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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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-The Project Gutenberg eBook of Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak, by
-Charles de Coster
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak
- Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern
- im Lande Flandern und andern Orts
-
-Author: Charles de Coster
-
-Translator: Friedrich von Oppel-Bronikowski
-
-Release Date: August 29, 2022 [eBook #68862]
-
-Language: German
-
-Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team
- at https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TYLL ULENSPIEGEL UND LAMM
-GOEDZAK ***
-
-
- Charles de Coster
-
- Tyll Ulenspiegel
- und Lamm Gœdzak
-
- Legende von ihren heroischen
- /lustigen und ruhmreichen
- Abenteuern im Lande Flandern
- und andern Orts/
-
- Deutsch von
-
- Friedrich von Oppeln-Bronikowski
-
- Mit Nachwort des Übersetzers
-
-
- Verlegt bei Eugen Diederichs/
-
- Jena 1911
-
-
-
-
- Dritte Auflage
- Sechstes bis zehntes Tausend
-
-
-
-
-Vorrede der Eule
-
-
-Ihr Herren Künstler, gnädige Herren Herausgeber und Herr Poet, ich
-möchte mir in Bezug auf Ihre erste Ausgabe einige Bemerkungen erlauben.
-Wie! In diesem dicken Buche, diesem Elefanten, den Sie, achtzehn an
-der Zahl, versuchen zum Ruhme zu führen, haben Sie nicht den kleinsten
-Platz für den Vogel Minervas, die weise, die verständige Eule gefunden!
-In Deutschland und in Flandern, das Sie so sehr lieben, reise ich
-beständig auf Ulenspiegels Schulter, der nur darum so heißt, weil
-sein Name Eule und Spiegel bedeutet, Weisheit und Gaukelspiel, Uyl en
-Spiegel. Die von Damm, wo er geboren, sprechen den Namen der Kürze
-halber „Ulenspiegel“ aus, und weil sie die Angewohnheit haben „U“ statt
-„Uy“ auszusprechen. Das ist ihre Sache.
-
-Ihr habt eine andere Auslegung ersonnen: Ulen für Ulieden Spiegel /
-Euer Spiegel / für Euch, Bauern und Herren, Regierte und Regierende,
-der Spiegel der Narrheiten, Lächerlichkeiten und Verbrechen eines
-Zeitalters. Das war scharfsinnig, aber unbillig. Man muß nie mit der
-Tradition brechen.
-
-Vielleicht fandet Ihr den Gedanken seltsam, die Weisheit durch einen
-traurigen, possierlichen Vogel zu symbolisieren, / Eures Bedünkens
-durch einen bebrillten Schulfuchs, einen Possenreißer vom Jahrmarkt,
-einen Freund der Finsternis, der unhörbar fliegt und tötet, ohne daß
-man ihn kommen hört, gleichwie der Tod? Aber Ihr gleichet mir, falsche
-Biedermänner, die Ihr über mich lacht. In mancher Eurer Nächte strömte
-Blut unter den Streichen des Mordes, der auf Filzsohlen geschlichen
-kam, damit man ihn ebenfalls nicht kommen hörte. Gibt es nicht in Eurer
-Geschichte gewisse Tage, an denen die bleiche Morgendämmerung mit ihrem
-fahlen Scheine die Straßen, die mit den Leichen von Männern, Weibern
-und Kindern besäet waren, beleuchtete? Wovon lebt Eure Politik, seitdem
-Ihr die Welt regiert? Vom Erwürgen und Morden.
-
-Ich, die Eule, die häßliche Eule, ich töte, um mich zu ernähren,
-um meine Jungen zu ernähren; ich töte nicht, um zu töten. Wenn
-Ihr mir vorwerft, daß ich ein Nest mit jungen Vögeln verschlinge,
-könnte ich Euch nicht ebenso vorwerfen, daß Ihr alles, was Odem hat,
-niedermetzelt? Ihr habt Bücher geschrieben, in denen Ihr gerührten
-Tones von der Anmut des Vogels, seinen Liebesfreuden, seiner Schönheit,
-vom kunstvollen Bau des Nestes und den Ängsten der Mutterschaft
-sprecht. Hiernach sagt Ihr, in welcher Brühe er angerichtet werden
-muß und in welchem Monat des Jahres man die saftigsten Gerichte daraus
-macht. Ich, ich schreibe keine Bücher, Gott bewahre mich, anderenfalls
-würde ich schreiben, daß, wenn Ihr den Vogel nicht essen könnt, Ihr das
-Nest verspeist, aus Furcht, um einen Bissen zu kurz zu kommen.
-
-Was Dich betrifft, leichtsinniger Poet, so war es Dein eigner Vorteil,
-mir in Deinem Werke meinen rechtmäßigen Platz zu geben; denn zwanzig
-Kapitel darin gehören zum mindesten mir; die andern laß ich dir ganz zu
-eigen.[1] Das ist wahrlich das Wenigste, daß man uneingeschränkt Herr
-der Dummheiten sei, die man drucken läßt. Zeternder Poet, Du schlägst
-blindlings auf die los, die Du die Henker des Vaterlandes nennst; Du
-stellst Karl V. und Philipp II. an den Schandpfahl der Geschichte.
-Du bist keine Eule, Du bist nicht fürsichtig. Weißt Du, ob in dieser
-Welt nicht noch ein Karl V. und ein Philipp II. existiren? Fürchtest
-Du nicht, daß eine wachsame Censur im Bauche Deines Elefanten nach
-Anspielungen auf erlauchte Zeitgenossen suchen werde? Warum ließest Du
-nicht diesen Kaiser und diesen König in ihrem Grabe schlummern? Weshalb
-kläffst Du so viel Majestäten an? Wer sich in Gefahr begibt, kommt
-darin um. Es gibt Leute, die Dir nicht verzeihen werden; ich verzeihe
-Dir auch nicht, Du störst mir meine spießbürgerliche Verdauung.
-
-Was soll dieser ständige Zwist zwischen einem verabscheuten König, der
-von Kindheit an grausam ist / dafür ist er ein Mensch / und diesem
-vlämischen Volke, das Du uns als heldenmütig, fröhlich, rechtschaffen
-und arbeitsam darstellen willst? Wer sagt Dir, daß dieses Volk gut
-und der König schlecht war? Ich könnte Dir klüglich das Gegenteil
-beweisen. Deine Hauptpersonen sind Dummköpfe und Narren, ohne einen
-einzigen auszunehmen. Dein Gassenjunge Ulenspiegel ergreift die Waffen
-für die Gewissensfreiheit; sein Vater Klas läßt sich lebendigen Leibes
-verbrennen, um seine religiösen Überzeugungen zu behaupten; seine
-Mutter Soetkin verzehrt sich in Gram und stirbt an den Folgen der
-Tortur, weil sie ihrem Sohn ein Vermögen erhalten wollte. Dein Lamm
-Goedzak geht im Leben geradeaus, als ob man in dieser Welt nur gut und
-ehrlich zu sein brauchte; die kleine Nele; die nicht übel ist, liebt
-nur einen Mann in ihrem Leben.. Wo sieht man noch solche Dinge? Ich
-würde dich beklagen, wenn ich nicht über Dich lachen müßte.
-
-Jedoch muß ich gestehen, neben diesen lächerlichen befinden sich
-etliche Persönlichkeiten, die ich gern zu meinen Busenfreunden machte:
-deine spanischen Soldaten, deine Mönche, die das Volk verbrennen, deine
-Gilline, die Spionin der Inquisition, deinen geizigen Fischhändler, den
-Angeber und Wärwolf, deinen Edelmann, der nachts den Teufel spielt,
-um irgend eine einfältige Person zu verführen, in Sonderheit aber den
-verständigen Philipp II., der, da er Geld braucht, die heiligen Bilder
-in den Kirchen zerstören läßt, um einen Aufstand zu bestrafen, dessen
-weiser Anstifter er selber war. Das ist wahrlich das wenigste, was man
-tun kann, wenn man berufen ist, von denen zu erben, die man mordet.
-
-Aber ich glaube, ich spreche ins Leere. Du weißt vielleicht nicht
-einmal, was eine Eule ist. Ich will es dir zu wissen tun.
-
-Eule ist, wer heimlich auf die Leute, die ihm im Wege sind, Verläumdung
-herabträufelt, und wenn man ihn auffordert, die Verantwortung für seine
-Worte zu übernehmen, klüglich ausruft: „Ich behaupte nichts, Man hat es
-mir gesagt“. Er weiß wohl, daß Man unangreifbar ist.
-
-Eule ist, wer in den Kreis einer ehrbaren Familie eintritt, sich als
-Freier ankündigt, ein junges Mädchen ins Gerede bringt, Geld borgt,
-manchmal seine Schuld bezahlt und davon geht, wenn es nichts mehr zu
-nehmen gibt.
-
-Eule ist der Politiker, der eine Maske der Freiheit, Aufrichtigkeit
-und Menschenliebe anlegt und Euch im gegebenen Augenblick ohne Warnung
-einen Menschen oder eine Nation erwürgt.
-
-Eule ist der Handelsmann, der seine Weine panscht und seine
-Lebensmittel fälscht, der verdorbenen Magen anstatt Ernährung und Wut
-anstatt Heiterkeit verursacht.
-
-Eule ist, wer geschickt fliegt, ohne daß man ihn beim Kragen packen
-kann, der das Falsche gegen das Wahre verteidigt, die Witwe zu Grunde
-richtet, die Waise beraubt und im Fett triumphirt wie andere im Blut.
-
-Eule, die mit ihren Reizen Handel treibt, den besten Herzen junger
-Männer die Unschuld nimmt und das „sie bilden“ heißt, und sie ohne
-einen Heller im Schlamme läßt, in den sie sie gezogen hat.
-
-Wenn sie manchmal traurig ist, sich besinnt, daß sie Frau ist und
-Mutter sein könnte, verleugne ich sie. Wenn sie, dieses Daseins müde,
-sich ins Wasser stürzt, so ist sie eine Närrin, und unwürdig zu leben.
-
-Blick um Dich, Dichter aus der Provinz, und zähle die Eulen dieser
-Welt, wenn Du kannst. Bedenke, ob es klug ist, so wie Du es tust, die
-Kraft und die List, diese Königinnen unter den Eulen, anzugreifen. Geh
-in Dich, lege Deine Beichte ab, und flehe auf den Knien um Vergebung.
-
-Dennoch nehme ich Anteil an Dir wegen Deiner vertrauensseligen
-Unbesonnenheit. Deshalb warne ich Dich, trotz meiner bekannten
-Gewohnheiten: ich werde stehenden Fußes die Derbheit und die Keckheiten
-Deines Stils meinen literarischen Vettern anzeigen. Sie haben starke
-Federn, Schnäbel und Brillen, sind fürsichtige, superkluge Leute, die
-auf die liebenswürdigste, schicklichste Art mit sehr viel Gaze und
-Manschetten den jungen Frauenzimmern Liebesgeschichten erzählen, die
-nicht allein von Cythere kommen und die Euch in einer Stunde, ohne daß
-man etwas sieht, die widerspänstigste Agnes erziehen. O tollkühner
-Poet, der Du Rabelais und die alten Meister so sehr liebst, jene Leute
-haben das vor Dir voraus, daß sie die französische Sprache am Ende
-durch vieles Schleifen abnutzen werden.
-
- Bubulus Bubb
-
-
-
-
-Erstes Buch
-
-
-1
-
-Zu Damm in Flandern, da der Maimond des Hagedorns Blüten erschloß, ward
-Ulenspiegel, des Klas Sohn, geboren.
-
-Eine Wehemutter, Katheline genannt, wickelte ihn in Windeln, und
-da sie seinen Kopf beschaute, wies sie auf ein Häutlein daran.
-„Glückshäutlein, unter gutem Stern geboren“, sprach sie fröhlich. Doch
-alsbald jammerte sie und deutete auf ein schwarzes Pünktlein an des
-Kindes Schulter.
-
-„Wehe,“ weinte sie, „das ist das schwarze Mal vom Teufelsfinger“.
-
-„Meister Satan“, erwiderte Klas, „muß gar früh aufgestanden sein, wenn
-er schon Zeit hatte, meinen Sohn zu zeichnen“.
-
-„Er hat garnicht geschlafen,“ antwortete Katheline, „denn horch! da
-weckt erst Kreyant die Hennen“.
-
-Sie legte das Kind in Klasens Hände und ging hinaus.
-
-Da zerriß die Morgenröte das Nachtgewölk; die Schwalben strichen
-zwitschernd über die Wiesen und die Sonne zeigte ihr blendendes Antlitz
-purpurn am Himmel.
-
-Klas öffnete das Fenster und sprach zu Ulenspiegel:
-
-„Du Glückskind, schau, da kommt Ihro Gnaden, die Frau Sonne, das Land
-Flandern zu grüßen. Betrachte Sie, wenn immer Du kannst, und so Du
-dermaleinst in Zweifel verstrickt bist und nicht weißt, was Du tun
-sollst, um recht zu handeln, so frage sie um Rat. Sie ist licht und
-warm. Sei aufrichtig wie sie licht ist, und gut wie sie warm ist“.
-
-„Klas, Mann,“ sagte Soetkin, „Du predigst einem Tauben. Komm und
-trinke, mein Sohn“.
-
-Und die Mutter bot dem Neugeborenen ihre schönen Naturflaschen.
-
-
-2
-
-Dieweil Ulenspiegel mit Lust daran trank, erwachten alle Vöglein auf
-der Flur. Klas band Reisigbündel zusammen und sah zu, wie sein Gespons
-Ulenspiegel die Brust gab.
-
-„Weib,“ fragte er, „hast Du Vorrat von dieser guten Milch angeschafft?“
-
-„Die Krüge sind voll,“ sagte sie, „doch das ist nicht genug, mich froh
-zu machen“.
-
-„Gar kläglich sprichst Du von einem so großen Glück“.
-
-„Ich gedenke,“ sprach sie, „daß sich auch nicht ein elender Heller in
-der Geldkatze findet, die dort an der Wand hängt“.
-
-Klas nahm den Beutel zur Hand; doch er mochte ihn schütteln, wie er
-wollte, er hörte kein Geld darin klingen. Da ward er betrübt. Doch er
-wollte sein Weib trösten und sprach:
-
-„Was sorgst Du Dich? Haben wir nicht den Kuchen im Kasten, den
-Katheline uns gestern geschenkt hat? Sehe ich nicht ein großes Stück
-Rindfleisch, welches zum mindesten drei Tage gute Milch für das Kind
-machen wird? Prophezeit der Sack mit Bohnen, der dorten so hübsch
-in der Ecke hockt, eine Hungersnot? Ist dies Fäßlein mit Butter
-ein Hirngespinnst? Sind die Fähnlein und Kompanien von Äpfeln, die
-in kriegerischen Reihen zu Elfen auf dem Boden aufmarschiert sind,
-Gespenster? Und hält nicht das brave dicke Fäßlein mit Brügger Kuytbier
-in seinem Wanst unsere Labung und kündet uns frischen Trunk?“
-
-„Wenn das Kind zur Taufe getragen wird,“ sagte Soetkin, „so müssen wir
-dem Priester zwei Heller und für den Schmaus einen Gulden geben“.
-
-Indessen trat Katheline mit einem großen Strauß Pflanzen ein.
-
-„Ich bringe dem Glückskind Engelwurz, der bewahrt den Menschen vor
-Wollust, und Fenchel, der vertreibt den Teufel“.
-
-„Hast Du nicht auch das Kraut, das die Gülden herbeizieht?“ fragte Klas.
-
-„Nein“, sagte sie.
-
-„So will ich sehen, ob es im Kanal keine gibt“.
-
-Er ging mit Netz und Angel von dannen und war sicher, daß er niemanden
-begegnete, denn es war noch eine Stunde vor Oosterzon: so heißt in
-Flandern die Sonne um sechs Uhr früh.
-
-
-3
-
-Klas ging nach dem Kanal von Brügge, nicht weit vom Meere. Da tat er
-den Köder an die Angel, warf sie aus und ließ das Netz hinab. Ein
-wohlgekleideter Bursche saß am anderen Ufer und schlief wie ein Klotz
-auf einem Haufen Muscheln.
-
-Bei dem Lärm, welchen Klas machte, erwachte er und wollte davonlaufen,
-denn er fürchtete, es möchte ein Gemeinbüttel sein, der ihn von seinem
-Lager forttreiben und zum Steen bringen wollte, wegen unerlaubten
-Vagierens.
-
-Doch seine Furcht schwand, da er Klas erblickte und dieser ihm zuschrie:
-
-„Willst Du sechs Deut verdienen, so treibe den Fisch hierher.“
-
-Der Bursche, der schon ein aufgeblähtes Bäuchlein hatte, ging ins
-Wasser, nahm einen Büschel großen Schilfrohrs und trieb die Fische zu
-Klas.
-
-Nach vollbrachtem Fischfang zog Klas Netze und Angelschnur heraus, ging
-über die Schleuse und kam zu dem Buben.
-
-„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner
-Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße hinter
-der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so wohlgekleidet
-bei Mutter Grün Obdach suchest?“
-
-„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim
-eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt mich
-weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr auf dem
-Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr. Gestern beim
-Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit den Fingern den Boden
-einer Schüssel aus, darin Rindfleisch mit Bohnen gewesen. Sie aber
-wollte auch ihr Teil haben, und es war doch nicht mal genug für mich,
-Herr. Da sie nun sah, wie ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so
-wohl schmeckte, ward sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so
-gewaltige Maulschellen, daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“
-
-Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan hätten. Da
-antwortete Lamm Goedzak:
-
-„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter auf die
-andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch ich mochte kein
-Mägdlein schlagen und lief davon“.
-
-Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und Klas sah
-eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite ging ein mageres
-Dirnlein von bösem Aussehen.
-
-„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt meine
-Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme mich, Meister
-Kohlenträger!“
-
-„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn und laß
-uns sonder Furcht zu ihnen gehen“.
-
-Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und wollten ihn
-beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt hatte, und die
-Schwester, weil sie es gewohnt war.
-
-Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie:
-
-„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“
-
-Doch die Mutter umhalste ihn schon, dieweil das Mägdlein mit Gewalt
-Lamms Hände öffnen wollte, sein Geld zu bekommen. Er aber schrie:
-
-„Es ist mein, Du sollst es nicht haben!“
-
-Und er hielt die Fäuste fest zu.
-
-Klas aber schüttelte das Mägdlein derb bei den Ohren und sprach zu ihr:
-
-„Wenn es noch einmal geschieht, daß Du Händel mit Deinem Bruder
-suchst, welcher gut und sanft ist wie ein Lamm, so werde ich Dich in
-ein schwarzes Kohlenloch stecken, und da werde nicht ich Dich bei den
-Ohren zupfen, sondern der rote Teufel aus der Höllen, der wird Dich mit
-seinen großen Klauen und seinen Zähnen wie Heugabeln in Stücke reißen“.
-
-Bei dieser Rede wagte das Mägdlein Klas nicht mehr anzublicken noch
-Lamm zu nahen, und suchte Schutz hinter dem Rücken der Mutter. Als sie
-aber in die Stadt kamen, schrie sie allerorten:
-
-„Der Kohlenträger hat mich geschlagen; er hat den Teufel in seinem
-Keller“.
-
-Fortan schlug sie Lamm nicht mehr; doch als sie groß war, ließ sie ihn
-ihre Arbeit verrichten und der gute Tropf tat es gern.
-
-Klas hatte seinen Fang unterwegs an einen Pächter verkauft, der ihn ihm
-abzunehmen pflegte. Als er heimkehrte, sprach er zu Soetkin:
-
-„Dieses fand ich im Bauche von vier Hechten, neun Karpfen und einen
-Korb voll Aale“. Und er warf zwei Gulden und einen Heller auf den Tisch.
-
-„Was gehst du nicht täglich auf den Fischzug, Mann?“ fragte Soetkin.
-
-Klas gab zur Antwort: „Damit ich nicht selber zum Fisch werde für die
-Netze des Gemeinbüttels“.
-
-
-4
-
-Ulenspiegels Vater ward in Damm Klas der Kohlenträger genannt. Er hatte
-schwarzes Haar, feurige Augen, und seine Haut war von der Farbe seiner
-Ware, außer an Sonn- und Feiertagen, allwo es reichlich Seife in der
-Hütte gab. Er war klein, vierschrötig und stark und hatte ein lustiges
-Antlitz. Wenn er nach dem Tagewerk bei sinkender Nacht in einer Schänke
-am Wege nach Brügge einkehrte, um sich die schwarze Kohle mit Kuyt
-aus der Kehle zu spülen, riefen alle Frauen, die auf den Türschwellen
-frische Luft schöpften, ihm freundwillig zu:
-
-„Guten Abend und klares Bier, Kohlenträger“.
-
-„Guten Abend und einen wachsamen Mann“, gab Klas zum Bescheid.
-
-Die Mägdlein, die zuhauf von den Feldern heimkehrten, stellten sich
-alle vor ihn hin und sprachen zu ihm:
-
-„Was zahlst Du als Wegzoll: ein scharlachnes Band, einen Goldring,
-Sammetschuhe oder einen Gülden in die Gürteltasche?“
-
-Doch Klas faßte sie um die Hüften und küßte sie auf Wangen und Hals,
-oder was sonst seinem Munde am nächsten war. Dann sprach er:
-
-„Den Rest, ihr Schätzchen, den Rest fordert von Eurem Liebsten“.
-
-Und sie gingen laut lachend von dannen.
-
-Die Kinder kannten Klas an seiner derben Stimme und am Klappern seiner
-Schuhe. Sie liefen ihm entgegen und sprachen:
-
-„Guten Abend, Kohlenträger!“
-
-„Gott gebe Euch ein gleiches, Ihr Engelein“, sprach Klas. „Doch kommt
-mir nicht nahe, auf daß ich Euch nicht zu Mohrenkindern mache“.
-
-Doch die Kleinen waren keck und kamen heran. Da griff er eines am Wams,
-rieb das rosige Mäulchen mit seinen Händen ein und ließ das Kind,
-welches trotzdem lachte, zur großen Freude aller andern entlaufen.
-
-Soetkin, Klasens Frau, war ein braves Weib, früh auf wie das Morgenrot
-und emsig wie eine Ameise.
-
-Klas und sie bestellten zu zweit ihre Felder und spannten sich gleich
-Ochsen vor den Pflug. Gar mühevoll war das Ziehen, doch noch schwerer
-die Egge, wenn das ländliche Werkzeug mit seinen hölzernen Zähnen die
-harten Schollen zerreißen sollte. Sie taten es gleichwohl fröhlichen
-Mutes und sangen ein altes Liedchen dabei.
-
-Und es half der Erde nichts hart zu sein; umsonst warf die Sonne
-ihre heißesten Strahlen auf sie. Und ob sie auch ihre Lenden grausam
-anstrengen mußten, wenn sie mit gebogenen Knien die Egge schleppten:
-sobald sie stillhielten und Soetkin ihr sanftes Antlitz zu Klas wandte,
-und Klas küßte diesen Spiegel einer zärtlichen Seele, so vergaßen sie
-der großen Mühsal.
-
-
-5
-
-Tags zuvor war an den Fenstergittern des Stadthauses ausgerufen, es
-solle gebetet werden für Ihre Majestät, Kaiser Karls Gemahlin, die
-schwanger war, daß sie bald niederkäme.
-
-Am ganzen Leibe zitternd, trat Katheline bei Klas ein.
-
-„Was ficht Dich an, Gevatterin?“ fragte der Biedermann.
-
-„Wehe!“ antwortete sie in abgerissenen Worten. „Diese Nacht / Geister,
-die Menschen mähten wie Schnitter das Gras / Mägdlein lebendig
-begraben; auf ihrem Leib tanzte der Henker! Der Stein, der seit neun
-Monden Blut geschwitzt hat, diese Nacht geborsten.“
-
-„Erbarm Dich unser! Erbarm Dich unser, Herr Gott!“ stöhnte Soetkin,
-„das ist eine üble Vorbedeutung für das Land Flandern.“
-
-„Sahest Du das mit Deinen Augen oder im Traume?“ fragte Klas.
-
-„Mit meinen Augen“, erwiderte Katheline.
-
-Bleich wie der Tod und mit Thränen hub sie wieder an:
-
-„Zwei Kindlein sind geboren, eins in Hispanien, das ist das Kind
-Philipp, das andre im Lande Flandern, das ist des Klas Sohn, so
-dereinst Ulenspiegel genannt wird. Philipp wird ein Henker werden, denn
-er ist erzeugt von Kaiser Karl, dem Mörder unsres Landes. Ulenspiegel
-wird ein großer Meister in lustigen Reden und Bubenstreichen sein,
-aber er wird ein gutes Herz haben, denn er hat Klas zum Vater gehabt,
-einen wackeren Arbeitsmann, der in Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und
-Leutseligkeit sein Brot zu verdienen weiß. Karl der Kaiser und Philipp
-der König werden hoch zu Roß durchs Leben reiten und mit Schlachten,
-Erpressungen und andrem Verbrechen Unheil stiften. Klas, der die ganze
-Woche arbeitet, nach Recht und Gesetz lebt und lacht, statt bei seiner
-harten Arbeit zu weinen, wird das Vorbild der guten Flandrischen
-Arbeiter sein.
-
-„Ulenspiegel wird den Tod nicht sehen und allzeit jung sein; er wird
-die Welt durchwandern und an keinem Orte sich festsetzen. Er wird
-Bauer, Edelmann, Maler und Bildhauer sein / alles mit einander. Und
-also wird er die Welt durchwandern, gute und schöne Dinge loben,
-und der Dummheit aus voller Kehle spotten. Klas ist Dein Mut, edles
-flämisches Volk, Soetkin Deine tapfre Mutter, Ulenspiegel Dein Witz,
-ein artig und lieblich Mägdlein, des Ulenspiegel Genossin und gleich
-ihm unsterblich, wird Dein Herz sein, und ein dicker Bauch, Lamm
-Goedzak, Dein Magen. Oben werden die Menschenvertilger sein, unten
-die Opfer; oben diebische Drohnen, unten emsige Bienen, und im Himmel
-werden Christi Wunden bluten.“
-
-Nach solchen Worten entschlief Katheline, die gute Zauberin.
-
-
-6
-
-Ulenspiegel ward zur Taufe getragen; plötzlich fiel ein Platzregen, der
-ihn schier durchnäßte. Also ward er zum ersten Male getauft.
-
-Da er in die Kirche kam, hieß der Küster und Schulmeister Eltern und
-Paten sich um das Taufbecken stellen, welches geschah.
-
-Doch im Gewölbe über dem Taufbecken hatte ein Maurer ein Loch gemacht,
-um allda eine Lampe an einem Stern von vergüldetem Holz aufzuhängen.
-Da er von oben die Paten stocksteif um das Taufbecken stehen sah, auf
-welchem der Deckel noch ruhte, goß er durch das Loch in der Wölbung
-voller Tücke einen Kübel Wassers, also daß dieses auf den Deckel
-stürzte und ein gewaltig Spritzen geschah. Ulenspiegel bekam das größte
-Teil davon. Und also ward er zum andern Male getauft.
-
-Der Dechant kam und sie führten Klage bei ihm; er aber sagte, sie
-sollten sich sputen und es wäre ein Zufall. Ulenspiegel zappelte wegen
-des Wassers, das auf ihn gefallen war. Der Dechant gab ihm Salz und
-Wasser und nannte ihn Thylbert, das heißt „reich an Bewegungen.“ So
-ward er zum dritten Male getauft.
-
-Da sie die Frauenkirche verlassen, gingen sie in die Lange Gasse und
-kehrten gegenüber der Kirche in den „Rosenkranz der Flaschen“ ein,
-an welchem ein Krug das Credo bildete. Dort tranken sie siebzehn
-Kannen Doppelbier und noch mehr. Denn solches ist der rechte Brauch in
-Flandern, daß man im Bauche ein Feuer anzündet, um durchnäßte Leute zu
-trocknen. So ward Ulenspiegel zum vierten Male getauft.
-
-Da sie nun heim taumelten und ihr Kopf schwerer war denn ihr Körper,
-kamen sie an einen Steg, der über ein Wasser gelegt war. Katheline,
-die Pathin war und das Kind trug, tat einen Fehltritt und fiel mit
-Ulenspiegel in die Lache. Also ward er zum fünften Male getauft.
-
-Doch man zog ihn aus dem Pfuhle, um ihn in Klasens Hause mit warmem
-Wasser zu waschen; und das war seine sechste Taufe.
-
-
-7
-
-Am selbigen Tage beschloß seine Heilige Majestät, Kaiser Karl,
-glänzende Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes fürstlich zu
-feiern. Er beschloß gleich Klas auf den Fischzug zu gehen, doch nicht
-in einem Kanal, sondern in den Gürteltaschen und Geldkatzen seiner
-Völker. Denn daraus ziehen die fürstlichen Angelruten Crusados,
-Silberdaelders und Löwentaler, und alle diese wundersamen Fische
-wandeln sich nach Belieben des Fischers in Sammet, Kleider, kostbare
-Juwelen, erlesene Weine und feine Speisen. Denn die fischreichsten
-Flüsse sind nicht die, so das meiste Wasser führen.
-
-Da er nun seine Räte um sich versammelt hatte, bestimmte seine Heilige
-Majestät, daß der Fischzug wie folgt ausgeführt würde: Seine Hoheit der
-Infant sollte in der neunten oder zehnten Stunde zur Taufe getragen
-werden. Um ihre große Freude darzutun, sollten die Einwohner von
-Valladolid die ganze Nacht durch Schmausereien und Gelage halten, alles
-auf ihre Kosten, und auf dem Marktplatz Geld für die Armen streuen.
-
-An fünf Straßenecken sollte ein großer Springbrunnen sein und bis
-Tagesanbruch gewöhnlichen Wein in Strömen hervorsprudeln, welchen die
-Stadt bezahlte. An fünf anderen Ecken sollten an hölzernen Gerüsten
-kleine Würste, ferner Schlack-, Leber- und Knackwürste, Ochsenzungen
-und andre Fleischarten aufgehängt werden, desgleichen zu Lasten der
-Stadt.
-
-Die Bürger von Valladolid sollten da, wo der Zug vorbeikommen mußte,
-auf ihre Unkosten eine große Zahl von Triumphbögen errichten, welche
-den Frieden, das Glück, den Überfluß und das günstige Geschick
-darstellten, sowie jegliche Himmelsgabe, womit sie unter der Herrschaft
-seiner Kaiserlichen Majestät überschüttet worden.
-
-Endlich sollten außer diesen Friedensbögen etliche andere aufgerichtet
-werden, an welchen in lebhaften Farben weniger milde Sinnbilder zu
-sehen waren, als das sind: Adler, Löwen, Lanzen, Hellebarden, Spieße
-mit glänzender Zunge, Hakenbüchsen, Kanonen, Feldschlangen mit großem
-Rachen und andre Maschinen, so die kriegerische Macht und Stärke seiner
-heiligen Majestät versinnbildlichen sollten.
-
-Was die Lichter zum Erleuchten der Kirche betraf, so sollte es der
-Gilde der Wachszieher verstattet sein, zwanzigtausend Kerzen ohne
-Entgelt herzustellen, und was davon nicht verbrannt ward, das sollte
-dem Domkapitel zufallen.
-
-Was aber die anderen Ausgaben betraf, so wollte der Kaiser sie gerne
-bestreiten und solchergestalt seinen guten Willen zeigen, seinen
-Völkern nicht allzugroße Lasten aufzulegen.
-
-Als die Gemeine dies Gebot auszuführen trachtete, traf von Rom her
-klägliche Kunde ein. Oranien, Alençon und Frundsberg, des Kaisers
-Hauptleute, waren in die heilige Stadt gedrungen und hatten allda
-Kirchen, Kapellen und Häuser eingeäschert und ausgeplündert und niemand
-geschont, nicht die Priester und Klosterfrauen noch die Weiber und
-Kinder. Der heilige Vater war gefangen worden. Seit einer Woche währte
-das Plündern, und Reiter wie Lanzknechte durchstreiften die Stadt,
-übersättigt von Speise und berauscht vom Trinken. Sie schwangen ihre
-Waffen, suchten die Kardinäle und drohten, sie würden ihnen genug ins
-Fell schneiden, daß sie nie Päpste würden. Andre, so diese Drohung
-bereits ausgeführt hatten, stolzierten in der Stadt umher und trugen
-Rosenkränze auf der Brust, mit achtundzwanzig und mehr Kugeln, groß
-wie Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren gleich roten Bächen,
-darinnen die nackten Leiber der Toten lagen.
-
-Etliche sagten, der Kaiser, dieweil er Geld brauchte, hätte solches im
-geistlichen Blut fischen wollen; und da er von dem Vertrage, den seine
-Hauptleute dem gefangenen Papst auferlegt hatten, Kenntnis erhalten,
-so zwang er ihn, die festen Plätze seiner Staaten zu übergeben, 400
-000 Dukaten zu bezahlen und solange im Gefängnis zu bleiben, bis alles
-vollführt sei.
-
-Jedoch der Schmerz seiner Majestät war groß, und er sagte alle
-Vorbereitungen zu Freude, Festen und Lustbarkeiten ab und gebot den
-Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und der Infant ward in
-seinen weißen Windeln getauft, welches die Windeln königlicher Trauer
-sind. Solches legten die Herren und Damen als üble Vorbedeutung aus.
-
-Dem ohngeachtet stellte die Frau Amme den edlen Herren und Damen des
-Palastes den Infanten dar, auf daß sie ihm nach dem Brauche Wünsche und
-Gaben darbrächten.
-
-Madonna de la Coena hing ihm einen schwarzen Stein wider das Gift um
-den Hals, von der Form und Größe einer Nuß, mit güldener Schale. Madame
-de Chauffade knüpfte ihm an einen seidenen Faden, der bis auf den
-Magen hing, eine Haselnuß an, welche die gute Verdauung der Speisen
-befördert. Messire van der Steen aus Flandern brachte ihm eine Genter
-Wurst dar, fünf Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte seiner
-Hoheit ehrerbietigst, daß sie bei dem bloßen Geruche gut gentischen
-Durst nach Clauwaert verspürte; denn er sagte, wer das Bier einer Stadt
-gern trinkt, der kann dessen Brauer nicht hassen. Der Herr Stallmeister
-Jakob Christoph von Castilien ersuchte seine Hoheit den Infanten, an
-seinen Füßlein grünen Jaspis zu tragen, damit er gut laufen könnte. Jan
-de Paepe, der Narr, der dabei war, sprach: „Messire, gebt ihm lieber
-die Posaune Jerichos, bei deren Schall alle Städte eilends vor ihm
-davonlaufen, mitsamt ihren Einwohnern, Männern, Weibern und Kindern,
-um sich andernorts niederzulassen. Denn Seine Hoheit soll nicht selbst
-laufen lernen, sondern andre laufen lassen.“
-
-Die trauernde Wittib des Floris van Borsele, welcher Herr von Veere und
-Seeland gewesen, gab Herrn Philipp einen Stein, welcher, so sprach sie,
-die Männer verliebt und die Frauen untröstlich machte.
-
-Doch der Infant blökte wie ein Kalb.
-
-Indessen steckte Klas seinem Sohn eine Klapper von Weidengeflecht mit
-Schellen daran in die Hände, und dieweil er Ulenspiegel auf seiner Hand
-tanzen ließ, sprach er: „Glöcklein, Glöcklein, Klinglingling. Möchtest
-Du deren immerdar an Deinem Barett haben, kleiner Mann, denn den Narren
-gehört die Welt.“
-
-Und Ulenspiegel lachte.
-
-
-8
-
-Klas hatte einen großen Lachs gefangen; der ward eines Sonntags von
-ihm, Soetkin, Katheline und dem kleinen Ulenspiegel verspeist. Aber
-Katheline aß nicht mehr denn ein Vogel.
-
-„Gevatterin,“ sprach Klas zu ihr, „ist die Luft in Flandern dermalen so
-kräftig, daß Du sie nur einzuatmen brauchst, um satt zu werden wie von
-einem Fleischgericht? Wann wird man so leben? Wenn die Regengüsse gute
-Suppen wären, wenn es Bohnen hagelte und der Schnee, in himmlisches
-Hackfleisch verwandelt, die armen Wanderer labte.“
-
-Katheline schüttelte den Kopf und sprach kein Wort.
-
-„Seh einer das betrübte Weib! Was macht ihr Kummer?“
-
-Da sagte Katheline mit einer Stimme, die gleich einem Hauch war:
-
-„Der Böse / wenn Nacht schwarz herabsinkt / Ich höre, wie er sein
-Kommen ankündigt / schreiend wie ein Fischadler. / Schaudernd bet' ich
-zur Heiligen Jungfrau / vergebens. / Für ihn nicht Mauern noch Zäune,
-nicht Türen noch Fenster; dringt überall hin wie ein Geist. / Die
-Leiter kracht. / Er ist bei mir auf dem Boden, wo ich schlafe, / faßt
-mich mit seinen kalten Armen, hart wie Marmelstein. / Eisiges Gesicht,
-Küsse feucht wie Schnee, / Die Erde wankt und die Hütte schwankt, wie
-ein Nachen auf stürmischer See.“
-
-„Mußt jeden Morgen zur Messe gehen,“ riet Klas, „damit der Herr
-Jesus Dir die Kraft gibt, den Spuk, der von da unten gekommen ist, zu
-vertreiben.“
-
-„Er ist so schön,“ sagte sie.
-
-
-9
-
-Da Ulenspiegel entwöhnt war, wuchs er wie eine junge Pappel. Nun küßte
-Klas ihn nicht mehr so oft, sondern liebte ihn in derber Weise, auf daß
-er nicht weichlich würde.
-
-Wenn Ulenspiegel heimkehrte und Klage führte, daß sie ihn bei einem
-Streit durchgebläut hätten, schlug Klas ihn aufs Neue, weil er die
-andren nicht geschlagen; und also erzogen, ward Ulenspiegel kühn wie
-ein junger Leu.
-
-Wenn Klas nicht daheim war, bat Ulenspiegel die Mutter um einen Heller,
-um spielen zu gehen. Soetkin ward bös und sprach: „Was brauchst Du zu
-spielen! Du tätest besser, daheimzubleiben und Reisig zu schnüren.“
-
-Wenn Ulenspiegel sah, daß er nichts kriegte, schrie er wie ein Adler;
-doch Soetkin vollführte mit Kesseln und Töpfen, die sie in einer
-Holzbütte wusch, einen großen Lärm und tat, als hörte sie nichts.
-Alsdann weinte Ulenspiegel, und die schwache Mutter ließ die gespielte
-Härte fallen, kam zu ihm, liebkoste ihn und sprach: „Hast Du an einem
-Heller genug?“ Nun aber wißt Ihr, daß der Heller sechs Deut galt.
-
-Solchermaßen liebte sie ihn zu sehr, und wenn Klas nicht daheim war, so
-war Ulenspiegel König im Hause.
-
-
-10
-
-Eines Morgens sah Soetkin, wie Klas in der Küche gesenkten Hauptes
-umherlief, gleich einem in Gedanken verlorenen Menschen. „Was plagt
-Dich, Mann?“ fragte sie. „Du bist blaß, zornmütig und zerstreut.“
-
-Da antwortete er mit leiser Stimme wie ein knurrender Hund:
-
-„Sie wollen die grausamen Anschläge des Kaisers erneuern. Der Tod wird
-aufs Neue über dem Lande Flandern schweben. Den Angebern wird die
-Hälfte von der Habe der Opfer versprochen, wenn das Vermögen nicht mehr
-ist als hundert Karolustaler.“
-
-„Wir sind arm,“ sagte sie.
-
-„Arm“, sprach er, „doch nicht genug. Es gibt schlechte Menschen, Geier
-und Raben, die leben von Leichen und würden uns ebenso gern anzeigen,
-um mit Seiner Heiligen Majestät einen Korb Kohlen wie einen Sack
-Karolustaler zu teilen. Was besaß die arme Tannecker, die Wittib des
-Schneiders Sis, die zu Heyst lebendig verbrannt ward? Eine lateinische
-Bibel, drei Goldgülden und etlichen Hausrat von englischem Zinn, wonach
-es ihre Nachbarin gelüstete. Johanna Martens ward als Hexe verbrannt
-und zuvor ins Wasser geworfen, denn ihr Körper schwamm obenauf und das
-galt für ein Zeichen von Zauberei. Sie hatte ein paar armselige Stücke
-Hausrat und sieben Goldkarolus in der Geldkatze, und der Angeber wollte
-die Hälfte davon haben. Ach, so könnte ich bis morgen noch mit Dir
-sprechen. Aber gestehe es, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr
-lebenswert wegen der Anschläge. Bald wird jegliche Nacht der Karren
-des Todes durch die Stadt fahren, und wir werden hier hören, wie das
-Gerippe darin mit den Knochen klappert.“
-
-Soetkin sprach: „Du mußt mich nicht bange machen, Mann. Der Kaiser
-ist der Vater von Flandern und Brabant und als solcher voll Langmut,
-Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit“.
-
-„Er würde zuviel dabei verlieren, denn er lebt von den eingezogenen
-Gütern“.
-
-Plötzlich erscholl die Trompete, und die Zimbeln des Stadtherolds
-dröhnten. Klas und Soetkin nahmen Ulenspiegel abwechselnd auf den
-Arm und liefen mit dem Volkshaufen dem Lärm nach. Sie kamen vor das
-Stadthaus. Daselbst hielten zu Pferde die Herolde, so die Trompete
-bliesen und die Becken schlugen. Der Profoß hatte die Rute der
-Gerechtigkeit und der Amtmann hielt im Sattel mit beiden Händen eine
-kaiserliche Verordnung und schickte sich an, sie dem versammelten Volke
-vorzulesen.
-
-Klas verstand wohl, daß es fortan verboten sei, für Alle im Allgemeinen
-und im Besonderen, zu drucken, zu lesen, zu haben oder zu unterstützen
-die Schriften, Bücher und Lehre von Martin Luther, Johann Wykliff,
-Johannes Huß, Marcilius von Padua, Öcolampadius, Ulrich Zwingli,
-Philippus Melanchthon, Franciscus Lambertus, Johannes Bugenhagen,
-Johannes Pomeranus, Otto Brunselsius, Justus Jonas, Johannes Puperis
-und Gorcianus, desgleichen die neuen Testamente gedruckt von Adrian de
-Berghe, Christoph von Remonda und Johannes Zel, die voll lutherischer
-und anderer Ketzereien, auch von der theologischen Fakultät der
-Universität Löwen verworfen und verdammt waren. „Noch gleichermaßen
-zu malen und abzukonterfeien, noch malen oder abkonterfeien zu lassen
-schändliche Schildereien oder Bildnisse von Gott und der Heiligen
-Jungfrau Maria, oder zu zerreißen, zu zerbrechen und auszulöschen die
-Bilder oder Malereien, die zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis
-Gottes und der Jungfrau Maria oder der von der Kirche anerkannten
-Heiligen gemacht sind“.
-
-„Des weiteren,“ sagte die Verordnung, „daß niemand, welches Standes
-er sei, sich unterfange, die heilige Schrift mitzuteilen noch darüber
-zu disputieren, selbst in zweifelhafter Sache, wenn anders er nicht
-ein wohl beleumdeter und von einer berühmten Universität anerkannter
-Theologe ist“.
-
-Seine Heilige Majestät setzte unter anderen Strafen fest, daß die
-Verdächtigen niemals ein Ehrenamt ausüben dürften. Was die Rückfälligen
-oder in ihrem Irrtum Beharrenden beträfe, so sollten sie verurteilt
-werden, bei langsamem oder raschem Feuer verbrannt zu werden, nach
-Ermessen des Richters in einer Strohhütte oder an einen Pfahl gebunden.
-Die anderen, so sie adlich oder gute Bürger wären, sollten durch das
-Schwert hingerichtet werden, die Bauern am Galgen, die Frauen in der
-Grube. Ihre Köpfe sollten zur Warnung auf Pfähle gespießt werden. Zu
-Gunsten des Kaisers sollten die Güter aller dieser Personen eingezogen
-werden, sofern sie sich an den der Einziehung unterworfenen Orten
-befanden.
-
-Seine Heilige Majestät gewährte den Angebern die Hälfte aller Habe
-der Gerichteten, wenn sich ihr Besitz nicht auf hundert Goldgülden
-in Flandrischer Währung beliefe. Was des Kaisers Anteil beträfe,
-so behielte er sich vor, ihn für fromme und barmherzige Werke zu
-verwenden, wie er es bei der Plünderung Roms getan.
-
-Klas ging mit Soetkin und Ulenspiegel von dannen.
-
-
-11
-
-Dieweil das Jahr gut gewesen, kaufte Klas für sieben Gülden einen Esel
-und neun Scheffel Erbsen und bestieg eines Morgens sein Reittier.
-Ulenspiegel saß hinten auf. In diesem Aufzuge wollten sie ihren Oheim
-und älteren Bruder Jobst Klas besuchen, der nicht fern von Meyborg in
-Deutschland wohnte.
-
-Jobst war in jungen Jahren schlichten und sanften Sinnes gewesen, doch
-wunderlich geworden, nachdem er unterschiedliche Unbill erduldet. Sein
-Blut wandelte sich in schwarze Galle; er faßte einen Haß gegen die
-Menschen und lebte wie ein Einsiedel. Es war ihm jetzt eine Lust, zwei
-sogenannte getreue Freunde sich prügeln zu lassen, und er gab Dem drei
-Heller, der den andern am heftigsten durchgewalkt hatte. Auch liebte
-er es, die ältesten und zänkischesten Weiber in einem wohlgeheizten
-Saale in großer Zahl zu versammeln, und gab ihnen geröstetes Brot
-und Würzwein zu trinken. Solchen, die über sechzig alt waren, gab er
-Wolle in irgend einer Ecke zu stricken und empfahl ihnen überdies,
-ihre Nägel nur immer wachsen zu lassen. Und es war wundersam, das
-Gurgeln und Schnalzen der Zungen, das boshafte Geklätsch, das Husten
-und rauhe Ausspeien dieser alten Vogelscheuchen zu hören, welche,
-die Strickscheide unter der Achsel, gemeinsam die Ehre des Nächsten
-zerpflückten.
-
-Wenn Jobst nun sah, daß sie recht im Zuge waren, warf er eine Bürste
-ins Feuer, und wenn sie brannte, war die Luft plötzlich voll Gestank.
-Alsbald schrieen die Weiblein alle mitsamt und ziehen einander, die
-Ursache des Gestankes zu sein. Da aber alle die Tatsache leugneten,
-packten sie sich bald bei den Haaren, und Jobst warf noch mehr Bürsten
-ins Feuer und geschnittene Roßhaare auf den Boden. Wenn er nichts mehr
-zu sehen vermochte, dieweil das Handgemenge so wütend, der Rauch so
-dicht war und den Staub aufwirbelte, so holte er zwei seiner Knechte,
-als Gemeinbüttel verkleidet; die trieben die Alten mit starken
-Gertenhieben aus dem Saale, gleich einer Herde wütender Gänse. Und
-Jobst, der das Schlachtfeld besichtigte, fand darauf Fetzen von Röcken,
-Schuhen und Hemden, auch alte Zähne. Und gar schwermütig sprach er zu
-sich: „Mein Tag ist verloren; keine unter ihnen hat im Handgemenge ihre
-Zunge eingebüßt“.
-
-
-12
-
-Als Klas das Weichbild von Meyborg erreichte, ritt er durch ein kleines
-Holz; der Esel fraß unterwegs Disteln und Ulenspiegel warf eine Kappe
-nach den Schmetterlingen und fing sie wieder auf, ohne den Rücken
-des Grautiers zu verlassen. Klas verspeiste eine Schnitte Brot und
-gedachte sie in der nächsten Schänke anzufeuchten. Da hörte er von
-fern ein Glöcklein erklingen und den Lärm vieler Menschen, die mit
-einander sprachen. „Das ist irgend eine Wallfahrt,“ sprach er, „und
-die Herren Pilger sind ohne Zweifel reich an Zahl. Halte Dich fest auf
-dem Langohr, auf daß sie Dich nicht herunterreißen. Wir wollen es uns
-besehen. Holla, Grauer, spüre meine Fersen!“
-
-Und der Esel lief hurtig.
-
-Er ließ das Gehölz hinter sich und kam in eine weite Ebene hinab,
-die gen Westen ein Fluß begrenzte. Gen Osten war eine kleine Kapelle
-erbaut; auf ihrem Giebel ragte ein Bild unserer lieben Frauen; zu ihren
-Füßen aber stunden zwei kleine Figuren, die beide eines Stieres Bild
-nachahmten. Auf den Stufen der Kapelle standen lachend ein Eremit, der
-die Glocke läutete, fünfzig Burschen, die jeder eine brennende Kerze
-trugen, sowie Spieler, Bläser und Schläger von Trommeln, Trompeten und
-Pfeifen, Schalmeyen und Dudelsäcken und ein Häuflein lustiger Gesellen,
-die mit beiden Händen eiserne Kästen voll alten Eisens hielten; doch
-alle waren in jenem Augenblicke still.
-
-Fünftausend Pilger und mehr kamen zu sieben in engen Reihen des Weges;
-sie hatten Helme auf dem Kopf und trugen Stöcke von grünem Holz. Wenn
-neue hinzukamen, desgleichen bewehrt und behelmt, so reihten sie sich
-mit großem Lärm hinter die andern. Dann schritten sie, sieben Mann
-hoch, an der Kapelle vorbei, ließen ihre Knüppel segnen, empfingen
-männiglich aus den Händen der Burschen eine Kerze und entrichteten
-dafür dem Einsiedel einen halben Gulden. Und der Zug war so lang, daß
-die Kerzen der ersten schon am Ende des Dochtes waren, dieweil die der
-letzten schier in allzuviel Talg erloschen.
-
-Dermaßen sahen Klas, Ulenspiegel und der Esel ganz verblüfft eine große
-Mannigfaltigkeit von Bäuchen an sich vorbeiziehen, dicke, hohe, lange,
-spitze, stolze, feste oder solche, die schlaff auf ihre natürlichen
-Stützen hinabfielen.
-
-Und alle Pilger waren behelmt. Die einen trugen Helme, die aus Troja
-kamen und phrygischen Mützen glichen; andre waren mit roten Haarbüschen
-geziert; etliche, ob sie gleich pausbäckig oder dickbäuchig waren,
-trugen Helme mit ausgespannten Flügeln, dachten aber nicht ans Fliegen.
-Dann kamen solche, die mit Lattichköpfen geschmückt waren, welche die
-Schnecken ob der wenigen Blätter verschmäht hatten. Aber die Mehrzahl
-trug so alte und rostige Helme, daß sie aus den Tagen Gambrini, des
-Königs des Biers und von Flandern, zu stammen schienen, welcher König
-neunhundert Jahre vor unserem Herrn lebte und ein Schoppenmaß auf dem
-Haupte trug, auf daß er aus Mangel an einem Becher nicht zum Dürsten
-gezwungen würde.
-
-Plötzlich klangen, ächzten, donnerten, schlugen, kreischten, lärmten
-und klirrten Glocken, Dudelsäcke, Schalmeyen, Trommeln und Eisenstücke.
-Dieser heidnische Lärm war ein Zeichen für die Pilger; sie drehten sich
-um, stellten sich in Rotten von sieben gegeneinander und warfen sich
-die brennende Kerze zur Herausforderung ins Gesicht, welches großes
-Niesen verursachte. Dann regnete es grünes Holz. Und sie schlugen
-aufeinander mit Füßen, Köpfen, Fersen und allem. Etliche stürzten sich
-nach der Weise von Widdern auf ihr Widerpart, mit dem Helme voran, also
-daß sie bis an die Schulter darinnen saßen und geblendet auf eine Rotte
-wütender Pilger fielen, welche sie unsanft empfingen.
-
-Andere, die Greiner und Feiglinge waren, jammerten ob der Schläge; doch
-dieweil sie ihre erbärmlichen Paternoster murmelten, stürzten zweimal
-sieben sich prügelnde Pilger schnell wie der Blitz über sie her, warfen
-die armen Jämmerlinge zu Boden und trampelten sonder Erbarmen darüber
-hin.
-
-Und der Einsiedel lachte.
-
-Andere Rotten, so aneinander hingen wie Beeren an der Traube, rollten
-von der Hochebene hinab in den Fluß, allwo sie sich mit starken
-Schlägen weiter durchbläuten, ohne daß ihre Wut sich abkühlte.
-
-Und der Eremit lachte.
-
-Die, so auf der Hochebene verblieben waren, schlugen sich die Augen
-blau, zerbrachen einander die Zähne, rauften sich die Haare aus und
-zerrissen Wams und Hose.
-
-Und der Einsiedel lachte und sprach:
-
-„Mut, Freunde, wer gut trifft, der ist bewährt in der Liebe. Denen,
-so sich am besten schlagen, lacht die Zärtlichkeit ihrer Schönen! Bei
-unsrer lieben Frauen von Rindbisbels, hier sieht man wahre Männer.“
-
-Und die Pilger schlugen nach Herzenslust auf einander los.
-
-Derweil hatte Klas sich dem Einsiedel genähert, indeß Ulenspiegel den
-Schlägen mit Lachen und Schreien Beifall zollte.
-
-„Frommer Vater,“ sprach er, „was haben diese armen Schelme verbrochen,
-daß sie sich so grauslich durchprügeln müssen?“
-
-Der Eremit aber achtete sein nicht und rief:
-
-„Faullenzer! habt Ihr keinen Mut mehr. Wenn die Fäuste ermüden, bleiben
-Euch nicht die Füße? / So wahr Gott lebt! Es sind etliche unter Euch,
-die haben ihre Beine, um gleichwie Hasen von dannen zu laufen. Was
-holt den Funken aus dem Stein? Das Eisen, das ihn schlägt. Was belebt
-die Mannhaftigkeit der alten Leute, wo nicht eine gute Schüssel voll
-Prügel, mit männlicher Wut gewürzet?“
-
-Bei dieser Rede fuhren die biederen Pilger fort, sich mit Helmen,
-Händen und Füßen anzufallen. Es war ein wütendes Handgemenge, dabei der
-hundertäugige Argus nichts gesehen hätte, denn aufgewirbelten Staub und
-etliche Helmspitzen.
-
-Plötzlich läutete der Einsiedel die Glocke. Pfeifen, Trommeln,
-Trompeten, Dudelsäcke, Schalmeyen und Eisengerümpel hielten inne mit
-Lärmen. Und dies war das Zeichen zum Frieden.
-
-Die Pilgrime lasen ihre Verwundeten auf. Etlichen Kämpen sah man vor
-Zorn die geschwollenen Zungen aus den Mäulern hangen; doch sie gingen
-von selbst in den gewohnten Gaumen. Das schwerste war, denen die Helme
-abzunehmen, die bis an den Hals darinnen saßen und den Kopf schüttelten
-und sie doch nicht besser abschütteln konnten denn unreife Pflaumen.
-
-Indessen gebot ihnen der Einsiedel:
-
-„Sprecht ein Ave und kehrt heim zu Euren Weibern. In neun Monden werden
-so viel mehr Kinder im Weichbild sein, als es heute wackre Streiter in
-der Schlacht gab.“
-
-Und der Einsiedel sang das Ave und alle sangen mit ihm. Und das
-Glöcklein bimmelte.
-
-Dann segnete der Einsiedel sie im Namen unsrer lieben Frauen von
-Rindbisbels und sprach: „Ziehet hin in Frieden!“
-
-Und sie zogen mit Schreien, Drängen und Singen nach Meyborg. Und alle
-Weiber, alt und jung, harrten ihrer auf der Schwelle der Häuser, in
-welche sie eindrangen wie Krieger in eine erstürmte Stadt.
-
-Die Glocken von Meyborg läuteten mit aller Macht, und die Knaben
-schrieen, pfiffen und spielten den Rommelpot. Die Kannen, Humpen,
-Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen klangen wundersam an. Und der
-Wein floß in Strömen in die Kehlen.
-
-Dieweil dieses Klingen erscholl und der Wind den Gesang der Männer,
-Weiber und Kinder in Stößen herbeitrug, sprach Klas aufs neue zu dem
-Einsiedel und fragte ihn, welche Gnade des Himmels diese braven Leute
-durch solch saures Werk zu erlangen gedächten.
-
-Der Einsiedel aber antwortete lachend.
-
-„Du siehst auf dieser Kapelle zwei gemeißelte Bilder, so zwei Stiere
-darstellen. Sie sind dort zum Gedächtnis an das Wunder errichtet,
-das der heilige Martin tat, da er zwei Rinder in Stiere verwandelte,
-dadurch, daß er sie mit den Hörnern auf einander stoßen ließ und ihnen
-das Maul mit Talg und grünem Holz einrieb, wohl über eine Stunde.
-
-„Da ich nun das Wunder wußte und mit einem gut bezahlten Breve
-Seiner Heiligkeit versehen war, so ließ ich mich hier nieder. Ich
-beredete alle alten Huster und Schmerbäuche von Meyborg und Umgegend,
-und fortan waren sie sicher, daß sie sich unsre liebe Frau geneigt
-machten, wenn sie sich weidlich durchbläuten mit der Kerze, welche
-die Salbung darstellt, und dem Stock, welcher die Kraft bedeutet. Die
-Weiber schicken ihre alten Männer hierher. Die Kinder, so kraft dieser
-Wallfahrt zur Welt kommen, sind gewalttätig, kühn, wild, gewandt und
-werden vollkommene Kriegsleute.“
-
-Plötzlich sagte der Einsiedel zu Klas:
-
-„Erkennest Du mich?“
-
-„Ja,“ erwiderte Klas, „Du bist mein Bruder Jobst.“
-
-„Der bin ich“, sprach der Einsiedel. „Welcher ist aber dieser kleine
-Mann, der mir Fratzen schneidet?“
-
-„Das ist Dein Brudersohn“, gab Klas zur Antwort.
-
-„Welchen Unterschied machst Du zwischen mir und Kaiser Karl?“
-
-„Einen großen“, entgegnete Klas.
-
-„Einen kleinen,“ sprach Jobst, „denn er läßt die Menschen einander
-umbringen und ich lasse sie einander sich schlagen, und das tun wir
-beide zu unserem Nutzen und Kurzweil.“
-
-Dann führte er sie in die Einsiedelei, allwo sie eilf Tage ohne
-Ausruhen Schmaus und Gelage hielten.
-
-
-13
-
-Als Klas seinen Bruder verließ, stieg er wieder auf seinen Esel und
-nahm Ulenspiegel hinten auf. Er ritt über den Marktplatz von Meyborg
-und sah dort eine große Zahl Pilger zuhauf stehen. Wie diese die Beiden
-erschauten, wurden sie ergrimmt, schwangen ihre Stöcke und schrieen
-plötzlich alle mitsammen: „Schalksnarr!“ Das geschah wegen Ulenspiegel,
-welcher seine Hosenklappe aufgemacht, sein Hemd hochgezogen hatte
-und ihnen die Kehrseite wies. Da nun Klas sah, daß es sein Sohn war,
-welchen sie bedräuten, fragte er ihn:
-
-„Was hast Du getan, daß sie so böse auf Dich sind?“
-
-„Lieber Vater,“ sagte Ulenspiegel, „Du siehst wohl, daß ich
-stillschweige und niemand nichts tue, da sagen die Leute, ich sei ein
-Schalk!“
-
-Da setzte Klas ihn vor sich hin.
-
-So sitzend, streckte Ulenspiegel den Pilgern die Zunge heraus, und
-diese schrieen voll Zorn, drohten mit der Faust und erhoben den
-Knüppel, um Klas und den Esel zu schlagen.
-
-Aber Klas gab dem Esel die Fersen, daß er ihrem Grimm entränne, und
-dieweil sie ihn verfolgten, sprach er atemlos zu seinem Sohne:
-
-„Du bist freilich in einer unglückseligen Stunde geboren. Du sitzest
-still und schweigst und tust niemand nichts, und doch wollen sie Dich
-totschlagen.“ Ulenspiegel lachte.
-
-Da sie durch Lüttich kamen, erfuhr Klas, daß die armen Leute an der
-Küste großen Hunger litten und daß man sie der Rechtsprechung des
-geistlichen Gerichts unterstellt hätte. Sie empörten sich, um Brot und
-weltliche Richter zu kriegen. Etliche wurden enthauptet oder gehenkt,
-und die andren des Landes verwiesen. So groß war dazumal die Milde des
-Hochwürdigen Herrn von der Marck, des sanften Erzbischofs.
-
-Auf dem Wege sah Klas die Verbannten, die das liebliche Tal von
-Lüttich flohen, und an den Bäumen vor der Stadt hingen die Leichen
-derer, so um ihres Hungers willen gehenkt waren. Und er weinte über sie.
-
-
-14
-
-So ritt er auf dem Esel nach Hause, mit einem Sack voll Heller
-versehen; den hatte ihm sein Bruder Jobst geschenkt samt einem schönen
-Humpen von englischem Zinn. Da gab es in der Hütte des Sonntags
-Schlemmereien und werktäglich Feste, denn sie aßen alle Tage Fleisch
-und Bohnen. Klas füllte den großen Humpen aus englischem Zinn mit
-Doppelbier und leerte ihn oftmals. Ulenspiegel aß für drei und fuhr in
-der Schüssel herum wie ein Sperling in einem Haufen Körner.
-
-„Jetzt frißt er gar das Salzfaß auf“, sagte Klas.
-
-Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Ist das Salzfaß aus einem Stück ausgehölten Brotes gemacht wie bei
-uns, so muß man es zuweilen verspeisen, auf daß nicht die Würmer
-hineinkommen, wann es alt wird.“
-
-„Weshalb wischest Du Deine fettigen Hände an Deinen Hosen ab?“ fragte
-Soetkin.
-
-„Damit niemals die Schenkel naß werden“, sprach Ulenspiegel.
-
-Darob tat Klas einen tiefen Trunk aus seinem Humpen.
-
-Ulenspiegel sagte zu ihm:
-
-„Warum hast Du einen so großen Krug und ich nur einen kläglichen
-Becher?“
-
-Klas antwortete: „Weil ich Dein Vater bin und Herr im Hause.“
-
-Ulenspiegel entgegnete:
-
-„Du trinkst seit vierzig Jahren und ich nur seit neun. Deine Zeit ist
-vorüber und meine Zeit zum Trinken ist gekommen; es ist also an mir,
-den Humpen zu haben, und an Dir, den kleinen Becher zu nehmen.“
-
-„Sohn,“ sprach Klas, „das hieße Bier in den Fluß schütten, wenn man das
-Maß einer Tonne in ein Fäßlein gießen wollte.“
-
-„Du wirst also klug tun, wenn Du Dein Fäßlein in meine Tonne gießest,
-denn ich bin größer als Dein Humpen,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-Und Klas gab ihm mit Freuden seinen Humpen zu leeren. Und so lernte
-Ulenspiegel seine Worte setzen, um zu trinken.
-
-
-15
-
-Soetkin trug ein Zeichen neuer Mutterschaft unter dem Gürtel. Katheline
-war ebenfalls schwanger, wagte aber aus Furcht nicht, das Haus zu
-verlassen.
-
-Da Soetkin sie heimsuchen kam, sprach die betrübte Schwangere:
-„Was soll ich tun mit der armen Frucht meines Leibes? Soll ich sie
-ersticken? Lieber will ich sterben. Doch wenn mich die Häscher
-ergreifen, dieweil ich ein Kind habe und bin nicht verheiratet, so
-werden sie mich wie eine Dirne zwanzig Gulden zahlen lassen und ich
-werde auf dem Markte gestäupt werden.“
-
-Soetkin sprach ihr gütlich zu, um sie zu trösten, und verließ sie und
-kehrte nachdenklich heim. Also sprach sie eines Tages zu Klas: „Wenn
-ich anstatt eines Kindes deren zwei hätte, würdest Du mich schlagen,
-Mann?“
-
-„Ich weiß nicht“, sagte Klas.
-
-„Wenn aber das zweite nicht aus meinem Schoß wäre, und ein Unbekannter,
-wohl gar der Teufel, hätte es gezeugt?“
-
-„Die Teufel erzeugen Feuer, Tod und Rauch, aber Kinder, nein. Ich würde
-Kathelines Kind wie das meine halten.“
-
-„Das würdest Du tun?“
-
-„So sagte ich.“
-
-Soetkin ging und brachte Katheline die Kunde. Da sie solches vernahm,
-wußte sie sich vor Freuden nicht zu lassen und rief voller Entzücken:
-
-„Der gute Mann, er hat für das Heil meines armen Leibes gesprochen.
-Gott wird ihn segnen, und der Teufel -- wenn anders es ein Teufel war,“
-sprach sie mit Zittern, „der Dich armes Kleines, so sich in meinem
-Schoße regt, schuf.“
-
-Soetkin und Katheline brachten die eine ein Knäblein, die andere ein
-Mägdlein zur Welt, und alle beide trug Klas als Sohn und Tochter zur
-Taufe. Soetkins Sohn ward Hans benannt und blieb nicht am Leben.
-Kathelines Tochter aber hieß Nele und gedieh wohl.
-
-Sie trank den Lebenssaft aus vier Flaschen, den beiden von Katheline
-und den beiden von Soetkin. Und die beiden Frauen machten sich in Güte
-streitig, wer dem Kinde zu trinken gäbe. Doch trotz ihres Wunsches
-mußte Katheline ihre Milch versiegen lassen, damit man sie nicht
-fragte, woher sie käme, ohne das sie Mutter war.
-
-Da die kleine Nele, ihre Tochter, entwöhnt war, nahm sie sie zu sich
-und ließ sie nicht eher zu Soetkin gehen, als bis sie sie Mutter
-genannt hatte. Die Nachbarn aber sagten, es sei gut von Katheline,
-die begütert war, daß sie das Kind von Klasens ernährte, welche ihr
-mühselig Leben in Armut hinbrachten.
-
-
-16
-
-Ulenspiegel war eines Morgens allein zu Hause, und da die Zeit ihm
-lang ward, so schnitt er an einem Schuh seines Vaters herum, auf daß
-er ein Schifflein daraus machte. Schon hatte er den Hauptmast in der
-Sohle aufgerichtet und das Oberleder durchbohrt, um das Bugspriet darin
-einzulassen, da sah er durch die Tür, deren obere Hälfte geöffnet war,
-den Leib eines Reiters und einen Roßkopf vorbeiziehen.
-
-„Ist wer drinnen?“ fragte der Reiter.
-
-„Anderthalb Mann und ein Pferdekopf.“
-
-„Wie das?“ fragte der Reiter.
-
-Ulenspiegel beschied ihn:
-
-„Weil ich hier einen ganzen Mann sehe, das bin ich, einen halben Mann,
-das ist Dein Oberkörper, und einen Pferdekopf, das ist der Deiner
-Mähre.“
-
-„Wo ist Dein Vater und Mutter?“ fragte der Mann.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Mein Vater ist gegangen, das Böse böser zu machen, und meine Mutter
-ist dabei, uns Schande oder Schaden zu machen.“
-
-„Erkläre das!“ sprach der Reiter.
-
-„Mein Vater gräbt zur Stunde die Löcher in seinem Felde tiefer, auf daß
-die Jäger, die das Getreide zerstampfen, darinnen zu Falle und Schaden
-kommen. Die Mutter ist gegangen, Geld zu leihen. Gibt sie zu wenig
-wieder, so ist es eine Schande für uns, und gibt sie zu viel, so wird
-es unser Schade sein.“
-
-Dann fragte der Mann ihn, wohin er reiten müßte.
-
-„Da, wo die Gänse sind“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-Der Mann ritt seines Weges und kam in der Weile zurück, da Ulenspiegel
-von Klasens zweitem Schuh eine Rudergaleere machte.
-
-„Du hast mich gefoppt,“ sprach er, „da, wo die Gänse sind, ist nur
-Schlamm und Sumpf, darinnen sie herumpatschen.“
-
-„Ich habe Dir nicht gesagt, daß du hingehen sollst, wo die Gänse
-patschen, sondern wo sie gehen“.
-
-„Zeige mir wenigstens einen Weg, der nach Heyst geht“, sprach der Mann.
-
-„In Flandern gehen die Fußgänger und nicht die Wege“, erwiderte
-Ulenspiegel.
-
-
-17
-
-Eines Tages sprach Soetkin zu Klas:
-
-„Mann, mir blutet das Herz. Nun sind es drei Tage, daß Thyl das Haus
-verlassen hat; weißt Du nicht, wo er ist?“
-
-„Wo die herrenlosen Hunde sind, auf irgend einer Landstraße mit
-etlichen Taugenichtsen seiner Art. Gott war grausam, daß er uns einen
-solchen Sohn gab. Da er geboren ward, sah ich in ihm die Freude unserer
-alten Tage, ein Werkzeug mehr im Hause. Ich gedachte einen Handwerker
-aus ihm zu machen, und das böse Schicksal macht ihn zum Schelm und zum
-Tagedieb“.
-
-„Sei nicht so hart, Mann“, sprach Soetkin. „Unser Sohn ist erst neun
-Jahre alt und in der Blüte der Jugendtorheit. Muß er nicht gleich wie
-die Bäume seine Blatthülsen auf den Weg streuen, ehe er sich mit den
-Blättern schmückt, die bei Gewächsen aus dem Volke Rechtschaffenheit
-und Tugend heißen? Er ist ein Schalk, aber seine Schalkheit wird ihm
-dereinst zum Nutzen gedeihen, wenn er sie nicht zu schlimmen Streichen,
-sondern zu einem nützlichen Handwerk gebraucht. Er macht sich gern
-über seinen Nächsten lustig, doch ebenso wird er dereinst seinen Platz
-in einer lustigen Bruderschaft behaupten. Er lacht immerdar, aber die
-Gesichter, so mürrisch dreinschauen, sind eine üble Vorbedeutung für
-die künftigen Mienen. Wenn er läuft, so tut er es, weil er wachsen muß,
-maßen er noch nicht in dem Alter ist, wo man fühlt, daß die Arbeit
-Pflicht ist. Und wenn er zuweilen eine halbe Woche lang Tag und Nacht
-ausbleibt, so weiß er nicht, welchen Harm er uns zufügt, denn er hat
-ein gutes Herz und liebt uns.“
-
-Klas schüttelte den Kopf und antwortete nichts, und da er schlief,
-weinte Soetkin für sich allein. Und am Morgen gedachte sie, daß ihr
-Sohn etwa an irgend einer Straßenecke krank läge, und trat auf die
-Türschwelle, um zu sehen, ob er nicht heimkehrte; aber sie sah nichts
-und setzte sich ans Fenster und schaute von da auf die Straße. Und
-manch liebes Mal hüpfte ihr das Herz in der Brust, wann sie den
-leichten Schritt eines Knaben hörte. Doch wenn er vorüberging, sah sie,
-daß es nicht Ulenspiegel war, und dann weinte sie, die betrübte Mutter.
-
-
-18
-
-Derweilen war Ulenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Gefährten in Brügge
-auf dem Samstagsmarkt.
-
-Da sah man Schuster und Schuhflicker in besonderen Buden,
-Kleiderhändler, Meisenfänger von Antwerpen, die nachts mit Hilfe einer
-Eule die Meisen fangen, Geflügelhändler, spitzbübische Hundefänger,
-Verkäufer von Katzenfellen für Handschuhe, Koller und Wämse, und
-Verkäufer jeglicher Art, Bürger und Bürgerfrauen, Knechte und Mägde,
-Brotbäcker, Kellermeister, Köche und Köchinnen. Und alle, Verkäufer
-und Kunden, priesen je nach ihrem Stande die Ware an oder setzten sie
-herab, lobten oder schalten sie.
-
-In einer Ecke des Marktes war ein schönes Leinenzelt mit vier Pfosten
-aufgerichtet. Am Eingang stand ein Bauer aus der Ebene von Alost neben
-zwei Mönchen, die das Geld einnahmen; der wies dem neugierigen Frommen
-um einen Heller ein Stück vom Schulterknochen der heiligen Marie von
-Ägypten. Er grölte mit heiserer Stimme die Verdienste der Heiligen und
-ließ in seiner Ballade nicht aus, wie jene aus Mangel an Geld einen
-jungen Fergen in schöner Naturmünze zahlte, auf daß sie nicht wider den
-heiligen Geist sündigte, wenn sie jenem seinen Lohn vorenthielte.
-
-Und die Mönche nickten mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß der Bauer wahr
-redete. Neben ihnen stand ein dickes rotes Weib, wollüstig wie Astarte,
-die blies mit Gewalt einen gräulichen Dudelsack, dieweil ein anmutig
-Mägdlein neben ihr wie eine Grasmücke sang. Über dem Eingang des Zeltes
-aber schaukelte an zwei Stangen, an den Henkeln von Stricken gehalten,
-ein Kübel mit Wasser, welches zu Rom geweiht war. So nämlich sang
-es die dicke Frau, indeß die beiden Mönche mit dem Kopfe wackelten,
-ihre Rede bekräftigend. Ulenspiegel betrachtete den Kübel und ward
-nachdenklich.
-
-An einem der Zeltpfosten war ein Esel angebunden; der war mehr mit Heu
-denn mit Hafer gefüttert und schaute gesenkten Hauptes zu Boden, ohne
-Hoffnung, daß Disteln daraus emporwüchsen.
-
-„Gefährten,“ sprach Ulenspiegel und wies mit dem Finger auf das dicke
-Weib, die beiden Mönche und den Trübsal blasenden Esel, „da die Herren
-so schön singen, muß man auch den Esel zum Tanzen bringen“.
-
-So gesagt, ging er zur nächsten Bude, kaufte sich um einen Heller
-Pfeffer, hub dem Esel den Schwanz auf und rieb den Pfeffer darunter.
-
-Da der Esel den Pfeffer verspürte, blickte er unter seinen Schwanz,
-woher ihm solche ungewohnte Wärme käme. Vermeinend, der feurige Teufel
-sei da, wollte er laufen, um ihm zu entrinnen, und hub an zu schreien
-und auszuschlagen und schüttelte den Pfosten aus allen Kräften. Der
-Kübel, der zwischen den Stangen hing, ergoß beim ersten Ruck all sein
-Weihwasser über das Zelt und die, so darinnen waren. Das Zelt aber
-sank alsbald zusammen und begrub die Leute, welche die Geschichte der
-ägyptischen Marie anhörten, mit einem feuchten Mantel.
-
-Und Ulenspiegel und seine Genossen hörten lautes Geschrei und Klagen
-unter der Leinewand, denn die Frommen, so darunter waren, ziehen
-einander, daß sie den Kübel umgeschüttet hätten, ärgerten sich grün und
-gelb und schlugen sich mit grimmigen Faustschlägen. Die Leinewand hob
-sich unter der Anstrengung der Kämpfenden. Allemal, wenn Ulenspiegel
-eine runde Form sich darauf abzeichnen sah, stach er mit einer Nadel
-hinein. Dann gab es noch lauteres Geschrei unter der Leinewand und ward
-das Puffen noch grimmer.
-
-Und er war sehr lustig und ward es noch mehr, als er sah, daß der Esel
-davonrannte und Leinewand, Kübel und Pfosten hinterdrein schleppte,
-dieweil der Besitzer des Zeltes mit Weib und Kind sich an das Gerümpel
-anklammerte. Der Esel konnte nicht mehr laufen, er hob das Maul in
-die Luft, und wenn er mit Schreien innehielt, war es, um unter seinem
-Schwanz nachzusehen, ob das Feuer darunter nicht bald erlosch.
-
-Inzwischen setzten die Frommen ihre Schlacht fort. Die Mönche aber,
-ohne an sie zu denken, rafften das Geld auf, das aus dem Sammelkasten
-gefallen war, und Ulenspiegel half ihnen andächtig dabei und nicht ohne
-Nutzen.
-
-
-19
-
-Dieweil des Kohlenträgers nichtsnutziger Sohn an lustiger Bosheit
-zunahm, verkümmerte des erhabenen Kaisers kläglicher Sproß in dürrer
-Melancholie. Herren und Damen sahen den Schwächling, wie er durch die
-Gemächer und Wandelgänge zu Valladolid seinen gebrechlichen Leib und
-seine schlotternden Beine schleppte, welche nur mühsam die Last des
-dicken Kopfes mit den blonden Haarborsten trugen.
-
-Immer suchte er die dunklen Gänge auf und saß stundenlang da mit
-gespreizten Beinen. Trat ihm irgend ein Diener aus Versehen darauf, so
-ließ er ihn peitschen und fand seine Lust daran, ihn bei den Schlägen
-schreien zu hören. Doch er lachte nicht.
-
-Den nächsten Tag stellte er die nämliche Falle wo anders. Er setzte
-sich mit ausgestreckten Beinen in irgend einen Korridor, und die Damen,
-Herren oder Pagen, die mehr oder minder eilends dort vorbeikamen,
-stolperten über ihn, fielen und taten sich weh. Auch daran erlabte er
-sich, doch er lachte nicht.
-
-Wenn einer von ihnen ihn anrannte und nicht fiel, so schrie er, als
-hätte man ihn geschlagen, und es war ihm eine Lust, ihren Schrecken zu
-sehen; doch er lachte nicht.
-
-Seiner heiligen Majestät ward von diesen Anschlägen gemeldet, doch sie
-befahl, daß man des Infanten nicht achten solle; denn sie sagte, wenn
-er nicht wolle, daß man ihm auf die Beine träte, so solle er sich nicht
-da aufhalten, wo die Füße gingen. Solches mißfiel Philipp, doch er
-sagte nichts, und man sah ihn nicht mehr, es sei denn, daß er an einem
-hellen Sommertag in den Hof ging, um seinen fröstelnden Leib in der
-Sonne zu wärmen.
-
-Eines Tages, da Karl aus dem Kriege heimkehrte, sah er ihn so, wie er
-Schwermut brütete.
-
-„Mein Sohn,“ sprach er zu ihm, „wie verschieden bist Du doch von mir!
-In Deinen jungen Jahren war meine Kurzweil, auf Bäume zu klettern und
-den Eichkatzen nachzustellen. Ich ließ mich an einem Seil von einer
-Felsspitze herunter, um die jungen Adler aus ihrem Horste zu nehmen.
-Ich konnte bei diesem Spiel meine Knochen einbüßen, doch sie wurden um
-so fester. Auf der Jagd flüchteten die wilden Tiere ins Dickicht, wenn
-sie mich mit meinem guten Feuerrohr nahen sahen.“
-
-„Ach,“ seufzte der Infant, „ich habe Bauchgrimmen, Herr Vater.“
-
-„Der Wein von Paxaret“, sprach Karl, „ist ein treffliches Mittel
-dagegen.“
-
-„Ich mag keinen Wein, ich habe Kopfweh, Herr Vater.“
-
-„Mein Sohn,“ sprach Karl, „Du mußt laufen, springen und Dich tummeln,
-wie es die Kinder Deines Alters tun.“
-
-„Meine Beine sind steif, Herr Vater.“
-
-„Wie könnte es anders sein,“ sprach Karl, „da Du sie ja nicht mehr
-brauchst, als wenn sie von Holz wären. Ich werde Dich auf ein recht
-mutiges Pferd binden lassen.“
-
-Der Infant weinte.
-
-„Bindet mich nicht fest, Herr Vater,“ sprach er, „ich habe
-Kreuzschmerzen.“
-
-„So hast Du denn überall Schmerzen?“ fragte Karl.
-
-„Ich würde kein Leid spüren, wenn man mich in Ruhe ließe,“ entgegnete
-der Infant.
-
-„Gedenkst Du,“ versetzte der Kaiser ungnädig, „Dein königliches Leben
-mit Grübelei zu verbringen wie die Schreiber? Mögen sie, um ihre
-Pergamente mit Tinte zu beschmieren, Ruhe, Einsamkeit und Sammlung
-haben. Du, Sohn des Schwertes, mußt heißes Blut, des Luchses Auge, die
-List des Fuchses und die Kraft des Herkules haben. Weshalb bekreuzigst
-Du Dich? Beim Blute Christi, es steht einem jungen Leuen nicht zu, die
-Paternoster plappernden Weiber nachzuäffen!“
-
-„Der Angelus, Herr Vater,“ sprach der Infant.
-
-
-20
-
-Die Monde Mai und Junius waren im heurigen Jahre wahre Blütenmonde. Nie
-noch ward in Flandern so balsamischer Weißdorn, nie in den Gärten eine
-solche Fülle von Rosen, Jasmin und Gaisblatt erschaut. Wann der Wind,
-der von Engelland wehte, die Düfte dieses blühenden Landes gen Osten
-trieb, hub jedermann, sonderlich in Antwerpen, die Nase frohgemut in
-die Luft und sprach:
-
-„Riechet Ihr den guten Wind, der aus Flandern weht?“
-
-Derhalben sogen die emsigen Bienen den Honig aus den Blüten, machten
-Wachs und legten ihre Eier in die Bienenstöcke, welche nicht genügten,
-ihre Schwärme zu fassen. Ihr emsiges Summen tönte gleich wie Musik
-unter dem blauen Himmelszelt, das die Erde strahlend überspannte. Man
-machte Bienenkörbe aus Binsen, Stroh, Weiden, geflochtenem Heu, und die
-Korbmacher, Küper und Faßbinder machten ihre Werkzeuge dabei schartig.
-Was die Schreiner betraf, so konnten sie schon lange den Bedarf nicht
-mehr decken. Es gab Schwärme von dreißigtausend Immen und zweitausend
-siebenhundert Drohnen. Die Honigwaben waren so erlesen, daß der Dechant
-von Damm ob ihres seltenen Wohlgeschmacks eilf davon dem Kaiser Karl
-schickte, zum Danke dafür, daß er durch seine neuen Edikte die Heilige
-Inquisition wieder bekräftigt habe. Philipp verspeiste sie, doch sie
-taten ihm nicht gut.
-
-Bettler, fahrendes Volk, Vaganten und all das Gesindel müßiger
-Taugenichtse, die ihre Faulheit allerwegen herumschleppen und sich
-lieber hängen lassen, denn arbeiten, kamen, vom Wohlgeschmack des
-Honigs angelockt, um ihr Teil davon zu haben. Nachts streiften sie zu
-Haufen umher.
-
-Klas hatte Bienenkörbe gefertigt, um Schwärme herbeizulocken. Etliche
-waren voll, andre leer und harrten der Bienen. Er hielt die ganze Nacht
-Wache, um dies süße Gut zu hüten. Wenn er müde war, hieß er Ulenspiegel
-ihn ablösen. Der tat es gerne.
-
-Nun hatte Ulenspiegel eines Nachts sich vor der Kühle in einen
-Bienenstock geflüchtet und blickte zusammengekauert durch die Löcher,
-deren zwei oben auf waren. Als er just einschlafen wollte, hörte er ein
-Knacken in den Büschen der Hecke und vernahm die Stimme zweier Männer,
-die er für Diebsleute hielt. Er schaute durch eine der Öffnungen und
-sah, daß alle beide langes Haar und einen langen Bart trugen, wiewohl
-der Bart das Abzeichen des Adels war.
-
-Sie gingen von Korb zu Korb und kamen schließlich an den seinen. Ihn
-aufhebend, sprachen sie:
-
-„Diesen wollen wir nehmen, denn es ist der schwerste.“
-
-Und sie trugen ihn auf ihren Knütteln davon.
-
-Ulenspiegel fand keine Freude daran, daß er im Bienenkorb fortgeschafft
-ward. Die Nacht war klar und die Diebe gingen, ohne ein Wörtlein zu
-sagen. Alle fünfzig Schritte hielten sie atemlos an, dann schritten
-sie weiter. Der Vordere brummte voll Wut, daß er eine so schwere Last
-tragen müsse. Der hinten ging, ächzte schwermütig. Denn es gibt in
-dieser Welt zwei Arten feiger Tagediebe, die einen, so auf die Arbeit
-schelten, und die andren, die stöhnen, wann es schaffen heißt.
-
-Ulenspiegel, der nichts zu tun hatte, zog den vordersten Dieb an den
-Haaren, und den hintersten am Barte, und so kräftig, daß der Wütende
-des Spiels müde ward und zu dem Greiner sprach:
-
-„Hör auf, mich an den Haaren zu raufen, oder ich gebe Dir eins mit der
-Faust auf den Kopf, also daß er Dir in die Brust fährt und Du durch
-Deine Rippen schaust wie ein Dieb durch sein Kerkergitter.“
-
-„Ich würde es gar nicht wagen, Freund,“ sprach der Andre, „vielmehr
-bist Du es, der mich am Barte zupft.“
-
-Der Wütende erwiderte:
-
-„Ich mache nicht Jagd auf das Ungeziefer im Bart eines Aussätzigen.“
-
-„Herr,“ sprach der Greiner, „laßt den Bienenkorb nicht so stark
-schwanken; meine unseligen Arme tragen ihn nimmer.“
-
-„Ich werde sie Dir ganz und gar ausreißen“, entgegnete der Wüterich.
-
-Da entledigte er sich seines Lederriemens, setzte den Korb nieder
-und sprang auf seinen Gefährten zu. Und sie prügelten sich, der eine
-fluchend, der andre um Gnade schreiend.
-
-Ulenspiegel hörte die Püffe regnen, kroch hervor aus dem Korb,
-schleppte ihn bis zum nächsten Gehölz, um ihn allda wieder zu finden,
-und kehrte zu Klas heim.
-
-Solchermaßen finden die Duckmäuser bei Zwistigkeiten ihren Nutzen.
-
-
-21
-
-Da Ulenspiegel fünfzehn Jahre alt war, errichtete er in Damm ein
-Zelt auf vier Pfählen und rief aus, daß von nun an jedermann sein
-gegenwärtiges und zukünftiges Wesen in einem schönen Rahmen von Stroh
-dargestellt sehen könne.
-
-Wenn ein Rechtsgelehrter kam, recht dünkelhaft und geschwollen von
-seiner Bedeutung, steckte Ulenspiegel den Kopf aus dem Rahmen herfür,
-schnitt eine Fratze wie ein uralter Affe und sprach:
-
-„Alter Muffel kann verfaulen, aber nicht gedeihen. Bin ich nicht
-trefflich Euer Spiegel, mein Herr mit der Pedantenmiene?“
-
-So er einen kräftigen Kriegsmann zum Kunden hatte, verbarg er sich und
-zeigte anstelle seines Gesichtes inmitten des Rahmens ein Gericht von
-Fleisch und Brot. Und sprach:
-
-„Die Schlacht wird Dich zu Suppe machen. Was gibst Du mir für mein
-Prognostikon, Du Freund der großmäuligen Kartaunen?“
-
-Führte ein alter Mann, der sein greises Haupt ohne Würde trug, sein
-junges Weib zu Ulenspiegel, so versteckte sich der, wie er bei dem
-Söldner getan, und zeigte im Rahmen einen kleinen Strauch, daran
-Messergriffe, Kästlein, Kämme und Schreibzeug hingen, alles aus Horn.
-Und rief:
-
-„Woher kommt dieser artige Tändelkram, Messire? Ist es nicht vom
-Hornbaum, welcher im Gehege alter Ehemänner wächst? Wer wird noch
-sagen, daß die Hahnreie in einer Republik unnütze Leute seien?“
-
-Und Ulenspiegel zeigte sein junges Gesicht neben dem Strauch in dem
-Rahmen.
-
-Da der alte Mann ihn hörte, hustete er vor männlicher Wut, doch seine
-Liebste beruhigte ihn mit der Hand und trat lächelnd zu Ulenspiegel.
-
-„Und wirst Du mir auch meinen Spiegel zeigen?“
-
-„Tritt näher“, sprach Ulenspiegel.
-
-Sie gehorchte, und alsobald küßte er sie, wo er konnte.
-
-„In Deinem Spiegel ist stramme Jugend, so in vornehmen Hosenlätzchen
-wohnt.“
-
-Und die Schöne verließ ihn, nicht ohne ihm ein oder zwei Gülden zu
-geben.
-
-Dem feisten Mönch mit den wulstigen Lippen, der sein jetziges und
-zukünftiges Wesen zu sehen begehrte, gab Ulenspiegel also Bescheid:
-
-„Du bist ein Schrank voll Schinken und wirst ein Gewölbe für Würzbier
-sein, denn Salz heischt Getränke, nicht also, Dickbauch? Gib mir einen
-Heller dafür, daß ich nicht log.“
-
-„Mein Sohn,“ erwiderte der Mönch, „wir tragen niemals Geld.“
-
-„Dann also trägt das Geld Dich,“ sprach Ulenspiegel, „denn ich weiß,
-daß Du es zwischen zwei Sohlen unter Deinen Füßen trägst. Gib mir Deine
-Sandale.“
-
-Doch der Mönch sprach:
-
-„Mein Sohn, das ist Klostergut, ich werde jedoch, wenn es sein muß,
-zwei Heller für Deine Mühe herausholen.“
-
-Der Mönch gab sie ihm und Ulenspiegel nahm sie gnädiglich an. Also
-zeigte er den Leuten von Damm, Brügge, Blankenberghe und wohl gar
-Ostende ihren Zukunftsspiegel.
-
-Und statt in seiner vlämischen Mundart zu sagen. „~Ick ben u lieden
-Spiegel~“ -- ich bin Euer Liebden Spiegel, sagte er abkürzend, so wie
-es noch heutigen Tages in Ost- und Westflandern gesagt wird: „~Ick ben
-ulen Spiegel~“.
-
-Und daher stammt sein Beiname Ulenspiegel.
-
-
-22
-
-Da er größer ward, fand er Gefallen daran, sich auf Messen und
-Jahrmärkten zu tummeln. Wenn er einen Querpfeifer oder Geigenspieler
-oder einen Dudelsackpfeifer sah, so ließ er sich um einen Heller die
-Kunst lehren, diese Instrumenta zum Singen zu bringen.
-
-Er ward sonderlich geschickt in der Kunst, den Rommelpot zu spielen,
-welches Instrument aus einer Blase, einem Topf und einem starken
-Strohhalm gemacht wird. Und so richtete er ihn her. Er zog die
-eingeweichte Blase über den Topf, band sie mit einer Schnur in der
-Mitte der Blase an den Knoten des Strohhalms, welcher den Boden des
-Topfes berührte, und um dessen Rand zog er dann die Blase, daß sie
-bis zum Platzen gespannt war. Am Morgen, wenn die Blase trocken war,
-gab sie, so man daraufschlug, einen Ton gleich wie ein Tamburin, und
-strich man das Stroh des Instrumentes, so brummte sie besser denn
-eine Bratsche. Mit diesem brummenden Topf, der gleich dem Gebell
-molossischer Hunde war, zog Ulenspiegel am Dreikönigtag vor den
-Haustüren um und sang Weihnachtslieder mit einer Schar von Kindern,
-deren eins einen Stern aus güldnem Papier trug.
-
-Kam irgend ein Malermeister nach Damm, um die Glieder einer Gilde, so
-auf dem Bild niederknieten, zu konterfeien, so bat Ulenspiegel, daß er
-ihm die Farben reiben dürfte, damit er ihm seine Arbeit absähe, und
-wollte keinen andern Lohn nehmen denn eine Schnitte Brot, drei Heller
-und einen Schoppen Kräuterbier. Dieweil er sich mit Farbenreiben abgab,
-studierte er seines Meisters Weise. Ging jener fort, so versuchte
-er es ihm gleich zu tun, doch er setzte überall Scharlach hin. Er
-versuchte Klas, Soetkin, Katheline und Nele abzumalen, desgleichen
-Kannen und Kochtöpfe. Klas prophezeite beim Anblick seiner Werke, wenn
-er sich wacker hielte, so würde er eines Tages die Gulden zu Dutzenden
-verdienen durch Inschriften auf den Speelwaagen, die in Flandern und
-Seeland zu Lustbarkeiten dienen.
-
-Desgleichen lernte er von einem Meister Steinmetz Holz und Stein
-schneiden, als dieser kam, um im Chor der Frauenkirche einen Chorstuhl
-zu zimmern, der so beschaffen war, daß der Dechant, ein alter Mann,
-sich, wenn nötig, darauf setzen konnte und doch den Anschein hatte, als
-ob er stünde.
-
-Ulenspiegel schnitzte den ersten Messergriff, dessen sich die Leute
-von Seeland bedienen. Er machte diesen Griff in Gestalt eines Käfigs;
-darinnen befand sich ein beweglicher Totenkopf, darüber ein liegender
-Hund. Diese Wahrzeichen bedeuten: „Getreu bis in den Tod“.
-
-Und also begann Ulenspiegel die Weissagung Kathelines wahr zu machen,
-dieweil er sich als Maler, Bildschnitzer, Bauer und Edelmann erwies,
-denn vom Vater auf den Sohn trugen die Klase drei silberne Kannen auf
-einem Grunde von Braunbier. Doch Ulenspiegel war in keinem Handwerk
-beständig, und Klas sagte zu ihm, wenn dies Spiel andauerte, so würde
-er ihn aus der Hütte jagen.
-
-
-23
-
-Als der Kaiser vom Kriege heimkehrte, fragte er, warum sein Sohn
-Philipp nicht gekommen sei, ihn zu begrüßen.
-
-Der Erzbischof, des Infanten Erzieher, gab zur Antwort, daß dieser
-es nicht gewollt hätte, denn er liebte, so sagte er, nur Bücher und
-Einsamkeit. Der Kaiser erkundigte sich, wo er zur Stunde weilte. Der
-Erzieher antwortete, daß man ihn überall suchen müßte, wo es dunkel
-sei. Und das taten sie.
-
-Nachdem sie eine gute Zahl Säle durchschritten, kamen sie zuletzt zu
-einer Art Kammer ohne Steinfliesen, die durch eine Dachluke erhellt
-war. Da sahen sie einen Pfahl in den Boden getrieben und daran eine
-ganz kleine, zierliche Meerkatze um den Leib angebunden. Die war
-dereinst von Indien gesandt, um ihn durch ihre jugendliche Kurzweil zu
-erfreuen. Am Fuße des Pfahles rauchten rot glimmende Holzscheite und in
-der Kammer war ein ekler Gestank von verbranntem Haar.
-
-Das Tierlein hatte so sehr gelitten, als es in diesem Feuer stak, daß
-sein kleiner Körper nicht mehr eines Tieres Leib schien, das Leben
-gehabt, sondern der Überrest einer knorrigen, verzerrten Wurzel. Sein
-Mund stand offen wie im Todesschrei, man sah blutigen Schaum und das
-Wasser seiner Tränen benetzte sein Antlitz.
-
-„Wer hat dies getan?“ fragte der Kaiser.
-
-Der Erzieher wagte keine Antwort zu geben und alle beide blieben stumm,
-traurig und voller Zorn.
-
-Plötzlich drang durch die Stille ein schwaches Husten, welches aus
-einer dunklen Ecke hinter ihnen kam. Seine Majestät drehte sich um und
-erblickte dort den Infanten Philipp, welcher ganz schwarz gekleidet war
-und eine Zitrone aussog.
-
-„Don Philipp,“ sprach er, „komm und begrüße mich.“
-
-Ohne sich zu rühren, sah der Infant ihn mit seinen furchtsamen Augen
-an, darin keine Liebe war.
-
-„Bist Du es, der dieses Tierlein an diesem Feuer verbrannt hat?“ fragte
-der Kaiser.
-
-Der Infant senkte den Kopf.
-
-Da sprach der Kaiser:
-
-„Warst Du grausam genug, es zu tun, so sei tapfer genug, es
-einzugestehen.“
-
-Der Infant gab keine Antwort.
-
-Der Kaiser riß ihm die Zitrone aus der Hand und wollte seinen Sohn
-schlagen. Der Erzbischof wehrte ihm und sagte ihm ins Ohr:
-
-„Hoheit wird eines Tages ein großer Ketzerverbrenner sein.“
-
-Der Kaiser lächelte und ließ den Infanten mit seiner Meerkatze allein.
-
-
-24
-
-Der November war gekommen, der Reifmond, wo sich die Hustenden an der
-Musik des Ausspeiens ergötzen. Es ist auch der Monat, da die Buben
-sich haufenweis auf den Rübenfeldern tummeln und plündern, so viel sie
-vermögen, zum großen Zorne der Bauern, die vergebens mit Knütteln und
-Forken hinterdreinlaufen.
-
-Eines Tages nun, da Ulenspiegel vom Räubern heimkam, vernahm er nicht
-weit in einer Zaunecke ein Stöhnen. Er bückte sich und sah auf etlichen
-Steinen einen Hund liegen.
-
-„Holla,“ sprach er, „kleines jammerndes Vieh, was treibst Du da so
-spät?“
-
-Dieweil er den Hund streichelte, fühlte er, daß sein Rücken feucht war,
-und er dachte, daß man ihn hätte ertränken wollen. Er nahm ihn auf den
-Arm, um ihn wieder zu erwärmen.
-
-Als er ins Haus trat, fragte er:
-
-„Ich bringe einen Verwundeten mit: was soll ich tun?“
-
-„Ihn verbinden“, erwiderte Klas.
-
-Ulenspiegel setzte den Hund auf den Tisch. Da sahen Klas, Soetkin und
-er bei dem Lichte der Lampe einen kleinen Luxemburgischen Rattenfänger,
-welcher auf dem Rücken verletzt war. Soetkin wusch die Wunde mit einem
-Schwamm aus, bestrich sie mit Balsam und umwickelte sie mit Linnen.
-Ulenspiegel trug das Tier in sein Bett, wiewohl Soetkin es in dem ihren
-haben wollte. Denn sie fürchtete, sagte sie, Ulenspiegel, der sich
-damals herumwarf wie ein Teufel in einem Weihwasserbecken, möchte den
-Hund im Schlafe verletzen.
-
-Doch Ulenspiegel tat, was er wollte, und pflegte seiner so gut, daß der
-Verwundete binnen sechs Tagen mit der ganzen Selbstgefälligkeit der
-Köter einherlief.
-
-Und der Schulmeister nannte ihn Titus Bibulus Schnuffius: Titus zur
-Erinnerung an den guten römischen Kaiser, welcher herrenlose Hunde
-gern auflas, Bibulus, maßen der Hund das Braunbier gleich wie ein
-Trunkenbold liebte, und Schnuffius, dieweil er seine Nase ohn Unterlaß
-in die Löcher der Ratten und Maulwürfe steckte.
-
-
-25
-
-Am Ende der Frauengasse standen zwei Weiden am Rand eines tiefen
-Wassers einander gegenüber. Zwischen beiden zog Ulenspiegel ein Seil,
-darauf er eines Sonntags Nachmittags nach der Vesper tanzte, und das
-so gut, daß ihm der ganze Haufe der Müßiggänger mit Hand und Stimme
-Beifall zollte. Dann stieg er von seinem Seil hinunter und hielt
-jedermann einen Teller dar, welcher bald mit Gelde gefüllt war. Er aber
-leerte ihn in Soetkins Schürze und behielt nur eilf Heller für sich.
-
-Am anderen Sonntag wollte er wiederum auf dem Seil tanzen, doch etliche
-nichtsnutzige Buben, die ihm seine Behendigkeit neideten, hatten einen
-Schnitt in das Seil gemacht, also daß es nach wenig Sprüngen zerriß und
-Ulenspiegel ins Wasser fiel.
-
-Dieweil er schwamm, um das Ufer zu gewinnen, schrieen die tapferen
-kleinen Seilschneider:
-
-„Wie steht es mit Deiner behenden Gesundheit, Ulenspiegel? Willst
-Du die Karpfen auf dem Grunde des Teichs tanzen lehren, Du
-unvergleichlicher Tänzer?“
-
-Ulenspiegel stieg aus dem Wasser, schüttelte sich und schrie ihnen zu,
-denn sie liefen davon, aus Furcht vor Prügel:
-
-„Fürchtet Euch nicht; kommt den nächsten Sonntag wieder, da will ich
-Euch Künste auf dem Seil zeigen und Ihr sollt Euren Teil am Gewinst
-haben.“
-
-Am Sonntag darnach hatten die Buben sich wohl gehütet, das Seil
-durchzuschneiden, und hielten rund herum Wacht, aus Furcht, daß irgend
-wer daran rührte, denn es war viel Volks zugegen.
-
-Ulenspiegel sprach zu ihnen:
-
-„Gebt mir ein jeglicher einen Eurer Schuhe, und ich wette, ich tanze
-mit jedem einzelnen, so groß und klein sie auch seien.“
-
-„Was zahlst Du uns, wenn Du verlierst?“ fragten sie ihn.
-
-„Vierzig Kannen Braunbier,“ erwiderte Ulenspiegel, „und Ihr sollt mir
-drei Heller bezahlen, so ich gewinne.“
-
-„Wohl“, sprachen sie.
-
-Und sie gaben ihm männiglich einen ihrer Schuhe. Ulenspiegel tat sie
-alle in seine Schürze, und so beladen, tanzte er auf dem Seil, doch
-nicht ohne Mühe.
-
-Die Seilzerschneider schrieen von unten:
-
-„Du hast gesagt, daß Du mit jedem unserer Schuhe tanzen willst. Zieh
-sie also an und halte Dein Wort.“
-
-Ulenspiegel tanzte immerfort und antwortete:
-
-„Ich habe nicht gesagt, daß ich Eure Schuhe anziehen will, wohl aber,
-daß ich mit Ihnen tanzen will. Nun tanz ich und alles tanzt mit mir
-in meiner Schürze. Seht Ihr es nicht mit Euren weit aufgesperrten
-Froschaugen? Zahlt mir meine drei Heller.“
-
-Sie aber verhöhnten ihn und schrieen, er solle ihnen ihre Schuhe
-zurückgeben.
-
-Ulenspiegel warf sie ihnen zu, einen nach dem andren, auf einen Haufen.
-Darob entstand ein wildes Getümmel, denn keiner von ihnen konnte aus
-dem Haufen seinen Schuh herausfinden, noch ohne Widerspruch nehmen.
-
-Da stieg Ulenspiegel vom Seil und begoß die Kämpfenden, aber nicht mit
-klarem Wasser.
-
-
-26
-
-Da der Infant fünfzehn Jahre alt war, streifte er nach seiner
-Gewohnheit durch die Gänge, Treppenflure und Gemächer des Schlosses. Am
-häufigsten aber sah man ihn um die Gemächer der Damen umherstreifen, um
-den Pagen einen Schabernack zu spielen, denn sie lagen gleich ihm auf
-den Fluren wie Katzen auf der Lauer.
-
-Andere, so im Hofe standen, sangen mit der Nase in der Luft ein
-zärtliches Lied. Wenn der Infant sie hörte, so trat er an ein Fenster
-und erschreckte die armen Pagen, welche seine bleiche Larve anstatt der
-zärtlichen Augen ihrer Schönen erblickten.
-
-Unter den Damen des Hofes war eine holdselige Vlämin aus Dudzeele bei
-Damm, von hübscher Fülle, eine köstliche reife Frucht und wundersam
-schön; denn sie hatte grüne Augen und rotes Kraushaar, welches in
-der Sonne wie Gold gleißte. Von heiterer Laune und feurigem Gemüt,
-verhehlte sie keinem ihre Neigung für den glücklichen Ritter, dem sie
-auf ihrem schönen Eigentum das himmlische Privilegium freier Liebe
-verlieh. Zu der Zeit war es ein hochgemuter, schöner Jüngling, den sie
-liebte. Alle Tage zur besprochenen Stunde traf sie ihn, welches Philipp
-zu Ohren kam.
-
-Er setzte sich auf eine Bank, die an einem Fenster stand, und spähte
-nach ihr aus. Sie ging an ihm vorbei in ihrem Staatskleid von gelbem
-Brokat, das um sie herrauschte, das Auge voll Leben, den Mund halb
-geöffnet, munter und frisch dem Bade entstiegen. Da sie den Infanten
-sah, sagte er zu ihr, ohne sich von seiner Bank zu erheben:
-
-„Señora, könntet Ihr nicht einen Augenblick verweilen?“
-
-Ungeduldig wie eine Stute, die zu dem schönen Hengst rennen will, der
-auf der Wiese wiehert, und im vollen Lauf aufgehalten wird, sprach sie:
-
-„Hoheit, ein jeder muß hier Eurem fürstlichen Willen gehorchen.“
-
-„Setzet Euch neben mich“, sprach er. Und dieweil er sie lüstern, hart
-und verschlagen anblickte, fuhr er fort: „Sagt mir das Paternoster auf
-vlämisch her; man hat es mich gelehrt, doch ich habe es vergessen.“
-
-Die arme Dame mußte also ein Pater hersagen, und er hieß sie es
-langsamer zu sprechen. Und so zwang er die Ärmste, an die zehn Gebete
-zu sprechen, wo sie die Stunde für andre Oremus gekommen wähnte.
-Darnach lobte er sie, sprach von ihren schönen Haaren, ihren lebhaften
-Farben, ihren hellen Augen. Doch er wagte nicht, ihr etwas über ihre
-vollen Schultern, ihren runden Busen, noch über andere Dinge zu sagen.
-
-Wie sie nun wähnte, sich beurlauben zu dürfen, und schon in den Hof
-blickte, wo gewißlich ihr Ritter harrte, forschte er sie aus, ob sie
-auch wisse, welches die Tugenden der Frau seien. Da sie keinen Bescheid
-gab, aus Furcht, nicht das rechte zu treffen, sprach er für sie und
-sagte wie ein Vormund:
-
-„Frauentugenden sind Keuschheit, Sorge um die Ehre und ein sittiges
-Leben.“
-
-Auch riet er ihr, sich ziemlich zu kleiden, und alles, was ihr zu eigen
-gehörte, wohl zu verbergen.
-
-Sie nickte bejahend mit dem Kopf und sagte, daß sie sich für seine
-Allernördlichste Hoheit lieber mit zehn Bärenfellen, denn mit einer
-Elle Musselin bedecken würde.
-
-Da sie ihn durch diese Antwort verdutzt gemacht hatte, entwich sie mit
-Freuden.
-
-Jedoch das Feuer der Jugend war auch in der Brust des Infanten
-entzündet; aber es war nicht das rasche Feuer, das die starken Seelen
-zu hohen Taten treibt, noch die sanfte Glut, die zärtlichen Herzen
-Tränen entlockt. Es war eine düstere Lohe, der Hölle entstiegen, allwo
-sie sonder Zweifel Satan entfacht hatte. Sie glänzte in seinen grauen
-Augen wie im Winter der Mond auf einem Beinhaus, und brannte ihn
-grausam.
-
-Da er keine Liebe für die Anderen fühlte, der arme Duckmäuser, wagte
-er nicht, sich den Damen anzubieten. Dann ging er in einen abgelegenen
-Winkel, eine kleine, weiß getünchte Kammer, die durch schmale Fenster
-erleuchtet war, allwo er sein Naschwerk zu verspeisen pflegte. Und die
-Fliegen kamen in Haufen dorthin um der Krumen willen. Dort liebkoste er
-sich selbst und zerquetschte ihnen langsam den Kopf an den Scheiben,
-und tötete sie zu Hunderten, bis seine Finger zu stark zitterten, um
-sein blutiges Geschäft fortzusetzen. Und er fand eine widrige Lust
-an dieser grausamen Kurzweil; denn Wollust und Grausamkeit sind zwei
-schändliche Schwestern. Und er verließ diesen Winkel trauriger denn
-zuvor, und Männlein und Weiblein flohen, wo sie es vermochten, das
-Antlitz dieses Prinzen, das so bleich war, als hätte er sich von
-Wundpilzen genährt.
-
-Und der klägliche Prinz litt, denn böses Herz bringt Schmerz.
-
-
-27
-
-Die schöne holdselige Frau verließ eines Tages Valladolid, um nach
-ihrem Schlosse Dudzeele in Flandern zu reisen. Da sie nun, von ihrem
-fetten Kellermeister gefolgt, durch Damm kam, sah sie einen jungen
-Burschen von fünfzehn Jahren an der Mauer einer Hütte sitzen und den
-Dudelsack spielen. Vor ihm stand ein rotbrauner Hund, welcher diese
-Musik nicht liebte und melancholisch heulte. Die Sonne schien hell.
-Neben dem jungen Gesellen stand ein artig Mägdlein und lachte bei
-jeglichem Klaggeheul des Hundes.
-
-Da die schöne Dame und der Kellermeister an der Hütte vorbei kamen,
-betrachteten sie den blasenden Ulenspiegel, die lachende Nele und den
-heulenden Titus Bibulus Schnuffius.
-
-„Du böser Bube,“ sprach die Dame zu Ulenspiegel, „könntest Du nicht
-aufhören, diesen armen Hund also zum Heulen zu bringen?“ Aber
-Ulenspiegel schaute sie an und blies seinen Dudelsack noch tapferer.
-Und Bibulus Schnuffius heulte noch melancholischer, und Nele lachte
-noch lauter.
-
-Der Kellermeister geriet in Zorn und sagte zu der Dame, auf Ulenspiegel
-weisend:
-
-„Wenn ich diese Bettelbrut mit meiner Degenscheide durchfuchtelte, so
-würde sie aufhören, solch unverschämten Lärm zu machen.“
-
-Ulenspiegel schaute den Kellermeister an, nannte ihn ob seines
-Bauches Jan Fressack und fuhr fort, auf seinem Dudelsack zu blasen.
-Der Kellermeister trat auf ihn zu und bedrohte ihn mit der Faust;
-aber Bibulus Schnuffius stürzte auf ihn los und biß ihm ins Bein. Der
-Kellermeister fiel vor Angst nieder und schrie:
-
-„Zu Hilfe!“
-
-Lächelnd sprach die Dame zu Ulenspiegel:
-
-„Könntest Du mir nicht sagen, Dudelsackpfeifer, ob der Weg, der von
-Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“
-
-Ulenspiegel schüttelte den Kopf, ohne im Spielen aufzuhören, und
-schaute die Dame an.
-
-„Was hast Du, mich so anzustaunen?“ fragte sie.
-
-Doch er, immerdar weiterspielend, riß die Augen auf, als ob er vor
-Bewunderung schier verzückt wäre.
-
-Sie sprach zu ihm:
-
-„Schämst Du Dich nicht, so jung Du bist, die Damen also anzugaffen?“
-
-Ulenspiegel ward ein wenig rot, blies weiter und sah sie noch mehr an.
-
-„Ich fragte Dich,“ hub sie abermals an, „ob der Weg, der von Damm nach
-Dudzeele führt, nicht verändert ist?“
-
-„Er grünt nicht mehr, seit Ihr ihn des Glückes beraubt, Euch zu
-tragen“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-„Willst Du mich führen?“ fragte die Dame.
-
-Doch Ulenspiegel blieb sitzen und betrachtete sie unverwandt. Und ob
-sie ihn gleich als Schalk erkannte, wußte sie, daß sein Spiel nichts
-als Jugend war, und verzieh ihm gerne. Er erhob sich und wollte ins
-Haus gehen.
-
-„Wohin gehst Du?“ fragte sie.
-
-„Meine Sonntagskleider anlegen“, erwiderte er.
-
-„Geh“, sagte die Dame.
-
-Alsdann setzte sie sich auf die Bank neben der Schwelle, und der
-Kellermeister tat wie sie. Sie wollte mit Nele sprechen, die aber
-antwortete ihr nicht, denn sie war eifersüchtig.
-
-Ulenspiegel kehrte wohlgewaschen und in Barchend gekleidet zurück. Er
-sah schmuck aus in seinem Sonntagsstaat, der Bursche.
-
-„Gehst Du wirklich mit dieser schönen Dame?“ fragte ihn Nele.
-
-„Ich komme bald wieder“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Soll ich an Deiner statt gehen?“ fragte Nele.
-
-„Nein,“ sprach er, „die Wege sind schmutzig“.
-
-„Mägdlein,“ sprach die Dame erzürnt und gleichfalls eifersüchtig,
-„warum willst Du ihn hindern, mit mir zu gehen?“
-
-Nele gab ihr keine Antwort, doch große Tränen entquollen ihren Augen,
-und voll Zorn und Harm sah sie die schöne Dame an. Sie machten sich
-ihrer Vier auf den Weg, die Dame gleich einer Königin auf ihrem weißen,
-mit schwarzem Sammet gezäumten Zelter, der Kellermeister, dem der Bauch
-im Wandern wackelte, Ulenspiegel, der den Zelter der Dame am Zügel
-führte, und Bibulus Schnuffius, der ihm zur Seite schritt und den
-Schwanz stets in der Luft trug.
-
-Also ritten und wanderten sie eine Weile, doch Ulenspiegel war nicht
-guter Dinge. Stumm wie ein Fisch zog er den feinen Benzoeduft ein,
-der von der Dame ausging, maß von der Seite all ihre schönen Nesteln,
-seltenen Kleinodien und Zierarten, desgleichen ihr holdes Angesicht,
-ihre glänzenden Augen, ihre bloße Brust und die Haare, die in der Sonne
-gleich einer Goldhaube schimmerten.
-
-„Weshalb bist Du so wortkarg, Bube?“ fragte sie.
-
-Er gab keine Antwort.
-
-„Du hast doch nicht so ganz die Zunge in den Schuhen stecken, daß Du
-mir nicht eine Botschaft ausrichten könntest?“
-
-„Laßt hören“.
-
-„Du mußt mich hier lassen und nach Koolkerke gehen, nach der Leeseite,
-und einem Edelmann, welcher halb schwarz und halb rot gekleidet ist,
-bestellen, er möge mich heut nicht erwarten. Doch am Sonntag um zehn
-Uhr Nachts, da soll er durch das Ausfallspförtchen in mein Schloß
-kommen“.
-
-„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.
-
-„Warum nicht?“ fragte die Dame.
-
-„Nein, ich gehe nicht“, sagte Ulenspiegel zum andren Mal.
-
-Die Dame sprach zu ihm:
-
-„Du kleiner zorniger Hahn, was flößt Dir solchen trotzigen Willen ein?“
-
-„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.
-
-„Wenn ich Dir einen Gülden gäbe?“
-
-„Nein“.
-
-„Einen Dukaten?“
-
-„Nein“.
-
-„Einen Karolustaler?“
-
-„Nein“, sagte Ulenspiegel abermals. „Und dennoch“, fügte er mit Seufzen
-hinzu, „hätt’ ich ihn lieber denn eine Muschelschale in meiner Mutter
-Geldkatze“.
-
-Die Dame lächelte, dann rief sie mit einem Male:
-
-„Ich habe meine schöne und kostbare Gürteltasche verloren, aus starrer
-Seide und mit feinen Perlen bestickt. In Damm hing sie noch an meinem
-Gürtel.“
-
-Ulenspiegel rührte sich nicht, doch der Kellermeister trat herzu.
-
-„Herrin,“ so sprach er, „schickt nicht diesen jungen Spitzbuben auf die
-Suche danach, denn Ihr sähet ihn niemals wieder“.
-
-„Und wer wird also gehen?“
-
-„Ich,“ antwortete er, „meinen hohen Jahren zum Trotz.“ Und er ging von
-dannen.
-
-Es läutete Mittag, die Hitze war groß, tief die Einsamkeit. Ulenspiegel
-sagte kein Wörtlein, doch er zog sein neues Wams aus, auf daß sich die
-Dame im Schatten einer Linde setzen könnte, ohne die Kühle des Grases
-zu fürchten. Er aber blieb seufzend neben ihr stehen.
-
-Sie blickte ihn an, und es erbarmte sie des schüchternen Knaben. Sie
-fragte ihn, ob er es nicht müde sei, so auf seinen allzu jungen Beinen
-zu stehen. Er erwiderte kein Wörtlein, und als er sich neben sie
-niederfallen ließ, wollte sie ihn auffangen und zog ihn auf ihre nackte
-Brust; da blieb er so gern liegen, daß sie vermeint hätte, die Sünde
-der Grausamkeit zu begehen, wenn sie ihm ein ander Schlummerkissen
-angewiesen hätte.
-
-Indeß der Kellermeister kam zurück und vermeldete, er habe die
-Gürteltasche nicht gefunden.
-
-„Ich fand sie selbst wieder,“ entgegnete die Dame, „da ich vom Pferde
-stieg, denn wie ich sie loshakte, war sie am Steigbügel hangen
-geblieben. Jetzo geleite uns nach Dudzeele,“ gebot sie Ulenspiegel,
-„und sage mir, wie du heißest“.
-
-„Mein Schutzpatron ist der heilige Herr Thylbert, das bedeutet,
-leichtfüßig, um den guten Dingen nachzulaufen. Mein Vater heißt
-Klas und mich heißen sie Ulenspiegel. So Ihr Euch in meinem Spiegel
-betrachten wollt, werdet Ihr merken, daß in diesem ganzen Lande
-Flandern keine Blume von so blendender Schönheit ist wie Eure duftende
-Anmut“.
-
-Die Dame errötete vor Vergnügen und war Ulenspiegel nicht gram.
-
-Und Soetkin und Nele weinten ob seines langen Verweilens.
-
-
-28
-
-Da Ulenspiegel von Dudzeele heimkehrte, sah er vor der Stadt Nele an
-einem Zaun lehnen. Sie pflückte von einer blauen Weintraube die Beeren
-ab und biß eine nach der andern durch. Sonder Zweifel war ihr solches
-eine Erfrischung und Ergötzung, doch sie ließ kein Vergnügen erkennen.
-Sie schaute im Gegenteil bös drein und riß die Beeren zornig von der
-Traube. Sie war so voller Harm und hatte solch betrübtes, trauriges
-und holdseliges Antlitz, daß Ulenspiegel von verliebtem Mitleid erfaßt
-ward. Er trat vergnügt hinter sie und gab ihr einen Kuß auf den Nacken.
-Sie aber verabreichte ihm als Gegengabe eine tüchtige Maulschelle.
-
-„Ich sehe darum nicht klarer“, sprach Ulenspiegel.
-
-Sie weinte und schluchzte.
-
-„Nele,“ sprach er, „willst Du jetzo Springbrunnen am Eingang der Dörfer
-errichten?“
-
-„Geh Deiner Wege“, gebot sie.
-
-„Ich kann doch nicht gehen, wenn Du also weinst, Liebchen.“
-
-„Ich bin kein Liebchen und ich weine nicht“, sprach Nele.
-
-„Nein, Du weinst nicht, doch es kommt gleichwohl Wasser aus Deinen
-Augen.“
-
-„Willst Du wohl fortgehen?“
-
-„Nein,“ sprach er.
-
-Derweil faßte sie ihre Schürze mit ihren zitternden Händlein und zerriß
-sie in Fetzen, und Tränen flossen darauf und benetzten sie.
-
-„Nele,“ fragte Ulenspiegel, „wird bald schön Wetter?“
-
-Und er blickte sie mit gar verliebtem Lächeln an.
-
-„Warum fragst Du mich also?“ sprach sie.
-
-„Weil, wenn es schön ist, es nicht regnet.“
-
-„Geh fort zu Deiner schönen Dame im Brokatkleid, die hast Du ja
-genugsam zum Lachen gebracht.“
-
-Da sang Ulenspiegel:
-
- „Seh’ ich mein Liebchen weinen,
- Zerreißt es mir das Herz.
- Ist Honig, wenn sie scherzt,
- Sind Perlen ihre Tränen.
- Ich lieb’ sie alleweil
- Und spend’ uns einen Trunk
- Vom guten Wein von Löwen,
- Wenn Nele lächeln will.“
-
-„Schlechter Mann, Du spottest mein noch!“
-
-„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „ich bin ein Mann, doch kein schlechter
-Bürgerlicher, denn unser edles Geschlecht aus Schöffenstand hat drei
-silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. Nele, ist’s wahr, daß
-man im Lande Flandern, wenn man Küsse säet, Maulschellen erntet?“
-
-„Ich will Dir nicht Rede stehen,“ sprach Nele.
-
-„Warum öffnest Du alsdann den Mund, es mir zu sagen?“
-
-„Ich bin bös“, sprach sie.
-
-Ulenspiegel gab ihr einen leichten Schlag in den Rücken und sagte:
-
-„Küßt die Magd, so schlägt sie Euch, schlagt die Magd, so salbt sie
-Euch. Salbe mich also Liebchen, da ich Dich schlug.“
-
-Nele wandte sich um. Er tat die Arme auf, und sie warf sich, noch
-weinend, hinein und sprach:
-
-„Du gehst nimmer mehr dorthin, nicht wahr, Thyl?“
-
-Doch er gab keine Antwort, denn er mußte ihre armen zitternden Finger
-drücken und mit seinen Lippen ihre heißen Zähren abtrocknen, welche
-gleich den großen Tropfen eines Gewitterregens aus Neles Augen fielen.
-
-
-29
-
-Zur nämlichen Zeit weigerte Gent, die Edle, ihre Beisteuer zu der
-Hilfe, die ihr Sohn Karl, der Kaiser, von ihr heischte. Sie vermochte
-es nicht, denn sie war durch Karls Schuld von Geld entblößt. Das war
-eine große Missetat, und er beschloß bei sich, selbst zu gehen, um
-sie zu züchtigen. Denn der Stock eines Sohnes bereitet dem Rücken der
-Mutter mehr Schmerz denn jeglicher andre.
-
-König Franz mit der langen Nase, sein Feind, bot ihm an, durch das
-Land Frankreich zu reisen. Solches tat Karl, und anstatt dorten als
-Gefangener festgehalten zu werden, ward er kaiserlich gefeiert und auf
-Händen getragen. Denn es ist ein fürstliches Übereinkommen, sich gegen
-die Völker beizustehen.
-
-Karl verweilte lange Zeit in Valenciennes, ohne irgend ein Zeichen
-des Unwillens zu geben. Gent, seine Mutter, lebte ohne Furcht in dem
-Glauben, der Kaiser, ihr Sohn, würde ihr verzeihen, daß sie nach Recht
-und Sitte gehandelt hatte.
-
-Karl rückte mit viertausend Mann unter die Mauern der Stadt. Alba
-begleitete ihn, desgleichen der Prinz von Oranien. Das niedre Volk und
-die kleinen Gewerke hätten gern diesen Einzug des Sohnes gehindert und
-die achtzigtausend Mann aus der Stadt und vom Land aufgebracht; die
-Reichen aber, Hoogporters genannt, widersetzten sich dem aus Furcht
-vor der Übermacht des Volkes. Dennoch hätte Gent solcherart seinen
-Sohn mitsamt seinen viertausend Pferden in Stücke hacken können. Doch
-die Stadt liebte ihn, und selbst die kleinen Gewerke hatten wieder
-Vertrauen gefaßt. Auch Karl liebte sie, doch um des Geldes willen,
-das er von ihr in seinen Truhen hatte und von dem er noch ein Übriges
-begehrte.
-
-Da er sich zum Herrn von Gent gemacht hatte, stellte er allerorten
-Posten auf und ließ bei Tag und Nacht Ronden durch die Stadt streifen.
-Alsdann sprach er mit großem Pomp ihr Urteil.
-
-Die vornehmsten Bürger sollten mit dem Strick um den Hals vor seinen
-Thron treten und Abbitte tun. Gent ward der einträglichsten Verbrechen
-bezichtigt, als da sind: Untreue, Vertragsbruch, Ungehorsam, Aufstand,
-Rebellion und Majestätsbeleidigung. Der Kaiser erklärte jegliche
-Rechte, Privilegien, Freiheiten, Satzungen und Bräuche für abgeschafft.
-Die Zukunft bindend, gleich als wäre er der Herrgott selbst, setzte
-er fest, daß von nun an seine Nachfolger, wann sie zur Herrschaft
-gelangten, schwören sollten, nichts zu beobachten, es sei denn die
-Karolinische Konzession der Abhängigkeit, die er der Stadt auferlegt.
-
-Er hieß die Abtei von Sankt Baro dem Erdboden gleichmachen, um dort
-eine Feste zu errichten, von wo er nach Lust die Brust seiner Mutter
-mit Kugeln durchbohren konnte. Als guter Sohn, dem es eilte zu erben,
-ließ er alles Vermögen von Gent einziehen: Einkünfte, Häuser, Geschütze
-und Kriegsmunition. Da er die Stadt allzuwohl verwahrt fand, ließ er
-den Roten Turm, den Krötenturm, die Braamport, Steenpoort, Waalpoort,
-Ketelpoort niederreißen, und viele andre, so wie Kleinodien aus Stein
-gebildet waren.
-
-Wenn nachmals Fremde nach Gent kamen, sprachen sie unter einander: „Was
-ist diese Stadt flach und öde, von der man Wunders viel gesagt.“
-
-Und die von Gent antworteten: „Kaiser Karl hat der Stadt ihren
-kostbaren Gürtel genommen.“
-
-Und wenn sie so sprachen, waren sie voll Schmerz und Grimm. Und aus den
-Trümmern der Tore nahm der Kaiser Ziegelsteine für seine Festen.
-
-Er wollte, daß Gent arm wäre, denn solchermaßen würde es weder durch
-Arbeit und Gewerbfleiß noch durch Geld seinen hochfahrenden Plänen
-widerstehen können. Er verurteilte also die Stadt, den verweigerten
-Anteil zur Beihilfe mit vierhunderttausend Goldgülden zu zahlen und
-des Mehreren hundert und fünfzigtausend Karolus einmal zu zahlen,
-dazu alljährlich sechstausend an fortlaufenden Zinsen. Sie hatte
-ihm Geld dargeliehen, und er schuldete ihr dafür einen Zins von
-hundertundfünfzigtausend Gülden vlämisch. Er ließ sich mit Gewalt die
-Schuldurkunden zurückgeben, und indem er also seine Schuld beglich,
-bereicherte er sich erklecklich.
-
-Gent hatte ihn geliebt und ihm zu vielen Malen geholfen, doch er stieß
-ihm einen Dolch in die Brust und suchte Blut, dieweil er nicht Milch
-genug darinnen fand.
-
-Darnach richtete er den Blick auf Roeland, die schöne Glocke, und an
-ihrem Klöppel ließ er Den henken, welcher Sturm geläutet hatte, um die
-Stadt zur Wahrung ihrer Rechte zu rufen. Er hatte kein Erbarmen mit
-Roeland, seiner Mutter Zunge, durch welche sie zu Flandern sprach,
-Roeland, die stolze Glocke, die von sich selber sagte:
-
- ~Als men my slaet dan is’t brandt,
- Als men my luyt dan is’t Storm in Vlaenderlandt.~
- Wenn man mich schlägt, ist Brand,
- Wenn man mich läutet, Sturm in Flanderland.
-
-Maßen er fand, daß seine Mutter allzulaut redete, nahm er die Glocke
-fort. Und Die vom Lande sagten, daß Gent tot sei, denn ihr Sohn habe
-ihr mit eisernen Zangen die Zunge ausgerissen.
-
-
-30
-
-In den klaren und frischen Lenztagen, da die Erde voller Liebe ist,
-plauderte Soetkin am offenen Fenster und Klas summte einen Kehrreim,
-dieweil Ulenspiegel dem Titus Bibulus Schnuffius ein Richterbarett
-aufgesetzt hatte. Der Hund arbeitete mit den Pfoten, gleich als wolle
-er einen Haftbefehl auswirken, doch es geschah nur, um sich seiner
-Kopfbedeckung zu entledigen.
-
-Plötzlich schloß Ulenspiegel das Fenster, lief in das Zimmer und sprang
-auf Stühle und Tische, indeß er die Hände nach der Decke ausstreckte.
-Soetkin und Klas gewahrten, daß er sich so unsinnig gebärdete, um ein
-Vöglein zu erhaschen, ein gar zierliches, kleines, das mit zitternden
-Flügeln an einem Balken im Winkel der Decke geduckt saß und aus Furcht
-schrie.
-
-Ulenspiegel wollte es ergreifen, da sprach Klas mit Nachdruck zu ihm:
-
-„Warum springst Du also?“
-
-„Um ihn zu greifen,“ sprach Ulenspiegel, „in einen Käfig zu setzen und
-ihm Körner zu schütten, auf daß er für mich singe.“
-
-Indessen schrie der Vogel vor Angst, flatterte im Zimmer umher und
-stieß mit dem Kopf wider die Fensterscheiben. Ulenspiegel ließ nicht
-ab, zu springen. Da legte Klas ihm die Hand schwer auf die Schulter und
-sprach:
-
-„Fang ihn, setz ihn in einen Käfig und laß ihn für Dich singen. Doch
-ich werde Dich auch in einen Käfig tun, der mit guten Eisenstangen
-verschlossen ist, und werde Dich singen machen. Du läufst gern;
-das wirst Du nicht mehr können; Du wirst im Schatten sein, wenn
-Dich friert, in der Sonne, wenn Dir heiß ist. Dann werden wir eines
-Sonntags ausgehen und vergessen, Dir Futter zu geben, und nicht eher
-denn Donnerstags heimkehren. Und bei der Rückkehr werden wir Thyll
-verhungert und starr und steif finden“.
-
-Soetkin weinte und Ulenspiegel entsprang.
-
-„Was tust Du?“ fragte Klas.
-
-„Ich öffne dem Vogel das Fenster“, antwortete er.
-
-Und wahrlich, das Vöglein, welches ein Distelfink war, flog aus dem
-Fenster, stieß einen Freudenruf aus und ließ sich dann auf einen
-Apfelbaum nieder. Dort glättete es mit dem Schnabel seine Flügel,
-schüttelte sein Gefieder und, sich erbosend, schalt es Ulenspiegel in
-seiner Vogelsprache mit tausend Schmähungen.
-
-Da sprach Klas zu ihn
-
-„Sohn, raube weder Mensch noch Tier jemals die Freiheit, welche
-das größte Gut auf Erden ist. Laß einen jeden in die Sonne gehen,
-wann ihn friert, und in den Schatten, wann ihm heiß ist. Und möge
-Gott seine Heilige Majestät richten, welche, nachdem sie den freien
-Glauben in Flandern in Ketten gelegt, das edle Gent in einen Käfig der
-Knechtschaft geworfen hat“.
-
-
-31
-
-Philipp hatte Maria von Portugal geehelicht und ihre Besitzungen der
-Krone Spanien einverleibt. Sie genas des Don Carlos, des grausamen
-Narren. Doch er liebte seine Gattin nicht. Die Königin litt an den
-Folgen ihres Kindbettes. Sie hütete das Bett und hatte ihre Ehrendamen
-bei sich, darunter die Herzogin von Alba. Philipp ließ sie oftmals
-allein, um Ketzer verbrennen zu sehen, und alle Herren und Damen vom
-Hofe taten desgleichen. Also hielt es auch die Herzogin von Alba, die
-hochedle Wächterin des königlichen Kindbettes.
-
-Um diese Zeit nahm das geistliche Gericht einen vlämischen
-Bildschneider gefangen, welcher römischer Katholik war, maßen ihm ein
-Mönch den ausbedungenen Preis für ein Holzbild unserer lieben Frauen
-verweigert und er der Frau mit dem Meißel ins Gesicht geschlagen und
-gesagt hatte, daß er lieber sein Werk zerstören, denn es zum Spottpreis
-hergeben wollte.
-
-Er ward von dem Mönche als Bilderfrevler verklagt, ohn Erbarmen
-gefoltert und verurteilt, lebendig verbrannt zu werden. Während der
-Folter hatte man ihm die Fußsohlen verbrannt, und da er mit dem
-Sanbenito[2] angetan vom Kerker zum Scheiterhaufen geführt ward, schrie
-er:
-
-„Haut die Füße ab! Haut die Füße ab!“
-
-Philipp hörte dies Geschrei von ferne; es war ihm wohl, aber er lachte
-nicht.
-
-Die Ehrendamen verließen die Königin, um der Verbrennung beizuwohnen,
-und nach ihnen ging auch die Herzogin von Alba. Sie hörte den
-vlämischen Bildschneider schreien, wollte das Schauspiel mit ansehen
-und ließ die Königin allein.
-
-Da nun Philipp mit seinen hohen Dienern, Prinzen, Grafen, Stallmeistern
-und Damen gegenwärtig war, fesselten sie den Bildschnitzer mit einer
-langen Kette an einen Pfahl inmitten eines Kreises von brennendem
-Stroh und Reisigbündeln, auf daß er langsam geröstet werde, wann er,
-dem raschen Feuer entrinnend, sich an den Pfahl halten wollte. Und
-alles blickte ihn voll Neugier an, wie er nackend oder fast nackend
-versuchte, seine Seelenstärke der Feuersglut entgegenzusetzen.
-
-Zur selbigen Zeit hatte die Königin Maria in ihrem Wochenbett Durst.
-Die Hälfte einer Melone auf einer Schüssel erblickend, schleppte sie
-sich aus ihrem Bette, aß von der Melone und ließ nichts davon übrig.
-Dann brach sie in Schweiß aus und es fröstelte sie, dieweil das Fleisch
-der Melone kalt war. Sie blieb auf dem Fußboden liegen und konnte kein
-Glied rühren.
-
-„Ach,“ sprach sie, „ich würde wieder warm werden, wenn jemand mich ins
-Bett trüge.“
-
-Da hörte sie den armen Bildschnitzer schreien: „Haut die Füße ab!“
-
-„Ach,“ sprach die Königin Maria, „ist es ein Hund, der bei meinem Tode
-heult?“
-
-In diesem Augenblick, da der Bildschneider ringsum die Gesichter
-hispanischer Feinde gewahrte, gedachte er Flanderns, des Landes der
-Männer, kreuzte die Arme, schleppte seine lange Kette hinterdrein, ging
-auf die flammenden Stroh- und Reisigbündel zu und mitten hinein, die
-Arme verschränkend.
-
-„Also“, sprach er, „sterben die Vlamen angesichts der spanischen
-Henker. Haut die Füße ab, doch nicht mir, sondern ihnen, damit sie
-nimmer zum Morden laufen. Es lebe Flandern in alle Ewigkeit!“
-
-Und die Damen klatschten ihm Beifall und riefen um Gnade, da sie seine
-stolze Fassung sahen. Und er starb.
-
-Die Königin Maria zitterte am ganzen Leibe, sie weinte, ihre Zähne
-schlugen auf einander im Froste des nahenden Todes. Sie streckte Arme
-und Beine aus und sprach:
-
-„Legt mich in mein Bett, auf daß ich warm werde.“
-
-Und sie starb.
-
-Und also säete Philipp allerorten Tod, Blut und Tränen, gemäß der
-Weissagung Kathelines, der guten Zauberin.
-
-
-32
-
-Doch Ulenspiegel und Nele liebten sich heiß. Es war am Ende des
-Aprilmonds, und alle blühenden Bäume, alle saftstrotzenden Pflanzen
-harrten des Mai, der von einem Pfauen begleitet, blütenreich wie ein
-Blumenstrauß, auf die Erde kommt und die Nachtigallen in den Büschen
-singen heißt.
-
-Oftmals streiften Ulenspiegel und Nele selbander auf den Wegen umher,
-Nele hing an Ulenspiegels Arm und umschlang ihn mit beiden Händen. Er
-fand an diesem Spiele Gefallen und legte oftmals seinen Arm um ihre
-Hüften, um sie besser zu halten, wie er sagte. Sie war glücklich, aber
-sie sprach nicht.
-
-Der Wind wälzte den Duft der Wiesen warm und feucht auf die Wege.
-In der Ferne rauschte das Meer träg im Sonnenschein. Ulenspiegel
-war hoffärtig wie ein junger Teufel, doch Nele gleich einer kleinen
-Heiligen aus dem Paradiese gar verschämt ob ihrer Freude.
-
-Sie lehnte den Kopf an Ulenspiegels Schulter; er faßte ihre Hände, und
-im Gehen küßte er sie auf die Stirn, die Wangen und ihren lieblichen
-Mund. Doch sie schwieg.
-
-Nach etlichen Stunden waren sie heiß und durstig, tranken Milch beim
-Bauern und waren doch nicht erquickt.
-
-Sie setzten sich an den Rand eines Grabens auf den Rasen. Nele war ganz
-bleich und nachdenklich und Ulenspiegel betrachtete sie furchtsam.
-
-„Du bist traurig?“ fragte sie.
-
-„Ja“, sagte er.
-
-„Warum?“ fragte sie.
-
-„Ich weiß es nicht,“ sprach er, „aber diese Apfel- und Kirschbäume
-in voller Blüte, diese laue Luft, die wie mit dem Feuer des Blitzes
-geladen ist, diese Maßliebchen, die sich errötend auf den Auen öffnen,
-der Schlehdorn dort nahebei in den Hecken, ganz weiß ... Wer sagt mir,
-warum ich mich so unruhig fühle und immerdar bereit bin, zu sterben
-oder zu schlafen? Und mein Herz schlägt so stark, wenn ich die Vögel in
-den Bäumen erwachen höre und sehe die Schwalben, die wieder da sind.
-Dann möchte ich weiter wandern als Sonne und Mond. Und bald ist mir
-kalt, bald heiß. Ach, Nele, ich wollte, ich wäre nicht mehr auf dieser
-erbärmlichen Welt, oder ich könnte der, die mich liebte, tausend Leben
-geben“ ...
-
-Aber sie schwieg, und blickte Ulenspiegel mit frohem Lächeln an.
-
-
-33
-
-Am Tage des Totenfestes kam Ulenspiegel mit etlichen Burschen des
-nämlichen Alters aus der Frauenkirche. Lamm Goedzak hatte sich unter
-sie verirrt wie ein Schaf unter Wölfe. Er zahlte für alle freigebig die
-Zeche, denn seine Mutter gab ihm alle Sonn- und Feiertage drei Heller.
-
-Er begab sich also mit seinen Kameraden „In den rooden Schildt“ zu Jan
-van Liebeke, welcher ihnen „dobbele knollaert“ von Kortrijk auftrug.
-Da nun das Getränk sie erhitzte und sie von Gebeten redeten, sagte
-Ulenspiegel kühnlich, daß die Seelenmessen nur für die Pfaffen von
-Vorteil seien.
-
-Es war aber ein Judas in der Schar; der zeigte Ulenspiegel als Ketzer
-an. Trotz Soetkins Tränen und Klasens Bitten ward Ulenspiegel ergriffen
-und gefänglich eingezogen. Er blieb einen Monat und drei Tage in einem
-vergitterten Kellerloch, ohne jemand zu sehen. Der Kerkermeister fraß
-ihm drei Viertel seiner Portion auf. Derweilen zog man Erkundigungen
-über seinen Leumund ein. Es fand sich nur, daß er ein schlimmer Spötter
-war, welcher sich ohne Unterlaß über seinen Nächsten lustig machte,
-doch hatte er niemals über den Herrgott, die Frau Maria und die Herren
-Heiligen Übles geredet. Darum war sein Urteil gelinde; ansonst wäre
-er mit glühenden Eisen im Gesicht gebrandmarkt und bis aufs Blut
-gepeitscht worden.
-
-In Ansehung seiner Jugend verurteilten ihn die Richter nur, in
-der ersten Prozession, die aus der Kirche kommen würde, im Hemde,
-barhäuptig und barfuß, eine Kerze in der Hand zu tragen und hinter den
-Priestern zu schreiten.
-
-Solches geschah am Tage der Himmelfahrt.
-
-Dieweil die Prozession in die Kirche zurückkehrte, mußte er unter dem
-Torbogen der Frauenkirche stehen und dort ausrufen:
-
-„Dank dem hohen Herrn Jesus! Dank den Herren Priestern! Ihre Gebete
-sind den Seelen im Fegefeuer wohltuend und gar kühlend; denn jedes Ave
-ist ein Eimer Wasser, der auf ihren Rücken fällt, und jedes Pater ist
-ein Kübel voll.“
-
-Und das Volk hörte ihm mit großer Andacht und nicht ohne Lachen zu.
-
-Beim Pfingstfest mußte er abermals der Prozession folgen; er war im
-Hemd, barfüßig und barhäuptig und hielt eine Kerze in der Hand. Da nun
-die Prozession in die Kirche zurückkehrte, trat er unter den Torbogen,
-und ehrerbietig seine Kerze haltend, sprach er mit lauter klarer
-Stimme, nicht ohne etliche spöttische Fratzen zu schneiden:
-
-„Die Gebete der Christen sind für die Seelen im Fegefeuer eine große
-Linderung; aber die des Dechanten von unsrer lieben Frauen, des
-heiligen Mannes, der in der Ausübung aller Tugenden vollkommen ist,
-beruhigen also trefflich die Qualen des Feuers, daß es sich plötzlich
-in Gefrorenes wandelt. Aber die Marterteufel kriegen keinen Tropfen
-davon.“
-
-Und das Volk horchte wiederum mit großer Andacht, nicht ohne zu lachen,
-und der Dechant lächelte mit geistlichem Behagen.
-
-Darauf ward Ulenspiegel drei Jahre des Landes Flandern verwiesen und
-ward ihm auferlegt, eine Pilgerfahrt nach Rom zu machen und mit der
-Absolution des Papstes heimzukehren.
-
-Klas mußte drei Gülden für dieses Urteil zahlen; einen aber gab er
-noch seinem Sohn und versah ihn mit einem Pilgerkleid. Dem aber brach
-am Tag seiner Reise schier das Herz. Er umarmte Klas und Soetkin, die
-schmerzensreiche Mutter, die ganz in Tränen zerfloß. Sie gaben ihm
-ein gut Stück Weges das Geleit, in Gesellschaft etlicher Bürger und
-Bürgersfrauen.
-
-Da Klas wieder in seine Hütte trat, sagte er zu seinem Weibe:
-
-„Weib, es ist recht hart, für ein paar törichte Worte einen so jungen
-Knaben zu dieser strengen Strafe zu verurteilen.“
-
-„Du weinst, Mann, Du liebst ihn mehr als Du zeigst, denn Du brichst in
-männliches Schluchzen aus, das dem Weinen des Leuen gleicht.“
-
-Doch er antwortete nichts.
-
-Nele hatte sich in der Scheune verborgen, auf daß niemand sähe, daß
-auch sie um Ulenspiegel weinte. Von ferne folgte sie Soetkin und
-Klas und den Bürgern und Bürgersfrauen. Da sie ihren Freund allein
-fortziehen sah, lief sie zu ihm und sprang ihm an den Hals.
-
-„Du wirst viele schöne Damen dort unten finden“, sagte sie.
-
-„Schöne, das weiß ich nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „aber frische wie
-Du, nein, denn die Sonne hat sie alle verbrannt.“
-
-Eine lange Weile gingen sie selbander. Ulenspiegel war ganz in Gedanken
-und sagte etliche Male:
-
-„Ich werde sie ihre Seelenmessen bezahlen lassen.“
-
-„Was für Messen, und wer wird bezahlen?“ fragte Nele.
-
-Ulenspiegel entgegnete:
-
-„Alle Dechanten, Pfarrer, Pfaffen, Küster und obere wie untere Laffen,
-so uns mit Hirngespinsten mästen. Wär ich ein wackerer Arbeiter, so
-hätten sie mir die Frucht von dreijähriger Arbeit gestohlen, dieweil
-sie mich zur Pilgerfahrt zwangen. Nun aber ist es der arme Klas, der
-zahlt. Sie sollen mir meine drei Jahre hundertfältig zurückgeben, und
-ich werde die Seelenmesse von ihrem Gelde für sie singen.“
-
-„Ach, Tyll, sei fürsichtig, sie möchten Dich sonst lebendig
-verbrennen“, erwiderte Nele.
-
-„Ich bin von Asbest“, antwortete Ulenspiegel. Dann trennten sie sich,
-sie ganz in Tränen, doch er voller Schmerz und Grimm.
-
-
-34
-
-Da er durch Brügge kam, und über den Mittwochsmarkt schritt, sah er
-daselbst eine Frau durch den Henker und seine Büttel umhergeführt, und
-eine große Zahl andrer Weiber schrie und heulte tausend schmutzige
-Schimpfworte um sie her. Da Ulenspiegel sah, daß ihr Kleid oben
-mit Stücken roten Tuches besetzt war, auch daß sie den Stein der
-Gerechtigkeit mit seinen Eisenketten am Halse trug, erkannte er, daß
-es eine Frau war, welche die jungen, gesunden Körper ihrer Töchter zu
-ihrem Nutzen verkauft hatte. Man sagte ihm, daß sie Barbe hieße und mit
-Jason Darue verheiratet sei. In diesem Aufzug sollte sie von Platz zu
-Platz geführt werden, bis sie wieder zum Großen Markt zurückkam. Allda
-sollte sie auf ein Gerüst geführt werden, welches eigens errichtet war.
-Ulenspiegel folgte ihr mit dem tobenden Volkshaufen. Auf dem Großen
-Markt angelangt, ward sie auf das Gerüst gestellt und an einen Pfosten
-gebunden, und der Henker legte ein Häufchen Gras und einen Klumpen Erde
-vor sie hin, welches die Grube bedeutete.
-
-Man erzählte Ulenspiegel auch, daß sie zuvor im Gefängnis gestäupt
-worden sei.
-
-Wie er davon ging, begegnete er Henri le Marischal, einem Erzbettler,
-welcher in der Schloßhauptmannschaft von West-Ypern gehenkt worden war
-und annoch die Merkmale der Stricke an seinem Halse zeigte. Er war, so
-sagte er, gerettet worden, wie er schon in der Luft hing, nur durch ein
-gutes Gebet, das er an Unsere liebe Frau von Hal richtete, also daß
-nach dem Fortgang der Amtsleute und Richter die Stricke, die ihn schon
-nicht mehr würgten, zerrissen und er auf den Boden fiel und heil und
-gesund war.
-
-Aber Ulenspiegel vernahm nachmals, daß dieser vom Strick befreite
-Bettler ein falscher Henri Marischal war, und daß man ihn seine Lüge
-allerorten verbreiten ließ, dieweil er Besitzer eines vom Dechanten
-Unsrer lieben Frauen von Hal unterzeichneten Pergaments war. Um dieser
-Erzählung des Henri Marischal willen strömten Alle, so von nah oder
-ferne den Galgen witterten, besagtem Dechanten zu Haufen in seine
-Kirche und bezahlten ihn gut. Und lange Zeit ward Unsere liebe Frau von
-Hal die Mutter Gottes der Gehenkten genannt.
-
-
-35
-
-Zur selbigen Zeit stellten die Inquisitoren und Theologen dem Kaiser
-Karl zum andern Male vor, daß die Kirche zugrunde ginge, daß ihre
-Herrschaft verachtet würde und daß er die herrlichen Siege, so er
-errungen, den Gebeten der Katholischen Christenheit verdankte, welche
-die kaiserliche Macht auf ihrem Throne erhielte.
-
-Ein Erzbischof von Spanien heischte von ihm, daß sechstausend Köpfe
-abgeschlagen oder ebensoviele Körper verbrannt würden, auf daß die
-bösartige lutherische Ketzerei in den Niederlanden ausgerottet würde.
-Seine Heilige Majestät dünkte solches nicht genug.
-
-Derhalben erblickte auch der arme Ulenspiegel an allen Orten, durch die
-er voll Entsetzens zog, nur Köpfe auf Pfählen, junge Mägdlein in Säcke
-gesteckt und lebendig in den Fluß geworfen. Er sah Männer nackend aufs
-Rad geflochten und mit Eisenstangen grausam zerschlagen, Frauen in eine
-Grube geworfen und Erde auf sie geschüttet, und der Henker tanzte ihnen
-auf der Brust, um sie zu zerbrechen. Aber die Beichtiger derer, so
-zuvor bereut hatten, verdienten jedesmal zwölf Heller.
-
-In Löwen sah er die Henker dreißig Lutherische zumal verbrennen, und
-der Scheiterhaufen ward mit Schießpulver entzündet. Zu Limburg sah
-er eine Familie, Männer und Frauen, Töchter und Töchtermänner zur
-Richtstatt schreiten und Psalmen singen. Der Vater, welcher alt war,
-schrie, während er verbrannte.
-
-Und Ulenspiegel wanderte auf der armen Erde und empfand Furcht und
-Schmerz.
-
-
-36
-
-Auf freiem Felde schüttelte er sich gleichwie ein Vogel oder ein
-losgelassener Hund, und sein Herz ward wieder guten Mutes angesichts
-der Bäume, der Wiesen und der hellen Sonne.
