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-The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz
--- Mitteilungen Band XI, Heft 7-9, by Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XI,
- Heft 7-9
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
-Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Release Date: October 6, 2022 [eBook #69101]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 7-9 ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Landesverein Sächsischer
- Heimatschutz
- Dresden
-
- Mitteilungen
- Heft
- 7 bis 9
-
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
- Band XI
-
- _Inhalt_: Kriegerehrungen aus Porzellan – Schradenwanderung –
- Tierschutz – Hexenabend – Wolftitz – Werbekunst in Dorf und
- Stadt – Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen – Ein altes
- Patrizierhaus – Gefährdete heimische Pflanzenwelt – Zur
- Geschichte des Bibers in Sachsen – Vom romantischen zum
- denkenden Wanderer – Das Abkochverbot – Antons –
- Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat als soziale
- Aufgabe gerade für unsere arme Zeit – Das Raubwild im Haushalte
- der Natur – Landheimbau – Heimatschutzbewegung und Hotel –
- Die Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba – Die Bekämpfung
- der Nonne – Johann Pezel und die Turmsonate – Schußpreise
- für Raubvögel – Schattenbäume für den Hof – Förderung des
- Anbaues von Nußbäumen – Die Postsäule von Aue
-
- Einzelpreis dieses Heftes M. 50.–, Bezugspreis für einen Band
- (aus 12 Nummern bestehend) M. 200.–, für Behörden und Büchereien
- M. 50.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,
- _Mindest_jahresbeitrag M. 50.–, freiwillige Einschätzung
- erbeten
-
- Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
- Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
- Stadtgirokasse Dresden 610
-
- Dresden 1922
-
-
-
-
-Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten ...
-
-
-Im letzten Hefte unserer Mitteilungen erbaten wir freiwillige Beiträge
-zur Erhaltung der Zeitschrift. Wenn dieses stattliche Heft im alten
-Umfange noch erscheinen kann, so ist dies ein Erfolg obiger Bitte, eine
-Tat unserer Mitglieder. Und dabei hat noch nicht einmal ein Zehntel
-unserer 21000 Freunde unserm Aufruf entsprochen. Wir haben so viele
-und so begeisterte Zuschriften über den Wert unserer Mitteilungen,
-unserer grünen Hefte, empfangen, daß unser Wille »durchzuhalten« noch
-stärker geworden ist, selbst von einer Einschränkung des Umfanges der
-Zeitschrift wollen unsere Mitglieder nichts wissen. Unser herzlichster,
-aufrichtiger Dank sei denen gesagt, die uns halfen. An die, die uns ihr
-Scherflein noch nicht brachten, die vielleicht glaubten, es hat doch
-keinen Zweck, ein Durchhalten sei unmöglich, richten wir die Bitte,
-dem letzten Hefte die Zahlkarte zu entnehmen und uns einen Betrag
-freiwillig für weiteres Durchhalten zu spenden. Die Zeiten haben sich
-sehr, sehr geändert, mehrere Millionen Mark sind notwendig, damit die
-Sächsischen Heimatschutz-Mitteilungen weiter erscheinen können. Wenn
-uns alle unsere 21000 Mitglieder helfen, wird es möglich sein, und
-darum bitten wir.
-
- _Dresden_, im September 1922
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
- ~Dr. ing. e. h.~ _Karl Schmidt_, Geh. Baurat
- _O. Seyffert_, Hofrat Professor
-
-
-
-
- Band XI, Heft 7/9 1922
-
-[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden]
-
-Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
-herausgegeben
-
-Abgeschlossen am 1. September 1922
-
-
-
-
-Kriegerehrungen aus Porzellan
-
-von der Staatlichen Porzellanmanufaktur, Meißen
-
-
-Ein neuer Kunstwillen hat sich in alle Zweigströme der schaffenden
-Künste ergossen, ist über mannigfache Klippen dahingebraust und oft auf
-Untiefen geraten und hat doch immer und unaufhaltsam die Schaffenden
-zu neuem Ausdruck mit fortgerissen. Es ist wohl ratsam, von Zeit zu
-Zeit im bunten Wirbel der neuen Erscheinungen Ausblick zu halten und
-bei solchen Erzeugnissen der werdenden Kunst, die ernster Kritik
-standhalten, prüfend haltzumachen.
-
-Noch vor Kriegsende und besonders nach der Niederlegung der Waffen
-empfand man es als sittliche Pflicht, dem Gedenken der Opfer des
-verlorenen Krieges würdige Erinnerungszeichen zu setzen und ging mit
-opferwilligen Händen und viel Liebe an diese Aufgabe heran. Wenn auch
-einer stattlichen Reihe dieser Denkmäler ein guter künstlerischer
-Erfolg beschieden war, so wurden doch andernorts diese gutgemeinten
-Ehrungen gar zu oft katalogmäßige Ware oder gar kunstwidrige Greuel
-schlimmster Art. Da ist es uns eine rechte Freude, an dieser Stelle
-von einer Reihe guter Leistungen auf einem Sondergebiet plastischen
-Schaffens berichten zu können, nämlich von den in der Staatlichen
-Porzellanmanufaktur Meißen entstandenen Kriegergedenktafeln. Man wird
-fragen, eignet sich Porzellan denn zu monumentalem Ausdruck, ist es
-denn nicht zu zart und zu flüssig für den Ausdruck des Herben, den
-man doch bei solchen Toten geweihten Denkzeichen fordern muß? Man sehe
-sich aber darauf die hier abgebildeten Erzeugnisse unserer Meißner
-Manufaktur an, und man wird zugeben müssen, daß ihnen durchaus jene
-ernste Würde innewohnt, zu der uns der Anblick oder die Erinnerung
-an liebe Tote zwingt. Und doch ist das nicht die einzige Empfindung,
-die uns bei Versenkung in die Tafeln beherrscht, ich finde bei aller
-Getragenheit spiegeln diese mannigfachen Gebilde sämtlich auch eine
-Erhobenheit wider: sie sind frei von Mutlosigkeit und wirken in dieser
-für unser Volk so entsetzlich hoffnungslosen Zeit wie ein feiner
-Sonnenstrahl, der sich zwischen schwarzen Winterwolken durchstiehlt,
-als wolle er sagen, es muß doch endlich Frühling werden.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Gedenkplatte in der Großdobritzer Kirche=]
-
-Gehen wir zunächst von den Kleinsten der hier vorgeführten, sämtlich
-vom Bildhauer Paul Börner stammenden Keramiken aus. Sie wurden für
-malerische Dorfkirchen geschaffen und in deren Innern an sorgfältig
-ausgewählter Stelle in die Architektur der Kirchenwände eingefügt.
-Während die für einen Gefallenen des Siebziger Krieges gewählte Tafel
-in der Großdobritzer Kirche (Abb. 1) wegen ihres strengen und trotz
-der geringen Größe monumentalen Ausdruckes hervorgehoben werden muß,
-erinnert das in der Liebschützer Kirche aufgehängte Ehrenzeichen
-(Abb. 2) mit seinen trauernden Engelköpfen an ältere Vorbilder
-volkstümlicher Kunst. Es ist ein rührender Zug schlichter Liebe in
-dieser Weihetafel; das ist eben das Beste an diesen Schöpfungen, daß
-sie weit entfernt vom Reindekorativen und der Ausdruck eines inneren
-Erlebnisses sind.
-
-Nicht ganz auf gleicher Höhe steht die in der Porzellanmanufaktur
-selbst aufgehängte Gedenktafel für die Gefallenen des Werkes.
-Inschrifttafel und ihre Umrahmung sind nicht in so innige Verbindung
-gebracht worden, als man hätte wünschen müssen, auch ist das Figürliche
-ohne genügenden inneren Zusammenhang. Aber im ganzen zeigt auch diese
-Arbeit, was aus dem Porzellan herausgeholt werden kann.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Gedenkplatte in der Liebschützer Kirche=]
-
-Nun aber zu der im ehrwürdigen Meißner Rathaus an bedeutungsvoller
-Stelle des Treppenhauses angebrachten Gedächtnistafel (Abb. 3) für die
-städtischen Beamten und Angestellten. Eine Schriftfläche von schöner
-Umrißlinie fügt sich formvollendet zwischen die Konturen der sie
-tragenden trauernden Frauengestalten. Ausdruck von Gesicht und Haltung,
-Faltenwurf und plastische Abtönung, alles klingt in prächtiger Harmonie
-zusammen. Trotz starker stilistischer Sonderart ist das Übertriebene,
-das wir oft an neueren Kunstwerken bedauern, vermieden. Komposition und
-Ausdruck, Ideeliches und Stoffliches halten sich die Wage.
-
-Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß uns solche
-Leistungen ein gut Stück weiter vorwärts bringen und vielleicht tragen
-unsere Abbildungen dazu bei, festeingewurzelte Vorurteile gegen das
-neue Kunstwollen zu mildern und zu beheben.
-
-Aber auch im braunen Böttcherporzellan, dessen Wiederbelebung die
-Porzellanmanufaktur tatkräftig und mit schönem Erfolg fördert, wurden
-verschiedene Versuche angestellt. So wurde den im Kriege gebliebenen
-Arbeitern und Angestellten der Meißner Jutespinnerei eine derartige
-Tafel geschaffen. Etwas nüchtern und vielleicht etwas fabrikmäßig wird
-manchem die hierfür gewählte, streng geometrische Zusammenreihung von
-Namenstafeln erscheinen, aber das erfordert eben gerade der Organismus
-eines großen Industriewerkes, wo das Gefühlsmäßige zurückgedrängt,
-intimere Bildungen ausgeschlossen werden.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Gedächtnistafel im Rathaus zu Meißen=]
-
-Welche reichen Entwickelungsmöglichkeiten sich darbieten, zeigen
-die beiden Schlußabbildungen (Abb. 4). Die obere, für die Kirche in
-Röhrsdorf bestimmte Platte beweist, verglichen mit der Großdobritzer
-Platte, auf wie einfachem Wege der kleinere Entwurf für eine größere
-Zahl von Gefallenen nutzbar gemacht werden kann, die untere Zeichnung,
-für eine studentische Verbindung berechnet, aber lehrt uns, wie durch
-Zusammenreihung kleiner Namenstafeln derartige Gedächtnisplatten
-je nach der Eigenart der Wandflächen und je nach der Gefallenenzahl
-entstehen und reizvoll gestaltet werden können.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Denkplatten für die Röhrsdorfer Kirche= (oben)
-=und für eine studentische Verbindung= (unten)]
-
-Es ist hier nicht möglich, auf die in Ausführung begriffene
-Umwandlung der mittelalterlichen Nikolaikirche in Meißen zu einer
-Kriegergedächtniskirche einzugehen. Auch dieses großzügige Unternehmen
-wurde der Staatlichen Porzellanmanufaktur anvertraut. Der Lösung
-dieser Aufgabe sehen wir mit Spannung entgegen, die nicht ganz frei
-von Sorge ist, daß der Eingriff in das mittelalterliche Gepräge des
-Kircheninneren zu stark werden könne, aber der Vorwurf, daß wir bei
-solchen Aufgaben die Gegenwart und ihre künstlerischen Tendenzen nicht
-zu Worte kommen lassen, soll nicht erhoben werden können, auch war
-die Erhaltung dieses vom Verfall bedrohten unbenützten Bauwerkes nur
-dadurch möglich, daß man ihm einen neuen Zweck gab.
-
- ~Dr.~ Paul Goldhardt.
-
-
-
-
-Schradenwanderung
-
-Von _Edgar Hahnewald_
-
-
-Drei Großenhainer Kasernenjahre lang lag der bewaldete Hügelzug
-nördlich der flachen Ebene vor meinen Augen. Dahinter lockte das
-Unbekannte, die Ferne, die Freiheit, das Unerreichbare. Diese blaue
-Mauer verstärkte das Gefühl des Gebundenseins: darüber hinaus konnte
-der Blick nicht schweifen. Felddienstritte drangen nie bis dahin vor,
-denn dicht vor diesen Hügeln lief die Zickzacklinie der Grenze; der
-blaue Wall schied Sachsen und Preußen.
-
-Die Karte zerlegte den Hügelzug in benannte Gruppen: das Pfeifholz,
-die Heidelberge, die Finkenberge, den Latschenberg. Aber das waren
-Namen, die vor der sinnlichen Wahrnehmung nichts besagten – da erhob
-sich die blaue Mauer, fern und unerreichbar. Dahinter lag eine andere
-Welt, von der Sehnsucht sich eine Vorstellung bildete, die sich nicht
-an die Karte band. Der kleine Hügelzug, an sich um nichts bedeutender
-als tausend andere Hügel in der weiten Welt, bekam eine Bedeutung: er
-begrenzte drei Jahre lang einen Lebensbereich.
-
- * * * * *
-
-Später, als man die Freiheit genoß, so weit zu wandern wie der
-Geldbeutel reichte, lockten andere Fernen. Die symbolische Hügelmauer
-nördlich von Großenhain geriet in Vergessenheit.
-
-Aber eines Tages fand ich in den Kursächsischen Streifzügen
-von Otto Eduard Schmidt die Schilderung einer Fahrt um die
-Meißnisch-Lausitzische Nordostgrenze. Und während ich las, trat jener
-blaue Grenzwall wieder deutlich vor mich hin. Und aus der Begrenztheit
-dreier Großenhainer Jahre rückte ihn das Buch in den weitgespannten
-Rahmen der Kulturgeschichte.
-
-Denn: dieser Hügelzug, der aus der Röderniederung südlich von
-Elsterwerda allmählich ansteigt und in einer ungefähr zwanzig Kilometer
-langen Schlangenlinie nach Osten streicht, um sich in der Gegend von
-Ortrand im Lausitzer Wald- und Hügelland fast unauffällig zu verlieren,
-war in der Zeit der germanischen Eroberung tatsächlich ein Grenzwall,
-der zwei Welten trennte. Diesseits, südlich der Hügelmauer, lag das von
-fränkischen und thüringischen Kolonisten durchsetzte meißnische Land,
-jenseits dämmerten die slawischen Gaue der Niederlausitz.
-
-Es war kein Zufall, daß die Deutschen nur bis zu jenen Hügeln und nicht
-weiter vordrangen, denn hinter diesem Wall bildete ein unzugänglicher
-Urwald ein natürliches Hindernis. Im Norden begrenzte ihn ein zweiter
-Hügelzug. Dazwischen fließen heute die Pulsnitz und die Schwarze Elster
-in einem sauberen, nahezu gradlinigen Spitzwinkel aufeinander zu, um
-sich bei Elsterwerda zu vereinigen. Damals aber versumpften sie im
-Urwald zwischen der nördlichen und südlichen Hügelkette. Berge, Urwald
-und Sumpf bildeten die natürliche, schützende Grenze, eine viele
-Stunden lange und mehrere Stunden breite Flächengrenze, wie sie damals
-die Deutschen liebten. Sie hatte schon die Semnonen und Hermunduren,
-die Lusizi und Dalaminzier voneinander geschieden. Sie schied nun die
-Mark Meißen von der slawischen Niederlausitz. Sie scheidet seit der
-Abtrennung der Provinz Sachsen sächsisches und preußisches Gebiet. Die
-fränkischen Kolonisten erstiegen gerade noch den Wall und schoben an
-seinem Nordhange entlang eine Reihe von Siedlungen gegen den Urwald
-vor, die alle heute noch daliegen: Wainsdorf, Merzdorf, Seiffertsmühl,
-Groeden, das schon die Dalaminzier als Deckung gegen die Liusitzen
-angelegt hatten, Hirschfeld, Großthiemig, Frauwalde, Großkmehlen
-(Kmehlen bedeutet Hopfendorf), Burkersdorf und Ortrand. Vermutlich
-waren diese Siedlungen durch Verhaue untereinander verbunden; sie
-bildeten eine Grenzwacht auf vorgeschobenem Posten.
-
-Unter den Dörfern erstreckte sich der düstere, sumpfige Urwald. Und
-»wenn sich nun im Herbste die weißen Nebelschleier aus dem Sumpfwald
-hoben und das Brüllen des Elchs und des Auerochsen aus der Tiefe
-herauftönte, da fürchteten sich nicht nur die Ahnfrau und die Kinder,
-sondern auch den Männern war es wie eine tröstende Verheißung der
-Nähe des Christengottes, wenn der Sakristan in der Dämmerstunde
-das Glöcklein läutete. Sie nannten den unheimlichen Wald, den sie
-vor sich sahen, den Schraden, das heißt den Wald der bösen Geister
-(althochdeutsch: ~scrato~ = böser Geist, neuhochdeutsch: Schratt.)«
-
- * * * * *
-
-Diese Kunde gab mir Schmidts Buch.
-
-Noch heute heißt jenes Gebiet zwischen den beiden Hügelketten der
-Schraden, und der Volksmund spricht von den Schradendörfern. Der
-Schradenwald ist längst verschwunden, das Oberbuschhäuser Forstrevier,
-das einen kleinen Teil der Ebene bedeckt, hat mit seinen schnurgeraden
-Gestellen gar keine Ähnlichkeit mit einem Urwald. Wo einst Elch
-und Auerochs durch unwirtliche Wildnis brachen, breiten sich heute
-künstlich entwässerte Wiesen und Felder. Aber immer noch hebt sich der
-Schraden schon auf der Karte als eine andere Welt von seiner Umgebung
-ab. Neben der dichter besiedelten Großenhainer Pflege und von ihr durch
-das dunkle Gestrichel der Hügel getrennt, liegt er als große leere
-Fläche ohne Dörfer, durchsetzt von dem feinen Raster, der auf der Karte
-sumpfige Wiesen kennzeichnet, durchzogen von geradlinigen Straßen und
-Wassergräben und den beiden feingezackten Bändern der Pulsnitz und der
-Schwarzen Elster. Vor allem diese beiden Flußkanäle geben dem Schraden
-das besondere Gepräge.
-
-Und man beschließt: da liegt eine andre Welt und da mußt du einmal hin.
-
- * * * * *
-
-Das stand als Vorhaben lange fest. Und nun, auf einer Osterwanderung
-von Radeburg nach Großenhain am Zickzacklauf der Röder entlang kam
-wieder dieser blaue Hügelwall in Sicht und lockte.
-
-Am nächsten Morgen fuhr ich in den Schraden.
-
- * * * * *
-
-In der Nacht setzte starker Regen ein, und am Morgen regnete es noch.
-Es regnete während der Bahnfahrt nach Ortrand, es regnete auf die
-samtbraunen Äcker, auf die malachitgrünen Saaten, auf fröstelnde Dörfer
-in der Ebene. Es regnete in Ortrand. Ein herbstlich kühler Wind trieb
-graue Wolken über die kleine Stadt, deren gefällige Bescheidenheit
-selbst noch bei solchem Wetter anheimelt. Man geht nur einige Minuten
-und steht schon am jenseitigen Rande des Städtchens. Die hohen Bäume
-einer sauberen Allee rahmen hübsche Kleinstadtbilder ein: halb
-übersponnen von sprossendem Gezweig gucken braune Dächer über die
-Obstgärtchen weg, eine alte Kirche ragt, umringt von Dächern, Narzissen
-betupfen regengrüne Graspläne, über andere Dächer weg spitzt ein keckes
-Kapellentürmchen, ein Wasserstrahl gulkert in einen Steintrog, eine
-Frau in verwaschenem blauem Rock und blauer Hausjacke kommt und setzt
-ihren Eimer unter den Strahl und macht sich gar nichts aus dem Regen,
-draußen liegen grüne Wiesen mit Baumreihen an Wassergräben. Das alles,
-vom Regen bespritzelt, von grauem Gewölk überflogen, sah recht hübsch
-aus. Dabei gab es keine großen Geschichten mit Lichteffekten. Dach,
-Wiese, Acker, Garten gaben sich dem Regen so naiv grün, braun, rotbraun
-hin, wie sie eben von Haus aus sind.
-
-Und als die Frist bis zum Abgange des Zuges nach Großenhain zurück bald
-verstrichen war, hörte der Regen auf. Fünf Minuten später lag Ortrand
-hinter uns und Kmehlen vor uns zu beiden Seiten der Allee mit den hohen
-Bäumen. Links stieg ein bewaldeter Hügelzug aus Feldern auf. Das war
-die blaue Mauer, und jetzt marschierten wir hinter ihr entlang.
-
- * * * * *
-
-Kmehlen, das alte Hopfendorf, hat zwei Sehenswürdigkeiten: einen
-reichgeschnitzten, reichvergoldeten niederländischen Flügelaltar
-des Brüsseler Bildschnitzers Jan Bormann, ein Werk, von dem die
-Kunsthistoriker heute noch nicht wissen, wie es in das weltferne
-Schradendorf geriet, und ein Wasserschloß. Schmucklos und dunkel
-steigen die Mauern aus dem tiefen Wassergraben auf, der das burgartige
-Schloß umzieht. Schwere, runde Ecktürme verstärken den Eindruck der
-Wehrhaftigkeit. Spätere Zeiten haben Blumen, gefällige Holzbrücken,
-verschnittene Hecken hinzugefügt, und wohl auch die Renaissancegiebel
-sind später hinzugekommen, die die Schwere des dunklen Daches
-auflockern und gleichsam das Schloß leichter gegen den Himmel
-aufstreben lassen. Aber man kann sich das Schloß wohl gut in die
-graue Schradenvergangenheit zurückdenken, wenn in Novembernächten
-die Nordstürme in den alten Kastanien zausen, wenn der Regen auf
-das Dach rauscht und um das feuchte Dunkel der Gräben Schatten aus
-Nordlands-Balladen ziehn: »Der Sturmwind brauste im Kamin, die Hunde
-heulten laut am Tor ...«
-
- * * * * *
-
-Freundlicher, gleichsam sommerlich auch unter Aprilwolken liegt das
-Wasserschloß Lindenau in der Pulsnitzaue. Von Kmehlen geht man auf
-lichten Wegen nur ein halbes Stündchen bis dahin, aber Schloß und
-Dorf Lindenau zählen schon zur Lausitz, weil sie jenseits des Flusses
-liegen. Diese Landschaft hat einen eigenartigen, frohstimmenden Reiz.
-Unter lichten Birken und breitästigen Eichen fließt die Pulsnitz heran.
-Zwischen hochbogigen Bäumen sieht man hinaus auf den weiten Schraden,
-auf die Vorpostenkette der Dörfer am Hügelhang. Linker Hand liegt ein
-lockerer Auwald. Muskulöse Eichen, riesenstarke Erlen, weißstämmige
-Birken mit dem feinsten Zweigregen um sich, tausend weiße Anemonen
-blühen zu ihren Füßen, Linden mit der feinen Kuppelarchitektur ihrer
-noch kahlen, eben erst sprossenden Äste, saftige Wiesen darunter, und
-Wasserläufe von allen Seiten – wie ein alter englischer Park liegt das
-da. Und dann wird es wirklich ein Park. Rhododendronbüsche breiten
-sich unter Bäumen aus, Edelkoniferen treten zu schönen Gruppierungen
-zusammen. Es ist kein Zaun da, der den Schloßpark abschließt – ein
-Graben mit samtbraunem Wasser ersetzt ihn. Und dann steht ein heiteres
-Schloß mitten drin, ein Schloß mit Renaissancegiebeln rechts und
-links und einem schlanken Turm in der Mitte. Gegenüber, in der Reihe
-der Wirtschaftsgebäude, steht ein Torhaus mit einem Türmchen. Und
-geht man durch das weitgewölbte Tor, so steht dahinter eine weiße,
-ländliche Kirche, und an einer geraden Straße mit hohen Bäumen reiht
-sich das Dorf auf. Parkweg und Wassergraben zwischen Schloß und Torhaus
-überspreiten uralte Linden mit ihrem Gezweig. Kastanien sprossen da
-und dort, Lärchen streben auf, von den grünen Funken der aufbrechenden
-Knospen umschwärmt, und hinter Gezweig und Gezweig steht das Schloß,
-der schlanke Turm vor der Baumfülle des Parks, von stillen Wässern
-umzogen, vom Bogen des Tores eingerahmt. Man ahnt, wie sonnig und
-schattig, wie licht und kühl an blühenden Junitagen das alles sein wird.
-
-Das ist Lindenau, Linden-Au an der Pulsnitz.
-
- * * * * *
-
-Und dann die Pulsnitz selber.
-
-Es regnete wieder. Während wir im Dorfgasthaus einen Kaffee tranken
-(die Wirtin plättete in der Gaststube und draußen bauschte der Wind
-eine Karussellplane) hatte es begonnen. Vor uns lagen einige Stunden
-Weg durch den Schraden, ohne Haus, ohne Dach – noch konnten wir
-umkehren, nach Ortrand zurückgehen.
-
-Aber vor uns zog die Pulsnitz hinaus in die Weite, ein schmales
-Silberband zwischen glatten Grasdämmen, in der nebligen Ferne
-verschwindend. Das lockte uns hinaus.
-
-Und nun lag der Schraden vor uns, um uns.
-
- * * * * *
-
-Man tritt in diese Landschaft, wie man einen Raum betritt – mit einem
-Schritt. Da liegt die Parkaue mit ihren Bäumen, mit dem Schloß, mit dem
-Reiz einer gewissen Verfeinerung – und da breitet sich der Schraden,
-die einsame Ebene im Regengrau, mit Wasserspiegeln und Sümpfen und
-Torfstichen, mit Birkenalleen und verstreuten Bäumen im Grenzenlosen.
-
-Grenzenlos – so lag der Schraden vor uns. Der Horizont verschwand im
-Grau. Alle Formen lösten sich auf und wurden weich im Gesprühe, das
-uns der Wind entgegentrieb. Es regnete nicht entschieden, es war mehr
-ein nässendes Wehen, als ob fortwährend die Kohlensäurebläschen eines
-Selterwassers ins Gesicht spritzelten. Und nach einer halben Stunde
-war man naß. Dabei sickerte durch die übereinander hintreibenden
-Wolkenschleier ein milchiger Lichtschimmer, der das Grau ringsum
-durchscheinend machte und keine Trostlosigkeit aufkommen ließ. Die
-Landschaft überließ sich einer Melancholie, die ihr selber wohltat.
-
-In den flachen Wässern spiegelte sich der geronnene Himmel. Durch das
-Wasser sproßte spitzes Gras. Regenperlen bedeckten das junge Grün mit
-einem ganz zarten Silberreif. Sumpfdotterblumen tupften die Wiesen
-mit ihrem selbstzufriedenen Gelb. Es war ein Vergnügen, die fetten,
-fleischig knapsenden Stengel zu brechen und den leuchtenden Strauß wie
-einen Klumpen Sonne durch den silbergrauen Tag zu tragen.
-
- * * * * *
-
-Geradefort, kilometerweit, wie mit dem Lineal gezogen, durchschneidet
-die Pulsnitz den Schraden. Der Moorgrund schimmert durch die Flut –
-klarflüssiges, samtbraunes Glas scheint zwischen grünen Uferrändern
-dahinzufließen. Im Dialekt der Gegend heißt das Flüßchen »die
-Pulse« – das Wort gibt das gleichmäßig ruhige Wallen dieses Wassers
-lautmalerisch wieder. Blickt man aber geradeaus, so liegt die Pulsnitz
-als gestrecktes Silberband in die grüne Ebene eingelassen. Hohe Dämme,
-ebenso geradlinig gezogen wie der Fluß selbst, fassen die Ufer ein.
-Manchmal steht ein Baum dicht dabei, ein Gebüsch wächst halb auf den
-Damm herauf, eine helle Birkenallee kommt von weither, steigt über die
-Dämme und zieht weiter, eine Brücke spiegelt sich im Fluß, vereinzelte
-Bäume stehen nah und fern in den Sumpfwiesen, und weit drüben, halb
-verloren im Grau, dämmert der Hügelzug mit den Schradendörfern.
-
- * * * * *
-
-Stundenlang schritten wir auf dem »Pulsdamm« dahin. Weit und breit
-war kein Mensch. Einmal ging ein Bauernwagen über eine ferne Brücke
-– Karren, Pferdchen, Brücke und ein Baum dabei trafen sich für ein
-Weilchen als feingeschnittenes Schattenbild grau in grau über dem
-Silberfluß, dann verschwand das lautlose Gefährt hinter flockigem
-Gebüsch und wir waren wieder allein in der weiten Landschaft, unter dem
-verschleierten Himmel, der als graue Riesenwand von der flachen Erde
-aufstieg und unter dem Fluß und Damm, Baum und Wiese groß und einsam
-ihre stillen Reize ausbreiteten.
-
-Über den naßgrünen Wiesen flatterten schwarzweiße Kiebitze im
-Taumelflug. Unaufhörlich erfüllten sie die Luft mit ihren besorgten
-Rufen. Manchmal klingt es schnalzend: knuiuiui knuii, manchmal erregt,
-durch die Luft fallend: kiwitt – kiwitt. Kiebitzrufe im Nebel – in der
-Erinnerung steigt die Einsamkeit russischer Landschaften auf. Sand und
-Sumpf und Nebel im Frühlingslicht und Kiebitzschreie im litauischen
-Moor: kiwitt – kie-witt ...
-
- * * * * *
-
-Das Sprühen hatte aufgehört – man empfand es kaum noch, so gut stimmte
-es zu dieser Landschaft. Die grauen Wolken flogen höher. Von den Hügeln
-in der Ferne hoben sich die Schleier. Die Dörfer grüßten.
-
-Und nun standen wir an einem Kreuzweg. Geradeaus blinkte die Pulse.
-Und quer zu ihrem Lauf zog eine Straße durch das weite Land, eine vom
-Regen reinlich gewaschene Straße, von weißstämmigen Birken gesäumt. Das
-zarte Gezweig flutete wie gelöstes Frauenhaar über der hohen Wölbung
-zusammen. Unter den Birken hin liefen Gräben mit klarem Wasser, in dem
-grüne Gewächse wie von Glas umschlossen sproßten.
-
-Die Pulsnitz lockte und die Straße lockte. Wir schlugen die Straße ein
-und marschierten unter den Birken hin. Draußen hinter der Säulenreihe
-der weißen Stämme lag die weite Ebene. Fichtenwald mit schnurgeraden
-Schneisen. Verträumte Kanäle. Und wieder die Ebene.
-
-Und wieder ein samtbrauner Fluß zwischen hohen Dämmen: die Schwarze
-Elster. Der Fluß ist breiter und die Dämme sind höher, aber reizvoller
-ist die Landschaft an der Pulsnitz.
-
-Wir gingen von Plessa nach Elsterwerda immer auf dem Elsterdamme hin.
-Rechts begrenzten Hügel die kargere Landschaft: der nördliche Grenzwall
-des Schradens. Links, leicht verschleiert im kühlen Grau weitete sich
-die eigentliche Schradenlandschaft mit Gräben und Wässern und Dämmen
-und Sümpfen und dem lockeren Geflock der Bäume in der Wiesenaue und mit
-dem graublauen Hügelsaum in der Ferne. Als dunklerer Streifen und ganz
-allmählich an den Elsterlauf heranbiegend zog drüben der Pulsnitzdamm
-durch die Ebene, an den man an der Elster zurückdenkt und den man
-noch einmal gehen wird, im Hochsommer, wenn die Mittagsglut über dem
-duftenden Heu der Schradenwiesen zittert.
-
-
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-
-Tierschutz
-
-
-Als ich vor vielen Jahren mal in Ziegenrück übernachtete, lag im Zimmer
-meines Gasthofes ein altes Schwarzburg-Rudolstädter Gesangbuch von
-1856, das ich aufschlug und folgendes schöne Lied darin fand:
-
- Der weise Schöpfer, dessen Ruf
- Einst mächtig scholl: Es werde!
- Und aller Welt Bewohner schuf,
- Bestimmte diese Erde
- Nicht für den Menschen nur allein,
- Auch Tiere schuf er groß und klein,
- Des Lebens sich zu freuen.
-
- Sein Wille war, daß ihre Zahl
- Sich allenthalben mehre.
- Sie füllen Wälder, Berg und Tal
- Und Seen, Flüß’ und Meere,
- Beleben hier die hohe Luft
- Und dort der Erde tiefste Kluft
- Und freuen sich des Lebens.
-
- Nie kann des klügsten Menschen Sinn
- Der Arten Anzahl wissen,
- Doch sänk auch nur die kleinste hin,
- So wär’ das Band zerrissen,
- Das auf der weiten Gotteswelt
- Die Wesen aneinanderhält
- Zu einem großen Ganzen.
-
- Das kleinste Tier betritt die Welt
- Mit mir auf gleiche Weise,
- Es fühlt sein Dasein und erhält
- Sich auch mit Trank und Speise,
- Hat ebenso, wie ich ein Herz,
- Hat Sinneskraft, fühlt Lust und Schmerz,
- Und liebt wie ich, das Leben.
-
- Dem, der für alles Sorge trägt,
- Dem Schöpfer aller Dinge,
- Ist nichts, was auf der Welt sich regt,
- Zu klein und zu geringe.
- Er, dessen Huld kein Engel mißt,
- Er, der des Menschen Vater ist,
- Ist auch des Wurmes Schöpfer.
-
- Und er, der alle Wesen liebt,
- Er sollte mir erlauben
- Dem Tiere, dem er Leben gibt,
- Mutwillig es zu rauben?
- Was gäbe mir wohl den Beruf,
- Ein Leben, das die Allmacht schuf,
- Aus Leichtsinn zu zerstören?
-
- Nein, kein Geschöpf, das mit mir lebt,
- Darf ich aus Frevel quälen;
- Mag, was mich übers Tier erhebt,
- Mag auch Vernunft ihm fehlen.
- Sie macht mich zu der Gottheit Bild,
- Doch lehrt sie mich auch, göttlich mild,
- Glück um mich her verbreiten.
-
- Vernunft, du sollst mich immer mehr
- Die wahre Weisheit lehren,
- In der Geschöpfe großem Heer
- Will ich den Schöpfer ehren.
- Wer stolz ein Mitgeschöpf verschmäht,
- Das unter Gottes Aufsicht steht,
- Entehrt auch seinen Schöpfer.
-
- Wen eines Tieres Qual erfreut,
- Der sieht mit kaltem Herzen
- Gar bald auch seiner Brüder Leid
- Und spottet ihrer Schmerzen.
- Wer frech sein Mitgeschöpf betrübt
- Und Härt’ und Grausamkeit verübt,
- Der kann auch Gott nicht lieben.
-
-Warum ich das alte Lied ganz hersetzte? Weil es eine berechtigte Klage
-der Tierschützer ist, daß die christliche Kirche sich wenig um die
-Tiere kümmert. Beweis: Die gähnende Leere der Gesangbücher, soweit der
-Tierschutz in Frage kommt. Es gab aber eine Zeit, wo es hierin besser
-war. So z. B. enthielt das _alte_ Magdeburger Gesangbuch von 1837 eben
-dieses und auch ein anderes gutes Tierschutzlied.
-
-_Heimatschutz umfaßt unbedingt auch Tierschutz._ Ich glaube, der Satz
-bedarf keiner besonderen Begründung. Pflanze und Tier beleben erst die
-an sich tote Rinde. Es ist daher nicht zu verteidigen, wenn selbst
-zu wissenschaftlichen Zwecken Vögel, die zu Zeiten (nur zu gewissen
-Zeiten!) schädlich sind, in maßloser Weise in Unzahl abgeschossen
-werden, um ihren Mageninhalt zu untersuchen. Dadurch muß die Natur
-notwendig verarmen und kein Geringerer als ein Brehm hat schon auf
-die bedauerliche Tierarmut Westeuropas hingewiesen. Im allgemeinen
-vollzieht die Natur selber den notwendigen Ausgleich und tritt einer
-übermäßigen Vermehrung einer Art entgegen. Wir können also Herrn Prof.
-~Dr.~ Hoffmann nur recht geben, wenn er Einspruch erhebt gegen den
-Abschuß zahlloser Elstern, und was noch weit schlimmer ist, von so
-seltenen Vögeln wie Wasseramseln, die man nur noch an Gebirgswässern
-trifft, ferner von insektenfressenden Singvögeln. Und beistimmen
-muß ihm jeder, wenn er sagt, daß der durch die Magenuntersuchung
-unter der Vogelwelt angerichtete Schaden _viel größer_ ist als der
-Nutzen, den diese Untersuchungen uns und den überlebenden Artgenossen
-gebracht haben. ~Nisi utile est quod agimus, _vana_ est gloria nostra~
-(Hufeland).
-
- ~Dr.~ Pause.
-
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-»Hexenabend«
-
-Von ~Dr. phil.~ _Gerhard Stephan_
-
-
-In der Nacht des 30. April zum 1. Mai reiten die Hexen zum Brocken,
-um dort mit dem Teufel ihre alljährliche Versammlung abzuhalten. Auf
-ihrer Fahrt nach dem Harz verwünschen und verzaubern sie Haus und Hof,
-Felder und Gärten. Doch vor offenem Feuer scheuen sie zurück, deshalb
-werden im Kamin und auf Bergeshöhen mächtige Brände unterhalten. Die
-Grundstücke werden durch Kreuze, die mit Kreide an die Türpfosten
-gemalt werden, geschützt, auch die Anfangsbuchstaben der heiligen
-drei Könige, C(aspar), M(elchior) und B(althasar), werden gern
-dazugeschrieben.
-
-So geschah es im Mittelalter. In unserer Zeit glaubt kein Mensch mehr
-an diesen tollen Unfug, aber die Sitte des Feuerbrennens und der
-Kreidebemalung hat sich vielerorts, besonders auch in katholischen
-Gegenden, erhalten. So auch bei uns im Kamenz-Bautzner Bezirke, und
-zwar besonders in den wendischen Gegenden, während die deutschen
-Gebiete nur in ihren Grenzstreifen sich am »Hexenabend« beteiligen.
-
-Die Jugend ist es natürlich, die diese Sitte hochhält. Tagelang vorher
-sieht man die Jungens von Haus zu Haus laufen, um sich einen alten
-Besen zu erbetteln. Und auch gar mancher, der noch nicht ausgedient
-hat, muß dran glauben nach dem bekannten Motto: »Geh weg, oder ich
-find’ch«. Die Besen werden schön mit Holzwolle und ähnlichen brennbaren
-Stoffen ausgestattet, besonders Teer und Petroleum werden gern
-verwendet, und nun ruhen sie im Schuppen – den Abend erwartend.
-
-Doch damit man nicht selbst den teuflischen Geistern verfällt, wird man
-von einer liebevollen Hand »bekreuzelt« oder, in schlichtes Deutsch
-übersetzt, einem der Rücken mit Kreide vollgeschmiert. Da kann man
-oft recht erboste und anderseits wirklich »teuflisch« sich freuende
-Menschenkinder beobachten. Aber merkwürdig: Es scheint, als ob nur der
-Choleriker eines solchen »Schutzes« vor dem Reich des Satans bedürfe!
-
-Es beginnt kaum zu dunkeln, da brennen schon die Feuer auf den Höhen.
-Wir steigen den Kamenzer Hutberg hinan. Vor uns und hinter uns ein
-unendlicher Schwarm. Denn der »Hexenabend« ist ein Ereignis. Das weiß
-auch der geschäftstüchtige Hutbergwirt – im alten Gasthaus hat er –
-zeitgemäß – eine »Ef-Zet-Likörstube« eingerichtet. Nun, wir nehmen sie
-nicht in Anspruch, sondern wenden uns lieber der »Mark« zu, wo auf
-der Höhe ein gewaltiges Feuer brennt. Und daherum die »Hexen«, das
-heißt eigentlich sollten es ja gerade deren Vertreiber sein, aber im
-Volke, wo sich die »historischen« Zusammenhänge etwas verwischt haben,
-sind es eben die »Hexen«. Sie schwingen ihre Besen im Kreise. Einem
-feurigen Rade gleicht es von fernen. »Auch die brave Polizei ist wie
-gewöhnlich schnell dabei«, – um den unvergleichlichen Busch in etwas
-abgeänderter Form zu zitieren – ihr Zweck wird ersichtlich aus dem
-immer wiederkehrenden Mahnwort: »Daßerr mirr ni de Felderr zerrtrretet«.
-
-Wir blicken in die Ferne. Soweit das Auge nach Osten und Südosten
-schaut – Feuer und Feuerräder. Die wendische Gegend. Über fünfzig kann
-man zählen, die vorderen noch groß und mächtig, dazwischen öfters der
-Schatten vorbeihuschender Gestalten – es sieht ganz unheimlich aus.
-Nach dem Horizont zu wird es immer kleiner und die fernsten Feuer –
-in der Wittichenauer, Königswarthaer und Bautzner Gegend grüßen nur
-als kleine Punkte. Anders ist das Bild gegen Westen. Hier hemmen
-allerdings die letzten Ausläufer der Kamenzer Berge einen weiten Blick,
-aber soviel ist doch ersichtlich: außer in den nächsten Orten, wie
-Lückersdorf und Gelenau, gibt es nur vereinzelte Brände. Das Gelände
-liegt im Schatten der Nacht. Die Deutschen Kolonistendörfer. So zeigt
-sich auch hier der Unterschied zwischen zwei Volksstämmen, aber wie
-überall mit der »Übergangszone«.
-
- * * * * *
-
-Unsre hiesigen »Pfadfinder«, unter ihrem tätigen Feldmeister Mai,
-feierten ihren »Hexenabend« besonders schön. Sie waren schon am
-Nachmittag ausgerückt – zum Galgenberg, in einen alten Steinbruch,
-der sich schluchtartig nach hinten zog. Hier begann bald ein rühriges
-Treiben. Nachdem jede Gruppe um ihren Wimpel ihre mitgebrachten Sachen
-(was mochten die wohl alles enthalten?) verstaut hatte und die große
-Fahne auf der Höhe eingerammt war, um Gönnern und Freunden den Weg zu
-zeigen, gings an die Arbeit. Da mußte zunächst Holz herbeigeschafft
-werden – also zog ein Holzholerkommando mit einem Wagen los in den
-nahen Busch. Die andern aber scharten sich um Satanas, den Oberteufel,
-und probten für die »Wolfsschluchtszene« des »Freischütz«. Und als sie
-dann im Abenddunkel beim Schein des Holzfeuers gespielt wurde – »frei«
-nach Carl Maria von Weber oder besser Friedrich Kind, mit Hexen und
-Teufeln, mit Irrlichtern und Schrecken, da wirkte sie in ihrer Umgebung
-recht hübsch. Dann kam ein fröhlicherer Teil: Man sprang über das Feuer
-unter allerlei Heil- und Weherufen, die Besen wurden entzündet und der
-Schwarm der Hexen und »Hexriche« machte einen feierlichen Umzug um
-den Steinbruch. Einem vorbeifahrenden Zuge, aus dem die Klänge einer
-Gitarre ertönten, wurde eine besondere Ehrung durch das Schwenken der
-Besen zu teil – der Anblick für die Zuschauer war prächtig. Volkslieder
-am verglimmenden Feuer und ein fröhlicher Heimmarsch bildete den
-Abschluß für diesen Tag, während der folgende, der 1. Mai, der ja
-bekanntlich dieses Jahr schulfrei war, unsere Pfadfinder – ~carpe
-diem~ – draußen am Deutschbaselitzer Teiche in einem Waldlager bei
-selbstgekochtem Essen wiedersah.
-
-
-
-
-Wolftitz
-
-Von ~Dr.~ Ing. _Hubert Ermisch_, Leipzig
-
-Bilder von _J. Mühler_, Leipzig
-
-
-Dort, wo sich im Süden der weiten Leipziger Ebene die ersten Höhenzüge
-zeigen, liegt freundlich eingebettet die alte Töpferstadt Frohburg.
-
-An einem prächtigen Vorfrühlingstage wanderte ich durch die stillen
-Straßen des Städtchens. Wer ahnt, daß hier der Sitz einer Kunsttöpferei
-ist, die – besonders durch die Ausstellungen auf der Leipziger Messe –
-einen Weltruf hat?
-
-Auf der Höhe hinter der Stadt, wo die alte Chemnitzer Straße die
-stattlichen Rittergutsbauten und das Schloß hinter sich läßt, bietet
-sich dem Auge ein überraschend schönes Landschaftsbild. Der Horizont
-wird gerahmt von den weitgedehnten Waldungen, hinter denen das
-berühmte Schloß Gnandstein liegt. Links ragen über die Hügel die zwei
-nadelspitzen Türme der Kirche von Greifenhain. Vor uns an den Wald
-geschmiegt, zum Teil von drei Seiten vom Wald umgeben, liegen die
-beiden fast zu einem verschmolzenen Dörfer Streitwald und Wolftitz,
-zwei als Sommerfrischen und Ausflugsorte allen Leipzigern wohlbekannte
-Stätten. Weiter nach rechts an der alten Chemnitzer Straße, umgeben von
-prächtigem alten Baumbestand, liegt das Rittergut Wolftitz. Der erste
-Anblick erweckt den Eindruck eines alten umwehrten Ritterschlosses. Ein
-spitzgedeckter Turm ragt zwischen den hohen Giebeln und breitgelagerten
-Dächern hervor. Die ganze Gruppe der Gebäude und Bäume bildet ein
-so einheitliches Ganzes, daß es in kunstliebenden Augen nur helle
-Freude wecken kann. Und noch eine weiter rechts vor dem Walde auf
-einem vorgelagerten Hügel sichtbare schöne, alte Baumgruppe zieht
-das Auge unwillkürlich an. Man denkt an alte heidnische Opferstätten
-oder an die Hünengräber der Lüneburger Heide. Diese Vermutung barg
-etwas Wahres in sich: Es ist die Totengruft, die Begräbnisstätte der
-Herren von Einsiedel, die seit 1455 Besitzer von Schloß und Rittergut
-Wolftitz sind. Ein selten schöner, weihevoller Platz, würdig des alten
-Herrengeschlechtes.
-
-Ich wandere von der Höhe hinter dem Frohburger Schloß talwärts auf
-Wolftitz, meinem Ziele zu.
-
-Kunstgeschichtliche Streifzüge soll man nicht unvorbereitet
-unternehmen. Das hat bei Schloß Wolftitz einige Schwierigkeiten. Die
-»Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler«, die
-sich zur Zeit der Bearbeitung dieses Gebietes im Wesentlichen mit
-kirchlichen Bauten beschäftigt, sagt über das Schloß nur wenig. Die
-geschichtlichen Nachrichten stammen aus dem bekannten Schumannschen
-Ortslexikon von Sachsen. Aus diesen beiden Quellen kann man entnehmen,
-daß der Bau des heutigen Schlosses Wolftitz aus dem fünfzehnten
-Jahrhundert stammt und 1625 bis 1626 restauriert wurde. Beides wird
-bestätigt durch die Architekturreste, die sich am Bau befinden. Die
-schlichten Fasenfenster, die spitzen Giebel sind noch gotischen
-Ursprunges, die Balkendecken und die meisten anderen künstlerischen
-Schmuckteile stammen aus dem zweiten Viertel des siebzehnten
-Jahrhunderts. Der Bau scheint im dreißigjährigen Kriege, der in dieser
-Gegend erst in den dreißiger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts
-wütete, wenig gelitten zu haben.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Schloß Wolftitz=, Blick vom Pächterhof aus]
-
-Die Landstraße führt zwischen dem Schloß und der ehemaligen Schmiede
-hindurch. Neben der Schmiede sieht man ein schönes barockes Tor und
-seitlich zwei gleichfalls barocke Figuren. Das Tor führt nach dem
-sogenannten Lustgarten, der jetzt der Obstgarten des Schlosses ist.
-Der Name in Verbindung mit den Architekturresten weist auf die Zeit,
-da man an die Herrensitze kleine nach französischer Art zugestutzte
-Architekturgärten anfügte. Was der prachtliebende August der Starke
-in und um Dresden in großem Stile ausführte, das fand in etwas
-bescheidenerem Umfang wohl auch hier Aufnahme.
-
-Gegenüber diesem Portal zum Lustgarten lag der jetzt leider
-verstümmelte Eingang zum Schloßhof. Wie er gestaltet war, das läßt sich
-nur mutmaßen aus dem im Torpfeiler vermauerten Schlußstein mit der
-immer wiederkehrenden Jahreszahl 1625. Der Blick in den Hof ist überaus
-erfreulich. Breitästig steht ein schöner alter Nußbaum in seiner
-Mitte. Links, das Wirtschaftsgebäude mit seinen großen Toren barg wohl
-dereinst Rosse und Wagen, darüber zieht sich eine reizvoll ausgebildete
-Holzgalerie. Der Hof wird beherrscht von dem Treppenturm, der sich an
-den einen Flügel des Schlosses – wohl ursprünglich dem eigentlichen
-Wohnflügel – anlehnt. Nach der äußeren und inneren Gestaltung des
-Treppenturmes möchte ich auch ihn dem Umbau der Jahre 1625 bis 1626
-zuschreiben. Wo dereinst die alte Uhr die Stunden kündete, hat nun ein
-Wasserbehälter zu Nutz und Frommen der Schloßbewohner seinen Platz
-gefunden.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Wolftitz=, Schloßhof]
-
-Leider stört in der schönen Harmonie des Schloßhofes das neben dem
-Hofeingang gelegene Försterhaus, dessen Architektur sich so gar
-nicht den anderen Bauten – besonders durch das recht flache Dach –
-anschmiegt. Wie leicht hätte man mit nahezu gleichen Mitteln diesen
-Mißton vermeiden können.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Schloß Wolftitz=, Tor zum Lustgarten]
-
-Das Schloß, das sich mir gastlich öffnete, betrat ich zunächst in dem
-dem Hoftor gegenüberliegenden Flügel, den ein Spätrenaissancedachaufbau
-über dem Portal ziert. Vermutlich war dies der Saalbau. Die neuerdings
-erfreulicher Weise freigelegten alten gekehlten Balkendecken gehen
-durch die ganze Geschoßtiefe hindurch, das Erdgeschoß ist überwölbt.
-Eine für die Zeit der Erbauung immerhin breite gradläufige Treppe führt
-zu diesem großräumigen Obergeschoß hinauf. Heute ist das ganze Geschoß
-durch eine Anzahl eingefügter Trennwände und durch eine liebevolle
-Behandlung der Wände, Decken und vor allem der Fensternischen zu
-einer sehr behaglichen und sonnigen Wohnung umgewandelt worden. Die
-freigelegten Balkendecken fügen sich trefflich ein. Jede Zeit hat dem
-Schlosse ihre Spuren hinterlassen und ich glaube, daß dieser Ausbau der
-ehemaligen Festsäle des Schlosses ein Musterbeispiel genannt werden
-kann für unsere Zeit. Wir sind arm geworden in der großen Welt. Unsere
-Heimat, unser deutsches Heim wird aber die Quelle werden für einen
-neuen Reichtum.
-
-Im Gegensatz zu diesem ausgebauten Saalbau trägt der an den Turm sich
-anschließende Flügel noch ganz den Charakter des alten Herrenschlosses.
-Über dem architektonisch ausgeschmückten Rundbogentor sind die
-Wappen derer von Einsiedel und von Haugwitz angebracht. Eine weite
-überwölbte Halle empfängt uns. Die Schlußsteine dieser Gewölbe zeigen
-übereinstimmend das Wappen der Einsiedel. Von der Halle aus ist die
-sogenannte Kapelle zugänglich, ein rechteckiges geräumiges Zimmer mit
-einer schönen gegliederten Holzdecke, die die Inventarisation auf die
-Jahre um 1530 datiert. Hier haben nach alten Verträgen die Pfarrer
-von Frohburg aller vierzehn Tagen zu predigen. Schumann erzählt, daß
-das Rittergut nach Eschefeld eingepfarrt sei, während eigentümlicher
-Weise das Dorf zu Greifenhain gehöre. Die Kapelle enthält ein schönes
-Taufbecken, Nürnberger Arbeit aus der ersten Hälfte des sechzehnten
-Jahrhunderts, auf dem der Sündenfall dargestellt ist. Außerdem sind
-eine Anzahl Bilder beachtlich, unter denen zwei echte Chranachsche
-Gemälde: Georg den Bärtigen und eine Judith darstellend, sowie die
-beiden von Luther und Melanchthon aus der Chranachschen Schule wohl
-die bedeutendsten sind. Die Farbstimmung des ganzen Raumes ist
-überaus wohltuend. Möchte doch die beabsichtigte Neubemalung – wenn
-sie wirklich nicht zu umgehen ist – nur einem Künstler ersten Ranges
-übertragen werden. Denn bei der nahezu gänzlichen Architekturlosigkeit
-des Raumes bedeutet die Farbstimmung alles.
-
-Die eigentlichen Wohnräume des Schlosses liegen im Obergeschoß. Sie
-gruppieren sich um den schönen bildergeschmückten Vorsaal. Auch
-hier oben scheinen noch unter den Putzflächen der Decken, an denen
-vereinzelt Stuckverzierungen zu sehen sind, die alten Balken der
-Renaissance der Wiedererweckung zu harren. Schöne eingebaute Schränke,
-der Schmuck der noch alten Renaissancetüren und vor allem auch eine
-Anzahl Öfen aus der Zeit um 1800 lenken den Blick auf sich.
-
-Sehenswert sind auch die Holzkonstruktionen der riesenhaften Dächer. Da
-ist noch nichts zu spüren von Holzmangel. Die Holzstärken wirken wie
-ein Spott auf unsere »Normen«.
-
-An das Herrenhaus schließt sich der große Pachthof an. Besonders
-die Blicke von dort auf die hochgiebligen Flügel des Schlosses sind
-malerisch.
-
-Prächtig schön ist der Wald, der zu dem Rittergut gehört. Der
-verstorbene Förster August Schmidt und der jetzige Förster Böttrich,
-der nunmehr dreißig Jahre diesen Wald und seinen guten Wildbestand
-behütet, haben sich damit ein lebendiges Denkmal gesetzt. Möchte jeder,
-der dort Stunden der Erholung genießt, wie vor allem allsommerlich
-die vielen Sommerfrischler von Wolftitz und Streitwald mithelfen die
-Schönheit dieses Waldes zu behüten.
-
-Dort wo die Dorfstraße auf die Hauptstraße stößt, steht der von den
-Schloßherren gestiftete Kriegergedächtnisstein von Wolftitz. Schlicht
-und ernst, ein Zeichen der schweren Zeit, aber auch ein Zeichen dafür,
-daß man heute wie dereinst vor dreihundert Jahren Sinn für edle schöne
-Kunst in Wolftitz hat.
-
-
-
-
-Werbekunst in Dorf und Stadt
-
-
-Der Kampf der Heimatfreunde gegen die Auswüchse des Reklamewesens hat
-in der Regel seinen tiefsten Anlaß in der geringen künstlerischen
-Qualität der Reklamemittel, die allein der Zweck, zu wirken, heiligte.
-
-In der schönen Gottesnatur draußen zwar richtet sich die Kampfansage
-wohl an das Auftreten geschäftsmäßiger Anpreisungen überhaupt: denn
-in der Stille des Waldes, an grünen Hängen und zwischen blumigen
-Auen kränkt den Wanderfrohen schon der Versuch, ihn mehr oder
-minder gewaltsam in seiner reinen Freude an der ewigen Schöpfung
-durch Hinweise auf Erzeugnisse der Industrie oder auch besonders
-bemerkenswerte Ereignisse des Geschäftslebens stören zu wollen. In
-den Straßen der großen und kleinen Städte des Landes, im heimatlichen
-Dorfbilde aber ist es nicht das Vorhandensein der Reklame schlechthin,
-was das Auge auf Schritt und Tritt beleidigt, es ist viel mehr noch die
-mangelnde Fähigkeit, die Anforderungen der Werbekunst mit den Gesetzen
-der Baukunst, des Städtebaues, in Einklang zu bringen.
-
-Sieh, wie ungeschickt sitzt dort das grasgrüne lackierte Schild am
-ehrwürdig grauen Giebel des schönen alten Hauses, an dem eine schlichte
-deutliche Schrift in zurückhaltender Farbgebung dem Fremden dasselbe
-künden könnte, wie das häßliche Schild, nur in viel edlerer Sprache!
-Oder wie schrecklich plump hängt das himmelblaue Blechbanner mit
-den gußeisernen Quasten an der freundlichen Schauseite der behäbig
-gelagerten Herberge, der ein Wirtshauszeichen, nach alter guter
-deutscher Art an langer Eisenstange befestigt, der schönste Schmuck
-sein würde. Und dann die vielen schwarzglänzenden Glasfirmenschilder
-mit den steifen gelben Buchstaben! Überhaupt – fort mit dem Glas in
-der Außenreklame, wo es fast stets alsbald in einen unüberbrückbaren
-Widerspruch zu Holz und Stein des Straßenbildes tritt. Eins der
-schönsten Städtebilder in sächsischen Landen können wir seit einiger
-Zeit nicht mehr betrachten, ohne zugleich den Ärger über eine riesige,
-buntfleckige Glastafel hinunterschlucken zu müssen, auf der eine
-Unmenge verschiedener Firmen in allen Farben des Regenbogens einander
-überschreien, um ihre Erzeugnisse anzupreisen. Das wäre nicht nötig
-gewesen, denn erst kürzlich ist es der umsichtigen Verwaltung einer
-kleinen Stadt unser engeren Heimat gelungen, sich mit Erfolg der
-Entstellung des wohlerhaltenen Stadtbildes durch solcherlei Reklame zu
-widersetzen: Fürwahr ein schöner Beweis praktischen Heimatschutzes, der
-Nachahmung verdient.
-
-Alles in allem nochmals: Nicht die Tatsache, _daß_ Reklame gemacht
-wird, ist es, was uns grämt, sondern _wie_ sie gemacht wird, wie
-häßlich, wie wenig überlegt, wie kunstlos. Und doch ist gegenwärtig
-gerade die Werbekunst derjenige Zweig der angewandten Kunst, dem Not
-und ungeheuerliche Teuerung im Gegensatz zu anderen Gebieten noch am
-wenigsten schwere Fesseln anlegten. Wir sehen ja allenthalben auch
-recht erfreuliche Anzeichen dafür, daß sich hier eine zielbewußte
-Fortentwicklung fühlbar macht. »Daß wir die Reklame als Kunst ernst
-nehmen, ist ein Zeichen unserer Zeit.« Man sucht und findet neue Wege.
-Mit Wohlgefallen ruht das Auge da und dort auf einer schönen alten
-Schauseite, die in neuem, kräftig farbigem Gewand erstrahlt, mit einer
-klaren ruhigen Schrift das verkündend, was noch vor kurzem viele grelle
-Schilder und Tafeln durcheinanderbrüllten. Trefflich ausgeführte
-Plakate finden wir allerorten. In der eindrucksvollen Dresdner
-Werbeschau konnten wir viel finden von dem, was wir suchen und in
-weitester Verbreitung wünschten: wie, von den besten Künstlern geführt,
-eine neuartige Werbekunst neue Bahnen sucht und zu schönen Hoffnungen
-wohl berechtigt. Weite Gebiete stehen dieser Kunstart offen, große
-Entwicklungsmöglichkeiten liegen auf ihrem Wege: auch in der Gegenwart,
-denn die Reklame birgt, wenn sie gut ist, schon in sich die Deckung
-der für sie aufgewendeten Kosten. Umsomehr gilt es jetzt, diejenigen
-Kreise, die die praktische Ausübung des Reklamewesens betreiben, auf
-die hohe Bedeutung der ihnen anvertrauten Kulturaufgabe hinzuweisen.
