer Logik, zieht er so wichtige Schlüsse daraus, dass wir, was
-auch unsre bisherige Überzeugung gewesen seyn mag, uns eben so wenig
-ihrem Eindrucke entziehen, als unsre Anerkennung der Aufrichtigkeit
-versagen können, womit er selbst alle Einreden, die man ihm
-entgegen-halten kann, herbeisucht und nach ihrem Gewichte anerkennt. Er
-gesteht zu, dass sich gegen fast alle seine Gründe Gegengründe anführen
-lassen, und behält sich die ausführlichere Erörterung der Einzelnheiten
-in einem Umfang-reicheren Werke vor, da es sich hier nur um eine
-Gesammt-Darstellung seiner Theorie handelte.
-
-Auf diese Weise ausgerüstet kann ein Werk nicht verfehlen die grösste
-Aufmerksamkeit zu erregen, das sich zur Aufgabe gesetzt, die dunkelsten
-Tiefen der Natur zu beleuchten, das bisher unlösbar geschienene
-Problem, das grösste Räthsel für die Naturforschung zu lösen und
-+einen+ Gedanken, +ein+ Grund-Gesetz in Werden und Seyn der
-ganzen Organismen-Welt nachzuweisen, das dieselbe in Zeit und Raum
-eben so beherrscht, wie die Schwerkraft in den Himmelskörpern und die
-Wahlverwandtschaft in aller Materie waltet, und auf welches alle andern
-Gesetze zurückführbar sind, die man bisher für sie aufgestellt hat.
-Es ist das Entwickelungs-Gesetz durch Natürliche Züchtung, das in der
-ganzen organischen Natur eben so wie im Systeme und im Individuum durch
-Zeit und Raum herrscht.
-
-Die bisherigen Versuche, jenes Problem ganz oder theilweise zu lösen,
-waren Einfälle ohne alle Begründung und nicht fähig, eine Prüfung
-nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auszuhalten, ja nur zu
-veranlassen[53]. Gleichwohl hat jeder Naturforscher gefühlt, dass die
-Annahme einer jedesmaligen persönlichen Thätigkeit des Schöpfers, um
-die unzähligen Pflanzen- und Thier-Arten in’s Daseyn zu rufen und
-ihren Existenz-Bedingungen anzupassen, im Widerspruch ist mit allen
-Erscheinungen in der unorganischen Natur, welche durch einige wenige
-unabänderliche Gesetze geregelt werden[54], durch Kräfte, die der
-Materie selbst eingeprägt sind. Da wir es auf Hrn. ~Darwin’s~
-Wunsch übernommen haben, sein Werk in’s Deutsche zu übertragen, so
-glauben wir dem Leser einige Rechenschaft von unsrer eigenen bisherigen
-Ansicht über mehre der durch den Verf. erörterten Fragen im Einzelnen
-und über seine Theorie im Ganzen, so wie von dem Einflusse schuldig zu
-seyn, welchen dieselbe auf unsre eigene Vorstellungs-Weise hinterlassen
-hat. Wir leisten diese Rechenschaft um so lieber, als, was wir auch
-immer gegen diese neue Theorie einzuwenden haben mögen, Diess unsre
-hohe Achtung und Bewunderung für ihren Begründer, unsere Dankbarkeit
-für seine zahlreichen Belehrungen und unsre zuversichtliche Hoffnung
-auf glänzende Erfolge seiner Bestrebungen nicht schmälern kann[55].
-
-Wir haben an ~Cuvier’s~ Definition festhaltend die +Art+
-als Inbegriff aller Individuen von einerlei Abkunft und derjenigen,
-welche ihnen eben so ähnlich als sie unter sich sind, betrachtet[56].
-Wir haben die Arten im Ganzen für beständig in ihren Charakteren,
-doch der Abartung in Folge äusserer oder unbekannter Einflüsse für
-fähig gehalten[57], die Abarten oder Varietäten aber für fähig
-unter angemessenen Verhältnissen wieder zu dem älterlichen Typus
-zurückzukehren; doch werde Diess der bestehenden Erfahrung gemäss um
-so schwerer halten, je länger die Abart unter fortwährendem Einflusse
-derselben äusseren Bedingungen, denen sie ihre Entstehung verdankte,
-schon als solche fortgepflanzt worden seye[58]. Das Maass der möglichen
-Abänderung einer Art wurde als ein beschränktes vorausgesetzt und
-nach den vorhandenen Erfahrungen in der geschichtlichen Zeit taxirt,
-ohne jedoch das mögliche Maximum dieser Grenzen zu bestimmen.
-Successiv auftretende Arten-Formen nahmen wir daher als selbstständig
-an[59]. Eine Generatio aequivoca der Arten haben wir nach den bisher
-bestehenden Erfahrungen nicht anerkannt[60]; und daher in Ermangelung
-einer andern Arten-bildenden Natur-Kraft (da Bastarde keine neue
-Arten gründen) nöthig gefunden, uns einstweilen noch auf eine
-Schöpfung zu berufen[61], jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung,
-dass solche Annahme einer persönlichen Thätigkeit des Schöpfers mit
-dem übrigen Walten in der Natur im Widerspruch stehe[62]. Wir haben
-die Leistungen dieser Schöpfungs-Kraft, welcher Art sie nun seyn
-möge[63], näher charakterisirt und darauf hingewiesen, dass sie
-neben den unvollkommenen auch immer höher vervollkommnete Organismen
-hervorgebracht habe, wovon die neu auftretenden Formen immer in festen
-verwandtschaftlichen Beziehungen zu den untergegangenen und zu den
-jedesmaligen äusseren Lebens-Bedingungen gestanden, was auf ein nahes
-Verhältniss der schaffenden Kraft zu der erhaltenden und zu diesen
-äusseren Verhältnissen hinweise.
-
-~Darwin’s~ +Theorie+ lässt sich nun in folgender Weise
-zusammenfassen. Der Schöpfer hat einigen wenigen erschaffenen
-Pflanzen- und Thier-Formen, vielleicht auch nur einer einzigen, Leben
-eingeblasen[64], in Folge dessen diese Organismen im Stande waren zu
-wachsen und sich fortzupflanzen, aber auch bei jeder Fortpflanzung in
-verschiedener Richtung um ein Minimum zu variiren („Fortpflanzung mit
-Abänderung“). Die Ursachen solchen Abändern’s sind zumal in Affektionen
-der Generations-Organe und nur geringentheils in unmittelbaren
-Einflüssen der äusseren Lebens-Bedingungen zu suchen. Solche kleine
-Abweichungen vom älterlichen Typus können schädliche, gleichgültige
-und nützliche seyn. Waren sie es in noch so geringem Grade, so hatten
-die Individuen mit den ersten am wenigsten und die mit den letzten
-am meisten Aussicht die andern zu überleben und sich fortzupflanzen.
-Die überlebenden Individuen werden die ihnen nützlich gewordene
-Abweichung oft wieder auf ihre Nachkommen „vererbt“ haben, und wenn
-diese nur nach 10 Generationen wieder einmal in gleicher Richtung
-und Stärke variirten, so war das Maass der Abänderung und somit ihre
-Aussicht die anderen Individuen zu überleben auf’s Neue vermehrt. Die
-Natur begünstigt also vorzugsweise die Fortpflanzung der mit jener
-nützlichen Abweichung versehenen Individuen auf Kosten der andern
-und häuft dieselbe bei späteren Nachkommen zu immer höherem Betrage
-an, etwa wie ein Viehzüchter bei Veredlung seiner Rassen verfährt
-(„Natürliche Züchtung“), um deren ihm selbst willkommene Eigenschaften
-zu steigern. So kann nach tausend, zehntausend oder hunderttausend
-Generationen in einzelnen Nachkommen der ersten Urform jene Abweichung
-eine 100-, 1000-, 10,000fach gehäufte, es kann aus der anfänglich ganz
-unbemerkbaren Abänderung eine wirkliche Abart, eine eigene Art, eine
-andere Sippe, ja zuletzt nach 1,000,000 und mehr Generationen eine
-andere Ordnung oder Klasse von Organismen entstehen; denn es liegt
-keine natürliche Ursache und kein logischer Grund vor anzunehmen, dass
-das Maass der langsamen Abänderung irgendwo eine Grenze finde. Eine
-Abänderung aber, die in einer Gegend, Lage, Gesellschaft u. s. w.
-nützlich ist, kann in der andern schädlich seyn u. a. Es können mithin
-aus derselben Grundform unter verschiedenen äusseren Verhältnissen
-Abänderungen in ganz verschiedener Richtung entstehen, fortdauern und
-mit der Zeit allmählich ganz verschiedene Sippen, Familien und Klassen
-bilden („Divergenz des Charakters“). Da die Nützlichkeit jeder Art
-von Abänderung von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen
-abhängig ist, unter welchen sie nützlich erscheinen, und da die
-Abänderung selbst unter andern Bedingungen eine andere seyn muss,
-um dem Organismus zu nützen, so besteht diese Natürliche Züchtung
-in einer fortwährenden „Anpassung der vorhandenen Lebenformen an
-die äusseren Bedingungen“ und Angewöhnung an dieselben. Diese sind
-Wohn-Elemente, Boden, Klima, Licht, Nahrung, vor allem Andern aber die
-Wechselbeziehungen der beisammen wohnenden Organismen zu einander, ihr
-Leben von einander, die Nothwendigkeit sich gegenseitig zu verdrängen
-und zu vertilgen, weil bei Weitem nicht alle, die geboren werden, auch
-neben einander fortleben können; daher der „Kampf um’s Daseyn“ bei
-fortdauernder Vervielfältigung und Ausbreitung der vervollkommneten
-Sieger und fortwährende „Erlöschung“ der wegen minderer Vollkommenheit
-Besiegten. Je mehr Lebenformen entstehen, desto manchfaltiger werden
-mithin wieder die Lebens-Bedingungen. Daher auch eine fortwährende
-Veränderung, Vervollkommnung und Vervielfältigung eines Theiles der
-Lebenformen (obwohl andere verschwinden) nicht als Zufall, sondern
-als nothwendige gesetzliche Erscheinung! Manche Organe mögen sich
-wohl auch in Folge der Art ihres „Gebrauches“ weiter entwickeln und
-vervollkommnen, wie andere durch „Nichtgebrauch“ allmählich zurückgehen
-und verkümmern („rudimentäre Organe“), wenn sie etwa unter veränderten
-Lebens-Bedingungen nicht mehr nöthig und vielleicht sogar schädlich
-sind. Wie die Natürliche Züchtung die ganzen Lebenformen allmählich
-differenzirt, um sie verschiedenen Lebens-Bedingungen anzupassen, so
-verfährt sie oft auch mit gleichartigen Organen, die in grösserer
-Anzahl an einerlei Individuen vorkommen. Wenn jedoch erbliche
-Abänderungen nur in einem gewissen Lebens-Alter auftreten oder
-erworben werden, so vererben sie sich auch nur auf dieses Lebens-Alter
-der Nachkommenschaft; diese bekommt mit fortschreitendem Alter neue
-Formen, durchläuft vom Embryo-Zustande an eine „Metamorphose“,
-während es andere Lebenformen gibt, welche lebenslänglich fast
-gleiche („embryonische“) Gestalt beibehalten, daher die ursprüngliche
-Verwandtschaft der Wesen sich gewöhnlich durch Übereinstimmung im
-Embryo-Zustande am längsten verräth. Die allmähliche Entstehung so
-vieler immer manchfaltigerer und z. Th. immer vollkommenerer Lebenwesen
-durch Fortpflanzung mit Abänderung und unter gleichzeitigem Aussterben
-anderer lässt sich daher mit der Entwickelung eines Baumes vergleichen;
-die Urformen bilden den Stamm, die Ordnungen, Sippen und Arten, die
-Äste und Zweige, und ein natürliches System kann nicht anders als in
-Form eines Stammbaumes dargestellt werden. Dieser Baum erstreckt sich
-gleichsam durch alle Gebirgs-Formationen aus der Tiefe herauf; da er
-aber in der Silur-Zeit schon in viele Äste auseinander gelaufen, so
-muss der eigentliche Stamm in noch viel älteren und tieferen Schichten
-stecken, die man noch nicht entdeckt oder erkannt hat, entweder weil
-sie durch metamorphische Prozesse verändert und sammt ihren organischen
-Resten unkenntlich geworden sind, oder weil sie unter dem Ozean liegen.
-Denn es könnte möglich seyn, dass seit der silurischen Periode das
-Weltmeer im Ganzen genommen in Senkung, wie unsre jetzigen Kontinente
-im Ganzen genommen fortwährend in Hebung begriffen wären. Im Übrigen
-erklärt sich die geographische Verbreitungs-Weise der Organismen, von
-zufälligen und gelegentlichen Verbreitungs-Mitteln einzelner Individuen
-abgesehen, hauptsächlich aus grossen klimatischen und geographischen
-Veränderungen (wie die Eis-Zeit), welche der Reihe nach alle Theile der
-Erd-Oberfläche betroffen, ihre Bewohner in andere Gegenden gedrängt und
-ihnen die Wege bald hier und bald dort geebnet haben, so dass manche
-Bewohner gemässigter Zonen sogar den Äquator überschreiten und ihre Art
-in die andre Hemisphäre verpflanzen konnten.
-
-Die neue Hypothese gibt Thatsachen und Urtheile, um zu zeigen, wie
-sich die Erscheinungen im Allgemeinen verhalten haben können oder noch
-verhalten können, und es gelingt ihr das oft in einem überraschenden
-Grade. Es sind ganze in langen Kapiteln abgehandelte Probleme, die
-sich mit deren Hülfe dann so einfach lösen, dass man fast keinen
-Augenblick darüber in Zweifel geräth, ob sich die Sache nicht auch
-anders verhalten könne, und man sich selbst aufrütteln muss, um sich zu
-erinnern, es handle sich vorerst nur um eine in ihren Grundbedingungen
-der Rechtfertigung noch durchaus bedürftigen Hypothese. Und in der
-That, wenn man dann über den Rand des Buches hinaus auf irgend ein
-andres Werk blickt, welches die Erscheinungen so schildert, wie sie
-in der Natur vorliegen, so fühlt man oft, dass die Anwendbarkeit der
-~Darwin~’schen Theorie auf die Wirklichkeit nicht so einfach und
-nicht so unmittelbar ist, als es geschienen, so lange man sich mit dem
-Verfasser ganz in seine Ansichten versenkt hatte, weil (begreiflich)
-die Verhältnisse überall nicht so einfach oder so geartet sind, wie
-er sie Beispiels-weise unterstellt. Wie sehr man sich daher auch von
-des Verfs. Theorie angezogen fühlen mag, weil sie, ihrem Grundgedanken
-nach einmal zugestanden, eine Menge einzelner unerklärter Erscheinungen
-auf die überraschendste Weise verkettet und als nothwendige erklärt,
-so muss man wohl erwägen, in wie ferne sie wirklich annehmbar seye. In
-dieser Beziehung wollen wir hier zum Schlusse noch einige erläuternde
-Betrachtungen mit unseren wesentlichsten Einreden dagegen folgen
-lassen, weil uns Diess angemessener und schicklicher erscheint, als
-die Übersetzung selbst überall mit Einwürfen zu begleiten. Eine nicht
-unerhebliche Anzahl noch andrer Gegenreden könnte leicht aus unsren
-früheren Schriften beigebracht werden, die wir hier übergehen, ohne sie
-jedoch für entkräftet zu halten.
-
-Zuerst haben wir keine weitre positive Kenntniss von den natürlichen
-Grenzen der Veränderlichkeit der Arten überhaupt, als dass Varietäten
-aus ihnen entstehen, die unter denselben äusseren Bedingungen, unter
-welchen sie entstanden sind, auch um so ständiger werden können, je
-länger sie sich unter demselben Einflusse gleichbleibend fortpflanzen.
-Darin liegt allerdings schon ein grosses Zugeständniss, indem wir,
-sehr lange Zeiträume unterstellend, meistens nicht die Hoffnung hegen
-dürfen, eine solche während 1000 Generationen ständig fortgepflanzte
-Varietät jemals wieder auf ihren Urtypus wirklich zurückzuführen. Ja
-wir dürfen uns dieser Hoffnung um so weniger hingeben, als wir sehr
-oft die wahre Ursache der Entstehung einer solchen Varietät nicht
-einmal kennen, und sogar dann, wenn wir sie kennen, meistens kaum im
-Stande seyn dürften, dasjenige Agens zu finden oder diejenige Reihe
-von Agentien zu enträthseln oder anzuwenden, welche dem ersten direkt
-entgegenwirken. Wir würden daher oft weder den positiven Beweis der
-Abstammung noch auch aus der Thatsache, dass sich eine Abart nicht
-mehr auf ihre Stamm-Form zurückbringen lässt, den Gegenbeweis liefern
-können, dass jene aus dieser +nicht+ entstanden seye. Was daher
-auch immer für die +Möglichkeit unbegrenzter Abänderung+ angeführt
-werden mag, so ist sie vorerst und wird sie wohl noch lange eine
-unerweisliche, aber allerdings auch unwiderlegliche Hypothese bleiben,
-eine Hypothese, gegen deren Annahme mithin aus diesem Gesichtspunkte
-logisch nichts einzuwenden ist, woferne sie sonst ihrer Bestimmung
-genügt.
-
-Ganz anders aber verhält es sich mit einer andern Erscheinung, und
-diese bildet unsres Bedünkens den +ersten und erheblichsten Einwand
-gegen die neue Theorie+, da er sie in ihren Grundlagen berührt,
-wie Hr. ~Darwin~ auch ganz wohl gefühlt hat und ihn daher gar
-vielfältig zu widerlegen sucht[65], dessen Bedeutung aber gerade
-darum um so schärfer hervortritt, weil aller auf diese Widerlegung
-verwendete Fleiss und Scharfsinn die beabsichtigte Wirkung bei
-Weitem nicht in genügendem Grade hervorzubringen im Stande ist.
-Diese Erscheinung ist folgende. Da die entstehenden Varietäten nach
-~Darwin~ in der Regel sich nicht durch äussre Einflüsse und
-nie in Folge eines eigenen innern in bestimmter Richtung beharrlich
-abweichenden Bildungs-Triebes entwickeln, sondern dadurch, dass von
-ganz zufälligen in allen möglichen Richtungen auseinanderlaufenden
-unmerkbar kleinen Abänderungen diejenigen, welche dem Organismus
-nützlich sind, am meisten Aussicht haben, die übrigen zu überleben und
-sich reichlicher als sie fortzupflanzen, -- da eine jede dieser in
-verschiedenen Richtungen auseinander-laufenden kleinsten Abänderungen
-wieder in allen Richtungen um ein Minimum abändern kann, -- da nach
-des Verfs. eigner Annahme nur in 4-8-10 Generationen wieder einmal
-eine genau in gleiche Richtung mit einer der vorigen fällt und sie
-steigert oder durch Häufung verstärkt; -- und da unter so unmerkbar
-kleinen Abänderungen noch keine ein merkbar grosses Übergewicht über
-die andern im Rassen-Kampfe haben kann: -- so werden die Abarten
-nicht als solche nett und fertig sich von der Stammform wie ein
-gestieltes Dikotyledonen-Blatt vom Stengel, sondern etwa wie der
-unregelmässig krause Lappen einer Blätterflechte von der übrigen
-Flechten-Masse ablösen, welcher sich auch im weitren Verlaufe nie zu
-einem scharf und regelmässig contourirten Blatt entwickelt, sondern
-stets seine unsichere Gestalt beibehält, indem, wie lang er endlich
-auch werden mag, er immer wieder in ähnlicher Weise wuchert. Und
-diese Unsicherheit der Begrenzung wird um so bedeutender werden,
-da die neuen Abarten nicht auf einzelnen Merkmalen, sondern auf
-2-3-4 von den alten abweichenden Charakteren beruhen, deren aber
-jeder für sich allein auftreten oder sich in verschiedener Weise
-und in verschiedenen Graden mit jedem andern verbinden kann, und da
-nach des Verfs. eigener Theorie Varietäten unter sich vorzugsweise
-fruchtbar sind und kräftige Nachkommenschaft liefern. Es müssten
-Formen-Gewirre entstehen noch weil ärger, als wir sie z. Th. in Folge
-anderer Ursachen in der Pflanzen-Welt wirklich in einigen Fällen
-kennen, bei Rubus, Salix, Rosa, Saxifraga. So müssten sie, wenn auch
-nicht ausnahmslos, doch vorherrschend überall vorkommen, obwohl sie
-jetzt im Pflanzen-Reiche selbst nur als Ausnahmen erscheinen und im
-[lebenden] Thier-Reiche noch überhaupt kaum bekannt sind. Wählen wir
-daher zu bessrer Versinnlichung einige hypothetische Fälle aus diesem
-letzten aus. Wenn z. B. aus der Haus-Ratte (Mus rattus) eine Wander-
-oder Kanal-Ratte (Mus decumanus) werden sollte (wir wählen diess
-Beispiel, weil in der That noch vor unsern Augen diese letzte als die
-stärkere die erste allenthalben verdrängt), so müssten nicht nur alle
-Übergänge aus der minderen Grösse, aus der bläulich-grauen Farbe,
-aus den längeren Ohren und dem längeren Schwanze der ersten in die
-ansehnlichere Grösse, die oben braun-graue und unten weissliche Farbe,
-die kürzren Ohren und den kürzren Schwanz der letzten eintreten und, da
-sie sich nicht gegenseitig bedingen, wahrscheinlich alle sich mit allen
-andern Merkmalen und in allen mit allen Abstufungen (zum Theil sogar
-in überschüssigem Maasse) so lange verbinden, als nicht eine dieser
-Verbindungen ihrem Besitzer positiv schädlich oder entschieden nützlich
-würde. Da jede dieser vier Verschiedenheiten sich mit den drei andern
-verbinden kann, so entstehen hiedurch schon zehnerlei Verbindungen;
-und da jede derselben auf jeder Abstufung der Umänderung sich mit
-allen Abstufungen der Umänderung der drei andern zusammen-gesellen
-kann, so werden die Mittelformen zahllos seyn, und es ist in keiner
-Weise abzusehen, wie statt solcher zahlloser Abänderungen, Abstufungen
-und Kombinationen zuletzt gerade nur die einzige feste und bestimmte
-Form der Wander-Ratte entstehen solle, zumal wir nicht wahrzunehmen
-vermögen, dass alle Abweichungen derselben von der Organisation der
-andern Art wesentlich zu ihrer grösseren Vollkommenheit beitragen,
-sondern mitunter für das Thier ganz gleichgültig seyn mögen, und
-da beide Arten keineswegs sich genau um dieselben Aufenthalts-Orte
-streiten. Geben wir aber zu, dass (aus uns unbekannten Ursachen) gerade
-nur die eine Kombination der Charaktere, wie sie in der Wander-Ratte
-vorkommt, derjenigen in der Haus-Ratte so überlegen seye, dass die
-erste die letzte überall zu besiegen und zu verdrängen im Stande ist,
-wo sie mit ihr in Mitbewerbung tritt, so begreift man (trotz Allem,
-was Hr. ~Darwin~ dafür anführt) doch nicht, warum die der
-Wander-Ratte näher-stehenden schon weniger oder mehr verbesserten
-und jedenfalls nur in viel unbedeutenderem Nachtheil befindlichen
-Abänderungen immer und fortwährend zuerst besiegt und verdrängt werden
-sollten, die blaugraue Ratte aber, welche am weitesten von dem
-verbesserten Vorbilde entfernt ist, zuletzt? Man begreift nicht, warum
-die neue Art zuerst zur vollständigen Ausbildung gelangen müsse, ehe
-sie die andre zu besiegen im Stande ist, da ja die überlegenere von
-ihnen doch fortwährend die begünstigteren und schon halb verbesserten
-Mittelformen verdrängen und in einer Weise vernichten soll, als ob ein
-Individuum das andre unausgesetzt mit positiven Waffen angriffe. Hr.
-~Darwin~ wird uns in dem von den zwei Ratten-Arten entnommenen
-Beispiele etwa antworten, dass (obwohl thatsächlich eine die andre
-verdrängt und besiegt) sie nicht eine aus der andern, sondern dass
-beide aus einer bereits untergegangenen dritten Art entstanden sind,
-oder etwa dass sie sich unter Umständen aus einander entwickelt haben,
-die wir nicht kennen, daher wir auch nicht zu sagen im Stande seyen,
-in wieferne ihnen eine jede einzelne Eigenschaft nützlich gewesen
-seye oder nicht. Dieselben Antworten etwa würde uns ~Darwin~
-ertheilen, wenn wir Hasen und Kaninchen zum Beispiele wählten; --
-und wenn wir fragten, warum wir die blinden Höhlen-Thiere nicht noch
-halb-blind im vordem Theile der Höhlen finden, durch welche sie in den
-hintern dunkelsten Theil eingedrungen, so würde er uns noch weiter
-sagen, dass diese durch spätre Mitbewerber dort ausgetilgt seyn können.
-Diese und ähnliche an und für sich unangreifbare allgemeine Antworten
-wird er jeder Einrede entgegenhalten; aber wenn sie auch in manchen
-+einzelnen+ Fällen begründet sind und in keinem Falle als absolut
-unpassend beseitigt oder widerlegt werden können, so fühlt doch Jeder,
-dass die Sache +im Ganzen+ genommen nach der ~Darwin~’schen
-Theorie selbst sich ganz anders gestaltet haben würde und noch
-gestalten müsste, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Er ist dadurch
-im Vortheil, dass er desshalb über +gar keinen+ einzelnen Fall
-Rechenschaft zu geben braucht, weil man nicht über +jeden+
-einzelnen Fall Rechenschaft von ihm fordern kann!
-
-Den Mangel der Zwischenformen der Arten in den Erd-Schichten erklärt
-Hr. ~Darwin~ unter Anderem aus der unvollständigen Erhaltung der
-einst vorhanden gewesenen Organismen-Formen im Fossil-Zustande und aus
-der Länge der Ruhe-Perioden zwischen den verschiedenen Formationen.
-Wenn wir aber eine Menge von Arten in identischen Formationen (wie Hr.
-~Darwin~ selbst anerkennt) überall in zahlreichen und sogar in
-Tausenden von Exemplaren wieder finden, so können die Bedingungen der
-Erhaltung für die Zwischenformen unmöglich so ganz ungünstig gewesen
-seyn, dass gar nichts von ihnen übrig geblieben; Zwischenformen
-müssten sich um so eher finden, als im Fossil-Zustande eine Menge
-von Charakteren verloren gehen, mit deren Hülfe allein wir viele
-sonst ganz selbstständige lebende Arten von einander unterscheiden.
-Endlich, wie lange auch, in Jahren ausgedrückt, die Zwischenräume
-gewesen seyn mögen, welche zwischen der Absetzung verschiedener
-Formationen vergangen: geologisch oder relativ genommen sind sie nicht
-so unermesslich lang, als sie Hr. ~Darwin~ darstellt, indem
-nämlich die Veränderungen, welche von einer Formation zur andern in der
-Organismen-Welt vor sich gegangen, meistens gar nicht viel grösser zu
-seyn pflegen als jene, die von einem Schichten-Stock zum andern oder
-von einer Schicht zur andern in derselben Formation stattfinden. So
-sind wenigstens von der Silur- bis zur Kohlen-Formation, und von der
-Trias- bis zur heutigen Periode selbst auf _Europäischem_ Gebiete
-keine sehr grossen Lücken mehr vorhanden, und hier und da scheint sogar
-eine ununterbrochene Bildungs-Reihe von Schichten zwei Formationen zu
-verbinden!
-
-Aber selbst wenn wir den einfachsten Fall annehmen, wenn wir uns unter
-denjenigen Abarten umsehen, welche sich heutzutage als solche in unsren
-Systemen aufgeführt finden, so ist auch da schon die Kette hinter ihnen
-abgeschnitten; auch da schon fehlen fast überall die Glieder, welche
-sie mit der Stamm-Art verbinden; denn wären diese noch vorhanden, so
-könnte keinen Augenblick mehr ein Streit darüber fortdauern, ob sie
-selbstständige Arten oder nur Abarten seyen, ein Streit, auf welchen
-sich ~Darwin~ so oft beruft! Und wenn Art und Abart als solche
-noch reichlich neben einander bestehen, wie könnten die Zwischenglieder
-durch die Abart bereits ausgetilgt seyn? Hr. ~Darwin~ gibt uns
-auch hier eine vortreffliche Erklärung, wie Diess in einigen Fällen
-möglich gewesen seyn könne, indem er die Varietäten und Arten zuerst
-auf Inseln u. a. ringsum abgeschlossenen Gebieten entstehen lässt,
-wo alle divergirenden Stämme einer Spezies sich immer wieder mit
-einander kreutzen können und durch Vererbung eine gemeinsame Mittelform
-herzustellen im Stande sind. Aber dürfte diese Erklärungs-Weise
-wirklich als Regel und ihre Nichtanwendbarkeit nur als seltene Ausnahme
-zu betrachten seyn?? Muss es in allen Fällen so gewesen seyn, weil es
-in einzelnen Fällen so gewesen seyn kann?
-
-Doch verweilen wir bei dieser Erklärung; denn sie würde in der That
-vortrefflich seyn, wenn man annehmen dürfte, dass sich jede Art aus
-Individuen einer andern entwickelt habe, die auf beschränktem Raume
-gänzlich von allen ihren Art-Genossen abgeschlossen gewesen wären, so
-dass alle Nachkommen dieser Individuen unter neuen Existenz-Bedingungen
-sich jederzeit alle mit einander mischen, aber nie mehr mit ihren
-andern Verwandten in irgend eine Berührung kommen konnten, bis die
-neue Art vollendet war! Das treffendste thatsächliche Beispiel für
-einen solchen Fall liefert uns der Mensch selbst. Der Mensch war gewiss
-noch lange, nachdem er sich bereits über die ganze Erd-Oberfläche
-verbreitet hatte, nicht im Stande, sich in Masse von einem Welttheile
-zum andern zu bewegen. Beobachtungen in _Neu-Orleans_ u. a. haben
-zur Berechnung geführt, dass schon etwa in der Diluvial-Zeit, vor
-10,000-100,000 oder noch mehr Jahren, die jetzigen Menschen-Rassen
-vorhanden und in jetziger Weise vertheilt gewesen sind. Die Bewohner
-eines jeden Welttheils waren von den übrigen fast isolirt, aber unter
-sich mehr und weniger verbunden; sie erfüllten die oben geforderten
-Bedingungen so genügend, wie man es in keinem andern Falle zu finden
-und nachzuweisen erwarten darf, und so war eine ungestörte Divergenz
-des Charakters der Menschen-Spezies während einer Zeit-Periode möglich,
-welche anerkannter Maassen zur Bildung neuer Spezies, wenn auch noch
-nicht zur Umgestaltung der ganzen Flora und Fauna, genügend war. Und
-was ist die Folge jener Isolirung einzelner Menschen-Gruppen während
-eines so langen Zeitraumes gewesen? Es sind eben so viele Rassen als
-getrennte Welttheile und eine Anzahl Mischlinge entstanden, die
-zuletzt sehr verschieden im Aussehen und noch verschiedener in ihrer
-geistigen Befähigung doch einander so nahe verwandt geblieben und so
-fruchtbar miteinander sind, dass Niemand an ihrer Art-Verwandtschaft
-miteinander zweifelt, obschon der Kampf um’s Daseyn binnen der drei
-oder vier Jahrhunderte, seit welchen in den verschiedenen Gegenden
-allmählich entwickelten Rassen miteinander in Berührung gekommen
-sind, bereits genügt hat, um einige derselben (und zwar nicht die
-ausgeprägtesten) dem Erlöschen nahe zu bringen. Wir dürfen wohl nicht
-hoffen einen andern +thatsächlichen+ Beleg über das Abändern der
-Arten und die Divergenz des Charakters zu finden, der sich in der
-erweislichen Länge der Zeitdauer und Vollkommenheit der Isolirung
-der Rassen der verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, welche diese
-Erde einer nämlichen Spezies darzubieten im Stande ist, mit diesem
-vergleichen liesse.
-
-Gerne möchten wir zu Gunsten der ~Darwin~’schen Theorie und zur
-Erklärung, warum nicht viele Arten durch Zwischenglieder in einander
-verfliessen, noch irgend ein inneres oder äusseres Prinzip entdecken,
-welches die Abänderungen jeder Art nur in +einer+ Richtung weiter
-drängte, statt sie in allen Richtungen bloss zu gestatten. Das Problem
-wurde dann ein einfachres werden; aber immer müssten wir wieder
-erwarten, auch in dieser einfachen Reihe die Kette der Zwischenglieder
-aufzufinden, und diese sind weder vorhanden, noch ist uns ein innres
-derartiges Prinzip irgendwo bekannt.
-
-Freilich liegen +äussre+ solche Prinzipien vor. Es sind die
-Existenz-Bedingungen, welchen sich die Organismen anpassen müssen,
-und welche eine so grosse Rolle in diesem Buche spielen. Sie sind
-theils organische und theils unorganische, und die ersten nach
-Hrn. ~Darwin~ weitaus die zahlreichsten und wichtigsten und
-daher auch an und für sich geeignet, die manchfaltigsten Folgen
-zu veranlassen. Doch eben diese organischen Prinzipien haben für
-~Darwin~ wieder den grossen Vortheil, dass, indem er sich auf
-ihre Manchfaltigkeit und auf den Kampf ums Daseyn überhaupt beruft, er
-der Nothwendigkeit überhoben ist, Rechenschaft von ihrer Wirkungs-Weise
-im Einzelnen zu geben und nachzuweisen, welche spezielle Folgen
-diese oder jene spezielle organische Bedingungen auf die Struktur und
-Entwickelung der ihrem Einfluss unterliegenden Organismen überhaupt,
-oder auf einzelne insbesondere ausübt. Hr. ~Darwin~ beruft sich
-auf jeder Seite darauf, dass nur solche Abänderungen Aussicht auf
-Erhaltung haben, welche dem Individuum und somit der künftigen Spezies
-nützlich sind; und theoretisch muss man zugestehen, dass, woferne es
-eine Natürliche Züchtung gebe, die Sache sich nicht anders verhalten
-könne. Aber wir müssen gestehen, doch in fast allen unseren aus
-angeblich innern Ursachen hervorgegangenen Varietäten gar nicht finden
-zu können, worin denn der Nutzen ihrer Abänderung bestehe; und wenn
-Hr. ~Darwin~ sich auf die Erfahrung beruft, dass ein grosser
-Theil der _Britischen_ Flora der _Neuseeländischen_ gegenüber
-so vervollkommnet sey, dass er sie verdränge, so hätten wir gehofft,
-doch auch nur in einzelnen Fällen nachgewiesen zu sehen, worin denn
-diese Überlegenheit beruhe. Hr. ~Darwin~ entzieht sich auch hier
-jeder Rechenschaft. Warum bekommt z. B. in diesem Kampfe ums Daseyn
-eine Pflanzen-Art ovale statt lanzettlicher und die andre lanzettliche
-statt ovaler Blätter? warum die eine einen Dolden-artigen und die
-andre einen Rispen-förmigen Blüthenstand? warum die eine fünf und die
-andre vier Staubgefässe, die eine eine geschlossne und die andre eine
-weit geöffnete Blüthe? Wozu nützt der einen Diess und der andern das
-Gegentheil? Warum bewirken die organischen Bedingungen Diess? Mit
-welchen Mitteln fangen sie es an? und wie müssen sie beschaffen seyn,
-um es zu können? Und wie kann die eine Art der andern dadurch überlegen
-werden? Wir gestehen, keinen Zusammenhang zwischen diesen Erscheinungen
-zu erkennen, und Hr. ~Darwin~ würde uns antworten, dass es
-möglicher Weise so oder so zugehen +könne+. Wir gestehen ferner,
-uns vergeblich um positive Beweise oder auch nur Belege in dieser
-Beziehung umgesehen zu haben, manche spezielle Fälle eigenthümlicher
-Art etwa ausgenommen; denn wir sind weit entfernt davon, allen solchen
-Einfluss überhaupt läugnen zu wollen. Wir wollen sogar ein spezielles
-Beispiel anführen. ~Brehm~ hat die meisten unsrer anerkannten
-deutschen Vögel-Arten nach den Proportionen des Kopfes, des Schnabels,
-der Füsse, der Flügel und zuweilen mit Zuhilfenahme der Färbung in je
-zwei bis vier Formen unterschieden und als wirkliche Arten bezeichnet,
-weil sie sich in der Regel nur je unter sich paaren, als solche
-fortpflanzen, gewöhnlich einen abweichenden Aufenthalts-Ort, oft andres
-Futter, demgemäss auch eine andre Lebens-Weise, zuweilen einen andern
-Gesang haben; doch ist es uns noch nicht gelungen, eine feste Beziehung
-bestimmter Körper-Proportionen zu bestimmten äussren Ursachen überhaupt
-zu erkennen; dieselben Beziehungen scheinen bei jeder Spezies von
-andrer Wirkung zu seyn. Und in der That hätte Hr. ~Darwin~ hier
-vielleicht die besten Belege für seine „beginnenden Spezies“ finden
-können!
-
-Dagegen lässt sich ein Einfluss unorganischer äussrer
-Lebens-Bedingungen und zwar ein spezieller Einfluss spezieller
-Bedingungen in bestimmter Richtung nachweisen, wie wir ihn bei den
-organischen Bedingungen nachgewiesen zu sehen gewünscht hätten. Hr.
-~Darwin~ gibt diesen Einfluss zu; er führt einige Beispiele
-davon an, erklärt aber wiederholt, dass er ein vergleichungsweise nur
-geringer seye. Anfangs möchte es scheinen, als ob Hr. ~Darwin~
-diesen Einfluss unterschätze, indem sich eine grosse Menge von
-Erscheinungen aus ihm nachweisen lassen. Wir kennen Bedingungen,
-welche auf die Grösse der Pflanzen, auf ihre ein- oder mehr-jährige
-Dauer, auf ihren Strauch- oder Baum-Wuchs, auf ihre Blüthen-Bildung
-und Fruchtbarkeit, auf die Farbe ihrer Blüthen, auf ihre glatte oder
-behaarte Oberfläche, auf die häutige oder fleischige Beschaffenheit
-ihrer Blätter (wie Hr. ~Darwin~ selber anführt), zuweilen auch
-auf Monöcismus und Diöcismus, auf die aromatischen u. a. Absonderungen
-wirken; wir vermögen selbst diese Erscheinungen hervorzubringen. Und
-wir sehen, dass bei diesen Abänderungen die Übergänge nicht mangeln,
-indem wir im Stande sind fortwährend deren ganze Kette darzulegen
-und gerade desshalb wenig versucht sind in diesen Abweichungen
-neue Arten zu erblicken! Warum also fehlen die Übergänge bei den
-andern Abartungen, welche aus der innern Neigung zur Variation
-hervorgehen? Allerdings gibt es auch manche ganz plötzlich auftretende
-Abänderungen ohne Übergänge zumal bei den schon vielfach abgeänderten
-Kultur-Pflanzen, wie z. B. die hängenden oder Trauer-Varietäten vieler
-Bäume, viele unsrer Obst-Sorten, wovon manche nicht das Erzeugniss
-langsamer Züchtung, sondern eines einzelnen ohne nachweisbaren Grund
-abändernden Saamen-Kornes sind, die sich aber eben desshalb auch in der
-Regel nicht beständig aus Saamen fortpflanzen.
-
-Auch von den Thieren wissen wir, dass Menge und Art des Futters und
-Beschaffenheit des Klimas auf Grösse und Farbe des Körpers, ja sogar
-(wie Hr. ~Darwin~ selbst vom Amerikanischen Wolf erwähnt)
-auf deren Gestalt und Sitten wirken können. Auch des Einflusses des
-Klimas auf das Gefieder der Vögel gedenkt er, doch ohne sich der
-Umfang-reichen Nachweisungen zu erinnern, welche ~Gloger~ in
-dieser Beziehung geliefert hat. Dass viele Säugthier-Arten in kalten
-Gegenden weiss werden und andre, welche solche nie verlassen, stets
-weiss bleiben, ist bekannt. Die Farbe der Schmetterlinge ändert oft mit
-dem Futter und die der Käfer u. a. Insekten je nach ihrem Aufenthalte
-in verschiedenen Gebirgs-Höhen ab. Die Grösse vieler Wasser-Konchylien
-steht mit dem Salz-Gehalt des Wassers in Zusammenhang; ihre Farbe
-mit dem Lichte, ihre glatte oder stachelige Beschaffenheit mit der
-schlammigen und felsigen Natur des See-Grundes; die Dichte des Pelzes
-mancher Säugthiere wechselt mit dem Klima und der Erhebung ihres
-Wohnortes über den Meeres-Spiegel, und die Instinkte einer Art ändern
-ausserordentlich unter neuen Lebens-Bedingungen ab. Es lässt sich
-nicht nur die Ursache, sondern auch der Zweck und die Nützlichkeit
-dieser Abänderung ermitteln, wir können in der Regel die Zwischenstufen
-nachweisen, die oft vom Grade und der Intensität der äussern Ursachen
-abhängen; wir können diese Abänderungen beliebig hervorbringen und
-sie durch entgegengesetzte Existenz-Bedingungen wieder in die Urform
-zurückführen. Aber vielleicht der wichtigste aller Belege für den
-Einfluss äussrer Existenz-Bedingungen ist in der Beobachtung zu
-finden, dass Kröten an feuchten und doch des stehenden Wassers ganz
-entbehrenden Orten im Stande sind, sich aus dem Ei unmittelbar zur
-reifen Form zu entwickeln, ohne dazwischen-fallende Kiemen-Bildung und
-also auch nothwendig ohne denjenigen übrigen Theil der Metamorphose und
-Lebens-Weise, welcher einen Aufenthalt im Wasser voraussetzt[66]. Um
-den möglichen Übergang von den Fischen zu den Reptilien zu erläutern,
-zitirt Hr. ~Darwin~ den Lepidosiren; in jenen Kröten liegt er
-aber weit unmittelbarer vor in einer Weise, dass wohl jedermann zugeben
-wird, dass, wenn diese Bedingungen sich in allen Generationen der Kröte
-lange Zeit wiederholten, das Ausfallen der Metamorphose endlich zur
-Regel auch unter andern Verhältnissen werden könne.
-
-Aber bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit alle diese
-Abänderungen in Folge der äusseren Existenz-Bedingungen eintreten,
-muss man sich allerdings fragen, ob die aus dieser äussern Ursache
-entstandenen Abweichungen jemals ganz bleibend werden und sich fest
-vererben können? Diess ist nicht der Fall. Denn so leicht und schnell
-sie sogar an ganz alten Arten aus bekannten Ursachen entstehen,
-eben so leicht und sicher sind sie, im Gegensatz zu den aus innren
-aber freilich unbekannten (nach ~Darwin~ wahrscheinlich im
-Genital-Systeme zu suchenden) Ursachen entstandenen, durch eine
-der ersten entgegengesetzte Behandlung auch wieder auf die Urform
-zurückzuführen, woferne nicht etwa die Natürliche Züchtung sich ihrer
-bemächtigt und mit den äusseren Ursachen in gleicher Richtung thätig
-ist, um eine der Abänderungen rascher zur selbstständigen Form zu
-entwickeln. So lange Diess aber nicht der Fall, wird man wohl meistens
-darauf verzichten müssen, durch äussre Ursachen bleibende Abänderungen
-und „beginnende Arten“ entstehen zu sehen und wer +nur+ die
-Wirkung +äussrer+ Ursachen im Auge hat, mag allerdings mit Recht
-Hrn. ~Darwin~ entgegenhalten, dass aus Abänderungen keine
-festen Arten werden. Da nun überdiess die Zwischenstufen zwischen den
-Extremen solcher Abänderungen nur Bindeglieder zwischen nebeneinander
-bestehenden, und nicht zwischen auseinander entstehenden Formen sind,
-und da jede der ersten für ihr eignes Daseyn gewöhnlich keine andren
-Abstufungen voraussetzt, während diese letzten ohne andre Abstufungen
-meistens nicht vorhanden seyn würden, so herrscht allerdings zwischen
-den durch äussre Ursachen und den durch Züchtung entstandenen
-Abänderungen ein solch wesentlicher Unterschied, dass wir uns daraus
-erklären zu müssen glauben, wesshalb Hr. ~Darwin~ auf die
-Abänderungen dieser Art so wenige Rücksicht nimmt, obwohl er selbst uns
-keine derartige bestimmte Rechenschaft darüber gibt?
-
-Wenn uns daher zur Zeit weder die äusseren Lebens-Bedingungen, noch der
-Prozess der Natürlichen Züchtung genügend erscheinen, um die Theorie
-Hrn. ~Darwin’s~, so wie sie vorliegt, zu begründen, so wollen
-wir dagegen gerne zugestehen, dass alle bisherigen Beobachtungen ohne
-Ausnahme von dem Gesichtspunkte feststehender unabänderlicher Arten
-aus gemacht worden sind, und dass eine unbefangene Beurtheilung seiner
-Theorie vielleicht erst möglich seyn wird, wenn einige Menschen-Alter
-weiter unter fortwährender Prüfung der Frage von der Abänderung der
-Arten aus den zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten verflossen seyn
-werden.
-
-Je mehr ein Naturforscher sich mit Detail-Studien über den Bau der
-natürlichen Wesen und über dessen wunderbare Zweckmässigkeit, über
-das Zusammenstimmen aller Einzelnheiten zu einem Organismus, wovon
-kein Theilchen willkürlich geändert werden kann, ohne das Ganze zu
-gefährden, -- über die Wiederholung derselben planmässigen Einrichtung
-in jedesmaliger andrer Weise bei 250,000 bekannten Organismen-Arten der
-jetzigen Schöpfung, -- über die kulminirende Vollendung des Ganzen bei
-dem vollkommensten dieser Organismen, -- über die Entwickelung aller
-dieser Einrichtungen in einem Embryo der ihrer noch nicht bedarf, zu
-künftigen Zwecken, beschäftigt hat, um so schwerer wird es ihm anfangs
-werden, darin nichts weiter als die Folgen eines fortschreitenden
-Verbesserungs-Prozesses zu sehen, worin jeder neue weitre Fortschritt
-nach des Vfs. Theorie selbst jedesmal nur ein +Zufall+ ist und
-erst durch Vererbung festgehalten werden kann. Doch darf man darin
-noch kein unbedingtes Hinderniss für diese Theorie erblicken!
-
-Eine andre Erscheinung, hinsichtlich welcher uns und Andre Hrn.
-~Darwins~ Erklärungen nicht ganz befriedigt haben, bietet der
-Umstand dar, dass trotz der unausgesetzten Thätigkeit der Natürlichen
-Züchtung und der fortdauernden Verbesserung der Organismen durch
-dieselbe, noch immer die unvollkommensten aller unvollkommenen
-Organismen in so unermesslicher Menge vorhanden sind. Doch hat ein
-daraus zu entnehmender Einwand kein solches Gewicht, dass er für die
-Annahme oder Nichtannahme der neuen Theorie entscheidend wäre, und wir
-würden in dessen Folge nur etwa genöthigt seyn, eine noch fortwährende
-Entstehung neuer Urformen anzunehmen, welche sich mit dieser Theorie
-als verträglich oder sogar als nothwendige Folge derselben ergibt,
-obwohl Hr. ~Darwin~ die Generatio originaria nirgends in
-Anspruch nimmt. Endlich würde, wenn wir alle Organismen nur von einer
-Urform ableiten wollten, Diess jedenfalls von einer sehr niedren
-zelligen Form als Grundlage weitrer Entwickelung geschehen müssen, und
-es dürfte dann sehr schwer seyn zu begreifen, wodurch in einer von zwei
-äusserlich von einander nicht unterscheidbaren Zellen sich Empfindung
-und willkürliche Bewegung ausbilde und vererbe, und in der andern nicht?
-
-Indem Hr. ~Darwin~ alle jetzt lebenden und früher vorhanden
-gewesenen Lebenformen durch Abstammung mit fortwährenden leichten
-Abänderungen und Divergenz des Charakters von immer früheren und
-früheren Formen ableitet, glaubt er in einer Zeit, die wenigstens
-eben so weit vor der silurischen, wie diese vor der jetzigen Periode
-zurückliegt, nur noch acht bis zehn Stamm-Arten zu bedürfen, welchen
-der Schöpfer unmittelbar das Leben eingehaucht hätte. Wahrscheinlich
-hatte sich Herr ~Darwin~ eine Stamm-Art zur Ableitung aller
-Arten eines jeden der Unterreiche oder Kreise unsrer Systeme gedacht,
-und wahrscheinlich wird diese Stamm-Art einer der tiefsten Stufen
-in jedem dieser Kreise entsprochen haben; doch drückt er sich nicht
-näher darüber aus. Die Entwickelung eines jeden so vielverzweigten
-Kreises aus einer Stamm-Art wäre dann vergleichbar der Entwickelung
-eines vielästigen Baumes aus einem Stamme: eine Annahme, welche
-wenigstens den Bildungs-Verhältnissen in der ganzen organischen Natur
-parallel liefe. Hr. ~Darwin~ fragt die Anhänger der alten
-Schöpfungs-Theorie, welche Millionen von Pflanzen- und Thier-Spezies
-zum Gegenstande von Millionen verschiedener Schöpfungs-Akte eines
-persönlichen Schöpfers machen, der durch seine spätren Schöpfungen die
-an den frühern Formen begangenen Fehler verbessere: welche Vorstellung
-sie sich denn eigentlich von der Erschaffung der einzelnen Geschöpfe
-machen? (S. 517) -- ob jede Art in einem oder in vielen Individuen, im
-Ei- oder im ausgewachsenen Zustande, ob die ersten Säugthiere mit oder
-ohne Nabel geschaffen worden seyen? Sie könnten Hrn. ~Darwin~
-seine Frage zurückgeben, wenn er nach seiner Theorie auch nur 8-10
-erschaffene Arten bedarf (S. 517); ja sie könnten noch weiter fragen,
-ob der ersten Flechte, dem ersten Farnen, der ersten Palme und dem
-ersten Veilchen, mit dem ersten Infusorium, dem ersten Seeigel, der
-ersten Raupe und dem ersten Frosch gleichzeitig oder nacheinander
-auf einem Fleck beisammen oder auf eben so vielen Punkten der ganzen
-Erd-Oberfläche zerstreut das Leben eingeblasen worden seye, und ob sie
-sogleich angefangen sich -- so ferne sie sich gegenseitig erreichbar
--- in Ermanglung andrer Nahrung wechselseitig aufzufressen, oder mit
-welcher Nahrung sie bis zu ihrer Vervielfältigung ihr Leben gefristet
-haben? Offenbar muss entweder ein ganzes Natur-System von Wesen auf
-einmal geschaffen worden seyn, oder sie müssen sich von einem tiefen
-Punkte an aufwärts ganz allmählich aber massenhaft entwickelt haben.
-Hr. ~Darwin~ hat es jedoch sogleich gefühlt, dass jene seine
-Annahme noch misslicher als die einer gleichzeitigen Erschaffung
-aller Wesen ist, die er bekämpft; daher er etwas später sich mit
-+einer+ Ur-Pflanze und +einem+ Ur-Thiere, ja sogar mit einem
-einzigen Ur-Organismus begnügen will, welchem der Schöpfer das Leben
-eingehaucht habe (S. 518). Die Bedürfnisse dieses einzigen erschaffenen
-Individuums, von welchem die ganze lebende Natur abstammt, müssen dann
-freilich sehr klein gewesen seyn; -- es war zweifelsohne nur eine
-Fadenalge oder etwas der Art, die sich ihre Nahrung aus unorganischen
-Elementen selbst bereiten und sich selbst befruchten musste? Aus ihr
-und ihren Nachkommen konnten lange Zeit nur vegetabilische Formen
-entstehen, bis genug organische Materie vorhanden war, um auch Thiere
-selbst der unvollkommensten Stufe zu ernähren.
-
-Aber immer ist noch ein persönlicher Schöpfungs-Akt für dieses eine
-organische Wesen nöthig, und wenn derselbe einmal erforderlich, so
-scheint es uns ganz gleichgültig, ob der erste Schöpfungs-Akt sich
-nur mit einer oder mit 10 oder mit 100,000 Arten befasst, und ob er
-Diess nur ein- für allemal gethan oder von Zeit zu Zeit wiederholt
-hat. Es fragt sich nicht, wie viele Organismen-Arten derselbe ins
-Leben gerufen, sondern ob es überhaupt jemals nöthig seyn kann,
-dass dieser eingreife in die wundervollen Getriebe der Natur und
-statt eines bewegenden Natur-Gesetzes aushelfend wirke? Wenn Hr.
-~Darwin~ die organische Schöpfung überhaupt angreift, so muss
-er nach unsrer Überzeugung auch auf die Erschaffung einer ersten Alge
-verzichten! Und in dieser Thatsache, dass die neue Theorie noch die
-unmittelbare Erschaffung wenn auch nur eines Dutzends, ja wenn auch
-nur einer einzigen Organismen-Art erheischt, erblicken wir einen
-+zweiten wesentlichen Einwand gegen dieselbe+; weil, Diess
-einmal zugestanden, nicht der entfernteste Grund mehr vorliegt, ihr
-die ungeheure und so schwer zu erfassende Ausdehnung anzueignen,
-die ihr Hr. ~Darwin~ gibt. -- Wer eine organische Zelle oder
-Zellen-Reihe, einen Algen-Faden u. dgl. betrachtet und damit den
-wunderbaren Bau eines höheren Säugethieres vergleicht mit allen
-seinen Gliedern, Organen und Organen-Systemen, seinen unbewussten und
-willkürlichen Verrichtungen, der wird freilich anfangs zu lächeln
-geneigt seyn über eine Theorie, welche aus einer Algen-Zelle wenn auch
-erst nach Verlauf von wenigstens 20[67] Millionen Jahren einen Affen
-durch Natürliche Züchtung hervorgehen lässt. Und doch, erlässt man
-uns jenen einen Schöpfungs-Akt an der Algen-Zelle, was wäre dann so
-gänzlich befremdend an der neuen Theorie? Sehen wir denn nicht diesen
-Prozess tausendfältig und unausgesetzt bei Organismen aller Art binnen
-wenigen Wochen durch gewöhnliche Zeugung sich vollenden, ohne eine
-andre Auskunft darüber geben zu können, als dass es durch „Vererbung“
-geschehe, ein ganz dunkles Prinzip, das ebenfalls erst durch die
-~Darwin~’sche Theorie einige nähere Begründung wenigstens
-hinsichtlich seiner spezifischen Verschiedenheiten erlangt? daher an
-und für sich uns der Gedanke der Entstehung des Säugethieres aus einer
-ursprünglichen Protophyten- oder Protozoen-Zelle doch nicht so ganz
-und gar abenteuerlich erscheint. Und so läge auch für alle anderen
-Verheissungen dieser Theorie die Schwierigkeit nur etwa in der Länge
-der zur Lösung der einzelnen Aufgaben nöthigen Zeit, und daran ist
-wahrlich kein Mangel, sondern Überfluss, wo es sich darum handelt die
-Ewigkeit auszufüllen!
-
-Noch eine Bemerkung über das, in geologischem Sinne, gleichzeitige
-Erscheinen und Verschwinden identischer Lebenformen auf der ganzen
-Erd-Oberfläche. Die ~Darwin~’sche Theorie leistet viel in dieser
-Beziehung! Sie zeigt uns, wie die Lebenwesen der gemässigten oder
-kalten Zone in Folge einer Eis-Zeit sogar den Äquator zu überschreiten
-vermochten! Aber welchen Grund haben wir zu glauben, dass es viele
-solcher Eiszeiten, dass es deren in allen Erd-Perioden gegeben, und
-insbesondere dass die die Verbreitung bewirkenden Ursachen in allen
-Perioden eine universelle Verbreitung der herrschenden Formen bis in
-den letzten Winkel der Erde vermittelt haben, ehe wieder irgendwo
-neue Formen entstanden, und dass nie ein Theil der Erde in dieser
-Hinsicht auf seine unabhängige Weise rascher oder langsamer als der
-andre fortgeschritten seye? Diese Erscheinung ist so befremdend, dass
-sie, so lange sie nicht als eine nothwendige nachgewiesen ist, trotz
-~Darwin’s~ Erklärungs-Versuch die ganze Theorie bedroht.
-
-+Aussicht auf Erfolg.+) Unsre innigste Überzeugung ist, dass
-alle Bewegungen auch in der organischen Natur einem grossen Gesetze
-unterliegen, dass dieses Gesetz, allen organischen Erscheinungen
-entsprechend, ein Entwickelungs- und Fortbildungs-Gesetz seye, und dass
-dasselbe Gesetz, welches die heutige Lebenwelt beherrscht, auch ihr
-Entstehen bedingt und ihre ganze geologische Entwickelung geleitet habe.
-
-Wir haben bisher organische Wesen entstehen und vergehen sehen; wir
-haben die bestehenden Arten sich erhalten und fortpflanzen, aber keine
-neuen Arten erscheinen sehen und keine Natur-Kraft gekannt, welche neue
-Arten in’s Daseyn ruft. Alle unsere Bemühungen sie zu finden, um von
-dem ersten Auftreten neuer Arten mit deren Hilfe Rechenschaft zu geben,
-waren vergeblich.
-
-Hilft aber die ~Darwin~’sche Theorie diesem Mangel ab? Wir haben
-oben einige Einreden gegen sie vorgebracht, und unser persönliches
-Vermögen sie uns so, wie sie ist, anzueignen ist noch weit geringer als
-jene Einreden vermuthen lassen. Aber sie leitet uns auf den einzigen
-möglichen Weg! Es ist vielleicht das befruchtete Ei, woraus sich die
-Wahrheit allmählich entwickeln wird; es ist vielleicht die Puppe, aus
-der sich das längst gesuchte Natur-Gesetz entfalten wird, nachdem es
-einen Theil der seinem unvollkommenen Zustande angehörigen Anhänge
-abgestreift und andere seiner Bestandtheile vollständiger ausgebildet
-haben wird. Oder wir haben das gesuchte Gesetz vielleicht bereits vor
-Augen, aber sehen es nur durch ein Kaleidoskop, dessen Facettirung wir
-erst studiren oder abschleifen müssen, um das Objekt nach seiner wahren
-Beschaffenheit beurtheilen zu können?
-
-Die Möglichkeit nach dieser Theorie alle Erscheinungen in der
-organischen Natur durch einen einzigen Gedanken zu verbinden, aus
-einem einzigen Gesichtspunkt zu betrachten, aus einer einzigen Ursache
-abzuleiten, eine Menge bisher vereinzelt gestandener Thatsachen den
-übrigen auf’s innigste anzuschliessen und als nothwendige Ergänzungen
-derselben darzulegen, die meisten Probleme auf’s Schlagendste zu
-erklären, ohne sie in Bezug auf die andern als unmöglich zu erweisen,
-geben ihr einen Stempel der Wahrheit und berechtigen zur Erwartung auch
-die für diese Theorie noch vorhandenen grossen Schwierigkeiten endlich
-zu überwinden. Diese glänzenden Leistungen der Theorie (ihre Wahrheit
-einmal zugestanden) sind es, die uns so mächtig zu ihr hinziehen,
-wie sehr wir auch des Wankens ihrer Grundlage uns bewusst sind. Denn
-die grösste Schwierigkeit für die Anerkennung dieser Theorie scheint
-allerdings zunächst im Grundgedanken selbst zu liegen, wenigstens nach
-seiner jetzigen Fassung: in der Vorstellung einer fortwährenden Bildung
-von Varietäten, die sich von den Stamm-Arten abzweigen und endlich
-ablösen, ohne durch Mittelglieder unter einander verkettet zu bleiben,
-wie wir auch nach allen aus der Theorie geschöpften Erläuterungen doch
-noch erwarten zu müssen glauben, wenn diese Theorie richtig wäre.
-Möglich, dass fortgesetzte Forschung und Prüfung darüber noch Auskunft
-und Aufklärung gibt!
-
-Unser zweiter Einwand ist gegen die Annahme einiger oder auch nur einer
-ursprünglich erschaffenen Organismen-Spezies. Mit der Schöpfung müsste
-auch die eine wegfallen. So lange wir sie aber nicht entbehren können,
-so lange müssen wir daran zweifeln, in der ~Darwin~’schen
-Theorie bereits den +wahren+ Schlüssel der Erscheinungen gefunden
-zu haben.
-
-Auf welche Weise auch die +eine+ erschaffene Spezies entbehrlich
-gemacht werden könne, darüber haben wir keine Vermuthung. Könnte durch
-unorganische chemische Prozesse aus unorganischer Materie organische
-werden, -- könnte die organische Materie für sich die Form und Textur
-organischer Kern-Zellen annehmen, -- könnten diese Zellen sich weiter
-entwickeln und zu wachsen beginnen --: doch hier stehen wir auf
-der letzten, der alleräussersten Grenze zwischen unorganischer und
-organischer Welt. Organische Mischungen könnten aus unorganischen
-durch gewisse chemische Prozesse vielleicht entstehen; dass organisch
-gebildete Zellen und gar belebte Zellen sich aus solcher Mischung
-gestalten können, hat man früher geglaubt, aber neuere Forschungen
-haben diese Ansicht mehr und mehr unmöglich gemacht; doch sollen jetzt
-auf Veranlassung der Französischen Akademie fernere Versuche mit die
-Frage verlässig entscheidender Beweiskraft angestellt werden!
-
-Die ~Darwin~’sche Theorie wird wohl nicht mehr ganz untergehen!
-Aber ungeachtet der ausgezeichneten Leistungen derselben stehen
-ihr noch so wesentliche Gründe entgegen, dass wir vorerst nicht
-vermögen sie anzunehmen, obwohl uns eingewendet werden kann,
-auch die gewöhnliche Schöpfungs-Theorie lasse Einreden und zwar
-noch gewichtigere aber freilich von ganz andrer Beschaffenheit
-zu. Denn, unnatürlich an sich, braucht die Theorie der Schöpfung
-nicht mit natürlichen Erklärungen zu antworten. Sie kennt nur
-Wunder! Daher scheint es uns wenigstens konsequenter, auf dem
-alten naturwissenschaftlich haltlosen Standpunkte zu verharren in
-der Erwartung, dass eben in Folge des Streites der Meinungen sich
-eine haltbare Theorie entwickele, kläre und reife; -- obwohl wir
-voraussehen, dass ein Theil unserer Naturforscher (und eine noch
-grössere Anzahl Nichtnaturforscher) der ~Darwin~’schen Theorie,
-auch so wie sie ist, alsbald zufallen werden. Nur aus dem Widerstreite
-der Meinungen wird die Wahrheit hervorgehen und der Urheber dieser
-Theorie selbst zweifelsohne noch die grosse Befriedigung erleben, der
-Naturforschung einen neuen Weg geöffnet zu haben!
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Ich habe die obige Angabe der ersten Veröffentlichung ~Lamarck’s~
-aus ~Isid. Geoffroy St.-Hilaire’s~ vortrefflicher _Histoire naturelle
-générale 1859, II, 405_ entnommen, wo auch ein vollständiger Bericht
-von ~Buffon’s~ schwankenden Urtheilen über denselben Gegenstand zu
-finden ist. -- Nach ~Isid. Geoffroy Saint-Hilaire~ wäre auch ~Göthe~
-einer der eifrigsten Partheigänger für solche Ansichten gewesen, wie
-aus seiner Einleitung zu einem _1794-1795_ geschriebenen, aber erst
-viel später veröffentlichten Werke hervorgehe. Er hat sich nämlich ganz
-bestimmt dahin ausgesprochen, dass für den Naturforscher in Zukunft die
-Frage Beispiels-weise nicht mehr die seye, wozu das Rind seine Hörner
-habe, sondern wie es zu seinen Hörnern gekommen seye (~K. Meding~
-über ~Göthe~ als Naturforscher S. 34). -- Es ist ein eigenthümliches
-Zusammentreffen, dass ~Göthe~ in _Deutschland_, Dr. ~Darwin~ in
-_England_ und ~Et. Geoffroy St.-Hilaire~ in _Frankreich_ gleichzeitig
-zu gleichen Ansichten über die Entstehung der Arten gelangt sind.
-
- D. Vf.
-
-[2] Bekanntlich kam es in der Akademie mehrmals zu heftigen Auftritten
-mit ~Cuvier~, welcher die Beständigkeit der Species gegen ihn
-vertheidigte.
-
- D. Übers.
-
-
-[3] Nach einigen Zitaten in ~Bronn’s~ „Untersuchungen über die
-Entwickelungs-Gesetze“ (S. 79 u. a.) scheint es, dass der berühmte
-Botaniker und Paläontologe ~Unger~ im Jahre _1852_ die Meinung
-ausgesprochen habe, dass Arten sich entwickeln und abändern. Ebenso
-~d’Alton~ _1881_ in ~Pander~ und ~d’Alton’s~ Werk über das fossile
-Riesen-Faulthier; -- und ähnliche Ansichten entwickelte ~Oken~ in
-seiner mystischen „Natur-Philosophie“. Nach Zitaten in ~Godron’s~
-Werk „_sur l’espèce_“ scheint es, dass ~Bory St.-Vincent~, ~Burdach~,
-~Poiret~ und ~Fries~ alle eine fortwährende Erzeugung neuer Arten
-angenommen haben. -- Ich will noch hinzufügen, dass von 33 Autoren,
-welche in dieser historischen Skizze als solche aufgezählt werden,
-die an eine Abänderung der Arten oder wenigstens nicht an getrennte
-Schöpfungs-Akte glauben, 28 sind, welche über spezielle Zweige der
-Naturgeschichte geschrieben haben, darunter 3 blosse Geologen, 10
-Botaniker, 15 Zoologen; aber unter den Botanikern und Zoologen haben
-einige auch über Paläontologie und Geologie geschrieben.
-
-[4] Durch „+Züchtung+“ werde ich den stets wiederkehrenden _Englischen_
-Ausdruck „_Selection_“ übertragen, welcher in gegenwärtigem Sinne auch
-in _England_ nicht gebräuchlich und desshalb dort angegriffen worden
-ist. Richtiger wäre wohl „Auswahl zur Züchtung“ gewesen, zumal da bei
-der „Züchtung“ auch noch Anderes als die Auswahl der Zucht-Thiere
-allein in Betracht kommen kann; doch ist Diess von wohl nur
-untergeordnetem Interesse. Zuweilen entspricht jedoch eine Übersetzung
-etwa durch das neu zu bildende Wort „+Zuchtwahl+“ wirklich besser,
-insbesondere bei Übertragung des Ausdrucks „_Sexual selection_“.
-
- D. Übrs.
-
-
-[5] Analog mit derjenigen Erscheinung, welche in meinen Morphologischen
-Studien „Differenzierung der Organe“ genannt worden ist.
-
- D. Übrs.
-
-
-[6] Ich wähle das ~Oken~’sche Wort „Sippe“ für _Genus_, weil das
-Deutsche Wort „Geschlecht“ seiner zweifachen Bedeutung („_genus_“
-und „_sexus_“) wegen hier das Verständniss nicht selten erschweren
-würde. Leider besitzen wir keinen ähnlichen Ausweg, der Missdeutung
-des ebenfalls zweisinnigen Wortes „Art“ zu entgehen, welches bald für
-_Species_ und bald für das Englische „_kind_“ angewendet werden muss.
-Der Ausdruck „Gattung“ endlich wird bald für Sippe und bald für Art
-(„was sich gattet“) gebraucht.
-
- D. Übrs.
-
-
-[7] _the laugher_, die Lachtaube; doch scheint nach dem Zusammenhange
-hier eher die Trommeltaube, als die Columba risoria gemeint zu seyn.
-
- D. Übs.
-
-[8] Herr ~Darwin~ ertheilt mir über die hier genannten Englischen
-Hunde-Rassen folgende Auskunft:
-
-der Jagdhund (_Spaniel_) ist klein, rauhhaarig, mit hängenden Ohren und
-gibt auf der Fährte des Wildes Laut;
-
-der Spürhund (_Setter_) ist ebenfalls rauhhaarig, aber gross, und
-drückt sich, wenn er Wind vom Wilde hat, ohne Laut zu geben lange Zeit
-regungslos auf den Boden;
-
-der Vorstehehund (_Pointer_) endlich entspricht dem deutschen
-Hühnerhunde und ist in England gross und glatthaarig.
-
- D. Übs.
-
-
-[9] ~Albers~ hat dieselbe Beobachtung auf _Madeira_ gemacht, aber eine
-andre Folgerung daraus gezogen: dass nämlich diese Formen, die während
-unermesslicher Zeiträume immer dieselben geblieben, +nicht+ in einander
-übergehen und nicht +eine+ Spezies bilden.
-
- D. Ü.
-
-
-[10] Vergl. die Anmerkung auf Seite 14.
-
- D. Übs.
-
-
-[11] Aber wie vermöchten +wir+ zu ermessen, was einen Bewerber in den
-Augen einer Henne oder einer Taube liebenswürdig machen könne!
-
- D. Übs.
-
-[12] Diess dürfte jedoch der Hauptsache nach einen ganz verschiedenen
-Grund haben.
-
- D. Ü.
-
-
-[13] Hier ist ein Missverständniss. Aus den zwei zuletzt genannten
-Gründen könnten die Knochen-Fische die „vollkommensten +Fische+,“
-aber nicht die „+vollkommensten+ Fische“ seyn, d. h. den Typus der
-Fische aber nicht die Vollkommenheit am besten repräsentiren. Die
-Knochen-Fische sind aber +vollkommenere+ Fische aus andern Gründen.
-
- D. Übs.
-
-
-[14] Diese Voraussetzung ist keinesweges von uns gemacht worden und ist
-für unsre Einrede auch durchaus nicht nöthig; wir haben uns vielmehr
-ausdrücklich auf einzelne Arten von Ratten und Kaninchen als Beispiele
-berufen, um an ihnen unsre Meinung zu erläutern. -- Wir sehen auch
-noch jetzt nicht ein, wesshalb, wenn kleine Verschiedenheiten in
-die äusseren Existenz-Bedingungen (A und C) dem Fortkommen kleiner
-Verschiedenheiten in der Organisation (A und C) günstig sind, nicht
-auch mittle Verschiedenheiten der ersten (b), welche ja in der Regel
-nicht fehlen, nicht auch das Fortkommen von B gestatten sollten.
-
- ~Br.~
-
-
-[15] So lautete unsere Frage nicht, -- sondern: wie es komme, dass
-so vielerlei an einer Spezies nebeneinander-bestehende Abänderungen
-der Grundform je in ihrer Weise beständig seyen und sich nicht in
-manchfachen Kombinationen und Abstufungen zusammengesellten. (Vgl.
-übrigens unsern Anhang zu dieser Übersetzung.)
-
- ~Br.~
-
-
-[16] Bekanntlich hat sich die Säugthier-Welt fast ganz erst im Laufe
-der Tertiär-Zeit entwickelt.
-
-[17] Wenn dieser Grund so erheblich wäre, so würde man gar keine neuen
-Rassen bilden können, weil diese immer bei der Paarung zwischen den
-nächsten Verwandten, die anfänglich ja nur allein vorhanden sind,
-hervorgehen müssen. Was den in _Lithauen_ eingehegten Auerochsen
-betrifft, so vernehmen wir, dass an der Krankheit Wilddieberei jährlich
-mehr Individuen eingehen, als geboren werden.
-
-[18] Diese Abhängigkeit vom Klima ist denn doch in grosser Ausdehnung
-nachgewiesen worden von ~Gloger~ in seiner Schrift „Über das Abändern
-der Vögel durch das Klima,“ _Breslau 1833_, 8^o. Von vielen anderen
-Abänderungen sind die äusseren Ursachen zusammengestellt in unserer
-„Geschichte der Natur“ II, 68-116.
-
- D. Übers.
-
-
-[19] So lange man die wahre Ursache dieser Entstehung nicht kennt, hat
-Diess nichts Befremdendes.
-
- D. Übers.
-
-
-[20] Ein vollständiges Verzeichniss der Bewohner dunkler Höhlen hat
-~Ehrenberg~ zusammengetragen in den Monats-Berichten der _Berliner_
-Akademie 1859, 758 ff.
-
- D. Übs.
-
-
-[21] Weit gewöhnlicher ist gewiss das Streben homologer Theile
-sich sowie andre mit fortschreitender Entwickelung selbständiger
-zu differenziren, es seye denn, dass jenes Streben unter sich
-zusammenzuhängen eine Differenzirung von heterologen Theilen bewirke,
-wie eben in Blumen.
-
- D. Übrs.
-
-
-[22] Dieses ist nur bei solchen weichen Theilen denkbar, welche sich
-+nach+ den ihnen anliegenden harten bilden, die ihrerseits selbst aus
-weichen hervorgehen. Der Schädel modelt nicht das werdende Gehirn,
-sondern dieses den Schädel!
-
- D. Übrs.
-
-
-[23] Wie sie nämlich als Grund-Farben der verschiedenen Equus-Arten
-in der Natur vorkommen. Man könnte also etwa sagen „natürliche
-Pferde-Farben“.
-
- D. Übrs.
-
-
-[24] Nach der ~Agassiz~’schen Lehre von den embryonischen Charakteren
-würde man diese Streifung, wie die weissen Flecken in der Hirsch-Sippe,
-als einen embryonischen Charakter ansehen und sagen, dass Zebra, Quagga
-etc. dem Pferde gegenüber auf tieferer Stufe zurückgeblieben seyen und
-embryonische Charaktere behalten haben, wie der Damhirsch gegenüber dem
-Edelhirsch.
-
- D. Übers.
-
-
-[25] Diess Beispiel war in der ersten Auflage angeführt um zu zeigen,
-wie etwa ein Wal entstehen könne.
-
- D. Übrs.
-
-
-[26] „Brütig“ für _broody_; das Wort ist im Deutschen nicht üblich;
-doch gibt es in _Nord-Deutschland_ dafür einen Provinzialismus
-„heckisch“.
-
- D. Übs.
-
-
-[27] Diess kann kein Grund seyn: denn das Alter der Eier polygamischer
-Vögel, welche 10-20 und mehr Eier legen und eben so viele Tage dazu
-bedürfen, ist noch viel ungleicher, und doch kommen die Jungen
-gleichzeitig aus. Es fallen somit auch die Folgerungen weg.
-
- D. Übs.
-
-
-[28] Ich glaube die Aufgabe der Bienen ist eine einfachre, als
-dieser mathematischen Formel zu genügen! Eine Einzelbiene macht
-eine zylindrische Zelle. Stossen wir ihre Zellen möglichst dicht
-aneinander, so dass keine Zwischenräume bleiben, so können die
-Zellen nur sechs-, vier- oder dreieckige seyn, indem sie sich an den
-Aneinanderlagerungs-Seiten abplatten. Nun weichen sechseckige am
-wenigsten, dreieckige Zellen am meisten von den runden ab; jene bilden
-mithin die einfachste der möglichen Modifikationen. Diese einfachste
-Modifikation erheischt im Verhältniss zu ihrem Inhalte allerdings
-am wenigsten Wachs; -- sie beengt aber auch, da ihre verschiedenen
-Queermesser am wenigsten ungleich sind, die darin nistende Made am
-wenigsten in ihrer Entwickelung und Bewegung; endlich gibt sie der Wabe
-am meisten Festigkeit, weil die Zwischenwände sich in drei und bei
-viereckigen nur in zwei Richtungen kreutzen.
-
- D. Übrs.
-
-
-[29] ~v. Siebold~ hat bekanntlich im vorigen Jahre nachgewiesen, dass
-bei der Honigbiene (u. a. Insekten) das Geschlecht der Eier von der
-Befruchtung abhängig ist, welche im Willen der Bienenkönigin steht und
-nur in gewissen Zellen erfolgt, in andern unterbleibt.
-
- D. Übs.
-
-
-[30] Obwohl mir dieser Satz nahezu wahr zu seyn scheint, so habe
-ich doch bis jetzt zu berücksichtigen vergessen, dass daraus noch
-keineswegs folge, dass nicht Unfruchtbarkeit für zwei im Entstehen
-begriffene Spezies von grossen Vortheilen soferne seyn könne, als
-sie dieselben getrennt hält und für verschiedene Lebens-Beziehungen
-geeignet macht. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mag eine
-unvermeidliche Folge der erlangten Unfruchtbarkeit [?] ihrer Ältern
-seyn; aber ich will nicht mehr sagen, weil einige Versuche, die ich
-in Bezug auf diese wichtige Frage durchzuführen beschäftigt bin, noch
-nicht zum Abschluss gelangt sind. (Im April 1862.)
-
-[31] ~C. F. v. Gärtner~: Versuche und Beobachtungen über die
-Befruchtungs-Organe der vollkommenen Gewächse und über die natürliche
-und künstliche Befruchtung durch den eigenen Pollen. Stuttgart 1844. --
-Versuche und Beobachtungen über die Bastarderzeugung im Pflanzenreich.
-Mit Hinweisung auf die ähnlichen Erscheinungen im Thierreiche.
-Stuttgart 1849.
-
- D. Übs.
-
-
-[32] „_Flowers_“ doch wohl Blüthen-Ähren.
-
- D. Übs.
-
-
-[33] Doch kennt man über zwei Dutzend fossile Arten von der
-Kohlen-Formation an bis in die obersten Tertiär-Schichten.
-
- D. Übs.
-
-
-[34] Meine Meinung ist die, dass nur wenige Arten eine unsrer
-angenommenen Perioden überdauern, viele aber schon in 0,1-0,2-0,5
-dieser Zeit zu Grunde gehen.
-
- ~Br.~
-
-
-[35] Wir glauben, dass das Bestehen dieser unausfüllbaren Lücken in
-der unter unsren Augen lebenden Schöpfung einen wesentlicheren Einwand
-bildet, als das der weit grösseren Lücken in den früheren Weltperioden,
-welche der Phantasie genügenderen Spielraum zur Ersinnung von
-Möglichkeiten gewähren.
-
- D. Übers.
-
-
-[36] ~H. G. Bronn~: Morphologische Studien über die Gestaltungs-Gesetze
-der Natur-Körper. Leipzig 1858, 8^o: -- und zumal dessen Untersuchungen
-über die Entwickelungs-Gesetze der organischen Welt. Stuttg. 1858, 8^o.
-
-[37] Es ist allerdings leicht, einige Beispiele ausser allem
-Zusammenhang als Belege irgend einer beliebigen Ansicht aufzuführen;
-da aber wo eine auf gesammelten Thatsachen begründete Lehre bereits
-in der Weise systematisch entwickelt worden, dass man zu allgemeinen
-Schlusssätzen gelangt ist, muss man das ganze Lehrgebäude widerlegen,
-statt sich auf eine vereinzelte Einrede zu beschränken. Es ist im
-vorliegenden Falle auch ganz gleichgültig ob z. B. die Biene oder
-die Sepie höher organisirt sind; das sind Glieder zweier auf ganz
-verschiedenen Grundplanen aufgebauter Unterreiche und in soferne
-incommensurable Grössen. Will man die aufsteigende Entwickelung der
-Organisation verfolgen, so muss man sich mehr an die Thiere +eines+
-Unterreichs halten.
-
- D. Übers.
-
-
-[38] Doch kaum! Wenn es sonst 10,000 Fische und Reptilien ohne
-Säugthiere gegeben hätte, und gäbe jetzt deren nur 5000 mit 1000
-Säugthier-Arten: diess organische Leben wäre dennoch höher gestiegen!
-
- D. Übs.
-
-
-[39] Diese neueren Versuche von ~Martins~ vgl. in _Bibliothèq. univers.
-de Genève, 1858, I_, 89-92 > Neu. Jahrb. f. Mineral. 1858, 877-878.
-
- D. Übers.
-
-
-[40] In diesem Falle wäre vielleicht wahrscheinlicher anzunehmen,
-der Reiher habe einen Fisch verschlungen gehabt, welcher jene Saamen
-gefressen hatte; und die Saamen würden keimfähig wieder zu Boden
-gelangt seyn, wenn nun ein Raubvogel den Reiher zerrissen hätte.
-
- D. Übs.
-
-
-[41] Da die Frösche ihre Eier erst nach dem Legen befruchten, so
-müssten doch wohl mehre zusammengefroren gewesen seyn.
-
- D. Übs.
-
-
-[42] Vgl. ~Darwin~: über die Einrichtungen zur Befruchtung Britischer
-und ausländischer Orchideen durch Insekten und über die günstigen
-Erfolge der Wechselbefruchtung. Aus dem Englischen übersetzt von ~H. G.
-Bronn~. Stuttg.
-
- D. Üb.
-
-
-[43] Ob Lagostomus oder Lagidium oder beide gemeint seyen, ist nicht zu
-ersehen, doch kann sich das oben Gesagte auf beide beziehen.
-
- D. Übs.
-
-
-[44] Zu Bezeichnung der Übereinstimmung von Organen eines nämlichen
-Individuums miteinander haben wir den Ausdruck „homonym“ angewendet,
-indem wir Homologien nur bei Vergleichung verschiedener Thier-Arten
-annehmen (Morphologische Studien S. 410).
-
- D. Übs.
-
-
-[45] Diese und verwandte Fragen sind in unsern Morphologischen Studien
-viel erschöpfender entwickelt wurden, als von ~Owen~.
-
- D. Übs.
-
-
-[46] Ich denke, dass Diess bei allen Insecta ametabola ohne unthätigen
-Zustand der Fall ist?
-
- D. Übs.
-
-
-[47] Das ist wohl insoferne nicht wörtlich zu nehmen, als ja die Jungen
-der andern Rassen noch nicht so wie im Alter verschieden waren.
-
- D. Übs.
-
-
-[48] Aber wenn sie jetzt nicht von Natürlicher Züchtung herrühren
-können, wie sind sie dann das erste Mal entstanden, ehe sie wieder zu
-schwinden begannen? Gewiss verdienen sie aber in diesem letzten Falle
-nicht den Namen „werdende“ oder „beginnende“ Organe, sondern müssen
-„verkümmernde“ heissen.
-
- D. Übs.
-
-
-[49] Diese Zahl entspräche also den Unterreichen oder Kreisen des
-Thier-Reichs, welche der Verf. gewöhnlich auch unter dem Namen der
-„grossen Klassen“ versteht. Er sagt aber nirgends, auf welche Weise er
-sich das Thier-Reich an diese 4-5 Stammarten vertheilt denke.
-
- D. Übs.
-
-
-[50] Hier war in der vorigen Original-Auflage, die unsrer Deutschen
-Übersetzung zu Grunde gelegen, noch der Nachsatz angehängt, „+welcher
-das Leben zuerst vom Schöpfer eingehaucht worden ist+.“ Wir müssen
-Diess bemerken, weil sich auf ihn ein mehrfach geäusserter Vorwurf der
-Inconsequenz des Verfassers bezog, und weil diese Änderung uns die
-wesentlichste in der ganzen neuen Auflage zu seyn scheint.
-
- D. Übers.
-
-
-[51] In _England_ nämlich, wo die gewöhnliche Form der Schlüsselblume
-(Primula veris) als „Primrose“ oder Frühröschen, die grosse blassgelbe
-(Pr. elatior) aber als „Cowslip“ oder Kuhtritt bezeichnet zu werden
-pflegt. In _Deutschland_ hat der Volks-Mund meines Wissens noch keinen
-stetig verschiedenen Namen dafür.
-
- D. Übs.
-
-
-[52] Da in der neuesten Original-Auflage des ~Darwin~’schen Werkes
-einige Erwiderungen auf dieses Kapitel enthalten sind, so sehen wir uns
-veranlasst, es auch in der zweiten Deutschen Auflage unverändert stehen
-zu lassen.
-
- ~Br.~
-
-
-[53] Vgl. unsere Entwickelungs-Gesetze der organ. Welt S. 78.
-
-[54] Entwickelungs-Gesetze der organ. Welt 77-80, 229.
-
-[55] Wir glauben uns keiner Indiskretion schuldig zu machen, wenn wir
-der Übersetzung Einreden beifügen, da Hr. ~Darwin~ unsre abweichende
-Ansicht kannte, als er den Wunsch ausdrückte eine Übersetzung durch
-uns selbst oder unter unsrer Aufsicht veranstaltet zu sehen, und da er
-selbst die allseitige Diskussion seiner Theorie ausdrücklich wünscht.
-
-[56] Geschichte der Natur, 1843, II, 63; Entwickelungs-Gesetze der
-organ. Welt 1858, S. 228.
-
-[57] Geschichte d. Nat. II, 65-133.
-
-[58] Geschichte d. Nat. II, 180-196.
-
-[59] Entwickelungs-Gesetze S. 79, 232.
-
-[60] Geschichte d. Nat. II, 29-60; Entwickelungs-Gesetze 79.
-
-[61] Entwickelungs-Ges. S. 235.
-
-[62] Entwickelungs-Ges. 77-80.
-
-[63] A. a. O. S. 80-82.
-
-[64] Diese Vorstellung ist in der neuen Auflage weggeblieben; vgl. S.
-519, Anmerkung.
-
-[65] Vgl. das sechste Kapitel, S. 197 u. a. m.
-
-[66] So nach ~E. J. Lowe~; -- während dagegen ~Schreibers~, wenn wir
-nicht irren, Frosch-Larven dadurch an ihrer Verwandlung zu Fröschen
-(ohne Kiemen) hinderte, dass er sie nöthigte unter Wasser zu bleiben.
-(Zusatz zur zweiten Auflage.)
-
-[67] Man hat die Dauer der Steinkohlen-Flora allein auf etwa 1 Million
-Jahre berechnet; setzt man dieselbe nun auch nur = 0,1 von der Dauer
-aller unsrer geologischen Schichten-Bildungen und diese nach ~Darwin~
-gleich der Dauer der vor-silurischen Schichten, so ergibt sich obiges
-Resultat.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER ARTEN
-IM THIER- UND PFLANZEN-REICH DURCH NATÜRLICHE ZÜCHTUNG ***
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-<body>
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung</span>, by Charles Darwin</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Charles Darwin</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translator: Heinrich Georg Bronn</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: October 17, 2022 [eBook #69172]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive.)</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER ARTEN IM THIER- UND PFLANZEN-REICH DURCH NATÜRLICHE ZÜCHTUNG</span> ***</div>
-
-<div class="transnote mtop3">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe
-von 1863 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Es werden
-teils stark veraltete Formen verwendet (z.B. ‚mittlem‘ statt
-‚mittlerem‘; ‚Ägyptier‘ statt ‚Ägypter‘); dies wurde so belassen,
-soweit die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht verlorengeht.</p>
-
-<p class="p0">Unterschiedliche Wortformen (z.B. ‚Maasstab‘ vs.
-‚Maassstab‘) wurden nicht vereinheitlicht, sofern beide Formen mehrmals
-im Text auftreten. Darüberhinaus hat der Übersetzer in vielen Fällen
-anglisierte Begriffe verwendet, was sich auch bei der Worttrennung
-bemerkbar macht. Auch dies wurde in der Bearbeitung so belassen.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em
-class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe40" id="frontispiz">
- <img class="w100" src="images/frontispiz.jpg" alt="" />
- <div class="caption_left mleft1">Phothogr. v. Buchner.</div>
- <div class="caption"><i class="s3">Charles Darwin.</i></div>
- <div class="caption mtop1"><span class="s5">E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung
- in Stuttgart.</span></div>
- <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/frontispiz_gross.jpg"
- id="frontispiz_gross" rel="nofollow">⇒<br />
- <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div>
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b>Charles Darwin,</b></p>
-
-<h1 title="Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch
-natürliche Züchtung"><span class="s7">über die</span><br />
-ENTSTEHUNG DER ARTEN<br />
-<span class="s6"><b>im Thier- und Pflanzen-Reich</b></span><br />
-<span class="s7">durch</span><br />
-<span class="s6"><b>natürliche Züchtung,</b></span></h1>
-
-<p class="center s4">oder</p>
-
-<p class="s3 center">Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center">Nach der <b>dritten Englischen Auflage</b> und mit neueren Zusätzen
-des Verfassers für diese deutsche Ausgabe</p>
-
-<p class="s5 center mtop1">aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen</p>
-
-<p class="s6a center">von</p>
-
-<p class="s3 center">Dr. <b>H. G. Bronn</b>.</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s5 center mtop1">Zweite verbesserte und sehr vermehrte Auflage.</p>
-
-<p class="s6a center">Mit D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span>
-Porträt in Photographie.</p>
-
-<div class="figcenter illowe8" id="titel_deko">
- <img class="w100" src="images/titel_deko.png" alt="Titelseite, Deko" />
-</div>
-
-<p class="s3 center"><b>Stuttgart.</b></p>
-
-<p class="s5 center">E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung und Druckerei.</p>
-
-<p class="s5 center">1863.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="schmal">
-
-<p class="p0"><b>Vorrede des Verfassers.</b>&#8195;<a href="#Vorrede_des_Verfassers">Seite 1.</a></p>
-
-<p class="p0"><b>Einleitung.</b>&#8195;<a href="#Einleitung">S. 11.</a></p>
-
-<p><b>Erstes Kapitel. Abänderung durch Domestizität.</b>&#8195;<a href="#Erstes_Kapitel">S. 17.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit.
-Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter Varietäten.
-Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten. Entstehung kultivirter
-Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme Tauben, ihre Verschiedenheiten
-und Entstehung. Frühere Züchtung und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste
-Züchtung. Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für
-das Züchtungs-Vermögen des Menschen.</p>
-
-<p><b>Zweites Kapitel. Abänderung im Natur-Zustande.</b>&#8195;<a href="#Zweites_Kapitel">S. 55.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten.
-Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am meisten. Arten
-grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren mehr, als die der kleinen Sippen.
-Viele Arten der grossen Sippen gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe
-aber ungleich mit einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.</p>
-
-<p><b>Drittes Kapitel. Der Kampf um’s Daseyn.</b>&#8195;<a href="#Drittes_Kapitel">S. 72.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Stützt sich auf Natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern
-Sinne gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter Pflanzen und
-Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine Mitbewerbung. Wirkungen des
-Klimas. Schutz durch die Zahl der Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere
-und Pflanzen in der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und
-Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung von Organismus
-zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen.</p>
-
-<p><b>Viertes Kapitel. Natürliche Züchtung.</b>&#8195;<a href="#Viertes_Kapitel">S. 92.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Natürliche Auswahl zur Züchtung; — ihre Gewalt im Vergleich zu
-der des Menschen; — ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer Wichtigkeit; — ihre
-Gewalt in jedem Alter und über beide Geschlechter. — Sexuelle Zuchtwahl. — Über die
-Allgemeinheit der Kreutzung zwischen Individuen<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span>
-der nämlichen Art. — Umstände günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung,
-insbesondere Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. — Langsame Wirkung. —
-Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. — Divergenz des Charakters, in
-Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer kleinen Fläche und auf
-Naturalisation. — Wirkung der Natürlichen Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer
-Ältern durch Divergenz des Charakters und durch Unterdrückung. — Erklärt die
-Gruppirung aller organischen Wesen. — Fortschritt in der Organisation. — Erhaltung
-unvollkommener Formen. — Betrachtung der Einwände. — Unbeschränkte Vermehrung der
-Arten. — Zusammenfassung.</p>
-
-<p><b>Fünftes Kapitel. Gesetze der Abänderung.</b>&#8195;<a href="#Fuenftes_Kapitel">S. 157.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Wirkungen äusserer Bedingungen. Gebrauch und Nichtgebrauch der
-Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; — Flieg- und Seh-Organe. —
-Akklimatisirung. — Wechselbeziehungen des Wachsthums. — Kompensation und Ökonomie
-der Entwickelung. — Falsche Wechselbeziehungen. — Vielfache, rudimentäre und wenig
-entwickelte Organisationen sind veränderlich. — In ungewöhnlicher Weise entwickelte
-Theile sind sehr veränderlich; — spezifische mehr als Sippen-Charaktere. — Sekundäre
-Geschlechts-Charaktere veränderlich. — Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf
-analoge Weise. — Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. — Summarium.</p>
-
-<p><b>Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Theorie.</b>&#8195;<a href="#Sechstes_Kapitel">S. 197.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft.
-— Übergänge. — Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. — Übergänge in
-der Lebensweise. — Differenzirte Gewohnheiten in einerlei Art. — Arten mit Sitten
-weit abweichend von denen ihrer Verwandten. — Organe von äusserster Vollkommenheit.
-— Mittel der Übergänge. — Schwierige Fälle. — Natura non facit saltum. — Organe von
-geringer Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen absolut vollkommen. — Das
-Gesetz von der Einheit des Typus und den Existenz-Bedingungen enthalten in der
-Theorie der Natürlichen Züchtung.</p>
-
-<p><b>Siebentes Kapitel. Instinkt.</b>&#8195;<a href="#Siebentes_Kapitel">S. 234.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs.
-— Abstufungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. — Instinkte
-gezähmter Thiere und deren Entstehung. — Natürliche Instinkte des Kuckucks, des
-Strausses und der parasitischen Bienen. — Sklaven-machende Ameisen. — Honigbienen
-und ihr Zellenbau-Instinkt. — Wechsel von Instinkt und Körperbau erfolgen nicht
-nothwendig gleichzeitig. — Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher Züchtung in
-Bezug auf Instinkt. — Geschlechtslose oder unfruchtbare Insekten. — Zusammenfassung.</p>
-
-<p><b>Achtes Kapitel. Bastard-Bildung.</b>&#8195;<a href="#Achtes_Kapitel">S. 273.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten
-Kreutzung und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit der Stufe nach
-veränderlich, nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und durch Zähmung vermindert.
-<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span>
-— Gesetze für die Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit keine besondre
-Eigenthümlichkeit, sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. — Ursachen
-der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der Bastarde. — Parallelismus zwischen
-den Wirkungen der veränderten Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. — Fruchtbarkeit
-miteinander gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. — Bastarde
-und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit verglichen. — Zusammenfassung.</p>
-
-<p><b>Neuntes Kapitel. Unvollkommenheit der Geologischen
-Überlieferungen.</b>&#8195;<a href="#Neuntes_Kapitel">S. 307.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. — Natur
-der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. — Länge der Zeit-Perioden nach
-Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen. — Armuth unsrer paläontologischen
-Sammlungen. — Unterbrechung geologischer Formationen. — Abwesenheit der
-Mittel-Varietäten in allen Formationen. — Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen.
-— Ihr plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten.</p>
-
-<p><b>Zehntes Kapitel. Geologische Aufeinanderfolge organischer
-Wesen.</b>&#8195;<a href="#Zehntes_Kapitel">S. 342.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. — Ungleiches
-Maass ihrer Veränderung. — Einmal untergegangene Arten kommen nicht wieder zum
-Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen Regeln des Auftretens und
-Verschwindens, wie die einzelnen Arten. — Erlöschen der Arten. — Gleichzeitige
-Veränderungen der Lebenformen auf der ganzen Erd-Oberfläche. — Verwandtschaft
-erloschener Arten mit andern fossilen und mit lebenden Arten. — Entwickelungs-Stufe
-aller Formen. — Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen Länder-Gebiete. —
-Zusammenfassung des jetzigen mit früheren Abschnitten.</p>
-
-<p><b>Eilftes Kapitel. Geographische Verbreitung.</b>&#8195;<a href="#Eilftes_Kapitel">S. 378.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus
-den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. — Wichtigkeit der
-Verbreitungs-Schranken. — Verwandtschaft der Erzeugnisse eines nämlichen
-Kontinentes. — Schöpfungs-Mittelpunkte. — Ursachen der Verbreitung sind Wechsel des
-Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und mitunter zufällige. — Die Zerstreuung
-während der Eis-Periode über die ganze Erd-Oberfläche erstreckt.</p>
-
-<p><b>Zwölftes Kapitel. Geographische Verbreitung</b> (Fortsetzung)<b>.</b>&#8195;<a href="#Zwoelftes_Kapitel">S. 415.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. — Die Bewohner der
-ozeanischen Inseln. — Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugthieren. —
-Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten Festländer. — Über
-Ansiedelung aus den nächsten Quellen und nachherige Abänderung. — Zusammenfassung
-der Folgerungen aus dem letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span><b>Dreizehntes Kapitel.
-Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper; Morphologie; Embryologie;
-Rudimentäre Organe.</b>&#8195;<a href="#Dreizehntes_Kapitel">S. 443.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1"><em class="gesperrt">Klassifikation</em>: Unterordnung der
-Gruppen. — Natürliches System. — Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation
-erklärt aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. — Klassifikation der
-Varietäten. — Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. — Analoge oder
-Anpassungs-Charaktere. — <em class="gesperrt">Verwandschaften</em>: allgemeine,
-verwickelte und strahlenförmige. — Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen. —
-<em class="gesperrt">Morphologie</em>: zwischen Gliedern einer Klasse und zwischen
-Theilen eines Einzelwesens. — <em class="gesperrt">Embryologie</em>: deren Gesetze
-daraus erklärt, dass Abänderung nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in
-korrespondirendem Alter vererbt wird. — <em class="gesperrt">Rudimentäre Organe</em>:
-ihre Entstehung erklärt. — Zusammenfassung.</p>
-
-<p><b>Vierzehntes Kapitel. Allgemeine Wiederholung und Schluss.</b>&#8195;<a href="#Vierzehntes_Kapitel">S. 491.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher
-Züchtung. — Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände, zu deren Gunsten. —
-Ursachen des allgemeinen Glaubens an die Unveränderlichkeit der Arten. — Wie weit
-die Theorie Natürlicher Züchtung auszudehnen. — Folgen ihrer Annahme für das
-Studium der Naturgeschichte. — Schluss-Bemerkungen.</p>
-
-<p><b>Fünfzehntes Kapitel. Schlusswort des Übersetzers.</b>&#8195;<a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">S. 525.</a></p>
-
-<p class="s5 hang1">Eindruck und Wesen des Buches. — Stellung des Übersetzers zu
-demselben. — Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. — Einreden des Übersetzers.
-— Aussicht auf künftigen Erfolg.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorrede_des_Verfassers">Vorrede des Verfassers.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich will hier versuchen, eine kurze und sehr unvollkommene Skizze von
-der Entwickelung der Meinungen über die Entstehung der Species zu
-geben. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher hat geglaubt, Arten seyen
-unveränderliche Erzeugnisse und jede einzelne für sich erschaffen:
-diese Ansicht ist von vielen Schriftstellern mit Geschick vertheidigt
-worden. Nur wenige Naturforscher nehmen dagegen an, dass Arten einer
-Veränderung unterliegen, und dass die jetzigen Lebenformen durch
-wirkliche Zeugung aus andern früher vorhandenen Formen hervorgegangen
-sind. Abgesehen von den Schriftstellern der klassischen Periode bis
-zu B<span class="smaller">UFFON</span>, mit deren Schriften ich nicht vertraut bin,
-war L<span class="smaller">AMARCK</span> der erste, dessen Meinung, dass Arten sich
-verändern, Aufsehen erregte. Dieser mit Recht gefeierte Naturforscher
-veröffentlichte seine Ansichten zuerst <i>1801</i> und dann besser
-entwickelt <i>1809</i> in seiner <i>Zoologie philosophique</i>, so
-wie <i>1815</i> in seiner Einleitung in die Naturgeschichte der
-Wirbel-losen Thiere, in welchen Schriften er die Lehre von der
-Abstammung der Arten von einander aufstellt. Er hat das grosse
-Verdienst, die Aufmerksamkeit zuerst auf die Wahrscheinlichkeit
-gelenkt zu haben, dass alle Veränderungen in der organischen wie
-in der unorganischen Welt die Folgen von Natur-Gesetzen und nicht
-von wunderbaren Zwischenfällen sind. L<span class="smaller">AMARCK</span> scheint
-hauptsächlich durch die Schwierigkeit Arten und Varietäten von einander
-zu unterscheiden, durch die fast ununterbrochene Stufen-Reihe der
-Formen in manchen Organismen-Gruppen und durch die Analogie mit unsren
-Züchtungs-Erzeugnissen zu jener Annahme geführt worden zu seyn. Was
-die Mittel betrifft, wodurch die Umwandlung der Arten in einander
-bewirkt werde, so schreibt er Einiges auf Rechnung der äusseren<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span>
-Lebens-Bedingungen, Einiges auf die einer Kreutzung der Formen und
-leitet das Meiste von dem Gebrauche und Nichtgebrauche der Organe oder
-von der Wirkung der Gewohnheit ab. Dieser letzten Kraft scheint er
-all’ die schönen Anpassungen in der Natur zuzuschreiben, wie z.&#160;B. den
-langen Hals der Giraffe, der sie in den Stand setzt, die Zweige grosser
-Bäume abzuweiden. Doch nahm er zugleich ein Gesetz fortschreitender
-Entwickelung an, und da hiernach alle Lebenformen fortzuschreiten
-gestrebt, so war er, um von dem Daseyn sehr einfacher Natur-Erzeugnisse
-auch in unsren Tagen Rechenschaft zu geben, noch eine Generatio
-spontanea zu Hülfe zu rufen genöthigt<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p>
-
-<p>E<span class="smaller">TIENNE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span>
-S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> vermuthete, wie sein Sohn in
-dessen Lebens-Beschreibung berichtet, schon ums Jahr <i>1795</i>, dass
-unsre sogenannten Species nur Ausartungen eines und des nämlichen
-Typus seyen. Doch erst im Jahre <i>1828</i> veröffentlichte er seine
-Überzeugung<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>, dass sich die Formen nicht in unveränderter Weise seit
-dem Anfang der Dinge fortgepflanzt haben. G<span class="smaller">EOFFROY</span> scheint die
-Ursache der Veränderungen hauptsächlich in dem „<i>Monde ambiant</i>“
-gesucht zu haben. Doch war er vorsichtig in dieser Beziehung, und
-sein Sohn sagt: „<i>C’est donc un problème à réserver entièrement à
-l’avenir, supposé même, que l’avenir doive avoir prise sur lui</i>“.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
-
-<p>In <i>England</i> erklärte der Hochwürdige W. H<span class="smaller">ERBERT</span>,
-nachheriger Dechant von <i>Manchester</i>, in seinem Werke über
-die Amaryllidaceae (<i>1837</i>, S. 1, 19, 339), es seye durch
-Hortikultur-Versuche unwiderlegbar dargethan, dass Pflanzen-Arten nur
-eine höhere und beständigere Stufe von Varietäten seyen. Er dehnt die
-nämliche Ansicht auch auf die Thiere aus. Der Dechant ist der Meinung,
-dass anfangs nur einzelne Arten jeder Sippe von einer sehr bildsamen
-Organisation geschaffen worden seyen, und dass diese sodann durch
-Kreutzung und Abänderung alle unsre jetzigen Arten erzeugt haben.</p>
-
-<p>Im Jahre 1826 erklärte Professor G<span class="smaller">RANT</span> im Schluss-Paragraphen
-seiner wohl-bekannten Abhandlung über Spongilla (<i>Edinburgh Philos.
-Journ. XIV</i>, 283) seine Meinung ganz klar dahin, dass Arten von
-andern Arten entstanden sind und nur durch fortdauernde Veränderungen
-verbessert werden. Die nämliche Ansicht hat er auch <i>1834</i> im
-„<i>Lancet</i>“ in seiner 55. Vorlesung wiederholt.</p>
-
-<p>Dann entwickelte P<span class="smaller">ATRICK</span> M<span class="smaller">ATTHEW</span> in seinem „<i>Naval Timber
-and Arboriculture</i>“ seine Überzeugung über die Entstehung der Arten
-ganz übereinstimmend mit der von W<span class="smaller">ALLACE</span> und mir selbst im
-„<i>Linnean Journal</i>“ und in dem gegenwärtigen Bande gegebenen
-Darstellung. Unglücklicher Weise jedoch schrieb M<span class="smaller">ATTHEW</span> seine
-Ansicht nur in zerstreuten Sätzen in einem Werke über einen ganz
-anderen Gegenstand nieder, so dass sie völlig unbeachtet blieb, bis
-er selbst <i>1860</i> im <i>Gardeners Chronicle</i> vom 7. April die
-Aufmerksamkeit darauf lenkte. Die Abweichungen seiner Ansicht von der
-meinigen sind nicht von wesentlicher Bedeutung. Er scheint anzunehmen,
-dass die Organismen-Welt der Erde in aufeinander-folgenden Zeiträumen
-beinahe ausgestorben und diese dann wieder neu bevölkert worden ist,
-und er gibt als eine Alternative, dass neue Formen erzeugt werden „ohne
-die Anwesenheit eines Modells oder Keimes von früheren Aggregaten“.
-Ich bin nicht gewiss, ob ich alle Stellen richtig verstehe; doch
-scheint er grossen Werth auf die unmittelbare Wirkung der äussern
-Lebens-Bedingungen zu legen. Er erkannte jedoch deutlich die volle
-Bedeutung des Prinzips der Natürlichen Züchtung.<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> Auf einen Brief
-(a.&#160;a.&#160;O. April 13.), in welchem ich M<span class="smaller">ATTHEW</span>’<span class="smaller">N</span> als meinen
-Vorgänger anerkannte, entgegnete er mit edler Offenheit (a.&#160;a.&#160;O.
-Mai 12.) unter Andern mit folgenden Worten: „dieses Natur-Gesetz bot
-sich meinem Blicke wie eine für sich selbst klare Thatsache und nicht
-in Folge darauf verwendeten Nachdenkens dar. D<span class="smaller">ARWIN</span> hat ein
-weit grösseres Verdienst bei dieser Entdeckung; denn ich habe nicht
-geglaubt eine Entdeckung zu machen. Er scheint es auf induktivem Wege
-ausgemittelt zu haben, indem er langsam und mit der nöthigen Vorsicht
-voranging und eine Thatsache an die andere reihete, — während mir
-nur im Hinblick auf die Verfahrungs-Weise der Natur im Allgemeinen
-die Wahlerzeugung der Arten vorkam wie eine a priori erkennbare
-Thatsache, wie ein Axiom, das man nur auszusprechen brauche, um ihm
-die Anerkennung eines jeden unbefangenen fähigen Beurtheilers zu
-verschaffen.“</p>
-
-<p>R<span class="smaller">AFINESQUE</span> schreibt <i>1836</i> in seiner <i>New Flora of
-North America</i>, <i>p.</i> 6, 18: „alle Arten mögen einmal blosse
-Varietäten gewesen und viele Varietäten durch allmähliche Befestigung
-ihrer Charaktere zu Species geworden seyn,“ — „mit Ausnahme jedoch des
-Original-Typus oder Stammvaters jeder Sippe“.</p>
-
-<p>Im Jahre <i>1843–44</i> hat Professor H<span class="smaller">ALDEMAN</span> zu
-<i>Boston</i> in den <i>Vereinten Staaten</i> die Gründe für und
-gegen die Hypothese der Entwickelung und Umgestaltung der Arten
-in angemessener Weise zusammengestellt (im <i>Journal of Natural
-History</i>, <i>vol. IV</i>, <i>p.</i> 468) und scheint sich mehr zur
-Ansicht für die Veränderlichkeit zu neigen.</p>
-
-<p>Die <i>Vestiges of Creation</i> sind zuerst <i>1844</i> erschienen.
-In der zehnten sehr verbesserten Ausgabe (<i>1853</i>, <i>p.</i> 155)
-sagt der ungenannte Verfasser: „das auf reichliche Erwägung gestützte
-Ergebniss ist, dass die verschiedenen Reihen beseelter Wesen von den
-einfachsten und ältesten an bis zu den höchsten und neuesten die unter
-Gottes Vorsehung gebildeten Erzeugnisse sind 1) eines den Lebenformen
-ertheilten Impulses, der sie in abgemessenen Zeiten auf dem Wege
-der Generation von einer zur anderen Organisations-Stufe bis zu den
-höchsten Dikotyledonen und Wirbelthieren erhebt, — welche Stufen
-nur<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> wenige an Zahl und gewöhnlich durch Lücken in der organischen
-Reihenfolge von einander geschieden sind, die eine praktische
-Schwierigkeit bei Ermittelung der Verwandtschaften abgeben; — 2)
-eines andren Impulses, welcher mit den Lebenskräften zusammenhängt und
-im Laufe der Generationen die organischen Gebilde in Übereinstimmung
-mit den äusseren Bedingungen, wie Nahrung, Wohnort und meteorische
-Kräfte sind, abzuändern strebt: Diess sind die „Anpassungen des
-Natural-Theologen“. Der Verfasser ist offenbar der Meinung, dass
-die Organisation sich durch plötzliche Sprünge vervollkommne, die
-Wirkungen der äusseren Lebens-Bedingungen aber stufenweise seyen. Er
-folgert mit grossem Nachdruck aus allgemeinen Gründen, dass Arten keine
-unveränderlichen Produkte seyen. Ich vermag jedoch nicht zu ersehen,
-wie die unterstellten zwei „Impulse“ in einem wissenschaftlichen
-Sinne Rechenschaft geben können von den zahlreichen und schönen
-Zusammenpassungen, welche wir allerwärts in der ganzen Natur erblicken;
-ich vermag nicht zu erkennen, dass wir dadurch zur Einsicht gelangen,
-wie z.&#160;B. die Organisation des Spechtes seiner besondern Lebensweise
-angepasst worden ist. Das Buch hat sich durch seinen glänzenden und
-hinreissenden Styl sofort eine sehr weite Verbreitung errungen, obwohl
-es in seinen früheren Auflagen ungenaue Kenntnisse und einen grossen
-Mangel an wissenschaftlicher Vorsicht verrieth. Nach meiner Meinung hat
-es vortreffliche Dienste dadurch geleistet, dass es in unsrem Lande die
-Aufmerksamkeit auf den Gegenstand lenkte und Vorurtheile beseitigte.</p>
-
-<p>Im Jahre <i>1846</i> veröffentlichte der Veterane unter den Geologen,
-<span class="smaller">D</span>’O<span class="smaller">MALIUS D</span>’H<span class="smaller">ALLOY</span>, in einem vortrefflichen kurzen Aufsatze
-(im <i>Bulletin de l’Académie Roy. de Bruxelles</i>, <i>Tome XIII</i>,
-<i>p.</i> 581) seine Meinung, dass es wahrscheinlicher seye, dass
-neue Arten durch Descendenz mit Abänderung des alten Charakters
-hervorgebracht, als einzeln geschaffen worden seyen; er hatte diese
-Ansicht zuerst im Jahre <i>1831</i> aufgestellt.</p>
-
-<p>In Professor R. O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span> <i>Nature of Limbs</i>, <i>1849</i>,
-<i>p.</i> 86 kommt folgende Stelle vor: „Die Grund-Idee war in der
-Thier-Welt unseres Planeten in verschiedenen Modifikationen bereits
-ausgesprochen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> lange vor dem Daseyn der sie jetzt erläuternden
-Thier-Arten. Von welchen Natur-Gesetzen oder sekundären Ursachen
-aber das ordnungsmässige Aufeinanderfolgen und Fortschreiten solcher
-organischen Erscheinungen abhängig gewesen seye, Das ist uns bis
-jetzt nicht bekannt geworden.“ In seiner Ansprache an die Britische
-Gelehrten-Versammlung im Jahre <i>1858</i> spricht er (S. <span class="smaller">II</span>)
-vom „Axiom der fortwährenden Thätigkeit der Schöpfungs-Kraft oder des
-geordneten Werdens lebender Wesen“, — und fügt später (S. <span class="smaller">XC</span>)
-mit Bezugnahme auf die geographische Verbreitung bei: „Diese
-Erscheinungen erschüttern unser Vertrauen in die Annahme, dass der
-Apteryx in <i>Neuseeland</i> und das rothe Waldhuhn in <i>England</i>
-verschiedene Schöpfungen in und für die genannten Inseln allein seyen.
-Auch darf man nicht vergessen, dass das Wort Schöpfung für den Zoologen
-nur einen unbekannten Prozess bedeutet.“ O<span class="smaller">WEN</span> führt diese
-Vorstellung dann weiter aus, indem er sagt, „wenn der Zoologe solche
-Fälle, wie den vom rothen Waldhuhn als eine besondere Schöpfung des
-Vogels auf und für eine einzelne Insel aufzählt, so will er damit eben
-nur ausdrücken, dass er nicht begreife, wie derselbe dahin und eben nur
-dahin gekommen seye, und dass er demzufolge beide, Insel wie Vogel, von
-einer grossen ersten Schöpfungs-Kraft abzuleiten geneigt seye.“</p>
-
-<p>I<span class="smaller">SIDORE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> spricht in seinen im Jahre
-<i>1850</i> gehaltenen Vorlesungen (von welchen ein Auszug in
-<i>Revue et Magazin de Zoologie 1851, Jan.</i> erschien) seine
-Meinung über Arten-Charaktere kürzlich dahin aus, dass sie „für jede
-Art feststehen, so lange als sich dieselbe inmitten der nämlichen
-Verhältnisse fortpflanze, dass sie aber abändern, sobald die äusseren
-Lebens-Bedingungen wechseln“. Im Ganzen „zeigt die Beobachtung der
-wilden Thiere schon die beschränkte Veränderlichkeit der Arten. Die
-Versuche mit gezähmten wilden Thieren und mit verwilderten Hausthieren
-zeigen Diess noch deutlicher. Dieselben Versuche beweisen auch, dass
-die hervorgebrachten Verschiedenheiten vom Werthe derjenigen seyn
-können, durch welche wir Sippen unterscheiden“. In seiner <i>Histoire
-naturelle générale</i> (<i>1859</i>, <i>II</i>, 430) gelangt er zu
-ähnlichen Folgerungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
-
-<p>Aus einer unlängst erschienenen Veröffentlichung scheint hervorzugehen,
-dass Dr. F<span class="smaller">REKE</span> schon im Jahre <i>1851</i> (<i>Dublin Medical
-Press p.</i> 322) die Lehre aufgestellt, dass alle organischen Wesen
-von <em class="gesperrt">einer</em> Urform abstammen. Seine Gründe und Behandlung des
-Gegenstandes sind aber von den meinigen gänzlich verschieden, und da
-sein „<i>Origin of Species by means of organic affinity 1861</i>“ jetzt
-erschienen ist, so dürfte mir der schwierige Versuch, eine Darstellung
-seiner Ansicht zu geben, wohl erlassen werden.</p>
-
-<p>H<span class="smaller">ERBERT</span> S<span class="smaller">PENCER</span> hat in einem Versuche (welcher zuerst im
-<i>Leader</i> vom März <i>1852</i> und später in S<span class="smaller">PENCER</span>’<span class="smaller">S</span>
-<i>Essays 1858</i> erschien) die Theorie der Schöpfung und die der
-Entwickelung organischer Wesen in vorzüglich geschickter und wirksamer
-Weise einander gegenüber gestellt. Er folgert aus der Analogie mit den
-Züchtungs-Erzeugnissen, aus den Veränderungen, welchen die Embryonen
-vieler Arten unterliegen, aus der Schwierigkeit Arten und Varietäten
-zu unterscheiden, so wie endlich aus dem Prinzip einer allgemeinen
-Stufenfolge in der Natur, dass Arten abgeändert worden sind, und
-schreibt diese Abänderung dem Wechsel der Umstände zu. Derselbe
-Verfasser hat <i>1855</i> die Psychologie nach dem Prinzip einer
-nothwendig stufenweisen Erwerbung jeder geistigen Kraft und Fähigkeit
-bearbeitet.</p>
-
-<p>Im Jahre <i>1852</i> hat N<span class="smaller">AUDIN</span>, ein ausgezeichneter Botaniker
-(in der <i>Revue horticole, p.</i> 102) ausdrücklich erklärt, dass
-nach seiner Ansicht Arten in analoger Weise von der Natur, wie
-Varietäten durch die Kultur, gebildet worden seyen. Er zeigt aber
-nicht, wie die Züchtung in der Natur vor sich geht. Er nimmt wie
-Dechant H<span class="smaller">ERBERT</span> an, dass die Arten anfangs bildsamer waren
-als jetzt, legt Gewicht auf sein sogenanntes Prinzip der Finalilät,
-„eine unbestimmte geheimnissvolle Kraft, gleich-bedeutend mit blinder
-Vorbestimmung für die Einen, mit Wille der Vorsehung für die Andern,
-durch deren unausgesetzten Einfluss auf die lebenden Wesen in allen
-Weltaltern die Form, der Umfang und die Dauer eines jeden derselben
-je nach seiner Bestimmung in der Ordnung der Dinge, wozu es gehört,
-bedingt wird. Es ist diese Kraft, welche jedes Glied mit dem Ganzen in
-Harmonie bringt, indem sie dasselbe der Verrichtung anpasst, die es<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
-im Gesammt-Organismus der Natur zu übernehmen hat, einer Verrichtung,
-welche für dasselbe Grund des Daseyns ist“<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p>
-
-<p>Im Jahre <i>1853</i> hat ein berühmter Geologe, Graf
-K<span class="smaller">EYSERLING</span> (im <i>Bulletin de la Société géologique, tome X,
-p.</i> 357) die Meinung vorgebracht, dass zu verschiedenen Zeiten eine
-Art Seuche durch irgend welches Miasma veranlasst, sich über die Erde
-verbreitet und auf die Keime der bereits vorhandenen Arten chemisch
-eingewirkt habe, indem sie dieselben mit irgend welchen Molekülen
-von besonderer Natur umgab und hiedurch die Entstehung neuer Formen
-veranlasste!</p>
-
-<p>Im nämlichen Jahre <i>1853</i> lieferte auch Dr. S<span class="smaller">CHAAFFHAUSEN</span>
-einen Aufsatz in die Verhandlungen des naturhistorischen Vereins
-der Preuss. Rhein-Lande, worin er die fortschreitende Entwickelung
-organischer Formen auf der Erde behauptet. Er nimmt an, dass viele
-Arten sich lange Zeiträume hindurch unverändert erhalten haben, während
-andere Abänderungen erlitten. Das Auseinanderweichen der Arten ist
-nach ihm durch die Zerstörung der Zwischenstufen zu erklären. „Lebende
-Pflanzen und Thiere sind daher von den untergegangenen nicht als neue
-Schöpfungen verschieden, sondern vielmehr als deren Nachkommen in Folge
-unausgesetzter Fortpflanzung zu betrachten.“</p>
-
-<p>Ein wohl-bekannter französischer Botaniker, L<span class="smaller">ECOQ</span>, schreibt
-<i>1854</i> in seinen <i>Études sur la géographie botanique I</i>,
-250: „man sieht dass unsre Untersuchungen über die Stetigkeit und
-Veränderlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> der Arten uns geradezu auf die von G<span class="smaller">EOFFROY</span>
-S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> und G<span class="smaller">ÖTHE</span> ausgesprochenen Vorstellungen
-führen“. Einige andere in dem genannten Werke zerstreute Stellen lassen
-uns jedoch darüber im Zweifel, wie weit L<span class="smaller">ECOQ</span> selbst diesen
-Vorstellungen zugethan seye.</p>
-
-<p>Die „Philosophie der Schöpfung“ ist <i>1855</i> in bewundernswürdiger
-Weise durch den Hochwürdigen B<span class="smaller">ADEN</span>-P<span class="smaller">OWELL</span> (in seinen
-<i>Essays on the Unity of Worlds</i>) behandelt worden. Er zeigt auf’s
-treffendste, dass die Einführung neuer Arten „eine regelmässige und
-nicht eine zufällige Erscheinung“ oder, wie Sir J<span class="smaller">OHN</span> H<span class="smaller">ERSCHEL</span>
-es ausdrückt, „eine Natur- im Gegensatze einer Wunder-Erscheinung“ ist.</p>
-
-<p>Aufsätze von Herrn W<span class="smaller">ALLACE</span> und mir selbst im dritten Theile
-des <i>Journal of the Linnean Society</i> (August <i>1858</i>) stellen
-zuerst, wie in der Einleitung zu diesem Bande gesagt wird, die Theorie
-der Natürlichen Züchtung auf.</p>
-
-<p>V<span class="smaller">ON</span> B<span class="smaller">AER</span>, der bei allen Zoologen in höchster Achtung steht,
-drückte im Jahre <i>1849</i> seine hauptsächlich auf die Gesetze der
-geographischen Verbreitung gegründete Überzeugung dahin aus, dass jetzt
-vollständig verschiedene Formen von je einer gemeinsamen Stamm-Form
-herrühren (R<span class="smaller">UD.</span> W<span class="smaller">AGNER</span> zoolog.-anthropolog. Untersuchungen
-<i>1861</i>, S. 51).</p>
-
-<p>Im Jahre <i>1859</i> hielt Professor H<span class="smaller">UXLEY</span> einen Vortrag vor
-der Royal Institution über den bleibenden Typus des Thier-Lebens. In
-Bezug auf derartige Fälle bemerkt er: „Es ist schwierig die Bedeutung
-solcher Thatsachen zu begreifen, wenn wir voraussetzen, dass jede
-Pflanzen- und Thier-Art oder jeder grosse Organisations-Typus nach
-langen Zwischenzeiten durch je einen besondern Akt der Schöpfungs-Kraft
-gebildet und auf die Erd-Oberfläche versetzt worden seye; und man
-muss nicht vergessen, dass eine solche Annahme weder in der Tradition
-noch in der Offenbarung eine Stütze findet, wie sie denn auch der
-allgemeinen Analogie in der Natur zuwider ist. Betrachten wir
-anderseits die „persistenten Typen“ in Bezug auf die Hypothese, wornach
-die zu irgend einer Zeit vorhandenen Wesen das Ergebniss allmählicher
-Abänderung schon früherer Wesen sind — eine Hypothese, welche, wenn
-auch<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> unerwiesen und auf klägliche Weise von einigen ihrer Anhänger
-verkümmert, doch die einzige ist, der die Physiologie einigen Halt
-verleiht —, so scheint das Daseyn dieser Typen zu zeigen, dass das
-Maass der Abänderung, welche lebende Wesen während der geologischen
-Zeit erfahren haben, sehr gering ist im Vergleich zu der ganzen Reihe
-von Veränderungen, welchen sie ausgesetzt gewesen sind.“</p>
-
-<p>Im Dezember <i>1859</i> veröffentlichte Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> seine
-bewundernswürdige Einleitung in die Tasmanische Flora, in deren
-erstem Theile er die Entstehung der Arten durch Abkommenschaft und
-Umänderung von andern zugesteht und diese Lehre durch viele schätzbare
-Original-Beobachtungen unterstützt.</p>
-
-<p>Im November <i>1859</i> erschien die erste Ausgabe dieses Werkes, im
-Januar <i>1860</i> die zweite, im April <i>1861</i> die dritte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Als ich an Bord des Königlichen Schiffs „<i>Beagle</i>“ als
-Naturforscher <i>Südamerika</i> erreichte, ward ich überrascht von
-der Wahrnehmung gewisser Thatsachen in der Vertheilung der Bewohner
-und in den geologischen Beziehungen zwischen der jetzigen und der
-früheren Bevölkerung dieses Welttheils. Diese Thatsachen schienen mir,
-wie sich aus dem letzten Kapitel dieses Bandes ergeben wird, einiges
-Licht über die Entstehung der Arten zu verbreiten, diess Geheimniss der
-Geheimnisse, wie es einer unsrer grössten Philosophen genannt hat. Nach
-meiner Heimkehr im Jahre <i>1837</i> schien es mir, dass sich etwas
-über diese Frage müsse ermitteln lassen durch ein geduldiges Sammeln
-und Erwägen aller Arten von Thatsachen, welche möglicher Weise etwas zu
-deren Aufklärung beitragen könnten. Nachdem ich Diess fünf Jahre lang
-gethan, getraute ich mich erst eingehender über die Sache nachzusinnen
-und einige kurze Bemerkungen darüber niederzuschreiben, welche ich im
-Jahre <i>1844</i> weiter ausführte, indem ich die Schlussfolgerungen
-hinzufügte, welche sich mir als wahrscheinlich ergaben, und von
-dieser Zeit an war ich mit beharrlicher Verfolgung des Gegenstandes
-beschäftigt. Ich hoffe, dass man die Anführung dieser auf meine Person
-bezüglichen Einzelnheiten entschuldigen wird: sie sollen zeigen, dass
-ich nicht übereilt zu einem Entschlusse gelangt bin.</p>
-
-<p>Mein Werk ist nun nahezu vollendet; aber ich will mir noch zwei oder
-drei weitere Jahre Zeit lassen, um es zu ergänzen; und da meine
-Gesundheit keineswegs fest ist, so sah ich mich zur Veröffentlichung
-dieses Auszugs gedrängt. Ich sah mich noch um so mehr dazu veranlasst,
-als Herr W<span class="smaller">ALLACE</span> beim Studium der Naturgeschichte der
-<i>Malayischen</i> Inselwelt zu fast genau<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> denselben allgemeinen
-Schlussfolgerungen über die Arten-Bildung gelangt ist. Im Jahre
-<i>1858</i> sandte er mir eine Abhandlung darüber mit der Bitte
-zu, sie Herrn C<span class="smaller">HARLES</span> L<span class="smaller">YELL</span> zuzustellen, welcher sie der
-L<span class="smaller">INNÉ</span>ischen Gesellschaft übersandte, in deren Journal sie
-nun im dritten Bande abgedruckt worden ist. Herr L<span class="smaller">YELL</span>
-sowohl als Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>, welche beide meine Arbeit kennen
-(der letzte hat meinen Entwurf von <i>1844</i> gelesen), beehrten
-mich indem sie den Wunsch ausdrückten, ich möge einen kurzen Auszug
-aus meinen Handschriften zugleich mit W<span class="smaller">ALLACE</span>’<span class="smaller">S</span> Abhandlung
-veröffentlichen.</p>
-
-<p>Dieser Auszug, welchen ich hiemit der Lesewelt vorlege, muss
-nothwendig unvollkommen seyn. Er kann keine Belege und Autoritäten
-für meine verschiedenen Feststellungen beibringen, und ich muss den
-Leser ansprechen einiges Vertrauen in meine Genauigkeit zu setzen.
-Zweifelsohne mögen Irrthümer mit untergelaufen seyn; doch glaube ich
-mich überall nur auf verlässige Autoritäten berufen zu haben. Ich
-kann hier überall nur die allgemeinen Schlussfolgerungen anführen, zu
-welchen ich gelangt bin, in Begleitung von nur wenigen erläuternden
-Thatsachen, die aber, wie ich hoffe, in den meisten Fällen genügen
-werden. Niemand kann mehr als ich selber die Nothwendigkeit fühlen,
-alle Thatsachen, auf welche meine Schlussfolgerungen sich stützen, mit
-ihren Einzelnheiten bekannt zu machen, und ich hoffe Diess in einem
-künftigen Werke zu thun. Denn ich weiss wohl, dass kaum ein Punkt
-in diesem Buche zur Sprache kommt, zu welchem man nicht Thatsachen
-anführen könnte, die oft zu gerade entgegengesetzten Folgerungen zu
-führen scheinen. Ein richtiges Ergebniss lässt sich aber nur dadurch
-erlangen, dass man alle Erscheinungen und Gründe zusammenstellt, welche
-für und gegen jede einzelne Frage sprechen, und sie dann sorgfältig
-gegen einander abwägt, und Diess kann nicht wohl hier geschehen.</p>
-
-<p>Ich muss bedauern nicht Raum zu finden, um so vielen Naturforschern
-meine Erkenntlichkeit für die Unterstützung auszudrücken, die sie
-mir, mitunter ihnen persönlich ganz unbekannt, in uneigennütziger
-Weise zu Theil werden liessen. Doch kann ich diese Gelegenheit nicht
-vorübergehen lassen, ohne wenigstens<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> die grosse Verbindlichkeit
-anzuerkennen, welche ich Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">N</span> dafür schulde, dass er
-mich in den letzten fünfzehn Jahren in jeder möglichen Weise durch
-seine reichen Kenntnisse und sein ausgezeichnetes Urtheil unterstützt
-hat.</p>
-
-<p>Wenn ein Naturforscher über die Entstehung der Arten nachdenkt,
-so ist es wohl begreiflich, dass er in Erwägung der gegenseitigen
-Verwandtschafts-Verhältnisse der Organismen, ihrer embryonalen
-Beziehungen, ihrer geographischen Verbreitung, ihrer geologischen
-Aufeinanderfolge und andrer solcher Thatsachen zu dem Schlusse gelangen
-könne, dass jede Art nicht unabhängig von andern erschaffen seye,
-sondern nach der Weise der Varietäten von andern Arten abstamme.
-Demungeachtet dürfte eine solche Schlussfolgerung, selbst wenn sie
-richtig wäre, kein Genüge leisten, so lange nicht nachgewiesen werden
-kann, auf welche Weise die zahllosen Arten, welche jetzt unsre
-Erde bewohnen, so abgeändert worden seyen, dass sie die jetzige
-Vollkommenheit des Baues und der Anpassung für ihre jedesmaligen
-Lebens-Verhältnisse erlangten, welche mit Recht unsre Bewunderung
-erregen. Die Naturforscher verweisen beständig auf die äusseren
-Bedingungen, wie Klima, Nahrung u.&#160;s.&#160;w. als die einzigen möglichen
-Ursachen ihrer Abänderung. In einem sehr beschränkten Sinne kann,
-wie wir später sehen werden, Diess wahr seyn. Aber es wäre verkehrt,
-lediglich äusseren Ursachen z.&#160;B. die Organisation des Spechtes, die
-Bildung seines Fusses, seines Schwanzes, seines Schnabels und seiner
-Zunge zuschreiben zu wollen, welche ihn so vorzüglich befähigen,
-Insekten unter der Rinde der Bäume hervorzuholen. Eben so wäre es
-verkehrt, bei der Mistel-Pflanze, die ihre Nahrung aus gewissen Bäumen
-zieht, und deren Saamen von gewissen Vögeln ausgestreut werden müssen,
-wie ihre Blüthen, welche getrennten Geschlechtes sind, die Thätigkeit
-gewisser Insekten zur Übertragung des Pollens von der männlichen
-auf die weibliche Blüthe voraussetzen, — es wäre verkehrt, die
-organische Einrichtung dieses Parasiten mit seinen Beziehungen zu jenen
-verschiedenerlei organischen Wesen als eine Wirkung äussrer Ursachen
-oder der Gewohnheit oder des Willens der Pflanze selbst anzusehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
-
-<p>Es ist daher von der grössten Wichtigkeit eine klare Einsicht in die
-Mittel zu gewinnen, durch welche solche Umänderungen und Anpassungen
-bewirkt werden. Beim Beginne meiner Beobachtungen schien es mir
-wahrscheinlich, dass ein sorgfältiges Studium der Hausthiere und
-Kultur-Pflanzen die beste Aussicht auf Lösung dieser schwierigen
-Aufgabe gewähren würde. Und ich habe mich nicht getäuscht, sondern
-habe in diesem wie in allen andern verwickelten Fällen immer gefunden,
-dass unsre Erfahrungen über die im gezähmten und angebauten Zustande
-erfolgenden Veränderungen der Lebenwesen immer den besten und
-sichersten Aufschluss gewähren. Ich stehe nicht an, meine Überzeugung
-von dem hohen Werthe solcher von den Naturforschern gewöhnlich sehr
-vernachlässigten Studien auszudrücken.</p>
-
-<p>Aus diesem Grunde widme ich denn auch das erste Kapitel dieses
-Auszugs der Abänderung im Kultur-Zustande. Wir werden daraus ersehen,
-dass erbliche Abänderungen in grosser Ausdehnung wenigstens möglich
-sind, und, was nicht minder wichtig, dass das Vermögen des Menschen,
-geringe Abänderungen durch deren ausschliessliche Auswahl zur
-Nachzucht, d.&#160;h. durch <em class="gesperrt">künstliche Züchtung</em><a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> zu häufen, sehr
-beträchtlich ist. Ich werde dann zur Veränderlichkeit der Lebenwesen im
-Natur-Zustande übergehen; doch bin ich unglücklicher Weise genöthigt
-diesen Gegenstand viel zu kurz abzuthun, da er angemessen eigentlich
-nur durch Mittheilung langer Listen von Thatsachen behandelt werden
-kann. Wir werden demungeachtet im Stande seyn zu erörtern, was für
-Umstände die Abänderung am meisten befördern. Im nächsten Abschnitte
-soll der <em class="gesperrt">Kampf um’s Daseyn</em> unter den organischen Wesen der
-ganzen Welt abgehandelt werden, welcher unvermeidlich aus ihrem hoch
-geometrischen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Zunahme-Vermögen hervorgeht. Es ist Diess die Lehre von
-M<span class="smaller">ALTHUS</span> auf das ganze Thier- und Pflanzen-Reich angewendet. Da
-viel mehr Einzelwesen jeder Art geboren werden, als fortleben können,
-und demzufolge das Ringen um Existenz beständig wiederkehren muss, so
-folgt daraus, dass ein Wesen, welches in irgend einer für dasselbe
-vortheilhafteren Weise von den übrigen auch nur etwas abweicht, unter
-manchfachen und oft veränderlichen Lebens-Bedingungen mehr Aussicht
-auf Fortdauer hat und demnach bei der <em class="gesperrt">Natürlichen Züchtung</em> im
-Vortheil ist. Eine solche zur Nachzucht ausgewählte Varietät strebt
-dann nach dem strengen Erblichkeits-Gesetze jedesmal seine neue und
-abgeänderte Form fortzupflanzen.</p>
-
-<p>Diese Natürliche Züchtung ist ein Hauptgegenstand, welcher im vierten
-Kapitel etwas weitläufiger abgehandelt werden soll; und wir werden
-dann finden, wie die Natürliche Züchtung gewöhnlich die unvermeidliche
-Veranlassung zum Erlöschen minder geeigneter Lebenformen wird und
-herbeiführt, was ich <em class="gesperrt">Divergenz des Charakters</em><a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> genannt habe.
-Im nächsten Abschnitte werden die zusammengesetzten und wenig bekannten
-Gesetze der Abänderung und der Wechselbeziehungen in der Entwickelung
-besprochen. In den vier folgenden Kapiteln sollen die auffälligsten und
-bedeutendsten Schwierigkeiten unsrer Theorie angegeben werden, und zwar
-erstens die Schwierigkeiten der Übergänge, oder wie es zu begreifen
-ist, dass ein einfaches Wesen oder Organ verwandelt und in ein höher
-entwickeltes Wesen oder ein höher ausgebildetes Organ umgestaltet
-werden kann; zweitens der Instinkt oder die geistigen Fähigkeiten der
-Thiere; drittens die Kreutzung oder die Unfruchtbarkeit der gekreutzten
-Species und die Fruchtbarkeit der gekreutzten Varietäten; und viertens
-die Unvollkommenheit der geologischen Urkunde. Im nächsten Abschnitte
-werde ich die geologische Aufeinanderfolge der Organismen in der Zeit
-betrachten; im eilften und zwölften deren geographische Verbreitung
-im Raume; im dreizehnten ihre Klassifikation und gegenseitigen
-Verwandtschaften im reifen wie im Embryo-Zustande.<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Im letzten
-Abschnitte endlich werde ich eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes
-des ganzen Werkes mit einigen Schluss-Bemerkungen geben.</p>
-
-<p>Darüber, dass noch so Vieles über die Entstehung der Arten und
-Varietäten unerklärt bleibe, wird sich niemand wundern, wenn er unsre
-tiefe Unwissenheit hinsichtlich der Wechselbeziehungen all’ der um
-uns her lebenden Wesen in Betracht zieht. Wie kann man erklären,
-dass eine Art in grosser Anzahl und weiter Verbreitung vorkömmt,
-während ihre nächste Verwandte selten und auf engen Raum beschränkt
-ist? Und doch sind diese Beziehungen von der höchsten Wichtigkeit,
-insoferne sie die gegenwärtige Wohlfahrt und, wie ich glaube, das
-künftige Gedeihen und die Modifikationen eines jeden Bewohners der
-Welt bedingen. Aber noch viel weniger Kenntniss haben wir von den
-Wechselbeziehungen der unzähligen Bewohner dieser Erde während der
-zahlreichen Perioden ihrer einstigen Bildungs-Geschichte. Wenn daher
-auch noch Vieles dunkel ist und noch lange dunkel bleiben wird, so
-zweifle ich nach den sorgfältigsten Studien und dem unbefangensten
-Urtheile, dessen ich fähig bin, doch nicht daran, dass die Meinung,
-welche die meisten Naturforscher hegen und auch ich lange gehabt habe,
-als wäre nämlich jede Species unabhängig von den übrigen erschaffen
-worden, eine irrthümliche sey. Ich bin vollkommen überzeugt, dass
-die Arten nicht unveränderlich sind; dass die zu einer sogenannten
-Sippe<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> zusammengehörigen Arten in einer Linie von anderen gewöhnlich
-erloschenen Arten abstammen in der nämlichen Weise, wie die anerkannten
-Varietäten einer Art Abkömmlinge dieser Species sind. Endlich bin ich
-überzeugt, dass Natürliche Züchtung das hauptsächlichste wenn auch
-nicht einzige Mittel zu Abänderung der Lebenformen gewesen ist.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br />
-
-<b>Abänderung durch Domestizität.</b></h2>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit.
-Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter
-Varietäten. Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten.
-Entstehung kultivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme
-Tauben, ihre Verschiedenheiten und Entstehung. Früher stattgefundene
-Züchtung und ihre Folgen. Planmässige und unbewusste Züchtung.
-Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für
-das Züchtungs-Vermögen des Menschen.</p>
-</div>
-
-<p>Wenn wir die Einzelwesen einer Varietät oder Untervarietät unsrer
-alten Kultur-Pflanzen und -Thiere betrachten, so ist einer der
-Punkte, die uns zuerst auffallen, dass sie im Allgemeinen mehr von
-einander abweichen, als die Einzelwesen einer Art oder Varietät
-im Natur-Zustande. Erwägen wir nun die grosse Manchfaltigkeit der
-Kultur-Pflanzen und -Thiere, welche sich zu allen Zeiten unter den
-verschiedensten Klimaten und Behandlungs-Weisen abgeändert haben,
-so glaube ich sind wir zum Schlusse gedrängt, dass diese grössere
-Veränderlichkeit unsrer Kultur-Erzeugnisse die Wirkung minder
-einförmiger und von den natürlichen der Stamm-Ältern etwas abweichender
-Lebens-Bedingungen ist. Auch hat, wie mir scheint, A<span class="smaller">NDREW</span>
-K<span class="smaller">NIGHT</span>’<span class="smaller">S</span> Meinung, dass diese Veränderlichkeit zum Theil mit
-überflüssiger Nahrung zusammenhänge, einige Wahrscheinlichkeit für
-sich. Es scheint ferner ganz klar zu seyn, dass die organischen Wesen
-einige Generationen hindurch neuen Lebens-Bedingungen ausgesetzt
-seyn müssen, ehe ein bemerkliches Maass von Veränderung in ihnen
-hervortreten kann, und dass, wenn ihre Organisation einmal abzuändern
-begonnen hat, diese Abänderung gewöhnlich durch viele Generationen
-fortwährt. Man kennt keinen Fall, dass ein veränderliches Wesen
-im Kultur-Zustande aufgehört hätte veränderlich zu seyn. Unsre
-ältesten Kultur-Pflanzen,<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> wie der Weitzen z.&#160;B., geben oft noch neue
-Varietäten, und unsre ältesten Hausthiere sind noch immer rascher
-Umänderung oder Veredelung fähig.</p>
-
-<p>Man hat darüber gestritten, in welchem Lebens-Alter die Ursachen
-der Abänderungen, worin sie immer bestehen mögen, wirksam zu seyn
-pflegen, ob in der ersten, oder in der letzten Zeit der Entwickelung
-des Embryos, oder im Augenblicke der Empfängniss. G<span class="smaller">EOFFROY</span>
-S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span>’<span class="smaller">S</span> Versuche ergeben, dass eine unnatürliche Behandlung
-des Embryos Monstrositäten erzeuge, und Monstrositäten können durch
-keinerlei scharfe Grenzlinie von Varietäten unterschieden werden. Doch
-bin ich sehr zu vermuthen geneigt, dass die häufigste Ursache zur
-Abänderung in Einflüssen zu suchen seye, welche das männliche oder
-weibliche reproduktive Element schon vor dem Akte der Befruchtung
-erfahren hat. Ich habe verschiedene Gründe für diese Meinung; doch
-liegt der Hauptgrund in den bemerkenswerthen Folgen, welche Einsperrung
-oder Anbau auf die Verrichtungen des reproduktiven Systemes äussern,
-indem nämlich dieses System viel empfänglicher für die Wirkung irgend
-eines Wechsels in den Lebens-Bedingungen als jeder andere Theil der
-Organisation zu seyn scheint. Nichts ist leichter, als ein Thier zu
-zähmen, und wenige Dinge sind schwieriger, als es in der Gefangenschaft
-zu einer freiwilligen Fortpflanzung zu veranlassen in den zahlreichen
-Fällen sogar, wo man Männchen und Weibchen bis zur Paarung bringt. Wie
-viele Thiere wollen sich nicht fortpflanzen, obwohl sie schon lange
-in nicht sehr enger Gefangenschaft in ihrer Heimath-Gegend leben! Man
-schreibt Diess gewöhnlich verdorbenen Naturtrieben zu; allein wie viele
-Kultur-Pflanzen gedeihen in der äussersten Kraft-Fülle, ohne jemals
-oder fast jemals Samen anzusetzen! In einigen wenigen solchen Fällen
-hat man herausgefunden, dass sehr unbedeutende Verhältnisse, wie etwas
-mehr oder weniger Wasser zu einer gewissen Zeit des Wachsthums für oder
-gegen die Samen-Bildung entscheidend wird. Ich kann hier nicht eingehen
-in die zahlreichen Einzelheiten, die ich über diese merkwürdige Frage
-gesammelt; um aber zu zeigen, wie eigenthümlich die Gesetze sind,
-welche die<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Fortpflanzung der Thiere in Gefangenschaft bedingen, will
-ich nur anführen, dass Raubthiere selbst aus den Tropen-Gegenden sich
-bei uns auch in Gefangenschaft ziemlich gerne fortpflanzen, doch mit
-Ausnahme der Sohlengänger oder der Bären-Familie, welche nur selten
-Junge erzeugen, während Fleisch-fressende Vögel nur in den seltensten
-Fällen oder fast niemals fruchtbare Eier legen. Viele ausländische
-Pflanzen haben ganz werthlosen Pollen genau in demselben Zustande, wie
-die meist unfruchtbaren Bastard-Pflanzen. Wenn wir auf der einen Seite
-Hausthiere und Kultur-Pflanzen oft selbst in schwachem und krankem
-Zustande sich in der Gefangenschaft ganz freiwillig fortpflanzen sehen,
-während auf der andern Seite jung eingefangene Individuen, vollkommen
-gezähmt, Geschlechts-reif und kräftig (wovon ich viele Beispiele
-anführen kann), in ihrem Reproduktiv-Systeme durch nicht wahrnehmbare
-Ursachen so angegriffen erscheinen, dass sie sich nicht zu befruchten
-vermögen, so dürfen wir uns um so weniger darüber wundern, wenn dieses
-System in der Gefangenschaft in nicht ganz regelmässiger Weise wirkt
-und eine Nachkommenschaft erzeugt, welche den Ältern nicht vollkommen
-ähnlich oder welche veränderlich ist.</p>
-
-<p>Man hat Unfruchtbarkeit als den Untergang des Gartenbaues bezeichnet;
-aber Variabilität entsteht aus derselben Ursache wie Sterilität,
-und Variabilität ist die Quelle all der ausgesuchtesten Erzeugnisse
-unsrer Gärten. Ich möchte hinzufügen, dass, wenn einige Organismen
-(wie die in Kästen gehaltenen Kaninchen und Frettchen) sich unter den
-unnatürlichsten Verhältnissen fortpflanzen, Diess nur beweiset, dass
-ihr Reproduktions-System dadurch nicht angegriffen worden ist; und so
-widerstreben einige Thiere und Pflanzen der Veränderung durch Zähmung
-oder Kultur und erfahren nur sehr geringe Abänderung, vielleicht kaum
-eine stärkere als im Natur-Zustande.</p>
-
-<p>Man könnte eine lange Liste von Spielpflanzen (Sporting plants)
-aufstellen, mit welchem Namen die Gärtner einzelne Knospen oder
-Sprossen bezeichnen, welche plötzlich einen neuen und von der
-übrigen Pflanze oft sehr abweichenden Charakter annehmen. Solche
-Pflanzen kann man durch Propfen und oft<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> mittelst Samen fortpflanzen.
-Diese Spielpflanzen sind in der Natur ausserordentlich selten, im
-Kultur-Zustande aber nichts Ungewöhnliches, und wir sehen in diesem
-Falle, dass die abweichende Behandlung der Mutterpflanze die Knospe
-oder den Sprossen, nicht aber das Ei’chen oder den Pollen berührt
-hat. Die meisten Physiologen sind aber der Meinung, dass zwischen
-einer Knospe und einem Ei’chen auf ihrer ersten Bildungs-Stufe kein
-wesentlicher Unterschied ist, so dass die Spielpflanzen in der That
-meiner Meinung zur Stütze gereichen, dass die Veränderlichkeit
-grossentheils von Einflüssen herzuleiten seye, welche die Behandlung
-der Mutterpflanze auf das Ei’chen oder den Pollen oder auf beide schon
-vor dem Befruchtungs-Akte ausgeübt hat. Diese Fälle zeigen dann auch,
-dass Abänderung nicht, wie einige Autoren angenommen, nothwendig mit
-dem Generations-Akte zusammenhänge.</p>
-
-<p>Sämlinge von derselben Frucht erzogen oder Junge von einem Wurfe
-weichen oft weit von einander ab, obwohl die Jungen und die Alten, wie
-M<span class="smaller">ÜLLER</span> bemerkt, offenbar genau denselben Lebens-Bedingungen
-ausgesetzt gewesen; und es ergibt sich daraus, wie unerheblich die
-unmittelbaren Wirkungen der Lebens-Bedingungen im Vergleiche zu den
-Gesetzen der Reproduktion, der Wechselbeziehungen des Wachsthums und
-der Erblichkeit sind; denn wäre die Wirkung der Lebens-Bedingungen
-in dem Falle, wo nur ein Junges abändert, eine unmittelbare gewesen,
-so würden zweifelsohne alle Jungen dieselben Abänderungen zeigen. Es
-ist sehr schwer zu beurtheilen, wie viel bei einer solchen Abänderung
-dem unmittelbaren Einflusse der Wärme, der Feuchtigkeit, des Lichtes
-und der Nahrung im Einzelnen zuzuschreiben seye; ich halte mich aber
-überzeugt, dass solche Kräfte bei Thieren nur sehr wenig unmittelbaren
-Erfolg haben können, während derselbe bei Pflanzen offenbar grösser
-ist. In dieser Beziehung sind B<span class="smaller">UCKMAN</span>’<span class="smaller">S</span> neuere Versuche mit
-Pflanzen von grossem Werthe. Wenn alle oder fast alle Einzelnwesen,
-welche den nämlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, auch auf dieselbe
-Weise abgeändert werden, so scheint diese Wirkung anfangs jenen
-Einflüssen unmittelbar zugeschrieben werden zu müssen;<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> es lässt
-sich aber in einigen Fällen nachweisen, dass ganz entgegengesetzte
-Bedingungen ähnliche Veränderungen des Baues bewirken können.
-Demungeachtet glaube ich, dass ein kleiner Betrag der stattfindenden
-Umänderung der unmittelbaren Einwirkung der Lebens-Bedingungen
-zugeschrieben werden kann, wie in einigen Fällen die veränderte
-Grösse von der Nahrungs-Menge, die Färbung von besonderen Arten der
-Nahrung und vom Lichte, und vielleicht die Dichte des Pelzes vom Klima
-ableitbar ist.</p>
-
-<p>Auch Gewöhnung hat einen entschiedenen Einfluss, wie die Versetzung
-von Pflanzen aus einem Klima ins andere deren Blüthe-Zeit ändert.
-Bei Thieren ist er bemerkbarer; ich habe bei der Haus-Ente gefunden,
-dass die Flügel-Knochen leichter und die Bein-Knochen schwerer im
-Verhältniss zum ganzen Skelette sind als bei der wilden Ente; und ich
-glaube, dass man diese Veränderung getrost dem Umstande zuschreiben
-kann, dass die zahme Ente weniger fliegt und mehr geht, als bei dieser
-Enten-Art in ihrem wilden Zustande der Fall ist. Die erbliche stärkere
-Entwickelung der Euter bei Kühen und Geisen in solchen Gegenden, wo
-sie regelmässig gemelkt werden, im Verhältnisse zu andern, wo es
-nicht der Fall, ist ein anderer Beleg dafür. Es gibt keine Art von
-Haus-Säugethieren, welche nicht in dieser oder jener Gegend hängende
-Ohren hätte, und so ist die Meinung, die irgend ein Schriftsteller
-geäussert, dass dieses Hängendwerden der Ohren vom Nichtgebrauch der
-Ohr-Muskeln herrühre, weil das Thier sich nicht mehr durch drohende
-Gefahren beunruhigt fühle, ganz wahrscheinlich.</p>
-
-<p>Es gibt nun viele Gesetze, welche die Veränderungen regeln, von
-welchen einige wenige sich dunkel erkennen lassen, und die nachher
-noch kürzlich erwähnt werden sollen. Hier will ich nur anführen,
-was man <em class="gesperrt">Wechselbeziehung der Entwicklung</em> nennen kann. Eine
-Veränderung in Embryo oder Larve wird sicherlich meistens auch
-Veränderungen im reifen Thiere nach sich ziehen. Bei Monstrositäten
-sind die Wechselbeziehungen zwischen ganz verschiedenen Theilen des
-Körpers sehr sonderbar, und I<span class="smaller">SIDORE</span>
-G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> führt
-davon viele Belege in seinem grossen Werke an. Viehzüchter glauben,
-dass verlängerte Beine gewöhnlich<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> auch von einem verlängerten Kopfe
-begleitet sind. Einige Beispiele erscheinen ganz wunderlicher Art; so,
-dass ganz weisse Katzen mit blauen Augen allezeit taub sind. Farbe und
-Eigenthümlichkeiten der Konstitution sind mit einander in Verbindung,
-wovon sich viele merkwürdige Fälle bei Pflanzen und Thieren anführen
-lassen. Aus den von H<span class="smaller">EUSINGER</span> gesammelten Thatsachen geht
-hervor, dass weisse Schaafe und Schweine von gewissen Pflanzen-Giften
-ganz anders als die dunkel-farbigen berührt werden. Professor
-W<span class="smaller">YMAN</span> hat mir kürzlich einen sehr belehrenden Fall dieser Art
-mitgetheilt. Auf seine an einige Farmer in <i>Florida</i> gerichtete
-Frage, woher es komme, dass alle ihre Schweine schwarz seyen, erhielt
-er zur Antwort, dass die Schweine die Farbwurzel (Lachnanthes) fressen,
-die ihre Knochen Nelken-braun färbe und, ausser an den schwarzen
-Varietäten derselben, die Hufe abfallen mache; und einer der Ansiedler
-(in <i>Florida</i> Squatters genannt) fügte hinzu: wir wählen die
-schwarzen Glieder eines Wurfes zum Aufziehen aus, weil sie allein
-Aussicht auf Gedeihen geben. Unbehaarte Hunde haben unvollkommene
-Zähne; lang- und grob-haarige Wiederkäuer sollen geneigter seyn, lange
-und viele Hörner zu bekommen; Tauben mit Federfüssen haben eine Haut
-zwischen ihren äusseren Zehen; kurz-schnäbelige Tauben haben kleine
-Füsse, und die mit langen Schnäbeln auch lange Füsse. Wenn man daher
-durch Auswahl geeigneter Individuen von Pflanzen und Thieren für die
-Nachzucht irgend eine Eigenthümlichkeit derselben zu steigeren gedenkt,
-so wird man gewiss meistens, ohne es zu wollen, diesen geheimnissvollen
-Wechselbeziehungen der Entwickelung gemäss noch andre Theile der
-Struktur mit abändern.</p>
-
-<p>Das Ergebniss der mancherlei entweder ganz unbekannten oder nur dunkel
-sichtbaren Gesetze der Variation ist ausserordentlich zusammengesetzt
-und vielfältig. Es ist wohl der Mühe werth, die verschiedenen
-Abhandlungen über unsre alten Kultur-Pflanzen, wie Hyazinthen,
-Kartoffeln, Dahlien u.&#160;s.&#160;w. sorgfältig zu studiren und von der
-endlosen Menge von Verschiedenheiten in Bau und Lebensäusserung
-Kenntniss zu nehmen, durch welche alle diese Varietäten und
-Subvarietäten von einander abweichen.<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Ihre ganze Organisation scheint
-bildsam geworden zu seyn, um bald in dieser und bald in jener Richtung
-sich etwas von dem älterlichen Typus zu entfernen.</p>
-
-<p>Nicht-erbliche Abänderungen sind für uns ohne Bedeutung. Aber schon
-die Zahl und Manchfaltigkeit der erblichen Abweichungen in dem Bau des
-Körpers, sey es von geringerer oder von beträchtlicher physiologischer
-Wichtigkeit, ist endlos. Dr. P<span class="smaller">ROSPER</span> L<span class="smaller">UCAS</span>’ Abhandlung in zwei
-starken Bänden ist das Beste und Vollständigste, was man darüber hat.
-Kein Viehzüchter ist darüber in Zweifel, dass die Neigung zur Vererbung
-sehr gross ist; „Gleiches erzeugt Gleiches“ ist sein Grund-Glaube,
-und nur theoretische Schriftsteller haben dagegen Zweifel erhoben.
-Wenn irgend eine Abweichung öfters zum Vorschein kommt und wir sie
-in Vater und Kind sehen, so können wir nicht sagen, ob sie nicht
-etwa von einerlei Grundursache herrühre, die auf beide gewirkt habe.
-Wenn aber unter Einzelwesen einer Art, welche offenbar denselben
-Bedingungen ausgesetzt sind, irgend eine seltene Abänderung in Folge
-eines ausserordentlichen Zusammentreffens von Umständen an einem Vater
-zum Vorschein kommt — an einem unter mehren Millionen — und dann am
-Kinde wieder erscheint, so nöthigt uns schon die Wahrscheinlichkeit
-diese Wiederkehr aus der Erblichkeit zu erklären. Jedermann hat schon
-von Fällen gehört, wo so seltene Erscheinungen, wie Albinismus,
-Stachelhaut, ganz behaarter Körper u.&#160;dgl. bei mehren Gliedern einer
-und der nämlichen Familie vorgekommen sind. Wenn aber so seltene und
-fremdartige Abweichungen der Körper-Bildung sich wirklich vererben, so
-werden minder fremdartige und ungewöhnliche Abänderungen um so mehr als
-erbliche zugestanden werden müssen. Ja vielleicht wäre die richtigste
-Art die Sache anzusehen die, dass man jedweden Charakter als erblich
-und die Nichterblichkeit als Ausnahme betrachtete.</p>
-
-<p>Die Gesetze, welche die Erblichkeit der Charaktere regeln, sind
-gänzlich unbekannt, und niemand vermag zu sagen, wie es komme, dass
-dieselbe Eigenthümlichkeit in verschiedenen Individuen einer Art und in
-Einzelwesen verschiedener Arten [?] zuweilen erblich ist und zuweilen
-es nicht ist; wie es komme,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> dass das Kind zuweilen zu gewissen
-Charakteren des Grossvaters oder der Grossmutter oder noch früherer
-Vorfahren zurückkehre; wie es komme, dass eine Eigenthümlichkeit sich
-oft von einem Geschlechte auf beide Geschlechter übertrage, oder
-sich auf eines und zwar dasselbe Geschlecht beschränke. Es ist eine
-Thatsache von nur geringer Wichtigkeit für uns, dass eigenthümliche
-Merkmale, welche an den Männchen unsrer Hausthiere zum Vorschein
-kommen, ausschliesslich oder doch vorzugsweise wieder nur auf männliche
-Nachkommen übergehen. Eine wichtigere und wie ich glaube verlässige
-Erscheinung ist die, dass, in welcher Periode des Lebens sich die
-abweichende Bildung zeigen möge, sie auch in der Nachkommenschaft
-immer in dem entsprechenden Alter, oder zuweilen wohl früher, zum
-Vorschein kommt. In vielen Fällen ist Diess nicht anders möglich, weil
-die erblichen Eigenthümlichkeiten z.&#160;B. in den Hörnern des Rindviehs
-an den Nachkommen sich erst im reifen Alter zeigen können; und eben so
-gibt es bekanntlich Eigenthümlichkeiten des Seidenwurms, die nur den
-Raupen- oder den Puppen-Zustand betreffen. Aber erbliche Krankheiten
-u.&#160;e.&#160;a. Thatsachen veranlassen mich zu glauben, dass die Regel
-eine weitere Ausdehnung hat, und dass selbst da, wo kein offenbarer
-Grund für das Erscheinen einer Abänderung in einem bestimmten Alter
-vorliegt, doch das Streben vorherrscht, auch am Nachkommen in dem
-gleichen Lebens-Abschnitte sich zu zeigen, wo sie an dem Vorfahren
-erstmals eingetreten ist. Ich glaube, dass diese Regel von der grössten
-Wichtigkeit für die Erklärung der Gesetze der Embryologie ist. Diese
-Bemerkungen beziehen sich übrigens auf das erste Sichtbarwerden
-der Eigenthümlichkeit, und nicht auf ihre erste Veranlassung, die
-vielleicht schon in dem männlichen oder weiblichen Zeugungsstoff liegen
-kann, in der Weise etwa, wie der aus der Kreutzung einer kurzhörnigen
-Kuh und eines langhörnigen Bullen hervorgegangene Sprössling die
-grössre Länge seiner Hörner erst spät im Leben zeigen kann, obwohl die
-erste Ursache dazu schon im Zeugungsstoff des Vaters liegt.</p>
-
-<p>Ich habe des Falles der Rückkehr zur grossälterlichen Bildung erwähnt
-und in dieser Beziehung noch anzuführen, dass<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> die Naturforscher oft
-behaupten, unsre Hausthier-Rassen nähmen, wenn sie verwilderten, zwar
-nur allmählich, aber doch gewiss, wieder den Charakter ihrer wilden
-Stammältern an, woraus man dann geschlossen hat, dass Folgerungen von
-zahmen Rassen auf die Arten in ihrem Natur-Zustande nicht zulässig
-seyen. Ich habe jedoch vergeblich auszumitteln gestrebt, auf was für
-entscheidende Thatsachen sich jene so oft und so bestimmt wiederholte
-Behauptung stütze. Es möchte sehr schwer sein, ihre Richtigkeit
-nachzuweisen; denn wir können mit Sicherheit sagen, dass sehr viele
-der ausgeprägtesten zahmen Varietäten im wilden Zustande gar nicht
-leben könnten. In vielen Fällen kennen wir nicht einmal den Urstamm und
-vermögen uns daher noch weniger zu vergewissern, ob eine vollständige
-Rückkehr eingetreten ist oder nicht. Jedenfalls würde, um die Folgen
-der Kreutzung zu vermeiden, nöthig seyn, dass nur eine einzelne
-Varietät in die Freiheit zurückversetzt werde. Ungeachtet aber unsre
-Varietäten gewiss in einzelnen Merkmalen zuweilen zu ihren Urformen
-zurückkehren, so scheint mir doch nicht unwahrscheinlich, dass, wenn
-man die verschiedenen Abarten des Kohls z.&#160;B. einige Generationen
-hindurch in einem ganz armen Boden zu naturalisiren fortführe (in
-welchem Falle dann allerdings ein Theil des Erfolges der unmittelbaren
-Wirkung des Bodens zuzuschreiben wäre), dieselben ganz oder fast ganz
-wieder ihre wilde Urform annehmen würden. Ob der Versuch nun gelinge
-oder nicht, ist für unsere Folgerungs-Reihe ohne grosse Erheblichkeit,
-weil durch den Versuch selber die Lebens-Bedingungen geändert werden.
-Liesse sich beweisen, dass unsre kultivirten Rassen eine starke Neigung
-zur Rückkehr, d.&#160;h. zur Ablegung der angenommenen Merkmale an den Tag
-legten, wenn sie unter unveränderten Bedingungen und in beträchtlichen
-Massen beisammen gehalten würden, so dass freie Kreutzung etwaige
-geringe Abweichungen der Struktur in Folge ihrer Durcheinandermischung
-verhütete, — in diesem Falle wollte ich zugeben, dass sich aus den
-zahmen Varietäten nichts hinsichtlich der Arten folgern lasse. Aber es
-ist nicht ein Schatten von Beweis zu Gunsten dieser Meinung vorhanden.
-Die Behauptung, dass sich unsere Wagen- und<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> Rasse-Pferde, unsre
-lang- und kurz-hörnigen Rinder, unsre manchfaltigen Federvieh-Sorten
-und Nahrungs-Gewächse nicht eine fast endlose Zahl von Generationen
-hindurch fortpflanzen lassen, wäre aller Erfahrung entgegen. Ich will
-noch hinzufügen, dass, wenn im Natur-Zustande die Lebens-Bedingungen
-wechseln, Abänderungen und Rückkehr des Charakters wahrscheinlich
-eintreten werden; aber die Natürliche Züchtung würde, wie nachher
-gezeigt werden soll, bestimmen, wie weit die hieraus hervorgehenden
-neuen Charaktere erhalten bleiben.</p>
-
-<p>Wenn wir die erblichen Varietäten oder Rassen unsrer Haus-Thiere und
-Kultur-Gewächse betrachten und dieselben mit einander nahe verwandten
-Arten vergleichen, so finden wir in jeder zahmen Rasse, wie schon
-bemerkt worden, eine geringere Übereinstimmung des Charakters, als bei
-ächten Arten. Auch haben zahme Rassen von derselben Thier-Art oft einen
-etwas monströsen Charakter, womit ich sagen will, dass, wenn sie sich
-auch von einander und von den übrigen Arten derselben Sippe in mehren
-wichtigen Punkten unterscheiden, sie doch oft im äussersten Grade in
-irgend einem einzelnen Theile sowohl von den andern Varietäten als
-insbesondere von den übrigen nächstverwandten Arten derselben Sippe
-zurückweichen. Diese Fälle (und die der vollkommenen Fruchtbarkeit
-gekreutzter Varietäten einer Art, wovon nachher die Rede seyn soll)
-ausgenommen, weichen die kultivirten Rassen einer und derselben Spezies
-in gleicher Weise, nur gewöhnlich in geringerem Grade, von einander
-ab, wie die einander nächst verwandten Arten derselben Sippe im
-Natur-Zustande. Ich glaube, man wird Diess zugeben, wenn man findet,
-dass es kaum irgend-welche gepflegte Rassen unter den Thieren wie
-unter den Pflanzen gibt, die nicht schon von einigen urtheilsfähigen
-Richtern als wirkliche Varietäten und von andern ebenfalls sachkundigen
-Beurtheilern als Abkömmlinge einer ursprünglich verschiedenen Art
-erklärt worden wären. Gäbe es irgend einen bestimmten Unterschied
-zwischen kultivirten Rassen und Arten, so könnten dergleichen Zweifel
-nicht so oft wiederkehren. Oft hat man versichert, dass gepflegte
-Rassen nicht in Sippen-Charakteren von einander abweichen. Ich
-glaube<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> zwar, dass sich diese Behauptung als irrig erweisen lässt;
-doch gehen die Meinungen der Naturforscher weit auseinander, wenn
-sie sagen sollen, worin Sippen-Charaktere bestehen, da alle solche
-Werthungen nur empirisch sind. Überdiess werden wir nach der Ansicht
-von der Entstehung der Sippen, die ich jetzt aufstellen will, kein
-Recht haben zur Erwartung, bei unseren Kultur-Erzeugnissen oft auf
-Sippen-Verschiedenheiten zu stossen.</p>
-
-<p>Wenn wir den Betrag der Struktur-Verschiedenheiten zwischen den
-gepflegten Rassen von einer Art zu schätzen versuchen, so werden
-wir bald dadurch in Zweifel versetzt, dass wir nicht wissen, ob
-dieselben von einer oder von mehren älterlichen Arten abstammen. Es
-wäre von Interesse, wenn sich diese Frage aufklären, wenn sich z.&#160;B.
-nachweisen liesse, ob das Windspiel, der Schweisshund, der Dachshund,
-der Jagdhund und der Bullenbeisser, welche sich so genau in ihrer Form
-fortpflanzen, Abkömmlinge von nur einer Stamm-Art seyen? Denn solche
-Thatsachen würden sehr geeignet seyn unsre Zweifel zu erregen über die
-Unveränderlichkeit der vielen einander sehr nahe-stehenden natürlichen
-Arten der Füchse z.&#160;B., die so ganz verschiedene Weltgegenden bewohnen.
-Ich glaube nicht, dass wir jetzt im Stande sind zu erkennen, ob
-alle unsre Hunde von einer wilden Stamm-Art herkommen, obwohl Diess
-bei einigen andren Hausthier-Rassen wahrscheinlich oder sogar genau
-nachweisbar ist.</p>
-
-<p>Es ist oft angenommen worden, der Mensch habe sich solche Pflanzen-
-und Thier-Arten zur Zähmung ausgewählt, welche ein angeborenes
-ausserordentlich starkes Vermögen abzuändern und in verschiedenen
-Klimaten auszudauern besässen. Ich will nicht bestreiten, dass
-diese Fähigkeiten viel zum Werthe unsrer meisten Kultur-Erzeugnisse
-beigetragen haben. Aber wie vermochte ein Wilder zu wissen, als er
-ein Thier zu zähmen begann, ob dasselbe in folgenden Generationen
-zu variiren geneigt und in anderen Klimaten auszudauern vermögend
-seyn werde? Oder hat die geringe Veränderlichkeit des Esels und des
-Perlhuhns, das geringe Ausdaurungs-Vermögen des Rennthiers in der Wärme
-und des Kameels in der Kälte ihre Zähmung gehindert? Ich hege keinen
-Zweifel, dass, wenn man andre Pflanzen- und<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Thier-Arten in gleicher
-Anzahl wie unsre gepflegten Rassen und aus eben so verschiedenen
-Klassen und Gegenden ihrem Natur-Zustande entnähme und eine gleich
-lange Reihe von Generationen hindurch im zahmen Zustande fortpflanzte,
-sie in gleichem Umfange variiren würden, wie es unsre jetzt schon
-kultivirten Arten thun.</p>
-
-<p>In Bezug auf die meisten unsrer längst gepflegten Pflanzen- und
-Thier-Rassen halte ich es nicht für möglich zu einem bestimmten
-Ergebniss darüber zu gelangen, ob sie von einer oder von mehren
-Arten abstammen. Die Anhänger der Lehre von einem mehrfältigen
-Ursprung unsrer Rassen berufen sich hauptsächlich darauf, dass
-schon die ältesten geschichtlichen Nachrichten und insbesondere
-die <i>Ägyptischen</i> Denkmäler von einer grossen Verschiedenheit
-der Rassen Zeugniss geben, und dass einige derselben mit unseren
-jetzigen bereits die grösste Ähnlichkeit haben, wenn nicht gänzlich
-übereinstimmen. Wäre aber diese Thatsache auch besser begründet, als
-sie es zu seyn scheint, so würde sie doch nichts anderes beweisen, als
-dass eine oder die andre unsrer Rassen dort vor vier bis fünf Tausend
-Jahren entstanden ist. Seit den neuerlichen Entdeckungen von Celtischen
-Feuerstein-Geräthen in den obren Boden-Schichten <i>Englands</i>,
-<i>Frankreichs</i> und <i>Deutschlands</i> werden wenige Geologen mehr
-daran zweifeln, dass der Mensch in einem bereits genügend zivilisirten
-Zustande, um Waffen zu fabriziren, schon in einer nach Jahren
-ausgedrückt sehr frühen Zeit existirt hat; — und bekanntlich gibt
-es heutzutage kaum noch einen so wilden Volks-Stamm, der sich nicht
-wenigstens den Hund gezähmt hätte.</p>
-
-<p>Der Ursprung der meisten unserer Hausthiere wird wohl immer ungewiss
-bleiben. Doch will ich hier bemerken, dass ich durch ein fleissiges
-Sammeln aller bekannten Thatsachen über die Haushunde in allen Theilen
-der Erde zu dem Ergebnisse gelangt bin, dass mehre wilde Hunde-Arten
-gezähmt worden sind und ihr Blut jetzt mehr und weniger gemischt in
-den Adern unsrer Hunde-Rassen fliesst. — In Bezug auf Schaf und Ziege
-vermag ich mir keine Meinung zu bilden. Nach den mir von Blyth über die
-Lebens-Weise, Stimme, Konstitution u.&#160;s.&#160;w. des<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Indischen Höckerochsen
-mitgetheilten Thatsachen sollte ich denken, dass er von einer anderen
-Art als unser Europäisches Rind herstammen müsse, welches manche
-sachkundige Beurtheiler von mehrfachen Stamm-Arten ableiten wollen,
-und diese Annahme dürfte nach den neueren Untersuchungen Professor
-R<span class="smaller">ÜTIMEYER</span>’<span class="smaller">S</span> allerdings als die richtigste zu betrachten
-seyn. — Hinsichtlich des Pferdes bin ich aus Gründen, die ich hier
-nicht entwickeln kann, mit einigen Zweifeln gegen die Meinung einiger
-Schriftsteller anzunehmen geneigt, dass alle seine Rassen nur von einem
-wilden Stamme herrühren. B<span class="smaller">LYTH</span>, dessen Meinung ich seiner
-reichen und manchfaltigen Kenntnisse wegen in dieser Beziehung höher
-als die fast eines jeden Andern anschlagen muss, glaubt dass alle
-unsre Hühner-Varietäten vom gemeinen Indischen Huhn (Gallus Bankiva)
-herkommen. Nachdem ich mir fast alle Englischen Rassen lebend gehalten,
-sie gekreutzt und ihre Skelette untersucht, bin auch ich zu einem
-ähnlichen Schlusse gelangt, wofür ich meine Gründe in einem späteren
-Werke auseinandersetzen will. — In Bezug auf Enten und Stall-Hasen,
-deren Rassen in ihrem Körper-Bau beträchtlich von einander abweichen,
-sprechen alle Anzeigen zu Gunsten der Annahme, dass sie alle von der
-gemeinen Wild-Ente und dem Kaninchen stammen.</p>
-
-<p>Die Lehre der Abstammung unsrer verschiedenen Hausthier-Rassen von
-verschiedenen wilden Stamm-Arten ist von einigen Schriftstellern bis
-zu einem abgeschmackten Extreme getrieben worden. Sie glauben nämlich,
-dass jede wenn auch noch so wenig verschiedene Rasse, welche ihren
-unterscheidenden Charakter durch Inzucht bewahrt, auch ihre wilde
-Stamm-Form gehabt habe. Dann müsste es eine ganze Menge wilder Rinds-,
-viele Schaf- und einige Geisen-Arten in <i>Europa</i> und mehre selbst
-schon innerhalb <i>Grossbritannien</i> gegeben haben. Ein Autor meint,
-es hätten ehedem eilf wilde und dem Lande eigenthümliche Schaaf-Arten
-dort gelebt. Wenn wir nun erwägen, dass <i>Britannien</i> jetzt kaum
-eine ihm eigenthümliche Säugethier-Art, <i>Frankreich</i> nur sehr
-wenige nicht auch in <i>Deutschland</i> vorkommende, und umgekehrt,
-besitze, dass es sich eben so mit <i>Ungarn</i>, <i>Spanien</i>
-u.&#160;s.&#160;w. verhalte, dass aber jedes dieser Königreiche mehre ihm eigene<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>
-Rassen von Rind, Schaaf u.&#160;s.&#160;w. darbiete, so müssen wir zugeben,
-dass in <i>Europa</i> viele Hausthier-Stämme entstanden sind; denn
-von woher sollen alle gekommen seyn, da keines dieser Länder so viele
-eigenthümliche Arten als abweichende Stamm-Rassen besitzt? Und so
-ist es auch in <i>Ostindien</i>. Selbst in Bezug auf die Haushunde
-der ganzen Welt kann ich, obwohl ich ihre Abstammung von mehren
-verschiedenen Arten ganz wahrscheinlich finde, nicht in Zweifel
-ziehen, dass da ein unermesslicher Betrag vererblicher Abweichungen
-vorhanden gewesen ist. Denn wer kann glauben, dass Thiere nahezu
-übereinstimmend mit dem Italienischen Windspiel, mit dem Schweisshund,
-mit dem Bullenbeisser, mit dem Blenheimer Jagdhund und so abweichend
-von allen wilden Caniden, jemals frei im Natur-Zustande gelebt hätten.
-Es ist oft hingeworfen worden, alle unsre Hunde-Rassen seyen durch
-Kreutzung einiger weniger Stamm-Arten miteinander entstanden; aber
-Kreutzung kann nur solche Formen liefern, welche mehr oder weniger
-das Mittel zwischen ihren Ältern halten, und gingen wir von dieser
-Erfahrung bei unsern zahmen Rassen aus, so müssten wir annehmen, dass
-einstens die äussersten Formen des Windspiels, des Schweisshundes, des
-Bullenbeissers u.&#160;s.&#160;w. im wilden Zustande gelebt hätten. Überdiess ist
-die Möglichkeit, durch Kreutzung verschiedene Rassen zu bilden, sehr
-übertrieben worden. Wenn es auch keinem Zweifel unterliegt, dass eine
-Rasse durch gelegentliche Kreutzung mittelst sorgfältiger Auswahl der
-Blendlinge, welche irgend einen bezweckten Charakter darbieten, sich
-bedeutend modifiziren lässt, so kann ich doch kaum glauben, dass man
-eine nahezu das Mittel zwischen zwei weit verschiedenen Rassen oder
-Arten haltende Rasse zu züchten im Stande ist. Sir J. S<span class="smaller">EBRIGHT</span>
-hat absichtliche Versuche in dieser Beziehung angestellt und keinen
-Erfolg erlangt. Die Nachkommenschaft aus der ersten Kreutzung zwischen
-zwei reinen Rassen ist erträglich und zuweilen, wie ich bei Tauben
-gefunden, ausserordentlich einförmig, und Alles scheint einfach genug.
-Werden aber diese Blendlinge einige Generationen hindurch unter
-einander gepaart, so werden kaum zwei ihrer Nachkommen mehr einander
-ähnlich ausfallen,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> und dann wird die äusserste Schwierigkeit oder
-vielmehr gänzliche Hoffnungslosigkeit des Erfolges klar. Gewiss kann
-eine Mittel-Rasse zwischen zwei sehr verschiedenen reinen Rassen
-nicht ohne die äusserste Sorgfalt und eine lang fortgesetzte Wahl der
-Zuchtthiere gebildet werden, und ich finde nicht einen Fall berichtet,
-wo dadurch eine bleibende Rasse erzielt worden wäre.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Züchtung der Haus-Tauben.</em>) Von der Ansicht ausgehend, dass
-es am zweckmässigsten seye, irgend eine besondere Thier-Gruppe zum
-Gegenstande der Forschung zu machen, habe ich mir nach einiger Erwägung
-die Haus-Tauben dazu ausersehen. Ich habe alle Rassen gehalten, die
-ich mir verschaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise mit
-Exemplaren aus verschiedenen Welt-Gegenden bedacht worden, insbesondere
-durch den ehrenwerthen W. E<span class="smaller">LLIOT</span> aus <i>Ostindien</i> und
-den ehrenwerthen C. M<span class="smaller">URRAY</span> aus <i>Persien</i>. Es sind viele
-Abhandlungen in verschiedenen Sprachen veröffentlicht worden und einige
-darunter durch ihr ansehnliches Alter von besonderer Wichtigkeit. Ich
-habe mich mit einigen ausgezeichneten Tauben-Liebhabern verbunden
-und mich in zwei <i>Londoner</i> Tauben-Clubs aufnehmen lassen. Die
-Verschiedenheit der Rassen ist oft erstaunlich gross. Man vergleiche
-z.&#160;B. die Englische Botentaube und den kurzstirnigen Purzler und
-betrachte die wunderbare Verschiedenheit in ihren Schnäbeln, welche
-entsprechende Verschiedenheiten in ihren Schädeln bedingt. Die
-Englische Botentaube (Carrier) und insbesondere das Männchen ist noch
-bemerkenswerth durch die wundervolle Entwickelung von Fleischlappen
-an der Kopfhaut, die mächtig verlängerten Augenlider, sehr weite
-äussere Nasenlöcher und einen weitklaffenden Mund. Der kurzstirnige
-Purzler hat einen Schnabel, im Profil fast wie beim Finken; und die
-gemeine Purzel-Taube hat die eigenthümliche und streng erbliche
-Gewohnheit, sich in dichten Gruppen zu ansehnlicher Höhe in die Luft
-zu erheben und dann Kopfüber herabzupurzeln. Die Runt-Taube ist von
-beträchtlicher Grösse mit langem massigem Schnabel und grossen Füssen;
-einige Unterrassen derselben haben einen sehr langen Hals, andre sehr
-lange<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Schwingen und Schwanz, noch andre einen ganz eigenthümlich
-kurzen Schwanz. Der „Barb“ ist mit der Botentaube verwandt, hat
-aber, statt des sehr langen, einen sehr kurzen und breiten Schnabel.
-Der Kröpfer hat Körper, Flügel und Beine sehr verlängert, und sein
-ungeheuer entwickelter Kropf, den er sich aufzublähen gefällt, mag wohl
-Verwunderung und selbst Lachen erregen. Die Möventaube (Turbit) besitzt
-einen sehr kurzen kegelförmigen Schnabel, mit einer Reihe umgewendeter
-Federn auf der Brust, und hat die Sitte den oberen Theil des Schlundes
-beständig etwas auszubreiten. Der Jakobiner oder die Perückentaube hat
-die Nacken-Federn so aufgerichtet, dass sie eine Perücke bilden, und
-verhältnissmässig lange Schwung- und Schwanz-Federn. Der Trompeter und
-die Trommeltaube<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> rucksen, wie ihre Namen ausdrücken, auf eine ganz
-andre Weise als die andern Rassen. Die Pfauentaube hat 30–40 statt
-der normalen 12–14 Schwanz-Federn und trägt diese Federn in der Weise
-ausgebreitet und aufgerichtet, dass in guten Vögeln sich Kopf und
-Schwanz berühren; die Öl-Drüse ist gänzlich verkümmert. Noch blieben
-einige minder ausgezeichnete Rassen aufzuzählen übrig.</p>
-
-<p>Im Skelette der verschiedenen Rassen weicht die Entwickelung der
-Gesichtsknochen in Länge, Breite und Krümmung ausserordentlich ab. Die
-Form sowohl als die Breite und Länge des Unterkiefer-Astes ändern in
-sehr merkwürdiger Weise. Die Zahl der Heiligenbein- und Schwanz-Wirbel
-und der Rippen, die verhältnissmässige Breite und Anwesenheit ihrer
-Queerfortsätze wechseln ebenfalls. Sehr veränderlich sind ferner die
-Grösse und Form der Lücken im Brustbein, so wie der Öffnungs-Winkel und
-die bezügliche Grösse der zwei Schenkel des Gabelbeins. Die verglichene
-Weite des Mundspaltes, die verhältnissmässige Länge der Augenlider,
-der äusseren Nasenlöcher und der Zunge, welche sich nicht immer nach
-der des Schnabels richtet, die Grösse des Kropfes und des obern Theils
-des Schlundes, die<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Entwickelung oder Verkümmerung der Öl-Drüse, die
-Zahl der ersten Schwung- und der Schwanz-Federn, die verglichene Länge
-von Flügeln und Schwanz gegen einander und gegen die des Körpers,
-die des Laufs gegen die Zehen, die Zahl der Hornschuppen in der
-Zehen-Bekleidung sind Alles Abänderungs-fähige Punkte im Körper-Bau.
-Auch die Periode, wo sich das vollkommene Gefieder einstellt, ist
-ebenso veränderlich als die Beschaffenheit des Flaums, womit die
-Nestlinge beim Ausschlüpfen aus dem Eie bekleidet sind. Form und
-Grösse der Eier sind der Abänderung unterworfen. Die Art des Flugs ist
-eben so merkwürdig verschieden, wie es bei manchen Rassen mit Stimme
-und Gemüthsart der Fall ist. Endlich weichen bei gewissen Rassen die
-Männchen etwas von den Weibchen ab.</p>
-
-<p>So könnte man wenigstens eine ganze Menge von Tauben-Formen auswählen,
-die ein Ornithologe, wenn er überzeugt wäre, dass es wilde Vögel,
-unbedenklich für wohl-bezeichnete Arten erklären würde. Ich glaube
-nicht einmal, dass irgend ein Ornithologe die Englische Botentaube,
-den kurzstirnigen Purzler, den Runt, den Barb, die Kropf- und die
-Pfauen-Taube in dieselbe Sippe zusammenstellen würde, zumal eine jede
-dieser Rassen wieder mehre erbliche Unterrassen in sich enthält, die er
-für Arten nehmen könnte.</p>
-
-<p>Wie gross nun aber auch die Verschiedenheit zwischen den Tauben-Rassen
-seyn mag, so bin ich doch überzeugt, dass die gewöhnliche Meinung der
-Naturforscher, dass alle von der Felstaube (Columba livia) abstammen,
-richtig ist, wenn man unter diesem Namen nämlich verschiedene
-geographische Rassen oder Unterarten mit begreift, welche nur in den
-untergeordnetsten Merkmalen von einander abweichen. Da einige der
-Gründe, welche mich zu dieser Meinung bestimmt haben, mehr und weniger
-auch auf andre Fälle anwendbar sind, so will ich sie kurz angeben.
-Wären jene verschiedenen Rassen nicht Varietäten und nicht von der
-Felstaube entsprossen, so müssten sie von wenigstens 7–8 Stammarten
-herrühren; denn es wäre unmöglich alle unsere zahmen Rassen durch
-Kreutzung einer geringeren Arten-Zahl miteinander zu erlangen. Wie
-wollte man z.&#160;B. die<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> Kropftaube durch Paarung zweier Arten miteinander
-erzielen, wovon nicht wenigstens eine den ungeheuern Kropf besässe? Die
-unterstellten wilden Stammarten müssten sämmtlich Fels-Tauben gewesen
-seyn, die nämlich nicht freiwillig auf Bäumen brüten oder sich auch
-nur darauf setzen. Doch ausser der C. livia und ihren geographischen
-Unterarten kennt man nur noch 2–3 Arten Fels-Tauben, welche aber nicht
-einen der Charaktere unsrer zahmen Rassen besitzen. Daher müssten dann
-die angeblichen Urstämme entweder noch in den Gegenden ihrer ersten
-Zähmung vorhanden und den Ornithologen unbekannt geblieben seyn, was
-wegen ihrer Grösse, Lebensweise und merkwürdigen Eigenschaften sehr
-unwahrscheinlich ist; oder sie müssten in wildem Zustande ausgestorben
-seyn. Aber Vögel, welche an Fels-Abhängen nisten und gut fliegen,
-sind nicht leicht auszurotten, und unsre gemeine Fels-Taube, welche
-mit unsren zahmen Rassen gleiche Lebens-Weise besitzt, hat noch nicht
-einmal auf einigen der kleineren <i>Britischen</i> Inseln oder an
-den Küsten des Mittelmeeres ausgerottet werden können. Daher mir die
-angebliche Ausrottung so vieler Arten, die mit der Felstaube gleiche
-Lebens-Weise besitzen, eine sehr übereilte Annahme zu seyn scheint.
-Überdiess sind die obengenannten so abweichenden Rassen nach allen
-Weltgegenden verpflanzt worden und müssten daher wohl einige derselben
-in ihre Heimath zurückgelangt seyn. Und doch ist nicht eine derselben
-verwildert, obwohl die Feld-Taube, d.&#160;i. die Felstaube in ihrer am
-wenigsten veränderten Form, in einigen Gegenden wieder wild geworden
-ist. Da nun alle neueren Versuche zeigen, dass es sehr schwer ist ein
-wildes Thier zur Fortpflanzung im Zustande der Zähmung zu vermögen,
-so wäre man durch die Hypothese eines mehrfältigen Ursprungs unsrer
-Haus-Tauben zur Annahme genöthigt, es seyen schon in alten Zeiten und
-von halb-zivilisirten Menschen wenigstens 7–8 Arten so vollkommen
-gezähmt worden, dass sie jetzt in der Gefangenschaft ganz wohl gedeihen.</p>
-
-<p>Ein Beweisgrund, wie mir scheint, von grossem Werthe und auch
-anderweitiger Anwendbarkeit ist der, dass die oben aufgezählten Rassen,
-obwohl sie im Allgemeinen in organischer<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Thätigkeit, Lebens-Weise,
-Stimme, Färbung und den meisten Theilen ihres Körper-Baues mit der
-Felstaube übereinkommen, doch in anderen Theilen dieses letzten
-gewiss sehr weit davon abweichen; und wir würden uns in der ganzen
-grossen Familie der Columbiden vergeblich nach einem Schnabel, wie
-ihn die Englische Botentaube oder der kurzstirnige Purzler oder
-der Barb besitzen, — oder nach umgedrehten Federn, wie sie die
-Perückentaube hat, — oder nach einem Kropf wie beim Kröpfer, —
-oder nach einem Schwanz, wie bei der Pfauentaube umsehen. Man müsste
-daher annehmen, dass der halb-zivilisirte Mensch nicht allein bereits
-mehre Arten vollständig gezähmt, sondern auch absichtlich oder
-zufällig ausserordentlich abweichende Arten dazu erkoren habe, und
-dass diese Arten seitdem alle erloschen oder verschollen seyen. Das
-Zusammentreffen so vieler seltsamer Zufälligkeiten scheint mir im
-höchsten Grade unwahrscheinlich.</p>
-
-<p>Noch möchten hier einige Thatsachen in Bezug auf die Färbung des
-Gefieders Berücksichtigung verdienen. Die Felstaube ist Schiefer-blau
-mit weissem (bei der <i>Ostindischen</i> Subspecies, C. intermedia
-S<span class="smaller">TRICKL</span>., blaulichem) Hinterrücken, hat am Schwanze eine
-schwarze End-Binde und an den äusseren Federn desselben einen weissen
-äusseren Rand, und die Flügel haben zwei schwarze Binden; einige
-halb und andere anscheinend ganz wilde Unterrassen haben auch noch
-schwarze Flecken auf den Flügeln. Diese verschiedenen Merkmale kommen
-bei keiner andern Art der ganzen Familie vereinigt vor. Nun treffen
-sich aber auch bei jeder unsrer zahmen Rassen zuweilen und selbst
-unter den ganz ausgebildeten Vögeln derselben alle jene Merkmale gut
-entwickelt in Verbindung miteinander, selbst bis auf die weissen
-Ränder der äusseren Schwanzfedern. Ja sogar, wenn man zwei oder mehr
-Vögel von verschiedenen Rassen, von welchen keine blau ist oder
-eines der erwähnten Merkmale besitzt, mit einander paart, sind die
-dadurch erzielten Blendlinge sehr geneigt, diese Charaktere plötzlich
-anzunehmen. So kreuzte ich z.&#160;B. einfarbig weisse Pfauentauben von
-sehr reiner Rasse mit einfarbig schwarzen Barb-Tauben, von deren
-blauen Varietäten mir kein Fall in <i>England</i> bekannt ist, und
-erhielt eine braune, schwarze und<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> gefleckte Nachkommenschaft. Ich
-kreuzte nun auch eine Barb- mit einer Bläss-Taube, einen weissen Vogel
-mit rothem Schwanz und rothem Bläss von sehr beständiger Rasse, und
-die Blendlinge waren dunkelfarbig und fleckig. Als ich ferner einen
-der von Pfauen- und von Barb-Tauben erzielten Blendlinge mit einem
-der Blendlinge von Barb- und von Bläss-Tauben paarte, kam ein Enkel
-mit schön blauem Gefieder, weissem Unterrücken, doppelter schwarzer
-Flügelbinde, schwarzer Schwanzbinde und weissen Seitenrändern der
-Steuerfedern, Alles wie bei der wilden Felstaube, zum Vorschein. Man
-kann diese Thatsache aus dem wohl bekannten Prinzip der Rückkehr zu
-vorälterlichen Charakteren begreifen, wenn alle zahmen Rassen von der
-Felstaube abstammen. Wollten wir aber Dieses läugnen, so müssten wir
-eine von den zwei folgenden sehr unwahrscheinlichen Unterstellungen
-machen. Entweder: dass all’ die verschiedenen eingebildeten Stamm-Arten
-wie die Felstaube gefärbt und gezeichnet gewesen (obwohl keine andre
-lebende Art mehr so gefärbt und gezeichnet ist), so dass in dessen
-Folge noch bei allen Rassen eine Neigung zu dieser anfänglichen Färbung
-und Zeichnung zurückzukehren vorhanden wäre. Oder: dass jede und auch
-die reinste Rasse seit etwa den letzten zwölf oder höchstens zwanzig
-Generationen einmal mit der Felstaube gekreutzt worden seye; ich sage:
-höchstens zwanzig, denn wir kennen keine Thatsache zur Unterstützung
-der Meinung, dass ein Abkömmling nach einer noch längeren Reihe von
-Generationen sogar zu den Charakteren seiner Vorfahren zurückkehren
-könne. Wenn in einer Rasse nur einmal eine Kreutzung mit einer andern
-stattgefunden hat, so wird die Neigung zu einem Charakter dieser
-letzten zurückzukehren natürlich um so kleiner und kleiner werden, je
-weniger Blut von derselben noch in jeder späteren Generation übrig ist.
-Hat aber eine Kreutzung mit fremder Rasse nicht stattgefunden und ist
-gleichwohl in beiden Ältern die Neigung der Rückkehr zu einem Charakter
-vorhanden, der schon seit mehren Generationen verloren gegangen,
-so ist trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, die Annahme
-geboten, dass sich diese Neigung in ungeschwächtem Grade während einer
-unbestimmten Reihe von<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Generationen fortpflanzen könne. Diese zwei
-ganz verschiedenen Fälle werden in Abhandlungen über Erblichkeit oft
-miteinander verwechselt.</p>
-
-<p>Endlich sind die Bastarde oder Blendlinge, welche durch die Kreutzung
-der verschiedenen Tauben-Rassen erzielt werden, alle vollkommen
-fruchtbar. Ich kann Diess mittelst meiner eigenen Versuche bestätigen,
-die ich absichtlich zwischen den aller-verschiedensten Rassen
-angestellt habe. Dagegen wird aber schwer und vielleicht unmöglich
-seyn, einen Fall anzuführen, wo ein Bastard an zwei bestimmt
-verschiedenen Arten schon selber vollkommen fruchtbar gewesen wäre.
-Einige Schriftsteller nehmen an, ein lang-dauernder Zustand der Zähmung
-beseitige allmählich diese Neigung zur Unfruchtbarkeit, und aus der
-Geschichte des Hundes zu schliessen scheint mir diese Hypothese
-einige Wahrscheinlichkeit zu haben, wenn sie auf einander sehr nahe
-verwandte Arten angewendet wird, obwohl sie noch durch keinen einzigen
-Versuch bestätigt worden ist. Aber eine Ausdehnung der Hypothese
-bis zu der Behauptung, dass Arten, die ursprünglich von einander
-eben so verschieden gewesen, wie es Botentaube, Purzler, Kröpfer und
-Pfauenschwanz jetzt sind, eine bei Inzucht vollkommen fruchtbare
-Nachkommenschaft liefern, scheint mir äusserst voreilig zu seyn.</p>
-
-<p>Diese verschiedenen Gründe und zwar: die Unwahrscheinlichkeit, dass
-der Mensch schon in früher Zeit sieben bis acht wilde Tauben-Arten
-zur Fortpflanzung in der Gefangenschaft vermocht habe, die wir weder
-im wilden noch im verwilderten Zustande kennen, ihre in manchen
-Beziehungen von der Bildung aller Columbiden mit Ausnahme der Felstaube
-ganz abweichenden Charaktere, das gelegentliche Wiedererscheinen der
-blauen Farbe und charakteristischen Zeichnung in allen Rassen sowohl im
-Falle der Inzucht als der Kreutzung, die vollkommene Fruchtbarkeit der
-Blendlinge: alle diese Gründe zusammengenommen gestatten mir nicht zu
-zweifeln, dass alle unsre zahmen Tauben-Rassen von Columba livia und
-deren geographischen Unterarten abstammen.</p>
-
-<p>Zu Gunsten dieser Ansicht will ich noch ferner anführen: 1) dass
-die Felstaube, C. livia, in <i>Europa</i> wie in <i>Indien</i>
-zur<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Zähmung geeignet gefunden worden ist, und dass sie in ihren
-Gewohnheiten wie in vielen Struktur-Beziehungen mit allen unsern
-zahmen Rassen übereinkommt. 2) Obwohl eine Englische Botentaube
-oder ein kurzstirniger Purzler sich in gewissen Charakteren weit
-von der Felstaube entfernen, so ist es doch dadurch, dass man die
-verschiedenen Unterformen dieser Rassen, mit Einschluss der z.&#160;Th.