-
-Wie er nun während dreier Tage gewandert war, kam er in die Gegend von
-Brüssel, in die mächtige Gemeinde von Uccle. Als er vor dem Wirtshaus
-zur Trompete vorbeikam, ward er durch einen himmlischen Duft von
-Fleischgerichten angelockt. Er fragte einen kleinen Betteljungen,
-welcher, die Nase nach dem Winde richtend, sich am Wohlgeruch der Tunke
-ergötzte, wem zu Ehren sich dieser festliche Weihrauch gen Himmel
-erhöbe. Der aber antwortete, daß die Brüder vom guten Vollmondsgesicht
-sich nach der Vesper hier versammelten, um die Befreiung der Gemeinde
-durch die Frauen und Mägdlein von einstmals zu feiern.
-
-Ulenspiegel sah von fern eine Stange mit einem Papageien darauf und
-ringsumher mit Bögen bewaffnete Weiber. Er fragte, ob die Frauen jetzo
-zu Bogenschützen würden.
-
-Der Betteljunge, welcher den Duft der Tunke einsog, antwortete, daß zur
-Zeit des guten Herzogs die nämlichen Bogen in den Händen der Frauen von
-Uccle mehr denn hundert Räuber vom Leben zum Tode gebracht hätten.
-
-Ulenspiegel wollte mehr davon wissen, doch der Bube sagte, er hätte
-solchen Hunger und Durst, daß er nicht mehr sprechen würde, es sei
-denn, daß Ulenspiegel ihm einen Heller für Essen und Trinken gäbe.
-Ulenspiegel tat es aus Mitleid.
-
-Sobald der Bettler den Heller hatte, drang er ins Wirtshaus zur
-Trompete wie der Fuchs in den Hühnerstall und kam im Triumphe zurück,
-in der Hand eine halbe Wurst und einen dicken Laib Brot.
-
-Plötzlich vernahm Ulenspiegel ein sanftes Getön von Schellentrommeln
-und Bratschen und sah eine große Schar Frauen tanzen und unter ihnen
-ein schönes Weib, das eine güldene Kette um den Hals trug.
-
-Der Betteljunge, der vor sattem Behagen lachte, erzählte Ulenspiegel,
-daß dieses junge schöne Weib die Königin des Bogenschießens sei und
-Mietje hieße und die Ehefrau Seiner Ehren des Herrn Renonckel, des
-Gemeindeschöffen wäre. Dann begehrte er von Ulenspiegel sechs Heller
-Trinkgeld, und dieser gab sie ihm. Nachdem er also gegessen und
-getrunken, setzte sich der Bettler in die Sonne und stocherte sich
-die Zähne mit den Nägeln. Da die Bognerinnen Ulenspiegel in seinem
-Pilgerkleid erblickten, begannen sie in der Runde um ihn zu tanzen und
-sprachen:
-
-„Guten Tag, schöner Pilger, kommst Du von weit her, Du junger Fant?“
-
-„Ich komme aus Flandern, dem schönen Lande, das Überfluß an verliebten
-Mägdlein hat“.
-
-Und er gedachte schwermütig an Nele.
-
-„Was war Dein Verbrechen?“ fragten sie und hörten mit Tanzen auf.
-
-„Ich würde nicht wagen es zu beichten, so groß ist es. Aber ich habe
-andere Dinge an mir, die auch nicht klein sind.“
-
-Da lachten die Weiber und stellten Fragen, warum er solcherart mit dem
-Pilgerstab, dem Bettelsack und dem Muschelhut reisen müßte.
-
-„Dieweil ich gesagt habe,“ erwiderte er, ein wenig lügend, „daß die
-Seelenmessen für die Priester von Nutzen sind.“
-
-„Sie bringen ihnen klingendes Geld, aber sie sind den Seelen im
-Fegefeuer von Nutzen.“
-
-„Ich war nicht dort“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Willst Du mit uns essen, Pilger?“ sprach die liebreizendste der
-Schützinnen zu ihm.
-
-„Ich will mit Euch essen,“ sagte er, „Dich essen und alle, eine nach
-der andern, denn Ihr seid Bissen für einen König, köstlicher zu beißen
-denn Fettammern, Drosseln und Schnepfen.“
-
-„Gott möge Dich ernähren;“ sprachen sie, „das ist ein unbezahlbares
-Wildpret.“
-
-„Wie Ihr Schönen alle“, erwiderte er.
-
-„Wahrlich, aber wir sind nicht zu verkaufen.“
-
-„Doch zu geben?“ fragte er.
-
-„Ja,“ sagten sie, „Schläge für die Allzudreisten. Und wenn Du deren
-bedarfst, werden wir Dich wie einen Haufen Korn schlagen.“
-
-„Ich verzichte darauf.“
-
-„Komm essen“, sagten sie.
-
-Er folgte ihnen in den Hof der Herberge, gar froh, diese frischen
-Gesichter um sich zu sehen. Plötzlich sah er mit großem Gepränge,
-mit Fahne, Trompete, Flöte und Tambourin, die Brüder vom guten
-Vollmondsgesicht in den Hof einziehen, welche dem lustigen Namen ihrer
-Bruderschaft alle Ehre machten. Da sie ihn neugierig betrachteten,
-sagten die Frauen zu ihnen, es sei ein Pilgrim, den sie am Wege
-aufgelesen, und da sie an ihm ein gutes Vollmondsgesicht gewahrt
-hätten, gleich dem ihrer Gatten und Bräutigame, so hätten sie ihn
-geladen, an ihren Lustbarkeiten teilzunehmen.
-
-Die Männer fanden gut, was sie sagten, und der Eine sprach:
-
-„Wallender Pilger, willst Du mit uns durch Tunke und Fleischgerichte
-pilgern?“
-
-„Ich werde Siebenmeilenstiefel dabei anlegen“, sprach Ulenspiegel.
-
-Da er sich anschickte, mit ihnen in den Festsaal zu treten, gewahrte er
-auf der Straße nach Paris zwölf wandernde Blinde. Da sie an ihm vorüber
-zogen und über Hunger und Durst klagten, sagte Ulenspiegel zu sich, daß
-sie diesen Abend wie Könige tafeln sollten, auf Kosten des Dechanten
-von Uccle, zur Erinnerung an die Seelenmessen.
-
-Er ging zu ihnen und sprach:
-
-„Hier sind neun Gulden, kommt essen. Riecht ihr den Duft der
-Fleischgerichte?“
-
-„Ach“, sprachen sie, „seit einer halben Meile sonder Hoffnung.“
-
-„Da ihr jetzt neun Gulden habt, so werdet ihr essen“, sagte
-Ulenspiegel, aber er gab ihnen keine.
-
-„Gesegnet seiest Du“, sprachen sie.
-
-Und von Ulenspiegel geführt, setzten sie sich im Kreise um einen
-kleinen Tisch, dieweil die Brüder vom Guten Vollmondsgesicht sich nebst
-ihren Weibern und Mädchen um einen großen niederließen.
-
-Indem sie sich mit Sicherheit im Besitz von neun Gulden wähnten,
-sprachen die Blinden hochmütig: „Wirt, gib uns vom Besten, was Du hast,
-zu essen und zu trinken.“
-
-Der Wirt, der von neun Gulden hatte sprechen hören, meinte, daß sie in
-ihren Geldbeuteln wären, und fragte nach ihrem Begehr.
-
-Darauf schrieen sie alle zumal:
-
-„Erbsen mit Speck, ein Geschmortes von Rind, Kalb, Hammel und Huhn. /
-Sind die Würste für die Hunde gemacht? / Wer hat beim Vorbeigehen Blut-
-und Weißwürste gewittert, ohne sie beim Kragen zu nehmen? Ach, ich sah
-sie, da meine armen Augen mir noch als Leuchten dienten. / Wo sind die
-Pfannkuchen mit Anderlechter Butter? Sie zischen im Ofen, saftig, kraß
-und erzeugen Durst, Kannen hinunterzugießen. / Wer wird mir Schinken
-mit Eiern oder Eier mit Schinken, diese zärtlichen, brüderlichen
-Freunde des Gaumens, unter die Nase halten? / Wo seid ihr himmlischen
-Choesels, das stolze Fleisch, das inmitten von Nieren, Hahnenkämmen,
-Kalbsmilch, Ochsenschwänzen, Hammelfüßen und viel Zwiebeln, Pfeffer,
-Nelke und Muskat herumschwimmt? Das Ganze gedämpft und drei Kannen
-Weißwein als Tunke? / Wer führt euch zu mir, ihr herrlichen
-Leberwürste, die Ihr so gut seid, daß Ihr kein Wort sagt, wenn man Euch
-verschlingt? Ihr kommt geradenwegs aus Schlaraffenland, dem fetten
-Lande der glücklichen Bärnhäuter und der Schlecker unerschöpflichen
-Tunken. Doch wo seid Ihr, dürre Blätter der letzten Herbste? / Ich will
-eine Hammelkeule mit dicken Bohnen. / Mir Schweinsfähnlein, das sind
-ihre Ohren. / Mir einen Rosenkranz von Fettammern; die Paternoster
-daran müssen Schnepfen sein und ein fetter Kapaun das Kredo.“
-
-Der Wirt erwiderte geruhig:
-
-„Ihr sollt einen Eierkuchen von sechzig Eiern kriegen, und als
-Wegweiser für eure Löffel fünfzig Blutwürste, dampfend auf diesen Berg
-von Nahrung aufgepflanzt, und dobbel Peterman obenauf: das wird der
-Fluß sein.“
-
-Das Wasser lief den armen Blinden im Munde zusammen und sie sagten:
-
-„Trag uns den Berg, den Wegweiser und den Fluß auf.“
-
-Und die Brüder vom guten Vollmondsgesicht samt ihren Weibern, die mit
-Ulenspiegel schon zu Tische saßen, sagten, daß dies für die Blinden
-der Tag des unsichtbaren Schmausens sei und daß die Armen dermaßen die
-Hälfte ihres Vergnügens einbüßten.
-
-Da der Eierkuchen kam, mit Petersilie und Kapuzinerkresse bestreut
-und vom Wirt und vier Köchen getragen, wollten sich die Blinden
-hineinstürzen und fuhren bereits mit den Fingern hinein, doch der Wirt
-legte nicht ohne Mühe einem jeden sein Teil in seinen Eßnapf.
-
-Die Bognerinnen waren gerührt, da sie sahen, wie jene sich vollstopften
-und dabei vor Behagen schnoben; denn sie hatten gewaltigen Hunger und
-verschluckten die Würste wie Austern. Der dobbel Peterman floß in ihre
-Mägen gleichwie Wasserfälle, die von den Bergen hinabstürzen.
-
-Da sie ihre Näpfe geleert hatten, verlangten sie abermals Pfannkuchen,
-Fettammern und neue Fleischgerichte. Der Wirt trug ihnen nun eine große
-Schüssel mit Ochsen-, Kalb- und Hammelknochen auf, welche in einer
-guten Tunke schwammen, legte ihnen aber nicht vor.
-
-Da sie aber ihr Brot und ihre Hände bis an die Ellenbogen in die
-Brühe getunkt hatten und nur etliche Rippen, Kalbsknochen und eine
-Hammelkeule, ja sogar ein paar Ochsenkinnbacken erwischten, da wähnten
-sie männiglich, daß die Nachbarn das ganze Fleisch hätten, und schlugen
-einander wütend mit den Knochen ins Antlitz.
-
-Wie nun die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sie weidlich verlacht
-hatten, legten sie einen Teil ihres Festmahls mildtätig auf die Teller
-der Armen, und wer von ihnen einen Knochen für den Kampf suchte,
-legte die Hand auf eine Drossel, ein Hühnchen oder etliche Lerchen.
-Derweil hielten die Frauen ihnen den Kopf hintenüber und gossen ihnen
-Brüsseler Wein in Menge hinunter. Und wenn sie nach Art der Blinden
-tasteten, woher diese Ströme von Nektar kämen, erhaschten sie nur einen
-Frauenrock und wollten ihn festhalten. Der aber entschlüpfte ihnen
-unversehens. Darum lachten, tranken, aßen und sangen sie.
-
-Etliche, welche die artigen Weiblein witterten, liefen ganz vernarrt
-und von Liebe behext durch den Saal, aber die boshaften Mädchen
-führten sie in die Irre, versteckten sich hinter einen Bruder vom
-guten Vollmondsgesicht und sprachen zu ihnen: „Küsse mich.“ Solches
-taten sie, aber anstatt einer Frau küßten sie das bärtige Antlitz
-eines Mannes, nicht ohne barsche Abweisung. Die Brüder vom guten
-Vollmondsgesicht sangen; sie sangen alle zumal. Und die lustigen
-Weiblein lachten voll innigen Wohlgefallens, da sie ihre Freude sahen.
-
-Als diese nahrhaften Stunden vorüber waren, sagte der Baas zu ihnen:
-
-„Ihr habt gut gegessen und getrunken; ich bekomme sieben Gulden.“
-
-Jeder von ihnen schwur, er hätte die Börse nicht, und beschuldigte
-seinen Nachbarn. Daraus entstand eine Schlacht unter ihnen, darin sie
-versuchten, sich mit Füßen, Fäusten und Köpfen zu stoßen, aber sie
-vermochten es nicht und schlugen ins Leere, denn die Brüder vom guten
-Vollmondsgesicht, da sie das Spiel sahen, trennten sie von einander.
-Und die Schläge regneten in die Luft, einen ausgenommen, welcher durch
-ein Mißgeschick in das Gesicht des Baas fiel. Der aber ward zornig,
-untersuchte sie alle und fand nichts denn ein altes Skapulier, sieben
-Heller, drei Hosenknöpfe und ihre Rosenkränze.
-
-Er wollte sie in den Schweinestall werfen, bis für sie bezahlt würde,
-was sie schuldig waren.
-
-„Soll ich für sie bürgen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Ja,“ erwiderte der Baas, „wenn jemand für Dich bürgt.“
-
-Die guten Vollmondsgesichter wollten das tun, doch Ulenspiegel hinderte
-sie und sprach:
-
-„Der Pfarrer wird Bürge sein, ich werde ihn aufsuchen.“
-
-Der Seelenmessen gedenkend, ging er zum Pfarrer und erzählte ihm, wie
-der Baas der „Trompete“ vom Teufel besessen sei. Er spräche von nichts
-denn von Schweinen und von Blinden, daß die Schweine die Blinden und
-die Blinden die Schweine fräßen, unter mancherlei unheiligen Formen
-von Braten und Fleischgerichten. Während dieser Anfälle, so sagte er,
-zerbräche er alles im Hause; und er bat ihn hinzukommen und den armen
-Menschen von diesem bösen Geist zu befreien.
-
-Solches versprach der Pfarrer ihm, bedeutete ihm aber, daß er nicht
-sogleich mitkommen könne; denn er machte just die Abrechnungen des
-Kapitels und trachtete dabei nach seinem Vorteil. Da Ulenspiegel
-sah, daß er ungeduldig war, sagte er, daß er mit der Frau des Baas
-wiederkommen werde und daß der Pfarrer selbst mit ihr sprechen könne.
-
-„Kommt alle beide“, sprach der Pfarrer.
-
-Ulenspiegel ging wieder zum Wirt und sprach:
-
-„Ich habe den Pfarrer gesprochen, er wird für die Blinden Bürgschaft
-leisten. Dieweil Ihr sie bewacht, lasset die Wirtin mit mir zu ihm
-gehen; er wird ihr wiederholen, was ich Euch sagte.“
-
-„Gehe hin, Weib“, sprach der Baas.
-
-Die Wirtin ging mit Ulenspiegel zum Pfarrer, welcher nicht aufhörte
-zu rechnen, um einen Vorteil für sich herauszufinden. Da sie mit
-Ulenspiegel bei ihm eintrat, winkte er ihr voll Ungeduld mit der Hand,
-daß sie fort gehen sollten, und sprach:
-
-„Beruhige Dich, ich werde Deinem Manne in einem oder zwei Tagen zu
-Hilfe kommen.“
-
-Und da Ulenspiegel nach der Trompete zurückkam, sprach er zu sich
-selbst: „Er wird hundert Gülden zahlen, und das soll meine erste
-Seelenmesse sein.“
-
-Und er machte sich auf, desgleichen die Blinden.
-
-
-37
-
-Da Ulenspiegel sich am folgenden Tage auf einer Landstraße inmitten
-viel Volkes befand, folgte er ihm und erfuhr alsbald, daß dies der Tag
-der Wallfahrt nach Alsenberg wäre.
-
-Er sah arme alte Weiblein, die für einen Gulden barfuß rückwärts
-gingen, um die Sünden etlicher fürnehmer Damen abzubüßen. Am Wegraine
-hielten etliche Wallfahrer beim Klange von Geigen, Bratschen und
-Sackpfeifen Schmausereien von gebackenen Fischen und Zechereien von
-Braunbier. Und der Dampf der leckeren Fleischgerichte stieg wie ein
-lieblicher Opferduft gen Himmel.
-
-Aber es waren da andere Pilger, Bauern, Bettler und Hungerleider,
-welche, von der Kirche bezahlt, für sechs Sous rückwärts gingen.
-
-Ein kleines, ganz kahlköpfiges Männlein mit weit aufgerissenen Augen
-und scheuer Miene sprang rückwärts hinter ihnen, indeß es seine
-Vaterunser abbetete. Ulenspiegel wollte wissen, um was der Mann
-solcherart die Krebse nachäffte, trat vor ihn und sprang lächelnd in
-gleicher Art. Die Geigen, Pfeifen, Bratschen und Dudelsäcke und das
-Ächzen der Pilger machten die Tanzmusik.
-
-„Jan van den Duivel,“ sprach Ulenspiegel, „läufst Du auf solche Weise,
-um sicherer zu fallen?“
-
-Der Mann antwortete nicht und fuhr fort, seine Paternoster zu murmeln.
-
-„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „willst Du wissen, wieviel Bäume auf
-dem Wege sind? Aber zählst Du nicht auch die Blätter daran?“
-
-Der Mann, der ein Kredo betete, winkte Ulenspiegel zu schweigen.
-
-„Vielleicht“, sagte dieser und hüpfte immer vor ihm her, dieweil er ihm
-nachahmte, „gehst Du um eines plötzlichen Wahnsinns willen anders denn
-alle Welt. Doch wer will einem Narren eine weise Antwort entlocken, der
-ist selbst nicht weise. Ist es nicht also, mein Herr mit dem kahlen
-Fell?“
-
-Da der Mann noch immer nicht antwortete, fuhr Ulenspiegel fort zu
-hüpfen; doch er vollführte dabei einen solchen Lärm mit seinen Sohlen,
-daß der Weg widerhallte gleich wie eine hölzerne Kiste.
-
-„Vielleicht“, sprach Ulenspiegel, „seid Ihr stumm, mein Herr?“
-
-„~Ave Maria~,“ sprach der Mann, „~gratia plena et benedictus fructus
-ventris tui Jesus~.“
-
-„Oder vielleicht seid ihr auch taub?“ fragte Ulenspiegel. „Das werden
-wir sehen: Man sagt, daß die Tauben weder Lobsprüche noch Schimpfwörter
-hören. Laß sehen, ob das Trommelfell Deiner Ohren von Haut oder von
-Erz ist. Du Laterne ohne Licht, Du Trugbild eines Fußgängers, glaubst
-Du einem Manne zu gleichen? Das wird geschehen, wenn sie aus Lumpen
-gemacht werden. Wo sah man je solche gelbliche Fratze, solchen kahlen
-Schädel, wenn nicht auf dem Galgenacker? Bist Du nicht vor Zeiten
-gehenkt worden?“
-
-Und Ulenspiegel tanzte und der Mann ward zornig, sprang grollend
-rückwärts und murmelte seine Paternoster mit geheimem Verdruß.
-
-„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „verstehst Du nur Hochvlämisch, ich
-werde Platt zu Dir sprechen. Wenn Du nicht ein Vielfraß bist, so
-bist Du ein Trunkenbold. Bist Du aber kein Trunkenbold, sondern ein
-Wassertrinker, so bist du ein Schalk, der irgendwo verstopft ist,
-und bist Du nicht verstopft, so hast Du Durchfall. Bist Du nicht ein
-Wüstling, so bist Du ein Kapaun. Wenn es Mäßigkeit gibt, so erfüllt
-sie nicht die Tonne Deines Bauches, und wenn es auf tausend Millionen
-Menschen, so die Erde bevölkern, nur einen Hahnrei gäbe, so wärest Du
-es“.
-
-Bei dieser Rede fiel Ulenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine
-in die Luft, denn der Mann hatte ihm einen solchen Faustschlag unter
-die Nase versetzt, daß er mehr denn hundert Lichter blitzen sah. Dann
-fiel er behende über ihn her, trotz der Last seines Bauches, und schlug
-ihn überall, und die Schläge regneten gleich wie Hagel auf Ulenspiegels
-mageren Körper. Und sein Knüppel fiel zu Boden.
-
-„Lerne aus dieser Lehre,“ sprach der Mann zu ihm, „daß du die
-rechtschaffenen Leute, die auf die Wallfahrt gehen, nicht hänselst.
-Denn wisse wohl, ich gehe auch nach Alsenberg, wie es Brauch ist, um
-die heilige Frau Maria zu bitten, daß sie ein Kind, das meine Frau
-empfangen, da ich auf Reisen war, eine Fehlgeburt werden lasse. Um eine
-so große Wohltat zu erlangen, muß man vom zwanzigsten Schritt nach der
-Wohnung bis zu den untersten Kirchenstufen rückwärts gehen und tanzen,
-ohne zu sprechen. Ach, jetzt muß ich von vorn anfangen.“
-
-Ulenspiegel hatte seinen Stock aufgehoben und sagte:
-
-„Ich will Dir helfen, Du Taugenichts, dem die Mutter Gottes dienen
-soll, die Kinder im Mutterleibe zu töten.“
-
-Und er hub an, den boshaften Hahnrei so grausam zu prügeln, daß er ihn
-für tot auf dem Wege liegen ließ.
-
-Dieweilen stieg das Gestöhn der Wallfahrer, die Töne der Pfeifen,
-Bratschen, Geigen und Dudelsäcke immerwährend gen Himmel und gleich wie
-ein reiner Weihrauch der Dampf der gebackenen Fische.
-
-
-38
-
-Klas, Soetkin und Nele schwätzten am Kaminfeuer und unterhielten sich
-über den wallenden Pilger.
-
-„Mädchen,“ sagte Soetkin, „warum kannst Du ihn nicht durch die Macht
-des Jugendzaubers immer bei uns halten!“
-
-„Ach,“ sprach Nele, „ich kann es nicht.“
-
-„Das kommt,“ erwiderte Klas, „weil er einen entgegengesetzten Zauber
-hat, der ihn treibt zu laufen, ohne sich je auszuruhen, es sei denn,
-wenn er sein Maulwerk arbeiten läßt.“
-
-„Der häßliche Schalk“, seufzte Nele.
-
-„Ein Schalk,“ sprach Soetkin, „das gebe ich zu, aber häßlich, nein.
-Wenn mein Sohn Ulenspiegel kein griechisches oder römisches Antlitz
-hat, um so besser; denn aus Flandern sind seine flinken Füße, vom
-Franken aus Brügge seine klugen, braunen Augen, und seine Nase und Mund
-sind von zwei Füchsen gemacht, die Meister in den Wissenschaften der
-Schalkheit und der Bildschneiderei sind.“
-
-„Wer machte ihm denn die Arme eines Faullenzers, und Beine, die allzu
-behend sind, dem Vergnügen nachzulaufen?“ fragte Klas.
-
-„Sein allzu junges Herz“, erwiderte Soetkin.
-
-
-39
-
-Zu jener Zeit kurierte Katheline durch Heilkräuter einen Ochsen,
-drei Hämmel und ein Schwein, die Speelman gehörten; eine Kuh aber,
-die Jan Beloen hatte, konnte sie nicht heilen. Dieser klagte sie der
-Zauberei an. Er erklärte, daß sie das Tier behext hätte, in Ansehung
-dessen, daß sie es streichelte und zu ihm sprach, dieweil sie ihm die
-Heilkräuter gab, sonder Zweifel in einer teuflischen Sprache, denn eine
-rechtschaffene Christin soll nicht zu einem Tiere reden.
-
-Besagter Jan Beloen fügte hinzu, daß er Speelmanns Nachbar sei, welchem
-sie den Ochsen, die Hämmel und das Schwein kuriert habe. Wenn sie seine
-Kuh umgebracht habe, so sei das sonder Zweifel auf Anstiften Speelmanns
-geschehen, welcher mit Neid sähe, daß seine, Beloens Äcker, besser
-bestellt wären und mehr Frucht trügen denn seine, Speelmanns Äcker. Auf
-das Zeugnis von Pieter Meulemeester, einem Manne von gutem Wandel und
-Sitten, sowie von Jan Beloen, welche bezeugten, daß Katheline in Damm
-als Hexe verrufen sei und sonder Zweifel die Kuh umgebracht habe, ward
-Katheline gefänglich eingezogen und verurteilt, gefoltert zu werden,
-bis sie ihre Verbrechen und Missetaten bekannt hätte.
-
-Sie ward durch einen Schöffen verhört, der beständig wütend war, denn
-er trank den ganzen Tag Branntwein.
-
-Vor ihm und den Männern der Vierschare ward Katheline auf die erste
-Folterbank gelegt. Der Henker zog sie ganz nackt aus, dann schor er ihr
-die Haare am ganzen Körper und sah überall nach, ob sie irgend einen
-Zauber verberge. Da er nichts gefunden hatte, band er sie mit Stricken
-auf die Folterbank fest.
-
-Da sprach sie:
-
-„Ich schäme mich, also nackt vor diesen Männern zu sein, heilige Frau
-Maria macht, daß ich sterbe.“
-
-Alsobald legte ihr der Henker nasse Lappen auf die Brust, den Leib und
-die Beine, hob die Bank in die Höhe und goß ihr heißes Wasser in so
-großer Menge in den Magen, also daß sie ganz aufgeblasen schien. Dann
-ließ er die Bank zurückfallen.
-
-Der Schöffe fragte Katheline, ob sie ihr Verbrechen bekennen wollte.
-Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Henker goß ihr noch mehr
-heißes Wasser ein, aber Katheline brach alles aus. Da ward sie auf
-Anraten des Arztes losgebunden. Sie sprach nicht, aber sie schlug sich
-auf die Brust, zum Zeichen, daß das heiße Wasser sie verbrannt hätte.
-Als der Schöffe sah, daß sie sich von dieser ersten Folter erholt
-hatte, sagte er zu ihr:
-
-„Bekenne, daß Du eine Hexe bist und daß Du die Kuh verzaubert hast“.
-
-„Ich werde nicht bekennen“, sagte sie. „Ich liebe alle Tiere, so sehr
-mein armes Herz vermag, und lieber würde ich mir ein Leides tun als
-ihnen, so sie sich nicht verteidigen können. Um die Kuh zu heilen, habe
-ich die Mittel angewandt, die von Nöten sind“.
-
-Doch der Schöffe erwiderte:
-
-„Du hast ihr Gift gegeben, denn die Kuh ist tot“.
-
-„Herr Schöffe,“ sprach Katheline, „ich bin hier vor Eurem Richterstuhl
-und in Eurer Gewalt. Dennoch wage ich Euch zu sagen, daß ein Tier an
-einer Krankheit sterben kann wie ein Mensch, trotz des Beistandes der
-Chirurgen und Ärzte. Und ich schwöre beim allerhöchsten Herrn Christus,
-der gern bereit war, für unsere Sünden am Kreuze zu sterben, daß ich
-dieser Kuh nichts antun wollte, sondern vielmehr sie durch einfache
-Mittel heilen.“
-
-Da sagte der Schöffe wütend:
-
-„Diese Teufelsdirne soll nicht unaufhörlich leugnen. Bringt sie auf
-eine andere Folterbank!“
-
-Und er trank ein großes Glas Branntwein.
-
-Der Henker setzte Katheline auf den Deckel eines Sarges von Eichenholz,
-welcher auf Holzböcken ruhte. Besagter Deckel in Form eines Daches war
-scharf wie eine Klinge. Im Kamin brannte ein großes Feuer, denn es
-war im Monat November. Da Katheline auf dem Sarge und auf einem Spieß
-von spitzem Holze saß, ward sie mit zu engen Schuhen aus frischem
-Leder bekleidet und vor das Feuer geschoben. Als sie fühlte, wie das
-schneidende Holz des Sarges und der spitze Spieß in ihr Fleisch drang
-und die Glut das Leder ihrer Schuhe erhitzte und zusammenzog, schrie
-sie:
-
-„Ich leide tausend Schmerzen! Wer gibt mir schwarzes Gift?“
-
-„Rückt sie näher ans Feuer“, gebot der Schöffe.
-
-Dann befragte er Katheline:
-
-„Wie oft bist Du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? Wie oft
-hast Du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem Baum, das Ungeborne
-im Mutterleibe zu Grunde gerichtet? Wie oft hast du aus zwei Brüdern
-geschworne Feinde und aus zwei Schwestern Nebenbuhlerinnen voll Haß
-gemacht?“
-
-Katheline wollte sprechen, doch sie vermochte es nicht, und bewegte die
-Arme, wie um nein zu sagen. Der Schöffe sagte darauf:
-
-„Sie wird nicht eher sprechen, als bis sie am Feuer all ihr Hexenfett
-schmelzen fühlt. Rückt sie näher heran“.
-
-Katheline schrie. Der Schöffe sprach zu ihr:
-
-„Bitte Satan, daß er Dich kühle“.
-
-Sie machte eine Bewegung, als sei sie willens, ihre Schuhe auszuziehen,
-die bei der Feuersglut rauchten.
-
-„Bitte Satan, daß er Dir die Schuhe auszieht“, sprach der Schöffe.
-
-Es schlug zehn Uhr, die Mittagszeit des Wüterichs; er ging mit dem
-Henker und dem Schreiber hinaus und ließ Katheline allein vor dem Feuer
-in der Folterkammer.
-
-Um eilf Uhr kamen sie zurück und fanden Katheline steif und unbeweglich
-sitzend. Der Schreiber sprach:
-
-„Mich deucht, sie ist tot.“
-
-Der Schöffe befahl dem Henker, Katheline vom Sarge zu nehmen und ihr
-die Schuhe auszuziehen. Der Henker konnte sie nicht ausziehen und
-schnitt sie los. Kathelinens Füße kamen rot und blutend zum Vorschein.
-
-Und der Schöffe, seiner Mahlzeit gedenkend, blickte sie an, ohne ein
-Wort zu sagen. Aber alsbald kam sie wieder zu sich und stürzte zu
-Boden, von wo sie sich aller Anstrengung zum Trotz nicht wieder erheben
-konnte.
-
-Sie sprach zum Schöffen:
-
-„Ehedem hast Du mich zum Weibe gewollt, nun aber sollst Du mich
-nicht mehr bekommen. Viermal drei, das ist die heilige Zahl, und der
-dreizehnte ist der Ehemann“.
-
-Und da der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm:
-
-„Sei still, er hört schärfer denn der Erzengel, der im Himmel die
-Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst Du so spät? Viermal drei,
-das ist die heilige Zahl; er tötet, die mich begehren“.
-
-Der Schöffe sagte:
-
-„Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette“.
-
-„Sie redet irr wegen der Folterqualen“, sagte der Schreiber.
-
-Katheline ward ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach, da
-das Schöffengericht sich in der „Vierschare“ versammelt hatte, ward
-Katheline nach Beratung zur Feuerstrafe verurteilt.
-
-Der Henker und seine Büttel führten sie auf den großen Markt von Damm.
-Daselbst war ein Gerüst, auf welches sie stieg. Auf dem Platze standen
-der Profoß, der Herold und die Richter.
-
-Die Trompeten des Stadtherolds erschallten dreimal, und dieser sagte
-zum Volke:
-
-„Dieweil der Magistrat von Damm mit Jungfer Katheline Mitleid gehabt
-hat, so hat er nicht gemäß der äußersten Strenge des städtischen
-Gesetzes sie bestrafen wollen. Um aber bekannt zu geben, daß sie eine
-Hexe ist, sollen ihre Haare verbrannt werden; auch soll sie zwanzig
-Goldkarolus Buße zahlen und auf drei Jahre aus dem Weichbild von Damm
-verbannt werden, bei Gefahr, ein Glied ihres Körpers zu verlieren.“
-
-Und das Volk begrüßte diese rauhe Milde mit Beifall. Danach band der
-Henker Katheline am Pfahle fest, setzte eine Perücke von Werg auf
-ihren geschorenen Kopf und steckte sie an. Das Werg brannte lange und
-Katheline schrie und weinte.
-
-Dann wurde sie losgebunden und auf einem Karren aus dem Weichbild von
-Damm gefahren; denn ihre Füße waren verbrannt.
-
-
-40
-
-Zur selbigen Zeit war Ulenspiegel in Herzogenbusch in Brabant, und
-etliche Herren der Stadt begehrten ihn zu ihrem Narren. Er aber schlug
-diese Würde aus und sprach: „Ein wallender Pilger kann nicht an einem
-Orte Narretei treiben, sondern nur in Herbergen und auf Straßen.
-
-Zur selbigen Zeit kam Philipp, welcher König von Engelland war, seine
-künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hennegau, Holland und Seeland
-zu besuchen. Er war dazumal im neunundzwanzigsten Jahre seines
-Alters. In seinen graugrünen Augen wohnte bittere Melancholie, scheue
-Verstecktheit und grausame Entschlossenheit. Kalt war sein Antlitz,
-starr sein mit falben Haaren bedeckter Kopf, und steif war auch sein
-magerer Leib und seine gebrechlichen Beine; seine Sprache war langsam
-und schwerfällig, wie wenn er Wolle im Munde gehabt hätte.
-
-Inmitten von Turnieren, Lanzenstechen und Festen besuchte er das
-frohgemute Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern und seine
-andern Herrschaften. Allerorten schwur er die Privilegien zu bewahren;
-doch da er zu Brüssel einen Schwur auf das Evangelium tat, die güldene
-Bulle von Brabant zu achten, krampfte sich seine Hand so heftig
-zusammen, daß er sie von dem heiligen Buch zurückziehen mußte.
-
-Er begab sich nach Antwerpen, allwo man zu seinem Empfange
-dreiundzwanzig Triumphbögen machte. Die Stadt gab zweihundert
-siebenundachtzig tausend Gülden aus, um diese Bögen zu bezahlen,
-desgleichen die Anzüge von achtzehnhundert und neunundsiebzig
-Kaufleuten, alle in karmoisinroten Sammet gekleidet. Desgleichen
-für die reiche Livrei von vierhundert und sechzehn Lakaien und den
-prächtigen seidenen Aufputz von viertausend gleichgekleideten Bürgern.
-Manches Festspiel ward von den Schülern aller Städte der Niederlande
-oder nahezu aller aufgeführt.
-
-Allda sah man mit ihren Narren und Närrinnen den Fürsten der Liebe von
-Tournay auf einer Sau mit Namen Astarte reitend; den König der Toren
-von Lille, so ein Pferd am Schwanz führte und hinterdrein ging; den
-Fürsten der Lust von Valenciennes, so zu seiner Kurzweil die Fürze
-seines Esels zählte, den Abt des Frohsinns von Arras, welcher Brüsseler
-Wein aus einer Flasche in Gestalt eines Breviers trank, und das war
-ein fröhlich Lesen. Desgleichen den Abt der wohlversorgten Töpfe aus
-Ath, welcher nur mit einem durchlöcherten Hemde und niedergetretenen
-Schuhen versorgt war; aber er hatte eine Wurst, damit er sich trefflich
-den Bauch versorgte. Desgleichen den Propst der Leichtfertigen Brüder,
-einen jungen Fant, so auf einer furchtsamen Ziege ritt und ihretwegen
-manche Püffe erhielt, wenn er in die Menge trabte. Auch erblickte man
-allda den Abt von der Silberschüssel von Le Quesnoy, so auf einem
-Pferde ritt und tat, als ob er in einer Schüssel säße, und dabei sagte:
-„Es ist kein Tier so groß, daß Feuer es nicht braten könnte.“
-
-Und sie trieben allerhand unschuldige Narretei, aber der König blieb
-traurig und düster.
-
-Desselbigen Abends versammelten sich der Markgraf von Antwerpen,
-die Bürgermeister, Hauptleute und Ältesten, um irgend ein Spiel zu
-ersinnen, das König Philipp zum Lachen brächte.
-
-Der Markgraf sprach:
-
-„Habet Ihr nicht von einem gewissen Pierkin Jakobsen reden hören, dem
-Narren der Stadt Herzogenbusch, gar berühmt für seine Schwänke?“
-
-„Freilich“, sagten sie.
-
-„Wohlan,“ sprach der Markgraf, „entbieten wir ihn hierher, auf daß er
-etwelchen geschickten Streich verübe, sintemalen unser Narr Blei in den
-Schuhen hat.“
-
-„Entbieten wir ihn hierher“, meinten sie.
-
-Da der Bote von Antwerpen nach Herzogenbusch kam, ward ihm gesagt, daß
-der Narr Pierkin am zuvielen Lachen verendet wäre, daß aber ein andrer
-durchreisender Narr in der Stadt wäre, namens Ulenspiegel. Der Bote
-suchte ihn in einer Schenke auf, wo er ein Gericht von Muscheln aß und
-einem Mägdlein von den Schalen einen Panzer machte.
-
-Ulenspiegel war entzückt, da er erfuhr, daß um seinetwillen der
-Gemeindekurier von Antwerpen auf einem so schönen Ambachter Rosse
-geritten sei und noch ein anderes am Zügel führte.
-
-Ohne abzusteigen, fragte ihn der Kurier, ob er einen neuen
-Schelmenstreich zu erfinden wisse, um König Philipp zum Lachen zu
-bringen.
-
-„Ich habe einen Anschlag unter meinen Haaren“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-Sie ritten von dannen. Die beiden Pferde liefen mit verhängtem Zügel
-und trugen Ulenspiegel und den Kurier nach Antwerpen.
-
-Ulenspiegel trat vor den Markgrafen, die beiden Bürgermeister und die
-von der Gemeine.
-
-„Was gedenkst du zu tun?“ fragte ihn der Markgraf.
-
-„In die Luft zu fliegen“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-„Wie wirst du das anstellen?“ fragte der Markgraf.
-
-„Wißt ihr, was noch weniger wert ist als eine geplatzte Blase?“ fragte
-Ulenspiegel.
-
-„Das weiß ich nicht“, sprach der Markgraf.
-
-„Es ist ein verratenes Geheimnis.“
-
-Indessen ritten die Herolde der Spiele auf ihren schönen Rossen, so
-mit karmoisinrotem Sammet aufgezäumt waren, durch alle großen Straßen,
-Plätze, Kreuzwege und bliesen die Trompete und schlugen die Trommel.
-Solchergestalt verkündeten sie den „Signorkes“ und „Signorkinnes“, daß
-Ulenspiegel, der Narr von Damm, am Ufer der Schelde in die Luft fliegen
-würde und daß König Philipp und seine hohe, erlauchte und ansehnliche
-Gesellschaft auf einer Estrade gegenwärtig sein würden.
-
-Der Estrade gegenüber stand ein Haus in italienischer Bauart; längs
-des Daches lief eine Wasserrinne. Ein Bodenfenster öffnete sich nach
-der Dachrinne. An diesem Tage ritt Ulenspiegel auf einem Esel durch
-die Stadt, und ein Diener zu Fuß lief ihm zur Seite. Ulenspiegel hatte
-das schöne Kleid von karmoisinroter Seide angelegt, welches ihm der
-hochwohllöbliche Gemeinderat gegeben hatte. Seine Kopfbedeckung war
-eine karmoisinrote Kapuze, an der zwei Eselsohren mit einer Schelle
-an jedem Ende zu sehen waren. Er trug eine Halskette von kupfernen
-Medaillen, darauf in getriebener Arbeit das Wappen von Antwerpen zu
-sehen war. An den Ärmeln des Wamses klingelte eine vergüldete Schelle
-an den Spitzen der Ellenbogen. Er trug Schuhe mit vergüldeten Stelzen
-und oben an den Stelzen eine Schelle. Sein Esel hatte eine Schabracke
-von karmoisinroter Seide, und auf jedem Schenkel das Wappen von
-Antwerpen in echtem Golde gestickt.
-
-Der Knecht schwenkte in einer Hand einen Eselskopf und in der andern
-einen Zweig, an dessen Spitze eine Kuhglocke klingelte.
-
-Ulenspiegel ließ seinen Knecht und sein Reittier auf der Straße und
-stieg in die Dachrinne. Allda schüttelte er seine Schellen und öffnete
-die Arme ganz weit, als ob er fliegen wollte. Dann, sich vor König
-Philipp verneigend, sprach er:
-
-„Ich meinte, es sei kein Narr in Antwerpen denn ich. Nun seh ich, daß
-schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn Ihr mir alle sagtet,
-daß Ihr fliegen wolltet, ich glaubt’ es nicht, und Ihr glaubt mir als
-einem Toren. Wie sollt’ ich fliegen können; ich bin doch kein Vogel.“
-
-Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sagten:
-
-„Der Narr spricht gleichwohl war.“
-
-Aber König Philipp blieb unbeweglich wie ein König von Stein. Und die
-vom Gemeinderat sagten ganz leise unter sich:
-
-„War nicht von Nöten, so große Feste für solch einen Sauertopf zu
-bereiten.“
-
-Und sie gaben Ulenspiegel drei Gülden, und er ging von hinnen,
-nachdem er ihnen wohl oder übel das Kleid von karmoisinroter Seide
-zurückgegeben hatte.
-
-„Was sind drei Gülden in der Tasche eines jungen Gesellen denn ein
-Schneeball vor dem Feuer, oder eine volle Flasche, die vor Euch steht,
-Ihr weitschlündigen Trinker? Drei Gülden! Die Blätter fallen von den
-Bäumen und schlagen wieder aus, aber die Gülden wandern aus der Tasche
-und kehren nimmer zurück. Die Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer
-fort, und die Gülden gleichermaßen, ob sie gleich zwei Esterling und
-neun As wiegen.“
-
-Solches sagend betrachtete Ulenspiegel seine drei Gülden.
-
-„Welch stolzer Anblick“, sprach er für sich. „Auf der Vorderseite
-Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert in der einen Hand
-und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet, in der andern!
-Welch stolze Miene hat er! Er ist von Gottes Gnaden römischer Kaiser,
-König von Spanien usw. Er ist gar gnädig gegen unsre Lande, der
-gepanzerte Kaiser. Und hier auf der Rückseite ist ein Schild, darauf
-die Herzogs- und Grafenwappen all seiner Besitzungen eingestochen sind,
-mit der schönen Umschrift: ~Da mihi virtutem contra hostes tuos.~ Gib
-mir Tapferkeit gegen deine Feinde. / Wahrlich, er war tapfer gegen
-die Reformirten, die Vermögen haben, das eingezogen werden kann. Und
-er beerbt sie. Ach, wenn ich Kaiser Karl wäre, ich würde Gülden für
-jedermann prägen lassen, und wenn ein jeglicher reich wäre, so würde
-keiner mehr arbeiten.“
-
-Aber Ulenspiegel hatte das Nachsehen bei dem schönen Gelde; es war
-dahingegangen beim Klirren der Humpen und Flaschen.
-
-
-41
-
-Dieweil Ulenspiegel sich in karmoisinroter Seide auf der Dachrinne
-sehen ließ, hatte er nicht gemerkt, daß Nele unter dem Volke stand und
-ihn lächelnd anblickte. Sie wohnte dermalen in Borgerhout bei Antwerpen
-und dachte, wenn irgend ein Narr vor König Philipp fliegen wollte, so
-müßte es ihr Freund Ulenspiegel sein.
-
-Da er sinnend auf der Straße wanderte, hörte er nicht das Geräusch
-rascher Schritte hinter sich, aber er fühlte zwei Hände, die sich flach
-auf seine Augen legten; und Nele witternd, sagte er:
-
-„Du bist es?“
-
-„Ja,“ sprach sie, „ich laufe hinter dir her, seit du aus der Stadt
-gegangen bist. Komm mit mir.“
-
-„Aber“, fragte er, „wo ist Katheline?“
-
-„Du weißt nicht, daß sie ungerecht als Hexe gefoltert und dann auf drei
-Jahre aus Damm verbannt ist, und daß sie ihr die Füße verbrannt und ihr
-Werg auf dem Kopfe entzündet haben. Solches sage ich Dir, auf daß Du
-nicht vor ihr erschrickst, denn sie ist durch das große Leiden irre
-geworden. Oft bringt sie ganze Stunden damit zu, ihre Füße anzusehen
-und zu sagen: „Hanske, mein süßer Teufel, sieh, was sie Deiner Liebsten
-getan haben.“ Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden. Dann weint sie
-und sagt: „Die andern Frauen haben einen Mann oder einen Liebsten,
-ich aber lebe wie eine Wittib in dieser Welt.“ Alsdann sage ich ihr,
-daß ihr Hanske Haß gegen sie fassen wird, wenn sie zu andern als zu
-mir von ihm spricht. Und sie gehorcht mir wie ein Kind, ausgenommen,
-wenn sie eine Kuh oder einen Ochsen, die Ursache ihrer Folter sieht.
-Dann entflieht sie in schnellem Lauf, und nichts hält sie auf, nicht
-Zäune, Flüsse noch Wasserläufe, bis sie an einem Wegeknick oder an der
-Mauer eines Gutshofes vor Erschöpfung umfällt. Ich gehe ihr nach, sie
-aufzuheben und ihr die Füße zu verbinden, die dann bluten. Und ich
-glaube, da man das Bündel Werg auf ihrem Kopfe verbrannte, hat man ihr
-auch das Hirn im Kopf verbrannt.“
-
-Und beide waren betrübt, da sie Kathelines gedachten.
-
-Sie kamen zu ihr und sahen sie auf einer Bank in der Sonne sitzen, an
-die Wand ihres Hauses gelehnt. Ulenspiegel sagte zu ihr:
-
-„Erkennst du mich?“
-
-„Viermal drei,“ sagte sie, „das ist die heilige Zahl, und der
-dreizehnte, das ist Therab. Wer bist Du, Kind dieser schlechten Welt?“
-
-„Ich bin Ulenspiegel, der Sohn von Soetkin und Klas“, sprach er.
-
-Sie erhob den Kopf und erkannte ihn; dann winkte sie ihm mit dem Finger
-und beugte sich zu seinem Ohre:
-
-„So Du ihn siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, sag ihm, daß er
-wiederkomme, Ulenspiegel.“
-
-Dann zeigte sie auf ihre verbrannten Haare:
-
-„Ich habe Schmerzen,“ sprach sie, „sie haben mir meinen Verstand
-genommen; aber wenn er kommen wird, so wird er mir den Kopf wieder
-füllen, der jetzo ganz leer ist. Hörst Du? Er tönt wie eine Glocke. Das
-ist meine Seele, die an die Tür pocht, um fortzugehen, weil es brennt.
-Wenn Hanske kommt und mir den Kopf nicht ausfüllen will, so werde ich
-ihm sagen, daß er mit einem Messer ein Loch hineinmache. Die Seele,
-die darinnen ist und immer pocht, um fortzugehen, die zerreißt mir
-grausam das Herz und ich werde sterben, ja. Und ich schlafe nie mehr
-und erwarte ihn immer, und er muß mir den Kopf ausfüllen, ja.“
-
-Und sie sank in sich zusammen und ächzte.
-
-Und die Bauern, die von den Feldern heimkehrten, um ihr Mittagmahl
-zu halten, dieweil sie die Glocke dazu rief, die gingen an Katheline
-vorüber und sagten:
-
-„Seht, die Irre.“
-
-Und sie bekreuzten sich.
-
-Und Nele und Ulenspiegel weinten, und Ulenspiegel mußte seine Wallfahrt
-fortsetzen.
-
-
-42
-
-Zur Zeit seiner Pilgerfahrt nahm er Dienste bei einem gewissen Jobst
-mit dem Beinamen der Kwaebakker, der böse Bäcker, wegen seiner
-mürrischen Miene. Der Kwaebakker gab ihm als Nahrung drei altbackene
-Brote in der Woche und als Wohnung einen Verschlag unter dem Dache,
-allwo es trefflich regnete und wehte.
-
-Da Ulenspiegel sah, daß er so schlecht behandelt ward, spielte er ihm
-unterschiedliche Streiche, darunter auch diesen. Wenn man in aller
-Frühe backt, muß das Mehl nachts gebeutelt werden. Eines Nachts nun,
-da der Mond schien, verlangte Ulenspiegel eine Kerze, damit er sehen
-könnte, und sein Meister gab ihm zur Antwort:
-
-„Beutle das Mehl im Mondschein.“
-
-Gehorsam beutelte Ulenspiegel das Mehl auf der Erde, da wo der Mond
-schien.
-
-Um die Morgenstunde, da der Kwaebakker sehen wollte, welche Arbeit
-Ulenspiegel getan hätte, fand er ihn noch beutelnd und sagte zu ihm:
-
-„Kostet das Mehl nichts mehr, daß man es jetzo auf der Erde beutelt?“
-
-„Ich habe das Mehl im Mondschein gebeutelt, wie Ihr mich geheißen
-habt“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-Der Bäcker entgegnete:
-
-„Du Esel, in einem Sieb mußtest Du das tun.“
-
-„Ich glaubte, der Mond wäre ein Sieb, nach neuer Erfindung“, erwiderte
-Ulenspiegel. „Aber der Schade wird nicht groß sein, ich werde das Mehl
-aufheben.“
-
-„Es ist zu spät, den Teig anzurühren und zu backen,“ erwiderte der
-Kwaebakker.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Baas, der Teig des Nachbars in der Mühle ist fertig. Soll ich ihn
-holen gehen?“
-
-„Geh zum Galgen und suche, was dort zu finden ist“, antwortete der
-Kwaebakker.
-
-„Ich werde hingehen, Baas.“
-
-Er lief zum Galgenfeld und fand dort eine verdorrte Diebeshand, die
-trug er zum Kwaebakker und sprach:
-
-„Hier ist eine glorreiche Hand, welche alle unsichtbar macht, die sie
-tragen. Willst Du nunmehr Deine schlechte Gemütsart verbergen?“
-
-„Das will ich dem Bürgermeister klagen,“ erwiderte der Kwaebakker, „und
-Du sollst sehen, daß Du meines Herren Gericht bestohlen hast.“
-
-Da sie nun zu zweit vor den Bürgermeister traten und der Bäcker den
-Rosenkranz von Ulenspiegels Missetaten herbeten wollte, sah er, daß
-dieser die Augen weit aufriß. Darob ward er so zornig, daß er vergaß,
-was er klagen wollte, und zu ihm sprach:
-
-„Was willst Du?“
-
-Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Du hast mir gesagt, Du wolltest mich solcherart anklagen, daß ich
-sehen sollte. Ich suche zu sehen, und deshalb schaue ich so.“
-
-„Geh mir aus den Augen“, schrie der Bäcker.
-
-„Säß’ ich Euch in den Augen,“ erwiderte Ulenspiegel, „so müßt’ ich Euch
-aus den Nasenlöchern kriechen, wenn Ihr die Augen zutätet.“
-
-Da der Bürgermeister sah, daß heute Hirngespinnste feil seien, wollte
-er sie nicht anhören. Ulenspiegel und der Kwaebakker gingen mitsammen
-hinaus; der Bäcker erhub seinen Stock wider ihn, aber Ulenspiegel wich
-ihm aus und sagte:
-
-„Baas, da mein Mehl mit Schlägen gebeutelt wird, nimm Du die Kleie
-davon: das ist Dein Zorn. Ich behalte das feinste Mehl zurück, das ist
-mein fröhlicher Sinn.“
-
-Dann zeigte er ihm die Kehrseite:
-
-„Und dies“, fügte er hinzu, „ist das Loch des Backofens, wenn Du backen
-willst.“
-
-
-43
-
-Der wallfahrende Ulenspiegel wäre gern Straßenräuber geworden, aber er
-fand die Steine zum Tragen zu schwer.
-
-Er wanderte auf gut Glück auf der Straße nach Audenaerde, wo sich
-dermalen eine Garnison flämischer Reiter befand; die hatten Befehl, die
-Stadt wider die französischen Streifscharen zu verteidigen, die das
-Land gleich Heuschrecken verheerten.
-
-Der Hauptmann der Reiter war ein Friese von Geburt, des Namens
-Kornhuin. Auch diese durchstreiften das platte Land und plünderten das
-Volk, also daß es, wie bräuchlich, von beiden Seiten aufgefressen ward.
-
-Alles war ihnen recht, Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber und
-Schweine. Eines Tages, da sie mit Beute beladen zurückkehrten,
-gewahrten Kornhuin und sein Leutnant am Fuß eines Baumes Ulenspiegel
-schlafend und von Fleischgerichten träumend.
-
-„Was tust Du, um zu leben?“ fragte Kornhuin.
-
-„Ich sterbe vor Hunger“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Was ist Dein Handwerk?“
-
-„Wegen meiner Sünden wallfahrten, die anderen arbeiten sehen, auf
-dem Seil tanzen, die hübschen Gesichter abkonterfeien, Messergriffe
-schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete blasen.“
-
-Wenn Ulenspiegel so kecklich vom Trompeten sprach, so war es, weil er
-erfahren hatte, daß die Stelle des Wächters vom Schlosse Audenaerde
-erledigt sei durch den Tod eines alten Mannes, welcher dieses Amt
-bekleidet hatte.
-
-Kornhuin sagte zu ihm:
-
-„Du sollst Turmbläser sein.“
-
-Ulenspiegel folgte ihm und ward auf dem höchsten Turme der Wälle in
-eine Warte einquartiert, die von allen vier Winden wohl durchlüftet
-war, ausgenommen vom Südwind, der dort nur mit einem Flügel wehte.
-Es ward ihm anbefohlen, die Trompete zu blasen, sobald er den Feind
-anrücken sähe und dieserhalb den Kopf frei zu halten und immer klare
-Augen zu haben. Zu dem Ende würde man ihm nicht zuviel zu essen noch zu
-trinken geben.
-
-Der Hauptmann und sein Kriegsvolk blieben im Turm und hielten den
-ganzen Tag Gelage auf Kosten des Landes. Da ward mehr als ein Kapaun
-geschlachtet und aufgefressen, dessen einziges Verbrechen sein Fett
-war. Ulenspiegel, der allzeit vergessen ward und sich an seiner mageren
-Suppe genügen lassen mußte, ergötzte sich nicht am Dufte der Saucen.
-Die Franzosen kamen und raubten viel Vieh, Ulenspiegel blies die
-Trompete nicht.
-
-Kornhuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn:
-
-„Warum hast Du nicht geblasen?“
-
-„Ich spreche nicht das Gratias bei Eurem Essen“, sprach Ulenspiegel.
-
-Am folgenden Tage befahl der Hauptmann ein großes Mahl für sich und
-seine Soldaten, aber Ulenspiegel ward wieder vergessen.
-
-Sie wollten just zu schmausen anheben; Ulenspiegel blies die Trompete.
-Kornhuin und seine Soldaten wähnten, daß die Franzosen kämen, ließen
-Wein und Braten stehen, stiegen zu Pferde und ritten eilends zur
-Stadt hinaus; aber sie fanden auf dem Felde nichts als einen Ochsen,
-der stund in der Sonne und käute wieder. Sie führten ihn mit sich.
-Derweilen hatte Ulenspiegel sich mit Wein und Fleischspeisen angefüllt.
-Beim Eintreten sah ihn der Hauptmann, wie er lächelnd und mit
-schlotternden Beinen an der Tür der Festhalle stand, und sagte zu ihm:
-
-„Das heißt den Verräter spielen, Alarm zu blasen, wann Du keinen Feind
-siehst, und nicht zu blasen, wann Du ihn siehst.“
-
-„Herr Hauptmann,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde in meinem Turm
-solchermaßen von den vier Winden aufgebläht, daß ich oben schwimmen
-müßte wie eine Blase, hätte ich mich nicht durch Trompetenblasen
-erleichtert. Laßt mich jetzo henken oder ein ander Mal, wenn Ihr einer
-Eselshaut für Eure Trommeln bedürfet.“
-
-Kornhuin ging, ohne ein Wort zu sagen.
-
-Indessen kam nach Audenaerde die Kunde, daß der gnädige Kaiser Karl in
-fürnehmer Begleitung in diese Stadt einziehen wollte. Bei diesem Anlaß
-gaben die Schöffen Ulenspiegel eine Brille, auf daß er besser sehen
-könnte, wann Seine Heilige Majestät ankäme. Ulenspiegel sollte dreimal
-ins Horn stoßen, sobald er den Kaiser auf Luppeghem zukommen sähe,
-welches einer viertel Meile vom Burgtor ist.
-
-Also würden die in der Stadt Zeit haben, die Glocken zu läuten, die
-Böllerschüsse zu lösen, die Braten in den Backofen zu schieben und die
-Zapfen in die Fässer zu stoßen.
-
-Eines Tages um Mittag, da der Wind von Brabant kam und der Himmel klar
-war, sah Ulenspiegel auf der Straße, die nach Luppeghem führt, eine
-große Schar Reiter auf stolzen Rossen; die Federn ihrer Barette wallen
-im Winde. Etliche trugen Banner. Der, welcher stolz an der Spitze ritt,
-trug eine Mütze von Goldbrokat mit großen Federn. Er war in braunen
-Sammet gekleidet, die mit Brokatell besetzt war.
-
-Ulenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß dies Kaiser Karl der
-Fünfte war, der denen von Audenaerde gestattete, ihm ihre besten Weine
-und ihre besten Braten vorzusetzen.
-
-Die ganze Schar ritt sonder Eile und sog die frische Luft ein, welche
-den Hunger anreizt. Aber Ulenspiegel gedachte, daß sie gemeiniglich
-fetten Schmaus hielten und wohl einen Tag fasten könnten, ohne zu
-verscheiden. Also sah er sie kommen und stieß nicht ins Horn.
-
-Lachend und schwätzend kamen sie näher, dieweil Seine Heilige Majestät
-in seinem Magen nachschaute, ob er Platz genug für das Gastmahl derer
-von Audenaerde hätte. Er schien erstaunt und ungnädig, daß keine Glocke
-läutete, seine Ankunft zu verkünden.
-
-Indem kam ein Bauer eiligst angelaufen, um zu verkünden, daß er in
-der Umgegend eine französische Streifschar gesehen habe, welche auf
-die Stadt zu ritte, um darinnen alles zu verzehren und zu rauben. Bei
-dieser Rede schloß der Torwart das Tor und sandte einen Stadtknecht,
-damit er es den andern Torwächtern ansagte. Aber die Reiter zechten,
-ohne etwas zu wissen.
-
-Seine Majestät kam immer näher, erzürnt, nicht Glocken, Kanonen und
-Büchsenschüsse läuten, donnern und knattern zu hören. Vergebens hielt
-er das Ohr hin. Er vernahm nichts als das Glockenspiel, das die halbe
-Stunde läutete. Er kam vor das Tor, fand es verschlossen und schlug mit
-der Faust dagegen, auf daß es geöffnet werde. Und die Herren seines
-Gefolges wurden zornig wie er und murrten scharfe Worte. Der Torwart,
-der droben auf den Wällen war, schrie ihnen zu, wenn sie nicht mit
-diesem Lärm aufhörten, so würde er sie mit einer Kartätschen begrüßen,
-auf daß sie ihre Ungeduld abkühlten.
-
-Aber seine Majestät sprach voll Grimm:
-
-„Du blindes Schwein, erkennst Du Deinen Kaiser nicht?“
-
-Der Torwart erwiderte, daß die, so am mindesten den Schweinen gleichen,
-nicht immer am meisten vergüldet sein. Auch wisse er, daß die Franzosen
-ihrer Natur nach arge Spötter seien, sintemalen Kaiser Karl zur Stunde
-in Italien Krieg führte und nicht vor den Toren von Audenaerde stehen
-könne.
-
-Darob schrieen Karl und die Ritter noch mehr und sagten:
-
-„Wenn Du nicht öffnest, so werden wir Dich, auf eine Lanze gespießt,
-braten lassen. Und zuvor sollst Du Deine Schlüssel verschlucken.“
-
-Bei dem Lärm, den sie vollführten, kam ein alter Kriegsmann aus dem
-Zeughaus und steckte die Nase über die Mauer.
-
-„Torwart,“ sprach er, „Du täuschest Dich; „der da ist unser Kaiser. Ich
-erkenne ihn wohl, obwohl er gealtert ist, seit er Maria von der Gheynst
-von hier nach dem Schlosse Ballaing brachte.“
-
-Der Torwart fiel vor Schreck mausetot um, der Soldat nahm ihm die
-Schlüssel ab und ging, die Tür zu öffnen.
-
-Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange hätte warten lassen. Da der
-Soldat es ihm vermeldet hatte, befahl Seine Majestät ihm, das Tor
-wieder zu schließen und die Reiter von Kornjuin vor ihn zu bringen.
-Denen gebot er, vor ihm her zu reiten, die Trommeln zu rühren und die
-Pfeifen zu blasen.
-
-Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um mit allen Kräften
-zu läuten. So eingeführt, kam Seine Majestät mit kaiserlichem Getöse
-auf den Großen Markt. Die Bürgermeister und Schöffen waren allda
-versammelt; der Schöffe Jan Guigelaer trat bei dem Lärm hinaus, kehrte
-in den Sitzungssaal zurück und sagte:
-
-„Keyser Karel is alhier.“
-
-Voll Schreckens ob dieser Kunde traten Bürgermeister, Schöffen und Räte
-aus dem Rathaus, um ~in corpore~ den Kaiser zu begrüßen, dieweil ihre
-Diener durch die ganze Stadt liefen, um die Böllerschüsse anzusagen,
-das Geflügel ins Feuer und die Bratspieße in die Oefen zu schieben.
-Männer, Frauen und Kinder liefen herum und schrieen: „Keyser Karel is
-op’t groot marckt.“
-
-Alsbald war viel Volks auf dem Platze. Der Kaiser, höchst ergrimmt,
-fragte die beiden Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu werden
-verdienten, maßen sie solcherart an Ehrfurcht vor ihrem Herrscher
-ermangelt hätten.
-
-Die Bürgermeister antworteten, daß sie es wahrlich verdienten, aber daß
-Ulenspiegel, der Turmbläser, es noch mehr verdiente, sintemalen man ihn
-auf die Kunde von der Ankunft seiner Majestät mit einer guten Brille
-versehen und dort angestellt habe, mit ausdrücklichem Befehl, dreimal
-ins Horn zu stoßen, sobald er den kaiserlichen Zug kommen sähe. Er
-aber hätte nichts dergleichen getan.
-
-Der Kaiser, immer noch zornig, verlangte, daß man Ulenspiegel vor ihn
-führte.
-
-„Weshalb,“ sprach er zu ihm, „hast Du bei meiner Ankunft nicht die
-Trompete geblasen, da Du doch eine so scharfe Brille hast?“
-
-So sprechend, hielt er der Sonne wegen die Hand über die Augen und
-blickte Ulenspiegel an.
-
-Dieser hielt gleichermaßen die Hand über die Augen und sagte, er habe
-sich der Brille nicht mehr bedienen wollen, seit er bemerkt habe, wie
-seine Majestät durch die Finger sähe.
-
-Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt werden solle; der erste
-Stadtwächter sagte, das sei wohlgetan, und die Bürgermeister waren über
-dies Urteil so in Schrecken versetzt, daß sie kein Wort erwiderten,
-weder um es zu billigen, noch um Einspruch zu tun.
-
-Der Henker und seine Büttel wurden entboten. Sie kamen mit einer Leiter
-und einem neuen Strick und packten Ulenspiegel am Kragen. Der schritt
-vor den hundert Reitern von Kornjuin einher, hielt sich ruhig und sagte
-seine Gebete. Aber jene verhöhnten ihn aufs bitterste.
-
-Das Volk, welches hinterher ging, sagte:
-
-„Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen Jungen um eines so
-leichten Fehls willen umzubringen.“
-
-Und die Weber waren bewaffnet und in großer Zahl und sagten:
-
-„Wir werden nicht zulassen, daß Ulenspiegel gehenkt wird; das ist gegen
-das Gesetz von Audenaerde.“
-
-Derweilen kam man auf den Galgenacker. Ulenspiegel ward die Leiter
-hinaufgeführt und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die
-Weiber drängten sich um den Galgen. Der Profoß war zu Roß und stützte
-die Rute der Gerechtigkeit, womit er auf des Kaisers Befehl das Zeichen
-zur Hinrichtung geben sollte, auf den Bug seines Pferdes.
-
-Das ganze versammelte Volk schrie:
-
-„Gnade, Gnade für Ulenspiegel!“
-
-Ulenspiegel sagte auf seiner Leiter:
-
-„Erbarmen, gnädiger Kaiser!“
-
-Der Kaiser hob die Hand und sagte:
-
-„Wenn dieser Taugenichts mich um etwas bittet, das ich nicht tun kann,
-so soll er mit dem Leben davonkommen.“
-
-„Rede, Ulenspiegel“, schrie das Volk.
-
-Und die Frauen weinten und sagten:
-
-„Er wird um nichts bitten können, der arme Junge, denn der Kaiser
-vermag alles.“
-
-Und alle riefen zumal:
-
-„Rede, Ulenspiegel!“
-
-„Heilige Majestät,“ sagte Ulenspiegel, „ich bitte Euch nicht um Geld
-noch Gut, noch um mein Leben, sondern allein um etwas, um das, wenn ich
-es zu sagen wage, Ihr mich nicht peitschen, noch rädern lasset, ehe ich
-ins Land der Seelen gehe.“
-
-„Ich verspreche es Dir“, sagte der Kaiser.
-
-„Majestät,“ sprach Ulenspiegel, „ich bitte, daß Ihr kommt, den Mund zu
-küssen, mit dem ich nicht vlämisch spreche, ehe ich gehenkt werde.“
-
-Der Kaiser lachte wie alles Volk und sagte:
-
-„Ich kann nicht tun, um was Du bittest, und Du sollst nicht gehenkt
-werden, Ulenspiegel.“
-
-Aber er verurteilte die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monde lang
-Brillen hinten am Kopf zu tragen.
-
-„Auf daß die von Audenaerde,“ sagte er, „wenn sie vorn nicht sehen
-können, wenigstens hinten sehen mögen.“
-
-Und nach Kaiserlicher Verordnung ist diese Brille noch heute im Wappen
-der Stadt zu sehen.
-
-Und Ulenspiegel ging bescheiden von dannen, mit einem kleinen Beutel
-voll Geld; den hatten ihm die Frauen gegeben.
-
-
-44
-
-Da Ulenspiegel in Lüttich auf den Fischmarkt kam, folgte er einem
-dicken Burschen, der unter einem Arme ein Netz mit aller Art von
-Geflügel trug und ein anderes mit Schellfisch, Forellen, Aalen und
-Hechten anfüllte.
-
-Ulenspiegel erkannte Lamm Goedzak.
-
-„Was tust Du hier, Lamm?“ fragte er.
-
-„Du weißt, wie sehr die Vlämen in diesem freundlichen Lande Lüttich
-willkommen sind. Ich gehe hier meiner Liebe nach. Und du?“
-
-„Ich suche einen Herrn, dem ich um Brot dienen könnte“, erwiderte
-Ulenspiegel.
-
-„Das ist eine gar trockene Nahrung. Besser wärs, Du ließest einen
-Rosenkranz von Fettammern, mit einem Krammetsvogel als Kredo daran, von
-der Schüssel in den Mund gleiten.“
-
-„Bist Du reich?“ fragte Ulenspiegel.
-
-Lamm Goedzak erwiderte:
-
-„Ich habe Vater, Mutter und meine junge Schwester verloren, welche mich
-so heftig schlug; ich werde ihr Hab und Gut erben. Ich lebe mit einer
-einäugigen Magd, welche eine große Meisterin in Frikassees ist.“
-
-„Soll ich Dir Deine Fische und Dein Geflügel tragen?“ fragte
-Ulenspiegel.
-
-„Ja,“ sagte Lamm Goedzak.
-
-Sie schlenderten selbander über den Markt.
-
-Plötzlich sagte Lamm:
-
-„Weißt Du, warum Du ein Narr bist?“
-
-„Nein“, gab Ulenspiegel zurück.
-
-„Weil Du Fisch und Geflügel in der Hand trägst, anstatt sie im Magen zu
-tragen.“
-
-„Du hast es getroffen, Lamm,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber seit ich
-kein Brot mehr habe, wollen die Fettammern mich nicht mehr ansehen.“
-
-„Du wirst deren essen, Ulenspiegel,“ sagte Lamm, „und mir dienen, wenn
-meine Köchin Dich haben will.“
-
-Dieweil sie gingen, zeigte Lamm dem Ulenspiegel ein schönes, artiges,
-zierliches Mägdlein, in Seide gekleidet, das über den Markt trippelte
-und Lamm mit sanften Augen anblickte. Ein alter Mann, ihr Vater, ging
-hinter drein mit zwei Netzen, einem mit Fischen und einem andern mit
-Wildbret.
-
-„Die da“, sagte Lamm, auf sie weisend, „mache ich zu meiner Frau.“
-
-„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „ich kenne sie. Es ist eine Vlamländerin aus
-Zotteghem, sie wohnt Rue Vinave d’Isle, und die Nachbarn sagen, daß
-ihre Mutter an ihrer Statt vor dem Hause die Straße kehrt und daß ihr
-Vater ihre Hemden bügelt.“
-
-Doch Lamm antwortete und sagte gar erfreut:
-
-„Sie hat mich angeblickt.“
-
-Sie kamen beide zu Lamms Haus bei der Bogenbrücke und klopften an die
-Tür. Eine einäugige Magd kam, ihnen zu öffnen. Ulenspiegel sah, daß sie
-alt, lang, hager und mürrisch war.
-
-„La Sanginne,“ sagte Lamm zu ihr, „magst Du diesen, um Dir bei der
-Arbeit zu helfen?“
-
-„Ich werde ihn auf Probe nehmen“, sagte sie.
-
-„So nimm ihn,“ sagte er, „und laß ihn die Freuden Deiner Kochkunst
-kosten.“
-
-La Sanginne setzte alsbald drei Blutwürste, eine Kanne Kräuterbier und
-einen großen Laib Brot auf den Tisch.
-
-Dieweil Ulenspiegel aß, knabberte Lamm auch an einer Wurst.
-
-„Weißt Du,“ fragte er, „wo unsre Seele wohnt?“
-
-„Nein, Lamm“, sagte Ulenspiegel.
-
-„Sie ist in unserm Magen,“ versetzte Lamm, „um ihn unablässig
-auszuhöhlen und in unserm Körper immerdar die Lebenskraft zu erneuern.
-Und welches sind die besten Gesellschafter? Das sind alle guten und
-feinen Gerichte, und Wein von der Maas obendrein.“
-
-„Ja“, sagte Ulenspiegel, „Würste sind eine angenehme Gesellschaft für
-die einsame Seele.“
-
-„Er will noch mehr, gib ihm noch mehr, la Sanginne“, gebot Lamm.
-
-Sie gab Ulenspiegel diesmal Weißwürste.
-
-Während er sich vollstopfte, ward Lamm nachdenklich und sprach:
-
-„Wenn ich sterbe, wird mein Bauch mit mir sterben, und da unten im
-Fegefeuer wird man mich fasten und meinen schlaffen, leeren Bauch
-herumtragen lassen.“
-
-„Die schwarzen schienen mir besser“, sprach Ulenspiegel.
-
-„Du hast ihrer sechse gegessen,“ versetzte la Sanginne, „und mehr
-bekommst Du nicht.“
-
-„Du weißt,“ sagte Lamm, „daß Du hier einen guten Dienst haben und so
-gut essen wirst wie ich.“
-
-„Das Wort werde ich mir merken“, entgegnete Ulenspiegel.
-
-Da Ulenspiegel sah, daß er dasselbe Essen bekam, war er glücklich. Die
-verschluckten Würste gaben ihm solchen Mut, daß er an diesem Tage alle
-Kessel, Pfannen und Töpfe putzte, also daß sie wie Sonnen glänzten.
-
-Da sichs in diesem Hause gut lebte, so ging er beständig in Keller und
-Küche; den Boden aber ließ er den Katzen. Eines Tages hatte la Sanginne
-zwei Hühner zu braten und hieß Ulenspiegel den Bratspieß drehen,
-dieweil sie zu Markte ging, um allerlei Kräuter zur Würze zu holen.
-
-Da die beiden Hühner gebraten waren, verzehrte Ulenspiegel das eine.
-
-Wie nun la Sanginne zurückkam, sagte sie:
-
-„Der Hühner waren doch zwei; ich sehe nur noch eins.“
-
-„Frau, tut Euer anderes Auge auf, so sehet Ihr sie alle beide“,
-versetzte Ulenspiegel.
-
-Ganz erbost ging sie zu Lamm Goedzak und meldete ihm das Vorgefallene.
-
-Lamm ging in die Küche hinunter und sprach zu Ulenspiegel:
-
-„Was hast Du meiner Magd zu spotten? Es waren zwei Hühner da.“
-
-„Freilich, Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „aber da ich hier in Dienst trat,
-sagtest Du mir zu, daß ich so gut essen und trinken sollte wie Du. Zwei
-Hühner waren da, eins habe ich gegessen und Du wirst das andere essen.
-Meine Freude ist vorüber, die Deine wird erst kommen, bist Du nicht
-glücklicher als ich?“
-
-„Ja,“ erwiderte Lamm lächelnd, „aber tue ganz, wie la Sanginne Dich
-heißen wird, dann wirst Du nur halbe Arbeit haben.“
-
-„Ich werde darauf achten,“ sprach Ulenspiegel.
-
-Und allemal, wenn la Sanginne ihn etwas tun hieß, tat er es nur halb.
-Wenn sie ihm befahl, zwei Eimer Wassers zu holen, so brachte er nur
-einen. Trug sie ihm auf, einen Krug Kräuterbier aus dem Faß zu füllen,
-so goß er die Hälfte unterwegs in seine Kehle, und so mit allem.
-
-Endlich war la Sanginne dieser Ränke überdrüssig und sagte zu Lamm,
-wenn dieser Taugenichts noch länger im Hause bliebe, so liefe sie fort.
-
-Lamm ging zu Ulenspiegel hinunter und sprach zu ihm:
-
-„Du mußt abziehen, mein Sohn, ungeachtet Du in diesem Hause ein
-gesundes Aussehen bekommen hast. Hör den Hahn krähen! Es ist zwei
-Uhr nachmittags: das bedeutet Regen. Lieber wäre mir, Dich bei dem
-kommenden Unwetter nicht vor die Tür zu setzen. Aber bedenke mein
-Sohn, daß la Sanginne durch ihre Frikassees mir das Leben erhält;
-ich kann nicht zugeben, daß sie mich verläßt, ohne einen nahen Tod
-zu gewärtigen. Darum geh, mein Junge, mit Gottes Segen und nimm,
-Deinen Weg zu erheitern, diese drei Gülden und diesen Rosenkranz von
-Schlackwürsten mit.“
-
-Ulenspiegel ging betrübt von dannen, voller Sehnsucht nach Lamm und
-nach seiner Küche.
-
-
-45
-
-Der Reifmond kam nach Damm und andern Orten; aber der Winter zauderte.
-Nicht Schnee, noch Regen, noch kalte Luft; die Sonne schien vom Morgen
-bis zum Abend und ward nicht blasser. Die Kinder wälzten sich im Staub
-auf den Gassen und Wegen. Zur Feierstunde nach dem Abendbrot traten die
-Kaufleute, Krämer, Goldschmiede, Wagner, und Handwerker vor ihre Türen,
-schauten nach dem allzeit blauen Himmel, den Bäumen, deren Blätter
-nicht abfielen, den Störchen, die auf dem Dachfirst standen, und den
-Schwalben, die nicht fortzogen. Die Rosen hatten dreimal geblüht
-und trugen zum vierten Mal Knospen. Die Nächte waren lau, und die
-Nachtigallen sangen ohn Unterlaß.
-
-Die von Damm sprachen:
-
-„Der Winter ist tot, laßt uns den Winter verbrennen.“ Und sie fertigten
-eine riesengroße Puppe, die eine Bärenschnauze, einen langen Bart von
-Hobelspähnen und einen dicken Scheitel von Flachs hatte, legten ihr
-weiße Kleider an und verbrannten sie mit großer Feierlichkeit.
-
-Klas blies Trübsal und segnete weder den immer blauen Himmel noch die
-Schwalben, die nicht fortziehen wollten; denn keiner in Damm brannte
-Kohlen mehr, es sei denn zum Kochen, und da ein jeder genug hatte,
-ging er nicht zu Klas, welche zu kaufen. Klas aber hatte all seine
-Spargroschen ausgegeben, um seinen Vorrat zu bezahlen. Darum sagte der
-Kohlenträger, wenn er auf seiner Türschwelle stand und fühlte, wie
-seine Nasenspitze von einem herben Windhauch erfrischt ward: „Ah, da
-kommt mein Brot.“
-
-Aber der frische Wind blies nicht stetig und der Himmel blieb immerdar
-blau, und die Blätter wollten nicht abfallen. Und Klas weigerte sich,
-seinen Wintervorrat dem geizigen Griepenstüver, dem Ältesten der
-Fischergilde, zum halben Preis zu verkaufen. Und bald mangelte es in
-der Hütte an Brot.
-
-
-46
-
-Aber König Philipp hatte keinen Hunger und verspeiste Leckereien bei
-seiner Gemahlin Maria der Häßlichen aus dem königlichen Hause der
-Tudor. Er liebte sie nicht von Herzen, hoffte aber dem engelländischen
-Volk einen spanischen Monarchen zu geben, indem er die Schwächliche
-befruchtete.
-
-Ihn widerte vor dieser Verbindung, welche die eines Steines mit einer
-glühenden Kohle war. Jedoch vereinigten sie sich genugsam, um die armen
-Reformierten zu Hunderten ertränken und verbrennen zu lassen.
-
-Wenn Philipp nicht von London entfernt noch verkleidet ausgegangen war,
-um sich in irgend einem verrufenen Haus zu ergötzen, vereinigte die
-Nachtstunde die beiden Gatten. Alsdann reckte sich die Königin Maria,
-mit schöner Leinwand von Tournay und irländischen Spitzen angetan,
-im Ehebett, dieweil Philipp steif wie ein Pfahl vor ihr stund und
-zusah, ob er an seinem Weibe nicht irgend ein Zeichen von Mutterschaft
-erblickte. Aber da er nichts sah, ward er zornig, blieb stumm und
-betrachtete seine Nägel.
-
-Dann sprach die unfruchtbare Harpye zärtliche Worte und versuchte zu
-liebäugeln und den eisigen Philipp um Liebe zu bitten. Tränen, Geschrei
-und inständiges Flehen, nichts sparte sie, um eine lauwarme Liebkosung
-von ihm, der sie nicht liebte, zu erhalten. Vergebens warf sie sich
-mit gefalteten Händen ihm zu Füßen, vergebens lachte und weinte sie
-zugleich wie eine Verrückte, um ihn zu rühren. Nicht Lachen noch Tränen
-erweichten dies steinharte Herz. Vergebens umschlang sie ihn mit ihren
-mageren Armen wie eine verliebte Schlange und drückte den engen Käfig,
-darin die verkümmerte Seele des blutigen Königs wohnte, an ihre flache
-Brust; er rührte sich nicht mehr denn ein Prellstein.
-
-Die arme Häßliche versuchte, anmutig zu sein, und nannte ihn mit allen
-süßen Namen, die Liebestolle dem erwählten Geliebten geben. Philipp
-betrachtete seine Nägel.
-
-Manchmal antwortete er:
-
-„Wirst Du keine Kinder bekommen?“
-
-Bei dieser Rede sank Marias Haupt auf ihre Brust.
-
-„Ist es meine Schuld, wenn ich unfruchtbar bin? Habe Mitleid mit mir,
-ich lebe wie eine Wittib.“
-
-„Warum hast Du keine Kinder?“ fragte Philipp.
-
-Da fiel die Königin wie zu Tode getroffen auf den Teppich. Sie hatte
-nur Tränen in den Augen, aber sie hätte Blut geweint, wenn sie gekonnt
-hätte, die Arme. Und also rächte Gott an den Henkern die Opfer, mit
-denen sie den Boden Engellands besäet hatten.
-
-
-47
-
-Es ging das Gerücht unter den Leuten, daß Kaiser Karl den Mönchen das
-freie Recht nehmen wollte, die, welche in ihrem Kloster starben, zu
-beerben. Solches mißfiel dem Pabst gar sehr. Ulenspiegel, der damals an
-den Ufern der Maaß war, gedachte, daß der Kaiser derart überall seinen
-Nutzen finden würde; denn er erbte, wenn die Familie nicht erbte. Er
-setzte sich an den Rand des Flusses und warf seine Angelschnur mit
-gutem Köder hinein. Dann knabberte er ein altes Stück Schwarzbrot,
-und es war ihm leid, daß er keinen Wein aus der Romagna hatte, um es
-anzufeuchten. Aber er gedachte, daß man nicht immer sein Vergnügen
-haben kann.
-
-Indem warf er von seinem Brote ins Wasser und sagte bei sich: „Wer ißt
-und teilt sein Mahl mit dem Nächsten nicht, der ist des Essens nicht
-wert.“
-
-Kam ein Gründling herbei, witterte einen Bissen, beleckte ihn mit
-seinen Lefzen und tat sein unschuldig Maul auf, denn er wähnte ohne
-Zweifel, daß das Brot von selbst hineinfallen würde. Dieweil er
-also in die Luft sah, ward er urplötzlich von einem heimtückischen
-Hecht verschlungen, der sich wie ein Pfeil auf ihn gestürzt hatte.
-Desgleichen tat der Hecht bei einem Karpfen, der Fliegen im Fluge fing,
-unbekümmert um die Gefahr. So wohl gesättigt, hielt er sich unbeweglich
-unter Wasser, das kleine Fischvolk verschmähend, welches überdies so
-schnell wie möglich von ihm fortschwamm. Während er sich so breit
-machte, siehe da kam unversehens mit gähnendem Rachen gar gefräßig
-ein hungriger Hecht herbei, der sich mit einem Satz auf ihn stürzte.
-Ein wütender Kampf entspann sich zwischen beiden und sie hieben mit
-den Mäulern aufeinander los wie unsterbliche Helden. Das Wasser ward
-rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gespeist hatte, verteidigte sich
-schlecht gegen den, welcher nüchtern war. Der aber zog sich zurück,
-nahm einen Anlauf und schoß wie eine Kugel auf seinen Gegner, der ihn
-mit aufgesperrtem Rachen erwartete und seinen Kopf mehr denn halb
-verschlang. Er wollte ihn wieder los werden, konnte es aber nicht wegen
-seiner umgebogenen Zähne. Und alle beide zappelten jämmerlich.
-
-So festgehakt, sahen sie die starke Angel nicht, die an einer seidenen
-Schnur befestigt, unten aus dem Wasser stieg und sich unter die Flosse
-des Hechtes, der gespeist hatte, bohrte. Sie zog ihn samt seinem Feind
-aus dem Wasser und warf alle beide kurzerhand auf den Rasen.
-
-Indem er sie schlachtete, sagte Ulenspiegel:
-
-„Ihr allerliebsten Hechte, seid Ihr nicht vielleicht Papst und Kaiser,
-die einander fressen, und bin ich nicht das Volk, welches in der
-Stunde, die Gott gibt, Euch alle beide in Euren Schlachten mit dem
-Haken erschnappt?
-
-
-48
-
-Derweilen schweifte Katheline, welche Borgerhout nicht verlassen hatte,
-ohne Unterlaß in der Gegend umher und sagte immerdar:
-
-„Hanske, mein Mann, sie haben mir Feuer auf dem Kopf angezündet; mach
-ein Loch hinein, daß die Seele hinaus kann. Ach, sie pocht alleweil und
-jeglicher Schlag ist stechender Schmerz.“
-
-Und Nele pflegte sie in ihrem Wahnsinn und gedachte an ihrer Seite
-voller Harm ihres Freundes Ulenspiegel.
-
-Und in Damm schnürte Klas seine Reisigbündel, verkaufte seine Kohle und
-gedachte manchesmal schwermütig, daß es noch lange währen möchte, bis
-Ulenspiegel, der Verbannte, in seine Hütte heimkehrte.
-
-Soetkin stand den ganzen Tag am Fenster und schaute hinaus, ob sie
-ihren Sohn Ulenspiegel nicht kommen sähe.
-
-Der aber war in der Gegend von Köln angelangt und fand, daß er zur
-Stunde Lust zum Gartenbau hatte. Et erbot sich, dem Jan von Zuursmoel
-als Knecht zu dienen, welcher Landsknechtshauptmann war. Der wäre auf
-ein Haar gehenkt worden aus Mangel an Lösegeld und hatte einen großen
-Graus vor dem Hanf, so auf vlämisch Hennep geheißen wird.
-
-Eines Tages wollte Jan von Zuursmoel dem Ulenspiegel seine Arbeit
-weisen und führte ihn an das Ende seines Gartens; allda sahen sie
-einen Morgen Ackers, dem Garten benachbart, der ganz mit grünem Hanfe
-bepflanzt war.
-
-Jan von Zuursmoel sprach zu Ulenspiegel:
-
-„Jedes Mal, so Du dies häßliche Kraut siehest, mußt Du darauf sch.....,
-denn es dient zu Rad und Galgen.“
-
-„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.
-
-Eines Tages saß Jan von Zuursmoel bei Tafel mit etlichen gefräßigen
-Freunden, da sprach der Koch zu Ulenspiegel.
-
-„Geh in den Keller und hole _Sennep_“, welches Senf ist.
-
-Ulenspiegel hörte volle Tücke Hennep statt Sennep, sch... in den
-Senftopf im Keller und trug ihn zur Tafel auf, nicht ohne Lachen.
-
-„Warum lachst Du?“ fragte Jan von Zuursmoel. „Meinst Du, unsere Nasen
-seien von Erz? Iß diesen Sennep selber, dieweil Du ihn angerichtet
-hast.“
-
-„Ich esse lieber Rostbraten mit Zimmet“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Jan von Zuursmoel stand auf, um ihn zu schlagen.
-
-„In diesen Senftopf“, sprach er, „ist gesch... worden.“
-
-„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „gedenkt Ihr nicht mehr des Tages, da
-ich Euch bis ans Ende Eures Gartens gefolgt bin? Da sprachet Ihr, auf
-den Sennep weisend: ‚Überall, wo Du dies Kraut findest, sch.... darauf,
-denn es dient zu Galgen und Rad‘. Also tat ich, Herr, ich sch... darauf
-mit großer Verachtung. Züchtigt mich nicht für meinen Gehorsam.“
-
-„Ich sagte Hennep, nicht Sennep“, schrie Jan von Zuursmoel gar wütend.
-
-„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „Ihr sagtet Sennep, nicht Hennep.“
-
-Also stritten sie sich lange Zeit. Ulenspiegel sprach demütiglich;
-Jan von Zuursmoel schrie wie ein Adler und warf Sennep, Hennep und
-ähnliche Worte durcheinander gleich einem verwirrten Seidengesträhne.
-Und die Gäste lachten wie Teufel und aßen Dominikanerkoteletten und
-Inquisitorennieren.
-
-Ulenspiegel aber ward von Jan von Zuursmoel fortgejagt.
-
-
-49
-
-Ulenspiegel verdingte sich bei einem Schneider, der sagte zu ihm: „Wenn
-Du nähst, nähe so eng, daß ich die Stiche nicht sehe.“
-
-Ulenspiegel kroch unter ein Faß und hub an, allda zu nähen.
-
-„Das meinte ich nicht“, schrie der Schneider.
-
-„Ich dränge mich in ein Faß; wie soll man die Stiche da sehen können?“
-versetzte Ulenspiegel.
-
-„Komm,“ sagte der Schneider, „setz Dich wieder auf den Tisch und näh
-die Stiche eng zusammen einen neben den andern und mach das Gewand wie
-diesen Wolf.“ Wolf aber war der Name für ein Bauernwamms.
-
-Ulenspiegel nahm das Wamms, schnitt es in Stücke und nähte sie
-dergestalt zusammen, daß sie die Gestalt eines Wolfes hatten.
-
-Da der Schneider dies sah, schrie er:
-
-„Was zum Teufel hast Du gemacht?“
-
-„Einen Wolf“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-„Du arger Schalk,“ erwiderte der Schneider, „ich hatte Dir freilich
-gesagt, einen Wolf, aber Du weißt, daß man ein Bauernwamms Wolf heißt.“
-
-Nach einer Weile sagte er zu ihm:
-
-„Gesell, wirf die Ärmel an diesen Rock, ehe Du schlafen gehst.“
-Ulenspiegel hing den Rock an den Haken und brachte die ganze Nacht
-damit hin, die Ärmel daran zu werfen.
-
-Der Schneider kam bei dem Lärm herzu:
-
-„Taugenichts,“ sprach er zu ihm, „was für einen schlechten Streich
-spielst Du mir da wieder?“
-
-„Ist das ein schlechter Streich?“ versetzte Ulenspiegel. „Sehet, ich
-habe diese Ärmel die ganze Nacht an den Rock geworfen, und sie sitzen
-noch nicht fest.“
-
-„Das versteht sich,“ sprach der Schneider, „darum werf ich Dich auf die
-Straße; sieh zu, ob Du da besser festsitzest.“
-
-
-50
-
-Derweil Katheline bei einem guten Nachbar wohlbehütet war, ging Nele
-ganz allein weit, weit fort, bis Antwerpen, die Schelde entlang oder
-auf andern Wegen und suchte auf den Flußkähnen und auf den staubigen
-Straßen, ob sie ihren Freund Ulenspiegel nicht fände.
-
-An einem Markttage kam er nach Hamburg und sah allerorten Kaufleute
-und unter ihnen etliche alte Juden, die von Wucher und uneingelösten
-Pfändern lebten.
-
-Ulenspiegel, der auch Kaufmann werden wollte, sah etliche Roßäpfel am
-Boden liegen und trug sie in seine Wohnung, welche in einer Flesche des
-Walls war. Da ließ er sie trocknen. Dann kaufte er rote und grüne Seide
-und machte Säcklein davon. Da hinein tat er die Roßäpfel und band sie
-mit einem Bande zu, als ob sie voll Bisam wären.
-
-Alsdann machte er aus etlichen Latten ein Tragbrett, hängte es mit
-alten Stricken um seinen Hals und ging zu Markt, das Brett, mit den
-Säcklein gefüllt, vor sich hertragend. Am Abend zündete er, um sie zu
-beleuchten, in der Mitte ein Lichtlein an.
-
-Wenn die Leute ihn fragten, was er da feil hielte, antwortete er voll
-Heimlichkeit:
-
-„Ich werde es Euch sagen, aber laßt uns nicht zu laut sprechen!“
-
-„Was ist es denn?“ fragten die Käufer.
-
-„Es sind Prophetenbeeren,“ antwortete Ulenspiegel, „so geradenwegs
-aus Arabien nach Flandern gekommen sind, mit großer Kunst von Meister
-Abdul-Medil aus dem Geschlecht des großen Mahomet bereitet.“
-
-Etliche Kunden sprachen zu einander:
-
-„Das ist ein Türke.“
-
-Aber die andern sprachen:
-
-„Es ist ein Pilger, der aus Flandern kommt. Hört ihr es nicht an seiner
-Sprache?“
-
-Und die Zerlumpten, die Hungerleider und Bettler kamen zu Ulenspiegel
-und sagten:
-
-„Gib uns von diesen Prophetenbeeren.“
-
-„Wenn ihr Gülden haben werdet, solche zu kaufen.“
-
-Und die armen Zerlumpten, Hungerleider und Bettler gingen betrübt von
-dannen und sagten:
-
-„Es ist keine Freude in dieser Welt, denn allein für die Reichen.“
-
-Das Gerücht von den Beeren, die zu verkaufen waren, verbreitete sich
-alsbald über den Markt. Die Bürger sprachen zu einander:
-
-„Da ist ein Vlamländer, welcher Prophetenbeeren hat, die in Jerusalem
-auf dem Grabe unseres Herrn Jesu geweiht sind; aber es heißt, daß er
-sie nicht verkaufen will.“
-
-Und alle Bürger kamen zu Ulenspiegel und fragten ihn nach seinen Beeren.
-
-Aber Ulenspiegel, der großen Gewinn haben wollte, erwiderte, daß sie
-noch nicht reif genug wären; er hatte aber ein Auge auf zwei reiche
-Juden geworfen, die auf dem Markte umhergingen.
-
-„Ich möchte wohl wissen,“ sagte einer der Bürger, „was aus meinem
-Schiff auf See werden wird.“
-
-„Es wird bis an den Himmel gehen, wenn die Wellen hoch genug sind“,
-erwiderte Ulenspiegel.
-
-Ein anderer zeigte ihm sein hübsches Töchterlein, welches über und über
-rot ward, und sprach:
-
-„Diese wird ohne Zweifel den Weg der Tugend wandeln?“
-
-„Alles wandelt, wohin die Natur will“, versetzte Ulenspiegel, denn er
-hatte gesehen, wie das Mädchen einem jungen Burschen einen Schlüssel
-gab. Der aber, von Wohlbehagen aufgeblasen, sprach zu Ulenspiegel:
-
-„Herr Kaufmann, gebt mir einen Eurer prophetischen Säcke, damit ich
-daraus ersehe, ob ich diese Nacht allein schlafen werde.“
-
-„Es stehet geschrieben,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „welcher den
-Roggen der Verführung aussäet, der wird das Saatkorn der Hahnreischaft
-ernten.“
-
-Der junge Bursche erboste sich:
-
-„Auf wen hast Du es abgesehen?“
-
-„Die Beeren sagen,“ erwiderte Ulenspiegel, „daß sie Dir eine glückliche
-Ehe wünschen und eine Frau, die Dir nicht den Hut des Vulkan aufsetzt.
-Kennst Du diese Kopfbedeckung?“
-
-Dann predigte er:
-
-„Das Weib, das auf dem Heiratsmarkt Handgeld gibt, läßt nachher den
-andern die ganze Ware umsonst.“
-
-Hierauf sprach das Mädchen, welches Sicherheit heucheln wollte: „Sieht
-man all dieses in dem prophetischen Säcklein?“
-
-„Man sieht auch einen Schlüssel darin“, sagte Ulenspiegel ihr ganz
-leise ins Ohr.
-
-Aber der Jüngling war schon mit dem Schlüssel davon.
-
-Plötzlich gewahrte Ulenspiegel einen Dieb, der von der Fleischbank
-eines Schweinemetzgers eine ellenlange Wurst stahl und unter seinem
-Mantel verbarg. Aber der Metzger sah es nicht. Voller Freuden kam der
-Dieb zu Ulenspiegel und sagte zu ihm:
-
-„Was verkaufst Du da, Unglücksprophet?“
-
-„Säcklein, aus denen Du ersehen kannst, daß Du gehängt werden wirst,
-weil Du die Würste zu gern hattest.“
-
-Bei dieser Rede entfloh der Dieb eilends, indes der bestohlene Metzger
-schrie:
-
-„Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“
-
-Aber es war zu spät.
-
-Während Ulenspiegel sprach, näherten sich ihm die beiden reichen Juden,
-die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatten, und sagten zu ihm:
-
-„Was hast Du da feil, Vlamländer?“
-
-„Säcklein“, versetzte Ulenspiegel.
-
-„Was sieht man mit Hilfe Deiner Prophetenbeeren?“ fragten sie.
-
-„Die künftigen Ereignisse, wenn man sie in den Mund nimmt,“ versetzte
-Ulenspiegel.
-
-Die beiden Juden beredeten sich, und der Ältere sagte zum andern.
-
-„Derart könnten wir sehen, wann unser Messias kommen wird. Solches
-würde ein großer Trost für uns sein. Laß uns eins dieser Säcklein
-erstehen. Wie teuer verkaufst Du sie?“ fragten sie.
-
-„Fünfzig Gülden“, versetzte Ulenspiegel. „Wenn Ihr mir die nicht zahlen
-wollt, so geht nur hinweg. Wer das Feld nicht kauft, muß den Misthaufen
-lassen, wo er ist.“
-
-Da sie Ulenspiegel so fest sahen, zählten sie ihm sein Geld hin,
-nahmen eins der Säckchen und begaben sich nach ihrem Bethaus. Allda
-liefen bald alle Juden zu Hauf, wissend, daß einer der beiden Alten
-ein Geheimnis erhandelt hatte, durch welches man des Messias Ankunft
-erfahren und verkünden könnte.
-
-Da ihnen die Sache bekannt war, wollten sie an dem Säcklein saugen,
-ohne zu zahlen; aber der Älteste, der es gekauft hatte, und der Jehu
-hieß, wollt’ es allein tun.
-
-„Söhne Israels,“ sprach er, das Säckchen in der Hand haltend, „die
-Christen spotten unser, wir sind gehetzt unter den Menschen, und man
-schreit hinter uns her, als wären wir Schelme. Die Philister wollen uns
-unter den Erdboden erniedrigen; sie speien uns ins Antlitz, denn Gott
-hat unsere Bogen entspannt und die Zügel vor uns gelockert. Wird es
-noch lange währen, Herr Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns Übles
-geschieht, so wir Gutes erwarten, und daß Finsternis kommt, so wir auf
-Helligkeit hoffen? Wirst Du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher
-Messias? Wann werden die Christen sich in den Höhlen und Löchern der
-Erde verbergen, ob des Schreckens, den sie vor Dir haben und vor Deiner
-Herrlichkeit, wann Du aufstehen wirst, sie zu züchtigen?“
-
-Und die Juden schrien:
-
-„Komm Messias! sauge Jehu!“
-
-Jehu leckte und brach es wieder aus und rief gar kläglich:
-
-„Wahrlich, ich sage Euch, dies ist nichts denn Kot, und der flandrische
-Pilger ist ein Schelm.“
-
-Da stürzten sich alle Juden über das Säcklein her, öffneten es und
-sahen, was es enthielt, und gingen in großer Wut auf den Markt, um
-Ulenspiegel zu suchen.
-
-Der aber hatte mit nichten auf sie geharrt.
-
-
-51
-
-Ein Mann aus Damm, welcher Klas seine Kohlen nicht bezahlen konnte, gab
-ihm sein bestes Gerät, eine Armbrust mit zwölf scharfgespitzten Bolzen,
-die als Wurfgeschoß dienten.
-
-In den Stunden, wo die Arbeit feierte, schoß Klas mit der Armbrust;
-mehr als ein Hase ward von ihm erlegt und zu Frikassee eingekocht,
-dafür daß er den Kohl zu sehr geliebt hatte.
-
-Alsdann aß Klas unmäßig und Soetkin sagte, auf die öde Landstraße
-blickend: „Tyll, mein Sohn, spürst du nicht den Wohlgeruch der Brühe?
-Gewißlich hat er jetzt Hunger.“ Und ganz in Gedanken hätte sie ihm
-seinen Anteil am Schmause aufheben mögen.
-
-„Wenn ihn hungert,“ sprach Klas, „so ist’s seine Schuld; möge er
-heimkehren, so wird er essen wie wir.“
-
-Klas hatte Tauben; auch hörte er gern Grasmücken, Distelfinken,
-Sperlinge und andere singende und geschwätzige Vögel um sich herum
-singen und zwitschern. Desgleichen schoß er gern die Bussarde und
-Sperber, die königlichen Vertilger des Vogelvolks.
-
-Einmal, da er im Hofe Kohlen maß, zeigte Soetkin ihm einen großen
-Vogel, der über dem Taubenschlag in der Luft schwebte. Klas nahm seine
-Armbrust und sprach:
-
-„Der Teufel errette Seine Gnaden, den Sperber!“
-
-Er spannte seine Armbrust und verfolgte alle Bewegungen des Vogels, um
-ihn nicht zu fehlen. Es war um die Zeit der Dämmerung, Klas konnte nur
-noch einen schwarzen Punkt unterscheiden. Er schoß den Bolzen ab und
-sah einen Storch in den Hof fallen.
-
-Klas war schier betrübt darüber, aber Soetkin war es noch mehr und rief:
-
-„Unseliger, du hast den Vogel Gottes getötet.“
-
-Hierauf nahm sie den Storch, sah, daß er nur am Flügel verwundet war,
-ging Balsam holen und sagte, derweil sie seine Wunde verband:
-
-„Storch, Schätzlein, es war nicht gescheit von Dir, daß Du, den man
-liebt, in den Wolken schwebst wie der Sperber, den man haßt. Auch die
-Pfeile des Volkes gehen ans unrechte Ziel; tut Dir Dein armer Flügel
-weh, Störchlein? Lässest Dich so geduldig behandeln, denn Du weißt, daß
-unsre Hände Freundeshände sind.“
-
-Da der Storch geheilt war, bekam er zu fressen, was er nur wollte; aber
-mit Vorliebe fraß er den Fisch, den Klas für ihn im Kanal fischen ging.
-Und allemal, wenn der Gottesvogel ihn kommen sah, öffnete er seinen
-großen Schnabel. Er folgte Klas wie ein Hund, aber lieber weilte er in
-der Küche und wärmte seine Brust am Feuer und klopfte Soetkin, die das
-Mahl bereitete, mit dem Schnabel auf den Leib, als wollte er ihr sagen:
-
-„Ist nichts für mich da?“
-
-Es war aber lustig anzusehen, wie dieser ernsthafte Glücksbote auf
-seinen langen Beinen in der Hütte einherstelzte.
-
-
-52
-
-Indessen waren die bösen Tage wiedergekehrt. Klas arbeitete traurig
-allein auf dem Felde, denn es war nicht Arbeit für zwei. Soetkin blieb
-allein in der Hütte und bereitete die Bohnen, ihre tägliche Speise,
-auf jegliche Art zu, um ihrem Manne Lust zum Essen zu machen. Und sie
-sang und lachte, damit er sich nicht grämte, sie traurig zu sehen. Der
-Storch stand auf einem Bein, den Schnabel im Gefieder, neben ihr.
-
-Ein Mann zu Pferde hielt vor der Hütte still; er war schwarz gekleidet,
-sehr hager und hatte eine sonderlich traurige Miene.
-
-„Ist jemand drinnen?“ fragte er.
-
-„Gott segne Eure Schwermut, aber bin ich ein Geist, daß Ihr mich hier
-sehet und fragt, ob jemand daheim sei?“
-
-„Wo ist Dein Vater?“ fragte der Reiter.
-
-„Wenn mein Vater Klas heißt, so ist er dort unten, und Du siehst ihn
-Korn säen.“
-
-Der Reiter ging und Soetkin desgleichen, betrübten Herzens, denn sie
-mußte zum sechsten Male Brot vom Bäcker holen, ohne zu zahlen. Da sie
-mit leeren Händen zurückkehrte, sah sie voller Staunen, wie Klas stolz
-und triumphierend heimkehrte auf dem Pferde des schwarzgekleideten
-Mannes, welcher zu Fuß neben ihm schritt und es am Zügel führte. Klas
-stützte einen ledernen Sack, der wohlgefüllt schien, stolz auf seinen
-Schenkel.
-
-Beim Absteigen umarmte er den Mann, schlug ihm fröhlich auf die
-Schulter und rief, den Sack schüttelnd:
-
-„Es lebe mein Bruder Jobst, der gute Einsiedel! Gott erhalte ihn in
-Freude, Leibesfülle, Frohsinn und Gesundheit! Siehe, er ist der Jobst
-des Segens, des Überflusses und der fetten Suppen! Der Storch hat nicht
-gelogen!“ Und er setzte den Sack auf den Tisch.
-
-Da sagte Soetkin voller Harm: „Mann, wir werden heute nicht essen, der
-Bäcker wollte mir kein Brot geben.“
-
-„Brot?“ sagte Klas, öffnete den Sack und ließ einen goldenen Strom über
-den Tisch sich ergießen. „Brot? Hier ist Brot, Butter, Fleisch, Wein,
-Bier. Hier sind Schinken, Markknochen, Reiherpasteten, Fettammern,
-Masthühner und Kapaunen, wie bei den großen Herren! Hier ist Bier in
-Tonnen und Wein in Fässern. Ein Narr ist der Bäcker, der uns das Brot
-verweigert; wir werden nichts mehr bei ihm kaufen.“
-
-„Aber Mann“, sprach Soetkin verblüfft.
-
-„Wohlan, höre,“ sprach Klas, „und sei guter Dinge. Katheline, anstatt
-in der Markgrafschaft Antwerpen die Zeit ihrer Verbannung hinzubringen,
-ist, von Nele geführt, auf Schusters Rappen bis Meyborg gegangen.
-Dort hat Nele meinem Bruder Jobst gesagt, daß wir oftmals darben,
-ohngeachtet unserer sauren Arbeit. Wie dieser wackre Bote mir soeben
-vermeldete“ / und Klas wies auf den schwarzgekleideten Reiter / „hat
-Jobst die heilige römische Religion verlassen und sich der Ketzerei
-Luthers hingegeben.“
-
-Der schwarzgekleidete Mann sagte:
-
-„Jene sind Ketzer, die sich zum Dienste der großen Buhlerin bekennen.
-Denn der Papst ist bestechlich und treibt Schacher mit heiligen Dingen.“
-
-„Ach,“ sprach Soetkin, „sprecht nicht so laut, Herr, Ihr könntet uns
-alle drei auf den Scheiterhaufen bringen.“
-
-„So hat denn“, sagte Klas, „Jobst diesem wackeren Boten gesagt, er
-wolle mit den Truppen Friedrichs von Sachsen kämpfen und ihm fünfzig
-trefflich gewappnete Männer zuführen. Da er in den Krieg zöge, sei
-ihm so viel Geld nicht vonnöten, um es in übler Stunde irgend einem
-Schelm von Landsknecht zu überlassen. „Darum“, so hat er gesagt,
-„bringe diese siebenhundert Goldkarolus meinem Bruder Klas samt meinen
-Segenswünschen. Sag ihm, er möge einen guten Wandel führen und seines
-Seelenheils gedenken.“
-
-„Ja,“ sprach der Reiter, „es ist an der Zeit, denn Gott wird dem
-Menschen nach seinen Werken lohnen und jeglichen behandeln, gleich wie
-es sein Wandel verdient.“
-
-„Herr,“ sprach Klas, „inzwischen wird es mir nicht verwehrt sein, mich
-der frohen Botschaft zu freuen. Geruht bei uns zu bleiben, wir wollen
-sie mit schönen Kaldaunen, viel Kalbsbraten und einem kleinen Schinken
-feiern, den ich zuvor bei dem Schweinemetzger gesehen habe, so rund und
-lecker, daß er mir die Zähne einen Fuß lang aus dem Maul gezogen hat.“
-
-„Ach,“ sprach der Mann, „die Toren ergötzen sich, derweilen die Augen
-Gottes über ihren Wegen sind.“
-
-„Nun denn, Bote,“ sagte Klas, „willst Du mit uns essen und trinken oder
-nicht?“
-
-Der Mann entgegnete:
-
-„Für die Getreuen wird es Zeit sein, ihre Seelen den irdischen Freuden
-hinzugeben, wenn die große Babel gefallen ist.“
-
-Da Soetkin und Klas sich bekreuzten, wollte er gehen.
-
-Klas sprach zu ihm:
-
-„Dieweil es Dir gefällt, also ohne Labung des Weges zu gehen, gib
-meinem Bruder Jobst den Friedenskuß und wache über ihn in der Schlacht.“
-
-„Das werde ich tun“, erwiderte der Mann.
-
-Er machte sich auf, indes Soetkin etwas einholen ging, um den
-Glücksfall zu feiern. Der Storch kriegte am selbigen Tage zwei
-Gründlinge und einen Kabeljaukopf zum Abendessen.
-
-Die Kunde verbreitete sich bald in Damm, daß der arme Klas durch das
-Vermögen seines Bruders Jobst ein reicher Klas worden sei. Der Dechant
-meinte, daß Katheline ohne Zweifel Jobst behext hätte, maßen Klas eine
-ansehnliche Summe Geldes erhalten und doch Unsrer lieben Frau nicht das
-geringste Kleid geschenkt hätte.
-
-Klas und Soetkin waren glücklich. Klas arbeitete auf dem Felde und
-verkaufte seine Kohlen und Soetkin zeigte sich daheim als tüchtige
-Hausfrau. Aber sie spähte voller Harm ohn Unterlaß auf den Wegen nach
-ihrem Sohn Ulenspiegel. Und alle drei genossen des Glücks, das ihnen
-von Gott kam, in Erwartung dessen, das ihnen von den Menschen kommen
-sollte.
-
-
-53
-
-Kaiser Karl empfing desselbigen Tages einen Brief, worin sein Sohn
-Philipp ihm schrieb:
-
- „Mein Kaiserlicher Vater!
-
-„Es mißfällt mir, in diesem Lande leben zu müssen, wo die verfluchten
-Ketzer wie Flöhe, Raupen und Heuschrecken überhand nehmen. Feuer
-und Schwert wären gerade recht, um sie vom Stamm des Lebensbaumes,
-der unsere heilige Mutter Kirche ist, abzuhauen. Als ob es für mich
-an diesem Kummer nicht genug wäre, muß es noch sein, daß sie mich
-nicht als König ansehen, sondern als den Mann ihrer Königin, der ohne
-sie keine Macht hat. Sie spotten über mich und sagen in boshaften
-Pamphleten, deren Verfasser und Drucker man nicht auffinden kann, daß
-der Papst mich bezahlt, um das Königreich durch ruchloses Brennen und
-Hängen zu beunruhigen und zu verderben. So ich irgend eine dringende
-Steuer von ihnen erheben will, denn sie lassen mich häufig aus Bosheit
-ohne Geld, antworten sie mir in elenden Pasquillen, daß ich nur Satan,
-für welchen ich arbeite, darum zu bitten brauchte. Die vom Parlament
-entschuldigen sich und machen einen krummen Buckel, aus Furcht, daß ich
-beiße; aber sie bewilligen nichts.
-
-Indessen sind die Mauern Londons mit Schmähschriften bedeckt, so mich
-als einen Vatermörder hinstellen, der bereit ist, Eure Majestät zu
-erschlagen, um Euch zu beerben.
-
-Aber Ihr wisset, Herr und Vater, daß ich, ohngeachtet alles
-berechtigten Ehrgeizes und Stolzes, Euch eine lange und ruhmreiche
-Regierung wünsche.
-
-Auch verbreiten sie in der Stadt eine Zeichnung, die nur allzu
-geschickt in Kupfer gestochen ist. Darauf bin ich zu sehen, wie ich
-das Klavichord spielen lasse durch die Pfoten von Katzen, die in dem
-Instrument eingesperrt sind. Ihre Schwänze kommen durch runde Löcher
-herfür und sind außen mit eisernen Stiften befestigt. Ein Mann, der
-ich sein soll, verbrennt ihnen den Schwanz mit glühenden Eisen und
-macht dadurch, daß sie die Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend
-heulen. Ich bin so häßlich darauf dargestellt, daß ich mich nicht
-ansehen mag. Und dann zeigen sie mich lachend. Ihr aber wisset, mein
-Herr Vater, ob es mir bei irgend einer Gelegenheit begegnet ist, mir
-dies profane Vergnügen zu machen. Ohne Zweifel versuchte ich mich zu
-zerstreuen, indem ich diese Katzen zum Miauen brachte, aber ich lachte
-nicht. In ihren rebellischen Ausdrücken machen sie mir ein Verbrechen
-aus dem, was sie die Neuheit und Grausamkeit dieses Klavichords nennen,
-wiewohl doch die Tiere keine Seele haben und alle Menschen, sonderlich
-alle königlichen Personen, sich zu ihrer Erholung der Tiere bis zu
-deren Tode bedienen können. Aber in diesem Engelland sind sie so mit
-Tieren versehen, daß sie solche besser behandeln als ihre Diener. Die
-Pferdeställe und Hundehütten sind hier Paläste, und es gibt Ritter, die
-mit ihrem Pferde auf derselben Streu schlafen.
-
-Des Weiteren ist meine edle Gemahlin und Königin unfruchtbar. Sie tun
-mir den blutigen Schimpf an zu sagen, daß ich die Ursache davon sei
-und nicht sie, die übrigens über die Maßen eifersüchtig, ohne feine
-Sitte und liebestoll ist. Mein Herr und Vater, ich bitte alle Tage zum
-Herrgott, daß er mich in seiner Gnade erhalte. Ich hoffe auf einen
-andern Thron, und wäre es beim Türken, in Erwartung dessen, zu dem
-mich die Ehre beruft, Eurer höchst ruhmvollen und höchst siegreichen
-Majestät Sohn zu sein.“
-
- Gezeichnet: PHLE.“
-
-Der Kaiser antwortete auf diesen Brief:
-
- Mein Herr Sohn!
-
-„Eure Feinde sind groß, das bestreite ich nicht, aber versuchet, ohne
-Unwillen das Warten auf eine glänzendere Krone zu ertragen. Ich habe
-schon mehreren meine Absicht kund getan, Mich aus den Niederlanden und
-Meinen andern Kronländern zurückzuziehen, denn, alt und gichtisch, wie
-Ich werde, weiß Ich, daß Ich nicht wohl Heinrich von Frankreich, dem
-zweiten dieses Namens, widerstehen könnte, maßen Fortuna die jungen
-Leute liebt. Bedenket auch, daß Ihr als Herr Engellands Frankreich,
-Unseren Feind, durch Eure Macht verwundet.
-
-Ich wurde vor Metz elend geschlagen und verlor dort vierzigtausend
-Mann. Ich mußte vor dem von Sachsen fliehen. Wenn Gott mir nicht durch
-eine Fügung seines guten und göttlichen Willens Meine ursprüngliche
-Kraft und Rüstigkeit wiedergibt, so bin ich gewillt, mein Herr Sohn,
-Meine Reiche zu verlassen und sie Euch zu übergeben.
-
-Habet also Geduld und übet derweilen alle Pflicht wider die Ketzer,
-indem Ihr keinen von ihnen verschont, nicht Männer, Frauen, Mädchen
-noch Kinder; denn ich habe nicht ohne großen Schmerz erfahren, daß die
-Frau Königin sie oft begnadigen wollte.
-
- Euer wohlgewogener Vater.
- Gezeichnet: Karl.“
-
-
-54
-
-Da Ulenspiegel lange Zeit gewandert war, hatte er blutende Füße und
-begegnete im Bistum Mainz einem Planwagen mit Pilgern, der brachte ihn
-bis nach Rom.
-
-Als er in die Stadt einfuhr und vom Wagen stieg, erblickte er auf der
-Schwelle einer Herbergstür ein artiges Weiblein, welches lächelte, da
-es sah, wie er es anschaute.
-
-Diese holde Laune zu seinen Gunsten deutend, sprach er:
-
-„Wirtin, willst Du dem pilgernden Pilger Obdach geben? Denn ich bin der
-Entbindung nahe und werde mit dem Erlaß meiner Sünden niederkommen.“
-
-„Wir geben Obdach allen, die uns zahlen.“
-
-„Ich habe hundert Dukaten in meiner Geldkatze,“ versetzte Ulenspiegel,
-der nur einen hatte, „und ich will den ersten draufgehen lassen und mit
-Dir eine Flasche alten römischen Weins trinken.“
-
-„Der Wein ist an diesen heiligen Orten nicht teuer“, erwiderte sie.
-„Tritt ein und trinke für einen Soldo.“
-
-Sie tranken so lange mitsammen und leerten unter artigen Reden so viele
-Flaschen, daß die Wirtin ihrer Magd heißen mußte, an ihrer Statt den
-Kunden zu trinken zu geben. Sie und Ulenspiegel zogen sich derweil in
-ein Hintergemach zurück, das mit Marmelstein ausgelegt und kalt wie der
-Winter war.
-
-Den Kopf auf seine Schulter neigend, fragte sie ihn, wer er wäre.
-Ulenspiegel gab diese Antwort:
-
-„Ich bin Herr von Geeland, Graf von Gavergaëten, Baron von Tuchtendeel,
-und in Damm, meiner Vaterstadt, habe ich fünfundzwanzig Morgen
-Mondschein.“
-
-„Was ist das für ein Landgut?“ fragte die Wirtin und trank aus
-Ulenspiegels Humpen.
-
-„Das ist eine Besitzung, auf der man das Korn der Täuschungen, der
-leeren Hoffnungen und der luftigen Versprechen säet. Aber Du bist
-nicht im Mondschein geboren, holde Wirtin mit der ambraduftenden Haut
-und den Augen, die wie Perlen glänzen. Das bräunliche Gold dieser Haare
-hat die Farbe der Sonne; Venus, die neidlose, machte Dir die üppigen
-Schultern, die prallen Brüste, die runden Arme und die zierlichen
-Händlein. Werden wir heute Abend mitsammen speisen?“
-
-„Schöner Pilger aus Flandern,“ sprach sie, „warum kommst Du hierher?“
-
-„Um mit dem Papst zu sprechen,“ versetzte Ulenspiegel.
-
-„Ach,“ sprach sie, die Hände faltend, „mit dem Papst zu sprechen; ich,
-die ich aus diesem Lande stamme, habe es nimmer vermocht.“
-
-„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.
-
-„Aber,“ sagte sie, „weißt Du, wohin er geht, wie er ist? Kennst Du
-seine Gewohnheiten und seine Lebensweise?“
-
-„Man hat mir unterwegs erzählt, daß er Julius III. heißet, daß er ein
-Wüstling, lustig und ausschweifend ist, geschickt in der Unterhaltung
-und scharfsinnig in seinen Antworten. Auch hat man mir gesagt, daß er
-für einen kleinen schwarzen, schmutzigen und ungesitteten Bettelbuben,
-der mit einem Affen um Almosen bettelt, eine außerordentliche
-Freundschaft gefaßt hat. Da er auf den päpstlichen Stuhl gelangte, hat
-er ihn zum Kardinal der Anleihen gemacht, und er soll krank sein, wenn
-er einen Tag verbringt, ohne ihn zu sehen.“
-
-„Trink,“ sagte sie, „und sprich nicht so laut.“
-
-„Man sagt auch, daß er wie ein Soldat fluchte: ~Al dispetto di Dio,
-potta di Dio~, als er eines Tages beim Nachtmahl einen kalten Pfauen,
-den er sich hatte aufheben lassen, nicht fand. Er sagte: „Ich, der
-Statthalter Christi, mag wohl eines Pfauen halber fluchen, wenn mein
-Herr um einen Apfel gezürnet hat!“ / „Du siehst, Schätzlein, daß ich
-den Papst kenne und weiß, wer er ist.“
-
-„Ach,“ sagte sie, „aber sprich davon nicht zu andern. Du wirst ihn
-gleichwohl nicht sehen.“
-
-„Ich werde mit ihm sprechen“, sagte Ulenspiegel.
-
-„Wenn Du das tust, so gebe ich Dir hundert Gülden.“
-
-„Ich habe sie schon gewonnen“, sprach Ulenspiegel.
-
-Am andern Morgen lief er in der Stadt umher, wiewohl seine Beine müde
-waren, und erkundete, daß der Papst des selbigen Tages in Sankt Johann
-vom Lateran die Messe lesen würde. Ulenspiegel ging dorthin und stellte
-sich so auffallend in die Nähe des Papstes, als er vermochte, und jedes
-Mal, wenn der Papst den Kelch oder die Hostie erhob, kehrte Ulenspiegel
-dem Altar den Rücken.
-
-Neben dem Papst stand ein Kardinal, der die Messe ministrirte, braun
-von Angesicht, boshaft und feist, mit einem Affen auf der Schulter, und
-gab dem Volk mit vielen unzüchtigen Gesten das Sakrament. Er machte
-den Papst auf Ulenspiegels Gebahren aufmerksam und der Papst sandte
-nach der Messe vier prächtige Kriegsmänner, wie man sie in diesen
-kriegerischen Ländern kennt, sich des Pilgers zu bemächtigen.
-
-„Was für einen Glauben hast Du?“ fragte ihn der Papst.
-
-„Allerheiligster Vater,“ versetzte Ulenspiegel, „ich habe den Glauben,
-den meine Wirtin hat.“
-
-Der Papst ließ die Frau holen.
-
-„Was glaubst Du?“ sagte er zu ihr.
-
-„Was Eure Heiligkeit glaubt“, erwiderte sie.
-
-„Und ich desgleichen“, sprach Ulenspiegel.
-
-Der Papst fragte ihn, warum er dem heiligen Sakrament den Rücken
-gedreht hätte.
-
-„Ich fühlte mich unwürdig, es anzuschauen.“
-
-„Du bist Pilger“, sagte der Papst.
-
-„Ja,“ sprach er, „ich komme aus Flandern, Vergebung meiner Sünden zu
-erbitten.“
-
-Der Papst segnete ihn und Ulenspiegel ging mit der Wirtin von dannen;
-die zählte ihm hundert Gülden auf. So beladen verließ er Rom, um in das
-Land Flandern zurückzukehren.
-
-Aber für seinen Ablaß, der auf Pergament geschrieben war, mußte er
-sieben Dukaten entrichten.
-
-
-55
-
-Zur selbigen Zeit kamen zwei Prämonstratenserbrüder nach Damm, um Ablaß
-zu verkaufen. Sie trugen über ihrem Mönchsgewand ein schönes, mit
-Spitzen besetztes Hemde.
-
-Wenn das Wetter hell war, standen sie vor der Kirchtür, wenn es
-regnete, in der Vorhalle. Sie schlugen ihre Preisliste an; danach gaben
-sie für sechs Heller, für einen Pfennig, einen halben Pariser Lire,
-für sieben, zwölf Karolusgülden je hundert, zweihundert, dreihundert,
-vierhundert Jahre Ablaß und je nach dem Preis halben oder vollkommenen
-Ablaß und Vergebung für die ungeheuerlichsten Verbrechen, zum Exempel
-den Wunsch, der heiligen Jungfrau Gewalt anzutun. Aber dieses kostete
-siebenzehn Gülden.
-
-Den Käufern, die ihnen Geld gaben, händigten sie kleine Stücke
-Pergament ein, auf denen die Zahl der Ablaßjahre geschrieben stand.
-Darunter las man diese Inschrift:
-
- Wer nicht will werden
- Gedämpft, gebraten, gesotten gar,
- Im Fegefeuer tausend Jahr,
- In der Höllen brennen immerdar,
- Der kaufe Ablaß, Gnaden, Vergebung
- Um wenig Geld
- Gott wird’s ihm lohnen.
-
-Und auf zehn Meilen im Umkreis kamen Käufer zu ihnen. Der eine der
-guten Brüder predigte oftmals zum Volke; er hatte ein feistes,
-blühendes Gesicht und trug sein dreifaches Kinn und seinen Bauch ohne
-Verlegenheit zur Schau.
-
-„Unglücklicher,“ sprach er und heftete seine Augen auf den einen oder
-den andern seiner Zuhörer: „Unglücklicher, da bist Du in der Höllen;
-das Feuer verbrennt dich grausam, man lässet Dich in einem Kessel voll
-siedenden Öls kochen, worin man die Ölkuchen der Astarte bereitet. Du
-bist nichts als eine Blutwurst auf Luzifers Ofen, eine Hammelkeule
-auf dem Gilgiroths des großen Teufels, denn zuvor schneidet man Dich
-in Stücke. Siehe diesen großen Sünder, der den Ablaß verachtete, siehe
-diese Schüssel mit Hackfleisch, das ist er, das ist er, sein ruchloser
-Körper, sein verdammter Körper also zusammengekocht. Und was für eine
-Brühe! Schwefel, Pech und Teer. Und solchergestalt werden alle diese
-armen Sünder gefressen, um beständig für die Qual neu geboren zu
-werden. Da ist wahrlich Heulen und Zähneklappern. Habe Mitleid, Gott
-der Barmherzigkeit! Ja, da bist Du in der Hölle, armer Verdammter und
-leidest all diese Qualen. Gibt man nur einen Heller für Dich, so spürst
-Du jählings Linderung an Deiner rechten Hand; gibt man noch einen
-halben mehr, siehe da, Deine beiden Hände sind aus dem Feuer. Aber der
-übrige Körper? Ein Gülden, und der Tau des Ablasses fällt. O köstliche
-Kühlung. Und das zehn Tage, hundert Tage, tausend Jahre, je nachdem man
-zahlt: kein Braten, keine Ölkuchen, kein Hackfleisch mehr. Und wenn es
-nicht für Dich Sünder ist, gibt es nicht in den geheimsten Tiefen des
-Feuers arme Seelen? Deine Eltern, ein liebes Weib, ein holdes Mägdlein,
-mit dem Du gern sündigtest?“
-
-So sprechend, stieß der Mönch den Frater, der mit einem silbernen
-Becken neben ihm stand, mit dem Ellenbogen an. Bei diesem Zeichen
-schlug der Bruder die Augen nieder und schüttelte salbungsvoll sein
-Becken, um das Geld herbeizulocken.
-
-„Hast Du nicht“, sprach der Mönch weiter, „in diesem gräßlichen Feuer
-einen Sohn, eine Tochter, irgend ein geliebtes Kindlein? Sie schreien,
-sie weinen, sie rufen Dich. Könntest Du bei diesen kläglichen Stimmen
-taub bleiben? Du könntest es nicht. Dein Herz von Eis schmilzt; aber
-das wird Dir einen Gülden kosten. Und schau: beim Klang dieses Karolus
-auf diesem geringen Metall (des Mönches Kumpan schüttelte abermals das
-Becken) entsteht ein leerer Raum im Feuer, und die arme Seele steigt
-bis an die Öffnung irgend eines Vulkans. Nun ist sie in der frischen
-Luft, der freien Luft! Wo ist die Pein des Feuers? Das Meer ist nahe,
-sie stürzt sich hinein, sie schwimmt auf dem Rücken, auf dem Bauch,
-auf den Wogen und unter ihnen. Horch, wie sie vor Freude jauchzt, wie
-sie sich im Wasser wälzt! Die Engel schauen sie an und sind glücklich.
-Sie erwarten sie, aber sie hat noch nicht genug, sie möchte ein
-Fisch werden. Sie weiß nicht, daß es da oben labende, duftende Bäder
-gibt, darinnen große Stücke weißen Kandiszuckers schwimmen, so kühl
-wie Eis. Ein Hai erscheint; sie fürchtet ihn nimmer. Sie steigt auf
-seinen Rücken, aber er spürt sie nicht; sie will mit ihm in die Tiefen
-des Meeres tauchen, dort will sie die Engel der Gewässer begrüßen,
-Waterzoey (Wassertiere) aus Korallenkesseln und frische Austern von
-Perlmutterschalen essen. Und wie wohl wird sie dort empfangen, gefeiert
-und gehätschelt. Die Englein rufen sie immerdar von oben. Siehst Du,
-wie sie endlich erquickt und glücklich, gleich einer Lerche, sich
-singend in den höchsten Himmel erhebt, wo Gott in seiner Herrlichkeit
-thront? Dort findet sie alle ihre irdischen Verwandten und Freunde,
-ohne allein jene, so im Abgrund der Höllen brennen, dieweil sie den
-Ablaß unsrer Heiligen Mutter Kirche geschmäht haben. Und also immer,
-immer, immer, bis in Jahrhunderte von Jahrhunderten, in der brennenden
-Ewigkeit. Aber die andre Seele ist bei Gott, erfrischt sich in
-köstlichen Bädern und knuspert Kandiszucker. Kauft Ablaß, Brüder, er
-wird für Cruzados, für Goldgülden, für Sovereigns aus England erteilt.
-Auch Kippergeld wird nicht zurückgewiesen. Kauft, kauft! Dies ist der
-heilige Kramladen. Hier ist Waare für Arme und für Reiche, aber es ist
-uns schier leid: wir können nichts auf Borg geben, Brüder, denn kaufen
-und nicht baar bezahlen ist ein Verbrechen in den Augen des Herrn.“
-
-Der Bruder, der nicht predigte, schüttelte seine Schale und die Gulden,
-Cruzados, Dukaten, Groschen, Heller und Pfennige fielen hageldicht
-darauf nieder.
-
-In Ansehung seines Reichtums zahlte Klas einen Gülden für zehntausend
-Jahre Ablaß. Die Mönche gaben ihm dafür ein Stück Pergament.
-
-Aber in Bälde, da sie sahen, daß in Damm nur noch Geizhälse übrig
-waren, die keinen Ablaß gekauft hatten, machten sich die beiden nach
-Heyst auf.
-
-
-56
-
-Mit seinem Pilgergewand angetan und seiner Vergehen los und ledig,
-verließ Ulenspiegel Rom, ging seines Weges fürbaß und kam nach Bamberg,
-wo man das beste Gemüse der Welt hat.
-
-Er trat in eine Herberge, wo eine fröhliche Wirtin war; die sprach zu
-ihm:
-
-„Junger Herr, willst Du für dein Geld essen?“
-
-„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „aber für wieviel isset man hier?“
-
-Die Wirtin erwiderte:
-
-„An der Herrentafel speist man für sechs Gülden; am Bürgertisch für
-vier und am Gesindetisch für zwei.“
-
-„Das meiste Geld dient mir allerbest“, versetzte Ulenspiegel und ging
-und setzte sich an die Herrentafel. Als er sich satt gegessen und seine
-Mahlzeit mit Rheinwein begossen hatte, sprach er zur Wirtin:
-
-„Gevatterin, ich habe für mein Geld gut gespeist; gib mir die sechs
-Gülden.“
-
-Die Wirtin sagte zu ihm:
-
-„Spottest Du meiner? Zahl Deine Zeche.“
-
-„Liebreizende Meisterin,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „Ihr habt nicht
-das Aussehen einer schlimmen Schuldnerin; im Gegenteil, ich sehe soviel
-große Aufrichtigkeit, Treuherzigkeit und Nächstenliebe darin, daß Ihr
-mir lieber achtzehn Gülden zahlen würdet, als mir die sechs verweigern,
-die Ihr mir schuldet. Die schönen Augen! Die Sonne, die Strahlenpfeile
-auf mich schleudert und verliebte Tollheit aufschießen läßt, höher als
-die Quecken auf einem Brachfeld.“
-
-Die Wirtin entgegnete:
-
-„Ich habe nichts mit Deiner Tollheit noch mit Deinen Quecken zu
-schaffen; bezahle und scheer Dich fort.“
-
-„Fortgehen und Dich nicht fürder sehen! Lieber wollt’ ich augenblicks
-verscheiden. Meisterin, süße Meisterin, ich habe nicht die Gewohnheit
-für sechs Gülden zu essen, ich armer junger Kerl, der über Berg und Tal
-wandert. Ich habe mich vollgestopft, und bald werde ich wie ein Hund
-in der Sonne die Zunge heraushängen lassen. Geruht, mich zu bezahlen,
-ich habe die sechs Gülden durch die harte Arbeit meiner Kinnbacken
-redlich verdient. Gebt sie mir und ich werde Euch mit solcher Glut
-der Dankbarkeit liebkosen, küssen und umarmen, daß siebenundzwanzig
-Verliebte mitsammen zu solcher Leistung nicht ausreichen.“
-
-„Du redest so ums Geld“, sagte sie.
-
-„Soll ich Dich umsonst aufessen?“
-
-„Nein“, sprach sie, sich seiner erwehrend.
-
-„Ach,“ seufzte er, sie verfolgend, „Deine Haut ist wie Rahm, Deine
-Haare sind wie ein Fasan, der am Spieß gebräunt ist, Deine Lippen wie
-Kirschen! Gibt es eine, die leckerer ist als Du?“
-
-„Es steht Dir wohl an, Du loser Vogel,“ sagte sie lächelnd, „mir noch
-sechs Gülden abzufordern. Sei froh, daß ich Dich gratis gefüttert habe,
-ohne etwas von Dir zu fordern.“
-
-„Wenn Du wüßtest, wieviel Platz noch da ist.“
-
-„Zieh ab,“ sagte die Wirtin, „ehe mein Mann kommt.“
-
-„Ich werde ein nachsichtiger Gläubiger sein“, versetzte Ulenspiegel.
-„Gib mir zum wenigsten einen Gülden für den künftigen Durst.“
-
-„Da, Du schlimmer Geselle“, sagte sie und gab ihm den.
-
-„Aber lässest Du mich auch wiederkommen?“
-
-„Willst Du wohl gehen“, sagte sie.
-
-„Wohl gehen,“ sprach Ulenspiegel, „das hieße zu Dir gehen, Du Holde.
-Aber Deine schönen Augen verlassen, das heißt schlecht gehen. Wenn
-Du geruhst, mich zu behalten, werde ich nur für einen Gülden täglich
-essen.“
-
-„Ist ein Stock vonnöten?“ sprach sie.
-
-„Nimm meinen“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-Sie lachte, aber er mußte von dannen ziehen.
-
-
-57
-
-Um jene Zeit siedelte Lamm Goedzak wiederum nach Damm über, sintemalen
-das Land Lüttich wegen der Ketzereien unsicher war. Sein Weib folgte
-ihm willig, dieweil die Lütticher, die ihrer Natur nach treffliche
-Spötter waren, sich über die Gutmütigkeit ihres Mannes lustig machten.
-
-Er ging oft zu Klas, welcher, seit er geerbt hatte, die Schenke
-„zum blauen Turm“ unsicher machte und sich allda für sich und seine
-Kumpane einen Tisch ausgewählt hatte. Am nächsten Tische saß Jobst
-Griepenstüver, der seine halbe Kanne in kleinen Schlucken trank. Er war
-der Älteste der Fischergilde, ein geiziger, knickeriger Mann, der von
-sauren Heringen lebte und dem das Geld über das Heil seiner Seele ging.
-Klas hatte das Stück Pergament, darauf die zehntausend Jahre Ablaß
-geschrieben waren, in seinen Säckel gesteckt.
-
-Eines Abends, da Klas in Gesellschaft von Lamm Goedzak, Jan van
-Rosebeke und Matthys van Assche im „Blauen Turm“ saß und Jobst
-Griepenstüver auch da war, becherte Klas tapfer und Jan Rosebeke sprach
-zu ihm:
-
-„Das heißt sündigen, soviel zu trinken.“
-
-Klas entgegnete:
-
-„Man brennt nur einen halben Tag für eine Kanne zuviel. Und ich habe
-zehntausend Jahre Ablaß in meinem Säckel. Wer will hundert davon, um
-sich ohne Furcht den Magen zu überschwemmen?“
-
-Alle riefen:
-
-„Wie teuer verkaufst Du sie?“
-
-„Für eine Kanne, doch gebe ich hundertfünfzig für eine ~muske conyn~.“
-
-Etliche Trinker zahlten Klas, der eine einen Schoppen, der andre
-Schinken; er schnitt ihnen allen einen kleinen Streifen Pergament
-ab. Aber nicht Klas aß den Preis des Ablasses auf und vertrank ihn,
-sondern Lamm Goedzak, welcher soviel verschlang, daß er zusehends
-anschwoll, derweil Klas in der Schenke hin und her ging, seine Ware
-feilzubieten.
-
-Griepenstüver kehrte ihm seine mürrische Miene zu.
-
-„Hast du Ablaß für zehn Tage?“ fragte er.
-
-„Nein,“ sprach Klas, „das ist zu schwer abzuschneiden.“
-
-Und jedermann lachte, und Griepenstüver würgte seinen Zorn hinunter.
-
-Alsdann begab sich Klas in seine Hütte, und Lamm folgte ihm und ging,
-als ob er Beine aus Wolle hätte.
-
-
-58
-
-Gegen das Ende des dritten Jahres kehrte Katheline nach Damm in ihre
-Behausung zurück. Und ohne Aufhören sagte die Irre: „Feuer auf dem
-Kopf, die Seele pocht, macht ein Loch, sie will hinaus.“ Und allemal,
-wenn sie Ochsen oder Hämmel erblickte, entfloh sie. Und sie setzte sich
-auf die Bank unter den Linden hinter ihrer Hütte, schüttelte den Kopf
-und sah die von Damm an, ohne sie zu erkennen; sie aber sagten, an ihr
-vorübergehend: „Das ist die Irre.“
-
-Indessen erblickte Ulenspiegel, welcher auf Wegen und Stegen
-umherstreifte, einen Esel auf der Landstraße; der war mit einem Leder
-aufgezäumt, welches mit Kupfernägeln verziert war, und sein Kopf war
-mit Quasten und Troddeln von roter Wolle geschmückt.
-
-Etliche alte Weiber stunden um den Esel und schwatzten und redeten
-alle zumal: „Keiner kann ihn bezwingen, es ist das grausliche Tier des
-großen Hexenmeisters, Baron von Rais, der lebendig verbrannt ward,
-dafür daß er dem Teufel acht Kinder geopfert hat. / Gevatterinnen, er
-ist so schnell davongelaufen, daß man ihn nicht hat einholen können.
-Satan steckt in ihm und beschützt ihn. / Denn da er ermattet auf der
-Landstraße still stand, kamen die Gemeinbüttel, ihn zu fangen; er aber
-schlug hinten aus und schrie so erschrecklich, daß sie ihm nicht zu
-nahen wagten. / Und das war keines Esels, sondern des Teufels Geschrei.
-/ Derhalben ließ man ihn Disteln weiden, ohne ihm den Prozeß zu machen,
-noch ihn als Hexenmeister lebendig zu verbrennen. / Diese Mannsleute
-haben keinen Mut.“
-
-Ohngeachtet dieser erbaulichen Reden entflohen sie mit Geschrei, sobald
-der Esel die Ohren spitzte oder sich die Flanken mit dem Schwanze
-schlug. Dann aber kamen sie gackernd und plappernd wieder und führten
-bei der geringsten Bewegung des Grautiers die nämliche Komödie von
-Neuem auf.
-
-Aber Ulenspiegel betrachtete sie mit Lachen:
-
-„Ach,“ sprach er, „Neugierde ohne Ende und immerwährendes Reden
-strömt wie ein Fluß aus den Mäulern der Gevatterinnen, sonderlich der
-alten, denn bei den jungen ist der Strom nicht so reißend wegen ihrer
-verliebten Geschäfte.“
-
-Alsdann nahm er den Esel in Augenschein.
-
-„Dies Hexentier ist behend,“ sprach er, „und trabt ohne Zweifel nicht
-mit den Schultern; ich kann darauf reiten oder es verkaufen.“
-
-Ohne ein Wort zu sagen, ging er und holte eine Metze Hafer, gab sie dem
-Esel zu fressen, sprang ihm hurtig auf den Rücken, ergriff den Zügel,
-drehte sich nach Norden, Osten und Westen und segnete von ferne die
-Alten.
-
-Die knieten, ohnmächtig vor Schreck, nieder, und in der Spinnstube hieß
-es hernach, daß ein Engel, der einen Filzhut mit Fasanenfeder trug,
-gekommen sei, sie alle zu segnen und durch absonderliche Gnade Gottes
-den Esel des Zauberers fortzuführen.
-
-Und Ulenspiegel trabte auf seinem Esel von dannen, mitten durch fette
-Weiden, wo Pferde frei umhersprangen und Kühe und Färsen träg in der
-Sonne lagen und wiederkäuten. Und er nannte ihn Jef.
-
-Der Esel stand still und hielt wohlgemut sein Mittagmahl von Disteln.
-Bisweilen jedoch zitterte er über die ganze Haut und schlug mit dem
-Schwanz an die Flanken, um die gefräßigen Bremsen zu vertreiben, die
-auch speisen wollten, aber von seinem Fleische.
-
-Ulenspiegel, dessen Magen vor Hunger knurrte, war trübselig.
-
-„Du wärest recht glücklich, Herr Esel,“ sagte er, „bei Deinem
-Mittagmahl von fetten Disteln, „wann keiner Dich in Deinem Wohlbehagen
-störte und Dich erinnerte, daß Du sterblich bist, das ist geboren,
-um alle Arten von Unbill zu erdulden. Gleich wie Du,“ fuhr er fort
-und drückte den Esel mit den Schenkeln, „hat der Mann vom heiligen
-Pantoffel seine Bremse, das ist der Doktor Luther, und seine Hohe
-Majestät Karl hat auch die seine, das ist Herr Franz, der erste des
-Namens, der König mit der sehr langen Nase und dem noch längeren
-Degen. Darum ist es mir, dem armen jungen Kerl, der wie ein Jude
-herumirrt, wohl erlaubt, auch eine Bremse zu haben, Herr Esel. Ach,
-alle meine Täschlein sind durchlöchert und durch das Loch laufen all
-meine schönen Dukaten, Gülden und Taler davon wie eine Legion Mäuse,
-so dem Rachen einer Katze entfleuchen. Ich weiß nicht, warum das Geld
-mich nicht mag, der ich so gern das Geld möchte. Was man auch sage,
-Fortuna ist kein Weib, denn sie liebt nur die geizigen Filze, so sie
-in Truhen und Säcke sperren und mit zwanzig Schlüsseln verschließen
-und ihr nimmer erlauben, ein Endlein ihrer ganz vergüldeten Nase ans
-Fenster zu drücken. Das ist die Bremse, die an mir nagt und frißt und
-mich kitzelt, ohne mich zum Lachen zu bringen, Du hörst mich nicht an,
-Herr Esel, und denkst nur ans Fressen. O, Du Fettwanst, der seinen
-Wanst anfüllt, Deine langen Ohren sind taub für das Knurren der leeren
-Bäuche. Hör mich an, ich will es.“
-
-Und er peitschte ihn fort. Der Esel hub an zu schreien.
-
-„Nun Du gesungen hast, laß uns weitergehen“, sagte Ulenspiegel.
-
-Aber der Esel rührte sich nicht mehr denn ein Meilenstein und schien
-den Vorsatz gefaßt zu haben, alle Disteln an der Straße bis auf die
-letzte zu fressen. Und es mangelte nicht daran.
-
-Da Ulenspiegel das sah, stieg er ab, schnitt einen Strauß Disteln,
-hielt ihn dem Esel unter die Nase und führte ihn solcherart bis in das
-Gebiet des Landgrafen von Hessen.
-
-„Meister Esel,“ sagte er im Weiterreiten, „Du läufst meinem
-Distelstrauße nach und lässest den schönen Weg, der ganz mit diesen
-leckeren Pflanzen bestanden ist, hinter Dir. So machen es alle
-Menschen; die einen wittern den Duft des Ruhmes, den Fortuna ihnen
-unter die Nase hält, die andern den Duft des Gewinstes und etliche den
-Duft der Liebe. Am Ende des Weges werden sie wie Du gewahr, daß sie dem
-nachgelaufen sind, was wenig war, und das zurückgelassen haben, was
-etwas war, nämlich: Gesundheit, Arbeit, Ruhe und Wohlsein daheim.“
-
-Dergestalt mit seinem Esel schwätzend, kam Ulenspiegel vor den Palast
-des Landgrafen.
-
-Zwei Hauptleute der Scharfschützen würfelten auf der Treppe. Der eine
-von ihnen, welcher rothaarig und riesengroß war, sprach zu Ulenspiegel,
-der bescheidentlich auf Jef saß und ihnen zusah: „Was willst Du bei uns
-mit Deiner ausgehungerten Pilgerfratze?“
-
-„Ich habe freilich großen Hunger,“ versetzte Ulenspiegel, „und
-wallfahrte wider Willen.“
-
-„So Du Hunger hast,“ erwiderte der Hauptmann, „so schlinge den Strick
-hinunter, der am nächsten Galgen baumelt; der ist für Landstreicher
-bestimmt.“
-
-„Herr Hauptmann,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn Ihr mir den schönen
-güldenen Strick gäbet, den Ihr am Hute traget, so würde ich mich mit
-den Zähnen an jenem fetten Schinken aufhängen, der dorten beim Garkoch
-baumelt.“
-
-„Woher kommst Du?“ fragte der Hauptmann.
-
-„Aus Flandern“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Was willst Du?“
-
-„Seiner landgräflichen Gnaden ein Gemälde meiner Art zeigen.“
-
-„Wenn Du ein Maler und aus Flandern bist,“ sagte der Hauptmann, „so
-tritt ein, und ich werde Dich zu meinem Herrn führen.“
-
-Da Ulenspiegel vor den Landgrafen geführt ward, grüßte er ihn dreimal
-und noch mehr.
-
-„Geruhen Euer Landgräfliche Gnaden“, sprach er, „meine Dreistigkeit
-zu entschuldigen, wenn ich es wage, zu Ihren edlen Füßen eine Malerei
-niederzulegen, die ich für Sie machte, und worauf ich die Ehre hatte,
-die Jungfrau in kaiserlichem Schmuck zu konterfeien.“
-
-„Diese Malerei“, fuhr er fort, „wird Euch vielleicht genehm sein. In
-dem Falle macht mich meine Kunst so vermessen, auf eine Erhöhung meines
-Sitzes bis zu diesem schönen Armsessel von rotem Sammet zu hoffen,
-worinnen zu seinen Lebzeiten der unvergeßliche Maler Euer großmütigen
-Gnaden saß.“
-
-Da der Herr Landgraf das Gemälde, das schön war, betrachtet hatte,
-sagte er:
-
-„Du sollst Unser Maler werden, setz Dich dort auf den Armstuhl.“ Und er
-küßte ihn fröhlich auf beide Wangen. Ulenspiegel setzte sich.
-
-„Schier zerlumpt schaust Du aus“, sprach der Landgraf, ihn betrachtend.
-
-Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Wahrlich, Euer Gnaden, Jef, das ist mein Esel, fraß Disteln zu Mittag,
-aber ich lebe seit drei Tagen nur von Elend und nähre mich vom Dunste
-der Hoffnung.“
-
-„Du wirst alsbald besseres Fleisch zum Nachtmahl haben,“ entgegnete der
-Landgraf, „aber wo ist Dein Esel?“
-
-„Ich habe ihn auf dem Schloßplatz gelassen, dem Palast Eurer Gnaden
-gegenüber. Ich wäre recht froh, wenn Jef Obdach, Streu und Futter für
-die Nacht fände.“
-
-Der Herr Landgraf befahl stracks einem seiner Pagen, Ulenspiegels Esel
-zu behandeln, als wär’s sein eigner.
-
-Alsbald kam die Stunde des Nachtmahls. Da war eitel Hochzeit und
-Gelage, und die Fleischspeisen dampften immerfort und die Weine
-strömten in die Kehlen.
-
-Ulenspiegel und der Landgraf waren alle beide so rot wie glühende
-Kohlen; Ulenspiegel ward lustig, aber der Landgraf blieb nachdenklich.
-
-„Unser Maler,“ sagte er plötzlich, „Du mußt mich malen, denn es ist für
-einen sterblichen Fürsten eine gar große Genugtuung, seinen Nachkommen
-sein Antlitz zum Gedächtnis zu hinterlassen.“
-
-„Herr Landgraf,“ versetzte Ulenspiegel, „Euer Wille ist mein Wunsch;
-aber mir Armseligen scheint, daß Eure Liebden so ganz allein konterfeit
-in den künftigen Zeiten nicht viel Kurzweil haben würden. Ihr müßt in
-Gesellschaft Eurer edlen Gemahlin, der Frau Landgräfin, hochdero Damen
-und Herren und Eurer tapfersten Hauptleute und Offiziere sein, in
-deren Mitte der hohe Herr und die hohe Frau wie Sonnen unter Laternen
-erglänzen werden.“
-
-„Fürwahr, Unser Maler,“ erwiderte der Landgraf, „und was soll ich Dir
-für diese große Arbeit zahlen?“
-
-„Hundert Gülden im voraus oder anders“, sprach Ulenspiegel.
-
-„Hier sind sie im voraus“, sprach der Landgraf.
-
-„Euer Mitleid, gnädiger Herr, gießt Öl auf meine Lampe; sie wird Euch
-zu Ehren brennen“, sprach Ulenspiegel.
-
-Am folgenden Tag bat er Seine Gnaden den Landgrafen, Die, welchen er
-die Ehre des Konterfeis zugedacht hätte, an ihm vorbeiziehen zu lassen.