-
-Die Werbekunst im heutigen Sinne ist eine durchaus neuzeitliche
-Kunstart, die Überlieferung fehlt ihr. Darum ist sie bisher so
-fremd gewesen im Stadtbild, darum wird es ihr noch immer so schwer,
-sich mit ihrer Sprache hineinzuleben und hineinzufühlen in die
-Formensprache der Baukunst. Das wird ihr um so rascher gelingen,
-je gründlicher und sicherer der junge Nachwuchs der Ausübenden die
-Grundbegriffe von Formen- und Farbenschönheit, Schriftwirkung, Stil
-und Materialgerechtheit beherrscht. Daran muß vor allem an Lehr- und
-Studienanstalten des Kunstgewerbes gearbeitet werden, wenn Handwerk
-und Industrie das Reklamewesen zu künstlerischer Höhe führen wollen.
-Trefflich hat kürzlich in Dresden der Reichskunstwart ~Dr.~ Redslob
-den Weg zur Erreichung dieses Zieles vorgezeichnet: »Unser Streben
-muß dahin gehen, die Kunst aus ihrer vereinzelten Stellung als Fach
-zu befreien, und wieder alles mit Kunst zu erfüllen, wie es einst
-selbstverständlich war. Der Wunsch nach Formengebung muß wieder etwas
-ganz Notwendiges sein. Höchst wichtig ist dabei, die enge Verbindung
-zwischen Kaufmann und Künstler zu schaffen, ohne die unser ganzes
-Wirtschaftsleben leiden muß.«
-
-Aber auch du, der du deine Heimatstadt, dein Heimatdorf lieb hast,
-sollst an dem Ziel, die Reklame zu veredeln, mitarbeiten, kannst
-mitarbeiten. Denn dein Auge ist mehr, als du denkst, geübt, wohl
-zu entscheiden, was dem vertrauten Straßenbild, dem schönen alten
-Marktplatz mit dem Brunnen, den schlichten Bürgerhäusern oder dem guten
-Gasthof schadet mit zu Vielem und zu Häßlichem an Reklame, was ihnen
-frommt an schönem guten Beiwerk dieser Art. Betrachte aufmerksam,
-was da und dort an Trefflichem neu entstand und versuche, das auch
-in deinem Heimatort heimisch werden zu lassen. Ein gutes Wort, ein
-wohlmeinender Rat tun schon viel. Und sei gewiß: allmählich wird es
-gelingen, jene schlichtbescheidene Straßen-Werbekunst zurückzugewinnen,
-die vordem das Straßenbild schmückte, die nur vorübergehend von
-einer traditionslosen, überlauten Unkunst verdrängt worden war. Dann
-aber könnte etwas Unerwartetes geschehen: Reklame und Heimatschutz,
-bisher zwei leider so oft feindliche Brüder, würden sich verbünden zu
-gemeinsamem Werke, das dem schönen alten Heimatbilde wieder zu einer
-würdigen, bescheidenen und dabei doch wirkungsvollen Belebung durch
-gute Reklame verhilft.
-
- Nicolaus
-
-
-
-
-Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen
-
-Von Professor ~Dr.~ _Arno Naumann_
-
-Mit Aufnahmen von ~Dr. med.~ _Hoffmann_, Wurzen
-
-
-Nach einem im Leipziger Zentral-Theater am Karfreitag gehaltenen
-Vortrag beschloß ich, in Wurzen zu übernachten, um am Ostersonnabend
-früh ein Naturdenkmal aufzusuchen, das mir als Mensch wie als Botaniker
-gleich beachtenswert erschien: »die Osterblume am Wachtelberg«.
-
-Als _Mensch_ reizte mich die _Schönheit dieser heimischen Pflanze_,
-die mich vordem ein einziges Mal als vereinzelter Herbstblüher am
-Staffelstein in Franken entzückt hatte, als _Botaniker_ trieb es mich,
-diesen interessanten _sächsischen Standort einer pflanzengeographisch
-bedeutsamen Pflanze_ zu besuchen.
-
-Früh schon begab ich mich zu meinem pflanzenkundigen Vereinsbruder,
-Herrn Konrektor Oberstudienrat ~Dr.~ Hoffmann, Wurzen, und wanderte mit
-ihm bei herrlichstem Frühjahrssonnenschein zu dem eine halbe Stunde
-südlich von Wurzen gelegenen, Bismarckturm-gekrönten Porphyrhügel des
-Wachtelberges. Seine vereinzelten Birken zeigten schon den lichtgrünen
-Schleier sprossenden Laubes, und östlich des Gipfels breitete ein
-Kiefernwald seine dunklen Kronen (Abb. 1). Der Wachtelberg bietet einen
-erfreuenden Blick auf den Muldenlauf, dessen tote Arme der Landschaft
-einen besonderen Charakter verleihen. Unsere Blicke schweifen über den
-Wald des Rehberges, umfassen den Planitzwald und ruhen schließlich auf
-den fernen Auenwäldern, die sich längs eines diluvialen Flußbettes bis
-gegen Leipzig ziehen. Aus ihnen hebt sich die Ruine von Machern.
-
-Wir waren zur rechten Zeit gekommen, denn überall am Südhang und an
-den trockenen Böschungen des Kiefernwaldes erblühte im herrlichsten
-Blauviolett dieses lenzholde Florenwunder, dem Linné den Namen ~Anemone
-Pulsatilla~ verlieh. Besser erscheint mir hierfür der selbständige
-Gattungsbegriff ~Pulsatilla~ mit ~vulgaris~ als Artnamen. Als deutsche
-Bezeichnung für diese Pflanze findet man in den Floren vielfach den
-Namen »Küchenschelle«, einen Namen, der in den meisten Pflanzenbüchern
-gedankenlos nachgedruckt worden ist. Er müßte, da er sich von der
-Ähnlichkeit der Blüte mit einer Kuhglocke abzuleiten scheint, besser
-in »Kühchenschelle« abgeändert werden. Deshalb ist der von Hallier in
-seiner Flora von Deutschland gewählte Name _Kuhschelle_ annehmenswert.
-Wir aber wollen in unserer Arbeit den um Wurzen gebräuchlichen, so
-treffenden Namen »Osterblume« beibehalten und uns dieser volkstümlichen
-Bezeichnung freuen. Die fünf deutsche Arten zählende Gattung
-~Pulsatilla~ ist besonders blütenschön und wird daher in mehreren Arten
-auch als lenzverkündender Gartenschmuck gepflegt, selten freilich mit
-glücklichem Erfolg.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Der Wachtelberg mit der Osterblume=]
-
-Zwei _weißblühende Arten_ besitzen wir in der hochgebirgischen
-_~Pulsatilla alpina~_, die auch im Harz und den Sudeten wächst und in
-der oft _rosa überhauchten_ heidegewohnten _~Pulsatilla vernalis~_,
-die besonders häufig in Westpreußen trockene Hügel im ersten Frühling
-schmückt, aber auch im sächsischen Heidegebiet vorkommt (Lausa,
-Pulsnitz, Großenhain).
-
-In der _hellvioletten Blütenfarbe_ gleicht unserer süd- und
-westeuropäischen Osterblume die osteuropäische Schwester _~Pulsatilla
-patens~_, deren Grundblätter aber nicht eine doppelte Fiederung,
-sondern eine reizende Fingerung zeigen. Mit Entzücken denke ich
-noch der herrlichen Ostertage, an denen ich mit meinem lieben Vater
-in Nordböhmen am Kahleberg bei Kundratitz diese herrliche Pflanze
-zu Tausenden erblühen sah, die dunklen Basaltrücken in leuchtendes
-Blau hüllend. Einen ganz anderen Eindruck macht die _nickende_
-~Pulsatilla pratensis~, deren glockig zusammengeneigte Perigonblätter
-braunrot bis dunkelviolett schimmern. Im nordböhmischen Elbtal ist
-dieselbe, ebenfalls zur Osterzeit, auf allen trockenen Höhen und
-rasigen Wegrändern zu finden und führt dort den ansprechenden Namen:
-»Osterglocke«. In Deutschland besitzt sie besonders nördliche und
-östliche Verbreitung. In Sachsen besiedelt sie sonnige Stellen des
-Elbtalgebietes, fand in unseren Heimatschutzheften bereits in meinem
-Aufsatz über das Ketzerbachtal Erwähnung und ist dort auch nach
-Aufnahmen »unseres Ostermaier« bildlich dargestellt[1].
-
-Die Osterblume findet sich am Wachtelberg auf trockner Grastrift mit
-vorherrschendem Feinrasen des Schafschwingels (~Festuca ovina~).
-Das nackte Gestein von Pyroxen-Quarzporphyr wird oft überzogen
-von den fingerblättrigen Polstern des Frühlingsfingerkrautes
-(~Potentilla verna~), welches zur Zeit unseres Besuches seine
-niedlichen goldgelben Blüten erschloß. Duftende Polster des Quendels
-(~Thymus Serpyllum~) schoben sich dazwischen, und der Besenginster
-hatte an seinen immergrünen Ruten bereits Blütenknospen angesetzt,
-während dunkle Heidekrautbüsche noch in winterlicher Zerzaustheit
-wie leblos dazwischenstarrten. Von anderen Pflanzen konnte ich
-teils aus winterlichen Resten, teils frisch sprießend erkennen:
-Pechnelke, Hornkraut (~Cerastium arvense~), Johanniskraut (~Hypericum
-perforatum~), Fetthenne (~Sedum maximum~), Mauerpfeffer (~Sedum acre~),
-Färbeginster (~Genista tinctoria~), Silberfingerkraut (~Potentilla
-argentea~), Feldbeifuß (~Artemisia campestris~), Habichtkraut
-(~Hieracium Pilosella~), Rispenflockenblume (~Centaurea paniculata~)
-und Golddistel (~Carlina vulgaris~); alles Pflanzen, welche sich mit
-dem Verwitterungsgrus von Silikatgesteinen begnügen.
-
-In einem Briefe an den Landesverein Heimatschutz vom Mai 1920 sagt mein
-Freund, Herr Universitätsoberbibliothekar ~Dr.~ R. Schmidt, Leipzig:
-»Von der sonstigen Flora des Wachtelberges erfreuten mich besonders ein
-paar in schönster Blüte stehender Holzbirnensträucher (~Pirus Achras~)
-mit den charakteristischen Zweigdornen und große Trupps der ~Teesdalea
-nudicaulis~. Pflanzen, die als Seltenheiten zu bezeichnen wären, habe
-ich außer Kuhschelle nicht bemerkt.«
-
-[Illustration: Abb. 2 =Die Osterblume=]
-
-Die Seltenheit dieser Blume bewog schon im Jahre 1910 den einsichtigen
-Stadtrat von Wurzen, sich an die Amtshauptmannschaft Grimma _mit der
-Klage zu wenden, »daß die Gefahr besteht, daß sie, wenn weiterhin
-das Abpflücken der Osterblume durch Spaziergänger erfolgt, völlig
-verschwinde«_. Die Amtshauptmannschaft riet dem Stadtrat, sich
-zunächst an den Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« zu wenden.
-Dieser beauftragte den leider so früh heimgegangenen Kustos des
-Sächsischen Herbariums, Herrn Professor ~Dr.~ B. Schorler, mit der
-Bearbeitung der Angelegenheit. Schorler erkundete, daß für die von
-der Osterblume besiedelten Triften als Besitzer der Gemeindevorstand
-Schmidt, Dehnitz, und der dortige Gutsbesitzer Robert Rasch in Frage
-kämen. Dabei betont Schorler in seinem Gutachten, »daß unsere Pflanze
-eine west- beziehungsweise südwesteuropäische Art ist, welche im
-Osten Deutschlands völlig fehlt.« In Mitteldeutschland sind die zwei
-sächsischen Standorte _Bienitz_ und _Wachtelberg_ die am weitesten
-nach Osten vorgeschobenen Posten und werden in fast allen Floren von
-Deutschland erwähnt. Die Osterblume wird am Wachtelberge sicherlich
-einen weit ausgedehnteren Standort besessen haben, ist aber durch
-Steinbruchsbetrieb und Feldwirtschaft schon recht eingeschränkt worden.
-Nimmt man nun hinzu, daß der Bismarckturm als Aussichtspunkt viele
-Besucher heranzieht, so ist die Gefahr des Verschwindens nahegerückt,
-zumal sie als erster Frühlingsblüher besonders lockt und in manchem
-Gartenbesitzer den Wunsch rege macht, dieselbe auszugraben und in
-seinen Garten zu verpflanzen, um sich im eigenen Heim alljährlich
-dieser Blütenschönheit zu freuen. Herrlich ist ja auch der in der
-Sonne weitgeöffnete, violette, sechszählige Blütenstern, aus dessen
-Mitte sich die zahlreichen goldgelben Staubgefäße wirkungsvoll abheben
-(Abb. 2). Die doppelt gefiederten Grundblätter der Pflanze erscheinen
-erst später, nur ein dicht unter der Blüte befindliches, gleich dem
-Stengel weißlich behaartes Hochblatt ist zur Blütezeit erkennbar.
-Das freiblättrige Perigon, die vielen Staubblätter und zahlreichen
-Pistille, welche beide auf dem Blütenboden stehen, erweisen die
-Zugehörigkeit der ~Pulsatilla~ zur _Familie der Hahnenfußgewächse_,
-die so manches Giftgewächs umfaßt, darunter auch unsere Osterblume,
-welche früher infolge eines kampferartigen Stoffes als Arzneipflanze
-geschätzt wurde.
-
-Nach dem Abblühen verlängert sich der Blütenstengel bis zu fast
-einem halben Meter Höhe und trägt die nunmehr herangereiften, mit
-Federschwanz versehenen Einzelfrüchte, ganz ähnlich wie die nahe
-verwandte Clematis. Der fedrige Fruchtschopf erinnert auch an den
-bekannten »Teufelsbart« ihrer Hochgebirgsschwester ~Pulsatilla alpina~.
-Es ist ein köstlicher Anblick, wenn die Sonne durch die hochstengeligen
-Federköpfe scheint und sie wie Silberfiligran aufleuchten läßt.
-Schmidt, welcher an einem Osterblumenstock des Wachtelberges
-dreiundvierzig Blüten in verschiedenen Entwicklungsstadien zählte,
-bemerkt hierzu:
-
- Nicht weniger angenehm wie der Anblick dieser Blütenpracht war
- mir die große Menge der Fruchtstände mit ihren heranwachsenden
- Federschweifen; ich schätze sie an die Tausend. Es steht somit
- fest, daß eine recht stattliche Zahl Blüten pflückenden Händen
- entronnen ist und Gelegenheit findet, ihre Samenanlagen zu
- reifen und sich zu verbreiten. Ich konnte beobachten, daß die
- ~Pulsatilla~ von ihrem ursprünglichen Gelände aus mit einigen
- Stöcken in die Sohle des ehemaligen Steinbruches vorgedrungen
- war. _Dagegen fand ich an den anderen Seiten des Berges,
- zwischen Bismarckturm und Windmühle, nur ein einziges Exemplar._
-
-Dies letzte beweist augenfällig, wie an den Orten regen Begängnisses
-dieser Pflanze von den Bergbesuchern nachgestellt wird. Es wäre
-aber _nicht nur eine ästhetische Einbuße_, wenn dieser herrliche
-Frühlingsbote vom Wachtelberg verschwände, sondern auch _ein
-unersetzlicher floristischer Verlust_, da uns dieses Vorkommen der
-Pflanze auf einen von Südwesteuropa zu uns herstrahlenden Wanderweg
-dieser Pflanzen hinweist, den sie mit so manchem andern Gewächs
-genommen. Es ist in Wahrheit eine Urkunde, welche eindringlich vom
-Entstehen unseres heimischen Florenbildes aus nach der Eiszeit zu uns
-hergewanderten Bürgern entlegener Pflanzengebiete zu uns spricht.
-Die mit Federanhang versehenen Früchte können, vom Winde entführt,
-sicherlich eine weite Luftreise unternehmen. Es ist daher sehr
-wahrscheinlich, daß der Wachtelberg dereinst seinen Osterblumenbestand
-von dem etwa zwanzig Kilometer westlich gelegenen Bienitz bei Leipzig
-empfangen hat. Der Bienitz selbst verdankt diesen Schmuck indirekt
-einem präglazialen Saalelauf, der diesen pflanzenberühmten Hügel
-mit herangeführtem Muschelkalk versorgt und die an den Saaleufern
-verbreitete Pflanze darauf angesiedelt hat.
-
-Nach alledem kann es jedermann nur dankbarst begrüßen, daß auf
-Anregung der Amtshauptmannschaft Grimma schon im Frühjahr 1912 auf dem
-Wachtelberggelände Verbotstafeln angebracht worden sind mit folgendem
-Wortlaut:
-
- Heimatschutz!
-
- »Das unbefugte Betreten dieses Grundstücks, sowie das
- Abpflücken, Abzupfen und Abschneiden von Feld- und Wiesenblumen
- ist bei Strafe bis zu 30 Mark oder entsprechender Haft
-
- _verboten_.
-
- §§ 19 und 14 des Forst- und Feldstrafgesetzes.
-
- _Grimma_, den 27. März 1911. Die Amtshauptmannschaft.«
-
- »Der Wachtelberg trägt inmitten der fruchtbaren Getreidefelder
- noch heute seine ursprüngliche Pflanzenwelt und zeigt uns,
- wie die Flora der sonnigen Hügel östlich von den Leipziger
- Auenwäldern zusammengesetzt war, bevor der Mensch mit seinen
- Kulturflächen sie zerstörte. Er ist also als Naturdenkmal
- anzusehen, das uns wie eine wertvolle Urkunde von alten Zeiten
- berichtet. Dieses auch für unsere Nachkommen zu erhalten,
- ist unsere Pflicht. Leider sind die seltenen Pflanzen des
- Berges durch Abrupfen und Ausgraben schon so vermindert, daß
- die Gefahr ihrer völligen Vernichtung vorhanden ist. Um dies
- zu verhindern, hat die Amtshauptmannschaft auf die Bitte des
- Sächsischen Heimatschutzes das obige Verbot erlassen.«
-
-Diese Art, Pflanzenschutz zu treiben, erscheint mir vorbildlich! Der
-Wortlaut eines _Verbotes_, das bei unerzogenen Menschen meist auf
-Widerstand stößt, muß eben in seiner polizeimäßigen Schärfe _gemildert_
-werden _durch eine belehrende und fesselnde Angabe der Verbotsursache_.
-Letzteres ist unbedingt angebracht, denn der Einsichtige wird sich
-dieser Betonung einer unabweisbaren heimatlichen Pflicht nicht
-verschließen. Ein in solcher Form begründetes Verbot wird selbst in
-unserer verbotsfeindlichen Zeit wirksam sein. Wo es _noch_ versagt,
-werden auch alle anderen Mittel, welche zum Schutze von Naturdenkmälern
-vorgeschlagen und erdacht sind, hinfällig, _denn ein gefühlsroher
-Mensch ist mit Nichts zu packen; er bleibt eben ein Schandfleck auf dem
-Kulturgewand seines Volkes_!
-
-
-Fußnoten:
-
- [1] Vergleiche auch ~Dr.~ Naumann: »Praktische Wege des
- Heimatschutzes«, Heft 12, Bd. I, S. 417.
-
-
-
-
-Ein altes Patrizierhaus
-
-Aufnahme von _Konrad Richter_, Auerbach i. V.
-
-
-Auch in Sachsen stößt der Wanderlustige gar nicht so selten auf
-wenig bekannte Bauten, die einer näheren Betrachtung wert sind. Alte
-Herrensitze und Baumgehöfte, Dorfkirchen, Rathäuser und Kleinhausbauten
-sind oft geschildert und dargestellt worden. Ein Patrizierhaus, wie das
-in der Abbildung gezeigte, findet man in Sachsen und vor allem auf dem
-Lande oder im Gebirge selten. Die reicheren Bürger, die in der Lage
-waren, sich vornehme Häuser zu bauen, suchten den Schutz der Stadt und
-das Zusammenleben in ihr; Patrizierhäuser auf dem Lande oder in kleinen
-Orten kannte man nicht.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Altes Patrizierhaus in Stützengrün= (Ansicht von
-Südwesten)]
-
-[Illustration: Abb. 2 =Altes Patrizierhaus in Stützengrün= (Ansicht von
-Südosten)]
-
-Um so überraschter ist man, in der kleinen Gemeinde Stützengrün i. V.
-ein so behäbiges, auf Wohlstand und Geschmack hinweisendes Haus zu
-finden. Der Bauherr hat zweifellos nicht irgendeine zufällige Planung
-durch einen Unternehmer zur Ausführung bringen lassen, er hat bewußt
-Form und Anlage seines Hauses geprüft und sich seinen Baumeister
-gesucht. Die sicherlich nicht in jeder Einzelheit fein durchgebildeten
-Formen des Hauses, die fast auf süddeutschen Einfluß hinweisen, lassen
-die Gesamtanlage doch außerordentlich wirkungsvoll erscheinen. Die
-horizontale Gliederung, die gleichmäßige Verteilung der Fenster und
-die Betonung ihrer Achsen durch gleich große Dachgeschoßfenster, die
-Durchführung der Achsenbeziehungen, die Hervorhebung des Einganges
-durch einen kleinen Giebelvorbau, die schmucken Fensterläden, die
-Putzgliederung und die starke Schattenwirkung des weit vorspringenden
-Gesimses sind die Bestandteile dieses ausgezeichneten Werkes. Dazu
-betont die Besonderheit des Hauses noch das in dieser Gegend sonst
-nicht heimische Mansardendach, das aber zu diesem breitgelagerten Hause
-mit seiner süddeutschen barocken Form gehört.
-
-Möge die Veröffentlichung die Freude am Finden heimischer Kunstwerke
-fördern.
-
- ~Dr.~ Conert.
-
-
-
-
-Gefährdete heimische Pflanzenwelt
-
-Von _Paul Apitzsch_, Ölsnitz i. Vogtl.
-
-
-Ein sonnengoldner Sommertag blauet über den weiten Wäldern des
-südwestlichen Vogtlandes. Ich wandre in der Herrgottsfrühe
-mutterseelenallein von _Bad Elster_ das Kesselbachtal aufwärts und
-erreiche bei der Theresienruh die sächsisch-tschechoslowakische
-Grenze. Zwischen Hochwald und mooriger Wiese zieht der mit granitnen
-Marksteinen besetzte Grenzweg dahin. Dort, wo vom Grenzpfad schmale
-Waldsteige nach den böhmischen Dörfern Krugsreuth und Thonbrunn
-abzweigen, liegen die Quellen des Kesselbaches. Lind fächeln im
-Frühwind auf geschwellten Moospolstern die weißen Fähnchen des
-Wollgrases (~Eriophorum vaginatum~). Dazwischen leuchten zwei
-Bergorchideen: die roten Blütenstände des gefleckten Knabenkrautes
-(~Orchis maculata~) und die gelblichweißen, stark duftenden Armleuchter
-der zweiblättrigen Platanthere (~Platanthera bifolia~). Zwischen
-Schachtelhalm und Farnkraut stehen vereinzelt, aus smaragdgrünen
-Blattrosetten emporragend, die veilchenblauen Blüten des Fettkrautes
-(~Pinguicula vulgaris~) und zu kleinen Genossenschaften vereinigt die
-mit roten Drüsenhärchen versehenen Blattsterne des rundblättrigen
-Sonntaues (~Drosera rotundifolia~), zwei immer seltner werdende
-insektenfressende Sumpfgewächse. An dem Höhenwege von der Theresienruh
-nach der Agnesruh und der Alberthöhe wächst im Preiselbeergestrüpp eine
-weitere botanische Seltenheit, die, außer im Vogtlande, nirgends in
-Sachsen vorkommt: die Buchsbaum-Ramsel (~Polygala Chamaebuxus~). Ihre
-starren, dunklen Blätter unterscheiden sich kaum vom Preiselbeerlaub,
-während die gelblichen Blüten denen des Waldwachtelweizens ähneln.
-
-Wenn im Spätsommer die Waldblößen im purpurnen Glanze der Weidenröschen
-(~Epilobium angustifolium~) glühen, dann erscheinen überall an sonnigen
-Hängen die giftigen Blüten des blaßgelben Fingerhutes (~Digitalis
-ambigua~). Während dieser noch allerwärts im Vogtland und in andern
-Gebirgswäldern häufig vorkommt, ist sein gleichfalls giftiger Bruder,
-der rotblühende ~Digitalis purpurea~, bereits dem Aussterben nahe.
-Vor zwanzig Jahren waren die purpurnen Fingerhüte im Steinicht
-zwischen Plauen und Elsterberg, im Triebtal und Kemnitzbachtale
-keine Seltenheit. Heute sucht man sie dort vergebens. Sie sind
-verdorben, gestorben. Ebenso gefährdet ist das Dasein der wenigen noch
-wildwachsenden Türkenbuntlilien (~Lilium Martagon~) im Burgsteingebiet
-und am Kandelhof bei Gutenfürst. Großstädtische Sommerfrischler und
-botanisierende Schüler werden dafür Sorge tragen, daß dieser Schmuck
-des Bergwaldes demnächst verschwindet. Im Frühherbst erscheinen dann
-die Heerscharen der Heidekräuter oder ~Ericaceen~. Die gewöhnliche
-Besenheide (~Erica vulgaris L.~ oder ~Calluna vulgaris Salisb.~) ist ja
-durchaus nicht gefährdet, wenn auch während der Kriegszeit hektargroße
-Flächen in Ackerland umgewandelt und ebenso große Gebiete des oberen
-Vogtlandes entheidet wurden und ihr Pflanzenwuchs als Stallstreu
-Verwendung fand. Aber sehr selten geworden ist die großblütige Sumpf-
-oder Moorheide (~Erica Tetralix~), die meines Wissens nur noch an einer
-einzigen Stelle des Vogtlandes vorkommt. Aus leicht begreiflichen
-Gründen werde ich diesen einzigen und letzten Standort nicht verraten.
-Ich würde sonst vielleicht das Gegenteil von dem erreichen, was ich
-beabsichtige.
-
-Eine spezifisch vogtländische ~Ericacee~, die in Otto Wünsches
-»Exkursionsflora für Sachsen« als »sehr selten« bezeichnet wird, ist
-die fleischfarbene _~Erica carnea~_ oder _Schneeheide_. Im Gegensatz
-zu ihren Schwestern, die sämtlich an der Schwelle zwischen Spätsommer
-und Frühherbst in Blüte stehen, ist die Schneeheide ein Kind des
-Vorfrühlings, und ihre roten Polster sind ein hervorragender Schmuck
-der sächsisch-böhmischen Bergwälder bei Brambach, Schönberg, Wildstein.
-Ihr Vorkommen beschränkt sich im allgemeinen auf die südvogtländische
-Granitinsel rund um den Kapellenberg, wenn auch hier und da in den
-Kontaktgebieten, so im Muskowitschiefer bei Hennebach und Dürrngrün
-in Böhmen, Schneeheide vorkommt. Als im Jahre 1885 der Eisenbahndamm
-zwischen Ölsnitz und Adorf mit Brambacher Granitschutt beschottert
-wurde, gedieh auch dort Schneeheide; sie kränkelte aber bald und
-ging schließlich ein. Im Jahre 1906 versuchte ich, an der Südseite
-des Hasenpöhles bei Ölsnitz Schneeheide zu akklimatisieren. Kräftige
-Pflanzen aus den der Fürstenschule St. Afra in Meißen gehörigen
-Brambacher Rittergutswaldungen wurden eingesetzt. Jedem Steckling
-war ein großer Ballen heimatlicher Erde und reichlich Granitsand in
-die Fremde mitgegeben worden, um die Lebensbedingungen möglichst
-günstig zu gestalten. Vier Jahre später habe ich Schneeheidesamen
-aus Mieders und Fulpmes im unteren Stubaital in Tirol ebenfalls am
-Ölsnitzer Hasenpöhl unter Zuhilfenahme von vogtländischem Granitsand
-ausgesät. Und der Erfolg beider Versuche? Die gepflanzte ~Erica
-carnea~ gedieh zunächst ganz prächtig, ging aber dann stockweise
-ein, und die letzten spärlichen Exemplare starben 1919 am Heimweh.
-Der ausgesäte Same mag von vornherein die Aussichtslosigkeit der
-Entstehung fortpflanzungsfähiger Schneeheideexemplare geahnt haben und
-– ging gar nicht erst auf. Granitner Grund scheint eine Mitbedingung
-des Fortkommens der Schneeheide zu sein. Wesentlicher jedoch als
-die Kausalität zwischen Granit und Schneeheide scheint mir die
-hochinteressante Beziehung zwischen dem Vorkommen der Schneeheide und
-dem Vorhandensein radioaktiver Wässer zu sein. Es fällt unwillkürlich
-auf, daß die Schneeheide ausgerechnet im Bereich der sächsischen
-und böhmischen Bäder: Bad Elster, Brambach, Franzensbad, Karlsbad,
-Königswart und Marienbad vorkommt. Alle diese Bäder besitzen, wie schon
-Felix Heller in Band X, Heft 4–6, Jahrgang 1921 der »Mitteilungen des
-Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« ausführt, Quellen mit mehr
-oder weniger starkem Radiumgehalt. Brambach, mit der weitaus größten
-Zahl Macheeinheiten (2200), hat auch die stärkste Bodenbedeckung
-mit Schneeheide. »Es liegt da nahe, die Radioaktivität des Wassers
-als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch
-Radium-Emanation bedingte höhere Bodenwärme.« Wissenschaftlich
-ausgeführte pflanzenbiologische Untersuchungen könnten hier Klarheit
-schaffen.
-
-Die Schneeheide ist stark gefährdet, da sie in den blütenarmen Monaten
-März und April Verkaufsobjekt, Handelsware, Erwerbsgegenstand geworden
-ist. Trotz strenger Verbote der Amtshauptmannschaft Ölsnitz und der
-Bezirkshauptmannschaft Eger setzt bei beginnender Schneeschmelze
-alljährlich ein förmlicher Vernichtungskampf ein; und so ist das
-Fortbestehen der obervogtländischen Schneeheide genau so gefährdet wie
-das in den Alpenländern von einer rücksichtslosen Fremdenindustrie
-bedrohte Edelweiß.
-
-Zu den aussterbenden Gewächsen der heimischen Wälder gehört noch ein
-anderes Vorfrühlingskind: der Kellerhals oder Seidelbast (~Daphne
-Mezereum~). In Wildrosenhecken und im Schlehdorngesträuch leuchten
-an kahlen, holzigen Stengeln scharlachrote Blüten und hellgrüne
-Blattspitzen. Ein starker Geruch, wie von bitteren Mandeln, entströmt
-den Giftblüten. Auch das prächtige Pfaffenhütchen (~Evonymus europaea~)
-unsrer Wälder wird seltener. Je charakteristischer und auffallender
-eine Pflanzenerscheinung ist, desto mehr fällt sie der Beachtung und –
-Vernichtung anheim.
-
-Unsre Heimat hat in ihrem großen Lebeweseninventarium nicht nur
-aussterbende Tiere zu verzeichnen, sondern auch untergehende Pflanzen.
-Insoweit dieses völlige Verschwinden mit unbedingt notwendigen
-Kulturfortschritten ursächlich in Zusammenhang steht – ich denke
-an das Zurückgehen der Sumpf- und Moorflora infolge Urbarmachung
-bisher brachliegender Hochmoore –, ist dies wohl bedauerlich,
-kann aber im Interesse gesunder kultureller Weiterentwicklung des
-Menschengeschlechts nie und nimmer aufgehalten werden. Die Menschheit
-kann nicht hungern, um etwa eine seltene Torfmoosart der Nachwelt
-zu erhalten. Aber die gefährlichsten Feinde der seltnen Flora sind
-nicht die Pioniere der Kultur, sondern sogenannte »Naturfreunde«. Ihr
-deutschen Jungen, gefährdet nicht die letzten Reste einer sterbenden
-Pflanzenwelt, indem ihr die wehrlosen Leiber derselben zusammenpreßt
-und euerm furchtbaren Herbarium einverleibt! Diese Totenkammern,
-diese Leichenhäuser, diese Mumiensammlungen tragen die Schuld, wenn
-die eigenartigsten und charaktervollsten Vertreter unsrer heimischen
-Pflanzenwelt dem Tode geweiht sind. Andachtsvoll stehe ich vor der
-einzigen und letzten ~Erica Tetralix~ meiner Heimat. Ich rühre sie
-nicht an. So gehe hin und tue desgleichen!
-
-
-
-
-Zur Geschichte des Bibers in Sachsen
-
-Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
-
-
-Zu den Mitteilungen über das Vorkommen des Bibers in Sachsen von ~Dr.~
-Koepert in Band X, Heft 1–3, Seite 56–58 der Heimatschutz-Mitteilungen
-seien mir einige ergänzende Angaben gestattet.
-
-Der Biber, dessen einst viel weiter ausgedehntes Verbreitungsgebiet
-in Deutschland heute zu dem letzten, räumlich kleinen Vorkommen
-im Gebiet der Mulde und der Elbe zwischen den Städten Dessau und
-Magdeburg zusammengeschrumpft ist, hat sich in unserem Vaterlande
-Sachsen ziemlich lange gehalten; sein letztes Vorkommen an der
-Mulde bei Wurzen ist erst in den vierziger Jahren des verflossenen
-Jahrhunderts erloschen. Allerdings hat er es bei uns nie zu einer
-besonders großen Verbreitung gebracht; die ganze Natur des Landes, das
-nur in seinen nördlichen Teilen dem Tiere zusagende Aufenthaltsorte
-bieten konnte, ist einer weiteren Ausdehnung seines Vorkommens von
-vornherein hinderlich gewesen. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit
-stoßen wir auf seine ersten Spuren im heutigen Sachsenlande: Funde
-eines Unterkieferastes einmal in einer neolithischen Erdgrube bei
-Zauschwitz nahe bei Pegau (unweit der Elster) und zum anderen in der
-Heidenschanze bei Coschütz südwestlich von Dresden, sei er aus der
-slawischen oder der vorslawischen Zeit, denen sich spätere weitere
-sechs Kieferreste von Leckwitz unweit der Elbe aus slawischer Zeit
-angeschlossen haben, sind die ersten sicheren Belege vom Vorkommen des
-Tieres in nachdiluvialer Zeit und geben uns gleichzeitig Kunde von
-der Verwendung seines Fleisches in der »Küche« der vorgeschichtlichen
-Bewohner unseres Landes. In geschichtlicher Zeit nennt den Biber
-Lehmann in seinem »Historischen Schauplatz derer natürlichen
-Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Erzgebirge«, 1699. Er
-schreibt: »Biber sind nicht so gemein als die Fischotter, welche aber
-von den dazu bestellten Otternfängern aufgesucht und ausgegraben
-werden.« Jedoch dürfte er sich dabei, da der Biber seinem ganzen Wesen
-und seiner Lebensweise nach aber wohl kaum jemals im Erzgebirge, auf
-das sich ja die Lehmannsche Darstellung bezieht, vorgekommen sein
-dürfte, schwerlich auf eigene Erfahrungen und Kenntnisse gestützt,
-sondern lediglich unverbürgtes Gerede wiedergegeben haben. Wie Lehmann,
-so erwähnen auch andere spätere Schriftsteller den Biber nur dem Namen
-nach, geben aber niemals einen Fundort an oder sprechen sich über
-solche so allgemein aus, daß wir uns daraus kaum ein genaueres Bild
-von der ehemaligen Verbreitung des Tieres im heutigen Sachsen machen
-können. v. Fleming in seinem »Vollkommenen deutschen Jäger«, 1719, und
-ebenso Döbel in seiner »Jäger-Practica«, 1746, gedenken des Tieres nur
-kurz; v. Fleming sagt, daß »dieses Tier hier zu Lande sehr rar ist, und
-man nur wenige oder keinen antreffen wird,« während Döbel genauer ein
-Vorkommen nur aus dem Dessauischen, also überhaupt nicht aus Sachsen,
-anführt. Erst Dietrich aus dem Winckell erwähnt ihn 1805 in seinem
-»Handbuch für Jäger« »von der Mulde«, fügt dem aber leider auch wieder
-keine genauere Ortsbezeichnung bei, so daß sich nicht entscheiden
-läßt, ob er dabei auch die Mulde heute sächsischen Anteiles im Auge
-gehabt hat. Ebenso sagt Pölitz in seiner »Geschichte, Statistik und
-Erdbeschreibung des Königreichs Sachsen«, 1808–1810 (das damals aber
-ja noch die jetzt preußische Provinz Sachsen mit umfaßte), »daß man
-Biber allgemein in der Elbe und Neiße findet«, bis dann schließlich
-1822 Schumann im achten Bande seines »Lexikons von Sachsen« sich als
-erster Schriftsteller genauer über das Vorkommen des Tieres ausläßt und
-uns mitteilt, daß »Biber nur an der Mulde bei Wurzen und an der Elbe
-bei Strehla vorkommen.« Ein uns erhalten gebliebenes Verzeichnis des
-während der Regierungszeit des Kurfürsten Johann Georg I. (1611–1656)
-auf Jagden entweder von diesem selbst oder in seinem Beisein erlegten
-Wildes führt 37 erbeutete Biber auf, und ein weiteres aus der
-Regierungszeit seines Nachfolgers Johann Georg II. (1656–1680) gibt gar
-597 Biber als erlegt an (die Angabe im neuen Brehm, Säugetiere, zweiter
-Band, Seite 443, von 347 Stück – nach Genthe – muß dementsprechend
-berichtigt werden) von denen neun vom Kurfürsten selbst erbeutet worden
-sind. Doch darf man dabei nicht vergessen, daß damals das Land eben
-auch noch die Provinz Sachsen mit umfaßte, die ja wohl ohne allen
-Zweifel den Löwenanteil an den erlegten Bibern geliefert haben wird.
-
-Der Fang der Biber, die man lange Zeit hindurch fälschlicherweise als
-arge Fischräuber ansprach – erst Döbel in seiner »Jäger-Practica« läßt
-sie als solche nicht mehr gelten – lag im ehemaligen Kursachsen den
-Fischotter- und Biberfängern ob, die im Frühjahr und Herbst in ihren
-Bezirken von einem Amt zum anderen zu reisen und neben den Fischottern
-und dem übrigen kleinen Raubzeug auch dem Biber nachzustellen hatten.
-Sie erhielten, solange sie unterwegs waren, für sich, ihre Gehilfen
-und ihre Hunde eine tägliche Auslösung, und gegen Aushändigung der
-erlegten Tiere oder ihrer Felle noch einen besonderen Fanglohn. Der
-Biber scheint sich auch einer gewissen Schonzeit, allerdings weniger
-aus rein weidmännischen Gründen, sondern, wie es scheint, mehr einer
-bestimmten Verwendung seines Wildbretes wegen (als Fastenspeise),
-erfreut zu haben, wie aus einer Verordnung des Oberhofjägermeisters
-von Wolffersdorf vom 28. Februar 1750 an den Otter- und Biberfänger
-Kluge in Dittersbach bei Chemnitz hervorgeht. In dieser Verordnung
-wird dem Genannten vorgehalten, daß er »die Biber ohne Unterschied
-der Zeit gefangen und eingeliefert, da doch laut bereits erteilter
-Verordnung solches nicht eher als zur jetzigen Fastenzeit, da es
-hergegen daran mangelt, geschehen sollen,« und ihm von neuem anbefohlen
-wird, »künftig keinen Biber eher als zur Fastenzeit zu fangen und in
-der Haut ins Dresdener Provianthaus einzuschicken.« »Dafern ein Biber
-von ungefähr eingeht, so ist solcher jedoch jedesmal in der Haut
-zum Dresdener Provianthaus einzuschicken.« Von den Fischotter- und
-Biberfängern waren außer dem bereits von ~Dr.~ Koepert erwähnten, der
-in Hintergersdorf seinen Sitz hatte, noch drei weitere angestellt,
-je einer in Elbenau an der Elbe (Regierungsbezirk Magdeburg) und in
-Liebenwerda an der Schwarzen Elster, also in der heutigen Provinz
-Sachsen, der dritte in Dittersbach bei Chemnitz, dessen Bezirk gleich
-dem Hintergersdorfer nur auch heute noch sächsisches Gebiet umfaßte,
-nämlich die Ämter Augustusburg, Wolkenstein, Grünhain, Schwarzenberg,
-Stollberg, Chemnitz, Rochlitz, Colditz, Grimma, Wurzen, Leisnig und
-Sachsenburg. Im Jahre 1764 wurde durch eine Verordnung des damaligen
-Landesverwesers, des Prinzen Xaver, die Einrichtung der Fischotter-
-und Biberfänger, die mindestens bis ins siebzehnte Jahrhundert
-zurückreicht, aufgehoben. Es scheint, als ob neben diesen, von der
-Landesregierung bestellten Biber- und Otterfängern aber auch noch
-einzelne Ämter eigene Fänger verpflichteten. Pfau wenigstens berichtet
-uns, daß das Rochlitzer Amt 1651 einen solchen anstellte, der 1656 vier
-Biber an der Zschopau bei Waldheim fing.
-
-Leider aber sind uns weder über die Mengen der von den Fängern
-erbeuteten Biber – und noch weniger über die Orte der Erbeutung
-sichere Angaben überliefert, es müßte dann sein, daß die
-fünfhundertsiebenundneunzig Biber aus der Zeit Johann Georgs II. zum
-großen Teil den Fängern zum Opfer gefallen sind. Aus den Verordnungen
-an den Dittersbacher und den Hintergersdorfer Fänger aber wissen wir
-jedenfalls mit voller Sicherheit, daß auch im Gebiete des heutigen
-Sachsens Biber erbeutet worden sind, und wir werden dabei wohl kaum
-fehlgehen, wenn wir annehmen, daß sie ausschließlich im nordsächsischen
-Flachland teils an der Mulde, teils an der Elbe und wahrscheinlich auch
-in der Oberlausitzer Niederung, die wohl zum Bezirk des Liebenwerdaer
-Fängers gehört hat, gefangen worden sind.
-
-Für die Oberlausitz erwähnt den Biber die Zittauer Forstordnung
-vom Jahre 1730. Jedoch ist nach Tobias hier der letzte bereits
-1785 oder 1787 bei Leschwitz oder Deutsch-Ossig in der heutigen
-preußischen Oberlausitz gefangen worden, so daß die oben angeführte
-Angabe von Pölitz vom Vorkommen in der Neiße schon für ihre Zeit
-nicht mehr richtig gewesen ist. Immerhin wurden um die Mitte des
-achtzehnten Jahrhunderts in Bautzen noch Biberhüte angefertigt und
-weithin verschickt. Wann der Nager an der Elbe sächsischen Anteiles
-ausgerottet worden ist, ist leider nicht mehr festzustellen; außer der
-Mitteilung Schumanns vom Jahre 1822 besitzen wir von hier keinerlei
-Nachrichten mehr über ihn. Wohl aber liegen über sein Vorkommen
-und sein Verschwinden an der Mulde bei Wurzen einige verläßlichere
-Unterlagen vor. Das fürstliche Museum zu Waldenburg besitzt einen
-1846 bei Wurzen erlegten Biber und außerdem befinden sich noch, wie
-1909 ~Dr.~ Hesse mitteilt, im Leipziger Zoologischen Museum zwei
-Stücke gleichfalls von der Mulde. Das eine, ein altes Tier, trägt
-als Datum den 30. Januar 1809, das andere aber ist leider ohne Datum
-und nur mit der Fundortsangabe »Nischwitz bei Wurzen« ausgezeichnet.
-Hesse vermutet auf Grund der Abfassung und der Schrift des Zettels,
-daß es etwa gleichzeitig mit dem Waldenburger Stück, vielleicht aber
-auch noch bedeutend früher als dieses erbeutet sein könnte. Ein
-1869 zuerst in der Gartenlaube erschienener Aufsatz Guido Hammers,
-der dann auch in dessen 1891 herausgekommene »Wild-, Wald- und
-Weidmannsbilder« übergegangen ist, berichtet von einem wildernden
-Schäfer in einem Dorfe bei Wurzen, der einen Biber an der Mulde in
-einem Eisen fing, das Wildbret mit seinen Vertrauten verzehrte,
-Fell und Geil aber nach Leipzig schaffte, wo es Hehler heimlich
-verwerteten. Nach einer Auskunft Hammers an Fickel ist der Zeit
-dieses Vorganges aber nicht mehr sicher nachzukommen, doch dürfte der
-letzte Biber auf Püchauer Flur, nördlich von Wurzen erbeutet worden
-sein. In dem Waldenburger Biber besitzen wir demnach das nachweisbar
-späteste Belegstück für das Vorkommen des Bibers in Sachsen. – Für
-ein Vorkommen des Tieres weiter flußaufwärts an der Mulde wie auch
-an der Elbe besitzen wir mit Ausnahme jener schon erwähnten Angabe
-von Waldheim aus historischer Zeit keinerlei Anhalt – für die Elbe
-allerdings läßt der schon eingangs erwähnte Coschützer Fund auf ein
-Vorkommen stromaufwärts bis in die Dresdener Gegend wenigstens in
-vorgeschichtlicher Zeit schließen – und auch des Tieres Wesen und
-Lebensweise sprechen, wie eingangs ebenfalls bereits angedeutet, gegen
-eine größere Verbreitung landeinwärts. Aus dem Gebiete der Vereinigten
-Mulde dürfte unser Tier in das der Zwickauer Mulde kaum weiter als
-über die Strecke Colditz–Rochlitz–Wechselburg vorgedrungen sein –
-ein von Pfau als Stütze für ein häufigeres Vorkommen bei Rochlitz
-angeführter Flurnamen bezieht sich auf eine Stelle, deren ganzer
-Charakter gegen ein dauerndes Vorkommen des Nagers spricht – und für
-das Gebiet der Freiberger Mulde, deren Unterlauf für ein Vorkommen
-des Tieres viel geeigneter erscheint, als der der Zwickauer Mulde,
-wird sein Vorkommen aus dem Charakter des Tales bis über die Gegend
-Roßwein–Nossen hinaus wahrscheinlich. Einzeln mag er dann, wie der
-schon erwähnte Fund in der Zschopau bei Waldheim beweist, in den
-Unterlauf der Nebenflüsse aufgestiegen sein. Ein 1636 beim Fischen in
-der Mulde in Zwickau gefangener Biber, und ein anderer, 1748 auf einem
-Elbheger bei Niedermuschitz bei Meißen erbeuteter, dürften lediglich
-einzelne versprengte Tiere gewesen sein. Darauf deutet ja auch schon
-der Umstand hin, daß die zeitgenössischen Chronisten sie besonders
-erwähnen, demnach ihre Erbeutung als ein ungewöhnliches Ereignis
-aufgefaßt haben. – Aus der Einrichtung der Biber- und Otterfänger auf
-ein häufigeres Vorkommen und eine weitere Verbreitung zu schließen,
-ist meines Erachtens falsch; die Fänger waren zur Vertilgung von
-Raubzeug überhaupt angestellt und hatten dabei eben auch, soweit er in
-ihren Bezirken überhaupt vorkam, dem als Fischräuber angesprochenen
-Biber mit nachzustellen, und daß sie diesen dabei nie in großen Mengen
-fingen, geht deutlich auch aus der oben wiedergegebenen Vermahnung des
-Dittersbacher Fängers hervor, in der es heißt: »da es dann hergegen
-daran mangelt«, was aber bei einem häufigeren Vorkommen des Tieres
-nicht der Fall hätte sein können. Wenn daher Berge annimmt, daß man den
-Biber schon damals bei uns nicht mehr in größeren Kolonien, sondern
-immer nur einzeln oder familienweise antraf, so wird man ihm darin nur
-beistimmen können.
-
-Ob schließlich das durch den Zauschwitzer Fund wenigstens für die
-vorgeschichtliche Zeit gesicherte Vorkommen des Nagers auch in der
-Weißen Elster noch in die geschichtliche Zeit hinein angedauert hat,
-läßt sich heute kaum entscheiden, doch spricht meines Erachtens nichts
-gegen die Annahme, daß der Biber dort wenigstens noch bis ins frühe
-Mittelalter hinein vorkam, und dort erst später seinem Schicksal
-erlegen ist.
-
- _Anmerkung_: Eine Zusammenstellung des Schrifttums und der
- Quellen zu vorliegender Arbeit findet sich am Schlusse meiner
- Untersuchung »Zur Geschichte des Bibers im Gebiete des
- ehemaligen Königreichs Sachsen« im »Naturwissenschaftlichen
- Beobachter« 62, Frankfurt a. M. 1921, S. 97 bis 104.
-
-
-
-
-Vom romantischen zum denkenden Wanderer
-
-Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
-
-
-Es dürfte eine reizvolle Aufgabe sein, einmal eine Geschichte _des
-Wanderns und des Wanderers_ zu schreiben, von den Tagen an, da Abraham
-auf Geheiß des in jenen Zeiten noch sehr menschlich mit seinen
-Geschöpfen verkehrenden lieben Gottes fortzog »aus seinem Vaterlande,
-aus seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hause« ins Gelobte Land
-Kanaan bis ins Zeitalter des Wandervogels, der Feriensonderzüge und der
-Mount-Everest-Besteigung. Was würde da nicht alles an unseren Augen
-vorüberziehen, selbst wenn man von den großen Massenwanderungen in
-den Zeiten des Krieges, der religiösen Begeisterung oder des Hungers
-absähe: der wandernde Prophet, der Minnesänger, der fahrende Schüler
-und der Handwerksbursche, der Bettelmönch und der Pilger, Goethe und
-Rousseau, Seume und Scheffel. Jede Zeit hat ihre Wanderer gehabt,
-Wanderer, die den Weg ebenso schätzten wie das Ziel, die um des
-Wanderns willen die warme Ofenecke mit der Landstraße vertauschten.
-Trotzdem kann man wohl behaupten, daß erst das vergangene Jahrhundert
-den Wanderer als Allgemeinerscheinung hervorgebracht hat. Mit Rousseau,
-dem ersten Wandervogel, fing es an, dann kamen die Romantiker, die uns
-die großen Volksliedersammlungen erwanderten, dann der »Spaziergänger
-nach Syrakus«, dann Eichendorff, dessen Wanderlieder heute noch in
-jedem Wald erklingen, Wilhelm Müller, der Sänger der durch Schuberts
-Vertonung überall bekannt gewordenen »Müllerlieder«, und Heinrich
-Heine, dessen Lieder aus der Harzreise die herrlichen Verse einleiten:
-
- »Auf die Berge will ich steigen,
- Wo die frommen Hütten stehen,
- Wo die Brust sich frei erschließet,
- Wo die freien Lüfte wehen,
- Wo die dunklen Tannen ragen,
- Bäche rauschen, Vögel singen
- Und die stolzen Wolken jagen.«
-
-Im unberührtesten deutschen Waldgebiet aber steht das Denkmal Adalbert
-Stifters, des Dichters des »Hochwald«, am Blöckensteinsee. – Ein
-Hinweis auf die »Kulturstudien« Riehls, Rudolf Baumbachs »Lieder
-eines fahrenden Gesellen« und Fontanes »Wanderungen durch die Mark
-Brandenburg« möge diesen literarhistorischen Überblick schließen; denn
-es ist Zeit, auf eine ganz andere Kategorie von Wanderern aufmerksam zu
-machen, die Wandertrieb und Wanderstil ebenso stark beeinflußt haben,
-wie unsre wandernden Dichter.
-
-Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nahm mit den glänzenden
-Erstersteigungen Whympers der Alpinismus einen verheißungsvollen
-Aufschwung. Die großen Alpenklubs bildeten sich und in ihrem Gefolge
-die verschiedenen Mittelgebirgsvereine, auf deren Tätigkeit und das
-gewaltige Wachsen der Großstädte der außerordentliche Aufschwung des
-Wanderns im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts zurückzuführen
-ist. Der Wandertyp dieser und bis zu einem gewissen Grade auch
-noch unsrer Zeit ist der »Tourist«. Er hat die Fehler und Vorzüge
-der Periode, die ihn wachsen sah, der Periode des wirtschaftlichen
-Aufschwungs. Er schafft sich eine praktische Kleidung, baut Wege und
-Hütten, sorgt für gute Karten, gründet allenthalben Sektionen, die Geld
-für seine Zwecke in reichem Maße zusammenbringen, macht stramme Touren,
-die Körper und Geist allerhand zumuten, nur eines tritt bei ihm in den
-Hintergrund, was die romantische Periode vor ihm in überreichem Maße
-besaß, die Poesie des Wanderns, das tiefe Erleben und Verstehen der
-Landschaft. Oder wäre es sonst möglich gewesen, daß dreißig Jahre lang
-vor den Augen von hunderttausend Touristen unsre Heimat in einer Weise
-verschandelt wurde, daß die nächsten zehn Generationen es nicht wieder
-gut machen können?
-
-Da kam die notwendige Ergänzung von einer Seite, die mit dem
-Wandern zunächst gar nichts zu tun hatte, die nichts war als eine
-Protestbewegung gegen die »Alten«, gegen den Materialismus der Zeit,
-gegen die Unterdrückung einer Altersstufe: die Jugendbewegung, deren
-erste Verkörperung der Wandervogel war. Er stellte sich nicht etwa
-in Gegensatz zur Touristik, denn die kannte er kaum. Er entstand und
-gedieh am besten ja auch da, wo die Touristik nicht zu Hause war, im
-Flachland und in den aller Großartigkeit und aller Gebirgsvereine
-baren unbeachteten Mittelgebirgen Hessens und Frankens, an den Seen
-der Mark und in den Einöden der Heide. Er lief ohne Karte »ins Blaue«,
-verschmähte Wege und Unterkunftshäuser, kroch zu den Bauern ins Stroh,
-pfiff auf Bergschuhe, Spirituskocher und Thermosflasche, Lodenmantel
-und Wanderstock, »tippelte« eine Stunde und lag drei Stunden im Grase,
-versunken in die Schönheit eines Kiefernwaldes, eines Sonnenunterganges
-oder eines alten Bauerngehöftes, nährte sich von »Heuschrecken und
-wildem Honig« und sang dazu Lieder, die so alt waren, daß sie Arnim
-und Brentano hundert Jahre früher nicht entdeckt hatten. Eher vergaß
-er den Brotbeutel als die Laute. Das war soviel Romantik auf einmal,
-daß sie den älteren Zeitgenossen und ihren Vertretern auf dem Gebiete
-des Wanderns nur ein Lächeln entlockte. Glücklicherweise blieb es nicht
-dabei, und das ist das Verdienst _der_ Alten, die innerlich jung genug
-geblieben waren und ähnlich fühlten wie diese Jungen, im Gegensatz zu
-ihnen aber deren unausgegorenes Gefühl in Willen und Tat umsetzten. Und
-diese Taten hießen: _Dürerbund_ und _Heimatschutz_.
-
-Die Rede von Ferdinand Avenarius vor der freideutschen Jugend auf
-dem Hohen Meißner im Oktober 1913 besiegelte den Bund zwischen dem
-Heimatgefühl der Jungen und dem Heimatwollen der Alten. Diese große
-Bewegung konnte nicht ohne Einfluß auf Art und Stil aller Wanderer
-bleiben, zumal auch die dem Wandervogel verwandten Jugendbünde diesen
-von ihm übernahmen. Eine der erfreulichsten Erscheinungen unsres
-sonst bisher so wenig erfreulichen Jahrhunderts ist die Tatsache, daß
-sich alle diese Bewegungen: Touristik, Jugendbünde und Heimatschutz
-gegenseitig befruchten und ergänzen. Und eines der angenehmsten
-Produkte dieser Wechselbeziehungen ist der _Wanderer unsrer Tage_.
-Das zeigt sich schon rein äußerlich. Er legt ebensowenig Wert auf die
-komfortable Korrektheit des Touristen wie auf die Formlosigkeit des
-Wandervogels. Er wandert barhäuptig und halsfrei, aber wenn die Sonne
-brennt oder wenn es stundenlang regnet, dann hindert ihn kein Prinzip,
-den Hut aus dem Rucksacke zu holen oder den Kragen zuzuknöpfen. Seine
-Unterkunftshäuser sind keine Hotels mit Speisekarte und Himmelbett,
-aber sie bestehen auch nicht nur aus einem Dach, einem Tisch und einem
-Heuhaufen. Dagegen legt er großen Wert darauf, daß sie sich in die
-Landschaft einfügen, in der sie stehen, und daß ihre Ausstattung so
-beschaffen ist, daß der eben geschilderte Wanderer hineinpaßt. Nichts
-dokumentiert besser die gekennzeichnete Entwicklung des Wanderers von
-1900 bis 1920 als seine Unterkunftshütten. Welchen hervorragenden
-Anteil der _Heimatschutz_ gerade auf diesem Gebiete hat, brauche ich
-hier nicht darzulegen.