-aus weit entfernten Gegenden abstammenden, mit in Vergleich ziehet,
-möglich, fast ununterbrochene Übergangs-Reihen zwischen den am
-weitesten auseinander-liegenden Bildungen derselben herzustellen. 3)
-Diejenigen Charaktere, welche die verschiedenen Rassen hauptsächlich
-von einander unterscheiden, wie die Fleischwarzen und der lange
-Schnabel der englischen Botentaube, der kurze Schnabel des Purzlers und
-die zahlreichen Schwanz-Federn der Pfauentaube sind in jeder Rasse doch
-äusserst veränderlich, und die Erklärung dieser Erscheinung wird uns
-erst möglich seyn, wenn von der Züchtung die Rede seyn wird. 4) Tauben
-sind bei vielen Völkern beobachtet und mit äusserster Sorgfalt und
-Liebhaberei gepflegt worden. Man hat sie schon vor Tausenden von Jahren
-in mehren Weltgegenden gezähmt; die älteste Nachricht von ihnen stammt
-aus der Zeit der fünften Ägyptischen Dynastie, etwa 3000 J. v. Chr.,
-wie mir Professor L<span class="smaller">EPSIUS</span> mitgetheilt; aber B<span class="smaller">IRCH</span>
-benachrichtigt mich, dass Tauben schon auf einem Küchenzettel der
-vorangehenden Dynastie vorkommen. Von P<span class="smaller">LINIUS</span> vernehmen
-wir, dass zur Zeit der Römer ungeheures Geld für Tauben ausgegeben
-worden ist; ja, es war dahin gekommen, dass man ihnen „Stammbaum
-und Rasse“ nachrechnete. Gegen das Jahr 1600 schätzte sie A<span class="smaller">KBER</span>
-K<span class="smaller">HAN</span> in <i>Indien</i> so sehr, dass ihrer nicht weniger als
-20,000 zur Hof-Haltung gehörten. „Die Monarchen von <i>Iran</i> und
-<i>Turan</i> sandten einige sehr seltene Vögel heim und“, berichtet
-der Hof-Historiker weiter, „Ihre Majestät hat durch Kreutzung der
-Rassen, welche Methode früher nie angewendet worden war, dieselbe in
-erstaunlicher Weise verbessert“. Um diese nämliche Zeit waren die
-Holländer eben so sehr, wie früher die Römer, auf die Tauben erpicht.
-Die äusserste Wichtigkeit dieser Betrachtungen für die Erklärung
-der ausserordentlichen<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Veränderungen, welche die Tauben erfahren
-haben, wird uns erst bei den späteren Erörterungen über die Züchtung
-deutlich werden. Wir werden dann auch sehen woher es kommt, dass die
-Rassen so oft ein etwas monströses Aussehen haben. Endlich ist es ein
-sehr günstiger Umstand für die Erzeugung verschiedener Rassen, dass
-bei den Tauben ein Männchen mit einem Weibchen leicht lebenslänglich
-zusammengepaart, und dass verschiedene Rassen in einem und dem
-nämlichen Vogel-Hause beisammen gehalten werden können.</p>
-
-<p>Ich habe die wahrscheinliche Entstehungs-Art der zahmen Tauben-Rassen
-mit einiger, wenn auch noch ganz ungenügender Ausführlichkeit
-besprochen, weil ich selbst zur Zeit, wo ich anfing Tauben zu halten
-und ihre verschiedenen Formen zu beobachten, es für ganz eben so schwer
-hielt zu glauben, dass alle ihre Rassen einem gemeinsamen Stammvater
-seit ihrer Zähmung entsprossen seyn könnten, als es einem Naturforscher
-schwer fallen würde, an die gemeinsame Abstammung aller Finken oder
-irgend einer andern grossen Vögel-Familie im Natur-Zustande zu glauben.
-Insbesondere machte mich der Umstand sehr betroffen, dass alle Züchter
-von Haus-Thieren und Kultur-Pflanzen, mit welchen ich je gesprochen
-oder deren Schriften ich gelesen, vollkommen überzeugt waren, dass
-die verschiedenen Rassen, welche ein Jeder von ihnen erzogen, von
-eben so vielen ursprünglich verschiedenen Arten herstammten. Fragt
-man, wie ich gefragt habe, irgend einen berühmten Veredler der
-Hereford’schen Rindvieh-Rasse, ob dieselbe nicht von der lang-hörnigen
-Rasse abstamme, so wird er spöttisch lächeln. Ich habe nie einen
-Tauben-, Hühner-, Enten- oder Kaninchen-Liebhaber gefunden, der nicht
-vollkommen überzeugt gewesen wäre, dass jede Haupt-Rasse von einer
-andern Stammart herkomme. V<span class="smaller">AN</span> M<span class="smaller">ONS</span> zeigt in seinem Werke über
-die Äpfel und Birnen, wie wenig er zu glauben geneigt seye, dass die
-verschiedenen Sorten, wie z.&#160;B. der Ribston-pippin, der Codlin-Apfel
-u.&#160;a., je von Saamen des nämlichen Baumes entsprungen seyen. Und so
-könnte ich unzählige andere Beispiele anführen. Diess lässt sich, wie
-ich glaube, einfach erklären. In Folge lang-jähriger Studien haben<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>
-diese Leute einen tiefen Eindruck von den Unterschieden zwischen den
-verschiedenen Rassen in sich aufgenommen; und obgleich sie wohl wissen,
-dass jede Rasse etwas variire, da sie eben durch die Züchtung solcher
-geringen Abänderungen ihre Preise gewinnen, so gehen sie doch nicht
-von allgemeineren Vernunftschlüssen aus und rechnen nicht den ganzen
-Betrag zusammen, der sich durch Häufung kleiner Abänderungen während
-vieler aufeinander-folgender Generationen ergeben muss. Werden nicht
-jene Naturforscher, welche, obschon viel weniger als diese Züchter mit
-den Erblichkeits-Gesetzen bekannt und nicht besser als sie über die
-Zwischenglieder in der langen Reihe der Abkommenschaft unterrichtet,
-doch annehmen, dass viele von unseren gehegten Rassen von gleichen
-Ältern abstammen, — werden sie nicht eine Lektion über Behutsamkeit zu
-gewärtigen haben, wenn sie über den Gedanken lachen, dass eine Art im
-Natur-Zustand in gerader Linie von einer andern Art abstammen könne?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Züchtung.</em>) Wir wollen jetzt kürzlich die Wege betrachten, auf
-welchen die gehegten Rassen jede von einer oder von mehren einander
-nahe verwandten Arten erzeugt worden sind. Ein kleiner Theil der
-Wirkung mag dabei vielleicht dem unmittelbaren Einflusse äussrer
-Lebensbedingungen und ein kleiner der Gewöhnung zuzuschreiben seyn;
-es wäre aber thöricht, solchen Kräften die Verschiedenheiten zwischen
-einem Karrengaul und einem Rasse-Pferd, zwischen einem Windspiele und
-einem Schweisshund, einer Boten- und einer Purzel-Taube zuschreiben
-zu wollen. Eine der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten, die wir an
-unseren kultivirten Rassen wahrnehmen, ist ihre Anpassung nicht
-an der Pflanze oder des Thieres eigenen Vortheil, sondern an des
-Menschen Nutzen und Liebhaberei. Einige ihm nützliche Abänderungen
-sind zweifelsohne plötzlich oder auf ein Mal entstanden, wie z.&#160;B.
-manche Botaniker glauben, dass die Weber-Karde mit ihren Haken, welchen
-keine mechanische Vorrichtung an Brauchbarkeit gleichkommt, nur eine
-Varietät des wilden Dipsacus seye, und diese ganze Abänderung mag
-wohl plötzlich in irgend einem Sämlinge dieses letzten zum Vorschein
-gekommen seyn. So ist es wahrscheinlich auch<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> mit der in <i>England</i>
-zum Drehen der Bratspiesse gebrauchten Hunde-Rasse der Fall, und es ist
-bekannt, dass eben so das Amerikanische Ancon-Schaaf entstanden ist.
-Wenn wir aber das Rasse-Pferd mit dem Karrengaul, den Dromedar mit dem
-Kameel, die für Kulturland tauglichen mit den für Berg-Weide passenden
-Schaafe-Rassen, deren Wollen sich zu ganz verschiedenen Zwecken eignen,
-wenn wir die manchfaltigen Hunde-Rassen vergleichen, deren jede dem
-Menschen in einer anderen Weise dient, — wenn wir den im Kampfe so
-ausdauernden Streit-Hahn mit andern friedfertigen und trägen Rassen,
-welche „immer legen und niemals zu brüten verlangen“, oder mit dem so
-kleinen und zierlichen Bantam-Huhne vergleichen, — wenn wir endlich
-das Heer der Acker-, Obst-, Küchen- und Zier-Pflanzenrassen in’s Auge
-fassen, welche dem Menschen jede zu anderem Zwecke und in andrer
-Jahreszeit so nützlich oder für seine Augen so angenehm sind, so müssen
-wir uns doch wohl weiter nach den Ursachen solcher Veränderlichkeit
-umsehen. Wir können nicht annehmen, dass alle diese Varietäten auf
-einmal so vollkommen und so nutzbar entstanden seyen, wie wir sie jetzt
-vor uns sehen, und kennen in der That von manchen ihre Geschichte genau
-genug um zu wissen, dass Diess nicht der Fall gewesen. Der Schlüssel
-liegt in des Menschen <em class="gesperrt">accumulativem Wahl-Vermögen</em>, d.&#160;h. in
-seinem Vermögen, durch jedesmalige Auswahl derjenigen Individuen zur
-Nachzucht, welche die ihm erwünschten Eigenschaften im <em class="gesperrt">höchsten</em>
-Grade besitzen, diese Eigenschaften bei jeder Generation um einen
-wenn auch noch so unscheinbaren Betrag zu steigern. Die Natur liefert
-allmählich mancherlei Abänderungen; der Mensch befördert sie in
-gewissen ihm nützlichen Richtungen. In diesem Sinne kann man von ihm
-sagen, er schaffe sich nützliche Rassen.</p>
-
-<p>Die Macht dieses Züchtungs-Princips ist nicht hypothetisch; denn es
-ist gewiss, dass einige unserer ausgezeichnetsten Viehzüchter binnen
-einem Menschen-Alter mehre Rind- und Schaaf-Rassen in beträchtlichem
-Umfange modifizirt haben. Um das, was sie geleistet haben, in seinem
-ganzen Umfang zu würdigen, muss man einige von den vielen diesem
-Zwecke gewidmeten Schriften lesen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> und die Thiere selber sehen. —
-Züchter sprechen gewöhnlich von eines Thieres Organisation wie von
-einer ganz bildsamen Sache, die sie meistens völlig nach ihrem Gefallen
-modeln könnten. Wenn es der Raum gestattete, so würde ich viele
-Stellen von den sachkundigsten Gewährsmännern als Belege anführen.
-Y<span class="smaller">OUATT</span>, der wahrscheinlich besser als fast irgend ein Anderer
-mit den landwirthschaftlichen Werken bekannt und selbst ein sehr guter
-Beurtheiler eines Thieres war, sagt von diesem Züchtungs-Prinzip,
-es seye, „was den Landwirth befähige den Charakter seiner Heerde
-nicht allein zu modifiziren, sondern gänzlich zu ändern. Es ist der
-Zauberstab, mit dessen Hülfe er jede Form in’s Leben ruft, die ihm
-gefällt.“ Lord S<span class="smaller">OMERVILLE</span> sagt in Bezug auf das, was die
-Züchter hinsichtlich der Schaaf-Rassen geleistet: „Es ist, als hätten
-sie eine in sich vollkommene Form an die Wand gezeichnet und dann
-belebt“. Der erfahrenste Züchter, Sir J<span class="smaller">OHN</span> S<span class="smaller">EBRIGHT</span>, pflegte
-in Bezug auf die Tauben zu sagen: „er wolle eine ihm aufgegebene Feder
-in drei Jahren hervorbringen, bedürfe aber sechs Jahre, um Kopf und
-Schnabel zu erlangen“. In Sachsen ist die Wichtigkeit jenes Prinzips
-für die Merino-Zucht so anerkannt, dass die Leute es gewerbsmässig
-verfolgen. Die Schaafe werden auf einen Tisch gelegt und studirt,
-wie der Kenner ein Gemälde studirt. Dieses wird je nach Monatsfrist
-dreimal wiederholt, und die Schaafe werden jedesmal gezeichnet und
-klassifizirt, so dass nur die allerbesten zuletzt für die Nachzucht
-übrig bleiben.</p>
-
-<p>Was englische Züchter bis jetzt schon geleistet haben, geht aus den
-ungeheuren Preisen hervor, die man für Thiere bezahlt, die einen
-guten Stammbaum aufzuweisen haben, und diese hat man jetzt nach fast
-allen Weltgegenden ausgeführt. Diese Veredlung rührt im Allgemeinen
-keineswegs davon her, dass man verschiedene Rassen miteinander
-gekreutzt. All’ die besten Züchter sprechen sich streng gegen dieses
-Verfahren aus, es seye denn etwa zwischen einander nahe verwandten
-Unterrassen. Und hat eine solche Kreutzung stattgefunden, so ist die
-sorgfältigste Auswahl weit nothwendiger, als selbst in gewöhnlichen
-Fällen. Handelte es sich bei der Wahl nur darum, irgend welche<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> sehr
-auffallende Abänderungen auszusondern und zur Nachzucht zu verwenden,
-so wäre das Prinzip so handgreiflich, dass es sich kaum der Mühe
-lohnte, davon zu sprechen. Aber seine Wichtigkeit besteht in dem
-grossen Erfolg von Generation zu Generation fortgesetzter Häufung von
-dem ungeübten Auge ganz unkenntlichen Abänderungen in einer Richtung
-hin: Abänderungen, die ich, einfach genommen, vergebens wahrzunehmen
-gestrebt habe. Nicht ein Mensch unter Tausend hat ein hinreichend
-scharfes Auge und Urtheil, um ein ausgezeichneter Züchter zu werden.
-Ist er mit diesen Eigenschaften versehen, studirt seinen Gegenstand
-Jahre lang und widmet ihm seine ganze Lebenszeit mit ungeschwächter
-Beharrlichkeit, so wird er Erfolg haben und grosse Verbesserungen
-bewirken. Ermangelt er aber jener Eigenschaften, so wird er sicher
-nichts ausrichten. Es haben wohl nur Wenige davon eine Vorstellung, was
-für ein Grad von natürlicher Befähigung und wie viele Jahre Übung dazu
-gehören, um nur ein geschickter Tauben-Züchter zu werden.</p>
-
-<p>Die nämlichen Grundsätze werden beim Garten-Bau befolgt, aber die
-Abänderungen erfolgen oft plötzlicher. Doch glaubt niemand, dass
-unsere edelsten Garten-Erzeugnisse durch eine einfache Abänderung
-unmittelbar aus der wilden Urform entstanden seyen. In einigen Fällen
-können wir beweisen, dass Diess nicht geschehen ist, indem genaue
-Protokolle darüber geführt worden sind; um aber ein sehr treffendes
-Beispiel anzuführen, können wir uns auf die stetig zunehmende Grösse
-der Stachelbeeren beziehen. Wir nehmen eine erstaunliche Veredlung in
-manchen Zierblumen wahr, wenn man die heutigen Blumen mit Abbildungen
-vergleicht, die vor 20–30 Jahren davon gemacht worden sind. Wenn eine
-Pflanzen-Rasse einmal wohl ausgebildet worden ist, so entfernt der
-Samen-Züchter nicht die besten Pflanzen, sondern diejenigen aus den
-Saamen-Beeten, welche am weitesten von ihrer eigenthümlichen Form
-abweichen. Bei Thieren findet diese Art von Auswahl ebenfalls statt;
-denn kaum dürfte Jemand so sorglos seyn, seine schlechtesten Thiere zur
-Nachzucht zu verwenden.</p>
-
-<p>Bei den Pflanzen gibt es noch ein anderes Mittel das Maas der
-Wirkungen der Zuchtwahl zu beobachten, nämlich die Vergleichung<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> der
-Verschiedenheit der Blüthen in den mancherlei Varietäten einer Art im
-Blumen-Garten; der Verschiedenheit der Blätter, Hülsen, Knollen oder
-was sonst für Theile in Betracht kommen, im Küchen-Garten, gegenüber
-den Blüthen der nämlichen Varietäten; und der Verschiedenheit der
-Früchte bei den Varietäten einer Art im Obst-Garten, gegenüber den
-Blättern und Blüthen derselben Varietäten-Reihe. Wie verschieden
-sind die Blätter der Kohl-Sorten und wie ähnlich einander ihre
-Blüthen! wie unähnlich die Blüthen des Jelängerjeliebers und wie
-ähnlich die Blätter! wie sehr weichen die Früchte der verschiedenen
-Stachelbeer-Sorten in Grösse, Farbe, Gestalt und Behaarung von einander
-ab, während an den Blüthen nur ganz unbedeutende Verschiedenheiten zu
-bemerken sind! Nicht als ob die Varietäten, die in einer Beziehung
-weit auseinander, in andern gar nicht verschieden wären: Diess ist
-schwerlich je und (ich spreche nach sorgfältigen Beobachtungen)
-vielleicht niemals der Fall! Die Gesetze der Wechselbeziehungen des
-Wachsthums, deren Wichtigkeit nie übersehen werden sollte, werden immer
-einige Verschiedenheiten veranlassen; im Allgemeinen aber kann ich
-nicht zweifeln, dass die fortgesetzte Auswahl geringer Abänderungen in
-den Blättern, in den Blüthen oder in der Frucht solche Rassen erzeuge,
-welche hauptsächlich in diesen Theilen von einander abweichen.</p>
-
-<p>Man könnte einwenden, das Prinzip der Zuchtwahl seye erst seit kaum
-drei Vierteln eines Jahrhunderts zu planmässiger Anwendung gebracht
-worden; gewiss ist es erst seit den letzten Jahren mehr in Übung und
-sind viele Schriften darüber erschienen; die Ergebnisse sind in einem
-entsprechenden Grade immer rascher und erheblicher geworden. Es ist
-aber nicht entfernt wahr, dass dieses Prinzip eine neue Entdeckung
-seye. Ich kann mehre Beweise anführen, aus welchen sich die volle
-Anerkennung seiner Wichtigkeit schon in sehr alten Schriften ergibt.
-Selbst in den rohen und barbarischen Zeiten der <i>Englischen</i>
-Geschichte sind ausgesuchte Zucht-Thiere oft eingeführt und ist ihre
-Ausfuhr gesetzlich verboten worden; auch war die Zerstörung der Pferde
-unter einer gewissen Grösse angeordnet, was sich mit dem oben erwähnten
-Ausjäten der Pflanzen vergleichen lässt.<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Das Prinzip der Züchtung
-finde ich auch in einer alten <i>Chinesischen</i> Encyklopädie bestimmt
-angegeben. Bestimmte Regeln darüber sind bei einigen <i>Römischen</i>
-Klassikern niedergelegt. Aus einigen Stellen in der Genesis erhellt,
-dass man schon in jener frühen Zeit der Farbe der Hausthiere seine
-Aufmerksamkeit zugewendet hat. Wilde kreutzen noch jetzt zuweilen
-ihre Hunde mit wilden Hunde-Arten, um die Rasse zu verbessern, wie
-es nach P<span class="smaller">LINIUS</span>’ Zeugniss auch vormals geschehen ist. Die
-Wilden in <i>Süd-Afrika</i> spannen ihre Zug-Ochsen nach der Farbe
-zusammen, wie einige Esquimaux ihre Zug-Hunde. L<span class="smaller">IVINGSTONE</span>
-berichtet, wie hoch gute Hausthier-Rassen von den Negern im innern
-<i>Afrika</i>, welche nie mit Europäern in Berührung gewesen, geschätzt
-werden. Einige der angeführten Thatsachen sind zwar keine Belege für
-wirkliche Züchtung; aber sie zeigen, dass die Zucht der Hausthiere
-schon in älteren Zeiten ein Gegenstand der Bestrebung gewesen und es
-bei den rohesten Wilden noch jetzt ist. Es würde aber in der That doch
-befremden müssen, wenn sich bei der Züchtung die Aufmerksamkeit nicht
-sofort auf die Erblichkeit der so auffälligen guten und schlechten
-Eigenschaften gelenkt hätte.</p>
-
-<p>In jetziger Zeit versuchen es ausgezeichnete Züchter durch planmässige
-Wahl, mit einem bestimmten Ziel im Auge, neue Stämme oder Unterrassen
-zu bilden, die alles bis jetzt bei uns Vorhandene übertreffen sollen.
-Für unseren Zweck jedoch ist diejenige Art von Züchtung wichtiger,
-welche man die unbewusste nennen kann und welche ein Jeder in Anwendung
-bringt, der von den besten Thieren zu besitzen und nachzuziehen
-strebt. So wird Jemand, der einen guten Hühnerhund zu haben wünscht,
-zuerst möglichst gute Hunde zu erhalten suchen und hernach von den
-besten seiner eignen Hunde Nachzucht zu bekommen streben, ohne die
-Absicht oder die Erwartung zu haben, die Rasse hiedurch bleibend zu
-ändern. Demungeachtet zweifle ich nicht daran, dass, wenn er dieses
-Verfahren einige Jahrhunderte lang fortsetzte, er seine Rasse ändern
-und veredeln würde, wie B<span class="smaller">AKEWELL</span>, C<span class="smaller">OLLINS</span> u. A. durch
-ein gleiches und nur mehr planmässiges Verfahren schon während ihrer
-eigenen Lebens-Zeit die Formen<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> und Eigenschaften ihrer Rinder-Heerden
-wesentlich verändert haben. Langsame und unmerkliche Veränderungen
-dieser Art lassen sich nicht erkennen, wenn nicht wirkliche
-Ausmessungen oder sorgfältige Zeichnungen der fraglichen Rassen von
-Anfang her gemacht worden sind, welche zur Vergleichung dienen können;
-zuweilen kann man jedoch noch unveredelte oder wenig veränderte
-Individuen in solchen Gegenden auffinden, wo die Veredlung derselben
-ursprünglichen Rasse noch nicht oder nur wenig fortgeschritten ist. So
-hat man Grund zu glauben, dass König K<span class="smaller">ARL</span>’<span class="smaller">S</span> Jagdhund-Rasse<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>
-seit der Zeit dieses Monarchen unbewusster Weise beträchtlich
-verändert worden ist. Einige völlig sachkundige Gewährsmänner hegen
-die Überzeugung, dass der Spürhund in gerader Linie vom Jagdhund
-abstammt und wahrscheinlich durch langsame Veränderung aus demselben
-hervorgegangen ist. Es ist bekannt, dass der Vorstehehund im letzten
-Jahrhundert grosse Umänderung erfahren hat, und hier glaubt man seye
-die Umänderung hauptsächlich durch Kreutzung mit dem Fuchs-Hunde
-bewirkt worden; aber was uns berührt, das ist, dass diese Umänderung
-unbewusster und langsamer Weise geschehen und dennoch so beträchtlich
-ist, dass, obwohl der alte Vorstehehund gewiss aus <i>Spanien</i>
-gekommen, Herr B<span class="smaller">ORROW</span> mich doch versichert hat, in ganz
-<i>Spanien</i> keine einheimische Hunde-Rasse gesehen zu haben, die
-unserem Vorstehehund gliche.</p>
-
-<p>Durch ein gleiches Wahl-Verfahren und sorgfältige Aufzucht ist
-die ganze Masse der <i>Englischen</i> Rasse-Pferde dahin gelangt
-in Schnelligkeit und Grösse ihren <i>Arabischen</i> Urstamm zu
-übertreffen, so dass dieser letzte bei den Bestimmungen über die
-Goodwood-Rassen hinsichtlich des zu tragenden Gewichtes begünstigt<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
-werden musste. Lord S<span class="smaller">PENCER</span> u. A. haben gezeigt, dass in
-<i>England</i> das Rindvieh an Schwere und früher Reife gegen frühere
-Zeiten zugenommen. Vergleicht man die Nachrichten, welche in alten
-Tauben-Büchern über die Boten- und Purzel-Tauben enthalten sind, mit
-diesen Rassen, wie sie jetzt in <i>Britannien</i>, <i>Indien</i> und
-<i>Persien</i> vorkommen, so kann man, scheint mir, deutlich die Stufen
-verfolgen, welche sie allmählich zu durchlaufen hatten, um endlich so
-weit von der Felstaube abzuweichen.</p>
-
-<p>Y<span class="smaller">OUATT</span> gibt eine vortreffliche Erläuterung von den Wirkungen
-einer fortdauernden Züchtung, welche man in so ferne als unbewusste
-betrachten kann, als die Züchter nie das von ihnen erlangte
-Ergebniss selbst erwartet oder gewünscht haben können, nämlich die
-Erzielung zweier ganz verschiedener Stämme. Es sind die zweierlei
-<i>Leicestrer</i> Schaaf-Heerden, welche von Mr. B<span class="smaller">UCKLEY</span>
-und Mr. B<span class="smaller">URGESS</span> seit etwas über 50 Jahren lediglich aus dem
-B<span class="smaller">AKEWELL</span>’schen Urstamme gezüchtet worden. Unter Allen, welche
-mit der Sache bekannt sind, glaubt Niemand von Ferne daran, dass
-die beiden Eigner dieser Heerden dem reinen B<span class="smaller">AKEWELL</span>’schen
-Stamme jemals fremdes Blut beigemischt hätten, und doch ist jetzt die
-Verschiedenheit zwischen deren Heerden so gross, dass man glaubt ganz
-verschiedene Rassen zu sehen.</p>
-
-<p>Gäbe es Wilde so barbarisch, dass sie keine Vermuthung von der
-Erblichkeit des Charakters ihrer Hausthiere hätten, so würden sie doch
-jedes ihnen zu einem besondern Zwecke vorzugsweise nützliche Thier
-während Hungersnoth und anderen Unglücks-Fällen sorgfältig zu erhalten
-bedacht seyn, und ein derartig auserwähltes Thier würde mithin mehr
-Nachkommenschaft als ein anderes von geringerem Werthe hinterlassen,
-so dass schon auf diese Weise eine Auswahl zur Züchtung stattfände.
-Welchen Werth selbst die Barbaren des Feuerlandes auf ihre Thiere
-legen, sehen wir, wenn sie in Zeiten der Noth lieber ihre alten Weiber
-als ihre Hunde verzehren, weil ihnen diese nützlicher sind als jene.</p>
-
-<p>Bei den Pflanzen kann man dasselbe stufenweise Veredlungs-Verfahren in
-der gelegentlichen Erhaltung der besten Individuen wahrnehmen, mögen
-sie nun hinreichend oder nicht genügend verschieden seyn, um bei ihrem
-ersten Erscheinen schon als<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> eine eigene Varietät zu gelten; mögen sie
-aus der Kreutzung von zwei oder mehr Rassen oder Arten hervorgegangen
-seyn. Wir erkennen Diess klar aus der zunehmenden Grösse und Schönheit
-der Blumen von Jelängerjelieber, Dahlien, Pelargonien, Rosen u.&#160;a.
-Pflanzen im Vergleich zu den älteren Varietäten von denselben Arten.
-Niemand wird erwarten eine Jelängerjelieber oder Dahlie erster Qualität
-aus dem Samen einer wilden Pflanze zu erhalten, oder eine Schmelzbirne
-erster Sorte aus dem Samen einer wilden Birne zu erziehen, obwohl es
-von einem wild-gewachsenen Sämlinge der Fall seyn könnte, welcher
-von einer im Garten gebildeten Varietät entstammte. Die schon in der
-klassischen Zeit kultivirte Birne scheint nach P<span class="smaller">linius</span>’
-Bericht eine Frucht von sehr untergeordneter Qualität gewesen zu
-seyn. Ich habe in Gartenbau-Schriften den Ausdruck grossen Erstaunens
-über die wunderbare Geschicklichkeit von Gärtnern gelesen, die aus
-dürftigem Material so glänzende Erfolge geärndet; aber ihre Kunst war
-ohne Zweifel einfach und, wenigstens in Bezug auf das End-Ergebniss,
-eine unbewusste. Sie bestand nur darin, dass sie die jederzeit beste
-Varietät wieder aussäeten und, wenn dann zufällig eine neue etwas
-bessere Abänderung zum Vorschein kam, nun diese zur Nachzucht wählten
-u.&#160;s.&#160;w. Aber die Gärtner der klassischen Zeit, welche die beste Birne,
-die sie erhalten konnten, nachzogen, dachten nie daran, was für eine
-herrliche Frucht wir einst essen würden; und doch schulden wir dieses
-treffliche Obst in geringem Grade wenigstens dem Umstande, dass schon
-sie begonnen haben, die besten Varietäten auszuwählen und zu erhalten.</p>
-
-<p>Der grosse Umfang von Veränderungen, die sich in unseren
-Kultur-Pflanzen langsamer und unbewusster Weise angehäuft haben,
-erklärt die wohl-bekannte Thatsache, dass wir in den meisten Fällen die
-wilde Mutterpflanze nicht wieder erkennen und daher nicht anzugeben
-vermögen, woher die am längsten in unseren Blumen- und Küchen-Gärten
-angebauten Pflanzen abstammen. Wenn es aber Hunderte oder Tausende von
-Jahren bedurft hat, um unsre Kultur-Pflanzen bis auf deren jetzige
-dem Menschen so nützliche Stufe zu veredeln, so wird es uns auch
-begreiflich, warum weder <i>Australien</i>, noch das <i>Kap der guten
-Hoffnung</i> oder irgend<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> eine andre von ganz unzivilisirten Menschen
-bewohnte Gegend uns eine der Kultur werthe Pflanze geboten hat. Nicht
-als ob diese an Pflanzen so reichen Gegenden in Folge eines eigenen
-Zufalles gar nicht mit Urformen nützlicher Pflanzen von der Natur
-versehen worden wären; sondern ihre einheimischen Pflanzen sind nur
-nicht durch unausgesetzte Züchtung bis zu einem Grade veredelt worden,
-welcher mit dem der Pflanzen in den schon längst kultivirten Ländern
-vergleichbar wäre.</p>
-
-<p>Was die Hausthiere nicht zivilisirter Völker betrifft, so darf man
-nicht übersehen, dass diese in der Regel, zu gewissen Jahreszeiten
-wenigstens, um ihre eigene Nahrung zu kämpfen haben. In zwei sehr
-verschieden beschaffenen Gegenden können Individuen von einerlei
-Organismen-Art aber zweierlei Bildung und Thätigkeit der Organe oft
-die einen in der ersten und die andern in der zweiten Gegend besser
-fortkommen und dann durch eine Art natürlicher Züchtung, wie nachher
-weiter erklärt werden soll, zwei Unterrassen bilden. Diess erklärt
-vielleicht zum Theile, was einige Gewährsmänner von den Thier-Rassen
-der Wilden berichten, dass dieselben mehr die Charaktere besonderer
-Species an sich tragen, als die bei zivilisirten Völkern gehaltenen
-Abänderungen.</p>
-
-<p>Nach der hier aufgestellten Ansicht von dem äusserst wichtigen
-Einflusse, den die Züchtung des Menschen geübt, erklärt es sich auch
-wie es komme, dass unsre veredelten Rassen sich in Struktur und
-Lebensweise so an die Bedürfnisse und Launen des Menschen anpassen. Es
-lassen sich daraus ferner, wie ich glaube, der so oft abnorme Charakter
-unsrer veredelten Rassen und die gewöhnlich äusserlich so grossen, in
-innern Theilen oder Organen aber verhältnissmässig so unbedeutenden
-Verschiedenheiten derselben begreifen. Denn der Mensch kann kaum
-oder nur sehr schwer andre als äusserlich sichtbare Abweichungen der
-Struktur bei seiner Auswahl beachten, und er bekümmert sich in der
-That nur selten um das Innere. Er kann durch Wahl nur auf solche
-Abänderungen verfallen, welche ihm von der Natur selbst in anfänglich
-schwachem Grade dargeboten werden. So würde niemals Jemand versuchen
-eine Pfauentaube zu machen, wenn er nicht zuvor schon eine Taube mit
-einem in etwas unregelmässiger<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Weise entwickelten Schwanz gesehen
-hätte, oder einen Kröpfer zu züchten, ehe er eine Taube mit einem
-grösseren Kropfe gefunden. Je eigenthümlicher und ungewöhnlicher ein
-Charakter bei dessen erster Wahrnehmung erscheint, desto mehr wird
-derselbe die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch wäre der Ausdruck
-„Versuchen eine Pfauentaube zu machen“ in den meisten Fällen äusserst
-unangemessen. Denn der, welcher zuerst eine Taube mit einem etwas
-stärkeren Schwanz zur Nachzucht ausgewählt, hat sich gewiss nicht
-träumen lassen, was aus den Nachkommen dieser Taube durch theils
-unbewusste und theils planmässige Züchtung werden könne. Vielleicht
-hat der Stammvater aller Pfauentauben nur vierzehn etwas ausgebreitete
-Schwanz-Federn gehabt, wie die jetzige <i>Javanesische</i> Pfauentaube
-oder wie Individuen von verschiedenen andren Rassen, an welchen man bis
-zu 17 Schwanz-Federn gezählt hat. Vielleicht hat die erste Kropftaube
-ihren Kropf nicht stärker aufgeblähet, als es jetzt die Möventaube
-mit dem oberen Theile des Schlundes zu thun pflegt, eine Gewohnheit,
-welche bei allen Tauben-Liebhabern unbeachtet bleibt, weil sie keinen
-Gesichtspunkt für ihre Züchtung abgibt.</p>
-
-<p>Es lässt sich nicht annehmen, dass es erst einer grossen Abweichung
-in der Struktur bedürfe, um den Blick des Liebhabers auf sich zu
-ziehen; er nimmt äusserst kleine Verschiedenheiten wahr, und es ist
-in des Menschen Art begründet, auf eine wenn auch geringe Neuigkeit
-in seinem eigenen Besitze Werth zu legen. Auch ist der anfangs auf
-geringe individuelle Abweichungen bei einer Art gelegte Werth nicht
-mit demjenigen zu vergleichen, welcher denselben Verschiedenheiten
-beigelegt wird, wenn einmal mehre reine Rassen dieser Art
-hergestellt sind. Manche geringe Abänderungen mögen unter solchen
-Tauben vorgekommen seyn und noch vorkommen, welche als fehlerhafte
-Abweichungen vom vollkommenen Typus einer jeden Rasse zurückgeworfen
-worden. Die gemeine Gans hat keine auffallende Varietät geliefert,
-daher die Thoulouse- und die gewöhnliche Rasse, welche nur in der Farbe
-als dem biegsamsten aller Charaktere verschieden sind, bei unseren
-Geflügel-Ausstellungen für verschiedene Arten ausgegeben wurden.</p>
-
-<p>Diese Ansichten mögen ferner eine zuweilen gemachte Bemerkung<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
-erklären, dass wir nämlich nichts über die Entstehung oder Geschichte
-einer unsrer veredelten Rassen wissen. Denn man kann von einer Rasse,
-so wie von einem Sprach-Dialekte, in Wirklichkeit schwerlich sagen,
-dass sie einen bestimmten Anfang gehabt habe. Es pflegt jemand
-und gebraucht zur Züchtung irgend ein Einzelwesen mit geringen
-Abweichungen des Körper-Baues, oder er verwendet mehr Sorgfalt als
-gewöhnlich darauf, seine besten Thiere mit einander zu paaren; er
-verbessert dadurch seine Zucht und die verbesserten Thiere verbreiten
-sich unmittelbar in der Nachbarschaft. Da sie aber bis jetzt noch
-schwerlich einen besonderen Namen haben und sie noch nicht sonderlich
-geschätzt sind, so achtet niemand auf ihre Geschichte. Wenn sie dann
-durch dasselbe langsame und stufenweise Verfahren noch weiter veredelt
-worden, breiten sie sich immer weiter aus und werden jetzt als etwas
-Ausgezeichnetes und Werthvolles anerkannt und erhalten wahrscheinlich
-nun erst einen Provinzial-Namen. In halb-zivilisirten Gegenden mit
-wenig freiem Verkehr mag die Ausbreitung und Anerkennung einer neuen
-Unterrasse ein langsamer Vorgang seyn. Sobald aber die einzelnen
-werthvolleren Eigenschaften der neuen Unterrasse einmal vollständig
-anerkannt sind, wird das von mir sogenannte Prinzip der unbewussten
-Züchtung langsam und unaufhörlich — wenn auch mehr zu einer als zur
-andern Zeit, je nachdem eine Rasse in der Mode steigt oder fällt,
-und vielleicht mehr in einer Gegend als in der andern, je nach der
-Zivilisations-Stufe ihrer Bewohner — auf die Vervollkommnung der
-charakteristischen Eigenschaften der Rasse hinwirken, welcher Art
-sie nun seyn mögen. Aber es ist unendlich wenig Aussicht vorhanden,
-einen geschichtlichen Bericht von solchen langsam wechselnden und
-unmerklichen Veränderungen zu erhalten.</p>
-
-<p>Ich habe nun einige Worte über die für die künstliche Züchtung
-günstigen oder ungünstigen Umstände zu sagen. Ein hoher Grad von
-Veränderlichkeit ist insoferne offenbar günstig, als er ein reicheres
-Material zur Auswahl für die Züchtung liefert. Doch nicht als ob
-bloss individuelle Verschiedenheiten nicht vollkommen genügten,
-um mit äusserster Sorgfalt durch Häufung endlich eine<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> bedeutende
-Umänderung in fast jeder beliebigen Richtung zu erwirken. Da aber
-solche dem Menschen offenbar nützliche oder gefällige Variationen
-nur zufällig vorkommen, so muss die Aussicht auf deren Erscheinen
-mit der Anzahl der gepflegten Individuen zunehmen, und so wird eine
-Vielzahl dieser letzten von höchster Wichtigkeit für den Erfolg.
-Mit Rücksicht auf dieses Prinzip hat M<span class="smaller">ARSCHALL</span> über die
-Schaafe in einigen Theilen von <i>Yorkshire</i> gesagt, dass, weil
-sie gewöhnlich nur armen Leuten gehören und meistens in kleine Loose
-vertheilt sind, sie nie veredelt werden können. Auf der andern Seite
-haben Handelsgärtner, welche alle Pflanzen in grossen Massen erziehen,
-gewöhnlich mehr Erfolg als die blossen Liebhaber in Bildung neuer
-und werthvoller Varietäten. Die Haltung einer grossen Anzahl von
-Einzelwesen einer Art in einer Gegend verlangt, dass man diese Species
-in günstige Lebens-Bedingungen versetze, so dass sie sich in dieser
-Gegend freiwillig fortpflanze. Sind nur wenige Individuen einer Art
-vorhanden, so werden sie gewöhnlich alle, wie auch ihre Beschaffenheit
-seyn mag, zur Nachzucht verwendet, und Diess hindert ihre Auswahl.
-Aber wahrscheinlich der wichtigste Punkt von allen ist, dass das Thier
-oder die Pflanze für den Besitzer so nützlich oder so hoch gewerthet
-sey, dass er die genaueste Aufmerksamkeit auf jede auch die geringste
-Abänderung in den Eigenschaften und dem Körper-Baue eines jeden
-Individuums verwende. Ist Diess nicht der Fall, so ist auch nichts zu
-erwirken. Ich habe es als wesentlich hervorheben sehen, es seye ein
-sehr glücklicher Zufall gewesen, dass die Erdbeere gerade zu variiren
-begann, als Gärtner diese Pflanze näher zu beobachten anfingen.
-Zweifelsohne hatte die Erdbeere immer variirt, seitdem sie angepflanzt
-worden; aber man hatte die geringen Abänderungen vernachlässigt. Als
-jedoch Gärtner später die Pflanzen mit etwas grösseren, früheren oder
-besseren Früchten heraushoben, Sämlinge davon erzogen und dann wieder
-die besten Sämlinge und deren Abkommen zur Nachzucht verwendeten, da
-lieferte diese, unterstützt durch die Kreutzung mit andern Arten, die
-vielen bewundernswerthen Varietäten, welche in den letzten 30–40 Jahren
-erzielt worden sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
-
-<p>Was Thiere getrennten Geschlechtes betrifft, so hat die Leichtigkeit,
-womit ihre Kreutzung gehindert werden kann, einen wichtigen Antheil an
-dem Erfolge in Bildung neuer Rassen, in einer Gegend wenigstens, welche
-bereits mit anderen Rassen besetzt ist. Dazu kann die Einschliessung
-des Landes in Betracht kommen. Wandernde Wilde oder die Bewohner
-offner Ebenen besitzen selten mehr als eine Rasse derselben Art. Man
-kann zwei Tauben lebenslänglich zusammen-paaren, und Diess ist eine
-grosse Bequemlichkeit für den Liebhaber, weil er viele Vollblut-Rassen
-im nämlichen Vogelhause beisammen erziehen kann. Dieser Umstand hat
-gewiss die Bildung und Veredlung neuer Rassen sehr befördert. Ich will
-noch beifügen, dass man die Tauben sehr rasch und in grosser Anzahl
-vermehren und die schlechten Vögel leicht beseitigen kann, weil sie
-getödtet zur Speise dienen. Auf der andern Seite lassen sich Katzen
-ihrer nächtlichen Wanderungen wegen nicht zusammen-paaren, daher
-man auch, trotzdem dass Frauen und Kinder sie gerne haben, selten
-eine neue Rasse aufkommen sieht; solche Rassen, wenn wir dergleichen
-jemals sehen, sind immer aus anderen Gegenden und zumal aus Inseln
-eingeführt. Obwohl ich nicht bezweifle, dass einige Hausthiere weniger
-als andre variiren, so wird doch die Seltenheit oder der gänzliche
-Mangel verschiedener Rassen bei Katze, Esel, Perlhuhn, Gans u.&#160;s.&#160;w.
-hauptsächlich davon herrühren, dass keine Züchtung bei ihnen in
-Anwendung gekommen ist: bei Katzen, wegen der Schwierigkeit sie
-zu paaren; bei Eseln, weil sie bei uns nur in geringer Anzahl von
-armen Leuten gehalten werden, welche auf ihre Züchtung wenig achten;
-wogegen dieses Thier in einigen Theilen von <i>Spanien</i> und den
-<i>Vereinten Staaten</i> durch sorgfältige Züchtung in erstaunlicher
-Weise abgeändert und veredelt worden ist; — bei Perlhühnern, weil sie
-nicht leicht aufzuziehen und eine grosse Zahl nicht beisammen gehalten
-wird; bei Gänsen, weil sie nur zu zwei Zwecken dienen mittelst ihrer
-Federn und ihres Fleisches, welche noch nicht zur Züchtung neuer
-Rassen gereitzt haben; doch scheint die Gans auch eine eigenthümlich
-unbiegsame Organisation zu besitzen.</p>
-
-<p>Versuchen wir das über die Entstehung unsrer Hausthier-<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> und
-Kulturpflanzen-Rassen Gesagte zusammenzufassen. Ich glaube, dass
-die äusseren Lebens-Bedingungen wegen ihrer Einwirkung auf das
-Reproduktiv-System von der höchsten Wichtigkeit für die Entstehung
-von Abänderungen sind. Ich glaube aber nicht, dass Veränderlichkeit
-als eine inhärente und nothwendige Eigenschaft allen organischen
-Wesen unter allen Umständen zukomme, wie einige Schriftsteller
-angenommen haben. Die Wirkungen der Veränderlichkeit werden in
-verschiedenem Grade modifizirt durch Vererblichkeit und Rückkehr. Sie
-wird durch viele unbekannte Gesetze geleitet, insbesondre aber durch
-das der Wechselbeziehungen des Wachsthums. Einiges mag der direkten
-Einwirkung der äusseren Lebens-Bedingungen, Manches dem Gebrauche
-und Nichtgebrauche der Organe zugeschrieben werden. Dadurch wird
-das End-Ergebniss ausserordentlich verwickelt. Ich bezweifle nicht,
-dass in einigen Fällen die Kreutzung ursprünglich verschiedener
-Arten einen wesentlichen Antheil an der Bildung unserer veredelten
-Erzeugnisse gehabt habe. Wenn in einer Gegend einmal mehre veredelte
-Rassen vorhanden gewesen sind, so hat ihre gelegentliche Kreutzung
-mit Hilfe der Wahl zweifelsohne mächtig zur Bildung neuer Rassen
-mitwirken können; aber die Wichtigkeit der Varietäten-Mischung ist,
-wie ich glaube, sehr übertrieben worden sowohl in Bezug auf die
-Thiere wie auf die Pflanzen, die sich aus Saamen verjüngten. Bei
-solchen Pflanzen dagegen, welche zeitweise durch Stecklinge, Knospen
-u.&#160;s.&#160;w. fortgepflanzt werden, ist die Wichtigkeit der Kreutzung
-zwischen Arten wie Varietäten unermesslich, weil der Pflanzenzüchter
-hier die ausserordentliche Veränderlichkeit sowohl der Bastarde als
-der Blendlinge ganz ausser Acht lässt; doch haben die Fälle, wo
-Pflanzen nicht aus Saamen fortgepflanzt werden, wenig Bedeutung für
-uns, weil ihre Dauer nur vorübergehend ist. Aber die über alle diese
-Änderungs-Ursachen bei weitem vorherrschende Kraft ist nach meiner
-Überzeugung die fortdauernd anhäufende Züchtung, mag sie nun planmässig
-und schnell, oder unbewusst und allmählicher aber wirksamer in
-Anwendung kommen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br />
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-<b>Abänderung im Natur-Zustande.</b></h2>
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-<p class="s5 hang1 mbot2">Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten.
-Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am
-meisten. Arten grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren
-mehr, als die der kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen
-gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit
-einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.</p>
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-<p>Ehe wir von den Prinzipien, zu welchen wir im vorigen Kapitel
-gelangten, Anwendung auf die organischen Wesen im Natur-Zustande
-machen, müssen wir kürzlich untersuchen, in wieferne diese letzten
-veränderlich sind oder nicht. Um diesen Gegenstand angemessen zu
-behandeln, müsste ich ein langes Verzeichniss trockner Thatsachen
-aufstellen; doch will ich diese für mein künftiges Werk versparen.
-Auch will ich nicht die verschiedenen Definitionen erörtern, welche
-man von dem Worte „Species“ gegeben hat. Keine derselben hat bis jetzt
-alle Naturforscher befriedigt. Gewöhnlich schliesst die Definition
-ein unbekanntes Element von einem besondren Schöpfungs-Akte ein. Der
-Ausdruck „Varietät“ ist eben so schwer zu definiren; gemeinschaftliche
-Abstammung ist meistens mit einbedungen, obwohl so selten erweislich.
-Auch hat man von Monstrositäten gesprochen, die aber stufenweise in
-die Varietäten übergehen. Unter einer „Monstrosität“ versteht man
-nach meiner Meinung irgend eine beträchtliche Abweichung der Struktur
-in einem einzelnen Theile, welche der Art entweder nachtheilig oder
-doch nicht nützlich ist und sich gewöhnlich nicht vererbt. Einige
-Schriftsteller gebrauchen noch den Ausdruck „Variation“ in einem
-technischen Sinne, um Abänderungen durch die unmittelbare Einwirkung
-äussrer Lebens-Bedingungen zu bezeichnen, und die Variationen
-dieser Art gelten nicht für erblich. Doch, wer kann behaupten, dass
-die zwergartige Beschaffenheit der Konchylien im Brackwasser des
-<i>Baltischen Meeres</i>, oder die verringerte Grösse der Pflanzen auf
-den Höhen der Alpen, oder der dichtere Pelz eines Thieres in höheren
-Breiten nicht auf wenigstens einige Generationen vererblich seye? und
-in diesem<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Falle würde man, glaube ich, die Form eine „Varietät“ nennen.</p>
-
-<p>Es mag wohl zweifelhaft seyn, ob Monstrositäten oder solche plötzliche
-und grosse Abweichungen der Struktur, wie wir sie zuweilen in unsren
-gezähmten Rassen, zumal unter den Pflanzen auftauchen sehen, sich
-im Natur-Zustande stetig fortpflanzen können. Monstrositäten sind
-zur Unfruchtbarkeit geneigt, und gewöhnlich steht jeder Theil eines
-organischen Wesens wenigstens bei den Thieren in einer so schönen
-Beziehung zu den gesammten Lebens-Bedingungen, dass es eben so
-unwahrscheinlich ist, dass irgend ein Theil auf einmal in seiner
-ganzen Vollkommenheit erschienen seye, als dass ein Mensch irgend eine
-zusammengesetzte Maschine sogleich in vollkommenem Zustande erfunden
-habe. Es ist mir wenigstens nicht gelungen, im Natur-Zustande gute
-Beispiele von Arten zu finden, welche den Abänderungen der Struktur
-in den Monstrositäten ihrer Verwandten entsprächen. Wenn dergleichen
-vorgekommen sind, so muss ihre Fortpflanzung durch ihre Nützlichkeit
-bedingt gewesen seyn, so dass mithin Natürliche Züchtung dabei
-mitwirkte. Man kennt viele Pflanzen, welche an verschiedenen Zweigen,
-oder am Umfange, oder in der Mitte ihres Blüthenstandes Blüthen von
-ganz abweichender Beschaffenheit tragen; und wenn diese Pflanzen
-aufhören sollten, Blüthen der einen Art zu tragen, so dürfte wohl
-plötzlich eine bedeutende Veränderung im Art-Charakter eintreten. Doch
-scheint gerade in einigen dieser Fälle die Entstehung von zweierlei
-Blüthen stufenweise vor sich gegangen zu seyn; denn wir finden in
-gewissen Campanula- und Viola-Arten Mittelstufen zwischen den zweierlei
-Hauptzuständen der Blüthe einer und der nämlichen Pflanze.</p>
-
-<p>Was anderseits aber die kultivirten Pflanzen betrifft, so ist in den
-wenigen bekannten Fällen, wo eine Varietät Blüthen oder Früchte von
-zweierlei Beschaffenheit hervorzubringen pflegt, die Entstehung dieser
-Varietät eine plötzliche gewesen.</p>
-
-<p>Dagegen gibt es manche geringe Verschiedenheiten, welche man als
-individuelle bezeichnen kann, da man von ihnen weiss, dass sie oft
-unter den Abkömmlingen von einerlei Ältern vorkommen,<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> oder unter
-solchen die wenigstens dafür gelten, weil sie zur nämlichen Art gehören
-und auf begrenztem Raume nahe beisammen wohnen. Niemand unterstellt,
-dass alle Individuen einer Art genau nach demselben Model gebildet
-seyen. Diese individuellen Verschiedenheiten sind nun gerade sehr
-wichtig für uns, theils weil sie oft ererbt sind, wie wohl Jedermann
-schon zu beobachten Gelegenheit hatte, und theils weil sie der
-Natürlichen Züchtung Stoff zur Häufung liefern, wie der Mensch in
-seinen kultivirten Rassen individuelle Verschiedenheiten in gegebener
-Richtung zusammenhäuft. Diese individuellen Verschiedenheiten betreffen
-in der Regel nur die in den Augen des Naturforschers unwesentlichen
-Theile; ich könnte jedoch aus einer langen Liste von Thatsachen
-nachweisen, dass auch Theile, die man aus dem physiologischen wie aus
-dem klassifikatorischen Gesichtspunkte als wesentliche bezeichnen
-muss, zuweilen bei den Individuen von einerlei Art variiren. Ich
-bin überzeugt, dass die erfahrensten Naturforscher erstaunt seyn
-würden über die Menge von Fällen möglicher Abänderungen sogar in
-wichtigen Theilen des Körpers, die ich im Laufe der Jahre nach guten
-Gewährsmännern zusammengetragen habe. Man muss sich aber auch dabei
-noch erinnern, dass Systematiker nicht erfreut sind Veränderlichkeit
-in wichtigen Charakteren zu entdecken, und dass es nicht viele Leute
-gibt, die ein Vergnügen daran fänden, innre wichtige Organe sorgfältig
-zu untersuchen und in vielen Exemplaren einer und der nämlichen Art
-mit einander zu vergleichen. So hätte ich nimmer erwartet, dass die
-Verzweigungen des Hauptnerven dicht am grossen Zentralnervenknoten
-eines Insektes in der nämlichen Species abändern könne, sondern hätte
-vielmehr gedacht, Veränderungen dieser Art könnten nur langsam und
-stufenweise eintreten. Und doch hat Mr. L<span class="smaller">UBBOCK</span> kürzlich
-an Coccus einen Grad von Veränderlichkeit an diesen Hauptnerven
-nachgewiesen, welcher zumeist an die unregelmässige Verzweigung eines
-Baumstamms erinnert. Ebenso hat dieser ausgezeichnete Naturforscher
-ganz kürzlich gezeigt, dass die Muskeln in den Larven gewisser
-Insekten von Gleichförmigkeit weit entfernt sind. Die Schriftsteller
-bewegen sich oft in einem<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Zirkelschluss, wenn sie behaupten, dass
-wichtige Organe nicht variiren; denn dieselben Schriftsteller zählen
-praktisch diejenigen Organe zu den wichtigen (wie einige wenige ehrlich
-genug sind zu gestehen), welche nicht variiren, und unter dieser
-Voraussetzung kann dann allerdings niemals ein Beispiel von einem
-variirenden wichtigen Organe angeführt werden; aber von einem andern
-Gesichtspunkte aus lassen sich deren viele aufzählen.</p>
-
-<p>Mit den individuellen Verschiedenheiten steht noch ein andrer Punkt
-in Verbindung, der mir sehr verwirrend zu seyn scheint; ich will
-nämlich von den Sippen reden, die man zuweilen „proteische“ oder
-„polymorphe“ genannt hat, weil deren Arten ein ungeordnetes Maass
-von Veränderlichkeit zeigen, so dass kaum zwei Naturforscher darüber
-einig werden können, welche Formen als Arten und welche als Varietäten
-zu betrachten seyen. Man kann Rubus, Rosa, Hieracium unter den
-Pflanzen, mehre Insekten- und Brachiopoden-Sippen unter den Thieren
-als Beispiele anführen. In den meisten dieser polymorphen Sippen haben
-einige Arten feste und bestimmte Charaktere. Sippen, welche in einer
-Gegend polymorph sind, scheinen es mit einigen wenigen Ausnahmen auch
-in andern Gegenden zu seyn und, nach den Brachiopoden zu urtheilen,
-in früheren Zeiten gewesen zu seyn. Diese Thatsachen nun scheinen in
-soferne geeignet Verwirrung zu bewirken, als sie zeigen, dass diese
-Art von Veränderlichkeit unabhängig von den Lebens-Bedingungen ist.
-Ich bin zu vermuthen geneigt, dass wir in diesen polymorphen Sippen
-Veränderlichkeit nur in solchen Struktur-Verhältnissen begegnen,
-welche der Art weder nützlich noch schädlich sind und daher bei der
-Natürlichen Züchtung nicht berücksichtigt und befestigt worden sind,
-wie nachher erläutert werden soll.</p>
-
-<p>Diejenigen Formen, welche zwar einen schon etwas mehr entwickelten
-Art-Charakter besitzen, aber andren Formen so ähnlich oder durch
-Mittelstufen so enge verkettet sind, dass die Naturforscher sie nicht
-als besondre Arten aufführen wollen, sind in mehren Beziehungen die
-wichtigsten für uns. Wir haben allen Grund zu glauben, dass viele
-von diesen zweifelhaften und eng-verwandten Formen ihre Charaktere
-in ihrer Heimath-Gegend<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> lange Zeit beharrlich behauptet haben, lang
-genug um sie für gute und ächte Species zu halten. Praktisch genommen
-pflegt ein Naturforscher, welcher zwei Formen durch Zwischenglieder
-mit einander verbinden kann, die eine als eine Varietät der anderen
-gewöhnlichern oder zuerst beschriebenen zu behandeln. Zuweilen treten
-aber sehr schwierige Fälle, die ich hier nicht aufzählen will, bei
-Entscheidung der Frage ein, ob eine Form als Varietät der anderen
-anzusehen seye oder nicht, sogar wenn beide durch Zwischenglieder
-enge miteinander verkettet sind; auch die gewöhnliche Annahme, dass
-diese Zwischenglieder Bastarde seyen, will nicht immer genügen um
-die Schwierigkeit zu beseitigen. In sehr vielen Fällen jedoch wird
-eine Form als eine Varietät der andern erklärt, nicht weil die
-Zwischenglieder wirklich gefunden worden, sondern weil Analogie den
-Beobachter verleitet anzunehmen, entweder dass sie noch irgendwo
-vorhanden sind, oder dass sie früher vorhanden gewesen sind; und damit
-ist dann Zweifeln und Vermuthungen eine weite Thüre geöffnet.</p>
-
-<p>Wenn es sich daher um die Frage handelt, ob eine Form als Art oder als
-Varietät zu bestimmen seye, scheint die Meinung der Naturforscher von
-gesundem Urtheil und reicher Erfahrung der einzige Führer zu bleiben.
-Gleichwohl können wir in vielen Fällen uns nur auf eine Majorität der
-Meinungen berufen; denn es lassen sich nur wenige wohl-bezeichnete und
-wohl-bekannte Varietäten namhaft machen, die nicht schon bei wenigstens
-einem oder dem anderen sachkundigen Richter als Species gegolten hätte.</p>
-
-<p>Dass Varietäten von so zweifelhafter Natur keinesweges selten
-seyen, kann nicht in Abrede gestellt werden. Man vergleiche
-die von verschiedenen Botanikern geschriebenen Floren von
-<i>Grossbritannien</i>, <i>Frankreich</i> oder den <i>Vereinten
-Staaten</i> mit einander und sehe, was für eine erstaunliche Anzahl von
-Formen von dem einen Naturforscher als gute Arten und von dem andern
-als blosse Varietäten angesehen werden. Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span>,
-welchem ich zur innigsten Erkenntlichkeit für Unterstützung aller
-Art verbunden bin, hat mir 182 <i>Britische</i> Pflanzen bezeichnet,
-welche gewöhnlich als Varietäten eingereiht werden, aber auch<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> schon
-alle von Botanikern für Arten erklärt worden sind; dabei hat er noch
-manche leichtere aber auch schon von einem oder dem anderen Botaniker
-als Art aufgenommene Varietät übergangen und einige sehr polymorphe
-Sippen gänzlich ausser Acht gelassen. Unter Sippen, welche die am
-meisten polymorphen Formen enthalten, führt B<span class="smaller">ABINGTON</span> 251,
-B<span class="smaller">ENTHAM</span> dagegen nur 112 Arten auf, ein Unterschied von
-139 zweifelhaften Formen! Unter den Thieren, welche sich zu jeder
-Paarung vereinigen und sehr ortwechselnd sind, können dergleichen
-zweifelhafte zwischen Art und Varietät schwankende Formen nicht so
-leicht in einer Gegend beisammen vorkommen, sind aber in getrennten
-Gebieten nicht selten. Wie viele dieser <i>Nordamerikanischen</i>
-und <i>Europäischen</i> Insekten und Vögel sind von dem einen
-ausgezeichneten Naturforscher als unzweifelhafte Art und von dem
-anderen als Varietät oder sogenannte klimatische Rasse bezeichnet
-worden! Als ich vor vielen Jahren die Vögel von den einzelnen Inseln
-der <i>Galapagos</i>-Gruppe mit einander verglich und Andre sie
-vergleichen sah, war ich sehr darüber erstaunt, wie gänzlich schwankend
-und willkürlich der Unterschied zwischen Art und Varietät ist. Auf den
-Inselchen der kleinen <i>Madeira</i>-Gruppe kommen viele Insekten vor,
-welche in W<span class="smaller">OLLASTONS</span> bewundernswürdigem Werke als Varietäten
-charakterisirt sind, die aber ohne allen Zweifel von vielen Entomologen
-als besondre Arten aufgestellt werden würden. Selbst <i>Irland</i>
-besitzt einige wenige jetzt allgemein als Varietäten angesehene
-Thiere, die aber von einigen Naturforschern für Arten erklärt
-worden sind. Einige sehr erfahrene Ornithologen betrachten unser
-<i>Britisches</i> Rothhuhn (Lagopus) nur als eine scharf bezeichnete
-Rasse der <i>Norwegischen</i> Art, während die meisten solche für eine
-unzweifelhaft eigenthümliche Art <i>Grossbritanniens</i> erklären.
-Eine weite Entfernung zwischen der Heimath zweier zweifelhaften Formen
-bestimmt viele Naturforscher dieselben für zwei Arten zu erklären; aber
-nun fragt es sich, welche Entfernung dazu genüge? Wenn die zwischen
-<i>Europa</i> und <i>Amerika</i> gross genug ist, kann dann auch jene
-zwischen erstem Kontinente und den <i>Azoren</i> oder <i>Madeira</i>
-oder den <i>Canarischen</i> Inseln oder <i>Irland</i> genügen? Nur
-wenige<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Naturforscher läugnen alle Varietäten-Bildung bei den Thieren;
-dann sind sie aber genöthigt den geringsten Verschiedenheiten den Werth
-selbstständiger Arten beizulegen; und wenn nun dieselbe Form identisch
-in zwei verschiedenen Gegenden oder in zwei verschiedenen geologischen
-Formationen gefunden wird, gehen sie so weit zu behaupten, dass zwei
-Arten im nämlichen Gewande stecken. Endlich kann nicht in Zweifel
-gezogen werden, dass viele von hoch-befähigten Richtern als Varietäten
-betrachtete Formen so vollkommen den Charakter von Arten besitzen, dass
-sie von andern hoch-befähigten Beurtheilern für gute ächte Species
-erklärt werden. Aber es ist vergebene Arbeit die Frage zu erörtern, ob
-es Arten oder Varietäten seyen, so lange noch keine Definition von dem
-Begriffe dieser zwei Ausdrücke allgemein angenommen ist.</p>
-
-<p>Viele dieser stark ausgeprägten Varietäten oder zweifelhaften Arten
-verdienten wohl eine nähere Beachtung, weil man vielerlei interessante
-Beweis-Mittel aus ihrer geographischen Verbreitung, analogen
-Variationen, Bastard-Bildungen u.&#160;s.&#160;w. herbeigeholt hat, um die ihnen
-gebührende Rangstufe festzustellen. Ich will hier nur ein Beispiel
-anführen, das von den zwei Formen der Schlüsselblumen, Primula veris
-und Pr. elatior. Diese zwei Pflanzen weichen bedeutend im Aussehen
-von einander ab; jede hat einen anderen Geruch und Geschmack; sie
-blühen zu etwas verschiedener Zeit und wachsen an etwas verschiedenen
-Standorten; sie gehen an Bergen bis in verschiedene Höhen hinauf und
-haben eine verschiedene geographische Verbreitung; endlich lassen
-sie sich nach den vielen in den letzten Jahren von einem äusserst
-sorgfältigen Beobachter, G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, angestellten Versuchen nur
-sehr schwierig mit einander kreutzen. Man kann also schwerlich bessre
-Beweise dafür wünschen, dass beide Formen verschiedene Arten bilden.
-Auf der andern Seite aber werden sie durch zahlreiche Zwischenglieder
-mit einander verkettet, und es ist zweifelhaft, ob Solches Bastarde
-sind; darin liegt aber ein überwiegender Grad von Experimental-Beweis
-dafür, dass sie von gemeinsamen Ältern abstammen und mithin nur als
-Varietäten zu betrachten sind. Ich muss jedoch erklären, dass nach<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
-meinen neueren Beobachtungen über die Geschlechts-Verhältnisse der
-lang- und kurz-griffeligen Formen dieser Sippe und nach andern noch
-nicht beendigten Versuchen Primula vulgaris und Primula veris zwei gute
-und ganz verschiedene Arten seyn dürften.</p>
-
-<p>Sorgfältige Forschung wird in den meisten Fällen die Naturforscher
-zur Verständigung darüber bringen, wofür die zweifelhaften Formen zu
-halten sind. Doch müssen wir bekennen, dass es gerade in den am besten
-bekannten Gegenden die meisten zweifelhaften Formen gibt. Ich war
-über die Thatsache erstaunt, dass von solchen Thieren und Pflanzen,
-welche dem Menschen in ihrem Natur-Zustande sehr nützlich sind oder aus
-irgend einer anderen Ursache seine besondre Aufmerksamkeit erregen,
-fast überall Varietäten angeführt werden. Diese Varietäten werden
-jedoch oft von einem oder dem andern Autor als Arten bezeichnet. Wie
-sorgfältig ist die gemeine Eiche studirt worden! Nun macht aber ein
-<i>Deutscher</i> Autor über ein Dutzend Arten aus den Formen, welche
-bis jetzt stets als Varietäten angesehen wurden; und in diesem Lande
-können unter den höchsten botanischen Gewährsmännern und vorzüglichsten
-Praktikern welche sowohl zu Gunsten der Meinung, dass die Trauben- und
-die Stiel-Eiche gut unterschiedene Arten seyen, wie auch andre für die
-gegentheilige Ansicht nachgewiesen werden.</p>
-
-<p>Wenn ein junger Naturforscher eine ihm ganz unbekannte Gruppe von
-Organismen zu studiren beginnt, so macht ihn anfangs die Frage
-verwirrt, was für Unterschiede die Arten bezeichnen, und welche von
-ihnen nur Varietäten angehören; denn er weiss noch nichts von der Art
-und der Grösse der Abänderungen, deren die Gruppe fähig ist; und Diess
-beweiset eben wieder, wie allgemein wenigstens einige Variation ist.
-Wenn er aber seine Aufmerksamkeit auf eine Klasse in einer Gegend
-beschränkt, so wird er bald darüber im Klaren seyn, wofür er diese
-zweifelhaften Formen anzuschlagen habe. Er wird im Allgemeinen geneigt
-seyn, viele Arten zu machen, weil ihn, so wie die vorhin erwähnten
-Tauben- oder Hühner-Freunde, das Maas der Abänderung in den seither
-von ihm studirten Formen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> betroffen macht, und weil er noch wenig
-allgemeine Kenntniss von analoger Abänderung in andern Gruppen und
-andern Gegenden zur Berichtigung jener zuerst empfangenen Eindrücke
-besitzt. Dehnt er nun den Kreis seiner Beobachtung weiter aus, so wird
-er noch auf andre Schwierigkeiten stossen; er wird einer grossen Anzahl
-nahe verwandter Formen begegnen. Erweitern sich seine Erfahrungen noch
-mehr, so wird er endlich in seinem eignen Kopfe darüber einig werden,
-was Varietät und was Spezies zu nennen seye; aber er wird zu diesem
-Ziele nur gelangen, indem er viel Veränderlichkeit zugibt, und er wird
-die Richtigkeit seiner Annahme von andern Naturforschern oft in Zweifel
-gezogen sehen. Wenn er nun überdiess verwandte Formen aus andern nicht
-unmittelbar angrenzenden Ländern zu studiren Gelegenheit erhält, in
-welchem Falle er kaum hoffen darf die Mittelglieder zwischen diesen
-zweifelhaften Formen zu finden, so wird er sich fast ganz auf Analogie
-verlassen müssen, und seine Schwierigkeiten werden sich bedeutend
-steigern.</p>
-
-<p>Eine bestimmte Grenzlinie ist bis jetzt sicherlich nicht gezogen
-worden, weder zwischen Arten und Unterarten, d.&#160;i. solchen Formen,
-welche nach der Meinung einiger Naturforscher den Rang einer Spezies
-nahezu aber doch nicht gänzlich erreichen, noch zwischen Unterarten
-und ausgezeichneten Varietäten, noch endlich zwischen den geringeren
-Varietäten und individuellen Verschiedenheiten. Diese Verschiedenheiten
-greifen, in eine Reihe geordnet, unmerklich in einander, und die Reihe
-weckt die Vorstellung von einem wirklichen Übergang.</p>
-
-<p>Daher werden die individuellen Abweichungen, welche für den
-Systematiker nur wenig Werth haben, für uns von grosser Wichtigkeit,
-weil sie die erste Stufe zu denjenigen geringeren Varietäten bilden,
-welche man in naturgeschichtlichen Werken der Erwähnung werth zu
-halten pflegt. Ich sehe ferner diejenigen Abänderungen, welche etwas
-erheblicher und beständiger sind, als die nächste Stufe an, welche uns
-zu den mehr auffälligen und bleibenderen Varietäten führt, wie uns
-diese zu den Subspezies und endlich Spezies leiten. Der Übergang von
-einer dieser Stufen in die andre nächst-höhere mag in einigen Fällen<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>
-lediglich von der lang-währenden Einwirkung verschiedener natürlicher
-Bedingungen in zwei verschiedenen Gegenden herrühren; doch habe ich
-nicht viel Vertrauen zu dieser Ansicht und schreibe den Übergang von
-einer leichten Abänderung zu einer wesentlicher verschiedenen Varietät
-der Wirkung der Natürlichen Züchtung mittelst Anhäufung individueller
-Abweichungen der Struktur in gewisser steter Richtung zu, wie nachher
-näher auseinandergesetzt werden soll. Ich glaube daher, dass man eine
-gut ausgeprägte Varietät mit Recht eine beginnende Spezies nennen
-kann; ob sich aber dieser Glaube rechtfertigen lasse, muss aus dem
-allgemeinen Gewichte der in diesem Werke beigebrachten Thatsachen und
-Ansichten ermessen werden.</p>
-
-<p>Es ist nicht nöthig zu unterstellen, dass alle Varietäten oder
-beginnenden Spezies sich wirklich zum Range einer Art erheben.
-Sie können in diesem Beginnungs-Zustande wieder erlöschen; oder
-sie können als solche Varietäten lange Zeiträume durchlaufen, wie
-W<span class="smaller">OLLASTON</span> von den Varietäten gewisser Landschnecken-Arten auf
-<i>Madeira</i> gezeigt<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>. Gedeihet eine Varietät derartig, dass sie
-die älterliche Spezies in Zahl übertrifft, so sieht man sie für die
-Art und die Art für die Varietät an; sie kann die älterliche Art aber
-allmählich auch ganz ersetzen und überleben; oder endlich beide können
-wie unabhängige Arten neben einander fortbestehen. Doch, wir werden
-nachher auf diesen Gegenstand zurückkommen.</p>
-
-<p>Aus diesen Bemerkungen geht hervor, dass ich den Kunstausdruck
-„Species“ als einen nur willkürlich und der Bequemlichkeit halber
-auf eine Reihe von einander sehr ähnlichen Individuen angewendeten
-betrachte, und dass er von dem Kunstausdrucke „Varietät“ nicht
-wesentlich, sondern nur insofern verschieden ist, als dieser auf minder
-abweichende und noch mehr schwankende Formen Anwendung findet. Und
-eben so ist die<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Unterscheidung zwischen „Varietät“ und „individueller
-Abänderung“ nur eine Sache der Willkür und Bequemlichkeit.</p>
-
-<p>Durch theoretische Betrachtungen geleitet habe ich geglaubt, dass
-sich einige interessante Ergebnisse in Bezug auf die Natur und die
-Beziehungen der am meisten variirenden Arten darbieten würden, wenn man
-alle Varietäten aus verschiedenen wohl-bearbeiteten Floren tabellarisch
-zusammenstellte. Anfangs schien mir Diess eine einfache Sache zu seyn.
-Aber Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span>, dem ich für seine werthvollen Dienste
-und Hilfe in dieser Beziehung sehr dankbar bin, überzeugte mich bald,
-dass Diess mit vielen Schwierigkeiten verknüpft seye, was späterhin Dr.
-H<span class="smaller">OOKER</span> in noch bestimmterer Weise bestätigte. Ich behalte mir
-daher für mein künftiges Werk die Erörterung dieser Schwierigkeiten und
-die Tabellen über die Zahlen-Verhältnisse der variirenden Spezies vor.
-Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> erlaubt mir noch beizufügen, dass, nachdem er meine
-handschriftlichen Aufzeichnungen und Tabellen sorgfältig durchgelesen,
-er die folgenden Feststellungen für vollkommen wohl begründet halte.
-Der ganze Gegenstand aber, welcher hier nothwendig nur sehr kurz
-abgehandelt werden muss, ist ziemlich verwickelt, zumal Bezugnahmen auf
-das „Ringen um Existenz“ auf die „Divergenz des Charakters“ und andre
-erst später zu erörternde Fragen nicht vermieden werden können.</p>
-
-<p>A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> u.&#160;a. Botaniker haben gezeigt, dass solche
-Pflanzen, die sehr weit ausgedehnte Verbreitungs-Bezirke besitzen,
-gewöhnlich auch Varietäten darbieten, wie sich ohnediess schon erwarten
-lässt, weil sie verschiedenen physikalischen Einflüssen ausgesetzt sind
-und mit anderen Gruppen von Organismen in Mitbewerbung kommen, was, wie
-sich nachher ergeben soll, von noch viel grösserer Wichtigkeit ist.
-Meine Tabellen zeigen aber ferner, dass auch in einem beschränkten
-Gebiete die gemeinsten, d.&#160;h. die in den zahlreichsten Individuen
-vorkommenden Arten und jene, welche innerhalb ihrer eignen Gegend am
-meisten verbreitet sind (was von „weiter Verbreitung“ und in gewisser
-Weise von „Gemeinseyn“ wohl zu unterscheiden), oft zur Entstehung
-von hinreichend bezeichneten<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Varietäten Veranlassung geben, um sie
-in botanischen Werken aufgezählt zu finden. Es sind mithin die am
-üppigsten gedeihenden oder, wie man sie nennen kann, dominirenden
-Arten, nämlich die am weitesten über die Erd-Oberfläche ausgedehnten,
-die in ihrer eignen Gegend am allgemeinst verbreiteten, es sind die
-an Individuen reichsten Arten, welche am öftesten wohl ausgeprägte
-Varietäten oder, wie man sie nennen möchte, Beginnende Spezies
-liefern. Und Diess ist vielleicht vorauszusehen gewesen; denn so wie
-Varietäten, um einigermaassen stet zu werden, nothwendig mit andern
-Bewohnern der Gegend zu kämpfen haben, so werden auch die bereits
-herrschend gewordenen Arten am meisten geeignet seyn Nachkommen zu
-liefern, welche, mit einigen leichten Veränderungen, diejenigen Vorzüge
-noch weiter zu vererben im Stande sind, wodurch ihre Ältern über ihre
-Landesgenossen das Übergewicht errungen haben. Bei diesen Bemerkungen
-über das Übergewicht ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie sich nur
-auf diejenigen Formen beziehen, welche zu andern und namentlich zu
-Gliedern derselben Sippe oder Klasse mit ganz ähnlicher Lebensweise im
-Verhältnisse der Mitbewerbung stehen.</p>
-
-<p>Hinsichtlich der Gemeinheit oder der Individuen-Zahl einer Art
-erstreckt sich daher die Vergleichung nur auf Glieder der nämlichen
-Gruppe. Man mag eine Pflanze eine herrschende nennen, wenn sie an
-Individuen reicher und weiter verbreitet als die andern unter nahezu
-ähnlichen Verhältnissen lebenden Pflanzen der nämlichen Gegend ist.
-Eine solche Pflanze wird in dem hier gebrauchten Sinne darum nicht
-weniger eine herrschende seyn, weil etwa eine Konferve des Wassers oder
-ein schmarotzender Pilz unendlich viel zahlreicher an Individuen und
-noch weiter verbreitet ist als sie. Wenn aber eine Konferve oder ein
-Schmarotzer-Pilz seine Verwandten in den oben genannten Beziehungen
-übertrifft, dann ist es eine herrschende Form unter den Pflanzen ihrer
-eignen Klasse.</p>
-
-<p>Wenn man die eine Gegend bewohnenden und in einer Flora derselben
-beschriebenen Pflanzen in zwei gleiche Haufen theilt, wovon der
-eine alle Arten aus grossen, und der andre<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> alle aus kleinen Sippen
-enthält, so wird man eine etwas grössere Anzahl sehr gemeiner und sehr
-verbreiteter oder herrschender Arten auf Seiten der grossen Sippen
-finden. Auch Diess hat vorausgesehen werden können; denn schon die
-einfache Thatsache, dass viele Arten einer und der nämlichen Sippe eine
-Gegend bewohnen, zeigt etwas in der organischen oder unorganischen
-Beschaffenheit der Gegend für die Sippe Günstiges an, daher man
-erwarten durfte, in den grösseren oder viele Arten enthaltenden
-Sippen auch eine verhältnissmässig grosse Anzahl herrschender Arten
-zu finden. Aber es gibt so viele Ursachen, welche dieses Ergebniss zu
-verhüllen streben, dass ich erstaunt bin, in meinen Tabellen doch noch
-ein kleines Übergewicht auf Seiten der grossen Sippen zu finden. Ich
-will hier nur zwei Ursachen dieser Verhüllungen anführen. Süsswasser-
-und Salz-Pflanzen haben gewöhnlich weit ausgedehnte Bezirke und eine
-starke Verbreitung; Diess scheint aber mit der Natur ihrer Standorte
-zusammenzuhängen und hat wenig oder gar keine Beziehung zu dem
-Arten-Reichthum der Sippen, wozu sie gehören. Ebenso sind Pflanzen von
-unvollkommenen Organisations-Stufen gewöhnlich viel weiter als die hoch
-organisirten verbreitet, und auch hier besteht keine nahe Beziehung
-zur Grösse der Sippen. Die Ursache dieser letzten Erscheinung soll in
-unseren Kapiteln über die geographische Verbreitung erörtert werden.</p>
-
-<p>Indem ich die Arten nur als stark ausgeprägte und wohl umschriebene
-Varietäten betrachtete, war ich im Stande vorauszusagen, dass die
-Arten der grösseren Sippen einer Gegend öfter, als die der kleineren,
-Varietäten darbieten würden; denn wo immer sich viele einander nahe
-verwandte Arten (die der grösseren Sippen) gebildet haben, werden sich
-im Allgemeinen auch viele Varietäten derselben oder beginnende Arten
-zu bilden geneigt seyn, — wie da, wo viele grosse Bäume wachsen, man
-viele junge Bäumchen aufkommen zu sehen erwarten darf. Wo viele Arten
-einer Sippe durch Variation entstanden sind, da sind die Umstände
-günstig für Variation gewesen und möchte man mithin auch erwarten,
-sie noch jetzt günstig zu finden. Wenn wir dagegen jede Art als einen
-besonderen Akt der Schöpfung<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> betrachten, so ist kein Grund einzusehen,
-wesshalb verhältnissmässig mehr Varietäten in einer Arten-reichen
-Gruppe als in einer solchen mit wenigen Arten vorkommen sollten.</p>
-
-<p>Um die Richtigkeit dieser Voraussagung zu beweisen, habe ich die
-Pflanzen-Arten in zwölf verschiedenen Ländern und die Käfer-Arten in
-zwei verschiedenen Gebieten in je zwei einander fast gleiche Haufen
-getheilt, die Arten der grossen Sippen auf der einen und die der
-kleinen auf der andern Seite, und es hat sich beharrlich überall
-dasselbe Ergebniss gezeigt, dass eine verhältnissmässig grössre Anzahl
-von Arten bei den grossen Sippen Varietäten haben als bei den kleinen.
-Überdiess bieten die Arten der grossen Sippen, welche überhaupt
-Varietäten haben, eine verhältnissmässig grössere Varietäten-Zahl dar,
-als die der kleineren. Zu diesen beiden Ergebnissen gelangt man auch,
-wenn man die Eintheilung anders macht und alle Sippen mit nur 1–4
-Arten ganz aus den Tabellen ausschliesst. Diese Thatsachen sind von
-klarer Bedeutung für die Ansicht, dass Arten nur streng ausgeprägte
-und bleibende Varietäten sind; denn wo immer viele Arten in einerlei
-Sippe gebildet worden sind oder wo, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die
-Arten-Fabrikation thätig betrieben worden ist, müssen wir gewöhnlich
-diese Fabrikation noch in Thätigkeit finden, zumal wir alle Ursache
-haben zu glauben, dass das Fabrikations-Verfahren ein sehr langsames
-seye. Und Diess ist sicherlich der Fall, wenn Varietäten als beginnende
-Arten zu betrachten; denn meine Tabellen zeigen deutlich ganz
-allgemein, dass, wo immer viele Arten einer Sippe gebildet worden sind,
-diese Arten eine den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten
-oder beginnenden neuen Arten enthalten. Damit soll nicht gesagt
-werden, dass alle grossen Sippen jetzt sehr variiren und in Vermehrung
-ihrer Arten-Zahl begriffen sind, oder dass keine kleine Sippe jetzt
-Varietäten bilde und wachse; denn dieser Fall wäre sehr verderblich für
-meine Theorie, zumal uns die Geologie klar beweiset, dass kleine Sippen
-im Laufe der Zeit oft sehr gross geworden, und dass grosse Sippen,
-nachdem sie ihr Maximum erreicht, wieder zurückgesunken und endlich
-verschwunden sind.<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Alles, was hier zu beweisen nöthig ist, beschränkt
-sich darauf, dass da, wo viele Arten in einer Sippe gebildet worden,
-auch noch jetzt durchschnittlich viele in Bildung begriffen sind; und
-Diess ist nachgewiesen.</p>
-
-<p>Es gibt aber noch andere beachtenswerthe Beziehungen zwischen den
-Arten grosser Sippen und den angeführt werdenden Varietäten derselben.
-Wir haben gesehen, dass es kein untrügliches Unterscheidungs-Merkmal
-zwischen Arten und stark ausgeprägten Varietäten gibt; und in jenen
-Fällen, wo Mittelglieder zwischen zweifelhaften Formen noch nicht
-gefunden worden, sind die Naturforscher genöthigt, ihre Bestimmung
-von der Grösse der Verschiedenheiten zwischen zwei Formen abhängig
-zu machen, indem sie nach der Analogie urtheilen, ob deren Betrag
-genüge, um nur eine oder alle beide zum Range von Arten zu erheben.
-Der Betrag der Verschiedenheit ist mithin ein sehr wichtiges Merkmal
-bei der Bestimmung, ob zwei Formen für Arten oder für Varietäten
-gelten sollen. Nun haben F<span class="smaller">RIES</span> in Bezug auf die Pflanzen und
-W<span class="smaller">ESTWOOD</span> hinsichtlich der Insekten die Bemerkung gemacht, dass
-in grossen Sippen der Grad der Verschiedenheit zwischen den Arten oft
-ausserordentlich klein ist. Ich habe Diess in Zahlen-Durchschnitten
-zu prüfen gesucht und, so weit meine noch unvollkommenen Ergebnisse
-reichen, bestätigt gefunden. Ich habe mich desshalb auch bei einigen
-genauen und erfahrenen Beobachtern befragt und nach Auseinandersetzung
-der Sache gefunden, dass sie in derselben übereinstimmen. In dieser
-Hinsicht gleichen demnach die Arten der grossen Sippen den Varietäten
-mehr, als die Arten der kleinen. Nun kann man die Sache aber auch
-anders ausdrücken und sagen, dass in den grösseren Sippen, wo eine
-den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten oder beginnenden
-Species noch jetzt fabricirt worden, viele der bereits fertigen Arten
-doch bis zu einem gewissen Grade Varietäten gleichen, insofern sie
-durch einen weniger als gewöhnlich grosses Maass von Verschiedenheit
-von einander getrennt werden.</p>
-
-<p>Überdiess stehen die Arten grosser Sippen in derselben Beziehung, wie
-die Varietäten einer Art zu einander. Kein<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Naturforscher glaubt, dass
-alle Arten einer Sippe in gleichem Grade von einander verschieden sind;
-sie werden daher gewöhnlich noch in Subgenera, in Sectionen oder noch
-untergeordnetere Gruppen getheilt. Wie F<span class="smaller">RIES</span> bemerkt, sind
-diese kleinen Arten-Gruppen gewöhnlich wie Satelliten um gewisse andere
-Arten geschaart. Und was sind Varietäten anders als Formen-Gruppen von
-ungleicher wechselseitiger Verwandtschaft um gewisse Formen versammelt,
-um die Stamm-Arten nämlich? Unzweifelhaft ist ein grössrer Unterschied
-zwischen Arten als zwischen Varietäten, insbesondre ist der Betrag der
-Verschiedenheit der Varietäten von einander oder von ihren Stamm-Arten
-kleiner, als der zwischen den Arten derselben Sippe. Wenn wir aber
-zur Erörterung des Princips, wie ich es nenne, der „Divergenz des
-Charakters“ kommen, so werden wir sehen, wie Diess zu erklären, und wie
-die geringeren Verschiedenheiten zwischen Varietäten erwachsen zu den
-grösseren Verschiedenheiten zwischen den Arten.</p>
-
-<p>Es gibt da noch einen andern Punkt, welcher mir der Beachtung werth
-scheint. Varietäten haben gewöhnlich eine beschränktere Verbreitung,
-was schon aus dem Vorigen folgt; denn wäre eine Varietät weiter
-verbreitet, als ihre angebliche Stamm-Art, so müsste deren Bezeichnung
-umgekehrt werden. Es ist aber auch Grund vorhanden zu glauben, dass
-diejenigen Arten, welche sehr nahe mit anderen Arten verwandt sind und
-insoferne Varietäten gleichen, oft engre Verbreitungs-Grenzen haben.
-So hat mir z.&#160;B. Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span> in dem wohlgesichteten
-Londoner Pflanzen-Katalog (vierte Ausgabe) 63 Pflanzen bemerkt,
-welche als Arten darin aufgeführt sind, die er aber für so nahe
-mit anderen Arten verwandt hält, dass ihr Rang zweifelhaft wird.
-Diese 63 gering-werthigen Arten verbreiten sich im Mittel über 6,9
-der Provinzen, in welche W<span class="smaller">ATSON</span> <i>Grossbritannien</i>
-eingetheilt hat. Nun sind im nämlichen Kataloge auch 53 anerkannte
-Varietäten aufgezählt, und diese erstrecken sich über 7,7 Provinzen,
-während die Arten, wozu diese Varietäten gehören, sich über 14,3
-Provinzen ausdehnen. Daher denn die anerkannten Varietäten eine
-beinahe eben so beschränkte mittle<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Verbreitung besitzen, als jene
-nahe verwandten Formen, welche W<span class="smaller">ATSON</span> als zweifelhafte Arten
-bezeichnet hat, die aber von Britischen Botanikern gewöhnlich für
-gute und ächte Arten genommen werden. Endlich haben dann Varietäten
-auch die nämlichen allgemeinen Charaktere, wie Species; denn sie
-können von Arten nicht unterschieden werden, ausser, erstens, durch
-die Entdeckung von Mittelgliedern, und das Vorkommen solcher Glieder
-kann den wirklichen Charakter der Formen, welche sie verketten, nicht
-berühren, — und ausser, zweitens, durch ein gewisses Maass von
-Verschiedenheit, indem zwei Formen, welche nur sehr wenig von einander
-abweichen, allgemein nur als Varietäten angesehen werden, wenn auch
-verbindende Mittelglieder noch nicht entdeckt worden sind; aber dieser
-Betrag von Verschiedenheit, welcher zur Erhebung zweier Formen zum
-Arten-Rang nöthig, ist ganz unbestimmt. In Sippen, welche mehr als
-die mittle Arten-Zahl in einer Gegend haben, zeigen die Arten auch
-mehr als die Mittelzahl von Varietäten. In grossen Sippen lassen sich
-die Arten nahe, aber in ungleichem Grade, mit einander verbinden zu
-kleinen um gewisse Arten geordneten Gruppen. Sehr nahe mit einander
-verwandte Arten sind von offenbar beschränkter Verbreitung. In all
-diesen verschiedenen Beziehungen zeigen die Arten grosser Sippen eine
-strenge Analogie mit Varietäten. Und man kann diese Analogie’n klar
-begreifen, wenn Arten einstens nur Varietäten gewesen und aus diesen
-hervorgegangen sind; wogegen diese Analogie’n ganz unverständlich seyn
-würden, wenn jede Species von den andern unabhängig erschaffen worden
-wäre.</p>
-
-<p>Wir haben nun gesehen, dass es die am besten gedeihende und herrschende
-Species der grösseren Sippen in jeder Klasse ist, die im Durchschnitte
-genommen am meisten variirt; und Varietäten haben, wie wir hernach
-finden werden, Neigung in neue und unterschiedene Arten überzugehen.
-Dadurch neigen auch die grossen Sippen zur Vergrösserung, und in
-der ganzen Natur streben die Lebens-Formen, welche jetzt herrschend
-sind, noch immer mehr herrschend zu werden durch Hinterlassung vieler
-abgeänderter und herrschender Abkömmlinge. Aber durch nachher<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> zu
-erläuternde Abstufungen streben auch die grösseren Sippen immer mehr in
-kleine auseinander zu treten. Und so werden die Lebensformen auf der
-ganzen Erde in Gruppen und Untergruppen weiter abgetheilt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br />
-
-<b>Der Kampf um’s Daseyn.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Stützt sich auf natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern Sinne
-gebraucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisirter
-Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine
-Mitbewerbung. Wirkungen des Klimas. Schutz durch die Zahl der
-Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in
-der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und
-Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung
-von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen.</p>
-
-<p>Ehe wir auf den Gegenstand dieses Kapitels eingehen, muss ich einige
-Bemerkungen voraussenden, um zu zeigen, wie das Ringen um das Daseyn
-sich auf natürliche Züchtung stütze. Es ist im letzten Kapitel
-nachgewiesen worden, dass die Organismen im Natur-Zustande eine
-individuelle Variabilität besitzen, und ich wüsste in der That nicht,
-dass Diess je bestritten worden wäre. Es ist für uns unwesentlich,
-ob eine Menge von zweifelhaften Formen Art, Unterart oder Varietät
-genannt werde; welchen Rang z.&#160;B. die 200–300 zweifelhaften Formen
-<i>Britischer</i> Pflanzen einzunehmen berechtigt sind, wenn die
-Existenz ausgeprägter Varietäten zulässig ist. Aber das blosse Daseyn
-einer individuellen Veränderlichkeit und einiger wohl-bezeichneter
-Varietäten, wenn auch nothwendig zu Begründung dieses Werkes, hilft
-uns nicht viel, um zu begreifen, wie Arten in der Natur entstehen.
-Wie sind alle diese vortrefflichen Anpassungen von einem Theile der
-Organisation an den andern und an die äusseren Lebensbedingungen, und
-von einem organischen Wesen an ein anderes bewirkt worden? Wir sehen
-diese schöne Anpassung am klarsten bei dem Specht und der Mistelpflanze
-und nur wenig minder<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> deutlich am niedersten Parasiten, welcher sich an
-das Haar eines Säugthieres oder die Federn eines Vogels anklammert; am
-Bau des Käfers, welcher ins Wasser untertaucht; am befiederten Saamen,
-der vom leichtesten Lüftchen getragen wird; kurz wir sehen schöne
-Anpassungen überall und in jedem Theile der organischen Welt.</p>
-
-<p>Dagegen kann man fragen, wie kommt es, dass die Varietäten, die ich
-beginnende Species genannt habe, sich zuletzt in gute und abweichende
-Species verwandeln, welche meistens unter sich viel mehr, als die
-Varietäten der nämlichen Art verschieden sind? Wie entstehen diese
-Gruppen von Arten, welche als verschiedene Genera bezeichnet werden und
-mehr als die Arten dieser Genera von einander abweichen? Alle diese
-Wirkungen erfolgen unvermeidlich, wie wir im nächsten Abschnitte sehen
-werden, aus dem Ringen um’s Daseyn. In diesem Wettkampfe wird jede
-Abänderung, wie gering und auf welche Weise immer sie entstanden seyn
-mag, wenn sie nur einigermassen vortheilhaft für das Individuum einer
-Species ist, in dessen unendlich verwickelten Beziehungen zu anderen
-Wesen und zur äusseren Natur mehr zur Erhaltung dieses Individuums
-mitwirken und sich gewöhnlich auf dessen Nachkommen übertragen.
-Ebenso wird der Nachkömmling mehr Aussicht haben, die vielen anderen
-Einzelwesen dieser Art, welche von Zeit zu Zeit geboren werden, von
-denen aber nur eine kleinere Zahl am Leben bleibt, zu überdauern.
-Ich habe dieses Princip, wodurch jede solche geringe, wenn nützliche
-Abänderung erhalten wird, mit dem Namen „Natürliche Züchtung“ belegt,
-um dessen Beziehung zur Züchtung des Menschen zu bezeichnen. Wir
-haben gesehen, dass der Mensch durch Auswahl zum Zwecke der Nachzucht
-grosse Erfolge sicher zu erzielen und organische Wesen seinen eigenen
-Bedürfnissen anzupassen im Stande ist durch die Häufung kleiner aber
-nützlicher Abweichungen, die ihm durch die Hand der Natur dargeboten
-werden. Aber die Natürliche Auswahl ist, wie wir nachher sehen
-werden, unaufhörlich thätig und des Menschen schwachen Bemühungen so
-unvergleichbar überlegen, wie es die Werke der Natur überhaupt denen
-der Kunst sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
-
-<p>Wir wollen nun den Kampf um’s Daseyn etwas mehr ins Einzelne
-erörtern. In meinem späteren Werke über diesen Gegenstand soll
-er, wie er es verdient, in grösserem Umfang besprochen werden.
-Der ältere D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> und L<span class="smaller">YELL</span> haben reichlich
-und in philosophischer Weise nachgewiesen, dass alle organischen
-Wesen im Verhältnisse der Mitbewerbung zu einander stehen. In Bezug
-auf die Pflanzen hat Niemand diesen Gegenstand mit mehr Geist und
-Geschicklichkeit behandelt als W. H<span class="smaller">ERBERT</span>, der Dechant
-von <i>Manchester</i>, offenbar in Folge seiner ausgezeichneten
-Gartenbau-Kenntnisse. Nichts ist leichter als in Worten die Wahrheit
-des allgemeinen Wettkampfes um’s Daseyn zuzugestehen, und nichts
-schwerer, als — wie ich wenigstens gefunden habe — dieselbe im Sinne
-zu behalten. Und bevor wir solche nicht dem Geiste fest eingeprägt,
-bin ich überzeugt, dass wir den ganzen Haushalt der Natur, die
-Vertheilungs-Weise, die Seltenheit und den Überfluss, das Erlöschen und
-Abändern in derselben nur dunkel oder ganz unrichtig begreifen werden.
-Wir sehen die Natur äusserlich in Heiterkeit strahlen, wir sehen
-bloss Überfluss an Nahrung; aber wir sehen nicht oder vergessen, dass
-die Vögel, welche um uns her sorglos ihren Gesang erschallen lassen,
-meistens von Insekten oder Saamen leben und mithin beständig Leben
-vertilgen; oder wir vergessen, wie viele dieser Sänger oder ihrer Eier
-oder ihrer Nestlinge unaufhörlich von Raubvögeln u.&#160;a. Feinden zerstört
-werden; wir behalten nicht immer im Sinne, dass, wenn auch das Futter
-jetzt im Überfluss vorhanden, Diess doch nicht zu allen Zeiten im
-Umlaufe des Jahres der Fall ist.</p>
-
-<p>Ich will voraussenden, dass ich den Ausdruck „Ringen um’s Daseyn“ in
-einem weiten und metaphorischen Sinne gebrauche, in sich begreifend
-die Abhängigkeit der Wesen von einander und, was wichtiger ist,
-nicht allein das Leben des Individuums, sondern auch die Sicherung
-seiner Nachkommenschaft. Man kann mit Recht sagen, dass zwei Hunde
-in Zeiten des Mangels um Nahrung und Leben miteinander kämpfen. Aber
-man kann auch sagen, eine Pflanze ringe am Rande der Wüste um ihr
-Daseyn mit der Trockniss, obwohl es angemessener wäre zu sagen, sie<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
-seye von Feuchtigkeit abhängig. Von einer Pflanze, welche alljährlich
-tausend Saamen erzeugt, unter welchen im Durchschnitte nur einer zur
-Entwicklung kommt, kann man noch richtiger sagen, sie ringe um’s Daseyn
-mit andern Pflanzen derselben oder anderer Arten, welche bereits den
-Boden bekleiden. Die Mistel ist abhängig vom Apfelbaum und einigen
-anderen Baum-Arten; doch kann man nur in einem weit-ausholenden
-Sinne sagen, sie ringe mit diesen Bäumen; denn wenn zu viele dieser
-Schmarotzer auf demselben Stamme wachsen, so wird er verkümmern und
-sterben. Wachsen aber mehre Sämlinge derselben dicht auf einem Aste
-beisammen, so kann man in Wahrheit sagen, sie ringen miteinander. Da
-die Saamen der Mistel von Vögeln ausgestreut werden, so hängt ihr
-Daseyn mit von dem der Vögel ab und man kann metaphorisch sagen, sie
-ringen mit andern Beeren-tragenden Pflanzen, damit die Vögel eher ihre
-Früchte verzehren und ihre Saamen ausstreuen, als die der andern. In
-diesen mancherlei Bedeutungen, welche ineinander übergehen, gebrauche
-ich der Bequemlichkeit halber den Ausdruck „um’s Daseyn ringen“.</p>
-
-<p>Ein Kampf um’s Daseyn folgt unvermeidlich aus der Neigung aller
-Organismen, sich in starkem Verhältnisse zu vermehren. Jedes Wesen,
-das während seiner natürlichen Lebenszeit mehre Eier oder Saamen
-hervorbringt, muss während einer Periode seines Lebens oder zu gewisser
-Jahreszeit oder in einem zufälligen Jahre Zerstörung erfahren;
-sonst würde seine Zahl in geometrischer Progression rasch zu so
-ausserordentlicher Grösse anwachsen, dass keine Gegend das Erzeugniss
-zu ernähren im Stande wäre. Wenn daher mehr Individuen erzeugt werden,
-als möglicher Weise fortbestehen können, so muss jedenfalls ein Kampf
-um das Daseyn entstehen, entweder zwischen den Individuen einer Art
-oder zwischen denen verschiedener Arten, oder zwischen ihnen und den
-äusseren Lebens-Bedingungen. Es ist die Lehre von M<span class="smaller">ALTHUS</span>,
-in verstärkter Kraft übertragen auf das gesammte Thier- und
-Pflanzen-Reich; denn in diesem Falle ist keine künstliche Vermehrung
-der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Enthaltung vom Heirathen
-möglich. Obwohl<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> daher einige Arten jetzt in mehr oder weniger rascher
-Zunahme begriffen seyn mögen: alle können es nicht zugleich, denn die
-Welt würde sie nicht fassen.</p>
-
-<p>Es gibt keine Ausnahme von der Regel, dass jedes organische Wesen sich
-auf natürliche Weise in dem Grade vermehre, dass, wenn es nicht durch
-Zerstörung litte, die Erde bald von der Nachkommenschaft eines einzigen
-Paares bedeckt seyn würde. Selbst der Mensch, welcher sich doch nur
-langsam vermehrt, verdoppelt seine Anzahl in fünfundzwanzig Jahren,
-und bei so fortschreitender Vervielfältigung würde die Welt schon nach
-einigen Tausend Jahren keinen Raum mehr für seine Nachkommenschaft
-haben. L<span class="smaller">INNÉ</span> hat berechnet, dass, wenn eine einjährige Pflanze
-nur zwei Saamen erzeugte (und es gibt keine Pflanze, die so wenig
-produktiv wäre) und ihre Sämlinge gäben im nächsten Jahre wieder zwei
-u.&#160;s.&#160;w., sie in zwanzig Jahren schon eine Million Pflanzen liefern
-würde. Man sieht den Elephanten als das sich am langsamsten vermehrende
-von allen bekannten Thieren an. Ich habe das wahrscheinliche Minimum
-seiner natürlichen Vermehrung zu berechnen gesucht, unter der
-Voraussetzung, dass seine Fortpflanzung erst mit dreissig Jahren
-beginne und bis zum neunzigsten Jahre währe, und dass er in dieser
-Zeit nur drei Paar Junge zur Welt bringe. In diesem Falle würden nach
-fünfhundert Jahren schon fünfzehn Millionen Elephanten von dem ersten
-Paare vorhanden seyn.</p>
-
-<p>Doch wir haben bessre Belege für diese Sache, als bloss theoretische
-Berechnungen, namentlich in den oft berichteten Fällen von erstaunlich
-rascher Vermehrung verschiedener Thier-Arten im Natur-Zustande, wenn
-die natürlichen Bedingungen zwei oder drei Jahre lang dafür günstig
-gewesen sind. Noch schlagender sind die von unseren in verschiedenen
-Weltgegenden verwilderten Hausthier-Arten hergenommenen Beweise, so
-dass, wenn die Behauptungen von der Zunahme der sich doch nur langsam
-vermehrenden Rinder und Pferde in <i>Süd-Amerika</i> und neuerlich in
-<i>Australien</i> nicht sehr wohl bestätigt wären, sie ganz unglaublich
-erscheinen müssten. Eben so ist es mit den Pflanzen. Es lassen sich
-Fälle von eingeführten Pflanzen aufzählen, welche<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> auf ganzen Inseln
-gemein geworden sind in weniger als zehn Jahren. Einige der Pflanzen,
-welche jetzt in solcher Zahl über die weiten Ebenen von <i>la Plata</i>
-verbreitet sind, dass sie alle anderen Pflanzen daselbst ausschliessen,
-sind aus <i>Europa</i> eingebracht worden; und eben so gibt es, wie
-ich von Dr. F<span class="smaller">ALCONER</span> gehört, in <i>Ostindien</i> Pflanzen,
-welche jetzt vom <i>Cap Comorin</i> bis zum <i>Himalaya</i> reichen
-und seit der Entdeckung von <i>Amerika</i> von dorther eingeführt
-worden sind. In Fällen dieser Art, von welchen endlose Beispiele
-angeführt werden könnten, wird Niemand unterstellen, dass die
-Fruchtbarkeit solcher Pflanzen und Thiere plötzlich und zeitweise in
-einem bemerklichen Grade zugenommen habe. Die handgreifliche Erklärung
-ist, dass die äussern Lebens-Bedingungen sehr günstig, dass in dessen
-Folge die Zerstörung von Jung und Alt geringer und mithin fast alle
-Abkömmlinge im Stande gewesen sind, sich fortzupflanzen. In solchen
-Fällen genügt schon das geometrische Verhältniss der Zahlen-Vermehrung,
-dessen Resultat nie verfehlt Erstaunen zu erregen, um einfach das
-ausserordentliche Wachsthum und die weite Verbreitung eingeführter
-Natur-Produkte in ihrer neuen Heimath zu erklären. Im Natur-Zustande
-bringen fast alle Pflanzen jährlich Saamen hervor, und unter den
-Thieren sind nur sehr wenige, die sich nicht jährlich paarten. Wir
-können daher mit Sicherheit behaupten, dass alle Pflanzen und Thiere
-sich in geometrischem Verhältnisse vermehren, dass sie jede zu ihrer
-Ansiedelung geeignete Gegend sehr rasch zu bevölkern im Stande seyen,
-und dass das Streben zur geometrischen Vermehrung zu irgend einer Zeit
-ihres Lebens beschränkt werden muss. Unsre genauere Bekanntschaft mit
-den grösseren Hausthieren könnte zwar unsre Meinung in dieser Beziehung
-irre leiten, da wir keine grosse Störung unter ihnen eintreten
-sehen; aber wir vergessen, dass Tausende jährlich zu unsrer Nahrung
-geschlachtet werden, und dass im Natur-Zustande wohl eben so viele
-irgendwie beseitigt werden würden.</p>
-
-<p>Der einzige Unterschied zwischen den Organismen, welche jährlich
-Tausende von Eiern oder Saamen hervorbringen, und jenen welche deren
-nur sehr wenige liefern, besteht darin, dass<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> diese unter günstigen
-Verhältnissen ein paar Jahre länger als jene zur Bevölkerung eines
-Bezirks nöthig haben, seye derselbe auch noch so gross. Der Condor
-legt zwei Eier und der Strauss deren zwanzig, und doch dürfte in
-einer und derselben Gegend der Condor leicht der häufigere von beiden
-werden. Der Eis-Sturm-Vogel (Procellaria glacialis) legt nur ein Ei,
-und doch glaubt man er seye der zahlreichste Vogel in der Welt. Die
-eine Fliege legt hundert Eier und die andre wie z.&#160;B. Hippobosca deren
-nur eines; Diess bedingt aber nicht die Menge der Individuen, die in
-einem Bezirk ihren Unterhalt finden können. Eine grosse Anzahl von
-Eiern ist von einiger Wichtigkeit für eine Art, deren Futter-Vorräthe
-raschen Schwankungen unterworfen sind; denn diese muss ihre Vermehrung
-in kurzer Frist bewirken. Aber wesentliche Wichtigkeit erlangt eine
-grosse Zahl von Eiern oder Saamen der Grösse der Zerstörung gegenüber,
-welche zu irgend einer Lebenszeit erfolgt, und diese Zeit des Lebens
-ist in der grossen Mehrheit der Fälle eine sehr frühe. Kann ein Thier
-in irgend einer Weise seine eigenen Eier und Junge schützen, so wird es
-deren eine geringere Anzahl erzeugen und diese ganze durchschnittliche
-Anzahl aufbringen; werden aber viele Eier oder Junge zerstört, so
-müssen deren viele erzeugt werden, wenn die Art nicht untergehen soll.
-Wird eine Baum-Art durchschnittlich tausend Jahre alt, so würde es
-zur Erhaltung ihrer vollen Anzahl genügen, wenn sie in tausend Jahren
-nur einen Saamen hervorbrächte, vorausgesetzt, dass dieser eine nie
-zerstört würde und auf einen sicheren für die Keimung geeigneten
-Platz gelangen könnte. So hängt in allen Fällen die mittle Anzahl von
-Individuen einer Pflanzen- oder Thier-Art nur indirekt von der Zahl der
-Saamen oder Eier ab, die sie liefert.</p>
-
-<p>Bei Betrachtung der Natur ist es nöthig, diese Ergebnisse immer
-im Sinne zu behalten und nie zu vergessen, dass man von jedem
-einzelnen Organismus unsrer Umgebung sagen kann, er strebe nach
-der äussersten Vermehrung seiner Anzahl, dass aber jeder in irgend
-einem Zeit-Abschnitte seines Lebens in einem Kampfe mit feindlichen
-Bedingungen begriffen seye, und dass grosse Zerstörung unvermeidlich
-über Jung oder Alt ergehe<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> in jeder Generation oder in wiederkehrenden
-Perioden. Wird irgend ein Hinderniss beseitigt oder die Zerstörung noch
-so wenig gemindert, so wird in der Regel augenblicklich die Zahl der
-Individuen stärker anwachsen.</p>
-
-<p>Was für Hindernisse es sind, welche das natürliche Streben jeder
-Art nach Vermehrung ihrer Anzahl beschränken, ist meistens unklar.
-Betrachtet man die am kräftigsten gedeihenden Arten, so wird man finden
-dass, je grösser ihre Zahl wird, desto mehr ihr Streben nach weitrer
-Vermehrung zunimmt. Wir wissen nicht einmal in einem einzelnen Falle
-genau, welches die Hindernisse der Vermehrung sind. Diess wird jedoch
-niemanden in Verwunderung setzen, der sich erinnert, wie unwissend wir
-in dieser Beziehung bei dem Menschen selbst sind, welcher doch ohne
-Vergleich besser bekannt ist als irgend eine andre Thier-Art. Doch ist
-dieser Gegenstand von mehren Schriftstellern vortrefflich erörtert
-worden; ich werde in meinem späteren Werke über mehre der Hindernisse
-mit einiger Ausführlichkeit handeln und insbesondre auf die Raubthiere
-<i>Südamerika’s</i> etwas näher eingehen. Hier mögen nur einige wenige
-Bemerkungen Raum finden, nur um dem Leser einige Hauptpunkte ins
-Gedächtniss zu rufen. Eier und ganz junge Thiere scheinen am meisten
-zu leiden, doch ist Diess nicht ganz ohne Ausnahme. Den Pflanzen wird
-zwar eine gewaltige Menge von Saamen zerstört; aber nach einigen
-Beobachtungen scheint es mir, als litten die Sämlinge am meisten, wenn
-sie auf einem schon mit andern Pflanzen dicht bestockten Boden wachsen.
-Auch die Sämlinge werden noch in grosser Menge durch verschiedene
-Feinde vernichtet. So beobachtete ich auf einer locker umgegrabenen
-Boden-Fläche von 3′ Länge und 2′ Breite 357 Sämlinge unsrer
-verschiedenen Holz-Arten, wovon nicht weniger als 295 hauptsächlich
-durch Schnecken und Insekten zerstört wurden. Wenn man einen Rasen, der
-lang abgemähet wurde (und der Fall wird der nämliche bleiben, wenn er
-durch Säugthiere kurz abgeweidet worden), wachsen lässt, so werden die
-kräftigeren Pflanzen allmählich die minder kräftigen wenn auch voll
-ausgewachsenen tödten; und in einem solchen Falle hat man von zwanzig
-auf<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> einem nur 3′ auf 4′ grossen Fleck beisammen wachsenden Arten neun
-zwischen den anderen nun üppiger aufwachsenden zu Grunde gehen sehen.</p>
-
-<p>Die für eine jede Art vorhandene Nahrungs-Menge bestimmt die äusserste
-Grenze, bis zu welcher sie sich vermehren kann; aber in vielen Fällen
-wird die Vermehrung einer Thier-Art schon weit unter dieser Grenze
-dadurch gehemmt, dass sie selbst wieder einer andern zur Beute wird.
-Es scheint daher wenig Zweifel unterworfen zu seyn, dass der Bestand
-an Feld- und Hasel-Hühnern, Hasen u.&#160;s.&#160;w. grossentheils hauptsächlich
-von der Zerstörung der kleinen Raubthiere abhängig ist. Wenn in
-<i>England</i> in den nächsten zwanzig Jahren kein Stück Wildpret
-geschossen, aber auch keine solche Raubthiere zerstört würden, so würde
-nach aller Wahrscheinlichkeit der Wild-Stand nachher geringer seyn als
-jetzt, obwohl jetzt Hunderte und Tausende von Stücken Wildes erlegt
-werden. Anderseits gibt es aber auch einige Fälle wo, wie bei Elephant
-und Nashorn, eine Zerstörung durch Raubthiere gar nicht stattfindet,
-und selbst der Indische Tiger wagt es nur sehr selten einen jungen von
-seiner Mutter geschützten Elephanten anzugreifen.</p>
-
-<p>Das Klima hat ferner einen wesentlichen Antheil an Bestimmung der
-durchschnittlichen Individuen-Zahl einer Art, und ich glaube dass ein
-periodischer Eintritt von äusserst kalter oder trockener Jahreszeit zu
-den wirksamsten aller Hemmnisse gehört. Ich schätze hauptsächlich nach
-der geringen Anzahl von Nestern im nachfolgenden Frühling, dass der
-Winter <i>1854–55</i> auf meinen eigenen Jagd-Gründen vier Fünftheile
-aller Vögel zerstört hat; und Diess ist eine furchtbare Zerstörung,
-wenn wir berücksichtigen, dass bei dem Menschen eine durch Seuchen
-verursachte Sterblichkeit von 10 Prozent schon ganz ausserordentlich
-stark ist. Die Wirkung des Klimas scheint beim ersten Anblick ganz
-unabhängig von dem Kampfe um die Existenz zu seyn; wenn aber das Klima
-hauptsächlich die Nahrung vermindert, veranlasst es den heftigsten
-Kampf zwischen den Einzelwesen, seye es nur einer oder seye es
-verschiedener Arten, welche von derselben Nahrung leben. Selbst wenn
-ein, z.&#160;B. äusserst kaltes, Klima<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> unmittelbar wirkt, sind es die
-mindest kräftigen oder diejenigen Individuen, die beim vorrückenden
-Winter am wenigsten Futter bekommen haben, welche am meisten leiden.
-Wenn wir von Süden nach Norden oder aus einer feuchten in eine trockene
-Gegend wandern, werden wir stets einige Arten immer seltener und
-seltener werden und zuletzt gänzlich verschwinden sehen; und da der
-Wechsel des Klima’s zu Tage liegt, so werden wir am ehesten versucht
-seyn den ganzen Erfolg seiner direkten Einwirkung zuzuschreiben.
-Und doch ist Diess eine falsche Ansicht; wir vergessen dabei, dass
-jede Art selbst da, wo sie am häufigsten ist, in irgend einer Zeit
-ihres Lebens durch Feinde oder durch Mitbewerber um ihre Nahrung oder
-ihre Wohnstelle ungeheure Zerstörung erfährt; und wenn diese Feinde
-oder Mitbewerber nur im Mindesten durch irgend einen Wechsel des
-Klima’s begünstigt werden, so wachsen sie an Zahl, und da jede Fläche
-bereits vollständig mit Bewohnern besetzt ist, so muss die andre Art
-zurückweichen. Wenn wir auf dem Wege nach Süden eine Art in Abnahme
-begriffen sehen, so fühlen wir gewiss, dass die Ursache mehr in anderen
-begünstigten Arten liegt, als in dieser einen benachtheiligten. Eben
-so, wenn wir nordwärts gehen, obgleich in einem etwas geringeren Grade,
-weil die Zahl aller Arten und somit aller Mitbewerber gegen Norden hin
-abnimmt. Daher kömmt es, dass, wenn wir nach Norden oder einen Berg
-hinauf gehen, wir weit öfters verkümmerten Formen begegnen, welche
-von <em class="gesperrt">unmittelbar</em> schädlichen Einflüssen des Klima’s herrühren,
-als wenn wir nach Süden oder bergab gehen. Erreichen wir endlich die
-arktischen Regionen oder die Schnee-bedeckten Berg-Spitzen oder
-vollkommene Wüsten, so findet das Ringen ums Daseyn hauptsächlich gegen
-die Elemente statt.</p>
-
-<p>Dass die Wirkung des Klima’s vorzugsweise eine indirekte und durch
-Begünstigung andrer Arten vermittelt seye, ergibt sich klar aus der
-wunderbar grossen Menge solcher Pflanzen in unseren Gärten, welche
-zwar vollkommen im Stande sind unser Klima zu ertragen, aber niemals
-naturalisirt werden können, weil sie weder den Wettkampf mit anderen
-Pflanzen aushalten<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> noch der Zerstörung durch unsere einheimischen
-Thiere widerstehen können.</p>
-
-<p>Wenn sich eine Art durch sehr günstige Umstände auf einem kleinen
-Raume zu ausserordentlicher Anzahl vermehrt, so sind Seuchen (so ist
-es wenigstens bei unseren Hausthieren gewöhnlich der Fall) oft die
-Folge davon, und hier haben wir ein vom Ringen ums Daseyn unabhängiges
-Hemmniss. Doch scheint wenigstens ein Theil dieser sogenannten
-Epidemien von parasitischen Würmern herzurühren, welche durch irgend
-eine Ursache und vielleicht durch die Leichtigkeit der Verbreitung
-zwischen gekreuzten Rassen unverhältnissmässig begünstigt worden sind,
-und so fände hier gewissermaassen ein Ringen zwischen den Würmern und
-ihren Nährthieren statt.</p>
-
-<p>Andrerseits ist in vielen Fällen wieder ein grosser Bestand von
-Individuen derselben Art unumgänglich für ihre Erhaltung nöthig. Man
-kann daher leicht Getreide, Repssaat u.&#160;s.&#160;w. in Masse auf unseren
-Feldern erziehen, weil hier deren Saamen in grossem Übermaasse
-gegenüber den Vögeln vorhanden sind, welche davon leben; und doch
-können diese Vögel, wenn sie auch mehr als nöthig Futter in der einen
-Jahreszeit haben, nicht im Verhältniss zur Menge dieses Futters
-zunehmen, weil die ganze Anzahl im Winter nicht ihr Fortkommen fände.
-Dagegen weiss jeder, der es versucht hat, Saamen aus Weitzen oder
-andern solchen Pflanzen im Garten zu erziehen, wie mühesam Diess
-ist. Ich habe in solchen Fällen jedes Saamenkorn verloren. Diese
-Anschauungsweise von der Nothwendigkeit eines grossen Bestandes einer
-Art für ihre Erhaltung erklärt, wie mir scheint, einige eigenthümliche
-Fälle in der Natur, wie z.&#160;B. dass sehr seltene Pflanzen zuweilen
-sehr zahlreich auf einem kleinen Fleck beisammen vorkommen; und dass
-manche gesellige Pflanzen gesellig oder in grosser Zahl beisammen
-selbst auf der äussersten Grenze ihres Verbreitungs-Bezirkes gefunden
-werden. In solchen Verhältnissen kann man glauben, eine Pflanzen-Art
-vermöge nur da zu bestehen, wo die Lebens-Bedingungen so günstig
-sind, dass ihrer viele beisammen leben und so einander vor äusserster
-Zerstörung bewahren können. Ich möchte hinzufügen, dass die<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> guten
-Folgen einer häufigen Kreutzung und die schlimmen einer reinen Inzucht
-wahrscheinlich in einigen dieser Fälle mit in Betracht kommen; doch
-will ich mich über diesen verwickelten Gegenstand hier nicht weiter
-verbreiten.</p>
-
-<p>Man berichtet viele Beispiele, aus denen sich ergibt, wie
-zusammengesetzt und wie unerwartet die gegenseitigen Beschränkungen
-und Beziehungen zwischen organischen Wesen sind, die in einerlei
-Gegend mit einander zu ringen haben. Ich will nur ein solches
-Beispiel anführen, das, wenn auch einfach, mich angesprochen hat.
-In <i>Staffordshire</i> auf einem Gute, über dessen Verhältnisse
-nachzuforschen ich in günstiger Lage war, befand sich eine grosse
-äusserst unfruchtbare Haide, die nie von eines Menschen Hand berührt
-worden. Doch waren einige Hundert Acker derselben von genau gleicher
-Beschaffenheit mit dem Übrigen fünfundzwanzig Jahre zuvor eingezäunt
-und mit der <i>Schottischen</i> Kiefer bepflanzt worden. Die
-Veränderung in der ursprünglichen Vegetation des bepflanzten Theiles
-war äusserst merkwürdig, mehr als man gewöhnlich wahrnimmt, wenn man
-auf einen ganz verschiedenen Boden übergeht. Nicht allein erschienen
-die Zahlen-Verhältnisse zwischen den Haide-Pflanzen gänzlich verändert,
-sondern es blüheten auch in der Pflanzung noch zwölf solche Arten,
-Ried- u.&#160;a. Gräser ungerechnet, von welchen auf der Haide nichts zu
-finden war. Die Wirkung auf die Kerbthiere muss noch viel grösser
-gewesen seyn, da in der Pflanzung sechs Species Insekten-fressender
-Vögel sehr gemein waren, von welchen in der Haide nichts zu sehen
-gewesen, welche dagegen von zwei bis drei andren Arten derselben
-besucht wurde. Wir bemerken hier, wie mächtig die Folgen der Einführung
-einer einzelnen Baum-Art gewesen, indem durchaus nichts sonst geschehen
-war, ausser der Abhaltung des Wildes durch die Einfriedigung. Was für
-ein wichtiges Element aber die Einfriedigung seye, habe ich deutlich zu
-<i>Farnham</i> in <i>Surrey</i> erkannt. Hier waren ausgedehnte Haiden
-mit ein paar Gruppen alter <i>Schottischer</i> Kiefern auf den Rücken
-der entfernteren Hügel; in den letzten 10 Jahren waren ansehnliche
-Strecken eingefriedigt worden, und innerhalb dieser Einfriedigungen
-schoss in Folge<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> von Selbstbesaamung eine Menge junger Kiefern auf,
-so dicht beisammen, dass nicht alle fortleben können. Nachdem ich
-erfahren, dass diese jungen Stämmchen nicht absichtlich gesäet oder
-gepflanzt worden, war ich um so mehr erstaunt über deren Anzahl, als
-ich mich sofort nach mehren Seiten wandte, um Hunderte von Acres der
-nicht eingefriedigten Haide zu untersuchen, wo ich jedoch ausser den
-gepflanzten alten Gruppen buchstäblich genommen auch nicht eine Kiefer
-zu finden vermochte. Da ich mich jedoch genauer zwischen den Stämmen
-der freien Haide umsah, fand ich eine Menge Sämlinge und kleiner
-Bäumchen, welche aber fortwährend von den Rinder-Heerden abgeweidet
-worden waren. Auf einem eine Elle im Quadrat messenden Fleck mehre
-Hundert Schritte von den alten Baum-Gruppen entfernt zählte ich 32
-solcher abgeweideten Bäumchen, wovon eines nach der Zahl seiner
-Jahres-Ringe zu schliessen 26 Jahre lang gehindert worden war sich über
-die Haide-Pflanzen zu erheben und dann zu Grunde gegangen ist. Kein
-Wunder also, dass, sobald das Land eingefriedigt worden, es dicht von
-kräftigen jungen Kiefern überzogen wurde. Und doch war die Haide so
-äusserst unfruchtbar und so ausgedehnt, dass niemand geglaubt hätte,
-dass das Rindvieh hier so dicht und so erfolgreich nach Futter gesucht
-habe.</p>
-
-<p>Wir sehen hier das Vorkommen der <i>Schottischen</i> Kiefer in
-Abhängigkeit vom Rinde; in andern Weltgegenden ist es von gewissen
-Insekten abhängig. Vielleicht bietet <i>Paraguay</i> das merkwürdigste
-Beispiel dar; denn hier sind niemals Rinder, Pferde oder Hunde
-verwildert, obwohl sie im Süden und Norden davon in verwildertem
-Zustande umherschwärmen. A<span class="smaller">ZARA</span> und R<span class="smaller">ENGGER</span> haben
-gezeigt, dass die Ursache dieser Erscheinung in <i>Paraguay</i> in
-dem häufigeren Vorkommen einer gewissen Fliege zu finden seye, welche
-ihre Eier in den Nabel der neu-geborenen Jungen dieser Thier-Arten
-legt. Die Vermehrung dieser Fliege muss gewöhnlich durch irgend ein
-Gegengewicht und vermuthlich durch Vögel gehindert werden. Wenn daher
-gewisse Insekten-fressende Vögel, deren Zahl wieder durch Raubvögel
-und Fleisch-Fresser geregelt werden mag,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> in <i>Paraguay</i> zunähme,
-so würden sich die Fliegen vermindern und Rind und Pferd verwildern,
-was dann wieder (wie ich in einigen Theilen <i>Südamerika’s</i>
-wirklich beobachtet habe) eine bedeutende Veränderung in der
-Pflanzen-Welt veranlassen würde. Diess müsste nun in hohem Grade auf
-die Insekten und hiedurch, wie wir in <i>Staffordshire</i> gesehen,
-auf die Insekten-fressenden Vögel wirken, und so fort in immer und
-verwickelteren Kreisen. Wir haben diese Belege mit Insekten-fressenden
-Vögeln begonnen und endigen damit. Doch sind in der Natur die
-Verhältnisse nicht immer so einfach, wie hier. Kampf um Kampf mit
-veränderlichem Erfolge muss immer wiederkehren; aber in die Länge
-halten die Kräfte einander so genau das Gleichgewicht, dass die
-Natur auf weite Perioden hinaus immer ein gleiches Aussehen behält,
-obwohl gewiss oft die unbedeutendste Kleinigkeit genügen würde, einem
-organischen Wesen den Sieg über das andre zu verleihen. Demungeachtet
-ist unsre Unwissenheit so gross, dass wir uns verwundern, wenn wir
-von dem Erlöschen eines organischen Wesens vernehmen; und da wir die
-Ursache nicht sehen, so rufen wir Umwälzungen zu Hilfe um die Welt zu
-verwüsten, oder erfinden Gesetze über die Dauer der Lebenformen.</p>
-
-<p>Ich bin versucht durch ein weitres Beispiel nachzuweisen, wie
-solche Pflanzen und Thiere, welche auf der Stufenleiter der Natur
-am weitesten von einander entfernt stehen, durch ein Gewebe von
-verwickelten Beziehungen mit einander verkettet werden. Ich werde
-nachher Gelegenheit haben zu zeigen, dass die ausländische Lobelia
-fulgens in diesem Theile von <i>England</i> niemals von Insekten
-besucht wird und daher nach ihrem eigenthümlichen Blüthen-Bau nie eine
-Frucht ansetzen kann. Viele unsrer Orchideen-Pflanzen müssen unbedingt
-von Motten besucht werden, um ihre Pollen-Massen wegzunehmen und sie
-zu befruchten. Ich habe durch Versuche ermittelt, dass Hummeln zur
-Befruchtung der Jelängerjelieber (Viola tricolor) unentbehrlich sind,
-indem andre Bienen sich nie auf dieser Blume einfinden. Eben so habe
-ich gefunden, dass der Besuch der Bienen zur Befruchtung von mehren
-unsrer Klee-Arten nothwendig seye. So lieferten mir hundert Stöcke
-weissen Klee’s (Trifolium repens)<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> 2290 Saamen, während 20 andre
-Pflanzen dieser Art, welche den Bienen unzugänglich gemacht waren,
-nicht einen Saamen zur Entwicklung brachten. Und eben so ergaben
-hundert Stöcke rothen Klee’s (Trifolium pratense) 2700 Saamen, und
-die gleiche Anzahl gegen Bienen geschützter Stöcke nicht einen!
-Hummeln besuchen allein diesen rothen Klee, indem andre Bienen-Arten
-den Nektar dieser Blume nicht erreichen können. Auch von Motten hat
-man unterstellt, dass sie zur Befruchtung des Klee’s beitragen; ich
-zweifle aber wenigstens daran, dass Diess mit dem rothen Klee der
-Fall ist, indem sie nicht schwer genug sind, um die Seiten-Blätter
-der Blumenkrone niederzudrücken, daher man wohl annehmen darf, dass
-wenn die ganze Sippe der Hummeln in <i>England</i> sehr selten oder
-ganz vertilgt würde, auch Jelängerjelieber und rother Klee sehr selten
-werden oder ganz verschwinden müssten. Die Zahl der Hummeln steht
-grossentheils in einem entgegengesetzten Verhältnisse zu der der
-Feldmäuse in derselben Gegend, welche deren Nester und Waben aufsuchen.
-Herr H. N<span class="smaller">EWMAN</span>, welcher die Lebens-Weise der Hummeln lange
-beobachtet, glaubt dass über zwei Drittel derselben durch ganz
-<i>England</i> zerstört werden. Nun findet aber, wie Jedermann weiss,
-die Zahl der Mäuse ein grosses Gegengewicht in der der Katzen, so dass
-N<span class="smaller">EWMAN</span> sagt, in der Nähe von Dörfern und Flecken habe er die
-Zahl der Hummel-Nester am grössten gefunden, was er der reichlicheren
-Zerstörung der Mäuse durch die Katzen zuschreibe. Daher ist es denn
-wohl glaublich, dass die reichliche Anwesenheit eines Katzen-artigen
-Thieres in irgend einem Bezirke durch Vermittelung von Mäusen und
-Bienen auf die Menge gewisser Pflanzen daselbst von Einfluss seyn kann!</p>
-
-<p>Bei jeder Species kommen wahrscheinlich verschiedene Arten Gegengewicht
-in Betracht, solche die in verschiedenen Perioden des Lebens, und
-solche die während verschiedener Jahres-Zeiten wirken. Eines oder
-einige derselben mögen mächtiger als die andern seyn; aber alle
-zusammen bedingen die Durchschnitts-Zahl der Individuen oder selbst
-die Existenz der Art. In manchen Fällen lässt sich nachweisen, dass
-sehr verschiedene Gegengewichte in verschiedenen Gegenden auf eine
-Species einwirken.<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Wenn wir Büsche und Pflanzen betrachten, welche
-einen zerfallenen Wall überziehen, so sind wir geneigt, ihre Arten und
-deren Zahlen-Verhältnisse dem Zufalle zuzuschreiben. Doch wie falsch
-ist diese Ansicht! Jedermann hat gehört, dass, wenn in <i>Amerika</i>
-ein Wald niedergehauen wird, eine ganz verschiedene Pflanzenwelt zum
-Vorschein kommt, und doch ist beobachtet worden, dass die Bäume,
-welche jetzt auf den alten Indianer-Wällen im Süden der <i>Vereinten
-Staaten</i> wachsen, deren früherer Baum-Bestand abgetrieben worden,
-jetzt wieder eben dieselbe bunte Manchfaltigkeit und dasselbe
-Arten-Verhältniss wie die umgebenden jungfräulichen Haine darbieten.
-Welch ein Wettringen muss hier Jahrhunderte lang zwischen den
-verschiedenen Baum-Arten stattgefunden haben, deren jede ihre Saamen
-jährlich zu Tausenden abwirft! Was für ein Kampf zwischen Insekten und
-Insekten u.&#160;a. Gewürm mit Vögeln und Raubthieren, welche alle sich zu
-vermehren strebten, alle sich von einander oder von den Bäumen und
-ihren Saamen und Sämlingen, oder von jenen andern Pflanzen nährten,
-welche anfänglich den Grund überzogen und hiedurch das Aufkommen der
-Bäume gehindert hatten. Wirft man eine Hand voll Federn in die Lüfte,
-so müssen alle nach bestimmten Gesetzen zu Boden fallen; aber wie
-einfach ist das Problem, wohin eine jede fallen wird, in Vergleich zu
-der Wirkung und Rückwirkung der zahllosen Pflanzen und Thiere, die im
-Laufe von Jahrhunderten Arten und Zahlen-Verhältniss der Bäume bestimmt
-haben, welche jetzt auf den alten indianischen Ruinen wachsen!</p>
-
-<p>Abhängigkeit eines organischen Wesens von einem andern, wie die
-des Parasiten von seinem Ernährer, findet in der Regel zwischen
-solchen Wesen statt, welche auf der Stufenleiter der Natur weit
-auseinander sind. Diess ist oft bei solchen der Fall, von denen man
-ganz richtig sagen kann, sie kämpfen miteinander auch um ihr Daseyn,
-wie Gras-fressende Säugthiere und Heuschrecken. Aber der meistens
-ununterbrochen-fortdauernde Kampf wird der heftigste seyn, der zwischen
-den Einzelwesen einer Art stattfindet, welche dieselben Bezirke
-bewohnen, dasselbe Futter verlangen und denselben Gefahren ausgesetzt
-sind. Bei<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Varietäten der nämlichen Art wird der Kampf meistens eben
-so heftig seyn, und zuweilen sehen wir den Streit schon in kurzer Zeit
-entschieden. So werden z.&#160;B., wenn wir verschiedene Weitzen-Varietäten
-durcheinander säen, und ihren gemischten Saamen-Ertrag wieder säen,
-einige Varietäten, welche dem Klima und Boden am besten entsprechen
-oder von Natur die fruchtbarsten sind, die andern überbieten und, indem
-sie mehr Saamen liefern, schon nach wenigen Jahren gänzlich ersetzen.
-Um einen gemischten Stock von so äusserst nahe verwandten Varietäten
-aufzubringen, wie die verschieden-farbigen Zuckererbsen sind, muss man
-sie jedes Jahr gesondert ärndten und dann die Saamen im erforderlichen
-Verhältnisse jedesmal auf’s Neue mengen, wenn nicht die schwächeren
-Sorten von Jahr zu Jahr abnehmen und endlich ganz ausgehen sollen.</p>
-
-<p>So verhält es sich auch mit den Schaaf-Rassen. Man hat versichert, dass
-gewisse Gebirgs-Varietäten derselben unter andern Gebirgs-Varietäten
-aussterben, so dass sie nicht durch einander gehalten werden können. Zu
-demselben Ergebnisse ist man gelangt, als man versuchte, verschiedene
-Abänderungen des medizinischen Blutegels durcheinander zu halten.
-Und ebenso ist zu bezweifeln, dass die Varietäten von irgend einer
-unsrer Kultur-Pflanzen oder Hausthier-Arten so genau dieselbe Stärke,
-Gewohnheiten und Konstitution besitzen, dass sich die ursprünglichen
-Zahlen-Verhältnisse eines gemischten Bestandes derselben auch nur ein
-halbes Dutzend Generationen hindurch zu erhalten vermöchten, wenn sie
-wie die organischen Wesen im Natur-Zustande mit einander zu ringen
-veranlasst wären und der Saamen oder die Jungen nicht alljährlich
-sortirt würden.</p>
-
-<p>Da die Arten einer Sippe gewöhnlich, doch keineswegs immer, einige
-Ähnlichkeit mit einander in Gewohnheiten und Konstitution und immer
-in der Struktur besitzen, so wird der Kampf zwischen Arten einer
-Sippe, welche in Mitbewerbung mit einander gerathen, gewöhnlich ein
-härterer seyn, als zwischen Arten verschiedener Sippen. Wir sehen
-Diess an der neuerlichen Ausbreitung einer Schwalben-Art über einen
-Theil der <i>Vereinten Staaten</i>, wo sie die Abnahme einer andern
-Art veranlasst. Die<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Vermehrung der Misteldrossel in einigen Theilen
-von <i>Schottland</i> hat daselbst die Abnahme der Singdrossel zur
-Folge gehabt. Wie oft hören wir, dass eine Ratten-Art den Platz einer
-andern eingenommen, in den verschiedensten Klimaten. In <i>Russland</i>
-hat die kleine asiatische Schabe (Blatta) ihren grösseren [?]
-Sippen-Genossen überall vor sich hergetrieben. Eine Art Ackersenf
-ist im Begriffe eine andre zu ersetzen. In <i>Australien</i> ist die
-eingeführte Stock-Biene im Begriff die kleine einheimische Biene
-ohne Stachel rasch zu vertilgen u.&#160;s.&#160;w. Wir vermögen undeutlich zu
-erkennen, warum die Mitbewerbung zwischen den verwandtesten Formen am
-heftigsten ist, welche nahezu denselben Platz im Haushalte der Natur
-ausfüllen; aber wahrscheinlich werden wir in keinem einzigen Falle
-genauer anzugeben im Stande seyn, wie es zugegangen, dass in dem
-grossen Wettringen um das Daseyn die eine den Sieg über die andre davon
-getragen hat.</p>
-
-<p>Aus den vorangehenden Bemerkungen lässt sich als Folgesatz von grösster
-Wichtigkeit ableiten, dass die Struktur eines jeden organischen Wesens
-auf die innigste aber oft verborgene Weise mit der aller andern
-organischen Wesen zusammenhängt, mit welchen es in Mitbewerbung um
-Nahrung oder Wohnung in Beziehung steht, welche es zu vermeiden hat,
-und von welchen es lebt. — Diess erhellt eben so deutlich im Baue
-der Zähne und der Klauen des Tigers, wie in der Bildung der Beine und
-Krallen des Parasiten, welcher an des Tigers Haaren hängt. Zwar an dem
-zierlich gefiederten Saamen des Löwenzahns wie an den abgeplatteten und
-gewimperten Beinen des Wasserkäfers scheint anfänglich die Beziehung
-nur auf das Luft- und Wasser-Element beschränkt. Aber der Vortheil des
-fiedergrannigen Löwenzahn-Saamens steht ohne Zweifel in der engsten
-Beziehung zu dem durch andre Pflanzen bereits dicht besetzten Lande,
-so dass er in der Luft erst weit umhertreiben muss, um auf einen noch
-freien Boden fallen zu können. Den Wasserkäfer dagegen befähigt die
-Bildung seiner Beine vortrefflich zum Untertauchen, wodurch er in den
-Stand gesetzt wird, mit anderen Wasser-Insekten in Mitbewerbung zu
-treten, indem er nach seiner eignen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Beute jagt, und anderen Thieren zu
-entgehen, welche ihn zu ihrer Ernährung verfolgen.</p>
-
-<p>Der Vorrath von Nahrungs-Stoff, welcher in den Saamen vieler Pflanzen
-niedergelegt ist, scheint anfänglich keine Art von Beziehung zu
-anderen Pflanzen zu haben. Aber aus dem lebhaften Wachsthum der jungen
-Pflanzen, welche aus solchen Saamen (wie Erbsen, Bohnen u.&#160;s.&#160;w.)
-hervorgehen, wenn sie mitten in hohes Gras ausgestreut worden, vermuthe
-ich, dass jener Nahrungs-Vorrath hauptsächlich dazu bestimmt ist, das
-Wachsthum des jungen Sämlings zu beschleunigen, welcher mit andern
-Pflanzen von kräftigem Gedeihen rund um ihn her zu kämpfen hat.</p>
-
-<p>Warum verdoppelt oder vervierfacht eine Pflanze in der Mitte ihres
-Verbreitungs-Bezirkes nicht ihre Zahl? Wir wissen, dass sie recht gut
-etwas mehr oder weniger Hitze und Kälte, Trockne und Feuchtigkeit
-aushalten kann; denn anderwärts verbreitet sie sich in etwas wärmere
-oder kältere, feuchtere oder trockenere Bezirke. Wir sehen wohl ein,
-dass, wenn wir in Gedanken wünschten, der Pflanze das Vermögen noch
-weiterer Zunahme zu verleihen, wir ihr irgend einen Vortheil über
-die andern mit ihr werbenden Pflanzen oder über die sich von ihr
-nährenden Thiere gewähren müssten. An den Grenzen ihrer geographischen
-Verbreitung würde eine Veränderung ihrer Konstitution in Bezug auf
-das Klima offenbar von wesentlichem Vortheil für unsre Pflanze seyn.
-Wir haben jedoch Grund zu glauben, dass nur wenige Pflanzen- oder
-Thier-Arten sich so weit verbreiten, dass sie durch die Strenge des
-Klima’s allein zerstört werden. Nur wo wir die äussersten Grenzen des
-Lebens überhaupt erreichen, in den arktischen Regionen oder am Rande
-der dürresten Wüste, da hört auch die Mitbewerbung auf. Mag das Land
-noch so kalt oder trocken seyn, immer werden sich noch einige Arten
-oder noch die Individuen derselben Art um das wärmste oder feuchteste
-Fleckchen streiten.</p>
-
-<p>Daher sehen wir auch, dass, wenn eine Pflanzen- oder eine Thier-Art in
-eine neue Gegend zwischen neue Mitbewohner versetzt wird, die äusseren
-Lebens-Bedingungen meistens wesentlich<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> andre sind, wenn auch das
-Klima genau dasselbe wie in der alten Heimath bliebe. Wünschten wir
-das durchschnittliche Zahlen-Verhältniss dieser Art in ihrer neuen
-Heimath zu steigern, so müssten wir ihre Natur in einer andern Weise
-modifiziren, als es hätte in ihrer alten Heimath geschehen müssen; denn
-sie bedarf eines Vortheils über eine andre Reihe von Mitbewerbern oder
-Feinden, als sie dort gehabt hat.</p>
-
-<p>Versuchten wir in unsrer Einbildungskraft, dieser oder jener Form einen
-Vortheil über eine andre zu verleihen, so wüssten wir wahrscheinlich
-in keinem einzigen Falle, was zu thun seye, um zu diesem Ziele zu
-gelangen. Wir würden die Überzeugung von unsrer Unwissenheit über die
-Wechselbeziehungen zwischen allen organischen Wesen gewinnen: einer
-Überzeugung, welche eben so nothwendig ist, als sie schwer zu erlangen
-scheint. Alles was wir thun können, ist: stets im Sinne behalten,
-dass jedes organische Wesen nach Zunahme in einem geometrischen
-Verhältnisse strebt; dass jedes zu irgend einer Zeit seines Lebens
-oder zu einer gewissen Jahreszeit, während seiner Fortpflanzung oder
-nach unregelmässigen Zwischenräumen grosse Zerstörung zu erleiden hat.
-Wenn wir über diesen Kampf um’s Daseyn nachdenken, so mögen wir uns
-selbst trösten mit dem vollen Glauben, dass der Krieg der Natur nicht
-ununterbrochen ist, dass keine Furcht gefühlt wird, dass der Tod im
-Allgemeinen schnell ist, und dass es der Kräftigere, der Gesundere und
-Geschicktere ist, welcher überlebt und sich vermehrt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br />
-
-<b>Natürliche Züchtung.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Natürliche Auswahl zur Nachzucht; — ihre Gewalt im Vergleich zu
-der des Menschen; — ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer
-Wichtigkeit; — ihre Gewalt in jedem Alter und über beide
-Geschlechter; — Sexuelle Zuchtwahl. — Über die Allgemeinheit
-der Kreutzung zwischen Individuen der nämlichen Art. — Umstände
-günstig oder ungünstig für die Natürliche Züchtung, insbesondere
-Kreutzung, Isolation und Individuen-Zahl. — Langsame Wirkung.
-Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. — Divergenz des
-Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer
-kleinen Fläche und auf Naturalisation. — Wirkung der Natürlichen
-Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Ältern durch Divergenz des
-Charakters und durch Unterdrückung. — Erklärt die Gruppirung aller
-organischen Wesen. — Fortschritt in der Organisation. — Erhaltung
-unvollkommener Formen. — Betrachtung der Einwände. — Unbeschränkte
-Vermehrung der Arten. — Zusammenfassung.</p>
-
-<p>Wie mag wohl der Kampf um das Daseyn, welcher im letzten Kapitel
-allzukurz abgehandelt worden, in Bezug auf Variation wirken? Kann das
-Prinzip der Auswahl für die Nachzucht, welche in des Menschen Hand so
-viel leistet, in der Natur angewendet werden? Ich glaube, wir werden
-sehen, dass ihre Thätigkeit eine äusserst wirksame ist. Erwägen wir
-in Gedanken, mit welch’ endloser Anzahl neuer Eigenthümlichkeiten die
-Erzeugnisse unsrer Züchtung und, in minderem Grade, die der Natur
-variiren, und wie stark die Neigung zur Vererbung ist. Durch Zähmung
-und Kultivirung, kann man wohl sagen, wird die ganze Organisation
-in gewissem Grade bildsam. Aber die Veränderlichkeit, welche wir
-an unseren Kultur-Erzeugnissen fast allgemein antreffen, ist, wie
-H<span class="smaller">OOKER</span> und A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> richtig bemerkt haben, nicht
-direkt durch den Menschen herbeigeführt worden; er kann weder
-Varietäten entstehen machen, noch ihr Entstehen hindern; er kann
-nur die vorkommenden erhalten und vermehren. Absichtslos setzt er
-organische Wesen neuen verändernden Lebens-Bedingungen aus und die
-Abänderungen beginnen. Aber ähnliche Wechsel der Lebens-Bedingungen
-kommen auch in der Natur vor. Erwägen wir ferner, wie unendlich<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span>
-verwickelt und wie genau anschliessend die gegenseitigen Beziehungen
-aller organischen Wesen zu einander und zu den natürlichen
-Lebens-Bedingungen sind und wie unendlich vielfältige Abänderungen der
-Struktur mithin einem jeden Wesen unter wechselnden Lebens-Bedingungen
-nützlich seyn können. Kann man es denn bei Erwägung, wie viele für
-den Menschen nützliche Abänderungen unzweifelhaft vorkommen, für
-unwahrscheinlich halten, dass auch andre mehr und weniger einem jeden
-Wesen selbst in dem grossen und zusammengesetzten Kampfe um’s Leben
-diensame Abänderungen im Laufe von Tausenden von Generationen zuweilen
-vorkommen werden? Wenn solche aber vorkommen, bleibt dann noch zu
-bezweifeln, dass (da offenbar viel mehr Individuen geboren werden, als
-möglicher Weise fortleben können) diejenigen Einzelwesen, welche irgend
-einen wenn auch geringen Vortheil vor andern voraus besitzen, die
-meiste Wahrscheinlichkeit haben, die andern zu überdauern und wieder
-ihresgleichen hervorzubringen? Andrerseits werden wir gewiss fühlen,
-dass eine im geringsten Grade nachtheilige Abänderung in gleichem
-Verhältnisse mehr der Vertilgung ausgesetzt ist. Diese Erhaltung
-vortheilhafter und Zurücksetzung nachtheiliger Abänderungen ist es, was
-ich „Natürliche Auswahl oder Züchtung“ nenne<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>. Abänderungen, welche
-weder vortheilhaft noch nachtheilig sind, werden von der Natürlichen
-Auswahl nicht berührt, und bleiben ein schwankendes Element, wie wir es
-vielleicht in den sogenannten polymorphen Arten sehen.</p>
-
-<p>Einige Schriftsteller haben den Ausdruck „<i>Natural Selection</i>“
-missverstanden oder unpassend gefunden. Die einen haben sich
-vorgestellt, Natürliche Züchtung führe zur Veränderlichkeit, während
-sie doch nur die Erhaltung solcher Varietäten vermittelt, welche dem
-Organismus in seinen eigenthümlichen Lebens-Beziehungen von Nutzen
-sind. Niemand macht dem Landwirth einen Vorwurf daraus, dass er von den
-grossen Wirkungen der Züchtung auf den Menschen spricht, und in diesem
-Falle müssen die individuellen Eigenthümlichkeiten, welche die Auswahl
-des Menschen<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> bestimmen, nothwendig zuerst von der Natur verliehen
-seyn. Andre haben eingewendet, dass der Ausdruck „<i>Selection</i>“
-ein Bewusstsein in den Thieren voraussetze, welche verändert werden,
-— und doch hätten die Pflanzen keinen Willen und seye der Ausdruck
-auf sie nicht anwendbar. Es unterliegt allerdings keinem Zweifel,
-dass buchstäblich genommen „<i>Natural Selection</i>“ ein falscher
-Ausdruck ist; wer hat aber je den Chemiker getadelt, wenn er von einer
-Wahlverwandtschaft unter seinen chemischen Elementen gesprochen? und
-doch kann man nicht sagen, dass eine Säure sich die Basis auswähle,
-mit der sie sich vorzugsweise verbinden wolle. Man hat gesagt ich
-spreche von <i>Natural Selection</i> wie von einer thätigen Macht oder
-Gottheit; wer aber erhebt gegen andere einen Einwand, wenn sie von der
-Anziehung reden, welche die Bewegung der Planeten regelt? Jedermann
-weiss, was damit gemeint, und ist an solche bildliche Ausdrücke
-gewöhnt; sie sind ihrer Kürze wegen nothwendig. Eben so schwer ist es
-eine Personifizirung der Natur zu vermeiden; und doch verstehe ich
-unter Natur bloss die vereinte Thätigkeit und Leistung der mancherlei
-Naturgesetze. Bei ein bis’chen Bekanntschaft mit der Sache sind solche
-oberflächliche Einwände bald vergessen.</p>
-
-<p>Wir werden den wahrscheinlichen Hergang bei der Natürlichen Zuchtwahl
-am besten verstehen, wenn wir den Fall annehmen, eine Gegend
-erfahre irgend eine physikalische Veränderung z.&#160;B. im Klima. Das
-Zahlen-Verhältniss seiner Bewohner wird dann unmittelbar ein andres
-werden, und ein oder die andre Art wird gänzlich erlöschen. Wir dürfen
-ferner aus dem innigen Abhängigkeits-Verhältnisse der Bewohner einer
-Gegend von einander schliessen, dass, ausser dem Klima-Wechsel an
-sich, die Änderung im Zahlen-Verhältnisse eines Theiles ihrer Bewohner
-auch sehr wesentlich auf die andern wirke. Hat diese Gegend offene
-Grenzen, so werden gewiss neue Formen einwandern und das Verhältniss
-eines Theiles der alten Bewohner zu einander ernstlich stören; denn
-erinnern wir uns, wie folgenreich die Einführung einer einzigen Baum-
-oder Säugthier-Art in den früher mitgetheilten Beispielen gewesen ist.
-Handelte es sich dagegen um<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> eine Insel oder um ein so umschränktes
-Land, dass neue und besser angepasste Formen nicht eindringen
-können, so werden sich Lücken im Hausstande der Natur ergeben,
-welche sicherlich besser dadurch ausgefüllt werden, dass einige der
-ursprünglichen Bewohner eine angemessene Abänderung erfahren; denn,
-wäre das Land der Einwanderung geöffnet gewesen, so würden sich wohl
-Eindringlinge dieser Stellen bemächtigt haben. In diesem Falle würde
-daher jede geringe Abänderung, die sich im Laufe der Zeit entwickelt
-hat und irgendwie die Individuen einer oder der andern Species durch
-bessre Anpassung an die geänderten Lebens-Bedingungen begünstigt, ihre
-Erhaltung zu gewärtigen haben und die Natürliche Auswahl wird freien
-Spielraum für ihr Verbesserungs-Werk finden.</p>
-
-<p>Wie in dem ersten Kapitel gezeigt worden, ist Grund zur Annahme
-vorhanden, dass eine solche Änderung in den Lebens-Bedingungen, welche
-insbesondere auf das Reproduktiv-System wirkt, Variabilität verursacht,
-oder sie erhöhet. In dem vorangehenden Falle ist eine Änderung der
-Lebens-Bedingungen unterstellt worden, und diese wird gewiss für die
-Natürliche Züchtung insofern günstig gewesen seyn, als mit ihr die
-Aussicht auf das Vorkommen nützlicher Abänderungen verbunden war;
-kommen nützliche Abänderungen nicht vor, so kann die Natur keine
-Auswahl zur Züchtung treffen. Nicht als ob dazu ein äusserstes Mass
-von Veränderlichkeit nöthig wäre; denn wenn der Mensch grosse Erfolge
-durch Häufung bloss individueller Verschiedenheiten in einer und
-derselben Richtung erzielen kann, so vermag es die Natürliche Zuchtwahl
-in noch weit höherm Grade, da ihr unvergleichlich längre Zeitraume
-für ihre Plane zu Gebot stehen. Auch glaube ich nicht, dass eben eine
-grosse klimatische oder andre Veränderung oder ein ungewöhnlicher Grad
-von Abschränkung gegen die Einwanderung nöthig ist, um neue und noch
-unausgefüllte Stellen zu schaffen, damit die Natürliche Zuchtwahl
-sie durch Abänderung und Verbesserung einiger variirender Bewohner
-der Gegend ausfüllen könne. Denn da alle Bewohner einer jeden Gegend
-mit gegenseitig genau abgewogenen Kräften in beständigem Kampfe mit
-einander liegen, so genügen oft schon äusserst<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> geringe Modifikationen
-in der Bildung oder Lebensweise eines Bewohners, um ihm einen Vortheil
-über andre zu geben, und weitre Abänderungen in gleicher Richtung
-werden sein Übergewicht noch vergrössern, so lange als das Wesen
-unter den nämlichen Lebens-Bedingungen fortbesteht und aus ähnlichen
-Subsistenz- und Vertheidigungs-Mitteln Nutzen zieht. Es lässt sich
-keine Gegend bezeichnen, in welcher alle natürlichen Bewohner bereits
-so vollkommen aneinander und an die äusseren Bedingungen des Lebens
-angepasst wären, dass keine unter ihnen mehr einer Veredelung fähig
-wäre; denn in allen Gegenden sind die eingebornen Arten so weit von
-naturalisirten Erzeugnissen überwunden worden, dass diese Fremdlinge
-im Stande gewesen sind festen Besitz vom Lande zu nehmen. Und da die
-Fremdlinge überall einige der Eingeborenen aus dem Felde geschlagen
-haben, so darf man wohl daraus schliessen dass, wenn diese mit mehr
-Vorzügen ausgestattet gewesen wären, sie solchen Eindringlingen mehr
-Widerstand geleistet haben würden.</p>
-
-<p>Da nun der Mensch durch methodisch oder unbewusst ausgeführte Wahl
-zum Zwecke der Nachzucht so grosse Erfolge erzielen kann und gewiss
-erzielt hat, was muss nicht die Natürliche Züchtung leisten können? Der
-Mensch kann absichtlich nur auf äusserliche und sichtbare Charaktere
-wirken; die Natur (wenn es gestattet ist die natürliche Erhaltung
-veränderlicher und begünstigter Individuen während des Kampfes ums
-Daseyn zu personificiren) fragt nicht nach dem Aussehen, ausser wo es
-zu irgend einem Zwecke nützlich seyn kann. Sie kann auf jedes innere
-Organ, auf den geringsten Unterschied in der organischen Thätigkeit,
-auf die ganze Machinerie des Lebens wirken. Der Mensch wählt nur zu
-seinem eignen Nutzen; die Natur nur zum Nutzen des Wesens, das sie
-pflegt. Jeder von ihr ausgewählte Charakter wird daher in voller
-Thätigkeit erhalten und das Wesen in günstige Lebens-Bedingungen
-versetzt. Der Mensch dagegen hält die Eingebornen aus vielerlei
-Klimaten in derselben Gegend beisammen und entwickelt selten irgend
-einen Charakter in einer besonderen und ihm entsprechenden Weise fort.
-Er füttert eine lang- und eine kurz-schnäbelige Taube auf dieselbe
-Weise; er<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> beschäftigt einen lang-rückenigen oder einen lang-beinigen
-Vierfüsser nicht in einer besondern Art; er setzt das lang- und das
-kurz-wollige Schaaf demselben Klima aus. Er veranlasst die kräftigeren
-Männchen nicht, um ihre Weibchen zu kämpfen. Er zerstört nicht mit
-Beharrlichkeit alle unvollkommenen Thiere, sondern schützt vielmehr
-alle diese Erzeugnisse, so viel in seiner Gewalt liegt, in jeder
-verschiedenen Jahreszeit. Oft beginnt er seine Auswahl mit einer
-halb-monströsen Form oder mindestens mit einer schon hinreichend
-vorragenden Abänderung, um sein Auge zu fesseln oder ihm offenbaren
-Nutzen zu versprechen. In der Natur dagegen kann schon die geringste
-Abweichung in Bau und organischer Thätigkeit das bisherige genaue
-Gleichgewicht zwischen den ringenden Formen aufheben und hiedurch ihre
-Erhaltung bewirken. Wie flüchtig sind die Wünsche und die Anstrengungen
-des Menschen! wie kurz ist seine Zeit! wie dürftig sind mithin seine
-Erzeugnisse denjenigen gegenüber, welche die Natur im Verlaufe ganzer
-geologischer Perioden anhäuft! Dürfen wir uns daher wundern, wenn die
-Natur-Produkte einen weit „ächteren“ Charakter als die des Menschen
-haben, wenn sie den verwickelten Lebens-Bedingungen weit besser
-angepasst sind und das Gepräge einer weit höheren Meisterschaft an sich
-tragen?</p>
-
-<p>Man kann figürlich sagen, die Natürliche Züchtung seye täglich und
-stündlich durch die ganze Welt beschäftigt, eine jede auch die
-geringste Abänderung ausfindig zu machen, sie zurückzuwerfen wenn
-sie schlecht, und sie zu erhalten und zu verbessern wenn sie gut
-ist. Stille und unmerkbar ist sie überall und allezeit, wo sich
-die Gelegenheit darbietet, mit der Vervollkommnung eines jeden
-organischen Wesens in Bezug auf dessen organische und unorganische
-Lebens-Bedingungen beschäftigt. Wir sehen nichts von diesen langsam
-fortschreitenden Veränderungen, bis die Hand der Zeit auf eine
-abgelaufene Welt-Periode hindeutet, und dann ist unsre Einsicht in die
-längst verflossenen Zeiten so unvollkommen, dass wir nur noch das Eine
-wahrnehmen, dass die Lebensformen jetzt ganz andre sind, als sie früher
-gewesen.</p>
-
-<p>Um irgend eine Modifikation mit der Länge der Zeit bis zu einer
-hohen Stufe steigern zu können, muss man unterstellen,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> dass eine
-aufgetauchte Varietät wenn auch vielleicht erst nach einem langen
-Zeitraume von Neuem variire und ihre Varietäten, wenn sie vortheilhaft,
-erhalten werden — u.&#160;s.&#160;w. Nicht leicht wird jemand läugnen wollen,
-dass zuweilen Varietäten vorkommen, die mehr oder weniger vom
-älterlichen Stamm-Bilde abweichen; dass aber dieser Abänderungs-Prozess
-in’s Unendliche fortdauern könne, das ist eine Unterstellung, deren
-Richtigkeit beurtheilt werden muss nach dem Grad ihrer Übereinstimmung
-der Hypothese mit den allgemeinen Natur-Erscheinungen und ihrer
-Fähigkeit sie zu erklären. Eben so beruht aber auch die gewöhnlichere
-entgegengesetzte Meinung, dass die Abänderung eine scharf bestimmte
-Grenze nicht überschreiten könne, auf einer blossen Voraussetzung.</p>
-
-<p>Obwohl die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute eines
-jeden Wesens wirken kann, so werden doch wohl auch Eigenschaften
-und Bildungen dadurch berührt, denen wir nur eine untergeordnete
-Wichtigkeit beilegen möchten. Wenn Blätter-fressende Insekten grün,
-Rinden-fressende grau-gefleckt, das Alpen-Schneehuhn im Winter weiss,
-die Schottische Art Haiden-farbig, der Birkhahn mit der Farbe der
-Moorerde erscheinen, so haben wir zu vermuthen Grund, dass solche
-Farben den genannten Vögeln und Insekten nützlich sind und sie vor
-Gefahren schützen. Wald- und Schnee-Hühner würden sich, wenn sie
-nicht in irgend einer Zeit ihres Lebens der Zerstörung ausgesetzt
-wären, in endloser Anzahl vermehren. Man weiss, dass sie sehr von
-Raubvögeln leiden, welche ihre Beute mit dem Auge entdecken; daher
-man in manchen Gegenden von <i>Europa</i> auch nicht gerne weisse
-Tauben hält, weil diese der Entdeckung und Zerstörung am meisten
-ausgesetzt sind. So finde ich keinen Grund zu zweifeln, dass es
-hauptsächlich die Natürliche Züchtung ist, welche jeder Art von Wald-
-und Schnee-Hühnern die ihr eigenthümliche Farbe verleiht und, wenn
-solche einmal hergestellt ist, dieselbe fortwährend erhält. Auch
-müssen wir nicht glauben, dass die zufällige Zerstörung eines Thieres
-von abweichender Färbung nur wenig Wirkung habe, sondern vielmehr uns
-erinnern, wie wesentlich es ist aus einer weissen Schaaf-Heerde jedes
-weisse Lämmchen zu beseitigen, das die geringste Spur von<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Schwarz an
-sich hat. Wir haben oben gesehen wie in <i>Florida</i> die Farbe der
-Schwanen, welche sich von der Farbwurzel nähren, über deren Leben und
-Tod entscheidet. Bei den Pflanzen rechnen die Botaniker den flaumigen
-Überzug der Früchte und die Farbe ihres Fleisches mit zu den mindest
-wichtigen Merkmalen; und doch vernehmen wir von einem ausgezeichneten
-Garten-Freunde, D<span class="smaller">OWNING</span>, dass in den <i>Vereinten Staaten</i>
-nackthäutige Früchte viel mehr durch einen Rüsselkäfer leiden als
-die flaumigen, und dass die Purpur-farbenen Pflaumen von einer
-gewissen Krankheit viel mehr leiden, als die gelben, während eine
-andre Krankheit die gelb-fleischigen Pfirsiche viel mehr angreift,
-als die andersfarbigen. Wenn bei aller Hilfe der Kunst diese geringen
-Unterschiede zwischen den Varietäten schon einen grossen Unterschied
-in deren Behandlung erheischen, so werden sich gewiss im Zustande der
-Natur, wo die Bäume mit andern Bäumen und mit einer Menge von Feinden
-zu kämpfen haben, diejenigen Varietäten am sichersten behaupten, deren
-Früchte, mögen sie nun nackt oder behaart seyn, ein gelbes oder ein
-purpurnes Fleisch haben, am besten gedeihen.</p>
-
-<p>Was endlich eine Menge von kleinen Verschiedenheiten zwischen Species
-betrifft, welche, so weit unsre Unkenntniss zu urtheilen gestattet,
-ganz unwesentlich zu seyn scheinen, so dürfen wir nicht vergessen,
-dass auch Klima, Nahrung u.&#160;s.&#160;w. wohl einigen unmittelbaren Einfluss
-haben mögen. Weit nöthiger ist es aber noch im Gedächtniss zu behalten,
-dass es viele noch unbekannte Wechselbeziehungen des Wachsthums gibt,
-welche, wenn ein Theil der Organisation durch Variation modifizirt und
-wenn diese Modifikationen durch Natürliche Züchtung zum Besten des
-organischen Wesens gehäuft werden, dann wieder andre Modifikationen oft
-von der unerwartetsten Art veranlassen.</p>
-
-<p>Wie die Abänderungen, welche im Kultur-Zustande zu irgend einer Zeit
-des Lebens hervorgetreten sind, auch beim Nachkömmling in der gleichen
-Lebens-Periode wieder zu erscheinen geneigt sind: in Form, Grösse und
-Geschmack der Saamen vieler Küchen- und Acker-Gewächse, in den Raupen
-und Coccons der Seidenwurm-Varietäten, in den Eiern des Hof-Geflügels
-und in der Färbung des Dunenkleides seiner Jungen, in den Hörnern
-unsrer<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Schaafe und Rinder, wenn sie fast ausgewachsen, — so ist
-auch die Züchtung im Natur-Zustande fähig, in einem besondern Alter
-auf die organischen Wesen zu wirken, für diese Lebenszeit nützliche
-Abänderung zu häufen und sie in einem entsprechenden Alter zu vererben.
-Wenn es für eine Pflanze von Nutzen ist, ihre Saamen immer weiter
-und weiter mit dem Winde umherzustreuen, so ist für die Natur die
-Schwierigkeit diess Vermögen durch Züchtung zu bewirken nicht grösser,
-als sie für den Baumwollen-Pflanzer ist durch Züchtung die Baumwolle
-in den Fruchtkapseln seiner Pflanzen zu vermehren und zu verbessern.
-Natürliche Züchtung kann die Larve eines Insektes modifiziren und zu
-zwanzigerlei Bedürfnissen geeignet anpassen, welche ganz verschieden
-sind von jenen, die das reife Thier betreffen. Diese Abänderungen in
-der Larve werden zweifelsohne nach den Gesetzen der Wechselbeziehungen
-auch auf die Struktur des reifen Insektes wirken, und wahrscheinlich
-ist bei solchen Insekten, welche im reifen Zustande nur wenige Stunden
-zu leben und keine Nahrung zu sich zu nehmen haben, ein grosser
-Theil ihres Baues nur als ein korrelatives Ergebniss allmählicher
-Veränderungen in der Struktur ihrer Larven zu betrachten. So können
-aber wahrscheinlich auch umgekehrt gewisse Veränderungen im reifen
-Insekte oft die Struktur der Larve berühren, in allen Fällen aber nur
-unter der Bedingung, dass diejenige Modifikation, welche bloss die
-Folge einer Modifikation auf einer anderen Lebensstufe ist, durchaus
-nicht nachtheiliger Art seye, weil sie dann das Erlöschen der Species
-zur Folge haben müsste.</p>
-
-<p>Natürliche Züchtung kann auch die Struktur des Jungen in Bezug
-zum Alten und die des Vaters derjenigen seiner Kinder gegenüber
-modifiziren. Bei Hausthieren passt sie die Struktur eines jeden
-Einzelwesens den Zwecken der Gemeinde an, vorausgesetzt, dass auch ein
-jedes Einzelne bei dem so bewirkten Wechsel gewinne. Was die natürliche
-Züchtung nicht bewirken kann, das ist: Umänderung der Struktur einer
-Species, ohne Ersatz, zu Gunsten einer anderen Species; und obwohl in
-naturhistorischen Werken Beispiele dafür angeführt werden, so ist doch
-keines darunter, das eine Prüfung aushielte. Selbst ein organisches<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span>
-Gebilde, das nur einmal im Leben eines Thieres gebraucht wird, kann,
-wenn es ihm von grosser Wichtigkeit ist, durch die Natürliche Zuchtwahl
-bis zu jedem Betrage modifizirt werden, wie die grossen Kinnladen
-einiger Insekten, welche nur zum Öffnen ihrer Coccons dienen, oder das
-zarte Spitzchen auf dem Ende des Schnabels junger Vögel, womit sie beim
-Ausschlüpfen die Ei-Schaale aufbrechen. Man hat versichert, dass von
-den besten kurzschnäbeligen Purzel-Tauben mehr im Eie zu Grunde gehen,
-als auszuschlüpfen im Stande sind, was Liebhaber mitunter veranlasst,
-bei Durchbrechung der Schaale mitzuwirken. Wenn demnach die Natur den
-Schnabel einer Taube zu deren eignem Nutzen im ausgewachsenen Zustande
-sehr zu verkürzen hätte, so würde dieser Prozess sehr langsam vor sich
-gehen, und müsste dabei zugleich eine sehr strenge Auswahl derjenigen
-jungen Vögel im Eie stattfinden, welche den stärksten und härtesten
-Schnabel besitzen, weil alle mit weichem Schnabel unvermeidlich zu
-Grunde gehen würden; oder aber müsste eine Auswahl der dünnsten und
-zerbrechlichsten Ei-Schaalen erfolgen, deren Dicke bekanntlich so wie
-jedes andere Gebilde variirt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sexuelle Zuchtwahl.</em>) Wie im Kultur-Zustande Eigenthümlichkeiten
-oft an einem Geschlechte zum Vorschein kommen und sich erblich an
-dieses Geschlecht heften, so wird es wohl auch im Natur-Zustande
-geschehen, und, wenn Diess der Fall, so muss die Natürliche Züchtung
-fähig seyn, ein Geschlecht in seinen funktionellen Beziehungen zum
-andern zu modifiziren, oder ganz verschiedene Gewohnheiten des Lebens
-in beiden Geschlechtern zu bewirken, wie es bei Insekten zuweilen der
-Fall ist, — und Diess veranlasst mich, einige Worte über das zu sagen,
-was ich Sexuelle Züchtung nennen will. Sie hängt ab nicht von einem
-Kampfe um’s Daseyn, sondern von einem Kampfe zwischen den Männchen
-um den Besitz der Weibchen, dessen Folgen für den Besiegten nicht in
-Tod und erfolgloser Mitbewerbung, sondern in einer spärlicheren oder
-ganz ausfallenden Nachkommenschaft bestehen. Diese Geschlechtliche
-Auswahl ist daher minder verhängnissvoll, als die Natürliche. Im
-Allgemeinen werden die kräftigsten, die ihre Stelle in der Natur am
-besten ausfüllenden Männchen<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> die meiste Nachkommenschaft hinterlassen.
-In manchen Fällen jedoch wird der Sieg nicht von der Stärke im
-Allgemeinen, sondern von besondern nur dem Männchen verliehenen Waffen
-abhängen. Ein Geweih-loser Hirsch und Sporn-loser Hahn haben wenig
-Aussicht Erben zu hinterlassen. Eine Sexuelle Züchtung, welche stets
-dem Sieger die Fortpflanzung ermöglichen sollte, müsste ihm unzähmbaren
-Muth, lange Spornen und starke Flügel verleihen, um mit dem gespornten
-Laufe kämpfen zu können; wie denn der Kampfhahn-Züchter seine Zucht
-durch sorgfältige Auswahl in dieser Beziehung sehr zu veredeln
-versteht. Wie weit hinab in der Stufenleiter der Natur dergleichen
-Kämpfe noch vorkommen, weiss ich nicht. Doch hat man männliche
-Alligatoren beschrieben, wie sie um den Besitz eines Weibchens kämpfen,
-brüllen und sich im Kreise drehen; männliche Salmen hat man Tage lang
-miteinander streiten sehen; männliche Hirschkäfer haben zuweilen
-Wunden von den mächtigen Kiefern andrer; — und die Männchen gewisser
-Hymenopteren sah der unerreichbare Beobachter F<span class="smaller">ABRE</span> um ein
-besonderes Weibchen kämpfen, das wie ein unbefangener Zuschauer dem
-Kampfe beiwohnt und sich dann mit dem Sieger zurückzieht. Übrigens ist
-der Kampf am heftigsten zwischen den Männchen polygamischer Thiere,
-und diese scheinen auch am gewöhnlichsten mit besondern Waffen dazu
-versehen zu seyn. Die Männchen der Raub-Säugethiere sind schon an sich
-wohl bewehrt; doch pflegen ihnen u.&#160;e.&#160;a. durch sexuelle Züchtung
-noch besondere Waffen verliehen zu werden, wie dem Löwen seine Mähne,
-dem Eber sein Hauzahn, dem männlichen Salmen seine Haken-förmige
-Kinnlade; und der Schild mag für den Sieg eben so wichtig seyn, als
-das Schwert oder der Speer. Unter den Vögeln hat der Bewerbungskampf
-oft einen friedlicheren Charakter. Alle, welche diesen Gegenstand
-behandelt haben, glauben, die eifrigste Rivalität finde unter den
-Sing-Vögeln statt, wo die Männchen durch Gesang die Weibchen anzuziehen
-suchen. Der Felshahn in <i>Guiana</i> (Rupicola), die Paradiesvögel
-u.&#160;e.&#160;a. schaaren sich zusammen, und ein Männchen um das andere
-entfaltet sein prächtiges Gefieder, um in theatralischen Stellungen
-vor den Weibchen zu paradiren, welche als Zuschauer dastehen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> und
-sich zuletzt den liebenswürdigsten Bewerber erkiesen. Sorgfältige
-Beobachter der in Gefangenschaft gehaltenen Vögel wissen sehr wohl,
-dass oft individuelle Bevorzugungen und Abneigungen stattfinden; so
-hat Herr R. H<span class="smaller">ERON</span> beschrieben, wie ein scheckiger Perlhahn
-ausserordentlich anziehend für alle seine Hennen gewesen. Es mag
-kindisch aussehen, solchen anscheinend schwachen Mitteln irgend eine
-Wirkung zuzuschreiben, und ich kann hier nicht in Einzelnheiten
-eingehen, um jene Ansicht zu unterstützen; wenn jedoch der Mensch im
-Stande ist seinen Bantam-Hühnern in kurzer Zeit eine elegante Haltung
-und Schönheit je nach seinen Begriffen von Schönheit zu geben, so kann
-ich keinen genügenden Grund zum Zweifel finden, dass weibliche Vögel,
-indem sie Tausende von Generationen hindurch den Melodie-reichsten oder
-schönsten Männchen, je nach ihren Begriffen von Schönheit, bei der Wahl
-den Vorzug geben, nicht ebenfalls einen merklichen Effekt bewirken
-können. Ich habe starke Vermuthung, dass einige wohlbekannte Gesetze in
-Betreff des Gefieders männlicher und weiblicher Vögel dem der jungen
-gegenüber sich aus der Ansicht erklären lassen, das Gefieder seye
-hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl modifizirt worden, welche
-im Geschlechts-reifen Alter während der Jahres-Zeit wirkt, welche der
-Fortpflanzung gewidmet ist. Die dadurch erfolgten Abänderungen sind
-dann auf entsprechende Alter und Jahres-Zeiten wieder vererbt worden
-entweder durch die Männchen allein, oder durch Männchen und Weibchen;
-ich habe aber hier nicht Raum weiter auf diesen Gegenstand einzugehen.</p>
-
-<p>Wenn daher Männchen und Weibchen einer Thier-Art die nämliche
-allgemeine Lebens-Weise haben, aber in Bau, Farbe oder Verzierungen von
-einander abweichen, so sind nach meiner Meinung diese Verschiedenheiten
-hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl bedingt; d.&#160;h.
-männliche Individuen haben in aufeinander-folgenden Generationen
-einige kleine Vortheile über andre Männchen gehabt in Waffen,
-Vertheidigungs-Mitteln oder Reitzen und haben diese Vortheile auf ihre
-männlichen Nachkommen übertragen. Doch möchte ich nicht alle solche
-Geschlechts-Verschiedenheiten aus dieser Quelle ableiten; denn wir
-sehen Eigenthümlichkeilen<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> entstehen und beim männlichen Geschlechte
-unsrer Hausthiere erblich werden, wie die Hautlappen bei den Englischen
-Boten-Tauben, die Horn-artigen Auswüchse bei den Männchen einiger
-Hühner-Vögel u.&#160;s.&#160;w., von welchen wir nicht annehmen können, dass sie
-den Männchen im Kampfe nützlich sind oder eine Anziehungskraft auf die
-Weibchen ausüben<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>. Analoge Fälle sehen wir auch in der Natur, wo
-z.&#160;B. der Haar-Büschel auf der Brust des Puterhahns weder nützlich im
-Kampfe noch eine Zierde für den Brautwerber seyn kann; — und wirklich,
-hätte sich dieser Büschel erst im Zustande der Zähmung gebildet, wir
-würden ihn eine Monstrosität nennen!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Beleuchtung der Wirkungsweise der Natürlichen Züchtung.</em>) In der
-Absicht die Art und Weise klar zu machen, wie nach meiner Meinung die
-Natürliche Wahl wirke, muss ich um die Erlaubniss bitten, ein oder zwei
-erdachte Beispiele zur Erläuterung vorzutragen. Denken wir uns zunächst
-einen Wolf, der sich seine Beute an verschiedenen Thieren theils durch
-List, theils durch Stärke und theils durch Schnelligkeit verschaffe,
-und nehmen wir an, seine schnelleste Beute, der Hirsch z.&#160;B., hätte
-sich aus irgend einer Ursache in einer Gegend sehr vervielfältigt,
-oder andre zu seiner Nahrung dienende Thiere hätten in der Jahreszeit,
-wo sich der Wolf seine Beute am schwersten verschaffen kann, sehr
-vermindert. Unter solchen Umständen kann ich keinen Grund zu zweifeln
-finden, dass die schlanksten und schnellsten Wölfe am meisten Aussicht
-auf Fortkommen und somit auf Erhaltung und Verwendung zur Nachzucht
-hätten, immerhin vorausgesetzt, dass sie dabei Stärke genug behielten,
-um sich ihrer Beute auch zu einer andern Jahreszeit zu bemeistern, wo
-sie veranlasst seyn könnten, auf andre Thiere auszugehen. Ich finde
-um so weniger Ursache daran zu zweifeln, da ja der Mensch auch die
-Schnelligkeit seines Windhundes durch sorgfältige und planmässige
-Auswahl oder durch jene unbewusste Wahl zu erhöhen im Stande ist,
-welche schon stattfindet, wenn nur<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Jedermann den besten Hund zu haben
-strebt, ohne einen Gedanken an Veredelung der Rasse.</p>
-
-<p>So könnte auch ohne eine Veränderung in den Verhältnisszahlen der
-Thiere, die dem Wolfe zur Beute dienen, ein junger Wolf zur Welt
-kommen mit angeborner Neigung gewisse Arten von Beutethieren zu
-verfolgen. Auch Diess ist nicht sehr unwahrscheinlich; denn wie oft
-nehmen wir grosse Unterschiede in den natürlichen Neigungen unsrer
-Hausthiere wahr! Eine Katze z.&#160;B. ist geneigt Ratten und die andre
-Mäuse zu fangen. Eine Katze bringt nach Hrn. St. J<span class="smaller">OHN</span>
-geflügelte Beute nach Hause, die andre Hasen und Kaninchen, und
-die dritte jagt auf Marschland und meistens nächtlicher Weile nach
-Waldhühnern und Schnepfen. Man weiss, dass die Neigung Ratten statt
-Mäuse zu fangen, vererblich ist. Wenn nun eine angeborne schwache
-Veränderung in Gewohnheit oder Körper-Bau einen einzelnen Wolf
-begünstigt, so hat er am meisten Aussicht auszudauern und Nachkommen
-zu hinterlassen. Einige seiner Jungen werden dann vermuthlich
-dieselbe Gewohnheit oder Körper-Eigenschaft erben, und so kann durch
-oftmalige Wiederholung dieses Vorgangs eine neue Varietät entstehen,
-welche die alte Stamm-Form des Wolfes ersetzt oder zugleich mit ihr
-fortbesteht. Nun werden ferner Wölfe, welche Gebirgs-Gegenden bewohnen,
-und solche, die sich im Tieflande aufhalten, von Natur genöthigt,
-auf verschiedene Beute auszugehen, und mithin bei fortdauernder
-Erhaltung der für jede der zwei Landstriche geeignetsten Individuen
-allmählich zwei Abänderungen bilden. Diese Varietäten müssen da,
-wo ihre Verbreitungs-Bezirke zusammenstossen, sich vermischen und
-kreutzen; doch werden wir auf die Frage von der Kreutzung später
-zurückkommen. Hier will ich noch beifügen, dass nach P<span class="smaller">IERCE</span> im
-<i>Catskill-Gebirge</i> in den <i>Vereinten Staaten</i> zwei Varietäten
-des Wolfes hausen, eine leichtere von Windspiel-Form, welche Hirsche
-verfolgt, und eine andere schwerfälligere und mit kurzen Beinen, welche
-häufiger die Schaaf-Heerden angreift.</p>
-
-<p>Nehmen wir nun einen zusammengesetzteren Fall an. Gewisse Pflanzen
-scheiden eine süsse Flüssigkeit aus, wie es scheint, um irgend etwas
-Nachtheiliges aus ihrem Safte zu entfernen.<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Diess wird bei manchen
-Schmetterlings-blüthigen Gewächsen durch Drüsen am Grunde der Stipulä
-und beim gemeinen Lorbeerbaum auf dem Rücken seiner Blätter bewirkt.
-Diese Flüssigkeit, wenn auch nur in geringer Menge zu finden, wird
-von Insekten begierig aufgesucht. Nehmen wir nun an, es werde ein
-wenig solchen süssen Saftes oder Nektars an der inneren Basis der
-Kronenblätter einer Blume ausgesondert. In diesem Falle werden die
-Insekten, welche den Nektar aufsuchen, mit Pollen bestäubt werden
-und denselben gewiss oft von einer Blume auf das Stigma der andern
-übertragen. Die Blumen zweier verschiedener Individuen einer Art werden
-dadurch gekreutzt, und die Kreutzung liefert (wie nachher ausführlicher
-gezeigt werden soll) vorzugsweise kräftige Sämlinge, welche mithin
-die beste Aussicht haben auszudauern und sich fortzupflanzen. Einige
-dieser Sämlinge können wohl das Nektar-Absonderungs-Vermögen erben,
-und diejenigen Nektar-absondernden Blüthen, welche die stärksten
-Drüsen besitzen und den meisten Nektar liefern, werden am öftesten von
-Insekten besucht und am öftesten mit andern gekreutzt werden und so
-mit der Länge der Zeit allmählich die Oberhand gewinnen. Ebenso werden
-diejenigen Blüthen, deren Staubfäden und Staubwege so gestellt sind,
-dass sie je nach Grösse und sonstigen Eigenthümlichkeiten der sie
-besuchenden Insekten einigermaassen die Übertragung ihres Samenstaubs
-von Blüthe zu Blüthe erleichtern, glücklicherweise begünstigt und
-zur Nachzucht geeigneter seyn. Nehmen wir den Fall an, die zu den
-Blumen kommenden Insekten wollten Pollen statt Nektar einsammeln, so
-wäre zwar die Entführung des Pollens, der allein zur Befruchtung der
-Pflanze erzeugt wird, ein Verlust für dieselbe; wenn jedoch anfangs
-gelegentlich und nachher gewöhnlich ein wenig Pollen von den ihn
-einsammelnden Insekten entführt und von Blume zu Blume getragen wird,
-so wird die hiedurch bewirkte Kreutzung zum grossen Vortheil der
-Pflanzen seyn, mögen ihnen auch neun Zehntel der ganzen Pollen-Masse
-zerstört werden; denn diejenige Pflanze, welche mehr und mehr Pollen
-erzeugt und immer grössere Antheren bekommt, wird für die Nachzucht das
-Übergewicht haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
-
-<p>Wenn nun unsre Pflanze, welche auf diese Weise vor andern erhalten und
-durch Natürliche Wahl mit Blumen versehen worden, welche die Pollen
-verschleppenden Insekten immer mehr anziehen, so kann die Überführung
-des Pollens von einer Pflanze zur andern endlich zur Regel werden,
-wie Diess in vielen Fällen wirklich geschieht. Ich will nun einen
-nicht einmal sehr zutreffenden Fall als Beleg dafür anführen, welcher
-jedoch geeignet ist zugleich als Beispiel eines ersten Schrittes zur
-Trennung der Geschlechter zu dienen, von welcher noch weiter die Rede
-seyn wird. Einige Stechpalmen-Stämme bringen nur männliche Blüthen
-hervor, welche vier nur wenig Pollen erzeugende Staubgefässe und ein
-verkümmertes Pistill enthalten; andre Stämme liefern nur weibliche
-Blüthen, die ein vollständig entwickeltes Pistill und vier Staubfäden
-mit verschrumpften Antheren einschliessen, in welchen nicht ein
-Pollen-Körnchen bemerkt werden kann. Nachdem ich einen weiblichen
-Stamm genau 60 Ellen von einem männlichen entfernt gefunden, nehme ich
-die Stigmata aus zwanzig Blüthen von verschiedenen Zweigen unter das
-Mikroskop und entdecke an allen ohne Ausnahme einige Pollen-Körner
-und an einigen sogar eine übermässige Menge desselben. Da der Wind
-schon einige Tage lang vom weiblichen gegen den männlichen Stamm hin
-gewehet hatte, so kann er es nicht gewesen seyn, der den Pollen dahin
-geführt. Das Wetter war schon einige Tage lang kalt und stürmisch und
-daher nicht günstig für die Bienen gewesen, und demungeachtet war
-jede von mir untersuchte weibliche Blüthe durch den Pollen befruchtet
-worden, welchen die Bienen, von Blüthe zu Blüthe nach Nektar suchend,
-an ihren Haaren vom männlichen Stamme mit herüber gebracht hatten.
-Doch kehren wir nun zu unserem ersonnenen Falle zurück. Sobald jene
-Pflanze in solchem Grade anziehend für die Insekten geworden, dass sie
-den Pollen regelmässig von einer Blüthe zur andern tragen, wird ein
-andrer Prozess beginnen. Kein Naturforscher zweifelt an dem Vortheil
-der sogen. „physiologischen Theilung der Arbeit“; daher man glauben
-darf, es seye nützlich für eine Pflanzen-Art in einer Blüthe oder an
-einem ganzen Stocke nur Staubgefässe und in der andern Blüthe<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> oder
-auf dem andern Stocke nur Pistille hervorzubringen. Bei kultivirten
-oder in neue Existenz-Bedingungen versetzten Pflanzen schlagen manchmal
-die männlichen und zuweilen die weiblichen Organe mehr oder weniger
-fehl. Nehmen wir aber an, Diess geschehe auch in einem wenn noch so
-geringen Grade im Natur-Zustande derselben, so würden, da der Pollen
-schon regelmässig von einer Blume zur andern geführt wird und eine
-vollständige Trennung der Geschlechter unsrer Pflanze ihr nach dem
-Prinzipe der Arbeitstheilung vortheilhaft ist, Individuen mit einer
-mehr und mehr entwickelten Tendenz dazu fortwährend begünstigt und zur
-Nachzucht ausgewählt werden, bis endlich die Trennung der Geschlechter
-vollständig wäre.</p>
-
-<p>Kehren wir nun zu den von Nektar lebenden Insekten in unserem
-ersonnenen Falle zurück; nehmen wir an, die Pflanze mit durch
-andauernde Züchtung zunehmender Nektar-Bildung sey eine gemeine Art,
-und unterstellen wir, dass gewisse Insekten hauptsächlich auf deren
-Nektar als ihre Nahrung angewiesen sind. Ich könnte durch manche
-Beispiele nachweisen, wie sehr die Bienen bestrebt sind, Zeit zu
-ersparen. Ich will mich jedoch nur auf ihre Gewohnheit berufen, in den
-Grund gewisser Blumen Öffnungen zu machen, um durch diese den Nektar
-zu saugen, welchen sie mit ein Bischen mehr Weile durch die Mündung
-heraus holen könnten. Dieser Thatsachen eingedenk halte ich es nicht
-für gewagt anzunehmen, dass eine zufällige Abweichung in der Grösse und
-Form ihres Körpers oder in der Länge und Krümmung ihres Rüssels, wenn
-auch viel zu unbedeutend für unsere Wahrnehmung, von solchem Nutzen für
-eine Biene oder ein anderes Insekt seyn könne, das sich mit deren Hülfe
-sein Futter leichter verschafft, dass es mehr Wahrscheinlichkeit der
-Fortdauer und der Fortpflanzung als andre Thiere seiner Art besitzt.
-Seine Nachkommen werden wahrscheinlich eine Neigung zu einer ähnlichen
-Abweichung des Organes erben. Die Röhren der Blumen-Kronen des rothen
-und des Inkarnat-Klee’s (Trifolium pratense und Tr. incarnatum)
-scheinen bei flüchtiger Betrachtung nicht sehr an Länge auseinander
-zu weichen; demungeachtet kann die Honig- oder Korb-Biene (Apis<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span>
-mellifica) den Nektar leicht aus der ersten aber nicht aus der letzten
-saugen, welche daher nur von Hummeln besucht wird, so dass ganze Felder
-rothen Klee’s der Korb-Biene vergebens einen Überschuss von köstlichem
-Nektar darbieten. Dass die Korb-Biene den Nektar aufsaugt, ist gewiss;
-denn ich habe unlängst, obschon bloss im Herbst viele dieser Bienen
-den Nektar durch Löcher aussaugen sehen, welche (wie ich glaube) die
-kleine Hummelart in die Basis der Korolle gebissen hatte. Es würde
-daher für die Korb-Biene von grösstem Vortheil seyn, einen etwas
-längeren oder abweichend gestalteten Rüssel zu haben. Auf der andern
-Seite habe ich (wie schon oben erwähnt) durch Versuche gefunden, dass
-die Fruchtbarkeit des rothen Klee’s grossentheils durch den Besuch
-der Honig-suchenden Bienen bedingt ist, welche bei diesem Geschäfte
-die Theile der Blumenkrone verschieben und dabei den Pollen auf die
-Oberfläche der Narbe wischen. Sollten dagegen die Hummeln in einer
-Gegend selten werden, so müsste eine kürzere oder tiefer getheilte
-Blumenkrone von grösstem Nutzen für den rothen Klee werden, damit die
-Honig-Biene seine Blüthen besuchen könne. Auf diese Weise begreife ich,
-wie eine Blüthe und eine Biene nach und nach, seye es gleichzeitig
-oder eine nach der andern, abgeändert und auf die vollkommenste Weise
-einander angepasst werden könnten durch fortwährende Erhaltung von
-Einzelnwesen mit beiderseits nur ein wenig günstigeren Abweichungen der
-Struktur.</p>
-
-<p>Ich weiss wohl, dass die durch die vorangehenden ersonnenen Beispiele
-erläuterte Lehre von der Natürlichen Auswahl denselben Einwendungen
-ausgesetzt ist, welche man anfangs gegen C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span>
-grossartige Ansichten in „<i>the Modern Changes of the Earth, as
-illustrative of Geology</i>“ vorgebracht hat; indessen hört man jetzt
-die Wirkung der Brandung z.&#160;B. in ihrer Anwendung auf die Aushöhlung
-riesiger Thäler oder auf die Bildung der längsten binnenländischen
-Klippen-Linien selten mehr als eine unbedeutende und lächerliche
-Ursache bezeichnen. Die Natürliche Züchtung kann nur durch Häufung
-unendlich kleiner vererbter Modifikationen wirken, deren jede für
-Erhaltung des Wesens, dem sie angehört, günstig ist; und wie die neuere
-Geologie<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> solche Ansichten, wie die Aushöhlung grosser Thäler durch
-eine einzige Diluvial-Woge meistens verbannt hat, so wird auch die
-Natürliche Züchtung, wenn sie ein wahres Prinzip ist, den Glauben an
-eine fortgesetzte Schöpfung neuer Organismen oder an eine grosse und
-plötzliche Modifikation ihrer Organisation verbannen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Über die Kreutzung der Individuen.</em>) Ich muss hier mit einem
-kleinen Absprung beginnen. Es liegt vor Augen, dass bei Pflanzen
-und Thieren getrennten Geschlechtes jedesmal zwei Individuen
-sich vereinigen müssen, um eine Geburt zu Stande zu bringen. Bei
-Hermaphroditen aber ist Diess keineswegs klar. Demungeachtet bin ich
-stark geneigt zu glauben, dass bei allen Hermaphroditen zwei Individuen
-gewöhnlich oder ausnahmsweise zu jeder einzelnen Fortpflanzung ihrer
-Art zusammenwirken (die sonderbaren und noch nicht recht begriffenen
-Fälle von Parthenogenesis ausgenommen). Diese Ansicht hat zuerst
-A<span class="smaller">NDREAS</span> K<span class="smaller">NIGHT</span> aufgestellt. Wir werden jetzt ihre Wichtigkeit
-erkennen. Zwar kann ich diese Frage nur in äusserster Kürze abhandeln;
-jedoch habe ich die Materialien für eine ausführlichere Erörterung
-vorbereitet. Alle Wirbelthiere, alle Insekten und noch einige andre
-grosse Thiergruppen paaren sich für jede Geburt. Neuere Untersuchungen
-haben die Anzahl der früher angenommenen Hermaphroditen sehr
-vermindert, und von den wirklichen Hermaphroditen paaren sich viele,
-d.&#160;h. zwei Individuen vereinigen sich zur Reproduktion; Diess ist
-alles, was uns hier angeht. Doch gibt es noch viele andere zwitterliche
-Thiere, welche gewiss sich gewöhnlich nicht paaren. Auch bei weitem die
-grösste Anzahl der Pflanzen sind Hermaphroditen. Man kann nun fragen,
-was ist in diesen Fällen für ein Grund zur Annahme vorhanden, dass
-jedesmal zwei Individuen zur Reproduktion zusammenwirken? Da es hier
-nicht möglich ist in Einzelnheiten einzugehen, so muss ich mich auf
-einige allgemeine Betrachtungen beschränken.</p>
-
-<p>Für’s Erste habe ich eine grosse Masse von Thatsachen gesammelt, welche
-übereinstimmend mit der fast allgemeinen Überzeugung der Viehzüchter
-beweisen, dass bei Thieren wie bei<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Pflanzen eine Kreutzung zwischen
-Thieren verschiedener Varietäten, oder zwischen solchen verschiedener
-Stämme einer Varietät der Nachkommenschaft Stärke und Fruchtbarkeit
-verleiht, während andrerseits enge Inzucht Kraft und Fruchtbarkeit
-vermindert. Diese Thatsachen allein machen mich glauben, dass es ein
-allgemeines Natur-Gesetz ist (wie unwissend wir auch über die Bedeutung
-des Gesetzes seyn mögen), dass kein organisches Wesen sich selbst
-für eine Ewigkeit von Generationen befruchten könne, dass daher eine
-Kreutzung mit einem andern Individuum von Zeit zu Zeit und vielleicht
-nach langen Zwischenräumen einmal unentbehrlich ist.</p>
-
-<p>Von dem Glauben ausgehend, dass Diess ein Natur-Gesetz seye, werden
-wir verschiedene grosse Klassen von Thatsachen verstehen, welche
-auf andre Weise unerklärlich sind. Jeder Blendlingsgetreide-Züchter
-weiss, wie nachtheilig für die Befruchtung einer Blüthe es ist, wenn
-sie während derselben der Feuchtigkeit ausgesetzt wird. Und doch, was
-für eine Menge von Blumen haben Staubbeutel und Narben vollständig
-dem Wetter ausgesetzt! Wenn aber eine Kreutzung von Zeit zu Zeit
-nun doch unerlässlich, so erklärt sich jene Aussetzung aus der
-Nothwendigkeit, dass die Blumen für den Eintritt fremden Pollens offen
-seyen, und zwar um so mehr, als die zusammengehörigen Staubgefässe
-und Pistille einer Blume gewöhnlich so nahe beisammen stehen, dass
-Selbstbefruchtung unvermeidlich scheint. Andrerseits aber haben viele
-Blumen ihre Befruchtungs-Werkzeuge sehr enge umschlossen, wie die
-Schmetterlingsblüthigen z.&#160;B.; aber in den meisten solchen Blumen ist
-eine sehr merkwürdige Anpassung zwischen dem Bau der Blume und der Art
-und Weise, wie die Bienen den Nektar daraus saugen, indem sie alsdann
-entweder den eignen Pollen der Blume über ihre Narbe wischen oder
-fremden Pollen mitbringen. Zur Befruchtung der Schmetterlingsblüthen
-ist der Besuch der Bienen so nothwendig, dass, wie ich durch anderwärts
-veröffentlichte Versuche gefunden, ihre Fruchtbarkeit sehr abnimmt,
-wenn dieser Besuch verhindert wird. Nun ist es aber kaum möglich, dass
-Bienen von Blüthe zu Blüthe fliegen, ohne den Pollen der einen zur
-andern zu bringen,<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> wie ich überzeugt bin zum grossen Vortheil der
-Pflanze. Die Bienen wirken dabei wie ein Kameelhaar-Pinsel, und es ist
-vollkommen zur Befruchtung genügend, wenn man mit einem und demselben
-Bürstchen zuerst das Staubgefäss der einen Blume und dann die Narbe der
-andern berührt. Dabei ist aber nicht zu fürchten, dass die Bienen viele
-Bastarde zwischen verschiedenen Arten erzeugen; denn, wenn man den
-eignen Pollen und den einer andern Pflanzen-Art zugleich mit demselben
-Pinsel auf die Narbe streicht, so hat der erste eine so überwiegende
-Wirkung, dass er, wie schon G<span class="smaller">ÄRTNER</span> gezeigt, jeden Einfluss
-des andern gänzlich zerstört.</p>
-
-<p>Wenn die Staubgefässe einer Blume sich plötzlich gegen das Pistill
-schnellen oder sich eines nach dem andern langsam gegen dasselbe
-neigen, so scheint diese Einrichtung nur auf Sicherung der
-Selbstbefruchtung berechnet, und ohne Zweifel ist sie auch dafür
-nützlich. Aber die Thätigkeit der Insekten ist oft nothwendig,
-um die Staubfäden aufschnellen zu machen, wie K<span class="smaller">ÖLREUTER</span>
-beim Sauerdorn insbesondere gezeigt hat; und sonderbarer Weise hat
-man gerade bei dieser Sippe (Berberis), welche so vorzüglich zur
-Selbstbefruchtung eingerichtet zu seyn scheint, die Beobachtung
-gemacht, dass, wenn man nahe verwandte Formen oder Varietäten dicht
-neben einander pflanzt, es in Folge der reichlichen Kreutzung kaum
-möglich ist noch eine reine Rasse zu erhalten. In vielen andern
-Fällen aber findet man, wie C. C. S<span class="smaller">PRENGEL</span>’<span class="smaller">S</span> Schriften
-und meine eignen Erfahrungen lehren, statt der Einrichtungen zu
-Begünstigung der Selbstbefruchtung vielmehr solche, welche das Stigma
-hindern, den Saamenstaub der nämlichen Blüthe aufzunehmen. So ist bei
-Lobelia fulgens eine wirklich schöne und sorgfältig ausgearbeitete
-Einrichtung, wodurch jedes der unendlich zahlreichen Pollen-Körnchen
-aus den verwachsenen Antheren einer jeden Blüthe fortgeführt wird,
-ehe das Stigma derselben Blüthe bereit ist dieselben aufzunehmen. Da
-nun, wenigstens in meinem Garten, diese Blumen niemals von Insekten
-besucht werden, so haben sie auch niemals Saamen angesetzt, bis ich
-auf künstlichem Wege den Pollen einer Blüthe auf die Narbe der andern
-übertrug und mich hiedurch auch in<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> den Besitz zahlreicher Sämlinge zu
-setzen vermochte. Eine andere daneben stehende Lomelia-Art, die von
-Bienen besucht wird, bildet von freien Stücken Saamen. In sehr vielen
-anderen Fällen, wo keine besondere mechanische Einrichtung vorhanden
-ist, um das Stigma einer Blume an der Aufnahme des eignen Saamenstaubs
-zu hindern, platzen entweder, wie sowohl C. C. S<span class="smaller">PRENGEL</span>
-als ich selbst gefunden, die Staubbeutel schon bevor die Narbe zur
-Befruchtung reif ist, oder das Stigma ist vor dem Pollen derselben
-Blüthe reif, so dass diese Pflanzen in der That getrennte Geschlechter
-haben und sich fortwährend kreutzen. Wie wundersam erscheinen diese
-Thatsachen! Wie wundersam, dass der Pollen und die Oberfläche des
-Stigmas einer und derselben Blüthe so nahe zusammengerückt sind, als
-sollte dadurch die Selbstbefruchtung unvermeidlich werden, und dass
-beide gerade in so vielen dieser Fälle völlig unnütz für einander sind.