-
-Da kam der Herzog von Lüneburg, der Feldhauptmann der Landsknechte
-im Dienste des Landgrafen, der seinen feisten Wanst nur mit großer
-Beschwerde schleppte. Er trat nahe an Ulenspiegel heran und säuselte
-ihm diese Worte ins Ohr:
-
-„Wenn Du mir beim Abmalen nicht die Hälfte meines Fettes fortnimmst, so
-laß ich Dich durch meine Soldaten henken.“
-
-Kam sodann eine hohe Dame; selbige hatte einen Höcker auf dem Rücken
-und eine Brust, so glatt wie die Klinge eines Richtschwertes.
-
-„Meister Maler,“ sagte sie, „wenn Du mir nicht anstatt des einen, den
-du fortnimmst, zwei Höcker machst und sie nach vorne setzest, so laß
-ich Dich wie einen Giftmischer vierteilen.“
-
-Kam ein junges Ehrenfräulein, blond, frisch und liebreizend, aber ihr
-fehlten drei Zähne unter der Oberlippe.
-
-„Meister Maler,“ sprach sie, „wenn Du mich nicht malst, wie ich
-lache und zweiunddreißig Zähne zeige, so laß ich Dich durch meinen
-Herzallerliebsten in Stücke hacken.“
-
-Und auf den Hauptmann der Scharfschützen weisend, der zuvor auf der
-Treppe des Palastes gewürfelt hatte, ging sie weiter.
-
-Die Prozession nahm ihren Verlauf. Ulenspiegel blieb mit Seiner Gnaden
-dem Landgrafen allein.
-
-„Wenn Du das Unglück hast,“ sprach dieser, „beim Konterfeien aller
-dieser Gesichter mit einem Strich zu lügen, so laß ich Dir den Hals
-abschneiden wie einem jungen Huhn.“
-
-Ulenspiegel gedachte: „des Kopfes beraubt, gevierteilt, kleingehackt
-oder zum mindesten gehenkt, wird es leichter sein, gar nicht zu malen.
-Ich werde darauf bedacht sein.“
-
-„Wo ist der Saal,“ fragte er den Landgrafen, „den ich mit all diesen
-Gemälden schmücken soll?“
-
-„Folge mir“, sprach der Landgraf.
-
-Und er zeigte ihm ein großes Gemach mit ganz nackten Mauern.
-
-„Hier ist der Saal“, sagte er.
-
-„Mir wäre es lieb,“ sprach Ulenspiegel, „wenn man vor diese Wände große
-Vorhänge zöge, auf daß meine Schildereien nicht möchten durch Fliegen
-und Staub verunglimpft werden.“
-
-„Das soll geschehen“, sprach der Landgraf.
-
-Nachdem die Vorhänge befestigt waren, begehrte Ulenspiegel drei
-Gesellen, damit sie, wie er sagte, ihm die Farben rieben. Dreißig Tage
-lang taten Ulenspiegel und die Gesellen nichts denn schwelgen und
-schlemmen und schonten der feinen Braten und alten Weine nicht; der
-Landgraf wachte selbst darüber.
-
-Indessen am einunddreißigsten Tage steckte er die Nase in die Türe des
-Gemachs, das auf Ulenspiegels Geheiß niemand betreten sollte.
-
-„Wohlan, Tyll,“ sprach er, „wo sind die Bilder?“
-
-„Sie sind weit“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Kann man sie nicht sehen?“
-
-„Noch nicht.“
-
-Am sechsunddreißigsten Tage steckte er wieder die Nase durch die Türe:
-
-„Wohlan, Tyll?“ fragte er.
-
-„Ei, gnädigster Herr Landgraf, sie gehen dem Ende zu.“
-
-Am sechzigsten Tage ward der Landgraf zornig und trat in das Gemach.
-
-„Flugs wirst Du mir die Bildnisse zeigen“, sprach er.
-
-„Jawohl, Euer Furchtbarkeit“, erwiderte Ulenspiegel. „Aber wollet
-diesen Vorhang nicht lüften, ehe Ihr nicht die Herren Hauptleute und
-Damen Eures Hofes hierher beschieden habt.“
-
-„Ich willige darein“, sprach der Landgraf.
-
-Alle kamen auf sein Geheiß.
-
-Ulenspiegel stand vor dem zugezogenen Vorhang.
-
-„Gnädigster Herr Landgraf,“ sprach er, „und Ihr, gnädigste Frau
-Landgräfin, und Eure Gnaden von Lüneburg und Ihr anderen schönen Damen
-und wackeren Hauptleute, ich habe Eure liebreizenden oder kriegerischen
-Angesichter hinter jenem Vorhang aufs beste abkonterfeit. Es wird
-Euch ein Leichtes sein, Euch männiglich darauf zu erkennen. Ihr seid
-neugierig, es zu sehen, das ist gerecht, aber geruhet Euch zu gedulden,
-und lasset mich ein Wort oder sechs reden. Schöne Damen und wackere
-Hauptleute, die Ihr adligen Blutes seid, Ihr könnet meine Malerei
-sehen und bewundern, so aber einer unter Euch ein Bürgerlicher ist,
-wird er nur die weiße Wand erblicken. Und nun geruhet Eure edlen Augen
-aufzutun.“
-
-Ulenspiegel zog den Vorhang fort:
-
-„Allein die adligen Herren, allein die adligen Damen sind sehend.
-Darum wird man in Bälde sagen: Für die Malerei blind wie ein
-Niedriggeborener, scharfsichtig wie ein Edelmann.“
-
-Alle sperrten die Augen auf und stellten sich, als ob sie etwas sähen,
-zeigten sich einer dem andern, nannten Namen und erkannten sich, aber
-in Wahrheit erblickten sie nur die nackte Wand, welches sie verblüffte.
-
-Plötzlich sprang der Narr, der zugegen war, drei Schuh hoch in die Luft
-und schüttelte seine Schellen:
-
-„Scheltet mich einen Bürgerlichen, einen Niedrigen, der Niedrigkeit
-noch erniedrigt, aber ich sage und rufe mit Pauken und Trompeten, daß
-ich allda nur eine kahle Wand, eine weiße Wand, eine kahle Wand sehe.
-So mögen mir Gott und alle seine Heiligen beistehen.“
-
-Ulenspiegel versetzte:
-
-„Wenn Narren drein reden, so ist’s für die Weisen an der Zeit, zu
-gehen.“
-
-Er wollte den Palast verlassen, als der Landgraf ihn festhielt und
-sprach:
-
-„Du Schalksnarr, der durch die Welt wandert und die schönen und guten
-Dinge preist und der Dummheit mit einer scharfen Zunge spottet, Du
-wagtest angesichts so vieler hoher Damen und noch höherer vieledler
-Herren Dich öffentlich über Wappen und Adelsstolz lustig zu machen; du
-wirst eines Tages für Dein freies Reden gehenkt werden.“
-
-„Wenn der Strick von Gold ist, wird er vor Furcht zerreißen, wenn er
-mich kommen sieht.“
-
-„Nimm“, sprach der Landgraf und gab ihm fünfzehn Gülden; „dies ist das
-eine Ende davon.“
-
-„Großen Dank, Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „jede Herberge des
-Weges wird ein Fädlein davon erhalten, ein gülden Fädlein, das die
-spitzbübischen Herbergswirte zu Krösussen macht.“
-
-Und wohlgemut ritt er auf seinem Esel fürbaß; die Kappe trug er hoch,
-und die Feder wallte im Winde.
-
-
-59
-
-Die Blätter auf den Bäumen vergilbten, und der Herbstwind begann zu
-wehen. Katheline war zuzeiten eine oder drei Stunden bei Sinnen. Und
-Klas sagte dann, daß der Geist Gottes in seinem milden Erbarmen in sie
-führe. In solchen Augenblicken hatte sie die Macht, durch Gebärden und
-Worte einen Zauber auf Nele zu werfen, also daß sie mehr denn hundert
-Meilen weit Dinge erblickte, die auf Plätzen und Gassen und in den
-Häusern geschahen.
-
-An jenem Tage nun, da Katheline bei gutem Verstande war und Ölkuchen,
-mit Doppelbier angefeuchtet, in Gemeinschaft mit Klas, Soetkin und Nele
-verzehrte, sprach Klas:
-
-„Heute ist der Tag der Abdankung Seiner Heiligen Majestät Kaiser Karls
-V. Nele, mein Schätzlein, vermöchtest Du wohl bis nach Brüssel in
-Brabant zu sehen?“
-
-„Ich vermöchte es, wenn Katheline will“, versetzte Nele.
-
-Alsogleich hieß Katheline das Mägdlein auf eine Bank niedersitzen und
-durch ihre Worte und Gebärden, die wie ein Zauber wirkten, sank Nele in
-festen Schlummer.
-
-Katheline sprach zu ihr:
-
-„Tritt in das kleine Haus des Lustgartens, wo Kaiser Karl V. zu
-verweilen liebt.“
-
-„Ich bin“, sprach Nele mit leiser Stimme und als ob sie erstickte,
-„ich bin in einem kleinen Saal, der mit Ölfarbe grün angemalt ist.
-Dort sitzt ein Mann, nahe bei vierundfünfzig Jahren, kahlköpfig und
-grau, der einen blonden Bart auf einem vorstehenden Kinn trägt. Der
-Blick seiner grauen Augen ist böse, voller Arglist, Grausamkeit und
-verstellter Gutmütigkeit. Und diesen Mann nennt man Heilige Majestät.
-Er ist verschleimt und hustet viel. Bei ihm steht ein anderer, der ist
-jung, mit häßlicher Fratze wie ein wasserköpfiger Affe. Ich sah ihn
-zu Antwerpen, es ist König Philipp. Seine Heilige Majestät tadelt ihn
-just, daß er die Nacht sich herumgetrieben hat. Sicherlich, sagt er,
-um in einer Spelunke irgend eine Vettel aus dem verrufenen Stadtteil
-zu finden. Er sagt, daß seine Haare nach der Schenke riechen und daß
-solches kein Vergnügen für einen König sei, der nur zu wählen braucht
-reizende Leiber mit Haut wie Atlas, in wohlriechenden Bädern erfrischt,
-und Hände sehr verliebter, vornehmer Damen. Das ist mehr wert als eine
-Saudirne, die kaum gewaschen aus den Armen eines versoffenen Soldaten
-kommt. Da ist kein Weib, sagt er, ob Jungfrau, Ehefrau oder Wittib,
-die ihm widerstehen möchte unter den adligsten und schönsten, die ihre
-Liebschaften mit duftenden Kerzen und nicht mit dem fettigen Glimmen
-stinkender Unschlittlichter erhellen.“
-
-Der König erwidert Seiner Majestät, daß er ihm in allem gehorchen werde.
-
-Dann hustet Seine Majestät und trinkt etliche Schluck Würzwein.
-
-„Du wirst“, sagt er, sich an Philipp wendend, „alsbald die
-Generalstaaten sehen, Prälaten, Edle und Bürger: Oranien den
-Schweigsamen, Egmont den Eitlen, Hoorn den Unbeliebten, und Brederode
-den Leuen, und alle die Ritter vom Güldenen Vlies, zu dessen
-Großmeister ich Dich ernennen werde. Du wirst da hundert finden, die
-dies Spielzeug tragen und die sich männiglich die Nase abschneiden
-ließen, so sie diese an einer güldenen Kette als Zeichen höheren Adels
-auf der Brust tragen könnten.“
-
-Dann sagt Seine Majestät in anderm Ton und höchst kläglich zu König
-Philipp:
-
-„Du weißt, daß ich zu Deinen Gunsten abdanken werde, mein Sohn, und
-der Welt ein großes Schauspiel geben und vor einer großen Menge reden,
-obwohl mit Schlucken und Husten, denn ich habe meiner Lebtage zuviel
-gegessen, mein Sohn. Du müßtest ein gar hartes Herz haben, wenn Du
-nicht etliche Tränen vergössest, nachdem Du mich angehört hast.“
-
-„Ich werde weinen, Herr Vater“, antwortet König Philipp.
-
-Dann spricht Seine Heilige Majestät zu einem Diener, mit Namen Dubois:
-
-„Dubois,“ sagt er, „reiche mir ein Stück Madeirazucker: ich habe das
-Schlucken. Wenn es mich nur nicht überfällt, dieweil ich zu aller Welt
-spreche. Die Gans von gestern wird wohl nie verdaut werden. Ob ich wohl
-einen Humpen Wein von Orleans trinke? Nein, er ist zu herbe. Ob ich
-etliche Sardinen esse? Sie sind so ölig. Dubois, gib mir Wein aus der
-Romagna.“
-
-Dubois gibt Seiner Heiligen Majestät, was er verlangt. Dann legt er ihm
-ein Kleid von karmesinrotem Sammet an, bedeckt ihn mit einem güldenen
-Mantel, gürtet ihm den Degen um, überreicht ihm Zepter und Reichsapfel
-und setzt ihm die Krone aufs Haupt.
-
-Sodann verläßt Seine Heilige Majestät auf einem kleinen Maultier das
-Haus im Lustgarten; König Philipp und viele hohe Personen folgen ihm.
-So gelangen sie in ein großes Gebäude, das sie Palast nennen und finden
-dort in einem Gemach einen Mann von hoher, hagerer Gestalt und reich
-gekleidet, den sie Oranien nennen.
-
-Seine Heilige Majestät spricht zu diesem Manne und sagt:
-
-„Sehe ich gut aus, Vetter Wilhelm?“
-
-Aber der Mann antwortet nicht.
-
-Seine Heilige Majestät sagt darauf, halb lachend, halb zornig:
-
-„Wirst Du denn immer stumm sein, Vetter, selbst wenn es gilt, dem alten
-Gerümpel Wahrheiten zu sagen? Soll ich noch weiter regieren oder soll
-ich abdanken, Schweiger?“
-
-„Heilige Majestät,“ sagt der hagere Mann, „wenn der Winter kommt,
-lassen die stärksten Eichen ihre Blätter fallen.“
-
-Die dritte Stunde schlägt.
-
-„Schweiger,“ sagt er, „leih mir deine Schulter, daß ich mich darauf
-stütze.“
-
-Und er tritt mit ihm und seinem Gefolge in einen großen Saal und setzt
-sich unter einen Thronhimmel auf eine Estrade, die mit Seide oder
-Teppichen überzogen ist. Da sind drei Sessel. Seine Majestät nimmt
-den in der Mitten ein, der reicher verziert ist als die anderen und
-hinter dem die Kaiserkrone emporragt. König Philipp setzt sich auf den
-zweiten, und der dritte ist für eine Frau, welche ohne Zweifel eine
-Königin ist. Zur Rechten und Linken sitzen auf teppichbelegten Bänken
-rotgekleidete Männer, so ein gülden Lamm um den Hals tragen. Hinter
-ihnen stehen unterschiedliche Personen, ohne Zweifel Prinzen und große
-Herren. Gegenüber am Fuß der Estrade sitzen auf kahlen Bänken in Wolle
-gekleidete Männer. Ich höre sie sagen, daß sie so bescheiden sitzen
-und so schlicht gekleidet sind, weil sie allein alle Kosten tragen.
-Ein jeglicher hat sich erhoben, da Seine Heilige Majestät eingetreten
-ist, er aber hat sich sogleich gesetzt und gibt allen das Zeichen, ihm
-nachzuahmen.
-
-Ein alter Mann spricht nun des Langen und Breiten über die Gicht. Dann
-reicht die Frau, so eine Königin scheint, Seiner Heiligen Majestät
-eine Pergamentrolle. Es sind Dinge darauf geschrieben, die Seine
-Heilige Majestät hustend und mit dumpfer, leiser Stimme verliest. Er
-spricht von sich selbst und sagt:
-
-„Viel sind der Reisen, so ich in Hispanien, Italien, den Niederlanden,
-Engelland und Afrika gemacht, alles zur Ehre Gottes, zum Ruhm meiner
-Waffen und zum Wohl meiner Völker.“
-
-Dann, nachdem er des Langen und Breiten geredet hat, sagt er, daß
-er hinfällig und müde sei und die Krone Spaniens, die Grafschaften,
-Herzogtümer und Markgrafschaften dieser Länder in die Hände seines
-Sohnes überantworten wolle.
-
-Alsdann weint er, und alle weinen mit ihm.
-
-König Philipp erhebt sich nun und fällt auf die Knie:
-
-„Heilige Majestät,“ sagt er, „wie ist es mir erlaubt, diese Krone aus
-Euren Händen zu empfangen, wenn Ihr noch so fähig seid, sie zu tragen.“
-
-Dann sagt Seine Heilige Majestät ihm ins Ohr, er solle zu den Männern,
-so auf den mit Teppich belegten Bänken sitzen, wohlwollend reden.
-
-König Philipp wendet sich zu ihnen und sagt in mürrischem Ton, ohne
-sich zu erheben:
-
-„Ich verstehe ziemlich gut französisch, aber nicht genug, um zu Euch
-in dieser Sprache zu sprechen; Ihr werdet hören, was der Bischof von
-Arras, Herr Granvella, Euch in meinem Namen sagen wird.“
-
-„Du sprichst schlecht, mein Sohn“, sagt Seine Majestät.
-
-Und wahrlich, die Versammlung murrt, da sie den jungen König so stolz
-und so hoffärtig sieht. Die Frau Königin spricht auch, um ihn zu
-prüfen. Dann kommt ein alter Magister dran, der, da er fertig ist, von
-Seiner Heiligen Majestät als Zeichen des Danks einen Wink mit der Hand
-empfäht. Nun sind die Zeremonien und Ansprachen zu Ende. Seine Majestät
-spricht seine Untertanen ihres Treuschwurs ledig, unterzeichnet die
-hierfür aufgesetzten Urkunden, und von seinem Throne sich erhebend,
-setzt er seinen Sohn darauf. Und jedermann im Saale weint. Dann gehen
-sie wiederum in das Haus im Lustgarten.
-
-Da sie zum andern Mal im grünen Gemache sind, allein und bei
-verschlossenen Türen, lacht Seine Majestät aus vollem Halse und spricht
-zu König Philipp, der nicht lacht, also:
-
-„Sahest Du, wie wenig vonnöten ist, um diese guten Kerle zu rühren?“
-spricht er, indem er zugleich redet, schluckt und lacht. „Welche Flut
-von Tränen! Und dieser dicke Maes, der wie ein Kalb weinte, da er seine
-lange Salbaderei endete. Du selbst schienest bewegt, aber nicht genug.
-Das sind die wahren Schauspiele, die das Volk haben muß. Mein Sohn, wir
-Männer schätzen unsere Liebsten um so höher, je mehr sie uns kosten. So
-auch bei den Völkern. Je mehr wir sie zahlen lassen, um so mehr lieben
-sie uns. Ich habe die reformierte Religion in Deutschland geduldet
-und in den Niederlanden hart gestraft. Wären die deutschen Fürsten
-katholisch gewesen, so wäre ich lutherisch geworden und hätte ihre
-Besitztümer eingezogen. Sie glauben an die Redlichkeit meines Eifers
-für den katholischen Glauben und beklagen, daß ich sie verlasse. In den
-Niederlanden sind auf mein Geheiß um der Ketzerei willen fünfzigtausend
-ihrer tapfersten Männer und ihrer hübschesten Mädchen umgekommen.
-Ich gehe und sie jammern. Ungerechnet der Gütereinziehungen hab ich
-sie mehr Steuern zahlen lassen als Indien und Peru: sie sind betrübt
-mich zu verlieren. Ich habe den Frieden von Cadzant gebrochen, Gent
-bezwungen, alles unterdrückt, was mich hindern konnte; Gerechtsame,
-Freiheiten, Privilegien, alles ist der Bestätigung der Beamten des
-Fürsten unterworfen. Diese Biedermänner glauben sich noch frei, weil
-ich ihnen erlaube, mit der Armbrust zu schießen und ihre Zunftfahnen
-bei Umzügen zu tragen. Sie fühlen die Hand des Herrn. Sie sind im Käfig
-und befinden sich wohl darin, singen und weinen um mich. Mein Sohn,
-sei gegen sie, wie ich es war, gütig in Worten, rauh in Taten; lecke,
-wenn Du nicht beißen mußt. Schwöre, schwöre immer auf ihre Gerechtsame,
-Freiheiten und Privilegien; aber so sie eine Gefahr für Dich werden
-können, vernichte sie. Sie sind von Eisen, wenn man sie mit furchtsamer
-Hand berührt, von Glas, wenn man sie mit starkem Arme zerbricht.
-Schlage die Ketzerei zu Boden, nicht weil sie von der römischen
-Religion abweicht, sondern weil sie in den Niederlanden unsere Macht
-zerstören würde. Die, so den Papst angreifen, welcher drei Kronen
-trägt, haben den Fürsten, die nur eine haben, bald den Garaus gemacht.
-Mache gleich mir die Gewissensfreiheit zum Majestätsverbrechen mit
-Gütereinziehung, so wirst Du erben, wie ich mein Lebelang getan habe.
-Und wenn Du gehst, um abzudanken oder zu sterben, werden sie sagen:
-Ach, der gute Fürst! Und sie werden weinen.“
-
-„Und ich höre nichts mehr,“ sprach Nele weiter, „denn Seine Heilige
-Majestät hat sich auf ein Bett gelegt und schläft, und König Philipp,
-stolz und hoffärtig, blickt ihn ohne Liebe an.“
-
-Da sie solches gesagt hatte, ward Nele von Katheline erweckt.
-
-Und Klas sah in Gedanken, wie die Herdflamme den Rauchfang erhellte.
-
-
-60
-
-Als Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen verließ, bestieg er seinen
-Esel, und da er über den Marktplatz kam, stieß er auf etliche ergrimmte
-Gesichter von Herren und Damen, aber das kümmerte ihn nicht.
-
-Alsbald gelangte er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg; da traf
-er eine Schar Schelmenbrüder, lustige Vlamländer aus Sluys, die
-alle Samstag etliches Geld beiseite legten, um einmal im Jahre nach
-Deutschland zu reisen.
-
-Sie fuhren singend ihres Weges, in einem ungedeckten Leiterwagen,
-gezogen von einem starken Pferd von Vuerne-Ambacht, das sie durch die
-Wege und Sümpfe des Herzogtums Lüneburg führte. Etliche unter ihnen
-spielten die Flöte, Fiedel und Bratsche oder den Dudelsack mit großem
-Getöse. Zur Seite des Wagens schritt mannigmal ein Dicksack, der den
-Rommelpot spielte und zu Fuß wanderte, in der Hoffnung, seinen Wanst
-zum Schmelzen zu bringen.
-
-Da sie beim letzten Gülden angelangt waren, sahen sie Ulenspiegel auf
-sich zukommen, der mit klingender Münze belastet war; sie kehrten in
-eine Herberge ein und zahlten einen Trunk für ihn. Ulenspiegel ließ es
-sich gern gefallen. Da er jedoch sah, daß die Schelmenbrüder mit den
-Augen zwinkerten und lächelten, wenn sie ihm einschenkten, bekam er
-Wind von etwelchem Schabernack, ging hinaus und stellte sich an die
-Türe, um ihre Reden zu hören. Er hörte den Dicksack von ihm sagen:
-
-„Das ist des Landgrafen Maler, dem er mehr als tausend Gülden für ein
-Gemälde gegeben hat. Laßt ihn uns festlich bewirten, er wird uns das
-Doppelte dafür wiedergeben.“
-
-„Amen“, sprachen die andern.
-
-Ulenspiegel ging und band seinen gesattelten Esel tausend Schritte
-von da bei einem Pächter an, gab einer Magd zwei Pfennig, um ihn zu
-hüten, trat wieder in die Wirtsstube und setzte sich an den Tisch der
-Schelmenbrüder, ohne ein Wort zu sagen. Diese schenkten ihm ein und
-zahlten die Zeche. Ulenspiegel ließ in seinem Mantelsack die Gülden des
-Landgrafen klingen und erzählte dabei, daß er seinen Esel einem Bauern
-für siebzehn Silbertaler verkauft hätte.
-
-Sie reisten, aßen und tranken dabei, bliesen Flöte und Dudelsack
-und spielten den Rommelpot, und unterwegs lasen sie die Weiblein
-auf, die ihnen artig zu sein bedünkten. Solcherart erzeugten sie
-Herrgottskinder, sonderlich Ulenspiegel, dessen Gesellin nachmals einen
-Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, maßen die Schöne den Sinn
-des Namens von ihrem Zufallsmanne nicht wohl verstund, und vielleicht
-auch zum Andenken an die Stunde, darin der Knabe erzeugt ward. Und von
-diesem Eulenspiegelchen wird fälschlich gesagt, daß er zu Knetlingen im
-Lande Sachsen geboren ward.
-
-Sie ließen sich von ihrem wackern Gaule ziehen und kamen eine
-Straße entlang, an deren Rande ein Dorf und ein Wirtshaus lag, das
-trug ein Schild „Zum Kessel“, und es drang ein lieblicher Duft von
-Fleischgerichten heraus.
-
-Der Dicksack, der den Rommelpot spielte, ging zum Baas und sagte von
-Ulenspiegel:
-
-„Das ist des Landgrafen Maler, er wird alles zahlen.“
-
-Der Wirt betrachtete Ulenspiegels Miene, die gut war, und da er den
-Klang der Gülden und Taler vernahm, trug er zu essen und zu trinken
-auf. Ulenspiegel ließ sich nichts abgehen. Und immer klingelten die
-Taler in seiner Geldkatze, und mannigmal hatte er auch auf seinen
-Hut geschlagen und gesagt, daß darin sein größter Schatz wäre. Da
-nun das Gelage zwei Tage und zwei Nächte gewährt hatte, sprachen die
-Schelmenbrüder zu Ulenspiegel:
-
-„Laßt uns aufbrechen und die Zeche zahlen.“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Wenn die Ratte im Käse ist, verlangt es sie, fortzugehen?“
-
-„Nein“, sagten sie.
-
-„Und wenn der Mensch gut ißt und trinkt, sucht er dann den Staub der
-Straßen und das Wasser der Gräben, die voll von Blutegeln sind?“
-
-„Nein,“ sagten sie.
-
-„Wohlan,“ sprach Ulenspiegel weiter, „so laßt uns bleiben, solange
-meine Gülden und Taler uns als Trichter dienen, um Getränke in unsere
-Kehlen zu gießen.“
-
-Und er hieß den Wirt noch mehr Wein und Wurst auftragen.
-
-Während sie tranken und aßen, sprach Ulenspiegel:
-
-„Ich bezahle, ich bin jetzo Landgraf. Was würdet Ihr tun, Kameraden,
-wenn meine Geldkatze leer wäre? Ihr würdet meinen Hut von weichem
-Filz nehmen und finden, daß er voll Karolus ist, sowohl im Boden als
-zwischen der Krempe.“
-
-„Laß ihn uns befühlen“, sprachen sie alle mitsammen. Und seufzend
-fühlten sie darin zwischen den Fingern große Geldstücke, die den Umfang
-von Goldkarolus hatten. Einer von ihnen betastete ihn aber mit solcher
-Vertraulichkeit, daß Ulenspiegel ihn ihm wieder fortnahm und sagte:
-
-„Du ungestümer Melker, man muß die Zeit zum Melken abwarten können.“
-
-„Gib mir den halben Hut“, sprach der Schelmenbruder.
-
-„Nein,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich will nicht, daß Du ein Narrenhirn
-bekommst, halb im Schatten und halb in der Sonne.“
-
-Dann sprach er, seinen Hut dem Wirt gebend:
-
-„Hebe Du ihn immerhin auf, denn er ist warm. Ich will mich draußen
-erleichtern.“
-
-Er tat es und der Wirt behielt den Hut.
-
-Alsbald verließ er die Herberge, ging zum Bauern, stieg auf seinen Esel
-und ritt im Trab auf der Straße, die nach Emden führt.
-
-Da die Schelmenbrüder ihn nicht zurückkommen sahen, sprachen sie
-untereinander:
-
-„Ist er davongegangen? Wer wird die Zeche zahlen?“
-
-Den Baas packte die Furcht und mit einem Messer schnitt er Ulenspiegels
-Hut auf. Aber anstatt der Karolus fand er nichts darin zwischen Filz
-und Futter denn elende, kupferne Rechenpfennige.
-
-Da ergrimmte er wider die Schelmenbrüder und sprach zu ihnen:
-
-„Ihr Lumpenbrüder, Ihr werdet nicht von hinnen ziehen, Ihr lasset mir
-denn Eure Kleider samt und sonders, allein das Hemd ausgenommen.“
-
-Und sie mußten sich alle entblößen, um ihre Zehrung zu zahlen. Und also
-zogen sie im Hemd über Berg und Tal, denn ihr Pferd und ihren Wagen
-hatten sie nicht verkaufen wollen.
-
-Und ein jeglicher, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen gern Brot zu
-essen, Bier und bisweilen auch Fleisch, denn sie erzählten überall, sie
-wären von Räubern ausgeplündert worden.
-
-Und alle mitsammen hatten sie nur eine Hose.
-
-Und also kamen sie im Hemde nach Sluys zurück, tanzten auf ihrem Wagen
-und spielten den Rommelpot.
-
-
-61
-
-Derweilen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken durch das Land und die
-Sümpfe des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamländer nennen diesen Herzog
-den Water-Signorke, dieweil immer feucht Wetter bei ihm ist.
-
-Jef gehorchte Ulenspiegel gleich wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte
-besser denn ein ungarischer Meister in der Kunst der Grazien, stellte
-sich beim leisesten Wink für tot und legte sich auf den Rücken.
-
-Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg gekränkt und erbost
-war, dieweil Ulenspiegel seiner zu Darmstadt vor dem Landgrafen von
-Hessen gespottet, und daß er ihm sein Land bei Strafe des Galgens
-verboten hatte. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in Persona
-daherkommen, und da er ihn als heftig kannte, ergriff ihn die Furcht.
-Er sprach zu seinem Esel:
-
-„Jef, da kommt der hohe Herr von Lüneburg. Am Halse juckt mich ein
-Strick, wenn nur der Henker mich nicht kratzt. Jef, ich will gern
-gekratzt, aber nicht gehenkt werden. Gedenke, daß wir Genossen im Elend
-sind und beide lange Ohren haben; gedenke auch, welch guten Freund Du
-an mir verlörest.“
-
-Und Ulenspiegel wischte sich die Augen, und der Esel hub an zu schreien.
-
-Dann redete er weiter:
-
-„Wir leben lustig oder traurig mitsammen, wie es der Zufall will;
-gedenkst Du daran, Jef?“ Der Esel fuhr fort zu schreien, denn er hatte
-Hunger. „Und Du wirst meiner nimmer vergessen können,“ sagte sein Herr,
-„denn welche Freundschaft wäre von Dauer, denn allein die, so über die
-nämlichen Freuden lacht und über die nämlichen Schmerzen weint? Jef, Du
-mußt Dich auf den Rücken legen.“
-
-Der folgsame Esel gehorchte, und mit den vier Hufen in der Luft ward
-er vom Herzog erblickt. Ulenspiegel setzte sich hurtig auf seinen
-Bauch. Der Herzog trat zu ihm:
-
-„Was machst Du da?“ fragte er. „Weißt Du nicht, daß ich durch meine
-letzte Kundgebung Dir bei Galgen und Strick verbot, Deinen staubigen
-Fuß in meine Lande zu setzen?“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!“
-
-Dann wies er auf seinen Esel.
-
-„Ihr wisset wohl, daß nach Gesetz und Recht der allzeit frei ist, der
-in seinen vier Pfählen wohnt.“
-
-Der Herzog versetzte:
-
-„Geh aus meinen Landen, oder Du sollst sterben.“
-
-„Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „ein Gülden oder zwei würden mich
-schneller von dannen tragen.“
-
-„Taugenichts,“ sprach der Herzog, „ist es an Deinem Ungehorsam nicht
-genug? Willst Du mich auch noch um Geld bitten?“
-
-„Ich muß wohl, Herr, da ich Euch keins nehmen kann.“
-
-Der Herzog gab ihm einen Gülden.
-
-Darauf sprach Ulenspiegel zu seinem Esel:
-
-„Jef, steh auf und grüße Seine Gnaden.“
-
-Der Esel erhob sich und schrie aufs neue. Dann zogen beide von dannen.
-
-
-62
-
-Soetkin und Nele saßen an einem Fenster und blickten auf die Straße.
-
-Soetkin sagte zu Nele:
-
-„Herzchen, siehst Du nicht meinen Sohn Ulenspiegel kommen?“
-
-„Nein,“ sprach Nele, „wir werden den schlimmen Landstreicher nicht
-wiedersehen.“
-
-„Nele,“ sprach Soetkin, „Du mußt nicht bös auf ihn sein, sondern ihn
-beklagen, denn er ist fern von Hause der gute Junge.“
-
-„Ich weiß es wohl,“ sprach Nele; „er hat ein andres Heim gar weit von
-hier, reicher als seins, wo irgend eine schöne Dame ihm sicherlich
-Obdach gibt.“
-
-„Das wäre ein groß Glück für ihn,“ sagte Soetkin; „vielleicht wird er
-dort mit Fettammern gespeist.“
-
-„Warum gibt man ihm nicht Steine zu essen: dann wäre er geschwind hier,
-der Nimmersatt!“ sagte Nele.
-
-Da lachte Soetkin und fragte: „Woher kommt Dir dieser große Zorn, mein
-Herz?“
-
-Aber Klas, der in tiefem Sinnen in einer Ecke Reisigbündel schnürte,
-sagte:
-
-„Siehst Du nicht, daß sie in ihn vernarrt ist?“
-
-„Ei, seht doch die durchtriebene Dirne,“ sprach Soetkin, „die mich
-nichts davon hat merken lassen. Ist es wahr, Liebchen, daß Du ihn
-möchtest?“
-
-„Glaubet es nicht“, erwiderte Nele.
-
-„Da wirst Du einen wackern Ehemann haben,“ sprach Klas, „mit großem
-Maul, leerem Bauch und langer Zunge, der die Gülden zu Hellern macht
-und nimmer einen Sou durch seine Arbeit verdient, der allezeit das
-Pflaster tritt und die Wege mit der Elle des Vaganten mißt.“
-
-Aber Nele erwiderte, über und über rot und zornig:
-
-„Warum habt Ihr nichts andres aus ihm gemacht?“
-
-„Da haben wir’s, nun weint sie,“ sprach Soetkin; „schweig doch, Mann.“
-
-
-63
-
-Eines Tages kam Ulenspiegel gen Nürnberg und gab sich allda für einen
-großen Arzt und Obsieger aller Krankheiten aus, bewährt im Purgieren,
-berühmt fürs Bezwingen von Fiebern, vielgepriesen ob seiner Kunst, der
-Pest den Kehraus zu machen, und unüberwindlich im Geißeln der Krätze.
-
-Im Spital gab es so viel Kranke, daß man nicht wußte, wo sie
-unterbringen. Da der Spittelmeister Ulenspiegels Ankunft erfuhr,
-ging er zu ihm und forschte ihn aus, ob es wahr wäre, daß er alle
-Krankheiten heilen könnte.
-
-„Ausgenommen die letzte,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber versprecht mir
-zweihundert Gülden für die Heilung aller andern, und ich will nicht
-einen Heller empfangen, so nicht alle Eure Kranken sagen, daß sie
-geheilt sind und das Spital verlassen.“
-
-Des folgenden Tages ging er ins besagte Spital mit festem Blick und
-feierlicher Miene, wie ein Doktor. In den Siechenstuben nahm er jeden
-Kranken besonders und sprach zu ihm:
-
-„Schwöre, keinem anzuvertrauen, was ich Dir ins Ohr sagen will. Was ist
-Dein Gebresten?“
-
-Der Kranke nannte es ihm und schwur Stein und Bein, zu schweigen.
-
-„Wisse,“ sprach Ulenspiegel, „daß ich einen unter Euch durch Feuer zu
-Pulver verbrennen muß; von diesem Pulver werd’ ich eine wunderbare
-Mixtur machen und sie allen Kranken zu trinken geben. Der, welcher
-nicht gehen kann, wird verbrannt werden. Morgen werde ich hierher
-kommen, mich mit dem Spittelmeister auf die Straße stellen und Euch
-alle herbeirufen, indem ich schreie: Wer nicht krank ist, schnüre seine
-Bündel und komme.“
-
-Am Morgen kam Ulenspiegel und rief, wie er gesagt hatte. Alle Kranken,
-Lahmen, Hustenden, Fiebernden, mit Schleimflüssen Behafteten, wollten
-zugleich hinaus. Alle waren auf der Straße, selbst die, so seit zehn
-Jahren ihr Bett nicht verlassen hatten.
-
-Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt wären und gehen könnten.
-
-„Ja“, antworteten sie in dem Glauben, daß einer von ihnen im Hofe
-verbrannt würde.
-
-Darauf sagte Ulenspiegel zum Spittelmeister:
-
-„Bezahle mich, maßen sie Alle draußen sind und sich für geheilt
-erklären.“
-
-Der Meister bezahlte ihm zweihundert Gülden und Ulenspiegel zog ab.
-
-Doch am zweiten Tage sah der Meister seine Kranken in einem schlimmeren
-Zustand als zuvor wiederkommen, einen ausgenommen, den die frische Luft
-kuriert hatte und den man trunken in den Gassen fand, wie er sang:
-„Heil dem großen Doktor Ulenspiegel!“
-
-
-64
-
-Nachdem die zweihundert Gülden Reißaus genommen hatten, kam Ulenspiegel
-nach Wien, allwo er sich bei einem Wagner verdingte; der ließ seine
-Gesellen immer hart an, weil sie den Blasebalg der Schmiede nicht stark
-genug zogen.
-
-„Holla,“ schrie er beständig, „folgt mit den Bälgen.“
-
-Eines Tages, da der Meister in den Garten ging, macht Ulenspiegel den
-Blasebalg los, trägt ihn auf den Schultern davon und folgt seinem
-Meister nach. Da dieser sich verwundert, ihn so seltsam beladen zu
-sehen, spricht Ulenspiegel zu ihm:
-
-„Meister, Ihr habt befohlen, Euch mit den Bälgen zu folgen. Wo soll ich
-ihn hintun, dieweil ich gehe, den andern zu holen?“
-
-„Lieber Knecht,“ erwiderte der Meister, „ich meint’ es nicht also; geh
-und lege den Blasebalg wieder an seinen Ort.“
-
-Indessen gedachte er, ihm diesen Streich heimzuzahlen. Fortan stand
-er alle Tage um Mitternacht auf, weckte seine Gesellen und hieß sie
-arbeiten.
-
-Die Gesellen sprachen zu ihm:
-
-„Meister, warum weckst Du uns mitten in der Nacht?“
-
-„Das ist so meine Weise,“ sprach der Meister, „daß ich meinen Knechten
-die ersten acht Tage nicht erlaube, mehr als die halbe Nacht im Bette
-zu liegen.“
-
-Die andere Nacht weckte er seine Knechte abermals um Mitternacht.
-Ulenspiegel, der auf dem Boden schlief, nahm sein Bett auf den Rücken
-und so beladen stieg er in die Schmiede hinunter.
-
-Der Meister sprach zu ihm:
-
-„Bist Du toll? Was lässest Du Dein Bett nicht an seinem Ort?“
-
-„Das ist so meine Weise,“ antwortete Ulenspiegel, „die ersten acht Tage
-die halbe Nacht auf meinem Bett und die andere halbe Nacht darunter zu
-liegen.“
-
-„Wohlan,“ versetzte der Meister, „und ich habe noch eine andere Weise,
-die ist: meine unverschämten Knechte auf die Straße zu werfen, mit
-Erlaubnis, die erste Woche auf dem Pflaster und die zweite darunter zu
-verbringen.“
-
-„In Eurem Keller, Meister, mit Verlaub, bei den Tonnen mit Braunbier“,
-entgegnete Ulenspiegel.
-
-
-65
-
-Da er den Wagner verlassen hatte und sich wiederum nach Flandern
-begab, mußte er sich als Lehrling bei einem Schuster verdingen, der
-sich lieber auf der Straße aufhielt, als in der Werkstatt die Ahle zu
-handhaben. Als Ulenspiegel ihn zum hundertsten Mal zum Ausgehen bereit
-sah, fragte er ihn, wie er das Oberleder zuschneiden solle.
-
-„Schneide es für große und mittlere Füße, damit alles, was das große
-und kleine Vieh führt, gemächlich hinein kommen kann.“
-
-„Amen, Meister“, sprach Ulenspiegel.
-
-Als der Schuster gegangen war, schnitt Ulenspiegel das Oberleder zu; es
-war nur gut, um Stuten, Eselinnen, Kühe, Säue und Schafe zu beschuhen.
-
-Da der Schuster in die Werkstatt zurückkam und sein Leder in Stücken
-sah, sprach er:
-
-„Was hast Du da gemacht, nichtsnutziger Verderber?“
-
-„Was Ihr mich geheißen habt“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Ich habe Dir befohlen, mir Schuhe zuzuschneiden, die allen Denen
-passen, so Rindvieh, Schweine und Schafe führen, und Du machst
-Schuhzeug nach dem Fuß dieser Tiere.“
-
-Ulenspiegel versetzte:
-
-„Meister, wer führt denn den Eber, wenn nicht die Sau, den Esel, wenn
-nicht die Eselin, den Stier, wenn nicht die Kuh und den Widder wenn es
-nicht das Schaf ist, zu der Jahreszeit, da alle Tiere brünstig sind?“
-
-Dann ging er hinaus und mußte draußen bleiben.
-
-
-66
-
-Man war derzeit im April. Die Luft war milde gewesen, nun kam ein
-gestrenger Frost, und der Himmel war grau wie am Tag Allerseelen.
-Das dritte Jahr von Ulenspiegels Verbannung war seit geraumer Zeit
-verflossen, und Nele erwartete ihren Freund jeden Tag.
-
-„Wehe,“ sprach sie, „es wird auf die Birnbäume schneien, auf den
-blühenden Jasmin, auf all die armen Pflanzen, die voll Vertrauen auf
-die laue Wärme eines vorzeitigen Lenzes erblüht sind. Schon fallen
-kleine Flocken vom Himmel auf die Wege. Und es schneit auch auf mein
-armes Herz.
-
-„Wo sind die hellen Strahlen, die auf frohen Angesichtern spielten und
-auf den Dächern, die sie röter, auf den Scheiben, die sie glänzender
-machten? Wo sind sie, die Erde und Himmel, Vögel und Immen wärmten?
-Wehe, bei Nacht und bei Tag friert mich jetzo aus Traurigkeit und
-langem Harren. Wo bist du, mein Freund Ulenspiegel?“
-
-
-67
-
-Da Ulenspiegel in die Nähe von Renaix in Flandern kam, hatte er Hunger
-und Durst, wollte aber nicht jammern und versuchte die Leute zum
-Lachen zu bringen, auf daß man ihm Brot gäbe. Aber das Lachen gelang
-ihm schlecht, und die Leute gingen vorüber, ohne etwas zu geben.
-
-Es war kalt: eins ums andre schneite, regnete, hagelte es auf den
-Rücken des Landstreichers. Zog er durch Dörfer, so lief ihm das Wasser
-im Munde zusammen, wann er nur in einem Mauerwinkel einen Hund einen
-Knochen benagen sah. Er hätte gern einen Gülden verdient, doch er wußte
-nicht, wie er ihm in sein Ränzel fallen könnte.
-
-Er suchte in der Luft und sah Tauben, die vom Dach eines Taubenschlages
-etwas weißes auf den Weg fallen ließen, aber Gülden waren es nicht. Er
-suchte auf dem Boden der Landstraße; aber zwischen den Pflastersteinen
-blühten keine Gülden.
-
-Er suchte zur Rechten und sah eine häßliche Wolke, die am Himmel
-herankam gleichwie eine große Gießkanne; aber er wußte, daß es kein
-Platzregen von Gülden sein würde, wenn etwas aus dieser Wolke fiele.
-Er suchte zur Linken und erblickte eine Roßkastanie, einen großen
-Faulenzer, der da lebte, ohne etwas zu tun: „Ach, sprach er zu sich,
-warum gibt es nicht Güldenbäume, das wären gar schöne Bäume.“
-
-Unversehens platzte die große Wolke und die Hagelkörner fielen dicht
-auf Ulenspiegels Rücken wie Kieselsteine. „Wehe,“ sprach er, „ich fühle
-es genugsam; nur die herrenlosen Hunde wirft man mit Steinen.“ Dann hub
-er an zu laufen.
-
-„Es ist nicht meine Schuld, wenn ich keinen Palast, nicht einmal
-ein Zelt habe, um meinen mageren Leib zu schützen. O, die garstigen
-Hagelkörner; sie sind hart wie Kugeln! Nein, es ist nicht meine Schuld,
-wenn ich meine Lumpen durch die Welt schleppe, es ist einzig, weil
-es mir so beliebt hat. Warum bin ich nicht Kaiser! Diese Hagelkörner
-wollen mit Gewalt in meine Ohren dringen gleich bösen Worten!“ Und er
-rannte. „Arme Nase, bald wirst Du durchlöchert sein und kannst den
-Reichen dieser Welt, auf die es nicht hagelt, bei ihren Schmäusen als
-Pfefferbüchse dienen.“ Dann wischte er sich die Wangen. „Diese werden
-den Köchen, denen an ihren Herden warm ist, trefflich als Schaumlöffel
-dienen. Ach, wie fern ist die Erinnerung an die Brühen von einst! Mich
-hungert! Leerer Bauch, beklage Dich nicht, ihr jammernden Eingeweide,
-hört auf zu knurren. Wo verbirgst Du Dich, günstiges Glück? Führe mich
-an den Ort, wo ich Weide finde.“
-
-Dieweil er so zu sich selbst sprach, erhellte sich der Himmel vom
-Scheine der Sonne; es hörte auf zu hageln und Ulenspiegel sagte: „Guten
-Tag, Frau Sonne, meine einzige Freundin, Du kannst mich ja trocknen.“
-
-Aber er lief noch immer, denn ihn fror. Plötzlich sah er von fern einen
-weiß und schwarzen Hund des Weges kommen, der rannte geradeaus, mit
-hängender Zunge und vorquellenden Augen.
-
-„Das Tier“, sprach Ulenspiegel, „hat die Wut im Leibe!“ Er hub hastig
-einen großen Stein auf und kletterte auf einen Baum. Als er den ersten
-Ast erreichte, kam der Hund vorbei und Ulenspiegel schleuderte ihm
-den Stein auf den Schädel. Der Hund blieb stehen und wollte steif
-und kläglich auf den Baum klettern und Ulenspiegel beißen, doch er
-vermochte es nicht und fiel hin, um zu sterben.
-
-Ulenspiegel war dessen nicht froh, zumal er, vom Baume herabsteigend,
-wahrnahm, daß des Hundes Maul nicht trocken war, wie es seinesgleichen,
-von der Tollwut ergriffen, gemeiniglich haben. Dann betrachtete er das
-Fell, sah, daß es schön und gut zu verkaufen war, zog es ihm ab, wusch
-es und hängte es an seinen Spieß, ließ es ein weniges an der Sonne
-trocknen und steckte es in seinen Ranzen. Maßen Hunger und Durst ihn
-noch mehr peinigten, ging er in mehrere Bauernhöfe, wagte aber nicht,
-das Fell allda zu verkaufen, aus Furcht, daß es das eines Hundes sei,
-der dem Bauern gehört hatte. Er bat um Brot, man weigerte es ihm. Die
-Nacht kam. Seine Beine waren matt. Er ging in eine kleine Herberge.
-Allda sah er eine alte Wirtin, die streichelte einen alten hustenden
-Hund, dessen Fell dem des Toten glich.
-
-„Woher kommst Du, Wandersmann?“ fragte die Alte.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Ich komme von Rom, allwo ich den Hund des Papstes von einer
-Verschleimung geheilt habe, die ihn über die Maßen quälte.“
-
-„Du hast also den Papst gesehen?“ fragte sie und zapfte ihm ein Glas
-Bier ab.
-
-„Ach,“ sprach Ulenspiegel, „es ist mir nur vergönnt gewesen, seinen
-heiligen Fuß und seinen geweihten Pantoffel zu küssen.“
-
-Indessen hustete der alte Hund der Wirtin und spie nicht aus.
-
-„Wann tatest Du das?“ fragte die Alte.
-
-„Im vorletzten Mond“, antwortete Ulenspiegel, „kam ich an / ich
-wurde erwartet / und pochte an die Tür. „Wer ist da?“ fragte der
-allergroßmächtigste, allergeheimste, alleraußerordentlichste Kämmerer
-Seiner Allerheiligsten Heiligkeit:/ „Ich bin es,“ antwortete ich,
-„hochwürdiger Kardinal, ich komme eigens von Flandern her, um dem
-Papste den Fuß zu küssen und seinen Hund von der Schleimsucht zu
-heilen.“ / „Ei, Du bist es, Ulenspiegel?“ sagte der Papst, der aus
-einer kleinen Tür von der andern Seite sprach. „Ich würde mich freun,
-Dich zu sehen, doch das ist gegenwärtig ein unmöglich Ding. Es ist
-mir durch die heiligen Dekretalen verboten, Fremden mein Antlitz zu
-zeigen, wenn das heilige Bartmesser darüber fährt.“ / „Ach,“ sagte ich,
-„ich bin gar unglücklich, ich komme aus weit entlegenen Landen, um
-Eurer Heiligkeit den Fuß zu küssen und Euren Hund von der Schleimsucht
-zu heilen. Muß ich mit unerfüllten Wünschen heimkehren?“ / „Nein“,
-sprach der Papst. Dann hörte ich ihn ausrufen: „Erzkämmerer, schiebt
-meinen Sessel bis an die untere Tür und öffnet unten das kleine
-Schiebefenster.“ Solches geschah. Ich sah ihn einen mit güldenem
-Pantoffel beschuhten Fuß durch das Schiebefenster strecken, und
-hörte eine Stimme, die gleichwie Donner rollte, sagen: „Dies ist der
-furchtbare Fuß des Fürsten aller Fürsten, des Königs der Könige, des
-Kaisers der Kaiser. Küsse, Christ, küsse den heiligen Pantoffel.“
-Und ich küßte den heiligen Pantoffel, und ich hatte die Nase ganz
-voll Balsam von dem himmlischen Duft, den dieser Fuß ausströmte. Dann
-ward das Fenster geschlossen, und die nämliche furchtbare Stimme hieß
-mich warten. Die Klappe öffnete sich abermals und heraus kam, mit
-Respekt zu vermelden, ein Tier mit räudigem Fell, triefäugig, hustend
-und aufgeblasen wie ein Schlauch; es mußte ob seines Bauches mit
-gespreizten Beinen gehen.
-
-Der heilige Vater geruhte zum andern Mal zu mir zu sprechen:
-
-„Ulenspiegel,“ sagte er, „hier siehst Du meinen Hund. Er ward von
-Schleimsucht und andern Gebresten befallen, als er die Knochen von
-Ketzern, denen man sie gebrochen hatte, benagte. Heile ihn, mein Sohn,
-Du wirst Dich gut dabei stehen.“
-
-„Trink“, sagte die Alte.
-
-„Schenk ein“, antwortete Ulenspiegel. Dann redete er weiter. „Ich
-purgierte den Hund mit Hilfe eines Wundertranks, den ich selber gebraut
-hatte, und er ward geheilt.“
-
-„Jesus, Gott und Maria!“ sagte die Alte, „laß mich Dich küssen,
-ruhmreicher Pilger, der den Papst gesehen hat und der auch meinen Hund
-wird heilen können.“
-
-Aber Ulenspiegel machte sich nichts aus den Küssen der Alten und
-sagte: „Die, deren Lippen den heiligen Pantoffel berührt haben,
-dürfen innerhalb zweier Jahre von keiner Frau geküßt werden. Gib mir
-zuvörderst zum Nachtmahl etliche gute Kalbs-Rippchen, eine Blutwurst
-oder zwei, und Bier zur Genüge, dann will ich Deinem Hund eine so klare
-Stimme machen, daß, er im Chor der großen Kirche die Aves in e und a
-singen kann.“
-
-„Möchtest Du die Wahrheit sagen,“ greinte die Alte, „dann werde ich Dir
-einen Gülden geben.“
-
-„Ich werde es tun,“ sprach Ulenspiegel, „aber erst nach dem Nachtmahl.“
-
-Sie trug ihm auf, was er verlangt hatte. Er aß und trank nach
-Herzenslust und hätte zum Dank für die Atzung die Alte schier umhalst,
-wären nicht seine vorigen Worte gewesen.
-
-Derweil er aß, legte der Hund seine Pfoten auf seine Knie, um einen
-Knochen zu bekommen. Ulenspiegel gab ihm mehrere; dann sagte er zur
-Wirtin:
-
-„Wenn einer bei Dir gegessen hätte und Dir nicht zahlte, was würdest Du
-da tun?“
-
-„Ich würde dem Spitzbuben sein bestes Kleid fortnehmen“, antwortete die
-Alte.
-
-„Es ist gut“, sprach Ulenspiegel. Dann nahm er den Hund unter den Arm
-und ging in den Stall. Allda sperrte er ihn mit einem Knochen ein,
-holte das Fell des Toten aus seinem Ranzen und kam zu der Alten zurück.
-Er fragte sie, ob sie gesagt hätte, daß sie dem, der ihr seine Mahlzeit
-nicht bezahlte, sein bestes Gewand fortnehmen würde.
-
-„Ja“, antwortete sie.
-
-„Wohlan, Dein Hund hat mit mir gespeist und hat mich nicht bezahlt,
-so hab ich ihm nach Deiner Vorschrift sein bestes und einziges Kleid
-ausgezogen.“
-
-Und er zeigte ihr das Fell des toten Hundes.
-
-„Ach,“ sprach die Alte weinend, „das ist grausam von Dir, Herr Arzt.
-Armes Hündlein! Es war für mich arme Wittfrau wie mein Kind. Weshalb
-raubtest Du mir den einzigen Freund, den ich in der Welt hatte? Jetzt
-will ich gern sterben.“
-
-„Ich werde ihn auferwecken,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Auferwecken!“ sprach sie. „Und er wird mir wieder schmeicheln, mich
-wiederum ansehen und mich lecken und mit dem armen, alten Schwänzlein
-wedeln, wenn er mich erblickt? Tut also, Herr Arzt, und Ihr sollt
-umsonst hier gespeist haben, eine teure Mahlzeit, und ich will Euch
-noch mehr denn einen Gülden obendrein geben.“ „Ich werde ihn ins Leben
-zurückrufen, aber dazu bedarf ich heißes Wasser, Sirup, um die Gelenke
-zu kleben, Nadel und Faden und geschmälzte Fleischbrühe. Und während
-der Operation will ich allein sein.“
-
-Die Alte gab ihm, was er begehrte; er nahm das Fell des toten Hundes
-und begab sich in den Stall.
-
-Dort beschmierte er das Maul des alten Hundes mit geschmälzter Brühe,
-der ließ es mit Behagen geschehen. Dann zog er ihm einen großen
-Sirupstreifen unter den Bauch und machte ihm Sirup an die Pfoten und
-Brühe an den Schwanz. Alsdann stieß er dreimal einen lauten Schrei aus
-und sagte darauf: „Steh auf, stehe auf, ich befehl’s, fauler Hund.“
-
-Hurtig steckte er das Fell des toten Hundes in seinen Ranzen, gab
-dem lebenden einen gewaltigen Fußtritt und beförderte ihn so in die
-Herbergsstube.
-
-Als die Alte sah, daß ihr Hund am Leben war und sich leckte, wollte sie
-ihn voll Freuden umhalsen; aber Ulenspiegel ließ es nicht zu.
-
-„Du kannst diesen Hund“, sprach er, „nicht eher liebkosen, als bis er
-mit der Zunge allen Sirup abgeleckt hat, mit dem er bestrichen ist;
-erst dann werden die Nähte im Fell fest sein. Bezahle mir nunmehr meine
-zehn Gülden.“
-
-„Ich hatte einen gesagt,“ antwortete die Alte.
-
-„Einen für die Operation, neun für die Auferweckung“, erwiderte
-Ulenspiegel.
-
-Sie zahlte sie ihm. Ulenspiegel machte sich davon, indem er das Fell
-des toten Hundes in die Wirtsstube warf und dazu sagte: „Da, Frau,
-behalte sein altes Fell, es kann Dir dienen, das neue auszuflicken,
-wenn es Löcher bekommt.“
-
-
-68
-
-Am nämlichen Sonntag ward in Brügge die Prozession des Heiligen Blutes
-abgehalten. Klas sagte zu seinem Weib und Nele, sie möchten gehen sie
-anzusehen, und sie würden vielleicht Ulenspiegel in der Stadt finden.
-Was ihn anginge, sagte er, so würde er das Haus hüten, in Erwartung,
-daß der Pilger heimkehrte.
-
-Die beiden Frauen gingen selbander fort. Klas, der in Damm
-zurückgeblieben war, setzte sich auf seine Türschwelle und fand das
-Städtlein gar verödet. Er vernahm nichts als den kristallenen Ton einer
-Dorfglocke, derweil der Wind ihm von Brügge stoßweise die Musik der
-Glockenspiele und ein großes Getöse von Böllern und Mörsern zutrug, so
-man zu Ehren des Heiligen Blutes abschoß.
-
-In tiefem Sinnen spähte Klas auf den Wegen nach Ulenspiegel, doch
-erblickte er nichts denn den klaren, blauen, wolkenlosen Himmel,
-etliche Hunde, die mit hängender Zunge in der Sonne lagen, kecke
-Sperlinge, so zwitschernd im Staube sich badeten und eine Katze, die
-jene belauerte. Die Sonne drang freundlich in alle Häuser und ließ die
-Kupferkessel und Zinnhumpen auf den Anrichten erglänzen.
-
-Aber Klas war traurig inmitten dieser Freude und spähte nach seinem
-Sohn. Er versuchte, ihn hinter dem grauen Nebel der Wiesen zu sehen,
-ihn in dem fröhlichem Rauschen der Blätter und dem lustigen Gesang
-der Vögel in den Bäumen zu hören. Plötzlich sah er auf dem Wege von
-Maldeghem einen Mann von hoher Gestalt und erkannte, daß es nicht
-Ulenspiegel war. Er sah ihn am Rande eines Mohrrübenackers still stehen
-und begierig von diesem Gemüse essen.
-
-„Das ist ein Mann, der großen Hunger hat“, sprach Klas. Er hatte ihn
-einen Augenblick aus dem Gesicht verloren, sah ihn an der Ecke der
-Reiherstraße wieder auftauchen und erkannte in ihm den Boten von Jobst,
-welcher ihm die siebenhundert Goldkarolus gebracht hatte. Er ging zu
-ihm auf die Straße und sagte:
-
-„Komm in mein Haus.“
-
-Der Mann antwortete:
-
-„Gesegnet seien, die liebreich gegen die irrenden Wandrer sind.“
-
-Auf dem äußeren Fenstersims der Hütte lagen Brosamen, die Soetkin für
-die Vögel der Umgegend aufsparte. Sie kamen im Winter dorthin, um sich
-Nahrung zu holen. Der Mann nahm etliche dieser Brocken und aß sie.
-
-„Dich hungert und dürstet“, sprach Klas.
-
-Der Mann sagte:
-
-„Seit acht Tagen, wo ich von den Dieben ausgeplündert ward, nähre ich
-mich von den Rüben auf den Äckern und den Wurzeln in den Wäldern.“
-
-„So ist es an der Zeit zu schlemmen. Und hier“, sagte er und öffnete
-den Wandschrank, „ist eine volle Schüssel Erbsen, Eier, Blutwürste,
-Schinken, Genter Wurst und Waterzoey: gedämpfter Fisch. Unten im
-Keller schlummert der Wein von Löwen, nach Art des Burgunder gekeltert
-und rot und klar wie Rubin; den verlangt es, in den Gläsern zu
-erwachen. Wohlan, wir wollen Reisig aufs Feuer legen. Hörst Du die
-Blutwürste auf dem Rost singen? Das ist ein Loblied des guten Essens.“
-
-Klas drehte sie um und um und sprach zu dem Manne:
-
-„Sahst Du meinen Sohn Ulenspiegel nicht?“
-
-„Nein“, antwortete er.
-
-„Bringst Du Nachricht von Jobst, meinem Bruder?“ sagte Klas, dieweil
-er die gerösteten Blutwürste, einen Eierkuchen mit fettem Schinken und
-große Humpen auf den Tisch setzte, und der Wein von Löwen schimmerte
-blaßrot in den Flaschen.
-
-Der Mann antwortete:
-
-„Dein Bruder Jobst ist zu Sippenaken bei Aachen auf dem Rade gestorben.
-Und das, weil er als Ketzer die Waffen wider den Kaiser getragen hat.“
-
-Klas war wie von Sinnen, und am ganzen Leibe zitternd, denn sein Grimm
-war groß, sagte er:
-
-„Elende Henker! Jobst, mein armer Bruder!“
-
-Darauf sprach der Mann ohne Weichheit:
-
-„Unsere Freuden und Leiden sind nicht von dieser Welt.“
-
-Und er begann zu essen. Darauf sagte er:
-
-„Ich habe Deinem Bruder in seinem Kerker beigestanden, indem ich mich
-für einen Bauern von Niesweiler, seinen Verwandten, ausgab. Ich komme
-hierher, weil er zu mir gesagt hat: Wenn Du nicht gleich mir für den
-Glauben stirbst, so gehe zu meinem Bruder Klas. Heiß ihn, im Frieden
-des Herrn leben, indem er die Werke der Barmherzigkeit übt und seinen
-Sohn insgeheim nach Christi Gebot erzieht. Das Geld, das ich ihm gab,
-ward dem armen, unwissenden Volk abgenommen; er möge es anwenden, um
-Tyll in der Erkenntnis Gottes und des Wortes zu erziehen.“
-
-Nachdem er solches gesagt, gab der Bote Klas den Friedenskuß.
-
-Und Klas wehklagte und sprach:
-
-„Auf dem Rade gestorben, mein armer Bruder!“
-
-Und er konnte seines Schmerzes nicht Herr werden.
-
-Jedoch da er sah, daß den Mann dürstete und daß er sein Glas hinhielt,
-schenkte er ihm Wein ein; aber er aß und trank ohne Lust. Soetkin und
-Nele waren sieben Tage fern; während der Zeit wohnte der Bote von Jobst
-unter Klasens Dach.
-
-Jede Nacht hörten sie Katheline in der Hütte heulen:
-
-„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus!“
-
-Und Klas ging zu ihr und redete ihr gütlich zu und kehrte dann in sein
-Haus zurück.
-
-Nach Verlauf der sieben Tage ging der Mann von hinnen und wollte
-von Klas nicht mehr denn zwei Karolus nehmen, um unterwegs Kost und
-Herberge zu finden.
-
-
-69
-
-Als Nele und Soetkin von Brügge heimgekehrt waren, saß Klas in seiner
-Küche auf dem Boden nach Art der Schneider und nähte Knöpfe an eine
-alte Hose. Nele war bei ihm und hetzte Titus Bibulus Schnuffius
-auf den Storch; bald stürzte er sich auf ihn, bald wich er zurück
-und heulte dabei in den höchsten Tönen. Der Storch, auf einem Bein
-stehend, blickte ihn ernst und nachdenklich an und zog seinen langen
-Hals in sein Brustgefieder zurück. Da Titus Bibulus Schnuffius seine
-Friedfertigkeit sah, heulte er noch schrecklicher. Aber unversehens
-schoß der Vogel, den diese Musik verdroß, seinen Schnabel wie einen
-Pfeil in den Rücken des Hundes, welcher entfloh und um Hilfe heulte.
-Klas lachte, Nele desgleichen; Soetkin schaute immerwährend auf die
-Straße und spähte, ob sie Ulenspiegel nicht kommen sähe. Plötzlich
-sprach sie:
-
-„Da ist der Profos und vier Büttel. Ohne Zweifel haben sie es nicht auf
-uns abgesehen. Ihrer zwei gehen rund um die Hütte.“
-
-Klas hob die Nase von der Arbeit auf.
-
-„Und zwei bleiben vorne stehen“, redete Soetkin weiter.
-
-Klas stund auf.
-
-„Wen werden sie in dieser Straße gefangen nehmen?“ sagte sie.
-
-„Herr Jesus, Mann, sie kommen herein.“
-
-Klas sprang aus der Küche in den Garten, Nele ihm nach. Er sagte zu ihr:
-
-„Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“
-
-Nele verstand ihn und da sie sah, daß er über die Hecke sprang und als
-die Büttel ihn beim Kragen packten, daß er sie schlug, um sie los zu
-werden, da schrie und weinte sie:
-
-„Er ist unschuldig, er ist unschuldig! Tut meinem Vater Klas kein Leids
-an! Ulenspiegel, wo bist Du? Du würdest sie alle beide töten!“
-
-Und sie warf sich auf einen der Büttel und zerfleischte ihm das Gesicht
-mit ihren Nägeln. Dann schrie sie: „Sie werden ihn umbringen“, warf
-sich in das Gras im Garten und wälzte sich darin wie von Sinnen.
-
-Katheline war auf den Lärm herbeigekommen, sie stand aufrecht und
-unbeweglich, sah dem Schauspiel zu und schüttelte den Kopf: „Das Feuer,
-das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will heraus!“ Soetkin sah nichts
-und sprach zu den Bütteln, die in die Hütte getreten waren:
-
-„Ihr Herren, was suchet Ihr in unserer armen Behausung? Wenn es mein
-Sohn ist, der ist fern. Da müsset Ihr lange Beine machen.“
-
-Solches sagend war sie frohen Mutes.
-
-Indem schrie Nele um Hilfe. Soetkin lief in den Garten, sah, wie ihr
-Mann auf dem Weg bei der Hecke festgehalten ward und sich sträubte.
-
-„Schlag zu, töte sie“, rief sie. „Ulenspiegel, wo weilst Du?“
-
-Sie wollte ihrem Manne zu Hilfe kommen, doch einer der Büttel packte
-sie um den Leib, nicht ohne Fährnis für sie.
-
-Klas wehrte sich und schlug so heftig, daß er wohl hätte entkommen
-mögen, wären nicht die beiden Büttel, mit denen Soetkin gesprochen
-hatte, denen, so ihn hielten, zu Hilfe kommen.
-
-Mit gebundenen Händen führten sie ihn in die Küche, allwo Soetkin und
-Nele weinten und schluchzten.
-
-„Herr Profos,“ sagte Soetkin, „was hat mein armer Mann getan, daß Ihr
-ihn also mit diesen Stricken bindet?“
-
-„Ketzer“, sprach einer der Büttel.
-
-„Ketzer,“ sprach Soetkin dagegen, „Du bist ein Ketzer, Du! Diese Teufel
-haben gelogen.“
-
-Klas antwortete:
-
-„Ich befehle mich in Gottes Hut.“
-
-Er ging fort. Nele und Soetkin folgten ihm weinend und vermeinend, daß
-man sie auch vor den Richter bringen würde. Freunde und Gevatterinnen
-kamen zu ihnen, aber da sie vernahmen, daß Klas also gebunden ging,
-weil er der Ketzerei verdächtig war, hatten sie so große Furcht, daß
-sie eilends wieder in ihre Häuser gingen und alle Türen hinter sich
-zuschlossen. Nur etliche Mägdlein wagten zu Klas zu kommen und zu ihm
-zu sagen:
-
-„Wohin gehst Du also gebunden, Kohlenträger?“
-
-„Wohin Gott will, Ihr Mägdlein“, sprach er.
-
-Sie brachten ihn in den Gemeindekerker, und Soetkin und Nele setzten
-sich auf die Schwelle. Da es Abend ward, sagte Soetkin zu Nele, sie
-solle sie lassen und sehen, ob Ulenspiegel nicht heimkehrte.
-
-
-70
-
-Die Kunde verbreitete sich alsbald in den benachbarten Dörfern, daß
-man einen Mann um der Ketzerei willen eingekerkert hätte, und daß
-der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem Beinamen der
-Herzlose, das Verhör leiten sollte. Zur selbigen Zeit lebte Ulenspiegel
-in Koolkerke und stand in Gunst und Gnaden bei einer artigen Bäuerin,
-einer gefälligen Wittib, die ihm nichts abschlug, was ihr zu eigen
-war. Ulenspiegel war dort guter Dinge, ward gehätschelt und geliebkost
-bis an den Tag, wo ein falscher Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeine,
-ihm beim Verlassen der Schenke auflauerte, um ihn durchzubläuen. Doch
-Ulenspiegel warf ihn in den Sumpf, damit er seinen Zorn abkühle, und
-der Schöffe kroch heraus, so gut er’s vermochte, grün wie eine Kröte
-und durchweicht wie ein Schwamm.
-
-Für diese Heldentat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen. Er rannte,
-so schnell seine Beine ihn trugen, nach Damm, denn er fürchtete die
-Rache des Schöffen.
-
-Der Abend sank kühl herab. Ulenspiegel lief schnell, es verlangte ihn,
-daheim zu sein. Im Geiste sah er Nele nähen, Soetkin das Nachtmahl
-bereiten und Klas Reisigbündel schnüren, Schnuffius einen Knochen
-benagen und den Storch der Hausmutter auf den Bauch klopfen, um einige
-Brocken vom Essen abzubekommen.
-
-Ein wandernder Hausierer sprach im Vorbeigehen zu ihm:
-
-„Wohin so eilends?“
-
-„Nach Damm, nach Haus“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Der Hausierer erwiderte:
-
-„Die Stadt ist nicht mehr sicher wegen der Reformierten, die man da
-verhaftet.“
-
-Und er ging weiter.
-
-Als Ulenspiegel am Wirtshaus „zum roten Schild“ anlangte, kehrte er
-ein, um ein Glas Doppelbier zu trinken. Der Wirt sprach zu ihm:
-
-„Bist Du nicht des Klas Sohn?“
-
-„Der bin ich“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Spute Dich,“ sprach der Wirt, „denn die schlimme Stunde hat für Deinen
-Vater geschlagen.“
-
-Ulenspiegel fragte, was er damit meinte.
-
-Der Wirt antwortete, er würde es nur allzubald erfahren.
-
-Und Ulenspiegel rannte weiter.
-
-Als er bei den ersten Häusern von Damm anlangte, sprangen ihm die
-Hunde, so auf den Türschwellen standen, an die Beine und kläfften und
-bellten. Die alten Weiber kamen auf den Lärm heraus und riefen ihm alle
-miteinander zu:
-
-„Woher kommst Du? Hast Du Kunde von Deinem Vater? Wo ist Deine Mutter?
-Ist sie auch im Kerker mit ihm? Wehe! Gnade Gott, daß man ihn nicht
-verbrenne!“
-
-Ulenspiegel lief noch rascher.
-
-Er begegnete Nele, die sprach zu ihm:
-
-„Tyll, geh nicht in Dein Haus. Die aus der Stadt haben im Namen Seiner
-Majestät einen Wächter dort angestellt.“
-
-Ulenspiegel blieb stehen:
-
-„Nele,“ sprach er, „ist es wahr, daß mein Vater Klas im Gefängnis ist?“
-
-„Ja,“ antwortete Nele, „und Soetkin weint auf der Schwelle.“ Da schwoll
-das Herz des verlorenen Sohnes vor Leid und er sprach zu Nele:
-
-„Ich will sie besuchen.“
-
-„Nicht das sollst Du tun, sondern vielmehr Klas gehorchen, der mir, ehe
-sie ihn ergriffen, gesagt hat: „Rette die Karolus, sie sind hinter der
-Rückwand des Rauchfangs.“ Die müssen zuerst gerettet werden, denn sie
-sind Soetkins, des armen Weibes Erbe.“
-
-Ulenspiegel hörte nichts und eilte zum Gefängnis. Allda sah er Soetkin
-auf der Schwelle sitzen; sie umfing ihn mit Tränen und sie weinten
-mitsammen.
-
-Und da das Volk sich ihretwegen in Haufen um das Gefängnis scharte,
-kamen Büttel und geboten Ulenspiegel und Soetkin, daß sie sich ehestens
-fortscheren sollten.
-
-Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die ihrem Hause benachbart war.
-Vor diesem sahen sie einen der Landsknechte, die von Brügge entboten
-waren, aus Furcht vor Unruhen, die während des Gerichts und der
-Hinrichtung entstehen mochten. Denn die Leute von Damm liebten Klas von
-Herzen.
-
-Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war geschäftig, den
-letzten Tropfen Branntwein aus einer Flasche zu saugen. Da er nichts
-mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit, zog sein kurzes
-Schwert und ergötzte sich damit, die Pflastersteine auszugraben.
-
-Soetkin trat bitterlich weinend bei Katheline ein. Und Katheline
-schüttelte den Kopf: „Das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will
-hinaus“, sprach sie.
-
-
-71
-
-Die Sturmglocke rief die Richter zum Tribunal und sie vereinigten sich
-um vier Uhr in der „Vierschare“ um die Gerichtslinde.
-
-Klas ward vor sie gebracht und sah den Amtmann von Damm feierlich
-unter einem Baldachin sitzen und ihm zur Seiten und gegenüber den
-Bürgermeister, die Schöffen und den Gerichtsschreiber.
-
-Das Volk kam beim Klange der Glocke in Haufen herbei und sprach:
-
-„Viele unter den Richtern sind nicht da, um ein Werk der Gerechtigkeit,
-sondern der kaiserlichen Knechtschaft zu üben.“
-
-Der Gerichtsschreiber machte bekannt, daß, nachdem der Gerichtshof
-sich zuvor in der Vierschare um die Linde versammelt, selbiger Anlaß
-gefunden habe, in Ansehung und Kenntnis der Anzeigen und Aussagen, Klas
-den Kohlenträger, aus Damm gebürtig, Ehemann von Soetkin, Jobstens
-Tochter, gefänglich einzuziehen. Nunmehr würden sie zum Verhör der
-Zeugen schreiten.
-
-Hans Barbier, des Klas Nachbar, ward zuerst vernommen. Nachdem er den
-Eid geleistet hatte, sagte er aus:
-
-„Beim Heil meiner Seele versichere und bezeuge ich, daß gegenwärtiger
-Klas mir seit nahezu siebenzehn Jahren bekannt ist, daß er allezeit
-rechtschaffen und nach den Gesetzen unserer heiligen Mutter Kirche
-gelebt, niemals schimpflich von ihr geredet hat. Noch hat er meines
-Wissens irgend einen Ketzer beherbergt, noch das Buch Luthers
-verborgen, noch von besagtem Buche geredet, oder irgend etwas getan,
-das ihn verdächtigen könnte, gegen die Gesetze und Verordnungen des
-Reiches gefehlt zu haben. So helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“
-
-Alsdann wurde Jan van Roosebeke verhört. Er sagte aus, daß er bei
-Abwesenheit von Soetkin, Klasens Weib, oftmals die Stimme zweier
-Männer im Hause des Beklagten zu vernehmen vermeint habe. Oftmals am
-Abend nach der Feierabendglocke habe er in einer kleinen Stube unterm
-Dach ein Licht und zwei Männer, deren einer Klas war, vertraulich
-mitsammen reden sehen. Wenn er sagen sollte, ob der andere Mann ein
-Ketzer war oder nicht, so vermöchte er das nicht, denn er hätte ihn nur
-von ferne gesehen. „Was Klas angeht,“ fügte er hinzu, „so sage ich aus
-und spreche die volle Wahrheit, daß er, so lange ich ihn kenne, um die
-Osterzeit nach der Regel beichtete, an den hohen Festen kommunizierte,
-alle Sonntag zur Messe ging, ausgenommen den Sonntag des heiligen
-Blutes und die folgenden. Und mehr weiß ich nicht. So wahr mir Gott und
-alle seine Heiligen helfen.“
-
-Befragt, ob er nicht gesehen hätte, wie Klas in der Schenke „zum blauen
-Turm“ Ablaß verkauft und über das Fegefeuer gespottet hätte, erwiderte
-Jan van Roosebeke, daß Klas allerdings Ablaß verkauft hätte; doch ohne
-Verachtung oder Spott. Er, Jan van Roosebeke hätte davon gekauft, und
-also habe auch Jobst Griepenstüver, der Älteste der Fischergilde tun
-wollen, der dort in der Menge sei.
-
-Darauf sagte der Amtmann, er wolle die Taten und Handlungen, um
-derentwillen Klas vor den Gerichtshof der Vierschare geführt sei,
-bekannt geben.
-
-„Der Angeber“, sagte er, „war von ohngefähr in Damm geblieben, um
-nicht in Brügge sein Geld für Schlemmerei und Prasserei auszugeben,
-wie das allzu oft bei diesen heiligen Gelegenheiten geübt wird; er
-saß auf seiner Türschwelle und schöpfte Luft. Da erblickte er einen
-Mann, der in der Reiherstraße ging. Da Klas diesen Mann bemerkte,
-ging er auf ihn zu und begrüßte ihn. Der Mann war in schwarzes Linnen
-gekleidet. Er trat bei Klas ein, und die Tür der Hütte blieb halb
-geöffnet. Begierig zu wissen, wer dieser Mann wäre, trat der Angeber
-in den Hausflur; er hörte Klas in der Küche mit dem Fremden von einem
-gewissen Jobst, seinem Bruder, sprechen, der unter den Truppen der
-Reformierten zum Gefangenen gemacht und für diese Tat unweit von Aachen
-lebendig gerädert worden. Der Fremde sagte zu Klas, daß er das Geld,
-so er von seinem Bruder empfahen, anwenden solle, seinen Sohn in der
-reformierten Religion zu erziehen, maßen es der Unwissenheit armer
-Leute abgewonnen sei. Desgleichen hat er Klas aufgefordert, den Schoß
-Unserer Heiligen Mutter Kirche zu verlassen, und andere gottlose Worte
-ausgesprochen, auf welche Klas nur mit den Worten erwiderte: „Grausame
-Henker! Mein armer Bruder!“ Und also lästerte der Angeklagte Unsern
-Heiligen Vater, den Papst, und Seine Königliche Majestät, indem er
-sie der Grausamkeit beschuldigte, weil sie die Ketzerei zu Recht als
-göttliches und menschliches Majestätsverbrechen bestraften. Als der
-Mann mit Essen fertig war, hörte der Angeber Klas ausrufen: „Armer
-Jobst, den Gott in seine Herrlichkeit aufnehme, sie waren grausam
-gegen Dich!“ Und so klagte er Gott selber der Gottlosigkeit an durch
-den Glauben, daß er Ketzer in seinem Himmel aufnehmen könne. Und Klas
-ließ nicht nach zu sagen: „Mein armer Bruder.“ Darob geriet der Fremde
-in Wut wie ein Ketzerlehrer bei seiner Predigt und schrie: „Sie wird
-stürzen, die große Babel, die römische Hure, und sie wird die Behausung
-von Teufeln und der Schlupfwinkel jedes Galgenvogels werden!“ Klas
-sagte: „Grausame Henker! Mein armer Bruder!“ Der Fremde redete ein
-Mehreres und sagte: „Denn der Engel wird den Stein nehmen, groß wie
-ein Mühlstein. Und der Stein wird ins Meer geschleudert werden, und
-der Engel wird sagen: „Also wird die große Babel verworfen und nicht
-mehr gefunden werden.“ „Herr,“ sprach Klas, „Euer Mund ist voll Zornes;
-aber saget mir, wann wird das Reich kommen, wo die, so sanftmütigen
-Herzens sind, in Frieden auf Erden leben können?“ „Nimmer!“ antwortete
-der Fremde, „solange der Antichrist herrschen wird, welcher ist der
-Papst und Widersacher aller Wahrheit!“ / „Ach,“ sprach Klas, „Ihr redet
-ohne Ehrfurcht von Unserm Heiligen Vater. Gewißlich weiß er nichts
-von den grausamen Todesstrafen, mit denen man die armen Reformierten
-strafet.“ Der Fremde erwiderte: „Er kennt sie nur zu wohl, denn er ist
-es, der die Urteile schleudert und sie durch den Kaiser und jetzo den
-König ausführen läßt. Der hat den Nutzen von den Gütereinziehungen;
-er beerbt die Verstorbenen und macht den Reichen gern den Prozeß wegen
-Ketzerei.“ Klas antwortete: „Man redet von solchen Dingen im Lande
-Flandern, ich muß sie glauben. Das Fleisch des Menschen ist schwach,
-selbst wenn es königlich Fleisch ist. Mein armer Jobst.“ Und also gab
-Klas zu verstehen, daß Seine Majestät aus niedriger Gewinnsucht die
-Anstifter der Ketzerei strafte. Da der Fremde ihn beschwatzen wollte,
-erwiderte Klas: „Herr, wollet mir nicht mehr solche Reden halten, die,
-wenn sie gehört würden, mir einen schlimmen Prozeß zuziehen könnten.“
-Klas erhob sich, um in den Keller zu gehen, und kam mit einem Maß Bier
-wieder herauf. „Ich will die Tür schließen“, sagte er alsdann, und der
-Angeber hörte nichts mehr, denn er mußte eilends aus dem Hause gehen.
-Die Tür, so zuvor verschlossen war, ward jedoch bei sinkender Nacht
-wieder geöffnet. Der Fremde kam heraus, kehrte aber alsbald zurück,
-pochte und sagte dabei: „Klas, mich friert, ich weiß nicht, wo ich
-einkehren soll. Gib mir Obdach, niemand hat mich hereinkommen sehen,
-die Stadt ist menschenleer.“
-
-Klas nahm ihn bei sich auf, entzündete eine Laterne, und man sah ihn,
-dem Ketzer vorangehend, die Stiege hinaufsteigen und den Fremden in ein
-Kämmerlein unter dem Dach führen, dessen Fenster aufs Feld ging.“
-
-„Wer anders“, schrie Klas, „kann alles dies berichtet haben, wenn nicht
-Du, schändlicher Fischhändler, den ich am Sonntag aufrecht wie einen
-Pfahl auf seiner Schwelle sah, wie Du heuchlerisch nach den Schwalben
-in der Luft blicktest.“
-
-Und er wies mit dem Finger auf Jobst Griepenstüver, den Ältesten der
-Fischhändler, der seine häßliche Fratze unter dem Volk zeigte. Der
-Fischhändler lächelte hämisch, da er sah, daß Klas sich solchergestalt
-verriet. Alles Volk, Männer, Frauen und Kinder sprachen untereinander:
-
-„Armer, guter Mann, seine Worte werden ihm den Tod bringen.“
-
-Aber der Gerichtsschreiber fuhr in seiner Verlesung fort:
-
-„Der Ketzer und Klas sprachen jene Nacht lange zusammen, desgleichen
-während sechs anderer, in welchen man den Fremdling mancherlei
-dräuende oder segnende Gebärden machen sah, auch wahrnehmen konnte, wie
-er die Arme gen Himmel hob; wie Ketzer zu tun pflegen. Und dem Anschein
-nach hieß Klas seine Reden gut. Gewißlich sprachen sie während jener
-Tage, Abende und Nächte schändlich über Messe und Beichte, über den
-Ablaß und über Seine Königliche Majestät.“
-
-„Keiner hat es gehört,“ sagte Klas, „und man kann mich nicht
-solchergestalt ohne Beweise anklagen.“
-
-Der Gerichtsschreiber versetzte:
-
-„Man hat anderes gehört. Als der Fremde den siebenten Tag um die zehnte
-Stunde aus Deinem Hause ging und es schon Abend war, da gabst Du ihm
-bis zur Grenze von Kathelines Feld das Geleite. Allda erkundigte er
-sich, was Du mit den schändlichen Götzenbildern / und der Amtmann
-bekreuzte sich / der erhabenen Frau Maria und der hohen Heiligen
-Nikolas und Martin gemacht hättest. Du gabst zur Antwort, daß Du sie
-zerbrochen und in den Brunnen geworfen hättest. Und wirklich wurden sie
-verwichene Nacht in Deinem Brunnen gefunden, und die Stücke sind auf
-der Folterkammer.“
-
-Bei diesen Worten schien Klas niedergeschinettert. Der Amtmann fragte,
-ob er etwas zu erwidern hätte, doch Klas schüttelte verneinend den Kopf.
-
-Der Amtmann fragte ihn, ob er nicht den verruchten Gedanken, die Bilder
-zu zerbrechen, desgleichen die gottlose Verirrung, kraft deren er
-schändende Worte wider seine göttliche und Seine Königliche Majestät
-gesprochen, widerrufen wolle.
-
-Klas erwiderte, daß sein Leib Seiner Königlichen Majestät, sein
-Gewissen aber Christo gehörte, dessen Gebot er folgen wolle. Der
-Amtmann fragte ihn, ob dieses Gebot das Unserer Heiligen Mutter Kirche
-wäre. Klas antwortete:
-
-„Es ist im Heiligen Evangelio.“
-
-Aufgefordert, auf die Frage zu antworten, ob der Papst der Statthalter
-Gottes auf Erden sei, sprach er:
-
-„Nein.“
-
-Verhört, ob er es für unerlaubt hielte, die Bilder der erhabenen Frau
-Maria und der hohen Heiligen anzubeten, antwortete er, daß solches
-Götzendienst wäre. Im Punkte der Ohrenbeichte befragt, ob selbe eine
-gute und heilsame Sache sei, sprach er:
-
-„Christus hat gesagt: Beichtet einer dem andern.“
-
-Seine Antworten waren tapfer, wiewohl er im Grunde seines Herzens
-betrübt und erschrocken schien.
-
-Da es acht Uhr geschlagen hatte und die Nacht herabsank, zog sich der
-hohe Gerichtshof zurück und verschob das endgültige Urteil auf den
-nächsten Tag.
-
-
-72
-
-In Kathelines Hütte weinte Soetkin vor irrem Schmerz. Ohne Unterlaß
-sagte sie:
-
-„Mein Mann, mein armer Mann!“
-
-Ulenspiegel und Nele umarmten sie mit inniger Zärtlichkeit. Dann
-drückte sie sie in die Arme und weinte still. Hierauf machte sie ihnen
-ein Zeichen, sie allein zu lassen. Nele sprach zu Ulenspiegel: „Wir
-wollen sie verlassen, sie will es; laß uns die Karolus retten.“
-
-Sie gingen beide hinaus. Katheline ging um Soetkin herum und sprach:
-
-„Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus.“
-
-Und Soetkin blickte sie starren Auges an, ohne sie zu sehen.
-
-Die Hütten von Klas und Katheline stießen aneinander, die von Klas trat
-zurück und hatte ein Gärtlein vor dem Haus; die von Katheline hatte ein
-Stück Land, mit Saubohnen bepflanzt, nach der Straße zu. Das Land war
-mit einer grünen Hecke eingefriedigt, darein Ulenspiegel, um zu Nele zu
-gehen, und Nele um zu Ulenspiegel zu gehen, in ihren Kinderjahren ein
-großes Loch gemacht hatten.
-
-Ulenspiegel und Nele kamen in den Gemüsegarten, sahen von dort den
-wachthabenden Soldaten, der mit dem Kopf wackelte und in die Luft
-spuckte, aber der Speichel fiel auf sein Wams zurück. Eine Flasche,
-die mit Weiden umflochten war, lag neben ihm.
-
-„Nele,“ sagte Ulenspiegel ganz leise, „dieser trunkne Soldat hat noch
-nicht genug für seinen Durst; er muß noch mehr trinken. So werden wir
-die Herren sein. Laß uns die Flasche nehmen.“
-
-Beim Ton ihrer Stimmen wandte der Landsknecht seinen schweren Kopf
-nach ihrer Seite, suchte seine Flasche und da er sie nicht fand, fuhr
-er fort in die Luft zu spucken und versuchte, beim Mondschein seinen
-Speichel fallen zu sehen.
-
-„Der Branntwein geht ihm bis an die Zähne,“ sprach Ulenspiegel. „hörst
-Du, wie er mit Mühe spuckt?“
-
-Indessen streckte der Soldat, nachdem er oftmals gespuckt und in die
-Luft gesehen, wiederum den Arm aus, um die Hand auf die Flasche zu
-legen. Er fand sie, hielt den Mund an die Öffnung, bog den Kopf nach
-hinten, kippte die Flasche um und schlug ein wenig darauf, auf daß sie
-ihm ihren ganzen Saft gäbe; und er sog daran, wie ein Kind an der Brust
-seiner Mutter. Da er nichts darinnen fand, ließ er es dabei bewenden,
-legte die Flasche neben sich, fluchte etliches auf hochdeutsch, spuckte
-wiederum, schüttelte den Kopf von rechts nach links und schlief mit
-unverständlichem Geplapper ein.
-
-Aber Ulenspiegel, wissend, daß dieser Schlaf nicht andauern würde,
-und daß man ihn noch tiefer machen müßte, glitt durch das Loch in der
-Hecke, nahm die Flasche des Soldaten und gab sie Nele, welche sie mit
-Branntwein füllte.
-
-Der Soldat hörte nicht auf zu schnarchen: Ulenspiegel schlüpfte wieder
-durch das Loch in der Hecke, legte ihm die volle Flasche zwischen die
-Beine, kehrte in Kathelines Gärtlein zurück und wartete mit Nele hinter
-der Hecke.
-
-Die Kühle der frischgezapften Flüssigkeit machte den Soldaten etwas
-wach und mit der ersten Bewegung suchte er nach dem kalten Ding unter
-seinem Wamse.
-
-Mit dem rechten Gefühl eines Trunkenbolds erwog er, daß dies wohl eine
-volle Flasche sein könnte, und legte die Hand darauf. Ulenspiegel und
-Nele sahen, wie er beim Schein des Mondes die Flasche schüttelte, um
-das Glucksen der Flüssigkeit zu hören; dann kostete er davon, lachte,
-war baß erstaunt, daß sie so voll war, trank einen Schluck, tat einen
-Zug, setzte sie zu Boden, nahm sie abermals und trank von neuem.
-
-Dann hub er an zu singen:
-
- Wenn der Meister Mond erscheint,
- Die Frau See zu grüßen,
- Trägt sie ihm wohl auf
- Einen Humpen Glühwein;
- Wenn der Meister Mond erscheint.
-
- Speist mit ihm zur Nacht,
- Küßt ihn manchesmal,
- Gibt nach gutem Schmaus
- Ihm ihr Bett zum Lager;
- Wenn der Meister Mond erscheint.
-
- Also tu auch Du, mein Liebchen,
- Leckern Schmaus und guten Glühwein,
- Also tu auch Du, mein Liebchen,
- Wenn der Meister Mond erscheint.
-
-Um und um trinkend und einen Vers singend, schlief er ein. Und er
-konnte nicht hören, daß Nele sagte: „Sie sind in einem Topf hinter der
-Rückwand des Rauchfangs“; noch sah er, wie Ulenspiegel durch den Stall
-in Klasens Küche trat, den Stein von der Rückwand abhob, den Topf und
-die Karolus fand, auf Kathelines Anwesen zurückkehrte und die Karolus
-an der Seite der Brunnenmauer vergrub, wohl wissend, daß man sie
-darinnen und nicht außerhalb suchen würde.
-
-Dann gingen beide wieder zu Soetkin und fanden die schmerzensreiche
-Frau in Tränen. Sie sprach:
-
-„Mein Mann, mein armer Mann!“
-
-Nele und Ulenspiegel wachten bei ihr bis zum Morgen.
-
-
-73
-
-Am folgenden Tag rief die Sturmglocke die Richter mit lauten Schlägen
-zum Gericht der Vierschare.
-
-Da sie sich auf den vier Bänken um den Baum der Gerechtigkeit
-niedergesetzt, verhörten sie Klas abermals und fragten ihn, ob er seine
-Irrtümer aufgeben wollte.
-
-Klas hob die Hand gen Himmel:
-
-„Christus, mein Herr, blickt auf mich herab“, sagte er. „Ich schaute
-in seine Sonne, als mein Sohn Ulenspiegel geboren ward. Wo ist er zur
-Stunde, der Landstreicher? Soetkin, mein sanftes Weib, wirst Du im
-Unglück tapfer sein?“
-
-Dann sah er die Linde an und verfluchte sie.
-
-„Sturm und Dürre! Macht, daß die Bäume auf unserer Väter Erde lieber
-alle bis auf den Stamm zugrunde gehen, denn daß unter ihrem Schatten
-das freie Gewissen zum Tode verdammt wird. Wo bist Du, mein Sohn
-Ulenspiegel? Ich war hart gegen Dich. Ihr Herren, habt Mitleid mit mir
-und richtet mich, wie unser barmherziger Heiland es täte.“
-
-Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht.
-
-Dann fragte er, ob es keine Begnadigung für ihn gäbe, und sprach:
-
-„Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich war gut zu den Armen
-und freundlich gegen jedermann. Die römische Kirche habe ich verlassen,
-um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu mir sprach. Ich flehe um
-keine Gnade, denn daß die Feuerstrafe in ewige, lebenslängliche
-Landesverweisung verwandelt werde, welche Strafe wahrlich schon groß
-ist.“
-
-Alle, die gegenwärtig waren, schrien:
-
-„Gnade, Ihr Herren! Erbarmen!“
-
-Aber Jobst Griepenstüver rief nicht.
-
-Der Amtmann winkte den Umstehenden zu schweigen und sagte, daß die
-Edikte das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer um Gnade zu
-bitten. So aber Klas seinen Irrtum abschwören wolle, solle er durch den
-Strang anstatt durchs Feuer hingerichtet werden.
-
-Und das Volk sprach:
-
-„Ob Feuer oder Strang, es ist der Tod.“
-
-Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf.
-
-Darauf sprach Klas:
-
-„Ich werde mitnichten abschwören. Tut mit meinem Leib, was Eurer
-Barmherzigkeit gefallen wird.“
-
-Der Dechant von Renaix, Titelman, schrie:
-
-„Es ist unerträglich zu sehen, wie solches Ketzergeschmeiß das Haupt
-vor seinen Richtern erhebt. Ihre Körper zu verbrennen ist eine Strafe
-von kurzer Dauer; man muß ihre Seelen retten und sie durch die Folter
-zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören, auf daß sie dem Volk nicht das
-gefährliche Schauspiel von Ketzern geben, die eines unbußfertigen Todes
-sterben.“
-
-Bei solcher Rede weinten die Frauen noch mehr, und die Männer sagten:
-
-„Nach einem Geständnis folgt Strafe, nicht Folter!“
-
-Der Gerichtshof entschied, dieweil die Folter in den Verordnungen nicht
-vorgeschrieben, so sei es nicht statthaft, sie Klas erleiden zu lassen.
-Abermals aufgefordert zu widerrufen, antwortete er:
-
-„Ich kann es nicht.“
-
-Kraft der Edikte ward er der Simonie für schuldig erklärt, wegen
-Verkaufes von Ablaß, desgleichen als Ketzer und Helfershelfer von
-Ketzern befunden und als solcher verurteilt, vor dem Gitter des
-Rathauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte.
-
-Sein Körper sollte während zweier Tage am Pfahl befestigt bleiben, um
-zum Exempel zu dienen, und alsdann an der Stätte begraben werden, wo
-die Körper der Hingerichteten verscharrt werden.
-
-Der Gerichtshof bewilligte dem Ankläger Jobst Griepenstüver, des
-Name nicht genannt ward, fünfzig Gülden auf die ersten hundert
-Karolusgülden der Erbschaft und den zehnten Teil von dem übrigen.
-
-Da Klas diesen Richterspruch vernommen, sprach er zum Ältesten der
-Fischhändler:
-
-„Du wirst eines elenden Todes sterben, Du schlechter Mensch, der für
-einen armseligen Groschen aus einem glücklichen Eheweib eine Wittib und
-aus einem fröhlichen Sohn eine bekümmerte Waise machst.“
-
-Die Richter hatten Klas sprechen lassen, denn auch sie, ausgenommen
-Titelman, fühlten große Verachtung für die Angeberei des Obmanns der
-Fischergilde.
-
-Dieser schien bleich vor Schmach und Zorn.
-
-Und Klas ward in sein Gefängnis zurückgeführt.
-
-
-74
-
-Am folgenden Tage, welcher der Vorabend von Klasens Hinrichtung war,
-wußten Nele, Ulenspiegel und Soetkin das Urteil.
-
-Sie baten die Richter um Einlaß ins Gefängnis, welches ihnen gewährt
-ward, aber nicht Nele.
-
-Da sie hineingingen, sahen sie Klas mit einer langen Kette an die
-Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin wegen der
-Feuchtigkeit. Denn nach Recht und Gesetz ist es in Flandern befohlen,
-gegen die, so sterben sollen, milde zu sein und ihnen Brot, Fleisch
-oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Kerkermeister handeln
-oftmals dem Gesetz zuwider, und ihrer sind viele, die den größten Teil
-und die besten Stücke der Nahrung der armen Gefangenen essen.
-
-Weinend umarmte Klas Ulenspiegel und Soetkin, aber er war der erste,
-der trockne Augen hatte, wie es ihm als Mann und Familienhaupt geziemte.
-
-Soetkin weinte und Ulenspiegel sprach:
-
-„Ich will diese abscheulichen Ketten zerbrechen.“
-
-Soetkin sagte unter Tränen:
-
-„Ich werde zum König Philipp gehen, er wird Dich begnadigen.“
-
-Klas antwortete:
-
-„Der König erbt die Vermögen der Märtyrer.“ Dann fügte er bei:
-
-„Weib und geliebter Sohn, ich gehe traurig und voller Harm aus dieser
-Welt. Wenn ich etwelche Furcht vor dem Leiden für meinen Körper habe,
-so bin ich gleicherweise recht betrübt zu denken, daß, wenn ich nicht
-mehr bin, Ihr alle beide arm und elend sein werdet, denn der König wird
-Euch Eure Habe nehmen.“
-
-Mit leiser Stimme antwortete Ulenspiegel:
-
-„Nele hat gestern alles mit mir in Sicherheit gebracht.“
-
-„Des bin ich froh,“ antwortete Klas, „der Angeber wird nicht über
-meinen Nachlaß lachen.“
-
-„Möge er vielmehr sterben,“ sprach Soetkin, das Auge voll Haß, ohne zu
-weinen.
-
-Aber Klas sprach, der Karolus gedenkend: „Du warst schlau, Tyll, mein
-Söhnchen. Dann wird meine Wittib Soetkin in ihren alten Tagen nicht
-Hunger leiden.“
-
-Und Klas küßte sie und drückte sie fest an seine Brust und sie weinte
-noch mehr, denn sie gedachte, daß sie bald seinen liebenden Schutz
-verlieren würde.
-
-Klas sah Ulenspiegel an und sprach:
-
-„Sohn, Du hast oft gesündigt, wenn Du Dich auf den Landstraßen
-herumtriebst, wie die bösen Buben tun. Du mußt es nicht mehr tun, mein
-Kind, noch die betrübte Witwe allein im Haus lassen; Du, der Mann,
-schuldest ihr Schutz und Schirm.“
-
-„Vater, ich werde es tun“, sagte Ulenspiegel.
-
-„Wehe, mein armer Mann“, sprach Soetkin und umarmte ihn. „Welch großes
-Verbrechen haben wir begangen? Wir lebten friedlich zu zweit ein
-ehrlich und bescheiden Leben und liebten uns innig, Herr Gott, Du weißt
-es. Wir standen frühe auf, um zu arbeiten, und am Abend, wenn wir das
-Dankgebet sprachen, aßen wir das Brot, so wir tags verdient hatten. Ich
-will zum König gehen und ihn mit meinen Nägeln zerfleischen. Herr Gott,
-wir waren nicht schuldig.“
-
-Aber der Kerkermeister trat herein und sagte, daß sie gehen müßten.
-Soetkin verlangte zu bleiben. Klas fühlte, wie ihr armes Gesicht an dem
-seinen glühte, wie Soetkins Zähren in Strömen flossen und seine Wangen
-netzten, und wie ihr ganzer armer Körper in seinen Armen bebte und
-zitterte. Er bat, daß sie bei ihm bleiben möge.
-
-Der Kerkermeister sagte nochmals, daß sie fort müßten, und zog Soetkin
-aus Klasens Armen.
-
-Klas sprach zu Ulenspiegel:
-
-„Wache über sie.“
-
-Der antwortete, er würde es tun. Und Ulenspiegel und Soetkin gingen
-selbander fort und der Sohn stützte die Mutter.
-
-
-75
-
-Am folgenden Morgen, dem Tage der Hinrichtung, kamen die Nachbarn und
-schlossen Ulenspiegel, Soetkin und Nele zusammen in Kathelines Hause
-ein. Aber sie hatten nicht bedacht, daß sie von fern das Geschrei des
-armen Sünders hören und durch die Fenster die Flamme des Holzstoßes
-sehen könnten.
-
-Katheline irrte durch die Stadt, schüttelte den Kopf und sprach: „Macht
-ein Loch, die Seele will hinaus.“
-
-Um die neunte Stunde ward Klas im Hemde, die Hände auf den Rücken
-gebunden, aus dem Gefängnis geführt. Dem Urteil gemäß war der
-Scheiterhaufen in der Straße der Frauenkirche aufgeschichtet, rings um
-einen Pfahl, der vor den Fenstergittern des Rathauses eingerammt war.
-Der Henker und seine Büttel waren noch nicht mit dem Aufschichten des
-Holzes fertig.
-
-Klas wartete inmitten dieser Bluthunde geduldig, bis ihre Arbeit getan
-war, dieweil der Profos zu Pferde und die Schergen des Amtskreises und
-die neun Landsknechte, so von Brüssel herbeigerufen waren, nur mit
-großer Mühe das murrende Volk im Zaum halten konnten.
-
-Alle sagten, daß es Grausamkeit wäre, also in seinen alten Tagen
-ungerechterweise einen armen, braven Mann zu morden, der so freundlich
-und barmherzig und so wacker bei der Arbeit gewesen.
-
-Plötzlich knieten sie nieder und beteten; die Sterbeglocken der
-Frauenkirche läuteten.
-
-Katheline stund auch in der Volksmenge in der ersten Reihe und war
-ganz irre. Sie blickte Klas und den Scheiterhaufen an und sagte
-kopfschüttelnd:
-
-„Das Feuer, das Feuer! macht ein Loch, die Seele will hinaus!“
-
-Da Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzten sie sich
-alle beide. Aber Ulenspiegel tat nicht mit, denn er sagte, daß er Gott
-nicht nach Art der Henker anbeten wolle. Und er rannte in der Hütte hin
-und her und versuchte die Türen einzuschlagen und durch die Fenster zu
-springen; aber alle waren bewacht.
-
-Plötzlich schrie Soetkin, das Gesicht in der Schürze bergend:
-
-„Der Rauch!“
-
-Und in Wahrheit sahen die drei Leidtragenden eine große, gar schwarze
-Rauchwolke am Himmel. Sie kam vom Scheiterhaufen, auf welchem Klas
-an den Pfahl gekettet stand, und der Henker hatte ihn jetzt an drei
-Stellen entzündet, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des
-Heiligen Geistes.
-
-Klas schaute um sich, und da er Soetkin und Ulenspiegel nicht in der
-Menge gewahrte, ward ihm leichter zumute in dem Gedanken, daß sie ihn
-nicht leiden sähen.
-
-Kein ander Geräusch war vernehmbar als Klasens Stimme, der betete,
-das prasselnde Holz, die murrenden Männer, die weinenden Frauen und
-Katheline, welche schrie: „Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch, die
-Seele will hinaus.“ Und die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.
-
-Plötzlich ward Soetkin weiß wie Schnee, bebte am ganzen Leibe, ohne zu
-weinen, und wies mit dem Finger gen Himmel. Eine lange, schmale Flamme
-war aus dem Scheiterhaufen geschossen und erhob sich zuweilen über die
-Dächer der niedern Häuser. Sie war für Klas grausam schmerzhaft, denn
-je nach der Laune des Windes zernagte sie seine Beine, streifte seinen
-Bart und sengte ihn, beleckte seine Haare und verbrannte sie.
-
-Ulenspiegel hielt Soetkin in seinen Armen und wollte sie vom Fenster
-fortreißen. Sie hörten einen gellenden Schrei, welchen Klas ausstieß,
-dieweil sein Körper nur an einer Seite brannte. Aber er schwieg und
-weinte, und seine Brust war ganz benetzt von seinen Zähren.
-
-Dann hörten Soetkin und Ulenspiegel ein großes Getöse von Stimmen. Es
-waren Bürger, Frauen und Kinder, die schrien:
-
-„Klas ist nicht verurteilt, langsam zu brennen, sondern bei starkem
-Feuer. Henker, schüre den Holzstoß.“
-
-Der Henker tat also, aber das Feuer flammte nicht schnell genug auf.
-
-„Erdroßle ihn“, schrien sie.
-
-Und sie warfen mit Steinen nach dem Profos.
-
-„Die Flamme! die große Flamme!“ schrie Soetkin.
-
-Und wahrlich, eine rote Flamme stieg inmitten des Rauches zum Himmel.
-
-„Er stirbt“, sagte die Wittib. „Herr Gott, erbarm Dich der Seele des
-Unschuldigen. Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen Nägeln das Herz
-ausreiße?“
-
-Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.
-
-Soetkin hörte Klas noch einen lauten Schrei tun, aber sie sah nicht,
-wie sein Körper sich krümmte und ächzte, um der Qualen des Feuers
-willen, noch wie sein Gesicht sich verzerrte, noch sah sie seinen
-Kopf, den er nach allen Seiten drehte und gegen das Holz des Pfahls
-schmetterte. Das Volk fuhr fort zu rufen und zu zischen, die Frauen und
-die Knaben warfen Steine, als plötzlich der Scheiterhaufen ganz und gar
-aufloderte und alle vernahmen, wie Klas mitten in Flammen und Rauch
-sprach:
-
-„Soetkin! Tyll!“
-
-Und das Haupt sank ihm auf die Brust wie eine Bleikugel.
-
-Ein durchdringender Weheruf drang aus Kathelines Hütte. Dann hörte man
-nichts mehr, nur die arme Wahnsinnige schüttelte den Kopf und sagte:
-„Die Seele will hinaus.“
-
-Klas war verschieden. Der ausgebrannte Scheiterhaufen sank am Fuße des
-Pfahles in sich zusammen, und der arme, ganz schwarze Körper blieb am
-Halse aufgehängt daran stehen.
-
-Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.
-
-
-76
-
-Soetkin stand bei Katheline gegen die Mauer gelehnt mit gesenktem Haupt
-und gefalteten Händen. Sie hielt Ulenspiegel umfangen, ohne zu reden,
-noch zu weinen.
-
-Ulenspiegel war auch stumm; er fühlte mit Schrecken die Fieberglut, so
-den Körper seiner Mutter verbrannte.
-
-Die Nachbarn, die vom Richtplatz zurückkamen, sagten, daß Klas
-ausgelitten habe.
-
-„Er ist in die Herrlichkeit eingegangen“, sprach die Wittib.
-
-„Bete“, sagte Nele zu Ulenspiegel; und sie gab ihm seinen Rosenkranz,
-aber er wollte ihn nicht gebrauchen, weil die Kugeln vom Papst geweiht
-wären.
-
-Da die Nacht herabsank, sagte Ulenspiegel zur Wittib:
-
-„Mutter, Du _mußt_ Dich schlafen legen; ich werde bei Dir wachen.“
-
-Aber Soetkin antwortete: „Es tut nicht not, daß Du bei mir wachst: der
-Schlaf ist gut für die Jugend.“
-
-Nele bereitete jedem ein Lager in der Küche und ging fort.
-
-Sie blieben beieinander, dieweil die Reste eines Feuers von Baumwurzeln
-im Kamin verbrannten.
-
-Soetkin legte sich nieder und Ulenspiegel tat wie sie und hörte sie
-unter ihren Decken weinen.
-
-Draußen in der nächtlichen Stille ließ der Wind die Bäume des Kanals
-rauschen wie das Meer und als Vorbote des Herbstes schleuderte er den
-Staub in Wirbeln gegen die Fenster.
-
-Ulenspiegel sah etwas wie einen Mann, der kam und ging; er hörte ein
-Geräusch von Schritten in der Küche; da er hinhorchte, hörte er nichts
-mehr als den Wind, der im Kamin heulte, und Soetkin, die unter ihren
-Decken weinte.
-
-Dann hörte er wiederum gehen und hinter sich am Kopfende seufzen. „Wer
-ist da?“ fragte er.
-
-Niemand gab Antwort; aber es ward zu drei Malen auf den Tisch geklopft.
-Ulenspiegel ward von Furcht ergriffen und zitternd fragte er abermals:
-„Wer ist da?“ Er bekam keine Antwort, aber drei Schläge fielen auf
-den Tisch, und er fühlte, wie zwei Arme ihn umschlangen und über sein
-Gesicht ein Körper sich neigte, dessen Haut war gerunzelt, auch hatte
-er ein großes Loch in der Brust und einen Brandgeruch um sich.
-
-„Vater,“ sprach Ulenspiegel, „ist es Dein armer Leichnam, der also auf
-mir lastet?“
-
-Er erhielt keine Antwort, und ohngeachtet der Schatten nahe bei ihm
-stand, hörte er draußen „Tyll, Tyll!“ rufen. Plötzlich erhob Soetkin
-sich und trat an Ulenspiegels Lager: „Hörst Du nichts?“ fragte sie.
-
-„Wohl,“ sprach er, „der Vater ruft mich.“
-
-„Ich,“ sprach Soetkin, „ich habe einen kalten Leichnam an meiner Seite
-in meinem Bette gefühlt, und die Pfühle haben sich gerührt und die
-Vorhänge sich bewegt, und ich habe eine Stimme sagen hören: „Soetkin“.
-Eine Stimme, leise wie ein Hauch, und einen Schritt, leicht wie das
-Summen einer Mücke!“ Und sie sprach also zu dem Geist ihres Klas:
-
-„Mein Mann, so Du im Himmel, allwo Gott Dich in seine Herrlichkeit
-aufgenommen hat, irgend etwas begehrst, mußt Du es uns sagen, auf daß
-wir Deinen Willen vollstrecken.“
-
-Plötzlich stieß ein Windstoß die Tür mit Ungestüm auf und erfüllte den
-Raum mit Staub, und Ulenspiegel und Soetkin hörten fernes Gekrächz von
-Raben.
-
-Sie gingen selbander hinaus und kamen zum Scheiterhaufen.
-
-Die Nacht war schwarz, ausgenommen, wenn die Wolken, so von dem
-scharfen Nordwind gejagt gleich Hirschen über den Himmel liefen, dem
-Antlitz des Gestirns seinen Glanz ließen.
-
-Ein Gemeinbüttel schritt auf und ab und hielt Wache am Scheiterhaufen.
-Ulenspiegel und Soetkin hörten den Schall seiner Schritte auf dem
-hartgestampften Boden und die Stimme eines Raben, der ohne Zweifel
-andere herbeirief, denn aus der Ferne antwortete ihm Gekrächz.
-
-Da Ulenspiegel und Soetkin an den Scheiterhaufen traten, ließ der Rabe
-sich auf Klasens Schultern nieder und sie hörten ihn an dem Körper
-picken, und alsobald kamen andere Raben herbei.
-
-Ulenspiegel wollte sich auf den Scheiterhaufen stürzen und die Raben
-niederschlagen; der Büttel aber sagte zu ihm:
-
-„Du Zauberer, suchst Du Teufelsklauen? Wisse, daß die Hände von
-Verbrannten nicht unsichtbar machen, sondern allein die Hände eines
-Gehenkten, wie Du dereinst einer sein wirst.“
-
-„Herr Weibel,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich bin kein Zauberer, sondern
-der verwaiste Sohn dessen, der dort hängt, und dies Weib ist seine
-Wittib. Wir wollen ihn nur noch einmal küssen und ein Weniges von
-seiner Asche zum Gedächtnis an ihn nehmen. Erlaubt es uns, Herr, der
-Ihr kein fremder Söldling, sondern vielmehr ein Sohn dieses Landes
-seid.“
-
-„Es geschehe, wie Du willst“, antwortete der Büttel.
-
-Waise und Witwe schritten über das verbrannte Holz und kamen an den
-Leichnam. Beide küßten Klasens Antlitz mit Tränen.
-
-Ulenspiegel nahm da, wo das Herz saß und wo die Flamme ein großes Loch
-ausgehöhlt hatte, ein wenig von der Asche des Toten. Dann knieten
-Soetkin und er nieder und beteten. Da die Morgenröte fahl am Himmel
-erschien, waren sie beide noch da; aber der Büttel trieb sie fort, aus
-Furcht, seiner Gutwilligkeit halber gestraft zu werden.
-
-Daheim nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein Stück schwarzer
-Seide; sie machte ein Säcklein daraus; in das tat sie die Asche; und an
-das Säcklein nähte sie zwei Bänder, auf daß Ulenspiegel es allezeit um
-den Hals tragen könnte. Sie hing ihm das Säcklein um und sprach zu ihm:
-
-„Möge diese Asche, so das Herz meines Mannes, dieses Rot, das sein
-Blut, dieses Schwarz, das unsere Trauer ist, immerwährend auf Deiner
-Brust sein wie das Feuer der Rache wider die Henker.“ „So sei es“,
-sprach Ulenspiegel.
-
-Und die Wittib umarmte die Waise und die Sonne ging auf.
-
-
-77
-
-Des anderen Tages drangen die Büttel und Ausrufer der Gemeinde in Klas
-Behausung, setzten allen Hausrat daraus auf die Gasse und schritten zur
-öffentlichen Vergantung.
-
-Von Kathelines Haus aus sah Soetkin die Wiege aus Eisen und Kupfer
-hinaustragen, die vom Vater auf den Sohn im Hause der Klas vererbt
-worden, darinnen der arme Tote und auch Ulenspiegel geboren war. Dann
-trugen sie das Bett hinaus, in dem Soetkin ihr Kind empfangen, und in
-dem sie so trauliche Nächte, an ihren Mann geschmiegt, verbracht hatte.
-Dann kam der Kasten, in dem sie das Brot verwahrte, die Lade, in der
-zur Zeit des Wohllebens die Fleischstücke waren, Pfannen, Kessel und
-Töpfe, nicht mehr glänzend wie in der guten Zeit des Glücks, sondern
-vom Staub der Verwahrlosung bedeckt. Und sie gedachte bei ihnen der
-häuslichen Feste, wo die Nachbarn, vom Duft angelockt, herbeigekommen
-waren.
-
-Dann kam auch eine Tonne und ein Tönnlein, mit einfachem und
-Doppelbier, und ein Korb mit Weinflaschen, deren zumindest dreißig
-waren; und alles ward auf die Straße gesetzt bis auf den letzten Nagel,
-den die arme Witfrau mit großem Lärm herausreißen hörte.
-
-Ohne zu schmähen noch sich zu beklagen, saß sie da und sah blutenden
-Herzens ihren bescheidenen Wohlstand davon tragen. Nachdem der
-öffentliche Verkäufer ein Talglicht angezündet hatte, ward der Hausrat
-vergantet. Da das Licht beinahe ausgebrannt war, hatte der Älteste
-der Fischergilde alles um ein Spottgeld erstanden, um es wieder zu
-verkaufen, und er schien sich zu ergötzen wie ein Wiesel, das einem
-Huhne das Hirn aussaugt.
-
-Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht lange lachen,
-Mörder.“
-
-Indessen ging der Verkauf zu Ende und die Büttel, so alles
-durchwühlten, fanden die Karolus nicht. Der Fischhändler rief aus: „Ihr
-suchet schlecht; ich weiß, daß Klas vor sechs Monaten siebenhundert
-hatte.“
-
-Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht erben, Mörder.“
-
-Plötzlich wandte sich Soetkin um und sprach, auf den Fischhändler
-weisend: „Der Angeber!“
-
-„Ich weiß es“, sagte er.
-
-„Soll er vom Blut Deines Vaters erben?“
-
-„Lieber wollt ich einen ganzen Tag auf der Folterbank leiden“,
-antwortete Ulenspiegel.
-
-„Auch ich, aber bekenne nichts um meinetwillen, welche Qual Du mich
-auch erdulden siehst.“
-
-„Ach, Du bist ein Weib“, sagte Ulenspiegel.
-
-„Armer Schelm,“ sprach sie, „ich habe Dich zur Welt gebracht und weiß
-zu leiden. Aber Du, wenn ich Dich sähe.“ Da erbleichte sie. „Ich werde
-zur heiligen Jungfrau beten, die ihren Sohn am Kreuze sah.“
-
-Und sie weinte, dieweil sie Ulenspiegel liebkoste. Und also machten sie
-miteinander einen Pakt des Hasses und der Kraft.
-
-
-78
-
-Der Fischhändler brauchte nur die Hälfte des Kaufpreises zu entrichten,
-da die andere Hälfte dazu dienen sollte, seine Angeberei zu belohnen,
-bis daß die siebenhundert Karolus gefunden wären, die ihn zur
-Schurkerei getrieben hatten.
-
-Soetkin verbrachte die Nächte mit Weinen und die Tage mit Hausarbeit.
-Oft hörte Ulenspiegel sie ganz allein sprechen und sagen: „Wenn er
-erbt, töte ich mich.“
-
-Wissend, daß sie ausführen würde, was sie sagte, taten Nele und er
-ihr Bestes, Soetkin zu bereden, nach Walcheren zu ziehen, allwo sie
-Verwandte hatte. Soetkin wollte nicht und sagte, es täte ihr nicht not,
-den Würmern aus dem Wege zu gehen, die in Bälde ihre Witwenknochen
-verzehren würden.
-
-Derweilen war der Fischhändler wiederum zum Amtmann gegangen und
-hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor etlichen Monaten an
-siebenhundert Karolus geerbt habe; daß er ein haushälterischer Mann
-gewesen, der mit wenigem auskam und also nicht diese große Summe
-ausgegeben habe, welche ohne Zweifel in einem Winkel verborgen sei.
-
-Der Amtmann fragte, was Ulenspiegel und Soetkin ihm Böses angetan
-hätten, da er noch darauf sinne, sie grausam zu verfolgen, nachdem er
-ihnen Vater und Mann genommen?
-
-Der Fischhändler erwiderte, daß er als angesehener Bürger von Damm
-den Gesetzen des Reichs Achtung verschaffen und also die Gnade Seiner
-Majestät verdienen wolle.
-
-Nachdem er solches gesagt, gab er dem Amtmann eine Anklageschrift zu
-Händen und führte Zeugen auf, die der Wahrheit gemäß wider Willen
-bezeugten, daß der Fischhändler nicht löge.
-
-Nachdem die Wohllöbliche Schöffenkammer die Zeugnisse vernommen,
-erklärte sie die Indizien der Schuld ausreichend zur Folter. Somit
-schickten sie zum andern Mal Büttel, um das Haus zu durchwühlen; diese
-hatten Vollmacht, Mutter und Sohn in das Stadtgefängnis zu bringen,
-allwo sie gehalten werden sollten, bis der Henker von Brügge, welcher
-ohne Verzug bestellt ward, anlangte.
-
-Da Soetkin und Ulenspiegel durch die Straße gingen, die Hände auf den
-Rücken gebunden, stund der Fischhändler auf der Schwelle seines Hauses
-und sah sie an.
-
-Und die Bürger und Bürgersfrauen von Damm standen auch auf der Schwelle
-ihrer Häuser. Matthyssen, der nächste Nachbar des Fischhändlers, hörte
-Ulenspiegel zum Ankläger sagen:
-
-„Gott wird Dir fluchen, Du Henker der Witwen!“
-
-Und Soetkin sprach zu ihm:
-
-„Du wirst eines jämmerlichen Todes sterben, Du Verfolger der Waisen.“
-
-Da die Leute von Damm solchermaßen erfahren hatten, daß die Witwe und
-die Waise also auf eine zweite Anzeige Griepenstüvers ins Gefängnis
-gebracht wurden, schmähten sie den Fischhändler und warfen ihm abends
-Steine in die Fenster und seine Tür ward mit Unrat bedeckt.
-
-Und er wagte nicht mehr aus dem Hause zu gehen.
-
-
-79
-
-Gegen die zehnte Stunde des Vormittags wurden Ulenspiegel und Soetkin
-in die Folterkammer geführt.
-
-Allda befanden sich der Amtmann, der Gerichtsschreiber und die
-Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt.
-
-Der Amtmann fragte Soetkin, ob sie kein dem Kaiser gehöriges Gut
-vorenthalte. Sie antwortete: daß sie nichts vorenthalten könne, da sie
-nichts habe.
-
-„Und Du?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.
-
-„Vor sieben Monaten“, versetzte er, „erbten wir siebenhundert Karolus,
-etliche davon haben wir verzehrt. Was die andern angeht, so weiß ich
-nicht, wo sie sind; ich vermeine jedoch, daß der Wanderer, der zu
-unserm Unglück bei uns wohnte, den Rest mitgenommen hat; denn ich habe
-seither nichts mehr gesehen.“
-
-Der Amtmann fragte wiederum, ob alle beide darin beharrten, sich für
-unschuldig zu erklären.
-
-Sie antworteten, daß sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthielten.
-
-Darauf sagte der Amtmann ernst und traurig:
-
-„Da die Aussagen Euch schwer belasten und die Anklage begründet ist,
-müßt Ihr, so Ihr nicht bekennt, die hochnotpeinliche Frage erleiden.“
-
-„Schonet der Witwe,“ sprach Ulenspiegel, „der Fischhändler hat alles
-gekauft.“
-
-„Armer Schelm,“ sagte Soetkin, „die Männer vermögen den Schmerz nicht
-so zu ertragen, wie die Frauen.“
-
-Da sie sahe, daß Ulenspiegel um ihretwillen bleich wie ein Toter ward,
-sagte sie noch:
-
-„Ich habe Haß und Kraft.“
-
-„Schonet der Witwe“, sprach Ulenspiegel.
-
-„Nehmt mich statt seiner“, sprach Soetkin.
-
-Der Amtmann fragte den Henker, ob er die Werkzeuge bereit halte, die
-zur Erkenntnis der Wahrheit erforderlich seien.
-
-Der Henker antwortete:
-
-„Sie sind alle hier.“
-
-Nachdem die Richter Rat gehalten hatten, bestimmten sie, daß mit der
-Frau begonnen werden müsse, um die Wahrheit zu erfahren.
-
-„Denn“, sagte einer der Schöffen, „es ist kein Sohn, der grausam genug
-wäre, seine Mutter leiden zu sehen, ohne das Verbrechen zu bekennen und
-sie solchergestalt zu erlösen. Desgleichen wird jede Mutter für die
-Frucht ihres Leibes tun, hätte sie gleich das Herz einer Tigerin.“
-
-Zum Henker sprechend, sagte der Amtmann:
-
-„Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Schraubstöcke an Hände
-und Füße.“
-
-Der Henker gehorchte.
-
-„O, tut nicht also, Ihr Herren Richter!“ schrie Ulenspiegel. „Bindet
-mich an ihrer Statt, zerbrecht mir die Finger und die Zehen, aber
-schont der Witwe!“
-
-„Der Fischhändler“, sagte Soetkin. „In mir ist Haß und Kraft.“
-
-Ulenspiegel ward noch bleicher. Er zitterte verstört und schwieg.
-
-Die Schraubstöcke waren Stäblein von Buchsbaumholz, welche mit Schnüren
-verbunden waren und zwischen die Finger gesteckt die Knochen berührten.
-Durch eine Vorrichtung von so scharfsinniger Erfindung konnte der
-Henker nach Belieben des Richters die Finger zusammenpressen,
-die Knochen von ihrem Fleisch entblößen, sie zermalmen, oder dem
-Delinquenten nur einen geringen Schmerz verursachen.
-
-Er legte die Schraubstöcke an Soetkins Hände und Füße.
-
-„Schnürt“, befahl ihm der Amtmann.
-
-Er tat es grausam.
-
-Drauf sprach der Amtmann zu Soetkin:
-
-„Bezeichne mir den Ort, wo die Karolus verborgen sind.“
-
-„Ich kenne ihn nicht“, antwortete sie ächzend.
-
-„Schnürt stärker“, sagte er.
-
-Ulenspiegel versuchte seine Arme, die auf dem Rücken gebunden waren,
-vom Strick loszureißen, um Soetkin zu Hilfe zu kommen.
-
-„Schnürt nicht, Ihr Herren Richter,“ sagte er, „es sind zarte,
-zerbrechliche Frauenknochen. Ein Vogel vermöchte sie mit seinem
-Schnabel zu zerbrechen. Schnürt nicht, Herr Scharfrichter, ich rede
-nicht zu Euch, dieweil Ihr den Befehlen der Herren gehorsam sein müßt.
-Schnürt nicht, habt Erbarmen!“
-
-„Der Fischhändler“, sprach Soetkin.
-
-Und Ulenspiegel schwieg.
-
-Da er aber sahe, daß der Henker die Schraubstöcke noch stärker anzog,
-schrie er von neuem:
-
-„Erbarmen, Ihr Herren, Ihr zerbrecht der Witwe die Finger, deren sie
-zur Arbeit bedarf. Wehe, ihre Füße! Wird sie nicht mehr gehen können?
-Erbarmen, Ihr Herren!“
-
-„Du wirst eines elendigen Todes sterben, Fischhändler“, schrie Soetkin.
-
-Und ihre Knochen krachten und das Blut troff von ihren Füßen.
-
-Ulenspiegel nahm alles wahr und vor Schmerz und Zorn zitternd, sagte er:
-
-„Zerbrecht sie nicht, die Knochen eines Weibes, Ihr Herren Richter!“
-
-„Der Fischhändler“, ächzte Soetkin.
-
-Und ihre Stimme war leise und erstickt wie die eines Geistes.
-
-Ulenspiegel zitterte und rief:
-
-„Ihr Herren Richter, die Hände bluten und die Füße auch. Man hat der
-Witwe die Knochen gebrochen.“
-
-Der Wundarzt berührte sie mit dem Finger, und Soetkin stieß einen
-lauten Schrei aus.
-
-„Bekenne für sie“, sprach der Amtmann zu Ulenspiegel.
-
-Aber Soetkin blickte ihn mit weit offnen Augen an, die denen einer
-Dahingeschiedenen glichen. Und er merkte, daß er nicht sprechen dürfe,
-und weinte, ohne ein Wort zu sagen.
-
-Aber der Amtmann sagte darauf:
-
-„Da dieses Weib mit der Festigkeit eines Mannes begabt ist, so muß ihr
-Mut vor der Tortur ihres Sohnes auf die Probe gestellt werden.“
-
-Soetkin hörte nicht, denn sie war ohnmächtig ob des großen Schmerzes,
-den sie erlitten.
-
-Mit viel Essig ward sie wieder zu sich gebracht. Dann ward Ulenspiegel
-entkleidet und nackend vor die Augen der Witwe gestellt. Der Henker
-schor ihm das Haupthaar und alles Haar ab, um zu sehen, ob er nicht
-ein Teufelsmal habe. Dabei ward er des schwarzen Pünktleins auf dem
-Rücken gewahr, so Ulenspiegel seit der Geburt an sich trug. Er stach
-zu unterschiedlichen Malen eine lange Nadel hinein; aber da Blut
-herauskam, erkannte er, daß in diesem Pünktlein keinerlei Zauberei
-sei. Auf Befehl des Amtmanns wurden Ulenspiegels Hände an zwei Stricke
-gebunden, so über eine an der Decke befestigte Rolle liefen, also daß
-der Henker ihn nach Belieben der Richter hochziehen und herunterlassen
-konnte, indem er ihn heftig schüttelte. Solches tat er an die neun
-Male, nachdem er ihm an jedes Bein ein Gewicht von fünfundzwanzig Pfund
-gehängt hatte.
-
-Beim neunten Stoß zerriß die Haut der Handgelenke und Fußknöchel, und
-die Knochen der Beine traten aus ihren Gelenken.
-
-„Bekenne“, sagte der Amtmann.
-
-„Nein“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Soetkin blickte ihren Sohn an und fand nicht Kraft zu schreien noch
-zu sprechen; sie streckte nur die Arme aus und bewegte ihre blutenden
-Hände und bezeigte durch diese Gebärde, daß man dieser Marter ein Ende
-machen solle.
-
-Der Henker zog Ulenspiegel abermals hinauf und hinunter. Und die Haut
-der Fußknöchel und Handgelenke zerriß stärker und die Knochen der Beine
-traten noch weiter aus ihren Gelenken; aber er schrie nicht.
-
-Soetkin weinte und schüttelte ihre blutenden Hände.
-
-„Bekenne die Unterschlagung,“ sprach der Amtmann, „und Dir soll
-verziehen sein.“
-
-„Der Fischhändler braucht Verzeihung“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Du willst der Richter spotten?“ sagte einer der Schöffen.
-
-„Ich spotten? Ach,“ antwortete Ulenspiegel, „ich stelle mich nur so,
-glaubet mir.“
-
-Soetkin sah nun, daß der Henker auf Befehl des Amtmanns ein Becken
-mit glühenden Kohlen anfachte und daß ein Knecht zwei Unschlittkerzen
-entzündete.
-
-Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, doch sie fiel in
-den Sitz zurück und rief aus:
-
-„Schafft das Feuer fort! Ach, ihr Herren Richter, schont seiner armen
-Jugend. Schafft das Feuer fort.“
-
-„Der Fischhändler!“ rief Ulenspiegel, da er sie schwach werden sah.
-
-„Ziehet Ulenspiegel einen Schuh hoch vom Boden“, sagte der Amtmann;
-„stellet ihm das Kohlenbecken unter die Füße und haltet eine Kerze
-unter jede Achsel.“
-
-Der Henker gehorsamte. Was an Haar unter den Achseln übrig war,
-knisterte und rauchte in der Flamme.
-
-Ulenspiegel schrie und Soetkin sagte weinend:
-
-„Schafft das Feuer hinweg!“
-
-Der Amtmann sprach:
-
-„Bekenne die Hehlerei und du sollst erlöst sein. Gestehe für ihn, Weib.“
-
-Und Ulenspiegel sagte:
-
-„Wer will den Fischhändler in das ewig brennende Feuer werfen?“
-
-Soetkin schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen hätte.
-Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen und Soetkin schaute auf ihn mit
-verstörten Augen, in Tränen aufgelöst.
-
-Indessen, nachdem der Henker die Kerzen ausgelöscht und das Becken mit
-glühenden Kohlen unter Ulenspiegels Füße gestellt hatte, schrie sie:
-
-„Ihr Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm, er weiß nicht, was er sagt.“
-
-„Warum weiß er nicht, was er sagt?“ fragte der Amtmann voll Arglist.
-
-„Fraget sie nicht, Ihr Herren Richter; Ihr seht wohl, daß sie vor
-Schmerz von Sinnen ist. Der Fischhändler hat gelogen“, sprach
-Ulenspiegel.
-
-„Wirst Du so wie er aussagen, Weib?“ fragte der Amtmann.
-
-Soetkin nickte mit dem Kopf.
-
-„Verbrennt den Fischhändler!“ schrie Ulenspiegel.
-
-Soetkin schwieg, aber sie hielt die geballte Faust hoch, als wollte sie
-ihn verfluchen.
-
-Da sie jedoch die Kohlen in hellerer Glut unter den Füßen ihres Sohnes
-aufflammen sah, schrie sie:
-
-„Herr Gott! heilige Jungfrau, die Ihr im Himmel seid, macht dieser
-Marter ein Ende. Habt Erbarmen! Nehmt das Kohlenbecken fort!“
-
-„Der Fischhändler!“ ächzte Ulenspiegel.
-
-Und er brach das Blut in Strömen durch Nase und Mund aus, neigte den
-Kopf und blieb über den Kohlen hängen.
-
-Da schrie Soetkin:
-
-„Mein armes Kind ist tot! Sie haben ihn gemordet! Wehe, auch ihn!
-Nehmt die Kohlen fort, Ihr Herren Richter. Lasset mich ihn in die
-Arme nehmen, um bei ihm zu sterben. Ihr wisset, daß ich auf meinen
-gebrochenen Füßen nicht entfliehen kann.“
-
-„Gebet der Wittib ihren Sohn“, sprach der Amtmann.
-
-Dann ratschlagten die Richter untereinander.
-
-Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackend und
-blutüberströmt auf Soetkins Knie, derweil der Wundarzt ihm die Knochen
-wieder einrenkte.
-
-Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend:
-
-„Mein Sohn, Du armer Märtyrer! Wenn die Herren Richter es gestatten,
-werde ich Dich heilen; aber wach auf, Tyll, mein Sohn! Ihr Herren
-Richter, wenn Ihr ihn mir umgebracht habt, so werde ich zu Seiner
-Majestät gehen, denn Ihr habt gegen jedes Recht und Gerechtigkeit
-gehandelt und Ihr sollt sehen, was eine arme Frau wider die Bösen
-vermag. Aber Ihr Herren, lasset uns mitsammen frei. Wir haben nur
-einander in Welt, wir armen Leute, auf die Gottes Hand schwer
-herabfällt.“
-
-Nachdem die Richter Rat gepflogen hatten, sprachen sie das Urteil wie
-folgt:
-
-„In Ansehung dessen, daß Ihr, Soetkin, eheliche Witwe von Klas, und
-Ihr Tyll, Sohn von Klas, mit dem Beinamen Ulenspiegel, trotz grausamer
-Tortur und genugsamer Proben nichts bekannt habt auf die Anschuldigung,
-das Vermögen unterschlagen zu haben, so kraft Konfiskation und
-ohngeachtet aller dem zuwiderlaufenden Privilegien, Seiner Königlichen
-Majestät gehörte; Erklärt der Gerichtshof Euch für frei; Mangels
-ausreichender Beweise und bei Dir, Frau, des jammervollen Zustandes
-Eurer Glieder, und bei Dir, Mann, der peinlichen Folter wegen, so Ihr
-erlitten habt. Er erlaubt Euch, bei dem Manne oder der Frau aus der
-Stadt, denen es genehm sein wird, Euch unangesehen Eurer Armut zu
-beherbergen und niederzulassen.“
-
-„So gegeben zu Damm, den dreiundzwanzigsten Tag des Weinmonats Anno
-Domini 1558.“
-
-„Seid bedankt, Ihr Herren Richter“, sagte Soetkin.
-
-„Der Fischhändler“, ächzte Ulenspiegel.
-
-Und Mutter und Sohn wurden in einem Karren zu Katheline gebracht.
-
-
-80
-
-Im selbigen Jahre, dem achtundzwanzigsten des Jahrhunderts, trat
-Katheline zu Soetkin ins Gemach und sprach:
-
-„Verwichene Nacht, da ich mich mit Balsam gesalbt hatte, ward ich auf
-den Turm der Frauenkirche versetzt. Ich sah die Geister der Elemente,
-die Gebete der Menschen den Engeln zutragen, welche sie hinwiederum
-nach dem hohen Himmel zum Throne emportrugen. Und der Himmel war ganz
-übersät mit strahlenden Sternen. Plötzlich erhob sich von einem
-Scheiterhaufen eine Gestalt, die mich schwarz dünkte, und schwebte
-hinauf und setzte sich neben mich auf den Turm. Ich erkannte Klas,
-so wie er im Leben war, mit seinem Kohlenträgerkittel angetan. „Was
-machst Du auf dem Turme der Frauenkirche?“ sagte er zu mir. „Aber wohin
-gehst Du, der Du wie ein Vogel in den Lüften fliegst?“ fragte ich
-dagegen. „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. „Hörst Du nicht die Posaune
-des Gerichts?“ Ich stand ganz nahe bei ihm und fühlte, daß seine
-Geistergestalt nicht hart war wie der Körper der Lebendigen, sondern
-so zart, daß ich in ihn eindrang wie in heißen Dampf, da ich ihm nahe
-rückte. Zu meinen Füßen durch das ganze Land Flandern erglänzten
-etliche Lichter, und ich sagte zu mir selbst: Die da frühe aufstehen
-und spät schaffen, sind die Gesegneten des Herrn.
-
-Und immerda hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels ertönen. Und
-alsbald sah ich einen andern Schatten aufsteigen, so aus Spanien kam;
-selbiger war alt und abgelebt, hatte ein Kinn wie ein Holzschuh und
-Quittenmus an den Lippen.
-
-Er trug einen karmesinroten Sammetmantel, mit Hermelin gefüttert, eine
-Kaiserkrone und in der einen Hand eine Anschovis, die er knabberte, in
-der andern einen vollen Bierhumpen.
-
-Er kam und setzte sich auf den Turm der Frauenkirche, ohne Zweifel aus
-Müdigkeit. Niederknieend sprach ich zu ihm: „Gekrönte Majestät, ich
-verehre Euch, aber ich kenne Euch nicht. Von wannen kommt Ihr und was
-tut Ihr in der Welt?“ / „Ich komme aus Sankt-Just in Estremadura,“
-sagte er, „und war der Kaiser Karl der Fünfte.“ „Aber,“ sprach ich,
-„wohin gehet Ihr jetzo in dieser kalten Nacht, durch die hagelschweren
-Wolken?“ / „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. Da der Kaiser seine
-Anschovis aufessen und das Bier aus seinem Kruge austrinken wollte,
-ertönte die Posaune des Engels, und er erhob sich in die Luft und
-murrte, weil er also in seiner Mahlzeit gestört ward. Ich folgte Seiner
-Heiligen Majestät. Er ging durch den Weltraum, indem er vor Müdigkeit
-schluckste, vor Asthma keuchte und sich zu Zeiten erbrach, denn der
-Tod hatte ihn mit verdorbenem Magen ereilt. Wir stiegen unaufhörlich,
-wie Pfeile, aus einem Bogen von Kirschbaumholz geschnellt. Die Sterne
-flogen an uns vorüber und zogen feurige Streifen in den Himmel. Wir
-sahen, wie sie sich loslösten und fielen. Die Posaune des Engels
-ertönte. Welch schmetternder, mächtiger Schall! Bei jeder Fanfare,
-so die Dünste der Luft erschütterte, zerrissen sie, wie wenn ein
-Orkan ganz dicht auf sie dreingeblasen hätte. Und so war uns der Weg
-vorgezeichnet. Da wir nun tausend Meilen und mehr emporgestiegen waren,
-sahen wir Christum in seiner Herrlichkeit auf einem Sternenthron
-sitzen. Zu seiner Rechten stund der Engel, der die Taten der Menschen
-auf eine eherne Tafel schreibt, und zu seiner Linken Maria, seine
-Mutter, die ihn unablässig für die Sünder um Gnade bittet.
-
-Klas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder.
-
-Der Engel warf ihm die Krone vom Haupt. „Hier ist nur ein Kaiser,“
-sprach er, „das ist Christus.“
-
-Seine Heilige Majestät schien erzürnt, jedoch sagte sie, demütig
-sprechend: „Könnte ich nicht diese Anschovis und diesen Humpen Bier
-behalten? Denn die lange Reise hat mich hungrig gemacht.“
-
-„Wie Du es Dein Lebenlang warest“, versetzte der Engel. „Aber iß und
-trink immerhin.“
-
-Der Kaiser leerte den Humpen und knabberte die Anschovis.
-
-Darauf redete Christus und sprach:
-
-„Stellst Du Dich mit reiner Seele zum Gericht?“
-
-„Ich hoffe es, mein gütiger Herr, denn ich habe gebeichtet,“ antwortete
-Kaiser Karl.
-
-„Und Du, Klas?“ fragte der Engel. „Denn Du zitterst nicht wie dieser
-Kaiser.“
-
-„Mein Herr Jesus,“ antwortete Klas, „es ist keine Seele, die rein sei,
-darum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr die höchste Güte und die
-höchste Gerechtigkeit seid; aber ich fürchte dennoch für meine Sünden,
-die zahlreich waren.“
-
-„Rede, Kadaver“, sprach der Engel, sich an den Kaiser wendend.
-
-„Ich,“ antwortete Karl mit unklarer Stimme, „ich ward durch den
-Finger Eurer Priester gesalbet und zum König von Castilien, Kaiser
-von Deutschland und König der Römer geweiht. Unablässig lag mir die
-Erhaltung der Macht am Herzen, so von Euch kommt, und darum wirkte ich
-mit Strang, Schwert, Grube und Feuer wider alle Reformierten.“
-
-Aber der Engel sprach:
-
-„Du Lügner und Völler,“ sagte er, „Du willst uns betrügen. In
-Deutschland hast Du die Reformierten geduldet, denn Du hattest Furcht
-vor ihnen; und in den Niederlanden, wo Du nur Das fürchtetest, nicht
-genug von diesen fleißigen, honigreichen Bienen zu erben, hast Du
-sie enthaupten, verbrennen, hängen und lebendig begraben lassen.
-Hunderttausend Seelen sind durch Dich zugrunde gegangen, nicht weil Du
-Christum, meinen Herrn liebtest, sondern weil Du ein Despot, Tyrann
-und Länderverschlinger warst. Du liebtest nur Dich selbst und nach Dir
-Fleisch, Fisch, Wein und Bier, denn Du warst gierig wie ein Hund und
-durstig wie ein Schwamm.“
-
-„Und Du, Klas, sprich“, sagte Christus.
-
-Aber der Engel erhob sich.
-
-„Dieser hat nichts zu sagen. Er war gut, arbeitsam wie das arme
-flandrische Volk, das da gerne arbeitet und gerne lacht, und seinen
-Fürsten die schuldige Treue hält und glaubt, daß die Fürsten ihm die
-Treue hielten, die sie ihm schuldeten. Er hatte Geld, ward angeklagt
-und da er einen Reformierten beherbergt hatte, ward er lebendig
-verbrannt.“
-
-„Ach,“ sprach Maria, „armer Märtyrer! Aber im Himmel sind kühle
-Bronnen, Springbrunnen von Milch und köstlichem Wein, die werden Dich
-erfrischen, und ich selbst will Dich dort hinführen, Kohlenträger.“
-
-Die Posaune des Engels erscholl abermals, und aus der Tiefe der
-Abgründe sah ich einen Mann aufsteigen, nackt und schön, mit Eisen
-gekrönt. Und auf dem Reifen der Krone waren diese Worte geschrieben:
-„Traurig bis an den Tag des Gerichts.“
-
-Er nahete dem Thron und sprach zu Christo:
-
-„Ich bin Dein Sklave, bis daß ich Dein Herr sein werde.“
-
-„Satan,“ sagte Maria, „ein Tag wird kommen, wo es weder Sklaven noch
-Herren gibt und wo Christus, welcher die Liebe, und Satan, welcher der
-Stolz ist, bedeuten werden: Kraft und Wissen.“
-
-„Weib, Du bist gut und schön“, sprach Satan.
-
-Dann zu Christo redend und auf den Kaiser deutend, sprach er: „Was soll
-mit diesem hier geschehen?“
-
-Christus antwortete:
-
-„Du sollst das gekrönte Gewürm in ein Gemach bringen, darinnen Du
-alle Folterwerkzeuge, so unter seiner Regierung im Gebrauch waren,
-zusammenträgst. Jedesmal, wenn ein unschuldiger Unglücklicher die
-Wasserfolter erleidet, welche die Menschen aufbläht wie Blasen, die
-Kerzenfolter, welche die Fußsohlen und Achselhöhlen verbrennt, den
-Wippgalgen, welcher die Glieder zerbricht, das Zerreißen durch vier
-Pferde; jedesmal, wenn eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren
-letzten Atem aushaucht, soll er eins nach dem andren diese Tode und
-Foltern erdulden. Er soll innewerden, wieviel Böses ein Ungerechter,
-der über Millionen gebeut, tun kann. Möge er in den Gefängnissen
-verfaulen, auf den Schafotten sterben, in der Verbannung, fern vom
-Vaterland, stöhnen; möge er beschimpft, verunglimpft, gestäupet werden.
-Er möge reich sein und der Fiskus von ihm zehren; der Angeber soll ihn
-verklagen und die Konfiskation soll ihn zugrunde richten. Du sollst
-ihn in einen Esel verwandeln, auf daß er sanftmütig, mißhandelt und
-schlecht genährt sei; in einen Armen, auf daß er um Almosen bitte
-und mit Schimpfworten begrüßt werde; in einen Arbeiter, auf daß er
-zuviel arbeite und nicht genug esse. Wenn er alsdann an Leib und Seele
-genugsam gelitten hat, so sollst Du ihn zum Hunde machen, auf daß er
-gut sei und Prügel empfahe; zu einem Sklaven in Indien, der öffentlich
-versteigert wird; zu einem Soldaten, damit er sich für einen andern
-schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen warum. Und wenn er nach
-Verlauf von dreihundert Jahren alle Leiden, alles Elend erschöpft
-haben wird, sollst Du ihn zum freien Menschen machen. Wenn er in
-diesem Stande gut wie Klas ist, sollst Du seinen Leichnam in einem
-Erdenwinkel, der um Mittag schattig ist und am Morgen von der Sonne
-beschienen wird, unter einem schönen Baum mit frischem Rasen bedecken
-und ihm die ewige Ruhe geben. Und seine Freunde werden kommen und auf
-seinem Grabe bittere Tränen vergießen und Veilchen säen, die Blumen der
-Erinnerung.“
-
-„Gnade, mein Sohn,“ sprach Maria, „er wußte nicht, was er tat, denn
-Macht verhärtet das Herz.“
-
-„Hier ist keine Gnade“, sagte Christus.
-
-„Ach,“ sprach Seine Heilige Majestät, „wenn ich nur ein Glas
-andalusischen Weines hätte!“
-
-„Komm,“ sprach Satan, „die Zeit des Weines, der Fleischspeisen und
-Geflügel ist vorbei.“
-
-Und in die tiefste Hölle schleppte er die Seele des armen Kaisers, der
-noch an seiner Anschovis kaute.
-
-Satan ließ es aus Mitleid geschehen. Dann sah ich Mutter Maria den Klas
-in den höchsten Himmel führen, dorthin, wo nichts war, denn Sterne,
-die in Trauben am Gewölbe befestigt sind. Und allda wuschen ihn die
-Engel und er ward schön und jung. Alsdann gaben sie ihm Reisbrei mit
-silbernen Löffeln zu essen. Und der Himmel schloß sich.“
-
-„Er ist in der Herrlichkeit“, sagte die Wittib.
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen“, sprach Ulenspiegel.
-
-
-81
-
-Während der folgenden dreiundzwanzig Tage ward Katheline weiß und
-mager und dörrte aus, als würde sie von einem innern Fieber verzehrt,
-glühender als das des Wahnsinns.
-
-Sie sagte nicht mehr: „Das Feuer, grabt ein Loch, die Seele will
-hinaus“, sondern sie war allezeit verzückt und sagte zu Nele:
-
-„Ehefrau bin ich, und Ehefrau sollst auch Du sein. Schön, starkes Haar,
-heiße Liebe, kalte Kniee und kalte Arme!“
-
-Und Soetkin blickte sie traurig an und glaubte an einen neuen Wahnsinn.
-
-Katheline redete weiter:
-
-„Dreimal drei sind neun, heilige Zahl. Dem in der Nacht die Augen
-glänzen wie Katzenaugen, der allein sieht das Geheimnis.“
-
-Eines Abends machte Soetkin eine Gebärde des Zweifels. Aber Katheline
-sagte:
-
-„Vier und drei bedeutet Unglück unter Saturn; unter Venus die Zahl der
-Heirat. Kalte Arme, kalte Knie, feuriges Herz!“
-
-Soetkin versetzte:
-
-„Man muß nicht von bösen, heidnischen Götzen sprechen.“
-
-Da Katheline solches vernahm, machte sie das Zeichen des Kreuzes und
-sagte:
-
-„Gesegnet sei der graue Ritter. Nele muß einen Mann haben, schöner
-Mann, der den Degen trägt, schwarzer Mann mit glänzendem Gesicht.“
-
-„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „ein Hackfleisch von Männern, und dazu werde
-ich mit meinem Messer die Brühe machen.“
-
-Nele blickte ihren Freund mit Augen an, die vor Freude feucht waren, da
-sie ihn so eifersüchtig sah.
-
-„Ich will keinen“, sprach sie.
-
-Katheline entgegnete:
-
-„Wenn der kommen wird, der grau gekleidet und immer auf andre Art
-gestiefelt und gespornt ist.“
-
-Soetkin sprach:
-
-„Bittet Gott für die arme Närrin.“
-
-„Ulenspiegel,“ sagte Katheline, „geh und hol uns vier Schoppen
-Doppelbier, dieweil ich Schmalzkuchen backe.“
-
-Soetkin fragte, warum sie den Samstag wie die Juden feire.