-
-Auch die Wahl der _Wandergebiete_ zeigt den neuen Menschen. Er zieht
-nicht nur in Heide und Moor, aber er schätzt ihre feineren Reize
-neben den großartigen der Alpen und des Schwarzwaldes, durchwandert
-Gebirge, die bisher die Touristik nicht gewürdigt hatte und findet
-in Vogelsberg und Rhön, Jura und Erzgebirge, Weserbergland und Eifel
-Schönheiten, von denen die Touristenweisheit sich nichts hatte träumen
-lassen. Er würdigt von Kulturstätten im Gegensatz zum Wandervogel
-nicht nur Burgruinen und mittelalterliche Nester; der Hafen von Emden
-und die Parks der Barockschlösser, der Leipziger Hauptbahnhof und die
-Münchner Galerien haben ihm nicht weniger zu sagen als die malerischen
-Gäßchen von Rothenburg und Kronach oder die zerfallenen Mauern von
-Hanstein und Hirsau. Wichtiger noch als der Gegenstand ist die Art
-seiner Betrachtung. Hier handelt es sich nicht nur um Mischung von
-Touristen- und Wandervogeleigenschaften, wenngleich ihm auch die mehr
-beobachtende Einstellung des einen ebenso vertraut ist, wie die mehr
-gefühlsmäßige des anderen. Hier setzt eine ganz neue Betrachtungs- und
-Erfassungsweise ein, die ich kurz bezeichnen möchte als das _denkende
-Erleben_ der Landschaft. Man muß schon bis auf Goethe zurückgehen, um
-einen Wanderer zu finden, wie er sich jetzt als Gattung auszubilden
-beginnt. Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle die Wurzeln, die
-zu dieser Entwicklung führen, aufzudecken (Ratzels Deutschland; die
-amerikanischen Einflüsse in der geographischen Wissenschaft; die
-Wanderfreude der jungen Geographengeneration; die Erweiterung des
-erdkundlichen Unterrichts auf der Mittelschule; die zentrale Stellung
-der Heimatkunde im Gesamtunterricht der Grundschule usw.). Nur auf
-eine Institution muß ich hinweisen, die diese Entwicklung unter den
-alten Wanderern mächtig gefördert hat, die _Volkshochschule_ mit ihren
-verschiedenen Ausstrahlungen. Schließlich möchte ich noch versuchen,
-diesen neuesten Wanderertyp, den ich den _denkenden_ nennen will,
-mit wenigen Worten zu charakterisieren. Der Hauptzug seines Wesens
-ist, daß er Zusammenhänge sucht und findet, wo seine Vorgänger nur
-Einzeltatsachen sahen. Für ihn ist ein Dorf nicht eben ein Dorf, ein
-Berg ein Berg, ein Tal ein Tal, ein Wald ein Wald. Die Rundlinge der
-Elbaue und des Niederlands haben für ihn ein anderes Gesicht als die
-Waldhufendörfer des mittleren Erzgebirges und die Streusiedelungen
-auf dem Kamme, denn er kennt ihre Geschichte und den Zusammenhang
-mit der Landschaft, in der sie liegen. Wenn er in den Tharandter
-Wald geht, genießt er _vier_ Wälder, wo der Normaltourist nur
-_einen_ sieht; denn einen ganz anderen Charakter hat der Buchenwald
-auf dem Basalt des Landberges als der Fichtenwald auf den weiten
-Porphyrdecken um Grillenburg, der Kiefernforst auf den Sandsteinhöhen
-des Markgrafensteins als der Mischwald an den Gneishängen des
-Weißeritztales. Jedes Tal, in dem junge und greisenhafte Formen
-wechseln, in dem auf die vom Sturzbach durcheilte Schlucht die
-weiche Mulde folgt, in der derselbe Bach in großen Windungen in
-selbstgeschaffener Aue müde dahinschleicht, läßt vor seinem Auge nicht
-nur die Geschichte des Tales, sondern diejenige der ganzen Landschaft
-aufsteigen, in die es eingebettet ist.
-
-Für ihn bekommen die _Namen_ der Berge, Straßen, Siedlungen, die
-unsre Vorfahren ihnen mit feinem Gefühl gaben, weil sie ihr Vaterland
-_kannten_ und nicht nur im Munde führten, neues Leben. Die groteske
-Welt des Elbsandsteins klingt ihm entgegen aus den mit Stein, Horn,
-Hörnel, Turm, Tor, Wand, Schlucht, Schlüchtel, Klamm und Gründel
-zusammengesetzten Namen. Nur eine bedeutende Erhebung in der
-Sächsischen Schweiz führt den Namen: Berg, und diese besteht nicht
-aus Sandstein, sondern aus Basalt: der Winterberg. Er trägt auch
-nicht wie alle andern den dürren Kiefernwald auf seinem Rücken,
-sondern Buchenwald. Ähnliche Gegensätze spiegeln sich in Namen wie:
-Sandschlucht – Steingrund, Verlorenes Wasser – Nasse Aue. Die Geologie
-des Vaterlandes wird lebendig, wenn sie uns entgegentritt in Namen
-wie: Grauberg (Gneis), Blauberg (Schiefer), Roter Berg, Rotes Vorwerk,
-Purpurberg (Porphyr, roter Quarz), Rotes Wasser (Zinnwäschen),
-Weißenstein, Weißenfels, Weißwasser (Kalk, Quarz, Granit), Eisenborn
-und Kupferberg. – Eschenhau, Eschdorf, Eichwald, Eichberg, Eichleite,
-Buchholz, Buchberg, Erlenschlucht, Lindhardt, Lindigt, Tanndorf,
-Tännigt, Kiefernhöhe, Fichtelberg und unzählige ähnliche Namen spiegeln
-den ursprünglichen Baumbestand wider, der leider bis auf die Flecke,
-wo der Untergrund es verbot, der nivellierenden Forstwirtschaft zum
-Opfer gefallen ist oder vom Kulturlande verdrängt wurde. Von den
-fränkischen und thüringischen Auswanderern, die in unsre Gebirge
-mit Axt und Pflug eindrangen, oder den Agenten (Locatores), die sie
-dahin führten und dann als Schulzen (Erbgerichte) betreuten, künden
-uns folgende Dorfnamen: Ullersdorf (Ullrich), Cunnersdorf (Konrad),
-Dittersdorf (Dietrich), Hartmannsdorf, Waltersdorf, Rathmannsdorf,
-Ottendorf, Leupoldishain, Nikolsdorf, Erkmannsdorf, Nenntmannsdorf,
-Hennersbach und Reinholdshain. Fürstennamen tragen einerseits die neben
-deren Schlössern gebildeten Ortschaften: Moritzburg, Augustusburg,
-Karlsruhe, Ludwigsburg, anderseits die Exulantensiedelungen, die unter
-ihrem Schutz entstanden: Georgenfeld (Gottgetreu), Johanngeorgenstadt,
-Carlshafen. Endlich noch ein paar Namen, die Leben und Wirtschaft
-unsrer Vorfahren widerspiegeln: Hammergut, Schäferei, Butterstraße,
-Salzstraße, Kirchweg, Mühlweg, Leichenweg, Rabenhügel und Galgenberg.
-
-Ich glaube, diese Namenübersicht, die selbstverständlich zu einem
-dicken, höchst interessanten Buch ausgebaut werden könnte, zeigt
-schon, wie weit und wie tief das Gebiet des »denkenden« Wanderers
-ist. Sie zeigt aber auch, daß man nicht von heute auf morgen in
-diese Wandererkategorie übergehen kann. Schule, Volkshochschule,
-Heimatschutzvorträge und eine reiche Literatur bieten aber dem
-Wollenden und Ausdauernden die Mittel, um diese Ziele zu erreichen.
-Vielleicht ist ein andermal Gelegenheit, die sämtlichen Hilfswerke des
-denkenden Wanderers wohlgeordnet aufmarschieren zu lassen; an dieser
-Stelle will ich nur auf die Bücher hinweisen, die _ausgearbeitete
-Touren_ bieten. Es sind dies in erster Linie die Dresdner, Chemnitzer,
-Lausitzer[2] und Leipziger[3] Wanderbücher, herausgegeben von
-Erdkundelehrern der betreffenden Orte. Dem vorwiegend historisch
-eingestellten Wanderer werden Schmidts Kursächsische Streifzüge,
-dem geologisch interessierten die Führer von Beck, Nessig (Dresdens
-Umgebung), Krenkel (Nordwestsachsen), Beger (Lausitz) und Credner
-(Granulitgebirge) reiche Anregung geben[4].
-
-Der unselige Krieg hat uns siebzigtausend Quadratkilometer deutschen
-Landes geraubt. Wie viele von uns haben sie gekannt? Wer kennt von
-den uns verbleibenden vierhundertsiebzigtausend Quadratkilometern nur
-den hundertsten Teil so, wie es eines Volkes der Denker und Dichter,
-Goethes und Humboldts, würdig ist? – Schöne Anfänge auf diesem Gebiete
-lassen schöneren Fortgang erhoffen. Die Volkshochschulkurse, die
-sich dieser Aufgabe widmen, sind überlaufen, und die geographischen
-Wanderbücher, die ebenfalls denkende Wanderer erziehen wollen,
-»gehen« beinahe wie Courts-Mahlersche Romane. Erfreulicherweise
-zeigt sich dabei auch wieder die Wahrheit des Karl Brögerschen
-Kriegsliederrefrains: »daß Deutschlands ärmster Sohn auch sein
-getreuester war.« Möchten diese Pioniere auf dem behandelten Gebiete
-recht bald viele Kameraden aus _allen_ Schichten finden, die mit
-ihnen ein neues gemeinsames Glück sich erkämpfen in der _schauenden_,
-_fühlenden_ und _denkenden_ Eroberung der Heimat.
-
-
-Fußnoten:
-
- [2] Erschienen bei Wittig und Schobloch, Dresden-Wachwitz
- 1921/22.
-
- [3] Verlag von Bressendorf, Leipzig 1920.
-
- [4] Vergleiche auch die weniger geographisch als literarisch
- bedeutungsvollen Schilderungen in Johanna M. Lankaus
- _Dresdner Spaziergängen_ und Edgar Hahnewalds _Grünen
- Film_. Weitere Wanderaufsätze von letzterem (Oschatz,
- Leisnig, Mühlberg, Strehla, Pulsnitz, die Röder, der
- Valtenberg, der Triebenberg, Stolpen, Bischofswerda, der
- Schraden usw.) erschienen in der Dresdner Volkszeitung. –
- An gleicher Stelle finden sich des Verfassers erdkundliche
- Wanderungen: 2. November 1921: Moritzburg, 23. November:
- Gottleuba-Nollendorf, 4. März 1922: die Heide, 1. April:
- Auf den Spuren der Eiszeit, 15. April: Durchs Meißner Land,
- 26. April, 13. Mai: Auf der Wetterwarte, 24. Juni: Auf der
- Zille.
-
-
-
-
-Das Abkochverbot.
-
-
-Das vom Finanzministerium im Sommer 1921 erlassene Verbot des
-Mitführens von Geräten zum Abkochen in den fiskalischen Waldungen
-außerhalb der öffentlichen Wege hat manche Verstimmung in der
-Bevölkerung erregt und ist mehrfach als unbegründete Beschränkung der
-persönlichen Freiheit bezeichnet und deshalb auch in der Sitzung des
-Vorstandes Abteilung Naturschutz des Sächsischen Heimatschutzes zur
-Erörterung gestellt worden.
-
-Über die Gründe, die zu dieser Maßnahme geführt haben, gab
-Oberforstmeister Feucht als Vorstand des Forstbezirks Schandau, der in
-erster Linie von zahlreichen und umfänglichen Brandschäden im Jahre
-1921 betroffen worden war, folgende Aufklärung:
-
-Bei dem anhaltend schönen, trocknen und heißen Wetter, das im Frühjahr
-1921, Sommer und Herbst mit ganz kurzen Unterbrechungen geherrscht
-hatte, ergossen sich in die Sächsische Schweiz Ströme von Wanderern,
-von wilden und zahmen Wandervögeln, Pfadfindern und Bergsteigern, die
-zum großen Teile Geräte zum Abkochen mit sich führten.
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-Durch das Abkochen und vielfach grobe Fahrlässigkeit beim Rauchen sind
-in den Waldungen der Sächsischen Schweiz mit ihren dürren Sandböden
-und flachgründigen Felsbestockungen zahllose Brände von zum Teil
-erheblichem Umfange verursacht worden, deren Verhütung die Forstbeamten
-fast machtlos gegenüberstanden, da alle Warnungen und Verbote nichts
-fruchteten.
-
-Das Abkochen ist, wie man hier vielfach beobachten konnte, in eine
-bloße Spielerei und einen groben Unfug ausgeartet, denn wenn jemand
-einen eintägigen Ausflug von Dresden in die Sächsische Schweiz macht,
-liegt wirklich keine Notwendigkeit vor, deshalb sich mit großen
-Kesseln zum Abkochen abzuschleppen, um so weniger, als gerade in der
-Sächsischen Schweiz an allen Ecken und Enden Wirtshäuser und sonstige
-Erfrischungsgelegenheiten in reichlichem Maße vorhanden sind.
-
-Das kurze Vergnügen des Abkochens, das namentlich für jugendliche
-Gemüter mit einem gewissen romantischen Schimmer umgeben ist, kommt
-schließlich dem Lande und der Allgemeinheit der Steuerzahler sehr
-teuer zu stehen. Beträgt doch die Summe der Waldbrandschäden und
-Löschungskosten allein in den Staatsforsten im Jahre 1921 über
-dreiviertel Million Mark.
-
-Besonders gefährlich ist dieses Abkochen neuerdings noch dadurch
-geworden, daß leider jetzt vielfach auch die Kletterer begonnen
-haben, auf für gewöhnliche Sterbliche unzugänglichen Felsen und
-Hörnern abzukochen, wo für die Forstbeamten das Löschen bei der
-schwierigen Zugänglichkeit der Brandherde und bei der Unmöglichkeit,
-das Bodenfeuer auf solchen Felsen durch Überwerfen mit Erde und Sand
-zu löschen, eine ebenso undankbare wie lebensgefährliche Arbeit
-ist, weil genügend Erde auf diesen nur mit einer Rohhumusschicht
-bedeckten Felsen fehlt. Wenn sich bei solchen Löschungsarbeiten
-plötzlich der Wind dreht, wie dies bei Waldbränden häufig der Fall
-ist, so können die Arbeiter kaum schnell genug ausweichen und geraten
-selbst in Lebensgefahr. Wurden doch mehrfach an solchen Brandstellen
-die Kochgeräte aufgefunden, welche die Wanderer, die vielfach keine
-Ahnung von der Gefahr und dem raschen Umsichgreifen eines Waldbrandes,
-namentlich bei heftigem Winde, haben, bei ihrer raschen Flucht vor dem
-Feuer im Stiche lassen mußten.
-
-Solche Brände auf kaum zugänglichen Felskegeln und Hörnern dauern
-oft wochenlang und verursachen durch die ständige Bewachung der
-bedrohten Bestände unterhalb dieser Felsen gewaltige Kosten, da
-Tag und Nacht Arbeiter zur Stelle sein müssen, um die immer wieder
-herabstürzenden glimmenden Humusmengen und die schließlich an den
-Wurzeln durchgebrannten abstürzenden alten Kiefern der Felsbestockung
-zu löschen, um neue Brände in den Beständen am Fuße der Felsen zu
-verhüten.
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-So währte z. B. der am Sonntag, den 26. Juni, ausgebrochene, mehrfach
-in den Tageszeitungen geschilderte Brand auf dem kleinen Lorenzstein
-wochenlang. Immer wieder flammte das Feuer, das nach dem leider zu
-kurzen Regen am 3. Juli bereits erloschen schien, bei stürmischem Winde
-wieder auf und eine der uralten Kiefern nach der anderen stürzte,
-nachdem sie an den Wurzeln durchgebrannt war, brennend ab, wie
-namentlich in der Nacht weithin beobachtet werden konnte. Auch zwei
-weitere Gewitterregen am 20. und 26. Juli löschten den glimmenden Humus
-nicht völlig, denn an den heißen schwülen Tagen des 30. und 31. Juli
-brach das Feuer infolge stürmischen Windes nochmals aus und erlosch
-erst, nachdem aller Humus an den ergriffenen Stellen verbrannt war.
-
-Schweren Schaden hat auch der gewaltige Brand an dem Hangstein,
-Lamm und Lokomotive verursacht, woselbst am Sonntag, den 24. Juni,
-bei stürmischem Südostwind gegen 6 Hektar mit der ganzen schönen
-Felsbestockung dieser weit und breit bekannten malerischen Felsgruppe
-am Amselgrund vernichtet worden ist. Die Löschungskosten haben allein
-gegen vierzehntausend Mark betragen, der Schaden gegen vierzigtausend
-Mark.
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-Der ebenfalls an einem Sonntag, den 31. Juli, ausgebrochene Brand
-der Felsbestockung im Schrammsteingebiete brannte bis zum 11.
-August und erforderte eine ununterbrochene Bekämpfung und Bewachung
-der Bestände am Fuße der Wände, wofür ein Kostenaufwand von
-dreitausenddreihundertneunundsechzig Mark entstanden ist. Kleinere
-Brände auf unzugänglichen Felsen brachen noch mehrfach aus, z. B.
-auf dem Goldstein, den Thorwalder Wänden und noch am 2. Oktober,
-ebenfalls einen Sonntag, auf einem Felsenhorn zwischen Rauschen- und
-Falkeniergrund. Dieser Brand schwelte ebenfalls über eine Woche und
-verursachte gleichfalls umfängliche Löschungs- und Bewachungskosten von
-über dreitausend Mark.
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-In der Sächsischen Schweiz ist aber fast noch mehr als der materielle
-Verlust durch solche Brände vom Standpunkte des Heimatschutzes aus die
-unersetzliche Vernichtung der malerischen Felsbestockung der alten
-Kiefern mit ihren abenteuerlichen Formen zu beklagen, die vielfach
-jahrhundertelang den Stürmen und der Dürre in fast unbegreiflicher
-Weise getrotzt haben und nunmehr vielleicht niemals wieder auf diesen
-Höhen wachsen werden.
-
-Ein künstlicher Anbau ist auf solchen Standorten ganz ausgeschlossen,
-nur die Natur selbst kann durch das eine oder andere Samenkorn, das von
-vielen Tausenden der Wind auf eine geeignete Stelle weht, allmählich
-wieder einen spärlichen Nachwuchs erzeugen. Aber auch diese Hoffnung
-ist nur schwach begründet, denn durch das von unverständigen Menschen
-an diese sonst unzugänglichen Orte gebrachte Feuer ist auch die gesamte
-Humusschicht, die im Laufe von Jahrhunderten sich auf diesen Höhen
-langsam angesammelt hatte und die einer kümmerlichen, aber zähen und
-ausdauernden Baumvegetation die spärlichen Nährstoffe lieferte, mit
-verbrannt. Die Aschenreste werden vom Regen abgespült oder vom Winde
-verweht und schließlich bleiben nur die nackten Felsen übrig, auf denen
-vielleicht nie wieder ein Samenkorn wird Fuß fassen können.
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-Die Versammlung hielt nach diesen Ausführungen weitere Schritte von
-seiten des Heimatschutzes nicht für angezeigt.
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-»Antons«
-
-Von Denkmalpfleger ~Dr.~ _Bachmann_
-
-(Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Blasewitz)
-
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-Jedem Dresdner ist das kleine Landhaus wohl bekannt, das schräg
-gegenüber, flußabwärts der Waldschlößchenbrauerei auf dem Johannstädter
-Ufer gelegen ist. Fast das ganze Jahr hindurch lag bisher das Anwesen
-mit seinen schönen Baumgruppen trotz nächster Nähe der Großstadt in
-idyllischer Ruhe da, die nur von Spaziergängern oder Sporttreibenden
-belebt wurde. Einmal aber, im Sommer, zur Zeit der großen Vogelwiese,
-bildet »Antons«, wie die Dresdner es nennen, eine Insel in den
-hochgehenden Wogen der Volksfeststimmung.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Antons im Jahre 1754=
-
-(aus Dresdner Geschichtsblätter 1918)]
-
-Antons ist nicht immer, wie bis zum Jahre 1921, Sommersitz einer
-Dresdner Familie gewesen. Carl Hollstein gibt uns darüber in Nr. 4 der
-Dresdner Geschichtsblätter von 1918 genauen Aufschluß. Danach wurde
-das Schlößchen mit dem Garten, ersteres aber noch ohne den Dachreiter
-und die Veranda (siehe Abb. 1), von dem Oberfloßinspektor der Elster-
-und Erzgebirgischen Flößerei, Christian Gottlob Anton, unter Kurfürst
-Friedrich August II. im Jahre 1754 angelegt und mit Gerechtigkeiten
-versehen: »sowohl der Gastier und Ausspannung, als auch des
-Branntweinbrennens, diesen und einheimische und fremde Biere und Weine
-einzulegen, zu verzapfen und verschänken usw.« Auch eine Kegelbahn
-wurde in einem der langen Wirtschaftsflügel untergebracht.
-
-Antons war demnach auch Ausflugsort für die Dresdner und Kneipe
-zugleich und ist solches bis weit in das neunzehnte Jahrhundert
-geblieben. So wird es also auch der exzentrische E. Th. A. Hoffmann
-gekannt haben, als er einige Jahre in Dresden verlebte, und so finden
-wir ja auch Antons in seinen Novellen genannt.
-
-[Illustration: Abb. 2 =»Antons«.= Schauseite an der Elbe]
-
-Auch Kriegsstürme sind oft darüber hinweggebraust, merkwürdigerweise
-ohne besondere Spuren hinterlassen zu haben. Truppen Friedrichs des
-Großen lagen hier während des Angriffs und der Beschießung auf Dresden
-und besonders heftig tobten im August 1813 um Antons, das benachbarte
-»Stückgießers« und das »Lämmchen« die Kämpfe zwischen Napoleons Garden
-und den angreifenden Russen, wie das der Freund Dresdner Geschichte in
-A. Brabants Buch »In und um Dresden 1813« nachlesen mag.
-
-[Illustration: Abb. 3 =»Antons«.= Blick auf die Gartenrückseite des
-Hauptgebäudes mit dem Rondell]
-
-Antons hat verschiedentlich den Besitzer gewechselt. Nach dem Erbauer
-war lange Jahre das Anwesen Eigentum des Geh. Kriegsrates von Broizem,
-der eine Baumallee von dem Fürstenwege (heute Blumenstraße) bis
-zum rückwärtigen Eingang anlegte, die aber vermutlich schon 1813
-fortifikatorischen Maßnahmen zum Opfer fiel. Bis 1832 gehörte dann
-Antons einem Herrn von Limburger, der es an die bekannte alte Dresdner
-Bankiersfamilie von Kaskel verkaufte, in deren Händen es bis zur
-Übernahme durch die Stadt, 1921, verblieb.
-
-[Illustration: Abb. 4 =»Antons«.= Die Kegelbahn mit dem Hauptgebäude im
-Hintergrund]
-
-Wie die Zeichnung (Abb. 2) erkennen läßt, ist das Schlößchen selbst ein
-durchaus anspruchsloser, aber feingegliederter Bau, typisch für den
-Landhausstil seiner Entstehungszeit (1754). Was dem Ganzen aber die
-charakteristische Note gibt, ist die gutempfundene Eingliederung ins
-Landschaftsbild, geschaffen aus jenem untrüglich sicheren Geschmacks-
-und Stilempfinden heraus, das die Bauherren und Baumeister jener Tage
-auszeichnete und das wiederzugewinnen ja das Bemühen und die Sehnsucht
-unserer Tage ist.
-
-[Illustration: Abb. 5 =»Antons«.= Die Aussichtsterrasse im Gartenwinkel]
-
-Im staatlichen Inventarisationswerk (Bd. Dresden 3, Seite 738)
-gibt Cornelius Gurlitt uns eine kurze Baubeschreibung, desgleichen
-Mackowsky in »Erhaltenswerte bürgerliche Baudenkmäler in Dresden«.
-Die in den Abmessungen durchweg bescheidenen Räume gliedern sich zu
-seiten einer Mitteltreppe. Im Erdgeschoß ist unter anderem ein Salon
-untergebracht, der sich mit einer breiten gedeckten Holzveranda
-nach dem Garteninnern öffnet, gleichzeitig aber auch durch das hier
-in der Gartenmauer angebrachte Lattengitter den Blick auf die Elbe
-gestattet. Im Obergeschoß ist nach der Loschwitzer Seite ein zweiter
-Salon gelegen, mit zierlicher Blumentapete und Rokokostuckdecke
-in einfachen Mustern. Auch die fein profilierten Türen tragen
-bescheidenes Rokokoschnitzdekor. Freilich die schönen Stilmöbel und die
-Kristallüster sind mit dem Auszuge der letzten Bewohnerin verschwunden
-und das ehemals so feinsinnig zusammengestimmte Milieu von Antons
-ist damit leider für immer dahin. Das Aussichtstürmchen mit der Uhr,
-das »Belvedere«, und der von einfach profilierten Pfeilern getragene
-Balkonvorbau über dem Haupteingang an der Elbseite sind, wie schon
-erwähnt, spätere Zutat des neunzehnten Jahrhunderts, gliedern sich
-aber dem Gesamtbild in trefflicher Weise ein, wie ein Vergleich der
-Abbildungen 1 und 2 eindrucksvoll lehrt.
-
-[Illustration: Abb. 6 =»Antons«.= Durchblick im Park mit der alten
-Platane.]
-
-Antons schönster Schmuck jedoch ist der dicht an das Haus anschließende
-Garten, den man trotz seiner verhältnismäßig kleinen Abmessungen von
-etwa 150 zu 100 Meter Länge und Tiefe gern als Park bezeichnen möchte.
-
-Riesige Kastanien und Linden umrahmen ein dicht am Hauptgebäude
-gelegenes Rasenrondell (siehe Abb. 3) und verdecken es nach dieser
-Seite fast gänzlich. Flußabwärts birgt sich die malerische alte
-Kegelbahn, von Efeu umsponnen, dicht unter alten Baumriesen, kaum daß
-die Sommersonne Platz hat, ein paar goldene Lichter auf Holzwerk und
-Weg zu legen (Abb. 4). Verschlungene Wege, nach englischem Geschmack
-angelegt und von Efeuhecken umrahmt, führen zu immer neuen, malerisch
-schönen Durchblicken. In der südlichen Gartenecke, im Mauerwinkel
-liegend, wird ein niedriger Aussichtsaltan sichtbar (siehe Abb. 5), von
-herrlichen Kastanien und Linden beschattet, und unweit davon strebt aus
-dunklen Efeubeeten eine mächtige Platane hell heraus (siehe Abb. 6).
-So klein die Anlage ist, so wirkungsvoll erscheint sie hier durch
-gärtnerische Kunst gestaltet.
-
-Lange hat so Antons mit einer Parkanlage im tiefen Frieden geruht,
-ein Denkmal feinsinniger Kultur aus vergangenen Tagen. Heute nun
-herrscht lebhaftes Bade- und Sportsleben in und um das alte Landhaus
-herum und der stimmungsvolle Reiz des Ganzen ist damit wohl für immer
-dahin. Der Freund der Heimat und sächsischer Kultur muß sich aber
-fragen, ob zu dieser gewaltsamen Änderung wirklich ein zwingendes
-Bedürfnis vorlag, ob es wirklich nötig war, ein Stück bester Dresdner
-Tradition zu zerstören, um ein Luftbad mehr entstehen zu lassen in
-einer Zeit, in der die den Elbufern benachbarte Bevölkerung sich mehr
-und mehr gewöhnt, in der freien Elbe und an ihren Ufern ein möglichst
-uneingeschränktes Freibadeleben zu genießen. Uns will es scheinen,
-als hätten die für die »Modernisierung« von Antons von der Stadt
-ausgegebenen Millionen an anderem Platze besser und zweckdienlicher
-Verwendung finden können, denn auch die Erhaltung der Denkmäler alter
-Kultur ist eine Ehrenpflicht des freien Volkes, und der Ertüchtigung
-unserer Jugend dient in erster Linie auch der, der es unternimmt, sie
-vom Werte der Tradition und von den Grundlagen unserer heutigen Kultur
-zu überzeugen.
-
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-Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat als soziale Aufgabe
-gerade für unsre arme Zeit
-
-Von _Fritz Koch_, Weimar
-
-
-Wenn man für eine Notwendigkeit eintritt, die Schönheit und Eigenart
-unsrer Heimat zu pflegen, so hört man nicht selten die Meinung, unsre
-Zeit sei zu hart und zu arm, als daß sie sich mit solchen idealen
-Dingen beschäftigen dürfte. Und doch hat unsre arme Zeit dazu erst
-recht die Verpflichtung.
-
-Wer sich darüber klar werden will, muß freilich etwas weiter ausholen.
-Denn mit einer nur äußerlichen Betrachtung kann man den Zielen und den
-Notwendigkeiten des Heimatschutzes nicht beikommen. (Mit diesem Wort,
-das auch den Schutz der Bau- und Naturdenkmäler einschließen will,
-faßt man bekanntlich die Bestrebungen zur Pflege unsrer schönen Heimat
-zusammen.) Es handelt sich beileibe nicht um eine Liebhaberei. Der
-Heimatschutz ist vielmehr ein Teil einer großen Kulturbewegung. Der
-materiell so günstige Aufschwung unsres Vaterlandes seit dem Kriege
-von 1870 war unstreitig in mancher Beziehung nicht gleichbedeutend
-mit Kultur. Man vergaß vielfach, daß materielles Wohlergehen nicht
-Selbstzweck sein kann, sondern nur ein Mittel zu einer höheren
-Entwicklung, die möglichst weiten Volksschichten Vervollkommnung
-und Glück ermöglicht. Diese Überschätzung des Materialismus und
-Kapitalismus ließ unter anderm auch die Rücksichten außer acht, die
-man auf die Erhaltung der Schönheit und Eigenart des Bildes der Heimat
-nehmen muß; denn die Heimat mit allen ihren Schönheiten ist schließlich
-doch Gemeingut aller, ist etwas mehr als nur ein Objekt der Ausbeutung,
-als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die ärgsten Verunstaltungen
-unsrer früher überall so schönen Orts- und Landschaftsbilder waren
-die Folge. Andre wurden obendrein angerichtet bloß durch den Mangel
-an Verständnis und an Fähigkeit, ein Haus, eine Wegeanlage usw.
-vernünftig zu gestalten. Soweit man z. B. etwas Besonderes »für die
-Kunst« tun zu müssen glaubte, wie beim Hausbau oder bei der Errichtung
-von Denkmälern, machte sich ein übler Parvenügeschmack, ein hohles
-Protzentum breit.
-
-Gegen diese Schädigungen der Heimat wandte sich die
-Heimatschutzbewegung, als ein Teil jener Gegenströmung gegen den
-Materialismus, die etwa seit der Wende des Jahrhunderts eine Erneuerung
-unsrer gesamten Kultur erstrebt. Der Heimatschutz begann den Kampf
-zum Schutze von idealen Gütern, die seines Erachtens das Leben in
-der Heimat erst lebenswert machen. Von Anfang an hat er jedoch dabei
-betont, daß er durchaus nicht überspannt und weltfremd vorgehen
-wolle, und hat darauf hingewiesen, daß, von einer höheren Warte
-aus betrachtet, seine Forderungen, die auf allgemeine kulturelle
-und speziell vielfach auf schönheitliche Gründe gestützt werden,
-schließlich doch auch das für die volkswirtschaftliche Entwicklung auf
-die Dauer allein Segensreiche und Notwendige sind. »Es ist das, was wir
-anstreben, keineswegs rückschrittlich, reaktionär oder romantisch, wie
-man es vielleicht schelten wird; wir denken nicht daran, dem Rade der
-Entwicklung, auch der wirtschaftlichen, in die Speichen zu fallen, um
-es aufzuhalten oder gar zurückzudrehen, was wir doch nicht vermöchten,
-– aber wir können und wollen es lenken, daß es nicht unnötig die
-Schönheiten unsrer Heimat zermalmt und uns nicht hinabführt in den
-Abgrund, sondern hinauf auf die Höhen wahrer Kultur. Daß diese Höhen,
-die früher nur von einer privilegierten Minderheit beschritten werden
-konnten, jetzt allen zugänglich gemacht werden, – das ist der einzige
-wahre Sinn des modernen technischen Fortschritts!« (Fuchs, Professor
-der Nationalökonomie an der Universität Tübingen, in »Heimatschutz und
-Volkswirtschaft«, 1905.) Der Heimatschutz will, indem er für den Schutz
-der Heimat wirkt, weitesten Kreisen den Blick öffnen für die Schönheit
-und Eigenart unsrer Heimat. Er will mit seiner Arbeit allen Menschen
-Möglichkeiten des Glücks und von Freuden erhalten, die doch gewiß zu
-den besten gehören.
-
-Das ist die hohe soziale Aufgabe, die er übernommen hat, und das
-macht auch seine besondere Bedeutung für unsre arme Gegenwart aus!
-Gewiß, erst muß der Mensch – in dieser schweren Zeit doppelt – bemüht
-sein, sein Brot zu verdienen und überhaupt zu leben. Aber so heißt es
-auf jede Kultur verzichten, wenn man sagt, er könne in dieser Zeit
-überhaupt für nichts andres mehr Sinn haben. Das ist aus äußeren
-Gründen falsch. Solange es zu Alkohol und Tabak reicht, muß es auch
-noch zu höheren, kulturellen Bedürfnissen reichen. Es ist aber auch aus
-inneren Gründen unrichtig. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, und
-der Reichtum ist eine Sache, die nicht nur auf äußere Dinge gegründet
-ist, sondern die ebenso in uns selbst liegt. Das bekannte Beispiel:
-Ein Reicher, der sich das teuerste Klavier gekauft hat, kann allein
-deshalb noch nicht darauf spielen. Aber auch ein Armer kann mit den
-vielen geistigen Genüssen und Werten, die ihm trotz seiner Armut zu
-Gebote stehen, nichts anfangen, solange er es nicht gelernt hat. Hier
-liegt das Geheimnis. Noch heute gilt das Dichterwort: In deiner Brust
-sind deines Schicksals Sterne. Je ärmer wir werden, je schlechter
-es uns geht, um so mehr müssen wir lernen, unser Leben mit idealen
-Werten auszustatten. Vor allem mit den Werten, die uns nichts kosten,
-die jedem, auch dem Ärmsten im Volke, zu Gebote stehen, wenn er nur
-seine Augen für die Schönheit dieser Welt offen hält. Man behaupte nun
-etwa nicht, der »Mann aus dem Volke« habe dafür doch keinen Sinn! Das
-ist einfach nicht wahr! Dutzende von Beispielen könnten zum Beweise
-beigebracht werden. Und für den, der uns trotzdem nicht glaubt, ergibt
-sich doch schließlich nur die Forderung an den Staat, besser als bisher
-für die Erziehung der »breiten Massen« zu sorgen, damit sie auch an den
-Genüssen der »sozial Höherstehenden« teilnehmen können. Zweifellos wird
-die Volksbildung gar nicht genug tun können, die Kenntnis der Heimat
-und die Freude an ihr zu vertiefen. Die Volkshochschule hat hier eines
-ihrer besten Tätigkeitsfelder. Vor allem aber wird es natürlich Sache
-der Schule sein, dieses Ziel weit mehr als früher in den Vordergrund zu
-stellen. Es ist bekannt, daß sie sich dieser Aufgabe bewußt ist. Sie
-kann dabei des Dankes und der Mitarbeit weitester Kreise sicher sein.
-
-»Die Schönheit unsres Vaterlandes ist ein nationaler Reichtum.«
-Diesen Satz tragen die Veröffentlichungen des Heimatschutzvereins von
-Frankreich (das schon im Frieden Millionen für diese Bestrebungen
-aufwandte). Wir fügen hinzu: Sie ist ein Reichtum, den uns kein Feind
-rauben kann, nur wir selbst. Vor dem Kriege wollte man oft mit einem
-gewissen Schein des Rechtes geltend machen, es wäre nicht so schlimm,
-wenn auch viele Gegenden verunstaltet würden. Bei den billigen
-Verkehrsmöglichkeiten habe auch jeder Arbeiter, der in einer dumpfen
-freudlosen Vorstadt lebe, die Möglichkeit, am Sonntag in eine schöne
-Gegend zu fahren und sich dort zu erholen. Das ist bekanntlich jetzt
-anders. Jetzt müssen wir darauf dringen, daß jeder Wohnort und jede
-Landschaft nicht etwa nur gerade noch menschenwürdig, sondern so schön
-bleibt, daß man sich dort wohl fühlen kann.
-
-Damit ist schon übergeleitet zu der Tatsache, daß der Heimatschutz
-sich nicht nur auf ideale Forderungen gründet, sondern sich auch
-mit vielen schwerwiegenden materiellen Interessen deckt; hier mit
-der Pflege der Volksgesundheit. So ist er z. B. längst, bevor diese
-Forderungen durch die neue Wendung der Politik vertreten wurden, für
-Bodenreform eingetreten, für innere Kolonisation, vor allem dafür, daß
-jedermann auch sein Gärtchen und sein Stück Land bekäme, weiter für
-Verstaatlichung der Naturkräfte usw. Und wenn der Heimatschutz sich
-gegen die Begradigung aller Wasserläufe wendet (deren Übertreibung
-Hochwasserschäden, Austrocknung des Landes, Verminderung des
-Fischreichtums mit sich gebracht hat) und gegen die Verunreinigung
-der Gewässer, und wenn er sich für den Schutz der nützlichen Vögel
-einsetzt, wenn er – um einige weitere Beispiele zu nennen –, vor
-den schematischen Bebauungsplänen mit viel zu breiten kostspieligen
-Straßen ebenso wie vor der Errichtung vieler überflüssiger Denkmäler
-gewarnt hat, so vertritt er damit auch schwerwiegende Interessen rein
-volkswirtschaftlicher Art.
-
-Ganz besonders gilt dies für die Ziele des Heimatschutzes auf dem
-Gebiete des Bauwesens. Allenthalben ist von der Verbilligung des
-Bauens die Rede, und doch müssen die amtlichen Stellen fast in jedem
-Falle die Erfahrung machen, daß die Bauherren die Grundbedingung dazu
-außer acht lassen. Sie wollen nicht einsehen, daß man bei den jetzigen
-Verhältnissen (wenn man nicht zu den Reichen gehört) seinen Bau nur
-dann durchsetzen kann, wenn im Äußern wie im Innern so einfach und
-so sparsam wie möglich und auch wesentlich kleiner gebaut wird als
-früher. Fast alle Bauherren lassen sich Bauzeichnungen machen, wie man
-sie vor dem Kriege gewohnt war, möglichst im sogenannten »Villenstil«,
-sehr reichlich groß, mit Vor- und Anbauten, Verzierungen und sonstigem
-Aufwand. Und doch waren alle Einsichtigen schon vor dem Kriege längst
-darüber einig, daß nur ein irregeleiteter Geschmack und die Sucht nach
-dem Mehr-Scheinen-Wollen solche Bauten sich wünschen, und daß die
-schlichten Wohnhäuser viel schöner sind. Was aber in der Zeit früheren
-Reichtums in erster Linie Geschmacksfrage war, das ist heute zwingende
-Notwendigkeit. Wir können uns solchen verfehlten Luxus einfach nicht
-mehr leisten. Wir müssen heute schlicht bauen, praktisch, solid und
-dauerhaft natürlich (denn das Unsolide ist auf die Dauer das Teuerste)
-und bei aller Einfachheit trotzdem oder richtiger gerade deshalb
-schön. »Die erste Bedingung für die Verbilligung eines Baues ist also
-eine gute, der Armut unserer Zeit entsprechende Bauzeichnung. Fehlt
-sie, dann nützt alle Sparsamkeit bei der Bauausführung nichts, es ist
-dann unmöglich, daß der Bau billig wird.« (Aus einer Bekanntmachung
-des Stadtrats Rennert in Meiningen, betreffend Baukostenzuschüsse.)
-So sind die Forderungen, die der Heimatschutz auf dem Gebiete der
-Architektur aus Gründen der Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit seit Jahren
-erhoben hat, durch die wirtschaftlichen Zeitverhältnisse glänzend
-gerechtfertigt worden.
-
-Aber nicht nur am Bauwesen, sondern überhaupt ist heute die
-Notwendigkeit der Bestrebungen des Heimatschutzes in allen einsichtigen
-Kreisen des Publikums anerkannt und ebenso auch durch den Staat. Der
-Heimatschutz findet jetzt seine feste Stütze in der Reichsverfassung.
-Artikel 150 stellt fest: »Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und
-der Natur, sowie die Landschaft genießen den Schutz und die Pflege
-des Staates.« Damit ist ausdrücklich betont, daß der Staat seine
-Verpflichtungen gegen die Heimatschutzsache mit der Schaffung von
-Gesetzesvorschriften allein nicht erfüllt, sondern daß er auch sonst
-Maßnahmen zum Schutz und zur Pflege der Schönheit und Eigenart der
-Heimat treffen muß.
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-Es sind Maßnahmen und Aufwendungen, die sich hundertfach lohnen.
-
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-Das Raubwild im Haushalte der Natur
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-Von _Hainz Alfred von Byern_
-
-
-»Wissen Sie,« sagte mir einmal ein Jagdherr, »das ist doch eigentlich
-sonderbar, auf meinem ganzen Revier gibt es kein einziges Stück
-Raubzeug, und trotzdem werden die Strecken von Jahr zu Jahr schlechter!«
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-»Jawohl,« entgegnete ich, »eben _weil_ Sie alles Raubwild abschießen
-lassen!«
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-Der gute Mann sah mich ungläubig lächelnd an, er meinte wohl, ich wolle
-einen Scherz machen. Aber dann klärte ich ihn auf:
-
-»Können Sie sich eine Großstadt, oder meinetwegen auch ein ganzes
-Reich, ohne Sanitätspolizei denken?«
-
-»N–ein, – nein, eigentlich nicht –«
-
-»So, na sehen Sie, und da wollen Sie klüger sein als die Natur,
-welche das Haarraubwild und die gefiederten Räuber einzig und allein
-aus dem Grunde erschaffen hat, um die Ausbreitung von Seuchen, die
-Fortpflanzung kranker und schwächlicher Stücke zu verhindern?! Denn
-jeder Fuchs, Marder und Iltis _wittert_ es, ob ein Stück Wild krank
-oder gesund ist, jeder Wanderfalke, Hühnerhabicht, Rauhfußbussard und
-Milan schlägt das _schwächste_, zur Nachzucht ungeeignetste Stück, weil
-er es am leichtesten erbeuten kann!«
-
-Mein Bekannter war recht nachdenklich geworden, und als ich ihn nach
-drei Jahren wieder besuchte – ei siehe da! – die Strecken hatten sich
-um fünfzig Prozent gehoben und Raubwild gab es gerade so viel, daß die
-gesunden und kräftigen Stücke von der »freiwilligen Sanitätspolizei«
-verschont blieben! –
-
-Bitte, meine Herren, fragen Sie mal jeden alten, erfahrenen
-_Praktiker_! Er wird Ihnen – ich wette tausend zu eins! – sagen:
-»Ein Revier, namentlich ein _Niederwildrevier_ ohne Raubwild _muß_
-herunterkommen, ist einfach ein Unding!« _Eine_ Ausnahme gibt es: die
-Fasanerie! _Da_ freilich soll es heißen: Krieg _allen_ Räubern! Und
-mit allen _weidgerechten_ Mitteln: Pulver und Blei, Knüppelfallen
-und Kastenfallen, Krähenhütte und Hasenquäke, _aber nicht mit
-dem aasjägerischen, hundsgemeinen Gift und diesen furchtbaren,
-tierquälerischen Marterwerkzeugen, den Eisen, in denen sich so ein
-armes Gottesgeschöpf eine lange, endlos lange Winternacht in stummen
-Schmerzen, in Todesangst quält und windet_!
-
-Zwei Arten Raubwild verdienen keine Schonung: wildernde Hunde und
-verwilderte Katzen. Die schieße ich ab wo und wann ich ihrer habhaft
-werde.
-
-Aber es gibt mir einen Stich, wenn ich lese, daß Herr X. das
-»Weidmannsheil« hatte, einen Adler zu erbeuten. Ja, meine Herren,
-muß denn _alles_ »verruiniert« werden?! Muß das _wirklich_ sein?!
-Ich meine, wir, unser heutiges Geschlecht, unsere »moderne« Zeit,
-sind so bettelarm an ethischen Werten, an Dingen, die sich nicht mit
-schmutzigen Markscheinen kaufen lassen! Soll uns denn die Freude an der
-Natur, die Liebe zum Mitgeschöpf _auch_ noch genommen werden?!
-
-Wie meinten Sie, Verehrtester? Ein Marderbalg kostet jetzt
-fünfzehnhundert Mark? Sehr richtig, und ein Hirsch ist ein brauner
-Lappen! Aber, lieber Herr Neureich, Sie haben doch Kinder – Enkel
-sogar? Na also, sehen Sie mal, sollen die vielleicht statt Füchse
-Ratten, statt Falken Sperlinge schießen?! Dann sind sie nicht Jäger,
-sondern »Kammerjäger«.
-
-»Jeder ist sich selbst der Nächste!«
-
-»Ach nein, Herr Neureich, jeder – Sie und ich, – sind ein Glied in
-einer Kette, ein einziges Rädchen der gigantischen Maschine, und wir
-haben die Pflicht – verstehen Sie mich recht: die _Pflicht!_ – das Erbe
-nicht zu verschleudern, sondern zu erhalten und zu mehren!
-
-Sehen Sie nur einmal einem Wanderfalkenpaar bei seinen Flugspielen
-zu, beobachten Sie eine Marderfamilie und – wenn Sie dann den rechten
-Finger nicht auch mal vom Abzug lassen können, tun Sie mir leid – Sie
-_Schießer_!!«
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-Nun werden meine liebwerten Leser wohl bald aufsässig werden und sagen:
-»Nächstens verlangt der Kerl noch eine gesetzliche Schonzeit für das
-Raubzeug!« Ganz recht, meine Herren, das tue ich auch, wenigstens für
-einige seltene Arten: Fischreiher, Adler, Edelfalken, Baummarder,
-Uhu usw. _Warum soll denn bei uns etwas nicht gehen, das z. B. in
-Mecklenburg schon seit einiger Zeit Landesgesetz ist?!_
-
-Freilich – wie viele unsrer jetzigen Jäger können wohl einen
-Rauhfußbussard von einem Mäusebussard, Wespenbussard oder
-Hühnerhabichtweibchen unterscheiden? (Daß es – hm – »Jagdkarteninhaber«
-gibt, die jeden Kuckuck als Sperbermännchen ansprechen, sei nebenbei
-erwähnt.)
-
-Und – ich kenne Leute, die jedes Stück Raubwild grundsätzlich auf
-die unglaublichsten Entfernungen beschießen mit der drastischen
-Entschuldigung: »Ach was, das ist ja »_nur_« Raubzeug, hoffentlich
-kriegt es ein paar Schrote ab!«
-
-Diesen Schindern und Aasjägern soll ein dreifaches Donnerwetter in die
-Knochen fahren! Wie sagt Riesenthal?
-
- »Bewahr’s vor Mensch _und Tier zumal_,
- _Verkürze_ ihm die Todesqual!
- Sei außen rauh und innen mild,
- _Dann_ bleibet blank dein Ehrenschild!«
-
-Laufen solche – solche – solche – (ich finde keinen Ausdruck aber
-– platzen soll’n se! Bajonett’ soll’n se schwitzen! Ä Ephei soll’n
-se wär’n un wuchern soll’n se um nix!) herum, haben sich als Jäger
-kostümiert und sind doch nichts als schlecht verkleidete Henkersknechte!
-
-_Diese_ Sorte ist schuld, wenn das Weidwerk bei den breitesten
-Volksschichten in Mißkredit gekommen ist, wenn uns von der grünen
-Gilde (wie dies kürzlich eine der verbreitetsten Tageszeitungen tat)
-»Sadismus« vorgeworfen wird!
-
-Ihr Gesangbuchchristen und Pharisäer: _ehrt den Schöpfer in seinem
-Geschöpf_! Wer sagt euch denn, daß ihr mehr seid, ihr lieblichen
-Ebenbilder Gottes, als die stumme, leidende, wehrlose Kreatur?!
-Größenwahnsinnig seid ihr! – Vor Gott, dem Lenker aller Weltensysteme,
-dem Gestalter und Erhalter dieser Ungeheuerlichkeit, die wir mit unsern
-dumpfen, stumpfen Sinnen nicht begreifen können, seid ihr Mikroben,
-seid ihr Stäubchen im Weltenall!
-
-_Eines_ allein bleibt: die Liebe, die sich für uns ans Kreuz schlagen
-ließ, die Liebe, die auch im hilflosen Geschöpf ein gleichberechtigtes
-Wesen sieht!
-
-Oder – _wie wollt ihr Barmherzigkeit erlangen, wenn ihr selbst kein
-Erbarmen kennt_?!
-
-Und nicht nur ein Erbarmen aus Nützlichkeitsgründen, nein, _auch dem
-verfehmten verfolgten Raubwild gegenüber_!
-
-Wohl bekomm’ euch meine Philippika, ihr Herren!
-
-
-
-
-Landheimbau
-
-
-Unser altes Landheim, die Sorge am Habichtsberg bei Cranzahl, hatten
-wir verloren. Zu Pfingsten 1919 mußten wir sie verlassen, da das Haus
-zum Abbruch von der Gemeinde Cranzahl verkauft worden war. Aber die
-Amtshauptmannschaft Annaberg verbot den Abbruch, – und uns eröffnete
-sich die Aussicht, unser Heim, das uns in so vielen Jahren, seit 1913,
-lieb und traut geworden, wieder zu gewinnen, – als Ostern 1920 die
-Sorge abbrannte. »Durch Funkenflug der Lokomotive« stand’s in der
-Zeitung geschrieben. Aber wir wissen, daß das unmöglich ist.
-
-Wir suchten uns ein anderes Heim. In jetziger Zeit eine recht
-schwere Aufgabe. Dieses Jahr, noch war Winter, untersuchten zwei von
-unserer Ortsgruppe das Häusel im Schmalzgruber Hammerwerk auf seine
-Bewohnlichkeit. Es war bereits stark verfallen, Türen und Fenster
-fehlten, innen sah es schwarz und finster aus. Dem Verfall geweiht.
-
-»Das wird ein Heim für uns. Wir bauen es uns wohnlich aus!«
-
-Der Besitzer, Herr Fabrikbesitzer Paul Pilz in Niederschmiedeberg,
-zeigte sich uns außerordentlich entgegenkommend, und bald war der
-Vertrag abgeschlossen. Wir hatten ein Heim, das wir wieder unser nennen
-konnten. Und für den Jungen bedeutet es eine große stolze Freude, wenn
-er sagen kann, dies Haus ist unser. Er ist mit seinem Heimatboden näher
-nun verbunden.
-
-Aber eine gewaltige Arbeit stand uns nun bevor: das Häusel ausbauen.
-Kosten sollte, durfte und konnte es nicht viel. Arbeitslohn brauchten
-wir keinen, da wir selbst die Arbeiter stellten. Herr Pilz überließ uns
-viel Material für den Ausbau in der freundlichsten und freigebigsten
-Weise, so daß wir hier in ihm eine mächtige Stütze fanden. Sein
-Betriebsleiter, Herr Leichsenring, ging uns mit Rat und Tat zur Seite.
-
-So war es eine Lust zu schaffen. Und mancher, der vorüberging, hat sich
-gewundert, wie eine Handvoll Annaberger Jungens und Studenten »mitten
-im kalten Winter« schwer gearbeitet haben und dabei so lustig waren.
-
-Eins stand uns beim Ausbau von vornherein fest: das Häusel bleibt in
-seiner Eigenart voll gewahrt.
-
-An einem frühen Sonntagmorgen vor den Osterferien rückte eine Schar
-Jungen mit Handwagen, Hacken, Schaufeln, Eimern, Besen, Kellen, Hammer,
-Beilen und einem Handofen von Annaberg weg nach dem neuen Heim in
-Schmalzgrube.
-
-Kräftig ging der Angriff los. Das Wetter war prächtig, die Sonne lachte
-dazu, und bald stand das ganze Häusel im Nebel, so kehrten und fegten
-alle dienstbaren Geister darin herum und brachten den Dreck und Staub
-hinaus aus dem Haus. Nur die Hose auf dem Leib, so schranzte alles,
-daß es »nur so roochte«. Die zerfressenen Bretterdielen wurden auch
-gleich herausgenommen, es waren nur noch kleine Stücke, »Fragmente«. An
-diesem Tage war das Häusel sauber gekehrt, dahinter aber im Steinbruch
-hatte sich ein ganz beträchtlicher Schutt- und Kehrichthaufen gebildet.
-Schwarzgrau und verrußt sahen die aus, die aus dem Häusel herauskamen.
-Im nahen Bache wurde sich gründlich gewaschen, um am späten Nachmittage
-den Heimmarsch anzutreten. Nicht schlecht guckte unser lieber
-Leichsenring über die Arbeit, die in den paar Sonntagsstunden geschafft
-worden war. Ja, das war für die Buben ein ander Zugreifen und Schaffen,
-als auf der Schulbank zu sitzen.
-
-Die Osterferien kamen. Mit ihnen neuer unerwarteter Schnee und neue
-Kälte, dann wieder Tauwetter, kalter Wind und wieder Schnee. Das alles
-in recht bunter Abwechslung.
-
-Das hielt uns nun nicht ab, den Bau mit Wucht weiterzuführen. Ein
-Sachkundiger hatte uns einen Bauplan entworfen. Im übrigen half uns
-Vater Leichsenring, wo er nur konnte. Und Mutter Leichsenring hatte
-nichts weniger zu tun, als zweimal am Tage für durchschnittlich
-fünfzehn Mann – alles starke Esser und keine Kostverächter – warmes
-Essen zu kochen. Wir kochten diesmal nicht selbst, damit wir hiermit
-keine Zeit verloren. Unser Nachtquartier hatten wir in einem
-leerstehenden Zimmer des Nachbarhauses bezogen.
-
-Sofort begann die Arbeitsteilung. Die eine Hälfte der Mannschaft
-arbeitete im Heim, die andere ging »auf Transport«.
-
-Uns war die Arbeit nicht leicht gemacht durch das böse Wetter.
-Verdrießen aber konnte uns das nicht.
-
-In der unteren vorderen Stube arbeiteten immer drei bis vier Mann,
-hackten den schwarzen Boden, der steinfest gefroren war mühsam, oft
-nur splitterweise los. 25 Zentimeter tiefer wollten wir den Fußboden
-legen in einer Fläche von 27 Quadratmetern, weil wir ihn betonieren
-und darauf die Diele legen wollten. Acht Tage haben wir gebraucht,
-um den förmlich zu Stein gefrorenen Boden herauszuhacken. Die Hände
-wurden dabei steif und rissig. Die Hacke prellte ganz ekelhaft in den
-Händen. Dabei kam beim Tieferlegen des Bodens das Grundwasser hervor,
-so daß von Zeit zu Zeit ein Mann schöpfen mußte, was in der Kälte auch
-nicht gerade ein Vergnügen war. Außerdem pfiff der Wind durch die öden
-Fensterhöhlen.
-
-In der Hausflur und in der hinteren unteren Stube wurden Stützbalken
-eingezogen. Im Obergeschoß rissen wir die Dielen heraus, um den
-noch versteckt liegenden Unrat herauszuschaffen. Manch altes Schloß
-und anderes verrostetes Eisenwerk fanden wir, so daß wir bald eine
-»Raritätensammlung« anlegen wollten. Zwei wohlerhaltene Kinderkutschen
-waren auch vorhanden. Wir benutzten den Oberteil davon zum Sand holen.
-Der Sand wurde aus dem nahen Teiche von zwei Mann herausgeschaufelt,
-in die Kinderkutschen geworfen und dann auf einem Schlitten von zwei
-Mann über die abschüssige Wiese ans Haus herangefahren und dort
-ausgeschüttet, wo ihn ein Mann durchs Sieb warf. Das Obergeschoß blieb
-im übrigen unberührt, nur die gröbsten Löcher im Schindeldach wurden
-mit Holzbrettern ausgebessert.
-
-Die andere Abteilung, die ungefähr sieben Mann stark »auf Transport«
-rückte, hatte es nicht leichter. Da gab es Bretter, Balken, Schwarten,
-Lehm und anderes mehr heranzuschaffen. Früh um sechs Uhr wurde zu
-Herrn Pilz nach dem zweieinhalb Stunden entfernten Niederschmiedeberg
-mit einem Tafelwagen gefahren. Im oberen Preßnitztal lag Schnee,
-im unteren war er weggeschmolzen. Mit leeren Wagen abwärts zu Tale
-ließ sich gut fahren. Ganz anders aber wieder zurück: vierzig große
-schwere Bretter hatten wir aufgeladen. Wir mußten tüchtig schieben
-und zerren, um den Wagen durch den aufgeweichten Schmutz der Straße
-vorwärtszubringen. Toll aber wurde die Sache, als wir wieder in die
-Region des Schnees kamen. Da brach natürlich der schwer beladene Wagen
-erst recht ein. Wir griffen in die Speichen, um ihn vorwärtszubringen.
-Nur stückweise. Wir schwitzten. Die Zeit verging rasend schnell. Ich
-schickte einen Läufer nach dem eine Stunde entfernten Heim, daß die
-Leute aus dem Heim uns mit Schlitten entgegenkämen. Indessen versuchten
-wir mit unserer Last weiterzukommen. – Ein Geschirr auf der einsamen
-Straße! – Ob wir anhängen dürften? – Ja, wenn wir mitschöben! –
-Natürlich! – Mit drei Seilen banden wir fest. Gleich beim ersten Anzug
-des Pferdes rissen alle drei Seile mitten durch. Also das nächste
-Mal vorsichtiger anfahren! Es ging. Noch drei-viermal rissen uns die
-Seile. Der Kutscher hatte eine bewundernswerte Geduld mit uns. Aber
-wir kamen doch vorwärts. Bis das Gefährt nach Grumbach die neue Straße
-abbog. Nun wieder allein. Nach einer Stunde kommt die Ablösung mit
-zwei Schlitten. Umgeladen. Mit nur wenig Brettern auf dem Wagen fährt
-die alte Transportmannschaft ins Heim, während die Ablösung mit dem
-Schlitten nachkommt. Es ist bereits fünf Uhr nachmittag. Wir haben seit
-diesen Morgen noch nichts als eine Schnitte Brot gegessen. Wir sind im
-Heim, als ein Bote ankommt: der eine Schlitten sei zerbrochen. Also
-alles noch einmal raus! Teils auf dem anderen Schlitten, teils auf den
-Schultern bringen wir das letzte, immerhin noch große Stück die Bretter
-ins Heim. Wir waren froh, diese Tagesarbeit hinter uns zu haben.
-
-Nicht besser war es anderntags mit der Lehmfuhre. Die war noch ein
-bissel schwieriger. In dem Moor, in dem Walde bei Grumbach gruben wir
-den Lehm, den wir zum Ofensetzen und Ausbessern der Holzverkleidung im
-Obergeschoß verwenden wollten. Den Waldweg bis zur Grumbacher Straße
-mußten wir erst ausschaufeln, so gut es ging. Und trotzdem wären wir
-kaum noch durchgekommen, wenn uns nicht der Förster zu Hilfe kam,
-Eisenketten mitbrachte und sich selbst gleich mit ins Zeug legte.
-Sein Dackel lugte nicht schlecht. Unter lautem »Hühott« zerrten wir
-die schwere Lehmfuhre durch den schneeigen Waldweg auf die offene
-Landstraße. Dort konnten wir fahren bis durch Grumbach durch. Aber am
-Ausgang des Dorfes lag wieder eine gewaltige Schneewehe, die wir nicht
-überwinden konnten. Wir holten uns kurz entschlossen einen Ochsen vom
-Bauern, spannten ihn vor den Wagen. Und nun vorwärts. Der Bauer hieb
-auf den Ochsen ein und wir brüllten und schrien und schoben mit, bis
-die kleine Anhöhe und die Schneestelle unter beängstigendem Gestöhne
-des Wagens überwunden war. Seit jenem Tage sind wir mit dem Bauer gut
-Freund. – Dann konnten wir die Straße wieder allein fahren; Schnee lag
-da keiner mehr.
-
-So galt es noch manchen Transport zu vollbringen. Und die
-Transportabteilung wurde darum nicht beneidet.