-Wie einfach sind dagegen diese Thatsachen zu erklären aus der Ansicht,
-dass von Zeit zu Zeit eine Kreutzung mit einem anderen Individuum
-vortheilhaft oder sogar unentbehrlich seye?</p>
-
-<p>Wenn verschiedene Varietäten von Kohl, Radies’chen, Lauch u.&#160;e.&#160;a.
-Pflanzen dicht nebeneinander zur Saamen-Bildung gebracht werden, so
-liefern ihre Saamen, wie ich gefunden, grossentheils Blendlinge.
-So z.&#160;B. erzog ich 233 Kohl-Sämlinge aus dem Saamen einiger Stöcke
-von verschiedenen Varietäten, die nahe bei einander gewachsen, und
-von diesen entsprachen nur 78 der Varietät des Stocks, von dem sie
-eingesammelt worden, und selbst diese nicht alle genau. Nun ist aber
-das Pistill einer jeden Kohl-Blüthe nicht allein von deren eignen
-sechs Staubgefässen, sondern auch von denen aller übrigen Blüthen
-derselben Pflanze nahe umgeben und der Pollen jeder Blüthe gelangt ohne
-Insekten-Hilfe leicht auf deren eignes Stigma; denn ich habe gefunden,
-dass eine sorgfältig bedeckte Pflanze eine Vollzahl von Schoten
-entwickelte. Wie kommt es aber, dass sich eine so grosse Anzahl von
-Sämlingen als Blendlinge erwiesen? Ich muss vermuthen, dass es davon
-herrührt, dass der Pollen einer fremden Varietät einen überwiegenden
-Einfluss auf das eigne Stigma habe, und zwar eben in Folge des
-Natur-Gesetzes, dass die<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Kreutzung zwischen verschiedenen Individuen
-derselben Species für diese nützlich ist. Werden dagegen verschiedene
-Arten mit einander gekreutzt, so ist der Erfolg gerade umgekehrt, indem
-der Pollen einer Art einen über den der andern überwiegenden Einfluss
-hat. Doch auf diesen Gegenstand werde ich in einem späteren Kapitel
-zurückkommen.</p>
-
-<p>Handelt es sich um mächtige mit zahllosen Blüthen bedeckte Bäume, so
-kann man einwenden, dass deren Pollen nur selten von einem Stamme auf
-den andern übertragen werden und meistens nur von einer Blüthe auf eine
-andre Blüthe desselben Stammes gelangen kann, dass aber verschiedene
-Blüthen eines Baumes nur in einem beschränkten Sinne als Individuen
-angesehen werden können. Ich halte diese Einrede für triftig; doch
-hat die Natur in dieser Hinsicht vorgesorgt, indem sie den Bäumen ein
-Streben zur Bildung von Blüthen getrennten Geschlechtes verliehen hat.
-Sind die Geschlechter getrennt, wenn gleich männliche und weibliche
-Blüthen auf einem Stamme vereinigt, so muss der Pollen regelmässig von
-einer Blüthe zur andern geführt werden, was denn auch mehr Aussicht
-gewährt, dass er gelegentlich von einem Stamm zum anderen komme. Ich
-finde, dass in unsren Gegenden die Bäume aller Pflanzen-Ordnungen
-öfter als Sträucher und Kräuter getrennte Geschlechter haben, und
-tabellarische Zusammenstellungen der <i>Neuseeländischen</i> Bäume,
-welche Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>, und der <i>Vereinten Staaten</i>,
-welche A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> mir auf meine Bitte geliefert, haben, wie
-vorauszusehen, zum nämlichen Ergebnisse geführt. Doch andrerseits hat
-mich Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> neuerlich benachrichtigt, dass diese Regel
-nicht für <i>Australien</i> gelte, und ich habe daher diese wenigen
-Bemerkungen über die Geschlechts-Verhältnisse der Bäume nur machen
-wollen, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.</p>
-
-<p>Was die Thiere betrifft, so gibt es unter den Landbewohnern nur
-wenige Zwitter wie Schnecken und Regenwürmer, und diese paaren sich
-alle. Ich habe noch kein Beispiel kennen gelernt, wo ein Landthier
-sich selbst befruchtete. Man kann diese merkwürdige Thatsache,
-welche einen so schroffen Gegensatz zu den Landpflanzen bildet, nach
-der Ansicht, dass eine Kreutzung<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> von Zeit zu Zeit nöthig seye,
-erklären, indem man das Medium, worin die Landthiere leben, und die
-Beschaffenheit des befruchtenden Elementes berücksichtigt; denn wir
-kennen keinen Weg, auf welchem, wie durch Insekten und Wind bei den
-Pflanzen, eine gelegentliche Kreutzung zwischen Landthieren anders
-bewirkt werden könnte, als durch die unmittelbare Zusammenwirkung
-der beiderlei Individuen. Bei den Wasserthieren dagegen gibt es
-viele sich selbst befruchtende Hermaphroditen; hier liefern aber die
-Strömungen des Wassers ein handgreifliches Mittel für gelegentliche
-Kreutzungen. Und, wie bei den Pflanzen, so habe ich auch bei den
-Thieren, sogar nach Besprechung mit einer der ersten Autoritäten,
-mit Professor H<span class="smaller">UXLEY</span> nämlich, vergebens gesucht, auch nur
-eine hermaphroditische Thier-Art zu finden, deren Geschlechts-Organe
-so vollständig im Körper eingeschlossen wären, dass dadurch der
-gelegentliche Einfluss eines andern Einzelwesens physisch unmöglich
-gemacht wurde. Die Cirripeden schienen mir zwar langezeit einen in
-dieser Beziehung sehr schwierigen Fall darzubieten; ich bin aber durch
-einen glücklichen Umstand in die Lage gesetzt gewesen, schon anderwärts
-zeigen zu können, dass zwei Individuen, wenn auch in der Regel sich
-selbst befruchtende Zwitter, sich doch zuweilen kreutzen.</p>
-
-<p>Es muss den meisten Naturforschern als eine sonderbare Ausnahme schon
-aufgefallen seyn, dass bei den meisten Pflanzen und Thieren solche
-Arten in einer Familie und oft in einer Sippe beisammen stehen,
-welche, obwohl im grösseren Theile ihrer übrigen Organisation unter
-sich nahe übereinstimmend, doch zum Theile Zwitter und zum Theile
-eingeschlechtig sind. Wenn aber auch alle Hermaphroditen sich von
-Zeit zu Zeit mit andern Einzelwesen kreutzen, so wird der Unterschied
-zwischen hermaphroditischen und eingeschlechtigen Arten, was ihre
-Geschlechts-Funktionen betrifft, ein sehr kleiner.</p>
-
-<p>Nach diesen mancherlei Betrachtungen und den vielen einzelnen Fällen,
-die ich gesammelt habe, jedoch hier nicht mittheilen kann, bin ich
-sehr zur Vermuthung geneigt, dass im Pflanzen- wie im Thier-Reiche die
-von Zeit zu Zeit erfolgende Kreutzung mit einem fremden Einzelwesen
-ein Natur-Gesetz ist. Ich<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> weiss wohl, dass es in dieser Beziehung
-viele schwierige Fälle gibt, unter welchen einige sind, worüber ich
-mit Forschungen beschäftigt bin. Als Endergebniss können wir folgern,
-dass in vielen organischen Wesen die Kreutzung zweier Individuen eine
-offenbare Nothwendigkeit für jede Fortpflanzung ist; bei vielen andern
-genügt es, wenn sie von Zeit zu Zeit wiederkehrt; dagegen vermuthe ich,
-dass Selbstbefruchtung allein nirgends für immer ausreichend seye.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Für natürliche Züchtung günstige Verhältnisse.</em>) Das ist
-ein sehr verwickelter Gegenstand. Eine grosse Summe von erblicher
-Veränderlichkeit ist dafür günstig; aber ich glaube, dass schon
-individuelle Verschiedenheiten genügen. Eine grosse Anzahl von
-Individuen bietet mehr Aussicht auch auf das Hervortreten nutzbarer
-Abänderungen in einem gegebenen Zeitraum, selbst bei geringerem Betrag
-schon vorhandener Veränderlichkeit derselben, und ist eine äusserst
-wichtige Bedingung des Erfolges. Obwohl die Natur lange Zeiträume auf
-die Züchtung verwendet, so braucht sie doch keine von unendlicher
-Länge; denn da alle organischen Wesen sozusagen streben eine Stelle
-im Haushalte der Natur einzunehmen, so muss eine Art, welche nicht
-gleichen Schrittes mit ihren Mitbewerbern verändert und verbessert
-wird, bald erlöschen. Wenn vortheilhafte Abänderungen sich nicht
-wenigstens auf einige Nachkommen vererben, so vermag die Natürliche
-Zuchtwahl wohl nichts auszurichten. Nichtvererbung des neuen Charakters
-ist nichts andres als Rückkehr zum Charakter der Grossältern oder
-noch früherer Vorgänger. Gewiss mag diese Neigung zur Rückkehr die
-Thätigkeit der Natürlichen Züchtung oft vereitelt haben; aber ihre
-Bedeutung ist von einigen Schriftstellern weit überschätzt worden. Denn
-wenn diese Neigung nicht an der Ausbildung so vieler erblichen Rassen
-im Thier- wie im Pflanzen-Reich gehindert hat, wie sollte sie die
-Vorgänge der Natürlichen Züchtung verhindert haben?</p>
-
-<p>Bei planmässiger Züchtung wählt der Züchter stets bestimmte Objekte,
-und freie Kreutzung würde sein Werk gänzlich hemmen. Haben aber viele
-Menschen, ohne die Absicht ihre Rasse zu veredeln, eine ungefähr
-gleiche Ansicht von Vollkommenheit, und<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> sind alle bestrebt, nur die
-besten und vollkommensten Thiere zur Nachzucht zu verwenden, so wird,
-wenn auch langsam, aus dieser unbewussten Züchtung gewiss schon viele
-Umänderung und Veredlung hervorgehen, wenn auch viele Kreutzung mit
-schlechteren Thieren zwischendurchläuft. So ist es auch in der Natur.
-Findet sich ein beschränktes Gebiet mit einer nicht ganz angemessen
-ausgefüllten Stelle in ihrer geselligen Zusammensetzung, so wird die
-Natürliche Züchtung bestrebt seyn, alle Individuen zu erhalten, die,
-wenn auch in verschiedenem Grade, doch in der angemessenen Richtung
-so variiren, dass sie die Stelle allmählich besser auszufüllen im
-Stande sind. Ist jenes Gebiet aber gross, so werden seine verschiedenen
-Bezirke gewiss ungleiche Lebens-Bedingungen darbieten; und wenn dann
-durch den Einfluss der Natürlichen Züchtung irgend eine Spezies auf
-eine andre Weise in jedem Bezirke abgeändert worden, so wird an
-den Grenzen dieser Bezirke eine Kreutzung zwischen den Individuen
-jener verschiedenen Abänderungen eintreten, und in diesem Falle
-kann die Wirkung der Kreutzung durch die der Natürlichen Züchtung,
-welche bestrebt ist alle Individuen eines jeden Bezirks genau in
-derselben Weise den Lebens-Bedingungen anzupassen, kaum aufgewogen
-werden, weil in einer zusammenhängenden Fläche die Lebens-Bedingungen
-des einen in die des anderen Bezirkes allmählich übergehen. Die
-Kreutzung wird hauptsächlich diejenigen Thiere berühren, welche sich
-zu jeder Fortpflanzung paaren, viel wandern und sich nicht rasch
-vervielfältigen. Daher bei Thieren dieser Art, Vögeln z.&#160;B., die
-Abänderungen gewöhnlich auf getrennte Gegenden beschränkt seyn müssen,
-wie es auch der Fall zu seyn scheint. Bei Zwitter-Organismen, welche
-sich nur von Zeit zu Zeit mit andern kreutzen, sowie bei solchen
-Thieren, die zu jeder Verjüngung ihrer Art sich paaren, aber wenig
-wandern und sich sehr rasch vervielfältigen können, dürfte sich eine
-neue und verbesserte Varietät an irgend einer Stelle rasch bilden und
-sich dort in Masse zusammenhalten, so dass alle Kreutzung, wie sie auch
-beschaffen seye, nur zwischen Einzelthieren derselben neuen Varietät
-erfolgt. Ist eine örtliche Varietät auf solche Weise einmal gebildet,
-so wird sie sich nachher<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> nur langsam über andre Bezirke verbreiten.
-Nach dem obigen Prinzip ziehen Pflanzschulen-Besitzer es immer vor,
-Saamen von einer grossen Pflanzen-Masse gleicher Varietät zu ziehen,
-weil hiedurch die Möglichkeit einer Kreutzung mit anderen Varietäten
-gemindert wird.</p>
-
-<p>Selbst bei Thieren mit langsamer Vermehrung, die sich zu jeder
-Fortpflanzung paaren, dürfen wir die Wirkungen der Kreutzung auf
-Verzögerung der Natürlichen Züchtung nicht überschätzen; denn ich kann
-eine lange Liste von Thatsachen beibringen, woraus sich ergibt, dass in
-einem Gebiete Varietäten der nämlichen Thier-Art lange unterschieden
-bleiben können, wenn sie verschiedene Stationen innehaben, in etwas
-verschiedener Jahreszeit sich fortpflanzen, oder im Falle nur einerlei
-Varietät sich unter einander paart.</p>
-
-<p>Kreutzung spielt in der Natur insoferne eine grosse Rolle, als sie
-die Individuen einer Art oder einer Varietät rein und einförmig in
-ihrem Charakter erhält. Sie wird Diess offenbar weit wirksamer zu
-thun vermögen bei solchen Thieren, die sich für jede Fortpflanzung
-paaren; aber ich habe schon vorher zu zeigen gesucht, dass Ursache zur
-Vermuthung vorliegt, dass bei allen Pflanzen und bei allen Thieren von
-Zeit zu Zeit Kreutzungen erfolgen; — und wenn Diess auch nur nach
-langen Zwischenräumen wieder einmal erfolgt, so bin ich überzeugt, dass
-die hiebei erzielten Abkömmlinge die durch lange Selbstbefruchtung
-erzielte Nachkommenschaft an Stärke und Fruchtbarkeit so sehr
-übertreffen, dass sie mehr Aussicht haben dieselben zu überleben und
-sich fortzupflanzen, und so wird in langen Zeiträumen der Einfluss der
-wenn auch nur seltenen Kreutzungen doch gross seyn. Bei Organismen,
-die sich niemals kreutzen, kann eine Gleichförmigkeit des Charakters
-so lange währen, als ihre äusseren Lebens-Bedingungen die nämlichen
-bleiben, theils in Folge der Vererbung und theils in Folge der
-Natürlichen Züchtung, welche jede zufällige Abweichung von dem eigenen
-Typus immer wieder zerstört; wenn aber die Lebens-Bedingungen sich
-ändern und jene Wesen dem entsprechende Abänderungen erleiden, so kann
-ihre hienach abgeänderte Nachkommenschaft nur dadurch<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Einförmigkeit
-des Charakters behaupten, dass Natürliche Züchtung dieselbe
-vortheilhafte Varietät erhält.</p>
-
-<p>Abschliessung ist eine wichtige Bedingung im Prozesse der Natürlichen
-Zuchtwahl. In einem umgrenzten oder vereinzelten Gebiete werden,
-wenn es nicht sehr gross ist, die unorganischen wie die organischen
-Lebens-Bedingungen gewöhnlich in hohem Grade einförmig seyn; daher die
-Natürliche Zuchtwahl streben wird, alle Individuen einer veränderlichen
-Art in gleicher Weise mit Hinsicht auf die gleichen Lebens-Bedingungen
-zu modifiziren. Auch Kreutzungen mit solchen Individuen derselben Art,
-welche die den Bezirk umgrenzenden und anders beschaffenen Gegenden
-bewohnen mögen, kommen da nicht vor. Isolirung wirkt aber vielleicht
-noch kräftiger, insoferne sie nach irgend einem physikalischen Wechsel
-im Klima, in der Höhe des Landes u.&#160;s.&#160;w. die Einwanderung hindert;
-und so bleiben die neuen Stellen im Natur-Haushalte der Gegend offen
-für die Bewerbung der alten Bewohner, bis diese sich durch geeignete
-Veränderungen in organischer Bildung und Thätigkeit derselben angepasst
-haben. Abschliessung wird endlich dadurch, dass sie Einwanderung und
-daher Mitbewerbung hemmt, Zeit geben zur Bildung neuer Varietäten, und
-Diess kann mitunter von Wichtigkeit seyn für die Hervorbringung neuer
-Arten. Wenn dagegen ein isolirtes Land-Gebiet sehr klein ist, so wird
-nothwendig auch, entweder der es umgebenden Schranken halber oder in
-Folge seiner ganz eigenthümlichen Lebens-Bedingungen, die Gesammtzahl
-der darin vorhandenen Individuen sehr klein seyn; und geringe
-Individuen-Zahl verzögert sehr die Bildung neuer Arten durch Natürliche
-Züchtung, weil sie die Möglichkeit des Auftretens neuer angemessener
-Abänderungen vermindert.</p>
-
-<p>Die blosse Zeit an und für sich thut nichts für und nichts gegen die
-Natürliche Züchtung. Ich bemerke Diess ausdrücklich, weil man irrig
-behauptet hat, dass ich dem Zeit-Element dabei einen allmächtigen
-Antheil zugestehe, als ob alle Species mit der Zeit nothwendig eine
-allmählige Veränderung erfahren müssten. Zeit ist aber nur insoferne
-von Bedeutung, als sie den vorkommenden Abänderungen die allmählich
-vergrösserte Möglichkeit der Wahl,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Häufung und Befestigung in
-Bezug auf die langsam wechselnden organischen und unorganischen
-Lebens-Bedingungen gewährt. Auch begünstigt sie die direkte Wirkung
-neuer oder veränderter physischer Lebens-Bedingungen.</p>
-
-<p>Wenden wir uns zur Bestätigung der Wahrheit dieser Bemerkungen an
-die Natur und sehen uns um nach irgend einem kleinen abgeschlossenen
-Gebiete, nach einer ozeanischen Insel z.&#160;B., so werden wir finden dass,
-obwohl die Gesammtzahl der es bewohnenden Arten nur klein ist, wie
-sich in dem Kapitel über geographische Verbreitung ergeben wird, doch
-eine verhältnissmässig grosse Zahl dieser Arten endemisch ist, d.&#160;h.
-hier an Ort und Stelle und nirgends anderwärts erzeugt worden ist. Auf
-den ersten Anblick scheint es demnach, es müsse eine ozeanische Insel
-sehr geeignet zur Hervorbringung neuer Arten gewesen seyn; um jedoch
-thatsächlich zu ermitteln, ob ein kleines abgeschlossenes Gebiet oder
-eine weite offene Fläche für die Erzeugung neuer organischer Formen
-mehr geeignet gewesen seye, müssten wir auch gleich-lange Zeiträume
-dabei vergleichen können, und Diess sind wir nicht im Stande zu thun.</p>
-
-<p>Obwohl ich nun nicht zweifle, dass Isolirung bei Erzeugung neuer
-Arten ein sehr wichtiger Umstand ist, so möchte ich doch im Ganzen
-genommen glauben, dass grosse Ausdehnung des Gebietes noch wichtiger
-insbesondere für die Hervorbringung solcher Arten ist, die sich einer
-langen Dauer und weiten Verbreitung fähig zeigen. Auf einer grossen
-und offenen Fläche wird nicht nur die Aussicht auf vortheilhafte
-Abänderungen wegen der grösseren Anzahl von Individuen einer Art
-günstiger, es werden auch die Lebens-Bedingungen wegen der grossen
-Anzahl schon vorhandener Arten unendlich zusammengesetzter seyn; und
-wenn einige von diesen zahlreichen Arten verändert oder verbessert
-werden, so müssen auch andere in entsprechendem Grade verbessert werden
-oder untergehen. Eben so wird jede neue Form, sobald sie sich stark
-verbessert hat, fähig seyn, sich über die offene und zusammenhängende
-Fläche auszubreiten, und wird hiedurch in Mitbewerbung mit vielen
-andern treten. Es werden hiermit mehr neu zu besetzende Stellen
-entstehen, und<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> die Mitbewerbung um deren Ausfüllung wird viel heftiger
-als auf einem kleinen und abgeschlossenen Gebiete werden. Ausserdem
-aber mögen grosse Flächen, wenn sie jetzt auch zusammenhängend sind,
-in Folge der Schwankungen ihrer Oberfläche, oft noch unlängst von
-unterbrochener Beschaffenheit gewesen seyn, so dass sie an den guten
-Wirkungen der Isolirung wenigstens bis zu einem gewissen Grade mit
-theilgenommen haben. Ich komme demnach zum Schlusse, dass, wenn kleine
-abgeschlossene Gebiete auch in manchen Beziehungen wahrscheinlich sehr
-günstig für die Erzeugung neuer Arten gewesen sind, doch auf grossen
-Flächen die Abänderungen im Allgemeinen rascher erfolgt sind und, was
-noch wichtiger ist, die auf den grossen Flächen entstandenen neuen
-Formen, welche bereits den Sieg über viele Mitbewerber davon getragen,
-solche sind, die sich am weitesten verbreiten und die zahlreichsten
-neuen Varietäten und Arten liefern, mithin den wesentlichsten Antheil
-an den geschichtlichen Veränderungen der organischen Welt nehmen.</p>
-
-<p>Wir können von diesen Gesichtspunkten aus vielleicht einige Thatsachen
-verstehen, welche in unserem Kapitel über die geographische
-Verbreitung erörtert werden sollen; z.&#160;B. dass die Erzeugnisse des
-kleineren Australischen Kontinentes früher vor denen der grössern
-Europäisch-Asiatischen Fläche gewichen und anscheinend noch jetzt im
-Weichen begriffen sind. Daher kommt es ferner, dass festländische
-Erzeugnisse allenthalben so reichlich auf Inseln naturalisirt worden
-sind. Auf einer kleinen Insel wird der Wettkampf ums Daseyn viel
-weniger heftig, Erlöschung wird weniger und Abänderung geringer gewesen
-seyn. Daher rührt es vielleicht auch, dass die Flora von <i>Madeira</i>
-nach O<span class="smaller">SWALD</span> H<span class="smaller">EER</span> der erloschenen Tertiär-Flora <i>Europas</i>
-gleicht. Alle Süsswasser-Becken zusammengenommen nehmen dem Meere
-wie dem trockenen Lande gegenüber nur eine kleine Fläche ein, und
-demgemäss wird die Mitbewerbung zwischen den Süsswasser-Erzeugnissen
-minder heftig gewesen seyn als anderwärts; neue Formen sind langsamer
-entstanden und alte langsamer erloschen. Im süssen Wasser finden
-wir sieben Sippen ganoider oder schmelzschuppiger Fische als
-übrig-gebliebene Vertreter einer<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> einst vorherrschenden Ordnung dieser
-Klasse; und im süssen Wasser finden wir auch einige der anomalsten
-Wesen, welche auf der Erde bekannt sind, den Ornithorhynchus und den
-Lepidosiren, welche gleich fossilen Formen bis zu gewissem Grade solche
-Ordnungen miteinander verbinden, welche jetzt auf der natürlichen
-Stufenleiter weit von einander entfernt sind. Man kann daher diese
-anomalen Formen immerhin „lebende Fossile“ nennen. Sie haben
-ausgedauert bis auf den heutigen Tag, weil sie eine beschränkte Fläche
-bewohnt haben und in dessen Folge einer minder heftigen Mitbewerbung
-ausgesetzt gewesen sind.</p>
-
-<p>Fassen wir die der Natürlichen Züchtung günstigen und ungünstigen
-Umstände schliesslich zusammen, so weit die äusserst verwickelte
-Beschaffenheit Solches gestattet. Ich gelange mit Hinsicht auf
-die Zukunft zum Schlusse: dass für Land-Erzeugnisse eine weite
-Festland-Fläche, welche wahrscheinlich noch vielfältige Höhenwechsel
-zu erfahren hat und sich daher lange Zeiträume hindurch in einem
-unterbrochenen Zustande befinden wird, für Hervorbringung vieler
-neuen zu langer Dauer und weiter Verbreitung geeigneter Lebens-Formen
-die günstigsten Bedingungen darbieten wird. Eine solche Fläche
-kann zuerst ein Festland gewesen seyn, dessen Bewohner in jener
-Zeit zahlreich an Arten und Individuen sehr lebhafter Mitbewerbung
-ausgesetzt gewesen sind. Ist sodann der Kontinent durch Senkung in
-grosse Inseln geschieden worden, so werden noch viele Individuen einer
-Art auf jeder Insel übrig seyn, welche sich an den Grenzen ihrer
-Verbreitungs-Bezirke (der Inseln) mit einander zu kreutzen gehindert
-sind. Eben so können nach irgend welchen physikalischen Veränderungen
-keine Einwanderungen stattfinden, daher die neu entstehenden Stellen
-in der gesellschaftlichen Verbindung jeder Insel durch Abänderungen
-ihrer alten Bewohner ausgefüllt werden müssen. Um die Varietäten einer
-jeden zu diesem Zwecke umzugestalten und zu vervollkommnen, wird lange
-Zeit nöthig seyn. Sollten durch eine neue Hebung die Inseln wieder
-in ein Festland zusammenfliessen, so wird eine heftige Mitbewerbung
-erfolgen. Die am meisten begünstigten oder verbesserten Varietäten
-werden sich ausbreiten, viele minder<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> vollkommene Formen erlöschen und
-die Verhältniss-Zahlen des erneuerten Kontinents sich bedeutend ändern.
-Es wird daher der Natürlichen Züchtung ein reiches Feld zur ferneren
-Verbesserung der Bewohner und zur Hervorbringung neuer Arten geboten
-seyn.</p>
-
-<p>Ich gebe vollkommen zu, dass die Natürliche Züchtung zuweilen mit
-äusserster Langsamkeit wirke. Ihre Thätigkeit hängt davon ab, ob in dem
-gesellschaftlichen Verbande der Natur Stellen vorhanden sind, welche
-dadurch besser besetzt werden könnten, dass einige Bewohner der Gegend
-irgend welche Abänderung erführen. Das Vorhandenseyn solcher Stellen
-wird oft von gewöhnlich langsamen physikalischen Veränderungen und
-davon abhängen, ob die Einwanderung besser anpassender Formen gehindert
-ist. Aber die Thätigkeit der Natürlichen Züchtung wird wahrscheinlich
-noch öfter davon bedingt seyn, dass einige der Bewohner langsame
-Abänderungen erleiden, indem hiedurch die Wechselbeziehungen vieler
-alten Bewohner zu einander gestört werden. Nichts kann bewirkt werden,
-bevor nicht vortheilhafte Abänderungen vorkommen, und Abänderung selbst
-ist offenbar stets ein sehr langsamer Vorgang. Viele werden der Meinung
-seyn, dass diese verschiedenen Ursachen ganz genügend seyen, um die
-Thätigkeit der Natürlichen Züchtung vollständig zu hindern; ich bin
-jedoch nicht dieser Ansicht. Auf der andern Seite glaube ich, dass
-Natürliche Züchtung immer sehr langsam wirke, oft erst wieder nach
-langen Zeitzwischenräumen und gewöhnlich nur bei sehr wenigen Bewohnern
-einer Gegend zugleich. Ich glaube ferner, dass diese sehr langsame und
-aussetzende Thätigkeit der Natürlichen Züchtung ganz gut demjenigen
-entspricht, was uns die Geologie in Bezug auf die Ordnung und Art der
-Veränderung lehrt, welche die Bewohner dieser Erde allmählich erfahren
-haben.</p>
-
-<p>Wie langsam aber auch der Prozess der Züchtung seyn mag; wenn der
-schwache Mensch in kurzer Zeit schon so viel durch seine künstliche
-Züchtung thun kann, so vermag ich keine Grenze für den Umfang
-der Veränderungen, für die Schönheit und endlose Verflechtung
-der Anpassungen aller organischen<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Wesen an einander und an ihre
-natürlichen Lebens-Bedingungen zu erkennen, welche die natürliche
-Züchtung im Verlaufe unermesslicher Zeiträume zu bewirken im Stande ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erlöschen.</em>) — Dieser Gegenstand wird in unsrem Abschnitte
-über Geologie vollständiger abzuhandeln seyn; hier berühren wir ihn
-nur, insoferne er mit der Züchtung zusammenhängt. Natürliche Züchtung
-wirkt nur durch Erhaltung vortheilhafter Abänderungen, welche die
-andern zu überdauern vermögen. Wenn jedoch in Folge des geometrischen
-Vervielfältigungs-Vermögens aller organischen Wesen jeder Bezirk schon
-genügend mit Bewohnern und wenn die meisten Bezirke bereits mit einer
-grossen Manchfaltigkeit der Formen versorgt sind, so muss nothwendig
-in demselben Grade, in welchem die ausgewählte und begünstigte Form an
-Menge zunimmt, die minder begünstigte allmählich abnehmen und seltener
-werden. Seltenwerden ist, wie die Geologie uns lehrt, Anfang des
-Erlöschens. Man erkennt auch, dass eine nur durch wenige Individuen
-vertretene Form durch Schwankungen in den Jahreszeiten oder in der
-Zahl ihrer Feinde grosse Gefahr gänzlicher Vertilgung läuft. Doch
-können wir noch weiter gehen und sagen: wenn neue Formen langsam aber
-beständig erzeugt werden, so müssen andre unvermeidlich fortwährend
-erlöschen, wenn nicht die Zahl der specifischen Formen beständig und
-fast unendlich anwachsen soll. Die Geologie zeigt uns klärlich, dass
-die Zahl der Art-Formen nicht in’s Unbegrenzte gewachsen ist, und
-wir wollen jetzt versuchen nachzuweisen, wohin es komme, dass die
-Arten-Zahl auf der Erd-Oberfläche nicht unermesslich geworden ist.</p>
-
-<p>Wir haben gesehen, dass diejenigen Arten, welche die zahlreichsten
-Individuen zählen, die meiste Wahrscheinlichkeit für sich, innerhalb
-einer gegebenen Zeit vortheilhafte Abänderungen hervorzubringen. Die
-im zweiten Kapitel mitgetheilten Thatsachen können zum Beweise dafür
-dienen, indem sie zeigen, dass gerade die gemeinsten Arten die grösste
-Anzahl ausgezeichneter Varietäten oder anfangender Species liefern.
-Daher werden denn auch die selteneren Arten in einer gegebenen Periode
-weniger rasch umgeändert oder verbessert werden und demzufolge in<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span>
-dem Kampfe mit den umgeänderten Abkömmlingen der gemeineren Arten
-unterliegen.</p>
-
-<p>Aus diesen verschiedenen Betrachtungen scheint nun unvermeidlich zu
-folgen, dass in dem Masse, wie im Laufe der Zeit neue Arten durch
-Natürliche Züchtung entstehen, andre seltener und seltener werden
-und endlich erlöschen müssen. Diejenigen Formen werden natürlich am
-meisten leiden, welche den umgeänderten und verbesserten am nächsten
-stehen. Und wir haben in dem Abschnitte vom Ringen um’s Daseyn gesehen,
-dass es die miteinander am nächsten verwandten Formen — Varietäten
-der nämlichen Art und Arten der nämlichen oder einander zunächst
-verwandten Sippen sind, die, weil sie nahezu gleichen Bau, Konstitution
-und Lebensweise haben, meistens auch in die heftigste Mitbewerbung
-miteinander gerathen. Wir sehen den nämlichen Prozess der Austilgung
-unter unseren Kultur-Erzeugnissen vor sich gehen, in Folge der
-Züchtung verbesserter Formen durch den Menschen. Ich könnte mit vielen
-merkwürdigen Belegen zeigen, wie schnell neue Rassen von Rindern,
-Schaafen und andern Thieren oder neue Varietäten von Blumen die Stelle
-der früheren und unvollkommeneren einnehmen. In <i>Yorkshire</i>
-ist es geschichtlich bekannt, dass das alte schwarze Rindvieh durch
-die Langhorn-Rasse verdrängt und dass diese nach dem Ausdruck eines
-landwirthschaftlichen Schriftstellers, wie durch eine mörderische
-Seuche von den Kurzhörnern weggefegt worden ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Divergenz des Charakters.</em>) — Das Princip, welches ich mit
-diesem Ausdruck bezeichne, ist von hoher Wichtigkeit für meine Theorie
-und erklärt nach meiner Meinung verschiedene wichtige Thatsachen.
-Erstens gibt es manche sehr ausgeprägte Varietäten, die, obwohl sie
-etwas vom Charakter der Species an sich haben, wie in vielen Fällen aus
-den hoffnungslosen Zweifeln über ihren Rang erhellet, doch gewiss viel
-weniger als gute und ächte Arten von einander abweichen. Demungeachtet
-sind nach meiner Anschauungsweise Varietäten eben anfangende Species.
-Auf welche Weise wächst nun jene kleinere Verschiedenheit zur grössern
-specifischen Verschiedenheit an? Dass Diess<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> allgemein geschehe, müssen
-wir aus den fast unzähligen in der ganzen Natur vorhandenen Arten mit
-wohl ausgeprägten Varietäten schliessen, während Varietäten, die von
-uns unterstellten Prototype und Ältern künftiger wohl unterschiedener
-Arten, nur geringe und schlecht-ausgeprägte Unterschiede darbieten.
-Wenn es bloss der sogenannte Zufall wäre, der die Abweichung einer
-Varietät von ihren Ältern in einigen Beziehungen und dann die noch
-stärkere Abweichung des Nachkömmlings dieser Varietät von jenen Ältern
-in gleicher Richtung veranlasste, so würde dieser doch nicht genügen,
-ein so gewöhnliches und grosses Maass von Verschiedenheit zu erklären,
-als zwischen Varietäten einer Art und zwischen Arten einer Sippe
-vorhanden ist.</p>
-
-<p>Wir wollen daher, wie ich es bis jetzt zu thun gewöhnt war, auch
-diesen Gegenstand mit Hilfe unsrer Kultur-Erzeugnisse erläutern.
-Wir werden dabei etwas Analoges finden. Nehmen wir an, dass die
-Bildung so weit auseinander laufender Rassen wie die des Kurzhorn-
-und des Hereforder-Rindes, des Rasse- und des Karren-Pferdes, der
-verschiedenen Tauben-Rassen u.&#160;s.&#160;w. durch bloss zufällige Häufung
-der Abänderungen in einerlei Richtung während vieler aufeinander
-folgender Generationen nicht hätte zu Stande kommen können. Wenn nun
-aber in der Wirklichkeit ein Liebhaber seine Freude an einer Taube
-mit merklich kürzerem und ein anderer die seinige an einer solchen
-mit viel längerem Schnabel hätte, so würden sich beide bestreben, da
-„Liebhaber Mittelmässigkeiten nicht bewundern, sondern Extreme lieben“
-(wie es mit Purzeltauben wirklich der Fall gewesen), zur Nachzucht
-Vögel mit immer kürzeren und kürzeren oder immer längeren und längeren
-Schnäbeln zu wählen. Eben so können wir unterstellen, es habe Jemand
-in früherer Zeit schlankere und ein andrer Jemand stärkere und
-schwerere Pferde vorgezogen. Die ersten Unterschiede werden nur sehr
-gering gewesen seyn; wenn nun aber im Laufe der Zeit einige Züchter
-fortwährend die schlankeren, und andre ebenso die schwereren Pferde
-zur Nachzucht erkiesen, so werden die Verschiedenheiten immer grösser
-werden und Veranlassung geben zwei Unterrassen zu unterscheiden,
-und nach Verlauf von Jahrhunderten<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> können diese Unterrassen sich
-endlich zu zwei wohlbegründeten verschiedenen Rassen ausbilden. Da die
-Verschiedenheiten langsam zunehmen, so werden die unvollkommeneren
-Thiere von mittlem Charakter, die weder sehr leicht noch sehr schwer
-sind, vernachlässigt werden und sich zum Erlöschen neigen. Daher sehen
-wir dann auch in diesen künstlichen Erzeugnissen des Menschen, dass in
-Folge des Divergenz-Prinzips, wie man es nennen könnte, die anfangs
-kaum bemerkbaren Verschiedenheiten immer zunehmen und die Rassen immer
-weiter unter sich wie von ihren gemeinsamen Stamm-Ältern abweichen.</p>
-
-<p>Aber wie, kann man fragen, lässt sich ein solches Prinzip auf die
-Natur anwenden? Ich glaube, dass es schon durch den einfachen Umstand
-eine erfolgreiche Anwendung findet (obwohl ich selbst Diess lange Zeit
-nicht erkannt habe), dass, je weiter die Abkömmlinge einer Species in
-Bau, organischen Verrichtungen und Lebensweise auseinandergehen, um so
-besser sie geeignet seyn werden, viele und sehr verschiedene Stellen im
-Haushalte der Natur einzunehmen und somit an Zahl zuzunehmen.</p>
-
-<p>Diess zeigt sich deutlich bei Thieren mit einfacher Lebensweise.
-Nehmen wir ein vierfüssiges Raubthier zum Beispiel, dessen Zahl in
-einer Gegend schon längst zu dem vollen Betrage angestiegen ist,
-welches die Gegend zu ernähren vermag. Hat das ihm innewohnende
-Vervielfältigungs-Vermögen freies Spiel, so kann dieselbe Thier-Art
-(vorausgesetzt dass die Gegend keine Veränderung ihrer natürlichen
-Verhältnisse erfahre) nur dann noch weiter zunehmen, wenn ihre
-Nachkommen in der Weise abändern, dass sie allmählich solche Stellen
-einnehmen können, welche jetzt andere Thiere schon innehaben,
-wenn z.&#160;B. einige derselben geschickt werden auf neue Arten von
-lebender oder todter Beute auszugehen, indem sie neue Standorte
-bewohnen, Bäume erklimmen, in’s Wasser gehen oder auch einen Theil
-ihrer Raubthier-Natur aufgeben. Je mehr nun diese Nachkommen unsres
-Raubthieres in Organisation und Lebensweise auseinandergehen, desto
-mehr Stellen werden sie fähig seyn in der Natur einzunehmen. Und was
-von einem Thiere gilt, das gilt durch alle Zeiten von allen Thieren,
-vorausgesetzt, dass sie<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> variiren; denn ausserdem kann Natürliche
-Züchtung nichts ausrichten. Und dasselbe gilt von den Pflanzen. Es ist
-durch Versuche dargethan worden, dass wenn man eine Strecke Landes
-mit Gräsern verschiedener Sippen besäet, man eine grössere Anzahl von
-Pflanzen erzielen und ein grösseres Gewicht von Heu einbringen kann,
-als wenn man eine gleiche Strecke nur mit einer Gras-Art ansäet. Zum
-nämlichen Ergebniss ist man gelangt, indem man zuerst eine Varietät
-und dann verschiedene gemischte Varietäten von Weitzen auf zwei gleich
-grosse Grund-Stücke säete. Wenn daher eine Gras-Art in Varietäten
-auseinandergeht und diese Varietäten, unter sich in derselben Weise
-verschieden wie die Arten und Sippen der Gräser verschieden sind, immer
-wieder zur Nachzucht gewählt werden, so wird eine grössere Anzahl
-einzelner Stöcke dieser Gras-Art mit Einschluss ihrer Varietäten auf
-gleicher Fläche wachsen können, als zuvor. Bekanntlich streut jede
-Gras-Art und Varietät jährlich eine fast zahllose Menge von Saamen
-aus, so dass man fast sagen könnte, ihr hauptsächlichstes Streben
-seye Vermehrung ihrer Anzahl. Daher zweifle ich nicht daran, dass
-im Verlaufe von vielen Tausend Generationen gerade die am weitesten
-auseinander gehenden Varietäten einer Gras-Art immer am meisten
-Wahrscheinlichkeit des Erfolges durch Vermehrung ihrer Anzahl und
-durch Verdrängung der geringeren Abweichungen für sich haben; und sind
-diese Varietäten nun weit von einander verschieden, so nehmen sie den
-Charakter der Arten an.</p>
-
-<p>Die Wahrheit des Prinzips, dass die grösste Summe von Leben vermittelt
-werden kann durch die grösste Differenzirung der Struktur, lässt
-sich unter vielerlei natürlichen Verhältnissen erkennen. Wir sehen
-auf ganz kleinen Räumen, zumal wenn sie der Einwanderung offen sind
-und mithin das Ringen der Arten mit einander heftig ist, stets eine
-grosse Manchfaltigkeit von Bewohnern. So fand ich z.&#160;B. auf einem 3′
-langen und 4′ breiten Stück Rasen, welches viele Jahre lang genau
-denselben Bedingungen ausgesetzt gewesen, zwanzig Arten von Pflanzen
-aus achtzehn Sippen und acht Ordnungen beisammen, woraus sich ergibt,
-wie verschieden von einander eben diese Pflanzen sind.<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> So ist es
-auch mit den Pflanzen und Insekten auf kleinen einförmigen Inseln;
-und ebenso in kleinen Süsswasser-Behältern. Die Landwirthe wissen,
-dass sie bei einer Rotation mit Pflanzen-Arten aus den verschiedensten
-Ordnungen am meisten Futter erziehen können<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>, und die Natur bietet,
-was man eine simultane Rotation nennen könnte. Die meisten Pflanzen und
-Thiere, welche rings um ein kleines Grundstück wohnen, würden auch auf
-diesem Grundstücke (wenn es nicht in irgend einer Beziehung von sehr
-abweichender Beschaffenheit ist) leben können und streben so zu sagen
-in hohem Grade darnach da zu leben; wo sie aber in nächste Mitbewerbung
-mit einander kommen, da sehen wir, dass ihre aus der Differenzirung
-ihrer Organisation, Lebensweise und Konstitution sich ergebenden
-wechselseitigen Vorzüge bedingen, dass die am unmittelbarsten mit
-einander ringenden Bewohner im Allgemeinen verschiedenen Sippen und
-Ordnungen angehören.</p>
-
-<p>Dasselbe Princip erkennt man, wo der Mensch Pflanzen in fremdem Lande
-zu naturalisiren strebt. Man hätte erwarten dürfen, dass diejenigen
-Pflanzen, die mit Erfolg in einem Lande naturalisirt werden können,
-im Allgemeinen nahe verwandt mit den Eingeborenen seyen; denn diese
-betrachtet man gewöhnlich als besonders für ihre Heimath geschaffen
-und angepasst. Eben so hätte man vielleicht erwartet, dass die
-naturalisirten Pflanzen zu einigen wenigen Gruppen gehörten, welche
-nur etwa gewissen Stationen entsprächen. Aber die Sache verhält sich
-ganz anders, und A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hat in seinem grossen
-und vortrefflichen Werke ganz wohl gezeigt, dass die Floren durch
-Naturalisirung, der Anzahl der eingeborenen Sippen und Arten gegenüber,
-weit mehr an neuen Sippen als an neuen Arten gewinnen. Um nur ein
-Beispiel zu geben, so sind in Dr. A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span>’<span class="smaller">S</span> „<i>Manual
-of the Flora of the northern United states</i>“ 260 naturalisirte
-Pflanzen-Arten aus 162 Sippen aufgezählt. Wir sehen ferner, dass diese
-naturalisirten Pflanzen von sehr verschiedener Natur sind, und auch von
-den eingebornen in<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> so ferne nicht abweichen, als aus jenen 162 Sippen
-nicht weniger als 100 ganz fremdländisch sind, daher die eingeborene
-Flora verhältnissmässig mehr an Sippen als an Arten bereichert worden
-ist.</p>
-
-<p>Berücksichtigt man die Natur der Pflanzen und Thiere, welche der
-Reihe nach erfolgreich mit den eingeborenen einer Gegend gerungen
-haben und in dessen Folge naturalisirt worden sind, so kann man eine
-rohe Vorstellung davon gewinnen, wie etwa einige die eingeborenen
-hätten modificirt werden müssen, um einen Vortheil über die andern
-eingeborenen zu erlangen; wir können, wie ich glaube, wenigstens mit
-Sicherheit schliessen, dass eine Differenzirung ihrer Struktur bis zu
-einem zur Bildung neuer Sippen genügenden Betrage für sie erspriesslich
-gewesen wäre.</p>
-
-<p>Der Vortheil einer Differenzirung der Eingeborenen einer Gegend ist in
-der That derselbe, welcher für einen individuellen Organismus aus der
-physiologischen Theilung der Arbeit unter seine Organe entspringt, ein
-von M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> so trefflich erläuterter Gegenstand. Kein
-Physiologe zweifelt daran, dass ein Magen, welcher nur zur Verdauung
-von vegetabilischer oder von animalischer Materie allein geeignet ist,
-die meiste Nahrung aus diesen Stoffen zieht. So werden auch in dem
-grossen Haushalte eines Landes um so mehr Individuen von Pflanzen und
-Thieren ihren Unterhalt zu finden im Stande seyn, je mehr dieselben
-hinsichtlich ihrer Lebensweise differenzirt sind. Eine Gesellschaft von
-Thieren mit nur wenig differenzirter Organisation kann schwerlich mit
-einer andern von vollständiger differenzirtem Baue werben. So wird man
-z.&#160;B. bezweifeln müssen, dass die <i>Australischen</i> Beutelthiere,
-welche nach W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>’<span class="smaller">S</span> u. A. Bemerkung, in weniger von
-einander abweichende Gruppen unterschieden, unsere Raub-Thiere,
-Wiederkäuer und Nager vertreten, im Stande seyn würden, mit diesen
-wohl ausgesprochenen Ordnungen zu werben. In den <i>Australischen</i>
-Säugethieren erblicken wir den Prozess der Differenzirung auf einer
-noch frühen und unvollkommenen Entwicklungs-Stufe.</p>
-
-<p>Nach dieser vorangehenden Erörterung, die einer grösseren<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Ausdehnung
-bedürfte, dürfen wir wohl annehmen, dass die abgeänderten Nachkommen
-einer Species um so mehr Erfolg haben werden, je mehr sie in ihrer
-Organisation differenzirt und hiedurch geeignet seyn werden, sich
-auf die bereits von andern Wesen eingenommenen Stellen einzudrängen.
-Wir wollen nun zusehen, wie dieses nützliche von der Divergenz des
-Charakters abgeleitete Prinzip in Verbindung mit den Prinzipien der
-Natürlichen Züchtung und der Erlöschung zusammenwirke.</p>
-
-<div class="figcenter illowe36" id="stammbaum">
- <img class="w100" src="images/stammbaum.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><i><a href="#Bild">Zur Seite 131.</a></i></div>
- <div class="caption_gross x-ebookmaker-drop"><a href="images/stammbaum_gross.jpg"
- id="stammbaum_gross" rel="nofollow">⇒<br />
- <span class="s6">GRÖSSERES BILD</span></a></div>
-</div>
-
-<p id="Bild"><a href="#stammbaum">Das beigefügte Bild</a> wird uns dienen, diese sehr verwickelte Frage
-besser zu begreifen. Gesetzt es bezeichnen die Buchstaben A bis L
-die Arten einer grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; diese Arten
-gleichen einander in verschiedenen Abstufungen, wie es eben in der
-Natur der Fall zu seyn pflegt, und was durch verschiedene Entfernung
-jener Buchstaben von einander ausgedrückt werden soll. Wir wählen
-eine grosse Sippe, weil wir schon im zweiten Kapitel gesehen, dass
-verhältnissmässig mehr Arten grosser Sippen als kleiner variiren, und
-dass dieselben eine grössere Anzahl von Varietäten darbieten. Wir haben
-ferner gesehen, dass die gemeinsten und am weitesten verbreiteten
-Arten mehr als die seltenen mit kleinen Wohn-Bezirken abändern. Es
-seye nun A eine gemeine weit verbreitete und abändernde Art einer
-grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend; der kleine Fächer divergirender
-Punkt-Linien von ungleicher Länge, welche von A ausgehen, möge ihre
-variirende Nachkommenschaft darstellen. Es ist ferner angenommen,
-deren Abänderungen seyen ausserordentlich gering, aber von der
-manchfaltigsten Beschaffenheit, nicht von gleichzeitiger, sondern oft
-durch lange Zwischenzeiten getrennter Erscheinung, und endlich von
-ungleich langer Dauer. Nur jene Abänderungen, welche in irgend einer
-Beziehung nützlich sind, werden erhalten und zur Natürlichen Züchtung
-verwendet. Und hier ist es wichtig, dass das Prinzip der Nützlichkeit
-von der Divergenz des Charakters abgeleitet ist; denn Diess wird
-meistens zu den am weitesten auseinandergehenden Abänderungen führen
-(welche durch unsre punktirten Linien dargestellt sind), wie sie durch
-Natürliche Züchtung erhalten und gehäuft worden. Wenn nun in<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> unsrem
-<a href="#stammbaum">Bilde</a> eine der punktirten Linien eine der wagrechten Linien erreicht
-und dort mit einem kleinen numerirten Buchstaben bezeichnet erscheint,
-so ist angenommen, dass darin eine Summe von Abänderung gehäuft seye,
-genügend zur Bildung einer ganz wohl-bezeichneten Varietät, wie wir sie
-der Aufnahme in ein systematisches Werk werth achten.</p>
-
-<p>Die Zwischenräume zwischen zwei wagrechten Linien des <a href="#stammbaum">Bildes</a> mögen
-je 1000 (besser wären 10,000) Generationen entsprechen. Nach 1000
-Generationen hätte die Art A zwei ganz wohl ausgeprägte Varietäten
-a<sup>1</sup> und m<sup>1</sup> hervorgebracht. Diese zwei Varietäten seyen fortwährend
-denselben Bedingungen ausgesetzt, welche ihre Stammältern zur
-Abänderung veranlassten, und das Streben nach Abänderung in ihnen
-erblich. Sie werden daher nach weitrer Abänderung und gewöhnlich in
-derselben Art und Richtung streben wie ihre Stammältern. Überdiess
-werden diese zwei Varietäten, als nur erst wenig modificirte Formen,
-streben diejenigen Vorzüge wieder zu erwerben, welche ihren gemeinsamen
-Ältern A das numerische Übergewicht über die meisten andern Bewohner
-derselben Gegend verschafft haben; sie werden gleicherweise theilnehmen
-an denjenigen Vortheilen, welche die Sippe, wozu ihre Stammältern
-gehört, zur grossen Sippe ihrer Heimath erhoben. Und wir wissen, dass
-alle diese Umstände zur Hervorbringung neuer Varietäten günstig sind.</p>
-
-<p>Wenn nun diese zwei Varietäten ebenfalls veränderlich sind, so werden
-die divergentesten ihrer Abänderungen gewöhnlich in den nächsten 1000
-Generationen fortbestehen. Nach dieser Zeit, ist in unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a>
-angenommen, habe Varietät a<sup>1</sup> die Varietät a<sup>2</sup> hervorgebracht, die nach
-dem Differenzirungs-Principe weiter als a<sup>1</sup> von A verschieden ist.
-Varietät m<sup>1</sup> hat zwei andre Varietäten m<sup>2</sup> und s<sup>2</sup> ergeben, welche
-unter sich und noch mehr von ihrer gemeinsamen Stamm-Form A abweichen.
-So können wir den Vorgang lange Zeit von Stufe zu Stufe verfolgen und
-einige der Varietäten von je 1000 zu 1000 Generationen bald nur eine
-Abänderung von mehr und weniger abweichender Beschaffenheit, bald auch
-2–3 derselben hervorbringen sehen, während andre keine neuen Formen
-darbieten. Doch<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> werden gewöhnlich diese Varietäten oder abgeänderten
-Nachkommen eines gemeinsamen Stamm-Vaters A im Ganzen immer zahlreicher
-werden und immer weiter auseinander laufen. In dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> ist der
-Vorgang bis zur zehntausendsten Generation, — und in einer mehr
-verdichteten und vereinfachten Weise bis zur vierzehntausendsten
-Generation dargestellt.</p>
-
-<p>Doch muss ich hier bemerken, dass ich nicht der Meinung bin, dass
-der Prozess jemals so regelmässig vor sich gehe, als er im <a href="#stammbaum">Bilde</a>
-dargestellt ist, obwohl er auch da schon etwas unregelmässig
-erscheint. Eben so bin ich entfernt nicht der Meinung, dass die am
-weitesten differirenden Varietäten unabänderlich vorherrschen und
-sich vervielfältigen werden. Oft mag auch eine Mittelform von langer
-Dauer seyn und entweder keine oder mehr als eine in ungleichem Grade
-abgeänderte Varietät hervorbringen; die Natürliche Züchtung wird
-immer thätig seyn, je nach der Beschaffenheit der noch gar nicht oder
-nur unvollständig von anderen Wesen eingenommenen Stellen; und Diess
-wird von unendlich verwickelten Beziehungen abhängen. Doch werden der
-allgemeinen Regel zufolge die Abkömmlinge einer Art um so mehr geeignet
-seyn jene Stellen einzunehmen und ihre abgeänderte Nachkommenschaft zu
-vermehren, je weiter sie in ihrer Organisation differenzirt sind. In
-unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> ist die Successions-Linie in regelmässigen Zwischenräumen
-unterbrochen durch kleine numerirte Buchstaben, zu Bezeichnung der
-successiven Formen, welche genügend unterschieden sind, um als
-Varietäten aufgeführt zu werden. Aber diese Unterbrechungen sind nur
-eingebildete und hätten anderwärts eingeschoben werden können nach
-hinlänglich langen Zwischenräumen für die Häufung eines ansehnlichen
-Betrags divergenter Abänderung.</p>
-
-<p>Da alle diese verschiedenartigen Abkömmlinge von einer gemeinsamen
-und weit verbreiteten Art einer grossen Sippe an den gemeinsamen
-Verbesserungen theilzunehmen streben, welche den Erfolg ihrer
-Stamm-Ältern im Leben bedingt haben, so werden sie im Allgemeinen
-sowohl an Zahl als an Divergenz des Charakters zunehmen, und Diess
-ist im <a href="#stammbaum">Bilde</a> durch die verschiedenen von A ausgehenden Verzweigungen
-ausgedrückt. Die abgeänderten<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Nachkommen von den letzten und am
-meisten verbesserten Verzweigungen in den Nachkommenschafts-Linien
-werden wahrscheinlich oft die Stelle der ältern und minder
-vervollkommneten einnehmen und sie verdrängen, und Diess ist im <a href="#stammbaum">Bilde</a>
-dadurch ausgedrückt, dass einige der untern Zweige nicht bis zu den
-obern Horizontallinien hinauf reichen. In einigen Fällen zweifle
-ich nicht, dass der Prozess der Abänderung auf eine einfache Linie
-der Descendenz beschränkt bleiben und die Zahl der Nachkommen nicht
-vermehren wird, wenn auch das Maass divergenter Modifikation in den
-aufeinanderfolgenden Generationen zugenommen hat. Dieser Fall würde
-in dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> dargestellt werden, wenn alle von A ausgehenden Linien
-bis auf die von a<sup>1</sup> bis a<sup>10</sup> beseitigt würden. Auf diese Weise sind
-z.&#160;B. die Englischen Rasse-Pferde und Englischen Windspiele langsam vom
-Charakter ihrer Stammform abgewichen, ohne je eine neue Abzweigung oder
-Nebenrasse abgegeben zu haben.</p>
-
-<p>Es wird der Fall gesetzt, dass die Art A nach 10,000 Generationen drei
-Formen a<sup>10</sup>, f<sup>10</sup> und m<sup>10</sup> hervorgebracht habe, welche in Folge
-ihrer Charakter-Divergenz in den aufeinanderfolgenden Generationen
-weit, doch in ungleichem Grade unter sich und von ihren Stamm-Ältern
-verschieden sind. Nehmen wir nur einen äusserst kleinen Betrag von
-Veränderung zwischen je zwei Horizontalen unsres <a href="#stammbaum">Bildes</a> an, so werden
-unsre drei Formen nur bis zur Stufe wohl ausgeprägter Varietäten oder
-etwa zweifelhafter Unterarten gelangt seyn; wir haben aber nur nöthig,
-uns die Abstufungen im Änderungs-Prozesse etwas grösser zu denken, um
-diese Formen in gute Arten zu verwandeln; alsdann drückt das <a href="#stammbaum">Bild</a> die
-Stufen aus, auf welchen die kleinen nur Varietäten charakterisirenden
-Verschiedenheiten in grössere schon Arten unterscheidende Unterschiede
-übergehen. Denkt man sich denselben Prozess in einer noch grösseren
-Anzahl von Generationen fortwährend (wie es oben im <a href="#stammbaum">Bilde</a> in
-zusammengezogener und vereinfachter Weise geschehen), so erhalten wir
-acht von A abstammende Arten mit a<sup>14</sup> bis m<sup>14</sup> bezeichnet. So
-werden, wie ich glaube, Arten vervielfältigt und Sippen gebildet.</p>
-
-<p>In einer grossen Sippe variirt wohl mehr als eine Art.<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span>
-Im <a href="#stammbaum">Bilde</a> habe
-ich angenommen, dass eine zweite Art I in analogen Abstufungen nach
-10,000 Generationen entweder zwei wohlbezeichnete Varietäten w<sup>10</sup> und
-x<sup>10</sup>, oder zwei Arten hervorgebracht habe, je nachdem man sich den
-Betrag der Veränderung, welcher zwischen zwei wagrechten Linien liegt,
-kleiner oder grösser denkt. Nach 14,000 Generationen werden nach unsrer
-Unterstellung sechs neue durch die Buchstaben n<sup>14</sup>–z<sup>14</sup> bezeichnete
-Arten entstanden seyn. In jeder Sippe werden die bereits am weitesten
-in ihrem Charakter auseinander gegangenen Arten die grösste Anzahl
-modificirter Nachkommen hervorzubringen streben, indem diese die beste
-Aussicht haben, neue und weit von einander verschiedene Stellen im
-Natur-Staate einzunehmen; daher ich im <a href="#stammbaum">Bilde</a> die extreme Art A und die
-fast gleich extreme Art I als die am weitesten auseinander gelaufenen
-bezeichnete, welche auch zur Bildung neuer Varietäten und Arten
-Veranlassung gegeben haben. Die andren neun mit grossen Buchstaben
-(B–H, K, L) bezeichneten Arten unsrer Stamm-Sippe mögen sich noch lange
-Zeit ohne Veränderung fortpflanzen, was im <a href="#stammbaum">Bilde</a> durch die punktirten
-Linien ausgedrückt ist, welche wegen mangelnden Raumes nicht weiter
-aufwärts verlängert sind.</p>
-
-<p>Inzwischen dürfte in dem auf unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> dargestellten
-Umänderungs-Prozess noch ein andres unsrer Prinzipien, das der
-Erlöschung nämlich, eine wichtige Rolle gespielt haben. Da in jeder
-vollständig bevölkerten Gegend Natürliche Züchtung nothwendig durch
-Auswahl der Formen wirkt, welche in dem Kampfe um’s Daseyn irgend
-einen Vortheil vor den übrigen Formen voraus haben, so wird in den
-verbesserten Abkömmlingen einer Art ein beständiges Streben vorhanden
-seyn, auf jeder ferneren Stufe ihre Vorgänger und ihren Urstamm zu
-ersetzen und zu vertilgen. Denn man muss sich erinnern, dass der Kampf
-gewöhnlich am heftigsten zwischen solchen Formen ist, welche einander
-in Organisation, Konstitution und Lebensweise am nächsten stehen. Daher
-werden alle Zwischenformen zwischen den frühesten und spätesten, das
-ist zwischen den unvollkommensten und vollkommensten Stufen, sowie
-die Stamm-Art selbst zum Erlöschen geneigt seyn. Eben so wird es sich
-wahrscheinlich<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> mit vielen ganzen Seiten-Linien verhalten, wenn sie
-durch spätere und vollkommenere Linien bekämpft werden. Wenn dagegen
-die abgeänderte Nachkommenschaft einer Art in einer besonderen Gegend
-aufkommt oder sich irgend einem ganz neuen Standorte rasch anpasst,
-wo Vater und Kind nicht in Mitbewerbung gerathen, dann mögen beide
-fortbestehen.</p>
-
-<p>Nimmt man daher in unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> an, dass es ein grosses Maass von
-Abänderung vorstelle, so werden die Art A und alle frühern Abänderungen
-derselben erloschen und durch acht neue Arten a<sup>14</sup>–m<sup>14</sup>
-ersetzt seyn, und an der Stelle von I werden sich sechs neue Arten
-n<sup>14</sup>–z<sup>14</sup> befinden.</p>
-
-<p>Doch gehen wir noch weiter. Wir haben angenommen, dass die
-ursprünglichen Arten unsrer Sippe einander in ungleichem Grade ähnlich
-seyen, wie Das in der Natur gewöhnlich der Fall ist; dass die Art
-A näher mit B, C, D als mit den andern verwandt seye und I mehr
-Beziehungen mit G, H, K, L als zu den übrigen besitze; dass ferner
-diese zwei Arten A und I sehr gemein und weit verbreitet seyen, indem
-sie schon anfangs einige Vorzüge vor den andern Arten derselben Sippe
-voraus hatten. Ihre modifizirten Nachkommen, vierzehn an Zahl nach
-14,000 Generationen, werden wahrscheinlich einige derselben Vorzüge
-geerbt haben; auch sind sie auf jeder weiteren Stufe der Fortpflanzung
-in einer divergenten Weise abgeändert und verbessert worden, so dass
-sie sich zur Besetzung vieler passenden Stellen im Natur-Haushalte
-ihrer Gegend eignen. Es scheint mir daher äusserst wahrscheinlich,
-dass sie nicht allein ihre Ältern A und I ersetzt und vertilgt haben,
-sondern auch einige andre diesen zunächst verwandte ursprüngliche
-Spezies. Es werden daher nur sehr wenige der ursprünglichen Arten sich
-bis in die vierzehntausendste Generation fortgepflanzt haben. Wir
-nehmen an, dass nur eine von den zwei mit den übrigen neun weniger
-nahe verwandten Arten, nämlich F, ihre Nachkommen bis zu dieser späten
-Generation erstrecke.</p>
-
-<p>Der neuen von den eilf ursprünglichen Arten unsres <a href="#stammbaum">Bildes</a>
-abgeleiteten Spezies sind nun fünfzehn. Dem divergenten Streben
-der Natürlichen Züchtung gemäss, muss der äusserste Betrag von<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span>
-Charakter-Verschiedenheit zwischen den Arten a<sup>14</sup> und z<sup>14</sup> viel
-grösser als zwischen den unter sich verschiedensten der ursprünglichen
-eilf Arten seyn. Überdiess werden die neuen Arten in sehr ungleichem
-Grade mit einander verwandt seyn. Unter den acht Nachkommen von A
-mögen die drei a<sup>14</sup>, q<sup>14</sup> und p<sup>14</sup> näher beisammen stehen, weil
-sie sich erst spät von a<sup>10</sup> abgezweigt haben, wogegen b<sup>14</sup> und
-f<sup>14</sup> als alte Abzweigungen von a<sup>5</sup> etwas mehr von jenen drei entfernt
-sind; und endlich mögen o<sup>14</sup>, e<sup>14</sup> und m<sup>14</sup> zwar unter sich
-nahe verwandt seyn, aber als Seitenzweige seit dem ersten Beginne des
-Abänderungs-Prozesses weit von den andern fünf Arten abstehen und eine
-besondere Untersippe oder sogar eine eigne Sippe bilden.</p>
-
-<p>Die sechs Nachkommen von I mögen zwei Subgenera oder selbst Genera
-bilden. Da aber die Stamm-Art I weit von A entfernt, fast am andern
-Ende der Arten-Reihe der ursprünglichen Sippe steht, so werden diese
-sechs Nachkommen durch Vererbung beträchtlich von den acht Nachkommen
-von A abweichen, indem überdiess angenommen worden, dass diese zwei
-Gruppen sich in auseinander weichenden Richtungen verändert haben. Auch
-sind die mittlen Arten, welche A mit I verbunden (was sehr wichtig ist
-zu beachten), mit Ausnahme von F erloschen, ohne Nachkommenschaft zu
-hinterlassen. Daher die sechs neuen von I entsprossenen und die acht
-von A abgeleiteten Spezies sich zu zwei sehr verschiedenen Sippen oder
-sogar Unterfamilien erhoben haben dürften.</p>
-
-<p>So kommt es, wie ich meine, dass zwei oder mehr Sippen durch Abänderung
-aus zwei oder mehr Arten eines Genus entspringen können. Und von den
-zwei oder mehr Stamm-Arten ist angenommen worden, dass sie von einer
-Art einer früheren Sippe herrühren. In unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> ist Diess durch
-die gebrochenen Linien unter den grossen Buchstaben A–L angedeutet,
-welche abwärts gegen je einen Punkt konvergiren. Dieser Punkt stellt
-eine einzelne Spezies, die unterstellte Stamm-Art aller unsrer neuen
-Subgenera und Genera vor.</p>
-
-<p>Es ist der Mühe werth, einen Augenblick bei dem Charakter der neuen
-<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span>Art <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> zu verweilen, von welcher angenommen wird, dass
-sie ohne grosse Divergenz zu erfahren, die Form von F unverändert oder
-mit nur geringer Abänderung ererbt habe. Ihre Verwandtschaften zu den
-andern vierzehn neuen Arten werden ganz sonderbar seyn. Von einer
-zwischen den zwei Stamm-Arten A und I stehenden Spezies abstammend,
-welche aber jetzt erloschen und unbekannt sind, wird sie einigermassen
-das Mittel zwischen den zwei davon abgeleiteten Arten-Gruppen halten.
-Da aber beide Gruppen in ihren Charakteren vom Typus ihrer Stamm-Ältern
-auseinandergelaufen sind, so wird die neue Art <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> das
-Mittel nicht unmittelbar zwischen ihnen, sondern vielmehr zwischen den
-Typen beider Gruppen halten; und jeder Naturforscher dürfte im Stande
-seyn, sich ein Beispiel dieser Art in’s Gedächtniss zu rufen.</p>
-
-<p>In dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> entspricht nach unsrer bisherigen Annahme jeder Abstand
-zwischen zwei Horizontalen tausend Generationen; lassen wir ihn jedoch
-für eine Million oder hundert Millionen von Generationen und zugleich
-einem entsprechenden Theile der Schichtenfolge unsrer Erd-Rinde mit
-organischen Resten gelten! In unsrem Kapitel über Geologie werden wir
-wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen und werden dann hoffentlich
-finden, dass unser <a href="#stammbaum">Bild</a> geeignet ist Licht über die Verwandtschaft
-erloschener Wesen zu verbreiten, die, wenn auch im Allgemeinen zu
-denselben Ordnungen, Familien oder Sippen wie ein Theil der jetzt
-lebenden gehörig, doch in ihrem Charakter oft in gewissem Grade
-das Mittel zwischen jetzigen Gruppen halten; und man wird diese
-Thatsache begreiflich finden, da die erloschenen Arten in sehr frühen
-Zeiten gelebt, wo die Verzweigungen der Nachkommenschaft noch wenig
-auseinander gegangen waren.</p>
-
-<p>Ich finde keinen Grund, den Verlauf der Abänderung, wie er bisher
-auseinander gesetzt worden, bloss auf die Bildung der Sippen zu
-beschränken. Nehmen wir in unsrem <a href="#stammbaum">Bilde</a> den von jeder successiven
-Gruppe auseinander-strahlender Punktlinien dargestellten Betrag von
-Abänderung sehr hoch an, so werden die mit a<sup>14</sup> bis p<sup>14</sup>, mit
-b<sup>14</sup> bis f<sup>14</sup> und mit o<sup>14</sup> bis m<sup>14</sup> bezeichneten Formen
-drei sehr verschiedene Genera darstellen. Wir werden dann zwei von
-I abgeleitete sehr verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Sippen haben, und da diese zwei
-Sippen, in Folge sowohl einer fortdauernden Divergenz des Charakters
-als der Beerbung zweier verschiedener Stammväter, sehr weit von
-den von A hergeleiteten drei Sippen abweichen, so werden die zwei
-kleinen Sippen-Gruppen je nach dem Maasse der vom <a href="#stammbaum">Bilde</a> dargestellten
-divergenten Abänderung zwei verschiedene Familien oder selbst Ordnungen
-bilden. Und diese zwei neuen Familien oder Ordnungen leiten sich von
-zwei Arten einer Stamm-Sippe her, die selbst wieder einer Species eines
-viel älteren und noch unbekannten Genus entsprossen seyn dürfte.</p>
-
-<p>Wir haben gesehen, dass es in jeder Gegend die Arten der grössern
-Sippen sind, welche am öftesten Varietäten oder neue anfangende Arten
-bilden. Diess war in der That zu erwarten; denn, wenn die Natürliche
-Züchtung durch eine im Rassenkampf vor den andern bevorzugte Form
-wirkt, so wird sie hauptsächlich auf diejenigen wirken, welche
-bereits einige Vortheile voraus haben; und die Grösse einer Gruppe
-zeigt, dass ihre Arten von einem gemeinsamen Vorgänger einige Vorzüge
-gemeinschaftlich ererbt haben. Daher der Wettkampf in Erzeugung neuer
-und abgeänderter Sprösslinge hauptsächlich zwischen den grösseren
-Gruppen stattfinden wird, welche sich alle an Zahl zu vergrössern
-streben. Eine grosse Gruppe wird nur langsam eine andre grosse
-Gruppe überwinden, deren Zahl verringern und so deren Aussicht
-auf künftige Abänderung und Verbesserung vermindern. Innerhalb
-einer und derselben grossen Gruppe werden die neueren und höher
-vervollkommneten Untergruppen immer bestrebt seyn, durch Verzweigung
-und durch Besetzung von möglichst vielen Stellen im Staate der Natur
-die früheren und minder vervollkommneten Untergruppen allmählich zu
-verdrängen. Kleine und unterbrochene Gruppen und Untergruppen neigen
-sich immer mehr dem gänzlichen Verschwinden zu. In Bezug auf die
-Zukunft kann man vorhersagen, dass diejenigen Gruppen organischer
-Wesen, welche jetzt gross und siegreich und am wenigsten durchbrochen
-sind, d.&#160;h. bis jetzt am wenigsten durch Erlöschung gelitten haben,
-noch auf lange Zeit hinaus zunehmen werde. Welche Gruppen aber zuletzt
-vorwalten werden, kann<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> niemand vorhersagen; denn wir wissen, dass
-viele Gruppen von ehedem sehr ausgedehnter Entwickelung heutzutage
-erloschen sind. Blicken wir noch weiter in die Zukunft hinaus, so
-lässt sich voraussehen, dass in Folge der fortdauernden und steten
-Zunahme der grossen Gruppen eine Menge kleiner gänzlich erlöschen
-wird ohne abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und dass demgemäss
-von den zu irgend einer Zeit lebenden Arten nur äusserst wenige ihre
-Nachkommenschaft bis in eine ferne Zukunft erstrecken werden. Ich will
-in dem Kapitel über Klassifikation auf diesen Gegenstand zurückkommen
-und hier nur noch bemerken, dass nach der Ansicht, dass nur äusserst
-wenige der ältesten Spezies uns Abkömmlinge hinterlassen haben und die
-Abkömmlinge von einer und derselben Spezies heutzutage eine Klasse
-bilden, uns begreiflich werden muss, warum es in jeder Hauptabtheilung
-des Pflanzen- und Thier-Reiches nur sehr wenige Klassen gebe. Obwohl
-indessen nur äusserst wenige der ältesten Arten noch jetzt lebende
-veränderte Nachkommen hinterlassen haben, so mag doch die Erde in den
-ältesten geologischen Zeit-Abschnitten eben so bevölkert gewesen seyn
-mit zahlreichen Arten aus manchfaltigen Sippen, Familien, Ordnungen und
-Klassen, wie heutigen Tages.</p>
-
-<p>Ein ausgezeichneter Naturforscher hat dagegen eingewendet, die
-fortwährende Thätigkeit der Züchtung, mit Divergenz des Charakters
-verbunden, müsse zu einer endlosen Menge von Arten-Formen führen. Was
-die bloss unorganischen Bedingungen betrifft, so würde allerdings
-wahrscheinlich eine genügende Anzahl von Arten allen erheblicheren
-Verschiedenheiten von Wärme, Feuchtigkeit u.&#160;s.&#160;w. angepasst werden
-können; ich nehme aber an, dass die Wechselbeziehungen der organischen
-Wesen zu einander bei weitem die wichtigsten sind, und wenn die Zahl
-der Arten in einer Gegend in Zunahme begriffen ist, so werden die
-organischen Lebens-Bedingungen immer verwickelter werden. Anfänglich
-scheint es daher wohl, als gebe es keine Grenze für den Betrag
-nützlicher Differenzirung der Organisation und daher keine Grenze
-für die Anzahl der möglicher Weise hervorzubringenden Arten. Es ist
-uns nicht bekannt, dass selbst das<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> fruchtbarste Land-Gebiet mit
-organischen Formen vollständig besetzt seye, da ja selbst am <i>Cap der
-guten Hoffnung</i>, das eine so erstaunliche Arten-Zahl hervorbringt,
-noch viele Europäische Pflanzen naturalisirt worden sind. Die Geologie
-lehrt uns jedoch, dass wenigstens innerhalb der unermesslichen
-Tertiär-Periode die Arten-Zahl der Konchylien und wahrscheinlich auch
-der Säugthiere bis daher nicht vergrössert worden ist. Was hemmt nun
-dieses Wachsthum der Arten-Zahl in’s Unendliche? Erstens muss der
-Betrag des auf einem Gebiete unterhaltenen Lebens (ich meine damit
-nicht die Zahl der spezifischen Formen) eine Grenze haben, da es ja
-in so reichlichem Masse von physikalischen Bedingungen abhängt; wo
-daher viele Arten erhalten werden müssen, da werden sie alle oder
-meistens arm an Individuen seyn; und eine Art mit wenigen Individuen
-wird in Gefahr seyn durch zufällige Schwankungen in der Beschaffenheit
-der Jahres-Zeiten und in der Zahl ihrer Feinde zu erlöschen. Die
-Austilgung wird in solchen Fällen rasch erfolgen, während neue Arten
-immer nur langsam nachkommen. Man denke sich den äussersten Fall, es
-gebe in <i>England</i> so viele Arten als Individuen, so wird der
-erste strenge Winter oder trockne Sommer Tausende und Tausende von
-Arten vertilgen, und Individuen von andern Arten werden ihre Stelle
-einnehmen. Zweitens vermuthe ich, dass, wenn einige Arten sehr selten
-werden, es in der Regel nicht nahe Verwandte seyn werden, welche
-sie zu verdrängen streben; wenigstens haben einige Autoren gemeint,
-dass Diess bei dem Rückgang des Auerochsen in <i>Lithauen</i>, des
-Edelhirschs in <i>Schottland</i> und des Bären in <i>Norwegen</i> in
-Betracht komme. Drittens, was die Thiere im Besondern betrifft, so sind
-einige Arten ganz dazu gemacht, sich von irgend einem andern Wesen zu
-nähren; wenn dieses aber selten geworden, so wird es nicht zum Vortheil
-jener Thiere seyn, dass sie in so enger Beziehung zu einer Nahrung
-gestanden, und sie werden nicht mehr durch Natürliche Züchtung vermehrt
-werden. Viertens, wenn irgend welche Arten arm an Individuen werden,
-so wird der Vorgang der Umbildung langsamer seyn, weil die Möglichkeit
-vortheilhafter Abänderung verringert ist. Wenn wir daher eine von
-sehr vielen Arten bewohnte<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Gegend annehmen, so müssen alle oder die
-meisten Arten arm an Individuen seyn und wird demnach der Prozess der
-Umänderung und Bildung neuer Formen verzögert werden. Fünftens, und wie
-ich glaube, ist Diess der wichtigste Punkt, wird eine herrschende Art,
-welche schon viele Mitbewerber in ihrer eignen Heimath verdrängt hat,
-sich auszubreiten und noch viele andre zu ersetzen streben. A<span class="smaller">LPHONS</span>
-D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hat nachgewiesen, dass diejenigen Arten, welche sich
-weit verbreiten, gewöhnlich streben sich <em class="gesperrt">sehr</em> weit auszubreiten;
-sie werden folglich mehre andre in verschiedenen Gegenden auszutilgen
-streben; und Diess hemmt die ungeordnete Zunahme von Arten-Formen auf
-der ganzen Erd-Oberfläche. H<span class="smaller">OOKER</span> hat neuerlich gezeigt, dass
-in der südöstlichen Ecke <i>Australiens</i>, wo es viele Einwanderer
-aus allerlei Weltgegenden zu geben scheint, die eigenthümlich
-Australischen Arten an Menge sehr abgenommen haben. Ich wage nicht zu
-bestimmen, wie viel Gewicht diesen mancherlei Ursachen beizulegen seye;
-aber ich glaube, dass sie alle zusammen genommen in jeder Gegend das
-Streben nach unendlicher Vermehrung der Arten-Formen beschränken müssen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Über die Stufe, bis zu welcher die Organisation sich zu erheben
-strebt.</em>) Natürliche Züchtung wirkt, wie wir gesehen haben,
-ausschliesslich durch Erhaltung und Zusammensparung solcher leichten
-Abweichungen, welche dem Geschöpfe, das sie betreffen, unter den
-organischen und unorganischen Bedingungen des Lebens, von welchen es
-in aufeinanderfolgenden Perioden abhängig ist, nützlich sind. Das
-Endergebniss wird seyn, dass jedes Geschöpf einer immer grösseren
-Verbesserung den Lebens-Bedingungen gegenüber entgegenstrebt. Diese
-Verbesserung dürfte unvermeidlich zu der stufenweisen Vervollkommnung
-der Organisation der Mehrzahl der über die ganze Erd-Oberfläche
-verbreiteten Wesen führen. Doch kommen wir hier auf einen sehr
-schwierigen Gegenstand, indem noch kein Naturforscher eine allgemein
-befriedigende Definition davon gegeben hat, was unter Vervollkommnung
-der Organisation zu verstehen seye. Bei den Wirbelthieren kommt deren
-geistige Befähigung und Annäherung an den Körper-Bau des Menschen
-offenbar mit in Betracht. Man<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> möchte glauben, dass die Grösse der
-Veränderungen, welche die verschiedenen Theile und Organe während ihrer
-Entwickelung vom Embryo-Zustande an bis zum reifen Alter zu durchlaufen
-haben, als ein Anhalt bei der Vergleichung dienen könne; doch kommen
-Fälle vor, wie bei gewissen parasitischen Krustern, wo mehre Theile des
-Körper-Baues unvollkommener und sogar monströs werden, so dass man das
-reife Thier nicht vollkommener als seine Larve nennen kann. V<span class="smaller">ON</span>
-B<span class="smaller">AER</span>’<span class="smaller">S</span> Maasstab scheint noch der beste und allgemeinst anwendbare
-zu seyn, nämlich das Maass der Differenzirung der verschiedenen Theile
-(„im reifen Alter“ dürfte wohl beizusetzen seyn) und ihre Anpassung
-zu verschiedenen Verrichtungen, oder die Vollständigkeit der Theilung
-in die physiologische Arbeit, wie M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> sagen würde.
-Wir werden aber leicht ersehen, wie schwierig die wirkliche Anwendung
-jenes Kriteriums ist, wenn wir wahrnehmen, dass bei den Fischen z.&#160;B.
-die Haie von einem Theile der Naturforscher als die vollkommensten
-angesehen werden, weil sie den Reptilien am nächsten stehen, während
-andre den gewöhnlichen Knochen-Fischen (Teleosti) die erste Stelle
-anweisen, weil sie die ausgebildetste Fisch-Form haben und am meisten
-von allen andern Vertebraten abweichen<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. Noch deutlicher erkennen
-wir die Schwierigkeit, wenn wir uns zu den Pflanzen wenden, wo der
-von geistiger Befähigung hergenommene Maasstab ganz wegfällt; und
-hier stellen einige Botaniker diejenigen Pflanzen am höchsten, welche
-sämmtliche Organe, wie Kelch- und Kronen-Blätter, Staubfäden und
-Staubwege in jeder Blüthe vollständig entwickelt besitzen, während
-Andre wohl mit mehr Recht jene für die vollkommensten erachten, deren
-verschiedenen Organe stärker metamorphosirt und auf geringere Zahlen
-zurückgeführt sind.</p>
-
-<p>Nehmen wir die Differenzirung und Spezialisirung der einzelnen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Organe
-als den besten Maasstab der organischen Vollkommenheit der Wesen
-im ausgewachsenen Zustande an (was mithin auch die fortschreitende
-Entwickelung des Gehirnes für die geistigen Zwecke mit in sich
-begreift), so muss die Natürliche Züchtung offenbar zur Vervollkommnung
-führen; denn alle Physiologen geben zu, dass die Spezialisirung
-seiner Organe, insoferne sie in diesem Zustande ihre Aufgaben besser
-erfüllen, für jeden Organismus von Vortheil ist; und daher liegt
-Häufung der zur Spezialisirung führenden Abänderungen im Zwecke
-der Natürlichen Züchtung. Auf der andern Seite ist es aber auch,
-unter Berücksichtigung, dass alle organischen Wesen sich in raschem
-Verhältnisse zu vervielfältigen und jeden schlecht besetzten Platz im
-Hausstande der Natur einzunehmen streben, der Natürlichen Züchtung wohl
-möglich, ein organisches Wesen solchen Verhältnissen anzupassen, wo
-ihnen manche Organe nutzlos und überflüssig sind, und dann findet ein
-Rückschritt auf der Stufenleiter der Organisation (eine rückschreitende
-Metamorphose) statt. Ob die Organisation im Ganzen seit den frühesten
-geologischen Zeiten bis jetzt fortgeschritten seye, wird zweckmässiger
-in unserem Kampf über die geologische Aufeinanderfolge der Wesen zu
-erörtern seyn.</p>
-
-<p>Dagegen kann man einwenden, wie es denn komme, dass, wenn alle
-organischen Wesen von Anfang her fortwährend bestrebt gewesen
-sind, höher auf der Stufenleiter emporzusteigen, auf der ganzen
-Erd-Oberfläche noch eine Menge der unvollkommensten Wesen vorhanden
-sind, und dass in jeder grossen Klasse einige Formen viel höher
-als die andern entwickelt sind? Und warum haben diese viel höher
-ausgebildeten Formen nicht schon überall die minder vollkommenen
-ersetzt und vertilgt? L<span class="smaller">AMARCK</span>, der an eine angeborene und
-unumgängliche Neigung zur Vervollkommnung in allen Organismen glaubte,
-scheint diese Schwierigkeit so sehr gefühlt zu haben, dass er sich zur
-Annahme veranlasst sah, einfache Formen würden überall und fortwährend
-durch Generatio spontanea neu erzeugt. Ich habe kaum nöthig zu sagen,
-dass die Wissenschaft auf ihrer jetzigen Stufe die Annahme, dass
-lebende Geschöpfe jetzt irgendwo aus unorganischer<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Materie erzeugt
-werden, keineswegs gestattet. Nach meiner Theorie dagegen bietet
-das gegenwärtige Vorhandenseyn niedrig organisirter Thiere keine
-Schwierigkeit dar; denn die Natürliche Züchtung schliesst denn doch
-kein nothwendiges und allgemeines Gesetz fortschreitender Entwickelung
-ein; sie benützt nur solche Abänderungen, die für jedes Wesen in seinen
-verwickelten Lebens-Beziehungen vortheilhaft sind. Und nun kann man
-fragen, welchen Vortheil (so weit wir urtheilen können) ein Infusorium,
-ein Eingeweidewurm, oder selbst ein Regenwurm davon haben könne, hoch
-organisirt zu seyn? Haben sie keinen Vortheil davon, so werden sie auch
-durch Natürliche Züchtung wenig oder gar nicht vervollkommnet werden
-und mithin für unendliche Zeiten auf ihrer tiefen Organisations-Stufe
-stehen bleiben. In der That lehrt uns die Geologie, dass einige der
-tiefsten Formen von Infusorien und Rhizopoden schon seit unermesslichen
-Zeiten nahezu auf ihrer jetzigen Stufe stehen. Demungeachtet möchte
-es voreilig seyn anzunehmen, dass einige der jetzt vorhandenen
-niedrigen Lebenformen seit den ersten Zeiten ihres Daseyns keinerlei
-Vervollkommnung erfahren hätten; denn jeder Naturforscher, der je
-welche von diesen Organismen zergliedert hat, welche jetzt als die
-niedrigsten auf der Stufenleiter der Natur gelten, muss oft über deren
-wunderbare und herrliche Organisation erstaunt gewesen seyn.</p>
-
-<p>Nahezu dieselben Bemerkungen lassen sich hinsichtlich der grossen
-Verschiedenheit zwischen den Graden der Organisations-Höhe innerhalb
-fast jeder grossen Klasse mit Ausnahme jedoch der Vögel machen;
-so hinsichtlich des Zusammenstehens von Säugthieren und Fischen
-bei den Wirbelthieren, oder von Mensch und Ornithorhynchus bei den
-Säugethieren, von Hai und Amphioxus bei den Fischen, indem dieser
-letzte Fisch in der äussersten Einfachheit seiner Organisation den
-Wirbel-losen Thieren ganz nahe kommt. Aber Säugthiere und Fische
-gerathen kaum in Mitbewerbung miteinander; die hohe Stellung gewisser
-Säugthiere oder auch der ganzen Klasse auf der obersten Stufe der
-Organisation treibt sie nicht die Stelle der Fische einzunehmen und
-diese zu unterdrücken. Die Physiologen glauben, das Gehirn<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> müsse mit
-warmem Blute gebadet werden, um seine höchste Thätigkeit zu entfalten,
-und dazu ist Luft-Respiration nothwendig, so dass warm-blütige
-Säugthiere, wenn sie das Wasser bewohnen, den Fischen gegenüber
-sogar in gewissem Nachtheile sind. Eben so wird in dieser Klasse die
-Familie der Haie wahrscheinlich nicht geneigt seyn, den Amphioxus zu
-ersetzen; und dieser wird allem Anscheine nach seinen Kampf um’s Daseyn
-mit Gliedern der Wirbel-losen Thier-Klassen auszumachen haben. Die
-drei untersten Säugthier-Ordnungen, die Beutelthiere, die Zahnlosen
-und die Nager bestehen in <i>Süd-Amerika</i> in einerlei Gegend
-beisammen mit zahlreichen Affen. Obwohl die Organisation im Ganzen
-auf der ganzen Erde in Zunahme begriffen seyn kann, so bildet die
-Stufenleiter der Vollkommenheit doch noch alle Abstufungen dar; denn
-die hohe Organisations-Stufe gewisser Klassen im Ganzen oder einzelner
-Glieder dieser Klasse führen in keiner Weise nothwendig zum Erlöschen
-derjenigen Gruppen, mit welchen sie nicht in nahe Bewerbung treten.
-In einigen Fällen scheinen tief organisirte Formen, wie wir hernach
-sehen werden, sich bis auf den heutigen Tag erhalten zu haben, weil sie
-eigenthümliche abgesonderte Wohnorte ohne alle erhebliche Mitbewerbung
-hatten, und wo auch sie selbst keine Fortschritte in der Organisation
-machten, weil ihre eigne geringe Individuen-Zahl der Bildung neuer
-vortheilhafter Abänderungen keinen Vorschub leistete.</p>
-
-<p>Endlich glaube ich, dass das Vorkommen zahlreicher niedrig
-organisirter Formen aus allen Thier- und Pflanzen-Klassen über die
-ganze Erd-Oberfläche von verschiedenen Ursachen herrühre. In einigen
-Fällen mag es an vortheilhaften Abänderungen gefehlt haben, mit deren
-Hilfe die Natürliche Züchtung zu wirken und veredeln vermocht hätte.
-In keinem Falle vielleicht ist die Zeit ausreichend gewesen, um das
-Höchste in möglichster Vervollkommnung zu leisten. In einigen wenigen
-Fällen kann auch sogenannte „rückschreitende Organisation“ eingetreten
-seyn. Aber die Hauptsache liegt in dem Umstande, dass unter sehr
-einfachen Lebens-Bedingungen eine hohe Organisation ohne Nutzen,
-sondern vielleicht sogar nachtheilig seyn kann, weil sie zarter,
-empfindlicher und leichter zu beschädigen ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
-
-<p>Eine weitere Schwierigkeit, welche der so eben besprochenen gerade
-entgegengesetzt ist, ergibt sich noch, wenn wir auf die Morgenröthe des
-Lebens zurückblicken, wo <em class="gesperrt">alle</em> organischen Wesen, nach unsrer
-Vorstellung, noch die einfachste Struktur besassen: wie konnten da die
-ersten Fortschritte in der Vervollkommnung, in der Differenzirung und
-Spezialisirung der Organe beginnen? Ich vermag darauf keine genügende
-Antwort zu geben, sondern nur zu sagen, dass wir nicht im Besitz
-leitender Thatsachen sind, wesshalb alle unsre Spekulationen in dieser
-Beziehung ohne Boden und ohne Nutzen sind. Es wäre jedoch ein Fehler zu
-unterstellen, dass kein Kampf um’s Daseyn und mithin keine Natürliche
-Zuchtwahl stattgefunden habe, bis es erst vielerlei Formen gegeben.
-Abänderungen einer einzelnen Art auf einem abgesonderten Standorte
-mögen vortheilhaft gewesen seyn und durch ihre Erhaltung entweder die
-ganze Masse von Individuen umgestaltet oder die Entstehung zweier
-verschiedenen Formen vermittelt haben. Doch ich muss auf Dasjenige
-zurückkommen, was ich schon am Ende der Einleitung ausgesprochen,
-dass sich nämlich Niemand wundern darf, wenn jetzt noch vieles in der
-Entstehung der Arten unerklärt bleiben muss, da wir in gänzlicher
-Unwissenheit über die Wechselbeziehungen der Erdbewohner während so
-vieler verflossenen Perioden ihrer Geschichte sind.</p>
-
-<p>Es wird hier der geeignetste Ort seyn, auf verschiedene Einreden zu
-antworten, die man gegen meine Anschauungs-Weise erhoben hat, indem
-das Folgende durch ihre vorgängige Erörterung klarer werden wird.
-Man hat hervorgehoben, dass, da keine der seit 3000 Jahren bekannten
-Pflanzen- und Thier-Arten Ägyptens in der Zwischenzeit sich verändert
-habe, solche Veränderungen wahrscheinlich auch in anderen Welttheilen
-nicht erfolgt seyen. Die vielen Thier-Arten, welche seit dem Beginne
-der Eis-Zeit unverändert geblieben, bieten eine noch weit triftigere
-Einrede dar, indem dieselben einem grossen Klima-Wechsel ausgesetzt
-gewesen und über grosse Erd-Strecken zu wandern genöthigt waren,
-während in Ägypten die Lebens-Bedingungen in den letzten 3000 Jahren
-durchaus die nämlichen blieben.<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Diese von der Eis-Zeit entliehene
-Thatsache kann Denjenigen entgegengestellt werden, welche an das Daseyn
-eines den Organismen angeborenen Gesetzes nothwendiger Fortentwickelung
-glauben, vermag aber nichts gegen die Lehre von der Natürlichen
-Züchtung zu beweisen, welche nur verlangt, dass gelegentlich
-entstandene Abänderungen einer Spezies unter günstigen Bedingungen
-erhalten werden. Es fragt daher Mr. F<span class="smaller">AWCETT</span> ganz richtig, was
-man wohl von einem Menschen denken würde, welcher behauptete, dass,
-weil der <i>Montblanc</i> und die übrigen Alpen-Gipfel seit 3000 Jahren
-genau dieselbe Höhe wie jetzt einnahmen, sie sich niemals langsam
-gehoben haben, und dass demnach auch die Höhe andrer Gebirge in anderen
-Weltgegenden neuerlich keine Veränderung erfahren haben können.</p>
-
-<p>Man hat mir ferner eingewendet, wenn die Natürliche Züchtung so
-gewaltig seye, wie es denn komme, dass nicht dieses oder jenes Organ
-in neuerer Zeit verändert oder verbessert worden seye? warum sich
-nicht der Rüssel der Honigbiene so weit verlängert habe, um auch den
-Nektar im Grunde der rothen Kleeblüthe zu erreichen? warum der Strauss
-nicht Flug-Vermögen erlangt habe? Aber angenommen, dass diese Organe
-in der Lage waren in der gehörigen Richtung zu variiren, angenommen,
-dass trotz Zwischenpaarung und Neigung zur Rückkehr die Zeit für das
-langsame Werk der Natürlichen Züchtung genügt habe, wer vermag dann
-zu behaupten, dass er die Naturgeschichte irgend eines organischen
-Wesens genügend kenne, welche besondere Veränderung ihm zum Vortheil
-gereichen würde? Können wir z.&#160;B. mit Gewissheit sagen, dass ein langer
-Rüssel nicht der Honigbiene beim Aussaugen des Honigs aus so vielen
-andern von ihr besuchten Blüthen hinderlich werden würde? Können wir
-behaupten, dass nicht ein längerer Rüssel auch eine Vergrösserung
-andrer Mund-Theile erheischen würde, die mit ihrer Verwendung zum
-feineren Zellen-Bau im Widerspruch stände? Was den Strauss betrifft,
-so lässt sich alsbald einsehen, dass dieser Vogel der Wüste eine
-ausserordentliche Zulage zu seiner täglichen Futter-Ration nöthig haben
-würde, um seinen grossen und schweren<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Körper durch die Luft zu tragen.
-Doch sind Einwände solcher Art kaum einer Widerlegung werth.</p>
-
-<p>Der ersten Deutschen Übersetzung meines Buches hat Professor
-B<span class="smaller">RONN</span> einige Zusätze einverleibt, theils Einreden und
-theils Bemerkungen zu Gunsten meiner Ansicht. Unter den ersten sind
-einige nicht wesentlicher Art, andere beruhen auf Missverständniss,
-und noch andere sind nur da und dort in dem Buche eingestreut. In
-der irrthümlichen Voraussetzung, dass alle Arten einer Gegend einer
-gleichzeitigen Veränderung unterworfen seyn sollen<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>, fragt er
-mit Recht, wie es denn komme, dass nicht alle Leben-Formen eine
-immer schwankende unentwirrbare Masse bilden? Für unsere Theorie
-aber genügt es schon, wenn nur einige wenige Formen zu gleicher
-Zeit abändern, und es wird nicht Viele geben, die Diess läugnen. Er
-fragt ferner, wie ist es möglich, dass eine Varietät in zahlreichen
-Individuen unmittelbar neben der älterlichen Art soll leben können,
-da ja die Individuen dieser Varietät auf dem Wege durch alle ihre
-vielzähligen Entwickelungs-Stufen hindurch sich beständig wieder mit
-der urälterlichen Stamm-Form mischen und neue Zwischenglieder bilden
-und endlich wohl die reine Stamm-Form selbst verdrängen mussten, statt
-dass beide ohne Vermittelung neben einander fortleben? Wenn Varietät
-und Stamm-Art zu einer etwas verschiedenen Lebens-Weise geschickt
-geworden sind, so mögen sie wohl miteinander leben können; bei den
-Thieren aber, die sich frei umher bewegen, scheinen die verschiedenen
-Varietäten in der Regel auch wieder auf verschiedene Örtlichkeiten
-beschränkt zu seyn. Ist es aber dann der Fall, dass Varietäten von
-Pflanzen und niederen Thieren oft in Menge neben den älterlichen Formen
-fortleben? Lässt man<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> die polymorphen Arten bei Seite, deren zahllosen
-Abänderungen weder vortheilhaft noch nachtheilig zu seyn scheinen und
-nie stet geworden sind, lässt man die zeitweisen Abänderungen wie
-Albinos u.&#160;s.&#160;w. bei Seite, so scheinen mir die Varietäten und die
-älterlichen Spezies gewöhnlich entweder verschiedene Standorte in Hoch-
-und Flach-Land, auf trockenem oder nassem Boden zu haben oder ganz
-verschiedene Regionen zu bewohnen.</p>
-
-<p>Mit Recht bemerkt B<span class="smaller">RONN</span> weiter, dass verschiedene Spezies
-nicht in einem einzelnen, sondern in mehreren Charakteren zugleich von
-einander abweichen, und er fragt, wie es komme, dass die Natürliche
-Züchtung immer mehre Theile des Organismus ergreife. Wahrscheinlich
-sind aber alle diese Abänderungen nicht gleichzeitig durchgeführt
-worden und die unbekannten Gesetze der Correlation dürften gewiss
-viele gleichzeitige Abänderungen erläutern oder selbst vollkommen
-erklären[?]. Wir sehen dieselbe Erscheinung auch bei unseren
-gezüchteten Rassen. Mögen sie auch nur in irgend einem einzelnen Organe
-von den übrigen Rassen stark abweichen, immer werden doch andere
-Theile der Organisation ebenfalls etwas abändern. B<span class="smaller">RONN</span> fragt
-ferner in nachdrücklicher Weise, wie es aus der Natürlichen Züchtung
-zu erklären, dass z.&#160;B. die verschiedenen (je einem Stamm-Vater von
-unbekanntem Charakter entsprossenen) Arten von Ratten und Hasen längere
-oder kürzere Schwänze, längere oder kürzere Ohren, ein helleres oder
-dunkleres Fell u.&#160;s.&#160;w. besitzen, — oder dass eine Pflanzen-Art spitze
-und die andere stumpfe Blätter besitze?<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> Ich kann keine bestimmte
-Antwort auf solche Fragen geben, möchte aber wohl die Frage umkehren
-und sagen: sollten diese Verschiedenheiten nach der Lehre von der
-unabhängigen Schöpfung ohne irgend einen Zweck hergestellt worden
-seyn? Sie sey vortheilhaft oder von der Correlation der Charaktere
-abhängig, so könnten sie gewiss auch durch<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> die „Natürliche Erhaltung“
-solcher nützlichen oder in Correlation mit einander stehenden
-Abänderungen gebildet werden. Ich glaube an die Lehre der Fortpflanzung
-mit Modifikationen, wenn auch dieser oder jener eigenthümliche
-Struktur-Wechsel unerklärlich bleibt, — weil diese Lehre, wie
-sich aus unserem letzten Kapitel ergeben wird, viele allgemeine
-Natur-Erscheinungen mit einander in Zusammenhang setzt und erklärt.</p>
-
-<p>Der treffliche Botaniker H. C. W<span class="smaller">ATSON</span> glaubt, ich habe die
-Wichtigkeit des Princips der Divergenz der Charaktere (an welches
-er jedoch selbst zu glauben scheint) überschätzt, und sagt, dass
-auch die „Konvergenz der Charaktere“ mit in Betracht zu ziehen seye.
-Das ist jedoch eine zu verwickelte Frage, als dass wir hier darauf
-eingehen könnten. Ich will nur sagen, dass, wenn zwei Spezies von
-zwei nahe verwandten Sippen eine Anzahl neuer divergenter Arten
-hervorbringen, es wohl denkbar ist, dass auch einige darunter sich
-von beiden Seiten so sehr einander nähern, dass man sie in eine neue
-mittle Sippe zusammenstellen kann, in welcher also die zwei ersten
-Genera konvergiren. In Folge des Erblichkeits-Princips ist es aber kaum
-glaubbar, dass diese zwei Gruppen neuer Arten nicht wenigstens zwei
-Abtheilungen in der neuen Sippe bilden werden.</p>
-
-<p>W<span class="smaller">ATSON</span> hat auch eingewendet, dass die fortwährende Thätigkeit
-der Natürlichen Züchtung mit Divergenz der Charaktere zuletzt zu
-einer unbegrenzten Anzahl von Arten-Formen führen müsse. Was jedoch
-die unorganischen äusseren Lebens-Bedingungen betrifft, so ist es
-wohl wahrscheinlich, dass sich bald eine genügende Anzahl von Species
-allen erheblicheren Verschiedenheiten der Wärme, der Feuchtigkeit
-u.&#160;s.&#160;w. angepasst haben würden; — doch gebe ich vollkommen zu, dass
-die Wechselbeziehungen zwischen den organischen Wesen erheblicher
-sind, und dass in dem Grade als die Arten der organisirten Bewohner
-einer Gegend sich vermehren, auch die organischen Lebens-Bedingungen
-verwickelter werden. Demgemäss scheint es dann beim ersten Anblick
-keine Grenze für den Betrag nutzbarer Struktur-Vervielfältigung und
-somit auch keine für die hervorzubringende Arten-Zahl zu geben. Wir
-können nicht behaupten,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> dass selbst das reichlichst bevölkerte Gebiet
-der Erd-Oberfläche vollständig mit Arten versorgt ist, indem selbst
-am <i>Kap der guten Hoffnung</i> und in <i>Australien</i>, die eine
-so erstaunliche Menge von Arten darbieten, noch viele Europäische
-Arten naturalisirt werden. Die Geologie jedoch lehrt uns, dass
-wenigstens in der ganzen unermesslich langen Tertiär-Periode die Zahl
-der Weichthier- und wahrscheinlich auch der Säugthier-Arten<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> nicht
-viel oder gar nicht vergrössert. Was ist es nun, das die unendliche
-Zunahme der Arten-Zahl beeinträchtigt. Die Summe des Lebens (ich
-meine nicht die der Arten-Formen) auf einer gegebenen Fläche muss
-eine von den physikalischen Verhältnissen bedingte Grenze haben, so
-dass, wenn dieselbe von sehr vielen Arten bewohnt ist, jede Art nur
-durch wenige Individuen vertreten seyn kann und sich mithin in Gefahr
-befindet schon durch eine zufällige Schwankung in der Natur der
-Jahres-Zeiten oder in der Zahl ihrer Feinde zu Grunde zu gehen. Ein
-solcher Vertilgungs-Prozess kann rasch von Statten gehen, während die
-Neubildung der Arten nur langsam erfolgt. Nehmen wir den äussersten
-Fall an, dass es in <i>England</i> eben so viele Arten als Individuen
-gebe, so würde der erste strenge Winter oder trockene Sommer Tausende
-und Tausende von Arten zu Grunde richten. Seltene Arten (und jede Art
-wird selten werden, wenn die Arten-Zahl in einer Gegend ins Unendliche
-wächst) werden nach dem oft entwickelten Principe in einem gegebenen
-Zeitraume nur wenige vortheilhafte Abänderungen darbieten und mithin
-nur langsam irgend welche neue Arten-Formen entwickeln können. Wird
-eine Art sehr selten, so muss auch die Paarung unter nahen Verwandten
-zu ihrer Vertilgung mitwirken; wenigstens haben einige Schriftsteller
-diesen Umstand als Grund für das allmählige Aussterben des Auerochsen
-in <i>Lithauen</i>, des Hirsches in <i>Schottland</i>, des Bären in
-<i>Norwegen</i> u.&#160;s.&#160;w. angeführt<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>. Unter den Thieren sind manche
-nur im Stande<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> von bloss einer Nahrungs-Art zu leben; wird aber diese
-Kost nur selten, so ist die weitere Entwickelung der Organisation zur
-Aneignung dieser Nahrung nicht mehr vortheilhaft und die Natürliche
-Züchtung wird aufhören darauf hinzuwirken. Endlich (und Diess scheint
-mir das Wichtigste zu seyn) wird eine herrschende Spezies, die bereits
-viele Mitbewerber ihrer ersten Heimath überwunden, streben sich immer
-weiter auszubreiten und andre zu ersetzen. A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span>
-hat gezeigt, dass diejenigen Arten, welche sich weit ausbreiten,
-gewöhnlich nach sehr weiter Ausbreitung streben und daher in die Lage
-kommen in verschiedenen Flächen-Gebieten verschiedene Mitbewerber zu
-vertilgen und somit die ungeordnete Zunahme spezifischer Formen in
-der Welt zu hemmen. Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> hat kürzlich nachgewiesen,
-dass auf der Südost-Spitze <i>Australiens</i>, wo viele Eindringlinge
-aus mancherlei Weltgegenden vorzukommen scheinen, die einheimischen
-<i>Australischen</i> Arten sehr an Zahl abgenommen haben. Ich masse
-mir nur nicht an zu fragen, welches Gewicht allen diesen Betrachtungen
-beizulegen seye; doch müssen sie im Vereine miteinander jedenfalls
-der Neigung zu einer unendlichen Vermehrung der Arten-Formen in jeder
-Gegend eine Grenze setzen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des Kapitels.</em>) Wenn während einer langen Reihe
-von Zeit-Perioden und unter veränderten äusseren Lebens-Bedingungen
-die organischen Wesen in allen Theilen ihrer Organisation abändern,
-was, wie ich glaube, nicht bestritten werden kann; wenn ferner wegen
-ihres Vermögens geometrisch schneller Vermehrung alle Arten in jedem
-Alter, zu jeder Jahreszeit und in jedem Jahr einen ernsten Kampf um ihr
-Daseyn zu kämpfen haben, was sicher nicht zu läugnen ist: dann meine
-ich im Hinblick auf die unendliche Verwickelung der Beziehungen aller
-organischen Wesen zu einander und zu den äusseren Lebens-Bedingungen,
-welche eine endlose Verschiedenheit angemessener Organisationen,
-Konstitutionen und Lebensweisen erheischen, dass es ein ganz
-ausserordentlicher Zufall<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> seyn würde, wenn nicht jeweils auch eine
-zu eines jeden Wesens eigner Wohlfahrt dienende Abänderung vorkäme,
-wie deren so viele vorgekommen, die dem Menschen vortheilhaft waren.
-Wenn aber solche für ein organisches Wesen nützliche Abänderungen
-wirklich vorkommen, so werden sicherlich die dadurch bezeichneten
-Individuen die meiste Aussicht haben, den Kampf um’s Daseyn zu
-bestehen, und nach dem mächtigen Prinzip der Erblichkeit in ähnlicher
-Weise ausgezeichnete Nachkommen zu bilden streben. Diess Prinzip der
-Erhaltung habe ich der Kürze wegen Natürliche Züchtung genannt; es
-führt zur Vervollkommnung eines jeden Geschöpfes seinen organischen
-und unorganischen Lebens-Bedingungen gegenüber und mithin auch in den
-meisten Fällen zu einer Vervollkommnung ihrer Organisation an und für
-sich. Demungeachtet können tiefer-stehende und einfachere Formen lange
-ausdauern, wenn sie ihren einfacheren Lebens-Bedingungen gut angepasst
-sind. Die Natürliche Züchtung kann nach dem Prinzip der Vererbung einer
-Eigenschaft in entsprechenden Altern eben sowohl das Ei und den Saamen
-oder das Junge wie das Erwachsene abändern machen. Bei vielen Thieren
-unterstützt geschlechtliche Auswahl noch die gewöhnliche Züchtung,
-indem sie den kräftigsten und geeignetesten Männchen die zahlreichste
-Nachkommenschaft sichert. Geschlechtliche Auswahl vermag auch solche
-Charaktere zu verleihen, welche den künftigen Männchen allein in
-ihren Kämpfen mit Männchen von gewöhnlicher Beschaffenheit den Sieg
-verschaffen.</p>
-
-<p>Ob nun aber die Natürliche Züchtung zur Abänderung und Anpassung der
-verschiedenen Lebenformen an die mancherlei äusseren Bedingungen und
-Stationen wirklich mitgewirkt habe, muss nach Erwägung des Werthes der
-in den folgenden Kapiteln zu liefernden Beweise beurtheilt werden. Doch
-erkennen wir bereits, dass dieselbe auch Austilgung verursache, und
-die Geologie macht uns klar, in welch’ ausgedehntem Grade Austilgung
-bereits in die Geschichte der organischen Welt eingegriffen habe. Auch
-führt Natürliche Züchtung zur Divergenz des Charakters; denn je mehr
-die Wesen in Organisation, organischer Thätigkeit und Lebensweise
-abändern, desto mehr derselben können auf<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> einer gegebenen Fläche
-neben einander bestehen, — wovon man die Beweise bei Betrachtung der
-Bewohner eines kleinen Land-Flecks oder der naturalisirten Erzeugnisse
-finden kann. Je mehr daher während der Umänderung der Nachkommen einer
-Art und während des beständigen Kampfes aller Arten um Vermehrung ihrer
-Individuen jene Nachkommen differenzirt werden, desto besser ist ihre
-Aussicht auf Erfolg im Ringen um’s Daseyn. Auf diese Weise streben die
-kleinen Verschiedenheiten zwischen den Varietäten einer Spezies stets
-grösser zu werden, bis sie den grösseren Verschiedenheiten zwischen
-den Arten einer Sippe oder selbst zwischen verschiedenen Sippen gleich
-kommen.</p>
-
-<p>Wir haben gesehen, dass es die gemeinen, die weit verbreiteten und
-allerwärts zerstreuten Arten grosser Sippen in jeder Klasse sind, die
-am meisten abändern, und diese streben auf ihre abgeänderten Nachkommen
-dieselbe Überlegenheit zu vererben, welche sie jetzt in ihrer
-Heimath-Gegend zur herrschenden machen. Natürliche Züchtung führt, wie
-so eben bemerkt worden, zur Divergenz des Charakters und zu starker
-Austilgung der minder vollkommnen und der mitteln Lebenformen. Aus
-diesen Prinzipien lassen sich die Natur der Verwandtschaften und die im
-Allgemeinen deutliche Verschiedenheit der Organischen Wesen aus jeder
-Klasse auf der ganzen Erd-Oberfläche erklären. Es ist eine wirklich
-wunderbare Thatsache, obwohl wir das Wunder aus Vertrautheit damit zu
-übersehen pflegen, dass Thiere und Pflanzen zu allen Zeiten und überall
-so miteinander verwandt sind, dass sie in Untergruppen abgetheilte
-Gruppen bilden, so dass nämlich, wie wir allerwärts erkennen,
-Varietäten einer Art einander am nächsten stehen, dass Arten einer
-Sippe weniger und ungleiche Verwandtschaft zeigen und Untersippen und
-Sektionen bilden, dass Arten verschiedener Sippen einander noch weniger
-nahe stehen, und dass Sippen mit verschiedenen Verwandtschafts-Graden
-zu einander Unterfamilien, Familien, Ordnungen, Unterklassen und
-Klassen zusammensetzen. Die verschiedenen einer Klasse untergeordneten
-Gruppen können nicht in eine Linie aneinander gereihet werden, sondern
-scheinen vielmehr um gewisse Punkte geschaart und diese wieder um
-andre Mittelpunkte gesammelt zu<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> seyn, und so weiter in fast endlosen
-Kreisen. Aus der Ansicht, dass jede Art unabhängig von der andern
-geschaffen worden seye, kann ich keine Erklärung dieser wichtigen
-Thatsache in der Klassifikation aller organischen Wesen entnehmen;
-sie ist aber nach meiner vollkommensten Überzeugung erklärlich aus
-der Erblichkeit und aus der zusammengesetzten Wirkungs-Weise der
-Natürlichen Züchtung, welche Austilgung der Formen und Divergenz der
-Charaktere verursacht, wie mit Hilfe bildlicher Darstellung (zu <a href="#Seite_131">Seite
-131</a>) gezeigt worden ist.</p>
-
-<p>Die Verwandtschaften aller Wesen einer Klasse zu einander sind manchmal
-in Form eines grossen Baumes dargestellt worden. Ich glaube, dieses
-Bild entspricht sehr der Wahrheit. Die grünen und knospenden Zweige
-stellen die jetzigen Arten, und die in jedem vorangehenden Jahre
-entstandenen die lange Aufeinanderfolge erloschener Arten vor. In jeder
-Wachsthums-Periode haben alle wachsenden Zweige nach allen Seiten
-hinaus zu treiben und die umgebenden Zweige und Äste zu überwachsen und
-zu unterdrücken gestrebt, ganz so wie Arten und Arten-Gruppen andre
-Arten in dem grossen Kampfe um’s Daseyn zu überwältigen suchen. Die
-grossen in Zweige getheilten und unterabgetheilten Äste waren zur Zeit,
-wo der Stamm noch jung, selbst knospende Zweige gewesen; und diese
-Verbindung der früheren mit den jetzigen Knospen durch unterabgetheilte
-Zweige mag ganz wohl die Klassifikation aller erloschenen und lebenden
-Arten in Gruppen und Untergruppen darstellen. Von den vielen Zweigen,
-die sich entwickelten, als der Baum noch ein Busch gewesen, leben
-nur noch zwei oder drei, die jetzt als mächtige Äste alle anderen
-Verzweigungen abgeben; und so haben von den Arten, welche in längst
-vergangenen geologischen Zeiten gelebt, nur sehr wenige noch lebende
-und abgeänderte Nachkommen. Von der ersten Entwickelung eines Stammes
-an ist mancher Ast und mancher Zweig verdürrt und verschwunden, und
-diese verlorenen Äste von verschiedener Grösse mögen jene ganzen
-Ordnungen, Familien und Sippen vorstellen, welche, uns nur im fossilen
-Zustande bekannt, keine lebenden Vertreter mehr haben. Wie wir hier
-und da einen vereinzelten dünnen Zweig aus einer<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Gabel tief unten
-am Stamme hervorkommen sehen, welcher durch Zufall begünstigt an
-seiner Spitze noch fortlebt, so sehen wir zuweilen ein Thier, wie
-Ornithorhynchus oder Lepidosiren, das durch seine Verwandtschaften
-gewissermassen zwei grosse Zweige der Lebenwelt, zwischen denen es in
-der Mitte steht, mit einander verbindet und vor einer verderblichen
-Mitwerberschaft offenbar dadurch gerettet worden ist, dass es irgend
-eine geschützte Station bewohnte. Wie Knospen bei ihrer Entwicklung
-neue Knospen hervorbringen und, wie auch diese wieder, wenn sie
-kräftig sind, nach allen Seiten ausragen und viele schwächere
-Zweige überwachsen, so ist es, wie ich glaube, durch Generation mit
-dem grossen Baume des Lebens ergangen, der mit seinen todten und
-heruntergebrochenen Ästen die Erd-Rinde erfüllt, und mit seinen
-herrlichen und sich noch immer weiter theilenden Verzweigungen ihre
-Oberfläche bekleidet.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br />
-
-<b>Gesetze der Abänderung.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Wirkungen äusserer Bedingungen. — Gebrauch und Nichtgebrauch
-der Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; — Flieg-
-und Seh-Organe. — Akklimatisirung. — Wechselbeziehungen des
-Wachsthums. — Kompensation und Ökonomie der Entwickelung. — Falsche
-Wechselbeziehungen. — Vielfache, rudimentäre und wenig entwickelte
-Organisationen sind veränderlich. — In ungewöhnlicher Weise
-entwickelte Theile sind sehr veränderlich; — spezifische mehr als
-Sippen-Charaktere. — Sekundäre Geschlechts-Charaktere veränderlich.
-— Zu einer Sippe gehörige Arten variiren auf analoge Weise. —
-Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. — Summarium.</p>
-
-<p>Ich habe bisher von den Abänderungen — die so gemein und manchfaltig
-im Kultur-Stande der Organismen und in etwas minderem Grade häufig
-in der freien Natur sind — zuweilen so gesprochen, als ob dieselben
-vom Zufall veranlasst wären. Diess ist aber eine ganz unrichtige
-Ausdrucks-Weise, welche nur geeignet ist unsre gänzliche Unwissenheit
-über die Ursache jeder besonderen Abweichung zu beurkunden. Einige
-Schriftsteller<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> sehen es mehr als die Aufgabe des Reproduktiv-Systemes
-an, individuelle Verschiedenheiten oder ganz leichte Abweichungen des
-Baues hervorzubringen, als das Kind den Ältern gleich zu machen. Aber
-die viel grössere Veränderlichkeit sowohl als die viel häufigeren
-Monstrositäten der der Kultur unterworfenen Organismen leiten mich
-zur Annahme, dass Abweichungen der Struktur in irgend einer Weise
-von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen, welchen die
-Ältern und deren Vorfahren mehre Generationen lang ausgesetzt gewesen
-sind, abhängen. Ich habe im ersten Kapitel die Bemerkung gemacht —
-doch würde ein langes Verzeichniss von Thatsachen, welches hier nicht
-gegeben werden kann, dazu nöthig seyn, die Wahrheit dieser Bemerkung
-zu beweisen —, dass das Reproduktiv-System für Veränderungen in
-den äussern Lebens-Bedingungen äusserst empfindlich ist; daher ich
-dessen funktionellen Störungen in den Ältern hauptsächlich die
-veränderliche oder bildsame Beschaffenheit ihrer Nachkommenschaft
-zuschreibe. Die männlichen und weiblichen Elemente der Organisation
-scheinen davon schon berührt zu seyn vor deren Vereinigung zur
-Bildung neuer Abkömmlinge der Spezies. Was die Spielpflanzen (<a href="#Seite_15">S. 15</a>)
-anbelangt, so wird die Knospe allein betroffen, die auf ihrer ersten
-Entwickelungs-Stufe von einem Ei’chen nicht sehr wesentlich verschieden
-ist. Dagegen sind wir in gänzlicher Unwissenheit darüber, wie es komme,
-dass durch Störung des Reproduktiv-Systems dieser oder jener Theil mehr
-oder weniger als ein andrer berührt werde. Demungeachtet gelingt es uns
-hier und da einen schwachen Lichtstrahl aufzufangen, und wir halten uns
-überzeugt, dass es für jede Abänderung irgend eine, wenn auch geringe
-Ursache geben müsse.</p>
-
-<p>Wie viel unmittelbaren Einfluss Verschiedenheiten in Klima, Nahrung
-u.&#160;s.&#160;w. auf irgend ein Wesen auszuüben vermöge, ist äusserst
-zweifelhaft. Ich bin überzeugt, dass bei Thieren die Wirkung äusserst
-gering, bei Pflanzen vielleicht etwas grösser seye. Man kann wenigstens
-mit Sicherheit sagen, dass diese Einflüsse nicht die vielen trefflichen
-und zusammengesetzten Anpassungen der Organisation eines Wesens ans
-andre hervorgebracht<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> haben können, welche wir in der Natur überall
-erblicken. Einige kleine Wirkungen mag man dem Klima, der Nahrung
-u.&#160;s.&#160;w. zuschreiben, wie z.&#160;B. E<span class="smaller">DUARD</span> F<span class="smaller">ORBES</span> sich mit
-Bestimmtheit darüber ausspricht, dass eine Konchylien-Art in wärmeren
-Gegenden und seichtem Wasser glänzendere Farben als in ihren kälteren
-Verbreitungs-Bezirken annehmen kann. G<span class="smaller">OULD</span> glaubt, dass Vögel
-derselben Art in einer stets heiteren Atmosphäre glänzender gefärbt
-sind, als auf einer Insel oder an der Küste<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>. So glaubt auch
-W<span class="smaller">OLLASTON</span>, dass der Aufenthalt in der Nähe des Meeres die
-Farben der Insekten angreife. M<span class="smaller">OQUIN</span>-T<span class="smaller">ANDON</span> gibt eine Liste
-von Pflanzen, welche an der See-Küste mehr und weniger fleischige
-Blätter bekommen, wenn sie auch landeinwärts nicht fleischig sind. Und
-so liessen sich noch manche ähnliche Beispiele anführen.</p>
-
-<p>Die Thatsache, dass Varietäten einer Art, wenn sie in die
-Verbreitungs-Zone einer andern Art hinüberreichen, in geringem Grade
-etwas von deren Charakteren annehmen, stimmt mit unsrer Ansicht
-überein, dass Spezies aller Art nur ausgeprägtere bleibende Varietäten
-sind. So haben die Konchylien-Arten seichter tropischer Meeres-Gegenden
-gewöhnlich glänzendere Farben als die in tiefen und kalten Gewässern
-wohnenden. So sind die Vögel-Arten der Binnenländer nach G<span class="smaller">OULD</span>
-lebhafter als die der Inseln gefärbt. So sind die Insekten-Arten,
-welche auf die Küsten beschränkt sind, oft Bronze-artig und trüb von
-Aussehen wie jeder Sammler weiss. Pflanzen-Arten, welche nur längs dem
-Meere fortkommen, sind sehr oft mit fleischigen Blättern versehen. Wer
-an die besondere Erschaffung einer jeden einzelnen Spezies glaubt, wird
-daher sagen müssen, dass z.&#160;B. diese Konchylien für ein wärmeres Meer
-mit glänzenderen Farben geschaffen worden sind, während jene andern die
-lebhaftere Färbung erst durch Abänderung angenommen haben, als sie in
-die seichteren und wärmeren Gewässer übersiedelten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
-
-<p>Wenn eine Abänderung für ein Wesen von geringstem Nutzen ist, vermögen
-wir nicht zu sagen, wie viel davon von der häufenden Thätigkeit
-der Natürlichen Züchtung und wie viel von dem Einfluss äusserer
-Lebens-Bedingungen herzuleiten ist. So ist es den Pelz-Händlern wohl
-bekannt, dass Thiere einer Art um so dichtere und bessere Pelze
-besitzen, in je kälterem Klima sie gelebt haben. Aber wer vermöchte
-zu sagen, wie viel von diesem Unterschied davon herrühre, dass die
-am wärmsten gekleideten Einzelwesen durch Natürliche Züchtung viele
-Generationen hindurch begünstigt und erhalten worden sind, und wie viel
-von dem direkten Einflusse des strengen Klimas? Denn es scheint wohl,
-dass das Klima einige unmittelbare Wirkung auf die Beschaffenheit des
-Haares unserer Hausthiere ausübe.</p>
-
-<p>Man kann Beispiele anführen, dass dieselbe Varietät unter den
-aller-verschiedensten Lebens-Bedingungen entstanden ist, während
-andrerseits verschiedene Varietäten einer Spezies unter gleichen
-Bedingungen zum Vorschein kommen<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>. Diese Thatsachen zeigen, wie
-mittelbar die Lebens-Bedingungen wirken. So sind jedem Naturforscher
-auch zahllose Beispiele von sich ächt erhaltenden Arten ohne alle
-Varietäten bekannt, obwohl dieselben in den entgegengesetztesten
-Klimaten leben. Derartige Betrachtungen veranlassen mich, nur ein sehr
-geringes Gewicht auf den direkten Einfluss der Lebens-Bedingungen
-zu legen. Indirekt scheinen sie, wie schon gesagt worden, einen
-wichtigen Antheil an der Störung des Reproduktiv-Systemes zu nehmen
-und hiedurch Veränderlichkeit herbeizuführen, und Natürliche
-Züchtung spart dann alle nützliche wenn auch geringe Abänderung
-zusammen, bis solche vollständig entwickelt und für uns wahrnehmbar
-wird. In einem weiter ausgeholten Sinne kann man sagen, dass die
-Lebens-Bedingungen nicht allein Veränderlichkeit, sondern auch
-Natürliche Züchtung einschliessen; denn es hängt von der Natur der
-Lebens-Bedingungen ab, ob diese oder jene Varietät aufkommen kann.
-Wir ersehen aber aus dem Züchtungs-Verfahren der Menschen, dass diese
-zwei Elemente der Veränderung<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> wesentlich von einander verschieden
-sind; die Lebens-Bedingungen im Zustande der Domestizität verursachen
-Veränderlichkeit und der Wille des Menschen häuft bewusst oder
-unbewusst wirkend die Abänderung in diesen oder jenen bestimmten
-Richtungen an.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch.</em>) Die im ersten
-Kapitel angeführten Thatsachen lassen wenig Zweifel bei unseren
-Hausthieren übrig, dass Gebrauch gewisse Theile stärke und ausdehne und
-Nichtgebrauch sie schwäche, und dass solche Abänderungen vererblich
-sind. In der freien Natur hat man keinen Massstab zur Vergleichung der
-Wirkungen lang fortgesetzten Gebrauches oder Nichtgebrauches, weil
-wir die älterlichen Formen nicht kennen; doch tragen manche Thiere
-Bildungen an sich, die sich als Folge des Nichtgebrauchs erklären
-lassen. Professor R. O<span class="smaller">WEN</span> hat bemerkt, dass es eine grosse
-Anomalie in der Natur ist, dass ein Vogel nicht fliegen könne, und doch
-sind mehre in dieser Lage. Die <i>Südamerikanische</i> Dickkopf-Ente
-kann nur über der Oberfläche des Wassers hinflattern und hat Flügel
-von fast der nämlichen Beschaffenheit wie die <i>Aylesburyer</i>
-Hausenten-Rasse. Da die grossen Boden-Vögel selten zu andren Zwecken
-fliegen, als um einer Gefahr zu entgehen, so glaube ich, dass die fast
-ungeflügelte Beschaffenheit verschiedener Vögel-Arten, welche einige
-Inseln des <i>Grossen Ozeans</i> jetzt bewohnen oder einst bewohnt
-haben, wo sie keine Verfolgung von Raubthieren zu gewärtigen haben,
-vom Nichtgebrauche ihrer Flügel herrührt. Der Straus bewohnt zwar
-Kontinente und ist von Gefahren bedroht, denen er nicht durch Flug
-entgehen kann; aber er kann sich selbst durch Ausschlagen mit den
-Füssen gegen seine Feinde so gut vertheidigen wie einige der kleineren
-Vierfüsser. Man kann sich vorstellen, dass der Urvater des Strausses
-eine Lebens-Weise etwa wie der Trappe gehabt, und dass er in Folge
-Natürlicher Züchtung in einer langen Generationen-Reihe immer grösser
-und schwerer geworden seye, seine Beine mehr und seine Flügel weniger
-gebraucht habe, bis er endlich ganz unfähig geworden sey zu fliegen.</p>
-
-<p>K<span class="smaller">IRBY</span> hat bemerkt (und ich habe dieselbe Thatsache
-beobachtet), dass die Vordertarsen vieler männlicher Kothkäfer oft<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span>
-abgebrochen sind; er untersuchte siebenzehn Musterstücke seiner
-Sammlung, und fand in keinem eine Spur mehr davon. Onites Apelles hat
-seine Tarsen so gewöhnlich verloren, dass man diess Insekt beschrieben,
-als fehlten sie ihm gänzlich. In einigen anderen Sippen sind sie nur
-in verkümmertem Zustande vorhanden. Dem Ateuchus oder heiligen Käfer
-der Ägyptier fehlen sie gänzlich. Es ist zwar kein genügender Nachweis
-vorhanden, dass zufällige Verstümmelungen erblich seyen; aber der von
-B<span class="smaller">ROWN</span>-S<span class="smaller">EQUARD</span> beobachtete Fall von der Vererbung der an einem
-<i>Guinea</i>-Schwein durch Beschädigung des Rückenmarks verursachten
-Epilepsie auf deren Nachkommen, müsste uns vorsichtig machen, wenn
-wir es läugnen wollten. Daher es gerathener erscheint den gänzlichen
-Mangel der Vordertarsen des Ateuchus und ihren verkümmerten Zustand in
-einigen anderen Sippen lieber der lang-fortgesetzten Wirkung ihres
-Nichtgebrauches bei deren Stamm-Vätern zuzuschreiben; denn da die
-Tarsen vieler Kothkäfer meistens fehlen, so müssen sie schon früh im
-Leben verloren gehen und können daher bei diesen Insekten nicht von
-wesentlichem Nutzen seyn noch viel gebraucht werden.</p>
-
-<p>In einigen Fällen möchten wir leicht dem Nichtgebrauche gewisse
-Abänderungen der Organisation zuschreiben, welche jedoch gänzlich oder
-hauptsächlich von Natürlicher Züchtung herrühren. W<span class="smaller">OLLASTON</span>
-hat die merkwürdige Thatsache entdeckt, dass von den 550 Käfer-Arten,
-welche <i>Madeira</i> bewohnen, 200 so unvollkommene Flügel haben, dass
-sie nicht fliegen können, und dass von den 29 der Insel ausschliesslich
-angehörigen Sippen nicht weniger als 23 lauter solche Arten enthalten.
-Manche Thatsachen, wie unter andern, dass in vielen Theilen der Welt
-fliegende Käfer beständig ins Meer geweht werden und zu Grunde gehen,
-dass die Käfer auf <i>Madeira</i> nach W<span class="smaller">OLLASTONS</span> Beobachtung
-meistens verborgen liegen, bis der Wind ruhet und die Sonne scheint,
-dass die Zahl der Flügel-losen Käfer an den ausgesetzten kahlen
-Felsklippen verhältnissmässig grösser als in <i>Madeira</i> selbst ist,
-und zumal die ausserordentliche Thatsache, worauf W<span class="smaller">OLLASTON</span>
-so beharrlich fusset, dass gewisse grosse anderwärts sehr zahlreiche
-Käfer-Gruppen, welche durch ihre Lebens-Weise<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> viel zu fliegen
-genöthigt sind, auf <i>Madeira</i> gänzlich fehlen, — diese mancherlei
-Gründe machen mich glauben, dass die ungeflügelte Beschaffenheit so
-vieler Käfer dieser Insel hauptsächlich von Natürlicher Züchtung, doch
-wahrscheinlich in Verbindung mit Nichtgebrauch herrühre. Denn während
-tausend aufeinanderfolgender Generationen wird jeder einzelne Käfer,
-der am wenigsten fliegt, entweder weil seine Flügel am wenigsten
-entwickelt sind oder weil er der indolenteste ist, die meiste Aussicht
-haben alle andern zu überleben, weil er nicht ins Meer gewehet wird;
-und auf der andern Seite werden diejenigen Käfer, welche am liebsten
-fliegen, am öftesten in die See getrieben und vernichtet werden.</p>
-
-<p>Diejenigen Insekten auf <i>Madeira</i> dagegen, welche sich nicht
-am Boden aufhalten und, wie die an Blumen lebenden Käfer und
-Schmetterlinge, von ihren Flügeln gewöhnlich Gebrauch machen müssen um
-ihren Unterhalt zu gewinnen, haben nach W<span class="smaller">OLLASTON</span>’<span class="smaller">S</span> Vermuthung
-keineswegs verkümmerte, sondern vielmehr stärker entwickelte Flügel.
-Diess ist ganz verträglich mit der Thätigkeit der Natürlichen Züchtung.
-Denn, wenn ein neues Insekt zuerst auf die Insel kommt, wird das
-Streben der Natürlichen Züchtung die Flügel zu verkleinern oder zu
-vergrössern davon abhängen, ob eine grössre Anzahl von Individuen durch
-erfolgreiches Ankämpfen gegen die Winde, oder durch mehr und weniger
-häufigen Verzicht auf diesen Versuch sich rettet. Es ist derselbe Fall
-wie bei den Matrosen eines in der Nähe der Küste gestrandeten Schiffes;
-für diejenigen, welche gut schwimmen, ist es um so besser, je besser
-sie schwimmen könnten um ihr Heil im Weiterschwimmen zu versuchen,
-während es für die schlechten Schwimmer am besten wäre, wenn sie gar
-nicht schwimmen könnten und sich daher auf dem Wrack Rettung suchten.</p>
-
-<p>Die Augen der Maulwürfe und einiger wühlenden Nager sind an Grösse
-verkümmert und in manchen Fällen ganz von Haut und Pelz bedeckt. Dieser
-Zustand der Augen rührt wahrscheinlich von fortwährendem Nichtgebrauche
-her, dessen Wirkung vielleicht durch Natürliche Züchtung unterstützt
-wird. Ein <i>Süd-Amerikanischer</i> Nager, Ctenomys, hat eine noch mehr
-unterirdische<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Lebensweise als der Maulwurf, und ein Spanier, welcher
-oft dergleichen gefangen, versicherte mir, dass solcher oft ganz blind
-seye; einer, den ich lebend bekommen, war es gewiss und zwar, wie die
-Sektion ergab, in Folge einer Entzündung der Nickhaut. Da häufige
-Augen-Entzündungen einem jeden Thiere nachtheilig werden müssen, und
-da für unterirdische Thiere die Augen gewiss nicht unentbehrlich sind,
-so wird eine Verminderung ihrer Grösse, die Verwachsung des Augenlides
-damit und die Überziehung derselben mit dem Felle für sie von Nutzen
-seyn; und wenn Diess der Fall, so wird Natürliche Züchtung die Wirkung
-des Nichtgebrauches beständig unterstützen.</p>
-
-<p>Es ist wohl bekannt, dass mehre Thiere aus den verschiedensten Klassen,
-welche die Höhlen in <i>Kärnthen</i> und <i>Kentucky</i> bewohnen,
-blind sind. In einigen Krabben ist der Augen-Stiel noch vorhanden,
-obwohl das Auge verloren ist: das Teleskopen-Gestell ist geblieben,
-obwohl das Teleskop mit seinem Glase fehlt. Da nicht wohl anzunehmen,
-dass Augen, wenn auch unnütz, den in Dunkelheit lebenden Thieren
-schädlich werden sollten, so schreibe ich ihren Verlust gänzlich
-auf Rechnung des Nichtgebrauchs. Bei einer der blinden Thier-Arten
-insbesondre, bei der Höhlen-Ratte (Neotoma), wovon Professor
-S<span class="smaller">ILLIMAN</span> zwei eine halbe englische Meile weit einwärts vom
-Eingange und mithin noch nicht gänzlich im Hintergrunde gefangen, waren
-die Augen gross und glänzend und erlangten, wie mir S<span class="smaller">ILLIMAN</span>
-mitgetheilt, nachdem sie einen Monat lang allmählich verstärktem Lichte
-ausgesetzt worden, ein unklares Wahrnehmungs-Vermögen für die ihnen
-vorgehaltenen Gegenstände und begannen zu blinzeln.</p>
-
-<p>Es ist schwer sich ähnlichere Lebens-Bedingungen vorzustellen, als
-tiefe Kalkstein-Höhlen in nahezu ähnlichem Klima, so dass, wenn man
-von der gewöhnlichen Ansicht ausgeht, dass die blinden Thiere für die
-<i>Amerikanischen</i> und für die <i>Europäischen</i> Höhlen besonders
-erschaffen worden seyen, auch eine grosse Ähnlichkeit derselben in
-Organisation und Verwandtschaft zu erwarten stünde. Diess ist aber
-zwischen den beiderseitigen Faunen im Ganzen genommen keineswegs
-vorhanden und S<span class="smaller">CHIÖDTE</span> bemerkt in Bezug auf die Insekten, dass
-die ganze Erscheinung<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> nur als eine rein örtliche betrachtet werden
-dürfe, indem die Ähnlichkeit, die sich zwischen einigen Bewohnern
-der Monmouth-Höhle in <i>Kentucky</i> und den <i>Kärnthen’schen</i>
-Höhlen herausstellte, nur ein ganz einfacher Ausdruck der Analogie
-seye, die zwischen den Faunen <i>Nord-Amerikas</i> und <i>Europas</i>
-überhaupt bestehe. Nach meiner Meinung muss man annehmen, dass
-<i>Amerikanische</i> Thiere mit gewöhnlichem Sehe-Vermögen in
-nacheinanderfolgenden Generationen immer tiefer und tiefer in
-die entferntesten Schlupfwinkel der <i>Kentucky’schen</i> Höhle
-eingedrungen sind, wie es <i>Europäische</i> in den Höhlen von
-<i>Kärnthen</i> gethan. Und wir haben einigen Beweis für diese
-stufenweise Veränderung des Aufenthalts; denn S<span class="smaller">CHIÖDTE</span>
-bemerkt: Wir betrachten demnach diese unterirdischen Faunen als kleine
-in die Erde eingedrungene Abzweigungen der geographisch-begrenzten
-Faunen der nächsten Umgegenden, welche in dem Grade, als sie sich
-weiter in die Dunkelheit ausbreiteten, sich den sie umgebenden
-Verhältnissen anpassten; Thiere, von gewöhnlichen Formen nicht sehr
-entfernt, bereiten den Übergang vom Tage zur Dunkelheit vor; dann
-folgen die fürs Zwielicht gebildeten und endlich die fürs gänzliche
-Dunkel bestimmten, deren Bildung ganz eigenthümlich ist. Diese
-Bemerkungen S<span class="smaller">CHIÖDTE</span>’<span class="smaller">S</span> beziehen sich daher nicht auf einerlei,
-sondern auf ganz verschiedene Species. Während der Zeit, in welcher
-ein Thier nach zahllosen Generationen die hintersten Theile der Höhle
-erreicht, wird hiernach Nichtgebrauch die Augen mehr oder weniger
-vollständig unterdrückt und Natürliche Züchtung oft andre Veränderungen
-erwirkt haben, die, wie verlängerte Fühler und Fressspitzen,
-einigermassen das Gesicht ersetzen. Ungeachtet dieser Modifikationen
-werden wir erwarten, noch Verwandtschaften der Höhlen-Thiere
-<i>Amerikas</i> mit den anderen Bewohnern dieses Kontinents, und der
-Höhlen-Bewohner <i>Europas</i> mit den übrigen <i>Europäischen</i>
-Thieren zu sehen. Und Diess ist bei einigen <i>Amerikanischen</i>
-Höhlen-Thieren der Fall, wie ich von Professor D<span class="smaller">ANA</span> höre;
-und einige <i>Europäische</i> Höhlen-Insekten stehen manchen in der
-Umgegend der Höhle wohnenden Arten ganz nahe. Es dürfte sehr schwer
-seyn, eine vernünftige Erklärung von der Verwandtschaft der blinden
-Höhlen-Thiere mit<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> den andern Bewohnern der beiden Kontinente aus
-dem gewöhnlichen Gesichtspunkte einer unabhängigen Erschaffung zu
-geben. Dass einige von den Höhlen-Bewohnern der <i>Alten</i> und der
-<i>Neuen Welt</i> in naher Beziehung zu einander stehen, lässt sich
-aus den wohl-bekannten Verwandtschafts-Verhältnissen ihrer meisten
-übrigen Erzeugnisse zu einander erwarten. Da eine blinde Bathyscia-Art
-häufig an schattigen Felsen ausserhalb der Höhlen gefunden wird,
-so hat der Verlust des Gesichtes an der die Höhle bewohnenden Art
-wahrscheinlich in keiner Beziehung zum Dunkel dieser Wohnstätte
-gestanden; und es ist ganz begreiflich, dass ein bereits blindes
-Insekt sich in der Bewohnung einer dunklen Höhle nicht zurecht finden
-wird. Eine andere blinde Sippe, Anophthalmus, bietet die merkwürdige
-Eigenthümlichkeit dar, dass, wie M<span class="smaller">URRAY</span> bemerkte, ihre
-verschiedenen Arten in verschiedenen Höhlen <i>Europas</i> sowohl
-als in der von <i>Kentucky</i> wohnen, und dass die Sippe überhaupt
-nur in Höhlen vorkommt. Es ist jedoch möglich, dass der Stamm-Vater
-oder die Stamm-Väter dieser verschiedenen Spezies vordem in beiden
-Kontinenten weit verbreitet gewesen und (gleich den Elephanten
-beider Festländer) allmählich auf ihre jetzigen engen Wohnstätten
-eingeschränkt worden sind. Weit entfernt mich darüber zu wundern, dass
-einige der Höhlen-Thiere von sehr anomaler Beschaffenheit sind, wie
-A<span class="smaller">GASSIZ</span> von dem blinden Fische Amblyopsis in <i>Amerika</i>
-bemerkt, und wie es mit dem blinden Reptile Proteus in <i>Europa</i>
-der Fall ist, bin ich vielmehr erstaunt, dass sich darin nicht mehr
-Wracks der alten Lebenformen erhalten haben, da solche in diesen
-dunkeln Abgründen wohl einer minder strengen Mitbewerbung ausgesetzt
-gewesen seyn würden<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Akklimatisirung.</em>) Gewohnheit ist bei Pflanzen erblich in
-Bezug auf Blüthe-Zeit, nöthige Regen-Menge für den Keimungs-Prozess,
-Schlaf u.&#160;s.&#160;w., und Diess veranlasst mich hier noch Einiges über
-Akklimatisirung zu sagen. Es ist sehr gewöhnlich, dass Arten von
-einerlei Sippe sehr heisse sowie sehr kalte Gegenden<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> bewohnen; und
-da ich glaube, dass alle Arten einer Sippe von einem gemeinsamen
-Urvater abstammen, so muss, wenn Diess richtig, Akklimatisirung
-während einer langen Fortpflanzung leicht bewirkt werden können. Es
-ist bekannt, dass jede Art dem Klima ihrer eignen Heimath angepasst
-ist; Arten einer arktischen oder auch nur einer gemässigten Gegend
-können in einem tropischen Klima nicht ausdauern, u.&#160;u. So können
-auch manche Fettpflanzen nicht in feuchtem Klima fortkommen. Doch
-ist der Grad der Anpassung der Arten an das Klima, worin sie leben,
-oft überschätzt worden. Wir können Diess schon aus unsrer oftmaligen
-Unfähigkeit vorauszusagen, ob eine eingeführte Pflanze unser Klima
-ausdauren werde oder nicht, sowie aus der grossen Anzahl von Pflanzen
-und Thieren entnehmen, welche aus wärmerem Klima zu uns verpflanzt hier
-ganz wohl gedeihen. Wir haben Grund anzunehmen, dass im Natur-Stande
-Arten durch die Mitbewerbung andrer organischer Wesen eben so sehr oder
-noch stärker in ihrer Verbreitung beschränkt werden, als durch ihre
-Anpassung an besondre Klimate. Mag aber die Anpassung im Allgemeinen
-eine sehr genaue seyn oder nicht: wir haben bei einigen wenigen
-Pflanzen-Arten Beweise, dass dieselben schon von der Natur in gewissem
-Grade an ungleiche Temperaturen gewöhnt oder akklimatisirt werden. So
-zeigen die von Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> aus Saamen von verschiedenen Höhen
-des <i>Himalaya</i> erzogenen Pinus- und Rhododendron-Arten auch ein
-verschiedenes Vermögen der Kälte zu widerstehen. Herr T<span class="smaller">WAITES</span>
-berichtet mir, dass er ähnliche Thatsachen auf <i>Ceylon</i> beobachtet
-habe, und Herr H. C. W<span class="smaller">ATSON</span> hat ähnliche Erfahrungen mit
-Pflanzen gemacht, die von den <i>Azoren</i> nach <i>England</i>
-gebracht worden sind. In Bezug auf Thiere liessen sich manche wohl
-beglaubigte Fälle anführen, dass Arten derselben binnen geschichtlicher
-Zeit ihre Verbreitung weit aus wärmeren nach kälteren Zonen oder
-umgekehrt ausgedehnt haben; jedoch wissen wir nicht mit Bestimmtheit,
-ob diese Thiere einst ihrem heimathlichen Klima enge angepasst gewesen,
-obwohl wir Diess in allen gewöhnlichen Fällen voraussetzen, — und
-ob demzufolge sie erst einer Akklimatisirung in ihrer neuen Heimath
-bedurft haben, oder nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p>
-
-<p>Da ich glaube, dass unsre Hausthiere ursprünglich von noch
-unzivilisirten Menschen gezähmt worden sind, weil sie ihnen
-nützlich und in der Gefangenschaft leicht fortzupflanzen waren,
-und nicht wegen ihrer erst später erkundeten Tauglichkeit zu weit
-ausgedehnter Verpflanzung, so kann nach meiner Meinung das gewöhnlich
-ausserordentliche Vermögen unsrer Hausthiere die verschiedensten
-Klimate auszuhalten und sich darin (ein viel gewichtigeres Zeugniss)
-fortzupflanzen, zur Schlussfolgerung dienen, dass auch eine
-verhältnissmässig grosse Anzahl andrer Thiere, die sich jetzt noch
-im Natur-Zustande befinden, leicht dazu gebracht werden könnte, sehr
-verschiedene Klimate zu ertragen. Wir dürfen jedoch die vorangehende
-Folgerung nicht zu weit treiben, weil einige unsrer Hausthiere von
-verschiedenen wilden Stämmen herrühren können, wie z.&#160;B. in unsren
-Haushund-Rassen das Blut eines tropischen und eines arktischen
-Wolfes oder wilden Hundes gemischt seyn könnte. Ratten und Mäuse
-dürfen nicht als Hausthiere angesehen werden; und doch sind sie vom
-Menschen in viele Theile der Welt übergeführt worden und besitzen
-jetzt eine weitre Verbreitung als irgend ein andres Nagethier, indem
-sie frei unter dem kalten Himmel der <i>Faröer</i> im Norden und der
-<i>Falklands-Inseln</i> im Süden, wie auf vielen Inseln der Tropen-Zone
-leben. Daher ich geneigt bin, die Anpassung an ein besondres Klima als
-eine leicht auf eine angeborene weite Biegsamkeit der Konstitution,
-welche den meisten Thieren eigen ist, gepropfte Eigenschaft zu
-betrachten. Dieser Ansicht zu Folge hat man die Fähigkeit des Menschen
-und seiner meisten Hausthiere die verschiedensten Klimate zu ertragen
-und solche Thatsachen, wie das Vorkommen einstiger Elephanten- und
-Rhinoceros-Arten in einem Eis-Klima, während deren jetzt lebenden
-Arten alle eine tropische oder subtropische Heimath haben, nicht als
-Gesetzwidrigkeiten zu betrachten, sondern lediglich als Beispiele einer
-sehr gewöhnlichen Biegsamkeit der Konstitution anzusehen, welche nur
-unter besondern Umständen mehr zur Geltung gelangt ist.</p>
-
-<p>Wie viel von der Akklimatisirung der Arten an ein besondres Klima
-bloss Gewohnheits-Sache seye, wie viel von der Natürlichen<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Züchtung
-von Varietäten mit verschiedenen Körper-Verfassungen abhänge, oder wie
-weit beide Ursachen zusammenwirken, ist eine sehr schwierige Frage.
-Dass Gewohnheit und Übung einigen Einfluss habe, will ich sowohl nach
-der Analogie als nach den ununterbrochenen Warnungen wohl glauben,
-welche in unsern landwirthschaftlichen Werken und selbst in alten
-<i>Chinesischen</i> Encyclopädien enthalten sind, recht vorsichtig
-bei Versetzung von Thieren aus einer Gegend in die andre zu seyn.
-Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass man durch Züchtung so viele
-Rassen und Unterrassen mit eben so vielen verschiedenen Gegenden
-angepassten Konstitutionen gebildet habe; das Ergebniss rührt vielmehr
-von Gewöhnung her. Andrerseits sehe ich auch keinen Grund zu zweifeln,
-dass Natürliche Züchtung beständig diejenigen Individuen zu erhalten
-strebe, welche mit den für ihre Heimath-Gegenden am besten geeigneten
-Körper-Verfassungen geboren sind. In Schriften über verschiedene Sorten
-kultivirter Pflanzen heisst es von gewissen Varietäten, dass sie
-dieses oder jenes Klima besser als andre vertragen. Diess ergibt sich
-sehr schlagend aus den in den <i>Vereinten Staaten</i> erschienenen
-Werken über Obstbaum-Zucht, worin gewöhnlich diese Varietäten für die
-nördlichen und jene für die südlichen Staaten empfohlen werden; und
-da die meisten dieser Abarten noch neuen Ursprungs sind, so kann man
-die Verschiedenheit ihrer Konstitutionen in dieser Beziehung nicht
-der Gewöhnung zuschreiben. Man hat die Jerusalem-Artischoke, welche
-sich nicht aus Saamen fortpflanzt und daher niemals neue Varietäten
-geliefert hat, angeführt als Beweis, dass es nicht möglich seye eine
-Akklimatisirung zu bewirken, weil sie noch immer so empfindlich seye,
-wie sie jederzeit gewesen: zu gleichem Zwecke hat man sich oft auf
-die Schminkbohne, und zwar mit viel grösserem Nachdrucke berufen. So
-lange aber, als nicht jemand einige Dutzend Generationen hindurch
-seine Schminkbohnen so frühzeitig aussäet, dass ein sehr grosser
-Theil derselben durch Frost zerstört wird, und dann mit der gehörigen
-Vorsicht zur Vermeidung von Kreutzungen, seine Saamen von den wenigen
-überlebenden Stöcken nimmt und von deren Sämlingen mit gleicher
-Vorsicht abermals seine<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> Saamen erzieht, so lange wird man nicht sagen
-können, dass der Versuch angestellt worden seye. Auch kann man nicht
-unterstellen, dass nicht zuweilen Verschiedenheiten in der Konstitution
-dieser verschiedenen Bohnen-Sämlinge zum Vorschein kommen; denn es
-ist bereits ein Bericht darüber erschienen, wie viel härter ein Theil
-dieser Sämlinge gegenüber den andern seye.</p>
-
-<p>Im Ganzen kann man, glaube ich, schliessen, dass Gewöhnung, Gebrauch
-und Nichtgebrauch in manchen Fällen einen beträchtlichen Einfluss auf
-die Änderung der Konstitution und den Bau verschiedener Organe ausgeübt
-haben; dass jedoch diese Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs oft
-in ansehnlichem Grade vermehrt und mitunter noch überboten worden sind
-durch Natürliche Züchtung mittelst angeborner Abänderungen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wechselbeziehungen der Bildung.</em>) — Ich will mit diesem
-Ausdrucke sagen, dass die ganze Organisation der natürlichen Wesen
-so unter sich verkettet ist, dass, wenn während der Entwickelung und
-dem Wachsthume des einen Theiles eine geringe Abänderung erfolgt und
-von der Natürlichen Züchtung gehäuft wird, auch andre Theile geändert
-werden müssen. Diess ist ein sehr wichtiger Punkt, aber noch wenig
-begriffen. Der gewöhnlichste Fall ist der, dass Abänderungen, welche
-nur zum Nutzen der Larve oder des Jungen gehäuft werden, zweifelsohne
-auch die Organisation des Erwachsenen berühren; eben so wie eine
-Missbildung, welche den frühesten Embryo betrifft, auch die ganze
-Organisation des Alten ernstlich berühren wird. Die mehrzähligen
-homologen und in der frühesten Embryo-Zeit einander noch ähnlichen
-Theile des Körpers scheinen in verwandter Weise zu variiren geneigt;
-daher die rechte und linke Seite des Körpers in gleicher Weise
-abzuändern pflegen, die vorderen Gliedmaassen in gleicher Weise wie die
-hintern, und sogar in gleicher Weise wie die Kinnladen, da man ja den
-Unterkiefer für ein Homologon der Gliedmaassen hält. Diese Neigungen
-können, wie ich nicht bezweifle, durch Natürliche Züchtung mehr und
-weniger beherrscht werden; so hat es früher eine Hirsch-Familie
-mit einem Augsprossen nur an einem Geweihe gegeben, und wäre diese
-Eigenheit von irgend einem grösseren Nutzen<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> gewesen, so würde sie
-durch Natürliche Züchtung vermuthlich bleibend geworden seyn.</p>
-
-<p>Homologe Theile streben, wie einige Autoren bemerkt haben,
-zusammenzuhängen, wie man es oft in monströsen Pflanzen sieht; und
-nichts ist gewöhnlicher als die Vereinigung homologer Theile zu
-normalen Bildungen, wie z.&#160;B. die Vereinigung der Kronen-Blätter
-zu einer Röhre<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>. Harte Theile scheinen auf die Form anliegender
-weicher einzuwirken, und einige Autoren sind der Meinung, dass die
-Verschiedenheit in der Form des Beckens der Vögel den merkwürdigen
-Unterschied in der Form ihrer Nieren verursache. Andere glauben, dass
-beim Menschen die Gestalt des Beckens der Mutter durch Druck auf
-die Schädel-Form des Kindes wirke<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a>. Bei Schlangen bedingen nach
-S<span class="smaller">CHLEGEL</span> die Form des Körpers und die Art des Schlingens die
-Lage einiger der wichtigsten Eingeweide.</p>
-
-<p>Die Beschaffenheit des Bandes der Wechselbeziehung ist sehr oft ganz
-dunkel. I<span class="smaller">SIDORE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> hat auf nachdrückliche
-Weise hervorgehoben, dass gewisse Missbildungen sehr häufig und andre
-sehr selten zusammen vorkommen, ohne dass wir den Grund anzugeben
-vermöchten. Was kann eigenthümlicher seyn, als die Beziehung zwischen
-den blauen Augen und der Taubheit mancher weissen Katzen, oder die der
-Farbe des Panzers mit dem weiblichen Geschlechte der Schildkröten; die
-Beziehung zwischen den gefiederten Füssen und der Spannhaut zwischen
-den äusseren Zehen der Tauben, oder die zwischen der Anwesenheit von
-mehr oder weniger Flaum an den eben ausschlüpfenden Vögeln mit der
-künftigen Farbe ihres Gefieders; oder endlich zwischen Behaarung
-und Zahn-Bildung des nackten Türkischen Hundes, obschon hier wohl
-Homologie<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> mit ins Spiel kommt. Mit Bezug auf diesen letzten Fall von
-Wechselbeziehung scheint es mir kaum zufällig zu seyn, dass diejenigen
-zwei Säugethier-Ordnungen, welche am abnormsten in ihrer Bekleidung,
-auch am abweichendsten in der Zahn-Bildung sind; nämlich die Cetaceen
-(Wale) und die Edentaten (Schuppenthiere, Gürtelthiere u.&#160;s.&#160;w.).</p>
-
-<p>Ich kenne keinen Fall, der besser geeignet wäre, die Wesenheit
-der Gesetze der Wechselbeziehung bei Abänderung wichtiger Gebilde
-unabhängig von deren Nützlichkeit und somit auch von der Natürlichen
-Züchtung darzuthun, als es die Verschiedenheit der äussern und innern
-Blüthen im Blüthenstande einiger Compositiflorae und Umbelliferae
-ist. Jedermann kennt den Unterschied zwischen den mitteln und
-den Rand-Blüthen z.&#160;B. des Gänseblümchens (Bellis), und diese
-Verschiedenheit ist oft verbunden mit der Verkümmerung einzelner
-Blumen-Theile. Aber in einigen Compositifloren unterscheiden sich
-auch die Früchte der beiderlei Blüthen in Grösse und Skulptur,
-und selbst die Ovarien mit einigen Nebentheilen weichen ab, wie
-C<span class="smaller">ASSINI</span> nachgewiesen. Diese Unterschiede sind von einigen
-Botanikern dem Druck zugeschrieben worden, und die Frucht-Formen in
-den Strahlen-Blumen der Compositifloren unterstützen diese Ansicht;
-keineswegs aber trifft es bei den Umbelliferen zu, dass die Arten
-mit den dichtesten Umbellen die grösste Verschiedenheit zwischen den
-inneren und äusseren Blüthen wahrnehmen liessen. Man hätte denken
-können, dass die stärkere Entwickelung der im Rande des Blüthenstandes
-befindlichen Kronenblätter die Verkümmerung andrer Blüthen-Theile
-veranlasst habe, indem sie ihnen Nahrung entzogen; aber bei einigen
-Compositifloren zeigt sich ein Unterschied in der Grösse der Früchte
-der innern und der Strahlen-Blüthen, ohne vorgängige Verschiedenheit
-der Krone. Möglich, dass diese mancherlei Unterschiede mit irgend
-einem Unterschiede in dem Zufluss der Säfte zu den mittel- und den
-Rand-ständigen Blüthen zusammenhängt; wir wissen wenigstens, dass bei
-unregelmässig geformten Blüthen die der Achse zunächst stehenden am
-öftesten der Peloria-Bildung unterworfen sind und regelmässig werden.
-Ich will als Beispiel dieses und<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> zugleich als treffenden Fall von
-Wechselbeziehung der Entwickelung anführen, wie ich kürzlich in einigen
-Garten-Pelargonien beobachtet, dass die mitteln Blüthen der Dolde oft
-die dunkleren Flecken an den zwei oberen Kronenblättern verlieren
-und dass, wenn Diess der Fall, das abhängende Nectarium gänzlich
-verkümmert; fehlt der Fleck nur an einem der zwei oberen Kronenblätter,
-so wird das Nectarium nur stark verkürzt.</p>
-
-<p>Hinsichtlich der Verschiedenheiten der Blumenkronen der mitteln und
-randlichen Blumen einer Dolde oder eines Blüthenköpfchens, so halte
-ich C. C. S<span class="smaller">PRENGEL</span>’<span class="smaller">S</span> Einfall, dass die Strahlen-Blumen zur
-Anziehung der Insekten bestimmt seyen, deren Bewegungen die Befruchtung
-der Pflanzen jener zwei Ordnungen befördere, nicht für so weit
-hergeholt, als er beim ersten Blick scheinen mag; und wenn es wirklich
-von Nutzen, so kann Natürliche Züchtung mit in Betracht kommen. Dagegen
-scheint es kaum möglich, dass die Verschiedenheit zwischen dem Bau der
-äusseren und der inneren Früchte, welche in keiner Wechselbeziehung
-mit irgend einer verschiedenen Bildung der Blüthen steht, irgend
-wie den Pflanzen von Nutzen seyn kann. Jedoch erscheinen bei den
-Dolden-Pflanzen die Unterschiede von so auffallender Wichtigkeit (da
-in mehren Fällen nach T<span class="smaller">AUSCH</span> die Früchte der äusseren Blüthen
-orthosperm und die der mittelständigen cölosperm sind), dass der ältere
-D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> seine Hauptabtheilungen in dieser Pflanzen-Ordnung
-auf analoge Verschiedenheiten gründete. Wir sehen daher, dass
-Abänderungen der Struktur von gänzlich unbekannten Gesetzen in den
-Wechselbeziehungen der Entwickelung bedingt seyn können, und zwar ohne
-selbst den geringsten erkennbaren Vortheil für die Spezies darzubieten.</p>
-
-<p>Wir mögen irriger Weise den Wechselbeziehungen der Entwickelung oft
-solche Bildungen zuschreiben, welche ganzen Arten-Gruppen gemein
-sind, aber in Wahrheit ganz einfach von Erblichkeit abhängen. Denn
-ein alter Stamm-Vater z.&#160;B. mag durch Natürliche Züchtung irgend eine
-Eigenthümlichkeit seiner Struktur und nach tausend Generationen irgend
-eine andre davon unabhängige Abänderung erlangt haben, und wenn dann
-beide<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Modifikationen mit einander auf eine ganze Gruppe von Nachkommen
-mit verschiedener Lebensweise übertragen worden sind, so wird man
-natürlich glauben, sie stünden in einer nothwendigen Wechselbeziehung
-mit einander. So zweifle ich auch nicht daran, dass einige anscheinende
-Wechselbeziehungen, welche in ganzen Ordnungen des Systemes vorkommen,
-lediglich nur von der möglichen Wirkungs-Weise der Züchtung bedingt
-sind. Wenn z.&#160;B. A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> bemerkt, dass geflügelte
-Saamen nie in Früchten vorkommen, die sich nicht öffnen, so möchte
-ich diese Regel durch die Thatsache erklären, dass Saamen nicht durch
-Natürliche Züchtung allmählich beflügelt werden können, ausser in
-Früchten, die sich öffnen; so dass individuelle Pflanzen mit Saamen,
-welche etwas geflügelt und daher mehr zur weiten Fortführung geeignet
-sind, vor andern schlecht-beflügelten hinsichtlich ihrer Aussicht auf
-Erhaltung im Vortheil sind, und dieser Vorgang kann nicht wohl mit
-solchen Früchten vorkommen, welche nicht aufspringen.</p>
-
-<p>Der ältre G<span class="smaller">EOFFROY</span> und G<span class="smaller">ÖTHE</span> haben ihr Gesetz von
-der Compensation der Entwickelung fast gleichzeitig aufgestellt,
-wornach, wie G<span class="smaller">ÖTHE</span> sich ausdrückt, die Natur genöthigt ist
-auf der einen Seite zu ersparen, was sie auf der andern mehr gibt.
-Diess passt in gewisser Ausdehnung, wie mir scheint, ganz gut auf
-unsre Kultur-Erzeugnisse: denn wenn einem Theile oder Organe Nahrung
-in Überfluss zuströmt, so kann sie nicht, oder wenigstens nicht in
-Überfluss, auch einem andern zu Theil werden, daher man eine Kuh
-z.&#160;B. nicht zwingen kann, viel Milch zu geben und zugleich fett zu
-werden. Ein und dieselbe Kohl-Varietät kann nicht eine reichliche
-Menge nahrhafter Blätter und zugleich einen guten Ertrag von Öl-Saamen
-liefern. Wenn in unsrem Obste die Saamen verkümmern, gewinnt die
-Frucht selbst an Grösse und Güte. Bei unsern Hühnern ist einer grossen
-Federhaube auf dem Kopfe gewöhnlich ein kleinerer Kamm beigesellt,
-und ist ein grosser Feder-Bart mit kleinen Bartlappen verbunden.
-Dagegen ist kaum anzunehmen, dass dieses Gesetz auch auf Arten im
-Natur-Zustande allgemein anwendbar seye, obwohl viele gute Beobachter
-und namentlich Botaniker an seine<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Wahrheit glauben. Ich will jedoch
-hier keine Beispiele anführen; denn ich kann schwer ein Mittel finden
-zu unterscheiden einerseits zwischen der durch Natürliche Züchtung
-bewirkten ansehnlichen Vergrösserung eines Theiles und der durch
-gleiche Ursache oder durch Nichtgebrauch veranlassten Verminderung
-eines anderen nahe dabei befindlichen Organes, und anderseits der
-Verkümmerung eines Organes durch Nahrungs-Einbusse in Folge excessiver
-Entwickelung eines anderen nahe dabei befindlichen Theiles.</p>
-
-<p>Ich vermuthe auch, dass einige der Fälle, die man als Beweise der
-Compensation vorgebracht, sich mit einigen anderen Thatsachen unter
-ein allgemeineres Prinzip zusammenfassen lassen, das Prinzip nämlich,
-dass Natürliche Züchtung fortwährend bestrebt ist, in jedem Theile der
-Organisation zu sparen. Wenn unter veränderten Lebens-Verhältnissen
-eine bisher nützliche Vorrichtung weniger nützlich wird, so dürfte wohl
-eine wenn gleich nur unbedeutende Verminderung ihrer Grösse durch die
-Natürliche Züchtung erstrebt werden, indem es für das Individuum ja
-vortheilhaft ist, wenn es seine Säfte nicht zur Ausbildung nutzloser
-Organe verschwendet. Nur auf diese Weise kann ich eine Thatsache
-begreiflich finden, welche mich, als ich mit der Untersuchung über
-die Cirripeden beschäftigt war, überraschte, nämlich dass, wenn
-ein Cirripede in anderen Organismen als Schmarotzer lebt und daher
-geschützt ist, er mehr oder weniger seine eigene Kalk-Schaale verliert.
-Diess ist mit dem Männchen von Ibla und in ausserordentlich hohem
-Grade mit Proteolepas der Fall; denn während der Panzer aller anderen
-Cirripeden aus den drei hochwichtigen Vordersegmenten des ungeheuer
-entwickelten Kopfes besteht und mit starken Nerven und Muskeln versehen
-ist, erscheint an dem parasitischen und geschützten Proteolepas
-der ganze Vordertheil des Kopfes als ein blosses an die Basen der
-Rankenfüsse befestigtes Rudiment. Nun dürfte die Ersparung eines
-grossen und zusammengesetzten Gebildes, wenn es, wie hier durch die
-parasitische Lebens-Weise des Proteolepas, überflüssig wird, obgleich
-nur stufenweise voranschreitend, ein entschiedener Vortheil für jedes
-spätere Individuum der Spezies<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> seyn, weil im Kampfe um’s Daseyn,
-welchen das Thier zu kämpfen hat, jeder einzelne Proteolepas um so
-mehr Aussicht sich zu behaupten erlangt, je weniger Nahrstoff zur
-Entwickelung eines nutzlos gewordenen Organes verloren geht.</p>
-
-<p>Darnach, glaube ich, wird es der Natürlichen Züchtung in die Länge
-immer gelingen, jeden Theil der Organisation zu verringern und zu
-ersparen, sobald er überflüssig geworden ist, ohne desshalb gerade
-einen anderen Theil in entsprechendem Grade stärker auszubilden. Und
-eben so dürfte sie, umgekehrt, vollkommen im Stande seyn ein Organ
-stärker auszubilden, ohne die Verminderung eines andern benachbarten
-Theiles als nothwendige Compensation zu verlangen.</p>
-
-<p>Nach I<span class="smaller">SIDORE</span> G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span>’<span class="smaller">S</span> Wahrnehmung scheint
-es bei Varietäten wie bei Arten Regel zu seyn, dass, wenn ein Theil
-oder ein Organ oftmals im Baue eines Individuums vorkommt, wie der
-Wirbel in den Schlangen und die Staubgefässe in den polyandrischen
-Blüthen, dessen Zahl veränderlich wird, während die Zahl desselben
-Organes oder Theiles beständig bleibt, falls er sich weniger oft
-wiederholen muss. Derselbe Zoologe sowie einige Botaniker haben
-ferner die Bemerkung gemacht, dass sehr vielzählige Theile auch
-grösseren Veränderungen im inneren Bau ausgesetzt sind. Zumal nun
-diese vegetativen Wiederholungen, wie R. O<span class="smaller">WEN</span> sie nennt, ein
-Anzeigen niedriger Organisation sind, so scheint die vorangehende
-Bemerkung mit der sehr allgemeinen Ansicht der Naturforscher
-zusammenzuhängen, dass solche Wesen, welche tief auf der Stufenleiter
-der Natur stehen, veränderlicher als die höheren sind. Ich verstehe
-unter tiefer Organisation in diesem Falle eine geringe Differenzirung
-der Organe für verschiedene besondere Verrichtungen; denn solange ein
-und dasselbe Organ verschiedene Arbeiten zu verrichten hat, lässt sich
-ein Grund für seine Veränderlichkeit vielleicht darin finden, dass
-Natürliche Züchtung jede kleine Abweichung der Form weniger sorgfältig
-erhält oder unterdrückt, als wenn dasselbe Organ nur zu einem besondern
-Zweck allein bestimmt wäre. So mögen Messer, welche allerlei Dinge zu
-schneiden bestimmt sind, im Ganzen so ziemlich von<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> einerlei Form seyn,
-während ein nur zu einerlei Gebrauch bestimmtes Werkzeug für jeden
-andern Gebrauch auch eine andere Form haben muss.</p>
-
-<p>Auch unvollkommen ausgebildete, rudimentäre Organe sind nach der
-Bemerkung einiger Schriftsteller, die mir richtig zu seyn scheint,
-sehr zur Veränderlichkeit geneigt. Ich verweise in dieser Hinsicht auf
-die Erörterung der rudimentären und abortiven Organe im Allgemeinen
-und will hier nur beifügen, dass ihre Veränderlichkeit durch ihre
-Gebrauchslosigkeit bedingt zu seyn scheint, indem in diesem Falle
-Natürliche Züchtung nichts vermag, um Abweichungen ihres Baues
-zu verhindern. Daher rudimentäre Theile dem freien Einfluss der
-verschiedenen Wachsthums-Gesetze, den Wirkungen lange fortgesetzten
-Nichtgebrauchs und dem Streben zur Rückkehr preisgegeben sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ein in ausserordentlicher Stärke oder Weise in irgend einer
-Species entwickelter Theil hat, in Vergleich mit demselben Theile in
-anderen Arten, eine grosse Neigung zur Veränderlichkeit.</em>) — Vor
-einigen Jahren wurde ich durch eine ähnliche von W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>
-veröffentlichte Äusserung überrascht. Auch schliesse ich aus einer
-Bemerkung des Professors R. O<span class="smaller">WEN</span> über die Länge der Arme des
-Orang-Utang, dass er zur nämlichen Ansicht gelangt seye. Es ist keine
-Hoffnung vorhanden, jemanden von der Wahrheit dieser Behauptung zu
-überzeugen, ohne die Aufzählung der langen Reihe von Thatsachen, die
-ich gesammelt, aber hier nicht mittheilen kann. Ich vermag nur meine
-Überzeugung auszusprechen, dass es eine sehr allgemeine Regel ist.
-Ich kenne zwar mehre Ursachen, welche zu Irrthum in dieser Hinsicht
-Veranlassung geben können, hoffe aber sie genügend berücksichtigt zu
-haben. Vor Allem ist zu bemerken, dass diese Regel auf keinen wenn
-auch an sich noch so ungewöhnlich entwickelten Theil Anwendung finden
-soll, woferne er nicht auch demselben Theile bei nahe verwandten Arten
-gegenüber ungewöhnlich ausgebildet ist. So abnorm daher auch die
-Flügel-Bildung der Fledermäuse in der Klasse der Säugethiere ist, so
-bezieht sich doch jene Regel nicht darauf, weil diese Bildung einer
-ganzen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Ordnung zukommt; sie würde nur anwendbar seyn, wenn die Flügel
-einer Fledermaus-Art in merkwürdigem Verhältnisse gegen die Flügel
-andrer Arten derselben Sippe vergrössert wären. Diese Regel entspricht
-sehr gut den ungewöhnlich verwickelten „sekundären Sexual-Charaktern“,
-mit welchem Ausdrucke H<span class="smaller">UNTER</span> diejenigen Merkmale bezeichnete,
-welche nur dem Männchen oder dem Weibchen allein zukommen, aber mit dem
-Fortpflanzungs-Akte nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die
-Regel findet sowohl auf Männchen wie auf Weibchen Anwendung, doch mehr
-auf die ersten, weil auffallende Charaktere dieser Art bei Weibchen
-überhaupt selten sind. Die vollkommene Anwendbarkeit der Regel auf
-diese letzten Fälle dürfte mit der grossen und nicht zu bezweifelnden
-Veränderlichkeit dieser Charaktere überhaupt, mögen sie viel oder wenig
-entwickelt seyn, zusammenhängen. Dass sich aber unsre Regel in der That
-nicht auf die sekundären Charaktere dieser Art allein beziehe, erhellt
-aus den hermaphroditischen Cirripeden; und ich will hier beifügen, dass
-ich bei der Untersuchung dieser Ordnung Herrn W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>’<span class="smaller">S</span>
-Bemerkung besondre Beachtung zugewandt habe und vollkommen von der
-fast unveränderlichen Anwendbarkeit dieser Regel auf die Cirripeden
-überzeugt bin. In meinem späteren Werke werde ich eine vollständigere
-Liste der einzelnen Fälle geben; hier aber will ich nur einen anführen,
-welcher die Regel in ihrer ausgedehntesten Anwendbarkeit erläutert. Die
-Deckelklappen der sitzenden Cirripeden (Balaniden) sind in jedem Sinne
-des Wortes sehr wichtige Gebilde und variiren selbst von einer Sippe
-zur andern nur wenig. Nur in den verschiedenen Arten von Pyrgoma allein
-bieten diese Klappen einen wundersamen Grad von Differenzirung dar. Die
-homologen Klappen sind in verschiedenen Arten zuweilen ganz unähnlich
-in Form, und der Betrag möglicher Abweichung zwischen den Individuen
-einiger Arten ist so gross, dass man ohne Übertreibung behaupten darf,
-ihre Varietäten weichen in den Merkmalen dieser wichtigen Klappen weit
-auseinander, als sonst Arten verschiedener Sippen.</p>
-
-<p>Da Vögel innerhalb einer und derselben Gegend ausserordentlich<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> wenig
-variiren, so habe ich auch sie in dieser Hinsicht näher geprüft und
-die Regel auch in dieser Klasse sehr gut bewährt gefunden. Ich kann
-nicht nachweisen, dass sie sich auch bei den Pflanzen so verhalte,
-und mein Vertrauen auf ihre Allgemeinheit würde hiedurch sehr
-erschüttert worden seyn, wenn nicht eben die grosse Veränderlichkeit
-der Pflanzen überhaupt es sehr schwierig machte, die bezüglichen
-Veränderlichkeits-Grade beider miteinander zu vergleichen.</p>
-
-<p>Wenn wir bei irgend einer Spezies einen Theil oder ein Organ in
-merkwürdiger Höhe oder Weise entwickelt sehen, so läge es am nächsten
-anzunehmen, dass dasselbe dieser Art von grosser Wichtigkeit seyn
-müsse, und doch ist der Theil in diesem Falle ausserordentlich
-veränderlich. Wie kommt Diess? Aus der Ansicht, dass jede Art mit allen
-ihren Theilen, wie wir sie jetzt sehen, unabhängig erschaffen worden
-seye, können wir keine Erklärung schöpfen. Dagegen scheint mir die
-Annahme, dass Arten-Gruppen eine gemeinsame Abstammung von andern Arten
-haben und nur durch Natürliche Züchtung modifizirt worden sind, einiges
-Licht über die Frage zu verbreiten. Wenn bei unsren Hausthieren ein
-einzelner Theil oder das ganze Thier vernachlässigt und ohne Züchtung
-fortgepflanzt wird, so wird ein solcher Theil (wie z.&#160;B. der Kamm bei
-den Dorking-Hühnern) oder die ganze Rasse aufhören einen einförmigen
-Charakter zu bewahren. Man wird dann sagen, sie seye ausgeartet. In
-rudimentären und solchen Organen, welche nur wenig für einen besondern
-Zweck differenzirt worden sind, sowie in polymorphen Gruppen, sehen
-wir einen fast gleichlaufenden Fall in der Natur; denn hier kann die
-Natürliche Züchtung nicht oder nur wenig zur Geltung kommen und die
-Organisation bleibt in einem schwankenden Zustande. Was uns aber hier
-näher angeht, das ist, dass eben bei unseren Hausthieren diejenigen
-Charaktere, welche durch fortgesetzte Züchtung so rascher Abänderung
-unterliegen, eben so rasch zu variiren geneigt werden. Man vergleiche
-einmal die Tauben-Rassen; was für ein wunderbar grosses Maass von
-Veränderung zeigt sich nur in den Schnäbeln der Purzeltauben, in den
-Schnäbeln und rothen Lappen der verschiedenen Botentauben (Cyprianer),
-in Haltung und<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Schwanz der Pfauentaube, weil die <i>Englischen</i>
-Liebhaber auf diese Punkte wenig achten. Schon die Unterrassen wie die
-kurzstirnigen Purzler sind bekanntlich schwer vollkommen zu finden,
-und oft kommen dabei einzelne Thiere zum Vorschein, welche weit von
-dem Musterbilde abweichen. Man kann daher mit Wahrheit sagen, es
-finde ein beständiger Kampf statt zwischen einerseits einem Streben
-zur Rückkehr in eine minder differenzirte Beschaffenheit und einer
-angeborenen Neigung zu weiterer Veränderung aller Art, und andrerseits
-dem Vermögen fortwährender Züchtung zur Reinerhaltung der Rasse. Bei
-langer Dauer gewinnt Züchtung den Sieg, und wir fürchten nicht mehr
-so weit vom Ziele abzuweichen, dass wir von einem guten kurzstirnigen
-Stamm nur einen gemeinen Purzler erhielten. So lange aber die Züchtung
-noch in raschem Fortschritt begriffen ist, wird immer eine grosse
-Unbeständigkeit in dem der Veränderung unterliegenden Gebilde zu
-erwarten seyn. Es verdient ferner bemerkt zu werden, dass diese durch
-künstliche Züchtung erzeugten veränderlichen Charaktere aus uns ganz
-unbekannten Ursachen sich zuweilen mehr an das eine als an das andre
-Geschlecht knüpfen, und zwar gewöhnlich an das männliche, wie die
-Fleischwarzen der <i>Englischen</i> Botentaube und der mächtige Kropf
-des Kröpfers.</p>
-
-<p>Doch kehren wir zur Natur zurück. Ist ein Theil in irgend einer Spezies
-den andern Arten derselben Sippe gegenüber auf aussergewöhnliche
-Weise vergrössert, so können wir annehmen, derselbe habe seit ihrer
-Abzweigung von dem gemeinsamen Stamme einen ungewöhnlichen Betrag
-von Abänderung erfahren. Diese Zeit der Abzweigung wird selten
-ausserordentlich weit zurückliegen, da Arten nur selten länger als
-eine geologische Periode dauern. Ein ungewöhnlicher Betrag von
-Verschiedenheit setzt ein ungewöhnlich langes und ausgedehntes
-Maass von Veränderlichkeit voraus, deren Produkt durch Züchtung
-zum Besten der Spezies fortwährend gehäuft worden ist. Da aber die
-Veränderlichkeit des ausserordentlich entwickelten Theiles oder
-Organes in einer nicht sehr weit zurückreichenden Zeit so gross
-und andauernd gewesen ist, so möchten wir auch jetzt noch in der
-Regel mehr Veränderlichkeit in solchen als in andern Theilen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> der
-Organisation, welche schon seit viel längerer Zeit beständig geworden
-sind, anzutreffen erwarten. Und diese findet nach meiner Überzeugung
-statt. Dass aber der Kampf zwischen Natürlicher Züchtung einerseits
-und der Neigung zur Rückkehr und zur weiteren Abänderung anderseits
-mit der Zeit aufhören und auch die am abnormsten gebildeten Organe
-beständig werden können, ist kein Grund vorhanden zu bezweifeln. Wenn
-daher ein Organ, wie regelmässig es auch seyn mag, in ungefähr gleicher
-Beschaffenheit auf viele bereits abändernde Nachkommen übertragen
-wird, wie Diess mit dem Flügel der Fledermaus der Fall ist, so muss
-es meiner Theorie zufolge schon eine unermessliche Zeit hindurch in
-dem gleichen Zustande vorhanden gewesen und in dessen Folge jetzt
-nicht mehr veränderlicher als irgend ein andres Organ seyn. Nur in
-denjenigen Fällen, wo die Modifikation noch verhältnissmässig jung
-und ausserordentlich gross ist, werden wir daher die „generative
-Veränderlichkeit“, wie wir sie nennen wollen, noch in hohem Grade
-fortdauernd finden. Denn in diesem Falle wird die Veränderlichkeit
-nur selten schon durch ununterbrochene Züchtung der in irgend einer
-beabsichtigten Weise und Stufe variirenden und durch fortwährende
-Verdrängung der zur Rückkehr geneigten Individuen zu einem festen Ziele
-gelangt seyn.</p>
-
-<p>Das in diesen Bemerkungen enthaltene Prinzip ist noch einer Ausdehnung
-fähig. Es ist nämlich bekannt, dass die spezifischen mehr als die
-Sippen-Charaktere abzuändern geneigt sind. Ich will mit einem
-einfachen Beispiele erklären, was ich meine. Wenn in einer grossen
-Pflanzen-Sippe einige Arten blaue Blüthen haben und andre haben
-rothe, so wird die Farbe nur ein Art-Charakter seyn und daher auch
-niemand überrascht werden, wenn eine blau-blühende Art zu Roth
-übergeht oder umgekehrt. Wenn aber alle Arten blaue Blumen haben,
-so wird die Farbe zum Sippen-Charaktere, und ihre Veränderung wird
-schon eine ungewöhnliche Erscheinung seyn. Ich habe gerade dieses
-Beispiel gewählt, weil eine Erklärung, welche die meisten Naturforscher
-sonst beizubringen geneigt seyn würden, darauf nicht anwendbar ist,
-dass nämlich spezifische Charaktere desshalb weniger als generische
-veränderlich erscheinen, weil sie von Theilen entlehnt sind, die<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> eine
-mindere physiologische Wichtigkeit besitzen, als diejenigen, welche
-gewöhnlich zur Klassifikation der Sippen dienen. Ich glaube zwar, dass
-diese Erklärung theilweise, wenn auch nur indirekt, richtig ist, kann
-jedoch erst in dem Abschnitt über Klassifikation darauf zurückkommen.
-Es dürfte ganz überflüssig seyn, Beispiele zu Unterstützung der
-obigen Behauptung anzuführen, dass Arten-Charaktere veränderlicher
-als Sippen-Charaktere seyen; ich habe aber aus naturhistorischen
-Werken wiederholt entnommen, dass, wenn ein Schriftsteller durch die
-Wahrnehmung überrascht war, dass irgend ein wichtigeres Organ, welches
-sonst in ganzen grossen Arten-Gruppen beständig zu seyn pflegt, in
-nahe verwandten Arten ansehnlich abändere, dasselbe dann auch in den
-Individuen einiger der Arten variirte. Diese Thatsache zeigt, dass
-ein Charakter, der gewöhnlich von generischem Werthe ist, wenn er zu
-spezifischem Werthe herabsinkt, oft veränderlich wird, wenn auch seine
-physiologische Wichtigkeit die nämliche bleibt. Etwas Ähnliches findet
-auch auf Monstrositäten Anwendung; wenigstens scheint I<span class="smaller">SIDORE</span>
-G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> keinen Zweifel darüber zu hegen, dass ein
-Organ um so mehr individuellen Anomalien unterliege, je mehr es in den
-verschiedenen Arten derselben Gruppe verschieden ist.</p>
-
-<p>Wie wäre es nach der gewöhnlichen Meinung, dass jede Art unabhängig
-erschaffen worden seye, zu erklären, dass derjenige Theil der
-Organisation, welcher von demselben Theile in anderen unabhängig
-erschaffenen Arten derselben Sippe mehr abweicht, auch veränderlicher
-ist, als jene Theile, welche in den verschiedenen Arten einer Sippe
-nahezu übereinstimmen. Ich sehe keine Möglichkeit ein Diess zu
-erklären. Wenn wir aber von der Ansicht ausgehen, dass Arten nur
-wohl unterschiedene und ständig gewordene Varietäten sind, so werden
-wir sicher auch erwarten dürfen zu sehen, dass dieselben noch jetzt
-oft fortfahren in denjenigen Theilen ihrer Organisation abzuändern,
-welche erst in verhältnissmässig neuer Zeit in Folge ihres Variirens
-von der gewöhnlicheren Bildung zurückgewichen sind. Oder, um den
-Fall in einer andern Weise darzustellen: die Merkmale, worin alle
-Arten einer Sippe einander gleichen, und worin dieselben<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> von allen
-Arten einer andern Sippe abweichen, heissen generische, und diese
-Merkmale zusammengenommen leite ich mittelst Vererbung von einem
-gemeinschaftlichen Stammvater ab; denn nur selten kann es der Zufall
-gewollt haben, dass Natürliche Züchtung verschiedene mehr oder weniger
-abweichenden Lebensweisen angepasste Arten genau auf dieselbe Weise
-modifizirt hat; und da diese sogenannten generischen Charaktere schon
-von sehr frühe her, seit der Zeit nämlich wo sie sich von ihrer
-gemeinsamen Stamm-Art abgezweigt haben, vererbt worden sind, und
-sie sich später nicht mehr oder nur noch wenig verändert haben, so
-ist es nicht wahrscheinlich, dass sie noch heutiges Tages abändern.
-Anderseits nennt man die Punkte, wodurch sich Arten von andern Arten
-derselben Sippe unterscheiden, spezifische Charaktere, und da diese
-seit der Zeit der Abzweigung der Arten von der gemeinsamen Stamm-Art
-abgeändert haben, so ist es wahrscheinlich, dass dieselben noch jetzt
-oft einigermassen veränderlich sind, veränderlicher wenigstens, als
-diejenigen Theile der Organisation, welche während einer sehr langen
-Zeit-Dauer sich als beständig erwiesen haben.</p>
-
-<p>Im Zusammenhang mit diesem Gegenstande will ich noch zwei andre
-Bemerkungen machen. — Ohne dass ich nöthig habe, darüber auf
-Einzelheiten einzugehen, wird man mir zugeben, dass sekundäre
-Sexual-Charaktere sehr veränderlich sind; man wird mir wohl auch ferner
-zugeben, dass die zu einerlei Gruppe gehörigen Arten hinsichtlich
-dieser Charaktere weiter als in andern Theilen ihrer Organisation
-auseinander gehen können. Vergleicht man Beispiels-weise die Grösse
-der Verschiedenheit zwischen den Männchen der Hühner-artigen Vögel,
-bei welchen diese Art von Charakteren vorzugsweise stark entwickelt
-sind, mit der Grösse der Verschiedenheit zwischen ihren Weibchen, so
-wird die Wahrheit jener Behauptung eingeräumt werden. Die Ursache der
-ursprünglichen Veränderlichkeit der sekundären Sexual-Charaktere ist
-nicht nachgewiesen; doch lässt sich begreifen, wie es komme, dass
-dieselben nicht eben so einförmig und beständig geworden sind als
-andre Theile der Organisation; denn die sekundären Sexual-Charaktere
-sind durch geschlechtliche Züchtung<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> gehäuft worden, welche weniger
-strenge in ihrer Thätigkeit als die gewöhnliche ist, indem sie die
-minder begünstigten Männchen nicht zerstört, sondern bloss mit
-weniger Nachkommenschaft versieht. Welches aber immer die Ursache der
-Veränderlichkeit dieser sekundären Sexual-Charaktere seyn mag; da sie
-nun einmal sehr veränderlich sind, so hat die Natürliche Züchtung darin
-einen weiten Spielraum für ihre Thätigkeit gefunden und somit den Arten
-einer Gruppe leicht einen grösseren Betrag von Verschiedenheit in ihren
-Sexual-Charakteren, als in andern Theilen ihrer Organisation verleihen
-können.</p>
-
-<p>Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass die sekundären
-Sexual-Verschiedenheiten zwischen beiden Geschlechtern einer Art sich
-gewöhnlich genau in denselben Theilen der Organisation entfalten,
-in denen auch die verschiedenen Arten einer Sippe von einander
-abweichen. Um Diess zu erläutern will ich nur zwei Beispiele anführen,
-welche zufällig die ersten auf meiner Liste stehen; und da die
-Verschiedenheiten in diesen Fällen von sehr ungewöhnlicher Art sind, so
-kann die Beziehung kaum zufällig seyn. Sehr grosse Gruppen von Käfern
-haben eine gleiche Anzahl von Tarsal-Gliedern mit einander gemein; nur
-in der Familie der Engidae ändert nach W<span class="smaller">ESTWOOD</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung
-diese Zahl sehr ab, sogar in den zwei Geschlechtern einer Art. Ebenso
-ist bei den Grabenden Hymenopteren der Verlauf der Flügel-Adern ein
-Charakter von höchster Wichtigkeit, weil er sich in grossen Gruppen
-gleich bleibt; in einigen Sippen jedoch ändert er von Art zu Art und
-dann gleicher Weise auch oft in den zwei Geschlechtern der nämlichen
-Art ab. L<span class="smaller">UBBOCK</span> hat kürzlich bemerkt, dass einige kleine
-Kruster vortreffliche Belege für dieses Gesetz darbieten. In Pontella
-z.&#160;B. sind es hauptsächlich die vorderen Fühler und das fünfte
-Bein-Paar, welche die Sexual-Charaktere liefern und dieselben Organe
-bieten auch die wichtigsten Arten-Unterschiede dar. Diese Beziehung
-hat eine klare Bedeutung in meiner Anschauungs-Weise: ich betrachte
-nämlich mit Bestimmtheit alle Arten einer Sippe als Abkömmlinge
-von demselben Stamm-Vater, wie die zwei Geschlechter in jeder Art.
-Folglich: was immer für ein Theil der Organisation des gemeinsamen<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span>
-Stamm-Vaters oder seiner ersten Nachkommen veränderlich geworden,
-so werden höchst wahrscheinlich Abänderungen dieser Theile durch
-Natürliche und Geschlechtliche Züchtung begünstigt worden seyn, um
-die verschiedenen Arten verschiedenen Stellen im Haushalte der Natur
-anzupassen, und ebenso um die zwei Geschlechter einer nämlichen Spezies
-für einander geschickt zu machen, oder auch um Männchen und Weibchen zu
-verschiedenen Lebensweisen zu eignen, oder endlich die Männchen in den
-Stand zu setzen mit anderen Männchen um die Weibchen zu kämpfen.</p>
-
-<p>Endlich gelange ich also zu dem Schlusse, dass die grössre
-Veränderlichkeit der spezifischen Charaktere, wodurch sich Art von
-Art unterscheidet, gegenüber den generischen Merkmalen, welche
-die Arten einer Sippe gemein haben, — dass die oft äusserste
-Veränderlichkeit des in irgend einer einzelnen Art ganz ungewöhnlich
-entwickelten Theiles gegenüber der geringen Veränderlichkeit eines
-wenn auch ausserordentlich entwickelten, aber einer ganzen Gruppe
-von Arten gemeinsamen Theiles, — dass die grosse Unbeständigkeit
-sekundärer Sexual-Charaktere und das grosse Maass von Verschiedenheit
-in denselben Merkmalen zwischen einander nahe verwandten Arten,
-— dass die Entwickelung sekundärer Sexual- und gewöhnlicher
-Art-Charaktere gewöhnlich in einerlei Theilen der Organisation —
-Alles eng unter-einander verkettete Prinzipien sind. Alle entspringen
-hauptsächlich daher, dass die zu einer Gruppe gehörigen Arten von einem
-gemeinsamen Stamm-Vater herrühren, von welchem sie Vieles gemeinsam
-ererbt haben; — dass Theile, welche erst neuerlich noch starke
-Umänderungen erlitten, leichter zu variiren geneigt sind als solche,
-welche sich schon seit langer Zeit ohne alle Veränderung fortgeerbt
-haben; — dass die sexuelle Züchtung weniger streng als die gewöhnliche
-ist; — endlich, dass Abänderungen in einerlei Organen durch natürliche
-und durch sexuelle Züchtung gehäuft und für sekundäre Sexual- und
-gewöhnliche spezifische Zwecke angepasst worden sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Verschiedene Arten zeigen analoge Abänderungen; und die Varietät
-einer Spezies nimmt oft einige von den Charakteren einer verwandten
-Spezies an,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> oder sie kehrt zu einigen von den Merkmalen der Stamm-Art
-zurück.</em>) Diese Behauptungen versteht man am leichtesten durch
-Betrachtung der Hausthier-Rassen. Die verschiedensten Tauben-Rassen
-bieten in weit auseinandergelegenen Gegenden Unter-Varietäten mit
-umgewendeten Federn am Kopfe und mit Federn an den Füssen dar,
-Merkmale, welche die ursprüngliche Felstaube nicht besitzt; Diess sind
-also analoge Abänderungen in zwei oder mehren verschiedenen Rassen.
-Die häufige Anwesenheit von vierzehn bis sechszehn Schwanzfedern im
-Kröpfer kann man als eine die Normal-Bildung einer andern Abart,
-der Pfauentaube nämlich, vertretende Abweichung betrachten. Ich
-unterstelle, dass Niemand daran zweifeln wird, dass alle solche analoge
-Abänderungen davon herrühren, dass die verschiedenen Tauben-Rassen die
-gleiche Konstitution und daher unter denselben unbekannten Einflüssen
-die gleiche Neigung zu variiren geerbt haben. Im Pflanzen-Reiche
-zeigt sich ein Fall von analoger Abänderung in dem verdickten Strunke
-(gewöhnlich wird er die Wurzel genannt) des <i>Schwedischen</i>
-Turnipses und der Rutabaga, Pflanzen, welche mehre Botaniker nur
-als durch die Kultur hervorgebrachte Varietäten einer Art ansehen.
-Wäre Diess aber nicht richtig, so hätten wir einen Fall analoger
-Abänderung in zwei sogenannten Arten, und diesen kann noch der gemeine
-Turnips als dritte beigezählt werden. Nach der gewöhnlichen Ansicht,
-dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, würden wir diese
-Ähnlichkeit der drei Pflanzen in ihrem verdickten Stengel nicht der
-wahren Ursache ihrer gemeinsamen Abstammung und einer daraus folgenden
-Neigung in ähnlicher Weise zu variiren zuzuschreiben haben, sondern
-drei verschiedenen aber enge unter sich verwandten Schöpfungs-Akten.