-
-Katheline antwortete:
-
-„Weil der Teig fertig ist.“
-
-Ulenspiegel stand vor ihr und hielt den großen Krug von englischem Zinn
-in der Hand, der just ein Maß faßte.
-
-„Mutter, was soll ich tun?“ fragte er.
-
-„Geh,“ sagte Katheline.
-
-Soetkin wollte nicht antworten, da sie nicht Herrin im Hause war; sie
-sprach zu Ulenspiegel: „Geh, mein Sohn.“
-
-Ulenspiegel lief zum „Scaeck“ und brachte die vier Schoppen Doppelbier
-zurück.
-
-Alsbald verbreitete sich der Duft der Schmalzkuchen in der Küche, und
-alle hatten Hunger, selbst die arme Leidtragende.
-
-Ulenspiegel aß wacker. Katheline hatte ihm einen großen Humpen gegeben
-und sagte dabei, daß er, als der einzige Mann und das Haupt des Hauses,
-mehr denn die andern trinken und hernach singen sollte.
-
-Ihre Miene war arglistig, als sie so sprach. Aber Ulenspiegel trank,
-doch sang er nicht. Nele weinte, da sie Soetkin so bleich und
-zusammengesunken sah. Allein Katheline war lustig.
-
-Nach der Mahlzeit stiegen Soetkin und Ulenspiegel zum Boden hinauf, um
-sich schlafen zu legen; Katheline und Nele blieben in der Küche, allwo
-ihre Betten aufgeschlagen waren.
-
-Um die zweite Morgenstunde war Ulenspiegel ob des schweren Getränkes
-längst entschlafen; mit offenen Augen bat Soetkin wie jedwede Nacht
-Unsere liebe Frau, ihr Schlaf zu geben, aber Unsere Frau erhörte sie
-nicht.
-
-Plötzlich hörte sie den Schrei eines Fischadlers und aus der Küche
-einen ähnlichen Schrei, der ihm antwortete; dann ertönten von fern aus
-den Feldern andere Rufe, und immer wollte es sie bedünken, daß von der
-Küche aus darauf geantwortet würde.
-
-Gedenkend, daß es Nachtvögel seien, hatte sie des nicht Acht. Sie hörte
-Pferdegewieher und Klappern von Hufeisen auf der Straße, öffnete das
-Bodenfenster und sah leibhaftig zwei gesattelte Pferde, so den Boden
-stampften und das Gras des Wegrains abweideten. Alsdann vernahm sie die
-schreiende Stimme einer Frau und eine drohende Männerstimme; es fielen
-Schläge, neues Geschrei; eine Tür ward mit Getöse geschlossen und
-angstvolle Schritte kamen die Stufen der Stiege herauf.
-
-Ulenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Bodentür öffnete sich und
-Nele trat ein, fast nackend, atemlos und schluchzend. Hastig stellte
-sie einen Tisch, Stühle, ein altes Kohlenbecken, alles was sie an
-Hausrat finden konnte, gegen die Tür. Die letzten Sterne waren am
-Erlöschen, die Hähne krähten.
-
-Ulenspiegel hatte sich beim Geräusch, das Nele machte, im Bett
-umgedreht, aber er schlief weiter.
-
-Da warf sich Nele an Soetkins Hals. „Soetkin,“ sagte sie, „ich habe
-Furcht, zünde das Licht an.“
-
-Soetkin tat es und immer noch stöhnte Nele.
-
-Als das Licht angezündet war und Soetkin Nele anschaute, sah sie, daß
-des Mägdleins Hemd an der Schulter zerrissen war, und auf Stirn, Wangen
-und Hals erblickte sie blutige Schrammen gleich Kratzwunden.
-
-„Nele,“ sprach Soetkin und umschlang sie, „woher kommst Du also
-verwundet?“
-
-Das Mädchen zitterte und stöhnte beständig und sagte: „Bring uns nicht
-auf den Scheiterhaufen, Soetkin.“
-
-Indessen erwachte Ulenspiegel und zwinkerte mit den Augen im
-Lichtschein. Soetkin sagte: „Wer ist unten?“ Nele antwortete:
-
-„Schweig, es ist der Mann, den sie mir geben will.“
-
-Soetkin und Nele hörten plötzlich Katheline schreien, und die Knie
-zitterten den beiden. „Er schlägt sie, er schlägt sie um meinetwillen,“
-sagte Nele.
-
-„Wer ist im Hause?“ schrie Ulenspiegel und sprang aus dem Bett. Dann
-rieb er sich die Augen und lief im Zimmer hin und her, bis er einen
-schweren Schürhaken in die Hand kriegte, der in einer Ecke lag.
-
-„Niemand,“ sagte Nele, „niemand, geh nicht hin, Ulenspiegel.“ Aber
-er hörte nicht, lief zur Tür, warf Stühle, Tische und Kohlenbecken
-beiseite. Katheline schrie unten immerfort. Nele und Soetkin hielten
-Ulenspiegel auf dem Treppenabsatz fest, die eine um den Leib, die
-andere an den Beinen, und sagten dabei: „Geh nicht hin, Ulenspiegel, es
-sind Teufel.“
-
-„Ja,“ antwortete er, „ein Teufelsmann für Nele, ich werde ihn mit
-meinem Schürhaken ehelich zusammentun. Ein Verlöbnis von Eisen und
-Fleisch! Laßt mich hinunter!“
-
-Aber sie ließen ihn nicht los, denn sie waren stark, maßen sie sich
-ans Geländer klammerten. Er riß sie mit auf die Stufen der Stiege
-hinab, und sie hatten Furcht, so den Teufeln nahe zu kommen. Aber sie
-vermochten nichts wider ihn. Er flog in Sprüngen und Sätzen hinunter
-wie ein Schneeball vom Gipfel eines Berges, kam in die Küche und sah
-Katheline fahl und verstört bei Schein der Morgenröte und hörte sie
-sagen:
-
-„Hanske, weshalb lässest Du mich allein? Es ist nicht meine Schuld,
-wenn Nele bös ist.“
-
-Ulenspiegel öffnete die Stalltür, ohne auf sie zu hören. Da er dort
-niemanden fand, stürzte er nach dem Garten und von da auf die Straße.
-Von fern sah er zwei trabende Pferde, die sich im Nebel verloren. Er
-rannte, um sie einzuholen, aber er konnte es nicht, denn sie jagten wie
-der Sturm, der die dürren Blätter vor sich hertreibt.
-
-Von Zorn und Verzweiflung gepeinigt, kehrte er um und sagte zwischen
-den Zähnen: „Sie haben sie mißbraucht! Sie haben sie mißbraucht!“ Mit
-Augen, worinnen eine böse Flamme glühte, betrachtete er Nele, die am
-ganzen Leibe zitternd vor der Witwe und Katheline stand und sagte:
-
-„Nein, Tyll, mein Geliebter, nein.“
-
-Solches sagend, sah sie ihm so traurig und aufrichtig in die Augen, daß
-er wohl sah, daß sie wahr redete.
-
-Dann befragte er sie und sprach:
-
-„Woher kommen diese Rufe, und wohin gingen diese Männer? Warum ist Dein
-Hemd auf der Schulter und im Rücken zerrissen? Warum trägst Du an Stirn
-und Wangen Kratzwunden?“
-
-„Hör mich an,“ sagte sie, „aber bring uns nicht auf den Scheiterhaufen.
-Katheline, die Gott vor der Hölle bewahren möge, hat seit
-dreiundzwanzig Tagen einen Teufel in schwarzen Kleidern, gestiefelt und
-gespornt, zum Freunde. Sein Antlitz gleißt wie das Feuer, das man des
-Sommers, wann es heiß ist, auf den Meereswellen sieht.“
-
-„Warum bist Du fortgegangen, Hanske, mein Liebster?“ sprach Katheline.
-„Nele ist bös.“
-
-Aber Nele redete weiter und sprach:
-
-„Er schreit wie ein Fischadler, um anzukündigen, daß er da ist. Meine
-Mutter empfängt ihn jeden Samstag in der Küche. Sie erzählt, daß seine
-Küsse kalt und sein Körper wie Schnee sei. Und so sie nicht alles tut,
-was er will, schlägt er sie. Einmal brachte er ihr etliche Gülden, aber
-er nahm ihr dafür alle andern fort.“
-
-Während dieser Rede faltete Soetkin die Hände und betete für Katheline.
-Katheline sagte fröhlich:
-
-„Mein Körper ist nicht mehr mein, mein Geist ist nicht mehr mein,
-sondern sein. Hanske, mein Herzallerliebster, führe mich wiederum zum
-Sabbat. Nur Nele will nimmer mitgehen, Nele ist ungehorsam.“
-
-„Bei Tagesanbruch ging er davon,“ sprach das Mägdlein weiter: „Am
-nächsten Tage erzählte meine Mutter mir hundert schier seltsame Dinge
-... Aber Du mußt mich nicht mit so bösen Augen anschauen, Ulenspiegel.
-Gestern hat sie mir gesagt, daß ein schöner Herr, grau gekleidet und
-Hilbert geheißen, mich zur Ehe begehre und herkommen wollte, sich
-mir zu zeigen. Ich gab zur Antwort, daß ich keinen Mann wolle, weder
-einen schönen noch häßlichen. Aber kraft ihrer mütterlichen Gewalt
-zwang sie mich aufzubleiben, um seiner zu harren; denn wenn es sich um
-ihre Buhlschaften handelt, verliert sie mitnichten den Verstand. Wir
-waren halb entkleidet und bereit, uns schlafen zu legen; ich schlief
-auf dem Stuhl dort. Da sie eintraten, wachte ich nicht auf. Plötzlich
-fühlte ich, daß mich einer umfing und mich auf den Hals küßte. Und
-beim Scheine des strahlenden Mondes sah ich ein Antlitz, gleißend wie
-die Schaumkämme der Meereswogen im Heumond, wenn es donnern will; und
-ich hörte ihn mit leiser Stimme zu mir sagen: „Ich bin Hilbert, Dein
-Ehemann, sei mein, ich werde Dich reich machen.“ Das Angesicht dessen,
-der sprach, hatte einen Fischgeruch. Ich stieß ihn zurück; er wollte
-mich mit Gewalt packen, aber ich hatte die Kraft von zehn Männern
-gleich ihm. Jedoch er zerriß mir das Hemde, verwundete mich im Gesicht
-und sagte immerfort: „Sei mein, ich werde Dich reich machen.“ / „Ja,“
-sagte ich, „gleichwie meine Mutter, der Du ihren letzten Heller nehmen
-wirst.“ Da verdoppelte er seine Gewalt, aber er vermochte nichts gegen
-mich. Und da er häßlicher war denn ein Toter, fuhr ich ihm so heftig
-mit meinen Nägeln in die Augen, daß er vor Schmerz schrie, und ich
-entschlüpfte und kam hierher zu Soetkin.“
-
-Katheline sprach beständig:
-
-„Nele ist ungehorsam. Warum bist Du so schnell fortgegangen, Hanske,
-mein Buhle?“
-
-„Wo warst Du, schlechte Mutter,“ fragte Soetkin, „dieweil man Deinem
-Kinde die Ehre nehmen wollte?“
-
-„Nele ist ungehorsam“, sagte Katheline. „Ich war bei meinem schwarzen
-Herrn, da kam der graue Teufel zu uns mit blutendem Antlitz und
-sprach: Komm fort, Gesell, das ist ein schlimmes Haus. Die Männer
-darinnen gelüstet es nach Totschlag und die Weiber haben Messer an den
-Fingerspitzen. Da liefen sie zu ihren Rossen und verschwanden im Nebel.
-Nele ist ungehorsam!“
-
-
-82
-
-Am nächsten Tage, da sie warme Milch tranken, sprach Soetkin zu
-Katheline:
-
-„Du siehest, daß das Leid mich schon aus dieser Welt jagt. Willst Du
-mich noch durch Deine verfluchten Zaubereien daraus vertreiben?“
-
-Aber Katheline sagte immerfort:
-
-„Nele ist ungehorsam. Kehr zurück, Hanske, mein Buhle.“
-
-Den folgenden Mittwoch kamen die Teufel zu zweien wieder.
-
-Nele nächtigte seit dem Samstag bei der Witwe van den Houte, unter dem
-Vorgeben, sie könne bei Katheline nicht bleiben wegen Ulenspiegels, des
-jungen Gesellen, der dort weilte.
-
-Katheline empfing ihren schwarzen Ritter und dessen Freund in der Keet,
-einem Anbau am Haus, welcher die Waschküche und den Backofen enthält.
-Da hielten sie Schmaus und Gelage von altem Wein und geräucherter
-Ochsenzunge, so stets ihrer warteten. Der schwarze Teufel sagte zu
-Katheline:
-
-„Wir haben eine ansehnliche Summe Geldes vonnöten, um ein großes Werk
-zu tun. Gib uns soviel Du kannst.“
-
-Da Katheline ihnen nicht mehr als einen Gülden geben wollte, drohten
-sie ihr, sie zu töten. Aber sie ließen sie für zwei Goldkarolus und
-sieben Groschen frei.
-
-„Kommet nicht mehr des Samstags“, sprach sie zu ihnen. „Ulenspiegel
-ist dieser Tag bekannt und er wird Euch gewaffnet erwarten, um Euch
-totzuschlagen; und ich würde Euch nicht überleben.“
-
-„Wir werden den folgenden Dienstag kommen“, sagten sie.
-
-An jenem Tag schliefen Ulenspiegel und Nele, ohne die Teufel zu
-fürchten, denn sie waren des Glaubens, daß sie des Samstags kämen.
-
-Katheline stand auf und ging in die „Keet“ nachzusehen, ob ihre Freunde
-nicht gekommen wären.
-
-Sie war schier ungeduldig, denn seit sie Hanske wiedergesehen, hatte
-ihr Wahnsinn um ein Merkliches nachgelassen, maßen es Liebestollheit
-war, wie man sagte.
-
-Da sie sie nicht erblickte, war sie voller Harm; da hörte sie von der
-Seite von Sluys her auf freiem Felde den Fischadler schreien und ging
-dem Ruf nach. Auf der Wiese am Fuß eines Deiches auf Buhnen und Rasen
-wandelnd, hörte sie von der anderen Seite des Deiches die beiden Teufel
-mitsammen reden. Der eine sagte:
-
-„Ich will die Hälfte davon haben.“
-
-Der andere antwortete:
-
-„Du sollst nichts haben; was Kathelines ist, ist mein.“
-
-Darauf lästerten sie wütend und stritten miteinander, wer allein das
-Vermögen und die Liebe von Katheline und Nele zugleich haben sollte.
-Von Furcht erstarrt, getraute Katheline sich nicht zu sprechen, noch
-sich zu rühren. Sie hörte alsbald, wie sie auf einander einhieben; dann
-sagte der eine: „Dies Schwert ist kalt.“ Drauf ein Röcheln und den Fall
-eines schweren Körpers.
-
-Voller Furcht schritt sie bis zu ihrer Hütte. In der zweiten
-Nachtstunde vernahm sie abermal, jedoch auf ihrem Anwesen, den Schrei
-des Fischadlers. Sie ging öffnen und sah ihren teuflischen Freund
-allein vor der Tür. Sie fragte ihn:
-
-„Was hast Du mit dem andern gemacht?“
-
-„Er wird nicht mehr kommen“, antwortete er.
-
-Dann umarmte und liebkoste er sie. Er deuchte ihr kälter als sonst.
-Kathelines Geist aber war trefflich wach. Da er von dannen ging,
-begehrte er von ihr zwanzig Gülden, alles was sie hatte; sie gab ihm
-deren siebenzehn.
-
-Voller Neugier ging sie am andern Tage am Deich entlang; aber sie sah
-nichts.
-
-Nur an einer Stelle, so groß wie der Sarg eines Mannes, war Blut auf
-dem Rasen, darin der Fuß versank. Aber am Abend wusch der Regen das
-Blut fort.
-
-Am nächsten Mittwoch hörte sie abermals in ihrem Garten den Schrei des
-Fischadlers.
-
-
-83
-
-Allemal, wenn Ulenspiegel Geld bedurfte, um bei Katheline ihren
-gemeinsamen Unterhalt zu bezahlen, hob er nachts den Stein von dem
-Loch, das er beim Brunnen gegraben, und entnahm daraus einen Karolus.
-
-Eines Abends waren die drei Frauen beim Spinnen; Ulenspiegel schnitzte
-mit dem Messer ein Kästlein, welches der Amtmann bei ihm bestellt
-hatte. Er schnitzte geschickt eine schöne Jagd hinein, mit einer Meute
-von Hennegauer Hunden, von Molossi von Kandia, welches sehr wilde Tiere
-sind, von Brabanter Hunden, die paarweis gehen und Ohrenschnapper
-genannt werden, und andere Hunde ringsherum, Möpse, Rüden und Windhunde.
-
-Da Katheline zugegen war, fragte Nele Soetkin, ob sie ihren Schatz
-wohl verborgen habe. Die Witwe antwortete ihr ohne Mißtrauen, daß er
-nirgend besser sein könne als neben der Brunnenmauer.
-
-Um Mitternacht des Donnerstags ward Soetkin von Bibulus Schnuffius
-aufgeweckt, der scharf, doch nicht lange bellte. Vermeinend, daß es nur
-ein blinder Lärm sei, schlief sie wieder ein.
-
-Am Freitag morgen, da Soetkin und Ulenspiegel bei Tagesgrauen
-aufgestanden waren, sahen sie nicht wie üblich Katheline in der Küche,
-noch das Feuer angezündet, noch die Milch auf dem Feuer kochen. Das
-nahm sie wunder, und sie sahen nach, ob sie etwan im Garten wäre.
-Dort erblickten sie sie, ohngeachtet ein feiner Regen fiel, im Hemde,
-durchnäßt und erstarrt; aber sie wagte nicht hereinzukommen.
-
-Ulenspiegel ging zu ihr und sagte:
-
-„Was tust Du da fast nackend, derweil es regnet?“
-
-„Ach,“ sprach sie, „ja, ja, großes Wunder!“
-
-Und sie wies auf den Hund, der erdrosselt und ganz steif war.
-
-Ulenspiegel gedachte alsogleich des Schatzes und lief hin. Das Loch war
-leer und die Erde weithin zerstreut.
-
-Er sprang auf Katheline los und schlug sie.
-
-„Wo sind die Karolus?“ fragte er.
-
-„Ja, ja, großes Wunder!“ antwortete Katheline.
-
-Nele beschützte ihre Mutter und rief:
-
-„Gnade und Erbarmen, Ulenspiegel.“
-
-Da hörte er auf, sie zu schlagen. Soetkin kam herbei und fragte, was
-geschehen sei.
-
-Ulenspiegel zeigte ihr den erwürgten Hund und das leere Loch. Soetkin
-erblich und sprach:
-
-„Deine Hand trifft mich schwer, Herr Gott! Meine armen Füße!“ Solches
-aber sagte sie wegen des Schmerzes, den sie daran hatte, und der
-Tortur, so sie unnütz für die Goldkarolus erduldet.
-
-Da Nele Soetkin so sanft sah, verzweifelte sie und weinte.
-
-Katheline schwenkte ein Stück Pergament und sagte:
-
-„Ja, großes Wunder. Diese Nacht kam er, freundlich und schön. Er hatte
-in seinem Antlitz nicht mehr den bleichen Schimmer, der mich so bange
-machte, und sprach mit großer Zärtlichkeit zu mir. Ich war verzückt,
-mein Herz schmolz. Er sprach zu mir: Ich bin jetzo reich und werde Dir
-in Bälde tausend Goldgülden bringen.“
-
-„Wohl,“ sagte ich, „aber des bin ich froh mehr deinet- als
-meinethalben, Hanske, mein Liebster.“
-
-„Aber hast Du nicht daheim“, fragte er, „Etliche, die Du lieb hast,
-und die ich reich machen könnte?“ / „Nein, die so hier sind, bedürfen
-Deiner nicht.“ / „Du bist stolz,“ sagte er, „Soetkin und Ulenspiegel
-sind also reich?“ / „Sie leben ohne Beistand ihrer Nächsten.“ /
-„Ohngeachtet der Gütereinziehung?“ Auf solches antwortete ich, daß
-Ihr lieber hättet die Tortur erduldet, denn Euch Euer Vermögen
-nehmen lassen. / „Ich wußte es wohl“, sagte er. Und er hub an, mit
-verstohlenem, leisen Lachen des Amtmanns und der Schöffen zu spotten,
-daß sie nicht einmal vermocht hätten, Euch zum Geständnis zu bringen.
-Darauf lachte ich desgleichen. „Sie sind doch nicht etwan so einfältig
-gewesen, ihren Schatz im Hause zu verbergen?“ Ich lachte. „Noch im
-Keller drinnen?“ / „Mit nichten,“ sagte ich. / „Noch im Garten?“ Ich
-antwortete nicht. „O,“ sagte er, „das wäre große Torheit.“
-
-„Kleine,“ sagte ich, „sintemalen weder das Wasser noch seine Mauer
-reden werden.“ Und er lachte immer. Diese Nacht ging er früher fort,
-als seine Gewohnheit ist, nachdem er mir ein Pulver gegeben hatte, mit
-dem ich, wie er sagte, zum schönsten Sabbat fliegen würde. Ich gab ihm
-im Hemde das Geleit bis an die Gartenpforte und war ganz schlaftrunken.
-Wie er gesagt hatte, ging ich zum Sabbat und kam erst um Tagesanbruch
-zurück. Da fand ich mich allhier und erblickte den erwürgten Hund und
-das leere Loch. Das ist ein gar schwerer Schlag für mich, die ihn so
-zärtlich liebte und ihm meine Seele gab. Aber Ihr sollt alles haben,
-was ich habe, und ich werde mit Füßen und Händen Euch Lebensunterhalt
-schaffen.“
-
-„Ich bin das Korn unter dem Mühlstein, Gott und ein schurkischer Teufel
-suchen mich zur nämlichen Zeit heim,“ sagte Soetkin.
-
-„Ein Schurke / sprechet nicht also von ihm,“ versetzte Katheline, „er
-ist ein Teufel, ein Teufel. Und zum Beweis werde ich Euch das Pergament
-zeigen, das er im Hof gelassen hat; hier stehet geschrieben: „Vergiß
-nimmer, mir zu dienen. In dreimal zween Wochen und fünf Tagen werde
-ich Dir den Schatz zwiefach zurückgeben; habe Du keinen Zweifel, sonst
-wirst Du sterben.“ Und er wird Wort halten, des bin ich sicher.“
-
-„Arme Irre“, sprach Soetkin.
-
-Und das war ihr letzter Vorwurf.
-
-
-84
-
-Drei Wochen waren zweimal vergangen und die fünf Tage desgleichen, aber
-der teuflische Freund kehrte nicht zurück. Gleichwohl ließ Katheline
-die Hoffnung nicht sinken.
-
-Soetkin, die nicht mehr arbeitete, saß immerdar hustend und gebückt
-am Feuer. Nele gab ihr die besten und duftigsten Kräuter; aber kein
-Heilmittel half ihr. Ulenspiegel ging nicht aus dem Haus, aus Furcht,
-daß Soetkin stürbe, dieweil er draußen wäre. Es geschah aber, daß die
-Witwe nicht mehr essen noch trinken konnte, ohne es zu erbrechen. Der
-Bader kam und ließ sie zur Ader; nachdem ward sie so schwach, daß sie
-ihre Bank nicht mehr verlassen konnte.
-
-Von Schmerz verzehrt, sagte sie endlich eines Abends:
-
-„Klas, mein Mann! Tyll, mein Sohn! Dank sei Dir, Gott, daß Du mich
-hinweg nimmst.“
-
-Und sie starb mit einem Seufzer.
-
-Da Katheline sich nicht traute, bei ihr zu wachen, taten Nele und
-Ulenspiegel es mitsammen, und sie beteten die ganze Nacht für die
-Verstorbene.
-
-Bei Tagesanbruch flog eine Schwalbe durchs offene Fenster.
-
-Nele sagte:
-
-„Der Vogel der Seelen, das ist ein gutes Zeichen: Soetkin ist im
-Himmel!“
-
-Die Schwalbe kreiste dreimal um das Gemach und flog dann hinaus, einen
-Schrei ausstoßend.
-
-Dann kam eine zweite Schwalbe, größer und schwärzer als die erste. Sie
-umkreiste Ulenspiegel, und er sagte:
-
-„Vater und Mutter, die Asche brennt auf meiner Brust; ich werde tun,
-was ihr begehrt!“
-
-Und die zweite Schwalbe flog zwitschernd davon gleich wie die erste. Es
-wurde heller. Ulenspiegel sah Tausende von Schwalben über die Wiesen
-streichen und die Sonne ging auf.
-
-Und Soetkin ward auf dem Totenacker der Armen begraben.
-
-
-85
-
-Seit Soetkin tot war, ging Ulenspiegel sinnend, betrübt oder zornig
-in der Küche umher, hörte auf nichts und nahm ohne Wahl an Speise und
-Trank, was man ihm gab. Und oftmals stand er des Nachts auf.
-
-Umsonst mahnte Nele ihn mit ihrer sanften Stimme zur Hoffnung.
-Vergeblich sagte Katheline zu ihm, sie wisse, daß Soetkin mit Klas im
-Paradiese sei. Ulenspiegel antwortete auf alles:
-
-„Die Asche brennt.“
-
-Und er war wie von Sinnen, und Nele weinte, da sie ihn also sah.
-
-Indessen blieb der Fischhändler in seinem Haus allein wie ein
-Vatermörder und wagte sich nur Abends herfür; denn Männer und Frauen
-höhnten ihn und hießen ihn Mörder, wenn sie an ihm vorbeigingen. Die
-kleinen Kinder flüchteten vor ihm, denn man hatte ihnen gesagt, daß er
-der Henker wäre. Er irrte allein umher und wagte nicht, in einer der
-drei Schenken von Damm einzukehren; denn man wies dort mit dem Finger
-auf ihn, und so er nur eine Minute darin stehen blieb, gingen die
-Trinker hinaus.
-
-So geschah es, daß die Wirte ihn nicht mehr bei sich sehen wollten,
-und wenn er sich einfand, schlugen sie ihm die Tür vor der Nase zu.
-Alsdann machte der Fischhändler ihnen demütige Vorstellungen, doch sie
-erwiderten, daß es ihr Recht sei, Getränk zu verkaufen, nicht ihre
-Pflicht.
-
-Der Fehde müde, ging der Fischhändler zum Trinken ~In ’t Roode Valck~
-(in den roten Falken), eine kleine Schänke fern von der Stadt an den
-Ufern des Kanals von Sluys. Da bediente man ihn, denn es waren dürftige
-Leute, die jegliches Geld gerne nahmen. Aber der Baas vom Roten Falken
-sprach nicht mit ihm, noch seine Frau. Es waren aber zwei Kinder und
-ein Hund da; wenn der Fischhändler die Kinder liebkosen wollte, so
-liefen sie davon; und wenn er den Hund rief, wollte dieser ihn beißen.
-
-Ulenspiegel setzte sich eines Abends auf die Türschwelle; als
-Mathyssen, der Faßbinder, ihn so in Gedanken versunken sah, sprach er
-zu ihm:
-
-„Du mußt Deinen Händen Arbeit geben und diesen Schicksalsschlag
-vergessen.“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Klasens Asche brennt auf meiner Brust.“
-
-„Ach,“ sagte Mathyssen, „er führt ein trauriger Leben als Du, der
-elende Fischhändler. Keiner spricht mit ihm und jeder flieht ihn, also
-daß er genötigt ist, bei den armen Lumpen im Roten Falken seine Kanne
-Braunbier einsam zu trinken. Das ist eine große Strafe.“
-
-„Die Asche brennt“, sagte Ulenspiegel zum andern Mal.
-
-Am nämlichen Abend, da die Glocke der Frauenkirche die neunte Stunde
-läutete, schritt Ulenspiegel nach dem Roten Falken. Sehend, daß der
-Fischhändler nicht dort war, streifte er unter den Bäumen, so den Kanal
-einfassen, umher. Der Mond schien hell.
-
-Er sah den Mörder kommen.
-
-Da er an ihm vorüber ging, konnte er ihn ganz nahe sehen und hörte ihn
-sagen, denn er redete laut, wie Leute, die allein leben: „Wo haben sie
-die Karolus versteckt?“
-
-„Wo der Teufel sie gefunden hat“, antwortete Ulenspiegel und schlug ihm
-mit der Faust ins Gesicht.
-
-„Wehe,“ sagte der Fischhändler, „ich erkenne Dich, Du bist der Sohn.
-Habe Mitleid, ich bin alt und kraftlos. Was ich tat, geschah nicht aus
-Haß, sondern um Seiner Majestät zu dienen. Verzeihe mir gnädigst. Ich
-will Dir Deinen Hausrat wiedergeben, den ich erstanden, Du sollst mir
-keinen Groschen dafür bezahlen. Ist das nicht genug? Ich habe ihn für
-sieben Goldgülden gekauft. Du sollst alles haben und noch einen halben
-Gülden dazu, denn ich bin nicht reich, das mußt Du nicht wähnen.“
-
-Und er wollte sich vor ihm auf die Knie werfen.
-
-Da Ulenspiegel ihn so häßlich, zitternd und feige sahe, warf er ihn in
-den Kanal.
-
-Und er machte sich davon.
-
-
-86
-
-Auf den Scheiterhaufen schwelte das Fett der Opfer. Ulenspiegel
-gedachte an Klas und Soetkin und weinte einsam. Eines Abends suchte er
-Katheline auf, um sie um Beistand und um Rache zu bitten. Sie saß mit
-Nele allein bei der Lampe und nähte. Da sie ihn eintreten hörte, hob
-Katheline schwerfällig den Kopf, gleichwie eine Frau, die aus tiefem
-Schlaf erwacht.
-
-Er sagte zu ihr:
-
-„Klasens Asche brennt auf meiner Brust, ich will das Land Flandern
-retten. Ich bat den großen Gott Himmels und der Erden darum, aber er
-antwortete mir nicht.“
-
-Katheline sagte:
-
-„Der große Gott konnte Dich nicht hören. Du mußtest zuvor zu den
-Geistern der Elemente sprechen, welche, da sie himmlischer und
-irdischer Natur sind, die Klagen der armen Menschen annehmen und sie
-den Engeln zutragen, die sie hernach zum Throne bringen.“
-
-„Hilf mir bei meinem Vorhaben,“ sagte er, „ich will Dich mit Blut
-bezahlen, wenn es sein muß.“
-
-Katheline antwortete:
-
-„Ich will Dir helfen, wann ein Mädchen, so Dich liebt, Dich mitnimmt
-zum Sabbat der Frühlingsgeister, welche die Ostern des Saftes sind.“
-
-„Ich will ihn mitnehmen“, sagte Nele.
-
-Katheline goß ein graulich Gebräu in einen Kristallkelch, davon sie
-beiden zu trinken gab. Sie rieb ihnen mit dieser Mixtur die Schläfen,
-Nasenlöcher, Handflächen und Gelenke ein, ließ sie eine Fingerspitze
-weißen Pulvers nehmen und hieß sie sich einander ansehen, damit ihre
-Seelen eins würden.
-
-Ulenspiegel sah Nele an und die sanften Augen des Mägdleins entzündeten
-eine große Glut in ihm; dann fühlte er ob der Mixtur ein Zwicken wie
-von tausend Krabben.
-
-Danach entkleideten sie sich und solcherart von der Lampe beleuchtet,
-waren sie schön; er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer liebreizenden
-Anmut. Aber sie konnten einander nicht sehen, dieweil sie schon
-gleichsam entschlafen waren. Sodann legte Katheline Neles Hals auf
-Ulenspiegels Arm und nahm seine Hand und legte sie auf des Mägdleins
-Herz.
-
-Und also lagen sie nackt nebeneinander. Es deuchte ihnen beiden, daß
-ihre Körper, die sich berührten, von sanfter Glut wären wie die Sonne
-im Rosenmond.
-
-Sie erhoben sich / also erzählten sie später / stiegen auf die
-Fensterbrüstung, schwangen sich ins Leere und fühlten, wie die Luft
-sie trug, wie das Wasser bei den Schiffen tut. Dann nahmen sie nichts
-mehr wahr, weder von der Erde, wo die armen Menschen schliefen, noch
-vom Himmel, wo bald die Wolken zu ihren Füßen wogten. Und sie setzten
-den Fuß auf Sirius, den kalten Stern. Dann wurden sie auf den Pol
-geschleudert.
-
-Allda erblickten sie, nicht ohne Bangen, einen nackten Riesen, den
-Giganten Winter, mit falbem Haar, so auf Eisblöcken an einer Eiswand
-saß. In Wasserlachen tummelten sich Bären und Robben um ihn her, eine
-heulende Herde. Mit heiserer Stimme rief er den Schnee, den Hagel,
-die kalten Regenschauer, die grauen Wetterwolken und die schädlichen,
-stinkenden Nebel herbei. Desgleichen die Winde, von denen der rauhe
-Nordwind am stärksten bläst! Und alle tobten zumal an diesem heillosen
-Orte. Lächelnd über dieses Unheil, legte sich der Riese auf Blumen,
-so durch die Berührung seiner Hand verwelkt waren, auf Blätter, die
-sein Odem verdorrt hatte. Dann bückte er sich und den Boden mit seinen
-Nägeln aufscharrend und mit seinen Zähnen aufwühlend, grub er ein
-Loch hinein, um das Herz der Erde zu suchen und es zu verschlingen.
-Auch wollte er schattige Wälder zu Kohle, Getreide zu Stroh und die
-fruchtbare Erde zu Sand machen. Doch da das Herz der Erde von Feuer
-war, so wagte er es nicht anzurühren und wich scheusam zurück.
-
-Er thronte als König und leerte seinen Becher voll Tran inmitten seiner
-Bären und Robben und der Gerippe all derer, so er zu Wasser und Land
-und in den Hütten der Armen getötet hatte.
-
-Wohlgemut hörte er die Bären brummen, die Robben schreien, das
-Totengebein von Mensch und Tier unter den Krallen von Geiern und Raben
-klappern, so daran nach einem letzten Bissen Fleisch suchten, und hörte
-die Eisschollen krachen, die im trüben Wasser widereinander stießen.
-
-Und die Stimme des Riesen war gleichwie das Brüllen der Orkane, das
-Tosen der Winterstürme und wie der Wind, der in den Kaminen heult.
-
-„Mich friert und ängstet“, sprach Ulenspiegel.
-
-„Er vermag nichts wider die Geister“, antwortete Nele.
-
-Plötzlich entstand ein Aufruhr unter den Robben, die eilends ins
-Wasser zurückkehrten; die Bären ließen vor Furcht die Ohren hängen und
-brummten kläglich; und die Raben, vor Angst krächzend, verschwanden in
-den Wetterwolken.
-
-Und siehe! Nele und Ulenspiegel vernahmen die dumpfen Stöße eines
-Sturmbocks wider die Eismauer, so dem Riesen Winter als Stütze diente.
-Und die Mauer spaltete sich und erbebte in ihren Grundvesten.
-
-Aber der Riese Winter hörte nichts und heulte und bellte lustig,
-füllte und leerte seinen Tranbecher und suchte nach dem Herzen der
-Erde, um es zu erstarren, und wagte doch nicht, es zu fassen.
-
-Indessen erdröhnten die Stöße stärker und die Mauer barst noch mehr,
-und der Regen von Eisstücken, so in Splittern abflogen, prasselte ohn
-Unterlaß um ihn her. Und die Bären brummten allezeit kläglich und die
-Robben winselten in den trüben Wassern.
-
-Die Mauer stürzte zusammen und der Himmel ward hell. Ein Mann, nackend
-und schön, eine Hand auf eine güldene Axt stützend, entstieg ihm.
-Derselbige Mann war Luzifer, der König Lenz. Da der Riese ihn sahe,
-warf er seinen Tranbecher weit fort und flehete ihn an, ihn nicht zu
-töten.
-
-Und da König Lenz seinen lauen Odem hauchte, verlor der Riese Winter
-jegliche Kraft. Da nahm der König demantne Ketten und band ihn damit
-und fesselte ihn an den Pol.
-
-Sodann hielt er inne und rief, aber inniglich und brünstig. Und vom
-Himmel kam ein blondhaarig Weib herab, nackend und schön. Sie saß neben
-dem König nieder und sprach zu ihm:
-
-„Du bist mein Sieger, starker Mann.“
-
-Er antwortete:
-
-„So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke, und so Du Furcht
-hast, komm nahe zu mir: ich bin Dein Geselle.“
-
-„Mich hungert und dürstet nur nach Dir“, sprach sie.
-
-Und aber rief der König sieben Mal schrecklich.
-
-Und es ward ein großes Getöse von Donnern und Blitzen, und hinter ihm
-entstund ein Baldachin von Sonnen und Sternen. Und sie setzten sich auf
-Throne.
-
-Darauf riefen der König und sein Gemahl; aber ihr edles Angesicht
-bewegte sich nicht, noch machten sie eine Gebärde, so ihrer Kraft und
-ruhigen Majestät entgegen war. Und bei diesem Rufen entstand eine
-wallende Bewegung in der Erde, dem harten Gestein und den Eisblöcken.
-Und Nele und Ulenspiegel vernahmen ein Geräusch, gleich als ob riesige
-Vögel die Schale ungeheurer Eier mit Schnabelhieben zerbrächen.
-
-Und in dieser gewaltigen Bewegung des Bodens, der gleich Meereswogen
-stieg und sank, waren Formen wie die eines Eies. Plötzlich kamen
-von allen Seiten Bäume heraus, die ihre dürren Zweige durcheinander
-wirrten, dieweil ihre Stämme wie trunkene Männer schwankten. Dann
-wichen sie auseinander und ließen einen weiten leeren Raum zwischen
-sich. Aus dem wallenden Boden kamen die Geister der Erde, aus der Tiefe
-des Waldes die Waldgeister, aus dem nahen Meere die Wassergeister.
-
-Ulenspiegel und Nele erblickten da schatzhütende Zwerge, bucklig,
-plattfüßig und zottig, häßlich und fratzenhaft, Fürsten des Gesteins,
-Waldmänner, so wie Bäume lebten und an Stelle von Mund und Magen ein
-Bündel Wurzeln am Gesicht trugen, um dergestalt ihre Nahrung aus der
-Brust der Erde zu saugen; desgleichen die Herrscher der Bergwerke,
-welche stumm sind, weder Herz noch Eingeweide haben und sich gleich
-glänzenden Maschinen bewegen. Da waren Zwerge von Fleisch und Bein, so
-Eidechsenschwänze und Krötenköpfe hatten und auf dem Kopf eine Leuchte
-trugen. Sie springen zur Nacht dem trunkenen Wanderer oder furchtsamen
-Reisenden auf die Schultern, springen wieder hinunter, schwenken ihr
-Lichtlein und führen sie in Sümpfe oder Gräben, denn die armen Wandrer
-wähnen, daß dieses die Leuchte sei, so in ihrer Behausung brennt.
-
-Da waren auch Blumenmädchen, Blumen von weiblicher Kraft und
-Gesundheit, nackend und nicht errötend, sondern stolz auf ihre
-Schönheit und nur in den Mantel ihrer Haare gehüllt. Ihre Augen
-erglänzten feucht gleichwie Perlmutter im Wasser. Die Haut ihres
-Körpers war fest, weiß und vom Lichte vergüldet. Aus ihrem roten,
-offenen Munde ging ein Odem, balsamischer als Jasmin. Sie sind es, die
-am Abend in Mauern und Gärten, noch lieber in der Tiefe der Wälder
-auf schattigen Steinen umherstreifen und verliebt nach irgend einer
-Mannesseele sahen, um sie zu besitzen. So ein junger Knabe und ein
-Mägdlein an ihnen vorbeigeht, versuchen sie das Mägdlein zu töten,
-doch da sie es nicht vermögen, hauchen sie der Lieblichen, die noch
-widerstrebt, Liebessehnsucht ein, auf daß sie sich dem Geliebten
-hingebe. Denn alsdann hat die Blumenmaid die Hälfte der Küsse.
-
-Ulenspiegel und Nele sahen auch die Schutzgeister der Sterne, die
-Geister der kalten und warmen Winde und des Regens vom hohen Himmel
-herabsteigen; es waren geflügelte Jünglinge, so die Erde befruchten.
-
-Alsdann erschienen an allen Punkten des Himmels die Vögel der Seelen,
-die zierlichen Schwalben. Als sie da waren, schien das Licht heller.
-Blumenmädchen, Steinfürsten, Herrscher der Bergwerke, Waldmänner,
-Wasser-, Feuer- und Erdgeister riefen zumal: „Licht, Saft! Ruhm dem
-König Lenz!“
-
-Ob ihr einstimmig Geschrei zwar mächtiger war, denn das tosende Meer,
-der krachende Donner und der entfesselte Sturm, so klang es doch Nele
-und Ulenspiegel gleichwie sanfte Musik in die Ohren. Sie aber saßen
-reglos und schweigend zusammengekauert hinter dem knorrigen Stamm einer
-Eiche.
-
-Aber sie fürchteten sich noch mehr, da die Geister sich zu Tausenden
-wie auf Sessel niederließen auf riesige Spinnen, auf Kröten mit
-Elefantenrüsseln, auf Schlangenknäule und Krokodile, so auf dem
-Schwanze stunden und eine Schar Geister im Rachen hielten. Schlangen
-trugen mehr denn dreißig Zwerge und Zwerginnen, so rittlings auf ihrem
-schlängelnden Körper saßen, und schier hunderttausend Insekten, größer
-denn Goliath, mit Degen, Lanzen, gezähnten Sicheln, siebenzinkigen
-Heugabeln und jeglicher Art von schrecklichen Mordwerkzeuge bewaffnet.
-Die schlugen auf einander los mit großem Getöse; der Starke fraß den
-Schwachen, mästete sich an ihm und zeigte also, daß der Tod aus dem
-Leben und das Leben aus dem Tode entsteht.
-
-Und aus dieser ganzen wimmelnden, drängenden und wirren Menge von
-Geistern drang ein Geräusch gleichwie dumpfer Donner und der Lärm von
-hundert Webstühlen, Walkmühlen und Schlosserwerkstätten, die mitsammen
-arbeiten.
-
-Plötzlich erschienen die Geister des Saftes, kurz und stämmig, mit
-Lenden, breit wie das große Faß zu Heidelberg und Schenkeln, so
-gewaltig wie ein Ohm Wein. Und ihre Muskeln waren so seltsam stark und
-mächtig, daß man hätte sagen mögen, sie seien aus großen und kleinen
-Eiern gemacht, die aneinandergefügt und mit einer Haut bedeckt waren,
-welche so rot, fett und glänzend war, wie ihr spärlicher Bart und das
-rote Haupthaar; und sie trugen ungeheure Humpen voll einer seltsamen
-Flüssigkeit.
-
-Da die Geister sie kommen sahen, machten sie einen großen Aufstand vor
-Freuden; die Bäume und Pflanzen schüttelten sich und die Erde barst, um
-zu trinken.
-
-Und die Geister des Saftes gossen Wein aus, und alsobald knospete,
-grünte und blühte alles. Der Rasen war voll summender Käfer und der
-Himmel mit Vögeln und Faltern erfüllt. Die Geister gossen immerdar Wein
-und die unten empfingen ihn, so gut sie konnten. Die Blumenmädchen
-öffneten den Mund oder sprangen auf ihre rothaarigen Mundschenken zu
-und küßten sie, um noch mehr zu bekommen. Etliche falteten die Hände
-zum Beten; andere ließen es glückselig auf sich herabregnen. Aber alle,
-ob lüstern oder durstig, fliegend, stehend, laufend oder unbeweglich,
-trachteten nach dem Wein und wurden nach jedem Tröpflein, so sie
-auffangen konnten, lebendiger. Und waren keine Greise da, sondern alle,
-ob häßlich oder schön, waren voll frischer Kraft und lebendiger Jugend.
-
-Und sie lachten, schrien, sangen und verfolgten sich auf den Bäumen
-gleich Eichkätzchen und in der Luft gleich Vögeln. Jedes Männchen
-suchte sein Weibchen und übte unter Gottes Himmel das heilige Werk der
-Natur.
-
-Und die Geister des Saftes brachten dem König und der Königin den
-großen Becher voll ihres Weines; und der König und die Königin tranken
-und umarmten sich. Alsdann schüttete der König, sein Gemahl umschlungen
-haltend, den Rest seines Bechers über die Bäume, die Blumen und Geister
-und rief: „Ehre sei dem Leben! Ehre der freien Luft! Ehre der Kraft!“
-
-Und alle riefen:
-
-„Ehre sei der Natur! Ehre der Kraft!“
-
-Und Ulenspiegel nahm Nele in seine Arme. Da sie so umschlungen
-waren, begann ein Tanz. Ein wirbelnder Tanz wie von Blättern, so ein
-Wirbelwind zusammenraft, wo alles im Schwung war: Bäume, Pflanzen,
-Käfer, Falter, Himmel und Erde, König und Königin, Blumenmädchen,
-Bergwerksherrscher, Wassergeister, bucklige Zwerge, auch Steinfürsten,
-Waldmänner, Leuchtenträger und Schutzgeister der Sterne. Die
-hunderttausend greulichen Insekten verwirrten ihre Lanzen, gezähnten
-Sicheln und siebenzinkigen Heugabeln. Es war ein schwindelnder Tanz,
-der sich in den Weltraum wälzte und ihn erfüllte, und Sonne, Mond,
-Planeten, Sterne, Wind und Wetterwolken nahmen daran teil.
-
-Und die Eiche, daran Nele und Ulenspiegel sich geklammert hatten,
-rollte mit im Wirbel, und Ulenspiegel sprach zu Nele:
-
-„Liebchen, wir werden sterben.“
-
-Und ein Geist hörte sie und sahe, daß sie Sterbliche waren.
-
-„Menschen,“ schrie er, „Menschen an diesem Ort!“
-
-Und er riß sie vom Baume los und schleuderte sie in die Menge.
-
-Und Ulenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der Geister, die
-sie sich einander zuwarfen und dabei sagten:
-
-„Heil den Menschen! Willkommen Ihr Erdenwürmer! Wer will ein Knäblein
-und ein Mägdlein haben? Sie machen uns einen Besuch, die Schwächlinge!“
-
-Und Ulenspiegel und Nele flogen von einem zum andern und riefen:
-„Gnade!“
-
-Aber die Geister hörten sie nicht und alle beide flogen und wirbelten
-wie Federn im Winterwind, die Beine in der Luft und den Kopf nach
-unten, derweil die Geister sagten:
-
-„Ehre den Männlein und Weiblein, mögen sie tanzen gleichwie wir.“
-
-Die Blumenmädchen waren willens, Nele von Ulenspiegel zu trennen,
-schlugen sie und hätten sie getötet, hätte nicht der König Lenz mit
-einer Gebärde dem Tanz Einhalt geboten und gerufen:
-
-„Man führe diese beiden Flöhe vor meinen Thron!“
-
-Und sie wurden voneinander getrennt, und jegliche Blumenmaid trachtete
-Ulenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen und sprach:
-
-„Tyll, möchtest Du nicht für mich sterben?“
-
-„Ich werde es in Bälde tun“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Und die zwergischen Waldgeister, so Nele trugen, sagten:
-
-„Was bist Du nicht Seele wie wir, auf daß wir Dich zu eigen nehmen
-könnten!“
-
-Nele antwortete:
-
-„Geduldet Euch.“
-
-Und also kamen sie vor des Königs Thron, und sie zitterten schier, da
-sie seine güldene Axt und seine eiserne Krone ersahen.
-
-Und er sprach zu ihnen:
-
-„Warum seid Ihr hier gekommen, Ihr Schwächlinge?“
-
-Sie antworteten nicht.
-
-„Ich kenne Dich, Du Hexenknospe,“ fügte der König bei, „und auch Dich,
-Sprößling des Kohlenträgers. Aber da es Euch durch Hexenkunst gelang,
-in diese Werkstätte der Natur einzudringen, warum habt Ihr jetzo den
-Schnabel zu wie Kapaune, so mit Brotkrumen gestopft sind?“
-
-Nele erbebte beim Anblick des schrecklichen Teufels. Ulenspiegel aber
-gewann seine mannhafte Festigkeit wieder und antwortete:
-
-„Klasens Asche brennt mir auf dem Herzen. Göttliche Hoheit, der
-Schnitter Tod geht durch das Land Flandern und in des Papstes Namen
-mähet er die stärksten Männer und die holdesten Frauen. Flanderns
-Privilegien sind zerbrochen, seine Urkunden vernichtet, die Hungersnot
-nagt an ihm. Seine Weber und Tuchwirker verlassen es, um in der
-Fremde freie Arbeit zu suchen. Bald wird es sterben, sofern man ihm
-nicht zu Hilfe kommt. Ihr Hoheiten, ich bin nur ein armer, geringer
-Bursche, zur Welt gekommen wie ein Jeder; habe gelebt wie ich konnte,
-unvollkommen, beschränkt, unwissend, nicht tugendhaft noch keusch, und
-keiner menschlichen noch göttlichen Gnade würdig. Aber Soetkin starb
-an den Folgen der Tortur und ihres Kummers und Klas verbrannte in
-einem schrecklichen Feuer, und ich wollte sie rächen und tat es schon
-einmal. Ich wollte auch diesen armen Boden, in den ihr Gebein gesäet
-ist, glücklicher sehen, und ich bat Gott um den Tod der Verfolger, aber
-er erhörte mich nicht. Der Klagen müde, hab’ ich Euch durch Kathelines
-Zauber beschworen, und ich und meine zage Gesellin kommen zu Euren
-Füßen, Ihr göttlichen Hoheiten, und bitten Euch um Rettung dieses armen
-Landes.“
-
-Der König und seine Gefährtin antworteten zumal:
-
- „Durch Krieg und Feuer,
- Durch Tod und Schwert
- Suche die Sieben.
-
- In Tod und Blut,
- In Trümmern und Tränen
- Finde die Sieben.
-
- Häßlich, grausam, ungestalt,
- Wahre Geißeln dieses Landes,
- Brenne die Sieben.
-
- Harre, horch und schaue,
- Schwächling, sag, bist Du nicht froh?
- Finde die Sieben.“
-
-Und alle Geister sangen zumal:
-
- „In Tod und Blut,
- In Trümmern und Tränen
- Finde die Sieben.
-
- Harre, horch und schaue,
- Schwächling, sag, bist Du nicht froh?
- Finde die Sieben.“
-
-„Jedoch,“ sprach Ulenspiegel, „Hoheit und Ihr Herren Geister, ich
-verstehe nichts von Eurer Rede. Ohne Zweifel spottet Ihr meiner.“
-
-Die aber sagten, ohne ihn anzuhören:
-
- „Wann der Norden
- Wird den Süden küssen,
- Ist das Ende des Verderbens nah.
- Finde die Sieben
- Und den Gürtel.“
-
-Und das mit so gewaltigem Einklang und so erschrecklicher Kraft des
-Schalles, daß die Erde erbebte und die Himmel erzitterten. Und die
-Falken pfiffen, die Eulen schrien, die Sperlinge piepsten vor Furcht,
-die Fischadler klagten und alle flatterten ängstlich.
-
-Und die Tiere der Erde: Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche, Rehe, Wölfe,
-Hunde und Katzen brüllten, zischten, schrien, heulten, bellten und
-miauten erschrecklich.
-
-Und die Geister sangen:
-
- „Harre, horch und schaue,
- Liebe die Sieben
- Und den Gürtel.“
-
-Und die Hähne krähten und alle Geister entwichen, ungerechnet einen
-bösen Bergwerkskönig, welcher Nele und Ulenspiegel je mit einem Arm
-packte und sie unsänftiglich ins Leere schleuderte.
-
-Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie um zu schlafen, und
-fröstelten bei dem kalten Morgenwind.
-
-Und Ulenspiegel sah Neles holden Leib ganz gülden in der aufgehenden
-Sonne.
-
-
-
-
-Zweites Buch
-
-
-1
-
-An diesem Morgen des Herbstmonds nahm Ulenspiegel seinen Stab, drei
-Gülden, die ihm Katheline gegeben, ein Stück Schweinsleber, eine
-Schnitte Brot und zog von Damm nach Antwerpen, um die Sieben zu suchen.
-Nele schlief.
-
-Beim Wandern folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber
-beschnüffelte und ihm an die Beine sprang. Ulenspiegel wollte ihn
-fortjagen, und da er sah, daß der Hund ihm hartnäckig folgte, hielt er
-ihm diese Rede:
-
-„Ei Hündlein, mein Schatz, Du bist übel beraten, daß Du das Haus
-verlässest, wo gute Pasteten, auserlesener Abhub von der Tafel und
-Knochen voll Mark Deiner harren. Du willst aufs Geratewohl einem
-Landstreicher folgen, der vielleicht nicht allzeit Wurzeln haben
-wird, um sie Dir als Nahrung zu bieten. Glaube mir, Du unfürsichtiges
-Hündlein, kehr zu Deinem Herrn zurück. Meide Regen, Schnee, Hagel,
-Staubregen, Nebel, Glatteis und andere magere Suppen, so auf den
-Rücken der Landstreicher fallen. Bleibe im Herdwinkel und wärme
-Dich, zusammengerollt am lustigen Feuer; laß mich in Schlamm, Staub,
-Kälte und Hitze marschieren; heute gesotten, morgen zu Eis erstarrt,
-Freitags vollgestopft, Sonntags ausgehungert. Du wirst etwas Gescheites
-tun, wenn Du hingehst, wo Du hergekommen bist, Du Hündlein mit wenig
-Erfahrung.“
-
-Das Tier schien Ulenspiegel schlechterdings nicht zu verstehen. Es
-wedelte mit dem Schwanz und sprang so gut es konnte und bellte vor
-Begierde. Ulenspiegel glaubte, daß es Freundschaft sei, aber er
-gedachte nicht der Leber, die er im Ränzel trug. Er wanderte, der Hund
-lief ihm nach. Da sie also gegen eine Stunde zurückgelegt hatten, sahen
-sie auf der Landstraße einen Karren mit einem Esel bespannt, welcher
-den Kopf senkte. Auf einer Böschung am Wegrande saß zwischen zwei
-Distelsträuchen ein dicker Mann, der in der einen Hand eine Hammelkeule
-hielt, die er abnagte, in der andern eine Flasche, deren Saft er
-aussog. Wenn er nicht aß noch trank, so greinte und weinte er.
-
-Da Ulenspiegel stillstand, blieb der Hund gleichermaßen stehen. Er
-witterte den Hammel und die Leber und lief die Böschung hinan. Da
-setzte er sich auf die Hinterpfoten neben den Mann und kratzte ihn am
-Wams, um auch sein Teil von dem Festmahl zu haben. Aber der Mann stieß
-ihn mit dem Ellenbogen zurück, hielt seine Hammelkeule in die Luft und
-greinte erbärmlich. Der Hund tat aus Gier das nämliche. Der Esel ward
-böse, daß er an den Wagen gespannt war und die Disteln nicht erreichen
-konnte, und hub an zu schreien.
-
-„Was ficht Dich an, Jan?“ fragte der Mann den Esel.
-
-„Nichts,“ antwortete Ulenspiegel, „dafern er nicht von jenen Disteln
-Imbiß halten möchte, die Euch zur Seiten blühen wie am hohen Chor
-von Tessenderloo neben und über dem Herrn Christo. Dieser Hund würde
-auch nicht bös sein, wenn seine Kinnbacken mit dem Knochen, so Ihr da
-haltet, Hochzeit machen könnten. Indessen will ich ihm die Leber geben,
-die ich hier habe.“
-
-Nachdem der Hund die Leber gefressen, betrachtete der Mann seinen
-Knochen, benagte ihn noch mehr, um alles Fleisch, so daran war, zu
-kriegen, und gab ihn dermaßen abgenagt dem Hunde. Der legte seine
-Pfoten darauf und machte sich daran, ihn auf dem Rasen zu zermalmen.
-
-Dann blickte der Mann Ulenspiegel an. Und der erkannte Lamm Goedzak
-aus Damm. „Lamm,“ sagte er, „was tust Du hier, essend, trinkend und
-bitterlich weinend? Sollte Dir ein Soldat die Ohren ohne die rechte
-Ehrfurcht eingerieben haben?“
-
-„Wehe, mein Weib“, sagte Lamm.
-
-Er wollte seine Flasche Wein leeren, aber Ulenspiegel legte ihm die
-Hand auf den Arm.
-
-„Trink nicht also, denn hastig Trinken kommt nur den Nieren zugute. Es
-sollte lieber dem zuteil werden, der keine Flasche hat.“
-
-„Du redest gut,“ sagte Lamm, „aber wirst Du besser trinken?“
-
-Und er hielt ihm die Flasche hin.
-
-Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellenbogen und gab sie ihm zurück.
-
-„Heiß mich Spanier,“ sagte er, „dafern noch genug darin ist, um einen
-Sperling trunken zu machen.“
-
-Lamm betrachtete die Flasche und ohne mit Greinen innezuhalten, wühlte
-er in seiner Weidtasche und zog eine andere Flasche und ein anderes
-Stück Wurst heraus, die er alsogleich in Stücke schnitt und trübsinnig
-kaute.
-
-„Issest Du ohn Unterlaß, Lamm?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Oftmals, mein Sohn,“ erwiderte Lamm, „aber es geschieht, meine
-traurigen Gedanken zu vertreiben. Wo bist Du, Weib?“ sagte er und
-wischte sich eine Zähre ab.
-
-Und er schnitt sich zehn Scheiben Wurst.
-
-„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „iß nicht so rasch und ohne Mitleid für den
-armen Wallfahrer.“
-
-Lamm gab ihm weinend vier Schnitten und da Ulenspiegel sie verspeiste,
-ward er von ihrem guten Geschmack gerührt.
-
-Aber Lamm sagte, immerfort weinend und essend:
-
-„Mein Weib, mein gutes Weib! Wie sanft und wohlgeformt war ihr Leib!
-Sie war leicht wie ein Falter, rasch wie der Blitz und sang gleich
-einer Lerche. Sie schmückte sich freilich zu gerne mit schönem Putz.
-Ach, er kleidete sie so gut. Aber die Blumen haben auch reichen Putz.
-So Du ihre Händlein gesehen hättest, mein Sohn, die so zierlich
-liebkosten, hättest Du ihnen nimmer erlaubt, Pfanne noch Tiegel
-anzurühren. Das Küchenfeuer hätte ihre Haut, die so hell wie der Tag
-war, geschwärzt. Und welche Augen! Ich zerschmolz in Zärtlichkeit
-beim bloßen Anschauen. / Trink einen Schluck Wein, ich werde nach Dir
-trinken. Ach, warum ist sie nicht tot! Thyl, ich behielt mir in unserm
-Haus jegliche Arbeit vor, um ihr die mindeste Mühe zu ersparen. Ich
-kehrte die Stuben, ich machte das Ehebett, darinnen sie sich am Abend,
-vom Wohlleben ermüdet, ausstreckte; ich wusch das Geschirr und auch die
-Wäsche, die ich selbst bügelte. / Iß, Thyl, diese Wurst ist aus Gent. /
-Oftmals, wenn sie sich draußen erging, kam sie zu spät zum Mittagmahl;
-aber es war mir so große Freude, sie zu sehen, daß ich nicht wagte,
-sie zu schmählen. Ich war schier glücklich, so sie mir nachts nicht
-schmollend den Rücken kehrte. Ich habe alles verloren. / Trink von
-diesem Wein, er ist vom Brüsseler Weinberg, nach Art des Burgunders.“
-
-„Warum ist sie fortgegangen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei ihr
-aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus Furcht
-und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen runden weißen
-Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute, ließ sie unversehens
-ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen ließ sie sich mein Kosen
-gefallen und ich konnte sie auf die holden Äuglein küssen, welche
-sie schloß, und auf den vollen festen Nacken. Dann schauderte sie
-und schrie ein wenig, neigte den Kopf zurück, und gab mir solcherart
-einen Nasenstüber. Und sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr
-verliebte Schläge und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. /
-Thyl, ist noch Wein in der Flasche?“
-
-„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Lamm trank und redete weiter:
-
-„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide Arme
-um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte mich wie toll
-und hundert Mal nacheinander auf Wange und Stirn, aber nimmer auf den
-Mund, und wenn ich sie fragte, woher ihr diese große Sprödigkeit bei
-so großer Ungezwungenheit komme, lief sie eilends nach einem Humpen,
-der auf einem Schrein stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und
-Perlen angetan, schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will
-ich nicht.“ Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu
-bewahren, gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden. Ach,
-süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du nicht einen
-kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“
-
-„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der ihn ganz
-und gar verspeiste.
-
-Ulenspiegel sah ihm zu und sagte:
-
-„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“
-
-„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit den
-Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen. Sie ist aus
-Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem Wagen suchen?“
-
-„Das will ich“, sagte Ulenspiegel.
-
-„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“
-
-„Nichts“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Und sie stiegen in den Wagen und wurden von dem Grautier gezogen,
-welches zum Zeichen der Abfahrt trübselig schrie.
-
-Der Hund aber war, da er sich satt gefressen, ohne ein Wörtlein,
-davongelaufen.
-
-
-2
-
-Da der Wagen zwischen einem Weiher und einem Kanal auf einen Deich
-rollte, strich Ulenspiegel in tiefem Sinnen kosend über Klasens Asche
-auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht Wahrheit oder Lüge
-sei, ob die Geister seiner gespottet, oder ob sie ihm in Rätseln gesagt
-hätten, was er wirklich finden müßte, um das Land seiner Väter zu
-beglücken.
-
-Umsonst zermarterte er sein Hirn, er konnte nicht finden, was die
-Sieben und der Gürtel bedeuteten.
-
-Wenn er des toten Kaisers, des lebenden Königs, der Regentin, des
-römischen Papstes, des Großinquisitors, des Jesuitengenerals gedachte,
-so fand er da sechs große Landeshenker, so er ohne Verzug lebendig
-hätte verbrennen mögen. Aber er dachte, daß sie es mitnichten seien,
-denn sie waren zu leicht zu verbrennen, also mußten sie andern Orts
-sein.
-
-Und er wiederholte sich immerfort im Geiste:
-
- Wenn der Norden
- Wird den Süden küssen,
- Endet das Verderben.
- Liebe die Sieben
- Und den Gürtel.
-
-„Ach,“ sprach er zu sich: „In Tod, Blut und Tränen sieben finden,
-sieben verbrennen, sieben lieben: Mein armer Verstand sucht vergeblich,
-denn wer verbrennt, was er liebt?“
-
-Da der Wagen schon ein gut Stück Weges verschlungen, hörten sie
-Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang:
-
- „Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,
- Den närrischen Freund, der mir entrann?
- Nach Laun und Zufall tut er gehn;
- Habt Ihr ihn nicht gesehn?
-
- Wie es dem Lamm der Adler tat,
- Mein Herze nahm er unversehn,
- Er ist ein Mann, doch ohne Bart;
- Habt Ihr ihn nicht gesehn?
-
- Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,
- Gar müde ward von vielem Gehn.
- Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?
- Habt Ihr ihn nicht gesehn?
-
- Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,
- So ihm der Täuber tat entgehn?
- So auch ein treues Herze bricht.
- Habt Ihr ihn nicht gesehn?“
-
-Ulenspiegel schlug Lamm auf den Bauch und sprach zu ihm:
-
-„Halt den Odem an, Fettwanst.“
-
-„Ach,“ sprach Lamm, „das ist gar hart für einen Mann meines Umfangs.“
-
-Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn und versteckte sich hinter das
-Plantuch des Wagens und ahmte die Stimme eines hüstelnden Zechers nach,
-dieweil er sang:
-
- „Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;
- Er saß in einem morschen Karren,
- Bei einem Vielfraß, dick und voll.
- Ich sah ihn wohl.“
-
-„Thyl,“ sprach Lamm, „Du hast heute morgen eine schlimme Zunge.“
-
-Ulenspiegel, ohne auf ihn zu hören, steckte den Kopf aus dem Loch der
-Plandecke und sprach:
-
-„Nele, erkennst Du mich?“
-
-Sie aber, von Furcht ergriffen und in Einem lachend und weinend, denn
-sie hatte feuchte Wangen, sprach:
-
-„Ich sehe Dich, schlimmer Verräter!“
-
-„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „so Du mich schlagen willst, ich habe da
-drinnen einen Knüttel. Er ist schwer, um die Hiebe eindringlich zu
-machen, und knotig, um ein Merkmal davon zu hinterlassen.“
-
-„Thyl,“ sprach Nele, „gehst Du den Sieben nach?“
-
-„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-Nele trug ein Ränzel, das jeden Augenblick platzen wollte, so voll war
-es.
-
-„Thyl,“ sprach sie, es ihm hinhaltend, „ich meinte, es sei einem
-Menschen ungesund, zu reisen, ohne eine gute, fette Gans, einen
-Schinken und Genter Würste mitzunehmen. Und dies mußt Du zu meinem
-Gedächtnis essen.“
-
-Da Ulenspiegel sie anschaute und mitnichten gewillt war, das Ränzel zu
-nehmen, steckte Lamm den Kopf aus einem andern Loch der Leinwand und
-sprach:
-
-„Du vorsorgliches Mägdlein, wenn er’s nicht annimmt, geschieht’s aus
-Vergeßlichkeit. Aber gib mir diese Gans, gib mir diesen Schinken, und
-dränge mir diese Würste auf; ich werde sie ihm aufheben.“
-
-„Wer ist dies biedere Vollmondsgesicht?“ fragte Nele.
-
-„Das ist ein Opfer des Ehestandes“, antwortete Ulenspiegel. „Von
-Schmerz verzehrt, würde er wie ein Apfel im Backofen eintrocknen,
-dafern er nicht seine Kräfte durch unaufhörliche Nahrung ersetzte.“
-
-„Du sagst es, mein Sohn“, seufzte Lamm.
-
-Die strahlende Sonne brannte Nele auf den Kopf und sie schirmte sich
-mit ihrer Schürze. Da er mit ihr allein sein wollte, sprach er zu Lamm:
-
-„Siehest Du die Frau dort auf der Weide einhergehn?“
-
-„Ich sehe sie!“ sagte Lamm.
-
-„Erkennest Du sie?“
-
-„Ei!“ sagte Lamm, „sollt’ es die meine sein? Sie trägt sich nicht wie
-eine Bürgersfrau.“
-
-„Du zweifelst noch, blinder Maulwurf“, sagte Ulenspiegel.
-
-„Wenn sie es nun nicht wäre?“ fragte Lamm.
-
-„Du verlierst nichts dabei; dort zur Linken, gen Norden, ist eine
-Schenke, allwo Du gutes Braunbier finden wirst. Wir wollen Dich dort
-treffen. Und hier ist Schinken, den natürlichen Durst zu salzen.“
-
-Lamm stieg aus dem Wagen und lief eilends auf die Frau zu, die auf der
-Weide stand.
-
-Ulenspiegel sagte zu Nele:
-
-„Was kommst Du nicht zu mir?“
-
-Alsdann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich, nahm ihr die
-Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern. Dann gab er ihr
-hundert Küsse und sprach:
-
-„Wohin gingest Du, Geliebte?“
-
-Sie erwiderte nichts, aber sie war vor Wonne schier verzückt.
-
-Und Ulenspiegel, gleich ihr entzückt, sagte:
-
-„Da bist Du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht die holde
-Röte Deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, aber ich will Dir
-eine Krone von Küssen machen. Ihr reizenden Arme, so weich und rosig,
-die Amor mit Fleiß zum Umarmen gemacht hat. Ach, geliebtes Mägdlein,
-werden meine rauhen Mannshände nicht dieser Schulter den Schmelz
-rauben? Der leichte Falter setzt sich auf die purpurne Nelke, aber
-kann ich Tölpel an Deiner weißen Haut ruhen, ohne sie welk zu machen?
-Gott sitzt im Himmel, der König auf seinem Thron und die Sonne steht
-siegreich dort oben; aber bin ich Gott, König oder Licht, daß ich Dir
-so nahe bin? Ihr Haar, weicher denn Flockseide! Nele, ich schlage, ich
-zerreiße, ich zerstückele Dich! Aber habe keine Furcht, Liebchen.
-Welch zierliches Füßlein! Woher kommt’s, daß es so weiß ist? Ist es in
-Milch gebadet?“
-
-Sie wollte aufstehen.
-
-„Was fürchtest Du?“ sprach Ulenspiegel. „Die Sonne scheint auf uns
-herab und bemalt Dich mit Gold. Schlage nicht die Augen nieder. Sieh,
-welch schöne Glut sich in den meinen entzündet. Ach Geliebte, höre,
-mein Schätzlein, es ist die schweigende Stunde des Mittags. Der
-Arbeiter ist daheim und ißt seine Brühe; könnten wir nicht von Liebe
-leben? Könnt’ ich doch tausend Jahre auf Deinen Knien einen Rosenkranz
-von irdischen Perlen abbeten.“
-
-„Schmeichler“, sagte sie.
-
-Und Frau Sonne leuchtete durch das weiße Linnen des Wagens, und eine
-Lerche sang über dem Klee, und Nele legte ihr Haupt an Ulenspiegels
-Schulter.
-
-
-3
-
-Derweilen kehrte Lamm zurück, schwitzte große Tropfen und schnaufte wie
-ein Delphin.
-
-„Wehe,“ sagte er, „ich bin unter einem unglücklichen Sterne geboren.
-Ich habe gewaltig laufen müssen, um zu dieser Frau zu kommen, und es
-war nicht die meine und war in Jahren; ich sah’s ihr am Gesicht an, daß
-sie gut fünfundvierzig Jahre zählte, und an der Haube, daß sie niemals
-verheiratet gewesen. Sie fragte mich keifend, was ich mit meinem Wanst
-im Kleefelde wollte. „Ich suche mein Weib, das mich verlassen hat,“
-antwortete ich sanftmütig, „und da ich Euch für sie hielt, bin ich Euch
-nachgelaufen.“
-
-Auf diese Rede sagte mir die bejahrte Jungfer, daß ich nur wieder
-hingehen solle, von wo ich gekommen sei. So mein Weib mich verlassen
-hätte, so wär’ es wohl getan, in Ansehung daß alle Männer Spitzbuben,
-Lumpen, Ketzer, Treulose, Vergifter seien und die Jungfrauen
-ohngeachtet ihres reifen Alters betrögen. Im übrigen werde sie mich
-von ihrem Hund fressen lassen, so ich mich nicht flugs davon höbe.
-
-„Solches tat ich, nicht ohne Furcht, denn ich nahm einen großen
-Schäferhund wahr, der knurrend zu ihren Füßen lag. Als ich die Grenze
-ihres Feldes überschritten hatte, saß ich nieder, und um mich zu
-erholen, biß ich in Dein Stück Schinken. Ich befand mich just zwischen
-zwei Kleeäckern; mit einem Mal hörte ich ein Geräusch hinter mir,
-und da ich mich umwandte, sah ich den großen Schäferhund der alten
-Jungfrau, nicht mehr dräuend, sondern lieblich und hungrig mit dem
-Schwanze wedelnd. Er wollte meinem Schinken zu Leibe. Ich gab ihm also
-etliche Stücklein, als seine Herrin herbeikam und schrie:
-
-„Faß den Mann! Schnapp zu, mein Sohn!“
-
-Und ich hub an zu laufen und der große Köter hinterdrein, so aus meinen
-Hosen einen Fetzen herausriß und mit dem Fetzen ein Stück Fleisch. Vor
-Schmerz ward ich wütend, drehte mich nach ihm um und gab ihm einen so
-trefflichen Stockhieb über die Vorderpfoten, daß ich ihm zum Wenigsten
-eine zerbrach. Er stürzte und schrie in seiner Hundesprache: Erbarmen!
-welches ich ihm bewilligte. Derweil bewarf mich seine Herrin, da es ihr
-an Steinen mangelte, mit Erde. Und ich lief weiter. / Weh! Ist es nicht
-grausam und ungerecht, daß, weil eine Jungfer nicht schön genug ist, um
-einen Freier zu finden, sie sich an armen Unschuldigen wie ich räche?
-
-„Ich begab mich jedoch, Trübsal blasend, zu der Schenke, die Du mir
-bezeichnet hattest, verhoffend, dort das tröstliche Braunbier zu
-finden. Aber ich ward betrogen, denn beim Eintreten sah ich einen Mann
-und ein Weib, die sich prügelten. Ich bat sie: „Geruhet Eure Schlacht
-zu unterbrechen und mir einen Krug Braunbier zu geben, und wäre es
-auch nur eine Kanne oder sechs.“ Doch das Weib, ein wahrer Stockfisch,
-antwortete mir wütend, sie werde mich den Holzschuh, womit sie ihrem
-Mann auf den Kopf schlug, fressen lassen, so ich mich nicht augenblicks
-von dannen machte. Und da bin ich, mein Freund, schweißtriefend und gar
-müde. Hast Du nichts zu essen?“
-
-„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Endlich“, sprach Lamm.
-
-
-4
-
-Also vereint, reisten sie in Gemeinschaft. Der Esel legte die Ohren an
-und zog den Wagen.
-
-„Lamm,“ sprach Ulenspiegel; „wir sind unser vier gute Gefährten: der
-Esel, das Tier, so unsern Herrn trug und auf den Triften die Disteln
-weidet, die es findet; Du, guter Dickbauch, der die sucht, die Dich
-flieht; und sie, die holde Liebste mit dem zärtlichen Herzen, die den
-findet, der dessen nicht würdig, das bin ich, der vierte.
-
-„Wohlan, frischauf, Kinder und guten Mut. Die Blätter vergilben, die
-Gestirne werden glänzender; bald wird Frau Sonne in herbstlichen Nebeln
-schlafen gehen. Winter, des Todes Ebenbild, wird kommen und sie mit
-schneeigen Leintüchern zudecken, die unter unsern Füßen schlummern; ich
-aber werde wandern für die Wohlfahrt des Landes meiner Väter. Ihr armen
-Toten, Soetkin, die Du an Herzeleid starbst, und Klas, der Du im Feuer
-umkamst: Eiche voller Güte und Efeu voller Liebe: ich, Euer Sprößling
-bin voller Harm und werde Dich rächen, teure Asche, die auf meinem
-Busen brennt.“
-
-Lamm sagte:
-
-„Man soll nicht beweinen, die um der Gerechtigkeit willen sterben.“
-
-Aber Ulenspiegel verharrte in Gedanken. Plötzlich sagte er:
-
-„Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens für gar lange Zeit,
-und vielleicht werde ich nimmer Dein holdes Angesicht wiedersehen.“
-
-Nele blickte ihn an mit ihren Augen, die wie Sterne leuchteten.
-
-„Warum lässest Du nicht diesen Wagen und kommst mit mir in den Wald, wo
-Du leckere Nahrung fändest; denn ich kenne die Pflanzen und verstehe
-die Vögel zu locken.“
-
-„Mägdlein,“ sprach Lamm, „es ist bös von Dir, daß Du Ulenspiegel
-unterwegs aufhalten willst; er soll die Sieben suchen, und mir helfen,
-mein Weib wiederzufinden.“
-
-„Noch nicht“, erwiderte Nele und weinte und lachte, zärtlich unter
-Tränen, ihrem Freund Ulenspiegel zu.
-
-Da Ulenspiegel dies sah, antwortete er:
-
-„Dein Weib findest Du immer noch zeitig genug, wenn Dich nach neuem
-Leide gelüstet.“
-
-„Thyl,“ sagte Lamm, „willst Du mich also in meinem Wagen allein lassen
-dieses Mägdleins halber? Du antwortest mir nicht und gedenkst an den
-Wald, worinnen die Sieben nicht sind, noch auch mein Weib. Laß sie
-uns lieber auf diesem Fahrdamm suchen, auf dem die Wagen so trefflich
-rollen.“
-
-„Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „Du hast eine volle Weidtasche im Wagen,
-somit wirst Du nicht Hungers sterben, wenn Du ohne mich nach Koelkerke
-gehst, allwo ich Dich einholen werde. Du mußt dort allein sein, denn
-da wirst Du erfahren, nach welchem Punkt Du Dich wenden mußt, um Dein
-Weib wiederzufinden. Vernimm denn und höre. In diesem Schritte wirst Du
-drei Meilen von hier mit Deinem Wagen nach Koelkerke fahren, der kühlen
-Kirche, also genannt, weil sie von den vier Winden zumal bestrichen
-wird, wie viele andere. Auf dem Glockenturm ist eine Wetterfahne in
-Gestalt eines Hahnes, die dreht sich auf ihren verrosteten Angeln nach
-allen Seiten. Das Kreischen dieser Angeln zeigt den armen Männern, so
-ihre Liebste verloren haben, den Weg an, den sie einschlagen müssen, um
-sie wiederzufinden. Aber zuvor muß jegliche Seite der Mauer siebenmal
-mit einer Haselrute geschlagen werden. Kreischen die Angeln, wenn
-der Wind von Norden kommt, so mußt Du nach jener Seite gehen; aber
-fürsichtig, denn Nordwind ist Kriegswind; wenn von Süden, geh frohgemut
-dorthin, das ist der Wind der Liebe. Kommt der Wind von Osten, so lauf
-in Trab, denn der bedeutet Frohsinn und Licht; von Westen / dann geh
-sacht, das ist der Wind des Regens und der Tränen. Geh, Lamm, geh nach
-Koelkerke und harre dort mein.“
-
-„Ich gehe hin,“ sagte Lamm.
-
-Und er fuhr im Wagen von dannen.
-
-Dieweil Lamm gen Koelkerke fuhr, jagte der starke, warme Wind die
-grauen Wolken gleich einer Schafherde über den Himmel hin. Die Bäume
-rauschten wie die Wogen eines brandenden Meeres. Ulenspiegel und Nele
-waren seit geraumer Zeit allein im Walde. Ulenspiegel hatte Hunger und
-Nele suchte wohlschmeckende Wurzeln und fand nur Küsse, die ihr Freund
-ihr gab, und Eicheln. Nachdem Ulenspiegel Schlingen aufgestellt hatte,
-pfiff er, um die Vögel zu locken, auf daß er die, welche hineingingen,
-briete. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter nahe zu Nele; sie
-wollte sie singen lassen und fing sie nicht. Eine Grasmücke kam, und
-sie hatte Mitleid mit ihr, weil sie so stolz war. Alsdann kam eine
-Lerche, aber Nele sprach zu ihr, daß sie besser täte, in Himmelshöhen
-der Natur ein Loblied zu singen, denn sich ungeschickt über der
-mörderischen Spitze eines Spießes abzuzappeln. Und sie redete wahr,
-maßen Ulenspiegel in der Zwischenzeit ein helles Feuer entzündet und
-einen Spieß geschnitzt hatte, der seiner Opfer harrte.
-
-Aber die Vögel kamen nicht mehr, es sei denn etliche bösen Raben, die
-sehr hoch ob ihren Häuptern krächzten.
-
-Und also aß Ulenspiegel nicht.
-
-Indessen mußte Nele fort und zu Katheline heimkehren.
-
-Sie wanderte weinend, und Ulenspiegel sah sie von ferne schreiten. Aber
-sie kehrte um, fiel ihm um den Hals und sprach:
-
-„Ich gehe von hinnen.“
-
-Alsdann tat sie etliche Schritte, kam wieder zurück und sagte abermals:
-
-„Ich gehe von hinnen.“
-
-Und so zwanzig Mal aufeinander und noch mehr.
-
-Dann ging sie fort, und Ulenspiegel blieb allein. Er machte sich
-alsbald auf den Weg, um Lamm einzuholen.
-
-Da er zu ihm stieß, fand er ihn unten am Turm sitzen, einen großen Krug
-Braunbier zwischen den Beinen und trübselig an einer Haselgerte kauend.
-
-„Ulenspiegel,“ sagte er, „ich vermeine, daß Du mich nur hierher
-geschickt hast, um mit dem Mägdlein allein zu bleiben. Ich habe
-siebenmal mit der Haselrute an jede Seite des Turmes geschlagen, wie Du
-mich geheißen, aber ob der Wind gleich wie ein Teufel bläst, haben die
-Angeln nicht gekreischt.“
-
-„Man wird sie ohne Zweifel geölt haben“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Dann machten sie sich auf nach dem Herzogtum Brabant.
-
-
-5
-
-König Philipp, der finstere, kritzelte den ganzen Tag lang und selbst
-die Nacht ohne Rast noch Ruh und beschmierte Papiere und Pergamente.
-Ihnen vertraute er die Gedanken seines harten Herzens an. Da er sein
-Lebenlang keinen Menschen geliebt und wohl wußte, daß keiner ihn
-liebte, auch gewillt war, sein ungeheures Reich allein zu tragen,
-brach er, ein kläglicher Atlas, unter der Last zusammen. Trägen Blutes
-und trübsinnig, wie er war, zehrten seine übermäßigen Anstrengungen
-an seinem schwachen Körper. Voller Abscheu gegen jedes fröhliche
-Gesicht, haßte er unsere Lande ihres heiteren Sinnes halber, haßte
-unsere Kaufherren um ihrer Prachtliebe und ihres Reichtums willen,
-unsern Adel ob seiner freimütigen Reden, seines offenherzigen Gehabens
-und der strotzenden Kraft seines rechtschaffenen Frohsinns. Er wußte,
-denn man hatte es ihm gesagt, daß sich in unsern Landen die Empörung
-gegen den Papst und die römische Kirche in unterschiedlichen Sekten
-geoffenbart hatte und in allen Köpfen, gleich siedendem Wasser in
-einem geschlossenen Kessel war. Und dieses lange, ehe der Bischof van
-Cusa um das Jahr 1380 die Mißbräuche der Kirche angezeigt und die
-Notwendigkeit der Reformen gepredigt hatte. Gleich einem starrköpfigen
-Maultier glaubte er, daß sein Wille wie der Wille Gottes auf der
-ganzen Welt lasten müsse. Er wollte, daß unsere Länder, des Gehorchens
-entwöhnt, sich unter das alte Joch beugten, ohne irgend eine Reform zu
-erlangen. Er wollte Seine heilige Mutter Kirche katholisch, apostolisch
-und römisch haben, einig, ungeteilt und allgemein, ohne Neuerung noch
-Änderung, und hatte keinen andern Grund es zu wollen, als weil er es
-wollte. Auch hierin handelte er wie ein unvernünftiges Weib und wälzte
-sich nachts in seinem Bett wie auf einem Dornenlager, ohn Unterlaß von
-seinen Gedanken gepeinigt.
-
-„Ja, Sankt Philippus, ja Herr Gott, sollte ich auch aus den
-Niederlanden eine große Gruft machen und alle Einwohner hineinwerfen,
-so würden sie zu Euch, mein benedeiter Schutzpatron, und auch zu Euch,
-heilige Frau Maria, und zu Euch, Ihr heiligen Männer und Frauen des
-Paradieses, zurückkehren.“ Und er versuchte zu tun, wie er gesagt, und
-also ward er römischer denn der Papst und katholischer denn die Konzile.
-
-Und Ulenspiegel und Lamm und das Volk Flanderns und der Niederlande
-glaubten voll Bängnis, in der Ferne, in dem düstern Palast von
-Eskurial, diese gekrönte Spinne zu sehen, so mit ihren langen Beinen
-und geöffneten Zangen ihr Netz spannte, um sie darein zu verstricken
-und ihnen ihr Herzblut auszusaugen.
-
-Ohngeachtet die päpstliche Inquisition unter Karls Regierung
-hunderttausend Christen durch Scheiterhaufen, Grube und Strang getötet
-hatte; ohngeachtet die Vermögen der armen Verurteilten in die Truhen
-des Kaisers und des Königs gelaufen waren, wie Regen in die Dachtraufe,
-vermeinte Philipp, daß solches nicht genug sei. Er drängte dem Lande
-neue Bischöfe auf und vermaß sich, die hispanische Inquisition dort
-einzuführen.
-
-Und die Herolde in den Städten lasen überall beim Schall der Trompeten
-und Schellentrommeln Edikte vor, so für alle Ketzer, Männer, Frauen und
-Jungfrauen bestimmten: den Feuerstod für die, so ihren Irrglauben nicht
-abschworen, den Tod durch den Strang für die, so widerriefen. Frauen
-und Jungfrauen sollten lebendig begraben werden, und der Henker sollte
-auf ihren Leibern tanzen.
-
-Und das Feuer des Aufstandes lief durch das ganze Land.
-
-
-6
-
-Am fünften April vor Ostern traten die Herren Graf Ludwig von Nassau,
-von Kuilenburg, von Brederode, der herkulische Zecher, mit dreihundert
-andern Edelleuten in den Burghof zu Brüsselen zur Frau Herzogin
-Regentin von Parma. In Reihen zu Vieren stiegen sie die große Treppe
-des Palastes hinauf. Da sie in die Halle kamen, darin Ihre Hoheit
-verweilte, überreichten sie ihr eine Bittschrift. In selbiger baten sie
-sie, von König Philipp die Abschaffung der Verordnungen zu erlangen,
-so die Sache der Religion, desgleichen die hispanische Inquisition
-beträfen. Sie erklärten, daß in unseren unzufriedenen Ländern daraus
-nichts denn Unruhen, Trümmer und allgemeines Elend entstehen können.
-
-Und diese Bittschrift ward _der Kompromiß_ genannt.
-
-Berlaymont, welcher nachmals so verräterisch und grausam gegen das Land
-seiner Väter war, stund neben Ihrer Hoheit und sagte zu ihr, der Armut
-von etlichen unter den edlen Verbündeten spottend:
-
-„Edle Herrin, fürchtet nichts, es sind nur Bettler.“
-
-Damit meinte er, daß diese Adligen sich in des Königs Dienst zugrunde
-gerichtet hätten oder vielmehr, indem sie es durch ihren Aufwand den
-spanischen Rittern gleichtun wollten.
-
-Um die Worte des Herrn von Berlaymont mit Verachtung zu strafen,
-erklärten die Ritter nachmals, „daß sie es sich zur Ehre anrechneten,
-für den Dienst des Königs und dieser Länder als Bettler (Geusen)
-erachtet und also geheißen zu werden.“
-
-Sie begannen, güldene Schaumünzen um den Hals zu tragen, die auf einer
-Seite des Königs Bildnis trugen und auf der andern zwei Hände, so sich
-um einen Bettelsack ineinander schlangen. Dazu die Worte: „Getreu dem
-König bis zum Bettelsack“. Auch trugen sie an ihren Hüten und Kappen
-güldne Kleinodien in Gestalt von Eßnäpfen und Bettlerhüten.
-
-Derweilen führte Lamm seinen Bauch durch die ganze Stadt, suchte sein
-Weib und fand es nicht.
-
-
-7
-
-Ulenspiegel sprach eines Morgens zu ihm:
-
-„Folge mir nach. Wir wollen eine hohe, edle, mächtige und gefürchtete
-Person begrüßen.“
-
-„Wird sie mir sagen, wo mein Weib ist?“ fragte Lamm.
-
-„Wenn sie es weiß“, entgegnete Ulenspiegel.
-
-Und sie begaben sich zu Brederode, dem herkulischen Zecher. Er stand im
-Hofe seines Palastes.
-
-„Was begehrst Du von mir?“ fragte er Ulenspiegel.
-
-„Mit Euch zu reden, edler Herr,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„So rede“, sprach dagegen Brederode.
-
-„Ihr seid,“ sagte Ulenspiegel, „ein schöner, kühner und starker Ritter.
-Einstmals erdrücktet ihr einen Franzosen in seinem Panzer wie ein
-Muscheltier in seiner Schale. Aber wie Ihr stark und kühn seid, so seid
-Ihr auch klug. Warum tragt Ihr denn diese Schaumünze, auf der ich lese:
-„Getreu dem König bis zum Bettelsack?“
-
-„Ja,“ sprach Lamm, „warum also, edler Herr?“
-
-Aber Brederode antwortete ihm nicht, sondern schaute Ulenspiegel an.
-Dieser redete weiter und sprach:
-
-„Warum wollt Ihr edlen Herren dem König bis zum Bettelsack treu sein?
-Ist es, dieweil er Euch so gar wohl will, oder der schönen Freundschaft
-halber, die er für Euch hegt? Was schaffet Ihr nicht, daß der Henker,
-seiner Länder beraubt, allzeit dem Bettelsack getreu sei, anstatt daß
-Ihr ihm bis zum Bettelsack getreu seid?“
-
-Und Lamm nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Zustimmung.
-
-Brederode schaute Ulenspiegel mit seinem durchdringenden Blick an und
-lächelte, da er sein gutes Gesicht sah.
-
-„So Du nicht ein Spion des Königs Philipp bist, bist Du ein guter
-Vlamländer, und ich will Dich für beide Fälle belohnen.“
-
-Er führte ihn in sein Speisezimmer, und Lamm folgte ihnen. Daselbst
-zerrte er ihn am Ohr bis aufs Blut.
-
-„Das ist“, sagte er, „für den Spion.“
-
-Ulenspiegel schrie nicht.
-
-„Bringe den Kessel mit Zimmetwein“, sprach er zu seinem Kellermeister.
-
-Der Kellermeister brachte den Kessel herbei und einen großen Humpen mit
-Glühwein, der die Luft mit Wohlgeruch erfüllte.
-
-„Trink,“ sprach Brederode, „dies ist für den guten Vlamländer.“
-
-„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „das ist ein guter Vlamländer, der spricht
-eine zimmetgewürzte Sprache, die Heiligen sprechen keine bessere.“
-
-Nachdem er die Hälfte des Weins getrunken, reichte er Lamm die andere.
-
-„Wer ist dieser dickwanstige Freßsack, der belohnt wird, ohne daß er
-etwas getan hat?“ fragte Brederode.
-
-„Das ist mein Freund Lamm,“ versetzte Ulenspiegel, „der allemal, wenn
-er Glühwein trinkt, sich einbildet, daß er sein Weib wiederfinden wird.“
-
-„So ist’s“, sprach Lamm, der mit großer Andacht den Wein aus dem Humpen
-schlürfte.
-
-„Wohin geht Ihr jetzo?“ fragte Brederode.
-
-„Wir sind auf der Suche nach den Sieben, die das Land Flandern retten
-werden.“
-
-„Welche Sieben?“ fragte Brederode.
-
-„Wenn ich sie gefunden habe, werde ich Euch sagen, wer sie sind,“
-antwortete Ulenspiegel.
-
-Aber Lamm, guter Dinge, dieweil er getrunken hatte, sagte:
-
-„Tyll, wenn wir mein Weib auf dem Mond suchten?“
-
-„Bestell die Leiter“, antwortete Ulenspiegel.
-
-Im Mai, dem grünen Monat, sagte Ulenspiegel zu Lamm:
-
-„Nun haben wir den schönen Maimond. Ei, der klare blaue Himmel, die
-fröhlichen Schwalben. Siehe, die Zweige sind heiß von Saft, das Land
-ist voller Liebe, das ist der Augenblick, um des Glaubens willen zu
-henken und zu brennen. Sie sind da, die guten kleinen Inquisitoren.
-Welch edle Gesichter! Sie haben jegliche Gewalt, zu züchtigen, zu
-strafen, abzusetzen und den weltlichen Richtern zu überantworten, auch
-ihre Gefängnisse zu benutzen. / Ei, der schöne Maimond! / Sie können
-gefangen nehmen, Prozesse führen, ohne sich der gewöhnlichen Form der
-Justiz zu bedienen, können brennen, henken, enthaupten und für die
-armen Frauen und Jungfrauen die Grube des vorzeitigen Todes graben. /
-Die Finken singen in den Bäumen. Die guten Inquisitoren haben ein Auge
-auf die Reichen. Und der König wird erben. Auf, ihr Mägdlein, tanzet
-auf der Wiese beim Schall von Dudelsack und Schalmei. O, der Wonnemond!“
-
-Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
-
-„Laß uns gehen,“ sprach er zu Lamm. „Glücklich, die den Mut aufrecht
-und den Degen hoch halten in den düstren Tagen, die da kommen werden.“
-
-
-8
-
-Eines Tages im Augustmonat ging Ulenspiegel in der flandrischen
-Straße zu Brüssel vor dem Hause von Jan Potztausend vorbei, welcher
-also genannt ward, weil sein väterlicher Großvater im Zorn so zu
-fluchen pflegte, um nicht den allerheiligsten Namen Gottes zu lästern.
-Besagter Potztausend war seines Zeichens Sticker; aber da er durch
-unmäßiges Trinken taub und blind geworden, stickte sein Weib, eine alte
-Gevatterin mit mürrischer Miene, an seiner Statt die Röcke, Wämser,
-Mäntel und Schuhe der Herren. Ihr hübsches Töchterlein half ihr bei
-dieser einträglichen Arbeit.
-
-Da Ulenspiegel zur Dämmerstunde vor sotanem Hause vorüberging, sah er
-das Mägdlein am Fenster und hörte es rufen:
-
- „Erntemond, Erntemond,
- Sag an, holder Mond,
- Wer wird mich freien,
- Sag an, lieber Mond?“
-
-„Ich,“ sprach Ulenspiegel, „so Du willst.“
-
-„Du?“ fragte sie. „Komm näher, daß ich Dich betrachte.“
-
-Aber er:
-
-„Wie kommt’s, daß Du im Augustmond rufst, und daß die Brabanter
-Mägdlein am Vorabend des März rufen?“
-
-„Die,“ sagte sie, „haben nur einen Monat, ihnen einen Mann zu
-bescheren, ich habe deren zwölf. Am Vorabend eines jeden / nicht um
-Mitternacht, sondern in den sechs Stunden vor Mitternacht / springe ich
-aus meinem Bett, mache drei Schritte rückwärts gegen das Fenster und
-rufe, was Dir bekannt ist. Dann kehre ich um und mache drei Schritte
-rückwärts gegen das Bett, und um Mitternacht leg ich mich nieder,
-schlafe ein und träume von dem Mann, den ich bekommen werde. Aber die
-Monate, die lieben Monate, sind von Natur schlimme Spötter, und so
-träume ich nicht mehr von einem Mann, sondern von zwölfen auf einmal:
-Du wirst der dreizehnte sein, wenn Du willst.“
-
-„Die andern möchten eifersüchtig werden,“ antwortete Ulenspiegel. „Du
-rufst auch: Erlösung?“
-
-Das Mägdlein errötete und gab zur Antwort:
-
-„Ich rufe Erlösung und weiß, was ich begehre.“
-
-„Ich weiß es gleichfalls und bringe es Dir.“
-
-„Du mußt warten,“ sagte sie lächelnd und zeigte ihre weißen Zähne.
-
-„Warten?“ sagte Ulenspiegel, „nein! Ein Haus kann mir auf den Kopf
-fallen, ein Windstoß mich in einen Graben werfen, ein toller Köter mich
-ins Bein beißen; nein, ich werde nicht warten.“
-
-„Ich bin zu jung,“ sprach sie, „und rufe nur, weil es Brauch ist.“
-
-Ulenspiegel ward argwöhnisch, gedenkend, daß die Brabanter Jungfrauen
-am Vorabend des März und nicht im Erntemond nach einem Manne rufen.
-
-Sie sagte lächelnd:
-
-„Ich bin zu jung und rufe nur, weil es Brauch ist.“
-
-„Willst Du warten, bis Du zu alt bist?“ erwiderte Ulenspiegel. „Das ist
-eine schlechte Rechenkunst. Ich habe nimmer einen so runden Hals und
-weiße Brüste gesehen, Brüste einer Vlamländerin, voll der guten Milch,
-die Männer macht.“
-
-„Voll? noch nicht, voreiliger Wanderer“, sagte sie.
-
-„Warten“, wiederholte Ulenspiegel. „Soll ich etwa keine Zähne mehr
-haben, um Dich, Holde, ganz roh zu verschlingen? Du antwortest nicht,
-Du lächelst mit Deinen klaren, braunen Augen und Deinem kirschroten
-Mündlein.“
-
-Das Mägdlein sah ihn listig an:
-
-„Warum liebst Du mich so schnell? Welch Handwerk treibst Du? Bist Du
-ein Bettler, bist Du reich?“
-
-„Ich bin ein Bettler und auch reich, so Du mir Deinen reizenden Leib
-gibst.“
-
-Sie entgegnete:
-
-„Nicht das will ich wissen. Gehest Du zur Messe? Bist Du ein guter
-Christ? Wo wohnest Du? Würdest Du zu sagen wagen, daß Du ein Bettler,
-ein Geuse, ein wirklicher Geuse bist, der sich wider die Dekrete und
-die Inquisition auflehnt?“
-
-Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
-
-„Ich bin ein Geuse,“ sagte er, „und will die Unterdrücker der
-Niederlande tot und von den Würmern gefressen sehen. Du schaust mich
-an, Geliebte. Das Feuer der Liebe, das für dich, Holde, brennt, ist
-das Feuer der Jugend, Gott entzündete es, es flammet, wie die Sonne
-leuchtet, bis daß es erlischt. Aber das Feuer der Rache, so in meinem
-Herzen glimmt, hat Gott gleichermaßen entzündet. Es wird Schwert,
-Feuer, Strang, Feuersbrunst, Verwüstung, Krieg und Untergang der Henker
-sein.“
-
-„Du bist schön,“ sprach sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen;
-„aber schweige.“
-
-„Warum weinest Du?“ fragte er.
-
-„Du mußt hier und wo immer Du bist, acht geben“, sagte sie.
-
-„Haben diese Wände Ohren?“ fragte er.
-
-„Sie haben nur die meinen“, sprach sie.
-
-„Von Amor gemeißelt, ich schließe sie mit einem Kuß.“
-
-„Törichter Freund, hör mich an, wenn ich spreche.“
-
-„Warum? Was hast Du mir zu sagen?“
-
-„Hör mich an,“ sprach sie voll Ungeduld. „Da kommt meine Mutter ...
-Schweige, schweige sonderlich vor ihr ...“
-
-Die alte Potztausend kam herein. Ulenspiegel sprach zu sich, indem er
-sie betrachtete:
-
-„Ein Gesicht, wie ein Schaumlöffel durchlöchert, Augen mit hartem und
-falschem Blick, ein Mund, der lachen will, und Fratzen, Ihr macht mich
-neugierig.“
-
-„Gott sei mit Euch, Herr, mit Euch immerdar“, sagte die Alte. „Ich habe
-Geld empfangen, Töchterlein, schönes Geld vom Herrn van Egmont, da ich
-ihm seinen Mantel brachte, auf den ich die Narrenkappe gestickt hatte.
-Ja, Herr, eine Narrenkappe wider den Roten Hund.“
-
-„Den Kardinal von Granvella?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Ja“, sagte sie, „wider den Roten Hund. Man sagt, daß er dem König ihre
-Anschläge hinterbringt; sie wollen ihn umbringen. Sie haben recht, ist
-es nicht so?“
-
-Ulenspiegel antwortete nicht.
-
-„Ihr sahet sie nicht auf den Straßen mit einem Wams und einem grauen
-Oberkleid, wie das Volk es trägt, mit langen, hängenden Aermeln und
-Mönchskapuzen und auf all den grauen Oberkleidern die gestickte
-Narrenkappe. Ich habe ihrer zum mindesten siebenundzwanzig gemacht und
-mein Töchterlein fünfzehn. Das erboste den Roten Hund, diese Kappen zu
-sehen.“
-
-Dann flüsterte sie Ulenspiegel ins Ohr:
-
-„Ich weiß, daß die Herren beschlossen haben, die Kappe durch ein
-Aehrenbündel zu ersetzen, zum Zeichen der Einigkeit. Ja, ja sie wollen
-wider König und Inquisition kämpfen. Sie tun wohl daran, nicht so,
-Herr?“
-
-Ulenspiegel antwortete nicht.
-
-„Der fremde Herr braut Trübsal,“ sagte die Alte. „Sein Schnabel ist mit
-einem Mal zu.“
-
-Ulenspiegel ließ kein Wort fallen und ging.
-
-Alsbald kehrte er in eine Musikschenke ein, um das Trinken nicht zu
-vergessen. Die Schenke war voll von Zechern, die sprachen ohne alle
-Fürsicht vom König, den verhaßten Dekreten, der Inquisition und dem
-Roten Hund, so gezwungen werden müßte, das Land zu verlassen. Da sah
-er die Alte ganz zerlumpt und dem Anschein nach schlafend bei einem
-Schöpplein Branntwein. Also verharrte sie eine lange Weile, dann zog
-sie einen kleinen Teller aus ihrer Tasche, und er sah sie unter den
-Zechern betteln, sonderlich bei denen, so am unfürsichtigsten redeten.
-
-Und die guten Tröpfe gaben ihr Gülden, Heller und Pfennige, ohne zu
-knausern.
-
-Ulenspiegel, verhoffend, daß er von dem Mägdlein erfahren würde, was
-ihm die alte Potztausend nicht sagte, ging wiederum vor das Haus und
-erblickte das Mägdlein, das nicht mehr rief, sondern ihm zulächelte und
-süß verheißend mit den Augen zwinkerte.
-
-Die Alte kehrte unversehens heim.
-
-Ulenspiegel, erbost sie zu sehen, rannte wie ein Hirsch durch die Gasse
-und schrie: „Es brennt, es brennt“, bis er vor dem Hause des Bäckers
-Jakob Pietersen angelangt war. Die Fensterscheiben waren nach deutscher
-Art und flammten rot in der untergehenden Sonne. Ein dicker Rauch
-von Scheiten, so im Backofen zu Kohle wurden, entstieg der Esse der
-Bäckerei. Ulenspiegel rannte unaufhörlich und schrie: „Es brennt, es
-brennt“, und zeigte auf Jakob Pietersens Haus. Die Menge sammelte sich
-davor, sah die roten Fensterscheiben und den dicken Rauch und schrie
-gleich wie Ulenspiegel: „Es brennt, es brennt“. Der Wächter Unserer
-lieben Frau von der Kapellen stieß ins Horn, dieweil der Küster aus
-Leibeskräften die Feuerglocke, „Wacharm“ genannt, läutete. Und die
-Büblein und Dirnlein liefen pfeifend und singend in Schwärmen herzu.
-
-Da Glocke und Trompete immerwährend erschallten, schnürte die alte
-Potztausend ihr Bündel und ging von dannen.
-
-Ulenspiegel erspähte sie. Als sie fern war, trat er ins Haus.
-
-„Du hier,“ sagte das Mägdlein, „so brennt es dorten nicht?“
-
-„Da? nein“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Aber die Glocke, die läutet?“
-
-„Sie weiß nicht, was sie tut“, antwortete Ulenspiegel.
-
-„Und diese klägliche Trompete und all das rennende Volk?“
-
-„Die Zahl der Narren ist unendlich.“
-
-„Was brennt denn?“
-
-„Deine Augen und mein entflammtes Herz“, erwiderte Ulenspiegel.
-
-Und er flog an ihren Mund.
-
-„Du issest mich auf“, sagte sie.
-
-„Ich habe die Kirschen gern“, sagte er.
-
-Sie blickte ihn lächelnd und betrübt an. Plötzlich sagte sie weinend:
-„Komm nicht mehr hierher. Du bist ein Geuse und Feind des Papstes,
-komme nicht wieder ...“
-
-„Deine Mutter!“ sagte er.
-
-„Ja,“ sprach sie errötend. „Weißt Du, wo sie zur Stunde ist? Sie horcht
-da, wo es brennt. Weißt Du, wohin sie alsbald gehen wird? Zum Roten
-Hund, um alles zu berichten, was sie weiß, und dem Herzog, der da
-kommen wird, das Werk zu bereiten. Flieh, Ulenspiegel, ich rette Dich,
-flieh. Noch einen Kuß, aber komm nicht wieder; noch einen, Du bist
-schön, ich weine / aber geh.“
-
-„Wackeres Mägdlein“, sprach Ulenspiegel und hielt sie umfangen.
-
-„Ich war es nicht allezeit,“ sagte sie. „Ich war wie sie ...“
-
-„Dies Singen,“ sagte er „diese stummen Rufe der Schönheit für verliebte
-Männer?“ ...
-
-„Ja“, sprach sie. „Meine Mutter wollt’ es so. Dich rette ich, denn ich
-liebe Dich inniglich. Die andern werde ich Dir zum Andenken retten,
-mein Geliebter. Wenn du ferne sein wirst, wird dich dein Herz zu dem
-reuigen Mädchen ziehen? Küß mich, Herzliebster. Es wird nimmermehr um
-Geld Opfer zum Scheiterhaufen liefern. Geh; nein, verweile noch. Wie
-weich deine Hand ist. Halt, ich küsse deine Hand, das ist das Zeichen
-der Knechtschaft. Du bist mein Herr. Horch, komm näher, aber schweige.
-Diese Nacht sind Männer ins Haus gekommen, Lumpen und Spitzbuben,
-einer nach dem andern, und unter ihnen ein Italiener. Meine Mutter
-hieß sie, in das Gemach eintreten, in dem du jetzo bist, befahl mir
-herauszugehen und schloß die Türe. Ich hörte diese Worte „Steinernes
-Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession, Antwerpen, Unsere liebe Frau
-...“ ersticktes Gelächter und das Klimpern von Gülden, so auf den Tisch
-gezählt wurden. ... Flieh, da sind sie; flieh, mein Geliebter. Halt
-mich in liebem Gedenken; flieh!“ ...
-
-Ulenspiegel lief, wie sie ihn hieß, bis „~In den ouden Haen~“ und fand
-allda Lamm, welcher Trübsal braute, eine Wurst knabberte und seine
-siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte.
-
-Und er zwang ihn, gleich ihm zu laufen, ohngeachtet seines Bauches.
-
-
-9
-
-Dieweil er so im Schnelltrabe rannte und Lamm hintendrein, fand er in
-der Eikenstraat ein boshaftes Pasquill gegen Brederode. Er brachte es
-ihm geradenwegs.
-
-„Euer Gnaden,“ sagte er, „ich bin jener gute Vlämländer und jener Spion
-des Königs, dem Ihr so trefflich die Ohren riebt und dem Ihr so guten
-Glühwein zu trinken gabt. Er bringt Euch ein artiges, kleines Pamphlet,
-in dem man Euch unter anderm beschuldigt, Euch Graf von Holland zu
-titulieren wie der König. Es kommt frisch aus der Druckerpresse von
-Jan Lügenbold, der am Damm der Taugenichtse in der Sackgasse der
-Ehrabschneider wohnt.“
-
-Brederode erwiderte ihm mit Lächeln:
-
-„Ich werde dich während zweier Stunden peitschen lassen, so Du mir
-nicht den wahren Namen des Skribenten sagst.“
-
-„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „lasset mich zwei Jahre lang
-peitschen, wenn Ihr wollet; aber Ihr könnet meinen Rücken nicht zwingen
-auszusagen, was mein Mund nicht weiß.“
-
-Und er ging fürbaß, nicht ohne einen Gulden für seine Mühe erhalten zu
-haben.
-
-
-10
-
-Seit Juni, dem Rosenmond, hatten im Lande Flandern die Predigten
-begonnen.
-
-Und die Apostel der ursprünglichen christlichen Kirche predigten aller
-Orten, auf Feldern und in Gärten, auf den Hügeln, die zur Zeit der
-Überschwemmung als Zuflucht für das Vieh dienen, und auf den Flüssen in
-Barken.
-
-Zu Lande verschanzten sie sich wie in einem Lager, indem sie sich
-mit ihren Wagen umgaben. Auf den Flüssen oder in den Häfen hielten
-Kähne mit Gewaffneten Wacht um sie her. Und in den Lagern beschirmten
-Musketiere und Scharfschützen sie vor den Überfällen des Feindes. Und
-also ward das Wort der Freiheit aller Orten auf der heimischen Erde
-vernommen.
-
-
-11
-
-Da Ulenspiegel und Lamm mit ihrem Wagen nach Brügge kamen und ihn in
-einen Nachbarhof einstellten, traten sie nicht in eine Schenke, sondern
-in die Kirche des Heiligen Erlösers, sintemalen in ihren Säckeln kein
-lustig Geldklingeln mehr zu hören war.
-
-Pater Cornelis Adriaensen, ein Minoritenbruder, ein schmutziger,
-schamloser, wütender, keifender Predikant, ereiferte sich an jenem
-Tage auf der Kanzel der Wahrheit. Junge, schöne andächtige Frauen
-drängten sich um ihn. Pater Cornelis redete von der Passion. Und als
-er bei der Stelle des Heiligen Evangelii war, da die Juden, vom Herrn
-Jesu sprechend, Pilato zuschreien: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn, denn
-wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben!“ rief Bruder
-Cornelis aus:
-
-„Ihr habt es gehört, Ihr guten Leute. Wenn unser Herr Jesus Christus
-einen schrecklichen, schmählichen Tod erlitten hat, so ist das
-geschehen, weil es allezeit Gesetze gab, um die Ketzer zu strafen.
-Er wurde zu Recht verurteilt, weil er den Gesetzen nicht gehorcht
-hatte. Und jetzt wollen sie die Edikte und Dekrete für nichts achten!
-Ach, Jesus, welchen Fluch willst du auf diese Lande fallen lassen!
-Hochwürdige Mutter Gottes, wenn Kaiser Karl noch am Leben wäre und
-das Ärgernis dieser edlen Verbündeten sehen könnte. Sie haben gewagt,
-der Regentin eine Bittschrift wider die Inquisition zu überreichen,
-und wider die Dekrete, so zu einem so guten Zweck gemacht sind, so
-reiflich bedacht und nach so langen und klugen Erwägungen verfaßt,
-um alle Sekten und Ketzereien zu vernichten! Und wo sie nötiger
-sind als Brot und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In welchen
-stinkenden, eklen, scheußlichen Abgrund stürzt man uns jetzo? Luther,
-dieser schmutzige Luther, dieser tolle Ochs, triumphiert in Sachsen,
-Braunschweig, Lüneburg, Mecklenburg. Brentius, der kotige Brentius,
-der in Deutschland von Eicheln lebte, so die Schweine nicht mochten,
-Brentius triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige Servet, der
-ein Mondviertel im Kopf hatte, der Antitrinitarier Servet regiert
-in Pommern, Dänemark und Schweden, und allda wagt er die heilige,
-glorreiche und mächtige Dreieinigkeit zu lästern. Aber man hat mir
-gesagt, daß er durch Calvin, der nur hierin gut war, lebendig verbrannt
-worden ist; ja, durch den stinkenden Calvin, der sauer riecht, mit
-seiner Schnauze, so lang wie ein Schlauch, mit seinen Käsegesicht
-und Zähnen so groß wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen sich
-untereinander; jawohl, dieser Ochs Luther, dieser tolle Ochs, wappnete
-die deutschen Fürsten wider den Wiedertäufer Münzer, der ein Biedermann
-war, wie man sagt, und nach dem Evangelio lebte. Und durch ganz
-Deutschland hat man das Brüllen dieses Ochsen gehört, ja!
-
-„Und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland?
-Adamiten, so ganz nackend auf den Gassen laufen. Ja, Ihr guten Leute,
-ganz nackend auf den Gassen, und zeigen den Vorbeigehenden ohne Scham
-ihr mageres Fleisch. Ihr sagt, es war nur einer. Ja / zugegeben, einer
-gilt so viel wie hundert, hundert wie einer. Und er wurde verbrannt,
-sagt ihr, lebendig verbrannt auf die Bitte der Calvinisten und
-Lutheraner. Diese Wölfe fressen sich untereinander, sage ich Euch!
-
-„Jawohl, was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland,
-Seeland? Freidenker, die da lehren, daß jede Knechtschaft dem Worte
-Gottes zuwider sei. Sie lügen, die stinkenden Ketzer, man muß sich der
-heiligen römischen Mutter Kirche unterwerfen. Und in dieser verfluchten
-Stadt Antwerpen, dem Stelldichein der ganzen ketzerischen Hundebrut
-der Welt, haben sie zu predigen gewagt, daß wir die Hostie mit
-Hundefett backen lassen. Ein andrer sagt / es ist jener Geuse, der dort
-an der Straßenecke auf dem Nachttopf sitzt / „Es ist kein Gott, noch
-ewiges Leben, noch Auferstehung des Fleisches, noch ewige Verdammnis.“
-/ „Man kann ohne Salz, ohne Schweineschmalz, ohne Speichel, ohne
-Teufelaustreibung und Kerze taufen“, sagt ein anderer da unten mit
-heuleriger Stimme. / „Es gibt kein Fegefeuer“, sagt ein andrer mit
-kläglicher Stimme. „Kein Fegefeuer, Ihr guten Leute! Wehe, Euch wäre
-besser, mit Euren Müttern, Schwestern und Töchtern gesündigt zu haben,
-denn am Fegefeuer zu zweifeln!“
-
-„Jawohl, sie rümpfen die Nase vor dem Inquisitor, dem heiligen
-Manne. Sie sind unweit von hier nach Belem gezogen, an viertausend
-Calvinisten, mit Gewappneten, Bannern und Trommeln. Jawohl, und Ihr
-riechet von hier den Dunst ihrer Speisen. Sie haben die Kirche Sankt
-Katholyne in Besitz genommen, um sie zu entehren, zu entweihen, zu
-entheiligen durch ihr verfluchtes Gepredige.
-
-„Was soll diese gottlose und schändliche Duldsamkeit? Bei den tausend
-Teufeln der Hölle, warum nehmet Ihr nicht auch die Waffen zur Hand,
-Ihr katholischen Rüden? Ihr habet gleich den verdammten Calvinisten
-Kürasse, Lanzen, Hellebarden, Degen, Schwerter, Armbrüste, Messer,
-Knüttel, Spieße und die Bombarden und Feldschlangen der Stadt.
-
-„Sie sind friedfertig, saget ihr; sie wollen in aller Freiheit und Ruhe
-das Wort Gottes hören. Das ist mir ganz eins. Hinaus aus Brügge! Jaget,
-tötet, werfet mir alle diese Calvinisten aus der Kirche. Ihr seid noch
-nicht fort! Pfui, über Euch! Ihr seid Hühner, die auf ihrem Misthaufen
-zittern. Ich sehe schon den Augenblick, da diese verdammten Calvinisten
-auf dem Bauch Eurer Weiber und Töchter die Trommel schlagen, und
-Ihr lasset sie, Ihr Männer von Werg und Teig. Gehet ja nicht dahin,
-mitnichten! Ihr würdet in der Schlacht Eure Hosen naß machen. Pfui über
-Euch Brügger, pfui, Ihr Katholiken! Das heißt gut katholisch sein, Ihr
-feigen Memmen! Schande über Euch, Ihr Enten und Enteriche, Gänse und
-Truthähne, die Ihr seid!
-
-„Ei, sind es nicht schöne Prediger, daß Ihr so in Haufen zu Ihnen
-gehet, die Lügen anzuhören, die sie ausspeien, daß Eure Töchter des
-Nachts zu ihren Predigten gehen, auf daß in neun Monden die Stadt
-voll kleiner Geusen und Geusinnen sei? Es waren ihrer vier, vier
-schändliche Taugenichtse, so auf dem Kirchhof gepredigt haben. Der
-erste dieser Hallunken, bleich und mager, trug einen schmutzigen Hut
-auf dem Kopfe. Dank dem Hut sah man seine Ohren nicht. Wer unter Euch
-hat die Ohren eines der Prediger gesehen? Er war ohne Hemd, denn seine
-bloßen Arme schauten ohne Linnen aus dem Wams heraus. Ich hab es wohl
-gesehen, ohngeachtet er sich mit einem schmutzigen Mäntelchen bedecken
-wollte, und in seinen Hosen von schwarzem Leinen und durchscheinend
-wie die Turmspitze von Unsrer lieben Frau zu Antwerpen, sah ich seine
-Naturglocken und seinen Klöppel. Der andere böse Bube predigte im
-Wams ohne Schuhe. Keiner hat seine Ohren gesehen. Er mußte in seinem
-Gepredige innehalten, und die Knaben und Mägdlein höhnten ihn und
-schrien: „Huh, huh, er weiß seine Lektion nicht.“ Der dritte dieser
-schändlichen Buben trug ein schmutziges Hütlein mit einer winzigen
-Feder darauf. Seine Ohren waren auch nicht zu sehen. Der vierte
-Taugenichts, Hermanus, der besser ausstaffiert war als die andern, muß
-an der Schulter zweimal durch den Henker gebrandmarkt sein, jawohl.
-
-„Sie tragen alle unter ihrem Hut schmierige, seidene Mützen, so ihre
-Ohren verbergen. Sahet Ihr die Ohren eines der Prediger? Wer von
-diesen Lumpen wagte seine Ohren zu zeigen? Ohren, ha, ha, seine Ohren
-zeigen: sie sind ihnen abgeschnitten. Jawohl, der Henker hat ihnen
-allen die Ohren abgeschnitten. Und doch scharte sich der Pöbel um
-die schändlichen Schufte, diese Beutelschneider, diese Schuhflicker,
-die von ihren Schemeln weggelaufen sind, diese predigenden Lumpen,
-und rief: „Es lebe der Geuse!“ gleich als wären sie allzumal rasend,
-trunken oder toll gewesen.
-
-„Wehe! Uns armen, römischen Katholiken bleibt nichts denn die
-Niederlande zu verlassen, sintemalen man hier das Geschrei duldet: „Es
-lebe der Geuse! Es lebe der Geuse.“ Welch ein verwünschter Mühlstein
-ist diesem verhexten und dummen Volk auf den Kopf gefallen, oh Jesus!
-Reich und Arm, Adlig und Unadlig, Jung und Alt, Männer und Frauen
-schreien: „Es lebe der Geuse“!
-
-„Und was sind diese Herren, all diese schäbigen Lederhosen, so uns
-von Deutschland gekommen sind? All ihr Hab’ und Gut ist zu den
-Dirnen gegangen, in Krimpelspiel, Schleckereien, Gelagen, Völlerei,
-Ausschweifung und mancherlei Schändlichkeit, Götzendienst der Würfel
-und Triumph der Putzsucht. Sie haben nicht einen verrosteten Nagel,
-sich zu kratzen, wo es sie juckt. Darum brauchen sie die Güter der
-Kirchen und Klöster.
-
-„Und auf ihrem Bankett bei dem Schelm von Kuilenburg mit dem andern
-Schelm von Brederode haben sie aus hölzernen Näpfen getrunken, Herrn
-von Berlaymont und Ihro Gnaden der Frau Regentin zum Trotz. Jawohl, und
-haben gerufen: „Es lebe der Geuse!“ Ach, wenn ich der liebe Gott währe,
-ich hätte, mit Respekt zu vermelden, ihr Getränk, ob Bier oder Wein, in
-ein schmutziges, abscheuliches Spülicht verwandelt, ja in schmutziges,
-scheußliches, stinkendes Waschwasser, darin sie ihre kotigen Hemden und
-Laken gewaschen hätten.
-
-„Ja, schreit, Ihr Esel, die Ihr seid, schreit nur: „Es lebe der Geuse!“
-Ich bin ein Prophet. Und alle Verwünschungen, alle Not, Fieber,
-Pestilenz, Brand, Trümmer, Verwüstung, Krebs, englisches Schweißfieber
-und schwarzer Tod werden über die Niederlande kommen. Und also wird
-Gott für Euer ekles Geplärr: „Es lebe der Geuse!“ gerächt werden. Und
-von Euren Häusern wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben und
-nicht ein Stück Knochen von Euren verdammten Beinen, die zu dieser
-verfluchten Calvinisterei und Predigerei laufen. Also geschehe es,
-geschehe es, geschehe es, Amen.“
-
-„Laß uns gehen, mein Sohn“, sprach Ulenspiegel zu Lamm.
-
-„Sogleich“, sagte Lamm.
-
-Und er suchte seine Frau unter den jungen, schönen, andächtigen Frauen,
-die der Predigt beiwohnten, aber er fand sie nicht.
-
-
-12
-
-Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser)
-genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und Wysneusen
-(Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der Mindesten heiße[3].
-Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand des Wassers und sahen
-unter den Bäumen, deren Laubwerk wie ein niedrig Gewölbe bis auf ihre
-Köpfe hing, Männer und Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie
-trugen Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten
-Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen nichts in
-dieser Welt denn sich selbst.
-
-Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem
-traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“
-
-Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten
-Pärlein.
-
-„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just solchen,
-die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der Gräben ausstrecken,
-trugen wir unsre Liebe zur Schau.“
-
-„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben auf dem
-Boden eines Maßkruges finden.“
-
-„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die Sieben
-Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche des heiligen
-Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“
-
-Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in irgend
-einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und eine artige Wirtin
-finden möchten und sagte wiederum:
-
-„Laß uns trinken gehen.“
-
-Aber Lamm hörte ihn nicht und sprach, indem er den Turm der
-Liebfrauenkirche betrachtete:
-
-„Heilige Frau Maria, Schutzpatronin der erlaubten Liebe, gib, daß ich
-noch einmal ihren weißen Busen, das weiche Schlummerkissen sehe.“
-
-„Komm trinken“, sagte Ulenspiegel. „Du wirst sie finden, wie sie ihn in
-einer Schenke den Zechern zeigt.“
-
-„Wagst Du so schlecht von ihr zu denken?“ fragte Lamm.
-
-„Laß uns trinken gehen,“ sagte Ulenspiegel, „sie ist ohne Zweifel
-irgendwo Wirtin.“
-
-„So redet der Durst“, sagte Lamm.
-
-Ulenspiegel redete weiter:
-
-„Vielleicht hat sie für die armen Wanderer eine Schüssel schönen
-gedämpften Ochsenfleisches aufgehoben, dessen Gewürze die Luft mit Duft
-erfüllen, nicht zu fett, zart und saftig wie Rosenblätter, und gleich
-Fastnachtsfischen zwischen Nelken, Muskat, Hahnenkämmen, Kalbsmilch und
-andern himmlischen Leckerbissen schwimmend.“
-
-„Du Boshafter“, sagte Lamm, „Du willst mich gewißlich umbringen. Weißt
-Du nicht, daß wir seit zwei Tagen nur von trocknem Brot und Dünnbier
-leben?“
-
-„Der Hunger redet aus Dir,“ versetzte Ulenspiegel. „Du weinst vor
-Begierde, komm essen und trinken. Ich habe da einen hübschen halben
-Gülden, der wird die Kosten unseres Schmauses decken.“
-
-Lamm lachte. Sie holten ihren Wagen und fuhren also durch die Stadt und
-suchten nach der besten Herberge. Aber sie erblickten etliche Gesichter
-von Wirten, die mürrisch, und Wirtinnen, die gar wenig mitleidig
-aussahen, und fuhren vorbei, denn sie gedachten, daß eine saure Miene
-ein schlechtes Aushängeschild für gastliche Küche sei.
-
-So gelangten sie zum Samstagsmarkt und kehrten in den Gasthof „Zur
-Blauen Laterne“ ein. Da war ein Wirt von guter Miene. Sie stellten
-ihren Wagen ein und ließen den Esel in den Stall bringen, mit einer
-Metze Hafer zur Gesellschaft. Sie ließen sich zu essen auftragen, aßen
-nach Herzenslust, schliefen gut und standen auf, um wiederum zu essen.
-Lamm, der vor Behagen platzte, sprach:
-
-„Ich höre himmlische Musik in meinem Magen.“
-
-Da der Augenblick des Zahlens kam, ging der Wirt zu Lamm und sagte zu
-ihm:
-
-„Ich kriege zehn Heller.“
-
-„Der hat sie“, sprach Lamm zu ihm und zeigte auf Ulenspiegel. Der aber
-sagte:
-
-„Ich habe sie nicht.“
-
-„Und der halbe Gülden?“ fragte Lamm.
-
-„Ich habe ihn nicht,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Das ist eine schöne Rede,“ sagte der Wirt. „Ich werde Euch allen
-beiden Euer Wams und Hemd fortnehmen.“
-
-Plötzlich rief Lamm in der Trinklaune:
-
-„Und wenn ich essen und trinken will, essen und trinken, ja für
-siebenundzwanzig Gülden und mehr trinken, so werde ich es tun. Meinst
-Du, daß in diesem Bauch nicht ein roter Heller sitzt? So wahr Gott
-lebt! er wurde bis heute nur mit Fettammern gemästet. Du wirst unter
-Deinem schmierigen Ledergürtel nimmer seinesgleichen tragen. Denn Du
-hast Dein Fett am Kragen des Wamses, wie ein böser Mensch, und nicht
-wie ich drei Daumen dicken leckeren Specks auf dem Bauch!“
-
-Der Wirt war vor Wut außer sich. Da er ohnedies stotterte, wollte er
-schnell sprechen; je hastiger er aber sprach, um so mehr nieste er wie
-ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen
-an die Nase, und Lamm ereiferte sich noch mehr und redete weiter:
-
-„Jawohl, ich habe hier genug, um Deine drei mageren Hühner, Deine vier
-krätzigen Küchlein und diesen großen Dummkopf von Pfau zu bezahlen, der
-seinen schmutzigen Schweif in Deinem Hühnerhofe zur Schau trägt. Und
-wenn Deine Haut nicht trockner wäre denn die eines alten Hahnes, und
-Deine Knochen nicht in Deiner Brust zu Staub zerfielen, so hätte ich
-noch genug, um Dich, Deinen rotznasigen Knecht und Deine einäugige Magd
-zu essen und Deinen Koch dazu, dessen Arme, so er die Krätze hätte, zu
-kurz wären sich zu kratzen. Ei seht doch“, so redete er weiter, „seht
-doch den schönen Vogel, der uns eines halben Güldens willen unser Wams
-und Hemd nehmen will? Was sind denn Deine Kleider wert, Du zerlumptes
-Großmaul, ich will Dir drei Heller dafür geben.“
-
-Aber der Wirt ward immer zorniger und schnaubte noch mehr.
-
-Und Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen ins Gesicht.
-
-Lamm war wie ein Löwe und sagte:
-
-„Was glaubst Du, magere Fratze, was ein schöner Esel mit feinem Maul,
-langen Ohren, breiter Brust und Fesseln wie von Eisen wert sei?
-Achtzehn Gülden zum mindesten, nicht wahr, Du armer Schlucker von
-einem Wirt? Wieviel alte Nägel hast Du in Deinen Goldtruhen, um ein so
-schönes Tier zu bezahlen?“
-
-Der Wirt schnaubte noch mehr, aber er wagte nicht zu mucksen.
-
-„Wieviel glaubst Du, ist ein schöner Wagen aus Eschenholz wert,
-durchweg bemalt und oben mit Linnen von Courtrai gegen Sonne und
-Platzregen geschirmt? Vierundzwanzig Gülden zum mindesten, he? Und
-wieviel macht vierundzwanzig Gülden und achtzehn Gülden? Antworte, Du
-Knicker, der nicht rechnen kann. Und dieweil Markttag ist und Bauern
-in Deinem kläglichen Gasthofe sind, so will ich ihnen beides flugs
-verkaufen.“
-
-Und so geschah es, denn alle kannten Lamm. Und wahrlich, er kriegte für
-Esel und Wagen vierundvierzig Gülden und zehn Heller. Darnach klimperte
-er dem Wirt mit dem Gold unter der Nase und fragte ihn:
-
-„Witterst Du den Duft der künftigen Schmäuse?“
-
-„Ja,“ antwortete der Wirt.
-
-Und ganz leise sprach er:
-
-„So Du Deine Haut feil bietest, will ich sie für einen Heller kaufen
-und daraus ein Amulett gegen die Verschwendung machen.“
-
-Derweilen hatte ein hübsches, artiges Weiblein, so im dunklen Hofe
-stand, Lamm oftmals durchs Fenster angeschaut und allemal wenn er ihr
-hübsches Lärvchen sehen konnte, zog sie sich zurück. Am Abend, da er
-schwankend vom Weine, den er getrunken, ohne Licht hinaufging, fühlte
-er auf der Stiege, wie eine Frau ihn umhalste, ihn begehrlich auf
-Wange, Mund und gar auf die Nase küßte und sein Antlitz mit verliebten
-Tränen benetzte; dann ließ sie ihn los.
-
-Schlaftrunken von dem Getränk, legte Lamm sich nieder, schlief und zog
-des andern Tages mit Ulenspiegel nach Gent.
-
-
-13
-
-Allda suchte er sein Weib in allen Musikschenken und Trinkstuben. Am
-Abend fand er Ulenspiegel im „Singenden Schwan“ wieder.
-
-Ulenspiegel ging hin, wo er konnte, säete Aufruhr und wiegelte das Volk
-auf gegen die Henker des Landes seiner Väter.
-
-Da er auf dem Freitagsmarkt bei der Dulle Griet, der großen Kanone war,
-legte er sich platt auf den Bauch aufs Pflaster.
-
-Ein Kohlenträger kam und sprach zu ihm:
-
-„Was tust Du da?“
-
-„Ich mache meine Nase feucht, um zu erfahren, woher der Wind kommt.“
-
-Ein Schreiner kam.
-
-„Hältst Du das Pflaster für ein Pfühl?“ fragte er.
-
-„Es sind ihrer, die es bald zur Decke nehmen werden,“ antwortete
-Ulenspiegel.
-
-Ein Mönch blieb stehen.
-
-„Was macht dieses Kalb da?“ fragte er.
-
-„Es liegt vor Euch auf dem Bauch und bittet um Euren Segen, mein
-Vater,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-Als der Mönch ihm den gegeben hatte, ging er fürbaß.
-
-Alsdann legte Ulenspiegel das Ohr an die Erde. Ein Bauer kam.
-
-„Hörst Du ein Geräusch da unten?“ fragte er ihn.
-
-„Ich höre das Holz wachsen, dessen Scheite dienen werden, die armen
-Ketzer zu verbrennen.“
-
-„Hörst du weiter nichts?“ fragte ihn ein Stadtknecht.
-
-„Ich höre die Reiterei aus Spanien kommen; so Du etwas hast, was Du
-behalten willst, grab es ein, maßen die Städte in Bälde nicht mehr
-sicher sein werden vor Dieben.“
-
-„Er ist närrisch,“ sagte der Stadtknecht.
-
-„Er ist närrisch,“ wiederholten die Bürger.
-
-
-14
-
-Derweilen aß Lamm nicht mehr, denn er gedachte des holden Traumes auf
-der Stiege der „Blauen Laterne“. Doch ob ihn sein Herz auch nach Brügge
-zog, ward er von Ulenspiegel doch mit Gewalt nach Antwerpen geführt, wo
-er seine traurigen Nachforschungen fortsetzte.
-
-War Ulenspiegel in der Schenke unter guten reformierten Vlamländern,
-ja, selbst unter Katholiken, welche der Freiheit wohlgesinnt waren, so
-sprach er zu ihnen solcherart über die Edikte: „Sie führen bei uns die
-Inquisition ein mit dem Vorgeben, uns von der Ketzerei zu purgieren;
-aber dieser Rhabarber ist nur für unsere Geldsäckel wirksam. Wir wollen
-keine Arzenei nehmen, als welche uns beliebt; wir werden böse werden,
-uns empören und nach den Waffen greifen. Der König wußte das im voraus.
-Wenn er sieht, daß wir keinen Rhabarber wollen, wird er die Spritzen
-aufmarschieren lassen, das heißt, die großen und kleinen Kanonen,
-Feldschlangen, Bombarden und Mörser mit großem Rachen! Ein königliches
-Klistier. In dem mit solcher Arznei behandelten Flandern wird kein
-reicher Vlamländer bleiben. Unsere Länder sind glücklich, einen so
-königlichen Arzt zu haben.“ Aber die Bürger lachten.
-
-Ulenspiegel sagte:
-
-„Lachet heute, aber fliehet oder wappnet Euch an dem Tage, da man etwas
-an Unserer lieben Frau zerbrechen wird.“
-
-
-15
-
-Am fünfzehnten August, dem großen Marientag, wo die Kräuter und Wurzeln
-geweiht werden und die Hennen, von Körnern satt, für das Trompeten
-des Liebe verlangenden Hahnes taub sind, ward ein großes Steinkreuz an
-einem der Tore von Antwerpen von einem Italiener im Solde des Kardinals
-Granvella zerbrochen, und die Prozession der Jungfrau, der grüne,
-gelbe und rote Narren vorausgingen, kam aus der Frauenkirche gezogen.
-Aber die Statue der Jungfrau ward unterwegs von unbekannten Männern
-beschimpft und eilends in das Chor der Frauenkirche zurückgebracht, und
-die Gitter wurden geschlossen.
-
-Ulenspiegel und Lamm traten in die Kirche. Junge ausgehungerte,
-zerlumpte Gesellen, so männiglich fremd waren, standen vor dem Chor
-und machten einander gewisse Zeichen und Fratzen. Mit ihren Füßen und
-Zungen vollführten sie großen Lärm. Keiner hatte sie in Antwerpen
-gesehen, keiner sah sie wieder. Einer von ihnen, mit einem Antlitz
-wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob Mieke, damit meinte er die
-Jungfrau, Angst gehabt hätte, dieweil sie so hastig in die Kirche
-zurückgekehrt sei?
-
-„Vor Dir hat sie keine Furcht gehabt, Du garstiger Mohr,“ antwortete
-Ulenspiegel.
-
-Der junge Gesell, zu dem er sprach, ging auf ihn los, um ihn zu
-schlagen, aber Ulenspiegel würgte ihn am Kragen und sprach:
-
-„So Du mich schlägst, laß ich Dich Deine Zunge ausspeien.“
-
-Alsdann wandte er sich zu etlichen Männern von Antwerpen, die da waren,
-und sagte, auf die jungen, zerlumpten Kerle deutend:
-
-„Signorkes und Pagaders, hütet Euch, das sind falsche Vlamländer,
-Verräter, die bezahlt sind, uns Leid, Elend und Untergang zu bringen.“
-
-Dann sprach er also zu den Unbekannten:
-
-„He, Ihr Eselsköpfe, vom Elend ausgedörrt, woher habt Ihr das Geld, das
-man heute in Euern Säckeln klingen hört? Habet Ihr etwan Eure Haut im
-voraus verkauft, um Trommeln daraus zu machen?“
-
-„Sehet den Prediger!“ sagten die Unbekannten.
-
-Dann huben sie insgesamt an zu schreien und sagten von Unsrer lieben
-Frau:
-
-„Mieke hat ein schönes Kleid! Mieke hat eine schöne Krone! Ich will sie
-meiner Vettel geben!“
-
-Sie gingen hinaus, dieweil einer von ihnen auf die Kanzel gestiegen
-war, um dort unziemliche Reden zu führen, dann kamen sie wieder und
-schrien:
-
-„Steig herab, Mieke, steig herab, ehe wir dich holen. Tu ein Wunder,
-auf daß wir sehen, daß Du ebensogut gehen kannst als Dich tragen
-lassen, Mieke, Du Faulenzerin!“
-
-Aber Ulenspiegel hatte gut rufen: „Ihr Unglücksstifter, hört auf mit
-Euren schlimmen Reden, jede Plünderung ist ein Verbrechen.“ Sie hörten
-schlechterdings nicht auf zu reden, und etliche sprachen gar davon, das
-Chor zu erbrechen und Mieke zu zwingen, daß sie herabstiege.
-
-Ein altes Weiblein, das in der Kirche Kerzen verkaufte und diese Reden
-vernahm, warf ihnen die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht; aber sie
-schlugen das Weiblein und warfen es zu Boden, und nun begann das Getobe.
-
-Der Markgraf kam mit seinen Bütteln in die Kirche. Da er die
-versammelte Menge sah, ermahnte er sie aus der Kirche zu gehen, aber so
-sänftiglich, daß nur etliche von hinnen gingen; die andern sagten:
-
-„Zuvor wollen wir die Domherren zu Miekes Ehre die Vesper singen hören.“
-
-Der Markgraf entgegnete:
-
-„Es wird nicht gesungen werden.“
-
-„Wir wollen selber singen,“ antworteten die unbekannten Lumpen. Solches
-taten sie in den Schiffen und bei der Vorhalle der Kirche. Etliche
-spielten mit ~krieke-steenen~ (Kirschkernen) und sagten: „Mieke, Du
-spielest nimmer im Paradies und hast keine Kurzweil; spiele mit uns.“
-
-Und ohne Aufhören beschimpften sie das Marienbild und schrien, höhnten
-und pfiffen.
-
-Der Markgraf tat, als ob er Furcht hätte, und ging hinaus. Auf seinen
-Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen.
-
-Ohne daß das Volk sich darein mischte, ward das fremde Lumpengesindel
-kecker und schrie noch lauter. Und die Gewölbe hallten wider wie Donner
-von hundert Kanonen.
-
-Alsdann bestieg einer von ihnen die Kanzel, der mit dem Gesicht
-gleich einer verbrannten Zwiebel, welcher etliches Ansehen zu haben
-schien, winkte ihnen mit der Hand, predigte und sprach: „Im Namen des
-Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, die drei sind nur einer
-und einer drei, Gott bewahre uns im Paradies vor der Rechenkunst. Des
-heutigen Tages am fünfzehnten des Augustmonds ist Mieke im höchsten
-Staat ausgegangen, um ihr hölzernes Antlitz den Herren und Bürgern von
-Antwerpen zu zeigen. Aber während der Prozession ist Mieke dem Teufel
-Satanas begegnet, und Satanas, ihrer spottend, hat zu ihr gesagt: „Du
-bist schier stolz als Königin ausstaffiert, Mieke; Du wirst von vier
-Herren getragen und willst den armen Satanas, der auf Schusters Rappen
-reitet, nicht mehr anschauen.“ Und Mieke antwortete: „Hebe Dich weg,
-Satanas, auf daß ich Dir nicht noch mehr den Kopf zertrete, Du böse
-Schlange!“
-
-„Mieke,“ sagte Satanas darauf, „mit diesem Geschäft verbringst Du seit
-fünfzehnhundert Jahren die Zeit, aber der Geist des Herrn, Deines
-Meisters, hat mich erlöset. Ich bin stärker als Du, Du wirst mir nicht
-mehr auf den Kopf treten, und ich werde Dich jetzo tanzen lassen.“
-Satanas nahm eine große Peitsche, die scharf einschnitt, und hub an,
-Mieke zu schlagen. Sie wagte nicht zu schreien, aus Furcht, ihre Angst
-zu zeigen, und alsdann hat sie sich in den schnellsten Trab gesetzt,
-und die Herren, so sie trugen, gezwungen, auch zu laufen, um sie mit
-ihrer güldenen Krone und ihren Kleinodien nicht in das arme, gemeine
-Volk fallen zu lassen. Und jetzt steht Mieke still und steif in ihrer
-Nische und betrachtet Satan, der da oben auf der Säule unter der
-kleinen Kuppel sitzet und seine Peitsche hält und hohnlachend zu ihr
-sagt:
-
-„Ich werde Dir das Blut und die Tränen heimzahlen, so in Deinem Namen
-fließen! Mieke, wie steht Dein jungfräuliches Befinden? Die Stunde ist
-gekommen, wo Du ausziehen mußt. Man wird Dich entzwei schneiden, Du
-häßliche, hölzerne Puppe, für all die Puppen aus Fleisch und Bein, so
-in Deinem Namen ohn Erbarmen verbrannt, gehenkt und lebendig begraben
-wurden.“ Also sprach Satanas und er sprach gut. „Du mußt aus Deiner
-Nische herabsteigen, blutdürstige, grausame Mieke, die Du Deinem Sohne
-Christo nicht ähnlich bist.“
-
-Und höhnend und schreiend tobte der ganze Schwarm der Unbekannten:
-
-„Mieke, Mieke, es ist die Stunde des Auszugs! Nehmet die hölzernen
-Heiligen fort! Auf, Brabant für den guten Herzog! Wer will ein Bad in
-der Schelde nehmen? Holz schwimmt besser als Fische.“
-
-Das Volk hörte zu, ohne etwas zu sagen.
-
-Aber Ulenspiegel bestieg die Kanzel und warf den Sprecher mit Gewalt
-die Stiege hinunter.
-
-„Ihr Rasenden,“ sagte er zum Volke, „Ihr wahnsinnigen Narren, Ihr
-einfältigen Narren, die Ihr nicht weiter sehet als Eure rotzige
-Nasenspitze, begreifet Ihr nicht, daß all dies das Werk von Verrätern
-ist? Sie wollen Euch zu Kirchenschändern und Räubern machen, um
-Euch für Rebellen zu erklären, Eure Geldtruhen zu leeren, Euch zu
-brandmarken und lebendig zu verbrennen. Und der König wird erben!
-Signorkes und Pagaders, messet den Worten dieser Unglücksstifter keinen
-Glauben bei; lasset Unsre liebe Frau in ihrer Nische, lebet standhaft,
-indem Ihr fröhlich arbeitet und Euren Gewinst und Verdienst ausgebet.
-Der schwarze Teufel des Verderbens hat ein Auge auf Euch. Durch
-Plünderung und Zerstörung will er das feindliche Heer herbeirufen,
-um Euch als Rebellen zu behandeln. Dann wird Alba durch Diktatur,
-Inquisition, Konfiskation und Tod über Euch herrschen und er wird
-erben.“
-
-„Wehe,“ sprach Lamm, „plündert nicht, Signorkes und Pagaders; der König
-ist schon sehr erzürnt. Die Tochter der Stickerin hat es meinem Freund
-Ulenspiegel gesagt. Plündert nicht, Ihr Herren.“
-
-Aber das Volk konnte sie nicht hören.
-
-Die Unbekannten schrien:
-
-„Plünderung und Austreibung! Plünderung, Brabant für den guten Herzog!
-Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen besser denn Fische!“
-
-Ulenspiegel hielt sich an der Kanzel fest und rief vergeblich:
-
-„Signorkes und Pagaders, leidet die Plünderung nicht! Rufet nicht das
-Verderben auf die Stadt herab!“
-
-Er ward fortgezerrt und ohngeachtet er sich mit Händen und Füßen
-wehrte, ward ihm Gesicht, Wams, Hosen, alles zerrissen.
-
-Und wiewohl blutend, ließ er nicht ab zu schreien:
-
-„Leidet die Plünderung nicht!“
-
-Aber es war umsonst.
-
-Die Unbekannten und das Gesindel der Stadt warfen sich auf das Gitter
-des Chors und zerbrachen es. Dabei schrien sie:
-
-„Es lebe der Geuse!“
-
-Alle huben an zu zerbrechen, zu plündern und zu zerstören. Vor
-Mitternacht war die große Kirche, in der es siebenzig Altäre, alle
-Arten schöner Malereien und kostbarer Dinge gab, ausgeleert wie eine
-Nuß. Die Altäre waren zertrümmert, die Bilder heruntergeschlagen und
-alle Schlösser zerbrochen.
-
-Da dies getan war, machten sich die nämlichen Unbekannten auf den Weg,
-um die Minderen Brüder, die Franziskaner, Sankt Peter, Sankt Andreas,
-Sankt Michael, Sankt Peter im Topf, die Burg, die Fawkens, die Weißen
-Schwestern, die Grauen Schwestern, den dritten Orden, die Prediger
-und alle Kirchen und Kapellen der Stadt gleich der Frauenkirche zu
-traktieren. Und sie nahmen die Kerzen und Fackeln heraus und liefen so
-überall hin.
-
-Es gab unter ihnen weder Streit noch Beratung; keiner von ihnen ward
-bei diesem großen Zerbrechen von Steinen, Holz und anderen Dingen
-verwundet.
-
-Sie stellten sich in Haag ein, um auch dort zum Raub der Bildwerke
-und Altäre zu schreiten, ohne daß ihnen hier oder andernorts die
-Reformierten Beistand geleistet hätten.
-
-Im Haag fragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht wäre.
-
-„Da ist sie,“ sagte einer und schlug auf sein Herz.
-
-„Ihre Vollmacht, hört Ihr, Signorkes und Pagaders?“ sprach Ulenspiegel,
-da er die Sache erfahren. „Es ist also einer da, der ihnen befohlen
-hat, als Kirchenschänder zu arbeiten. So in meine Hütte etwelcher
-plündernde Spitzbube kommt, werde ich tun wie der Magistrat vom Haag;
-ich werde meinen Hut abnehmen und sagen: „Edler Spitzbube, gnädiger
-Taugenichts, ehrwürdiger Lump, zeig mir deine Vollmacht.“ Und er wird
-sagen, daß sie in seinem Herzen sei, das nach meinem Gute verlangt. Und
-ich werde ihm die Schlüssel zu allem geben. Suchet, suchet, wem diese
-Plünderung Nutzen bringt. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das Verbrechen
-ist begangen, man wird es strafen. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das
-große steinerne Kruzifix ist heruntergeschlagen. Hütet Euch vor dem
-Roten Hund.“
-
-Da der Hohe Rat von Mecheln durch den Mund seines Präsidenten Viglius
-befohlen hatte, dem Zerbrechen der Bilder keinen Einhalt zu tun, sagte
-Ulenspiegel:
-
-„Wehe, die Ernte ist reif für die hispanischen Schnitter. Der Herzog,
-der Herzog marschiert gegen uns Vlamländer, das Meer schwillt, das
-Meer der Rache. Arme Frauen und Jungfrauen, fliehet die Grube! Arme
-Männer, fliehet den Galgen, das Feuer und Schwert. Philipp will Karls
-blutiges Werk vollenden. Der Vater säete Tod und Verbannung; der Sohn
-hat geschworen, er wolle lieber über einen Totenacker herrschen, denn
-über ein Volk von Ketzern. Fliehet, hier sind der Henker und die
-Totengräber.“
-
-Das Volk hörte auf Ulenspiegel, und die Familien verließen bei
-Hunderten die Städte, und die Landstraßen waren versperrt von Wagen,
-beladen mit dem Hausrat Derer, so in die Verbannung zogen.
-
-Und Ulenspiegel ging allerorten hin und Lamm folgte ihm betrübt und
-suchte seine Liebste.
-
-Und in Damm weinte Nele bei Katheline, der Irren.
-
-
-16
-
-Da Ulenspiegel im Gerstemond, das ist Oktober, in Gent war, sah er
-Egmont in des Abtes von Sankt Bavo edler Gesellschaft vom Schwelgen und
-Feiern heimkehren. In singfroher Laune ließ er träumend sein Pferd im
-Schritt gehen. Plötzlich erblickte er einen Mann, der eine brennende
-Laterne trug und neben ihm her schritt.
-
-„Was willst Du?“ fragte Egmont.
-
-„Gutes“, versetzte Ulenspiegel.
-
-„Geh und laß mich,“ entgegnete der Graf.
-
-„Ich werde nicht gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-„Willst Du einen Peitschenhieb haben?“
-
-„Ich will ihrer zehn haben, wenn ich Euch einen solchen Leuchtkäfer in
-den Kopf setzen kann, daß Ihr von hier bis zum Escurial deutlich sehen
-könnt.“
-
-„Mich kümmert nicht Leuchtkäfer noch Escurial,“ antwortete der Graf.
-
-„Und mich brennt es, Euch einen guten Rat zu geben,“ erwiderte
-Ulenspiegel. Dann nahm er des Grafen Pferd, welches ausschlug und sich
-bäumte, beim Zügel und sprach:
-
-„Euer Gnaden, gedenket, daß Ihr jetzo auf Eurem Roß tanzet und daß Euer
-Haupt auch trefflich auf Euren Schultern tanzet; aber der König, sagt
-man, will diesen schönen Tanz unterbrechen, Euch Euren Körper lassen,
-aber Euren Kopf nehmen und ihn in so ferne Länder tanzen lassen, daß
-Ihr ihn nimmermehr wieder einholen könnet. Gebet mir einen Gulden, ich
-habe ihn verdient.“
-
-„Die Peitsche, wenn du nicht weichest, schlechter Ratgeber.“
-
-„Euer Gnaden, ich bin Ulenspiegel, der Sohn des Klas, der für seinen
-Glauben lebendig verbrannt ist, und Soetkins Sohn, die an Herzeleid
-gestorben ist. Die Asche brennt auf meiner Brust und sagt mir, daß
-Egmont, der tapfere Soldat, mit der Reiterei, die er befehligt, seine
-dreimal siegreichen Truppen dem Herzog Alba entgegen stellen kann.“
-
-„Geh,“ antwortete Egmont, „ich bin kein Verräter.“
-
-„Rette die Lande, Du allein kannst es,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Der Graf wollte Ulenspiegel peitschen, aber dieser wartete nicht darauf
-und entfloh mit dem Ruf:
-
-„Esset Leuchtkäfer, esset Leuchtkäfer, Herr Graf. Rettet die Lande.“
-
-Ein ander Mal hielt Egmont, da ihn dürstete, vor der Herberge ~In ’t
-tondt verken~, Zum bunten Ferkel, so von einer Frau aus Kortrijk, einem
-hübschen Weiblein, namens Musekin, Mäuslein, gehalten ward.