-
-Die Arbeit ging rüstig vorwärts. Der Boden der Stube war fünfundzwanzig
-Zentimeter tief herausgeholt. In der Mitte hatten wir ein Wasserloch
-gegraben, quer durch den Fußboden eine Schleuse und die Fensterwand an
-einer Stelle durchstoßen, um Abfluß zu schaffen. Außen am Hause bauten
-wir einen unterirdischen Flußlauf.
-
-Nun das Betonieren. Der Wassergraben im Fußboden wurde mit Steinen
-ausgesetzt und überdeckt, dann legten wir eine Packlagerschicht von
-Ziegelbrocken, die wir aus dem Herrenhaus herüber gehandlangert hatten,
-wobei es manchen Riß in der Haut gab. In diese Schicht bauten wir
-sieben Querbalken und zwei Längsbalken ein für die Dielung, nahmen sie
-sorgfältig in die Wage, was gar nicht so einfach war, als wir es uns
-vorgestellt hatten. Aus dem Herrenhaus schleppten wir nun die Säcke
-Zement herüber, mischten den Zement mit Sand. Ein alter Schachtmeister
-half uns dabei redlich mit. Es war das sein Palmsonntagsvergnügen,
-wie er uns sagte. Solche Leute gibt es doch heute selten. Bis abends
-neun Uhr betonierten wir. Da galt es tüchtig und sachkundig Zement
-mischen, die Mischung in die Stube zu schleppen und Wasser zum Gießen
-herbeitragen. Eine Zementschicht von fünf Zentimeter Dicke entstand.
-Die Balken ragten noch drei Zentimeter heraus, damit das Dielenholz
-nicht auf den Beton zu liegen kommt, sondern Luftzug möglich ist. In
-der rechten Stubenecke gossen wir einen zehn Zentimeter hohen, zwei
-Meter dreißig Zentimeter langen und ein Meter zehn Zentimeter tiefen
-Sockel für den Ofen mit Herd. Mit einem gelernten Ofensetzer zusammen
-setzten wir den Ziegelofen auf. Einen eisernen Ofen setzten wir nicht
-hinein, da die Größe des Zimmers und die geschwungenen Fensterbögen
-einen mächtigen Ofen mit Herd forderten. Für den Herd bestellten wir
-eine Platte von ganz gewichtiger Größe, die uns zweitausendzweihundert
-Mark kostete, eine ganz erkleckliche Summe für unsern Geldbeutel. Aber
-dafür haben wir ein stilgerechtes Zimmer, in dem wir, wenn es nun ganz
-fertig ist, uns wohlfühlen können.
-
-Unterdessen zimmert ein Junge mit einem gelernten Zimmermann, den
-wir für einen Tag zur Verfügung gestellt bekommen haben, für die
-Fenster die Mauerrahmen. Am ersten Tage wurden zwei Stück fertig, der
-dritte angefangen, die nächsten zimmert der Junge kunstgerecht allein
-mit Winkelmaß und allem Werkzeug. Zwei Mann mauern die Rahmen ein.
-Auch hier muß mit der Wasserwage gearbeitet werden. Dann werden die
-Fensterläden gebaut mit drei Querleisten in der ~Z~-Form und Angeln
-und Sturmhaken. Auch hier lernen wir, daß der untere Winkel der
-Querstreifen seinen Scheitelpunkt in der unteren Angel haben muß, damit
-sich der Fensterladen nicht senkt. Alles will bedacht sein. Und weißt
-du, wieviel Nägel man zu einem solchen Fensterladen von ungefähr einem
-Quadratmeter Größe braucht? oder zu einem Quadratmeter Diele?
-
-Auf die Dielenbalken legten wir vorläufig Bohlen und Bretter und
-besserten die Wände aus, putzten und verkalkten sie. Diese Arbeit war
-gar nicht so einfach. Besonders schwierig waren die Fensterbogen, die
-arg in Verfall geraten waren, auszubessern. Aber zwei von uns, die im
-sonstigen Beruf sich ~stud. iur.~ und ~stud. med. vet.~ nennen, hatten
-den Schwung, den Mörtel anzusetzen und zu verreiben, besonders gut weg.
-Und nun ging es ans Weißen. Nachdem der Zement abgebunden hatte und
-trocken war, wurden die gespundeten und feingehobelten Dielenbretter
-genagelt. Sie zu schonen und vor allem vor dem Kalk zu bewahren,
-streuten wir Sägespäne.
-
-Unsere Bauarbeit zog sich bis auf die Sonntage nach Ostern, bis in die
-Pfingstferien; zu den Großen Ferien hoffen wir leidlich fertig zu sein.
-Denn dann entfaltet der Wandervogel seine Schwingen und fliegt weit
-hinaus in die Welt, bis in fremde Länder. Und in seinem Heim wohnen
-geladene Gäste aus dem fernen Süden.
-
-Nach des Tages Last und Müh’ zogen wir uns in unser warm geheiztes
-Quartier zurück. Zum Singen, das wir so sehr lieben, brachten wir es
-in den Osterferien kaum, dazu waren durch das schlechte Wetter unsere
-Kehlen zu rauh und heiser geworden. Aber der oder jener spielte auf der
-Laute, oder wir lasen vor. Aus Selma Lagerlöfs »Gösta Berling«. Und
-denen, die voriges Jahr mit oben in Schweden waren, tauchten frohe,
-freudige Erinnerungen auf, wir sahen wieder die herrlichen Seen,
-umschlossen von ernsten, rauschenden Wäldern, dachten an die schönen
-Stunden, die wir auf stolzen Schlössern verlebten, wie weiland die
-Kavaliere auf Eckeby im frohen Vermland.
-
-Und so haltens wir Wandervögel. In der sonnigen Sommerszeit schweifen
-wir weit in die Ferne. Die Große Fahrt ist uns das Höchste, sie gibt
-uns das Meiste und Wertvollste. Aber gern kehren wir zurück in unsere
-Heimat, die unser ist.
-
-Annaberg im Erzgebirge.
-
- _Fritz Wollmann_, ~stud. rer. merc.~
-
-
-
-
-Heimatschutzbewegung und Hotel
-
-
-Aus dem Bewußtsein der Kürze des eigenen Lebens ergibt sich für den
-denkenden Mann, der seine Kraft an eine edle Aufgabe und ein hohes
-Ziel gesetzt hat, die Aufgabe, Motive und Ergebnisse seines Daseins an
-andere Männer weiterzugeben, daß, auch wenn sein Licht erlosch, sein
-Werk nicht stirbt. Aber damit in seinem Geist weiter gearbeitet werden
-kann, ist es nötig, Freunde und Schüler zu bilden. Es gibt keine große,
-geistige Gemeinschaft, die ihr Werk erhalten wissen will, die nicht
-ebenso verführe. Auch diejenigen, die ihre Heimat lieb haben, wirken
-in diesem Sinne. Es darf gefragt werden, ob durch unsere Bestrebungen
-schon alle erreichbaren Kreise berührt worden sind. An einen Stand
-zu erinnern mag erlaubt sein, an den Stand der Kellner. Niemand
-bezweifelt, daß seine Aufgabe nicht in der Sorge um gutes Essen und
-Trinken für die Gäste aufgeht; des tüchtigen Kellners Ziel ist es,
-dem Gast das Heim möglichst zu ersetzen. Er ist bemüht, dem Reisenden
-Unterhaltungsmöglichkeiten nachzuweisen; er wird oft zum Berater für
-Ausflüge, für Sehenswürdigkeiten. Um das tun zu können, wird er bemüht
-sein, aus den Reisehandbüchern sich selbst eine umfassende Kenntnis
-anzueignen. Aber sind diese Bücher ohne weiteres Hilfsmittel für den
-Heimatschutz? Niemand wird über die bekannten Reisehandbücher gering
-denken; sie bieten eine Fülle von Stoff. Aber es kann nicht von
-ihnen verlangt werden, daß sie die stillen Schönheiten, daß sie das
-Stimmungsvolle einer ganz schlichten Landschaft weitergeben, mitteilen
-können. Das ist nur persönlichem Erleben und, wenn ich so sagen darf,
-in der individuellen Mitteilung möglich. In dieser Art Mitteilung aber
-bewegt sich hauptsächlich die hierher gehörige Aufgabe der Kellner.
-Um sie zu erfüllen, bedürfen sie einer Einführung in das Wesen der
-Heimatschönheit, brauchen sie selber Mitteilung erlebter Schönheit
-und Stimmung. Für die Mitglieder des Heimatschutzes liegt hier eine
-Aufgabe. Wir werden – wenn es die Gelegenheit gibt – auch dem Kellner
-gegenüber es nicht an Mitteilung über die Schönheit seiner Stadt fehlen
-lassen dürfen, wir werden doch auch in den größeren Hotels nach den
-»Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« fragen
-müssen. Jedermann weiß, daß man in Gasthöfen bisweilen Lektüre trifft,
-deren Wert man als fragwürdig bezeichnen darf. Warum sollen wir da
-nicht für wirklich Wertvolles freudig eintreten? So möchten diese
-Zeilen bitten, für die Heimatschutzbewegung in einem ganz besonderen
-Berufe Freunde und Förderer zu gewinnen.
-
- Pfarrer _Herzog_, Aue i. E.
-
-
-
-
-Die Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba
-
-
-Eine wichtige Aufgabe des Heimatschutzes ist von jeher die Erhaltung
-alter Bäume. Die erheblichen Mittel, welche bisher für diese Art
-Altershilfe Verwendung fanden, haben manchen ehr- und denkwürdigen Baum
-vor völliger Zerstörung und Zusammenbruch bewahrt.
-
-[Illustration: =Die Markersbacher Pfarrlinde= (Phot. R. Wiehl, Dresden)]
-
-Auch der alten Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba drohte
-dieses Schicksal. Es wäre ein besonders schwerer Verlust gewesen,
-stellt doch dieser Baum nicht nur ein durch Alter geweihtes
-Naturdenkmal dar, sondern er ist auch als getreuer Schicksalszeuge
-der Gemeinde kulturgeschichtlich von hohem Werte. Soll doch hier
-unter seinem grünen Blätterdache, der Überlieferung nach, der erste
-evangelisch-lutherische Gottesdienst abgehalten worden sein,
-und da Markersbach 1576 seinen ersten evangelisch-lutherischen
-Pfarrer erhielt, kann das Alter dieser Linde auf etwa vierhundert
-Jahre angenommen werden. Daß bei diesem hohen Alter auch alle
-lebensfeindlichen Einflüsse sich besonders geltend machten, ist
-trotz des gesunden Aussehens des eineinhalb Meter im Durchmesser
-habenden Stammes und der vollen Laubkrone nicht verwunderlich. Durch
-die Öffnungen zweier vor langer Zeit abgebrochenen Hauptäste hatten
-Regen und Schnee ungehindert Zutritt in das unzugängige, völlig hohle
-Stamminnere und förderten die Fäulnis in besorgniserregender Weise.
-Diese Gefahr für den Weiterbestand des Baumes ist jetzt beseitigt.
-Die nicht ungefährliche, auf hohen Leitern auszuführende Arbeit des
-Verschließens der Astöffnungen wurde in zweckentsprechender Weise von
-Herrn Baumeister Reppchen in Gottleuba ausgeführt. Die Mittel hierzu
-stiftete ein seit Jahren mit Markersbach und seinen Bewohnern innigst
-verbundener Freund aller Heimatschutzbestrebungen, Herr Geheimer
-Kommerzienrat Meinel-Tannenberg.
-
-Zum Danke dafür aber rauscht jetzt die alte ehrwürdige Pfarrlinde in
-Markersbach besonders freudig und aus ihrer mächtigen Krone klingt
-nicht nur in leisen Flüstern ein Lied aus längst vergangenen Tagen,
-sondern sie kündet auch laut und vernehmlich das hohe Lied ihrer
-Wohltäter. –
-
- _Georg Marschner._
-
-
-
-
-Die Bekämpfung der Nonne
-
-Von Oberforstmeister _Feucht_, Bad Schandau
-
-
-Während der letzten Kriegsjahre hat im südwestlichen Böhmen,
-zunächst in der Umgebung von Pilsen eine Massenentwicklung der Nonne
-stattgefunden, die wegen Mangel an Arbeitskräften wie an Leim, für
-den die Rohstoffe fehlten, überhaupt nicht bekämpft werden konnte und
-bereits zu gewaltigen Kahlfraßflächen geführt hatte, ehe im Jahre
-1919 überhaupt die erste Kunde davon zu uns nach Sachsen gekommen
-ist. Aus diesen Kahlfraßgebieten sind nun bei schwüler Wärme und
-starkem südöstlichen Winde gewaltige Schwärme meist weiblicher
-Nonnenfalter abgeflogen, die in der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1920
-die Staatsforstreviere der Oberforstmeisterei Schandau von Sebnitz bis
-Gottleuba in einer Breite von fünfunddreißig Kilometer und etwa zehn
-Kilometer Tiefe überfluteten.
-
-Von der Staatsforstverwaltung wurde sofort der Kampf gegen diese
-unwillkommenen, gefürchteten Feinde unserer Fichtenwaldungen
-mit allen verfügbaren Arbeitskräften an Männern, Frauen und
-Schulkindern durch Sammeln und Töten namentlich der weiblichen
-Falter aufgenommen. Das Ergebnis waren hundertdreitausend männliche
-und zweihundertdreiundsechzigtausend weibliche Falter. Auch die
-Gemeindevorstände und Privatwaldbesitzer sind auf Anregung der
-Forstverwaltung zum sofortigen Sammeln veranlaßt worden. Leider konnte
-diese Sammeltätigkeit bei der gewaltigen Größe der mit einem Schlage
-befallenen Fläche von gegen dreihundertfünfzig Quadratkilometer nicht
-so gründlich und vollständig mit den vorhandenen Arbeitskräften
-durchgeführt werden, daß ein voller Erfolg der Sammeltätigkeit
-möglich gewesen wäre. Dies zeigte sich bei den im Herbst und Frühjahr
-vorgenommenen Eierzählungen, die in einzelnen Beständen schon Eiablagen
-von tausend bis dreitausend und mehr Eiern an manchen Stämmen ergaben.
-Es war also für das Jahr 1921 nichts Gutes zu erwarten.
-
-Der Falterflug des Jahres 1921 hat dies, zumal das Frühjahr und
-der Sommer mit seiner anhaltenden warmen, trockenen Witterung,
-die für die Entwicklung der Nonne äußerst günstig war, durchaus
-bestätigt. Die Sammelergebnisse bei der Vertilgung von Raupen und
-Puppen waren folgende: zweimillionenzweihundertvierzigtausend
-Raupen, zweimillionenfünfhundertvierzehntausend Puppen und
-fünfzehnmillionensiebenhundertzweiundfünfzigtausend Falter,
-darunter dreizehnmillionensiebenhundertsiebenunddreißigtausend
-weibliche Falter. Diese ungeheure Zunahme und das Ergebnis der
-Probeeierzählungen an gefällten Stämmen gaben der Forstverwaltung
-Veranlassung für das Jahr 1922 umfassende Volleimungen in Aussicht zu
-nehmen. Diese Leimungen umfaßten eine Fläche von nicht weniger als
-zweitausendachthundertdreißig Hektar.
-
-Leider war auch der Witterungsverlauf des Frühjahrs und des Sommers
-1922 für die Entwicklung der Nonne wieder außerordentlich günstig. Das
-Frühjahr trat zwar spät ein, es herrschte aber dann fast ununterbrochen
-trockenes, windstilles Wetter, so daß die Entwicklung der Raupen bis
-zur Verpuppung völlig ungestört vor sich ging.
-
-Die Folge war in vielen Beständen mehr oder weniger starker Lichtfraß,
-stellenweise in den besonders stark belegten Flächen auch Kahlfraß,
-jedenfalls war aber später festzustellen, daß viele Bestände, die
-sonst unfehlbar dem vollen Kahlfraß zum Opfer gefallen wären, durch
-den Leimring, der ungezählte Millionen von Spiegelräupchen vernichtete
-und später ebensoviel alte Raupen abfing, nur lichtgefressen und
-daher erhalten geblieben sind, so daß sich die Kosten für die Leimung
-reichlich bezahlt gemacht haben.
-
-Gewaltig war in diesem Jahre der Falterflug, zeitweise machte er den
-Eindruck eines starken Schneegestöbers.
-
-Ebenso wie 1920 uns aus Böhmen große Überflüge heimgesucht haben, sind
-nun in diesem Jahr aus den Hauptbefallsgebieten der Sächsischen Schweiz
-große Überflüge in nördlicher Richtung erfolgt und haben vermutlich die
-Gebiete des Fischbacher Waldes, der Dresdner und der Lausnitzer Heide,
-des Tharandter Waldes usw. heimgesucht und dort ihre Eier abgelegt, so
-daß nunmehr auch diese Gebiete und ebenso die dortigen Privatwaldungen
-für nächstes Jahr gefährdet erscheinen.
-
-Die ungeheuren Schäden, die man von den Bergen der Sächsischen Schweiz
-gegenwärtig bei einem Blick nach Böhmen hinüber, aber auch schon in
-den sächsischen Waldungen selbst, stellenweise zu Gesicht bekommt
-und die großen Überflüge dieses Sommers, die auch die bewohnten
-Ortschaften und offenen Fluren und Gärten überfluteten, haben nun
-die öffentliche Meinung und weite bisher gleichgültigere Kreise
-aufgerüttelt und auf die Größe der unseren Waldungen drohenden Gefahren
-aufmerksam gemacht und die vorher vielfach fehlende Geneigtheit bei der
-Bekämpfung der Nonne werktätig Hilfe zu leisten, geweckt. Dies zeigen
-auch die zahlreichen in der Presse von mehr oder weniger berufenen
-Verfassern gemachten, gutgemeinten Vorschläge, die Wahres und Falsches
-durcheinandermischen und längst versuchte und als unwirksam wieder
-aufgegebene Bekämpfungsmaßnahmen mit großer Begeisterung erneut
-empfehlen.
-
-Es seien daher zur Aufklärung die bisher bekannten und in der Praxis
-bewährten Bekämpfungsmaßnahmen in aller Kürze etwas näher beschrieben.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Weiblicher Nonnenfalter=
-
-(Phot. Emil Wünsche Nachf., Dresden)]
-
-Die erste und sinnfälligste Maßnahme ist der Fang der Falter,
-namentlich der weiblichen, um die Eiablage zu verhüten. (Abbildung 1
-zeigt einen weiblichen Falter an einen Fichtenstamm.) Diese Maßnahme
-ist bei einer _beginnenden_ Nonnenkalamität oder bei eben erfolgten
-Überflügen in bisher nicht befallene Waldgebiete die wirksamste
-Vertilgungsmaßnahme, wenn sie _sofort_ nach dem Auftreten der Falter
-mit möglichster Beschleunigung, also mit möglichst viel flinken und
-raschen Arbeitskräften, vorgenommen wird. Man kann also in diesem
-Falle, wenn man wirkliche Erfolge erzielen will, auf die Mitwirkung
-von Schulkindern nicht verzichten, um so weniger als das erfolgreiche
-Faltersammeln sich nur auf die _kurze_ Zeit vor und während der
-Eiablage erstreckt. Falter zu sammeln, die ihre Eier abgelegt haben,
-hat keinen Zweck, sie tun keinen Schaden mehr und sterben in Kürze ab.
-
-Sehr lebhaft sind zur Faltervertilgung neuerdings wieder Leuchtfeuer,
-Fackeln, Scheinwerfer oder irgendwelche andere starke Lichtquellen
-empfohlen worden, alle diese Mittel sind bereits bei früheren
-Nonnenplagen, so z. B. in den Jahren 1908 bis 1910 in Sachsen und
-1890/91 in Bayern in großem Maßstabe versucht worden, sämtlich
-ohne durchschlagenden Erfolg. Herrscht zufällig einmal bei einem
-Hochzeitsflug günstiges warmes Wetter, so fliegen wohl einige
-Zehntausende Falter in die Leuchtfeuer, meistens aber sind es Männchen,
-denn sowie die Weibchen mit der Eiablage beschäftigt sind, kümmern
-sie sich um Feuer und Fackeln nicht im geringsten mehr und bei rauhem
-kühlen Wetter tun dies auch die Männchen nicht.
-
-Weiter kommt in Frage das Sammeln von Eiern. Diese Maßnahme ist mühsam
-und schwierig, denn die Eier sind gut unter Rindenschuppen verborgen,
-die erst mit dem Messer abgeblättert werden müssen, um die Eier zu
-finden. Will man die Eier abkratzen, fallen viele zu Boden und bleiben
-entwicklungsfähig. Besser ist daher die Eier mit Teer zu überstreichen.
-Im ganzen ist dieser Maßnahme nur geringe Bedeutung beizumessen, da man
-nur den geringen Teil der Eier im untersten Stammabschnitt vernichten
-kann.
-
-Bei sehr starkem Befall kann auch das Eiersammeln lohnen, wie
-die Sammelergebnisse des Herbstes 1921 beweisen, die über
-einundzwanzigmillionen Eier im Forstbezirk ergeben haben.
-
-Das Sammeln von Raupen kommt zumeist in Kulturen, in denen man die
-Raupen ablesen kann, in Frage. In Althölzern kommen zeitweilig,
-namentlich bei großer Hitze und kurz vor der Häutung große Massen von
-Raupen aus den Kronen bis in den untersten Stammteil herab, so daß sie
-hier ebenfalls mit gutem Erfolg in größeren Mengen vernichtet werden
-können, wenn diese Erscheinung rechtzeitig bemerkt wird.
-
-Das Sammeln von Puppen ist nur neben dem gleichzeitigen Raupensammeln
-und bei starkem Befall von Wert; da die Puppen in borkigen Beständen
-ziemlich schwer zu finden sind, lohnt das Sammeln nicht sonderlich.
-
-Mehrfach ist auch das Bespritzen mit giftigen Flüssigkeiten
-versucht worden. Dies empfiehlt sich namentlich zur Vertilgung
-von Spiegelräupchen unter Verwendung der bekannten auch gegen
-die Kiefernschütte gebräuchlichen Platzschen Pflanzenspritze mit
-fünfprozentiger Lösung von Obstbaumkarbolineum. Unter Verwendung des
-Verlängerungsrohres dieser Spritze kann man die Stämme bis hoch hinauf
-mit dem Verstäuber erreichen.
-
-Auch mit giftigen Gasen, wie sie im Kriege Verwendung gefunden haben,
-sind in Böhmen umfassende Versuche gemacht worden. Leider zeitigte auch
-dieser Versuch keinen Erfolg. Es starben höchstens die Bäume ab, aber
-nicht die widerstandsfähigen Raupen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Nonnenraupengespinste unter den Leimringen=
-
-(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)]
-
-Als letztes uns zu Gebote stehendes Mittel bliebe nur noch der
-viel umstrittene Leimring zu besprechen. Seine Wirkung ist eine
-doppelte. Zunächst fängt er alle unterhalb des Leimringes aus den
-Eiern gekommenen Spiegelräupchen, die zum Fraße in die Baumkronen
-hinaufsteigen wollen, ab, und verurteilt sie zum Hungertode. Wer
-in der Sächsischen Schweiz in diesem Frühjahre derartige geleimte
-Bestände besichtigt hat, wird bestätigen können, daß durch die
-Leimringe schon in einem einzigen geleimten Bestande Millionen und
-Milliarden von Räupchen vernichtet worden sind, bevor sie irgendwelchen
-Schaden anrichten konnten. Die Abbildungen 2 und 3 geben davon ein
-anschauliches Bild. Da man nun damit rechnen kann, daß etwa die Hälfte
-der Raupen sich zu weiblichen Faltern entwickelt haben würden, so sind
-für das nächste Jahr ebensoviel eierablegende Weibchen, die man beim
-Sammeln im Falterzustande in gleichem Maße niemals gefangen hätte, mit
-vernichtet worden.
-
-Zum besseren Verständnis der Abbildungen 2 und 3 sei noch folgendes
-hinzugefügt: die im Frühjahr aus den Eiern ausgeschlüpften Räupchen
-sitzen zunächst einige Tage dicht gedrängt in sogenannten Spiegeln
-beisammen, ehe sie den Aufstieg in die Baumkronen beginnen. Bei ihren
-Wanderungen spinnen sie ununterbrochen ihre feinen Fäden, die sie
-auf den Unterlagen stellenweise festheften, so daß zuletzt feinste
-schleierartige Gespinste entstehen. Diese Gespinste werden um so
-dichter, je mehr Räupchen denselben Weg nehmen. Das ist namentlich
-unter den Leimringen der Fall, unter denen sich schließlich gewaltige
-Mengen von Spiegelräupchen ansammeln, die immer spinnend rastlos den
-Stamm umwandern, am Leimring, den sie nicht überschreiten können, sich
-an einen Gespinstfaden fallen lassen, um dann denselben Weg ruhelos zu
-wiederholen, bis sie schließlich an Nahrungsmangel zugrunde gehen.
-
-Vielfach werden die leichten Räupchen, an ihrem feinen Spinnfaden
-hängend, vom Winde nach Nachbarbäumen verweht, dadurch bildet sich
-eine Querverbindung von einem Baum zum anderen, bei zahlreichen Raupen
-vermehren sich diese Fäden rasch, kreuzen sich und werden von den
-Räupchen nun gewissermaßen als Brücke von Baum zu Baum und von Ast zu
-Ast benutzt und immer dichter versponnen, so entstehen schließlich auch
-dichte Schleier zwischen nahe beieinanderstehenden Bäumen, in denen
-ebenfalls Massen von Räupchen zugrunde gehen.
-
-Damit ist aber die Wirkung des Leimrings nicht erschöpft. Im Laufe
-ihres Lebens kommen zahllose Raupen, wie alle früheren und jetzigen
-Beobachtungen beweisen, sei es nun durch Sturm oder Regen oder aus
-eigenem Antriebe, z. B. während der viermaligen Häutungen oder wegen
-übergroßer Sonnenwärme in den Wipfeln, wenigstens einmal vom Baum herab
-und werden dann am Wiederaufklettern durch den Leimring gehindert. Es
-sammeln sich deshalb unter den Leimringen auch gewaltige Massen von
-fast ausgewachsenen Raupen an, wie Abbildung 4 zeigt. Diese Raupen
-können leicht vernichtet werden. Unterläßt man dies, so sind sie
-doch, nachdem sie den etwaigen Unterwuchs und das Heidelbeerkraut
-am Boden kahlgefressen haben, dem Nahrungsmangel ausgesetzt, so daß
-sie massenhaft zugrunde gehen oder für Krankheitskeime besonders
-empfänglich werden und bei dem dicht gedrängten Beisammensitzen,
-manchmal in doppelter Schicht übereinander, sich gegenseitig anstecken.
-Selbst der ungläubigste Thomas müßte beim Anblick derartiger Bilder
-in der Natur sich zu der Überzeugung durchringen, daß der Leimring
-gegenwärtig noch das relativ beste Mittel auch zur Einschränkung der
-Massenvermehrung der Nonne ist.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Nonnenraupengespinste unter den Leimringen=
-
-(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)]
-
-Das ist aber nicht seine einzige Wirkung. Fast größer noch ist seine
-wirtschaftliche Bedeutung, insofern als er viele Bestände, deren
-Eibelag für einen vollständigen Kahlfraß gerade hinreichen würde, durch
-Vernichtung eines großen Teiles der fressenden Raupen davor bewahrt.
-Dadurch werden große volkswirtschaftliche Schäden vermieden, die durch
-den Abtrieb hiebsunreifer und darum minderwertiger Bestände, sowie
-durch die übermäßige Vergrößerung der Wiederanbauflächen entstehen. Bei
-früheren Nonnenkalamitäten sind die ungeheueren Kahlschlagsflächen erst
-in zehn und mehr Jahren, nachdem der Boden durch das lange Bloßliegen
-stark gelitten hatte, mit sehr großen Schwierigkeiten und Kosten wieder
-angebaut worden. Außerdem wird durch den unregelmäßigen Kahlfraß der
-Nonne, mitten aus den geschlossenen Beständen heraus, vielfach die
-geordnete Bestandslagerung zerstört und Anlaß zu späterem ausgedehnten
-Windbruch gegeben.
-
-Man kann daher jedem Waldbesitzer nur den Rat geben, seine
-Fichtenbestände, wenn durch die nötigen Probeeizählungen der starke
-Eibelag festgestellt ist, zu leimen, er erweist damit nicht nur
-sich selbst einen Dienst, sondern auch der Allgemeinheit, indem er
-dadurch zur Einschränkung der Weiterausbreitung der Nonnenplage
-beiträgt. Die Bereitstellung erheblicher Staatsmittel zur möglichst
-weitgehenden Durchführung der Leimung wäre deshalb vom allgemeinen
-volkswirtschaftlichen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt. Ein
-kleiner Waldbesitzer, der vielleicht nicht einmal schlagbaren Wald,
-sondern nur jüngere Bestände besitzt, die ihm keinen Ertrag liefern,
-könnte sonst die erheblichen Mittel, die das Leimen erfordert, vielfach
-gar nicht aufbringen. Will er sich das Geld zu den in diesem Jahre
-erheblichen Leimungskosten borgen, so wäre er mit Schulden belastet,
-die ihn zugrunde richten könnten.
-
-Wie sich aus dem Gesagten ergibt, besitzen wir leider keine absolut
-sicher wirkenden Bekämpfungsmittel gegen die Nonne. Mißerfolge bei
-Anwendung eines oder des andern der geschilderten Mittel und selbst bei
-Anwendung aller dieser Mittel gleichzeitig sind bei dem stellenweise
-ungeheuren Massenauftreten der Raupen nicht ausgeschlossen. Das hat
-vielfach zu der fatalistischen Auffassung geführt, überhaupt nichts
-gegen die Nonne zu tun und alles der Natur zu überlassen. Diese
-Auffassung muß verhängnisvoll wirken. Für die Natur ist es vollkommen
-gleichgültig, ob eine gewisse Bodenfläche mit Wald bestockt ist oder ob
-sie zur Grassteppe, zu Moor oder Heide oder Flugsandboden wird, für den
-Menschen dagegen bedeutet dieses unter Umständen den Untergang.
-
-Große Hoffnungen hat man auf die »biologische« Bekämpfung, jetzt ein
-sehr beliebtes Schlagwort, gesetzt, leider auch vergebens, denn alle
-Versuche, künstlich Krankheiten bei den Nonnenraupen, namentlich die
-sogenannte Wipfelkrankheit, zu erzeugen oder zu verbreiten, sind bis
-jetzt gescheitert. Alle Infektionsversuche im Großen in der freien
-Natur durch Ausbreiten von toten Raupen, Streu und Kot aus Orten, wo
-die Wipfelkrankheit unter den Raupen bereits herrschte, waren erfolglos.
-
-Ebenso trügt die Hoffnung, die man auf die Wirkung von Schmarotzern,
-Schlupfwespen und Raupenfliegen (Tachinen) setzt. Diese Tachinen sind,
-wenn sich die Insektenwelt in der Natur im Gleichgewicht befindet,
-nur in verhältnismäßig geringer Zahl vorhanden, da sie von der Zahl
-der Wirtstiere abhängig sind, in denen sie sich entwickeln. Ihre
-Massenentwicklung tritt deshalb erst ein, wenn die Wirtstiere sich
-schon außergewöhnlich vermehrt haben. Sie können also den Nonnenschaden
-ebenfalls nicht aufhalten, denn sie sind erst dann in Überzahl
-vorhanden, wenn der Schaden im Walde bereits geschehen ist.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Anhäufung von Nonnenraupen unter dem Leimring=
-
-(Phot. Forstwart Hohlfeld, Zeughaus, Sächs. Schweiz)]
-
-Auch die Wipfelkrankheit, die in früheren Fällen jedesmal der
-Nonnenplage schließlich ein rasches Ende machte, tritt ebenfalls immer
-erst dann ein, wenn der Kahlfraß weite Flächen der Waldungen bereits
-vernichtet hat. So lange es uns nicht gelingt, die Erreger der immer
-noch ungeklärten Wipfelkrankheit zu finden und auch außerhalb der
-Raupen künstlich zu züchten, um sie schon beim Eintreten einer größeren
-Nonnenvermehrung sofort zur Infektion von Raupen verwenden zu können,
-um so die vernichtende Krankheit mit Erfolg künstlich zu verbreiten,
-wird unsere biologische Bekämpfung der Nonne, wie zeither, so gut wie
-erfolglos bleiben.
-
-Das ist zunächst das bis zu einem gewissen Grade betrübende Ergebnis
-unserer heutigen biologischen Forschungen. Das darf uns aber nicht
-entmutigen, diese Forschungen fortzusetzen. Ebensogut wie das
-jahrzehntelange Suchen nach den Erregern mancher menschlichen
-Krankheiten schließlich von Erfolg gewesen ist, wird dies hoffentlich
-auch bei der rätselhaften Wipfelkrankheit, die seit Jahrzehnten die
-Wissenschaft beschäftigt hat, gelingen.
-
-Jedenfalls dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen, so lange uns
-die Wissenschaft keine besseren Bekämpfungsmittel in die Hand gibt,
-sondern müssen die bisher angewendeten, erfahrungsmäßig wirksamen
-Vorbeugungs- und Bekämpfungsmaßnahmen des Sammelns von Faltern, Eiern,
-Raupen und Puppen und namentlich des Leimens der besonders gefährdeten
-Bestände auch weiterhin im weitesten Umfang anwenden. Namentlich in den
-erst in diesem Jahre neu befallenen Landesteilen Mittelsachsens und des
-Niederlandes, wo die Plage noch in der Entwicklung begriffen ist, ist
-das eine zwingende Notwendigkeit. Je umfassender und gründlicher die
-Bekämpfung beim ersten Auftreten der Plage einsetzt, um so mehr ist auf
-einen Erfolg zu hoffen.
-
-
-
-
-Johann Pezel und die Turmsonate
-
-Von _Herbert Biehle_, Bautzen
-
-
-Zu den vielen musikalischen Gebräuchen aus vergangenen Zeiten gehört
-auch das Turmblasen. Wie 1670 der damalige Leipziger Stadtpfeifer und
-spätere Bautzener Stadtmusikant Johann Pezel im Vorwort zu seiner
-»Musicalischen Arbeit zum Abblasen um zehn Uhr in Leipzig« schrieb, war
-es schon bei Persern und Türken üblich, beim Opfern die Gottheiten von
-Türmen anzurufen. Derselbe Gedanke, Gott möglichst nahe zu stehen, und
-eine gewisse Himmelssehnsucht, wie sie auch bei den gotischen Domen zum
-Ausdruck kommt, liegt dem Turmblasen zugrunde. Diese schöne Sitte ist
-hervorgegangen aus dem Hornrufe des Turmwächters, der das Herannahen
-von Feinden, Feuerausbruch und die Stunden verkündete. So entstand
-die besondere Hervorhebung der Haupttageszeiten mit ausgedehnteren
-Melodien. Später erfuhr das Turmblasen durch Luther eine kräftige
-Anregung; das von ihm begründete deutsche evangelische Kirchenlied
-wurde eine wertvolle Bereicherung der Turmmusik. Und wie stimmungsvoll
-und andachterweckend wirkt es, wenn im Sonnenglanze Trompeten und
-Posaunen in den lichten Morgen hinein rufen: Wachet auf, ruft uns die
-Stimme! Indessen entwickelte sich allmählich eine eigene Turmliteratur,
-die in der Turmsonate gipfelt. Sie ist aus der einfachen Liedform nach
-dem Vorbilde der italienischen Orchestersonate gestaltet.
-
-Unter den wenigen, die Turmsonate vertretenden Komponisten steht
-Johann Pezel voran. Seine vierzig Turmsonaten sind für zwei Cornetti,
-zwei Tromboni und Basso trombone gesetzt. Heute würde die Ausführung
-technischen Schwierigkeiten begegnen; denn die edle Trompeterkunst wird
-nicht mehr gepflegt. Pezel bevorzugt das strahlende ~C-dur~ oder die
-ernste Stimmung des ~a-moll~. Er hat die »Musicalische Arbeit« in Druck
-gegeben, weil er »verspüret, daß auch an anderen Orten dergleichen
-verlanget werde«; und in der Tat sind seine anmutigen Bläserstücke
-in sächsisch-thüringischen Landen oft erklungen und weit verbreitet
-gewesen. Hier war ja durch die protestantische Idee der Laienhilfe beim
-Gottesdienste der Musiksinn jedes einzelnen Bürgers geweckt und so der
-geeignete Boden bereitet worden, auf dem auch die Turmmusik gedeihen
-konnte.
-
-Pezel hat 1664–1669 als Kunstgeiger, 1669–1681 als Stadtpfeifer in
-Leipzig gewirkt und war dann nach Bautzen berufen worden, wo er bis
-zu seinem Tode 1694 als ~Director musicae instrumentalis~ lebte.
-Aber nicht nur in seiner Eigenschaft als Stadtmusicus war er eine
-bemerkenswerte Persönlichkeit. Die große Anzahl seiner gedruckten
-Instrumentalwerke sicherte ihm besonders nach außen hin einen
-bedeutenden Ruf und einen festen Platz in der Geschichte der deutschen
-Instrumentalmusik. Um so verwunderlicher ist es, daß man sich über
-Pezels nähere Lebensumstände noch ganz im Dunklen befand, bis es
-Verfasser gelang, in den Akten des Bautzener Ratsarchivs darüber
-Klarheit zu erlangen. Pezels Schaffenszeit gehörte jener Glanzperiode
-sächsischer Musikpflege an, als dieses Land, wie kein zweites, die
-bedeutendsten Musiker hervorbrachte. So wurde Sachsen auch die
-Hauptpflegestätte der Werke Meister Pezels, den wir als den Klassiker
-des gesamten deutschen Kunstpfeifertums seiner Zeit bezeichnen dürfen;
-er war für unser weiteres Vaterland ein Stück bodenständige Heimatkunst.
-
-Außer Pezel hat 1696 der Leipziger Stadtpfeifer Gottfried Reiche
-Turmsonaten geschrieben, und ihr letzter Vertreter ist der durch
-sein Oratorium »Das Weltgericht« berühmte Friedrich Schneider aus
-Altwaltersdorf bei Zittau gewesen. Er fand schließlich in einem
-Oberlausitzer Bauern Schönfelder noch einen Nachfolger im vorigen
-Jahrhundert.
-
-In vielen Städten, wie beispielsweise in Leipzig, Bautzen, Löbau,
-Görlitz, gehörte es zu den Amtspflichten des Stadtmusikanten, mit
-seinen Stadtpfeifergesellen in den Sommermonaten fast täglich vom
-Rathausturme zu blasen, wie auch an den ersten Feiertagen, zu Neujahr
-und bei sonstigen festlichen Anlässen. Vielleicht gibt diese Abhandlung
-auch den Architekten und Kunsthistorikern Anlaß, die Frage zu
-verfolgen, wieweit der Turmbau der damaligen und früheren Zeit diesen
-musikalischen Veranstaltungen durch bauliche Maßnahmen zur Aufstellung
-der Mitwirkenden in Gestalt von Galerien, Umgängen oder Balkonen
-Rechnung trug. Gegenwärtig ist dieser musikalische Brauch fast völlig
-in Vergessenheit geraten; wo er noch besteht, geschieht es auf Grund
-alter Stiftungen mit dem Abblasen von Chorälen.
-
-Die Turmmusikpflege selbst darf als ein getreues Abbild jener alten
-Beschaulichkeit gelten, als man noch Muße und Sinn hatte, den
-schlichten Weisen der Stadtpfeifer vom Rathaus- oder Kirchturme zu
-lauschen. Und zu dem Begriff des deutschen Kleinstadtidylls um 1700
-gehört auch die Turmsonate. Es wäre wohl lohnend, diese Perlen früherer
-Kunst auch der Gegenwart zugänglich zu machen; denn sie war ein Stück
-blühender Romantik. Und eine fromme Kunst.
-
-
-
-
-Schußpreise für Raubvögel
-
-Von _Martin Braeß_
-
-
-Während die Jagdschutzvereine im Sinne des Natur- und Heimatschutzes
-die »Raubzeugprämien« teils wesentlich eingeschränkt, teils vollständig
-abgeschafft haben, glauben die _Brieftaubenzüchter_ ohne solche
-Schußpreise nicht auskommen zu können, wie folgende, in verschiedenen
-Tageszeitungen erschienene Veröffentlichung beweist: »Der Verband
-deutscher Brieftaubenzüchter-Vereine setzt für das Jahr 1922 für den
-Abschuß der den Brieftauben schädlichen Raubvögel, als Wanderfalken,
-Hühnerhabichte und Sperberweibchen, eine Belohnung von zwanzig Mark für
-das Paar Fänge aus. Diese Belohnung wird Ende Dezember 1922 ausgezahlt.
-Zur Erhebung eines Anspruchs auf diesen Preis müssen die beiden Fänge
-eines Raubvogels (nicht der ganze Raubvogel) bis spätestens Ende
-November 1922 ... frei zugesandt werden.«
-
-Wenn man den _Sperber_ kurz hält, so haben wir dagegen gewiß nichts
-einzuwenden. Er ist ein böser Geselle, der für unsre Kleinvögel
-zu einer schlimmen Geißel wird; dazu findet er sich fast in allen
-waldreichen Gegenden noch so häufig, daß eine Ausrottung dieses
-Vogels vorläufig nicht zu befürchten ist. Aber was der Sperber gerade
-den Brieftauben zuleide tun soll, ist nicht recht einzusehen. Auf
-Haustauben stößt er nur dann, wenn sich in dem Schwarm eine junge
-befindet, die noch nicht ganz flüchtig ist, wie er auch nur auf junge
-Wildtauben Jagd macht. Eine _gesunde, flugfähige Brieftaube_ hat von
-dem kleinen Räuber wohl nichts zu befürchten. Anders _Hühnerhabicht_
-und _Wanderfalke_. Indessen, diese schönen Vögel sind in den meisten
-Gegenden unsres Vaterlandes bereits so selten geworden, daß man sie
-schonen sollte; keineswegs aber darf man durch Schußbelohnungen
-zu ihrer völligen Ausrottung auffordern. Die Brieftaubenzucht ist
-gewiß kein bloßer Sport, keine nutzlose Spielerei, sondern hat ihre
-Berechtigung, aber doch nur so lange und so weit, als sie sich nicht
-in bewußten Gegensatz zu andern Bestrebungen setzt, die wie Heimat-
-und Naturschutz von einer ungleich höheren und allgemeineren Bedeutung
-sind. Der Brieftaubenzüchter muß eben beim Freiflug seiner Tauben mit
-Verlusten mancherlei Art rechnen und darf nicht verlangen, daß die
-Natur lediglich um seinetwillen ihrer schönsten Geschöpfe beraubt
-werde, an deren herrlichem Fluge so viele Naturfreunde ihre Freude
-haben. In Norddeutschland, namentlich auf der Seenplatte, die von
-Ostpreußen bis nach Schleswig-Holstein zieht, mag der Wanderfalke noch
-häufiger vorkommen; bei uns in Sachsen gehört er aber als Brutvogel
-bereits zu den seltensten Naturdenkmälern, und auch seine Wanderflüge
-im Herbst und Frühling führen ihn nicht allzuoft in unser Land. Ähnlich
-verhält es sich mit dem Hühnerhabicht, wenn auch dessen völlige
-Vernichtung für unsre Heimat noch nicht zu befürchten ist. Ich hoffe,
-es wird sich, wenigstens in Sachsen, kein Jagdberechtigter finden, der
-sich durch Abschuß so seltener Raubvögel die Prämie von zwanzig Mark
-verdienen will – was sind übrigens heute zwanzig Mark nach Abzug der
-Kosten für Patrone und Porto!
-
-Aber die Aufforderung der Brieftaubenzüchter-Vereine hat noch eine
-schlimme Seite. Es ist bekannt, daß nicht jeder Jagdberechtigte die
-Raubvögel nach ihrem Flugbilde richtig anzusprechen versteht, und so
-wird gewiß mancher unschuldige Bussard, Turmfalke, manche Weihe u. a.
-unerfahrenen Schützen zum Opfer fallen.
-
-Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß das Sächsische
-Finanzministerium schon unter dem 30. Januar 1911, bzw. 20. Mai
-1912 zwei Generalverordnungen erlassen hat, nach denen, »soweit
-irgend zulässig«, die Turmfalken, _Wanderfalken_, Schrei-, See- und
-Fischadler, die Uhus, Eulen, Weihe, Bussarde, ebenso der schwarze und
-rote Milan zu schonen sind, selbst die Reiher, obgleich diese für
-die Fischereiberechtigten gewiß ebenso und noch mehr als Schädlinge
-bezeichnet werden müssen, wie jene obengenannten Raubvögel für die
-Brieftaubenzüchter. Die einzelnen Berufs- und Interessentenkreise haben
-sich eben der allgemeinen großen Idee unterzuordnen, und diese kann in
-unserm Falle nur heißen: _Schutz der Natur_!
-
-
-
-
-Schattenbäume für den Hof
-
-Von Gartenarchitekt _Hans S. Kammeyer_
-
-
-Wenn die brennende Mittagssonne in den Sommermonaten ungehindert vom
-Himmel in den Hof strahlt, dann suchen Tier und Mensch ein schattiges
-Plätzchen. Der Hof, auf dem sonst reges Leben herrscht, liegt
-verlassen, selbst das Hühnervolk meidet die überreiche Wärme.
-
-Es ist unbedingt notwendig, daß ein breitkroniger Baum in einem
-sonnigen Hof im Sommer Schatten bietet. Obstbäume sind so recht
-geeignet als Hofbäume, weil sie alljährlich auch einen Ertrag bringen.
-Während die Linde ein richtiger Hausbaum ist, wenn nicht mit dem Nutzen
-gerechnet wird, wähle man breitkronige Sorten für den Hof, die zu
-großen Bäumen heranwachsen. Ein rechtes Beispiel hierfür bietet der
-Birnbaum. Wie prächtig sieht er in weißem Blütenschmuck aus. In seinem
-Schatten stehen die Futterschüsseln und Trinkgefäße für das Federvieh.
-Hier werden die Hühner in der Mittagsstunde gefüttert, ohne daß sie
-unter der brennenden Sonne zu leiden haben. Zu allen diesen Vorteilen
-hat man dann noch im Herbst die reiche Ernte. Wir laben uns an den
-saftigen Birnen, die der Baum bietet.
-
-Höfe und Hofplätze, die nach Süden offen sind und die volle Sonne
-hereinlassen, bepflanze man deshalb mit einem großwachsenden Hofbaum,
-an dem sich später noch die Kinder und Kindeskinder erfreuen.
-
-An Obstbäumen kommen in Frage: _Apfel_: Reichsobstsorte Jacob
-Lebel, Weißer geflammter Cardinal, Landsberger Renette; _Birne_:
-Reichsobstsorte William Christbirne, Pastorenbirne und Prinzeß Marianne.
-
-Von Zierbäumen, die sich ebenfalls zur Anpflanzung eignen, sind zu
-nennen: ~Aesculas hippocastanum~, Roßkastanie; ~Ailanthus glandulosa~,
-Götterbaum; ~Catalpa speciosa~, Trompetenbaum; ~Juglans regia~,
-Walnußbaum; ~Liriodendron tulipifera~, Tulpenbaum; ~Platanus
-occidentalis~ und ~orientalis~, Platane.
-
- »Pflanz’ einen Baum, und kannst du auch nicht ahnen,
- Wer einst in seinem Schatten tanzt,
- Bedenke Mensch, es haben deine Ahnen
- Eh’ sie dich kannten, auch für dich gepflanzt.«
-
-
-
-
-Förderung des Anbaues von Nußbäumen
-
-Von _Hans Jacob_
-
-
-Die Anpflanzung des Walnußbaumes ist infolge der Verwüstungen durch
-die Kriegsjahre für die Zukunft besonders bedeutsam geworden.
-Viele Nußbäume sind der Holzgewinnung wegen abgeschlagen worden.
-Der Walnußanbau soll und muß deshalb mit allen Mitteln gefördert
-werden. Allerdings nicht wahllos, mit unsicherem Ergebnis, sondern in
-planmäßiger Weise. Zur Pflanzung müssen solche Pflanzstätten ausgesucht
-werden, an welchen erfahrungsgemäß der Nußbaum gut gedeiht und sichere
-Erträge bringt. Nußbäume sind in geschlossenen Pflanzungen nur da
-anzubauen, wo auf einen Ertrag der Unternutzung verzichtet werden kann.
-Für Einzelpflanzungen aber, und hierzu ist der Nußbaum mehr als alle
-andern Obstarten geeignet, gibt es fast allerorts noch eine ganze Menge
-brauchbarer Stellen. So auf Gutshöfen, Dorfplätzen, an Wegescheiden
-und an andern Orten, wo die Bäume nicht nur durch ihre Früchte Segen
-bringen, sondern auch zur Verschönerung der Heimat beitragen. Während
-man für solche Plätze die Anpflanzung fertig vorgebildeter Bäume
-bevorzugen soll, dürfte für den Großanbau die Aussaat an Ort und
-Stelle in Betracht zu ziehen sein. Da eine spätere Veredelung der
-Nüsse erhebliche Schwierigkeiten bietet, hat man auf jeden Fall dafür
-zu sorgen, daß als Saatgut nur Nüsse allerbester Abstammung verwendet
-werden. Nur reichtragende, spätblühende, widerstandsfähige Sorten mit
-großen, mäßig dünnschaligen Früchten sind geeignet.
-
-
-
-
-Die Postsäule von Aue
-
-
-Wenige Tage bevor das Heft 4/6 der »Mitteilungen« mit ~Dr.~ Kuhfahls
-Postsäulenaufsatz in meine Hände kam, war es mir gelungen, einen Rest
-der alten Auer Postsäule aufzufinden. Aufmerksam geworden darauf war
-ich bei Gelegenheit einer Ausstellung: »Die Gesamtentwicklung der
-Stadt Aue«, die ich eingerichtet hatte. Auf mehreren alten Bildern vom
-Marktplatz war dort eine Postsäule zu sehen, und zwar an der Ecke der
-jetzigen Markt- und Bahnhofsstraße (ehedem Lößnitzer Straße). Ältere
-Leute kannten sie noch. Der einstige Posthalter Walther hatte sie,
-als sie beseitigt werden sollte, in seinen Hof gestellt. Sein Sohn
-half mir, die Säule ausfindig machen. Sie dient jetzt als Steinbank
-an einem Hause Wiesenstraße 2, ist auf den sichtbaren zwei Seiten
-ziemlich abgenutzt, läßt aber noch ein Posthorn, den Namen Schneeberg,
-sowie Zahlenreste erkennen. Sockel und Spitze fehlen. Der Stein
-(Granit) weist unten ein Loch zur Befestigung auf und verjüngt sich
-obeliskenartig. Es besteht die Hoffnung, daß er wieder an geeigneter
-Stelle aufgerichtet wird.
-
- ~Dr.~ _Sieber_, Aue.
-
-=Postmeilensäulen=: Zum Aufsatz von ~Dr.~ Kuhfahl im Heft 4/6 XI sind
-uns und dem Verfasser erfreulicherweise eine Reihe von Mitteilungen
-zugegangen. Allen Einsendern sei bestens gedankt. Um weitere
-Ergänzungen wird gebeten. Dies neue Material wird später in einem
-Nachtrag veröffentlicht werden.
-
- Die Schriftleitung.
-
-
-Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –
-Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
-
-Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.
-
-
-
-
-Soeben erschienen:
-
-
-Die Vegetationsverhältnisse des östlichen Erzgebirges
-
-von
-
-Professor ~Dr.~ Arno Naumann
-
-*
-
-Mit einer Kartenskizze
-
-(Sonderdruck aus der »Isis«, 46 Seiten Oktav)
-
-*
-
-Preis 20 Mark und Postgeld
-
-Zu beziehen:
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden-A.
-
-Schießgasse Nr. 24
-
-
-
-
-_Friedhof und Denkmal_
-
-Halbmonatsschrift
-
-herausgegeben von
-
-Robert B. Witte
-
-Für Künstler, Gartenfachleute, Industrie und Gewerbe das _erste und
-einzige reichillustrierte_ Organ der gesamten Friedhofskultur
-
-Das unentbehrliche Fachblatt für alle zuständigen Behörden
-
-Probenummer
-
-durch den Verlag der Zeitschrift
-
-_Friedhof und Denkmal_
-
-G. m. b. H., Dresden-N. 6
-
-
-Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 139: Heist → Geist
- ~scrato~ = böser {Geist}
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 7-9 ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
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- Mitteilungen Band XI, Heft 7 bis 9, by Landesverein Sächsischer Heimatschutz—A Project Gutenberg eBook
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XI, Heft 7-9</span>, by Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XI, Heft 7-9</span></p>
-<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: October 6, 2022 [eBook #69101]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 7-9</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="cover">
- <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="h2">Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz
-Dresden</p>
-
-<h1>Mitteilungen<br />
-Heft<br />
-7 bis 9</h1>
-
-<p class="center">Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege</p>
-
-<p class="center">Band XI</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:
-<a href="#Kriegerehrungen_aus_Porzellan">Kriegerehrungen aus Porzellan</a> –
-<a href="#Schradenwanderung">Schradenwanderung</a> –
-<a href="#Tierschutz">Tierschutz</a> –
-<a href="#Hexenabend">Hexenabend</a> –
-<a href="#Wolftitz">Wolftitz</a> –
-<a href="#Werbekunst_in_Dorf_und_Stadt">Werbekunst in Dorf und Stadt</a> –
-<a href="#Die_Osterblume_am_Wachtelberg_bei_Wurzen">Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen</a> –
-<a href="#Ein_altes_Patrizierhaus">Ein altes Patrizierhaus</a> –
-<a href="#Gefaehrdete_heimische_Pflanzenwelt">Gefährdete heimische Pflanzenwelt</a> –
-<a href="#Zur_Geschichte_des_Bibers_in_Sachsen">Zur Geschichte des Bibers in Sachsen</a> –
-<a href="#Vom_romantischen_zum_denkenden_Wanderer">Vom romantischen zum denkenden Wanderer</a> –
-<a href="#Das_Abkochverbot">Das Abkochverbot</a> –
-<a href="#Antons">Antons</a> –
-<a href="#Die_Pflege_der_Schoenheit">Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat als soziale Aufgabe gerade für unsere arme Zeit</a> –
-<a href="#Das_Raubwild_im_Haushalte_der_Natur">Das Raubwild im Haushalte der Natur</a> –
-<a href="#Landheimbau">Landheimbau</a> –
-<a href="#Heimatschutzbewegung_und_Hotel">Heimatschutzbewegung und Hotel</a> –
-<a href="#Die_Pfarrlinde_in_Markersbach_bei_Gottleuba">Die Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba</a> –
-<a href="#Die_Bekaempfung_der_Nonne">Die Bekämpfung der Nonne</a> –
-<a href="#Johann_Pezel_und_die_Turmsonate">Johann Pezel und die Turmsonate</a> –
-<a href="#Schusspreise_fuer_Raubvoegel">Schußpreise für Raubvögel</a> –
-<a href="#Schattenbaeume_fuer_den_Hof">Schattenbäume für den Hof</a> –
-<a href="#Foerderung_des_Anbaues_von_Nussbaeumen">Förderung des Anbaues von Nußbäumen</a> –
-<a href="#Die_Postsaeule_von_Aue">Die Postsäule von Aue</a>
-</p>
-
-<p class="center">Einzelpreis dieses Heftes M. 50.–, Bezugspreis für einen Band (aus 12 Nummern
-bestehend) M. 200.–, für Behörden und Büchereien M. 50.–. Mitglieder erhalten
-die Mitteilungen kostenlos, <em class="gesperrt u">Mindest</em>jahresbeitrag M. 50.–, freiwillige Einschätzung
-erbeten</p>
-
-<p class="center">Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24</p>
-
-<div class="smaller p2">
-<div class="bleft">
-Postscheckkonto: Leipzig 13 987, Dresden 15 835
-</div>
-<div class="bright">
-Stadtgirokasse Dresden 610</div>
-</div>
-</div>
-<p class="center">Dresden 1922</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Allen_Gewalten_zum">Allen Gewalten zum
-Trotz sich erhalten …</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Im letzten Hefte unserer Mitteilungen erbaten wir freiwillige
-Beiträge zur Erhaltung der Zeitschrift. Wenn dieses stattliche
-Heft im alten Umfange noch erscheinen kann, so ist
-dies ein Erfolg obiger Bitte, eine Tat unserer Mitglieder. Und
-dabei hat noch nicht einmal ein Zehntel unserer 21000 Freunde
-unserm Aufruf entsprochen. Wir haben so viele und so begeisterte
-Zuschriften über den Wert unserer Mitteilungen, unserer grünen
-Hefte, empfangen, daß unser Wille »durchzuhalten« noch stärker
-geworden ist, selbst von einer Einschränkung des Umfanges der
-Zeitschrift wollen unsere Mitglieder nichts wissen. Unser herzlichster,
-aufrichtiger Dank sei denen gesagt, die uns halfen. An die, die
-uns ihr Scherflein noch nicht brachten, die vielleicht glaubten, es
-hat doch keinen Zweck, ein Durchhalten sei unmöglich, richten wir
-die Bitte, dem letzten Hefte die Zahlkarte zu entnehmen und uns
-einen Betrag freiwillig für weiteres Durchhalten zu spenden. Die
-Zeiten haben sich sehr, sehr geändert, mehrere Millionen Mark
-sind notwendig, damit die Sächsischen Heimatschutz-Mitteilungen
-weiter erscheinen können. Wenn uns alle unsere 21000 Mitglieder
-helfen, wird es möglich sein, und darum bitten wir.</p>
-
-<p class="center p2"><em class="gesperrt">Dresden</em>, im September 1922</p>
-
-<p class="h2">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Dr. ing. e. h.</em> <em class="gesperrt">Karl Schmidt</em>, Geh. Baurat<br />
-<em class="gesperrt">O. Seyffert</em>, Hofrat Professor
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p>
-
-<div class="bleft">Band XI, Heft 7/9</div>
-<div class="bright">1922</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-003">
- <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Landesverein Sächsischer<br />
-Heimatschutz<br />
-<span class="smaller">Dresden</span></b></div>
-</div>
-
-<p class="center">Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben</p>
-
-<p class="center">Abgeschlossen am 1. September 1922</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Kriegerehrungen_aus_Porzellan">Kriegerehrungen aus Porzellan</h2>
-</div>
-
-<p class="center">von der Staatlichen Porzellanmanufaktur, Meißen</p>
-
-<p>Ein neuer Kunstwillen hat sich in alle Zweigströme der schaffenden Künste
-ergossen, ist über mannigfache Klippen dahingebraust und oft auf Untiefen geraten
-und hat doch immer und unaufhaltsam die Schaffenden zu neuem Ausdruck mit
-fortgerissen. Es ist wohl ratsam, von Zeit zu Zeit im bunten Wirbel der neuen
-Erscheinungen Ausblick zu halten und bei solchen Erzeugnissen der werdenden
-Kunst, die ernster Kritik standhalten, prüfend haltzumachen.</p>
-
-<p>Noch vor Kriegsende und besonders nach der Niederlegung der Waffen
-empfand man es als sittliche Pflicht, dem Gedenken der Opfer des verlorenen
-Krieges würdige Erinnerungszeichen zu setzen und ging mit opferwilligen Händen
-und viel Liebe an diese Aufgabe heran. Wenn auch einer stattlichen Reihe dieser
-Denkmäler ein guter künstlerischer Erfolg beschieden war, so wurden doch andernorts
-diese gutgemeinten Ehrungen gar zu oft katalogmäßige Ware oder gar kunstwidrige
-Greuel schlimmster Art. Da ist es uns eine rechte Freude, an dieser Stelle
-von einer Reihe guter Leistungen auf einem Sondergebiet plastischen Schaffens
-berichten zu können, nämlich von den in der Staatlichen Porzellanmanufaktur
-Meißen entstandenen Kriegergedenktafeln. Man wird fragen, eignet sich Porzellan
-denn zu monumentalem Ausdruck, ist es denn nicht zu zart und zu flüssig für den<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
-Ausdruck des Herben, den man doch bei solchen Toten geweihten Denkzeichen
-fordern muß? Man sehe sich aber darauf die hier abgebildeten Erzeugnisse unserer
-Meißner Manufaktur an, und man wird zugeben müssen, daß ihnen durchaus
-jene ernste Würde innewohnt, zu der uns der Anblick oder die Erinnerung an
-liebe Tote zwingt. Und doch ist das nicht die einzige Empfindung, die uns bei
-Versenkung in die Tafeln beherrscht, ich finde bei aller Getragenheit spiegeln diese
-mannigfachen Gebilde sämtlich auch eine Erhobenheit wider: sie sind frei von
-Mutlosigkeit und wirken in dieser für unser Volk so entsetzlich hoffnungslosen Zeit
-wie ein feiner Sonnenstrahl, der sich zwischen schwarzen Winterwolken durchstiehlt,
-als wolle er sagen, es muß doch endlich Frühling werden.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-004">
- <img class="w100" src="images/illu-004.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Gedenkplatte in der Großdobritzer Kirche</b></div>
-</div>
-
-<p>Gehen wir zunächst von den Kleinsten der hier vorgeführten, sämtlich vom
-Bildhauer Paul Börner stammenden Keramiken aus. Sie wurden für malerische
-Dorfkirchen geschaffen und in deren Innern an sorgfältig ausgewählter Stelle
-in die Architektur der Kirchenwände eingefügt. Während die für einen Gefallenen
-des Siebziger Krieges gewählte Tafel in der Großdobritzer Kirche (<a href="#illu-004">Abb. 1</a>) wegen
-ihres strengen und trotz der geringen Größe monumentalen Ausdruckes hervorgehoben
-werden muß, erinnert das in der Liebschützer Kirche aufgehängte
-Ehrenzeichen (<a href="#illu-005">Abb. 2</a>) mit seinen trauernden Engelköpfen an ältere Vorbilder<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
-volkstümlicher Kunst. Es ist ein rührender Zug schlichter Liebe in dieser
-Weihetafel; das ist eben das Beste an diesen Schöpfungen, daß sie weit entfernt
-vom Reindekorativen und der Ausdruck eines inneren Erlebnisses sind.</p>
-
-<p>Nicht ganz auf gleicher Höhe steht die in der Porzellanmanufaktur selbst aufgehängte
-Gedenktafel für die Gefallenen des Werkes. Inschrifttafel und ihre
-Umrahmung sind nicht in so innige Verbindung gebracht worden, als man hätte
-wünschen müssen, auch ist das Figürliche ohne genügenden inneren Zusammenhang.