-Bei den Tauben haben wir noch einen andern Fall, nämlich das in
-allen Rassen gelegentliche Zumvorscheinkommen von Schiefer-blauen
-Vögeln mit zwei schwarzen Flügelbinden, einem weissen Steiss, einer
-Queerbinde auf dem Ende des Schwanzes und einem weissen äusseren Rande
-am Grunde der äusseren Schwanz-Federn. Da alle diese Merkmale für die
-Stamm-Art bezeichnend sind, so glaube ich wird Niemand bezweifeln,
-dass es sich hier um eine<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Rückkehr zum Ur-Charakter und nicht um
-eine analoge Abänderung in verschiedenen Rassen handle. Wir werden
-dieser Folgerung um so mehr vertrauen können, als, wie wir bereits
-gesehen, diese Farben-Charaktere sehr gerne in den Blendlingen zweier
-ganz verschieden gefärbter Rassen zum Vorschein kommen; und in diesem
-Falle ist auch in den äusseren Lebens-Bedingungen nichts zu finden,
-was das Wiedererscheinen der Schiefer-blauen Farbe mit den übrigen
-Farben-Abzeichen erklären könnte, als der Einfluss des Kreutzungs-Aktes
-auf die Erblichkeits-Gesetze.</p>
-
-<p>Es ist in der That eine Erstaunen-erregende Thatsache, dass seit
-vielen und vielleicht Hunderten von Generationen verlorene Merkmale
-wieder zum Vorschein kommen. Wenn jedoch eine Rasse nur einmal mit
-einer andern Rasse gekreutzt worden ist, so zeigt der Blendung die
-Neigung gelegentlich zum Charakter der fremden Rasse zurückzukehren
-noch einige, man sagt 12–20, Generationen lang. Nun ist zwar nach
-12 Generationen, nach der gewöhnlichen Ausdrucks-Weise, das Blut
-des einen fremden Vorfahren nur noch 1 in 2048, und doch genügt
-nach der allgemeinen Annahme dieser äusserst geringe Bruchtheil
-fremden Blutes noch, um eine Neigung zur Rückkehr in jenen Urstamm zu
-unterhalten. In einer Rasse, welche nicht gekreutzt worden, sondern
-worin <em class="gesperrt">beide</em> Ältern einige von den Charakteren ihrer gemeinsamen
-Stamm-Art eingebüsst, dürfte die stärkere oder schwächere Neigung den
-verlornen Charakter wieder herzustellen, wie schon früher bemerkt
-worden, trotz Allem, was man Gegentheiliges sehen mag, sich noch
-eine Reihe von Generationen hindurch erhalten. Wenn ein Charakter,
-der in einer Rasse verloren gegangen, nach einer grossen Anzahl von
-Generationen wiederkehrt, so ist die wahrscheinlichste Hypothese
-nicht die, dass der Abkömmling jetzt erst plötzlich nach einem mehre
-hundert Generationen älteren Vorgänger zurückstrebt, sondern die, dass
-in jeder der aufeinanderfolgenden Generationen noch ein Streben zur
-Wiederherstellung des fraglichen Charakters vorhanden gewesen, welches
-nun endlich unter unbekannten günstigen Verhältnissen zum Durchbruch
-gelangt. So ist z.&#160;B. wahrscheinlich, dass in jeder Generation der
-Barb-Taube (<a href="#Seite_32">S. 32</a>), welche<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> nur sehr selten einen blauen Vogel mit
-schwarzen Binden hervorbringt; das Streben diese Färbung anzunehmen
-vorhanden seye. Diese Ansicht ist hypothetisch, kann jedoch durch
-einige Thatsachen unterstützt werden; und ich kann an und für sich
-keine grössere Unwahrscheinlichkeit in der Unterstellung einer Neigung
-sehen, einen durch eine endlose Zahl von Generationen fortgeerbt
-gewesenen Charakter wieder anzunehmen, als in der Vererbung eines
-thatsächlich ganz unnützen oder rudimentären Organes. Und doch können
-wir zuweilen ein solches Streben ein ererbtes Rudiment hervorzubringen
-wahrnehmen, wie sich z.&#160;B. in dem gemeinen Löwenmaul (Antirrhinum) das
-Rudiment eines fünften Staubgefässes so oft zeigt, dass dieser Pflanze
-eine Neigung es hervorzubringen angeerbt seyn muss.</p>
-
-<p>Da nach meiner Theorie alle Arten einer Sippe gemeinsamer Abstammung
-sind, so ist zu erwarten, dass sie zuweilen in analoger Weise variiren,
-so dass eine Varietät der einen Art in einigen ihrer Charaktere
-einer andern Art gleicht, welche ja nach meiner Meinung selbst nur
-eine ausgebildete und bleibend gewordene Abart ist. Doch dürften
-die hiedurch erlangten Charaktere nur unwesentlicher Art seyn; denn
-die Anwesenheit aller wesentlichen Charaktere wird durch Natürliche
-Züchtung in Übereinstimmung mit den verschiedenen Lebensweisen
-der Art geleitet und bleibt nicht der wechselseitigen Thätigkeit
-der Lebens-Bedingungen und einer ähnlichen ererbten Konstitution
-überlassen. Es wird ferner zu erwarten seyn, dass die Arten einer
-nämlichen Sippe zuweilen eine Neigung zur Rückkehr zu den Charakteren
-alter Vorfahren zeigen. Da wir jedoch niemals den genauen Charakter
-des gemeinsamen Stamm-Vaters einer Gruppe kennen, so vermögen wir
-diese zwei Fälle nicht zu unterscheiden. Wenn wir z.&#160;B. nicht wüssten,
-dass die Felstaube nicht mit Federfüssen oder mit umgewendeten Federn
-versehen ist, so hätten wir nicht sagen können, ob diese Charaktere in
-unsren Haustauben-Rassen Erscheinungen der Rückkehr zur Stamm-Form oder
-bloss analoge Abänderungen seyen; wohl aber hätten wir unterstellen
-dürfen, dass die blaue Färbung ein Beispiel von Rückkehr seye, wegen
-der Zahl der andern Zeichnungen, welche mit der blauen Färbung<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span>
-zugleich wieder zum Vorschein kommen und wahrscheinlich doch nicht
-bloss in Folge einfacher Abänderung damit zusammentreffen. Und noch
-mehr würden wir darauf geschlossen haben, weil die blaue Farbe und
-andren Zeichnungen so oft wiedererscheinen, wenn verschiedene Rassen
-von abweichender Färbung miteinander gekreutzt werden. Obwohl es
-daher in der freien Natur gewöhnlich zweifelhaft bleibt, welche Fälle
-als Rückkehr zu alten Stamm-Charakteren und welche als neue analoge
-Abänderungen zu betrachten sind, so müssen wir doch nach meiner Theorie
-zuweilen finden, dass die abändernden Nachkommen einer Art (seye es
-nun durch Rückkehr oder durch analoge Variation) Charaktere annehmen,
-welche schon in einigen andern Gliedern derselben Gruppe vorhanden
-sind. Das ist zweifelsohne in der Natur der Fall.</p>
-
-<p>Ein grosser Theil der Schwierigkeit eine veränderliche Art in unsren
-systematischen Werken wiederzuerkennen, rührt davon her, dass ihre
-Varietäten gleichsam einige der andern Arten der nämlichen Sippe
-nachahmen. Auch könnte man ein ansehnliches Verzeichniss von Formen
-geben, welche das Mittel zwischen zwei andern Formen halten, von
-welchen es zweifelhaft ist, ob sie als Arten oder als Varietäten
-anzusehen seyen; und daraus ergibt sich, wenn man nicht alle diese
-Formen als unabhängig erschaffene Arten ansehen will, dass die eine
-durch Abänderung die Charaktere der andern so weit angenommen hat,
-um hiedurch eine Mittelform zu bilden. Aber der beste Beweis bietet
-sich dar, indem Theile oder Organe von wesentlicher und einförmiger
-Beschaffenheit zuweilen so abändern, dass sie einigermassen den
-Charakter desselben Organes oder Theiles in einer verwandten Art
-annehmen. Ich habe ein langes Verzeichniss von solchen Fällen
-zusammengebracht, kann solches aber leider hier nicht mittheilen,
-sondern bloss wiederholen, dass solche Fälle vorkommen und mir sehr
-merkwürdig zu seyn scheinen.</p>
-
-<p>Ich will jedoch einen eigenthümlichen und zusammengesetzten Fall
-anführen, der zwar keinen wichtigen Charakter betrifft, aber in
-verschiedenen Arten einer Sippe theils im Natur- und theils im
-gezähmten Zustande vorkommt. Es ist offenbar ein Fall von Rückkehr.
-Der Esel hat manchmal sehr deutliche Queerbinden<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> auf seinen Beinen,
-wie das Zebra. Man hat versichert, dass diese beim Füllen am
-deutlichsten zu sehen sind, und meine Nachforschungen scheinen Solches
-zu bestätigen. Auch hat man versichert, der Streifen an der Schulter
-seye zuweilen doppelt. Der Schulter-Streifen ist jedenfalls sehr
-veränderlich in Länge und Umriss. Man hat auch einen weissen Esel, der
-kein Albino ist, ohne Rücken- und Schulter-Streifen beschrieben; und
-diese Streifen sind auch bei dunkel-farbigen Thieren zuweilen sehr
-undeutlich oder gar nicht zu sehen. Der Kulan von P<span class="smaller">ALLAS</span> soll
-mit einem doppelten Schulter-Streifen gesehen worden seyn. Der Hemionus
-hat keinen Schulter-Streifen; doch kommen nach B<span class="smaller">LYTH</span>’<span class="smaller">S</span> u. A.
-Versicherung zuweilen Spuren davon vor, und Colonel P<span class="smaller">OOLE</span> hat
-mich benachrichtigt, dass die Füllen dieser Art zuweilen an den Beinen
-und schwach an der Schulter gestreift sind. Das Quagga, obwohl am
-Körper eben so deutlich gestreift als das Zebra, ist ohne Binden an den
-Beinen; doch hat Dr. G<span class="smaller">RAY</span> ein Individuum mit sehr deutlichen
-denen des Zebras ähnlichen Binden an den Beinen abgebildet.</p>
-
-<p>Was das Pferd betrifft, so habe ich in <i>England</i> Fälle vom
-Vorkommen des Rücken-Streifens bei den verschiedensten Rassen und allen
-Farben gesammelt. Beispiele von Queerbinden auf den Beinen sind nicht
-selten bei Braunen, Mäusebraunen und einmal bei einem Kastanienbraunen
-vorgekommen. Auch ein schwacher Schulter-Streifen tritt zuweilen
-bei Braunen auf, und eine Spur davon habe ich an einem Beerbraunen
-gefunden. Mein Sohn hat mir eine sorgfältige Untersuchung und Zeichnung
-von einem braunen <i>Belgischen</i> Karren-Pferde mitgetheilt mit einem
-doppelten Streifen auf der Schulter und mit Streifen an den Beinen;
-ich selbst habe einen braunen <i>Devonshirer</i> Pony gesehen, ein
-verlässiger Mann hat mir die sorgfältige Beschreibung eines kleinen
-braunen <i>Waliser</i> Pony mitgetheilt, welche alle beiden mit drei
-kurzen gleichlaufenden Streifen auf jeder Schulter versehen waren.</p>
-
-<p>Im nordwestlichen Theile <i>Ostindiens</i> ist die Kattywarer
-Pferde-Rasse so allgemein gestreift, dass, wie ich von Colonel
-P<span class="smaller">OOLE</span> vernehme, welcher dieselbe im Auftrag der Regierung
-untersuchte, ein Pferd ohne Streifen nicht für Vollblut angesehen
-wird.<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Der Rückgrat ist immer gestreift; die Streifen auf den
-Beinen sind wie der Schulter-Streifen, welcher zuweilen doppelt
-und selbst dreifach ist, gewöhnlich vorhanden; überdiess sind
-die Seiten des Gesichts zuweilen gestreift. Die Streifen sind
-beim Füllen am deutlichsten und verschwinden zuweilen im Alter.
-P<span class="smaller">OOLE</span> hat ganz junge sowohl graue als beerbraune Füllen
-gestreift gefunden. Auch habe ich nach Mittheilungen, welche ich
-Herrn W. W. E<span class="smaller">DWARDS</span> verdanke, Grund zu vermuthen, dass an
-<i>Englischen</i> Rennpferden der Rücken-Streifen häufiger an Füllen
-als an alten Pferden vorkommt. Ich habe kürzlich ein Fohlen von einer
-Kastanien-braunen Stute (der Tochter eines <i>Turkomannischen</i>
-Hengstes und einer <i>Flämischen</i> Stute) und einem Kastanien-braunen
-<i>Englischen</i> Rasse-Pferd gezüchtet. Dieses Fohlen war, eine
-Woche alt, am Rücken gegen den Schwanz hin sowie am Vorderkopfe mit
-schmalen Zebra-Streifen und an den Beinen mit blasseren solchen
-Streifen versehen, die zweifelsohne alle bald verschwinden werden.
-Ohne hier in Einzelnheiten noch weiter einzugehen, will ich anführen,
-dass ich Fälle von Bein- und Schulter-Streifen bei Pferden von ganz
-verschiedenen Rassen in verschiedenen Gegenden gesammelt habe von
-<i>England</i> bis <i>Ost-China</i> und von <i>Norwegen</i> im Norden
-bis zum <i>Malayischen</i> Archipel im Süden. In allen Theilen der Welt
-kommen diese Streifen weitaus am öftesten an Braunen und Mäusebraunen
-vor. Unter Braun schlechthin („Dun“) begreife ich hier Pferde mit einer
-langen Reihe von Farben-Abstufungen von Schwarzbraun an bis fast zum
-Rahmfarbigen<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>.</p>
-
-<p>Ich weiss, dass Colonel H<span class="smaller">AMILTON</span> S<span class="smaller">MITH</span>, der über diesen
-Gegenstand geschrieben, annimmt, unsre verschiedenen Pferde-Rassen
-rührten von verschiedenen Stamm-Arten her, wovon eine, die des Braunen,
-gestreift gewesen, und alle oben-beschriebenen Streifungen seyen Folge
-früherer Kreutzung mit dem Braunen-Stamme. Jedoch fühle ich mich durch
-diese Theorie in keiner Weise befriedigt und möchte sie nicht auf so
-verschiedene Rassen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> in Anwendung bringen, wie das <i>Belgische</i>
-Karren-Pferd, der <i>Walliser</i> Pony, der Renner, die schlanke
-Kattywar-Rasse u.&#160;a., die in den verschiedensten Theilen der Welt
-zerstreut sind.</p>
-
-<p>Wenden wir uns nun zu den Folgen der Kreutzung zwischen den
-verschiedenen Arten der Pferde-Sippe: R<span class="smaller">OLLIN</span> versichert, dass
-der gemeine Maulesel, von Esel und Pferd, sehr oft Queerstreifen auf
-den Beinen hat, und nach G<span class="smaller">OSSE</span> kommt Diess in den <i>Vereinten
-Staaten</i> in zehn Fällen neunmal vor. Ich sah einst einen Maulesel
-mit so stark gestreiften Beinen, dass jedermann geneigt gewesen
-seyn würde ihn vom Zebra abzuleiten; und Herr W. C. M<span class="smaller">ARTIN</span>
-hat in seinem vorzüglichen Werke über das Pferd die Abbildung von
-einem ähnlichen Maulesel mitgetheilt. In vier in Farben ausgeführten
-Bildern von Bastarden des Esels mit dem Zebra fand ich die Beine viel
-deutlicher gestreift als den übrigen Körper, und in einem derselben war
-ein doppelter Schulter-Streifen vorhanden. An Lord M<span class="smaller">ORTON</span>’<span class="smaller">S</span>
-berühmtem Bastard von einem Quagga-Hengst und einer kastanienbraunen
-Stute sowie an einem nachher erzielten reinen Füllen von derselben
-Stute mit einem schwarzen Araber waren die Beine viel deutlicher
-queer-gestreift, als selbst beim reinen Quagga. Kürzlich, und Diess
-ist ein andrer sehr merkwürdiger Fall, hat Dr. G<span class="smaller">RAY</span> (dem
-noch ein zweites Beispiel dieser Art bekannt ist) einen Bastard von
-Esel und Hemionus abgebildet, an welchem Bastard, obwohl der Esel nur
-zuweilen und der Hemionus niemals Streifen auf den Beinen und letzter
-nicht einmal einen Schulter-Streifen hat, alle vier Beine queer
-gestreift und auch die Schulter mit drei Streifen wie die braunen
-<i>Walliser</i> und <i>Devonshirer</i> Pony (<a href="#Seite_190">S. 190</a>) versehen ist,
-und sogar einige Streifen wie beim Zebra an den Seiten des Gesichts
-vorhanden sind. Diese letzte Thatsache hat mich überzeugt, dass
-nicht einmal ein Farben-Streifen durch sogenannten Zufall entsteht,
-daher ich allein durch diese Erscheinung an einem Bastarde von Esel
-und Hemionus veranlasst wurde, Colonel P<span class="smaller">OOLE</span> zu fragen, ob
-solche Gesichts-Streifen jemals bei der stark gestreiften Kattywarer
-Pferde-Rasse vorkommen, was er, wie wir oben gesehen, bejahete.</p>
-
-<p>Was bleibt uns nun zu diesen verschiedenen Thatsachen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> noch zu sagen?
-Wir sehen mehre wesentlich verschiedene Arten der Pferde-Sippe durch
-einfache Abänderung Streifen an den Beinen wie beim Zebra oder an der
-Schulter wie beim Esel erlangen. Beim Pferde sehen wir diese Neigung
-stark hervortreten, so oft eine der natürlichsten Pferde-Farben zum
-Vorschein kommt. Das Aussehen der Streifen ist von keiner Veränderung
-der Form und von keinem neuen Charakter begleitet. Wir sehen diese
-Neigung streifig zu werden sich am meisten bei Bastarden zwischen
-mehren der von einander verschiedensten Arten entwickeln. Vergleichen
-wir damit den vorhergehenden Fall von den Tauben: sie rühren von einer
-Stamm-Art (mit 2–3 geographischen Varietäten oder Unterarten) her,
-welche blaulich von Farbe und mit einigen bestimmten Band-Zeichnungen
-versehen ist, und nehmen, wenn eine ihrer Rassen in Folge einfacher
-Abänderung wieder einmal eine blaue Brut liefert, unfehlbar auch
-jene Bänder der Stamm-Form wieder an, doch ohne irgend eine andre
-Veränderung des Rasse-Charakters. Wenn man die ältesten und ächtesten
-Rassen von verschiedener Färbung mit einander kreutzt, so tritt
-in den Blendlingen eine starke Neigung hervor, die ursprüngliche
-schieferblaue Farbe mit den schwarzen und weissen Binden und Streifen
-wieder anzunehmen. Ich habe behauptet, die wahrscheinlichste Hypothese
-zur Erklärung des Wiedererscheinens sehr alter Charaktere seye die
-Annahme einer „Tendenz“ in den Jungen einer jeden neuen Generation den
-längst verlorenen Charakter wieder hervorzuholen, welche Tendenz in
-Folge unbekannter Ursachen zuweilen zum Durchbruch komme. Dann haben
-wir gesehen, dass in verschiedenen Arten des Pferde-Geschlechts die
-Streifen bei den Jungen deutlicher oder gewöhnlicher als bei den Alten
-sind. Wollte man nun die Tauben-Rassen, deren einige schon Jahrhunderte
-lang durch reine Inzucht fortgepflanzt worden, als Spezies bezeichnen,
-so wäre die Erscheinung genau dieselbe, wie bei der Pferde-Sippe. Über
-Tausende und Tausende von Generationen rückwärts schauend erkenne ich
-mit Zuversicht ein wie ein Zebra gestreiftes, aber sonst vielleicht
-sehr abweichend davon gebautes Thier als den gemeinsamen Stamm-Vater
-des Hauspferdes (rühre es nun von einem<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> oder von mehren wilden Stämmen
-her), des Esels, des Hemionus, des Quaggas, und des Zebras.</p>
-
-<p>Wer an die unabhängige Erschaffung der einzelnen Pferde-Spezies
-glaubt, wird vermuthlich sagen, dass einer jeden Art die Neigung
-im freien wie im gezähmten Zustande auf so eigenthümliche Weise zu
-variiren anerschaffen worden seye, derzufolge sie oft wie andre Arten
-derselben Sippe gestreift erscheine; und dass einer jeden derselben
-eine starke Neigung anerschaffen seye bei einer Kreutzung mit Arten
-aus den entferntesten Weltgegenden Bastarde zu liefern, welche in der
-Streifung nicht ihren eignen Ältern, sondern andern Arten derselben
-Sippe gleichen<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>. Sich zu dieser Ansicht bekennen heisst nach meiner
-Meinung eine thatsächliche für eine nichtthatsächliche oder wenigstens
-unbekannte Ursache aufgeben. Sie macht aus den Werken Gottes nur
-Täuschung und Nachäfferei; — und ich wollte fast eben so gerne mit den
-alten und unwissenden Kosmognisten annehmen, dass die fossilen Schaalen
-nie einem lebenden Thiere angehört, sondern im Gesteine erschaffen
-worden seyen, um die jetzt an der See-Küste lebenden Schaalthiere
-nachzuahmen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung.</em>) Wir sind in tiefer Unwissenheit über die
-Gesetze, wornach Abänderungen erfolgen. Nicht in einem von hundert
-Fällen dürfen wir behaupten den Grund zu kennen, warum dieser oder
-jener Theil eines Organismus von dem gleichen Theile bei seinen
-Ältern mehr oder weniger abweiche. Doch woimmer wir die Mittel haben
-eine Vergleichung anzustellen, da scheinen in Erzeugung geringerer
-Abweichungen zwischen Varietäten derselben Art wie in Hervorbringung
-grösserer Unterschiede zwischen Arten einer Sippe die nämlichen
-Gesetze gewirkt zu haben. Die äusseren Lebens-Bedingungen, wie Klima,
-Nahrung u.&#160;dgl. haben wohl nur einige geringe Abänderungen<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> bedingt.
-Wesentlichere Folgen dürften Angewöhnung auf die Körper-Konstitution,
-Gebrauch der Organe auf ihre Verstärkung, Nichtgebrauch auf ihre
-Schwächung und Verkleinerung gehabt haben. Homologe Theile sind
-geneigt auf gleiche Weise abzuändern und streben unter sich
-zusammenzuhängen. Abänderungen in den harten und in den äusseren
-Theilen berühren zuweilen weichere und innere Organe. Wenn sich ein
-Theil stark entwickelt, strebt er vielleicht andren benachbarten
-Theilen Nahrung zu entziehen; — und jeder Theil des organischen
-Baues, welcher ohne Nachtheil für das Individuum fortbestehen kann,
-wird erhalten. Eine Veränderung der Organisation in frühem Alter
-berührt auch die sich später entwickelnden Theile; dann gibt es
-aber noch viele Wechselbeziehungen der Entwickelung, deren Natur
-wir durchaus nicht im Stande sind zu begreifen. Vielzählige Theile
-sind veränderlicher in Zahl und Struktur, vielleicht desshalb, weil
-dieselben, durch Natürliche Züchtung für einzelne Verrichtungen noch
-nicht genug angepasst und differenzirt sind. Aus demselben Grunde
-werden wahrscheinlich auch die auf tiefer Organisations-Stufe stehenden
-Organismen veränderlicher seyn, als die höher entwickelten und in
-allen Beziehungen mehr differenzirten. Rudimentäre Organe bleiben
-ihrer Nutzlosigkeit wegen von der Natürlichen Züchtung unbeachtet und
-sind wahrscheinlich desshalb veränderlich. Spezifische Charaktere,
-solche nämlich, welche erst seit der Abzweigung der verschiedenen Arten
-einer Sippe von einem gemeinsamen Stamm-Vater auseinander gelaufen,
-sind veränderlicher als generische Merkmale, welche sich schon lange
-als solche vererbt haben, ohne in dieser Zeit eine Abänderung zu
-erleiden. Wir haben hier nur auf die einzelnen noch veränderlichen
-Theile und Organe Bezug genommen, weil sie erst neuerlich variirt
-haben und einander unähnlich geworden sind; wir haben jedoch schon
-im zweiten Kapitel gesehen, dass das nämliche Princip auch auf das
-ganze Thier anwendbar ist; denn in einem Bezirke, wo viele Arten
-einer Sippe gefunden werden, d.&#160;h. wo früher viele Abänderung und
-Differenzirung stattgefunden und die Fabrizirung neuer Arten-Formen
-lebhaft betrieben worden ist, in diesem Bezirke und<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> unter diesen
-Arten finden wir jetzt durchschnittlich auch die meisten Varietäten.
-— Sekundäre Geschlechts-Charaktere sind sehr veränderlich, und
-solche Charaktere weichen am meisten in den Arten einer nämlichen
-Gruppe ab. Veränderlichkeit in denselben Theilen der Organisation
-hat gewöhnlich die sekundären Sexual-Verschiedenheiten für die
-zwei Geschlechter einer Spezies wie die Arten-Verschiedenheiten
-für die mancherlei Arten der nämlichen Sippe geliefert. Ein in
-ausserordentlicher Grösse oder Weise entwickeltes Glied oder Organ
-— nämlich vergleichungsweise mit der Entwickelung desselben Gliedes
-oder Organes in den nächst-verwandten Arten genommen — muss seit
-dem Auftreten der Sippe ein ausserordentliches Maass von Abänderung
-durchlaufen haben, woraus wir dann auch begreiflich finden, warum
-dasselbe noch jetzt in höherem Grade als andre Theile Veränderungen
-unterliegt; denn Abänderung ist ein langsamer und lang-währender
-Prozess, und die Natürliche Züchtung wird in solchen Fällen noch nicht
-die Zeit gehabt haben, das Streben nach fernerer Veränderung und nach
-der Rückkehr zu einem weniger modifizirten Zustande zu überwinden.
-Wenn aber eine Art mit irgend einem ausserordentlich entwickelten
-Organe Stamm vieler abgeänderter Nachkommen geworden — was nach meiner
-Ansicht ein sehr langsamer und daher viele Zeit erheischender Vorgang
-ist —, dann mag auch die Natürliche Züchtung im Stande gewesen seyn
-dem Organe, wie ausserordentlich es auch entwickelt seyn mag, schon
-ein festes Gepräge aufzudrücken. Haben Arten nahezu die nämliche
-Konstitution von einem Stamm-Vater geerbt und sind sie ähnlichen
-Einflüssen ausgesetzt gewesen, so werden sie natürlich auch geneigt
-seyn, analoge Abänderungen zu bilden und werden zuweilen zu einigen der
-Charaktere ihrer frühesten Ahnen zurückkehren. Obwohl neue und wichtige
-Modifikationen aus dieser Umkehr und jenen analogen Abänderungen nicht
-hervorgehen werden, so tragen solche Modifikationen doch zur Schönheit
-und harmonischen Manchfaltigkeit der Natur bei.</p>
-
-<p>Was aber auch die Ursache des ersten kleinen Unterschiedes zwischen
-Ältern und Nachkommen seyn mag, und eine Ursache muss dafür da seyn,
-so ist es doch nur die stete Häufung solcher<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> für das Individuum
-nützlichen Unterschiede durch die Natürliche Züchtung, welche alle
-wichtigeren Abänderungen der Struktur hervorbringt, durch welche die
-zahllosen Wesen unsrer Erd-Oberfläche in den Stand gesetzt werden mit
-einander um das Daseyn zu ringen, und wodurch das hiezu am besten
-ausgestaltete die andern überlebt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br />
-
-<b>Schwierigkeiten der Theorie.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. —
-Übergänge. — Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen.
-— Übergänge in der Lebensweise. — Differenzirte Gewohnheiten in
-einerlei Art. — Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer
-Verwandten. — Organe von äusserster Vollkommenheit. — Mittel der
-Übergänge. — Schwierige Fälle. — Natura non facit saltum. —
-Organe von geringer Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen
-absolut vollkommen. — Das Gesetz von der Einheit des Typus und
-den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen
-Züchtung.</p>
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-<p>Schon lange bevor der Leser zu diesem Theile meines Buches gelangt ist,
-mag sich ihm eine Menge von Schwierigkeiten dargeboten haben. Einige
-derselben sind von solchem Gewichte, dass ich nicht an sie denken kann,
-ohne wankend zu werden; aber nach meinem besten Wissen sind die meisten
-von ihnen nur scheinbare, und diejenigen, welche in Wahrheit beruhen,
-dürften meiner Theorie nicht verderblich werden.</p>
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-<p>Diese Schwierigkeiten und Einwendungen lassen sich in folgende Rubriken
-zusammenfassen: Erstens: wenn Arten aus andern Arten durch unmerkbar
-kleine Abstufungen entstanden sind, warum sehen wir nicht überall
-unzählige Übergangs-Formen? Warum bietet nicht die ganze Natur ein
-Mischmasch von Formen statt der wohl begrenzt scheinenden Arten dar?</p>
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-<p>Zweitens: Ist es möglich, dass ein Thier z.&#160;B. mit der Organisation
-und Lebensweise einer Fledermaus durch Umbildung irgend eines
-andren Thieres mit ganz verschiedener Lebensweise entstanden ist?
-Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einerseits<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Organe von
-so unbedeutender Wesenheit, wie z.&#160;B. den Schwanz einer Giraffe,
-welcher als Fliegenwedel dient, und anderseits Organe von so
-wundervoller Struktur wie das Auge hervorbringe, dessen unnachahmliche
-Vollkommenheit wir noch kaum ganz begreifen.</p>
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-<p>Drittens: Können Instinkte durch Natürliche Züchtung erlangt und
-abgeändert werden? Was sollen wir z.&#160;B. zu einem so wunderbaren
-Instinkte sagen, wie der ist, welcher die Biene veranlasst Zellen
-zu bilden, durch welche die Entdeckungen tiefsinniger Mathematiker
-praktisch vornweg genommen sind.</p>
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-<p>Viertens: Wie ist es zu begreifen, dass Spezies bei der Kreutzung mit
-einander unfruchtbar sind oder unfruchtbare Nachkommen geben, während
-die Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten ungeschwächt bleibt.</p>
-
-<p>Die zwei ersten dieser Hauptfragen sollen hier und die letzten,
-Instinkt und Bastard-Bildung nämlich, in besondren Kapiteln erörtert
-werden.</p>
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-<p><em class="gesperrt">Mangel oder Seltenheit vermittelnder Varietäten.</em>) Da Natürliche
-Züchtung nur durch Erhaltung nützlicher Abänderungen wirkt, so wird
-jede neue Form in einer schon vollständig bevölkerten Gegend streben
-ihre eignen minder vervollkommneten Ältern so wie alle andern minder
-vervollkommnete Formen, mit welchen sie in Bewerbung kommt, zu ersetzen
-und endlich zu vertilgen. Natürliche Züchtung geht, wie wir gesehen,
-mit dieser Verrichtung Hand in Hand. Wenn wir daher jede Spezies
-als Abkömmling von irgend einer andern unbekannten Form betrachten,
-so werden Urstamm und Übergangs-Formen gewöhnlich schon durch den
-Bildungs- und Vervollkommnungs-Prozess der neuen Form vertilgt seyn.</p>
-
-<p>Wenn nun aber dieser Theorie zufolge zahllose Übergangs-Formen
-existirt haben müssen, warum finden wir sie nicht in unendlicher Menge
-eingebettet in den Schichten der Erd-Rinde? Es wird angemessener seyn,
-diese Frage in dem Kapitel von der Unvollständigkeit der geologischen
-Urkunden zu erörtern. Hier will ich nur anführen, dass ich die
-Antwort hauptsächlich darin zu finden glaube, dass jene Urkunden
-unvergleichlich minder<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> vollständig sind, als man gewöhnlich annimmt,
-und dass jene Unvollständigkeit der geologischen Urkunden hauptsächlich
-davon herrührt, dass organische Wesen keine sehr grosse Tiefen des
-Meeres bewohnen, daher ihre Reste nur von solchen Sediment-Massen
-umschlossen und für künftige Zeiten erhalten werden konnten, welche
-hinreichend dick und ausgedehnt gewesen, um einem ungeheuren Maasse
-spätrer Zerstörung zu entgehen. Und solche Fossilien-führende Massen
-können sich nur da ansammeln, wo viele Niederschläge in seichten
-Meeren während langsamer Senkung des Bodens abgelagert werden. Diese
-Zufälligkeiten werden nur selten und nur nach ausserordentlich langen
-Zwischenzeiten zusammentreffen. Während der Meeres-Boden in Ruhe oder
-in Hebung begriffen ist oder nur schwache Niederschläge stattfinden,
-bleiben die Blätter unsrer geologischen Geschichtsbücher unbeschrieben.
-Die Erd-Rinde ist ein weites Museum, dessen naturgeschichtlichen
-Sammlungen aber nur in einzelnen Zeitabschnitten eingebracht worden
-sind, die unendlich weit auseinander liegen.</p>
-
-<p>Man kann zwar einwenden, dass, wenn einige nahe-verwandte Arten
-jetzt in einerlei Gegend beisammen wohnen, man gewiss viele
-Zwischenformen finden müsse. Nehmen wir einen einfachen Fall an. Wenn
-man einen Kontinent von Norden nach Süden durchreiset, so trifft man
-gewöhnlich von Zeit zu Zeit auf andre einander nahe verwandte oder
-stellvertretende Arten, welche offenbar ungefähr dieselbe Stelle in dem
-Natur-Haushalte des Landes einnehmen. Diese stellvertretenden Arten
-grenzen oft an einander oder greifen in ihr Gebiet gegenseitig ein,
-und wie die einen seltener und seltener, so werden die andern immer
-häufiger, bis sie einander ersetzen. Vergleichen wir diese Arten da, wo
-sie sich mengen, miteinander, so sind sie in allen Theilen ihres Baues
-gewöhnlich noch eben so vollkommen von einander unterschieden, als wie
-die aus der Mitte des Verbreitungs-Bezirks einer jeden entnommenen
-Muster. Nun sind aber nach meiner Theorie alle diese Arten von einem
-gemeinsamen Stamm-Vater ausgegangen und ist jede derselben erst
-durch den Modifikations-Prozess den Lebensbedingungen ihrer Gegend
-angepasst<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> worden, hat dort ihren Urstamm sowohl als alle Mittelstufen
-zwischen ihrer ersten und jetzigen Form ersetzt und verdrängt, so
-dass wir jetzt nicht mehr erwarten dürfen, in jeder Gegend noch
-zahlreiche Übergangs-Formen zu finden, obwohl dieselben existirt haben
-müssen und ihre Reste wohl auch in die Erd-Schichten aufgenommen
-worden seyn mögen. Aber warum finden wir in den Zwischengegenden, wo
-doch die äusseren Lebens-Bedingungen einen Übergang von denen des
-einen in die des andren Bezirkes bilden, nicht auch nahe verwandte
-Übergangs-Varietäten? Diese Schwierigkeit hat mir lange Zeit viel
-Kopfzerbrechen verursacht; indessen glaube ich jetzt, sie lasse sich
-grossentheils erklären.</p>
-
-<p>Vor Allem sollten wir sehr vorsichtig mit der Annahme seyn, dass eine
-Gegend, weil sie jetzt zusammenhängend ist, auch schon seit langer
-Zeit zusammenhängend gewesen seye. Die Geologie veranlasst uns zu
-glauben, dass fast jeder Kontinent noch in der letzten Tertiär-Zeit
-in viele Inseln getheilt gewesen seye; und auf solchen Inseln
-getrennt können sich verschiedene Arten gebildet haben, ohne die
-Möglichkeit Mittelformen in den Zwischengegenden zu liefern. In Folge
-der Veränderungen der Land-Form und des Klimas mögen auch die jetzt
-zusammenhängenden Meeres-Gebiete noch in verhältnissmässig später Zeit
-weniger zusammenhängend und einförmig gewesen seyn. Doch will ich von
-diesem Mittel der Schwierigkeit zu entkommen absehen; denn ich glaube,
-dass viele vollkommen unterschiedene Arten auf ganz zusammenhängenden
-Gebieten entstanden sind, wenn ich auch nicht daran zweifle, dass die
-früher unterbrochene Beschaffenheit jetzt zusammenhängender Gebiete
-einen wesentlichen Antheil an der Bildung neuer Arten zumal frei
-wandernder und sich kreutzender Thiere gehabt habe.</p>
-
-<p>Hinsichtlich der jetzigen Verbreitung der Arten über weite Flächen
-finden wir, dass sie gewöhnlich ziemlich zahlreich auf einem grossen
-Theile derselben vorkommen, dann aber ziemlich rasch gegen die Grenzen
-hin immer seltener werden und endlich ganz verschwinden; daher das
-neutrale Gebiet zwischen zwei stellvertretenden Arten gewöhnlich nur
-schmal ist im Verhältniss<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> zu demjenigen, welches eine jede von ihnen
-eigenthümlich bewohnt. Wir machen dieselbe Bemerkung auch, wenn wir
-an Gebirgen emporsteigen, und zuweilen ist es sehr auffällig, wie
-plötzlich, nach A<span class="smaller">LPHONSE</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung, eine
-gemeine Art in den Alpen verschwindet. E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> hat
-dieselbe Wahrnehmung gemacht, als er die Bewohner des See-Grundes mit
-dem Schleppnetze herauf fischte. Diese Thatsache muss alle diejenigen
-in Verlegenheit setzen, welche die äusseren Lebens-Bedingungen, wie
-Klima und Höhe, als die allmächtigen Ursachen der Verbreitung der
-Organismen-Formen betrachten, indem der Wechsel von Klima und Höhe
-oder Tiefe überall ein allmählicher ist. Wenn wir uns aber erinnern,
-dass fast jede Art, mitten in ihrer Heimath sogar, zu unermesslicher
-Zahl anwachsen würde, wenn sie nicht in Mitbewerbung mit andern Arten
-stünde, — dass fast alle von andern Arten leben oder ihnen zur Nahrung
-dienen, — kurz dass jedes organische Wesen mittelbar oder unmittelbar
-in innigster Beziehung zu andern Organismen steht, so müssen wir
-erkennen, dass die Verbreitung der Bewohner einer Gegend keineswegs
-allein von der unmerklichen Veränderung physikalischer Bedingungen,
-sondern grossentheils von der Anwesenheit oder Abwesenheit andrer Arten
-abhängt, von welchen sie leben, durch welche sie zerstört werden, oder
-<em class="gesperrt">mit</em> welchen sie in Mitbewerbung stehen; und da diese Arten
-bereits eine bestimmte Begrenzung haben und nicht mehr unmerklich in
-einander übergehen, so muss die Verbreitung einer Spezies, welche von
-der einen oder andern abhängt, scharf umgrenzt werden. Überdiess muss
-jede Art an den Grenzen ihres Verbreitungs-Bezirkes, wo ihre Anzahl
-ohnediess geringer wird, durch Schwankungen in der Menge ihrer Feinde
-oder ihrer Beute oder in den Jahreszeiten sehr oft einer gänzlichen
-Zerstörung ausgesetzt seyn, und es mag auch hiedurch die schärfere
-Umschreibung ihrer geographischen Verbreitung mit bedingt werden.</p>
-
-<p>Wenn meine Meinung richtig ist, dass verwandte oder stellvertretende
-Arten, welche ein zusammenhängendes Gebiet bewohnen, gewöhnlich so
-vertheilt sind, dass jede von ihnen eine weite Strecke einnimmt,
-und dass diese Strecken durch verhältnissmässig<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> enge neutrale
-Zwischenräume getrennt werden, in welchen jede Art rasch an Menge
-abnimmt, — dann wird diese Regel, da Varietäten nicht wesentlich
-von Arten verschieden sind, wohl auf die einen wie auf die andern
-Anwendung finden; und wenn wir in Gedanken eine veränderliche Spezies
-einem sehr grossen Gebiete anpassen, so werden wir zwei Varietäten
-jenen zwei grossen Untergebieten und eine dritte Varietät dem schmalen
-Zwischengebiete anzupassen haben. Diese Zwischen-Varietät wird, weil
-sie einen geringeren Raum bewohnt, auch in geringerer Anzahl vorhanden
-seyn; und in Wirklichkeit genommen passt diese Regel, so viel ich
-ermitteln kann, ganz gut auf Varietäten im Natur-Zustande. Ich habe
-triftige Belege für diese Regel in Varietäten von Balanus-Arten
-gefunden, welche zwischen ausgeprägteren Varietäten derselben das
-Mittel halten. Und ebenso scheint es nach den Belehrungen, die ich
-den Herren W<span class="smaller">ATSON</span>, A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> und W<span class="smaller">OLLASTON</span>
-verdanke, dass gewöhnlich, wenn Mittel-Varietäten zwischen zwei andren
-Formen vorkommen, sie der Zahl nach weit hinter jenen zurückstehen, die
-sie verbinden. Wenn wir nun diese Thatsachen und Belege als richtig
-annehmen und daraus folgern, dass Varietäten, welche zwei andre
-Varietäten mit einander verbinden, gewöhnlich in geringerer Anzahl als
-diese letzten vorhanden waren, so dürfte man daraus auch begreifen,
-warum Zwischen-Varietäten keine lange Dauer haben und der allgemeinen
-Regel zufolge früher vertilgt werden und verschwinden müssen, als
-diejenigen Formen, welche sie ursprünglich mit einander verketten.</p>
-
-<p>Denn eine in geringerer Anzahl vorhandene Form wird, wie schon
-früher bemerkt worden, überhaupt mehr als die in reichlicher Menge
-verbreiteten in Gefahr seyn ausgetilgt zu werden; und in diesem
-besondren Falle dürfte die Zwischenform vorzugsweise den Angriffen der
-zwei nahe verwandten Formen zu ihren beiden Seiten ausgesetzt seyn.
-Aber eine weit wichtigere Betrachtung scheint mir die zu seyn, dass
-während des Prozesses weitrer Umbildung, wodurch nach meiner Theorie
-zwei Varietäten zu zwei ganz verschiedenen Spezies erhoben werden,
-diese zwei Varietäten, soferne sie grössere Flächen bewohnen, auch<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span>
-in grösserer Anzahl vorhanden sind und daher in grossem Vortheile
-gegen die mittle Varietät stehen, welche in kleinrer Anzahl nur einen
-schmalen Zwischenraum bewohnt. Denn Formen, welche in grössrer Zahl
-bestehen, haben immer eine bessre Aussicht, als die gering-zähligen,
-innerhalb einer gegebenen Periode noch andre nützliche Abänderungen
-zur Natürlichen Züchtung darzubieten. Daher in dem Kampfe um’s Daseyn
-die gemeineren Formen streben werden die selteneren zu verdrängen und
-zu ersetzen, welche sich nur langsam abzuändern und zu vervollkommnen
-vermögen. Es scheint mir dasselbe Prinzip zu seyn, wornach, wie im
-zweiten Kapitel gezeigt worden, die gemeinen Arten einer Gegend
-durchschnittlich auch eine grössre Anzahl von Varietäten darbieten als
-die selteneren. Ich will nun, um meine Meinung besser zu erläutern,
-einmal annehmen, es handle sich um drei Schaaf-Varietäten, von
-welchen eine für eine ausgedehnte Gebirgs-Gegend, die zweite nur für
-einen verhältnissmässig schmalen Hügel-Streifen und die dritte für
-weite Ebenen an deren Fusse geeignet seye; ich will ferner annehmen,
-die Bewohner seyen alle mit gleichem Schick und Eifer bestrebt,
-ihre Rassen durch Züchtung zu verbessern, so wird in diesem Falle
-die Wahrscheinlichkeit des Erfolges ganz auf Seiten der grossen
-Heerden-Besitzer im Gebirge und in der Ebene seyn, weil diese ihre
-Rassen schneller als die kleinen in der schmalen hügeligen Zwischenzone
-veredeln, so dass die verbesserte Rasse des Gebirges oder der Ebene
-bald die Stelle der minder verbesserten Hügelland-Rasse einnehmen wird;
-und so werden die zwei Rassen, welche anfänglich in grosser Anzahl
-existirt haben, in unmittelbare Berührung mit einander kommen ohne
-fernere Einschaltung der Zwischen-Rasse.</p>
-
-<p>In Summe: glaube ich, dass Arten leidlich gut umschrieben seyn können,
-ohne zu irgend einer Zeit ein unentwirrtes Chaos veränderlicher und
-vermittelnder Formen darzubieten: 1) weil sich neue Varietäten nur
-sehr langsam bilden, indem Abänderung ein äusserst träger Vorgang
-ist und Natürliche Züchtung so lange nichts auszurichten vermag,
-als nicht günstige Abweichungen vorkommen und nicht ein Platz im
-Natur-Haushalte der Gegend<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> durch Modifikation eines oder des andern
-ihrer Bewohner besser ausgefüllt werden kann. Und solche neue Stellen
-werden von langsamen Veränderungen des Klimas oder der zufälligen
-Einwanderung neuer Bewohner und, in wahrscheinlich viel höherem Grade,
-davon abhängen, dass einige von den alten Bewohnern langsam abgeändert
-werden, während jene neu hervor-gebrachten und eingewanderten Formen
-mit einigen alten in Wechselwirkung gerathen: daher wir in jeder Gegend
-und zu jeder Zeit nur wenige Arten zu sehen bekommen, welche geringe
-einigermassen bleibende Modifikationen der Organisation darbieten. Und
-Diess sehen wir auch sicherlich so.</p>
-
-<p>Zweitens: viele jetzt zusammenhängende Bezirke der Erd-Oberfläche
-müssen noch in der jetzigen Erd-Periode in verschiedene Theile getrennt
-gewesen seyn, worin viele Formen zumal sich paarender und wandernder
-Thiere ganz von einander geschieden sich weit genug zu differenziren
-vermochten, um als Spezies gelten zu können. Zwischen-Varietäten
-zwischen diesen Spezies und ihrer gemeinsamen Stamm-Form müssen wohl
-vordem in jedem dieser Bruchtheile des Bezirkes gewesen seyn, sind aber
-später durch Natürliche Züchtung ersetzt und ausgetilgt worden, so dass
-sie lebend nicht mehr vorhanden sind.</p>
-
-<p>Drittens: Wenn zwei oder mehre Varietäten in den verschiedenen
-Theilen eines zusammenhängenden Bezirkes gebildet worden sind, so
-werden wahrscheinlich auch Zwischen-Varietäten in den schmalen
-Zwischenzonen entstanden seyn, aber nicht lange gewährt haben. Denn
-diese Zwischen-Varietäten werden aus schon entwickelten Gründen
-(und namentlich, was wir über die jetzige Verbreitung einander
-nahe-verwandter Arten und ausgebildeten Varietäten wissen) in den
-Zwischenzonen in geringrer Anzahl, als die Haupt-Varietäten, die
-sie verbinden, in deren eigenen Bezirken vorhanden seyn. Schon aus
-diesem Grunde allein werden die Zwischen-Varietäten gelegentlicher
-Vertilgung ausgesetzt seyn, werden aber zuverlässig während des
-Prozesses weitrer Modifikation von den Formen, welche sie mit einander
-verketten, meistens desshalb verdrängt und ersetzt werden, weil diese
-ihrer grösseren Anzahl wegen mehr abändern und daher<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> leichter durch
-Natürliche Züchtung noch weiter verbessert und dadurch gesichert werden
-können.</p>
-
-<p>Letztens müssen, nicht bloss zu einer sondern zu allen Zeiten, wenn
-meine Theorie richtig ist, gewiss auch zahllose Zwischen-Varietäten
-zu Verbindung der Arten einer nämlichen Gruppe mit einander existirt
-haben, aber auch gerade der Prozess der Natürlichen Züchtung
-fortwährend thätig gewesen seyn, sowohl deren Stamm-Formen als die
-Mittelglieder selbst zu vertilgen. Daher ein Beweis ihrer früheren
-Existenz höchstens noch unter den Fossil-Resten der Erd-Rinde gefunden
-werden könnte, welche aber diese Urkunden früherer Zeiten, wie in einem
-späteren Abschnitte gezeigt werden soll, nur in sehr unvollkommener und
-unzusammenhängender Weise aufzubewahren geeignet ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Entstehung und Übergänge von Organismen mit eigenthümlicher
-Lebens-Weise und Organisation.</em>) Gegner meiner Ansichten haben
-mir die Frage entgegengehalten, wie denn z.&#160;B. ein Land-Raubthier in
-ein Wasser-Raubthier habe verwandelt werden können, da ein Thier in
-einem Zwischenzustande nicht wohl zu bestehen vermocht hätte? Es würde
-leicht seyn zu zeigen, dass innerhalb derselben Raubthier-Gruppe Thiere
-vorhanden sind, welche jede Mittelstufe zwischen einfachen Land- und
-ächten Wasser-Thieren einnehmen und daher durch ihre verschiedene
-Lebens-Weise wohl geeignet sind, in dem Kampfe mit andern um’s Daseyn
-ihre Stelle zu behaupten. So hat z.&#160;B. die nordamerikanische Mustela
-vison eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und gleicht der Fischotter
-in Pelz, kurzen Beinen und Form des Schwanzes. Den Sommer hindurch
-taucht dieses Thier ins Wasser und nährt sich von Fischen; während
-des langen Winters aber verlässt es die gefrorenen Gewässer und lebt
-gleich andern Iltissen von Mäusen und Landthieren. Hätte man einen
-andern Fall gewählt und mir die Frage gestellt, auf welche Weise ein
-Insekten-fressender Vierfüsser in eine fliegende Fledermaus verwandelt
-worden seye, so wäre diese Frage weit schwieriger zu beantworten.
-Doch haben nach meiner Meinung solche einzelne Schwierigkeiten kein
-allzugrosses Gewicht.</p>
-
-<p>Hier wie in anderen Fällen befinde ich mich in dem grossen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Nachtheil,
-aus den vielen treffenden Belegen, die ich gesammelt habe, nur ein oder
-zwei Beispiele von einem Übergang der Lebens-Weise und Organisation
-zwischen nahe verwandten Arten einer Sippe und von vorübergehend oder
-bleibend veränderten Gewohnheiten einer nämlichen Spezies anführen zu
-können. Und es scheint mir selbst, dass nichts weniger als ein langes
-Verzeichniss solcher Beispiele genügend seye, die Schwierigkeiten der
-Erklärung eines so eigenthümlichen Falles zu beseitigen, wie der von
-der Fledermaus ist.</p>
-
-<p>Sehen wir uns in der Familie der Eichhörnchen um, so finden wir da die
-erste schwache Übergangs-Stufe zu den sogen. fliegenden Fleder-Mäusen
-angedeutet in dem zweizeilig abgeplatteten Schwanze der einen und, nach
-J. R<span class="smaller">ICHARDSON</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung, in dem verbreiterten Hintertheile
-und der volleren Haut an den Seiten des Körpers der andern Arten; denn
-bei Flughörnchen sind die Hintergliedmassen und selbst der Anfang des
-Schwanzes durch eine ansehnliche Ausbreitung der Haut mit einander
-verbunden, welche als Fallschirm dient und diese Thiere befähigt, auf
-erstaunliche Entfernungen von einem Baum zum andern durch die Luft zu
-gleiten. Es ist kein Zweifel, dass jeder Art von Eichhörnchen in deren
-Heimath jeder Theil dieser eigenthümlichen Organisation nützlich ist,
-indem er sie in den Stand setzt den Verfolgungen der Raubvögel oder
-andrer Raubthiere zu entgehen, reichlichere Nahrung einzusammeln und
-zweifelsohne auch die Gefahr jeweiligen Fallens zu vermindern. Daraus
-folgt aber noch nicht, dass die Organisation eines jeden Eichhörnchens
-auch die bestmögliche für alle natürlichen Verhältnisse seye. Gesetzt,
-Klima und Vegetation verändern sich, neue Nagethiere treten als
-Mitbewerber auf, und neue Raubthiere wandern ein oder alte erfahren
-eine Abänderung, so müssten wir aller Analogie nach auch vermuthen,
-dass wenigstens einige der Eichhörnchen sich an Zahl vermindern oder
-ganz aussterben werden, wenn ihre Organisation nicht ebenfalls in
-entsprechender Weise abgeändert und verbessert wird. Daher ich, zumal
-bei einem Wechsel der äussern Lebens-Bedingungen, keine Schwierigkeit
-für die Annahme finde, dass Individuen mit immer vollerer Seiten-Haut
-vorzugsweise<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> dürften erhalten werden, weil dieser Charakter erblich
-und jede Verstärkung desselben nützlich ist, bis durch Häufung aller
-einzelnen Effekte dieses Prozesses natürlicher Züchtung aus dem
-Eichhörnchen endlich ein Flughörnchen geworden ist.</p>
-
-<p>Sehen wir nun den fliegenden Lemur oder den Galeopithecus an, welcher
-vordem irriger Weise zu den Fledermäusen versetzt worden ist. Er
-hat eine sehr breite Seitenhaut, welche von den Hinterenden der
-Kinnladen bis zum Schwanze erstreckt die Beine und verlängerten Finger
-einschliesst, auch mit einem Ausbreiter-Muskel versehen ist. Obwohl
-jetzt keine vermittelnden Zwischenstufen zwischen den gewöhnlichen
-Lemuriden und dem durch die Luft gleitenden Galeopithecus vorhanden
-sind, so sehe ich doch keine Schwierigkeiten für die Annahme, dass
-solche Zwischenglieder einmal existirt und sich auf ähnliche Art von
-Stufe zu Stufe entwickelt haben, wie oben die zwischen den Eich-
-und Flug-Hörnchen, indem jeder weitere Schritt zur Verbesserung der
-Organisation in dieser Richtung für den Besitzer von Nutzen war. Auch
-kann ich keine unüberwindliche Schwierigkeit erblicken weiter zu
-unterstellen, dass sowohl der Vorderarm als die durch die Flughaut
-verbundenen Finger des Galeopithecus sich in Folge Natürlicher Züchtung
-allmählich verlängert haben, und Diess würde genügen denselben, was die
-Flugwerkzeuge betrifft, in eine Fledermaus zu verwandeln. Bei jenen
-Fledermäusen, deren Flughaut nur von der Schulter bis, unter Einschluss
-der Hinterbeine, zum Schwanze geht, sehen wir vielleicht noch die
-Spuren einer Vorrichtung, welche ursprünglich mehr dazu gemacht war
-durch die Luft zu gleiten, als zu fliegen.</p>
-
-<p>Wenn etwa ein Dutzend eigenthümlich gebildeter Vogel-Sippen erloschen
-oder uns unbekannt geblieben wären, wie hätten wir nur die Vermuthung
-wagen dürfen, dass es jemals Vögel gegeben habe, welche gleich der
-Dickkopf-Ente (Micropterus E<span class="smaller">YTON</span>’<span class="smaller">S</span>) ihre Flügel nur wie
-Klappen zum Flattern über dem Wasserspiegel hin, oder gleich den
-Fettgänsen wie Ruder im Meere und wie Vorderbeine auf dem Lande
-oder gleich dem Strausse wie Seegel zur Beförderung des Laufes
-gebrauchten, oder endlich gleich dem Apteryx gar nicht benützten.
-Und doch<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> ist die Organisation eines jeden dieser Vögel unter den
-Lebens-Bedingungen, worin er sich befindet und um sein Daseyn kämpft,
-für ihn vortheilhaft, wenn auch nicht nothwendig die beste unter
-allen möglichen Einrichtungen. Aus diesen Bemerkungen soll übrigens
-nicht gefolgert werden, dass irgend eine der eben angeführten
-Abstufungen der Flügel-Bildungen, die vielleicht alle nur Folge des
-Nichtgebrauches sind, einer natürlichen Stufen-Reihe angehöre, auf
-welcher emporsteigend die Vögel das vollkommene Flug-Vermögen erlangt
-haben; aber sie können wenigstens zu zeigen dienen, was für mancherlei
-Wege des Übergangs möglich sind.</p>
-
-<p>Wenn man sieht, dass eine kleine Anzahl Thiere aus den Wasser-athmenden
-Klassen der Kruster und Mollusken zum Leben auf dem Lande geschickt
-sind, wenn man sieht, dass es fliegende Vögel, fliegende Säugthiere,
-fliegende Insekten von den verschiedenartigsten Typen gibt und vordem
-auch fliegende Reptilien gegeben hat, so wird es auch begreiflich, dass
-fliegende Fische, welche jetzt mit Hilfe ihrer flatternden Brustflossen
-sich in schiefer Richtung über den See-Spiegel erheben und in weitem
-Bogen durch die Luft gleiten, allmählich zu vollkommen beflügelten
-Thieren umgewandelt werden können. Und wäre Diess einmal bewirkt, wer
-würde sich dann je einbilden, dass sie in einer früheren Zeit Bewohner
-des offenen Meeres gewesen seyen und ihre beginnenden Flug-Organe, wie
-uns jetzt bekannt, bloss dazu gebraucht haben, dem Rachen andrer Fische
-zu entgehen.</p>
-
-<p>Wenn wir ein Organ zu irgend einem besondren Zwecke hoch ausgebildet
-sehen, wie eben die Flügel des Vogels zum Fluge, so müssen wir
-bedenken, dass solche Thiere auf der ersten Anfangs-Stufe dieser
-Bildung stehend selten die Aussicht hatten sich bis auf unsre Tage
-zu erhalten, eben weil sie durch den Vervollkommnungs-Prozess der
-Natürlichen Züchtung immer wieder von andren weiter fortgeschrittenen
-Formen ersetzt worden seyn müssen. Wir werden ferner bedenken,
-dass Übergangs-Stufen zwischen zu ganz verschiedenen Lebens-Weisen
-dienenden Bildungen in früherer Zeit selten in grosser Anzahl und
-mit mancherlei untergeordneten Formen ausgebildet worden seyn mögen.
-Doch, um zu unsrem fliegenden Fische zurückzukehren,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> so scheint es
-nicht sehr glaublich, dass zu wirklichem Fluge befähigte Fische in
-vielerlei untergeordneten Formen zur Erhaschung von mancherlei Beute
-auf mancherlei Wegen, zu Wasser und zu Land entwickelt worden seyen,
-bis dieselben ein entschiedenes Übergewicht über andre Thiere im
-Kampf ums Daseyn erlangten. Daher die Wahrscheinlichkeit, Arten auf
-Übergangsstufen der Organisation noch im fossilen Zustande zu entdecken
-immer nur gering seyn wird, weil sie in geringerer Anzahl als die Arten
-mit völlig entwickelten Bildungen existirt haben.</p>
-
-<p>Ich will nun zwei oder drei Beispiele abgeänderter und
-auseinander-gelaufener Lebensweisen bei Individuen einer nämlichen
-Art anführen. Vorkommenden Falles wird es der Natürlichen Züchtung
-leicht seyn, ein Thier durch irgend eine Abänderung seines Baues
-für seine veränderte Lebensweise oder ausschliesslich für nur eine
-seiner verschiedenen Gewohnheiten geschickt zu machen. Es ist aber
-schwer und für uns unwesentlich zu sagen, ob im Allgemeinen zuerst
-die Gewohnheiten und dann die Organisation sich ändere, oder ob
-geringe Modifikationen des Baues zu einer Änderung der Gewohnheiten
-führen; wahrscheinlich ändern beide gleichzeitig ab. Was Änderung
-der Gewohnheiten betrifft, so würde es genügen auf die Menge
-<i>Britischer</i> Insekten-Arten zu verweisen, welche jetzt von
-ausländischen Pflanzen oder ganz ausschliesslich von Kunst-Erzeugnissen
-leben. Vom Auseinandergehen der Gewohnheiten liessen sich zahllose
-Beispiele anführen. Ich habe oft eine <i>Südamerikanische</i>
-Würger-Art (Saurophagus sulphuratus) beobachtet, als sie wie ein
-Thurmfalke über einem Fleck und dann wieder über einem andern schwebte
-und ein andermal steif am Rande des Wassers stund und dann plötzlich
-wie ein Eisvogel auf einen Fisch hinabstürzte. In unsrer eignen Gegend
-sieht man die Kohlmeise (Parus major) bald fast wie einen Baumläufer
-an den Zweigen herum klimmen, bald nach Art des Würgers kleine Vögel
-durch Hiebe auf den Kopf tödten; oft habe ich sie die Saamen des
-Eibenbaumes auf einem Zweige aufhämmern und dann wieder sie wie ein
-Nusshacker aufbrechen sehen. In <i>Nord-Amerika</i> schwimmt nach
-H<span class="smaller">EARNE</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung der schwarze Bär bis vier Stunden<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> lang
-mit weit geöffnetem Munde im Wasser umher, um fast nach Art der Wale
-Wasser-Insekten zu fangen<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p>
-
-<p>Da wir zuweilen Individuen Gewohnheiten befolgen sehen, welche von
-denen andrer Individuen ihrer Art und andrer Arten ihrer Sippe weit
-abweichen, so hätten wir nach meiner Theorie zu erwarten, dass solche
-Individuen mitunter zur Entstehung neuer Arten mit abweichenden Sitten
-und einer mehr oder weniger modifizirten Organisation Veranlassung
-geben. Und solche Fälle kommen in der Natur vor. Kann es ein
-treffenderes Beispiel von Anpassung geben, als den Specht, welcher an
-Bäumen umherklettert, um Insekten in den Rissen der Rinde aufzusuchen?
-Und doch gibt es in <i>Nord-Amerika</i> Spechte, welche grossentheils
-von Früchten leben, und andre mit verlängerten Flügeln, welche Insekten
-im Fluge haschen; und auf den Ebenen von <i>La Plata</i>, wo nicht
-ein Baum wächst, gibt es einen Specht (Colaptes campestris), welcher
-zwei Zehen vorn und zwei hinten, eine lange spitze Zunge, steife
-Schwanz-Federn und einen geraden kräftigen Schnabel besitzt. Doch
-sind die Schwanzfedern weniger steif als bei den typischeren Arten,
-und dienen dem Vogel, wenn er sich senkrecht zum Boden herablassen
-will. Auch der Schnabel ist weniger gerade, obwohl stark genug, um ihn
-ins Holz einzuhacken. Eine andere Erläuterung der verschiedenartigen
-Gewohnheiten dieser Vögel-Gruppe bietet nur ein <i>Mexikanischer</i>
-Colaptes dar, welcher nach <span class="smaller">DE</span> S<span class="smaller">AUSSURE</span> Löcher in hartem Holze
-aushöhlt um einen Vorrath von Eicheln für seine künftige Verzehrung
-darin unterzubringen. Demnach ist der Specht von <i>La Plata</i> in
-allen wesentlichen Theilen seiner Organisation ein ächter Specht und
-ist auch bis vor kurzem in der typischen Sippe untergebracht worden.
-So unbedeutende Charaktere sogar wie seine Färbung, der schrille Ton
-seiner Stimme und sein welliger Flug, Alles überzeugte mich von seiner
-nahen Bluts-Verwandtschaft mit unseren gewöhnlichen Spechten. Aber
-dieser Specht klettert, wie auch der genaue A<span class="smaller">ZARA</span> bereits
-versichert, niemals an Bäumen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
-
-<p>Sturmvögel sind unter allen Vögeln diejenigen, die am besten fliegen
-und am meisten an das hohe Meer gebunden sind; und doch gibt es in den
-ruhigen stillen Meerengen des Feuerlandes eine Art, Puffinuria Berardi,
-die nach ihrer Lebensweise im Allgemeinen, nach ihrer erstaunlichen
-Fähigkeit zu tauchen, nach ihrer Art zu schwimmen und zu fliegen, wenn
-sie gegen ihren Willen zu fliegen genöthigt wird, von Jedem für einen
-Alk oder Lappentaucher (Colymbus) gehalten werden würde; sie ist aber
-ihrem Wesen nach ein Sturmvogel nur mit einigen tief eindringenden
-Änderungen der Organisation; während am Spechte von <i>La Plata</i>
-der Körper-Bau nur unbedeutende Veränderungen erfahren hat. Bei der
-Wasseramsel (Cinclus) dagegen würde man auch bei der genauesten
-Untersuchung des Körpers nicht die mindeste Spur von ihrer ans
-Wasser gebundenen Lebens-Weise zu entdecken im Stande seyn. Und doch
-verschafft sich dieses so abweichende Glied der Drossel-Familie seinen
-ganzen Unterhalt nur durch Tauchen, durch Aufscharren des Gerölles mit
-seinen Füssen und durch Anwendung seiner Flügel unter Wasser.</p>
-
-<p>Wer glaubt, dass jedes Wesen so geschaffen worden seye, wie wir es
-jetzt erblicken, muss schon manchmal überrascht gewesen seyn, ein
-Thier zu finden, dessen Organisation und Lebensweise durchaus nicht
-miteinander in Einklang stunden. Was kann klarer seyn, als dass die
-Füsse der Enten und Gänse mit der grossen Haut zwischen den Zehen
-zum Schwimmen gemacht sind? und doch gibt es Gänse mit solchen
-Schwimmfüssen, welche selten oder nie ins Wasser gehen; — und ausser
-A<span class="smaller">UDUBON</span> hat noch Niemand den Fregattvogel, dessen vier Zehen
-durch eine Schwimmhaut verbunden sind, sich auf den Spiegel des Meeres
-niederlassen sehen. Andrerseits sind Lappentaucher und Wasserhühner
-ausgezeichnete Wasser-Vögel, und doch sind ihre Zehen nur mit einer
-Schwimmhaut gesäumt. Was scheint klarer zu seyn, als dass die langen
-Zehen der Sumpf-Vögel ihnen dazu gegeben sind, damit sie über
-Sumpf-Boden und schwimmende Wasser-Pflanzen hinwegschreiten können,
-und doch ist das Rohrhuhn (Ortygometra) fast eben so sehr Wasser-Vogel
-als das Wasserhuhn, und die Ralle fast eben so sehr Land-Vogel als
-die<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Wachtel oder das Feldhuhn. Man kann sagen, der Schwimmfuss seye
-verkümmert in seiner Verrichtung, aber nicht in seiner Form. Beim
-Fregattvogel dagegen zeigt der tiefe Ausschnitt der Schwimmhaut
-zwischen den Zehen, dass eine Veränderung der Fuss-Bildung begonnen hat.</p>
-
-<p>Wer an zahllose getrennte Schöpfungs-Akte glaubt, wird sagen, dass
-es in diesen Fällen dem Schöpfer gefallen hat, ein Wesen von dem
-einen Typus für den Platz eines Wesens von dem andren Typus zu
-bestimmen. Diess scheint mir aber wieder dieselbe Sache, nur in einer
-Würde-volleren Fassung. Wer an den Kampf um’s Daseyn und an das
-Princip der Natürlichen Züchtung glaubt, der wird anerkennen, dass
-jedes organische Wesen beständig nach Vermehrung seiner Anzahl strebt
-und dass, wenn es in Organisation oder Gewohnheiten auch noch so
-wenig variirt, aber hiedurch einen Vortheil über irgend einen andern
-Bewohner der Gegend erlangt, es dessen Stelle einnehmen kann, wie
-verschieden dieselbe auch von seiner eignen bisherigen Stelle seyn mag.
-Er wird desshalb nicht darüber erstaunt seyn, Gänse und Fregatt-Vögel
-mit Schwimmfüssen zu sehen, wovon die einen auf dem trocknen Lande
-leben und die andern sich nur selten aufs Wasser niederlassen, oder
-langzehige Rohrhühner (Crex) zu finden, welche auf Wiesen statt in
-Sümpfen wohnen; oder dass es Spechte gibt, wo keine Bäume sind, dass
-Drosseln unters Wasser tauchen und Sturmvögel wie Alke leben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Organe von äusserster Vollkommenheit und Zusammengesetztheit.</em>)
-Die Annahme, dass sogar das Auge mit allen seinen der Nachahmung
-unerreichbaren Vorrichtungen, um den Focus den manchfaltigsten
-Entfernungen anzupassen, verschiedene Licht-Mengen zuzulassen und
-die sphärische und chromatische Abweichung zu verbessern, nur durch
-Natürliche Züchtung zu dem geworden seye, was es ist, scheint, ich
-will es offen gestehen, im höchsten möglichen Grade absurd zu seyn.
-Als es zum ersten Male ausgesprochen wurde, dass die Sonne stille
-stehe und die Erde sich um ihre Achse drehe, erklärte der gemeine
-Sinn des Menschen diese Lehre für falsch; aber<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> das alte Sprichwort
-„vox populi, vox dei“ hat in der Wissenschaft keine Geltung. Und doch
-sagt mir die Vernunft, dass, wenn zahlreiche Abstufungen von einem
-vollkommenen und zusammengesetzten bis zu einem ganz einfachen und
-unvollkommenen Auge, alle nützlich für ihren Besitzer, vorhanden sind,
-— wenn das Auge etwas zu variiren geneigt ist und seine Abänderungen
-erblich sind, was sicher der Fall ist, — wenn eine mehr und weniger
-beträchtliche Abänderung eines Organes immer nützlich ist für ein
-Thier, dessen äusseren Lebens-Bedingungen sich ändern: dann scheint
-der Annahme, dass ein vollkommenes und zusammengesetztes Auge durch
-Natürliche Züchtung gebildet werden könne, doch keine wesentliche
-Schwierigkeit mehr entgegenzustehen, wie schwierig auch die Vorstellung
-davon für unsre Einbildungskraft seyn mag. Die Frage, wie ein Nerv
-für Licht empfindlich werde, beunruhigt uns schwerlich mehr, als die,
-wie das Leben selbst ursprünglich entstehe. Jedoch will ich bemerken,
-dass verschiedene Thatsachen mich zur Vermuthung bringen, dass jeder
-sensitive Nerv für Licht und ebenso für jene gröberen Schwingungen der
-Luft empfindlich gemacht werden könne, welche den Ton hervorbringen.</p>
-
-<p>Was die Abstufungen betrifft, mittelst welcher ein Organ in irgend
-einer Spezies vervollkommnet worden ist, so sollten wir dieselbe
-allerdings nur in gerader Linie bei ihren Vorgängern aufsuchen. Diess
-ist aber schwerlich jemals möglich, und wir sind jedenfalls genöthigt
-uns unter den Arten derselben Gruppe, d.&#160;h. bei den Seitenverwandten
-von gleicher Abstammung mit der ersten, umzusehen um zu erkennen, was
-für Abstufungen möglich sind, und ob es wahrscheinlich, dass irgend
-welche Abstufungen von den ersten Stamm-Ältern an ohne alle oder mit
-nur geringer Abänderung auf die jetzigen Nachkommen übertragen worden
-seyen. Unter den jetzt lebenden Wirbelthieren finden wir nur eine
-geringe Abstufung in der Bildung des Auges (obwohl der Fisch Amphioxus
-ein sehr einfaches Auge ohne Linse besitzt), und an fossilen Wesen
-lässt sich keine Untersuchung mehr darüber anstellen. Wir hätten
-wahrscheinlich weit vor die untersten Fossilien-führenden Schichten
-zurückzugehen,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> um die ersten Stufen der Vervollkommnung des Auges in
-diesem Kreise des Thier-Reichs zu entdecken.</p>
-
-<p>Im Unterreiche der Kerbthiere kann man von einem einfach mit Pigment
-überzogenen Sehnerven ausgehen, der oft eine Art Pupille bildet,
-aber ohne Krystall-Linse und sonstige optische Vorrichtung ist. Von
-diesem Augen-Rudimente, welches etwa Licht von Dunkelheit, aber nichts
-weiter zu unterscheiden im Stande ist, schreitet die Vervollkommnung
-in zwei Richtungen fort, welche J. M<span class="smaller">ÜLLER</span> von Grund aus
-verschieden glaubt; sie führt nämlich entweder 1) zu Stemmata oder
-sogen. „einfachen Augen“ mit Krystall-Linse und Hornhaut versehen, oder
-2) zu „zusammengesetzten Augen“, welche allein oder hauptsächlich nur
-dadurch wirken, dass sie alle Strahlen, welche von irgend einem Punkte
-des gesehenen Gegenstandes kommen, bis auf denjenigen Strahlenbüschel
-ausschliessen, welcher senkrecht auf die konvexe Netzhaut fällt.
-Diesen zusammengesetzten Augen nun mit Verschiedenheiten ohne Ende in
-Form, Verhältniss, Zahl und Stellung der durchsichtigen mit Pigment
-überzogenen Kegel, welche nur durch Ausschliessung wirken, gesellt sich
-bald noch eine mehr oder weniger vollkommene Konzentrirungs-Vorrichtung
-bei, indem in den Augen der Meloe z.&#160;B. die Facetten der Cornea aussen
-und innen etwas konvex, mithin Linsen-förmig werden. Viele Kruster
-haben eine doppelte Cornea, eine äussre glatte und eine innre in
-Facetten getheilte, in deren Substanz nach M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span>
-„renflemens lenticulaires paraissent s’être développés“, und zuweilen
-lassen sich diese Linsen als eine besondre Schicht von der Cornea
-ablösen. Die durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel, von
-welchen M<span class="smaller">ÜLLER</span> angenommen, dass sie nur durch Ausschliessung
-divergenter Licht-Strahlenbüschel wirken, hängen gewöhnlich an der
-Cornea an, sind aber auch nicht selten davon abgesondert und zeigen
-eine konvexe äussre Fläche; sie müssen nach meiner Meinung in diesem
-Falle wie konvergirende Linsen wirken. Dabei ist die Struktur der
-zusammengesetzten Augen so manchfaltig, dass M<span class="smaller">ÜLLER</span> drei
-Hauptklassen derselben mit nicht weniger als sieben Unterabtheilungen
-nach ihrer Struktur annimmt. Er bildet eine vierte<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> Hauptklasse aus den
-„zusammengehäuften Augen“ oder Gruppen von Stemmata, welche nach seiner
-Erklärung den Übergang bilden von den Mosaik-artig „zusammengesetzten
-Augen“ ohne Konzentrations-Vorrichtung zu den Gesichts-Organen mit
-einer solchen.</p>
-
-<p>Wenn ich diese hier nur allzukurz und unvollständig angedeuteten
-Thatsachen, welche zeigen, dass es schon unter den jetzt lebenden
-Kerbthieren viele stufenweise Verschiedenheiten der Augen-Bildung gibt,
-erwäge und ferner bedenke, wie klein die Anzahl lebender Arten im
-Vergleich zu den bereits erloschenen ist, so kann ich (wenn auch mehr
-als in andern Bildungen) doch keine allzugrosse Schwierigkeit für die
-Annahme finden, dass der einfache Apparat eines von Pigment umgebenen
-und von durchsichtiger Haut bedeckten Sehnerven durch Natürliche
-Züchtung in ein so vollkommenes optisches Werkzeug umgewandelt worden
-seye, wie es bei den vollkommensten Kerbthieren gefunden wird.</p>
-
-<p>Wer nun weiter gehen will, wenn er beim Durchlesen dieses Buches
-findet, dass sich durch die Descendenz-Theorie eine grosse Menge von
-anderweitig unerklärbaren Thatsachen begreifen lasse, braucht kein
-Bedenken gegen die weitre Annahme zu haben, dass durch Natürliche
-Züchtung zuletzt auch ein so vollkommenes Gebilde, als das Adler-Auge
-ist, hergestellt werden könne, wenn ihm auch die Zwischenstufen
-in diesem Falle gänzlich unbekannt sind. Sein Verstand muss seine
-Einbildungs-Kraft überwinden. Doch habe ich selbst die Schwierigkeit
-viel zu gut gefühlt, als dass ich mich einigermaassen darüber wundern
-könnte, wenn Jemand es gewagt findet, die Theorie der Natürlichen
-Züchtung bis zu einer so erstaunlichen Weite auszudehnen.</p>
-
-<p>Man kann kaum vermeiden, das Auge mit einem Teleskop zu vergleichen.
-Wir wissen, dass dieses Werkzeug durch lang-fortgesetzte Anstrengungen
-der höchsten menschlichen Intelligenz verbessert worden ist, und
-folgern natürlich daraus, dass das Auge seine Vollkommenheit durch
-einen etwas ähnlichen Prozess erlangt habe. Sollte aber diese
-Vorstellung nicht bloss in der Einbildung beruhen? Haben wir ein Recht
-anzunehmen, der Schöpfer wirke, vermöge intellektueller Kräfte ähnlich
-denen des<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Menschen? Wollten wir das Auge einem optischen Instrumente
-vergleichen, so müssten wir in Gedanken eine dicke Schicht eines
-durchsichtigen Gewebes annehmen, getränkt mit Flüssigkeit und mit
-einem für Licht empfänglichen Nerven darunter, und dann unterstellen,
-dass jeder Theil dieser Schicht langsam aber unausgesetzt seine
-Dichte verändere, so dass verschiedene Lagen von verschiedener Dichte
-übereinander und in ungleichen Entfernungen von einander entstehen,
-und dass auch die Oberfläche einer jeden Lage langsam ihre Form ändre.
-Wir müssten ferner unterstellen, dass eine Kraft (die Natürliche
-Züchtung) vorhanden seye, welche beständig eine jede geringe zufällige
-Veränderung in den durchsichtigen Lagen genau beobachte und jede
-Abänderung sorgfältig auswähle, die unter veränderten Umständen in
-irgend einer Weise oder in irgend einem Grade ein deutlicheres Bild
-hervorzubringen geschickt wäre. Wir müssten unterstellen, jeder neue
-Zustand des Instrumentes werde mit einer Million vervielfältigt, und
-jeder werde so lange erhalten, bis ein bessrer hervorgebracht seye,
-dann aber zerstört. Bei lebenden Körpern bringt Variation jene geringen
-Verschiedenheiten hervor, Generation vervielfältigt sie in’s Unendliche
-und Natürliche Züchtung findet mit nie irrendem Takte jede Verbesserung
-zum Zwecke weiterer Vervollkommnung heraus. Denkt man sich nun diesen
-Prozess Millionen und Millionen Jahre lang und jedes Jahr an Millionen
-Individuen der manchfaltigsten Art fortgesetzt: sollte man da nicht
-erwarten, dass das lebende optische Instrument endlich in demselben
-Grade vollkommener als das gläserne werden müsse, wie des Schöpfers
-Werke überhaupt vollkommener sind, als die des Menschen?</p>
-
-<p>Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen
-Vollendung nicht durch zahllose kleine aufeinander folgende
-Modifikationen erfolgen könnte, so müsste meine Theorie unbedingt
-zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden.
-Zweifelsohne bestehen viele Organe, deren Vervollkommnungs-Stufen wir
-nicht kennen, insbesondre bei sehr vereinzelt stehenden Arten, deren
-verwandten Formen nach meiner Theorie in weitem Umkreise erloschen
-sind. So muss auch, wo<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> es sich um ein allen Gliedern eines Unterreichs
-gemeinsames Organ handelt, dieses Organ schon in einer sehr frühen
-Vorzeit gebildet worden seyn, weil sich nachher erst alle Glieder
-dieses Unterreichs entwickelt haben; und wenn wir die frühesten
-Übergangs-Stufen entdecken wollten, welche das Organ zu durchlaufen
-hatte, so müssten wir uns bei den frühesten Anfangs-Formen umsehen,
-welche jetzt schon längst wieder erloschen sind.</p>
-
-<p>Wir müssen uns wohl bedenken zu behaupten, ein Organ habe nicht durch
-stufenweise Veränderungen irgend einer Art gebildet werden können. Man
-könnte zahlreiche Fälle anführen, wie bei den niederen Thieren ein und
-dasselbe Organ ganz verschiedene Verrichtungen besorgt: athmet doch und
-verdaut und exzernirt der Nahrungskanal in der Larve der Drachenfliege
-wie in dem Fische Cobitis. Wendet man die Hydra wie einen Handschuh um,
-das Innere nach aussen, so verdaut die äussre Oberfläche und die innre
-athmet. In solchen Fällen hätte durch die Natürliche Züchtung ganz
-leicht ein Theil oder Organ, welches bisher zweierlei Verrichtungen
-gehabt hat, ausschliesslich nur für einen der beiden Zwecke ausgebildet
-und die ganze Natur des Thieres allmählich umgeändert werden können,
-wenn Diess für dasselbe von Anfang an nützlich gewesen wäre. Gewisse
-Pflanzen, wie namentlich einige Hülsen-Gewächse, Violaceen u.&#160;a.
-bringen zwei Arten von Blüthen, die einen mit der ihrer Ordnung
-zustehenden Bildung, die andern verkümmert, aber zuweilen fruchtbarer
-als die ersten. Unterliesse nun eine solche Pflanze mehre Jahre lang
-Blüthen der ersten Art zu bringen, wie es ein in <i>Frankreich</i>
-eingeführtes Exemplar von Aspicarpa wirklich gethan, so würde in der
-That eine grosse und plötzliche Umwandlung in der Natur der Pflanze
-eintreten. Zwei verschiedene Organe verrichten zuweilen mit einander
-einerlei Dienste in demselben Individuum, wie es z.&#160;B. Fische gibt mit
-Kiemen, womit sie die im Wasser vertheilte Luft einathmen, während
-sie zu gleicher Zeit atmosphärische Luft mit ihrer Schwimmblase zu
-athmen im Stande sind, welche zu dem Ende durch einen Luftgang mit dem
-Schlunde verbunden und innerlich von sehr Gefäss-reichen Zwischenwänden
-durchzogen ist (Lepidosiren). In diesem Falle kann<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> leicht eines von
-beiden Organen verändert und so vervollkommnet werden, dass es immer
-mehr die ganze Arbeit allein übernimmt, während das andre entweder zu
-einer neuen Bestimmung übergeht oder gänzlich verkümmert.</p>
-
-<p>Diess Beispiel von der Schwimmblase der Fische ist sehr belehrend, weil
-es uns die hoch-wichtige Thatsache zeigt, wie ein ursprünglich zu einem
-besondern Zwecke, zum Schwimmen nämlich, gebildetes Organ für eine ganz
-andre Verrichtung umgeändert werden kann, und zwar für die Athmung.
-Auch ist die Schwimmblase als ein Nebenbestandtheil für das Gehör-Organ
-mancher Fische mit verarbeitet worden, oder es ist (ich weiss nicht,
-welche Deutungs-Weise jetzt am allgemeinsten angenommen wird) ein Theil
-des Gehör-Organes zur Ergänzung der Schwimmblase verwendet worden.
-Alle Physiologen geben zu, dass die Schwimmblase in Lage und Struktur
-„homolog“ oder „ideal gleich“ seye den Lungen höherer Wirbelthiere;
-daher die Annahme, Natürliche Züchtung habe eine Schwimmblase in eine
-Lunge oder ein ausschliessliches Athem-Organ verwandelt, keinem grossen
-Bedenken zu unterliegen scheint.</p>
-
-<p>Ich kann in der That kaum bezweifeln, dass alle Wirbelthiere mit
-ächten Lungen auf dem gewöhnlichen Fortpflanzungs-Wege von einem alten
-unbekannten Urbilde mit einem Schwimm-Apparat oder einer Schwimmblase
-herstammen. So mag man sich, wie ich aus Professor O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span>
-interessanter Beschreibung dieser Theile entnehme, die sonderbare
-Thatsache erklären, wie es komme, dass jedes Theilchen von Speise und
-Trank, die wir zu uns nehmen, über die Mündung der Luftröhre weggleiten
-muss mit einiger Gefahr in die Lungen zu fallen, der sinnreichen
-Einrichtung ungeachtet, wodurch der Kehldeckel geschlossen wird. Bei
-den höheren Wirbelthieren sind die Kiemen gänzlich verschwunden, aber
-die Spalten an den Seiten des Halses und der Schlingen-förmige Verlauf
-der Arterien scheinen in dem Embryo des Menschen noch ihre frühere
-Stelle anzudeuten. Doch wäre es begreiflich gewesen, wenn die jetzt
-gänzlich verschwundenen Kiemen durch Natürliche Züchtung zu einem
-ganz andern Zwecke umgearbeitet worden wären; wie nach der Ansicht
-einiger Naturforscher,<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> dass die Kiemen und Rückenschuppen gewisser
-Ringelwürmer mit den Flügeln und Flügeldecken der sechsfüssigen
-Insekten homolog sind, es wahrscheinlich wäre, dass Organe, die in sehr
-alter Zeit zur Athmung gedient, jetzt zu Flug-Organen umgewandelt seyen.</p>
-
-<p>Was den Übergang der Organe zu andern Funktionen betrifft, ist es so
-wichtig sich mit der Möglichkeit desselben vertraut zu machen, dass ich
-noch ein weiteres Beispiel anführen will. Die gestielten Rankenfüsser
-(Cirripedes) haben zwei kleine Hautfalten, von mir Eier-Zügel genannt,
-welche bestimmt sind mittelst einer klebrigen Absonderung die Eier
-zurückzuhalten, so lange sie im Eierstock ausgebrütet werden. Diese
-Rankenfüsser haben keine Kiemen, indem die ganze Oberfläche des Körpers
-und Sackes mit Einschluss der kleinen Zügel zur Athmung dient. Die
-Balaniden oder sitzenden Cirripeden dagegen haben keine solche Zügel,
-indem die Eier lose auf dem Grunde des Sackes in der wohl geschlossenen
-Schaale liegen; aber sie haben in derselben relativen Lage grosse
-faltige Membranen, welche mit den Kreislaufkanälen des Sacks und des
-Körpers frei kommuniziren und von R. O<span class="smaller">WEN</span> und allen andren
-mit dem Gegenstand vertrauten Anatomen für Kiemen erklärt worden sind.
-Nun denke ich, wird Niemand bestreiten, dass die Eier-Zügel der einen
-Familie homolog mit den Kiemen der andern sind, wie sie denn auch in
-der That stufenweise in einander übergehen. Daher bezweifle ich nicht,
-dass kleine Hautfalten, welche hier anfangs als Eier-Zügel gedient und
-in geringem Grade schon bei der Athmung mitgewirkt, durch Natürliche
-Züchtung stufenweise in Kiemen verwandelt worden sind bloss durch
-Vermehrung ihrer Grösse bei gleichzeitiger Verkümmerung der ihnen
-anhängenden Drüsen. Wären alle gestielten Cirripeden erloschen (und
-sie haben bereits mehr Vertilgung erfahren als die sitzenden): wie
-hätten wir uns je denken können, dass die Athmungs-Organe der Balaniden
-ursprünglich den Zweck gehabt hätten, die zu frühzeitige Ausführung der
-Eier aus dem Eiersack zu verhindern?</p>
-
-<p>Obwohl ich gemahnt habe vorsichtig bei der Annahme zu seyn, dass ein
-Organ nicht möglicher Weise durch ganz allmähliche<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Übergänge gebildet
-worden seyn könne, so gebe ich doch gerne zu, dass sehr schwierige
-Fälle vorkommen mögen, deren einige ich in meinem grösseren Werke zu
-erörtern gedenke.</p>
-
-<p>Einen der schwierigsten bilden die Geschlecht-losen Kerbthiere, die
-oft sehr abweichend sowohl von den Männchen als den fruchtbaren
-Weibchen ihrer Spezies gebildet sind, auf welchen Fall ich jedoch
-im nächsten Kapitel zurückkommen will. Die elektrischen Organe der
-Fische bieten einen andren Fall von eigenthümlicher Schwierigkeit dar;
-es ist unbegreiflich, durch welche Abstufungen die Bildung dieser
-wundersamen Organe bewirkt worden seyn mag. Doch gleicht nach
-R. O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span> u. A. Bemerkung ihre innerste Struktur ganz derjenigen
-gewöhnlicher Muskeln, und da unlängst gezeigt worden, dass Rochen ein
-dem elektrischen Apparate ganz analoges Organ besitzen, aber nach
-M<span class="smaller">ATTEUCCI</span>’<span class="smaller">S</span> Versicherung keine Elektricität entladen, so
-müssen wir gestehen, dass wir viel zu unwissend sind um behaupten zu
-dürfen, dass kein Übergang irgend einer Art möglich seye.</p>
-
-<p>Die elektrischen Organe bieten aber noch andre sehr ernstliche
-Schwierigkeiten dar. Wenn ein und dasselbe Organ in verschiedenen
-Gliedern einer Klasse und zumal mit sehr auseinander-gehenden
-Gewohnheiten auftritt, so mag man seine Anwesenheit in diesen Gliedern
-durch Erbschaft von einem gemeinsamen Stamm-Vater und seine Abwesenheit
-in andern durch Verlust in Folge von Nichtgebrauch oder Natürlicher
-Züchtung erklären. Hätte sich aber das elektrische Organ von einem
-alten damit versehen gewesenen Vorgänger auf jene Fische vererbt, so
-dürften wir erwarten, dass alle noch elektrischen Fische auch sonst
-in näherer Weise mit einander verwandt seyen. Nun gibt aber die
-Paläontologie durchaus keine Veranlassung zu glauben, dass vordem
-die meisten Fische mit elektrischen Organen versehen gewesen seyen,
-welche fast alle ihre Nachkommen eingebüsst hätten. Die Anwesenheit
-leuchtender Organe in einigen wenigen Insekten aus den manchfaltigsten
-Familien und Ordnungen bietet einen damit gleichlaufenden schwierigen
-Fall dar. Man könnte deren noch mehr anführen, wie denn z.&#160;B. im
-Pflanzen-Reiche die ganz eigenthümliche Entwickelung einer Masse
-von Pollen-Körnern auf<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> einem Fussgestelle mit einer klebrigen
-Drüse an dessen Ende bei Orchis und bei Asclepias, zweien unter den
-Blüthen-Pflanzen möglich weit auseinanderstehenden Sippen, ganz die
-nämliche ist. Doch kann man bemerken, dass in solchen Fällen, wo zwei
-sehr verschiedene Arten mit anscheinend demselben anomalen Organe
-versehen sind, doch gewöhnlich einige Grund-Verschiedenheiten sich
-daran entdecken lassen. Ich möchte glauben, dass fast in gleicher
-Weise, wie zwei Menschen zuweilen unabhängig von einander auf genau
-die nämliche Entdeckung verfallen sind, so habe auch die Natürliche
-Züchtung, zum Besten eines jeden Wesens wirkend und von allen analogen
-Abänderungen Vortheil ziehend, zuweilen zwei Theile auf fast ganz
-gleiche Weise in zwei organischen Wesen modifizirt, welche ihrer
-Abstammung von einem nämlichen Stamm-Vater nur wenig Gemeinsames in
-ihrer Organisation verdanken.</p>
-
-<p>Obwohl es in vielen Fällen sehr schwer ist zu errathen, durch welche
-Übergänge die Organe zu ihrer jetzigen Beschaffenheit gelangt seyen, so
-bin ich doch, in Betracht der sehr geringen Anzahl noch lebender und
-bekannter gegenüber den untergegangenen und unbekannten Formen, sehr
-darüber erstaunt gewesen zu finden, wie selten ein Organ vorkommt, zu
-welchem leicht einige Übergangs-Stufen führten. Es ist gewiss nicht
-wahr, dass neue Organe oft plötzlich in einer Klasse erscheinen, als
-ob sie derselben für irgend einen besondren Zweck erst anerschaffen
-worden wären; — und wie es auch schon durch die alte obwohl etwas
-übertriebene naturgeschichtliche Regel „Natura non facit saltum“
-anerkannt wird. Wir finden Diess in den Schriften fast aller erfahrenen
-Naturforscher angenommen; M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> hat es mit den Worten
-ausgedrückt: Die Natur ist verschwenderisch in Abänderungen, aber
-geitzig in Neuerungen. Wie sollte es nach der Schöpfungs-Theorie damit
-zugehen? woher sollte es kommen, dass alle Theile und Organe so vieler
-unabhängiger Wesen, wenn jedes derselben für seinen eignen Platz in
-der Natur erschaffen worden, doch durch ganz allmähliche Übergänge
-mit einander verkettet sind? Warum hätte die Natur nicht einen Sprung
-von der einen Organisation zur andern<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> gemacht? Nach der Theorie
-Natürlicher Züchtung dagegen können wir es klar begreifen, weil diese
-sich nur ganz kleine allmähliche Abänderungen zu Nutzen macht; sie kann
-nie einen Sprung machen, sondern muss mit kürzesten und langsamsten
-Schritten voranschreiten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Organe von anscheinend geringer Wichtigkeit.</em>) Da Natürliche
-Züchtung auf Leben und Tod arbeitet, indem sie nämlich Individuen
-mit vortheilhaften Abänderungen erhält und solche mit ungünstigen
-Abweichungen der Organisation unterdrückt, so schien mir manchmal die
-Entstehung einfacher Theile sehr schwer zu begreifen, deren Wichtigkeit
-nicht genügend erscheint, um die Erhaltung immer weiter abändernder
-Individuen zu begründen. Diese Schwierigkeit, obwohl von ganz andrer
-Art, schien mir manchmal eben so gross zu seyn als die hinsichtlich so
-vollkommener und zusammengesetzter Organe, wie die Augen.</p>
-
-<p>Erstens aber wissen wir viel zu wenig von dem ganzen Haushalte eines
-organischen Wesens, um sagen zu können, welche geringe Modifikationen
-für dasselbe wichtig seyn können, und ich habe in einem früheren
-Kapitel Beispiele von sehr geringen Charaktern, wie die Farbe der
-Haut und Haaren einiger Vierfüsser, oder wie der Flaum der Früchte
-und die Farbe ihres Fleisches angeführt, welche in so ferne, als
-sie auf die Angriffe der Insekten von Einfluss sind oder mit der
-Empfindlichkeit der Wesen für äussre Einflüsse im Zusammenhang stehen,
-bei der Natürlichen Züchtung gewiss mit in Betracht kommen. Der
-Schwanz der Giraffe sieht wie ein künstlich gemachter Fliegenwedel
-aus, und es scheint anfangs unglaublich, dass derselbe durch kleine
-aufeinanderfolgende Verbesserungen allmählich zur unbedeutenden
-Bestimmung eines solchen Instrumentes hergerichtet worden seyn
-solle. Doch hüten wir uns gerade in diesem Falle uns allzu bestimmt
-auszusprechen, indem wir ja wissen, dass Daseyn und Verbreitungs-Weise
-des Rindes u.&#160;a. Thiere in <i>Süd-Amerika</i> unbedingt von deren
-Vermögen abhängt den Angriffen der Insekten zu widerstehen; daher
-Individuen, welche einigermaassen mit Mitteln zur Vertheidigung gegen
-diese kleinen<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> Feinde versehen sind, geschickt wären sich mit grossem
-Vortheil über neue Weide-Plätze zu verbreiten. Nicht als ob grosse
-Säugthiere (einige seltene Fälle ausgenommen) jetzt durch Fliegen
-vertilgt würden; aber sie werden von ihnen so unausgesetzt ermüdet und
-geschwächt, dass sie Krankheiten, gelegentlichem Futter-Mangel und den
-Nachstellungen der Raubthiere in weit grössrer Anzahl erliegen.</p>
-
-<p>Organe von jetzt unwesentlicher Bedeutung können den ersten
-Stamm-Ältern zuweilen von hohem Werthe gewesen und nach früherer
-langsamer Vervollkommnung in ungefähr demselben Zustande auf deren
-Nachkommen vererbt worden seyn, obwohl deren nunmehriger Nutzen nur
-noch unbedeutend ist, während schädliche Abweichungen von dem früheren
-Baue durch Natürliche Züchtung fortdauernd gehindert werden. Wenn man
-beobachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der Schwanz
-für die meisten Wasser-Thiere ist, so lässt sich seine allgemeine
-Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken bei so vielen
-Land-Thieren, welche durch modifizirte Schwimmblasen oder Lungen ihre
-Abstammung aus dem Wasser verrathen, ganz wohl begreifen. Nachdem
-ein Wasser-Thier einmal mit einem wohl-entwickelten Steuer-Schwanze
-ausgestattet ist, kann derselbe später zu den manchfaltigsten Zwecken
-umgearbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerkzeug,
-oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie es beim Hunde
-der Fall ist, obwohl dieses Hilfsmittel nur schwach seyn mag, indem ja
-der Hase, fast ganz ohne Schwanz, sich rasch genug zu wenden im Stande
-ist.</p>
-
-<p>Zweitens: dürften wir mitunter Charakteren eine grosse Wichtigkeit
-zutrauen, die ihnen in Wahrheit nicht zukommt, und welche von ganz
-sekundären Ursachen unabhängig von Natürlicher Züchtung herrühren.
-Erinnern wir uns, dass Klima, Nahrung u.&#160;s.&#160;w. wahrscheinlich einigen
-kleinen Einfluss auf die Organisation haben; dass ältere Charaktere
-nach dem Gesetze der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen; dass
-Wechselbeziehungen in der Entwickelung einen oft bedeutenden Einfluss
-auf die Abänderung verschiedener Gebilde äussern, und endlich dass<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span>
-sexuelle Zuchtwahl oft wesentlich auf solche äussere Charaktere
-einer Thier-Art eingewirkt hat, welche dem mit andren kämpfenden
-Männchen eine bessre Waffe oder einen besondren Reiz in den Augen
-des Weibchens verliehen. Überdiess mag eine aus den genannten
-Ursachen hervorgegangene Abänderung der Struktur anfangs oft ohne
-Werth für die Art gewesen seyn, späterhin aber bei deren unter neue
-Lebens-Bedingungen versetzten und mit neuen Gewohnheiten versehenen
-Nachkommen an Bedeutung gewonnen haben.</p>
-
-<p>Ich will einige Beispiele zu Erläuterung dieser letzten Bemerkung
-anführen. Wenn es nur grüne Spechte gäbe und wir wüssten von schwarzen
-und bunten nichts, so würde ich mir zu sagen erlauben, dass die
-grüne Farbe eine schöne Anpassung und dazu bestimmt seye, diese an
-den Bäumen herumkletternden Vögel vor den Augen ihrer Feinde zu
-verbergen, dass es mithin ein für die Spezies wichtiger und durch
-Natürliche Züchtung erlangter Charakter seye; so aber, wie sich die
-Sache verhält, rührt die Färbung zweifelsohne von einer ganz andern
-Ursache und wahrscheinlich von geschlechtlicher Zuchtwahl her. Eine
-kletternde Palmen-Art im <i>Malayischen Archipel</i> steigt bis zu
-den höchsten Baum-Gipfeln empor mit Hilfe ausgezeichneter Ranken,
-welche Büschelweise an den Enden der Zweige befestigt sind, und diese
-Einrichtung ist zweifelsohne für die Pflanze von grösstem Nutzen.
-Da wir jedoch fast ähnliche Ranken an vielen Pflanzen sehen, welche
-nicht klettern, so mögen dieselben auch beim Bambus von unbekannten
-Wachsthums-Gesetzen herrühren und von der Pflanze erst später, als
-sie noch sonstige Abänderung erfuhr und ein Kletterer wurde, zu ihrem
-Vortheile benützt und weiter entwickelt worden seyn. Die nackte Haut
-am Kopfe des Geyers wird gewöhnlich als eine unmittelbare Anbequemung
-des oft in faulen Kadavern damit wühlenden Thieres betrachtet;
-inzwischen müssen wir vorsichtig seyn mit dieser Deutung, da ja auch
-die Kopfhaut des ganz säuberlich fressenden Wälschhahns nackt ist.
-Die Nähte an den Schädeln junger Säugthiere sind als eine schöne
-Anpassung zur Erleichterung der Geburt dargestellt worden, und ohne
-Zweifel begünstigen sie dieselbe oder sind<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> sogar unentbehrlich; da
-aber auch solche Nähte an den Schädeln junger Vögel und Reptilien
-vorkommen, welche nur aus einem zerbrochenen Eie zu schlüpfen nöthig
-haben, so dürfen wir schliessen, dass diese Bildungs-Weise von den
-Wachsthums-Gesetzen herrühre und den höheren Wirbelthieren dann nur
-gelegentlich auf jene Weise nütze.</p>
-
-<p>Wir wissen ganz und gar nichts über die Ursachen, welche die kleinen
-Abänderungen veranlassen und fühlen Diess am meisten, wenn wir über
-die Verschiedenheiten unsrer Hausthier-Rassen in andern Gegenden und
-zumal bei minder zivilisirten Völkern nachdenken, welche sich nicht
-mit planmässiger Züchtung befassen. Die in verschiedenen Gegenden von
-wilden Völkern gehaltenen Hausthiere haben oft um ihr eigenes Daseyn zu
-kämpfen; sie mögen bis zu einem gewissen Grade der Natürlichen Züchtung
-unterliegen, und Individuen mit nur wenig abweichender Konstitution
-gedeihen zuweilen am besten in verschiedenen Klimaten. Ein Beobachter
-versichert, dass das Rind bei gewisser Färbung den Angriffen der
-Fliegen mehr ausgesetzt, wie es auch empfänglicher für Gifte seye, so
-dass auf diese Weise die Farbe ein Gegenstand Natürlicher Züchtung
-werde. Andre Beobachter sind der Überzeugung, dass ein feuchtes Klima
-den Haarwuchs befördre und dass Horn und Haar in gleicher Beziehung
-stehe. Gebirgs-Rassen sind überall von Niederungs-Rassen verschieden,
-und Gebirgs-Gegenden werden wahrscheinlich auf die Hinterbeine
-und allenfalls auf das Becken wirken, sofern diese daselbst mehr
-in Anspruch genommen werden; nach dem Gesetze homologer Variation
-werden dann auch die vordren Gliedmaassen und wahrscheinlich der
-Kopf mit betroffen werden. Auch dürfte die Form des Beckens der
-Mutter durch Druck auf die Kopf-Form des Jungen in ihrem Leibe
-wirken. Wahrscheinlich vermehrt auch die schwierigere Athmung in
-hohen Gebirgen die Weite des Brust-Kastens, und Diess nicht ohne
-Einfluss auf noch andre Theile. Die Wirkung unterbleibender Übung auf
-die Gesammt-Organisation in Verbindung mit reichlichem Futter ist
-wahrscheinlich von noch grössrer Wichtigkeit; und darin liegt, wie von
-N<span class="smaller">ATHUSIUS</span> kürzlich nachgewiesen, offenbar eine Haupt-Ursache<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span>
-der grossen Veränderungen, welche die verschiedenen Schweine-Rassen
-erlitten haben. Wir haben aber viel zu wenig Erfahrung, um über
-die Vergleichungsweise Wichtigkeit der verschiedenen bekannten und
-unbekannten Abänderungs-Gesetze Betrachtungen anzustellen, und ich habe
-hier deren nur erwähnt um zu zeigen, dass, wenn wir nicht im Stande
-sind, die charakteristischen Verschiedenheiten unsrer kultivirten
-Rassen zu erklären, welche doch allgemeiner Annahme zufolge durch
-gewöhnliche Fortpflanzung entstanden sind, wir auch unsre Unwissenheit
-über die genaue Ursache geringer analoger Verschiedenheiten zwischen
-Arten nicht zu hoch anschlagen dürfen. Ich möchte in dieser Beziehung
-die so scharf ausgeprägten Unterschiede zwischen den Menschen-Rassen
-anführen, über deren Entstehung sich vielleicht einiges Licht
-verbreiten liesse durch die Annahme einer sexuellen Züchtung eigener
-Art; doch würde es unnütz seyn dabei zu verweilen, indem ich mich hier
-nicht auf die zur Erläuterung nöthigen Einzelheiten einlassen kann.</p>
-
-<p>Die voranstehenden Bemerkungen veranlassen mich auch einige Worte
-über die neuerlich von mehren Naturforschern eingelegte Verwahrung
-gegen die Nützlichkeits-Lehre zu sagen, nach welcher nämlich alle
-Einzelnheiten der Bildung zum Vortheil ihres Besitzers da seyn sollen.
-Dieselben sind der Meinung, dass sehr viele organische Gebilde nur der
-Manchfaltigkeit wegen vorhanden seyen oder um die Augen des Menschen
-zu ergötzen. Wäre diese Lehre richtig, so müssten sie meiner Theorie
-unbedingt verderblich werden. Doch gebe ich vollkommen zu, dass
-manche Bildungen von keinem unmittelbaren Nutzen für deren Besitzer
-sind. Die natürlichen Lebens-Bedingungen haben wahrscheinlich einigen
-geringen Einfluss auf die Organisation, möge diese zu irgend etwas
-nützen oder nicht. Wechselbeziehungen in der Entwickelung haben
-zweifelsohne ebenfalls einen sehr grossen Antheil, und die nützliche
-Abänderung eines Organes hat oft nutzlose Veränderungen auch in
-andern Theilen veranlasst. So können auch Charaktere, welche vordem
-nützlich gewesen, oder welche durch Wechselbeziehung in der früheren
-Entwickelung oder durch ganz unbekannte Ursache entstanden, nach<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> den
-Gesetzen der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen, wenngleich sie
-keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Wirkungen der geschlechtlichen
-Züchtung, soferne sie in das Weibchen fesselnden Reitzen beruhen,
-können nur in einem mehr gezwungenen Sinne nützlich genannt werden.
-Aber bei weitem die wichtigste Erwägung ist die, dass der Haupttheil
-der Organisation eines jeden Wesens einfach durch Erbschaft erworben
-ist, daher denn auch, obschon zweifelsohne jedes Wesen für seinen Platz
-im Haushalte der Natur ganz wohl gemacht seyn mag, viele Bildungen
-keine unmittelbaren Beziehungen mehr zur Lebensweise der gegenwärtigen
-Spezies haben. So können wir kaum glauben, dass der Schwimmfuss des
-Fregattvogels oder der Landgans (Chloephaga Maghellanica) diesen Vögeln
-von speciellem Nutzen seye; und wir können nicht annehmen, dass die
-nämlichen Knochen im Arme des Affen, im Vorderfuss des Pferdes, im
-Flügel der Fledermaus und im Ruder des Seehundes allen diesen Thieren
-einen speciellen Nutzen bringe. Wir mögen diese Bildungen getrost als
-Erbschaft ansehen; denn zweifelsohne sind Schwimmfüsse dem Stamm-Vater
-jener Gans und des Fregattvogels eben so nützlich gewesen, als sie den
-meisten jetzt lebenden Wasser-Vögeln sind. So dürfen wir vermuthen,
-dass der Stammvater des Seehunds nicht einen Ruderfuss, sondern einen
-fünfzehigen Geh- oder Greif-Fuss besessen; wir dürfen ferner vermuthen,
-dass die einzelnen von einem Stammvater ererbten Knochen in den Beinen
-des Affen, des Pferdes, der Fledermaus ihrem gemeinsamen Stammvater
-oder ihren Stamm-Vätern vordem nützlicher gewesen sind, als sie jetzt
-diesen in ihrer Lebensweise so weit auseinandergehenden Thieren sind.
-Wir können daher annehmen, diese verschiedenen Knochen seyen durch
-Natürliche Züchtung entstanden, welche früher so wie jetzt den Gesetzen
-der Erblichkeit, der Rückkehr, der Wechselbeziehung in der Entwickelung
-u.&#160;s.&#160;w. unterlagen. Daher man von jeder Einzelheit der Struktur in
-jedem lebenden Geschöpfe (ausser einigen geringen Zugeständnissen
-an den Einfluss der natürlichen äussren Bedingungen) annehmen darf,
-sie seye einmal einem Vorfahren der Spezies von besondrem Nutzen
-gewesen, oder sie seye jetzt, entweder direkt<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> oder durch verwickelte
-Wachsthumsgesetze indirekt, ein besondrer Vortheil für die Abkömmlinge
-dieser Vorfahren.</p>
-
-<p>Natürliche Züchtung kann nicht wohl irgend eine Abänderung in einer
-Spezies bewirken, welche nur einer anderen Art zum ausschliesslichen
-Vortheil gereichte, obwohl in der ganzen Natur eine Spezies ohne
-Unterlass von der Organisation einer andern Nutzen zieht. Aber
-Natürliche Züchtung kann auch oft hervorbringen und bringt oft
-in Wirklichkeit solche Gebilde hervor, die einer andern Art zum
-unmittelbaren Nachtheil gereichen, wie wir im Giftzahne der Otter und
-in der Legeröhre des Ichneumon sehen, welcher mit deren Hülfe seine
-Eier in den Körper andrer lebenden Insekten einführt. Liesse sich
-beweisen, dass irgend ein Theil der Organisation einer Spezies zum
-ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden seye, so
-wäre meine Theorie vernichtet, weil eine solche Bildung nicht durch
-Natürliche Züchtung bewirkt werden kann. Obwohl in naturhistorischen
-Schriften vielerlei Behauptungen in dieser Hinsicht aufgestellt werden,
-so kann ich doch keine darunter von einigem Gewichte finden. So gesteht
-man zu, dass die Klapperschlange einen Giftzahn zu ihrer eignen
-Vertheidigung und zur Tödtung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren
-unterstellen auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eignen Nachtheile
-erhalten habe, nämlich um ihre Beute zu warnen und zur Flucht zu
-veranlassen. Man könnte jedoch eben so gut behaupten, die Katze mache
-die Wellenkrümmungen mit dem Ende ihres Schwanzes, wenn sie im Begriffe
-einzuspringen ist, in der Absicht um die bereits zum Tode verurtheilte
-Maus zu warnen. Doch, ich habe hier nicht Raum auf diese und andre
-Fälle noch weiter einzugehen.</p>
-
-<p>Natürliche Züchtung kann in keiner Spezies irgend etwas für dieselbe
-Schädliches erzeugen, indem sie ausschliesslich nur durch und zu deren
-Vortheil wirkt. Kein Organ kann, wie P<span class="smaller">ALEY</span> bemerkt, gebildet
-werden um seinem Besitzer Qual und Schaden zu bringen. Eine genaue
-Abwägung zwischen dem Nutzen und Schaden, welchen ein jeder Theil
-verursacht, wird immer zeigen, dass er im Ganzen genommen vortheilhaft
-ist. Wird etwa in spätrer Zeit bei wechselnden Lebens-Bedingungen ein
-Theil<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> schädlich, so wird er entweder verändert, oder die Art geht zu
-Grunde, wie ihrer Myriaden zu Grunde gegangen sind.</p>
-
-<p>Natürliche Züchtung strebt jedes organische Wesen eben so vollkommen
-oder ein wenig vollkommener als die übrigen Bewohner derselben Gegend
-zu machen, mit welchen dieselbe um sein Daseyn zu ringen hat. Und wir
-sehen, dass Diess der Grad von Vollkommenheit ist, welchen die Natur
-erstrebt. Die <i>Neuseeland</i> eigenthümlichen Natur-Erzeugnisse
-sind vollkommen, eines mit den andern verglichen; aber sie weichen
-jetzt rasch zurück vor den vordringenden Legionen aus <i>Europa</i>
-eingeführter Pflanzen und Thiere. Natürliche Züchtung wird keine
-absolute Vollkommenheit herstellen; auch begegnen wir, so viel sich
-beurtheilen lässt, einer so hohen Stufe nirgends in der Natur. Die
-Verbesserung für die Abweichung des Lichtes ist, wie der ausgezeichnete
-Gewährsmann J<span class="smaller">OH</span>. M<span class="smaller">ÜLLER</span> erklärt, selbst in dem vollkommensten
-aller Organe, dem menschlichen Auge, noch nicht vollständig. Wenn uns
-unsre Vernunft zu begeisterter Bewunderung einer Menge unnachahmlicher
-Einrichtungen in der Natur auffordert, so lehrt uns auch diese
-nämliche Vernunft, dass wir leicht nach beiden Seiten irren können,
-indem andre Einrichtungen weniger vollkommen sind. Wir können nie den
-Stachel der Wespe oder Biene als vollkommen betrachten, der, wenn er
-einmal gegen die Angriffe von mancherlei Thieren angewandt worden,
-den unvermeidlichen Tod seines Besitzers bewirken muss, weil er
-seiner Widerhaken wegen nicht mehr aus der Wunde, die er gemacht hat,
-zurückgezogen werden kann, ohne die Eingeweide des Insekts nach sich zu
-ziehen.</p>
-
-<p>Nehmen wir an, der Stachel der Biene seye bei einer sehr frühen
-Stammform bereits als Bohr- und Säge-Werkzeug bestanden, wie es
-häufig bei andern Gliedern der Hymenopteren-Ordnung vorkommt, und
-seye für seine gegenwärtige Bestimmung mit dem ursprünglich zur
-Hervorbringung von Gallen-Auswüchsen oder andern Zwecken bestimmten
-Gifte umgeändert aber nicht zugleich verbessert worden, so können wir
-vielleicht begreifen, warum der Gebrauch dieses Stachels so oft des
-Insektes eignen Tod veranlasst; denn wenn das Vermögen zu stechen<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> der
-ganzen Bienen-Gemeinde nützlich ist, so mag er allen Anforderungen
-der Natürlichen Züchtung entsprechen, obwohl seine Beschaffenheit den
-Tod der einzelnen Individuen veranlasst, die ihn anwenden. Wenn wir
-über das wirklich wunderbar scharfe Witterungs-Vermögen erstaunen,
-mit dessen Hilfe manche Männchen ihre Weibchen ausfindig zu machen im
-Stande sind, können wir dann auch die für diesen einen Zweck bestimmte
-Hervorbringung von Tausenden von Dronen bewundern, welche, der Gemeinde
-für jeden andern Zweck gänzlich nutzlos, bestimmt sind zuletzt von
-ihren arbeitenden aber unfruchtbaren Schwestern umgebracht zu werden?
-Es mag schwer seyn, aber wir müssen den wilden Instinkt-mässigen Hass
-der Bienenkönigin bewundern, welcher sie beständig drängt, die jungen
-Königinnen, ihre Töchter, augenblicklich nach ihrer Geburt zu tödten
-oder selbst in dem Kampfe zu Grunde zu gehen; denn unzweifelhaft ist
-Diess zum Besten der Gemeinde, und mütterliche Liebe oder mütterlicher
-Hass, obwohl dieser letzte glücklicher Weise viel seltener ist, gilt
-dem unerbittlichen Prinzipe Natürlicher Züchtung völlig gleich.
-Wenn wir die verschiedenen sinnreichen Einrichtungen vergleichen,
-vermöge welcher die Blüthen der Orchideen und mancher andren Pflanzen
-vermittelst Insekten-Thätigkeit befruchtet werden, wie können wir dann
-die Anordnung bei unsren Nadelhölzern als gleich vollkommne ansehen,
-vermöge welcher grosse und dichte Staubwolken von Pollen hervorgebracht
-werden müssen, damit einige Körnchen davon durch einen günstigen
-Lufthauch dem Ei’chen zugeführt werden mögen?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des Kapitels.</em>) Wir haben in diesem Kapitel
-gewisse Schwierigkeiten und Einwendungen erörtert, welche sich
-meiner Theorie entgegenstellen. Einige derselben sind sehr ernster
-Art; doch glaube ich, dass durch ihre Erörterung einiges Licht über
-mehre Thatsachen verbreitet worden, welche dagegen nach der Theorie
-der unabhängigen Schöpfungs-Akte ganz dunkel bleiben würden. Wir
-haben gesehen, dass Arten zu irgend welcher Zeit nicht ins Endlose
-abändern können und nicht durch zahllose Übergangs-Formen unter
-einander zusammenhängen, theils weil der Prozess Natürlicher Züchtung
-immer sehr<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> langsam ist und jederzeit nur auf sehr wenige Formen
-wirkt, und theils weil gerade der Prozess Natürlicher Züchtung auch
-meistens die fortwährende Ersetzung und Erlöschung vorhergehender
-und mittler Abstufungen schon in sich schliesst. Nahe verwandte
-Arten, welche jetzt auf einer zusammenhängenden Fläche wohnen, mögen
-oft gebildet worden seyn, als die Fläche noch nicht zusammenhängend
-war und die Lebens-Bedingungen nicht unmerkbar von einer Stelle
-zur andern abänderten. Wenn zwei Varietäten an zwei Stellen eines
-zusammenhängenden Gebietes sich bildeten, so wird oft auch eine mittle
-Varietät für eine mittle Zone entstanden seyn; aber aus angegebenen
-Gründen wird die mittle Varietät gewöhnlich in geringerer Anzahl als
-die zwei durch sie verbundenen Abänderungen vorhanden gewesen seyn,
-welche mithin im Verlaufe weitrer Umbildung sich durch ihre grössre
-Anzahl in entschiedenem Vortheil vor den andren befanden und mithin
-gewöhnlich auch im Stande waren sie zu ersetzen und zu vertilgen.</p>
-
-<p>Wir haben in diesem Kapitel gesehen, wie vorsichtig man seyn muss zu
-schliessen, dass die verschiedenartigsten Gewohnheiten des Lebens nicht
-in einander übergehen können, dass eine Fledermaus z.&#160;B. nicht etwa auf
-dem Wege Natürlicher Züchtung entstanden seyn könne von einem Thiere,
-welches bloss durch die Luft zu gleiten im Stande war.</p>
-
-<p>Wir haben gesehen, dass eine Art unter veränderten Lebens-Bedingungen
-ihre Gewohnheiten ändern oder vermanchfaltigen und manche Sitten
-annehmen könne, die von denen ihrer nächsten Verwandten abweichen.
-Daraus können wir begreifen, wenn wir uns zugleich erinnern, dass jedes
-organische Wesen gedrängt wird zu leben wo es immer leben kann, wie
-es zugegangen, dass es Land-Gänse mit Schwimmfüssen, an Boden lebende
-Spechte, tauchende Drosseln und Sturmvögel mit den Sitten der Alke gebe.</p>
-
-<p>Obwohl die Meinung, dass ein so vollkommenes Organ, als das Auge
-ist, durch Natürliche Züchtung hervorgebracht werden könne, mehr
-als genügt um jeden wankend zu machen, so ist doch keine logische
-Unmöglichkeit vorhanden, dass irgend ein<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> Organ unter veränderlichen
-Lebens-Bedingungen durch eine lange Reihe von Abstufungen in seiner
-Zusammensetzung, deren jede dem Besitzer nützlich ist, endlich jeden
-begreiflichen Grad von Vollkommenheit auf dem Wege Natürlicher Züchtung
-erlange. In Fällen, wo wir keine Zwischenzustände kennen, müssen wir
-uns wohl zu schliessen hüten, dass solche niemals bestanden hatten;
-denn die Homologien vieler Organe und ihre Zwischenstufen zeigen, dass
-wunderbare Veränderungen in ihren Verrichtungen wenigstens möglich
-sind. So ist z.&#160;B. eine Schwimmblase offenbar in eine Luft-athmende
-Lunge verwandelt worden. Übergänge müssen namentlich oft in hohem
-Grade erleichtert worden seyn da, wo ein und dasselbe Organ mehre sehr
-verschiedene Verrichtungen zugleich zu besorgen hatte und dann nur
-für eine von beiden Verrichtungen allein noch besser hergestellt zu
-werden brauchte und da wo gleichzeitig zwei sehr verschiedene Organe
-an derselben Funktion theilnahmen und das eine mit Unterstützung des
-andern sich weiter vervollkommnen konnte.</p>
-
-<p>Wir sind in Bezug auf die meisten Fälle viel zu unwissend, um
-behaupten zu dürfen, dass ein Theil oder Organ für das Gedeihen einer
-Art unwesentlich seye, und dass Abänderungen seiner Bildung nicht
-durch Natürliche Züchtung mittelst langsamer Häufung haben bewirkt
-werden können. Doch dürfen wir zuversichtlich annehmen, dass viele
-Abänderungen gänzlich nur von den Wachsthums-Gesetzen veranlasst und,
-anfänglich ohne allen Nutzen für die Art, später zum Vortheil weiter
-umgeänderter Nachkommen dieser Art verwendet worden sind. Wir dürfen
-ferner glauben, dass ein für frühere Formen hochwichtiger Theil auch
-von späteren Formen (wie der Schwanz eines Wasser-Thieres von den
-davon abstammenden Land-Thieren) beibehalten worden ist, obwohl er für
-dieselben so unwichtig erscheint, dass er in seinem jetzigen Zustande
-nicht durch Natürliche Züchtung erworben seyn könnte, indem diese Kraft
-nur auf die Erhaltung solcher Abänderungen gerichtet ist, welche im
-Kampfe ums Daseyn nützlich sind.</p>
-
-<p>Natürliche Züchtung erzeugt bei keiner Spezies etwas, das<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> zum
-ausschliesslichen Nutzen oder Schaden einer andern wäre; obwohl sie
-Theile, Organe und Excretionen herstellen kann, die, wenn auch für
-andre sehr nützlich und sogar unentbehrlich oder in hohem Grade
-verderblich, doch in allen Fällen zugleich nützlich für den Besitzer
-sind. Natürliche Züchtung muss in jeder wohl-bevölkerten Gegend in
-Folge hauptsächlich der Mitbewerbung der Bewohner unter einander
-nothwendig auf Verbesserung oder Kräftigung für den Kampf um’s Daseyn
-hinwirken, doch lediglich nach dem für diese Gegend giltigen Maassstab.
-Daher die Bewohner einer, und zwar gewöhnlich der kleineren, Gegend
-oft vor denen einer andern und gemeiniglich grösseren zurückweichen
-müssen. Denn in der grösseren Gegend werden mehr Individuen und mehr
-differenzirte Formen existirt haben, wird die Mitbewerbung stärker
-gewesen und mithin das Ziel der Vervollkommnung höher gesteckt gewesen
-seyn. Natürliche Züchtung wird nicht nothwendig absolute Vollkommenheit
-hervorbringen, und diese ist auch, so viel wir mit unsern beschränkten
-Fähigkeiten zu beurtheilen vermögen, nirgends zu finden.</p>
-
-<p>Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung lässt sich die ganze
-Bedeutung des alten Glaubenssatzes in der Naturgeschichte „<i>Natura
-non facit saltum</i>“ verstehen. Dieser Satz ist, wenn wir nur die
-jetzigen Bewohner der Erde berücksichtigen, nicht ganz richtig, muss
-aber nach meiner Theorie vollkommen wahr seyn, wenn wir alle Wesen
-vergangener Zeiten mit einschliessen.</p>
-
-<p>Es ist allgemein anerkannt, dass alle organischen Wesen nach zwei
-grossen Gesetzen gebildet worden sind: Einheit des Typus und Anpassung
-an die Existenz-Bedingungen. Unter Einheit des Typus begreift man
-die Übereinstimmung im Grundplane des Baues, wie wir ihn bei den
-Wesen eines Unterreiches finden, und welcher ganz unabhängig von
-ihrer Lebensweise ist. Nach meiner Theorie erklärt sich die Einheit
-des Typus aus der Einheit der Abstammung. Die Anpassung an die
-Lebens-Bedingungen, so oft von dem berühmten C<span class="smaller">UVIER</span> in
-Anwendung gebracht, ist in meinem Prinzipe der Natürlichen Züchtung
-vollständig mit inbegriffen. Denn die Natürliche Züchtung wirkt nur in
-soferne, als sie die veränderlichen Theile eines jeden Wesens seinen
-organischen und<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> unorganischen Lebens-Bedingungen entweder jetzt
-anpasst oder in längst vergangenen Zeit-Perioden angepasst hat. Diese
-Anpassungen können in manchen Fällen durch Gebrauch und Nichtgebrauch
-unterstützt, durch direkte Einwirkung äussrer Lebens-Bedingungen
-modifizirt werden und sind in allen Fällen den verschiedenen
-Entwicklungs-Gesetzen unterworfen. Daher ist denn auch das Gesetz der
-Anpassung an die Lebens-Bedingungen in der That das höhere, indem es
-vermöge der Erblichkeit früherer Anpassungen das der Einheit des Typus
-mit in sich begreift.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br />
-
-<b>Instinkt.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. —
-Abstufungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich.
-— Instinkte gezähmter Thiere und deren Entstehung. — Natürliche
-Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen
-Bienen. — Sklaven-machende Ameisen. — Honigbienen und ihr
-Zellenbau-Instinkt. — Veränderung von Instinkt und Struktur nicht
-nothwendig gleichzeitig. — Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher
-Züchtung in Bezug auf Instinkt. — Geschlechtslose oder unfruchtbare
-Insekten. — Zusammenfassung.</p>
-
-<p>Der Instinkt hätte wohl noch in den vorigen Kapiteln mit abgehandelt
-werden sollen; doch habe ich es für angemessener erachtet den
-Gegenstand abgesondert zu behandeln, zumal ein so wunderbarer Instinkt,
-wie der der Zellen-bauenden Bienen ist, wohl manchem Leser eine
-genügende Schwierigkeit geschienen haben mag, um meine Theorie über
-den Haufen zu werfen. Ich muss vorausschicken, dass ich nichts mit dem
-Ursprung der geistigen Grundkräfte noch mit dem des Lebens selbst zu
-schaffen habe. Wir haben es nur mit der Verschiedenheit des Instinktes
-und der übrigen geistigen Fähigkeiten der Thiere in einer und der
-nämlichen Klasse zu thun.</p>
-
-<p>Ich will keine Definition des Wortes zu geben versuchen. Es würde
-leicht seyn zu zeigen, dass gewöhnlich ganz verschiedene geistige
-Fähigkeiten unter diesem Namen begriffen werden.<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Doch weiss jeder,
-was damit gemeint ist, wenn ich sage, der Instinkt veranlasse den
-Kuckuck zu wandern und seine Eier in fremde Nester zu legen. Wenn eine
-Handlung, zu deren Vollziehung selbst von unserer Seite Erfahrung
-vorausgesetzt wird, von Seiten eines Thieres und besonders eines sehr
-jungen Thieres noch ohne alle Erfahrung ausgeübt wird, und wenn sie auf
-gleiche Weise von vielen Thieren erfolgt, ohne dass diese ihren Zweck
-kennen, so wird sie gewöhnlich eine instinktive Handlung genannt. Ich
-könnte jedoch zeigen, dass keiner von diesen Charakteren des Instinkts
-allgemein ist. Eine kleine Dosis von Urtheil oder Verstand, wie
-P<span class="smaller">IERRE</span> H<span class="smaller">UBER</span> es ausdrückt, kommt oft mit in’s Spiel, selbst
-bei Thieren, welche sehr tief auf der Stufenleiter der Natur stehen.</p>
-
-<p>F<span class="smaller">RIEDRICH</span> C<span class="smaller">UVIER</span> und verschiedene ältre Methaphysiker haben
-Instinkt mit Gewohnheit verglichen. Diese Vergleichung scheint mir
-eine sehr genaue Nachweisung von den Schranken des Geistes zu geben,
-innerhalb welcher die Handlung vollzogen wird, aber nicht von ihrem
-Ursprunge. Wie unbewusst werden manche unsrer Handlungen vollzogen,
-ja nicht selten in geradem Gegensatz mit unsrem bewussten Willen!
-Doch können sie durch den Willen oder Verstand abgeändert werden.
-Gewohnheiten verbinden sich leicht mit andern Gewohnheiten oder mit
-gewissen Zeit-Abschnitten und Zuständen des Körpers. Einmal angenommen
-erhalten sie sich oft lebenslänglich. Es liessen sich noch manche
-andre Ähnlichkeiten zwischen Instinkten und Gewohnheiten nachweisen.
-Wie bei Wiederholung eines wohlbekannten Gesanges, so folgt auch beim
-Instinkte eine Handlung auf die andre durch eine Art Rythmus. Wenn
-Jemand beim Gesange oder bei Hersagung auswendig gelernter Worte
-unterbrochen worden, so ist er gewöhnlich genöthigt, wieder etwas
-zurückzugehen, um den Gedanken-Gang wieder zu finden. So sah es
-P. H<span class="smaller">UBER</span> auch bei einer Raupen-Art, wenn sie beschäftigt war ihr
-sehr zusammengesetztes Gewebe zu fertigen; nahm er sie heraus, nachdem
-dieselbe z.&#160;B. das letzte Sechstel vollendet hatte, und setzte er sie
-in ein andres nur bis zum dritten Sechstel vollendetes, so fertigte
-sie einfach den dritten, vierten und fünften Theil nochmals<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> mit dem
-sechsten an. Nahm er sie aber aus einem z.&#160;B. bis zum dritten Theile
-vollendeten Gewebe und setzte sie in ein bis zum sechsten Theil
-fertiges, so dass sie ihre Arbeit schon grösstentheils gethan fand, so
-war sie sehr entfernt, diesen Vortheil zu fühlen und fing in grosser
-Befangenheit über diesen Stand der Sache die Arbeit nochmals vom
-dritten Stadium an, da wo sie solche in ihrem eignen Gewebe verlassen
-hatte, und suchte von da aus das schon fertige Werk zu Ende zu führen.</p>
-
-<p>Wenn sich nun, wie ich in einigen Fällen es zu können glaube,
-nachweisen liesse, dass eine durch Gewohnheit angenommene
-Handlungs-Weise auch auf die Nachkommen vererblich seye, so würde das,
-was ursprünglich Gewohnheit war, von Instinkt nicht mehr unterscheidbar
-seyn. Wenn M<span class="smaller">OZART</span> statt in einem Alter von drei Jahren das
-Pianoforte mit wundervoller kleiner Fertigkeit zu spielen, ohne alle
-vorgängige Übung eine Melodie angestimmt hätte, so könnte man mit
-Wahrheit sagen, er habe Diess Instinkt-mässig gethan. Es würde aber ein
-sehr ernster Irrthum seyn anzunehmen, dass die Mehrzahl der Instinkte
-durch Gewohnheit schon während einer Generation erworben und dann auf
-die nachfolgenden Generationen vererbt worden seye. Es lässt sich genau
-nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte, die wir kennen, wie die
-der Korb-Bienen und vieler Ameisen, unmöglich in solcher Frist erworben
-worden seyn können.</p>
-
-<p>Man gibt allgemein zu, dass für das Gedeihen einer jeden Spezies in
-ihren jetzigen Existenz-Verhältnissen Instinkte eben so wichtig sind,
-als die Körper-Bildung. Ändern sich die Lebens-Bedingungen einer
-Spezies, so ist es wenigstens möglich, dass auch geringe Änderungen in
-ihrem Instinkte für sie nützlich seyn würden. Wenn sich nun nachweisen
-lässt, dass Instinkte, wenn auch noch so wenig variiren, dann kann
-ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass Natürliche
-Züchtung auch geringe Abänderungen des Instinktes erhalte und durch
-beständige Häufung bis zu einem vortheilhaften Grade vermehre. So
-dürften, wie ich glaube, alle und auch die zusammengesetztesten und
-wunderbarsten Instinkte entstanden seyn. Wie Abänderungen im Körper-Bau
-durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt,<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> dagegen
-durch Nichtgebrauch verringert und ganz eingebüsst werden können,
-so ist es zweifelsohne auch mit den Instinkten. Ich glaube aber,
-dass die Wirkungen der Gewohnheit von ganz untergeordneter Bedeutung
-sind gegenüber den Wirkungen Natürlicher Züchtung auf sogenannte
-zufällige Abänderungen des Instinktes, d.&#160;h. auf Abänderungen in Folge
-unbekannter Ursachen, welche geringe Abweichungen in der Körper-Bildung
-veranlassen.</p>
-
-<p>Kein zusammengesetzter Instinkt kann durch Natürliche Züchtung
-anders als durch langsame und stufenweise Häufung vieler geringen
-und nutzbaren Abänderungen hervorgebracht werden. Hier müssten wir,
-wie bei der Körper-Bildung, in der Natur zwar nicht die wirklichen
-Übergangs-Stufen, die der zusammengesetzte Instinkt bis zu seiner
-jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat und welche bei jeder Art
-nur in ihrem Vorgänger gerader Linie zu entdecken seyn würden, wohl
-aber einige Spuren solcher Abstufungen in den Seitenlinien von
-gleicher Abstammung finden, oder wenigstens nachweisen können, dass
-irgend welche Abstufungen möglich sind; und dazu sind wir gewiss
-im Stande. Obwohl indessen die Instinkte fast nur in <i>Europa</i>
-und <i>Nord-Amerika</i> lebender Thiere näher beobachtet worden und
-die der untergegangenen Thiere uns ganz unbekannt sind, so war ich
-doch erstaunt zu finden, wie ganz allgemein sich Abstufungen bis
-zu den Instinkten der zusammengesetztesten Arten entdecken lassen.
-Instinkt-Änderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden, dass
-eine und dieselbe Spezies verschiedene Instinkte in verschiedenen
-Lebens-Perioden oder Jahreszeiten besitzt, oder dass sie unter andre
-äussre Lebens-Bedingungen versetzt wird, in welchen Fällen dann wohl
-entweder nur der eine oder nur der andre durch Natürliche Züchtung
-erhalten werden wird. Beispiele von solcher Verschiedenheit des
-Instinktes lassen sich in der Natur nachweisen.</p>
-
-<p>Nun ist, wie bei der Körper-Bildung auch meiner Theorie gemäss der
-Instinkt einer jeden Art nützlich für diese und, so viel wir wissen,
-niemals zum ausschliesslichen Nutzen andrer Arten vorhanden. Eines der
-triftigsten Beispiele, die ich kenne, von Thieren, welche anscheinend
-zum blossen Besten andrer etwas thun, liefern die Blattläuse, indem
-sie, wie H<span class="smaller">UBER</span> zuerst<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> bemerkte, freiwillig den Ameisen ihre
-süssen Excretionen überlassen. Dass sie Diess freiwillig thun, geht
-aus folgenden Thatsachen hervor. Ich entfernte alle Ameisen von einer
-Gruppe von etwa zwölf Aphiden auf einer Ampfer-Pflanze und hinderte
-ihr Zusammenkommen mehrere Stunden lang. Nach dieser Zeit nahm ich
-wahr, dass die Blattläuse das Bedürfniss der Excretion hatten. Ich
-beobachtete sie eine Zeit lang durch eine Lupe: aber nicht eine gab
-eine Excretion von sich. Darauf streichelte und kitzelte ich sie mit
-einem Haare auf dieselbe Weise, wie es die Ameisen mit ihren Fühlern
-machen, aber keine Excretion erfolgte. Nun liess ich eine Ameise zu,
-und aus ihrem Widerstreben sich von den Blattläusen zurücktreiben zu
-lassen, schien hervorzugehen, dass sie augenblicklich erkannt hatte,
-welch’ ein reicher Genuss ihrer harre. Sie begann dann mit ihren
-Fühlern den Hinterleib erst einer und dann einer andren Blattlaus zu
-betasten, deren jede, so wie sie die Berührung des Fühlers empfand,
-sofort den Hinterleib in die Höhe richtete und einen klaren Tropfen
-süsser Flüssigkeit ausschied, der alsbald von der Ameise eingesogen
-wurde. Selbst ganz junge Blattläuse, auf diese Weise behandelt,
-zeigten, dass ihr Verhalten ein instinktives und nicht die Folge
-der Erfahrung war. Nach H<span class="smaller">UBER</span> zeigen die Blattläuse keine
-Abneigung gegen die Ameisen, und wenn diese fehlen, so sind sie
-genöthigt ihre Excretionen auszustossen. Da nun die Aussonderung
-ausserordentlich klebrig ist, so ist es wahrscheinlich für die Aphiden
-von Nutzen, dass sie entfernt werde; und so ist es denn auch mit dieser
-Excretion wohl nicht auf den ausschliesslichen Vortheil der Ameisen
-abgesehen. Obwohl ich nicht glaube, dass irgend ein Thier in der Welt
-etwas zum ausschliesslichen Nutzen einer andern Art thue, so sucht doch
-jede Art Vortheil von den Instinkten anderer zu ziehen und hat Vortheil
-von der schwächeren Körper-Beschaffenheit andrer. So können dann auch
-in einigen wenigen Fällen gewisse Instinkte nicht als ganz vollkommen
-betrachtet werden, was ich aber bis ins Einzelne auseinanderzusetzen
-hier unterlassen muss.</p>
-
-<p>Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden, um zu
-zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Abänderung in den
-Instinkten und die Erblichkeit solcher Abänderungen zur Thätigkeit der
-Natürlichen Züchtung unerlässlich ist, aber Mangel an Raum hindert
-mich es zu thun. Ich kann bloss versichern, dass Instinkte gewiss
-variiren, wie z.&#160;B. der Wander-Instinkt nach Ausdehnung und Richtung
-variiren oder auch ganz aufhören kann. So ist es mit den Nestern der
-Vögel, welche theils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den
-Natur- und Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus
-ganz unbekannten Ursachen abändern. So hat A<span class="smaller">UDUBON</span> einige
-sehr merkwürdige Fälle von Verschiedenheiten in den Nestern derselben
-Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden der <i>Vereinten
-Staaten</i> leben, mitgetheilt. Warum, hat man gefragt, hat die
-Natur der Biene, wenn Instinkt veränderlich ist, nicht die Fähigkeit
-ertheilt, andre Materialien da zu benützen, wo Wachs fehlt? Aber welche
-andre Materialien könnten die Bienen benützen. Ich habe gesehen,
-dass sie mit Kochenille und mit Fett versetztes Wachs gebrauchen und
-verarbeiten. A<span class="smaller">NDREW</span> K<span class="smaller">NIGHT</span> sah seine Bienen, statt emsig
-Pollen einzusammeln, ein Zäment aus Wachs und Terpentin gebrauchen,
-womit entrindete Bäume überstrichen worden waren. Endlich hat man
-kürzlich Bienen beobachtet, die, statt Blüthen um ihres Samenstaubes
-willen aufzusuchen, gerne eine ganz verschiedene Substanz, nämlich
-Hafermehl verwendeten. — Furcht vor irgend einem besondren Feinde
-ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im
-Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwohl sie durch
-Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor demselben Feinde bei
-anderen Thieren noch verstärkt wird. Thiere auf abgelegenen kleinen
-Eilanden fürchten sich nicht vor den Menschen und lernen, wie ich
-anderwärts gezeigt habe, ihn nur langsam fürchten; und so nehmen wir
-auch in <i>England</i> selbst wahr, dass die grossen Vögel, weil sie
-vom Menschen mehr verfolgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als
-die kleinen. Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost
-dieser Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln
-sind die grossen nicht scheuer als die kleinen; und die Elster,<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> so
-furchtsam in <i>England</i>, ist in <i>Norwegen</i> eben so zahm als
-die Krähe (Corvus cornix) in <i>Ägypten</i>.</p>
-
-<p>Dass die Gemüthsart der Individuen einer Spezies im Allgemeinen, auch
-wenn sie in der freien Natur geboren sind, äusserst manchfaltig seye,
-kann mit vielen Thatsachen belegt werden. Auch liessen sich bei einigen
-Arten Beispiele von zufälligen und fremdartigen Gewohnheiten anführen,
-die, wenn sie der Art nützlich wären, durch Natürliche Züchtung zu ganz
-neuen Instinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dass
-diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thatsachen zum Belege,
-nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers machen werden,
-kann jedoch nur meine Versicherung wiederholen, dass ich nicht ohne
-gute Beweise so spreche.</p>
-
-<p>Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen des
-Instinktes im Natur-Zustande zu vererben wird durch Betrachtung einiger
-Fälle bei gezähmten Thieren noch stärker hervortreten. Wir werden
-dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt, welchen vergleichungsweisen
-Einfluss Gewöhnung und die Züchtung sogenannter zufälliger Abweichungen
-auf die Abänderung der Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere ausgeübt
-haben. Es lässt sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele
-anführen von der Vererblichkeit aller Abschattungen der Gemüthsart,
-des Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in
-Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen
-Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschiedenen
-Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich habe selbst
-einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge Vorstehehunde
-zuweilen vor andern Hunden anziehen, wenn sie das erstemal mit
-hinausgenommen werden. So ist das Aufstöbern der Feldhühner gewiss oft
-erblich bei Hunden der vorzugsweise dazu gebrauchten Rasse, wie junge
-Schäferhunde geneigt sind die Heerde zu umkreisen statt nebenher zu
-laufen. Ich kann nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von
-denen des Instinktes verschieden sind; denn die jungen Hunde handeln
-ohne Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und ohne
-den Zweck des Handelns zu kennen. Denn der junge Vorstehehund<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> weiss
-noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen den Absichten seines
-Herrn dient, als der Kohlschmetterling weiss, warum er seine Eier auf
-ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art Wolf sähen, welcher noch jung
-und ohne Abrichtung bei Witterung seiner Beute bewegungslos wie eine
-Bildsäule stehen bliebe und dann mit eigenthümlicher Haltung langsam
-auf sie hinschliche, oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen
-Rudel Hirsche zuzuspringen, dasselbe umkreiste und so nach einem
-entfernten Punkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem
-Instinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen könnte, sind
-gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natürlichen; denn
-sie sind durch viel minder strenge Züchtung ausgeprägt und eine bei
-weitem kürzere Zeit hindurch unter minder steten Lebens-Bedingungen
-vererbt worden.</p>
-
-<p>Wie streng diese „zahmen Instinkte“, Gewohnheiten und Neigungen vererbt
-werden und wie wundersam sie sich zuweilen mischen, zeigt sich ganz
-wohl, wenn verschiedene Hunde-Rassen miteinander gekreutzt werden. So
-ist eine Kreutzung mit Bullbeissern auf viele Generationen hinaus auf
-den Muth und die Beharrlichkeit des Windhundes von Einfluss gewesen,
-und eine Kreutzung mit dem Wind-Hunde hat auf eine ganze Familie von
-Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese zahmen
-Instinkte, auf solche Art durch Kreutzung erprobt, gleichen natürlichen
-Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise sonderbar mit einander
-verbinden, so dass sich auf lange Zeit hinaus Spuren des Instinktes
-beider Ältern erhalten. So beschreibt L<span class="smaller">E</span> R<span class="smaller">OY</span> einen Hund,
-dessen Grossvater ein Wolf war; dieser Hund verrieth die Spuren seiner
-wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von
-seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam.</p>
-
-<p>Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen, welche
-bloss durch eine lang-fortgesetzte und erzwungene Gewohnheit erblich
-werden; ich glaube aber, dass Diess nicht richtig ist. Gewiss hat
-niemals jemand daran gedacht oder versucht, der Purzeltaube das Purzeln
-zu lehren, was meines Wissens auch schon junge Tauben thun, welche
-nie andere<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal
-eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-Weise
-gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfältiger und lang-fortgesetzter
-Züchtung aus ihr die Purzler allmählich das geworden, was sie jetzt
-sind; und wie ich von Herrn B<span class="smaller">RENT</span> vernehme, gibt es bei
-<i>Glasgow</i> Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle weit fliegen
-können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen. Eben so ist es schwer
-zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand daran gedacht habe, einen Hund
-zum Vorstehen abzurichten, hätte nicht etwa ein Individuum von selbst
-eine Neigung verrathen es zu thun, und man weiss, dass Diess zuweilen
-vorkommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete; das
-„Stehen“ ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine verstärkte
-Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt, auf seine Beute
-einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des Stehens einmal gezeigt,
-so mögen methodische Züchtung und die erbliche Wirkung zwangsweiser
-Abrichtung in jeder nachfolgenden Generation das Werk bald vollendet
-haben: und unbewusste Züchtung ist immer in Thätigkeit, da jedermann,
-wenn auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich gerne
-die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und jagen. Anderseits
-hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt. Kaum ist in der Regel
-ein Thier schwerer zu zähmen als das Junge des wilden Kaninchens,
-und kein Thier zahmer als das Junge des zahmen Kaninchens; und doch
-kann ich kaum glauben, dass die Haus-Kaninchen auf Zahmheit gezüchtet
-worden sind, sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche
-Veränderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit
-einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangenschaft
-zuzuschreiben haben. Demungeachtet können, wie der <i>Französische</i>
-Übersetzer dieses Buches bemerkt hat, gerade die zahmsten Kaninchen,
-weil am wenigsten lästig, am öftesten erhalten worden seyn, so dass
-mithin auch in diesem Falle Züchtung mit ins Spiel gekommen wäre.</p>
-
-<p>Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren; ein
-merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Geflügel-Rassen,
-welche selten oder nie „brütig“ werden<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>, d.&#160;h. nie auf ihren Eiern
-zu sitzen verlangen. Die tägliche Gewöhnung daran allein verhindert
-uns zu sehen, in wie hohem Grade und wie allgemein die geistigen
-Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch Zähmung verändert worden sind.
-Man kann kaum daran zweifeln, dass die Liebe des Menschen als
-Instinkt auf den Hund übergegangen ist. Alle Wölfe, Füchse, Schakals
-und Katzen-Arten sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig
-Geflügel, Schaafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung
-hat sich unheilbar auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung
-aus Gegenden zu uns gebracht hat, wo wie im <i>Feuerlande</i> und
-in <i>Australien</i> die Wilden jene Hausthiere nicht halten. Und
-wie selten ist es auf der andern Seite nöthig, unsren zivilisirten
-Hunden, selbst wenn sie noch jung sind, die Angriffe auf jene
-Thiere abzugewöhnen. Allerdings machen sie manchmal einen solchen
-Angriff und werden dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft,
-endlich weggeschafft, — so dass Gewohnheit und wahrscheinlich
-einige Züchtung zusammengewirkt haben, unsren Hunden ihre erbliche
-Zivilisation beizubringen. Andrerseits haben junge Hühnchen, ganz
-in Folge von Gewöhnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren,
-welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte besessen;
-denn ich erfahre von Capt. H<span class="smaller">UTTON</span>, dass die jungen vom
-<i>Ostindischen</i> Stammvater dieser Art (Gallus Bankiva), wenn
-sie auch von einer gewöhnlichen Henne ausgebrütet worden, anfangs
-ausserordentlich wild sind. Und so ist es auch mit den jungen Phasanen
-aus Eiern, die man in England von einem Haushuhn hat ausbrüten lassen.
-Und doch haben die Hühnchen keineswegs alle Furcht verloren, sondern
-nur die Furcht vor Hunden und Katzen; denn sobald die Henne ihnen durch
-Glucken eine Gefahr anmeldet, laufen alle (zumal junge Welschhühner),
-um sich unter ihren Schutz zu begehen, oder um sich im Grase und
-Dickicht umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven
-Absicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span>
-möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei unseren
-jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten Zustande ganz
-nutzlos, weil die Mutter-Henne das Flug-Vermögen durch Nichtgebrauch
-gewöhnlich eingebüsst hat.</p>
-
-<p>Daraus lässt sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben worden
-und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch eigne
-Gewohnheit und theils durch die Einwirkung des Menschen, welche viele
-aufeinander-folgende Generationen hindurch eigenthümliche geistige
-Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer Unwissenheit anfangs
-nur ein sogenannter Zufall geschienen, durch Züchtung gehäuft und
-gesteigert hat. In einigen Fällen hat erzwungene Gewöhnung genügt, um
-solche erbliche Veränderung geistiger Eigenschaften zu bewirken; in
-andern ist durch Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch
-unbewusste oder methodische Züchtung bewirkt worden; in den meisten
-Fällen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt.</p>
-
-<p>Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht am besten
-geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte im Natur-Zustande
-durch Züchtung modifizirt worden sind. Ich will aus der grossen Anzahl
-derjenigen, welche ich gesammelt und in meinem späteren Werke zu
-erörtern haben werde, nur drei Fälle hervorheben, nämlich den Instinkt,
-welcher den Kuckuck treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den
-Instinkt der Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der
-Honig-Bienen; die zwei zuletzt genannten sind von den Naturforschern
-wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten Instinkte
-bezeichnet worden.</p>
-
-<p>Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die Grund-Ursache
-für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in fremde Nester zu legen
-beruhe darin, dass dieselben der Reihe nach nicht täglich, sondern
-erst jeden zweiten oder dritten Tag zur Reife kommen, so dass, wenn
-der Kuckuck sein eignes Nest zu bauen und auf seinen eignen Eiern
-zu sitzen hätte, die ersten Eier entweder eine Zeitlang unbebrütet
-bleiben oder Eier und junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen
-Neste zusammen<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> kommen müssten<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>. Wäre Diess so der Fall, so müssten
-allerdings die Prozesse des Legens und Ausschlüpfens unangemessen lang
-währen, und die zuerst ausgeschlüpften jungen Vögel wahrscheinlich vom
-Männchen allein aufgefüttert werden. Allein der <i>Amerikanische</i>
-Kuckuck findet sich in derselben Lage, und doch macht er sein eignes
-Nest und legt seine Eier nach-einander hinein, und seine Jungen
-schlüpfen gleichzeitig aus. Man hat zwar versichert, auch der
-<i>Amerikanische</i> Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester,
-aber nach Dr. <i>Brewer’s</i> verlässiger Gewährschaft in diesen Dingen
-ist es ein Irrthum. Demungeachtet könnte ich noch mehre andre Beispiele
-von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde Nester legen.
-Nehmen wir nun an, der Stamm-Vater unsres <i>Europäischen</i> Kuckucks
-habe die Gewohnheiten des <i>Amerikanischen</i> gehabt, doch zuweilen
-ein Ei in das Nest eines andren Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von
-diesem gelegentlichen Brauche Vortheil hatte, oder der junge durch den
-fehlgreifenden Instinkt einer fremden Mutter kräftiger wurde, als er
-unter der Sorge seiner eignen Mutter geworden seyn würde, weil diese
-mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von verschiedenem Alter
-überladen gewesen wäre und von selbst in sehr zartem Alter schon hätte
-wandern müssen; so gewann entweder der Alte oder das auf fremde Kosten
-gepflegte Junge dabei. Der Analogie nach möchte ich dann glauben, dass
-als Folge der Erblichkeit das so aufgeatzte Junge mehr geneigt seye,
-die zufällige und abweichende Handlungsweise seiner Mutter nachzuahmen,
-auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kräftigere Nachkommen
-zu erlangen. Durch einen fortgesetzten Prozess dieser Art könnte nach
-meiner Meinung der wunderliche Instinkt des Kuckucks entstanden seyn.
-Ich will jedoch noch beifügen, dass nach Dr. G<span class="smaller">RAY</span> u.&#160;e.&#160;a.
-Beobachtern der <i>Europäische</i> Kuckuck<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> doch keineswegs alle
-mütterliche Liebe und Sorge für seine eignen Sprösslinge verloren hat.</p>
-
-<p>Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von derselben oder
-einer andern Spezies zu legen, ist unter den Hühner-artigen Vögeln
-nicht ganz ungewöhnlich; und Diess erklärt vielleicht die Entstehung
-eines eigenthümlichen Instinktes in der benachbarten Gruppe der
-Strauss-artigen Vögel. Denn mehre Strauss-Hennen wenigstens von der
-<i>Amerikanischen</i> Art vereinigen sich, um zuerst einige Eier in ein
-Nest und dann in ein andres zu legen; und diese werden von den Männchen
-ausgebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrscheinlich
-die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen eine grosse
-Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen
-legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim <i>Amerikanischen</i> Strausse
-noch nicht sehr entwickelt; denn es liegt dort auch noch eine so
-erstaunliche Menge von Eiern über die Ebene zerstreut, dass ich auf der
-Jagd an einem Tage nicht weniger als 20 verlassener und verdorbener
-Eier aufzunehmen im Stand war.</p>
-
-<p>Manche Bienen schmarotzen und legen ihre Eier in Nester andrer
-Bienen-Arten. Diess ist noch merkwürdiger, als beim Kuckuck; denn diese
-Bienen haben nicht allein ihren Instinkt, sondern auch ihren Bau in
-Übereinstimmung mit ihrer parasitischen Lebens-Weise geändert, indem
-sie nämlich nicht die Vorrichtung zur Einsammlung des Pollens besitzen,
-deren sie bedürften, wenn sie Nahrung für ihre eigne Brut vorräthig
-aufhäufen müssten. Einige Insekten-Arten schmarotzen nach der Weise der
-Sphegiden bei andern Arten, und Herr F<span class="smaller">ABRE</span> hat neulich guten
-Grund nachgewiesen zu glauben, dass, obwohl Tachytes nigra gewöhnlich
-ihre eigne Höhle macht und darin noch lebende aber gelähmte Beute zur
-Nahrung ihrer eignen Larve im Vorrath niederlegt, dieselbe doch, wenn
-sie eine schon fertige und mit Vorräthen versehene Höhle einer andern
-Sphex findet, davon Besitz ergreift und in Folge dieser Gelegenheit
-Parasit wird. In diesem Falle wie in dem angenommenen Beispiele von dem
-Kuckuck liegt kein Hinderniss für die Natürliche Züchtung vor,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> aus dem
-gelegentlichen Brauche einen beständigen zu machen, wenn er für die Art
-nützlich ist, und wenn nicht in Folge dessen die andre Insekten-Art,
-deren Nest und Futter-Vorräthe sie sich verrätherischer Weise aneignet,
-dadurch vertilgt wird.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Instinkt Sklaven zu machen</em>.) Dieser Naturtrieb wurde zuerst bei
-Formica (Poliergus) rufescens von P<span class="smaller">ETER</span> H<span class="smaller">UBER</span> beobachtet,
-einem noch besseren Beobachter, als sein berühmter Vater gewesen. Diese
-Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven abhängig, ohne deren Hülfe
-die Art schon in einem Jahre gänzlich zu Grunde gehen müsste. Die
-Männchen und fruchtbaren Weibchen arbeiten nicht. Die arbeitenden oder
-unfruchtbaren Weibchen dagegen, obgleich sehr muthig und thatkräftig
-beim Sklaven-Fangen, thun nichts andres. Sie sind unfähig ihre eignen
-Nester zu machen oder ihre eignen Jungen zu füttern. Wenn das alte Nest
-unpassend befunden und eine Auswanderung nöthig wird, entscheiden die
-Sklaven darüber und schleppen dann ihre Meister zwischen den Kinnladen
-fort. Diese letzten sind so äusserst hülfelos, dass, als H<span class="smaller">UBER</span>
-deren dreissig ohne Sklaven aber mit einer reichlichen Menge des besten
-Futters und zugleich mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Thätigkeit
-anzuspornen, zusammen-sperrte, sie nicht einmal sich selbst fütterten
-und grossentheils Hungers starben. H<span class="smaller">UBER</span> brachte dann einen
-einzigen Sklaven (Formica fusca) dazu, der sich unverzüglich ans Werk
-begab und die noch überlebenden fütterte und rettete, einige Zellen
-machte, die Larven pflegte und Alles in Ordnung brachte. Was kann es
-Ausserordentlicheres geben, als diese wohl verbürgten Thatsachen? Hätte
-man nicht noch von einigen andern Sklaven-machenden Ameisen Kenntniss,
-so würde es ein Hoffnungs-loser Versuch gewesen seyn sich eine
-Vorstellung davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher
-Vollkommenheit gedeihen könne.</p>
-
-<p>Eine andre Ameisen-Art, Formica sanguinea, wurde gleichfalls zuerst
-von H<span class="smaller">UBER</span> als Sklavenmacherin erkannt. Sie kömmt im südlichen
-Theile von <i>England</i> vor, wo ihre Gewohnheiten von H. F.
-S<span class="smaller">MITH</span> vom <i>Britischen Museum</i> beobachtet worden sind, dem
-ich für seine Mittheilungen über diesen und andre Gegenstände<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> sehr
-verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die Versicherungen der
-zwei genannten Naturforscher setzend, vermochte ich doch nicht ohne
-einigen Zweifel an die Sache zu gehen, und es mag wohl zu entschuldigen
-seyn, wenn jemand an einen so ausserordentlichen und hässlichen
-Instinkt, wie der ist Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben
-kann. Ich will daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit
-einigen Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nest-Haufen der
-Formica sanguinea und fand in allen einige Sklaven. Männchen und
-fruchtbare Weibchen der Sklaven-Art (F. fusca) kommen nur in ihrer
-eignen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen der F. sanguinea
-gefunden worden. Die Sklaven sind schwarz und von nicht mehr als der
-halben Grösse ihrer Herrn, so dass der Gegensatz in ihrer Erscheinung
-sogleich auffällt. Wird der Haufe nur leicht wenig gestört, so kommen
-die Sklaven zuweilen heraus und zeigen sich gleich ihren Meistern
-sehr beunruhigt und zur Vertheidigung bereit. Wird aber der Haufe so
-zerrüttet, dass Larven und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die
-Sklaven mit ihren Meistern zugleich lebhaft bemüht, dieselben nach
-einem sicheren Platze zu schleppen. Daraus ist klar, dass sich die
-Sklaven ganz heimisch fühlen. Während der Monate Juni und Juli habe ich
-in drei aufeinander-folgenden Jahren in den Grafschaften <i>Surrey</i>
-und <i>Sussex</i> mehre solcher Ameisen-Haufen Stunden-lang beobachtet
-und nie einen Sklaven aus- oder eingehen sehen. Da während dieser
-Monate der Sklaven nur wenige sind, so dachte ich sie würden sich
-anders benehmen, wenn sie in grössrer Anzahl wären; aber auch Hr.
-S<span class="smaller">MITH</span> theilt mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen
-Stunden während der Monate Mai, Juni und August in <i>Surrey</i> wie
-in <i>Hampshire</i> beobachtet und, obwohl die Sklaven im August
-zahlreich sind, nie einen derselben aus- oder eingehen gesehen hat. Er
-betrachtet sie daher lediglich als Haus-Sklaven. Dagegen sieht man ihre
-Herrn beständig Nestbau-Stoffe und Futter aller Art herbeischleppen.
-Im jetzigen Jahre jedoch kam ich im Juli zu einer Gemeinde mit einem
-ungewöhnlich starken Sklaven-Stande und sah einige wenige Sklaven
-unter ihre Meister gemengt das<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> Nest verlassen und mit ihnen den
-nämlichen Weg zu einer <i>Schottischen</i> Kiefer, 25 Ellen entfernt,
-einschlagen und am Stamme hinauflaufen, wahrscheinlich um nach Blatt-
-oder Schild-Läusen zu suchen. Nach H<span class="smaller">UBER</span>, welcher reichliche
-Gelegenheit zur Beobachtung gehabt, arbeiten in der <i>Schweitz</i>
-die Sklaven gewöhnlich mit ihren Herrn an der Aufführung des Nestes,
-und sie allein öffnen und schliessen die Thore in den Morgen- und
-Abend-Stunden; jedoch ist, wie H<span class="smaller">UBER</span> ausdrücklich versichert,
-ihr Hauptgeschäft nach Blattläusen zu suchen. Dieser Unterschied in den
-herrschenden Gewohnheiten von Herrn und Sklaven in zweierlei Gegenden
-mag lediglich davon abhängen, dass in der <i>Schweitz</i> die Sklaven
-zahlreicher einzufangen sind als in <i>England</i>.</p>
-
-<p>Eines Tages bemerkte ich glücklicherweise eine Wanderung der
-F. sanguinea von einem Haufen zum andern, und es war ein sehr
-interessanter Anblick, wie die Herrn ihre Sklaven sorgfältig zwischen
-ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von ihnen getragen
-zu werden, wie es bei F. rufescens der Fall ist. Eines andern
-Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei Dutzend Ameisen der
-Sklaven-machenden Art in Anspruch genommen, welche dieselbe Stelle
-besuchten, doch offenbar nicht des Futters wegen. Bei ihrer Annäherung
-wurden sie von einer unabhängigen Kolonie der Sklaven-gebenden Art, F.
-fusca, zurückgetrieben, so dass zuweilen bis drei dieser letzten an den
-Beinen einer F. sanguinea hingen. Diese letzte tödtete ihre kleineren
-Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung in ihr 29
-Ellen entferntes Nest; aber sie wurde verhindert Puppen wegzunehmen, um
-sie zu Sklaven aufzuziehen. Ich entnahm dann aus einem andern Haufen
-der F. fusca eine geringe Anzahl Puppen und legte sie auf eine kahle
-Stelle nächst dem Kampfplatze nieder. Diese wurden begierig von den
-Tyrannen ergriffen und fortgetragen, die sich vielleicht einbildeten,
-doch endlich Sieger in dem letzten Kampfe gewesen zu seyn.</p>
-
-<p>Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen der
-Formica flava mit einigen wenigen reifen Ameisen dieser gelben Art
-nieder, welche noch an Bruchstücken ihres Nestes hingen. Auch diese Art
-wird zuweilen, doch selten zu Sklaven<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> gemacht, wie Herr S<span class="smaller">MITH</span>
-beschrieben hat. Obwohl klein ist diese Art sehr muthig, und ich habe
-sie mit wildem Ungestüm andre Ameisen angreifen sehen. Einmal fand
-ich zu meinem Erstaunen unter einem Steine eine unabhängige Kolonie
-der Formica flava noch unterhalb einem Neste der Sklaven-machenden F.
-sanguinea; und da ich zufällig beide Nester gestört hatte, so griff
-die kleine Art ihre grosse Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich
-war nun neugierig zu erfahren, ob F. sanguinea im Stande seye, die
-Puppen der F. fusca, welche sie gewöhnlich zur Sklaven-Zucht verwendet,
-von denen der kleinen wüthenden F. flava zu unterscheiden, welche sie
-nur selten in Gefangenschaft führt, und es ergab sich bald, dass sie
-dieses Unterscheidungs-Vermögen besass; denn ich sah sie begierig und
-augenblicklich über die Puppen der F. fusca herfallen, während sie sehr
-erschrocken schien, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde
-aus dem Neste der F. flava stiess, und rasch davonrannte. Aber nach
-einer Viertel-Stunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben Ameisen die
-Stelle verlassen hatten, bekamen sie Muth und griffen auch diese Puppen
-auf.</p>
-
-<p>Eines Abends besuchte ich eine andre Gemeinde der F. sanguinea und fand
-eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und beim Eingang in ihr Nest,
-Leichen und viele Puppen der F. fusca mit sich schleppend, also nicht
-auf blosser Wanderung begriffen. Ich verfolgte eine 40 Ellen lange
-Reihe mit Beute beladener Ameisen bis zu einem dichten Haide-Gebüsch,
-wo ich das letzte Individuum der F. sanguinea mit einer Puppe belastet
-herauskommen sah; aber das zerstörte Nest konnte ich in der dichten
-Haide nicht finden, obwohl es nicht mehr ferne gewesen seyn kann,
-indem zwei oder drei Individuen der F. fusca in der grössten Aufregung
-umherrannten und eines bewegungslos an der Spitze eines Haide-Zweiges
-hing: alle mit ihren eignen Puppen im Maul, ein Bild der Verzweiflung
-über ihre zerstörte Heimath.</p>
-
-<p>Diess sind die Thatsachen, welche ich, obwohl sie meiner Bestätigung
-nicht erst bedurft hätten, über den wundersamen Sklavenmacher-Instinkt,
-berichten kann. Zuerst ist der grosse Gegensatz zwischen den
-instinktiven Gewohnheiten der F. sanguinea<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> und der kontinentalen
-F. rufescens zu bemerken. Diese letzte baut nicht selbst ihr Nest,
-bestimmt nicht ihre eignen Wanderungen, sammelt nicht das Futter für
-sich und ihre Brut und kann nicht einmal allein fressen; sie ist
-absolut abhängig von ihren zahlreichen Sklaven. Die F. sanguinea
-dagegen hält viel weniger und zumal im ersten Theile des Sommers sehr
-wenige Sklaven; die Herrn bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut
-werden soll; und wenn sie wandern, schleppen die Herrn die Sklaven.
-In der <i>Schweitz</i> wie in <i>England</i> scheinen die Sklaven
-ausschliesslich mit der Sorge für die Brut beauftragt zu seyn, und die
-Herrn allein gehen auf den Sklavenfang aus. In der <i>Schweitz</i>
-arbeiten Herrn und Sklaven miteinander um Nestbau-Materialien
-herbeizuschaffen; beide und doch vorzugsweise die Sklaven besuchen
-und melken, wie man es nennen könnte, ihre Aphiden, und beide sammeln
-Nahrung für die Gemeinschaft ein. In <i>England</i> verlassen die
-Herrn gewöhnlich allein das Nest, um Bau-Stoffe und Futter für sich,
-ihre Larven und Sklaven einzusammeln, so dass dieselben hier von ihren
-Sklaven viel weniger Dienste empfangen als in der <i>Schweitz</i>.</p>
-
-<p>Ich will mich nicht vermessen zu errathen, auf welchem Wege der
-Instinkt der F. sanguinea sich entwickelt hat. Da jedoch Ameisen,
-welche keine Sklavenmacher sind, wie wir gesehen haben, zufällig um
-ihr Nest zerstreute Puppen andrer Arten heimschleppen, vielleicht um
-sie zur Nahrung zu verwenden, so können sich solche Puppen dort auch
-noch zuweilen entwickeln, und die auf solche Weise absichtslos im Haus
-erzognen Fremdlinge mögen dann ihren eignen Instinkten folgen und
-arbeiten, was sie können. Erweiset sich ihre Anwesenheit nützlich für
-die Art, welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten mehr zu
-Arbeiter zu fangen als zu erziehen, so kann der ursprünglich zufällige
-Brauch fremde Puppen zur Nahrung einzusammeln durch Natürliche Züchtung
-verstärkt und endlich zu dem ganz verschiedenen Zwecke Sklaven zu
-erziehen bleibend befestigt werden. Wenn dieser Naturtrieb zur Zeit
-seines Ursprungs in einem noch viel minderen Grade als bei unsrer F.
-sanguinea entwickelt war, welche noch jetzt von ihren Sklaven weniger<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span>
-Hülfe in <i>England</i> als in der <i>Schweitz</i> empfängt, so finde
-ich kein Bedenken anzunehmen, Natürliche Züchtung habe dann diesen
-Instinkt verändert und, immer vorausgesetzt, dass jede Abänderung der
-Spezies nützlich gewesen, allmählich so weit abgeändert, dass endlich
-eine Ameisen-Art entstand in so verächtlicher Abhängigkeit von ihren
-eignen Sklaven, wie es F. rufescens ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zellenbau-Instinkt der Korb-Bienen.</em>) Ich beabsichtige nicht
-über diesen Gegenstand in kleine Einzelnheiten einzugehen, sondern
-will mich beschränken, eine Skizze von den Ergebnissen zu liefern,
-zu welchen ich gelangt bin. Es müsste ein beschränkter Mensch seyn,
-welcher bei Untersuchung des ausgezeichneten Baues einer Bienen-Wabe,
-die ihrem Zwecke so wundersam angepasst ist, nicht in begeisterte
-Verwunderung geriethe. Wir hören von Mathematikern, dass die Bienen
-praktisch ein schwieriges Problem gelöst und ihre Zellen in derjenigen
-Form, welche die grösst-mögliche Menge von Honig aufnehmen kann, mit
-dem geringst-möglichen Aufwande des kostspieligen Bau-Materiales, des
-Wachses nämlich, hergestellt haben. Man hat bemerkt, dass es einem
-geschickten Arbeiter mit passenden Maassen und Werkzeugen sehr schwer
-fallen würde, regelmässig sechseckige Wachs-Zellen zu machen, obwohl
-Diess eine wimmelnde Menge von Bienen in dunklem Korbe mit grösster
-Genauigkeit vollführt. Was für einen Instinkt man auch annehmen mag,
-so scheint es doch anfangs ganz unbegreiflich, wie derselbe solle
-alle nöthigen Winkel und Flächen berechnen, oder auch nur beurtheilen
-können, ob sie richtig gemacht sind. Inzwischen ist doch die
-Schwierigkeit nicht so gross, wie sie Anfangs scheint; denn all’ diess
-schöne Werk lässt sich von einigen wenigen sehr einfachen Naturtrieben
-herleiten.</p>
-
-<p>Ich war diesen Gegenstand zu verfolgen durch Herrn W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>
-veranlasst worden, welcher gezeigt hat, dass die Form der Zellen in
-enger Beziehung zur Anwesenheit von Nachbarzellen steht, und die
-folgende Ansicht ist vielleicht nur eine Modifikation seiner Theorie.
-Wenden wir uns zu dem grossen Abstufungs-Prinzipe und sehen wir zu,
-ob uns die Natur nicht ihre Methode zu wirken enthülle. Am einen Ende
-der kurzen<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> Stufen-Reihe sehen wir die Hummel-Biene, welche ihre alten
-Coccons zur Aufnahme von Honig verwendet, indem sie ihnen zuweilen
-kurze Wachs-Röhren anfügt und ebenso auch einzeln abgesonderte und
-sehr unregelmässig abgerundete Zellen von Wachs anfertigt. Am andern
-Ende der Reihe haben wir die Zellen der Korbbiene, eine doppelte
-Schicht bildend: jede Zelle ist bekanntlich ein sechsseitiges
-Prisma, deren Grundfläche durch eine stumpf-dreiseitige Pyramide aus
-drei Rautenflächen, mit festen Winkeln ersetzt ist. Dieselben drei
-Rautenflächen, welche die pyramidale Basis einer Zelle in der einen
-Zellen-Schicht der Scheibe bilden, entsprechen je einer Rautenfläche
-in drei aneinanderstossenden Zellen der entgegengesetzten Schicht. Als
-Zwischenstufe zwischen der äussersten Vervollkommnung im Zellenbau
-der Korb-Biene und der äussersten Einfachheit in dem der Hummel-Biene
-haben wir dann die Zellen der <i>Mexikanischen</i> Melipona domestica,
-welche P. H<span class="smaller">UBER</span> gleichfalls sorgfältig beschrieben und
-abgebildet hat. Diese Biene steht in ihrer Körperbildung zwischen
-unsrer Honig-Biene und der Hummel in der Mitte, doch der letzten näher,
-bildet einen fast regelmässigen wächsernen Zellen-Kuchen mit walzigen
-Zellen, worin die Jungen gepflegt werden, und überdiess mit einigen
-grossen Zellen zur Aufnahme von Honig. Diese letzten sind von ihrer
-freien Seite gesehen fast kreisförmig und von nahezu gleicher Grösse,
-in eine unregelmässige Masse zusammengefügt; am wichtigsten aber ist
-daran zu bemerken, dass sie so nahe aneinander gerückt sind, dass alle
-kreisförmigen Wände, wenn sie auch da, wo die Zellen einander stossen,
-ihre Kreise fortsetzten, einander schneiden oder durchsetzen müssten;
-daher die Wände an den aneinanderliegenden Stellen eben abgeplattet
-sind. Jede dieser im Ganzen genommen kreisrunden Zellen hat mithin doch
-2–3 oder mehr vollkommen ebene Seitenflächen, je nachdem sie an 2–3
-oder mehr andre Zellen seitlich angrenzt. Kommt eine Zelle in Berührung
-mit drei andern Zellen, was, da alle von fast gleicher Grösse sind,
-nothwendig sehr oft geschieht, so vereinigen sich die drei ebenen
-Flächen zu einer dreiseitigen Pyramide, welche, nach H<span class="smaller">UBER</span>’<span class="smaller">S</span>
-Bemerkung, offenbar der dreiseitigen Pyramide an<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> der Basis der
-Zellen unsrer Korb-Biene zu vergleichen ist. Wie in den Zellen der
-Honigbiene, so nehmen auch hier die drei ebenen Flächen einer Zelle an
-der Zusammensetzung dreier andren anstossenden Zellen Theil. Es ist
-offenbar, dass die Melipona bei dieser Bildungs-Weise Wachs erspart;
-denn die Wände sind da, wo mehre solche Zellen aneinandergrenzen,
-nicht doppelt und nur von der Dicke wie die kreisförmigen Theile, und
-jedes flache Stück Zwischenwand nimmt an der Zusammensetzung zweier
-aneinanderstossenden Zellen Antheil.</p>
-
-<p>Indem ich über diesen Fall nachdachte, kam es mir vor, als ob, wenn die
-Melipona ihre walzigen Zellen von gleicher Grösse in einer gegebenen
-gleichen Entfernung von einander gefertigt und symmetrisch in eine
-doppelte Schicht geordnet hätte, der dadurch erzielte Bau so vollkommen
-als der der Korb-Biene geworden seyn würde. Demzufolge schrieb ich an
-Professor M<span class="smaller">ILLER</span> in <i>Cambridge</i>, und dieser Geometer
-bezeichnet die folgende seiner Belehrung entnommene Darstellung als
-richtig.</p>
-
-<p>Wenn eine Anzahl unter sich gleicher Kreise so beschrieben wird,
-dass ihre Mittelpunkte in zwei parallelen Ebenen liegen, und das
-Centrum eines jeden Kreises um Radius × √<span class="bt">2</span> oder
-Radius&#160;×&#160;1.41421
-(oder weniger) von den Mittelpunkten der sechs umgebenden Kreise in
-derselben Schicht und eben so weit von den Centren der angrenzenden
-Kreise in der andren parallelen Schicht entfernt ist<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>, und wenn
-alsdann Durchschneidungsflächen zwischen den verschiedenen Kreisen
-beider Schichten gebildet<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> werden: — so muss sich eine doppelte Lage
-sechsseitiger Prismen ergeben, welche mit aus drei Rauten gebildeten
-dreiseitig-pyramidalen Basen aufeinanderstehen, und diese Rauten-
-sowie die Seiten-Flächen der sechsseitigen Prismen werden in allen
-Winkeln aufs Genaueste übereinstimmen, wie sie an den Wachsscheiben
-der Bienen nach den sorgfältigsten Messungen vorkommen. Wir können
-daher mit Verlässigkeit schliessen, dass, wenn wir die jetzigen noch
-nicht sehr ausgezeichneten Instinkte der Melipona etwas zu verbessern
-im Stande wären, diese einen Bau eben so wunderbar vollkommen zu
-liefern vermöchte, als die Korb-Biene. Stellen wir uns also vor, die
-Melipona mache ihre Zellen ganz kreisrund und gleich-gross, was nicht
-zum Verwundern seyn würde, da sie es schon in gewissem Grade thut und
-viele Insekten sich vollkommen walzenförmige Zellen in Holz aushöhlen,
-indem sie anscheinend sich um einen festen Punkt drehen. Stellen wir
-uns ferner vor, die Melipona ordne ihre Zellen in ebenen Lagen, wie
-sie es bereits mit ihren Walzen-Zellen thut. Nehmen wir ferner an (und
-Diess ist die grösste Schwierigkeit), sie vermöge irgend-wie genau zu
-beurtheilen, in welchem Abstände von ihren gleichzeitig beschäftigten
-Mitarbeiterinnen sie ihre kreisrunden Zellen beginnen müsse; wir
-sahen sie ja bereits Entfernungen hinreichend bemessen, um alle ihre
-Kreise so zu beschreiben, dass sie einander stark schneiden, und sahen
-sie dann die Schneidungs-Punkte durch vollkommen ebene Wände mit
-einander verbinden. Unterstellen wir endlich, was keiner Schwierigkeit
-unterliegt, dass wenn die sechsseitigen Prismen durch Schneidung in
-der nämlichen Schicht aneinanderliegender Kreise gebildet sind, sie
-deren Sechsecke bis zu genügender Ausdehnung verlängern könne, um
-den Honig-Vorrath aufzunehmen, wie die Hummel den runden Mündungen
-ihrer alten Coccons noch Wachs-Zylinder ansetzt. Diess sind die nicht
-sehr wunderbaren Modifikationen dieses Instinktes (wenigstens nicht
-wunderbarer als jene, die den Vogel bei seinem Nestbau leiten), durch
-welche, wie ich glaube, die Korb-Biene auf dem Wege Natürlicher
-Züchtung zu ihrer unnachahmlichen architektonischen Geschicklichkeit
-gelangt ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p>
-
-<p>Doch diese Theorie lässt sich durch Versuche bewähren. Nach Herrn
-T<span class="smaller">EGEMEIER</span>’<span class="smaller">S</span> Vorgange trennte ich zwei Bienen-Waben und fügte
-einen langen dicken rechteckigen Streifen Wachs dazwischen. Die Bienen
-begannen sogleich kleine kreisrunde Grübchen darin auszuhöhlen, die sie
-immer mehr erweiterten je tiefer sie wurden, bis flache Becken daraus
-entstanden, die genau kreisrund und vom Durchmesser der gewöhnlichen
-Zellen waren. Es war sehr ansprechend für mich zu beobachten, dass
-überall, wo mehre Bienen zugleich neben einander solche Aushöhlungen
-zu machen begannen, sie genau die richtigen Entfernungen einhielten,
-dass jene Becken mit der Zeit vollkommen die erwähnte Weite einer
-gewöhnlichen Zelle erlangten, so dass, als sie den sechsten Theil des
-Durchmessers des Kreises, wovon sie einen Theil bildeten, erreicht
-hatten, sie einander schneiden mussten. Sobald dies der Fall war,
-hielten die Bienen mit der weiteren Austiefung ein und begannen auf den
-Schneidungs-Linien zwischen den Becken ebene Wände von Wachs senkrecht
-aufzuführen, so dass jede sechsseitige Zelle auf den unebenen Rand
-eines glatten Beckens statt auf die geraden Ränder einer dreiseitigen
-Pyramide zu stehen kam, wie bei den gewöhnlichen Bienen-Zellen.</p>
-
-<p>Ich brachte dann statt eines dicken rechteckigen Stückes Wachs einen
-schmalen und nur Messerrücken-dicken Wachs-Streifen, mit Cochenille
-gefärbt, in den Korb. Die Bienen begannen sogleich von zwei Seiten her
-kleine Becken nahe beieinander darin auszuhöhlen, wie zuvor; aber der
-Wachs-Streifen war so dünn, dass die Böden der Becken bei gleich-tiefer
-Aushöhlung wie vorhin von zwei entgegengesetzten Seiten her hätten
-ineinander brechen müssen. Dazu liessen es aber die Bienen nicht
-kommen, sondern hörten bei Zeiten mit der Vertiefung auf, so dass die
-Becken, so bald sie etwas vertieft waren, ebene Böden bekamen; und
-diese ebenen Böden, aus dünnen Plättchen des rothgefärbten Wachses
-bestehend, die nicht weiter ausgenagt wurden, kamen, so weit das Auge
-unterscheiden konnte, genau längs den eingebildeten Schneidungs-Ebenen
-zwischen den Becken der zwei entgegengesetzten Seiten des
-Wachs-Streifens zu liegen. Stellenweise waren kleine Anfänge, an
-anderen Stellen grössre<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> Theile rhombischer Tafeln zwischen den
-einander entgegenstehenden Becken übrig geblieben; aber das Werk wurde
-in Folge der unnatürlichen Lage der Dinge nicht zierlich ausgeführt.
-Die Bienen müssen in ungefähr gleichem Verhältniss auf beiden Seiten
-des rothen Wachs-Streifens gearbeitet haben, als sie die kreisrunden
-Vertiefungen von beiden Seiten her ausnagten, um bei Einstellung der
-Arbeit die ebenen Boden-Plättchen auf der Zwischenwand übrig lassen zu
-können.</p>
-
-<p>Berücksichtigt man, wie biegsam dieses Wachs ist, so sehe ich
-keine Schwierigkeit für die Bienen ein, es von beiden Seiten
-her wahrzunehmen, wenn sie das Wachs bis zur angemessenen Dünne
-weggenagt haben, um dann ihre Arbeit einzustellen. In gewöhnlichen
-Bienenwaben schien mir, dass es den Bienen nicht immer gelinge, genau
-gleichen Schrittes von beiden Seiten her zu arbeiten. Denn ich habe
-halb-vollendete Rauten am Grunde einer eben begonnenen Zelle bemerkt,
-die an einer Seite etwas konkav waren, wo nach meiner Vermuthung die
-Bienen ein wenig zu rasch vorgedrungen waren, und auf der anderen
-Seite konvex erschienen, wo sie träger in der Arbeit gewesen. In einem
-sehr ausgezeichneten Falle der Art brachte ich die Wabe in den Korb
-zurück, liess die Bienen kurze Zeit daran arbeiten, und nahm sie darauf
-wieder heraus, um die Zellen aufs Neue zu untersuchen. Ich fand dann
-die Rauten-förmigen Platten ergänzt und von beiden Seiten vollkommen
-eben. Es war aber bei der ausserordentlichen Dünne der rhombischen
-Plättchen unmöglich gewesen, Diess durch ein weiteres Benagen von der
-konvexen Seite her zu bewirken, und ich vermuthe, dass die Bienen in
-solchen Fällen von den entgegengesetzten Zellen aus das biegsame und
-warme Wachs (was nach einem Versuche leicht geschehen kann) in die
-zukömmliche mittle Ebene gedrückt und gebogen haben, bis es flach wurde.</p>
-
-<p>Aus dem Versuche mit dem roth-gefärbten Streifen ist klar zu ersehen,
-dass, wenn die Bienen eine dünne Wachs-Wand zur Bearbeitung vor sich
-haben, sie ihre Zellen von angemessener Form machen können, indem sie
-sich in richtigen Entfernungen von einander halten, gleichen Schritts
-mit der Austiefung vorrücken,<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> und gleiche runde Höhlen machen, ohne
-jedoch deren Zwischenwände zu durchbrechen. Nun machen die Bienen,
-wie man bei Untersuchung des Randes einer in umfänglicher Zunahme
-begriffenen Honigwabe deutlich erkennt, eine rauhe Einfassung oder Wand
-rund um die Wabe, und nagen darin von den entgegengesetzten Seiten ihre
-Zellen aus, indem sie mit deren Vertiefung auch den kreisrunden Umfang
-erweitern. Sie machen nie die ganze dreiseitige Pyramide des Bodens
-einer Zelle auf einmal, sondern nur die eine der drei rhombischen
-Platten, welche dem äussersten in Zunahme begriffenen Rande entspricht,
-oder auch die zwei Platten, wie es die Lage mit sich bringt. Auch
-ergänzen sie nie die oberen Ränder der rhombischen Platten, als bis die
-sechsseitige Zellenwand angefangen wird. Einige dieser Angaben weichen
-von denen des mit Recht berühmten älteren H<span class="smaller">UBER</span> ab, aber ich
-bin überzeugt, dass sie richtig sind; und wenn es der Raum gestattete,
-so würde ich zeigen, dass sie so mit meiner Theorie in Einklang stehen.</p>
-
-<p>H<span class="smaller">UBER</span>’<span class="smaller">S</span> Behauptung, dass die allererste Zelle in einer nicht
-vollkommen parallel-seitigen Wachs-Wand ausgehöhlt worden, ist, so
-viel ich gesehen, nicht ganz richtig: der erste Anfang war immer eine
-kleine Haube von Wachs; doch will ich in diese Einzelnheiten hier nicht
-eingehen. Wir sehen, was für einen wichtigen Antheil die Aushöhlung an
-der Zellen-Bildung hat; doch wäre es ein grosser Fehler anzunehmen,
-die Bienen könnten auf eine rauhe Wachs-Wand nicht in geeigneter Lage,
-d.&#160;h. längs der Durchschnitts-Ebene zwischen zwei aneinandergrenzenden
-Kreisen bauen. Ich habe verschiedene Musterstücke, welche beweisen,
-dass sie Diess können. Selbst in dem rohen umfänglichen Wachs-Rande
-rund um eine in Zunahme begriffene Wabe beobachtet man zuweilen
-Krümmungen, welche ihrer Lage nach den Ebenen der rautenförmigen
-Grund-Platten künftiger Zellen entsprechen. Aber in allen Fällen muss
-die rauhe Wachs-Wand durch Wegnagung ansehnlicher Theile derselben von
-beiden Seiten her ausgearbeitet werden. Die Art, wie die Bienen bauen,
-ist sonderbar. Sie machen immer die erste rohe Wand zehn bis zwanzig
-mal dicker, als die äusserst feine Scheidewand, die<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> zuletzt zwischen
-den Zellen übrig bleiben soll. Wir werden besser verstehen, wie sie
-zu Werke gehen, wenn wir uns denken, Maurer häuften zuerst einen
-breiten Zäment-Wall auf, begännen dann am Boden denselben von zwei
-Seiten her gleichen Schrittes, bis noch eine dünne Wand in der Mitte,
-wegzuhauen und häuften das Weggehauene mit neuem Zäment immer wieder
-auf dem Rücken des Walles an. Wir haben dann eine dünne stetig in die
-Höhe wachsende Wand, die aber stets noch überragt ist von einem dicken
-rohen Wall. Da alle Zellen, die erst angefangenen sowohl als die schon
-fertigen, auf diese Weise von einer starken Wachs-Masse gekrönt sind,
-so können sich die Bienen auf der Wabe zusammenhäufen und herumtummeln,
-ohne die zarten sechseckigen Zellen-Wände zu beschädigen, welche nach
-Professor M<span class="smaller">ILLER</span>’<span class="smaller">S</span> Mittheilung im Mittel am Rande der Wabe
-<span class="zaehler">1</span>&#8260;<span class="nenner">353</span>″, an den Platten der Grund-Pyramide aber
-<span class="zaehler">1</span>&#8260;<span class="nenner">229</span>″ dick sind.
-Durch diese eigenthümliche Weise zu bauen erhält die Wabe fortwährend
-die erforderliche Stärke mit der grösst-möglichen Ersparung von Wachs.</p>
-
-<p>Anfangs scheint die Schwierigkeit, die Anfertigungs-Weise der Zellen
-zu begreifen, noch dadurch vermehrt zu werden, dass eine Menge von
-Bienen gemeinsam arbeiten, indem jede, wenn sie eine Zeit lang an einer
-Zelle gearbeitet hat, an eine andre geht, so dass, wie Huber bemerkt,
-ein oder zwei Dutzend Individuen sogar am Anfang der ersten Zelle sich
-betheiligen. Es ist mir möglich gewesen, diese Thatsache zu bestätigen,
-indem ich die Ränder der sechsseitigen Wand einer einzelnen Zelle oder
-den äussersten Rand der Umfassungs-Wand einer im Wachsthum begriffenen
-Wabe mit einer äusserst dünnen Schicht flüssigen roth-gefärbten
-Wachses überzog und dann jedesmal fand, dass die Bienen diese Farbe
-auf die zarteste Weise, wie es kein Maler zarter mit seinem Pinsel
-vermocht hätte, vertheilten, indem sie Atome des gefärbten Wachses von
-ihrer Stelle entnahmen und ringsum in die zunehmenden Zellen-Ränder
-verarbeiteten. Diese Art zu bauen kömmt mir vor, wie ein Wetteifer
-zwischen vielen Bienen einander das Gleichgewicht zu halten, indem
-alle Instinkt-gemäss in gleichen Entfernungen von<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> einander stehen,
-und alle gleiche Kreise um sich zu beschreiben suchen, dann aber die
-Durchschnitts-Ebenen zwischen diesen Kreisen entweder aufzubauen oder
-unbenagt zu lassen. Es war in der That eigenthümlich anzusehen, wie
-manchmal in schwierigen Fällen, wenn z.&#160;B. zwei Stücke einer Wabe unter
-irgend einem Winkel aneinanderstiessen, die Bienen dieselbe Zelle
-wieder niederrissen und in andrer Art herstellten, mitunter auch zu
-einer Form zurückkehrten, die sie schon einmal verworfen hatten.</p>
-
-<p>Wenn Bienen einen Platz haben, wo sie in zur Arbeit angemessener
-Haltung stehen können, — z. B auf einem Holz-Stückchen gerade unter
-der Mitte einer abwärts wachsenden Wabe, so dass die Wabe über eine
-Seite des Holzes gebaut werden muss, — so können sie den Grund zu
-einer Wand eines neuen Sechsecks legen, so dass es genau am gehörigen
-Platze unter den andern fertigen Zellen vorragt. Es genügt, dass die
-Bienen im Stande sind, in zukömmlicher Entfernung von einander und
-von den Wänden der zuletzt vollendeten Zellen zu stehen, und dann
-können sie, nach Maassgabe der eingebildeten Kreise, eine Zwischenwand
-zwischen zwei benachbarten Zellen aufführen; aber, so viel ich
-gesehen, arbeiten sie niemals die Ecken einer Zelle scharf aus, als
-bis ein grosser Theil sowohl dieser als der anstossenden Zellen
-fertig ist. Dieses Vermögen der Bienen unter gewissen Verhältnissen
-an angemessener Stelle zwischen zwei soeben angefangenen Zellen eine
-rauhe Wand zu bilden ist wichtig, weil es eine Thatsache erklärt,
-welche anfänglich die vorangehende Theorie mit gänzlichem Umsturze
-bedrohete, nämlich dass die Zellen auf der äussersten Kante einer
-Bienen-Wabe zuweilen genau sechseckig sind; inzwischen habe ich hier
-nicht Raum auf diesen Gegenstand einzugehen. Dann scheint es mir auch
-keine grosse Schwierigkeit mehr darzubieten, dass ein einzelnes Insekt
-(wie es bei der Bienenkönigin z.&#160;B. der Fall ist) sechskantige Zellen
-baut, wenn es nämlich abwechselnd an der Aussen- und der Innen-Seite
-von zwei oder drei gleichzeitig angefangenen Zellen arbeitet und
-dabei immer in der angemessenen Entfernung von den Theilen der
-eben begonnenen Zellen steht, Kreise um sich beschreibt und in den
-Schneidungs-Ebenen<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Zwischenwände aufführt. Auch ist es zu begreifen,
-dass ein Insekt, indem es seinen Platz am Anfangs-Punkte einer Zelle
-einnimmt, und sich von da auswärts zuerst nach einem und dann nach
-fünf andern Punkten in angemessenen Entfernungen von einander und vom
-Mittelpunkte wendet, der Richtung der Schneidungs-Ebenen folgt und
-so ein einzelnes Sechseck zuwegebringt; doch ist mir nicht bekannt,
-dass ein Fall dieser Art beobachtet worden wäre, wie denn auch aus der
-Erbauung einer einzeln-stehenden sechseckigen Zelle dem Insekt kein
-Vortheil entspränge, indem dieselbe mehr Bau-Material als ein Zylinder
-erheischen würde.</p>
-
-<p>Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung geringer Abweichungen des
-Baues oder Instinktes wirkt, welche alle dem Individuum in seinen
-Lebens-Verhältnissen nützlich sind, so mag man vernünftiger Weise
-fragen, welchen Nutzen eine lange und stufenweise Reihenfolge von
-Abänderungen des Bau-Triebes in der zu seiner jetzigen Vollkommenheit
-führenden Richtung der Stamm-Form unsrer Honig-Bienen habe bringen
-können? Ich glaube, die Antwort ist nicht schwer. Es ist bekannt,
-dass Bienen oft in grosser Noth sind, genügenden Nektar aufzutreiben;
-und ich habe von Herrn T<span class="smaller">EGETMEIER</span> erfahren, dass er durch
-Versuche ermittelt habe, dass nicht weniger als 12–15 Pfund trocknen
-Zuckers zur Sekretion von jedem Pfund Wachs in einem Bienen-Korbe
-verbraucht werden, daher eine überschwängliche Menge flüssigen Honigs
-eingesammelt und von den Bienen eines Stockes verzehrt werden muss,
-um das zur Erbauung ihrer Waben nöthige Wachs zu erhalten. Überdiess
-muss eine grosse Anzahl Bienen während des Sekretions-Prozesses viele
-Tage lang unbeschäftigt bleiben. Ein grosser Honig-Vorrath ist ferner
-nöthig für den Unterhalt eines starken Stockes über Winter, und es ist
-bekannt, dass die Sicherheit desselben hauptsächlich gerade von seiner
-Stärke abhängt. Daher Ersparniss von Wachs eine grosse Ersparniss von
-Honig veranlasst und eine wesentliche Bedingniss des Gedeihens einer
-Bienen-Familie ist. Für gewöhnlich mag der Erfolg einer Bienen-Art
-von der Zahl ihrer Parasiten und andrer Feinde oder von ganz andern
-Ursachen bedingt<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> und in soferne von der Menge des Honigs unabhängig
-seyn, welche die Bienen einsammeln können. Nehmen wir aber an, diess
-Letzte seye doch wirklich der Fall, wie in der That oft die Menge der
-Hummel-Bienen in einer Gegend davon bedingt ist, und nehmen wir ferner
-an (was in Wirklichkeit nicht so ist), ihre Gemeinde durchlebe den
-Winter und verlange mithin einen Honig-Vorrath, so wäre es in diesem
-Falle für unsre Hummel-Bienen gewiss ein Vortheil, wenn eine geringe
-Veränderung ihres Instinktes sie veranlasste, ihre Wachs-Zellen etwas
-näher an einander zu machen, so dass sich deren kreisrunden Wände
-etwas schnitten; denn eine jede zweien aneinanderstossenden Zellen
-gemeinsam dienende Zwischenwand müsste etwas Wachs ersparen. Es würde
-daher ein zunehmender Vortheil für unsre Hummeln seyn, wenn sie ihre
-Zellen immer regelmässiger machten, immer näher zusammenrückten und
-immer mehr zu einer Masse vereinigten, wie Melipona, weil alsdann ein
-grosser Theil der eine jede Zelle begrenzenden Wand auch andern Zellen
-zur Begrenzung dienen und viel Wachs erspart werden würde. Aus gleichem
-Grunde würde es für die Melipona vortheilhaft seyn, wenn sie ihre
-walzenförmigen Zellen noch näher zusammenrückte und noch regelmässiger
-als jetzt machte, weil dann, wie wir gesehen haben, die kreisförmigen
-Wände gänzlich verschwinden und durch ebene Zwischen-Wände ersetzt
-werden müssten, wo dann die Melipona eine so vollkommene Wabe als
-die Honig-Biene liefern würde. Aber über diese Stufe hinaus kann
-Natürliche Züchtung den Bau-Trieb nicht mehr vervollkommnen, weil die
-Wabe der Honig-Biene, so viel wir einsehen können, hinsichtlich der
-Wachs-Ersparniss unbedingt vollkommen ist.</p>
-
-<p>So kann nach meiner Meinung der wunderbarste aller bekannten Instinkte,
-der der Honig-Biene, durch die Annahme erklärt werden, Natürliche
-Züchtung habe allmählich eine Menge kleiner Abänderungen einfachrer
-Naturtriebe benützt; sie habe auf langsamen Stufen die Bienen geleitet,
-in einer doppelten Schicht gleiche Kreise in gegebenen Entfernungen
-von einander zu ziehen und das Wachs längs ihrer Durchschnitts-Ebenen
-aufzuschichten und auszuhöhlen, wenn auch die Bienen selbst von<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> den
-bestimmten Abständen ihrer Kreise von einander eben so wenig als
-von den Winkeln ihrer Sechsecke und den Rautenflächen am Boden ein
-Bewusstseyn haben. Die treibende Ursache des Prozesses der Natürlichen
-Züchtung war Ersparniss an Wachs, genügende Stärke der Zellen, und
-deren geeignete Form und Grösse für die Larven. Der einzelne Schwarm,
-welcher die besten Zellen machte und am wenigsten Honig zur Sekretion
-von Wachs bedurfte, gedieh am besten und vererbte seinen neu-erworbenen
-Ersparniss-Trieb auf spätre Schwärme, welche dann ihrerseits wieder die
-meiste Wahrscheinlichkeit des Erfolges in dem Kampfe um’s Daseyn hatten.</p>
-
-<p>Man hat auf die vorangehende Anschauungs-Weise über die Entstehung
-des Instinktes erwidert, dass Abänderung von Körperbau und Instinkt
-gleichzeitig und in genauem Verhältnisse zu einander erfolgt seyn
-müssen, weil eine Abänderung des einen ohne entsprechenden Wechsel
-des andern den Thieren hätte verderblich werden müssen. Die Stärke
-dieses Einwandes scheint jedoch gänzlich auf der Annahme zu beruhen,
-dass die beiderlei Veränderungen in Struktur und Instinkt plötzlich
-erfolgten: Kommen wir zur Erläuterung des Falles auf die Kohlmeise
-(Parus major) zurück, von welcher im letzten Kapitel die Rede gewesen.