-
-Der Graf erhob sich in den Steigbügeln und rief:
-
-„Zu trinken.“
-
-Ulenspiegel, welcher der Musekin diente, trat zu dem Grafen heran, in
-der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine volle Flasche roten
-Weines.
-
-Der Graf sagte, als er ihn sah:
-
-„Bist Du es, Unglücksrabe?“
-
-„Euer Gnaden,“ entgegnete Ulenspiegel, „wenn meine Prophezeihung
-schwarz ist, so kommts, weil sie sich nicht weiß gewaschen hat. Aber
-wollt Ihr mir sagen, was röter ist, der Wein, der in die Kehle geht,
-oder das Blut, das herausspritzt? Das war’s, was meine Laterne fragte.“
-
-Der Graf antwortete nicht, trank, zahlte und ritt von dannen.
-
-
-17
-
-Ulenspiegel und Lamm, ein jeglicher auf einem Esel reitend, den Simon
-Simonsen, einer der Getreuen des Prinzen von Oranien ihnen gegeben
-hatte, zogen überall hin und warnten die Leute vor den schwarzen
-Anschlägen des Blutkönigs und waren allzeit auf der Lauer, um die
-Zeitungen, die aus Spanien kamen, zu erfahren. Sie verkauften Gemüse,
-waren wie Bauern gekleidet und besuchten alle Märkte.
-
-Als sie von dem Markte in Brüssel kamen, sahen sie in einem steinernen
-Hause am Ziegeldamm, in einem niedren Gemach eine schöne, in Atlas
-gekleidete Dame mit frischen Farben, vollem Busen und übermütigen Augen.
-
-Sie sagte zu einer jungen, frischen Köchin:
-
-„Scheure mir diese Pfanne wohl, ich liebe keine Brühe mit der Würze des
-Rostes.“
-
-Ulenspiegel drückte die Nase ans Fenster.
-
-„Ich,“ sagte er, „ich liebe sie alle, denn ein ausgehungerter Bauch ist
-nicht wählerisch in Gerichten.“
-
-Die Dame drehte sich um.
-
-„Wer ist dieser Schelm, der sich um meine Suppe kümmert?“
-
-„Ach, schöne Dame,“ sagte Ulenspiegel, „wenn Ihr nur ein wenig davon
-in meiner Gesellschaft machen wolltet. Ich würde Euch Leckereien eines
-Reisenden lehren, die schönen seßhaftigen Damen unbekannt sind.“
-
-Dann schnalzte er mit der Zunge und sprach:
-
-„Ich habe Durst.“
-
-„Auf was?“ fragte sie.
-
-„Auf Dich“, sagte er.
-
-„Er ist ein hübscher Bursche,“ sagte die Köchin zur Dame. „Wir wollen
-ihn einlassen, auf daß er uns seine Abenteuer erzähle.“
-
-„Aber es sind ihrer zwei,“ sagte die Dame.
-
-„Ich werde für einen sorgen,“ versetzte die Köchin.
-
-„Edle Frau,“ sprach Ulenspiegel dagegen, „wir sind freilich zwei, ich
-und mein armer Lamm, der nicht hundert Pfund auf dem Rücken tragen
-kann, aber gerne fünfhundert in Fleisch und Getränke im Magen trägt.“
-
-„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „mache dich nicht über mich Unseligen lustig,
-dem das Füllen seines Bauches so teuer zu stehen kommt.“
-
-„Heute soll er Dir keinen Heller kosten,“ sagte die Dame. „Tretet beide
-ein.“
-
-„Aber,“ sprach Lamm, „hier sind auch die beiden Esel, auf denen wir
-sitzen.“
-
-„Im Pferdestall des Herrn Grafen von Meghem mangelt es nicht an Metzen
-Hafer.“
-
-Die Köchin ließ ihre Pfanne im Stich und zog Ulenspiegel und Lamm auf
-ihren Eseln in den Hof; selbige huben ohne Verzug an zu schreien.
-
-„Das ist die Fanfare für die nahende Atzung. Sie posaunen ihre Freude
-aus, die armen Esel.“
-
-Da sie alle beide abgestiegen waren, sprach Ulenspiegel zur Köchin:
-
-„Wenn Du eine Eselin wärest, möchtest Du einen Esel wie ich?“
-
-„Wenn ich eine Frau wäre, wollte ich einen Gesellen mit lustigem
-Gesicht.“
-
-„Was bist Du denn, wenn Du nicht Frau noch Eselin bist?“ fragte Lamm.
-
-„Ich bin Jungfrau,“ sagte sie. „Eine Jungfrau ist keine Frau, noch
-weniger Eselin! begreifest Du das, Dickwanst?“
-
-Ulenspiegel sagte zu Lamm:
-
-„Glaub ihr nicht, es ist die Hälfte von einer Dirne und das Viertel von
-zwei Teufelinnen. Ihre Schalkheit und Sinnenlust hat ihr schon in der
-Höllen einen Platz gesichert auf einem Pfühl, um Beelzebub darauf zu
-herzen.“
-
-„Arger Spötter,“ sagte die Köchin, „wenn Deine Haare Pferdehaare wären,
-wollte ich sie nicht, um darauf zu treten.“
-
-„Und ich“, sagte Ulenspiegel, „möchte all Deine Haare essen.“
-
-„Schmeichler,“ sagte die Dame, „mußt Du alle haben?“
-
-„Nein,“ antwortete Ulenspiegel, „tausend in eine einzige verschmolzen
-wie Ihr seid, wären mir genug.“
-
-Die Dame sprach zu ihm:
-
-„Trinke zuvor eine Kanne Braunbier, iß ein Stück Schinken, schneide
-nach Belieben in diese Hammelkeule, höhle mir diese Pastete aus und
-schlürfe diesen Salat.“
-
-Ulenspiegel faltete die Hände:
-
-„Der Schinken ist gutes Fleisch“, sagte er, „das Braunbier himmlisches
-Bier, die Hammelkeule ein göttlicher Braten; eine Pastete auszuhöhlen
-läßt die Zunge im Munde vor Freude erzittern; ein fetter Salat ist eine
-fürstliche Schleckerei. Aber gesegnet wird der sein, dem Ihr von Eurer
-Schönheit zu kosten gebet.“
-
-„Sehet, wie er schwätzt,“ sagte sie. „Iß zuvor, Taugenichts.“
-
-Ulenspiegel erwiderte: „Sollen wir nicht das Benedicite vor dem Gratias
-sagen?“
-
-„Nein“, sprach sie.
-
-Darauf sprach Lamm ächzend:
-
-„Ich habe Hunger.“
-
-„Du wirst zu essen bekommen, dieweil Du keine andre Sorge hast als
-gekochtes Fleisch.“
-
-„Und frisches auch, so frisch wie mein Weib war.“
-
-Die Köchin ward bei dieser Rede unwirsch. Jedoch sie aßen gar reichlich
-und tranken wie die Schwämme. Und die Dame gab Ulenspiegel diese Nacht,
-die nächste und die folgenden das Nachtmahl.
-
-Die Esel bekamen eine doppelte Metze Hafer und Lamm aß für zwei.
-Während einer Woche verließ er die Küche nicht und trieb sein Spiel
-mit den Schüsseln, aber nicht mit der Köchin, denn er gedachte seines
-Weibes. Solches verdroß die Jungfer, welche sagte, daß es sich nicht
-verlohnte, in dieser armen Welt Platz fortzunehmen, nur um an seinen
-Bauch zu denken.
-
-Derweilen lebten Ulenspiegel und die Dame gar freundlich miteinander.
-Eines Tages sagte sie zu ihm:
-
-„Thyl, Du bist nicht ehrbar. Wer bist Du?“
-
-Er sagte: „Ich bin ein Sohn, den der glückliche Zufall eines Tages mit
-Frau Aventüre hatte.“
-
-„Du sprichst nicht schlecht von Dir,“ sprach sie.
-
-„Es geschieht aus Furcht, daß die Andern mich loben,“ entgegnete
-Ulenspiegel.
-
-„Würdest Du Dich Deiner Brüder annehmen, die man verfolgt?“
-
-„Klasens Asche brennt auf meiner Brust,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-„Wie schön Du jetzt bist,“ sagte sie. „Wer ist Klas?“
-
-„Mein Vater, der um des Glaubens willen verbrannt ist,“ sprach
-Ulenspiegel.
-
-„Der Graf von Meghem gleicht Dir nicht,“ sprach sie. „Er will das
-Vaterland bluten lassen, und ich liebe es, denn ich bin zu Antwerpen,
-der glorreichen Stadt, geboren. Wisse denn, daß er mit dem Brabanter
-Ratsherrn Scheyf im Einvernehmen ist, seine zehen Fähnlein Fußvolk in
-Antwerpen einrücken zu lassen.“
-
-„Ich werde es den Bürgern anzeigen,“ sagte Ulenspiegel, „und ich werde
-auf der Stelle hingehen, schnell wie ein Geist.“
-
-Er ging hin, und am nächsten Tag waren die Bürger in Waffen.
-
-Ulenspiegel und Lamm aber, so ihre Esel bei einem Pächter von Simon
-Simonsen eingestellt hatten, mußten sich verbergen, aus Furcht vor dem
-Grafen von Meghem, der sie allerorten suchen ließ, damit sie gehenkt
-würden; denn man hatte ihm gesagt, daß zwei Ketzer von seinem Wein
-getrunken und von seinem Fleisch gegessen hätten. Er war eifersüchtig,
-sagte es seiner schönen Dame, die vor Zorn mit den Zähnen knirschte,
-weinte und siebenzehn Mal in Ohnmacht fiel. Die Köchin tat das
-Nämliche, aber nicht so oft, und erklärte bei ihrem Anrecht aufs
-Paradies und ihrer ewigen Seligkeit, daß weder sie noch ihre Dame etwas
-andres getan hätten, als daß sie die Ueberreste des Mittagmahles zween
-armen Pilgern gegeben hätten, die auf zwei erbärmlichen Eseln reitend,
-vor dem Küchenfenster gehalten hätten.
-
-Es wurden an jenem Tage so viel Tränen vergossen, daß der Fußboden
-davon ganz feucht war. Da Herr von Meghem solches sah, war er
-überzeugt, daß sie nicht lögen.
-
-Lamm wagte sich nicht mehr in Herrn von Meghems Haus zu zeigen, denn
-die Köchin nannte ihn immer, „mein Weib“.
-
-Er war schier betrübt, wenn er der Nahrung gedachte; aber Ulenspiegel
-brachte ihm allzeit ein gutes Gericht, denn er ging von der Sankt
-Katharinenstraße in das Haus und verbarg sich auf dem Boden.
-
-Am folgenden Tage zur Vesper bekannte der Graf von Meghem seinem
-schönen Weibe, welcher Art er beschlossen hätte, die Reiterei, die
-er befehligte, vor Tag in Herzogenbusch einrücken zu lassen. Dann
-entschlief er. Das schöne Weib stieg auf den Boden und ließ Ulenspiegel
-die Sache wissen.
-
-
-18
-
-Ulenspiegel ging, als Pilger gekleidet, ohne Wegzehrung noch Geld
-flugs nach Herzogenbusch, um die Bürger zu warnen. Er wollte unterwegs
-bei Herrn Praet, Simons Bruder, ein Pferd nehmen; er hatte Briefe vom
-Prinzen für ihn. Von da wollte er im schnellsten Trab auf Richtwegen
-nach Herzogenbusch reiten.
-
-Da er die Heerstraße kreuzte, sah er einen Haufen Kriegsvolks
-daherkommen. Er hatte große Furcht der Briefe halber. Aber da er
-entschlossen war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, so erwartete
-er die Söldner stehenden Fußes und murmelte seine Paternoster. Als
-sie vorbeikamen, marschierte er mit ihnen und erfuhr, daß sie nach
-Herzogenbusch zogen.
-
-Ein wallonisches Fähnlein eröffnete den Marsch. An der Spitze ritt der
-Hauptmann Lamotte mit seiner Leibwache von sechs Hellebardieren; dann
-ihrem Range nach der Fähndrich mit geringerem Geleit, der Profos mit
-seinen Hellebardieren und seinen zwei Stockknechten, der Wachtmeister,
-der Troßmeister, der Henker und sein Büttel und Pfeifer und Trommler,
-so großen Lärm vollführten. Alsdann kam ein vlämisches Fähnlein von
-zweihundert Mann mit seinem Hauptmann und Fähndrich. Es war in zwei
-Kompanieen geteilt, so von Feldwaibeln geführt wurden, und zerfiel
-in Rotten, denen Rottmeister vorstanden. Vor dem Profos und den
-Stockknechten zogen gleichermaßen Pfeifer und Trommler einher, die
-dröhnten und gellten.
-
-Hinter ihnen kamen in zween Wagen ihre Gefährtinnen, schöne Dirnen,
-die lachten ausgelassen, zwitscherten wie Grasmücken, sangen wie
-Nachtigallen, aßen, tranken, tanzten, stunden, lagen oder saßen
-rittlings in den Wagen.
-
-Etliche waren wie Landsknechte gekleidet, aber in feines, weißes
-Linnen, am Halse entblößt und an Armen und Beinen und am Wamse
-geschlitzt, also daß der reizende Körper zu sehen war. Sie trugen
-Mützen von feinem Linnen, mit Gold verbrämt und mit schönen
-Straußenfedern darauf, so im Winde wallten. An ihren Gürteln von
-Goldbrokat mit Krausen von rotem Atlas hingen ihre Dolche in Scheiden
-aus Goldstoff. Und ihre Schuhe, Strümpfe und Kniehosen, ihre Wämse,
-Nesteln und Zierarten waren eitel Gold und weiße Seide.
-
-Andere waren auch nach Art der Landsknechte gekleidet, aber in Blau,
-Grün, Scharlach, Himmelblau, Purpur und nach Willkür und Laune
-geschlitzt, bestickt und mit Wappen geziert. Und alle hatten am Arm
-das bunte Rädlein, so ihr Handwerk bedeutet. Ein Hurenwaibel, der sie
-befehligte, wollte sie zum Schweigen bringen, aber sie brachten ihn
-durch ihre artigen Fratzen und Reden zum Lachen und gehorchten ihm
-nicht.
-
-Als Pilger gekleidet, zog Ulenspiegel neben den zwei Fähnlein daher wie
-ein Nachen neben einem großen Schiff. Und er murmelte seine Paternoster.
-
-Plötzlich sagte Lamotte zu ihm:
-
-„Wohin gehst Du, Pilger?“
-
-„Herr Hauptmann,“ antwortete der hungrige Ulenspiegel, „ich habe
-ehemals eine große Sünde begangen und ward vom Kapitel Unserer lieben
-Frau verurteilt, zu Fuß nach Rom zu pilgern und den heiligen Vater
-um Ablaß zu bitten, welchen er mir auch gab. Ich kehrte von Sünde
-gereinigt in diese Lande zurück, unter der Bedingung, unterwegs allem
-Kriegsvolk, dem ich begegne, die heiligen Mysterien zu predigen. Dafür
-soll ich zum Lohne Brot und Wein empfahen. Und so predigend friste ich
-mein armes Leben. Verstattet mir, beim nächsten Halt meinem Gelübde
-nachzukommen.“
-
-„Wohl“, sprach Herr von Lamotte.
-
-Indem Ulenspiegel sich brüderlich unter die Wallonen und Vlamländer
-mischte, befühlte er die Briefe unter seinem Wams.
-
-Die Dirnen riefen ihm zu:
-
-„Pilger, schöner Pilger, komm hierher und zeig uns die Macht Deiner
-Muschelschalen.“
-
-Ulenspiegel trat zu ihnen und sagte ehrbar:
-
-„Meine Schwestern in Christo, spottet nicht des armen Pilgers, der über
-Berg und Tal wandert, um den Soldaten den heiligen Glauben zu predigen.“
-
-Und er verschlang ihre holden Reize mit den Augen. Aber die Dirnen
-streckten ihre muntern Gesichter zwischen den Planen der Wagen herfür.
-
-„Du bist gar jung,“ sprachen sie, „um den Soldaten zu predigen, steig
-in unsere Wagen, wir werden dich süßere Reden lehren.“
-
-Ulenspiegel hätte gern gehorcht, aber er konnte nicht wegen der Briefe.
-Schon streckten zwei von ihnen ihre runden, weißen Arme aus dem Wagen
-und trachteten, ihn zu sich hinauf zu ziehen. Da sprach der Hurenwaibel
-voll Eifersucht zu Ulenspiegel: „Wenn Du nicht fortgehst, so schlage
-ich Dich in Stücke.“
-
-Und Ulenspiegel hielt sich weiter ab und betrachtete heimlich die
-frischen Mägdlein, welche die Sonne, die hell auf den Weg schien,
-vergüldete.
-
-Sie kamen nach Berchem. Philipp von Lannoy, Ritter von Beauvoir, der
-die Vlamländer kommandierte, befahl Halt zu machen.
-
-An diesem Platze stund eine Eiche von mittlerem Wuchs, die war ihrer
-Äste beraubt, ausgenommen einen sehr starken, der mitten durchgebrochen
-war. Daran hatte man im vorigen Monat einen Wiedertäufer aufgeknüpft.
-
-Die Soldaten machten Halt; die Marketender kamen herzu und verkauften
-ihnen Brot, Wein, Bier und Fleisch jeglicher Art. Den Dirnen dagegen
-verkauften sie Zucker, Kapaune, Mandeln und süßes Gebäck. Da
-Ulenspiegel solches sah, ward er noch hungriger.
-
-Plötzlich kletterte er wie ein Affe auf den Baum und setzte sich
-rittlings auf den dicken Ast, der sieben Fuß über der Erde war. Dieweil
-die Soldaten und Dirnen ihn im Kreise umringten, kasteite er sich mit
-einer Geißel und sprach:
-
-„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Es
-stehet geschrieben: Welcher den Armen gibt, leihet Gott aus. Soldaten
-und Ihr, schöne Damen, reizende Liebesgefährtinnen dieser tapferen
-Krieger, leihet Gott. Das heißt: „Gebet mir Brot, Fleisch, Wein und
-Bier, so es Euch beliebt. Und nichts für ungut, auch Kuchen; und Gott,
-der so reich ist, wird es Euch heimzahlen in Bergen von Fettammern, in
-Strömen von Malvasier, in Haufen von Kandiszucker und Reisbrei, den Ihr
-im Paradiese mit silbernen Löffeln sollt essen.“
-
-Dann jammerte er: „Sehet Ihr nicht, durch welch grausame Marter ich
-trachte, meiner Sünden Vergebung zu verdienen? Erleichtert Ihr nicht
-den brennenden Schmerz dieser Geißel, die mir den Rücken wund und
-blutig macht?“
-
-„Wer ist dieser Narr?“ sagten die Soldaten.
-
-„Meine Freunde,“ entgegnete Ulenspiegel, „ich bin nicht närrisch,
-sondern reuevoll und ausgehungert; denn während mein Geist seine Sünden
-beweint, beweint mein Bauch den Mangel an Fleisch. Ihr glücklichen
-Soldaten und Ihr schönen Mägdlein, ich sehe da bei Euch fetten
-Schinken, Gans, Würste, Wein, Bier und Kuchen. Wolltet Ihr dem Pilger
-nichts geben?“
-
-„Ja, ja,“ sagten die vlämischen Soldaten, „er hat ein gutes Gesicht,
-dieser Prediger.“
-
-Und alle warfen ihm Bissen zu wie Bälle. Ulenspiegel hörte nicht auf zu
-reden und aß, auf dem Aste reitend.
-
-„Der Hunger“, sprach er, „macht den Menschen hart und zum Gebet
-untauglich, aber der Schinken verscheucht sogleich diese üble Laune“.
-
-„Achtung, der Kopf wird gespalten“, rief ein Feldwaibel und warf ihm
-eine halbvolle Flasche zu.
-
-Ulenspiegel fing sie im Fluge auf, trank kleine Schlucke und sprach:
-„So wie der scharfe, wütende Hunger für den elenden Körper des Menschen
-ein schädlich Ding ist, so gibt es noch ein anderes nicht minder
-verderbliches Ding. Was ist die Angst eines armen Pilgers, welchem
-hochherzige Soldaten eine Schnitte Schinken und eine Flasche Bier
-gegeben haben? Denn der Pilger ist gemeiniglich nüchtern, und so er mit
-so geringer Nahrung im Magen tränke, würde er flugs trunken sein.“
-
-Wie er so sprach, fing er abermals im Flug eine Gänsekäule auf.
-
-„Das ist ein wundersam Ding,“ sagte er, „in der Luft Wiesenfische
-zu fischen. Doch dieser ist mitsamt dem Beine verschwunden. Was ist
-gieriger als trockner Sand? Ein unfruchtbar Weib und ein ausgehungerter
-Magen.“
-
-Plötzlich fühlte er, daß eine Hellebardenspitze ihn ins Gesäß stach.
-Und er hörte einen Fähndrich sagen:
-
-„Verschmähen die Pilger jetzo eine Hammelkeule?“
-
-Ulenspiegel sah eine große Hammelkeule auf die Spitze der Hellebarde
-gespießt. Er nahm sie und sagte:
-
-„Keule gegen Keule: diese ist mir lieber als der Keulenärmel an meinem
-Wams. Ich werde eine Markflöte daraus machen, um Dein Loblied zu
-singen, Du barmherziger Hellebardier. Jedoch,“ sagte er, die Keule
-benagend, „was ist eine Mahlzeit ohne Nachtisch? Was ist eine Keule,
-so saftig sie auch sei, wenn dem Pilger hernach nicht ein Stück Kuchen
-lächelt?“
-
-So sprechend, faßte er mit der Hand nach dem Gesicht, denn zwei Kuchen,
-so aus der Schar der losen Jungfrauen kamen, waren einer auf seinem
-Auge, der andere auf seiner Wange zerquetscht. Und die Mädchen lachten
-und Ulenspiegel antwortete:
-
-„Großen Dank, Ihr herzigen Mägdlein, daß Ihr mir den Ritterschlag mit
-Zuckerbrot gebet.“
-
-Aber die Kuchen waren zu Boden gefallen.
-
-Plötzlich erdröhnten die Trommeln, die Pfeifen gellten und die Soldaten
-marschierten davon. Herr von Beauvoir hieß Ulenspiegel von seinem Baume
-herabsteigen und neben dem Kriegervolk einherziehen, von dem er hundert
-Meilen hätte fern sein mögen. Denn er witterte aus den Worten etlicher
-finster dreinschauender Kriegsknechte, daß er ihnen verdächtig sei
-und daß sie ihn alsbald für einen Spion nehmen, ihn durchsuchen und
-aufknüpfen würden, wenn sie seine Sendschreiben fänden.
-
-Drum ließ er sich in einen Graben fallen und schrie:
-
-„Erbarmen, Ihr Herren Soldaten, ich habe das Bein gebrochen, ich könnte
-nicht mehr gehen, lasset mich in den Wagen der Mädchen steigen.“
-
-Aber er wußte, daß der eifersüchtige Waibel es ihm nicht verstatten
-würde.
-
-Die aus dem Wagen riefen ihm zu:
-
-„Wohlan, komm doch, artiger Pilger, komm. Wir wollen Dich lieben,
-herzen, bewirten und Dich an einem Tage heilen.“
-
-„Ich weiß es,“ sagte er, „Frauenhände sind ein göttlicher Balsam für
-alle Wunden.“
-
-Aber der eifersüchtige Waibel sprach zu Herrn von Lamotte:
-
-„Euer Gnaden, ich glaube, dieser Pilger hat uns mit seinem gebrochenen
-Beine zum besten, um in den Wagen der Dirnen zu steigen. Befehlet, daß
-man ihn auf dem Wege zurücklasse.“
-
-„Das will ich,“ antwortete Herr von Lamotte.
-
-Und Ulenspiegel ward in dem Graben gelassen.
-
-Etliche Soldaten glaubten, daß er wahrhaftig das Bein gebrochen habe,
-und waren betrübt darüber, maßen er ein so fröhlicher Gesell war. Sie
-ließen ihm Fleisch und Wein für zwei Tage. Die Mädchen wären ihm gerne
-zu Hilfe gekommen, aber da sie es nicht vermochten, warfen sie ihm
-alles zu, was ihnen von den Hühnern geblieben war.
-
-Da das Kriegsvolk sich verzogen hatte, lief Ulenspiegel in seinem
-Pilgerkleid querfeldein, kaufte sich ein Pferd und kam auf Wegen und
-Stegen wie der Wind nach Herzogenbusch.
-
-Bei der Kunde von der Ankunft der Herren von Beauvoir und von Lamotte
-waffneten sich die aus der Stadt, achthundert Mann hoch, wählten
-Hauptleute und sandten Ulenspiegel als Kohlenträger verkleidet nach
-Antwerpen, um Hilfe von Brederode, dem herkulischen Zecher zu holen.
-
-Und die Herren von Lamotte und von Beauvoir fanden Herzogenbusch, die
-wachsame Stadt, zu kühner Abwehr bereit und konnten nicht eindringen.
-
-
-19
-
-Im folgenden Mond gab ein gewisser Doktor Agileus Ulenspiegel zwei
-Gülden und Briefe, mit denen er sich zu Simon Praet begeben sollte; der
-würde ihm sagen, was er tun sollte.
-
-Ulenspiegel fand bei Praet Kost und Obdach. Sein Schlaf war gut und
-gut war auch sein jugendlich blühendes Antlitz. Praet hingegen war
-schwächlich und von kläglichem Aussehen und schien immer in traurigen
-Gedanken befangen. Ulenspiegel verwunderte sich des Nachts, wenn er von
-Ohngefähr erwachte und hämmern hörte.
-
-So zeitig er aufstand, Simon Praet war vor ihm auf und sein Aussehen
-war noch kläglicher und seine Blicke noch trauriger. Sie erglänzten wie
-die eines Mannes, der sich auf den Tod oder die Schlacht bereitet.
-
-Oft seufzete Praet, die Hände zum Beten gefaltet, und allezeit schien
-er voller Grimm. Seine Finger waren schwarz und schmierig, desgleichen
-seine Arme und seine Hand.
-
-Ulenspiegel beschloß zu erfahren, woher das Hämmern, die schwarzen Arme
-und Praets Trübsinn kämen.
-
-Eines Abends, da er in Simons Gesellschaft, der wider Willen dort
-weilte, in der Schenke zur „Blauen Gans“ gewesen war, stellte er sich
-als ob er so viel getrunken und solch einen Rausch im Kopf hätte, daß
-er ihn stracks auf das Kissen hinlegen müßte. Und Praet führte ihn
-traurig nach Hause.
-
-Ulenspiegel schlief auf dem Boden bei den Katzen; Simons Bett war unten
-beim Keller.
-
-Ulenspiegel stellte sich fürderhin trunken, stieg taumelnd die Stiege
-hinauf, tat, als ob er fiele, und hielt sich am Strick fest. Simon half
-ihm mit zärtlicher Sorgfalt wie ein Bruder. Nachdem er ihn zu Bett
-gebracht, ob seiner Trunkenheit bedauert und Gott gebeten hatte, sie
-ihm zu verzeihen, ging er hinunter, und alsbald vernahm Ulenspiegel die
-nämlichen Hammerschläge, die ihn manches Mal geweckt hatten.
-
-Er stand geräuschlos auf, stieg barfuß die schmale Stiege hinunter,
-also daß er sich nach zweiundsiebenzig Stufen vor einer niederen Tür
-befand, durch deren Spalte ein schwacher Lichtschein drang. Simon
-druckte Flugblätter mit alten Lettern aus der Zeit von Laurens Costers,
-dem großen Verbreiter der edlen Buchdruckerkunst. „Was machst Du da?“
-fragte Ulenspiegel.
-
-Simon antwortete erschrocken:
-
-„Wenn Du des Teufels bist, zeige mich an, auf daß ich sterbe. Bist Du
-aber Gottes, so sei Dein Mund Deiner Zunge Kerker.“
-
-„Ich bin Gottes,“ antwortete Ulenspiegel, „und will Dir nichts Übles
-tun. Was tust Du da?“
-
-„Ich drucke Bibeln,“ antwortete Simon. „Denn wenn ich über Tag, um mein
-Weib und meine Kinder zu ernähren, die grausamen und schlechten Edikte
-Seiner Majestät veröffentliche, so säe ich nachts das wahrhaftige Wort
-Gottes aus und mache so das Übel wieder gut, das ich am Tage tue.“
-
-„Du bist tapfer,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Ich bin im Glauben,“ entgegnete Simon.
-
-Und wahrlich, aus dieser frommen Druckerei gingen Bibeln in vlämischer
-Sprache hervor, so sich in den Ländern Brabant, Flandern, Holland,
-Seeland, Utrecht, Nord-Brabant, Ober-Yssel und Gelderland verbreiteten,
-bis an den Tag, wo Simon verurteilt wurde, geköpft zu werden, und also
-sein Leben für Christum und die Gerechtigkeit vollendete.
-
-
-20
-
-Eines Tages sagte Simon zu Ulenspiegel:
-
-„Höre, Bruder, hast Du Mut?“
-
-„Ich habe soviel, wie nötig ist, um einen Spanier zu peitschen, bis daß
-der Tod erfolgt, einen Meuchelmörder zu töten und einem Totschläger das
-Leben zu nehmen,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-„Vermöchtest Du geduldig in einem Kamin auszuharren und zu horchen, was
-in einem Gemache gesprochen wird?“ fragte der Drucker.
-
-Ulenspiegel antwortete: „Da ich durch Gottes Gnade ein starkes Kreuz
-und geschmeidige Kniekehlen habe, so könnte ich mich wie eine Katze
-lange festhalten, wo ich wollte.“
-
-„Hast Du Geduld und Gedächtnis?“ fragte Simon.
-
-„Klasens Asche brennt auf meiner Brust“, entgegnete Ulenspiegel.
-
-„Höre denn,“ sagte der Buchdrucker. „Du wirst diese also gefaltete
-Spielkarte nehmen, nach Dendermonde gehen und allda zweimal stark
-und einmal leise an die Türe des Hauses pochen, dessen Abbild hier
-gezeichnet ist. Jemand wird Dir öffnen und Dich fragen, ob Du der
-Kaminkehrer bist. Du antwortest, daß Du mager bist, und daß Du die
-Karte nicht verloren hast. Du zeigst sie ihm. Alsdann, Thyl, wirst
-Du tun, was sein muß. Großes Unheil schwebt über dem Lande Flandern.
-Man wird Dir einen Kamin zeigen, der schon im voraus zugerichtet und
-gekehrt ist. Du wirst darin gute Krampen für Deine Füße und als Sitz
-ein kleines, sicher befestigtes Brett finden. Wenn der, welcher Dir
-aufgemacht hat, Dich heißen wird, in den Kamin zu steigen, wirst Du
-es tun und Dich ruhig darin verhalten. Erlauchte Herren werden sich
-in dem Gemache vor dem Kamin, in dem Du sein wirst, vereinigen. Es
-sind Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, die Grafen von Egmont,
-von Hoorn, von Hoogstraten und Ludwig von Nassau, der wackere Bruder
-des Schweigers. Wir Reformierten wollen wissen, was diese Herren
-unternehmen wollen und können, um die Lande zu retten.“
-
-Es war aber am ersten Tage des Ostermonds, daß Ulenspiegel tat, wie ihm
-geheißen war, und sich in den Kamin setzte. Er war es zufrieden, daß
-kein Feuer darinnen war, denn er gedachte, wenn kein Rauch da wäre,
-würde sein Gehör um so schärfer sein.
-
-Alsbald öffnete sich die Türe des Saales und ein Windstoß ging ihm
-durch und durch. Aber er nahm diesen Wind in Geduld hin und sagte sich,
-daß er seine Aufmerksamkeit auffrischen würde. Darnach hörte er die
-Herren von Oranien, Egmont und die anderen in das Gemach treten. Sie
-begannen zu reden: von den Befürchtungen, die sie hatten, vom Zorne
-des Königs und der schlechten Verwaltung der Gelder und Finanzen.
-Einer sprach in hellem, bittrem, hoffärtigem Tone, das war Egmont.
-Ulenspiegel erkannte ihn wieder, desgleichen Hoogstraten an seiner
-heiseren Stimme, von Hoorn an seiner lauten Stimme, den Grafen Ludwig
-von Nassau an seinem derben, kriegerischen Ton, und den Schweiger
-daran, daß er alle seine Worte langsam aussprach, als wöge er ein
-jegliches auf einer Wage.
-
-Graf Egmont fragte, warum man sie zum andern Male zusammen riefe, maßen
-sie in Hellegat Muße gehabt hätten, sich zu entscheiden, was sie tun
-wollten.
-
-Von Hoorn antwortete:
-
-„Die Zeit entfleucht; der König ist zornig; hüten wir uns zu zaudern.“
-
-Da sagte der Schweiger:
-
-„Die Lande sind bedroht; man muß sie vor dem Angriff eines fremden
-Heeres schirmen.“
-
-Egmont entgegnete aufbrausend, es verwunderte ihn, daß der Herr und
-König sich bemüßigt fühlte, ein Heer zu entsenden, nun, da durch der
-Herren Fürsorge, in Sonderheit die seine, alles beruhigt sei.
-
-Doch der Schweiger versetzte:
-
-„Philipp hat in den Niederlanden vierzehn Haufen Kriegsvolk, und ein
-jeder Soldat hält zu Dem, der bei Saint-Quentin und bei Gravelingen
-befehligte.“
-
-„Ich verstehe nicht,“ sprach Egmont.
-
-Der Prinz erwiderte: „Ich will nicht mehr sagen, doch es sollen Euch
-und den versammelten Herren gewisse Briefe verlesen werden, mit denen
-des armen Gefangenen Montigny anfangend.“
-
-In diesen Briefen schrieb Herr von Montigny:
-
-„Der König ist höchlichst erzürnt ob der Geschehnisse in den
-Niederlanden, und er wird die Begünstiger der Unruhen zur gegebenen
-Zeit strafen.“
-
-Worauf Graf Egmont sagte, daß es ihn fröre und daß man gut täte, ein
-starkes Holzfeuer anzulegen. Solches geschah, dieweil die beiden Herren
-über die Briefe sprachen. Aber das Feuer wollte nicht brennen, aus
-Ursach des allzu großen Pfropfens, der im Kamin war, und das Gemach
-wurde voll Rauch.
-
-Hustend verlas Graf von Hoogstraten alsdann die aufgefangenen Briefe
-Alavas, des hispanischen Gesandten, die an die Regentin gerichtet waren.
-
-„Der Gesandte“, sagte er, „schreibt, daß alles Unheil, so in den
-Niederlanden geschehen, das Werk der Drei sei; zu vermelden: der
-Herren von Oranien, von Egmont und von Hoorn. Man müsse, sagt er, den
-drei Herren ein freundlich Gesicht zeigen und ihnen sagen, daß der
-König anerkenne, daß er diese Lande durch ihre Dienste in Botmäßigkeit
-erhalten. Was aber die beiden, Montigny und de Berghes beträfe, so
-seien sie da, wo sie bleiben sollten.“
-
-„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „mir ist ein rauchiger Kamin im Lande Flandern
-lieber denn ein kühles Gefängnis im Lande Hispanien; sintemalen
-zwischen den feuchten Mauern Knebel wachsen!“
-
-„Besagter Gesandte fügt hinzu, daß der König in der Stadt Madrid gesagt
-habe: „Durch alles, was in den Niederlanden sich zugetragen, ist Unser
-königliches Ansehen erschüttert, der Gottesdienst erniedrigt, und
-lieber werden Wir alle Unsere Lande in Gefahr bringen, als eine solche
-Rebellion ungestraft lassen. Wir sind entschlossen, in höchsteigner
-Person nach den Niederlanden zu reisen und Papst wie Kaiser um Beistand
-anzugehen. Unter dem gegenwärtigen Unglück ruht das zukünftige Glück.
-Wir werden die Niederlande unter Unsre uneingeschränkte Botmäßigkeit
-zwingen und Staat, Religion und Regierung nach Unserm Belieben ändern.“
-
-„Ha, König Philipp,“ sprach Ulenspiegel zu sich, „so ich Dich nach
-meiner Art ändern könnte, würdest Du unter meinem vlämischen Knüttel
-eine gewaltige Veränderung Deiner Schenkel, Arme und Beine erleiden.
-Ich würde Dir den Kopf mit zwei Nägeln mitten auf den Rücken heften,
-um zu sehen, ob Du in dem Zustande, wenn Du den Totenacker, den Du
-hinter Dir lässest, erblickst, auch noch das Lied von der tyrannischen
-Veränderung singst.“
-
-Es wurde Wein gebracht. Von Hoogstraten erhob sich und sagte:
-
-„Ich trinke auf das Wohl der Lande.“ Alle taten wie er. Er setzte den
-Humpen leer auf den Tisch und fügte hinzu: „Die böse Stunde schlägt
-für den belgischen Adel, man muß auf Mittel bedacht sein, sich zu
-verteidigen.“
-
-Eine Antwort erwartend, blickte er Egmont an, der aber blieb stumm.
-
-Doch der Schweiger sprach: „Wir werden widerstehen, wenn Egmont, der
-bei Saint-Quentin und Gravelingen zweimal Frankreich erzittern ließ und
-bei den vlämischen Söldnern unbedingtes Ansehen genießt, uns zu Hilfe
-kommen und die Spanier hindern will, in unsere Lande zu dringen.“
-
-Herr von Egmont erwiderte:
-
-„Ich habe eine zu ehrerbietige Meinung vom König, um zu glauben, daß
-wir uns als Rebellen wider ihn wappnen müssen. Mögen die, so seinen
-Zorn fürchten, sich zurückziehen. Ich werde bleiben, denn ich sehe
-keine Möglichkeit, mich ohne seine Hilfe zu erhalten.“
-
-„Philipp kann sich grausam rächen,“ sagte der Schweiger.
-
-„Ich habe Vertrauen,“ entgegnete Egmont.
-
-„Den Kopf einbegriffen?“ fragte Ludwig von Nassau.
-
-„Kopf, Körper und Ergebenheit, die sein sind, einbegriffen,“ antwortete
-Egmont.
-
-„Lieber und Getreuer,“ sagte von Hoorn, „ich werde handeln wie Du.“
-
-Der Schweiger sagte: „Man muß voraussehen und nicht warten.“
-
-Nunmehr redete Herr von Egmont heftig und sprach: „Ich habe zu Grammont
-zweiundzwanzig Reformierte henken lassen. Wenn die Predigten aufhören,
-wenn man die Bilderstürmer bestraft, wird des Königs Zorn sich
-besänftigen.“
-
-Der Schweiger erwiderte: „Es gibt trügerische Hoffnungen.“
-
-„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte Egmont.
-
-„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte von Hoorn.
-
-„Mit Eisen müssen wir uns wappnen und nicht mit Vertrauen,“ entgegnete
-von Hoogstraten.
-
-Hierauf winkte der Schweiger, zum Zeichen, daß er gehen wolle.
-
-„Gehabt Euch wohl, Prinz ohne Land,“ sagte Egmont.
-
-„Gehabt Euch wohl, Graf ohne Kopf,“ antwortete der Schweiger.
-
-Ludwig von Nassau sagte darauf: „Der Schlächter ist für das Schaf und
-der Ruhm für den Soldaten, der das Land seiner Väter rettet!“
-
-„Ich kann und will es nicht,“ sagte Egmont.
-
-„Das Blut der Opfer komme über das Haupt des Höflings,“ sagte
-Ulenspiegel.
-
-Die Herren zogen sich zurück.
-
-Alsbald stieg Ulenspiegel aus seinem Kamin und ging ohne Verzug zu
-Praet, ihm die Zeitung zu bringen. Der sagte: „Egmont ist ein Verräter;
-Gott ist mit dem Prinzen.“
-
-
-Der Herzog, der Herzog in Brüssel! Wo sind eiserne Truhen, die Flügel
-haben?
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-Drittes Buch
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-1
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-Er geht, der Schweiger, Gott führt ihn.
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-Die beiden Grafen sind schon gefangen; Alba verspricht dem Schweiger
-Milde und Verzeihung, wenn er vor ihm erscheint.
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-Bei dieser Kunde sagt Ulenspiegel zu Lamm: „Beim Mantel meines
-Liebchens! Der Herzog läßt auf Dubois, des Generalprokurators Drängen,
-den Prinzen von Oranien, Ludwig, seinen Bruder, von Hoogstraten, van
-den Bergh, Kuilenburg, von Brederode und andre Freunde des Prinzen
-entbieten, in dreimal vierzehn Tagen vor ihm zu erscheinen, und
-verspricht ihnen gerechtes Urteil und Begnadigung. Höre, Lamm: Eines
-Tages forderte ein Amsterdamer Jude einen seiner Feinde auf, in die
-Gasse herunterzukommen; er stund in der Gasse, der andere an einem
-Fenster. „Steig doch herunter“, sagte er, „und ich werde Dir einen
-solchen Faustschlag auf den Kopf geben, daß er Dir in die Brust rutscht
-und daß Du durch Deine Rippen siehst, wie ein Dieb durch das Gitter
-seines Gefängnisses.“ Der Aufgeforderte erwiderte: „Wenn Du mir auch
-hundert Mal mehr versprächest, so würde ich doch nicht herunterkommen.“
-Also mögen Oranien und die Andern antworten.“
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-Und sie taten es, indem sie sich weigerten zu erscheinen. Von Egmont
-und von Hoorn folgten ihrem Beispiel nicht. Und Schwachheit in der
-Pflicht ruft das Schicksal herbei.
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-2
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-Zur selbigen Zeit wurden auf dem Roßmarkt zu Brüssel die Herren von
-Andelot, die Kinder Battenburgs und andere erlauchte und tapfere Ritter
-enthauptet, welche sich der Stadt Amsterdam durch einen Überfall hatten
-bemächtigen wollen. Und dieweil sie zum Richtplatze gingen und Psalmen
-sangen / es waren ihrer achtzehn / erdröhnten die Trommeln vor und
-hinter ihnen, den ganzen Weg entlang.
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-Und die hispanischen Söldner, die sie begleiteten und brennende Fackeln
-trugen, verbrannten ihnen damit den Körper an allen Stellen. Und wenn
-sie des Schmerzes halber zuckten, sagten die Söldner:
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-„Wie, Ihr Lutheraner, tut es Euch denn wehe, so bald verbrannt zu
-werden?“
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-Und der sie verraten hatte, war einer namens Dierick Slosse; der hatte
-sie zu dem noch katholischen Enkhuyse geführt, um sie des Herzogs
-Bluthunden zu überliefern.
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-Und sie starben tapfer.
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-Und der König erbte.
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-3
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-„Sahest Du sie vorbeigehen?“ fragte Ulenspiegel, welcher als Holzhacker
-gekleidet war, den gleich ausstaffierten Lamm. „Sahest Du den schlimmen
-Herzog mit seiner Stirn, die oben so flach ist wie die des Adlers, und
-seinem langen Bart, der dem Ende eines Strickes gleicht, der von einem
-Galgen herunterhängt? Daß Gott ihn daran erdrossele! Sahest Du diese
-Spinne mit ihren langen, haarigen Beinen, die Satan beim Erbrechen auf
-diese Lande spie? Komm, Lamm, komm, wir wollen ihr Steine ins Netz
-werfen ...“
-
-„Wehe,“ sagte Lamm, „wir werden lebendig verbrannt werden.“
-
-„Komm nach Groenendal, viellieber Freund; komm nach Groenendal. Da
-ist ein schönes Kloster, allwo Seine Herzogliche Gnaden, die Spinne,
-Gott um Frieden bitten wird, auf daß er ihn sein Werk vollenden lasse,
-welches ist: seine unsauberen Geister an Aas zu ergötzen. Wir sind
-in der Fastenzeit, und nur des Blutes will Seine Gnaden sich nicht
-enthalten. Komm, Lamm, es sind dreihundert gewappnete Reiter um das
-Stadthaus von Ohain, dreihundert Mann Fußvolk sind in kleinen Trupps
-aufgebrochen und dringen in den Wald von Soignes ein.
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-„Alsbald, wenn Alba seine Andacht halten wird, gehen wir auf ihn los,
-und wenn wir ihn gefangen haben, setzen wir ihn in einen schönen,
-eisernen Käfig und schicken ihn dem Prinzen.“
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-Doch Lamm sprach, vor Angst schaudernd, zu Ulenspiegel:
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-„Große Gefahr, mein Sohn! Ich würde Dir bei diesem Unternehmen folgen,
-wenn meine Beine nicht so schwach wären, und mein Bauch von dem sauern
-Bier, so sie in dieser Stadt Brüssel trinken, nicht so aufgebläht wäre.“
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-Diese Reden wurden in einem Loche geführt, das im Walde mitten im
-Dickicht in die Erde gegraben war. Plötzlich, da sie wie das Auge eines
-Dachshundes durch die Blätter spähten, sahen sie die gelben und roten
-Röcke der herzoglichen Söldner, die zu Fuß durch den Wald gingen. Ihr
-Gewaffen blitzte im Sonnenschein.
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-„Wir sind verraten,“ sagte Ulenspiegel.
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-Als er die Söldner nicht mehr sah, rannte er im schnellsten Lauf bis
-nach Ohain. Die Söldner ließen ihn ob seiner Holzhackertracht und
-der Holzlast, so er auf dem Rücken trug, unbeachtet passieren. Da
-fand er die Reiter wartend; er verbreitete die Kunde, und alle stoben
-auseinander und entkamen, außer dem Herrn von Bausart d’Armentières,
-der gefangen ward. Von den Fußsoldaten aber, die aus Brüssel kamen,
-konnte man keinen fassen. Herr von Bausart zahlte grausam für die
-andern. Und es war ein feiger Verräter vom Regiment des Herrn von
-Likes, der sie allesamt verriet.
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-Ulenspiegel, dem das Herz vor Angst klopfte, ging nach dem Viehmarkt zu
-Brüssel, um seine grausame Hinrichtung anzusehen.
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-Und der arme Armentières ward auf das Rad geflochten und empfing
-siebenunddreißig Schläge mit der Eisenstange auf die Beine, Arme, Füße
-und Hände, die eines um das andere zerbrochen wurden, denn die Henker
-wollten ihn grausam leiden sehen. Und den siebenunddreißigsten empfing
-er auf die Brust und starb daran.
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-4
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-An einem hellen, linden Junitage ward zu Brüssel auf dem Markte vor dem
-Rathaus ein mit schwarzem Tuch bedecktes Schaffot aufgerichtet und
-daneben zween hohe Pfähle mit Eisenspitzen. Auf dem Blutgerüst waren
-zwei schwarze Kissen und ein Tischlein, darauf ein silbern Kreuz stand.
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-Und auf diesem Schaffot wurden die edlen Grafen von Egmont und von
-Hoorn mit dem Schwerte enthauptet. Und der König erbte.
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-Und der Gesandte von Franz, dem ersten dieses Namens, sagte von Egmont:
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-„Ich sah soeben dem, der zweimal Frankreich erzittern machte, das Haupt
-abschlagen.“
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-Und die Köpfe der Grafen wurden auf die Eisenspitzen gesteckt.
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-Und Ulenspiegel sprach zu Lamm:
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-„Die Leiber und das Blut sind mit schwarzem Tuche verdeckt. Gesegnet
-seien, so in den schwarzen Tagen, die da kommen werden, Mut hoch und
-den Degen aufrecht halten.“
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-Um dieselbige Zeit brachte der Schweiger ein Heer zusammen und ließ es
-von drei Seiten in die Niederlande einfallen.
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-Und Ulenspiegel sprach in einer Versammlung wilder Geusen von Marenhout:
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-„Auf den Rat der Inquisitionsmänner hat Philipp der König alle
-Einwohner der Niederlande des Majestätsverbrechens schuldig erklärt
-durch die Tat der Ketzerei, sowohl wer ihr angehangen, als wer ihr
-kein Hindernis in den Weg gelegt hat. In Ansehung dieses abscheulichen
-Verbrechens verdammt er sie alle, ohne Rücksicht auf Geschlecht oder
-Alter, mit Ausnahme der namentlich Bezeichneten, zu den Strafen,
-die auf solche Frevel stehen; und solches ohne alle Hoffnung auf
-Gnade. Der König erbt. Der Tod mäht in dem reichen, weiten Lande, das
-die Nordsee, die Grafschaft Emden, die Ems, die Länder Westphalen,
-Cleve, Jülich, Lüttich, die Bistümer Cöln und Trier, die Länder
-Lothringen und Frankreich begrenzen. Der Tod mäht auf einer Fläche
-von dreihundertundvierzig Meilen in zweihundert mit Mauern umgebenen
-Städten, in hundertundfünfzig Dörfern mit Städterecht, in den Flecken,
-auf den Feldern und Ebenen. Der König erbt.
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-„Elftausend Henker sind nicht zuviel, um die Arbeit zu tun. Alba nennt
-sie Soldaten. Und das Land der Väter ist ein Beinhaus geworden, woraus
-die Künste fliehen, das Handwerk entweicht und welches die Gewerbe
-verlassen, um den Fremden zu bereichern, der ihnen erlaubt, bei ihm den
-Gott des freien Gewissens anzubeten. Tod und Verderben mähen. Der König
-erbt.
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-„Die Lande hatten ihre Privilegien erworben durch viel Geld, das
-sie bedürftigen Fürsten gaben; diese Privilegien sind eingezogen.
-Sie hatten gehofft, den Verträgen gemäß, die zwischen ihnen und den
-Herrschern geschlossen waren, den Reichtum, die Frucht ihrer Arbeit, zu
-genießen. Sie täuschen sich: der Maurer baut für die Feuersbrunst, der
-Handarbeiter arbeitet für den Dieb. Und der König erbt.
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-„Blut und Tränen! Der Tod mäht auf den Scheiterhaufen, an den Bäumen,
-die längs der Heerstraße als Galgen dienen, in den offenen Gruben, in
-welche die armen Mägdlein lebendig geworfen werden. Andre werden in
-den Gefängnissen ertränkt, inmitten von angezündeten Reisigbündeln
-bei langsamem Feuer gebraten oder kommen in brennenden Strohhütten in
-Flamme und Rauch um. Der König erbt.
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-„Also hat der römische Papst es gewollt.
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-„Die Städte sind übervoll von Spionen, so ihren Anteil vom Vermögen der
-Opfer erwarten. Je reicher, desto schuldiger ist man. Der König erbt.
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-„Doch die tapferen Männer des Landes werden sich nicht gleich Lämmern
-erwürgen lassen. Unter den Flüchtigen sind Bewaffnete, die in die
-Wälder flüchten. Die Mönche hatten sie angezeigt, auf daß man sie töte
-und ihnen ihr Vermögen nähme. Darum stürzen sie sich bei Nacht und Tag
-wie die wilden Tiere auf die Klöster und nehmen dort das Geld wieder,
-das dem armen Volke in Gestalt von Leuchtern, güldenen und silbernen
-Reliquienschreinen, Speisekelchen, Hostientellern und kostbaren
-Gefäßen gestohlen ist. Nicht so, Ihr guten Leute? Und sie trinken dort
-den Wein, den die Mönche für sich bewahrten. Die geschmolzenen oder
-verpfändeten Gefäße werden zum heiligen Kriege dienen. Es lebe der
-Geuse!
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-„Sie beunruhigen des Königs Soldaten, töten und berauben sie und
-fliehen dann in ihre Schlupfwinkel. Bei Tag und Nacht sieht man in
-den Wäldern nächtliche Feuer brennen und verlöschen und immerwährend
-den Platz verändern. Das ist das Feuer unserer Gelage. Unser ist
-das Wild mit Fell und Feder. Wir sind die Herren; die Bauern geben
-uns Speck und Brot, wann wir wollen. Lamm, betrachte sie. Zerlumpt,
-wild, entschlossen, mit stolzem Blick, irren sie mit ihren Äxten,
-Hellebarden, langen Degen, kurzen Schwertern, Piken, Lanzen, Armbrüsten
-und Hakenbüchsen in den Wäldern umher. Alle Waffen sind ihnen recht,
-und sie wollen nicht unter Fahnen marschieren. Es lebe der Geuse!“
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-Und Ulenspiegel sang:
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- „Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,
- Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.
- Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.
- Schlaget die Trommel des Krieges.
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- Dem Herzog reißt die Eingeweide aus
- Und peitscht damit sein Angesicht!
- Schlaget die Trommel des Krieges,
- Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!
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- Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!
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- Hängt an der Zunge ihn auf,
- An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,
- Und am Arm, der es unterschreibt!
- Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
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- Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!
- Auf daß in dem eklen Dunst
- Er an der Leichenpest sterbe!
- Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
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- Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.
- Dem Feuer und Strick bieten sie Trutz
- Und dem Schwert um Deines Worts willen.
- Sie wollen Befreiung des Vaterlands.
- Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,
- Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
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-Und alle tranken und schrieen:
-
-„Es lebe der Geuse!“
-
-Und Ulenspiegel trank aus dem vergüldeten Humpen eines Mönches und
-betrachtete voller Stolz der wilden Geusen kühne Gesichter.
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-„Ihr wilden Männer,“ sagte er, „Ihr seid Wölfe, Leuen und Tiger,
-fresset die Hunde des Blutkönigs.“
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-Sie sangen und sagten: „Es lebe der Geuse!
-
- Slaet op den trommele van dirre dom deyne,
- Slaet op den trommele van dirre dum, dum.
- Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“
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-6
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-Da Ulenspiegel zu Ypern war, warb er Soldaten für den Prinzen. Von des
-Herzogs Bluthunden verfolgt, bot er sich dem Propst von Sankt Martin
-als Küster an. Er hatte allda einen Glöckner namens Pompilius Numa zum
-Gefährten, eine ausgemachte Memme, der nachts seinen Schatten für den
-Teufel und sein Hemd für ein Gespenst hielt.
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-Der Propst war fett und feist wie ein Masthuhn, das für den Spieß reif
-ist. Ulenspiegel sah alsbald, von welchem Kraut er weidete, um soviel
-Speck anzusetzen. Wie er es von dem Glöckner erfuhr und mit eigenen
-Augen ersah, speiste der Propst um neun Uhr zu Mittag und um vier zu
-Abend. Bis acht ein halb Uhr blieb er im Bette, alsdann ging er vor dem
-Mittagessen in seiner Kirche spazieren, um zu sehen, ob die Opferstöcke
-wohl gefüllt seien. Und die Hälfte davon tat er in seinen Säckel. Um
-neun verspeiste er eine Satte Milch, eine halbe Hammelkeule, eine
-kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler Wein. Um zehn Uhr
-lutschte er etliche Backpflaumen, begoß sie mit Wein aus Orleans und
-bat dabei Gott, ihn nimmer in die Versuchung der Völlerei zu führen. Um
-Mittag knabberte er zum Zeitvertreib einen Flügel und Hinterteil von
-Geflügel. Um ein Uhr leerte er einen großen Becher hispanischen Weines
-und gedachte an sein Nachtmahl. Alsdann streckte er sich auf sein Bett
-hin und erfrischte sich durch einen kleinen Schlummer.
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-Erwachend, genoß er ein wenig gesalzenen Lachs, um den Appetit zu
-reizen, und leerte einen großen Humpen Antwerpener ~dobbelknol~. Dann
-ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor den Kamin an das
-schöne Holzfeuer, das darinnen flammte. Er sah zu, wie ein großes Stück
-Kalbfleisch oder ein wohl abgebrühtes Spanferkel für die Mönche der
-Abtei darin briet und sich bräunte; das hätte er lieber gegessen, denn
-einen Laib weißen Brotes. Doch es gebrach ihm ein wenig an Hunger. Und
-er betrachtete den Spieß, der sich wie durch ein Wunder ganz von allein
-drehte. Das war das Werk Pieters van Steenkiste, eines Schmiedes, der
-in der Kastellanei von Kortrijck wohnte. Der Propst bezahlte ihm für
-einen dieser Spieße fünfzehn Pariser Franken.
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-Dann ging er wieder hinauf in sein Bett und schlummerte vor
-Ermüdung ein; er erwachte gegen zwei Uhr und verschluckte ein wenig
-Schweinsgallert nebst Wein aus der Romagna, zu zweihundertvierzig
-Gülden das Stückfaß. Um drei Uhr aß er ein Vögelchen in Madeirazucker
-und leerte zwei Gläser Malvasier zu siebzehn Gülden das Fäßchen. Um
-dreieinhalb Uhr genoß er einen halben Topf Eingemachtes und trank Meth
-dazu. Alsdann war er recht wach, nahm einen seiner Füße in die Hände
-und ruhte sinnend aus.
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-Wenn der Augenblick des Nachtessens kam, so erschien oftmals der
-Pfarrer von St. Johanni, ihm zu dieser saftigen Stunde seine Aufwartung
-zu machen. Manches Mal wetteiferten sie, wer am meisten Fisch,
-Geflügel, Wildbret und Fleisch essen würde. Der am schnellsten satt
-war, mußte dem andern ein Gericht Kalbsrippen liefern, das mit drei
-Weinen, vier Würzen und siebenerlei Gemüse zubereitet war.
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-Also essend und trinkend, schwatzten sie mitsammen von den Ketzern und
-waren übrigens der Meinung, daß man ihrer nicht genug vernichten könne.
-Derhalben fingen sie niemals Händel an, ohngerechnet den Fall, wo sie
-über die neununddreißig Arten, gute Biersuppe zu machen, diskutierten.
-
-Dann neigeten sie ihre ehrwürdigen Häupter auf ihre priesterlichen
-Bäuche und schnarchten. Manches Mal, wenn einer von ihnen halb
-erwachte, sagte er, daß das Leben ein gar lieblich Ding in dieser Welt
-sei und daß die armen Leute Unrecht hätten, sich zu beklagen.
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-Dieses heiligen Mannes Küster ward Ulenspiegel. Er bediente ihn
-trefflich bei der Messe, nicht ohne zu dreien Malen die Meßkännchen zu
-füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst. Der Glöckner Numa
-Pompilius half ihm bei Gelegenheit dabei.
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-Ulenspiegel, der Pompilius so blühend, dickbäuchig und pausbäckig
-sah, fragte ihn, ob er im Dienste des Propstes den Schatz dieser
-neidenswerten Gesundheit gesammelt habe.
-
-„Ja, mein Sohn,“ antwortete Pompilius, „aber schließe die Türe gut, auf
-daß uns keiner höre.“
-
-Dann sagte er ganz leise:
-
-„Du weißt, daß unser Meister Propst alle Weine und Biere, alle Arten
-Fleisch und Geflügel mit zärtlicher Liebe liebt. Derhalben schließt
-er das Fleisch in einen Kasten und die Weine in einen Keller, und die
-Schlüssel dazu trägt er immerdar in seinem Säckel. Und beim Einschlafen
-hat er die Hände darauf. Nachts, wenn er schläft, gehe ich und nehme
-ihm die Schlüssel vom Wanst und lege sie nicht ohne Zittern wieder
-dahin, mein Sohn; denn wenn er um meine Missetat wüßte, so würde er
-mich bei lebendigem Leibe kochen lassen.“
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-„Pompilius,“ sagte Ulenspiegel, „Du mußt Dir nicht soviel Mühe machen,
-sondern mir nur einmal die Schlüssel geben; ich werde nach diesem
-Muster welche anfertigen, und wir lassen die andern auf dem Bauche des
-guten Propstes.“
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-„Mache sie, mein Sohn,“ sagte Pompilius.
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-Ulenspiegel machte die Schlüssel. Sobald er und Pompilius um acht Uhr
-Abends vermuteten, daß der gute Propst eingeschlafen sei, stiegen
-sie hinunter, um sich Fleisch und Flaschen auszusuchen. Ulenspiegel
-trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, maßen er allzeit wie
-Espenlaub zitterte und Schinken und Hammelkeulen nicht zerbrechen, so
-sie hinfallen. Etliche Male bemächtigten sie sich des Geflügels, ehe
-es gebraten war, dieserhalb wurden mehrere Katzen der Nachbarschaft
-angeklagt und wegen solcher Tat umgebracht.
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-Alsdann gingen sie in die Ketelstraet, das ist die Straße der Dirnen.
-Da sparten sie nichts und gaben ihren Schönen mit vollen Händen
-geräuchertes Ochsenfleisch und Schinken, Hirnwurst und Geflügel, und
-gaben ihnen Wein aus Orleans und der Romagna zu trinken und von dem
-„Ingelschen Bier“, das die jenseits des Meeres Ale nennen. Und sie
-gossen es in Strömen in die jungen Kehlen der Schönen. Und sie wurden
-mit Liebkosungen bezahlt. Eines Morgens jedoch nach der Mahlzeit ließ
-der Propst alle beide zu sich bescheiden. Er hatte eine furchtbare
-Miene und lutschte grimmig an einem Markknochen aus der Suppe.
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-Pompilius zitterte in seinen Hosen und sein Bauch ward von Furcht
-geschüttelt. Ulenspiegel verhielt sich ruhig und befühlte vergnüglich
-die Kellerschlüssel in seiner Tasche.
-
-Der Propst sprach zu ihm und sagte:
-
-„Man trinkt meinen Wein und man ißt mein Geflügel; tust Du das mein
-Sohn?“
-
-„Nein,“ antwortete Ulenspiegel.
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-„Und hat nicht dieser Glöckner“, sagte der Probst, auf Pompilius
-zeigend, „seine Hände bei diesem Verbrechen im Spiel gehabt? Denn er
-ist bleich wie ein Verscheidender; gewißlich aus Ursach des gestohlenen
-Weins, der bei ihm als Gift wirkt.“
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-„Ach, Herr,“ entgegnete Ulenspiegel, „Ihr beschuldigt Euren Glöckner
-zu Unrecht, denn wenn er bleich ist, so ist es nicht, weil er Wein
-getrunken hat, sondern weil er nicht genug zu schlürfen bekam. Wovon er
-so entkräftet ist, daß, wenn man seine Seele nicht aufhält, sie sich in
-Strömen in seine Hosen ergießen wird.“
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-„Ja, es gibt arme Leute in dieser Welt,“ sagte der Propst und trank
-einen großen Schluck Wein aus seinem Humpen. „Aber sag mir, mein Sohn,
-ob Du, der Du Luchsaugen hast, nicht die Spitzbuben sahest?“
-
-„Ich werde gut Acht geben, Herr Propst,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Gott erhalte Euch alle beide fröhlich, Kinder,“ sagte der Propst, „und
-lebet mäßig. Denn von der Unmäßigkeit kommen uns viele Leiden in diesem
-Jammertal. Gehet hin in Frieden.“
-
-Und er segnete sie.
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-Und er lutschte noch einen Markknochen aus der Brühe und trank noch
-einen großen Schluck Wein.
-
-Ulenspiegel und Pompilius gingen hinaus.
-
-„Dieser garstige Filz hätte Dir nicht einen einzigen Tropfen seines
-Weines zu trinken gegeben. Ihm noch mehr zu stehlen ist so gut wie
-geweihtes Brot. Doch was ist Dir, daß Du so zitterst?“
-
-„Meine Hosen sind ganz naß,“ sagte Pompilius.
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-„Wasser trocknet rasch, mein Sohn,“ erwiderte Ulenspiegel. „Doch sei
-guter Dinge. Heut abend in der Ketelstraet werden die Flaschen klingen.
-Und wir wollen die drei Nachtwächter trunken machen, also daß sie
-schnarchend die Stadt bewachen.“
-
-Solches geschah.
-
-Indessen kam Sankt Märten heran, und die Kirche ward für das Fest
-geschmückt. Ulenspiegel und Pompilius gingen des Nachts hinein,
-schlossen sorgsam die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen eine
-Bratsche und einen Dudelsack und huben an, auf diesen Instrumenten
-zu spielen, so gut sie konnten. Und die Kerzen strahlten wie Sonnen.
-Aber das war nicht alles. Da ihre Arbeit getan war, gingen sie zum
-Propst, den sie ohngeachtet der vorgerückten Stunde noch auf fanden,
-wie er einen Krammetsvogel knusperte, Rheinwein trank und die Augen
-aufsperrte, da er die Fenster der Kirche erleuchtet sah.
-
-„Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „wollet Ihr wissen, wer Euer
-Fleisch isset und Euern Wein trinket?“
-
-„Und diese Beleuchtung,“ sagte der Propst, auf die Fenster der
-Kirche weisend. „O, Herr Gott, erlaubst Du dem heiligen Märten, also
-nächtlicher Weile die Kerzen der Armen unbezahlt zu verbrennen?“
-
-„Er tut noch ganz andere Dinge, Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel, „aber
-kommt.“
-
-Der Propst nahm sein Kruzifix und folgte ihnen. Sie traten in die
-Kirche.
-
-Allda sah er inmitten des Hauptschiffes alle Heiligen aus ihren Nischen
-herabgestiegen und im Kreise aufgestellt und von Sankt Märten, der sie
-alle um Haupteslänge überragte, schier kommandiert. An seinem zum Segen
-ausgestreckten Zeigefinger hielt er einen gebratenen Truthahn. Die
-andern hielten Stücke von Hühnern oder Gänsen, Würste, Schinken, rohen
-und gesottenen Fisch in der Hand oder führten sie zum Munde, unter
-anderm einen Hecht, der gut seine vierzehn Pfund wog. Und ein jeder
-hatte eine Flasche Wein zu seinen Füßen.
-
-Bei diesem Anblick konnte der Propst sich vor Zorn nicht halten. Er
-ward so rot und sein Antlitz so geschwollen, daß Ulenspiegel und
-Pompilius vermeinten, er werde platzen. Aber der Propst ging, ohne
-ihrer zu achten, gerade auf den heiligen Märten zu, indem er ihn
-bedräuete, gleich als wollte er ihm die Missetat der andern zur Last
-legen. Er riß ihm den Truthahn vom Finger und bläute ihn so wacker
-durch, daß er ihm Arm, Nase, Kreuz und Mitra zerbrach.
-
-Was die andern angeht, so sparte er ihnen keine Püffe, und mehr als
-einer verlor unter seinen Schlägen Arme, Hände, Mitra, Kreuz, Beil,
-Rost, Säge und andere Sinnbilder der Würde und des Martertodes. Alsdann
-machte der Propst sich mit wackelndem Bauche selbsteigen daran, die
-Kerzen hurtig und wütend auszulöschen. An Schinken, Geflügel und
-Würsten raffte er an sich, soviel er vermochte, und unter der Last
-schier erliegend, ging er wieder in sein Schlafgemach, dermaßen betrübt
-und ergrimmt, daß er Zug auf Zug drei große Flaschen Wein trank.
-
-Nachdem Ulenspiegel sich versichert hatte, daß er schlief, trug er
-alles, was der Propst gerettet zu haben vermeinte, in die Ketelstraet,
-desgleichen alles, was in der Kirche blieb, aber nicht, ohne zuvor die
-besten Bissen dortselbst verspeist zu haben. Und den Abfall legten sie
-zu Füßen der Heiligen.
-
-Am anderen Morgen läutete Pompilius die Glocke zur Frühmette, und
-Ulenspiegel stieg zum Schlafgemach des Propstes hinan, mit der Bitte,
-in die Kirche hinunterzukommen.
-
-Allda wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und sprach
-zu ihm:
-
-„Herr Propst, es hat Euch nichts genutzt, sie haben trotz allem
-gegessen.“
-
-„Ja,“ erwiderte der Propst, „sie sind wie Diebe bis ins Schlafgemach
-gedrungen, um zu nehmen, was ich in Sicherheit gebracht hatte. O, Ihr
-hohen Heiligen, ich werde mich beim Papst darüber beschweren.“
-
-„Ja,“ versetzte Ulenspiegel, „aber übermorgen ist die Prozession. Die
-Arbeiter werden bald in die Kirche kommen. Fürchtet Ihr nicht, der
-Bilderzerstörung angeklagt zu werden, wenn sie hier all die armen
-Heiligen verstümmelt sehen?“
-
-„Ach, Heiliger Märten“, sagte der Propst, „erspare mir das Feuer, ich
-wußte nicht, was ich tat.“
-
-Dann wandte er sich an Ulenspiegel, derweil der furchtsame Glöckner
-sich an den Glocken schaukelte.
-
-„Man wird den Heiligen Martin nimmermehr von jetzt bis auf den Sonntag
-ausbessern können,“ sagte er. „Was soll ich tun, und was wird das Volk
-sagen?“
-
-„Herr“, antwortete Ulenspiegel, „man muß zu einer unschuldigen
-Ausflucht greifen. Wir kleben Pompilius einen Bart aufs Gesicht, das
-gar ehrwürdig ist, maßen es allzeit melancholisch ist, vermummen ihn
-mit Mitra, Meßgewand und Chormütze und dem großen Mantel des Heiligen
-und empfehlen ihm an, gut auf seinem Sockel zu stehen; so wird das Volk
-ihn für den Heiligen Martin aus Holz halten.“
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-Der Propst ging zu Pompilius, der sich an den Stricken schaukelte.
-
-„Hör auf zu läuten,“ sagte er, „und hör mich an. Willst Du fünfzehn
-Dukaten verdienen? Am Sonntag, dem Tage der Prozession, sollst Du
-der Heilige Martin sein. Ulenspiegel wird Dich ausstaffieren, wie es
-sich gehört, und sofern Du, während Deine vier Männer Dich tragen,
-eine Bewegung machst oder ein Wort sagst, laß ich Dich bei lebendigem
-Leib in dem Öl des großen Kessels sieden, den der Henker just auf dem
-Hallenplatz aufgemauert hat.“
-
-„Ich werde gehorchen, Euer Gnaden,“ sprach Pompilius gar kläglich.
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-
-7
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-Des andern Tages ging die Prozession bei hellem Sonnenschein aus
-der Kirche. Ulenspiegel hatte, so gut er konnte, die zwölf Heiligen
-zusammengeflickt, die auf ihren Sockeln zwischen den Bannern der Zünfte
-hin und her schwankten. Dann kam die Statue Unsrer lieben Frau, alsdann
-die Marienkinder, schneeweiß gekleidet und Hymnen singend; dann die
-Bogen- und Armbrustschützen. Dem Baldachin zunächst kam Pompilius, der
-mehr schwankte als die andern und sich unter den schweren Gewändern des
-Heiligen Martin bog.
-
-Ulenspiegel hatte sich mit Juckpulver versorgt und Pompilius
-eigenhändig mit dem bischöflichen Ornat bekleidet, ihn mit Handschuhen
-und Kreuz versehen und ihn die lateinische Weise, das Volk zu segnen,
-gelehrt. Er hatte auch den Priestern beim Ankleiden geholfen. Den
-einen legte er die Stola, den andern die Chormütze und den Meßnern das
-Chorhemd an. Er lief in der Kirche hierin, dorthin, um ein Wams oder
-eine Hose in die richtigen Falten zu legen. Und jedwedem streute er
-auf die Halskrause, den Rücken oder das Handgelenk eine Fingerspitze
-voll Juckpulver.
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-Aber der Dechant und die vier Träger des Heiligen Martin bekamen das
-Meiste ab. Was die Marienkinder betraf, so verschonte Ulenspiegel
-ihrer, in Ansehung ihrer kindlichen Anmut.
-
-Die Prozession zog mit fliegenden Bannern und entfalteten Fahnen in
-schöner Ordnung daher. Männer und Frauen bekreuzten sich, wenn sie sie
-vorbeiziehen sahen. Und die Sonne schien heiß.
-
-Der Dechant war der erste, der des Pulvers Wirkung verspürte
-und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte. Priester, Bogen- und
-Armbrustschützen, alle kratzten sich insgeheim an Hals, Beinen und
-Handgelenken. Die vier Träger kratzten sich gleicherweise, aber der
-Glöckner, den es mehr juckte als die andern, denn er war der glühenden
-Sonne mehr ausgesetzt, wagte nicht einmal sich zu rühren, aus Furcht,
-lebendig gesotten zu werden. Er kniff die Nase zusammen, machte eine
-häßliche Fratze und zitterte auf seinen schlotternden Beinen, denn
-allemal, wenn die Träger sich kratzten, war er nahe daran, zu fallen.
-
-Die Priester sangen eine Hymne auf Unsere liebe Frau:
-
- ~„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes
- O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“~
-
-Denn ihre Stimmen zitterten des Juckens halber, das maßlos wurde; doch
-sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten jedoch und den vier
-Trägern des Heiligen Martin waren Hals und Handgelenke ganz zerfressen.
-Pompilius stand schlotternd auf seinen armen Beinen, die am meisten
-juckten.
-
-Doch siehe, auf einmal standen alle, Armbrust- und Bogenschützen,
-Domherren, Priester, Dechant und Träger des Heiligen Martin still, um
-sich zu kratzen. Das Pulver juckte Pompilius an den Fußsohlen, doch er
-wagte nicht sich zu rühren, aus Furcht zu fallen.
-
-Er bewunderte und lobte die blinkenden Waffen der Armbruster und die
-furchtbaren Bogen der Bruderschaft der Bogenschützen.
-
-Und die Fürwitzigen sagten, daß der Heilige Martin die Augen gar wild
-rolle und dem armen Volk eine dräuende Miene mache. Dann hieß der
-Dechant die Prozession weiterziehen. Die heiße Sonne, die senkrecht
-auf all die Rücken und Bäuche in der Prozession fiel, machte alsbald
-die Wirkung des Pulvers unerträglich. Und nun sah man Priester und
-Schützen, Domherren und Dechant wie eine Schar von Affen stillhalten
-und sich ohne Scham überall kratzen, wo es sie juckte.
-
-Die Marienkinder sangen ihre Hymne und alle diese frischen, gen Himmel
-steigenden Stimmen waren wie Engelchöre.
-
-Übrigens machten sich alle davon, wohin sie konnten. Der Dechant
-brachte, sich kratzend, das Heilige Sakrament in Sicherheit; das fromme
-Volk trug die Reliquien in die Kirche. Die vier Träger des Heiligen
-Martin warfen Pompilius derb auf die Erde. Der arme Glöckner, der nicht
-wagte, sich zu kratzen, zu bewegen, noch zu sprechen, schloß fromm die
-Augen.
-
-Zwei junge Bürschlein wollten ihn fortschaffen, doch da sie ihn zu
-schwer befanden, stellten sie ihn aufrecht an eine Mauer, und da weinte
-Pompilius dicke Tränen.
-
-Das Volk versammelte sich um ihn. Die Frauen hatten Sacktüchlein von
-feinem, weißen Linnen geholt und wischten ihm das Antlitz, um seine
-Zähren wie Reliquien zu bewahren. Sie sprachen zu ihm: „Euer Gnaden,
-wie schwitzt Ihr.“
-
-Der Glöckner blickte sie jämmerlich an und schnitt wider Willen
-Grimassen.
-
-Doch da die Zähren in Strömen aus seinen Augen flossen, sprachen die
-Frauen:
-
-„Großer Sankt Martin, weinet Ihr über die Sünden der Stadt Ypern? Rührt
-sich nicht Eure edle Nase? Wir haben trotzdem die Ratschläge von Louis
-Vivès befolgt, und die Armen von Ypern haben zu arbeiten und zu essen.
-O, die großen Tränen! Das sind Perlen. Hier ist unser Heil.“
-
-Die Männer sagten:
-
-„Großer Sankt Martin, muß die Ketelstraet Eurer Stadt niedergerissen
-werden? Aber belehret uns vor allem über die Mittel, die armen
-Mägdlein zu hindern, abends auszugehen und sich also tausend Abenteuern
-auszusetzen.“
-
-Plötzlich schrie das Volk: „Da ist der Küster.“
-
-Da erschien Ulenspiegel, faßte Pompilius um den Leib und trug ihn auf
-den Schultern fort, und die andächtige Menge folgte ihm nach.
-
-„Wehe,“ sagte der arme Glöckner ihm ganz leise ins Ohr, „ich sterbe vor
-Jucken.“
-
-„Halte Dich steif,“ versetzte Ulenspiegel, „vergissest Du, daß Du ein
-hölzerner Heiliger bist?“
-
-Er lief hurtig und setzte Pompilius vor dem Propst nieder, der sich mit
-den Nägeln bis aufs Blut kratzte.
-
-„Glöckner,“ sagte der Propst, „hast Du Dich so wie wir gekratzt?“
-
-„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.
-
-„Hast Du gesprochen oder eine Gebärde gemacht?“
-
-„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.
-
-„Dann sollst Du Deine fünfzehn Gulden haben,“ sagte der Propst. „Geh
-jetzt und kratze Dich.“
-
-
-8
-
-Des andern Tages, nachdem die Leute durch Ulenspiegel die Sache
-erfahren hatten, sagten sie, daß es ein schlechter Spaß sei, sie einen
-Greiner als Heiligen anbeten zu lassen. Und viele wurden Ketzer. Sie
-zogen mit ihrem Hab und Gut fort und eilten, das Heer des Prinzen zu
-vergrößern.
-
-Ulenspiegel kehrte nach Lüttich zurück.
-
-Da er allein im Walde war, setzte er sich nieder und sann. Er schaute
-den klaren Himmel an und sprach:
-
-„Krieg und immer Krieg, auf daß der hispanische Feind das arme Volk
-töte, unser Hab und Gut raube, unsere Frauen und Töchter schände.
-Indessen geht unser schönes Geld dahin, und unser Blut fließet in
-Strömen ohne Nutzen für irgend jemand, ausgenommen diesen königlichen
-Wicht, der sich noch ein Sinnbild der Macht mehr an seine Krone heften
-will. Einen Zierat, den er für ruhmvoll hält, aus Blut und aus Rauch.
-Ei, wenn ich Dich zieraten könnte, wie ich wollte! Nur die Fliegen
-würden Dir Gesellschaft leisten wollen!“
-
-Da er diesen Dingen nachsann, siehe da zog ein ganzes Rudel Hirsche
-an ihm vorbei. Es waren alte und große darunter, so noch ihr
-Hirschgeschrötte hatten und stolz ihr neunendiges Geweih trugen.
-Zierliche Spießer, ihre Schildknappen, trabten ihnen zur Seite und
-schienen bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn Beistand zu leisten.
-Ulenspiegel wußte nicht, wohin sie gingen, aber er vermutete, daß sie
-nach ihrem Lager wollten.
-
-„Ach“, sagte er, „Ihr alten Hirsche und zierlichen Spießer, Ihr gehet
-lustig und stolz in die Tiefe des Waldes nach Eurem Bette; Ihr äset die
-jungen Sprossen und wittert balsamische Gerüche; Ihr seid glücklich,
-bis der Jäger als Henker naht. Also ergeht es auch uns alten Hirschen
-und Spießern.“
-
-Und Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
-
-
-9
-
-Im September, wenn die Mücken zu stechen aufhören, ging der Schweiger
-mit sechs Feldstücken und vier großen Kanonen, die für ihn das Wort
-führten, nebst vierzehntausend Vlämen, Wallonen und Deutschen bei Sankt
-Veit über den Rhein.
-
-Unter den gelb und roten Fahnen des Burgunder Knotenstockes, der unsere
-Lande geraume Zeit schlug und in Albas Hand der Stock der beginnenden
-Knechtschaft war, marschierten sechsundzwanzigtausend und fünfhundert
-Mann und rollten siebenzehn Feldstücke und neun schwere Kanonen.
-
-Doch der Schweiger sollte in diesem Kriege keinen Erfolg haben, denn
-Alba nahm keine Schlacht an. Und sein Bruder Ludwig, der Bastard
-Flanderns, verlor bei Gemmingen in Friesland, nachdem er viele Städte
-eingenommen und viele Schiffe auf dem Rheine gekapert, an den Sohn des
-Herzogs sechzehn Kanonen, fünfzehnhundert Pferde und zwanzig Fähnlein,
-um der feigen Söldlinge willen, die Geld verlangten, da sie kämpfen
-sollten.
-
-Und in Trümmern, Blut und Tränen suchte Ulenspiegel umsonst das Heil
-des Vaterlands.
-
-Und allerorten henkten, köpften und verbrannten die Henker die armen,
-unschuldigen Opfer.
-
-Und der König erbte.
-
-
-10
-
-Da Ulenspiegel durch das wallonische Land wanderte, sah er, daß der
-Prinz hier keine Hülfe zu erhoffen hatte, und also kam er vor die Stadt
-Bouillon.
-
-Nach und nach sah er auf dem Wege Bucklige jedes Alters, Geschlechts
-und Standes ankommen. Sie trugen Rosenkränze und beteten sie andächtig
-ab. Und ihre Gebete waren wie das Quaken der Frösche im Teich an einem
-warmen Abend.
-
-Da gab es bucklige Mütter, so bucklige Kinder trugen; andere Kinder
-aus der nämlichen Brut klammerten sich an ihre Röcke. Und allerwegen
-sah Ulenspiegel ihre mageren Umrisse sich gegen den hellen Himmel
-abzeichnen.
-
-Er ging zu einem von ihnen und fragte ihn:
-
-„Wohin ziehen all diese arme Männer, Weiber und Kinder?“
-
-Der Mann antwortete:
-
-„Wir ziehen zum Grabe des heiligen Remaclius, um ihn zu bitten, daß
-er uns gebe, was unser Herz begehrt, und die Demütigung, die er uns
-auferlegte, von unserm Rücken nehme.“
-
-Ulenspiegel versetzte:
-
-„Könnte doch der heilige Remaclius auch mir geben, was mein Herz
-begehrt, und von dem Rücken der armen Gemeinden den Blutherzog
-fortnehmen, der gleich einen bleiernen Buckel darauf lastet.“
-
-„Es ist nicht seines Amtes, zur Buße auferlegte Buckel fortzunehmen,“
-antwortete der Pilger.
-
-„Hat er etliche andere fortgenommen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Ja, wenn die Buckel jung sind. Wenn alsdann das Wunder der Heilung
-geschieht, halten wir in der ganzen Stadt Gelage und Schmausereien.
-Und jeglicher Pilger gibt dem glücklich Geheilten, der durch dieses
-Geschehnis heilig geworden ist und mit Erfolg für die andern beten
-kann, ein Geldstück und oftmals einen Goldgülden.“
-
-Ulenspiegel sagte:
-
-„Weshalb läßt der reiche Sankt Remaclius sich die Heilungen wie ein
-lumpiger Apotheker bezahlen?“
-
-„Gottloser Wanderer, er straft die Lästerer!“ entgegnete der Pilger und
-schüttelte wütend seinen Höcker.
-
-„Wehe!“ ächzte Ulenspiegel.
-
-Und er fiel zusammengekrümmt am Fuß eines Baumes nieder.
-
-Der Pilger sagte, ihn betrachtend:
-
-„Wen Sankt Remaclius schlägt, den trifft er gut!“
-
-Ulenspiegel krümmte den Rücken, kratzte sich daran und ächzte:
-
-„Ruhmreicher Heiliger, habt Erbarmen. Das ist die Züchtigung. Ich fühle
-einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern. Wehe! Au! Vergebung,
-heiliger Remaclius! Geh, Pilger, laß mich hier allein, auf daß ich
-gleich einem Vatermörder weine und bereue.“
-
-Doch der Pilger war bis zum Marktplatz von Bouillon entflohen, allwo
-sich alle Buckligen zusammen fanden.
-
-Dort sagte er zu ihnen, vor Furcht bebend, in stoßweiser Sprache:
-
-„Habe Pilger getroffen, grade wie eine Pappel .... Pilger
-Gotteslästerer .... Buckel auf dem Rücken .... entzündeten Buckel!“
-
-Da die Pilger solches vernahmen, stießen sie ein tausendfaches
-Freudengeschrei aus und riefen:
-
-„Heiliger Remaclius, wenn Du Buckel gibst, kannst Du sie auch
-fortnehmen. Nimm uns die Buckel ab, heiliger Remaclius!“
-
-Derweilen verließ Ulenspiegel seinen Baum. Als er durch die
-menschenleere Vorstadt kam, sah er an der niedern Türe einer Schenke
-zwei Blasen an einem Stock schaukeln, Schweinsblasen, so zum Zeichen
-der Blutwurst-Kirmes, ~panch kermis~, wie man im Lande Brabant sagt,
-angehängt waren.
-
-Ulenspiegel nahm eine der beiden Blasen, las die Rückengräte einer
-Scholle vom Boden auf, ließ sich zur Ader, ließ von seinem Blut in
-die Blase fließen, blies sie auf, schloß sie und legte sie auf seinen
-Rücken und oben drauf die Rückengräte der Scholle. Also ausstaffiert,
-kam er mit gewölbten Rücken, wackelndem Kopf und schlotternden Beinen
-wie ein alter Buckliger auf den Platz. Der Pilger, der Zeuge seines
-Falles gewesen, erblickte ihn und schrie:
-
-„Da ist der Gotteslästerer!“
-
-Und er wies mit dem Finger auf ihn. Und alle kamen herbei, um den
-Gestraften zu sehen.
-
-Ulenspiegel schüttelte kläglich den Kopf.
-
-„Ach,“ sprach er, „ich verdiene nicht Gnade noch Erbarmen; tötet mich
-wie einen tollen Hund.“
-
-Und die Buckligen sprachen, sich die Hände reibend:
-
-„Einer mehr in unsrer Brüderschaft.“
-
-Zwischen den Zähnen murmelnd: „Das sollt Ihr mir büßen, Ihr Bösen,“
-schien er alles geduldig zu ertragen und sprach:
-
-„Ich werde nicht essen und nicht einmal trinken, um meinen Buckel nicht
-festzumachen, bis daß Sankt Remaclius die Gnade gehabt hat, mich zu
-heilen, wie er mich geschlagen hat.“
-
-Auf das Gerücht von dem Wunder kam der Dechant aus der Kirche. Es war
-ein großer majestätischer Mann mit einem Schmerbauch. Mit erhobner Nase
-zerteilte er die Flut der Buckligen gleich einem Schiffe.
-
-Man zeigte ihm Ulenspiegel und er sprach zu ihm:
-
-„Bist Du es, armer Tropf, den Sankt Remaclius Geißel geschlagen hat?“
-
-„Ja, Herr Dechant,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin’s wahrlich, sein
-untertäniger Verehrer, der sich von seinem neuen Buckel heilen lassen
-will, so es ihm gefällt.“
-
-Der Dechant, der hinter dieser Rede eine Bosheit witterte, sprach:
-
-„Laß mich diesen Buckel befühlen.“
-
-„Befühlt ihn, Herr,“ versetzte Ulenspiegel.
-
-Nachdem er es getan, sprach der Dechant:
-
-„Er ist neuen Ursprungs und feucht. Indessen hoffe ich, daß Sankt
-Remaclius geruhen wird, Barmherzigkeit zu üben. Folge mir.“
-
-Ulenspiegel folgte dem Dechanten und trat in die Kirche. Die Buckligen
-schritten hinter ihm her und schrieen: „Sehet den Verfluchten! Sehet
-den Lästerer! Wie viel wiegt Dein neuer Buckel? Wirst Du einen Sack
-draus machen, um Deine Taler hinein zu tun? Du hast Dein Lebelang unser
-gespottet, dieweil Du grade warst, jetzt ist die Reihe an uns. Ehre sei
-dem heiligen Herrn Remaclius!“
-
-Ulenspiegel sprach kein Wort, beugte den Kopf und trat, dem Dechanten
-folgend, in eine kleine Kapelle. Daselbst befand sich ein Grabmal ganz
-aus Marmelstein, bedeckt mit einer großen Tafel, die gleicherweise
-aus Marmelstein war. Zwischen dem Grabmal und der Wand der Kapelle
-war nicht die Weite einer großen, gespreizten Hand. Eine Menge
-buckliger Pilger gingen einer nach dem andern zwischen der Wand und der
-Grabtafel durch, an welcher sie stillschweigend ihre Buckel rieben. Und
-dergestalt hofften sie, ihrer ledig zu werden. Und die, so ihren Buckel
-rieben, wollten denen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht Platz
-machen, und sie schlugen einander, doch ohne Lärm, denn der Heiligkeit
-des Ortes halber gaben sie sich nur heimliche Püffe nach Art der
-Buckligen.
-
-Der Dechant hieß Ulenspiegel auf die Grabplatte steigen, auf daß alle
-Pilger ihn gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Ich vermag es nicht allein.“
-
-Der Dechant half ihm hinauf, stellte sich neben ihn und gebot ihm,
-niederzuknien. Ulenspiegel tat also und blieb gesenkten Hauptes in
-dieser Stellung.
-
-Und alsobald, nachdem der Dechant sich gesammelt hatte, predigte er und
-sprach mit weit schallender Stimme:
-
-„Söhne und Brüder in Jesu Christo! Ihr sehet zu meinen Füßen den
-größten Gottlosen, Taugenichts und Lästerer, den Sankt Remaclius je mit
-seinem Zorn geschlagen hat.“
-
-Und Ulenspiegel schlug sich an die Brust und sagte: „~Confiteor~.“
-
-„Ehedem,“ redete der Dechant weiter, „war er grade wie der Schaft einer
-Hellebarde und rühmt sich dessen. Sehet ihn jetzo bucklig und unter der
-Wucht des himmlischen Fluches gebeugt.“
-
-„~Confiteor~, nimm mir den Buckel,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Wohl,“ fuhr der Dechant fort, „wohl, großer Heiliger, heiliger Herr
-Remaclius, der Du seit Deinem glorreichen Tode neununddreißig Wunder
-vollbrachtest, nimm von seinen Schultern die Bürde, die darauf lastet.
-Und möchten wir um dessentwillen in Jahrhunderten von Jahrhunderten, in
-~saecula saeculorum~, Dein Loblied singen. Und Friede auf Erden für die
-guten Buckligen.“
-
-Und die Buckligen sprachen im Chor:
-
-„Wohl, wohl! Friede auf Erden für die guten Buckligen. Gib Frieden den
-Buckligen, Frieden den Mißgestalteten und Erlaß der Demütigungen. Nimm
-hinweg, unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“
-
-Der Dechant gebot Ulenspiegel, vom Grabe herunterzusteigen und seinen
-Buckel am Rande der Platte zu reiben. Ulenspiegel tat also, indem er
-immerfort „~mea culpa confiteor~, nimm mir den Buckel,“ sprach. Und er
-rieb ihn gar trefflich mit Sehen und Wissen der Umstehenden.
-
-Und jene schrien:
-
-„Sehet den Buckel, er senkt sich! Sehet! Er gibt nach! Er wird nach
-rechts auseinanderfließen. / Nein, er wird in die Brust zurücktreten;
-Buckel schmelzen nicht, sie gehen in das Gedärm hinunter, von wo sie
-gekommen sind. / Nein, sie kehren in den Magen zurück, allwo sie
-achtzig Tage lang als Nahrung dienen. Das ist des Heiligen Gabe für die
-erlösten Buckligen. / Wohin gehen die alten Buckel?“
-
-Plötzlich stießen die Buckligen allesamt einen lauten Schrei aus,
-denn Ulenspiegel hatte soeben seinen Buckel zum Platzen gebracht,
-indem er sich schwer gegen den Rand der Grabplatte stemmte. Alles
-Blut, so darinnen war, floß in großen Tropfen aus seinem Wams auf die
-Steinfliesen. Und indem er sich aufrichtete und die Arme ausstreckte,
-rief er aus:
-
-„Ich bin befreit!“
-
-Und alle Buckligen riefen mitsammen:
-
-„Der heilge Herr Remaclius segnet ihn; das ist für ihn süß und für
-Euch hart. Herr, nehmet uns unsere Buckel. / Ich bringe Euch ein Kalb
-dar. / Ich sieben Hammel. / Ich die Jagdbeute des Jahres. / Ich sechs
-Schinken. / Ich gebe der Kirche meine Hütte. / Nehmet unsere Buckel,
-heiliger Herr Remaclius!“
-
-Und sie betrachteten Ulenspiegel voller Neid und Scheu. Einer unter
-ihnen wollte unter sein Wams tasten, doch der Dechant wehrte es ihm.
-
-„Da ist eine Wunde, die nicht ans Licht darf.“
-
-„Ich werde für Euch beten,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Ja, Pilger,“ sagten die Buckligen alle zumal, „ja Herr, der Ihr
-wieder grade geworden seid; wir haben Eurer gespottet, verzeihet uns,
-wir wußten nicht, was wir taten. Christus, der Herr, hat am Kreuze
-verziehen, gewähret auch uns Verzeihung.“
-
-„Ich verzeihe Euch,“ sagte Ulenspiegel wohlwollend.
-
-„So nehmet denn diesen Stüver, genehmigt diesen Gülden, lasset uns
-Eurer Gradheit diesen Real geben, Euch diesen Crusado anbieten, in Eure
-Hände diese Karolus legen ...“
-
-„Verberget Eure Karolus wohl,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu ihnen,
-„auf daß Eure linke Hand nicht wisse, was die rechte tut.“
-
-Also redete er wegen des Dechanten, der die Münzen der Buckligen mit
-den Augen verschlang, ohne zu sehen, ob es güldene oder silberne waren.
-
-„Euch sei Dank, Geweihter des Herrn,“ sagten die Buckligen zu
-Ulenspiegel.
-
-Und er nahm stolz ihre Gaben an, wie einer, an dem ein Wunder geschehen.
-
-Aber die Geizigen rieben ihre Buckel am Grabstein, ohne etwas zu sagen.
-
-Am Abend ging Ulenspiegel in eine Schenke, allwo er schwelgte und
-zechte.
-
-Ehe er sich ins Bett legte, gedachte er, daß der Dechant gewiß seinen
-Anteil an der Beute heischen würde, wenn nicht alles. Er zählte seinen
-Gewinst und fand mehr Gold als Silber, sintemalen es gut dreihundert
-Karolus waren. Er erspähete einen dürren Lorbeerbaum in einem Topf,
-packte ihn beim Schopf, zog Pflanze und Erde heraus und legte das Gold
-darunter. Alle halben Gülden, Stüver und Taler aber breitete er auf dem
-Tisch aus.
-
-Der Dechant trat in die Schenke und stieg zu Ulenspiegel hinauf. Da
-dieser ihn erblickte, sagte er:
-
-„Herr Dechant, was wollet Ihr von meiner armseligen Person?“
-
-„Ich will nur Dein Bestes, mein Sohn,“ antwortete jener.
-
-„Wehe,“ ächzte Ulenspiegel, „ist es das, was Ihr auf dem Tisch sehet?“
-
-„Das ist es,“ versetzte der Dechant.
-
-Alsdann streckte er die Hand aus und säuberte den Tisch von allem
-Gelde, das darauf war, und ließ es in einen dazu bestimmten Sack fallen.
-
-Und er gab Ulenspiegel, der zum Schein stöhnte, einen Gülden.
-
-Und er fragte ihn nach den Werkzeugen des Wunders.
-
-Ulenspiegel zeigte ihm die Schollengräte und die Blase.
-
-Der Dechant nahm sie, indes Ulenspiegel jammerte und ihn anflehte, ihm
-gnädigst mehr zu geben. Der Weg von Bouillon nach Damm, sprach er, sei
-für ihn armen Wanderer weit, und er würde gewißlich Hungers sterben.
-
-Der Dechant ging von dannen, ohne ein Wort zu sagen.
-
-Als Ulenspiegel allein war, entschlief er mit dem Blick auf den
-Lorbeerbaum. Am andern Morgen bei Tagesanbruch raffte er seine
-Beute zusammen, verließ Bouillon und begab sich nach dem Lager des
-Schweigers. Er überantwortete ihm das Geld und erzählte die Tat mit dem
-Bemerken, daß dies die wahre Art sei, vom Feinde Kriegskontribution
-einzutreiben.
-
-Und der Prinz gab ihm zehn Gülden.
-
-Die Schollengräte aber ward in einen kristallenen Reliquienschrein
-gelegt und zwischen die Arme des Kreuzes am Hauptaltar von Bouillon
-eingelassen. Und jedermann in der Stadt weiß, daß das, was das Kreuz
-umschließt, der Buckel des geheilten Lästerers ist.
-
-
-11
-
-Da der Schweiger in der Umgegend von Lüttich war, machte er, bevor er
-die Maas überschritt, Märsche und Gegenmärsche, um den Herzog in seiner
-Wachsamkeit irre zu führen.
-
-Ulenspiegel tat seine Soldatenpflicht, handhabte trefflich die
-Radschloßbüchse oder hielt Augen und Ohren offen.
-
-Um jene Zeit kamen vlämische und brabanter Edelleute ins Lager, so mit
-den Rittern, Obristen und Hauptleuten vom Gefolge des Schweigers lustig
-lebten.
-
-Bald bildeten sich zwei Parteien im Lager, die unaufhörlich miteinander
-haderten. Die einen sagten: „Der Prinz ist ein Verräter“; die andern
-erwiderten, die Ankläger hätten gelogen und sie würden sie ihre Lüge
-hinunterschlucken lassen. Das Mißtrauen nahm zu wie ein Ölfleck. In
-Rotten von sechs, acht, zwölf Mann wurden sie handgemein; im Zweikampf
-fochten sie mit jeder Art von Waffen, selbst mit Hakenbüchsen.
-
-Eines Tages kam der Prinz auf den Lärm hinzu und trat zwischen die
-beiden Parteien. Eine Kugel riß ihm den Degen von der Seite. Er gebot
-dem Kampf Einhalt und zeigte sich im ganzen Lager, damit man nicht
-sagen sollte: „Der Schweiger ist tot, tot ist der Krieg.“
-
-Am folgenden Tag um Mitternacht bei Nebelwetter wollte Ulenspiegel just
-ein Haus verlassen, darinnen er einem wallonischen Mägdlein vlämische
-Minnelieder gesungen hatte. Da hörte er an der Tür einer Hütte, neben
-dem Hause, zu dreien Malen, Rabengekrächz. Anderes Gekrächz antwortete
-von ferne, dreifach und dreimal nacheinander. Ein Bauer trat auf die
-Schwelle der Hütte. Ulenspiegel hörte Schritte auf dem Wege.
-
-Zwei Männer, so hispanisch sprachen, kamen zu dem Bauern, der in der
-nämlichen Sprache zu ihnen sagte:
-
-„Was habet Ihr getan?“
-
-„Gutes Werk,“ sagten sie, „indem wir für den König logen. Dank uns
-sprechen die mißtrauischen Hauptleute und Soldaten untereinander:
-
-„Aus schnödem Ehrgeiz widersteht der Prinz dem König. Solchergestalt
-rechnet er, ihm Furcht einzuflößen und Städte und Herrschaften als
-Friedenspfand zu empfangen. Um fünfhunderttausend Gülden wird er die
-tapferen Ritter, so für die Lande kämpfen, verlassen. Der Herzog hat
-ihm völlige Amnestie anbieten lassen mit Versprechen und Eid, ihm und
-allen hohen Heerführern ihr Vermögen zu erstatten, wenn sie sich unter
-die Botmäßigkeit des Königs zurückbegeben. Oranien wird allein mit
-ihnen verhandeln.“
-
-Die Getreuen des Schweigers antworteten uns:
-
-„Anerbieten des Herzogs, hinterlistige Falle, er wird der Herren von
-Egmont und von Hoorn gedenken und nicht hineingehen. Sie wissen es
-wohl.“ Kardinal Granvella hat, da er in Rom war, gesagt, als die Grafen
-gefangen gesetzt wurden:
-
-„Die beiden Gründlinge fängt man, aber den Hecht läßt man leben; man
-hat nichts gefangen, dieweil der Schweiger noch zu fangen bleibt.“
-
-„Ist die Uneinigkeit im Lager groß?“ fragte der Bauer.
-
-„Die Uneinigkeit ist groß, sie wird mit jedem Tage größer“, sagten sie.
-„Wo sind die Briefe?“
-
-Sie traten in die Hütte, allwo eine Laterne entzündet wurde. Da sah
-Ulenspiegel durch eine kleine Luke, wie sie die Siegel von zwei
-Sendschreiben erbrachen, sich am Lesen ergötzten, Meth tranken und
-endlich hinausgingen, wobei sie in hispanischer Sprache zu dem Bauern
-sagten:
-
-„Das Lager gespalten, Orange genommen. Das wird eine gute Limonade
-sein.“
-
-„Diese dürfen nicht am Leben bleiben,“ sagte Ulenspiegel zu sich. Sie
-gingen durch den dichten Nebel fort. Ulenspiegel sah, daß der Bauer
-ihnen eine Laterne brachte, welche sie nahmen.
-
-Da der Schein der Laterne oftmals durch eine schwarze Gestalt
-verdunkelt ward, so mutmaßte er, daß sie hintereinander schritten.
-
-Er spannte seine Büchse und schoß auf die schwarze Gestalt. Alsbald sah
-er, daß die Laterne unterschiedliche Male gesenkt und erhoben ward, und
-hielt dafür, daß einer von beiden gefallen war und der andere zu sehen
-suchte, welcher Art seine Wunde sei. Er spannte abermals seine Büchse.
-Sobald die Laterne allein, schnell und schaukelnd in der Richtung auf
-das Lager zu ging, schoß er zum andern Mal. Die Laterne schwankte, fiel
-hin, erlosch, und es ward finster.
-
-Er lief zum Lager und sah den Profos mit einer Menge Soldaten, so durch
-die Schüsse alarmiert waren, herauskommen. Ulenspiegel trat auf sie zu
-und sprach:
-
-„Ich bin der Jäger; gehet, das Wild aufzuheben.“
-
-„Lustiger Vläme,“ sagte der Profos, „Du redest noch anders als mit der
-Zunge.“
-
-„Worte der Zunge sind Wind,“ erwiderte Ulenspiegel; „Worte aus Blei
-bleiben im Körper der Verräter. Aber folget mir.“
-
-Er führte sie mit ihren Laternen an den Ort, wo die Beiden gefallen
-waren. In der Tat sahen sie sie auf der Erde liegen, der eine war tot,
-der andre röchelte und hielt die Hand auf der Brust, allwo sich ein
-Brief fand, den er mit der letzten Lebenskraft zerknüllt hatte.
-
-Sie trugen die Leichname fort, die sie an der Tracht für solche von
-Edelleuten erkannten. Also gelangten sie mit ihren Laternen zum
-Prinzen, der just mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen von
-Hessen und andern Herren ratschlagte.
-
-Von Landsknechten und Reitern in grünen und roten Mänteln gefolgt,
-kamen sie vor das Zelt des Prinzen und verlangten mit Geschrei, daß er
-sie vorließe.
-
-Er kam heraus. Alsbald schnitt Ulenspiegel dem Profossen, der sich
-räusperte und sich anschickte, ihn anzuklagen, das Wort ab.
-
-„Euer Gnaden“, sprach er, „ich habe statt Raben zwei adlige Verräter
-Eures Gefolges getötet.“
-
-Dann berichtete er, was er gesehen, gehört und getan hätte.
-
-Der Schweiger blieb stumm. Die beiden Leichname wurden durchsucht.
-Dabei waren zugegen Wilhelm von Oranien, der Schweiger, Friedrich von
-Hollenhausen, der Markgraf von Hessen, Dieterich von Schoonenbergh, der
-Graf Albert von Nassau, der Graf von Hoogstraten, Antoine de Lalaing,
-Gouverneur von Mecheln; desgleichen die Soldaten und Lamm Goedzak, dem
-sein Bauch innerlich zitterte. Bei den Edelleuten wurden gesiegelte
-Schreiben von Granvella und Noircarmes gefunden, so sie aufforderten,
-im Gefolge des Prinzen Zwietracht zu säen, um seine Kriegsmacht um ein
-Bedeutendes zu verringern, ihn zur Übergabe zu zwingen und ihn dem
-Herzog auszuliefern, auf daß er seinem Verdienste gemäß enthauptet
-werde. Die Briefe besagten, daß es nötig sei, fürsichtig und mit
-versteckten Worten vorzugehen, damit die vom Heer glaubten, daß der
-Prinz zu seinem alleinigen Vorteil schon einen Vertrag mit dem Herzog
-gemacht habe. Voller Zorn würden seine Hauptleute und Söldner ihn
-gefangen nehmen. Als Belohnung war einem jeden von ihnen ein Gutschein
-für fünfhundert Dukaten auf die Fugger in Antwerpen geschickt. Sie
-sollten tausend haben, sobald die vierhunderttausend, die man aus
-Hispanien erwartete, in Seeland angekommen wären.
-
-Nachdem diese Verschwörung aufgedeckt war, wandte sich der Prinz stumm
-zu den Edelleuten, Rittern und Söldnern um, unter denen viele waren,
-die ihn beargwöhnten. Er deutete schweigend auf die beiden Leichen und
-wollte ihnen durch diese Gebärde ihr Mißtrauen vorwerfen. Alle riefen
-stürmisch:
-
-„Lang lebe Oranien! Oranien ist den Landen treu!“
-
-Sie wollten die Leichname voll Verachtung den Hunden vorwerfen; doch
-der Schweiger sprach:
-
-„Nicht die Leichname sollt Ihr den Hunden vorwerfen, sondern die
-Schwachheit des Geistes, die an reinen Absichten zweifeln heißt.“
-
-Und die Ritter und Söldner riefen:
-
-„Es lebe der Prinz! Es lebe Oranien, der Freund der Lande!“
-
-Und ihre Stimmen waren gleich wie ein Donner, der die Ungerechtigkeit
-bedräuet.
-
-Und der Prinz sagte, auf die Leichname deutend:
-
-„Begrabt sie christlich.“
-
-„Und ich,“ fragte Ulenspiegel, „was wird man mit meinem getreuen
-Gerippe tun? Habe ich Übles getan, so gebe man mir Schläge; habe ich
-gut gehandelt, so gebe man mir eine Belohnung.“
-
-Darauf redete der Schweiger und sprach:
-
-„Dieser Scharfschütze soll in meiner Gegenwart fünfzig mit grünem Holz
-aufgezählt bekommen, maßen er ohne Befehl zwei Edelleute getötet hat,
-mit dreister Hintansetzung jeglicher Mannszucht. Desgleichen soll er
-dreißig Gülden haben, weil er gut gesehen und gehört hat.“
-
-„Euer Gnaden,“ versetzte Ulenspiegel, „so man mir erstlich die dreißig
-Gülden gäbe, würde ich die Schläge mit grünem Holz mit Geduld ertragen.“
-
-„Ja, ja,“ stöhnte Lamm Goedzak, „gebet ihm zuvor die dreißig Gülden,
-das Übrige wird er mit Geduld ertragen.“
-
-„Und dann,“ sagte Ulenspiegel, „da meine Seele rein ist, habe ich nicht
-nötig, mit ungebrannter Asche gelaugt und mit Kirschholz gebläut zu
-werden.“
-
-„Ja,“ stöhnte Lamm Goedzak wiederum, „Ulenspiegel hat nicht nötig,
-gelaugt und gebläut zu werden. Seine Seele ist rein. Wascht ihn nicht,
-Ihr Herren, wascht ihn nicht.“
-
-Da Ulenspiegel die dreißig Gülden empfangen hatte, ward dem
-Stockmeister vom Profos befohlen, sich seiner zu bemächtigen.
-
-„Sehet, Ihr Herren,“ sprach Lamm, „wie kläglich seine Miene ist. Er
-liebt das Holz mit nichten, mein Freund Ulenspiegel.“
-
-„Ich liebe eine schöne dichtbelaubte Esche zu sehen,“ entgegnete
-Ulenspiegel, „die in ursprünglicher Jugendkraft in der Sonne wächst.
-Aber auf den Tod hasse ich diese üblen Holzknüttel, die noch ihren Saft
-ausbluten, die ohne Äste, Blätter und Zweige sind. Sie sind von wildem
-Aussehen und rauhen Sitten.“
-
-„Bist Du bereit?“ fragte der Profos.
-
-„Bereit“, wiederholte Ulenspiegel, „bereit wozu? Geschlagen zu werden?
-Nein, das bin ich nicht und will es nicht sein, Herr Stockmeister.
-Euer Bart ist rot, und Eure Miene furchtbar; doch ich bin gewiß, Ihr
-habt ein weiches Herz und liebt es nicht, einen armen Menschen, wie
-mich, lendenlahm zu machen. Ich muß es Euch sagen, ich mag es nicht
-sehen noch tun; denn eines Christen Rücken ist ein geweihter Tempel,
-der, gleich wie die Brust, die Lungen einschließt, durch die wir die
-liebe Gottesluft einatmen. Von wie nagenden Gewissensbissen würdet Ihr
-verzehrt werden, dafern ein roher Stockhieb sie mir in Stücke risse.“
-
-„Spute Dich,“ sagte der Stockmeister.
-
-„Euer Gnaden,“ sagte Ulenspiegel zum Prinzen, „es eilt nicht, glaubet
-mir. Man müßte zuerst diesen Knüttel trocknen lassen, denn man sagt,
-daß das grüne Holz beim Eindringen in das lebendige Fleisch ihm ein
-tödliches Gift zuführt. Möchte Eure Hoheit mich dieses häßlichen Todes
-sterben sehen? Euer Gnaden, ich halte meinen getreuen Rücken zu Eurer
-Hoheit Diensten; lasset ihn mit Ruten schlagen, mit der Peitsche
-geißeln. Aber so Ihr mich nicht tot sehen wollt, ersparet mir das grüne
-Holz, wenn es Euch beliebt.“
-
-„Prinz, begnadigt ihn,“ sagten Herr von Hoogstraten und Dietrich von
-Schoonenbergh. Die andern lächelten voll Mitleids.
-
-Auch Lamm sagte: „Hoher Herr, begnadigt ihn; das grüne Holz ist reines
-Gift.“
-
-Darauf sprach der Prinz: „Ich begnadige ihn.“
-
-Ulenspiegel sprang unterschiedliche Male in die Luft, schlug Lamm auf
-den Bauch, und indem er ihn zu tanzen zwang, sagte er:
-
-„Preise Seine Gnaden mit mir, der mich vom grünen Holz errettet hat.“
-
-Und Lamm versuchte zu tanzen, doch er vermochte es nicht, seines
-Bauches halber.
-
-Und Ulenspiegel traktierte ihn mit Essen und Trinken.
-
-
-12
-
-Dieweil der Herzog keine Schlacht liefern wollte, beunruhigte er ohne
-Unterlaß den Schweiger, der zwischen Jülich und der Maas durch das
-platte Land streifte. Er ließ den Fluß allerorten, bei Hondt, Mecheln,
-Elsen, Meersen ergründen und fand ihn allerorten voll von Fußangeln, um
-Menschen und Pferde, so ihn durchwaten wollten, zu verwunden.
-
-Bei Stockem fanden die Suchenden keine. Der Prinz befahl
-hindurchzugehen. Reiter durchritten die Maas und stellten sich in
-Schlachtordnung am andern Ufer auf, um den Durchgang nach dem Bistum
-Lüttich zu verteidigen. Dann pflanzten sich zehn Reihen Bogen- und
-Scharfschützen von einem Ufer zum andern auf, um solchergestalt den
-Lauf des Flusses zu hemmen. Unter ihnen befand sich auch Ulenspiegel.
-
-Das Wasser reichte bis an die Schenkel und oftmals hob ihn eine
-tückische Welle in die Höhe, ihn und sein Pferd.
-
-Er sah die Fußsoldaten vorbeiziehen, die ein Säcklein mit Pulver auf
-dem Hut und ihre Büchsen in der Luft trugen. Dann kamen die Karren, die
-Hakenbüchsen, die Feuerwerker, die Zündstöcke, Feldschlangen, doppelte
-Feldschlangen, Falkonetts, Quartierschlangen, halbe Quartierschlangen,
-doppelte Quartierschlangen, Bombarden, doppelte Bombarden, Kanonen,
-Mörser, Kammerschlangen, kleine Feldstücke, so auf Protzwagen gelegt
-und von zwei Pferden gezogen, im Galopp sich bewegen konnten. Sie
-glichen auf ein Haar denen, die Pistolen des Kaisers genannt wurden.
-Hinter ihnen kamen die Landsknechte und flandrischen Reiter zum Schutze
-der Nachhut.
-
-Ulenspiegel suchte einen erwärmenden Trunk. Der Schütze Riesenkraft,
-ein Hochdeutscher, ein magerer, grausamer Hüne, schnarchte neben ihm
-auf seinem Schlachtroß und atmete Branntweingeruch aus. Ulenspiegel
-suchte ein Fläschlein auf der Kruppe seines Pferdes und fand es,
-mittels einer Schnur wie ein Wehrgehenk umgehängt. Er durchschnitt
-die Schnur, nahm das Fläschchen und schlürfte wohlgemut daraus. Seine
-Kameraden, die Schützen, sagten zu ihm:
-
-„Gib uns davon.“
-
-Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knotete er die
-Schnur des Fläschchens und wollte es wieder auf die Brust des Söldners
-hängen. Als er den Arm erhob, um solches zu tun, erwachte Riesenkraft.
-Er nahm das Fläschlein und wollte seine gewohnte Kuh melken. Da er
-fand, daß sie keine Milch mehr gab, geriet er in großen Zorn.
-
-„Spitzbube, was hast Du mit meinem Branntwein gemacht?“ sprach er.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Ich habe ihn getrunken. Unter durchnäßten Reitern ist der Branntwein
-eines Einzigen der Branntwein aller. Ein Geizhals ist kläglich.“
-
-„Morgen werde ich Dir im Zweikampf das Fleisch zerstückeln,“ erwiderte
-Riesenkraft.
-
-„Wir werden uns Köpfe, Beine, Arme und alles zerstückeln. Aber bist Du
-nicht verstopft, daß Du ein so saures Gesicht machst?“
-
-„Das bin ich,“ erwiderte Riesenkraft.
-
-„Dann mußt Du Dich purgieren und nicht Dich schlagen,“ versetzte
-Ulenspiegel.
-
-Es ward ausgemacht, daß sie sich am folgendem Tage treffen sollten,
-jeder nach seinem Belieben beritten und gerüstet, und daß sie
-einander den Speck mit kurzem, starrem Stoßdegen zerstückeln sollten.
-Ulenspiegel verlangte für sich, den Stoßdegen durch einen Stock zu
-ersetzen, welches ihm gestattet ward.
-
-Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß durchschritten und stellten
-sich auf Kommando der Obristen und Hauptleute in guter Ordnung auf.
-Alsdann gingen die zehn Reihen Bogenschützen gleichfalls hindurch.
-
-Und der Schweiger sprach:
-
-„Wir wollen auf Lüttich marschieren.“
-
-Ulenspiegel war des froh und rief mit allen Vlamländern:
-
-„Lang lebe Oranien! Auf nach Lüttich!“
-
-Aber die Fremden, sonderlich die Hochdeutschen, sagten, daß sie zu
-sehr durchnäßt und eingeweicht seien, um zu marschieren. Vergeblich
-versicherte der Prinz ihnen, daß sie zu einem sicheren Sieg in eine
-befreundete Stadt gingen. Sie wollten nichts hören, zündeten große
-Feuer an und wärmten sich samt ihren abgesattelten Pferden.
-
-Der Angriff auf die Stadt ward auf den kommenden Tag verschoben, wo
-Alba, über den kühnen Durchgang gewaltig erstaunt, durch seine Spione
-erfuhr, daß die Söldner des Schweigers noch nicht zum Angriff bereit
-seien.
-
-Daraufhin ließ er Lüttich und das ganze umliegende Land bedrohen,
-daß er sie mit Feuer und Schwert vertilgen wolle, wenn des Prinzen
-Freunde dort irgend welchen Aufruhr machten. Gerard von Groesbeke, der
-bischöfliche Bluthund, ließ seine Söldner gegen den Prinzen rüsten; und
-er kam durch die Schuld der Hochdeutschen, die Furcht vor etwas nassen
-Hosen gehabt hatten, zu spät.
-
-
-13
-
-Nachdem Ulenspiegel und Riesenkraft Sekundanten genommen hatten, sagten
-diese, sie sollten zu Fuß kämpfen, bis daß einer den Geist aufgäbe,
-wenn es dem Sieger gefiele; denn solches waren Riesenkrafts Bedingungen.
-
-Der Kampfplatz war eine kleine Heide.
-
-Gleich am Morgen legte Riesenkraft seine Rüstung als Schütze an. Er
-setzte die Pickelhaube mit Halsstück auf, ohne Visier, und zog ein
-Panzerhemd ohne Ärmel an. Sintemalen sein anderes Hemd in Fetzen
-auseinanderging, legte er es in die Pickelhaube, um, wenn es not tat,
-einen Verband daraus zu machen. Er versah sich mit seiner Armbrust
-aus gutem Ardenner Holz, einem Bündel von dreißig Pfeilen, einem
-langen Dolch, aber nicht mit einem zweihändigen Degen, welches der
-Bogenschützen Degen ist. Und er kam auf seinem Schlachtroß, das den
-Kriegssattel und das Zaumzeug mit Federbusch trug und ganz gepanzert
-war, auf den Kampfplatz geritten.
-
-Ulenspiegel machte sich eine Ausrüstung wie ein gewappneter Edelmann,
-sein Schlachtroß war ein Esel; sein Sattel waren die Röcke einer
-Dirne, das mit Federn geschmückte Zaumzeug aus Weiden, obenauf mit
-schönen, trefflich flatternden Hobelspänen geziert. Der Roßharnisch
-war aus Speck, denn das Eisen kostet zu viel, sagte er, Stahl ist
-unerschwinglich, und was das Kupfer anlangt, so hat man in den
-verwichenen Tagen so viele Kanonen daraus gemacht, daß nicht soviel
-übrig ist, um ein Kaninchen in der Schlacht zu wappnen. An Stelle des
-Hutes setzte er einen schönen Lattichkopf auf, den die Schnecken noch
-nicht zerfressen hatten. Darauf ragte eine Schwanenfeder, damit er im
-Verscheiden singen konnte.
-
-Sein starrer, leichter Stoßdegen war ein rechtschaffener, langer,
-dicker Knüttel aus Fichtenholz, an dessen Ende ein Besen aus Zweigen
-des gleichen Holzes war. An der linken Seite seines Sattels hing sein
-Messer, das gleichfalls aus Holz war, auf der rechten Seite schaukelte
-sein trefflicher Streitkolben aus Holunderholz, von einer Rübe gekrönt.
-Sein Küraß bestand ganz aus Löchern.
-
-Als er so ausgestattet auf den Kampfplatz kam, brachen Riesenkrafts
-Sekundanten in Gelächter aus; aber dieser selbst behielt seine
-sauertöpfische Miene.
-
-Alsdann forderten Ulenspiegels Sekundanten die Beisteher Riesenkrafts
-auf, der Deutsche möge seine ganze Rüstung von Panzerringen und Eisen
-ablegen, in Ansehung dessen, daß Ulenspiegel nur mit Lumpen gepanzert
-sei. Riesenkraft willigte darein. Nunmehr fragten Riesenkrafts
-Sekundanten die Ulenspiegels, woher es käme, daß Ulenspiegel mit einem
-Besen bewaffnet wäre.
-
-„Ihr gewährtet mir den Knüttel, doch Ihr verbotet mir nicht, ihn mit
-Laubwerk aufzuputzen.“
-
-„Mach’s, wie Du’s verstehst,“ sagten die vier Sekundanten.
-
-Riesenkraft sagte keinen Ton und metzelte das kümmerliche Heidekraut
-mit kurzen Degenhieben ab.
-
-Die Sekundanten forderten ihn auf, seinen Stoßdegen gleich Ulenspiegel
-durch einen Knüttel zu ersetzen.
-
-Er antwortete:
-
-„Wenn dieser Lump aus freien Stücken eine so ungewöhnliche Waffe
-gewählet hat, so geschieht’s, weil er vermeint, sein Leben damit
-verteidigen zu können.“
-
-Da Ulenspiegel abermals sagte, daß er sich seines Besens bedienen
-wolle, kamen die vier Sekundanten überein, daß alles recht sei.
-
-Sie standen sich kampfbereit gegenüber, Riesenkraft auf seinem
-eisengepanzerten Pferde, Ulenspiegel auf seinem speckgepanzerten Esel.
-
-Ulenspiegel rückte bis zur Mitte des Feldes vor. Dann sprach er, seinen
-Besen wie eine Lanze haltend:
-
-„Stinkender als Pest, Aussatz und Tod finde ich dies Ungeziefer
-von schlechten Kerls, die in einem Lager von guten Kriegskameraden
-keine andern Sorgen haben, als allerwegen ihre mürrische Fratze
-und ihr zornschäumendes Maul herumzuführen. Wo sie verweilen, wagt
-sich das Lachen nicht hervor, und die Lieder schweigen. Sie müssen
-allzeit brummen oder sich schlagen, und dergestalt führen sie neben
-dem berechtigten Kampf für das Vaterland den Zweikampf ein, welcher
-der Ruin des Heeres und die Freude des Feindes ist. Gegenwärtiger
-Riesenkraft tötete einundzwanzig Menschen um unschuldiger Worte willen,
-ohne daß er jemals in Schlacht oder Scharmützel eine glänzende Tat der
-Tapferkeit getan oder durch seinen Mut die geringste Belohnung verdient
-hätte. Darum so gefällt es mir, heute das räudige Fell dieses bissigen
-Hundes wider den Strich zu bürsten.“
-
-Riesenkraft antwortete:
-
-„Dieser Trunkenbold hat schöne Dinge über den Mißbrauch des Zweikampfes
-geträumt; es wird mir heute gefallen, ihm den Kopf zu spalten, um
-Jedermann zu zeigen, daß er nur Heu im Hirn hat.“
-
-Die Sekundanten zwangen sie, von ihren Tieren zu steigen. Dies tuend,
-ließ Ulenspiegel den Lattich vom Kopf fallen, den der Esel ruhig fraß,
-doch er ward in diesem Geschäft durch einen Fußtritt unterbrochen,
-den ihm ein Sekundant gab, um ihn aus den Schranken des Kampfplatzes
-zu treiben. Ebenso geschah dem Pferde. Und sie gingen, anderswo in
-Gesellschaft zu weiden.
-
-Alsbald gaben die Sekundanten / die besentragenden, das waren die
-Ulenspiegels, / und die degentragenden, das waren die Riesenkrafts /
-durch Pfeifen das Zeichen zum Kampfe.
-
-Und Riesenkraft und Ulenspiegel fochten wütend miteinander.
-
-Riesenkraft schlug mit seinem Stoßdegen und Ulenspiegel parierte mit
-seinem Besen. Riesenkraft fluchte bei allen Teufeln, Ulenspiegel wich
-ihm aus und hüpfte die Kreuz und die Quer durch die Heide, steckte die
-Zunge heraus und machte Riesenkraft tausend Fratzen. Diesem ging der
-Atem aus, und er schlug mit dem Stoßdegen ins Blaue wie ein närrisch
-gewordener Söldling. Ulenspiegel fühlte, daß er ihm nahe war, drehte
-sich plötzlich um und gab ihm mit seinem Besen einen gewaltigen Stoß
-unter die Nase. Riesenkraft fiel mit ausgestreckten Armen und Beinen zu
-Boden, wie ein Frosch, wenn er verendet.
-
-Ulenspiegel warf sich auf ihn und fegte ihm das Gesicht ohne Erbarmen
-mit dem Strich und gegen den Strich. Dabei sagte er:
-
-„Bitte um Gnade, oder Du sollst meinen Besen verschlingen.“ Und er rieb
-ihn ohn Unterlaß hin und her, zum großen Ergötzen der Anwesenden, und
-sagte immerfort:
-
-„Schrei um Gnade, oder Du sollst ihn verschlingen!“
-
-Aber Riesenkraft konnte nicht schreien, maßen er an der schwarzen Wut
-gestorben war.
-
-„Gott habe Dich selig, armer Wüterich!“ sprach Ulenspiegel.
-
-Und er ging fürbaß und blies Trübsal.
-
-
-14
-
-Es war dazumal Ende Oktober. Dem Prinzen mangelte das Geld, sein Heer
-hungerte. Die Söldlinge murrten. Er marschierte nach Frankreich und bot
-dem Herzog die Schlacht an; der aber nahm sie nicht an.
-
-Er brach von Quesnoy-le-Comte auf, um auf Cambresis zu rücken; da
-stieß er auf zehn Kompanien Deutscher, acht Fähnlein Spanier und drei
-Schwadronen leichter Reiter, die von Don Ruffele Henricis, des Herzogs
-Sohne, befehligt wurden. Er war mitten in der Schlacht und rief auf
-Spanisch:
-
-„Tötet, tötet! Gebt kein Quartier! Es lebe der Papst!“
-
-Don Henricis war just der Kompanie Schützen gegenüber, in der
-Ulenspiegel Rottenführer war; er stürzte sich mit seinen Leuten auf
-sie. Ulenspiegel sagte zum Feldwaibel:
-
-„Ich will diesem Henker die Zunge abschneiden.“
-
-„Schneide“, sagte der Feldwaibel.
-
-Und mit einer wohlgezielten Kugel riß Ulenspiegel Zunge und Kinnbacken
-des Don Ruffele Henricis, des Herzogs Sohn, entzwei.
-
-Ulenspiegel schoß auch den Sohn des Marquis Delmarès vom Pferde.
-
-Die acht Fähnlein und drei Schwadronen wurden geschlagen.
-
-Nach diesem Siege suchte Ulenspiegel Lamm im Lager, aber er fand ihn
-nicht.
-
-„Ach,“ sagte er, „nun ist er fort, mein Freund Lamm, mein dicker
-Freund. Das Gewicht seines Bauches vergessend, wird er in seinem
-kriegerischen Ungestüm die hispanischen Flüchtlinge haben verfolgen
-wollen. Außer Atem wird er wie ein Sack auf den Weg gefallen sein. Und
-sie werden ihn aufgenommen haben, um Lösegeld für ihn zu bekommen, ein
-Lösegeld für christlichen Speck. Mein Freund Lamm, wo bist Du doch, wo
-bist Du, mein fetter Freund?“
-
-Ulenspiegel suchte ihn allerorten und blies Trübsal, da er ihn nicht
-fand.
-
-
-15
-
-Im November, dem Monat der Schneestürme, ließ der Schweiger Ulenspiegel
-zu sich entbieten. Der Prinz biß auf die Schnur seines Panzerhemdes.
-
-„Höre und bewahre“, sagte er.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Meine Ohren sind Gefängnistore; man geht leicht hinein, aber
-hinauszugehen ist eine schwere Sache.“
-
-Der Schweiger sprach:
-
-„Geh über Namur, Flandern, Hennegau, Süd-Brabant, Antwerpen,
-Nord-Brabant, Geldern, Oberyssel, Nord-Holland und verkünde allerorten:
-wenn Fortuna unsere heilige, christliche Sache auf dem Lande verrät,
-so wird der Kampf gegen alle ungerechten Gewalttaten auf dem Meere
-fortgesetzt werden. Diese Sache steht in Gottes Hand, sei es im Glück
-oder Unglück. In Amsterdam angelangt, wirst Du Paul Buys, meinem
-Getreuen, von deinem Tun und Treiben Rechenschaft geben. Hier sind
-drei Pässe, von Alba selbst unterzeichnet und bei den Leichen von
-Quesnoy-le-Comte gefunden. Mein Sekretarius hat sie ausgefüllt.
-Kann sein, daß Du unterwegens einen guten Gefährten findest, dem
-Du vertrauen kannst. Die sind gut, die auf Lerchentriller mit
-kriegerischem Hahnenruf antworten. Hier sind fünfzig Gülden. Du wirst
-tapfer und treu sein.“
-
-„Klasens Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. Und
-er ging von dannen.
-
-
-16
-
-Er hatte vom König und vom Herzog Vollmacht, nach seinem Ermessen alle
-Waffen zu tragen. Er nahm seine gute Radschloßbüchse, Patronen und
-trockenes Pulver, legte einen zerlumpten Mantel, ein zerschlissenes
-Wams, eine nach hispanischer Mode durchlöcherte Hose, ein Barett mit
-wallender Feder und einen Degen an; so verließ er das Heer an der
-französischen Grenze und wandte sich nach Maastricht. Die Zaunkönige,
-der Kälte Boten, flogen Obdach begehrend um die Häuser. Es schneiete am
-dritten Tage.
-
-Manchmal mußte Ulenspiegel unterwegens seinen Geleitbrief zeigen. Man
-ließ ihn passieren und er wandte sich nach Lüttich. Er war in eine
-Ebene gelangt. Ein starker Wind trieb ihm die Flocken in Wirbeln ins
-Gesicht. Vor seinen Augen breitete sich eine weiße Fläche aus, darüber
-die Schneewolken von Windstößen gejagt wurden. Drei Wölfe folgten ihm;
-doch nachdem er ihrer einen mit seiner Büchse niedergeschossen, warfen
-die andern sich auf den Verwundeten und entwichen in den Wald, jeder
-ein Stück des Kadavers mitschleppend.
-
-Also befreit, schaute Ulenspiegel sich um, ob nicht noch eine andere
-Schar auf freiem Felde sei. Da erblickte er am Rande der Ebene Punkte
-wie graue Steinbilder, die sich zwischen den Schneewirbeln bewegten,
-und dahinter schwarze Gestalten berittener Soldaten. Er stieg auf
-einen Baum. Der Wind trug ihm ein fernes Geräusch von Klagen zu.
-„Vielleicht“, sprach er zu sich selbst, „sind es Pilger, in weiße
-Gewänder gekleidet. Ich sehe kaum ihre Körper auf dem Schnee.“
-
-Dann gewahrte er Menschen, die nackend liefen, und sah zwei Reiter in
-schwarzer Rüstung, die auf ihren großen Schlachtrossen sitzend diese
-armselige Herde mit heftigen Peitschenhieben vor sich her trieben.
-Er spannte seine Büchse. Unter diesen Gegeißelten sah er junge Leute
-und nackte Greise, zitternd, erstarrt und gekrümmt. Sie liefen, um
-der Peitsche der beiden Soldaten zu entrinnen, die wohlgekleidet, von
-Branntwein und guter Nahrung rot waren und ihr Ergötzen daran fanden,
-die Körper der nackten Menschen zu geißeln, um sie zu schnellerem Lauf
-anzutreiben.
-
-Ulenspiegel sagte: „Klasens Asche, Dir soll Rache werden.“ Und er
-tötete einen der Reiter mit einer Kugel ins Gesicht; der fiel vom
-Pferde. Den andern, der nicht wußte, von wannen diese unverhoffte Kugel
-kam, ergriff die Furcht. Wähnend, daß im Gehölz Feinde versteckt wären,
-wollte er mit seines Gefährten Roß entfliehen. Als er sich des Zügels
-bemächtigt hatte und abstieg, um den Toten auszuplündern, ward er von
-einer andern Kugel in den Hals getroffen und fiel gleichermaßen.
-
-Die nackten Menschen glaubten nicht anders, als daß ein Engel vom
-Himmel, ein guter Scharfschütze, zu ihrer Verteidigung käme, und fielen
-auf die Kniee. Alsbald stieg Ulenspiegel vom Baume herab und wurde von
-denen aus der Schar, die gleich ihm in den Heeren des Prinzen gedient
-hatten, erkannt. Sie sagten zu ihm:
-
-„Ulenspiegel, wir sind aus dem Lande Frankreich in diesem erbärmlichen
-Zustand nach Maastricht geschickt worden, wo der Herzog ist, um dort
-wie Rebellen und Gefangene behandelt zu werden, die kein Lösegeld
-zahlen können. Wir sind im Voraus verurteilt, gefoltert und geköpft zu
-werden, oder gleich Lumpen und Spitzbuben auf des Königs Galeeren zu
-rudern.“
-
-Ulenspiegel gab dem Ältesten der Schar sein Obergewand und antwortete:
-
-„Kommet, ich werde Euch bis Mézières führen, aber zuvor müssen wir
-diese beiden Söldner plündern und ihre Pferde mitnehmen.“
-
-Die Wämse, Hosen, Stiefel, Helme und Kürasse der Söldner wurden unter
-die Schwächsten und Kränkesten verteilt, und Ulenspiegel sagte:
-
-„Wir wollen ins Gehölz gehen, allwo die Luft dicker und weicher ist.
-Laßt uns laufen, Brüder.“
-
-Plötzlich fiel ein Mann und sagte:
-
-„Mich hungert und friert, ich werde gehen und vor Gott bezeugen, daß
-der Papst der Antichrist auf Erden ist.“
-
-Und er verschied. Und die Übrigen wollten ihn forttragen, um ihn
-christlich zu begraben.
-
-Dieweil sie auf der Landstraße wanderten, bemerkten sie einen Bauern,
-der einen Planwagen lenkte. Da er die nackten Menschen sah, hatte er
-Mitleid und ließ sie auf den Wagen steigen. Sie fanden Heu daselbst,
-um sich hineinzulegen, und leere Säcke, um sich zuzudecken. Und da
-ihnen warm wurde, dankten sie Gott. Ulenspiegel ritt auf einem der
-Reiterpferde neben dem Wagen und hielt das andere am Zügel.
-
-In Mézières stiegen sie ab. Dort gab man ihnen gute Suppe, Bier,
-Brot, Käse und den Greisen und Frauen Fleisch. Sie wurden auf Kosten
-der Gemeinde beherbergt und von neuem gekleidet und bewaffnet. Und
-alle gaben Ulenspiegel den Bruderkuß des Segens, und er ließ es sich
-fröhlich gefallen.
-
-Er verkaufte die Pferde der beiden Reiter zu achtundvierzig Gülden, von
-denen er den Franzosen dreißig gab.
-
-Da er einsam des Weges zog, sprach er zu sich selbst: „Ich gehe durch
-Trümmer, Blut und Tränen, ohne etwas zu finden. Die Teufel haben mich
-ohne Zweifel belogen. Wo ist Lamm? Wo ist Nele? Wo sind die Sieben?“
-
-Und Klasens Asche brannte von Neuem auf seiner Brust. Und er hörte eine
-Stimme gleich einem Hauche sagen:
-
-„Such in Tod, Trümmern und Tränen.“
-
-Und er ging von dannen.
-
-
-17
-
-Ulenspiegel gelangte im Märzmond nach Namur. Dort sah er Lamm, welcher,
-von großer Liebe für die Fische der Maas, sonderlich die Forellen,
-ergriffen, einen Kahn gemietet hatte und mit Verlaub der Gemeinde im
-Fluß fischte. Aber er hatte der Fischergilde fünfzig Gülden gezahlt. Er
-verkaufte und aß seinen Fisch und erwarb sich bei diesem Handwerk eine
-Aufbesserung seines Bauches und ein Säcklein mit Karolus.
-
-Da er seinen Freund und Gesellen am Ufer der Maas wandeln sah, um in
-die Stadt zu gehen, ward er frohen Muts, stieß sein Boot gegen das
-Ufer, und indem er schnaufend die Böschung hinanstieg, gelangte er zu
-Ulenspiegel. Vor Freuden stammelnd, sagte er:
-
-„Da bist Du also, mein Sohn, mein Sohn in Gott, denn meine Arche von
-Bauch könnte ihrer zwei wie Dich tragen. Wohin gehst Du? Was willst Du?
-Bist Du gewißlich nicht tot? Hast Du mein Weib gesehen? Du sollst von
-den Fischen der Maas essen, den besten, die in dieser gemeinen Welt
-sind. Sie machen in diesem Lande Saucen, daß man seine Finger bis zu
-den Schultern aufessen möchte. Du bist stolz und hoffärtig, weil Du den
-Sonnenbrand der Schlachten auf den Wangen hast. Da bist Du also, mein
-Sohn, mein Freund Ulenspiegel, der lustige Landstreicher.“
-
-Dann leiser redend:
-
-„Wieviel Spanier hast Du getötet? Sahest Du mein Weib nicht in ihren
-Wagen voller Dirnen? Und von dem Maaswein, der für verstopfte Leute so
-köstlich ist, sollst Du trinken. Bist Du verwundet, mein Sohn? Hier
-bleibst Du, frisch und gesund und munter wie ein junger Adler. Und
-die Aale, davon sollst Du kosten. Kein Sumpfgeschmack. Küß mich, mein
-Dickwanst. Gott sei gelobt, wie froh bin ich!“
-
-Und Lamm tanzte, sprang, schnaufte und zwang Ulenspiegel zu tanzen.
-
-Dann wanderten sie gen Namur. Am Stadttor wies Ulenspiegel seinen vom
-Herzog unterschriebenen Paß vor. Und Lamm führte ihn in sein Haus.
-
-Dieweil er das Mahl bereitete, hieß er ihn seine Abenteuer erzählen,
-und er gab die seinen zum besten. Er hatte das Heer verlassen, sagte
-er, um einem Mädchen zu folgen, das ihm seine Frau zu sein dünkte. Bei
-dieser Verfolgung war er bis nach Namur gekommen. Und unaufhörlich
-sagte er:
-
-„Hast Du sie nicht gesehen?“
-
-„Ich habe andere sehr schöne gesehen,“ antwortete Ulenspiegel, „und
-sonderlich in dieser Stadt, wo alle verliebt sind.“
-
-„Wahrlich,“ sagte Lamm, „man hat mich hundert Mal haben wollen, aber
-ich blieb treu, denn mein betrübtes Herz ist von einer einzigen
-Erinnerung geschwellt.“
-
-„Gleichwie Dein Bauch von zahlreichen Gerichten,“ entgegnete
-Ulenspiegel.
-
-Lamm versetzte: „Wenn ich betrübt bin, muß ich essen.“
-
-„Ist dein Kummer ohne Ende?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Ach ja!“ sagte Lamm.
-
-Und indem er eine Forelle aus einem Tiegel zog, sprach er:
-
-„Sieh, wie schön und fest sie ist. Dies Fleisch ist rosenrot wie das
-meiner Frau. Morgen werden wir Namur verlassen; ich habe ein Säckel
-voller Gülden, wir wollen uns jeder einen Esel kaufen, und also werden
-wir uns aufmachen und nach dem Lande Flandern reiten.“
-
-„Dabei wirst Du viel verlieren.“
-
-„Mein Herz zieht mich nach Damm. Es war der Ort, wo sie mich gar lieb
-gehabt hat. Kann sein, daß sie dorthin zurückgekehrt ist.“
-
-„Da Du es begehrst, wollen wir morgen aufbrechen,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Und so geschah’s. Jeder auf einem Esel sitzend, zogen sie fort und
-ritten Seite an Seite.
-
-
-18
-
-Es wehte ein scharfer Wind. Die Sonne, in der Frühe so hell wie die
-Jugend, ergraute wie ein alter Mann. Regen, mit Schloßen gemischt,
-fiel. Als der Regen aufgehört, schüttelte sich Ulenspiegel und sprach:
-
-„Der Himmel, der so viel Dünste trinkt, muß sich bisweilen erleichtern.“
-
-Wiederum stürzte der Regen mit noch mehr Hagel als zuvor auf die beiden
-Gefährten. Lamm stöhnte:
-
-„Wir waren trefflich gewaschen; muß man uns auch noch spülen?“
-
-Die Sonne schien wieder, und sie ritten frohgemut.
-
-Nun fiel ein Regen mit Hagelschloßen, so mörderisch, daß er die dürren
-Zweige der Bäume wie mit einem Bündel von Messern zerhackte.
-
-Lamm sagte:
-
-„Hoho, ein Dach! Mein armes Weib! Wo seid Ihr, gutes Feuer, süße Küsse
-und fette Suppen?“
-
-Und der dicke Mensch weinte.
-
-Doch Ulenspiegel sprach:
-
-„Wir jammern; aber kommen nicht unsere Uebel aus uns selbst? Es regnet
-auf unsere Schultern, aber dieser Dezemberregen wird Maienklee machen.
-Und die Kühe werden vor Freude brüllen. Wir sind ohne Obdach, aber
-warum freien wir nicht? Will sagen, ich die kleine Nele, die so schön
-und gut ist und mir jetzund ein gutes Gericht Rindfleisch mit Bohnen
-dämpfen würde. Uns dürstet ohngeachtet des Wassers, das herunterkommt.
-Warum wurden wir nicht Gesellen, die einem Handwerk treu sind? Die, so
-Meister geworden sind, haben volle Tonnen Braunbiers im Keller.“
-
-Klasens Asche brannte auf seinem Herzen. Der Himmel klärte sich, die
-Sonne erglänzte und Ulenspiegel sprach:
-
-„Frau Sonne, Euch sei Dank, Ihr erwärmt uns das Kreuz. Klasens Asche,
-Du erwärmst uns das Herz und sagst uns, daß die gesegnet sind, die zur
-Befreiung des Vaterlandes umherirren.“
-
-„Mich hungert,“ sprach Lamm.
-
-
-19
-
-Sie kehrten in einer Herberge ein und man gab ihnen in einem hohen
-Gemach das Nachtessen. Ulenspiegel öffnete die Fenster und sah von da
-aus einen Garten, in dem sich ein artig Mägdlein erging, wohlgerundet,
-mit vollen Brüsten, goldenen Haaren und nur mit einem Rock, einem
-Leibchen von weißem Linnen und einer durchlöcherten Schürze von
-schwarzer Leinwand angetan.
-
-Hemden und andere Frauenwäsche bleichten auf Stricken. Das Mägdlein
-nahm die Hemden von den Stricken, sich immerdar nach Ulenspiegel
-umwendend, hängte sie wieder auf und setzte sich dann lächelnd und
-immerdar ausschauend auf die aufgereihte Wäsche und schaukelte sich auf
-den beiden zusammengeknoteten Enden.
-
-In der Nachbarschaft hörte Ulenspiegel einen Hahn krähen und sah eine
-Amme, die spielte mit einem Kinde und wandte sein Antlitz einem Manne
-zu, der vor ihr stand; und dabei sagte sie:
-
-„Boelkin, mach Väterchen freundliche Augen.“
-
-Das Kind weinte.
-
-Und das artige Mägdlein lustwandelte fürder im Garten und nahm die
-Wäsche ab und hängte sie wieder auf.
-
-„Das ist eine Spionin,“ sagte Lamm.
-
-Das Mägdlein hielt die Hände vor die Augen und durch die Finger
-lächelnd, blickte es Ulenspiegel an.
-
-Dann hob es mit vollen Händen seine Brüste in die Höhe, ließ sie wieder
-fallen und schaukelte sich von neuem, ohne daß seine Füße den Boden
-berührten. Und die Hemden, die herunterflogen, machten, daß es sich
-gleich einem Kreisel drehte, indessen Ulenspiegel seine Arme, weiß
-und rund im bleichen Sonnenschein, bis an die Schultern erblickte. Es
-drehte sich und lächelte und schaute ihn immer an. Er ging hinaus, um
-es aufzusuchen. Lamm folgte ihm. Er suchte ein Loch in der Gartenhecke,
-um hindurchzuschlüpfen, aber er fand keines.
-
-Da das Mägdlein sein Treiben sah, blickte es ihn wiederum lächelnd
-durch die Finger an.
-
-Ulenspiegel versuchte durch die Hecke zu dringen, derweil Lamm ihn
-zurückhielt und sagte:
-
-„Geh nicht, das ist eine Spionin, wir werden verbrannt werden.“
-
-Dann lustwandelte das Mädchen im Gärtlein, bedeckte sich das Gesicht
-mit der Schürze und lugte durch die Löcher, zu sehen, ob ihr Freund von
-Ohngefähr nicht bald käme.
-
-Ulenspiegel wollte mit einem Satz über die Hecke springen, aber Lamm
-hinderte ihn daran, ihn am Bein packend, daß er zu Boden fiel, und
-sprach:
-
-„Strang, Schwert und Galgen! Das ist eine Spionin, geh nicht hin!“
-
-Auf der Erde sitzend, suchte Ulenspiegel sich seiner zu erwehren. Das
-Mägdlein steckte den Kopf über die Hecke und rief:
-
-„Gehabt Euch wohl, Herr, Amor möge Euch Langmütigen in der Schwebe
-halten.“
-
-Und er hörte ein spöttisches Lachen erschallen.
-
-„Wehe,“ sagte er, „das ist für mein Ohr wie ein Bund Nadeln.“
-
-Dann wurde eine Tür zugeschmettert.
-
-Und er ward schwermütig.
-
-Lamm, der ihn alleweil festhielt, sprach:
-
-„Du zählst die holden Schätze der Schönheit, die zu Deiner Schande
-verloren sind. Das ist eine Spionin. Du fällst gut, wenn Du fällst. Ich
-werde noch vor Lachen bersten.“
-
-Ulenspiegel blieb stumm und alle beide bestiegen wiederum ihre Esel.
-
-
-20
-
-So zogen sie selbander, hier ein Bein und da ein Bein auf ihrem Esel.
-Lamm kaute an seiner letzten Mahlzeit und sog frohgemut die frische
-Luft ein. Unversehens zog Ulenspiegel ihm einen gewaltigen Hieb mit der
-Peitsche über das Gesäß, welches ein Polster im Sattel bildete.
-
-„Was machst Du da?“ schrie Lamm kläglich.
-
-„Was?“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Dieser Peitschenhieb?“
-
-„Welcher Peitschenhieb?“
-
-„Den ich von Dir empfing,“ versetzte Lamm.
-
-„Von links?“
-
-„Ja, von links und auf meinen Hintern. Warum tatest Du das,
-Schalksknecht?“
-
-„Aus Unwissenheit,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich weiß sehr wohl, was
-eine Peitsche ist, und eben so wohl, was ein Gesäß auf einem engen
-Sattel ist. Da ich nun dieses so breit, geschwollen und prall sah,
-wie es über den Sattel quoll, sagte ich mir: Da man nicht mit dem
-Finger hineinzwicken kann, so könnte man ihm auch nicht mit der
-Peitschenschnur wehe tun. Ich beging einen Irrtum.“
-
-Da Lamm bei dieser Rede lächelte, sprach Ulenspiegel solcherart weiter:
-
-„Aber ich bin es nicht allein in dieser Welt, der aus Unwissenheit
-sündigt; es ist mehr als ein Erzdummkopf, der sein Fett auf dem Sattel
-eines Esels zur Schau stellt, der es mir darin zuvor tun könnte. Wenn
-meine Peitsche an deinem Gesäß sündigte, so hast Du viel schwerer an
-meinen Beinen gesündigt, indem Du sie hindertest, hinter dem Mädchen
-herzulaufen, das im Garten auf Buhlschaft ausging.“
-
-„Rabenfutter!“ sprach Lamm; „das war also Rache?“
-
-„Eine ganz kleine,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-
-21
-
-In Damm lebte Nele betrübt mit Katheline, die den kalten Teufel,
-welcher nicht kam, zärtlich rief.
-
-„Ach,“ sagte sie, „Du bist reich, Hanske, mein Buhle, und könntest mir
-die siebenhundert Karolus wiederbringen. Alsdann wird Soetkin aus dem
-Fegefeuer lebendig auf die Erde zurückkehren, und Klas würde im Himmel
-lachen; wohl kannst Du es tun. Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch,
-die Seele will hinaus.“
-
-Und sie wies mit dem Finger ohn Unterlaß auf die Stelle, wo der Werg
-gelegen hatte.
-
-Katheline war sehr arm, doch die Nachbarn unterstützten sie mit Bohnen,
-Brot und Fleisch nach ihren Mitteln. Die Gemeinde gab ihr etwas Geld.
-Und Nele nähte Kleider für die reichen Bürgerfrauen und ging zu ihnen,
-um die Wäsche zu bügeln, und verdiente dergestalt einen Gülden die
-Woche.
-
-Und Katheline sagte beständig:
-
-„Macht ein Loch, nehmt meine Seele fort. Sie pocht und will
-hinausgehen. Er wird die siebenhundert Karolus wiederbringen.“
-
-Und Nele weinte, wenn sie das hörte.
-
-
-22
-
-Indessen kehrten Ulenspiegel und Lamm, mit ihren Pässen versehen, in
-eine kleine Herberge ein, die sich an die Felsen der Sambre lehnte,
-welche an gewissen Stellen mit Bäumen bedeckt sind. Auf dem Schild
-stand geschrieben: Bei Marlaire.