-Aber im ganzen zeigt auch diese Arbeit, was aus dem Porzellan herausgeholt
-werden kann.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-005">
- <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Gedenkplatte in der Liebschützer Kirche</b></div>
-</div>
-
-<p>Nun aber zu der im ehrwürdigen Meißner Rathaus an bedeutungsvoller Stelle
-des Treppenhauses angebrachten Gedächtnistafel (<a href="#illu-006">Abb. 3</a>) für die städtischen Beamten
-und Angestellten. Eine Schriftfläche von schöner Umrißlinie fügt sich formvollendet
-zwischen die Konturen der sie tragenden trauernden Frauengestalten. Ausdruck
-von Gesicht und Haltung, Faltenwurf und plastische Abtönung, alles klingt in
-prächtiger Harmonie zusammen. Trotz starker stilistischer Sonderart ist das Übertriebene,
-das wir oft an neueren Kunstwerken bedauern, vermieden. Komposition
-und Ausdruck, Ideeliches und Stoffliches halten sich die Wage.</p>
-
-<p>Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß uns solche Leistungen
-ein gut Stück weiter vorwärts bringen und vielleicht tragen unsere Abbildungen
-dazu bei, festeingewurzelte Vorurteile gegen das neue Kunstwollen zu mildern und
-zu beheben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p>
-
-<p>Aber auch im braunen Böttcherporzellan, dessen Wiederbelebung die Porzellanmanufaktur
-tatkräftig und mit schönem Erfolg fördert, wurden verschiedene Versuche
-angestellt. So wurde den im Kriege gebliebenen Arbeitern und Angestellten
-der Meißner Jutespinnerei eine derartige Tafel geschaffen. Etwas nüchtern und
-vielleicht etwas fabrikmäßig wird manchem die hierfür gewählte, streng geometrische
-Zusammenreihung von Namenstafeln erscheinen, aber das erfordert eben gerade
-der Organismus eines großen Industriewerkes, wo das Gefühlsmäßige zurückgedrängt,
-intimere Bildungen ausgeschlossen werden.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-006">
- <img class="w100" src="images/illu-006.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Gedächtnistafel im Rathaus zu Meißen</b></div>
-</div>
-
-<p>Welche reichen Entwickelungsmöglichkeiten sich darbieten, zeigen die beiden
-Schlußabbildungen (<a href="#illu-007">Abb. 4</a>). Die obere, für die Kirche in Röhrsdorf bestimmte
-Platte beweist, verglichen mit der Großdobritzer Platte, auf wie einfachem
-Wege der kleinere Entwurf für eine größere Zahl von Gefallenen nutzbar gemacht
-werden kann, die untere Zeichnung, für eine studentische Verbindung berechnet,
-aber lehrt uns, wie durch Zusammenreihung kleiner Namenstafeln derartige<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-Gedächtnisplatten je nach der Eigenart der Wandflächen und je nach der Gefallenenzahl
-entstehen und reizvoll gestaltet werden können.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-007">
- <img class="w100" src="images/illu-007.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Denkplatten für die Röhrsdorfer Kirche</b> (oben) <b>und für eine studentische Verbindung</b> (unten)</div>
-</div>
-
-<p>Es ist hier nicht möglich, auf die in Ausführung begriffene Umwandlung
-der mittelalterlichen Nikolaikirche in Meißen zu einer Kriegergedächtniskirche einzugehen.
-Auch dieses großzügige Unternehmen wurde der Staatlichen Porzellanmanufaktur
-anvertraut. Der Lösung dieser Aufgabe sehen wir mit Spannung
-entgegen, die nicht ganz frei von Sorge ist, daß der Eingriff in das mittelalterliche
-Gepräge des Kircheninneren zu stark werden könne, aber der Vorwurf, daß wir
-bei solchen Aufgaben die Gegenwart und ihre künstlerischen Tendenzen nicht zu
-Worte kommen lassen, soll nicht erhoben werden können, auch war die Erhaltung
-dieses vom Verfall bedrohten unbenützten Bauwerkes nur dadurch möglich, daß
-man ihm einen neuen Zweck gab.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">Dr.</em> Paul Goldhardt.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Schradenwanderung">Schradenwanderung</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Edgar Hahnewald</em></p>
-</div>
-
-<p>Drei Großenhainer Kasernenjahre lang lag der bewaldete Hügelzug nördlich
-der flachen Ebene vor meinen Augen. Dahinter lockte das Unbekannte, die Ferne,
-die Freiheit, das Unerreichbare. Diese blaue Mauer verstärkte das Gefühl des
-Gebundenseins: darüber hinaus konnte der Blick nicht schweifen. Felddienstritte
-drangen nie bis dahin vor, denn dicht vor diesen Hügeln lief die Zickzacklinie der
-Grenze; der blaue Wall schied Sachsen und Preußen.</p>
-
-<p>Die Karte zerlegte den Hügelzug in benannte Gruppen: das Pfeifholz, die
-Heidelberge, die Finkenberge, den Latschenberg. Aber das waren Namen, die vor
-der sinnlichen Wahrnehmung nichts besagten – da erhob sich die blaue Mauer,
-fern und unerreichbar. Dahinter lag eine andere Welt, von der Sehnsucht sich
-eine Vorstellung bildete, die sich nicht an die Karte band. Der kleine Hügelzug, an
-sich um nichts bedeutender als tausend andere Hügel in der weiten Welt, bekam
-eine Bedeutung: er begrenzte drei Jahre lang einen Lebensbereich.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Später, als man die Freiheit genoß, so weit zu wandern wie der Geldbeutel
-reichte, lockten andere Fernen. Die symbolische Hügelmauer nördlich von Großenhain
-geriet in Vergessenheit.</p>
-
-<p>Aber eines Tages fand ich in den Kursächsischen Streifzügen von Otto
-Eduard Schmidt die Schilderung einer Fahrt um die Meißnisch-Lausitzische Nordostgrenze.
-Und während ich las, trat jener blaue Grenzwall wieder deutlich vor
-mich hin. Und aus der Begrenztheit dreier Großenhainer Jahre rückte ihn das
-Buch in den weitgespannten Rahmen der Kulturgeschichte.</p>
-
-<p>Denn: dieser Hügelzug, der aus der Röderniederung südlich von Elsterwerda
-allmählich ansteigt und in einer ungefähr zwanzig Kilometer langen Schlangenlinie
-nach Osten streicht, um sich in der Gegend von Ortrand im Lausitzer Wald-
-und Hügelland fast unauffällig zu verlieren, war in der Zeit der germanischen<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span>
-Eroberung tatsächlich ein Grenzwall, der zwei Welten trennte. Diesseits, südlich
-der Hügelmauer, lag das von fränkischen und thüringischen Kolonisten durchsetzte
-meißnische Land, jenseits dämmerten die slawischen Gaue der Niederlausitz.</p>
-
-<p>Es war kein Zufall, daß die Deutschen nur bis zu jenen Hügeln und nicht
-weiter vordrangen, denn hinter diesem Wall bildete ein unzugänglicher Urwald ein
-natürliches Hindernis. Im Norden begrenzte ihn ein zweiter Hügelzug. Dazwischen
-fließen heute die Pulsnitz und die Schwarze Elster in einem sauberen, nahezu gradlinigen
-Spitzwinkel aufeinander zu, um sich bei Elsterwerda zu vereinigen. Damals
-aber versumpften sie im Urwald zwischen der nördlichen und südlichen Hügelkette.
-Berge, Urwald und Sumpf bildeten die natürliche, schützende Grenze, eine viele
-Stunden lange und mehrere Stunden breite Flächengrenze, wie sie damals die
-Deutschen liebten. Sie hatte schon die Semnonen und Hermunduren, die Lusizi
-und Dalaminzier voneinander geschieden. Sie schied nun die Mark Meißen von
-der slawischen Niederlausitz. Sie scheidet seit der Abtrennung der Provinz Sachsen
-sächsisches und preußisches Gebiet. Die fränkischen Kolonisten erstiegen gerade
-noch den Wall und schoben an seinem Nordhange entlang eine Reihe von Siedlungen
-gegen den Urwald vor, die alle heute noch daliegen: Wainsdorf, Merzdorf,
-Seiffertsmühl, Groeden, das schon die Dalaminzier als Deckung gegen die Liusitzen
-angelegt hatten, Hirschfeld, Großthiemig, Frauwalde, Großkmehlen (Kmehlen
-bedeutet Hopfendorf), Burkersdorf und Ortrand. Vermutlich waren diese Siedlungen
-durch Verhaue untereinander verbunden; sie bildeten eine Grenzwacht auf
-vorgeschobenem Posten.</p>
-
-<p>Unter den Dörfern erstreckte sich der düstere, sumpfige Urwald. Und »wenn
-sich nun im Herbste die weißen Nebelschleier aus dem Sumpfwald hoben und das
-Brüllen des Elchs und des Auerochsen aus der Tiefe herauftönte, da fürchteten sich
-nicht nur die Ahnfrau und die Kinder, sondern auch den Männern war es wie
-eine tröstende Verheißung der Nähe des Christengottes, wenn der Sakristan in der
-Dämmerstunde das Glöcklein läutete. Sie nannten den unheimlichen Wald, den sie
-vor sich sahen, den Schraden, das heißt den Wald der bösen Geister (althochdeutsch:
-<em class="antiqua">scrato</em> = böser <span id="corr139">Geist</span>, neuhochdeutsch: Schratt.)«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Diese Kunde gab mir Schmidts Buch.</p>
-
-<p>Noch heute heißt jenes Gebiet zwischen den beiden Hügelketten der Schraden,
-und der Volksmund spricht von den Schradendörfern. Der Schradenwald ist längst
-verschwunden, das Oberbuschhäuser Forstrevier, das einen kleinen Teil der Ebene
-bedeckt, hat mit seinen schnurgeraden Gestellen gar keine Ähnlichkeit mit einem Urwald.
-Wo einst Elch und Auerochs durch unwirtliche Wildnis brachen, breiten
-sich heute künstlich entwässerte Wiesen und Felder. Aber immer noch hebt sich der
-Schraden schon auf der Karte als eine andere Welt von seiner Umgebung ab.
-Neben der dichter besiedelten Großenhainer Pflege und von ihr durch das dunkle
-Gestrichel der Hügel getrennt, liegt er als große leere Fläche ohne Dörfer, durchsetzt
-von dem feinen Raster, der auf der Karte sumpfige Wiesen kennzeichnet,<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
-durchzogen von geradlinigen Straßen und Wassergräben und den beiden feingezackten
-Bändern der Pulsnitz und der Schwarzen Elster. Vor allem diese beiden Flußkanäle
-geben dem Schraden das besondere Gepräge.</p>
-
-<p>Und man beschließt: da liegt eine andre Welt und da mußt du einmal hin.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das stand als Vorhaben lange fest. Und nun, auf einer Osterwanderung
-von Radeburg nach Großenhain am Zickzacklauf der Röder entlang kam wieder
-dieser blaue Hügelwall in Sicht und lockte.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen fuhr ich in den Schraden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der Nacht setzte starker Regen ein, und am Morgen regnete es noch. Es
-regnete während der Bahnfahrt nach Ortrand, es regnete auf die samtbraunen
-Äcker, auf die malachitgrünen Saaten, auf fröstelnde Dörfer in der Ebene. Es
-regnete in Ortrand. Ein herbstlich kühler Wind trieb graue Wolken über die
-kleine Stadt, deren gefällige Bescheidenheit selbst noch bei solchem Wetter anheimelt.
-Man geht nur einige Minuten und steht schon am jenseitigen Rande des Städtchens.
-Die hohen Bäume einer sauberen Allee rahmen hübsche Kleinstadtbilder ein: halb
-übersponnen von sprossendem Gezweig gucken braune Dächer über die Obstgärtchen
-weg, eine alte Kirche ragt, umringt von Dächern, Narzissen betupfen regengrüne
-Graspläne, über andere Dächer weg spitzt ein keckes Kapellentürmchen, ein Wasserstrahl
-gulkert in einen Steintrog, eine Frau in verwaschenem blauem Rock und blauer
-Hausjacke kommt und setzt ihren Eimer unter den Strahl und macht sich gar nichts
-aus dem Regen, draußen liegen grüne Wiesen mit Baumreihen an Wassergräben.
-Das alles, vom Regen bespritzelt, von grauem Gewölk überflogen, sah recht hübsch
-aus. Dabei gab es keine großen Geschichten mit Lichteffekten. Dach, Wiese, Acker,
-Garten gaben sich dem Regen so naiv grün, braun, rotbraun hin, wie sie eben
-von Haus aus sind.</p>
-
-<p>Und als die Frist bis zum Abgange des Zuges nach Großenhain zurück bald
-verstrichen war, hörte der Regen auf. Fünf Minuten später lag Ortrand hinter
-uns und Kmehlen vor uns zu beiden Seiten der Allee mit den hohen Bäumen.
-Links stieg ein bewaldeter Hügelzug aus Feldern auf. Das war die blaue Mauer,
-und jetzt marschierten wir hinter ihr entlang.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Kmehlen, das alte Hopfendorf, hat zwei Sehenswürdigkeiten: einen reichgeschnitzten,
-reichvergoldeten niederländischen Flügelaltar des Brüsseler Bildschnitzers
-Jan Bormann, ein Werk, von dem die Kunsthistoriker heute noch nicht wissen,
-wie es in das weltferne Schradendorf geriet, und ein Wasserschloß. Schmucklos
-und dunkel steigen die Mauern aus dem tiefen Wassergraben auf, der das burgartige
-Schloß umzieht. Schwere, runde Ecktürme verstärken den Eindruck der Wehrhaftigkeit.
-Spätere Zeiten haben Blumen, gefällige Holzbrücken, verschnittene Hecken
-hinzugefügt, und wohl auch die Renaissancegiebel sind später hinzugekommen, die<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span>
-die Schwere des dunklen Daches auflockern und gleichsam das Schloß leichter gegen
-den Himmel aufstreben lassen. Aber man kann sich das Schloß wohl gut in die graue
-Schradenvergangenheit zurückdenken, wenn in Novembernächten die Nordstürme in
-den alten Kastanien zausen, wenn der Regen auf das Dach rauscht und um das
-feuchte Dunkel der Gräben Schatten aus Nordlands-Balladen ziehn: »Der Sturmwind
-brauste im Kamin, die Hunde heulten laut am Tor …«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Freundlicher, gleichsam sommerlich auch unter Aprilwolken liegt das Wasserschloß
-Lindenau in der Pulsnitzaue. Von Kmehlen geht man auf lichten Wegen nur
-ein halbes Stündchen bis dahin, aber Schloß und Dorf Lindenau zählen schon zur
-Lausitz, weil sie jenseits des Flusses liegen. Diese Landschaft hat einen eigenartigen,
-frohstimmenden Reiz. Unter lichten Birken und breitästigen Eichen fließt die Pulsnitz
-heran. Zwischen hochbogigen Bäumen sieht man hinaus auf den weiten Schraden,
-auf die Vorpostenkette der Dörfer am Hügelhang. Linker Hand liegt ein lockerer
-Auwald. Muskulöse Eichen, riesenstarke Erlen, weißstämmige Birken mit dem
-feinsten Zweigregen um sich, tausend weiße Anemonen blühen zu ihren Füßen,
-Linden mit der feinen Kuppelarchitektur ihrer noch kahlen, eben erst sprossenden
-Äste, saftige Wiesen darunter, und Wasserläufe von allen Seiten – wie ein alter
-englischer Park liegt das da. Und dann wird es wirklich ein Park. Rhododendronbüsche
-breiten sich unter Bäumen aus, Edelkoniferen treten zu schönen Gruppierungen
-zusammen. Es ist kein Zaun da, der den Schloßpark abschließt – ein Graben
-mit samtbraunem Wasser ersetzt ihn. Und dann steht ein heiteres Schloß mitten
-drin, ein Schloß mit Renaissancegiebeln rechts und links und einem schlanken Turm
-in der Mitte. Gegenüber, in der Reihe der Wirtschaftsgebäude, steht ein Torhaus
-mit einem Türmchen. Und geht man durch das weitgewölbte Tor, so steht dahinter
-eine weiße, ländliche Kirche, und an einer geraden Straße mit hohen Bäumen reiht
-sich das Dorf auf. Parkweg und Wassergraben zwischen Schloß und Torhaus überspreiten
-uralte Linden mit ihrem Gezweig. Kastanien sprossen da und dort, Lärchen
-streben auf, von den grünen Funken der aufbrechenden Knospen umschwärmt, und
-hinter Gezweig und Gezweig steht das Schloß, der schlanke Turm vor der Baumfülle
-des Parks, von stillen Wässern umzogen, vom Bogen des Tores eingerahmt.
-Man ahnt, wie sonnig und schattig, wie licht und kühl an blühenden Junitagen
-das alles sein wird.</p>
-
-<p>Das ist Lindenau, Linden-Au an der Pulsnitz.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Und dann die Pulsnitz selber.</p>
-
-<p>Es regnete wieder. Während wir im Dorfgasthaus einen Kaffee tranken (die
-Wirtin plättete in der Gaststube und draußen bauschte der Wind eine Karussellplane)
-hatte es begonnen. Vor uns lagen einige Stunden Weg durch den Schraden, ohne
-Haus, ohne Dach – noch konnten wir umkehren, nach Ortrand zurückgehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span></p>
-
-<p>Aber vor uns zog die Pulsnitz hinaus in die Weite, ein schmales Silberband
-zwischen glatten Grasdämmen, in der nebligen Ferne verschwindend. Das lockte
-uns hinaus.</p>
-
-<p>Und nun lag der Schraden vor uns, um uns.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Man tritt in diese Landschaft, wie man einen Raum betritt – mit einem
-Schritt. Da liegt die Parkaue mit ihren Bäumen, mit dem Schloß, mit dem Reiz
-einer gewissen Verfeinerung – und da breitet sich der Schraden, die einsame Ebene
-im Regengrau, mit Wasserspiegeln und Sümpfen und Torfstichen, mit Birkenalleen
-und verstreuten Bäumen im Grenzenlosen.</p>
-
-<p>Grenzenlos – so lag der Schraden vor uns. Der Horizont verschwand im
-Grau. Alle Formen lösten sich auf und wurden weich im Gesprühe, das uns der
-Wind entgegentrieb. Es regnete nicht entschieden, es war mehr ein nässendes Wehen,
-als ob fortwährend die Kohlensäurebläschen eines Selterwassers ins Gesicht spritzelten.
-Und nach einer halben Stunde war man naß. Dabei sickerte durch die übereinander
-hintreibenden Wolkenschleier ein milchiger Lichtschimmer, der das Grau ringsum
-durchscheinend machte und keine Trostlosigkeit aufkommen ließ. Die Landschaft überließ
-sich einer Melancholie, die ihr selber wohltat.</p>
-
-<p>In den flachen Wässern spiegelte sich der geronnene Himmel. Durch das
-Wasser sproßte spitzes Gras. Regenperlen bedeckten das junge Grün mit einem
-ganz zarten Silberreif. Sumpfdotterblumen tupften die Wiesen mit ihrem selbstzufriedenen
-Gelb. Es war ein Vergnügen, die fetten, fleischig knapsenden Stengel zu
-brechen und den leuchtenden Strauß wie einen Klumpen Sonne durch den silbergrauen
-Tag zu tragen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Geradefort, kilometerweit, wie mit dem Lineal gezogen, durchschneidet die
-Pulsnitz den Schraden. Der Moorgrund schimmert durch die Flut – klarflüssiges,
-samtbraunes Glas scheint zwischen grünen Uferrändern dahinzufließen. Im Dialekt
-der Gegend heißt das Flüßchen »die Pulse« – das Wort gibt das gleichmäßig ruhige
-Wallen dieses Wassers lautmalerisch wieder. Blickt man aber geradeaus, so liegt
-die Pulsnitz als gestrecktes Silberband in die grüne Ebene eingelassen. Hohe Dämme,
-ebenso geradlinig gezogen wie der Fluß selbst, fassen die Ufer ein. Manchmal steht
-ein Baum dicht dabei, ein Gebüsch wächst halb auf den Damm herauf, eine helle
-Birkenallee kommt von weither, steigt über die Dämme und zieht weiter, eine
-Brücke spiegelt sich im Fluß, vereinzelte Bäume stehen nah und fern in den Sumpfwiesen,
-und weit drüben, halb verloren im Grau, dämmert der Hügelzug mit den
-Schradendörfern.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Stundenlang schritten wir auf dem »Pulsdamm« dahin. Weit und breit war
-kein Mensch. Einmal ging ein Bauernwagen über eine ferne Brücke – Karren,
-Pferdchen, Brücke und ein Baum dabei trafen sich für ein Weilchen als feingeschnittenes<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span>
-Schattenbild grau in grau über dem Silberfluß, dann verschwand das
-lautlose Gefährt hinter flockigem Gebüsch und wir waren wieder allein in der weiten
-Landschaft, unter dem verschleierten Himmel, der als graue Riesenwand von der
-flachen Erde aufstieg und unter dem Fluß und Damm, Baum und Wiese groß und
-einsam ihre stillen Reize ausbreiteten.</p>
-
-<p>Über den naßgrünen Wiesen flatterten schwarzweiße Kiebitze im Taumelflug.
-Unaufhörlich erfüllten sie die Luft mit ihren besorgten Rufen. Manchmal klingt es
-schnalzend: knuiuiui knuii, manchmal erregt, durch die Luft fallend: kiwitt – kiwitt.
-Kiebitzrufe im Nebel – in der Erinnerung steigt die Einsamkeit russischer Landschaften
-auf. Sand und Sumpf und Nebel im Frühlingslicht und Kiebitzschreie im
-litauischen Moor: kiwitt – kie-witt …</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das Sprühen hatte aufgehört – man empfand es kaum noch, so gut stimmte
-es zu dieser Landschaft. Die grauen Wolken flogen höher. Von den Hügeln in
-der Ferne hoben sich die Schleier. Die Dörfer grüßten.</p>
-
-<p>Und nun standen wir an einem Kreuzweg. Geradeaus blinkte die Pulse.
-Und quer zu ihrem Lauf zog eine Straße durch das weite Land, eine vom Regen
-reinlich gewaschene Straße, von weißstämmigen Birken gesäumt. Das zarte Gezweig
-flutete wie gelöstes Frauenhaar über der hohen Wölbung zusammen. Unter den
-Birken hin liefen Gräben mit klarem Wasser, in dem grüne Gewächse wie von
-Glas umschlossen sproßten.</p>
-
-<p>Die Pulsnitz lockte und die Straße lockte. Wir schlugen die Straße ein und
-marschierten unter den Birken hin. Draußen hinter der Säulenreihe der weißen
-Stämme lag die weite Ebene. Fichtenwald mit schnurgeraden Schneisen. Verträumte
-Kanäle. Und wieder die Ebene.</p>
-
-<p>Und wieder ein samtbrauner Fluß zwischen hohen Dämmen: die Schwarze
-Elster. Der Fluß ist breiter und die Dämme sind höher, aber reizvoller ist die
-Landschaft an der Pulsnitz.</p>
-
-<p>Wir gingen von Plessa nach Elsterwerda immer auf dem Elsterdamme hin.
-Rechts begrenzten Hügel die kargere Landschaft: der nördliche Grenzwall des
-Schradens. Links, leicht verschleiert im kühlen Grau weitete sich die eigentliche
-Schradenlandschaft mit Gräben und Wässern und Dämmen und Sümpfen und dem
-lockeren Geflock der Bäume in der Wiesenaue und mit dem graublauen Hügelsaum
-in der Ferne. Als dunklerer Streifen und ganz allmählich an den Elsterlauf heranbiegend
-zog drüben der Pulsnitzdamm durch die Ebene, an den man an der Elster
-zurückdenkt und den man noch einmal gehen wird, im Hochsommer, wenn die
-Mittagsglut über dem duftenden Heu der Schradenwiesen zittert.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Tierschutz">Tierschutz</h2>
-</div>
-
-<p>Als ich vor vielen Jahren mal in Ziegenrück übernachtete, lag im Zimmer meines Gasthofes
-ein altes Schwarzburg-Rudolstädter Gesangbuch von 1856, das ich aufschlug und folgendes
-schöne Lied darin fand:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Der weise Schöpfer, dessen Ruf</div>
- <div class="verse indent0">Einst mächtig scholl: Es werde!</div>
- <div class="verse indent0">Und aller Welt Bewohner schuf,</div>
- <div class="verse indent0">Bestimmte diese Erde</div>
- <div class="verse indent0">Nicht für den Menschen nur allein,</div>
- <div class="verse indent0">Auch Tiere schuf er groß und klein,</div>
- <div class="verse indent0">Des Lebens sich zu freuen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Sein Wille war, daß ihre Zahl</div>
- <div class="verse indent0">Sich allenthalben mehre.</div>
- <div class="verse indent0">Sie füllen Wälder, Berg und Tal</div>
- <div class="verse indent0">Und Seen, Flüß’ und Meere,</div>
- <div class="verse indent0">Beleben hier die hohe Luft</div>
- <div class="verse indent0">Und dort der Erde tiefste Kluft</div>
- <div class="verse indent0">Und freuen sich des Lebens.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Nie kann des klügsten Menschen Sinn</div>
- <div class="verse indent0">Der Arten Anzahl wissen,</div>
- <div class="verse indent0">Doch sänk auch nur die kleinste hin,</div>
- <div class="verse indent0">So wär’ das Band zerrissen,</div>
- <div class="verse indent0">Das auf der weiten Gotteswelt</div>
- <div class="verse indent0">Die Wesen aneinanderhält</div>
- <div class="verse indent0">Zu einem großen Ganzen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Das kleinste Tier betritt die Welt</div>
- <div class="verse indent0">Mit mir auf gleiche Weise,</div>
- <div class="verse indent0">Es fühlt sein Dasein und erhält</div>
- <div class="verse indent0">Sich auch mit Trank und Speise,</div>
- <div class="verse indent0">Hat ebenso, wie ich ein Herz,</div>
- <div class="verse indent0">Hat Sinneskraft, fühlt Lust und Schmerz,</div>
- <div class="verse indent0">Und liebt wie ich, das Leben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Dem, der für alles Sorge trägt,</div>
- <div class="verse indent0">Dem Schöpfer aller Dinge,</div>
- <div class="verse indent0">Ist nichts, was auf der Welt sich regt,</div>
- <div class="verse indent0">Zu klein und zu geringe.</div>
- <div class="verse indent0">Er, dessen Huld kein Engel mißt,</div>
- <div class="verse indent0">Er, der des Menschen Vater ist,</div>
- <div class="verse indent0">Ist auch des Wurmes Schöpfer.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und er, der alle Wesen liebt,</div>
- <div class="verse indent0">Er sollte mir erlauben</div>
- <div class="verse indent0">Dem Tiere, dem er Leben gibt,</div>
- <div class="verse indent0">Mutwillig es zu rauben?</div>
- <div class="verse indent0">Was gäbe mir wohl den Beruf,</div>
- <div class="verse indent0">Ein Leben, das die Allmacht schuf,</div>
- <div class="verse indent0">Aus Leichtsinn zu zerstören?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Nein, kein Geschöpf, das mit mir lebt,</div>
- <div class="verse indent0">Darf ich aus Frevel quälen;</div>
- <div class="verse indent0">Mag, was mich übers Tier erhebt,</div>
- <div class="verse indent0">Mag auch Vernunft ihm fehlen.</div>
- <div class="verse indent0">Sie macht mich zu der Gottheit Bild,</div>
- <div class="verse indent0">Doch lehrt sie mich auch, göttlich mild,</div>
- <div class="verse indent0">Glück um mich her verbreiten.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Vernunft, du sollst mich immer mehr</div>
- <div class="verse indent0">Die wahre Weisheit lehren,</div>
- <div class="verse indent0">In der Geschöpfe großem Heer</div>
- <div class="verse indent0">Will ich den Schöpfer ehren.</div>
- <div class="verse indent0">Wer stolz ein Mitgeschöpf verschmäht,</div>
- <div class="verse indent0">Das unter Gottes Aufsicht steht,</div>
- <div class="verse indent0">Entehrt auch seinen Schöpfer.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wen eines Tieres Qual erfreut,</div>
- <div class="verse indent0">Der sieht mit kaltem Herzen</div>
- <div class="verse indent0">Gar bald auch seiner Brüder Leid</div>
- <div class="verse indent0">Und spottet ihrer Schmerzen.</div>
- <div class="verse indent0">Wer frech sein Mitgeschöpf betrübt</div>
- <div class="verse indent0">Und Härt’ und Grausamkeit verübt,</div>
- <div class="verse indent0">Der kann auch Gott nicht lieben.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Warum ich das alte Lied ganz hersetzte? Weil es eine berechtigte Klage der Tierschützer
-ist, daß die christliche Kirche sich wenig um die Tiere kümmert. Beweis: Die gähnende Leere
-der Gesangbücher, soweit der Tierschutz in Frage kommt. Es gab aber eine Zeit, wo es hierin
-besser war. So z. B. enthielt das <em class="gesperrt">alte</em> Magdeburger Gesangbuch von 1837 eben dieses und
-auch ein anderes gutes Tierschutzlied.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Heimatschutz umfaßt unbedingt auch Tierschutz.</em> Ich glaube, der Satz
-bedarf keiner besonderen Begründung. Pflanze und Tier beleben erst die an sich tote Rinde.
-Es ist daher nicht zu verteidigen, wenn selbst zu wissenschaftlichen Zwecken Vögel, die zu Zeiten<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span>
-(nur zu gewissen Zeiten!) schädlich sind, in maßloser Weise in Unzahl abgeschossen werden, um
-ihren Mageninhalt zu untersuchen. Dadurch muß die Natur notwendig verarmen und kein
-Geringerer als ein Brehm hat schon auf die bedauerliche Tierarmut Westeuropas hingewiesen.
-Im allgemeinen vollzieht die Natur selber den notwendigen Ausgleich und tritt einer übermäßigen
-Vermehrung einer Art entgegen. Wir können also Herrn Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Hoffmann nur recht
-geben, wenn er Einspruch erhebt gegen den Abschuß zahlloser Elstern, und was noch weit
-schlimmer ist, von so seltenen Vögeln wie Wasseramseln, die man nur noch an Gebirgswässern trifft,
-ferner von insektenfressenden Singvögeln. Und beistimmen muß ihm jeder, wenn er sagt, daß
-der durch die Magenuntersuchung unter der Vogelwelt angerichtete Schaden <em class="gesperrt">viel größer</em> ist
-als der Nutzen, den diese Untersuchungen uns und den überlebenden Artgenossen gebracht haben.
-<em class="antiqua">Nisi utile est quod agimus, <em class="gesperrt">vana</em> est gloria nostra</em> (Hufeland).</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">Dr.</em> Pause.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Hexenabend">»Hexenabend«</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr. phil.</em> <em class="gesperrt">Gerhard Stephan</em></p>
-</div>
-
-<p>In der Nacht des 30. April zum 1. Mai reiten die Hexen zum Brocken, um
-dort mit dem Teufel ihre alljährliche Versammlung abzuhalten. Auf ihrer Fahrt
-nach dem Harz verwünschen und verzaubern sie Haus und Hof, Felder und Gärten.
-Doch vor offenem Feuer scheuen sie zurück, deshalb werden im Kamin und auf
-Bergeshöhen mächtige Brände unterhalten. Die Grundstücke werden durch Kreuze,
-die mit Kreide an die Türpfosten gemalt werden, geschützt, auch die Anfangsbuchstaben
-der heiligen drei Könige, C(aspar), M(elchior) und B(althasar), werden
-gern dazugeschrieben.</p>
-
-<p>So geschah es im Mittelalter. In unserer Zeit glaubt kein Mensch mehr an
-diesen tollen Unfug, aber die Sitte des Feuerbrennens und der Kreidebemalung
-hat sich vielerorts, besonders auch in katholischen Gegenden, erhalten. So auch
-bei uns im Kamenz-Bautzner Bezirke, und zwar besonders in den wendischen
-Gegenden, während die deutschen Gebiete nur in ihren Grenzstreifen sich am »Hexenabend«
-beteiligen.</p>
-
-<p>Die Jugend ist es natürlich, die diese Sitte hochhält. Tagelang vorher sieht
-man die Jungens von Haus zu Haus laufen, um sich einen alten Besen zu erbetteln.
-Und auch gar mancher, der noch nicht ausgedient hat, muß dran glauben nach
-dem bekannten Motto: »Geh weg, oder ich find’ch«. Die Besen werden schön mit
-Holzwolle und ähnlichen brennbaren Stoffen ausgestattet, besonders Teer und
-Petroleum werden gern verwendet, und nun ruhen sie im Schuppen – den Abend
-erwartend.</p>
-
-<p>Doch damit man nicht selbst den teuflischen Geistern verfällt, wird man von
-einer liebevollen Hand »bekreuzelt« oder, in schlichtes Deutsch übersetzt, einem der
-Rücken mit Kreide vollgeschmiert. Da kann man oft recht erboste und anderseits
-wirklich »teuflisch« sich freuende Menschenkinder beobachten. Aber merkwürdig:
-Es scheint, als ob nur der Choleriker eines solchen »Schutzes« vor dem Reich des
-Satans bedürfe!</p>
-
-<p>Es beginnt kaum zu dunkeln, da brennen schon die Feuer auf den Höhen.
-Wir steigen den Kamenzer Hutberg hinan. Vor uns und hinter uns ein unendlicher
-Schwarm. Denn der »Hexenabend« ist ein Ereignis. Das weiß auch der geschäftstüchtige<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
-Hutbergwirt – im alten Gasthaus hat er – zeitgemäß – eine »Ef-Zet-Likörstube«
-eingerichtet. Nun, wir nehmen sie nicht in Anspruch, sondern wenden
-uns lieber der »Mark« zu, wo auf der Höhe ein gewaltiges Feuer brennt. Und
-daherum die »Hexen«, das heißt eigentlich sollten es ja gerade deren Vertreiber sein,
-aber im Volke, wo sich die »historischen« Zusammenhänge etwas verwischt haben,
-sind es eben die »Hexen«. Sie schwingen ihre Besen im Kreise. Einem feurigen
-Rade gleicht es von fernen. »Auch die brave Polizei ist wie gewöhnlich schnell
-dabei«, – um den unvergleichlichen Busch in etwas abgeänderter Form zu zitieren –
-ihr Zweck wird ersichtlich aus dem immer wiederkehrenden Mahnwort: »Daßerr
-mirr ni de Felderr zerrtrretet«.</p>
-
-<p>Wir blicken in die Ferne. Soweit das Auge nach Osten und Südosten schaut –
-Feuer und Feuerräder. Die wendische Gegend. Über fünfzig kann man zählen,
-die vorderen noch groß und mächtig, dazwischen öfters der Schatten vorbeihuschender
-Gestalten – es sieht ganz unheimlich aus. Nach dem Horizont zu wird es immer
-kleiner und die fernsten Feuer – in der Wittichenauer, Königswarthaer und
-Bautzner Gegend grüßen nur als kleine Punkte. Anders ist das Bild gegen Westen.
-Hier hemmen allerdings die letzten Ausläufer der Kamenzer Berge einen weiten
-Blick, aber soviel ist doch ersichtlich: außer in den nächsten Orten, wie Lückersdorf
-und Gelenau, gibt es nur vereinzelte Brände. Das Gelände liegt im Schatten der
-Nacht. Die Deutschen Kolonistendörfer. So zeigt sich auch hier der Unterschied
-zwischen zwei Volksstämmen, aber wie überall mit der »Übergangszone«.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unsre hiesigen »Pfadfinder«, unter ihrem tätigen Feldmeister Mai, feierten ihren
-»Hexenabend« besonders schön. Sie waren schon am Nachmittag ausgerückt –
-zum Galgenberg, in einen alten Steinbruch, der sich schluchtartig nach hinten zog.
-Hier begann bald ein rühriges Treiben. Nachdem jede Gruppe um ihren Wimpel
-ihre mitgebrachten Sachen (was mochten die wohl alles enthalten?) verstaut hatte und
-die große Fahne auf der Höhe eingerammt war, um Gönnern und Freunden den
-Weg zu zeigen, gings an die Arbeit. Da mußte zunächst Holz herbeigeschafft werden –
-also zog ein Holzholerkommando mit einem Wagen los in den nahen Busch. Die
-andern aber scharten sich um Satanas, den Oberteufel, und probten für die »Wolfsschluchtszene«
-des »Freischütz«. Und als sie dann im Abenddunkel beim Schein des Holzfeuers
-gespielt wurde – »frei« nach Carl Maria von Weber oder besser Friedrich Kind,
-mit Hexen und Teufeln, mit Irrlichtern und Schrecken, da wirkte sie in ihrer Umgebung
-recht hübsch. Dann kam ein fröhlicherer Teil: Man sprang über das Feuer unter allerlei
-Heil- und Weherufen, die Besen wurden entzündet und der Schwarm der Hexen
-und »Hexriche« machte einen feierlichen Umzug um den Steinbruch. Einem vorbeifahrenden
-Zuge, aus dem die Klänge einer Gitarre ertönten, wurde eine besondere
-Ehrung durch das Schwenken der Besen zu teil – der Anblick für die Zuschauer
-war prächtig. Volkslieder am verglimmenden Feuer und ein fröhlicher Heimmarsch
-bildete den Abschluß für diesen Tag, während der folgende, der 1. Mai, der ja
-bekanntlich dieses Jahr schulfrei war, unsere Pfadfinder – <em class="antiqua">carpe diem</em> – draußen
-am Deutschbaselitzer Teiche in einem Waldlager bei selbstgekochtem Essen wiedersah.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Wolftitz">Wolftitz</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr.</em> Ing. <em class="gesperrt">Hubert Ermisch</em>, Leipzig<br />
-Bilder von <em class="gesperrt">J. Mühler</em>, Leipzig</p>
-</div>
-
-<p>Dort, wo sich im Süden der weiten Leipziger Ebene die ersten Höhenzüge zeigen,
-liegt freundlich eingebettet die alte Töpferstadt Frohburg.</p>
-
-<p>An einem prächtigen Vorfrühlingstage wanderte ich durch die stillen Straßen
-des Städtchens. Wer ahnt, daß hier der Sitz einer Kunsttöpferei ist, die – besonders
-durch die Ausstellungen auf der Leipziger Messe – einen Weltruf hat?</p>
-
-<p>Auf der Höhe hinter der Stadt, wo die alte Chemnitzer Straße die stattlichen
-Rittergutsbauten und das Schloß hinter sich läßt, bietet sich dem Auge ein überraschend
-schönes Landschaftsbild. Der Horizont wird gerahmt von den weitgedehnten
-Waldungen, hinter denen das berühmte Schloß Gnandstein liegt. Links ragen über
-die Hügel die zwei nadelspitzen Türme der Kirche von Greifenhain. Vor uns an
-den Wald geschmiegt, zum Teil von drei Seiten vom Wald umgeben, liegen die beiden
-fast zu einem verschmolzenen Dörfer Streitwald und Wolftitz, zwei als Sommerfrischen
-und Ausflugsorte allen Leipzigern wohlbekannte Stätten. Weiter nach rechts
-an der alten Chemnitzer Straße, umgeben von prächtigem alten Baumbestand, liegt
-das Rittergut Wolftitz. Der erste Anblick erweckt den Eindruck eines alten umwehrten
-Ritterschlosses. Ein spitzgedeckter Turm ragt zwischen den hohen Giebeln und breitgelagerten
-Dächern hervor. Die ganze Gruppe der Gebäude und Bäume bildet ein
-so einheitliches Ganzes, daß es in kunstliebenden Augen nur helle Freude wecken
-kann. Und noch eine weiter rechts vor dem Walde auf einem vorgelagerten Hügel
-sichtbare schöne, alte Baumgruppe zieht das Auge unwillkürlich an. Man denkt
-an alte heidnische Opferstätten oder an die Hünengräber der Lüneburger Heide.
-Diese Vermutung barg etwas Wahres in sich: Es ist die Totengruft, die Begräbnisstätte
-der Herren von Einsiedel, die seit 1455 Besitzer von Schloß und Rittergut
-Wolftitz sind. Ein selten schöner, weihevoller Platz, würdig des alten Herrengeschlechtes.</p>
-
-<p>Ich wandere von der Höhe hinter dem Frohburger Schloß talwärts auf
-Wolftitz, meinem Ziele zu.</p>
-
-<p>Kunstgeschichtliche Streifzüge soll man nicht unvorbereitet unternehmen. Das
-hat bei Schloß Wolftitz einige Schwierigkeiten. Die »Beschreibende Darstellung der
-älteren Bau- und Kunstdenkmäler«, die sich zur Zeit der Bearbeitung dieses Gebietes
-im Wesentlichen mit kirchlichen Bauten beschäftigt, sagt über das Schloß nur
-wenig. Die geschichtlichen Nachrichten stammen aus dem bekannten Schumannschen
-Ortslexikon von Sachsen. Aus diesen beiden Quellen kann man entnehmen, daß
-der Bau des heutigen Schlosses Wolftitz aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt
-und 1625 bis 1626 restauriert wurde. Beides wird bestätigt durch die Architekturreste,
-die sich am Bau befinden. Die schlichten Fasenfenster, die spitzen Giebel sind
-noch gotischen Ursprunges, die Balkendecken und die meisten anderen künstlerischen
-Schmuckteile stammen aus dem zweiten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts.
-Der Bau scheint im dreißigjährigen Kriege, der in dieser Gegend erst in
-den dreißiger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts wütete, wenig gelitten zu haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-018">
- <img class="w100" src="images/illu-018.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Schloß Wolftitz</b>, Blick vom Pächterhof aus</div>
-</div>
-
-<p>Die Landstraße führt zwischen dem Schloß und der ehemaligen Schmiede
-hindurch. Neben der Schmiede sieht man ein schönes barockes Tor und seitlich
-zwei gleichfalls barocke Figuren. Das Tor führt nach dem sogenannten Lustgarten,
-der jetzt der Obstgarten des Schlosses ist. Der Name in Verbindung mit den
-Architekturresten weist auf die Zeit, da man an die Herrensitze kleine nach französischer<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-Art zugestutzte Architekturgärten anfügte. Was der prachtliebende August der Starke
-in und um Dresden in großem Stile ausführte, das fand in etwas bescheidenerem
-Umfang wohl auch hier Aufnahme.</p>
-
-<p>Gegenüber diesem Portal zum Lustgarten lag der jetzt leider verstümmelte
-Eingang zum Schloßhof. Wie er gestaltet war, das läßt sich nur mutmaßen aus
-dem im Torpfeiler vermauerten Schlußstein mit der immer wiederkehrenden Jahreszahl
-1625. Der Blick in den Hof ist überaus erfreulich. Breitästig steht ein schöner
-alter Nußbaum in seiner Mitte. Links, das Wirtschaftsgebäude mit seinen großen
-Toren barg wohl dereinst Rosse und Wagen, darüber zieht sich eine reizvoll ausgebildete
-Holzgalerie. Der Hof wird beherrscht von dem Treppenturm, der sich an den einen
-Flügel des Schlosses – wohl ursprünglich dem eigentlichen Wohnflügel – anlehnt.
-Nach der äußeren und inneren Gestaltung des Treppenturmes möchte ich auch ihn
-dem Umbau der Jahre 1625 bis 1626 zuschreiben. Wo dereinst die alte Uhr die
-Stunden kündete, hat nun ein Wasserbehälter zu Nutz und Frommen der Schloßbewohner
-seinen Platz gefunden.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-019">
- <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Wolftitz</b>, Schloßhof</div>
-</div>
-
-<p>Leider stört in der schönen Harmonie des Schloßhofes das neben dem Hofeingang
-gelegene Försterhaus, dessen Architektur sich so gar nicht den anderen<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span>
-Bauten – besonders durch das recht flache Dach – anschmiegt. Wie leicht hätte
-man mit nahezu gleichen Mitteln diesen Mißton vermeiden können.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-020">
- <img class="w100" src="images/illu-020.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Schloß Wolftitz</b>, Tor zum Lustgarten</div>
-</div>
-
-<p>Das Schloß, das sich mir gastlich öffnete, betrat ich zunächst in dem dem
-Hoftor gegenüberliegenden Flügel, den ein Spätrenaissancedachaufbau über dem
-Portal ziert. Vermutlich war dies der Saalbau. Die neuerdings erfreulicher Weise
-freigelegten alten gekehlten Balkendecken gehen durch die ganze Geschoßtiefe hindurch,
-das Erdgeschoß ist überwölbt. Eine für die Zeit der Erbauung immerhin breite
-gradläufige Treppe führt zu diesem großräumigen Obergeschoß hinauf. Heute ist
-das ganze Geschoß durch eine Anzahl eingefügter Trennwände und durch eine liebevolle
-Behandlung der Wände, Decken und vor allem der Fensternischen zu einer
-sehr behaglichen und sonnigen Wohnung umgewandelt worden. Die freigelegten
-Balkendecken fügen sich trefflich ein. Jede Zeit hat dem Schlosse ihre Spuren
-hinterlassen und ich glaube, daß dieser Ausbau der ehemaligen Festsäle des Schlosses
-ein Musterbeispiel genannt werden kann für unsere Zeit. Wir sind arm geworden
-in der großen Welt. Unsere Heimat, unser deutsches Heim wird aber die Quelle
-werden für einen neuen Reichtum.</p>
-
-<p>Im Gegensatz zu diesem ausgebauten Saalbau trägt der an den Turm sich
-anschließende Flügel noch ganz den Charakter des alten Herrenschlosses. Über dem<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span>
-architektonisch ausgeschmückten Rundbogentor sind die Wappen derer von Einsiedel
-und von Haugwitz angebracht. Eine weite überwölbte Halle empfängt uns. Die
-Schlußsteine dieser Gewölbe zeigen übereinstimmend das Wappen der Einsiedel. Von
-der Halle aus ist die sogenannte Kapelle zugänglich, ein rechteckiges geräumiges
-Zimmer mit einer schönen gegliederten Holzdecke, die die Inventarisation auf die
-Jahre um 1530 datiert. Hier haben nach alten Verträgen die Pfarrer von Frohburg
-aller vierzehn Tagen zu predigen. Schumann erzählt, daß das Rittergut nach Eschefeld
-eingepfarrt sei, während eigentümlicher Weise das Dorf zu Greifenhain gehöre.
-Die Kapelle enthält ein schönes Taufbecken, Nürnberger Arbeit aus der ersten Hälfte
-des sechzehnten Jahrhunderts, auf dem der Sündenfall dargestellt ist. Außerdem sind
-eine Anzahl Bilder beachtlich, unter denen zwei echte Chranachsche Gemälde: Georg
-den Bärtigen und eine Judith darstellend, sowie die beiden von Luther und
-Melanchthon aus der Chranachschen Schule wohl die bedeutendsten sind. Die Farbstimmung
-des ganzen Raumes ist überaus wohltuend. Möchte doch die beabsichtigte
-Neubemalung – wenn sie wirklich nicht zu umgehen ist – nur einem
-Künstler ersten Ranges übertragen werden. Denn bei der nahezu gänzlichen Architekturlosigkeit
-des Raumes bedeutet die Farbstimmung alles.</p>
-
-<p>Die eigentlichen Wohnräume des Schlosses liegen im Obergeschoß. Sie
-gruppieren sich um den schönen bildergeschmückten Vorsaal. Auch hier oben scheinen
-noch unter den Putzflächen der Decken, an denen vereinzelt Stuckverzierungen zu
-sehen sind, die alten Balken der Renaissance der Wiedererweckung zu harren.
-Schöne eingebaute Schränke, der Schmuck der noch alten Renaissancetüren und vor
-allem auch eine Anzahl Öfen aus der Zeit um 1800 lenken den Blick auf sich.</p>
-
-<p>Sehenswert sind auch die Holzkonstruktionen der riesenhaften Dächer. Da
-ist noch nichts zu spüren von Holzmangel. Die Holzstärken wirken wie ein Spott
-auf unsere »Normen«.</p>
-
-<p>An das Herrenhaus schließt sich der große Pachthof an. Besonders die Blicke
-von dort auf die hochgiebligen Flügel des Schlosses sind malerisch.</p>
-
-<p>Prächtig schön ist der Wald, der zu dem Rittergut gehört. Der verstorbene
-Förster August Schmidt und der jetzige Förster Böttrich, der nunmehr dreißig Jahre
-diesen Wald und seinen guten Wildbestand behütet, haben sich damit ein lebendiges
-Denkmal gesetzt. Möchte jeder, der dort Stunden der Erholung genießt, wie vor
-allem allsommerlich die vielen Sommerfrischler von Wolftitz und Streitwald mithelfen
-die Schönheit dieses Waldes zu behüten.</p>
-
-<p>Dort wo die Dorfstraße auf die Hauptstraße stößt, steht der von den Schloßherren
-gestiftete Kriegergedächtnisstein von Wolftitz. Schlicht und ernst, ein Zeichen
-der schweren Zeit, aber auch ein Zeichen dafür, daß man heute wie dereinst vor
-dreihundert Jahren Sinn für edle schöne Kunst in Wolftitz hat.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Werbekunst_in_Dorf_und_Stadt">Werbekunst in Dorf und Stadt</h2>
-</div>
-
-<p>Der Kampf der Heimatfreunde gegen die Auswüchse des Reklamewesens hat in der Regel
-seinen tiefsten Anlaß in der geringen künstlerischen Qualität der Reklamemittel, die allein der
-Zweck, zu wirken, heiligte.</p>
-
-<p>In der schönen Gottesnatur draußen zwar richtet sich die Kampfansage wohl an das
-Auftreten geschäftsmäßiger Anpreisungen überhaupt: denn in der Stille des Waldes, an grünen
-Hängen und zwischen blumigen Auen kränkt den Wanderfrohen schon der Versuch, ihn mehr
-oder minder gewaltsam in seiner reinen Freude an der ewigen Schöpfung durch Hinweise auf
-Erzeugnisse der Industrie oder auch besonders bemerkenswerte Ereignisse des Geschäftslebens stören
-zu wollen. In den Straßen der großen und kleinen Städte des Landes, im heimatlichen Dorfbilde
-aber ist es nicht das Vorhandensein der Reklame schlechthin, was das Auge auf Schritt und
-Tritt beleidigt, es ist viel mehr noch die mangelnde Fähigkeit, die Anforderungen der Werbekunst
-mit den Gesetzen der Baukunst, des Städtebaues, in Einklang zu bringen.</p>
-
-<p>Sieh, wie ungeschickt sitzt dort das grasgrüne lackierte Schild am ehrwürdig grauen Giebel
-des schönen alten Hauses, an dem eine schlichte deutliche Schrift in zurückhaltender Farbgebung
-dem Fremden dasselbe künden könnte, wie das häßliche Schild, nur in viel edlerer Sprache!
-Oder wie schrecklich plump hängt das himmelblaue Blechbanner mit den gußeisernen Quasten
-an der freundlichen Schauseite der behäbig gelagerten Herberge, der ein Wirtshauszeichen, nach
-alter guter deutscher Art an langer Eisenstange befestigt, der schönste Schmuck sein würde. Und dann
-die vielen schwarzglänzenden Glasfirmenschilder mit den steifen gelben Buchstaben! Überhaupt –
-fort mit dem Glas in der Außenreklame, wo es fast stets alsbald in einen unüberbrückbaren
-Widerspruch zu Holz und Stein des Straßenbildes tritt. Eins der schönsten Städtebilder in
-sächsischen Landen können wir seit einiger Zeit nicht mehr betrachten, ohne zugleich den Ärger über
-eine riesige, buntfleckige Glastafel hinunterschlucken zu müssen, auf der eine Unmenge verschiedener
-Firmen in allen Farben des Regenbogens einander überschreien, um ihre Erzeugnisse anzupreisen.
-Das wäre nicht nötig gewesen, denn erst kürzlich ist es der umsichtigen Verwaltung einer kleinen
-Stadt unser engeren Heimat gelungen, sich mit Erfolg der Entstellung des wohlerhaltenen Stadtbildes
-durch solcherlei Reklame zu widersetzen: Fürwahr ein schöner Beweis praktischen Heimatschutzes,
-der Nachahmung verdient.</p>
-
-<p>Alles in allem nochmals: Nicht die Tatsache, <em class="gesperrt">daß</em> Reklame gemacht wird, ist es, was
-uns grämt, sondern <em class="gesperrt">wie</em> sie gemacht wird, wie häßlich, wie wenig überlegt, wie kunstlos. Und
-doch ist gegenwärtig gerade die Werbekunst derjenige Zweig der angewandten Kunst, dem Not
-und ungeheuerliche Teuerung im Gegensatz zu anderen Gebieten noch am wenigsten schwere Fesseln
-anlegten. Wir sehen ja allenthalben auch recht erfreuliche Anzeichen dafür, daß sich hier eine
-zielbewußte Fortentwicklung fühlbar macht. »Daß wir die Reklame als Kunst ernst nehmen,
-ist ein Zeichen unserer Zeit.« Man sucht und findet neue Wege. Mit Wohlgefallen ruht das
-Auge da und dort auf einer schönen alten Schauseite, die in neuem, kräftig farbigem Gewand
-erstrahlt, mit einer klaren ruhigen Schrift das verkündend, was noch vor kurzem viele grelle
-Schilder und Tafeln durcheinanderbrüllten. Trefflich ausgeführte Plakate finden wir allerorten.
-In der eindrucksvollen Dresdner Werbeschau konnten wir viel finden von dem, was wir suchen
-und in weitester Verbreitung wünschten: wie, von den besten Künstlern geführt, eine neuartige
-Werbekunst neue Bahnen sucht und zu schönen Hoffnungen wohl berechtigt. Weite Gebiete stehen
-dieser Kunstart offen, große Entwicklungsmöglichkeiten liegen auf ihrem Wege: auch in der Gegenwart,
-denn die Reklame birgt, wenn sie gut ist, schon in sich die Deckung der für sie aufgewendeten
-Kosten. Umsomehr gilt es jetzt, diejenigen Kreise, die die praktische Ausübung des Reklamewesens
-betreiben, auf die hohe Bedeutung der ihnen anvertrauten Kulturaufgabe hinzuweisen.</p>
-
-<p>Die Werbekunst im heutigen Sinne ist eine durchaus neuzeitliche Kunstart, die Überlieferung
-fehlt ihr. Darum ist sie bisher so fremd gewesen im Stadtbild, darum wird es ihr noch immer
-so schwer, sich mit ihrer Sprache hineinzuleben und hineinzufühlen in die Formensprache der
-Baukunst. Das wird ihr um so rascher gelingen, je gründlicher und sicherer der junge Nachwuchs
-der Ausübenden die Grundbegriffe von Formen- und Farbenschönheit, Schriftwirkung, Stil und<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
-Materialgerechtheit beherrscht. Daran muß vor allem an Lehr- und Studienanstalten des Kunstgewerbes
-gearbeitet werden, wenn Handwerk und Industrie das Reklamewesen zu künstlerischer
-Höhe führen wollen. Trefflich hat kürzlich in Dresden der Reichskunstwart <em class="antiqua">Dr.</em> Redslob den
-Weg zur Erreichung dieses Zieles vorgezeichnet: »Unser Streben muß dahin gehen, die Kunst
-aus ihrer vereinzelten Stellung als Fach zu befreien, und wieder alles mit Kunst zu erfüllen,
-wie es einst selbstverständlich war. Der Wunsch nach Formengebung muß wieder etwas ganz
-Notwendiges sein. Höchst wichtig ist dabei, die enge Verbindung zwischen Kaufmann und Künstler
-zu schaffen, ohne die unser ganzes Wirtschaftsleben leiden muß.«</p>
-
-<p>Aber auch du, der du deine Heimatstadt, dein Heimatdorf lieb hast, sollst an dem Ziel, die
-Reklame zu veredeln, mitarbeiten, kannst mitarbeiten. Denn dein Auge ist mehr, als du denkst,
-geübt, wohl zu entscheiden, was dem vertrauten Straßenbild, dem schönen alten Marktplatz mit
-dem Brunnen, den schlichten Bürgerhäusern oder dem guten Gasthof schadet mit zu Vielem und
-zu Häßlichem an Reklame, was ihnen frommt an schönem guten Beiwerk dieser Art. Betrachte
-aufmerksam, was da und dort an Trefflichem neu entstand und versuche, das auch in deinem
-Heimatort heimisch werden zu lassen. Ein gutes Wort, ein wohlmeinender Rat tun schon viel.