-Dieser Vogel hält oft auf einem Zweige sitzend Eiben-Saamen zwischen
-seinen Füssen und hämmert darauf los bis er zum Kerne gelangt. Welche
-besondere Schwierigkeit könnte nun für die Natürliche Züchtung in
-der Erhaltung aller geringeren Abänderungen des Schnabels liegen,
-welche ihn zum Aufhacken der Saamen immer besser geeignet machten,
-bis er endlich für diesen Zweck so wohl gebildet wäre, wie der des
-Nusspickers (Sitta), während zugleich die erbliche Gewohnheit, oder
-Mangel an andrem Futter, oder zufällige Veränderungen des Geschmacks
-aus dem Vogel mehr und mehr einen ausschliesslichen Körnerfresser
-werden liessen? Es ist hier angenommen, dass durch Natürliche Züchtung
-der Schnabel nach, aber in Zusammenhang mit, dem langsamen Wechsel der
-Gewohnheit verändert worden seye. Lasse man aber nun auch noch die
-Füsse der Kohlmeise sich verändern und in Correlation mit dem Schnabel
-oder aus irgend einer andern<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Ursache sich vergrössern, so bleibt es
-doch sehr unwahrscheinlich, dass diese grösseren Füsse den Vogel auch
-mehr und mehr zum Klettern verleiten, bis er auch die merkwürdige
-Neigung und Fähigkeit des Kletterns wie der Nusspicker erlangt. In
-diesem Falle würde denn ein stufenweiser Wechsel des Körper-Baues zu
-einer Veränderung von Instinkt und Lebens-Weise führen. — Nehmen wir
-einen andern Fall an. Wenige Instinkte sind merkwürdiger als derjenige,
-welcher die Schwalbe der <i>Ostbritischen</i> Inseln veranlasst ihr
-Nest ganz aus verdicktem Speichel zu machen. Einige Vögel bauen ihr
-Nest aus durchspeicheltem Schlamm, und eine <i>Nordamerikanische</i>
-Schwalben-Art sah ich ihr Nest aus Reisern mit Speichel und selbst
-mit Flocken von dieser Substanz zusammenkitten. Ist es dann nun
-so unwahrscheinlich, dass Natürliche Züchtung mittelst einzelner
-Schwalben-Individuen, welche mehr und mehr Speichel absondern, endlich
-zu einer Art geführt habe, welche mit Vernachlässigung aller andern
-Bau-Stoffe ihr Nest allein aus verdichtetem Speichel bildete? Und so in
-andern Fällen. Man muss zugeben, dass wir in vielen Fällen gar keine
-Vermuthung darüber haben können, ob Instinkt oder Körper-Bau zuerst
-sich zu ändern begonnen habe; — noch vermögen wir zu errathen, durch
-welche Abstufungen hindurch viele Instinkte sich haben entwickeln
-müssen, wenn sie sich auf Organe beziehen, über deren ersten Anfänge
-(wie z.&#160;B. der Brustzitze) wir gar nichts wissen.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel liessen sich noch viele schwer erklärbare Instinkte
-meiner Theorie Natürlicher Züchtung entgegenhalten: Fälle, wo sich die
-Veranlassung zur Entstehung eines Instinktes nicht einsehen lässt;
-Fälle, wo keine Zwischenstufen bekannt sind; Fälle von anscheinend so
-unwichtigen Instinkten, dass kaum abzusehen, wie sich die Natürliche
-Züchtung an ihnen betheiligt haben könne; Fälle von fast gleichen
-Instinkten bei Thieren, welche auf der Stufenleiter der Natur so
-weit auseinander stehen, dass sich deren Übereinstimmung nicht durch
-Ererbung von einer gemeinsamen Stamm-Form erklären lässt, sondern von
-einander unabhängigen Züchtungs-Thätigkeiten zugeschrieben werden muss.
-Ich will hier nicht auf diese mancherlei Fälle eingehen, sondern<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> nur
-bei einer besondern Schwierigkeit stehen bleiben, welche mir anfangs
-unübersteiglich und meiner ganzen Theorie verderblich zu seyn schien.
-Ich will von den geschlechtlosen Individuen oder unfruchtbaren Weibchen
-der Insekten-Kolonien sprechen; denn diese Geschlechtlosen weichen
-sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen in Bau und
-Instinkt oft sehr weit ab und können doch, weil sie steril sind, ihre
-eigenthümliche Beschaffenheit nicht selbst durch Fortpflanzung weiter
-übertragen.</p>
-
-<p>Dieser Gegenstand würde sich zu einer weitläufigen Erörterung
-eignen; doch will ich hier nur einen einzelnen Fall herausheben, die
-Arbeits-Ameisen. Anzugeben wie diese Arbeiter steril geworden sind,
-ist eine grosse Schwierigkeit, doch nicht grösser als bei andren
-auffälligen Abänderungen in der Organisation auch. Denn es lässt sich
-nachweisen, dass einige Sechsfüsser u.&#160;a. Kerbthiere im Natur-Zustande
-zuweilen unfruchtbar werden; und falls Diess nun bei gesellig lebenden
-Arten vorgekommen und es der Gemeinde vortheilhaft gewesen ist, dass
-jährlich eine Anzahl zur Arbeit geschickter aber zur Fortpflanzung
-untauglicher Individuen unter ihnen geboren werde, so dürfte keine
-grosse Schwierigkeit für die Natürliche Züchtung mehr stattgefunden
-haben, jenen Zufall zur weitern Entwickelung dieser Anlage zu benützen.
-Doch muss ich über dieses vorläufige Bedenken hinweggehen. Die Grösse
-der Schwierigkeit liegt darin, dass diese Arbeiter sowohl von den
-männlichen wie von den weiblichen Ameisen auch in ihrem übrigen Bau,
-in der Form des Bruststückes, in dem Mangel der Flügel und zuweilen
-der Augen, so wie in ihren Instinkten weit abweichen. Was den Instinkt
-allein betrifft, so hätte sich die wunderbare Verschiedenheit, welche
-in dieser Hinsicht zwischen den Arbeiterinnen und den fruchtbaren
-Weibchen ergibt, noch weit besser bei den Honig-Bienen<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> nachweisen
-lassen. Wäre eine Arbeits-Ameise oder ein andres Geschlecht-loses
-Insekt ein Thier in seinem gewöhnlichen Zustande,<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> so würde ich
-unbedenklich angenommen haben, dass alle seine Charaktere durch
-Natürliche Züchtung entwickelt worden seyen, und dass namentlich, wenn
-ein Individuum mit irgend einer kleinen Nutz-bringenden Abweichung des
-Baues geboren worden wäre, sich diese Abweichung auf dessen Nachkommen
-vererbt habe, welche dann ebenfalls variirten und bei weiterer
-Züchtung voranstunden. In der Arbeits-Ameise aber haben wir ein von
-seinen Ältern weit abweichendes Insekt, unbedingt unfruchtbar, welches
-daher zufällige Abänderungen des Baues nie ererbt haben noch auf eine
-Nachkommenschaft weiter vererben kann. Man muss daher fragen, wie es
-möglich seye, diesen Fall mit der Theorie Natürlicher Züchtung in
-Einklang zu bringen?</p>
-
-<p>Erstens können wir mit unzähligen Beispielen sowohl unter unsern
-kultivirten als unter den natürlichen Erzeugnissen belegen, dass
-Struktur-Verschiedenheiten aller Arten mit gewissen Altern oder mit nur
-einem der zwei Geschlechter in eine feste Wechselbeziehung getreten
-sind. Wir haben Abänderungen, die in solcher Wechselbeziehung nicht
-allein mit nur dem einen Geschlechte, sondern sogar mit bloss der
-kurzen Jahreszeit stehen, wo das Reproductiv-System thätig ist, wie
-das hochzeitliche Kleid vieler Vögel und der Haken-förmige Unterkiefer
-des Salmen. Wir haben auch geringe Unterschiede in den Hörnern einiger
-Rinds-Rassen, welche mit einem künstlich unvollkommenen Zustande des
-männlichen Geschlechtes stehen; denn die Ochsen haben in manchen
-Rassen längre Hörner als in andern, in Vergleich zu denen ihrer Bullen
-oder Kühe. Ich finde daher keine wesentliche Schwierigkeit darin,
-dass ein Charakter mit dem unfruchtbaren Zustande gewisser Mitglieder
-von Insekten-Gemeinden in Correlation steht; die Schwierigkeit liegt
-nur darin zu begreifen, wie solche in Wechselbeziehung stehende
-Abänderungen des Baues durch Natürliche Züchtung langsam gehäuft werden
-konnten.</p>
-
-<p>Diese anscheinend unüberwindliche Schwierigkeit wird aber bedeutend
-geringer oder verschwindet, wie ich glaube, gänzlich, wenn wir
-bedenken, dass Züchtung ebensowohl bei der Familie als bei den
-Individuen anwendbar ist und daher zum erwünschten<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Ziele führen
-kann. So wird eine wohl-schmeckende Gemüse-Sorte gekocht, und diess
-Individuum ist zerstört; aber der Gärtner säet Saamen vom nämlichen
-Stock und erwartet mit Zuversicht wieder nahezu dieselbe Varietät
-zu ärndten. Rindvieh-Züchter wünschen das Fleisch vom Fett gut
-durchwachsen. Das Thier ist geschlachtet worden, aber der Züchter
-wendet sich mit Vertrauen wieder zur nämlichen Familie. Ich habe
-solchen Glauben an die Macht der Züchtung, dass ich nicht bezweifle,
-dass eine Rinder-Rasse, welche stets Ochsen mit ausserordentlich langen
-Hörnern liefert, langsam gezüchtet werden könne durch sorgfältige
-Anwendung von solchen Bullen und Kühen, die, miteinander gepaart,
-Ochsen mit den längsten Hörnern geben, obwohl nie ein Ochse selbst
-diese Eigenschaft auf Nachkommen zu übertragen im Stande ist. So mag es
-wohl auch mit geselligen Insekten gewesen seyn, eine kleine Abänderung
-im Bau oder Instinkt, welche mit der unfruchtbaren Beschaffenheit
-gewisser Mitglieder der Gemeinde in Zusammenhang steht, hat sich
-für die Gemeinde nützlich erwiesen, in Folge dessen die fruchtbaren
-Männchen und Weibchen derselben besser gediehen und auf ihre
-fruchtbaren Nachkommen eine Neigung übertrugen, unfruchtbare Glieder
-mit gleicher Abänderung hervorzubringen. Und ich glaube, dass dieser
-Vorgang oft genug wiederholt worden ist, bis diese Verschiedenheit
-zwischen den fruchtbaren und unfruchtbaren Weibchen einer Spezies zu
-der wunderbaren Höhe gedieh, wie wir sie jetzt bei vielen gesellig
-lebenden Insekten wahrnehmen.</p>
-
-<p>Aber es gibt noch eine grössere Schwierigkeit, die wir bis jetzt nicht
-berührt haben, indem die Geschlechtlosen bei mehren Ameisen-Arten nicht
-allein von den fruchtbaren Männchen und Weibchen, sondern auch noch
-untereinander selbst in oft unglaublichem Grade abweichen und danach
-in 2–3 Kasten getheilt werden. Diese Kasten gehen in der Regel nicht
-in einander über, sondern sind vollkommen getrennt, so verschieden von
-einander, wie es sonst zwei Arten einer Sippe oder zwei Sippen einer
-Familie zu seyn pflegen. So kommen bei Eciton arbeitende und kämpfende
-Individuen mit ausserordentlich verschiedenen Kinnladen und Instinkten
-vor; bei Cryptocerus tragen die Arbeiter der<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> einen Kaste allein eine
-wunderbare Art von Schild an ihrem Kopfe, dessen Zweck ganz unbekannt
-ist. Bei den <i>Mexikanischen</i> Myrmecocystus verlassen die Arbeiter
-der einen Kaste niemals das Nest; sie werden durch die Arbeiter einer
-andern Kaste gefüttert und haben ein ungeheuer entwickeltes Abdomen,
-das eine Art Honig absondert, der die Stelle desjenigen vertritt,
-welchen unsre Ameisen durch das Melken der Blattläuse erlangen; die
-<i>Mexikanischen</i> gewinnen ihn von Individuen ihrer eignen Art, die
-sie als „Kühe“ im Hause eingestellt halten.</p>
-
-<p>Man mag in der That denken, dass ich ein übermässiges Vertrauen in das
-Prinzip der Natürlichen Züchtung setze, wenn ich nicht zugebe, dass
-so wunderbare und wohl-begründete Thatsachen meine Theorie auf einmal
-gänzlich vernichten. In dem einfacheren Falle, wo Geschlecht-lose
-Ameisen nur von einer Kaste vorkommen, die nach meiner Meinung
-durch Natürliche Züchtung ganz leicht von den fruchtbaren Männchen
-und Weibchen abgetrennt worden seyn können, in diesem Falle dürfen
-wir aus der Analogie mit gewöhnlichen Abänderungen zuversichtlich
-schliessen, dass jede geringe nützliche spätre Abweichung nicht alsbald
-an allen Geschlecht-losen Individuen eines Nestes zugleich, sondern
-nur an einigen wenigen zum Vorschein kam, und dass erst in Folge
-lang-fortgesetzter Züchtung fruchtbarer Ältern, welche die meisten
-Geschlechtlosen mit der nutzbaren Abänderung erzeugen konnten, die
-Geschlechtlosen endlich alle diesen gewünschten Charakter erlangten.
-Nach dieser Ansicht müsste man auch im nämlichen Neste zuweilen noch
-Geschlecht-lose Individuen derselben Insekten-Art finden, welche
-Zwischenstufen der Körper-Bildung darstellen; und diese findet man in
-der That und zwar, wenn man berücksichtigt, wie selten in <i>Europa</i>
-diese Geschlechtlosen näher untersucht werden, oft genug. Herr F.
-S<span class="smaller">MITH</span> hat gezeigt, wie erstaunlich dieselben bei den verschiedenen
-<i>Englischen</i> Ameisen-Arten in der Grösse und mitunter in der Form
-variiren, und dass selbst die äussersten Formen zuweilen vollständig
-durch aus demselben Neste entnommene Individuen unter einander
-verkettet werden können. Ich selbst<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> habe vollkommene Stufenreihen
-dieser Art miteinander vergleichen können. Oft geschieht es, dass die
-grösseren oder die kleineren Arbeiter die zahlreicheren sind, oft auch
-sind beide gleich zahlreich mit einer mittlen Abstufung. Formica flava
-hat grössre und kleinere Arbeiter mit einigen von mittler Grösse;
-und bei dieser Art haben nach Herrn S<span class="smaller">MITH</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung die
-grösseren Arbeiter einfache Augen (Ocelli), welche, wenn auch klein,
-doch deutlich zu beobachten sind, während die Ocellen der kleineren
-nur rudimentär erscheinen. Nachdem ich verschiedene Individuen dieser
-Arbeiter sorgfältig zerlegt habe, kann ich versichern, dass die Ocellen
-der letzten weit rudimentärer sind, als nach ihrer Grösse allein zu
-erwarten gewesen wäre, und ich glaube fest, wenn ich es auch nicht für
-gewiss zu behaupten wage, dass die Arbeiter von mittler Grösse auch
-Ocellen von mittlem Vollkommenheits-Grade besitzen. Es gibt daher zwei
-Gruppen steriler Arbeiter in einem Neste, welche nicht allein in der
-Grösse, sondern auch in den Gesichts-Organen von einander abweichen
-und durch einige wenige Glieder von mittler Beschaffenheit miteinander
-verbunden werden. Ich könnte nun noch weiter gehen und sagen, dass wenn
-die kleineren die nützlicheren für den Haushalt der Gemeinde gewesen
-wären und demzufolge immer diejenigen Männchen und Weibchen, welche die
-kleineren Arbeiter liefern, bei der Züchtung das Übergewicht gewonnen
-hätten, bis alle Arbeiter einerlei Beschaffenheit erlangten, wir eine
-Ameisen-Art haben müssten, deren Geschlecht-losen fast wie bei Myrmica
-beschaffen wären. Denn die Arbeiter von Myrmica haben nicht einmal
-Augen-Rudimente, obwohl deren Männchen und Weibchen wohl entwickelte
-Ocellen besitzen.</p>
-
-<p>Ich will noch ein andres Beispiel anführen. Ich erwartete so
-zuversichtlich, Abstufungen in wesentlichen Theilen des Körper-Baues
-zwischen den verschiedenen Kasten der Geschlecht-losen in einer
-nämlichen Art zu finden, dass ich mir gerne Hrn. F. S<span class="smaller">MITH</span>’<span class="smaller">S</span>
-Anerbieten zahlreicher Exemplare der Treiber-Ameise (Anomma) aus
-<i>West-Afrika</i> zu Nutz’ machte. Der Leser wird vielleicht
-die Grösse des Unterschiedes zwischen deren Arbeitern am besten
-bemessen, wenn ich ihm nicht die wirklichen Ausmessungen,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> sondern
-eine streng genaue Vergleichung mittheile. Die Verschiedenheit ist
-eben so gross, als ob wir eine Reihe von Arbeitsleuten ein Haus
-bauen sähen, von welchen viele nur fünf Fuss vier Zoll hoch und
-viele andre bis sechszehn Fuss gross wären (1&#160;:&#160;3); dann müssten wir
-aber noch unterstellen, dass die grösseren vier- statt drei-mal so
-grosse Köpfe als die kleineren und fast fünfmal so grosse Kinnladen
-hätten. Überdiess ändern die Kinnladen dieser Arbeiter wunderbar
-in Form, in Grösse und in der Zahl der Zähne ab. Aber die für uns
-wichtigste Thatsache ist, dass, obwohl man diese Arbeiter in Kasten
-von verschiedener Grösse unterscheiden kann, sie doch unmerklich in
-einander übergehen, wie es auch mit der so weit auseinander weichenden
-Bildung ihrer Kinnladen der Fall ist. Ich kann mit Zuversicht über
-diesen letzten Punkt sprechen, da Hr. L<span class="smaller">UBBOCK</span> Zeichnungen
-dieser Kinnlade mit der Camera lucida für mich angefertigt hat, welche
-ich von den Arbeitern verschiedener Grösse abgelöst hatte.</p>
-
-<p>Mit diesen Thatsachen vor mir glaube ich, dass Natürliche Züchtung
-auf die fruchtbaren Ältern wirkend Arten zu bilden im Stande ist,
-welche regelmässig auch ungeschlechtliche Individuen hervorbringen,
-die entweder alle eine ansehnliche Grösse und gleich beschaffene
-Kinnladen haben, oder welche alle klein und mit Kinnladen von sehr
-veränderlicher Bildung versehen sind, oder welche endlich (und
-Diess ist die Hauptschwierigkeit) zwei Gruppen von verschiedener
-Beschaffenheit darstellen, wovon die eine von gleicher Grösse und
-Bildung und die andre in beiderlei Hinsicht veränderlich ist, beide aus
-einer anfänglichen Stufenreihe wie bei Anomma hervorgegangen, wovon
-aber die zwei äussersten Formen, soferne sie für die Gemeinde die
-nützlichsten sind, durch Natürliche Züchtung der sie erzeugenden Ältern
-immer zahlreicher überwiegend werden, bis die Zwischenstufen gänzlich
-verschwinden.</p>
-
-<p>So ist nach meiner Meinung die wunderbare Erscheinung von zwei streng
-begrenzten Kasten unfruchtbarer Arbeiter in einerlei Nest zu erklären,
-welche beide weit voneinander und von ihren Ältern verschieden sind.
-Es lässt sich annehmen,<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> dass ihre Hervorbringung für eine soziale
-Insekten-Gemeinde nach gleichem Prinzipe, wie die Theilung der Arbeit
-für die zivilisirten Menschen, nützlich geworden seye. Die Ameisen
-arbeiten jedoch mit ererbten Instinkten und mit ererbten Organen und
-Werkzeugen und nicht mit erworbenen Kenntnissen und fabrizirtem Geräthe
-wie der Mensch. Aber ich bin zu bekennen genöthigt, dass ich bei allem
-Vertrauen in die Natürliche Züchtung doch, ohne die vorliegenden
-Thatsachen zu kennen, nie geahnt haben würde, dass dieses Prinzip
-sich in so hohem Grade wirksam erweisen könne. Ich habe desshalb auch
-diesen Gegenstand mit etwas grössrer, obwohl noch ganz ungenügender
-Ausführlichkeit abgehandelt, um daran die Macht Natürlicher Züchtung zu
-zeigen und weil er in der That die ernsteste spezielle Schwierigkeit
-für meine Theorie darbietet. Auch ist der Fall darum sehr interessant,
-weil er zeigt, dass sowohl bei Thieren als bei Pflanzen jeder Betrag
-von Abänderung in der Structur durch Häufung vieler kleinen und
-anscheinend zufälligen Abweichungen von irgend welcher Nützlichkeit,
-ohne alle Unterstützung durch Übung und Gewohnheit, bewirkt werden
-kann. Denn keinerlei Grad von Übung, Gewohnheit und Willen in
-den gänzlich unfruchtbaren Gliedern einer Gemeinde vermöchte die
-Bildung oder Instinkte der fruchtbaren Glieder, welche allein die
-Nachkommenschaft liefern, zu beeinflussen. Ich bin erstaunt, dass
-noch Niemand den lehrreichen Fall der Geschlecht-losen Insekten der
-wohlbekannten Lehre L<span class="smaller">AMARCK</span>’<span class="smaller">S</span> von den ererbten Gewohnheiten
-entgegengesetzt hat.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung.</em>) Ich habe in diesem Kapitel versucht kürzlich
-zu zeigen, dass die Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere abändern,
-und dass diese Abänderungen vererblich sind. Und in noch kürzrer Weise
-habe ich darzuthun gestrebt, dass Instinkte im Natur-Zustande etwas
-abändern. Niemand wird bestreiten, dass Instinkte von der höchsten
-Wichtigkeit für jedes Thier sind. Ich sehe daher keine Schwierigkeit,
-warum unter veränderten Lebens-Bedingungen Natürliche Züchtung
-nicht auch im Stande gewesen seyn sollte, kleine Abänderungen des
-Instinktes in einer nützlichen Richtung bis zu jedem Betrag zu häufen.
-In einigen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Fällen haben Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch
-wahrscheinlich mitgewirkt. Ich glaube nicht durch die in diesem
-Abschnitte mitgetheilten Thatsachen meine Theorie in irgend einer
-Weise zu stützen; doch ist nach meiner besten Überzeugung auch keine
-dieser Schwierigkeiten im Stande sie umzustossen. Auf der andern
-Seite aber eignen sich die Thatsachen, dass Instinkte nicht immer
-vollkommen und noch Missdeutungen unterworfen sind, — dass kein
-Instinkt zum ausschliesslichen Vortheil eines andern Thieres vorhanden
-ist, wenn auch jedes Thier von Instinkten andrer Nutzen zieht, — dass
-der naturhistorische Glaubenssatz „<i>Natura non facit saltum</i>“
-ebensowohl auf Instinkte als auf körperliche Bildung anwendbar und aus
-den vorgetragenen Ansichten eben so erklärlich als auf andre Weise
-unerklärbar ist: alle diese Thatsachen eignen sich die Theorie der
-Natürlichen Züchtung zu befestigen.</p>
-
-<p>Diese Theorie wird noch durch einige andre Erscheinungen hinsichtlich
-der Instinkte bestärkt. So durch die gemeine Beobachtung, dass
-einander nahe verwandte aber sicherlich verschiedene Spezies, wenn
-sie von einander entfernte Welttheile bewohnen und unter beträchtlich
-verschiedenen Existenz-Bedingungen leben, doch oft fast dieselben
-Instinkte beibehalten. So z.&#160;B. lässt sich aus dem Erblichkeits-Prinzip
-erklären, wie es kommt, dass die <i>Süd-Amerikanische</i> Drossel ihr
-Nest mit Schlamm auskleidet ganz in derselben Weise, wie es unsre
-<i>Europäische</i> Drossel thut; — wie es kommt, dass die Männchen
-des <i>Ostindischen</i> und des <i>Afrikanischen</i> Nashorn-Vogels,
-welche zu zwei verschiedenen Untersippen von Buceros gehören, beide
-dieselben eigenthümlichen Instinkte besitzen, ihre in Baumhöhlen
-brütenden Weibchen so einzumauern, dass nur noch ein kleines Loch
-in der Kerker-Wand offen bleibt, durch welches sie das Weibchen und
-später auch die Jungen mit Nahrung versehen; — wie es kommt, dass
-das Männchen des <i>Amerikanischen</i> Zaunkönigs (Troglodytes)
-ein besondres Nest für sich baut, ganz wie das Männchen unsrer
-einheimischen Art: Alles Sitten, die bei andern Vögeln gar nicht
-vorkommen. Endlich mag es wohl keine logisch richtige Folgerung seyn,
-es entspricht aber meiner Vorstellungs-Art<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> weit besser, solche
-Instinkte wie die des jungen Kuckucks, der seine Nährbrüder aus dem
-Neste stösst, — wie die der Ameisen, welche Sklaven machen, — oder
-die der Ichneumoniden, welche ihre Eier in lebende Raupen legen: nicht
-als eigenthümlich anerschaffne Instinkte, sondern nur als geringe
-Ausflüsse eines allgemeinen Gesetzes zu betrachten, welches allen
-organischen Wesen zum Vortheil gereicht, nämlich: Vermehrung und
-Abänderung macht die stärksten siegen und die schwächsten erliegen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br />
-
-<b>Bastard-Bildung.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung
-und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit der Stufe
-nach veränderlich; nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und
-durch Zähmung vermindert. — Gesetze für die Unfruchtbarkeit der
-Bastarde. — Unfruchtbarkeit keine besondre Eigenthümlichkeit,
-sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. —
-Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der
-Bastarde. — Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten
-Lebens-Bedingungen und der Kreutzung. — Fruchtbarkeit miteinander
-gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein.
-— Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit
-verglichen. — Zusammenfassung.</p>
-
-<p>Die allgemeine Meinung der Naturforscher geht dahin, dass Arten im
-Falle der Kreutzung von sich aus unfruchtbar sind, um die Verschmelzung
-aller organischen Formen mit einander zu verhindern. Diese Meinung hat
-anfangs gewiss grosse Wahrscheinlichkeit für sich; denn in derselben
-Gegend beisammen-lebende Arten würden sich, wenn freie Kreutzung
-möglich wäre, kaum getrennt erhalten können. Die Wichtigkeit der
-Thatsache, dass Bastarde sehr allgemein steril sind, ist nach meiner
-Ansicht von einigen neueren Schriftstellern sehr unterschätzt worden.
-Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung ist der Fall um so mehr von
-spezieller Wichtigkeit, als die Unfruchtbarkeit der Bastarde nicht
-wohl vortheilhaft für sie und auch desshalb nicht durch fortgesetzte
-Erhaltung aufeinander-folgender nützlicher<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Abstufungen der Sterilität
-erworben seyn kann<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>. Ich hoffe jedoch zeigen zu können, dass
-Unfruchtbarkeit nicht eine speziell erworbene oder für sich angeborene
-Eigenschaft ist, sondern mit anderen erworbenen Verschiedenheiten
-zusammenhängt.</p>
-
-<p>Bei Behandlung dieses Gegenstandes hat man zwei Klassen von Thatsachen,
-welche von Grund aus weit verschieden sind, gewöhnlich mit einander
-verwechselt, nämlich die Unfruchtbarkeit zweier Arten bei ihrer ersten
-Kreutzung und die Unfruchtbarkeit der von ihnen erhaltenen Bastarde.</p>
-
-<p>Reine Arten haben regelmässig Fortpflanzungs-Organe von vollkommener
-Beschaffenheit, liefern aber, wenn sie mit einander gekreutzt
-werden, nur wenige oder gar keine Nachkommen. Bastarde dagegen haben
-Reproduktions-Organe, welche zur Dienstleistung unfähig sind, wie man
-aus dem Zustande des männlichen Elementes bei Pflanzen und Thieren
-erkennt, während die Organe selbst ihrer Bildung nach vollkommen sind,
-wie die mikroskopische Untersuchung ergibt. Im ersten Falle sind die
-zweierlei geschlechtlichen Elemente, welche den Embryo liefern sollen,
-vollkommen; im andern sind sie entweder gar nicht oder nur sehr
-unvollständig entwickelt. Diese Unterscheidung ist wesentlich, wenn
-die Ursache der in beiden Fällen stattfindenden Sterilität in Betracht
-gezogen werden soll. Der Unterschied ist wahrscheinlich übersehen
-worden, weil man die Unfruchtbarkeit in beiden Fällen als eine besondre
-Eigenthümlichkeit betrachtet hat, deren Beurtheilung ausser dem
-Bereiche unsrer Kräfte liege.</p>
-
-<p>Die Fruchtbarkeit der Varietäten oder derjenigen Formen, welche von
-gemeinsamen Ältern abstammen oder doch so angesehen werden, bei deren
-Kreutzung, und ebenso die ihrer Blendlinge<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> ist nach meiner Theorie
-von gleicher Wichtigkeit mit der Unfruchtbarkeit der Spezies unter
-einander; denn es scheint sich daraus ein klarer und weiter Unterschied
-zwischen Arten und Varietäten zu ergeben.</p>
-
-<p>Erstens: Die Unfruchtbarkeit miteinander gekreutzter Arten und
-ihrer Bastarde. Man kann unmöglich die verschiedenen Werke und
-Abhandlungen der zwei gewissenhaften und bewundernswerthen Beobachter
-K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> und G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, welche fast ihr ganzes
-Leben diesem Gegenstande gewidmet haben, durchlesen, ohne einen
-tiefen Eindruck von der Allgemeinheit eines höheren oder geringeren
-Grades der Unfruchtbarkeit gekreutzter Arten in sich aufzunehmen.
-K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> macht es zur allgemeinen Regel; aber er durchhaut
-den Knoten, indem er in zehn Fällen, wo zwei fast allgemein für
-verschiedene Arten geltende Formen ganz fruchtbar mit einander
-sind, dieselben unbedenklich für blosse Varietäten erklärt. Auch
-G<span class="smaller">ÄRTNER</span> macht die Regel zur allgemeinen und bestreitet die
-zehn Fälle gänzlicher Fruchtbarkeit bei K<span class="smaller">ÖLREUTER</span>. Doch ist
-G<span class="smaller">ÄRTNER</span> in diesen wie in vielen andern Fällen genöthigt, die
-erzielten Saamen sorgfältig zu zählen um zu beweisen, dass doch einige
-Verminderung der Fruchtbarkeit stattfindet. Er vergleicht immer die
-höchste Anzahl der von zwei gekreutzten Arten oder ihren Bastarden
-erzielten Saamen mit deren Durchschnittszahl bei den zwei reinen
-älterlichen Arten in ihrem Natur-Stande. Doch scheint mir dabei noch
-eine Ursache ernsten Irrthums mit unterzulaufen. Eine Pflanze, deren
-Unfruchtbarkeit bewiesen werden soll, muss kastrirt und, was oft noch
-wichtiger ist, eingeschlossen werden, damit ihr kein Pollen von andren
-Pflanzen durch Insekten zugeführt werden kann. Fast alle Pflanzen,
-die zu G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">S</span> Versuchen gedient, waren in Töpfe gepflanzt
-und, wie es scheint, in einem Zimmer seines Hauses untergebracht.
-Dass aber solches Verfahren die Fruchtbarkeit der Pflanzen oft
-beeinträchtigt haben müsse, lässt sich nicht in Abrede stellen. Denn
-G<span class="smaller">ÄRTNER</span> selbst führt in seiner Tabelle etwa zwanzig Fälle
-an, wo er die Pflanzen kastrirte und dann mit ihrem eignen Pollen
-künstlich befruchtete; aber die Leguminosen und andre solche Fälle, wo
-die Manipulation anerkannter<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Maassen schwierig ist, ganz bei Seite
-gesetzt, zeigte die Hälfte jener zwanzig Pflanzen eine mehr und weniger
-verminderte Fruchtbarkeit. Da nun überdiess G<span class="smaller">ÄRTNER</span> einige
-Jahre hintereinander die Primula officinalis und Pr. elatior, welche
-wir nur für Varietäten einer Art zu halten einigen Grund haben, mit
-einander kreutzte und doch nur ein- oder zwei-mal fruchtbaren Saamen
-erhielt, — da er Anagallis arvensis und A. coerulea, welche die besten
-Botaniker nur als Varietäten betrachten, durchaus unfruchtbar mit
-einander fand und noch in mehren analogen Fällen zu gleichem Ergebniss
-gelangte: so scheint mir wohl zu zweifeln erlaubt, ob viele andre
-Spezies wirklich so steril bei der Kreutzung seyen als G<span class="smaller">ÄRTNER</span>
-behauptet.</p>
-
-<p>Einerseits ist es gewiss, dass die Unfruchtbarkeit mancher Arten bei
-gegenseitiger Kreutzung so ungleich an Stärke ist und so manchfaltige
-Abstufungen darbietet, — und dass anderseits die Fruchtbarkeit ächter
-Spezies so leicht durch mancherlei Umstände berührt wird, dass es
-für die meisten praktischen Zwecke schwierig ist zu sagen, wo die
-vollkommene Fruchtbarkeit aufhöre und wo die Unfruchtbarkeit beginne?
-Ich glaube, man kann keinen bessern Beweis dafür verlangen, als der
-ist, dass die erfahrensten zwei Beobachter, die es je gegeben, nämlich
-K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> und G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, hinsichtlich einerlei Spezies
-zu schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen gelangt sind. Auch ist
-es sehr belehrend, die von unseren besten Botanikern vorgebrachten
-Argumente über die Frage, ob diese oder jene zweifelhafte Form
-als Art oder als Varietät zu betrachten sey, zu vergleichen mit
-dem aus der Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit nach den Berichten
-verschiedener Bastard-Züchter oder den mehrjährigen Versuchen der
-Verfasser selbst entnommenen Beweise. Es lässt sich daraus darthun,
-dass weder Fruchtbarkeit noch Unfruchtbarkeit einen klaren Unterschied
-zwischen Arten und Varietäten liefert, indem der darauf gestützte
-Beweis stufenweise verschwindet und mithin so, wie die übrigen von der
-organischen Bildung und Thätigkeit hergenommenen Beweise zweifelhaft
-bleibt.</p>
-
-<p>Was die Unfruchtbarkeit der Bastarde auf dem Wege der Inzucht betrifft,
-so hat G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zwar einige Versuche angestellt<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> und die
-Inzucht während 6–7 und in einem Falle sogar 10 Generationen vor aller
-Kreutzung mit einer der zwei Stammarten geschützt, versichert aber
-ausdrücklich, dass ihre Fruchtbarkeit nie zugenommen, sondern vielmehr
-stark abgenommen habe. Ich zweifle nicht daran, dass Diess gewöhnlich
-der Fall ist und die Fruchtbarkeit in den ersten Generationen oft
-plötzlich abnimmt. Demungeachtet aber glaube ich, dass bei allen diesen
-Versuchen die Fruchtbarkeit durch eine unabhängige Ursache vermindert
-worden ist, nämlich durch die allzu strenge Inzucht. Ich habe eine
-grosse Menge von Thatsachen gesammelt, welche zeigen, dass eine allzu
-strenge Inzucht die Fruchtbarkeit vermindert, während dagegen die
-jeweilige Kreutzung mit einem andern Individuum oder einer andern
-Varietät die Fruchtbarkeit vermehrt, daher ich an der Richtigkeit
-dieser unter den Züchtern fast allgemein verbreiteten Meinung nicht
-zweifeln kann. Bastarde werden selten in grössrer Anzahl zu Versuchen
-erzogen, und da die älterlichen Arten oder andre nahe verwandte
-Arten gewöhnlich im nämlichen Garten wachsen, so müssen die Besuche
-der Insekten während der Blüthe-Zeit sorgfältig verhütet werden,
-daher Bastarde für jede Generation gewöhnlich durch ihren eignen
-Pollen befruchtet werden müssen; und ich bin überzeugt, dass Diess
-ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt, welche durch ihre Bastard-Natur
-schon ohnediess geschwächt ist. In dieser Überzeugung bestärkt mich
-noch eine von G<span class="smaller">ÄRTNER</span> mehrmals wiederholte Versicherung,
-dass nämlich die minder fruchtbaren Bastarde sogar, wenn sie mit
-gleichartigem Bastard-Pollen künstlich befruchtet werden, ungeachtet
-des oft schlechten Erfolges der Behandlung, doch zuweilen entschieden
-an Fruchtbarkeit weiter und weiter zunehmen. Nun wird bei künstlicher
-Befruchtung der Pollen oft zufällig (wie ich aus meinen eignen
-Versuchen weiss) von Antheren einer andern als der zu befruchtenden
-Blume genommen, so dass hiedurch eine Kreutzung zwischen zwei Blumen,
-doch gewöhnlich derselben Pflanze, bewirkt wird. Wenn nun ferner ein
-so sorgfältiger Beobachter, als G<span class="smaller">ÄRTNER</span> ist, im Verlaufe
-seiner zusammengesetzten Versuche seine Bastarde kastrirt hätte, so
-würde Diess bei jeder Generation eine Kreutzung mit dem Pollen<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> einer
-andern Blume entweder von derselben oder von einer andern Pflanze von
-gleicher Bastard-Beschaffenheit nöthig gemacht haben. Und so kann
-die befremdende Erscheinung, dass die Fruchtbarkeit in aufeinander
-folgenden Generationen von <em class="gesperrt">künstlich</em> befruchteten Bastarden
-zugenommen hat, wie ich glaube, dadurch erklärt werden, dass allzu enge
-Inzucht vermieden worden ist.</p>
-
-<p>Wenden wir uns jetzt zu den Ergebnissen, welche sich durch die Versuche
-des dritten der erfahrensten Bastard-Züchter, des Ehrenwerthen und
-Hochwürdigen W. H<span class="smaller">ERBERT</span>, herausgestellt haben. Er versichert
-ebenso ausdrücklich, dass manche Bastarde vollkommen fruchtbar und
-nicht minder züchtbar als jede der Stamm-Arten für sich seyen,
-wie K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> und G<span class="smaller">ÄRTNER</span> einen gewissen Grad
-von Sterilität bei Kreutzung verschiedener Spezies mit einander
-für ein allgemeines Natur-Gesetz erklären. Seine Versuche bezogen
-sich auf einige derselben Arten, welche auch zu den Experimenten
-G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">S</span> gedient hatten. Die Verschiedenheit der Ergebnisse,
-zu welchen beide gelangt sind, lässt sich, wie ich glaube, ableiten zum
-Theile aus H<span class="smaller">ERBERT</span>’<span class="smaller">S</span> grosser Erfahrung in der Blumen-Zucht
-und zum Theile davon, dass er Warmhäuser zu seiner Verfügung hatte.
-Von seinen vielen wichtigen Ergebnissen will ich hier nur eines
-beispielsweise hervorheben, dass nämlich „jedes mit Crinum revolutum
-befruchtete Ei’chen an einem Stocke von Crinum capense auch eine
-Pflanze lieferte, was ich (sagt er) bei natürlicher Befruchtung nie
-wahrgenommen habe.“ Wir haben mithin hier den Fall vollkommener und
-selbst mehr als vollkommener Fruchtbarkeit bei der Kreutzung zweier
-verschiedener Arten.</p>
-
-<p>Dieser Fall mit Crinum führt mich zu einer ganz eigenthümlichen
-Thatsache, dass es nämlich bei einigen Arten von Lobelia und mehren
-andren Sippen einzelne Pflanzen gibt, welche viel leichter mit dem
-Pollen einer verschiednen andern Art als ihrer eignen befruchtet werden
-können; und gleicherweise scheint es sich auch mit allen Individuen
-fast aller Hippeastrum-Arten zu verhalten. Denn man hat gefunden, dass
-diese Pflanzen, mit dem Pollen einer andern Spezies befruchtet, Saamen
-ansetzen, aber mit ihrem eignen Pollen ganz unfruchtbar sind, obwohl
-derselbe<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> vollkommen gut und wieder andre Arten zu befruchten im Stande
-ist. So können mithin gewisse einzelne Pflanzen und alle Individuen
-gewisser Spezies viel leichter zur Bastard-Zucht dienen, als durch
-sich selbst befruchtet werden. Eine Zwiebel von Hippeastrum aulicum
-z.&#160;B. brachte vier Blumen; drei davon wurden mit ihren eigenen Pollen
-befruchtet und die vierte hierauf mit dem Pollen eines aus drei andern
-verschiednen Arten gezüchteten Bastards versehen, und das Resultat war,
-dass „die Ovarien der drei ersten Blumen bald zu wachsen aufhörten und
-nach einigen Tagen gänzlich verdarben, während das Ovarium der mit
-dem Bastard-Pollen versehenen Blume rasch zunahm und reifte und gute
-Saamen lieferte, welche kräftig gediehen“. Im Jahr 1839 schrieb mir
-H<span class="smaller">ERBERT</span>, dass er den Versuch fünf Jahre lang fortgesetzt habe
-und jedes Jahr mit gleichem Erfolge. Denselben Erfolg hatten auch andre
-Beobachter bei Hippeastrum und dessen Untersippen so wie bei einigen
-andern Geschlechtern, nämlich Lobelia, Passiflora und Verbascum.
-Obwohl diese Pflanzen bei den Versuchen ganz gesund erschienen und
-sowohl Ei’chen als Saamenstaub einer und der nämlichen Blume sich bei
-der Befruchtung mit andern Arten vollkommen gut erwiesen, so waren
-sie doch zur gegenseitigen Selbstbefruchtung funktionell ungenügend,
-und wir müssen daher schliessen, dass sich die Pflanzen in einem
-unnatürlichen Zustande befanden. Jedenfalls zeigen diese Erscheinungen,
-von was für geringen und geheimnissvollen Ursachen die grössre oder
-geringere Fruchtbarkeit der Arten bei der Kreutzung, gegenüber der
-Selbstbefruchtung, zuweilen abhänge.</p>
-
-<p>Die praktischen Versuche der Gartenfreunde, wenn auch nicht mit
-wissenschaftlicher Genauigkeit ausgeführt, verdienen gleichfalls einige
-Beachtung. Es ist bekannt, in welch’ verwickelter Weise die Arten
-von Pelargonium, Fuchsia, Calceolaria, Petunia, Rhododendron u.&#160;a.
-gekreutzt worden sind, und doch setzen viele dieser Bastarde Saamen
-an. So versichert H<span class="smaller">ERBERT</span>, dass ein Bastard von Calceolaria
-integrifolia und C. plumbaginea, zweier in ihrer allgemeinen
-Beschaffenheit sehr unähnlicher Arten, „sich selbst so vollkommen aus
-Saamen verjüngte, als ob er einer natürlichen Spezies aus den Bergen
-Chile’s angehört hätte“. Ich<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> habe mir einige Mühe gegeben, den Grund
-der Fruchtbarkeit bei einigen durch mehrseitige Kreutzung erzielten
-Rhododendren kennen zu lernen, und die Gewissheit erlangt, dass mehre
-derselben vollkommen fruchtbar sind. Herr C. N<span class="smaller">OBLE</span> z.&#160;B.
-berichtet mir, dass er zur Gewinnung von Pfropfreisern Stöcke eines
-Bastardes von Rhododendron Ponticum und Rh. Catawbiense erzieht, und
-dass dieser Bastard „so reichlichen Saamen ansetzt, als man sich
-nur denken kann“. Nähme bei richtiger Behandlung die Fruchtbarkeit
-der Bastarde in aufeinander-folgenden Generationen in der Weise ab,
-wie G<span class="smaller">ÄRTNER</span> versichert, so müsste diese Thatsache unsern
-Plantage-Besitzern bekannt seyn. Garten-Freunde erziehen grosse Beete
-voll der nämlichen Bastarde; und diese allein erfreuen sich einer
-richtigen Behandlung; denn hier allein können die verschiedenen
-Individuen einer nämlichen Bastard-Form durch die Thätigkeit der
-Insekten sich untereinander kreutzen und den schädlichen Einflüssen
-zu enger Inzucht entgehen. Von der Wirkung der Insekten-Thätigkeit
-kann jeder sich selbst überzeugen, wenn er die Blumen der sterileren
-Rhododendron-Formen, welche keine Pollen bilden, untersucht; denn er
-wird ihre Narben ganz mit Saamenstaub bedeckt finden, der von andern
-Blumen hergetragen worden ist.</p>
-
-<p>Was die Thiere betrifft, so sind der genauen Versuche viel weniger
-mit ihnen veranstaltet worden. Wenn unsre systematischen Anordnungen
-Vertrauen verdienen, d.&#160;h. wenn die Sippen der Thiere eben so
-verschieden von einander als die der Pflanzen sind, dann können
-wir behaupten, dass viel weiter auf der Stufenleiter der Natur
-auseinander-stehende Thiere noch gekreutzt werden können, als es bei
-den Pflanzen der Fall ist; dagegen scheinen die Bastarde unfruchtbarer
-zu seyn. Ich bezweifle, ob auch nur eine Angabe von einem ganz
-fruchtbaren Thier-Bastard als vollkommen beglaubigt angesehen werden
-darf. Man muss jedoch nicht vergessen, dass sich nur wenige Thiere
-in der Gefangenschaft reichlich fortpflanzen und daher nur wenige
-richtige Versuche mit ihnen angestellt werden können. So hat man z.&#160;B.
-den Kanarienvogel mit neun andern Finken-Arten gekreutzt, da sich
-aber keine dieser neun Arten in der Gefangenschaft gut fortpflanzt,<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span>
-so haben wir kein Recht zu erwarten, dass die ersten Bastarde von
-ihnen und dem Kanarienvogel vollkommen fruchtbar seyn sollen. Ebenso,
-was die Fruchtbarkeit der vergleichungsweise fruchtbaren Bastarde in
-späteren Generationen betrifft, so kenne ich wohl kaum ein Beispiel,
-dass zwei Familien gleicher Bastarde gleichzeitig von verschiedenen
-Ältern erzogen worden wären, um die üblen Folgen allzustrenger Inzucht
-vermeiden zu können, im Gegentheil hat man in jeder nachfolgenden
-Generation die beständig wiederholten Mahnungen aller Züchter nicht
-beachtend, gewöhnlich Brüder und Schwestern miteinander gepaart. Und so
-ist es durchaus nicht überraschend, dass die vererbliche Sterilität der
-Bastarde mit jeder Generation zunahm. Wenn wir in der Absicht darauf
-hinzuwirken immer Brüder und Schwestern reiner Spezies miteinander
-paarten, in welchen aus irgend einer Ursache bereits eine noch so
-geringe Neigung zur Unfruchtbarkeit vorhanden wäre, so würde die Rasse
-gewiss nach wenigen Generationen aussterben.</p>
-
-<p>Obwohl ich keinen irgend wohl-beglaubigten Fall vollkommen fruchtbarer
-Thier-Bastarde kenne, so habe ich doch einige Ursache anzunehmen,
-dass die Bastarde von Cervulus vaginalis und C. Reevesi, und die
-von Phasianus Colchicus und Ph. torquatus vollkommen fruchtbar
-sind. Es unterliegt insbesondere keinem Zweifel, dass diese zwei
-nahe-verwandte Fasanen-Arten sowohl als Ph. versicolor aus <i>Japan</i>
-in den Wäldern einiger Theile von <i>England</i> sich kreutzen und
-Nachkommen liefern. Nach den unlängst in <i>Frankreich</i> nach grossem
-Maassstabe angestellten Versuchen scheint es als ob zwei voneinander
-so verschiedene Arten, wie Hase und Kaninchen, wenn sie zur Paarung
-miteinander veranlasst werden können, eine meistens ganz fruchtbare
-Nachkommenschaft zu liefern im Stande sind. Die Bastarde der gemeinen
-und der Schwanen-Gans (Anser cygnoides), zweier so verschiedener
-Arten, dass man sie in verschiedene Sippen zu stellen pflegt, haben
-hierzulande oft Nachkommen mit einer der reinen Stamm-Arten und
-in einem Falle sogar unter sich geliefert. Diess ist durch Hrn.
-E<span class="smaller">YTON</span> bewirkt worden, der zwei Bastarde von gleichen Ältern
-aber verschiedenen Bruten erzog und dann von beiden<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> zusammen nicht
-weniger als acht Nachkommen aus einem Neste erhielt. In <i>Indien</i>
-dagegen müssen die durch Kreutzung gewonnenen Gänse weit fruchtbarer
-seyn, indem zwei ausgezeichnet befähigte Beurtheiler, nämlich Hr.
-B<span class="smaller">LYTH</span> und Capt. H<span class="smaller">UTTON</span>, mir versichert haben, dass
-dort in verschiedenen Landes-Gegenden ganze Heerden dieser Bastard-Gans
-gehalten werden; und da Diess des Nutzens wegen geschieht, wo die
-reinen Stamm-Arten gar nicht existiren, so müssen sie nothwendig sehr
-fruchtbar seyn.</p>
-
-<p>Neuere Naturforscher haben grossentheils eine von P<span class="smaller">ALLAS</span>
-ausgegangene Lehre angenommen, dass nämlich die meisten unsrer
-Hausthiere von je zwei oder mehr wilden Arten abstammten, welche
-sich seither durch Kreutzung vermischt hätten. Hiernach müssten also
-entweder die Stamm-Arten gleich anfangs ganz fruchtbare Bastarde
-geliefert haben oder die Bastarde erst in späteren Generationen in
-zahmem Zustande ganz fruchtbar geworden seyn. Diese letzte Alternative
-ist mir die wahrscheinlichere. Ich nehme z.&#160;B. an, dass unsre Hunde von
-mehren wilden Arten herrühren, und doch sind vielleicht mit Ausnahme
-gewisser in <i>Süd-Amerika</i> gehaltenen Haushunde alle vollkommen
-fruchtbar miteinander; aber die Analogie erweckt grosse Zweifel
-in mir, dass die verschiedenen Stamm-Arten derselben sich anfangs
-freiwillig mit einander gepaart und sogleich ganz fruchtbare Bastarde
-geliefert haben sollen. Ich habe vorhin die Aufmerksamkeit auf den
-<i>Ostindischen</i> Bullochsen [oder Zebu?] geleitet. Wenn ich ihn nun,
-hinsichtlich seiner Lebensweise, seines äussern Körperbaues und seiner
-osteologischen Eigenthümlichkeiten (wie sie Prof. R<span class="smaller">ÜTIMEYER</span>
-deutlich nachgewiesen) mit unsern <i>Englischen</i> Rassen vergleiche,
-so ist es eine so wohl unterschiedene Art, als irgend eine in der
-Welt; und doch habe ich kürzlich den Beweis erhalten, dass die durch
-Kreutzung beider erzielte Nachkommenschaft unter sich fruchtbar ist.
-Bei dieser Ansicht von der Entstehung vieler unsrer Hausthiere müssen
-wir entweder den Glauben an die fast allgemeine Unfruchtbarkeit einer
-Paarung verschiedener Thier-Arten mit einander aufgeben, oder aber die
-Sterilität nicht als eine unzerstörbare, sondern als eine durch Zähmung
-zu beseitigende Folge einer solchen Kreutzung betrachten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p>
-
-<p>Überblicken wir endlich alle über die Kreutzung von Pflanzen- und
-Thier-Arten festgestellten Thatsachen, so gelangen wir zum Schlusse,
-dass ein gewisser Grad von Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung
-und den daraus entspringenden Bastarden zwar eine äusserst gewöhnliche
-Erscheinung ist, aber nach dem gegenwärtigen Stand unsrer Kenntnisse
-nicht als unbedingt allgemein betrachtet werden darf.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gesetze, welche die Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der
-Bastarde regeln.</em>) Wir wollen nun die Umstände und die Regeln
-etwas näher betrachten, welche die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit
-der ersten Kreutzung und der Bastarde bestimmen. Unsre Hauptaufgabe
-wird seyn zu erfahren, ob sich nach diesen Regeln Unfruchtbarkeit
-der Arten miteinander als eine denselben inhärente Eigenschaft
-ergibt, deren Bestimmung es wäre eine Kreutzung der Arten bis zur
-äussersten Verschmelzung der Formen zu verhüten, oder ob sich Diess
-nicht herausstellt. Die nachstehenden Regeln und Folgerungen sind
-hauptsächlich aus G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">S</span> bewundernswerthem Werke über die
-Bastard-Erzeugung bei den Pflanzen entnommen<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a>. Ich habe mir viel
-Mühe gegeben zu erfahren, in wie ferne diese Regeln auch auf Thiere
-Anwendung finden, und obwohl unsre Erfahrungen über Bastard-Thiere sehr
-dürftig sind, so war ich doch erstaunt zu sehen, in wie ausgedehntem
-Grade die nämlichen Regeln für beide Reiche gelten.</p>
-
-<p>Es ist bereits bemerkt worden, dass sich die Fruchtbarkeit sowohl
-der ersten Kreutzung als der daraus entspringenden Bastarde von
-Zero an bis zur Vollkommenheit abstuft. Es ist erstaunlich, auf wie
-mancherlei eigenthümliche Weise sich diese Abstufung darthun lässt;
-doch können hier nur die nacktesten Umrisse der Thatsachen geliefert
-werden. Wenn der Pollen einer<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> Pflanze von der einen Familie auf
-die Narbe einer Pflanze von andrer Familie gebracht wird, so hat er
-nicht mehr Wirkung, als eben so viel unorganischer Staub. Wenn man
-aber Saamenstaub von Arten einer Sippe auf das Stigma einer Spezies
-derselben Sippe bringt, so wird der Erfolg ein günstigerer, aber bei
-verschiedenen Arten doch wieder so ungleich, dass sich mittelst der
-Anzahl der jedesmal erzeugten Saamen alle Abstufungen von jenem Zero
-an bis zur vollständigen Fruchtbarkeit und, wie wir gesehen haben, in
-einigen abnormen Fällen sogar über das gewöhnlich bei Selbstbefruchtung
-gewöhnliche Maass hinaus ergeben. So gibt es auch unter den Bastarden
-selber einige, welche sogar mit dem Pollen von einer der zwei reinen
-Stamm-Arten nie auch nur einen fruchtbaren Saamen hervorgebracht haben
-noch wahrscheinlich jemals hervorbringen werden. Doch hat sich in
-einigen dieser Fälle eine erste Spur von der Wirkung eines solchen
-Pollens insoferne gezeigt, als er ein frühzeitigeres Abwelken der Blume
-der Bastard-Pflanze veranlasste, worauf er gebracht worden war; und
-rasches Abwelken einer Blüthe ist bekanntlich ein Zeichen beginnender
-Befruchtung. An diesen äussersten Grad der Unfruchtbarkeit reihen sich
-dann Bastarde an, die durch Selbstbefruchtung eine immer grössre Anzahl
-von Saamen bis zur vollständigen Fruchtbarkeit hervorbringen.</p>
-
-<p>Bastarde von solchen zwei Arten erzielt, welche sehr schwer zu
-kreutzen sind und nur selten einen Nachkommen liefern, pflegen
-selber sehr unfruchtbar zu seyn. Aber der Parallelismus zwischen
-der Schwierigkeit eine erste Kreutzung zu Stande zu bringen, und
-der einen daraus entsprungenen Bastard zu befruchten, — zwei sehr
-gewöhnlich miteinander verwechselte Klassen von Thatsachen — ist
-keineswegs strenge. Denn es gibt viele Fälle, wo zwei reine Arten mit
-ungewöhnlicher Leichtigkeit mit einander gepaart werden und zahlreiche
-Bastarde liefern können, welche aber äusserst unfruchtbar sind.
-Anderseits gibt es Arten, welche nur selten oder äusserst schwierig
-zu kreutzen gelingt, aber ihre Bastarde, wenn sie einmal vorhanden,
-sind sehr fruchtbar. Und diese zwei so entgegengesetzten Fälle können
-innerhalb der nämlichen Sippe vorkommen, wie z.&#160;B. bei Dianthus.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
-
-<p>Die Fruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen als der Bastarde
-wird leichter als die der reinen Arten durch ungünstige Bedingungen
-gefährdet. Aber der Grad der Fruchtbarkeit ist gleicher Weise an sich
-veränderlich; denn der Erfolg ist nicht immer der nämliche, wenn man
-dieselben zwei Arten unter denselben äusseren Umständen kreutzt,
-sondern hängt zum Theile von der Verfassung der zwei zufällig für den
-Versuch ausgewählten Individuen ab. So ist es auch mit den Bastarden,
-indem sich der Grad der Fruchtbarkeit in verschiedenen aus Saamen einer
-Kapsel erzogenen und den nämlichen Bedingungen ausgesetzten Individuen
-oft ganz verschieden erweist.</p>
-
-<p>Mit dem Ausdruck <em class="gesperrt">systematische Affinität</em> soll die Ähnlichkeit
-verschiedener Arten in organischer Bildung und Thätigkeit zumal solcher
-Theile bezeichnet werden, welche eine grosse physiologische Bedeutung
-haben und in verwandten Arten nur wenig von einander abweichen. Nun
-ist die Fruchtbarkeit der ersten Kreutzung zweier Spezies und der
-daraus hervorgehenden Bastarde in reichem Maasse abhängig von dieser
-„systematischen Verwandtschaft“. Diess geht deutlich daraus schon
-hervor, dass man noch niemals Bastarde von zwei Arten erzielt hat,
-welche die Systematiker in verschiedene Familien stellen, während es
-dagegen gewöhnlich leicht ist, nahe verwandte Arten miteinander zu
-paaren. Doch ist die Beziehung zwischen systematischer Verwandtschaft
-und Leichtigkeit der Kreutzung keineswegs eine strenge. Denn es liessen
-sich eine Menge Fälle von sehr nahe verwandten Arten anführen, die gar
-nicht oder nur mit grösster Mühe zur Paarung gebracht werden können,
-während mitunter auch sehr verschiedene Arten sich mit grösster
-Leichtigkeit kreutzen lassen. In einer nämlichen Familie können zwei
-Sippen beisammen stehen, wovon die eine wie Dianthus viele solche
-Arten enthält, die sehr leicht zu kreutzen sind, während die der
-andern, z.&#160;B. Silene, den beharrlichsten Versuchen eine Kreutzung zu
-bewirken in dem Grade widerstehen, dass man auch noch nicht einen
-Bastard zwischen den einander am nächsten verwandten Arten derselben
-zu erzielen vermochte. Ja selbst innerhalb der Grenzen einer und der
-nämlichen Sippe zeigt sich ein<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> solcher Unterschied. So sind z.&#160;B. die
-zahlreichen Nicotiana-Arten mehr unter einander gekreutzt worden, als
-die der meisten übrigen Sippen, und G<span class="smaller">ÄRTNER</span> hat gefunden,
-dass N. acuminata, die keineswegs eine besonders abweichende Art
-ist, beharrlich allen Befruchtungs-Versuchen widerstand, so dass von
-acht andern Nicotiana-Arten keine weder sie befruchten noch von ihr
-befruchtet werden konnte. Und analoge Thatsachen liessen sich noch
-viele anführen.</p>
-
-<p>Noch niemand hat auszumitteln vermocht, welche Art oder welcher Grad
-von Verschiedenheit in irgend einem erkennbaren Charakter genüge, um
-die Kreutzung zweier Spezies zu hindern. Es lässt sich nachweisen, dass
-Pflanzen, welche in Lebens-Weise und allgemeiner Tracht am weitesten
-auseinandergehen, welche in allen Theilen ihrer Blüthen sogar bis
-zum Pollen oder in der Frucht oder in den Kotyledonen sehr scharfe
-Unterschiede zeigen, mit einander gekreutzt werden können. Einjährige
-und ausdauernde Gewächs-Arten, winterkahle und immergrüne Bäume,
-Pflanzen für die abweichendsten Standorte und die entgegengesetztesten
-Klimate gemacht, können oft leicht mit einander gekreutzt werden.</p>
-
-<p>Unter <em class="gesperrt">wechselseitiger Kreutzung</em> zweier Arten verstehe ich
-den Fall, wo z.&#160;B. ein Pferde-Hengst mit einer Eselin und dann ein
-Esel-Hengst mit einer Pferde-Stute gepaart wird; man kann dann
-sagen, diese zwei Arten seyen wechselseitig gekreutzt worden. In der
-Leichtigkeit einer wechselseitigen Kreutzung findet oft der möglich
-grösste Unterschied statt. Solche Fälle sind höchst wichtig, weil
-sie beweisen, dass die Empfänglichkeit für die Kreutzung zwischen
-irgend zwei Arten von ihrer systematischen Verwandtschaft oder von
-irgend welchem kennbaren Unterschied in ihrer ganzen Organisation oft
-ganz unabhängig ist. Dagegen zeigen diese Fälle auch deutlich, dass
-jene Empfänglichkeit mit Unterschieden in der Verfassung des Körpers
-zusammenhängt, welche für uns nicht wahrnehmbar sind und sich auf das
-Reproduktiv-System beschränken. Diese Verschiedenheit der Ergebnisse
-aus wechselseitigen Kreutzungen zwischen je zwei Arten war schon längst
-von K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> beobachtet<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> worden. So kann, um ein Beispiel
-anzuführen, Mirabilis Jalapa leicht durch den Saamenstaub der M.
-longiflora befruchtet werden, und die daraus entspringenden Bastarde
-sind genügend fruchtbar; aber mehr als zweihundert Male versuchte
-es K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> im Verlaufe von acht Jahren vergebens die M.
-longiflora nun auch mit Pollen der M. Jalapa zu befruchten. Und so
-liessen sich noch einige andre Beispiele geben. T<span class="smaller">HURET</span> hat
-dieselbe Bemerkung an einigen Seepflanzen gemacht, und G<span class="smaller">ÄRTNER</span>
-noch überdiess gefunden, dass diese Erscheinung in einem geringeren
-Grade ausserordentlich gemein ist. Er hat sie selbst zwischen Formen
-wahrgenommen, welche viele Botaniker nur als Varietäten einer nämlichen
-Art betrachten, wie Matthiola annua und M. glabra. Eben so ist es eine
-bemerkenswerthe Thatsache, dass die beiderlei aus wechselseitiger
-Kreutzung hervorgegangenen Bastarde, wenn auch von denselben zwei
-Stamm-Arten herrührend, hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit gewöhnlich
-in einem geringen, zuweilen aber auch in hohem Grade von einander
-abweichen.</p>
-
-<p>Es lassen sich noch manche andre eigenthümliche Regeln aus
-G<span class="smaller">ÄRTNER</span> entnehmen, wie z.&#160;B. dass manche Arten sich überhaupt
-sehr leicht zur Kreutzung mit andern verwenden lassen, während andren
-Arten derselben Sippe das Vermögen innewohnt, den Bastarden eine grosse
-Ähnlichkeit mit ihnen aufzuprägen; doch stehen beiderlei Fähigkeiten
-nicht in nothwendiger Beziehung zu einander. Es gibt Bastarde, welche,
-statt wie gewöhnlich das Mittel zwischen ihren zwei älterlichen Arten
-zu halten, stets nur einer derselben sehr ähnlich sind; und gerade
-diese äusserlich der einen Stammart so ähnlichen Bastarde sind mit
-seltener Ausnahme äusserst unfruchtbar. Dagegen kommen aber auch unter
-denjenigen Bastarden, welche zwischen ihren Ältern das Mittel zu
-halten pflegen, zuweilen abnorme Individuen vor, die einer der reinen
-Stammarten ausserordentlich gleichen; und diese Bastarde sind dann
-gewöhnlich auch äusserst steril, obwohl die mit ihnen aus gleicher
-Frucht-Kapsel entsprungenen Mittelformen sehr fruchtbar zu seyn
-pflegen. Aus diesen Erscheinungen geht hervor, wie ganz unabhängig die
-Fruchtbarkeit der Bastarde vom Grade ihrer Ähnlichkeit mit ihren beiden
-Stammältern ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p>
-
-<p>Aus den bis daher gegebenen Regeln über die Fruchtbarkeit der ersten
-Kreutzungen und der dadurch erzielten Bastarde ergibt sich, dass,
-wenn man Formen, die als gute und verschiedene Arten angesehen werden
-müssen, mit einander paart, ihre Fruchtbarkeit in allen Abstufungen
-von Zero an bis selbst über das unter gewöhnlichen Bedingungen
-stattfindende Maass vollkommener Fruchtbarkeit hinaus wechseln kann.
-Ferner ist ihre Fruchtbarkeit nicht nur äusserst empfindlich für
-günstige und ungünstige Bedingungen, sondern auch an und für sich
-veränderlich. Die Fruchtbarkeit verhält sich nicht immer an Stärke
-gleich bei der ersten Kreutzung und den daraus erzielten Bastarden.
-Die Fruchtbarkeit dieser letzten steht in keinem Verhältniss zu deren
-äusserer Ähnlichkeit mit ihren beiden Ältern. Die Leichtigkeit einer
-ersten Kreutzung zwischen zwei Arten ist nicht von deren systematischer
-Affinität noch von ihrer Ähnlichkeit miteinander abhängig. Dieses
-letzte Ergebniss ist hauptsächlich aus der Verschiedenheit des
-Ergebnisses der Wechselkreutzungen zweier nämlichen Arten erweisbar,
-wo die Paarung gewöhnlich etwas, mitunter aber auch viel leichter oder
-schwerer erfolgt, je nachdem man den Vater von der einen oder von der
-andern der zwei gekreutzten Arten nimmt. Endlich sind die zweierlei
-durch Wechselkreutzung erzielten Bastarde oft in ihrer Fruchtbarkeit
-verschieden.</p>
-
-<p>Nun fragt es sich, ob aus diesen eigenthümlich verwickelten Regeln
-hervorgehe, dass die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit der Arten bei
-deren Kreutzung den Zweck habe, ihre Vermischung im Natur-Zustande
-zu verhüten! Ich glaube nicht. Denn warum wäre in diesem Falle der
-Grad der Unfruchtbarkeit so ausserordentlich verschieden, da wir doch
-annehmen müssen diese Verhütung seye gleich wichtig bei allen? Warum
-wäre sogar schon eine angeborene Verschiedenheit zwischen Individuen
-einer nämlichen Art vorhanden? Zu welchem Ende sollten manche Arten
-so leicht zu kreutzen seyn und doch sehr sterile Bastarde erzeugen,
-während andre sich nur sehr schwierig paaren lassen und vollkommen
-fruchtbare Bastarde liefern? Wozu sollte es dienen, dass die zweierlei
-Produkte einer Wechselkreutzung zwischen den nämlichen Arten sich
-oft so sehr abweichend verhalten?<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> Wozu, kann man sogar fragen, soll
-überhaupt die Möglichkeit Bastarde zu liefern dienen? Es scheint doch
-eine wunderliche Anordnung zu seyn, dass die Arten das Vermögen haben
-Bastarde zu bilden, deren weitre Fortpflanzung aber durch verschiedene
-Grade von Sterilität gehemmt ist, welche in keiner Beziehung zur
-Leichtigkeit der ersten Kreutzung zweier Ältern verschiedener Spezies
-miteinander stehen.</p>
-
-<p>Die voranstehenden Regeln und Thatsachen scheinen mir dagegen deutlich
-zu beweisen, dass die Unfruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzungen
-als der Bastarde von unbekannten Verhältnissen hauptsächlich
-im Fortpflanzungs-Systeme der gekreutzten Arten abhänge. Die
-Verschiedenheiten sind von so eigenthümlicher und beschränkter Natur,
-dass bei wechselseitigen Kreutzungen zwischen zwei Arten oft das
-männliche Element der einen von üppiger Wirkung auf das weibliche
-der andern ist, während bei der Kreutzung in der andern Richtung das
-Gegentheil eintritt. Es wird angemessen seyn durch ein Beispiel etwas
-vollständiger auseinander zu setzen, was ich unter der Bemerkung
-verstehe, dass Sterilität mit andern Ursachen zusammenhänge und nicht
-eine spezielle Eigenthümlichkeit für sich bilde. Die Fähigkeit einer
-Pflanze sich auf eine andre zweigen oder nicht zweigen und okuliren
-zu lassen, ist für deren Gedeihen im Natur-Zustande so gänzlich
-gleichgiltig, dass wohl niemand diese Fähigkeit für eine spezielle
-Anordnung der Natur halten, sondern jedermann anzunehmen geneigt seyn
-wird, sie falle mit Verschiedenheiten in den Wachsthums-Gesetzen
-der zwei Pflanzen zusammen. Den Grund davon, dass eine Art auf der
-andern etwa nicht anschlagen will, kann man zuweilen in abweichender
-Wachsthums-Weise, Härte des Holzes, Natur des Saftes, Zeit der Blüthe
-u.&#160;dgl. finden; in sehr vielen Fällen aber lässt sich gar keine
-Ursache dafür ergeben. Denn selbst sehr bedeutende Verschiedenheiten
-in der Grösse der zwei Pflanzen, oder in holziger und krautartiger,
-immergrüner und sommergrüner Beschaffenheit und selbst ihre Anpassung
-an ganz verschiedene Klimate bilden nicht immer ein Hinderniss ihrer
-Aufeinanderpropfung. Wie bei der Bastard-Bildung so ist auch beim
-Propfen die Fähigkeit durch systematische<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Affinität beschränkt; denn
-es ist noch nie gelungen Holzarten aus ganz verschiedenen Familien
-aufeinanderzusetzen, während dagegen nahe verwandte Arten einer
-Sippe und Varietäten einer Art gewöhnlich, aber nicht immer, leicht
-aufeinander gepropft werden können. Doch ist auch dieses Vermögen eben
-so wenig als das der Bastard-Bildung durch systematische Verwandtschaft
-in absoluter Weise bedingt. Denn wenn auch viele verschiedene Sippen
-einer Familie aufeinander zu propfen gelungen ist, so nehmen doch
-wieder in andern Fällen sogar Arten einer nämlichen Sippe einander
-nicht an. Der Birnbaum kann viel leichter auf den Quittenbaum, den
-man zu einem eignen Genus erhoben, als auf den Apfelbaum gezweigt
-werden, der mit ihm zur nämlichen Sippe gehört. Selbst verschiedene
-Varietäten der Birne schlagen nicht mit gleicher Leichtigkeit auf dem
-Quittenbaum an, und eben so verhalten sich verschiedene Aprikosen- und
-Pfirsich-Varietäten dem Pflaumen-Baume gegenüber.</p>
-
-<p>Wie nach G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zuweilen eine angeborene Verschiedenheit im
-Verhalten der Individuen zweier zu kreutzenden Arten vorhanden ist,
-so glaubt S<span class="smaller">AGARET</span> auch an eine angeborene Verschiedenheit im
-Verhalten der Individuen zweier aufeinander zu propfender Arten. Wie
-bei Wechselkreutzungen die Leichtigkeit der zweierlei Paarungen oft
-sehr ungleich ist, so verhält es sich oft auch bei dem wechselseitigen
-Verpropfen. So kann die gemeine Stachelbeere z.&#160;B. auf den
-Johannisbeer-Strauch gezweigt werden, dieser wird aber nur schwer auf
-dem Stachelbeer-Strauch anschlagen.</p>
-
-<p>Wir haben gesehen, dass die Unfruchtbarkeit der Bastarde, deren
-Reproduktions-Organe von unvollkommener Beschaffenheit sind, eine
-ganz andere Sache ist, als die Schwierigkeit zwei reine Arten mit
-vollständigen Organen mit einander zu paaren; doch laufen beide
-Fälle bis zu gewissem Grade mit einander parallel. Etwas Ähnliches
-kommt auch beim Propfen vor; denn T<span class="smaller">HOUIN</span> hat gefunden, dass
-die drei Robinia-Arten, welche auf eigner Wurzel reichlichen Saamen
-gebildet hatten und sich leicht auf einander zweigen liessen, durch die
-Aufeinanderimpfung unfruchtbar gemacht wurden; während dagegen gewisse
-Sorbus-Arten, eine auf<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> die andre gesetzt, doppelt so viel Früchte als
-auf eigner Wurzel lieferten. Diess erinnert uns an die oben-erwähnten
-ausserordentlichen Fälle bei Hippeastrum, Lobelia u.&#160;dgl., welche viel
-reichlicher fruktifiziren, wenn sie mit Pollen einer andern Art als
-wenn sie mit ihren eignen Pollen versehen werden.</p>
-
-<p>Wir sehen daher, dass, wenn auch ein klarer und gründlicher
-Unterschied zwischen der blossen Adhäsion auf einander gepropfter
-Stöcke und der Zusammenwirkung männlicher und weiblicher Urstoffe
-zum Zwecke der Fortpflanzung stattfindet, sich doch ein gewisser
-Parallelismus zwischen den Wirkungen der Impfung und der Befruchtung
-verschiedener Arten mit einander kundgibt. Wenn wir die sonderbaren und
-verwickelten Regeln, welche die Leichtigkeit der Propfung bedingen,
-als mit unbekannten Verschiedenheiten in den vegetativen Organen
-zusammenhängend betrachten, so müssen wir nach meiner Meinung auch die
-viel zusammengesetzteren für die Leichtigkeit der ersten Kreutzungen
-mit unbekannten Verschiedenheiten in ihrem Reproduktiv-Systeme im
-Zusammenhang stehend ansehen. Diese Verschiedenheiten folgen, wie
-sich erwarten lässt, bis zu einem gewissen Grade der systematischen
-Affinität, durch welche Bezeichnung jede Art von Ähnlichkeit und
-Unähnlichkeit zwischen organischen Wesen ausgedrückt werden soll. Die
-Thatsachen scheinen mir in keiner Weise anzuzeigen, dass die grössre
-oder geringere Schwierigkeit verschiedene Arten auf und mit einander
-zu propfen und zu kreutzen eine besondre Eigenthümlichkeit ist, obwohl
-dieselbe beim Kreutzen für die Dauer und Stetigkeit der Art-Formen eben
-so wichtig als beim Propfen unwesentlich für deren Gedeihen ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen und
-der Bastarde.</em>) Sehen wir uns nun etwas näher um nach den
-wahrscheinlichen Ursachen der Sterilität der ersten Kreutzungen und der
-Bastarde. Diese zwei Fälle sind von Grund aus verschieden, da, wie oben
-bemerkt worden, die männlichen und die weiblichen Geschlechtstheile
-bei Paarung zweier reinen Arten vollkommen, bei Bastarden aber
-unvollkommen<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> sind. Selbst bei ersten Kreutzungen hängt die grössre
-oder geringere Schwierigkeit, eine Paarung zu bewirken, anscheinend
-von mehren verschiedenen Ursachen ab. Oft liegt sie in der physischen
-Unmöglichkeit für das männliche Element bis zum Ei’chen zu gelangen,
-wie es bei solchen Pflanzen der Fall, deren Pistill so lang ist, dass
-die Pollen-Schläuche nicht bis ins Ovarium hinabreichen können. So
-ist auch beobachtet worden, dass wenn der Pollen einer Art auf das
-Stigma einer nur entfernt damit verwandten Art gebracht wird, die
-Pollen-Schläuche zwar hervortreten, aber nicht in die Oberfläche
-des Stigmas eindringen. In andern Fällen kann das männliche Element
-zwar das weibliche erreichen aber unfähig seyn, die Entwickelung des
-Embryos zu bewirken, wie Das aus einigen Versuchen T<span class="smaller">HURETS</span>
-mit Seetangen hervorzugehen scheint. Wir können diese Thatsachen
-eben so wenig erklären, als warum gewisse Holzarten nicht auf andre
-gepropft werden können. Endlich kann es auch vorkommen, dass ein Embryo
-sich zwar zu entwickeln beginnt, aber schon in der nächsten Zeit zu
-Grunde geht. Diese letzte Möglichkeit ist nicht genügend aufgeklärt
-worden; doch glaube ich nach den von Hrn. H<span class="smaller">EWITT</span> erhaltenen
-Mittheilungen, welcher grosse Erfahrung in der Bastard-Züchtung der
-Hühner-artigen Vögel besessen, dass der frühzeitige Tod des Embryos
-eine sehr häufige Ursache des Fehlschlagens der ersten Kreutzungen
-ist. Ich war anfangs sehr wenig daran zu glauben geneigt, weil
-Bastarde, wenn sie einmal geboren sind, sehr kräftig und langlebend zu
-seyn pflegen, wie Maulthier und Maulesel zeigen. Überdiess befinden
-sich Bastarde vor und nach der Geburt unter ganz verschiedenen
-Verhältnissen. In einer Gegend geboren und lebend, wo auch ihre beiden
-Ältern leben, mögen ihnen die Lebens-Bedingungen wohl zusagen. Aber ein
-Bastard hat nur halb an der organischen Bildung und Thätigkeit seiner
-Mutter Antheil und mag mithin vor der Geburt, so lange als er sich noch
-im Mutterleibe oder in den von der Mutter hervorgebrachten Eiern und
-Saamen befindet, einigermassen ungünstigeren Bedingungen ausgesetzt
-und demzufolge in der ersten Zeit leichter zu Grunde zu gehen geneigt
-seyn, zumal alle sehr jungen Wesen<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> gegen schädliche und unnatürliche
-Lebens-Verhältnisse ausserordentlich empfindlich sind.</p>
-
-<p>Hinsichtlich der Sterilität der Bastarde, deren Sexual-Organe
-unvollkommen entwickelt sind, verhält sich die Sache ganz anders.
-Ich habe schon mehrmals angeführt, dass ich eine grosse Menge von
-Thatsachen gesammelt habe, welche zeigen, dass, wenn Pflanzen und
-Thiere aus ihren natürlichen Verhältnissen gerissen werden, es
-vorzugsweise die Fortpflanzungs-Organe sind, welche dabei angegriffen
-werden. Diess ist in der That die grosse Schranke für die Zähmung der
-Thiere. Zwischen der dadurch veranlassten Unfruchtbarkeit derselben
-und der der Bastarde sind manche Ähnlichkeiten. In beiden Fällen ist
-die Sterilität unabhängig von der Gesundheit im Allgemeinen und oft
-begleitet von vermehrter Grösse und Üppigkeit. In beiden Fällen kommt
-die Unfruchtbarkeit in vielerlei Abstufungen vor; in beiden leidet
-das männliche Element am meisten, zuweilen aber das Weibchen doch
-noch mehr als das Männchen. In beiden geht die Fruchtbarkeit bis zu
-gewisser Stufe gleichen Schritts mit der systematischen Verwandtschaft;
-denn ganze Gruppen von Pflanzen und Thieren werden durch dieselben
-unnatürlichen Bedingungen impotent, und gleiche Gruppen von Arten
-neigen zur Hervorbringung unfruchtbarer Bastarde. Dagegen widersteht
-zuweilen eine einzelne Art in einer Gruppe grossen Veränderungen in
-den äusseren Bedingungen mit ungeschwächter Fruchtbarkeit, und gewisse
-Arten einer Gruppe liefern ungewöhnlich fruchtbare Bastarde. Niemand
-kann, ehe er es versucht hat, voraussagen, ob dieses oder jenes Thier
-in der Gefangenschaft und ob diese oder jene ausländische Pflanze
-während ihres Anbaues sich gut fortpflanzen wird, noch ob irgend welche
-zwei Arten einer Sippe mehr oder weniger sterile Bastarde mit einander
-hervorbringen werden. Endlich, wenn organische Wesen während mehrer
-Generationen in für sie unnatürliche Verhältnisse versetzt werden, so
-sind sie ausserordentlich zu variiren geneigt, was, wie ich glaube,
-davon herrührt, dass ihre Reproduktiv-Systeme vorzugsweise angegriffen
-sind, obwohl in mindrem Grade als wenn gänzliche Unfruchtbarkeit
-folgt. Eben so ist es mit Bastarden;<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> denn Bastarde sind in
-aufeinander-folgenden Generationen sehr zu variiren geneigt, wie es
-jeder Züchter erfahren hat.</p>
-
-<p>So sehen wir denn, dass, wenn organische Wesen in neue und unnatürliche
-Verhältnisse versetzt, und wenn Bastarde durch unnatürliche Kreutzung
-zweier Arten erzeugt werden, das Reproduktiv-System ganz unabhängig
-von der allgemeinen Gesundheit, in ganz eigenthümlicher Weise
-von Unfruchtbarkeit betroffen wird. In dem einen Falle sind die
-Lebens-Bedingungen gestört worden, obwohl oft nur in einem für uns
-nicht wahrnehmbaren Grade; in dem andern, bei den Bastarden nämlich,
-sind jene Verhältnisse unverändert geblieben, aber die Organisation
-ist dadurch gestört worden, dass zweierlei Bau und Verfassung des
-Körpers mit einander vermischt worden ist. Denn es ist kaum möglich,
-dass zwei Organisationen in eine verbunden werden, ohne einige Störung
-in der Entwickelung oder in der periodischen Thätigkeit oder in den
-Wechselbeziehungen der verschiedenen Theile und Organe zu einander
-oder endlich in den Lebens-Beziehungen zu veranlassen. Wenn Bastarde
-fähig sind sich unter sich fortzupflanzen, so übertragen sie von
-Generation zu Generation auf ihre Abkommen dieselbe Vereinigung
-zweier Organisationen, und wir dürfen daher nicht erstaunen, ihre
-Unfruchtbarkeit, wenn auch einigem Schwanken unterworfen, selten
-abnehmen zu sehen.</p>
-
-<p>Wir müssen jedoch bekennen, dass wir, von haltlosen Hypothesen
-abgesehen, nicht im Stande sind, gewisse Thatsachen in Bezug auf die
-Unfruchtbarkeit der Bastarde zu begreifen, wie z.&#160;B. die ungleiche
-Fruchtbarkeit der zweierlei Bastarde aus der Wechselkreutzung, oder
-die zunehmende Unfruchtbarkeit derjenigen Bastarde, welche zufällig
-oder ausnahmsweise einem ihrer beiden Ältern sehr ähnlich sind. Auch
-bilde ich mir nicht ein, durch die vorangehenden Bemerkungen der Sache
-auf den Grund zu kommen; denn wir haben keine Erklärung dafür, warum
-ein Organismus unter unnatürlichen Lebens-Bedingungen unfruchtbar
-wird. Alles, was ich habe zeigen wollen, ist, dass in zwei in mancher
-Beziehung einander ähnlichen Fällen Unfruchtbarkeit das gleiche
-Resultat ist, in dem einen Falle, weil die äussren<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> Lebens-Bedingungen,
-und in dem andern weil durch Verbindung zweier Bildungen in eine die
-Organisation selbst gestört worden sind.</p>
-
-<p>Es mag wunderlich scheinen, aber ich vermuthe, dass ein gleicher
-Parallelismus noch in einer andern zwar verwandten, doch an sich
-sehr verschiedenen Reihe von Thatsachen besteht. Es ist ein alter
-und fast allgemeiner Glaube, welcher meines Wissens auf einer Masse
-von Erfahrungen beruhet, dass leichte Veränderungen in den äusseren
-Lebens-Bedingungen für alle Lebewesen wohlthätig sind. Wir sehen
-daher Landwirthe und Gärtner beständig ihre Saamen, Knollen u.&#160;s.&#160;w.
-austauschen, sie aus einem Boden und Klima ins andre und endlich
-wohl auch wieder zurück versetzen. Während der Wiedergenesung von
-Thieren sehen wir sie oft grossen Vortheil aus diesem oder jenem
-Wechsel in ihrer Lebens-Weise ziehen. So sind auch bei Pflanzen und
-Thieren reichliche Beweise vorhanden, dass eine Kreutzung zwischen
-sehr verschiedenen Individuen einer Art, nämlich zwischen solchen
-von verschiedenen Stämmen oder Unterrassen, der Nachzucht Kraft und
-Fruchtbarkeit verleihe. Ich glaube in der That, nach den im vierten
-Kapitel angeführten Thatsachen, dass ein gewisses Maass von Kreutzung
-selbst für Hermaphroditen unentbehrlich ist, und dass enge Inzucht
-zwischen den nächsten Verwandten einige Generationen lang fortgesetzt,
-zumal wenn dieselben unter gleichen Lebens-Bedingungen gehalten werden,
-endlich schwache und unfruchtbare Sprösslinge liefert.</p>
-
-<p>So scheint es mir denn, dass einerseits geringe Wechsel der
-Lebens-Bedingungen allen organischen Wesen vortheilhaft sind, und
-dass anderseits schwache Kreutzungen, nämlich zwischen verschiedenen
-Stämmen und geringen Varietäten einer Art, der Nachkommenschaft Kraft
-und Stärke verleihen. Dagegen haben wir aber auch gesehen, dass
-stärkere Wechsel der Verhältnisse und zumal solche von gewisser Art
-die Organismen oft in gewissem Grade unfruchtbar machen können, wie
-auch stärkere Kreutzungen, nämlich zwischen sehr verschiedenen oder in
-gewissen Beziehungen von einander abweichenden Männchen und<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Weibchen
-Bastarde hervorbringen, die gewöhnlich einigermaassen unfruchtbar
-sind. Ich vermag mich nicht zu überreden, dass dieser Parallelismus
-auf einem blossen Zufalle oder einer Täuschung beruhen solle. Beide
-Reihen von Thatsachen scheinen durch ein gemeinsames aber unbekanntes
-Band mit einander verkettet, welches mit dem Lebens-Prinzipe wesentlich
-zusammenhängt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge.</em>)
-Man mag uns als einen sehr kräftigen Beweis-Grund entgegenhalten,
-es müsse irgend ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten und
-Varietäten seyn und sich irgend ein Irrthum durch alle vorangehenden
-Bemerkungen hindurchziehen, da ja Varietäten, wenn sie in ihrer
-äusseren Erscheinung auch noch so sehr auseinandergehen, sich doch
-leicht kreutzen und vollkommene fruchtbare Nachkommen liefern. Ich gebe
-mit einigen sogleich nachzuweisenden Ausnahmen vollkommen zu, dass sich
-Diess meistens unabänderlich so verhält. Aber dieser Fall bietet noch
-grosse Schwierigkeiten dar; denn wenn wir die in der Natur vorkommenden
-Varietäten betrachten, so werden wir unmittelbar in hoffnungslose
-Schwierigkeiten eingehüllt, weil, sobald zwei bisher als Varietäten
-angesehene Formen sich einigermaassen steril mit einander zeigen,
-dieselben von den meisten Naturforschern sogleich zu Arten erhoben
-werden. So sind z.&#160;B. die rothe und die blaue Anagillis, die hell-
-und die dunkel-gelbe Schlüsselblume, welche die meisten unsrer besten
-Botaniker für blosse Varietäten halten, nach G<span class="smaller">ÄRTNER</span> bei der
-Kreutzung nicht vollkommen fruchtbar und werden desshalb von ihm als
-unzweifelhafte Arten bezeichnet. Wenn wir daraus im Zirkel schliessen,
-so muss die Fruchtbarkeit aller natürlich entstandenen Varietäten als
-erwiesen angesehen werden.</p>
-
-<p>Auch wenn wir uns zu den erwiesener oder vermutheter Maassen im
-Kultur-Zustande erzeugten Varietäten wenden, sehen wir uns noch in
-Zweifel verwickelt. Denn wenn es z.&#160;B. feststeht, dass der deutsche
-Spitz-Hund sich leichter als andre Hunde-Rassen mit dem Fuchse
-paart, oder dass gewisse in <i>Südamerika</i> einheimische Haushunde
-sich nicht wirklich mit Europäischen<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> Hunden kreutzen, so ist die
-Erklärung, welche jedem einfallen wird und wahrscheinlich auch die
-richtige ist, die, dass diese Hunde von verschiedenen wilden Arten
-abstammen. Dem ungeachtet ist die vollkommene Fruchtbarkeit so vieler
-gepflegter Varietäten, die in ihrem äusseren Ansehen so weit von
-einander verschieden sind, wie die der Tauben und des Kohles, eine
-merkwürdige Thatsache, besonders wenn wir erwägen, wie zahlreiche Arten
-es gibt, die äusserlich einander sehr ähnlich, doch bei der Kreutzung
-ganz unfruchtbar mit einander sind. Verschiedene Betrachtungen
-jedoch lassen die Fruchtbarkeit der gepflegten Varietäten weniger
-merkwürdig erscheinen, als es anfänglich der Fall ist. Denn erstens
-müssen wir uns erinnern, wie wenig wir über die wahre Ursache der
-Unfruchtbarkeit sowohl der miteinander gekreutzten als der ihren
-natürlichen Lebens-Bedingungen entfremdeten Arten wissen. Hinsichtlich
-dieses letzten Punktes hat mir der Raum nicht gestattet, die vielen
-merkwürdigen Thatsachen aufzuzählen, die ich gesammelt habe; was die
-Unfruchtbarkeit betrifft, so spiegelt sie sich in der Verschiedenheit
-der beiderlei Bastarde der Wechselkreutzung sowie in den
-eigenthümlichen Fällen ab, wo eine Pflanze leichter durch fremden als
-durch ihren eigenen Saamenstaub befruchtet werden kann. Wenn wir über
-diese und andre Fälle, wie über den nachher zu berichtenden von den
-verschieden gefärbten Varietäten der Verbascum thapsus nachdenken, so
-müssen wir fühlen, wie gross unsre Unwissenheit und wie klein für uns
-die Wahrscheinlichkeit ist zu begreifen, woher es komme, dass bei der
-Kreutzung gewisse Formen fruchtbar und andre unfruchtbar sind. Es lässt
-sich zweitens klar nachweisen, dass die blosse äussre Unähnlichkeit
-zwischen zwei Arten deren grössre oder geringere Unfruchtbarkeit im
-Falle einer Kreutzung nicht bedingt; und dieselbe Regel wird auch auf
-die gepflegten Varietäten anzuwenden seyn. Drittens glauben einige
-ausgezeichnete Naturforscher, dass ein lang-dauernder Zähmungs- oder
-Kultur-Zustand geeignet seye, die Unfruchtbarkeit der Bastarde, welche
-anfangs nur wenig steril gewesen sind, in aufeinander-folgenden
-Generationen mehr und mehr zu verwischen; und wenn Diess der Fall,<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> so
-werden wir gewiss nicht erwarten dürfen, Sterilität unter dem Einflusse
-von nahezu den nämlichen Lebens-Bedingungen erscheinen und verschwinden
-zu sehen. Endlich, und Diess scheint mir bei weitem die wichtigste
-Betrachtung zu seyn, bringt der Mensch neue Pflanzen- und Thier-Rassen
-im Kultur-Zustande durch die Kraft planmässiger oder unbewusster
-Züchtung zu eignem Nutzen und Vergnügen hervor; er will nicht und kann
-nicht die kleinen Verschiedenheiten im Reproduktiv-Systeme oder andre
-mit dem Reproduktiv-Systeme in Wechselbeziehung stehenden Unterschiede
-zum Gegenstande seiner Züchtung machen. Die Erzeugnisse der Kultur
-und Zähmung sind dem Klima und andern physischen Lebens-Bedingungen
-viel minder vollkommen als die der Natur angepasst; denn gewöhnlich
-lassen sie sich ohne Nachtheil in andre Gegenden von verschiedener
-Beschaffenheit verpflanzen. Der Mensch versieht diese verschiedenen
-Abänderungen mit der nämlichen Nahrung, behandelt sie fast auf dieselbe
-Weise und will ihre allgemeine Lebens-Weise nicht ändern. Die Natur
-wirkt einförmig und langsam während unermesslicher Zeit-Perioden auf
-die gesammte Organisation der Geschöpfe in einer Weise, die zu deren
-eignem Besten dient; und so mag sie unmittelbar oder wahrscheinlicher
-mittelbar, durch Correlation, auch das Reproduktiv-System in den
-mancherlei Abkömmlingen einer nämlichen Art abändern. Wenn man diese
-Verschiedenheit im Züchtungs-Verfahren von Seiten des Menschen und der
-Natur berücksichtigt, wird man sich nicht mehr wundern können, dass
-sich einiger Unterschied auch in den Ergebnissen zeigt.</p>
-
-<p>Ich habe bis jetzt so gesprochen, als seyen die Varietäten einer
-nämlichen Art bei der Kreutzung meistens unabänderlich fruchtbar.
-Es scheint mir aber unmöglich, sich dem Beweise von dem Daseyn
-eines gewissen Maasses von Unfruchtbarkeit in einigen wenigen
-Fällen zu verschliessen, von denen ich kürzlich berichten will. Der
-Beweis ist wenigstens eben so gut als derjenige, welcher uns an die
-Unfruchtbarkeit einer Menge von Arten [bei der Kreutzung?] glauben
-macht, und ist von gegnerischen Zeugen entlehnt, die in allen andern
-Fällen Fruchtbarkeit<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> und Unfruchtbarkeit als gute Art-Kriterien
-betrachten. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> hielt einige Jahre lang eine Sorte
-Zwerg-Mais mit gelbem und eine grosse Varietät mit rothem Saamen,
-welche nahe beisammen in seinem Garten wuchsen; und obwohl diese
-Pflanzen getrennten Geschlechtes sind, so kreutzen sie sich doch nie
-von selbst mit einander. Er befruchtete dann dreizehn Blüthen-Ähren<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a>
-des einen mit dem Pollen des andern; aber nur ein einziger Stock gab
-einige Saamen und zwar nur fünf Körner.</p>
-
-<p>Die Behandlungs-Weise kann in diesem Falle nicht schädlich gewesen
-seyn, indem die Pflanzen getrennte Geschlechter haben. Noch Niemand hat
-meines Wissens diese zwei Mais-Sorten für verschiedene Arten angesehen;
-und es ist wesentlich zu bemerken, dass die aus ihnen erzogenen
-Blendlinge vollkommen fruchtbar waren, so dass auch G<span class="smaller">ÄRTNER</span>
-selbst nicht wagte, jene Sorten für zwei verschiedene Arten zu erklären.</p>
-
-<p>G<span class="smaller">IREAU DE</span> B<span class="smaller">UZAREINGUES</span> kreutzte drei Varietäten von Gurken
-miteinander, welche wie der Mais getrennten Geschlechtes sind, und
-versicherte, ihre gegenseitige Befruchtung seye um so schwieriger, je
-grösser ihre Verschiedenheit. In wie weit dieser Versuch Vertrauen
-verdient, weiss ich nicht, aber die drei zu denselben benützten Formen
-sind von S<span class="smaller">AGARET</span>, welcher sich bei seiner Unterscheidung der
-Arten hauptsächlich auf ihre Unfruchtbarkeit stützt, als Varietäten
-aufgestellt worden.</p>
-
-<p>Weit merkwürdiger und anfangs fast unglaublich erscheint der folgende
-Fall; jedoch ist er das Resultat einer Menge viele Jahre lang an neun
-Verbascum-Arten fortgesetzter Versuche, welche hier noch um so höher
-in Anschlag zu bringen, als sie von G<span class="smaller">ÄRTNER</span>’<span class="smaller">N</span> herrühren, der
-ein eben so vortrefflicher Beobachter als entschiedener Gegner der
-Meinung ist, dass die gelben und die weissen Varietäten der nämlichen
-Verbascum-Arten bei der Kreutzung mit einander weniger Saamen geben,
-als jede derselben liefert, wenn sie mit Pollen aus Blüthen von ihrer
-eignen Farbe befruchtet worden. Er erklärt nun, dass wenn gelbe und
-weisse Varietäten einer Art mit gelben und weissen<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Varietäten einer
-<em class="gesperrt">andern</em> Art gekreutzt werden, man mehr Saamen erhält, indem
-man die gleichfarbigen als wenn man die ungleichfarbigen Varietäten
-miteinander paart. Und doch ist zwischen diesen Varietäten von
-Verbascum kein andrer Unterschied als in der Farbe ihrer Blüthen,
-und die eine Farbe entspringt zuweilen aus Saamen der andersfarbigen
-Varietät.</p>
-
-<p>Nach Versuchen, die ich mit gewissen Varietäten der Rosen-Malve
-angestellt, möchte ich vermuthen, dass sie ähnliche Erscheinungen
-darbieten.</p>
-
-<p>K<span class="smaller">ÖLREUTER</span>, dessen Genauigkeit durch jeden späteren Beobachter
-bestätigt worden ist, hat die merkwürdige Thatsache bewiesen, dass eine
-Varietät des Tabaks, wenn sie mit einer ganz andern ihr weit entfernt
-stehenden Art gekreutzt wird, fruchtbarer ist als mit Varietäten der
-nämlichen Art. Er machte mit fünf Formen Versuche, die allgemein für
-Varietäten gelten, was er auch durch die strengste Probe, nämlich durch
-Wechselkreutzungen bewies, welche lauter ganz fruchtbare Blendlinge
-lieferten. Doch gab eine dieser fünf Varietäten, mochte sie nun als
-Vater oder Mutter mit ins Spiel kommen, bei der Kreutzung mit Nicotiana
-glutinosa stets minder unfruchtbare Bastarde, als die vier andern
-Varietäten. Es muss daher das Reproduktiv-System dieser einen Varietät
-in irgend einer Weise weniger modifizirt worden seyn.</p>
-
-<p>Bei der grossen Schwierigkeit die Unfruchtbarkeit der Varietäten
-im Natur-Zustande zu bestätigen, weil jede bei der Kreutzung etwas
-unfruchtbare Varietät alsbald allgemein für eine Spezies erklärt werden
-würde, so wie in Folge des Umstandes, dass der Mensch bei seinen
-künstlichen Züchtungen nur auf die äusseren Charaktere sieht und nicht
-verborgene und funktionelle Verschiedenheiten im Reproduktiv-System
-hervorzubringen beabsichtigt, glaube ich mich aus der Zusammenstellung
-aller Thatsachen zu folgern berechtigt, dass die Fruchtbarkeit der
-Varietäten unter einander keineswegs eine allgemeine Regel und
-mithin auch nicht geeignet seye, eine Grundlage zur Unterscheidung
-von Varietäten und Arten abzugeben. Die gewöhnlich stattfindende
-Fruchtbarkeit der Varietäten unter einander scheint<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> mir, bei unsrer
-gänzlichen Unkenntniss von den Ursachen sowohl der Fruchtbarkeit
-als der Sterilität, nicht genügend, um meine Ansicht über die sehr
-allgemeine aber nicht beständige Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen
-und der Bastarde umzustossen, dass dieselbe nämlich keine besondre
-Eigenschaft für sich darstelle, sondern mit andern langsam entwickelten
-Modifikationen zumal im Reproduktiv-Systeme der mit einander
-gekreutzten Formen zusammenhänge.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit
-verglichen.</em>) Die Nachkommenschaft der untereinander gekreutzten
-Arten und die der Varietäten lassen sich unabhängig von der Frage der
-Fruchtbarkeit noch in mehren Beziehungen mit einander vergleichen.
-G<span class="smaller">ÄRTNER</span>, dessen beharrlicher Wunsch es war, eine scharfe
-Unterscheidungs-Linie zwischen Arten und Varietäten zu ziehen,
-konnte nur sehr wenige und wie es scheint nur ganz unwesentliche
-Unterschiede zwischen den sogenannten Bastarden der Arten und den
-Blendlingen der Varietäten entdecken, wogegen sie sich in vielen andern
-wesentlichen Beziehungen vollkommen gleichen. Hier kann ich diesen
-Gegenstand nur ganz kurz erörtern. Als wichtigster Unterschied hat
-sich ergeben, dass in der ersten Generation Blendlinge veränderlicher
-als Bastarde sind; doch gibt G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zu, dass Bastarde
-von bereits lange kultivirten Arten oft schon in erster Generation
-sehr veränderlich sind, und ich selbst habe sehr treffende Belege
-für diese Thatsache. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> gibt ferner zu, dass Bastarde
-zwischen sehr nahe verwandten Arten veränderlicher sind, als die von
-weit auseinander-stehenden; und daraus ergibt sich, dass der im Grade
-der Veränderlichkeit gesuchte Unterschied stufenweise abnimmt. Wenn
-Blendlinge oder fruchtbarere Bastarde einige Generationen lang in sich
-fortgepflanzt werden, so nimmt anerkannter Maassen die Veränderlichkeit
-ihrer Nachkommen bis zu einem ausserordentlichen Maasse zu; dagegen
-lassen sich einige wenige Fälle anführen, wo Bastarde sowohl als
-Blendlinge ihren einförmigen Charakter lange Zeit behauptet haben. Doch
-ist die Veränderlichkeit in den aufeinanderfolgenden<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Generationen der
-Blendlinge vielleicht grösser als bei den Bastarden.</p>
-
-<p>Diese grössre Veränderlichkeit der Blendlinge den Bastarden gegenüber
-scheint mir in keiner Weise überraschend. Denn die Ältern der
-Blendlinge sind Varietäten und meistens zahme und kultivirte Varietäten
-(da nur sehr wenige Versuche mit wilden Varietäten angestellt worden
-sind), wesshalb als Regel anzunehmen, dass ihre Veränderlichkeit
-noch eine neue ist, daher denn auch zu erwarten steht, dass dieselbe
-oft noch fortdaure und die schon aus der Kreutzung entspringende
-Veränderlichkeit verstärke. Der geringere Grad von Variabilität bei
-Bastarden aus erster Kreutzung oder aus erster Generation im Gegensatze
-zu ihrer ausserordentlichen Veränderlichkeit in späteren Generationen
-ist eine eigenthümliche und Beachtung verdienende Thatsache; denn sie
-führt zu der Ansicht, die ich mir über die Ursache der gewöhnlichen
-Variabilität gebildet, und unterstützt dieselbe, dass diese letzte
-nämlich aus dem Reproduktions-Systeme herrühre, welches für jede
-Veränderung in den Lebens-Bedingungen so empfindlich ist, dass es
-hiedurch oft ganz unvermögend oder wenigstens für seine eigentliche
-Funktion, mit der älterlichen Form übereinstimmende Nachkommen zu
-erzeugen, unfähig gemacht wird. Nun rühren die in erster Generation
-gebildeten Bastarde alle von Arten her, deren Reproduktiv-Systeme
-ausser bei schon lange kultivirten Arten in keiner Weise leidend
-gewesen, und sind nicht veränderlich; aber Bastarde selber haben ein
-ernstlich angegriffenes Reproduktiv-System, und ihre Nachkommen sind
-sehr veränderlich.</p>
-
-<p>Doch kehren wir zur Vergleichung zwischen Blendlingen und Bastarden
-zurück. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> behauptet, dass Blendlinge mehr als Bastarde
-geneigt seyen, wieder in eine der älterlichen Formen zurückzuschlagen;
-doch ist dieser Unterschied, wenn er richtig, gewiss nur ein
-stufenweiser. G<span class="smaller">ÄRTNER</span> legt ferner Nachdruck darauf, dass,
-wenn zwei obgleich nahe mit einander verwandte Arten mit einer dritten
-gekreutzt werden, deren Bastarde doch weit auseinander weichen,
-während, wenn zwei sehr verschiedene Varietäten einer Art mit einer
-andern Art gekreutzt werden,<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> deren Blendlinge unter sich nicht sehr
-verschieden sind. Dieses Ergebniss ist jedoch so viel ich zu ersehen im
-Stande bin, nur auf einen einzigen Versuch gegründet und scheint den
-Erfahrungen geradezu entgegengesetzt zu seyn, welche K<span class="smaller">ÖLREUTER</span>
-bei mehren Versuchen gemacht hat.</p>
-
-<p>Diess sind allein die an sich unwesentlichen Verschiedenheiten, welche
-G<span class="smaller">ÄRTNER</span> zwischen Bastarden und Blendlingen der Pflanzen
-auszumitteln im Stande gewesen ist. Aber auch die Ähnlichkeit der
-Bastarde und Blendlinge, und insbesondere die von nahe verwandten Arten
-entsprungenen Bastarde mit ihren Ältern folgt nach G<span class="smaller">ÄRTNER</span>
-den nämlichen Gesetzen. Wenn zwei Arten gekreutzt werden, so zeigt
-zuweilen eine derselben ein überwiegendes Vermögen eine Ähnlichkeit
-mit ihr dem Bastarde aufzuprägen, und so ist es, wie ich glaube,
-auch mit Pflanzen-Varietäten. Bei Thieren besitzt gewiss oft eine
-Varietät dieses überwiegende Vermögen über eine andre. Die beiderlei
-Bastard-Pflanzen aus einer Wechselkreutzung gleichen einander
-gewöhnlich sehr, und so ist es auch mit den zweierlei Blendlingen aus
-Wechselkreutzungen. Bastarde sowohl als Blendlinge können wieder in
-jede der zwei älterlichen Formen zurückgeführt werden, wenn man sie
-in aufeinander-folgenden Generationen wiederholt mit der einen ihrer
-Stamm-Formen kreutzt.</p>
-
-<p>Diese verschiedenen Bemerkungen lassen sich offenbar auch auf Thiere
-anwenden; doch wird hier der Gegenstand ausserordentlich verwickelt,
-theils in Folge vorhandener sekundärer Sexual-Charaktere und theils
-insbesondere in Folge des gewöhnlich bei einem von beiden Geschlechtern
-überwiegenden Vermögens sein Bild dem Nachkommen aufzuprägen, eben
-sowohl wo es sich um die Kreutzung von Arten, als dort, wo es sich
-um die von Varietäten unter einander handelt. So glaube ich z.&#160;B.,
-dass diejenigen Schriftsteller Recht haben, welche behaupten, der
-Esel besitze ein solches Übergewicht über das Pferd, in dessen Folge
-sowohl Maulesel als Maulthier mehr dem Esel als dem Pferde glichen;
-dass jedoch dieses Übergewicht noch mehr bei dem männlichen als dem
-weiblichen Esel hervortrete, daher der Maulesel als der Bastard von
-Esel-Hengst und Pferde-Stute dem<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> Esel mehr als das Maulthier gleiche,
-welches das Pferd zum Vater und eine Eselin zur Mutter hat.</p>
-
-<p>Einige Schriftsteller haben viel Gewicht darauf gelegt, dass es unter
-den Thieren nur bei Blendlingen vorkomme, dass solche einem ihrer
-Ältern ausserordentlich ähnlich seyen; doch lässt sich nachweisen, dass
-Solches auch bei Bastarden, wenn gleich seltener als bei Blendlingen,
-der Fall ist. Was die von mir gesammelten Fälle von einer Kreutzung
-entsprungenen Thieren betrifft, die einem der zwei Ältern sehr ähnlich
-gewesen, so scheint sich diese Ähnlichkeit vorzugsweise auf in ihrer
-Art monströse und plötzlich aufgetretene Charaktere zu beschränken, wie
-Albinismus, Melanismus, Mangel der Hörner, Fehlen des Schwanzes und
-Überzahl der Finger und Zehen, daher sie keinen Zusammenhang mit den
-durch Züchtung langsam entwickelten Merkmalen haben. Demzufolge werden
-auch Fälle plötzlicher Rückkehr zu einem der zwei älterlichen Typen bei
-Blendlingen vorkommen, welche von oft plötzlich entstandenen und ihrem
-Charakter nach halb-monströsen Varietäten abstammen, als bei Bastarden,
-die von langsam und auf natürliche Weise gebildeten Arten herrühren.
-Im Ganzen aber bin ich der Meinung von Dr. P<span class="smaller">ROSPER</span> L<span class="smaller">UCAS</span>,
-welcher nach der Musterung einer ungeheuren Menge von Thatsachen bei
-den Thieren zu dem Schlusse gelangt, dass die Gesetze der Ähnlichkeit
-zwischen Kindern und Ältern die nämlichen sind, ob beide Ältern mehr
-oder ob sie weniger von einander abweichen, ob sie einer oder ob sie
-verschiedenen Varietäten oder ganz verschiedenen Arten angehören.</p>
-
-<p>Von der Frage über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit abgesehen, scheint
-sich in allen andern Beziehungen eine grosse Ähnlichkeit des Verhaltens
-zwischen Bastarden und Blendlingen zu ergeben. Bei der Annahme, dass
-die Arten einzeln erschaffen und die Varietäten erst durch sekundäre
-Gesetze entwickelt worden seyen, müsste ein solches ähnliches Verhalten
-als eine äusserst befremdende Thatsache erscheinen. Geht man aber von
-der Ansicht aus, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten
-und Varietäten gar nicht vorhanden seye, so steht es vollkommen mit
-derselben im Einklang.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des Kapitels.</em>) Erste Kreutzungen sowohl zwischen
-genügend unterschiedenen Formen, um für Varietäten zu gelten, wie
-zwischen ihren Bastarden sind sehr oft, aber nicht immer unfruchtbar.
-Diese Unfruchtbarkeit findet in allen Abstufungen statt und ist
-oft so unbedeutend, dass die zwei erfahrensten Experimentisten,
-welche jemals gelebt, zu mitunter schnurstracks entgegengesetzten
-Folgerungen gelangten, als sie die Formen darnach ordnen wollten. Die
-Unfruchtbarkeit ist von angeborener Veränderlichkeit bei Individuen
-einer nämlichen Art, und für günstige und ungünstige Einflüsse
-ausserordentlich empfänglich. Der Grad der Unfruchtbarkeit richtet sich
-nicht genau nach systematischer Affinität, sondern ist von einigen
-eigenthümlichen und verwickelten Gesetzen abhängig. Er ist gewöhnlich
-ungleich und oft sehr ungleich bei Wechselkreutzung der nämlichen
-zwei Arten. Er ist nicht immer von gleicher Stärke bei einer ersten
-Kreutzung und den daraus entspringenden Nachkommen.</p>
-
-<p>In derselben Weise, wie beim Zweigen der Bäume die Fähigkeit einer Art
-oder Varietät bei andern anzuschlagen mit meistens ganz unbekannten
-Verschiedenheiten in ihren vegetativen Systemen zusammenhängt, so ist
-bei Kreutzungen die grössere oder geringere Leichtigkeit einer Art
-sich mit der andern zu befruchten von unbekannten Verschiedenheiten
-in ihren Reproduktions-Systemen veranlasst. Es ist daher nicht mehr
-Grund anzunehmen, dass von der Natur einer jeden Art ein verschiedener
-Grad von Sterilität in der Absicht ihr gegenseitiges Durchkreutzen und
-Ineinanderlaufen zu verhüten besonders eingebunden worden seye, — als
-Ursache vorhanden ist anzunehmen, dass jeder Holzart ein verschiedener
-und etwas analoger Grad von Schwierigkeit beim Verpropfen auf andern
-Arten anzuschlagen eingebunden worden seye, um zu verhüten, dass sich
-nicht alle in unsern Wäldern aufeinander-propfen.</p>
-
-<p>Die Sterilität der ersten Kreutzungen zwischen reinen Arten mit
-vollkommenen Reproduktiv-Systemen scheint von verschiedenen Ursachen
-abzuhängen: in einigen Fällen meistens von frühzeitigem Verderben
-des Embryos. Die Unfruchtbarkeit der<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> Bastarde mit unvollkommenem
-Reproduktions-Systeme und derjenigen wo dieses System so wie die
-ganze Organisation durch Verschmelzung zweier Arten in eine gestört
-worden ist, scheint nahe übereinzukommen mit derjenigen Sterilität,
-welche so oft auch reine Spezies befällt, wenn ihre natürlichen
-Lebens-Bedingungen gestört worden sind. Diese Betrachtungs-Weise
-wird noch durch einen Parallelismus andrer Art unterstützt, indem
-nämlich die Kreutzung nur wenig von einander abweichender Formen die
-Kraft und Fruchtbarkeit der Nachkommenschaft befördert, wie geringe
-Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen für Gesundheit und
-Fruchtbarkeit aller organischen Wesen vortheilhaft sind. Es ist
-nicht überraschend, dass der Grad der Schwierigkeit zwei Arten mit
-einander zu befruchten und der Grad der Unfruchtbarkeit ihrer Bastarde
-einander im Allgemeinen entsprechen, obwohl sie von verschiedenen
-Ursachen herrühren; denn beide hängen von dem Maasse irgend welcher
-Verschiedenheit zwischen den gekreutzten Arten ab. Eben so ist es nicht
-überraschend, dass die Leichtigkeit eine erste Kreutzung zu bewirken,
-die Fruchtbarkeit der daraus entsprungenen Bastarde und die Fähigkeit
-wechselseitiger Aufeinanderpropfung, obwohl diese letzte offenbar
-von weit verschiedenen Ursachen abhängt, alle bis zu einem gewissen
-Grade parallel gehen mit der systematischen Verwandtschaft der Formen,
-welche bei den Versuchen in Anwendung gekommen; denn „systematische
-Affinität“ bezweckt alle Sorten von Ähnlichkeiten zwischen den Spezies
-auszudrücken.</p>
-
-<p>Erste Kreutzungen zwischen Formen, die als Varietäten gelten oder
-doch genügend von einander verschieden sind um dafür zu gehen,
-und ihre Blendlinge sind zwar gewöhnlich, aber nicht (wie so oft
-irrthümlich behauptet worden) ohne Ausnahme fruchtbar. Doch ist
-diese gewöhnliche und vollkommene Fruchtbarkeit nicht befremdend,
-wenn wir uns erinnern, wie leicht wir hinsichtlich der Varietäten im
-Natur-Zustande in einen Zirkelschluss gerathen, und wenn wir uns ins
-Gedächtniss rufen, dass die grössre Anzahl der Varietäten durch Kultur
-mittelst Züchtung bloss nach äusseren Verschiedenheiten und nicht
-nach solchen<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> im Reproduktiv-System hervorgebracht worden sind. In
-allen andren Beziehungen, ausser der Fruchtbarkeit, ist eine allgemein
-sehr grosse Ähnlichkeit zwischen Bastarden und Blendlingen. Endlich
-scheinen mir die in diesem Kapitel kürzlich aufgezählten Thatsachen,
-trotz unsrer völligen Unbekanntschaft mit den wirklichen Ursachen der
-Unfruchtbarkeit nicht im Widerspruch, sondern in mehrfacher Hinsicht
-im Einklang zu stehen mit der Ansicht, dass es keinen gründlichen
-Unterschied zwischen Arten und Varietäten gibt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br />
-
-<b>Unvollkommenheit der Geologischen Überlieferungen.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. — Natur
-der erloschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. — Länge der
-Zeit-Perioden nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen.
-— Armuth unsrer paläontologischen Sammlungen. — Entblössung
-granitischer Boden-Flächen. — Unterbrechung geologischer
-Formationen. — Abwesenheit der Mittel-Varietäten in allen
-Formationen. — Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen. — Ihr
-plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten.</p>
-
-<p>Im sechsten Kapitel habe ich die Haupteinreden aufgezählt, welche man
-gegen die in diesem Bande aufgestellten Ansichten erheben könnte. Die
-meisten derselben sind jetzt bereits erörtert worden. Darunter ist eine
-allerdings von handgreiflicher Schwierigkeit: die der Verschiedenheit
-der Art-Formen ohne wesentliche Verkettung durch zahllose
-Übergangs-Formen. Ich habe die Ursachen nachgewiesen, warum solche
-Glieder heutzutage unter den anscheinend für ihr Daseyn günstigsten
-Umständen, namentlich auf ausgedehnten und zusammenhängenden Flächen
-mit allmählich abgestuften physikalischen Bedingungen nicht gewöhnlich
-zu finden sind. Ich versuchte zu zeigen, dass das Leben einer jeden
-Art noch wesentlicher abhängt von der Anwesenheit gewisser andrer
-organischer Formen, als vom Klima, und dass<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> daher die wesentlich
-leitenden Lebens-Bedingungen sich nicht so allmählig abstufen, wie
-Wärme und Feuchtigkeit. Ich versuchte ferner zu zeigen, dass mittle
-Varietäten desswegen, weil sie in geringrer Anzahl als die von ihnen
-verketteten Formen vorkommen, im Verlaufe weitrer Veränderung und
-Vervollkommnung dieser letzten bald verdrängt werden. Die Hauptursache
-jedoch, warum nicht in der ganzen Natur jetzt noch zahllose solche
-Zwischenglieder vorkommen, liegt im Prozesse der natürlichen Züchtung,
-wodurch neue Varietäten fortwährend die Stelle der Stamm-Formen
-einnehmen und dieselben vertilgen. Aber gerade in dem Verhältnisse, wie
-dieser Prozess der Vertilgung in ungeheurem Maasse thätig gewesen ist,
-so muss auch die Anzahl der Zwischenvarietäten, welche vordem auf der
-Erde vorhanden waren, eine wahrhaft ungeheure gewesen seyn. Doch woher
-kömmt es dann, dass nicht jede Formation und jede Gesteins-Schicht
-voll von solchen Zwischenformen ist? Die Geologie enthüllt uns
-sicherlich nicht eine solche fein abgestufte Organismen-Reihe; und
-Diess ist vielleicht die handgreiflichste und gewichtigste Einrede,
-die man meiner Theorie entgegenhalten kann. Die Erklärung liegt aber,
-wie ich glaube, in der äussersten Unvollständigkeit der geologischen
-Überlieferungen.</p>
-
-<p>Zuerst muss man sich erinnern, was für Zwischenformen meiner Theorie
-zufolge vordem bestanden haben müssten. Ich habe es schwierig
-gefunden, wenn ich irgend welche zwei Arten betrachtete, unmittelbare
-Zwischenformen zwischen denselben mir in Gedanken auszumalen. Es ist
-Diess aber auch eine ganz falsche Ansicht; denn man hat sich vielmehr
-nach Formen umzusehen, welche zwischen jeder der zwei Spezies und
-einem gemeinsamen aber unbekannten Stammvater das Mittel halten;
-und dieser Stammvater wird gewöhnlich von allen seinen Nachkommen
-einigermaassen verschieden gewesen seyn. Ich will Diess mit einem
-einfachen Beispiele erläutern. Die Pfauen-Taube und der Kröpfer leiten
-beide ihren Ursprung von der Felstaube (C. livia) her; aber eine
-unmittelbare Zwischen-Varietät zwischen Pfauen-Taube und Kropf-Taube
-wird es nicht geben, keine z.&#160;B., die einen etwas ausgebreiteteren
-Schwanz mit einem nur mässig<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> erweiterten Kropfe verbände, worin doch
-eben die bezeichnenden Merkmale jener zwei Rassen liegen. Diese beiden
-Rassen sind überdiess so sehr modifizirt worden, dass, wenn wir keinen
-historischen oder indirekten Beweis über ihren Ursprung hätten, wir
-unmöglich im Stande gewesen seyn würden durch blosse Vergleichung ihrer
-Struktur zu bestimmen, ob sie aus der Felstaube (Columba livia) oder
-einer andern ihr verwandten Art, wie z.&#160;B. Columba oenas, entstanden
-seyen.</p>
-
-<p>So verhält es sich auch mit den natürlichen Arten. Wenn wir uns nach
-sehr verschiedenen Formen umsehen, wie z.&#160;B. Pferd und Tapir, so
-finden wir keinen Grund zu unterstellen, dass es jemals unmittelbare
-Zwischenglieder zwischen denselben gegeben habe, wohl aber zwischen
-jedem von beiden und irgend einem unbekannten Stamm-Vater. Dieser
-gemeinsame Stamm-Vater wird in seiner ganzen Organisation viele
-allgemeine Ähnlichkeit mit dem Tapir so wie mit dem Pferde besessen
-haben; doch in einer und der andern Hinsicht auch von beiden
-beträchtlich verschieden gewesen seyn, vielleicht in noch höherem
-Grade, als beide jetzt unter sich sind. Daher wir in allen solchen
-Fällen nicht im Stande seyn würden, die älterliche Form für irgend
-welche zwei oder drei sich nahe-stehende Arten auszumitteln, selbst
-dann nicht, wenn wir den Bau des Stamm-Vaters genau mit dem seiner
-abgeänderten Nachkommen vergleichen, es seye denn, dass wir eine nahezu
-vollständige Kette von Zwischengliedern dabei hätten.</p>
-
-<p>Es wäre nach meiner Theorie allerdings möglich, dass von zwei noch
-lebenden Formen die eine von der andern abstammte, wie z.&#160;B. das Pferd
-von Tapir, und in diesem Falle müsste es unmittelbare Zwischenglieder
-zwischen denselben gegeben haben. Ein solcher Fall würde jedoch
-voraussetzen, dass die eine der zwei Arten (der Tapir) sich eine sehr
-lange Zeit hindurch unverändert erhalten habe, während ein Theil ihrer
-Nachkommen sehr ansehnliche Veränderungen erfuhren. Aber das Princip
-der Mitbewerbung zwischen Organismus und Organismus, zwischen Vater und
-Sohn, wird diesen Fall nur sehr selten aufkommen<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> lassen; denn in allen
-Fällen streben die neuen und verbesserten Lebens-Formen die alten und
-unpassendern zu ersetzen.</p>
-
-<p>Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung stehen alle lebenden Arten
-mit einer Stamm-Art ihrer Sippe in Verbindung durch Charaktere, deren
-Unterschiede nicht grösser sind, als wir sie heutzutage zwischen
-Varietäten einer Art sehen; diese jetzt gewöhnlich erloschenen
-Stamm-Arten waren ihrerseits wieder in ähnlicher Weise mit älteren
-Arten verkettet; und so immer weiter rückwärts, bis endlich alle
-in einem gemeinsamen Vorgänger einer ganzen Ordnung oder Klasse
-zusammentreffen. So muss daher die Anzahl der Zwischen- und
-Übergangs-Glieder zwischen allen lebenden und erloschenen Arten ganz
-unbegreiflich gross gewesen seyn. Aber, wenn diese Theorie richtig ist,
-haben sie gewiss auf dieser Erde gelebt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Über die Zeitdauer.</em>) Unabhängig von der aus dem Mangel jener
-endlosen Anzahl von Zwischengliedern hergenommenen Einrede könnte man
-mir ferner entgegenhalten, dass die Zeit nicht hingereicht habe, ein
-so ungeheures Maass organischer Veränderungen durchzuführen, weil
-alle Abänderungen nur sehr langsam durch Natürliche Züchtung bewirkt
-worden seyen. Es würde mir kaum möglich seyn, demjenigen Leser, welcher
-kein praktischer Geologe ist, alle Thatsachen vorzuführen, welche uns
-einigermaassen die unermessliche Länge der verflossenen Zeiträume zu
-erfassen in den Stand setzen. Wer Sir C<span class="smaller">HARLES</span>
-L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> grosses
-Werk „<i>the Principles of Geology</i>“, welchem spätre Historiker
-die Anerkennung eine grosse Umwälzung in den Natur-Wissenschaften
-bewirkt zu haben nicht versagen werden, lesen kann und nicht sofort die
-unbegreifliche Länge der verflossenen Erd-Perioden zugesteht, der mag
-dieses Buch nur schliessen. Nicht als ob es genüge die <i>Principles
-of Geology</i> zu studiren oder die Special-Abhandlungen verschiedner
-Beobachter über einzelne Formationen zu lesen, deren jeder bestrebt
-ist einen ungenügenden Begriff von der Entstehungs-Dauer einer jeden
-Formation oder sogar jeder einzelnen Schicht zu geben. Jeder muss
-vielmehr erst Jahre lang für sich selbst diese ungeheuren Stösse
-übereinander gelagerter Schichten untersuchen und die See bei<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> der
-Arbeit, wie sie alle Gesteins-Schichten unterwühlt und zertrümmert und
-neue Ablagerungen daraus bildet, beobachtet haben, ehe er hoffen kann,
-nur einigermaassen die Länge der Zeit zu begreifen, deren Denkmäler wir
-um uns her erblicken.</p>
-
-<p>Es ist gut den See-Küsten entlang zu wandern, welche aus mässig
-harten Fels-Schichten aufgebaut sind, und den Zerstörungs-Prozess zu
-beobachten. Die Gezeiten erreichen diese Fels-Wände gewöhnlich nur auf
-kurze Zeit zweimal am Tage, und die Wogen nagen sie nur aus, wenn sie
-mit Sand und Geschieben beladen sind; denn es ist leicht zu beweisen,
-dass reines Wasser Gesteine jeder Art nicht oder nur wenig angreift.
-Zuletzt wird der Fuss der Fels-Wände unterwaschen, mächtige Massen
-brechen zusammen, und die nun fest liegen bleiben werden, Atom um Atom
-zerrieben, bis sie klein genug geworden, dass die Wellen sie zu rollen
-und vollends in Geschiebe und Sand und Schlamm zu verarbeiten vermögen.
-Aber wie oft sehen wir längs dem Fusse sich zurückziehender Klippen
-gerundete Blöcke liegen, alle dick überzogen mit Meeres-Erzeugnissen,
-welche beweisen, wie wenig sie durch Abreibung leiden und wie selten
-sie umhergerollt werden! Überdiess, wenn wir einige Meilen weit eine
-derartige Küsten-Wand verfolgen, welche der Zerstörung unterliegt,
-so finden wir, dass es nur hier und da, auf kurze Strecken oder etwa
-um ein Vorgebirge her der Fall ist, dass die Klippen jetzt leiden.
-Die Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der auf ihnen erscheinende
-Pflanzen-Wuchs beweisen, dass allenthalben Jahre verflossen sind,
-seitdem die Wasser deren Fuss gewaschen haben.</p>
-
-<p>Wer die Thätigkeit des Meeres an unsren Küsten näher studirt hat,
-der muss einen tiefen Eindruck in sich aufgenommen haben von der
-Langsamkeit ihrer Zerstörung. Die trefflichen Beobachtungen von
-H<span class="smaller">UGH</span> M<span class="smaller">ILLER</span> und von S<span class="smaller">MITH</span> von <i>Jordanhill</i>
-sind vorzugsweise geeignet diese Überzeugung zu gewähren. Von
-ihr durchdrungen möge Jeder die viele Tausend Fuss mächtigen
-Konglomerat-Schichten untersuchen, welche, obschon wahrscheinlich in
-rascherem Verhältnisse als so viele andere Ablagerungen gebildet, doch
-nun an jedem der zahllosen abgeriebenen und gerundeten Geschiebe,
-woraus sie bestehen, den Stempel einer<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> langen Zeit tragen und
-vortrefflich zu zeigen geeignet sind, wie langsam diese Massen
-zusammengehäuft worden seyn müssen. In den Cordilleren habe ich einen
-Stoss solcher Konglomerat-Schichten zu zehntausend Fuss Mächtigkeit
-geschätzt. Nun mag sich der Beobachter der wohl begründeten Bemerkung
-L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> erinnern, dass die Dicke und Ausdehnung der
-Sediment-Formationen Ergebniss und Maassstab der Abtragungen sind,
-welche die Erd-Rinde an andern Stellen erlitten hat. Und was für
-ungeheure Abtragungen werden durch die Sediment-Ablagerungen mancher
-Gegenden vorausgesetzt! Professor R<span class="smaller">AMSAY</span> hat mir, meistens
-nach wirklichen Messungen und geringentheils nach Schätzungen, die
-Maasse der grössten unsrer Formationen aus verschiedenen Theilen
-<i>Gross-Britanniens</i> in folgender Weise angegeben:</p>
-
-<table>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">Tertiäre Schichten</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&#8199;2,240′</div>
- </td>
- <td rowspan="3">
- <img class="h3em vam" src="images/klammer.jpg" alt="" />
- </td>
- <td rowspan="3">
- <div class="left vam">= 72,584′</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">Sekundär-Schichten</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">13,190′</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">Paläolithische Schichten</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center"> 57,154′</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="p0">d.&#160;i. beinahe 13¾ <i>Englische</i> Meilen. Einige dieser
-Formationen, welche in <i>England</i> nur durch dünne Lagen vertreten
-sind, haben auf dem Kontinente Tausende von Fussen Mächtigkeit.
-Überdiess sollen nach der Meinung der meisten Geologen zwischen je zwei
-aufeinander-folgenden Formationen immer unermessliche leere Perioden
-fallen. Wenn somit selbst jener ungeheure Stoss von Sediment-Schichten
-in <i>Britannien</i> nur eine unvollkommene Vorstellung von der Zeit
-gewährt, wie lang muss diese Zeit gewesen seyn! Gute Beobachter haben
-die Sediment-Ablagerungen des grossen Mississippi-Stromes nur auf 600′
-Mächtigkeit in 100,000 Jahren berechnet. Diese Berechnung macht keinen
-Anspruch auf grosse Genauigkeit. Wenn wir aber nun berücksichtigen,
-wie ausserordentlich weit ganz feine Sedimente von den See-Strömungen
-fortgetragen werden, so muss der Prozess ihrer Anhäufung über irgend
-welche Erstreckung des See-Bodens äusserst langsam seyn.</p>
-
-<p>Doch scheint das Maass der Entblössung, welche die Schichten mancher
-Gegenden erlitten, unabhängig von dem Verhältnisse der Anhäufung der
-zertrümmerten Massen, die besten Beweise<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> für die Länge der Zeiten zu
-liefern. Ich erinnere mich, von dem Beweise der Entblössungen in hohem
-Grade betroffen gewesen zu seyn, als ich vulkanische Inseln sah, welche
-rundum von den Wellen so abgewaschen waren, dass sie in 1000–2000′
-hohen Fels-Wänden senkrecht emporragten, während sich aus dem schwachen
-Fall-Winkel, mit welchem sich die Lava-Ströme einst in ihrem flüssigen
-Zustand herabgesenkt, auf den ersten Blick ermessen liess, wie weit
-einstens die harten Fels-Lagen in den offnen Ozean hinausgereicht haben
-müssen. Dieselbe Geschichte ergibt sich oft noch deutlicher durch
-die mächtigen Rücken, jene grossen Gebirgs-Spalten, längs deren die
-Schichten bis zu Tausenden von Fussen an einer Seite emporgestiegen
-oder an der andern Seite hinabgesunken sind; denn seit dieser
-senkrechten Verschiebung (gleichviel ob die Hebung plötzlich oder
-allmählich und stufenweise erfolgt ist) ist die Oberfläche des Bodens
-durch die Thätigkeit des Meeres wieder so vollkommen ausgeebnet worden,
-dass keine Spur von dieser ungeheuren Verwerfung mehr äusserlich zu
-erkennen ist.</p>
-
-<p>So erstreckt sich der <i>Craven</i>-Rücken z.&#160;B. 30 Englische Meilen
-weit, und auf dieser ganzen Strecke sind die von beiden Seiten her
-zusammenstossenden Schichten um 600′–3000′ senkrechter Höhe verworfen.
-Professor R<span class="smaller">AMSAY</span> hat eine Senkung von 2300′ in <i>Anglesea</i>
-beschrieben und benachrichtigt mich, dass er sich überzeugt hatte,
-dass in <i>Merionetshire</i> eine von 12,000′ vorhanden seye. Und doch
-verräth in diesen Fällen die Oberfläche des Bodens nichts von solchen
-wunderbaren Bewegungen, indem die ganze anfangs auf der einen Seite
-höher emporragende Schichten-Reihe bis zur Abebnung der Oberfläche
-weggespült worden ist. Die Betrachtung dieser Thatsachen macht auf
-mich denselben Eindruck, wie das vergebliche Ringen des Geistes um den
-Gedanken der Ewigkeit zu erfassen.</p>
-
-<p>Ich habe diese wenigen Bemerkungen gemacht, weil es für uns von
-höchster Wichtigkeit ist, eine wenn auch unvollkommene Vorstellung von
-der Länge verflossener Erd-Perioden zu haben. Und jedes Jahr während
-der ganzen Dauer dieser Perioden war die Erd-Oberfläche, waren Land und
-Wasser von Schaaren<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> lebender Formen bevölkert. Was für eine endlose,
-dem Geiste unerfassliche Anzahl von Generationen muss, seitdem die Erde
-bewohnt ist, schon aufeinander gefolgt seyn! Und sieht man nun unsre
-reichsten geologischen Sammlungen an, — welche armselige Schaustellung
-davon!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Armuth paläontologischer Sammlungen.</em>) Jedermann gibt die
-ausserordentliche Unvollständigkeit unsrer paläontologischen
-Sammlungen zu. Überdiess sollte man die Bemerkung des vortrefflichen
-Paläontologen, des verstorbnen E<span class="smaller">DWARD</span> F<span class="smaller">ORBES</span>, nicht vergessen,
-dass eine Menge unsrer fossilen Arten nur nach einem einzigen oft
-zerbrochenen Exemplare oder nur wenigen auf einem kleinen Fleck
-beisammen gefundenen Individuen bekannt und benannt sind. Nur ein
-kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht und noch
-keiner mit erschöpfender Genauigkeit erforscht, wie die noch jährlich
-in <i>Europa</i> aufeinanderfolgenden wichtigen Entdeckungen beweisen.
-Kein ganz weicher Organismus ist Erhaltungs-fähig. Selbst Schaalen
-und Knochen zerfallen und verschwinden auf dem Boden des Meeres, wo
-sich keine Sedimente anhäufen. Ich glaube, dass wir beständig in einem
-grossen Irrthum begriffen sind, wenn wir uns der stillen Ansicht
-überlassen, dass sich Niederschläge fortwährend auf fast der ganzen
-Erstreckung des See-Grundes in genügendem Maasse bilden, um die zu
-Boden sinkenden organischen Stoffe zu umhüllen und zu erhalten. Auf
-eine ungeheure Ausdehnung des Ozeans spricht die klar blaue Farbe
-seines Wassers für dessen Reinheit. Die vielen Berichte von mehren
-in gleichförmiger Lagerung aufeinander-folgenden Formationen, deren
-keine auch nur Spuren aufrichtender, zerreissender oder abwaschender
-Thätigkeit an sich trägt, scheinen nur durch die Ansicht erklärbar
-zu seyn, dass der Boden des Meeres oft eine unermessliche Zeit in
-völlig unveränderter Lage bleibt. Die Reste, welche in Sand und
-Kies eingebettet worden, werden gewöhnlich von Kohlensäure-haltigen
-Tage-Wassern wieder aufgelöst, welche den Boden nach seiner Emporhebung
-über den Meeres-Spiegel zu durchsinken beginnen.</p>
-
-<p>Einige von den vielen Thier-Arten, welche zwischen Ebbe- und<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> Fluth-Stand
-des Meeres am Strande leben, scheinen sich nur selten fossil zu
-erhalten. Einige von den manchfaltigen Thier-Arten, welche am Strande
-zwischen Hoch- und Tief-Wasserstand leben, scheinen sich nur selten zu
-erhalten. So z.&#160;B. überziehen in aller Welt zahllose Chthamalinen (eine
-Familie der sitzenden Cirripeden) die dort gelegenen Klippen. Alle sind
-im strengen Sinne litoral, mit Ausnahme einer einzigen mittelmeerischen
-Art, welche dem tiefen Wasser angehört und auch in <i>Sicilien</i>
-fossil gefunden worden ist, während man fast noch keine tertiäre Art
-kennt und aus der Kreide-Zeit noch keine Spur davon vorliegt. Die
-Mollusken-Sippe Chiton bietet ein theilweise analoges Beispiel dar<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>.</p>
-
-<p>Hinsichtlich der Land-Bewohner, welche in der paläolithischen und
-sekundären Zeit gelebt, ist es überflüssig darzuthun, dass unsre
-Kenntnisse höchst fragmentarisch sind. So ist z.&#160;B. nicht eine
-Landschnecke aus einer dieser langen Perioden bekannt, mit Ausnahme
-der von Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> und Dr. D<span class="smaller">AWSON</span> in den
-Kohlen-Schichten <i>Nord-Amerika’s</i> entdeckten Art, wovon jetzt
-über hundert Exemplare gesammelt sind. Was die Säugthier-Reste
-betrifft, so ergibt ein Blick auf die Tabelle im Supplement zu
-L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> Handbuch weit besser, wie zufällig und selten ihre
-Erhaltung seye, als Seiten-lange Einzelnheiten, und doch kann ihre
-Seltenheit keine Verwunderung erregen, wenn wir uns erinnern, was für
-ein grosser Theil der tertiären Reste derselben aus Knochen-Höhlen und
-Süsswasser-Ablagerungen herrühren, während nicht eine Knochen-Höhle
-und ächte Süsswasser-Schicht vom Alter unsrer paläolithischen und
-sekundären Formationen bekannt ist.</p>
-
-<p>Aber die Unvollständigkeit der geologischen Nachrichten rührt
-hauptsächlich von einer andren und weit wichtigeren Ursache her, als
-irgend eine der vorhin angegebenen ist, dass nämlich die verschiedenen
-Formationen durch lange Zeiträume von einander getrennt sind. Auf diese
-Behauptung ist von<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> manchen Geologen und Paläontologen, welche mit
-E. F<span class="smaller">ORBES</span> nicht an eine Veränderlichkeit der Arten glauben
-mögen, grosser Nachdruck gelegt worden. Wenn wir die Formationen in
-wissenschaftlichen Werken in Tabellen geordnet finden, oder wenn
-wir sie in der Natur verfolgen, so können wir uns nicht wohl der
-Überzeugung verschliessen, dass sie nicht unmittelbar auf einander
-gefolgt sind. So wissen wir z.&#160;B. aus Sir R. M<span class="smaller">URCHISONS</span>
-grossem Werke über <i>Russland</i>, dass daselbst weite Lücken zwischen
-den aufeinanderliegenden Formationen bestehen; und so ist es auch in
-<i>Nord-Amerika</i> und vielen andern Weltgegenden. Und doch würde der
-beste Geologe, wenn er sich nur mit einem dieser weiten Länder-Gebiete
-allein beschäftigt hätte, nimmer vermuthet haben, dass während dieser
-langen Perioden, aus welchen in seiner eignen Gegend kein Denkmal
-übrig ist, sich grosse Schichten-Stösse voll neuer und eigenthümlicher
-Lebenformen anderweitig auf einander gehäuft haben. Und wenn man sich
-in jeder einzelnen Gegend kaum eine Vorstellung von der Länge der
-Zwischenzeiten zu machen im Stande ist, so wird man glauben, dass Diess
-nirgends möglich seye. Die häufigen und grossen Veränderungen in der
-mineralogischen Zusammensetzung aufeinander-folgender Formationen,
-welche gewöhnlich auch grosse Veränderungen in der geographischen
-Beschaffenheit des umgebenden Landes unterstellen lassen, aus welchem
-das Material zu diesen Niederschlägen entnommen ist, stimmen mit
-der Annahme langer zwischen den einzelnen Formationen verflossener
-Zeiträume überein.</p>
-
-<p>Doch kann man, wie ich glaube, leicht einsehen, warum die geologischen
-Formationen jeder Gegend fast unabänderlich überall unterbrochen sind,
-d.&#160;h. sich nicht ohne Zwischenpausen abgelagert haben. Kaum hat eine
-Thatsache bei Untersuchung viele Hundert Meilen langer Strecken der
-<i>Süd-Amerikanischen</i> Küsten, die in der jetzigen Periode einige
-hundert Fuss hoch emporgehoben worden sind, einen lebhafteren Eindruck
-auf mich gemacht als die Abwesenheit aller neueren Ablagerungen von
-hinreichender Entwickelung, um auch nur für eine kurze geologische
-Periode zu gelten. Längs der ganzen West-Küste, die von<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> einer
-eigenthümlichen Meeres-Fauna bewohnt wird, sind die Tertiär-Schichten
-so spärlich entwickelt, dass wahrscheinlich kein Denkmal von
-verschiedenen aufeinander-folgenden Meeres-Faunen für spätre Zeiten
-erhalten bleiben wird. Ein wenig Nachdenken erklärt es uns, warum längs
-der fortwährend höher steigenden West-Küste <i>Süd-Amerikas</i> keine
-ausgedehnten Formationen mit neuen oder mit tertiären Resten irgendwo
-zu finden sind, obwohl nach den ungeheuren Abtragungen der Küsten-Wände
-und den Schlamm-reichen Flüssen zu urtheilen, die sich dort in das Meer
-ergiessen, die Zuführung von Sedimenten lange Perioden hindurch eine
-sehr grosse gewesen seyn muss. Die Erklärung liegt ohne Zweifel darin,
-dass die litoralen und sublitoralen Ablagerungen beständig wieder
-weggewaschen werden, sobald sie durch die langsame oder stufenweise
-Hebung des Landes in den Bereich der zerstörenden Brandung gelangen.</p>
-
-<p>Wir dürfen wohl mit Sicherheit schliessen, dass Sediment in ungeheuer
-dicken harten und ausgedehnten Massen angehäuft worden seyn müsse,
-um während der ersten Emporhebung und der späteren Schwankungen des
-Niveaus der ununterbrochnen Thätigkeit der Wogen zu widerstehen. Solche
-dicke und ausgedehnte Sediment-Ablagerungen können auf zweierlei Weise
-gebildet werden; entweder in grossen Tiefen des Meeres, in welchem
-Falle wir nach den Untersuchungen von E. F<span class="smaller">ORBES</span> annehmen
-müssen, dass der See-Grund nur von sehr wenigen Thieren bewohnt seye,
-obwohl er, wie sich aus den Telegraphen-Sondirungen erwiesen, nicht
-ganz ohne Leben ist, daher die Massen nach ihrer Emporhebung nur eine
-sehr unvollkommene Vorstellung von den zur Zeit ihrer Ablagerung dort
-vorhanden gewesenen Lebenformen gewähren können; — oder die Sedimente
-werden über einen seichten Grund zu einiger Dicke und Ausdehnung
-angehäuft, wenn er in langsamer Senkung begriffen ist. In diesem
-letzten Falle bleibt das Meer so lange seicht und dem Thier-Leben
-günstig, als Senkung des Bodens und Zufuhr der Niederschläge einander
-nahezu das Gleichgewicht halten; so dass auf diese Weise eine
-hinreichend dicke Fossilien-reiche Formation<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> entstehen kann, um bei
-ihrer spätren Emporhebung jedem Grade von Zerstörung zu widerstehen.</p>
-
-<p>Ich bin demgemäss überzeugt, dass alle unsre alten Formationen, welche
-reich an fossilen Resten sind, bei ausdauernder Senkung abgelagert
-worden sind. Seitdem ich im Jahr <i>1845</i> meine Ansichten in dieser
-Beziehung bekannt gemacht, habe ich die Fortschritte der Geologie
-verfolgt und mit Überraschung wahrgenommen, wie ein Schriftsteller
-nach dem andern bei Beschreibung dieser oder jener grossen Formation
-zum Schlusse gelangt ist, dass sie sich während der Senkung des
-Bodens gebildet habe. Ich will hinzufügen, dass die einzige alte
-Tertiär-Formation an der West-Küste <i>Süd-Amerikas</i>, die mächtig
-genug war um der bisherigen Zerstörung nicht zu widerstehen, aber wohl
-schwerlich bis zu fernen geologischen Zeiten auszudauern im Stande
-ist, sich gewiss während der Senkung des Bodens gebildet und so eine
-ansehnliche Mächtigkeit erlangt hat.</p>
-
-<p>Alle geologischen Thatsachen zeigen uns deutlich, dass jedes Gebiet
-der Erd-Oberfläche viele langsame Niveau-Schwankungen durchzumachen
-hatte, und alle diese Schwankungen sind zweifelsohne von weiter
-Erstreckung gewesen. Demzufolge müssen Fossilien-reiche und genügend
-entwickelte Bildungen, um späteren Abtragungen zu widerstehen, während
-der Senkungs-Perioden über weit-ausgedehnte Flächen entstanden seyn,
-doch nur so lange, als die Zufuhr von Materialien stark genug war,
-um die See seicht zu erhalten und die fossilen Reste schnell genug
-einzuschichten und zu schützen, ehe sie Zeit hatten zu zerfallen.
-Dagegen konnten sich mächtige Schichten auf seichtem und dem Leben
-günstigem Grunde so lange nicht bilden, als derselbe stet blieb. Viel
-weniger konnte Diess während wechselnder Perioden von Hebung und
-Senkung geschehen, oder, um mich genauer auszudrücken, die Schichten,
-welche während solcher Senkungen abgelagert wurden, müssen bei
-nachfolgender Hebung wieder in den Bereich der Brandung versetzt und so
-zerstört worden seyn.</p>
-
-<p>Diese Bemerkungen beziehen sich hauptsächlich auf Litoral-Ablagerungen.
-In einem weiten und seichten Meere dagegen,<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> wie im <i>Malayischen</i>
-Archipel, wo die Tiefe nur von 30 oder 40 bis zu 60 Faden wechselt,
-dürfte während der Zeit der Erhebung eine weit ausgedehnte Formation
-entstehen, und auch durch Entblössung nicht sonderlich leiden. Aber
-diese Formation dürfte nicht mächtig seyn, da sie der Tiefe des
-seichten Meeres bei weitem nicht gleichkommen kann; sie dürfte nicht
-fest noch von späteren Bildungen überlagert seyn, so dass sie bei
-späteren Boden-Schwankungen wahrscheinlich bald ganz verschwinden
-würden. H<span class="smaller">OPKINS</span> hat behauptet, dass, wenn ein Theil der
-Bodenfläche nach ihrer Hebung und vor ihrer Entblössung wieder
-sinke, die während der Hebung entstandene, wenn auch gering mächtige
-Ablagerung durch spätre Niederschläge geschützt werden dürfte, und
-so für eine sehr lange Zeit-Periode erhalten werden könnte. Ich
-habe diesen Satz bei meinen früheren Betrachtungen übersehen. Bei
-Erörterung dieses Gegenstandes sagt H<span class="smaller">OPKINS</span> dann weiter,
-dass er die gänzliche Zerstörung von Sediment-Schichten von grosser
-wagrechter Erstreckung für etwas seltenes halte. Meine Bemerkungen
-beziehen sich bloss auf Fossilien-reiche Schichten, insoferne ich
-glaube annehmen zu dürfen, dass in sehr dicken und harten Schichten
-oder in weit-erstreckten Massen abgelagerte Niederschläge nicht leicht
-gänzlicher Fortwaschung unterliegen. Es handelt sich hier nämlich
-um die Frage: ob weit ausgedehnte und an organischen Resten reiche
-Bildungen von grosser und einem langen Zeit-Abschnitte entsprechender
-Mächtigkeit während einer Senkungs-Periode entstehen können. Meine
-Ansicht ist, dass Diess nur selten der Fall seyn dürfte. Da die Frage
-von der gänzlichen Entblössung durch H<span class="smaller">OPKINS</span> aufgebracht
-worden, so will ich bemerken, dass wohl alle Geologen, mit Ausnahme
-der wenigen, welche in den metamorphischen Schiefern und plutonischen
-Gesteinen noch den glühenden Primordial-Kern der Erde erblicken, auch
-annehmen werden, dass von dem Gesteine dieser Beschaffenheit grosse
-Massen abgewaschen worden sind. Denn es ist nicht wohl denkbar, dass
-diese Gesteine in unbedecktem Zustande sollten krystallisirt und
-gehärtet worden seyn, hätte aber die metamorphosirende Thätigkeit
-in grossen Tiefen des Ozeans eingewirkt, so brauchte der frühere
-Mantel nicht dick<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> gewesen zu seyn. Unterstellt man aber, dass solche
-Gesteine wie Gneiss, Glimmerschiefer, Granit, Diorit u.&#160;s.&#160;w. einmal
-bedeckt gewesen sind, wie lassen sich dann die weiten nackten Flächen,
-welche diese Gesteine in so vielen Weltgegenden darbieten, anders
-erklären, als durch die Annahme einer späteren Entblössung von allen
-überlagernden Schichten? Dass solche ausgedehnte granitische Gebiete
-bestehen, unterliegt keinem Zweifel. Die granitische Region von
-<i>Parime</i> ist nach H<span class="smaller">UMBOLDT</span> wenigstens 19mal so gross
-als die <i>Schweitz</i>. Im Süden des <i>Amazonen</i>-Stromes zeigt
-B<span class="smaller">OUÉ</span>’<span class="smaller">S</span> Karte eine aus solchen Gesteinen zusammengesetzte
-Fläche so gross wie <i>Spanien</i>, <i>Frankreich</i>, <i>Italien</i>,
-<i>Grossbritannien</i> und ein Theil von <i>Deutschland</i>
-zusammengenommen. Diese Gegend ist noch nicht genau untersucht worden,
-aber nach dem übereinstimmenden Zeugniss der Reisenden muss dieses
-granitische Gebiet sehr gross seyn. von E<span class="smaller">SCHWEGE</span> gibt einen
-detaillirten Durchschnitt desselben, der sich vom <i>Rio de Janeiro</i>
-an in gerader Linie 260 geographische Meilen weit einwärts erstreckt,
-und ich selbst habe ihn 150 Meilen weit in einer andern Richtung
-durchschnitten, ohne ein anderes Gestein als Granit zu sehen. Viele
-längs der ganzen 1100 geographische Meilen langen Küste von <i>Rio de
-Janeiro</i> bis zur <i>Plata</i>-Mündung gesammelte Handstücke, die
-man mir gezeigt, gehörten sämmtlich dieser Klasse an. Landeinwärts
-sah ich längs des ganzen nördlichen Ufers des <i>Plata</i>-Stromes,
-abgesehen von jung-tertiären Gebilden, nur noch einen kleinen Fleck
-mit schwach metamorphischen Gesteinen, der als Rest der früheren Hülle
-der granitischen Bildungen hätte gelten können. Wenden wir uns von
-da zu den besser bekannten Gegenden der <i>Vereinten Staaten</i> und
-<i>Canadas</i>. Indem ich aus H. D. R<span class="smaller">OGER</span>’<span class="smaller">S</span> schöner Karte
-die den genannten Formationen entsprechend kolorirten Papier-Stücke
-herausschnitt und wog, fand ich, dass die metamorphischen (ohne die
-halb-metamorphischen) und granitischen Gesteine im Verhältnisse von
-190&#160;:&#160;125 die ächte dort so mächtig entwickelte Kohlen-Formation in
-Verbindung mit der Umbral-Reihe übertrifft, welche mit einander die
-ganze jüngere Paläolithen-Formation zusammensetzen. In vielen Gegenden
-würden die metamorphischen und granitischen Bezirke<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> natürlich sehr
-ansehnlich an Ausdehnung zunehmen, wenn man alle ihnen ungleichförmig
-aufgelagerten und an der Auflagerungs-Fläche nicht metamorphosirten
-und daher nicht zum ursprünglichen Mantel gehörigen Sediment-Schichten
-von ihnen abhöbe. Somit ist es also wahrscheinlich, dass in manchen
-Weltgegenden ganze mindestens den Haupttheilen der aufeinanderfolgenden
-geologischen Perioden entsprechende Formationen spurlos fortgewaschen
-worden sind.</p>
-
-<p>Eine Bemerkung ist hier noch der Erwähnung werth. Während der
-Erhebungs-Zeiten wird die Ausdehnung des Landes und der angrenzenden
-seichten Meeres-Strecken vergrössert, und werden oft neue Arten von
-Wohnorten gebildet. Alles für die Bildung neuer Arten und Varietäten,
-wie früher bemerkt worden, günstige Umstände; aber gerade während
-diesen Perioden bleiben Lücken im geologischen Berichte. Während der
-Senkung dagegen nimmt die bewohnbare Fläche und die Anzahl der Bewohner
-ab (die der Küsten-Bewohner etwa in dem Falle ausgenommen, dass ein
-Kontinent in Insel-Gruppen zerfällt wird), daher während der Senkung
-nicht nur mehr Arten erlöschen, sondern auch wenige Varietäten und
-Arten entstehen; und gerade während solcher Senkungs-Zeiten sind unsre
-grossen Fossilien-reichen Schichten-Massen abgelagert worden. Man
-möchte sagen, die Natur habe die häufige Entdeckung der Übergangs- und
-verkettenden Formen erschweren wollen.</p>
-
-<p>Nach den vorangehenden Betrachtungen ist es nicht zu bezweifeln, dass
-der geologische Schöpfungs-Bericht im Ganzen genommen ausserordentlich
-unvollständig ist; wenn wir aber dann unsre Aufmerksamkeit auf
-irgend eine einzelne Formation beschränken, so ist es noch schwerer
-zu begreifen, warum wir nicht enge aneinander-gereihete Abstufungen
-zwischen denjenigen Arten finden, welche am Anfang und am Ende ihrer
-Bildung gelebt haben. Es wird zwar von einigen Fällen berichtet, wo
-eine Art in andern Varietäten in den obern als in den untern Theilen
-derselben Formation auftritt; doch mögen sie hier übergangen werden,
-da ihrer nur wenige sind. Obwohl nun jede Formation ohne allen Zweifel
-eine lange Reihe von Jahren zu ihrer Ablagerung<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> bedurft hat, so
-glaube ich doch verschiedene Gründe zu erkennen, warum sich solche
-Stufen-Reihen zwischen den zuerst und den zuletzt lebenden Arten nicht
-darin vorfinden; doch kann ich kaum hoffen den folgenden Betrachtungen
-die ihnen gebührende Berücksichtigung zuzuwenden.</p>
-
-<p>Obwohl jede Formation einer sehr langen Reihe von Jahren entspricht,
-so ist doch jede kurz im Vergleiche mit der zur Umänderung einer
-Art in die andre erforderlichen Zeit. Nun weiss ich wohl, dass zwei
-Paläontologen, deren Meinungen wohl der Beachtung werth sind, nämlich
-B<span class="smaller">RONN</span><a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> und W<span class="smaller">OODWARD</span>, zum Schlusse gelangt sind,
-dass die mittle Dauer einer jeden Formation zwei- bis drei-mal so lang,
-als die mittle Dauer einer Art-Form ist. Indessen hindern uns, wie
-mir scheint, unübersteigliche Schwierigkeiten in dieser Hinsicht zu
-einem richtigen Schlusse zu gelangen. Wenn wir eine Art in der Mitte
-einer Formation zum ersten Male auftreten sehen, so würde es äusserst
-übereilt seyn zu schliessen, dass sie nicht irgendwo anders schon
-länger existirt haben könne. Eben so, wenn wir eine Art schon vor den
-letzten Schichten einer Formation verschwinden sehen, würde es übereilt
-seyn anzunehmen, dass sie schon völlig erloschen seye. Wir vergessen,
-wie klein die Ausdehnung <i>Europa’s</i> im Vergleich zur übrigen Welt
-ist; auch sind die verschiedenen Stöcke der einzelnen Formationen
-noch nicht durch ganz <i>Europa</i> mit vollkommener Genauigkeit
-parallelisirt worden.</p>
-
-<p>Bei allen Sorten von Seethieren können wir getrost annehmen, dass in
-Folge von klimatischen u.&#160;a. Veränderungen massenhafte und ausgedehnte
-Wanderungen stattgefunden haben; und wenn wir eine Art zum ersten Male
-in einer Formation auftreten sehen, so liegt die Wahrscheinlichkeit
-vor, dass sie eben da erst von einer andern Gegend her eingewandert
-seye. So ist es z.&#160;B. wohl bekannt, dass einige Thier-Arten in den
-paläolithischen Bildungen <i>Nord-Amerika’s</i> etwas früher als in
-den <i>Europäischen</i> auftreten, indem sie zweifelsohne Zeit nöthig
-hatten,<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> um die Wanderung von <i>Amerika</i> nach <i>Europa</i> zu
-machen. Bei Untersuchungen der neuesten Ablagerungen in verschiedenen
-Weltgegenden ist überall die Wahrnehmung gemacht worden, dass einige
-wenige noch lebende Arten in diesen Ablagerungen häufig, aber in
-den unmittelbar umgebenden Meeren verschwunden sind, oder dass
-umgekehrt einige jetzt in den benachbarten Meeren häufige Arten
-und jener Ablagerungen noch selten oder gar nicht zu finden sind.
-Es ist aber lehrreich über den erwiesenen Umfang der Wanderungen
-<i>Europäischer</i> Thiere während der Eis-Zeit nachzudenken, welche
-doch nur einen kleinen Theil der ganzen geologischen Zeitdauer
-ausmacht, so wie die grosser Niveau-Veränderungen, die aussergewöhnlich
-grossen Klima-Wechsel, die unermessliche Länge der Zeiträume in
-Erwägung zu ziehen, welche alle mit dieser Eis-Periode zusammen fallen.
-Dann dürfte zu bezweifeln seyn, dass sich in irgend einem Theile der
-Welt Sediment-Ablagerungen, <em class="gesperrt">welche fossile Reste enthalten</em>,
-auf dem gleichen Gebiete während der ganzen Dauer dieser Periode
-abgelagert haben. So ist es z.&#160;B. nicht wahrscheinlich, dass während
-der ganzen Dauer der Eis-Periode Sediment-Schichten an der Mündung
-des <i>Mississippi</i> innerhalb derjenigen Tiefe, worin Thiere noch
-reichlich leben können, abgelagert worden seyen; denn wir wissen,
-was für ausgedehnte geographische Veränderungen während dieser Zeit
-in andern Theilen von <i>Amerika</i> erfolgt sind. Würden solche
-während der Eis-Periode in seichtem Wasser an der Mississippi-Mündung
-abgelagerte Schichten einmal über den See-Spiegel gehoben werden,
-so würden organische Reste wahrscheinlich in verschiedenen Niveaus
-derselben zuerst erscheinen und wieder verschwinden, je nach den
-stattgefundenen Wanderungen der Arten und den geographischen
-Veränderungen des Landes. Und wenn in ferner Zukunft ein Geologe diese
-Schichten untersuchte, so möchte er zu schliessen geneigt seyn, dass
-die mittle Lebens-Dauer der dort eingebetteten Organismen-Arten kürzer
-als die Eis-Periode gewesen seye, obwohl sie in der That viel länger
-war, indem sie vor dieser begonnen und bis in unsre Tage gewährt hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p>
-
-<p>Um nun eine vollständige Stufen-Reihe zwischen zwei Formen in den
-untern und obern Theilen einer Formation darbieten zu können, müsste
-deren Ablagerung sehr lange Zeit fortgedauert haben, um dem langsamen
-Prozess der Variation Zeit zu lassen; die Schichten-Masse müsste daher
-von sehr ansehnlicher Mächtigkeit seyn; die in Abänderung begriffenen
-Spezies müssten während der ganzen Zeit da gelebt haben. Wir haben
-jedoch gesehen, dass die organische Reste enthaltenden Schichten
-sich nur während einer Periode der Senkung ansammeln, damit nun die
-Tiefe sich nahezu gleich bleibe und dieselben Thiere fortdauernd an
-derselben Stelle wohnen können, wäre ferner nothwendig, dass die Zufuhr
-von Sedimenten die Senkung fortwährend wieder ausgleiche. Aber eben
-diese senkende Bewegung wird oft auch die Nachbargegend mit berühren,
-aus welcher jene Zufuhr erfolgt, und eben dadurch die Zufuhr selbst
-vermindern. Eine solche nahezu genaue Ausgleichung zwischen der Stärke
-der stattfindenden Senkung und dem Betrag der zugeführten Sedimente mag
-in der That nur selten vorkommen; denn mehr als ein Paläontologe hat
-beobachtet, dass sehr dicke Ablagerungen ausser an ihren oberen und
-unteren Grenzen gewöhnlich leer an Versteinerungen sind.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich ist die Bildung einer jeden einzelnen Formation
-gewöhnlich eben so wie die der ganzen Formationen-Reihe einer Gegend
-mit Unterbrechungen vor sich gegangen. Wenn wir, wie es oft der Fall,
-eine Formation aus Schichten von verschiedener Mineral-Beschaffenheit
-zusammengesetzt sehen, so müssen wir vernünftiger Weise vermuthen,
-dass der Ablagerungs-Prozess sehr unterbrochen gewesen seye, indem
-eine Veränderung in den See-Strömungen und eine Änderung in der
-Beschaffenheit der zugeführten Sedimente gewöhnlich von geographischen
-Bewegungen, welche viele Zeit kosten, veranlasst worden seyn mag.
-Nun wird auch die genaueste Untersuchung einer Formation keinen
-Maassstab liefern, um die Länge der Zeit zu messen, welche über ihre
-Ablagerung vergangen ist. Man könnte viele Beispiele anführen, wo
-eine einzelne nur wenige Fuss dicke Schicht eine ganze Formation
-vertritt, die in andren Gegenden<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Tausende von Fussen mächtig ist
-und mithin eine ungeheure Länge der Zeit zu ihrer Bildung bedurft
-hat; und doch würde Niemand, der Diess nicht weiss, auch nur geahnt
-haben, welch’ eine unermessliche Zeit über der Entstehung jener dünnen
-Schicht verflossen ist. So liessen sich auch viele Fälle anführen, wo
-die untern Schichten einer Formation emporgehoben, entblösst, wieder
-versenkt und dann von den oberen Schichten der nämlichen Formation
-bedeckt worden sind, Thatsachen, welche beweisen, dass weite leicht
-zu übersehende Zwischenräume während der Ablagerung vorhanden gewesen
-sind. In andern Fällen liefert uns eine Anzahl grosser fossilisirter
-und noch auf ihrem natürlichen Boden aufrecht stehender Bäume den
-klaren Beweis von mehren langen Pausen und wiederholten Höhen-Wechseln
-während des Ablagerungs-Prozesses, wie man sie ausserdem nie hätte
-vermuthen können. So fanden L<span class="smaller">YELL</span> und D<span class="smaller">AWSON</span> in
-einem 1400′ mächtigen Kohlen-Gebirge <i>Neu-Schottlands</i> noch
-alle von Baum-Wurzeln durchzogenen Boden-Schichten, eine über der
-andern in nicht weniger als 68 verschiedenen Höhen. Wenn daher die
-nämliche Art unten, mitten und oben in der Formation vorkommt, so
-ist Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass sie nicht während der ganzen
-Ablagerungs-Zeit immer an dieser Stelle gelebt hat, sondern während
-derselben, vielleicht mehrmals, dort verschwunden und wieder erschienen
-ist. Wenn daher eine solche Spezies im Verlaufe einer geologischen
-Periode beträchtliche Umänderungen erfahren, so würde ein Durchschnitt
-durch jene Schichten-Reihe wahrscheinlich nicht alle die feinen
-Abstufungen zu Tage fördern, welche nach meiner Theorie die Anfangs-
-mit der End-Form jener Art verkettet haben müssen; man würde vielmehr
-sprungweise, wenn auch vielleicht nur kleine, Veränderungen zu sehen
-bekommen.</p>
-
-<p>Es ist nun äusserst wichtig sich zu erinnern, dass die Naturforscher
-keine goldene Regel haben, um mit deren Hilfe Arten von Varietäten zu
-unterscheiden. Sie gestehen jeder Art einige Veränderlichkeit zu; wenn
-sie aber etwas grössre Unterschiede zwischen zwei Formen wahrnehmen,
-so machen sie Arten daraus, wofern sie nicht etwa im Stande sind
-dieselben durch Zwischenstufen<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> miteinander zu verketten. Und diese
-dürfen wir nach den zuletzt angegebenen Gründen selten hoffen, in einem
-geologischen Durchschnitte zu finden. Nehmen wir an, B und C seyen
-zwei Arten, und eine dritte A werde in einer tieferen und älteren
-Schicht gefunden. Hielte nun A genau das Mittel zwischen B und C, so
-würde man sie wohl einfach als eine weitere dritte Art ansehen, wenn
-nicht ihre Verkettung mit einer von beiden oder mit beiden andern
-durch Zwischenglieder nachgewiesen werden kann. Nun muss man nicht
-vergessen, dass, wie vorhin erläutert worden, wenn A auch der wirkliche
-Stamm-Vater von B und C ist, derselbe doch nicht in allen Punkten
-der Organisation nothwendig das Mittel zwischen beiden halten muss.
-So können wir denn sowohl die Stammart als auch die von ihr durch
-Umwandlung abgeleiteten Formen aus den untern und obern Schichten einer
-Formation erhalten und doch vielleicht in Ermangelung zahlreicher
-Übergangs-Stufen ihre Beziehungen zu einander nicht erkennen, sondern
-alle für eigenthümliche Arten ansehen.</p>
-
-<p>Es ist eine bekannte Sache, auf was für äusserst kleine Unterschiede
-manche Paläontologen ihre Arten gründen, und sie können Diess
-auch um so leichter thun, wenn ihre wenig verschiedenen Exemplare
-aus verschiedenen Stöcken einer Formation herrühren. Einige
-erfahrene Paläontologen setzen jetzt viele von den schönen Arten
-<span class="smaller">D</span>’O<span class="smaller">RBIGNY</span>’<span class="smaller">S</span> u. A. zum Rang blosser Varietäten herunter,
-und darin finden wir eine Art von Beweis für die Abänderungs-Weise,
-welche nach meiner Theorie stattfinden muss. Berücksichtigen wir die
-jüngst-tertiären Ablagerungen mit so vielen Weichthier-Arten, welche
-die Mehrzahl der Naturforscher für identisch mit noch lebenden Arten
-hält, während andre, wie A<span class="smaller">GASSIZ</span> und P<span class="smaller">ICTET</span>, sie alle
-für von diesen letzten verschiedene Spezies erklären, wenn auch die
-Unterschiede nur sehr gering seyn mögen. Mögen wir nun den Einen oder
-den Andern Recht geben, so wird dieser Fall doch immerhin als Beleg für
-eine ganz allmähliche Umgestaltung der Formen dienen können, wie er
-oben verlangt worden ist. Wenn wir überdiess grössre Zeit-Unterschiede
-den aufeinander folgenden Stöcken einer nämlichen<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> grossen Formation
-entsprechend berücksichtigen, so finden wir, dass die ihnen angehörigen
-Fossil-Reste, wenn auch gewöhnlich allgemein als verschiedene Arten
-betrachtet, doch immerhin näher mit einander verwandt zu seyn pflegen,
-als die in weit getrennten Formationen enthaltenen Arten; so dass wir
-hier zwar einen unzweifelhaften Beleg eines stattgefundenen Wechsels,
-wenn auch keinen strengen Beweis einer Umänderung der Formen nach
-Maassgabe meiner Theorie erhalten. Doch werde ich auf diesen Gegenstand
-im folgenden Abschnitte zurückkommen.</p>
-
-<p>So ist auch noch eine andre schon früher gemachte Bemerkung zu
-berücksichtigen, dass nämlich die Varietäten von Pflanzen wie von
-Thieren, welche sich rasch vervielfältigen, aber ihre Stelle nicht viel
-ändern können, anfangs gewöhnlich lokal seyn werden, und dass solche
-örtliche Varietäten sich nicht weit verbreiten und ihre Stamm-Formen
-erst ersetzen, wenn sie sich in einem etwas grössren Maasse verändert
-und vervollkommnet haben. Nach dieser Annahme ist die Aussicht, die
-früheren Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei Arten einer
-Formation auf einer Stelle in übereinander-folgenden Schichten zu
-finden, nur klein, weil vorauszusetzen ist, dass die einzelnen
-Übergangs-Stufen als Lokalformen je eine andere örtliche Verbreitung
-gehabt haben. Die meisten Seethiere besitzen eine weite Verbreitung;
-und da wir gesehen, dass diejenigen Arten unter den Pflanzen, welche am
-weitesten verbreitet sind, auch am öftesten Varietäten darbieten, so
-wird es sich mit Mollusken u.&#160;a. See-Thieren wohl ähnlich verhalten,
-und es werden diejenigen unter ihnen, welche sich vordem am weitesten
-bis über die Grenzen <i>Europa’s</i> hinaus erstreckten, auch am
-öftesten die Bildung neuer anfangs lokaler Varietäten und später Arten
-veranlasst haben. Auch dadurch muss die Wahrscheinlichkeit in irgend
-welcher Formation die Reihenfolge der Übergangs-Stufen aufzufinden
-ausserordentlich vermindert werden.</p>
-
-<p>Man muss nicht vergessen, dass man heutigen Tages, selbst wenn man
-vollständige Exemplare vor sich hat, selten zwei Varietäten durch
-Zwischenstufen verbinden und so deren Zusammengehörigkeit zu einer Art
-beweisen kann, bis man viele<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> Exemplare von mancherlei Örtlichkeiten
-zusammengebracht hat; und bei fossilen Arten ist der Paläontologe
-selten im Stande Diess zu thun. Man wird vielleicht am besten
-begreifen, wie wenig wir in der Lage seyn können, Arten durch zahllose
-feine fossil-gefundene Zwischenglieder zu verketten, wenn wir uns
-selbst fragen, ob z.&#160;B. Paläontologen spätrer Zeiten im Stande seyn
-würden zu beweisen, dass unsre verschiedenen Rinds-, Schaafe-, Pferde-
-und Hunde-Rassen von einem oder von mehren Stämmen herkommen, — oder
-ob gewisse See-Konchylien der <i>Nord-Amerikanischen</i> Küsten, welche
-von einigen Konchyliologen als von ihren <i>Europäischen</i> Vertretern
-abweichende Arten und von andern Konchyliologen als blosse Varietäten
-angesehen werden, nur wirkliche Varietäten oder sogenannte eigne
-Arten sind. Diess könnte künftigen Geologen nur gelingen, wenn sie
-viele fossile Zwischenstufen entdeckten, was jedoch im höchsten Grade
-unwahrscheinlich ist.</p>
-
-<p>Es ist von Schriftstellern, welche an die Unveränderlichkeit der
-Arten glauben, übergenug behauptet worden, die Geologie liefere
-keine vermittelnden Formen. Diese Behauptung ist aber ganz falsch.
-L<span class="smaller">UBBOCK</span> hat kürzlich gesagt: jede Art ist ein Mittelglied
-zwischen andern verwandten Formen. Wir erkennen Diess deutlich, wenn
-wir aus einer Sippe, welche reich an fossilen und lebenden Arten ist,
-vier Fünftel der Arten ausstossen, wo dann niemand bezweiflen wird,
-dass die Lücken zwischen den noch übrig bleibenden Arten grösser seyn
-werden als vorher. Sind es aber die extremen Art-Formen, welche man
-ausgestossen hat, so wird die Sippe selbst in der Regel von andern
-Sippen weiter getrennt erscheinen, als sie zuvor war. Kameel und
-Schweine, Pferd und Tapir sind jetzt offenbar sehr getrennte Formen.
-Schaltet man aber die fossilen Genera zwischen sie ein, die man aus
-gleichen Familien im fossilen Zustande kennen gelernt hat, so knüpfen
-sich jene Sippen durch diese Zwischenglieder enger aneinander. Die
-Reihe der verkettenden Formen läuft jedoch in diesen Fällen nie,
-oder überhaupt nie, gerade von einer lebenden Form zur andern,
-sondern berühret auf Umwegen zugleich solche Formen mit, welche in
-längst verflossenen Zeiten gelebt<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> haben. Was aber die geologischen
-Forschungen allerdings nicht enthüllt haben, das ist das frühere Daseyn
-der unendlich zahlreichen Abstufungen vom Range wirklicher Varietäten
-zur Verkettung aller Arten untereinander<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>; und dass sie Diess nicht
-bewirkt haben, ist zweifelsohne eine der ersten und gewichtigsten
-Einwände, die man gegen meine Ansichten vorbringen mag. Daher wird es
-angemessen seyn, die vorangehenden Bemerkungen über die Ursachen der
-Unvollkommenheit unsrer geologischen Berichte zur Erläuterung eines
-ersonnenen Falles zusammenzufassen. Der <i>Malayische</i> Archipel
-ist etwa von der Grösse <i>Europas</i> vom <i>Nord-Kap</i> bis zum
-<i>Mittelmeere</i> und von <i>Britannien</i> bis <i>Russland</i>,
-entspricht mithin der Ausdehnung desjenigen Theils der Erd-Oberfläche,
-auf welchem, <i>Nord-Amerika</i> ausgenommen, alle geologischen
-Formationen am sorgfältigsten und zusammenhängendsten untersucht
-worden sind. Ich stimme mit Hrn. G<span class="smaller">ODWIN</span>-A<span class="smaller">USTEN</span> in der Meinung
-vollkommen überein, dass der jetzige Zustand des <i>Malayischen</i>
-Archipels mit seinen zahlreichen durch breite und seichte Meeres-Arme
-getrennten Inseln wahrscheinlich der früheren Beschaffenheit
-<i>Europas</i>, während noch die meisten unsrer Formationen in
-Ablagerung begriffen waren, entspricht. Der <i>Malayische</i>
-Archipel ist eine der an Organismen reichsten Gegenden der ganzen
-Erd-Oberfläche; aber wenn man auch alle Arten sammelte, welche jemals
-da gelebt haben, wie unvollständig würden sie die Naturgeschichte der
-ganzen Erd-Oberfläche vertreten!</p>
-
-<p>Indessen haben wir alle Ursache zu glauben, dass die Überreste der
-Landbewohner dieses Archipels nur äusserst unvollständig in die
-Formationen übergehen dürften, die unsrer Annahme gemäss sich dort noch
-ablagern werden. Ich vermuthe selbst, dass nicht viele der eigentlichen
-Küsten-Bewohner und der auf kahlen untermeerischen Felsen wohnenden
-Thiere in die neuen Schichten eingeschlossen werden würden; und die
-etwa<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> in Kies und Sand eingeschlossenen dürften keiner späten Nachwelt
-überliefert werden. Da wo sich aber keine Niederschläge auf dem
-Meeres-Boden bildeten oder sich nicht in genügender Masse anhäuften, um
-organische Einflüsse gegen Zerstörung zu schützen, da würden auch gar
-keine organischen Überreste erhalten werden können.</p>
-
-<p>Die gewöhnlichen Muster-Formationen, hinreichend mächtig um bis zu
-einer eben so weit in der Zukunft entfernten Zeit zu reichen, als
-die Sekundär-Formationen bereits hinter uns liegen, würden wohl nur
-während Perioden der Senkung in dem Archipel entstehen können. Diese
-Perioden würden dann durch unermessliche Zwischen-Zeiten der Hebung
-oder Ruhe von einander getrennt werden; während der Hebung würden alle
-Fossilien-führenden Formationen in dem Maasse, als sie entstünden, an
-steilen Küsten durch die ununterbrochene Thätigkeit der Brandung wieder
-zerstört werden, wie wir es jetzt an den Küsten <i>Süd-Amerikas</i>
-gesehen haben; und selbst in ausgedehnten aber seichten Meeren
-innerhalb einer Insel-Welt könnten während der Emporhebung durch
-Niederschlag gebildete Schichten nicht in grosser Mächtigkeit angehäuft
-oder von spätren Bildungen so bedeckt und geschützt werden, dass ihnen
-eine Erhaltung bis in eine ferne Zukunft in wahrscheinlicher Aussicht
-stünde. Während der Senkungs-Zeiten würden viele Lebensformen zu Grunde
-gehen, während der Hebungs-Perioden dagegen sich die Formen am meisten
-durch Abänderung entfalten, aber die geologischen Denkmäler würden der
-Folgezeit wenig Nachricht davon überliefern.</p>
-
-<p>Es wäre zu bezweifeln, dass die Dauer irgend einer grossen Periode
-über den ganzen Archipel sich erstreckender Senkung und entsprechender
-gleichzeitiger Sediment-Ablagerung die mittle Dauer der alsdann
-vorhandnen spezifischen Formen übertreffen würde; und doch würde
-diese Bedingung unerlässlich nothwendig seyn für die Erhaltung aller
-Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei oder mehr von einander
-abstammenden Arten. Wo diese Zwischenstufen aber nicht alle vollständig
-erhalten sind, da werden die durch sie verkettet gewesenen Varietäten
-als eben so viele verschiedene Spezies erscheinen. Es ist jedoch<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span>
-wahrscheinlich, dass während so langer Senkungs-Perioden auch wieder
-Höhen-Schwankungen eintreten und kleine klimatische Veränderungen
-erfolgen werden, welche die Bewohner des Archipels zu Wanderungen
-veranlassen, so dass kein genau zusammenhängender Bericht über deren
-Abänderungs-Gang in einer der dortigen Formationen niedergelegt werden
-kann.</p>
-
-<p>Sehr viele der jetzigen Meeres-Bewohner jenes Archipels wohnen
-gegenwärtig noch Tausende von Englischen Meilen weit über seine Grenzen
-hinaus, und die Analogie veranlasst mich zu glauben, dass diese
-weit-verbreiteten Arten hauptsächlich zur Erzeugung neuer Varietäten
-geeignet seyn würden. Diese Varietäten dürften anfangs gewöhnlich nur
-eine örtliche Verbreitung besitzen, jedoch, wenn sie als solche irgend
-einen Vortheil voraus haben, oder wenn sie erst noch weiter abgeändert
-und verbessert sind, sich allmählich ausbreiten und ihre Stamm-Ältern
-ersetzen. Kehrte dann eine solche Varietät in ihre alte Heimath zurück,
-so würde sie, weil vielleicht zwar nur wenig, aber doch einförmig
-von ihrer früheren Beschaffenheit abweichend, und weil in etwas
-abweichenden Unterabtheilungen der nämlichen Formation eingeschichtet
-befunden, nach den Grundsätzen der meisten Paläontologen als eine neue
-und verschiedene Art aufgeführt werden müssen.</p>
-
-<p>Wenn daher diese Bemerkungen einiger Maassen begründet sind, so sind
-wir nicht berechtigt zu erwarten, dass wir in unseren geologischen
-Formationen eine endlose Anzahl solcher feinen Übergangs-Formen
-finden werden, welche nach meiner Betrachtungs-Weise sicher einmal
-alle früheren und jetzigen Arten einer Gruppe zu einer langen und
-verzweigten Kette von Lebenformen verbunden haben. Wir werden uns nur
-nach einigen wenigen (und gewiss zu findenden) Zwischengliedern umsehen
-müssen, von welchen die einen fester und die andren loser mit einander
-vereinigt sind; und diese Glieder, grenzten sie auch noch so nahe an
-einander, werden von den meisten Paläontologen für verschiedene Arten
-erklärt werden, sobald sie in verschiedene Stöcke einer Formation
-vertheilt sind. Jedoch gestehe ich ein, dass ich nie geglaubt haben
-würde, welch’ dürftige<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Nachricht von der Veränderung der einstigen
-Lebenformen uns auch das beste geologische Profil gewähre, hätte nicht
-die Schwierigkeit, die zahllosen Mittelglieder zwischen den am Anfang
-und am Ende einer Formation vorhandenen Arten aufzufinden, meine
-Theorie so sehr ins Gedränge gebracht.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Plötzliches Auftreten ganzer Gruppen verwandter Arten.</em>)
-Das plötzliche Erscheinen ganzer Gruppen neuer Arten in gewissen
-Formationen ist von mehren Paläontologen, wie A<span class="smaller">GASSIZ</span>,
-P<span class="smaller">ICTET</span> und am Eindringlichsten von S<span class="smaller">EDGWICK</span> zur
-Widerlegung des Glaubens an eine allmähliche Umgestaltung der Arten
-hervorgehoben worden. Wären wirklich viele Arten von einerlei Sippe
-oder Familie auf einmal plötzlich ins Leben getreten, so müsste Diess
-freilich meiner Theorie einer langsamen Abänderung durch Natürliche
-Züchtung verderblich werden. Denn die Entwickelung einer Gruppe von
-Formen, die alle von einem Stamm-Vater herrühren, muss nicht nur
-selbst ein sehr langsamer Prozess gewesen seyn, sondern auch die
-Stamm-Form muss schon sehr lange vor ihren abgeänderten Nachkommen da
-gewesen seyn. Aber wir überschätzen fortwährend die Vollständigkeit
-der geologischen Berichte und unterstellen irrthümlich dass, weil
-gewisse Sippen oder Familien noch nicht unterhalb einer gewissen
-geologischen Gesichtsebene gefunden worden, sie auch tiefer noch
-nicht existirt haben. Jedenfalls verdienen positive paläontologische
-Beweise ein unbedingtes Vertrauen, während solche von negativer
-Art, wie die Erfahrung so oft ergibt, werthlos sind. Wir vergessen
-fortwährend, wie gross die Welt der kleinen Fläche gegenüber ist,
-über die sich unsre genauere Untersuchung geologischer Formationen
-erstreckt; wir vergessen, dass Arten-Gruppen anderwärts schon lange
-vertreten gewesen seyn und sich langsam vervielfältigt haben können,
-bevor sie in die alten Archipele <i>Europas</i> und der <i>Vereinten
-Staaten</i> eingedrungen. Wir bringen die Länge der Zeiträume nicht
-genug in Anschlag, welche wahrscheinlich zwischen der Ablagerung
-unsrer unmittelbar aufeinander-gelagerten Formationen verflossen und
-vermuthlich meistens länger als diejenigen gewesen sind, die zur
-Ablagerung einer Formation erforderlich waren. Die Zwischenräume
-waren<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> lange genug für die Vervielfältigung der Arten von einer oder
-von einigen wenigen Stamm-Formen aus, so dass dann solche Arten in der
-jedesmal nachfolgenden Formation auftreten konnten, als ob sie erst
-plötzlich und gleichzeitig geschaffen worden seyen.</p>
-
-<p>Ich will hier an eine schon früher gemachte Bemerkung erinnern, dass
-nämlich wohl eine ganze Reihe von Welt-Perioden dazu gehören dürfte,
-bis ein Organismus sich einer ganz neuen Lebens-Weise anpasse,
-wie z.&#160;B. durch die Luft zu fliegen und dass Dem entsprechend die
-Übergangs-Formen oft lange auf einen kleinen Flächen-Raum beschränkt
-bleiben müssen; dass aber, wenn Diess einmal geschehen ist und nur
-einmal eine geringe Anzahl hiedurch einen grossen Vortheil vor andern
-Organismen erworben hat, nur noch eine verhältnissmässig kurze
-Zeit dazu erforderlich ist, um viele auseinander-weichende Formen
-hervorzubringen, welche dann geeignet sind sich schnell und weit über
-die Erd-Oberfläche zu verbreiten. Professor P<span class="smaller">ICTET</span> sagt
-in dem vortrefflichen Berichte, welchen er über dieses Buch gibt,
-bei Erwähnung der frühesten Übergangs-Formen beispielsweise zu den
-Vögeln, er könne nicht einsehen, welchen Vortheil die allmähliche
-Abänderung der vordren Gliedmaassen einer unterstellten Stammform
-dieser zu gewähren im Stande gewesen seyn sollte? Betrachten wir doch
-die Pinguine der südlichen Weltmeere; sind denn nicht bei diesen
-Vögeln die Vordergliedmaassen gerade eine Zwischenform von „weder
-wirklichen Armen noch wirklichen Flügeln“. Und doch behaupten diese
-Vögel im Kampfe ums Daseyn siegreich ihre Stelle, zahllos an Individuen
-und manchfaltigen Arten. Ich bin nicht der Meinung, hier eine der
-wirklichen Übergangs-Stufen zu sehen, durch welche der Flügel der Vögel
-sich gebildet habe; was könnte man aber im Besondern gegen die Meinung
-einwenden, dass es den Nachkommen dieser Pinguine von Nutzen seyn
-würde, wenn sie allmählig solche Abänderung erführen, dass sie zuerst
-gleich der ......Ente flach über den Meeresspiegel hinflattern und dann
-sich erheben und durch die Luft schweben lernten?</p>
-
-<p>Ich will nun einige wenige Beispiele zur Erläuterung dieser Bemerkungen
-und insbesondre zum Nachweis darüber mittheilen,<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> wie leicht wir uns
-in der Meinung, dass ganze Arten-Gruppen auf einmal geschaffen worden
-seyen, irren können. Schon die kurze Zeit, welche zwischen der ersten
-und der zweiten Ausgabe von P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> <i>Paléontologie</i>
-verlaufen ist (1844–46 bis 1853–57) hat zur wesentlichen Umgestaltung
-der Schlüsse über das erste Auftreten und das Erlöschen verschiedener
-Thier-Gruppen beigetragen, und eine dritte Auflage würde schon
-wieder bedeutende Abänderungen erheischen. Ich will zuerst an die
-wohlbekannte Thatsache erinnern, dass nach den noch vor wenigen Jahren
-erschienenen Lehrbüchern der Geologie die grosse Klasse der Säugthiere
-ganz plötzlich am Anfange der Tertiär-Periode aufgetreten seyn sollte.
-Und nun zeigt sich eine der, im Verhältniss ihrer Dicke, reichsten
-Lagerstätten fossiler Säugthier-Reste mitten in der Sekundär-Reihe,
-und ein ächtes Säugthier ist in den ältesten Schichten des New red
-Sandstone entdeckt worden. C<span class="smaller">UVIER</span> pflegte Nachdruck darauf zu
-legen, dass noch kein Affe in irgend einer Tertiär-Schicht gefunden
-worden seye; jetzt aber kennt man fossile Arten von Vierhändern in
-<i>Ostindien</i>, in <i>Süd-Amerika</i> und selbst in <i>Europa</i>,
-sogar schon aus der eocänen Periode. Hätte uns nicht ein seltener
-Zufall die zahlreichen Fährten im New red Sandstone der <i>Vereinten
-Staaten</i> aufbewahrt, wie würden wir anzunehmen gewagt haben, dass
-ausser Reptilien auch schon nicht weniger als dreissig Vogel-Arten von
-riesiger Grösse in so früher Zeit existirt hätten, zumal noch nicht
-ein Stückchen Knochen in jenen Schichten gefunden worden ist. Obwohl
-nun die Anzahl der Füsse, Zehen und verschiedenen Zehen-Glieder in
-jenen fossilen Eindrücken vollkommen mit denen unsrer jetzigen Vögel
-übereinstimmen, so zweifeln doch noch einige Schriftsteller daran, ob
-jene Fährten wirklich von Vögeln herrühren. So konnten also bis vor
-ganz kurzer Zeit dieselben Autoren behaupten und haben einige derselben
-wirklich behauptet, dass die ganze Klasse der Vögel plötzlich erst im
-Anfang der Tertiär-Periode aufgetreten seye; doch können wir uns jetzt
-auf die Versicherung Professor O<span class="smaller">WEN</span>’<span class="smaller">S</span> (in L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span>
-„<i>Manual</i>“) berufen, dass ein Vogel gewiss schon zur Zeit gelebt
-habe, als der obre Grünsand sich ablagerte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p>
-
-<p>Ich will als ein andres Beispiel anführen, was mir in einer Abhandlung
-über fossile sitzende Cirripeden selber passirt ist. Nachdem ich
-nachgewiesen, dass es eine Menge von lebenden und von erloschenen
-tertiären Arten gebe, so schloss ich aus dem ausserordentlichen
-Reichthume vieler Balaniden-Arten an Individuen, aus ihrer Verbreitung
-über die ganze Erde von den arktischen Regionen an bis zum Äquator
-und von der obren Fluth-Grenze an bis zu 50 Faden Tiefe hinab,
-aus der vollkommenen Erhaltungs-Weise ihrer Reste in den ältesten
-Tertiär-Schichten, aus der Leichtigkeit selbst einzelne Klappen zu
-erkennen und zu bestimmen: aus allen diesen Umständen schloss ich
-dass, wenn es in der sekundären Periode sitzende Cirripeden gegeben
-hätte, solche gewiss erhalten und wieder entdeckt worden seyn würden;
-da jedoch noch keine Schaale einer Spezies in Schichten dieses
-Alters gefunden worden seye, so müsse sich diese grosse Gruppe erst
-im Beginne der Tertiär-Zeit plötzlich entwickelt haben. Es war eine
-grosse Verlegenheit für mich, selbst noch ein weiteres Beispiel vom
-plötzlichen Auftreten einer grossen Arten-Gruppe bestätigen zu müssen.
-Kaum war jedoch mein Werk erschienen, als ein bewährter Paläontologe,
-Hr. B<span class="smaller">OSQUET</span>, mir eine Zeichnung von einem vollständigen
-Exemplare eines unverkennbaren Balaniden sandte, welchen er selbst aus
-dem <i>Belgischen</i> Kreide-Gebirge entnommen hatte. Und um den Fall
-so treffend als möglich zu machen, so ist der entdeckte Balanide ein
-Chthamalus, eine sehr gemeine und überall weitverbreitete Sippe,
-wovon sogar in tertiären Schichten bis jetzt noch keine Spur gefunden
-worden war. Wir wissen daher jetzt mit Sicherheit, dass es auch in
-der Sekundär-Zeit schon sitzende Cirripeden gegeben, welche möglicher
-Weise die Stamm-Ältern unsrer vielen tertiären und noch lebenden Arten
-gewesen seyn können.</p>
-
-<p>Der Fall von plötzlichem Auftreten einer ganzen Arten-Gruppe, worauf
-sich die Paläontologen am öftesten berufen, ist die Erscheinung der
-ächten Knochen-Fische oder Teleostier erst in den unteren Schichten
-der Kreide-Periode. Diese Gruppe enthält bei weitem die grösste
-Anzahl der jetzigen Fische.<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Inzwischen hat Professor P<span class="smaller">ICTET</span>
-neuerlich ihre erste Erscheinung schon wieder um einen Stock tiefer
-nachgewiesen und glauben andre Paläontologen, dass viele ältre Fische,
-deren Verwandtschaften bis jetzt noch nicht genau bekannt, wirkliche
-Teleostier seyen. Nähme man mit A<span class="smaller">GASSIZ</span> an, dass deren ganze
-Gruppe wirklich erst zu Anfang der Kreide-Zeit erschienen seye, so
-wäre diese Thatsache freilich höchst merkwürdig; aber auch in ihr
-vermöchte ich noch keine unübersteigliche Schwierigkeit für meine
-Theorie zu erkennen, bis auch erwiesen wäre, dass in der That die
-Arten dieser Gruppe auf der ganzen Erde gleichzeitig in jener Frist
-aufgetreten seyen. Es ist fast überflüssig zu bemerken, dass ja noch
-kaum ein fossiler Fisch von der Süd-Seite des Äquators bekannt ist
-und nach P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> Paläontologie selbst in einigen Gegenden
-<i>Europas</i> erst sehr wenige Arten gefunden worden sind. Einige
-wenige Fisch-Familien haben jetzt enge Verbreitungs-Grenzen, und
-so könnte es auch mit den Teleostiern der Fall gewesen seyn, dass
-sie erst dann, nachdem sie sich in diesem oder jenem Meere sehr
-vervielfältigt, sich weit verbreitet hätten. Auch sind wir nicht
-anzunehmen berechtigt, dass die Welt-Meere von Norden nach Süden
-allezeit so offen wie jetzt gewesen seyen. Selbst heutigen Tages könnte
-der tropische Theil des <i>Indischen Ozeans</i> durch eine Hebung des
-<i>Malayischen Archipels</i> über den Meeres-Spiegel in ein grosses
-geschlossenes Becken verwandelt werden, worin sich irgend welche grosse
-Seethier-Gruppen zu entwickeln und vervielfältigen vermöchten; und
-da würde sie dann eingeschlossen bleiben, bis einige der Arten für
-ein kühleres Klima geeignet und in Stand gesetzt worden wären, die
-Süd-Cap’s in <i>Afrika</i> und <i>Australien</i> zu umwandern und so in
-andre ferne Meere zu gelangen.</p>
-
-<p>Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen, aber hauptsächlich in
-Berücksichtigung unsrer Unkunde über die geologischen Verhältnisse
-andrer Welt-Gegenden ausserhalb <i>Europa</i> und <i>Nord-Amerika</i>,
-endlich nach dem Umschwung, welchen unsre paläontologischen
-Vorstellungen durch die Entdeckungen während der letzten Jahrzehnte
-erlitten, glaube ich folgern zu dürfen, dass wir eben so übereilt
-handeln würden, die bei uns bekannt<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> gewordene Art der Aufeinanderfolge
-der Organismen auf die ganze Erd-Oberfläche zu übertragen, als ein
-Naturforscher thäte, welcher nach einer Landung von fünf Minuten
-an irgend einer armen Küste <i>Australiens</i> auf die Zahl und
-Verbreitung seiner Organismen schliessen wollte.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Plötzliches Erscheinen ganzer Gruppen verwandter Arten in den
-untersten Fossilien-führenden Schichten.</em>) Grösser ist eine andre
-Schwierigkeit; ich meine das plötzliche Auftreten vieler Arten einer
-Gruppe in den untersten Fossilien-führenden Gebirgen. Die meisten der
-Gründe, welche mich zur Überzeugung geführt, dass alle lebenden Arten
-einer Gruppe von einem gemeinsamen Urvater herrühren, sind mit fast
-gleicher Stärke auch auf die ältesten fossilen Arten anwendbar. So
-kann ich z.&#160;B. nicht daran zweifeln, dass alle silurischen Trilobiten
-von irgend einem Kruster herkommen, welcher von allen jetzt lebenden
-Krustern sehr verschieden war. Einige der ältesten silurischen Thiere
-sind zwar nicht sehr von noch jetzt lebenden Arten verschieden, wie
-Lingula, Nautilus u.&#160;a., und man kann nach meiner Theorie nicht
-annehmen, dass diese alten Arten die Erzeuger aller Arten der Ordnungen
-gewesen seyen, wozu sie gehören, indem sie in keiner Weise Mittelformen
-zwischen denselben darbieten. Und wären sie deren Stamm-Ältern
-gewesen, so würden sie jetzt gewiss längst durch ihre vervollkommneten
-Nachfolger ersetzt und ausgetilgt seyn.</p>
-
-<p>Wenn meine Theorie richtig, so müssten unbestreitbar schon vor
-Ablagerung der ältesten silurischen Schichten eben so lange oder
-noch längere Zeiträume, wie nachher, verflossen, und müsste die
-Erd-Oberfläche während dieser ganz unbekannten Zeiträume von lebenden
-Geschöpfen bewohnt gewesen seyn.</p>
-
-<p>Was nun die Frage betrifft, warum wir aus diesen weiten
-Primordial-Perioden keine Denkmäler mehr finden, so kann ich darauf
-keine genügende Antwort geben. Mehre der ausgezeichnetsten Geologen
-mit Sir R. M<span class="smaller">URCHISON</span> an der Spitze sind überzeugt, in
-diesen untersten Silur-Schichten die Wiege des Lebens auf unsrem
-Planeten zu erblicken. Andre hoch-bewährte Beurtheiler, wie C<span class="smaller">H</span>.
-L<span class="smaller">YELL</span> und der verstorbene E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> bestreiten<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> diese
-Behauptung. Und wir müssen nicht vergessen, dass nur ein geringer
-Theil unsrer Erd-Oberfläche mit einiger Genauigkeit erforscht ist.
-Erst unlängst hat Hr. B<span class="smaller">ARRANDE</span> dem silurischen Systeme noch
-einen anderen älteren Stock angefügt, der reich ist an neuen und
-eigenthümlichen Arten. Spuren einstigen Lebens sind auch noch in den
-Longmynd-Schichten entdeckt worden unterhalb B<span class="smaller">ARRANDE</span>’<span class="smaller">S</span>
-sogenannter Primordial-Zone. Die Anwesenheit Phosphate-haltiger Nieren
-und bituminöser Materien in einigen der untersten azoischen Schichten
-deutet wahrscheinlich auf ein ehemaliges noch früheres Leben hin.