-
-Nachdem sie manch Fläschlein Maaswein in Burgunder Art getrunken und
-viele gesalzene Fische verspeist hatten, plauderten sie mit dem Wirt,
-der ein Papist reinsten Wassers war, aber geschwätzig wie eine Elster,
-des Weines wegen, den er getrunken hatte. Unaufhörlich zwinkerte er
-boshaft mit den Augen. Ulenspiegel vermutete hinter diesem Zwinkern
-etwelches Geheimnis und ließ ihn noch mehr trinken, also daß der Wirt
-anhub zu tanzen und in Gelächter auszubrechen. Dann setzte er sich
-wieder an den Tisch und sagte:
-
-„Gute Katholiken, ich trinke auf Euer Wohl.“
-
-„Wir trinken auf das Deine,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.
-
-„Auf die Ausrottung jeder Pest von Rebellion und Ketzerei!“
-
-„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel und füllten ohn
-Unterlaß den Becher des Wirts, der ihn niemals leer sehen konnte.
-
-„Ihr seid Biedermänner,“ sprach er. „Ich trinke auf Eure Freigebigkeit;
-ich verdiene am Wein, der getrunken. Wo sind Eure Pässe?“
-
-„Hier sind sie,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Vom Herzog unterzeichnet. Ich trinke auf des Herzogs Wohl.“
-
-„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.
-
-Der Wirt fuhr in seiner Rede fort:
-
-„Worin fängt man die Ratten, Mäuse und Hamster? In Ratten-, Hamster-
-und Mausefallen. Wer ist der Hamster? Das ist der große Ketzer,
-orangefarben gleich dem Feuer der Höllen.[4] Gott ist mit uns. Sie
-werden kommen. Ha, ha! Zu trinken! Schenk ein, ich koche, ich brenne.
-Zu trinken! Sehr schöne, kleine, reformierte Prediger ... Kleine,
-sage ich ... schöne, kleine, tapfere, starke Soldaten, Eichen ... Zu
-trinken! Werdet Ihr nicht mit ihnen in das Lager des großen Ketzers
-gehen? Ich habe Pässe, von ihm unterzeichnet ... Ihr werdet ihren
-Auftrag mit Augen sehen.“
-
-„Wir werden ins Lager gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-„Sie werden sich gut dazuhalten, und in der Nacht, wenn die Gelegenheit
-günstig ist, (und der Wirt machte pfeifend einen Mann nach, der einen
-andern erwürgt) wird Eisenwind die Drossel Nassau hindern, noch mehr zu
-pfeifen. Holla, zu trinken!“
-
-„Du bist lustig, ob Du gleich verheiratet bist,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-Der Wirt sagte:
-
-„Das bin ich nicht, noch war ich es. Ich hüte die Geheimnisse der
-Fürsten. Gebt mir zu trinken. / Mein Weib würde sie mir vom Kopfkissen
-stehlen, um mich henken zu lassen und eher Wittib zu werden als
-die Natur will. So wahr Gott lebt! Sie werden kommen. Wo sind die
-neuen Pässe? Auf meinem christlichen Herzen. Laßt uns trinken! Da
-sind sie, da, in dreihundert Schritt Entfernung auf dem Wege, bei
-Marche-les-Dames. Sehet Ihr sie? Laßt uns trinken.“
-
-„Trink,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „trink; ich trinke auf den König,
-den Herzog, die Prediger und auf Eisenwind. Ich trinke auf Dein Wohl
-und meins; ich trinke auf den Wein und auf die Flasche. Du trinkst ja
-nicht.“ Und bei jedem Trinkspruch füllte Ulenspiegel von neuem das Glas
-und der Wirt leerte es.
-
-Ulenspiegel betrachtete ihn etliche Zeit. Dann sagte er, sich erhebend:
-
-„Er schläft; wir wollen uns davonmachen, Lamm.“
-
-Als sie draußen waren:
-
-„Er hat kein Weib, uns zu verraten ... Die Nacht sinkt herab ... Du
-hast deutlich vernommen, was dieser Taugenichts sagte; und Du weißt,
-wer die drei Prediger sind?“
-
-„Ja,“ sprach Lamm.
-
-„Du weißt, das sie die Maas entlang von Marche-les-Dames kommen, und
-daß man gut tun wird, sie auf dem Wege zu erwarten, ehe denn Eisenwind
-zu Atem kommt.“
-
-„Ja,“ sprach Lamm.
-
-„Wir müssen dem Prinzen das Leben retten,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Ja,“ sprach Lamm.
-
-„Da,“ sprach Ulenspiegel, „nimm meine Büchse, geh dort in das Gebüsch
-zwischen den Felsen; lade sie mit zwei Kugeln und ziele, wenn ich wie
-ein Rabe krächze.“
-
-„Das will ich tun,“ sprach Lamm.
-
-Und er verschwand im Gebüsch. Alsbald hörte Ulenspiegel das Rad der
-Büchse knarren.
-
-„Siehst Du sie kommen?“ fragte er.
-
-„Ich sehe sie“; antwortete Lamm. „Es sind ihrer drei, die gleich
-Soldaten marschieren, und der Eine überragt die Andern um Haupteslänge.“
-
-Ulenspiegel setzte sich mit vorgestreckten Beinen auf den Weg, indem er
-murmelnd einen Rosenkranz abbetete, wie die Bettler tun. Und er hatte
-seinen Hut zwischen den Knieen.
-
-Als die drei Prediger vorübergingen, hielt er ihnen seinen Hut hin, sie
-aber legten nichts hinein.
-
-Da stand Ulenspiegel auf und sagte kläglich:
-
-„Ihr guten Herren, versagt einem armen Steinhauer, der sich letzthin
-in einer Grube des Steinbruchs die Lenden gebrochen hat, nicht einen
-Stüver. Sie sind hart in diesem Lande und haben mir nichts geben
-wollen, mein trauriges Elend zu lindern. Wehe, gebt mir einen Stüver,
-dann werde ich für Euch beten. Und Gott wird Eure großmütige Gnaden das
-ganze Leben fröhlich erhalten.“
-
-„Mein Sohn,“ sagte einer der Prediger, ein starker Mann, „für uns wird
-in dieser Welt keine Freude sein, solange Papst und Inquisition darin
-regieren.“
-
-Ulenspiegel seufzte gleichfalls und sprach:
-
-„Wehe! was sagt Ihr, edle Herren? Sprecht leise, wenn es Euer Gnaden
-beliebt. Aber gebt mir einen Stüver.“
-
-„Mein Sohn,“ antwortete ein kleiner Prediger mit kriegerischem Antlitz,
-„wir armen Märtyrer haben nur so viel Stüver, wie wir brauchen, uns
-unterwegs zu ernähren.“
-
-Ulenspiegel warf sich auf die Kniee.
-
-„Segnet mich,“ sagte er.
-
-Die drei Prediger legten die Hand ohne Frömmigkeit auf Ulenspiegels
-Kopf.
-
-Da er wahrnahm, daß sie mager waren und doch mächtige Bäuche hatten,
-erhob er sich, stellte sich, als ob er fiele, und stieß mit der Stirn
-gegen den Bauch des hochgewachsenen Predigers, wobei er ein lustiges
-Klingeln von Münzen vernahm.
-
-Da richtete er sich auf und zog sein kurzes Schwert.
-
-„Ihr schönen Väter,“ sagte er, „es ist kalt; ich bin schlecht
-bekleidet, und Ihr habt mehr als genug. Gebt mir von Eurer Wolle, daß
-ich mir daraus einen Mantel schneiden kann. Ich bin Geuse, es lebe der
-Geuse!“
-
-Der große Prediger antwortete:
-
-„Du gekrönter Geuse, Du trägst den Kamm hoch; wir werden ihn Dir
-abschneiden.“
-
-„Abschneiden,“ sprach Ulenspiegel, indem er zurückwich; „aber Eisenwind
-wird Euch anhauchen, ehe er den Prinzen anhaucht. Geuse bin ich, es
-lebe der Geuse!“
-
-Die drei Prediger sagten bestürzt untereinander:
-
-„Woher kommt ihm die Kunde? Wir sind verraten. Drauf! Es lebe die
-Messe!“
-
-Und sie zogen unter ihren Hosen schöne, scharfgeschliffene Schwerter
-hervor.
-
-Doch Ulenspiegel entwich, ohne ihnen stand zu halten, nach dem Gebüsch,
-worin Lamm verborgen war. Als er meinte, daß die Prediger in Schußweite
-seien, sprach er:
-
-„Ihr Raben, schwarze Raben, Bleiwind wird wehen. Ich singe Euer
-Sterbelied.“
-
-Und er krächzte.
-
-Ein Büchsenschuß aus dem Gebüsch streckte den größten Prediger nieder,
-mit dem Gesicht auf den Boden; ein zweiter Schuß warf den zweiten auf
-den Weg.
-
-Und zwischen den Büschen erblickte Ulenspiegel Lamms gutes
-Vollmondsgesicht und seinen erhobenen Arm, der hastig die Büchse wieder
-lud. Und ein blauer Rauch stieg aus dem schwarzen Gebüsch auf.
-
-Der dritte Prediger, vor männlicher Wut rasend, wollte Ulenspiegel mit
-aller Gewalt aus dem Busche reißen. Der aber sprach:
-
-„Eisenwind oder Bleiwind, Du wirst aus dieser Welt scheiden und in die
-andere gehen, Du schändlicher Mordstifter!“
-
-Und er griff ihn an und er wehrte sich tapfer.
-
-Fest standen sie Aug’ in Aug’ auf dem Wege, teilten Hiebe aus und
-parierten sie.
-
-Ulenspiegel war von Blut überströmt, maßen sein Gegner, ein geübter
-Kämpfer, ihn am Kopf und Bein verwundet hatte. Doch er griff ihn an
-und verteidigte sich wie ein Leu. Da ihn das Blut, so von seinem Kopf
-strömte, blendete, wich er in großen Schritten zurück, wischte es mit
-der Linken ab und fühlte, daß er schwach wurde. Er wäre getötet worden,
-hätte Lamm nicht auf den Prediger geschossen und ihn niedergestreckt.
-
-Und Ulenspiegel sah und hörte ihn Lästerworte, Blut und Todesschaum
-ausspeien.
-
-Und blauer Rauch stieg aus dem Gebüsch auf, darinnen Lamm wiederum sein
-gutes Vollmondsgesicht sehen ließ.
-
-„Ist es vollendet?“ fragte er.
-
-„Ja, mein Sohn,“ antwortete Ulenspiegel, „aber komm ...“
-
-Da Lamm aus seinem Versteck trat, sah er Ulenspiegel ganz mit Blut
-bedeckt. Ohngeachtet seines Bauches wie ein Hirsch rennend, gelangte er
-zu Ulenspiegel, der neben den Getöteten auf der Erde saß.
-
-„Er ist verwundet,“ sprach er, „mein herzlieber Freund, von diesem
-nichtsnutzigen Mörder verwundet.“ Und mit einem Stoß seines Absatzes
-zerbrach er dem nächsten Prediger die Zähne. „Du antwortest nicht,
-Ulenspiegel! Wirst Du sterben, mein Sohn? Wo ist der Balsam? Ha, unten
-in seinem Felleisen unter den Würsten. Ulenspiegel, hörst Du mich
-nicht? Wehe, ich habe kein lauwarmes Wasser, Deine Wunde zu waschen,
-und keine Möglichkeit, welches zu bekommen. Aber das Sambrewasser wird
-genügen. Sprich zu mir, mein Freund. Du bist doch nicht so schwer
-verwundet. Ein wenig Wasser, recht kalt, nicht so? Er erwacht. Ich bin
-es, mein Sohn, dein Freund. Sie sind alle tot. Leinwand, Leinwand,
-seine Wunden zu verbinden. Keine da. Also mein Hemd.“ / Er zog sich
-aus. / Und Lamm redete weiter: „In Stücke das Hemd. Das Blut stockt.
-Mein Freund wird nicht sterben.“
-
-„Ha,“ sprach er, „es ist kalt mit nacktem Rücken in dieser frischen
-Luft. Kleiden wir uns wieder an. Er wird nicht sterben. Ich bin’s,
-Ulenspiegel, ich, Dein Freund Lamm. Er lächelt. Ich werde die Mörder
-plündern. Sie haben Bäuche aus Gülden. Güldene Kaldaunen. Karolus,
-Gülden, Taler, Stüver und Briefe. Wir sind reich. Ueber dreihundert
-Karolus zu teilen. Wir wollen die Waffen und das Geld nehmen. Eisenwind
-wird noch nicht für Seine Gnaden wehen.“
-
-Ulenspiegel stand auf und klapperte vor Frost mit den Zähnen.
-
-„Da bist Du wieder auf den Beinen!“ sprach Lamm.
-
-„Das ist die Kraft des Balsams,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Balsam der Tapferkeit,“ versetzte Lamm.
-
-Alsdann nahm er die Leichen der drei Prediger eine nach der andern und
-warf sie in ein Loch zwischen den Felsen; ihre Waffen und Kleider ließ
-er ihnen, außer dem Mantel.
-
-Und am Himmel, rund um sie her, krächzten die Raben, die ihres Futters
-harrten. Und die Sambre floß wie ein eherner Strom unter dem grauen
-Himmel. Und der Schnee fiel und wusch das Blut fort.
-
-Dennoch waren sie bekümmert und Lamm sprach:
-
-„Ich töte lieber ein Huhn als einen Menschen.“
-
-Und sie stiegen wieder auf ihre Esel.
-
-Am Tor von Huy floß das Blut immer noch. Sie stellten sich, als
-fingen sie Streit an, stiegen von ihren Eseln und fochten mit ihren
-Schwertern, dem Ansehen nach schier grausam. Als der Kampf beendet war,
-saßen sie wieder auf und ritten in Huy ein, nachdem sie am Stadttor
-ihre Pässe vorgewiesen hatten.
-
-Da die Frauen Ulenspiegel verwundet und blutend und Lamm auf seinem
-Esel den Sieger spielen sahen, betrachteten sie Ulenspiegel mit
-zärtlichem Mitleid; aber Lamm drohten sie mit der Faust und sagten:
-
-„Das ist der Taugenichts, der seinen Freund verwundet.“
-
-Voll Unruhe suchte Lamm unter ihnen sein Weib.
-
-Es war vergebens und er blies Trübsal.
-
-
-23
-
-„Wohin gehen wir?“ fragte Lamm.
-
-„Nach Maestricht,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Aber, mein Sohn, man sagt, daß des Herzogs Kriegsknechte da rund um
-die Stadt liegen und daß er sich selbst darinnen befindet. Unsere
-Pässe werden nicht hinreichen. Wenn die hispanischen Söldner sie gut
-befinden, werden wir darum nicht weniger in der Stadt festgehalten und
-verhört werden. Unterweilen werden sie den Tod der Prediger erfahren,
-und mit unserm Leben wird es zu Ende sein.“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Die Raben, Eulen und Geier werden in Bälde mit ihrem Fleisch ein
-Ende gemacht haben. Ihr Gesicht ist ohne Zweifel schon unkenntlich.
-Was unsere Pässe angeht, so mögen sie gut sein; so man aber Kunde vom
-Morde erhielte, würden wir, wie Du sagst, gefangen genommen. Dessen
-ohngeachtet müssen wir über Landen nach Maestricht gehen.“
-
-„Sie werden uns henken,“ sagte Lamm.
-
-„Wir werden durchkommen,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-So ratschlagend, kamen sie nach der Herberge „Zur Elster“, allwo sie
-gute Kost, gutes Nachtlager und Heu für ihre Esel fanden.
-
-Am andern Morgen machten sie sich auf den Weg nach Landen.
-
-Da sie bei einem großen Pachthofe vor der Stadt angelangt waren,
-trillerte Ulenspiegel wie eine Lerche und alsbald antwortete ihm von
-drinnen das kriegerische Trompeten des Hahnes. Ein Pächter, der ein
-ehrlich Gesicht hatte, erschien auf der Türschwelle.
-
-„Freunde als Freie, es lebe der Geuse! Tretet ein!“ sprach er.
-
-„Wer ist dieser?“ fragte Lamm.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Thomas Utenhove, der tapfere Reformierte. Seine Knechte und Mägde
-arbeiten gleich ihm für das freie Gewissen.“
-
-Darauf sprach Utenhove:
-
-„Ihr seid des Prinzen Gesandte. Esset und trinket.“
-
-Und der Schinken prasselte in der Pfanne und die Blutwürste
-desgleichen, und der Wein ließ nicht auf sich warten, und die Gläser
-füllten sich.
-
-Und Lamm trank wie trockener Sand und aß tapfer.
-
-Knechte und Mägde des Pachthofs kamen nacheinander und steckten die
-Nase durch die halbgeöffnete Tür, um der Arbeit seiner Kinnbacken
-zuzuschauen; und die Männer wurden eifersüchtig und sagten, daß sie es
-ebensogut könnten.
-
-Nach vollendeter Mahlzeit sprach Utenhove:
-
-„Hundert Bauern werden diese Woche von hier aufbrechen, unter
-dem Vorgeben, daß sie in Brügge und Umgegend an den Deichen
-arbeiten wollen. Sie werden in Rotten von fünf oder sechs und auf
-unterschiedlichen Wegen reisen. In Brügge werden Barken sein, um sie
-übers Meer nach Emden zu bringen.“
-
-„Sind sie mit Waffen und Geld versehen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Sie sollen jeder zehn Gülden und große Hirschfänger haben.“
-
-„Gott und der Prinz werden Dir’s lohnen,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Ich arbeite nicht um Lohn,“ erwiderte Thomas Utenhove.
-
-„Wie macht Ihr’s,“ sagte Lamm, während er die dicken, schwarzen
-Blutwürste knusperte, „wie macht Ihr’s, Herr Wirt, um ein so duftend,
-saftig Gericht von so zartem Fett zu erhalten?“
-
-„Das kommt,“ sprach der Wirt, „weil wir Zimmet und Baldrian darantun.“
-
-Dann zu Ulenspiegel redend, sagte er:
-
-„Ist Edzard, Graf von Friesland, allzeit des Prinzen Freund?“
-
-„Er hält seine Gesinnung geheim, wiewohl er seinen Schiffen in Emden
-Asyl gibt.“ Und er fügte hinzu:
-
-„Wir müssen nach Maestricht.“
-
-„Das wirst Du nicht können,“ sagte der Wirt; „des Herzogs Heer ist vor
-der Stadt und rings umher.“
-
-Dann führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm in der Ferne die
-Fähnlein und Standarten der Reiter und Fußsoldaten, die auf freiem
-Felde ritten und marschierten.
-
-Ulenspiegel sprach:
-
-„Ich werde passieren, wenn Ihr, der Ihr an diesem Ort mächtig seid, mir
-Erlaubnis gebt, mich zu verheiraten. Was die Frau angeht, so brauche
-ich eine, die anmutig, sanft und schön ist und mich freien will, wenn
-nicht für immer, zum wenigsten für eine Woche.“
-
-Lamm seufzte und sprach:
-
-„Tu’s nicht, mein Sohn, sie würde Dich allein lassen, von Liebesglut
-verzehrt. Dein Bett, in dem Du so ruhig schläfst, wird Dir gleich einem
-Pfühl von Stechpalmen sein und Dir den süßen Schlummer rauben.“
-
-„Ich werde heiraten,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-Und da Lamm nichts mehr auf dem Tische fand, ward er schier betrübt.
-Da er jedoch Kapaune in einem Napf entdeckte, knabberte er sie
-melancholisch.
-
-Ulenspiegel sagte zu Thomas Utenhove:
-
-„Wohlan, darauf trink ich, schafft mir eine Frau, reich oder arm. Ich
-gehe mit ihr zur Kirche und lasse die Ehe durch den Pfarrer einsegnen.
-Dieser gibt uns einen Trauschein, nicht gültig, da er von einem
-papistischen Inquisitor kommt. Wir lassen darin feststellen, daß wir
-alle gute Christen sind, maßen wir gebeichtet und kommuniziert haben
-und gemäß den Vorschriften unsrer heiligen römischen Mutter Kirche,
-so ihre Kinder verbrennt, apostolisch leben. Und also rufen wir die
-Segnungen unseres heiligen Vaters, des Papstes, der himmlischen und
-irdischen Heerscharen, der heiligen Männer und Frauen, der Dechanten,
-Pfaffen, Mönche, Söldlinge, Bluthunde und andrer Lumpen auf uns herab.
-Mit besagtem Zeugnis versehen, machen wir die Vorbereitungen zur Reise,
-die bei der Hochzeitfeier Brauch ist.“
-
-„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.
-
-„Die mußt Du für mich finden,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich nehme also
-zwei Wagen, schmücke sie mit Kränzen von Fichtenzweigen, Stechpalmen
-und Papierblumen und besetze sie mit etlichen Bauern, die Du zum
-Prinzen schicken willst.“
-
-„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.
-
-„Die ist gewißlich hier,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-Und er redete weiter:
-
-„Ich spanne zwei Deiner Pferde vor den einen Wagen, unsere beiden Esel
-vor den andern. In den ersten Wagen setze ich meine Frau und mich,
-meinen Freund Lamm und die Trauzeugen, in den zweiten die Spielleute
-mit Schellentrommeln, Querpfeifen und Schalmeien. Dann tragen wir
-lustige Hochzeitsbanner, und mit Trommeln, Singen und Trinken fahren
-wir im scharfen Trab auf der Heerstraße, die uns zum Galgenfelde oder
-in die Freiheit führt.“
-
-„Ich will Dir helfen,“ sprach Thomas Utenhove. „Aber die Frauen und
-Mädchen werden ihren Männern folgen wollen.“
-
-„Wir werden in Gottes Schutz gehen,“ sagte ein hübsches Mägdlein und
-steckte den Kopf in die halboffene Tür.
-
-„Wenn es not tut, sind vier Wagen da, und dergestalt können wir über
-fünfundzwanzig Mann durchbringen.“
-
-„Der Herzog wird übertölpelt werden,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Und in des Prinzen Flotte werden etliche gute Soldaten mehr dienen,“
-erwiderte Thomas Utenhove.
-
-Dann läutete er seinen Knechten und Mägden und sprach zu ihnen: „Ihr
-alle, die Ihr aus Zeeland seid, Männer und Weiber, höret. Gegenwärtiger
-Ulenspiegel, der Vläme, will, daß Ihr in hochzeitlichen Kleidern durch
-des Herzogs Heer hindurchziehet.“
-
-Männer und Frauen aus Zeeland riefen mitsammen:
-
-„Bei Todesgefahr! Wir wollen!“
-
-Und die Männer redeten untereinander:
-
-„Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft zu verlassen und aufs
-freie Meer zu gehen. Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?“
-
-Die Frauen und Mädchen sagten:
-
-„Wir wollen unsern Männern und Freunden folgen. Wir sind aus Zeeland
-und werden dort Zuflucht finden.“
-
-Ulenspiegel erspähte ein junges, artiges Mägdlein, trieb seinen Scherz
-mit ihr und sagte:
-
-„Ich will Dich freien.“
-
-Und sie antwortete errötend:
-
-„Ich will Dich, aber nur in der Kirche.“
-
-Und mit Lachen sprachen die Frauen untereinander:
-
-„Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, des Baas Sohn. Er geht gewiß mit
-ihr.“
-
-„Ja,“ antwortete Hans.
-
-Und der Vater sprach zu ihm:
-
-„Du kannst es tun.“
-
-Die Männer legten ihr Festgewand an, Wams und Hosen von Sammet und
-den weiten Mantel darüber; auch setzten sie große Hüte zum Schutz
-gegen Sonne und Regen auf. Die Weiber, in schwarzen Strümpfen und
-geschlitzten Schuhen, trugen den großen, güldenen Stirnschmuck,
-links für die Mädchen und rechts für die Ehefrauen; am Halse die
-weiße Krause, den Brustlatz in güldner, scharlachner und azurblauer
-Stickerei, der Rock von schwarzer Wolle mit breiten Sammetstreifen
-in der nämlichen Farbe, schwarzwollene Strümpfe und Sammetschuhe mit
-Silberschnalle.
-
-Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester zu bitten, für
-zwei Reichstaler, die er ihm in die Hand steckte, ohne Verzug Tylbert,
-des Klas Sohn, mit Tannekin Pieters zu trauen, und der Pfarrer willigte
-darein.
-
-Ulenspiegel ging also, von der ganzen Hochzeitsgesellschaft gefolgt,
-in die Kirche und vermählte sich allda vor dem Priester mit Tannekin,
-die so schön und reizend, so freundlich und rundlich war, daß er gern
-in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen Liebesapfel. Und er sagte es
-ihr, da er aus Scheu vor ihrer sanften Schönheit es nicht zu tun wagte.
-Sie aber sprach schmollend zu ihm:
-
-„Laß mich; da ist Hans, der sieht Euch an, um Euch umzubringen.“
-
-Und ein Mägdlein, ein eifersüchtiges, sagte zu ihm:
-
-„Such anderswo; siehest Du nicht, daß sie Angst vor ihrem Manne hat.“
-
-Lamm rieb sich die Hände und rief aus:
-
-„Du sollst sie nicht alle haben, Taugenichts.“
-
-Und er freute sich baß.
-
-Ulenspiegel nahm sein Leid in Geduld hin und kehrte mit den
-Hochzeitsgästen zum Pachthof zurück. Und da trank er, sang und war
-guter Dinge und trank dem eifersüchtigen Mägdlein zu. Des war Hans
-froh, aber nicht Tannekin noch des Mägdleins Bräutigam.
-
-Bei hellem Sonnenschein und frischem Winde fuhren die Wagen um Mittag,
-mit Grün und Blumen geschmückt davon, mit flatternden Fahnen und
-beim fröhlichen Klang der Schellentrommeln, Schalmeien, Quer- und
-Sackpfeifen.
-
-In Albas Lager war ein ander Fest. Nachdem die Wachen und Vorposten
-Alarm geblasen hatten, kamen sie nacheinander zurück und meldeten:
-
-„Der Feind ist nahe; wir haben den Lärm der Trommeln und Pfeifen gehört
-und die Fahnen erblickt. Es ist eine starke Abteilung Reiterei, die
-dorthin gerückt ist, um Euch in irgend einen Hinterhalt zu locken. Die
-Hauptmacht ist ohnzweifelhaft ferner.“
-
-Alsbald ließ der Herzog Feldmeister, Obristen und Hauptleute
-benachrichtigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung aufzustellen, und
-ließ den Feind auskundschaften.
-
-Plötzlich erschienen vier Wagen, die auf die Scharfschützen zufuhren.
-In den Wagen tanzten die Männer und Weiber, die Flaschen machten die
-Runde, und lustig kreischten die Pfeifen, ächzten die Schalmeien,
-dröhnten die Trommeln und schnarrten die Dudelsäcke.
-
-Nachdem die Hochzeitsgesellschaft Halt gemacht hatte, kam Alba selbst
-auf den Lärm herbei und sah die junge Frau auf einen der vier Wagen,
-Ulenspiegel, ihr Ehegespons, neben ihr, ganz mit Blumen geschmückt; und
-alle Bauern und Bäuerinnen waren abgestiegen, tanzten herum und gaben
-den Soldaten zu trinken.
-
-Alba und die Seinen verwunderten sich gewaltig der Einfalt dieser
-Bauern, die da sangen und feierten, wo alles um sie her in Waffen war.
-Und die in den Wagen waren, gaben den Soldaten all ihren Wein.
-
-Und sie wurden von ihnen gepriesen und geehrt.
-
-Da der Wein in den Wagen ein Ende nahm, machten sich die Bauern und
-Bäuerinnen beim Klange der Schellentrommeln, Quer- und Sackpfeifen
-wieder auf den Weg, ohne belästigt zu werden. Und frohen Muts gaben die
-Soldaten ihnen zu Ehren eine Salve Büchsenschüsse ab. Und dergestalt
-zogen sie in Maestricht ein, wo Ulenspiegel sich mit reformierten
-Unterhändlern ins Einvernehmen setzte, um der Flotte des Schweigers
-Schiffe, Waffen und Munition zu senden. Und desgleichen taten sie in
-Landen. Und als Tagelöhner gekleidet zogen sie allerorten hin.
-
-Dem Herzog ward die Kriegslist kund; und es ward ein Lied darauf
-gemacht, welches man ihm sandte, und der Kehrreim lautete:
-
- „Blutherzog, Du Tropf,
- Hast Du die Braut gesehen?“
-
-Und allemal, wenn er ein falsches Manöver gemacht hatte, sangen die
-Soldaten:
-
- „Der Herzog ist geblendet,
- Er hat die Braut gesehen.“
-
-
-24
-
-Inzwischen brütete König Philipp unheilvollen Trübsinn. In seinem
-leidenden Hochmut bat er Gott, ihm Macht zu geben, Engelland zu
-besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua und Venedig zu nehmen
-und dergestalt als großer Meerbeherrscher über ganz Europa zu regieren.
-
-Dieses Triumphes gedenkend, lachte er nicht.
-
-Es fror ihn beständig; der Wein erwärmte ihn nicht, noch das Feuer
-von duftendem Holze, das allezeit in dem Gemache, darin er sich
-aufhielt, brannte. Dieweil er unaufhörlich schrieb und inmitten so
-vieler Briefe saß, daß man hundert Tonnen damit hätte anfüllen können,
-gedachte er der allumfassenden Weltherrschaft, wie sie die römischen
-Kaiser ausgeübt hatten. Er gedachte des eifersüchtigen Hasses wider
-seinen Sohn Don Carlos, seit dieser an Herzog Albas Stelle nach den
-Niederlanden hatte gehen wollen, ohne Zweifel, um dort den Versuch zu
-machen zu regieren; so glaubte er.
-
-Und beim Anblick dieses wilden und bösartigen Verrückten, der häßlich
-und mißgestalt war, faßte er noch größeren Haß gegen ihn. Doch er
-redete nicht darüber.
-
-Die, so König Philipp und seinem Sohne Don Carlos dienten, wußten
-nicht, welchen von beiden sie am meisten fürchten sollten, den
-behenden, mörderischen Sohn, der seine Diener mit seinen Nägeln
-zerfleischte, oder den feigen, tückischen Vater, der sich andrer
-bediente, um zu schlagen, und gleich einer Hyäne von Leichen lebte.
-
-Die Diener erschraken, da sie sie um einander herum schleichen sahen.
-Und sie sagten, daß in Bälde etwelcher Todesfall im Escurial eintreten
-würde.
-
-Nun aber erfuhren sie bald, daß Don Carlos wegen Verbrechen des
-Hochverrats eingekerkert sei. Und sie wußten, daß sich seine Seele in
-finsterm Groll verzehrte und daß er sich im Gesicht verletzt hatte, als
-er sich durch die Eisenstäbe seines Gefängnisses zwängen wollte, um zu
-entfliehen, und daß Madame Isabella von Frankreich unablässig weinte.
-
-Aber König Philipp weinte nicht.
-
-Und es ging das Gerücht, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben
-und daß er am nächsten Tage gestorben sei, gleich als wäre er
-eingeschlafen. Die Aerzte sagten: Sobald er die Feigen gegessen
-hatte, hörte das Blut auf zu pulsen und alle Funktionen des Lebens,
-wie die Natur sie vorschreibt, waren unterbrochen. Er konnte nicht
-mehr ausspeien, noch erbrechen, noch irgend etwas aus seinem Körper
-hinausbringen. Sein Leib schwoll beim Sterben auf.
-
-König Philipp hörte für Don Carlos die Seelenmesse, ließ ihn in der
-Kapelle seiner königlichen Residenz beisetzen und einen Stein über
-seinen Leichnam decken; aber er weinte nicht. Und die Diener sprachen
-untereinander, indem sie mit der prinzlichen Grabschrift, so auf dem
-Leichenstein stand, ihren Spott trieben:
-
- Hier ruht, der grüne Feigen gegessen;
- Er starb und ist nicht krank gewesen.
- ~A qui jaze qui en para desit verdad
- Morio sin infirmidad.~
-
-Und König Philipp sah die Prinzessin von Eboli, welche verheiratet war,
-mit begehrlichen Blicken an. Er bat sie um Liebe, und sie gewährte sie
-ihm.
-
-Madame Isabella von Frankreich, von der man sagte, daß sie des Don
-Carlos Absichten auf die Niederlande begünstigt habe, ward mager und
-leidend. Und ihre Haare fielen in großen Strähnen auf einmal aus. Sie
-hatte oftmals Erbrechen, und die Nägel ihrer Füße und Hände fielen ab.
-Und sie starb.
-
-Und Philipp weinte nicht.
-
-Die Haare des Prinzen von Eboli fielen gleichfalls aus und er ward
-traurig und klagte immer. Dann fielen auch die Nägel seiner Füße und
-Hände ab.
-
-Und König Philipp ließ ihn beisetzen.
-
-Und er bezahlte die Trauer der Witwe und weinte nicht.
-
-
-25
-
-Zu jener Zeit kamen etliche Frauen und Mädchen aus Damm und fragten
-Nele, ob sie nicht Maienbraut sein und sich mit dem Bräutigam, den man
-ihr schaffen würde, im Gebüsch verstecken wolle. Denn, so sprachen die
-Frauen nicht ohne Eifersucht, es ist kein junger Mann in ganz Damm und
-Umgegend, der sich Dir nicht verloben würde: Dir, die Du so schön,
-sittsam und blühend bleibst, / ohne Zweifel eine Hexengabe.“
-
-„Gevatterinnen,“ antwortete Nele, „saget den jungen Männern, die meiner
-begehren: Neles Herz ist nicht hier, sondern bei dem, der umherstreift,
-das Land der Väter zu befreien. Und wenn ich blühend bin, wie Ihr
-saget, so ist es nicht Hexengabe, sondern Gabe der Gesundheit.“
-
-Die Gevatterinnen antworteten:
-
-„Katheline steht jedoch im Verdacht.“
-
-„Glaubet nicht den Worten der Bösen,“ antwortete Nele, „Katheline
-ist keine Hexe. Die Herren vom Gericht haben ihr Werg auf dem Kopf
-verbrannt und Gott hat sie mit Wahnsinn heimgesucht.“
-
-Und Katheline kauerte in einem Winkel, schüttelte den Kopf und sprach:
-
-„Nehmt das Feuer fort, Hanske, mein Liebster wird wiederkommen.“
-
-Da die Gevatterinnen fragten, wer dieser Hanske sei, antwortete Nele:
-
-„Es ist Klasens Sohn, mein Milchbruder, den sie verloren wähnt, seit
-Gott sie heimgesucht hat.“
-
-Und die guten Gevatterinnen gaben Katheline Silberstüver. Und wenn sie
-neu waren, zeigte sie sie Einem, den keiner sah, und sagte: „Ich bin
-reich, reich an glänzendem Silber. Komm, Hanske, mein Buhle, ich werde
-meine Liebesfreuden bezahlen.“
-
-Und nachdem die Gevatterinnen fort waren, weinte Nele in der einsamen
-Hütte. Sie gedachte an Ulenspiegel, der in fernen Landen umherirrte,
-ohne daß sie ihm folgen konnte, und an Katheline, die oftmals ächzte:
-„Nehmt das Feuer fort,“ und mit beiden Händen an ihre Brust faßte und
-also zeigte, daß das Feuer des Wahnsinns Haupt und Leib mit Fieber
-verbrannte.
-
-Inzwischen versteckten sich Maienbraut und Bräutigam in den Büschen.
-Der oder die, so einen von ihnen fand, war nach dem Geschlechte des
-Findlings und dem seinigen, König oder Königin des Festes.
-
-Nele hörte die Freudenrufe der Burschen und Dirnen, als die Maienbraut
-am Rand eines Grabens, in hohem Grase versteckt, gefunden ward. Und sie
-weinte, der holden Zeiten gedenkend, da man sie suchte, sie und ihren
-Freund Ulenspiegel.
-
-
-26
-
-Dieweil ritten er und Lamm, hier ein Bein und da ein Bein, auf ihren
-Eseln.
-
-„Wohlan, höre, Lamm,“ sprach Ulenspiegel. „Die Adligen der Niederlande
-haben aus Eifersucht gegen Oranien die Sache der Verbündeten, den
-heiligen Bund verraten, den tapferen Kompromiß, der zum Wohle des
-Vaterlandes unterzeichnet ward. Von Egmont und von Hoorn waren
-gleichermaßen Verräter und ohne Nutzen für sie. Brederode ist tot, und
-uns bleibt in diesem Kriege nur das arme Volk von Brabant und Flandern,
-das treue Führer erharrt, um vorzudringen. Und dann, mein Sohn, sind
-noch die Inseln da, die Inseln von Zeeland, auch Nord-Holland, dessen
-Statthalter der Prinz ist, und weiter noch über das Meer, Edgard, Graf
-von Emden und Ostfriesland.“
-
-„Wehe,“ sprach Lamm, „ich sehe es klar, wir pilgern zwischen Strick,
-Rad und Scheiterhaufen, vor Hunger sterbend und vor Durst gähnend, ohn
-alle Hoffnung auf Ruhe.“
-
-„Wir sind erst im Anfang,“ erwiderte Ulenspiegel. „Geruhe, in Betracht
-zu ziehen, daß alles dabei für uns eine Lust ist: unsere Feinde zu
-töten, ihnen eine Nase zu drehen, unsere Säcke voller Gülden zu haben.
-Dazu haben wir guten Ballast von Fleisch, Bier, Wein und Branntwein.
-Was brauchst Du mehr, Federsack? Sollen wir unsere Esel verkaufen und
-Pferde einhandeln?“
-
-„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „der Trab eines Pferdes ist für einen Mann
-meiner Leibesstärke gar beschwerlich.“
-
-„Du setzest Dich auf dein Tier, wie die Bauern tun, und niemand wird
-über dich spotten, da Du wie ein Bauer gekleidet bist und nicht gleich
-mir einen Degen, sondern nur einen Spieß trägst.“
-
-„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „bist Du sicher, daß unsere beiden Pässe uns
-in den kleinen Städten helfen können?“
-
-„Habe ich nicht des Pfarrers Zeugnis,“ sagte Ulenspiegel, „mit dem
-großen Kirchensigill aus rotem Wachs, so an zwei Pergamentschwänzen
-daran hänget, und unsere Beichtzettel? Die Söldlinge und Bluthunde
-des Herzogs vermögen nichts wider zwei so trefflich versehene
-Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die wir zu verkaufen haben?
-Wir sind alle beide Reiter, Du Vläme und ich ein Deutscher, und
-reisen auf ausdrücklichen Befehl des Herzogs, die Ketzer dieses
-Landes durch Verkauf geweihter Sachen dem heiligen, katholischen
-Glauben zu gewinnen. Derart werden wir allerorten eindringen, in die
-Häuser der adligen Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden
-uns salbungsvolle Gastfreundschaft gewähren. Und wir werden ihre
-Geheimnisse erlauschen. Leck Deine Lefzen, mein sanfter Freund.“
-
-„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „wir treiben das Handwerk von Spionen.“
-
-„Nach Recht und Gesetz des Krieges,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-„So sie die Tat an den drei Predigern erfahren, ist es um uns
-geschehen,“ sprach Lamm.
-
-Ulenspiegel sang:
-
- „Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!
- Allzeit im Lichte leben.
- Von Leder ist mir die erste Haut,
- Von Stahl die zweite gegeben.“
-
-Doch Lamm seufzte:
-
-„Ich habe nur eine gar weiche Haut, der geringste Dolchstoß würde sie
-ohne Verzug durchlöchern. Wir täten besser, uns irgend einem nützlichen
-Handwerk zu widmen, als derart über Berg und Tal zu vagieren, um
-all den großen Prinzen zu dienen, die mit den Beinen in sammetnen
-Hosen stecken und von vergüldeten Tafeln Fettammern speisen. Für uns
-sind Schläge, Gefahren, Schlacht, Regen, Hagel, Schnee und magere
-Landstreichersuppen. Für sie sind leckere Aale, fette Kapaune,
-duftende Krammetsvögel und saftige Masthühnchen.“
-
-„Das Wasser läuft Dir im Munde zusammen, mein sanfter Freund“, sprach
-Ulenspiegel.
-
-„Wo seid Ihr, frisches Brot, goldene Pfannkuchen und köstliche
-Rahmspeise? Ja, wo bist Du, mein Weib?“
-
-Ulenspiegel versetzte:
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen und treibt mich in die Schlacht.
-Du aber, sanftes Lamm, das weder den Tod von Vater noch Mutter, noch
-den Kummer derer, die Du liebst, noch Deine gegenwärtige Armut zu
-rächen hast, laß mich allein wandern, wohin ich muß, wenn des Krieges
-Beschwerden Dich schrecken.“
-
-„Allein?“ sprach Lamm und brachte plötzlich seinen Esel zum stehen. Der
-hub an, einen Distelstrauch zu benagen, deren es auf diesem Wege eine
-große Ernte gab. Ulenspiegels Esel stand still und fraß desgleichen.
-
-„Allein?“ sprach Lamm. „Du wirst mich nicht allein lassen, mein Sohn,
-das wäre eine ausgesuchte Grausamkeit. Mein Weib verloren haben und
-auch noch meinen Freund verlieren, das kann nicht sein. Ich werde
-nicht mehr stöhnen, ich gelobe es Dir. Und da es sein muß,“ / und er
-hub stolz das Haupt / „so werde ich in den Kugelregen gehen, ja! /
-Und mitten in die Degen hinein, jawohl, und unter die schmählichen
-Söldlinge, die Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages
-blutend und zu Tode getroffen zu deinen Füßen falle, begrabe mich, und
-so Du mein Weib siehest, sag ihr, ich sei gestorben, weil ich nicht
-leben konnte, ohne von irgend einem in dieser Welt geliebt zu werden.
-Nein, das vermöcht ich nicht, mein Sohn Ulenspiegel.“
-
-Und Lamm weinte. Und Ulenspiegel ward gerührt, da er diesen sanften Mut
-sah.
-
-
-27
-
-Um diese Zeit teilte der Herzog sein Heer in zwei Haufen und ließ den
-einen nach dem Herzogtum Luxemburg den anderen nach der Markgrafschaft
-Namur marschieren.
-
-„Das ist irgend ein militärischer Entschluß, der mir unbekannt ist,“
-sagte Ulenspiegel. „Einerlei, laß uns mit Zuversicht nach Maestricht
-ziehen.“
-
-Als sie nahe der Stadt an der Maas entlang gingen, sah Lamm, wie
-Ulenspiegel alle Schiffe, die auf dem Fluß schwammen, achtsam
-betrachtete und vor ihrer einem, so am Bug ein Meerweib trug, still
-stehen blieb. Und dieses Meerweib hielt einen Schild, darauf in
-güldenen Lettern auf schwarzem Grunde das Zeichen ~J-H-S~, welches das
-unseres Herrn Jesu Christi ist, stand.
-
-Ulenspiegel bedeutete Lamm stehen zu bleiben und hub an, fröhlich wie
-eine Lerche zu trillern.
-
-Ein Mann kam auf Deck und krähte wie ein Hahn. Dann auf ein Zeichen
-Ulenspiegels, der wie ein Esel schrie und auf das auf dem Flußdamm
-versammelte Volk wies, hub er auch an, wie ein Esel erschrecklich zu
-schreien. Ulenspiegels und Lamms beide Esel legten die Ohren an und
-sangen ihr Naturlied.
-
-Weiber kamen vorbei, auch Männer auf Pferden, so die Schiffe zogen, und
-Ulenspiegel sagte zu Lamm:
-
-„Dieser Bootsmann macht sich über uns und unsere Reittiere lustig.
-Wollen wir ihn auf seinem Boot angreifen?“
-
-„Mag er doch lieber hierher kommen,“ antwortete Lamm.
-
-Darauf sprach eine Frau und sagte:
-
-„Wenn anders Ihr nicht mit zerschnittenen Armen, zerbrochenem Kreuz und
-zerfetztem Gesicht zurückkommen wollet, so lasset diesen Stercke Pier
-nach Belieben schreien.“
-
-„I--ah, I--ah, I--ah,“ machte der Bootsmann.
-
-„Lasset ihn singen,“ sprach die Gevatterin. „Wir sahen ihn jüngst einen
-mit schweren Bierfässern beladenen Wagen auf seine Schultern heben
-und einen andern von einem starken Pferd gezogenen Wagen aufhalten.
-Dorten,“ sprach sie, auf die Herberge zum Blauwen Torren deutend, „hat
-er mit seinem Messer, das er auf zwanzig Schritt schleuderte, eine
-eichene Planke von zwölf Daumen Dicke durchbohrt.“
-
-„I--ah, I--ah, I--ah,“ schrie der Bootsmann, indes ein Junge von zwölf
-Jahren auf Deck kam und ebenfalls wie ein Esel zu schreien anhub.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Was kümmert uns dein Sterke Pier! Ein wie starker Peter er auch sein
-mag, wir sind noch stärker, und hier ist mein Freund Lamm, der könnte
-zwei von seiner Statur verschlingen, ohne aufzustoßen.“
-
-„Was sagst Du, mein Sohn?“ fragte Lamm.
-
-„Was wahr ist,“ antwortete Ulenspiegel; „widersprich mir nicht aus
-Bescheidenheit. Ja, Ihr guten Leute, Gevatterinnen und Handwerker, bald
-sollt Ihr sehen, wie er diesen berühmten Sterke Pier mit den Armen
-bearbeitet und zu nichte macht.“
-
-„Schweig,“ sagte Lamm.
-
-„Deine Kraft ist bekannt,“ antwortete Ulenspiegel, „Du könntest sie
-nicht verbergen.“
-
-„I--ah,“ schrie der Bootsmann, „I--ah, I--ah,“ schrie der Junge.
-
-Plötzlich sang Ulenspiegel wiederum gar melodisch wie eine Lerche, und
-die Männer, Weiber und Arbeiter fragten ihn voller Entzücken, wo er
-dies göttliche Trillern gelernt hätte.
-
-„Im Paradeis, von wannen ich gradenwegs komme,“ sprach Ulenspiegel.
-
-Dann sprach er zu dem Manne, der nicht nachließ mit Schreien und
-spottend mit dem Finger auf ihn wies:
-
-„Warum bleibst Du da auf Deinem Schiff, Taugenichts? Traust Du Dich
-nicht, an Land zu kommen, um über uns und unsere Tiere zu spotten?“
-
-„Traust Du Dich nicht?“ fragte Lamm.
-
-„I--ah, I--ah,“ schrie der Bootsmann. „Ihr eselhaften Esel, kommt auf
-mein Schiff.“
-
-„Tu so wie ich,“ flüsterte Ulenspiegel Lamm zu.
-
-Und zum Bootsmann sprechend:
-
-„Wenn Du der starke Pier bist, bin ich Tyll Ulenspiegel. Und diese
-beiden sind unsere Esel Jef und Jan, die besser i--ahen können als
-Du, denn es ist ihre natürliche Rede. Und auf Deine schlecht gefügten
-Planken steigen, das wollen wir nicht. Dein Schiff ist gleich einem
-Napfe; jedesmal, wenn eine Welle es anstößt, weicht es zurück, es
-könnte nur auf der Seite gehen wie die Krabben.“
-
-„Ja, wie die Krabben,“ sprach Lamm.
-
-Darauf sagte der Bootsmann zu Lamm:
-
-„Was murmelst Du da zwischen den Zähnen, Du Speckblock?“
-
-Lamm geriet in Wut und sagte:
-
-„Schlechter Christ, der Du mir mein Gebrechen vorwirfst, wisse, daß
-mein Speck mein ist und von meiner guten Nahrung herrührt, derweil Du,
-alter, verrosteter Nagel nur von alten Pökel-Heringen, Lichtdochten
-und Stockfischhäuten gelebt hast, nach Deinem magereren Fleisch zu
-urteilen, das man durch die Löcher Deiner Hosen durchscheinen sieht.“
-
-„Sie werden sich wacker verhauen,“ sprachen erfreut und neugierig die
-Männer, Weiber und Arbeiter.
-
-„I--ah, I--ah,“ schrie der Schiffer.
-
-Lamm wollte von seinem Esel steigen und Steine aufheben, um den
-Schiffer damit zu werfen.
-
-„Wirf nicht mit Steinen,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Der Schiffer sagte dem Jungen, der neben ihm auf dem Schiff iahte,
-etwas ins Ohr. Derselbige machte von der Breitseite ein Boot los und
-mit Hilfe eines Bootshakens, den er geschickt handhabte, näherte er
-sich dem Ufer. Als er ganz nahe war, sagte er in stolzer Haltung:
-
-„Mein Baas fragt an, ob Ihr waget, auf das Schiff zu kommen und einen
-Kampf mit Faust und Fuß mit ihm aufzunehmen? Diese Männer und Weiber
-werden Zeugen sein.“
-
-„Das wollen wir,“ sprach Ulenspiegel gar würdig.
-
-„Wir nehmen den Kampf an,“ sagte Lamm mit großem Stolz.
-
-Es war um Mittag und die Deicharbeiter, Pflasterer, Schiffsbauleute,
-die Frauen, die ihren Männern das Essen brachten, die Kinder, die
-gekommen waren, um ihre Väter Bohnen und gekochtes Fleisch essen zu
-sehen; alle lachten und klatschten in die Hände bei der Aussicht auf
-einen bevorstehenden Kampf. Sie erhofften voller Freuden, daß dem einen
-oder andern der Kämpen der Schädel zerbrochen, oder daß er zu ihrem
-Ergötzen in den Fluß fallen würde.
-
-„Mein Sohn,“ sagte Lamm ganz leise, „er wird uns ins Wasser werfen.“
-
-„Laß Dich nur hineinwerfen,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Der Dicke hat Angst,“ sagte der Haufe der Arbeiter.
-
-Lamm, der immer noch auf seinem Esel saß, drehte sich nach ihnen um und
-sah sie zornig an, aber sie höhnten ihn.
-
-„Laß uns auf das Schiff gehen,“ sagte Lamm, „sie sollen sehen, ob ich
-Angst habe.“
-
-Bei diesen Worten ward er abermals verhöhnt, und Ulenspiegel sagte:
-
-„Laß uns auf das Schiff gehen.“
-
-Nachdem sie von ihren Eseln gestiegen, warfen sie dem Jungen die Zügel
-zu. Selbiger streichelte die Grautiere freundschaftlich und führte sie
-dahin, wo er Disteln sah.
-
-Alsdann nahm Ulenspiegel den Bootshaken, hieß Lamm in das Boot steigen,
-steuerte auf das Schiff zu und erkletterte es mit Hilfe eines Taus
-hinter dem schwitzenden, schnaufenden Lamm.
-
-Als sie auf dem Deck des Boots waren, bückte Ulenspiegel sich, als
-wolle er seine Schuhe schnüren, und sprach etliche Worte zu dem
-Schiffer. Der lächelte und blickte Lamm an. Dann stieß er tausend
-Schimpfworte aus, schalt ihn einen, von sträflichem Fett aufgedunsenen
-Taugenicht, eine Galgenfrucht, einen Breifresser und sagte zu ihm:
-„Dicker Walfisch, wieviel Tonnen Oel gibst Du, wenn man Dich zur Ader
-lässet?“
-
-Unversehens stürzte Lamm, ohne zu antworten, wie ein wütender Ochs
-auf ihn los, warf ihn zu Boden und prügelte ihn mit aller Kraft, tat
-ihm aber wegen der Schwachheit seiner fetten Arme nicht sehr wehe.
-Der Schiffer, wiewohl er sich stellte, als wehre er sich, ließ sich’s
-gefallen, und Ulenspiegel sagte: „Dieser Taugenichts soll uns zur
-Strafe frei halten.“
-
-Die Männer, Weiber und Kinder, so vom Ufer aus dem Kampfe zuschauten,
-sprachen: „Wer hätte geglaubt, daß dieser Dicke so hitzig wäre!“
-
-Und sie klatschten in die Hände, derweil Lamm wie ein Besessener
-zuschlug. Aber der Schiffer trug nur Sorge, sein Gesicht zu schützen.
-Plötzlich sah man Lamm, wie er, mit dem Knie auf der Brust des starken
-Pier, ihn mit der einen Hand bei der Kehle packte und die andere erhob,
-um zuzuschlagen.
-
-„Schrei um Gnade,“ rief er wütend, „oder ich werde Dich durch die
-Planken Deines Waschkübels drücken!“
-
-Der Schiffer hustete, um anzuzeigen, daß er nicht schreien könne, und
-bat mit einer Handbewegung um Gnade.
-
-Alsbald sah man, wie Lamm seinen Feind edelmütig aufrichtete. Dieser
-stand sogleich wieder aufrecht und steckte, den Zuschauern den Rücken
-kehrend, Ulenspiegel die Zunge heraus. Der aber brach in Gelächter
-aus über Lamm, welcher stolz die Feder seines Baretts schüttelte und
-in großem Triumph auf dem Deck einher stolzierte. Und die Männer und
-Weiber, die Knaben und Mädchen, so am Ufer standen, klatschten aus
-Leibeskräften Beifall und riefen dabei:
-
-„Es lebe der Besieger des starken Pier! Das ist ein Mann von Eisen.
-Habt Ihr gesehen, wie er ihn mit der Faust bearbeitete und ihn
-unversehens auf den Rücken warf? Jetzund werden sie trinken, um Frieden
-zu schließen. Der starke Pier kommt mit Wein und Würsten aus dem
-Schiffsraum herauf.“
-
-Wirklich war der starke Pier mit zwei Humpen und einem großen Krug
-weißen Maasweins nach oben gekommen. Und er und Lamm hatten Frieden
-geschlossen. Und Lamm, der ob seines Sieges, des Weins und der Würste
-schier guter Dinge war, wies auf eine eiserne Esse, die schwarzen,
-dicken Rauch ausspie, und fragte ihn, welche Gerichte er im
-Schiffsraum machte.
-
-„Kriegskost,“ antwortete lächelnd der starke Pier. Der Haufe der
-Arbeiter, Weiber und Kinder hatte sich verlaufen, um zur Arbeit oder
-nach Hause zu gehen. Alsbald lief das Gerücht von Mund zu Mund, daß ein
-dicker Mann auf einem Esel, von einem kleinen Pilger begleitet, der
-gleichfalls einen Esel ritt, stärker als Simson sei, und daß man sich
-hüten müsse, ihn zu beleidigen.
-
-Lamm trank und blickte den Schiffer siegesbewußt an.
-
-Dieser sagte plötzlich:
-
-„Eure Esel langweilen sich da unten.“
-
-Dann lenkte er das Schiff nach dem Flußdamme, stieg ans Land, faßte
-einen der Esel bei den Vorder- und Hinterbeinen, trug ihn wie Jesus
-das Lamm trug und setzte ihn auf das Verdeck nieder. Nachdem er ein
-Gleiches mit dem andern getan, ohne zu verschnaufen, sagte er:
-
-„Laßt uns trinken.“
-
-Der Junge sprang aufs Deck.
-
-Und sie tranken. Ganz verblüfft, wußte Lamm nicht mehr, ob er, Lamm,
-aus Damm gebürtig, diesen starken Mann überwältigt hatte. Er wagte
-ihn nur noch verstohlen und ohne etwelchen Triumph anzusehen, in der
-Befürchtung, daß ihn eine Lust anwandeln möge, ihn zu packen, wie er es
-mit den Eseln getan, und ihn aus Rache für seine Niederlage lebendig in
-die Maas zu werfen. Doch der Schiffer lud ihn lächelnd und lustig ein,
-noch mehr zu trinken, und Lamm erholte sich von seinem Schrecken und
-blickte ihn wiederum siegesbewußt an.
-
-Und der Schiffer und Ulenspiegel lachten.
-
-Unterweilen hatten die Esel, voller Verwunderung, sich auf gedieltem
-Boden zu befinden, die Köpfe gesenkt und die Ohren angelegt und wagten
-aus Furcht nicht zu trinken. Der Schiffer holte ihnen eine Metze des
-Hafers, den er den Pferden, die seine Barke zogen, gab. Er hatte ihn
-selbst gekauft, um nicht von den Führern mit dem Futterpreise betrogen
-zu werden.
-
-Als die Esel die Metze sahen, murmelten sie mit dem Maul ihre
-Paternoster, dieweil sie das Deck trübsinnig betrachteten und aus
-Furcht, auszugleiten, nicht wagten, einen Huf darauf zu bewegen.
-
-Hierauf sagte der Schiffer zu Lamm und Ulenspiegel:
-
-„Laßt uns in die Küche gehen.“
-
-„In die Kriegsküche?“ sagte Lamm ängstlich.
-
-„In die Kriegsküche, aber Du magst ohne Furcht hinuntergehen, mein
-Ueberwinder.“
-
-„Ich habe keine Furcht und folge Dir,“ sprach Lamm.
-
-Der Junge setzte sich ans Steuerruder.
-
-Als sie hinunterstiegen, sahen sie überall Säcke mit Korn, Bohnen,
-Erbsen, Kohl, Mohrrüben und andern Gemüsen. Dann öffnete der Schiffer
-die Tür einer kleinen Schmiede und sprach:
-
-„Sintemalen Ihr Männer mit tapferem Herzen seid, so den Sang der
-Lerche, des Vogels der Freien, den kriegerischen Trompetenton des
-Hahnes und das Schreien des Esels, des sanftmütigen Arbeiters kennen,
-so will ich Euch meine Kriegsküche zeigen. Diese kleine Schmiede
-werdet Ihr auf den meisten Maas-Schiffen finden. Niemand kann sie für
-verdächtig halten, denn sie dient dazu, das Eisenwerk der Schiffe
-wieder in Stand zu setzen. Doch was nicht alle besitzen, das sind die
-schönen Gemüse, die in diesen Speichern sind.“
-
-Dann nahm er etliche Steine fort, die den Boden des Schiffsraums
-bedeckten, hob etliche Planken auf und zog ein schönes Bündel von
-Flintenläufen und Büchsen hervor, hob es auf, als wäre es eine
-Feder, und legte es wiederum an seinen Platz. Dann zeigte er ihnen
-Lanzenspitzen, Hellebarden, Degenklingen und Säcklein mit Kugeln und
-Pulver.
-
-„Es lebe der Geuse,“ sprach er, „hier sind die Bohnen und die
-Brühe. Die Kolben sind die Hammelkeulen, die Salate sind die
-Hellebardenspitzen und diese Büchsenläufe sind die Ochsenbeine für
-die Suppe der Freiheit. Es lebe der Geuse! Wohin soll ich dies Futter
-bringen?“ fragte er Ulenspiegel.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Nach Nymwegen. Dort wirst Du Dein Schiff anlegen, noch mehr
-beladen mit wirklichen Gemüsen, so Dir die Bauern, die Du in Etsen,
-Stephansweert und Ruvemarde aufnehmen wirst, bringen. Auch sie werden
-wie die Lerche, der Vogel der Freiheit, singen, und Du wirst ihnen mit
-kriegerischen Hahnenschrei antworten. Dann wirst Du zum Doktor Pontus
-gehen, der am neuen Waal wohnt, und ihm sagen, daß Du mit Gemüsen
-in die Stadt kommst, aber daß Du die Trockenheit fürchtest. Dieweil
-die Bauern auf den Markt gehen, um die Gemüse zu teuer anzubieten,
-als daß man sie kaufe, wird er Dir sagen, was Du mit Deinen Waffen
-tun sollst. Ich denke wohl, daß er Dich heißen wird, Waal, Maas oder
-Rhein hinabzufahren, wenn auch nicht ohne Fährlichkeit, und Deine
-Gemüse für Netze umzutauschen, die Du verkaufst, um mit dem Harlinger
-Fischerbooten Geschäfte zu machen. Dort sind viele Matrosen, die
-den Sang der Lerche kennen. Du mußt an der Küste entlang durch die
-Watten fahren, den Lauwer Zee erreichen, die Netze gegen Eisen und
-Blei eintauschen und Deinen Bauern die Trachten der Inseln Marken,
-Vlieland und Ameland geben. Dann mußt Du Dich ein Weniges an den Küsten
-aufhalten, fischen und Deinen Fisch einsalzen, um ihn aufzuheben, und
-nicht, um ihn zu verkaufen, denn frischer Trunk und gesalzener Krieg
-sind eine gerechte Sache.“
-
-„Wohlan denn, laßt uns trinken,“ sprach der Schiffer.
-
-Und sie stiegen auf Deck. Doch Lamm blies Trübsal.
-
-„Herr Schiffer,“ sagte er plötzlich, „Ihr habet in Eurer Schmiede ein
-so prächtiges Feuerchen, daß man gewißlich das leckerste Fleischgericht
-darauf kochen könnte. Meine Kehle schmachtet nach Suppe.“
-
-„Ich werde Dich erfrischen,“ sprach der Mann.
-
-Und alsbald setzte er ihm eine fette Brühe vor, darinnen er ein dickes
-Stück gesalzenen Schinkens gekocht hatte.
-
-Als Lamm etliche Löffel voll verschluckt hatte, sprach er zum Schiffer:
-
-„Die Kehle klebt mir, und meine Zunge brennt. Das ist gewißlich keine
-Fischsuppe.“
-
-„Es stehet geschrieben: Frischer Trunk und gesalzener Krieg,“ versetzte
-Ulenspiegel.
-
-Der Schiffer füllte also die Humpen und sprach:
-
-„Die Lerche, der Vogel der Freiheit, soll leben!“
-
-Ulenspiegel sagte:
-
-„Der Hahn, der zum Kriege bläst.“
-
-Lamm sagte:
-
-„Ich trinke auf mein Weib. Möge sie niemals Durst leiden, die
-Herzliebste.“
-
-„Du wirst durch die Nordsee nach Emden gehen; Emden ist eine Zuflucht
-für uns,“ sagte Ulenspiegel zum Schiffer.
-
-„Das Meer ist groß,“ sagte der Schiffer.
-
-„Groß für die Schlacht,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-„Gott ist mit uns,“ sagte der Schiffer.
-
-„Wer könnte wider uns sein,“ versetzte Ulenspiegel.
-
-„Wann gehet Ihr?“ fragte er.
-
-„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Glückliche Reise und Wind im Rücken. Hier ist Pulver und Blei.“
-
-Und er küßte sie und geleitete sie ans Ufer, nachdem er die beiden Esel
-wie zwei Lämmlein auf Hals und Schultern getragen hatte.
-
-Ulenspiegel und Lamm stiegen auf und ritten gen Lüttich.
-
-„Mein Sohn,“ sprach Lamm, dieweil sie ritten, „wie geht es zu, daß
-dieser so starke Mann sich so grausam von mir hat walken lassen?“
-
-„Auf daß allerorten, wohin wir kommen, der Schrecken Dir vorauseile,“
-sprach Ulenspiegel. „Das wird uns ein besser Schutzgeleit sein denn
-zwanzig Landsknechte. Wer wird es fortan wagen, Lamm, den Mächtigen,
-Siegreichen, anzugreifen? Lamm, den unvergleichlichen Stier, der, wie
-männiglich sah und erkannte, mit einem Stoß seines Kopfes den starken
-Pier zu Boden warf, welcher die Esel wie Lämmlein trägt und einen Wagen
-mit Bierfässern mit einer Schulter aufhebt. Jedermann kennt Dich hier
-schon. Du bist Lamm, der Furchtbare, der Unbesiegliche, und ich gehe im
-Schatten Deines Schutzes. Jedermann wird Dich auf dem Wege, den wir
-durcheilen, kennen, keiner wird wagen, Dich scheel anzusehen. Und in
-Anbetracht des großen Mutes der Menschen wirst Du überall auf Deiner
-Straße nichts als gezogene Hüte, Grüße und Ehrerbietung finden, so der
-Kraft Deiner furchtbaren Faust gelten.“
-
-„Du sprichst gut, mein Sohn,“ sagte Lamm, sich im Sattel aufrichtend.
-
-„Und ich spreche wahr,“ versetzte Ulenspiegel. „Siehst Du die
-neugierigen Gesichter an den ersten Häusern dieses Dorfes?“
-
-Man weist mit dem Finger auf Lamm, den erschrecklichen Sieger. „Siehst
-Du diese Männer, die Dich neidvoll betrachten, und diese erbärmlichen
-Memmen, so ihre Hüte abnehmen? Erwidere ihren Gruß, Lamm, mein
-Herzchen, und verschmähe das schwache Volk nicht. Sieh, die Kinder
-wissen Deinen Namen und wiederholen ihn mit Bangen.“
-
-Lamm ritt stolz vorbei, nach rechts und nach links wie ein König
-grüßend. Und die Kunde seiner Tapferkeit folgte ihm von Dorf zu Dorf,
-von Stadt zu Stadt bis nach Lüttich, Chocquien, Neuville, Vesin und
-Namur, welches sie um der drei Prediger willen umgingen.
-
-Dergestalt folgten sie lange Zeit dem Laufe der Ströme, Flüsse und
-Kanäle. Und allerorten antwortete Hahnenschrei dem Sang der Lerche.
-Und allerorten wurden für das Werk der Freiheit Waffen geschmiedet,
-gegossen und geschliffen; und die Schiffe, die an den Küsten entlang
-fuhren, nahmen sie mit.
-
-Und in Fässern, Kisten und Körben passierten sie die Zölle.
-
-Allezeit fanden sich gute Leute, die sie aufnahmen und an sicherem Orte
-verbargen mit Pulver und Kugeln, bis zur gottgewollten Stunde.
-
-Und da Lamm mit Ulenspiegel reiste und sein Ruf als Sieger ihm immerdar
-vorauslief, so begann er selber, an seine große Kraft zu glauben, und
-indem er hoffärtig und kriegerisch ward, ließ er sich den Bart wachsen.
-Und Ulenspiegel nannte ihn Lamm den Löwen.
-
-Doch am vierten Tage verlor Lamm das Zutrauen zu diesem Plane wegen
-des Kitzelns der jungen Bartstoppeln. Und er ließ das Scheermesser über
-sein siegreiches Antlitz gehen, welches Ulenspiegel von neuem rund und
-voll erschien, wie eine Sonne, am Feuer guter Nahrung entzündet.
-
-Und solchergestalt kamen sie nach Stockem.
-
-
-28
-
-Allda ließen sie ihre Esel und bei Einbruch der Nacht betraten sie die
-Stadt Antwerpen und Ulenspiegel sprach zu Lamm:
-
-„Dies ist die große Stadt. Die ganze Welt häuft hier ihre Reichtümer
-an: Gold, Silber, vergüldetes Leder, Gobelins, Tuche Sammet- Woll- und
-Seidenstoffe, Bohnen, Erbsen, Korn, Fleisch, Mehl, gesalzene Häute,
-Wein aus Löwen, Namur, Luxemburg, Lüttich, Landwein von Brüssel und
-Aerschot, Weine von Buley, dessen Weinberg vor dem Tor de la Plante zu
-Namur liegt; desgleichen findet man hier Weine vom Rhein, Hispanien und
-Portugal, Rosinenöl von Aerschot, das sie Landolium nennen, die Weine
-von Burgund, Malvasier und viele andere. Und die Hafendämme sind voller
-Waren. Diese Schätze der Erde und der menschlichen Arbeit locken die
-schönsten Dirnen, die es gibt, an diesen Ort.“
-
-„Du wirst träumerisch,“ sagte Lamm.
-
-Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Unter ihnen werde ich die Sieben finden. Es ist mir geweissagt worden:
-
- In Trümmern, Blut und Tränen suche.“
-
-„Wer ist denn mehr als die lockeren Dirnen Ursache des Verfalls?
-Verlieren die armen, betörten Männer nicht bei ihnen ihre schönen,
-glänzenden, klingenden Karolus, ihre Kleinodien, Ketten und Ringe und
-gehen ohne Wams, zerlumpt und zerfetzt, wohl gar ohne Hemd von dannen,
-dieweil jene sich an ihrem Raub mästen? Wohin ist das klare, rote Blut,
-das in ihren Adern floß? Jetzt ist es wie Birnensaft. Und stechen
-sie sich nicht auch mit Dolch, Messer und Degen, um ihre holden
-reizenden Leiber zu genießen? Die bleichen, blutigen Leichname, die man
-fortträgt, sind die Leichen armer Liebestoller. Wenn der Vater schmält
-und finster auf seinem Sessel sitzt, wenn seine weißen Haare noch
-weißer und starrer scheinen und aus seinen trocknen Augen, darinnen
-der Kummer über des Sohnes Verderben brennt, die Tränen nicht fließen
-wollen, wenn die Mutter, stumm und bleich gleich einer Toten, weint,
-als ob sie nichts mehr sähe, denn die Schmerzen dieser Welt: wer läßt
-alsdann diese Tränen fließen? Die Dirnen, die nichts lieben als sich
-und das Geld und die denkende, arbeitende, philosophierende Welt an
-ihren güldenen Gürtel halten. Ja, da sind die Sieben, und wir werden zu
-den Dirnen gehen, Lamm. Deine Frau ist vielleicht auch dort; das wird
-ein doppelter Fang sein.“
-
-„Wohlan,“ sprach Lamm.
-
-Man war dermalen im Rosenmond, gegen Ende des Sommers, wenn die Sonne
-schon die Blätter der Kästenbäume rötet, die Vöglein in den Bäumen
-singen, und keine Milbe so klein ist, daß sie nicht vor Behagen im
-warmen Gras summte.
-
-Lamm irrte mit gesenktem Kopf an Ulenspiegels Seite durch die Straßen
-von Antwerpen und schleppte seinen Körper wie ein Haus daher.
-
-„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „Du bläsest Trübsal. Weißt Du denn nicht,
-daß nichts der Haut mehr schadet? Wenn Du in Deinem Kummer verharrst,
-wird sie in Streifen von Dir abfallen. Und das wird sich hübsch
-anhören, wenn man von Dir sagt: Der abgehäutete Lamm.“
-
-„Mich hungert,“ sprach Lamm.
-
-„Komm essen“, sprach Ulenspiegel.
-
-Und sie gingen selbander zur „Alten Stiege,“ allwo sie Choesels aßen
-und Dobbel-kuyt tranken, so viel sie konnten.
-
-Und Lamm weinte nicht mehr.
-
-Und Ulenspiegel sagte: „Gesegnet sei das gute Bier, das Dir die Seele
-voller Sonnenschein macht! Du lachst und schüttelst Deinen Bauch. Wie
-gern seh ich den Tanz der lustigen Gedärme!“
-
-„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie würden noch weit mehr tanzen, wenn ich
-das Glück hätte, mein Weib wiederzufinden.“
-
-„Laß sie uns suchen,“ sprach Ulenspiegel.
-
-So kamen sie in das Viertel der Unteren Schelde.
-
-„Schau,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm, „dieses Häuschen, ganz aus Holz,
-mit schönen, wohlgefügten Fensterrahmen und Butzenscheiben. Betrachte
-diese gelben Vorhänge und diese rote Laterne. Da, mein Sohn, thront
-hinter vier Tonnen Braunbier, Uitzet, Dobbelkuyt und Wein aus Amboise
-eine schöne Wirtin von fünfzig oder mehr Jahren. Jedes Jahr, das sie
-zurücklegte, versah sie mit einer neuen Speckschicht. Auf einer der
-Tonnen brennt eine Kerze und vor den Deckbalken hängt eine Laterne.
-Es ist da hell und dunkel; dunkel für die Liebe und hell für die
-Bezahlung.“
-
-„Aber,“ sprach Lamm, „das ist ja ein Kloster von Teufelsnönnlein, und
-diese Wirtin ist ihre Aebtissin.“
-
-„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „diese ist’s, die in Herrn Beelzebubs Namen
-fünfzehn schöne Mägdlein von lockerem Wandel auf den Pfad der Sünde
-führt. Sie finden bei ihr Zuflucht und Nahrung, aber sie dürfen dort
-nicht schlafen.“
-
-„Kennest Du dies Kloster?“ fragte Lamm.
-
-„Ich will dort Deine Frau suchen. Komm.“
-
-„Nein,“ sagte Lamm, „ich habe es überlegt und gehe nicht hinein.“
-
-„Willst Du deinen Freund ganz allein der Fährlichkeit unter diesen
-Astartes aussetzen?“
-
-„Möge er nicht gehen,“ sagte Lamm.
-
-„Aber wenn er doch hingehen muß, um die Sieben und dein Weib zu finden?“
-
-„Ich möchte lieber schlafen,“ sprach Lamm.
-
-„Ei komm doch,“ sagte Ulenspiegel, öffnete die Türe und schob Lamm
-vor sich her. „Sieh, die Wirtin sitzt hinter ihren Fässern zwischen
-zwei Kerzen. Das Gemach ist weit, mit einer Decke von gedunkeltem
-Eichenholz und rauchgeschwärzten Balken. Rund herum sind Bänke und
-Tische mit wackligen Beinen, mit Gläsern, Schoppen, Bechern, Humpen,
-Krügen, Karaffen, Flaschen und anderm Trinkgerät. In der Mitte sind
-abermals Tische und Stühle, darauf Schauben, das sind Weibermäntel,
-güldene Gürtel, Stelzschuhe von Sammet, Dudelsäcke, Pfeifen und
-Schalmeien herumliegen. In der Ecke ist eine Stiege, die ins obere
-Stockwerk führt. Ein kleiner, kahlköpfiger Buckliger spielt auf einem
-Clavizimbal, das auf Glasfüßen steht, so dem Instrument einen scharfen
-Ton geben. Tanze, mein Dicker. Fünfzehn schöne Dirnen sitzen dort, die
-einen auf Tischen, die andern auf Stühlen, rittlings, gebückt oder
-gerade, mit aufgestütztem Ellenbogen, verkehrt herum oder nach ihrer
-Laune auf dem Rücken oder auf der Seite liegend. Sie sind weiß oder
-rot gekleidet, ihre Arme sind nackt, ebenso die Schultern und die
-Brust bis an die Mitte des Körpers. Es sind ihrer von allen Sorten da,
-auserlesene! Bei den einen läßt das Kerzenlicht, das ihre blonden Haare
-liebkost, die blauen Augen im Schatten, also daß man nur ihren feuchten
-Glanz schimmern sieht. Andere schauen zur Decke hinauf und säuseln zur
-Laute ein deutsches Lied. Wieder andre, rund, braun, fett und schamlos,
-trinken Wein von Amboise aus vollen Humpen, zeigen ihre runden, bis zur
-Schulter nackten Arme und ihr halb offnes Gewand, aus dem die runden
-Brüste wie Äpfel hervorsehen, und ohne Scham sprechen sie mit vollem
-Munde, eine nach der andern oder alle zumal. Höre sie an:
-
-„Nichts da von Geld heute! Liebe wollen wir. Liebe nach unsrer Wahl“,
-sagten die schönen Dirnen, „Liebe eines Kindes, Jünglings oder wer
-immer uns gefällt, ohne zu zahlen“. / „Mögen die, in die Natur die
-männliche Kraft legte, die wahre Männer macht, zu uns an diesen Ort
-kommen, um Gottes und unsrer Liebe willen.“ / „Gestern war der Tag, da
-man zahlte, heute ist der Tag, da man liebt!“ / „Wer will von unsern
-Lippen trinken, sie sind noch feucht von der Flasche. Wein und Küsse,
-das ist ein vollkommnes Fest!“ / „Wir spotten der Witwen, die allein
-schlafen. Wir sind Dirnen! Heute ist ein Tag des Wohltuns! Den Jungen,
-Starken und Schönen öffnen wir unsere Arme. Zu trinken!“ / „Schätzlein,
-ist es der Liebesschlacht halber, daß Dein Herz in der Brust die
-Trommel schlägt? Welche Unruhe! Das ist das Schlagwerk der Küsse! Wann
-werden sie kommen, mit vollen Herzen und leerem Geldbeutel? Wittern sie
-nicht leckere Abenteuer? Welcher Unterschied ist zwischen einem jungen
-Geusen und dem Herrn Markgrafen? Seine Gnaden bezahlt in Gülden und der
-junge Geuse mit Liebkosungen. Es lebe der Geuse! Wer will gehen und die
-Kirchhöfe erwecken?“
-
-Also redeten die jungen, heißblütigen und fröhlichen unter den Mädchen
-von lockerem Wandel.
-
-Aber es waren ihrer andere mit schmalem Gesicht und mageren Schultern,
-die um Ersparnisse mit ihrem Körper Handel trieben und den Preis ihres
-dürren Fleisches auf Heller und Pfennig aufschrieben. Diese schmälten
-untereinander: „Es ist recht einfältig von uns, in diesem ermüdenden
-Handwerk auf Entgelt zu verzichten um der wunderlichen Launen willen,
-die den mannstollen Dirnen durchs Hirn fahren. Wenn sie ein Mondviertel
-im Kopf haben, so haben wir es nicht. Wir ziehen es vor, in unsern
-alten Tagen nicht unsere Lumpen durch die Gosse zu schleifen wie sie,
-sondern uns bezahlen zu lassen, da wir feil sind. / Nichts von umsonst!
-Die Männer sind häßlich, stinkend, brummig, Fresser und Säufer. Sie
-allein bringen die armen Weiber ins Unglück!“
-
-Doch die Jungen und Schönen vernahmen von diesen Reden nichts; sie
-waren ganz bei ihrem Vergnügen und Zechen und sagten:
-
-„Hört Ihr das Totenglöcklein von Notre Dame läuten? Wir brennen! Wer
-will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“
-
-Da Lamm so viel Frauen, braune und blonde, frische und verblühte, zumal
-sah, schämte er sich, schlug die Augen nieder und rief „Ulenspiegel, wo
-bist du“?
-
-„Er ist verschieden, mein Freund,“ sagte ein dickes Mädchen und faßte
-ihn am Arme.
-
-„Verschieden?“ fragte Lamm.
-
-„Ja,“ sprach sie, „vor dreihundert Jahren, in Gesellschaft von Jacobus
-de Coster van Maerlandt.“
-
-„Lasset mich,“ sprach Lamm „und neckt mich nicht. Ulenspiegel, wo bist
-Du? Komm und rette Deinen Freund! Ich gehe unverzüglich fort, wenn Ihr
-mich nicht loslasset.“
-
-„Du wirst nicht fortgehen,“ sagten sie.
-
-„Ulenspiegel,“ sprach Lamm zum andren Mal kläglich, „wo bist Du, mein
-Sohn? ... Madame, zieht mich nicht so bei den Haaren; ich versichere
-Euch, es ist keine Perrücke. Zu Hilfe! Findet Ihr meine Ohren noch
-nicht rot genug, ohne daß Ihr das Blut hineintreibt? Siehe, nun gibt
-mir diese Andere immerdar Nasenstüber. Ihr tut mir wehe. Ach, womit
-reibt man mir jetzt das Gesicht? Den Spiegel! Ich bin schwarz wie das
-Loch eines Backofens. Ich werde alsbald bös werden, wenn Ihr nicht
-ein Ende macht. Es ist schlecht von Euch, einen armen Menschen so zu
-mißhandeln. Laßt mich! Wenn Ihr mich rechts und links und überall an
-den Hosen gezogen und mich wie einen Kreisel gedreht habt, seid Ihr
-dicker davon? Ja, ich werde sicherlich bös werden.“
-
-„Er wird bös werden,“ sagten sie spottend; „er wird bös werden, der
-gute Kerl. Lache lieber und sing uns ein Minnelied.“
-
-„Ich werde allsogleich eins singen, wenn Ihr wollt; aber lasset mich
-los.“
-
-„Wen liebst Du hier?“
-
-„Keine, weder Dich noch die Andern; ich werde beim Magistrat Klage
-führen und er wird Euch peitschen lassen.“
-
-„Ho, ho,“ sagten sie, „peitschen? Und wenn wir Dich vor dieser
-Peitscherei mit Gewalt küßten?“
-
-„Mich?“ fragte Lamm.
-
-„Dich,“ sagten sie alle.
-
-Und siehe da! Die Schönen und die Häßlichen, die Frischen und die
-Verblühten, die Braunen und die Blonden stürzten sich auf Lamm, warfen
-sein Barett in die Luft, desgleichen seinen Mantel, und liebkosten und
-küßten ihn mit aller Kraft auf die Wange, die Nase, den Magen, den
-Rücken.
-
-Die Wirtin lachte zwischen ihren Talglichtern.
-
-„Zu Hilfe,“ schrie Lamm, „zu Hilfe! Ulenspiegel, fege mir alles dieses
-Lumpengesindel fort. Laßt mich los; ich will Eure Küsse nicht. Beim
-Heiligen Blut! Ich bin verheiratet und bewahre alles für meine Frau.“
-
-„Verheiratet,“ sagten sie, „aber das ist zu viel für deine Frau; ein
-Mann von Deiner Beleibtheit! Gib uns ein wenig ab. Eine treue Frau, das
-ist wohlgetan; ein treuer Mann ist ein Kapaun. Gott steh Dir bei! Du
-mußt Eine wählen, oder wir peitschen Dich unsrerseits.“
-
-„Das werde ich nicht tun,“ sagte Lamm.
-
-„Wähle,“ sprachen sie.
-
-„Nein,“ sagte er.
-
-„Willst Du mich?“ fragte ein schönes, blondes Mägdlein. „Siehe, ich bin
-sanftmütig und liebe den, der mich liebt.“
-
-„Laß mich,“ sprach Lamm.
-
-„Willst Du mich?“ fragte ein reizend Mädchen mit schwarzen Haaren,
-braunen Augen und brauner Haut, und übrigens wie von Engeln gedrechselt.
-
-„Ich mag keinen Honigkuchen,“ sprach Lamm.
-
-„Und mich? Willst Du mich nicht nehmen?“ fragte ein großes Mädchen,
-deren Stirn fast ganz mit Haar bedeckt war. Sie hatte dichte,
-zusammengewachsene Brauen und große schwimmende Augen, Lippen so dick
-wie Wülste und feuerrot; und rot auch Gesicht, Hals und Schultern.
-
-„Ich mag keine glühenden Ziegelsteine,“ sprach Lamm.
-
-„Nimm mich,“ sagte ein Dirnlein von sechzehn Jahren, mit der Schnauze
-eines Eichkätzchens.
-
-„Ich mag keine Nußknacker,“ sprach Lamm.
-
-„Wir müssen ihn peitschen,“ sagten sie. „Womit? Mit schönen Peitschen,
-so eine Schnur von gedörrten Leder haben. Ein stolzes Stäupen. Da
-widersteht die härteste Haut nicht. Nehmt zehn Peitschen von Fuhrleuten
-und Eseltreibern.“
-
-„Zu Hilfe, Ulenspiegel!“ schrie Lamm.
-
-Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
-
-„Du hast ein schlechtes Herz,“ sprach Lamm, seinen Freund überall
-suchend. Die Peitschen wurden gebracht. Zwei der Dirnen schickten sich
-an, Lamm das Wams auszuziehen.
-
-„Wehe,“ sprach er, „mein armes Fett, das ich mit soviel Mühe angesetzt
-habe, das werden sie mir gewißlich mit ihren scharfen Peitschen
-herunterreißen. Aber Ihr Weibsbilder ohne Erbarmen, mein Fett wird Euch
-nichts nützen, nicht einmal, um es in die Brühe zu tun.“
-
-„Wir werden Talglichte daraus machen. Ist es nichts wert, ohne Kosten
-Beleuchtung zu haben? Wer fortan sagen wird, daß das Licht von der
-Peitsche kommt, wird jedermann närrisch scheinen. Wir werden bis an den
-Tod daran festhalten und mehr als eine Wette gewinnen. Tunkt die Ruten
-in den Essig. So, dein Wams ist ausgezogen. Auf Saint-Jacques schlägt
-es Voll. Neun Uhr. Wenn Du beim letzten Schlag nicht gewählt hast,
-peitschen wir Dich.“
-
-Lamm sagte, schier gelähmt:
-
-„Habt Mitleid und Erbarmen mit mir, ich habe meiner armen Frau Treue
-geschworen und werde sie halten, ob sie mich gleich böslich verlassen
-hat. Ulenspiegel, mein Liebling, zu Hilfe!“
-
-Doch Ulenspiegel ließ sich nicht blicken.
-
-„Sehet mich,“ sprach Lamm zu den Dirnen, „sehet mich zu Euren Füßen.
-Kann man demütiger sein? Sage ich nicht genug damit, daß ich Eure große
-Schönheit gleich den Heiligen verehre? Glücklich der Ehelose, der Eure
-Reize genießen kann. Das ist ohne Zweifel das Paradies; aber schlagt
-mich nicht, wenn es Euch beliebt.“
-
-Plötzlich sprach die Wirtin, die zwischen ihren beiden Talglichtern
-stand, mit lauter, dräuender Stimme:
-
-„Gevatterinnen und Mädchen, ich schwöre Euch bei meinem Erzteufel, so
-Ihr nicht im Augenblick mit Lachen und Güte diesen Mann zur Einsicht,
-das heißt, in Euer Bett gebracht habt, so werde ich die Nachtwächter
-rufen und Euch alle an seiner statt peitschen lassen. Ihr verdient
-nicht den Namen loser Dirnen, wenn Ihr umsonst die leichtfertige Zunge,
-die kecke Hand und lodernden Augen habt, um das männliche Geschlecht zu
-reizen, wie die Weibchen der Glühwürmer tun, die nur zu diesem Ende
-ein Licht haben. Und Ihr werdet ohne Gnade für Eure Dummheit gepeitscht
-werden.“
-
-Bei dieser Rede zitterten die Dirnen, und Lamm ward frohgemut. „Heda,
-Gevatterinnen,“ sagte er, „welche Kunde bringt Ihr aus dem Lande der
-peitschenden Riemen? Ich werde selber die Wächter holen. Sie werden
-ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen dabei helfen, das wird mir große
-Kurzweil sein.“
-
-Doch siehe, da warf sich ein liebliches Kind von fünfzehn Jahren zu
-seinen Füßen.
-
-„Herr,“ sagte sie, „Ihr sehet mich hier vor Euch in Demut ergeben.
-So Ihr nicht geruhet, eine unter uns zu wählen, muß ich Euretwillen
-geschlagen werden. Und die Wirtin dort wird mich in einen abscheulichen
-Keller unter der Schelde stecken, wo das Wasser von den Wänden sickert,
-und wo ich nur schwarzes Brot zu essen bekomme.“
-
-„Wird sie wirklich meinetwegen geschlagen werden, Frau Wirtin?“ fragte
-Lamm.
-
-„Bis aufs Blut,“ antwortete diese.
-
-Da betrachtete Lamm das Mägdlein und sprach: „Ich sehe dich so frisch
-und duftig; deine Schulter taucht wie ein großes, weißes Rosenblatt aus
-Deinem Kleide auf. Ich will nicht, daß diese schöne Haut, unter der das
-Blut so jugendlich fließt, unter der Peitsche leidet, noch daß diese
-Augen, vom Feuer der Jugend hell, wegen schmerzhafter Schläge weinen,
-oder daß die Kälte des Kerkers diesen Körper einer Huldin erschauern
-lasse. So will ich Dich denn lieber wählen als Dich geschlagen wissen.“
-
-Das Mädchen führte ihn fort. Also sündigte er aus Seelengüte, wie er es
-sein ganzes Leben tat.
-
-Unterweilen stunden Ulenspiegel und ein großes, schönes, braunes
-Mädchen mit krausem Haar einander gegenüber. Das Mädchen sah
-Ulenspiegel lockend an, ohne ein Wort zu sagen, und schien ihn nicht zu
-wollen.
-
-„Liebe mich,“ sprach er.
-
-„Dich lieben,“ sagte sie, „törichter Freund, der dessen nur nach der
-Laune der Stunde begehrt?“
-
-Ulenspiegel antwortete: „Der Vogel, der über Deinem Haupt dahinfliegt,
-singt sein Lied und entfleucht. Also auch ich, süßes Herz: wollen wir
-zusammen singen?“
-
-„Ja,“ sprach sie, „ein Lied vom Lachen und von Tränen.“
-
-Und das Mädchen warf sich an Ulenspiegels Hals.
-
-Da nun alle Beide im Arm ihrer Liebsten vor Wonne vergingen, siehe da
-drang beim Klange von Trommel und Pfeife eine lustige Kompanie von
-Meisenfängern ins Haus, die sich drängten, stießen, sangen, pfiffen,
-heulten und schimpften. Sie trugen Säcke und Käfige, ganz voll dieser
-kleinen Vögel, und die Eulen, die ihnen dabei geholfen hatten, rissen
-im Licht ihre gelben Augen auf.
-
-Die Meisenfänger waren zehn Mann hoch, alle rot und vom Wein und
-Würzbier geschwollen. Die Köpfe wackelten ihnen und sie schleppten ihre
-schlotternden Beine und schrien mit so rauher, gebrochener Stimme, daß
-es die furchtsamen Mädchen bedünkte, eher wilde Bestien in einem Walde
-denn Menschen in einem Gemache zu hören.
-
-Indessen sie ließen nicht ab zu sagen, indem sie einzeln oder allzumal
-sprachen: „Ich will, den ich liebe.“ / „Wir gehören dem, der uns
-gefällt. Morgen Denen, die an Gülden reich sind! Heute Denen, die an
-Liebe reich sind.“ Die Meisenfänger antworteten: „Gülden haben wir,
-Liebe desgleichen, für uns die Dirnen! Wer zurückweicht, ist ein
-Kapaun. Dies sind Meisen, wir sind Jäger. Drauf! Brabant dem guten
-Herzog!“
-
-Doch die Frauenzimmer höhnten: „Pfui über die häßlichen Mäuler, die uns
-zu fressen gedenken! Den Schweinen gibt man keinen Sorbett. Wir nehmen,
-wer uns gefällt, und wollen mit Euch nichts zu tun haben. Ihr Öltonnen,
-Specksäcke, dürre Nägel, verrostete Klingen, Ihr stinkt nach Schweiß
-und Schmutz. Scheert Euch hinaus. Ihr werdet auch ohne unsere Hülfe
-verdammt werden.“
-
-Sie aber sprachen: „Die Wälschen sind heuer wählerisch. Edle Fräuleins
-Zimperlich, Ihr könnet uns wohl geben, was Ihr aller Welt verkauft.“
-
-Doch die Mädchen antworteten: „Morgen werden wir hündische Sklavinnen
-sein und Euch nehmen; heute sind wir freie Frauen und weisen Euch fort!“
-
-Da schrien Jene: „Genug der Worte! Wer hat Durst? Laßt uns die Äpfel
-pflücken.“
-
-So sprechend, stürzten sie sich auf sie, ohn Unterschied von Alter noch
-Schönheit. Die schönen Mädchen, zu ihrem Vorhaben entschlossen, warfen
-ihnen Stühle, Schoppen, Krüge, Becher, Humpen, Karaffen und Flaschen an
-den Kopf, daß es hagelte und sie verwundet, zerquetscht und ihnen die
-Augen ausgeschlagen wurden.
-
-Ulenspiegel und Lamm kamen bei dem Lärm herzu und ließen ihre
-zitternden Liebhaberinnen oben an der Stiege. Da Ulenspiegel die Männer
-auf die Weiber losschlagen sah, ergriff er im Hof einen Besen, riß das
-Besenreis herunter, gab Lamm einen andern, und damit prügelten sie die
-Meisenfänger ohn Erbarmen.
-
-Das Spiel dünkte den also durchgewalkten Trunkenbolden hart; sie
-hielten einen Augenblick inne, und die mageren Dirnen, die sich
-verkaufen und nicht verschenken wollten, selbst an diesem großen Tage
-der freiwilligen Liebe, wie die Natur sie gebeut, nutzten dies ohne
-Verzug. Wie Nattern glitten sie zwischen die Verwundeten, liebkosten
-sie, verbanden ihre Wunden, tranken den Wein von Amboise an ihrer Statt
-und leerten ihnen so trefflich die Säckel von Gülden und anderer Münze,
-daß ihnen auch nicht ein elender Heller blieb. Dann, da es Feierabend
-läutete, setzten sie sie vor die Tür, die Ulenspiegel und Lamm schon
-verlassen hatten.
-
-
-29
-
-Ulenspiegel und Lamm marschierten auf Gent und kamen bei Morgengrauen
-nach Lokeren. Die Erde war weithin betaut, weiße, kühle Dünste
-schwebten über den Wiesen. Da Ulenspiegel vor einer Schmiede vorbeikam,
-trillerte er wie die Lerche, der Vogel der Freiheit. Und alsbald
-erschien ein Kopf mit zerzaustem, weißem Haar in der Tür der Schmiede
-und ahmte mit schwacher Stimme den kriegerischen Trompetenstoß des
-Hahnes nach.
-
-Ulenspiegel sagte zu Lamm:
-
-„Dieser ist der Schmied Wasteele, der bei Tage Spaten, Hacken und
-Pflugscharen macht und das Eisen schmiedet, wenn es heiß ist, um
-daraus schöne Gitter für die Chöre von Kirchen zu bilden. Doch des
-Nachts macht und schleift er oftmals Waffen für die Soldaten des
-freien Gewissens. Dies Spiel hat ihm kein gutes Aussehen verschafft,
-sintemalen er bleich ist wie ein Gespenst, traurig wie ein Verdammter
-und so mager, das ihm die Knochen die Haut durchlöchern. Er hat
-sich noch nicht schlafen gelegt, da er ohne Zweifel die ganze Nacht
-geschafft hat.“
-
-„Tretet alle beide ein,“ sagte der Schmied Wasteele, „und führet Eure
-Esel auf den Anger hinter dem Hause.“
-
-Da dies besorgt war und Ulenspiegel und Lamm sich in der Schmiede
-befanden, trug der Schmied Wasteele alles, was er während der Nacht an
-Degen geschärft und an Lanzenspitzen geschmiedet hatte, in den Keller
-seines Hauses und bereitete die tägliche Arbeit für seine Gesellen vor.
-
-Er blickte Ulenspiegel mit glanzlosen Augen an und fragte ihn:
-
-„Welche Kunde bringst Du mir vom Schweiger?“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Der Prinz ist mit seinem Kriegsvolk aus den Niederlanden vertrieben,
-wegen der Feigheit seiner Söldlinge, die „Geld, Geld!“ schreien, wenn
-sie kämpfen sollen. Er ist mit den getreuen Soldaten, seinem Bruder,
-dem Grafen Ludwig, und dem Herzog von Zweibrücken nach Frankreich
-gezogen, zum Beistand des Königs von Navarra und der Hugenotten. Von
-da ging er nach Deutschland, nach Dillenburg, allwo manche Flüchtlinge
-aus den Niederlanden bei ihm sind. Du sollst Waffen und das von Dir
-gesammelte Geld hinsenden, derweil wir auf dem Meere das Werk freier
-Männer vollbringen.“
-
-„Ich werde tun, was sein muß,“ sagte der Schmied Wasteele; „ich habe
-Waffen und neuntausend Gülden. Aber seid Ihr nicht auf Eseln gekommen?“
-
-„Jawohl,“ sprachen sie.
-
-„Und ist Euch nicht unterwegs Kunde von drei Predigern geworden, so
-getötet, geplündert und in ein Loch in den Felsen der Maas geworfen
-sind?“
-
-„Ja,“ sagte Ulenspiegel mit großem Gleichmut, „diese drei Prediger
-waren Spione des Herzogs und Meuchelmörder, gedungen, den
-Freiheitsprinzen aus dem Wege zu räumen. Wir zwei, Lamm und ich,
-brachten sie vom Leben zum Tode. Ihr Geld ist unser, und ihre Papiere
-desgleichen. Wir werden davon nehmen, was uns für die Reise not tut;
-den Rest werden wir dem Prinzen geben.“
-
-Und Ulenspiegel öffnete sein und Lamms Wams und zog die Papiere und
-Pergamente heraus. Nachdem der Schmied Wasteele sie gelesen hatte,
-sagte er:
-
-„Sie enthalten Pläne für Schlacht und Verschwörung. Ich werde sie dem
-Prinzen zustellen lassen, und es soll ihm kund werden, daß Ulenspiegel
-und Lamm Goedzak, seine getreuen Vaganten, sein edles Leben retteten.
-Ich werde Eure Esel verkaufen lassen, auf daß man Euch nicht an Euren
-Reittieren erkenne.“
-
-Ulenspiegel fragte den Schmied Wasteele, ob das Schöffengericht zu
-Namur schon die Häscher auf ihre Fersen gesetzt habe.
-
-„Ich werde Euch sagen, was ich weiß,“ antwortete Wasteele. „Ein Schmied
-aus Namur, ein wackerer Reformierter, kam jüngst hier durch, unter dem
-Vorgeben, meine Hülfe für Gitter, Wetterfahnen und andres Eisenwerk
-an einem Kastell, das man nahe dem Tor de la Plante erbauen will, zu
-erbitten. Der Gerichtsdiener des Schöffengerichts hat ihm gesagt, daß
-seine Herren schon eine Sitzung gehabt hätten und daß ein Schenkwirt
-vorgeladen sei, maßen er etliche hundert Klafter von der Mordstätte
-entfernt wohnte. Befragt, ob er nicht die Mörder gesehen habe, oder
-Die, auf die er Verdacht haben könnte, hat er geantwortet: „Ich habe
-Bauern und Bäuerinnen gesehen, die zu Esel reisten und von mir zu
-trinken verlangten und auf ihren Tieren sitzen blieben oder abstiegen,
-um bei mir zu trinken, die Männer Bier, die Frauen und Mädchen Meth.
-Ich sah zwei wackere Bauern, so davon redeten, den Herrn von Oranien
-um einen Fuß kürzer zu machen.“ So sprechend, machte der Wirt pfeifend
-nach, wie ein Messer durch einen Hals schnitt. „Beim Eisenwind,“ sprach
-er, „ich werde Euch insgeheim beistehen, da ich die Macht habe, es
-zu tun.“ Er sprach und ward freigelassen. Seit jener Zeit haben die
-Gerichtsräte ohne Zweifel Sendschreiben an ihre Untergebenen gerichtet.
-Der Wirt sagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen auf Eseln gesehen,
-daraus folgt, daß man auf alle, die man auf Eseln reiten sieht, Jagd
-machen wird. Und der Prinz braucht Euch, Kinder.“
-
-„Verkaufe die Esel,“ sprach Ulenspiegel, „und behalte das Kaufgeld für
-den Schatz des Prinzen.“
-
-Die Esel wurden verkauft.
-
-„Nunmehr,“ sprach Wasteele, „müsset Ihr Jeder ein Handwerk haben, das
-von den Zünften frei und unabhängig ist. Verstehst Du, Vogelbauer und
-Mausefallen zu machen?“
-
-„Ich machte sie ehedem,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Und Du?“ fragte Wasteele Lamm.
-
-„Ich werde ~Eete-koeken~ und ~Olie-koeken~ verkaufen“; das sind Krapfen
-und Ölkuchen.
-
-„Folget mir. Hier sind fertige Käfige und Mausefallen, auch Werkzeuge
-und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu fertigen. Sie wurden
-mir von einem meiner Spione gebracht. Dies ist für Dich, Ulenspiegel.
-Was Dich anbetrifft, Lamm, so ist hier ein kleiner Backofen und ein
-Blasebalg; ich werde Dir Mehl, Butter und Öl geben, um die Krapfen und
-Ölkuchen zu backen.“
-
-„Er wird sie aufessen,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Wann werden wir die ersten machen?“ fragte Lamm.
-
-Wasteele antwortete:
-
-„Ihr werdet mir erst eine oder zwei Nächte helfen; ich kann meine große
-Arbeit nicht allein zwingen.“
-
-„Ich habe Hunger,“ sprach Lamm; „isset man hier?“
-
-„Brot und Käse ist da,“ sprach Wasteele.
-
-„Ohne Butter?“ fragte Lamm.
-
-„Ohne Butter,“ sagte Wasteele.
-
-„Hast Du Bier oder Wein?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Das trinke ich nimmer,“ antwortete er, „aber ich werde nach dem
-„Pelikan“ nahebei gehen und Euch etwas holen, so Ihr es wünschet.“
-
-„Ja,“ sprach Lamm, „und bringe uns Schinken mit.“
-
-„Ich werde tun, was Ihr begehrt,“ sagte Wasteele und blickte Lamm gar
-verächtlich an.
-
-Er brachte jedoch ~dobbel-clauwaert~ und einen Schinken mit. Und Lamm
-aß wohlgemut für fünf.
-
-Und er sagte:
-
-„Wann werden wir uns an die Arbeit machen?“
-
-„Diese Nacht,“ sagte Wasteele; „aber bleibe in der Schmiede und habe
-keine Furcht vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie Du.“
-
-„Das ist gut,“ sagte Lamm.
-
-Zur Nacht, als es Feierabend geläutet hatte und alle Türen geschlossen
-waren, stieg Wasteele mit Ulenspiegel und Lamm in den Keller hinab und
-ließ sich von ihnen helfen, eine große Menge Waffen in die Schmiede
-hinaufzutragen. Dann sagte er:
-
-„Hier sind zwanzig Büchsen auszubessern, dreißig Lanzenspitzen zu
-schleifen und Blei für fünfzehnhundert Kugeln zu schmelzen. Ihr müsset
-mir dabei helfen.“
-
-„Mit allen Händen,“ sprach Ulenspiegel. „Warum habe ich nicht vier, um
-Dir zu nützen?“
-
-„Lamm wird uns zu Hülfe kommen,“ sprach Wasteele.
-
-„Ja,“ sagte Lamm kläglich und vor Müdigkeit umfallend, aus Ursach des
-unmäßigen Trinkens und Essens.
-
-„Du wirst das Blei schmelzen,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Ich werde das Blei schmelzen,“ sprach Lamm.
-
-Dieweil Lamm sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, warf er grimme
-Blicke auf den Schmied Wasteele, der ihn zu wachen zwang, wenn er vor
-Schläfrigkeit umfiel. Mit stillem Zorn goß er die Kugeln und hatte
-großes Verlangen, dem Schmied Wasteele das geschmolzene Blei auf den
-Kopf zu schütten. Doch er hielt an sich. Um Mitternacht, als Wut
-und übergroße Müdigkeit ihn gleichermaßen überfielen, hielt er ihm
-mit zischender Stimme diese Rede, dieweil der Schmied Wasteele und
-Ulenspiegel geduldig Flintenläufe, Büchsen und Lanzenspitzen schliffen.
-
-„Siehe,“ sprach Lamm, „Du magerer, bleicher und kümmerlicher Mensch
-glaubst an die Aufrichtigkeit von Fürsten und andern Großen der Erde,
-und voll Übereifer verachtest Du Deinen Leib, Deinen edlen Leib, den
-Du in Elend und Niedrigkeit umkommen lässest. Nicht darum hat Gott ihn
-mit Mutter Natur geschaffen. Weißt Du, daß unsere Seele, so des Lebens
-Odem ist, zum Atmen der Bohnen, des Rindfleisches, Bieres und Weines,
-des Schinkens, der Würste und der Ruhe bedarf? Du aber lebst von Brot,
-Wasser und Nachtwachen.“
-
-„Von wannen kommt Dir dieser Redefluß?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Er weiß nicht, was er redet,“ antwortete Wasteele traurig. Aber Lamm
-erboste sich:
-
-„Ich weiß es besser als Du. Ich sage, daß wir Narren sind, ich, Du
-und Ulenspiegel desgleichen, uns die Augen aus dem Kopf zu arbeiten
-für all die Prinzen und Großen der Erde; sie würden trefflich lachen,
-wenn sie sähen, wie wir vor Müdigkeit umkommen und nicht schlafen, um
-Waffen zu schmieden und Kugeln für ihren Dienst zu gießen. Derweilen
-trinken sie französischen Wein aus güldenen Humpen und essen deutsche
-Kapaunen von Schüsseln aus engelländischem Zinn. Indessen wir in der
-Luft nach Gott suchen, durch dessen Gnade sie mächtig sind, fragen
-sie nicht danach, ob ihre Feinde uns mit ihren Sensen die Beine
-abschlagen und uns in die Grube des Todes werfen. Inzwischen aber
-werden sie, die weder Reformierte noch Calvinisten, weder lutherisch
-noch katholisch sondern ganz und gar Skeptiker und Zweifler sind,
-Fürstentümer kaufen und erobern; sie werden das Gut der Mönche, Äbte
-und Klöster verzehren; ihnen wird alles gehören: Jungfrauen, Frauen
-und Dirnen. Aus ihren güldenen Humpen werden sie auf ihre dauernde
-Spottlust trinken, auf unsere immerwährenden Albernheiten, Torheiten
-und Eseleien und auf die sieben Todsünden, so sie, oh Schmied Wasteele,
-vor Deiner von Begeisterung mageren Nase begehen. Schau die Felder,
-die Wiesen, die Ernten, die Obstgärten, die Ochsen, das Gold, das aus
-der Erde kommt; schau die Tiere des Waldes, die Vögel des Himmels, die
-köstlichen Fettammern, die feinen Krammetsvögel, den Wildschweinskopf,
-die Rehkeule: ihnen gehört alles, Waidwerk und Fischfang, Erde, Meer,
-alles. Und Du lebst von Brot und Wasser, und wir richten uns hier zu
-Grunde, ohne zu schlafen, ohne zu essen und zu trinken. Und wenn wir
-gestorben sind, werden sie unserm Aas einen Fußtritt geben und zu
-unsern Müttern sprechen: „Macht andere, diese sind nichts mehr nutz.“
-
-Ulenspiegel lachte stumm, Lamm prustete vor Entrüstung, aber Wasteele
-sagte mit sanfter Stimme:
-
-„Du redest leichtfertig. Ich lebe mit nichten für Schinken, Bier,
-noch Fettammern, sondern für den Sieg des freien Gewissens. Der
-Freiheitsprinz tut gleich wie ich. Er opfert sein Hab und Gut,
-seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei aus den
-Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und versuche mager zu werden.
-Nicht durch den Bauch rettet man die Völker, sondern durch stolzen Mut
-und Beschwerden bis an den Tod, ohne Murren ertragen. Und jetzo geh und
-leg Dich schlafen, wenn Dich schläfert.“
-
-Doch Lamm wollte nicht, maßen er sich schämte.
-
-Und sie schliffen Waffen und gossen Kugeln bis an den Morgen. Und also
-während dreier Tage.
-
-Dann brachen sie in der Nacht nach Gent auf und verkauften Käfige,
-Mausefallen und Oelkuchen.
-
-Und sie rasteten in Meulestee, dem Städtlein der Mühlen, dessen rote
-Dächer man allerorten erblickt, und kamen dort überein, ihr Handwerk
-getrennt auszuüben und sich am Abend vor der Feierstunde in der
-Herberge „Zum Schwanen“ zu treffen.
-
-Lamm streifte durch die Gassen von Gent, indem er seine Oelkuchen
-verkaufte und Geschmack an diesem Handwerk fand. Er suchte sein Weib,
-leerte gar viele Schoppen und aß ohn Unterlaß.
-
-Ulenspiegel hatte des Prinzen Briefe Jakob Scoelap, einem Doktor der
-Medicin, und Lieven Smet, einem Tuchschneider, Jan de Wulfschager und
-Gillis Coorne, einem Rotfärber übergeben, desgleichen Jan de Roose,
-einem Ziegelbrenner. Diese gaben ihm das Geld, so sie für den Prinzen
-gesammelt hatten, und hießen ihn noch etliche Tage in Gent und in der
-Umgegend verweilen; denn man würde ihm noch mehr geben.
-
-Nachdem jene später am Neuen Galgen wegen Ketzerei gehenket waren,
-wurden ihre Leichname auf dem Galgenfelde, nahe dem Tor von Brügge
-begraben.
-
-
-30
-
-Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem roten
-Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu Stadt.
-Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen und
-schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen darin lebendig zu
-begraben. Und der König erbte.
-
-Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und war voller
-Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand, war es kalt. Vom Himmel,
-der mit grauen Wetterwolken bedeckt war, fiel ein feiner Hagel.
-
-„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit vier Nächten
-umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst in ~de Zoeten Inval~, in
-den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es machen wie der Mann auf dem
-Schild, der mit dem Kopf zuerst in einen Bienenstock fiel. Vergebens
-harr’ ich Deiner „Im Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir
-nichts Gutes. Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“
-
-„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und dem Alle
-Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“
-
-„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“
-
-„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein
-vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte.
-
-„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter diesem Baum?“
-
-„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach wider den
-Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“
-
-Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu.
-
-„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm.
-
-„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine
-Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann wirst Du
-schlafen und keine Langeweile haben.“
-
-„So werde ich tun,“ sprach Lamm.
-
-Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer.
-
-„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es auf der
-andern, und jetzt laß uns laufen.“
-
-„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß Spelle
-ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen, die ihm
-nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen. Darum laufe ich;
-laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu verteidigen.“
-
-„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach
-Destelbergh in den „Stern der Weisen.“
-
-Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit Händen und
-begann zu rennen.
-
-„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen.
-
-„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde gleich
-einer ungeduldigen Stute.
-
-„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Was bedeutet das?“ fragte sie.
-
-Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten Wein,
-dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“
-
-Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an.
-
-„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie.
-
-„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“
-
-„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke dienen.“
-
-„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er.
-
-„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen, wie Du
-es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich allein laufe.“
-
-„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf vier Beinen
-rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum laufen wir besser, da
-wir vier haben.“
-
-„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“
-
-„Jawohl,“ sagte er.
-
-„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine ruhige,
-schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine Larve, die
-mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel für einen Mann von
-Stein. Ich liebe die, so in der Brust eine Kohlenglut haben, die am
-Feuer der Mannheit entzündet, zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“
-
-„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“
-erwiderte Ulenspiegel.
-
-Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße.
-
-„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut trinken.“
-
-„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen.
-
-Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer Krug, ob
-seines dicken Wanstes Bauch genannt.
-
-Ulenspiegel sprach zum Wirt:
-
-„Siehst Du diesen Gülden?“
-
-„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas.
-
-„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da mit ~dobbele
-clauwaert~ zu füllen?“
-
-„Mit ~negen mannekens~ (neun Groschenmännlein) wärest Du quitt.“
-
-„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber fülle ihn
-immerhin.“
-
-Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob er sich
-stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund legend, leerte
-er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch wie von einem
-Wasserfall.
-
-Das Mädchen sagte verdutzt:
-
-„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren Leib
-zu bringen?“
-
-Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt:
-
-„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen vollen
-Bauch, auf daß wir essen und trinken.“
-
-Solches taten sie.
-
-Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte er sie
-so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und fügsam ward.
-
-Alsdann fragte sie ihn und sprach:
-
-„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes, dieser
-Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich, wie
-Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute Stunde. Indem ich
-während dieser Stunde über mein künftiges Leben nachsann, sättigte ich
-mich kärglich mit Brot; Wasser war mein schaler Trunk; traurig floh
-ich die Liebe und getraute mich nicht, mich zu rühren noch zu niesen,
-aus Furcht Böses zu tun. Von allen war ich geachtet, von jedermann
-gefürchtet, allein wie ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein
-Herr gestorben ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete
-ich trübselig auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug. Drum
-küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer verlassen.“
-
-„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild ist die
-Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“
-
-Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich aber
-mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte, mitten
-in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine Häscher auftauchen zu
-sehen.
-
-„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel.
-
-Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie Lamm
-im „Stern der drei Weisen“ schmausend.
-
-
-31
-
-Ulenspiegel sah in Gent oftmals Jakob Scoelap, Lieven Smet und Jan de
-Wulfschager, die ihm Kunde vom guten und bösen Geschick des Schweigers
-gaben.
-
-Und allemal, wenn Ulenspiegel nach Destelbergh zurückkehrte, sagte Lamm
-zu ihm:
-
-„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“
-
-„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig, die
-andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich
-weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu vereinigen.
-Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und das freie Gewissen
-gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die deutschen Reiter und
-Landsknechte weigerten sich, weiter zu ziehen, und sagten, daß ihr Eid
-sie verpflichte, wider den Herzog von Alba zu fechten, nicht aber wider
-Frankreich. Nachdem er sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht
-zu tun, mußte der Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und
-Lothringen bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland
-zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs
-mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet seines Vertrages
-mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu zahlen, das er versprochen.
-Die Königin von England hatte ihm welches schicken wollen, um die
-Stadt Calais und Umgegend wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre
-Briefe wurden aufgefangen und dem Cardinal von Lothringen überliefert,
-der eine ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne
-Heer, unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen.
-Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser seine
-Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“
-
-
-32
-
-Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte Lamm und
-Ulenspiegel:
-
-„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen und die
-Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist unter ihnen.
-Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr Männer seid, werdet ihn
-rächen. Ein schmutziger und schändlicher Wüstling, Pieter de Roose,
-ein gewohnter Verführer von Kindern und Mägdlein, war Ursach des
-ganzen Leids. Ach, mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose
-waren eines Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke
-zum Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen
-ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube mit sich sehen
-wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und hieß ihn reine Luft
-machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder einer öffentlichen Dirne
-sollte den Kopf nicht so hoch tragen. Er log; ich bin nicht öffentlich
-und gebe mich nur dem, der mir gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein
-Maß Würzbier ins Gesicht und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein
-schmutziger Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht
-hinausschere, sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der
-andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte.
-Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn an den
-Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ er ihn ohne
-Erbarmen verwundet liegen.
-
-„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte, kehrte
-er ~in’t Vagevuur~ ein, wahrlich ein Fegefeuer und eine elende Schänke,
-allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er allein gelassen, sogar von
-diesen Lumpen. Und keiner redete zu ihm, ohne einige Bauern, welchen er
-unbekannt war, oder etliche fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er
-ward dort sogar unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker.
-
-„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen war,
-folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein Hund. Auf seine Kosten
-ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an Wein, Fleisch und andern
-Freuden, so mit Geld bezahlt werden, ergötzen. Also ward er ihr Geselle
-und Kamerad und begann, wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er
-verabscheute, zu peinigen: nämlich alle Einwohner von Meulestee,
-insonderheit aber meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an.
-Falsche Zeugen, nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß
-Michielkin ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau
-gehalten und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen in der
-Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte er dreihundert
-Gülden in einer Truhe.
-
-„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten waren, wurde
-Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von Spelle und seinen
-Häschern für ausreichend erklärt wurden, um den Angeschuldigten zu
-foltern, so ward Michielkin mit den Armen an einer Rolle aufgehängt,
-die an der Decke befestigt war. An jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht
-von fünfzig Pfund. Er leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in
-Meulestee einen Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre
-das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und
-hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen und
-mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder herabfallen. Solches
-taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten Haut und Muskeln der
-Knöchel zerrissen und der Fuß kaum am Beine festsaß.
-
-„Da Michielkin bei Behauptung seiner Unschuld beharrte, ließ Spelle ihn
-abermals foltern und gab ihm dabei zu verstehen, daß er ihn los und
-ledig lassen würde, so er ihm hundert Gülden zahlte.
-
-„Michielkin sagte, daß er lieber sterben würde.
-
-„Da die von Damme die Kunde der Verhaftung und Tortur vernahmen,
-wollten sie als Massenzeugen auftreten, welches das Zeugnis aller guten
-Einwohner einer Gemeine ist. Einstimmig sagten sie aus, daß Michielkin
-keinesweges ein Ketzer wäre, jeden Sonntag zur Messe und zum Tisch
-des Herrn ginge, daß er niemals andere Gespräche über Unsere liebe
-Frau geführt hätte, als in bedrängten Umständen ihre Hülfe anzurufen.
-Dieweil er nimmer von einer irdischen Frau schlecht gesprochen hätte,
-würde er es mit viel mehr Grund nicht bei der himmlischen Mutter Gottes
-gewagt haben. Was die Gotteslästerungen anginge, so die falschen Zeugen
-in der Schenke zum Falken von ihm gehört haben wollten, so wäre das in
-jedem Punkt falsch und eitel Lug.
-
-„Nachdem Michielkin freigelassen war, wurden die falschen Zeugen
-bestraft und Spelle forderte Pieter de Roose vor sein Tribunal, aber er
-entließ ihn wieder ohne Verhör noch Tortur für einmalige Zahlung von
-hundert Gülden. Aus Angst, das Geld, das ihm verblieb, möchte Spelles
-Aufmerksamkeit zum andern Mal auf ihn lenken, entfloh Pieter de Roose
-von Meulestee, indes Michielkin, mein armer Bruder, am Brand starb, der
-seine Füße ergriffen hatte.
-
-„Er wollte mich nicht mehr sehen, ließ mich gleichwohl rufen, um mir zu
-sagen, ich sollte mich vor dem Feuer meines Leibes hüten; es würde mich
-zum Feuer der Höllen führen. Und ich konnte nur weinen, denn das Feuer
-ist in mir. Und er gab seine Seele in meinen Armen auf.“
-
-„Ha,“ sagte sie, „wer den Tod meines geliebten, sanften Michielkin an
-Spelle rächen würde, der sollte auf immer mein Herr sein, und ich würde
-ihm gleich einer Hündin gehorchen.“
-
-Dieweil sie so sprach, brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels Brust.
-Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, gehenket werden sollte.
-
-Boelkin, das war des Mädchens Name, kehrte nach Meulestee zurück. Sie
-war in ihrer Behausung sicher vor Pieter de Roose’s Rache, denn ein
-Ochsentreiber, der durch Destelbergh kam, brachte ihr Nachricht, daß
-der Pfarrer und die Bürger erklärt hätten, sie würden Spelle vor den
-Herzog bringen, so er Michielkins Schwester anrührte.
-
-Ulenspiegel war ihr nach Meulestee gefolgt und trat in ein niederes
-Gemach in Michielkins Haus. Allda sah er ein Bildnis eines
-Zuckerbäckermeisters, das er für das des armen Toten hielt.
-
-Und Boelkin sagte zu ihm:
-
-„Es ist meines Bruders Bild.“
-
-Ulenspiegel nahm das Bild und sagte im Fortgehen:
-
-„Spelle wird gehenket werden.“
-
-„Wie wirst Du es anstellen?“
-
-„Wenn Du es wüßtest,“ sagte er, „so würde es Dich nicht ergötzen, es
-tun zu sehen.“
-
-Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit klagender Stimme: „Du traust
-mir nicht“.
-
-„Heißt es nicht, Dir aufs Höchste vertrauen, wenn ich Dir sage, Spelle
-wird gehenkt werden? Denn mit diesem einzigen Worte kannst Du mich von
-ihm henken lassen.“
-
-„Fürwahr,“ sagte sie.
-
-„Geh also,“ versetzte Ulenspiegel, „und hole mir gute Tonerde,
-ein doppelt Maß Braunbier, klares Wasser und etliche Schnitten
-Ochsenfleisch. Jedes besonders. Der Ochs soll für mich sein, das
-Braunbier für den Ochsen, das Wasser für den Ton und der Ton für das
-Bildnis.“
-
-Derweil Ulenspiegel aß und trank, knetete er den Ton und verschluckte
-dann und wann ein Stücklein davon; doch das kümmerte ihn wenig, und
-er betrachtete aufmerksam Michielkins Bildnis. Da der Ton geknetet
-war, machte er daraus eine Maske mit Nase, Mund, Augen, Ohren, die dem
-Bildnis des Toten so gleich waren, daß Boelkin sich baß verwunderte.
-
-Nach diesem legte er die Maske in den Backofen und als sie trocken war,
-bemalte er sie mit der Farbe der Leichen, schuf ihr verstörte Augen,
-ein ernstes Antlitz und die unterschiedlichen Verzerrungen eines
-Verscheidenden. Da hörte das Mädchen auf sich zu verwundern; sie sah
-die Maske an und konnte ihre Augen nicht abwenden, erblaßte und ward
-totenbleich, verhüllte ihr Antlitz und sagte schaudernd:
-
-„Das ist er, mein armer Michielkin!“
-
-Er machte auch zwei blutende Füße.
-
-Dann, nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte, sprach sie:
-„Der wird gesegnet sein, der den Mörder morden wird.“
-
-Ulenspiegel nahm die Maske und die Füße und sprach:
-
-„Ich bedarf eines Helfers.“
-
-Boelkin antwortete:
-
-„Geh in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem von Ypern, der diese Schenke
-führt. Er war meines Bruders bester Kamerad und Freund. Sag ihm,
-Boelkin schickte Dich.“
-
-Ulenspiegel tat, wie sie ihm geheißen.
-
-Nachdem der Profoß Spelle für den Tod gearbeitet hatte, ging er in
-„den Falken“, um eine heiße Mischung von Dobbele Clauwaert, Zimmet und
-Madeirazucker zu trinken. Aus Furcht vor dem Strang wagte man ihm in
-diesem Gasthause nichts zu verweigern.
-
-Pieter de Roose, der wieder Mut gefaßt hatte, war nach Meulestee
-zurückgekehrt. Er ging Spelle und seinen Schergen allenthalben nach,
-damit sie ihn schützten. Spelle bezahlte bisweilen die Zeche. Und sie
-vertranken mitsammen wohlgemut das Geld der Opfer.
-
-Die Herberge zum Falken war nicht mehr voll wie in den guten Zeiten,
-wo das Dorf fröhlich lebte, wo die Leute Gott als gute Katholiken
-dienten und nicht um der Religion willen gepeinigt wurden. Jetzt war
-das Dorf gleichsam in Trauer, wie man es an den zahlreichen leeren
-oder geschlossenen Häusern und an seinen verödeten Gassen sah, in
-welchen nur etliche magere Hunde irrten, so auf den Kehrichthaufen ihre
-verfaulte Nahrung suchten.
-
-In Meulestee war nur noch Platz für die beiden Bösen. Die furchtsamen
-Dorfbewohner sahen die Frechen des Tages die Häuser der künftigen
-Opfer bezeichnen und die Totenlisten aufstellen und am Abend vom
-Falken zurückkehren und unflätige Gassenhauer singen, geleitet von zwei
-Schergen, trunken wie sie und bis an die Zähne bewaffnet.
-
-Ulenspiegel ging in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem, der in seiner
-Schreibstube saß.
-
-Ulenspiegel zog ein Fläschlein Branntwein aus dem Hosensack und sprach
-zu ihm:
-
-„Boelkin hat zwei Tonnen davon zu verkaufen.“
-
-„Komm in meine Küche,“ sagte der Wirt.
-
-Dann schloß er die Türe und sah ihn fest an.
-
-„Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet Dein Augenzwinkern? Wer
-bist Du?“
-
-„Ich bin des Klas Sohn, der zu Damm verbrannt ist; die Asche des Toten
-brennt auf meiner Brust. Ich will Spelle, den Mörder töten.“
-
-„Ist es Boelkin, die Dich sendet?“
-
-„Boelkin sendet mich,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich werde Spelle töten
-und Du sollst mir dabei helfen.“
-
-„Das will ich“, sagte der Wirt. „Was muß ich tun?“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Geh zum Pfarrer, dem guten Seelenhirten und Feind von Spelle, hole
-Deine Freunde zusammen und finde Dich morgen nach Feierabend mit
-ihnen auf der Straße nach Ewerghem, jenseit Spelles Haus, zwischen
-dem Falken und besagtem Hause ein. Stellet Euch alle ins Dunkle und
-legt keine weißen Kleider an. Schlag zehn Uhr wirst Du Spelle aus der
-Schenke kommen sehen und ein Fuhrwerk von der andern Seite. Sage Deinen
-Freunden heute Abend nichts; sie schlafen dem Ohr ihrer Weiber zu nahe.
-Suche sie morgen auf. Kommet, horchet gut auf alles, und behaltet es
-wohl im Gedächtnis.“
-
-„Wir werden es im Gedächtnis behalten,“ sagte Joos. Und seinen Becher
-erhebend: „Ich trinke auf den Strang für Spelle.“
-
-„Auf den Strang,“ sprach Ulenspiegel. Dann kehrte er mit dem Wirt in
-die Schenkstube zurück, allwo etliche gentische Trödler zechten. Sie
-kamen vom Brügger Samstagsmarkt heim, wo sie Wämse und Koller von
-Gold- und Silberstoff teuer verkauft hatten, die sie zuvor für wenige
-Sous von verarmten Adligen, so es durch ihren Aufwand den Spaniern
-gleich tun gewollt, erhandelt hatten.
-
-Wegen des großen Verdienstes hielten sie Schmaus und Gelage.
-
-Ulenspiegel und Joos setzten sich in eine Ecke und verabredeten
-beim Trinken, ohne daß jemand sie hörte, daß Joos zum Pfarrer der
-Kirche, dem guten Pastor gehen solle, der wider Spelle, den Mörder
-Unschuldiger, erzürnt war. Danach sollte er zu seinen Freunden gehen.
-
-Am folgenden Tage nach Feierabend verließen Joos und Michielkins
-Freunde, die benachrichtigt waren, die ‚Blaue Gans,‘ wo sie zu zechen
-pflegten, auf verschiedenen Wegen, damit man ihre Absicht nicht merke
-und gingen zur Landstraße nach Everghem. Es waren ihrer siebenzehn.
-
-Um zehn Uhr kam Spelle aus ‚dem Falken,‘ und seine beiden Schergen und
-Pieter de Roose gingen hinter ihm. Lansaem und die Seinen hatten sich
-in der Scheuer von Samson Boene, einem Freund Michielkins, versteckt.
-Das Tor der Scheuer war offen. Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn
-vorübergehen, vom vielen Trinken schwankend, desgleichen Pieter de
-Roose und seine beiden Häscher, und er sagte mit breiiger Stimme und
-vielem Schlucken:
-
-„Profoße, Profoße! Sie haben ein gutes Leben auf Erden. Stützt mich,
-Ihr Galgenvögel, die Ihr von meinem Abhub lebt.“
-
-Plötzlich vernahm man auf der Landstraße von den Feldern her das
-Schreien eines Esels und das Knallen einer Peitsche.
-
-„Da ist ein gar halsstarriger Esel“, sprach Spelle, „der trotz dieser
-schönen Mahnung nicht vorwärts will.“
-
-Plötzlich hörte man lautes Rädergerassel und ein Karren kam in Sätzen
-die Landstraße heruntergefahren.
-
-„Haltet ihn an,“ sagte Spelle.
-
-Als der Wagen an ihnen vorbeikam, stürzten Spelle und seine beiden
-Knechte sich auf den Kopf des Esels.
-
-„Dieser Wagen ist leer,“ sagte einer der Häscher.
-
-„Tölpel,“ sprach Spelle, „laufen die leeren Wagen in der Nacht allein
-herum? In diesem Wagen ist einer, der sich versteckt. Zündet die
-Laternen an und haltet sie hoch, ich werde hineinsehen.“
-
-Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg auf den Wagen, die
-seine hochhaltend; aber kaum hatte er hingeblickt, als er einen lauten
-Schrei tat, zurücksank und rief:
-
-„Michielkin, Michielkin! Jesus, erbarme Dich meiner.“
-
-Alsbald erhob sich vom Boden des Wagens ein Mann, nach Art der
-Zuckerbäcker weiß gekleidet, und in seinen beiden Händen blutige Füße
-haltend.
-
-Da Pieter de Roose diesen Mann im Schein der Laternen sich erheben sah,
-schrie er samt seinen beiden Bluthunden:
-
-„Michielkin, Michielkin, der Tote! Herr, erbarme Dich unser!“
-
-Die Siebenzehn kamen bei dem Lärm herzu und wollten das Schauspiel mit
-ansehen. Sie waren schier erschrocken, da sie beim hellen Mondschein
-gewahrten, wie ähnlich das Abbild Michielkins dem armem Verstorbenen
-war.
-
-Und das Gespenst schwenkte seine blutigen Füße.
-
-Es war sein Antlitz, voll und rund wie sonst, aber im Tode verblaßt,
-dräuend, fahl und unterm Kinn von Würmern zerfressen.
-
-Das Gespenst schüttelte immer noch seine blutigen Füße und sprach zu
-Spelle, der ächzend auf dem Rücken lag:
-
-„Spelle, Profoß Spelle, erwache!“
-
-Aber Spelle rührte sich nicht.
-
-„Spelle“, sprach das Gespenst zum andern Male, „Profoß Spelle,
-erwache, oder ich werde Dich mit mir in den gähnenden Rachen der Hölle
-schleppen.“
-
-Spelle stand auf, seine Haare sträubten sich vor Furcht und er schrie
-jammervoll:
-
-„Michielkin, Michielkin, hab Erbarmen!“
-
-Indessen waren die Bürger näher gekommen, aber Spelle sah nichts
-als die Laternen, die er für Augen von Teufeln hielt, wie er später
-bekannte.
-
-„Spelle,“ sprach Michielkins Geist, „bist Du zu sterben bereit?“
-
-„Nein,“ antwortete der Profoß, „nein, Herr Michielkin, ich bin mit
-nichten dazu bereit und will nicht vor Gott erscheinen mit einer Seele,
-die ganz schwarz ist von Sünden.“
-
-„Erkennest Du mich?“ fragte das Gespenst.
-
-„Gott steh mir bei,“ sagte Spelle, „ja, ich erkenne Euch. Ihr seid der
-Geist Michielkins, des Zuckerbäckers, der unschuldig an den Folgen
-der Folter in seinem Bette starb. Und die zwei blutigen Füße sind
-die nämlichen, an deren jeden ich fünfzig Pfund hängen ließ. Ach,
-Michielkin, verzeiht mir, Pieter de Roose verführte mich; er bot mir
-fünfzig Gulden, die ich annahm, um Euren Namen auf die Liste zu setzen.“
-
-„Willst Du beichten?“ fragte das Gespenst.
-
-„Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber geruhet,
-diese Teufel dort zu entfernen, die bereit sind, mich zu verschlingen.
-Ich werde alles sagen. Schafft diese feurigen Augen fort! Ich habe in
-Tournay ebenso an fünf Bürgern gehandelt, ebenso in Brügge an vieren.
-Ich weiß ihre Namen nicht mehr, aber ich werde sie Euch sagen, so Ihr
-es verlangt. Auch anderswo habe ich gesündigt, und durch mein Tun
-sind neunundsechzig Unschuldige in der Grube. Michielkin, der König
-brauchte Geld. Man hatte es mir eingeschärft; aber ich brauchte es
-gleichermaßen. Es ist in Gent, im Keller unter den Pflastersteinen bei
-der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe alles gesagt, alles.
-Gnade und Erbarmen! Schafft die Teufel fort. Herr Gott, Jungfrau Maria,
-Jesus, bittet für mich! Entfernt die höllischen Feuer, ich werde alles
-verkaufen, alles den Armen geben und Buße tun.“
-
-Da Ulenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm
-beizustehen, sprang er aus dem Wagen und Spelle an die Kehle, um ihn zu
-erdrosseln.
-
-Aber der Pfarrer kam.
-
-„Lasset ihn leben,“ sprach er. „Es ist besser, daß er durch den Strick
-des Henkers sterbe, denn durch die Hände eines Gespenstes.“
-
-„Was wollt Ihr mit ihm machen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Ihn beim Herzog verklagen und ihn henken lassen,“ antwortete der
-Pfarrer. „Wer aber bist Du?“ fragte er.
-
-Ulenspiegel antwortete: „Ich bin Michielkins Conterfei und die
-Person eines armen vlämisches Fuchses, der sich wieder in seinen Bau
-verkriechen wird, aus Furcht vor den hispanischen Jägern.“
-
-Inzwischen entfloh Pieter de Roose so schnell er konnte.
-
-Nachdem Spelle gehenkt war, wurden seine Güter eingezogen.
-
-Und der König erbte.
-
-
-33
-
-Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem klaren Fluß
-entlang auf Kortrijck.
-
-Lamm wanderte kläglichen Mutes.
-
-Ulenspiegel sprach zu ihm:
-
-„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe, das Dir
-die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“
-
-„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und liebte mich
-genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus. Eines Tages,
-da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier verwandelt zurück. Von
-jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich sie um Liebe bat:
-
-„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“
-
-Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen:
-
-„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles für
-Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal ein Wams aus
-schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent angelegt, um Dich trotz
-der königlichen Verordnungen in Seide und Brokat gekleidet zu sehen?
-Liebchen, liebst Du mich nicht mehr?“
-
-„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin
-und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl eine tugendsame
-Gefährtin sein.“
-
-„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will ich, Dich,
-mein Weib.“
-
-Sie schüttelte den Kopf:
-
-„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im Haus, um mir
-die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest unsere Leintücher,
-Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen zu schwer für mich waren.
-Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest das Haus und die Gasse vor der
-Tür, um mir jegliche Beschwer zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner
-schaffen, aber nichts weiter, lieber Mann.“
-
-„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor Deine
-Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein, Dein leibeigner,
-unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht diese beiden Herzen und
-Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies holde Band der Liebe, das
-uns so zart verknüpfte.“
-
-„Es muß sein,“ antwortete sie.
-
-„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß gefaßt?“
-
-Sie antwortete:
-
-„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“
-
-„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine Pflichten
-als Frau nicht zu erfüllen?“
-
-„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl seiner
-Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie.
-
-„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie
-die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte,
-drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr
-von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins einer meiner
-Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer. Ohne Zweifel meines
-Flehens müde, böse und trübselig über meinen Kummer, war mein Weib
-entflohen. Wo weilt sie nun?“
-
-Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und schaute das
-Wasser an.
-
-„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du! Werde
-ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde ich nie mehr von
-Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo sind Deine Küsse, balsamisch
-wie Thymian? Dein lieblicher Mund, von dem ich Freude pflückte wie
-die Biene den Honig von der Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend
-umschlangen? Wo ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der
-reizende Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind
-Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so lustig in der
-Sonne rollst?“
-
-
-34
-
-Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu Ulenspiegel:
-
-„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“
-
-„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche an sich
-vorbeiziehen.
-
-„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine deutsche
-Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr Hirschgeschrötte
-haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen; zierliche Spießer, ihre
-Schildknappen, traben ihnen zur Seite, bereit, ihnen mit ihrem spitzen
-Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie gehen nach ihrem Lager. Drehe das
-Radschloß der Büchse, wie ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist
-krank geschossen. Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm
-nach, bis er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“
-
-„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm, „den
-Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel, das ist
-verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den grausamen
-Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie Du? Ich schwitze,
-mein Sohn, ich schwitze und werde fallen. Wenn der Förster Dich abfaßt,
-wirst Du gehenkt werden. Der Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie
-laufen, mein Sohn, Du wirst sie nicht fangen.“
-
-„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines Geweihs im
-Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind? Siehst Du die jungen,
-abgebrochenen Zweige, die Blätter, die den Boden bedecken? Diesmal hat
-er noch eine Kugel aufs Blatt gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“
-
-„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere laufen.
-Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und nicht wieder
-aufstehen.“
-
-Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten den
-Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der Hirsche.
-
-Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten sie auf
-eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie unter Weibern
-und Kindern, die da lagerten, Männer in großer Zahl, mit Degen,
-Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen auf mancherlei
-Weise bewaffnet.
-
-Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er:
-
-„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft zu
-leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“
-
-„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem Feuer saß
-und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte. „Aber wer bist Du?“
-
-„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel,
-„Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander. Und
-solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe schöne und gute
-Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel.“
-
-„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann, kannst Du
-„~Schild ende Vriendt~,“ Schild und Freund, auf Genter Art aussprechen;
-wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und mußt sterben.“
-
-Ulenspiegel sprach: ~Schild ende Vriendt~.
-
-„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend, „was ist
-Dein Gewerbe?“
-
-Lamm antwortete:
-
-„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen und
-zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel
-allerorten zu folgen.“
-
-„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt Du wissen,
-wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“
-
-„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir nicht den
-Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus dem Hause trieb?
-Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“
-
-Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal
-entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld und ein Weib,
-das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“
-
-Dann redete er zu Ulenspiegel:
-
-„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“
-
-„~Raekstekers~, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel, „maßen
-einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren gefallen war und
-die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da sie ihn springen sahen.
-„Lasset uns den Pfarrer holen, um den Rochen zu exorzieren,“ sprachen
-sie. Der Pfarrer trieb den Teufel aus, nahm den Rochen mit nach Hause
-und machte ein leckeres Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue
-Gott mit dem Blutkönig.“
-
-Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete, die im
-Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen.
-
-„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“ sagte
-Ulenspiegel.
-
-„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man die Leute
-aus Eindhoven in Limburg?“
-
-„~Pinnenmakers~, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst, da der
-Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Mohrrübe. Und
-die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit heftigen Bissen ihrer gierigen
-Schnäbel und die Feinde drangen in Eindhoven ein. Aber es werden
-eiserne Schnäbel sein, die die Riegel der Kerker verzehren, darinnen
-man das freie Gewissen einsperren will.“
-
-„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte.
-
-Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende Zweige:
-es ist ein Sturm im Walde.“
-
-„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte
-betrachtend.
-
-„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm;
-„die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der Hirsch! Der
-Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige Tier! Es hat meinen
-dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel, Töpfe, Feldkessel und
-Schmorfleisch auf die Erde geworfen. Siehe, die Frauen und Mädchen
-entfliehen, von Schrecken betört. Blutest Du, mein Sohn?“
-
-„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat mir sein
-Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose zerrissen ist und
-mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte liegen am Boden.
-Sieh, ich verliere all mein Blut durch den Strumpf.“
-
-„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich vor dem
-Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber ich werde Dir
-nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen guten Männern und Frauen
-bleiben. Wie kannst Du sonder Scham gegen meine Schmerzen so hart
-sein, wenn ich Dir wie ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und
-Wind auf den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut
-schwitze!“
-
-„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, das wird
-ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber weißt Du,
-wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, armer Freund.
-Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am Stöhnen zu hindern. Sie
-heißen ~koeye-schieters~, Kuhschützen, denn sie waren einstmals so
-dumm, auf Kühe zu zielen, die sie für feindliche Soldaten hielten.
-Wir aber, wir zielen auf die hispanischen Böcke; ihr Fleisch ist
-stinkend, aber die Haut ist gut, Trommeln daraus zu machen. Und die
-von Tirlemont? Weißt Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen
-Beinamen ~kirekers~. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine
-Ente vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen
-Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die Töpfe und
-Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das ist Eifer für die
-Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, setzest den Suppenkessel
-wieder auf seinen Dreifuß und befassest Dich gar sorglich mit dem
-Kochen. Weißt Du, warum es in Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will
-es Dir sagen. Erstlich, weil die Lebenden dort unter den Toten gehn,
-denn die Kirche Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt
-daraus, daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken
-dort außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen
-ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine
-im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt.
-Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn die Vorderseite
-von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens wegen des Turms ohne
-Nägel, sintemalen die Turmspitze von Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt
-aus Holz gebaut ist und man die Steine nicht nagelt, ausgenommen das
-Herz des Blutkönigs, das ich über das große Tor von Brüssel nageln
-möchte. Doch Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt
-Du, warum die von Termonde die Bettwärmer, ~de vierpannen~ genannt
-werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge zum
-„Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte nicht, wie er die
-Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem Bettwärmer. Er ließ
-das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, das eilends davonlief,
-da es den Prinzen kommen hörte; und der Prinz fragte, warum man den
-Bettwärmer nicht darinnen gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in
-einen Kasten von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als
-Bettwärmer diene.“
-
-„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deine
-~vierpannen~, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß mich bei
-meiner Brühe.“
-
-„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß; es
-wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm Dich vor
-dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“
-
-„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten
-zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“
-
-„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr müsset mich
-zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich mir für Euch gebe. Die
-Tunke der Vögel wird gut sein, nur knirscht sie etwas: das macht der
-Sand, auf den sie gefallen sind, da dieser große Teufel von Hirsch mir
-beides, Wams und Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“
-
-„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht und
-stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die Städter
-lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden noch etliche Zeit in
-Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische Heer uns einschließt.
-So das geschieht, werden wir, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen,
-Büblein und Dirnlein, unser Leben teuer verkaufen und uns lieber
-untereinander töten, denn unter der Hand des Blutherzogs tausendfache
-Marter leiden.“
-
-Ulenspiegel sagte:
-
-„Es ist nicht mehr an der Zeit, den Henker zu Land zu bekämpfen. Auf
-dem Meer müssen wir seine Macht vernichten. Gehet nach den Inseln von
-Zeeland über Brügge, Heyst und Knocke.“
-
-„Wir haben kein Geld,“ sprachen sie.
-
-Ulenspiegel versetzte:
-
-„Hier sind tausend Karolus im Auftrag des Prinzen. Gehet längs der
-Wasserläufe, Kanäle, Ströme und Flüsse. So Ihr Schiffe erblickt, die
-das Zeichen ~J-H-S~ tragen, soll einer unter Euch gleich einer Lerche
-singen. Hahnenschrei wird ihm antworten. Und Ihr werdet in Freundesland
-sein.“
-
-„So werden wir tun,“ sagten sie.
-
-Bald erschienen die Jäger, die den erlegten Hirsch an Stricken
-schleppten, die Hunde hinterdrein.
-
-Alsbald setzten sich alle im Kreise ums Feuer. Es waren ihrer wohl
-sechzig, Männer, Frauen und Kinder. Das Brot ward aus den Ranzen und
-die Messer aus den Scheiden gezogen, der Hirsch abgedeckt, zerlegt
-und ausgenommen und mit kleinerem Wildpret an den Spieß gesteckt. Und
-am Ende der Mahlzeit sah man Lamm schnarchend, den Kopf auf die Brust
-gesenkt und an einen Baum lehnend.
-
-Bei sinkender Nacht krochen die Waldbrüder in unterirdische Hütten, um
-zu schlafen; und Lamm und Ulenspiegel taten desgleichen.
-
-Bewaffnete hielten Wacht und beschützten das Lager. Und Ulenspiegel
-hörte die dürren Blätter unter ihren Füßen rascheln.
-
-Am andern Tage ging er mit Lamm von dannen, indes die aus dem Lager zu
-ihm sagten:
-
-„Gesegnet seiest Du; wir werden nach dem Meere gehen.“
-
-
-35
-
-In Harlebeke schaffte Lamm neuen Vorrat von Ölkuchen an, aß deren
-siebenundzwanzig und tat dreißig in seinen Korb. Ulenspiegel trug seine
-Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie nach Kortrijck und stiegen in
-der Herberge ‚zur Biene‘ ab, bei Gillis van den Ende, der sogleich an
-die Tür kam, als er den Lerchensang hörte.
-
-Da war alles eitel Zucker und Honig für sie. Nachdem der Wirt des
-Prinzen Briefe gesehen, übergab er Ulenspiegel fünfzig Karolus für den
-Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die er ihnen vorsetzte,
-noch für den Doppel Klauwaert, mit dem er sie tränkte, bezahlt sein.
-Auch warnte er ihn vor den Spionen des Bluttribunals, die in Kortrijck
-wären, derhalben er seine und seines Gefährten Zunge wohl im Zaum
-halten solle.
-
-„Wir werden darauf achten“, sprachen Ulenspiegel und Lamm.
-
-Und sie verließen die Herberge.
-
-Die untergehende Sonne vergüldete die Giebel der Häuser. Die Vögel
-sangen unter den Linden, die Gevatterinnen schwätzten vor ihren
-Türschwellen, und die Kinder wälzten sich im Staube. Ulenspiegel und
-Lamm streiften aufs Geratewohl durch die Gassen.
-
-Plötzlich sagte Lamm:
-
-„Martin van den Ende sagte mir auf meine Frage, ob er eine Frau ähnlich
-der meinen gesehen habe / ich machte ihm ein Bild meiner Liebsten /
-daß bei der Stevenyne auf der Brügger Landstraße vor der Stadt im
-„Regenbogen“ eine große Zahl Frauen seien. Sie vereinigten sich dort
-alle Abende. Ich gehe flugs dorthin.“
-
-„Ich werde sogleich nachkommen,“ sprach Ulenspiegel. „Ich will mir die
-Stadt anschauen; so ich Deiner Frau begegne, werde ich sie Dir alsbald
-schicken. Du weißt, daß der Wirt Dich ermahnt hat, zu schweigen, wenn
-anders Dir Deine Haut lieb ist.“
-
-„Ich werde schweigen,“ sprach Lamm.
-
-Ulenspiegel strich nach Belieben herum. Die Sonne ging unter, und der
-Tag ging schnell zur Rüste. Ulenspiegel kam in die ~Pierpot Straetje~,
-das Steintopfgäßchen. Allda hörte er melodisch die Laute spielen. Näher
-tretend, erblickte er eine weiße Gestalt, die ihn lockte, ihn floh
-und auf der Laute spielte. Und wie ein Seraph sang sie ein sanftes,
-langsames Lied, indem sie stehen blieb, ihn lockte und wiederum floh.
-
-Aber Ulenspiegel rannte hurtig; er holte sie ein und wollte zu ihr
-reden; da legte sie ihm ihre nach Benzoe duftende Hand auf den Mund.
-
-„Bist Du ein Bauer oder ein Edelmann?“ fragte sie.
-
-„Ich bin Ulenspiegel.“
-
-„Bist Du reich?“
-
-„Genug, um ein groß Vergnügen zu bezahlen, aber nicht genug, um meine
-Seele loszukaufen.“
-
-„Hast Du keine Rosse, daß Du zu Fuße gehst?“
-
-„Ich hatte einen Esel, aber ich hab’ ihn im Stall gelassen.“
-
-„Wie kommt es, daß Du allein bist, ohne Freund, in einer fremden Stadt?“
-
-„Dieweil mein Freund seinerseits herumstreicht, wie ich für mich, Du
-neugierig Schätzlein.“
-
-„Ich bin nicht neugierig,“ sagte sie. „Ist Dein Freund reich?“
-
-„An Fett,“ sagte Ulenspiegel. „Bist Du bald fertig mit Fragen?“
-
-„Ich bin fertig,“ sagte sie, „laß mich nun.“
-
-„Dich lassen?“ sagte er. „Ebenso gut könntest Du Lamm, wenn ihn
-hungert, heißen, ein Gericht Fettammern stehen zu lassen. Ich will Dich
-kosten.“
-
-„Du hast mich ja gar nicht gesehen,“ sprach sie. Und sie öffnete eine
-Laterne, die plötzlich einen Schein warf und ihr Antlitz erleuchtete.
-
-„Du bist schön,“ sprach Ulenspiegel. „Hei, die goldige Haut, die
-sanften Augen, der rote Mund und der reizende Leib. Alles wird mein
-sein.“
-
-„Alles,“ sagte sie.
-
-Sie führte ihn zur Stevenyne in den „Regenbogen“ an der Landstraße
-nach Brügge. Ulenspiegel sah allda eine große Zahl Dirnen, die am Arm
-Rädlein von anderer Farbe als ihre Barchentkleider trugen. Diese trug
-ein Rädlein von Silberstoff auf einem Kleid von Goldstoff. Und alle
-Dirnen blickten sie eifersüchtig an. Beim Eintreten machte sie der
-Wirtin ein Zeichen, aber Ulenspiegel sah es nicht. Sie setzten sich
-zueinander und tranken.
-
-„Weißt Du,“ sagte sie, „daß wer mich geliebt hat, für allezeit mein
-ist.“
-
-„Schönes, duftendes Weiblein,“ sagte Ulenspiegel, „es wäre mir ein
-köstlicher Schmaus, allzeit von Deinem Fleisch zu zehren.“
-
-Auf einmal erblickte er Lamm in einer Ecke; der hatte ein Tischlein mit
-Talglicht, einen Schinken und einen Krug Bier vor sich und wußte nicht,
-wie er sein Bier und Schinken zwei Dirnen streitig machen sollte, die
-mit aller Gewalt mit ihm essen und trinken wollten.
-
-Da Lamm Ulenspiegel gewahrte, stand er auf, sprang drei Schuh hoch in
-die Luft und rief:
-
-„Gelobt sei Gott, der mir meinen Freund Ulenspiegel wiedergibt! Zu
-trinken, Wirtin!“
-
-Ulenspiegel zog seine Börse und sagte:
-
-„Zu trinken, bis dies alle ist.“
-
-Und er ließ seine Karolus klingen.
-
-„So wahr Gott lebt“, rief Lamm und riß ihm behend die Börse aus den
-Händen. „Ich zahle, und nicht Du. Diese Börse ist mein.“
-
-Ulenspiegel wollte ihm seine Börse mit Gewalt wieder abnehmen, aber
-Lamm hielt sie gut fest. Wie sie so mit einander rangen, der Eine, um
-sie zu behalten, der Andere, um sie zu entreißen, raunte Lamm ganz
-leise, in abgerissenen Worten:
-
-„Horch. Schergen drinnen ... vier ... kleines Gemach mit drei Dirnen
-... Zwei draußen ... für Dich, für mich ... Wollte rausgehen ...