-Und sei gewiß: allmählich wird es gelingen, jene schlichtbescheidene Straßen-Werbekunst zurückzugewinnen,
-die vordem das Straßenbild schmückte, die nur vorübergehend von einer traditionslosen,
-überlauten Unkunst verdrängt worden war. Dann aber könnte etwas Unerwartetes geschehen:
-Reklame und Heimatschutz, bisher zwei leider so oft feindliche Brüder, würden sich verbünden
-zu gemeinsamem Werke, das dem schönen alten Heimatbilde wieder zu einer würdigen, bescheidenen
-und dabei doch wirkungsvollen Belebung durch gute Reklame verhilft.</p>
-
-<p class="mright">
-Nicolaus
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Die_Osterblume_am_Wachtelberg_bei_Wurzen">Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen</h2>
-
-<p class="center">Von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Arno Naumann</em><br />
-Mit Aufnahmen von <em class="antiqua">Dr. med.</em> <em class="gesperrt">Hoffmann</em>, Wurzen</p>
-</div>
-
-<p>Nach einem im Leipziger Zentral-Theater am Karfreitag gehaltenen Vortrag
-beschloß ich, in Wurzen zu übernachten, um am Ostersonnabend früh ein Naturdenkmal
-aufzusuchen, das mir als Mensch wie als Botaniker gleich beachtenswert
-erschien: »die Osterblume am Wachtelberg«.</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Mensch</em> reizte mich die <em class="gesperrt">Schönheit dieser heimischen Pflanze</em>,
-die mich vordem ein einziges Mal als vereinzelter Herbstblüher am Staffelstein in
-Franken entzückt hatte, als <em class="gesperrt">Botaniker</em> trieb es mich, diesen interessanten <em class="gesperrt">sächsischen
-Standort einer pflanzengeographisch bedeutsamen Pflanze</em>
-zu besuchen.</p>
-
-<p>Früh schon begab ich mich zu meinem pflanzenkundigen Vereinsbruder, Herrn
-Konrektor Oberstudienrat <em class="antiqua">Dr.</em> Hoffmann, Wurzen, und wanderte mit ihm bei herrlichstem
-Frühjahrssonnenschein zu dem eine halbe Stunde südlich von Wurzen
-gelegenen, Bismarckturm-gekrönten Porphyrhügel des Wachtelberges. Seine vereinzelten
-Birken zeigten schon den lichtgrünen Schleier sprossenden Laubes, und östlich
-des Gipfels breitete ein Kiefernwald seine dunklen Kronen (<a href="#illu-024">Abb. 1</a>). Der Wachtelberg
-bietet einen erfreuenden Blick auf den Muldenlauf, dessen tote Arme der
-Landschaft einen besonderen Charakter verleihen. Unsere Blicke schweifen über den
-Wald des Rehberges, umfassen den Planitzwald und ruhen schließlich auf den
-fernen Auenwäldern, die sich längs eines diluvialen Flußbettes bis gegen Leipzig
-ziehen. Aus ihnen hebt sich die Ruine von Machern.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span></p>
-
-<p>Wir waren zur rechten Zeit gekommen, denn überall am Südhang und an
-den trockenen Böschungen des Kiefernwaldes erblühte im herrlichsten Blauviolett
-dieses lenzholde Florenwunder, dem Linné den Namen <em class="antiqua">Anemone Pulsatilla</em> verlieh.
-Besser erscheint mir hierfür der selbständige Gattungsbegriff <em class="antiqua">Pulsatilla</em> mit <em class="antiqua">vulgaris</em>
-als Artnamen. Als deutsche Bezeichnung für diese Pflanze findet man in den
-Floren vielfach den Namen »Küchenschelle«, einen Namen, der in den meisten
-Pflanzenbüchern gedankenlos nachgedruckt worden ist. Er müßte, da er sich von
-der Ähnlichkeit der Blüte mit einer Kuhglocke abzuleiten scheint, besser in »Kühchenschelle«
-abgeändert werden. Deshalb ist der von Hallier in seiner Flora von
-Deutschland gewählte Name <em class="gesperrt">Kuhschelle</em> annehmenswert. Wir aber wollen in
-unserer Arbeit den um Wurzen gebräuchlichen, so treffenden Namen »Osterblume«
-beibehalten und uns dieser volkstümlichen Bezeichnung freuen. Die fünf deutsche
-Arten zählende Gattung <em class="antiqua">Pulsatilla</em> ist besonders blütenschön und wird daher in
-mehreren Arten auch als lenzverkündender Gartenschmuck gepflegt, selten freilich
-mit glücklichem Erfolg.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-024">
- <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Der Wachtelberg mit der Osterblume</b></div>
-</div>
-
-<p>Zwei <em class="gesperrt">weißblühende Arten</em> besitzen wir in der hochgebirgischen <em class="gesperrt-antiqua">Pulsatilla
-alpina</em>, die auch im Harz und den Sudeten wächst und in der oft <em class="gesperrt">rosa überhauchten</em>
-heidegewohnten <em class="gesperrt-antiqua">Pulsatilla vernalis</em>, die besonders häufig in Westpreußen
-trockene Hügel im ersten Frühling schmückt, aber auch im sächsischen
-Heidegebiet vorkommt (Lausa, Pulsnitz, Großenhain).</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span></p>
-
-<p>In der <em class="gesperrt">hellvioletten Blütenfarbe</em> gleicht unserer süd- und westeuropäischen
-Osterblume die osteuropäische Schwester <em class="gesperrt-antiqua">Pulsatilla patens</em>, deren Grundblätter
-aber nicht eine doppelte Fiederung, sondern eine reizende Fingerung zeigen. Mit
-Entzücken denke ich noch der herrlichen Ostertage, an denen ich mit meinem lieben
-Vater in Nordböhmen am Kahleberg bei Kundratitz diese herrliche Pflanze zu
-Tausenden erblühen sah, die dunklen Basaltrücken in leuchtendes Blau hüllend.
-Einen ganz anderen Eindruck macht die <em class="gesperrt">nickende</em> <em class="antiqua">Pulsatilla pratensis</em>, deren
-glockig zusammengeneigte Perigonblätter braunrot bis dunkelviolett schimmern. Im
-nordböhmischen Elbtal ist dieselbe, ebenfalls zur Osterzeit, auf allen trockenen Höhen
-und rasigen Wegrändern zu finden und führt dort den ansprechenden Namen:
-»Osterglocke«. In Deutschland besitzt sie besonders nördliche und östliche Verbreitung.
-In Sachsen besiedelt sie sonnige Stellen des Elbtalgebietes, fand in unseren Heimatschutzheften
-bereits in meinem Aufsatz über das Ketzerbachtal Erwähnung und ist
-dort auch nach Aufnahmen »unseres Ostermaier« bildlich dargestellt<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p>
-
-<p>Die Osterblume findet sich am Wachtelberg auf trockner Grastrift mit vorherrschendem
-Feinrasen des Schafschwingels (<em class="antiqua">Festuca ovina</em>). Das nackte Gestein
-von Pyroxen-Quarzporphyr wird oft überzogen von den fingerblättrigen Polstern
-des Frühlingsfingerkrautes (<em class="antiqua">Potentilla verna</em>), welches zur Zeit unseres Besuches
-seine niedlichen goldgelben Blüten erschloß. Duftende Polster des Quendels (<em class="antiqua">Thymus
-Serpyllum</em>) schoben sich dazwischen, und der Besenginster hatte an seinen immergrünen
-Ruten bereits Blütenknospen angesetzt, während dunkle Heidekrautbüsche
-noch in winterlicher Zerzaustheit wie leblos dazwischenstarrten. Von anderen Pflanzen
-konnte ich teils aus winterlichen Resten, teils frisch sprießend erkennen: Pechnelke,
-Hornkraut (<em class="antiqua">Cerastium arvense</em>), Johanniskraut (<em class="antiqua">Hypericum perforatum</em>), Fetthenne
-(<em class="antiqua">Sedum maximum</em>), Mauerpfeffer (<em class="antiqua">Sedum acre</em>), Färbeginster (<em class="antiqua">Genista tinctoria</em>),
-Silberfingerkraut (<em class="antiqua">Potentilla argentea</em>), Feldbeifuß (<em class="antiqua">Artemisia campestris</em>), Habichtkraut
-(<em class="antiqua">Hieracium Pilosella</em>), Rispenflockenblume (<em class="antiqua">Centaurea paniculata</em>) und Golddistel
-(<em class="antiqua">Carlina vulgaris</em>); alles Pflanzen, welche sich mit dem Verwitterungsgrus
-von Silikatgesteinen begnügen.</p>
-
-<p>In einem Briefe an den Landesverein Heimatschutz vom Mai 1920 sagt mein
-Freund, Herr Universitätsoberbibliothekar <em class="antiqua">Dr.</em> R. Schmidt, Leipzig: »Von der
-sonstigen Flora des Wachtelberges erfreuten mich besonders ein paar in schönster
-Blüte stehender Holzbirnensträucher (<em class="antiqua">Pirus Achras</em>) mit den charakteristischen Zweigdornen
-und große Trupps der <em class="antiqua">Teesdalea nudicaulis</em>. Pflanzen, die als Seltenheiten
-zu bezeichnen wären, habe ich außer Kuhschelle nicht bemerkt.«</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-026">
- <img class="w100" src="images/illu-026.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Die Osterblume</b></div>
-</div>
-
-<p>Die Seltenheit dieser Blume bewog schon im Jahre 1910 den einsichtigen
-Stadtrat von Wurzen, sich an die Amtshauptmannschaft Grimma <em class="gesperrt">mit der Klage
-zu wenden, »daß die Gefahr besteht, daß sie, wenn weiterhin das
-Abpflücken der Osterblume durch Spaziergänger erfolgt, völlig
-verschwinde«</em>. Die Amtshauptmannschaft riet dem Stadtrat, sich zunächst an den
-Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« zu wenden. Dieser beauftragte den leider
-so früh heimgegangenen Kustos des Sächsischen Herbariums, Herrn Professor <em class="antiqua">Dr.</em><span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
-B. Schorler, mit der Bearbeitung der Angelegenheit. Schorler erkundete, daß für
-die von der Osterblume besiedelten Triften als Besitzer der Gemeindevorstand
-Schmidt, Dehnitz, und der dortige Gutsbesitzer Robert Rasch in Frage kämen. Dabei
-betont Schorler in seinem Gutachten, »daß unsere Pflanze eine west- beziehungsweise
-südwesteuropäische Art ist, welche im Osten Deutschlands völlig fehlt.« In Mitteldeutschland
-sind die zwei sächsischen Standorte <em class="gesperrt">Bienitz</em> und <em class="gesperrt">Wachtelberg</em> die am
-weitesten nach Osten vorgeschobenen Posten und werden in fast allen Floren von
-Deutschland erwähnt. Die Osterblume wird am Wachtelberge sicherlich einen weit
-ausgedehnteren Standort besessen haben, ist aber durch Steinbruchsbetrieb und Feldwirtschaft
-schon recht eingeschränkt worden. Nimmt man nun hinzu, daß der
-Bismarckturm als Aussichtspunkt viele Besucher heranzieht, so ist die Gefahr des
-Verschwindens nahegerückt, zumal sie als erster Frühlingsblüher besonders lockt
-und in manchem Gartenbesitzer den Wunsch rege macht, dieselbe auszugraben und
-in seinen Garten zu verpflanzen, um sich im eigenen Heim alljährlich dieser Blütenschönheit
-zu freuen. Herrlich ist ja auch der in der Sonne weitgeöffnete, violette, sechszählige
-Blütenstern, aus dessen Mitte sich die zahlreichen goldgelben Staubgefäße wirkungsvoll
-abheben (<a href="#illu-026">Abb. 2</a>). Die doppelt gefiederten Grundblätter der Pflanze erscheinen
-erst später, nur ein dicht unter der Blüte befindliches, gleich dem Stengel weißlich
-behaartes Hochblatt ist zur Blütezeit erkennbar. Das freiblättrige Perigon, die vielen
-Staubblätter und zahlreichen Pistille, welche beide auf dem Blütenboden stehen,
-erweisen die Zugehörigkeit der <em class="antiqua">Pulsatilla</em> zur <em class="gesperrt">Familie der Hahnenfußgewächse</em>,<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span>
-die so manches Giftgewächs umfaßt, darunter auch unsere Osterblume, welche
-früher infolge eines kampferartigen Stoffes als Arzneipflanze geschätzt wurde.</p>
-
-<p>Nach dem Abblühen verlängert sich der Blütenstengel bis zu fast einem halben
-Meter Höhe und trägt die nunmehr herangereiften, mit Federschwanz versehenen
-Einzelfrüchte, ganz ähnlich wie die nahe verwandte Clematis. Der fedrige Fruchtschopf
-erinnert auch an den bekannten »Teufelsbart« ihrer Hochgebirgsschwester
-<em class="antiqua">Pulsatilla alpina</em>. Es ist ein köstlicher Anblick, wenn die Sonne durch die hochstengeligen
-Federköpfe scheint und sie wie Silberfiligran aufleuchten läßt. Schmidt,
-welcher an einem Osterblumenstock des Wachtelberges dreiundvierzig Blüten in verschiedenen
-Entwicklungsstadien zählte, bemerkt hierzu:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Nicht weniger angenehm wie der Anblick dieser Blütenpracht war mir
-die große Menge der Fruchtstände mit ihren heranwachsenden Federschweifen;
-ich schätze sie an die Tausend. Es steht somit fest, daß eine recht stattliche Zahl
-Blüten pflückenden Händen entronnen ist und Gelegenheit findet, ihre Samenanlagen
-zu reifen und sich zu verbreiten. Ich konnte beobachten, daß die
-<em class="antiqua">Pulsatilla</em> von ihrem ursprünglichen Gelände aus mit einigen Stöcken in die
-Sohle des ehemaligen Steinbruches vorgedrungen war. <em class="gesperrt">Dagegen fand ich
-an den anderen Seiten des Berges, zwischen Bismarckturm und
-Windmühle, nur ein einziges Exemplar.</em></p>
-</div>
-
-<p>Dies letzte beweist augenfällig, wie an den Orten regen Begängnisses dieser
-Pflanze von den Bergbesuchern nachgestellt wird. Es wäre aber <em class="gesperrt">nicht nur eine
-ästhetische Einbuße</em>, wenn dieser herrliche Frühlingsbote vom Wachtelberg
-verschwände, sondern auch <em class="gesperrt">ein unersetzlicher floristischer Verlust</em>, da uns
-dieses Vorkommen der Pflanze auf einen von Südwesteuropa zu uns herstrahlenden
-Wanderweg dieser Pflanzen hinweist, den sie mit so manchem andern Gewächs
-genommen. Es ist in Wahrheit eine Urkunde, welche eindringlich vom Entstehen
-unseres heimischen Florenbildes aus nach der Eiszeit zu uns hergewanderten
-Bürgern entlegener Pflanzengebiete zu uns spricht. Die mit Federanhang versehenen
-Früchte können, vom Winde entführt, sicherlich eine weite Luftreise unternehmen.
-Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß der Wachtelberg dereinst seinen
-Osterblumenbestand von dem etwa zwanzig Kilometer westlich gelegenen Bienitz bei
-Leipzig empfangen hat. Der Bienitz selbst verdankt diesen Schmuck indirekt einem
-präglazialen Saalelauf, der diesen pflanzenberühmten Hügel mit herangeführtem
-Muschelkalk versorgt und die an den Saaleufern verbreitete Pflanze darauf
-angesiedelt hat.</p>
-
-<p>Nach alledem kann es jedermann nur dankbarst begrüßen, daß auf Anregung
-der Amtshauptmannschaft Grimma schon im Frühjahr 1912 auf dem Wachtelberggelände
-Verbotstafeln angebracht worden sind mit folgendem Wortlaut:</p>
-
-<div class="blockquot s90">
-
-<p class="center">Heimatschutz!</p>
-
-<p>»Das unbefugte Betreten dieses Grundstücks, sowie das Abpflücken, Abzupfen
-und Abschneiden von Feld- und Wiesenblumen ist bei Strafe bis zu 30 Mark oder
-entsprechender Haft</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">verboten</em>.</p>
-
-<p class="center">§§ 19 und 14 des Forst- und Feldstrafgesetzes.</p>
-
-<div class="bleft"><em class="gesperrt">Grimma</em>, den 27. März 1911.
-</div>
-<div class="bright">Die Amtshauptmannschaft.«</div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span></p>
-
-<p>»Der Wachtelberg trägt inmitten der fruchtbaren Getreidefelder noch heute
-seine ursprüngliche Pflanzenwelt und zeigt uns, wie die Flora der sonnigen Hügel
-östlich von den Leipziger Auenwäldern zusammengesetzt war, bevor der Mensch mit
-seinen Kulturflächen sie zerstörte. Er ist also als Naturdenkmal anzusehen, das
-uns wie eine wertvolle Urkunde von alten Zeiten berichtet. Dieses auch für unsere
-Nachkommen zu erhalten, ist unsere Pflicht. Leider sind die seltenen Pflanzen des
-Berges durch Abrupfen und Ausgraben schon so vermindert, daß die Gefahr ihrer
-völligen Vernichtung vorhanden ist. Um dies zu verhindern, hat die Amtshauptmannschaft
-auf die Bitte des Sächsischen Heimatschutzes das obige Verbot erlassen.«</p>
-</div>
-
-<p>Diese Art, Pflanzenschutz zu treiben, erscheint mir vorbildlich! Der Wortlaut
-eines <em class="gesperrt">Verbotes</em>, das bei unerzogenen Menschen meist auf Widerstand stößt, muß
-eben in seiner polizeimäßigen Schärfe <em class="gesperrt">gemildert</em> werden <em class="gesperrt">durch eine belehrende
-und fesselnde Angabe der Verbotsursache</em>. Letzteres ist unbedingt
-angebracht, denn der Einsichtige wird sich dieser Betonung einer unabweisbaren
-heimatlichen Pflicht nicht verschließen. Ein in solcher Form begründetes Verbot
-wird selbst in unserer verbotsfeindlichen Zeit wirksam sein. Wo es <em class="gesperrt">noch</em> versagt,
-werden auch alle anderen Mittel, welche zum Schutze von Naturdenkmälern vorgeschlagen
-und erdacht sind, hinfällig, <em class="gesperrt">denn ein gefühlsroher Mensch ist
-mit Nichts zu packen; er bleibt eben ein Schandfleck auf dem
-Kulturgewand seines Volkes</em>!</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Vergleiche auch <em class="antiqua">Dr.</em> Naumann: »Praktische Wege des Heimatschutzes«, Heft 12, Bd. I, S. 417.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Ein_altes_Patrizierhaus">Ein altes Patrizierhaus</h2>
-
-<p class="center">Aufnahme von <em class="gesperrt">Konrad Richter</em>, Auerbach i. V.</p>
-</div>
-
-<p>Auch in Sachsen stößt der Wanderlustige gar nicht so selten auf wenig
-bekannte Bauten, die einer näheren Betrachtung wert sind. Alte Herrensitze und
-Baumgehöfte, Dorfkirchen, Rathäuser und Kleinhausbauten sind oft geschildert
-und dargestellt worden. Ein Patrizierhaus, wie das in der Abbildung gezeigte,
-findet man in Sachsen und vor allem auf dem Lande oder im Gebirge selten. Die
-reicheren Bürger, die in der Lage waren, sich vornehme Häuser zu bauen, suchten
-den Schutz der Stadt und das Zusammenleben in ihr; Patrizierhäuser auf dem
-Lande oder in kleinen Orten kannte man nicht.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-029a">
- <img class="w100" src="images/illu-029a.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Altes Patrizierhaus in Stützengrün</b> (Ansicht von Südwesten)</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-029b">
- <img class="w100" src="images/illu-029b.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Altes Patrizierhaus in Stützengrün</b> (Ansicht von Südosten)</div>
-</div>
-
-<p>Um so überraschter ist man, in der kleinen Gemeinde Stützengrün i. V. ein
-so behäbiges, auf Wohlstand und Geschmack hinweisendes Haus zu finden. Der
-Bauherr hat zweifellos nicht irgendeine zufällige Planung durch einen Unternehmer
-zur Ausführung bringen lassen, er hat bewußt Form und Anlage seines Hauses
-geprüft und sich seinen Baumeister gesucht. Die sicherlich nicht in jeder Einzelheit
-fein durchgebildeten Formen des Hauses, die fast auf süddeutschen Einfluß hinweisen,
-lassen die Gesamtanlage doch außerordentlich wirkungsvoll erscheinen. Die
-horizontale Gliederung, die gleichmäßige Verteilung der Fenster und die Betonung
-ihrer Achsen durch gleich große Dachgeschoßfenster, die Durchführung der Achsenbeziehungen,
-die Hervorhebung des Einganges durch einen kleinen Giebelvorbau,
-die schmucken Fensterläden, die Putzgliederung und die starke Schattenwirkung des
-weit vorspringenden Gesimses sind die Bestandteile dieses ausgezeichneten Werkes.<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span>
-Dazu betont die Besonderheit des Hauses noch das in dieser Gegend sonst nicht
-heimische Mansardendach, das aber zu diesem breitgelagerten Hause mit seiner süddeutschen
-barocken Form gehört.</p>
-
-<p>Möge die Veröffentlichung die Freude am Finden heimischer Kunstwerke
-fördern.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">Dr.</em> Conert.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Gefaehrdete_heimische_Pflanzenwelt">Gefährdete heimische Pflanzenwelt</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Paul Apitzsch</em>, Ölsnitz i. Vogtl.</p>
-</div>
-
-<p>Ein sonnengoldner Sommertag blauet über den weiten Wäldern des südwestlichen
-Vogtlandes. Ich wandre in der Herrgottsfrühe mutterseelenallein von <em class="gesperrt">Bad
-Elster</em> das Kesselbachtal aufwärts und erreiche bei der Theresienruh die sächsisch-tschechoslowakische
-Grenze. Zwischen Hochwald und mooriger Wiese zieht der mit
-granitnen Marksteinen besetzte Grenzweg dahin. Dort, wo vom Grenzpfad schmale
-Waldsteige nach den böhmischen Dörfern Krugsreuth und Thonbrunn abzweigen,
-liegen die Quellen des Kesselbaches. Lind fächeln im Frühwind auf geschwellten
-Moospolstern die weißen Fähnchen des Wollgrases (<em class="antiqua">Eriophorum vaginatum</em>).
-Dazwischen leuchten zwei Bergorchideen: die roten Blütenstände des gefleckten
-Knabenkrautes (<em class="antiqua">Orchis maculata</em>) und die gelblichweißen, stark duftenden Armleuchter
-der zweiblättrigen Platanthere (<em class="antiqua">Platanthera bifolia</em>). Zwischen Schachtelhalm
-und Farnkraut stehen vereinzelt, aus smaragdgrünen Blattrosetten emporragend,
-die veilchenblauen Blüten des Fettkrautes (<em class="antiqua">Pinguicula vulgaris</em>) und zu
-kleinen Genossenschaften vereinigt die mit roten Drüsenhärchen versehenen Blattsterne
-des rundblättrigen Sonntaues (<em class="antiqua">Drosera rotundifolia</em>), zwei immer seltner werdende
-insektenfressende Sumpfgewächse. An dem Höhenwege von der Theresienruh nach
-der Agnesruh und der Alberthöhe wächst im Preiselbeergestrüpp eine weitere
-botanische Seltenheit, die, außer im Vogtlande, nirgends in Sachsen vorkommt: die
-Buchsbaum-Ramsel (<em class="antiqua">Polygala Chamaebuxus</em>). Ihre starren, dunklen Blätter unterscheiden
-sich kaum vom Preiselbeerlaub, während die gelblichen Blüten denen des
-Waldwachtelweizens ähneln.</p>
-
-<p>Wenn im Spätsommer die Waldblößen im purpurnen Glanze der Weidenröschen
-(<em class="antiqua">Epilobium angustifolium</em>) glühen, dann erscheinen überall an sonnigen
-Hängen die giftigen Blüten des blaßgelben Fingerhutes (<em class="antiqua">Digitalis ambigua</em>). Während
-dieser noch allerwärts im Vogtland und in andern Gebirgswäldern häufig vorkommt,
-ist sein gleichfalls giftiger Bruder, der rotblühende <em class="antiqua">Digitalis purpurea</em>, bereits dem
-Aussterben nahe. Vor zwanzig Jahren waren die purpurnen Fingerhüte im Steinicht
-zwischen Plauen und Elsterberg, im Triebtal und Kemnitzbachtale keine Seltenheit.
-Heute sucht man sie dort vergebens. Sie sind verdorben, gestorben. Ebenso gefährdet
-ist das Dasein der wenigen noch wildwachsenden Türkenbuntlilien (<em class="antiqua">Lilium Martagon</em>)
-im Burgsteingebiet und am Kandelhof bei Gutenfürst. Großstädtische Sommerfrischler
-und botanisierende Schüler werden dafür Sorge tragen, daß dieser Schmuck des
-Bergwaldes demnächst verschwindet. Im Frühherbst erscheinen dann die Heerscharen<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
-der Heidekräuter oder <em class="antiqua">Ericaceen</em>. Die gewöhnliche Besenheide (<em class="antiqua">Erica vulgaris L.</em>
-oder <em class="antiqua">Calluna vulgaris Salisb.</em>) ist ja durchaus nicht gefährdet, wenn auch während
-der Kriegszeit hektargroße Flächen in Ackerland umgewandelt und ebenso große Gebiete
-des oberen Vogtlandes entheidet wurden und ihr Pflanzenwuchs als Stallstreu
-Verwendung fand. Aber sehr selten geworden ist die großblütige Sumpf- oder Moorheide
-(<em class="antiqua">Erica Tetralix</em>), die meines Wissens nur noch an einer einzigen Stelle des
-Vogtlandes vorkommt. Aus leicht begreiflichen Gründen werde ich diesen einzigen
-und letzten Standort nicht verraten. Ich würde sonst vielleicht das Gegenteil von
-dem erreichen, was ich beabsichtige.</p>
-
-<p>Eine spezifisch vogtländische <em class="antiqua">Ericacee</em>, die in Otto Wünsches »Exkursionsflora
-für Sachsen« als »sehr selten« bezeichnet wird, ist die fleischfarbene <em class="gesperrt-antiqua">Erica carnea</em>
-oder <em class="gesperrt">Schneeheide</em>. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, die sämtlich an der Schwelle
-zwischen Spätsommer und Frühherbst in Blüte stehen, ist die Schneeheide ein Kind
-des Vorfrühlings, und ihre roten Polster sind ein hervorragender Schmuck der
-sächsisch-böhmischen Bergwälder bei Brambach, Schönberg, Wildstein. Ihr Vorkommen
-beschränkt sich im allgemeinen auf die südvogtländische Granitinsel rund
-um den Kapellenberg, wenn auch hier und da in den Kontaktgebieten, so im
-Muskowitschiefer bei Hennebach und Dürrngrün in Böhmen, Schneeheide vorkommt.
-Als im Jahre 1885 der Eisenbahndamm zwischen Ölsnitz und Adorf mit Brambacher
-Granitschutt beschottert wurde, gedieh auch dort Schneeheide; sie kränkelte
-aber bald und ging schließlich ein. Im Jahre 1906 versuchte ich, an der Südseite
-des Hasenpöhles bei Ölsnitz Schneeheide zu akklimatisieren. Kräftige Pflanzen aus
-den der Fürstenschule St. Afra in Meißen gehörigen Brambacher Rittergutswaldungen
-wurden eingesetzt. Jedem Steckling war ein großer Ballen heimatlicher Erde und
-reichlich Granitsand in die Fremde mitgegeben worden, um die Lebensbedingungen
-möglichst günstig zu gestalten. Vier Jahre später habe ich Schneeheidesamen aus
-Mieders und Fulpmes im unteren Stubaital in Tirol ebenfalls am Ölsnitzer Hasenpöhl
-unter Zuhilfenahme von vogtländischem Granitsand ausgesät. Und der Erfolg
-beider Versuche? Die gepflanzte <em class="antiqua">Erica carnea</em> gedieh zunächst ganz prächtig, ging
-aber dann stockweise ein, und die letzten spärlichen Exemplare starben 1919 am
-Heimweh. Der ausgesäte Same mag von vornherein die Aussichtslosigkeit der
-Entstehung fortpflanzungsfähiger Schneeheideexemplare geahnt haben und – ging
-gar nicht erst auf. Granitner Grund scheint eine Mitbedingung des Fortkommens
-der Schneeheide zu sein. Wesentlicher jedoch als die Kausalität zwischen Granit
-und Schneeheide scheint mir die hochinteressante Beziehung zwischen dem Vorkommen
-der Schneeheide und dem Vorhandensein radioaktiver Wässer zu sein. Es fällt
-unwillkürlich auf, daß die Schneeheide ausgerechnet im Bereich der sächsischen und
-böhmischen Bäder: Bad Elster, Brambach, Franzensbad, Karlsbad, Königswart
-und Marienbad vorkommt. Alle diese Bäder besitzen, wie schon Felix Heller in
-Band X, Heft 4–6, Jahrgang 1921 der »Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer
-Heimatschutz« ausführt, Quellen mit mehr oder weniger starkem Radiumgehalt.
-Brambach, mit der weitaus größten Zahl Macheeinheiten (2200), hat auch
-die stärkste Bodenbedeckung mit Schneeheide. »Es liegt da nahe, die Radioaktivität
-des Wassers als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch Radium-Emanation<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span>
-bedingte höhere Bodenwärme.« Wissenschaftlich ausgeführte pflanzenbiologische
-Untersuchungen könnten hier Klarheit schaffen.</p>
-
-<p>Die Schneeheide ist stark gefährdet, da sie in den blütenarmen Monaten März
-und April Verkaufsobjekt, Handelsware, Erwerbsgegenstand geworden ist. Trotz
-strenger Verbote der Amtshauptmannschaft Ölsnitz und der Bezirkshauptmannschaft
-Eger setzt bei beginnender Schneeschmelze alljährlich ein förmlicher Vernichtungskampf
-ein; und so ist das Fortbestehen der obervogtländischen Schneeheide genau
-so gefährdet wie das in den Alpenländern von einer rücksichtslosen Fremdenindustrie
-bedrohte Edelweiß.</p>
-
-<p>Zu den aussterbenden Gewächsen der heimischen Wälder gehört noch ein
-anderes Vorfrühlingskind: der Kellerhals oder Seidelbast (<em class="antiqua">Daphne Mezereum</em>). In
-Wildrosenhecken und im Schlehdorngesträuch leuchten an kahlen, holzigen Stengeln
-scharlachrote Blüten und hellgrüne Blattspitzen. Ein starker Geruch, wie von bitteren
-Mandeln, entströmt den Giftblüten. Auch das prächtige Pfaffenhütchen (<em class="antiqua">Evonymus
-europaea</em>) unsrer Wälder wird seltener. Je charakteristischer und auffallender eine
-Pflanzenerscheinung ist, desto mehr fällt sie der Beachtung und – Vernichtung
-anheim.</p>
-
-<p>Unsre Heimat hat in ihrem großen Lebeweseninventarium nicht nur aussterbende
-Tiere zu verzeichnen, sondern auch untergehende Pflanzen. Insoweit dieses völlige
-Verschwinden mit unbedingt notwendigen Kulturfortschritten ursächlich in Zusammenhang
-steht – ich denke an das Zurückgehen der Sumpf- und Moorflora infolge
-Urbarmachung bisher brachliegender Hochmoore –, ist dies wohl bedauerlich, kann
-aber im Interesse gesunder kultureller Weiterentwicklung des Menschengeschlechts
-nie und nimmer aufgehalten werden. Die Menschheit kann nicht hungern, um
-etwa eine seltene Torfmoosart der Nachwelt zu erhalten. Aber die gefährlichsten
-Feinde der seltnen Flora sind nicht die Pioniere der Kultur, sondern sogenannte
-»Naturfreunde«. Ihr deutschen Jungen, gefährdet nicht die letzten Reste einer
-sterbenden Pflanzenwelt, indem ihr die wehrlosen Leiber derselben zusammenpreßt
-und euerm furchtbaren Herbarium einverleibt! Diese Totenkammern, diese Leichenhäuser,
-diese Mumiensammlungen tragen die Schuld, wenn die eigenartigsten und
-charaktervollsten Vertreter unsrer heimischen Pflanzenwelt dem Tode geweiht sind.
-Andachtsvoll stehe ich vor der einzigen und letzten <em class="antiqua">Erica Tetralix</em> meiner Heimat.
-Ich rühre sie nicht an. So gehe hin und tue desgleichen!</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Zur_Geschichte_des_Bibers_in_Sachsen">Zur Geschichte des Bibers in Sachsen</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Rud. Zimmermann</em>, Dresden</p>
-</div>
-
-<p>Zu den Mitteilungen über das Vorkommen des Bibers in Sachsen von
-<em class="antiqua">Dr.</em> Koepert in Band X, Heft 1–3, Seite 56–58 der Heimatschutz-Mitteilungen
-seien mir einige ergänzende Angaben gestattet.</p>
-
-<p>Der Biber, dessen einst viel weiter ausgedehntes Verbreitungsgebiet in Deutschland
-heute zu dem letzten, räumlich kleinen Vorkommen im Gebiet der Mulde und<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
-der Elbe zwischen den Städten Dessau und Magdeburg zusammengeschrumpft ist,
-hat sich in unserem Vaterlande Sachsen ziemlich lange gehalten; sein letztes Vorkommen
-an der Mulde bei Wurzen ist erst in den vierziger Jahren des verflossenen
-Jahrhunderts erloschen. Allerdings hat er es bei uns nie zu einer besonders großen
-Verbreitung gebracht; die ganze Natur des Landes, das nur in seinen nördlichen
-Teilen dem Tiere zusagende Aufenthaltsorte bieten konnte, ist einer weiteren Ausdehnung
-seines Vorkommens von vornherein hinderlich gewesen. Bereits in vorgeschichtlicher
-Zeit stoßen wir auf seine ersten Spuren im heutigen Sachsenlande:
-Funde eines Unterkieferastes einmal in einer neolithischen Erdgrube bei Zauschwitz
-nahe bei Pegau (unweit der Elster) und zum anderen in der Heidenschanze
-bei Coschütz südwestlich von Dresden, sei er aus der slawischen oder der vorslawischen
-Zeit, denen sich spätere weitere sechs Kieferreste von Leckwitz unweit
-der Elbe aus slawischer Zeit angeschlossen haben, sind die ersten sicheren
-Belege vom Vorkommen des Tieres in nachdiluvialer Zeit und geben uns gleichzeitig
-Kunde von der Verwendung seines Fleisches in der »Küche« der vorgeschichtlichen
-Bewohner unseres Landes. In geschichtlicher Zeit nennt den Biber Lehmann
-in seinem »Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem
-Meißnischen Ober-Erzgebirge«, 1699. Er schreibt: »Biber sind nicht so gemein als
-die Fischotter, welche aber von den dazu bestellten Otternfängern aufgesucht und
-ausgegraben werden.« Jedoch dürfte er sich dabei, da der Biber seinem ganzen
-Wesen und seiner Lebensweise nach aber wohl kaum jemals im Erzgebirge, auf
-das sich ja die Lehmannsche Darstellung bezieht, vorgekommen sein dürfte, schwerlich
-auf eigene Erfahrungen und Kenntnisse gestützt, sondern lediglich unverbürgtes
-Gerede wiedergegeben haben. Wie Lehmann, so erwähnen auch andere spätere
-Schriftsteller den Biber nur dem Namen nach, geben aber niemals einen Fundort
-an oder sprechen sich über solche so allgemein aus, daß wir uns daraus kaum ein
-genaueres Bild von der ehemaligen Verbreitung des Tieres im heutigen Sachsen
-machen können. v. Fleming in seinem »Vollkommenen deutschen Jäger«, 1719, und
-ebenso Döbel in seiner »Jäger-Practica«, 1746, gedenken des Tieres nur kurz;
-v. Fleming sagt, daß »dieses Tier hier zu Lande sehr rar ist, und man nur wenige
-oder keinen antreffen wird,« während Döbel genauer ein Vorkommen nur aus
-dem Dessauischen, also überhaupt nicht aus Sachsen, anführt. Erst Dietrich aus
-dem Winckell erwähnt ihn 1805 in seinem »Handbuch für Jäger« »von der Mulde«,
-fügt dem aber leider auch wieder keine genauere Ortsbezeichnung bei, so daß sich
-nicht entscheiden läßt, ob er dabei auch die Mulde heute sächsischen Anteiles im
-Auge gehabt hat. Ebenso sagt Pölitz in seiner »Geschichte, Statistik und Erdbeschreibung
-des Königreichs Sachsen«, 1808–1810 (das damals aber ja noch die
-jetzt preußische Provinz Sachsen mit umfaßte), »daß man Biber allgemein in der Elbe
-und Neiße findet«, bis dann schließlich 1822 Schumann im achten Bande seines
-»Lexikons von Sachsen« sich als erster Schriftsteller genauer über das Vorkommen
-des Tieres ausläßt und uns mitteilt, daß »Biber nur an der Mulde bei Wurzen
-und an der Elbe bei Strehla vorkommen.« Ein uns erhalten gebliebenes Verzeichnis
-des während der Regierungszeit des Kurfürsten Johann Georg I. (1611–1656)
-auf Jagden entweder von diesem selbst oder in seinem Beisein erlegten Wildes führt<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span>
-37 erbeutete Biber auf, und ein weiteres aus der Regierungszeit seines Nachfolgers
-Johann Georg II. (1656–1680) gibt gar 597 Biber als erlegt an (die Angabe im
-neuen Brehm, Säugetiere, zweiter Band, Seite 443, von 347 Stück – nach Genthe –
-muß dementsprechend berichtigt werden) von denen neun vom Kurfürsten selbst erbeutet
-worden sind. Doch darf man dabei nicht vergessen, daß damals das Land eben
-auch noch die Provinz Sachsen mit umfaßte, die ja wohl ohne allen Zweifel den
-Löwenanteil an den erlegten Bibern geliefert haben wird.</p>
-
-<p>Der Fang der Biber, die man lange Zeit hindurch fälschlicherweise als
-arge Fischräuber ansprach – erst Döbel in seiner »Jäger-Practica« läßt sie
-als solche nicht mehr gelten – lag im ehemaligen Kursachsen den Fischotter-
-und Biberfängern ob, die im Frühjahr und Herbst in ihren Bezirken von
-einem Amt zum anderen zu reisen und neben den Fischottern und dem übrigen
-kleinen Raubzeug auch dem Biber nachzustellen hatten. Sie erhielten, solange sie
-unterwegs waren, für sich, ihre Gehilfen und ihre Hunde eine tägliche Auslösung,
-und gegen Aushändigung der erlegten Tiere oder ihrer Felle noch einen besonderen
-Fanglohn. Der Biber scheint sich auch einer gewissen Schonzeit, allerdings weniger
-aus rein weidmännischen Gründen, sondern, wie es scheint, mehr einer bestimmten
-Verwendung seines Wildbretes wegen (als Fastenspeise), erfreut zu haben, wie aus
-einer Verordnung des Oberhofjägermeisters von Wolffersdorf vom 28. Februar 1750
-an den Otter- und Biberfänger Kluge in Dittersbach bei Chemnitz hervorgeht. In
-dieser Verordnung wird dem Genannten vorgehalten, daß er »die Biber ohne Unterschied
-der Zeit gefangen und eingeliefert, da doch laut bereits erteilter Verordnung
-solches nicht eher als zur jetzigen Fastenzeit, da es hergegen daran mangelt, geschehen
-sollen,« und ihm von neuem anbefohlen wird, »künftig keinen Biber eher als zur
-Fastenzeit zu fangen und in der Haut ins Dresdener Provianthaus einzuschicken.«
-»Dafern ein Biber von ungefähr eingeht, so ist solcher jedoch jedesmal in
-der Haut zum Dresdener Provianthaus einzuschicken.« Von den Fischotter-
-und Biberfängern waren außer dem bereits von <em class="antiqua">Dr.</em> Koepert erwähnten, der
-in Hintergersdorf seinen Sitz hatte, noch drei weitere angestellt, je einer in
-Elbenau an der Elbe (Regierungsbezirk Magdeburg) und in Liebenwerda an
-der Schwarzen Elster, also in der heutigen Provinz Sachsen, der dritte in
-Dittersbach bei Chemnitz, dessen Bezirk gleich dem Hintergersdorfer nur auch
-heute noch sächsisches Gebiet umfaßte, nämlich die Ämter Augustusburg,
-Wolkenstein, Grünhain, Schwarzenberg, Stollberg, Chemnitz, Rochlitz, Colditz,
-Grimma, Wurzen, Leisnig und Sachsenburg. Im Jahre 1764 wurde durch eine
-Verordnung des damaligen Landesverwesers, des Prinzen Xaver, die Einrichtung
-der Fischotter- und Biberfänger, die mindestens bis ins siebzehnte Jahrhundert
-zurückreicht, aufgehoben. Es scheint, als ob neben diesen, von der Landesregierung
-bestellten Biber- und Otterfängern aber auch noch einzelne Ämter eigene Fänger
-verpflichteten. Pfau wenigstens berichtet uns, daß das Rochlitzer Amt 1651 einen
-solchen anstellte, der 1656 vier Biber an der Zschopau bei Waldheim fing.</p>
-
-<p>Leider aber sind uns weder über die Mengen der von den Fängern erbeuteten
-Biber – und noch weniger über die Orte der Erbeutung sichere Angaben überliefert,
-es müßte dann sein, daß die fünfhundertsiebenundneunzig Biber aus der<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
-Zeit Johann Georgs II. zum großen Teil den Fängern zum Opfer gefallen sind.
-Aus den Verordnungen an den Dittersbacher und den Hintergersdorfer Fänger
-aber wissen wir jedenfalls mit voller Sicherheit, daß auch im Gebiete des heutigen
-Sachsens Biber erbeutet worden sind, und wir werden dabei wohl kaum fehlgehen,
-wenn wir annehmen, daß sie ausschließlich im nordsächsischen Flachland
-teils an der Mulde, teils an der Elbe und wahrscheinlich auch in der Oberlausitzer
-Niederung, die wohl zum Bezirk des Liebenwerdaer Fängers gehört hat, gefangen
-worden sind.</p>
-
-<p>Für die Oberlausitz erwähnt den Biber die Zittauer Forstordnung vom
-Jahre 1730. Jedoch ist nach Tobias hier der letzte bereits 1785 oder 1787 bei
-Leschwitz oder Deutsch-Ossig in der heutigen preußischen Oberlausitz gefangen worden,
-so daß die oben angeführte Angabe von Pölitz vom Vorkommen in der Neiße schon
-für ihre Zeit nicht mehr richtig gewesen ist. Immerhin wurden um die Mitte
-des achtzehnten Jahrhunderts in Bautzen noch Biberhüte angefertigt und weithin
-verschickt. Wann der Nager an der Elbe sächsischen Anteiles ausgerottet worden
-ist, ist leider nicht mehr festzustellen; außer der Mitteilung Schumanns vom
-Jahre 1822 besitzen wir von hier keinerlei Nachrichten mehr über ihn. Wohl aber
-liegen über sein Vorkommen und sein Verschwinden an der Mulde bei Wurzen
-einige verläßlichere Unterlagen vor. Das fürstliche Museum zu Waldenburg
-besitzt einen 1846 bei Wurzen erlegten Biber und außerdem befinden sich noch, wie
-1909 <em class="antiqua">Dr.</em> Hesse mitteilt, im Leipziger Zoologischen Museum zwei Stücke gleichfalls
-von der Mulde. Das eine, ein altes Tier, trägt als Datum den 30. Januar 1809,
-das andere aber ist leider ohne Datum und nur mit der Fundortsangabe »Nischwitz
-bei Wurzen« ausgezeichnet. Hesse vermutet auf Grund der Abfassung und der
-Schrift des Zettels, daß es etwa gleichzeitig mit dem Waldenburger Stück, vielleicht
-aber auch noch bedeutend früher als dieses erbeutet sein könnte. Ein 1869
-zuerst in der Gartenlaube erschienener Aufsatz Guido Hammers, der dann auch in
-dessen 1891 herausgekommene »Wild-, Wald- und Weidmannsbilder« übergegangen
-ist, berichtet von einem wildernden Schäfer in einem Dorfe bei Wurzen, der einen
-Biber an der Mulde in einem Eisen fing, das Wildbret mit seinen Vertrauten
-verzehrte, Fell und Geil aber nach Leipzig schaffte, wo es Hehler heimlich verwerteten.
-Nach einer Auskunft Hammers an Fickel ist der Zeit dieses Vorganges aber nicht
-mehr sicher nachzukommen, doch dürfte der letzte Biber auf Püchauer Flur, nördlich
-von Wurzen erbeutet worden sein. In dem Waldenburger Biber besitzen wir
-demnach das nachweisbar späteste Belegstück für das Vorkommen des Bibers in
-Sachsen. – Für ein Vorkommen des Tieres weiter flußaufwärts an der Mulde
-wie auch an der Elbe besitzen wir mit Ausnahme jener schon erwähnten Angabe
-von Waldheim aus historischer Zeit keinerlei Anhalt – für die Elbe allerdings
-läßt der schon eingangs erwähnte Coschützer Fund auf ein Vorkommen stromaufwärts
-bis in die Dresdener Gegend wenigstens in vorgeschichtlicher Zeit
-schließen – und auch des Tieres Wesen und Lebensweise sprechen, wie eingangs
-ebenfalls bereits angedeutet, gegen eine größere Verbreitung landeinwärts. Aus
-dem Gebiete der Vereinigten Mulde dürfte unser Tier in das der Zwickauer Mulde
-kaum weiter als über die Strecke Colditz–Rochlitz–Wechselburg vorgedrungen<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
-sein – ein von Pfau als Stütze für ein häufigeres Vorkommen bei Rochlitz angeführter
-Flurnamen bezieht sich auf eine Stelle, deren ganzer Charakter gegen
-ein dauerndes Vorkommen des Nagers spricht – und für das Gebiet der Freiberger
-Mulde, deren Unterlauf für ein Vorkommen des Tieres viel geeigneter erscheint,
-als der der Zwickauer Mulde, wird sein Vorkommen aus dem Charakter des
-Tales bis über die Gegend Roßwein–Nossen hinaus wahrscheinlich. Einzeln mag
-er dann, wie der schon erwähnte Fund in der Zschopau bei Waldheim beweist, in
-den Unterlauf der Nebenflüsse aufgestiegen sein. Ein 1636 beim Fischen in der
-Mulde in Zwickau gefangener Biber, und ein anderer, 1748 auf einem Elbheger
-bei Niedermuschitz bei Meißen erbeuteter, dürften lediglich einzelne versprengte
-Tiere gewesen sein. Darauf deutet ja auch schon der Umstand hin, daß die zeitgenössischen
-Chronisten sie besonders erwähnen, demnach ihre Erbeutung als ein
-ungewöhnliches Ereignis aufgefaßt haben. – Aus der Einrichtung der Biber- und
-Otterfänger auf ein häufigeres Vorkommen und eine weitere Verbreitung zu schließen,
-ist meines Erachtens falsch; die Fänger waren zur Vertilgung von Raubzeug überhaupt
-angestellt und hatten dabei eben auch, soweit er in ihren Bezirken überhaupt
-vorkam, dem als Fischräuber angesprochenen Biber mit nachzustellen, und daß sie
-diesen dabei nie in großen Mengen fingen, geht deutlich auch aus der oben wiedergegebenen
-Vermahnung des Dittersbacher Fängers hervor, in der es heißt: »da es
-dann hergegen daran mangelt«, was aber bei einem häufigeren Vorkommen des
-Tieres nicht der Fall hätte sein können. Wenn daher Berge annimmt, daß man
-den Biber schon damals bei uns nicht mehr in größeren Kolonien, sondern immer
-nur einzeln oder familienweise antraf, so wird man ihm darin nur beistimmen können.</p>
-
-<p>Ob schließlich das durch den Zauschwitzer Fund wenigstens für die vorgeschichtliche
-Zeit gesicherte Vorkommen des Nagers auch in der Weißen Elster noch
-in die geschichtliche Zeit hinein angedauert hat, läßt sich heute kaum entscheiden,
-doch spricht meines Erachtens nichts gegen die Annahme, daß der Biber dort
-wenigstens noch bis ins frühe Mittelalter hinein vorkam, und dort erst später
-seinem Schicksal erlegen ist.</p>
-
-<div class="blockquot s90">
-
-<p><em class="gesperrt">Anmerkung</em>: Eine Zusammenstellung des Schrifttums und der Quellen zu vorliegender
-Arbeit findet sich am Schlusse meiner Untersuchung »Zur Geschichte des Bibers im Gebiete des
-ehemaligen Königreichs Sachsen« im »Naturwissenschaftlichen Beobachter« 62, Frankfurt a. M.
-1921, S. 97 bis 104.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Vom_romantischen_zum_denkenden_Wanderer">Vom romantischen zum denkenden Wanderer</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Kurt Schumann</em></p>
-</div>
-
-<p>Es dürfte eine reizvolle Aufgabe sein, einmal eine Geschichte <em class="gesperrt">des Wanderns
-und des Wanderers</em> zu schreiben, von den Tagen an, da Abraham auf Geheiß
-des in jenen Zeiten noch sehr menschlich mit seinen Geschöpfen verkehrenden lieben
-Gottes fortzog »aus seinem Vaterlande, aus seiner Freundschaft und aus seines
-Vaters Hause« ins Gelobte Land Kanaan bis ins Zeitalter des Wandervogels, der
-Feriensonderzüge und der Mount-Everest-Besteigung. Was würde da nicht alles
-an unseren Augen vorüberziehen, selbst wenn man von den großen Massenwanderungen<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span>
-in den Zeiten des Krieges, der religiösen Begeisterung oder des
-Hungers absähe: der wandernde Prophet, der Minnesänger, der fahrende Schüler
-und der Handwerksbursche, der Bettelmönch und der Pilger, Goethe und Rousseau,
-Seume und Scheffel. Jede Zeit hat ihre Wanderer gehabt, Wanderer, die den
-Weg ebenso schätzten wie das Ziel, die um des Wanderns willen die warme Ofenecke
-mit der Landstraße vertauschten. Trotzdem kann man wohl behaupten, daß
-erst das vergangene Jahrhundert den Wanderer als Allgemeinerscheinung hervorgebracht
-hat. Mit Rousseau, dem ersten Wandervogel, fing es an, dann kamen die
-Romantiker, die uns die großen Volksliedersammlungen erwanderten, dann der
-»Spaziergänger nach Syrakus«, dann Eichendorff, dessen Wanderlieder heute noch
-in jedem Wald erklingen, Wilhelm Müller, der Sänger der durch Schuberts Vertonung
-überall bekannt gewordenen »Müllerlieder«, und Heinrich Heine, dessen
-Lieder aus der Harzreise die herrlichen Verse einleiten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Auf die Berge will ich steigen,</div>
- <div class="verse indent0">Wo die frommen Hütten stehen,</div>
- <div class="verse indent0">Wo die Brust sich frei erschließet,</div>
- <div class="verse indent0">Wo die freien Lüfte wehen,</div>
- <div class="verse indent0">Wo die dunklen Tannen ragen,</div>
- <div class="verse indent0">Bäche rauschen, Vögel singen</div>
- <div class="verse indent0">Und die stolzen Wolken jagen.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Im unberührtesten deutschen Waldgebiet aber steht das Denkmal Adalbert Stifters,
-des Dichters des »Hochwald«, am Blöckensteinsee. – Ein Hinweis auf die »Kulturstudien«
-Riehls, Rudolf Baumbachs »Lieder eines fahrenden Gesellen« und Fontanes
-»Wanderungen durch die Mark Brandenburg« möge diesen literarhistorischen Überblick
-schließen; denn es ist Zeit, auf eine ganz andere Kategorie von Wanderern
-aufmerksam zu machen, die Wandertrieb und Wanderstil ebenso stark beeinflußt
-haben, wie unsre wandernden Dichter.</p>
-
-<p>Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nahm mit den glänzenden Erstersteigungen
-Whympers der Alpinismus einen verheißungsvollen Aufschwung. Die
-großen Alpenklubs bildeten sich und in ihrem Gefolge die verschiedenen Mittelgebirgsvereine,
-auf deren Tätigkeit und das gewaltige Wachsen der Großstädte der
-außerordentliche Aufschwung des Wanderns im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts
-zurückzuführen ist. Der Wandertyp dieser und bis zu einem gewissen
-Grade auch noch unsrer Zeit ist der »Tourist«. Er hat die Fehler und Vorzüge der
-Periode, die ihn wachsen sah, der Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs. Er
-schafft sich eine praktische Kleidung, baut Wege und Hütten, sorgt für gute Karten,
-gründet allenthalben Sektionen, die Geld für seine Zwecke in reichem Maße
-zusammenbringen, macht stramme Touren, die Körper und Geist allerhand zumuten,
-nur eines tritt bei ihm in den Hintergrund, was die romantische Periode vor ihm
-in überreichem Maße besaß, die Poesie des Wanderns, das tiefe Erleben und Verstehen
-der Landschaft. Oder wäre es sonst möglich gewesen, daß dreißig Jahre
-lang vor den Augen von hunderttausend Touristen unsre Heimat in einer Weise
-verschandelt wurde, daß die nächsten zehn Generationen es nicht wieder gut
-machen können?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p>
-
-<p>Da kam die notwendige Ergänzung von einer Seite, die mit dem Wandern
-zunächst gar nichts zu tun hatte, die nichts war als eine Protestbewegung gegen
-die »Alten«, gegen den Materialismus der Zeit, gegen die Unterdrückung einer
-Altersstufe: die Jugendbewegung, deren erste Verkörperung der Wandervogel war.
-Er stellte sich nicht etwa in Gegensatz zur Touristik, denn die kannte er kaum.
-Er entstand und gedieh am besten ja auch da, wo die Touristik nicht zu Hause war,
-im Flachland und in den aller Großartigkeit und aller Gebirgsvereine baren
-unbeachteten Mittelgebirgen Hessens und Frankens, an den Seen der Mark und
-in den Einöden der Heide. Er lief ohne Karte »ins Blaue«, verschmähte Wege
-und Unterkunftshäuser, kroch zu den Bauern ins Stroh, pfiff auf Bergschuhe,
-Spirituskocher und Thermosflasche, Lodenmantel und Wanderstock, »tippelte« eine
-Stunde und lag drei Stunden im Grase, versunken in die Schönheit eines Kiefernwaldes,
-eines Sonnenunterganges oder eines alten Bauerngehöftes, nährte sich von
-»Heuschrecken und wildem Honig« und sang dazu Lieder, die so alt waren, daß
-sie Arnim und Brentano hundert Jahre früher nicht entdeckt hatten. Eher vergaß
-er den Brotbeutel als die Laute. Das war soviel Romantik auf einmal, daß sie
-den älteren Zeitgenossen und ihren Vertretern auf dem Gebiete des Wanderns nur
-ein Lächeln entlockte. Glücklicherweise blieb es nicht dabei, und das ist das Verdienst
-<em class="gesperrt">der</em> Alten, die innerlich jung genug geblieben waren und ähnlich fühlten wie
-diese Jungen, im Gegensatz zu ihnen aber deren unausgegorenes Gefühl in Willen
-und Tat umsetzten. Und diese Taten hießen: <em class="gesperrt">Dürerbund</em> und <em class="gesperrt">Heimatschutz</em>.</p>
-
-<p>Die Rede von Ferdinand Avenarius vor der freideutschen Jugend auf dem
-Hohen Meißner im Oktober 1913 besiegelte den Bund zwischen dem Heimatgefühl
-der Jungen und dem Heimatwollen der Alten. Diese große Bewegung konnte nicht
-ohne Einfluß auf Art und Stil aller Wanderer bleiben, zumal auch die dem Wandervogel
-verwandten Jugendbünde diesen von ihm übernahmen. Eine der erfreulichsten
-Erscheinungen unsres sonst bisher so wenig erfreulichen Jahrhunderts ist die Tatsache,
-daß sich alle diese Bewegungen: Touristik, Jugendbünde und Heimatschutz
-gegenseitig befruchten und ergänzen. Und eines der angenehmsten Produkte dieser
-Wechselbeziehungen ist der <em class="gesperrt">Wanderer unsrer Tage</em>. Das zeigt sich schon
-rein äußerlich. Er legt ebensowenig Wert auf die komfortable Korrektheit des
-Touristen wie auf die Formlosigkeit des Wandervogels. Er wandert barhäuptig
-und halsfrei, aber wenn die Sonne brennt oder wenn es stundenlang regnet, dann
-hindert ihn kein Prinzip, den Hut aus dem Rucksacke zu holen oder den Kragen
-zuzuknöpfen. Seine Unterkunftshäuser sind keine Hotels mit Speisekarte und
-Himmelbett, aber sie bestehen auch nicht nur aus einem Dach, einem Tisch und
-einem Heuhaufen. Dagegen legt er großen Wert darauf, daß sie sich in die Landschaft
-einfügen, in der sie stehen, und daß ihre Ausstattung so beschaffen ist, daß
-der eben geschilderte Wanderer hineinpaßt. Nichts dokumentiert besser die gekennzeichnete
-Entwicklung des Wanderers von 1900 bis 1920 als seine Unterkunftshütten.