-Aber dann ist die Schwierigkeit noch grösser, das gänzliche Fehlen
-der mächtigen Stösse Fossilien-führender Schichten zu begreifen, die
-meiner Theorie zufolge sich gewiss irgendwo aufgehäuft hatten. Wären
-diese ältesten Schichten durch Entblössungen ganz und gar weggewaschen
-oder durch Metamorphismus ganz und gar unkenntlich gemacht worden, so
-würden wir wohl auch nur noch ganz kleine Überreste der nächst-jüngeren
-Formationen entdecken, und diese müssten sich meistens in einem
-metamorphischen Zustande befinden. Aber die Beschreibungen, welche
-wir jetzt von den silurischen Ablagerungen in den unermesslichen
-Länder-Gebieten in <i>Russland</i> und <i>Nord-Amerika</i> besitzen,
-sind nicht zu Gunsten der Meinung dass, je älter eine Formation, desto
-mehr sie durch Entblössung und Metamorphismus gelitten haben müsse.</p>
-
-<p>Diese Thatsache muss fürerst unerklärt bleiben und wird mit Recht
-als eine wesentliche Einrede gegen die hier entwickelten Ansichten
-hervorgehoben werden. Ich will jedoch folgende Hypothese aufstellen,
-um zu zeigen, dass doch vielleicht einige Erklärung möglich ist. Aus
-der Natur der in den verschiedenen Formationen <i>Europa’s</i> und
-der <i>Vereinten Staaten</i> vertretenen organischen Wesen, welche
-keine grossen Tiefen bewohnt zu haben scheinen, und aus der ungeheuren
-Masse der Meilen-dicken Niederschläge, woraus diese Formationen
-bestehen, können wir zwar schliessen, dass von Anfang bis zu Ende
-grosse Inseln oder Landstriche, aus welchen die Sedimente herbeigeführt
-worden, in der Nähe der jetzigen Kontinente von <i>Europa</i> und
-<i>Nord-Amerika</i> existirt haben müssen. Aber vom Zustande der Dinge
-in<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> den langen Perioden, welche zwischen der Bildung dieser Formationen
-verflossen sind, wissen wir nichts; wir vermögen nicht zu sagen, ob
-während derselben <i>Europa</i> und die <i>Vereinten Staaten</i> als
-trockne Länder-Strecken oder als untermeerische Küsten-Flächen, auf
-welchen inzwischen keine Ablagerungen erfolgten, oder als endlicher
-unergründlicher Meeres-Boden eines offnen und unergründlichen Ozeans
-vorhanden waren.</p>
-
-<p>Betrachten wir die jetzigen Weltmeere, welche dreimal so viel Fläche
-als das trockne Land einnehmen, so finden wir sie mit zahlreichen
-Inseln besäet, unter welchen aber keine der perugischen bis jetzt
-einen Überrest von paläolitischen und sekundären Formationen geliefert
-hat, etwa <i>Neuseeland</i>, <i>Spitzbergen</i> und die benachbarte
-<i>Bären-Insel</i> ausgenommen, welche in mancher Beziehung kaum in
-jener Klasse mitzubegreifen seyn würden. Man kann daraus vielleicht
-schliessen, dass während der paläolitischen und Sekundär-Zeit weder
-Kontinente noch kontinentale Inseln da existirt haben, wo sich jetzt
-der Ozean ausdehnt; denn wären solche vorhanden gewesen, so würden
-sich nach aller Wahrscheinlichkeit aus dem von ihnen herbei-geführten
-Schutte auch paläolitische und sekundäre Schichten gebildet haben, und
-es würden dann in Folge der Niveau-Schwankungen, welche während dieser
-ungeheuer langen Zeiträume jedenfalls stattgefunden haben müssen,
-wenigstens theilweise Emporhebungen trocknen Landes haben erfolgen
-können. Wenn wir also aus diesen Thatsachen irgend einen Schluss
-ziehen wollen, so können wir sagen, dass da, wo sich jetzt unsre
-Weltmeere ausdehnen, solche schon seit den ältesten Zeiten, von denen
-wir Kunde besitzen, bestanden haben, und dass da, wo jetzt Kontinente
-sind, grosse Landstrecken existirt haben, welche von der frühesten
-Silur-Zeit an zweifelsohne grossem Niveau-Wechsel unterworfen gewesen
-sind. Die kolorirte Karte, welche meinem Werke über die Korallen-Riffe
-beigegeben ist, führte mich zum Schluss, dass die grossen Weltmeere
-noch jetzt hauptsächlich Senkungs-Felder, die grossen Archipele noch
-jetzt schwankende Gebiete und die Kontinente noch jetzt in Hebung
-begriffen seyen. Aber haben wir ein Recht anzunehmen, dass diese
-Dinge sich seit dem<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> Beginne dieser Welt gleich geblieben sind? Unsre
-Festländer scheinen hauptsächlich durch vorherrschende Hebung während
-vielfacher Höhen-Schwankungen entstanden zu seyn. Aber können nicht
-die Felder verwaltender Hebungen und Senkungen ihre Rollen vor noch
-längrer Zeit umgetauscht haben? In einer unermesslich früheren Zeit
-vor der silurischen Periode können Kontinente da existirt haben,
-wo sich jetzt die Weltmeere ausbreiten, und können offne Weltmeere
-gewesen seyn, wo jetzt die Festländer emporragen. Und doch würde
-man noch nicht anzunehmen berechtigt seyn, dass z.&#160;B. das Bette des
-Stillen Ozeans, wenn es jetzt in ein Festland verwandelt würde, uns
-ältre als silurische Schichten darbieten müsse, vorausgesetzt selbst
-dass sich solche einstens dort gebildet haben; denn es wäre möglich,
-dass Schichten, welche dem Mittelpunkt der Erde um einige Meilen
-näher gerückt und von dem ungeheuren Gewichte darüber stehender
-Wasser zusammengedrückt gewesen, stärkere metamorphische Einwirkungen
-erfahren habe als jene, welche näher an der Oberfläche verweilten. Die
-in einigen Welt-Gegenden wie z.&#160;B. in <i>Süd-Amerika</i> vorhandenen
-unermesslichen Strecken bloss metamorphischen Gebirges, welche
-hohen Graden von Druck und Hitze ausgesetzt gewesen seyn müssen,
-haben mir einer besonderen Erklärung zu bedürfen geschienen; und
-vielleicht darf man annehmen, dass sie uns die zahlreichen schon lange
-vor der silurischen Zeit abgesetzten Formationen in einem völlig
-metamorphischen Zustande darbieten.</p>
-
-<p>Die mancherlei hier erörterten Schwierigkeiten, welche namentlich
-daraus entspringen, dass wir in der Reihe der aufeinander-folgenden
-Formationen zwar manche Mittelformen zwischen früher dagewesenen
-und jetzt vorhandenen Arten, nicht aber die unzähligen nur leicht
-abgestuften Zwischenglieder zwischen allen successiven Arten finden,
-— dass ganze Gruppen verwandter Arten in unsren <i>Europäischen</i>
-Formationen oft plötzlich zum Vorschein kommen, — dass, so
-viel bis jetzt bekannt, ältre Fossilien-führende Formationen
-noch unter den silurischen Schichten gänzlich fehlen, — alle
-diese Schwierigkeiten sind zweifelsohne von grösstem Gewichte.
-Wir ersehen Diess am deutlichsten aus<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> der Thatsache, dass die
-ausgezeichnetsten Paläontologen, wie C<span class="smaller">UVIER</span>, A<span class="smaller">GASSIZ</span>,
-B<span class="smaller">ARRANDE</span>, F<span class="smaller">ALCONER</span>, E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> und andre,
-sowie unsre grössten Geologen, L<span class="smaller">YELL</span>, M<span class="smaller">URCHISON</span>,
-S<span class="smaller">EDGWICK</span> etc. die Unveränderlichkeit der Arten einstimmig und
-oft mit grosser Heftigkeit vertheidigt haben. Inzwischen habe ich Grund
-anzunehmen, dass eine grosse Autorität, Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span>, in
-Folge fernerer Erwägungen sehr zweifelhaft in dieser Beziehung geworden
-ist. Ich fühle wohl, wie bedenklich es ist, von diesen Gewährsmännern,
-denen wir mit Andern alle unsre Kenntnisse verdanken, abzuweichen.
-Alle, die den geologischen Schöpfungs-Bericht für einigermaassen
-vollständig halten und nicht viel Gewicht auf andre in diesem Bande
-mitgetheilten Thatsachen und Schlussfolgerungen legen, werden
-zweifelsohne meine ganze Theorie auf einmal verwerfen. Ich für meinen
-Theil betrachte (um L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> bildlichen Ausdruck durchzuführen)
-den Natürlichen Schöpfungs-Bericht als eine Geschichte der Erde,
-unvollständig erhalten und in wechselnden Dialekten geschrieben, —
-wovon aber nur der letzte bloss auf einige Theile der Erd-Oberfläche
-sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Doch auch von diesem
-Bande ist nur hier und da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder
-Seite sind nur da und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam
-wechselnden Sprache dieser Beschreibung, mehr und weniger verschieden
-in den aufeinander-folgenden Abschnitten, mag den anscheinend plötzlich
-wechselnden Lebenformen entsprechen, welche in den unmittelbar
-aufeinander-liegenden Schichten unsrer weit von einander getrennten
-Formationen begraben liegen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br />
-
-<b>Geologische Aufeinanderfolge organischer Wesen.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. — Ungleiches
-Maass ihrer Veränderung. — Einmal untergegangene Arten kommen nicht
-wieder zum Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen
-Regeln des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. —
-Erlöschen der Arten. — Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen
-auf der ganzen Erd-Oberfläche. — Verwandtschaft erloschener Arten
-mit andern fossilen und mit lebenden Arten. — Entwickelungs-Stufe
-aller Formen. — Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen
-Länder-Gebiete. — Zusammenfassung des jetzigen mit früheren
-Abschnitten.</p>
-
-<p>Sehen wir nun zu, ob die verschiedenen Thatsachen und Regeln
-hinsichtlich der geologischen Aufeinanderfolge der organischen Wesen
-besser mit der gewöhnlichen Ansicht von der Unabänderlichkeit der
-Arten, oder mit der Theorie einer langsamen und stufenweisen Abänderung
-der Nachkommenschaft durch Natürliche Züchtung übereinstimmen.</p>
-
-<p>Neue Arten sind im Wasser wie auf dem Lande nur sehr langsam,
-eine nach der andern zum Vorschein gekommen. L<span class="smaller">YELL</span> hat
-gezeigt, dass es kaum möglich ist, sich den in den verschiedenen
-Tertiär-Schichten niedergelegten Beweisen in dieser Hinsicht zu
-verschliessen und jedes Jahr strebt die noch vorhandenen Lücken mehr
-auszufüllen und das Prozent-Verhältniss der noch lebend vorhandenen
-zu den ganz ausgestorbenen Arten mehr und mehr abzustufen. In einigen
-der neuesten, wenn auch, in Jahren ausgedrückt, gewiss sehr alten
-Schichten kommen nur noch 1–2 ausgestorbene Arten vor, und nur je eine
-oder zwei überhaupt oder für die Örtlichkeit neue Formen gesellen sich
-den früheren bei. Wenn wir den Beobachtungen P<span class="smaller">HILIPPI</span>’<span class="smaller">S</span> in
-<i>Sizilien</i> vertrauen dürfen, so ist die stufenweise Ersetzung
-der früheren Meeres-Bewohner bei dieser Insel durch andre Arten
-ein äusserst langsamer gewesen. Die Sekundär-Formationen sind mehr
-unterbrochen; aber in jeder einzelnen Formation hat, wie B<span class="smaller">RONN</span>
-bemerkt hat, weder das Auftreten noch das Verschwinden ihrer vielen
-jetzt erloschenen Arten gleichzeitig stattgefunden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span></p>
-
-<p>Arten verschiedener Sippen und Klassen haben weder gleichen
-Schrittes noch in gleichem Verhältnisse gewechselt. In den ältesten
-Tertiär-Schichten liegen die wenigen lebenden Arten mitten zwischen
-einer Menge erloschener Formen. F<span class="smaller">ALCONER</span> hat ein schlagendes
-Beispiel der Art berichtet, nämlich von einem Krokodile noch lebender
-Art, welches mit einer Menge fremder und untergegangener Säugthiere
-und Reptilien in Schichten des <i>Subhimalaya</i> beisammen lagert.
-Die silurischen Lingula-Arten weichen nur sehr wenig von den lebenden
-Spezies dieser Sippe ab, während die meisten der übrigen silurischen
-Mollusken und alle Kruster grossen Veränderungen unterlegen sind. Die
-Land-Bewohner scheinen schnelleren Schrittes als die Meeres-Bewohner zu
-wechseln, wovon ein treffender Beleg kürzlich aus der <i>Schweitz</i>
-berichtet worden ist. Es scheint einiger Grund zur Annahme vorhanden,
-dass solche Organismen, welche auf höherer Organisations-Stufe
-stehen, rascher als die unvollkommen entwickelten wechseln; doch gibt
-es Ausnahmen von dieser Regel. Das Maass organischer Veränderung
-entspricht nach P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung nicht genau der
-Aufeinanderfolge unsrer geologischen Formationen, so dass zwischen
-je zwei aufeinander-folgenden Bildungen die Lebens-Formen genau in
-gleichem Grade sich änderten. Wenn wir aber irgend welche, seyen es
-auch nur zwei einander zunächst verwandte Formationen mit einander
-vergleichen, so finden wir, dass alle Arten einige Veränderungen
-erfahren haben. Ist eine Art einmal von der Erd-Oberfläche
-verschwunden, so haben wir einigen Grund zu vermuthen, dass
-dieselbe Art nie wieder zum Vorschein kommen werde. Die anscheinend
-auffallendsten Ausnahmen von dieser Regel bilden B<span class="smaller">ARRANDE</span>’<span class="smaller">S</span>
-sogenannte „Kolonien“ von Arten, welche sich eine Zeit lang mitten
-in ältre Formationen einschieben und dann später wieder erscheinen;
-doch halte ich L<span class="smaller">YELL</span>’<span class="smaller">S</span> Erklärung, sie seyen durch Wanderungen
-aus einer geographischen Provinz in die andre bedingt, für vollkommen
-genügend.</p>
-
-<p>Diese verschiedenen Thatsachen vertragen sich wohl mit meiner Theorie.
-Ich glaube an kein festes Entwickelungs-Gesetz, welches alle Bewohner
-einer Gegend veranlasste, sich plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> oder gleichzeitig oder
-gleichmässig zu ändern. Der Abänderungs-Prozess muss ein sehr langsamer
-seyn. Die Veränderlichkeit jeder Art ist ganz unabhängig von der der
-andern Arten. Ob sich die Natürliche Züchtung solche Veränderlichkeit
-zu Nutzen macht, und ob die in grösserem oder geringerem Maasse
-gehäuften Abänderungen stärkere oder schwächre Modifikationen in den
-sich ändernden Arten veranlassen, Diess hängt von vielen verwickelten
-Bedingungen ab: von der Nützlichkeit der Veränderung, von der Wirkung
-der Kreutzung, von dem Maass der Züchtung, vom allmählichen Wechsel
-in der natürlichen Beschaffenheit der Gegend, und zumal von der
-Beschaffenheit der übrigen Organismen, welche mit den sich ändernden
-Arten in Mitbewerbung kommen; daher es keineswegs überraschend ist,
-wenn eine Art ihre Form unverändert bewahrt, während andre sie
-wechseln, oder wenn sie solche in geringerem Grade wechselt als diese.
-Wir beobachten Dasselbe in der geographischen Verbreitung, z.&#160;B. auf
-<i>Madeira</i>, wo die Landschnecken und Käfer in beträchtlichem
-Maasse von ihren nächsten Verwandten in <i>Europa</i> abgewichen,
-während Vögel und See-Mollusken die nämlichen geblieben sind. Man kann
-vielleicht die anscheinend raschere Veränderung in den Land-Bewohnern
-und den höher organisirten Formen gegenüber derjenigen der meerischen
-und der tiefer-stehenden Arten aus den zusammengesetzteren
-Beziehungen der vollkommeneren Wesen zu ihren organischen und
-unorganischen Lebens-Bedingungen, wie sie in einem früheren Abschnitte
-auseinandergesetzt worden sind, herleiten. Wenn viele von den Bewohnern
-einer Gegend abgeändert und vervollkommnet worden sind, so begreift
-man aus dem Prinzip der Mitbewerbung und aus den höchst-wichtigen
-Beziehungen von Organismus zu Organismus, dass eine Form, welche gar
-keine Änderung und Vervollkommnung erfährt, der Austilgung preisgegeben
-ist. Daraus ergibt sich dann, dass alle Arten einer Gegend zuletzt,
-wenn wir nämlich hinreichend lange Zeiträume dafür zugestehen, entweder
-abändern oder zu Grunde gehen müssen.</p>
-
-<p>Bei Gliedern einer Klasse mag das Maass der Änderung während langer
-und gleicher Zeit-Perioden im Mittel vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> nahezu gleich
-seyn. Da jedoch die Anhäufung lange dauernder Fossilreste-führender
-Formationen davon bedingt ist, ob grosse Sediment-Massen während einer
-Senkungs-Periode abgesetzt werden, so müssen sich unsre Formationen
-nothwendig meistens mit langen und unregelmässigen Zwischenpausen
-gebildet haben; daher denn auch der Grad organischer Veränderung,
-welchen die in den Erd-Schichten abgelagerten organischen Reste an sich
-tragen, in aufeinander-folgenden Formationen nicht gleich ist. Jede
-Formation bezeichnet nach dieser Anschauungs-Weise nicht einen neuen
-und vollständigen Akt der Schöpfung, sondern nur eine meistens ganz
-nach Zufall herausgerissene Szene aus einem langsam vor sich gehenden
-Drama.</p>
-
-<p>Man begreift leicht, dass eine einmal zu Grunde gegangene Art
-nicht wieder zum Vorschein kommen kann, selbst wenn die nämlichen
-unorganischen und organischen Lebens-Bedingungen nochmals eintreten.
-Denn obwohl die Nachkommenschaft einer Art so hergerichtet werden kann
-(und gewiss in unzähligen Fällen hergerichtet worden ist), dass sie
-den Platz einer andern Art im Haushalte der Natur genau ausfüllt und
-sie ersetzt, so können doch beide Formen, die alte und die neue, nicht
-identisch die nämlichen seyn, weil beide gewiss von ihren verschiedenen
-Stamm-Vätern auch verschiedene Charaktere mit-geerbt haben. So könnten
-z.&#160;B., wenn unsre Pfauentauben ausstürben, Tauben-Liebhaber durch lange
-Zeit fortgesetzte und auf denselben Punkt gerichtete Bemühungen wohl
-eine neue von unsrer jetzigen Pfauentaube kaum unterscheidbare Rasse
-zu Stande bringen. Wäre aber auch deren Urform, unsre Felstaube im
-Natur-Zustande, wo die Stamm-Form gewöhnlich durch ihre vervollkommnete
-Nachkommenschaft ersetzt und vertilgt wird, zerstört worden, so müsste
-es doch ganz unglaubhaft erscheinen, dass ein Pfauenschwanz, mit unsrer
-jetzigen Rasse identisch, von irgend einer andern Tauben-Art oder einer
-andern guten Varietät unsrer Haustauben gezogen werden könne, weil
-die neu-gebildete Pfauentaube von ihrem neuen Stamm-Vater fast gewiss
-einige wenn auch nur leichte Unterscheidungs-Merkmale beibehalten würde.</p>
-
-<p>Arten-Gruppen, wie Sippen und Familien sind, folgen in<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> ihrem Auftreten
-und Verschwinden denselben allgemeinen Regeln, wie die einzelnen
-Arten selbst, indem sie mehr oder weniger schnell, in grössrem oder
-geringerem Grade wechseln. Eine Gruppe erscheint nicht wieder, wenn
-sie einmal untergegangen ist; ihr Daseyn ist abgeschnitten. Ich weiss
-wohl, dass es einige anscheinende Ausnahmen von dieser Regel gibt;
-allein es sind deren so erstaunlich wenig, dass E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span>,
-P<span class="smaller">ICTET</span> und W<span class="smaller">OODWARD</span> (obwohl dieselben alle diese
-von mir vertheidigten Ansichten sonst bestreiten) deren Richtigkeit
-zugestehen, und diese Regel entspricht vollkommen meiner Theorie. Denn,
-wenn alle Arten einer Gruppe von nur einer Stamm-Art herkommen, dann
-ist es klar, dass, so lange als noch irgend eine Art der Gruppe in der
-langen Reihenfolge der geologischen Perioden zum Vorschein kommt, so
-lange auch noch Glieder derselben Gruppe in ununterbrochner Reihenfolge
-existirt haben müssen, um allmählich veränderte und neue oder noch
-die alten und unveränderten Formen hervorbringen zu können. So müssen
-also Arten der Sippe Lingula seit deren Erscheinen in den untersten
-Schichten bis zum heutigen Tage ununterbrochen vorhanden gewesen seyn.</p>
-
-<p>Wir haben im letzten Kapitel gesehen, dass es zuweilen aussieht, als
-seyen die Arten einer Gruppe ganz plötzlich in Masse aufgetreten,
-und ich habe versucht diese Thatsache zu erklären, welche, wenn sie
-sich richtig verhielte, meiner Theorie verderblich seyn würde. Aber
-derartige Fälle sind gewiss nur als Ausnahmen zu betrachten; nach der
-allgemeinen Regel wächst die Arten-Zahl jeder Gruppe allmählich bis zu
-ihrem Maximum an und nimmt dann früher oder später wieder langsam ab.
-Wenn man die Arten-Zahl einer Sippe oder die Sippen-Zahl einer Familie
-durch eine Vertikal-Linie ausdrückt, welche die übereinander-folgenden
-Formationen mit einer nach Maassgabe der in jeder derselben enthaltenen
-Arten-Zahl veränderlichen Dicke durchsetzt, so kann es manchmal
-scheinen, als beginne dieselbe unten breit, statt mit scharfer Spitze;
-sie nimmt dann aufwärts noch weiter an Breite zu, hält darauf oft eine
-Zeit lang gleiche Stärke ein und läuft dann in den obren Schichten,
-der Abnahme und dem Erlöschen der Arten entsprechend, allmählich spitz
-aus.<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Diese allmähliche Zunahme einer Gruppe steht mit meiner Theorie
-vollkommen in Einklang, da die Arten einer Sippe und die Sippen einer
-Familie nur langsam und allmählich an Zahl wachsen können, weil der
-Vorgang der Umwandlung und der Entwickelung einer Anzahl verwandter
-Formen nur ein langsamer seyn kann, da eine Art anfänglich nur
-eine oder zwei Varietäten liefert, welche sich allmählich in Arten
-verwandeln, die ihrerseits mit gleicher Langsamkeit wieder andre Arten
-hervorbringen und so weiter (wie ein grosser Baum sich allmählich
-verzweigt), bis die Gruppe gross wird.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erlöschen.</em>) Wir haben bis jetzt nur gelegentlich von dem
-Verschwinden der Arten und der Arten-Gruppen gesprochen. Nach der
-Theorie der Natürlichen Züchtung sind jedoch das Erlöschen alter und
-die Bildung neuer verbesserter Formen aufs Innigste mit einander
-verbunden. Die alte Meinung, dass von Zeit zu Zeit sämmtliche Bewohner
-der Erde durch grosse Umwälzungen von der Oberfläche weggefegt worden
-seyen, ist jetzt ziemlich allgemein und selbst von solchen Geologen,
-wie E<span class="smaller">LIE DE</span> B<span class="smaller">EAUMONT</span>, M<span class="smaller">URCHISON</span>, B<span class="smaller">ARRANDE</span>
-u.&#160;a. aufgegeben, deren allgemeinere Anschauungs-Weise sie auf
-dieselbe hinlenken müsste. Wir haben vielmehr nach den über die
-Tertiär-Formationen angestellten Studien allen Grund zur Annahme, dass
-Arten und Arten-Gruppen ganz allmählich eine nach der andern zuerst an
-einer Stelle, dann an einer andern und endlich überall verschwinden.
-In einigen Fällen jedoch, wie beim Durchbruch einer Landenge und der
-nachfolgenden Einwanderung einer Menge von neuen Bewohnern, oder bei
-dem Untertauchen einer Insel mag das Erlöschen verhältnissmässig
-rasch vor sich gegangen seyn. Einzelne Arten sowohl als Arten-Gruppen
-haben sehr ungleich lange Zeiten gedauert, einige Gruppen, wie wir
-gesehen, von der ersten Wiegen-Zeit des Lebens an bis zum heutigen
-Tage, während andre nicht einmal den Schluss der paläolithischen Zeit
-erreicht haben. Es scheint kein bestimmtes Gesetz zu geben, welches die
-Länge der Dauer einer Art oder Sippe bestimmte. Doch scheint Grund zur
-Annahme vorhanden, dass das gänzliche Erlöschen der Arten einer Gruppe
-gewöhnlich ein langsamerer<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Vorgang als selbst ihre Entstehung ist.
-Wenn man das Erscheinen und Verschwinden der Arten einer Gruppe ebenso
-wie im vorigen Falle durch eine Vertikallinie von veränderlicher Dicke
-ausdrückt, so pflegt sich dieselbe weit allmählicher an ihrem obren dem
-Erlöschen entsprechenden, als am untern die Entwickelung darstellenden
-Ende zuzuspitzen. Doch ist in einigen Fällen das Erlöschen ganzer
-Gruppen von Wesen, wie das der Ammoniten am Ende der Sekundär-Zeit, den
-meisten andern Gruppen gegenüber wunderbar rasch erfolgt.</p>
-
-<p>Die ganze Frage vom Erlöschen der Arten ist in das geheimnissvollste
-Dunkel gehüllt gewesen. Einige Schriftsteller haben sogar angenommen,
-dass Arten gerade so wie Individuen eine regelmässige Lebensdauer
-haben. Durch das Verschwinden der Arten ist wohl Niemand mehr in
-Verwunderung gesetzt worden, als es mit mir der Fall gewesen. Als
-ich im <i>La-Plata</i>-Staate einen Pferde-Zahn in einerlei Schicht
-mit Resten von Mastodon, Megatherium, Toxodon u.&#160;a. Ungeheuern
-zusammenliegend fand, welche sämmtlich noch in später geologischer
-Zeit mit noch jetzt lebenden Konchilien-Arten zusammen-gelebt haben,
-war ich mit Erstaunen erfüllt. Denn da die von den Spaniern in
-<i>Süd-Amerika</i> eingeführten Pferde sich wild über das ganze Land
-verbreitet und zu unermesslicher Anzahl vermehrt haben, so musste ich
-mich bei jener Entdeckung selber fragen, was in verhältnissmässig noch
-so neuer Zeit das frühere Pferd unter Lebens-Bedingungen zu vertilgen
-vermocht, welche sich der Vervielfältigung des <i>Spanischen</i>
-Pferdes so ausserordentlich günstig erwiesen haben? Aber wie ganz
-ungegründet war mein Erstaunen! Professor O<span class="smaller">WEN</span> erkannte bald,
-dass der Zahn, wenn auch denen der lebenden Arten sehr ähnlich, doch
-von einer ganz anderen nun erloschenen Art herrühre. Wäre diese Art
-noch jetzt, wenn auch schon etwas selten, vorhanden, so würde sich
-kein Naturforscher im mindesten über deren Seltenheit wundern, da es
-viele seltene Arten aller Klassen in allen Gegenden gibt. Fragen wir
-uns selbst, warum diese oder jene Art selten ist, so antworten wir,
-es müsse irgend etwas in den vorhandenen Lebens-Bedingungen ungünstig
-seyn, obwohl wir dieses Etwas<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> nicht leicht näher zu bezeichnen wissen.
-Existirte das fossile Pferd noch jetzt als eine seltene Art, so würden
-wir in Berücksichtigung der Analogie mit allen andern Säugthier-Arten
-und selbst mit dem sich nur langsam fortpflanzenden Elephanten und
-der Vermehrungs-Geschichte des in <i>Süd-Amerika</i> verwilderten
-Hauspferdes fühlen, dass jene fossile Art unter günstigeren
-Verhältnissen binnen wenigen Jahren im Stande seyn müsse den ganzen
-Kontinent zu bevölkern. Aber wir können nicht sagen, welche ungünstigen
-Bedingungen es seyen, die dessen Vermehrung hindern, ob deren nur
-eine oder ob ihrer mehre seyen, und in welcher Lebens-Periode und in
-welchem Grade jede derselben ungünstig wirke. Verschlimmerten sich aber
-jene Bedingungen allmählich, so würden wir die Thatsache sicher nicht
-bemerken, obschon jene (fossile) Pferde-Art gewiss immer seltener und
-seltener werden und zuletzt erlöschen würde; denn ihr Platz ist bereits
-von einem andern siegreichen Mitbewerber eingenommen.</p>
-
-<p>Man hat viele Schwierigkeit sich immer zu erinnern, dass die Zunahme
-eines jeden lebenden Wesens durch unbemerkbare schädliche Agentien
-fortwährend aufgehalten wird, und dass dieselben unbemerkbaren
-Agentien vollkommen genügen können, um eine fortdauernde Verminderung
-und endliche Vertilgung zu bewirken. Dieser Satz bleibt aber so
-unbegriffen, dass ich wiederholt habe eine Verwunderung darüber
-äussern hören, dass so grosse Thiere wie der Mastodon und die ältren
-Dinosaurier haben untergehen können, als ob die grosse Körper-Masse
-schon genüge um den Sieg im Kampfe um’s Daseyn zu sichern. Im
-Gegentheile könnte gerade eine beträchtliche Grösse in manchen
-Fällen des früher unzureichend werdenden Futter-Bedarfes wegen das
-Erlöschen beschleunigen. Schon ehe der Mensch <i>Ostindien</i> und
-<i>Afrika</i> bewohnte, muss irgend eine Ursache die fortdauernde
-Vervielfältigung der dort lebenden Elephanten-Arten gehemmt haben. Ein
-sehr fähiger Beurtheiler glaubt, dass es gegenwärtig hauptsächlich
-Insekten sind (wie sie B<span class="smaller">RUCE</span> auch in Abyssinien beschrieben
-hat), die durch beständiges Beunruhigen und Ermüden die raschere
-Vermehrung der Elephanten hauptsächlich hemmen. Es ist gewiss, dass
-sowohl Insekten verschiedener Art als auch<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> Blut-saugende Fledermäuse
-bedingend wirken auf die Ausbreitung der in verschiedenen Theilen
-<i>Süd-Amerikas</i> eingeführten Haus-Säugethiere. Wir sehen in den
-neueren Tertiär-Bildungen viele Beispiele, dass Seltenwerden dem
-gänzlichen Verschwinden vorangeht, und wir wissen, dass es derselbe
-Fall bei denjenigen Thier-Arten gewesen ist, welche durch den Einfluss
-des Menschen örtlich oder überall von der Erde verschwunden sind. Ich
-will hier wiederholen, was ich im Jahr 1845 drucken liess: Zugeben,
-dass Arten gewöhnlich selten werden, ehe sie erlöschen, und sich
-über das Seltnerwerden einer Art nicht wundern, aber dann doch hoch
-erstaunen, wenn sie endlich zu Grunde geht, — heisst Dasselbe, wie:
-Zugeben, dass bei Individuen Krankheit dem Tode vorangeht, und sich
-über das Erkranken eines Individuums nicht befremdet fühlen, aber sich
-wundern, wenn der kranke Mensch stirbt, und seinen Tod irgend einer
-unbekannten Gewalt zuschreiben.</p>
-
-<p>Die Theorie der natürlichen Züchtung beruhet auf der Annahme, dass jede
-neue Varietät und zuletzt jede neue Art dadurch gebildet und erhalten
-worden seye, dass sie irgend einen Vorzug vor den mitbewerbenden
-Arten an sich habe, in Folge dessen die nicht bevortheilten Arten
-meistens unvermeidlich erlöschen. Es verhält sich eben so mit unsren
-Kultur-Erzeugnissen. Ist eine neue etwas vervollkommnete Varietät
-gebildet worden, so ersetzt sie anfangs die minder vollkommenen
-Varietäten in der Nachbarschaft; ist sie mehr verbessert, so breitet
-sie sich in Nähe und Ferne aus, wie unsre kurz-hörnigen Rinder gethan,
-und nimmt die Stelle der andern Rassen in andern Gegenden ein. So
-sind die Erscheinungen neuer und das Verschwinden alter Formen,
-natürlicher wie künstlicher, enge miteinander verknüpft. In manchen
-wohl gedeihenden Gruppen ist die Anzahl der in einer gegebenen Zeit
-gebildeten neuen Art-Formen grösser als die alten erloschenen; da wir
-aber wissen, dass gleichwohl die Arten-Zahl wenigstens in den letzten
-geologischen Perioden nicht unbeschränkt zugenommen hat, so dürfen wir
-annehmen, dass eben die Hervorbringung neuer Formen das Erlöschen einer
-ungefähr gleichen Anzahl alter veranlasst habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p>
-
-<p>Die Mitbewerbung wird gewöhnlich, wie schon früher erklärt und
-durch Beispiele erläutert worden ist, zwischen denjenigen Formen am
-ernstesten seyn, welche sich in allen Beziehungen am ähnlichsten
-sind. Daher die abgeänderten und verbesserten Nachkommen gewöhnlich
-die Austilgung ihrer Stamm-Art veranlassen werden; und wenn viele
-neue Formen von irgend einer einzelnen Art entstanden sind, so werden
-die nächsten Verwandten dieser Art, das heisst die mit ihr zu einer
-Sippe gehörenden, der Vertilgung am meisten ausgesetzt seyn. Und so
-muss, wie ich mir vorstelle, eine Anzahl neuer von einer Stamm-Art
-entsprossener Spezies, d.&#160;h. eine Sippe, eine alte Sippe der nämlichen
-Familie ersetzen. Aber es muss sich auch oft zutragen, dass eine neue
-Art aus dieser oder jener Gruppe den Platz einer Art aus einer andern
-Gruppe einnimmt und somit deren Erlöschen veranlasst; wenn sich dann
-von dem siegreichen Eindringlinge viele verwandte Formen entwickeln, so
-werden auch viele diesen ihre Plätze überlassen müssen, und es werden
-gewöhnlich verwandte Arten seyn, die in Folge eines gemeinschaftlich
-ererbten Nachtheils den andern gegenüber unterliegen. Mögen jedoch die
-unterliegenden Arten zu einer oder zu verschiedenen Klassen gehören,
-so kann doch öfter einer oder der andre von ihnen in Folge einer
-Befähigung zu einer etwas abweichenderen Lebensweise, oder seines
-abgelegenen Wohnortes wegen, eine minder strenge Mitbewerbung zu
-befahren haben und sich so noch längre Zeit erhalten. So überlebt z.&#160;B.
-nur noch eine einzige Trigonia in dem <i>Australischen</i> Meere die
-in der Sekundär-Zeit zahlreich gewesenen Arten dieser Sippe, und eine
-geringe Zahl von Arten der einst reichen Gruppe der Ganoiden-Fische
-kommt noch in unsren Süsswassern vor. Und so ist dann das gänzliche
-Erlöschen einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als ihre
-Entwicklung.</p>
-
-<p>Was das anscheinend plötzliche Aussterben ganzer Familien und Ordnungen
-betrifft, wie das der Trilobiten am Ende der paläolithischen und der
-Ammoniten am Ende der mesolithischen Zeit-Periode, so müssen wir
-uns zunächst dessen erinnern, was schon oben über die sehr langen
-Zwischenräume zwischen unsren<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> verschiedenen Formationen gesagt
-worden ist, während welcher viele Formen langsam erloschen seyn
-können. Wenn ferner durch plötzliche Einwanderung oder ungewöhnlich
-rasche Entwickelung viele Arten einer neuen Gruppe von einem neuen
-Gebiete Besitz nehmen, so können sie auch in entsprechend rascher
-Weise viele der alten Bewohner verdrängen; und die Formen, welche
-ihnen ihre Stellen überlassen, werden gewöhnlich mit einander
-verwandte Theilnehmer an irgend einem ihnen gemeinsamen Nachtheile der
-Organisation seyn.</p>
-
-<p>So scheint mir die Weise, wie einzelne Arten und ganze Arten-Gruppen
-erlöschen, gut mit der Theorie der Natürlichen Züchtung
-übereinzustimmen. Das Erlöschen kann uns nicht wunder-nehmen; was
-uns eher wundern müsste, ist vielmehr unsre einen Augenblick lang
-genährte Anmassung, die vielen verwickelten Bedingungen zu begreifen,
-von welchen das Daseyn jeder Spezies abhängig ist. Wenn wir einen
-Augenblick vergessen, dass jede Art auf ungeregelte Weise zuzunehmen
-strebt und irgend eine wenn auch ganz selten wahrgenommene Gegenwirkung
-immer in Thätigkeit ist, so muss uns der ganze Haushalt der Natur
-allerdings sehr dunkel erscheinen. Nur wenn wir genau anzugeben
-wüssten, warum diese Art reicher an Individuen als jene ist, warum
-diese und nicht eine andere in einer angedeuteten Gegend naturalisirt
-werden kann, dann und nur dann hätten wir Ursache uns zu wundern, warum
-wir uns von dem Erlöschen dieser oder jener einzelnen Spezies oder
-Arten-Gruppe keine Rechenschaft zu geben im Stande sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Über das fast gleichzeitige Wechseln der Lebenformen auf der ganzen
-Erd-Oberfläche.</em>) Kaum ist irgend eine andere paläontologische
-Entdeckung so überraschend als die Thatsache, dass die Lebenformen
-einem auf fast der ganzen Erd-Oberfläche gleichzeitigen Wechsel
-unterliegen. So kann unsre <i>Europäische</i> Kreide-Formation in
-vielen entfernten Weltgegenden und in den verschiedensten Klimaten
-wieder erkannt werden, wo nicht ein Stückchen Kreide selbst zu
-entdecken ist. So namentlich in <i>Nord-</i> und im tropischen
-<i>Süd-Amerika</i>, am <i>Kap der guten Hoffnung</i> und auf der
-<i>Ostindischen</i> Halbinsel,<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> weil an diesen entfernten Punkten
-der Erd-Oberfläche die organischen Reste gewisser Schichten eine
-unverkennbare Ähnlichkeit mit denen unsrer Kreide besitzen. Nicht
-als ob es überall die nämlichen Arten wären; denn manche dieser
-Örtlichkeiten haben nicht eine Art miteinander gemein; — aber sie
-gehören zu einerlei Familie, Sippe, Untersippe und ähneln sich
-oft bis auf die gleichgiltigen Skulpturen der Oberfläche. Ferner
-fehlen andre Formen, welche in <i>Europa</i> nicht in, sondern über
-oder unter der Kreide-Formation vorkommen, der genannten Formation
-auch in jenen fernen Gegenden. In den aufeinander-folgenden
-paläozoischen Formationen <i>Russlands</i>, <i>West-Europas</i> und
-<i>Nord-Amerikas</i> ist ein ähnlicher Parallelismus im Auftreten der
-Lebenformen von mehren Autoren wahrgenommen worden; und eben so in dem
-<i>Europäischen</i> und <i>Nord-Amerikanischen</i> Tertiär-Gebirge
-nach L<span class="smaller">YELL</span>. Selbst wenn wir die wenigen Arten ganz aus dem
-Auge lassen, welche die <i>Alte</i> und die <i>Neue Welt</i> mit
-einander gemein haben, so steht der allgemeine Parallelismus der
-aufeinander-folgenden Lebenformen in den verschiedenen Stöcken der so
-weit auseinander-gelegenen paläolithischen und tertiären Gebilde so
-fest, dass sich diese Formationen leicht Glied um Glied miteinander
-vergleichen lassen.</p>
-
-<p>Diese Beobachtungen jedoch beziehen sich nur auf die Meeres-Bewohner
-der verschiedenen Weltgegenden, und wir haben nicht genügende
-Nachweisungen um zu beurtheilen, ob die Erzeugnisse des Landes und der
-Süsswasser an so entfernten Punkten einander gleichfalls in paralleler
-Weise ablösen. Man möchte daran zweifeln, ob es der Fall; denn wenn
-das Megatherium, der Mylodon und Toxodon und die Macrauchenia aus dem
-<i>La-Plata</i>-Gebiete nach <i>Europa</i> gebracht worden wären ohne
-alle Nachweisung über ihre geologische Lagerstätte, so würde wohl
-niemand vermuthet haben, dass sie mit noch jetzt lebend vorkommenden
-See-Mollusken gleichzeitig existirten; da jedoch diese monströsen
-Wesen mit Mastodon und Pferd zusammengelagert sind, so lässt sich
-daraus wenigstens schliessen, dass sie in einem der letzten Stadien der
-Tertiär-Periode gelebt haben müssen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span></p>
-
-<p>Wenn vorhin von dem gleichzeitigen Wechsel der Meeres-Bewohner auf
-der ganzen Erd-Oberfläche gesprochen worden, so handelt es sich dabei
-nicht um die nämlichen tausend oder hunderttausend Jahre oder auch nur
-um eine strenge Gleichzeitigkeit im geologischen Sinne des Wortes.
-Denn, wenn alle Meeres-Thiere, welche jetzt in <i>Europa</i> leben, und
-alle, welche in der pleistocänen Periode (eine, in Jahren ausgedrückt,
-ungeheuer entfernt liegende Periode, indem sie die Eis-Zeit mit in
-sich begreift) da gelebt haben, mit den jetzt in <i>Süd-Amerika</i>
-oder in <i>Australien</i> lebenden verglichen würden, so dürfte der
-erfahrenste Naturforscher schwerlich zu sagen im Stande seyn, ob die
-jetzt lebenden oder die pleistocänen Bewohner <i>Europas</i> mit denen
-der südlichen Halbkugel näher übereinstimmen. Eben so glauben mehre
-der sachkundigsten Beobachter, dass die jetzige Lebenwelt in den
-<i>Vereinten Staaten</i> mit derjenigen Bevölkerung näher verwandt
-seye, welche während einiger der letzten Stadien der Tertiär-Zeit
-in <i>Europa</i> existirt hat, als mit der noch jetzt da wohnenden;
-und wenn Diess so ist, so würde man offenbar die Fossilien-führenden
-Schichten, welche jetzt an den <i>Nord-Amerikanischen</i> Küsten
-abgelagert werden, in einer späteren Zeit eher mit etwas älteren
-<i>Europäischen</i> Schichten zusammenstellen. Demungeachtet kann,
-wie ich glaube, kaum ein Zweifel seyn, dass man in einer sehr fernen
-Zukunft doch alle neueren <em class="gesperrt">meerischen</em> Bildungen, namentlich
-die obern pliocänen, die pleistocänen und die jetzt-zeitigen
-Schichten <i>Europas</i>, <i>Nord-</i> und <i>Süd-Amerikas</i> und
-<i>Australiens</i>, weil sie Reste in gewissem Grade mit einander
-verwandter Organismen und nicht auch diejenigen Arten, welche
-allein den tiefer-liegenden älteren Ablagerungen angehören, in sich
-einschliessen, ganz richtig als gleich-alt in geologischem Sinne
-bezeichnen würde.</p>
-
-<p>Die Thatsache, dass die Lebenformen gleichzeitig miteinander, in dem
-obigen weiten Sinne des Wortes, selbst in entfernten Theilen der Welt
-wechseln, hat die vortrefflichen Beobachter <span class="smaller">DE</span> V<span class="smaller">ERNEUIL</span>
-und <span class="smaller">D</span>’A<span class="smaller">RCHIAC</span> sehr betroffen gemacht. Nachdem sie über den
-Parallelismus der paläolithischen Lebenformen in verschiedenen Theilen
-von <i>Europa</i> berichtet, sagen sie weiter:<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> „Wenden wir unsre
-Aufmerksamkeit nun nach <i>Nord-Amerika</i>, so entdecken wir dort
-eine Reihe analoger Thatsachen, und scheint es gewiss zu seyn, dass
-alle diese Abänderungen der Arten, ihr Erlöschen und das Auftreten
-neuer nicht blossen Veränderungen in den Meeres-Strömungen oder andern
-mehr und weniger örtlichen und vorübergehenden Ursachen zugeschrieben
-werden können, sondern von allgemeinen Gesetzen abhängen, welche das
-ganze Thier-Reich betreffen.“ Auch B<span class="smaller">ARRANDE</span> hat ähnliche
-Wahrnehmungen gemacht und nachdrücklich hervorgehoben. Es ist in der
-That ganz ohne Nutzen, die Ursache dieser grossen Veränderungen in
-den Lebenformen der ganzen Erd-Oberfläche und in den verschiedensten
-Klimaten im Wechsel der See-Strömungen, des Klimas oder andrer
-natürlicher Lebens-Bedingungen aufsuchen zu wollen; wir müssen uns,
-wie schon B<span class="smaller">ARRANDE</span> bemerkt, nach einem besondren Gesetze
-dafür umsehen. Wir werden Diess deutlicher erkennen, wenn von der
-gegenwärtigen Vertheilung der organischen Wesen die Rede seyn wird; wir
-werden dann finden, wie gering die Beziehungen zwischen den natürlichen
-Lebens-Bedingungen verschiedener Länder und der Natur ihrer Bewohner
-ist.</p>
-
-<p>Diese grosse Thatsache von der parallelen Aufeinanderfolge der
-Lebenformen auf der ganzen Erde ist aus der Theorie der Natürlichen
-Züchtung erklärbar. Neue Arten entstehen aus neuen Varietäten, welche
-einige Vorzüge von älteren Formen an sich tragen, und diejenigen
-Formen, welche bereits der Zahl nach vorherrschen oder irgend einen
-Vortheil vor andern Formen voraus haben, werden natürlich am öftesten
-die Entstehung neuer Varietäten oder beginnender Arten veranlassen;
-denn diese letzten werden in noch höherem Grade siegreich gegen andre
-bestehen und sie überleben. Wir finden einen bestimmten Beweis dafür
-darin, dass den herrschenden, d.&#160;h. in ihrer Heimath gemeinsten und am
-weitesten verbreiteten Pflanzen-Arten im Vergleiche zu andren Arten
-in ihrer eignen Heimath die grösste Anzahl neuer Varietäten gebildet
-haben. Ebenso ist es natürlich, dass die herrschenden veränderlichen
-und weit verbreiteten Arten, die bis zu einem gewissen Grade bereits
-in die Gebiete andrer<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> Arten eingedrungen sind, auch bessere Aussicht
-als andre zu noch weitrer Ausbreitung und zur Bildung fernerer
-Varietäten und Arten in den neuen Gegenden haben. Dieser Vorgang der
-Ausbreitung mag oft ein sehr langsamer seyn, indem er von klimatischen
-und geographischen Veränderungen, zufälligen Ereignissen oder von der
-allmählichen Acclimatisirung neuer Arten in den verschiedenen von
-ihnen zu durchwandernden Klimaten abhängt; doch mit der Zeit wird die
-Verbreitung der herrschenden Formen gewöhnlich durchgreifen. Sie wird
-bei Land-Bewohnern geschiedener Kontinente wahrscheinlich langsamer vor
-sich gehen als bei den Organismen zusammenhängender Meere. Wir werden
-daher einen minder genauen Grad paralleler Aufeinanderfolge in den
-Land- als in den Meeres-Erzeugnissen zu finden erwarten dürfen, wie es
-auch in der That der Fall ist.</p>
-
-<p>Wenn herrschende Arten sich von einer Gegend aus verbreiten, so werden
-sie mitunter auf noch herrschendere Arten stossen, und dann wird ihr
-Siegeslauf und selbst ihre Existenz aufhören. Wir wissen durchaus nicht
-genau, welches alle die günstigsten Bedingungen für die Vermehrung
-neuer und herrschender Arten sind; doch Das können wir, glaube ich,
-klar erkennen, dass eine grosse Anzahl von Individuen, insoferne sie
-mehr Aussicht auf die Hervorbringung vortheilhafter Abänderungen hat,
-und dass eine strenge Mitbewerbung mittelst vieler schon bestehender
-Formen im höchsten Grade vortheilhaft seyn müsse, sowie das Vermögen
-sich in neue Gebiete zu verbreiten. Ein gewisser Grad von Isolirung,
-nach langen Zwischenzeiten zuweilen wiederkehrend, dürfte, wie früher
-erläutert worden, wohl gleichfalls förderlich seyn. Ein Theil der
-Erd-Oberfläche mag für die Hervorbringung neuer und herrschender Arten
-des Landes und ein andrer für solche des Meeres günstiger seyn. Wenn
-zwei grosse Gegenden sehr lange Zeiten hindurch zur Hervorbringung
-herrschender Arten in gleichem Grade geeignet gewesen, so wird der
-Kampf ihrer Einwohner miteinander, wann immer sie zusammentreffen
-mögen, ein langer und harter werden, und werden einige von der einen
-und einige von der andern Geburts-Stätte aus siegreich vordringen.
-Aber im<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> Laufe der Zeit werden die im höchsten Grade herrschenden
-Formen, auf welcher von beiden Seiten sie auch entstanden seyn mögen,
-überall das Übergewicht erlangen. In dem Maasse, als sie überwiegen,
-werden sie das Erlöschen andrer unvollkommenerer Formen bedingen; und
-da oft ganze unter sich verwandte Gruppen die gleiche Unvollkommenheit
-gemeinsam ererbt haben, so werden solche Gruppen sich allmählich ganz
-zum Erlöschen neigen, wenn auch da und dort ein einzelnes Glied sich
-noch eine Zeit lang durchbringen mag.</p>
-
-<p>So, scheint mir, stimmt die parallele und, in einem weiten Sinne
-genommen, gleichzeitige Aufeinanderfolge der nämlichen Lebenformen auf
-der ganzen Erde wohl mit dem Prinzip überein, dass neue Arten durch
-sich weit verbreitende und sehr veränderliche herrschende Spezies
-gebildet werden; die so erzeugten neuen Arten werden in Folge von
-Vererbung und, weil sie bereits einige Vortheile über ihre Ältern
-und über andre Arten besitzen, selber herrschend; auch diese breiten
-sich nun aus, variiren und bilden wieder neue Spezies. Diejenigen
-Formen, welche verdrängt werden und ihre Stellen den neuen siegreichen
-Formen überlassen, werden gewöhnlich gruppenweise verwandt seyn,
-weil sie irgend eine Unvollkommenheit gemeinsam ererbt haben; daher
-in dem Maasse als sich die neuen und vollkommeneren Gruppen über die
-Erde verbreiten, alte Gruppen vor ihnen verschwinden müssen. Diese
-Aufeinanderfolge der Formen auf beiden Wegen wird sich überall zu
-entsprechen geneigt seyn.</p>
-
-<p>Noch bleibt eine Bemerkung über diesen Gegenstand zu machen übrig.
-Ich habe die Gründe angeführt, wesshalb ich glaube, dass jede unsrer
-grossen Fossil-reichen Formationen in Perioden fortdauernder Senkung
-abgesetzt worden sind, dass aber diese Ablagerungen durch lange
-Zwischenräume getrennt gewesen, wo der Meeres-Boden stet oder in Hebung
-begriffen war, oder wo die Anschüttungen nicht rasch genug erfolgten,
-um die organischen Reste einzuhüllen und gegen Zerstörung zu bewahren.
-Während dieser langen leeren Zwischenzeiten nun haben, nach meiner
-Annahme, die Bewohner jeder Gegend viele Abänderungen erfahren und
-viel durch Erlöschen gelitten, und<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> haben grosse Wanderungen von einem
-Theile der Erde zum andern stattgefunden. Da nun Grund zur Annahme
-vorhanden ist, dass weite Felder die gleichen Bewegungen durchgemacht
-haben, so haben gewiss auch oft genau gleichzeitige Formationen über
-sehr weiten Räumen einer Weltgegend abgesetzt werden können; doch sind
-wir hieraus nicht zu schliessen berechtigt, dass Diess unabänderlich
-der Fall gewesen, oder dass weite Felder unabänderlich von gleichen
-Bewegungen betroffen worden seyen. Sind zwei Formationen in zwei
-Gegenden zu beinahe, aber nicht genau, gleicher Zeit entstanden, so
-werden wir in beiden aus schon oben auseinandergesetzten Gründen im
-Allgemeinen die nämliche Aufeinanderfolge der Lebenformen erkennen;
-aber die Arten werden sich nicht genau entsprechen, weil sie in der
-einen Gegend etwas mehr und in der andern etwas weniger Zeit gehabt
-haben abzuändern, zu wandern und zu erlöschen.</p>
-
-<p>Ich vermuthe, dass Fälle dieser Art in <i>Europa</i> selbst vorkommen.
-P<span class="smaller">RESTWICH</span> ist in seiner vortrefflichen Abhandlung über die
-Eocän-Schichten in <i>England</i> und <i>Frankreich</i> im Stande einen
-im Allgemeinen genauen Parallelismus zwischen den aufeinanderfolgenden
-Stöcken beider Gegenden nachzuweisen. Obwohl sich nun bei Vergleichung
-gewisser Stöcke in <i>England</i> mit denen in <i>Frankreich</i> eine
-merkwürdige Übereinstimmung beider in den zu einerlei Sippen gehörigen
-Arten ergibt, so weichen doch diese Arten selber in einer bei der
-geringen Entfernung beider Gebiete schwer zu erklärenden Weise von
-einander ab, wenn man nicht annehmen will, dass eine Landenge zwei
-benachbarte Meere getrennt habe, welche von gleichzeitig verschiedenen
-Faunen bewohnt gewesen seyen. L<span class="smaller">YELL</span> hat ähnliche Beobachtungen
-über einige der späteren Tertiär-Formationen gemacht, und eben so hat
-B<span class="smaller">ARRANDE</span> gezeigt, dass zwischen den aufeinanderfolgenden
-Silur-Schichten <i>Böhmen’s</i> und <i>Skandinavien’s</i> im
-Allgemeinen ein genauer Parallelismus herrsche, demungeachtet aber eine
-erstaunliche Verschiedenheit zwischen den Arten bestehe. Wären aber
-nun die verschiedenen Formationen dieser Gegenden nicht genau während
-der gleichen Periode abgesetzt worden, indem etwa die Ablagerung in
-der einen Gegend mit einer Pause in der andern<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> zusammenfiele, —
-und hätten in beiden Gegenden die Arten sowohl während der Anhäufung
-der Schichten als während der langen Pausen dazwischen langsame
-Veränderungen erfahren: so würden die verschiedenen Formationen beider
-Gegenden auf gleiche Weise und in Übereinstimmung mit der allgemeinen
-Aufeinanderfolge der Lebenformen geordnet erscheinen, und ihre Ordnung
-sogar genauparallel scheinen (ohne es zu seyn); demungeachtet würden
-in den einzelnen einander anscheinend entsprechenden Stöcken beider
-Gegenden nicht alle Arten übereinstimmen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Verwandtschaft erloschener Arten unter sich und mit den lebenden
-Formen.</em>) Werfen wir nun einen Blick auf die gegenseitigen
-Verwandtschaften erloschener und lebender Formen. Alle fallen in
-ein grosses Natur-System, was sich aus dem Prinzip gemeinsamer
-Abstammung erklärt. Je älter eine Form, desto mehr weicht sie der
-allgemeinen Regel zufolge von den lebenden Formen ab. Doch können, wie
-B<span class="smaller">UCKLAND</span> schon längst bemerkt, alle fossile Formen in noch
-lebende Gruppen eingetheilt oder zwischen sie eingeschoben werden.
-Es ist nicht zu bestreiten, dass die erloschenen Formen weite Lücken
-zwischen den jetzt noch bestehenden Sippen, Familien und Ordnungen
-ausfüllen helfen. Denn wenn wir unsre Aufmerksamkeit entweder auf die
-lebenden oder auf die erloschenen Formen allein richten, so ist die
-Reihe viel minder vollkommen, als wenn wir beide in ein gemeinsames
-System zusammenfassen. Hinsichtlich der Wirbelthiere liessen sich viele
-Seiten mit den trefflichen Erläuterungen unsres grossen Paläontologen
-O<span class="smaller">WEN</span> über die Verbindung lebender Thier-Gruppen durch fossile
-Formen anfüllen. Nachdem C<span class="smaller">UVIER</span> die Wiederkäuer und die
-Pachydermen als zwei der aller-verschiedensten Säugthier-Ordnungen
-betrachtet, hat O<span class="smaller">WEN</span> so viele fossile Zwischenglieder
-entdeckt, dass er die ganze Klassifikation dieser zwei Ordnungen zu
-ändern genöthigt war und gewisse Pachydermen in gleiche Unterordnung
-mit Ruminanten versetzte. So z.&#160;B. füllt er die weite Lücke zwischen
-Kameel und Schwein mit kleinen Zwischenstufen aus. Was die Wirbel-losen
-betrifft, so versichert B<span class="smaller">ARRANDE</span>, gewiss die erste<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> Autorität
-in dieser Beziehung, wie er jeden Tag deutlicher erkenne, dass die
-paläolithischen Thiere, wenn auch in einerlei Ordnungen, Familien und
-Sippen mit den jetzt lebenden gehörig, doch noch nicht in so bestimmte
-Gruppen geschieden waren, wie diese letzten.</p>
-
-<p>Einige Schriftsteller haben sich gegen die Meinung erklärt, dass
-eine erloschene Art oder Arten-Gruppe zwischen lebenden Arten oder
-Gruppen in der Mitte stehe. Wenn damit gesagt werden sollte, dass die
-erloschene Form in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen
-zwei lebenden Formen halte, so wäre die Einwendung begründet. Aber ich
-erkenne, dass in einer vollkommen natürlichen Klassifikation viele
-fossile Arten zwischen lebenden Arten, und manche erloschene Sippen
-zwischen lebenden Sippen oder sogar zwischen Sippen verschiedener
-Familien ihre Stelle einzunehmen haben. Der gewöhnliche Fall zumal bei
-sehr ausgezeichneten Gruppen, wie Fische und Reptilien sind, scheint
-mir der zu seyn, dass da, wo dieselben heutigen Tages z.&#160;B. durch
-ein Dutzend Charaktere von einander abweichen, die alten Glieder der
-nämlichen zwei Gruppen in einer etwas geringeren Anzahl von Merkmalen
-unterschieden waren, so dass beide Gruppen vordem, wenn auch schon
-völlig verschieden, doch einander etwas näher stunden als jetzt.</p>
-
-<p>Es ist eine gewöhnliche Meinung, dass eine Form je älter um so mehr
-geeignet seye, mittelst einiger ihrer Charaktere jetzt weit getrennte
-Gruppen zu verknüpfen. Diese Bemerkung muss ohne Zweifel auf solche
-Gruppen beschränkt werden, die im Verlaufe geologischer Zeiten grosse
-Veränderungen erfahren haben, und es möchte schwer seyn, die Wahrheit
-zu beweisen; denn hier und da wird auch noch ein lebendes Thier wie
-der Lepidosiren entdeckt, das mit sehr verschiedenen Gruppen zugleich
-verwandt ist. Wenn wir jedoch die ältern Reptilien und Batrachier, die
-alten Fische, die alten Cephalopoden und die eocänen Säugthiere mit den
-neueren Gliedern derselben Klassen vergleichen, so müssen wir einige
-Wahrheit in der Bemerkung zugestehen.</p>
-
-<p>Wir wollen nun zusehen, in wie ferne diese verschiedenen<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> Thatsachen
-und Schlüsse mit der Theorie abändernder Nachkommenschaft
-übereinstimmen. Da der Gegenstand etwas verwickelt ist, so muss ich den
-Leser bitten, sich nochmals nach dem <a href="#stammbaum">Bilde S. 131</a> umzusehen. Nehmen
-wir an, die numerirten Buchstaben stellen Sippen und die von ihnen
-ausstrahlenden Punkt-Reihen die dazu gehörigen Arten vor. Das <a href="#stammbaum">Bild</a> ist
-insoferne zu einfach, als zu wenige Sippen und Arten darauf angenommen
-sind; doch ist Das unwesentlich für uns. Die wagrechten Linien mögen
-die aufeinander-folgenden geologischen Formationen vorstellen und alle
-Formen unter der obersten dieser Linien als erloschene gelten. Die
-drei lebenden Sippen a<sup>14</sup>, q<sup>14</sup>, p<sup>14</sup> mögen eine kleine Familie
-bilden; b<sup>14</sup> und f<sup>14</sup> eine nahe verwandte oder eine Unter-Familie,
-und o<sup>14</sup>, e<sup>14</sup>, m<sup>14</sup> eine dritte Familie vertreten. Diese drei
-Familien mit den vielen erloschenen Sippen auf den verschiedenen von
-der Stamm-Form A auslaufenden Verzweigungs-Linien bilden eine Ordnung;
-denn alle werden von ihrem alten und gemeinschaftlichen Stammvater
-aus etwas Gemeinsames ererbt haben. Nach dem Prinzip fortdauernder
-Divergenz des Charakters, zu dessen Erläuterung jenes <a href="#stammbaum">Bild</a> bestimmt
-war, muss jede Form je neuer um so stärker von ihrem ersten Stammvater
-abweichen. Daraus erklärt sich eben auch die Regel, dass die ältesten
-fossilen am meisten von den jetzt lebenden Formen verschieden sind.
-Doch dürfen wir nicht glauben, dass Divergenz des Charakters eine
-nothwendige Eigenschaft ist; sie hängt allein davon ab, ob die
-Nachkommen einer Art befähigt sind, viele und verschiedenartige Plätze
-im Haushalt der Natur einzunehmen. Daher ist es auch ganz wohl möglich,
-wie wir bei einigen silurischen Fossilien gesehen, dass eine Art bei
-nur geringer, nur wenig veränderten Lebens-Bedingungen entsprechender
-Modifikation fortbestehen und während langer Perioden stets dieselben
-allgemeinen Charaktere beibehalten kann. Diess wird in dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> durch
-den Buchstaben <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> ausgedrückt.</p>
-
-<p>All’ die vielerlei von A abstammenden Formen, erloschene wie noch
-lebende, bilden nach unsrer Annahme zusammen eine Ordnung, und diese
-Ordnung ist in Folge fortwährenden Erlöschens der Formen und Divergenz
-der Charaktere allmählich<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> in Familien und Unterfamilien getheilt
-worden, von welchen einige in früheren Perioden zu Gründe gegangen sind
-und andre bis auf den heutigen Tag währen.</p>
-
-<p>Das <a href="#stammbaum">Bild</a> zeigt uns ferner, dass, wenn eine Anzahl der schon
-früher erloschenen und in die aufeinander-folgenden Formationen
-eingeschlossenen Formen an verschiedenen Stellen tief unten in der
-Reihe wieder entdeckt würden, die drei noch lebenden Familien auf der
-obersten Linie mehr unter sich verkettet scheinen müssten. Wären z.&#160;B.
-die Sippen a<sup>1</sup>, a<sup>5</sup>, a<sup>10</sup>, f<sup>8</sup>, m<sup>3</sup>, m<sup>6</sup>, m<sup>9</sup> wieder ausgegraben
-worden, so würden die drei Familien so eng mit einander verkettet
-erscheinen, dass man sie wahrscheinlich in eine grosse Familie
-vereinigen würde, etwa so wie es mit den Wiederkäuern und gewissen
-Dickhäutern geschehen ist. Wer nun gegen die Bezeichnung jener die drei
-lebenden Familien verbindenden Sippen als „intermediäre dem Charakter
-nach“ Verwahrung einlegen wollte, würde in der That in so ferne Recht
-haben, als sie nicht direkt, sondern nur auf einem durch viele sehr
-abweichende Formen hergestellten Umwege sich zwischen jene andern
-einschieben. Wären viele erloschene Formen über einer der mitteln
-Horizontal-Linien oder Formationen, wie z.&#160;B. Nr. VI—, aber keine
-unterhalb dieser Linie gefunden worden, so würde man nur die zwei
-auf der linken Seite stehenden Familien — nämlich a<sup>14</sup> etc. und
-b<sup>14</sup> etc. — in eine grosse Familie vereinigen, und die zwei andern
-a<sup>14</sup>–f<sup>14</sup> mit fünf und o<sup>14</sup>–m<sup>14</sup> mit drei Sippen würden dann
-davon getrennt bleiben. Doch würden diese zwei Familien weniger von
-einander verschieden erscheinen, als vor Entdeckung der fossilen Reste.
-Wenn wir z.&#160;B. annehmen, die noch bestehenden Sippen der zwei Familien
-wichen in einem Dutzend Merkmale von einander ab, so müssen dieselben
-in der früheren mit VI bezeichneten Periode weniger Unterschiede
-gezeigt haben, weil sie auf jener Fortbildungs-Stufe von dem
-gemeinsamen Stammvater der Ordnung im Charakter noch nicht so stark wie
-späterhin divergirten. So geschieht es dann, dass alte und erloschene
-Sippen oft einigermaassen zwischen ihren abgeänderten Nachkommen oder
-zwischen ihren Seiten-Verwandten das Mittel halten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p>
-
-<p>In der Natur wird der Fall weit zusammengesetzter seyn, als ihn unser
-<a href="#stammbaum">Bild</a> darstellt; denn die Gruppen sind viel zahlreicher, ihre Dauer
-ist von ausserordentlich ungleicher Länge, und die Abänderungen haben
-manchfaltige Abstufungen erreicht. Da wir nun den letzten Band des
-geologischen Berichtes mit vielfältig unterbrochnem Zusammenhange
-besitzen, so haben wir, einige sehr seltene Fälle ausgenommen,
-kein Recht, die Ausfüllung grosser Lücken im Natur-Systeme und die
-Verbindung getrennter Familien und Ordnungen zu erwarten. Alles,
-was wir hoffen dürfen, ist diejenigen Gruppen, welche erst in der
-bekannten geologischen Zeit grosse Veränderungen erfahren, in den
-frühesten Formationen etwas näher aneinander gerückt zu finden, so
-dass die älteren Glieder in einigen ihrer Charaktere etwas weniger
-weit auseinander gehen, als die jetzigen Glieder derselben Gruppen;
-und Diess scheint nach dem einstimmigem Zeugnisse unserer besten
-Paläontologen oft der Fall zu seyn.</p>
-
-<p>So scheinen sich mir nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit
-fortschreitender Modifikation die wichtigsten Thatsachen hinsichtlich
-der wechselseitigen Verwandtschaft der erloschenen Lebenformen zu
-einander und zu den noch bestehenden Formen in genügender Weise
-zu erklären. Nach jeder andern Betrachtungs-Weise sind sie völlig
-unerklärbar.</p>
-
-<p>Aus der nämlichen Theorie erhellt, dass die Fauna einer grossen Periode
-in der Erd-Geschichte in ihrem allgemeinen Charakter das Mittel halten
-müsse zwischen der zunächst vorangehenden und nachfolgenden. So sind
-die Arten, welche im sechsten grossen Schichten-Stocke unsres <a href="#stammbaum">Bildes</a>
-vorkommen, die abgeänderten Nachkommen derjenigen, welche schon
-im fünften vorhanden gewesen, und sind die Ältern der noch weiter
-abgeänderten im siebenten; sie können daher nicht wohl anders als
-nahezu das Mittel zwischen beiden halten. Wir müssen jedoch hiebei im
-Auge behalten das gänzliche Erlöschen einiger früheren Formen, die
-Einwanderung neuer Formen aus andern Gegenden und die beträchtliche
-Umänderung der Formen während der langen Lücke zwischen zwei
-aufeinander-folgenden Formationen. Diese Zugeständnisse berücksichtigt,
-muss die Fauna jeder grossen<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> geologischen Periode zweifelsohne genau
-das Mittel einnehmen zwischen der vorhergehenden und der folgenden.
-Ich brauche nur als Beispiel anzuführen, wie die Fossil-Reste des
-Devon-Systems die Paläontologen zu dessen Aufstellung veranlasst haben,
-als sie deren mitteln Charakter zwischen denen des darunterliegenden
-Silur- und des darauf-folgenden Steinkohlen-Systemes erkannten. Aber
-nicht jede Fauna muss dieses Mittel genau einhalten, weil die zwischen
-aufeinander-folgenden Formationen verflossenen Zeiträume ungleich lang
-seyn können.</p>
-
-<p>Es ist kein wesentlicher Einwand gegen die Wahrheit der Behauptung,
-dass die Fauna jeder Periode im Ganzen genommen ungefähr das Mittel
-zwischen der vorigen und der folgenden Fauna halten müsse, darin
-zu finden, dass manche Sippen Ausnahmen von dieser Regel bilden.
-So stimmen z.&#160;B., wenn man Mastodonten und Elephanten nach Dr.
-F<span class="smaller">ALCONER</span> zuerst nach ihrer gegenseitigen Verwandtschaft und
-dann nach ihrer geologischen Aufeinanderfolge in zwei Reihen ordnet,
-beide Reihen nicht mit einander überein. Die in ihren Charakteren am
-weitesten abweichenden Arten sind weder die ältesten noch die jüngsten,
-noch sind die von mittlem Charakter auch von mittlem Alter. Nehmen wir
-aber für einen Augenblick an, unsre Kenntniss von den Zeitpunkten des
-Erscheinens und Verschwindens der Arten seye in diesem und ähnlichen
-Fällen vollkommen genau, so haben wir doch noch kein Recht zu glauben,
-dass die nacheinander auftretenden Formen nothwendig auch gleich-lang
-bestehen müssen; eine sehr alte Form kann zufällig eine längre Dauer
-als eine irgendwo später entwickelte Form haben, was insbesondre von
-solchen Landbewohnern gilt, welche in ganz getrennten Bezirken zu
-Hause sind. Kleines mit Grossem vergleichend wollen wir die Tauben als
-Beispiel wählen. Wenn man die lebenden und erloschenen Haupt-Rassen
-unsrer Haus-Tauben so gut als möglich nach ihren Verwandtschaften
-in Reihen ordnete, so würde diese Anordnungs-Weise nicht genau
-übereinstimmen weder mit der Zeitfolge ihrer Entstehung und noch
-weniger mit der ihres Untergangs. Denn die stammälterliche Felstaube
-lebt noch, und viele Zwischenvarietäten zwischen ihr und der Botentaube
-sind<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> erloschen, und Botentauben, welche in der Länge des Schnabels
-das Äusserste bieten, sind früher entstanden, als die kurzschnäbeligen
-Purzler, welche das entgegengesetzte Ende der auf die Schnabel-Länge
-gegründeten Reihenfolge bilden.</p>
-
-<p>Mit der Behauptung, dass die organischen Reste einer mitteln Formation
-auch einen nahezu mitteln Charakter besitzen, steht die Thatsache,
-worauf alle Paläontologen bestehen, in nahem Zusammenhang, dass nämlich
-die fossilen aus zwei aufeinander-folgenden Formationen viel näher
-als die aus entfernten mit einander verwandt sind. P<span class="smaller">ICTET</span>
-führt als ein wohl-bekanntes Beispiel die allgemeine Ähnlichkeit der
-organischen Reste aus den verschiedenen Stöcken der Kreide-Formation
-an, obwohl die Arten in allen Stöcken verschieden sind. Diese Thatsache
-allein scheint ihrer Allgemeinheit wegen Professor P<span class="smaller">ICTET</span>
-in seinem festen Glauben an die Unveränderlichkeit der Arten wankend
-gemacht zu haben. Wohl bekannt mit der Vertheilungs-Weise der jetzt
-lebenden Arten über die Erd-Oberfläche, wagt er doch nicht eine
-Erklärung über die grosse Ähnlichkeit verschiedener Spezies in nahe
-aufeinander-folgenden Formationen aus der Annahme herzuleiten, dass
-die physikalischen Bedingungen der alten Länder-Gebiete sich fast
-gleich geblieben seyen. Erinnern wir uns, dass die Lebenformen
-wenigstens des Meeres auf der ganzen Erde und mithin unter den
-aller-verschiedensten Klimaten u.&#160;a. Bedingungen fast gleichzeitig
-gewechselt haben; — und bedenken wir, welchen unbedeutenden Einfluss
-die wunderbarsten klimatischen Veränderungen während der die ganze
-Eis-Zeit umschliessenden Pleistocän-Periode auf die spezifischen Formen
-der Meeres-Bewohner ausgeübt haben!</p>
-
-<p>Nach der Theorie der gemeinsamen Abstammung ist die volle
-Bedeutung der Thatsache klar, dass fossile Reste aus unmittelbar
-aufeinander-folgenden Formationen, wenn auch als Arten verschieden,
-nahe mit einander verwandt sind. Da die Ablagerung jeder Formation
-oft unterbrochen worden ist und lange Pausen zwischen der Absetzung
-verschiedener Formationen stattgefunden haben, so dürfen wir, wie ich
-im letzten Kapitel zu zeigen versucht, nicht erwarten in irgend einer
-oder zwei Formationen alle<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> Zwischenvarietäten zwischen den Arten zu
-finden, welche am Anfang und am Ende dieser Formationen gelebt haben;
-wohl aber müssten wir nach mehr oder weniger grossen Zwischenräumen
-(sehr lang in Jahren ausgedrückt, aber mässig lang in geologischem
-Sinne) nahe verwandte Formen oder, wie manche Schriftsteller sie
-genannt haben, „stellvertretende Arten“ finden, und diese finden wir
-in der That. Kurz wir entdecken diejenigen Beweise einer langsamen
-und fast unmerkbaren Umänderung spezifischer Formen, wie wir sie zu
-erwarten berechtigt sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Über die Entwickelungs-Stufe alter gegenüber den noch lebenden
-Formen.</em>) Wir haben im vierten Kapitel gesehen, dass der Grad der
-Differenzirung und Spezialisirung der Theile und organischen Wesen
-in ihrem reifen Alter den besten bis jetzt versuchten Maasstab zur
-Bemessung der Vollkommenheits- oder Höhen-Stufe derselben abgibt.
-Wir haben auch gesehen, dass, insoferne Spezialisirung der Theile
-und Organe ein Vortheil für jedes Wesen ist, die Natürliche Züchtung
-beständig streben wird, die Organisation eines jeden Wesens immer mehr
-zu spezialisiren und somit, in diesem Sinne genommen, vollkommener zu
-machen; was jedoch nicht ausschliesst, dass noch immer viele Geschöpfe,
-für einfachre Lebens-Bedingungen bestimmt, auch ihre Organisation
-einfach und unverbessert behalten. Es ist keine wesentliche Einwendung
-gegen meine Ansichten (obwohl wir zu wenig von den Lebens-Beziehungen
-kennen um irgend eine genaue Erklärung zu bieten), wenn gewisse
-Brachiopoden seit der frühesten geologischen Periode fast unverändert
-geblieben sind und wenn Süsswasser-Mollusken, wie Professor
-P<span class="smaller">HILIPPS</span> hervorgehoben hat, bis zum heutigen Tage fast keine
-Umänderung erfahren haben; jedoch sind diese letzten einer lebhaftern
-Mitbewerbung ausgesetzt gewesen, als die Bewohner des weiten Meeres.
-Auch in einem anderen und allgemeineren Sinne ergibt sich, dass nach
-der Theorie der Natürlichen Züchtung die neueren Formen höher als ihre
-Vorfahren streben; denn jede neue Art hat sich allmählich entwickelt,
-weil sie im Kampfe ums Daseyn stets einen Vorzug vor andern und älteren
-Formen besass. Wenn in einem nahezu ähnlichen Klima<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> die eocänen
-Bewohner einer Weltgegend zur Bewerbung mit den jetzigen Bewohnern
-derselben oder einer andern Weltgegend berufen würden, so müsste die
-eocäne Fauna oder Flora gewiss unterliegen und vertilgt werden, wie
-eine sekundäre Fauna von der eocänen und eine paläolitische von der
-sekundären überwunden werden würde. — Der Theorie der Natürlichen
-Züchtung gemäss müssten demnach die neuen Formen ihre höhere Stellung
-den alten gegenüber nicht nur durch ihren Sieg im Kampfe ums Daseyn,
-sondern auch durch eine weiter gediehene Spezialisirung der Organe
-bewähren. Ist Diess aber wirklich der Fall? Eine grosse Mehrzahl der
-Geologen würde Diess zweifelsohne bejahen. Aber mein unvollkommenes
-Urtheil vermag ihnen, nachdem ich die Erörterungen von L<span class="smaller">YELL</span>
-in dieser Beziehung gelesen und H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> Meinung in Bezug auf
-die Pflanzen kennen gelernt habe, nur bis zu einem beschränkten Grade
-beizupflichten. Demungeachtet dürfte der entscheidende Beweis erst noch
-durch spätre geologische Forschungen zu liefern seyn. B<span class="smaller">RONN</span>
-hat diesen Gegenstand vollständiger und angemessener als irgend ein
-anderer Autor behandelt<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a>.</p>
-
-<p>Die Aufgabe ist in vieler Hinsicht ausserordentlich verwickelt. Der
-geologische Schöpfungs-Bericht, schon zu allen Zeiten unvollständig,
-reicht nach meiner Meinung nicht weit genug zurück, um mit
-unverkennbarer Klarheit zu zeigen, dass innerhalb der bekannten
-Geschichte der Erde die Organisation grosse Fortschritte gemacht
-hat. Sind doch selbst heutzutage noch die Naturforscher oft nicht
-einstimmig, welche Thiere einer Klasse die höheren sind. So sehen
-Einige die Haie wegen einiger wichtigen Beziehungen ihrer Organisation
-zu der der Reptilien als die höchsten Fische an, während andre die
-Knochenfische als solche betrachten. Die Ganoiden stehen in der Mitte
-zwischen den Haien und Knochenfischen. Heutzutage sind diese letzten
-an Zahl weit vorwaltend, während es vordem nur Haie und Ganoiden
-gegeben hat und in diesem Falle wird man sagen, die Fische<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> seyen
-in ihrer Organisation vorwärts geschritten oder zurückgegangen, je
-nachdem man sie mit einem andern Maasstabe misst<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>. Aber es ist ein
-hoffnungsloser Versuch die Höhe von Gliedern ganz verschiedener Typen
-gegen einander abzumessen. Wer vermöchte zu sagen, ob ein Tintenfisch
-(Sepia) höher als die Biene stehe: als dieses Insekt, von dem der
-grosse Naturforscher <span class="smaller">V</span>. B<span class="smaller">AER</span> sagt, dass es in der That höher
-als ein Fisch organisirt seye, wenn auch nach einem andern Typus. In
-dem verwickelten Kampfe ums Daseyn ist es ganz glaublich, dass solche
-Kruster z.&#160;B., welche in ihrer eignen Klasse nicht sehr hoch stehen,
-die Cephalopoden oder unvollkommensten Weichthiere überwinden würden;
-und diese Kruster, obwohl nicht hoch entwickelt, müssen doch sehr hoch
-auf der Stufenleiter der Wirbel-losen Thiere stehen, wenn man nach
-dem entscheidendsten aller Kriterien, dem Gesetze des Wettkampfes ums
-Daseyn urtheilt.</p>
-
-<p>Abgesehen von der Schwierigkeit, die es an und für sich hat zu
-entscheiden, welche Formen der Organisation nach die höchsten sind,
-haben wir nicht allein die höchsten Glieder einer Klasse in zwei
-verschiedenen Perioden (obwohl Diess gewiss eines der wichtigsten
-oder vielleicht das wichtigste Element bei der Abwägung ist),
-sondern wir haben alle Glieder, hoch und nieder, mit einander zu
-vergleichen. In alter Zeit wimmelte es von vollkommensten sowohl als
-unvollkommensten Weichthieren, von Cephalopoden und Brachiopoden
-nämlich; während heutzutage diese beiden Ordnungen sehr zurückgegangen
-und die zwischen ihnen in der Mitte stehenden Klassen mächtig
-angewachsen<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> sind. Demgemäss haben einige Naturforscher geschlossen,
-dass die Mollusken vordem höher entwickelt gewesen sind als jetzt;
-während andre sich auf die gegenwärtige beträchtliche Verminderung
-der unvollkommenen Mollusken um so mehr beriefen, als auch die noch
-vorhandenen Cephalopoden, obgleich weniger an Zahl, doch höher als
-ihre alten Stellvertreter organisirt seyen. Wir müssen daher die
-Proportional-Zahlen der obren und der unteren Klassen der Bevölkerung
-der Erde in zwei verschiedenen Perioden mit einander vergleichen. Wenn
-es z.&#160;B. jetzt 50,000 Arten Wirbelthiere gäbe und wir dürften deren
-Anzahl in irgend einer früheren Periode nur auf 10,000 schätzen, so
-müssten wir diese Zunahme der obersten Klassen, welche zugleich eine
-grosse Verdrängung tieferer Formen aus ihrer Stelle bedingte, als
-einen entschiedenen Fortschritt in der organischen Bildung betrachten,
-gleichviel ob es die höheren oder die tieferen Wirbelthiere wären,
-welche dabei sehr zugenommen hätten.<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a> Man ersieht hieraus, wie
-gering allem Anscheine nach die Hoffnung ist, unter so äusserst
-verwickelten Beziehungen jemals in vollkommen richtiger Weise
-die relative Organisations-Stufe unvollkommen bekannter Faunen
-nach-einander folgender Perioden in der Erd-Geschichte zu beurtheilen.</p>
-
-<p>Von einem andern wichtigen Gesichtspunkte aus werden wir diese
-Schwierigkeit um so richtiger würdigen, wenn wir gewisse
-jetzt vorhandene Faunen und Floren ins Auge fassen. Nach der
-aussergewöhnlichen Art zu schliessen, wie sich in neuerer Zeit
-aus <i>Europa</i> eingeführte Erzeugnisse über <i>Neuseeland</i>
-verbreitet und Plätze eingenommen haben, welche doch schon vorher
-besetzt gewesen, würde sich wohl, wenn man alle Pflanzen und Thiere
-<i>Grossbritanniens</i> dort frei aussetzte, eine Menge Britischer
-Formen mit der Zeit vollständig daselbst naturalisiren und viele
-der eingebornen vertilgen. Dagegen dürfte Das, was wir jetzt in
-<i>Neuseeland</i> sich zutragen sehen, und die Thatsache, dass<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> noch
-kaum ein Bewohner der südlichen Hemisphäre in irgend einem Theile
-<i>Europa’s</i> verwildert ist, uns zu zweifeln veranlassen, ob, wenn
-alle Natur-Erzeugnisse <i>Neuseelands</i> in <i>Grossbritannien</i>
-frei ausgesetzt würden, eine etwas grössere Anzahl derselben
-vermögend wäre, sich jetzt von eingeborenen Pflanzen und Thieren
-schon besetzte Stellen zu erobern. Von diesem Gesichtspunkte aus
-kann man sagen, dass die Produkte <i>Grossbritanniens</i> höher als
-die <i>Neuseeländischen</i> stehen. Und doch hätte der tüchtigste
-Naturforscher nach der sorgfältigsten Untersuchung der Arten beider
-Gegenden dieses Resultat nicht voraussehen können.</p>
-
-<p>A<span class="smaller">GASSIZ</span> hebt hervor, dass die alten Thiere in gewissen
-Beziehungen den Embryonen neuer Thiere derselben Klasse gleichen,
-oder dass die geologische Aufeinanderfolge erloschener Formen
-gewissermaassen der embryonischen Entwickelung neuer Formen parallel
-läuft. Ich muss jedoch P<span class="smaller">ICTET</span>’<span class="smaller">S</span> und H<span class="smaller">UXLEY</span>’<span class="smaller">S</span> Meinung
-beipflichten, dass diese Lehre von Ferne nicht erwiesen ist. Doch
-bin ich ganz der Erwartung sie sich später wenigstens hinsichtlich
-solcher untergeordneter Gruppen bestätigen zu sehen, die sich erst
-in neuerer Zeit von einander abgezweigt haben. Denn diese Lehre von
-A<span class="smaller">GASSIZ</span> stimmt wohl mit der Theorie der Natürlichen Züchtung
-überein. In einem spätern Kapitel werde ich zu zeigen versuchen,
-dass die Alten von ihren Embryonen in Folge von Abänderungen
-abweichen, welche nicht in der frühesten Jugend erfolgen und auch
-erst auf ein entsprechendes späteres Alter vererbt werden. Während
-dieser Prozess den Embryo fast unverändert lässt, häuft er im Laufe
-aufeinander-folgender Generationen immer mehr Verschiedenheit im Alten
-zusammen.</p>
-
-<p>So erscheint der Embryo gleichsam wie ein von der Natur aufbewahrtes
-Portrait des frühern und noch nicht sehr modifizirten Zustandes eines
-jeden Thieres. Diese Ansicht mag wahr seyn, ist jedoch nie eines
-vollkommenen Beweises fähig. Denn fänden wir auch, dass z.&#160;B. die
-ältesten bekannten Formen der Säugthiere, der Reptilien und der Fische
-zwar genau diesen Klassen entsprächen, aber doch einander etwas näher
-stünden als die jetzigen typischen Vertreter dieser Klassen, so würden
-wir uns<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> doch so lange vergebens nach Thieren umsehen, welche noch den
-gemeinsamen Embryo-Charakter der Vertebraten an sich trügen, als wir
-nicht Fossilien-führende Schichten noch tief unter den silurischen
-entdeckten, wozu in der That sehr wenig Aussicht vorhanden ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Aufeinanderfolge derselben Typen innerhalb gleicher Gebiete
-während der späteren Tertiär-Perioden.</em>) C<span class="smaller">LIFT</span> hat
-vor vielen Jahren gezeigt, dass die fossilen Säugthiere aus den
-Knochen-Höhlen <i>Neuhollands</i> sehr nahe mit den noch jetzt dort
-lebenden Beutelthieren verwandt gewesen sind. In <i>Süd-Amerika</i>
-hat sich eine ähnliche Beziehung selbst für das ungeübte Auge ergeben
-in den Armadill-ähnlichen Panzer-Stücken von riesiger Grösse,
-welche in verschiedenen Theilen von <i>la Plata</i> gefunden worden
-sind; und Professor O<span class="smaller">WEN</span> hat aufs Triftigste bewiesen,
-dass die meisten der dort so zahlreich fossil gefundenen Thiere
-<i>Südamerikanischen</i> Typen angehören. Diese Beziehung ist
-noch deutlicher in den wundervollen Sammlungen fossiler Knochen
-zu erkennen, welche L<span class="smaller">UND</span> und C<span class="smaller">LAUSEN</span> aus den
-<i>Brasilischen</i> Höhlen mitgebracht haben. Diese Thatsachen machten
-einen solchen Eindruck auf mich, dass ich in den Jahren 1839 und 1845
-dieses „Gesetz der Succession gleicher Typen“, diese „wunderbare
-Beziehung zwischen dem Todten und Lebenden in einerlei Kontinent“
-sehr nachdrücklich hervorhob. Professor O<span class="smaller">WEN</span> hat später
-dieselbe Verallgemeinerung auch auf die Säugthiere der <i>alten
-Welt</i> ausgedehnt. Wir finden dasselbe Gesetz wieder in den von
-ihm restaurirten Riesenvögeln <i>Neuseelands</i>. Wir sehen es auch
-in den Vögeln der <i>Brasilischen</i> Höhlen. W<span class="smaller">OODWARD</span> hat
-gezeigt, dass dasselbe Gesetz auch auf die See-Konchylien anwendbar
-ist, obwohl er es der weiten Verbreitung der meisten Mollusken-Sippen
-wegen nicht gut entwickelt hat. Es liessen sich noch andre Beispiele
-anführen, wie die Beziehungen zwischen den erloschenen und lebenden
-Land-Schnecken auf <i>Madeira</i> und zwischen den alten und jetzigen
-Brackwasser-Konchylien des <i>Aral-Kaspischen</i> Meeres.</p>
-
-<p>Doch, was bedeutet dieses merkwürdige Gesetz der Aufeinanderfolge
-gleicher Typen in gleichen Länder-Gebieten? Vergleicht<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> man das
-jetzige Klima <i>Neuhollands</i> und der unter gleicher Breite damit
-gelegenen Theile <i>Süd-Amerika’s</i> mit einander, so würde es als ein
-thörichtes Unternehmen erscheinen, einerseits aus der Unähnlichkeit
-der natürlichen Bedingungen die Unähnlichkeit der Bewohner dieser
-zwei Kontinente und anderseits aus der Ähnlichkeit der Verhältnisse
-das Gleichbleiben der Typen in jedem derselben während der späteren
-Tertiär-Perioden erklären zu wollen. Auch lässt sich nicht behaupten,
-dass einem unveränderlichen Gesetze zufolge Beutelthiere hauptsächlich
-oder allein nur in <i>Neuholland</i>, oder Edentaten u.&#160;a. der jetzigen
-<i>Amerikanischen</i> Typen nur in <i>Amerika</i> hervorgebracht
-werden können. Denn es ist bekannt, dass <i>Europa</i> in alten
-Zeiten von zahlreichen Beutelthieren bevölkert war, und ich habe in
-den oben angeführten Schriften gezeigt, dass in <i>Amerika</i> das
-Verbreitungs-Gesetz für die Land-Säugthiere früher ein andres gewesen,
-als es jetzt ist. <i>Nord-Amerika</i> betheiligte sich früher sehr an
-dem jetzigen Charakter der südlichen Hälfte des Kontinentes, und die
-südliche Hälfte war früher mehr als jetzt mit der nördlichen verwandt.
-Durch F<span class="smaller">ALCONER</span> und C<span class="smaller">AUTLEY</span>’<span class="smaller">S</span> Entdeckungen wissen
-wir, dass <i>Nord-Indien</i> hinsichtlich seiner Säugthiere früher in
-näherer Beziehung als jetzt mit <i>Afrika</i> stund. Analoge Thatsachen
-liessen sich auch von der Verbreitung der See-Thiere mittheilen.</p>
-
-<p>Nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit fortschreitender
-Abänderung erklärt sich das grosse Gesetz langwährender aber nicht
-unveränderlicher Aufeinanderfolge gleicher Typen auf einem und
-demselben Felde unmittelbar. Denn die Bewohner eines jeden Theiles der
-Welt werden offenbar streben in diesem Theile während der nächsten
-Zeitperiode nahe verwandte, doch etwas abgeänderte Nachkommen zu
-hinterlassen. Sind die Bewohner eines Kontinents früher von denen eines
-andern Festlandes sehr verschieden gewesen, so werden ihre abgeänderten
-Nachkommen auch jetzt noch in fast gleicher Art und Stufe von
-einander abweichen. Aber nach sehr langen Zeiträumen und sehr grosse
-Wechselwanderungen gestattenden geographischen Veränderungen werden
-die schwächeren den herrschenden Formen<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> weichen und so ist nichts
-unveränderlich in Verbreitungs-Gesetzen früherer und jetziger Zeit.</p>
-
-<p>Vielleicht fragt man mich im Spott, ob ich glaube, dass das Megatherium
-und die andern ihm verwandten Ungethüme in <i>Süd-Amerika</i> das
-Faulthier, das Armadill und die Ameisenfresser als abgeänderte
-Nachkommen hinterlassen haben. Diess kann man keinen Augenblick
-zugeben. Jene grossen Thiere sind völlig erloschen, ohne eine
-Nachkommenschaft zu hinterlassen. Aber in den Höhlen <i>Brasiliens</i>
-sind viele ausgestorbene Arten, in Grösse u.&#160;a. Merkmalen nahe verwandt
-mit den noch jetzt in <i>Süd-Amerika</i> lebenden Spezies, und einige
-der fossilen mögen wirklich die Erzeuger noch jetzt dort lebender
-Arten seyn. Man darf nicht vergessen, dass nach meiner Theorie alle
-Arten einer Sippe von einer und der nämlichen Spezies abstammen, so
-dass wenn von sechs Sippen jede acht Arten in einerlei geologischer
-Formation enthält und in der nächst-folgenden Formation wieder sechs
-andre verwandte oder stellvertretende Sippen mit gleicher Arten-Zahl
-vorkommen, wir dann schliessen dürfen, dass nur eine Art von jeder der
-sechs älteren Sippen modifizirte Nachkommen hinterlassen habe, welche
-die sechs neueren Sippen bildeten. Die andren sieben Arten der alten
-Genera sind alle ausgestorben, ohne Erben zu hinterlassen. Doch möchte
-es wohl weit öfter vorkommen, dass zwei oder drei Arten von nur zwei
-oder drei der alten Sippen die Ältern der sechs neuen Genera gewesen
-und die andern alten Arten und sämmtliche übrigen alten Sippen gänzlich
-erloschen sind. In untergehenden Ordnungen mit abnehmender Sippen- und
-Arten-Zahl, wie es offenbar die Edentaten <i>Süd-Amerika’s</i> sind,
-werden weniger Genera und Spezies abgeänderte Nachkommen in gerader
-Linie hinterlassen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenstellung des vorigen und jetzigen Kapitels.</em>) Ich habe
-zu zeigen gesucht, dass die geologische Schöpfungs-Urkunde äusserst
-unvollkommen ist; dass erst nur ein kleiner Theil der Erd-Oberfläche
-sorgfältig untersucht worden ist; dass nur gewisse Klassen organischer
-Wesen zahlreich in fossilem Zustande erhalten sind; dass die Anzahl
-der in unsren<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> Museen aufbewahrten Individuen und Arten gar nichts
-bedeutet im Vergleiche mit der unberechenbaren Zahl von Generationen,
-die nur während einer Formations-Zeit aufeinander-gefolgt seyn
-müssen; dass in der Regel ungeheure Zeiträume zwischen je zwei
-aufeinander-folgenden Formationen verflossen seyn müssen, weil
-Fossilien-reiche Bildungen mächtig genug, um künftiger Zerstörung zu
-widerstehen, sich gewöhnlich nur während Senkungs-Perioden ablagern
-können; dass mithin wahrscheinlich während der Senkungs-Zeiten mehr
-Aussterben und während der Hebungs-Zeiten mehr Abändern organischer
-Formen stattgefunden hat; dass der Schöpfungs-Bericht aus diesen
-letzten Perioden am unvollkommensten erhalten ist; dass jede einzelne
-Formation nicht in ununterbrochenem Zusammenhang abgelagert worden;
-dass die Dauer jeder Formation vielleicht kurz ist im Vergleich zur
-mitteln Dauer der Arten-Formen; dass Einwanderungen einen grossen
-Antheil am ersten Auftreten neuer Formen in der Formation einer Gegend
-gehabt haben; dass die am weitesten verbreiteten Arten auch am meisten
-variirt und am öftesten Veranlassung zur Entstehung neuer Arten gegeben
-haben; und dass Varietäten anfangs oft nur örtlich gewesen sind.
-Alle diese Ursachen zusammengenommen müssen die geologische Urkunde
-äusserst unvollständig machen und können es grossentheils erklären,
-warum wir zwar einzelne Mittelformen zwischen den Gliedern einer
-Organismen-Gruppe finden, aber nicht endlose Varietäten-Reihen die
-erloschenen und lebenden Formen in den feinsten Abstufungen miteinander
-verketten sehen.</p>
-
-<p>Wer diese Ansichten von der Beschaffenheit des geologischen Berichtes
-verwerfen will, muss auch meine ganze Theorie verwerfen. Denn vergebens
-wird er dann fragen, wo die zahllosen Übergangs-Glieder geblieben,
-welche die nächst verwandten oder stellvertretenden Arten einst
-mit einander verkettet haben müssen, die man in den verschiedenen
-Stöcken einer grossen Formation übereinander findet. Er wird nicht an
-die unermesslichen Zwischenzeiten glauben, welche zwischen unseren
-aufeinander-folgenden Formationen verflossen sind; er wird übersehen,
-welchen wesentlichen Antheil die Wanderungen seit dem ersten<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span>
-Erscheinen der Organismen in den Formationen einer grossen Weltgegend
-wie <i>Europa</i> für sich allein betrachtet gehabt haben; er wird sich
-auf das anscheinend, aber oft nur anscheinend, plötzliche Auftreten
-ganzer Arten-Gruppen berufen. Wenn er fragen sollte, wo denn die Reste
-jener unendlich zahlreichen Organismen geblieben, welche lange vor der
-Bildung der ältesten Silur-Schichten abgelagert worden seyn müssen,
-so kann ich nur hypothetisch darauf antworten, dass, so viel noch zu
-sehen, unsre Ozeane sich schon seit unermesslichen Zeiträumen an ihren
-jetzigen Stellen befunden haben, und dass da, wo unsre Kontinente jetzt
-stehen, sie sicher seit der Silur-Zeit gestanden sind; dass aber die
-Erd-Oberfläche lange vor dieser Periode ein ganz andres Aussehen gehabt
-haben dürfte, und dass die alten Kontinente aus Formationen noch viel
-älter als die silurische bestehend sich bereits alle in metamorphischem
-Zustande befinden oder tief unter den Ozean versenkt liegen.</p>
-
-<p>Doch sehen wir von diesen Schwierigkeiten ab, so scheinen mir
-alle andern grossen und leitenden Thatsachen in der Paläontologie
-einfach aus der Theorie der Abstammung von gemeinsamen Urältern mit
-fortschreitender Abänderung durch Natürliche Züchtung zu folgen.
-Es erklärt sich daraus, warum neue Arten nur langsam nacheinander
-auftreten; warum Arten verschiedener Klassen nicht nothwendig in
-gleichem Verhältnisse oder gleichem Grade miteinander wechseln,
-sondern alle nur im Verlauf langer Perioden Veränderungen unterliegen.
-Das Erlöschen alter Formen ist die unvermeidlichste Folge vom
-Entstehen neuer. Es erklärt sich warum eine Spezies, wenn einmal
-verschwunden, nie wieder erscheint. Arten-Gruppen (Sippen u.&#160;s.&#160;w.)
-wachsen nur langsam an Zahl und dauern ungleich lange Perioden aus;
-denn der Prozess der Abänderung ist nothwendig ein langsamer und von
-vielerlei verwickelten Zufällen abhängig. Die herrschenden Arten der
-grösseren herrschenden Gruppen streben viele abgeänderte Nachkommen
-zu hinterlassen, und so werden wieder neue Untergruppen und Gruppen
-gebildet. Im Verhältnisse als diese entstehen, neigen sich die
-Arten minder kräftiger Gruppen in Folge ihrer gemeinsam ererbten
-Unvollkommenheit dem gemeinsamen<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> Erlöschen zu, ohne irgendwo auf der
-Erd-Oberfläche eine abgeänderte Nachkommenschaft zu hinterlassen.
-Aber das gänzliche Erlöschen einer ganzen Arten-Gruppe mag oft ein
-sehr langsamer Prozess seyn, wenn einzelne Arten in geschützten oder
-abgeschlossenen Standorten kümmernd noch eine Zeit lang fortleben
-können. Ist eine Gruppe einmal untergegangen, so kann sie nie wieder
-erscheinen, weil ein Glied aus der Generationen-Reihe zerbrochen ist.</p>
-
-<p>So ist es begreiflich, dass die Ausbreitung herrschender Lebenformen,
-welche eben am öftesten variiren, mit der Länge der Zeit die Erde mit
-nahe verwandten jedoch modifizirten Formen bevölkern, denen es sodann
-gewöhnlich gelingt die Plätze jener Arten-Gruppen einzunehmen, welche
-ihnen im Kampfe ums Daseyn unterliegen. Daher wird es denn nach langen
-Zwischenzeiten aussehen, als hätten die Bewohner der Erd-Oberfläche
-überall gleich-zeitig gewechselt.</p>
-
-<p>So ist es ferner begreiflich, woher es kommt, dass die alten und neuen
-Lebenformen ein grosses System mit einander bilden, da sie durch
-Zeugung mit einander verbunden sind. Es ist aus der fortgesetzten
-Neigung zur Divergenz des Charakters begreiflich, warum die fossilen
-Formen um so mehr von den jetzt lebenden abweichen, je älter sie
-sind; warum alte und erloschene Formen oft Lücken zwischen lebenden
-auszufüllen geeignet sind und zuweilen zwei Gruppen mit einander
-vereinigen, welche zuvor getrennt aufgestellt worden, obwohl sie solche
-in der Regel nur etwas näher einander rücken. Je älter eine Form ist,
-um so öfter scheint sie Charaktere zu entwickeln, welche zwischen jetzt
-getrennten Gruppen mehr und weniger das Mittel halten; denn je älter
-eine Form ist, desto näher verwandt und mithin ähnlicher wird sie dem
-gemeinsamen Stamm-Vater solcher Gruppen seyn, welche seither weit
-auseinander gegangen sind. Erloschene Formen halten selten genau das
-Mittel zwischen lebenden, sondern stehen in deren Mitte nur in Folge
-einer weitläufigen Verkettung durch viele erloschene und abweichende
-Formen. Wir ersehen deutlich, warum die organischen Reste dicht
-aufeinanderfolgender Formationen einander ähnlicher als die weit von<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span>
-einander entfernter seyn müssen; denn jene Formen stehen in näherer
-Bluts-Verwandtschaft als diese mit einander. Wir vermögen endlich
-einzusehen, warum die organischen Reste mittler Formationen auch das
-Mittel in ihren Charakteren halten.</p>
-
-<p>Die Erd-Bewohner einer jeden späteren Periode müssen die früheren
-im Kampfe um’s Daseyn besiegt haben und müssen in soferne auf einer
-höheren Vollkommenheits-Stufe als diese stehen und ihr Körper-Bau
-ist seitdem im Allgemeinen mehr spezialisirt worden, und es mag
-sich aus dem unbestimmten und missdeuteten Gefühl davon erklären,
-dass viele Paläontologen an einen Fortschritt der Organisation im
-Ganzen glauben. Sollte sich später ergeben, dass alte Thier-Formen
-in gewissem Grade den Embryonen neuer aus der nämlichen Klasse
-gleichen, so würde auch Diess zu begreifen seyn. Die Aufeinanderfolge
-gleicher Organisations-Typen auf gleichem Gebiete während der letzten
-geologischen Perioden hört auf geheimnissvoll zu seyn und ist eine
-einfache Folge der Vererbung.</p>
-
-<p>Wenn daher die geologische Schöpfungs-Urkunde so unvollständig ist,
-als ich es glaube (und es lässt sich wenigstens behaupten, dass das
-Gegentheil nicht erweisbar), so werden sich die Haupteinwände gegen
-die Theorie der Natürlichen Züchtung in hohem Grade vermindern oder
-gänzlich verschwinden. Dagegen scheinen mir die Haupt-Gesetze der
-Paläontologie deutlich zu beweisen, dass die Arten durch gewöhnliche
-Zeugung entstanden sind. Frühere Lebenformen sind durch die noch
-fortwährend um uns her thätigen Variations-Gesetze entstandene und
-durch Natürliche Züchtung erhaltene vollkommenere Formen ersetzt
-worden.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Eilftes_Kapitel">Eilftes Kapitel.<br />
-
-<b>Geographische Verbreitung.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus
-den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. — Wichtigkeit der
-Verbreitungs-Schranken. — Verwandtschaft der Erzeugnisse eines
-nämlichen Kontinentes. — Schöpfungs-Mittelpunkte. — Ursachen der
-Verbreitung sind Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und
-mitunter zufällige. — Die Zerstreuung während der Eis-Periode über
-die ganze Erd-Oberfläche erstreckt.</p>
-
-<p>Bei Betrachtung der Verbreitungs-Weise der organischen Wesen über
-die Erd-Oberfläche besteht die erste wichtige Thatsache, welche
-uns in die Augen fällt, darin, dass weder die Ähnlichkeit noch die
-Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden aus klimatischen
-u.&#160;a. physikalischen Bedingungen erklärbar ist. Alle, welche diesen
-Gegenstand studirt haben, sind endlich zu dem nämlichen Ergebniss
-gelangt. Das Beispiel <i>Amerika’s</i> würde schon allein genügen,
-Diess zu beweisen. Denn alle Autoren stimmen darin überein, dass mit
-Ausschluss des nördlichen um den Pol her ziemlich zusammenhängenden
-Theiles, die Trennung der <i>alten</i> und der <i>neuen Welt</i>
-eine der ersten Grundlagen der geographischen Vertheilung der
-Organismen bilde. Wenn wir aber den weiten <i>Amerikanischen</i>
-Kontinent von den mitteln Theilen der <i>Vereinten Staaten</i> an
-bis zu seinem südlichsten Punkte durchwandern, so begegnen wir den
-aller-verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, den feuchtesten Strichen
-und den trockensten Wüsten, hohen Gebirgen und grasigen Ebenen, Wäldern
-und Marschen, Seen und Strömen mit fast jeder Temperatur. Es gibt
-kaum ein Klima oder eine Bedingung in der <i>alten Welt</i> wozu sich
-nicht eine Parallele in der <i>neuen</i> fände, so ähnlich wenigstens,
-als Diess zum Fortkommen der nämlichen Arten erforderlich wäre; denn
-es ist ein äusserst seltener Fall, irgend eine Organismen-Gruppe auf
-einen kleinen Fleck mit etwas eigenthümlichen Lebens-Bedingungen
-beschränkt zu finden. So z.&#160;B. gibt es in der <i>alten Welt</i> wohl
-einige Stellen, heisser als irgend welche in der <i>neuen</i>; und doch
-haben diese keine eigenthümliche<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> Fauna oder Flora. Aber ungeachtet
-dieses Parallelismus in den Lebens-Bedingungen der <i>alten</i> und der
-<i>neuen</i> Welt wie weit sind ihre lebenden Bewohner verschieden!</p>
-
-<p>Wenn wir in der südlichen Halbkugel grosse Landstriche in
-<i>Australien</i>, <i>Süd-Afrika</i> und <i>West-Südamerika</i>
-zwischen 25°–35° S. Br. miteinander vergleichen, so werden wir manche
-in allen ihren natürlichen Verhältnissen einander äusserst ähnliche
-Theile finden, und doch würde es nicht möglich seyn, drei einander
-unähnliche Faunen und Floren ausfindig zu machen. Oder wenn wir die
-Natur-Produkte <i>Süd-Amerikas</i> im Süden vom 35° Br. und im Norden
-vom 25° Br. mit einander vergleichen, die mithin ein sehr verschiedenes
-Klima bewohnen, so zeigen sich dieselben einander weit näher verwandt,
-als die in <i>Australien</i> und <i>Afrika</i> in fast einerlei Klima
-lebenden sind. Und analoge Thatsachen lassen sich auch in Bezug auf die
-Meeres-Thiere nachweisen.</p>
-
-<p>Als zweite allgemeine Thatsache fällt uns auf, dass Schranken
-verschiedener Art oder Hindernisse freier Wanderung mit den
-Verschiedenheiten zwischen Bevölkerungen verschiedener Gegenden
-in engem und wesentlichem Zusammenhange stehen. So die grosse
-Verschiedenheit fast aller Land-Bewohner der <i>alten</i> und der
-<i>neuen</i> Welt mit Ausnahme der nördlichen Theile, wo sich beide
-nahezu berühren und vordem bei einem nur wenig abweichenden Klima
-die Wanderungen der Bewohner der nördlich-gemässigten Zone in
-ähnlicher Weise möglich gewesen seyn dürften, wie sie noch jetzt von
-Seiten der arktischen Bevölkerung stattfinden. Wir erkennen dieselbe
-Thatsache in der grossen Verschiedenheit zwischen den Bewohnern von
-<i>Australien</i>, <i>Afrika</i> und <i>Süd-Amerika</i> wieder; denn
-diese Gegenden sind fast so vollständig von einander geschieden, als
-es nur immer möglich ist. Auch auf jedem Festlande sehen wir die
-nämliche Erscheinung; denn auf den entgegengesetzten Seiten hoher und
-zusammenhängender Gebirgs-Ketten, grosser Wüsten und mitunter sogar
-nur grosser Ströme finden wir verschiedene Erzeugnisse. Da jedoch
-Gebirgs-Ketten, Wüsten u.&#160;s.&#160;w. nicht ganz unüberschreitbar sind
-oder noch nicht so lang als die zwischen den<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> Festländern gelegenen
-Weltmeere bestehen, so sind diese Verschiedenheiten dem Grade nach viel
-kleiner als die in verschiedenen Kontinenten.</p>
-
-<p>Wenden wir uns nach dem Meere, so finden wir das nämliche Gesetz.
-Keine andern zwei Meeres-Faunen sind so verschieden von einander
-als die an den östlichen und den westlichen Küsten <i>Süd-</i> und
-<i>Mittel-Amerikas</i>. Da ist fast kein Fisch, keine Schnecke, keine
-Krabbe gemeinsam. Und doch sind diese grosse Faunen nur durch die
-schmale Landenge von <i>Panama</i> von einander getrennt. Westwärts
-von den <i>Amerikanischen</i> Gestaden erstreckt sich ein weiter und
-offener Ozean mit nicht einer Insel zum Ruheplatz für Auswanderer; hier
-haben wir eine Schranke andrer Art, und sobald diese überschritten
-ist, treffen wir auf den östlichen Inseln des <i>stillen Meeres</i>
-auf eine neue und ganz verschiedene Fauna. Es erstrecken sich also
-drei Meeres-Faunen nicht weit von einander in parallelen Linien
-weit nach Norden und Süden in sich entsprechenden Klimaten. Da sie
-aber durch unübersteigliche Schranken von Land oder offnem Meer
-von einander getrennt sind, so bleiben sie völlig von einander
-verschieden. Gehen wir aber von den östlichen Inseln im tropischen
-Theile des <i>stillen Meeres</i> noch weiter nach Westen, so finden
-wir keine unüberschreitbaren Schranken mehr; unzählige Inseln oder
-zusammenhängende Küsten bieten sich als Ruheplätze dar, bis wir nach
-Umwanderung einer Hemisphäre zu den Küsten <i>Afrikas</i> gelangen;
-aber in diese weiten Flächen theilen sich keine wohl-charakterisirten
-verschiedenen Meeres-Faunen mehr. Obwohl kaum eine Schnecke, eine
-Krabbe oder ein Fisch jenen drei Faunen an der Ost- und West-Küste
-<i>Amerikas</i> und im östlichen Theile des <i>stillen Ozeans</i>
-gemeinsam ist, so reichen doch viele Fisch-Arten vom <i>stillen</i> bis
-zum <i>Indischen Ozean</i> und sind viele Weichthiere den östlichen
-Inseln der <i>Südsee</i> und den östlichen Küsten <i>Afrikas</i> unter
-sich fast genau entgegenstehenden Meridianen gemein.</p>
-
-<p>Eine dritte grosse Thatsache, schon zum Theil in den vorigen
-mitbegriffen, ist die Verwandtschaft zwischen den Erzeugnissen eines
-nämlichen Festlandes oder Weltmeeres, obwohl die<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> Arten verschiedener
-Theile und Standorte desselben verschieden sind. Es ist Diess ein
-Gesetz von der grössten Allgemeinheit, und jeder Kontinent bietet
-unzählige Belege dafür. Demungeachtet fühlt sich der Naturforscher auf
-seinem Wege von Norden nach Süden unfehlbar betroffen von der Art und
-Weise wie Gruppen von Organismen der Reihe nach einander ersetzen, die
-in den Arten verschieden aber offenbar verwandt sind. Er hört von nahe
-verwandten aber doch verschiedenen Vögeln ähnliche Gesänge, sieht ihre
-ähnlich gebauten Nester mit ähnlich gefärbten Eiern. Die Ebenen der
-<i>Magellans-Strasse</i> sind von einem Nandu (Rhea Americana) bewohnt,
-und im Norden der <i>Laplata</i>-Ebene wohnt eine andre Art derselben
-Sippe, doch kein ächter Strauss (Struthio) oder Emu (Dromaius),
-welche in <i>Afrika</i> und beziehungsweise in <i>Neuholland</i>
-unter gleichen Breiten vorkommen. In denselben <i>Laplata</i>-Ebenen
-finden wir das Aguti (Dasyprocta) und die Hasenmaus (Lagostomus), zwei
-Nagethiere von der Lebensweise unsrer Hasen und Kaninchen und mit ihnen
-in gleiche Ordnung gehörig, aber einen rein <i>Amerikanischen</i>
-Organisations-Typus bildend. Steigen wir zu dem Hoch-Gebirge
-der <i>Cordilleren</i> hinan, so treffen wir die Berg-Hasenmaus
-(Lagidium); sehen wir uns am Wasser um, so finden wir zwei andre
-<i>Süd-Amerikanische</i> Typen, den Coypu (Myopotamus) und Capybara
-(Hydrochoerus) statt des Bibers und der Bisamratte. So liessen sich
-zahllose andre Beispiele anführen. Wie sehr auch die Inseln an den
-<i>Amerikanischen</i> Küsten in ihrem geologischen Bau abweichen
-mögen, ihre Bewohner sind wesentlich <i>Amerikanisch</i>, wenn auch
-von eigenthümlichen Arten. Schauen wir zurück nach nächstfrüheren
-Zeit-Perioden, wie sie im letzten Kapitel erörtert worden, so finden
-wir auch da noch <i>Amerikanische</i> Typen vorherrschend auf dem
-<i>Amerikanischen</i> Festlande wie in <i>Amerikanischen</i> Meeren.
-Wir erkennen in diesen Thatsachen ein tief-liegendes organisches Band,
-in Zeit und Raum vorherrschend über gegebene Land- und Wasser-Flächen,
-unabhängig von ihrer natürlichen Beschaffenheit. Der Naturforscher
-müsste nicht sehr wissbegierig seyn, der sich nicht versucht fühlte,
-näher nach diesem Bande zu forschen.</p>
-
-<p>Diess Band besteht nach meiner Theorie lediglich in der<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> Vererbung,
-derjenigen Ursache, welche allein, soweit wir Sicheres wissen, gleiche
-oder ähnliche Organismen, wie die Varietäten sind, hervorbringt. Die
-Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden wird der Umgestaltung
-durch Natürliche Züchtung und in einem ganz untergeordneten Grade,
-dem unmittelbaren Einflusse äussrer Lebensbedingungen zuzuschreiben
-seyn. Der Grad der Unähnlichkeit hängt davon ab, ob die Wanderung der
-herrschenderen Lebenformen aus der einen Gegend in die andre rascher
-oder langsamer in spätrer oder früherer Zeit vor sich gegangen; er
-hängt von der Natur und Zahl der früheren Einwanderer, von deren
-Wirkung und Rückwirkung im gegenseitigen Kampfe ums Daseyn ab, indem,
-wie ich schon oft bemerkt habe, die Beziehung von Organismus zu
-Organismus die wichtigste aller Beziehungen ist. Bei den Wanderungen
-kommen die oben erwähnten Schranken wesentlich in Betracht, wie
-die Zeit bei dem langsamen Prozess der Natürlichen Züchtung.
-Weit-verbreitete und an Individuen reiche Arten, welche schon über
-viele Mitbewerber in ihrer eignen ausgedehnten Heimath gesiegt, werden
-beim Vordringen in neuen Gegenden die beste Aussicht haben neue Plätze
-zu gewinnen. Unter den neuen Lebens-Bedingungen ihrer späteren Heimath
-werden sie häufig neue Abänderungen und Verbesserungen erfahren; sie
-werden den andern noch überlegener werden und Gruppen abändernder
-Nachkommen erzeugen. Aus diesem Prinzip fortschreitender Vererbung mit
-Abänderung ergibt sich, wie es zugeht, dass Untersippen, Sippen und
-selbst ganze Familien, wie es so gewohnter und anerkannter Maassen der
-Fall, auf gewisse Flächen beschränkt erscheinen.</p>
-
-<p>Wie schon im letzten Kapitel bemerkt worden, so glaube ich an kein
-Gesetz nothwendiger Vervollkommnung; so wie die Veränderlichkeit
-der Arten eine unabhängige Eigenschaft ist und von der Natürlichen
-Züchtung nur so weit ausgebeutet wird, als es den Individuen in ihrem
-vielseitigen Kampfe ums Daseyn zum Vortheile gereicht, so besteht auch
-für die Modifikation der verschiedenen Spezies kein gleiches Maass.
-Wenn z.&#160;B. eine Anzahl von Arten, die miteinander in unmittelbarer
-Mitbewerbung stehen, in Masse nach einer neuen und nachher isolirten
-Gegend<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> auswandern, so werden sie wenig Modifikation erfahren, indem
-weder die Wanderung noch die Isolirung an sich etwas dabei thun. Jene
-Prinzipien kommen hauptsächlich nur in Betracht, wenn man Organismen in
-neue Beziehungen unter einander, weniger wenn man sie in Berührung mit
-neuen Lebens-Bedingungen bringt. Wie wir im letzten Kapitel gesehen,
-dass einige Formen ihren Charakter seit ungeheuer weit zurückgelegenen
-geologischen Perioden fast unverändert behauptet haben, so sind auch
-manche Arten über weite Räume gewandert, ohne grosse Veränderungen zu
-erleiden.</p>
-
-<p>Nach diesen Ansichten liegt es auf der Hand, dass verschiedene Arten
-einer Sippe, wenn sie auch die entferntesten Theile der Welt bewohnen,
-doch ursprünglich aus gleicher Quelle entsprungen, vom nämlichen
-Stammvater entstanden seyn müssen. Was diese Arten betrifft, welche
-im Verlaufe ganzer geologischer Perioden sich nur wenig verändert
-haben, so hat es keine Schwierigkeit anzunehmen, dass sie aus einerlei
-Gegend hergewandert sind; denn während der grossen geographischen
-und klimatischen Veränderungen, welche seit allen Zeiten vor sich
-gegangen, sind Wanderungen auf jede Entfernung möglich gewesen. In
-vielen andern Fällen aber, wo wir Grund haben zu glauben, dass die
-Arten einer Sippe erst in vergleichungsweise neuer Zeit entstanden
-sind, ist die Schwierigkeit weit grösser. Eben so ist es einleuchtend,
-dass Individuen einer Art, wenn sie jetzt auch weit auseinander und
-abgesondert gelegene Gegenden bewohnen, von einer Stelle ausgegangen
-seyn müssen, wo ihre Ältern zuerst erstanden sind; denn, so wie es
-im letzten Abschnitte erläutert worden, ist es unglaublich, dass
-spezifisch gleiche Individuen von verschiedenen Stamm-Arten abstammen
-können.</p>
-
-<p>So wären wir denn bei der neuerlich oft von Naturforschern erörterten
-Frage angelangt, ob Arten je an einer oder an mehren Stellen der
-Erd-Oberfläche erzeugt worden seyen. Zweifelsohne mag es da sehr
-viele Fälle geben, wo es äusserst schwer zu begreifen ist, wie die
-gleiche Art von einem Punkte aus nach den verschiedenen entfernten
-und abgesonderten Gegenden gewandert seyn solle, wo sie nun gefunden
-wird. Demungeachtet<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> drängt sich die Vorstellung, dass jede Art nur von
-einem ursprünglichen Geburtsorte ausgegangen seyn müsse, durch ihre
-Einfachheit dem Geiste auf. Und wer sie verwirft, verwirft die vera
-causa, die gewöhnliche Zeugung mit nachfolgender Wanderung, um zu einem
-Wunder seine Zuflucht zu nehmen. Es wird allgemein zugestanden, dass
-die von einer Art bewohnte Gegend in der Regel zusammenhängend ist; und
-wenn eine Pflanzen- oder Thier-Art zwei von einander so weit entfernte
-oder durch solche Schranken getrennte Punkte bewohnt, dass sie nicht
-leicht von einem zum andern gewandert seyn kann, so betrachtet man
-Diess als etwas Merkwürdiges und Ausnahmsweises. Die Fähigkeit über
-Meer zu wandern, ist bei Land-Säugethieren vielleicht mehr als bei
-irgend einem andern organischen Wesen beschränkt; und wir finden
-damit übereinstimmend auch keinen unerklärbaren Fall, wo dieselbe
-Säugethier-Art sehr entfernte Punkte der Erde bewohnte. Kein Geologe
-findet eine Schwierigkeit darin anzunehmen, dass <i>Grossbritannien</i>
-ehedem mit dem <i>Europäischen</i> Kontinente zusammengehangen sey und
-mithin die nämlichen Säugethiere besessen habe. Wenn aber dieselbe
-Art an zwei entfernten Punkten der Welt erzeugt werden kann, warum
-finden wir nicht eine einzige <i>Europa</i> und <i>Australien</i>
-oder <i>Süd-Amerika</i> gemeinsam angehörige Säugethier-Art? Die
-Lebens-Bedingungen sind nahezu die nämlichen, so dass eine Menge
-<i>Europäischer</i> Pflanzen und Thiere in <i>Amerika</i> und
-<i>Australien</i> naturalisirt worden sind, und sogar einige der
-ureinheimischen Pflanzen-Arten sind genau dieselben an diesen zwei
-so entfernten Punkten der nördlichen und der südlichen Hemisphäre!
-Die Antwort liegt, wie ich glaube, darin, dass Säugethiere nicht
-fähig sind die Wanderung zu machen, während einige Pflanzen mit ihren
-manchfaltigen Verbreitungs-Mitteln diesen weiten und unterbrochenen
-Zwischenraum zu überschreiten vermochten. Der mächtige Einfluss,
-welchen geographische Schranken aller Art auf die Verbreitungs-Weise
-geübt, wird nur unter der Voraussetzung begreiflich, dass weitaus der
-grösste Theil der Spezies nur auf einer Seite derselben erzeugt worden
-ist und Mittel zur Wanderung nach der andern Seite nicht besessen
-hat. Einige wenige Familien, viele<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> Unterfamilien, sehr viele Sippen
-und eine noch grössre Anzahl von Untersippen sind nur auf je eine
-einzelne Gegend beschränkt, und mehre Naturforscher haben die Bemerkung
-gemacht, dass die meisten natürlichen Sippen, diejenigen nämlich,
-deren Arten alle am nächsten mit einander verwandt sind, nur örtlich
-oder wenigstens auf eine zusammenhängende Gegend angewiesen zu seyn
-pflegen. Was für eine wunderliche Anomalie würde es nun seyn, wenn eine
-Stufe tiefer unten in der Reihe die Individuen einer Art sich geradezu
-entgegengesetzt verhielten und die Arten nicht örtlich, sondern in zwei
-oder mehr ganz verschiedenen Gegenden erzeugt worden wären!</p>
-
-<p>Daher scheint mir, wie so vielen andern Naturforschern, die Ansicht
-die wahrscheinlichere zu seyn, dass jede Art nur in einer einzigen
-Gegend entstanden, aber nachher von da aus so weit gewandert seye, als
-Mittel und Subsistenz unter früheren und gegenwärtigen Bedingungen
-gestatteten. Es kommen unzweifelhaft auch jetzt noch viele Fälle
-vor, wo sich nicht erklären lässt, auf welche Weise diese oder jene
-Art von einer Stelle zur andern gelangt ist. Aber geographische und
-klimatische Veränderungen, welche sich in den neuen geologischen Zeiten
-zuverlässig ereignet, müssen den früher bestandnen Zusammenhang der
-Verbreitungs-Flächen vieler Arten unterbrochen haben. So gelangen
-wir zur Erwägung, ob diese Ausnahmen von der Ununterbrochenheit der
-Verbreitungs-Bezirke so zahlreich und so gewichtiger Natur sind, dass
-wir die durch die vorangehenden Betrachtungen wahrscheinlich gemachte
-Meinung, dass jede Art nur auf einem Felde entstanden und von da so
-weit als möglich gewandert seye, aufzugeben genöthigt werden? Es würde
-zum Verzweifeln langweilig seyn, alle Ausnahms-Fälle aufzuzählen und
-zu erörtern, wo eine und dieselbe Art jetzt an verschiedenen weit
-von einander entfernten Orten lebt; auch will ich keinen Augenblick
-behaupten, für viele dieser Fälle eine genügende Erklärung wirklich
-geben zu können. Doch möchte ich nach einigen vorläufigen Bemerkungen
-die wichtigsten Klassen solcher Thatsachen erörtern, wie insbesondere
-das Vorkommen von einerlei Art auf den Spitzen weit von einander
-gelegener Bergketten,<span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span> oder im arktischen und antarktischen Kreise
-zugleich; dann, zweitens (im folgenden Kapitel) die weite Verbreitung
-der Süsswasser-Bewohner, und drittens, das Vorkommen von einerlei
-Landthier-Arten auf Festland und Inseln, welche durch Hunderte von
-Meilen offnen Meeres von einander getrennt sind. Wenn das Vorkommen von
-einer und der nämlichen Art an entfernten und vereinzelten Fundstätten
-der Erd-Oberfläche sich in vielen Fällen durch die Voraussetzung
-erklären lässt, dass diese Art von ihrer Geburts-Stätte aus dahin
-gewandert seye, dann scheint mir in Anbetracht unsrer gänzlichen
-Unbekanntschaft mit den früheren geographischen und klimatischen
-Veränderungen so wie mit manchen zufälligen Transport-Mitteln die
-Annahme, dass Diess die allgemeine Regel gewesen seye, bei Weitem die
-richtigste zu seyn.</p>
-
-<p>Bei Erörterung dieses Gegenstandes werden wir Gelegenheit haben noch
-einen andern für uns gleich-wichtigen Punkt in Betracht zu ziehen, ob
-nämlich die mancherlei verschiedenen Arten einer Sippe, welche meiner
-Theorie zufolge einen gemeinsamen Stammvater hatten, von der Wohnstätte
-ihres Stammvaters ausgegangen seyn (und unterwegs sich etwa noch
-weiter angemessen entwickelt haben) können. Kann gezeigt werden, dass
-eine Gegend, deren meisten Bewohner enge verwandt oder aus gleichen
-Sippen mit den Arten einer zweiten Gegend sind, in früherer Zeit
-wahrscheinlich einmal Einwanderer aus dieser letzten erhalten hat, so
-wird Diess zur Bestätigung meiner Theorie beitragen; denn wir begreifen
-dann aus dem Modifikations-Prinzipe deutlich, warum die Bewohner der
-einen Gegend denen der andern verwandt sind, da sie aus ihr stammen.
-Eine vulkanische Insel z.&#160;B., welche einige Hundert Meilen von einem
-Kontinente entfernt emporstiege, würde wahrscheinlich im Laufe der
-Zeit einige Kolonisten erhalten, deren Nachkommen, wenn auch etwas
-abändernd, doch ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des Kontinents
-auf ihre Nachkommen vererben würden. Fälle dieser Art sind gewöhnlich
-und, wie wir nachher ersehen werden, nach der Theorie unabhängiger
-Schöpfung unerklärlich. Diese Ansicht über die Verwandtschaft der
-Arten einer Gegend zu denen einer<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> andern ist (wenn wir nun das
-Wort Varietät statt Art anwenden) nicht sehr von der durch Hrn.
-W<span class="smaller">ALLACE</span> aufgestellten verschieden, wonach „jede Art entstanden
-ist in Zeit und Raum zusammentreffend mit einer früher vorhandenen nahe
-verwandten Art“. Ich weiss nun aus seiner Korrespondenz, dass er dieses
-„Zusammentreffen“ der Generation mit Abänderung zuschreibt und dafür
-eine lange geologische Zeit-Periode zugesteht.</p>
-
-<p>Die vorangehenden Bemerkungen über ein- oder mehr-fältige
-Schöpfungs-Mittelpunkte führen nicht unmittelbar zu einer andern
-verwandten Frage, ob nämlich alle Individuen einer Art von einem
-einzigen Punkte oder einem Hermaphroditen abstammen, oder ob, wie
-einige Autoren annehmen, von vielen gleichzeitig entstandenen
-Individuen einer Art? Bei solchen Organismen, welche sich niemals
-kreutzen (wenn dergleichen überhaupt existiren), muss nach meiner
-Theorie die Art von einer Reihenfolge vervollkommneter Varietäten
-herrühren, die sich nie mit andern Individuen oder Varietäten
-gekreutzt, sondern einfach einander ersetzt haben, so dass auf jeder
-der aufeinanderfolgenden Umänderungs- und Verbesserungs-Stufen alle
-Individuen von einerlei Varietät auch von einerlei Stammvater herrühren
-müssen. In der Mehrzahl der Fälle jedoch und namentlich bei allen
-Organismen, welche sich zu jeder einzelnen Fortpflanzung paaren oder
-sich oft mit andern kreutzen, glaube ich, dass während des langsamen
-Modifikations-Prozesses die Individuen der Spezies bei der Kreutzung
-sich nahezu gleichförmig erhalten haben, so dass viele derselben
-sich gleichzeitig abänderten und der ganze Betrag der Abänderung auf
-jeder Stufe nicht von der Abstammung von einem gemeinsamen Stammvater
-herrührt. Um zu erläutern, was ich meine, will ich anführen, dass unsre
-Englischen Rasse-Pferde nur wenig von den Pferden jeder andern Züchtung
-abweichen, aber ihre Verschiedenheit und Vollkommenheit nicht davon
-haben, dass sie von einem einzigen Paare abstammen, sondern dieselbe
-der während vieler Generationen angewendeten Sorgfalt bei Auswahl und
-Erziehung vieler Individuen verdanken.</p>
-
-<p>Ehe ich auf nähere Erörterung über diejenigen drei Klassen
-von Thatsachen eingehe, welche der Theorie von den „einzigen<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span>
-Schöpfungs-Mittelpunkten“ die meisten Schwierigkeiten darbieten, muss
-ich den Verbreitungs-Mitteln noch einige Worte widmen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Verbreitungs-Mittel.</em>) Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> u.&#160;a. Autoren haben
-diesen Gegenstand sehr angemessen erörtert. Ich kann hier nur einen
-kurzen Auszug von den wichtigsten Thatsachen liefern. Klima-Wechsel
-mag auf Wanderung der Organismen vom grössten Einflusse gewesen seyn.
-Eine Gegend mit änderndem Klima kann eine Hochstrasse der Auswanderung
-gewesen und jetzt ungangbar seyn; ich muss daher diesen Gegenstand
-zunächst mit einigem Detail behandeln. Höhen-Wechsel des Landes kommt
-dabei wesentlich in Betracht. Eine schmale Landenge trennt jetzt zwei
-Meeres-Faunen; taucht sie unter oder ist sie früher untergetaucht, so
-werden beide Faunen zusammenfliessen oder vordem untergeflossen seyn.
-Wo dagegen sich jetzt die See ausbreitet, da mag vormals trocknes Land,
-Inseln oder selbst Kontinente miteinander verbunden und so Landbewohner
-in den Stand gesetzt haben von einer Seite zur andern zu wandern. Kein
-Geologe bestreitet, dass grosse Veränderungen der Boden-Höhen während
-der Periode der jetzt lebenden Organismen-Arten stattgefunden haben,
-und E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> behauptet, alle Inseln des <i>Atlantischen
-Meeres</i> müssten noch unlängst mit <i>Afrika</i> oder <i>Europa</i>,
-wie gleicherweise <i>Europa</i> mit <i>Amerika</i> zusammengehangen
-haben. Andre Schriftsteller haben hypothetisch der Reihe nach jeden
-Ozean überbrückt und fast jede Insel mit dem nächsten Festlande
-verbunden. Und wenn sich die Argumente von F<span class="smaller">ORBES</span> bestätigen
-liessen, so müsste man gestehen, dass es kaum irgend eine Insel gebe,
-welche nicht noch neuerlich mit einem Kontinente zusammenhing. Diese
-Ansicht zerhaut den gordischen Knoten der Verbreitung einer Art bis zu
-den entlegensten Punkten und beseitigt eine Menge von Schwierigkeiten.
-Aber nach meiner besten Ueberzeugung sind wir nicht berechtigt, so
-ungeheure Veränderungen innerhalb der Periode der noch jetzt lebenden
-Arten anzunehmen. Es scheint mir, dass wir genug Beweise von grossen
-Schwankungen des Bodens in unsrem Kontinente besitzen, doch nicht
-von Bewegungen so ausgedehnt und in solcher Richtung, dass sich
-mittelst derselben<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> eine Verbindung <i>Europas</i> mit <i>Amerika</i>
-und den dazwischen gelegenen <i>Atlantischen</i> Inseln noch in der
-jetzigen Erd-Periode ergäbe. Dagegen gestehe ich gerne die vormalige
-Existenz mancher jetzt im Meere begrabener Inseln zu, welche vielen
-Pflanzen- und Thier-Arten bei ihren Wanderungen als Ruhepunkte dienen
-konnten. In den Korallen-Meeren erkennt man, nach meiner Meinung,
-solche versunkene Inseln noch jetzt mittelst der auf ihnen stehenden
-Korallen-Ringe oder Atolls. Wenn es einmal vollständig eingeräumt seyn
-wird, wie es eines Tages vermuthlich noch geschehen wird, dass jede
-Art nur eine Geburts-Stätte gehabt, und wenn wir im Laufe der Zeit
-etwas Bestimmteres über die Verbreitungs-Mittel erkennen, so werden
-wir im Stande seyn die frühere Ausdehnung des Landes mit einiger
-Sicherheit zu berechnen. Dagegen glaube ich nicht, dass es je zu
-beweisen seyn wird, dass jetzt vollständig getrennte Kontinente noch
-in neuerer Zeit wirklich oder nahezu miteinander und mit den vielen
-noch vorhandenen ozeanischen Inseln zusammenhingen. Manche Thatsachen
-in der Vertheilung, wie die grosse Verschiedenheit der Meeres-Faunen
-an den entgegengesetzten Seiten fast jedes grossen Kontinentes und
-ein gewisser Grad von Beziehungen (wovon nachher die Rede seyn wird)
-zwischen der Verbreitung der Säugthiere und der Tiefe des Meeres;
-diese und noch manche andere scheinen mir sich der Annahme solcher
-ungeheuren geographischen Umwälzungen in der neuesten Periode zu
-widersetzen, wie sie durch die von E. F<span class="smaller">ORBES</span> aufgestellten
-und von vielen Nachfolgern angenommenen Ansichten nöthig werden. Die
-Natur und Zahlen-Verhältnisse der Bewohner ozeanischer Inseln scheinen
-mir gleicherweise die Annahme eines früheren Zusammenhangs mit den
-Festländern zu widerstreben. Eben so wenig ist ihre meist vulkanische
-Zusammensetzung der Annahme günstig, dass sie blosse Trümmer
-versunkener Kontinente seyen; denn wären es ursprüngliche Spitzen von
-Bergketten des Festlandes gewesen, so würden doch wenigstens einige
-derselben gleich andern Gebirgs-Höhen aus Graniten, metamorphischen
-Schiefern, alten organische Reste führenden Schichten u.&#160;dgl. statt
-immer nur aus Kegeln vulkanischer Massen bestehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span></p>
-
-<p>Ich habe nun noch einige Worte von den sogenannten „zufälligen“
-Verbreitungs-Mitteln zu sprechen, die man besser „gelegenheitliche“
-nennen würde. Doch ich will mich hier auf die Pflanzen beschränken. In
-botanischen Werken findet man bemerkt, dass diese oder jene Pflanze für
-weite Aussaat nicht gut geeignet ist. Aber was den Transport derselben
-durch das Meer betrifft, so lässt sich behaupten, dass es bei den
-meisten derselben noch ganz unbekannt ist, wie es mit der Möglichkeit
-desselben steht. Bis zur Zeit, wo ich mit Hrn. B<span class="smaller">ERKELEY</span>’<span class="smaller">S</span>
-Hilfe einige wenige Versuche darüber angestellt, war nicht einmal
-bekannt, in wie weit Saamen dem schädlichen Einflusse des Salz-Wassers
-zu widerstehen vermögen. Zu meiner Verwunderung fand ich, dass von
-87 Arten 64 noch keimten, nachdem sie 28 Tage lang in See-Wasser
-gelegen; und einige wenige thaten es sogar nach 137 Tagen noch. Es
-ist beachtenswerth, dass gewisse Ordnungen viel stärker als andre vom
-Salz-Wasser angegriffen werden. So gingen von neun Leguminosen acht
-zu Grunde, und sieben Arten der unter einander verwandten Ordnungen
-der Hydrophyllaceae und Polemoniaceae waren nach einem Monate alle
-todt. Der Bequemlichkeit wegen wählte ich meistens nur kleine Saamen
-ohne Fruchthülle, und da alle schon nach wenigen Tagen untersanken,
-so können sie natürlich keine weiten Räume des Meeres durchschiffen,
-mögen sie nun ihre Keim-Kraft im Salzwasser bewahren oder nicht.
-Nachher wählte ich grössre Früchte mit Kapseln u.&#160;s.&#160;w., und von
-diesen blieben einige lange Zeit schwimmend. Es ist wohl bekannt,
-wie verschieden die Schwimm-Fähigkeit einer Holzart im grünen und im
-trocknen Zustande ist. Ich dachte mir daher, dass Fluthen wohl Pflanzen
-oder deren Zweige forttragen und dann ans Ufer werfen könnten, wo der
-Strom, wenn sie erst ausgetrocknet wären, sie aufs Neue ergreifen
-und dem Meere zuführen könnte; daher nahm ich von 94 Pflanzen-Arten
-trockne Stengel und Zweige mit reifen Früchten daran und legte sie ins
-Wasser. Die Mehrzahl versank sogleich; doch einige, welche grün nur
-sehr kurze Zeit an der Oberfläche geblieben, hielten sich nun länger.
-So sanken reife Haselnüsse unmittelbar unter, schwammen aber, wenn sie
-vorher<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> ausgetrocknet worden, 90 Tage lang und keimten dann noch, wenn
-sie gepflanzt wurden. Eine Spargel-Pflanze mit reifen Beeren schwamm
-23 Tage, nach vorherigem Austrocknen aber 85 Tage, und ihre Saamen
-keimten noch. Die reifen Früchte von Helosciadium sanken in zwei Tagen,
-schwammen aber nach vorgängigem Trocknen 90 Tage und keimten hierauf.
-Im Ganzen schwammen von den 94 getrockneten Pflanzen 18 Arten 28 Tage
-lang und einige davon sogar noch viel länger. Es keimten also <span class="zaehler">64</span>&#8260;<span class="nenner">87</span> =
-0,74 der Saamen-Arten nach einer Eintauchung von 28 Tagen und schwammen
-<span class="zaehler">18</span>&#8260;<span class="nenner">94</span> = 0,19 der getrockneten Pflanzen-Arten mit reifen Saamen (doch
-z.&#160;Th. andre Arten als die vorigen) noch über 28 Tage; und würden daher,
-so viel man aus diesen Thatsachen schliessen darf, die Saamen von 0,14
-der Pflanzen-Arten einer Gegend ohne Nachtheil für ihre Keim-Kraft
-28 Tage lang von See-Strömungen fortgetragen werden können. In
-J<span class="smaller">OHNSTON</span>’<span class="smaller">S</span> physikalischem Atlas ist die mittle Geschwindigkeit
-der <i>Atlantischen</i> Ströme auf 33 See-Meilen im Tag (manche laufen
-60 M. weit) angegeben; und somit könnten jene Saamen bei diesem Mittel
-924 See-Meilen weit fortgeführt werden und, wenn sie dann strandeten,
-und vom Winde sofort auf eine passende Stelle weiter landeinwärts
-getrieben würden, noch keimen.</p>
-
-<p>Nach mir stellte M<span class="smaller">ARTINS</span><a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> ähnliche Versuche, doch in
-bessrer Weise an, indem er Kistchen mit Saamen in’s wirkliche Meer
-versenkte, so dass sie abwechselnd feucht und wieder der Luft
-ausgesetzt wurden, wie wirklich schwimmende Pflanzen. Er versuchte
-es mit 98 Saamen-Arten, meistens verschieden von den meinigen, und
-darunter manche grosse Früchte und auch Saamen von solchen Pflanzen,
-welche in der Nähe des Meeres wachsen, was wohl dazu beitrug die mittle
-Länge der Zeit, während welcher sie sich schwimmend zu halten und der
-schädlichen Wirkung des Salz-Wassers zu widerstehen vermochten, etwas
-zu vermehren. Anderseits aber trocknete er nicht vorher die Früchte mit
-den Zweigen oder Stengeln, was einige derselben befähigt<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> haben würde,
-länger zu schwimmen. Das Ergebniss war, dass <span class="zaehler">18</span>&#8260;<span class="nenner">98</span> = 0,185 Saamen-Arten
-42 Tage lang schwammen und dann noch keimten. Ich bezweifle jedoch
-nicht, dass Pflanzen, die mit den Wogen treiben, sich länger schwimmend
-erhalten als jene, welche so wie in unseren Versuchen gegen jede
-Bewegung geschützt sind. Daher wäre es vielleicht sicherer anzunehmen,
-dass die Saamen von etwa 0,10 Arten einer Flora nach dem Austrocknen
-noch eine 900 Meilen weite Strecke des Meeres durchschwimmen und dann
-keimen können. Die Thatsache, dass die grösseren Früchte länger als die
-kleinen schwimmen, ist interessant, weil grosse Saamen oder Früchte
-nicht wohl anders als schwimmend aus einer Gegend in die andre versetzt
-werden können; daher, wie A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> gezeigt hat, solche
-Pflanzen beschränkte Verbreitungs-Bezirke besitzen.</p>
-
-<p>Doch können Saamen gelegenheitlich auch auf andre Weise fortgeführt
-werden. So gelangt Treibholz zu den meisten Inseln in der Mitte des
-weitesten Ozeans; und die Eingebornen der Korallen-Inseln des Stillen
-Meeres verschaffen sich härtere Steine für ihr Geräthe fast nur von den
-Wurzeln der Treibholz-Stämme; die Taxen für diese Steine bilden ein
-erhebliches Einkommen ihrer Könige. Wenn nun unregelmässig geformte
-Steine zwischen die Wurzeln der Bäume fest eingewachsen sind, so sind
-auch zuweilen noch kleine Parthien Erde dahinter eingeschlossen,
-mitunter so genau, dass nicht das Geringste davon während des längsten
-Transportes weggewaschen werden könnte. Und nun kenne ich einen Fall
-genau, wo aus einer solchen vollständig eingeschlossenen Parthie Erde
-zwischen den Wurzeln einer 50jährigen Eiche drei Dikotyledonen-Saamen
-gekeimt haben. So kann ich ferner nachweisen, dass zuweilen todte Vögel
-lange auf dem Meere treiben, ohne verschlungen zu werden, und dass in
-ihrem Kropfe enthaltene Saamen lange ihre Keimkraft behalten; Erbsen
-und Wicken z.&#160;B., welche sonst schon zu Grunde gehen, wenn sie nur
-wenige Tage im Wasser liegen, zeigten sich zu meinem grossen Erstaunen
-noch keimfähig, als ich sie aus dem Kropfe einer Taube nahm, welche
-schon 30 Tage lang auf künstlich bereitetem Salzwasser geschwommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span></p>
-
-<p>Lebende Vögel haben unfehlbar einen grossen Antheil am Transport
-lebender Saamen. Ich könnte viele Fälle anführen um zu beweisen,
-wie oft Vögel von mancherlei Art durch Stürme weit über den Ozean
-verschlagen werden. Wir dürfen wohl als gewiss annehmen, dass unter
-solchen Umständen ihre Schnelligkeit oft 35 Engl. Meilen in der
-Stunde betragen mag, und manche Schriftsteller haben sie viel höher
-angeschlagen. Ich habe nie eine nahrhafte Saamen-Art durch die
-Eingeweide eines Vogels passiren sehen, wogegen harte Saamen und
-Früchte unangegriffen selbst durch die Gedärme des Wälschhuhns gehen.
-Im Laufe von zwei Monaten sammelte ich in meinem Garten aus den
-Exkrementen kleiner Vögel zwölf Arten Saamen, welche alle noch gut zu
-seyn schienen, und einige von ihnen, die ich probirte, haben wirklich
-gekeimt. Wichtiger ist jedoch folgende Thatsache. Der Kropf der Vögel
-sondert keinen Magensaft aus und benachtheiligt nach meinen Versuchen
-die Keimkraft der Saamen nicht im mindesten. Nun sagt man, dass, wenn
-ein Vogel eine grosse Menge Saamen gefunden und gefressen hat, die
-Körner nicht vor 12–18 Stunden in den Magen gelangen. In dieser Zeit
-aber kann ein Vogel leicht 500 Meilen weit fortgetrieben werden; und
-wenn Falken, wie sie gerne thun, auf den ermüdeten Vogel Jagd machen,
-so kann dann der Inhalt seines Kropfes bald umhergestreut seyn. Nun
-verschlingen einige Falken und Eulen ihre Beute ganz und brechen nach
-12–20 Stunden Ballen unverdauter Federn wieder aus, die, wie ich aus
-Versuchen in den Zoological Gardens weiss, oft noch keimfähige Saamen
-enthalten. Einige Saamen von Hafer, Weitzen, Hirse, Kanariengras,
-Hanf, Klee und Mangold keimten noch, nachdem sie 12–20 Stunden in den
-Magen verschiedener Raubvögel verweilt hatten, und zwei Mangold-Saamen
-wuchsen sogar, nachdem sie zwei Tage und vierzehn Stunden dort gewesen
-waren. Süsswasser-Fische verschlingen Saamen verschiedener Land- und
-Wasser-Pflanzen; Fische werden oft von Vögeln verzehrt, und so können
-jene Saamen von Ort zu Ort ausgestreut werden. Ich brachte mancherlei
-Saamen-Arten in den Magen todter Fische und gab diese sodann Pelikanen,
-Störchen und Fischadlern zu fressen; diese Vögel<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> gaben einige Stunden
-später die Saamen in ihren Exkrementen wieder von sich oder brachen sie
-in Gewöll-Ballen aus. Mehre dieser Saamen besassen alsdann noch ihre
-Keim-Kraft; andre dagegen verloren sie jederzeit durch diesen Prozess.</p>
-
-<p>Obwohl Schnäbel und Füsse der Vögel gewöhnlich ganz rein sind, so
-hängen doch oft auch Erd-Theile daran. In einem Falle trennte ich
-61 und in einem andern 22 Gran thoniger Erde von dem Fusse eines
-Feldhuhns, und in dieser Erde befand sich ein Steinchen so gross wie
-ein Wicken-Saamen. Daher mögen auf dieselbe Art auch Saamen zuweilen
-auf grosse Entfernungen fortgeführt werden, indem sich nachweisen
-lässt, dass der Ackerboden überall voll von Säämereien steckt. Erwägt
-man, wie viele Millionen Wachteln jährlich das Mittelmeer überfliegen,
-so wird man die Möglichkeit nicht bezweifeln, dass wohl auch einmal ein
-paar kleine Saamen an ihren Füssen mit herüber oder hinüber gelangen.
-Doch werde ich auf diesen Gegenstand noch zurückkommen.</p>
-
-<p>Bekanntlich sind Eisberge oft mit Steinen und Erde beladen; auch
-Buschholz, Knochen und selbst einmal ein Vogel-Nest hat man darauf
-gefunden; daher wohl nicht zu zweifeln ist, dass sie mitunter auch,
-wie L<span class="smaller">YELL</span> bereits angenommen, Saamen von einem zum andern
-Theile der arktischen oder antarktischen Zone, und in der Glacial-Zeit
-sogar von einem Theile der jetzigen gemässigten Zonen zum andern
-geführt haben. Da auf den Azoren eine im Verhältniss zu den übrigen
-zum Theile dem Festlande näher gelegenen Inseln des Atlantischen
-Meeres grosse Anzahl <i>Europäischer</i> Pflanzen und (wie Hr. H.
-C. W<span class="smaller">ATSON</span> bemerkt) insbesondere solcher Arten vorkommt, die
-einen etwas nördlicheren Charakter haben, als der Lage entspricht,
-so vermuthete ich, dass ein Theil derselben mit Eisbergen in der
-Glacial-Zeit dahin gelangt seye. Auf meine Bitte fragte Sir C<span class="smaller">H</span>.
-L<span class="smaller">YELL</span> Hrn. H<span class="smaller">ARTUNG</span>, ob er erratische Blöcke auf diesen
-Inseln gefunden habe, und erhielt zur Antwort, dass grosse Blöcke von
-Granit u.&#160;a. nicht auf den Inseln anstehenden Gesteinen dort vorkommen.
-Wir dürfen daher getrost folgern, dass Eisberge vordem ihre Bürden an
-der Küste dieser mittel-ozeanischen Inseln abgesetzt haben,<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> und so ist
-es wenigstens möglich, dass auch einige Saamen nordischer Pflanzen mit
-dahin gelangt sind.</p>
-
-<p>In Berücksichtigung, dass manche der oben erwähnten und andre wohl
-später zu entdeckende Transport-Mittel ganze Jahrhunderte und
-Jahrtausende alljährlich in Thätigkeit gewesen, würde es nach meiner
-Ansicht eine wunderbare Thatsache seyn, wenn nicht auf diesen Wegen
-viele Pflanzen mitunter in weite Fernen versetzt worden wären. Diese
-Transport-Mittel werden zuweilen zufällige genannt, was nicht ganz
-richtig ist, indem weder die See-Strömungen noch die vorwaltende
-Richtung der Stürme zufällig sind. Indessen ist von diesen Mitteln
-wohl keines im Stande, keimfähige Saamen in sehr grosse Fernen zu
-versetzen, indem die Saamen weder ihre Keimfähigkeit im Seewasser lange
-behalten, noch in Kropf und Eingeweiden der Vögel weit transportirt
-werden können. Wohl aber genügen sie, um dieselben gelegenheitlich
-über einige Hundert Meilen breite See-Striche hinwegzuführen und so
-von Kontinent zu Insel, oder von Insel zu Insel, aber nicht von einem
-Kontinente zum andern zu fördern. Die Floren entfernter Kontinente
-werden auf diese Weise mithin nicht in hohem Grade gemengt werden,
-sondern so weit getrennt bleiben, als wir sie jetzt finden. Die Ströme
-würden ihrer Richtung nach niemals Saamen von <i>Nord-Amerika</i> nach
-<i>Britannien</i> bringen können, wie sie deren von <i>Westindien</i>
-aus an unsre Küsten spülen, wo sie aber, selbst wenn sie auf diesem
-langen Wege noch ihre Lebenskraft bewahrt haben, nicht das Klima
-zu ertragen vermögen. Fast jedes Jahr werden 1–2 Land-Vögel durch
-Stürme von <i>Nord-Amerika</i> über den ganzen <i>Atlantischen
-Ozean</i> bis an die <i>Irischen</i> und <i>Englischen</i> Küsten
-getrieben; Saamen aber könnten diese Wanderer nur auf eine Weise
-mit sich bringen, nämlich in dem zufällig an ihren Füssen hängenden
-Schmutz, was doch immer an sich schon ein seltener Zufall ist. Und
-wie gering wäre selbst in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit, dass
-ein solcher Saame in einen günstigen Boden gelange, keime und zur
-Reife komme. Doch wäre es ein grosser Irrthum zu folgern, dass, weil
-eine schon wohl-bevölkerte Insel, wie <i>Grossbritannien</i> ist, in
-den paar letzten Jahrhunderten<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> (was übrigens doch schwer zu beweisen
-steht) durch gelegenheitliche Transport-Mittel keine Einwanderer aus
-<i>Europa</i> oder einem andern Kontinente aufgenommen, auch sparsam
-bevölkerte Inseln selbst in noch grössren Entfernungen vom Festlande
-keine Kolonisten auf solchen Wegen erhalten könnten. Ich zweifle nicht,
-dass aus 20 zu einer Insel verschlagenen Saamen- oder Thier-Arten,
-auch wenn sie viel weniger bevölkert wäre als <i>Britannien</i>,
-kaum mehr als eine so für diese neue Heimath geeignet seyn würde, um
-nun dort naturalisirt zu werden. Doch ist Diess, wie mir scheint,
-kein bedeutender Einwand hinsichtlich dessen, was durch solche
-gelegenheitliche Transport-Mittel im langen Verlaufe der geologischen
-Zeiten geschehen konnte, während der Hebung und Bildung einer Insel und
-bevor sie mit Ansiedlern vollständig besetzt war. Auf einem fast noch
-öden Lande, wo noch keine oder nur wenige Insekten und Vögel jedem neu
-ankommenden Saamen-Korne nachstellen, wird dasselbe leicht zum Keimen
-und Fortleben gelangen, wenn es anders für dieses Klima passt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zerstreuung während der Eis-Zeit.</em>) Die Übereinstimmung so vieler
-Pflanzen- und Thier-Arten auf Berges-Höhen, welche Hunderte von Meilen
-weit durch Tiefländer von einander getrennt sind, wo die Alpen-Bewohner
-nicht fortkommen können, ist eines der schlagendsten Beispiele des
-Vorkommens gleicher Arten auf von einander entlegenen Punkten, ohne
-anscheinende Möglichkeit einer Wanderung von einem derselben zum
-andern. Es ist in der That merkwürdig, so viele Pflanzen-Arten in
-den Schnee-Gegenden der <i>Alpen</i> oder <i>Pyrenäen</i> und wieder
-in den nördlichsten Theilen <i>Europa’s</i> zu sehen; aber noch
-merkwürdiger ist es, dass die Pflanzen-Arten der <i>Weissen Berge</i>
-in den <i>Vereinten Staaten Amerika’s</i> alle die nämlichen wie in
-<i>Labrador</i> und ferner nach A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span>’<span class="smaller">S</span> Versicherung die
-nämlichen wie auf den höchsten Bergen <i>Europa’s</i> sind. Schon
-vor langer Zeit, im Jahre 1747, veranlassten ähnliche Thatsachen
-G<span class="smaller">MELIN</span> zu schliessen, dass einerlei Spezies an verschiedenen
-Orten unabhängig von einander geschaffen worden seyn müssen, und
-wir würden dieser Meinung vielleicht noch zugethan geblieben seyn,
-hätten<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> nicht A<span class="smaller">GASSIZ</span> u. A. unsre Aufmerksamkeit auf die
-Eis-Zeit gelenkt, die, wie wir sofort sehen werden, diese Thatsachen
-sehr einfach erklärt. Wir haben Beweise fast jeder möglichen Art,
-organische und unorganische, dass in einer sehr jungen geologischen
-Periode <i>Zentral-Europa</i> und <i>Nord-Amerika</i> unter einem
-arktischen Klima litten. Die Ruinen eines abgebrannten Hauses erzählen
-ihre Geschichte nicht so verständlich, wie die <i>Schottischen</i> und
-<i>Wales’schen</i> Gebirge mit ihren geschrammten Seiten, polirten
-Flächen, schwebenden Blöcken von den Eis-Strömen berichten, womit ihre
-Thäler noch in später Zeit ausgefüllt gewesen. So sehr war das Klima
-in <i>Europa</i> verschieden, dass in <i>Nord-Italien</i> riesige
-Moränen von einstigen Gletschern herrührend jetzt mit Mays und Wein
-bepflanzt sind. Durch einen grossen Theil der <i>Vereinten Staaten</i>
-bezeugen erratische Blöcke und von treibenden Eisbergen und Küsten-Eis
-geschrammte Felsen mit Bestimmtheit eine frühere Periode grosser Kälte.</p>
-
-<p>Der frühere Einfluss des Eis-Klima’s auf die Vertheilung der Bewohner
-<i>Europa’s</i>, wie ihn E<span class="smaller">DW.</span> F<span class="smaller">ORBES</span> so klar dargestellt,
-ist im Wesentlichen folgender. Doch wir werden die Veränderungen
-rascher verfolgen können, wenn wir annehmen, eine neue Eis-Zeit
-rücke langsam an und verlaufe dann und verschwinde so, wie es früher
-geschehen ist. In dem Grade wie bei zunehmender Kälte jede weiter
-südlich gelegene Zone der Reihe nach für arktische Wesen geeigneter
-wird und ihren bisherigen Bewohnern nicht mehr zusagen kann, werden
-arktische Ansiedler die Stelle der bisherigen einnehmen. Zur gleichen
-Zeit werden auch ihrerseits diese Bewohner der gemässigten Gegenden
-südwärts wandern, wenn ihnen der Weg nicht versperrt ist, in welchem
-Falle sie zu Grunde gehen müssten. Die Berge werden sich mit Schnee
-und Eis bedecken, und die früheren Alpen-Bewohner werden in die
-Ebene herabsteigen. Erreicht mit der Zeit die Kälte ihr Maximum, so
-bedeckt eine einförmige arktische Flora und Fauna den mitteln Theil
-<i>Europa’s</i> bis im Süden der <i>Alpen</i> und <i>Pyrenäen</i>
-und bis nach <i>Spanien</i> hinein. Auch die gegenwärtig gemässigten
-Gegenden der <i>Vereinten Staaten</i> bevölkern sich mit arktischen
-Pflanzen und Thieren und zwar<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span> nahezu mit den nämlichen Arten wie
-<i>Europa</i>; denn die jetzigen Bewohner der Polar-Länder, von welchen
-so eben angenommen worden, dass sie überall nach Süden gewandert, sind
-rund um den Pol merkwürdig einförmig. Nimmt man an, dass die Eis-Zeit
-in <i>Nord-Amerika</i> etwas früher oder später als in <i>Europa</i>
-angefangen, so wird auch die Auswanderung nach Süden etwas früher oder
-später beginnen, was jedoch im End-Ergebnisse keinen Unterschied macht.</p>
-
-<p>Wenn nun die Wärme zurückkehrt, so ziehen sich die arktischen Formen
-wieder nach Norden zurück und die Bewohner der gemässigteren Gegenden
-rücken ihnen unmittelbar nach. Wenn der Schnee am Fusse der Gebirge
-schmilzt, werden die arktischen Formen von dem entblössten und
-aufgethauten Boden Besitz nehmen; sie werden immer höher und höher
-hinansteigen, wie die Wärme zunimmt und ihre Brüder in der Ebene den
-Rückzug nach Norden hin fortsetzen. Ist daher die Wärme vollständig
-wieder hergestellt, so werden die nämlichen arktischen Arten, welche
-bisher in Masse beisammen in den Tiefländern der <i>alten</i> und der
-<i>neuen</i> Welt gelebt, nur noch auf abgesonderten Berg-Höhen und in
-der arktischen Zone beider Hemisphären übrig seyn.</p>
-
-<p>Auf diese Weise begreift sich die Übereinstimmung so vieler
-Pflanzen-Arten an so unermesslich weit von einander entlegenen Stellen,
-als die Gebirge der <i>Vereinten Staaten</i> und <i>Europa’s</i>
-sind. So begreift sich ferner die Thatsache, dass die Alpen-Pflanzen
-jeder Gebirgs-Kette mit den gerade oder fast gerade nördlich von
-ihnen lebenden Arten in nächster Beziehung stehen; die Wanderung
-bei Eintritt der Kälte und die Rückwanderung bei Wiederkehr der
-Wärme wird im Allgemeinen eine gerade südliche und nördliche gewesen
-seyn. Denn die Alpen-Pflanzen <i>Schottland’s</i> z.&#160;B. sind nach
-H. C. W<span class="smaller">ATSON</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung und die der <i>Pyrenäen</i> nach
-R<span class="smaller">AMOND</span> spezieller mit denen <i>Skandinaviens</i> verwandt,
-wie die der <i>Vereinten Staaten</i> und die <i>Sibirischen</i> mehr
-mit den im Norden dieser Länder lebenden Arten übereinstimmen. Diese
-Ansicht, gegründet auf den zuverlässig bestätigten Verlauf einer
-früheren Eis-Zeit, scheint mir in so genügender Weise die gegenwärtige
-Vertheilung der alpinen und<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> arktischen Arten in <i>Europa</i> und
-<i>Nord-Amerika</i> zu erklären, dass, wenn wir in noch andern Regionen
-gleiche Spezies auf entfernten Gebirgs-Höhen zerstreut finden, wir auch
-ohne einen weiteren Beweis schliessen dürfen, dass ein kälteres Klima
-ihnen vordem durch zwischen-gelegene Tiefländer zu wandern gestattet
-habe, welche seitdem zu warm für dieselben geworden sind.</p>
-
-<p>Wenn das Klima seit der Eis-Zeit je einigermaassen wärmer als jetzt
-gewesen wäre (wie einige Geologen aus der Verbreitung der fossilen
-Gnathodon-Muscheln in den <i>Vereinten Staaten</i> geschlossen), dann
-würden die Bewohner der gemässigten und der kalten Zone noch in sehr
-später Zeit etwas nach Norden vorgerückt seyn, um sich noch später
-wieder in ihre jetzige Heimath zurückzuziehen; doch habe ich keinen
-genügenden Beweis für eine solche wärmere Periode, die nach der
-Eis-Zeit eingeschaltet gewesen wäre.</p>
-
-<p>Die arktischen Formen werden während ihrer südlichen Wanderung und
-Rückkehr nach Norden nahezu dem nämlichen Klima ausgesetzt gewesen
-und, was gleichfalls zu bemerken, in Masse beisammen geblieben
-seyn; daher sie denn auch in ihren gegenseitigen Beziehungen nicht
-sonderlich gestört und mithin, nach den in diesem Bande vertheidigten
-Prinzipien, nicht allzu-grosser Umänderung ausgesetzt worden wären.
-Etwas anders würde es sich jedoch mit unsern Alpen-Bewohnern verhalten,
-welche bei rückkehrender Wärme sich vom Fusse der Gebirge immer
-höher an deren Seiten bis zu den Gipfeln hinan geflüchtet haben.
-Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass alle dieselben arktischen
-Arten auf weit getrennten Gebirgs-Ketten zurückgeblieben sind und
-dort seither fortgelebt haben. Auch werden die zurückgebliebenen
-aller Wahrscheinlichkeit nach sich mit alten Alpen-Pflanzen gemengt
-haben, welche schon vor der Eis-Zeit die Gebirge bewohnten und für
-die Dauer der kältesten Periode in die Ebene herabgetrieben wurden;
-sie werden ferner einem etwas abweichenden klimatischen Einflusse
-ausgesetzt gewesen seyn. Ihre gegenseitigen Beziehungen können
-hiedurch etwas gestört und sie selbst mithin zur Abänderung geneigt
-geworden seyn; und so ist es wirklich der Fall. Denn, wenn wir die
-gegenwärtigen<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span> Alpen-Pflanzen und -Thiere der verschiedenen grossen
-<i>Europäischen</i> Gebirgs-Ketten verglichen, so finden wir zwar im
-Ganzen viele identische Arten, von welchen aber manche als Varietäten
-auftreten, andre als zweifelhafte Formen schwanken, und einige wenige
-als verschiedene doch nahe verwandte oder stellvertretende Arten
-erscheinen.</p>
-
-<p>Bei Erläuterung dessen, was nach meiner Meinung während der Eis-Periode
-sich wirklich zugetragen, unterstellte ich, dass bei deren Beginn
-die arktischen Organismen rund um den Pol so einförmig wie heutigen
-Tages gewesen seyen. Aber die vorangehenden Bemerkungen beziehen sich
-nicht allein auf die strengen arktischen Formen, sondern auch auf
-viele subarktische und auf einige Formen der nördlich-gemässigten
-Zone; denn manche von diesen Arten sind ebenfalls übereinstimmend
-auf den niedrigeren Bergen und in den Ebenen <i>Nord-Amerika’s</i>
-und <i>Europa’s</i>, und man kann mit Grund fragen, wie ich denn
-die Übereinstimmung der Formen, welche in der subarktischen und
-der nördlich-gemässigten Zone rund um die Erde am Anfange der
-Eis-Periode stattgefunden haben muss, erkläre? Heutzutage sind die
-Formen der subarktischen und nördlich-gemässigten Gegenden der
-<i>alten</i> und der <i>neuen Welt</i> von einander getrennt durch
-den <i>atlantischen</i> und den nördlichsten Theil des <i>stillen
-Ozeans</i>. Als während der Eis-Zeit die Bewohner der <i>alten</i> und
-der <i>neuen Welt</i> weiter südwärts als jetzt lebten, müssen sie auch
-durch weitere Räume des Ozeans vollständiger von einander geschieden
-gewesen seyn. Ich glaube, dass die oben erwähnte Schwierigkeit zu
-umgehen ist, wenn man sich nach noch früheren Klima-Wechseln in einem
-entgegengesetzten Sinne umsieht. Wir haben nämlich guten Grund zu
-glauben, dass während der neuem Pliocän-Periode vor der Eis-Zeit, wo
-schon die Mehrzahl der Erd-Bewohner mit den jetzigen von gleichen
-Arten gewesen, das Klima wärmer war als jetzt. Wir dürfen daher
-annehmen, dass Organismen, welche jetzt unter dem 60. Breite-Grad
-leben, in der Pliocän-Periode weiter nördlich am Polar-Kreise unter
-dem 66°-70° Br. wohnten, und dass die eigentlich arktischen Wesen auf
-die unterbrochenen Land-Striche naher bei den Polen beschränkt waren.<span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span>
-Wenn wir nun einen Globus ansehen, so werden wir finden, dass unter
-dem Polar-Kreise meist zusammen-hängendes Land von <i>West-Europa</i>
-an durch <i>Sibirien</i> bis <i>Ost-Amerika</i> vorhanden ist. Und
-diesem Zusammenhange des Circumpolar-Landes und der ihm entsprechenden
-freien Wanderung in einem schon günstigeren Klima schreibe ich den
-nothwendigen Grad von Einförmigkeit in den Bewohnern der subarktischen
-und nördlich-gemässigten Zone der <i>alten</i> und <i>neuen Welt</i>
-vor der Eis-Zeit zu. (Dieser Ansicht sind drei vorzugsweise berufene
-Beurtheiler, Prof. A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span>, Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> und Prof.
-O<span class="smaller">LIVER</span> beigetreten.)</p>
-
-<p>Von dem Glauben ausgehend, dass, wie schon oben gesagt, unsre
-Kontinente langezeit in fast nahezu der nämlichen Lage gegen einander
-geblieben, wenn sie auch theilweise beträchtlichen Höhen-Schwankungen
-unterworfen gewesen, habe ich grosse Neigung die erwähnte Ansicht
-noch weiter auszudehnen und zu unterstellen, dass in einer noch
-früheren und wärmeren Zeit, in der ältern Pliocän-Zeit nämlich,
-eine grosse Anzahl der nämlichen Pflanzen- und Thier-Arten das
-fast zusammenhängende Circumpolar-Land bewohnt habe, und dass
-diese Pflanzen und Thiere sowohl in der <i>alten</i> als in der
-<i>neuen Welt</i> langsam südwärts zu wandern anfingen, wie das
-Klima kühler wurde, lange vor Anfang der Eis-Periode. Wir sehen nun
-ihre Nachkommen, wie ich glaube, meistens in einem abgeänderten
-Zustande die Zentral-Theile von <i>Europa</i> und den <i>Vereinigten
-Staaten</i> bewohnen. Von dieser Annahme ausgehend begreift man dann
-die Verwandtschaft, bei sehr geringer Gleichheit, der Arten von
-<i>Nord-Amerika</i> und <i>Europa</i>, eine Verwandtschaft, welche
-bei der grossen Entfernung beider Gegenden und ihrer Trennung durch
-das <i>Atlantische Meer</i> äusserst merkwürdig ist. Man begreift
-ferner die von einigen Beobachtern wahrgenommene sonderbare Thatsache,
-dass die Natur-Erzeugnisse <i>Europa’s</i> und <i>Nord-Amerika’s</i>
-während der letzten Abschnitte der Tertiär-Zeit näher mit einander
-verwandt sind, als sie es in der vorangehenden Zeit waren; denn in
-dieser wärmeren Zeit sind die nördlichen Theile der <i>alten</i> und
-der <i>neuen Welt</i> durch Zwischenländer in zusammen-hängenderer
-Weise<span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span> mit einander verbunden gewesen, die aber seither durch Kälte zur
-Auswanderung unbrauchbar gemacht worden sind.</p>
-
-<p>Sobald während der langsamen Temperatur-Abnahme in der Pliocän-Periode
-die gemeinsam ausgewanderten Bewohner der <i>alten</i> und <i>neuen
-Welt</i> südwärts vom Polar-Kreise angelangt waren, wurden sie
-vollständig von einander abgeschnitten. Diese Trennung trug sich, was
-die Bewohner der gemässigteren Gegenden betrifft, vor langen langen
-Zeiten zu. Und als damals die Pflanzen- und Thier-Arten südwärts
-wanderten, werden sie sich mit den Eingeborenen der niedrigeren
-Breiten gemengt und in der einen Gegend <i>Amerikanische</i> und in
-der andern <i>Europäische</i> Arten zu neuen Mitbewerbern bekommen
-haben. Hier ist demnach Alles zu reichlicher Abänderung der Arten
-angethan, weit mehr als es hinsichtlich der auf südlichen Alpen-Höhen
-abgeschnitten zurückgelassenen Polar-Bewohner beider Welttheile der
-Fall gewesen ist. Davon rührt es her, dass, wenn wir die jetzt lebenden
-Erzeugnisse gemässigterer Gegenden der <i>alten</i> und der <i>neuen
-Welt</i> mit einander vergleichen, wir nur sehr wenige identische Arten
-finden (obwohl A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> kürzlich gezeigt, dass deren Anzahl
-grösser ist, als man bisher angenommen hatte); aber wir finden in
-jeder grossen Klasse viele Formen, welche ein Theil der Naturforscher
-als geographische Rassen und ein andrer als unterschiedene
-Arten betrachten, zusammen mit einem Heere nahe verwandter oder
-stellvertretender Formen, die bei allen Naturforschern für eigene Arten
-gelten.</p>
-
-<p>Wie auf dem Lande, so kann auch in der See eine langsame südliche
-Wanderung der Fauna, welche während oder etwas vor der Pliocän-Periode
-längs der zusammen-hängenden Küsten des Polar-Kreises sehr einförmig
-gewesen, nach der Abänderungs-Theorie zur Erklärung der vielen nahe
-verwandten Formen dienen, welche jetzt in ganz gesonderten Gebieten
-leben. Mit ihrer Hilfe lässt sich, wie ich glaube, das Daseyn
-einer Menge noch lebender und tertiärer stellvertretender Arten an
-den östlichen und westlichen Küsten des gemässigteren Theiles von
-<i>Nord-Amerika</i> erklären, so wie die bei weitem auffallendere
-Erscheinung vieler nahe verwandter Kruster (in D<span class="smaller">ANA</span>’<span class="smaller">S</span>
-ausgezeichnetem Werke<span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span> beschrieben), einiger Fische und andrer
-Seethiere im <i>Japanischen</i> und im <i>Mittelmeere</i> zugleich, in
-Gegenden mithin, welche jetzt durch einen grossen Kontinent und fast
-eine ganze Hemisphäre von Äquatoral-Meeren von einander getrennt sind.</p>
-
-<p>Diese Fälle von Verwandtschaft, ohne Identität, zwischen den Bewohnern
-jetzt getrennter Meere wie zwischen den früheren und jetzigen Bewohnern
-der gemässigten Länder <i>Nord-Amerika’s</i> und <i>Europa’s</i>
-sind aus der Schöpfungs-Theorie unerklärbar. Wir können nicht
-sagen, sie seyen ähnlich geschaffen zur Anpassung an die ähnlichen
-Natur-Bedingungen der beiderlei Gegenden; denn wenn wir z.&#160;B. gewisse
-Theile <i>Süd-Amerika’s</i> mit den südlichen Kontinenten der <i>alten
-Welt</i> vergleichen, so finden wir Striche in beiden, die sich
-hinsichtlich ihrer Natur-Beschaffenheit einander genau entsprechen,
-aber in ihren Bewohnern sich ganz unähnlich sind.</p>
-
-<p>Wir müssen jedoch zu unsrer unmittelbaren Aufgabe zurückkehren,
-nämlich zur Eis-Zeit. Ich bin überzeugt, dass E<span class="smaller">DW</span>. F<span class="smaller">ORBES</span>’
-Theorie einer grossen Erweiterung fähig ist. In <i>Europa</i> haben
-wir die deutlichsten Beweise einer Kälte-Periode von den West-Küsten
-<i>Britanniens</i> ostwärts bis zur <i>Ural</i>-Kette und südwärts
-bis zu den <i>Pyrenäen</i>. Aus den im Eise eingefrorenen Säugthieren
-und der Beschaffenheit der Gebirgs-Vegetation zu schliessen, war
-<i>Sibirien</i> auf ähnliche Weise betroffen gewesen. Längs dem
-<i>Himalaya</i> haben Gletscher an 900 Engl. Meilen von einander
-entlegenen Punkten Spuren ihrer ehemaligen weiten Erstreckung nach
-der Tiefe hinterlassen; und in <i>Sikkim</i> sah Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>
-Mays wachsen auf alten Riesen-Moränen. Im Süden des Äquators
-haben wir einige unmittelbare Beweise früherer Eis-Thätigkeit in
-<i>Neuseeland</i>, und das Wiedererscheinen derselben Pflanzen-Arten
-auf weit von einander getrennten Bergen dieser Insel spricht für die
-gleiche Geschichte. Nach den von dem unermüdlichen Geologen W. B.
-C<span class="smaller">LARKE</span> mir gewordenen Mittheilungen scheinen deutliche Spuren von
-einer früheren Gletscher-Thätigkeit auch in der süd-östlichen Spitze
-<i>Neu-Hollands</i> vorzukommen.</p>
-
-<p>Sehen wir uns in <i>Amerika</i> um. In der nördlichen Hälfte sind von
-Eis transportirte Fels-Trümmer beobachtet worden an<span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span> der Ost-Seite
-abwärts bis zum 36° und an der Küste des <i>stillen Meeres</i>, wo das
-Klima jetzt so verschieden ist, bis zum 46° nördlicher Breite; auch
-in den <i>Rocky Mountains</i> sind erratische Blöcke gesehen worden.
-In den <i>Cordilleren</i> des äquatorialen <i>Süd-Amerika’s</i> haben
-sich Gletscher ehedem weit über ihre jetzige Grenze herabbewegt.
-In <i>Central-Chili</i> habe ich ein ungeheures Detritus-Haufwerk
-untersucht, welches das <i>Portillo-Thal</i> queer durchsetzt, und,
-wie ich jetzt überzeugt bin, eine riesige Moräne tief unter jedem
-noch jetzt dort vorkommenden Gletscher. D. F<span class="smaller">ORBES</span> hat mir
-die folgende nun genauere Auskunft darüber mitgetheilt: dass er in
-der <i>Cordillere</i> vom 13° bis 30° SBr. in der ungefähren Höhe von
-12000′ starkgefurchte Felsen gefunden ganz wie jene, die er in Norwegen
-gesehen, sowie grosse Detritus-Massen mit gefurchten Geschieben;
-längs dieser ganzen <i>Cordilleren</i>-Strecke gibt es selbst in viel
-beträchtlicheren Höhen gar keine wirklichen Gletscher. — Weiter
-südwärts an beiden Seiten des Kontinents, von 41° Br. bis zur südlichen
-Spitze finden wir die klarsten Beweise früherer Gletscher-Thätigkeit in
-mächtigen von ihrer Geburtsstätte weit entführten Blöcken.</p>
-
-<p>Wir wissen nicht, ob die Eis-Zeit an allen diesen Punkten auf ganz
-entgegengesetzten Seiten der Erde genau gleichzeitig gewesen seye;
-doch fiel sie, in fast allen Fällen wohl erweislich, in die letzte
-geologische Periode. Eben so haben wir vortreffliche Beweise, dass
-sie überall, in Jahren ausgedrückt, von ungeheurer Dauer gewesen. Sie
-kann an einer Stelle der Erde früher begonnen oder früher aufgehört
-haben, als an der andern; da sie aber überall lange gewährt hat und
-wenigstens in geologischem Sinne überall gleichzeitig war, so ist es
-mir wahrscheinlich, dass jedenfalls ein Theil der Glazial-Ereignisse
-an allen diesen Orten über die ganze Erde hin der Zeit nach genau
-zusammenfiel. So lange wir nicht irgend einen bestimmten Beweis
-für das Gegentheil haben, dürfen wir daher unterstellen, dass
-die Glazial-Thätigkeit eine gleichzeitige gewesen ist an der
-Ost- und West-Seite <i>Nord-Amerika’s</i>, in den äquatorialen
-<i>Cordilleren</i> der tropischen wie der wärmer-gemässigten Zone,
-und zu beiden Seiten des südlichen Endes dieses Welttheiles. Ist
-Diess anzunehmen<span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span> erlaubt, so wird man auch annehmen müssen, dass
-die Temperatur der ganzen Erde in dieser Periode gleichzeitig kühler
-gewesen ist; doch wird es für meinen Zweck genügen, wenn die Temperatur
-nur auf gewissen breiten von Norden nach Süden ziehenden Strecken der
-Erde gleichzeitig niedriger war.</p>
-
-<p>Von dieser Voraussetzung ausgehend, dass die Erde oder wenigstens
-breite Meridianal-Streifen derselben von einem Pol zum andern
-gleichzeitig kälter geworden sind, lässt sich viel Licht über die
-jetzige Vertheilung identischer und verwandter Arten verbreiten.
-Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> hat gezeigt, dass in <i>Amerika</i> 40–50
-Blüthen-Pflanzen des <i>Feuerlandes</i>, welche keinen unbeträchtlichen
-Theil der dortigen kleinen Flora bilden, trotz der ungeheuren
-Entfernung beider Punkte, mit <i>Europäischen</i> Arten übereinstimmen;
-ausserdem gibt es viele nahe verwandte Arten. Auf den hoch-ragenden
-Gebirgen des tropischen <i>Amerika’s</i> kommt eine Menge besondrer
-Arten aus <i>Europäischen</i> Sippen vor. Auf den höchsten Bergen
-<i>Brasiliens</i> sind einige wenige <i>Europäische</i> Sippen von
-G<span class="smaller">ARDENER</span> gefunden worden, welche in den weit-gedehnten
-warmen Zwischenländern nicht fortkommen. An der <i>Silla</i> von
-<i>Caraccas</i> fand A<span class="smaller">L</span>. <span class="smaller">VON</span> H<span class="smaller">UMBOLDT</span> schon vor langer Zeit
-Sippen, welche für die <i>Cordilleren</i> bezeichnend sind. Auf den
-<i>Abyssinischen</i> Gebirgen kommen verschiedene <i>Europäische</i>
-Formen und einige wenige stellvertretende Arten der eigenthümlichen
-Flora des <i>Caps der guten Hoffnung</i> vor. Am Cap sind einige
-wenige <i>Europäische</i> Arten, die man nicht für eingeführt
-hält, und auf den Bergen verschiedene stellvertretende Formen
-<i>Europäischer</i> Arten gefunden worden, dergleichen man in den
-tropischen Ländern <i>Afrika’s</i> noch nicht entdeckt hat. Dr.
-H<span class="smaller">OOKER</span> hat unlängst gezeigt, dass mehre der auf der Insel
-<i>Fernando Po</i> im Golfe von <i>Guinea</i> wachsenden Pflanzen
-mit denen der <i>Abyssinischen</i> Gebirge an der andren Seite des
-<i>Afrikanischen</i> Kontinents und mit solchen des gemässigten
-<i>Europa’s</i> nahe verwandt sind; Diess ist eine der überraschendsten
-Thatsachen in der Pflanzen-Geographie. — Am <i>Himalaya</i> und auf
-den vereinzelten Berg-Ketten der <i>Indischen</i> Halbinsel, auf den
-Höhen von <i>Ceylon</i> und den vulkanischen Kegeln <i>Javas</i>
-treten viele Pflanzen auf, welche entweder der Art<span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span> nach mit einander
-übereinstimmen, oder sich wechselseitig vertreten und zugleich
-für <i>Europäische</i> Formen vikariiren, aber in den dazwischen
-gelegenen warmen Tiefländern nicht gefunden werden. Ein Verzeichniss
-der auf den luftigen Berg-Spitzen <i>Javas</i> gesammelten Sippen
-liefert ein Bild wie von einer auf <i>Europäischen</i> Gebirgen
-gemachten Sammlung. Noch viel schlagender ist die Thatsache, dass die
-<i>Süd-Australischen</i> Formen offenbar durch Pflanzen repräsentirt
-werden, welche auf den Berg-Höhen von Borneo wachsen. Einige dieser
-<i>Australischen</i> (<i>Neuholländischen</i>) Formen erstrecken sich
-nach Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> längs der Höhen der Halbinsel <i>Malakka</i>
-und sind dünne zerstreut einerseits über <i>Indien</i> und andrerseits
-nordwärts bis <i>Japan</i>.</p>
-
-<p>Auf den südlichen Gebirgen <i>Neuhollands</i> hat Dr. F.
-M<span class="smaller">ÜLLER</span> mehre <i>Europäische</i> Arten entdeckt; andre nicht
-von Menschen eingeführte Spezies kommen in den Niederungen vor,
-und, wie mir Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> sagt, könnte noch eine lange Liste
-von <i>Europäischen</i> Sippen aufgestellt werden, die sich in
-<i>Neuholland</i>, aber nicht in den heissen Zwischenländern finden.
-In der vortrefflichen Einleitung zur Flora <i>Neuseelands</i> liefert
-Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> noch andre analoge und schlagende Beispiele
-hinsichtlich der Pflanzen dieser grossen Insel. Wir sehen daher,
-dass über der ganzen Erd-Oberfläche einestheils die auf den höheren
-Bergen wachsenden Pflanzen, wie anderntheils die in den gemässigten
-Tiefländern der nördlichen und der südlichen Hemisphäre verbreiteten
-zuweilen von gleicher Art sind; noch öfter aber erscheinen sie
-spezifisch verschieden, obwohl in merkwürdiger Weise mit einander
-verwandt.</p>
-
-<p>Dieser kurze Umriss bezieht sich nur auf Pflanzen allein; aber genau
-analoge Thatsachen lassen sich auch über die Vertheilung der Landthiere
-anführen. Auch bei den Seethieren kommen ähnliche Fälle vor. Ich will
-als Beleg die Bemerkung eines der besten Gewährsmänner, nämlich des
-Professors D<span class="smaller">ANA</span> anführen, „dass es gewiss eine wunderbare
-Thatsache ist, dass <i>Neuseeland</i> hinsichtlich seiner Kruster eine
-grössre Verwandtschaft mit seinem Antipoden <i>Grossbritannien</i>
-als mit irgend einem andern Theile der Welt zeigt“. Eben so spricht
-Sir J. R<span class="smaller">ICHARDSON</span> von<span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span> dem Wiedererscheinen nordischer
-Fisch-Formen an den Küsten von <i>Neuseeland</i>, <i>Tasmania</i>
-u.&#160;s.&#160;w. Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> sagt mir, dass <i>Neuseeland</i> 25
-Algen-Arten mit <i>Europa</i> gemein hat, die in den tropischen
-Zwischenmeeren noch nicht gefunden worden sind.</p>
-
-<p>Es ist zu bemerken, dass die in den südlichen Theilen der südlichen
-Halbkugel und auf den tropischen Hochgebirgen gefundenen nördlichen
-Arten und Formen keine arktischen sind, sondern dem nördlichen
-Theile der gemässigten Zone entsprechen. Hr. H. C. W<span class="smaller">ATSON</span>
-hat neulich bemerkt, „je weiter man von den polaren gegen die
-tropischen Breiten voranschreitet, desto weniger arktisch werden die
-alpinen oder gebirglichen Formen der Organismen.“ Viele der auf den
-Gebirgen wärmerer Gegenden der Erde und in der südlichen Hemisphäre
-lebenden Arten sind von so zweifelhaftem Werthe, dass sie von einigen
-Naturforschern als wesentlich verschieden von <i>Europäischen</i>
-Arten und von andern als blosse Varietäten bezeichnet werden. Doch
-einige darunter sind gewiss identisch und viele müssen, wenn auch mit
-nordischen Formen nahe verwandt, als eigne Arten anerkannt werden.</p>
-
-<p>Wir wollen nun zusehen, welche Aufschlüsse die vorangehenden Thatsachen
-über die durch eine Menge geologischer Beweise unterstützte Annahme
-gewähren können, dass die ganze Erd-Oberfläche oder wenigstens ein
-grosser Theil derselben während der Eis-Periode gleichzeitig viel
-kälter als jetzt gewesen seye. Die Eis-Periode muss, in Jahren
-ausgedrückt, sehr lang gewesen seyn; und wenn wir berücksichtigen,
-über welch’ weite Flächen einige naturalisirte Pflanzen und Thiere in
-wenigen Jahrhunderten sich ausgebreitet haben, so hat diese Periode
-für jede noch so weite Wanderung ausreichen können. Da die Kälte
-nur langsam zunahm, so werden alle tropischen Pflanzen und Thiere
-sich von beiden Seiten her gegen den Äquator zurückgezogen haben,
-gefolgt von den Bewohnern gemässigter Gegenden, welchen die der
-Polar-Zonen nachrückten; doch haben wir es mit den letzten in diesem
-Augenblicke nicht zu thun. Die Aufgabe ist eine äusserst verwickelte.
-Selbst die wahrscheinlich vor der Eis-Periode vorhanden gewesene
-pleistocäne Äquatorial-Flora,<span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span> die einem noch mehr als tropischen
-Klima entsprochen hätte, darf nicht ganz ausser Acht gelassen werden.
-Diese alte Äquatorial-Flora würde während der Eis-Zeit, und die zwei
-pleistocänen subtropischen Floren nun mit einander vermengt und an Zahl
-zusammengeschmolzen, von der jetzigen Äquatorial-Flora verdrängt worden
-sein. Eben so mussten während der Eis-Zeit sehr grosse Veränderungen
-in den Feuchtigkeits- u.&#160;a. klimatischen Verhältnissen eingetreten
-seyn, in deren Folge manche Thiere und Pflanzen in verschiedenen
-Menge-Verhältnissen ausgewandert wären. Alle Lebens-Bedingungen
-wären also während der Eis-Periode in den Tropen gleichzeitigem und
-bedeutendem Wechsel unterlegen. Viele der tropischen Organismen
-erloschen dabei ohne Zweifel; wie viele, kann niemand sagen. Vielleicht
-waren vordem die Tropen-Gegenden eben so reich an Arten, wie jetzt
-das <i>Kap der guten Hoffnung</i> und einige gemässigte Theile
-<i>Neuhollands</i>.</p>
-
-<p>Da wir wissen, dass viele tropische Pflanzen und Thiere einen
-ziemlichen Grad von Kälte aushalten können, so mögen manche derselben
-der Zerstörung durch eine mässige Temperatur-Abnahme entgangen seyn,
-zumal wenn sie in die tiefsten geschütztesten und wärmsten Bezirke
-zu entkommen vermochten. Aber was man hauptsächlich nicht vergessen
-darf, das ist, dass doch alle Tropen-Erzeugnisse mehr oder weniger
-gelitten haben müssen. Am schwierigsten ist es zu sagen, auf welche
-Weise sie gänzlicher Vertilgung entgangen sind; wobei die Möglichkeit
-einiger Akklimatisation während des sehr langsamen Heranrückens
-der Kälte-Periode nicht ganz übersehen werden darf. Anderseits
-wurden auch die Bewohner gemässigter Gegenden, welche näher an den
-Äquator heranziehen konnten, in einigermaassen neue Verhältnisse
-versetzt, litten aber weniger. Auch ist es gewiss, dass viele
-Pflanzen gemässigter Gegenden, wenn sie gegen Mitbewerbung geschützt
-sind, ein viel wärmeres als ihr eigentliches Klima ertragen können.
-Daher erscheint es mir möglich, dass, da die Tropen-Erzeugnisse
-in leidendem Zustande waren und den Eindringlingen keinen ernsten
-Widerstand zu leisten vermochten, eine gewisse Anzahl der kräftigsten
-und herrschendsten Formen<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> der gemässigten Zone in die Reihen der
-Eingebornen eingedrungen sind und den Äquator erreicht und selbst
-noch überschritten haben. Der Einfall wurde in der Regel durch
-Hochländer und vielleicht ein trocknes Klima noch begünstigt; denn Dr.
-F<span class="smaller">ALCONER</span> sagt mir, dass es die mit der Hitze der Tropenländer
-verbundene Feuchtigkeit ist, welche den perennirenden Gewächsen
-aus gemässigteren Gegenden so verderblich wird. Dagegen werden die
-feuchtesten und wärmsten Bezirke den Eingebornen der Tropen als
-Zufluchtsstätte gedient haben. Die Gebirgs-Ketten im Nordwesten des
-<i>Himalaya</i> und die lange <i>Cordilleren</i>-Reihe scheinen zwei
-grosse Invasions-Linien gebildet zu haben; und es ist eine schlagende
-Thatsache, dass nach Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> letzter Mittheilung die 46
-Blüthen-Pflanzen, welche <i>Feuerland</i> mit <i>Europa</i> gemein hat,
-alle auch in <i>Nord-Amerika</i> vorkommen, das auf ihrer Marsch-Route
-gelegen haben muss. Wollte man daraus schliessen, dass das Land in
-manchen Tropen-Gegenden damals als die aus gemässigten Gegenden
-kommenden Organismen es durchwanderten, höher als jetzt gewesen seye,
-so fehlen uns wenigstens alle Beweise dafür. Daher ich zu unterstellen
-genöthigt bin, dass auch einige Bewohner der gemässigten Zonen sogar in
-die Tiefländer der Tropen und namentlich <i>Ostindiens</i> eingedrungen
-und diese überschritten, als zur Zeit der grössten Kälte arktische
-Formen von ihrer Heimath aus 25 Breiten-Grade südwärts wanderten und
-das Land am Fusse der <i>Pyrenäen</i> bedeckten. In dieser Zeit der
-grössten Kälte dürfte dann das Klima unter dem Äquator im Niveau des
-Meeres-Spiegels ungefähr das nämliche gewesen seyn, wie es jetzt dort
-in 5000′–6000′ Seehöhe herrscht. In dieser Zeit der grössten Kälte
-waren meiner Meinung nach weite Räume in den tropischen Tiefländern
-mit einer Vegetation bedeckt aus Formen tropischer und gemässigter
-Gegenden zusammengesetzt und derjenigen vergleichbar, welche sich
-nach H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> lebendiger Beschreibung jetzt in wunderbarer
-Üppigkeit am Fusse des <i>Himalaya</i> in 4000′–5000′ Seehöhe entfaltet.</p>
-
-<p>Als M<span class="smaller">ANN</span> auf der Insel <i>Fernando-Po</i> botanisirte, sah
-er von 5000′ Höhe an einzelne Pflanzen-Formen aus dem gemässigten
-<i>Europa</i> auftreten, und Dr. S<span class="smaller">EEMANN</span> fand in den Bergen
-von<span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span> <i>Panama</i> bei 2000′ eine Vegetation wie in <i>Mexico</i> mit
-Formen der heissesten Zone und solche der gemässigten einträchtig
-durchmengt; woraus sich mithin die Möglichkeit ergibt, dass unter
-gewissen klimatischen Bedingungen wirkliche Tropen-Gewächse eine
-unbegrenzte Zeit lang mit Formen gemässigter Klimate zusammen leben
-können.</p>
-
-<p>Ich hatte eine Zeit lang gehofft den Beweis zu finden, dass
-irgendwo auf der Erde die Tropen-Gegenden von den Frost-Wirkungen
-der Eis-Periode verschont geblieben seyen und den leidenden
-Tropen-Bewohnern einen sicheren Zufluchtsort dargeboten hätten. Wir
-können diesen Zufluchtsort nicht auf der <i>Ostindischen</i> Halbinsel
-oder auf <i>Ceylon</i> suchen, da Formen gemässigter Klimate fast
-alle ihre einzeln gelegenen Berg-Höhen erreicht haben; wir vermögen
-sie nicht im <i>Malayischen</i> Archipel zu finden, denn auf den
-Vulkanen-Kegeln <i>Javas</i> sehen wir <i>Europäische</i> Formen und
-auf den Höhen von <i>Borneo</i> Erzeugnisse des gemässigten Theiles
-von <i>Neuholland</i> auftreten. In <i>Afrika</i> haben nicht nur
-einige gemässigt-<i>Europäische</i> Formen <i>Abyssinien</i> auf
-der West-Seite bis zu dessen südlichem Ende durchwandert, sondern
-auch Formen gemässigter Klimate von dort aus den Kontinent bis
-<i>Fernando-Po</i> an der West-Seite durchschritten mit Hilfe
-vielleicht von Gebirgsketten, welche nach einigen Anzeichen das
-Festland von Osten nach Westen durchstreichen. Wenn man aber
-auch annähme, dass irgend eine ausgedehnte Tropen-Gegend während
-der Eis-Zeit ihre volle Wärme bewahrt hätte, so würde uns diese
-Unterstellung nicht viel helfen, weil die darin erhalten gebliebenen
-tropischen Formen in einer so kurzen Zeitfrist nicht wohl von einer
-dieser grossen Tropen-Gegenden gewandert seyn könnten. Auch haben
-die tropischen Formen der ganzen Erd-Oberfläche gegen einander
-gehalten keinesweges ein so einförmiges Aussehen, als ob sie von einem
-gemeinsamen Sicherheits-Hafen ausgelaufen wären.</p>
-
-<p>Die östlichen Ebenen im tropischen <i>Süd-Amerika</i> haben offenbar am
-wenigsten von der Eis-Periode gelitten; und doch sind auch hier einige
-wenige Formen gemässigter Gegenden in den <i>Brasilischen</i> Bergen
-gefunden worden, welche den Kontinent<span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span> von den <i>Cordilleren</i> aus
-gekreuzt haben müssen; und eben so scheint während derselben Zeit
-eine Wanderung von den <i>Cordilleren</i> bis gegen <i>Caraccas</i>
-stattgefunden zu haben. Nun aber hat B<span class="smaller">ATES</span>, welcher mit
-grossem Eifer die Insekten-Fauna des <i>Guiana-Amazonas</i>-Gebietes
-studirt, kürzlich mit grosser Lebhaftigkeit gegen jede Annahme einer
-in neuerer Zeit stattgefundenen Abkühlung dieses grossen Gebietes
-geeifert, indem er zeigte, dass es reich ist an ganz eigenthümlichen
-einheimischen Schmetterlings-Formen, welche offenbar der Unterstellung
-eines neuerlich stattgefundenen Erlöschens in der Nähe des Äquators
-widersprechen. Ich will mich jedoch nicht vermessen zu sagen, in wie
-ferne diese Erscheinung etwa durch die Annahme einer fast gänzlichen
-Austilgung einer pleistocänen Fauna in der Eis-Zeit und der Bildung
-der jetzigen Äquatorial-Fauna durch die Vereinigung der zwei vorigen
-subtropischen Faunen erklärbar seyn möge.</p>
-
-<p>So sind, glaube ich, während der Eis-Periode beträchtlich viele
-Pflanzen, einige Landthiere und verschiedene Meeres-Bewohner von beiden
-gemässigten Zonen aus in die Tropen-Gegenden eingedrungen und haben
-manche sogar den Äquator überschritten. Als die Wärme zurückkehrte,
-stiegen die den gemässigten Klimaten entstammten Formen natürlich an
-den Bergen hinan und verschwanden aus den Tiefebenen; diejenigen,
-welche den Äquator nicht erreicht hatten, kehrten nord- und süd-wärts
-in ihre frühere Heimath zurück; jene hauptsächlich nordischen Formen
-aber, welche den Äquator schon überschritten, wanderten weiter in
-die gemässigten Breiten der entgegengesetzten Hemisphäre. Obwohl
-sich aus geologischen Forschungen ergibt, dass die ganze Masse der
-arktischen Konchylien auf ihrer langen Wanderung nach Süden und ihrer
-Rückwanderung nach Norden kaum irgend eine wesentliche Modification
-erfahren habe, so ist das Verhältniss doch ein ganz andres hinsichtlich
-der eingedrungenen Formen, welche sich auf den tropischen Gebirgen
-und in der südlichen Hemisphäre festsetzten. Von Fremdlingen umgeben
-geriethen sie mit vielen neuen Lebenformen in Mitbewerbung; und es ist
-wahrscheinlich, dass Abänderungen in Struktur, organischer Thätigkeit
-und Lebensweise davon die Folge waren und<span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span> durch Natürliche Züchtung
-fortgebildet wurden. So leben nun viele von diesen Wanderern, wenn auch
-offenbar noch verwandt mit ihren Brüdern in der andern Hemisphäre, in
-ihrer neuen Heimath als ausgezeichnete Varietäten oder eigene Spezies
-fort.</p>
-
-<p>Es ist eine merkwürdige Thatsache, worauf H<span class="smaller">OOKER</span> hinsichtlich
-<i>Amerikas</i> und A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hinsichtlich
-<i>Australiens</i> bestehen, dass offenbar viel mehr identische und
-verwandte Pflanzen von Norden nach Süden als in umgekehrter Richtung
-gewandert sind. Wir sehen daher nur wenige südlichen Pflanzen-Formen
-auf den Bergen von <i>Borneo</i> und <i>Abyssinien</i>. Ich vermuthe,
-dass diese überwiegende Wanderung von Norden nach Süden der grösseren
-Ausdehnung des Landes im Norden und der zahlreichen Existenz der
-nordischen Formen in ihrer Heimath zuzuschreiben ist, in deren
-Folge sie durch Natürliche Züchtung und manchfaltigere Mitbewerbung
-bereits zu höherer Vollkommenheit und Herrschafts-Fähigkeit als die
-südlicheren Formen gelangt waren. Und als nun beide während der
-Eis-Periode sich durcheinander mengten, waren die nördlichen Formen
-besser geeignet die südlichen zu überwinden, — so wie wir heutzutage
-noch die <i>Europäischen</i> Einwanderer den Boden von <i>La-Plata</i>
-und seit 30–40 Jahren auch von <i>Neuholland</i> bedecken sehen. Die
-<i>Neil-gherrie</i>-Berge in <i>Ostindien</i> bieten jedoch eine
-theilweise Ausnahme dar, indem, wie mir Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> sagt,
-<i>Australische</i> Formen sich dort rasch naturalisiren und durch
-Saamen verbreiten. Vor der Eis-Zeit waren diese tropischen Gebirge ohne
-Zweifel mit einheimischen Alpen-Pflanzen bevölkert. Auf vielen Inseln
-sind die eingeborenen Erzeugnisse durch die naturalisirten bereits an
-Menge erreicht oder überboten; und wenn jene ersten jetzt auch noch
-nicht verdrängt sind, so hat ihre Anzahl doch schon sehr abgenommen,
-und Diess ist der erste Schritt zum Untergang. Ein Gebirge ist eine
-Insel auf dem Lande, und die tropischen Gebirge vor der Eis-Zeit müssen
-vollständig isolirt gewesen seyn. Ich glaube, dass die Erzeugnisse
-dieser Inseln auf dem Lande vor denen der grösseren nordischen
-Länder-Strecken ganz in derselben Weise zurückgewichen sind, wie die
-Erzeugnisse der<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> Inseln im Meer zuletzt überall von den durch den
-Menschen daselbst naturalisirten verdrängt wurden.</p>
-
-<p>Ich bin weit entfernt zu glauben, dass durch die hier aufgestellte
-Ansicht über die Ausbreitung und die Beziehungen der verwandten Arten,
-welche in der nördlichen und der südlichen gemässigten Zone und auf
-den Gebirgen der Tropen-Gegenden wohnen, bereits alle Schwierigkeiten
-ausgeglichen sind. Es ist sehr schwer zu begreifen, wie eine so grosse
-Anzahl eigenthümlicher auf die Tropen beschränkter Formen den kältesten
-Theil der Eis-Zeit zu überdauern im Stande war. Die Anzahl der Formen
-in <i>Neuholland</i>, welche mit Formen des gemässigten <i>Europas</i>
-verwandt aber dennoch so abweichend von ihnen sind, dass man unmöglich
-an eine Abänderung derselben erst seit der Glazial-Zeit glauben kann,
-zeigt vielleicht eine noch ältre Kälte-Periode an, welche mit den
-Spekulationen einiger neueren Geologen in Beziehung steht. — Die
-genauen Richtungen und die Mittel der Wanderungen oder die Ursachen,
-warum die einen und nicht die andern Arten gewandert sind, oder warum
-gewisse Spezies Abänderung erfahren haben und zur Bildung neuer
-Formen-Gruppen verwendet worden, während andre unverändert geblieben
-sind, lassen sich nicht nachweisen. Wir können nicht hoffen, solche
-Verhältnisse zu erklären, so lange wir nicht zu sagen vermögen, warum
-eine Art und nicht die andre durch menschliche Thätigkeit in fremden
-Landen naturalisirt werden kann, oder warum die eine zwei oder drei mal
-so weit verbreitet, zwei oder drei mal so gemein als die andre Art in
-der gemeinsamen Heimath ist.</p>
-
-<p>Ich habe gesagt, dass viele Schwierigkeiten noch zu überwinden bleiben.