-gehindert ... Frauenzimmer in Brokat ... Spionin ... Stevenyne Spionin!“
-
-Derweil sie sich schlugen, hörte Ulenspiegel wohl zu und schrie:
-
-„Gib mir meine Börse, Taugenichts.“
-
-„Du wirst sie nicht bekommen,“ sprach Lamm.
-
-Und sie packten sich beim Hals und bei den Schultern und wälzten sich
-auf dem Boden, dieweil Lamm Ulenspiegel seinen guten Rat gab.
-
-Plötzlich trat der Wirt „zur Biene“ herein und hinter ihm sieben
-Männer, die er nicht zu kennen schien. Er krähte wie ein Hahn, und
-Ulenspiegel trillerte wie eine Lerche. Da er Ulenspiegel und Lamm sich
-prügeln sah, sprach der Wirt zur Stevenyne:
-
-„Wer sind diese beiden?“
-
-Die Stevenyne antwortete:
-
-„Taugenichtse, so man lieber trennen sollte, anstatt sie hier so großen
-Lärm aufführen zu lassen, ehe sie zum Galgen gehen.“
-
-„Er soll nur wagen, uns zu trennen,“ sagte Ulenspiegel, „o so werden
-wir ihn das Pflaster fressen lassen.“
-
-„Ja, wir werden ihn das Pflaster fressen lassen,“ sagte Lamm.
-
-„Der Wirt, unser Retter,“ sagte Ulenspiegel Lamm ins Ohr.
-
-Ein Geheimnis ahnend, stürzte sich der Wirt mit gesenktem Kopf in den
-Kampf.
-
-Lamm warf ihm diese Worte ins Ohr:
-
-„Du unser Retter? Wie?“
-
-Der Wirt gab sich den Anschein, Ulenspiegel an den Ohren zu schütteln,
-und sagte ganz leise zu ihm:
-
-„Sieben für Dich ... starke Männer, Metzger ... muß gehen ... zu
-bekannt in der Stadt. Wenn ich fort bin, ~’t is van te beven de
-klinkaert~ ... Alles zerbrechen ...“
-
-„Ja“, sprach Ulenspiegel, erhob sich und gab ihm einen Fußtritt.
-
-Der Wirt schlug ihn seinerseits, und Ulenspiegel sprach zu ihm: „Deine
-Schläge fallen dicht, Dickwanst.“
-
-„Wie Hagel“, sagte der Wirt, indem er Lamm behend die Börse fortriß und
-sie Ulenspiegel zurückgab.
-
-„Spitzbube, zahle jetzt einen Trunk für mich, da du wieder im Besitz
-Deines Vermögens bist.“
-
-„Du sollst trinken, schändlicher Taugenichts,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-„Sehet, wie frech er ist,“ sagte die Stevenyne.
-
-„So sehr wie Du schön bist, Herzchen,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Nun war die Stevenyne gut sechzig Jahre alt und hatte ein Gesicht wie
-eine Mispel, doch ganz gelb von galligem Zorn. In der Mitte saß eine
-Nase gleich einem Eulenschnabel. Ihre Augen waren voller Habgier und
-ohne Liebe. Zwei lange Hauer stachen aus ihrem fleischlosen Munde und
-auf ihrer linken Backe hatte sie einen großen, dunkelroten Fleck.
-
-Die Dirnen lachten, indem sie sich über sie lustig machten, und sagten:
-
-„Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken. / Er wird Dich umarmen.
-/ Ist es lange, daß Du Deine erste Hochzeit hieltest? / Hüte Dich,
-Ulenspiegel, sie will Dich fressen. / Sieh ihre Augen, sie glänzen
-nicht von Haß, sondern von Liebe. / Man könnte meinen, daß sie Dich
-totbeißen will. / Sei ohne Furcht. / So machen’s alle verliebten
-Frauen. / Sie will nur Dein Bestes. / Sieh, wie sie zum Lachen wohl
-aufgelegt ist.“
-
-Und wahrlich, die Stevenyne lachte und zwinkerte der Gilline, dem
-Frauenzimmer im Brokatkleide zu.
-
-Der Wirt trank, zahlte und ging fort. Die sieben Metzger schnitten den
-Häschern und der Stevenyne Fratzen zum Zeichen des Einverständnisses.
-Einer unter ihnen deutete durch eine Gebärde an, daß er Ulenspiegel für
-einen Dummkopf hielte und ihn trefflich vexieren würde. Und dieweil er
-der Stevenyne, die lachend ihre Hauer fletschte, spöttisch die Zunge
-heraussteckte, sagte er Ulenspiegel ins Ohr:
-
-„~’t is van te beven de klinkaert~“. (Es ist Zeit mit den Gläsern zu
-klirren.)
-
-Dann ganz laut und auf die Häscher zeigend:
-
-„Hochedler Reformierter, wir halten alle zu Dir; zahle uns Essen und
-Trinken.“
-
-Und die Stevenyne lachte vor Vergnügen und streckte auch Ulenspiegel
-die Zunge heraus, da dieser ihr den Rücken wandte. Und die Gilline im
-Brokatkleid streckte desgleichen die Zunge heraus.
-
-Und die Dirnen sprachen ganz leise: „Sehet die Spionin, die durch ihre
-Schönheit mehr denn siebenundzwanzig Reformierte zu grausamer Tortur
-und noch grausamerem Tode geführt hat. Gilline schwelgt in dem Gedanken
-an den Lohn ihrer Angeberei: die ersten hundert Karolusgülden vom
-Nachlaß der Opfer. Aber sie lacht nicht, gedenkend, daß sie sie mit der
-Stevenyne wird teilen müssen.“
-
-Und alle, Häscher, Metzger und Dirnen streckten die Zunge heraus, um
-Ulenspiegel zu höhnen. Und Lamm schwitzte große Tropfen; er war rot vor
-Zorn wie ein Hahnenkamm, doch er wollte nicht reden.
-
-„Traktiere uns mit Essen und Trinken,“ sagten die Metzger und Häscher.
-
-„Wohlan,“ sagte Ulenspiegel und ließ von neuem seine Karolus klingen,
-„gib uns zu essen und zu trinken, o reizende Stevenyne, aus Gläsern zu
-trinken, die klingen.“
-
-Darob lachen die Dirnen abermals, und die Stevenyne fletschte ihre
-Hauer.
-
-Gleichwohl ging sie in Keller und Küche und trug Schinken, Würste und
-Eierkuchen mit Blutwürsten auf, nebst Klingegläsern, also genannt, weil
-sie mit einem Fuß versehen waren und wie ein Glockenspiel klangen, wenn
-man sie anstieß.
-
-Darauf sprach Ulenspiegel:
-
-„Wer Hunger hat, der esse; wer Durst hat, der trinke.“
-
-Bei dieser Rede schlugen Häscher, Dirnen, Metzger, Gilline und
-Stevenyne mit Händen und Füßen Beifall. Dann suchte sich jeglicher
-einen guten Platz; Ulenspiegel und Lamm und die sieben Metzger am
-großen Ehrentisch, die Häscher und Dirnen an zwei kleinen Tischen. Und
-sie aßen und tranken mit lautem Krachen der Kinnbacken, selbst die
-beiden Schergen, so draußen waren und von ihren Kameraden hereingeholt
-worden, um an dem Schmause teil zu haben. Und aus ihrem Ranzen sah man
-Stricke oder Handfesseln herausgucken.
-
-Da streckte die Stevenyne die Zunge heraus und sprach hohnlachend:
-
-„Keiner wird hinaus gehen, der nicht bezahlt.“
-
-Und sie ließ alle Türen verschließen und steckte die Schlüssel in ihre
-Taschen.
-
-Gilline erhob ihr Glas und sagte:
-
-„Der Vogel ist im Käfig, laßt uns trinken.“
-
-Drauf sagten zwei Mädchen, Gena und Margot, zu ihr:
-
-„Ist wieder einer da, den Du umbringen lassen willst, schlechtes Weib?“
-
-„Ich weiß nicht“, sprach Gilline. „Laßt uns trinken.“
-
-Aber die drei Mädchen wollten mit ihr nicht trinken.
-
-Und Gilline nahm ihre Laute und sang auf Französisch:
-
- „Zum Klang der Mandoline
- Sing’ ich Nacht und Tag.
- Ich bin die lose Gilline,
- Feil jedem, der mich mag.
-
- Astarte lieh mir Lenden,
- Drinnen Feuer loht.
- Meine weißen Schuldern blenden,
- Mein schöner Leib ist Gott.
-
- Von blanken Gülden mache
- Die Säckel ich Euch leer.
- Von blankem Golde lache
- Zu Füßen mir ein Meer.
-
- Des Teufels Tochter bin ich;
- Frau Eva mich gebar.
- Dein Traum sei noch so minnig /
- Durch mich nur wird er wahr.
-
- Kalt bin ich, sprühe Funken,
- Bin zärtlich untertan,
- Bin lau, bin heiß und trunken
- Nach Deinem Willen, Mann.
-
- Sieh, ich verkaufe Reize,
- Die Seele, Augen blau,
- Glück, Lachen, Tränentau /
- Selbst Tod: mit nichts ich geize.
-
- Zum Klang der Mandoline
- Sing’ ich Nacht und Tag.
- Ich bin die lose Gilline,
- Feil jedem, der mich mag.“
-
-Und während sie also sang, war Gilline so schön, so hold und so
-minniglich, daß alle Männer, Häscher, Metzger, Lamm und Ulenspiegel
-stumm, gerührt und lachend dasaßen, vom Zauber gebannt.
-
-Plötzlich brach Gilline in Gelächter aus, und Ulenspiegel anblickend,
-sagte sie:
-
-„So sperrt man die Vögel in den Käfig.“
-
-Und ihr Zauber war gebrochen.
-
-Ulenspiegel, Lamm und die Metzger blickten einander an.
-
-„Gelt, werdet Ihr mich bezahlen,“ sagte die Stevenyne, „werdet Ihr mich
-bezahlen, Junker Ulenspiegel, der aus dem Fleische von Predigern so
-gutes Fett gewinnt?“
-
-Lamm wollte reden, doch Ulenspiegel hieß ihn schweigen und sagte zur
-Stevenyne:
-
-„Wir bezahlen nicht im voraus.“
-
-„So werde ich mich hernach aus Deinem Nachlaß bezahlt machen,“ sagte
-die Stevenyne.
-
-„Die Hyänen leben von Leichen,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-„Ja,“ sprach der Häscher einer, „diese beiden da haben das Geld der
-Prediger genommen, mehr denn dreihundert Goldkarolus. Das ist ein guter
-Batzen für die Gilline.“
-
-Diese sang:
-
- „Wo fändst Du solche Reize?
- Nimm alles, Augen blau,
- Lust, Küsse, Tränentau /
- Auch Tod: mit nichts ich geize.“
-
-Dann sagte sie hohnlachend:
-
-„Laßt uns trinken!“
-
-„Laßt uns trinken,“ sprachen die Häscher.
-
-„Bei Gott,“ sagte die Stevenyne, „laßt uns trinken! Die Türen sind
-geschlossen, die Fenster haben starke Eisenstäbe, die Vögel sind im
-Käfig. Laßt uns trinken.“
-
-„Laßt uns trinken,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Laßt uns trinken,“ sagte Lamm.
-
-„Laßt uns trinken,“ sagten die Sieben.
-
-„Laßt uns trinken,“ sagten die Häscher.
-
-„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline und ließ ihre Laute erklingen. „Ich
-bin schön, laßt uns trinken. Ich werde den Erzengel Gabriel in den
-Schlingen meines Liedes fangen.“
-
-„Wohlauf, zu trinken,“ sprach Ulenspiegel, „Wein, um das Fest zu
-krönen, und vom besten. An jedem Haar unserer durstigen Körper soll ein
-Tropfen flüssigen Feuers hängen.“
-
-„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline; „noch zwanzig Gründlinge wie Du, und
-die Hechte werden aufhören zu singen.“
-
-Die Stevenyne brachte Wein. Alle saßen trinkend und schnaufend, die
-Büttel und Dirnen zusammen. Die Sieben, die mit Ulenspiegel und Lamm
-am Tische saßen, warfen Schinken, Würste, Eierkuchen und Flaschen von
-ihrer Tafel an die der Dirnen, die sie im Fluge auffingen, wie Karpfen,
-die an der Oberfläche eines Teiches nach Fliegen schnappen. Und die
-Stevenyne lachte und fletschte ihre Hauer und wies auf Päcklein von
-Kerzen, fünf aufs Pfund, die über dem Zahltisch baumelten. Es waren
-die Kerzen der Dirnen. Dann sagte sie zu Ulenspiegel:
-
-„Wenn man zum Scheiterhaufen geht, trägt man eine Unschlittkerze;
-willst Du jetzt eine?“
-
-„Laßt uns trinken,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Laßt uns trinken,“ sprachen die Sieben.
-
-Die Gilline sagte:
-
-„Ulenspiegel hat so glänzende Augen wie ein Schwan, der verscheiden
-will.“
-
-„Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?“ meinte die Stevenyne.
-
-„Das würde für sie Lichtmeß sein. Wohlauf getrunken,“ sprach
-Ulenspiegel.
-
-„Möchtest Du,“ sprach die Stevenyne, „daß man Dir auf dem Schafott die
-Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?“
-
-„Dann wäre sie besser zum Pfeifen. Laßt uns trinken!“ antwortete
-Ulenspiegel.
-
-„Du redetest weniger, wenn Du gehenket wärest und Deine Liebste Dich
-anschauen käme.“
-
-„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „aber dann wöge ich mehr und fiele Dir auf
-Dein niedliches Maul. Laßt uns trinken.“
-
-„Was würdest Du sagen, wenn Du gestäupt und auf der Stirn und der
-Schulter gebrandmarkt würdest?“
-
-„Ich würde sagen, daß man sich im Fleisch geirrt hat,“ entgegnete
-Ulenspiegel, „und daß man den Eber Ulenspiegel abgebrüht hat, anstatt
-die Sau Stevenyne zu rösten. Laßt uns trinken.“
-
-„Da Du von alledem nichts magst,“ sprach die Stevenyne, „so wirst Du
-auf des Königs Schiffe geführt und allda verdammt werden, von vier
-Galeeren gevierteilt zu werden.“
-
-„So werden die Haifische meine vier Gliedmaßen bekommen und Du kannst
-fressen, was sie nicht wollen,“ sprach Ulenspiegel. „Laßt uns trinken!“
-
-„Was issest Du nicht eine dieser Kerzen?“ fragte die Stevenyne. „Sie
-würden Dir in der Höllen dienlich sein, deine ewige Verdammnis zu
-erhellen.“
-
-„Ich sehe deutlich genug, um Deinen leuchtenden Rüssel zu betrachten,
-Du schlechtgebrühete Sau. Laßt uns trinken!“ sprach Ulenspiegel.
-
-Plötzlich pochte er mit dem Fuß seines Glases auf den Tisch, derweil er
-mit den Händen das Geräusch eines Tapezierers nachmachte, der im Takte
-ein Polster klopft, doch ganz ruhig, und dazu sprach er:
-
-„~Tis (tydt) van de beven de klinkaert.~“ Es ist Zeit mit dem Klinger
-zu klirren.
-
-Das ist in Flandern das Zeichen für die Zecher, Händel anzufangen und
-die Häuser mit roter Laterne zu plündern.
-
-Ulenspiegel trank, dann ließ er sein Glas auf dem Tisch klirren und
-sprach:
-
-„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“
-
-Und die Sieben taten es ihm nach.
-
-Alle blieben ruhig. Die Gilline erbleichte, die Stevenyne blickte
-verwundert. Die Büttel sprachen:
-
-„Halten die Sieben es mit ihnen?“
-
-Aber die Metzger beruhigten sie, mit den Augen zwinkernd; doch zugleich
-riefen sie lauter und lauter mit Ulenspiegel:
-
-„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren. Es ist Zeit mit dem Klinger zu
-klirren.“
-
-Die Stevenyne trank, um sich Mut zu machen.
-
-Da schlug Ulenspiegel mit der Faust auf den Tisch, im Takt der
-Tapezierer, die Polster klopfen. Die Sieben taten wie er: Gläser,
-Krüge, Näpfe, Schoppen und Becher huben langsam zu tanzen an, fielen
-um, zerbrachen, standen an einer Seite auf, um an der andern wieder
-hinzufallen. Und immer dräuender, ernster, kriegerischer und eintöniger
-erklang es:
-
-„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“
-
-„Wehe,“ sprach die Stevenyne, „sie werden alles zerbrechen.“
-
-Und vor Furcht fletschte sie ihre beiden Hauer noch mehr denn
-gewöhnlich.
-
-Und vor Wut und Grimm entzündete sich das Blut in der Seele der Sieben
-und in Ulenspiegels und in Lamms Seele.
-
-Da ergriffen alle, so an Ulenspiegels und Lamms Tisch saßen, ihre
-Gläser, ohne mit dem eintönigen, dräuenden Sang aufzuhören, und
-zerbrachen sie im Takt auf dem Tisch, dieweil sie auf Stühlen ritten
-und ihre Dolchmesser zogen. Sie vollführten ein so großes Lärmen mit
-ihrem Sang, daß alle Fensterscheiben des Hauses erzitterten. Alsdann
-machten sie gleich einer Rotte toll gewordener Teufel im Gemach und um
-alle Tische die Runde und schrieen dabei ohne Unterlaß: „Es ist Zeit
-mit dem Klinger zu klirren.“
-
-Da standen die Schergen vor Furcht zitternd auf und ergriffen ihre
-Stricke und Ketten. Aber die Metzger, Ulenspiegel und Lamm steckten
-ihre Hirschfänger wieder in die Scheiden, standen auf, packten ihre
-Stühle, schwangen sie gleich Knütteln, liefen behend durch das Gemach,
-schlugen nach rechts und nach links, nur der Dirnen schonend, und
-zerbrachen alles übrige, Hausrat, Scheiben, Truhen, Geschirr, Schoppen,
-Näpfe, Gläser und Flaschen. Sie schlugen die Büttel ohn Erbarmen und
-sangen immerfort im Takt der Tapezierer, die Polster klopfen: „Es ist
-Zeit mit dem Klinger zu klirren.“ Derweilen hatte Ulenspiegel der
-Stevenyne einen Faustschlag aufs Maul gegeben, ihr die Schlüssel aus
-der Tasche genommen und zwang sie, ihre Lichte zu essen.
-
-Die schöne Gilline kratzte mit ihren Nägeln an den Türen, Läden,
-Fensterglas und Rahmen und schien sich durch alles durchdrängen zu
-wollen wie eine furchtsame Katze. Dann kauerte sie sich leichenblaß in
-einen Winkel, mit verstörten Augen, bläkte die Zähne und hielt ihre
-Laute, als wollte sie sie beschützen.
-
-Die Sieben und Lamm sprachen zu den Dirnen: „Wir werden Euch kein Leids
-antun,“ und mit ihrer Hilfe banden sie die Büttel, die in ihren Hosen
-zitterten, mit Ketten und Stricken. Sie wagten nicht Widerstand zu
-leisten, maßen sie fühlten, daß die Metzger, die der Bienenwirt unter
-den Stärksten auserlesen, sie mit ihren Messern in Stücke gehackt
-hätten.
-
-Bei jedem Licht, das die Stevenyne essen mußte, sprach Ulenspiegel:
-
-„Dies ist fürs Henken, dies fürs Stäupen; dies andere fürs
-Brandmarken; dies vierte für meine durchbohrte Zunge. Hier sind zwei
-treffliche und gar fette für des Königs Schiffe und das Vierteilen
-durch vier Galeeren; dies da für Deine Spionenhöhle, dies für dein
-Weibsbild im Brokatkleid, und alle andern für mein Ergötzen.“
-
-Und die Mädchen lachten, da sie sahen, wie die Stevenyne sich vor Grimm
-wand und ihre Kerzen ausspeien wollte. Aber vergebens, denn sie hatte
-den Mund zu voll davon.
-
-Ulenspiegel, Lamm und die Sieben ließen nicht ab, im Takt zu singen:
-„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“
-
-Dann ließ Ulenspiegel ab und winkte ihnen, den Reim leise zu murmeln.
-Solches taten sie, derweil er den Dirnen und Häschern diese Rede hielt:
-
-„So einer unter Euch um Hilfe schreit, wird er auf der Stelle getötet.“
-
-„Getötet“, sagten die Metzger.
-
-„Wir werden schweigen,“ sprachen die Mädchen, „tu uns kein Leids an,
-Ulenspiegel.“
-
-Aber die Gilline, so mit herausgetretenen Augen und vorstehenden Zähnen
-in ihrem Winkel kauerte, war keines Wortes fähig und preßte ihre Laute
-an sich.
-
-Und die Sieben murmelten immer im Takt: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu
-klirren.“
-
-Die Stevenyne wies auf die Kerzen, so sie im Munde hatte, und machte
-ein Zeichen, daß sie gleichermaßen schweigen würde. Die Häscher
-gelobten wie sie.
-
-Ulenspiegel redete weiter:
-
-„Ihr seid hier in unserer Gewalt. Die dunkle Nacht ist gekommen,
-wir sind nah bei der Leye, in der Ihr leicht ertrinkt, wenn man
-Euch hineinstößt. Die Tore von Kortrijck sind geschlossen. So die
-Nachtwächter den Lärm vernommen haben, werden sie sich nicht vom Fleck
-rühren, maßen sie zu faul sind und wähnen, daß es gute Vlämen sind, die
-beim Klang der Schoppen und Flaschen lustig singen. Also verhaltet Euch
-ruhig vor Euren Bezwingern.“
-
-Dann redete er zu den Sieben:
-
-„Gehet Ihr nach Peteghem, zu den Geusen zu stoßen?“
-
-„Bei der Kunde Deines Kommens haben wir uns dazu angeschickt.“
-
-„Von da werdet Ihr aufs Meer gehen?“
-
-„Ja“, sagten sie.
-
-„Kennet Ihr unter diesen Häschern einen oder zwei, die man loslassen
-könnte, um uns zu dienen?“
-
-„Zwei“, sprachen sie, „Niklas und Joos, die niemals die armen
-Reformierten verfolgten.“
-
-„Wir sind getreu,“ sagten Niklas und Joos.
-
-Sodann sprach Ulenspiegel:
-
-„Hier sind zwanzig Karolusgülden für Euch, zweimal so viel als ihr
-gekriegt hättet, wenn Ihr den schändlichen Judaslohn empfangen hättet.“
-
-Plötzlich schrien die fünf Andern.
-
-„Zwanzig Gülden! Wir dienen dem Prinzen um zwanzig Gülden. Der König
-zahlt schlecht. Gebt jedem von uns die Hälfte davon, und wir werden dem
-Richter alles sagen, was Du willst.“
-
-Die Metzger und Lamm murmelten dumpf:
-
-„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger
-zu klirren!“
-
-„Auf daß Ihr nicht zu viel redet,“ sagte Ulenspiegel, „werden die
-Sieben Euch gebunden bis Peteghem zu den Geusen führen. Ihr sollt
-zehn Gülden bekommen, wenn Ihr auf dem Meere seid. Bis dahin sind wir
-gewiß, daß die Feldküche Euch bei Brot und Suppe festhalten wird. So
-Ihr tapfer seid, sollt Ihr Euren Anteil an der Beute haben. So Ihr
-versuchet zu desertieren, werdet Ihr gehenket werden. So Ihr entwischet
-und also dem Strick entgeht, werdet Ihr das Messer finden.“
-
-„Wir dienen dem, der uns bezahlt,“ sagten sie.
-
-„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger
-zu klirren,“ sagten Lamm und die Sieben und schlugen mit den Scherben
-der zerbrochenen Töpfe und Gläser auf den Tisch.
-
-„Desgleichen werdet Ihr die Gilline, die Stevenyne und die drei
-Frauenzimmer mit Euch führen. Wenn eine darunter entwischen will, so
-sollt Ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.“ „Er hat mich
-nicht getötet,“ sprach die Gilline, sprang aus ihrem Winkel auf und
-schwang ihre Laute in der Luft. Und sie sang:
-
- „Blutiges hatt’ im Sinn ich:
- Ein schlimmer Traum fürwahr!
- Des Teufels Tochter bin ich;
- Frau Eva mich gebar.“
-
-Die Stevenyne und die andern machten Miene zu weinen.
-
-„Fürchtet nichts, Ihr Schätzchen“, sprach Ulenspiegel, „Ihr seid
-so lieblich und sanft, daß man Euch allerorten lieben, feiern und
-hätscheln wird. Bei jeder Prise werdet Ihr Euren Anteil an der Beute
-haben.“
-
-„Und mir, die alt ist, wird man nichts geben,“ greinte die Stevenyne.
-
-„Einen Sou pro Tag, Krokodil,“ sagte Ulenspiegel, „denn Du sollst die
-Leibeigene dieser vier schönen Mädchen sein, Du wirst ihre Röcke,
-Leintücher und Hemden waschen.
-
-„Ich, Herr Gott!“ sagte sie.
-
-Ulenspiegel entgegnete:
-
-„Du hast sie lange Zeit gemeistert und vom Ertrag ihrer Körper gelebt,
-sie aber arm und hungrig gelassen. Du magst greinen und plärren, es
-wird geschehen, wie ich gesagt habe.“
-
-Darob lachen die vier Mädchen, spotten der Stevenyne und sagen zu ihr,
-die Zunge herausstreckend:
-
-„Jede kommt in dieser Welt an die Reihe. Wer hätte das von der
-Stevenyne, der Geizigen gedacht. Sie wird als Leibeigene für uns
-arbeiten. Gesegnet sei seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“
-
-Darauf sprach Ulenspiegel zu den Metzgern und zu Lamm:
-
-„Leert die Weinkeller, nehmet das Geld; es soll zum Unterhalt der
-Stevenyne und der vier Mädchen dienen.“
-
-„Sie knirscht mit den Zähnen, die Stevenyne, die Geizige,“ sagten die
-Mädchen. „Du warest hart, nun ist man es gleicherweise gegen Dich.
-Gesegnet sei Seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“
-
-Dann wandten sich alle drei gegen Gilline:
-
-„Du warst ihre Tochter, ihre Ernährerin, Du teiltest die Frucht der
-schändlichen Angeberei. Wirst Du es wohl noch wagen, uns zu schlagen
-und zu beschimpfen in Deinem Brokatkleid? Du verachtetest uns, weil
-wir nur Barchent trugen. Nur vom Blute der Opfer bist Du so reich
-gekleidet. Laßt uns ihr das Kleid ausziehen, auf daß sie uns dadurch
-gleich sei.“
-
-„Ich dulde es nicht,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Und die Gilline flog ihm an den Hals und sprach:
-
-„Gesegnet seist Du, der mich nicht getötet hat und nicht will, daß ich
-häßlich sei!“
-
-Und die eifersüchtigen Mädchen blickten Ulenspiegel an und sagten:
-
-„Er ist in sie vernarrt wie alle.“
-
-Die Gilline sang zur Laute.
-
-Die Sieben zogen gen Peteghem und führten die Häscher und Dirnen an der
-Leye entlang. Im Wandern murmelten sie: „Es ist Zeit, mit dem Klinger
-zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren!“
-
-Bei Tagesanbruch kamen sie ins Lager, sangen wie die Lerche, und
-Hahnenschrei antwortete ihnen. Die Mädchen und die Häscher wurden
-scharf bewacht. Dessen ohngeachtet fand man am dritten Tag um Mittag
-die Gilline tot, das Herz von einer langen Nadel durchbohrt. Die
-Stevenyne wurde von den drei Mädchen bezichtigt und vor den Hauptmann
-der Kampanie, seine Rottenmeister und Sergeanten geführt, die zu
-Richtern eingesetzt waren. Allda bekannte sie ohne peinliche Frage, sie
-habe die Gilline getötet, aus Eifersucht auf ihre Schönheit und aus Wut
-darob, daß die Dirne sie ohne Gnade als Leibeigne behandelte. Und die
-Stevenyne ward gehenket und dann im Walde begraben. Auch die Gilline
-ward begraben, und über ihrem reizenden Leib wurden Sterbegebete
-gesprochen.
-
-Derweil hatten sich die beiden Büttel, von Ulenspiegel beredet, vor
-den Burgvogt von Kortrijck begeben, denn den Lärmen und Toben und
-die Plünderung, so im Hause der Stevenyne geschehen, mußten von
-besagtem Burgvogt bestraft werden, maßen daß Haus der Stevenyne in der
-Burgvogtei außerhalb der Gerichtsbarkeit von Kortrijck lag. Nachdem sie
-dem Herrn Burgvogt erzählt, was sich zugetragen, sagten sie mit tiefer
-Überzeugung und schlichter Einfalt der Sprache:
-
-„Die Mörder der Prediger sind mit nichten Ulenspiegel und sein getreuer
-und vielgeliebter Lamm Goedzak, die nur zu ihrer Ergötzung in den
-„Regenbogen“ gekommen sind. Sie haben sogar Pässe vom Herzog, und wir
-haben sie gesehen. Die wahren Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent,
-der eine mager, der andere sehr fett, so nach dem Lande Frankreich
-auf und davon sind, nachdem sie bei der Stevenyne alles zerschlagen
-hatten; diese haben sie mitsamt ihren vier Dirnen zu ihrem Zeitvertreib
-mitgeführt. Wir hätten sie wohl am Kanthaken gefaßt, doch es waren
-sieben Metzger da, von den stärksten der Stadt, die ihre Partei
-nahmen. Sie haben uns alle gebunden und nicht eher freigelassen, als
-bis sie weit im Lande Frankreich waren. Und hier sind die Spuren der
-Stricke. Die vier andern Büttel sind ihnen auf den Fersen und erwarten
-Verstärkung, um Hand an sie zu legen.“
-
-Der Burgvogt gab einem Jeden zwei Karolus und ein neues Kleid für ihre
-getreuen Dienste.
-
-In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an das Schöffengericht
-in Kortrijck und andere Gerichtshöfe, um ihnen zu vermelden, daß die
-wahren Mörder gefunden wären. Und er beschrieb ihnen das Abenteuer des
-Langen und Breiten. Darob erzitterten die vom Rat von Flandern und von
-den andern Gerichtshöfen. Und der Burgvogt ward ob seines Scharfsinns
-trefflich gelobt.
-
-Und Ulenspiegel und Lamm wanderten friedsam auf der Straße von Peteghem
-nach Gent an der Leye entlang. Es verlangte sie, nach Brügge zu kommen,
-allwo Lamm sein Weib zu finden hoffte, und nach Damm, wo Ulenspiegel,
-der in Träume versunken war, schon hätte sein mögen, um Nele zu sehen,
-die betrübt mit Katheline, der Irren, lebte.
-
-
-36
-
-Seit geraumer Zeit waren im Weichbild von Damm und der Umgegend
-unterschiedliche abscheuliche Verbrechen begangen worden. Mägdlein,
-junge Burschen und Greise, von denen man wußte, daß sie mit Geld
-versehen nach Brügge, Gent oder sonst einer Stadt oder Ortschaft in
-Flandern gegangen waren, wurden tot aufgefunden. Sie waren nackend wie
-Würmer und von so langen spitzen Zähnen ins Genick gebissen, daß der
-Halswirbel bei allen gebrochen war.
-
-Die Ärzte und Bader erklärten, daß diese Zähne die eines großen Wolfes
-seien. Ohne Zweifel wären Diebe nach dem Wolfe gekommen, sagten sie,
-und hätten die Opfer geplündert.
-
-Ohngeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken, wer die
-Diebe waren. Bald ward der Wolf vergessen.
-
-Etliche angesehene Bürger, die sich ohne Geleit kühn auf den Weg
-gemacht hatten, verschwanden, ohne daß man wußte, was aus ihnen
-geworden, es sei denn, daß ein Bauer, der des Morgens ging, sein
-Feld zu bestellen, Wolfsspuren auf seinem Acker fand, derweil sein
-Hund mit den Pfoten die Furchen aufscharrte und einen armen Leichnam
-bloß legte, der die Spuren der Wolfszähne im Genick oder unterm Ohr
-aufwies, gar oft auch am Bein und immer von hinten. Und allemal war der
-Wirbelknochen und das Bein gebrochen.
-
-Der Bauer ging voller Angst stracks zum Amtmann, ihm Kunde zu bringen,
-und dieser kam mit dem Kriminalschreiber, zwei Schöffen und zwei
-Wundärzten nach dem Ort, wo der Leichnam des Getöteten lag. Nachdem sie
-ihn fleißig und sorgsam visitiert und manchmal, wenn das Gesicht noch
-nicht von den Würmern zerfressen war, seinen Stand, sogar Namen und
-Geschlecht erkannt hatten, verwunderten sie sich baß, daß der Wolf, der
-aus Hunger tötet, dem Toten kein Stück Fleisch abgebissen hatte. Und
-die von Damm entsetzten sich schier, und war keiner, der nachts ohne
-Geleit auszugehen wagte.
-
-Nun trug es sich zu, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche nach
-dem Wolfe geschickt wurden, mit dem Befehl, ihn Tag und Nacht in den
-Dünen längs des Meeres zu suchen.
-
-Sie waren zur Zeit nahe bei Heyst in den großen Dünen. Die Nacht war
-gekommen. Einer unter ihnen, der auf seine Kraft vertraute, wollte sie
-verlassen, um allein, mit seiner Büchse bewaffnet, auf die Suche zu
-gehen. Die Andern ließen ihn seinen Willen, überzeugt, daß er, tapfer
-und bewaffnet, wie er war, den Wolf töten würde, wenn anders er sich zu
-zeigen wagte.
-
-Da ihr Kumpan fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten und
-tranken nach Herzenslust aus ihrer Branntweinflasche.
-
-Und von Zeit zu Zeit schrien sie:
-
-„Holla, Kamerad, komm zurück; der Wolf fürchtet sich, komm trinken!“
-
-Aber er antwortete nicht.
-
-Plötzlich, da sie einen lauten Schrei, wie den eines Sterbenden
-vernahmen, eilten sie dorthin, von wannen der Schrei kam und sagten:
-„Halt aus, wir kommen Dir zu Hülfe.“
-
-Doch es währte lange, bis sie ihren Kameraden fanden, denn die Einen
-sagten, der Schrei sei aus dem Tal, und die Andern, er sei vom Kamme
-der Dünen gekommen.
-
-Endlich, da sie Dünen und Tal mit ihren Laternen gründlich abgesucht
-hatten, fanden sie ihren Gefährten an Arm und am Bein gebissen und den
-Hals hinterrücks gebrochen, wie bei den andern Opfern. Auf dem Rücken
-liegend, hielt er seinen Degen in der geballten Faust; seine Büchse lag
-auf dem Sande. Neben ihm fanden sich drei abgeschnittene Finger, die
-sie mitnahmen und die nicht seine waren. Sein Säckel war geraubt.
-
-Sie nahmen den toten Leib ihres Gefährten, seinen guten Degen und seine
-wackere Büchse auf die Schultern, und betrübt und ergrimmt trugen sie
-den Leichnam zum Amtshaus, wo der Amtmann sie in Gesellschaft des
-Kriminalschreibers, der zwei Schöffen und der beiden Wundärzte empfing.
-
-Die abgeschnittenen Finger wurden geprüft und als die eines Greises
-erkannt, der in keinem Handwerk Arbeiter war, denn die Finger waren
-dünn und die Nägel daran lang wie bei Männern des Richter- oder
-Priesterstandes.
-
-Des andern Tages gingen der Amtmann, die Schöffen, der
-Kriminalschreiber, die Wundärzte und die Soldaten nach der Stelle, wo
-der arme Tote gebissen worden, und sahen, daß dort Blutstropfen auf dem
-Grase waren und Fußstapfen, so bis ans Meer gingen und dort aufhörten.
-
-
-37
-
-Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmond, am vierten Tage, wo
-man in der Stadt Brüssel vom Sankt Niklasturm herab nach der Hochmesse
-dem Volk Säcke mit Nüssen zuwirft.
-
-In der Nacht wurde Nele durch Geschrei, so von der Straße kam, geweckt.
-Sie suchte Katheline in der Kammer und fand sie nicht. Sie lief nach
-unten und öffnete die Tür, und Katheline trat ein und sagte:
-
-„Rette mich, rette mich! der Wolf, der Wolf!“
-
-Und Nele hörte vom Feld her fernes Geheul. Zitternd entzündete sie alle
-Lampen, Wachslichte und Talgkerzen.
-
-„Was ist geschehen, Katheline?“ fragte sie, sie in ihre Arme schließend.
-
-Katheline setzte sich verstörten Blicks und sagte, die Kerzen
-anschauend:
-
-„Das ist die Sonne, sie verscheucht die bösen Geister. Der Wolf, der
-Wolf heult draußen auf dem Felde.“
-
-„Aber“, sprach Nele, „warum bist Du aus Deinem warmen Bette gestiegen,
-um Dir in den feuchten Septembernächten das Fieber zu holen?“
-
-Und Katheline sprach:
-
-„Hanske hat diese Nacht geschrieen wie der Fischadler und ich habe die
-Tür aufgemacht. Und er hat zu mir gesagt: „Trink diesen Zaubertrank;“
-und ich habe getrunken. Hanske ist schön. Nehmt das Feuer fort. Alsdann
-hat er mich an den Kanal geführt und zu mir gesagt: „Katheline, ich
-werde Dir die siebenhundert Karolus wiedergeben und Du sollst sie
-Ulenspiegel, Klasens Sohn, geben. Und hier sind zwei, um Dir ein Kleid
-zu kaufen; bald wirst du ihrer tausend haben.“ / „Tausend,“ sprach ich,
-„mein Geliebter, dann werde ich reich sein.“ / „Du sollst sie haben,“
-sagte er. „Aber sind nicht in Damm Frauen oder Mädchen, die jetzt
-ebenso reich sind, wie du sein wirst?“ / „Ich weiß nicht,“ antwortete
-ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht sagen, aus Furcht, daß er sie
-liebte. Darauf sprach er zu mir: „Forsche danach und sage mir ihre
-Namen, wenn ich wiederkomme.“
-
-„Die Luft war kalt, der Nebel schwebte über den Wiesen, dürres Reisig
-fiel von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond schien, und auf dem
-Wasser des Kanals waren Feuer. Hanske sprach zu mir: „Das ist die
-Nacht der Werwölfe, alle schuldbeladenen Seelen steigen aus der Hölle
-auf. Du mußt mit der Linken dreimal das Zeichen des Kreuzes machen und
-Salz! Salz! Salz! rufen, das ist das Sinnbild der Unsterblichkeit, und
-sie werden Dir nichts antun.“ / Und ich sagte: „Ich werde tun, was
-Du willst, Hanske, mein Herzliebster.“ Und er umarmte mich und sagte
-dabei: „Du bist mein Weib.“ / „Ja,“ sprach ich. Und bei diesem süßen
-Worte glitt himmlische Wonne wie Balsam über meinen Leib. Er bekränzte
-mich mit Rosen und sagte: „Du bist schön.“ / Und ich sprach zu ihm: „Du
-bist auch schön, Hanske, mein Herzliebster, in deinen feinen Kleidern
-von grünem Sammet mit güldenen Borten, mit deiner langen Straußenfeder,
-die auf deinem Barett wallt, und deinem Antlitz, das bleich ist wie
-Meeresleuchten. Und wenn die Mädchen von Damm Dich sähen, so würden sie
-Dir alle nachlaufen und dein Herz begehren, doch Du mußt es nur mir
-geben, Hanske.“ / Er sprach: „Suche zu erfahren, welche am reichsten
-sind, ihr Vermögen wird Dein sein.“ Dann ging er von dannen und ließ
-mich zurück, nachdem er mir verboten, ihm zu folgen. Ich blieb stehen
-und ließ die zwei Karolus in meiner Hand klingen. Ich zitterte am
-ganzen Leibe und war schier erstarrt wegen des Nebels. Da sah ich
-einen Wolf mit grünem Gesicht und langen Schilfblättern in seinem
-weißen Fell die Uferböschung hinansteigen. Ich schrie. „Salz! Salz!
-Salz!“ und machte das Zeichen des Kreuzes, aber das schien ihn nicht zu
-schrecken. Und ich lief aus allen Kräften und schrie, und er heulte,
-und ich hörte das Klappern seiner Zähne ganz nah bei mir und einmal
-ganz nah an meiner Schulter, daß ich glaubte, er würde mich packen.
-Doch ich lief schneller als er. Zum großen Glück stieß ich an der Ecke
-der Reiherstraße auf den Nachtwächter mit seiner Laterne. „Der Wolf,
-der Wolf!“ schrie ich. „Fürchte dich nicht,“ sprach der Nachtwächter,
-„ich werde dich nach Hause führen, irre Katheline.“ Und ich fühlte, daß
-seine Hand, die mich hielt, zitterte. Er hatte auch Furcht.“
-
-„Aber er hat wieder Mut gefaßt,“ sprach Nele. „Hörst Du ihn jetzt mit
-schleppender Stimme singen: „Hört Ihr Leute und laßt Euch sagen, die
-Glocke hat zehn geschlagen.“ Und er läßt seine Knarre schnarren.“
-
-„Nehmt das Feuer fort,“ sagte Katheline, „der Kopf brennt. Komm wieder,
-Hanske, mein Buhle.“
-
-Und Nele blickte Katheline an, und sie bat Unsere heilige Jungfrau, das
-Feuer des Wahnsinns von ihrem Haupte zu nehmen. Und sie weinte über sie.
-
-
-38
-
-In Bellem, an den Ufern des Brügger Kanals, begegneten Ulenspiegel
-und Lamm einem Reiter, der drei Hahnenfedern auf seinem Filzhut trug
-und in gestrecktem Galopp nach Gent ritt. Ulenspiegel trillerte wie
-eine Lerche, und der Reiter hielt an und antwortete mit Kreyants
-Trompetenstoß.
-
-„Bringst Du Zeitung, ungestümer Reiter?“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Hochwichtige Zeitung,“ sagte der Reiter. „Auf des Herrn von Chatillon
-Rat, der im Lande Frankreich Admiral ist, hat der Freiheitsprinz Befehl
-erteilt, Kriegsschiffe auszurüsten, ohngeachtet die, so in Emden
-und Ostfriesland schon bewaffnet sind. Die kühnen Männer, die diese
-Aufträge erhalten haben, sind Adrian de Berghes, Herr von Dohlhain,
-sein Bruder, Ludwig von Hennegau, der Baron de Montfaucon, Herr Ludwig
-van Brederode, Albert van Egmont, des Enthaupteten Sohn und kein
-Verräter wie sein Bruder, Berthel Enthens von Mentheda, der Friese,
-Adrian Menningh, Hemubyse, der hitzköpfige und stolze Genter, und Jan
-Brock.
-
-Der Prinz hat seine ganze Habe, mehr denn fünfzigtausend Gülden,
-hingegeben.“
-
-„Ich habe fünfhundert für ihn,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Tragt sie bis ans Meer,“ sagte der Reiter. Und er galoppierte von
-dannen.
-
-„Er gibt seine ganze Habe,“ sagte Ulenspiegel, „wir andern geben nur
-unsere Haut.“
-
-„Ist das denn nichts,“ sagte Lamm, „und werden wir immer nur von
-Plünderung und Metzelei reden hören? Die Orange ist zu Boden gefallen.“
-
-„Zu Boden gefallen wie die Eiche; aber aus der Eiche macht man Schiffe
-für die Freiheit!“
-
-„Zu seinem Nutzen,“ sprach Lamm. „Aber da wir nichts mehr zu befahren
-haben, laß uns wieder Esel kaufen. Ich marschiere gern sitzend und ohne
-an den Fußsohlen ein Glockenspiel zu haben.“
-
-„So laß uns Esel kaufen,“ sagte Ulenspiegel. „Diese Tiere sind leicht
-wieder los zu schlagen.“
-
-Sie gingen zu Markt und erstanden dort zwei schöne Esel mit Zaumzeug.
-
-
-39
-
-Da sie Bein hier, Bein da ritten, kamen sie nach Oost-Camp, wo ein
-großer Wald ist, dessen Saum bis an den Kanal ging. Sie betraten ihn,
-um Schatten und liebliche Düfte zu finden, und sahen nichts andres,
-denn lange Waldwege, die in allen Richtungen nach Brügge, Gent, Süd-
-und Nord-Flandern führten.
-
-Unversehens sprang Ulenspiegel vom Esel.
-
-„Siehst Du dort nichts?“
-
-Lamm sagte: „Ja, ich sehe.“ Und zitternd: „Mein Weib, mein gutes Weib.
-Das ist sie, mein Sohn. Ha! Ich vermag nicht, zu ihr zu gehen. Sie so
-wiederzufinden!“
-
-„Worüber klagst Du?“ fragte Ulenspiegel. „So halb nackt ist sie schön,
-in dem Leibchen von geschlitzten Nesselleinen, welches das blühende
-Fleisch sehen läßt. Die da ist zu jung, sie ist nicht Deine Frau.“
-
-„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie ist es, mein Sohn; ich erkenne sie. Trag
-mich, ich kann nicht mehr gehen. Wer hätte das von ihr gedacht? So
-ohne Scham, als Zigeunerin gekleidet, zu tanzen! Ja, das ist sie; sieh
-ihre zierlichen Beine, ihre Arme, nackt bis zur Schulter, ihre runden,
-bräunlichen Brüste, die halb aus dem Nesselleibchen hervorsehen. Schau,
-wie sie mit der roten Fahne den großen Hund neckt, der danach springt.“
-
-„Das ist ein Zigeunerhund,“ sprach Ulenspiegel; „die Niederlande
-bringen dergleichen nicht hervor.“
-
-„Zigeuner ... ich weiß nicht ... Aber sie ist es. Ha! mein Sohn, Ich
-sehe nicht mehr hin. Sie streift ihre Hosen noch höher, um ihre runden
-Beine besser sehen zu lassen. Sie lacht, um ihre weißen Zähne zu
-zeigen, und schallend, um ihre wohlklingende Stimme hören zu lassen.
-Sie macht ihr Leibchen oben auf und wirft sich zurück. Ach, dieser Hals
-eines verliebten Schwanes, diese nackten Schultern, diese hellen kecken
-Augen! Ich laufe zu ihr!“
-
-Und er sprang vom Esel.
-
-Aber Ulenspiegel hielt ihn fest.
-
-„Dies Mägdlein,“ sprach er, „ist nicht Deine Frau. Wir sind bei einem
-Zigeunerlager. Hüte Dich. Siehst Du den Rauch hinter den Bäumen?
-Hörst Du das Hundegebell? Halt! Da sind etliche, die uns ansehen und
-vielleicht bereit sind zu beißen. Wir wollen uns mehr im Dickicht
-verbergen.“
-
-„Ich verberge mich nicht,“ sagte Lamm. „Diese Frau ist die meine, eine
-Vlämin wie wir!“
-
-„Blinder Narr,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Blind, nein! Ich sehe wohl, wie sie halb nackend tanzt und lacht und
-den großen Hund neckt. Sie stellt sich, als sähe sie uns nicht. Aber
-sie sieht uns, gewißlich. Tyll, Tyll! Jetzt springt der Hund auf sie
-und wirft sie zu Boden, um die rote Fahne zu bekommen. Und sie fällt
-und stößt einen Klagelaut aus.“
-
-Und Lamm stürzte hastig hinzu und sprach zu ihr:
-
-„Mein Weib, mein Weib! Wo hast Du Dir weh getan, Liebchen? Warum
-lachest Du so ausgelassen? Deine Augen sind wild.“
-
-Und er umarmte und liebkoste sie und sprach:
-
-„Das Schönheitsmal, das Du unter der linken Brust hattest! Ich sehe es
-nicht. Wo ist es? Du bist nicht mein Weib! Großer Gott im Himmel!“
-
-Und sie hörte nicht auf zu lachen.
-
-Plötzlich rief Ulenspiegel:
-
-„Sieh Dich vor, Lamm.“
-
-Und sich umwendend, sah Lamm einen großen Mohren von Zigeuner vor sich
-stehen, mit hagerem Gesicht und braun wie Pfefferkuchen.
-
-Lamm hob seinen Spieß auf, stellte sich zur Wehr und schrie:
-
-„Zu Hilfe, Ulenspiegel.“
-
-Ulenspiegel war mit seinem guten Degen zur Hand.
-
-Der Zigeuner sagte auf Hochdeutsch zu ihm:
-
-„Gebt mir Geld, einen Reichstaler oder zehn.“
-
-„Sieh“, sprach Ulenspiegel, „das Mägdlein geht laut lachend von dannen
-und dreht sich immerdar um, damit wir ihr nachfolgen.“
-
-„Gebt mir Geld“, sagte der Mann. „Bezahle deine Liebe. Wir sind arm und
-wollen Dir nichts antun.“
-
-Lamm gab ihm einen Karolus.
-
-„Welches Gewerbe treibst Du?“
-
-„Alle“, erwiderte der Zigeuner. „Da wir Meister in der Geschicklichkeit
-sind, vollführen wir wundersame und zauberische Künste. Wir spielen die
-Schellentrommel und tanzen ungarische Tänze. Und es ist mehr denn einer
-unter uns, der Käfige macht und Roste, die schönsten Kalbsrippen darauf
-zu braten. Aber alle Vlämen und Wallonen fürchten und vertreiben uns.
-Da wir nicht vom Erwerb leben können, leben wir von Raub, das ist, von
-Gemüsen, Fleisch und Geflügel, so wir dem Bauern nehmen müssen, da er
-sie uns nicht geben noch verkaufen will.“
-
-Lamm sprach zu ihm:
-
-„Woher kommt das Mägdlein, das so sehr meiner Frau gleicht?“
-
-„Sie ist unseres Häuptlings Tochter,“ sagte der Schwarze.
-
-Dann sprach er leise, wie einer, der sich fürchtet:
-
-„Sie wurde von Gott mit Liebestollheit geschlagen und weiß nichts von
-weiblicher Scham. Sobald sie einen Mann erblickt, wird sie lustig und
-toll und lacht unablässig. Sie spricht wenig, und lange hielt man sie
-für stumm. Nachts hockt sie trübsinnig am Feuer, manchmal weinend und
-ohne Ursache lachend und auf den Leib deutend, wo sie Schmerzen hat,
-sagt sie. Um die Mittagsstunde im Sommer nach der Mahlzeit ist ihre
-Tollheit am wildesten. Alsdann tanzt sie fast nackend in der Umgebung
-des Lagers. Sie will nur Kleidung aus Tüll und Nesseltuch tragen,
-und im Winter können wir sie nur mit großer Mühe in einem Mantel von
-Ziegenfell einhüllen.“
-
-„Aber,“ sprach Lamm, „hat sie nicht irgend einen Freund, der sie
-hindert, sich dergestalt dem Ersten Besten hinzugeben?“
-
-„Sie hat keinen,“ sagte der Mann, „denn die Reisenden, die sich ihr
-nähern und ihre irren Augen wahrnehmen, haben mehr Furcht vor ihr als
-Liebe. Dieser dicke Mann war kühn,“ sagte er, auf Lamm weisend.
-
-„Laß ihn reden, mein Sohn,“ versetzte Ulenspiegel. „Der Stockfisch
-spricht schlecht vom Walfisch. Welcher von beiden gibt das meiste Oel?“
-
-„Du hast heute Morgen eine scharfe Zunge,“ sprach Lamm.
-
-Aber Ulenspiegel sagte, ohne ihn anzuhören, zum Zigeuner:
-
-„Was tut sie, wenn andere so kühn sind wie mein Freund Lamm?“
-
-Der Zigeuner antwortete traurig:
-
-„Alsdann hat sie Vergnügen und Gewinn. Die sie besitzen, bezahlen
-ihre Lust, und das Geld dient dazu, sie zu kleiden und auch für die
-Bedürfnisse der Greise und Frauen.“
-
-„Sie gehorcht also keinem?“ fragte Lamm.
-
-Der Zigeuner erwiderte:
-
-„Lassen wir denen, so Gott heimsucht, ihr Wollen. Er gibt derart seinen
-Willen kund. Solches ist unser Gesetz.“
-
-Ulenspiegel und Lamm gingen fürbaß. Und der Zigeuner kehrte ernst und
-stolz in sein Lager zurück. Und das Mägdlein tanzte mit ausgelassenem
-Lachen in der Lichtung.
-
-
-40
-
-Unterwegs nach Brügge sprach Ulenspiegel zu Lamm:
-
-„Wir haben eine große Summe Geldes ausgegeben, um Soldaten anzuwerben,
-die Büttel zu bestechen, die Zigeunerin zu beschenken und die
-unzähligen Ölkuchen zu bezahlen, die es Dir gefiel, unaufhörlich zu
-essen, anstatt ihrer einen zu verkaufen. Und trotz dem Begehren deines
-Bauches ist es an der Zeit, vernünftiger zu leben. Gib mir Dein Geld,
-ich werde die gemeinsame Börse aufheben.“
-
-„Tu das,“ sprach Lamm. „Doch laß mich nicht Hungers sterben,“ sagte er,
-sie ihm reichend, „denn bedenke, groß und gewaltig wie ich bin, bedarf
-ich einer kräftigen und reichlichen Nahrung. Für Dich, der Du mager und
-schmächtig bist, ist es gut, von der Hand in den Mund zu leben, zu
-essen oder nicht zu essen, was Du findest, wie die Planken am Hafen,
-so von Luft und Wasser leben. Aber ich, den die Luft aushöhlt und der
-Regen heißhungrig macht, ich brauche andern Schmaus.“
-
-„Du sollst ihn haben, tugendhaften Fastenschmaus. Die bestgefüllten
-Wänste widerstehen da nicht; sie schrumpfen nach und nach ein und
-machen den schwersten Mann leicht. Und bald wird man ihn, weidlich
-entfettet, wie einen Hirsch laufen sehen, meinen zierlichen Lamm.“
-
-„Ach,“ sprach Lamm, „was wird künftig mein mageres Schicksal sein? Mich
-hungert, mein Sohn, und ich möchte zur Nacht essen.“
-
-Der Abend sank. Sie hielten ihren Einzug in Brügge durch das Genter Tor
-und zeigten ihre Pässe vor. Nachdem sie für sich selbst einen halben
-Sou und zwei für ihre Esel hatten bezahlen müssen, gingen sie in die
-Stadt. Lamm, der Worte Ulenspiegels gedenkend, schien tiefbetrübt.
-
-„Werden wir alsbald zur Nacht essen?“ fragte er.
-
-„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-Sie stiegen in der „Meermin“, der „Seejungfer“ ab, die als Wetterfahne,
-ganz aus Gold, über dem Giebel der Herberge angebracht ist, führten
-ihre Esel in den Stall, und Ulenspiegel bestellte für sich und Lamm
-Nachtessen: Brot, Bier und Käse.
-
-Der Wirt lachte spöttisch, da er diese karge Kost auftrug. Lamm aß
-mit langen Zähnen und blickte voller Verzweiflung Ulenspiegel zu,
-der in das zu alte Brot und den zu jungen Käse hineinbiß, als wären
-es Fettammern gewesen. Und Lamm trank sein Dünnbier ohne Genuß.
-Ulenspiegel lachte, da er ihn so kläglich sah. Und es war noch jemand,
-so im Hofe der Herberge lachte und manchmal das Gesicht an den
-Fensterscheiben zeigte. Ulenspiegel sah, daß es ein Weib war, das sein
-Gesicht versteckte. In der Meinung, es sei irgend eine boshafte Magd,
-dachte er nicht mehr daran, und da er Lamm so blaß, traurig und bleich
-sah, wegen der vereitelten Begierden seines Magens, jammerte ihn sein
-und er gedachte, für seinen Gefährten einen Eierkuchen mit Blutwürsten,
-ein Gericht Rindfleisch mit Saubohnen oder irgend eine andere heiße
-Schüssel zu bestellen, als der Wirt eintrat, seinen Hut lüftete und
-sprach:
-
-„Wenn die Herren Reisenden ein besser Nachtmahl begehren, so müssen sie
-sprechen und sagen, was es sein soll.“
-
-Lamm riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und blickte
-Ulenspiegel mit banger Unruhe an.
-
-Dieser antwortete:
-
-„Wandernde Handwerker sind nicht reich.“
-
-„Es kommt gleich wohl vor,“ sprach der Wirt „daß ihnen nicht ihr ganzer
-Besitz bekannt ist.“ Und auf Lamm deutend: „Dies gute Vollmondsgesicht
-ist soviel wert wie zwei andere. Was beliebt den Herrschaften zu
-speisen und zu trinken? Ein Speck-Eierkuchen, heute frisch gedämpfte
-Choesels, ein Kapaun, der auf der Zunge zergeht, eine schöne, auf
-dem Rost gebratene Kalbsrippe mit einer Tunke von vier Gewürzen,
-Dobbel-knol aus Antwerpen, Dobbel-kuyt aus Brügge und Löwener Wein,
-nach Art des Burgunders gekeltert? Und ohne Bezahlung.“
-
-„Bringt alles,“ sprach Lamm.
-
-Der Tisch ward alsogleich besetzt, und Ulenspiegel ergötzte sich
-daran, dem armen Lamm zuzusehen, der sich hungriger denn je auf den
-Eierkuchen, die Choesels, den Kapaun, den Schinken und die Kalbsrippen
-stürzte und Dobbel-knol und Dobbel-kuyt und Löwener Wein, auf
-burgundische Art gekeltert, maßweise in den Schlund goß.
-
-Als er nichts mehr essen konnte, schnob er vor Behagen wie ein Walfisch
-und ließ seine Blicke über den Tisch schweifen, um zu sehen, ob es
-nichts mehr zu beißen gäbe. Und er knusperte die Krumen.
-
-Weder Ulenspiegel noch er hatten das hübsche Lärvchen gesehen, das
-lächelnd durch die Scheibe blickte und im Hofe hin und wieder ging.
-Nachdem der Wirt Glühwein mit Zimmet und Madeirazucker gebracht hatte,
-tranken sie weiter. Und sie sangen.
-
-Als die Nachtstunde nahte, fragte der Wirt sie, ob sie ein jeder in ihr
-großes und schönes Gemach hinaufgehen wollten. Ulenspiegel entgegnete,
-daß ein kleines für beide genügte. Der Wirt versetzte:
-
-„Das habe ich nicht; Ihr sollt jeder, ohne zu zahlen, ein
-herrschaftliches Zimmer haben.“
-
-Und fürwahr, er führte sie in reich mit Hausrat und Teppichen versehene
-Gemächer. In Lamms Gemach stund ein großes Bett. Ulenspiegel, der
-wacker gezecht hatte und vor Schläfrigkeit umsank, ließ ihn zu Bett
-gehen und tat flugs desgleichen.
-
-Am andern Tage zur Mittagszeit trat er in Lamms Zimmer und sah ihn
-schlafen und schnarchen. Neben ihm lag ein zierliches Täschlein voll
-Geld. Er machte es auf und sah, daß es Goldkarolus und Silberstüver
-waren.
-
-Er schüttelte Lamm, um ihn aufzuwecken. Dieser kam aus dem Schlaf, rieb
-sich die Augen und unruhig umherblickend, sagte er:
-
-„Mein Weib, wo ist mein Weib?“
-
-Und auf eine leere Stelle neben sich im Bette deutend, sagte er:
-
-„Da war sie kurz zuvor.“
-
-Dann sprang er aus dem Bett und blickte wieder allenthalben umher,
-durchwühlte alle Ecken und Winkel der Zimmers, den Alkoven und die
-Schränke und sagte, mit dem Fuß stampfend:
-
-„Mein Weib, wo ist mein Weib?“
-
-Der Wirt kam bei dem Lärm herauf.
-
-„Taugenichts,“ sprach Lamm und packte ihn an der Kehle, „wo ist mein
-Weib, was hast Du mit meinem Weibe gemacht?“
-
-„Ungeduldiger Wanderer,“ sprach der Wirt, „Dein Weib? Welches Weib? Du
-bist allein gekommen. Ich weiß nichts.“
-
-„Ha, er weiß es nicht,“ sprach Lamm. „Er weiß es nicht,“ sprach er und
-durchstöberte abermals alle Ecken und Winkel des Gemachs.
-
-„Ach! Sie war da, diese Nacht, in meinem Bette wie zur Zeit unserer
-holden Liebe. Ja. Wo bist Du, Liebchen?“
-
-Und die Börse auf den Boden werfend:
-
-„Nicht Dein Geld brauch ich, sondern Dich, Deinen holden Leib, Dein
-gutes Herz, o, meine Geliebte! O Himmelsfreuden, Ihr kehrt nicht
-wieder. Ich hatte mich gewöhnt, Dich nicht mehr zu sehen, ohne Liebe
-zu leben, mein süßer Schatz. Und nunmehr verlässest Du mich, nachdem Du
-wieder zu mir gekommen warst. Ach ich will sterben. Ha! mein Weib, wo
-ist mein Weib?“
-
-Und auf dem Boden, auf den er sich geworfen, weinte er heiße Zähren.
-Dann riß er plötzlich die Tür auf und begann im Hemde in der ganzen
-Herberge und auf der Straße umherzulaufen und zu schreien:
-
-„Mein Weib, wo ist mein Weib?“
-
-Aber er kam bald zurück, denn die bösen Buben höhnten ihn und warfen
-ihn mit Steinen.
-
-Und Ulenspiegel nötigte ihn sich anzukleiden und sprach zu ihm: „Sei
-nicht untröstlich. Du wirst sie wiedersehen, sintemal Du sie gesehen
-hast. Sie liebt Dich noch, da sie wieder zu Dir gekommen ist, denn ohne
-Zweifel war sie es, die das Nachtmahl und die fürnehmen Zimmer bezahlt
-hat und diesen vollen Säckel auf das Bett gelegt hat. Diese Metallspäne
-sagen mir, daß dies nicht die Tat einer Ungetreuen ist. Weine nicht
-mehr, und laß uns zur Verteidigung unseres Vaterlandes weiterziehen.“
-
-„Laß uns noch in Brügge bleiben,“ sprach Lamm, „ich will durch die
-ganze Stadt laufen und werde sie wiederfinden.“
-
-„Du wirst sie nicht wiederfinden, da sie sich vor Dir versteckt,“
-sprach Ulenspiegel.
-
-Lamm stellte den Wirt zur Rede, aber dieser wollte ihm nichts sagen.
-
-Und sie machten sich auf nach Damm.
-
-Während sie so wanderten, sprach Ulenspiegel zu Lamm:
-
-„Warum sagst Du mir nicht, wie Du sie diese Nacht bei Dir fandest und
-wie sie Dich verließ?“
-
-„Mein Sohn,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß wir dem Fleisch, Bier
-und Wein alle Ehre angetan hatten und daß ich mit Mühe schnaufte, als
-wir zu Bett gingen. Ich trug eine Wachskerze wie ein fürnehmer Herr,
-um mir zu leuchten, und hatte den Leuchter auf eine Truhe gesetzt,
-um zu schlafen. Die Tür war halb offen geblieben, die Truhe war nahe
-dabei. Als ich mich auskleidete, blickte ich mein Bett voller Liebe
-und Sehnsucht nach Schlaf an. Die Wachskerze erlosch mit einem Mal.
-Ich vernahm etwas wie einen Hauch und ein Geräusch leichter Schritte
-in meiner Stube, aber maßen meine Schläfrigkeit größer war denn meine
-Furcht, fiel ich schwer ins Bett. Da ich im Einschlafen war, sprach
-eine Stimme, ihre Stimme, oh, mein Weib, mein armes Weib! sprach zu
-mir: „Hast Du gut gespeist, Lamm?“ Und ihre Stimme war mir nahe,
-desgleichen ihr Antlitz und ihr holder Leib.“
-
-
-41
-
-Am selbigen Tage war König Philipp schwermütiger denn sonst, denn er
-hatte zuviel Zuckergebäck gegessen. Er hatte auf seinem lebendigen
-Klavizimbal gespielt; das war eine Kiste, die Katzen enthielt, deren
-Köpfe durch runde Löcher unter den Tasten herauskamen. Jedesmal,
-wenn der König auf eine Taste schlug, traf diese die Katze mit einem
-Stachel, und das Tier miaute und jammerte vor Schmerz.
-
-Aber Philipp lachte nicht.
-
-Unablässig forschte er im Geiste, wie er Elisabeth, die große Königin,
-besiegen und Marie Stuart auf den Thron von England setzen könne.
-Zu dem Ende hatte er an den bedürftigen und verschuldeten Papst
-geschrieben; der Papst hatte geantwortet, daß er für dieses Unternehmen
-gern die heilgen Gefäße aus den Kirchen und die Schätze des Vatikans
-verkaufen würde.
-
-Aber König Philipp lachte nicht.
-
-Ridolfi, der Buhle der Königin Maria, welcher sie zu befreien, hernach
-zu heiraten und König von England zu werden hoffte, kam vor König
-Philipp, um mit ihm den Mord Elisabeths abzukarten. Aber er war ein
-solcher Schwätzer, wie der König schrieb, daß man von seiner Absicht
-ganz offen an der Börse von Antwerpen gesprochen hatte. Und der Mord
-unterblieb.
-
-Und Philipp lachte nicht.
-
-Später schickte der Blutherzog, den Befehlen des Königs zufolge, ein
-Paar Mörder nach England. Ihr Erfolg war, gehenkt zu werden.
-
-Und Philipp lachte nicht.
-
-Und also machte Gott den Ehrgeiz dieses Vampirs zu nichte, der nichts
-geringeres wollte, als Maria Stuart ihren Sohn zu rauben und an ihrer
-Statt mit dem Papst über England zu herrschen. Und der Mörder erboste
-sich, dies edle Land groß und mächtig zu sehen. Unablässig richtete er
-seine farblosen Augen dahin und suchte, wie er es verderben möchte,
-um danach über die Welt zu herrschen, die Reformierten auszurotten,
-sonderlich die Reichen, und die Güter der Opfer zu erben.
-
-Aber er lachte nicht.
-
-Man brachte ihm Mäuse und Ratten in einem eisernen Kasten, mit hohen
-Rändern, an einer Seite offen; und er setzte den Boden des Kastens auf
-ein starkes Feuer und ergötzte sich daran, zu sehen und zu hören, wie
-die armen Tierlein sprangen, schrieen, ächzten und starben.
-
-Aber er lachte nicht.
-
-Dann ging er bleich und mit zitternden Händen in die Arme der
-Prinzessin Eboli, um die Glut der Wollust, an der Fackel der
-Grausamkeit entzündet, zu löschen.
-
-Und er lachte nicht.
-
-Und die Prinzessin Eboli empfing ihn aus Furcht und nicht aus Liebe.
-
-
-42
-
-Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer. Die Bäume
-am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen blieben in den Wiesen,
-dieweil die Dienstleute der Kirchen und Abteien auf die Felder kamen,
-um für die Pfarrer und Äbte den Dreizehnten von der Ernte zu holen.
-Vom blauen, glühenden und tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab,
-und die Natur schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes
-Mädchen, das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist.
-Die Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um nach den
-Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten, derweil die
-Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln ihnen ihre Beute streitig
-machten. Vom Boden stieg ein warmer Dunst auf, der im Licht glänzte und
-schillerte. Hoch vom Turm verkündete der Glöckner von Damm durch eine
-gesprungene Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und
-die Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die Frauen
-schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre Brüder oder Männer
-mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und man sah ihre roten Kappen über den
-Heuhaufen. In der Ferne ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm
-der Frauenkirche hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach:
-
-„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“
-
-Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
-
-„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht mein
-Weib wiedersehen.“
-
-Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
-
-„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts Dich
-ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit verbrachtest,
-noch die teuren Schatten des armen Klas und der armen Soetkin, der
-beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig noch fröhlich; was hat Dir
-also das Herz ausgedörrt? Sieh mich an, wie bang und unruhig ich bin,
-und wie ich trotz meines Wanstes hüpfe; sieh mich....“
-
-Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und das
-Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm.
-
-Und Lamm schwieg.
-
-So wanderten sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damm. Sie zogen
-durch die Reiherstraße ein und sahen keine Seele wegen der Hitze. Die
-Hunde lagen vor den Türschwellen mit heraushängender Zunge auf der
-Seite und gähnten. Lamm und Ulenspiegel schritten bis zum Rathaus,
-davor Klas war verbrannt worden. Ulenspiegels Lippen zitterten noch
-mehr, und seine Tränen versiegten. Sie kamen vor Klasens Haus, das ein
-Kohlenhändler bewohnte. Er trat ein und sprach zu ihm:
-
-„Erkennest Du mich? Ich will mich hier ausruhen.“
-
-Der Kohlenhändler antwortete:
-
-„Ich erkenne Dich, Du bist der Sohn des Geopferten. Geh in diesem
-Hause, wohin Du willst.“
-
-Ulenspiegel ging in die Küche, dann in Klasens und Soetkins Kammer und
-weinte dort.
-
-Als er wieder hinuntergestiegen war, sprach der Kohlenhändler zu ihm:
-
-„Hier ist Brot, Käse und Bier. So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast,
-trinke.“
-
-Ulenspiegel winkte mit der Hand, daß er weder Hunger noch Durst habe.
-
-Dann ging er mit Lamm, der rittlings auf seinem Esel saß, dieweil
-Ulenspiegel den seinen am Halfter führte.
-
-Sie kamen zu Kathelines Hütte, banden ihre Esel an und traten ein. Es
-war Essenszeit. Auf dem Tisch standen grüne Bohnen in der Schale, mit
-großen weißen Bohnen gemischt. Katheline aß. Nele stand neben ihr und
-wollte just eine Essigtunke, die sie vom Feuer genommen, in Kathelines
-Napf gießen.
-
-Da Ulenspiegel eintrat, erschrak sie so, daß sie den Topf mitsamt der
-Tunke in Kathelines Napf warf. Diese begann kopfschüttelnd die Bohnen
-um den Topf aufzusuchen, schlug sich gegen die Stirn und sagte wie eine
-Irre:
-
-„Nehmt das Feuer fort! Der Kopf brennt!“
-
-Der Geruch des Essigs machte Lamm hungrig.
-
-Ulenspiegel blieb stehen und blickte Nele an. Er lächelte liebevoll
-inmitten seiner großen Trübsal.
-
-Und Nele legte ihre Arme um seinen Hals, ohne ihm ein Wort zu sagen.
-Auch sie schien närrisch; sie weinte und lachte und errötete vor
-großer, süßer Wonne; sie sagte nur immerfort: „Tyll, Tyll!“ Ulenspiegel
-betrachtete sie gücklich. Dann ließ sie ihn los, trat ein wenig zurück,
-schaute ihn freudig an, stürzte ihm wieder entgegen und umhalste ihn
-stürmisch, und so etliche Male. Er umfaßte sie glückselig und konnte
-sich nicht von ihr trennen, bis sie auf einen Stuhl sank, matt und wie
-von Sinnen; und sie sagte ohne Scheu:
-
-„Tyll, Tyll, mein Geliebter, da bist Du wieder!“
-
-Lamm stand an der Tür. Als Nele sich beruhigt hatte, sagte sie, auf ihn
-deutend:
-
-„Wo hab’ ich diesen dicken Mann gesehen?“
-
-„Das ist mein Freund,“ sagte Ulenspiegel. „Er begleitet mich und sucht
-seine Frau.“
-
-„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der
-Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge gesehen,
-allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich sie gefragt
-hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen habe, antwortete sie
-mir:
-
-„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen Buße;
-aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“
-
-Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit Essig an.
-Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor und die erschlaffte
-Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und Katheline stach mit ihrem
-Löffel rund um den Topf nach den weißen Bohnen, den grünen Schoten und
-der Tunke.
-
-
-43
-
-Zur selbigen Zeit ging ein fünfzehnjähriges Mägdlein allein bei hellem
-Tage durch die Dünen von Heyst nach Knokke. Niemand sorgte sich um sie,
-denn man wußte, daß die Werwölfe und die bösen, verdammten Seelen nur
-bei Nacht beißen. In einem Beutel trug sie achtundvierzig Silbersous,
-die vier Karolusgülden wert waren, welche ihre Mutter, Toria Pieterson,
-zu Heyst wohnhaft, ihrem Ohm, Jan Rapen zu Knokke, von einem Verkauf
-her schuldete. Das Mägdlein, Betkin genannt, ging, mit ihren schönsten
-Kleidern angetan, frohgemut von dannen.
-
-Am Abend besorgte sich ihre Mutter, da sie nicht heim kam. Doch sie
-gedachte, daß sie bei ihrem Oheim genächtigt hätte, und beruhigte sich.
-
-Am folgenden Tag zogen Fischer, die mit vollen Netzen vom Meere
-zurückkamen, ihr Boot auf den Strand und luden ihre Fische auf Wagen,
-um sie wagenweise nach dem Stadtrecht von Heyst zu verganten. Sie
-stiegen den mit Muscheln besäeten Pfad hinan und fanden auf der Düne
-ein nacktes ausgeplündertes Mädchen, selbst des Hemdes entblößt; um sie
-her war Blut. Da sie nahe kamen, sahen sie an ihrem armen, gebrochenen
-Halse die Spuren langer, spitzer Zähne. Sie lag auf dem Rücken, und
-ihre Augen waren offen und blickten gen Himmel, und der Mund war
-gleicherweise offen, als ob sie in Todesangst schreien wollte!
-
-Sie bedeckten des Mägdleins Leichnam mit einem Oberkleid und trugen ihn
-nach Heyst ins Rathaus. Alsobald versammelten sich die Schöffen und der
-Wundarzt, welcher erklärte, das diese langen Zähne nicht Wolfszähne
-wären, wie die Natur sie macht, sondern die eines schlimmen und
-höllischen Werwolfs, und daß man Gott bitten müsse, das Land Flandern
-zu erlösen.
-
-Und in der ganzen Grafschaft, sonderlich in Damm, Heyst und Knokke,
-wurden Fürbitten und Gebete angeordnet. Und das Volk stand wehklagend
-in den Kirchen.
-
-In der Heyster Kirche, in der des Mägdleins Leiche ausgestellt war,
-weinten die Männer und Weiber beim Anblick ihres blutigen, zerrissenen
-Halses. Und die Mutter sagte in der Kirche: „Ich will zum Werwolf gehen
-und ihn mit den Zähnen töten.“
-
-Und die Frauen trieben sie weinend an, solches zu tun. Und etliche
-sagten:
-
-„Du wirst nicht wiederkehren.“
-
-Und sie machte sich mit ihrem Mann und ihren beiden wohlbewaffneten
-Brüdern auf, den Wolf in Strand, Düne und Tal zu suchen, aber sie
-fanden ihn nicht. Und ihr Mann mußte sie nach Hause bringen, denn sie
-hatte sich in der nächtlichen Kälte das Fieber geholt. Und sie wachten
-bei ihr und flickten die Netze für den nächsten Fischzug.
-
-In Erwägung, daß der Werwolf ein Tier ist, so von Blut lebt und nicht
-die Toten plündert, sagte der Amtmann von Damm, daß ohne Zweifel Diebe,
-die durch die Dünen streiften, diesem ihres ungerechten Vorteils wegen
-nachgingen. Darum ließ er durch öffentliches Ausschellen bekannt
-machen, daß männiglich wohl bewaffnet und mit Knütteln versehen auf
-alle Bettler und Tagediebe losgehen, sie gefangen nehmen und visitieren
-solle, ob sie in ihren Taschen Goldkarolus oder das eine und andre
-Stück von der Kleidung des Opfers hätten. Hernach sollten die rüstigen
-Bettler und Tagediebe auf des Königs Galeeren gebracht werden, die
-alten und bresthaften aber solle man laufen lassen. Aber man fand
-nichts.
-
-Ulenspiegel ging zum Amtmann und sprach:
-
-„Ich will den Werwolf umbringen.“
-
-„Wer gibt Dir Zuversicht?“ fragte der Amtmann.
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. „Gebt mir
-Erlaubnis, in der Gemeindeschmiede zu arbeiten.“
-
-„Du magst es tun,“ sprach der Amtmann.
-
-Ulenspiegel sagte keinem aus Damm, weder Mann noch Weib, ein Wort über
-seinen Anschlag, ging nach der Schmiede und schmiedete dort insgeheim
-eine schöne und große Falle, um wilde Tiere zu fangen.
-
-Am folgenden Samstag, dem Lieblingstage des Werwolfs, machte
-Ulenspiegel sich auf. Er trug einen Brief des Amtmanns an den Pfarrer
-von Heyst und die Falle unter seinem Mantel. Im Übrigen war er mit
-einer guten Armbrust und einem wohlgewetzten Dolchmesser bewehrt und
-sprach zu Denen von Damm:
-
-„Ich will Möwen jagen und aus ihren Daunen der Frau Amtmännin
-Kopfkissen machen.“
-
-Auf dem Wege nach Heyst kam er auf den Strand und hörte die hohle See
-große Wogen mit Donnergebrüll rollen; und der Wind, der von Engelland
-blies, heulte im Tauwerk der gescheiterten Schiffe. Ein Fischer sprach
-zu ihm:
-
-„Dieser böse Wind ist unser Schade. Diese Nacht war das Meer still,
-aber nach Sonnenaufgang hat es sich jählings empört. Wir können nicht
-zum Fischfang hinaus.“
-
-Ulenspiegel war froh, denn er war solcherart sicher, in der Nacht Hülfe
-zu finden, wenn es not tat.
-
-In Heyst ging er zum Pfarrer und gab ihm des Amtmanns Brief.
-
-Der Pfarrer sprach zu ihm:
-
-„Du bist kühn, allein wisse, daß keiner am Samstag Abend allein durch
-die Dünen geht, der nicht gebissen und tot auf dem Sande gelassen wird.
-Die Deicharbeiter und andere wollen nur in Scharen gehen. Der Abend
-sinkt. Hörst Du den Werwolf im Tal heulen? Wird er wiederum, wie in
-der verwichenen Nacht, auf dem Kirchhof die ganze Nacht entsetzlich
-schreien? Gott sei mit Dir, mein Sohn, aber geh nicht dorthin.“
-
-Und der Pfarrer bekreuzte sich.
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-Der Pfarrer sagte:
-
-„Dieweil Du so tapferen Willen hast, will ich Dir beistehen.“
-
-„Herr Pfarrer,“ sprach Ulenspiegel, „Ihr tätet an mir und dem armen,
-untröstlichen Lande ein löbliches Werk, wenn Ihr zu Toria, des Mädchens
-Mutter, und desgleichen zu ihren beiden Brüdern ginget, um ihnen zu
-sagen, daß der Wolf in der Nähe ist und daß ich ihn erwarten und töten
-will.“
-
-Der Pfarrer sagte:
-
-„Wenn Du noch nicht weißt, auf welchem Wege Du Dich aufstellen sollst,
-so halte Dich auf dem, der zum Kirchhof führt. Er ist zwischen zwei
-Ginsterhecken, nicht breit genug für zwei Männer.“
-
-„Ich werde mich dort aufstellen,“ versetzte Ulenspiegel. „Und Ihr,
-wackerer Herr Pfarrer, Helfer bei der Befreiung, befehlt und gebietet
-der Mutter des Mägdleins, ihrem Mann und ihren Brüdern, sich vor der
-Nachtstunde wohlbewaffnet in der Kirche einzufinden. Wenn sie den
-Schrei der Möwe hören, so heißt das, daß ich den Werwolf gesehen habe.
-Sie müssen sogleich die Sturmglocke läuten und mir zu Hülfe kommen. Und
-wenn noch andere tapfere Männer da sind ...?“
-
-„Es sind keine da, mein Sohn,“ antwortete der Pfarrer. „Die Fischer
-fürchten den Werwolf mehr als Pest und Tod. Aber geh nicht hin.“
-
-Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen.“
-
-Drauf sprach der Pfarrer:
-
-„Ich werde tun, wie Du begehrst. Sei gesegnet. Hast Du Hunger oder
-Durst?“
-
-„Beides,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.
-
-Der Pfarrer gab ihm Bier, Brot und Käse.
-
-Ulenspiegel trank, aß und machte sich auf den Weg.
-
-Unterwegs, da er die Augen aufhob, sah er seinen Vater Klas in der
-Herrlichkeit zur Seite Gottes im Himmel, wo der helle Mond schien, und
-er betrachtete das Meer und die Wolken, und er hörte den Sturmwind von
-Engelland wehen.
-
-„Wehe,“ sprach er, „Ihr schwarzen, raschen Wolken, Ihr seid wie die
-Rache auf den Fersen des Mordes. Du grollendes Meer, Du Himmel, der
-sich schwärzt wie der Höllenschlund, Ihr Wogen mit feurigem Schaum, die
-Ihr über das düstere Wasser laufet und ungeduldig und zornig zahllose
-feurige Tiere, Ochsen, Schafe, Pferde und Schlangen schleudert, so sich
-über die Flut wälzen oder sich emporrecken und Flamenregen speien,
-pechschwarzes Meer, schwarzumflorter Himmel, flammt mit mir, den
-Werwolf, den schlimmen Mädchenmörder, zu bekämpfen. Und Du Wind, der
-Du kläglich im Dünengras und im Takelwerk der Schiffe heulst, Du bist
-die Stimme der Opfer, die Gott um Rache anrufen, der mir bei diesem
-Unterfangen beistehen möge.“
-
-Und er stieg in das Tal hinab und schwankte auf seinen Naturstützen,
-als ob er ein Saufgelage im Kopf und den Magen mit Kohl überladen
-hätte. Und er sang rülpsend, taumelnd und spuckend, stand still und
-stellte sich, als ob er sich erbräche. Aber in Wahrheit machte er die
-Augen auf, um alles um sich her wohl zu betrachten, als er plötzlich
-ein gellendes Geheul hörte und beim Schein des hellen Mondes die lange
-Gestalt eines Wolfes gegen den Kirchhof laufen sah.
-
-Wiederum taumelnd, trat er auf den Fußsteig, der zwischen den
-Ginsterbüschen gebahnt war. Dort tat er, als ob er fiele, und stellte
-die Falle nach der Seite auf, von wo der Wolf kam, lud seine Armbrust
-und ging zehn Schritt weiter in der Haltung eines Trunkenen, immerdar
-taumelnd, rülpsend und würgend. Aber in Wahrheit spannte er seinen
-Geist wie einen Bogen und hielt Augen und Ohren weit offen.
-
-Und er sah nichts als die Wolkengebilde, die wie toll über den Himmel
-jagten, und eine breite, dicke, kurze, schwarze Gestalt, die auf ihn
-zukam. Und er vernahm nichts als das klagende Heulen des Windes, das
-Donnergrollen des Meeres und das Knirschen der Muscheln des Meeres
-unter einem schweren, springenden Schritt.
-
-Er tat, als wollte er sich setzen, und fiel schwer wie ein Trunkenbold
-auf den Weg. Und er spie aus.
-
-Dann hörte er zwei Schritte von seinem Ohr ein Klirren von Eisenwerk,
-dann das Zuklappen der Falle und den Schrei eines Menschen.
-
-„Der Werwolf hat seine Vorderpfoten in der Falle,“ sprach er. „Er
-erhebt sich heulend, schüttelt das Eisen und möchte laufen. Aber er
-wird nicht entkommen.“
-
-Und er schoß ihm mit der Armbrust einen Bolzen in die Beine.
-
-„Jetzt fällt er getroffen zu Boden.“
-
-Und er schrie wie eine Möwe.
-
-Plötzlich läutete die Kirchenglocke Sturm und eine helle Knabenstimme
-rief im Dorfe:
-
-„Erwacht, Ihr Schläfer, der Werwolf ist gefangen.“
-
-„Lob sei Gott,“ sprach Ulenspiegel.
-
-Toria, Betkins Mutter, Lansaem, ihr Mann, Josse und Michiel, ihre
-Brüder, kamen zuerst mit Laternen.
-
-„Ist er gefangen?“ fragten sie.
-
-„Schaut auf den Weg,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Gott sei gelobt!“ sagten sie.
-
-Und sie bekreuzten sich.
-
-„Wer läutet da?“ fragte Ulenspiegel.
-
-Lansaem antwortete:
-
-„Das ist mein Ältester; der Jüngste läuft durch das Dorf, pocht an die
-Türen und ruft, daß der Wolf gefangen ist. Dir sei Lob und Dank!“
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-Plötzlich redete der Werwolf und sprach:
-
-„Hab Erbarmen mit mir, Erbarmen, Ulenspiegel.“
-
-„Der Wolf spricht,“ sagten sie, sich alle bekreuzend. „Er ist ein
-Teufel und kennt schon Ulenspiegels Namen.“
-
-„Hab Erbarmen, Erbarmen,“ sagte die Stimme. „Heiße die Glocke
-schweigen; sie läutet für die Toten. Erbarmen, ich bin kein Wolf.
-Meine Handgelenke sind von der Falle durchbohrt; ich bin alt und
-blute, Erbarmen! Was ist das für eine helle Kinderstimme, die das Dorf
-aufweckt? Erbarmen!“
-
-„Dich hört ich schon früher sprechen“, sagte Ulenspiegel ungestüm. „Du
-bist der Fischhändler, Klasens Mörder, der Vampir der armen Mägdlein.
-Gevatter und Gevatterinnen, habet keine Furcht. Es ist der Älteste, der
-nämliche, durch den Soetkin vor Kummer starb.“
-
-Und mit der einen Hand hielt er ihn am Hals unterm Kinn, mit der andern
-zog er sein Dolchmesser.
-
-Aber Toria, Betkins Mutter, hielt ihn zurück.
-
-„Fangt ihn lebendig,“ schrie sie.
-
-Und sie riß ihm seine weißen Haare in Büscheln aus und zerfleischte
-sein Gesicht mit ihren Nägeln.
-
-Und sie heulte vor grimmer Wut.
-
-Mit den Händen in der Falle, sprang der Werwolf vor heftigem Schmerz
-auf dem Wege herum.
-
-„Erbarmen,“ sprach er, „Erbarmen, bringt dies Weib fort. Ich werde zwei
-Karolus geben. Zerbrecht die Glocken! Wo sind die schreienden Kinder?“
-
-„Lasset ihn am Leben!“ schrie Toria, „damit er büßt! Die Sterbeglocken,
-die Sterbeglocken für Dich, Mörder. Bei langsamen Feuer mit glühenden
-Zangen! Laßt ihn leben, damit er büßt!“
-
-Inzwischen hatte Toria ein Waffeleisen mit langen Armen vom Weg
-aufgehoben. Sie betrachtete es beim Fackelschein und sah innen auf den
-beiden Eisenplatten tief eingegrabene Rauten nach Brabanter Art; des
-Weiteren war es wie ein eiserner Rachen mit langen, spitzen Zähnen
-versehen. Wenn sie es öffnete, war es wie der Rachen ein Windspiels.
-
-Da Toria das Waffeleisen hielt, es auf und zu klappte und das Metall
-klirren ließ, schien sie von männlicher Raserei betört. Sie knirschte
-mit den Zähnen, röchelte wie eine Sterbende und ächzte, gepeinigt von
-glühendem Rachedurst. Sie quetschte den Gefangenen mit dem Gerät an den
-Armen, Beinen und überall, in Sonderheit aber am Halse, und allemal,
-wenn sie ihn quetschte, sagte sie:
-
-„So tat er mit den eisernen Zähnen bei Betkin. Er büßt. Blutest Du,
-Mörder? Gott ist gerecht. Die Sterbeglocken! Betkin ruft mich zur
-Rache. Fühlst Du die Zähne, das ist Gottes Rachen!“
-
-Und ohne Unterbrechung noch Erbarmen quetschte sie ihn und schlug ihn
-mit dem Waffeleisen, wenn sie nicht quetschen konnte. Und ihrer großen
-Ungeduld halber tötete sie ihn nicht.
-
-„Übt Barmherzigkeit“, schrie der Gefangene. „Ulenspiegel, erstich
-mich mit dem Messer, dann sterb’ ich schneller. Nehmt dies Weib fort.
-Zerbrich die Totenglocken, töte die schreienden Kinder.“
-
-Und Toria zerhackte ihn immerfort, bis ein alter Mann, der Mitleid
-hatte, ihr das Waffeleisen aus den Händen nahm.
-
-Da spie Toria den Werwolf ins Gesicht, riß ihm die Haare aus und sagte
-dabei: „Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen wirst Du büßen! Meine
-Nägel an Deine Augen!“
-
-Auf das Gerücht hin, daß der Werwolf ein Mensch und kein Teufel sei,
-waren derweil alle Fischer, Bauern und Weiber von Heyst herbeigekommen.
-Etliche trugen Laternen und brennende Fackeln. Und alle schrieen:
-
-„Mörderischer Dieb, wo verbirgst Du das Gold, das Du den armen Opfern
-stahlest? Er soll alles herausgeben.“
-
-„Ich habe keins; habt Erbarmen,“ sagte der Fischhändler.
-
-Und die Weiber warfen ihn mit Steinen und Sand.
-
-„Er büßt, er büßt!“ schrie Toria.
-
-„Erbarmen“, ächzte er. „Mein Blut fließt und durchnäßt mich. Erbarmen!“
-
-„Dein Blut,“ sprach Toria. „Dir wird noch genug verbleiben, um zu
-büßen. Legt Balsam auf seine Wunden. Mit abgehauener Hand, bei
-langsamen Feuer und glühenden Zangen soll er büßen, büßen!“ Und sie
-wollte ihn schlagen.
-
-Dann fiel sie bewußtlos, wie tot, auf den Sand; und man ließ sie
-liegen, bis sie wieder zu sich kam.
-
-Indessen hatte Ulenspiegel die Hände des Gefangenen aus der Falle
-losgemacht und sah, daß an der rechten Hand drei Finger fehlten.
-
-Und er befahl, ihn festzubinden und in einen Fischerkorb zu legen.
-Männer, Weiber und Kinder trugen abwechselnd den Korb. So zogen sie
-nach Damm, um dort Gerechtigkeit zu fordern. Und sie trugen Fackeln und
-Laternen.
-
-Und der Fischhändler sagte unaufhörlich: „Zerschlagt die Glocken, tötet
-die schreienden Kinder!“
-
-Und Toria sagte: „Er soll büßen, bei langsamen Feuer und glühenden
-Zangen soll er büßen.“
-
-Dann waren alle beide still. Und Ulenspiegel hörte nichts mehr als
-Torias stoßweises Atmen, den schweren Tritt der Männer auf dem Sand und
-das Meer, das wie Donner grollte.
-
-Und Trauer im Herzen, betrachtete er die Wetterwolken, die wie toll
-über den Himmel jagten, die See, auf der man feurige Schafe erblickte,
-und beim Schimmer der Fackeln und Laternen das fahle Gesicht des
-Fischhändlers, der ihn mit grausamen Augen ansah.
-
-Und die Asche brannte auf seinem Herzen.
-
-Und vier Stunden lang marschierten sie bis Damm, allwo das Volk in
-Menge versammelt war, denn man hatte schon Kunde erhalten. Alle wollten
-den Fischhändler sehen, und schreiend, singend und tanzend, folgten sie
-der Fischerschar und sagten:
-
-„Der Werwolf ist gefangen, er ist gefangen, der Mörder! Gesegnet sei
-Ulenspiegel. Lang lebe unser Bruder Ulenspiegel!“
-
-Und es war wie ein Volksaufstand.
-
-Da sie vor des Amtmanns Haus kamen, trat dieser heraus und sagte zu
-Ulenspiegel:
-
-„Du bist der Sieger. Dir sei Lob und Dank!“
-
-„Klasens Asche brannte auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-Darauf sprach der Amtmann:
-
-„Du sollst die halbe Erbschaft des Mörders haben.“
-
-„Gebet den Opfern,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-Lamm und Nele kamen. Nele lachte und weinte vor Freude und küßte ihren
-Freund Ulenspiegel. Lamm sprang schwerfällig in die Luft, klopfte ihm
-auf den Bauch und sagte:
-
-„Dieser ist tapfer, treu und rechtschaffen. Er ist mein lieber Geselle;
-Ihr habt nicht seines Gleichen, Ihr Leute vom platten Lande.“
-
-Aber die Fischer lachten und spotteten seiner.
-
-
-44
-
-Die Sturmglocke läutete am nächsten Tage, um Amtmann, Schöffen und
-Gerichtsschreiber zur „Vierschare“ zu rufen: zum Gericht auf den vier
-Rasenbänken unter dem Gerichtsbaum, welcher eine schöne Linde war.
-Ringsum stund das gemeine Volk. Der Fischhändler wollte im Verhör
-nichts bekennen, selbst nicht, als man ihm die drei Finger vorwies, die
-der Soldat abgeschnitten hatte und die an seiner rechten Hand fehlten.
-Er sagte immerdar:
-
-„Ich bin arm und alt, übt Barmherzigkeit.“
-
-Doch das gemeine Volk höhnte ihn und sprach:
-
-„Du bist ein alter Wolf, ein Kinderschlächter; habt kein Mitleid, Ihr
-Herren Richter.“
-
-Die Weiber sagten:
-
-„Sieh uns nicht mit Deinen kalten Augen an, Du bist ein Mensch und
-kein Teufel. Wir fürchten Dich nicht. Grausame Bestie, feiger als
-eine Katze, die die Vöglein im Neste verspeist, Du tötest die armen
-Mägdlein, die ihr zartes Leben in Ehrbarkeit zu leben begehrten.“
-
-„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen“, schrie Toria.
-
-Und den Gemeindebütteln zum Trotz hetzten die Mütter die Buben auf,
-den Fischhändler mit Steinen zu werfen. Und sie taten es gern, höhnten
-ihn jedesmal, wenn er sie ansah, und schrieen immerfort: „Blutsauger,
-schlagt ihn tot!“
-
-Und Toria schrie ohne Unterlaß:
-
-„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen!“
-
-Und das Volk murrte.
-
-„Sehet,“ sprachen die Weiber untereinander „wie es ihn friert in der
-hellen Sonne, die am Himmel leuchtet und bescheint seine weißen Haare
-und sein Gesicht, das Toria zerfleischt hat.“
-
-„Und er zittert vor Schmerz.“
-
-„Das ist Gottes Gericht.“
-
-„Er steht mit kläglicher Miene da.“
-
-„Seht seine Mörderhände! Sie sind ihm vorn zusammengebunden und bluten
-von den Wunden der Falle.“
-
-„Er soll büßen, büßen!“ schrie Toria.
-
-Er sagte jammernd: „Ich bin arm, laßt mich frei!“
-
-Und jeder, selbst die Richter, lachten ihn aus, als sie das hörten. Er
-weinte zum Schein, um Mitleid zu erregen. Und die Frauen lachten.
-
-In Anbetracht hinlänglicher Beweise ward er verurteilt, auf die Folter
-gespannt zu werden, bis er bekannt hätte, wie er zu töten pflegte,
-woher er gekommen, wo das den Opfern geraubte Gut sei und wo er sein
-Gold versteckt hätte.
-
-Da er in der Marterkammer war, mit zu engen Stiefeln aus neuem Leder
-angetan, und der Amtmann ihn fragte, wie Satan ihm so schwarze
-Anschläge und so schändliche Verbrechen eingegeben habe, antwortete er:
-
-„Ich selbst bin Satan, mein natürlich Wesen. Von häßlichem Aussehen
-und zu allen körperlichen Übungen ungeschickt, ward ich schon als
-ein kleines Kind von jedermann für einen Tropf gehalten und oftmals
-geschlagen. Nicht Knabe noch Mägdlein hatte Mitleid mit mir. In meiner
-Jugend wollte mich keine, selbst nicht für Geld. Da faßte ich kalten
-Haß gegen alle vom Weibe geborne Kreatur. Darum zeigte ich Klas an, den
-jedermann liebte. Und ich liebte einzig das Geld, das war meine weiße
-oder goldene Geliebte; ich fand Nutzen und Vergnügen daran, Klas in
-den Tod zu treiben. Hernach mußte ich noch mehr als zuvor gleich einem
-Wolf leben, und ich träumte vom Beißen. Als ich durch Brabant kam, sah
-ich dort die Waffeleisen dieses Landes und dachte, daß ihrer eins mir
-ein guter eiserner Rachen sein würde. Hielte ich Euch doch am Kragen,
-Ihr bösen Tiger, die Ihr Euch an den Qualen eines Greises ergötzt! Ich
-würde Euch mit größerer Lust beißen als den Soldaten und das Mägdlein.
-Denn da ich es in seinem Liebreiz auf dem Sande in der Sonne schlafen
-sah, das Säcklein mit Geld in den Händen haltend, war Liebe und Mitleid
-in mir. Aber da ich mich zu alt fühlte und sie nicht besitzen konnte,
-biß ich sie ...“
-
-Auf des Amtmanns Frage, wo er wohne, antwortete der Gefangene:
-
-„In Ramskapelle, von wo ich nach Blankenberghe, Heyst, ja selbst nach
-Knokke gehe. An den Sonn- und Kirmestagen mache ich in allen Dörfern
-Waffeln nach Brabanter Art, mit diesem Gerät hier. Und es ist immer
-sauber und wohl eingefettet. Und diese ausländische Neuheit ward gut
-aufgenommen. So es Euch gefällt, noch mehr davon zu erfahren, und wie
-es zuging, daß niemand mich erkennen konnte, so will ich Euch sagen,
-daß ich mir tags das Gesicht schminkte und meine Haare rot färbte. Was
-das Wolfsfell anlangt, auf das Ihr mit Eurem grausamen Finger weiset,
-dieweil Ihr mich verhört, so will ich Euch zum Trotze sagen, daß es von
-zwei Wölfen stammt, die ich in den Forsten von Raveschoot und Maldeghen
-geschossen habe. Ich brauchte nur die Häute zusammenzunähen, um mich
-damit zu bedecken. Ich verbarg sie in meiner Kiste in den Heyster
-Dünen. Da sind auch die Kleidungsstücke, die ich gestohlen, um sie
-später bei guter Gelegenheit zu verkaufen.“
-
-„Nehmt ihn vom Feuer fort,“ sagte der Amtmann.
-
-Der Henker gehorchte.
-
-„Wo ist dein Gold?“ fragte wiederum der Amtmann.
-
-„Der König wird es nicht erfahren,“ antwortete der Fischhändler.
-
-„Versengt ihn stärker mit den brennenden Lichten. Bringt ihn näher ans
-Feuer,“ sagte der Amtmann.
-
-Der Henker gehorchte, und der Gefangene schrie:
-
-„Ich will nichts sagen. Ich habe schon zu viel geredet: Ihr werdet mich
-verbrennen. Ich bin kein Zauberer, warum setzt Ihr mich wieder ans
-Feuer? Meine Füße bluten vom vielen Brennen. Ich werde nichts sagen.
-Warum noch näher? Sie bluten, sag ich Euch, sie bluten. Diese Stiefel
-sind Schienen von glühendem Eisen. Mein Gold? Wohlan, mein einziger
-Freund in dieser Welt, es ist ... bringt mich vom Feuer fort; es ist
-in meinem Keller in Ramskapelle in einem Kasten ... lasset es mir.
-Gnade und Erbarmen, Ihr Herren Richter! Verfluchter Henker, nimm die
-Lichte fort ... Er brennt mich stärker ... Es ist in einem Kasten mit
-doppeltem Boden, in Wolle eingewickelt, damit man kein Geräusch hört,
-wenn der Kasten geschüttelt wird. Nun habe ich alles gesagt; nehmt mich
-fort.“
-
-Da er vom Feuer fortgenommen war, lächelte er boshaft.
-
-Der Amtmann fragte ihn warum.
-
-„Aus Freude, erlöst zu sein,“ antwortete er.
-
-Der Amtmann sagte zu ihm:
-
-„Hat keiner Dich gebeten, Dein gezahntes Waffeleisen zu zeigen?“
-
-Der Fischhändler antwortete:
-
-„Man sah, daß es gleich allen andern war, nur daß es Löcher hat, in die
-ich die Eisenzähne einschraubte. Bei Tagesanbruch nahm ich sie heraus.
-Die Bauern ziehen meine Waffeln denen andrer Händler vor und heißen
-sie: ~Waefels met brabandsche Knopen~, Waffeln mit Brabanter Knöpfen,
-weil die leeren Löcher, wenn die Zähne herausgenommen sind, kleine
-Halbkugeln wie Knöpfe bilden.“
-
-Aber der Amtmann darauf:
-
-„Wann packtest Du die armen Opfer?“
-
-„Bei Tag und Nacht. Bei Tage streifte ich durch die Dünen und auf den
-Landstraßen und stand mit meinem Waffeleisen auf der Lauer, sonderlich
-des Samstags, dem Tag des großen Brügger Markts. Sah ich irgend einen
-Bauer trübsinnig daherschlendern, so ließ ich ihn gehen, denn ich
-vermeinte, daß er wohl an Schwindsucht des Geldbeutels leide. Aber ich
-ging Dem zur Seite, den ich lustig wandern sah, und wenn er des nicht
-gewärtig war, biß ich ihn in den Hals und nahm seinen Säckel. Und nicht
-allein in den Dünen, sondern auf allen Stegen und Wegen des platten
-Landes.“
-
-Darauf sprach der Amtmann:
-
-„Bereue und bete zu Gott.“
-
-Aber der Fischhändler lästerte:
-
-„Der Herrgott hat mich so gewollt, wie ich bin. Ich tat alles wider
-Willen, durch den Zwang der Natur getrieben. Ihr bösen Tiger, Ihr
-bestraft mich ungerecht. Aber verbrennt mich nicht ... Ich tat alles
-wider Willen. Habt Erbarmen, ich bin arm und alt; ich werde an meinen
-Wunden sterben, verbrennt mich nicht.“ Nunmehr ward er zur „Vierschare“
-unter die Linde gebracht, um dort vor versammeltem Volk sein Urteil zu
-vernehmen.
-
-Als abscheulicher Mörder, Dieb und Gotteslästerer ward er verurteilt,
-daß ihm die Zunge mit glühendem Eisen durchbohrt, die rechte Hand
-abgeschnitten, und er bei langsamem Feuer lebendig verbrannt werden
-sollte, bis der Tod einträte, und dies vor den Gitterfenstern des
-Rathauses.
-
-Und Toria schrie:
-
-„Das ist Gerechtigkeit! Er büßt!“
-
-Und das Volk rief:
-
-„~Lang leven de Heeren van de wet~, langes Leben den Herren Richtern!“
-
-Er ward ins Gefängnis zurückgebracht, wo man ihm Fleisch und Wein gab.
-Und er wurde guter Dinge und sagte, daß er dergleichen bis zur Stunde
-nie gegessen noch getrunken habe; aber der König, der sein Vermögen
-erbe, könnte ihm wohl diese letzte Mahlzeit bezahlen.
-
-Und er lachte bitter.
-
-Am nächsten Tage bei Morgengrauen, da man ihn zur Richtstatt führte,
-sah er Ulenspiegel neben dem Scheiterhaufen stehen und rief, mit dem
-Finger auf ihn deutend:
-
-„Jener dort, der Greisenmörder, muß gleichfalls sterben. Vor zehn
-Jahren warf er mich in den Brügger Kanal, weil ich seinen Vater
-verklagt hatte. Hierin diente ich Seiner Katholischen Majestät als
-getreuer Untertan.“
-
-Das Armesünderglöcklein der Frauenkirche läutete.
-
-„Auch für Dich läutet die Glocke,“ sagte er zu Ulenspiegel. „Du wirst
-gehenkt werden, denn Du hast getötet.“
-
-„Der Fischhändler lügt,“ schrien alle, so dem gemeinen Volk angehörten;
-„er lügt, der mörderische Henker.“
-
-Wie eine Verrückte warf Toria ihn mit einem Stein, der ihn an der Stirn
-verletzte, und schrie:
-
-„Wenn er Dich ersäuft hätte, so hättest Du nicht gelebt, um als ein
-blutsaugender Vampir mein armes Töchterlein zu beißen.“
-
-Ulenspiegel blieb stumm; Lamm sagte:
-
-„Hat einer ihn den Fischhändler ins Wasser werfen sehen?“
-
-Ulenspiegel gab keine Antwort.
-
-„Nein, nein,“ schrie das Volk, „er hat gelogen, der Henker!“
-
-„Nein, ich habe nicht gelogen,“ schrie der Fischhändler; „er warf mich
-hinein, dieweil ich ihn anflehte, mir zu vergeben. Doch ich hielt mich
-an einem am Ufer verankerten Kahn fest und rettete mich. Durchnäßt und
-fröstelnd, erreichte ich mit Mühe meine armselige Behausung. Dort bekam
-ich das Fieber, keiner pflegte mich, und ich vermeinte zu sterben.“
-
-„Du lügst,“ sagte Lamm, „keiner hat es gesehen.“
-
-„Nein, keiner hat es gesehen!“ schrie Toria. „Ins Feuer mit dem Henker.
-Vorm Sterben muß er noch ein unschuldiges Opfer haben; ins Feuer, auf
-daß er büße! Er hat gelogen. Wenn Du es getan hast, gestehe nichts,
-Ulenspiegel. Er hat keine Zeugen. Bei langsamem Feuer und glühenden
-Zangen soll er büßen.“
-
-„Hast Du den Mord begangen?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Ich habe Klasens mörderischen Ankläger ins Wasser geworfen. Meines
-Vaters Asche brannte auf meinem Herzen.“
-
-„Er gesteht,“ sagte der Fischhändler, „er wird auch sterben. Wo ist
-der Galgen, daß ich ihn sehe? Wo ist der Henker mit dem Schwert der
-Gerechtigkeit? Das Armesünderglöcklein läutet für Dich, Taugenichts,
-Greisenmörder.“
-
-Ulenspiegel sagte:
-
-„Ich habe Dich ins Wasser geworfen, um Dich umzubringen. Die Asche
-brannte auf meinem Herzen.“
-
-Und die Weiber im Volk sagten:
-
-„Warum gestehst Du’s, Ulenspiegel? Niemand hat es gesehen; jetzt mußt
-Du sterben.“
-
-Und der Gefangene lachte und sprang vor boshafter Freude und schwenkte
-seine gefesselten, mit blutigen Binden bedeckten Arme.
-
-„Er wird sterben,“ sagte er, „und von der Erde zur Hölle fahren als
-Lump, Dieb und Taugenichts, mit dem Strick um den Hals wird er sterben;
-Gott ist gerecht.“
-
-„Er wird nicht sterben,“ sagte der Amtmann. „Nach zehn Jahren ist der
-Mord auf flandrischem Boden verjährt. Ulenspiegel hat eine schlechte
-Tat begangen, aber aus kindlicher Liebe. Ulenspiegel wird über diesen
-Fall nicht verhört werden.“
-
-„Es lebe das Gesetz,“ rief das Volk.
-
-Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten. Und der Gefangene
-knirschte mit den Zähnen, senkte den Kopf und weinte seine erste Träne.
-
-Die Hand wurde ihm abgehackt und die Zunge mit glühenden Eisen
-durchbohrt, und er ward bei langsamem Feuer vor den Gitterfenstern des
-Rathauses verbrannt.
-
-Im Verscheiden rief er:
-
-„Der König wird mein Gold nicht bekommen; ich habe gelogen ... Ihr
-grausamen Tiger, ich werde wiederkommen und Euch beißen.“
-
-Und Toria schrie:
-
-„Er büßt, er büßt! Die Arme und Beine, die zum Mord eilten, krümmen
-sich. Der Körper des Schlächters raucht. Sein weißes Hyänenhaar brennt
-auf seiner bleichen Fratze. Er büßt! Er büßt!“
-
-Und mit wölfischem Geheul starb der Fischhändler.
-
-Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.
-
-Und Lamm und Ulenspiegel bestiegen wieder ihre Esel.
-
-Nele blieb betrübten Herzens bei Katheline, die ohne Unterlaß sagte:
-
-„Nehmt das Feuer fort! Mein Kopf brennt, Hanske, mein Buhle, komm
-wieder!“
-
-
-
-
-Viertes Buch
-
-
-1
-
-Von den Dünen von Heyst aus sahen Ulenspiegel und Lamm viele
-Fischerboote von Ostende, Blankenberghe und Knokke kommen, die voll
-Bewaffneter waren und den Geusen von Zeeland folgten, welche am Hut den
-silbernen Halbmond mit der Inschrift tragen: „Lieber dem Türken denn
-dem Papst dienen.“
-
-Ulenspiegel ist frohgemut und trillert wie eine Lerche; von allen
-Seiten antwortet der kriegerische Trompetenton des Hahnes.
-
-Die Bootsleute rudern oder fischen und verkaufen ihre Fische, und ein
-Boot nach dem andern legt in Emden an. Dort weilt Guillaume de Bois,
-welcher im Auftrage des Prinzen von Oranien ein Schiff ausrüstet.
-
-Ulenspiegel und Lamm kommen nach Emden, dieweil die Geusenschiffe auf
-Très-Long’s Befehl wieder das offene Meer gewinnen.
-
-Très-Long, der seit elf Wochen in Emden lag, ward von Ungeduld
-verzehrt. Er ging vom Schiff an Land und vom Land aufs Schiff, gleich
-einem Bären an der Kette.
-
-Ulenspiegel und Lamm spazieren am Hafendamm umher und erblicken allda
-einen fürnehmen Herrn mit biedrem Gesicht, der ein wenig Trübsal bläst
-und geschäftig ist, mit einem Spieß einen Pflasterstein des Hafendammes
-herauszubohren. Es gelang nicht, aber er versuchte dennoch, das
-Unternehmen zu gutem Ende zu führen, dieweil hinter ihm ein Hund einen
-Knochen benagte.
-
-Ulenspiegel nähert sich dem Hund und tut, als wolle er ihm den Knochen
-rauben. Der Hund knurrt. Ulenspiegel läßt nicht nach und der Hund
-vollführt ein heftiges Gebell.
-
-Der Herr dreht sich bei dem Lärm um und spricht zu Ulenspiegel:
-
-„Was hast Du davon, dieses Tier zu quälen?“
-
-„Was habt Ihr davon, Herr, dieses Pflaster zu quälen?“
-
-„Das ist nicht das gleiche,“ sagt der Herr.
-
-„Der Unterschied ist nicht groß,“ entgegnet Ulenspiegel. „Dieser Hund
-hält an seinem Knochen fest und will ihn behalten; dieser Pflasterstein
-hält an seinem Damm fest und will dort bleiben, und es ist das
-Mindeste, daß unsereins sich mit einem Hund abgibt, wenn Leute wie Ihr
-sich mit einem Pflasterstein beschäftigen.“
-
-Lamm stand hinter Ulenspiegel und wagte nicht zu reden.
-
-„Wer bist Du?“ fragte der Herr.
-
-„Ich bin Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, der für den Glauben in den
-Flammen starb.“
-
-Und er sang wie eine Lerche, und der Herr krähte wie ein Hahn.
-
-„Ich bin der Admiral Très-Long,“ sprach er; „was willst Du von mir?“
-
-Ulenspiegel erzählte ihm seine Abenteuer und gab ihm fünfhundert
-Karolus.
-
-„Wer ist dieser Dicke?“ fragte Très-Long und deutete mit dem Finger auf
-Lamm.
-
-„Mein Geselle und Freund,“ antwortete Ulenspiegel. „Er will gleich mir
-seine Büchse, die eine gar liebliche Stimme hat, auf Deinem Schiffe das
-Lied von der Befreiung des Vaterlandes singen lassen.“
-
-„Ihr seid beide wackre Leute,“ sagte Très-Long, „und sollt auf meinem
-Schiffe hinaus fahren.“
-
-Es war im Februar: scharf war der Wind, stark der Frost. Nach drei
-Wochen verdrießlichen Wartens verläßt Très-Long Emden wider Willen. Mit
-der Absicht, in den Hafen Texel einzulaufen, segelt er von Vlinland
-ab, ist aber gezwungen, Wieringen anzulaufen, wo sein Schiff vom Eis
-eingeschlossen wird.
-
-Bald gab es ringsum ein lustiges Schauspiel: Schlitten und
-Schlittschuhläufer, in Sammet gekleidet, Schlittschuhläuferinnen,
-in Jacken und Röcken, so mit Gold, Perlen und scharlachroter und
-himmelblauer Seide bestickt waren: Knaben und Mägdlein kamen und
-gingen, glitschten, lachten, liefen in langer Reihe hintereinander,
-oder paarweise und sangen das Lied der Liebe auf dem Eise. Oder sie
-gingen in die mit Fahnen geschmückten Buden und aßen und tranken
-Branntwein, Orangen, Feigen, Pfefferkuchen, Schollen, Eier, warme
-Gemüse und Schmalzkuchen oder ~Eetekoeken~, das sind Krapfen, und
-Gemüse in Essig, dieweil ringsum Schlitten und Segelschlitten mit ihren
-Schnäbeln knirschend über das Eis hinfuhren.
-
-Lamm suchte seine Frau und lief auf Schlittschuhen umher wie die
-lustigen Männlein und Weiblein; aber er fiel oftmals hin. Inzwischen
-ging Ulenspiegel in eine kleine Herberge am Hafen, um Speise und Trank
-zu sich zu nehmen; dort brauchte er seine Portion nicht teuer zu
-bezahlen, und er schwatzte gern mit der alten Wirtin.
-
-Eines Sonntags gegen neun Uhr kehrte er dort ein und begehrte sein
-Mittagessen.
-
-„Ei,“ sagte er zu einem artigen Frauenzimmer, das herbeikam, um ihn
-zu bedienen, „was hast Du mit Deinen früheren Runzeln gemacht? Dein
-Mund hat all seine weißen, jungen Zähne und Deine Lippen sind rot wie
-Kirschen. Ist dies sanfte, schalkhafte Lächeln für mich?“
-
-„Nicht doch,“ sprach sie; „aber was soll ich dir geben?“
-
-„Dich,“ sagte er.
-
-Die Frau versetzte:
-
-„Das wäre für einen mageren Hering, wie Du bist, zuviel. Willst Du kein
-anderes Fleisch?“
-
-Ulenspiegel schwieg.
-
-„Was hast Du mit dem schönen, wohlgestalteten und behäbigen Mann
-angefangen, den ich oftmals in Deiner Gesellschaft sah?“ fragte sie.
-
-„Lamm?“ sagte er.
-
-„Was hast Du mit ihm gemacht?“ fragte sie.
-
-„Er ißt in den Buden harte Eier, geräucherte Aale, gepökelte Fische,
-saures Gemüse und alles, was er zwischen die Zähne bekommen kann,
-und das alles, um seine Frau zu suchen. Warum bist Du nicht mein,
-Schätzchen? Willst Du fünfzig Gülden? Willst Du ein güldnes Halsband?“
-
-Doch sie bekreuzte sich:
-
-„Ich bin weder zu kaufen noch zu haben,“ sprach sie.
-
-„Liebst Du nichts?“ fragte er.
-
-„Ich liebe Dich als meinen Nächsten; aber vor allem liebe ich den Herrn
-Christum und die heilige Jungfrau, die mir gebieten, ein züchtig Leben
-zu führen. Hart und beschwerlich sind unsere Pflichten, aber Gott hilft
-uns armen Frauen. Doch es sind ihrer etliche, die unterliegen. Ist Dein
-dicker Freund fröhlich?“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Beim Essen ist er lustig, mit nüchternem Magen traurig und immerdar
-nachdenklich. Aber Du, bist Du fröhlich oder betrübt?“
-
-„Wir Frauen,“ sprach sie, „sind Sklavinnen dessen, der uns beherrscht!“
-
-„Der Mond,“ fragte er.
-
-„Ja,“ sprach sie.
-
-„Ich werde Lamm sagen, daß er dich besucht.“
-
-„Tu das nicht,“ sagte sie; „er würde weinen und ich desgleichen.“
-
-„Hast Du jemals seine Frau gesehen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-Seufzend antwortete sie:
-
-„Sie sündigte mit ihm und ward zu einer grausamen Buße verdammt. Sie
-weiß, daß er für den Sieg des Ketzertums aufs Meer geht, das ist
-hart zu denken für ein christliches Herz. Verteidige ihn, wenn er
-angegriffen wird, pflege ihn, wenn er verwundet wird; seine Frau trug
-mir auf, diese Bitte an Dich auszurichten.“
-
-„Lamm ist mein Freund und Bruder,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Ach,“ sprach sie, „warum kehret Ihr nicht in den Schoß unsrer heiligen
-Mutter Kirche zurück!“
-
-„Sie frißt ihre Kinder,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-Und er ging.
-
-An einem Märzmorgen, als ein scharfer Wind blies und wehte und das Eis
-immer dicker machte, also daß Très-Longs Schiff nicht absegeln konnte,
-trieben die Matrosen und Soldaten des Schiffes in Schlitten und auf
-Schlittschuhen allerhand Kurzweil und Lustbarkeiten.
-
-Ulenspiegel war in der Herberge, und die hübsche Frau sprach
-tiefbetrübt und wie von Sinnen zu ihm:
-
-„Armer Lamm! Armer Ulenspiegel!“
-
-„Warum jammerst Du?“ fragte er.
-
-„Wehe, wehe!“ sagte sie, „warum glaubt Ihr nicht an die Messe? Ihr
-würdet gewißlich ins Paradies eingehen, und ich könnte Euch in diesem
-Leben retten.“
-
-Da Ulenspiegel sie an die Tür gehen und aufmerksam horchen sah, sagte
-er: „Du horchst nicht nach dem fallenden Schnee?“
-
-„Nein,“ sagte sie.
-
-„Du leihst nicht dem seufzenden Winde das Ohr?“
-
-„Nein,“ sagte sie wiederum.
-
-„Noch dem frohem Lärm, den unsere wackeren Matrosen in der Schenke hier
-nebenan machen?“
-
-„Der Tod kommt wie ein Dieb,“ sprach sie.
-
-„Der Tod!“ sagte Ulenspiegel. „Ich verstehe dich nicht. Komm hierher
-und rede.“
-
-„Sie sind da,“ sprach sie.
-
-„Wer?“
-
-„Wer?“ erwiderte sie. „Die Soldaten von Simonen-Bol, die in des Herzogs
-Namen über Euch alle herfallen werden. Wenn man Euch hier so gut
-behandelt, so geht’s Euch wie den Ochsen, die man schlachten will.
-Ach,“ sagte sie, in Tränen zerfließend, „warum erfahre ich es erst
-jetzt?“
-
-„Weine und schreie nicht,“ sagte Ulenspiegel, „und bleibe.“
-
-„Verrate mich nicht,“ sagte sie.
-
-Ulenspiegel verließ das Haus, eilte in alle Buden und Schenken und
-flüsterte den Seeleuten und Soldaten diese Worte ins Ohr: „Der Spanier
-kommt.“
-
-Alle eilten zum Schiffe, bereiteten in großer Hast alles, was zur
-Schlacht nötig war, und erwarteten den Feind. Ulenspiegel sagte zu Lamm:
-
-„Siehst Du das hübsche Weib in dem schwarzen, mit Scharlach bestickten
-Kleid, so am Ufer steht und sein Gesicht unter der weißen Kapuze
-versteckt?“
-
-„Das ist mir ganz gleich,“ antwortete Lamm. „Mich friert, ich will
-schlafen.“
-
-Und er wickelte sich den Mantel um seinen Kopf und war also wie ein
-Tauber.
-
-Da erkannte Ulenspiegel die Frau und rief ihr vom Schiff zu:
-
-„Willst Du uns folgen?“
-
-„Bis ins Grab, aber ich kann nicht ... “
-
-„Du tätest wohl daran,“ sagte Ulenspiegel. „Bedenke indessen: wenn die
-Nachtigall im Walde bleibt, ist sie glücklich und singt; aber so sie
-ihn verläßt und ihre schwachen Flügel dem starken Seewind aussetzt,
-zerbrechen sie, und sie stirbt.“
-
-„Ich habe daheim gesungen und ich würde draußen singen, wenn ich
-könnte,“ sprach sie. Dann näherte sie sich dem Schiffe. „Nimm diesen
-Balsam,“ sprach sie, „für Dich und Deinen Freund, der schläft, wenn er
-wachen sollte.“
-
-Und sie entfernte sich und sagte: „Lamm, Lamm! Gott bewahre Dich vor
-allem Übel, komm gesund zurück.“
-
-Und sie enthüllte ihr Antlitz.
-
-„Mein Weib, mein Weib!“ schrie Lamm.
-
-Und er wollte aufs Eis springen.
-
-„Dein getreues Weib,“ sagte sie und lief behend von dannen.
-
-Lamm wollte vom Deck aufs Eis springen, aber daran hinderte ihn ein
-Soldat, der ihn am Mantel festhielt. Er schrie, weinte und flehte, ihn
-gehen zu lassen.
-
-Aber der Profoß sprach zu ihm:
-
-„So du das Schiff verlässest, wirst Du gehenkt.“
-
-Lamm wollte sich aufs Eis stürzen, aber ein alter Geuse hielt ihn fest
-und sagte:
-
-„Der Boden ist feucht, Du könntest nasse Füße bekommen.“
-
-Lamm fiel aufs Gesäß, weinte und sprach unaufhörlich:
-
-„Mein Weib, mein Weib, laßt mich zu meinem Weibe gehen!“
-
-„Du wirst sie wiedersehen,“ sprach Ulenspiegel. „Sie liebt Dich, aber
-sie liebt Gott mehr als Dich.“
-
-„Die tolle Teufelin,“ schrie Lamm. „Wenn sie Gott mehr liebt als ihren
-Mann, warum zeigt sie sich mir so hübsch und begehrenswert! Und wenn
-sie mich liebt, warum verläßt sie mich?“
-
-„Kannst Du in tiefe Brunnen sehen?“ fragte Ulenspiegel.
-
-„Wehe,“ sprach Lamm, „ich werde bald sterben.“
-
-Und bleich und betört blieb er auf Deck.
-
-Inzwischen kamen die Leute von Simonen-Bol mit starkem Geschütz.
-
-Sie schossen auf das Schiff, das ihr Feuer erwiderte. Und ihre Kugeln
-zerbrachen das Eis rings umher. Gegen Abend fiel ein lauer Regen.
-
-Da der Wind aus Westen wehte, ward das Meer unter dem Eise erregt
-und hob es in ungeheuren Blöcken empor, die sich aufbäumten und
-wieder zurückfielen, gegen einander prallten und sich übereinander
-schoben, nicht ohne Gefahr für das Schiff, das, als die Morgenröte die
-nächtlichen Wolken zerriß, seine linnenen Flügel entfaltete und wie ein
-Vogel der Freiheit aufs hohe Meer segelte.
-
-Da stießen sie zu der Flotte des Herrn de Lumey de la Marche, Admirals
-von Holland und Zeeland und Höchstkommandierenden, der als solcher eine
-Laterne oben am Maste trug.
-
-„Sieh ihn Dir recht an, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Der wird Deiner
-nicht schonen, wenn Du mit Gewalt das Schiff verlassen willst. Hörst
-Du seine Stimme wie Donner rollen? Sieh, wie breit und stark er bei
-seiner hohen Gestalt ist. Schau seine langen Hände mit den gebogenen
-Nägeln. Sieh seine runden Augen an, kalte Adleraugen, und seinen
-langen, spitzen Bart, den er wachsen läßt, bis er alle Mönche und
-Priester gehenkt hat, um den Tod der beiden Grafen zu rächen. Sieh,
-wie furchtbar und grausam er ist; er wird Dich hoch und kurz aufhenken
-lassen, wenn Du immerdar fortfährst, zu stöhnen und zu schreien: „Mein
-Weib!“
-
-„Mein Sohn,“ versetzte Lamm, „der spricht vom Strick für den Nächsten,
-der selbst schon die hanfene Krause um den Hals hat.“
-
-„Du sollst sie zuerst tragen. Das ist mein freundschaftlicher Wunsch,“
-sagte Ulenspiegel.
-
-„Ich werde Dich am Galgen sehen, wie Dir die giftige Zunge eine Klafter
-lang aus dem Maul wächst,“ erwiderte Lamm.
-
-Und alle beide hätten fast gelacht.
-
-An jenem Tage kaperte das Kriegsschiff einen Kauffahrer aus Biskaya,
-so mit Quecksilber, Goldstaub, Wein und Gewürzen befrachtet war. Und
-dem Schiffe ward sein Mark, Menschen und Beute, ausgenommen, wie einem
-Rindsknochen zwischen den Zähnen eines Löwen.
-
-Zur selbigen Zeit legte der Herzog den Niederlanden grausame und
-schändliche Steuern auf, laut denen alle Einwohner, so bewegliche und
-unbewegliche Habe verkauften, tausend Gülden von zehntausend zahlen
-mußten. Und dieser Schoß war dauernd. Alle Kaufleute und Händler jeder
-Art mußten dem König den Zehnten vom Kaufpreis zahlen, und im Volk ging
-die Rede, daß der König von den zehnmal in einer Woche verkauften Waren
-das Ganze bekäme.
-
-Und so gingen Handel und Gewerbfleiß den Weg des Verfalls und des Todes.
-
-Und die Geusen nahmen Briel, eine starke Seefeste, die der Garten der
-Freiheit genannt ward.
-
-
-2
-
-In den ersten Tagen des Maimonds, als das Schiff unter blauem Himmel
-stolz über die Flut fuhr, sang Ulenspiegel:
-
- „Die Asche brennt auf meinem Herzen.
- Die Henker kamen her und töteten
- Mit Dolch und Feuer, Kraft und Schwert
- Und lohnten die schändlichen Spione.
- Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,
- Säten sie Mißtraun und Verrat.
- Zum Tod mit den Schergen,
- Schlaget die Trommel des Krieges.
-
- Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!
- Briel ist genommen.
- Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;
- Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.
- Wo waren Zeelands Geschütze?
- Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,
- Geschmiedete und gegossene Kugeln.
- Gott ist mit uns, wer ist wider uns?
-
- Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!
- Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!
-
- Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!
- Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.
- Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,
- Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,
- Meineidigem König rebellisches Volk!
- Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,
- Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.
- Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!
-
- Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!
- Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!
- Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“
-
-„Ja, Gevattern und Freunde,“ sprach Ulenspiegel, „sie haben in
-Antwerpen vor dem Rathaus ein glänzend Gerüst errichtet, mit rotem Tuch
-überzogen. Darauf sitzt der Herzog inmitten der Lakeien und Söldlinge
-wie ein König auf seinem Throne. Wenn er wohlwollend lächeln will,
-macht er eine saure Fratze. Schlaget die Trommel des Krieges!
-
-„Er hat Vergebung gewährt: Still da ... Sein vergüldeter Harnisch
-gleißt in der Sonne, der Generalprofoß hält zu Pferde neben dem
-Baldachin. Siehe da kommt der Herold mit den Paukenschlägern. Er liest:
-es ist die Vergebung für alle, so nicht gesündigt haben, die andern
-sollen grausam gestraft werden.
-
-„Höret, Gevattern. Er verliest das Edikt, welches bei Strafe der
-Rebellion die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs
-vorschreibt.“
-
-Und Ulenspiegel sang:
-
- „O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,
- Das starke Raunen? So schwillt das Meer,
- Wenn die große Springflut sich naht.
- Genug des Geldes, genug des Blutes,
- Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.
- Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!
-
- Das ist die Kralle in blutiger Wunde,
- Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser Gold
- Zu unserem Blute mischen, um es zu trinken?
- Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreu
- Des Königs Majestät. Meineidig ist er,
- Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!
-
- Herzog von Alba, Blutherzog,
- Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,
- Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,
- Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.
- Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?
- Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nicht
- Haß und Verachtung Dich umwittern?
-
- Das schöne Land Flandern,
- Das frohe Land Brabant
- Sind traurig wie Totenhöfe.
- Und da, wo einst in der Zeit der Freiheit
- Die Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,
- Herrscht Schweigen und Tod.
- Schlaget die Trommel des Krieges.
-
- Wo frohe Gesichter lachten
- Von Zechern und singenden Liebespaaren,
- Starren jetzt die bleichen Gesichter
- Derer, die in Ergebung warten
- Auf den Schwerthieb der Ungerechten.
- Schlaget die Trommel des Krieges.
-
- Keiner hört mehr in den Schenken
- Das fröhliche Klinken der Gläser
- Noch der Mädchen helle Stimmen,
- Die mit Gesang die Stadt durchzogen.
- Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,
- Wurden Länder der Tränen.
- Schlaget die Trommel der Trauer.
-
- Erde der Väter, geliebte Dulderin,
- Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.
- Fleißige Bienen, stürzt Euch in Schwärmen
- Auf die hispanischen Drohnen.
- Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,
- Schreiet zum Himmel nach Rache.
-
- Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,
- Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.
- Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir aus
- Und peitschen damit Dein Gesicht,
- Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.
- Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
-
-Und alle Seeleute und Soldaten von Ulenspiegels Schiff und auch die von
-den andern Schiffen sangen desgleichen:
-
- „Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“
-
-Und ihre Stimmen grollten wie Donner der Freiheit.
-
-
-3
-
-Es war im Januar, dem grausamen Monat, da das Kalb im Leibe der Kuh
-gefriert. Es hatte geschneit und obendrein gefroren. Die Knaben
-fingen mit Vogelleim die Sperlinge, so auf dem hartgefrorenen Schnee
-ihre kümmerliche Nahrung suchten, und brachten dieses Wild in ihre
-Hütten. Vom grauen, hellen Himmel hoben sich regungslos die Gerippe
-der Bäume ab. Ihre Zweige waren mit schneeigen Kissen bedeckt, welche
-gleichfalls die Hütten und Mauerfirsten bedeckten, auf denen man Spuren
-von Katzenpfoten erblickte, die gleichfalls im Schnee auf die Sperlinge
-Jagd machten. Die Wiesen waren weithin unter diesem wundersamen Vließe
-verborgen, das die Erde in der scharfen Winterkälte warm hielt. Der
-Rauch der Häuser und Hütten stieg schwarz gen Himmel, und man vernahm
-keinen Laut.
-
-Und Katheline und Nele waren allein in ihrer Behausung, und Katheline
-sagte kopfschüttelnd:
-
-„Hans, mein Herz zieht mich zu Dir. Du mußt Ulenspiegel, Soetkins
-Sohn, die siebenhundert Karolus wiedergeben. Wenn du arm bist, komm
-wenigstens, daß ich Dein leuchtendes Antlitz schaue. Nimm das Feuer
-fort, mein Kopf brennt. Wehe, wo sind Deine schneekalten Küsse, wo ist
-Dein Körper aus Eis? Hans, mein Geliebter.“
-
-Sie stand am Fenster. Plötzlich kam im schnellsten Trab ein Läufer
-vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und rief:
-
-„Es kommt der Amtmann, der Amthauptmann von Damm!“
-
-Und derart lief er bis zum Rathause, um Bürgermeister und Schöffen
-dorthin zu berufen.
-
-Alsdann hörte Nele zwei Hörner durch die dumpfe Stille. Alle aus Damm
-traten vor die Türen, vermeinend, daß Seine Königliche Majestät sich
-durch solche Fanfaren ankündigte.
-
-Und Katheline trat auch an die Tür mit Nele. Von fern sahen sie
-glänzende Reiter, die zu Hauf ritten, und vor ihnen ritt ein Mann in
-schwarzem, mit Marderfell verbrämtem Sammetrock; sein Wams war mit
-echten Goldborten besetzt und die Stiefel von falbem Kalbsleder, mit
-Marderfell verbrämt. Und sie erkannten den Amthauptmann.
-
-Hinter ihm ritten junge Ritter, die ohngeachtet der Verordnung
-Seiner hochseligen Kaiserlichen Majestät, an ihren Sammetgewändern
-Stickereien, Borten, Streifen und Einfassungen von Gold, Silber und
-Seide trugen. Und ihre Röcke, die sie unter ihren Mänteln trugen,
-waren gleich denen des Amtmanns mit Pelz verbrämt. Sie ritten munter
-daher, und die langen Straußenfedern, die ihre mit Knöpfen und güldenen
-Borten verzierten Baretts schmückten, wallten im Winde.
-
-Und sie schienen alle gute Freunde und Kumpane des Amthauptmannes, in
-Sonderheit ein Ritter mit finsterer Miene, in grünen Sammet gekleidet
-und in einen Mantel mit goldverbrämtem schwarzem Sammet, desgleichen
-das mit langen Federn geschmückte Barett. Seine Nase hatte die Form
-eines Geierschnabels, die Lippen waren schmal; er hatte rote Haare, ein
-bleiches Gesicht und stolze Haltung.
-
-Dieweil das Häuflein der Ritter vor Kathelines Haus vorbeiritt, fiel
-diese plötzlich dem Pferde des bleichen Ritters in den Zügel und rief
-närrisch vor Freude:
-
-„Hans, mein Geliebter, ich wußte es, Du kehrst wieder. Wie schön Du
-bist, so ganz in Sammet und Gold, wie eine Sonne auf dem Schnee!
-Bringst du mir die siebenhundert Karolus? Wirst Du wiederum schreien
-wie der Fischadler?“
-
-Der Amthauptmann hieß das Häuflein der Edelleute still halten, und der
-bleiche Ritter sagte:
-
-„Was will diese Geusin von mir?“
-
-Doch Katheline hielt immer noch das Pferd am Zügel.
-
-„Gehe nicht wieder fort,“ sprach sie, „ich habe soviel um Dich geweint.
-Holde Nächte, mein Liebster, mit Küssen von Schnee und Körpern von Eis.
-Das Kind ist hier!“
-
-Und sie zeigte auf Nele, die ihn zornig anblickte, denn er hatte seine
-Peitsche gegen Katheline erhoben. Aber Katheline sprach weinend:
-
-„Ach, gedenkst Du dessen nicht mehr? Habe Mitleid mit Deiner Magd.
-Führe sie mit Dir, wohin Du willst. Nimm das Feuer fort, Hans,
-Erbarmen!“
-
-„Hinweg!“ sagte er.
-
-Und er drängte sein Pferd so stark vorwärts, daß Katheline den Zügel
-losließ und zu Boden fiel, und das Pferd trat auf sie und schlug ihr
-eine blutende Wunde an der Stirn.
-
-Darauf sagte der Amtmann zu dem bleichen Ritter:
-
-„Herr, kennet Ihr diese Frau?“
-
-„Ich kenne sie nicht,“ sagte er; „es ist ohne Zweifel etwelche
-Verrückte.“
-
-Aber Nele, die Katheline aufgehoben hatte, sprach:
-
-„Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, Euer Gnaden, und
-ich will von diesem Schnee, den ich esse, sterben“ / und sie nahm mit
-den Fingern etwas Schnee / „wenn dieser Mann nicht meine Mutter gekannt
-hat, wenn er ihr nicht all ihr Geld genommen und nicht des Klas Hund
-getötet hat, um siebenhundert Karolus, so dem armen Toten gehörten, von
-der Brunnenmauer unseres Hauses zu nehmen.“
-
-„Hans, mein Herzliebster,“ weinte Katheline, die blutend vor ihm auf
-den Knien lag, „Hans, mein Geliebter, gib mir den Friedenskuß. Sieh,
-mein Blut fließt. Die Seele hat sich ein Loch gemacht und will hinaus.
-Ich werde bald sterben, verlaß mich nicht.“ Dann sagte sie ganz leise:
-„Damals tötetest Du Deinen Gefährten aus Eifersucht am Deiche.“ Und
-sie streckte den Finger in der Richtung nach Dudzeele. „Zu jener Zeit
-liebtest Du mich sehr.“
-
-Und sie faßte und umschlang des Edelmanns Knie und nahm seinen Stiefel
-und küßte ihn.
-
-„Wer ist dieser Getötete?“ fragte der Amthauptmann.
-
-„Ich weiß es nicht, Euer Gnaden,“ sagte er. „Was kümmern uns die Reden
-dieser Geusin? Vorwärts.“
-
-Das Volk rottete sich um sie zusammen; reiche und geringe Bürger,
-Handwerker und Bauern nahmen Kathelines Partei und riefen:
-
-„Gerechtigkeit, Herr Amtmann, Gerechtigkeit!“
-
-Und der Amtmann sagte zu Nele:
-
-„Was ist es mit diesem Getöteten? Sprich wie Gott und die Wahrheit es
-verlangt.“
-
-Nele redete und sprach, auf den bleichen Edelmann deutend:
-
-„Der da ist alle Samstag in die Keet gekommen, um meine Mutter zu
-besuchen und ihr Geld zu nehmen; er hat seinen Freund, Hilbert
-genannt, auf dem Acker von Servaes van der Vichte umgebracht. Nicht
-aus Liebe, wie diese arme Närrin wähnt, sondern um die siebenhundert
-Karolus für sich allein zu haben.“
-
-Und Nele erzählte von Kathelines Liebschaft und was diese gehört, als
-sie in der Nacht hinter dem Deich, der den Acker des Servaes van der
-Vichte durchschneidet, versteckt war.
-
-„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „sie spricht hart von Hans, ihrem
-Vater.“
-
-„Ich schwöre, daß er wie ein Fischadler schrie, um sich anzumelden,“
-sprach Nele.
-
-„Du lügst,“ sagte der Edelmann.
-
-„O nein!“ sagte Nele, „und Ihr, Herr Amtmann und alle hohen Herren,
-so zugegen sind, sehen es wohl: Du bist nicht vor Kälte, sondern vor
-Furcht so bleich. Woher kommt es, daß Dein Antlitz nicht mehr glänzt?
-Du hast also die Zaubersalbe verloren, mit der Du es einriebest,
-damit es hell erschiene wie die Wogen im Sommer, wenn es donnert.
-Aber Du wirst vor den Gitterfenstern des Rathauses verbrannt werden,
-verfluchtet Zauberer. Du warst die Ursache von Soetkins Tode, Du hast
-ihren vaterlosen Sohn ins Elend getrieben. Du bist gewiß ein Edelmann
-und kamst zu uns Bürgern, um meiner Mutter ein einzig Mal Geld zu
-bringen und es ihr alle andern Male zu nehmen.“
-
-„Hans,“ sprach Katheline, „Du wirst mich wiederum zum Sabbat führen
-und mich wiederum mit Balsam einreiben. Hör nicht auf Nele, sie ist
-boshaft. Du siehst das Blut; die Seele hat sich ein Loch gemacht und
-will hinaus. Ich werde bald sterben und in die Vorhölle kommen, wo es
-nicht brennt.“
-
-„Schweig, verrückte Hexe, ich kenne Dich nicht,“ sprach der Edelmann,
-„und ich weiß nicht, was Du meinst.“
-
-„Und doch bist Du es, der mit einem Gefährten kam und ihn mir zum Manne
-geben wollte; Du weißt, daß ich ihn nicht wollte. Was hat Dein Freund
-Hilbert mit seinen Augen gemacht, als ich meine Nägel hineingekrallt
-hatte?“
-
-„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „glaub ihr nicht, Hans, mein
-Herzliebster. Sie ist auf Hilbert zornig, weil er ihr Gewalt antun
-wollte; aber jetzt kann er es nicht mehr, denn die Würmer haben ihn
-gefressen. Und Hilbert war häßlich, mein süßer Hans, Du allein bist
-schön. Nele ist boshaft.“
-
-Nunmehr sprach der Amtmann:
-
-„Ihr Frauen, gehet in Frieden.“
-
-Aber Katheline wollte die Stätte nicht verlassen, wo ihr Freund war.
-Sie mußte mit Gewalt in ihre Behausung gebracht werden.
-
-Und das ganze versammelte Volk schrie:
-
-„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit!“
-
-Da die Gemeindebüttel auf den Lärm herzugekommen waren, befahl der
-Amtmann ihnen, zu bleiben, und sagte zu den Rittern und Edelleuten:
-
-„Edle Herren, ohngeachtet aller Privilegien, so den erlauchten
-Adelsstand im Lande Flandern schützen, muß ich Euren Joos Damman
-auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, in Sonderheit die der
-Zauberei, verhaften lassen, bis er gemäß den Gesetzen und Verordnungen
-des Reiches gerichtet ist. Liefert Euren Degen aus, Herr Josse.“
-
-„Herr Amtmann,“ sagte Joos Damman mit großem Hochmut und Adelsstolz,
-„indem Ihr mich verhaftet, vergeht Ihr Euch gegen das flandrische
-Gesetz, denn Ihr seid nicht selbst Richter. Nun wisset Ihr, daß es
-nicht erlaubt ist, ohne richterlichen Auftrag zu verhaften, ausgenommen
-die Falschmünzer, Straßenräuber und Wegelagerer, Brandstifter und
-Frauenschänder; desgleichen die Soldaten, so ihren Hauptmann verlassen,
-die Zauberer, die Gift anwenden, um die Gewässer zu vergiften, die
-entlaufenen Mönche oder Beghinen und die Verbannten. Wohlan, Ihr edlen
-Herren, verteidigt mich!“
-
-Da Etliche gehorchen wollten, sprach der Amtmann zu ihnen:
-
-„Edle Herren, da ich allhier unsern König, Grafen und Herrn vertrete,
-welchem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten ist, so
-gebiete und befehle ich Euch bei Strafe, für Rebellen erklärt zu
-werden, Eure Degen wieder in die Scheide zu stecken.“
-
-Die Edelleute gehorchten, doch Herr Joos Damman zauderte immer noch.
-Das Volk schrie:
-
-„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen
-ausliefern!“
-
-Darauf tat er es sehr wider Willen, stieg vom Pferde und ward von zwei
-Schergen nach dem Gemeindekerker geführt. Er ward jedoch nicht in die
-Verließe gesperrt, sondern vielmehr in ein vergittertes Gemach, wo er
-für sein Geld gutes Feuer, gutes Bett und gute Nahrung erhielt; davon
-nahm sich der Kerkermeister die Hälfte.
-
-
-4
-
-Am andern Tage gingen der Amtmann, die beiden Kriminalschreiber, zwei
-Schöffen und ein Wundarzt gen Dudzeele, um zu sehen, ob sie auf Servaes
-van der Vichtes Acker längs des Deiches, der das Feld durchschnitt, den
-Leichnam eines Mannes fänden.
-
-Nele hatte zu Katheline gesagt: „Hans, dein Liebster, verlangt Hilberts
-abgeschnittene Hand. Heute Abend wird er wie ein Fischadler schreien,
-in unsere Hütte kommen und Dir die siebenhundert Goldkarolus bringen.“
-
-Katheline hatte geantwortet:
-
-„Ich werde sie abschneiden.“ Und wirklich nahm sie ein Messer und
-machte sich in Neles Begleitung auf; die Gerichtsbeamten folgten ihr.
-Sie ging rasch und stolz mit Nele, der die frische Luft das hübsche
-Gesicht rötete. Die alten, hüstelnden Gerichtsbeamten folgten ihr
-schier erfroren; sie waren alle wie schwarze Schatten auf der weißen
-Ebene, und Nele trug ein Grabscheit. Als sie auf Servaes van der
-Vichtes Acker und auf dem Deiche anlangten, ging Katheline bis zur
-Mitte und sprach, zur Rechten auf die Wiese deutend: „Hans, Du wußtest
-nicht, daß ich da verborgen war und beim Klirren der Degen erbebte.
-Und Hilbert schrie: Dies Eisen ist kalt. Hilbert war häßlich, Hans ist
-schön. Du sollst seine Hand haben, laß mich allein.“ Dann stieg sie
-zur Linken hinab, kniete auf dem Schnee nieder und rief dreimal in die
-Luft, um den Geist herbeizurufen.
-
-Dann gab Nele ihr das Grabscheit, über das Katheline dreimal das
-Zeichen des Kreuzes machte. Alsdann zeichnete sie auf dem Eise die
-Form eines Sarges und drei umgekehrte Kreuze, eins nach Osten, eins
-nach Westen, eins nach Norden und sprach: „Drei, das ist Mars nahe bei
-Saturn, und drei ist Entdeckung unter Venus, dem hellen Stern.“ Darauf
-zog sie einen großen Kreis um den Sarg und sagte: „Hebe Dich hinweg,
-böser Geist, der den Leichnam bewacht.“ Dann fiel sie betend auf die
-Kniee: „Teufelsfreund, Hilbert,“ sagte sie, „Hans, mein Herr und
-Meister, befiehlt mir, hierherzukommen, um Dir die Hand abzuschneiden
-und sie ihm zu bringen. Ich schulde ihm Gehorsam. Laß nicht das Feuer
-der Erde gegen mich los, weil ich die Ruhe Deines edlen Grabes störe,
-und vergib mir um Gott und der Heiligen willen.“
-
-Dann zerbrach sie das Eis in der Linie des Sarges und erreichte den
-feuchten Rasen, dann den Sand. Und der Amtmann und seine Beamten, Nele
-und Katheline erblickten den Körper eines jungen Mannes, der vom Sande
-weiß wie Kalk war. Er trug ein Wams von grauem Tuch, desgleichen den
-Mantel; sein Degen war ihm zur Seite gelegt. Er hatte eine Tasche von
-Eisenmaschen am Gürtel, und ein breiter Dolch steckte unter seinem
-Herzen. Auf dem Tuche des Wamses war Blut, und dies Blut war unter
-seinen Rücken geflossen. Und der Mann war jung.
-
-Katheline schnitt ihm die Hand ab und tat sie in ihren Beutel. Und
-der Amtmann ließ es geschehen; dann befahl er ihr, den Leichnam aller
-seiner Waffen und Gewandung zu entblößen. Katheline fragte, ob Hans
-es also befohlen habe. Der Amtmann antwortete, daß er nur nach seinen
-Befehlen handle, und alsbald tat Katheline, was er wollte.
-
-Als der Leichnam entblößt war, sah man, daß er trocken wie Holz,
-aber nicht verwest war; und der Amtmann und seine Beamten gingen von
-dannen, nachdem sie ihn wieder mit Sand hatten bedecken lassen, und
-die Büttel trugen die Sachen des Toten. Da sie vor dem Gemeindekerker
-vorbeikamen, sagte der Amtmann zu Katheline, daß Hans sie dort erwarte;
-sie ging freudig hinein.
-
-Nele wollte sie daran hindern, und Katheline erwiderte immerfort: „Ich
-will Hans, meinen Herrn sehen.“
-
-Und Nele weinte auf der Schwelle, denn sie wußte, daß Katheline als
-Zauberin verhaftet war, um der Beschwörungen und Zeichen willen, so sie
-auf den Schnee gemacht hatte.
-
-Und in Damm ging die Rede, daß es keine Gnade für sie gäbe. Und
-Katheline wurde in den westlichen Kerker des Gefängnisses gebracht.
-
-
-5
-
-Am folgenden Tag, da der Wind aus Brabant wehte, schmolz der Schnee,
-und die Wiesen wurden überschwemmt.
-
-Und die Sturmglocke rief die Richter zum Gericht der „Vierschare,“
-das wegen der Feuchtigkeit der Rasenbänke unter einem Schirmdache
-stattfand. Und das Volk stand im Kreise um die Richter.
-
-Joos Damman wurde aller Fesseln ledig in seiner fürnehmen
-Tracht vorgeführt. Auch Katheline wurde herbeigeführt, mit vorn
-zusammengebundenen Händen, in einem Kleide von grauer Leinwand, der
-Gefängnistracht.
-
-Joos Damman bekannte im Verhör, daß er seinen Freund Hilbert im
-Zweikampf auf Degen getötet habe. Als man ihm sagte: Er ist von
-einem Dolchstoß getroffen, antwortete Joos Damman: „Ich habe ihn
-niedergestochen, weil er nicht rasch genug starb. Da ich unter dem
-Schutz der flandrischen Gesetze stehe, die verbieten, den Mörder nach
-Ablauf von zehn Jahren zu verfolgen, so bekenne ich den Mord willig.“
-
-Der Amtmann sprach zu ihm:
-
-„Bist Du kein Zauberer?“
-
-„Nein,“ antwortete Damman.
-
-„Beweise es,“ sagte der Amtmann.