-Welchen hervorragenden Anteil der <em class="gesperrt">Heimatschutz</em> gerade auf diesem
-Gebiete hat, brauche ich hier nicht darzulegen.</p>
-
-<p>Auch die Wahl der <em class="gesperrt">Wandergebiete</em> zeigt den neuen Menschen. Er zieht
-nicht nur in Heide und Moor, aber er schätzt ihre feineren Reize neben den großartigen<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span>
-der Alpen und des Schwarzwaldes, durchwandert Gebirge, die bisher die
-Touristik nicht gewürdigt hatte und findet in Vogelsberg und Rhön, Jura und
-Erzgebirge, Weserbergland und Eifel Schönheiten, von denen die Touristenweisheit
-sich nichts hatte träumen lassen. Er würdigt von Kulturstätten im Gegensatz zum
-Wandervogel nicht nur Burgruinen und mittelalterliche Nester; der Hafen von
-Emden und die Parks der Barockschlösser, der Leipziger Hauptbahnhof und die
-Münchner Galerien haben ihm nicht weniger zu sagen als die malerischen Gäßchen
-von Rothenburg und Kronach oder die zerfallenen Mauern von Hanstein und
-Hirsau. Wichtiger noch als der Gegenstand ist die Art seiner Betrachtung. Hier
-handelt es sich nicht nur um Mischung von Touristen- und Wandervogeleigenschaften,
-wenngleich ihm auch die mehr beobachtende Einstellung des einen ebenso vertraut
-ist, wie die mehr gefühlsmäßige des anderen. Hier setzt eine ganz neue Betrachtungs-
-und Erfassungsweise ein, die ich kurz bezeichnen möchte als das <em class="gesperrt">denkende
-Erleben</em> der Landschaft. Man muß schon bis auf Goethe zurückgehen, um einen
-Wanderer zu finden, wie er sich jetzt als Gattung auszubilden beginnt. Es ist
-unmöglich, an dieser Stelle alle die Wurzeln, die zu dieser Entwicklung führen,
-aufzudecken (Ratzels Deutschland; die amerikanischen Einflüsse in der geographischen
-Wissenschaft; die Wanderfreude der jungen Geographengeneration; die Erweiterung
-des erdkundlichen Unterrichts auf der Mittelschule; die zentrale Stellung der Heimatkunde
-im Gesamtunterricht der Grundschule usw.). Nur auf eine Institution muß
-ich hinweisen, die diese Entwicklung unter den alten Wanderern mächtig gefördert
-hat, die <em class="gesperrt">Volkshochschule</em> mit ihren verschiedenen Ausstrahlungen. Schließlich
-möchte ich noch versuchen, diesen neuesten Wanderertyp, den ich den <em class="gesperrt">denkenden</em>
-nennen will, mit wenigen Worten zu charakterisieren. Der Hauptzug seines Wesens
-ist, daß er Zusammenhänge sucht und findet, wo seine Vorgänger nur Einzeltatsachen
-sahen. Für ihn ist ein Dorf nicht eben ein Dorf, ein Berg ein Berg,
-ein Tal ein Tal, ein Wald ein Wald. Die Rundlinge der Elbaue und des Niederlands
-haben für ihn ein anderes Gesicht als die Waldhufendörfer des mittleren Erzgebirges
-und die Streusiedelungen auf dem Kamme, denn er kennt ihre Geschichte
-und den Zusammenhang mit der Landschaft, in der sie liegen. Wenn er in den
-Tharandter Wald geht, genießt er <em class="gesperrt">vier</em> Wälder, wo der Normaltourist nur <em class="gesperrt">einen</em>
-sieht; denn einen ganz anderen Charakter hat der Buchenwald auf dem Basalt des
-Landberges als der Fichtenwald auf den weiten Porphyrdecken um Grillenburg,
-der Kiefernforst auf den Sandsteinhöhen des Markgrafensteins als der Mischwald
-an den Gneishängen des Weißeritztales. Jedes Tal, in dem junge und greisenhafte
-Formen wechseln, in dem auf die vom Sturzbach durcheilte Schlucht die weiche
-Mulde folgt, in der derselbe Bach in großen Windungen in selbstgeschaffener Aue
-müde dahinschleicht, läßt vor seinem Auge nicht nur die Geschichte des Tales,
-sondern diejenige der ganzen Landschaft aufsteigen, in die es eingebettet ist.</p>
-
-<p>Für ihn bekommen die <em class="gesperrt">Namen</em> der Berge, Straßen, Siedlungen, die unsre
-Vorfahren ihnen mit feinem Gefühl gaben, weil sie ihr Vaterland <em class="gesperrt">kannten</em> und
-nicht nur im Munde führten, neues Leben. Die groteske Welt des Elbsandsteins
-klingt ihm entgegen aus den mit Stein, Horn, Hörnel, Turm, Tor, Wand, Schlucht,
-Schlüchtel, Klamm und Gründel zusammengesetzten Namen. Nur eine bedeutende<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span>
-Erhebung in der Sächsischen Schweiz führt den Namen: Berg, und diese besteht
-nicht aus Sandstein, sondern aus Basalt: der Winterberg. Er trägt auch nicht
-wie alle andern den dürren Kiefernwald auf seinem Rücken, sondern Buchenwald.
-Ähnliche Gegensätze spiegeln sich in Namen wie: Sandschlucht – Steingrund, Verlorenes
-Wasser – Nasse Aue. Die Geologie des Vaterlandes wird lebendig, wenn
-sie uns entgegentritt in Namen wie: Grauberg (Gneis), Blauberg (Schiefer), Roter
-Berg, Rotes Vorwerk, Purpurberg (Porphyr, roter Quarz), Rotes Wasser (Zinnwäschen),
-Weißenstein, Weißenfels, Weißwasser (Kalk, Quarz, Granit), Eisenborn
-und Kupferberg. – Eschenhau, Eschdorf, Eichwald, Eichberg, Eichleite, Buchholz,
-Buchberg, Erlenschlucht, Lindhardt, Lindigt, Tanndorf, Tännigt, Kiefernhöhe, Fichtelberg
-und unzählige ähnliche Namen spiegeln den ursprünglichen Baumbestand wider,
-der leider bis auf die Flecke, wo der Untergrund es verbot, der nivellierenden Forstwirtschaft
-zum Opfer gefallen ist oder vom Kulturlande verdrängt wurde. Von
-den fränkischen und thüringischen Auswanderern, die in unsre Gebirge mit Axt
-und Pflug eindrangen, oder den Agenten (Locatores), die sie dahin führten und
-dann als Schulzen (Erbgerichte) betreuten, künden uns folgende Dorfnamen: Ullersdorf
-(Ullrich), Cunnersdorf (Konrad), Dittersdorf (Dietrich), Hartmannsdorf, Waltersdorf,
-Rathmannsdorf, Ottendorf, Leupoldishain, Nikolsdorf, Erkmannsdorf, Nenntmannsdorf,
-Hennersbach und Reinholdshain. Fürstennamen tragen einerseits die
-neben deren Schlössern gebildeten Ortschaften: Moritzburg, Augustusburg, Karlsruhe,
-Ludwigsburg, anderseits die Exulantensiedelungen, die unter ihrem Schutz
-entstanden: Georgenfeld (Gottgetreu), Johanngeorgenstadt, Carlshafen. Endlich noch
-ein paar Namen, die Leben und Wirtschaft unsrer Vorfahren widerspiegeln:
-Hammergut, Schäferei, Butterstraße, Salzstraße, Kirchweg, Mühlweg, Leichenweg,
-Rabenhügel und Galgenberg.</p>
-
-<p>Ich glaube, diese Namenübersicht, die selbstverständlich zu einem dicken, höchst
-interessanten Buch ausgebaut werden könnte, zeigt schon, wie weit und wie tief
-das Gebiet des »denkenden« Wanderers ist. Sie zeigt aber auch, daß man nicht
-von heute auf morgen in diese Wandererkategorie übergehen kann. Schule, Volkshochschule,
-Heimatschutzvorträge und eine reiche Literatur bieten aber dem Wollenden
-und Ausdauernden die Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Vielleicht ist ein andermal
-Gelegenheit, die sämtlichen Hilfswerke des denkenden Wanderers wohlgeordnet
-aufmarschieren zu lassen; an dieser Stelle will ich nur auf die Bücher hinweisen, die
-<em class="gesperrt">ausgearbeitete Touren</em> bieten. Es sind dies in erster Linie die Dresdner,
-Chemnitzer, Lausitzer<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> und Leipziger<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> Wanderbücher, herausgegeben von Erdkundelehrern
-der betreffenden Orte. Dem vorwiegend historisch eingestellten Wanderer<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-werden Schmidts Kursächsische Streifzüge, dem geologisch interessierten die Führer
-von Beck, Nessig (Dresdens Umgebung), Krenkel (Nordwestsachsen), Beger (Lausitz)
-und Credner (Granulitgebirge) reiche Anregung geben<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>.</p>
-
-<p>Der unselige Krieg hat uns siebzigtausend Quadratkilometer deutschen Landes
-geraubt. Wie viele von uns haben sie gekannt? Wer kennt von den uns verbleibenden
-vierhundertsiebzigtausend Quadratkilometern nur den hundertsten Teil so,
-wie es eines Volkes der Denker und Dichter, Goethes und Humboldts, würdig
-ist? – Schöne Anfänge auf diesem Gebiete lassen schöneren Fortgang erhoffen.
-Die Volkshochschulkurse, die sich dieser Aufgabe widmen, sind überlaufen, und die
-geographischen Wanderbücher, die ebenfalls denkende Wanderer erziehen wollen,
-»gehen« beinahe wie Courts-Mahlersche Romane. Erfreulicherweise zeigt sich dabei
-auch wieder die Wahrheit des Karl Brögerschen Kriegsliederrefrains: »daß Deutschlands
-ärmster Sohn auch sein getreuester war.« Möchten diese Pioniere auf dem
-behandelten Gebiete recht bald viele Kameraden aus <em class="gesperrt">allen</em> Schichten finden, die
-mit ihnen ein neues gemeinsames Glück sich erkämpfen in der <em class="gesperrt">schauenden</em>,
-<em class="gesperrt">fühlenden</em> und <em class="gesperrt">denkenden</em> Eroberung der Heimat.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Erschienen bei Wittig und Schobloch, Dresden-Wachwitz 1921/22.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Verlag von Bressendorf,
-Leipzig 1920.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Vergleiche auch die weniger geographisch als literarisch bedeutungsvollen
-Schilderungen in Johanna M. Lankaus <em class="gesperrt">Dresdner Spaziergängen</em> und Edgar Hahnewalds
-<em class="gesperrt">Grünen Film</em>. Weitere Wanderaufsätze von letzterem (Oschatz, Leisnig, Mühlberg,
-Strehla, Pulsnitz, die Röder, der Valtenberg, der Triebenberg, Stolpen, Bischofswerda, der
-Schraden usw.) erschienen in der Dresdner Volkszeitung. – An gleicher Stelle finden sich des
-Verfassers erdkundliche Wanderungen: 2. November 1921: Moritzburg, 23. November: Gottleuba-Nollendorf,
-4. März 1922: die Heide, 1. April: Auf den Spuren der Eiszeit, 15. April: Durchs
-Meißner Land, 26. April, 13. Mai: Auf der Wetterwarte, 24. Juni: Auf der Zille.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Das_Abkochverbot">Das Abkochverbot.</h2>
-</div>
-
-<p>Das vom Finanzministerium im Sommer 1921 erlassene Verbot des Mitführens von
-Geräten zum Abkochen in den fiskalischen Waldungen außerhalb der öffentlichen Wege hat manche
-Verstimmung in der Bevölkerung erregt und ist mehrfach als unbegründete Beschränkung der
-persönlichen Freiheit bezeichnet und deshalb auch in der Sitzung des Vorstandes Abteilung
-Naturschutz des Sächsischen Heimatschutzes zur Erörterung gestellt worden.</p>
-
-<p>Über die Gründe, die zu dieser Maßnahme geführt haben, gab Oberforstmeister Feucht
-als Vorstand des Forstbezirks Schandau, der in erster Linie von zahlreichen und umfänglichen
-Brandschäden im Jahre 1921 betroffen worden war, folgende Aufklärung:</p>
-
-<p>Bei dem anhaltend schönen, trocknen und heißen Wetter, das im Frühjahr 1921, Sommer
-und Herbst mit ganz kurzen Unterbrechungen geherrscht hatte, ergossen sich in die Sächsische
-Schweiz Ströme von Wanderern, von wilden und zahmen Wandervögeln, Pfadfindern und Bergsteigern,
-die zum großen Teile Geräte zum Abkochen mit sich führten.</p>
-
-<p>Durch das Abkochen und vielfach grobe Fahrlässigkeit beim Rauchen sind in den
-Waldungen der Sächsischen Schweiz mit ihren dürren Sandböden und flachgründigen Felsbestockungen
-zahllose Brände von zum Teil erheblichem Umfange verursacht worden, deren
-Verhütung die Forstbeamten fast machtlos gegenüberstanden, da alle Warnungen und Verbote
-nichts fruchteten.</p>
-
-<p>Das Abkochen ist, wie man hier vielfach beobachten konnte, in eine bloße Spielerei und
-einen groben Unfug ausgeartet, denn wenn jemand einen eintägigen Ausflug von Dresden in
-die Sächsische Schweiz macht, liegt wirklich keine Notwendigkeit vor, deshalb sich mit großen
-Kesseln zum Abkochen abzuschleppen, um so weniger, als gerade in der Sächsischen Schweiz an
-allen Ecken und Enden Wirtshäuser und sonstige Erfrischungsgelegenheiten in reichlichem Maße
-vorhanden sind.</p>
-
-<p>Das kurze Vergnügen des Abkochens, das namentlich für jugendliche Gemüter mit einem
-gewissen romantischen Schimmer umgeben ist, kommt schließlich dem Lande und der Allgemeinheit
-der Steuerzahler sehr teuer zu stehen. Beträgt doch die Summe der Waldbrandschäden und
-Löschungskosten allein in den Staatsforsten im Jahre 1921 über dreiviertel Million Mark.</p>
-
-<p>Besonders gefährlich ist dieses Abkochen neuerdings noch dadurch geworden, daß leider
-jetzt vielfach auch die Kletterer begonnen haben, auf für gewöhnliche Sterbliche unzugänglichen
-Felsen und Hörnern abzukochen, wo für die Forstbeamten das Löschen bei der schwierigen Zugänglichkeit<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-der Brandherde und bei der Unmöglichkeit, das Bodenfeuer auf solchen Felsen durch
-Überwerfen mit Erde und Sand zu löschen, eine ebenso undankbare wie lebensgefährliche Arbeit
-ist, weil genügend Erde auf diesen nur mit einer Rohhumusschicht bedeckten Felsen fehlt. Wenn
-sich bei solchen Löschungsarbeiten plötzlich der Wind dreht, wie dies bei Waldbränden häufig
-der Fall ist, so können die Arbeiter kaum schnell genug ausweichen und geraten selbst in Lebensgefahr.
-Wurden doch mehrfach an solchen Brandstellen die Kochgeräte aufgefunden, welche die
-Wanderer, die vielfach keine Ahnung von der Gefahr und dem raschen Umsichgreifen eines
-Waldbrandes, namentlich bei heftigem Winde, haben, bei ihrer raschen Flucht vor dem Feuer im
-Stiche lassen mußten.</p>
-
-<p>Solche Brände auf kaum zugänglichen Felskegeln und Hörnern dauern oft wochenlang
-und verursachen durch die ständige Bewachung der bedrohten Bestände unterhalb dieser Felsen
-gewaltige Kosten, da Tag und Nacht Arbeiter zur Stelle sein müssen, um die immer wieder
-herabstürzenden glimmenden Humusmengen und die schließlich an den Wurzeln durchgebrannten
-abstürzenden alten Kiefern der Felsbestockung zu löschen, um neue Brände in den Beständen am
-Fuße der Felsen zu verhüten.</p>
-
-<p>So währte z. B. der am Sonntag, den 26. Juni, ausgebrochene, mehrfach in den Tageszeitungen
-geschilderte Brand auf dem kleinen Lorenzstein wochenlang. Immer wieder flammte
-das Feuer, das nach dem leider zu kurzen Regen am 3. Juli bereits erloschen schien, bei stürmischem
-Winde wieder auf und eine der uralten Kiefern nach der anderen stürzte, nachdem sie an den
-Wurzeln durchgebrannt war, brennend ab, wie namentlich in der Nacht weithin beobachtet
-werden konnte. Auch zwei weitere Gewitterregen am 20. und 26. Juli löschten den glimmenden
-Humus nicht völlig, denn an den heißen schwülen Tagen des 30. und 31. Juli brach das Feuer
-infolge stürmischen Windes nochmals aus und erlosch erst, nachdem aller Humus an den ergriffenen
-Stellen verbrannt war.</p>
-
-<p>Schweren Schaden hat auch der gewaltige Brand an dem Hangstein, Lamm und Lokomotive
-verursacht, woselbst am Sonntag, den 24. Juni, bei stürmischem Südostwind gegen 6 Hektar mit der
-ganzen schönen Felsbestockung dieser weit und breit bekannten malerischen Felsgruppe am
-Amselgrund vernichtet worden ist. Die Löschungskosten haben allein gegen vierzehntausend Mark
-betragen, der Schaden gegen vierzigtausend Mark.</p>
-
-<p>Der ebenfalls an einem Sonntag, den 31. Juli, ausgebrochene Brand der Felsbestockung
-im Schrammsteingebiete brannte bis zum 11. August und erforderte eine ununterbrochene Bekämpfung
-und Bewachung der Bestände am Fuße der Wände, wofür ein Kostenaufwand von dreitausenddreihundertneunundsechzig
-Mark entstanden ist. Kleinere Brände auf unzugänglichen Felsen
-brachen noch mehrfach aus, z. B. auf dem Goldstein, den Thorwalder Wänden und noch am
-2. Oktober, ebenfalls einen Sonntag, auf einem Felsenhorn zwischen Rauschen- und Falkeniergrund.
-Dieser Brand schwelte ebenfalls über eine Woche und verursachte gleichfalls umfängliche
-Löschungs- und Bewachungskosten von über dreitausend Mark.</p>
-
-<p>In der Sächsischen Schweiz ist aber fast noch mehr als der materielle Verlust durch solche
-Brände vom Standpunkte des Heimatschutzes aus die unersetzliche Vernichtung der malerischen
-Felsbestockung der alten Kiefern mit ihren abenteuerlichen Formen zu beklagen, die vielfach
-jahrhundertelang den Stürmen und der Dürre in fast unbegreiflicher Weise getrotzt haben und
-nunmehr vielleicht niemals wieder auf diesen Höhen wachsen werden.</p>
-
-<p>Ein künstlicher Anbau ist auf solchen Standorten ganz ausgeschlossen, nur die Natur selbst
-kann durch das eine oder andere Samenkorn, das von vielen Tausenden der Wind auf eine geeignete
-Stelle weht, allmählich wieder einen spärlichen Nachwuchs erzeugen. Aber auch diese
-Hoffnung ist nur schwach begründet, denn durch das von unverständigen Menschen an diese sonst
-unzugänglichen Orte gebrachte Feuer ist auch die gesamte Humusschicht, die im Laufe von Jahrhunderten
-sich auf diesen Höhen langsam angesammelt hatte und die einer kümmerlichen, aber
-zähen und ausdauernden Baumvegetation die spärlichen Nährstoffe lieferte, mit verbrannt. Die
-Aschenreste werden vom Regen abgespült oder vom Winde verweht und schließlich bleiben nur die
-nackten Felsen übrig, auf denen vielleicht nie wieder ein Samenkorn wird Fuß fassen können.</p>
-
-<p>Die Versammlung hielt nach diesen Ausführungen weitere Schritte von seiten des Heimatschutzes
-nicht für angezeigt.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Antons">»Antons«</h2>
-
-<p class="center">Von Denkmalpfleger <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Bachmann</em><br />
-(Aufnahmen von <em class="gesperrt">J. Ostermaier</em>, Blasewitz)</p>
-</div>
-
-<p>Jedem Dresdner ist das kleine Landhaus wohl bekannt, das schräg gegenüber,
-flußabwärts der Waldschlößchenbrauerei auf dem Johannstädter Ufer gelegen ist.
-Fast das ganze Jahr hindurch lag bisher das Anwesen mit seinen schönen Baumgruppen
-trotz nächster Nähe der Großstadt in idyllischer Ruhe da, die nur von
-Spaziergängern oder Sporttreibenden belebt wurde. Einmal aber, im Sommer,
-zur Zeit der großen Vogelwiese, bildet »Antons«, wie die Dresdner es nennen,
-eine Insel in den hochgehenden Wogen der Volksfeststimmung.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-043">
- <img class="w100" src="images/illu-043.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Antons im Jahre 1754</b><br />
-(aus Dresdner Geschichtsblätter 1918)</div>
-</div>
-
-<p>Antons ist nicht immer, wie bis zum Jahre 1921, Sommersitz einer Dresdner
-Familie gewesen. Carl Hollstein gibt uns darüber in Nr. 4 der Dresdner Geschichtsblätter
-von 1918 genauen Aufschluß. Danach wurde das Schlößchen mit dem
-Garten, ersteres aber noch ohne den Dachreiter und die Veranda (siehe <a href="#illu-043">Abb. 1</a>),
-von dem Oberfloßinspektor der Elster- und Erzgebirgischen Flößerei, Christian Gottlob
-Anton, unter Kurfürst Friedrich August II. im Jahre 1754 angelegt und mit
-Gerechtigkeiten versehen: »sowohl der Gastier und Ausspannung, als auch des Branntweinbrennens,
-diesen und einheimische und fremde Biere und Weine einzulegen, zu
-verzapfen und verschänken usw.« Auch eine Kegelbahn wurde in einem der langen
-Wirtschaftsflügel untergebracht.</p>
-
-<p>Antons war demnach auch Ausflugsort für die Dresdner und Kneipe zugleich
-und ist solches bis weit in das neunzehnte Jahrhundert geblieben. So wird es<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
-also auch der exzentrische E. Th. A. Hoffmann gekannt haben, als er einige Jahre
-in Dresden verlebte, und so finden wir ja auch Antons in seinen Novellen genannt.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-044">
- <img class="w100" src="images/illu-044.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>»Antons«.</b> Schauseite an der Elbe</div>
-</div>
-
-<p>Auch Kriegsstürme sind oft darüber hinweggebraust, merkwürdigerweise
-ohne besondere Spuren hinterlassen zu haben. Truppen Friedrichs des Großen
-lagen hier während des Angriffs und der Beschießung auf Dresden und besonders
-heftig tobten im August 1813 um Antons, das benachbarte »Stückgießers« und
-das »Lämmchen« die Kämpfe zwischen Napoleons Garden und den angreifenden
-Russen, wie das der Freund Dresdner Geschichte in A. Brabants Buch »In und
-um Dresden 1813« nachlesen mag.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-045a">
- <img class="w100" src="images/illu-045a.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>»Antons«.</b> Blick auf die Gartenrückseite des Hauptgebäudes mit dem Rondell</div>
-</div>
-
-<p>Antons hat verschiedentlich den Besitzer gewechselt. Nach dem Erbauer war
-lange Jahre das Anwesen Eigentum des Geh. Kriegsrates von Broizem, der eine<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
-Baumallee von dem Fürstenwege (heute Blumenstraße) bis zum rückwärtigen
-Eingang anlegte, die aber vermutlich schon 1813 fortifikatorischen Maßnahmen
-zum Opfer fiel. Bis 1832 gehörte dann Antons einem Herrn von Limburger, der
-es an die bekannte alte Dresdner Bankiersfamilie von Kaskel verkaufte, in deren
-Händen es bis zur Übernahme durch die Stadt, 1921, verblieb.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-045b">
- <img class="w100" src="images/illu-045b.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>»Antons«.</b> Die Kegelbahn mit dem Hauptgebäude im Hintergrund</div>
-</div>
-
-<p>Wie die Zeichnung (<a href="#illu-044">Abb. 2</a>) erkennen läßt, ist das Schlößchen selbst ein
-durchaus anspruchsloser, aber feingegliederter Bau, typisch für den Landhausstil
-seiner Entstehungszeit (1754). Was dem Ganzen aber die charakteristische Note
-gibt, ist die gutempfundene Eingliederung ins Landschaftsbild, geschaffen aus jenem
-untrüglich sicheren Geschmacks- und Stilempfinden heraus, das die Bauherren und
-Baumeister jener Tage auszeichnete und das wiederzugewinnen ja das Bemühen
-und die Sehnsucht unserer Tage ist.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-046">
- <img class="w100" src="images/illu-046.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5 <b>»Antons«.</b> Die Aussichtsterrasse im Gartenwinkel</div>
-</div>
-
-<p>Im staatlichen Inventarisationswerk (Bd. Dresden 3, Seite 738) gibt Cornelius
-Gurlitt uns eine kurze Baubeschreibung, desgleichen Mackowsky in »Erhaltenswerte
-bürgerliche Baudenkmäler in Dresden«. Die in den Abmessungen durchweg
-bescheidenen Räume gliedern sich zu seiten einer Mitteltreppe. Im Erdgeschoß ist
-unter anderem ein Salon untergebracht, der sich mit einer breiten gedeckten Holzveranda
-nach dem Garteninnern öffnet, gleichzeitig aber auch durch das hier in der
-Gartenmauer angebrachte Lattengitter den Blick auf die Elbe gestattet. Im Obergeschoß
-ist nach der Loschwitzer Seite ein zweiter Salon gelegen, mit zierlicher<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span>
-Blumentapete und Rokokostuckdecke in einfachen Mustern. Auch die fein
-profilierten Türen tragen bescheidenes Rokokoschnitzdekor. Freilich die schönen
-Stilmöbel und die Kristallüster sind mit dem Auszuge der letzten Bewohnerin verschwunden
-und das ehemals so feinsinnig zusammengestimmte Milieu von Antons
-ist damit leider für immer dahin. Das Aussichtstürmchen mit der Uhr, das
-»Belvedere«, und der von einfach profilierten Pfeilern getragene Balkonvorbau
-über dem Haupteingang an der Elbseite sind, wie schon erwähnt, spätere Zutat
-des neunzehnten Jahrhunderts, gliedern sich aber dem Gesamtbild in trefflicher
-Weise ein, wie ein Vergleich der Abbildungen <a href="#illu-043">1</a> und <a href="#illu-044">2</a> eindrucksvoll lehrt.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-047">
- <img class="w100" src="images/illu-047.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 6 <b>»Antons«.</b> Durchblick im Park mit der alten Platane.</div>
-</div>
-
-<p>Antons schönster Schmuck jedoch ist der dicht an das Haus anschließende
-Garten, den man trotz seiner verhältnismäßig kleinen Abmessungen von etwa 150
-zu 100 Meter Länge und Tiefe gern als Park bezeichnen möchte.</p>
-
-<p>Riesige Kastanien und Linden umrahmen ein dicht am Hauptgebäude gelegenes
-Rasenrondell (siehe <a href="#illu-045a">Abb. 3</a>) und verdecken es nach dieser Seite fast gänzlich. Flußabwärts
-birgt sich die malerische alte Kegelbahn, von Efeu umsponnen, dicht
-unter alten Baumriesen, kaum daß die Sommersonne Platz hat, ein paar goldene
-Lichter auf Holzwerk und Weg zu legen (<a href="#illu-045b">Abb. 4</a>). Verschlungene Wege, nach englischem
-Geschmack angelegt und von Efeuhecken umrahmt, führen zu immer neuen,
-malerisch schönen Durchblicken. In der südlichen Gartenecke, im Mauerwinkel
-liegend, wird ein niedriger Aussichtsaltan sichtbar (siehe <a href="#illu-046">Abb. 5</a>), von herrlichen
-Kastanien und Linden beschattet, und unweit davon strebt aus dunklen Efeubeeten
-eine mächtige Platane hell heraus (siehe <a href="#illu-047">Abb. 6</a>). So klein die Anlage ist, so
-wirkungsvoll erscheint sie hier durch gärtnerische Kunst gestaltet.</p>
-
-<p>Lange hat so Antons mit einer Parkanlage im tiefen Frieden geruht, ein
-Denkmal feinsinniger Kultur aus vergangenen Tagen. Heute nun herrscht lebhaftes
-Bade- und Sportsleben in und um das alte Landhaus herum und der stimmungsvolle
-Reiz des Ganzen ist damit wohl für immer dahin. Der Freund der Heimat
-und sächsischer Kultur muß sich aber fragen, ob zu dieser gewaltsamen Änderung
-wirklich ein zwingendes Bedürfnis vorlag, ob es wirklich nötig war, ein Stück
-bester Dresdner Tradition zu zerstören, um ein Luftbad mehr entstehen zu lassen
-in einer Zeit, in der die den Elbufern benachbarte Bevölkerung sich mehr und
-mehr gewöhnt, in der freien Elbe und an ihren Ufern ein möglichst uneingeschränktes
-Freibadeleben zu genießen. Uns will es scheinen, als hätten die für die »Modernisierung«
-von Antons von der Stadt ausgegebenen Millionen an anderem Platze
-besser und zweckdienlicher Verwendung finden können, denn auch die Erhaltung
-der Denkmäler alter Kultur ist eine Ehrenpflicht des freien Volkes, und der
-Ertüchtigung unserer Jugend dient in erster Linie auch der, der es unternimmt,
-sie vom Werte der Tradition und von den Grundlagen unserer heutigen Kultur
-zu überzeugen.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Pflege_der_Schoenheit">Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat
-als soziale Aufgabe gerade für unsre arme Zeit</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Fritz Koch</em>, Weimar</p>
-</div>
-
-<p>Wenn man für eine Notwendigkeit eintritt, die Schönheit und Eigenart unsrer Heimat
-zu pflegen, so hört man nicht selten die Meinung, unsre Zeit sei zu hart und zu arm, als daß
-sie sich mit solchen idealen Dingen beschäftigen dürfte. Und doch hat unsre arme Zeit dazu erst
-recht die Verpflichtung.</p>
-
-<p>Wer sich darüber klar werden will, muß freilich etwas weiter ausholen. Denn mit einer
-nur äußerlichen Betrachtung kann man den Zielen und den Notwendigkeiten des Heimatschutzes
-nicht beikommen. (Mit diesem Wort, das auch den Schutz der Bau- und Naturdenkmäler einschließen
-will, faßt man bekanntlich die Bestrebungen zur Pflege unsrer schönen Heimat zusammen.)
-Es handelt sich beileibe nicht um eine Liebhaberei. Der Heimatschutz ist vielmehr ein Teil einer
-großen Kulturbewegung. Der materiell so günstige Aufschwung unsres Vaterlandes seit dem
-Kriege von 1870 war unstreitig in mancher Beziehung nicht gleichbedeutend mit Kultur. Man
-vergaß vielfach, daß materielles Wohlergehen nicht Selbstzweck sein kann, sondern nur ein Mittel
-zu einer höheren Entwicklung, die möglichst weiten Volksschichten Vervollkommnung und Glück
-ermöglicht. Diese Überschätzung des Materialismus und Kapitalismus ließ unter anderm auch
-die Rücksichten außer acht, die man auf die Erhaltung der Schönheit und Eigenart des Bildes
-der Heimat nehmen muß; denn die Heimat mit allen ihren Schönheiten ist schließlich doch
-Gemeingut aller, ist etwas mehr als nur ein Objekt der Ausbeutung, als eine Möglichkeit, Geld
-zu verdienen. Die ärgsten Verunstaltungen unsrer früher überall so schönen Orts- und Landschaftsbilder
-waren die Folge. Andre wurden obendrein angerichtet bloß durch den Mangel an
-Verständnis und an Fähigkeit, ein Haus, eine Wegeanlage usw. vernünftig zu gestalten.
-Soweit man z. B. etwas Besonderes »für die Kunst« tun zu müssen glaubte, wie beim
-Hausbau oder bei der Errichtung von Denkmälern, machte sich ein übler Parvenügeschmack,
-ein hohles Protzentum breit.</p>
-
-<p>Gegen diese Schädigungen der Heimat wandte sich die Heimatschutzbewegung, als ein Teil
-jener Gegenströmung gegen den Materialismus, die etwa seit der Wende des Jahrhunderts
-eine Erneuerung unsrer gesamten Kultur erstrebt. Der Heimatschutz begann den Kampf zum
-Schutze von idealen Gütern, die seines Erachtens das Leben in der Heimat erst lebenswert machen.
-Von Anfang an hat er jedoch dabei betont, daß er durchaus nicht überspannt und weltfremd
-vorgehen wolle, und hat darauf hingewiesen, daß, von einer höheren Warte aus betrachtet, seine
-Forderungen, die auf allgemeine kulturelle und speziell vielfach auf schönheitliche Gründe gestützt
-werden, schließlich doch auch das für die volkswirtschaftliche Entwicklung auf die Dauer allein
-Segensreiche und Notwendige sind. »Es ist das, was wir anstreben, keineswegs rückschrittlich,
-reaktionär oder romantisch, wie man es vielleicht schelten wird; wir denken nicht daran, dem
-Rade der Entwicklung, auch der wirtschaftlichen, in die Speichen zu fallen, um es aufzuhalten
-oder gar zurückzudrehen, was wir doch nicht vermöchten, – aber wir können und wollen es
-lenken, daß es nicht unnötig die Schönheiten unsrer Heimat zermalmt und uns nicht hinabführt
-in den Abgrund, sondern hinauf auf die Höhen wahrer Kultur. Daß diese Höhen, die früher
-nur von einer privilegierten Minderheit beschritten werden konnten, jetzt allen zugänglich gemacht
-werden, – das ist der einzige wahre Sinn des modernen technischen Fortschritts!« (Fuchs,
-Professor der Nationalökonomie an der Universität Tübingen, in »Heimatschutz und Volkswirtschaft«,
-1905.) Der Heimatschutz will, indem er für den Schutz der Heimat wirkt, weitesten
-Kreisen den Blick öffnen für die Schönheit und Eigenart unsrer Heimat. Er will mit seiner
-Arbeit allen Menschen Möglichkeiten des Glücks und von Freuden erhalten, die doch gewiß zu
-den besten gehören.</p>
-
-<p>Das ist die hohe soziale Aufgabe, die er übernommen hat, und das macht auch seine
-besondere Bedeutung für unsre arme Gegenwart aus! Gewiß, erst muß der Mensch – in dieser
-schweren Zeit doppelt – bemüht sein, sein Brot zu verdienen und überhaupt zu leben. Aber so
-heißt es auf jede Kultur verzichten, wenn man sagt, er könne in dieser Zeit überhaupt für nichts<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
-andres mehr Sinn haben. Das ist aus äußeren Gründen falsch. Solange es zu Alkohol und
-Tabak reicht, muß es auch noch zu höheren, kulturellen Bedürfnissen reichen. Es ist aber auch
-aus inneren Gründen unrichtig. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, und der Reichtum ist
-eine Sache, die nicht nur auf äußere Dinge gegründet ist, sondern die ebenso in uns selbst liegt.
-Das bekannte Beispiel: Ein Reicher, der sich das teuerste Klavier gekauft hat, kann allein deshalb
-noch nicht darauf spielen. Aber auch ein Armer kann mit den vielen geistigen Genüssen und Werten,
-die ihm trotz seiner Armut zu Gebote stehen, nichts anfangen, solange er es nicht gelernt hat.
-Hier liegt das Geheimnis. Noch heute gilt das Dichterwort: In deiner Brust sind deines Schicksals
-Sterne. Je ärmer wir werden, je schlechter es uns geht, um so mehr müssen wir lernen,
-unser Leben mit idealen Werten auszustatten. Vor allem mit den Werten, die uns nichts kosten,
-die jedem, auch dem Ärmsten im Volke, zu Gebote stehen, wenn er nur seine Augen für die
-Schönheit dieser Welt offen hält. Man behaupte nun etwa nicht, der »Mann aus dem Volke«
-habe dafür doch keinen Sinn! Das ist einfach nicht wahr! Dutzende von Beispielen könnten
-zum Beweise beigebracht werden. Und für den, der uns trotzdem nicht glaubt, ergibt sich doch
-schließlich nur die Forderung an den Staat, besser als bisher für die Erziehung der »breiten
-Massen« zu sorgen, damit sie auch an den Genüssen der »sozial Höherstehenden« teilnehmen
-können. Zweifellos wird die Volksbildung gar nicht genug tun können, die Kenntnis der
-Heimat und die Freude an ihr zu vertiefen. Die Volkshochschule hat hier eines ihrer besten
-Tätigkeitsfelder. Vor allem aber wird es natürlich Sache der Schule sein, dieses Ziel weit mehr
-als früher in den Vordergrund zu stellen. Es ist bekannt, daß sie sich dieser Aufgabe bewußt
-ist. Sie kann dabei des Dankes und der Mitarbeit weitester Kreise sicher sein.</p>
-
-<p>»Die Schönheit unsres Vaterlandes ist ein nationaler Reichtum.« Diesen Satz tragen die
-Veröffentlichungen des Heimatschutzvereins von Frankreich (das schon im Frieden Millionen für
-diese Bestrebungen aufwandte). Wir fügen hinzu: Sie ist ein Reichtum, den uns kein Feind
-rauben kann, nur wir selbst. Vor dem Kriege wollte man oft mit einem gewissen Schein des
-Rechtes geltend machen, es wäre nicht so schlimm, wenn auch viele Gegenden verunstaltet würden.
-Bei den billigen Verkehrsmöglichkeiten habe auch jeder Arbeiter, der in einer dumpfen freudlosen
-Vorstadt lebe, die Möglichkeit, am Sonntag in eine schöne Gegend zu fahren und sich dort zu
-erholen. Das ist bekanntlich jetzt anders. Jetzt müssen wir darauf dringen, daß jeder Wohnort
-und jede Landschaft nicht etwa nur gerade noch menschenwürdig, sondern so schön bleibt, daß
-man sich dort wohl fühlen kann.</p>
-
-<p>Damit ist schon übergeleitet zu der Tatsache, daß der Heimatschutz sich nicht nur auf ideale
-Forderungen gründet, sondern sich auch mit vielen schwerwiegenden materiellen Interessen
-deckt; hier mit der Pflege der Volksgesundheit. So ist er z. B. längst, bevor diese Forderungen
-durch die neue Wendung der Politik vertreten wurden, für Bodenreform eingetreten, für innere
-Kolonisation, vor allem dafür, daß jedermann auch sein Gärtchen und sein Stück Land bekäme,
-weiter für Verstaatlichung der Naturkräfte usw. Und wenn der Heimatschutz sich gegen die
-Begradigung aller Wasserläufe wendet (deren Übertreibung Hochwasserschäden, Austrocknung des
-Landes, Verminderung des Fischreichtums mit sich gebracht hat) und gegen die Verunreinigung
-der Gewässer, und wenn er sich für den Schutz der nützlichen Vögel einsetzt, wenn er – um
-einige weitere Beispiele zu nennen –, vor den schematischen Bebauungsplänen mit viel zu breiten
-kostspieligen Straßen ebenso wie vor der Errichtung vieler überflüssiger Denkmäler gewarnt hat,
-so vertritt er damit auch schwerwiegende Interessen rein volkswirtschaftlicher Art.</p>
-
-<p>Ganz besonders gilt dies für die Ziele des Heimatschutzes auf dem Gebiete des Bauwesens.
-Allenthalben ist von der Verbilligung des Bauens die Rede, und doch müssen die amtlichen
-Stellen fast in jedem Falle die Erfahrung machen, daß die Bauherren die Grundbedingung dazu
-außer acht lassen. Sie wollen nicht einsehen, daß man bei den jetzigen Verhältnissen (wenn man
-nicht zu den Reichen gehört) seinen Bau nur dann durchsetzen kann, wenn im Äußern wie im
-Innern so einfach und so sparsam wie möglich und auch wesentlich kleiner gebaut wird als
-früher. Fast alle Bauherren lassen sich Bauzeichnungen machen, wie man sie vor dem Kriege
-gewohnt war, möglichst im sogenannten »Villenstil«, sehr reichlich groß, mit Vor- und Anbauten,
-Verzierungen und sonstigem Aufwand. Und doch waren alle Einsichtigen schon vor dem Kriege
-längst darüber einig, daß nur ein irregeleiteter Geschmack und die Sucht nach dem Mehr-Scheinen-Wollen<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
-solche Bauten sich wünschen, und daß die schlichten Wohnhäuser viel schöner
-sind. Was aber in der Zeit früheren Reichtums in erster Linie Geschmacksfrage war, das ist
-heute zwingende Notwendigkeit. Wir können uns solchen verfehlten Luxus einfach nicht mehr
-leisten. Wir müssen heute schlicht bauen, praktisch, solid und dauerhaft natürlich (denn das
-Unsolide ist auf die Dauer das Teuerste) und bei aller Einfachheit trotzdem oder richtiger gerade
-deshalb schön. »Die erste Bedingung für die Verbilligung eines Baues ist also eine gute, der
-Armut unserer Zeit entsprechende Bauzeichnung. Fehlt sie, dann nützt alle Sparsamkeit bei der
-Bauausführung nichts, es ist dann unmöglich, daß der Bau billig wird.« (Aus einer Bekanntmachung
-des Stadtrats Rennert in Meiningen, betreffend Baukostenzuschüsse.) So sind die
-Forderungen, die der Heimatschutz auf dem Gebiete der Architektur aus Gründen der Sachlichkeit
-und Wahrhaftigkeit seit Jahren erhoben hat, durch die wirtschaftlichen Zeitverhältnisse glänzend
-gerechtfertigt worden.</p>
-
-<p>Aber nicht nur am Bauwesen, sondern überhaupt ist heute die Notwendigkeit der
-Bestrebungen des Heimatschutzes in allen einsichtigen Kreisen des Publikums anerkannt und ebenso
-auch durch den Staat. Der Heimatschutz findet jetzt seine feste Stütze in der Reichsverfassung.
-Artikel 150 stellt fest: »Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und der Natur, sowie die Landschaft
-genießen den Schutz und die Pflege des Staates.« Damit ist ausdrücklich betont, daß
-der Staat seine Verpflichtungen gegen die Heimatschutzsache mit der Schaffung von Gesetzesvorschriften
-allein nicht erfüllt, sondern daß er auch sonst Maßnahmen zum Schutz und zur
-Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat treffen muß.</p>
-
-<p>Es sind Maßnahmen und Aufwendungen, die sich hundertfach lohnen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Das_Raubwild_im_Haushalte_der_Natur">Das Raubwild im Haushalte der Natur</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Hainz Alfred von Byern</em></p>
-</div>
-
-<p>»Wissen Sie,« sagte mir einmal ein Jagdherr, »das ist doch eigentlich sonderbar, auf
-meinem ganzen Revier gibt es kein einziges Stück Raubzeug, und trotzdem werden die Strecken
-von Jahr zu Jahr schlechter!«</p>
-
-<p>»Jawohl,« entgegnete ich, »eben <em class="gesperrt">weil</em> Sie alles Raubwild abschießen lassen!«</p>
-
-<p>Der gute Mann sah mich ungläubig lächelnd an, er meinte wohl, ich wolle einen Scherz
-machen. Aber dann klärte ich ihn auf:</p>
-
-<p>»Können Sie sich eine Großstadt, oder meinetwegen auch ein ganzes Reich, ohne Sanitätspolizei
-denken?«</p>
-
-<p>»N–ein, – nein, eigentlich nicht –«</p>
-
-<p>»So, na sehen Sie, und da wollen Sie klüger sein als die Natur, welche das Haarraubwild
-und die gefiederten Räuber einzig und allein aus dem Grunde erschaffen hat, um die Ausbreitung
-von Seuchen, die Fortpflanzung kranker und schwächlicher Stücke zu verhindern?!
-Denn jeder Fuchs, Marder und Iltis <em class="gesperrt">wittert</em> es, ob ein Stück Wild krank oder gesund ist,
-jeder Wanderfalke, Hühnerhabicht, Rauhfußbussard und Milan schlägt das <em class="gesperrt">schwächste</em>, zur
-Nachzucht ungeeignetste Stück, weil er es am leichtesten erbeuten kann!«</p>
-
-<p>Mein Bekannter war recht nachdenklich geworden, und als ich ihn nach drei Jahren
-wieder besuchte – ei siehe da! – die Strecken hatten sich um fünfzig Prozent gehoben und Raubwild
-gab es gerade so viel, daß die gesunden und kräftigen Stücke von der »freiwilligen Sanitätspolizei«
-verschont blieben! –</p>
-
-<p>Bitte, meine Herren, fragen Sie mal jeden alten, erfahrenen <em class="gesperrt">Praktiker</em>! Er wird Ihnen
-– ich wette tausend zu eins! – sagen: »Ein Revier, namentlich ein <em class="gesperrt">Niederwildrevier</em>
-ohne Raubwild <em class="gesperrt">muß</em> herunterkommen, ist einfach ein Unding!« <em class="gesperrt">Eine</em> Ausnahme gibt es: die
-Fasanerie! <em class="gesperrt">Da</em> freilich soll es heißen: Krieg <em class="gesperrt">allen</em> Räubern! Und mit allen <em class="gesperrt">weidgerechten</em>
-Mitteln: Pulver und Blei, Knüppelfallen und Kastenfallen, Krähenhütte und Hasenquäke, <em class="gesperrt">aber
-nicht mit dem aasjägerischen, hundsgemeinen Gift und diesen furchtbaren,
-tierquälerischen Marterwerkzeugen, den Eisen, in denen sich so ein armes<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
-Gottesgeschöpf eine lange, endlos lange Winternacht in stummen Schmerzen,
-in Todesangst quält und windet</em>!</p>
-
-<p>Zwei Arten Raubwild verdienen keine Schonung: wildernde Hunde und verwilderte Katzen.
-Die schieße ich ab wo und wann ich ihrer habhaft werde.</p>
-
-<p>Aber es gibt mir einen Stich, wenn ich lese, daß Herr X. das »Weidmannsheil« hatte,
-einen Adler zu erbeuten. Ja, meine Herren, muß denn <em class="gesperrt">alles</em> »verruiniert« werden?! Muß
-das <em class="gesperrt">wirklich</em> sein?! Ich meine, wir, unser heutiges Geschlecht, unsere »moderne« Zeit, sind
-so bettelarm an ethischen Werten, an Dingen, die sich nicht mit schmutzigen Markscheinen kaufen
-lassen! Soll uns denn die Freude an der Natur, die Liebe zum Mitgeschöpf <em class="gesperrt">auch</em> noch
-genommen werden?!</p>
-
-<p>Wie meinten Sie, Verehrtester? Ein Marderbalg kostet jetzt fünfzehnhundert Mark?
-Sehr richtig, und ein Hirsch ist ein brauner Lappen! Aber, lieber Herr Neureich, Sie haben
-doch Kinder – Enkel sogar? Na also, sehen Sie mal, sollen die vielleicht statt Füchse Ratten,
-statt Falken Sperlinge schießen?! Dann sind sie nicht Jäger, sondern »Kammerjäger«.</p>
-
-<p>»Jeder ist sich selbst der Nächste!«</p>
-
-<p>»Ach nein, Herr Neureich, jeder – Sie und ich, – sind ein Glied in einer Kette, ein
-einziges Rädchen der gigantischen Maschine, und wir haben die Pflicht – verstehen Sie mich
-recht: die <em class="gesperrt">Pflicht!</em> – das Erbe nicht zu verschleudern, sondern zu erhalten und zu mehren!</p>
-
-<p>Sehen Sie nur einmal einem Wanderfalkenpaar bei seinen Flugspielen zu, beobachten Sie
-eine Marderfamilie und – wenn Sie dann den rechten Finger nicht auch mal vom Abzug lassen
-können, tun Sie mir leid – Sie <em class="gesperrt">Schießer</em>!!«</p>
-
-<p>Nun werden meine liebwerten Leser wohl bald aufsässig werden und sagen: »Nächstens
-verlangt der Kerl noch eine gesetzliche Schonzeit für das Raubzeug!« Ganz recht, meine Herren,
-das tue ich auch, wenigstens für einige seltene Arten: Fischreiher, Adler, Edelfalken, Baummarder,
-Uhu usw. <em class="gesperrt">Warum soll denn bei uns etwas nicht gehen, das z. B. in
-Mecklenburg schon seit einiger Zeit Landesgesetz ist?!</em></p>
-
-<p>Freilich – wie viele unsrer jetzigen Jäger können wohl einen Rauhfußbussard von einem
-Mäusebussard, Wespenbussard oder Hühnerhabichtweibchen unterscheiden? (Daß es – hm –
-»Jagdkarteninhaber« gibt, die jeden Kuckuck als Sperbermännchen ansprechen, sei nebenbei
-erwähnt.)</p>
-
-<p>Und – ich kenne Leute, die jedes Stück Raubwild grundsätzlich auf die unglaublichsten
-Entfernungen beschießen mit der drastischen Entschuldigung: »Ach was, das ist ja »<em class="gesperrt">nur</em>«
-Raubzeug, hoffentlich kriegt es ein paar Schrote ab!«</p>
-
-<p>Diesen Schindern und Aasjägern soll ein dreifaches Donnerwetter in die Knochen
-fahren! Wie sagt Riesenthal?</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Bewahr’s vor Mensch <em class="gesperrt">und Tier zumal</em>,</div>
- <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Verkürze</em> ihm die Todesqual!</div>
- <div class="verse indent0">Sei außen rauh und innen mild,</div>
- <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Dann</em> bleibet blank dein Ehrenschild!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Laufen solche – solche – solche – (ich finde keinen Ausdruck aber – platzen soll’n se!
-Bajonett’ soll’n se schwitzen! Ä Ephei soll’n se wär’n un wuchern soll’n se um nix!) herum,
-haben sich als Jäger kostümiert und sind doch nichts als schlecht verkleidete Henkersknechte!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Diese</em> Sorte ist schuld, wenn das Weidwerk bei den breitesten Volksschichten in Mißkredit
-gekommen ist, wenn uns von der grünen Gilde (wie dies kürzlich eine der verbreitetsten Tageszeitungen
-tat) »Sadismus« vorgeworfen wird!</p>
-
-<p>Ihr Gesangbuchchristen und Pharisäer: <em class="gesperrt">ehrt den Schöpfer in seinem Geschöpf</em>!
-Wer sagt euch denn, daß ihr mehr seid, ihr lieblichen Ebenbilder Gottes, als die stumme, leidende,
-wehrlose Kreatur?! Größenwahnsinnig seid ihr! – Vor Gott, dem Lenker aller Weltensysteme,
-dem Gestalter und Erhalter dieser Ungeheuerlichkeit, die wir mit unsern dumpfen, stumpfen
-Sinnen nicht begreifen können, seid ihr Mikroben, seid ihr Stäubchen im Weltenall!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eines</em> allein bleibt: die Liebe, die sich für uns ans Kreuz schlagen ließ, die Liebe, die
-auch im hilflosen Geschöpf ein gleichberechtigtes Wesen sieht!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p>
-
-<p>Oder – <em class="gesperrt">wie wollt ihr Barmherzigkeit erlangen, wenn ihr selbst kein
-Erbarmen kennt</em>?!</p>
-
-<p>Und nicht nur ein Erbarmen aus Nützlichkeitsgründen, nein, <em class="gesperrt">auch dem verfehmten
-verfolgten Raubwild gegenüber</em>!</p>
-
-<p>Wohl bekomm’ euch meine Philippika, ihr Herren!</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Landheimbau">Landheimbau</h2>
-</div>
-
-<p>Unser altes Landheim, die Sorge am Habichtsberg bei Cranzahl, hatten wir verloren. Zu
-Pfingsten 1919 mußten wir sie verlassen, da das Haus zum Abbruch von der Gemeinde Cranzahl
-verkauft worden war. Aber die Amtshauptmannschaft Annaberg verbot den Abbruch, – und
-uns eröffnete sich die Aussicht, unser Heim, das uns in so vielen Jahren, seit 1913, lieb und traut
-geworden, wieder zu gewinnen, – als Ostern 1920 die Sorge abbrannte. »Durch Funkenflug
-der Lokomotive« stand’s in der Zeitung geschrieben. Aber wir wissen, daß das unmöglich ist.</p>
-
-<p>Wir suchten uns ein anderes Heim. In jetziger Zeit eine recht schwere Aufgabe. Dieses
-Jahr, noch war Winter, untersuchten zwei von unserer Ortsgruppe das Häusel im Schmalzgruber
-Hammerwerk auf seine Bewohnlichkeit. Es war bereits stark verfallen, Türen und Fenster fehlten,
-innen sah es schwarz und finster aus. Dem Verfall geweiht.</p>
-
-<p>»Das wird ein Heim für uns. Wir bauen es uns wohnlich aus!«</p>
-
-<p>Der Besitzer, Herr Fabrikbesitzer Paul Pilz in Niederschmiedeberg, zeigte sich uns außerordentlich
-entgegenkommend, und bald war der Vertrag abgeschlossen. Wir hatten ein Heim, das wir
-wieder unser nennen konnten. Und für den Jungen bedeutet es eine große stolze Freude, wenn er
-sagen kann, dies Haus ist unser. Er ist mit seinem Heimatboden näher nun verbunden.</p>
-
-<p>Aber eine gewaltige Arbeit stand uns nun bevor: das Häusel ausbauen. Kosten sollte,
-durfte und konnte es nicht viel. Arbeitslohn brauchten wir keinen, da wir selbst die Arbeiter
-stellten. Herr Pilz überließ uns viel Material für den Ausbau in der freundlichsten und freigebigsten
-Weise, so daß wir hier in ihm eine mächtige Stütze fanden. Sein Betriebsleiter, Herr
-Leichsenring, ging uns mit Rat und Tat zur Seite.</p>
-
-<p>So war es eine Lust zu schaffen. Und mancher, der vorüberging, hat sich gewundert, wie
-eine Handvoll Annaberger Jungens und Studenten »mitten im kalten Winter« schwer gearbeitet
-haben und dabei so lustig waren.</p>
-
-<p>Eins stand uns beim Ausbau von vornherein fest: das Häusel bleibt in seiner Eigenart
-voll gewahrt.</p>
-
-<p>An einem frühen Sonntagmorgen vor den Osterferien rückte eine Schar Jungen mit Handwagen,
-Hacken, Schaufeln, Eimern, Besen, Kellen, Hammer, Beilen und einem Handofen von
-Annaberg weg nach dem neuen Heim in Schmalzgrube.</p>
-
-<p>Kräftig ging der Angriff los. Das Wetter war prächtig, die Sonne lachte dazu, und bald
-stand das ganze Häusel im Nebel, so kehrten und fegten alle dienstbaren Geister darin herum und
-brachten den Dreck und Staub hinaus aus dem Haus. Nur die Hose auf dem Leib, so schranzte
-alles, daß es »nur so roochte«. Die zerfressenen Bretterdielen wurden auch gleich herausgenommen,
-es waren nur noch kleine Stücke, »Fragmente«. An diesem Tage war das Häusel sauber gekehrt,
-dahinter aber im Steinbruch hatte sich ein ganz beträchtlicher Schutt- und Kehrichthaufen gebildet.
-Schwarzgrau und verrußt sahen die aus, die aus dem Häusel herauskamen. Im nahen Bache
-wurde sich gründlich gewaschen, um am späten Nachmittage den Heimmarsch anzutreten. Nicht
-schlecht guckte unser lieber Leichsenring über die Arbeit, die in den paar Sonntagsstunden geschafft
-worden war. Ja, das war für die Buben ein ander Zugreifen und Schaffen, als auf der Schulbank
-zu sitzen.</p>
-
-<p>Die Osterferien kamen. Mit ihnen neuer unerwarteter Schnee und neue Kälte, dann wieder
-Tauwetter, kalter Wind und wieder Schnee. Das alles in recht bunter Abwechslung.</p>
-
-<p>Das hielt uns nun nicht ab, den Bau mit Wucht weiterzuführen. Ein Sachkundiger hatte
-uns einen Bauplan entworfen. Im übrigen half uns Vater Leichsenring, wo er nur konnte.<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span>
-Und Mutter Leichsenring hatte nichts weniger zu tun, als zweimal am Tage für durchschnittlich
-fünfzehn Mann – alles starke Esser und keine Kostverächter – warmes Essen zu kochen. Wir
-kochten diesmal nicht selbst, damit wir hiermit keine Zeit verloren. Unser Nachtquartier hatten
-wir in einem leerstehenden Zimmer des Nachbarhauses bezogen.</p>
-
-<p>Sofort begann die Arbeitsteilung. Die eine Hälfte der Mannschaft arbeitete im Heim, die
-andere ging »auf Transport«.</p>
-
-<p>Uns war die Arbeit nicht leicht gemacht durch das böse Wetter. Verdrießen aber konnte
-uns das nicht.</p>
-
-<p>In der unteren vorderen Stube arbeiteten immer drei bis vier Mann, hackten den schwarzen
-Boden, der steinfest gefroren war mühsam, oft nur splitterweise los. 25 Zentimeter tiefer wollten
-wir den Fußboden legen in einer Fläche von 27 Quadratmetern, weil wir ihn betonieren und
-darauf die Diele legen wollten. Acht Tage haben wir gebraucht, um den förmlich zu Stein
-gefrorenen Boden herauszuhacken. Die Hände wurden dabei steif und rissig. Die Hacke prellte
-ganz ekelhaft in den Händen. Dabei kam beim Tieferlegen des Bodens das Grundwasser hervor,
-so daß von Zeit zu Zeit ein Mann schöpfen mußte, was in der Kälte auch nicht gerade ein Vergnügen
-war. Außerdem pfiff der Wind durch die öden Fensterhöhlen.</p>
-
-<p>In der Hausflur und in der hinteren unteren Stube wurden Stützbalken eingezogen. Im
-Obergeschoß rissen wir die Dielen heraus, um den noch versteckt liegenden Unrat herauszuschaffen.
-Manch altes Schloß und anderes verrostetes Eisenwerk fanden wir, so daß wir bald eine »Raritätensammlung«
-anlegen wollten. Zwei wohlerhaltene Kinderkutschen waren auch vorhanden. Wir
-benutzten den Oberteil davon zum Sand holen. Der Sand wurde aus dem nahen Teiche von
-zwei Mann herausgeschaufelt, in die Kinderkutschen geworfen und dann auf einem Schlitten von
-zwei Mann über die abschüssige Wiese ans Haus herangefahren und dort ausgeschüttet, wo ihn
-ein Mann durchs Sieb warf. Das Obergeschoß blieb im übrigen unberührt, nur die gröbsten
-Löcher im Schindeldach wurden mit Holzbrettern ausgebessert.</p>
-
-<p>Die andere Abteilung, die ungefähr sieben Mann stark »auf Transport« rückte, hatte es
-nicht leichter. Da gab es Bretter, Balken, Schwarten, Lehm und anderes mehr heranzuschaffen.