-Einige der merkwürdigsten hat Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> in seinen botanischen
-Werken über die antarktischen Regionen mit bewundernswerther Klarheit
-auseinandergesetzt. Diese können hier nicht erörtert werden. Nur
-Das will ich bemerken, dass, wenn es sich um das Vorkommen einer
-Spezies an so ungeheuer von einander entfernten Punkten handelt,
-wie <i>Kerguelen-Land</i>, <i>Neuseeland</i> und <i>Feuerland</i>
-sind, nach meiner Meinung (wie auch L<span class="smaller">YELL</span> annimmt) Eisberge
-gegen das Ende der Eis-Zeit hin sich<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> reichlich an deren Verbreitung
-betheiligt haben dürften. Aber das Vorkommen einiger verschiedenen
-Arten aus ganz südlichen Sippen an diesem oder jenem entlegenen Punkte
-der südlichen Halbinsel ist nach meiner Theorie der Fortpflanzung mit
-Abänderung ein weit merkwürdigeres schwieriges Beispiel. Denn einige
-dieser Arten sind so abweichend, dass sich nicht annehmen lässt, die
-Zeit von Anbeginn der Eis-Periode bis jetzt könne zu ihrer Wanderung
-und nachherigen Abänderung bis zur erforderlichen Stufe hingereicht
-haben. Diese Thatsachen scheinen mir anzuzeigen, dass sehr verschiedene
-eigenthümliche Arten in strahlenförmiger Richtung von irgend einem
-gemeinsamen Zentrum ausgegangen; und ich bin geneigt, mich auch in
-der südlichen so wie in der nördlichen Halbkugel um eine wärmere
-Periode vor der Eis-Zeit umzusehen, wo die jetzt mit Eis bedeckten
-antarktischen Länder eine ganz eigenthümliche und abgesonderte Flora
-besessen haben. Ich vermuthe, dass schon vor der Vertilgung dieser
-Flora durch die Eis-Periode sich einige wenige Formen derselben durch
-gelegentliche Transport-Mittel bis zu verschiedenen weit entlegenen
-Punkten der südlichen Halbkugel verbreitet hatten. Dabei mögen ihnen
-einige entweder noch vorhandene oder bereits versunkene Inseln als
-Ruheplätze gedient haben. Und so, glaube ich, haben die südlichen
-Küsten von <i>Amerika</i>, <i>Neuholland</i> und <i>Neuseeland</i>
-eine ähnliche Färbung durch gleiche eigenthümliche Formen des
-Pflanzen-Lebens erhalten.</p>
-
-<p>Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> hat sich in einer der meinen fast ähnlichen
-Weise in Vermuthungen ergangen über die Einflüsse grosser Schwankungen
-des Klimas auf die geographische Verbreitung der Lebenformen. Ich
-glaube also, dass die Erd-Oberfläche noch unlängst einen von diesen
-grossen Kreisläufen erfahren hat, und dass durch diese Unterstellung
-in Verbindung mit der Annahme der Abänderung durch Natürliche
-Züchtung eine Menge von Thatsachen in der gegenwärtigen Vertheilung
-von identischen sowohl als verwandten Lebenformen sich erklären
-lässt. Man könnte sagen, die Ströme des Lebens seyen eine kurze
-Zeit von Norden und von Süden her geflossen und hätten den Äquator
-gekreuzt;<span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span> aber die von Norden her seyen so viel stärker gewesen, dass
-sie den Süden überschwemmt hätten. Wie die Gezeiten ihren Beitrieb
-in wagrechten Linien abgesetzt am Strande zurücklassen, jedoch an
-verschiedenen Küsten zu verschiedenen Höhen ansteigen, so haben auch
-verschiedene Lebens-Ströme ihr lebendiges Drift auf unsern Berg-Höhen
-hinterlassen in einer von den arktischen Tiefländern bis zu grossen
-Äquatorial-Höhen langsam ansteigenden Linie. Die verschiedenen auf dem
-Strande zurückgelassenen Lebenwesen kann man mit wilden Menschen-Rassen
-vergleichen, die fast allerwärts zurückgedrängt sich noch in Bergfesten
-erhalten als interessante Überreste der ehemaligen Bevölkerungen
-umgebender Flachländer.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br />
-
-<b>Geographische Verbreitung.</b><br />
-
-<span class="s7">(Fortsetzung.)</span></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. — Die Bewohner der ozeanischen
-Inseln. — Abwesenheit von Batrachiern und Land-Säugethieren. —
-Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten
-Festländer. — Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und
-nachherige Abänderung. — Zusammenfassung der Folgerungen aus dem
-letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.</p>
-
-<p>Da See’n und Fluss-Systeme durch Schranken von Trockenland von einander
-getrennt werden, so möchte man glauben, dass Süsswasser-Bewohner nicht
-im Stande seyen sich aus einer Gegend in weite Ferne zu verbreiten. Und
-doch verhält sich die Sache gerade entgegengesetzt. Nicht allein haben
-viele Süsswasser-Bewohner aus ganz verschiedenen Klassen selbst eine
-ungeheure Verbreitung, sondern einander nahe verwandte Formen herrschen
-auch in auffallender Weise über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ich
-besinne mich noch wohl der Überraschung,<span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span> die ich fühlte, als ich zum
-ersten Male in <i>Brasilien</i> Süsswasser-Erzeugnisse sammelte und die
-Süsswasser-Schaaler und -Kerbthiere mitten in einer ganz verschiedenen
-Bevölkerung des Trockenlandes den <i>Britischen</i> so ähnlich fand.</p>
-
-<p>Doch kann dieses Vermögen weiter Verbreitung bei den
-Süsswasser-Bewohnern, wie unerwartet es auch seyn mag, in den meisten
-Fällen, wie ich glaube, daraus erklärt werden, dass sie in einer für
-sie sehr nützlichen Weise von Sumpf zu Sumpf und von Strom zu Strom zu
-wandern fähig sind; woraus sich denn die Neigung zu weiter Verbreitung
-als eine nothwendige Folge ergeben dürfte. Doch können wir hier nur
-wenige Fälle in Betracht ziehen. Was die Fische betrifft, so glaube
-ich, dass eine und dieselbe Spezies niemals in den Süsswassern weit von
-einander entfernter Kontinente vorkommt, wohl aber verbreitet sie sich
-in einem nämlichen Festlande oft weit und in anscheinend launischer
-Weise, so dass zwei Fluss-Systeme einen Theil ihrer Fische miteinander
-gemein haben, während andre Arten jedem derselben eigenthümlich
-sind. Einige wenige Thatsachen scheinen ihre gelegenheitliche
-Versetzung aus einem Fluss in den andern zu erläutern, wie deren in
-<i>Ostindien</i> schon öfters von Wirbelwinden bewirkte Entführung
-durch die Luft, wonach sie als Fisch-Regen wieder zur Erde gelangten,
-und wie die Zählebigkeit ihrer aus dem Wasser entnommenen Eier. Doch
-bin ich geneigt, die Verbreitung der Süsswasser-Fische vorzugsweise
-geringen Höhenwechseln des Landes während der gegenwärtigen Periode
-zuzuschreiben, wodurch manche Flüsse veranlasst worden sind, sich in
-andrer Weise miteinander zu verbinden. Auch lassen sich Beispiele
-anführen, dass Diess ohne Veränderungen in den wechselseitigen Höhen
-durch Fluthen bewirkt worden ist. Der Löss des <i>Rheines</i> bietet
-uns Belege für ansehnliche Veränderungen der Boden-Höhe in einer ganz
-neuen geologischen Zeit dar, wo die Oberfläche schon mit ihren jetzigen
-Arten von Binnenmollusken bevölkert war. Die grosse Verschiedenheit
-zwischen den Fischen auf den entgegengesetzten Seiten von
-Gebirgs-Ketten, die schon seit früher Zeit die Wasserscheide der Gegend
-gebildet und die Ineinandermündung der beiderseitigen<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> Fluss-Systeme
-gehindert haben müssen, scheint mir zum nämlichen Schlusse zu führen.
-Was das Vorkommen verwandter Arten von Süsswasser-Fischen an sehr
-entfernten Punkten der Erd-Oberfläche betrifft, so gibt es zweifelsohne
-viele Fälle, welche zur Zeit nicht erklärt werden können. Inzwischen
-stammen einige Süsswasser-Fische von sehr alten Formen ab, welche
-mithin während grosser geographischer Veränderungen Zeit und Mittel
-gefunden haben, sich durch weite Wanderungen zu verbreiten. Zweitens
-können Salzwasser-Fische bei sorgfältigem Verfahren langsam ans Leben
-im Süsswasser gewöhnt werden, und nach V<span class="smaller">ALENCIENNES</span> gibt es
-kaum eine gänzlich aufs Süsswasser beschränkte Fisch-Gruppe, so dass
-wir uns vorstellen können, ein Meeres-Bewohner aus einer übrigens dem
-Süsswasser angehörigen Gruppe wandre der See-Küste entlang und werde
-demzufolge abgeändert und endlich in Süsswassern eines entlegenen
-Landes zu leben befähigt.</p>
-
-<p>Einige Arten von Süsswasser-Konchylien haben eine sehr weite
-Verbreitung, und verwandte Arten, die nach meiner Theorie von
-gemeinsamen Ältern abstammen und mithin aus einer einzigen Quelle
-hervorgegangen sind, walten über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ihre
-Verbreitung setzte mich anfangs in Verlegenheit, da ihre Eier nicht
-zur Fortführung durch Vögel geeignet sind und wie die Thiere selbst
-durch Seewasser getödtet werden. Ich konnte daher nicht begreifen, wie
-es komme, dass einige naturalisirte Arten sich rasch durch eine ganze
-Gegend verbreitet haben. Doch haben zwei von mir beobachtete Thatsachen
-— und viele andre bleiben zweifelsohne noch fernerer Beobachtung
-anheim gegeben — einiges Licht über diesen Gegenstand verbreitet. Wenn
-eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten Teiche
-erhebt, so bleiben oft, wie ich zweimal gesehen habe, welche von diesen
-kleinen Pflanzen auf ihrem Rücken hängen, und es ist mir geschehen,
-dass, wenn ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andre
-versetzte, ich ganz absichtlos das letzte mit Süsswasser-Mollusken
-des ersten bevölkerte. Doch ist ein andrer Umstand vielleicht noch
-wirksamer. In Betracht, dass Wasser-Vögel mitunter in Sümpfen<span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span>
-schlafen, hängte ich einen Enten-Fuss in einem Aquarium auf, wo viele
-Eier von Süsswasser-Schnecken auszukriechen im Begriffe waren, und
-fand, dass bald eine grosse Menge der äusserst kleinen ausgeschlüpften
-Schnecken an dem Fuss umherkrochen und sich so fest anklebten, dass
-sie von dem herausgenommenen Fusse nicht abgeschabt werden konnten,
-obwohl sie in einem etwas mehr vorgeschrittenen Alter freiwillig davon
-abliessen. Diese frisch ausgeschlüpften Weichthiere, obschon zum
-Wohnen im Wasser bestimmt, lebten an dem Enten-Fusse in feuchter Luft
-wohl 12–20 Stunden lang, und während dieser Zeit kann eine Ente oder
-ein Reiher wenigstens 600–700 <i>Englische</i> (140 <i>Deutsche</i>)
-Meilen weit fliegen und sich dann wieder in einem Sumpfe oder Bache
-niederlassen, vielleicht auf einer ozeanischen Insel, wenn ein Sturm
-denselben erfasst und über’s Meer hin verschlagen hatte. Auch hat mich
-Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> benachrichtigt, dass man einen Wasserkäfer
-(Dyticus) mit einer ihm fest ansitzenden Süsswasser-Napfschnecke
-(Ancylus) gefangen hat; und ein andrer Wasserkäfer aus der Sippe
-Colymbetes kam einst an Bord des Beagle geflogen, als dieser 45
-Englische Meilen vom nächsten Lande entfernt war; wie viel weiter er
-aber mit einem günstigen Winde noch gekommen seyn würde, Das vermag
-Niemand zu sagen.</p>
-
-<p>Was die Pflanzen betrifft, so ist es längst bekannt, was für eine
-ungeheure Ausbreitung manche Süsswasser- und selbst Sumpf-Gewächse auf
-den Festländern und bis zu den entferntesten Inseln des Weltmeeres
-besitzen. Diess ist nach A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span>’<span class="smaller">S</span> Wahrnehmung am
-deutlichsten in solchen grossen Gruppen von Landpflanzen zu ersehen,
-aus welchen nur einige Glieder an Süsswassern leben; denn diese
-letzten pflegen sofort eine viel grössre Verbreitung als die übrigen
-zu erlangen. Ich glaube, dass die günstigeren Verbreitungs-Mittel
-diese Erscheinung erklären können. Ich habe vorhin die Erd-Theilchen
-erwähnt, welche, wenn auch nur selten und zufällig einmal, an
-Schnäbeln und Füssen der Vögel hängen bleiben. Sumpfvögel, welche die
-schlammigen Ränder der Sümpfe aufsuchen, werden meistens schmutzige
-Füsse haben, wenn sie plötzlich aufgescheucht<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> werden. Nun lässt sich
-nachweisen, dass gerade Vögel dieser Ordnung die grössten Wanderer
-sind und zuweilen auf den entferntesten und ödesten Inseln des offenen
-Weltmeeres angetroffen werden. Sie können sich nicht auf der Oberfläche
-des Meeres niederlassen, wo der noch an ihren Füssen hängende Schlamm
-abgewaschen werden könnte; und wenn sie ans Land kommen, werden sie
-gewiss alsbald ihre gewöhnlichen Aufenthalts-Orte an den Süsswassern
-aufsuchen. Ich glaube kaum, dass die Botaniker wissen, wie beladen der
-Schlamm der Sümpfe mit Pflanzen-Saamen ist; ich habe jedoch einige
-kleine Beobachtungen darüber gemacht, deren zutreffendsten Ergebnisse
-ich hier mittheilen will. Ich nahm im Februar drei Esslöffel voll
-Schlamm von drei verschiedenen Stellen unter Wasser, am Rande eines
-kleinen Sumpfes. Dieser Schlamm getrocknet wog 6¾ Unzen. Ich
-bewahrte ihn sodann in meinem Arbeitszimmer bedeckt sechs Monate
-lang auf und zählte und riss jedes aufkeimende Pflänzchen aus. Diese
-Pflänzchen waren von mancherlei Art und 537 im Ganzen; und doch war
-all’ dieser zähe Schlamm in einer einzigen Untertasse enthalten.
-Diesen Thatsachen gegenüber würde es nun geradezu unerklärbar seyn,
-wenn es nicht mitunter vorkäme, dass Wasser-Vögel die Saamen von
-Süsswasser-Pflanzen in weite Fernen verschleppten und so zur immer
-weitern Ausbreitung derselben beitrügen. Und derselbe Zufall mag
-hinsichtlich der Eier einiger kleiner Süsswasser-Thiere in Betracht
-kommen.</p>
-
-<p>Auch noch andre und mitunter unbekannte Kräfte mögen dabei ihren
-Theil haben. Ich habe oben gesagt, dass Süsswasser-Fische manche
-Arten Sämereien fressen, obwohl sie andre Arten, nachdem sie solche
-verschlungen haben, wieder auswerfen; selbst kleine Fische verschlingen
-Saamen von mässiger Grösse, wie die der gelben Wasserlilie und
-des Potamogeton. Hunderte und abermals Hunderte von Reihern u.&#160;a.
-Vögeln gehen täglich auf den Fischfang aus; wenn sie sich erheben,
-suchen sie oft andre Wasser auf oder werden auch zufällig übers Meer
-getrieben; und wir haben gesehen, dass Saamen oft ihre Keimkraft noch
-besitzen, wenn sie in Gewölle, in Exkrementen u.&#160;dgl.<span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span> einige Stunden
-später wieder ausgeworfen werden. Als ich die grossen Saamen der
-herrlichen Wasserlilie, Nelumbium, sah und mich dessen erinnerte, was
-A<span class="smaller">LPHONS</span> D<span class="smaller">E</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> über diese Pflanze gesagt, so meinte ich
-ihre Verbreitung müsse ganz unerklärbar seyn. Doch A<span class="smaller">UDUBON</span>
-versichert, Saamen der grossen südlichen Wasserlilie (nach Dr.
-H<span class="smaller">OOKER</span> wahrscheinlich das Nelumbium speciosum) im Magen
-eines Reihers gefunden zu haben, und, obwohl es mir als Thatsache
-nicht bekannt ist, so schliesse ich doch aus der Analogie, dass, wenn
-ein Reiher in solchem Falle nach einem andern Sumpfe flöge und dort
-eine herzhafte Fisch-Mahlzeit zu sich nähme, er wahrscheinlich aus
-seinem Magen wieder einen Ballen mit noch unverdauten Nelumbium-Saamen
-auswerfen würde; oder der Vogel kann diese Saamen verlieren, wenn er
-seine Jungen füttert, wie er bekanntlich zuweilen einen Fisch fallen
-lässt<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a>.</p>
-
-<p>Bei Betrachtung dieser verschiedenen Verbreitungs-Mittel muss man
-sich noch erinnern, dass, wenn ein Sumpf oder Fluss z.&#160;B. auf einer
-neuen Insel eben erst entsteht, er noch nicht bevölkert ist und ein
-einzelnes Sämchen oder Ei’chen gute Aussicht auf Fortkommen hat. Auch
-wenn ein Kampf ums Daseyn zwischen den Individuen der wenigen Arten,
-die in einem Sumpfe beisammen leben, bereits begonnen hat, so wird in
-Betracht, dass die Zahl der Arten gegen die auf dem Lande doch geringer
-ist, der Wettkampf auch wohl minder heftig als der zwischen den
-Landbewohnern seyn; ein neuer Eindringling, aus der Fremde angelangt,
-würde mithin auch mehr Aussicht haben eine Stelle zu erobern, als ein
-neuer Kolonist auf dem trocknen Lande. Auch dürfen wir nicht vergessen,
-dass einige und vielleicht viele Süsswasser-Bewohner tief auf der
-Stufenleiter der Natur stehen und wir mit Grund annehmen können, dass
-solche tief organisirte Wesen langsamer als die höher ausgebildeten
-abändern, demzufolge dann ein und die nämliche Art Wasser-bewohnender<span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span>
-Organismen längre Zeit wandern kann, als die Arten des trocknen
-Landes. Endlich müssen wir der Möglichkeit gedenken, dass viele
-Süsswasser-bewohnende Spezies, nachdem sie sich über ungeheure Flächen
-verbreitet, in den mitteln Gegenden derselben wieder erloschen seyn
-können. Aber die weite Verbreitung der Pflanzen und niederen Thiere
-des Süsswassers, mögen sie nun ihre ursprüngliche Formen unverändert
-bewahren oder in gewissem Grade verändern, hängt nach meiner Meinung
-hauptsächlich von der Leichtigkeit ab, womit ihre Saamen und Eier durch
-andere Thiere und zumal höchst flugfertige Süsswasser-Vögel von einem
-Gewässer zum andern oft sehr entfernt gelegenen verschleppt werden
-können. Die Natur hat wie ein sorgfältiger Gärtner ihre Saamen von
-einem Beete von besondrer Beschaffenheit genommen und sie in ein andres
-gleichfalls angemessen zubereitetes verpflanzt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Bewohner der ozeanischen Inseln.</em>) Wir kommen nun zur letzten
-der drei Klassen von Thatsachen, welche ich als diejenigen bezeichnet
-habe, welche die grössten Schwierigkeiten für die Ansicht darbieten,
-dass, weil alle Individuen sowohl der nämlichen Art als auch
-nahe-verwandter Arten von einem gemeinsamen Stammvater herkommen, auch
-alle von gemeinsamer Geburtsstätte aus sich über die entferntesten
-Theile der Erd-Oberfläche, deren Bewohner sie jetzt sind, verbreitet
-haben müssen. Ich habe bereits erklärt, dass ich nicht wohl mit
-der F<span class="smaller">ORBES</span>’schen Ansicht übereinstimmen kann, wonach alle
-Inseln des <i>Atlantischen Ozeans</i> noch in der gegenwärtigen
-neuesten Periode mit einem der zwei Kontinente ganz oder fast ganz
-zusammengehangen haben sollen. Diese Ansicht würde zwar allerdings
-einige Schwierigkeiten beseitigen, dürfte aber keineswegs alle
-Erscheinungen hinsichtlich der Insel-Bevölkerung erklären. In den
-nachfolgenden Bemerkungen werde ich mich nicht auf die blosse Frage
-von der Vertheilung der Arten beschränken, sondern auch einige andre
-Thatsachen erläutern, welche sich auf die zwei Theorien, die der
-selbstständigen Schöpfung der Arten und die ihrer Abstammung von
-einander mit fortwährender Abänderung beziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span></p>
-
-<p>Nur wenige Arten aller Klassen bewohnen ozeanische Inseln, im
-Vergleich zu gleich grossen Flächen festen Landes, wie A<span class="smaller">LPHONS
-DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> in Bezug auf die Pflanzen und W<span class="smaller">OLLASTON</span>
-hinsichtlich der Insekten behaupten. Betrachten wir die erhebliche
-Grösse und die manchfaltigen Standorte <i>Neuseelands</i>, das über
-780 Englische Meilen Breite hat, und vergleichen die Arten seiner
-Blüthen-Pflanzen, nur 750 an der Zahl, mit denen einer gleich grossen
-Fläche am <i>Kap der guten Hoffnung</i> oder in <i>Neuholland</i>, so
-müssen wir, glaube ich, zugestehen, dass etwas von den physikalischen
-Bedingungen ganz Unabhängiges die grosse Verschiedenheit der
-Arten-Zahlen veranlasst hat. Selbst die einförmige Umgegend von
-<i>Cambridge</i> zählt 847 und das kleine Eiland <i>Anglesea</i> 764
-Pflanzen-Arten; doch sind auch einige Farne und einige eingeführte
-Arten in diesen Zahlen mitbegriffen und ist die Vergleichung auch in
-einigen andern Beziehungen nicht ganz richtig. Wir haben Beweise,
-dass das kahle Eiland <i>Ascension</i> bei seiner Entdeckung nicht
-ein halbes Dutzend Blüthen-Pflanzen besass; jetzt sind viele dort
-naturalisirt, wie es eben auch auf <i>Neuseeland</i> und auf allen
-andern ozeanischen Inseln der Fall ist. Auf <i>St. Helena</i> nimmt man
-mit Grund an, dass die naturalisirten Pflanzen und Thiere schon viele
-einheimische Natur-Erzeugnisse gänzlich oder fast gänzlich vertilgt
-haben. Wer also der Lehre von der selbstständigen Erschaffung aller
-einzelnen Arten beipflichtet, der wird zugestehen müssen, dass auf
-den ozeanischen Inseln keine hinreichende Anzahl bestens angepasster
-Pflanzen und Thiere geschaffen worden seye, indem der Mensch diese
-Inseln ganz absichtlos aus verschiedenen Quellen viel besser und
-vollständiger als die Natur bevölkert hat.</p>
-
-<p>Obwohl auf ozeanischen Inseln die Arten-Zahl der Bewohner im Ganzen
-dürftig, so ist doch das Verhältniss der endemischen, d.&#160;h. sonst
-nirgends vorkommenden Arten oft ausserordentlich gross. Diess ergibt
-sich, wenn man z.&#160;B. die Anzahl der endemischen Landschnecken auf
-<i>Madeira</i>, oder der endemischen Vögel im <i>Galapagos-Archipel</i>
-mit der auf irgend einem Kontinente gefundenen Zahl vergleicht und dann
-auch die beiderseitige Flächen-Ausdehnung gegeneinander hält. Dieses
-war nach meiner<span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span> Theorie zu erwarten; denn, wie bereits erklärt worden,
-sind Arten, welche nach langen Zwischenzeiten gelegenheitlich in einen
-neuen und abgeschlossenen Bezirk kommen und dort mit neuen Genossen
-zu kämpfen haben, in ausgezeichnetem Grade abzuändern geneigt und
-bringen oft Gruppen modifizirter Nachkommen hervor. Daraus folgt aber
-keineswegs, dass, weil auf einer Insel fast alle Arten einer Klasse
-eigenthümlich sind, auch die der übrigen Klassen oder auch nur einer
-besondren Sektion derselben Klasse eigenthümlich seyn müsse; und dieser
-Unterschied scheint theils davon herzurühren, dass diejenigen Arten,
-welche nicht abänderten, leicht und gemeinsam eingewandert sind, so
-dass ihre gegenseitigen Beziehungen nicht viel gestört wurden, theils
-kann er aber auch von der häufigen Ankunft unveränderter Einwandrer
-aus dem Mutterlande und der nachherigen Kreutzung mit vorigen bedingt
-seyn. Hinsichtlich der Wirkung einer solchen Kreutzung ist zu bemerken,
-dass die aus derselben entspringenden Nachkommen gewiss sehr kräftig
-werden müssen, indem selbst eine zufällige Kreutzung wirksamer zu seyn
-pflegt, als man voraus erwarten möchte. Ich will einige Beispiele
-anführen. Auf den <i>Galapagos</i>-Eilanden gibt es 26 Landvögel, wovon
-21 (oder vielleicht 23) endemisch sind, während von den 11 Seevögeln
-ihnen nur zwei eigenthümlich angehören, und es liegt auf der Hand,
-dass Seevögel leichter als Landvögel nach diesen Eilanden gelangen
-können. <i>Bermuda</i> dagegen, welches ungefähr eben so weit von
-<i>Nord-Amerika</i>, wie die <i>Galapagos</i> von <i>Süd-Amerika</i>,
-entfernt liegt und einen eigenthümlichen Boden besitzt, hat nicht
-eine endemische Art von Landvögeln, und wir wissen aus Herrn J.
-M. J<span class="smaller">ONES</span>’ trefflichem Berichte über <i>Bermuda</i>, dass sehr
-viele <i>Nord-Amerikanische</i> Vögel auf ihren grossen jährlichen
-Zügen diese Insel theils regelmässig und theils auch einmal zufällig
-berühren. Nach der Insel <i>Madeira</i> werden fast alljährlich, wie
-mir Hr. E. V. H<span class="smaller">ARCOURT</span> gesagt, viele <i>Europäische</i> und
-<i>Afrikanische</i> Vögel verschlagen. Es ist von 99 Vögel-Arten
-bewohnt, von welchen nur 1 der Insel eigenthümlich, aber mit einer
-<i>Europäischen</i> Form sehr nahe verwandt ist; aber 3–4 andre sind
-auf diese und die <i>Canarischen</i> Inseln beschränkt.<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> So sind
-diese beiden Inseln <i>Bermuda</i> und <i>Madeira</i> mit Vögel-Arten
-besetzt worden, welche schon seit langen Zeiten in ihrer früheren
-Heimath miteinander gekämpft haben und einander angepasst worden sind,
-nachdem sie sich nun in ihrer neuen Heimath angesiedelt, hat jede Art
-den andern gegenüber ihre alte Stelle und Lebensweise behauptet und
-mithin keine neuen Modifikationen erfahren. Auch ist jede Neigung zur
-Abänderung durch die Kreutzung mit den fortwährend aus dem Mutterlande
-unverändert nachkommenden neuen Einwanderern gehemmt worden.
-<i>Madeira</i> ist ferner von einer wundersamen Anzahl eigenthümlicher
-Landschnecken-Arten bewohnt, während nicht eine einzige Art von
-Weichthieren auf seine Küsten beschränkt ist. Obwohl wir nun nicht
-wissen, auf welche Weise die meerischen Schaalthiere sich verbreiten,
-so lässt sich doch einsehen, dass ihre Eier oder Larven vielleicht
-an Seetang und Treibholz ansitzend oder an den Füssen der Waldvögel
-hängend weit leichter als Land-Mollusken 300–400 Meilen weit über die
-offne See fortgeführt werden können. Die verschiedenen Insekten-Klassen
-auf <i>Madeira</i> scheinen analoge Thatsachen darzubieten.</p>
-
-<p>Ozeanische Inseln sind zuweilen unvollständig in gewissen Klassen,
-deren Stellen anscheinend durch andere Einwohner derselben eingenommen
-werden. So vertreten auf den <i>Galapagos</i> Reptilien und auf
-<i>Neuseeland</i> Flügel-lose Riesen-Vögel die Stelle der Säugthiere.
-Obwohl aber <i>Neuseeland</i> hier unter den ozeanischen Inseln mit
-besprochen wird, so ist es doch zweifelhaft ob es mit Recht dazu
-gezählt werde; denn es ist von ansehnlicher Grösse und durch kein
-tiefes Meer von <i>Neuholland</i> getrennt. Nach seinem geologischen
-Charakter und dem Streichen seiner Gebirgs-Ketten möchte W.
-B. C<span class="smaller">LARKE</span> diese Insel nebst <i>Neu-Caledonien</i> nur als
-Anhängsel von <i>Neuholland</i> betrachtet sehen. Was die Pflanzen
-der <i>Galapagos</i> betrifft, so hat Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> gezeigt,
-dass das Zahlen-Verhältniss zwischen den verschiedenen Ordnungen ein
-ganz andres als sonst allerwärts ist. Solche Erscheinungen setzt man
-gewöhnlich auf Rechnung der physikalischen Bedingungen der Inseln; aber
-diese Erklärung dünkt mir etwas zweifelhaft zu seyn. Leichtigkeit der
-Einwanderung ist,<span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span> wie mir scheint, wenigstens eben so wichtig als die
-Natur der Lebens-Bedingungen gewesen.</p>
-
-<p>Rücksichtlich der Bewohner abgelegener Inseln lassen sich viele
-merkwürdige kleine Erscheinungen anführen. So haben z.&#160;B. auf
-gewissen nicht mit Säugthieren besetzten Eilanden einige endemische
-Pflanzen prächtig mit Häkchen versehene Saamen; und doch gibt es
-nicht viele Beziehungen, die augenfälliger wären, als die Eignung
-mit Haken besetzter Saamen für den Transport durch die Haare und
-Wolle der Säugthiere. Dieser Fall bietet nach meiner Meinung keine
-Schwierigkeit dar, indem Haken-reiche Saamen leicht noch durch andre
-Mittel von Insel zu Insel geführt werden können, wo dann die Pflanze
-etwas verändert, aber ihre widerhakenigen Saamen behaltend eine
-endemische Form bildet, für welche diese Haken einen nun eben so
-unnützen Anhang bilden, wie es rudimentäre Organe, z.&#160;B. die runzeligen
-Flügel unter den zusammen-gewachsenen Flügeldecken mancher insulären
-Käfer sind. Auch besitzen Inseln oft Bäume oder Büsche aus Ordnungen,
-welche anderwärts nur Kräuter darbieten; nun aber haben Bäume, wie
-A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> gezeigt hat, gewöhnlich nur beschränkte
-Verbreitungs-Gebiete, was immer die Ursache dieser Erscheinung seyn
-mag. Daher ergibt sich dann ferner, dass Baum-Arten wenig geeignet
-sind, entlegene organische Inseln zu erreichen; und eine Kraut-artige
-Pflanze, wenn sie auch keine Aussicht auf Erfolg im Wettkampfe mit
-einem schon vollständig entwickelten Baume hat, kann, wenn sie bei
-ihrer ersten Ansiedelung auf einer Insel nur mit andern Kraut-artigen
-Pflanzen allein in Mitbewerbung tritt, leicht durch immer höher
-strebenden Wuchs ein Übergewicht über dieselben erlangen. Ist Diess der
-Fall, so mag Natürliche Züchtung den Wuchs Kraut-artiger Pflanzen, die
-auf einer ozeanischen Insel wachsen, aus welcher Ordnung sie immer seyn
-mögen, oft etwas zu verstärken und dieselben erst in Büsche und endlich
-in Bäume zu verwandeln geneigt seyn.</p>
-
-<p>Was die Abwesenheit ganzer Organismen-Ordnungen auf ozeanischen
-Inseln betrifft, so hat B<span class="smaller">ORY DE</span> S<span class="smaller">T</span>.-V<span class="smaller">INCENT</span> schon längst
-bemerkt, dass Batrachier (Frösche, Kröten und Molge) nie auf<span class="pagenum" id="Seite_426">[S. 426]</span> einer
-der vielen Inseln gefunden worden sind, womit der grosse Ozean besäet
-ist. Ich habe mich bemühet diese Behauptung zu prüfen und habe sie
-genau richtig befunden. Inzwischen hat Dr. H<span class="smaller">OCHSTETTER</span> in den
-Bergen von <i>Neuseeland</i> jetzt einen Frosch gefunden, der (was
-höchst merkwürdig) mit einer <i>Süd-Amerikanischen</i> Form zunächst
-verwandt ist. Aber gefrorene der Wiederbelebung fähige Frösche sind in
-Gletschern eingebettet gefunden worden, und es scheint sogar möglich,
-dass ein Frosch<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> oder sein Laich auf einem der grossen Eisberge des
-Südpolar-Ozeans von den antarktischen Inseln dahin geführt worden ist,
-von welchen die höchst eigenthümlichen Pflanzen-Formen ausgegangen
-sind, welche <i>Neuholland</i>, <i>Neuseeland</i> und die Süd-Spitze
-<i>Amerika’s</i> mit einander gemein haben. Dieser allgemeine Mangel
-an Fröschen, Kröten und Molgen auf so vielen ozeanischen Inseln lässt
-sich nicht aus ihrer natürlichen Beschaffenheit erklären, indem es
-vielmehr scheint, dass dieselben recht gut für diese Thiere geeignet
-wären; denn Frösche sind auf <i>Madeira</i>, den <i>Azoren</i> und
-auf <i>Mauritius</i> eingeführt worden, um sie als Nahrungsmittel zu
-vervielfältigen. Da aber bekanntlich diese Thiere so wie ihr Laich
-durch Seewasser unmittelbar getödtet werden, so ist leicht zu ersehen,
-dass deren Transport über Meer sehr schwierig seye und sie aus diesem
-Grunde auf keiner ozeanischen Insel existiren. Dagegen würde es nach
-der Schöpfungs-Theorie sehr schwer seyn zu erklären, weshalb sie auf
-diesen Inseln nicht erschaffen worden seyen.</p>
-
-<p>Säugthiere bieten einen andern Fall ähnlicher Art dar. Ich habe die
-ältesten Reisewerke sorgfältig durchgegangen und zwar meine Arbeit
-noch nicht beendigt, aber bis jetzt noch kein unzweifelhaftes Beispiel
-gefunden, dass ein Land-Säugthier (von den gezähmten Hausthieren
-der Eingebornen abgesehen) irgend eine über 300 Engl. Meilen weit
-von einem Festlande oder einer Kontinental-Insel entlegene Insel
-bewohnt habe; und viele Inseln in viel geringeren Abständen entbehren
-derselben ebenfalls<span class="pagenum" id="Seite_427">[S. 427]</span> gänzlich. Die <i>Falklands-Inseln</i>, welche
-von einem Wolf-artigen Fuchse bewohnt sind, scheinen zunächst eine
-Ausnahme zu machen, können aber nicht als ozeanisch gelten, da sie
-auf einer mit dem Festlande zusammen-hängenden Bank 280 Engl. Meilen
-von diesem entfernt liegen; und da schwimmende Eisberge Fels-Blöcke
-an ihren westlichen Küsten abgesetzt, so könnten dieselben auch wohl
-einmal Füchse mitgebracht haben, wie das jetzt in den arktischen
-Gegenden oft vorkommt. Doch kann man nicht behaupten, dass kleine
-Inseln nicht auch kleine Säugthiere ernähren können; denn es ist dies
-in der That mit sehr kleinen Inseln der Fall, wenn sie dicht an einem
-Kontinente liegen; und schwerlich lässt sich eine Insel bezeichnen,
-auf der unsre kleinen Säugthiere sich nicht naturalisirt und vermehrt
-hätten. Nach der gewöhnlichen Ansicht von der Schöpfung könnte man
-nicht sagen, dass nicht Zeit zur Schöpfung von Säugthieren gewesen
-seye; viele vulkanische Inseln sind auch alt genug, wie sich theils
-aus der ungeheuren Zerstörung, die sie bereits erfahren, und theils
-aus dem Vorkommen tertiärer Schichten auf ihnen ergibt; auch ist Zeit
-gewesen zur Hervorbringung endemischer Arten aus andern Klassen; und
-auf Kontinenten erscheinen und verschwinden Säugthiere bekanntlich in
-rascherem Wechsel als die andern tiefer-stehenden Thiere. Aber wenn
-auch Land-Säugethiere auf ozeanischen Inseln nicht vorhanden, so finden
-sich doch fliegende Säugthiere fast auf jeder Insel ein. Das nur mit
-Zweifel hieher bezogene <i>Neuseeland</i> besitzt zwei Fledermäuse, die
-sonst nirgends in der Welt vorkommen; die <i>Norfolk-Insel</i>, der
-<i>Viti-Archipel</i>, die <i>Bonins-Inseln</i>, die <i>Marianen-</i>
-und <i>Carolinen-Gruppen</i> und <i>Mauritius</i>: alle besitzen
-ihre eigenthümlichen Fledermaus-Arten. Warum, kann man nun fragen,
-hat die angebliche Schöpfungs-Kraft auf diesen entlegenen Inseln
-nur Fledermäuse und keine andern Säugthiere hervorgebracht? Nach
-meiner Anschauungs-Weise lässt sich diese Frage leicht beantworten,
-da kein Land-Säugthier über so weite Meeres-Strecken hinwegkommen
-kann, welche Fledermäuse noch zu überfliegen im Stande sind. Man hat
-Fledermäuse bei Tage weit über den <i>Atlantischen Ozean</i> ziehen
-sehen und zwei <i>Nord-Amerikanische</i><span class="pagenum" id="Seite_428">[S. 428]</span> Arten derselben besuchen die
-<i>Bermuda-Insel</i>, 600 Engl. Meilen vom Festlande, regelmässig oder
-zufällig. Ich höre von Mr. T<span class="smaller">OMES</span>, welcher diese Familie näher
-studirt hat, dass viele Arten derselben einzeln genommen eine ungeheure
-Verbreitung besitzen und sowohl auf Kontinenten als weit entlegenen
-Inseln zugleich vorkommen. Wir brauchen daher nur zu unterstellen, dass
-solche wandernde Arten durch Natürliche Züchtung der Bedingungen ihrer
-neuen Heimath angemessen modificirt worden seyen, und wir werden das
-Vorkommen von Fledermäusen auf solchen Inseln begreifen, wo sonst keine
-Land-Säugthiere vorhanden sind.</p>
-
-<p>Neben der Abwesenheit der Land-Säugthiere auf Inseln, welche von
-Kontinenten entlegen sind, ist noch eine andre Beziehung in einer
-bis zu gewissem Grade davon unabhängigen Weise zu berücksichtigen,
-die Beziehung nämlich zwischen der Tiefe des eine Insel vom
-Festlande trennenden Meeres und dem Vorkommen gleicher oder
-verwandter Säugthier-Arten auf beiden. Hr. W<span class="smaller">INDSOR</span> E<span class="smaller">ARL</span>
-hat einige treffende Beobachtungen in dieser Hinsicht über den
-grossen <i>Malayischen Archipel</i> gemacht, welcher in der Nähe von
-<i>Celebes</i> von einem Streifen sehr tiefen Meeres durchschnitten
-wird, der zwei ganz verschiedene Säugthier-Faunen trennt. Auf der einen
-Seite desselben liegen die Inseln auf mässig tiefen untermeerischen
-Bänken und sind von einander nahe verwandten oder ganz identischen
-Säugthier-Arten bewohnt. Allerdings kommen auch in dieser Insel-Gruppe
-einige wenige Anomalien vor und ist es in einigen Fällen ziemlich
-schwer zu beurtheilen, in wie ferne die Verbreitung gewisser Säugthiere
-durch Naturalisirung von Seiten des Menschen bedingt ist; inzwischen
-werden die eifrigen Forschungen des Hrn. W<span class="smaller">ALLACE</span> bald mehr
-Licht auf die Naturgeschichte dieser Inseln werfen. Ich habe bisher
-nicht Zeit gefunden, diesem Gegenstand auch in andern Welt-Gegenden
-nachzuforschen; so weit ich aber damit gekommen bin, bleiben die
-Beziehungen sich gleich. Wir sehen <i>Britannien</i> durch einen
-schmalen Kanal vom <i>Europäischen</i> Festlande getrennt, und die
-Säugthier-Arten sind auf beiden Seiten die nämlichen. Ähnlich verhält
-es sich mit vielen nur durch schmale Meerengen von <i>Neuholland</i>
-geschiedenen Eilanden. Die<span class="pagenum" id="Seite_429">[S. 429]</span> <i>Westindischen</i> Inseln stehen auf
-einer fast 1000 Faden tief untergetauchten Bank; und hier finden
-wir zwar <i>Amerikanische</i> Formen, aber von denen des Festlandes
-verschiedene Arten und Sippen. Da das Maass der Abänderung überall
-in gewissem Grade von der Zeitdauer abhängt und es eher anzunehmen
-ist, dass durch seichte Meerengen abgesonderte Inseln länger als die
-durch tiefe Kanäle geschiedenen mit dem Festlande in Zusammenhang
-geblieben sind, so vermag man den Grund einer oftmaligen Beziehung
-zwischen der Tiefe des Meeres und dem Verwandtschafts-Grad einzusehen,
-der zwischen der Säugthier-Bevölkerung einer Insel und derjenigen des
-benachbarten Festlandes besteht, eine Beziehung, welche bei Annahme
-einer selbstständigen Schöpfung jeder Spezies ganz unerklärbar bleibt.</p>
-
-<p>Alle vorangehenden Wahrnehmungen über die Bewohner ozeanischer Eilande,
-insbesondere die Spärlichkeit der Arten, die Menge endemischer Formen
-in einzelnen Klassen oder deren Unterabtheilungen, das Fehlen ganzer
-Gruppen wie der Batrachier und der am Boden lebenden Säugthiere
-trotz der Anwesenheit fliegender Fledermäuse, die eigenthümlichen
-Zahlen-Verhältnisse in manchen Pflanzen-Ordnungen, die Verwandlung
-Kraut-artiger Pflanzen-Formen in Bäume, alle scheinen sich mit
-der Ansicht, dass im Verlaufe langer Zeiträume gelegenheitliche
-Transport-Mittel viel zur Verbreitung der Organismen mitgewirkt haben,
-besser als mit der Meinung zu vertragen, dass alle unsre ozeanischen
-Inseln vordem in unmittelbarem Zusammenhang mit dem nächsten Festlande
-gestanden seyen; denn in diesem letzten Falle würde die Einwanderung
-wohl vollständig gewesen seyn und müssten, wenn man Abänderung zulassen
-will, alle Lebenformen in gleicherer Weise, der äussersten Wichtigkeit
-der Beziehung von Organismus zu Organismus entsprechend, modificirt
-worden seyn.</p>
-
-<p>Ich will nicht läugnen, dass da noch viele und grosse Schwierigkeiten
-vorliegen zu erklären, auf welche Weise manche Bewohner vereinzelter
-Inseln, mögen sie nun ihre anfängliche Form beibehalten oder seit
-ihrer Ankunft abgeändert haben, bis zu ihrer gegenwärtigen Heimath
-gelangt seyen. Ich will nur ein<span class="pagenum" id="Seite_430">[S. 430]</span> Beispiel dieser Art anführen. Fast
-alle und selbst die abgelegensten und kleinsten ozeanischen Inseln
-sind von Land-Schnecken bewohnt, und zwar meistens von endemischen,
-doch zuweilen auch von anderwärts vorkommenden Arten. Dr.
-A<span class="smaller">UG</span>. A.
-G<span class="smaller">OULD</span> hat einige interessante Fälle von Land-Schnecken auf den
-Inseln des <i>stillen Meeres</i> mitgetheilt. Nun ist eine anerkannte
-Thatsache, dass Land-Schnecken durch Salz sehr leicht zu tödten
-sind, und ihre Eier (oder wenigstens diejenigen, womit ich Versuche
-angestellt) sinken im See-Wasser unter und verderben. Und doch muss
-es meiner Meinung nach irgend ein unbekanntes aber höchst wirksames
-Verbreitungs-Mittel für dieselben geben. Sollten vielleicht die jungen
-eben dem Eie entschlüpften Schneckchen an den Füssen irgend eines
-am Boden ausruhenden Vogels emporkriechen und dann von ihm weiter
-getragen werden? Es kam mir vor, als ob Land-Schnecken, im Zustande
-des Winterschlafs begriffen und mit einem Winterdeckel auf ihrer
-Schaalen-Mündung versehen, in Spalten von Treibholz über ziemlich
-breite See-Arme müssten geführt werden können, ohne zu leiden. Ich
-fand sodann, dass verschiedene Arten in diesem Zustande ohne Nachtheil
-sieben Tage lang im See-Wasser liegen bleiben können. Eine dieser Arten
-war Helix pomatia, die ich nach längerer Winterruhe noch zwanzig Tage
-lang in See-Wasser legte, worauf sie sich wieder vollständig erholte.
-Da diese Art einen dicken kalkigen Deckel besitzt, so nahm ich ihn ab,
-und als sich hierauf wieder ein neuer häutiger Deckel gebildet hatte,
-tauchte ich sie noch vierzehn Tage in See-Wasser, worauf sie wieder
-vollkommen zu sich kam und davon kroch; indessen weitere Versuche in
-dieser Beziehung fehlen noch.</p>
-
-<p>Die triftigste und für uns wichtigste Thatsache hinsichtlich der
-Insel-Bewohner ist ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des nächsten
-Festlandes, ohne mit denselben von gleichen Arten zu seyn. Davon
-liessen sich zahllose Beispiele anführen. Ich will mich jedoch auf
-ein einziges beschränken, auf das der <i>Galapagos</i>-Inseln, welche
-500–600 Engl. Meilen von der Küste <i>Süd-Amerika’s</i> liegen.
-Hier trägt fast jedes Land- wie Wasser-Produkt ein unverkennbares
-kontinental-amerikanisches Gepräge.<span class="pagenum" id="Seite_431">[S. 431]</span> Dabei befinden sich 26 Arten
-Land-Vögel, von welchen 21 oder vielleicht 23 als eigenthümliche
-und hier geschaffene Arten angesehen werden; und doch ist die nahe
-Verwandtschaft der meisten dieser Vögel mit <i>Amerikanischen</i>
-Arten in jedem ihrer Charaktere, in Lebens-Weise, Betragen und Ton
-der Stimme offenbar. So ist es auch mit andern Thieren und, wie Dr.
-H<span class="smaller">OOKER</span> in seinem ausgezeichneten Werke über die Flora dieser
-Insel-Gruppe gezeigt, mit fast allen Pflanzen. Der Naturforscher,
-welcher die Bewohner dieser vulkanischen Inseln des <i>stillen
-Meeres</i> betrachtet, fühlt, dass er auf <i>Amerikanischem</i>
-Boden steht, obwohl er noch einige hundert Meilen von dem Festlande
-entfernt ist. Wie mag Diess kommen? Woher sollten die, angeblich nur im
-<i>Galapagos</i>-Archipel und sonst nirgends erschaffenen Arten diesen
-so deutlichen Stempel der Verwandtschaft mit den in <i>Amerika</i>
-geschaffenen haben? Es ist nichts in den Lebens-Bedingungen, nichts
-in der geologischen Beschaffenheit, nichts in der Höhe oder dem Klima
-dieser Inseln noch in dem Zahlen-Verhältnisse der verschiedenen
-hier zusammengestellten Klassen, was den Lebens-Bedingungen auf den
-<i>Süd-Amerikanischen</i> Küsten sehr ähnlich wäre; ja es ist sogar ein
-grosser Unterschied in allen Beziehungen vorhanden. Anderseits aber ist
-eine grosse Ähnlichkeit zwischen der vulkanischen Natur des Bodens, dem
-Klima und der Grösse und Höhe der Inseln der <i>Galapagos</i> einer-
-und der <i>Capverdischen</i> Gruppe anderseits. Aber welche unbedingte
-und gänzliche Verschiedenheit in ihren Bewohnern! Die der Inseln
-des <i>grünen Vorgebirges</i> stehen zu <i>Afrika</i> im nämlichen
-Verhältnisse, wie die der <i>Galapagos</i> zu <i>Amerika</i>. Ich
-glaube, diese bedeutende Thatsache hat von der gewöhnlichen Annahme
-einer unabhängigen Schöpfung der Arten keine Erklärung zu erwarten,
-während nach der hier aufgestellten Ansicht es offenbar ist, dass die
-<i>Galapagos</i> entweder durch gelegenheitliche Transport-Mittel
-oder in Folge eines früheren unmittelbaren Zusammenhangs mit
-<i>Amerika</i> von diesem Welttheile, wie die <i>Capverdischen</i>
-Inseln von <i>Afrika</i> aus, bevölkert worden sind, und dass, obwohl
-diese Kolonisten Abänderungen erfahren haben, sie doch ihre erste
-Geburts-Stätte durch das Vererblichkeits-Prinzip verrathen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_432">[S. 432]</span></p>
-
-<p>Und so liessen sich noch viele analoge Fälle anführen; denn es ist in
-der That eine fast allgemeine Regel, dass die endemischen Erzeugnisse
-der Inseln mit denen der nächsten Festländer oder andrer benachbarter
-Inseln in Beziehung stehen. Ausnahmen sind selten und gewöhnlich leicht
-erklärbar. So sind die Pflanzen von <i>Kerguelen-Land</i>, obwohl
-dieses näher bei <i>Afrika</i> als bei <i>Amerika</i> liegt, nach Dr.
-H<span class="smaller">OOKER</span>’<span class="smaller">S</span> Bericht sehr enge mit denen der <i>Amerikanischen</i>
-Flora verwandt; doch erklärt sich diese Abweichung durch die Annahme,
-dass die genannte Insel hauptsächlich durch strandende Eisberge
-bevölkert worden seye, welche den vorherrschenden See-Strömungen
-folgend Steine und Erde voll Saamen mit sich geführt haben.
-<i>Neuseeland</i> ist hinsichtlich seiner endemischen Pflanzen mit
-<i>Neuholland</i> als dem nächsten Kontinente näher als mit irgend
-einer andern Gegend verwandt, wie es zu erwarten ist; es hat aber auch
-offenbare Verwandtschaft mit <i>Süd-Amerika</i>, das, wenn auch das
-zweitnächste Festland, so ungeheuer entfernt ist, dass die Thatsache
-als eine Anomalie erscheint. Doch auch diese Schwierigkeit verschwindet
-grösstentheils unter der Voraussetzung, dass <i>Neuseeland</i>,
-<i>Süd-Amerika</i> u.&#160;a. südliche Länder vor langen Zeiten theilweise
-von einem entfernt gelegenen Mittelpunkte, nämlich von den
-antarktischen Inseln aus bevölkert worden seyen, vor dem Anfange der
-Eis-Periode. Die, wenn auch nur schwache, aber nach Dr. H<span class="smaller">OOKER</span>
-doch thatsächliche Verwandtschaft zwischen den Floren der südwestlichen
-Spitzen <i>Australiens</i> und des <i>Caps der guten Hoffnung</i> ist
-ein viel merkwürdigerer Fall und für jetzt unerklärlich; doch ist
-dieselbe auf die Pflanzen beschränkt und wird auch ihrerseits sich
-gewiss eines Tages noch aufklären lassen.</p>
-
-<p>Das Gesetz, vermöge dessen die Bewohner eines Archipels, wenn auch
-in den Arten verschieden, zumeist mit denen des nächsten Festlandes
-übereinstimmen, wiederholt sich zuweilen in kleinerem Maassstabe
-aber in sehr interessanter Weise innerhalb einer und der nämlichen
-Insel-Gruppe. Namentlich haben ganz wunderbarer Weise die verschiedenen
-Inseln des nur kleinen <i>Galapagos</i>-Archipels, wie schon anderwärts
-gezeigt worden, ihre eigenthümlichen Bewohner, so dass fast auf jeder
-derselben andre<span class="pagenum" id="Seite_433">[S. 433]</span> Arten vorkommen, welche aber in unvergleichbar
-näherer Verwandtschaft zu einander stehen, als die irgend eines
-andern Theiles der Welt. Und Diess ist nach meiner Anschauungs-Weise
-zu erwarten gewesen, da die Inseln so nahe beisammen liegen, dass
-alle zuverlässig ihre Einwanderer entweder aus gleicher Urquelle oder
-eine von der andern erhalten haben müssen. Aber man könnte gerade die
-Verschiedenheit zwischen den endemischen Bewohnern der einzelnen Inseln
-als Argument gegen meine Ansicht gebrauchen; denn man könnte fragen,
-wie es komme, dass auf diesen verschiedenen Inseln, welche einander
-in Sicht liegen und die nämliche geologische Beschaffenheit, dieselbe
-Höhe und das gleiche Klima besitzen, so viele Einwanderer auf jeder in
-einer andren und doch nur wenig verschiedenen Weise modifizirt worden
-seyen? Diess ist auch mir lange Zeit als eine grosse Schwierigkeit
-erschienen, was aber hauptsächlich von dem tief eingewurzelten Irrthum
-herrührt, die physischen Bedingungen einer Gegend als das Wichtigste
-für deren Bewohner zu betrachten, während doch nicht in Abrede gestellt
-werden kann, dass die Natur der übrigen Organismen, mit welchen sie
-selbst zu kämpfen haben, wenigstens eben so hoch anzuschlagen und
-gewöhnlich eine noch wichtigere Bedingung ihres Gedeihens seye. Wenn
-wir nun diejenigen Bewohner der <i>Galapagos</i>, welche als nämliche
-Spezies auch in andern Gegenden der Erde noch vorkommen (wobei für
-einen Augenblick die endemischen Arten ausser Betracht bleiben müssen,
-weil wir die seit der Ankunft dieser Organismen auf den genannten
-Inseln erfolgten Umänderungen untersuchen wollen), so finden wir
-einen grossen Unterschied zwischen den einzelnen Inseln selbst. Diese
-Verschiedenheit wäre aus der Annahme erklärlich, dass die Inseln durch
-gelegenheitliche Transport-Mittel bestockt worden seyen, so dass z.&#160;B.
-der Saame einer Pflanzen-Art zu einer und der einer andern zu einer
-andern Insel gelangt wäre. Wenn daher in früherer Zeit ein Einwandrer
-sich auf einer oder mehren der Inseln angesiedelt oder sich später von
-einer zu der andern Insel verbreitet hätte, so würde er zweifelsohne
-auf den verschiedenen Inseln verschiedenen Lebens-Bedingungen
-ausgesetzt gewesen seyn; denn<span class="pagenum" id="Seite_434">[S. 434]</span> er hätte auf jeder Insel mit andern
-Organismen zu werben gehabt. Eine Pflanze z.&#160;B. hätte den für sie am
-meisten geeigneten Grund auf der einen Insel schon vollständiger von
-andern Pflanzen eingenommen gefunden, als auf der andern, und wäre
-den Angriffen etwas verschiedener Feinde ausgesetzt gewesen. Wenn sie
-nun abänderte, so wird die Natürliche Züchtung wahrscheinlich auf
-verschiedenen Inseln verschiedene Varietäten begünstigt haben. Einzelne
-Arten jedoch werden sich über die ganze Gruppe verbreitet und überall
-den nämlichen Charakter beibehalten haben, wie wir auch auf Festländern
-manche weit verbreitete Spezies überall unverändert bleiben sehen.</p>
-
-<p>Doch die wahrhaft überraschende Thatsache auf den <i>Galapagos</i>
-wie in minderem Grade in einigen anderen Fällen besteht darin, dass
-sich die neu-gebildeten Arten nicht über die ganze Insel-Gruppe
-ausgebreitet haben. Aber die einzelnen Inseln, wenn auch in Sicht von
-einander gelegen, sind durch tiefe Meeres-Arme, meistens breiter als
-der britische Kanal, von einander geschieden, und es liegt kein Grund
-zur Annahme vor, dass sie früher unmittelbar mit einander vereinigt
-gewesen seyen. Die Seeströmungen sind heftig und gehen queer durch
-den Archipel hindurch, und heftige Windstösse sind ausserordentlich
-selten, so dass die Inseln thatsächlich stärker von einander geschieden
-sind, als Diess beim Ansehen einer Karte scheinen mag. Demungeachtet
-sind doch ziemlich viele Arten, sowohl anderwärts vorkommende wie dem
-Archipel eigenthümlich angehörende, mehren Inseln gemeinsam, und einige
-Verhältnisse führen zur Vermuthung, dass diese sich wahrscheinlich
-von einem der Eilande aus zu den andern verbreitet haben. Aber
-wir bilden uns, wie ich glaube, oft eine irrige Meinung über die
-Wahrscheinlichkeit, dass nahe verwandte Arten bei freiem Verkehre die
-eine ins Gebiet der andern vordringen werden. Es unterliegt zwar keinem
-Zweifel, dass, wenn eine Art irgend einen Vortheil über eine andere
-hat, sie dieselbe in kurzer Zeit mehr oder weniger ersetzen wird; wenn
-aber beide gleich gut für ihre Stellen in der Natur gemacht sind,
-so werden sie wahrscheinlich ihre eigenen Plätze behaupten und für
-alle Zeit behalten. Wenn wir wissen,<span class="pagenum" id="Seite_435">[S. 435]</span> dass viele von Menschen einmal
-naturalisirte Arten sich mit erstaunlicher Schnelligkeit über neue
-Gegenden verbreitet haben, so sind wir wohl zu glauben geneigt, dass
-die meisten Arten es ebenso machen würden; aber wir müssen bedenken,
-dass die in neuen Gegenden naturalisirten Formen gewöhnlich keine
-nahen Verwandten der Ureinwohner, sondern eigenthümliche Arten sind,
-welche nach A<span class="smaller">LPH</span>. <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> verhältnissmässig sehr oft
-auch besondern Sippen angehören. Auf den <i>Galapagos</i> sind sogar
-viele Vögel, welche ganz wohl im Stande wären von Insel zu Insel zu
-fliegen, von einander verschieden, wie z B. drei einander nahe stehende
-Arten von Spottdrosseln jede auf ein besondres Eiland beschränkt
-sind. Nehmen wir nun an, die Spottdrossel von <i>Chatam-Island</i>
-werde durch einen Sturm nach <i>Charles-Island</i> verschlagen, das
-schon seine eigene Spottdrossel hat, wie sollte sie dazu gelangen
-sich hier festzusetzen? Wir dürfen mit Gewissheit annehmen, dass
-<i>Charles-Island</i> mit ihrer eigenen Art wohl besetzt ist, indem
-jährlich mehr Eier dort gelegt werden als auskommen können, und wir
-dürfen ferner annehmen, dass die Art von <i>Charles-Island</i> für
-diese ihre Heimath wenigstens eben so gut geeignet ist als der neue
-Ankömmling. Sir C<span class="smaller">H</span>. L<span class="smaller">YELL</span> und Hr. W<span class="smaller">OLLASTON</span> haben
-mir eine merkwürdige zur Erläuterung dieser Verhältnisse dienende
-Thatsache mitgetheilt, dass nämlich <i>Madeira</i> und das dicht dabei
-gelegene <i>Porto Santo</i> viele einander vertretende Landschnecken
-besitzen, von welchen einige in Fels-Spalten leben; und obwohl grosse
-Stein-Massen jährlich von <i>Porto Santo</i> nach <i>Madeira</i>
-gebracht werden, so ist doch diese letzte Insel noch nicht mit den
-Arten von <i>Porto Santo</i> bevölkert worden; aber auf beiden Inseln
-haben sich <i>Europäische</i> Arten angesiedelt, weil sie zweifelsohne
-irgend einen Vortheil vor den eingeborenen voraus hatten. Hiernach
-werden wir uns nicht mehr sehr darüber wundern dürfen, dass die
-endemischen und die stellvertretenden Arten, welche die verschiedenen
-<i>Galapagos</i>-Inseln bewohnen, sich noch nicht von Insel zu Insel
-verbreitet haben. In vielen andern Fällen, wie in den verschiedenen
-Bezirken eines Kontinentes, mag die frühere Besitzergreifung durch eine
-Art wesentlich dazu beigetragen haben,<span class="pagenum" id="Seite_436">[S. 436]</span> die Vermischung von Arten unter
-gleichen Lebens-Bedingungen zu hindern. So haben die südöstliche und
-südwestliche Ecke <i>Neuhollands</i> eine nahezu gleiche physikalische
-Beschaffenheit und sind durch zusammenhängendes Land miteinander
-verkettet, aber gleichwohl durch eine grosse Anzahl verschiedener
-Säugethier-, Vögel- und Pflanzen-Arten bewohnt.</p>
-
-<p>Das Prinzip, welches den allgemeinen Charakter der Fauna und Flora der
-ozeanischen Inseln bestimmt, dass nämlich deren Bewohner, wenn nicht
-genau die nämlichen Arten, doch offenbar mit den Bewohnern derjenigen
-Gegenden am nächsten verwandt sind, von welchen aus die Kolonisirung
-am leichtesten stattfinden konnte, und dass die Kolonisten nachher
-abgeändert und für ihre neue Heimath geschickter gemacht worden sind:
-dieses Prinzip ist von der weitesten Anwendbarkeit in der ganzen Natur.
-Wir sehen Diess an jedem Berg, in jedem See, in jedem Marschlande.
-Denn die alpinen Arten, mit Ausnahme der durch die Glacial-Ereignisse
-weithin verbreiteten Formen hauptsächlich von Pflanzen, sind mit
-denen der umgebenden Tiefländer verwandt; und so haben wir in
-<i>Süd-Amerika</i> alpine Kolibris, alpine Nager, alpine Pflanzen,
-aber alle von streng <i>Amerikanischen</i> Formen; und es liegt nahe,
-dass ein Gebirge während seiner allmählichen Emporhebung aus den
-benachbarten Tiefländern auf natürliche Weise kolonisirt worden seye.
-So ist es auch mit den Bewohnern der Seen und Marschen, so weit nicht
-durch grosse Leichtigkeit der Überführung aus einer Gegend in die andre
-die ganze Erd-Oberfläche mit den nämlichen allgemeinen Formen versehen
-worden ist. Wir sehen dasselbe Prinzip bei den blinden Höhlen-Thieren
-<i>Europas</i> und <i>Amerikas</i>, sowie in manchen andern Fällen.
-Es wird sich nach meiner Meinung überall bestätigen, dass, wo immer
-in zwei sehr von einander entfernten Gegenden viele nahe-verwandte
-oder stellvertretende Arten vorkommen, auch einige identische Arten
-vorhanden sind, welche in Übereinstimmung mit der vorangehenden Ansicht
-zeigen, dass in irgend einer früheren Periode ein Verkehr oder eine
-Wanderung zwischen beiden Gegenden stattgefunden hat. Und wo immer nahe
-verwandte Arten vorkommen, da werden auch viele Formen seyn, welche
-einige<span class="pagenum" id="Seite_437">[S. 437]</span> Naturforscher als besondre Arten und andre nur als Varietäten
-betrachten. Diese zweifelhaften Formen drücken uns die Stufen in der
-fortschreitenden Abänderung aus.</p>
-
-<p>Diese Beziehung zwischen Wanderungs-Vermögen und Ausdehnung einer
-Art, (seye es in jetziger Zeit oder in einer früheren Periode unter
-verschiedenen natürlichen Bedingungen) und dem Vorkommen andrer
-verwandter Arten in entfernten Theilen der Erde ergibt sich in einer
-noch allgemeinern Weise. Hr. G<span class="smaller">OULD</span> sagte mir vor langer Zeit,
-dass in denjenigen Vogel-Sippen, welche sich über die ganze Erde
-erstrecken, auch viele Arten eine weite Verbreitung besitzen. Ich
-vermag kaum zu bezweifeln, dass diese Regel allgemein richtig ist,
-obwohl Diess schwer zu beweisen seyn dürfte. Unter den Säugthieren
-finden wir sie scharf bei den Fledermäusen und in schwächerem Grade
-bei den Hunde- und Katzen-artigen Thieren ausgesprochen. Wir sehen
-sie in der Verbreitung der Schmetterlinge und Käfer. Und so ist es
-auch bei den meisten Süsswasser-Thieren, unter welchen so viele Sippen
-über die ganze Erde reichen und viele einzelne Arten eine ungeheure
-Verbreitung besitzen. Es soll nicht behauptet werden, dass in den
-weit-verbreiteten Sippen alle Arten in weiter Ausdehnung vorkommen oder
-auch nur eine durchschnittlich grosse Ausbreitung besitzen, sondern
-nur dass es mit einzelnen Arten der Fall ist; denn die Leichtigkeit,
-womit weit-verbreitete Spezies variiren und zur Bildung neuer Formen
-Veranlassung geben, bestimmt ihre durchschnittliche Verbreitung
-in genügender Weise. So können zwei Varietäten einer Art die eine
-<i>Europa</i> und die andere <i>Amerika</i> bewohnen, und die Art hat
-dann eine unermessliche Verbreitung; ist aber die Abänderung etwas
-weiter gediehen, so werden die zwei Varietäten als zwei verschiedene
-Arten gelten und die Verbreitung einer jeden wird sehr beschränkt
-erscheinen. Noch weniger soll gesagt werden, dass eine Art, welche
-offenbar das Vermögen besitzt, Schranken zu überschreiten und sich
-weit auszubreiten, wie mancher langschwingige Vogel sich auch weit
-ausbreiten muss; denn wir dürfen nicht vergessen, dass zur weiten
-Verbreitung nicht allein das Vermögen Schranken zu überschreiten,
-sondern auch noch<span class="pagenum" id="Seite_438">[S. 438]</span> das bei weitem wichtigere Vermögen gehört, in
-fernen Landen den Kampf ums Daseyn mit den neuen Genossen siegreich
-zu bestehen. Aber nach der Annahme, dass alle Arten einer Sippe, wenn
-gleich jetzt über die entferntesten Theile der Erde zerstreut, von
-einem gemeinsamen Stamm-Vater abstammen, müssten (und Diess ist, glaube
-ich, der Fall) wenigstens einige Arten eine weite Verbreitung besitzen;
-denn es ist nothwendig, dass der noch unveränderte Ahne sich unter
-fortwährender Abänderung weit verbreite und unter verschiedenartigen
-Lebens-Bedingungen eine günstige Stellung für die Umgestaltung seiner
-Nachkommen zuerst in neue Varietäten und endlich in neue Arten gewinne.</p>
-
-<p>Bei Betrachtung der weiten Verbreitung mancher Sippen dürfen wir
-nicht vergessen, dass viele derselben ausserordentlich alt sind
-und von einem gemeinsamen Stamm-Vater in einer sehr frühen Periode
-abstammen müssen; daher in solchen Fällen genügende Zeit war sowohl
-für grosse klimatische und geographische Veränderungen als für die
-Verpflanzung-vermittelnden Zufälle, folglich auch für die Wanderung
-der Arten nach allen Theilen der Welt, wo sie dann in einer den neuen
-Verhältnissen angemessenen Weise abgeändert worden sind. Ebenso
-scheint sich aus geologischen Nachweisungen zu ergeben, dass in jeder
-Hauptklasse die tief-stehenden Organismen gewöhnlich langsamer als
-die höheren Formen abändern; daher die tieferen Formen mehr in der
-Lage gewesen sind, ihre spezifischen Merkmale lange zu behaupten und
-sich damit weit zu verbreiten. Diese Thatsache in Verbindung mit
-dem Umstande, dass die Saamen und Eier vieler tief-stehenden Formen
-sich durch ihre ausserordentliche Kleinheit zur weiten Fortführung
-vorzugsweise eignen, erklärt wahrscheinlich zur Genüge ein Gesetz,
-welches schon längst bekannt und erst unlängst von A<span class="smaller">LPH</span>.
-<span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> in Bezug auf die Pflanzen vortrefflich erläutert worden
-ist: dass nämlich jede Gruppe von Organismen sich zu einer um so
-weitren Verbreitung eigne, je tiefer sie steht.</p>
-
-<p>Die soeben erörterten Beziehungen, dass nämlich unvollkommene und
-sich langsam abändernde Organismen sich weiter als<span class="pagenum" id="Seite_439">[S. 439]</span> die vollkommenen
-verbreiten, — dass einige Arten weit ausgebreiteter Sippen selbst eine
-grosse Verbreitung besitzen, — dass Alpen-, Sumpf- und Marsch-Bewohner
-(mit den angedeuteten Ausnahmen) ungeachtet der Verschiedenheit der
-Standorte mit denen der umgebenden Tief- und Trockenländer verwandt
-sind, — dann die sehr enge Beziehung zwischen den verschiedenen
-Arten, welche die einzelnen Eilande einer Insel-Gruppe bewohnen, —
-und insbesondre die auffallende Verwandtschaft der Bewohner einer
-ganzen Insel-Gruppe mit denen des nächsten Festlandes: alle diese
-Verhältnisse sind nach meiner Meinung nach der gewöhnlichen Annahme
-einer unabhängigen Schöpfung der einzelnen Arten völlig unverständlich,
-dagegen leicht zu erklären durch die Unterstellung stattgefundener
-Besiedelung aus der nächsten oder gelegensten Quelle mit nachfolgender
-Abänderung und besserer Anpassung der Ansiedeler an ihre neue Heimath.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung des letzten und des jetzigen Kapitels.</em>)
-In diesen zwei Kapiteln habe ich nachzuweisen gestrebt, dass,
-wenn wir unsre Unwissenheit über alle Folgen der klimatischen und
-Niveau-Veränderungen der Länder, welche in der laufenden Periode gewiss
-vorgekommen sind, und noch anderer Veränderungen, die in derselben
-Zeit stattgefunden haben mögen, gebührend eingestehen und unsre tiefe
-Unkenntniss der manchfaltigen gelegenheitlichen Transport-Mittel
-(worüber kaum jemals angemessene Versuche veranstaltet worden sind)
-anerkennen, und wenn wir erwägen, wie oft eine oder die andre Art sich
-über ein zusammenhängendes weites Gebiet ausgebreitet haben mag, um
-sofort in den mitteln Theilen desselben zu erlöschen, so scheinen mir
-die Schwierigkeiten der Annahme, dass alle Individuen einer Spezies, wo
-immer deren Wiege gestanden, von gemeinsamen Ältern abstammen, nicht
-unübersteiglich zu seyn; und so leiten uns schliesslich Betrachtungen
-allgemeiner Art insbesondere über die Wichtigkeit der natürlichen
-Schranken und die analoge Vertheilung von Untersippen, Sippen und
-Familien zur Annahme dessen, was viele Naturforscher als einzelne
-Schöpfungs-Mittelpunkte bezeichnet haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_440">[S. 440]</span></p>
-
-<p>Was die verschiedenen Arten einer nämlichen Sippe betrifft, die nach
-meiner Theorie von einer Geburts-Stätte ausgegangen seyn sollen, so
-halte ich, wenn wir unsre Unwissenheit so wie vorhin eingestehen
-und bedenken, dass manche Lebenformen nur sehr langsam abändern und
-mithin ungeheuer langer Zeiträume für ihre Wanderungen bedurften,
-die Schwierigkeiten nicht für unüberwindlich, obgleich sie in diesem
-Falle so wie hinsichtlich der Individuen einer nämlichen Art oft
-ausserordentlich gross sind.</p>
-
-<p>Um die Wirkung des Klima-Wechsels auf die Vertheilung der Organismen
-durch Beispiele zu erläutern, habe ich die Wichtigkeit des Einflusses
-der Eis-Zeit nachzuweisen gesucht, welche nach meiner vollen
-Überzeugung sich gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche oder
-wenigstens über grosse Längen-Striche derselben erstreckt hat. Und
-um zu zeigen, wie manchfaltig die gelegentlichen Transport-Mittel
-sind, habe ich die Ausbreitungs-Weise der Süsswasser-Bewohner etwas
-ausführlicher auseinandergesetzt.</p>
-
-<p>Wenn sich die Schwierigkeiten der Annahme, dass im Verlaufe langer
-Zeiten die Einzelwesen einer Art eben so wie die verwandten Arten
-von einer gemeinsamen Quelle ausgegangen, sich nicht unübersteiglich
-erweisen, dann glaube ich, dass alle leitenden Erscheinungen der
-geographischen Verbreitung mittelst der Theorie der Wanderung
-(hauptsächlich der herrschenden Lebenformen) und darauf-folgender
-Abänderung und Vermehrung der neuen Formen erklärbar sind. Man vermag
-alsdann die grosse Bedeutung der natürlichen Schranken — Wasser
-oder Land — zwischen den verschiedenen botanischen wie zoologischen
-Provinzen zu erkennen. Man vermag dann die örtliche Beschränkung
-von Untersippen, Sippen und Familien zu begreifen, und woher es
-komme, dass in verschiedenen geographischen Breiten, wie z.&#160;B. in
-<i>Süd-Amerika</i>, die Bewohner der Ebenen und Berge, der Wälder,
-Marschen und Wüsten, in so geheimnissvoller Weise durch Verwandtschaft
-miteinander wie mit den erloschenen Wesen verkettet sind, welche
-ehedem denselben Welttheil bewohnt haben. Indem wir erwägen, dass die
-gegenseitigen Beziehungen von<span class="pagenum" id="Seite_441">[S. 441]</span> Organismus zu Organismus von höchster
-Wichtigkeit sind, vermögen wir einzusehen, warum zwei Gebiete mit
-beinahe den gleichen physikalischen Bedingungen von verschiedenen
-Lebenformen bewohnt sind. Denn je nach der Länge der seit der Ankunft
-der neuen Bewohner in einer Gegend verflossenen Zeit, — je nach der
-Natur des Verkehrs, welcher gewissen Formen gestattete und andern
-wehrte sich in grösserer oder geringerer Anzahl einzudrängen, —
-je nachdem diese Eindringlinge in mehr oder weniger unmittelbare
-Bewerbung miteinander und mit den Urbewohnern geriethen oder nicht,
-— und je nachdem dieselben mehr oder weniger rasch zu variiren
-fähig waren: müssen in verschiedenen Gegenden, ganz unabhängig
-von ihren physikalischen Verhältnissen, unendlich vermanchfachte
-Lebens-Bedingungen entstanden seyn, muss ein fast endloser Betrag von
-organischer Wirkung und Gegenwirkung sich entwickelt haben, — und
-müssen, wie es wirklich der Fall ist, einige Gruppen von Wesen in
-hohem und andre nur in geringem Grade abgeändert, müssen einige zu
-grossem Übergewicht entwickelt und andre nur in geringer Anzahl in den
-verschiedenen grossen geographischen Provinzen der Erde vorhanden seyn.</p>
-
-<p>Nach diesen nämlichen Prinzipien ist es, wie ich nachzuweisen versucht,
-auch zu begreifen, warum ozeanische Inseln nur wenige, aber der
-Mehrzahl nach endemische oder eigenthümliche Bewohner haben, und
-warum daselbst in Übereinstimmung mit den Wanderungs-Mitteln eine
-Gruppe von Wesen lauter endemische und die andere Gruppe, sogar in der
-nämlichen Klasse, lauter weltbürgerliche Arten darbietet. Es lässt
-sich einsehen, warum ganze Gruppen von Organismen, wie Batrachier
-und Boden-Säugthiere, auf den ozeanischen Inseln fehlen, während
-die meisten vereinzelt liegenden Inseln ihre eigenthümlichen Arten
-von Luft-Säugethieren oder Fledermäusen besitzen. Es lässt sich die
-Ursache einer gewissen Beziehung erkennen zwischen der Anwesenheit
-von Säugthieren von mehr oder weniger abgeänderter Beschaffenheit und
-der Tiefe der die Inseln vom Festlande trennenden Kanäle. Es ergibt
-sich deutlich, warum alle Bewohner einer Insel-Gruppe, wenn auch
-auf jedem der Eilande von andrer<span class="pagenum" id="Seite_442">[S. 442]</span> Art, doch innig miteinander und,
-in minderm Grade, mit denen des nächsten Festlandes oder des sonst
-wahrscheinlichen Stammlandes verwandt sind. Wir sehen endlich ein,
-warum in zwei, wenn auch weit von einander entfernten, Länder-Gebieten
-eine gewisse Wechselbeziehung in der Anwesenheit von identischen Arten,
-von Varietäten, von zweifelhaften Arten und von verschiedenen aber
-stellvertretenden Spezies zu erkennen ist.</p>
-
-<p>Wie der verstorbene E<span class="smaller">DWARD</span> F<span class="smaller">ORBES</span> oft behauptet: es besteht
-ein strenger Parallelismus in den Gesetzen des Lebens durch Zeit
-und Raum. Die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der Formen in
-vergangenen Zeiten geleitet, sind fast die nämlichen, wovon in der
-laufenden Periode deren Unterschiede in verschiedenen Länder-Gebieten
-abhängen. Wir erkennen Diess aus vielen Thatsachen. Die Erscheinung
-jeder Art und Arten-Gruppe ist zusammenhängend in der Zeit; denn
-der Ausnahmen von dieser Regel sind so wenige, dass sie wohl am
-richtigsten daraus erklärt werden, dass wir deren in den mittlen
-Schichten vorkommenden Reste nur noch nicht entdeckt haben; — sie
-ist zusammenhängend im Raume, indem die allerdings nicht seltenen
-Ausnahmen sich dadurch erklären, dass jene Arten in einer früheren
-Zeit unter abweichenden Verhältnissen in regelmässiger Weise oder
-mittelst gelegenheitlichen Transportes über weite Flächen gewandert,
-aber dann in den mittlen Gegenden derselben erloschen sind. Arten und
-Arten-Gruppen haben ein Maximum der Entwickelung in der Zeit wie im
-Raum. Arten-Gruppen, welche in einen gewissen Zeit-Abschnitt oder in
-einen gewissen Raum-Bezirk zusammengehören, sind oft durch besondre
-auffallende Merkmale in Skulptur oder Farbe u.&#160;s.&#160;w. charakterisirt.
-Wenn wir die lange Reihe verflossener Zeit-Abschnitte mit den mehr
-und weniger weit über die Erd-Oberfläche vertheilten zoologischen
-und botanischen Provinzen vergleichen, so finden wir hier wie dort,
-dass einige Organismen nur wenig differiren, während andre aus andren
-Klassen, Ordnungen oder auch nur Familien weit abweichen. In Zeit und
-Raum ändern die tieferen Glieder jeder Klasse gewöhnlich minder als
-die höhern ab; doch kommen in beiden auffallende Ausnahmen von dieser
-Regel vor.<span class="pagenum" id="Seite_443">[S. 443]</span> Nach meiner Theorie sind diese verschiedenen Beziehungen
-durch Zeit und Raum ganz begreiflich; denn sowohl die Lebenformen,
-welche in aufeinander-folgenden Zeitaltern innerhalb derselben Theile
-der Erd-Oberfläche gewechselt, als jene, welche erst im Verhältnisse
-ihrer Wanderungen nach andern Weltgegenden sich abgeändert, beiderlei
-Formen sind in jeder Klasse durch das nämliche Band der Generation
-miteinander verkettet; und je näher zwei Formen in Blutverwandtschaft
-zu einander stehen, desto näher werden sie sich gewöhnlich auch in Zeit
-und Raum stehen. In beiden Fällen sind die Gesetze der Abänderung die
-nämlichen gewesen und sind Modifikationen durch die nämliche Kraft der
-Natürlichen Züchtung gehäuft worden.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.<br />
-
-<b>Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper; Morphologie;
-Embryologie; Rudimentäre Organe.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2"><em class="gesperrt">Klassifikation</em>: Unterordnung der Gruppen. — Natürliches
-System. — Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt
-aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. — Klassifikation
-der Varietäten. — Abstammung bei der Klassifikation gebraucht. —
-Analoge oder Anpassungs-Charaktere. — <em class="gesperrt">Verwandtschaften</em>:
-allgemeine verwickelte und strahlenförmige. — Erlöschung trennt
-und begrenzt die Gruppen. — <em class="gesperrt">Morphologie</em>: zwischen
-Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen eines Einzelwesens. —
-<em class="gesperrt">Embryologie</em>: deren Gesetze daraus erklärt, dass Abänderung
-nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in korrespondirendem Alter
-vererbt wird. — <em class="gesperrt">Rudimentäre Organe</em>: ihre Entstehung erklärt.
-— Zusammenfassung.</p>
-
-<p>Von der ersten Stufe des Lebens an gleichen alle organischen Wesen
-einander in immer weiter abnehmendem Grade, so dass man sie in Gruppen
-und Untergruppen klassifiziren kann. Diese Gruppirung ist offenbar
-nicht willkürlich, wie die der Sterne zu Gestirnen. Das Daseyn von
-Gruppen würde eine vielfache Bedeutung haben, wenn eine Gruppe
-ausschliesslich für die Land- und eine andre für die Wasser-Bewohner,
-eine für die<span class="pagenum" id="Seite_444">[S. 444]</span> Fleisch-, eine andre für die Pflanzen-Fresser u.&#160;s.&#160;w.
-bestimmt wäre; in der Natur aber verhält sich die Sache sehr
-abweichend, indem es bekannt ist, wie oft sogar Glieder einer nämlichen
-Untergruppe verschiedene Lebens-Weisen besitzen. Im zweiten und vierten
-Kapitel, von Abänderung und Natürlicher Züchtung handelnd, habe ich zu
-zeigen versucht, dass es in jeder Gegend die weit verbreiteten, die
-überall gemeinen und die herrschenden Arten der grossen Sippen in jeder
-Klasse sind, die am meisten variiren. Die so gebildeten Varietäten
-oder beginnenden Arten gehen, wie ich glaube, allmählich in neue und
-verschiedene Arten über, welche nach dem Vererbungs-Prinzip geneigt
-sind andre neue und herrschende Arten zu erzeugen. Demzufolge streben
-die Gruppen, welche jetzt gross sind und gewöhnlich viele herrschende
-Arten in sich einschliessen, ohne Ende an Umfang zuzunehmen. Ich habe
-weiter nachzuweisen gesucht, dass aus dem Streben der abändernden
-Nachkommen einer Art so viele und verschiedene Stellen als möglich im
-Haushalte der Natur einzunehmen, eine beständige Neigung zur Divergenz
-der Charaktere entspringt. Diese Folgerung war unterstützt worden durch
-die Betrachtung der grossen Manchfaltigkeit, die auf den kleinsten
-Feldern in Mitbewerbung zu einander gerathen, und durch die Wahrnehmung
-gewisser Thatsachen bei der Naturalisirung.</p>
-
-<p>Ich habe weiter darzuthun versucht, dass bei den in Zahl und in
-Divergenz des Charakters zunehmenden Formen ein fortwährendes Streben
-vorhanden ist, die früheren minder divergenten und minder verbesserten
-Formen zu unterdrücken und zu ersetzen. Ich ersuche den Leser, nochmals
-das Bild (<a href="#stammbaum">S. 131</a>) anzusehen, welches bestimmt gewesen ist, diese
-verschiedenen Prinzipien zu erläutern, und er wird finden, dass die
-einem gemeinsamen Stamm-Vater entsprossenen abgeänderten Nachkommen
-unvermeidlich immer weiter in unterbrochenen Gruppen und Untergruppen
-auseinanderlaufen müssen. In dem genannten <a href="#stammbaum">Bilde</a> mag jeder Buchstabe
-der obersten Linie eine Sippe bezeichnen, welche mehre Arten enthält,
-und alle Sippen dieser obern Linie bilden miteinander eine Klasse,
-indem alle von einem gemeinsamen alten aber unsichtbaren Stammvater
-entspringen und mithin<span class="pagenum" id="Seite_445">[S. 445]</span> irgend etwas Gemeinsames ererbt haben. Aber die
-drei Sippen auf der linken Seite haben diesem nämlichen Prinzip zufolge
-mehr miteinander gemein und bilden eine Unterfamilie verschieden von
-derjenigen, welche die zwei rechts zunächst-folgenden einschliesst, die
-auf der fünften Abstammungs-Stufe einem ihnen und jenem gemeinsamen
-Stamm-Vater entsprungen sind. Diese fünf Genera haben auch noch
-Manches, doch weniger als vorhin miteinander gemein und bilden
-miteinander eine Familie, verschieden von der die nächsten drei Sippen
-weiter rechts umfassenden, welche sich in einer noch früheren Periode
-von den vorigen abgezweigt hat. Und alle diese von A entsprungenen
-Sippen bilden eine von der aus I entsprossenen verschiedene Ordnung.
-So haben wir hier viele Arten von gemeinsamer Abstammung in mehre
-Genera vertheilt, und diese Genera bilden, indem sie zu immer grösseren
-Gruppen zusammentreten, erst Unterfamilien und dann Ordnungen
-miteinander, welche zu einer Klasse gehören. So erklärt sich nach
-meiner Ansicht in der Naturgeschichte die grosse Erscheinung der
-Unterabtheilung der Gruppen, die uns freilich in Folge unsrer Gewöhnung
-daran nicht mehr sehr aufzufallen pflegt. (Es soll damit nicht gesagt
-werden, dass es keine andre Erklärung von der Unterordnung der
-Charaktere gebe. Wir wissen, dass Hr. M<span class="smaller">AW</span> als Einwand gegen
-unsre Theorie hervorgehoben hat, dass man auch Mineralien und selbst
-Elementar-Stoffe in Gruppen und Untergruppen klassifiziren könne. In
-diesem Falle gibt es natürlich keine genealogische Aufeinanderfolge.
-Aber die oben entwickelte Ansicht erklärt die Klassifikation bei den
-organischen Körpern, und eine andre Erklärung ist nie aufgestellt
-worden.)</p>
-
-<p>Die Naturforscher bemühen sich die Arten, Familien und Sippen jeder
-Klasse in ein sogen. natürliches System zu ordnen. Aber was ist Diess
-für ein System? Einige Schriftsteller betrachten es nur als ein
-Fachwerk, worin die einander ähnlichsten Lebenwesen zusammen-geordnet
-und die unähnlichsten auseinander-gehalten werden, — oder als ein
-künstliches Mittel um allgemeine Beschreibungen so kurz wie möglich
-auszudrücken, so dass, wenn man z.&#160;B. in einem Satz (Diagnose) die
-allen Säugthieren,<span class="pagenum" id="Seite_446">[S. 446]</span> in einem andern die allen Raub-Säugthieren und in
-einem dritten die allen Hunde-artigen Raub-Säugthieren gemeinsamen
-Merkmale zusammengefasst hat, man endlich im Stande ist, schon durch
-Beifügung noch eines ferneren Satzes eine vollständige Beschreibung
-jeder beliebigen Hunde-Art zu liefern. Das Sinnreiche und Nützliche
-dieses Systems ist unbestreitbar; doch glauben einige Naturforscher,
-dass das natürliche System noch eine weitre Bestimmung habe, nämlich
-die den Plan des Schöpfers zu enthüllen; so lange als es aber keine
-Ordnung im Raume oder in der Zeit oder in beiden nachweist, und
-als nicht näher bezeichnet wird, was mit dem „Plane des Schöpfers“
-gemeint seye, scheint mir damit für unsre Kenntniss nichts gewonnen
-zu seyn. Solche Ausdrücke, wie die berühmten L<span class="smaller">INNÉ</span>’schen,
-die wir oft in mancherlei Einkleidungen versteckt wieder finden, dass
-nämlich die Charaktere nicht die Sippe machen, sondern die Sippe die
-Charaktere geben müsse, scheinen mir zugleich andeuten zu sollen,
-dass unsre Klassifikation noch etwas mehr als blosse Ähnlichkeit zu
-berücksichtigen habe. Und ich glaube in der That, dass es so der
-Fall ist, und dass die auf gemeinschaftlicher Abstammung beruhende
-Blutsverwandtschaft die einzige bekannte Ursache der Ähnlichkeit
-organischer Wesen, das durch mancherlei Modifikations-Stufen verborgene
-Band ist, welches durch natürliche Klassifikation theilweise enthüllt
-werden kann.</p>
-
-<p>Betrachten wir nun die bei der Klassifikation befolgten Regeln und
-die dabei vorkommenden Schwierigkeiten von der Annahme ausgehend,
-als ob die Klassifikation entweder einen unbekannten Schöpfungs-Plan
-darstellen oder auch nur ein Mittel bieten solle, um das Verwandte
-zusammenzustellen und dadurch die allgemeinen Beschreibungen
-abzukürzen. Man könnte annehmen und es ist in älteren Zeiten
-angenommen worden, dass diejenigen Theile der Organisation, welche die
-Lebens-Weise und im Allgemeinen den Platz bestimmen, welchen jedes
-Wesen im Haushalte der Natur einnimmt, von erster Wichtigkeit seyen.
-Und doch kann nichts unrichtiger seyn. Niemand legt mehr der äussern
-Ähnlichkeit der Maus mit der Spitzmaus, des Dugongs mit dem Wale, und
-des Wales mit dem Fisch einige Wichtigkeit<span class="pagenum" id="Seite_447">[S. 447]</span> bei. Diese Ähnlichkeiten,
-wenn auch in innigstem Zusammenhange mit dem ganzen Leben des Thieres
-stehend, werden als blosse „analoge oder Anpassungs-Charaktere“
-bezeichnet; doch werden wir auf die Betrachtung dieser Ähnlichkeiten
-später zurückkommen. Man kann es sogar als eine allgemeine Regel
-ansehen, dass, je weniger ein Theil der Organisation für Spezial-Zwecke
-bestimmt ist, desto wichtiger er für die Klassifikation seye. So z.&#160;B.
-sagt R. O<span class="smaller">WEN</span>, indem er vom Dugong spricht: „Ich habe die
-Generations-Organe, insoferne als sie mit Lebens- und Ernährungs-Weise
-der Thiere in wenigst naher Beziehung stehen, immer als solche
-betrachtet, welche die klarsten Andeutungen über die wahren [tieferen]
-Verwandtschaften derselben zu liefern vermögen. Wir sind am wenigsten
-der Gefahr ausgesetzt, in ihren Modifikationen einen bloss adaptiven
-für einen wesentlichen Charakter zu nehmen.“ So ist es auch mit den
-Pflanzen. Wie merkwürdig ist es nicht, dass die Vegetations-Organe,
-von welchen ihr Leben überhaupt abhängig ist, ausser für die
-ersten Hauptabtheilungen, so wenig zu bedeuten haben, während die
-Reproduktions-Werkzeuge und deren Erzeugniss, der Saame, von oberster
-Bedeutung sind.</p>
-
-<p>Wir dürfen uns daher bei der Klassifikation nicht auf Ähnlichkeiten
-zwischen Theilen der Organisation verlassen, wie bedeutend sie auch
-für das Gedeihen des Wesens in seinen Beziehungen zur äusseren Welt
-seyn mögen. Daher rührt es vielleicht auch zum Theile, dass fast
-alle Naturforscher die grösste Wichtigkeit auf die Ähnlichkeit
-solcher Organe legen, welche in physiologischer Hinsicht von hoher
-Bedeutung sind. Das ist auch wohl im Allgemeinen, aber nicht in allen
-Fällen richtig. Jedoch hängt die Wichtigkeit der Organe für die
-Klassifikation nach meiner Meinung hauptsächlich von der Beständigkeit
-ihrer Charaktere in grossen Arten-Gruppen ab, und diese Beständigkeit
-findet sich gerade bei solchen Organismen, welche zur Anpassung an
-äussere Lebens-Bedingungen weniger abgeändert worden. Dass aber auch
-die physiologische Wichtigkeit eines Organes seine Bedeutung für die
-Klassifikation nicht allein bestimme, ergibt sich deutlich schon aus
-der Thatsache allein, dass der klassifikatorische<span class="pagenum" id="Seite_448">[S. 448]</span> Werth eines Organes
-in verwandten Gruppen, wo doch eine gleiche physiologische Bedeutung
-desselben unterstellt werden darf, oft weit verschieden ist. Kein
-Naturforscher kann sich mit einer Gruppe näher beschäftigt haben, ohne
-dass ihm Diess aufgefallen wäre, was auch in den Schriften fast aller
-Autoren vollkommen anerkannt wird. Es wird genügen, wenn ich
-R<span class="smaller">OBERT</span> B<span class="smaller">ROWN</span>
-als den höchsten Gewährsmann zitire, indem er bei Erwähnung
-gewisser Organe bei den Proteaceen sagt: ihre generische Wichtigkeit
-„ist so wie die aller ihrer Theile nicht allein in dieser, sondern
-nach meiner Erfahrung in allen natürlichen Familien sehr ungleich und
-scheint mir in einigen Fällen ganz verloren zu gehen.“ Eben so sagt
-er in einem andern Werke: die Genera der Connaraceae „unterscheiden
-sich durch die Ein- oder Mehrzahl ihrer Ovarien, durch Anwesenheit
-oder Mangel des Eiweisses und durch die schuppige oder klappenartige
-Ästivation. Ein jedes einzelne dieser Merkmale ist oft von mehr als
-generischer Wichtigkeit; hier aber erscheinen alle zusammen genommen
-unzureichend, um nur die Sippe Cnestis von Connarus zu unterscheiden.“
-Ich will noch ein Beispiel von den Insekten entlehnen, wo in der Klasse
-der Hymenopteren nach W<span class="smaller">ESTWOOD</span>’<span class="smaller">S</span> Beobachtung die Fühler in
-einer Hauptabtheilung von sehr beständiger Bildung sind, während sie
-in andern Abtheilungen sehr abändern und die Abweichungen oft von ganz
-untergeordnetem Werthe für die Klassifikation sind; und doch wird
-niemand behaupten wollen, dass die Fühler in diesen zwei Gruppen von
-ungleichem physiologischem Werthe seyen. So liessen sich noch viele
-Beispiele von der veränderlichen Wichtigkeit eines wesentlichen Organes
-für die Klassifikation innerhalb derselben Gruppe von Organismen
-anführen.</p>
-
-<p>Es wird niemand behaupten, rudimentäre oder verkümmerte Organe seyen
-von hoher physiologischer Wichtigkeit, und doch gibt es ohne Zweifel
-Organe, welche in diesem Zustande für die Klassifikation einen grossen
-Werth haben. So bestreitet niemand, dass die Zahn-Rudimente im
-Oberkiefer junger Wiederkäuer so wie gewisse Knochen-Rudimente in den
-Füssen sehr nützlich sind, um die nahe Verwandtschaft der Wiederkäuer
-mit den<span class="pagenum" id="Seite_449">[S. 449]</span> Dickhäutern zu beweisen. Und so bestund auch
-R<span class="smaller">OBERT</span> B<span class="smaller">ROWN</span>
-strenge auf der hohen Bedeutung, welche die Stellung der
-verkümmerten Blumen der Gräser für ihre Klassifikation hätten.</p>
-
-<p>Dagegen lässt sich eine Menge von Fällen nachweisen, wo Charaktere
-an Organen von ganz zweifelhafter physiologischer Wichtigkeit
-allgemein für sehr nützlich zur Bestimmung ganzer Gruppen gelten. So
-ist z.&#160;B. der offne Durchgang von den Nasenlöchern in die Mundhöhle
-nach R. O<span class="smaller">WEN</span> der einzige unbedingte Unterschied zwischen
-Reptilien und Fischen; und eben so wichtig ist die Einbiegung des
-hintern Unterrandes des Unterkiefers bei den Beutelthieren, die
-verschiedene Zusammenfaltungs-Weise der Flügel bei den Insekten, die
-blasse Farbe bei gewissen Algen, die Behaarung gewisser Blüthen-Theile
-bei den Gräsern, das Haar- und Feder-Kleid bei den zwei obern
-Wirbelthier-Klassen. Hätte der Ornithorhynchus ein Feder- statt ein
-Haar-Gewand, so würde dieser äussre unwesentlich scheinende Charakter
-vielleicht von manchen Naturforschern als ein wichtiges Hilfsmittel zur
-Bestimmung des Verwandtschafts-Grades dieses sonderbaren Geschöpfes
-den Vögeln und den Reptilien gegenüber, welchen es sich in einigen
-wesentlicheren inneren Struktur-Verhältnissen nähert, angesehen werden.</p>
-
-<p>Die Wichtigkeit an sich gleichgiltiger Charaktere für die
-Klassifikation hängt hauptsächlich von ihrer Wechselbeziehung zu
-manchen anderen mehr und weniger wichtigen Merkmalen ab. In der
-That ist der Werth untereinander zusammenhängender Charaktere in
-der Naturgeschichte sehr augenscheinlich. Daher kann sich, wie oft
-bemerkt worden ist, eine Art in mehren einzelnen Charakteren von
-hoher physiologischer Wichtigkeit wie von allgemeiner Verbreitung
-weit von ihren Verwandten entfernen und uns doch nicht in Zweifel
-darüber lassen, wohin sie gehört. Daher hat sich auch oft genug eine
-bloss auf ein einziges Merkmal, wenn gleich von höchster Bedeutung,
-gegründete Klassifikation als mangelhaft erwiesen; denn kein Theil
-der Organisation ist allgemein beständig. Die Wichtigkeit einer
-Verkettung von Charakteren, wenn auch keiner davon wesentlich ist,
-erklärt nach meiner Meinung allein den Ausspruch L<span class="smaller">INNÉS</span>,<span class="pagenum" id="Seite_450">[S. 450]</span>
-dass die Charaktere nicht das Genus machen, sondern dieses die
-Charaktere gibt; denn dieser Ausspruch scheint gegründet auf eine
-Würdigung vieler untergeordneter Ähnlichkeits-Beziehungen, welche
-für die Definition zu gering sind. Gewisse zu den Malpighiaceae
-gehörige Pflanzen bringen vollkommene und verkümmerte Blüthen
-zugleich hervor; die letzten verlieren nach A. <span class="smaller">DE</span>
-J<span class="smaller">USSIEU</span>’<span class="smaller">S</span>
-Bemerkung „die Mehrzahl der Art-, Sippen-, Familien- und selbst
-Klassen-Charaktere und spotten mithin unsrer Klassifikation.“ Als aber
-die in <i>Frankreich</i> eingeführte Aspicarpa mehre Jahre lang nur
-verkümmerte Blüthen lieferte, welche in einer Anzahl der wichtigsten
-Punkte der Organisation so wunderbar von dem eigentlichen Typus der
-Ordnung abwichen, da erkannte R<span class="smaller">ICHARD</span> scharfsichtig genug,
-wie J<span class="smaller">USSIEU</span> bemerkt, dass diese Sippe unter den Malpighiaceen
-zurückbehalten werden müsse. Dieser Fall scheint mir den Geist wohl
-zu bezeichnen, in welchem unsre Klassifikationen zuweilen nothwendig
-gegründet sind.</p>
-
-<p>In der Praxis bekümmern sich aber die Naturforscher nicht viel um den
-physiologischen Werth des Charakters, dessen sie sich zur Definition
-einer Gruppe oder bei Einordnung einer Spezies bedienen. Wenn sie einen
-nahezu einförmigen und einer grossen Anzahl von Formen gemeinsamen
-Charakter finden, der bei andern nicht vorkommt, so betrachten sie
-ihn als sehr werthvoll; kömmt er bei einer geringern Anzahl vor,
-so ist er von geringerem Werthe. Zu diesem Grundsatze haben sich
-einige Naturforscher offen als zu dem einzig richtigen bekannt, und
-keiner entschiedener als der vortreffliche Botaniker A<span class="smaller">UGUST</span>
-S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span>. Wenn gewisse Charaktere immer in Wechselbeziehung
-mit einander erscheinen, mag auch ein bedingendes Band zwischen ihnen
-nicht zu entdecken seyn, so wird ihnen besondrer Werth beigelegt. Da in
-den meisten Säugthier-Gruppen wesentliche Organe, wie die zur Bewegung
-des Blutes, zur Athmung, zur Fortpflanzung bestimmten, nahezu von
-gleicher Beschaffenheit sind, so werden sie bei deren Klassifikation
-hoch gewerthet; wogegen wieder in andern Gruppen alle diese wichtigsten
-Lebens-Werkzeuge nur Charaktere von ganz untergeordnetem Werthe
-darbieten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_451">[S. 451]</span></p>
-
-<p>Vom Embryo entnommene Charaktere erweisen sich von gleicher
-Wichtigkeit, wie die der ausgewachsenen Thiere, indem unsre
-Klassifikationen die Arten in allen ihren Lebens-Altern umfassen. Doch
-scheint es sich aus der gewöhnlichen Anschauungs-Weise keineswegs zu
-rechtfertigen, dass man die Struktur des Embryos für diesen Zweck
-höher in Anschlag bringe als die des erwachsenen Thieres, welches
-doch nur allein vollen Antheil am Haushalte der Natur nimmt. Nun
-haben die grossen Naturforscher M<span class="smaller">ILNE</span>-E<span class="smaller">DWARDS</span> und
-L. A<span class="smaller">GASSIZ</span> scharf hervorgehoben, dass embryonische Charaktere von
-allen die wichtigsten für die Klassifikation sind, und diese Behauptung
-ist fast allgemein als richtig aufgenommen worden. Sie entspricht
-auch den Blüthen-Pflanzen ganz gut, deren zwei Hauptabtheilungen
-nur auf embryonische Charaktere gegründet sind, nämlich auf die
-Zahl und Stellung der Blätter des Embryos oder der Kotyledonen und
-auf die Entwicklungs-Weise der Plumula und Radicula. In unsren
-embryologischen Erörterungen werden wir den Grund einsehen, wesshalb
-diese Charaktere so werthvoll sind, indem nämlich die auf dieselben
-gegründete Klassifikations-Weise stillschweigend die Vorstellung von
-der gemeinsamen Abstammung der Arten anerkennt.</p>
-
-<p>Unsre Klassifikationen stehen oft offenbar unter dem Einflusse
-verwandtschaftlicher Verkettungen. Es ist nichts leichter, als eine
-Anzahl allen Vögeln gemeinsamer Charaktere zu bezeichnen, während
-Diess hinsichtlich der Kruster noch nicht möglich gewesen ist. Es gibt
-Kruster an den beiden Enden der Reihe, welche kaum einen Charakter mit
-einander gemein haben; aber da die an den zwei Enden stehenden Arten
-offenbar mit andern und diese wieder mit andern Krustern u.&#160;s.&#160;w.
-verwandt sind, so ergibt sich ganz unzweideutig, dass sie alle zu
-dieser und zu keiner andern Klasse der Kerbthiere gehören.</p>
-
-<p>Auch die geographische Verbreitung ist oft, wenn gleich vielleicht
-nicht logischer Weise, zur Klassifikation mit benützt worden, zumal in
-sehr grossen Gruppen einander nahe verwandter Formen. T<span class="smaller">EMMINCK</span>
-besteht auf der Nützlichkeit und selbst Nothwendigkeit dieser Übung bei
-gewissen Vögel-Gruppen; wie<span class="pagenum" id="Seite_452">[S. 452]</span> sie denn auch von einigen Entomologen und
-Botanikern in Anwendung gekommen ist.</p>
-
-<p>Was endlich die verglichenen Werthe der verschiedenen Arten-Gruppen,
-wie Ordnungen und Unterordnungen, Familien und Unterfamilien,
-Sippen u.&#160;s.&#160;w. betrifft, so scheinen sie wenigstens bis jetzt ganz
-willkürlich zu seyn. Einige der besten Botaniker, wie B<span class="smaller">ENTHAM</span>
-u. A., sind beharrlich auf ihrer Meinung von deren willkürlichem Werthe
-geblieben. Man könnte bei den Pflanzen wie bei den Insekten Beispiele
-anführen von Arten-Gruppen, die von geübten Naturforschern erst nur
-als Sippen aufgestellt und dann allmählich zum Rang von Unterfamilien
-und Familien erhoben worden sind, und zwar nicht desshalb, weil durch
-spätre Forschungen neue wesentliche Unterschiede in ihrer Organisation
-ausgemittelt worden wären, sondern nur in Folge spätrer Entdeckung
-vieler verwandter Arten mit nur schwach abgestuften Unterschieden.</p>
-
-<p>Alle voranstehenden Regeln, Behelfe und Schwierigkeiten der
-Klassifikation erklären sich, wenn ich mich nicht sehr täusche, durch
-die Annahme, dass das natürliche System auf Fortpflanzung unter
-fortwährender Abänderung beruhe, dass diejenigen Charaktere, welche
-nach der Ansicht der Naturforscher eine ächte Verwandtschaft zwischen
-zwei oder mehr Arten darthun, von einem gemeinsamen Ahnen ererbt
-sind und in so fern alle ächte Klassifikation eine genealogische
-ist; — dass gemeinsame Abstammung das unsichtbare Band ist, wonach
-alle Naturforscher unbewusster Weise gesucht haben, nicht aber ein
-unbekannter Schöpfungs-Plan, oder eine bequeme Form für allgemeine
-Beschreibung, oder eine angemessene Methode die Natur-Gegenstände nach
-den Graden ihrer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zu sortiren.</p>
-
-<p>Doch ich muss meine Ansicht vollständiger auseinandersetzen. Ich
-glaube, dass die <em class="gesperrt">Anordnung</em> der Gruppen in jeder Klasse, ihre
-gegenseitige Nebenordnung und Unterordnung streng genealogisch
-seyn muss, wenn sie natürlich seyn soll; dass aber das Maass der
-Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Gruppen oder Verzweigungen,
-obschon sie alle in gleicher<span class="pagenum" id="Seite_453">[S. 453]</span> Blutsverwandtschaft mit ihrem gemeinsamen
-Stammvater stehen, sehr ungleich seyn kann, indem dieselbe von den
-verschiedenen Graden erlittener Abänderung abhängig ist; und Diess
-findet seinen Ausdruck darin, dass die Formen in verschiedene Sippen,
-Familien, Sektionen und Ordnungen gruppirt werden. Der Leser wird
-meine Meinung am besten verstehen, wenn er sich nochmals nach dem
-<a href="#stammbaum">Bilde S. 131</a> umsehen will. Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L
-stellen verwandte Sippen vor, welche in der silurischen Zeit gelebt
-und selber von einer Art abstammen, die in einer unbekannten früheren
-Periode existirt hat. Arten von dreien dieser Genera (A, F und I)
-haben sich in abgeänderten Nachkommen bis auf den heutigen Tag
-fortgepflanzt, welche durch die fünfzehn Sippen a<sup>14</sup> bis z<sup>14</sup> der
-obersten Reihe ausgedrückt sind. Nun sind aber alle diese abgeänderten
-Nachkommen einer einzelnen Art in gleichem Grade blutsverwandt zu
-einander; man könnte sie bildlich als Vettern im gleichen millionsten
-Grade bezeichnen; und doch sind sie weit und in ungleichem Grade von
-einander verschieden. Die von A herstammenden Formen, welche nun in
-2–3 Familien geschieden sind, bilden eine andre Ordnung als die zwei
-von I entsprossenen. Auch können die von A abgeleiteten jetzt lebenden
-Formen eben so wenig in eine Sippe mit ihrem Ahnen A, als die von I
-herkommenden in eine mit ihrem Stammvater I zusammengestellt werden.
-Die noch jetzt lebende Sippe <span class="smaller">F</span><sup>14</sup> dagegen mag man als
-nur wenig modifizirt betrachten und demnach mit deren Stamm-Sippe
-F vereinigen, wie es ja in der That noch jetzt einige Genera gibt,
-welche mit silurischen übereinstimmen. So kommt es, dass das Maass
-oder der Werth der Verschiedenheiten zwischen organischen Wesen,
-die alle in gleichem Grade miteinander blutsverwandt sind, doch so
-ausserordentlich ungleich erscheint. Demungeachtet aber bleibt ihre
-genealogische Anordnungs-Weise vollkommen richtig nicht allein in der
-jetzigen sondern auch in allen künftigen Perioden der Fortstammung.
-Alle abgeänderten Nachkommen von A haben etwas Gemeinsames von ihrem
-gemeinsamen Ahnen geerbt, wie die des I von dem ihrigen, und so wird
-es sich auch mit jedem untergeordneten Zweige der<span class="pagenum" id="Seite_454">[S. 454]</span> Nachkommenschaft
-in jeder späteren Periode verhalten. Unterstellen wir dagegen, einer
-der Nachkommen von A oder I seye so sehr modifizirt worden, dass er
-die Spuren seiner Abkunft von demselben mehr oder weniger eingebüsst
-habe, so wird er im natürlichen Systeme nur eine mehr und weniger
-abgesonderte Stelle einnehmen können, wie Diess bei einigen noch
-lebenden Formen wirklich der Fall zu seyn scheint. Von allen Nachkommen
-der Sippe F ist der ganzen Reihe nach angenommen, dass sie nur wenig
-modifizirt worden seyen und daher gegenwärtig nur ein einzelnes
-Genus bilden. Aber dieses Genus wird, sehr vereinzelt, eine eigene
-Zwischenstelle einnehmen; denn F hielt ursprünglich seinem Charakter
-nach das Mittel zwischen A und I, und die verschiedenen von diesen
-zwei Genera herstammenden Sippen werden jedes von seiner Stamm-Sippe
-etwas Gemeinsames geerbt haben. Diese natürliche Anordnung ist, so
-viel es auf dem Papiere möglich, nur in viel zu einfacher Weise,
-bildlich dargestellt. Hätte ich, statt der verzweigten Darstellung,
-nur die Namen der Gruppen in eine lineare Reihe schreiben wollen, so
-würde es noch viel weniger möglich geworden seyn, ein Bild von der
-natürlichen Anordnung zu geben, da es anerkannter Maassen unmöglich
-ist, in einer Linie oder auf einer Fläche die Verwandtschaften
-zwischen den verschiedenen Wesen einer Gruppe darzustellen. So ist
-nach meiner Ansicht das Natur-System genealogisch in seiner Anordnung,
-wie ein Stammbaum, aber die Abstufungen der Modifikationen, welche
-die verschiedenen Gruppen durchlaufen haben, müssen durch Eintheilung
-derselben in verschiedene sogenannte Sippen, Unterfamilien, Familien,
-Sektionen, Ordnungen und Klassen ausgedrückt werden.</p>
-
-<p>Zur Erläuterung dieser meiner Ansicht von der Klassifikation mag
-ein Vergleich mit den Sprachen angemessen seyn. Wenn wir einen
-vollständigen Stammbaum des Menschen besässen, so würde eine
-genealogische Anordnung der Menschen-Rassen die beste Klassifikation
-aller jetzt auf der ganzen Erde gesprochenen Sprachen abgeben; und
-könnte man alle erloschenen und mitteln Sprachen und alle langsam
-abändernden Dialekte mit aufnehmen, so würde diese Anordnung, glaube
-ich, die einzig mögliche seyn.<span class="pagenum" id="Seite_455">[S. 455]</span> Da könnte nun der Fall eintreten, dass
-irgend eine sehr alte Sprache nur wenig abgeändert und zur Bildung
-nur weniger neuen Sprachen gedient hätte, während andre (in Folge der
-Ausbreitung und späteren Isolirung und Zivilisations-Stufen einiger
-von gemeinsamem Stamm entsprossener Rassen) sich sehr veränderten
-und die Entstehung vieler neuer Sprachen und Dialekte veranlassten.
-Die Ungleichheit der Abstufungen in der Verschiedenheit der Sprachen
-eines Sprach-Stammes müsste durch Unterordnung der Gruppen unter
-einander ausgedrückt werden; aber die eigentliche oder eben allein
-mögliche Anordnung könnte nur genealogisch seyn; und Diess wäre streng
-naturgemäss, indem auf diese Weise alle lebenden wie erloschenen
-Sprachen je nach ihren Verwandtschafts-Stufen mit einander verkettet
-und der Ursprung und der Entwickelungs-Gang einer jeden einzelnen
-nachgewiesen werden würde.</p>
-
-<p>Wir wollen nun, zur Bestätigung dieser Ansicht, einen Blick auf die
-Klassifikation der Varietäten werfen, von welchen man annimmt oder
-weiss, dass sie von einer Art abstammen. Diese werden unter die
-Arten eingereihet und selbst in Unter-Varietäten weiter geschieden;
-und bei unsren Kultur-Erzeugnissen werden noch manche andre
-Unterscheidungs-Stufen angenommen, wie wir bei den Tauben gesehen
-haben. Das Verhältniss der Gruppen zu den Untergruppen ist dasselbe,
-wie das der Arten zu den Varietäten; es ist verwandte Abstammung mit
-verschiedenen Abänderungs-Stufen. Bei Klassifikation der Varietäten
-werden fast die nämlichen Regeln, wie bei den Arten befolgt. Manche
-Schriftsteller sind auf der Nothwendigkeit bestanden, die Varietäten
-nach einem natürlichen statt künstlichen Systeme zu klassifiziren;
-wir sind z.&#160;B. so vorsichtig, nicht zwei Kiefer-Varietäten
-zusammenzuordnen, weil bloss ihre Frucht, obgleich der wesentlichste
-Theil, zufällig nahezu übereinstimmt. Niemand stellt den Schwedischen
-mit dem gemeinen Turnips oder Rübsen zusammen, obwohl deren verdickter
-essbarer Stiel so ähnlich ist. Der beständigste Theil, welcher es
-immer seyn mag, wird zur Klassifikation der Varietäten benützt; aber
-der grosse Landwirth M<span class="smaller">ARSHALL</span> sagt, die Hörner des Rindviehs
-seyen für diesen Zweck<span class="pagenum" id="Seite_456">[S. 456]</span> sehr nützlich, weil sie weniger als die
-Form oder Farbe des Körpers veränderlich seyen, während sie bei den
-Schaafen ihrer Veränderlichkeit wegen viel weniger brauchbar seyen. Ich
-stelle mir vor, dass, wenn man einen wirklichen Stammbaum hätte, eine
-genealogische Klassifikation der Varietäten allgemein vorgezogen werden
-würde, und einige Autoren haben in der That eine solche versucht.
-Denn, mag ihre Abänderung gross oder klein seyn, so werden wir uns
-doch überzeugt halten, dass das Vererbungs-Prinzip diejenigen Formen
-zusammenhalte, welche in den meisten Beziehungen mit einander verwandt
-sind. So werden alle Purzel-Tauben, obschon einige Untervarietäten
-in der Länge des Schnabels weit von einander abweichen, doch durch
-die gemeinsame Sitte zu purzeln unter sich zusammengehalten, aber
-der kurzschnäbelige Stock hat diese Gewohnheit beinahe abgelegt.
-Demungeachtet hält man diese Purzler, ohne über die Sache nachzudenken
-oder zu urtheilen, in einer Gruppe beisammen, weil sie einander durch
-Abstammung verwandt und in manchen andern Beziehungen ähnlich sind.
-Liesse sich nachweisen, dass der Hottentott vom Neger abstammte, so
-würde man ihn, wie ich glaube, unter den Neger einreihen, wie weit er
-auch in Farbe und andern wichtigen Bedingungen davon verschieden seyn
-mag.</p>
-
-<p>Was dann die Arten in ihrem Natur-Zustande betrifft, so hat jeder
-Naturforscher die Abstammung bei der Klassifikation mit in Betracht
-gezogen, indem er in seine unterste Gruppe, die Spezies nämlich,
-beide Geschlechter aufnahm, und wie ungeheuer diese zuweilen sogar
-in den wesentlichsten Charakteren von einander abweichen, ist jedem
-Naturforscher bekannt; so haben Männchen und Hermaphroditen gewisser
-Cirripeden im reifen Alter kaum ein Merkmal mit einander gemein, und
-doch träumt niemand davon sie zu trennen. Sobald man wahrnahm, dass
-drei ehedem als eben so viele Sippen aufgeführte Orchideen-Formen
-(Monachanthus, Myanthus und Catasetum) zuweilen an der nämlichen
-Blüthen-Ähre beisammensitzen, verband man sie unmittelbar als
-merkwürdige Varietäten zu einer einzigen Art; es ist mir aber neuerlich
-möglich geworden zu zeigen, dass sie die<span class="pagenum" id="Seite_457">[S. 457]</span> weibliche, zwitterliche und
-männliche Form der nämlichen Orchidee bilden<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a>. Der Naturforscher
-schliesst in eine Spezies die verschiedenen Larven-Zustände des
-nämlichen Individuums ein, wie weit dieselben auch unter sich und von
-dem erwachsenen Thiere verschieden seyn mögen, wie er auch die von
-S<span class="smaller">TEENSTRUP</span> sogenannten Wechsel-Generationen mit einbegreift,
-die man nur in einem technischen Sinne noch als zum nämlichen
-Individuum gehörig betrachten kann. Er schliesst Missgeburten, er
-schliesst Varietäten mit ein, nicht allein weil sie der älterlichen
-Form nahezu gleichen, sondern weil sie von derselben abstammen. Wer
-glaubt, dass die grosse hellgelbe Schlüsselblume (Primula elatior) von
-der gewöhnlicheren kleinen und dunkelgelben (Pr. veris) abstamme oder
-umgekehrt, stellt sie in eine Art zusammen und gibt eine gemeinsame
-Definition derselben.</p>
-
-<p>Da die Abstammung bei Klassifikation der Individuen einer Art trotz der
-oft ausserordentlichen Verschiedenheit zwischen Männchen, Weibchen und
-Larven, allgemein massgebend ist, und da dieselbe bei Klassifikation
-von Varietäten, welche ein gewisses und mitunter ansehnliches Maass von
-Abänderung erfahren haben, in Betracht gezogen wird: mag es dann nicht
-auch vorgekommen seyn, dass man das nämliche Element ganz unbewusst
-bei Zusammenstellung der Arten in Sippen und der Sippen in höhere
-Gruppen angewendet hat, obwohl hier die Unterschiede beträchtlicher
-sind und eine längere Zeit zu ihrer Entwickelung bedurft haben? Ich
-glaube, dass es allerdings so geschehen ist; und nur so vermag ich
-die verschiedenen Regeln und Vorschriften zu verstehen, welche von
-unsern besten Systematikern befolgt worden sind. Wir haben keine
-geschriebenen Stammbäume, sondern ermitteln die gemeinschaftliche
-Abstammung nur vermittelst der Ähnlichkeiten irgend welcher Art.
-Daher wählen wir Charaktere aus, die, so viel wir beurtheilen
-können, durch die Beziehungen zu den äusseren Lebens-Bedingungen,
-welchen jede Art in der laufenden Periode ausgesetzt gewesen ist, am
-wenigsten<span class="pagenum" id="Seite_458">[S. 458]</span> verändert worden sind. Rudimentäre Gebilde sind in dieser
-Hinsicht eben so gut und zuweilen noch besser, als andre. Mag ein
-Charakter noch so unwesentlich erscheinen, seye es ein eingebogner
-Unterkiefer-Rand, oder die Faltungs-Weise eines Insekten-Flügels, sey
-es das Haar- oder Feder-Gewand des Körpers: wenn sich derselbe durch
-viele und verschiedene Spezies erhält, durch solche zumal, welche
-sehr ungleiche Lebens-Weisen haben, so nimmt er einen hohen Werth
-an; denn wir können seine Anwesenheit in so vielerlei Formen und mit
-so manchfaltigen Lebens-Weisen nur durch seine Ererbung von einem
-gemeinsamen Stamm-Vater erklären. Wir können uns dabei hinsichtlich
-einzelner Punkte der Organisation irren; wenn aber verschiedene noch
-so unwesentliche Charaktere durch eine ganze grosse Gruppe von Wesen
-mit verschiedener Lebens-Weise gemeinschaftlich andauern, so werden
-wir nach der Theorie der Abstammung fest überzeugt seyn können, dass
-diese Gemeinschaft von Charakteren von einem gemeinsamen Vorfahren
-ererbt ist. Und wir wissen, dass solche in Wechselbeziehung zu einander
-vorkommende Charaktere bei der Klassifikation von grossem Werthe sind.
-Es wird begreiflich, warum eine Art oder eine ganze Gruppe von Arten in
-einigen ihrer wesentlichsten Charaktere von ihren Verwandten abweichen
-und doch ganz wohl mit ihnen zusammen klassifizirt werden kann. Man
-kann Diess getrost thun und hat es oft gethan, so lange als noch eine
-genügende Anzahl von wenn auch unbedeutenden Charakteren das verbundene
-Band gemeinsamer Abstammung verräth. Denn sogar, wenn zwei Formen nicht
-einen einzigen Charakter gemeinsam besitzen, aber diese extremen Formen
-noch durch eine Reihe vermittelnder Gruppen miteinander verkettet
-sind, dürfen wir noch auf eine gemeinsame Abstammung schliessen und
-sie alle zusammen in eine Klasse stellen. Da Charaktere von hoher
-physiologischer Wichtigkeit, solche die zur Erhaltung des Lebens
-unter den verschiedensten Existenz-Bedingungen dienen, gewöhnlich am
-beständigsten sind, so legen wir ihnen grossen Werth bei; wenn aber
-diese Organe in einer andern Gruppe oder Gruppen-Abtheilung sehr
-abweichen, so schätzen wir sie hier auch<span class="pagenum" id="Seite_459">[S. 459]</span> bei der Klassifikation
-geringer. Wir werden hiernach, wie ich glaube, klar einsehen, warum
-embryonische Merkmale eine so hohe klassifikatorische Wichtigkeit
-besitzen. Die geographische Verbreitung mag bei der Klassifikation
-grosser und weitverbreiteter Sippen zuweilen mit Nutzen angewendet
-werden, weil alle Arten einer solchen Sippe, welche eine eigenthümliche
-und abgesonderte Gegend bewohnen, höchst wahrscheinlich von gleichen
-Ältern abstammen.</p>
-
-<p>Aus diesem Gesichtspunkte wird es begreiflich, wie wesentlich
-es ist, zwischen wirklicher Verwandtschaft und analoger oder
-Anpassungs-Ähnlichkeit zu unterscheiden. L<span class="smaller">AMARCK</span> hat zuerst
-die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied gelenkt, und M<span class="smaller">ACLEAY</span>
-u. A. sind ihm darin glücklich gefolgt. Die Ähnlichkeit, welche
-zwischen dem Dugong, einem den Pachydermen verwandten Thiere, und den
-Walen in der Form des Körpers und der Bildung der vordem ruderförmigen
-Gliedmaassen, und jene, welche zwischen diesen beiderlei Thieren
-und den Fischen besteht, ist Analogie. Bei den Insekten finden sich
-unzählige Beispiele dieser Art; daher L<span class="smaller">INNÉ</span>, durch äussern
-Anschein verleitet, wirklich ein homopteres Insekt unter die Motten
-gestellt hat. Wir sehen etwas Ähnliches auch bei unseren kultivirten
-Pflanzen in den verdickten Stämmen des gemeinen und des Schwedischen
-Rutabaga-Turnips. Die Ähnlichkeit zwischen dem Windhund und dem
-Englischen Wettrenner ist schwerlich eine mehr eingebildete, als andre
-von einigen Autoren zwischen einander sehr entfernt stehenden Thieren
-aufgesuchte Analogie’n. Nach meiner Ansicht, dass Charaktere nur in
-so ferne von wesentlicher Wichtigkeit für die Klassifikation sind,
-als sie die gemeinsame Abstammung ausdrücken, lernen wir deutlicher
-einsehen, warum analoge oder Anpassungs-Charaktere, wenn auch vom
-höchsten Werthe für das Gedeihen der Wesen, doch für den Systematiker
-fast werthlos sind. Denn zwei Thiere von ganz verschiedener Abstammung
-können wohl ganz ähnlichen Lebens-Bedingungen angepasst und sich daher
-äusserlich sehr ähnlich seyn; aber solche Ähnlichkeiten verrathen
-keine Bluts-Verwandtschaft, sondern sind vielmehr geeignet, die wahren
-verwandtschaftlichen Beziehungen in<span class="pagenum" id="Seite_460">[S. 460]</span> Folge gemeinsamer Abstammung
-zu verbergen. Wir begreifen ferner das anscheinende Paradoxon, dass
-die nämlichen Charaktere analoge seyn können, wenn eine Klasse oder
-Ordnung mit der andern verglichen wird, aber für ächte Verwandtschaft
-zeugen, woferne es sich um die Vergleichung von Gliedern der nämlichen
-Klasse oder Ordnung unter einander handelt. So beweisen Körper-Form
-und Ruderfüsse der Wale nur eine Analogie mit den Fischen, indem
-solche in beiden Klassen nur eine Anpassung des Thieres zum Schwimmen
-im Wasser bezwecken; aber beiderlei Charaktere beweisen auch die nahe
-Verwandtschaft zwischen den Gliedern der Wal-Familie selbst; denn diese
-Wale stimmen in so vielen grossen und kleinen Charakteren miteinander
-überein, dass wir nicht an der Ererbung ihrer allgemeinen Körper-Form
-und ihrer Ruderfüsse von einem gemeinsamen Vorfahren zweifeln können.
-Und eben so ist es mit den Fischen.</p>
-
-<p>(Einige Fälle von analoger oder adaptiver Ähnlichkeit sind sehr
-bemerkenswerth. Ich will nur einen derselben hier erörtern, der von
-minder augenfälliger Art ist, als die mehr äusserliche Ähnlichkeit
-zwischen Fisch-Säugthieren und Fischen, zwischen fliegendem Oppossum
-und fliegendem Eichhorn u.&#160;s.&#160;w. B<span class="smaller">ATES</span> hat kürzlich
-berichtet, wie unter den zahlreichen Schmetterlingen des grossen
-<i>Amazonas-Thales</i> die Arten einer Sippe und selbst die Varietäten
-einer Art oft das Kleid von Arten ganz verschiedener Genera oder
-Unterfamilien in so vollkommener Weise annehmen, dass man sie ohne
-die sorgfältigste Untersuchung gar nicht zu unterscheiden im Stande
-ist. Dabei ist ferner eine bemerkenswerthe Thatsache, dass fast immer
-die nachahmende Art selten, die nachgeahmte aber häufig und im Kampf
-ums Daseyn siegreich ist. B<span class="smaller">ATES</span> ist der Meinung, dass die
-Nachahmer durch Natürliche Züchtung allmählich zu ihrem jetzigen Kleide
-gelangt seyen, um unter dieser Maske der häufigen und siegreichen Art
-irgend einer sie allein bedrohenden Gefahr zu entgehen.)</p>
-
-<p>Da Glieder verschiedener Klassen oft durch zahlreich auf
-einander-folgende geringe Abänderungen einer Lebens-Weise unter nahezu
-ähnlichen Verhältnissen angepasst werden, um z.&#160;B. auf dem Boden, in
-der Luft oder im Wasser zu leben, so werden<span class="pagenum" id="Seite_461">[S. 461]</span> wir vielleicht verstehen
-woher es kommt, dass man zuweilen einen Zahlen-Parallelismus zwischen
-Unter-Gruppen verschiedener Klassen bemerkt hat. Ein Naturforscher
-kann unter dem Eindrucke, den dieser Parallelismus in einer Klasse auf
-ihn macht, demselben dadurch, dass er den Werth der Gruppen in andern
-Klassen etwas höher oder tiefer setzt (und alle unsre Erfahrung zeigt,
-dass Schätzungen dieser Art noch immer sehr willkürlich sind), leicht
-eine grosse Ausdehnung geben; und so sind wohl unsre sieben-, fünf-,
-vier- und drei-gliedrigen Systeme entstanden.</p>
-
-<p>Da die abgeänderten Nachkommen herrschender Arten grosser Sippen
-diejenigen Vorzüge, welche die Gruppen, wozu sie gehören, gross und
-ihre Ältern herrschend gemacht haben, zu vererben streben, so sind
-sie meistens sicher sich weit auszubreiten und mehr oder weniger
-Stellen im Haushalte der Natur einzunehmen. So streben die grösseren
-und herrschenderen Gruppen in jeder Klasse nach immer weiterer
-Vergrösserung und ersetzen demnach viele kleinere und schwächere
-Gruppen. So erklärt sich auch die Thatsache, dass alle erloschenen
-wie noch lebenden Organismen einige wenige grosse Ordnungen in noch
-wenigeren Klassen bilden, die alle in einem grossen Natur-Systeme
-enthalten sind. Um zu zeigen, wie wenige an Zahl die oberen Gruppen und
-wie weit sie in der Welt verbreitet sind, ist die Thatsache zutreffend,
-dass die Entdeckung <i>Neu-Hollands</i> nicht ein Insekt aus einer
-neuen Klasse geliefert hat, und dass im Pflanzen-Reiche, wie ich von
-Dr. H<span class="smaller">OOKER</span> vernehme, nur eine oder zwei kleine Ordnungen
-hinzugekommen sind.</p>
-
-<p>Im Kapitel über die geologische Aufeinanderfolge habe ich nach dem
-Prinzip, dass im Allgemeinen jede Gruppe während des lang-dauernden
-Modifikations-Prozesses in ihrem Charakter sehr auseinander gelaufen
-ist, zu zeigen mich bemühet, woher es kommt, dass die ältern
-Lebenformen oft einigermaassen mittle Charaktere zwischen denen der
-jetzigen Gruppen darbieten. Einige wenige solcher alten und mitteln
-Stamm-Formen, welche sich zuweilen in nur wenig abgeänderten Nachkommen
-bis zum heutigen Tage erhalten haben, geben zur Bildung unsrer
-sogenannten<span class="pagenum" id="Seite_462">[S. 462]</span> schwankenden oder aberranten Gruppen Veranlassung. Je
-abirrender eine Form ist, desto grösser muss die Zahl verkettender
-Glieder seyn, welche gänzlich vertilgt worden und verloren gegangen
-sind. Auch dafür, dass die aberranten Formen sehr durch Erlöschen
-gelitten, haben wir einige Belege; denn sie sind gewöhnlich nur durch
-einige wenige Arten vertreten, und auch diese Arten sind gewöhnlich
-sehr verschieden von einander, was gleichfalls auf Erlöschung hinweist.
-Die Sippen Ornithorhynchus und Lepidosiren z.&#160;B. würden nicht weniger
-aberrant seyn, wenn sie jede durch ein Dutzend statt nur eine oder zwei
-Arten vertreten wären; aber solcher Arten-Reichthum ist, wie ich nach
-mancherlei Nachforschungen finde, den aberranten Sippen gewöhnlich
-nicht zu Theil geworden. Wir können, glaube ich, diese Erscheinung
-nur erklären, indem wir die aberranten Formen als Gruppen betrachten,
-welche, im Kampfe mit siegreichen Mitbewerbern unterliegend, nur noch
-wenige Glieder in Folge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens günstiger
-Umstände bis heute erhalten haben.</p>
-
-<p>Hr. W<span class="smaller">ATERHOUSE</span> hat bemerkt, dass, wenn ein Glied aus
-einer Thier-Gruppe Verwandtschaft mit einer sehr verschiedenen
-andern Gruppe zeigt, diese Verwandtschaft in den meisten Fällen
-eine Sippen- und nicht eine Art-Verwandtschaft ist. So ist nach
-W<span class="smaller">ATERHOUSE</span> von allen Nagern die Viscasche<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a> am nächsten
-mit den Beutelthieren verwandt; aber die Charaktere, worin sie sich
-den Marsupialen am meisten nähert, haben eine allgemeine Beziehung zu
-den Beutelthieren und nicht zu dieser oder jener Art im Besondern. Da
-diese Verwandtschafts-Beziehungen der Viscasche zu den Beutelthieren
-für wesentliche gelten und nicht Folge blosser Anpassung sind, so
-rühren sie nach meiner Theorie von gemeinschaftlicher Ererbung her.
-Daher wir dann auch unterstellen müssen, entweder dass alle Nager
-einschliesslich der Viscasche von einem sehr alten Marsupialen
-abgezweigt sind, der einen einigermaassen mitteln Charakter zwischen
-denen aller<span class="pagenum" id="Seite_463">[S. 463]</span> jetzigen Beutelthiere besessen, oder dass sowohl Nager
-wie Beutelthiere von einem gemeinsamen Stammvater herrühren und beide
-Gruppen durch starke Abänderung seitdem in verschiedenen Richtungen
-auseinander gegangen sind. Nach beiderlei Ansicht müssen wir annehmen,
-dass die Viscasche mehr von den erblichen Charakteren des alten
-Stamm-Vaters an sich behalten habe, als sämmtliche anderen Nager; und
-desshalb zeigt sie keine besonderen Beziehungen zu diesem oder jenem
-noch vorhandenen Beutler, sondern nur indirekte zu allen oder fast
-allen Marsupialen überhaupt, indem sie sich einen Theil des Charakters
-des gemeinsamen Urvaters oder eines früheren Gliedes dieser Gruppe
-erhalten hat. Anderseits besitzt nach W<span class="smaller">ATERHOUSE</span>’<span class="smaller">S</span> Bemerkung
-unter allen Beutelthieren der Phascolomys am meisten Ähnlichkeit,
-nicht zu einer einzelnen Art, sondern zur ganzen Ordnung der Nager
-überhaupt. In diesem Falle ist sehr zu erwarten, dass die Ähnlichkeit
-nur eine Analogie seye, indem der Phascolomys sich einer Lebens-Weise
-anpasste, wie sie Nager besitzen. Der ältere <span class="smaller">DE</span>C<span class="smaller">ANDOLLE</span> hat
-ziemlich ähnliche Bemerkungen hinsichtlich der allgemeinen Natur der
-Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Pflanzen-Ordnungen gemacht.</p>
-
-<p>Nach dem Prinzip der Vermehrung und der stufenweisen Divergenz des
-Charakters der von einem gemeinsamen Ahnen abstammenden Arten in
-Verbindung mit der erblichen Erhaltung eines Theiles des gemeinsamen
-Charakters erklären sich die ausserordentlich verwickelten und
-strahlenförmig auseinander-gehenden Verwandtschaften, wodurch alle
-Glieder einer Familie oder höheren Gruppe miteinander verkettet
-werden. Denn der gemeinsame Stammvater einer ganzen Familie von Arten,
-welche jetzt durch Erlöschung in verschiedene Gruppen und Untergruppen
-gespalten ist, wird einige seiner Charaktere in verschiedener Art
-und Abstufung modifizirt allen gemeinsam mitgetheilt haben, und die
-verschiedenen Arten werden demnach nur durch Verwandtschafts-Linien
-von verschiedener Länge miteinander verbunden seyn, welche in weit
-älteren Vorgängern ihren Vereinigungs-Punkt finden, wie es das frühere
-<a href="#stammbaum">Bild S. 131</a> darstellt. Wie es schwer ist, die Blutsverwandtschaft
-zwischen den zahlreichen<span class="pagenum" id="Seite_464">[S. 464]</span> Angehörigen einer alten adeligen Familie
-sogar mit Hilfe eines Stammbaums zu zeigen, und fast unmöglich
-es ohne dieses Hilfsmittel zu thun, so begreift man auch die
-manchfaltigen Schwierigkeiten, auf welche Naturforscher, ohne die
-Hilfe einer bildlichen Skizze, stossen, wenn sie die verschiedenen
-Verwandtschafts-Beziehungen zwischen den vielen lebenden und
-erloschenen Gliedern einer grossen natürlichen Klasse nachweisen wollen.</p>
-
-<p>Erlöschen hat, wie wir im vierten Kapitel gesehen, einen grossen
-Antheil an der Bildung und Erweiterung der Lücken zwischen den
-verschiedenen Gruppen in jeder Klasse. Wir können Diess eben so
-wie die Trennung ganzer Klassen von einander, wie z.&#160;B. die der
-Vögel von allen andern Wirbelthieren, durch die Annahme erklären,
-dass viele alte Lebenformen ganz ausgegangen sind, durch welche die
-ersten Stammältern der Vögel vordem mit den ersten Stammältern der
-übrigen Wirbelthier-Klassen verkettet gewesen. Dagegen sind nur
-wenige solche Lebenformen erloschen, welche einst die Fische mit
-den Batrachiern verbanden. In noch geringerem Grade ist Diess in
-einigen andern Klassen, wie z.&#160;B. bei den Krustern der Fall gewesen,
-wo die wundersamst verschiedenen Formen noch durch eine lange
-aber unterbrochene Verwandtschafts-Kette zusammengehalten werden.
-Erlöschung hat die Gruppen nur getrennt, nicht gemacht. Denn wenn alle
-Formen, welche jemals auf dieser Erde gelebt haben, plötzlich wieder
-erscheinen könnten, so würde es ganz unmöglich seyn, die Gruppen durch
-Definitionen von einander zu unterscheiden, weil alle durch eben so
-feine Abstufungen, wie die zwischen den lebenden Varietäten sind,
-in einander übergehen würden; demungeachtet würde eine natürliche
-Klassifikation oder wenigstens eine natürliche Anordnung möglich seyn.
-Wir können Diess ersehen, indem wir unser Bild (<a href="#stammbaum">S. 131</a>) umwenden.
-Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L stellen 11 silurische Sippen dar,
-wovon einige grosse Gruppen abgeänderter Nachkommen hinterlassen. Jedes
-Mittelglied zwischen diesen 11 Sippen und deren Urvater so wie jedes
-Mittelglied in allen Ästen und Zweigen ihrer Nachkommenschaft seye
-noch am Leben, und diese Glieder seyen so<span class="pagenum" id="Seite_465">[S. 465]</span> fein, wie die zwischen den
-feinsten Varietäten abgestuft. In diesem Falle würde es ganz unmöglich
-seyn, die vielfachen Glieder der verschiedenen Gruppen von ihren mehr
-unmittelbaren Ältern oder diese Ältern von ihren alten unbekannten
-Stammvätern durch Definitionen zu unterscheiden. Und doch würde die in
-dem <a href="#stammbaum">Bilde</a> gegebene natürliche Anordnung ganz gut passen und würden nach
-dem Vererbungs-Prinzip alle von A so wie alle von I herkommenden Formen
-unter sich etwas gemein haben. An einem Baume kann man diesen und jenen
-Zweig unterscheiden, obwohl sich beide in einer Gabel vereinigen und in
-einander fliessen. Wir könnten, wie gesagt, die verschiedenen Gruppen
-nicht definiren; aber wir könnten Typen oder solche Formen hervorheben,
-welche die meisten Charaktere jeder Gruppe, gross oder klein, in
-sich vereinigten, und so eine allgemeine Vorstellung vom Werthe der
-Verschiedenheiten zwischen denselben geben. Diess wäre, was wir thun
-müssten, wenn wir je dahin gelangten, alle Formen einer Klasse, die
-in Zeit und Raum vorhanden gewesen sind, zusammen zu bringen. Wir
-werden zwar gewiss nie im Stande seyn, eine solche Sammlung zu machen,
-demungeachtet aber bei gewissen Klassen in die Lage kommen, jene
-Methode zu versuchen; und M<span class="smaller">ILNE</span> E<span class="smaller">DWARDS</span> ist noch unlängst in
-einer vortrefflichen Abhandlung auf der grossen Wichtigkeit bestanden,
-sich an Typen zu halten, gleichviel ob wir im Stande sind oder nicht,
-die Gruppen zu trennen und zu umschreiben, zu welchen diese Typen
-gehören.</p>
-
-<p>Endlich haben wir gesehen, dass Natürliche Züchtung, welche aus dem
-Kampfe um’s Daseyn hervorgeht und mit Erlöschung und mit Divergenz des
-Charakters in den vielen Nachkommen einer herrschenden Stamm-Art fast
-untrennbar verbunden ist, jene grossen und allgemeinen Züge in der
-Verwandtschaft aller organischen Wesen und namentlich ihre Sonderung
-in Gruppen und Untergruppen erklärt. Wir benützen das Element der
-Abstammung bei Klassifikation der Individuen beider Geschlechter
-und aller Alters-Abstufungen in einer Art, wenn sie auch nur wenige
-Charaktere miteinander gemein haben; wir benützen die Abstammung bei
-der Einordnung anerkannter Varietäten, wie sehr sie<span class="pagenum" id="Seite_466">[S. 466]</span> auch von ihrer
-Stamm-Art abweichen mögen; und ich glaube, dass dieses Element der
-Abstammung das geheime Band ist, welches alle Naturforscher unter
-dem Namen des natürlichen Systemes gesucht haben. Da nach dieser
-Vorstellung das natürliche System, so weit es ausgeführt werden kann,
-genealogisch geordnet ist und die Verschiedenheits-Stufen zwischen den
-Nachkommen gemeinsamer Ältern durch die Ausdrücke Sippen, Familien,
-Ordnungen u.&#160;s.&#160;w. bezeichnet, so begreifen wir die Regeln, welche wir
-bei unsrer Klassifikation zu befolgen veranlasst sind. Wir begreifen,
-warum wir manche Ähnlichkeit weit höher als andre zu werthen haben;
-warum wir mitunter rudimentäre oder nutzlose oder andre physiologisch
-unbedeutende Organe anwenden dürfen, warum wir bei Vergleichung
-der einen mit der andern Gruppe analoge oder Anpassungs-Charaktere
-verwerfen, obwohl wir dieselben innerhalb der nämlichen Gruppe
-gebrauchen. Es wird uns klar, warum wir alle lebenden und erloschenen
-Formen in ein grosses System zusammen ordnen können, und warum die
-verschiedenen Glieder jeder Klasse in der verwickeltesten und nach
-allen Richtungen verzweigten Weise miteinander verkettet sind. Wir
-werden wahrscheinlich niemals das verwickelte Verwandtschafts-Gewebe
-zwischen den Gliedern einer Klasse entwirren; wenn wir jedoch einen
-einzelnen Gegenstand in’s Auge fassen und nicht nach irgend einem
-unbekannten Schöpfungs-Plane ausschauen, so dürfen wir hoffen, sichere
-aber langsame Fortschritte zu machen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Morphologie.</em>) Wir haben gesehen, dass die Glieder einer Klasse,
-unabhängig von ihrer Lebens-Weise, einander im allgemeinen Plane ihrer
-Organisation gleichen. Diese Übereinstimmung wird oft mit dem Ausdrucke
-„Einheit des Typus“ bezeichnet; oder man sagt, die verschiedenen Theile
-und Organe der verschiedenen Spezies einer Klasse seyen einander
-homolog. Der ganze Gegenstand wird unter dem Namen Morphologie zusammen
-begriffen. Diess ist der interessanteste Theil der Naturgeschichte
-und kann deren wahre Seele genannt werden. Was kann es sonderbareres
-geben, als dass die Greifhand des Menschen, der Grabfuss des Maulwurfs,
-das Rennbein des Pferdes,<span class="pagenum" id="Seite_467">[S. 467]</span> die Ruderflosse der Seeschildkröte und der
-Flügel der Fledermaus nach demselben Model gearbeitet sind und gleiche
-Knochen in der nämlichen gegenseitigen Lage enthalten. G<span class="smaller">EOFFROY</span>
-S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> hat beharrlich an der grossen Wichtigkeit
-der wechselseitigen Verbindung der Theile in homologen Organen
-festgehalten; die Theile mögen in fast allen Abstufungen der Form und
-Grösse abändern, aber sie bleiben fest in derselben Weise miteinander
-verbunden. So finden wir z.&#160;B. die Knochen des Ober- und des
-Vorder-Arms oder des Ober- und Unter-Schenkels nie aus ihrer Verbindung
-gerissen. Daher kann man dem homologen Knochen in weit verschiedenen
-Thieren denselben Namen geben. Dasselbe grosse Gesetz tritt in der
-Mund-Bildung der Insekten hervor. Was kann verschiedener seyn, als
-die unermesslich lange spirale Saugröhre eines Abend-Schmetterlings,
-der sonderbar zurückgebrochene Rüssel einer Wanze und die grossen
-Hörner eines Hirschkäfers? Und doch werden alle diese zu so ungleichen
-Zwecken dienenden Organe durch unendlich zahlreiche Modifikationen der
-Oberlippe, der Kinnbacken und zweier Paar Kinnladen gebildet. Analoge
-Gesetze herrschen in der Zusammensetzung des Mundes und der Glieder der
-Kruster. Und eben so ist es mit den Blüthen der Pflanzen.</p>
-
-<p>Nichts hat weniger Aussicht auf Erfolg, als ein Versuch diese
-Ähnlichkeit des Bau-Planes in den Gliedern einer Klasse mit Hilfe
-der Nützlichkeits-Theorie oder der Lehre von den endlichen Ursachen
-zu erklären. Die Hoffnungslosigkeit eines solchen Versuches ist von
-O<span class="smaller">WEN</span> in seinem äusserst interessanten Werke „<i>Nature of
-limbs</i>“ ausdrücklich anerkannt worden. Nach der gewöhnlichen Ansicht
-von der selbstständigen Schöpfung einer jeden Spezies lässt sich nur
-sagen, dass es so ist, und dass es dem Schöpfer gefallen hat jedes
-Thier und jede Pflanze so zu machen.</p>
-
-<p>Dagegen ist die Erklärung handgreiflich nach der Theorie der
-Natürlichen Züchtung durch Häufung aufeinander-folgender geringer
-Abänderungen, deren jede der abgeänderten Form einigermassen nützlich
-ist, welche aber in Folge der Wechselbeziehungen des Wachsthums oft
-auch andre Theile der Organisation<span class="pagenum" id="Seite_468">[S. 468]</span> mit berühren. Bei Abänderungen
-dieser Art wird sich nur wenig oder gar keine Neigung zu Änderung des
-ursprünglichen Bau-Plans oder zu Versetzung der Theile zeigen. Die
-Knochen eines Beines können in jeder Grösse verlängert oder verkürzt,
-sie können stufenweise in dicke Häute eingehüllt werden, um ein Ruder
-zu bilden; oder ein mit einer Binde-Haut zwischen den Zehen versehener
-Fuss (Schwimmfuss) kann alle seine Knochen oder gewisse Knochen bis
-zu irgend einem Maasse verlängern und die Binde-Haut in gleichem
-Verhältniss vergrössern, so dass er als Flügel zu dienen im Stande
-ist: und doch ist ungeachtet aller so bedeutender Abänderungen keine
-Neigung zu einer Änderung der Knochen-Bestandtheile an sich oder zu
-einer andern Zusammenfügung derselben vorhanden. Wenn wir unterstellen,
-dass der alte Stamm-Vater oder Urtypus, wie man ihn nennen kann, aller
-Säugthiere seine Beine, zu welchem Zwecke sie auch bestimmt gewesen
-seyn mögen, nach dem vorhandenen allgemeinen Plane gebildet hatte, so
-werden wir sofort die klare Bedeutung der homologen Bildung der Beine
-in der ganzen Klasse begreifen. Wenn wir ferner hinsichtlich des Mundes
-der Insekten einfach unterstellen, dass ihr gemeinsamer Stammvater
-eine Oberlippe, Kinnbacken und zwei Paar Unterkiefer vielleicht von
-sehr einfacher Form besessen, so wird Natürliche Züchtung auf irgend
-eine ursprünglich erschaffene Form wirkend vollkommen zur Erklärung
-der unendlichen Verschiedenheit in den Bildungen und Verrichtungen des
-Mundes der Insekten genügen. Demungeachtet ist es begreiflich, dass das
-ursprünglich gemeinsame Muster eines Organes allmählich ganz verloren
-gehen kann, seye es durch Atrophie und endliche vollständige Resorption
-gewisser Bestandtheile, oder durch Verwachsung einiger Theile, oder
-durch Verdoppelung oder Vervielfältigung andrer: Abänderungen, die nach
-unsrer Erfahrung alle in den Grenzen der Möglichkeit liegen. Nur in
-den Ruderfüssen gewisser ausgestorbner Eidechsen (Ichthyosaurus) und
-in den Theilen des Saugmundes gewisser Kruster scheint der gemeinsame
-Grundplan bis zu einem gewissen Grade verwischt zu seyn.</p>
-
-<p>Ein andrer Zweig der Morphologie beschäftigt sich mit der<span class="pagenum" id="Seite_469">[S. 469]</span>
-Vergleichung, nicht des nämlichen Theiles in verschiedenen Gliedern
-einer Klasse, sondern der verschiedenen Theile oder Organe eines
-nämlichen Individuums. Die meisten Physiologen glauben, dass die
-Knochen des Schädels homolog<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a> — d.&#160;h. in Zahl und beziehungsweiser
-Lage übereinstimmend — seyen mit den Knochen-Elementen einer gewissen
-Anzahl Wirbel. Die vorderen und die hinteren Gliedmaassen eines jeden
-Thieres in den Kreisen der Wirbel- und der Kerb-Thiere sind offenbar
-homolog zu einander. Dasselbe Gesetz bewährt sich auch bei Vergleichung
-der wunderbar zusammengesetzten Kinnladen mit den Beinen der Kruster.
-Fast Jedermann weiss, dass in einer Blume die gegenseitige Stellung
-der Kelch- und der Kronen-Blätter und der Staubfäden und Staubwege zu
-einander eben so wie deren innere Struktur aus der Annahme erklärbar
-werden, dass es metamorphosirte spiralständige Blätter seyen. Bei
-monströsen Pflanzen sehen wir nicht selten den direkten Beweis von
-der Möglichkeit der Umbildung eines dieser Organe in’s andere. Auch
-bei embryonischen Krustazeen u.&#160;a. Thieren erkennen wir so wie bei
-den Blüthen, dass Organe, die im reifen Zustande äusserst verschieden
-von einander sind, auf ihren ersten Entwickelungs-Stufen einander
-ausserordentlich gleichen.</p>
-
-<p>Wie unerklärbar sind diese Erscheinungen nach der gewöhnlichen Ansicht
-von der Schöpfung! Warum ist doch das Gehirn in einen aus so vielen und
-so aussergewöhnlich geordneten Knochen-Stücken zusammengesetzten Kasten
-eingeschlossen! Wie Owen bemerkt, kann der Vortheil, welcher aus einer
-der Trennung der Theile entsprechenden Nachgiebigkeit des Schädels
-für den Geburts-Akt bei den Säugthieren entspringt, keinenfalls die
-nämliche Bildungs-Weise desselben bei den Vögeln erklären. Oder warum
-sind den Fledermäusen dieselben Knochen wie den übrigen Säugthieren
-zu Bildung ihrer Flügel anerschaffen worden, da sie dieselben doch zu
-gänzlich verschiedenen Zwecken<span class="pagenum" id="Seite_470">[S. 470]</span> gebrauchen? Und warum haben Kruster
-mit einem aus zahlreicheren Organen-Paaren zusammengesetzten Munde
-in gleichem Verhältnisse weniger Beine, oder umgekehrt die mit mehr
-Beinen versehenen weniger Mund-Theile? Endlich, warum sind die Kelch-
-und Kronen-Blätter, die Staubgefässe und Staubwege einer Blüthe, trotz
-ihrer Bestimmung zu so gänzlich verschiedenen Zwecken, alle nach
-demselben Muster gebildet?</p>
-
-<p>Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung können wir alle diese Fragen
-genügend beantworten. Bei den Wirbelthieren sehen wir eine Reihe
-innerer Wirbel gewisse Fortsätze und Anhänge entwickeln; bei den
-Kerbthieren ist der Körper in eine Reihe Segmente mit äusseren Anhängen
-geschieden; und bei den Pflanzen sehen wir die Blätter auf eine Anzahl
-über einander folgender Umgänge einer Spirale regelmässig vertheilt.
-Eine unbegrenzte Wiederholung desselben Theiles oder Organes ist, wie
-O<span class="smaller">WEN</span> bemerkt hat, das gemeinsame Attribut aller niedrig oder
-wenig modifizirten Formen<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a>; daher wir leicht annehmen können, der
-unbekannte Stammvater aller Wirbelthiere habe viele Wirbel besessen,
-der aller Kerbthiere viele Körper-Segmente und der der Blüthen-Pflanzen
-viele Blatt-Spiralen. Wir haben ferner gesehen, dass Theile, die sich
-oft wiederholen, sehr geneigt sind, in Zahl und Struktur zu variiren;
-daher es ganz wahrscheinlich ist, dass Natürliche Züchtung mittelst
-lange fortgesetzter Abänderung eine gewisse Anzahl der sich oft
-wiederholenden ähnlichen Bestandtheile des Skelettes ganz verschiedenen
-Bestimmungen angepasst habe. Und da das ganze Maass der Abänderung
-nur in unmerklichen Abstufungen bewirkt worden, so dürfen wir uns
-nicht wundern, in solchen Theilen oder Organen noch einen gewissen
-Grad fundamentaler Ähnlichkeit nach dem strengen Erblichkeits-Prinzip
-zurückbehalten zu finden.</p>
-
-<p>In der grossen Klasse der Mollusken lassen sich zwar Homologie’n
-zwischen Theilen verschiedener Spezies, aber nur wenige
-Reihen-Homologie’n nachweisen, d.&#160;h. wir sind selten im<span class="pagenum" id="Seite_471">[S. 471]</span> Stande
-zu sagen, dass ein Theil oder Organ mit einem andern im nämlichen
-Individuum homolog seye. Diess lässt sich wohl erklären, weil wir
-nicht einmal bei den untersten Gliedern des Weichthier-Kreises solche
-unbegrenzte Wiederholung einzelner Theile wie in den übrigen grossen
-Klassen des Thier- und Pflanzen-Reiches finden.</p>
-
-<p>Die Naturforscher stellen die Schädel oft als eine Reihe
-metamorphosirter Wirbel, die Kinnladen der Krabben als metamorphosirte
-Beine, die Staubgefässe und Staubwege der Blumen als metamorphosirte
-Blätter dar; doch würde es, wie Prof. H<span class="smaller">UXLEY</span> bemerkt hat,
-wahrscheinlich richtiger seyn zu sagen, Schädel wie Wirbel, Kinnladen
-wie Beine u.&#160;s.&#160;w. seyen nicht eines aus dem andern, sondern beide
-aus einem gemeinsamen Elemente entstanden. Inzwischen gebrauchen
-die Naturforscher jenen Ausdruck nur in bildlicher Weise, indem
-sie weit von der Meinung entfernt sind, dass Primordial-Organe
-irgend welcher Art — Wirbel im einen und Beine im andern Falle —
-während einer langen Reihe von Generationen wirklich in Schädel und
-Kinnladen umgebildet worden seyen. Und doch ist der Anschein, dass
-eine derartige Modifikation stattgefunden habe, so vollkommen, dass
-dieselben Naturforscher schwer vermeiden können, eine diesem letzten
-Sinne entsprechende Ausdrucks-Weise zu gebrauchen. Nach meiner eigenen
-Anschauungs-Weise aber sind jene Ausdrücke in der That nur wörtlich zu
-nehmen, um die wunderbare Erscheinung zu erklären, dass die Kinnladen
-z.&#160;B. eines Krabben zahlreiche Merkmale an sich tragen, welche
-dieselben wahrscheinlich geerbt haben müssten, soferne sie wirklich
-während einer langen Generationen-Reihe durch allmähliche Metamorphose
-aus Beinen oder sonstigen einfachen Anhängen entstanden wären.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Embryonologie.</em>) Es ist schon gelegentlich bemerkt worden, dass
-gewisse Organe, welche im reifen Alter der Thiere sehr verschieden
-gebildet und zu ganz abweichenden Diensten bestimmt sind, sich im
-Embryo ganz ähnlich sehen. Eben so sind die Embryonen verschiedener
-Thiere derselben Klasse einander oft sehr ähnlich, wofür sich ein
-besserer Beweis nicht<span class="pagenum" id="Seite_472">[S. 472]</span> anführen lässt, als die Versicherung von
-B<span class="smaller">AER</span>’<span class="smaller">S</span>, die Embryonen von Säugthieren, Vögeln, Eidechsen,
-Schlangen und wahrscheinlich auch Schildkröten seyen sich in der
-ersten Zeit im Ganzen sowohl als in der Bildungs-Weise ihrer einzelnen
-Theile so ähnlich, dass man sie nur an ihrer Grösse unterscheiden
-könne. Ich besitze zwei Embryonen im Weingeist aufbewahrt, deren
-Namen ich beizuschreiben vergessen habe, und nun bin ich ganz ausser
-Stand zu sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Eidechsen
-oder kleine Vögel oder sehr junge Säugthiere seyn, so vollständig
-ist die Ähnlichkeit in der Bildungs-Weise von Kopf und Rumpf dieser
-Thiere, und die Extremitäten fehlen noch. Aber auch wenn sie
-vorhanden wären, so würden sie auf ihrer ersten Entwickelungs-Stufe
-nichts beweisen; denn die Beine der Eidechsen und Säugthiere, die
-Flügel und Beine der Vögel nicht weniger als die Hände und Füsse
-des Menschen: alle entspringen aus der nämlichen Grundform. — Die
-Wurm-förmigen Larven der Motten, Fliegen, Käfer u.&#160;s.&#160;w. gleichen
-einander viel mehr, als die reifen Insekten. In den Larven verräth
-sich noch die Einförmigkeit des Embryo’s; das reife Insekt ist den
-speziellen Lebens-Bedingungen angepasst. Zuweilen geht eine Spur
-der embryonischen Ähnlichkeit noch in ein spätres Alter über; so
-gleichen Vögel derselben Sippe oder nahe verwandter Genera einander
-oft in ihrem ersten und zweiten Jugend-Kleide: alle Drosseln z.&#160;B.
-in ihrem gefleckten Gefieder. In der Katzen-Familie sind die meisten
-Arten gestreift oder streifenweise gefleckt; und solche Streifen oder
-Flecken sind auch noch am neugeborenen Jungen des Löwen und des Puma
-vorhanden. Wir sehen zuweilen, aber selten, auch etwas der Art bei
-den Pflanzen. So sind die Embryonal-Blätter des Ulex und die ersten
-Blätter der neuholländischen Acacien, welche später nur noch Phyllodien
-hervorbringen, zusammengesetzt oder gefiedert, wie die gewöhnlichen
-Leguminosen-Blätter. Diejenigen Punkte der Organisation, worin die
-Embryonen ganz verschiedener Thiere einer und derselben Klasse sich
-gegenseitig gleichen, haben oft keine unmittelbare Beziehung zu
-ihren Existenz-Bedingungen. Wir können z.&#160;B. nicht annehmen, dass in
-den Embryonen der Wirbelthiere der eigenthümliche<span class="pagenum" id="Seite_473">[S. 473]</span> Schleifen-artige
-Verlauf der Arterien nächst den Kiemen-Schlitzen des Halses mit der
-Ähnlichkeit der Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehe im jungen
-Säugthiere, das im Mutterleibe ernährt wird, wie im Vogel, welcher
-dem Eie entschlüpft, und im Frosche, der sich im Laiche unter Wasser
-entwickelt. Wir haben nicht mehr Grund, an einen solchen Zusammenhang
-zu glauben, als anzunehmen, dass die Übereinstimmung der Knochen in der
-Hand des Menschen, im Flügel einer Fledermaus und im Ruderfusse einer
-Schildkröte mit einer Übereinstimmung der äussern Lebens-Bedingungen in
-Verbindung stehe. Niemand denkt, dass die Streifen an dem jungen Löwen
-oder die Flecken an der jungen Schwarzdrossel (Amsel) diesen Thieren
-nützen oder mit den Lebens-Bedingungen in Zusammenhang stehen, welchen
-sie ausgesetzt sind.</p>
-
-<p>Anders verhält sich jedoch die Sache, wenn ein Thier während eines
-Theiles seiner Embryo-Laufbahn thätig ist und für sich selbst zu
-sorgen hat. Die Periode dieser Thätigkeit kann früher oder kann später
-im Leben kommen; doch, wann immer sie kommen mag, die Anpassung
-der Larve an ihre Lebens-Bedingungen ist eben so vollkommen und
-schön, wie die des reifen Thieres an die seinige. Durch derartige
-eigenthümliche Anpassungen wird dann zuweilen auch die Ähnlichkeit
-der thätigen Larven oder Embryonen einander verwandter Thiere schon
-sehr verdunkelt; und es liessen sich Beispiele anführen, wo die Larven
-zweier Arten und sogar Arten-Gruppen eben so sehr oder noch mehr von
-einander verschieden sind, als ihre reifen Ältern. In den meisten
-Fällen jedoch gehorchen auch die thätigen Larven noch mehr und weniger
-dem Gesetze der embryonalen Ähnlichkeit. Die Cirripeden liefern einen
-guten Beleg dafür: selbst der berühmte C<span class="smaller">UVIER</span> erkannte nicht,
-dass dieselben Kruster seyen; aber schon ein Blick auf ihre Larven
-verräth Diess in unverkennbarer Weise. Und eben so haben die zwei
-Haupt-Abtheilungen der Cirripeden, die gestielten und die sitzenden,
-welche in ihrem äusseren Ansehen so sehr von einander abweichen,
-Larven, die in allen ihren Entwickelungs-Stufen kaum unterscheidbar
-sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_474">[S. 474]</span></p>
-
-<p>Während des Verlaufes seiner Entwickelung steigt der Embryo gewöhnlich
-in der Organisation: ich gebrauche diesen Ausdruck, obwohl ich weiss,
-dass es kaum möglich ist, genau anzugeben, was unter höherer oder
-tieferer Organisation zu verstehen seye. Niemand wird wohl bestreiten,
-dass der Schmetterling höher organisirt seye als die Raupe. In einigen
-Fällen jedoch, wie bei parasitischen Krustern, sieht man allgemein
-das reife Thier für tieferstehend als die Larve an. Ich beziehe mich
-wieder auf die Cirripeden. Auf ihrer ersten Stufe hat die Larve drei
-Paar Füsse, ein sehr einfaches Auge und einen Rüssel-förmigen Mund,
-womit sie reichliche Nahrung aufnimmt; denn sie wächst schnell an
-Grösse zu. Auf der zweiten Stufe, dem Raupen-Stande des Schmetterlings
-entsprechend, hat sie sechs Paar schön gebauter Schwimm-Füsse, ein Paar
-herrlich zusammengesetzter Augen und äusserst zusammengesetzte Fühler,
-aber einen geschlossenen Mund, der keine Nahrung aufnehmen kann;
-ihre Verrichtung auf dieser Stufe ist, einen zur Befestigung und zur
-letzten Metamorphose geeigneten Platz mittelst ihres wohl-entwickelten
-Sinnes-Organes zu suchen und mit ihren mächtigen Schwimm-Werkzeugen
-zu erreichen. Wenn diese Aufgabe erfüllt ist, so bleibt das Thier
-lebenslänglich an seiner Stelle befestigt; seine Beine verwandeln sich
-in Greif-Organe; es bildet sich ein wohl zusammengesetzter Mund aus;
-aber es hat keine Fühler, und seine beiden Augen haben sich jetzt
-wieder in einen kleinen und ganz einfachen Augenfleck verwandelt. In
-diesem letzten und vollständigen Zustande kann man die Cirripeden als
-höher oder als tiefer organisirt betrachten, als sie im Larven-Stande
-gewesen sind. In einigen ihrer Sippen jedoch entwickeln sich die Larven
-entweder zu Hermaphroditen von der gewöhnlichen Bildung oder zu (von
-mir so genannten) komplementären Männchen; und in diesen letzten ist
-die Entwickelung gewiss zurückgeschritten, denn sie bestehen in einem
-blossen Sack mit kurzer Lebens-Frist, ohne Mund, Magen oder andres
-wichtiges Organ, das der Reproduktion ausgenommen.</p>
-
-<p>Wir sind so sehr gewöhnt, Struktur-Verschiedenheiten zwischen
-Embryonen und erwachsenen Organismen zu sehen und<span class="pagenum" id="Seite_475">[S. 475]</span> eben so eine grosse
-Ähnlichkeit zwischen den Embryonen weit verschiedener Thiere derselben
-Klasse zu finden, dass man sich versucht fühlt, diese Erscheinungen
-als nothwendig in gewisser Weise zusammentreffend mit der Entwickelung
-zu betrachten. Inzwischen ist doch kein Grund einzusehen, warum der
-Plan z.&#160;B. zum Flügel der Fledermaus oder zum Ruder der Seeschildkröte
-nach allen ihren Theilen in angemessener Proportion nicht schon im
-Embryo entworfen worden seyn soll, sobald nur irgend eine Struktur in
-demselben sichtbar wurde. Und in einigen ganzen Thier-Gruppen sowohl
-als in gewissen Gliedern andrer Gruppen weicht der Embryo zu keiner
-Zeit seines Lebens weit vom Erwachsenen ab; — daher O<span class="smaller">WEN</span>
-in Bezug auf die Sepien bemerkt hat: „da ist keine Metamorphose; der
-Cephalopoden-Charakter ist deutlich schon weit früher als die Theile
-des Embryo’s vollständig sind“, und in Bezug auf die Spinnen: „da ist
-nichts, was die Benennung Metamorphose verdiente“. Die Insekten-Larven,
-mögen sie nun thätig und den verschiedenartigsten Diensten angepasst
-oder unthätig von ihren Ältern gefüttert oder mitten in die ihnen
-angemessene Nahrung hineingesetzt werden, so haben doch alle eine
-ähnliche wurmförmige Entwickelungs-Stufe zu durchlaufen; nur in einigen
-wenigen Fällen ist, wie bei Aphis nach den herrlichen Zeichnungen
-H<span class="smaller">UXLEY</span>’<span class="smaller">S</span> zu urtheilen, keine Spur eines wurmförmigen Zustandes
-zu finden<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a>.</p>
-
-<p>Wie sind aber dann diese verschiedenen Erscheinungen der Embryologie zu
-erklären? — namentlich die sehr gewöhnliche wenn auch nicht allgemeine
-Verschiedenheit der Organisation des Embryo’s und des Erwachsenen? —
-die ausserordentlich weit auseinanderlaufende Bildung und Verrichtung
-von anfangs ganz ähnlichen Theilen eines und desselben Embryos? —
-die fast allgemeine obschon nicht ausnahmslose Ähnlichkeit zwischen
-Embryonen verschiedener Spezies einer Klasse? — die besondre Anpassung
-der Struktur des Embryo’s an seine Existenz-Bedingungen bloss in dem
-Falle, dass er zu irgend einer Zeit thätig<span class="pagenum" id="Seite_476">[S. 476]</span> ist und für sich selbst
-zu sorgen hat? — die zuweilen anscheinend höhere Organisation des
-Embryo’s, als des reifen Thieres, in welches er übergeht? Ich glaube,
-dass sich alle diese Erscheinungen auf folgende Weise aus der Annahme
-einer Abstammung mit Abänderung erklären lassen.</p>
-
-<p>Gewöhnlich unterstellt man, vielleicht weil Monstrositäten sich oft
-sehr früh am Embryo zu zeigen beginnen, dass geringe Abänderungen
-nothwendig in einer gleichmässig frühen Periode des Embryos zum
-Vorschein kommen. Doch haben wir dafür wenig Beweise, und der Anschein
-spricht sogar für das Gegentheil; denn es ist bekannt, dass die Züchter
-von Rindern, Pferden und verschiedenen Thieren der Liebhaberei erst
-eine gewisse Zeit nach der Geburt des jungen Thieres zu sagen im Stande
-sind, welche Form oder Vorzüge es schliesslich zeigen wird. Wir sehen
-Diess deutlich bei unsern Kindern; wir können nicht immer sagen, ob die
-Kinder von schlanker oder gedrungener Figur seyn oder wie sonst genau
-aussehen werden. Die Frage ist nicht: in welcher Lebens-Periode eine
-Abänderung verursacht, sondern in welcher sie vollkommen entwickelt
-seyn wird. Die Ursache kann schon gewirkt haben und hat nach meiner
-Meinung gewöhnlich gewirkt, ehe sich der Embryo gebildet hat; und die
-Abänderung kann davon herkommen, dass das männliche oder das weibliche
-Element durch die Lebens-Bedingungen berührt worden ist, welchen die
-Ältern oder deren Vorgänger ausgesetzt gewesen sind. Demungeachtet
-kann die so in sehr früher Zeit und selbst vor der Bildung des Embryos
-veranlasste Wirkung erst spät im Leben hervortreten, wie z.&#160;B. auch
-eine erbliche Krankheit, die dem Alter angehört, von dem reproduktiven
-Elemente eines der Ältern auf die Nachkommen übertragen, oder die
-Hörner-Form eines Blendlings aus einer lang- und einer kurz-hörnigen
-Rasse von den Hörnern der beiden Ältern bedingt wird. Für das Wohl
-eines sehr jungen Thieres, so lange es noch im Mutterleibe oder im
-Ei eingeschlossen ist oder von seinen Ältern genährt und geschützt
-wird, muss es hinsichtlich der meisten Charaktere ganz unwesentlich
-seyn, ob es dieselben etwas früher oder später im Leben erlangt. Es<span class="pagenum" id="Seite_477">[S. 477]</span>
-würde z.&#160;B. für einen Vogel, der sich sein Futter am besten mit einem
-langen Schnabel verschaffte, gleichgültig seyn, ob er die entsprechende
-Schnabel-Länge schon bekömmt, so lange er noch von seinen Ältern
-gefüttert wird, oder nicht. Daher, schliesse ich, ist es ganz möglich,
-dass jede der vielen nacheinander folgenden Modifikationen, wodurch
-eine Art ihre gegenwärtige Bildung erlangt hat, in einer nicht sehr
-frühen Lebens-Zeit eingetreten seye; und einige direkte Belege von
-unseren Hausthieren unterstützen diese Ansicht. In anderen Fällen aber
-ist es eben so möglich, dass alle oder die meisten dieser Umbildungen
-in einer sehr frühen Zeit hervorgetreten sind.</p>
-
-<p>Ich habe im ersten Kapitel behauptet, dass einige Wahrscheinlichkeit
-vorhanden ist, dass eine Abänderung, die in irgend welcher
-Lebens-Zeit der Ältern zum Vorschein gekommen, sich auch in gleichem
-Alter wieder beim Jungen zeige. Gewisse Abänderungen können nur
-in sich entsprechenden Altern wieder erscheinen, wie z.&#160;B. die
-Eigenthümlichkeiten der Raupe oder der Puppe des Seidenschmetterlings,
-oder der Hörner des fast ausgewachsenen Rindes. Aber auch ausserdem
-möchten, soviel zu ersehen, Abänderungen, welche einmal früher
-oder später im Leben eingetreten sind, zum Wiedererscheinen im
-entsprechenden Alter des Nachkommen geneigt seyn. Ich bin weit
-entfernt zu glauben, dass Diess unabänderlich der Fall ist, und könnte
-selbst eine gute Anzahl von Beispielen anführen, wo Abänderungen (im
-weitesten Sinne des Wortes genommen) im Kinde früher als in den Ältern
-eingetreten sind.</p>
-
-<p>Diese zwei Prinzipien, ihre Richtigkeit zugestanden, werden alle
-oben aufgezählten Haupt-Erscheinungen in der Embryologie erklären.
-Doch, sehen wir uns zuerst nach einigen analogen Fällen bei unseren
-Hausthier-Varietäten um. Einige Autoren, die über den Hund geschrieben,
-behaupten der Windhund und der Bullenbeisser seyen, wenn auch noch so
-verschieden von Aussehen, in der That sehr nahe verwandte Varietäten,
-wahrscheinlich vom nämlichen wilden Stamme entsprossen. Ich war daher
-begierig zu erfahren, wie weit ihre neu-geworfenen Jungen von einander
-abweichen. Züchter sagten mir, dass sie beinahe eben<span class="pagenum" id="Seite_478">[S. 478]</span> so verschieden
-seyen, wie ihre Ältern; und nach dem Augenschein war Diess auch
-ziemlich der Fall. Aber bei wirklicher Ausmessung der alten Hunde und
-der 6 Tage alten Jungen, fand ich, dass diese letzten noch nicht ganz
-die abweichenden Maass-Verhältnisse angenommen hatten. Eben so vernahm
-ich, dass die Füllen des Karren- und des Renn-Pferdes eben so sehr wie
-die ausgewachsenen Thiere von einander abweichen, was mich höchlich
-wunderte, da es mir wahrscheinlich gewesen, dass die Verschiedenheit
-zwischen diesen zwei Rassen lediglich eine Folge der Züchtung im
-Zähmungs-Zustande seye. Als ich demnach sorgfältige Ausmessungen an
-der Mutter und dem drei Tage alten Füllen eines Renners und eines
-Karren-Gauls vornahm, so fand ich, dass die Füllen noch keineswegs die
-ganze Verschiedenheit in ihren Maass-Verhältnissen besassen.</p>
-
-<p>Da es mir erwiesen scheint, dass die verschiedenen Haustauben-Rassen
-von nur einer wilden Art herstammen, so verglich ich junge Tauben
-verschiedener Rassen 12 Stunden nach dem Ausschlüpfen miteinander;
-ich mass die Verhältnisse (wovon ich die Einzelnheiten hier nicht
-mittheilen will) zwischen dem Schnabel, der Weite des Mundes, der Länge
-der Nasenlöcher und des Augenlides, der Läufe und Zehen sowohl beim
-wilden Stamme, als bei Kröpfern, Pfauen-Tauben, Runt- und Barb-Tauben
-(<a href="#Seite_27">S. 27</a>), Drachen- und Boten-Tauben und Purzlern. Einige von diesen
-Vögeln weichen im reifen Zustande so ausserordentlich in der Länge und
-Form des Schnabels von einander ab, dass man sie, wären sie natürliche
-Erzeugnisse, zweifelsohne in ganz verschiedene Genera bringen würde.
-Wenn man aber die Nestlinge dieser verschiedenen Rassen in eine Reihe
-ordnet, so erscheinen die Verschiedenheiten ihrer Proportionen in
-den genannten Beziehungen, obwohl man die meisten derselben noch von
-einander unterscheiden kann, unvergleichbar geringer, als in den
-ausgewachsenen Vögeln. Einige charakteristische Differenz-Punkte der
-Alten, wie z.&#160;B. die Weite des Mundspaltes, sind an den Jungen noch
-kaum zu entdecken. Es war nur eine merkwürdige Ausnahme von dieser
-Regel, indem die Jungen des kurzstirnigen Purzlers von den Jungen der
-wilden Felstaube und der andren<span class="pagenum" id="Seite_479">[S. 479]</span> Rassen in allen Maass-Verhältnissen
-fast genau ebenso verschieden waren, wie im erwachsenen Zustande<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a>.</p>
-
-<p>Die zwei oben aufgestellten Prinzipien scheinen mir diese Thatsachen
-in Bezug auf die letzten Embryo-Zustände unsrer zahmen Varietäten zu
-erklären. Liebhaber wählen ihre Pferde, Hunde und Tauben zur Nachzucht
-aus, wann sie nahezu ausgewachsen sind. Es ist ihnen gleichgültig, ob
-die verlangten Bildungen und Eigenschaften früher oder später im Leben
-zum Vorschein kommen, wenn nur das ausgewachsene Thier sie besitzt. Und
-die eben mitgetheilten Beispiele insbesondre von den Tauben scheinen zu
-zeigen, dass die charakteristischen Verschiedenheiten, welche den Werth
-einer jeden Rasse bedingen und durch künstliche Züchtung gehäuft worden
-sind, gewöhnlich nicht in früher Lebens-Periode zum Vorschein gekommen
-und somit auch erst in einem entsprechenden späteren Lebens-Alter auf
-den Nachkommen übergingen. Aber der Fall mit dem kurzstirnigen Purzler,
-welcher schon in einem Alter von zwölf Stunden seine eigenthümlichen
-Maass-Verhältnisse besitzt, beweist, dass Diess keine allgemeine Regel
-ist; denn hier müssen die charakteristischen Unterschiede entweder
-in einer frühern Periode als gewöhnlich erschienen seyn, oder wenn
-nicht, so müssen die Unterschiede statt in dem entsprechenden in einem
-früheren Alter vererbt worden seyn.</p>
-
-<p>Wenden wir nun diese Erscheinungen und die zwei obigen Prinzipien,
-die, wenn auch noch nicht erwiesen, doch einigermaassen wahrscheinlich
-sind, auf die Arten im Natur-Zustande an. Nehmen wir eine Vogel-Sippe
-an, die nach meiner Theorie von irgend einer gemeinsamen Stamm-Art
-herkommt, und deren verschiedenen neuen Arten durch natürliche Züchtung
-in Übereinstimmung mit ihren verschiedenen Lebens-Weisen modifizirt
-worden sind. Dann werden in Folge der vielen successiven kleinen
-Abänderungs-Stufen, welche in späterem Alter eingetreten sind und
-sich in entsprechendem Alter weiter vererbt haben, die<span class="pagenum" id="Seite_480">[S. 480]</span> Jungen aller
-neuen Arten unsrer unterstellten Sippe sich einander offenbar mehr
-zu gleichen geneigt seyn, als es bei den Alten der Fall, gerade so
-wie wir es bei den Tauben gesehen haben. Dehnen wir diese Ansicht auf
-ganze Familien oder selbst Klassen aus. Die vordern Gliedmaassen z.&#160;B.,
-welche der Stamm-Art als Beine gedient, mögen in Folge lang-währender
-Modifikation bei einem Nachkommen zu den Diensten der Hand, bei einem
-andern zu denen des Ruders und bei einem Dritten zu solchen des Flügels
-angepasst worden seyn: so werden nach den zwei obigen Prinzipien, dass
-nämlich jede der successiven Modifikationen in einem späteren Alter
-entstand und sich auch erst in einem entsprechenden späteren Alter
-vererbte, die vordern Gliedmaassen in den Embryonen der verschiedenen
-Nachkommen der Stamm-Art einander noch sehr ähnlich seyn; denn sie
-sind von den Modifikationen nicht betroffen worden. Nun werden aber
-in jeder unsrer neuen Arten die embryonischen Vordergliedmaassen sehr
-von denen des reifen Thieres verschieden seyn, weil diese letzten
-erst in spätrer Lebens-Periode grosse Abänderung erfahren haben und
-in Hände, Ruder und Flügel umgewandelt worden sind. Was immer für
-einen Einfluss lange fortgesetzter Gebrauch und Übung einerseits und
-Nichtgebrauch andrerseits auf die Abänderung eines Organes haben mag,
-so wird ein solcher Einfluss hauptsächlich das reife Thier betreffen,
-welches bereits zu seiner ganzen Thatkraft gelangt ist und sein Leben
-selber fristen muss; und die so entstandenen Wirkungen werden sich im
-entsprechenden reifen Alter vererben. Daher rührt es, dass das Junge
-durch die Folgen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs nicht verändert wird
-oder nur wenige Abänderung erfährt.</p>
-
-<p>In gewissen Fällen mögen die aufeinander-folgenden Abänderungs-Stufen,
-aus uns ganz unbekannten Gründen, schon in sehr früher Lebens-Zeit
-erfolgen, oder jede solche Stufe in einer früheren Lebens-Periode
-vererbt werden, als worin sie zuerst entstanden ist. In beiden Fällen
-wird das Junge oder der Embryo (wie die Beobachtung am kurzstirnigen
-Purzler zeigt) der reifen älterlichen Form vollkommen gleichen.
-Wir haben gesehen, dass Diess die Regel ist in einigen ganzen
-Thier-Gruppen,<span class="pagenum" id="Seite_481">[S. 481]</span> bei den Sepien und Spinnen, und in einigen wenigen
-Fällen auch in der grossen Klasse der sechsfüssigen Insekten, wie
-namentlich bei den Blattläusen. Was nun die End-Ursache betrifft, warum
-das Junge in diesen Fällen keine Metamorphose durchläuft oder seinen
-Ältern von der frühesten Stufe an schon gleicht, so kann Diess etwa von
-den folgenden zwei Bedingungen herrühren: erstens davon, dass das Junge
-im Verlaufe seiner durch viele Generationen fortgesetzten Abänderung
-schon von sehr früher Entwickelungs-Stufe an für seine eignen
-Bedürfnisse zu sorgen hatte, und zweitens davon, dass es genau dieselbe
-Lebens-Weise wie seine Ältern befolgte. Vielleicht ist jedoch noch eine
-Erklärung erforderlich, warum der Embryo keine Metamorphose durchläuft?
-Wenn auf der andern Seite es dem Jungen vortheilhaft ist, eine von der
-älterlichen etwas verschiedene Lebens-Weise einzuhalten und demgemäss
-einen etwas abweichenden Bau zu haben, so kann nach dem Prinzip der
-Vererbung in übereinstimmenden Lebens-Zeiten die thätige Larve oder das
-Junge durch Natürliche Züchtung leicht eine in merklichem Grade von
-der seiner Ältern abweichende Bildung erlangen. Solche Abweichungen
-können auch mit den aufeinander folgenden Entwickelungs-Stufen in
-Wechselbeziehung treten, so dass die Larve auf ihrer ersten Stufe
-weit von der Larve auf der zweiten Stufe abweicht, wie wir bei den
-Cirripeden gesehen haben. Das Alte kann sich Lagen und Gewohnheiten
-anpassen, wo ihm Bewegungs-, Sinnes- oder andere Organe nutzlos werden,
-und in diesem Falle kann man dessen letzte Metamorphose als eine
-zurückschreitende bezeichnen.</p>
-
-<p>Wenn alle organischen Wesen, welche noch leben oder jemals auf dieser
-Erde gelebt haben, zusammen klassifizirt werden sollten, so würde,
-da alle durch die feinsten Abstufungen mit einander verkettet sind,
-die beste, oder in der That, wenn unsre Sammlungen einigermaassen
-vollständig wären, die einzige mögliche Anordnung derselben die
-genealogische seyn. Gemeinsame Abstammung ist nach meiner Ansicht das
-geheime Band, welches die Naturforscher unter dem Namen Natürliches
-System gesucht haben. Von dieser Annahme aus begreifen wir, woher
-es kommt,<span class="pagenum" id="Seite_482">[S. 482]</span> dass in den Augen der meisten Naturforscher die Bildung
-des Embryos für die Klassifikation noch wichtiger als die des
-Erwachsenen ist. Denn der Embryo ist das Thier in seinem weniger
-modifizirten Zustande und enthüllet uns in so ferne die Struktur eines
-Stammvaters. Zwei Thier-Gruppen mögen jetzt in Bau und Lebens-Weise
-noch so verschieden von einander seyn; wenn sie gleiche oder ähnliche
-Embryo-Stände durchlaufen, so dürfen wir uns überzeugt halten, dass
-beide von denselben oder von einander sehr ähnlichen Ältern abstammen
-und desshalb in entsprechendem Grade einander nahe verwandt sind. So
-verräth Übereinstimmung in der Embryo-Bildung gemeinsame Abstammung.
-Sie verräth diese gemeinsame Abstammung, wie sehr auch die Organisation
-des Alten abgeändert und verhüllt worden seyn mag; denn wir haben
-gesehen, dass die Cirripeden z.&#160;B. an ihren Larven sogleich als zur
-grossen Klasse der Kruster gehörig erkannt werden können. Da der
-Embryo-Zustand einer jeden Art und jeden Arten-Gruppe uns theilweise
-den Bau ihrer alten noch wenig modifizirten Stamm-Formen überliefert,
-so ergibt sich auch deutlich, warum alte und erloschene Lebenformen
-den Embryonen ihrer Nachkommen, unsren heutigen Sippen nämlich,
-gleichen. Agassiz hält Diess für ein Natur-Gesetz; ich bin aber zu
-bekennen genöthigt, dass ich erst später das Gesetz noch bestätigt zu
-sehen hoffe. Denn es lässt sich nur in den Fällen allein beweisen, wo
-der alte, angeblich in den jetzigen Embryonen vertretene Zustand in
-dem langen Verlaufe andauernder Modifikation weder durch successive
-in einem frühen Lebens-Alter erfolgte Abänderungen noch durch
-Vererbung der Abweichungen auf ein früheres Lebens-Alter, als worin
-sie ursprünglich aufgetreten sind, vermischt worden ist. Auch ist zu
-erwägen, dass das angebliche Gesetz der Ähnlichkeit alter Lebenformen
-mit den Embryo-Ständen der neuen ganz wahr seyn und doch, weil sich der
-geologische Schöpfungs-Bericht nicht weit genug rückwärts erstreckt,
-noch auf lange hinaus oder für immer unbeweisbar bleiben kann.</p>
-
-<p>So scheinen sich mir die Haupterscheinungen in der Embryologie, welche
-an naturgeschichtlicher Wichtigkeit keinen andern<span class="pagenum" id="Seite_483">[S. 483]</span> nachstehen, aus
-dem Prinzip zu erklären: dass geringe Modifikationen in der langen
-Reihe von Nachkommen eines alten Stammvaters, wenn auch vielleicht in
-sehr frühem Älter weiter vererbt worden sind. Die Embryologie gewinnt
-sehr an Interesse, wenn wir uns den Embryo als ein mehr oder weniger
-vererbliches Bild der gemeinsamen Stamm-Form einer jeden grossen
-Thier-Klasse vorstellen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Rudimentäre, atrophische und abortive Organe.</em>) Organe
-oder Theile, in diesem eigenthümlichen Zustande den Stempel der
-Nutzlosigkeit tragend, sind in der Natur äusserst gewöhnlich. So
-sind rudimentäre Zitzen sehr gewöhnlich bei männlichen Säugthieren,
-und ich glaube, dass man den Afterflügel der Vögel getrost als einen
-verkümmerten Finger ansehen darf. In vielen Schlangen ist der eine
-Lungenflügel verkümmert, und in andern Schlangen kommen Rudimente
-des Beckens und der Hinterbeine vor. Einige Beispiele von solchen
-Organen-Rudimenten sind sehr eigenthümlich, wie die Anwesenheit von
-Zähnen bei Wal-Embryonen, die in erwachsenem Zustande nicht einen Zahn
-im ganzen Kopfe haben; und das Daseyn von Schneide-Zähnen am Oberkiefer
-unsrer Kälber vor der Geburt, welche aber niemals das Zahnfleisch
-durchbrechen. Auch ist von einem guten Gewährsmann behauptet worden,
-dass sich Zahn-Rudimente in den Schnäbeln der Embryonen gewisser
-Vögel entdecken lassen. Nichts kann klarer seyn, als dass die Flügel
-zum Fluge gemacht sind; und doch, in wie vielen Insekten sehen wir
-die Flügel so verkleinert, dass sie zum Fluge ganz unbrauchbar und
-überdiess noch unter fest miteinander verwachsenen Flügeldecken
-verborgen liegen.</p>
-
-<p>Die Bedeutung rudimentärer Organe ist oft unverkennbar. So gibt es
-z.&#160;B. in einer Sippe (und zuweilen in einer Spezies) beisammen Käfer,
-die sich in allen Beziehungen aufs Genaueste gleichen, nur dass
-die einen vollständig ausgebildete Flügel und die andern an deren
-Stelle nur Haut-Lappen haben; und hier ist es unmöglich zu zweifeln,
-dass diese Lappen die Flügel vertreten. Rudimentäre Organe behalten
-zuweilen noch ihre Dienstfähigkeit, ohne ausgebildet zu seyn, wie die
-Milchzitzen<span class="pagenum" id="Seite_484">[S. 484]</span> männlicher Säugethiere, wo von vielen Fällen berichtet
-wird, dass diese Organe in ausgewachsenen Männchen sich wohl entwickelt
-und Milch abgesondert haben. So hat das weibliche Rind gewöhnlich vier
-entwickelte und zwei rudimentäre Zitzen am Euter; aber bei unsrer
-zahmen Kuh entwickeln sich gewöhnlich auch die zwei letzten und geben
-Milch. Bei Pflanzen sind in einer und der nämlichen Spezies die
-Kronenblätter bald nur als Rudimente und bald in ganz ausgebildetem
-Zustande vorhanden. Bei Pflanzen mit getrennten Geschlechtern haben
-die männlichen Blüthen oft ein Rudiment von Pistill, und bei Kreutzung
-einer solchen männlichen Pflanze mit einer hermaphroditischen Art
-sah K<span class="smaller">ÖLREUTER</span> in dem Bastard das Pistill-Rudiment an Grösse
-zunehmen, woraus sich ergibt, dass das Rudiment und das vollkommene
-Pistill sich in ihrer Natur wesentlich gleichen.</p>
-
-<p>Ein für zweierlei Verrichtungen dienendes Organ kann für die eine und
-sogar die wichtigere derselben rudimentär werden oder ganz fehlschlagen
-und in voller Wirksamkeit für die andre bleiben. So ist die Bestimmung
-des Pistills, die Pollen-Schläuche in den Stand zu setzen, die in
-dem Ovarium an seiner Basis enthaltenen Ei’chen zu erreichen. Das
-Pistill besteht aus der Narbe vom Griffel getragen; bei einigen
-Compositae jedoch haben die männlichen Blüthchen, welche mithin nicht
-befruchtet werden können, ein Pistill in rudimentärem Zustande, indem
-es keine Narbe besitzt, und doch bleibt es sonst wohl entwickelt und
-wie in andern Compositae mit Haaren überzogen, um den Pollen von den
-umgebenden Antheren abzustreifen. So kann auch ein Organ für seine
-eigene Bestimmung rudimentär werden und für einen andern Zweck dienen,
-wie in gewissen Fischen die Schwimmblase für ihre eigene Verrichtung,
-den Fisch im Wasser zu erleichtern, beinahe rudimentär zu werden
-scheint, indem sie in ein Athmungs-Organ oder Lunge überzugehen beginnt.</p>
-
-<p>Nur wenig entwickelte aber doch brauchbare Organe sollten nicht
-rudimentär genannt werden; man kann nicht mit Recht sagen, sie seyen in
-atrophischem Zustand; sie mögen für „werdende“ Organe gelten und später
-durch natürliche Züchtung in irgend welchem Maasse weiter entwickelt
-werden. Dagegen sind<span class="pagenum" id="Seite_485">[S. 485]</span> rudimentäre Organe oft wesentlich nutzlos: wie
-Zähne, welche niemals das Zahnfleisch durchbrechen, in ihrem noch wenig
-entwickelten Zustande auch nur von wenig Nutzen seyn können. Bei ihrer
-jetzigen Beschaffenheit können sie nicht von Natürlicher Züchtung
-herrühren, welche bloss durch Erhaltung nützlicher Abänderungen
-wirkt; sie sind, wie wir sehen werden, nur durch Vererbung erhalten
-worden<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a> und stehen mit der frühern Beschaffenheit ihres Besitzers
-in Verbindung. Es ist schwer zu erkennen, was „werdende“ Organe sind;
-in Bezug auf die Zukunft kann man nicht sagen, in welcher Weise sich
-ein Theil entwickeln wird, und ob es jetzt ein „werdender“ ist; in
-Bezug auf die Vergangenheit, so werden Geschöpfe mit werdenden Organen
-gewöhnlich durch ihre Nachfolger mit vollkommeneren und entwickelteren
-Organen ersetzt und ausgetilgt worden seyn. Der Flügel-Stümmel des
-Pinguins ist als Ruder wirkend von grossem Nutzen und mag daher den
-beginnenden Vogel-Flügel vorstellen; nicht als ob ich glaubte, dass er
-es wirklich seye, denn wahrscheinlich ist er ein reduzirtes und für
-eine neue Bestimmung hergerichtetes Organ. Der Flügel des Apteryx ist
-nutzlos und ganz rudimentär. Die Milchzitzen-Drüse des Ornithorhynchus
-kann vielleicht, einem Kuh-Euter gegenüber, als eine werdende
-bezeichnet werden. Die Eierzügel gewisser Cirripeden (<a href="#Seite_219">S. 219</a>), welche
-nur wenig entwickelt sind und nicht mehr zur Befestigung der Eier
-dienen, sind werdende Kiemen.</p>
-
-<p>Rudimentäre Organe in Individuen einer nämlichen Art variiren sehr
-gerne in ihrer Entwickelungs-Stufe sowohl als in andern Beziehungen.