-Früh um sechs Uhr wurde zu Herrn Pilz nach dem zweieinhalb Stunden entfernten Niederschmiedeberg
-mit einem Tafelwagen gefahren. Im oberen Preßnitztal lag Schnee, im unteren war er
-weggeschmolzen. Mit leeren Wagen abwärts zu Tale ließ sich gut fahren. Ganz anders aber
-wieder zurück: vierzig große schwere Bretter hatten wir aufgeladen. Wir mußten tüchtig schieben
-und zerren, um den Wagen durch den aufgeweichten Schmutz der Straße vorwärtszubringen. Toll
-aber wurde die Sache, als wir wieder in die Region des Schnees kamen. Da brach natürlich
-der schwer beladene Wagen erst recht ein. Wir griffen in die Speichen, um ihn vorwärtszubringen.
-Nur stückweise. Wir schwitzten. Die Zeit verging rasend schnell. Ich schickte einen Läufer nach
-dem eine Stunde entfernten Heim, daß die Leute aus dem Heim uns mit Schlitten entgegenkämen.
-Indessen versuchten wir mit unserer Last weiterzukommen. – Ein Geschirr auf der einsamen
-Straße! – Ob wir anhängen dürften? – Ja, wenn wir mitschöben! – Natürlich! – Mit drei
-Seilen banden wir fest. Gleich beim ersten Anzug des Pferdes rissen alle drei Seile mitten durch.
-Also das nächste Mal vorsichtiger anfahren! Es ging. Noch drei-viermal rissen uns die Seile.
-Der Kutscher hatte eine bewundernswerte Geduld mit uns. Aber wir kamen doch vorwärts. Bis
-das Gefährt nach Grumbach die neue Straße abbog. Nun wieder allein. Nach einer Stunde
-kommt die Ablösung mit zwei Schlitten. Umgeladen. Mit nur wenig Brettern auf dem Wagen
-fährt die alte Transportmannschaft ins Heim, während die Ablösung mit dem Schlitten nachkommt.
-Es ist bereits fünf Uhr nachmittag. Wir haben seit diesen Morgen noch nichts als eine Schnitte
-Brot gegessen. Wir sind im Heim, als ein Bote ankommt: der eine Schlitten sei zerbrochen. Also
-alles noch einmal raus! Teils auf dem anderen Schlitten, teils auf den Schultern bringen wir
-das letzte, immerhin noch große Stück die Bretter ins Heim. Wir waren froh, diese Tagesarbeit
-hinter uns zu haben.</p>
-
-<p>Nicht besser war es anderntags mit der Lehmfuhre. Die war noch ein bissel schwieriger.
-In dem Moor, in dem Walde bei Grumbach gruben wir den Lehm, den wir zum Ofensetzen und
-Ausbessern der Holzverkleidung im Obergeschoß verwenden wollten. Den Waldweg bis zur
-Grumbacher Straße mußten wir erst ausschaufeln, so gut es ging. Und trotzdem wären wir<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span>
-kaum noch durchgekommen, wenn uns nicht der Förster zu Hilfe kam, Eisenketten mitbrachte und
-sich selbst gleich mit ins Zeug legte. Sein Dackel lugte nicht schlecht. Unter lautem »Hühott«
-zerrten wir die schwere Lehmfuhre durch den schneeigen Waldweg auf die offene Landstraße. Dort
-konnten wir fahren bis durch Grumbach durch. Aber am Ausgang des Dorfes lag wieder eine
-gewaltige Schneewehe, die wir nicht überwinden konnten. Wir holten uns kurz entschlossen einen
-Ochsen vom Bauern, spannten ihn vor den Wagen. Und nun vorwärts. Der Bauer hieb auf
-den Ochsen ein und wir brüllten und schrien und schoben mit, bis die kleine Anhöhe und die
-Schneestelle unter beängstigendem Gestöhne des Wagens überwunden war. Seit jenem Tage sind
-wir mit dem Bauer gut Freund. – Dann konnten wir die Straße wieder allein fahren; Schnee
-lag da keiner mehr.</p>
-
-<p>So galt es noch manchen Transport zu vollbringen. Und die Transportabteilung wurde
-darum nicht beneidet.</p>
-
-<p>Die Arbeit ging rüstig vorwärts. Der Boden der Stube war fünfundzwanzig Zentimeter
-tief herausgeholt. In der Mitte hatten wir ein Wasserloch gegraben, quer durch den Fußboden
-eine Schleuse und die Fensterwand an einer Stelle durchstoßen, um Abfluß zu schaffen. Außen
-am Hause bauten wir einen unterirdischen Flußlauf.</p>
-
-<p>Nun das Betonieren. Der Wassergraben im Fußboden wurde mit Steinen ausgesetzt und
-überdeckt, dann legten wir eine Packlagerschicht von Ziegelbrocken, die wir aus dem Herrenhaus
-herüber gehandlangert hatten, wobei es manchen Riß in der Haut gab. In diese Schicht bauten
-wir sieben Querbalken und zwei Längsbalken ein für die Dielung, nahmen sie sorgfältig in die
-Wage, was gar nicht so einfach war, als wir es uns vorgestellt hatten. Aus dem Herrenhaus
-schleppten wir nun die Säcke Zement herüber, mischten den Zement mit Sand. Ein alter Schachtmeister
-half uns dabei redlich mit. Es war das sein Palmsonntagsvergnügen, wie er uns sagte.
-Solche Leute gibt es doch heute selten. Bis abends neun Uhr betonierten wir. Da galt es tüchtig
-und sachkundig Zement mischen, die Mischung in die Stube zu schleppen und Wasser zum Gießen
-herbeitragen. Eine Zementschicht von fünf Zentimeter Dicke entstand. Die Balken ragten noch
-drei Zentimeter heraus, damit das Dielenholz nicht auf den Beton zu liegen kommt, sondern Luftzug
-möglich ist. In der rechten Stubenecke gossen wir einen zehn Zentimeter hohen, zwei Meter
-dreißig Zentimeter langen und ein Meter zehn Zentimeter tiefen Sockel für den Ofen mit Herd.
-Mit einem gelernten Ofensetzer zusammen setzten wir den Ziegelofen auf. Einen eisernen Ofen
-setzten wir nicht hinein, da die Größe des Zimmers und die geschwungenen Fensterbögen einen
-mächtigen Ofen mit Herd forderten. Für den Herd bestellten wir eine Platte von ganz gewichtiger
-Größe, die uns zweitausendzweihundert Mark kostete, eine ganz erkleckliche Summe für unsern
-Geldbeutel. Aber dafür haben wir ein stilgerechtes Zimmer, in dem wir, wenn es nun ganz
-fertig ist, uns wohlfühlen können.</p>
-
-<p>Unterdessen zimmert ein Junge mit einem gelernten Zimmermann, den wir für einen Tag
-zur Verfügung gestellt bekommen haben, für die Fenster die Mauerrahmen. Am ersten Tage
-wurden zwei Stück fertig, der dritte angefangen, die nächsten zimmert der Junge kunstgerecht
-allein mit Winkelmaß und allem Werkzeug. Zwei Mann mauern die Rahmen ein. Auch hier
-muß mit der Wasserwage gearbeitet werden. Dann werden die Fensterläden gebaut mit drei Querleisten
-in der <em class="antiqua">Z</em>-Form und Angeln und Sturmhaken. Auch hier lernen wir, daß der untere
-Winkel der Querstreifen seinen Scheitelpunkt in der unteren Angel haben muß, damit sich der
-Fensterladen nicht senkt. Alles will bedacht sein. Und weißt du, wieviel Nägel man zu einem
-solchen Fensterladen von ungefähr einem Quadratmeter Größe braucht? oder zu einem Quadratmeter
-Diele?</p>
-
-<p>Auf die Dielenbalken legten wir vorläufig Bohlen und Bretter und besserten die Wände
-aus, putzten und verkalkten sie. Diese Arbeit war gar nicht so einfach. Besonders schwierig waren
-die Fensterbogen, die arg in Verfall geraten waren, auszubessern. Aber zwei von uns, die im
-sonstigen Beruf sich <em class="antiqua">stud. iur.</em> und <em class="antiqua">stud. med. vet.</em> nennen, hatten den Schwung, den Mörtel
-anzusetzen und zu verreiben, besonders gut weg. Und nun ging es ans Weißen. Nachdem der
-Zement abgebunden hatte und trocken war, wurden die gespundeten und feingehobelten Dielenbretter
-genagelt. Sie zu schonen und vor allem vor dem Kalk zu bewahren, streuten wir
-Sägespäne.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span></p>
-
-<p>Unsere Bauarbeit zog sich bis auf die Sonntage nach Ostern, bis in die Pfingstferien; zu
-den Großen Ferien hoffen wir leidlich fertig zu sein. Denn dann entfaltet der Wandervogel seine
-Schwingen und fliegt weit hinaus in die Welt, bis in fremde Länder. Und in seinem Heim
-wohnen geladene Gäste aus dem fernen Süden.</p>
-
-<p>Nach des Tages Last und Müh’ zogen wir uns in unser warm geheiztes Quartier zurück.
-Zum Singen, das wir so sehr lieben, brachten wir es in den Osterferien kaum, dazu waren durch
-das schlechte Wetter unsere Kehlen zu rauh und heiser geworden. Aber der oder jener spielte auf
-der Laute, oder wir lasen vor. Aus Selma Lagerlöfs »Gösta Berling«. Und denen, die voriges
-Jahr mit oben in Schweden waren, tauchten frohe, freudige Erinnerungen auf, wir sahen wieder
-die herrlichen Seen, umschlossen von ernsten, rauschenden Wäldern, dachten an die schönen Stunden, die
-wir auf stolzen Schlössern verlebten, wie weiland die Kavaliere auf Eckeby im frohen Vermland.</p>
-
-<p>Und so haltens wir Wandervögel. In der sonnigen Sommerszeit schweifen wir weit in
-die Ferne. Die Große Fahrt ist uns das Höchste, sie gibt uns das Meiste und Wertvollste. Aber
-gern kehren wir zurück in unsere Heimat, die unser ist.</p>
-
-<p>
-Annaberg im Erzgebirge.<br />
-</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Fritz Wollmann</em>, <em class="antiqua">stud. rer. merc.</em>
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Heimatschutzbewegung_und_Hotel">Heimatschutzbewegung und Hotel</h2>
-</div>
-
-<p>Aus dem Bewußtsein der Kürze des eigenen Lebens ergibt sich für den
-denkenden Mann, der seine Kraft an eine edle Aufgabe und ein hohes Ziel gesetzt
-hat, die Aufgabe, Motive und Ergebnisse seines Daseins an andere Männer weiterzugeben,
-daß, auch wenn sein Licht erlosch, sein Werk nicht stirbt. Aber damit
-in seinem Geist weiter gearbeitet werden kann, ist es nötig, Freunde und Schüler zu
-bilden. Es gibt keine große, geistige Gemeinschaft, die ihr Werk erhalten wissen will,
-die nicht ebenso verführe. Auch diejenigen, die ihre Heimat lieb haben, wirken in
-diesem Sinne. Es darf gefragt werden, ob durch unsere Bestrebungen schon alle
-erreichbaren Kreise berührt worden sind. An einen Stand zu erinnern mag erlaubt
-sein, an den Stand der Kellner. Niemand bezweifelt, daß seine Aufgabe nicht in
-der Sorge um gutes Essen und Trinken für die Gäste aufgeht; des tüchtigen Kellners
-Ziel ist es, dem Gast das Heim möglichst zu ersetzen. Er ist bemüht, dem Reisenden
-Unterhaltungsmöglichkeiten nachzuweisen; er wird oft zum Berater für Ausflüge,
-für Sehenswürdigkeiten. Um das tun zu können, wird er bemüht sein, aus den
-Reisehandbüchern sich selbst eine umfassende Kenntnis anzueignen. Aber sind diese
-Bücher ohne weiteres Hilfsmittel für den Heimatschutz? Niemand wird über die
-bekannten Reisehandbücher gering denken; sie bieten eine Fülle von Stoff. Aber
-es kann nicht von ihnen verlangt werden, daß sie die stillen Schönheiten, daß sie
-das Stimmungsvolle einer ganz schlichten Landschaft weitergeben, mitteilen können.
-Das ist nur persönlichem Erleben und, wenn ich so sagen darf, in der individuellen
-Mitteilung möglich. In dieser Art Mitteilung aber bewegt sich hauptsächlich die
-hierher gehörige Aufgabe der Kellner. Um sie zu erfüllen, bedürfen sie einer
-Einführung in das Wesen der Heimatschönheit, brauchen sie selber Mitteilung
-erlebter Schönheit und Stimmung. Für die Mitglieder des Heimatschutzes liegt
-hier eine Aufgabe. Wir werden – wenn es die Gelegenheit gibt – auch dem
-Kellner gegenüber es nicht an Mitteilung über die Schönheit seiner Stadt fehlen
-lassen dürfen, wir werden doch auch in den größeren Hotels nach den »Mitteilungen<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span>
-des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« fragen müssen. Jedermann weiß, daß
-man in Gasthöfen bisweilen Lektüre trifft, deren Wert man als fragwürdig bezeichnen
-darf. Warum sollen wir da nicht für wirklich Wertvolles freudig eintreten? So
-möchten diese Zeilen bitten, für die Heimatschutzbewegung in einem ganz besonderen
-Berufe Freunde und Förderer zu gewinnen.</p>
-
-<p class="mright">
-Pfarrer <em class="gesperrt">Herzog</em>, Aue i. E.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Die_Pfarrlinde_in_Markersbach_bei_Gottleuba">Die Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba</h2>
-</div>
-
-<p>Eine wichtige Aufgabe des Heimatschutzes ist von jeher die Erhaltung alter
-Bäume. Die erheblichen Mittel, welche bisher für diese Art Altershilfe Verwendung
-fanden, haben manchen ehr- und denkwürdigen Baum vor völliger Zerstörung und
-Zusammenbruch bewahrt.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-057">
- <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Die Markersbacher Pfarrlinde</b> (Phot. R. Wiehl, Dresden)</div>
-</div>
-
-<p>Auch der alten Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba drohte dieses
-Schicksal. Es wäre ein besonders schwerer Verlust gewesen, stellt doch dieser Baum
-nicht nur ein durch Alter geweihtes Naturdenkmal dar, sondern er ist auch als
-getreuer Schicksalszeuge der Gemeinde kulturgeschichtlich von hohem Werte. Soll
-doch hier unter seinem grünen Blätterdache, der Überlieferung nach, der erste evangelisch-lutherische<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span>
-Gottesdienst abgehalten worden sein, und da Markersbach 1576 seinen
-ersten evangelisch-lutherischen Pfarrer erhielt, kann das Alter dieser Linde auf etwa
-vierhundert Jahre angenommen werden. Daß bei diesem hohen Alter auch alle
-lebensfeindlichen Einflüsse sich besonders geltend machten, ist trotz des gesunden
-Aussehens des eineinhalb Meter im Durchmesser habenden Stammes und der vollen
-Laubkrone nicht verwunderlich. Durch die Öffnungen zweier vor langer Zeit
-abgebrochenen Hauptäste hatten Regen und Schnee ungehindert Zutritt in das
-unzugängige, völlig hohle Stamminnere und förderten die Fäulnis in
-besorgniserregender Weise. Diese Gefahr für den Weiterbestand des Baumes ist jetzt
-beseitigt. Die nicht ungefährliche, auf hohen Leitern auszuführende Arbeit des
-Verschließens der Astöffnungen wurde in zweckentsprechender Weise von Herrn Baumeister
-Reppchen in Gottleuba ausgeführt. Die Mittel hierzu stiftete ein seit Jahren
-mit Markersbach und seinen Bewohnern innigst verbundener Freund aller Heimatschutzbestrebungen,
-Herr Geheimer Kommerzienrat Meinel-Tannenberg.</p>
-
-<p>Zum Danke dafür aber rauscht jetzt die alte ehrwürdige Pfarrlinde in Markersbach
-besonders freudig und aus ihrer mächtigen Krone klingt nicht nur in leisen
-Flüstern ein Lied aus längst vergangenen Tagen, sondern sie kündet auch laut und
-vernehmlich das hohe Lied ihrer Wohltäter. –</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Georg Marschner.</em>
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Die_Bekaempfung_der_Nonne">Die Bekämpfung der Nonne</h2>
-
-<p class="center">Von Oberforstmeister <em class="gesperrt">Feucht</em>, Bad Schandau</p>
-</div>
-
-<p>Während der letzten Kriegsjahre hat im südwestlichen Böhmen, zunächst in
-der Umgebung von Pilsen eine Massenentwicklung der Nonne stattgefunden, die
-wegen Mangel an Arbeitskräften wie an Leim, für den die Rohstoffe fehlten,
-überhaupt nicht bekämpft werden konnte und bereits zu gewaltigen Kahlfraßflächen
-geführt hatte, ehe im Jahre 1919 überhaupt die erste Kunde davon zu uns nach
-Sachsen gekommen ist. Aus diesen Kahlfraßgebieten sind nun bei schwüler Wärme
-und starkem südöstlichen Winde gewaltige Schwärme meist weiblicher Nonnenfalter
-abgeflogen, die in der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1920 die Staatsforstreviere
-der Oberforstmeisterei Schandau von Sebnitz bis Gottleuba in einer Breite von
-fünfunddreißig Kilometer und etwa zehn Kilometer Tiefe überfluteten.</p>
-
-<p>Von der Staatsforstverwaltung wurde sofort der Kampf gegen diese unwillkommenen,
-gefürchteten Feinde unserer Fichtenwaldungen mit allen verfügbaren
-Arbeitskräften an Männern, Frauen und Schulkindern durch Sammeln und Töten
-namentlich der weiblichen Falter aufgenommen. Das Ergebnis waren hundertdreitausend
-männliche und zweihundertdreiundsechzigtausend weibliche Falter. Auch die
-Gemeindevorstände und Privatwaldbesitzer sind auf Anregung der Forstverwaltung
-zum sofortigen Sammeln veranlaßt worden. Leider konnte diese Sammeltätigkeit
-bei der gewaltigen Größe der mit einem Schlage befallenen Fläche von gegen
-dreihundertfünfzig Quadratkilometer nicht so gründlich und vollständig mit den
-vorhandenen Arbeitskräften durchgeführt werden, daß ein voller Erfolg der Sammeltätigkeit<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span>
-möglich gewesen wäre. Dies zeigte sich bei den im Herbst und Frühjahr
-vorgenommenen Eierzählungen, die in einzelnen Beständen schon Eiablagen von
-tausend bis dreitausend und mehr Eiern an manchen Stämmen ergaben. Es war
-also für das Jahr 1921 nichts Gutes zu erwarten.</p>
-
-<p>Der Falterflug des Jahres 1921 hat dies, zumal das Frühjahr und der
-Sommer mit seiner anhaltenden warmen, trockenen Witterung, die für die Entwicklung
-der Nonne äußerst günstig war, durchaus bestätigt. Die Sammelergebnisse
-bei der Vertilgung von Raupen und Puppen waren folgende: zweimillionenzweihundertvierzigtausend
-Raupen, zweimillionenfünfhundertvierzehntausend Puppen und
-fünfzehnmillionensiebenhundertzweiundfünfzigtausend Falter, darunter dreizehnmillionensiebenhundertsiebenunddreißigtausend
-weibliche Falter. Diese ungeheure Zunahme
-und das Ergebnis der Probeeierzählungen an gefällten Stämmen gaben der Forstverwaltung
-Veranlassung für das Jahr 1922 umfassende Volleimungen in Aussicht
-zu nehmen. Diese Leimungen umfaßten eine Fläche von nicht weniger als zweitausendachthundertdreißig
-Hektar.</p>
-
-<p>Leider war auch der Witterungsverlauf des Frühjahrs und des Sommers 1922
-für die Entwicklung der Nonne wieder außerordentlich günstig. Das Frühjahr trat
-zwar spät ein, es herrschte aber dann fast ununterbrochen trockenes, windstilles
-Wetter, so daß die Entwicklung der Raupen bis zur Verpuppung völlig ungestört
-vor sich ging.</p>
-
-<p>Die Folge war in vielen Beständen mehr oder weniger starker Lichtfraß,
-stellenweise in den besonders stark belegten Flächen auch Kahlfraß, jedenfalls war
-aber später festzustellen, daß viele Bestände, die sonst unfehlbar dem vollen Kahlfraß
-zum Opfer gefallen wären, durch den Leimring, der ungezählte Millionen von
-Spiegelräupchen vernichtete und später ebensoviel alte Raupen abfing, nur lichtgefressen
-und daher erhalten geblieben sind, so daß sich die Kosten für die Leimung
-reichlich bezahlt gemacht haben.</p>
-
-<p>Gewaltig war in diesem Jahre der Falterflug, zeitweise machte er den Eindruck
-eines starken Schneegestöbers.</p>
-
-<p>Ebenso wie 1920 uns aus Böhmen große Überflüge heimgesucht haben, sind
-nun in diesem Jahr aus den Hauptbefallsgebieten der Sächsischen Schweiz große Überflüge
-in nördlicher Richtung erfolgt und haben vermutlich die Gebiete des Fischbacher
-Waldes, der Dresdner und der Lausnitzer Heide, des Tharandter Waldes usw.
-heimgesucht und dort ihre Eier abgelegt, so daß nunmehr auch diese Gebiete und
-ebenso die dortigen Privatwaldungen für nächstes Jahr gefährdet erscheinen.</p>
-
-<p>Die ungeheuren Schäden, die man von den Bergen der Sächsischen Schweiz
-gegenwärtig bei einem Blick nach Böhmen hinüber, aber auch schon in den sächsischen
-Waldungen selbst, stellenweise zu Gesicht bekommt und die großen Überflüge
-dieses Sommers, die auch die bewohnten Ortschaften und offenen Fluren und Gärten
-überfluteten, haben nun die öffentliche Meinung und weite bisher gleichgültigere
-Kreise aufgerüttelt und auf die Größe der unseren Waldungen drohenden Gefahren
-aufmerksam gemacht und die vorher vielfach fehlende Geneigtheit bei der Bekämpfung
-der Nonne werktätig Hilfe zu leisten, geweckt. Dies zeigen auch die zahlreichen in
-der Presse von mehr oder weniger berufenen Verfassern gemachten, gutgemeinten<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span>
-Vorschläge, die Wahres und Falsches durcheinandermischen und längst versuchte
-und als unwirksam wieder aufgegebene Bekämpfungsmaßnahmen mit großer
-Begeisterung erneut empfehlen.</p>
-
-<p>Es seien daher zur Aufklärung die bisher bekannten und in der Praxis
-bewährten Bekämpfungsmaßnahmen in aller Kürze etwas näher beschrieben.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-060">
- <img class="w100" src="images/illu-060.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Weiblicher Nonnenfalter</b><br />
-(Phot. Emil Wünsche Nachf., Dresden)</div>
-</div>
-
-<p>Die erste und sinnfälligste Maßnahme ist der Fang der Falter, namentlich
-der weiblichen, um die Eiablage zu verhüten. (Abbildung 1 zeigt einen weiblichen
-Falter an einen Fichtenstamm.) Diese Maßnahme ist bei einer <em class="gesperrt">beginnenden</em>
-Nonnenkalamität oder bei eben erfolgten Überflügen in bisher nicht befallene Waldgebiete
-die wirksamste Vertilgungsmaßnahme, wenn sie <em class="gesperrt">sofort</em> nach dem Auftreten
-der Falter mit möglichster Beschleunigung, also mit möglichst viel flinken und
-raschen Arbeitskräften, vorgenommen wird. Man kann also in diesem Falle, wenn
-man wirkliche Erfolge erzielen will, auf die Mitwirkung von Schulkindern nicht
-verzichten, um so weniger als das erfolgreiche Faltersammeln sich nur auf die
-<em class="gesperrt">kurze</em> Zeit vor und während der Eiablage erstreckt. Falter zu sammeln, die ihre<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-Eier abgelegt haben, hat keinen Zweck, sie tun keinen Schaden mehr und sterben
-in Kürze ab.</p>
-
-<p>Sehr lebhaft sind zur Faltervertilgung neuerdings wieder Leuchtfeuer, Fackeln,
-Scheinwerfer oder irgendwelche andere starke Lichtquellen empfohlen worden, alle
-diese Mittel sind bereits bei früheren Nonnenplagen, so z. B. in den Jahren
-1908 bis 1910 in Sachsen und 1890/91 in Bayern in großem Maßstabe versucht
-worden, sämtlich ohne durchschlagenden Erfolg. Herrscht zufällig einmal bei einem
-Hochzeitsflug günstiges warmes Wetter, so fliegen wohl einige Zehntausende Falter
-in die Leuchtfeuer, meistens aber sind es Männchen, denn sowie die Weibchen mit
-der Eiablage beschäftigt sind, kümmern sie sich um Feuer und Fackeln nicht im
-geringsten mehr und bei rauhem kühlen Wetter tun dies auch die Männchen nicht.</p>
-
-<p>Weiter kommt in Frage das Sammeln von Eiern. Diese Maßnahme ist
-mühsam und schwierig, denn die Eier sind gut unter Rindenschuppen verborgen,
-die erst mit dem Messer abgeblättert werden müssen, um die Eier zu finden. Will
-man die Eier abkratzen, fallen viele zu Boden und bleiben entwicklungsfähig.
-Besser ist daher die Eier mit Teer zu überstreichen. Im ganzen ist dieser Maßnahme
-nur geringe Bedeutung beizumessen, da man nur den geringen Teil der
-Eier im untersten Stammabschnitt vernichten kann.</p>
-
-<p>Bei sehr starkem Befall kann auch das Eiersammeln lohnen, wie die Sammelergebnisse
-des Herbstes 1921 beweisen, die über einundzwanzigmillionen Eier im
-Forstbezirk ergeben haben.</p>
-
-<p>Das Sammeln von Raupen kommt zumeist in Kulturen, in denen man die
-Raupen ablesen kann, in Frage. In Althölzern kommen zeitweilig, namentlich
-bei großer Hitze und kurz vor der Häutung große Massen von Raupen aus den
-Kronen bis in den untersten Stammteil herab, so daß sie hier ebenfalls mit gutem
-Erfolg in größeren Mengen vernichtet werden können, wenn diese Erscheinung
-rechtzeitig bemerkt wird.</p>
-
-<p>Das Sammeln von Puppen ist nur neben dem gleichzeitigen Raupensammeln
-und bei starkem Befall von Wert; da die Puppen in borkigen Beständen ziemlich
-schwer zu finden sind, lohnt das Sammeln nicht sonderlich.</p>
-
-<p>Mehrfach ist auch das Bespritzen mit giftigen Flüssigkeiten versucht worden.
-Dies empfiehlt sich namentlich zur Vertilgung von Spiegelräupchen unter Verwendung
-der bekannten auch gegen die Kiefernschütte gebräuchlichen Platzschen Pflanzenspritze
-mit fünfprozentiger Lösung von Obstbaumkarbolineum. Unter Verwendung
-des Verlängerungsrohres dieser Spritze kann man die Stämme bis hoch hinauf mit
-dem Verstäuber erreichen.</p>
-
-<p>Auch mit giftigen Gasen, wie sie im Kriege Verwendung gefunden haben,
-sind in Böhmen umfassende Versuche gemacht worden. Leider zeitigte auch dieser
-Versuch keinen Erfolg. Es starben höchstens die Bäume ab, aber nicht die widerstandsfähigen
-Raupen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-062">
- <img class="w100" src="images/illu-062.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Nonnenraupengespinste unter den Leimringen</b><br />
-(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)</div>
-</div>
-
-<p>Als letztes uns zu Gebote stehendes Mittel bliebe nur noch der viel
-umstrittene Leimring zu besprechen. Seine Wirkung ist eine doppelte. Zunächst
-fängt er alle unterhalb des Leimringes aus den Eiern gekommenen Spiegelräupchen,
-die zum Fraße in die Baumkronen hinaufsteigen wollen, ab, und verurteilt sie zum<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span>
-Hungertode. Wer in der Sächsischen Schweiz in diesem Frühjahre derartige
-geleimte Bestände besichtigt hat, wird bestätigen können, daß durch die Leimringe
-schon in einem einzigen geleimten Bestande Millionen und Milliarden von Räupchen
-vernichtet worden sind, bevor sie irgendwelchen Schaden anrichten konnten.
-Die Abbildungen 2 und 3 geben davon ein anschauliches Bild. Da man nun damit
-rechnen kann, daß etwa die Hälfte der Raupen sich zu weiblichen Faltern entwickelt
-haben würden, so sind für das nächste Jahr ebensoviel eierablegende Weibchen, die
-man beim Sammeln im Falterzustande in gleichem Maße niemals gefangen hätte,
-mit vernichtet worden.</p>
-
-<p>Zum besseren Verständnis der Abbildungen 2 und 3 sei noch folgendes hinzugefügt:
-die im Frühjahr aus den Eiern ausgeschlüpften Räupchen sitzen zunächst
-einige Tage dicht gedrängt in sogenannten Spiegeln beisammen, ehe sie den Aufstieg
-in die Baumkronen beginnen. Bei ihren Wanderungen spinnen sie ununterbrochen
-ihre feinen Fäden, die sie auf den Unterlagen stellenweise festheften, so daß
-zuletzt feinste schleierartige Gespinste entstehen. Diese Gespinste werden um so dichter,
-je mehr Räupchen denselben Weg nehmen. Das ist namentlich unter den Leimringen
-der Fall, unter denen sich schließlich gewaltige Mengen von Spiegelräupchen
-ansammeln, die immer spinnend rastlos den Stamm umwandern, am Leimring,
-den sie nicht überschreiten können, sich an einen Gespinstfaden fallen lassen, um
-dann denselben Weg ruhelos zu wiederholen, bis sie schließlich an Nahrungsmangel
-zugrunde gehen.</p>
-
-<p>Vielfach werden die leichten Räupchen, an ihrem feinen Spinnfaden hängend,
-vom Winde nach Nachbarbäumen verweht, dadurch bildet sich eine Querverbindung
-von einem Baum zum anderen, bei zahlreichen Raupen vermehren sich diese Fäden
-rasch, kreuzen sich und werden von den Räupchen nun gewissermaßen als Brücke
-von Baum zu Baum und von Ast zu Ast benutzt und immer dichter versponnen,
-so entstehen schließlich auch dichte Schleier zwischen nahe beieinanderstehenden
-Bäumen, in denen ebenfalls Massen von Räupchen zugrunde gehen.</p>
-
-<p>Damit ist aber die Wirkung des Leimrings nicht erschöpft. Im Laufe ihres
-Lebens kommen zahllose Raupen, wie alle früheren und jetzigen Beobachtungen
-beweisen, sei es nun durch Sturm oder Regen oder aus eigenem Antriebe, z. B.
-während der viermaligen Häutungen oder wegen übergroßer Sonnenwärme in den
-Wipfeln, wenigstens einmal vom Baum herab und werden dann am Wiederaufklettern
-durch den Leimring gehindert. Es sammeln sich deshalb unter den
-Leimringen auch gewaltige Massen von fast ausgewachsenen Raupen an, wie
-Abbildung 4 zeigt. Diese Raupen können leicht vernichtet werden. Unterläßt man
-dies, so sind sie doch, nachdem sie den etwaigen Unterwuchs und das Heidelbeerkraut
-am Boden kahlgefressen haben, dem Nahrungsmangel ausgesetzt, so daß sie massenhaft
-zugrunde gehen oder für Krankheitskeime besonders empfänglich werden und
-bei dem dicht gedrängten Beisammensitzen, manchmal in doppelter Schicht übereinander,
-sich gegenseitig anstecken. Selbst der ungläubigste Thomas müßte beim
-Anblick derartiger Bilder in der Natur sich zu der Überzeugung durchringen, daß
-der Leimring gegenwärtig noch das relativ beste Mittel auch zur Einschränkung der
-Massenvermehrung der Nonne ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-064">
- <img class="w100" src="images/illu-064.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Nonnenraupengespinste unter den Leimringen</b><br />
-(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)</div>
-</div>
-
-<p>Das ist aber nicht seine einzige Wirkung. Fast größer noch ist seine wirtschaftliche
-Bedeutung, insofern als er viele Bestände, deren Eibelag für einen vollständigen
-Kahlfraß gerade hinreichen würde, durch Vernichtung eines großen Teiles
-der fressenden Raupen davor bewahrt. Dadurch werden große volkswirtschaftliche
-Schäden vermieden, die durch den Abtrieb hiebsunreifer und darum minderwertiger
-Bestände, sowie durch die übermäßige Vergrößerung der Wiederanbauflächen entstehen.
-Bei früheren Nonnenkalamitäten sind die ungeheueren Kahlschlagsflächen erst in
-zehn und mehr Jahren, nachdem der Boden durch das lange Bloßliegen stark gelitten
-hatte, mit sehr großen Schwierigkeiten und Kosten wieder angebaut worden. Außerdem
-wird durch den unregelmäßigen Kahlfraß der Nonne, mitten aus den geschlossenen
-Beständen heraus, vielfach die geordnete Bestandslagerung zerstört und Anlaß zu
-späterem ausgedehnten Windbruch gegeben.</p>
-
-<p>Man kann daher jedem Waldbesitzer nur den Rat geben, seine Fichtenbestände,
-wenn durch die nötigen Probeeizählungen der starke Eibelag festgestellt ist, zu leimen,
-er erweist damit nicht nur sich selbst einen Dienst, sondern auch der Allgemeinheit,
-indem er dadurch zur Einschränkung der Weiterausbreitung der Nonnenplage beiträgt.
-Die Bereitstellung erheblicher Staatsmittel zur möglichst weitgehenden Durchführung
-der Leimung wäre deshalb vom allgemeinen volkswirtschaftlichen Standpunkt aus
-durchaus gerechtfertigt. Ein kleiner Waldbesitzer, der vielleicht nicht einmal schlagbaren
-Wald, sondern nur jüngere Bestände besitzt, die ihm keinen Ertrag liefern,
-könnte sonst die erheblichen Mittel, die das Leimen erfordert, vielfach gar nicht
-aufbringen. Will er sich das Geld zu den in diesem Jahre erheblichen Leimungskosten
-borgen, so wäre er mit Schulden belastet, die ihn zugrunde richten könnten.</p>
-
-<p>Wie sich aus dem Gesagten ergibt, besitzen wir leider keine absolut sicher
-wirkenden Bekämpfungsmittel gegen die Nonne. Mißerfolge bei Anwendung eines
-oder des andern der geschilderten Mittel und selbst bei Anwendung aller dieser
-Mittel gleichzeitig sind bei dem stellenweise ungeheuren Massenauftreten der Raupen
-nicht ausgeschlossen. Das hat vielfach zu der fatalistischen Auffassung geführt,
-überhaupt nichts gegen die Nonne zu tun und alles der Natur zu überlassen. Diese
-Auffassung muß verhängnisvoll wirken. Für die Natur ist es vollkommen gleichgültig,
-ob eine gewisse Bodenfläche mit Wald bestockt ist oder ob sie zur Grassteppe,
-zu Moor oder Heide oder Flugsandboden wird, für den Menschen dagegen bedeutet
-dieses unter Umständen den Untergang.</p>
-
-<p>Große Hoffnungen hat man auf die »biologische« Bekämpfung, jetzt ein sehr
-beliebtes Schlagwort, gesetzt, leider auch vergebens, denn alle Versuche, künstlich
-Krankheiten bei den Nonnenraupen, namentlich die sogenannte Wipfelkrankheit,
-zu erzeugen oder zu verbreiten, sind bis jetzt gescheitert. Alle Infektionsversuche
-im Großen in der freien Natur durch Ausbreiten von toten Raupen, Streu und
-Kot aus Orten, wo die Wipfelkrankheit unter den Raupen bereits herrschte, waren
-erfolglos.</p>
-
-<p>Ebenso trügt die Hoffnung, die man auf die Wirkung von Schmarotzern,
-Schlupfwespen und Raupenfliegen (Tachinen) setzt. Diese Tachinen sind, wenn sich
-die Insektenwelt in der Natur im Gleichgewicht befindet, nur in verhältnismäßig
-geringer Zahl vorhanden, da sie von der Zahl der Wirtstiere abhängig sind,<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
-in denen sie sich entwickeln. Ihre Massenentwicklung tritt deshalb erst ein, wenn
-die Wirtstiere sich schon außergewöhnlich vermehrt haben. Sie können also den
-Nonnenschaden ebenfalls nicht aufhalten, denn sie sind erst dann in Überzahl vorhanden,
-wenn der Schaden im Walde bereits geschehen ist.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-066">
- <img class="w100" src="images/illu-066.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Anhäufung von Nonnenraupen unter dem Leimring</b><br />
-(Phot. Forstwart Hohlfeld, Zeughaus, Sächs. Schweiz)</div>
-</div>
-
-<p>Auch die Wipfelkrankheit, die in früheren Fällen jedesmal der Nonnenplage
-schließlich ein rasches Ende machte, tritt ebenfalls immer erst dann ein, wenn der
-Kahlfraß weite Flächen der Waldungen bereits vernichtet hat. So lange es uns
-nicht gelingt, die Erreger der immer noch ungeklärten Wipfelkrankheit zu finden
-und auch außerhalb der Raupen künstlich zu züchten, um sie schon beim Eintreten
-einer größeren Nonnenvermehrung sofort zur Infektion von Raupen verwenden zu
-können, um so die vernichtende Krankheit mit Erfolg künstlich zu verbreiten, wird
-unsere biologische Bekämpfung der Nonne, wie zeither, so gut wie erfolglos bleiben.</p>
-
-<p>Das ist zunächst das bis zu einem gewissen Grade betrübende Ergebnis
-unserer heutigen biologischen Forschungen. Das darf uns aber nicht entmutigen,
-diese Forschungen fortzusetzen. Ebensogut wie das jahrzehntelange Suchen nach<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span>
-den Erregern mancher menschlichen Krankheiten schließlich von Erfolg gewesen ist,
-wird dies hoffentlich auch bei der rätselhaften Wipfelkrankheit, die seit Jahrzehnten
-die Wissenschaft beschäftigt hat, gelingen.</p>
-
-<p>Jedenfalls dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen, so lange uns die
-Wissenschaft keine besseren Bekämpfungsmittel in die Hand gibt, sondern müssen die
-bisher angewendeten, erfahrungsmäßig wirksamen Vorbeugungs- und Bekämpfungsmaßnahmen
-des Sammelns von Faltern, Eiern, Raupen und Puppen und namentlich
-des Leimens der besonders gefährdeten Bestände auch weiterhin im weitesten Umfang
-anwenden. Namentlich in den erst in diesem Jahre neu befallenen Landesteilen
-Mittelsachsens und des Niederlandes, wo die Plage noch in der Entwicklung begriffen
-ist, ist das eine zwingende Notwendigkeit. Je umfassender und gründlicher die
-Bekämpfung beim ersten Auftreten der Plage einsetzt, um so mehr ist auf einen
-Erfolg zu hoffen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Johann_Pezel_und_die_Turmsonate">Johann Pezel und die Turmsonate</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Herbert Biehle</em>, Bautzen</p>
-</div>
-
-<p>Zu den vielen musikalischen Gebräuchen aus vergangenen Zeiten gehört auch das Turmblasen.
-Wie 1670 der damalige Leipziger Stadtpfeifer und spätere Bautzener Stadtmusikant Johann
-Pezel im Vorwort zu seiner »Musicalischen Arbeit zum Abblasen um zehn Uhr in Leipzig« schrieb,
-war es schon bei Persern und Türken üblich, beim Opfern die Gottheiten von Türmen anzurufen.
-Derselbe Gedanke, Gott möglichst nahe zu stehen, und eine gewisse Himmelssehnsucht, wie sie
-auch bei den gotischen Domen zum Ausdruck kommt, liegt dem Turmblasen zugrunde. Diese
-schöne Sitte ist hervorgegangen aus dem Hornrufe des Turmwächters, der das Herannahen von
-Feinden, Feuerausbruch und die Stunden verkündete. So entstand die besondere Hervorhebung
-der Haupttageszeiten mit ausgedehnteren Melodien. Später erfuhr das Turmblasen durch Luther
-eine kräftige Anregung; das von ihm begründete deutsche evangelische Kirchenlied wurde eine
-wertvolle Bereicherung der Turmmusik. Und wie stimmungsvoll und andachterweckend wirkt
-es, wenn im Sonnenglanze Trompeten und Posaunen in den lichten Morgen hinein rufen:
-Wachet auf, ruft uns die Stimme! Indessen entwickelte sich allmählich eine eigene Turmliteratur,
-die in der Turmsonate gipfelt. Sie ist aus der einfachen Liedform nach dem Vorbilde der
-italienischen Orchestersonate gestaltet.</p>
-
-<p>Unter den wenigen, die Turmsonate vertretenden Komponisten steht Johann Pezel voran.
-Seine vierzig Turmsonaten sind für zwei Cornetti, zwei Tromboni und Basso trombone gesetzt.
-Heute würde die Ausführung technischen Schwierigkeiten begegnen; denn die edle Trompeterkunst
-wird nicht mehr gepflegt. Pezel bevorzugt das strahlende <em class="antiqua">C-dur</em> oder die ernste Stimmung des
-<em class="antiqua">a-moll</em>. Er hat die »Musicalische Arbeit« in Druck gegeben, weil er »verspüret, daß auch an
-anderen Orten dergleichen verlanget werde«; und in der Tat sind seine anmutigen Bläserstücke
-in sächsisch-thüringischen Landen oft erklungen und weit verbreitet gewesen. Hier war ja durch
-die protestantische Idee der Laienhilfe beim Gottesdienste der Musiksinn jedes einzelnen Bürgers
-geweckt und so der geeignete Boden bereitet worden, auf dem auch die Turmmusik gedeihen konnte.</p>
-
-<p>Pezel hat 1664–1669 als Kunstgeiger, 1669–1681 als Stadtpfeifer in Leipzig gewirkt und
-war dann nach Bautzen berufen worden, wo er bis zu seinem Tode 1694 als <em class="antiqua">Director musicae
-instrumentalis</em> lebte. Aber nicht nur in seiner Eigenschaft als Stadtmusicus war er eine
-bemerkenswerte Persönlichkeit. Die große Anzahl seiner gedruckten Instrumentalwerke sicherte
-ihm besonders nach außen hin einen bedeutenden Ruf und einen festen Platz in der Geschichte
-der deutschen Instrumentalmusik. Um so verwunderlicher ist es, daß man sich über Pezels nähere<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span>
-Lebensumstände noch ganz im Dunklen befand, bis es Verfasser gelang, in den Akten des
-Bautzener Ratsarchivs darüber Klarheit zu erlangen. Pezels Schaffenszeit gehörte jener Glanzperiode
-sächsischer Musikpflege an, als dieses Land, wie kein zweites, die bedeutendsten Musiker
-hervorbrachte. So wurde Sachsen auch die Hauptpflegestätte der Werke Meister Pezels, den wir
-als den Klassiker des gesamten deutschen Kunstpfeifertums seiner Zeit bezeichnen dürfen; er war
-für unser weiteres Vaterland ein Stück bodenständige Heimatkunst.</p>
-
-<p>Außer Pezel hat 1696 der Leipziger Stadtpfeifer Gottfried Reiche Turmsonaten geschrieben,
-und ihr letzter Vertreter ist der durch sein Oratorium »Das Weltgericht« berühmte Friedrich
-Schneider aus Altwaltersdorf bei Zittau gewesen. Er fand schließlich in einem Oberlausitzer
-Bauern Schönfelder noch einen Nachfolger im vorigen Jahrhundert.</p>
-
-<p>In vielen Städten, wie beispielsweise in Leipzig, Bautzen, Löbau, Görlitz, gehörte es zu
-den Amtspflichten des Stadtmusikanten, mit seinen Stadtpfeifergesellen in den Sommermonaten
-fast täglich vom Rathausturme zu blasen, wie auch an den ersten Feiertagen, zu Neujahr und
-bei sonstigen festlichen Anlässen. Vielleicht gibt diese Abhandlung auch den Architekten und
-Kunsthistorikern Anlaß, die Frage zu verfolgen, wieweit der Turmbau der damaligen und
-früheren Zeit diesen musikalischen Veranstaltungen durch bauliche Maßnahmen zur Aufstellung
-der Mitwirkenden in Gestalt von Galerien, Umgängen oder Balkonen Rechnung trug. Gegenwärtig
-ist dieser musikalische Brauch fast völlig in Vergessenheit geraten; wo er noch besteht, geschieht
-es auf Grund alter Stiftungen mit dem Abblasen von Chorälen.</p>
-
-<p>Die Turmmusikpflege selbst darf als ein getreues Abbild jener alten Beschaulichkeit gelten,
-als man noch Muße und Sinn hatte, den schlichten Weisen der Stadtpfeifer vom Rathaus- oder
-Kirchturme zu lauschen. Und zu dem Begriff des deutschen Kleinstadtidylls um 1700 gehört
-auch die Turmsonate. Es wäre wohl lohnend, diese Perlen früherer Kunst auch der Gegenwart
-zugänglich zu machen; denn sie war ein Stück blühender Romantik. Und eine fromme Kunst.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Schusspreise_fuer_Raubvoegel">Schußpreise für Raubvögel</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Martin Braeß</em></p>
-</div>
-
-<p>Während die Jagdschutzvereine im Sinne des Natur- und Heimatschutzes die »Raubzeugprämien«
-teils wesentlich eingeschränkt, teils vollständig abgeschafft haben, glauben die <em class="gesperrt">Brieftaubenzüchter</em>
-ohne solche Schußpreise nicht auskommen zu können, wie folgende, in
-verschiedenen Tageszeitungen erschienene Veröffentlichung beweist: »Der Verband deutscher Brieftaubenzüchter-Vereine
-setzt für das Jahr 1922 für den Abschuß der den Brieftauben schädlichen
-Raubvögel, als Wanderfalken, Hühnerhabichte und Sperberweibchen, eine Belohnung von zwanzig
-Mark für das Paar Fänge aus. Diese Belohnung wird Ende Dezember 1922 ausgezahlt. Zur
-Erhebung eines Anspruchs auf diesen Preis müssen die beiden Fänge eines Raubvogels (nicht
-der ganze Raubvogel) bis spätestens Ende November 1922 … frei zugesandt werden.«</p>
-
-<p>Wenn man den <em class="gesperrt">Sperber</em> kurz hält, so haben wir dagegen gewiß nichts einzuwenden.
-Er ist ein böser Geselle, der für unsre Kleinvögel zu einer schlimmen Geißel wird; dazu findet
-er sich fast in allen waldreichen Gegenden noch so häufig, daß eine Ausrottung dieses Vogels
-vorläufig nicht zu befürchten ist. Aber was der Sperber gerade den Brieftauben zuleide tun
-soll, ist nicht recht einzusehen. Auf Haustauben stößt er nur dann, wenn sich in dem Schwarm
-eine junge befindet, die noch nicht ganz flüchtig ist, wie er auch nur auf junge Wildtauben Jagd
-macht. Eine <em class="gesperrt">gesunde, flugfähige Brieftaube</em> hat von dem kleinen Räuber wohl nichts
-zu befürchten. Anders <em class="gesperrt">Hühnerhabicht</em> und <em class="gesperrt">Wanderfalke</em>. Indessen, diese schönen Vögel
-sind in den meisten Gegenden unsres Vaterlandes bereits so selten geworden, daß man sie schonen
-sollte; keineswegs aber darf man durch Schußbelohnungen zu ihrer völligen Ausrottung auffordern.
-Die Brieftaubenzucht ist gewiß kein bloßer Sport, keine nutzlose Spielerei, sondern hat
-ihre Berechtigung, aber doch nur so lange und so weit, als sie sich nicht in bewußten Gegensatz<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
-zu andern Bestrebungen setzt, die wie Heimat- und Naturschutz von einer ungleich höheren und
-allgemeineren Bedeutung sind. Der Brieftaubenzüchter muß eben beim Freiflug seiner Tauben
-mit Verlusten mancherlei Art rechnen und darf nicht verlangen, daß die Natur lediglich um
-seinetwillen ihrer schönsten Geschöpfe beraubt werde, an deren herrlichem Fluge so viele Naturfreunde
-ihre Freude haben. In Norddeutschland, namentlich auf der Seenplatte, die von Ostpreußen bis
-nach Schleswig-Holstein zieht, mag der Wanderfalke noch häufiger vorkommen; bei uns in Sachsen
-gehört er aber als Brutvogel bereits zu den seltensten Naturdenkmälern, und auch seine Wanderflüge
-im Herbst und Frühling führen ihn nicht allzuoft in unser Land. Ähnlich verhält es sich mit
-dem Hühnerhabicht, wenn auch dessen völlige Vernichtung für unsre Heimat noch nicht zu befürchten
-ist. Ich hoffe, es wird sich, wenigstens in Sachsen, kein Jagdberechtigter finden, der sich durch
-Abschuß so seltener Raubvögel die Prämie von zwanzig Mark verdienen will – was sind
-übrigens heute zwanzig Mark nach Abzug der Kosten für Patrone und Porto!</p>
-
-<p>Aber die Aufforderung der Brieftaubenzüchter-Vereine hat noch eine schlimme Seite. Es
-ist bekannt, daß nicht jeder Jagdberechtigte die Raubvögel nach ihrem Flugbilde richtig anzusprechen
-versteht, und so wird gewiß mancher unschuldige Bussard, Turmfalke, manche Weihe u. a.
-unerfahrenen Schützen zum Opfer fallen.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß das Sächsische Finanzministerium schon
-unter dem 30. Januar 1911, bzw. 20. Mai 1912 zwei Generalverordnungen erlassen hat, nach
-denen, »soweit irgend zulässig«, die Turmfalken, <em class="gesperrt">Wanderfalken</em>, Schrei-, See- und Fischadler,
-die Uhus, Eulen, Weihe, Bussarde, ebenso der schwarze und rote Milan zu schonen sind, selbst
-die Reiher, obgleich diese für die Fischereiberechtigten gewiß ebenso und noch mehr als Schädlinge
-bezeichnet werden müssen, wie jene obengenannten Raubvögel für die Brieftaubenzüchter. Die
-einzelnen Berufs- und Interessentenkreise haben sich eben der allgemeinen großen Idee unterzuordnen,
-und diese kann in unserm Falle nur heißen: <em class="gesperrt">Schutz der Natur</em>!</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Schattenbaeume_fuer_den_Hof">Schattenbäume für den Hof</h2>
-
-<p class="center">Von Gartenarchitekt <em class="gesperrt">Hans S. Kammeyer</em></p>
-</div>
-
-<p>Wenn die brennende Mittagssonne in den Sommermonaten ungehindert vom Himmel in
-den Hof strahlt, dann suchen Tier und Mensch ein schattiges Plätzchen. Der Hof, auf dem sonst
-reges Leben herrscht, liegt verlassen, selbst das Hühnervolk meidet die überreiche Wärme.</p>
-
-<p>Es ist unbedingt notwendig, daß ein breitkroniger Baum in einem sonnigen Hof im
-Sommer Schatten bietet. Obstbäume sind so recht geeignet als Hofbäume, weil sie alljährlich
-auch einen Ertrag bringen. Während die Linde ein richtiger Hausbaum ist, wenn nicht mit
-dem Nutzen gerechnet wird, wähle man breitkronige Sorten für den Hof, die zu großen Bäumen
-heranwachsen. Ein rechtes Beispiel hierfür bietet der Birnbaum. Wie prächtig sieht er
-in weißem Blütenschmuck aus. In seinem Schatten stehen die Futterschüsseln und Trinkgefäße
-für das Federvieh. Hier werden die Hühner in der Mittagsstunde gefüttert, ohne daß sie unter
-der brennenden Sonne zu leiden haben. Zu allen diesen Vorteilen hat man dann noch im Herbst
-die reiche Ernte. Wir laben uns an den saftigen Birnen, die der Baum bietet.</p>
-
-<p>Höfe und Hofplätze, die nach Süden offen sind und die volle Sonne hereinlassen, bepflanze
-man deshalb mit einem großwachsenden Hofbaum, an dem sich später noch die Kinder und
-Kindeskinder erfreuen.</p>
-
-<p>An Obstbäumen kommen in Frage: <em class="gesperrt">Apfel</em>: Reichsobstsorte Jacob Lebel, Weißer geflammter
-Cardinal, Landsberger Renette; <em class="gesperrt">Birne</em>: Reichsobstsorte William Christbirne, Pastorenbirne und
-Prinzeß Marianne.</p>
-
-<p>Von Zierbäumen, die sich ebenfalls zur Anpflanzung eignen, sind zu nennen: <em class="antiqua">Aesculas
-hippocastanum</em>, Roßkastanie; <em class="antiqua">Ailanthus glandulosa</em>, Götterbaum; <em class="antiqua">Catalpa speciosa</em>, Trompetenbaum;<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
-<em class="antiqua">Juglans regia</em>, Walnußbaum; <em class="antiqua">Liriodendron tulipifera</em>, Tulpenbaum; <em class="antiqua">Platanus occidentalis</em>
-und <em class="antiqua">orientalis</em>, Platane.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Pflanz’ einen Baum, und kannst du auch nicht ahnen,</div>
- <div class="verse indent0">Wer einst in seinem Schatten tanzt,</div>
- <div class="verse indent0">Bedenke Mensch, es haben deine Ahnen</div>
- <div class="verse indent0">Eh’ sie dich kannten, auch für dich gepflanzt.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Foerderung_des_Anbaues_von_Nussbaeumen">Förderung des Anbaues von Nußbäumen</h2>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Hans Jacob</em></p>
-</div>
-
-<p>Die Anpflanzung des Walnußbaumes ist infolge der Verwüstungen durch die Kriegsjahre
-für die Zukunft besonders bedeutsam geworden. Viele Nußbäume sind der Holzgewinnung wegen
-abgeschlagen worden. Der Walnußanbau soll und muß deshalb mit allen Mitteln gefördert
-werden. Allerdings nicht wahllos, mit unsicherem Ergebnis, sondern in planmäßiger Weise.
-Zur Pflanzung müssen solche Pflanzstätten ausgesucht werden, an welchen erfahrungsgemäß der
-Nußbaum gut gedeiht und sichere Erträge bringt. Nußbäume sind in geschlossenen Pflanzungen
-nur da anzubauen, wo auf einen Ertrag der Unternutzung verzichtet werden kann. Für Einzelpflanzungen
-aber, und hierzu ist der Nußbaum mehr als alle andern Obstarten geeignet, gibt
-es fast allerorts noch eine ganze Menge brauchbarer Stellen. So auf Gutshöfen, Dorfplätzen,
-an Wegescheiden und an andern Orten, wo die Bäume nicht nur durch ihre Früchte Segen
-bringen, sondern auch zur Verschönerung der Heimat beitragen. Während man für solche Plätze
-die Anpflanzung fertig vorgebildeter Bäume bevorzugen soll, dürfte für den Großanbau die
-Aussaat an Ort und Stelle in Betracht zu ziehen sein. Da eine spätere Veredelung der Nüsse
-erhebliche Schwierigkeiten bietet, hat man auf jeden Fall dafür zu sorgen, daß als Saatgut nur
-Nüsse allerbester Abstammung verwendet werden. Nur reichtragende, spätblühende, widerstandsfähige
-Sorten mit großen, mäßig dünnschaligen Früchten sind geeignet.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Die_Postsaeule_von_Aue">Die Postsäule von Aue</h2>
-</div>
-
-<p>Wenige Tage bevor das Heft 4/6 der »Mitteilungen« mit <em class="antiqua">Dr.</em> Kuhfahls Postsäulenaufsatz
-in meine Hände kam, war es mir gelungen, einen Rest der alten Auer Postsäule aufzufinden.
-Aufmerksam geworden darauf war ich bei Gelegenheit einer Ausstellung: »Die Gesamtentwicklung
-der Stadt Aue«, die ich eingerichtet hatte. Auf mehreren alten Bildern vom Marktplatz war
-dort eine Postsäule zu sehen, und zwar an der Ecke der jetzigen Markt- und Bahnhofsstraße
-(ehedem Lößnitzer Straße). Ältere Leute kannten sie noch. Der einstige Posthalter Walther
-hatte sie, als sie beseitigt werden sollte, in seinen Hof gestellt. Sein Sohn half mir, die Säule
-ausfindig machen. Sie dient jetzt als Steinbank an einem Hause Wiesenstraße 2, ist auf den
-sichtbaren zwei Seiten ziemlich abgenutzt, läßt aber noch ein Posthorn, den Namen Schneeberg,
-sowie Zahlenreste erkennen. Sockel und Spitze fehlen. Der Stein (Granit) weist unten ein Loch
-zur Befestigung auf und verjüngt sich obeliskenartig. Es besteht die Hoffnung, daß er wieder
-an geeigneter Stelle aufgerichtet wird.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Sieber</em>, Aue.
-</p>
-
-<p><b>Postmeilensäulen</b>: Zum Aufsatz von <em class="antiqua">Dr.</em> Kuhfahl im Heft 4/6 XI sind uns und dem Verfasser
-erfreulicherweise eine Reihe von Mitteilungen zugegangen. Allen Einsendern sei bestens gedankt.
-Um weitere Ergänzungen wird gebeten. Dies neue Material wird später in einem Nachtrag
-veröffentlicht werden.</p>
-
-<p class="mright">
-Die Schriftleitung.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center smaller">
-Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei<br />
-Klischees von Römmler &amp; Jonas, sämtlich in Dresden.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="noind">Soeben erschienen:</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Die<br />
-Vegetationsverhältnisse<br />
-des östlichen Erzgebirges</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="center">Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Arno Naumann</p>
-
-<p class="center">*</p>
-
-<p class="center">Mit einer Kartenskizze</p>
-
-<p class="center">(Sonderdruck aus der »Isis«, 46 Seiten Oktav)</p>
-
-<p class="center">*</p>
-
-<p class="center"><b>Preis 20 Mark und Postgeld</b></p>
-
-<p>Zu beziehen:</p>
-
-<p class="center larger"><b>Landesverein Sächsischer Heimatschutz<br />
-Dresden-A.</b></p>
-
-<p class="center">Schießgasse Nr. 24</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2"><span class="u">Friedhof und Denkmal</span></p>
-</div>
-
-<p class="center larger">Halbmonatsschrift</p>
-
-<p class="center">herausgegeben von</p>
-
-<p class="center">Robert B. Witte</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>Für Künstler, Gartenfachleute, Industrie
-und Gewerbe das <em class="gesperrt">erste und einzige
-reichillustrierte</em> Organ der gesamten
-Friedhofskultur</p>
-<div class="center">
-<p>Das unentbehrliche Fachblatt für alle
-zuständigen Behörden</p>
-</div>
-</div>
-
-<p class="center">Probenummer</p>
-
-<p class="center">durch den Verlag der Zeitschrift</p>
-
-<p class="h2"><span class="u">Friedhof und Denkmal</span></p>
-
-<p class="center">G. m. b. H., Dresden-N. 6</p>
-
-<p class="center p2 smaller">Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 139: Heist → Geist<br />
-<em class="antiqua">scrato</em> = böser <a href="#corr139">Geist</a></p>
-</div>
-</div>
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 7-9</span> ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
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-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
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-</div>
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-</div>
-
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-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
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-public support and donations to carry out its mission of
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-</div>
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
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