-Ausserdem ist der Grad, bis zu welchem das Organ rudimentär geworden,
-in nahe verwandten Arten zuweilen sehr verschieden. Für diesen letzten
-Fall liefert der Zustand der Flügel bei einigen Nacht-Schmetterlingen
-ein gutes Beispiel. Rudimentäre Organe können gänzlich fehlschlagen
-oder<span class="pagenum" id="Seite_486">[S. 486]</span> abortiren, und daher rührt es dann, dass wir in einem Thiere
-oder einer Pflanze nicht einmal eine Spur mehr von einem Organe
-finden, welches wir dort zu erwarten berechtigt sind und nur zuweilen
-noch in monströsen Individuen hervortreten sehen. So finden wir z.&#160;B.
-im Löwenmaul (Antirrhinum) gewöhnlich kein Rudiment eines fünften
-Staubgefässes; doch kommt Diess zuweilen zum Vorschein. Wenn man die
-Homologien eines Theiles in den verschiedenen Gliedern einer Klasse
-verfolgt, so ist nichts gewöhnlicher oder nothwendiger, als die
-Entdeckung von Rudimenten. R. O<span class="smaller">WEN</span> hat Diess ganz gut in
-Zeichnungen der Bein-Knochen des Pferdes, des Ochsen und des Nashorns
-dargestellt.</p>
-
-<p>Es ist eine wichtige Erscheinung, dass rudimentäre Organe, wie
-die Zähne im Oberkiefer der Wale und Wiederkäuer, oft im Embryo
-zu entdecken sind und nachher völlig verschwinden. Auch ist es,
-glaube ich, eine allgemeine Regel, dass ein rudimentäres Organ den
-angrenzenden Theilen gegenüber im Embryo grösser als im Erwachsenen
-erscheint, so dass das Organ im Embryo minder rudimentär ist und oft
-kaum als irgendwie rudimentär bezeichnet werden kann; oder man sagt oft
-von ihm, es seye auf seiner embryonalen Entwickelungs-Stufe auch im
-Erwachsenen stehen geblieben.</p>
-
-<p>Ich habe jetzt die leitenden Erscheinungen bei rudimentären Organen
-aufgeführt. Bei weiterem Nachdenken darüber muss jeder von Erstaunen
-betroffen werden; denn dieselbe Urtheilskraft, welche uns so deutlich
-erkennen lässt, wie vortrefflich die meisten Theile und Organe
-ihren verschiedenen Bestimmungen angepasst sind, lehrt uns auch mit
-gleicher Deutlichkeit, dass diese rudimentären oder atrophirten Organe
-unvollkommen und nutzlos sind. In den naturgeschichtlichen Werken
-liest man gewöhnlich, dass die rudimentären Organe nur der „Symmetrie
-wegen“ oder „um das Schema der Natur zu ergänzen“ vorhanden sind;
-Diess scheint mir aber keine Erklärung, sondern eine andre blosse
-Behauptung der Thatsache zu seyn. Würde es denn genügen zu sagen,
-weil Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne laufen, nehmen
-Satelliten denselben Lauf um die Planeten nur der Symmetrie wegen und
-um das Schema der Natur zu<span class="pagenum" id="Seite_487">[S. 487]</span> vervollständigen? Ein ausgezeichneter
-Physiologe sucht das Vorkommen rudimentärer Organe durch die Annahme
-zu erklären, dass sie dazu dienen, überschüssige oder dem Systeme
-schädliche Materie auszuscheiden. Aber kann man denn annehmen, dass das
-kleine nur aus Zellgewebe bestehende Wärzchen, welches in männlichen
-Blüthen oft die Stelle des Pistills vertritt, Diess zu bewirken
-vermöge? Kann man unterstellen, dass die Bildung rudimentärer Zähne,
-die später wieder resorbirt werden, dem in raschem Wachsen begriffenen
-Kalb-Embryo durch Ausscheidung der ihm so werthvollen phosphorsauren
-Kalkerde von irgend welchem Nutzen seyn könne? Wenn ein Mensch durch
-Amputation einen Finger verliert, so kommt an dem Stümmel zuweilen ein
-unvollkommener Nagel wieder zum Vorschein. Man könnte nun gerade so gut
-glauben, dass dieses Rudiment eines Nagels nicht in Folge unbekannter
-Wachsthums-Gesetze, sondern nur um Horn-Materie auszuscheiden wieder
-erscheine, als dass die Nagel-Stümmel an den Ruderhänden des Mantels
-dazu bestimmt seyen.</p>
-
-<p>Nach meiner Annahme von Fortpflanzung mit Abänderung erklärt sich die
-Entstehung rudimentärer Organe sehr einfach. Wir kennen eine Menge
-Beispiele von rudimentären Organen bei unseren Kultur-Erzeugnissen,
-wie der Schwanz-Stümmel in ungeschwänzten Rassen, der Ohr-Stümmel
-in Ohr-losen Rassen, das Wiedererscheinen kleiner nur in der Haut
-hängender Hörner bei ungehörnten Rinder-Rassen und besonders, nach
-Y<span class="smaller">OUATT</span>, bei jungen Thieren derselben, und wie der Zustand der
-ganzen Blüthe im Blumenkohl. Oft sehen wir auch Stümmel verschiedener
-Art bei Missgeburten. Aber ich bezweifle, dass einer von diesen Fällen
-geeignet ist, die Bildung rudimentärer Organe in der Natur weiter zu
-beleuchten, als dass er uns zeigt, dass Stümmel entstehen können;
-denn ich bezweifle eben so, dass Arten im Natur-Zustande jemals
-plötzlichen Veränderungen unterliegen. Ich glaube, dass Nichtgebrauch
-dabei hauptsächlich in Betracht komme, der während einer langen
-Generationen-Reihe die allmähliche Abschwächung der Organe veranlassen
-kann, bis sie endlich nur noch als Stümmel erscheinen: so bei den Augen
-in<span class="pagenum" id="Seite_488">[S. 488]</span> dunklen Höhlen lebender Thiere, welche nie etwas sehen und bei den
-Flügeln ozeanische Inseln bewohnender Vögel, welche selten zu fliegen
-nöthig haben und daher dieses Vermögen zuletzt gänzlich einbüssen.
-Ebenso kann ein unter Umständen nützliches Organ unter andern
-Umständen sogar nachtheilig werden, wie die Flügel der auf kleinen und
-ausgesetzten Inseln lebenden Insekten. In diesem Falle wird Natürliche
-Züchtung fortwährend bestrebt seyn, das Organ langsam zu reduziren, bis
-es unschädlich und rudimentär wird.</p>
-
-<p>Eine Änderung in den Verrichtungen, welche in unmerkbaren Abstufungen
-eintreten kann, liegt im Bereiche der Natürlichen Züchtung; daher
-ein Organ, welches in Folge geänderter Lebens-Weise nutzlos oder
-nachtheilig für seine Bestimmung wird, abgeändert und für andre
-Verrichtungen verwendet werden kann. Oder ein Organ wird nur noch
-für eine von seinen früheren Verrichtungen beibehalten. Ein nutzlos
-gewordenes Körper-Glied mag veränderlich seyn, weil seine Abänderungen
-nicht durch Natürliche Züchtung geleitet werden können. In welchem
-Lebens-Abschnitte nun ein Organ durch Nichtbenützung oder Züchtung
-reduzirt werden mag (und Diess wird gewöhnlich erst der Fall seyn,
-wenn das Thier zu seiner vollen Reife und Thatkraft gelangt ist):
-so wird nach dem Prinzip der Wiedervererbung in sich entsprechenden
-Altern dieses Organ in reduzirtem Zustande stets im nämlichen Alter
-wieder erscheinen und sich mithin nur selten im Embryo ändern
-oder verkleinern. So erklärt sich mithin die verhältnissmässig
-beträchtlichere Grösse rudimentärer Organe im Embryo und deren
-vergleichungsweise geringere Grösse im Erwachsenen. Wenn aber jede
-Abstufung im Reduktions-Prozesse nicht in einem entsprechenden Alter,
-sondern in einer sehr frühen Lebens-Periode vererbt werden sollte
-(was wir guten Grund haben für möglich zu halten), so würde das
-rudimentäre Organ endlich ganz zu verschwinden streben und den Fall
-eines vollständigen Fehlschlagens darbieten. Auch das in einem früheren
-Kapitel erläuterte Prinzip der Ökonomie, wornach die zur Bildung eines
-dem Besitzer nicht mehr nützlichen Theiles verwendeten Bildungs-Stoffe
-erspart werden, mag wohl oft mit ins<span class="pagenum" id="Seite_489">[S. 489]</span> Spiel kommen; und Diess wird dann
-dazu beitragen, das gänzliche Verschwinden eines schon verkümmerten
-Organes zu bewirken.</p>
-
-<p>Da hiernach die Anwesenheit rudimentärer Organe von dem Streben
-eines jeden Theiles der Organisation sich nach langer Existenz
-erblich zu übertragen bedingt ist, so wird aus dem Gesichtspunkte
-einer genealogischen Klassifikation begreiflich, wie es komme, dass
-Systematiker die rudimentären Organe für ihren Zweck zuweilen eben
-so nützlich befunden haben, als die Theile von hoher physiologischer
-Wichtigkeit. Organe-Stümmel kann man mit den Buchstaben eines Wortes
-vergleichen, welche beim Buchstabiren desselben noch beibehalten
-aber nicht mit ausgesprochen werden und bei Nachforschungen über
-dessen Ursprung als vortreffliche Führer dienen. Nach der Annahme
-einer Fortpflanzung mit Abänderung können wir schliessen, dass das
-Vorkommen von Organen in einem verkümmerten, unvollkommenen und
-nutzlosen Zustande und deren gänzliches Fehlschlagen, statt wie bei der
-gewöhnlichen Theorie der Schöpfung grosse Schwierigkeiten zu bereiten,
-vielmehr vorauszusehen war und aus den Erblichkeits-Gesetzen zu
-erklären ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zusammenfassung.</em>) Ich habe in diesem Kapitel zu zeigen
-gesucht, dass die Unterordnung der Organismen-Gruppen aller Zeiten
-untereinander, — dass die Natur der Beziehungen, nach welchen alle
-lebenden und erloschenen Wesen durch zusammengesetzte, strahlenförmige
-und oft sehr mittelbar zusammenhängende Verwandtschafts-Linien
-zu einem grossen Systeme vereinigt werden, — dass die von den
-Naturforschern bei ihren Klassifikationen befolgten Regeln und
-begegneten Schwierigkeiten, — dass der auf die beständigen und
-andauernden Charaktere gelegte Werth, gleichviel ob sie für die
-Lebens-Verrichtungen von grosser oder, wie die der rudimentären
-Organe von gar keiner Wichtigkeit seyen, — dass der weite
-Unterschied im Werthe zwischen analogen oder Anpassungs- und wahren
-Verwandtschafts-Charakteren: — dass alle diese und noch viele andre
-solcher regelmässigen Erscheinungen sich Natur-gemäss aus der Annahme
-einer gemeinsamen Abstammung der bei den Naturforschern<span class="pagenum" id="Seite_490">[S. 490]</span> als verwandt
-geltenden Formen und deren Modifikation durch Natürliche Züchtung in
-Begleitung von Erlöschung und von Divergenz des Charakters herleiten
-lassen. Von diesem Standpunkte aus die Klassifikation beurtheilend wird
-man sich erinnern, dass das Element der Abstammung in so fern schon
-längst allgemein berücksichtigt wird, als man beide Geschlechter, die
-manchfaltigsten Entwickelungs-Formen und die anerkannten Varietäten,
-wie verschieden von einander sie auch in ihrem Baue seyn mögen,
-alle in eine Art zusammenordnet. Wenn wir nun die Anwendung dieses
-Elementes als die einzige mit Sicherheit erkannte Ursache von der
-Ähnlichkeit organischer Wesen unter einander etwas weiter ausdehnen,
-so wird uns die Bedeutung des natürlichen Systemes klarer werden:
-es ist ein Versuch genealogischer Anordnung, worin die Grade der
-Verschiedenheiten, in welche die einzelnen Verzweigungen aus einander
-gelaufen sind, mit den Kunst-Ausdrücken Abarten, Arten, Sippen,
-Familien, Ordnungen und Klassen bezeichnet werden.</p>
-
-<p>Indem wir von der Annahme einer Fortpflanzung mit Abänderung ausgehen,
-werden uns manche Haupterscheinungen in der Morphologie erklärlich:
-sowohl das gemeinsame Modell, wornach die homologen Organe, zu welchem
-Zwecke sie auch immer bestimmt seyn mögen, bei allen Arten einer
-Klasse gebildet sind, als die Modelung aller homologen Theile eines
-jeden Pflanzen- oder Thier-Individuums nach einem solchen gemeinsamen
-Vorbilde.</p>
-
-<p>Andre der wichtigsten Erscheinungen in der Embryonologie dagegen
-erklären sich aus dem Prinzip, dass allmähliche geringe Abänderungen
-nicht nothwendig oder allgemein schon in einer sehr frühen Lebens-Zeit
-eintreten, und dass sie sich in entsprechendem Alter weiter vererben.
-So die Ähnlichkeit der homologen Theile in einem Embryo, welche im
-reifen Alter in Form und Verrichtungen weit auseinander gehen, — und
-die Ähnlichkeit der homologen Theile oder Organe in verschiedenen
-Arten einer Klasse, obwohl sie den erwachsenen Thieren zu den möglich
-verschiedenen Zwecken dienen. Larven sind selbst-thätige Embryonen,
-welche daher auch schon je für ihre verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_491">[S. 491]</span> Lebens-Weise nach
-dem Prinzip der Vererbung in gleichen Altern modifizirt worden sind.
-Nach diesem nämlichen Prinzipe und in Betracht dass, wenn Organe in
-Folge von Nichtgebrauch oder von Züchtung an Stärke abnehmen, Diess
-gewöhnlich in derjenigen Lebens-Periode geschieht, wo das Wesen für
-seine Bedürfnisse selbst zu sorgen hat, und in fernerem Betracht,
-wie strenge das Walten des Erblichkeits-Prinzips ist: bietet uns
-das Vorkommen rudimentärer Organe und ihr endlich vollständiges
-Verschwinden keine unerklärbare Schwierigkeit dar; im Gegentheil haben
-wir deren Vorkommen voraus sehen können. Die Wichtigkeit embryonischer
-Charaktere und rudimentärer Organe für die Klassifikation wird aus der
-Annahme begreiflich, dass nur eine genealogische Anordnung natürlich
-seyn kann.</p>
-
-<p>Endlich: die verschiedenen Klassen von Thatsachen, welche in diesem
-Kapitel in Betracht gezogen worden sind, scheinen mir so deutlich zu
-verkündigen, dass die zahllosen Arten, Sippen und Familien organischer
-Wesen, womit diese Welt bevölkert ist, allesammt und jedes wieder in
-seiner eigenen Klasse oder Gruppe insbesondre, von gemeinsamen Ältern
-abstammen und im Laufe der Fortpflanzung wesentlich modifizirt worden
-sind, dass ich mir diese Anschauungs-Weise ohne Zögern aneignen würde,
-selbst wenn ihr keine sonstigen Thatsachen und Argumente mehr zu Hilfe
-kämen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br />
-
-<b>Allgemeine Wiederholung und Schluss.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher
-Züchtung. — Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände,
-zu deren Gunsten. — Ursachen des allgemeinen Glaubens an die
-Unveränderlichkeit der Arten. — Wie weit die Theorie Natürlicher
-Züchtung auszudehnen. — Folgen ihrer Annahme für das Studium der
-Naturgeschichte. — Schluss-Bemerkungen.</p>
-
-<p>Da dieser ganze Band eine lange Beweisführung ist, so mag es für den
-Leser angenehm seyn, die leitenden Thatsachen und Schlussfolgerungen
-kürzlich wiederholt zu sehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_492">[S. 492]</span></p>
-
-<p>Ich läugne nicht, dass man viele und ernste Einwände gegen die Theorie
-der Abstammung mit fortwährender Abänderung durch Natürliche Züchtung
-vorbringen kann. Ich habe versucht, sie in ihrer ganzen Stärke zu
-entwickeln. Nichts kann im ersten Augenblick weniger glaubhaft
-scheinen, als dass die zusammengesetztesten Organe und Instinkte
-ihre Vollkommenheit erlangt haben sollen nicht durch höhere und doch
-der menschlichen Vernunft analoge Kräfte, sondern durch die blosse
-Zusammensparung zahlloser kleiner aber jedem individuellen Besitzer
-vortheilhafter Abänderungen. Diese Schwierigkeit, wie unübersteiglich
-gross sie auch unsrer Einbildungs-Kraft erscheinen mag, kann gleichwohl
-nicht für wesentlich gelten, wenn wir folgende Vordersätze zulassen:
-dass alle Organe und Instinkte in, wenn auch noch so geringem Grade,
-veränderlich sind; — dass ein Kampf ums Daseyn bestehe, welcher zur
-Erhaltung einer jeden für den Besitzer nützlichen Abweichung von
-den bisherigen Bildungen oder Instinkten führt, — und endlich dass
-Abstufungen in der Vollkommenheit eines jeden Organes bestanden haben,
-die alle in ihrer Weise gut waren. Die Wahrheit dieser Sätze kann nach
-meiner Meinung nicht bestritten werden.</p>
-
-<p>Es ist ohne Zweifel äusserst schwierig auch nur eine Vermuthung darüber
-auszusprechen, durch welche Abstufungen, zumal in durchbrochnen und
-erlöschenden Gruppen organischer Wesen, manche Bildungen vervollkommnet
-worden seyen; aber wir sehen so viele befremdende Abstufungen in der
-Natur, dass wir äusserst vorsichtig seyn müssen zu sagen, dass ein
-Organ oder Instinkt oder ein ganzes Wesen nicht durch stufenweise
-Fortschritte zu seiner gegenwärtigen Vollkommenheit gelangt seyn könne.
-Insbesondere muss man zugeben, dass schwierige Fälle besondrer Art
-der Theorie der Natürlichen Züchtung entgegentreten, und einer der
-schwierigsten Fälle dieser Art zeigt sich in dem Vorkommen von zwei
-oder drei bestimmten Kasten von Arbeitern oder unfruchtbaren Weibchen
-in einer und derselben Ameisen-Gemeinde; doch habe ich zu zeigen
-versucht, dass auch diese Schwierigkeit zu überwinden ist.</p>
-
-<p>Was die fast allgemeine Unfruchtbarkeit der Arten bei ihrer<span class="pagenum" id="Seite_493">[S. 493]</span> Kreutzung
-anbelangt, die einen so merkwürdigen Gegensatz zur fast allgemeinen
-Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten bildet, so muss ich den Leser
-auf die am Ende des achten Kapitels gegebene Zusammenfassung der
-Thatsachen verweisen, welche mir entscheidend genug zu seyn scheinen
-um darzuthun, dass diese Unfruchtbarkeit in nicht höherem Grade
-eine angeborne Eigenthümlichkeit bildet, als die Schwierigkeit zwei
-Baum-Arten aufeinander zu propfen; sondern dass sie zusammenfalle mit
-der Verschiedenheit der Lebensthätigkeit im Reproduktiv-Systeme der
-gekreutzten Arten. Wir finden die Bestätigung dieser Annahme in der
-weiten Verschiedenheit der Ergebnisse, wenn die nämlichen zwei Arten
-wechselseitig von einander befruchtet werden, d.&#160;h. wenn eine Stelle
-zuerst als Vater und dann als Mutter erscheint.</p>
-
-<p>Obwohl die Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten und ihrer Blendlinge
-von so vielen Autoren als allgemein bezeichnet worden ist, so kann
-Diess doch nach den von G<span class="smaller">ÄRTNER</span> und K<span class="smaller">ÖLREUTER</span>
-mitgetheilten Thatsachen nicht als richtig gelten. Auch kann uns ihre
-sehr häufige Fruchtbarkeit nicht überraschen, wenn wir bedenken,
-dass es nicht aussieht, als ob ihre Konstitutionen überhaupt oder
-ihre Reproduktiv-Systeme sehr angegriffen worden seyen. Überdiess
-sind die meisten zu Versuchen benützten Abarten aus Kultur der Arten
-hervorgegangen, und da die Kultur die Unfruchtbarkeit offenbar
-zu vermindern strebt, so dürfen wir nicht erwarten, dass sie
-Unfruchtbarkeit irgendwo veranlasse.</p>
-
-<p>Die Unfruchtbarkeit der Bastarde ist eine von der der ersten Kreutzung
-sehr verschiedene Erscheinung, da ihre Reproduktiv-Organe mehr oder
-weniger unfähig zur Verrichtung sind, während sich bei den ersten
-Kreutzungen die beiderseitigen Organe in vollkommenem Zustande
-befinden. Da wir Organismen aller Art durch Störung ihrer Konstitution
-unter nur wenig abweichenden Lebens-Bedingungen fortwährend mehr und
-weniger steril werden sehen, so dürfen wir uns nicht wundern, dass
-Bastarde weniger fruchtbar sind; denn ihre Konstitution kann als durch
-Verschmelzung zweier verschiedenen Organisationen kaum anders gelitten
-haben. Dieser Parallelismus wird noch durch eine andre<span class="pagenum" id="Seite_494">[S. 494]</span> parallele aber
-gerade entgegengesetzte Klasse von Erscheinungen unterstützt: dass
-nämlich die Kraft-Entwickelung und Fruchtbarkeit aller Organismen durch
-geringen Wechsel in ihren Lebens-Bedingungen zunimmt und dass die
-Nachkommen wenig modifizirter Formen oder Abarten durch die Kreutzung
-an Kraft und Fruchtbarkeit gewinnen. Ebenso vermindern einerseits
-beträchtliche Veränderungen in den Lebens-Bedingungen und Kreutzungen
-zwischen sehr verschiedenen Formen die Fruchtbarkeit, wie anderseits
-geringere Veränderungen dieselbe zwischen nur wenig abgeänderten Formen
-vermehren.</p>
-
-<p>Wenden wir uns zur geographischen Verbreitung, so erscheinen auch da
-die Schwierigkeiten für die Theorie der Fortpflanzung mit fortwährender
-Abänderung erheblich genug. Alle Individuen einer Art und alle Arten
-einer Sippe oder selbst noch höherer Gruppen müssen von gemeinsamen
-Ältern herkommen; wesshalb sie, wenn auch noch so weit zerstreut und
-isolirt in der Welt, im Laufe aufeinander-folgender Generationen aus
-einer Gegend in die andre gewandert seyn müssen. Wir sind oft ganz
-ausser Stand auch nur zu vermuthen, auf welche Weise Diess geschehen
-seyn möge. Da wir jedoch anzunehmen berechtigt sind, dass einige Arten
-die nämliche spezifische Form während ungeheuer langen Perioden, in
-Jahren gemessen, beibehalten haben, so darf man kein allzu grosses
-Gewicht auf die gelegentliche weite Verbreitung einer Spezies legen;
-denn während solcher ausserordentlich langer Zeit-Perioden wird sie
-auch zu weiter Verbreitung irgend welche Mittel gefunden haben. Eine
-durchbrochene oder zerspaltene Gruppe lässt sich oft durch Erlöschen
-der vermittelnden Arten erklären. Es ist nicht zu läugnen, dass wir mit
-den manchfaltigen klimatischen und geographischen Veränderungen, welche
-die Erde erst in der laufenden Periode erfahren, noch ganz unbekannt
-sind; und solche Veränderungen müssen die Wanderungen offenbar in hohem
-Grade befördert haben. Beispielsweise habe ich zu zeigen versucht, wie
-mächtig die Eis-Zeit auf die Verbreitung sowohl der identischen als der
-stellvertretenden Formen über die Erd-Oberfläche gewirkt habe. Ebenso
-sind wir auch fast ganz unbekannt mit den vielen<span class="pagenum" id="Seite_495">[S. 495]</span> gelegenheitlichen
-Transport-Mitteln. Was die Erscheinung betrifft, dass verschiedene
-Arten einer Sippe sehr entfernt von einander abgesonderte Gegenden
-bewohnen, so sind, da der Abänderungs-Prozess nothwendig sehr langsam
-vor sich geht, während sehr langer Zeit-Abschnitte für alle Wanderungen
-genügende Gelegenheiten vorhanden gewesen, wodurch sich einigermaassen
-die Schwierigkeit vermindert die weite Verbreitung der Arten einer
-Sippe zu erklären.</p>
-
-<p>Da nach der Theorie der Natürlichen Züchtung eine endlose Anzahl
-Mittelformen alle Arten jeder Gruppe durch eben so feine Abstufungen,
-als unsre jetzigen Varietäten darstellen, miteinander verkettet
-haben muss, so wird man die Frage aufwerfen, warum wir nicht diese
-vermittelnden Formen rund um uns her erblicken? Warum fliessen nicht
-alle organischen Formen zu einem unentwirrbaren Chaos zusammen? Aber
-was die noch lebenden Formen betrifft, so sind wir (mit Ausnahme
-einiger seltenen Fälle) wohl nicht zur Erwartung berechtigt, direkt
-vermittelnde Glieder zwischen ihnen selbst, sondern nur etwa zwischen
-ihnen und einigen erloschenen und ersetzten Formen zu entdecken.
-Selbst auf einem weiten Gebiete, das während einer langen Periode
-seinen Zusammenhang bewahrt hat und dessen Klima und übrigen
-Lebens-Bedingungen nur allmählich von einem Bezirke zu andern von
-nahe verwandten Arten bewohnten Bezirken abändern, selbst da sind
-wir nicht berechtigt oft die Erscheinung vermittelnder Formen in den
-Grenz-Strichen zu erwarten. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass
-nur wenige Arten einer Sippe jemals Abänderungen erleiden, da die
-andern gänzlich erlöschen, ohne eine abgeänderte Nachkommenschaft zu
-hinterlassen. Von den veränderlichen Arten ändern immer nur wenige
-in der nämlichen Gegend zugleich ab, und alle Abänderungen gehen
-nur langsam vor sich. Ich habe auch gezeigt, dass die vermittelnden
-Formen, welche anfangs wahrscheinlich in den Zwischenstrichen vorhanden
-gewesen, einer Ersetzung durch die verwandten Formen von beiden Seiten
-her unterlegen sind, die vermöge ihrer grossen Anzahl gewöhnlich
-schnellere Fortschritte in ihren Abänderungen und Verbesserungen als
-die minder zahlreich vertretenen Mittelformen<span class="pagenum" id="Seite_496">[S. 496]</span> machen, so dass diese
-vermittelnden Abarten mit der Länge der Zeit ersetzt und vertilgt
-werden.</p>
-
-<p>Nach dieser Lehre von der Unterdrückung einer unendlichen Menge
-vermittelnder Glieder zwischen den erloschenen und lebenden
-Bewohnern der Erde und eben so zwischen den Arten einer jeden der
-aufeinandergefolgten Perioden und den ihnen zunächst vorangegangenen
-fragt es sich, warum nicht jede geologische Formation mit Resten
-solcher Glieder erfüllt ist? und warum nicht jede Sammlung fossiler
-Reste einen klaren Beweis von solcher Abstufung und Umänderung der
-Lebenformen darbietet. Obwohl geologische Untersuchung uns die frühere
-Existenz vieler Mittelglieder zur näheren Verkettung zahlreicher
-Lebenformen miteinander dargethan, so liefert sie uns doch nicht die
-unendlich zahlreichen feineren Abstufungen zwischen den früheren
-und jetzigen Arten, welche meine Theorie erfordert, und Diess ist
-eine der handgreiflichsten und stärksten von den vielen gegen meine
-Theorie vorgebrachten Einwendungen. Und wie kommt es, dass ganze
-Gruppen verwandter Arten in dem einen oder dem andern geologischen
-Schichten-Systeme oft so plötzlich aufzutreten scheinen (gewiss oft
-<em class="gesperrt">nur</em> scheinen!). Warum finden wir nicht grosse Schichten-Stösse
-unter dem Silur-Systeme erfüllt mit den Überbleibseln der Stammväter
-der silurischen Organismen-Gruppen? Denn nach meiner Theorie müssen
-solche Schichten-Systeme in diesen alten und gänzlich unbekannten
-Abschnitten der Erd-Geschichte gewiss irgendwo abgesetzt worden seyn.</p>
-
-<p>Man kann auf diese Fragen und gewichtigen Einwände nur mit der
-Annahme antworten, dass der geologische Schöpfungs-Bericht bei weitem
-unvollständiger ist, als die meisten Geologen glauben. Es lässt sich
-nicht einwenden, dass für irgend welches Maass organischer Abänderung
-nicht genügende Zeit gewesen; denn die Länge der abgelaufenen Zeit
-ist für menschliche Begriffe unfassbar. Die Menge der Exemplare in
-allen unsren Museen zusammengenommen ist absolut nichts im Vergleich
-mit den zahllosen Generationen zahlloser Arten, welche sicherlich
-schon existirt haben. Die gemeinsame Stammform von je 2–3 Arten wird
-nicht in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen<span class="pagenum" id="Seite_497">[S. 497]</span> denen
-ihrer Nachkommen halten, wie die Felstaube nicht genau in Kopf und
-Schwanz das Mittel hält zwischen ihren Nachkommen, der Pouter- und
-Pfauen-Taube. Wir werden ausser Stand seyn eine Art als die Stamm-Art
-einer oder mehrer andren Arten zu erkennen, wenn wir nicht auch
-viele der vermittelnden Glieder zwischen ihrer früheren und jetzigen
-Beschaffenheit besitzen; und diese vermittelnden Glieder dürfen wir
-bei der Unvollständigkeit der geologischen Schöpfungs-Urkunden kaum
-jemals zu entdecken erwarten. Wenn man zwei oder drei oder noch
-mehr Mittelglieder entdeckte, so würde man sie einfach als eben so
-viele neue Arten einreihen, zumal wenn man sie in eben so vielen
-verschiedenen Schichten-Abtheilungen fände, wären in diesem Falle ihre
-Unterschiede auch noch so klein. Man könnte viele jetzige zweifelhafte
-Formen nennen, welche wahrscheinlich Abarten sind; aber wer könnte
-behaupten, dass in künftigen Welt-Perioden noch so viele fossile
-Mittelglieder werden entdeckt werden, dass Naturforscher nach der
-gewöhnlichen Anschauungs-Weise zu entscheiden im Stande seyn werden,
-ob diese zweifelhaften Formen Varietäten sind oder nicht? — Nur ein
-kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht worden, und
-nur von gewissen Organismen-Klassen können fossile Reste in grosser
-Anzahl erhalten werden. Weit verbreitete Arten variiren am meisten,
-und die Abarten sind anfänglich oft nur lokal; beide Ursachen machen
-die Entdeckung von Zwischengliedern wenig wahrscheinlich. Örtliche
-Varietäten verbreiten sich nicht in andre und entfernte Gegenden, bis
-sie beträchtlich abgeändert und verbessert sind; — und wenn sie nach
-ihrer Verbreitung in einer geologischen Formation entdeckt werden,
-so wird es scheinen, als seyen sie erst jetzt plötzlich erschaffen
-worden, und man wird sie einfach als neue Arten betrachten. — Die
-meisten Formationen sind mit Unterbrechungen abgelagert worden; und
-ihre Dauer ist, wie ich glaube, kürzer als die mittle Dauer der
-Arten-Formen gewesen. Zunächst aufeinander-folgende Formationen sind
-gewöhnlich durch ungeheure leere Zeiträume von einander getrennt;
-denn Fossil-Reste führende Formationen, mächtig genug, um spätrer
-Zerstörung zu widerstehen, können meistens nur<span class="pagenum" id="Seite_498">[S. 498]</span> da gebildet werden,
-wo dem in Senkung begriffenen Meeres-Grund viele Sedimente zugeführt
-werden. In den damit abwechselnden Perioden von Hebung oder Ruhe wird
-das Blatt in der Schöpfungs-Geschichte in der Regel weiss bleiben.
-Während dieser letzten Perioden wird wahrscheinlich mehr Veränderung in
-den Lebenformen, während der Senkungs-Zeiten mehr Erlöschen derselben
-stattfinden.</p>
-
-<p>Was die Abwesenheit Fossilien-führender Schichten unterhalb der
-untersten Silur-Gebilde betrifft, so kann ich nur auf die im neunten
-Kapitel aufgestellte Hypothese zurückkommen. Dass der geologische
-Schöpfungs-Bericht lückenhaft ist, gibt jedermann zu; dass er es aber
-in dem von mir verlangten Grade seye, werden nur wenige zugestehen
-wollen. Hinreichend lange Zeiträume zugegeben, erklärt uns die Geologie
-offenbar genug, dass alle Arten gewechselt haben, und sie haben in der
-Weise gewechselt, wie es meine Theorie erheischt, nämlich langsam und
-stufenweise. Wir erkennen Diess deutlich daraus, dass die organischen
-Reste zunächst aufeinander-folgender Formationen einander allezeit
-näher verwandt sind, als die fossilen Arten durch weite Zeiträume von
-einander getrennter Gebirgs-Bildungen.</p>
-
-<p>Diess ist die Summe der hauptsächlichsten Einwürfe und Schwierigkeiten,
-die man mit Recht gegen meine Theorie vorbringen kann; und ich habe die
-darauf zu gebenden Antworten und Erläuterungen in Kürze wiederholt. Ich
-habe diese Schwierigkeiten viele Jahre lang selbst zu sehr empfunden,
-als dass ich an ihrem Gewichte zweifeln sollte. Aber es verdient noch
-insbesondere hervorgehoben zu werden, dass die wichtigeren Einwände
-sich auf Fragen beziehen, über die wir eingestandner Maassen in
-Unwissenheit sind; und wir wissen nicht einmal, wie unwissend wir sind.
-Wir kennen nicht all’ die möglichen Übergangs-Abstufungen zwischen
-den einfachsten und den vollkommensten Organen; wir können nicht
-behaupten, all’ die manchfaltigen Verbreitungs-Mittel der Organismen
-während des Verlaufes so zahlloser Jahrtausende zu kennen, und wir
-wissen nicht, wie unvollständig der geologische Schöpfungs-Bericht
-ist. Wie bedeutend<span class="pagenum" id="Seite_499">[S. 499]</span> aber auch diese mancherlei Schwierigkeiten seyn
-mögen, so genügen sie doch nicht, um meine Theorie einer <em class="gesperrt">Abstammung
-von einigen wenigen erschaffenen Formen mit nachheriger Abänderung
-derselben</em> umzustossen.</p>
-
-<p class="mtop2">Wenden wir uns nun nach der andern Seite unsres Gegenstandes. Im
-Kultur-Zustande der Wesen nehmen wir viel Veränderlichkeit derselben
-wahr. Diess scheint daran zu liegen, dass das Reproduktiv-System
-ausserordentlich empfindlich gegen Veränderungen in den äusseren
-Lebens-Bedingungen ist, so dass dieses System, wenn es nicht ganz
-unfähig wird, doch keine der älterlichen Form genau ähnliche
-Nachkommenschaft mehr liefert. Die Abänderungen werden durch
-viele verwickelte Gesetze geleitet, durch die Wechselbeziehungen
-des Wachsthums, durch Gebrauch und Nichtgebrauch und durch die
-unmittelbaren Einwirkungen der physikalischen Lebens-Bedingungen.
-Es ist sehr schwierig zu bestimmen, wie viel Abänderung unsre
-Kultur-Erzeugnisse erfahren haben; doch können wir getrost annehmen,
-dass deren Maass gross gewesen seye, und dass Modifikationen auf lange
-Perioden hinaus vererblich sind. So lange als die Lebens-Bedingungen
-die nämlichen bleiben, sind wir zu unterstellen berechtigt, dass
-eine Abweichung, welche sich schon seit vielen Generationen vererbt
-hat, sich auch noch ferner auf eine fast unbegrenzte Zahl von
-Generationen hinaus vererben kann. Andrerseits sind wir gewiss, dass
-Veränderlichkeit, wenn sie einmal in’s Spiel gekommen, nicht mehr
-gänzlich aufhört; denn unsre ältesten Kultur-Erzeugnisse bringen
-gelegenheitlich noch immer neue Abarten hervor.</p>
-
-<p>Der Mensch erzeugt in Wirklichkeit keine Abänderungen, sondern
-er versetzt nur unabsichtlich organische Wesen unter neue
-Lebens-Bedingungen, und dann wirkt die Natur auf deren Organisation
-und verursacht Veränderlichkeit. Der Mensch kann aber die ihm von der
-Natur dargebotenen Abänderungen zur Nachzucht auswählen und dieselben
-hiedurch in einer beliebigen Richtung häufen; und Diess thut er
-wirklich. Er passt auf diese Weise Thiere und Pflanzen seinem eignen
-Nutzen und Vergnügen<span class="pagenum" id="Seite_500">[S. 500]</span> an. Er mag Diess planmässig oder mag es unbewusst
-thun, indem er die ihm zur Zeit nützlichsten Individuen, ohne einen
-Gedanken an die Änderung der Rasse, zurückbehält. Es ist gewiss, dass
-er einen grossen Einfluss auf den Charakter einer Rasse dadurch ausüben
-kann, dass er von Generation zu Generation individuelle Abänderungen
-zur Nachzucht auswählt, so gering, dass sie für das ungeübte Auge kaum
-wahrnehmbar sind. Dieses Wahl-Verfahren ist das grosse Agens in der
-Erzeugung der ausgezeichnetsten und nützlichsten unsrer veredelten
-Thier- und Pflanzen-Rassen gewesen. Dass nun viele der vom Menschen
-gebildeten Abänderungen den Charakter natürlicher Arten schon
-grossentheils besitzen, geht aus den unausgesetzten Zweifeln in Bezug
-auf viele derselben hervor, ob es Arten oder Abarten sind.</p>
-
-<p>Es ist kein Grund nachzuweisen, wesshalb diese Prinzipien, welche in
-Bezug auf die kultivirten Organismen so erfolgreich gewirkt, nicht
-auch in der Natur wirksam seyn sollten. In der Erhaltung begünstigter
-Individuen und Rassen während des beständig wiederkehrenden Kampfs ums
-Daseyn sehen wir das wirksamste und nie ruhende Mittel der Natürlichen
-Züchtung. Der Kampf ums Daseyn ist die unvermeidliche Folge der
-hochpotenzirten geometrischen Zunahme, welche allen organischen Wesen
-gemein ist. Dieses rasche Zunahme-Verhältniss ist thatsächlich erwiesen
-aus der schnellen Vermehrung vieler Pflanzen und Thiere während einer
-Reihe günstiger Jahre und bei ihrer Naturalisirung in einer neuen
-Gegend. Es werden mehr Einzelwesen geboren, als fortzuleben im Stande
-sind. Ein Gran in der Wage kann den Ausschlag geben, welches Individuum
-fortleben und welches zu Grunde gehen soll, welche Art oder Abart
-sich vermehren und welche abnehmen und endlich erlöschen muss. Da die
-Individuen einer nämlichen Art in allen Beziehungen in die nächste
-Bewerbung miteinander gerathen, so wird gewöhnlich auch der Kampf
-zwischen ihnen am heftigsten seyn; er wird fast eben so heftig zwischen
-den Abarten einer Art, und dann zunächst zwischen den Arten einer Sippe
-seyn. Aber der Kampf kann oft auch sehr heftig zwischen Wesen seyn,<span class="pagenum" id="Seite_501">[S. 501]</span>
-welche auf der Stufenleiter der Natur am weitesten auseinander stehen.
-Der geringste Vortheil, den ein Wesen in irgend einem Lebens-Alter
-oder zu irgend einer Jahreszeit über seine Mitbewerber voraus hat,
-oder eine wenn auch noch so wenig bessere Anpassung an die umgebenden
-Natur-Verhältnisse kann die Wage sinken machen.</p>
-
-<p>Bei Thieren getrennten Geschlechts wird meistens ein Kampf der Männchen
-um den Besitz der Weibchen stattfinden. Die kräftigsten oder diejenigen
-Individuen, welche am erfolgreichsten mit ihren Lebens-Bedingungen
-gekämpft haben, werden gewöhnlich am meisten Nachkommenschaft
-hinterlassen. Aber der Erfolg wird oft davon abhängen, dass die
-Männchen besondre Waffen oder Vertheidigungs-Mittel oder Reitze
-besitzen; und der geringste Vortheil kann zum Siege führen.</p>
-
-<p>Da die Geologie uns deutlich nachweiset, dass ein jedes Land grosse
-physikalische Veränderungen erfahren hat, so ist anzunehmen, dass die
-organischen Wesen im Natur-Zustande ebenso wie die kultivirten unter
-den veränderten Lebens-Bedingungen abgeändert haben. Wenn nun eine
-Veränderlichkeit im Natur-Zustande vorhanden ist, so würde es eine
-unerklärliche Erscheinung seyn, falls die Natürliche Züchtung nicht
-eingriffe. Es ist oft versichert worden, aber eines Beweises nicht
-fähig, dass das Maass der Abänderung in der Natur eine streng bestimmte
-Quantität seye. Der Mensch, obwohl nur auf äussre Charaktere allein
-und oft bloss nach seiner Laune wirkend, vermag in kurzer Zeit dadurch
-grossen Erfolg zu erzielen, dass er allmählich alle in einer Richtung
-hervortretenden individuellen Verschiedenheiten zusammenhäuft; und
-jedermann gibt zu, dass wenigstens individuelle Verschiedenheiten bei
-den Arten im Natur-Zustande vorkommen. Aber von diesen abgesehen, haben
-alle Naturforscher das Daseyn von Abarten oder Varietäten eingestanden,
-welche verschieden genug seyen, um in den systematischen Werken als
-solche mit aufgeführt zu werden. Doch kann niemand einen bestimmten
-Unterschied zwischen individuellen Abänderungen und leichten Varietäten
-oder zwischen verschiedenen Abarten, Unterarten und Arten angeben.
-Erinnern<span class="pagenum" id="Seite_502">[S. 502]</span> wir uns, wie sehr die Naturforscher in ihrer Ansicht über
-den Rang der vielen stellvertretenden Formen in <i>Europa</i> und
-<i>Amerika</i> auseinandergehen.</p>
-
-<p>Wenn es daher im Natur-Zustande Variabilität und ein mächtiges stets
-zur Thätigkeit und Zuchtwahl bereites Agens gibt, wesshalb sollten
-wir noch bezweifeln, dass irgend welche für die Organismen in ihren
-äusserst verwickelten Lebens-Verhältnissen einigermaassen nützliche
-Abänderungen erhalten, gehäuft und vererbt werden? Wenn der Mensch
-die ihm selbst nützlichen Abänderungen geduldig zur Nachzucht
-auswählt: warum sollte die Natur unterlassen, die unter veränderten
-Lebens-Bedingungen für ihre Produkte nützlichsten Abänderungen
-auszusuchen? Welche Schranken kann man einer Kraft setzen, welche
-von einer Welt-Periode zur andern beschäftigt ist, die ganze
-organische Bildung, Thätigkeit und Lebens-Weise eines jeden Geschöpfes
-unausgesetzt zu sichten, das Gute zu befördern und das Schlechte
-zurückzuwerfen? Ich vermag keine Grenze zu sehen für eine Kraft, welche
-jede Form den verwickeltsten Lebens-Verhältnissen langsam anzupassen
-beschäftigt ist. Die Theorie der Natürlichen Züchtung scheint mir,
-auch wenn wir uns nur darauf allein beschränken, in sich selbst
-wahrscheinlich zu seyn. Ich habe bereits, so ehrlich als möglich, die
-dagegen erhobenen Schwierigkeiten und Einwände rekapitulirt; jetzt
-wollen wir uns zu den Spezial-Erscheinungen und Folgerungen zu Gunsten
-unsrer Theorie wenden.</p>
-
-<p>Aus meiner Ansicht, dass Arten nur stark ausgebildete und bleibende
-Varietäten (Abarten) sind und jede Art zuerst als eine Varietät
-existirt hat, ergibt sich, wesshalb keine Grenzlinie gezogen werden
-kann zwischen Arten, welche man gewöhnlich als Produkte eben so vieler
-besondrer Schöpfungs-Akte betrachtet, und zwischen Varietäten, die
-man als Bildungen eines sekundären Gesetzes gelten lässt. Nach dieser
-nämlichen Ansicht ist es ferner zu begreifen, dass in jeder Gegend, wo
-viele Arten einer Sippe entstanden sind und nun gedeihen, diese Arten
-noch viele Abarten darbieten; denn, wo die Arten-Fabrikation thätig
-betrieben worden ist, da möchten wir als Regel erwarten, sie noch
-in<span class="pagenum" id="Seite_503">[S. 503]</span> Thätigkeit zu finden; und Diess ist der Fall, woferne Varietäten
-beginnende Arten sind. Überdiess behalten auch die Arten grosser
-Sippen, welche die Mehrzahl der Varietäten oder beginnenden Arten
-liefern, in gewissem Grade den Charakter von Varietäten bei; denn sie
-unterscheiden sich in geringerem Maasse, als die Arten kleinerer Sippen
-von einander. Auch haben die nahe-verwandten Arten grosser Sippen eine
-beschränktere Verbreitung und bilden vermöge ihrer Verwandtschaft zu
-einander kleine um andre Arten geschaarte Gruppen, in welcher Hinsicht
-sie ebenfalls Varietäten gleichen. Diess sind, von dem Gesichtspunkte
-aus beurtheilt, dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye,
-befremdende Erscheinungen, welche dagegen der Annahme ganz wohl
-entsprechen, das alle Arten sich aus Varietäten entwickelt haben.</p>
-
-<p>Da jede Art bestrebt ist sich in geometrischem Verhältnisse unendlich
-zu vermehren, und da die abgeänderten Nachkommen einer jeden Spezies
-sich um so rascher zu vervielfältigen vermögen, jemehr dieselben in
-Lebensweise und Organisation auseinander laufen, und mithin jemehr
-und verschiedenartigere Stellen sie demnach im Haushalte der Natur
-einzunehmen im Stande sind, so wird in der Natürlichen Züchtung ein
-beständiges Streben vorhanden seyn, die am weitesten verschiedenen
-Nachkommen einer jeden Art zu erhalten. Daher werden im langen Verlaufe
-solcher allmählichen Abänderungen die geringen und blosse Varietäten
-einer Art bezeichnenden Verschiedenheiten sich zu grösseren die
-Spezies einer nämlichen Sippe charakterisirenden Verschiedenheiten
-steigern. Neue und verbesserte Varietäten werden die älteren weniger
-vervollkommneten und die letzten vermittelnden Abarten unvermeidlich
-ersetzen und austilgen, und so entstehen grossentheils scharf
-umschriebene und wohl unterschiedene Spezies. Herrschende Arten aus
-den grösseren Gruppen einer jeden Klasse streben wieder neue und
-herrschende Formen zu erzeugen, so dass jede grosse Gruppe geneigt ist
-noch grösser und zugleich divergenter im Charakter zu werden. Da jedoch
-nicht alle Gruppen beständig zunehmen können, indem zuletzt die Welt
-sie nicht mehr zu fassen vermöchte, so verdrängen<span class="pagenum" id="Seite_504">[S. 504]</span> die herrschenderen
-die minder herrschenden. Dieses Streben der grossen Gruppen an Umfang
-zu wachsen und im Charakter auseinander zu laufen, in Verbindung mit
-der meist unvermeidlichen Folge starken Erlöschens andrer, erklärt die
-Anordnung aller Lebenformen in mehr und mehr unterabgetheilte Gruppen
-innerhalb einiger wenigen grossen Klassen, die uns jetzt überall
-umgeben und alle Zeiten überdauert haben. Diese grosse Thatsache der
-Gruppirung aller organischen Wesen scheint mir nach der gewöhnlichen
-Schöpfungs-Theorie ganz unerklärlich.</p>
-
-<p>Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung kleiner aufeinander-folgender
-günstiger Abänderungen wirkt, so kann sie keine grosse und plötzliche
-Umgestaltungen bewirken; sie kann nur mit sehr langsamen und kurzen
-Schritten vorangehen. Daher denn auch der Canon „<i>Natura non facit
-saltum</i>“, welcher sich mit jeder neuen Erweiterung unsrer Kenntnisse
-mehr bestätigt, aus dieser Theorie einfach begreiflich wird. Wir sehen
-ferner ein, warum die Natur so fruchtbar an Abänderungen und doch so
-sparsam an Neuerungen ist. Wie Diess aber ein Natur-Gesetz seyn könnte,
-wenn jede Art unabhängig erschaffen worden wäre, vermag niemand zu
-erläutern.</p>
-
-<p>Aus dieser Theorie scheinen mir noch andre Thatsachen erklärbar. Wie
-befremdend wäre es, dass ein Vogel in Gestalt eines Spechtes geschaffen
-worden wäre, um Insekten am Boden aufzusuchen; dass eine Gans, welche
-niemals oder selten schwimmt, mit Schwimmfüssen, dass eine Drossel zum
-Tauchen und Leben von unter Wasser wohnenden Insekten, und dass ein
-Sturmvogel geschaffen worden wäre mit einer Organisation, welche der
-Lebens-Weise eines Alks oder Lappentauchers (<a href="#Seite_210">S. 210</a>) entspricht, und so
-in zahllosen andern Fällen. Aber nach der Ansicht, dass die Arten sich
-beständig zu vermehren streben, während die Natürliche Züchtung immer
-bereit ist, die langsam abändernden Nachkommen jeder Art einem jeden in
-der Natur noch nicht oder nur unvollkommen besetzten Platze anzupassen,
-hören diese Erscheinungen auf befremdend zu seyn und hätten sich sogar
-vielleicht voraussehen lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_505">[S. 505]</span></p>
-
-<p>Da die Natürliche Züchtung neben der Mitbewerbung wirkt, so
-passt sie die Bewohner einer jeden Gegend nur im Verhältniss der
-Vollkommenheits-Stufe der andern Bewerber an, daher es uns nicht
-überrascht, wenn die Bewohner eines Bezirkes, welche nach der
-gewöhnlichen Ansicht doch speziell für diesen Bezirk geschaffen und
-angepasst seyn sollen, durch die naturalisirten Erzeugnisse aus andern
-Ländern besiegt und ersetzt werden. Noch dürfen wir uns wundern, wenn
-nicht alle Erfindungen in der Natur, so weit wir ermessen können, ganz
-vollkommen sind und manche derselben sogar hinter unsren Begriffen von
-Angemessenheit weit zurückbleiben. Es darf uns daher nicht befremden,
-wenn der Stich der Biene ihren eignen Tod verursacht; wenn die Dronen
-in so ungeheurer Anzahl nur für einen einzelnen Akt erzeugt und dann
-grösstentheils von ihren unfruchtbaren Schwestern getödtet werden; wenn
-unsre Nadelhölzer eine so unermessliche Menge von Pollen erzeugen; wenn
-die Bienenkönigin einen instinktiven Hass gegen ihre eignen fruchtbaren
-Töchter empfindet; oder wenn die Ichneumoniden sich im lebenden Körper
-von Raupen nähren u.&#160;s.&#160;w. Weit mehr hätte man sich nach der Theorie
-der Natürlichen Züchtung darüber zu wundern, dass nicht noch mehr Fälle
-von Mangel an unbedingter Vollkommenheit beobachtet werden.</p>
-
-<p>Die verwickelten und wenig bekannten Gesetze, welche die Variation
-in der Natur beherrschen, sind, so weit unsre Einsicht reicht,
-die nämlichen, welche auch die Erzeugung sogenannter spezifischer
-Formen geleitet haben. In beiden Fällen scheinen die natürlichen
-Bedingungen nur wenig Einfluss gehabt zu haben; wenn aber Varietäten
-in eine neue Zone eindringen, so nehmen sie etwas von den Charakteren
-der dieser Zone eigenthümlichen Spezies an. In Varietäten sowohl
-als Arten scheinen Gebrauch und Nichtgebrauch einige Wirkung zu
-haben; denn es ist schwer dieser Ansicht zu widerstehen, wenn man
-z.&#160;B. die Dickkopf-Ente (Micropterus) mit Flügeln sieht, welche
-zum Fluge eben so wenig brauchbar als die der Hausente sind, oder
-wenn man den grabenden Tukutuku (Ctenomys), welcher mitunter blind
-ist, und dann die Maulwurf-Arten betrachtet, die immer blind sind
-und<span class="pagenum" id="Seite_506">[S. 506]</span> ihre Augen-Rudimente unter der Haut liegen haben, oder endlich
-wenn man die blinden Thiere in den dunkeln Höhlen <i>Europa’s</i>
-und <i>Amerika’s</i> ansieht. In Arten und Abarten scheint die
-Wechselbeziehung der Entwickelung eine sehr wichtige Rolle gespielt zu
-haben, so dass, wenn ein Theil abgeändert worden ist, auch andre Theile
-nothwendig modifizirt werden mussten. In Arten wie in Abarten kommt
-Rückkehr zu längst verlorenen Charakteren vor. Wie unerklärlich ist
-nach der Schöpfungs-Theorie die gelegentliche Erscheinung von Streifen
-an Schultern und Beinen der verschiedenen Arten der Pferde-Sippe
-und ihrer Bastarde; und wie einfach erklärt sich diese Thatsache,
-wenn wir annehmen, dass alle diese Arten von einem gestreiften
-gemeinsamen Stamm-Vater herrühren in derselben Weise, wie unsre zahmen
-Tauben-Rassen von der blau-grauen Felstaube mit schwarzen Flügelbinden.</p>
-
-<p>Wie lässt es sich nach der gewöhnlichen Ansicht, dass jede Art
-unabhängig geschaffen worden seye, erklären, dass die Arten-Charaktere,
-wodurch sich die verschiedenen Spezies einer Sippe von einander
-unterscheiden, veränderlicher als die Sippen-Charaktere sind, in
-welchen alle übereinstimmen? Warum wäre z.&#160;B. die Farbe einer
-Blume in einer Art einer Sippe, wo alle übrigen Arten mit andern
-Farben versehen sind, eher zu variiren geneigt, als wenn alle Arten
-derselben Sippe von gleicher Farbe sind? Wenn aber Arten nur stark
-abgebildete Abarten sind, deren Charaktere schon in hohem Grade
-beständig geworden, so begreift sich Diess; denn sie haben bereits
-seit ihrer Abzweigung von einem gemeinsamen Stammvater in gewissen
-Merkmalen variirt, durch welche sie eben von einander verschieden
-geworden sind; und desshalb werden auch die nämlichen Charaktere noch
-fortdauernd unbeständiger seyn, als die Sippen-Charaktere, die sich
-schon seit einer unermesslichen Zeit unverändert vererbt haben. Nach
-der Theorie der Schöpfung ist es unerklärlich, warum ein bei der
-einen Art einer Sippe in ganz ungewöhnlicher Weise entwickelter und
-daher vermuthlich für dieselben sehr wichtiger Charakter vorzugsweise
-zu variiren geneigt seyn soll; während dagegen nach meiner Ansicht
-dieser Theil seit der<span class="pagenum" id="Seite_507">[S. 507]</span> Abzweigung der verschiedenen Arten von einem
-gemeinsamen Stammvater in ungewöhnlichem Grade Abänderungen erfahren
-hat und gerade desshalb seine noch fortwährende Veränderlichkeit
-voraus zu erwarten stund. Dagegen kann es auch vorkommen, dass ein
-in der ungewöhnlichsten Weise entwickelter Theil, wie der Flügel der
-Fledermäuse, sich jetzt eben so wenig veränderlich als die übrigen
-zeigt, wenn derselbe vielen untergeordneten Formen gemein, d.&#160;h. schon
-seit sehr langer Zeit vererbt worden ist; denn in diesem Falle wird er
-durch lang-fortgesetzte Natürliche Züchtung beständig geworden seyn.</p>
-
-<p>Werfen wir auf die Instinkte einen Blick, von welchen manche
-wunderbar sind, so bieten sie der Theorie der Natürlichen Züchtung
-mittelst leichter und allmählicher nützlicher Abänderungen keine
-grössere Schwierigkeit als die körperlichen Bildungen dar. Man kann
-daraus begreifen, warum die Natur bloss in kleinen Abstufungen die
-Thiere einer nämlichen Klasse mit ihren verschiedenen Instinkten
-vervollkommt. Ich habe zu zeigen versucht, wie viel Licht das Prinzip
-der stufenweisen Entwickelung auf den Bau-Instinkt der Honigbiene
-wirft. Auch Gewohnheit kommt bei Modifizirung der Instinkte gewiss
-oft in Betracht; aber Diess ist sicher nicht unerlässlich der Fall,
-wie wir bei den geschlechtlosen Insekten sehen, die keine Nachkommen
-hinterlassen, auf welche sie die Erfolge lang-währender Gewohnheit
-übertragen könnten. Nach der Ansicht, dass alle Arten einer Sippe von
-einer gemeinsamen Stamm-Art herrühren und von dieser Vieles gemeinsam
-geerbt haben, vermögen wir die Ursache zu erkennen, wesshalb verwandte
-Arten, auch wenn sie wesentlich verschiedenen Lebens-Bedingungen
-ausgesetzt sind, doch beinahe denselben Instinkten folgen: wie z.&#160;B.
-die <i>Süd-Amerikanische</i> Amsel ihr Nest inwendig eben so mit
-Schlamm überzieht, wie es unsre <i>Europäische</i> Art thut. In Folge
-der Ansicht, dass Instinkte nur ein langsamer Erwerb unter der Leitung
-Natürlicher Züchtung sind, dürfen wir uns nicht darüber wundern, wenn
-manche derselben noch unvollkommen oder nicht verständlich sind, und
-wenn manche unter ihnen andern Thieren zum Nachtheil gereichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_508">[S. 508]</span></p>
-
-<p>Wenn Arten nur wohl ausgebildete und bleibende Abarten sind, so
-erkennen wir sogleich, warum ihre durch Kreutzung entstandenen
-Nachkommen den nämlichen verwickelten Gesetzen unterliegen: in Art
-und Grad der Ähnlichkeit mit den Ältern, in der Verschmelzung durch
-wiederholte Kreutzung und in andern ähnlichen Punkten, wie es bei
-den gekreutzten Nachkommen anerkannter Abarten der Fall ist; während
-Diess wunderbare Erscheinungen blieben, wenn die Arten unabhängig
-von einander erschaffen und die Abarten nur durch sekundäre Kräfte
-entstanden wären.</p>
-
-<p>Wenn wir zugeben, dass der geologische Schöpfungs-Bericht im äussersten
-Grade unvollständig ist, dann unterstützen solche Thatsachen, wie der
-Bericht sie liefert, die Theorie der Abstammung mit fortwährender
-Abänderung. Neue Arten sind von Zeit zu Zeit allmählich auf den
-Schauplatz getreten und das Maass der Umänderung, welche sie nach
-gleichen Zeiträumen erfahren, ist in den verschiedenen Gruppen weit
-verschieden. Das Erlöschen von Arten und Arten-Gruppen, welches an
-der Geschichte der organischen Welt einen so wesentlichen Theil hat,
-folgt fast unvermeidlich aus dem Prinzip der Natürlichen Züchtung;
-denn alte Formen werden durch neue und verbesserte Formen ersetzt.
-Weder einzelne Arten noch Arten-Gruppen erscheinen wieder, wenn die
-Kette ihrer regelmässigen Fortpflanzung einmal unterbrochen worden
-war. Die stufenweise Ausbreitung herrschender Formen mit langsamer
-Abänderung ihrer Nachkommen hat zur Folge, dass die Lebenformen
-nach langen Zeiträumen gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche
-zu wechseln scheinen. Die Thatsache, dass die Fossil-Reste jeder
-Formation im Charakter einigermaassen das Mittel halten zwischen den
-darunter und den darüber liegenden Resten, erklärt sich einfach aus
-ihrer mitteln Stelle in der Abstammungs-Kette. Die grosse Thatsache,
-dass alle erloschenen Organismen in ein gleiches grosses System mit
-den lebenden Wesen zusammenfallen und mit ihnen entweder in gleiche
-oder in vermittelnde Gruppen gehören, ist eine Folge davon, dass
-die lebenden und die erloschenen Wesen die Nachkommen gemeinsamer
-Stamm-Ältern sind. Da die von alten<span class="pagenum" id="Seite_509">[S. 509]</span> Stammvätern herrührenden Gruppen
-gewöhnlich im Charakter auseinandergegangen, so werden der Stammvater
-und seine nächsten Nachkommen in ihren Charakteren oft das Mittel
-halten zwischen seinen späteren Nachkommen, und so ergibt sich warum,
-je älter ein Fossil ist, desto öfter es einigermaassen in der Mitte
-steht zwischen verwandten lebenden Gruppen. Man hält die neueren Formen
-im Allgemeinen für vollkommener als die alten und erloschenen; und sie
-stehen auch insoferne höher als diese, als sie in Folge fortwährender
-Verbesserung die älteren und noch weniger verbesserten Formen im
-Kampfe ums Daseyn besiegt haben. Auch sind im Allgemeinen ihre Organe
-mehr spezialisirt für verschiedene Verrichtungen. Diese Thatsache ist
-vollkommen verträglich mit der andern, dass viele Wesen jetzt noch
-eine einfache und nur wenig verbesserte Organisation für einfachere
-Lebens-Bedingungen besitzen, — und mit der ferneren Annahme, dass
-manche Formen in ihrer Organisation zurückgeschritten sind, weil sie
-eben dadurch sich einer veränderten und verkümmerten Lebensweise besser
-anpassten. Endlich wird das Gesetz langer Dauer unter sich verwandter
-Formen in diesem oder jenem Kontinente — wie die der Marsupialen in
-<i>Neuholland</i>, der Edentaten in <i>Südamerika</i> u.&#160;a. solche
-Fälle — erklärlich, da in einer begrenzten Gegend die neuen und
-erloschenen Formen durch Abstammung miteinander verwandt sind.</p>
-
-<p>Wenn man, was die geographische Verbreitung betrifft, zugibt,
-dass im Verlaufe langer Erd-Perioden je nach den klimatischen
-und geographischen Veränderungen und der Wirkung so vieler
-gelegenheitlicher und unbekannter Veranlassungen starke Wanderungen
-von einem Welt-Theile zum andern stattgefunden haben, so erklären
-sich die Haupterscheinungen der Verbreitung meistens aus der Theorie
-der Abstammung mit fortdauernder Abänderung. Man kann einsehen, warum
-ein so auffallender Parallelismus in der räumlichen Vertheilung
-der organischen Wesen und ihrer geologischen Aufeinanderfolge in
-der Zeit besteht; denn in beiden Fällen sind diese Wesen durch das
-Band gewöhnlicher Fortpflanzung miteinander verkettet, und die
-Abänderungs-Mittel sind die nämlichen. Wir begreifen die volle<span class="pagenum" id="Seite_510">[S. 510]</span>
-Bedeutung der wunderbaren Erscheinung, welche jedem Reisenden
-aufgefallen seyn muss, dass im nämlichen Kontinente unter den
-verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, in Hitze und Kälte, im Gebirge
-und Tiefland, in Marsch- und Sand-Strecken die meisten der Bewohner aus
-jeder grossen Klasse offenbar verwandt sind; denn es sind gewöhnlich
-Nachkommen von den nämlichen Stammvätern und ersten Kolonisten. Nach
-diesem nämlichen Prinzip früherer Wanderungen meistens in Verbindung
-mit entsprechender Abänderung begreift sich mit Hilfe der Eis-Periode
-die Identität einiger wenigen Pflanzen und die nahe Verwandtschaft
-vieler andern auf den entferntesten Gebirgen, und ebenso die nahe
-Verwandtschaft einiger Meeres-Bewohner in der nördlichen und in der
-südlichen gemässigten Zone, obwohl sie durch das ganze Tropen-Meer
-getrennt sind. Und wenn anderntheils zwei Gebiete so übereinstimmende
-natürliche Bedingungen darbieten, wie es zur Ernährung gleicher
-Arten nöthig ist, so können wir uns darüber nicht wundern, dass ihre
-Bewohner weit von einander verschieden sind, falls dieselben während
-langer Perioden vollständig von einander getrennt waren; denn wenn
-auch die Beziehung von einem Organismus zum andern die wichtigste
-aller Beziehungen ist und die zwei Gebiete ihre ersten Ansiedler in
-verschiedenen Perioden und Verhältnissen von einem dritten Gebiete oder
-wechselseitig von einander erhalten haben können, so wird der Verlauf
-der Abänderung in beiden Gebieten unvermeidlich ein verschiedener
-gewesen seyn.</p>
-
-<p>Nach der Annahme stattgefundener Wanderungen mit nachfolgender
-Abänderung erklärt es sich, warum ozeanische Inseln nur von wenigen
-Arten bewohnt werden, von welchen jedoch viele eigenthümlich sind.
-Man vermag klar einzusehen, warum diejenigen Thiere, welche weite
-Strecken des Ozeans nicht zu überschreiten im Stande sind, wie
-Frösche und Land-Säugethiere, keine ozeanischen Eilande bewohnen, und
-wesshalb dagegen neue und eigenthümliche Fledermaus-Arten, welche
-über den Ozean hinwegkommen können, auf oft weit vom Festlande
-entlegenen Inseln vorkommen. Solche Erscheinungen, wie die Anwesenheit
-besondrer Fledermaus-Arten und der Mangel aller andern Säugethiere<span class="pagenum" id="Seite_511">[S. 511]</span>
-auf ozeanischen Inseln sind nach der Theorie selbstständiger
-Schöpfungs-Akte gänzlich unerklärbar.</p>
-
-<p>Das Vorkommen nahe-verwandter oder stellvertretender Arten in
-zweierlei Gebieten setzt nach der Theorie gemeinsamer Abstammung
-mit allmählicher Abänderung voraus, dass die gleichen Ältern vordem
-beide Gebiete bewohnt haben; und wir finden fast ohne Ausnahme,
-dass, wo immer viele einander nahe-verwandte Arten zwei Gebiete
-bewohnen, auch einige identische dazwischen sind. Und wo immer viele
-verwandte aber verschiedene Arten erscheinen, da kommen auch viele
-zweifelhafte Formen und Abarten der nämlichen Spezies vor. Es ist
-eine sehr allgemeine Regel, dass die Bewohner eines jeden Gebietes
-mit den Bewohnern desjenigen nächsten Gebietes verwandt sind, aus
-welchem sich die Einwanderung der ersten mit Wahrscheinlichkeit
-ableiten lässt. Wir sehen Diess in fast allen Pflanzen und Thieren der
-<i>Galapagos</i>-Eilande, auf <i>Juan Fernandez</i> und den andern
-<i>Amerikanischen</i> Inseln, welche in auffallendster Weise mit denen
-des benachbarten <i>Amerikanischen</i> Festlandes verwandt sind;
-und eben so verhalten sich die des <i>Capverdischen</i> Archipels
-und andrer <i>Afrikanischen</i> Inseln zum <i>Afrikanischen</i>
-Festland. Man muss zugeben, dass diese Thatsachen aus der gewöhnlichen
-Schöpfungs-Theorie nicht erklärbar sind.</p>
-
-<p>Wie wir gesehen, ist die Erscheinung, dass alle früheren und jetzigen
-organischen Wesen nur ein grosses vielfach unter-abgetheiltes
-natürliches System bilden, worin die erloschenen Gruppen oft zwischen
-die noch lebenden fallen, aus der Theorie der Natürlichen Züchtung mit
-ihrer Ergänzung durch Erlöschen und Divergenz des Charakters erklärbar.
-Aus denselben Prinzipien ergibt sich auch, warum die wechselseitige
-Verwandtschaft von Arten und Sippen in jeder Klasse so verwickelt und
-mittelbar ist. Es ergibt sich, warum gewisse Charaktere viel besser als
-andre zur Klassifikation brauchbar sind; warum Anpassungs-Charaktere,
-obschon von oberster Bedeutung für das Wesen selbst, kaum von einiger
-Wichtigkeit bei der Klassifikation sind; warum von Stümmel-Organen
-abgeleitete Charaktere, obwohl diese Organe dem Organismus zu nichts
-dienen, oft einen hohen Werth<span class="pagenum" id="Seite_512">[S. 512]</span> für die Klassifikation besitzen; und
-warum embryonische Charaktere den höchsten Werth von allen haben.
-Die wesentlichen Verwandtschaften aller Organismen rühren von
-gemeinschaftlicher Ererbung oder Abstammung her. Das Natürliche System
-ist eine genealogische Anordnung, worin uns die Abstammungs-Linien
-durch die beständigsten Charaktere verrathen werden, wie gering auch
-deren Wichtigkeit für das Leben seyn mag.</p>
-
-<p>Die Erscheinungen, dass das Knochen-Gerüste das nämliche in der Hand
-des Menschen, wie im Flügel der Fledermaus, im Ruder der Seeschildkröte
-und im Bein des Pferdes ist, — dass die gleiche Anzahl von Wirbeln
-den Hals aller Säugethiere, den der Giraffe wie den des Elephanten
-bildet, und noch eine Menge ähnlicher, erklären sich sogleich aus der
-Theorie der Abstammung mit geringer und langsam aufeinander-folgender
-Abänderung. Die Ähnlichkeit des Modells im Flügel und im Hinterfusse
-der Fledermaus, obwohl sie zu ganz verschiedenen Diensten bestimmt
-sind, in den Kinnladen und den Beinen des Krabben, in den Kelch- und
-Kronen-Blättern, in den Staubgefässen und Staubwegen der Blüthen wird
-gleicherweise aus der Annahme allmählich divergirender Abänderung von
-Theilen oder Organen erklärbar, welche in dem gemeinsamen Stammvater
-jeder Klasse unter sich ähnlich gewesen sind. Nach dem Prinzip,
-dass allmähliche Abänderungen nicht immer schon im frühen Alter
-erfolgen und sich demnach auf ein gleiches und nicht früheres Alter
-vererben, ergibt sich eine klare Ansicht, wesshalb die Embryonen von
-Säugthieren, Vögeln, Reptilien und Fischen einander so ähnlich sind
-und in späterem Alter so unähnlich werden. Man wird sich nicht mehr
-darüber wundern, dass der Embryo eines Luft-athmenden Säugthieres oder
-Vogels Kiemen-Spalten und Schleifen-artig verlaufende Arterien, wie
-der Fisch besitze, welcher die im Wasser aufgelöste Luft mit Hilfe
-wohl-entwickelter Kiemen zu athmen bestimmt ist.</p>
-
-<p>Nichtgebrauch, zuweilen mit Natürlicher Züchtung verbunden, führt oft
-zur Verkümmerung eines Organes, wenn es bei veränderter Lebens-Weise
-oder unter wechselnden Lebens-Bedingungen nutzlos geworden ist, und man
-bekommt auf diese Weise<span class="pagenum" id="Seite_513">[S. 513]</span> eine richtige Vorstellung von rudimentären
-Organen. Aber Nichtgebrauch und Natürliche Züchtung werden auf jedes
-Geschöpf gewöhnlich erst wirken, wenn es zur Reife gelangt ist und
-selbstständigen Antheil am Kampfe ums Daseyn nimmt. Sie werden nur
-wenig über ein Organ in den ersten Lebens-Altern vermögen, wesshalb
-kein Organ in solchen frühen Altern sehr verringert oder verkümmert
-werden kann. Das Kalb z.&#160;B. hat Schneide-Zähne, welche aber im
-Oberkiefer das Zahnfleisch nie durchbrechen, von einem frühen
-Stammvater mit wohl-entwickelten Zähnen geerbt, und es ist anzunehmen,
-dass diese Zähne im reifen Thiere während vieler aufeinander-folgender
-Generationen reduzirt worden sind, entweder weil sie nicht gebraucht
-oder weil Zunge und Gaumen zum Abweiden des Futters ohne ihre Hilfe
-durch Natürliche Züchtung besser hergerichtet worden sind; wesshalb
-dann im Kalb diese Zähne unentwickelt geblieben und nach dem Prinzip
-der Erblichkeit in gleichem Alter von früher Zeit an bis auf den
-heutigen Tag so vererbt worden sind. Wie ganz unerklärbar sind nach
-der Annahme, dass jedes organische Wesen und jedes besondre Organ für
-seinen Zweck besonders erschaffen worden seye, solche Erscheinungen,
-die, wie diese nie zum Durchbruch gelangenden Schneidezähne des Kalbs
-oder die verschrumpften Flügel unter den verwachsenen Flügeldecken
-mancher Käfer, so auffallend das Gepräge der Nutzlosigkeit an sich
-tragen! Man könnte sagen, die Natur habe Sorge getragen, durch
-rudimentäre Organe und homologe Gebilde uns ihren Abänderungs-Plan zu
-verrathen, welchen wir ausserdem nicht verstehen würden.</p>
-
-<p class="mtop2">Ich habe jetzt die hauptsächlichsten Erscheinungen und Betrachtungen
-wiederholt, welche mich zur innigsten Überzeugung geführt, dass die
-Arten während langer Fortpflanzungs-Perioden durch Erhaltung oder
-Natürliche Züchtung mittelst zahlreich aufeinander-folgender kleiner
-aber nützlicher Abweichungen von ihrem anfänglichen Typus verändert
-worden sind. Ich kann nicht glauben, dass eine falsche Theorie die
-mancherlei grossen Gruppen<span class="pagenum" id="Seite_514">[S. 514]</span> oben aufgezählter Erscheinungen erklären
-würde, wie meine Theorie der Natürlichen Züchtung es doch zu thun
-scheint. Es ist keine triftige Einrede, dass die Wissenschaft bis jetzt
-noch kein Licht über den Ursprung des Lebens verbreite. Wer vermöchte
-zu erklären, was das Wesen der Attraktion oder Gravitation seye? Obwohl
-L<span class="smaller">EIBNITZ</span> den N<span class="smaller">EWTON</span> angeklagt, dass er „verborgene
-Qualitäten und Wunder in die Philosophie“ eingeführt, so wird doch
-dieses unbekannte Element der Attraktion jetzt allgemein als eine
-vollkommen begründete vera causa angenommen.</p>
-
-<p>Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufgestellten
-Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle verstossen sollten.
-Es möge die Erinnerung genügen, dass die grösste Entdeckung, welche
-der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Gravitation, von
-L<span class="smaller">EIBNITZ</span> angegriffen worden ist, weil es die natürliche
-Religion untergrabe und die offenbarte verläugne. Ein berühmter
-Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, „er habe
-allmählich einsehen gelernt, dass es eine ebenso erhabene Vorstellung
-von der Gottheit seye, zu glauben, dass sie nur einige wenige der
-Selbstentwickelung in andre und nothwendige Formen fähige Urtypen
-geschaffen, als dass sie immer wieder neue Schöpfungs-Akte nöthig
-gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer
-eigenen Gesetze entstanden seyen.“</p>
-
-<p>Aber warum, wird man fragen, haben denn fast alle ausgezeichneten
-lebenden Naturforscher und Geologen diese Ansicht von der
-Veränderlichkeit der Spezies verworfen? Es kann ja doch nicht behauptet
-werden, dass organische Wesen im Naturzustande keiner Abänderung
-unterliegen; es kann nicht bewiesen werden, dass das Maass der
-Abänderung im Verlaufe ganzer Erd-Perioden eine beschränkte Grösse
-seye; ein bestimmter Unterschied zwischen Arten und ausgeprägten
-Abarten ist noch nicht angegeben worden und kann nicht angegeben
-werden. Es lässt sich nicht behaupten, dass Arten bei der Kreutzung
-ohne Ausnahme unfruchtbar seyen, noch dass Unfruchtbarkeit eine
-besondre Gabe und ein Merkmal der Schöpfung seye. Die Annahme,<span class="pagenum" id="Seite_515">[S. 515]</span> dass
-Arten unveränderliche Erzeugnisse seyen, war fast unvermeidlich so
-lange, als man der Geschichte der Erde nur eine kurze Dauer zuschrieb;
-und nun, da wir einen Begriff von der Länge der Zeit erlangt haben,
-sind wir zu verständig, um ohne Beweis anzunehmen, der geologische
-Schöpfungs-Bericht seye so vollkommen, dass er uns einen klaren
-Nachweis über die Abänderung der Arten liefern müsste, wenn sie solche
-Abänderung erfahren hätten.</p>
-
-<p>Aber die Hauptursache, wesshalb wir von Natur nicht geneigt sind
-zuzugestehen, dass eine Art eine andere verschiedene Art erzeugt haben
-könne, liegt darin, dass wir stets behutsam in der Zulassung einer
-grossen Veränderung sind, deren Mittelstufen wir nicht kennen. Die
-Schwierigkeit ist dieselbe, welche so viele Geologen gefühlt, als
-L<span class="smaller">YELL</span> zuerst behauptete, dass binnen-ländische Fels-Klippen
-gebildet und grosse Thäler ausgehöhlt worden seyen durch die langsame
-Thätigkeit der Küsten-Wogen. Der Begriff kann die volle Bedeutung des
-Ausdruckes Hundert Millionen Jahre unmöglich fassen; er kann nicht die
-ganze Grösse der Wirkung zusammenrechnen und begreifen, welche durch
-Häufung einer Menge kleiner Abänderungen während einer fast unendlichen
-Anzahl von Generationen entsteht.</p>
-
-<p>Obwohl ich von der Wahrheit der in diesem Bande auszugsweise
-mitgetheilten Ansichten vollkommen durchdrungen bin, so hege ich doch
-keinesweges die Erwartung erfahrene Naturforscher davon zu überzeugen,
-deren Geist von einer Menge von Thatsachen erfüllt ist, welche sie
-seit einer langen Reihe von Jahren gewöhnt sind aus den meinigen ganz
-entgegengesetzten Gesichtspunkten zu betrachten. Es ist so leicht
-unsre Unwissenheit unter Ausdrücken, wie „Schöpfungs-Plan“, „Einheit
-des Zweckes“ u.&#160;s.&#160;w. zu verbergen und zu glauben, dass wir eine
-Erklärung geben, wenn wir bloss eine Thatsache wiederholen. Wer von
-Natur geneigt ist, unerklärten Schwierigkeiten mehr Werth als der
-Erklärung einer Summe von Thatsachen beizulegen, der wird gewiss meine
-Theorie verwerfen. Auf einige wenige Naturforscher von empfänglicherem
-Geiste und solche, die schon an der Unveränderlichkeit der Arten zu
-zweifeln begonnen haben,<span class="pagenum" id="Seite_516">[S. 516]</span> mag Diess Buch einigen Eindruck machen; aber
-ich blicke mit Vertrauen auf die Zukunft, auf junge und strebende
-Naturforscher, welche beide Seiten der Frage mit Unpartheilichkeit zu
-beurtheilen fähig seyn werden. Wer immer sich zur Ansicht neigt, dass
-Arten veränderlich sind, wird durch gewissenhaftes Geständniss seiner
-Überzeugung der Wissenschaft einen guten Dienst leisten; denn nur so
-kann dieser Berg von Vorurtheilen, unter welchen dieser Gegenstand
-vergraben ist, allmählich beseitigt werden.</p>
-
-<p>Einige hervorragende Naturforscher haben noch neuerlich ihre Ansicht
-veröffentlicht, dass eine Menge angeblicher Arten in jeder Sippe
-keine wirklichen Arten vorstellen, wogegen andre Arten wirkliche,
-d.&#160;h. selbstständig erschaffene Spezies seyen. Diess scheint mir eine
-sonderbare Annahme zu seyn. Sie geben zu, dass eine Menge von Formen,
-die sie selbst bis vor Kurzem für spezielle Schöpfungen gehalten
-und welche noch jetzt von der Mehrzahl der Naturforscher als solche
-angesehen werden, welche mithin das ganze äussre charakteristische
-Gepräge von Arten besitzen, — sie geben zu, dass diese durch
-Abänderung hervorgebracht worden seyen, weigern sich aber dieselbe
-Ansicht auf andre davon nur sehr unbedeutend verschiedene Formen
-auszudehnen. Demungeachtet beanspruchen sie nicht eine Definition
-oder auch nur eine Vermuthung darüber geben zu können, welches die
-erschaffenen und welches die durch sekundäre Gesetze entstandenen
-Lebenformen seyen. Sie geben Abänderung als eine vera causa in einem
-Falle zu und verwerfen solche willkürlich im andern, ohne den Grund der
-Verschiedenheit in beiden Fällen nachzuweisen. Der Tag wird kommen, wo
-man Diess als einen ergötzlichen Beleg von der Blindheit vorgefasster
-Meinung anführen wird. Diese Schriftsteller scheinen mir nicht mehr
-vor der Annahme eines wunderbaren Schöpfungs-Aktes als vor der einer
-gewöhnlichen Geburt zurückzuschrecken. Aber glauben sie denn wirklich,
-dass in unzähligen Momenten unsrer Erd-Geschichte jedesmal gewisse
-Urstoff-Atome kommandirt worden seyen zu lebendigen Geweben in einander
-zu fahren? Sind sie der Meinung, dass durch jeden unterstellten
-Schöpfungs-Akt<span class="pagenum" id="Seite_517">[S. 517]</span> bloss ein einziger, oder dass viele Individuen
-entstanden sind? Sind all’ diese zahllosen Sorten von Pflanzen und
-Thieren in Form von Saamen und Eiern, oder sind sie als ausgewachsene
-Individuen erschaffen worden? und die Säugthiere insbesondere, sind
-sie geschaffen worden mit dem falschen Merkmale der Ernährung vom
-Mutterleibe? Zweifelsohne können diese nämlichen Fragen beim jetzigen
-Stande unseres Wissens auch von denjenigen nicht beantwortet werden,
-welche an die Schöpfung von nur wenigen Urformen oder von irgend
-einer Form von Organismen glauben. Verschiedene Schriftsteller haben
-versichert, dass es leichter seye an die Schöpfung von Hundert
-Millionen Dingen als von einem zu glauben; aber M<span class="smaller">AUPERTUIS</span>’
-philosophischer Grundsatz von „der kleinsten Thätigkeit“ leitet uns
-lieber die kleinere Zahl anzunehmen; und gewiss dürfen wir nicht
-glauben, dass zahllose Wesen in jeder grossen Klasse mit klaren und
-doch trügerischen Merkmalen der Abstammung von einem gemeinsamen
-Stammvater geschaffen worden seyen.</p>
-
-<p>Man kann noch die Frage aufwerfen, wie weit ich die Lehre von der
-Abänderung der Spezies ausdehne? Diese Frage ist schwer zu beantworten,
-weil, je verschiedener die Formen sind, welche wir betrachten,
-desto mehr die Argumente an Stärke verlieren. Doch sind einige
-schwer-wiegende Beweisgründe sehr weit-reichend. Alle Glieder einer
-ganzen Klasse können durch Verwandtschafts-Beziehungen mit einander
-verkettet und alle nach dem nämlichen Prinzip in unterabgetheilte
-Gruppen klassifizirt werden. Fossile Reste sind oft geeignet grosse
-Lücken zwischen den lebenden Ordnungen des Systemes auszufüllen.
-Verkümmerte Organe beweisen oft, dass der erste Stammvater dieselben
-Organe in vollkommen entwickeltem Zustande besessen habe; daher ihr
-Vorkommen nach ihrer jetzigen Beschaffenheit ein ungeheures Maass
-von Abänderung in dessen Nachkommen voraussetzt. Durch ganze Klassen
-hindurch sind mancherlei Gebilde nach einem gemeinsamen Model geformt,
-und im Embryo-Stande gleichen alle Arten einander genau. Daher ich
-keinen Zweifel hege, dass die Theorie der Abstammung mit allmählicher
-Abänderung alle Glieder einer nämlichen Klasse mit<span class="pagenum" id="Seite_518">[S. 518]</span> einander verbinde.
-Ich glaube, dass die Thiere von höchstens vier oder fünf<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a> und die
-Pflanzen von eben so vielen oder noch weniger Stamm-Arten herrühren.</p>
-
-<p>Die Analogie würde mich noch einen Schritt weiter führen, nämlich zu
-glauben, dass alle Pflanzen und Thiere nur von einer einzigen Urform
-herrühren; doch könnte die Analogie eine trügerische Führerin seyn.
-Demungeachtet haben alle lebenden Wesen Vieles miteinander gemein
-in ihrer chemischen Zusammensetzung, ihrer zelligen Struktur, ihren
-Wachsthums-Gesetzen, ihrer Empfindlichkeit gegen schädliche Einflüsse.
-Wir sehen Diess oft in sehr zutreffender Weise, wenn dasselbe Gift
-Pflanzen und Thiere in ähnlicher Art berührt, oder wenn das von der
-Gallwespe abgesonderte Gift monströse Auswüchse an der wilden Rose
-wie an der Eiche verursacht. In allen organischen Wesen scheint die
-gelegentliche Vereinigung männlicher und weiblicher Elementar-Zellen
-zur Erzeugung eines neuen solchen Wesens nothwendig zu seyn. In allen
-ist, so viel bis jetzt bekannt, das Keim-Bläschen dasselbe. Daher
-alle individuellen organischen Wesen von gemeinsamer Entstehung sind.
-Und selbst was ihre Trennung in zwei Haupt-Abtheilungen, in ein
-Pflanzen- und ein Thierreich betrifft, so gibt es gewisse niedrige
-Formen, welche in ihren Charakteren so sehr das Mittel zwischen
-beiden halten, dass sich die Naturforscher noch darüber streiten,
-zu welchem Reiche sie gehören und Professor A<span class="smaller">SA</span> G<span class="smaller">RAY</span> hat
-bemerkt, dass Sporen und andre reproduktive Körper von manchen der
-unvollkommenen Algen zuerst ein charakteristisch thierisches und dann
-erst ein unzweifelhaft pflanzliches Daseyn besitzen. Nach dem Prinzipe
-der Natürlichen Züchtung mit Divergenz des Charakters erscheint
-es auch nicht unglaublich, dass sich einige solche Zwischenformen
-zwischen Pflanzen und Thieren entwickelt haben müssen. Und wenn wir
-Diess zugeben, so müssen wir auch zugeben, <em class="gesperrt">dass alle organischen
-Wesen, die jemals<span class="pagenum" id="Seite_519">[S. 519]</span> auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform
-abstammen</em><a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a>. Doch beruhet dieser Schluss hauptsächlich auf
-Analogie, und es ist unwesentlich, ob man ihn anerkenne oder nicht.
-Aber anders verhält sich die Sache mit den Gliedern einer jeden grossen
-Klasse, wie der Wirbelthiere oder Kerbthiere; denn hier haben wir, wie
-schon bemerkt worden, in den Gesetzen der Homologie und Embryonologie
-einige bestimmten Beweise dafür, dass alle von einem einzigen Urvater
-abstammen.</p>
-
-<p>Wenn die von mir in diesem Bande und die von Hrn. W<span class="smaller">ALLACE</span> im
-Linnean Journal aufgestellten oder sonstige analoge Ansichten über die
-Entstehung der Arten zugelassen werden, so lässt sich bereits dunkel
-voraussehen, dass der Naturgeschichte eine grosse Umwälzung bevorsteht.
-Die Systematiker werden ihre Arbeiten so wie bisher verfolgen können,
-aber nicht mehr unablässig durch den gespenstischen Zweifel beängstigt
-werden, ob diese oder jene Form eine wirkliche Art seye. Diess, fühle
-ich sicher und sage es aus Erfahrung, wird eine Erleichterung von
-grossen Sorgen gewähren. Der endlose Streit, ob die fünfzig Britischen
-Brombeer-Sorten wirkliche Arten sind oder nicht, wird aufhören. Die
-Systematiker haben nur zu entscheiden (was keineswegs immer leicht
-ist), ob eine Form beständig oder verschieden genug von andern Formen
-ist, um eine Definition zuzulassen und, wenn Diess der Fall, ob die
-Verschiedenheiten wichtig genug sind, um einen spezifischen Namen
-zu verdienen. Dieser letzte Punkt aber wird eine weit wesentlichere
-Betrachtung als bisher erheischen, wo auch die geringfügigsten
-Unterschiede zwischen zwei Formen, wenn sie nicht durch Zwischenstufen
-miteinander verschmolzen waren, bei den meisten Naturforschern für
-genügend galten, um beide zum Range zweier Arten zu erheben. Hiernach
-sind wir anzuerkennen genöthigt,<span class="pagenum" id="Seite_520">[S. 520]</span> dass der einzige Unterschied
-zwischen Arten und ausgebildeten Abarten nur darin besteht, dass diese
-letzten durch erkannte oder vermuthete Zwischenstufen noch heutzutage
-miteinander verbunden sind und die ersten es früher gewesen sind. Ohne
-daher die Berücksichtigung noch jetzt vorhandener Zwischenglieder
-zwischen zwei Formen verwerfen zu wollen, werden wir veranlasst
-seyn, den wirklichen Betrag der Verschiedenheit zwischen denselben
-sorgfältiger abzuwägen und höher zu werthen. Es ist ganz möglich, dass
-jetzt allgemein als blosse Varietäten anerkannte Formen künftighin
-spezifischer Benennungen werth geachtet werden, wie z.&#160;B. die beiden
-Sorten Schlüsselblumen, in welchem Falle dann die wissenschaftliche
-und die gemeine Sprache miteinander in Übereinstimmung kämen<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a>.
-Kurz wir werden die Arten auf dieselbe Weise zu behandeln haben, wie
-die Naturforscher jetzt die Sippen behandeln, welche annehmen, dass
-die Sippen nichts weiter als willkürliche der Bequemlichkeit halber
-eingeführte Gruppirungen seyen. Das mag nun keine eben sehr heitre
-Aussicht seyn; aber wir werden hiedurch endlich das vergebliche Suchen
-nach dem unbekannten und unentdeckbaren Wesen der „Spezies“ los werden.</p>
-
-<p>Die anderen und allgemeineren Zweige der Naturgeschichte werden sehr
-an Interesse gewinnen. Die von Naturforschern gebrauchten Ausdrücke
-Verwandtschaft, Beziehung, gemeinsamer Typus, älterliches Verhältniss,
-Morphologie, Anpassungs-Charaktere, verkümmerte und fehlgeschlagene
-Organe u.&#160;s.&#160;w. werden statt der bisherigen bildlichen eine sachliche
-Bedeutung gewinnen. Wenn wir ein organisches Wesen nicht länger, so wie
-die Wilden ein Linienschiff, als etwas ganz ausser unsren Begriffen
-liegendes betrachten, — wenn wir jedem organischen Natur-Erzeugnisse
-eine Geschichte zugestehen; — wenn wir jedes zusammengesetzte
-Gebilde oder jeden Instinkt als die<span class="pagenum" id="Seite_521">[S. 521]</span> Summe vieler einzelner dem
-Besitzer nützlicher Erfindungen betrachten, wie wir etwa ein grosses
-mechanisches Kunstwerk als das Produkt der vereinten Arbeit, Erfahrung,
-Beurtheilung und selbst Fehler zahlreicher Techniker ansehen, und
-wenn wir jedes organische Wesen auf diese Weise betrachten: wie viel
-ansprechender (ich rede aus Erfahrung) wird dann das Studium der
-Naturgeschichte werden!</p>
-
-<p>Ein grosses und fast noch unbetretenes Feld wird sich öffnen für
-Untersuchungen über die Wechselbeziehungen der Entwickelung, über die
-Folgen von Gebrauch und Nichtgebrauch, über den unmittelbaren Einfluss
-äussrer Lebens-Bedingungen u.&#160;s.&#160;w. Das Studium der Kultur-Erzeugnisse
-wird unermesslich an Werth steigen. Eine vom Menschen neu erzogene
-Varietät wird ein für das Studium wichtigerer und anziehenderer
-Gegenstand seyn, als die Vermehrung der bereits unzähligen Arten unsrer
-Systeme mit einer neuen. Unsre Klassifikationen werden, so weit es
-möglich, zu Genealogien werden und dann erst den wirklichen sogen.
-Schöpfungs-Plan darlegen. Die Regeln der Klassifikation werden ohne
-Zweifel einfacher seyn, wenn wir ein bestimmtes Ziel im Auge haben.
-Wir besitzen keine Stamm-Bäume und Wappen-Bücher und werden daher
-die vielfältig auseinander-laufenden Abstammungs-Linien in unsren
-Natur-Genealogien mit Hilfe von mehr oder weniger lang vererbten
-Charakteren zu entdecken und zu verfolgen haben. Rudimentäre Organe
-werden in Bezug auf längst verloren gegangene Gebilde untrügliches
-Zeugniss geben. Arten und Arten-Gruppen, welche man abirrende genannt
-und mit einiger Einbildungs-Kraft lebende Fossile nennen könnte,
-werden uns helfen ein vollständigeres Bild von den alten Lebenformen
-zu entwerfen, und die Embryonologie wird uns die mehr und weniger
-verdunkelte Bildung der Prototype einer jeden der Hauptklassen des
-Systemes enthüllen.</p>
-
-<p>Wenn wir erst für gewiss annehmen, dass alle Individuen einer Art
-und alle nahe verwandten Arten der meisten Sippen in einer nicht
-sehr fernen Vorzeit von einem gemeinsamen Vater entsprungen und von
-ihrer Geburts-Stätte aus gewandert, und<span class="pagenum" id="Seite_522">[S. 522]</span> wenn wir erst besser die
-mancherlei Mittel kennen werden, welche ihnen bei ihren Wanderungen zu
-gut gekommen sind, dann wird das Licht, welches die Geologie über die
-früheren Veränderungen des Klima’s und der Formen der Erd-Oberfläche
-schon verbreitet hat und noch ferner verbreiten wird, uns gewiss in den
-Stand setzen, ein vollkommenes Bild von den früheren Wanderungen der
-Erd-Bewohner zu entwerfen. Sogar jetzt schon kann die Vergleichung der
-Meeres-Bewohner an den zwei entgegengesetzten Küsten eines Kontinents
-und die Beschaffenheit der manchfaltigen Bewohner dieses Kontinentes in
-Bezug auf ihre Einwanderungs-Mittel dazu dienen, die alte Geographie
-einigermaassen zu beleuchten.</p>
-
-<p>Die erhabene Wissenschaft der Geologie verliert von ihrem Glanze durch
-die Unvollständigkeit der Aufzeichnungen. Man kann die Erd-Rinde
-mit den in ihr enthaltenen organischen Resten nicht als ein wohl
-gefülltes Museum, sondern nur als eine zufällige und nur dann und
-wann einmal bedachte arme Sammlung ansehen. Die Ablagerung jeder
-grossen Fossilien-reichen Formation ergibt sich als die Folge eines
-ungewöhnlichen Zusammentreffens von Umständen, und die Pausen zwischen
-den aufeinander-folgenden Ablagerungs-Zeiten entsprechen Perioden
-von unermesslicher Dauer. Doch werden wir im Stande seyn, die Länge
-dieser Perioden einigermaassen durch die Vergleichung der ihnen
-vorhergehenden und nachfolgenden organischen Formen zu bemessen.
-Wir dürfen nach den Successions-Gesetzen der organischen Wesen nur
-mit grosser Vorsicht versuchen, zwei in verschiedenen Gegenden
-abgelagerte Bildungen, welche einige identische Arten enthalten,
-als genau gleichzeitig zu betrachten. Da die Arten in Folge langsam
-wirkender und noch fortdauernder Ursachen und nicht durch wundervolle
-Schöpfungs-Akte und gewaltige Katastrophen entstehen und vergehen,
-und da die wichtigste aller Ursachen, welche auf organische Wesen
-hinwirken, nämlich die Wechselbeziehung zwischen den Organismen selbst,
-in deren Folge eine Verbesserung des einen die Verbesserung oder die
-Vertilgung des andern bedingt, fast unabhängig von der Veränderung und
-zumal plötzlichen Veränderung der physikalischen<span class="pagenum" id="Seite_523">[S. 523]</span> Bedingungen ist: so
-folgt, dass der Grad der von einer Formation zur andern stattgefundenen
-Abänderung der fossilen Wesen wahrscheinlich als ein guter Maassstab
-für die Länge der inzwischen abgelaufenen Zeit dienen kann. Eine
-Anzahl in Masse zusammen-gehaltener Arten jedoch dürfte lange Zeit
-unverändert fortleben können, während in der gleichen Zeit einzelne
-Spezies derselben, die in neue Gegenden auswandern und in Kampf mit
-neuen Mitbewerbern gerathen, Abänderung erfahren würden; daher wir
-die Genauigkeit dieses von den organischen Veränderungen entlehnten
-Zeit-Maasses nicht überschätzen dürfen. Als in frühen Zeiten der
-Erd-Geschichte die Lebenformen wahrscheinlich noch einfacher und minder
-zahlreich waren, mag deren Wechsel auch langsamer vor sich gegangen
-seyn; und als es zur Zeit der ersten Morgenröthe des organischen Lebens
-wahrscheinlich nur sehr wenige Organismen von dieser einfachsten
-Bildung gab, mag deren Wechsel im äussersten Grade langsam gewesen
-seyn. Die ganze Geschichte dieser organischen Welt, so weit sie bekannt
-ist, wird sich hiernach als von einer uns ganz unerfasslichen Länge
-herausstellen, aber von derjenigen Zeit, welche seit der Erschaffung
-des ersten Geschöpfes, des Stamm-Vaters all’ der unzähligen schon
-erloschenen und noch lebenden Wesen verflossen ist, nur ein kleines
-Bruchstück ausmachen.</p>
-
-<p>In einer fernen Zukunft sehe ich Felder für noch weit wichtigere
-Untersuchungen sich öffnen. Die Physiologie wird sich auf eine neue
-Grundlage stützen, sie wird anerkennen müssen, dass jedes Vermögen und
-jede Fähigkeit des Geistes nur stufenweise erworben werden kann.</p>
-
-<p>Schriftsteller ersten Rangs scheinen vollkommen davon überzeugt zu
-seyn, dass jede Art unabhängig erschaffen worden seye. Nach meiner
-Meinung stimmt es besser mit den der Materie vom Schöpfer eingeprägten
-Gesetzen überein, dass Entstehen und Vergehen früherer und jetziger
-Bewohner der Erde, so wie der Tod des Einzelwesens, durch sekundäre
-Ursachen veranlasst werde. Wenn ich alle Wesen nicht als besondre
-Schöpfungen, sondern als lineare Nachkommen einiger weniger<span class="pagenum" id="Seite_524">[S. 524]</span> schon
-lange vor der Ablagerung der silurischen Schichten vorhanden gewesener
-Vorfahren betrachte, so scheinen sie mir dadurch veredelt zu werden.
-Und aus der Vergangenheit schliessend dürfen wir getrost annehmen,
-dass nicht eine der jetzt lebenden Arten ihr unverändertes Abbild auf
-eine ferne Zukunft übertragen wird. Überhaupt werden von den jetzt
-lebenden Arten nur sehr wenige durch Nachkommenschaft irgend welcher
-Art sich bis in eine sehr ferne Zukunft fortpflanzen; denn die Art
-und Weise, wie die organischen Wesen im Systeme gruppirt sind, zeigt,
-dass die Mehrzahl der Arten einer jeden Sippe und alle Arten vieler
-Sippen früherer Zeiten keine Nachkommenschaft hinterlassen haben,
-sondern gänzlich erloschen sind. Man kann insoferne einen prophetischen
-Blick in die Zukunft werfen und voraussagen, dass es die gemeinsten
-und weit-verbreitetsten Arten in den grossen und herrschenden Gruppen
-einer jeden Klasse sind, welche schliesslich die andern überdauern und
-neue herrschende Arten liefern werden. Da alle jetzigen Organismen
-lineare Abkommen derjenigen sind, welche lange vor der silurischen
-Periode gelebt, so werden wir gewiss fühlen, dass die regelmässige
-Aufeinanderfolge der Generationen niemals unterbrochen worden ist
-und eine allgemeine Fluth niemals die ganze Welt zerstört hat. Daher
-können wir mit einigem Vertrauen auf eine Zukunft von gleichfalls
-unberechenbarer Länge blicken. Und da die Natürliche Züchtung nur
-durch und für das Gute eines jeden Wesens wirkt, so wird jede fernere
-körperliche und geistige Ausstattung desselben seine Vervollkommnung
-fördern.</p>
-
-<p>Es ist anziehend beim Anblick eines Stückes Erde bedeckt mit blühenden
-Pflanzen aller Art, mit singenden Vögeln in den Büschen, mit
-schaukelnden Faltern in der Luft, mit kriechenden Würmern im feuchten
-Boden sich zu denken, dass alle diese Lebenformen so vollkommen in
-ihrer Art, so abweichend unter sich und in allen Richtungen so abhängig
-von einander, durch Gesetze hervorgebracht sind, welche noch fort
-und fort um uns wirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen,
-heissen: Wachsthum und Fortpflanzung; Vererbung mit der Fortpflanzung,
-Abänderung in Folge der mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen<span class="pagenum" id="Seite_525">[S. 525]</span>
-äusserer Lebens-Bedingungen und des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs,
-rasche Vermehrung bald zum Kampfe um’s Daseyn führend, verbunden mit
-Divergenz des Charakters und Erlöschen minder vervollkommneter Formen.
-So geht aus dem Kampfe der Natur, aus Hunger und Tod unmittelbar die
-Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen, die
-Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Thiere. Es ist wahrlich
-eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das
-uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe,
-und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft
-folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine
-endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat
-und noch fort entwickelt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br />
-
-<b>Schlusswort des Übersetzers zur ersten Deutschen Auflage</b><a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor"><span class="s7a">[52]</span></a><b>.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 hang1 mbot2">Eindruck und Wesen des Buches. — Stellung des Übersetzers zu
-demselben. — Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. — Einreden
-des Übersetzers. — Aussicht auf künftigen Erfolg.</p>
-
-<p>Und nun, lieber Leser, der Du mit Aufmerksamkeit dem Gedanken-Gange
-dieses wunderbaren Buches bis zu Ende gefolgt bist, dessen Übersetzung
-wir Dir hier vorlegen, wie sieht es in Deinem Kopfe aus? Du besinnst
-Dich, was es noch unberührt gelassen von Deinen bisherigen Ansichten
-über die wichtigsten Natur-Erscheinungen, was noch fest stehe von
-Deinen bisher festgestandnen Überzeugungen? Es sind nicht etwa
-teleskopische<span class="pagenum" id="Seite_526">[S. 526]</span> Entdeckungen, nicht neue Elementar-Stoffe, nicht die
-anatomischen Enthüllungen eines 10,000fältig vergrössernden Mikroskops,
-die der Verfasser gegen unsre bisherigen Vorstellungen auftreten lässt;
-es sind neue Gesichtspunkte, unter welchen ein gediegener Naturforscher
-in geistreicher und scharfsinniger Weise alte Thatsachen betrachtet,
-die er seit zwanzig Jahren gesammelt und gesichtet, über die er
-seit zwanzig Jahren unablässig gesonnen und gebrütet hat. Tief in
-seinen Gegenstand versenkt, von der Wahrheit der gewonnenen Resultate
-unerschütterlich überzeugt, trägt er sie mit so bewältigender Klarheit
-vor, beleuchtet er sie mit so viel Geist, vertheidigt er sie mit so
-scharfer Logik, zieht er so wichtige Schlüsse daraus, dass wir, was
-auch unsre bisherige Überzeugung gewesen seyn mag, uns eben so wenig
-ihrem Eindrucke entziehen, als unsre Anerkennung der Aufrichtigkeit
-versagen können, womit er selbst alle Einreden, die man ihm
-entgegen-halten kann, herbeisucht und nach ihrem Gewichte anerkennt. Er
-gesteht zu, dass sich gegen fast alle seine Gründe Gegengründe anführen
-lassen, und behält sich die ausführlichere Erörterung der Einzelnheiten
-in einem Umfang-reicheren Werke vor, da es sich hier nur um eine
-Gesammt-Darstellung seiner Theorie handelte.</p>
-
-<p>Auf diese Weise ausgerüstet kann ein Werk nicht verfehlen die grösste
-Aufmerksamkeit zu erregen, das sich zur Aufgabe gesetzt, die dunkelsten
-Tiefen der Natur zu beleuchten, das bisher unlösbar geschienene
-Problem, das grösste Räthsel für die Naturforschung zu lösen und
-<em class="gesperrt">einen</em> Gedanken, <em class="gesperrt">ein</em> Grund-Gesetz in Werden und Seyn der
-ganzen Organismen-Welt nachzuweisen, das dieselbe in Zeit und Raum
-eben so beherrscht, wie die Schwerkraft in den Himmelskörpern und die
-Wahlverwandtschaft in aller Materie waltet, und auf welches alle andern
-Gesetze zurückführbar sind, die man bisher für sie aufgestellt hat.
-Es ist das Entwickelungs-Gesetz durch Natürliche Züchtung, das in der
-ganzen organischen Natur eben so wie im Systeme und im Individuum durch
-Zeit und Raum herrscht.</p>
-
-<p>Die bisherigen Versuche, jenes Problem ganz oder theilweise zu lösen,
-waren Einfälle ohne alle Begründung und nicht<span class="pagenum" id="Seite_527">[S. 527]</span> fähig, eine Prüfung
-nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auszuhalten, ja nur zu
-veranlassen<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a>. Gleichwohl hat jeder Naturforscher gefühlt, dass die
-Annahme einer jedesmaligen persönlichen Thätigkeit des Schöpfers, um
-die unzähligen Pflanzen- und Thier-Arten in’s Daseyn zu rufen und
-ihren Existenz-Bedingungen anzupassen, im Widerspruch ist mit allen
-Erscheinungen in der unorganischen Natur, welche durch einige wenige
-unabänderliche Gesetze geregelt werden<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a>, durch Kräfte, die der
-Materie selbst eingeprägt sind. Da wir es auf Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span>
-Wunsch übernommen haben, sein Werk in’s Deutsche zu übertragen, so
-glauben wir dem Leser einige Rechenschaft von unsrer eigenen bisherigen
-Ansicht über mehre der durch den Verf. erörterten Fragen im Einzelnen
-und über seine Theorie im Ganzen, so wie von dem Einflusse schuldig zu
-seyn, welchen dieselbe auf unsre eigene Vorstellungs-Weise hinterlassen
-hat. Wir leisten diese Rechenschaft um so lieber, als, was wir auch
-immer gegen diese neue Theorie einzuwenden haben mögen, Diess unsre
-hohe Achtung und Bewunderung für ihren Begründer, unsere Dankbarkeit
-für seine zahlreichen Belehrungen und unsre zuversichtliche Hoffnung
-auf glänzende Erfolge seiner Bestrebungen nicht schmälern kann<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a>.</p>
-
-<p>Wir haben an C<span class="smaller">UVIER</span>’<span class="smaller">S</span> Definition festhaltend die <em class="gesperrt">Art</em>
-als Inbegriff aller Individuen von einerlei Abkunft und derjenigen,
-welche ihnen eben so ähnlich als sie unter sich sind, betrachtet<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a>.
-Wir haben die Arten im Ganzen für beständig in ihren Charakteren,
-doch der Abartung in Folge äusserer oder unbekannter Einflüsse für
-fähig gehalten<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a>, die Abarten oder Varietäten aber<span class="pagenum" id="Seite_528">[S. 528]</span> für fähig
-unter angemessenen Verhältnissen wieder zu dem älterlichen Typus
-zurückzukehren; doch werde Diess der bestehenden Erfahrung gemäss um
-so schwerer halten, je länger die Abart unter fortwährendem Einflusse
-derselben äusseren Bedingungen, denen sie ihre Entstehung verdankte,
-schon als solche fortgepflanzt worden seye<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a>. Das Maass der möglichen
-Abänderung einer Art wurde als ein beschränktes vorausgesetzt und
-nach den vorhandenen Erfahrungen in der geschichtlichen Zeit taxirt,
-ohne jedoch das mögliche Maximum dieser Grenzen zu bestimmen.
-Successiv auftretende Arten-Formen nahmen wir daher als selbstständig
-an<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a>. Eine Generatio aequivoca der Arten haben wir nach den bisher
-bestehenden Erfahrungen nicht anerkannt<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a>; und daher in Ermangelung
-einer andern Arten-bildenden Natur-Kraft (da Bastarde keine neue
-Arten gründen) nöthig gefunden, uns einstweilen noch auf eine
-Schöpfung zu berufen<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a>, jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung,
-dass solche Annahme einer persönlichen Thätigkeit des Schöpfers mit
-dem übrigen Walten in der Natur im Widerspruch stehe<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a>. Wir haben
-die Leistungen dieser Schöpfungs-Kraft, welcher Art sie nun seyn
-möge<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a>, näher charakterisirt und darauf hingewiesen, dass sie
-neben den unvollkommenen auch immer höher vervollkommnete Organismen
-hervorgebracht habe, wovon die neu auftretenden Formen immer in festen
-verwandtschaftlichen Beziehungen zu den untergegangenen und zu den
-jedesmaligen äusseren Lebens-Bedingungen gestanden, was auf ein nahes
-Verhältniss der schaffenden Kraft zu der erhaltenden und zu diesen
-äusseren Verhältnissen hinweise.</p>
-
-<p>D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span> <em class="gesperrt">Theorie</em> lässt sich nun in folgender Weise
-zusammenfassen. Der Schöpfer hat einigen wenigen erschaffenen
-Pflanzen- und Thier-Formen, vielleicht auch nur einer einzigen,<span class="pagenum" id="Seite_529">[S. 529]</span> Leben
-eingeblasen<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a>, in Folge dessen diese Organismen im Stande waren zu
-wachsen und sich fortzupflanzen, aber auch bei jeder Fortpflanzung in
-verschiedener Richtung um ein Minimum zu variiren („Fortpflanzung mit
-Abänderung“). Die Ursachen solchen Abändern’s sind zumal in Affektionen
-der Generations-Organe und nur geringentheils in unmittelbaren
-Einflüssen der äusseren Lebens-Bedingungen zu suchen. Solche kleine
-Abweichungen vom älterlichen Typus können schädliche, gleichgültige
-und nützliche seyn. Waren sie es in noch so geringem Grade, so hatten
-die Individuen mit den ersten am wenigsten und die mit den letzten
-am meisten Aussicht die andern zu überleben und sich fortzupflanzen.
-Die überlebenden Individuen werden die ihnen nützlich gewordene
-Abweichung oft wieder auf ihre Nachkommen „vererbt“ haben, und wenn
-diese nur nach 10 Generationen wieder einmal in gleicher Richtung
-und Stärke variirten, so war das Maass der Abänderung und somit ihre
-Aussicht die anderen Individuen zu überleben auf’s Neue vermehrt. Die
-Natur begünstigt also vorzugsweise die Fortpflanzung der mit jener
-nützlichen Abweichung versehenen Individuen auf Kosten der andern
-und häuft dieselbe bei späteren Nachkommen zu immer höherem Betrage
-an, etwa wie ein Viehzüchter bei Veredlung seiner Rassen verfährt
-(„Natürliche Züchtung“), um deren ihm selbst willkommene Eigenschaften
-zu steigern. So kann nach tausend, zehntausend oder hunderttausend
-Generationen in einzelnen Nachkommen der ersten Urform jene Abweichung
-eine 100-, 1000-, 10,000fach gehäufte, es kann aus der anfänglich ganz
-unbemerkbaren Abänderung eine wirkliche Abart, eine eigene Art, eine
-andere Sippe, ja zuletzt nach 1,000,000 und mehr Generationen eine
-andere Ordnung oder Klasse von Organismen entstehen; denn es liegt
-keine natürliche Ursache und kein logischer Grund vor anzunehmen, dass
-das Maass der langsamen Abänderung irgendwo eine Grenze finde. Eine
-Abänderung aber, die in einer Gegend, Lage, Gesellschaft<span class="pagenum" id="Seite_530">[S. 530]</span> u.&#160;s.&#160;w.
-nützlich ist, kann in der andern schädlich seyn u.&#160;a. Es können mithin
-aus derselben Grundform unter verschiedenen äusseren Verhältnissen
-Abänderungen in ganz verschiedener Richtung entstehen, fortdauern und
-mit der Zeit allmählich ganz verschiedene Sippen, Familien und Klassen
-bilden („Divergenz des Charakters“). Da die Nützlichkeit jeder Art
-von Abänderung von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen
-abhängig ist, unter welchen sie nützlich erscheinen, und da die
-Abänderung selbst unter andern Bedingungen eine andere seyn muss,
-um dem Organismus zu nützen, so besteht diese Natürliche Züchtung
-in einer fortwährenden „Anpassung der vorhandenen Lebenformen an
-die äusseren Bedingungen“ und Angewöhnung an dieselben. Diese sind
-Wohn-Elemente, Boden, Klima, Licht, Nahrung, vor allem Andern aber die
-Wechselbeziehungen der beisammen wohnenden Organismen zu einander, ihr
-Leben von einander, die Nothwendigkeit sich gegenseitig zu verdrängen
-und zu vertilgen, weil bei Weitem nicht alle, die geboren werden, auch
-neben einander fortleben können; daher der „Kampf um’s Daseyn“ bei
-fortdauernder Vervielfältigung und Ausbreitung der vervollkommneten
-Sieger und fortwährende „Erlöschung“ der wegen minderer Vollkommenheit
-Besiegten. Je mehr Lebenformen entstehen, desto manchfaltiger werden
-mithin wieder die Lebens-Bedingungen. Daher auch eine fortwährende
-Veränderung, Vervollkommnung und Vervielfältigung eines Theiles der
-Lebenformen (obwohl andere verschwinden) nicht als Zufall, sondern
-als nothwendige gesetzliche Erscheinung! Manche Organe mögen sich
-wohl auch in Folge der Art ihres „Gebrauches“ weiter entwickeln und
-vervollkommnen, wie andere durch „Nichtgebrauch“ allmählich zurückgehen
-und verkümmern („rudimentäre Organe“), wenn sie etwa unter veränderten
-Lebens-Bedingungen nicht mehr nöthig und vielleicht sogar schädlich
-sind. Wie die Natürliche Züchtung die ganzen Lebenformen allmählich
-differenzirt, um sie verschiedenen Lebens-Bedingungen anzupassen, so
-verfährt sie oft auch mit gleichartigen Organen, die in grösserer
-Anzahl an einerlei Individuen vorkommen. Wenn jedoch erbliche
-Abänderungen nur in einem<span class="pagenum" id="Seite_531">[S. 531]</span> gewissen Lebens-Alter auftreten oder
-erworben werden, so vererben sie sich auch nur auf dieses Lebens-Alter
-der Nachkommenschaft; diese bekommt mit fortschreitendem Alter neue
-Formen, durchläuft vom Embryo-Zustande an eine „Metamorphose“,
-während es andere Lebenformen gibt, welche lebenslänglich fast
-gleiche („embryonische“) Gestalt beibehalten, daher die ursprüngliche
-Verwandtschaft der Wesen sich gewöhnlich durch Übereinstimmung im
-Embryo-Zustande am längsten verräth. Die allmähliche Entstehung so
-vieler immer manchfaltigerer und z.&#160;Th. immer vollkommenerer Lebenwesen
-durch Fortpflanzung mit Abänderung und unter gleichzeitigem Aussterben
-anderer lässt sich daher mit der Entwickelung eines Baumes vergleichen;
-die Urformen bilden den Stamm, die Ordnungen, Sippen und Arten, die
-Äste und Zweige, und ein natürliches System kann nicht anders als in
-Form eines Stammbaumes dargestellt werden. Dieser Baum erstreckt sich
-gleichsam durch alle Gebirgs-Formationen aus der Tiefe herauf; da er
-aber in der Silur-Zeit schon in viele Äste auseinander gelaufen, so
-muss der eigentliche Stamm in noch viel älteren und tieferen Schichten
-stecken, die man noch nicht entdeckt oder erkannt hat, entweder weil
-sie durch metamorphische Prozesse verändert und sammt ihren organischen
-Resten unkenntlich geworden sind, oder weil sie unter dem Ozean liegen.
-Denn es könnte möglich seyn, dass seit der silurischen Periode das
-Weltmeer im Ganzen genommen in Senkung, wie unsre jetzigen Kontinente
-im Ganzen genommen fortwährend in Hebung begriffen wären. Im Übrigen
-erklärt sich die geographische Verbreitungs-Weise der Organismen, von
-zufälligen und gelegentlichen Verbreitungs-Mitteln einzelner Individuen
-abgesehen, hauptsächlich aus grossen klimatischen und geographischen
-Veränderungen (wie die Eis-Zeit), welche der Reihe nach alle Theile der
-Erd-Oberfläche betroffen, ihre Bewohner in andere Gegenden gedrängt und
-ihnen die Wege bald hier und bald dort geebnet haben, so dass manche
-Bewohner gemässigter Zonen sogar den Äquator überschreiten und ihre Art
-in die andre Hemisphäre verpflanzen konnten.</p>
-
-<p>Die neue Hypothese gibt Thatsachen und Urtheile, um zu<span class="pagenum" id="Seite_532">[S. 532]</span> zeigen, wie
-sich die Erscheinungen im Allgemeinen verhalten haben können oder noch
-verhalten können, und es gelingt ihr das oft in einem überraschenden
-Grade. Es sind ganze in langen Kapiteln abgehandelte Probleme, die
-sich mit deren Hülfe dann so einfach lösen, dass man fast keinen
-Augenblick darüber in Zweifel geräth, ob sich die Sache nicht auch
-anders verhalten könne, und man sich selbst aufrütteln muss, um sich zu
-erinnern, es handle sich vorerst nur um eine in ihren Grundbedingungen
-der Rechtfertigung noch durchaus bedürftigen Hypothese. Und in der
-That, wenn man dann über den Rand des Buches hinaus auf irgend ein
-andres Werk blickt, welches die Erscheinungen so schildert, wie sie
-in der Natur vorliegen, so fühlt man oft, dass die Anwendbarkeit der
-D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Theorie auf die Wirklichkeit nicht so einfach und
-nicht so unmittelbar ist, als es geschienen, so lange man sich mit dem
-Verfasser ganz in seine Ansichten versenkt hatte, weil (begreiflich)
-die Verhältnisse überall nicht so einfach oder so geartet sind, wie
-er sie Beispiels-weise unterstellt. Wie sehr man sich daher auch von
-des Verfs. Theorie angezogen fühlen mag, weil sie, ihrem Grundgedanken
-nach einmal zugestanden, eine Menge einzelner unerklärter Erscheinungen
-auf die überraschendste Weise verkettet und als nothwendige erklärt,
-so muss man wohl erwägen, in wie ferne sie wirklich annehmbar seye. In
-dieser Beziehung wollen wir hier zum Schlusse noch einige erläuternde
-Betrachtungen mit unseren wesentlichsten Einreden dagegen folgen
-lassen, weil uns Diess angemessener und schicklicher erscheint, als
-die Übersetzung selbst überall mit Einwürfen zu begleiten. Eine nicht
-unerhebliche Anzahl noch andrer Gegenreden könnte leicht aus unsren
-früheren Schriften beigebracht werden, die wir hier übergehen, ohne sie
-jedoch für entkräftet zu halten.</p>
-
-<p>Zuerst haben wir keine weitre positive Kenntniss von den natürlichen
-Grenzen der Veränderlichkeit der Arten überhaupt, als dass Varietäten
-aus ihnen entstehen, die unter denselben äusseren Bedingungen, unter
-welchen sie entstanden sind, auch um so ständiger werden können, je
-länger sie sich unter demselben Einflusse gleichbleibend fortpflanzen.
-Darin liegt allerdings<span class="pagenum" id="Seite_533">[S. 533]</span> schon ein grosses Zugeständniss, indem wir,
-sehr lange Zeiträume unterstellend, meistens nicht die Hoffnung hegen
-dürfen, eine solche während 1000 Generationen ständig fortgepflanzte
-Varietät jemals wieder auf ihren Urtypus wirklich zurückzuführen. Ja
-wir dürfen uns dieser Hoffnung um so weniger hingeben, als wir sehr
-oft die wahre Ursache der Entstehung einer solchen Varietät nicht
-einmal kennen, und sogar dann, wenn wir sie kennen, meistens kaum im
-Stande seyn dürften, dasjenige Agens zu finden oder diejenige Reihe
-von Agentien zu enträthseln oder anzuwenden, welche dem ersten direkt
-entgegenwirken. Wir würden daher oft weder den positiven Beweis der
-Abstammung noch auch aus der Thatsache, dass sich eine Abart nicht
-mehr auf ihre Stamm-Form zurückbringen lässt, den Gegenbeweis liefern
-können, dass jene aus dieser <em class="gesperrt">nicht</em> entstanden seye. Was daher
-auch immer für die <em class="gesperrt">Möglichkeit unbegrenzter Abänderung</em> angeführt
-werden mag, so ist sie vorerst und wird sie wohl noch lange eine
-unerweisliche, aber allerdings auch unwiderlegliche Hypothese bleiben,
-eine Hypothese, gegen deren Annahme mithin aus diesem Gesichtspunkte
-logisch nichts einzuwenden ist, woferne sie sonst ihrer Bestimmung
-genügt.</p>
-
-<p>Ganz anders aber verhält es sich mit einer andern Erscheinung, und
-diese bildet unsres Bedünkens den <em class="gesperrt">ersten und erheblichsten Einwand
-gegen die neue Theorie</em>, da er sie in ihren Grundlagen berührt,
-wie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> auch ganz wohl gefühlt hat und ihn daher gar
-vielfältig zu widerlegen sucht<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a>, dessen Bedeutung aber gerade
-darum um so schärfer hervortritt, weil aller auf diese Widerlegung
-verwendete Fleiss und Scharfsinn die beabsichtigte Wirkung bei
-Weitem nicht in genügendem Grade hervorzubringen im Stande ist.
-Diese Erscheinung ist folgende. Da die entstehenden Varietäten nach
-D<span class="smaller">ARWIN</span> in der Regel sich nicht durch äussre Einflüsse und
-nie in Folge eines eigenen innern in bestimmter Richtung beharrlich
-abweichenden Bildungs-Triebes entwickeln, sondern dadurch, dass von
-ganz zufälligen in allen möglichen Richtungen auseinanderlaufenden<span class="pagenum" id="Seite_534">[S. 534]</span>
-unmerkbar kleinen Abänderungen diejenigen, welche dem Organismus
-nützlich sind, am meisten Aussicht haben, die übrigen zu überleben und
-sich reichlicher als sie fortzupflanzen, — da eine jede dieser in
-verschiedenen Richtungen auseinander-laufenden kleinsten Abänderungen
-wieder in allen Richtungen um ein Minimum abändern kann, — da nach
-des Verfs. eigner Annahme nur in 4–8–10 Generationen wieder einmal
-eine genau in gleiche Richtung mit einer der vorigen fällt und sie
-steigert oder durch Häufung verstärkt; — und da unter so unmerkbar
-kleinen Abänderungen noch keine ein merkbar grosses Übergewicht über
-die andern im Rassen-Kampfe haben kann: — so werden die Abarten
-nicht als solche nett und fertig sich von der Stammform wie ein
-gestieltes Dikotyledonen-Blatt vom Stengel, sondern etwa wie der
-unregelmässig krause Lappen einer Blätterflechte von der übrigen
-Flechten-Masse ablösen, welcher sich auch im weitren Verlaufe nie zu
-einem scharf und regelmässig contourirten Blatt entwickelt, sondern
-stets seine unsichere Gestalt beibehält, indem, wie lang er endlich
-auch werden mag, er immer wieder in ähnlicher Weise wuchert. Und
-diese Unsicherheit der Begrenzung wird um so bedeutender werden,
-da die neuen Abarten nicht auf einzelnen Merkmalen, sondern auf
-2–3–4 von den alten abweichenden Charakteren beruhen, deren aber
-jeder für sich allein auftreten oder sich in verschiedener Weise
-und in verschiedenen Graden mit jedem andern verbinden kann, und da
-nach des Verfs. eigener Theorie Varietäten unter sich vorzugsweise
-fruchtbar sind und kräftige Nachkommenschaft liefern. Es müssten
-Formen-Gewirre entstehen noch weil ärger, als wir sie z.&#160;Th. in Folge
-anderer Ursachen in der Pflanzen-Welt wirklich in einigen Fällen
-kennen, bei Rubus, Salix, Rosa, Saxifraga. So müssten sie, wenn auch
-nicht ausnahmslos, doch vorherrschend überall vorkommen, obwohl sie
-jetzt im Pflanzen-Reiche selbst nur als Ausnahmen erscheinen und im
-[lebenden] Thier-Reiche noch überhaupt kaum bekannt sind. Wählen wir
-daher zu bessrer Versinnlichung einige hypothetische Fälle aus diesem
-letzten aus. Wenn z.&#160;B. aus der Haus-Ratte (Mus rattus) eine Wander-
-oder Kanal-Ratte (Mus decumanus) werden sollte<span class="pagenum" id="Seite_535">[S. 535]</span> (wir wählen diess
-Beispiel, weil in der That noch vor unsern Augen diese letzte als die
-stärkere die erste allenthalben verdrängt), so müssten nicht nur alle
-Übergänge aus der minderen Grösse, aus der bläulich-grauen Farbe,
-aus den längeren Ohren und dem längeren Schwanze der ersten in die
-ansehnlichere Grösse, die oben braun-graue und unten weissliche Farbe,
-die kürzren Ohren und den kürzren Schwanz der letzten eintreten und, da
-sie sich nicht gegenseitig bedingen, wahrscheinlich alle sich mit allen
-andern Merkmalen und in allen mit allen Abstufungen (zum Theil sogar
-in überschüssigem Maasse) so lange verbinden, als nicht eine dieser
-Verbindungen ihrem Besitzer positiv schädlich oder entschieden nützlich
-würde. Da jede dieser vier Verschiedenheiten sich mit den drei andern
-verbinden kann, so entstehen hiedurch schon zehnerlei Verbindungen;
-und da jede derselben auf jeder Abstufung der Umänderung sich mit
-allen Abstufungen der Umänderung der drei andern zusammen-gesellen
-kann, so werden die Mittelformen zahllos seyn, und es ist in keiner
-Weise abzusehen, wie statt solcher zahlloser Abänderungen, Abstufungen
-und Kombinationen zuletzt gerade nur die einzige feste und bestimmte
-Form der Wander-Ratte entstehen solle, zumal wir nicht wahrzunehmen
-vermögen, dass alle Abweichungen derselben von der Organisation der
-andern Art wesentlich zu ihrer grösseren Vollkommenheit beitragen,
-sondern mitunter für das Thier ganz gleichgültig seyn mögen, und
-da beide Arten keineswegs sich genau um dieselben Aufenthalts-Orte
-streiten. Geben wir aber zu, dass (aus uns unbekannten Ursachen) gerade
-nur die eine Kombination der Charaktere, wie sie in der Wander-Ratte
-vorkommt, derjenigen in der Haus-Ratte so überlegen seye, dass die
-erste die letzte überall zu besiegen und zu verdrängen im Stande ist,
-wo sie mit ihr in Mitbewerbung tritt, so begreift man (trotz Allem,
-was Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> dafür anführt) doch nicht, warum die der
-Wander-Ratte näher-stehenden schon weniger oder mehr verbesserten
-und jedenfalls nur in viel unbedeutenderem Nachtheil befindlichen
-Abänderungen immer und fortwährend zuerst besiegt und verdrängt werden
-sollten, die blaugraue Ratte aber, welche am weitesten von dem<span class="pagenum" id="Seite_536">[S. 536]</span>
-verbesserten Vorbilde entfernt ist, zuletzt? Man begreift nicht, warum
-die neue Art zuerst zur vollständigen Ausbildung gelangen müsse, ehe
-sie die andre zu besiegen im Stande ist, da ja die überlegenere von
-ihnen doch fortwährend die begünstigteren und schon halb verbesserten
-Mittelformen verdrängen und in einer Weise vernichten soll, als ob ein
-Individuum das andre unausgesetzt mit positiven Waffen angriffe. Hr.
-D<span class="smaller">ARWIN</span> wird uns in dem von den zwei Ratten-Arten entnommenen
-Beispiele etwa antworten, dass (obwohl thatsächlich eine die andre
-verdrängt und besiegt) sie nicht eine aus der andern, sondern dass
-beide aus einer bereits untergegangenen dritten Art entstanden sind,
-oder etwa dass sie sich unter Umständen aus einander entwickelt haben,
-die wir nicht kennen, daher wir auch nicht zu sagen im Stande seyen,
-in wieferne ihnen eine jede einzelne Eigenschaft nützlich gewesen
-seye oder nicht. Dieselben Antworten etwa würde uns D<span class="smaller">ARWIN</span>
-ertheilen, wenn wir Hasen und Kaninchen zum Beispiele wählten; —
-und wenn wir fragten, warum wir die blinden Höhlen-Thiere nicht noch
-halb-blind im vordem Theile der Höhlen finden, durch welche sie in den
-hintern dunkelsten Theil eingedrungen, so würde er uns noch weiter
-sagen, dass diese durch spätre Mitbewerber dort ausgetilgt seyn können.
-Diese und ähnliche an und für sich unangreifbare allgemeine Antworten
-wird er jeder Einrede entgegenhalten; aber wenn sie auch in manchen
-<em class="gesperrt">einzelnen</em> Fällen begründet sind und in keinem Falle als absolut
-unpassend beseitigt oder widerlegt werden können, so fühlt doch Jeder,
-dass die Sache <em class="gesperrt">im Ganzen</em> genommen nach der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen
-Theorie selbst sich ganz anders gestaltet haben würde und noch
-gestalten müsste, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Er ist dadurch
-im Vortheil, dass er desshalb über <em class="gesperrt">gar keinen</em> einzelnen Fall
-Rechenschaft zu geben braucht, weil man nicht über <em class="gesperrt">jeden</em>
-einzelnen Fall Rechenschaft von ihm fordern kann!</p>
-
-<p>Den Mangel der Zwischenformen der Arten in den Erd-Schichten erklärt
-Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> unter Anderem aus der unvollständigen Erhaltung der
-einst vorhanden gewesenen Organismen-Formen im Fossil-Zustande und aus
-der Länge der Ruhe-Perioden<span class="pagenum" id="Seite_537">[S. 537]</span> zwischen den verschiedenen Formationen.
-Wenn wir aber eine Menge von Arten in identischen Formationen (wie Hr.
-D<span class="smaller">ARWIN</span> selbst anerkennt) überall in zahlreichen und sogar in
-Tausenden von Exemplaren wieder finden, so können die Bedingungen der
-Erhaltung für die Zwischenformen unmöglich so ganz ungünstig gewesen
-seyn, dass gar nichts von ihnen übrig geblieben; Zwischenformen
-müssten sich um so eher finden, als im Fossil-Zustande eine Menge
-von Charakteren verloren gehen, mit deren Hülfe allein wir viele
-sonst ganz selbstständige lebende Arten von einander unterscheiden.
-Endlich, wie lange auch, in Jahren ausgedrückt, die Zwischenräume
-gewesen seyn mögen, welche zwischen der Absetzung verschiedener
-Formationen vergangen: geologisch oder relativ genommen sind sie nicht
-so unermesslich lang, als sie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> darstellt, indem
-nämlich die Veränderungen, welche von einer Formation zur andern in der
-Organismen-Welt vor sich gegangen, meistens gar nicht viel grösser zu
-seyn pflegen als jene, die von einem Schichten-Stock zum andern oder
-von einer Schicht zur andern in derselben Formation stattfinden. So
-sind wenigstens von der Silur- bis zur Kohlen-Formation, und von der
-Trias- bis zur heutigen Periode selbst auf <i>Europäischem</i> Gebiete
-keine sehr grossen Lücken mehr vorhanden, und hier und da scheint sogar
-eine ununterbrochene Bildungs-Reihe von Schichten zwei Formationen zu
-verbinden!</p>
-
-<p>Aber selbst wenn wir den einfachsten Fall annehmen, wenn wir uns unter
-denjenigen Abarten umsehen, welche sich heutzutage als solche in unsren
-Systemen aufgeführt finden, so ist auch da schon die Kette hinter ihnen
-abgeschnitten; auch da schon fehlen fast überall die Glieder, welche
-sie mit der Stamm-Art verbinden; denn wären diese noch vorhanden, so
-könnte keinen Augenblick mehr ein Streit darüber fortdauern, ob sie
-selbstständige Arten oder nur Abarten seyen, ein Streit, auf welchen
-sich D<span class="smaller">ARWIN</span> so oft beruft! Und wenn Art und Abart als solche
-noch reichlich neben einander bestehen, wie könnten die Zwischenglieder
-durch die Abart bereits ausgetilgt seyn? Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> gibt uns
-auch hier eine vortreffliche Erklärung, wie Diess in einigen Fällen
-möglich gewesen seyn könne, indem er die<span class="pagenum" id="Seite_538">[S. 538]</span> Varietäten und Arten zuerst
-auf Inseln u.&#160;a. ringsum abgeschlossenen Gebieten entstehen lässt,
-wo alle divergirenden Stämme einer Spezies sich immer wieder mit
-einander kreutzen können und durch Vererbung eine gemeinsame Mittelform
-herzustellen im Stande sind. Aber dürfte diese Erklärungs-Weise
-wirklich als Regel und ihre Nichtanwendbarkeit nur als seltene Ausnahme
-zu betrachten seyn?? Muss es in allen Fällen so gewesen seyn, weil es
-in einzelnen Fällen so gewesen seyn kann?</p>
-
-<p>Doch verweilen wir bei dieser Erklärung; denn sie würde in der That
-vortrefflich seyn, wenn man annehmen dürfte, dass sich jede Art aus
-Individuen einer andern entwickelt habe, die auf beschränktem Raume
-gänzlich von allen ihren Art-Genossen abgeschlossen gewesen wären, so
-dass alle Nachkommen dieser Individuen unter neuen Existenz-Bedingungen
-sich jederzeit alle mit einander mischen, aber nie mehr mit ihren
-andern Verwandten in irgend eine Berührung kommen konnten, bis die
-neue Art vollendet war! Das treffendste thatsächliche Beispiel für
-einen solchen Fall liefert uns der Mensch selbst. Der Mensch war gewiss
-noch lange, nachdem er sich bereits über die ganze Erd-Oberfläche
-verbreitet hatte, nicht im Stande, sich in Masse von einem Welttheile
-zum andern zu bewegen. Beobachtungen in <i>Neu-Orleans</i> u.&#160;a. haben
-zur Berechnung geführt, dass schon etwa in der Diluvial-Zeit, vor
-10,000–100,000 oder noch mehr Jahren, die jetzigen Menschen-Rassen
-vorhanden und in jetziger Weise vertheilt gewesen sind. Die Bewohner
-eines jeden Welttheils waren von den übrigen fast isolirt, aber unter
-sich mehr und weniger verbunden; sie erfüllten die oben geforderten
-Bedingungen so genügend, wie man es in keinem andern Falle zu finden
-und nachzuweisen erwarten darf, und so war eine ungestörte Divergenz
-des Charakters der Menschen-Spezies während einer Zeit-Periode möglich,
-welche anerkannter Maassen zur Bildung neuer Spezies, wenn auch noch
-nicht zur Umgestaltung der ganzen Flora und Fauna, genügend war. Und
-was ist die Folge jener Isolirung einzelner Menschen-Gruppen während
-eines so langen Zeitraumes gewesen? Es sind eben so viele Rassen als
-getrennte Welttheile und eine Anzahl Mischlinge entstanden,<span class="pagenum" id="Seite_539">[S. 539]</span> die
-zuletzt sehr verschieden im Aussehen und noch verschiedener in ihrer
-geistigen Befähigung doch einander so nahe verwandt geblieben und so
-fruchtbar miteinander sind, dass Niemand an ihrer Art-Verwandtschaft
-miteinander zweifelt, obschon der Kampf um’s Daseyn binnen der drei
-oder vier Jahrhunderte, seit welchen in den verschiedenen Gegenden
-allmählich entwickelten Rassen miteinander in Berührung gekommen
-sind, bereits genügt hat, um einige derselben (und zwar nicht die
-ausgeprägtesten) dem Erlöschen nahe zu bringen. Wir dürfen wohl nicht
-hoffen einen andern <em class="gesperrt">thatsächlichen</em> Beleg über das Abändern der
-Arten und die Divergenz des Charakters zu finden, der sich in der
-erweislichen Länge der Zeitdauer und Vollkommenheit der Isolirung
-der Rassen der verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, welche diese
-Erde einer nämlichen Spezies darzubieten im Stande ist, mit diesem
-vergleichen liesse.</p>
-
-<p>Gerne möchten wir zu Gunsten der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Theorie und zur
-Erklärung, warum nicht viele Arten durch Zwischenglieder in einander
-verfliessen, noch irgend ein inneres oder äusseres Prinzip entdecken,
-welches die Abänderungen jeder Art nur in <em class="gesperrt">einer</em> Richtung weiter
-drängte, statt sie in allen Richtungen bloss zu gestatten. Das Problem
-wurde dann ein einfachres werden; aber immer müssten wir wieder
-erwarten, auch in dieser einfachen Reihe die Kette der Zwischenglieder
-aufzufinden, und diese sind weder vorhanden, noch ist uns ein innres
-derartiges Prinzip irgendwo bekannt.</p>
-
-<p>Freilich liegen <em class="gesperrt">äussre</em> solche Prinzipien vor. Es sind die
-Existenz-Bedingungen, welchen sich die Organismen anpassen müssen,
-und welche eine so grosse Rolle in diesem Buche spielen. Sie sind
-theils organische und theils unorganische, und die ersten nach
-Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span> weitaus die zahlreichsten und wichtigsten und
-daher auch an und für sich geeignet, die manchfaltigsten Folgen
-zu veranlassen. Doch eben diese organischen Prinzipien haben für
-D<span class="smaller">ARWIN</span> wieder den grossen Vortheil, dass, indem er sich auf
-ihre Manchfaltigkeit und auf den Kampf ums Daseyn überhaupt beruft, er
-der Nothwendigkeit überhoben ist, Rechenschaft von ihrer Wirkungs-Weise
-im Einzelnen zu geben<span class="pagenum" id="Seite_540">[S. 540]</span> und nachzuweisen, welche spezielle Folgen
-diese oder jene spezielle organische Bedingungen auf die Struktur und
-Entwickelung der ihrem Einfluss unterliegenden Organismen überhaupt,
-oder auf einzelne insbesondere ausübt. Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> beruft sich
-auf jeder Seite darauf, dass nur solche Abänderungen Aussicht auf
-Erhaltung haben, welche dem Individuum und somit der künftigen Spezies
-nützlich sind; und theoretisch muss man zugestehen, dass, woferne es
-eine Natürliche Züchtung gebe, die Sache sich nicht anders verhalten
-könne. Aber wir müssen gestehen, doch in fast allen unseren aus
-angeblich innern Ursachen hervorgegangenen Varietäten gar nicht finden
-zu können, worin denn der Nutzen ihrer Abänderung bestehe; und wenn
-Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> sich auf die Erfahrung beruft, dass ein grosser
-Theil der <i>Britischen</i> Flora der <i>Neuseeländischen</i> gegenüber
-so vervollkommnet sey, dass er sie verdränge, so hätten wir gehofft,
-doch auch nur in einzelnen Fällen nachgewiesen zu sehen, worin denn
-diese Überlegenheit beruhe. Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> entzieht sich auch hier
-jeder Rechenschaft. Warum bekommt z.&#160;B. in diesem Kampfe ums Daseyn
-eine Pflanzen-Art ovale statt lanzettlicher und die andre lanzettliche
-statt ovaler Blätter? warum die eine einen Dolden-artigen und die
-andre einen Rispen-förmigen Blüthenstand? warum die eine fünf und die
-andre vier Staubgefässe, die eine eine geschlossne und die andre eine
-weit geöffnete Blüthe? Wozu nützt der einen Diess und der andern das
-Gegentheil? Warum bewirken die organischen Bedingungen Diess? Mit
-welchen Mitteln fangen sie es an? und wie müssen sie beschaffen seyn,
-um es zu können? Und wie kann die eine Art der andern dadurch überlegen
-werden? Wir gestehen, keinen Zusammenhang zwischen diesen Erscheinungen
-zu erkennen, und Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> würde uns antworten, dass es
-möglicher Weise so oder so zugehen <em class="gesperrt">könne</em>. Wir gestehen ferner,
-uns vergeblich um positive Beweise oder auch nur Belege in dieser
-Beziehung umgesehen zu haben, manche spezielle Fälle eigenthümlicher
-Art etwa ausgenommen; denn wir sind weit entfernt davon, allen solchen
-Einfluss überhaupt läugnen zu wollen. Wir wollen sogar ein spezielles
-Beispiel anführen. B<span class="smaller">REHM</span> hat die meisten unsrer anerkannten
-deutschen Vögel-Arten<span class="pagenum" id="Seite_541">[S. 541]</span> nach den Proportionen des Kopfes, des Schnabels,
-der Füsse, der Flügel und zuweilen mit Zuhilfenahme der Färbung in je
-zwei bis vier Formen unterschieden und als wirkliche Arten bezeichnet,
-weil sie sich in der Regel nur je unter sich paaren, als solche
-fortpflanzen, gewöhnlich einen abweichenden Aufenthalts-Ort, oft andres
-Futter, demgemäss auch eine andre Lebens-Weise, zuweilen einen andern
-Gesang haben; doch ist es uns noch nicht gelungen, eine feste Beziehung
-bestimmter Körper-Proportionen zu bestimmten äussren Ursachen überhaupt
-zu erkennen; dieselben Beziehungen scheinen bei jeder Spezies von
-andrer Wirkung zu seyn. Und in der That hätte Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> hier
-vielleicht die besten Belege für seine „beginnenden Spezies“ finden
-können!</p>
-
-<p>Dagegen lässt sich ein Einfluss unorganischer äussrer
-Lebens-Bedingungen und zwar ein spezieller Einfluss spezieller
-Bedingungen in bestimmter Richtung nachweisen, wie wir ihn bei den
-organischen Bedingungen nachgewiesen zu sehen gewünscht hätten. Hr.
-D<span class="smaller">ARWIN</span> gibt diesen Einfluss zu; er führt einige Beispiele
-davon an, erklärt aber wiederholt, dass er ein vergleichungsweise nur
-geringer seye. Anfangs möchte es scheinen, als ob Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span>
-diesen Einfluss unterschätze, indem sich eine grosse Menge von
-Erscheinungen aus ihm nachweisen lassen. Wir kennen Bedingungen,
-welche auf die Grösse der Pflanzen, auf ihre ein- oder mehr-jährige
-Dauer, auf ihren Strauch- oder Baum-Wuchs, auf ihre Blüthen-Bildung
-und Fruchtbarkeit, auf die Farbe ihrer Blüthen, auf ihre glatte oder
-behaarte Oberfläche, auf die häutige oder fleischige Beschaffenheit
-ihrer Blätter (wie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> selber anführt), zuweilen auch
-auf Monöcismus und Diöcismus, auf die aromatischen u.&#160;a. Absonderungen
-wirken; wir vermögen selbst diese Erscheinungen hervorzubringen. Und
-wir sehen, dass bei diesen Abänderungen die Übergänge nicht mangeln,
-indem wir im Stande sind fortwährend deren ganze Kette darzulegen
-und gerade desshalb wenig versucht sind in diesen Abweichungen
-neue Arten zu erblicken! Warum also fehlen die Übergänge bei den
-andern Abartungen, welche aus der innern Neigung zur Variation
-hervorgehen? Allerdings gibt es auch manche ganz plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_542">[S. 542]</span> auftretende
-Abänderungen ohne Übergänge zumal bei den schon vielfach abgeänderten
-Kultur-Pflanzen, wie z.&#160;B. die hängenden oder Trauer-Varietäten vieler
-Bäume, viele unsrer Obst-Sorten, wovon manche nicht das Erzeugniss
-langsamer Züchtung, sondern eines einzelnen ohne nachweisbaren Grund
-abändernden Saamen-Kornes sind, die sich aber eben desshalb auch in der
-Regel nicht beständig aus Saamen fortpflanzen.</p>
-
-<p>Auch von den Thieren wissen wir, dass Menge und Art des Futters und
-Beschaffenheit des Klimas auf Grösse und Farbe des Körpers, ja sogar
-(wie Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> selbst vom Amerikanischen Wolf erwähnt)
-auf deren Gestalt und Sitten wirken können. Auch des Einflusses des
-Klimas auf das Gefieder der Vögel gedenkt er, doch ohne sich der
-Umfang-reichen Nachweisungen zu erinnern, welche G<span class="smaller">LOGER</span> in
-dieser Beziehung geliefert hat. Dass viele Säugthier-Arten in kalten
-Gegenden weiss werden und andre, welche solche nie verlassen, stets
-weiss bleiben, ist bekannt. Die Farbe der Schmetterlinge ändert oft mit
-dem Futter und die der Käfer u.&#160;a. Insekten je nach ihrem Aufenthalte
-in verschiedenen Gebirgs-Höhen ab. Die Grösse vieler Wasser-Konchylien
-steht mit dem Salz-Gehalt des Wassers in Zusammenhang; ihre Farbe
-mit dem Lichte, ihre glatte oder stachelige Beschaffenheit mit der
-schlammigen und felsigen Natur des See-Grundes; die Dichte des Pelzes
-mancher Säugthiere wechselt mit dem Klima und der Erhebung ihres
-Wohnortes über den Meeres-Spiegel, und die Instinkte einer Art ändern
-ausserordentlich unter neuen Lebens-Bedingungen ab. Es lässt sich
-nicht nur die Ursache, sondern auch der Zweck und die Nützlichkeit
-dieser Abänderung ermitteln, wir können in der Regel die Zwischenstufen
-nachweisen, die oft vom Grade und der Intensität der äussern Ursachen
-abhängen; wir können diese Abänderungen beliebig hervorbringen und
-sie durch entgegengesetzte Existenz-Bedingungen wieder in die Urform
-zurückführen. Aber vielleicht der wichtigste aller Belege für den
-Einfluss äussrer Existenz-Bedingungen ist in der Beobachtung zu
-finden, dass Kröten an feuchten und doch des stehenden Wassers ganz
-entbehrenden Orten im Stande sind, sich aus dem Ei unmittelbar zur
-reifen Form zu entwickeln,<span class="pagenum" id="Seite_543">[S. 543]</span> ohne dazwischen-fallende Kiemen-Bildung und
-also auch nothwendig ohne denjenigen übrigen Theil der Metamorphose und
-Lebens-Weise, welcher einen Aufenthalt im Wasser voraussetzt<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a>. Um
-den möglichen Übergang von den Fischen zu den Reptilien zu erläutern,
-zitirt Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> den Lepidosiren; in jenen Kröten liegt er
-aber weit unmittelbarer vor in einer Weise, dass wohl jedermann zugeben
-wird, dass, wenn diese Bedingungen sich in allen Generationen der Kröte
-lange Zeit wiederholten, das Ausfallen der Metamorphose endlich zur
-Regel auch unter andern Verhältnissen werden könne.</p>
-
-<p>Aber bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit alle diese
-Abänderungen in Folge der äusseren Existenz-Bedingungen eintreten,
-muss man sich allerdings fragen, ob die aus dieser äussern Ursache
-entstandenen Abweichungen jemals ganz bleibend werden und sich fest
-vererben können? Diess ist nicht der Fall. Denn so leicht und schnell
-sie sogar an ganz alten Arten aus bekannten Ursachen entstehen,
-eben so leicht und sicher sind sie, im Gegensatz zu den aus innren
-aber freilich unbekannten (nach D<span class="smaller">ARWIN</span> wahrscheinlich im
-Genital-Systeme zu suchenden) Ursachen entstandenen, durch eine
-der ersten entgegengesetzte Behandlung auch wieder auf die Urform
-zurückzuführen, woferne nicht etwa die Natürliche Züchtung sich ihrer
-bemächtigt und mit den äusseren Ursachen in gleicher Richtung thätig
-ist, um eine der Abänderungen rascher zur selbstständigen Form zu
-entwickeln. So lange Diess aber nicht der Fall, wird man wohl meistens
-darauf verzichten müssen, durch äussre Ursachen bleibende Abänderungen
-und „beginnende Arten“ entstehen zu sehen und wer <em class="gesperrt">nur</em> die
-Wirkung <em class="gesperrt">äussrer</em> Ursachen im Auge hat, mag allerdings mit Recht
-Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span> entgegenhalten, dass aus Abänderungen keine
-festen Arten werden. Da nun überdiess die Zwischenstufen zwischen den
-Extremen solcher Abänderungen nur Bindeglieder zwischen nebeneinander
-bestehenden, und nicht<span class="pagenum" id="Seite_544">[S. 544]</span> zwischen auseinander entstehenden Formen sind,
-und da jede der ersten für ihr eignes Daseyn gewöhnlich keine andren
-Abstufungen voraussetzt, während diese letzten ohne andre Abstufungen
-meistens nicht vorhanden seyn würden, so herrscht allerdings zwischen
-den durch äussre Ursachen und den durch Züchtung entstandenen
-Abänderungen ein solch wesentlicher Unterschied, dass wir uns daraus
-erklären zu müssen glauben, wesshalb Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> auf die
-Abänderungen dieser Art so wenige Rücksicht nimmt, obwohl er selbst uns
-keine derartige bestimmte Rechenschaft darüber gibt?</p>
-
-<p>Wenn uns daher zur Zeit weder die äusseren Lebens-Bedingungen, noch der
-Prozess der Natürlichen Züchtung genügend erscheinen, um die Theorie
-Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span>, so wie sie vorliegt, zu begründen, so wollen
-wir dagegen gerne zugestehen, dass alle bisherigen Beobachtungen ohne
-Ausnahme von dem Gesichtspunkte feststehender unabänderlicher Arten
-aus gemacht worden sind, und dass eine unbefangene Beurtheilung seiner
-Theorie vielleicht erst möglich seyn wird, wenn einige Menschen-Alter
-weiter unter fortwährender Prüfung der Frage von der Abänderung der
-Arten aus den zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten verflossen seyn
-werden.</p>
-
-<p>Je mehr ein Naturforscher sich mit Detail-Studien über den Bau der
-natürlichen Wesen und über dessen wunderbare Zweckmässigkeit, über
-das Zusammenstimmen aller Einzelnheiten zu einem Organismus, wovon
-kein Theilchen willkürlich geändert werden kann, ohne das Ganze zu
-gefährden, — über die Wiederholung derselben planmässigen Einrichtung
-in jedesmaliger andrer Weise bei 250,000 bekannten Organismen-Arten der
-jetzigen Schöpfung, — über die kulminirende Vollendung des Ganzen bei
-dem vollkommensten dieser Organismen, — über die Entwickelung aller
-dieser Einrichtungen in einem Embryo der ihrer noch nicht bedarf, zu
-künftigen Zwecken, beschäftigt hat, um so schwerer wird es ihm anfangs
-werden, darin nichts weiter als die Folgen eines fortschreitenden
-Verbesserungs-Prozesses zu sehen, worin jeder neue weitre Fortschritt
-nach des Vfs. Theorie selbst jedesmal nur ein <em class="gesperrt">Zufall</em> ist und
-erst durch Vererbung festgehalten<span class="pagenum" id="Seite_545">[S. 545]</span> werden kann. Doch darf man darin
-noch kein unbedingtes Hinderniss für diese Theorie erblicken!</p>
-
-<p>Eine andre Erscheinung, hinsichtlich welcher uns und Andre Hrn.
-D<span class="smaller">ARWINS</span> Erklärungen nicht ganz befriedigt haben, bietet der
-Umstand dar, dass trotz der unausgesetzten Thätigkeit der Natürlichen
-Züchtung und der fortdauernden Verbesserung der Organismen durch
-dieselbe, noch immer die unvollkommensten aller unvollkommenen
-Organismen in so unermesslicher Menge vorhanden sind. Doch hat ein
-daraus zu entnehmender Einwand kein solches Gewicht, dass er für die
-Annahme oder Nichtannahme der neuen Theorie entscheidend wäre, und wir
-würden in dessen Folge nur etwa genöthigt seyn, eine noch fortwährende
-Entstehung neuer Urformen anzunehmen, welche sich mit dieser Theorie
-als verträglich oder sogar als nothwendige Folge derselben ergibt,
-obwohl Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> die Generatio originaria nirgends in
-Anspruch nimmt. Endlich würde, wenn wir alle Organismen nur von einer
-Urform ableiten wollten, Diess jedenfalls von einer sehr niedren
-zelligen Form als Grundlage weitrer Entwickelung geschehen müssen, und
-es dürfte dann sehr schwer seyn zu begreifen, wodurch in einer von zwei
-äusserlich von einander nicht unterscheidbaren Zellen sich Empfindung
-und willkürliche Bewegung ausbilde und vererbe, und in der andern nicht?</p>
-
-<p>Indem Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> alle jetzt lebenden und früher vorhanden
-gewesenen Lebenformen durch Abstammung mit fortwährenden leichten
-Abänderungen und Divergenz des Charakters von immer früheren und
-früheren Formen ableitet, glaubt er in einer Zeit, die wenigstens
-eben so weit vor der silurischen, wie diese vor der jetzigen Periode
-zurückliegt, nur noch acht bis zehn Stamm-Arten zu bedürfen, welchen
-der Schöpfer unmittelbar das Leben eingehaucht hätte. Wahrscheinlich
-hatte sich Herr D<span class="smaller">ARWIN</span> eine Stamm-Art zur Ableitung aller
-Arten eines jeden der Unterreiche oder Kreise unsrer Systeme gedacht,
-und wahrscheinlich wird diese Stamm-Art einer der tiefsten Stufen
-in jedem dieser Kreise entsprochen haben; doch drückt er sich nicht
-näher darüber aus. Die Entwickelung eines jeden so vielverzweigten
-Kreises aus einer Stamm-Art wäre dann vergleichbar der Entwickelung
-eines<span class="pagenum" id="Seite_546">[S. 546]</span> vielästigen Baumes aus einem Stamme: eine Annahme, welche
-wenigstens den Bildungs-Verhältnissen in der ganzen organischen Natur
-parallel liefe. Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> fragt die Anhänger der alten
-Schöpfungs-Theorie, welche Millionen von Pflanzen- und Thier-Spezies
-zum Gegenstande von Millionen verschiedener Schöpfungs-Akte eines
-persönlichen Schöpfers machen, der durch seine spätren Schöpfungen die
-an den frühern Formen begangenen Fehler verbessere: welche Vorstellung
-sie sich denn eigentlich von der Erschaffung der einzelnen Geschöpfe
-machen? (<a href="#Seite_517">S. 517</a>) — ob jede Art in einem oder in vielen Individuen, im
-Ei- oder im ausgewachsenen Zustande, ob die ersten Säugthiere mit oder
-ohne Nabel geschaffen worden seyen? Sie könnten Hrn. D<span class="smaller">ARWIN</span>
-seine Frage zurückgeben, wenn er nach seiner Theorie auch nur 8–10
-erschaffene Arten bedarf (<a href="#Seite_517">S. 517</a>); ja sie könnten noch weiter fragen,
-ob der ersten Flechte, dem ersten Farnen, der ersten Palme und dem
-ersten Veilchen, mit dem ersten Infusorium, dem ersten Seeigel, der
-ersten Raupe und dem ersten Frosch gleichzeitig oder nacheinander
-auf einem Fleck beisammen oder auf eben so vielen Punkten der ganzen
-Erd-Oberfläche zerstreut das Leben eingeblasen worden seye, und ob sie
-sogleich angefangen sich — so ferne sie sich gegenseitig erreichbar
-— in Ermanglung andrer Nahrung wechselseitig aufzufressen, oder mit
-welcher Nahrung sie bis zu ihrer Vervielfältigung ihr Leben gefristet
-haben? Offenbar muss entweder ein ganzes Natur-System von Wesen auf
-einmal geschaffen worden seyn, oder sie müssen sich von einem tiefen
-Punkte an aufwärts ganz allmählich aber massenhaft entwickelt haben.
-Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> hat es jedoch sogleich gefühlt, dass jene seine
-Annahme noch misslicher als die einer gleichzeitigen Erschaffung
-aller Wesen ist, die er bekämpft; daher er etwas später sich mit
-<em class="gesperrt">einer</em> Ur-Pflanze und <em class="gesperrt">einem</em> Ur-Thiere, ja sogar mit einem
-einzigen Ur-Organismus begnügen will, welchem der Schöpfer das Leben
-eingehaucht habe (<a href="#Seite_518">S. 518</a>). Die Bedürfnisse dieses einzigen erschaffenen
-Individuums, von welchem die ganze lebende Natur abstammt, müssen dann
-freilich sehr klein gewesen seyn; — es war zweifelsohne nur eine
-Fadenalge oder etwas der Art, die sich ihre Nahrung aus unorganischen<span class="pagenum" id="Seite_547">[S. 547]</span>
-Elementen selbst bereiten und sich selbst befruchten musste? Aus ihr
-und ihren Nachkommen konnten lange Zeit nur vegetabilische Formen
-entstehen, bis genug organische Materie vorhanden war, um auch Thiere
-selbst der unvollkommensten Stufe zu ernähren.</p>
-
-<p>Aber immer ist noch ein persönlicher Schöpfungs-Akt für dieses eine
-organische Wesen nöthig, und wenn derselbe einmal erforderlich, so
-scheint es uns ganz gleichgültig, ob der erste Schöpfungs-Akt sich
-nur mit einer oder mit 10 oder mit 100,000 Arten befasst, und ob er
-Diess nur ein- für allemal gethan oder von Zeit zu Zeit wiederholt
-hat. Es fragt sich nicht, wie viele Organismen-Arten derselbe ins
-Leben gerufen, sondern ob es überhaupt jemals nöthig seyn kann,
-dass dieser eingreife in die wundervollen Getriebe der Natur und
-statt eines bewegenden Natur-Gesetzes aushelfend wirke? Wenn Hr.
-D<span class="smaller">ARWIN</span> die organische Schöpfung überhaupt angreift, so muss
-er nach unsrer Überzeugung auch auf die Erschaffung einer ersten Alge
-verzichten! Und in dieser Thatsache, dass die neue Theorie noch die
-unmittelbare Erschaffung wenn auch nur eines Dutzends, ja wenn auch
-nur einer einzigen Organismen-Art erheischt, erblicken wir einen
-<em class="gesperrt">zweiten wesentlichen Einwand gegen dieselbe</em>; weil, Diess
-einmal zugestanden, nicht der entfernteste Grund mehr vorliegt, ihr
-die ungeheure und so schwer zu erfassende Ausdehnung anzueignen,
-die ihr Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span> gibt. — Wer eine organische Zelle oder
-Zellen-Reihe, einen Algen-Faden u.&#160;dgl. betrachtet und damit den
-wunderbaren Bau eines höheren Säugethieres vergleicht mit allen
-seinen Gliedern, Organen und Organen-Systemen, seinen unbewussten und
-willkürlichen Verrichtungen, der wird freilich anfangs zu lächeln
-geneigt seyn über eine Theorie, welche aus einer Algen-Zelle wenn auch
-erst nach Verlauf von wenigstens 20<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a> Millionen Jahren einen Affen
-durch Natürliche Züchtung hervorgehen lässt. Und doch, erlässt man<span class="pagenum" id="Seite_548">[S. 548]</span>
-uns jenen einen Schöpfungs-Akt an der Algen-Zelle, was wäre dann so
-gänzlich befremdend an der neuen Theorie? Sehen wir denn nicht diesen
-Prozess tausendfältig und unausgesetzt bei Organismen aller Art binnen
-wenigen Wochen durch gewöhnliche Zeugung sich vollenden, ohne eine
-andre Auskunft darüber geben zu können, als dass es durch „Vererbung“
-geschehe, ein ganz dunkles Prinzip, das ebenfalls erst durch die
-D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie einige nähere Begründung wenigstens
-hinsichtlich seiner spezifischen Verschiedenheiten erlangt? daher an
-und für sich uns der Gedanke der Entstehung des Säugethieres aus einer
-ursprünglichen Protophyten- oder Protozoen-Zelle doch nicht so ganz
-und gar abenteuerlich erscheint. Und so läge auch für alle anderen
-Verheissungen dieser Theorie die Schwierigkeit nur etwa in der Länge
-der zur Lösung der einzelnen Aufgaben nöthigen Zeit, und daran ist
-wahrlich kein Mangel, sondern Überfluss, wo es sich darum handelt die
-Ewigkeit auszufüllen!</p>
-
-<p>Noch eine Bemerkung über das, in geologischem Sinne, gleichzeitige
-Erscheinen und Verschwinden identischer Lebenformen auf der ganzen
-Erd-Oberfläche. Die D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie leistet viel in dieser
-Beziehung! Sie zeigt uns, wie die Lebenwesen der gemässigten oder
-kalten Zone in Folge einer Eis-Zeit sogar den Äquator zu überschreiten
-vermochten! Aber welchen Grund haben wir zu glauben, dass es viele
-solcher Eiszeiten, dass es deren in allen Erd-Perioden gegeben, und
-insbesondere dass die die Verbreitung bewirkenden Ursachen in allen
-Perioden eine universelle Verbreitung der herrschenden Formen bis in
-den letzten Winkel der Erde vermittelt haben, ehe wieder irgendwo
-neue Formen entstanden, und dass nie ein Theil der Erde in dieser
-Hinsicht auf seine unabhängige Weise rascher oder langsamer als der
-andre fortgeschritten seye? Diese Erscheinung ist so befremdend, dass
-sie, so lange sie nicht als eine nothwendige nachgewiesen ist, trotz
-D<span class="smaller">ARWIN</span>’<span class="smaller">S</span> Erklärungs-Versuch die ganze Theorie bedroht.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Aussicht auf Erfolg.</em>) Unsre innigste Überzeugung ist, dass
-alle Bewegungen auch in der organischen Natur einem grossen Gesetze
-unterliegen, dass dieses Gesetz, allen organischen<span class="pagenum" id="Seite_549">[S. 549]</span> Erscheinungen
-entsprechend, ein Entwickelungs- und Fortbildungs-Gesetz seye, und dass
-dasselbe Gesetz, welches die heutige Lebenwelt beherrscht, auch ihr
-Entstehen bedingt und ihre ganze geologische Entwickelung geleitet habe.</p>
-
-<p>Wir haben bisher organische Wesen entstehen und vergehen sehen; wir
-haben die bestehenden Arten sich erhalten und fortpflanzen, aber keine
-neuen Arten erscheinen sehen und keine Natur-Kraft gekannt, welche neue
-Arten in’s Daseyn ruft. Alle unsere Bemühungen sie zu finden, um von
-dem ersten Auftreten neuer Arten mit deren Hilfe Rechenschaft zu geben,
-waren vergeblich.</p>
-
-<p>Hilft aber die D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie diesem Mangel ab? Wir haben
-oben einige Einreden gegen sie vorgebracht, und unser persönliches
-Vermögen sie uns so, wie sie ist, anzueignen ist noch weit geringer als
-jene Einreden vermuthen lassen. Aber sie leitet uns auf den einzigen
-möglichen Weg! Es ist vielleicht das befruchtete Ei, woraus sich die
-Wahrheit allmählich entwickeln wird; es ist vielleicht die Puppe, aus
-der sich das längst gesuchte Natur-Gesetz entfalten wird, nachdem es
-einen Theil der seinem unvollkommenen Zustande angehörigen Anhänge
-abgestreift und andere seiner Bestandtheile vollständiger ausgebildet
-haben wird. Oder wir haben das gesuchte Gesetz vielleicht bereits vor
-Augen, aber sehen es nur durch ein Kaleidoskop, dessen Facettirung wir
-erst studiren oder abschleifen müssen, um das Objekt nach seiner wahren
-Beschaffenheit beurtheilen zu können?</p>
-
-<p>Die Möglichkeit nach dieser Theorie alle Erscheinungen in der
-organischen Natur durch einen einzigen Gedanken zu verbinden, aus
-einem einzigen Gesichtspunkt zu betrachten, aus einer einzigen Ursache
-abzuleiten, eine Menge bisher vereinzelt gestandener Thatsachen den
-übrigen auf’s innigste anzuschliessen und als nothwendige Ergänzungen
-derselben darzulegen, die meisten Probleme auf’s Schlagendste zu
-erklären, ohne sie in Bezug auf die andern als unmöglich zu erweisen,
-geben ihr einen Stempel der Wahrheit und berechtigen zur Erwartung auch
-die für diese Theorie noch vorhandenen grossen Schwierigkeiten endlich
-zu überwinden. Diese glänzenden Leistungen der Theorie (ihre<span class="pagenum" id="Seite_550">[S. 550]</span> Wahrheit
-einmal zugestanden) sind es, die uns so mächtig zu ihr hinziehen,
-wie sehr wir auch des Wankens ihrer Grundlage uns bewusst sind. Denn
-die grösste Schwierigkeit für die Anerkennung dieser Theorie scheint
-allerdings zunächst im Grundgedanken selbst zu liegen, wenigstens nach
-seiner jetzigen Fassung: in der Vorstellung einer fortwährenden Bildung
-von Varietäten, die sich von den Stamm-Arten abzweigen und endlich
-ablösen, ohne durch Mittelglieder unter einander verkettet zu bleiben,
-wie wir auch nach allen aus der Theorie geschöpften Erläuterungen doch
-noch erwarten zu müssen glauben, wenn diese Theorie richtig wäre.
-Möglich, dass fortgesetzte Forschung und Prüfung darüber noch Auskunft
-und Aufklärung gibt!</p>
-
-<p>Unser zweiter Einwand ist gegen die Annahme einiger oder auch nur einer
-ursprünglich erschaffenen Organismen-Spezies. Mit der Schöpfung müsste
-auch die eine wegfallen. So lange wir sie aber nicht entbehren können,
-so lange müssen wir daran zweifeln, in der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen
-Theorie bereits den <em class="gesperrt">wahren</em> Schlüssel der Erscheinungen gefunden
-zu haben.</p>
-
-<p>Auf welche Weise auch die <em class="gesperrt">eine</em> erschaffene Spezies entbehrlich
-gemacht werden könne, darüber haben wir keine Vermuthung. Könnte durch
-unorganische chemische Prozesse aus unorganischer Materie organische
-werden, — könnte die organische Materie für sich die Form und Textur
-organischer Kern-Zellen annehmen, — könnten diese Zellen sich weiter
-entwickeln und zu wachsen beginnen —: doch hier stehen wir auf
-der letzten, der alleräussersten Grenze zwischen unorganischer und
-organischer Welt. Organische Mischungen könnten aus unorganischen
-durch gewisse chemische Prozesse vielleicht entstehen; dass organisch
-gebildete Zellen und gar belebte Zellen sich aus solcher Mischung
-gestalten können, hat man früher geglaubt, aber neuere Forschungen
-haben diese Ansicht mehr und mehr unmöglich gemacht; doch sollen jetzt
-auf Veranlassung der Französischen Akademie fernere Versuche mit die
-Frage verlässig entscheidender Beweiskraft angestellt werden!</p>
-
-<p>Die D<span class="smaller">ARWIN</span>’sche Theorie wird wohl nicht mehr ganz untergehen!
-Aber ungeachtet der ausgezeichneten Leistungen derselben<span class="pagenum" id="Seite_551">[S. 551]</span> stehen
-ihr noch so wesentliche Gründe entgegen, dass wir vorerst nicht
-vermögen sie anzunehmen, obwohl uns eingewendet werden kann,
-auch die gewöhnliche Schöpfungs-Theorie lasse Einreden und zwar
-noch gewichtigere aber freilich von ganz andrer Beschaffenheit
-zu. Denn, unnatürlich an sich, braucht die Theorie der Schöpfung
-nicht mit natürlichen Erklärungen zu antworten. Sie kennt nur
-Wunder! Daher scheint es uns wenigstens konsequenter, auf dem
-alten naturwissenschaftlich haltlosen Standpunkte zu verharren in
-der Erwartung, dass eben in Folge des Streites der Meinungen sich
-eine haltbare Theorie entwickele, kläre und reife; — obwohl wir
-voraussehen, dass ein Theil unserer Naturforscher (und eine noch
-grössere Anzahl Nichtnaturforscher) der D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Theorie,
-auch so wie sie ist, alsbald zufallen werden. Nur aus dem Widerstreite
-der Meinungen wird die Wahrheit hervorgehen und der Urheber dieser
-Theorie selbst zweifelsohne noch die grosse Befriedigung erleben, der
-Naturforschung einen neuen Weg geöffnet zu haben!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="footnotes">
-
-<p class="s3 center"><b>Fußnoten:</b></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Ich habe die obige Angabe der ersten Veröffentlichung
-L<span class="smaller">AMARCK</span>’<span class="smaller">S</span> aus
-I<span class="smaller">SID</span>. G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span>’<span class="smaller">S</span>
-vortrefflicher <i>Histoire naturelle générale 1859, II, 405</i>
-entnommen, wo auch ein vollständiger Bericht von B<span class="smaller">UFFON</span>’<span class="smaller">S</span>
-schwankenden Urtheilen über denselben Gegenstand zu finden ist. —
-Nach I<span class="smaller">SID</span>. G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">AINT</span>-H<span class="smaller">ILAIRE</span> wäre auch G<span class="smaller">ÖTHE</span>
-einer der eifrigsten Partheigänger für solche Ansichten gewesen,
-wie aus seiner Einleitung zu einem <i>1794–1795</i> geschriebenen,
-aber erst viel später veröffentlichten Werke hervorgehe. Er hat sich
-nämlich ganz bestimmt dahin ausgesprochen, dass für den Naturforscher
-in Zukunft die Frage Beispiels-weise nicht mehr die seye, wozu das
-Rind seine Hörner habe, sondern wie es zu seinen Hörnern gekommen seye
-(K. M<span class="smaller">EDING</span> über G<span class="smaller">ÖTHE</span> als Naturforscher S. 34). —
-Es ist ein eigenthümliches Zusammentreffen, dass G<span class="smaller">ÖTHE</span> in
-<i>Deutschland</i>, Dr. D<span class="smaller">ARWIN</span> in <i>England</i> und
-E<span class="smaller">T</span>. G<span class="smaller">EOFFROY</span> S<span class="smaller">T</span>.-H<span class="smaller">ILAIRE</span> in <i>Frankreich</i> gleichzeitig zu gleichen
-Ansichten über die Entstehung der Arten gelangt sind.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Vf.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Bekanntlich kam es in der Akademie mehrmals zu heftigen
-Auftritten mit C<span class="smaller">UVIER</span>, welcher die Beständigkeit der Species
-gegen ihn vertheidigte.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Nach einigen Zitaten in B<span class="smaller">RONN</span>’<span class="smaller">S</span> „Untersuchungen
-über die Entwickelungs-Gesetze“ (S. 79 u.&#160;a.) scheint es, dass der
-berühmte Botaniker und Paläontologe U<span class="smaller">NGER</span> im Jahre <i>1852</i>
-die Meinung ausgesprochen habe, dass Arten sich entwickeln und
-abändern. Ebenso <span class="smaller">D</span>’A<span class="smaller">LTON</span> <i>1881</i> in P<span class="smaller">ANDER</span> und
-<span class="smaller">D</span>’A<span class="smaller">LTON</span>’<span class="smaller">S</span> Werk über das fossile Riesen-Faulthier; — und
-ähnliche Ansichten entwickelte O<span class="smaller">KEN</span> in seiner mystischen
-„Natur-Philosophie“. Nach Zitaten in G<span class="smaller">ODRON</span>’<span class="smaller">S</span> Werk
-„<i>sur l’espèce</i>“ scheint es, dass B<span class="smaller">ORY</span> S<span class="smaller">T</span>.-V<span class="smaller">INCENT</span>,
-B<span class="smaller">URDACH</span>, P<span class="smaller">OIRET</span> und F<span class="smaller">RIES</span> alle eine
-fortwährende Erzeugung neuer Arten angenommen haben. — Ich will noch
-hinzufügen, dass von 33 Autoren, welche in dieser historischen Skizze
-als solche aufgezählt werden, die an eine Abänderung der Arten oder
-wenigstens nicht an getrennte Schöpfungs-Akte glauben, 28 sind, welche
-über spezielle Zweige der Naturgeschichte geschrieben haben, darunter 3
-blosse Geologen, 10 Botaniker, 15 Zoologen; aber unter den Botanikern
-und Zoologen haben einige auch über Paläontologie und Geologie
-geschrieben.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Durch „<em class="gesperrt">Züchtung</em>“ werde ich den stets
-wiederkehrenden <i>Englischen</i> Ausdruck „<i>Selection</i>“
-übertragen, welcher in gegenwärtigem Sinne auch in <i>England</i> nicht
-gebräuchlich und desshalb dort angegriffen worden ist. Richtiger wäre
-wohl „Auswahl zur Züchtung“ gewesen, zumal da bei der „Züchtung“ auch
-noch Anderes als die Auswahl der Zucht-Thiere allein in Betracht kommen
-kann; doch ist Diess von wohl nur untergeordnetem Interesse. Zuweilen
-entspricht jedoch eine Übersetzung etwa durch das neu zu bildende Wort
-„<em class="gesperrt">Zuchtwahl</em>“ wirklich besser, insbesondere bei Übertragung des
-Ausdrucks „<i>Sexual selection</i>“.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Analog mit derjenigen Erscheinung, welche in meinen
-Morphologischen Studien „Differenzierung der Organe“ genannt worden ist.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Ich wähle das O<span class="smaller">KEN</span>’sche Wort „Sippe“ für
-<i>Genus</i>, weil das Deutsche Wort „Geschlecht“ seiner zweifachen
-Bedeutung („<i>genus</i>“ und „<i>sexus</i>“) wegen hier das
-Verständniss nicht selten erschweren würde. Leider besitzen wir keinen
-ähnlichen Ausweg, der Missdeutung des ebenfalls zweisinnigen Wortes
-„Art“ zu entgehen, welches bald für <i>Species</i> und bald für das
-Englische „<i>kind</i>“ angewendet werden muss. Der Ausdruck „Gattung“
-endlich wird bald für Sippe und bald für Art („was sich gattet“)
-gebraucht.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> <i>the laugher</i>, die Lachtaube; doch scheint nach dem
-Zusammenhange hier eher die Trommeltaube, als die Columba risoria
-gemeint zu seyn.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Herr D<span class="smaller">ARWIN</span> ertheilt mir über die hier genannten
-Englischen Hunde-Rassen folgende Auskunft:</p>
-
-<p>der Jagdhund (<i>Spaniel</i>) ist klein, rauhhaarig, mit hängenden
-Ohren und gibt auf der Fährte des Wildes Laut;</p>
-
-<p>der Spürhund (<i>Setter</i>) ist ebenfalls rauhhaarig, aber gross, und
-drückt sich, wenn er Wind vom Wilde hat, ohne Laut zu geben lange Zeit
-regungslos auf den Boden;</p>
-
-<p>der Vorstehehund (<i>Pointer</i>) endlich entspricht dem deutschen
-Hühnerhunde und ist in England gross und glatthaarig.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> A<span class="smaller">LBERS</span> hat dieselbe Beobachtung auf
-<i>Madeira</i> gemacht, aber eine andre Folgerung daraus gezogen:
-dass nämlich diese Formen, die während unermesslicher Zeiträume immer
-dieselben geblieben, <em class="gesperrt">nicht</em> in einander übergehen und nicht
-<em class="gesperrt">eine</em> Spezies bilden.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Ü.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Vergl.
-die <a href="#Fussnote_4">Anmerkung auf Seite 14</a>.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Aber wie vermöchten <em class="gesperrt">wir</em> zu ermessen, was einen
-Bewerber in den Augen einer Henne oder einer Taube liebenswürdig machen
-könne!</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Diess dürfte jedoch der Hauptsache nach einen ganz
-verschiedenen Grund haben.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Ü.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Hier ist ein Missverständniss. Aus den zwei zuletzt
-genannten Gründen könnten die Knochen-Fische die „vollkommensten
-<em class="gesperrt">Fische</em>,“ aber nicht die „<em class="gesperrt">vollkommensten</em> Fische“ seyn,
-d.&#160;h. den Typus der Fische aber nicht die Vollkommenheit am besten
-repräsentiren. Die Knochen-Fische sind aber <em class="gesperrt">vollkommenere</em> Fische
-aus andern Gründen.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Diese Voraussetzung ist keinesweges von uns gemacht
-worden und ist für unsre Einrede auch durchaus nicht nöthig; wir
-haben uns vielmehr ausdrücklich auf einzelne Arten von Ratten und
-Kaninchen als Beispiele berufen, um an ihnen unsre Meinung zu
-erläutern. — Wir sehen auch noch jetzt nicht ein, wesshalb, wenn
-kleine Verschiedenheiten in die äusseren Existenz-Bedingungen (A und
-C) dem Fortkommen kleiner Verschiedenheiten in der Organisation (A und
-C) günstig sind, nicht auch mittle Verschiedenheiten der ersten (b),
-welche ja in der Regel nicht fehlen, nicht auch das Fortkommen von B
-gestatten sollten.</p>
-
-<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> So lautete unsere Frage nicht, — sondern: wie es
-komme, dass so vielerlei an einer Spezies nebeneinander-bestehende
-Abänderungen der Grundform je in ihrer Weise beständig seyen und sich
-nicht in manchfachen Kombinationen und Abstufungen zusammengesellten.
-(Vgl. übrigens unsern <a href="#Fuenfzehntes_Kapitel">Anhang zu dieser Übersetzung</a>.)</p>
-
-<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Bekanntlich hat sich die Säugthier-Welt fast ganz erst im
-Laufe der Tertiär-Zeit entwickelt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Wenn dieser Grund so erheblich wäre, so würde man gar
-keine neuen Rassen bilden können, weil diese immer bei der Paarung
-zwischen den nächsten Verwandten, die anfänglich ja nur allein
-vorhanden sind, hervorgehen müssen. Was den in <i>Lithauen</i>
-eingehegten Auerochsen betrifft, so vernehmen wir, dass an der
-Krankheit Wilddieberei jährlich mehr Individuen eingehen, als geboren
-werden.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Diese Abhängigkeit vom Klima ist denn doch in grosser
-Ausdehnung nachgewiesen worden von G<span class="smaller">LOGER</span> in seiner Schrift
-„Über das Abändern der Vögel durch das Klima,“ <i>Breslau 1833</i>,
-8<sup class="oktavo">o</sup>. Von vielen anderen Abänderungen sind die äusseren Ursachen
-zusammengestellt in unserer „Geschichte der Natur“ II, 68–116.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> So lange man die wahre Ursache dieser Entstehung nicht
-kennt, hat Diess nichts Befremdendes.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Ein vollständiges Verzeichniss der Bewohner dunkler
-Höhlen hat E<span class="smaller">HRENBERG</span> zusammengetragen in den Monats-Berichten
-der <i>Berliner</i> Akademie 1859, 758 ff.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Weit gewöhnlicher ist gewiss das Streben homologer Theile
-sich sowie andre mit fortschreitender Entwickelung selbständiger
-zu differenziren, es seye denn, dass jenes Streben unter sich
-zusammenzuhängen eine Differenzirung von heterologen Theilen bewirke,
-wie eben in Blumen.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Dieses ist nur bei solchen weichen Theilen denkbar,
-welche sich <em class="gesperrt">nach</em> den ihnen anliegenden harten bilden, die
-ihrerseits selbst aus weichen hervorgehen. Der Schädel modelt nicht das
-werdende Gehirn, sondern dieses den Schädel!</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Wie sie nämlich als Grund-Farben der verschiedenen
-Equus-Arten in der Natur vorkommen. Man könnte also etwa sagen
-„natürliche Pferde-Farben“.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Nach der A<span class="smaller">GASSIZ</span>’schen Lehre von den
-embryonischen Charakteren würde man diese Streifung, wie die weissen
-Flecken in der Hirsch-Sippe, als einen embryonischen Charakter ansehen
-und sagen, dass Zebra, Quagga etc. dem Pferde gegenüber auf tieferer
-Stufe zurückgeblieben seyen und embryonische Charaktere behalten haben,
-wie der Damhirsch gegenüber dem Edelhirsch.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Diess Beispiel war in der ersten Auflage angeführt um zu
-zeigen, wie etwa ein Wal entstehen könne.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> „Brütig“ für <i>broody</i>; das Wort ist im Deutschen
-nicht üblich; doch gibt es in <i>Nord-Deutschland</i> dafür einen
-Provinzialismus „heckisch“.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Diess kann kein Grund seyn: denn das Alter der Eier
-polygamischer Vögel, welche 10–20 und mehr Eier legen und eben so viele
-Tage dazu bedürfen, ist noch viel ungleicher, und doch kommen die
-Jungen gleichzeitig aus. Es fallen somit auch die Folgerungen weg.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Ich glaube die Aufgabe der Bienen ist eine einfachre,
-als dieser mathematischen Formel zu genügen! Eine Einzelbiene macht
-eine zylindrische Zelle. Stossen wir ihre Zellen möglichst dicht
-aneinander, so dass keine Zwischenräume bleiben, so können die
-Zellen nur sechs-, vier- oder dreieckige seyn, indem sie sich an den
-Aneinanderlagerungs-Seiten abplatten. Nun weichen sechseckige am
-wenigsten, dreieckige Zellen am meisten von den runden ab; jene bilden
-mithin die einfachste der möglichen Modifikationen. Diese einfachste
-Modifikation erheischt im Verhältniss zu ihrem Inhalte allerdings
-am wenigsten Wachs; — sie beengt aber auch, da ihre verschiedenen
-Queermesser am wenigsten ungleich sind, die darin nistende Made am
-wenigsten in ihrer Entwickelung und Bewegung; endlich gibt sie der Wabe
-am meisten Festigkeit, weil die Zwischenwände sich in drei und bei
-viereckigen nur in zwei Richtungen kreutzen.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übrs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a>
-<span class="smaller">V</span>. S<span class="smaller">IEBOLD</span> hat bekanntlich im vorigen Jahre
-nachgewiesen, dass bei der Honigbiene (u.&#160;a. Insekten) das Geschlecht
-der Eier von der Befruchtung abhängig ist, welche im Willen der
-Bienenkönigin steht und nur in gewissen Zellen erfolgt, in andern
-unterbleibt.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Obwohl mir dieser Satz nahezu wahr zu seyn scheint, so
-habe ich doch bis jetzt zu berücksichtigen vergessen, dass daraus noch
-keineswegs folge, dass nicht Unfruchtbarkeit für zwei im Entstehen
-begriffene Spezies von grossen Vortheilen soferne seyn könne, als
-sie dieselben getrennt hält und für verschiedene Lebens-Beziehungen
-geeignet macht. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mag eine
-unvermeidliche Folge der erlangten Unfruchtbarkeit [?] ihrer Ältern
-seyn; aber ich will nicht mehr sagen, weil einige Versuche, die ich
-in Bezug auf diese wichtige Frage durchzuführen beschäftigt bin, noch
-nicht zum Abschluss gelangt sind. (Im April 1862.)</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a>
-C. F. <span class="smaller">V</span>. G<span class="smaller">ÄRTNER</span>: Versuche und Beobachtungen
-über die Befruchtungs-Organe der vollkommenen Gewächse und über die
-natürliche und künstliche Befruchtung durch den eigenen Pollen.
-Stuttgart 1844. — Versuche und Beobachtungen über die Bastarderzeugung
-im Pflanzenreich. Mit Hinweisung auf die ähnlichen Erscheinungen im
-Thierreiche. Stuttgart 1849.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> „<i>Flowers</i>“ doch wohl Blüthen-Ähren.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Doch kennt man über zwei Dutzend fossile Arten von der
-Kohlen-Formation an bis in die obersten Tertiär-Schichten.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Meine Meinung ist die, dass nur wenige Arten eine unsrer
-angenommenen Perioden überdauern, viele aber schon in 0,1–0,2–0,5
-dieser Zeit zu Grunde gehen.</p>
-
-<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Wir glauben, dass das Bestehen dieser unausfüllbaren
-Lücken in der unter unsren Augen lebenden Schöpfung einen
-wesentlicheren Einwand bildet, als das der weit grösseren Lücken in den
-früheren Weltperioden, welche der Phantasie genügenderen Spielraum zur
-Ersinnung von Möglichkeiten gewähren.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> H. G. B<span class="smaller">RONN</span>: Morphologische Studien über die
-Gestaltungs-Gesetze der Natur-Körper. Leipzig 1858, 8°: — und zumal
-dessen Untersuchungen über die Entwickelungs-Gesetze der organischen
-Welt. Stuttg. 1858, 8°.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Es ist allerdings leicht, einige Beispiele ausser allem
-Zusammenhang als Belege irgend einer beliebigen Ansicht aufzuführen;
-da aber wo eine auf gesammelten Thatsachen begründete Lehre bereits
-in der Weise systematisch entwickelt worden, dass man zu allgemeinen
-Schlusssätzen gelangt ist, muss man das ganze Lehrgebäude widerlegen,
-statt sich auf eine vereinzelte Einrede zu beschränken. Es ist im
-vorliegenden Falle auch ganz gleichgültig ob z.&#160;B. die Biene oder
-die Sepie höher organisirt sind; das sind Glieder zweier auf ganz
-verschiedenen Grundplanen aufgebauter Unterreiche und in soferne
-incommensurable Grössen. Will man die aufsteigende Entwickelung
-der Organisation verfolgen, so muss man sich mehr an die Thiere
-<em class="gesperrt">eines</em> Unterreichs halten.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Doch kaum! Wenn es sonst 10,000 Fische und Reptilien
-ohne Säugthiere gegeben hätte, und gäbe jetzt deren nur 5000 mit 1000
-Säugthier-Arten: diess organische Leben wäre dennoch höher gestiegen!</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Diese neueren Versuche von M<span class="smaller">ARTINS</span> vgl. in
-<i>Bibliothèq. univers. de Genève, 1858, I</i>, 89–92 <span class="s4">&gt;</span> Neu. Jahrb. f.
-Mineral. 1858, 877–878.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> In diesem Falle wäre vielleicht wahrscheinlicher
-anzunehmen, der Reiher habe einen Fisch verschlungen gehabt, welcher
-jene Saamen gefressen hatte; und die Saamen würden keimfähig wieder zu
-Boden gelangt seyn, wenn nun ein Raubvogel den Reiher zerrissen hätte.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Da die Frösche ihre Eier erst nach dem Legen befruchten,
-so müssten doch wohl mehre zusammengefroren gewesen seyn.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Vgl. D<span class="smaller">ARWIN</span>: über die Einrichtungen zur
-Befruchtung Britischer und ausländischer Orchideen durch Insekten und
-über die günstigen Erfolge der Wechselbefruchtung. Aus dem Englischen
-übersetzt von H. G. B<span class="smaller">RONN</span>. Stuttg.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Üb.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Ob Lagostomus oder Lagidium oder beide gemeint seyen, ist
-nicht zu ersehen, doch kann sich das oben Gesagte auf beide beziehen.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Zu Bezeichnung der Übereinstimmung von Organen eines
-nämlichen Individuums miteinander haben wir den Ausdruck „homonym“
-angewendet, indem wir Homologien nur bei Vergleichung verschiedener
-Thier-Arten annehmen (Morphologische Studien S. 410).</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Diese und verwandte Fragen sind in unsern Morphologischen
-Studien viel erschöpfender entwickelt wurden, als von O<span class="smaller">WEN</span>.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Ich denke, dass Diess bei allen Insecta ametabola ohne
-unthätigen Zustand der Fall ist?</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Das ist wohl insoferne nicht wörtlich zu nehmen, als ja
-die Jungen der andern Rassen noch nicht so wie im Alter verschieden
-waren.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Aber wenn sie jetzt nicht von Natürlicher Züchtung
-herrühren können, wie sind sie dann das erste Mal entstanden, ehe sie
-wieder zu schwinden begannen? Gewiss verdienen sie aber in diesem
-letzten Falle nicht den Namen „werdende“ oder „beginnende“ Organe,
-sondern müssen „verkümmernde“ heissen.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Diese Zahl entspräche also den Unterreichen oder Kreisen
-des Thier-Reichs, welche der Verf. gewöhnlich auch unter dem Namen der
-„grossen Klassen“ versteht. Er sagt aber nirgends, auf welche Weise er
-sich das Thier-Reich an diese 4–5 Stammarten vertheilt denke.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Hier war in der vorigen Original-Auflage, die unsrer
-Deutschen Übersetzung zu Grunde gelegen, noch der Nachsatz angehängt,
-„<em class="gesperrt">welcher das Leben zuerst vom Schöpfer eingehaucht worden ist</em>.“
-Wir müssen Diess bemerken, weil sich auf ihn ein mehrfach geäusserter
-Vorwurf der Inconsequenz des Verfassers bezog, und weil diese Änderung
-uns die wesentlichste in der ganzen neuen Auflage zu seyn scheint.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> In <i>England</i> nämlich, wo die gewöhnliche Form der
-Schlüsselblume (Primula veris) als „Primrose“ oder Frühröschen, die
-grosse blassgelbe (Pr. elatior) aber als „Cowslip“ oder Kuhtritt
-bezeichnet zu werden pflegt. In <i>Deutschland</i> hat der Volks-Mund
-meines Wissens noch keinen stetig verschiedenen Namen dafür.</p>
-
-<p class="zueignung">D. Übs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> Da in der neuesten Original-Auflage des
-D<span class="smaller">ARWIN</span>’schen Werkes einige Erwiderungen auf dieses Kapitel
-enthalten sind, so sehen wir uns veranlasst, es auch in der zweiten
-Deutschen Auflage unverändert stehen zu lassen.</p>
-
-<p class="zueignung">B<span class="smaller">R</span>.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Vgl. unsere Entwickelungs-Gesetze der organ.
-Welt S. 78.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Entwickelungs-Gesetze der organ.
-Welt 77–80, 229.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Wir glauben uns keiner Indiskretion schuldig zu machen,
-wenn wir der Übersetzung Einreden beifügen, da Hr. D<span class="smaller">ARWIN</span>
-unsre abweichende Ansicht kannte, als er den Wunsch ausdrückte eine
-Übersetzung durch uns selbst oder unter unsrer Aufsicht veranstaltet
-zu sehen, und da er selbst die allseitige Diskussion seiner Theorie
-ausdrücklich wünscht.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Geschichte der Natur, 1843, II, 63; Entwickelungs-Gesetze
-der organ. Welt 1858, S. 228.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> Geschichte d. Nat. II, 65–133.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Geschichte d. Nat. II, 180–196.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> Entwickelungs-Gesetze S. 79, 232.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> Geschichte d. Nat. II, 29–60; Entwickelungs-Gesetze 79.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Entwickelungs-Ges. S. 235.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> Entwickelungs-Ges. 77–80.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> A.&#160;a.&#160;O. S. 80–82.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Diese Vorstellung ist in der neuen Auflage weggeblieben;
-vgl. <a href="#Fussnote_50">S. 519, Anmerkung</a>.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a>
-Vgl. <a href="#Sechstes_Kapitel">das sechste Kapitel, S. 197</a> u.&#160;a.&#160;m.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> So nach E. J. L<span class="smaller">OWE</span>; — während dagegen
-S<span class="smaller">CHREIBERS</span>, wenn wir nicht irren, Frosch-Larven dadurch an
-ihrer Verwandlung zu Fröschen (ohne Kiemen) hinderte, dass er sie
-nöthigte unter Wasser zu bleiben. (Zusatz zur zweiten Auflage.)</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Man hat die Dauer der Steinkohlen-Flora allein auf etwa
-1 Million Jahre berechnet; setzt man dieselbe nun auch nur = 0,1 von
-der Dauer aller unsrer geologischen Schichten-Bildungen und diese nach
-D<span class="smaller">ARWIN</span> gleich der Dauer der vor-silurischen Schichten, so
-ergibt sich obiges Resultat.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER ARTEN IM THIER- UND PFLANZEN-REICH DURCH NATÜRLICHE ZÜCHTUNG</span> ***</div>
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-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
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