-
-„Ich werde es zu gelegener Zeit und am rechten Orte tun, aber es
-beliebt mir nicht, es jetzt zu tun.“
-
-Der Amtmann befragte alsdann Katheline; sie hörte ihn nicht und schaute
-Hans an:
-
-„Du bist mein grüner Ritter, schön wie die Sonne. Nimm das Feuer fort,
-Herzliebster.“
-
-Darauf sprach Nele an ihrer Stelle:
-
-„Sie kann nichts bekennen, als was Ihr schon wisset, Euer Gnaden und
-Ihr Herren. Sie ist keine Hexe, sondern nur irre.“
-
-Nunmehr redete der Amtmann und sprach:
-
-„Zauberer ist der, welcher durch teuflische Mittel, wissentlich
-angewendet, sich bemüht, irgend etwas zu erreichen. Nun sind diese
-beiden, Mann und Weib, Zauberer nach Absicht und Tat, er, weil er
-ihr die Salbe für den Hexensabbat gegeben und sich das Gesicht hell
-wie Luzifer gemacht hat, um Geld und Befriedigung seiner Wollust zu
-erhalten; sie, weil sie sich ihm unterworfen hat, da sie ihn für einen
-Teufel hielt, und sich seinen Begierden hingegeben hat. Er hat sich mit
-Zauberei abgegeben, sie ist seine offenbare Mitschuldige. Derhalben
-dürfen wir kein Mitleid haben, und ich muß es sagen, denn ich sehe die
-Schöffen und das Volk der Frau allzu wohl gesinnt. Sie hat zwar nicht
-gemordet noch gestohlen, noch Vieh und Menschen behext, noch irgend
-einen Kranken durch außergewöhnliche Mittel geheilt, sondern nur durch
-Hausmittel, so der ehrbaren, christlichen Arzeneikunde bekannt sind.
-Aber sie wollte ihre Tochter dem Teufel ausliefern, und wenn diese
-nicht trotz ihrer Jugend mit so redlichem, wackeren Mute widerstanden
-hätte, so hätte sie Hilbert nachgegeben und wäre wie jene eine Hexe
-geworden. Darum so frage ich die Herren vom Gericht, ob sie nicht der
-Meinung sind, daß die Beiden auf die Folter gespannt werden müssen!“
-
-Die Schöffen antworteten nicht und zeigten dadurch genugsam, daß
-solches nicht ihr Wunsch sei, soweit es Katheline betraf.
-
-Darauf redete der Amtmann weiter:
-
-„Ich bin gleich Euch von Mitleid und Erbarmen für sie bewegt. Aber
-konnte diese irrsinnige Hexe, die dem Teufel so trefflich gehorchte,
-nicht mit einer Sichel ihrer Tochter den Kopf abschneiden, wenn ihr
-mitangeklagter Buhle es ihr befohlen hätte, gleichwie es Katharine Daru
-im Lande Frankreich auf Geheiß des Teufels bei ihren beiden Töchtern
-getan hat? Konnte sie nicht, wenn ihr schwarzer Gemahl es ihr geboten
-hätte, Tiere töten, die Butter im Butterfaß gerinnen machen, indem sie
-Zucker hinein warf? Konnte sie nicht in Person allem Teufeldienst,
-Hexentanz, Greueln und Buhlschaft der Zauberer beiwohnen? Konnte
-sie nicht Menschenfleisch essen und die Kinder schlachten, Pasteten
-daraus machen und sie verkaufen, wie ein Pastetenbäcker in Paris es
-getan hat? Konnte sie nicht die Lenden der Gehenkten abschneiden und
-forttragen, um hineinzubeißen und solchergestalt schändlichen Diebstahl
-und Entweihung zu begehen? Und ich fordere vom Gerichtshof, daß alle
-beide, Katheline und Joos Damman, auf die Folter gebracht werden, um zu
-erfahren, ob sie kein anderes Verbrechen als die schon bekannten und
-erforschten begangen haben. Da Joos Damman sich weigert, irgend etwas
-außer dem Mord zu gestehen, und Katheline gar nichts ausgesagt hat, so
-erheischen die Reichsgesetze das Verfahren, das ich bezeichnet habe.“
-
-Und der Spruch der Schöffen lautete auf Tortur am Freitag, welcher
-übermorgen war.
-
-Und Nele rief: „Gnade, Ihr Herren,“ und das Volk rief mit ihr. Aber es
-war vergeblich.
-
-Und Katheline blickte Joos Damman an und sprach:
-
-„Ich habe Hilberts Hand, hole sie diese Nacht, mein Geliebter!“ Und sie
-wurden wieder ins Gefängnis geführt.
-
-Dort ward dem Kerkermeister auf Geheiß des Gerichtshofes anbefohlen,
-jedem zwei Wärter zu geben, die sie allemal, wenn sie einschlafen
-wollten, schlagen sollten, aber die zwei Wächter Kathelines ließen
-sie die Nacht durch schlafen, und die von Joos Damman schlugen ihn
-unbarmherzig, so oft er die Augen schloß oder nur den Kopf neigte.
-
-Sie hungerten den ganzen Tag und die Nacht des Mittwoch und den ganzen
-Donnerstag bis zum Abend; dann gab man ihnen zu essen und zu trinken:
-Fleisch mit Salz und Salpeter, und Wasser mit Salz und Salpeter. Das
-war der Anfang ihrer Tortur. Und am Morgen, als sie vor Durst schrien,
-führten die Büttel sie in die Folterkammer.
-
-Dort wurden sie einander gegenüber gelegt und jeder auf eine Bank
-gebunden, die mit verknoteten Stricken bedeckt war, was ihnen große
-Pein verursachte. Und sie mußten jeder ein Glas Wasser mit Salz und
-Salpeter trinken.
-
-Da Joos Damman auf der Bank einschlafen wollte, schlugen ihn die Büttel.
-
-Und Katheline sprach:
-
-„Schlagt ihn nicht, Ihr Herren, Ihr zerbrechet seinen armen Körper. Er
-hat nur ein einziges Verbrechen begangen, und das aus Liebe, als er
-Hilbert umbrachte. Mich dürstet und dich auch, mein geliebter Hans.
-Gebt ihm zuerst zu trinken. Wasser! Wasser! Mein Körper brennt. Schonet
-seiner, ich werde bald für ihn sterben. Zu trinken!“
-
-Hans sprach zu ihr:
-
-„Garstige Hexe, stirb und verrecke wie eine Hündin. Werft sie ins
-Feuer, Ihr Herren Richter. Mich dürstet!“
-
-Die Schreiber schrieben alle seine Worte nieder.
-
-Darauf sprach der Amtmann zu ihm:
-
-„Hast Du nichts zu gestehen?“
-
-„Ich habe nichts mehr zu sagen“, antwortete Damman. „Ihr wisset alles.“
-
-„Da er beim Leugnen beharrt,“ sagte der Amtmann, „soll er, bis auf
-neues und vollständiges Geständnis, auf der Marterbank und auf diesen
-Stricken bleiben: er soll Durst leiden und am Schlafen verhindert
-werden.“
-
-„Ich werde bleiben,“ sagte Joos Damman, „und mich damit ergötzen, diese
-Hexe auf jener Bank leiden zu sehen. Wie findest Du das Hochzeitsbett,
-mein Schätzchen?“
-
-Und Katheline antwortete ächzend:
-
-„Kalte Hände und heißes Herz. Hans, mein Liebster. Mich dürstet, mein
-Kopf brennt!“
-
-„Und Du, Weib,“ sprach der Amtmann, „hast Du nichts mehr zu sagen?“
-
-„Ich höre den Karren des Todes und das Klappern der Gebeine,“ sprach
-sie. „Mich dürstet! Er führt mich an einen großen Fluß, in dem Wasser,
-frisches, klares Wasser ist; aber dies Wasser ist Feuer. Hans, mein
-Freund, befreie mich von diesen Stricken. Ja, ich bin im Fegefeuer, und
-ich sehe oben den Herrn Jesus in seinem Paradies und die gnadenreiche
-Jungfrau. Oh, unsere liebe Frau, gib mir einen Tropfen Wassers, beiße
-nicht allein in diese schönen Früchte.“
-
-„Dies Weib wird von grausamem Wahnsinn geplagt,“ sagte einer der
-Schöffen. „Sie muß von der Folterbank genommen werden.“
-
-„Sie ist so wenig wahnsinnig wie ich,“ sagte Joos Damman, „das ist
-eitel Spiel und Verstellung.“ Und mit drohender Stimme sagte er zu
-Katheline: „Ich werde Dich, die so trefflich die Irre spielt, im Feuer
-sehen.“ Und er knirschte mit den Zähnen und lachte ob seiner grausamen
-Lüge.
-
-„Mich dürstet, erbarmt Euch, mich dürstet,“ sagte Katheline. „Hans,
-mein Liebster, gib mir zu trinken. Wie weiß Dein Gesicht ist! Lasset
-mich zu ihm, Ihr Herren Richter.“ Und den Mund weit öffnend: „Ja, ja,
-jetzo legen sie mir das Feuer in die Brust, und die Teufel binden mich
-auf dies grausame Bett. Hans, Du bist so mächtig, nimm deinen Degen und
-töte sie! Wasser! zu trinken, zu trinken!“
-
-„Verrecke, Hexe,“ sagte Joos Damman. „Man sollte ihr eine Angstbirne
-ins Maul stecken, damit sie, die Bäuerin, sich nichts gegen mich, den
-Edelmann, herausnehmen kann.“
-
-Auf diese Rede erwiderte ein Schöffe, der dem Adel feind war: „Herr
-Amtmann, es ist den Rechten und Bräuchen des Reiches zuwider, denen,
-so peinlich befragt werden, Angstbirnen in den Mund zu stecken. Denn
-sie sind hier, um die Wahrheit zu bekennen, und damit wir sie nach
-ihren Aussagen richten. Das ist nur verstattet, wenn der verurteilte
-Angeklagte auf dem Blutgerüst zum Volke sprechen, es dergestalt rühren
-und einen öffentlichen Aufruhr erregen könnte.“
-
-„Mich dürstet,“ sagte Katheline. „Gib mir zu trinken, Hans, mein
-Herzliebster.“
-
-„Ha, du leidest, verfluchte Hexe,“ sprach er, „Du, die einzige Ursache
-aller Qualen, die ich erdulde. Aber Du wirst in dieser Folterkammer die
-Marter der Kerzen, den Wippgalgen und die Holzstückchen zwischen den
-Nägeln der Füße und Hände erleiden. Man wird dich rittlings auf einen
-Sarg setzen, dessen Rücken so scharf ist wie eine Messerklinge, und Du
-wirst bekennen, daß Du keine Wahnsinnige, sondern eine schlimme Hexe
-bist, der Satan befohlen hat, den Edelleuten etwas anzutun. Zu trinken!“
-
-„Hans, mein Lieber,“ sprach Katheline, „zürne Deiner Magd nicht. Ich
-leide tausend Schmerzen für Dich, mein Gebieter. Schonet seiner, Ihr
-Herren Richter; gebet ihm einen vollen Becher zu trinken und hebt mir
-nur einen Tropfen auf. Hans, ist die Stunde des Fischadlers noch nicht
-da?“
-
-Jetzo sagte der Amtmann zu Joos Damman:
-
-„Da Du Hilbert umbrachtest, was war der Anlaß des Zweikampfes?“
-
-„Es war wegen einer Dirne aus Heyst, die wir alle beide haben wollten.“
-
-„Eine Dirne aus Heyst,“ schrie Katheline und wollte mit Gewalt von der
-Bank aufstehen. „Du betrügst mich mit einer Andern, du falscher Teufel.
-Wußtest du, daß ich hinter dem Deich horchte, als Du sagtest, Du
-wolltest alles Geld haben, das Klas gehörte? Du wolltest es gewißlich
-in Leckereien und Schlemmereien mit ihr ausgeben! Ach, und ich, die ihm
-ihr Blut gegeben hätte, wenn er Gold daraus hätte machen können! Und
-alles wegen einer Andern. Sei verflucht!“
-
-Aber plötzlich weinte sie und versuchte, sich auf ihrer Folterbank
-umzudrehen:
-
-„Nein, Hans, sage, daß Du Deine arme Magd noch lieb haben willst, und
-ich will mit meinen Fingern die Erde aufscharren und einen Schatz
-finden. Ja, es ist einer da, und ich werde mit der Wünschelrute gehen,
-die sich nach der Seite neigt, wo die Metalle sind; und ich werde
-ihn finden und ihn Dir bringen. Küsse mich, Liebster, und Du sollst
-reich werden; und wir werden Fleisch essen und alle Tage Bier trinken.
-Ja, ja, die da trinken auch Bier, frisches, schäumendes Bier. O, Ihr
-Herren, gebt mir nur einen Tropfen davon, ich bin im Feuer. Hans, ich
-weiß es wohl, wo Haselruten sind, aber wir müssen bis zum Frühjahr
-warten.“
-
-„Schweig, Hexe,“ sagte Joos Damman, „ich kenne Dich nicht. Du hast
-Hilbert für mich gehalten. Er war’s, der Dich besuchte. Und in Deinem
-boshaften Gemüt nanntest Du ihn Hans. Wisse, daß ich nicht Hans heiße,
-sondern Joos. Wir waren von gleichem Wuchs, Hilbert und ich. Ich
-kenne Dich nicht. Ohne Zweifel war es Hilbert, der die siebenhundert
-Karolusgülden stahl. Gebt mir zu trinken. Mein Vater wird einen Becher
-Wassers mit hundert Gülden bezahlen; aber dieses Weib kenne ich nicht.“
-
-„Gnädiger Herr,“ rief Katheline aus, „er sagt, daß er mich nicht kennt;
-aber ich, ich kenne ihn wohl und weiß, daß er auf dem Rücken ein
-braunes, behaartes Mal so groß wie eine Bohne hat. Ha, Du liebtest eine
-Dirne aus Heyst. Schämt sich ein wahrer Liebhaber seines Liebchens?
-Hans, bin ich nicht noch schön?“
-
-„Schön!“ sagte er. „Du hast ein Gesicht wie eine Mispel und einen Leib
-wie ein Reisigbündel. Sehet das Bettelweib, das von fürnehmen Herren
-geliebt sein will. Zu trinken!“
-
-„Du sprachst nicht also, Hans, mein süßer Herr,“ sagte sie, „da ich
-sechzehn Jahre jünger war denn jetzt.“ Dann schlug sie sich vor Kopf
-und Stirn. „Die Glut darinnen dörrt mir Herz und Gesicht; schelte
-mich nicht darum. Weißt Du noch, wenn wir Gesalzenes aßen, um mehr zu
-trinken, wie Du sagtest? Jetzt ist das Salz in uns, mein Liebster, und
-der Herr Amtmann trinkt Wein aus der Romagna. Wir wollen keinen Wein,
-gebt uns Wasser. Es rieselt im Grase, das Wässerlein, das die klare
-Quelle macht; das gute Wasser, es ist kalt. Nein, es brennt, es ist
-höllisches Wasser.“ Und Katheline weinte und sagte: „Ich habe Niemandem
-Übles getan, und jedermann wirft mich ins Feuer. Zu trinken! Man gibt
-den herrenlosen Hunden Wasser. Ich bin eine Christin, gebt mir zu
-trinken. Ich habe Niemandem Übles getan. Zu trinken!“
-
-Darauf redete ein Schöffe und sagte:
-
-„Diese Hexe ist nur in so weit toll, als sie vom Feuer behauptet, daß
-es ihr den Kopf verbrenne. In andern Dingen ist sie es nicht, maßen sie
-uns klaren Geistes half, die sterblichen Reste des Toten zu entdecken.
-Wenn das behaarte Mal sich auf Joos Dammans Körper findet, so genügt
-dies, um festzustellen, daß er und der Teufel Hans, von dem Katheline
-betört ward, derselbe ist. Henker, laß uns das Mal sehen.“
-
-Der Henker entblößte Hals und Schulter und zeigte das braune behaarte
-Mal.
-
-„Ach,“ sagte Katheline, „wie weiß Deine Haut ist! Beinahe wie die
-Schultern eines Mägdleins. Du bist schön, Hans, mein Geliebter. Zu
-trinken!“
-
-Der Henker stach mit einer langen Nadel in das Mal; aber es blutete
-nicht.
-
-Und die Schöffen sprachen untereinander:
-
-„Er ist ein Teufel, und er wird Joos Damman umgebracht und sein Gesicht
-angenommen haben, um die arme Welt desto sichrer zu täuschen.“
-
-Und der Amtmann und die Schöffen erschraken und sprachen:
-
-„Er ist ein Teufel, und es ist Zauberei im Spiel.“
-
-Und Joos Damman sagte:
-
-„Ihr wisset, daß keine Zauberei im Spiel ist, und daß es solche
-fleischigen Auswüchse gibt, die man stechen kann, ohne daß sie bluten.
-Wenn Hilbert von dieser Hexe Geld genommen hat, denn sie ist ja eine,
-die bekennt, mit dem Teufel gebuhlt zu haben, so durfte er es mit
-ausdrücklicher Zustimmung dieser Bäuerin und ward also als Edelmann für
-seine Zärtlichkeiten bezahlt, wie es die Dirnen alle Tage tun. Gibt es
-in dieser Welt nicht gleich den Dirnen leichtfertige Burschen, so sich
-von den Weibern ihre Kraft und Schönheit bezahlen lassen?“
-
-Die Schöffen sagten untereinander:
-
-„Sehet die teuflische Dreistigkeit! Seine behaarte Warze hat nicht
-geblutet; er ist ein Mörder, Teufel und Zauberer und will sich
-schlechtweg für einen Duellanten ausgeben, indem er seine andern
-Verbrechen auf den teuflischen Freund wälzt, dem er den Leib, aber
-nicht den Geist getötet hat ... Und sehet, wie bleich sein Gesicht ist.
-/ So erscheinen alle Teufel, rot in der Hölle, bleich auf Erden, denn
-sie haben nicht das Lebensfeuer, das dem Gesicht seine rote Farbe gibt,
-und inwendig sind sie Asche. Er muß ins Feuer zurückgebracht werden,
-damit er rot wird und brennt.“
-
-Darauf sagte Katheline:
-
-„Ja, er ist ein Teufel, aber ein guter, freundlicher Teufel. Und der
-heilige Jakobus, sein Schutzpatron, hat ihm erlaubt, die Hölle zu
-verlassen. Er bittet den Herrn Jesum alle Tage für ihn. Er wird nur
-siebentausend Jahre im Fegefeuer sein müssen: die Jungfrau will es,
-aber Herr Satan ist dagegen. Aber die hohe Frau tut, was sie will.
-Werdet Ihr wider sie sein? Wenn Ihr ihn recht betrachtet, werdet Ihr
-sehen, daß er von seiner teuflischen Natur nichts behalten hat, denn
-den kalten Körper und das leuchtende Antlitz, wie es die See im August
-hat, wenn es donnern will.“
-
-Und Joos Damman sagte:
-
-„Schweig, Hexe, Du bringst mich ins Feuer.“ Dann sprach er zum Amtmann
-und zu den Schöffen: „Seht mich an, ich bin kein Teufel. Ich bin aus
-Fleisch und Bein, Blut und Wasser. Ich trinke und esse, verdaue und
-scheide aus gleich Euch; meine Haut ist gleich der Euren und mein Fuß
-desgleichen. Henker, zieh mir die Stiefel aus, denn ich kann mich mit
-den gefesselten Füßen nicht rühren.“
-
-Der Henker tat es, nicht ohne Furcht.
-
-„Sehet,“ sprach Joos und zeigte seine weißen Füße. „Sind das Klauen,
-Teufelsfüße? Was meine Blässe angeht, / ist keiner unter Euch so blaß
-wie ich? Ich sehe mehr als drei, die so sind. Aber nicht ich bin’s,
-der gesündigt hat, sondern diese garstige Hexe und ihre Tochter, die
-boshafte Anklägerin. Woher hat sie das Geld, das sie Hilbert gegeben
-hat? Woher stammten die Gülden, die sie ihm lieh? War es nicht der
-Teufel, der sie bezahlte, um fürnehme, unschuldige Männer anzuklagen
-und dem Tode auszuliefern? Diese beiden müssen gefragt werden, wer
-den Hund im Hof erwürgte, wer das Loch grub und davon ging, nachdem
-er alles herausgenommen, ohne Zweifel, um den Schatz an einem andern
-Ort zu verbergen. Soetkin, die Witwe, hatte kein Vertrauen zu mir, da
-sie mich nicht kannte, wohl aber zu ihnen, die sie alle Tage sah. Die
-beiden sind’s, die des Kaisers Habe gestohlen haben.“
-
-Der Gerichtsschreiber schrieb, und der Amtmann sprach zu Katheline:
-
-„Weib, hast Du nichts zu Deiner Verteidigung zu sagen?“
-
-Katheline schaute Joos Damman an und sagte gar verliebt:
-
-„Es ist die Stunde des Fischadlers. Ich habe Hilberts Hand, mein lieber
-Hans. Sie sagen, daß Du mir die siebenhundert Karolus wiedergeben
-wirst. Nehmt das Feuer fort, nehmt das Feuer fort!“ schrie sie sodann.
-„Zu trinken, zu trinken, mein Kopf brennt. Gott und die Engel essen im
-Himmel Äpfel.“
-
-Und sie verlor das Bewußtsein.
-
-„Bindet sie von der Folterbank los,“ sprach der Amtmann. Der Henker und
-seine Knechte gehorchten. Und sie taumelte und hatte geschwollene Füße,
-maßen der Henker die Stricke zu fest geschnürt hatte.
-
-„Gebt ihr zu trinken,“ sprach der Amtmann.
-
-Es ward ihr frisches Wasser gegeben; sie goß es begierig hinunter,
-indem sie den Becher zwischen den Zähnen festhielt und nicht loslassen
-wollte, wie ein Hund mit einem Knochen tut. Dann gab man ihr noch mehr
-Wasser, und sie wollte Joos Damman davon bringen, aber der Henker riß
-ihr den Becher aus den Händen. Und sie fiel wie ein Bleiklumpen zu
-Boden und schlief.
-
-Darauf schrie Joos Damman wütend:
-
-„Auch ich bin durstig und schläfrig! Warum gebet Ihr ihr zu trinken?
-Warum lasset Ihr sie schlafen?“
-
-„Sie ist schwach, ein Weib und irre,“ sprach der Amtmann.
-
-„Ihr Irrsinn ist ein Spiel,“ sagte Joos Damman; „sie ist eine Hexe; ich
-will trinken, ich will schlafen!“
-
-Und er schloß die Augen, doch die Knechte des Henkers schlugen ihn ins
-Angesicht.
-
-„Gebt mir ein Messer,“ schrie er, „daß ich diese Tölpel in Stücke
-schneide. Ich bin ein Edelmann und ward noch nie ins Gesicht
-geschlagen! Wasser! Laßt mich schlafen, ich bin unschuldig. Nicht ich
-habe die siebenhundert Karolus genommen, sondern Hilbert. Zu trinken!
-Ich habe nie Zauberei und Beschwörung getrieben. Ich bin unschuldig,
-laßt mich. Zu trinken!“
-
-Darauf fragte der Amtmann:
-
-„Womit verbrachtest Du die Zeit, seit Du Katheline verlassen?“
-
-„Ich kenne Katheline nicht; ich habe sie nicht verlassen,“ erwiderte
-er. „Ihr befragt mich über Dinge, die mit der Sache nichts zu tun
-haben. Ich brauche Euch nicht zu antworten. Zu trinken, laßt mich
-schlafen. Ich sage Euch, Hilbert war’s, der alles verübt hat.“
-
-„Bindet ihn los,“ sagte der Amtmann. „Führt ihn in sein Gefängnis
-zurück. Aber er soll Durst leiden und nicht schlafen, bis daß er alle
-seine Zaubereien und Beschwörungen bekannt hat.“
-
-Und es war eine grausame Folter für Damman. So laut schrie er in seinem
-Gefängnis: Zu trinken, zu trinken! daß das Volk ihn hörte, aber ohne
-jedwedes Mitleid. Und da er vor Müdigkeit umfiel und ihn seine Wächter
-ins Gesicht schlugen, war er wie ein Tiger und schrie:
-
-„Ich bin ein Edelmann und werde Euch Bauern umbringen. Ich werde zum
-König, unserm Herrn, gehen. Zu trinken!“
-
-Aber er bekannte nichts, und man ließ ihn allein.
-
-
-6
-
-Es war zur Maienzeit; die Gerichtslinde war grün, grün waren auch
-die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war als Zeugin
-vorgeladen. An diesem Tage sollte das Urteil gesprochen werden.
-
-Und das Volk, Männer, Weiber, Bürger und Arbeiter, stunden rings um die
-Dingstätte, und die Sonne schien hell.
-
-Katheline und Joos Damman wurden vorgeführt, und Damman schien noch
-bleicher wegen der Marter des Durstes und der schlaflos verbrachten
-Nächte.
-
-Katheline, die nicht auf ihren zitternden Beinen stehen konnte, wies
-auf die Sonne und sprach:
-
-„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt!“
-
-Und sie blickte Joos Damman voll zärtlicher Liebe an.
-
-Und er blickte sie voller Haß und Verachtung an.
-
-Und die Ritter und Edelleute, seine Freunde, die nach Damm berufen
-waren, standen männiglich als Zeugen vor dem Gerichtshof.
-
-Darauf redete der Amtmann und sprach:
-
-„Nele, das Mägdlein, die ihre Mutter Katheline mit so großer Liebe
-verteidigt, hat in der Tasche, die an den Rock, den Feiertagsrock
-derselbigen angenäht ist, ein Brieflein gefunden, Joos Damman
-unterzeichnet. Unter den Überbleibseln von Hilbert Ryvisch fand ich in
-der Gürteltasche des Toten einen andern Brief von besagtem Joos Damman,
-dem hier vor Euch gegenwärtigen Angeklagten. Ich habe alle beide bei
-mir bewahrt, damit Ihr im rechten Augenblick, der jetzt gekommen ist,
-über die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn nach Recht und
-Gerechtigkeit freisprechen oder verdammen könnt. Hier ist das in der
-Gürteltasche gefundene Pergament. Ich habe es nicht berührt und weiß
-nicht, ob es lesbar ist oder nicht.“
-
-Die Richter waren darob in großer Bestürzung.
-
-Der Amtmann versuchte die Pergamentkugel auseinander zu wickeln, aber
-es war vergeblich, und Joos Damman lachte.
-
-Darauf sagte ein Schöffe:
-
-„Legt die Kugel ins Wasser und hernach vors Feuer; wenn sie durch ein
-Geheimnis zusammengeklebt ist, werden Feuer und Wasser es auflösen.“
-
-Das Wasser ward herbeigebracht; der Henker entzündete auf dem Felde
-ein großes Holzfeuer. Der Rauch stieg durch die grünenden Zweige der
-Gerichtslinde blau in den hellen Himmel empor.
-
-„Leget den Brief nicht in das Becken,“ sagte ein Schöffe, „denn wenn
-er mit in Wasser gelöstem Ammoniak geschrieben ist, werdet Ihr die
-Schriftzeichen auslöschen.“
-
-„Nein,“ sagte der anwesende Wundarzt, „die Schriftzüge werden nicht
-verlöschen; das Wasser wird nur die Tünche aufweichen, die das Öffnen
-dieser magischen Kugel verhindert.“
-
-Das Pergament ward ins Wasser getaucht, erweicht und entfaltet.
-
-Der Wundarzt sagte: „Haltet es nunmehr vors Feuer.“
-
-„Ja, ja,“ sprach Nele, „haltet das Papier vors Feuer; der Herr Wundarzt
-ist auf der rechten Fährte, denn der Mörder erblaßt, und seine Beine
-schlottern.“
-
-Hierauf erwiderte Herr Joos Damman:
-
-„Ich erblasse nicht, noch zittere ich, Du kleine Harpye aus dem Volke,
-die den Tod eines adligen Mannes will. Es wird Dir nicht gelingen, dies
-Pergament muß verfault sein, nachdem es sechzehn Jahre in der Erde
-gelegen hat.“
-
-„Das Pergament ist nicht verfault,“ sagte der Schöffe, „die
-Gürteltasche war mit Seide gefüttert. Die Seide zerfällt in der Erde
-nicht und die Würmer haben das Pergament nicht zerfressen.“
-
-Das Pergament ward vors Feuer gelegt.
-
-„Euer Gnaden! Herr Amtmann,“ sprach Nele, „sehet, die Tinte wird vor
-dem Feuer sichtbar. Befehlt, daß man das Geschriebene lese.“
-
-Da der Wundarzt sich anschickte zu lesen, wollte Herr Joos Damman die
-Arme ausstrecken, um das Pergament an sich zu reißen, aber schnell wie
-der Wind stürzte Nele sich auf seinen Arm und sagte:
-
-„Du sollst es nicht anrühren, denn da stehet Dein Tod oder Kathelines
-Tod geschrieben. Wenn Dir jetzt das Herz blutet, Mörder, so blutet
-das unsre seit fünfzehn Jahren; fünfzehn Jahre sind es, daß Katheline
-leidet, fünfzehn Jahre, daß ihr deinetwegen das Hirn im Kopf verbrannt
-ward, fünfzehn Jahre, daß Soetkin an den Folgen der Tortur starb,
-fünfzehn Jahre, daß wir bedürftig und zerlumpt sind und im Elend leben,
-wenn auch stolzen Sinnes. Lest das Papier, lest das Papier! Die Richter
-sind Gott auf Erden, denn sie sind die Gerechtigkeit; leset das Papier!“
-
-„Leset das Papier,“ schrien Männer und Weiber weinend. „Nele ist
-tapfer! Lest das Papier! Katheline ist keine Hexe!“
-
-Und der Gerichtsschreiber las:
-
-„An Hilbert, Sohn von Willem Ryvisch, Ritter, Joos Damman, Ritter, Gruß.
-
-„Viellieber Freund, verliere nicht fürder Dein Geld in Karten-,
-Würfelspiel und anderm großen Elend. Ich will Dir sagen, wie man
-es mit sicherem Wurf gewinnt. Wir wollen uns in Teufel verwandeln,
-hübsche Teufel, die von Frauen und Mädchen geliebt werden. Die Schönen
-und Reichen nehmen wir, die Häßlichen und Armen lassen wir beiseite;
-sie mögen ihr Vergnügen bezahlen. Bei diesem Handwerk verdiente ich
-in sechs Monaten im Lande Deutschland fünftausend Reichstaler. Die
-Frauen geben ihrem Buhlen, so sie ihn lieben, ihre Röcke und Hemden.
-Flieh die Geizigen mit spitzer Nase, die sich besinnen, ihr Vergnügen
-zu bezahlen. Für Deine Person und um als schöner und echter Incubus
-zu erscheinen, verkünde Dein Kommen, wenn sie Dich für die Nacht
-aufnehmen, indem Du wie ein Nachtvogel schreist. Und um Dir eine wahre
-Teufelslarve zu machen, wie ein erschrecklicher Teufel, reibe Dir das
-Gesicht mit Phosphor ein, welcher glänzt, wenn er feucht wird. Der
-Geruch ist übel, aber sie werden glauben, daß es Höllenduft ist. Töte,
-was Dir in den Weg kommt, Mann, Weib oder Tier.
-
-„Wir werden bald zusammen zu Katheline gehn, einem schönen, gutherzigen
-Weibsbild. Ihre Tochter Nele, eins von meinen Kindern, wenn Katheline
-mir treu war, ist artig und hübsch. Du wirst sie ohne Mühe besitzen.
-Ich gebe sie Dir, denn ich schere mich nicht um diese Bastarde, die
-man nicht mit Gewißheit als seine Sprößlinge erkennen kann. Ihre
-Mutter gab ihr schon dreiundzwanzig Karolus, ihre ganze Habe. Aber
-sie verbirgt einen Schatz, welcher, wenn ich kein Dummkopf bin, die
-Erbschaft des zu Damm verbrannten Ketzers Klas ist: siebenhundert
-Karolusgülden, die der Konfiskation verfallen. Aber der gute König
-Philipp, der so viele seiner Untertanen verbrennen ließ, um sie zu
-beerben, konnte seine Klaue nicht auf diesen lieblichen Schatz legen.
-Er wird in meiner Geldkatze schwerer wiegen als in seiner. Katheline
-wird mir sagen, wo er ist, und wir wollen ihn teilen. Du mußt mir nur
-für die Entdeckung den größten Teil lassen.
-
-„Die Weiber, unsre holden Leibeigenen und verliebten Sklavinnen, werden
-wir ins Land Deutschland bringen. Dort werden wir sie lehren, weibliche
-Teufel und Succubi zu werden, die alle reichen Bürger und Edelleute
-verliebt machen. Allda werden sie und wir von Liebe leben, die mit
-schönen Reichstalern, Samt, Seide, Gold, Perlen oder Kleinodien bezahlt
-wird, und also ohne Anstrengung reich werden. Und ohne Wissen der
-Succubi werden wir von den Schönsten geliebt werden und uns übrigens
-immer bezahlen lassen. Alle Frauen sind dumm und albern gegen den Mann,
-welcher das Liebesfeuer entzünden kann, das Gott unter ihren Gürtel
-legte. Katheline und Nele werden es noch mehr sein als andre und in
-allen Stücken gehorchen, sintemal sie uns für Teufel halten. Behalte du
-deinen Vornamen, aber gib niemals deinen Vaternamen Ryvisch an. Wenn
-der Richter die Weiber abfaßt, reisen wir ab, ohne daß sie uns kennen
-und uns angeben können. Vorwärts, mein Getreuer. Fortuna lächelt der
-Jugend, wie Seine Hochselige, heilige Majestät Karl der Fünfte sagte,
-der ein geprüfter Meister in Sachen der Liebe und des Krieges war.“
-
-Und der Gerichtsschreiber hörte auf zu lesen und sagte:
-
-„Dies ist der Brief. Er ist unterzeichnet. Joos Damman, Ritter.“
-
-Und das Volk schrie:
-
-„Zum Tode mit dem Mörder! Zum Tode mit dem Zauberer! Ins Feuer mit dem
-Weiberbetörer! An den Galgen mit dem Dieb!“
-
-Darauf sprach der Amtmann!
-
-„Haltet Ruhe, Leute, damit wir in aller Freiheit diesen Menschen
-richten können.“
-
-Und zu den Schöffen redend, sprach er:
-
-„Ich will euch jetzo den zweiten Brief vorlesen, den Nele in der Tasche
-von Kathelines Festtagsrock gefunden hat; er ist also abgefaßt:
-
-„Reizende Hexe, hier ist das Rezept einer Mixtur, die mir Luzifers Weib
-selbst geschickt hat. Mit Hülfe dieser Mixtur kannst du dich in die
-Sonne, den Mond und die Gestirne versetzen; mit den Elementargeistern,
-die die Gebete der Menschen zu Gott tragen, Zwiesprache halten und alle
-Städte, Marktflecken, Flüsse und Wiesen der ganzen Welt durcheilen. Du
-zerreibst zu gleichen Teilen: Stechapfel, betäubenden Nachtschatten,
-Bilsenkraut, Opium, die frischen Spitzen des Hanfes und Tollkirsche.
-
-„Wenn Du willst, gehen wir heute zum Sabbat der Geister; aber Du mußt
-mich mehr lieben und nicht so knauserig sein wie jüngst abends, da
-Du mir zehn Gülden weigertest und sagtest, daß Du sie nicht hättest.
-Ich weiß, daß Du einen Schatz verborgen hältst und es mir nicht sagen
-willst. Liebst du mich nicht mehr, mein süßes Herz?
-
- Dein kalter Teufel
- Hanske“
-
-„Der Zauberer muß sterben!“ schrie das Volk.
-
-Der Amtmann sagte:
-
-„Die beiden Schriftstücke müssen verglichen werden.“
-
-Nachdem solches geschehen, wurden sie für gleich erklärt.
-
-Darauf sagte der Amtmann zu den anwesenden Rittern und Herren:
-„Erkennet ihr diesen da als Herrn Joos Damman, den Sohn des Schöffen
-der Küre zu Gent?“
-
-„Ja,“ sprachen sie.
-
-„Habt Ihr Junker Hilbert, den Sohn des hochwohlgebornen Willem Ryvisch
-gekannt?“ fragte er.
-
-Einer der Edelleute, der van der Zinkelen hieß, nahm das Wort und
-sagte:
-
-„Ich bin aus Gent, mein Steen ist an der Place Saint-Michel; ich kenne
-den Ritter Willem Ryvisch, den Schöffen der Küre zu Gent. Es sind
-nunmehr fünfzehn Jahre, daß er einen Sohn im Alter von dreiundzwanzig
-Jahren verlor. Er war ausschweifend, ein Spieler und Müssiggänger; aber
-männiglich verzieh ihm seiner Jugend halber. Seit jener Zeit hat keiner
-Kunde von ihm gehabt. Ich begehre Degen, Dolch und Gürteltasche des
-Toten zu sehen.“
-
-Als er sie vor sich hatte, sagte er:
-
-„Degen und Dolch tragen am Kopfe des Griffes das Wappen der Ryvisch,
-das drei silberne Fische auf azurnem Felde hat. Ich sehe das nämliche
-Wappen auf einem güldenen Schilde zwischen den Eisenmaschen der Tasche.
-Wes ist dieser andere Dolch?“
-
-Es ist derselbe, den man in der Leiche von Hilbert Ryvisch, dem Sohne
-Willems, stecken fand,“ sprach der Amtmann.
-
-„Ich erkenne das Wappen der Damman daran: den Turm mit den Rachen auf
-silbernem Feld. So helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“
-
-Die andern Edelleute sprachen desgleichen:
-
-„Wir erkennen besagte Wappen als die der Ryvisch und Damman. So helfe
-uns Gott und alle seine Heiligen.“
-
-Der Amtmann sprach:
-
-„Nach den, vom Schöffengericht gehörten und gelesenen Beweisen ist Herr
-Joos Damman ein Zauberer, Mörder, Weiberbetörer und Dieb am königlichen
-Gute und als solcher des Verbrechens an göttlicher und menschlicher
-Majestät schuldig.“
-
-„Ihr sagt es, Herr Amtmann,“ entgegnete Joos, „aber Ihr werdet mich
-nicht verurteilen, aus Mangel an Beweisen. Ich bin kein Zauberer und
-war es nie, ich spielte nur die Rolle des Teufels. Was mein helles
-Gesicht betrifft, so habt Ihr das Rezept dafür, desgleichen für die
-Salbe, welches, ob schon es Bilsenkraut, eine giftige Pflanze, enthält,
-doch nur ein Schlafmittel ist. Wenn dieses Weib, das eine richtige
-Hexe ist, davon einnahm, versank sie in Schlaf und vermeinte zum
-Sabbat zu fahren, dort mit nach außen gedrehtem Gesicht in der Runde
-zu gehen und einen Teufel mit Bocksgesicht, der auf einem Altar stand,
-anzubeten. Wenn der Umgang beendet war, wähnte sie, daß sie ihn unter
-den Schwanz küßte, wie die Zauberer tun: nachher überließ sie sich mir,
-ihrem Freunde, zu seltsamen Paarungen, die ihrem ausschweifenden Sinne
-gefielen. Wenn ich, wie sie sagte, kalte Arme und kühlen Leib hatte,
-so war das ein Zeichen der Jugend, nicht der Zauberei. Aber Katheline
-wollte glauben, was sie wünschte, und mich für einen Teufel halten, ob
-ich gleich ein Mensch von Fleisch und Bein bin, ganz wie Ihr, die Ihr
-mich anseht. Sie allein ist schuldig. Indem sie mich für einen Teufel
-hielt und mich in ihr Bett nahm, sündigte sie mit Absicht und Tat gegen
-Gott und den Heiligen Geist. Demnach ist sie es, und nicht ich, die das
-Verbrechen der Zauberei beging; sie ist des Feuers würdig als rasende,
-boshafte Hexe, die sich für eine Irre ausgeben will, um ihre Bosheit zu
-verbergen.“
-
-Doch Nele sprach:
-
-„Hört Ihr ihn, den Mörder? Wie eine feile Dirne, die das Rädlein am Arm
-trägt, hat er das Gewerbe und Handwerk der Liebe getrieben. Hört Ihr
-ihn? Um sich zu retten, will er die verbrennen lassen, die ihm alles
-gab.“
-
-„Nele ist boshaft,“ sprach Katheline, „höre nicht auf sie, Hans, mein
-Geliebter.“
-
-„Nein,“ sagte Nele, „Du bist kein Mensch, Du bist ein feiger, grausamer
-Teufel.“ Sie umschlang Katheline mit ihren Armen und rief aus: „Ihr
-Herren Richter, hört nicht auf diesen bleichen Bösewicht. Er hat nur
-einen Wunsch: meine Mutter verbrannt zu sehen, so sie kein andres
-Verbrechen beging, als daß Gott sie mit Wahnsinn heimsuchte und sie
-die Hirngespinste ihrer Träume für Wirklichkeit hielt. Sie hat an Leib
-und Seele schon gar sehr gelitten. Laßt sie nicht sterben, Ihr Herren
-Richter. Lasset die Unschuldige in Frieden ihr traurig Dasein leben.“
-
-Und Katheline sagte: „Nele ist boshaft, Du mußt ihr nicht glauben,
-Hans, mein Gebieter.“
-
-Und unter dem Volk weinten die Frauen, und die Männer sagten: „Gnade
-für Katheline.“
-
-Auf ein Geständnis, das Joos Damman nach erneuter Folter machte,
-sprachen der Amtmann und die Schöffen das Urteil. Er wurde verurteilt,
-aus dem Adel ausgestoßen und bei langsamen Feuer lebendig verbrannt zu
-werden, bis der Tod einträte. Er erlitt die Strafe am folgenden Morgen
-vor den Gitterfenstern des Rathauses und sagte immerfort: „Laßt die
-Hexe sterben, sie allein ist schuldig! Gott sei verflucht! Mein Vater
-wird die Richter töten.“ Und er gab den Geist auf.
-
-Und das Volk sagte: „Sehet, wie er flucht und lästert; er verendet wie
-ein Hund.“
-
-Am andern Tage fällten der Amtmann und die Schöffen ihren Spruch über
-Katheline. Sie ward verurteilt, im Brügger Kanal die Wasserprobe zu
-bestehen. Bliebe sie oben schwimmen, so sollte sie als Hexe verbrannt
-werden; ginge sie aber unter und verlöre dabei das Leben, so sollte
-sie als christlich gestorben angesehen und als solche auf dem Kirchhof
-begraben werden.
-
-Am nächsten Tage wurde Katheline, die eine Wachskerze trug, barfuß
-und mit einem schwarzlinnenen Hemde bekleidet, in großer Prozession
-an den Bäumen entlang bis an das Ufer des Kanals geführt. Vor ihr
-her schritten der Dechant der Frauenkirche und seine Vikare, die
-Sterbegebete sangen, und der Meßner, der das Kreuz trug; hinter ihr
-der Amtmann von Damm, Schöffen, Gerichtsschreiber, Gemeindebüttel, der
-Profoß, der Henker und seine beiden Knechte. Am Ufer stand eine große
-Menge weinender Frauen und murrender Männer, beide voll Mitleids für
-Katheline, die wie ein Lamm dahinschritt, das sich führen läßt, ohne zu
-wissen wohin, und immer sagte:
-
-„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt! Hans, wo bist Du?“ Nele,
-die unter den Frauen stand, schrie: „Ich will mit ihr hineingeworfen
-werden!“ Aber die Frauen wehrten ihr, daß sie Katheline nahte.
-
-Vom Meere wehte ein scharfer Wind; vom grauen Himmel fiel ein
-feiner Hagel in das Wasser des Kanals. Der Henker und seine Knechte
-bemächtigten sich im Namen seiner königlichen Majestät eines Kahnes,
-der da war. Auf ihr Geheiß stieg Katheline hinein; der Henker
-stand darinnen, ergriff sie, und als der Profoß mit der Rute der
-Gerechtigkeit winkte, warf er Katheline in den Kanal. Sie kämpfte mit
-der Flut, aber nicht lange; dann sank sie unter, nachdem sie: „Hans,
-Hans, zu Hilfe,“ gerufen hatte.
-
-Und das Volk sagte: „Dies Weib ist keine Hexe.“
-
-Männer sprangen in den Kanal und zogen Katheline heraus. Sie war
-von Sinnen und starr wie eine Leiche. Dann ward sie in eine Schenke
-gebracht und vor ein starkes Feuer gelegt. Nele zog ihr die nassen
-Kleider und die Wäsche aus, um ihr andere anzulegen. Als sie wieder zu
-sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd: „Hans, gib mir einen
-wollenen Mantel.“
-
-Und Katheline konnte nicht wieder warm werden und starb am dritten
-Tage. Und sie ward auf dem Kirchhof begraben.
-
-Und die verwaiste Nele begab sich ins Land Holland zu Rosa van Auweghem.
-
-
-7
-
-Auf den zeeländischen Huckern, auf den Bujern und den Galeassen
-fährt Tyll Klas Ulenspiegel davon. Das offne Meer trägt die wackeren
-Freibeuter darauf acht, zehn oder zwanzig eiserne Feldstücke sind; sie
-speien Tod und Verderben auf die spanischen Verräter.
-
-Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, ist ein trefflicher Kanonier.
-
-Man muß ihn sehen, wie er das Stück richtet, scharf visiert und die
-Schiffsrümpfe der Henker wie eine Mauer aus Butter durchlöchert. Er
-trägt am Filzhut den silbernen Halbmond mit der Inschrift: „~Liever den
-Turk als den Paus.~“ Lieber dem Türken als dem Papst dienen.
-
-Die Matrosen, die ihn flink wie eine Katze und behend wie ein
-Eichhörnchen auf ihre Schiffe klettern sahen, dabei ein Liedchen
-singend oder lustige Reden führend, fragten ihn neugierig:
-
-„Wie geht es zu, kleiner Kerl, daß Du ein so jugendlich Aussehen hast,
-denn die Rede geht, daß es lange her ist, daß du in Damm geboren
-wurdest?“
-
-„Ich bin nicht Körper, sondern Geist,“ sagte er, „und Nele, mein
-Liebchen, gleicht mir. Vlämischer Geist, vlämische Liebe, wir werden
-nicht sterben.“
-
-„Gleichwohl blutest Du, wenn man Dich schneidet,“ sagten sie.
-
-„Das scheint nur so; es ist Wein und nicht Blut.“
-
-„Wir werden Dir einen Zapfen in den Bauch stecken.“
-
-„Ich werde mich allein leeren.“
-
-„Du spottest unser.“
-
-„Wer das Kalbfell schlägt, wird die Trommel hören,“ antwortete
-Ulenspiegel.
-
-Und die gestickten Banner der römischen Prozessionen flatterten an
-den Schiffsmasten. In Sammet, Brokat, Seide, Gold- und Silberstoff
-gekleidet, wie es die Äbte beim Hochamt tun, mit Mitra und Kreuz in
-den Händen und der Mönche Wein trinkend, so hielten die Geusen auf den
-Schiffen Wacht.
-
-Und es war ein seltsames Schauspiel, aus diesen reichen Gewändern diese
-rauhen Hände herausgucken zu sehen, die Hakenbüchse oder Armbrust,
-Hellebarde oder Picke trugen, lauter Männer mit hartem Gesicht und
-überdies mit Pistolen und Hirschfängern umgürtet, die in der Sonne
-glänzten. Sie tranken aus güldenen Kelchen den Klosterwein, welcher zum
-Weine der Freiheit geworden war.
-
-Und sie sangen und riefen: „Es lebe der Geuse!“ Und also segelten sie
-auf dem Meer und der Schelde.
-
-
-8
-
-Um dieselbige Zeit nahmen die Geusen, unter denen Lamm und Ulenspiegel
-waren, Gorkum ein. Sie wurden vom Kapitän Marin befehligt. Dieser
-Marin, der ehemals Deicharbeiter war, spreizte sich in großem Hochmut
-und Dünkel und unterzeichnete mit Gaspard Turc, dem Verteidiger von
-Gorkum, eine Kapitulation, laut welcher Turc, die Mönche, Bürger und
-Soldaten, so in der Zitadelle eingeschlossen waren, frei abziehen
-sollten mit der Kugel im Munde, der Muskete auf der Schulter mit
-allem, was sie tragen konnten. Nur die Kirchengüter sollten den
-Belagerern verbleiben. Doch der Kapitän Marin hielt auf Befehl von
-Messire de Lumey die dreizehn Mönche als Gefangene zurück und ließ die
-Soldaten und Bürger ziehen.
-
-Und Ulenspiegel sagte: „Soldatenwort soll gülden Wort sein. Warum hält
-er seines nicht?“
-
-Ein alter Geuse antwortete Ulenspiegel:
-
-„Die Mönche sind Satans Kinder, der Aussatz der Völker, die Schande der
-Länder. Seit dem Einmarsch des Herzog Alba tragen sie in Gorkum die
-Nase hoch. Einer unter ihnen, der Priester Nikolas, ist hoffärtiger als
-ein Pfau und wilder als ein Tiger. Allemal, wenn er mit seinem Heiligen
-Sakrament, darinnen seine aus Hundefett gemachte Hostie war, durch die
-Straße ging, sah er mit wütenden Blicken nach den Häusern, aus denen
-die Frauen nicht heraus kamen, um niederzuknieen. Er zeigte alle dem
-Richter an, die nicht vor seinem Götzenbild aus Teig und vergüldetem
-Kupfer das Knie beugten. Die andern Mönche taten des gleichen. Das war
-der Anlaß zu mehrfachem großen Jammer, Verbrennungen und grausamer
-Strafen in der Stadt Gorkum. Der Kapitän Marin tut wohl daran, die
-Mönche als Gefangene festzuhalten; wenn nicht, würden sie mit ihres
-Gleichen in die Dörfer, Marktflecken, Städte und Weiler gehen, gegen
-uns predigen, das Volk aufwiegeln und die armen Reformierten verbrennen
-lassen. Man legt die Bullenbeißer an die Kette, bis sie verenden; an
-die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden des Herzogs,
-in den Käfig mit den Henkern! Es lebe der Geuse!“
-
-„Aber Seine Gnaden von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß man bei
-denen, die sich ergeben, die persönliche Habe und das freie Gewissen
-achte,“ sprach Ulenspiegel.
-
-Die alten Geusen erwiderten:
-
-„Der Admiral will es nicht für die Mönche. Er ist Herr, er hat Briel
-erobert. In den Käfig mit den Mönchen!“
-
-„Soldatenwort, gülden Wort! Warum bricht er es?“ entgegnete
-Ulenspiegel. „Die Mönche, die im Gefängnis sind, erdulden da tausend
-Mißhandlungen.“
-
-„Die Asche brennt nicht mehr auf deinem Herzen,“ sagten sie.
-„Kraft der Edikte haben hunderttausend Familien die Handwerke, den
-Gewerbefleiß, den Reichtum unserer Länder nach dem Nordwesten,
-nach Engelland getragen; beklage denn die, so unser Verderben
-verschuldeten! Seit Kaiser Karl dem Fünften, dem ersten Henker, und
-unter dem gegenwärtigen, dem Blutkönig und zweiten Henker, sind
-hundertundachtzehntausend Personen hingerichtet worden. Wer trug die
-Totenkerze bei Mord und Tränen? Mönche und hispanische Söldner. Hörst
-du nicht die Seelen der Toten klagen?“
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. „Soldatenwort,
-ein gülden Wort.“
-
-„Wer wollte denn,“ so sprachen sie, „das Land durch die Exkommunikation
-bei allen Völkern in Acht und Bann tun? Wer hätte, wenn er es vermocht
-hätte, Erde und Himmel, Gott und Teufel und die Scharen der Heiligen
-gegen uns gewappnet? Wer schmierte die Hostien mit Ochsenblut ein und
-ließ die hölzernen Statuen weinen? Wer ließ auf unserm heimatlichen
-Boden den Sterbegesang erschallen, wenn nicht die verfluchte Klerisei,
-diese Horden faulenzender Mönche, um ihren Reichtum, ihren Einfluß über
-die Götzenanbeter zu behalten und durch Verderben, Blut und Feuer über
-das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit den Wölfen, die sich auf
-die am Boden Liegenden stürzen; in den Käfig mit den Hyänen! Es lebe
-der Geuse!“
-
-„Soldatenwort, gülden Wort,“ entgegnete Ulenspiegel.
-
-Des andern Tages kam ein Bote von Messire de Lumey mit dem Befehl, die
-neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel, allwo der Admiral
-war, bringen zu lassen.
-
-„Sie werden gehenkt werden,“ sagte der Kapitän Marin zu Ulenspiegel.
-
-„Nicht, so lange ich am Leben bin,“ versetzte er.
-
-„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „sprich nicht also zu Messire de Lumey. Er ist
-grimmig und wird dich ohne Gnade mit ihnen henken lassen.“
-
-„Ich werde der Wahrheit gemäß reden,“ erwiderte Ulenspiegel.
-„Soldatenwort, gülden Wort.“
-
-„Wenn Du sie retten kannst,“ sagte Marin, „so führe ihre Barke bis
-Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, und Deinen Freund Lamm mit, wenn Du
-willst.“
-
-„Ja, ich will,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-Die Barke legte am Quai Vert an, und die neunzehn Mönche stiegen
-hinein. Der furchtsame Rochus wurde ans Steuerruder gesetzt, und
-Ulenspiegel und Lamm nahmen wohlbewaffnet im Vorderteil des Fahrzeuges
-Platz. Verlotterte Söldner, die sich des Plünderns halber zu den Geusen
-geschlagen hatten, waren bei den hungernden Mönchen. Ulenspiegel gab
-ihnen zu trinken und zu essen. „Dieser wird Verrat üben,“ sprachen die
-verlotterten Söldner. Die neunzehn Mönche saßen blöd und schlotternd in
-der Mitte, ohngeachtet man im Juli war, die Sonne hell und warm schien
-und ein sanfter Wind die Segel der Barke schwellte, die schwer und
-rundbäuchig über die grünen Wogen glitt.
-
-Darauf redete Pater Nikolas und sprach zum Steuermann:
-
-„Rochus, führt man uns aufs Galgenfeld?“ Dann wandte er sich nach
-Gorkum, stand auf und reckte die Hand aus. „O, Stadt Gorkum! welch
-großes Wehe hast Du zu erleiden! Verflucht wirst Du sein unter
-den Städten, denn Du hast in Deinen Mauern den Samen der Ketzerei
-großgezogen! O Stadt Gorkum! Und der Engel des Herrn wird nicht mehr an
-Deinen Toren Wacht halten. Er wird nicht mehr für die Keuschheit Deiner
-Jungfrauen, den Mut Deiner Männer und den Reichtum Deiner Kaufleute
-sorgen! O Stadt Gorkum, verflucht bist Du, Unselige!“
-
-„Verflucht, verflucht,“ erwiderte Ulenspiegel, „verflucht wie der Kamm,
-der durchgefahren ist und die hispanischen Läuse mitgenommen hat.
-Verflucht wie der Hund, der die Kette zerbricht, wie das edle Roß,
-das einen grausamen Reiter von sich abschüttelt. Verflucht Du selbst,
-einfältiger Pfaff, der es schlecht findet, daß man die Rute, und wäre
-sie von Eisen, auf dem Rücken der Tyrannen zerbricht.“
-
-Der Mönch schwieg, schlug die Augen nieder und schien in frommen Haß
-versenkt.
-
-Die Söldner, so Plünderns halber zu den Geusen gekommen waren,
-saßen bei den Mönchen, die bald Hunger hatten. Ulenspiegel forderte
-Schiffsbrot und Hering für sie. Der Schiffsmeister antwortete:
-
-„Werfet sie in die Maas, da können sie den Hering ungesalzen fressen.“
-
-Darauf gab Ulenspiegel den Mönchen alles, was er an Brot und Wurst
-für sich und Lamm bei sich hatte. Der Schiffsmeister und die Söldner
-sprachen untereinander:
-
-„Das ist ein Verräter, er füttert die Mönche; er muß angezeigt werden.“
-
-In Dordrecht legte die Barke im Hafen am Bloemen-Key an. Männer,
-Frauen, Knaben und Mädchen kamen in Menge herbeigelaufen, die Mönche
-zu sehen, wiesen mit dem Finger auf sie oder drohten mit der Faust und
-sagten zueinander:
-
-„Sehet diese Wichte und Gottmacher, die die Leiber zum Scheiterhaufen
-und die Seelen ins ewige Feuer bringen; sehet die fetten Tiger und
-dickbäuchigen Hyänen.“
-
-Die Mönche senkten den Kopf und wagten nicht mehr zu sprechen, und
-Ulenspiegel sah sie abermals zittern.
-
-„Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,“ sagten sie.
-
-Aber der Schiffspatron sprach:
-
-„Wer trinkt allezeit? Der dürre Sand. Wer ißt allezeit? Der Mönch.“
-
-Ulenspiegel ging in die Stadt, um Brot, Schinken und einen großen Krug
-Bier für sie zu holen.
-
-„Esset und trinket,“ sprach er. „Ihr seid unsere Gefangenen, aber ich
-werde Euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort, gülden Wort.“
-
-„Weshalb gibst Du ihnen das? Sie werden Dir’s nicht lohnen,“ sagten die
-Söldner und sie sprachen leise miteinander und flüsterten sich diese
-Worte ins Ohr: „Er hat versprochen, sie zu retten; laßt uns ihn wohl
-bewachen.“
-
-Bei Tagesanbruch gelangten sie nach Briel. Nachdem ihnen die Tore
-geöffnet waren, ging ein Eilbote voraus, um Herrn de Lumey ihre Ankunft
-zu melden.
-
-Kaum hatte er die Kunde empfangen, so kam er, notdürftig bekleidet und
-von etlichen bewaffneten Reitern und Fußgängern gefolgt, angeritten.
-
-Und Ulenspiegel konnte zum andern Mal den grimmen Admiral sehen,
-gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überfluß lebt.
-
-„Seid gegrüßt, Ihr Herren Mönche,“ sprach er. „Hebt die Hände auf. Wo
-ist das Blut der Herren von Egmont und van Hoorn? Ihr zeigt mir eine
-weiße Pfote, das ist hübsch von Euch.“
-
-Ein Mönch, namens Leonard, sagte:
-
-„Mach mit uns, was Du willst. Wir sind Mönche, keiner wird Anspruch auf
-uns erheben.“
-
-„Er hat recht geredet,“ sprach Ulenspiegel. „Denn da der Mönch mit der
-Welt gebrochen hat, die Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Gattin
-und Liebste ist, so wird er in seinem letzten Stündlein keinen finden,
-der Anspruch an ihn erhebt. Ich aber, Excellenz, ich will es tun. Da
-der Kapitän Marin die Kapitulation von Gorkum unterzeichnete, machte er
-aus, daß diese Mönche frei sein sollten, wie alle, die in der Zitadelle
-gefangen wurden und aus der Stadt abzogen. Sie wurden jedoch ohne Grund
-als Gefangene zurückgehalten. Ich höre, daß sie gehenkt werden sollen.
-Euer Gnaden, ich wende mich in aller Demut an Euch und lege Fürsprache
-für sie ein; denn ich weiß: Soldatenwort ist gülden Wort.“
-
-„Wer bist Du?“ fragte Messire de Lumey.
-
-„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin ein Vläme aus dem
-schönen Land Flandern; ein Bauer und Edelmann, alles zumal. Also
-lustwandle ich durch die Welt, lobe die guten und schönen Dinge und
-spotte der Dummheit mit keckem Schnabel. Und ich will Euch preisen, so
-Ihr das Versprechen haltet, das der Kapitän gegeben hat: Soldatenwort
-ist gülden Wort.“
-
-Aber die Söldner, so auf dem Schiff waren, sagten:
-
-„Euer Gnaden, dieser Mensch ist ein Verräter. Er hat versprochen, sie
-zu retten; er hat ihnen Brot, Schinken, Wurst, Bier gegeben, und uns
-nichts.“
-
-Drauf sagte Messire de Lumey zu Ulenspiegel:
-
-„Lustwandelnder Vläme und Ernährer von Mönchen, Du wirst mit ihnen
-gehenkt werden.“
-
-„Ich habe keine Furcht,“ erwiderte Ulenspiegel, „Soldatenwort ist
-gülden Wort.“
-
-„Dir ist der Kamm trefflich geschwollen,“ sprach de Lumey.
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel.
-
-Die Mönche wurden in eine Scheune gebracht und Ulenspiegel mit ihnen;
-dort wollten sie ihn durch theologische Argumente bekehren, aber beim
-Zuhören schlief er ein.
-
-Dieweil Herr de Lumey bei Tafel war und sich an Wein und Fleisch
-gütlich tat, kam ein Bot von Gorkum vom Kapitän Marin mit der
-Abschrift der Briefe des Schweigers, Prinzen von Oranien: „Befehl an
-alle Gouverneure der Städte und andrer Orte, daß sie den Geistlichen
-gleichen Schutz, gleiche Sicherheit und Vorrechte wie dem übrigen Volk
-angedeihen lassen.“
-
-Der Bote verlangte bei de Lumey vorgelassen zu werden, um ihm die
-Abschrift der Briefe zu eignen Händen auszuantworten.
-
-„Wo ist das Original?“ fragte ihn de Lumey.
-
-„Bei meinem Gebieter Marin,“ sagte der Bote.
-
-„Und der Tölpel schickt mir die Abschrift!“ sagte de Lumey. „Wo ist
-Dein Paß?“
-
-„Hier, Euer Gnaden,“ sagte der Bote.
-
-Herr de Lumey las laut vor:
-
-„Der gnädige Herr und Hauptmann Marin Brandt befiehlt allen Beamten,
-Gouverneuren und Offizieren der Republik ungefährdet passieren zu
-lassen“ usw.
-
-De Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und zerriß den Paß. „Blut
-Gottes,“ schrie er, „was untersteht sich dieser Marin, dieser Lump, der
-vor der Einnahme von Briel nicht eine Heringsgräte zu beißen hatte! Er
-betitelt sich gnädiger Herr und Hauptmann und schickt mir Befehle, mir!
-Er verordnet und befiehlt! Sag Deinem gnädigen Herrn, daß er so sehr
-Hauptmann und gnädig ist, und so trefflich befehlen und verordnen kann,
-daß die Mönche alsogleich kurz und hoch sollen aufgehenkt werden, und
-Du mit ihnen, wenn Du Dich nicht packst.“
-
-Und mit einem Fußtritt stieß er ihn aus dem Saale.
-
-„Zu trinken!“ schrie er. „Habt Ihr die Anmaßung dieses Marin gesehen?
-Ich werde mein Essen wieder ausspeien, so wütend bin ich. Die Mönche
-sollen straks in ihrer Scheune gehenkt werden und der lustwandelnde
-Vläme soll hierher gebracht werden, nachdem er ihrer Hinrichtung
-beigewohnt hat. Wir wollen doch sehen, ob er es wagen wird, mir zu
-sagen, daß ich schlecht getan habe. Blut Gottes! Wozu braucht es hier
-noch Krüge und Gläser?“ Und mit lautem Krachen zerbrach er die Becher
-und das Geschirr, und niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. Die
-Diener wollten die Scherben auflesen, er duldete es nicht, und indem
-er ohne Maß die Flaschen austrank, geriet er noch mehr in Wut, rannte
-mit großen Schritten umher und trampelte und stampfte wütend auf die
-Scherben. Ulenspiegel ward vor ihn geführt.
-
-„Nun,“ sagte er zu ihm, „bringst Du Kunde von Deinen Freunden, den
-Mönchen?“
-
-„Sie sind gehenkt,“ sagte Ulenspiegel, „und ein feiger Henker, der aus
-Habgier schlachtet, hat dem einen, nachdem er tot war, Bauch und Seiten
-aufgeschlitzt, wie bei einem Schwein, das man ausnimmt, um sein Fett
-einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort ist nicht mehr gülden Wort.“
-
-De Lumey zerstampfte die Trümmer des Geschirrs.
-
-„Du trotzest mir, Du vier Schuh hoher Taugenichts, doch Du sollst auch
-gehenkt werden, nicht in einer Scheune, sondern auf offenem Markt, mit
-Schimpf und Schande vor allen Leuten.“
-
-„Schande über Euch,“ sagte Ulenspiegel. „Schande über uns. Soldatenwort
-kein gülden Wort mehr.“
-
-„Wirst Du schweigen, Eisenkopf!“ sagte Messire Lumey.
-
-„Schande über Dich,“ sprach Ulenspiegel, „Soldatenwort kein gülden Wort
-mehr. Bestrafe lieber die schändlichen Händler mit Menschenfett.“
-
-Darauf stürzte sich Herr de Lumey auf ihn, um ihn zu schlagen.
-
-„Schlag zu,“ sagte Ulenspiegel, „ich bin Dein Gefangener, aber ich habe
-keine Furcht vor Dir. Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“
-
-Da zog Herr von Lumey seinen Degen und hätte Ulenspiegel gewißlich
-getötet, dafern nicht Herr von Très-Long seinen Arm festgehalten und zu
-ihm gesagt hätte:
-
-„Erbarme Dich! Er ist ehrlich und tapfer und hat kein Verbrechen
-begangen.“
-
-Da besann sich de Lumey und sprach:
-
-„Er möge um Pardon bitten“.
-
-Doch Ulenspiegel blieb stehen und sagte:
-
-„Das werde ich nicht tun.“
-
-„Dann soll er zum wenigsten sagen, daß ich nicht Unrecht gehabt habe,“
-schrie de Lumey, in Wut geratend.
-
-Ulenspiegel entgegnete:
-
-„Ich bin kein Speichellecker großer Herren; Soldatenwort kein gülden
-Wort mehr.“
-
-„Der Galgen soll aufgerichtet werden,“ sagte de Lumey. „Führt ihn hin;
-so wird es ein hanfenes Wort sein.“
-
-„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „und vor allem Volk werde ich Dir zurufen:
-Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr!“
-
-Der Galgen ward auf dem großen Markt errichtet, und die Kunde durchlief
-alsbald die Stadt, daß Ulenspiegel, der tapfere Geuse, gehenkt werden
-sollte. Und das Volk ward von Mitleid und Teilnahme ergriffen. In
-hellen Haufen kam es zum Großen Markt, und Herr de Lumey kam auch
-angeritten, da er selber das Zeichen zur Hinrichtung geben wollte.
-
-Ohne Erbarmen sah er Ulenspiegel mit dem Totenhemd angetan, auf der
-Leiter stehen, die Arme am Körper festgebunden, die Hände gefaltet, den
-Strick um den Hals, und den Henker bereit, seines Amtes zu walten.
-
-Très-Long sagte:
-
-„Euer Gnaden, verzeihet ihm, er ist kein Verräter, und niemand hat je
-einen Menschen henken sehen, weil er aufrichtig und mitleidig war.“
-
-Und als die Männer und Weiber aus dem Volk Très-Long reden hörten,
-schrien sie: „Erbarmen, Euer Gnaden, Erbarmen und Gnade für
-Ulenspiegel!“
-
-„Dieser Eisenkopf hat mir getrotzt,“ sprach de Lumey, „er möge bereuen
-und sagen, daß ich recht getan habe.“
-
-„Willst Du bereuen und sagen, daß er recht getan habe?“ sagte Très-Long
-zu Ulenspiegel.
-
-„Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.
-
-„Zieht den Strick zu,“ sagte de Lumey.
-
-Der Henker wollte gehorchen; da sprang ein junges Mädchen, ganz in Weiß
-gekleidet, mit einem Blumenkränzlein im Haar, wie rasend die Stufen des
-Blutgerüsts hinauf, warf sich an Ulenspiegels Brust und sagte:
-
-„Dieser Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.“
-
-Und das Volk klatschte in die Hände und die Weiber schrieen:
-
-„Es lebe das Dirnlein, Ulenspiegels Retterin!“
-
-„Was bedeutet das?“ fragte Herr de Lumey.
-
-Très-Long antwortete:
-
-„Nach Sitte und Brauch der Stadt ist es Recht und Gesetz, daß ein
-junges Weib, Jungfrau oder ledig, einen Mann vom Strang errettet, wenn
-sie ihn am Fuße des Galgens zum Gatten nimmt.“
-
-„Gott ist mit ihm,“ sprach de Lumey, „bindet ihn los.“
-
-Darauf ritt er an das Gerüst heran und sah das Mägdlein geschäftig,
-Ulenspiegels Stricke zu zerschneiden, und der Henker wollte sich ihrem
-Vorhaben widersetzen und sagte:
-
-„So Ihr sie zerschneidet, wer wird sie bezahlen?“
-
-Aber das Mägdlein hörte ihn gar nicht.
-
-Da er sah, daß sie so behend, verliebt und klug war, ward er gerührt.
-
-„Wer bist Du?“ fragte er.
-
-„Ich bin Nele, seine Braut, und komme aus Flandern, ihn zu suchen.“
-
-„Du tatest recht,“ sagte de Lumey in rauhem Ton.
-
-Und er ritt von dannen.
-
-Drauf kam Très-Long heran.
-
-„Kleiner Vläme,“ sagte er, „wirst Du als Ehemann noch Soldat auf unsern
-Schiffen bleiben?“
-
-„Ja, Herr,“ antwortete Ulenspiegel.
-
-„Und Du, Mägdlein, was wirst Du ohne Deinen Mann anfangen?“
-
-Nele antwortete:
-
-„Wenn Ihr erlaubt, Herr, werde ich auf seinem Schiff Pfeifer werden.“
-
-„Ich erlaube es,“ sagte Très-Long.
-
-Und er gab ihr zwei Gülden für die Hochzeit.
-
-Und Lamm sagte, vor Freude weinend und lachend:
-
-„Hier sind noch drei Gülden: wir wollen alles aufessen, ich bezahle.
-Laßt uns zum „Güldenen Kamm“ gehen. Mein Freund ist nicht tot. Es lebe
-der Geuse!“
-
-Und das Volk klatschte Beifall, und sie gingen zum „Güldenen Kamm“,
-allwo ein großer Schmaus bestellt ward, und Lamm warf Heller zum
-Fenster hinaus für das Volk.
-
-Und Ulenspiegel sagte zu Nele:
-
-„Herzallerliebste, da bist Du also bei mir! O, Jubel! Sie ist hier, mit
-Leib, Herz und Seele, mein süßes Liebchen. O, die sanften Augen und
-die schönen roten Lippen, von welchen immer nur gute Worte kamen. Auf
-unsern Schiffen wirst Du die Pfeife der Freiheit blasen. Entsinnst Du
-Dich ... Doch nein ... Unser ist die gegenwärtige Stunde voller Wonne,
-und mein ist Dein Antlitz hold wie Blüten des Rosenmonds. Ich bin im
-Paradiese. Doch Du weinst ...?“
-
-„Sie haben sie umgebracht,“ sprach sie.
-
-Und sie erzählte ihm die Leidensgeschichte.
-
-Und sich einander anschauend, weinten sie vor Liebe und Schmerz. Und
-beim Festmahl aßen und tranken sie, und Lamm blickte sie betrübt an und
-sagte:
-
-„Ach, mein Weib, wo bist Du?“
-
-Und der Priester kam und traute Nele und Ulenspiegel.
-
-Und die Morgensonne fand sie nebeneinander auf ihrem Hochzeitslager.
-
-Und Neles Haupt ruhte auf Ulenspiegels Schulter. Und als sie beim
-Sonnenschein erwachte, sagte er:
-
-„Blühendes Antlitz und sanftes Herz, wir werden Flanderns Rächer sein.“
-
-Und sie küßte ihn auf den Mund und sagte: „Närrischer Sinn und starker
-Arm, Gott wird Pfeife und Degen segnen.“
-
-„Ich werde Dir ein Soldatenkleid machen.“
-
-„Sogleich?“ fragte sie.
-
-„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. „Aber wer sagt doch, daß morgens
-die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist weit besser.“
-
-
-9
-
-Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten, gleich ihren Freunden und Gefährten,
-den Klöstern die Habe wieder abgenommen, so diese dem Volke durch
-Prozessionen, falsche Wunder und andere römische Gaukeleien aus der
-Tasche gezogen hatten.
-
-Dies war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen, aber
-das Geld diente zur Bezahlung der Kriegskosten.
-
-Lamm Goedzak, nicht zufrieden, sich mit Geld zu versorgen, raubte
-Schinken, Würste, Flaschen, Wein und Bier aus den Klöstern und kehrte
-frohgemut zurück, ein Wehrgehenk mit Geflügel, Truthennen, Kapaunen,
-Hühnern und Kücken auf der Brust tragend und etliche mönchische Kälber
-und Schweine an einem Strick hinterdreinschleifend. Und das gemäß dem
-Kriegsrecht, wie er sagte.
-
-Hocherfreut über jede Beute, trug er sie aufs Schiff, damit man damit
-Schmausereien und Gelage veranstaltete; gleichwohl beklagte er sich,
-daß der Schiffskoch in der Wissenschaft der Brühen und Fleischgerichte
-so unbewandert sei.
-
-Eines Tages, da die Geusen siegesfroh ihren Wein schlürften, sprachen
-sie zu Ulenspiegel:
-
-„Du hast immer die Nase nach dem Winde, um Zeitung vom Festland zu
-wittern; Du kennst alle Kriegsabenteuer: sing sie uns vor. Indes wird
-Lamm die Trommel schlagen und der hübsche Pfeifer wird nach dem Takt
-Deines Liedes blasen.“
-
-Und Ulenspiegel sagte:
-
-„An einem hellen, kühlen Maitage findet Ludwig von Nassau, der in Mons
-einzurücken gedenkt, nicht Fußsoldaten noch Reiterei. Etliche heimliche
-Anhänger hielten ein Tor offen und eine Brücke war herabgelassen, auf
-daß er in Besitz der Stadt käme. Aber die Bürger bemächtigten sich der
-Stadt und des Tores. Wo sind des Grafen Ludwig Soldaten? Die Bürger
-wollen die Brücke aufziehen. Graf Ludwig stößt ins Horn.“
-
-Und Ulenspiegel sang:
-
- „Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?
- Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,
- So dürres Reis wie zarte Maienblumen.
- Die liebe Sonne lässet ihre roten
- Und kriegerischen Angesichter glänzen
- Und ihrer Renner blanke Kruppen.
- Graf Ludwig stößt ins Horn.
- Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.
-
- Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,
- Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,
- Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,
- Fliegen die schweren Reiter heran!
- Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!
- Die Brücke hebt sich ... Gespornt
- Der Schlachtrosse blutende Flanken!
- Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!
-
- Sie sind davor. Ist es zu spät?
- In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,
- Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,
- Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.
- Die Stadt gewonnen! Höret Ihr
- Auf dem Pflaster von Mons,
- Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,
- Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?
-
- Heil Chaumont und dem spanischen Hengst
- Schmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!
- Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;
- Die Lerche steigt singend gen Himmel.
- Heil dem Vogel der Freiheit!
- Rühret die Siegestrommel!
- Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!
- Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“
-
-Und die Geusen sangen auf den Schiffen: „Christe, schau nieder auf
-Deine Soldaten. Schärfe unsere Waffen, Herr. Es lebe der Geuse!“
-
-Und Nele ließ lächelnd die schrillen Töne der Pfeife erklingen,
-und Lamm schlug die Trommel, und die güldenen Kelche und die
-Freiheitslieder erhoben sich zum Himmel, dem Tempel Gottes. Und gleich
-Meerjungfrauen murmelten die klaren, kühlen Wogen melodisch um das
-Schiff.
-
-
-10
-
-An einem Tag im Augustmond, einem schwülen, heißen Tage blies Lamm
-Trübsal. Seine lustige Trommel war still und schlief, und die
-Trommelstöcke sahen aus seiner Kriegstasche hervor.
-
-Ulenspiegel und Nele lächelten vor verliebten Wohlbehagen und wärmten
-sich in der Sonne; die Marswachen pfiffen oder sangen, dieweil sie über
-das weite Meer Ausschau hielten, ob sie am Horizont nicht etwelche
-Beute erspähten. Wenn Très-Long sie fragte: sagten sie immer: „_Niets_,
-nichts.“
-
-Und Lamm, bleich und niedergedrückt, seufzte erbärmlich. Und Nele sagte:
-
-„Woher kommt es, Lamm, daß Du so bekümmert bist?“
-
-Und Ulenspiegel sprach zu ihm:
-
-„Du wirst mager, mein Sohn.“
-
-„Ja,“ sagte Lamm, „ich bin betrübt und mager. Mein Herz büßt seine
-Heiterkeit und mein Vollmondsgesicht seine Frische ein. Ja, lacht
-nur über mich, Ihr, die Ihr Euch durch tausend Gefahren wiederfandet.
-Spottet des armen Lamm, der, wiewohl verheiratet, wie ein Witwer lebt,
-indes die da“, sprach er, auf Nele deutend, „ihren Mann der Umarmung
-des Strickes entriß, der sein letztes Liebchen sein wird. Sie tat wohl
-daran, Gott sei gelobt, aber sie muß nicht über mich lachen. Jawohl,
-Du mußt nicht über den armen Lamm lachen, Nele, mein Herzchen! Mein
-Weib lacht für zehn. Ach, Ihr Weiber seid grausam gegen die Schmerzen
-Andrer. Ja, mein Herz ist betrübt, vom Schmerze der Trennung verwundet,
-und nichts kann es trösten, denn sie allein.“
-
-„Oder irgend ein Fleischgericht,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Wohl,“ sprach Lamm, „wo ist auf diesem elenden Schiff das Fleisch?
-Auf den Schiffen des Königs kriegen sie es viermal in der Woche,
-dafern nicht Fasttag ist, und dreimal Fisch. Was die Fische angeht,
-Gott verdamme mich, wenn dies Faserzeug / ich meine ihr Fleisch /
-etwas anderes tut als mir unnütz das Blut zu erhitzen, mein armes
-Blut, das sich bald in Wasser verwandeln wird. Sie haben Bier, Käse,
-Suppe und gutes Getränk. Ja, sie haben alles für des Magens Behagen:
-Schiffszwieback, Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles:
-gedörrten Fisch, Käse, Senfsamen, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze,
-Essig, Öl, Talg, Holz und Kohlen. Uns aber hat man verboten, Vieh zu
-rauben, wessen es auch sei, eines Bürgers, Abtes oder Edelmannes.
-Wir essen Hering und trinken Dünnbier. Wehe, ich habe nichts mehr;
-nicht Frauenliebe, noch guten Wein, nicht Doppel-Braunbier, noch gute
-Nahrung. Wo sind hier unsere Freuden?“
-
-„Das will ich Dir sagen, Lamm,“ antwortete Ulenspiegel. „Auge um Auge,
-Zahn um Zahn. In der Bartholomäusnacht zu Paris haben sie zehntausend
-freie Seelen allein in der Stadt Paris getötet, der König hat selbst
-auf sein Volk geschossen. Erwache, Vläme, ergreife das Beil ohne
-Erbarmen: Das sind unsere Freuden. Triff den feindlichen, römischen
-Spanier, wo immer Du ihn findest. Laß Deine Esserei beiseite. Sie
-haben die Opfer, tot oder lebendig, an ihren Fluß geschafft und sie zu
-ganzen Wagenladungen ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst
-Du, Lamm? Die Seine war neun Tage lang rot, und die Raben ließen sich
-in Scharen auf die Stadt nieder. In La Charité, Rouen, Toulouse,
-Lyon, Bordeaux, Bourges und Meaux war das Blutbad entsetzlich. Siehst
-Du die Scharen vollgefressener Hunde, die sich bei den Kadavern
-niederlegen? Ihre Zähne sind müde von der Arbeit; der Flug der Raben
-ist schwerfällig, so sehr haben sie sich den Magen mit dem Fleische der
-Opfer angefüllt. Hörst Du die Stimmen der Seelen, Lamm, die um Rache
-und Mitleid gen Himmel schreien? Erwache, Vläme. Du sprichst von Deiner
-Frau. Ich glaube nicht, daß sie untreu ist, aber betört, und sie liebt
-Dich noch, armer Freund. Sie war nicht unter den Damen vom Hofe, die
-in der Nacht des Blutbades die Leichen entblößten, um zu sehen, ob
-ihre Männlichkeit groß oder klein war. Und sie lachten, diese großen
-Damen, groß in Unzucht. Freue Dich, mein Sohn, trotz Deines Fisches und
-Dünnbiers. Wenn der Nachgeschmack des Herings widerlich ist, so ist es
-der Geruch dieser Geilheit noch mehr. Die geschlachtet haben, halten
-Festmahle, und mit schlecht gewaschenen Mörderhänden zerlegen sie die
-fetten Gänse, um den artigen Pariser Edelfräulein die Flügel, Füße
-und das Hinterteil anzubieten. Die aber hatten zuvor anderes Fleisch,
-kaltes Fleisch berührt.“
-
-„Ich werde nicht mehr klagen, mein Sohn,“ sagte Lamm und stand auf.
-„Für die freien Seelen ist der Hering eine Fettammer und das Dünnbier
-gleicht Malvasier.“
-
-Und Ulenspiegel sprach:
-
- „Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.
- In Trümmern und Blut
- Erblüht die Rose der Freiheit.
- So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?
-
- Nach dem Triumph der Hyäne
- Kommt die Zeit des Löwen.
- Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.
- Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“
-
-Und die Geusen auf den Schiffen sangen:
-
- „Das gleiche Los droht uns vom Herzog.
- Auge um Auge, Zahn um Zahn,
- Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“
-
-
-11
-
-In einer düsteren Nacht, als der Donner in den Tiefen der Wetterwolken
-grollte, war Ulenspiegel mit Nele auf Deck und sprach:
-
-„All unsere Lichter sind gelöscht. Wir sind Füchse, die nachts auf
-das spanische Geflügel lauern, das ist auf ihre zweiundzwanzig Kuffs,
-reiche Schiffe, darauf die Laternen schimmern, die für sie böse Sterne
-sind. Und wir werden sie verfolgen.“
-
-Nele sprach:
-
-„Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie der
-Höllenschlund, die Sterne funkeln wie Satans Lächeln, der ferne Donner
-grollt dumpf, die Möwen fliegen laut kreischend vorüber. Das Meer wälzt
-seine phosphorschimmernden Wellen wie silberne Schlangen. Tyll, mein
-Geliebter, komm in die Welt der Geister. Nimm das Zauberpulver“ ...
-
-„Werde ich die Sieben sehen, Liebchen?“
-
-Und sie nahmen das Zauberpulver.
-
-Und Nele drückte Ulenspiegel die Augen zu und Ulenspiegel schloß sie
-Nele. Und sie erblickten ein grausames Schauspiel.
-
-Himmel, Erde und Meer waren voll von Männern, Weibern und Kindern, die
-da arbeiteten, ruderten, wanderten oder träumten. Das Meer schaukelte
-sie, die Erde trug sie und sie wimmelten wie Aale in einem Korbe.
-
-Sieben Männer und Frauen saßen mitten im Himmel auf Thronen, die
-Stirnen mit einem glänzenden Sterne gekrönt; aber sie waren so
-verschwommen, daß Nele und Ulenspiegel nur ihre Sterne deutlich
-erblickten.
-
-Das Meer stieg bis zum Himmel und wälzte in seinem Schaum eine Unzahl
-von Schiffen, deren Masten und Takelwerk nach der Willkür der stürmisch
-bewegten Wogen aneinanderstießen, sich verwickelten, zerbrachen und
-zerspellten. Dann erschien ein Schiff inmitten aller andern. Seine
-Verschalung war von glühendem Eisen, der stählerne Kiel scharf wie ein
-Messer. Das Wasser schrie und ächzte, wenn es hindurchfuhr. Der Tod
-saß hohnlachend auf dem Heck, in der einen Hand seine Hippe, in der
-andern eine Peitsche, womit er sieben Personen schlug. Die eine war
-ein trübseliger, magerer, hochmütiger, schweigsamer Mensch. In der
-einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen Degen. Neben ihm
-saß eine rothaarige Dirne auf einer Ziege, ihre Brüste waren bloß,
-ihr Kleid offen und sie hatte freche Augen. Unzüchtig reckte sie sich
-zur Seite eines alten Juden, der Nägel aufsammelte, und eines dicken,
-gedunsenen Mannes, der allemal umfiel, wenn sie ihn aufrichtete. Ein
-mageres, wütendes Weib prügelte alle beide. Der dicke Mann rächte sich
-nicht, noch minder seine rothaarige Gefährtin. Ein Mönch in ihrer Mitte
-aß Würste. Ein Weib, das auf der Erde lag, kroch wie eine Schlange
-zwischen den andern hindurch, biß den alten Juden wegen seiner alten
-Nägel, den gedunsenen Mann, weil er zu gemächlich war, die rothaarige
-Dirne wegen des feuchten Schimmers ihrer Augen, den Mönch wegen der
-Würste, und den Magern wegen seines Zepters. Und alsbald prügelten sich
-alle.
-
-Als sie weiterfuhren, ward die Schlacht auf dem Meer, im Himmel und auf
-Erden entsetzlich. Es regnete Blut. Die Schiffe wurden von Beilhieben,
-Büchsen- und Kanonenschüssen zerschmettert, ihre Trümmer flogen mitten
-im Pulverdampf in die Luft. Auf dem Lande prallten die Heere wie eherne
-Mauern zusammen. Städte, Dörfer und Ernten verbrannten unter Geschrei
-und Tränen. Die stolzen Schattenrisse der ragenden Glockentürme hoben
-sich wie steinerne Spitzenzier vom Feuerschein ab; dann stürzten sie
-gleich gefällten Eichen dröhnend zu Boden. Schwarze Reiter, zahlreich
-und dicht wie Ameisenhaufen, den Degen in der Hand und die Pistole in
-der Faust, töteten Männer, Weiber und Kinder. Etliche schlugen Löcher
-ins Eis und senkten lebende Greise hinein; andere schnitten den Weibern
-die Brüste ab und streuten Pfeffer darauf, andere henkten Kinder in den
-Essen auf. Die des Tötens müde waren, taten irgend einem Mädchen oder
-einer Frau Gewalt an, tranken, spielten Würfel und wühlten mit roten
-Fingern in Goldhaufen, dem Ertrage der Plünderung.
-
-Die sieben Sterngekrönten riefen: „Erbarmen für die arme Welt!“
-
-Und die Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen denen von
-tausend Fischadlern, die zumal schrieen. Und der Tod schwang seine
-Hippe.
-
-„Hörst Du sie?“ sagte Ulenspiegel; „das sind die Raubvögel der armen
-Menschen. Sie nähren sich von kleinen Vögeln, nämlich den Schlichten
-und Guten.“
-
-Die sieben Sterngekrönten riefen: „Liebe, Gerechtigkeit,
-Barmherzigkeit!“
-
-Und die sieben Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen denen
-von tausend Fischadlern, die zumal schreien. Und der Tod peitschte sie.
-
-Und das Schiff fuhr mitten hindurch und schnitt Kriegsschiffe, Boote,
-Männer, Weiber und Kinder entzwei. Die Klagen der Opfer, die „Erbarmen“
-riefen, widerhallten auf dem Meere. Und das rote Schiff segelte über
-sie alle hinweg, dieweil die lachenden Gespenster gleich Seeadlern
-schrieen. Und der Tod trank hohnlachend das blutige Wasser.
-
-Da das Schiff im Nebel verschwunden war, hörte die Schlacht auf und die
-sieben Sterngekrönten vergingen.
-
-Und Ulenspiegel und Nele sahen nichts mehr denn den schwarzen
-Himmel, die hochgehende See, die düstern Wetterwolken, die auf dem
-phosphorschimmernden Wasser heranzogen, und ganz nahe rote Sterne. Es
-waren die Laternen der zweiundzwanzig Kuffs. Das Meer und der Donner
-grollten dumpf.
-
-Und Ulenspiegel läutete sacht die Alarmglocke und rief: „Der Spanier,
-der Spanier! Er segelt auf Vlissingen!“ Und der Ruf hallte wider durch
-die ganze Flotte.
-
-Und Ulenspiegel sagte zu Nele:
-
-„Ein grauer Schimmer breitet sich über Himmel und Meer aus. Die
-Laternen leuchten nur noch schwach; der Tag bricht an, der Wind frischt
-auf, die Wogen schleudern ihren Schaum über das Deck der Schiffe,
-ein starker Regen fällt und hört sogleich wieder auf. Die Sonne geht
-strahlend auf und vergoldet die Wogenkämme; das ist Dein Lächeln, Nele,
-frisch wie der Morgen, sanft wie der Sonnenstrahl.“
-
-Die zweiundzwanzig Kuffs segeln vorbei. Auf den Schiffen der Geusen
-dröhnen die Trommeln und schrillen die Pfeifen; de Lumey ruft:
-„Auf Befehl des Prinzen: Klar zum Entern!“ Ewont Pietersen Wort,
-Vizeadmiral, ruft: „Auf Befehl Seiner Gnaden von Oranien und des Herrn
-Admirals: Klar zum Entern!“ Auf allen Schiffen, „Johanna“, „Schwan“,
-„Anne-Mie“, „Geuse“, „Kompromiß“, „von Egmont“, „von Hoorn“, „Willem de
-Zwyger“, rufen alle Kapitäne: „Auf Befehl seiner Gnaden von Oranien und
-des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“
-
-„Klar zum Entern! es lebe der Geuse!“ rufen die Soldaten und Matrosen.
-
-Très-Longs Hucker, „Briel“ genannt, auf dem Ulenspiegel und Lamm sind,
-gefolgt von „Johanna“, „Schwan“ und „Geuse“, erobert vier Kuffs.
-Die Geusen werfen alles, was spanisch ist, ins Wasser, nehmen die
-Niederländer gefangen, leeren die Schiffe aus wie Eierschalen und
-lassen sie ohne Mast noch Segel in die Rhede treiben. Dann machen sie
-Jagd auf die achtzehn andern. Der Wind weht heftig von Antwerpen,
-die Längsseiten der schnellen Schiffe neigen sich unter der Wucht
-der geschwellten Segel ins Wasser des Flusses, wie Mönchswangen beim
-Winde, der aus den Küchen kommt. Die Kuffs fahren schnell; die Geusen
-verfolgen sie bis in die Rhede von Middelburg unter dem Feuer der
-Forts. Da entspinnt sich eine blutige Schlacht. Die Geusen schwingen
-sich mit Äxten auf die Decks der Schiffe, die alsbald mit abgehauenen
-Armen und Beinen übersäet sind, also daß sie nach der Schlacht
-körbeweise in die Fluten geworfen werden müssen. Die Forts feuern auf
-sie; sie spotten ihrer, und mit dem Ruf: „Es lebe der Geuse!“ nehmen
-sie Pulver, Bomben, Kugeln und Getreide aus den Kuffs. Nachdem sie
-sie entleert haben, stecken sie sie in Brand, lassen sie rauchend und
-brennend in der Rhede zurück und segeln nach Vlissingen.
-
-Von dort werden sie Mannschaft aussenden, um die Deiche von Holland
-und Zeeland zu durchstechen und beim Bau neuer Schiffe zu helfen,
-sonderlich der Vliebote von hundertundvierzig Tonnen, welche bis zu
-zwanzig gußeiserne Feldstücke tragen können.
-
-
-12
-
-Es schneit auf die Schiffe. Ganz weiß ist die Luft bis weit in die
-Ferne und ohn Unterlaß fällt der Schnee und sinkt weich in die schwarze
-Flut, wo er schmilzt.
-
-Es schneit auf das Land, ganz weiß sind die Wege, ganz weiß die
-schwarzen Umrisse der entblätterten Bäume. Kein Laut als die fernen
-Glocken von Haarlem, welche die Stunde läuten, und das fröhliche
-Glockenspiel, das seine gedämpften Töne in die dicke Luft hinaussendet.
-
-„Ihr Glocken, läutet nicht, Ihr Glocken, spielt nicht Eure schlichten,
-holden Weisen: Don Federigo naht, der junge Blutherzog. Er marschiert
-auf Dich los, und ihm folgen fünfunddreißig Fähnlein Spanier, Deine
-tödlichen Feinde, o Haarlem, Stadt der Freiheit; zweiundzwanzig
-Fähnlein Wallonen, achtzehn Fähnlein Deutsche, achthundert Pferde und
-viel Geschütz. Hörst Du das Dröhnen dieses mörderischen Eisenwerks
-auf den Lafetten? Falkonetts, Feldschlangen, kurze Kanonen mit
-großem Rachen, all das ist für Dich, Haarlem. Glocken, läutet nicht,
-Glockenspiel, sende nicht Deine frohen Weisen in die dicke Schneeluft
-hinauf.“
-
-„Wir Glocken werden läuten; ich, das Glockenspiel, werde meine kühnen
-Klänge in die dicke Schneeluft hinaufsenden.“ Haarlem ist die Stadt
-der tapferen Herzen, der mutigen Frauen. Ohne Furcht sieht sie von
-ihren Glockentürmen die schwarzen Scharen ihrer Henker wie höllische
-Ameisenhaufen kribbeln. Ulenspiegel, Lamm und hundert Meergeusen sind
-in ihren Mauern. Ihre Flotte kreuzt auf dem See.“
-
-„Mögen sie kommen!“ sagen die Einwohner. „Wir sind nur Bürger, Fischer,
-Seeleute und Frauen. Um bei uns einzudringen, braucht Herzog Albas
-Sohn, so sagt er, keine andren Schlüssel als sein Geschütz. Möge er die
-schwachen Tore öffnen, wenn er kann; er wird Männer dahinter finden.
-Läutet, Glocken; sende Deine fröhlichen Weisen, o Glockenspiel, in die
-schwere Schneeluft hinauf.
-
-„Wir haben nur schwache Mauern und Gräben nach alter Art. Vierzehn
-Kanonen speien ihre sechsundvierzigpfündigen Kugeln auf die
-~Cruys-poort~. Stellt Männer hin, wo Steine fehlen. Die Nacht kommt,
-ein jeder arbeitet; es ist, als habe das Geschütz nie hindurch
-geschossen. Auf die ~Cruys-poort~ haben sie sechshundertachtzig Kugeln
-geschossen, auf die Porte Saint-Jean sechshundertfünfundsiebzig. Diese
-Schlüssel schließen nicht, denn siehe, dahinter erhebt sich ein neues
-Bollwerk. Läutet, Glocken, sende, Glockenspiel, Deine fröhlichen Weisen
-in die schwere Schneeluft hinauf.
-
-„Das Geschütz schießt, schießt immerfort gegen die Mauern; die Steine
-springen ab, die Mauerecken stürzen ein. Die Bresche ist weit genug,
-daß eine Kompagnie in Front hindurch könnte. „Sturm! Tod! Tod!“
-schreien sie. Sie stürmen an, es sind ihrer zehntausend. Laßt sie mit
-ihren Laufbrücken und Sturmleitern die Festungsgräben passieren. Unser
-Geschütz ist bereit. Das ist die Schar der Todgeweihten. Grüßt sie,
-Kanonen der Freiheit! Sie grüßen: die Kettenkugeln, die brennenden
-Pechkränze, die zischend fliegen und die Masse der Stürmenden
-durchbrechen, zerschlagen, in Brand setzen und blenden, also daß sie
-weichen und in Verwirrung fliehen. Fünfzehnhundert Tote erfüllen den
-Graben. Läutet, Glocken, und Du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen
-Weisen in die schwere Schneeluft hinauf!
-
-„Erneuert den Sturm! Sie wagen es nicht. Sie verlegen sich wieder aufs
-Schießen und Minenlegen. Wir verstehen uns auch auf diese Kunst. Unter
-ihnen, unter ihnen zündet die Lunte an; lauft, wir werden ein schönes
-Schauspiel sehen. Vierhundert Spanier fliegen in die Luft. Das ist
-nicht der Weg nach dem ewigen Feuer. O, der schöne Tanz beim silbernen
-Klang unserer Glocken, bei der fröhlichen Musik unseres Glockenspiels!
-
-„Sie ahnen nicht, daß der Prinz über uns wacht, daß alle Tage Schlitten
-mit Getreide und Pulver durch wohlbewachte Zugänge zu uns gelangen;
-das Getreide für uns, das Pulver für sie. Wo sind ihre sechshundert
-Deutschen, die wir im Haarlemer Wald erschlugen und ertränkten? Wo
-sind die elf Fahnen, die wir ihnen abnahmen, die sechs Geschütze und
-fünfzig Ochsen? Wir hatten einen Mauergürtel, jetzt haben wir deren
-zwei. Selbst die Frauen kämpfen, und Kennan führt ihre tapfere Schar.
-Kommt, Henker, rückt in unsere Gassen ein, die Kinder werden Euch mit
-ihren kleinen Messern die Kniekehlen zerschneiden. Läutet, Ihr Glocken,
-und du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen in die dicke Luft
-hinauf!
-
-„Aber das Glück ist nicht mit uns. Die Flotte der Geusen ist auf
-dem See geschlagen. Geschlagen sind die Truppen, die Oranien uns zu
-Hilfe geschickt hatte. Es friert, es friert stark. Keine Hilfe! Auch
-leisten wir, tausend gegen zehntausend, fünf Monate lang Widerstand.
-Jetzt müssen wir mit unsern Peinigern unterhandeln. Wird der junge
-Blutherzog, der uns den Untergang schwor, von keinem Vergleich hören
-wollen? Wir wollen alle Soldaten mit ihren Waffen ausfallen lassen, sie
-werden die feindlichen Scharen durchbrechen. Aber die Frauen sind an
-den Toren und fürchten, man werde sie allein die Stadt bewachen lassen.
-Glocken, läutet nicht mehr; Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen
-nicht mehr in die Luft hinauf!
-
-„Jetzt haben wir Juni, das Heu duftet, das Getreide wird gülden in der
-Sonne, die Vögel singen; wir haben fünf Monde lang Hunger gelitten,
-die Stadt ist in Trauer. Wir ziehen alle aus Haarlem heraus, die
-Schützen voran, um den Weg zu bahnen, die Frauen und die Kinder und der
-Magistrat hinterdrein, beschützt vor dem Fußvolk, das über die Bresche
-Wacht hält. Ein Brief, ein Brief des jungen Blutherzogs. Ist’s Tod, was
-er kündet? Nein, Leben für alles, was in der Stadt ist. O unerwartete
-Güte -- Lüge vielleicht! Wirst Du wiederum singen, fröhliches
-Glockenspiel? Sie rücken in die Stadt ein.“
-
-Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten die Tracht der deutschen Söldner
-angelegt, die, sechshundert an der Zahl, mit ihnen im Kloster der
-Augustiner eingesperrt waren.
-
-„Wir werden heute sterben,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu Lamm.
-
-Und er preßte Neles reizenden Körper, der vor Furcht bebte, an seine
-Brust.
-
-„Ach, meine Frau, die werde ich nicht wiedersehen,“ sprach Lamm. „Aber
-vielleicht wird uns unsere deutsche Soldatentracht das Leben retten?“
-
-Ulenspiegel schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er an keine Gnade
-glaubte.
-
-„Ich höre den Lärm des Plünderns nicht,“ sagte Lamm.
-
-Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Die Bürger haben dem Abkommen gemäß Plünderung und Leben um die Summe
-von zweihundertvierzigtausend Gülden erkauft. Sie werden binnen zwölf
-Tagen hunderttausend Gülden bar und den Rest drei Monate später zahlen.
-Den Frauen ist anbefohlen, sich in die Kirche zurückzuziehen. Ohne
-Zweifel werden sie jetzt mit dem Morden beginnen. Hörst Du, wie sie
-Blutgerüste nageln und die Galgen aufrichten.“
-
-„Ach, wir werden sterben,“ sagte Nele; „mich hungert!“
-
-„Ja,“ flüsterte Lamm Ulenspiegel zu, „der junge Blutherzog hat gesagt,
-daß wir ausgehungert gefügiger sein werden, wenn man uns zum Tode
-führt.“
-
-„Mich hungert so sehr,“ sagte Nele.
-
-Am Abend kamen Soldaten und verteilten ein Brot für sechs Mann.
-
-„Dreihundert wallonische Soldaten sind auf dem Markt gehenkt worden,“
-sagten sie. „Bald werdet Ihr drankommen. Es war von jeher Hochzeit der
-Geusen mit dem Strick.“
-
-Am nächsten Abend kamen sie wiederum mit ihrem Brot für sechs Mann:
-
-„Vier vornehme Bürger sind enthauptet worden,“ sagten sie.
-„Zweihundertneunundvierzig Soldaten sind zwei zu zweit zusammen
-gebunden und ins Meer geworfen. Die Krabben werden dies Jahr fett
-werden. Ihr anderen habt kein gutes Aussehen seit dem 7. Juli, wo Ihr
-hier seid. Die Niederländer sind Fresser und Säufer; wir Spanier haben
-an zwei Feigen zum Nachtmahl genug.“
-
-„Darum also,“ antwortete Ulenspiegel, „muß man Euch überall beim
-Bürger vier Mahlzeiten von Fleisch, Geflügel, Rahmspeisen, Wein und
-Eingemachten bereiten; darum braucht Ihr Milch, um die Leiber Eurer
-~Mustachos~ zu waschen, und Wein, um die Füße Eurer Pferde zu baden?“
-
-Am 18. Juli sagte Nele:
-
-„Ich habe nasse Füße; was ist das?“
-
-„Blut,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Am Abend kamen die Soldaten abermals mit ihrem Brote für sechs.
-
-„Wo der Strick nicht mehr hinreicht, tut das Schwert die Arbeit,“
-sagten sie. „Dreihundert Soldaten und siebenundzwanzig Bürger, die aus
-der Stadt zu entfliehen gedachten, lustwandeln jetzt mit dem Kopf in
-der Hand in die Hölle.“
-
-Am folgenden Tag drang das Blut wiederum ins Kloster. Die Soldaten
-kamen, nicht um Brot zu bringen, sondern nur, um die Gefangenen zu
-betrachten. Sie sagten:
-
-„Die fünfhundert Wallonen, Engländer und Schotten, so gestern geköpft
-sind, sahen gesünder aus. Diese da haben gewißlich Hunger; aber wer
-sollte Hungers sterben, wenn nicht der Geuse?“
-
-Und wahrlich, bleich, abgezehrt, kraftlos und in kaltem Fieber
-erzitternd, waren sie alle Gespenstern gleich.
-
-Am sechzehnten August um fünf Uhr abends traten die Soldaten lachend
-ein und gaben ihnen Brot, Käse und Bier. Lamm sprach:
-
-„Das ist die Henkersmahlzeit.“
-
-Um zehn Uhr kamen vier Fähnlein; die Kapitäne ließen die Türen des
-Klosters öffnen und befahlen den Gefangenen, zu viert hinter den
-Pfeifern und Trommlern zu marschieren, bis an den Ort, wo man ihnen
-Halt gebieten würde. Manche Straßen waren rot, und sie schritten nach
-dem Galgenfeld.
-
-Hier und da waren die Wiesen mit Blutlachen befleckt; Blut war rings
-um die Mauern. Die Raben kamen von allen Seiten in Scharen; die Sonne
-verbarg sich in einer Nebelschicht. Der Himmel war noch hell, und in
-seinen Tiefen tauchten zaghaft die Sterne auf. Plötzlich vernahmen sie
-klägliches Geheul.
-
-Die Soldaten sagten:
-
-„Die da schreien, sind die Geusen aus dem Fort Fuycke, außerhalb der
-Stadt; man läßt sie Hungers sterben.“
-
-„Auch wir werden sterben,“ sagte Nele.
-
-Und sie weinte.
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Ach,“ sprach Lamm auf Vlämisch / die Soldaten des Geleits verstanden
-diese stolze Sprache nicht / „ach,“ sprach Lamm, „wenn ich diesen
-Blutherzog halten und ihn zwingen könnte, alle Stricke, Galgen,
-Folterbänke, hölzerne Pferde, Gewichte und spanische Stiefel zu
-fressen, bis ihm die Haut platzte; wenn ich ihm das von ihm vergossene
-Blut eingießen könnte, und daß Holzsplitter und Eisenstücke durch
-seine zerissene Haut und seine entblößten Eingeweide drängen! Und
-wenn er noch nicht den Geist aufgäbe, würde ich ihm das Herz aus der
-Brust reißen und es ihn roh und giftig fressen lassen. Dann würde er
-sicherlich aus dem Leben abscheiden und in den Schwefelpfuhl fallen, wo
-der Teufel es ihn für und für essen ließe. Und so während der ganzen
-langen Ewigkeit.“
-
-„Amen,“ sagten Ulenspiegel und Nele.
-
-„Aber siehst Du nichts?“ fragte sie.
-
-„Nein,“ sagte er.
-
-„Ich sehe im Westen fünf Männer und zwei Frauen im Kreise sitzen,“
-sagte sie. „Der eine ist mit Purpur bekleidet und tragt eine güldene
-Krone. Er scheint das Haupt der andern zu sein, die alle zerlumpt und
-bettelhaft sind. Von Osten her seh ich eine andere Schar von sieben
-kommen. Auch ihnen gebeut einer, der in Purpur gekleidet ist, doch er
-trägt keine Krone. Und sie stoßen auf die aus Westen, und sie kämpfen
-in der Wolke gegen sie; aber ich sehe nichts mehr.“
-
-„Die Sieben,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Ich höre,“ sagte Nele, „neben uns im Laub eine Stimme gleich einem
-Hauch sprechen:
-
- „Durch Krieg und Feuer,
- Durch Piken und Schwerter
- Suche;
- In Tod und Blut,
- In Trümmern und Tränen
- Finde.“
-
-„Andere als wir werden das Land Flandern befreien,“ erwiderte
-Ulenspiegel. „Die Nacht wird schwarz, die Soldaten zünden Fackeln an.
-Wir sind beim Galgenfeld. O, süße Liebste, warum bist Du mir gefolgt?
-Hörst Du nichts mehr, Nele?“
-
-„Doch,“ sprach sie, „ein Klirren von Waffen in den Kornfeldern. Und
-da über diesem Hügel, welcher den Weg, den wir einschlagen, überragt,
-siehst Du den roten Fackelschein auf dem Erz blinken? Ich sehe feurige
-Punkte von Büchsenlunten. Schlafen unsere Wächter, oder sind sie blind?
-Hörst Du den Donnerschlag? Siehst Du die Spanier von Kugeln durchbohrt
-fallen? Hörst Du: „Es lebe der Geuse!“ Sie stürmen den Pfad hinauf mit
-vorgestreckter Pike; mit Äxten steigen sie längs des Hügels hinunter.
-Es lebe der Geuse!“
-
-„Es lebe der Geuse!“ riefen Lamm und Ulenspiegel.
-
-„Schau, da sind Soldaten, die uns Waffen geben,“ sagte Nele. „Nimm,
-Lamm, nimm, mein Geliebter. Es lebe der Geuse!“
-
-„Es lebe der Geuse!“ ruft die ganze Schar der Gefangenen.
-
-„Die Büchsen hören nicht auf zu schießen,“ sagte Nele. „So beleuchtet
-vom Fackelschein, fallen sie wie die Fliegen. Es lebe der Geuse!“
-
-„Es lebe der Geuse!“ ruft die Schar der Retter.
-
-„Es lebe der Geuse!“ rufen Ulenspiegel und die Gefangenen. „Die Spanier
-sind in einem Feuerkreis. Tod! Tod! Nicht einer soll leben bleiben!
-Tod! Kein Mitleid! Krieg ohne Erbarmen! Und nun laßt uns unser Bündel
-schnüren und bis Enckhuysen eilen. Wer hat die Tuch- und Seidenkleider
-der Henker? Wer hat ihre Waffen?“
-
-„Alle, alle!“ schrieen sie. „Es lebe der Geuse!“
-
-Gesagt, getan. Sie fahren im Boot nach Enckhuysen, wo die befreiten
-Deutschen bei ihnen bleiben, um die Stadt zu bewachen.
-
-Und Lamm, Nele und Ulenspiegel finden ihre Schiffe wieder. Und da
-singen sie zum andern Mal auf offnem Meer: „Es lebe der Geuse!“
-
-Und sie kreuzen in der Rhede von Vlissingen.
-
-
-13
-
-Da ward Lamm wiederum frohgemut. Er ging gern an Land und machte auf
-Ochsen, Schafe und Geflügel Jagd, als wären es Hasen, Hirsche und
-Fettammern.
-
-Auf dieser nährsamen Jagd war er nicht allein. Es war eine Freude,
-die Jäger heimkehren zu sehen. Mit Lamm an der Spitze, zogen sie das
-Großvieh an den Hörnern, das Kleinvieh stießen sie vor sich her, mit
-der Gerte lenkten sie Gänseherden, und am Ende ihrer Bootshaken trugen
-sie Hühner, Kücken, Kapaune trotz des Verbotes.
-
-Dann gab es Schmaus und Gelage auf den Schiffen. Und Lamm sagte: „Der
-Geruch der Brühen steigt bis zum Himmel und ergötzt dort die Herren
-Engel, welche sagen: Das ist das beste am Fleisch.“
-
-Dieweil sie kreuzten, kam eine Kauffahrerflotte aus Lissabon, deren
-Kommandant nicht wußte, daß Vlissingen in die Hände der Geusen gefallen
-war. Man befiehlt ihr, die Anker zu werfen, und schließt sie ein.
-Trommeln und Pfeifen geben das Zeichen zum Entern. Die Kaufleute haben
-Kanonen. Piken, Beile und Hakenbüchsen.
-
-Von den Schiffen der Geusen regnet es Musketen- und Stückkugeln. Ihre
-Scharfschützen, hinter ihren Brustwehren um den Großmast verschanzt,
-schießen sicher und gefahrlos. Die Kaufleute fallen wie Fliegen.
-
-„Vorwärts!“ sprach Ulenspiegel zu Lamm und Nele, „Vorwärts! Hier sind
-Gewürze, Juwelen, kostbare Eßwaren, Zucker, Muskat, Nelken, Ingwer,
-und glänzende Reale, Dukaten und Gold-Moutons. Es sind mehr als
-fünfhunderttausend Stück. Der Spanier wird die Kriegskosten tragen.
-Laßt uns trinken! Wir wollen die Geusenmesse singen, das ist die
-Schlacht!“
-
-Und Ulenspiegel und Lamm griffen überall an wie Löwen. Nele blies die
-Pfeife im Schutze der hölzernen Schanze. Die ganze Flotte ward erbeutet.
-
-Die Toten wurden gezählt; es waren ihrer tausend auf Seiten der
-Spanier, dreihundert auf Seiten der Geusen, unter ihnen der Schiffskoch
-des Vliebootes „Briel.“
-
-Ulenspiegel verlangte vor Très-Long und den Matrosen zu reden, welches
-Très-Long ihm gern zugestand. Und er hielt ihnen diese Rede:
-
-„Herr Kapitän und ihr, Kameraden und Freunde, wir haben viel Spezereien
-geerbt, und hier haben wir Lamm, den guten Dickwanst, welcher meint,
-daß der arme Tote da, Gott habe ihn selig, kein großer Meister in
-Fleischgerichten war. Laßt uns ihn an seiner Stelle erwählen, und er
-wird Euch himmlische Ragouts und paradiesische Suppen bereiten.“
-
-„Das wollen wir,“ sagten Très-Long und die andern. „Lamm soll Oberkoch
-des Schiffes sein. Er soll die große, hölzerne Kelle tragen, um den
-Schaum von seinen Brühen abzulöffeln.“
-
-„Herr Kapitän, Kameraden und Freunde,“ sprach Lamm, „Ihr sehet mich
-vor Freude weinen, denn ich verdiene eine so große Ehre nicht. Da Ihr
-jedoch geruht, Euch an meine unwürdige Person zu wenden, so nehme ich
-die edlen Pflichten eines Meisters der Kochkunst auf dem wackeren
-Vlieboot „Briel“ an. Aber zugleich bitte ich Euch demütig, mir das
-höchste Kommando der Küche zu verleihen, solchergestalt, daß Euer
-Oberkoch / das werde ich sein / durch Recht, Gesetz und Gewalt einem
-jeden verwehren kann, der Andren Portion aufzuessen.“
-
-Très-Long und die andern riefen aus:
-
-„Es lebe Lamm! Recht, Gesetz und Macht soll dir zustehen!“
-
-„Aber ich habe Euch noch eine andere Bitte demütig zu stellen. Ich
-bin fett, groß und stark, tief ist mein Bauch, tief mein Magen. Meine
-arme Frau / Gott gebe sie mir wieder, / gab mir allzeit zwei Portionen
-anstatt einer. Bewilligt mir die gleiche Gunst.“
-
-Très-Long, Ulenspiegel und die Matrosen sagten:
-
-„Du sollst zwei Portionen haben, Lamm.“
-
-Und Lamm sagte, plötzlich melancholisch werdend:
-
-„Mein Weib, mein süßes Liebchen, wenn irgend etwas mich über Deine
-Abwesenheit trösten kann, so wird es das sein, daß ich mich bei meinem
-Tun deiner himmlischen Kochkunst in unserm trauten Heim erinnere.“
-
-„Du mußt den Eid ablegen, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Bringt die
-große, hölzerne Kelle und den großen Kupferkessel herbei.“
-
-„Ich schwöre bei Gott, der mir hierin beistehe,“ sprach Lamm, „ich
-schwöre Treue seiner Gnaden, dem Prinzen von Oranien, genannt der
-Schweiger, der für den König die Provinzen Holland und Zeeland regiert;
-Treue auch Messire de Lumey, dem kommandierenden Admiral unsrer edlen
-Flotte, und Herrn Très-Long, Vizeadmiral und Kapitän des Schiffes
-„Briel“. Ich schwöre, das Fleisch und Geflügel, so Fortuna uns
-bewilligt, nach meinen geringen Kräften zu bereiten, gemäß den Bräuchen
-und Gepflogenheiten der großen Köche von ehemals, die schöne Bücher mit
-Bildern über die erhabene Kochkunst hinterlassen haben; ich schwöre,
-besagten Herrn Kapitän Très-Long zu speisen und seinen Leutnant, meinen
-Freund Ulenspiegel, desgleichen Euch alle, Oberbootsmann, Steuermann,
-Aufseher, Kameraden, Soldaten, Kanoniere, Mundschenk, Schiffsjunge,
-Kapitänsbursche, Wundarzt, Trompeter, Matrosen und alle. Wenn der
-Braten zu blutig, das Geflügel zu wenig gebräunt ist, wenn die Suppe
-einen schalen Geruch ausströmt, so der guten Verdauung schädlich ist,
-wenn der Duft der Brühen Euch nicht alle verlockt, Euch in die Küche
-zu stürzen -- mit Vorbehalt meiner Zustimmung -- wenn ich Euch nicht
-alle lustig mache und Euch kein rundes Gesicht verschaffe, so werde
-ich mein edles Amt niederlegen und mich für unfähig erachten, den
-Küchenthron fürder innezuhaben. So helfe mir Gott in diesem und im
-künftigen Leben.“
-
-„Es lebe der Oberkoch,“ riefen sie, „der König der Küche, der Kaiser
-der Fleischgerichte. Am Sonntag soll er drei Portionen statt zweier
-haben.“
-
-Und Lamm ward Oberkoch auf dem Schiffe „Briel“. Und während die
-kräftigen Suppen in den Töpfen kochten, stand er stolz an der Küchentür
-und hielt seine große hölzerne Kelle wie ein Zepter.
-
-Und am Sonntag bekam er seine drei Portionen.
-
-Wenn die Geusen mit dem Feinde handgemein wurden, hielt er sich gern
-in seinem Laboratorium für Brühen auf, kam jedoch heraus, um auf Deck
-etliche Büchsenschüsse abzugeben, stieg aber alsbald wieder hinunter,
-um auf seine Brühen zu achten.
-
-Und da er also ein treuer Koch und tapferer Soldat war, so war er bei
-jedem beliebt.
-
-Aber keiner durfte seine Küche betreten, denn dann war er wie ein
-Teufel und schlug und stach mit seiner Holzkelle ohne Erbarmen.
-
-Und er ward wiederum Lamm der Löwe benamst.
-
-
-14
-
-Auf dem Meer und auf der Schelde, bei Sonne, Regen, Schnee und Hagel,
-im Sommer und Winter, fahren die Geusenschiffe, alle Segel beigesetzt,
-wie Schwäne, weiße Schwäne der Freiheit, Weiß ist Freiheit, Blau Größe
-und Orange ist für den Prinzen; das ist die Standarte der stolzen
-Schiffe.
-
-Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut schlägt
-an ihre Flanken, die Wogen benetzen sie mit Schaum.
-
-Sie segeln, jagen, fliegen auf der Flut, schnell wie Wolken vor dem
-Nordwind, die stolzen Geusenschiffe, die Segel im Wasser. Hört ihr, wie
-ihr Bug die Woge zerteilt? Gott der Freien. Es lebe der Geuse!
-
-Hücker, Bujer, Vlieboote, Galeassen, schnell wie der Wind, der das
-Ungewitter bringt, schnell wie die Wolke, die den Blitz birgt. Es lebe
-der Geuse!
-
-Bujer und Galeassen, flache Boote fahren den Fluß hinauf. Die Wellen
-ächzen, von ihrem Kiel zerteilt, wenn sie dem Strome entgegen fahren,
-mit dem mörderischen Rachen ihrer Feldschlange auf der Spitze des Bugs.
-Es lebe der Geuse!
-
-Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut schlägt
-an ihre Flanken und benetzt sie mit Schaum.
-
-Bei Tag und bei Nacht, bei Regen, Hagel und Schnee fahren sie! Christus
-lächelt ihnen aus der Wolke, aus Sonne und Sternen zu. Es lebe der
-Geuse!
-
-
-15
-
-Der Blutkönig vernahm die Kunde von ihren Siegen. Der Tod verzehrte den
-Henker schon, und sein Leib war voller Würmer. Elend und menschenscheu
-schritt er durch die Gänge von Valladolid, seine geschwollenen Füße und
-bleischweren Beine schleppend. Er sang nimmer, der grausame Tyrann;
-wenn der Tag anbrach, lachte er nicht, und wenn die Sonne sein Reich
-wie ein Lächeln Gottes erhellte, so empfand er keine Freude in seinem
-Herzen.
-
-Aber Ulenspiegel, Lamm und Nele sangen wie Vögel. Sie trugen ihr Fell
-zu Markt, nämlich Ulenspiegel und Lamm, und Nele ihre weiße Haut,
-dieweil sie in den Tag hineinlebten. Über einen Scheiterhaufen, den die
-Geusen löschten, freuten sie sich mehr, denn der schwarze König über
-eine eingeäscherte Stadt.
-
-Um jene Zeit entsetzte Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien,
-Herrn de Lumey de la Marck seiner Admiralswürde wegen seiner großen
-Grausamkeit und ernannte Herrn Bouwen Ewoutsen Worst an seiner
-Statt. Auch war er auf die Mittel bedacht, das Getreide zu bezahlen,
-das die Geusen den Bauern geraubt hatten, die von ihnen erhobenen
-Zwangskontributionen zu erstatten und den römischen Katholiken wie
-allen die freie Ausübung ihrer Religion ohne Verfolgung noch Schmähung
-zu bewilligen.
-
-
-16
-
-Auf den Schiffen der Geusen, unter dem strahlenden Himmel, auf den
-klaren Fluten schrillen Pfeifen, schnarren Dudelsäcke, glucksen
-Flaschen, klingen Gläser, gleißt das Eisen der Waffen.
-
-„Wohlan,“ spricht Ulenspiegel. „Rühret die Trommel des Ruhmes, die
-Trommel der Freude. Es lebe der Geuse! Spanien ist besiegt, die Harpye
-gebändigt. Unser ist das Meer, Briel ist genommen. Unser ist die Küste
-von Nieupoort bis Ostende und Blanckenberghe, die Inseln von Zeeland,
-die Mündungen der Schelde, der Maas und des Rheines bis Helder. Unser
-ist Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland, Rottum, Borkum. Es lebe der
-Geuse!
-
-„Unser ist Delft, Dordrecht. Das ist ein Lauffeuer, Gott hält die
-Lunte. Die Henker verlassen Rotterdam. Das freie Gewissen, das Krallen
-und Zähne der Gerechtigkeit hat wie ein Leu, nimmt Zütphen, die Städte
-Deutichem, Doesburg, Goor, Oldenzaal und in der Landschaft Veluwe
-Hattem, Elburg und Harderwijk.
-
-„Das ist der Blitz, das ist der Donnerschlag: Kampen, Zwolle, Hasselt,
-Steenwijk fallen uns in die Hände, desgleichen Oudewater, Gouda und
-Leyden. Es lebe der Geuse!
-
-„Unser ist Bueren und Enckhuysen. Noch haben wir nicht Amsterdam,
-Schoonhoven und Middelburg. Doch mit der Zeit fällt den Geduldigen
-alles zu. Es lebe der Geuse!
-
-„Laßt uns spanischen Wein trinken. Aus den Kelchen, aus denen sie
-das Blut der Opfer tranken. Wir werden durch den Zuydersee, durch
-Ströme, Flüsse und Kanäle fahren. Nord-Holland, Süd-Holland und Zeeland
-haben wir, Ost- und Westfriesland werden wir noch erobern; Briel wird
-die Zuflucht unserer Schiffe sein, das Nest für die Bruthennen der
-Freiheit. Es lebe der Geuse!
-
-„Horcht, wie in Flandern, dem teuren Vaterland, der Racheschrei
-losbricht! Waffen werden geschmiedet, Schwerter geschärft. Alles ist
-in Bewegung und erzittert wie die Saiten einer Harfe beim warmen
-Hauch, beim Hauche der Seelen, der aus Gruben und Scheiterhaufen von
-den blutigen Leichen der Opfer aufsteigt. Alle: Hennegau, Brabant,
-Luxemburg, Limburg, Namur, Lüttich, die freie Stadt, alle! Das Blut
-keimt und befruchtet. Die Ernte ist reif für die Sichel. Es lebe der
-Geuse!
-
-„Die Nordsee ist unser, die weite Nordsee, und die guten Kanonen, die
-stolzen Schiffe, die kühne Schar der gefürchteten Seeleute: Bettler,
-Lumpen, Priester in Waffen, Edelleute, Bürger und Arbeiter, die vor der
-Verfolgung fliehen. Mit uns allen vereint zum Werke der Freiheit. Es
-lebe der Geuse!
-
-„Blutkönig Philipp, wo bist Du? Alba, wo bist Du? Mit dem geweihten
-Hute, des Papstes Geschenk, auf dem Haupt, schmälst und lästerst Du.
-Schlaget die Freudentrommel. Es lebe der Geuse! Laßt uns trinken.
-
-„Der Wein fließt in die güldenen Kelche. Schlürfet ihn fröhlich. Die
-Meßgewänder, welche die rauhen Männer tragen, sind mit rotem Naß
-getränkt. Die römischen Kirchenbanner flattern im Winde. Allzeit Musik!
-Auf Euer Wohl, schrillende Pfeifen, schnarrende Dudelsäcke, Ruhm
-wirbelnde Trommeln! Es lebe der Geuse!“
-
-
-17
-
-Die Welt war im Wolfsmond, welches der Monat Dezember ist. Eisiger
-Regen fiel gleich Nadeln ins Wasser. Die Geusen kreuzten im Zuydersee.
-Der Herr Admiral ließ durch Trompetensignal die Käpitäne der Hucker und
-Vlieboote und mit ihnen Ulenspiegel auf sein Schiff entbieten.
-
-„Wohlan,“ sagte er, zuerst zu ihm redend: „Der Prinz will Deine guten
-Taten und getreuen Dienste anerkennen und ernennt Dich zum Kapitän
-des Schiffes „Briel“, und ich übergebe Dir hiermit das Patent auf
-Pergament.“
-
-„Euch sei Dank, Herr Admiral,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde all
-meine geringe Kraft daransetzen, ein guter Hauptmann zu sein, und
-durch solche Hauptmannschaft hoffe ich sehr, so Gott mir beisteht,
-Flandern und Holland von Spanien zu enthaupten. Ich will Nord- und
-Süd-Niederlande.“
-
-„Das ist gut,“ sprach der Admiral. „Und jetzo,“ fügte er hinzu, zu
-allen redend, „will ich Euch sagen, daß die aus dem katholischen
-Amsterdam Enckhuysen belagern wollen. Noch sind sie nicht aus dem
-Y-Kanal heraus; kreuzen wir davor, damit sie drinnen bleiben. Nieder
-mit jedem ihrer Schiffe, daß seinen tyrannischen Rumpf im Zuydersee
-blicken läßt.“
-
-Sie antworteten:
-
-„Wir werden sie in den Grund bohren. Es lebe der Geuse!“
-
-Wieder an Bord seines Schiffes, ließ Ulenspiegel seine Matrosen und die
-Soldaten auf Deck zusammentreten und verkündete ihnen, was der Admiral
-bestimmt hatte.
-
-Sie antworteten:
-
-„Wir haben Flügel, das sind unsere Segel, Schlittschuhe, das sind die
-Kiele unserer Schiffe, Riesenhände, das sind die Enterhaken. Es lebe
-der Geuse!“
-
-Die Flotte segelte ab und kreuzte eine Seemeile vor Amsterdam,
-dergestalt, daß niemand ohne ihren Willen ein- und ausfahren konnte.
-
-Am fünften Tage hörte es auf zu regnen, der Wind wehte schärfer bei
-hellem Himmel, die Amsterdamer rührten sich nicht.
-
-Plötzlich sah Ulenspiegel Lamm auf Deck steigen. Mit gewaltigen
-Schlägen seiner Holzkelle trieb er den Truxman, den Dolmetsch des
-Bootes vor sich her, einen jungen Kerl, der in der vlämischen und
-französischen Sprache bewandert war, aber seinen Schnabel noch besser
-zum Essen gebrauchen konnte.
-
-„Taugenichts,“ sagte Lamm, „wähntest Du, meine Fleischgerichte
-ungestraft vor der Zeit essen zu können? Klettere auf den Mast und sieh
-zu, ob sich auf den Amsterdamer Schiffen nichts rührt. Damit wirst Du
-etwas Gutes tun.“
-
-Doch der Dolmetsch antwortete: „Was gibst Du mir?“
-
-„Bildest Du Dir ein, daß Du bezahlt wirst, ohne gearbeitet zu haben? Du
-Diebsbrut, wenn Du nicht hinaufkletterst, so laß ich Dich peitschen.
-Und Dein Französisch wird Dich nicht retten.“
-
-„Es ist eine schöne Sprache,“ sagte der Dolmetsch, „eine Liebes- und
-Kriegersprache.“
-
-Er kletterte hinauf.
-
-„Nun, Faulenzer?“ fragte Lamm.
-
-Der Dolmetsch antwortete:
-
-„Ich sehe nichts, weder in der Stadt, noch auf den Schiffen.“
-
-Beim Hinunterklettern sagte er:
-
-„Nunmehr bezahle mich.“
-
-„Behalte, was Du gestohlen hast,“ erwiderte Lamm; „aber unrecht Gut
-gedeihet nicht, Du wirst es gewiß wieder ausbrechen.“ Der Dolmetsch
-kletterte abermals auf den Mast und schrie plötzlich:
-
-„Lamm, Lamm, ein Dieb schleicht in Deine Küche!“
-
-„Ich habe den Küchenschlüssel in meiner Gürteltasche,“ antwortete Lamm.
-
-Ulenspiegel nahm Lamm beiseite und sprach zu ihm:
-
-„Mein Sohn, diese große Ruhe in Amsterdam erschreckt mich. Sie haben
-einen geheimen Anschlag.“
-
-„Das dachte ich auch,“ sagte Lamm. „Das Wasser gefriert in den Krügen
-im Schrank, das Geflügel ist wie Holz, die Würste sind mit weißem
-Reif überzogen; die Butter ist wie Stein, das Öl schneeweiß, das Salz
-trocken wie Sand in der Sonne.“
-
-„Da ist der Trost nahe,“ sprach Ulenspiegel. „Sie werden in großer Zahl
-kommen und uns mit Geschütz angreifen.“
-
-Er ging an Bord des Admiralschiffes und sagte dem Admiral, was er
-fürchtete. Der antwortete ihm:
-
-„Der Wind weht von Engelland her, es wird schneien, aber nicht frieren.
-Geh wieder auf Dein Schiff.“
-
-Und Ulenspiegel tat also.
-
-In der Nacht kam ein starker Schneefall; aber alsbald wehte der Wind
-von Norwegen her, das Meer gefror und ward wie eine Tenne. Der Admiral
-sah was geschehen war.
-
-Da er nun befürchtete, daß die Amsterdamer aufs Eis kommen möchten,
-um die Schiffe in Brand zu stecken, befahl er den Soldaten, ihre
-Schlittschuhe bereit zu halten, im Fall, daß sie draußen und um die
-Schiffe herum kämpfen müßten. Den Kanonieren der geschmiedeten und
-gegossenen Kanonen befahl er, die Kugeln in Haufen neben die Lafetten
-zu legen und die Lunten alleweil brennend zu halten.
-
-Doch die Amsterdamer kamen nicht.
-
-Und so ging es sieben Tage.
-
-Am Abend des achten Tages befahl Ulenspiegel, den Matrosen und Soldaten
-einen guten Schmaus aufzutischen, um ihnen gegen den scharfen Wind,
-welcher blies, einen Panzer zu machen.
-
-Aber Lamm sagte:
-
-„Es ist nichts übrig als Schiffszwieback und Dünnbier.“
-
-„Es lebe der Geuse,“ sagten sie. „Wir halten Fastenschmaus, bis die
-Stunde der Schlacht geschlagen hat.“
-
-„Sie wird nicht so bald schlagen,“ sprach Lamm. „Die Amsterdamer
-werden kommen, um unsere Schiffe zu verbrennen, aber nicht diese
-Nacht. Zuvor müssen sie sich ums Feuer versammeln und viele Schoppen
-Glühwein mit Madeirazucker trinken / Gott gebe ihn Euch. Nachdem sie
-dann bis Mitternacht mit Geduld, Vernunft und vollen Schoppen geredet
-haben, werden sie beschließen, daß es morgen an der Zeit sein wird,
-zu beschließen, ob sie uns die kommende Woche angreifen wollen oder
-nicht. Morgen, wenn sie wiederum Glühwein mit Madeirazucker trinken,
-/ Gott gebe ihn Euch / werden sie zum andern Mal mit Ruhe, Geduld
-und vollen Schoppen beschließen, daß sie sich an einem andern Tage
-versammeln müssen, um zu erfahren, ob das Eis eine große Schar Menschen
-tragen könne oder nicht. Und sie werden es durch gelahrte Männer prüfen
-lassen, die ihre Meinungen auf Pergament niederlegen. Wenn sie dieses
-empfangen haben, werden sie wissen, daß das Eis eine halbe Elle dick
-und fest genug ist, um etliche hundert Mann mit Kanonen und Feldstücken
-zu tragen. Dann werden sie sich abermals versammeln, um mit Ruhe,
-Geduld und vielen Schoppen Glühwein zu beratschlagen, und werden in
-Erwägung ziehen, ob sie wegen des Schatzes, den wir den Lissabonern
-abnahmen, unsere Schiffe angreifen oder verbrennen sollen. Und also
-ratlos und zaudernd, werden sie dennoch beschließen, daß unsere Schiffe
-erbeutet und nicht verbrannt werden müssen, ohngeachtet des großen
-Unrechts, daß sie uns derart zufügen würden.“
-
-„Du sprichst trefflich,“ sagte Ulenspiegel, „aber siehst Du nicht die
-Feuer, so in der Stadt angezündet werden, und die Leute, die Laternen
-tragen und geschäftig umher rennen?“
-
-„Das ist, weil sie frieren,“ sprach Lamm.
-
-Und seufzend fügte er hinzu:
-
-„Alles ist aufgegessen, kein Rindfleisch, Schweinefleisch noch
-Geflügel mehr, kein Wein und, ach, kein gutes Doppelbier, nichts als
-Schiffszwieback und Dünnbier. Wer mich lieb hat, folge mir.“
-
-„Wohin gehst Du?“ fragte Ulenspiegel. „Niemand darf das Schiff
-verlassen.“
-
-„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „Du bist derzeit Kapitän und Befehlshaber. Ich
-werde nicht gehen, wenn Du es nicht willst. Geruhe aber zu bedenken,
-daß wir ehegestern unsere letzte Wurst gegessen haben, und daß in
-dieser schweren Zeit das Küchenfeuer die Sonne der guten Kameradschaft
-ist. Wer möchte hier nicht den Dampf der Brühen riechen, nicht die
-duftende Blume des göttlichen Weines einatmen, so aus fröhlichen
-Blüten, als da sind: Heiterkeit, Lachen, Wohlwollen gegen jedermann,
-gemacht ist. Wohlan, Kapitän und getreuer Freund, ich wage es Dir zu
-sagen: mein Herz verzehrt sich in Kummer, da ich nicht esse. Ich, der
-ich nur die Ruhe liebe, nicht gern töte, ausgenommen eine zarte Gans,
-ein fettes Hühnchen oder eine saftige Truthenne, ich folge Dir in
-Schlachten und Strapazen. Sieh von hier die Lichter auf jenem reichen,
-mit Groß- und Kleinvieh wohl versehenem Bauernhof. Weißt Du, wer darauf
-wohnt? Es ist der Schiffer aus Friesland, der Messire Dandelot verriet
-und achtzehn arme Ritter und Freunde nach Enckhuysen führte, da es noch
-spanisch war, also daß sie auf dem Roßmarkt zu Brüssel geköpft wurden.
-Dieser Verräter, namens Slosse, hat vom Herzog zweitausend Gülden für
-seinen Verrat empfangen. Für das Blutgeld hat er wie ein rechter Judas
-den Hof gekauft, den du da siehst, und sein Vieh und die Äcker ringsum,
-deren Frucht und Wachstum ihn jetzt reich machen.“
-
-Ulenspiegel erwiderte:
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen. Die Stunde der Rache hat
-geschlagen.“
-
-„Und die Stunde der Nahrung desgleichen,“ sagte Lamm. „Gib mir zwanzig
-Burschen mit, tapfere Soldaten und Matrosen; ich werde den Verräter
-holen.“
-
-„Ich will ihr Anführer sein,“ sprach Ulenspiegel. „Wer Gerechtigkeit
-liebt, folge mir. Nein, nicht alle, Ihr Lieben und Getreuen. Ich
-brauche nur zwanzig; wer sollte sonst das Schiff bewachen? Laßt die
-Würfel entscheiden. Nun sind es zwanzig, kommt. Die Würfel entscheiden
-gut. Legt Eure Schlittschuhe an, und fahrt in der Richtung der Venus,
-die über dem Hof des Verräters glänzt. Kommt, Ihr Zwanzig, mit der
-Axt auf der Schulter, lauft und gleitet. Das helle Licht wird Euer
-Leitstern sein. Der Wind pfeift und treibt den Schnee in weißen Wirbeln
-auf dem Eis vor sich her. Kommt, tapfere Männer! Ihr singt nicht, Ihr
-sprecht nicht; Ihr lauft schweigend geradeaus, dem Stern zu; das Eis
-knirscht unter Euren Schlittschuhen.
-
-„Wer fällt, steht sogleich wieder auf. Wir kommen ans Ufer: nicht eine
-Gestalt auf dem weißen Schnee, kein Vogel in der eisigen Luft. Bindet
-die Schlittschuhe los.
-
-„Jetzt sind wir auf dem Lande, hier sind die Wiesen. Legt die
-Schlittschuhe wieder an. Wir sind im Umkreis des Hofes und halten den
-Atem an.“
-
-Ulenspiegel klopft an die Tür, Hunde bellen. Er pocht nochmals; ein
-Fenster geht auf, und der Baas steckt den Kopf hinaus und fragt:
-
-„Wer bist Du?“
-
-Er sieht nur Ulenspiegel; die andern sind hinter der Keet, dem
-Waschhaus, versteckt.
-
-Ulenspiegel antwortet:
-
-„Messire de Boussu befiehlt Dir, Dich zur Stunde nach Amsterdam zu ihm
-zu begeben.“
-
-„Wo ist Dein Geleitbrief?“ fragt der Mann, indem er hinuntergeht und
-ihm die Tür öffnet.
-
-„Hier,“ antwortet Ulenspiegel und weist auf die zwanzig Geusen, die
-sich hinter ihm in die offene Tür stürzen.
-
-Darauf spricht Ulenspiegel zu ihm:
-
-„Du bist Slosse, der verräterische Schiffer, der die Herren Dandelot,
-van Battemburgh und andere Ritter in Hinterhalt lockte. Wo ist das
-Blutgeld?“
-
-Der Pächter antwortet zitternd:
-
-„Ihr seid Geusen, gebt mir Pardon; ich wußte nicht, was ich tat. Ich
-habe kein Geld daheim, ich werde alles geben.“
-
-Lamm sagte:
-
-„Es ist dunkel; gib uns Talg- oder Wachskerzen.“
-
-Der Baas antwortet:
-
-„Die Talgkerzen sind dort aufgehängt.“
-
-Da ein Licht angezündet war, sagte einer der Geusen in der Küche:
-
-„Es ist kalt, wir wollen ein Feuer machen, hier ist gutes Reisig.“
-Und er wies auf ein Brett mit Blumentöpfen, darinnen vertrocknete
-Pflanzen standen. Er nahm eine beim Schopf, und als er sie mit dem Topf
-schüttelte, fiel der Topf hin, und es rollten Dukaten, Gülden und Reale
-über den Boden.
-
-„Da ist der Schatz,“ sprach er, auf die andern Blumentöpfe deutend.
-
-Und wahrlich, als sie sie ausgeleert hatten, fanden sie zehntausend
-Gülden darin.
-
-Als der Baas das sah, schrie und weinte er.
-
-Die Knechte und Mägde des Hofes kamen bei dem Geschrei in ihren Hemden
-herbei. Die Männer, die ihren Herrn rächen wollten, wurden geknebelt.
-Bald versteckten sich die schamhaften Frauen, sonderlich die jungen,
-hinter den Männern.
-
-Darauf trat Lamm vor und sagte: „Verräter, wo sind die Schlüssel zum
-Keller und zum Pferde-, Kuh- und Schafstall?“
-
-„Ihr schändlichen Räuber werdet aufgehenkt werden, bis Ihr sterbt,“
-sprach der Pächter.
-
-Ulenspiegel sprach: „Es ist die Stunde Gottes; gib die Schlüssel!“
-
-„Gott wird mich rächen,“ sprach der Pächter und gab die Schlüssel
-heraus.
-
-Nachdem die Geusen den Gutshof ausgeräumt hatten, kehrten sie auf
-Schlittschuhen zurück zu den Schiffen, den leichten Häusern der
-Freiheit.
-
-„Ich bin Schiffskoch,“ sprach Lamm, der sie anführte, „ich bin
-Oberkoch. Schiebt die wackren, mit Wein und Bier bepackten Schlitten;
-treibt die Pferde, Rinder, Schweine und Schafe bei den Hörnern oder
-auf andere Art vor Euch her, die ganze Herde, die ihr Naturlied singt.
-Die Tauben gurren in den Körben. Die Kapaune, mit Brot gemästet,
-sitzen erschrocken in den Holzkäfigen, darinnen sie sich nicht rühren
-können. Ich bin Schiffskoch. Das Eis knirscht unter dem Eisen der
-Schlittschuhe. Nun sind wir bei den Schiffen. Morgen wird es Musik
-in der Küche geben. Laßt die Winde herab. Legt den Pferden, Kühen
-und Ochsen Gurten um. Das ist ein artig Schauspiel, sie so am Bauch
-aufgehängt zu sehen; morgen werden wir mit der Zunge an fetten
-Fleischgerichten hängen. Sie werden mit der Windetalje aufs Schiff
-gehißt. Das gibt Rippenstücke. Werft die Hühner, Gänse, Enten und
-Kapaune aufs Geratewohl in den Schiffsraum. Wer wird ihnen den Hals
-umdrehen? Der Schiffskoch. So, die Tür ist zu, den Schlüssel hab ich in
-meinem Säckel. Gott sei gelobt in der Küche! Es lebe der Geuse!“
-
-Alsdann begab Ulenspiegel sich auf das Admiralsschiff und führte
-Dierick Slosse und die andern Gefangenen mit, die aus Furcht vor dem
-Strick wehklagten und weinten.
-
-Messire Worst kam bei dem Lärm herbei. Da er beim roten Fackelschein
-Ulenspiegel und seine Gefährten erblickte, sagte er:
-
-„Was willst Du von uns?“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Wir haben diese Nacht den Verräter Dierick Slosse, der die Achtzehn in
-Hinterhalt lockte, auf seinem Gute gefangen genommen. Dieser ist’s. Die
-andern sind unschuldige Knechte und Mägde.“
-
-Dann übereichte er ihm eine Geldkatze.
-
-„Diese Florins,“ sagte er, „florierten in den Blumentöpfen im Hause des
-Verräters: es sind Zehntausend.“
-
-Messire Worst sprach zu ihnen:
-
-„Ihr tatet übel, die Schiffe zu verlassen; aber um des guten Erfolges
-willen soll Euch verziehen sein. Die Gefangenen und den Säckel mit
-Gülden heiße ich willkommen, und auch Euch, wackere Männer, denen ich
-nach Seerecht und Brauch ein Drittel der Prise zubillige. Das zweite
-Drittel ist für die Flotte und das dritte für seine Gnaden von Oranien.
-Den Verräter henket unverzüglich.“
-
-Als die Geusen den Befehl ausgeführt hatten, machten sie ein Loch ins
-Eis und warfen den Leichnam Dierick Slosses hinein.
-
-Darauf sprach Messire Worst:
-
-„Ist um die Schiffe Gras gewachsen, daß ich die Hennen glucksen, die
-Schafe blöken und die Ochsen brüllen höre?“
-
-„Das sind Gefangene für unsern Schnabel,“ antwortete Ulenspiegel; „sie
-werden das Lösegeld mit Fleischgerichten bezahlen. Der Herr Admiral
-wird das Beste davon bekommen. Was diese anbelangt, die Knechte und
-Mägde, unter denen artige hübsche Weiblein sind, so will ich sie wieder
-auf mein Schiff bringen.“
-
-So getan, hielt er ihnen diese Rede:
-
-„Gevatter und Gevatterinnen, Ihr seid hier auf dem besten Schiff,
-das es gibt. Wir verbringen hier die Zeit mit Schmäusen, Gelagen und
-Schlemmerei ohne Ende. So es Euch beliebt fortzugehen, zahlt Lösegeld;
-so es Euch beliebt, hier zu bleiben, werdet Ihr so leben wie wir:
-arbeiten und gut essen. Was diese allerliebsten Weiblein angeht, so
-gestatte ich ihnen mit Erlaubnis des Admirals gänzliche Freiheit und
-sage ihnen, daß es mir einerlei ist, ob sie ihre Liebsten, die mit
-ihnen aufs Schiff gekommen sind, behalten oder irgend einen wackeren,
-hier anwesenden Geusen erküren wollen, daß er in ehelicher Gemeinschaft
-mit ihnen lebe.“
-
-Aber all die niedlichen Weiblein waren ihren Liebhabern getreu,
-ausgenommen eine, die Lamm lächelnd anschaute und ihn fragte, ob er sie
-wolle.
-
-„Schönsten Dank, mein Schatz,“ sagte er, „aber ich bin anderweitig
-beschäftigt.“
-
-„Er ist verheiratet, der Biedermann,“ sagten die Geusen, da sie sahen,
-daß es die Frau verdroß.
-
-Aber sie drehte ihm den Rücken und erkor sich einen andern, der gleich
-Lamm einen guten Bauch und ein gutes Vollmondgesicht hatte.
-
-An jenem und den folgenden Tagen gab es an Bord gewaltige Schmäuse und
-Gelage mit Wein, Geflügel und Fleischgerichten. Und Ulenspiegel sagte:
-
-„Es lebe der Geuse! Blase, scharfer Nordwind, wir werden die Luft mit
-unserm Atem erwärmen. Unser Herz ist Feuer und Flamme für das freie
-Gewissen. Feuer und Flamme ist unser Magen für das Fleisch des Feindes.
-Trinken wir Wein, die Milch der Männer. Es lebe der Geuse!“
-
-Nele trank auch aus einem großen güldenen Humpen, und vom Winde
-gerötet, blies sie die schrille Pfeife. Und ohngeachtet der Kälte aßen
-und tranken die Geusen fröhlich auf Deck.
-
-
-18
-
-Plötzlich erblickte die Flotte am Strand eine schwarze Schar, in
-der Fackeln leuchteten und Waffen blinkten. Dann wurden die Fackeln
-gelöscht und große Dunkelheit herrschte.
-
-Die Befehle des Admirals wurden übermittelt und das Signal Achtung
-auf den Schiffen gegeben. Alle Feuer erloschen, Matrosen und Soldaten
-legten sich, mit Äxten bewaffnet, auf Deck platt auf den Bauch. Die
-wackeren Kanoniere standen mit ihren Leuten bei den Geschützen, die
-mit Kugelsäcken und Kettenkugeln geladen waren. Sobald der Admiral und
-die Kapitäne riefen: „Hundert Schritt!“ was die Entfernung des Feindes
-bezeichnete, sollten sie mit dem Heckgeschütz, dem Sterngeschütz oder
-den Breitseiten Feuer geben, je nach ihrer Lage im Eise.
-
-Und man hörte die Stimme des Messire Worst sagen:
-
-„Todesstrafe für den, der laut spricht.“
-
-Und die Kapitäne sprachen ihm nach:
-
-„Todesstrafe für den, der laut spricht!“
-
-Die Nacht war sternklar, aber der Mond schien nicht.
-
-„Hörst Du,“ sagte Ulenspiegel zu Lamm, / sein Flüstern war wie
-Geisterhauch / „hörst Du die Stimme der Amsterdamer und das Knirschen
-des Eises unter den Schnäbeln ihrer Schlittschuhe? Sie laufen schnell.
-Man hört sie sprechen. Sie sagen: „Die faulenzenden Geusen schlafen.
-Der Schatz von Lissabon ist unser!“ Sie zünden Fackeln an. Siehst Du
-ihre Sturmleitern, ihre häßlichen Gesichter und die lange Linie ihres
-Schlachthaufens? Es sind ihrer tausend und mehr.“
-
-„Hundert Schritt!“ rief Messire Worst.
-
-„Hundert Schritt!“ riefen die Kapitäne.
-
-Da gab es großes Getöse wie Donner und klägliches Geheul auf dem Eise.
-
-„Vierundzwanzig Kanonen donnern zumal,“ sagte Ulenspiegel. „Sie
-fliehen! Siehst Du die Fackeln sich entfernen?“
-
-„Ihnen nach,“ gebot der Admiral Worst.
-
-„Ihnen nach,“ geboten die Kapitäne.
-
-Aber die Verfolgung war von kurzer Dauer, maßen die Flüchtlinge einen
-Vorsprung von hundert Schritt und die Beine furchtsamer Hasen hatten.
-
-Und bei den auf dem Eise Jammernden und Sterbenden wurden Gold und
-Kleinodien gefunden, auch Stricke, um die Geusen zu binden.
-
-Und nach diesem Siege sprachen die Geusen untereinander:
-
-„~Als God met ons is, wie tegen ons zal zijn?~ So Gott mit uns ist, wer
-mag wider uns sein! Es lebe der Geuse!“
-
-Doch am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst mit Unruhe
-einen neuen Angriff. Lamm sprang auf Deck und sagte zu Ulenspiegel:
-
-„Führe mich zum Admiral, der Dir nicht Gehör geben wollte, als Du Frost
-prophezeitest.“
-
-„Geh ungeführt,“ erwiderte Ulenspiegel.
-
-Lamm verschloß die Küchentüre und ging. Der Admiral stand auf Deck und
-spähete, ob er nicht von der Stadt her etwelche Bewegung wahrnehmen
-könnte.
-
-Lamm sprach, auf ihn zutretend:
-
-„Gnädiger Herr Admiral, darf ein geringer Schiffskoch Euch seine
-Ansicht sagen?“
-
-„Sprich, mein Sohn,“ sagte der Admiral.
-
-„Euer Gnaden,“ sagte Lamm, „das Eis in den Krügen taut auf, das
-Geflügel wird wieder zart; der Reif, der die Wurst wie Schimmel
-überzog, verschwindet; die Butter ist schmierig, das Öl flüssig, das
-Salz rinnt. Es wird in Bälde regnen und wir werden gerettet sein, Euer
-Gnaden.“
-
-„Wer bist Du?“ fragte Messire Worst.
-
-„Ich bin Lamm Goedzak,“ antwortete er, „der Koch des Schiffes Briel.
-Und wenn alle die großen Gelehrten, so sich für Astronomen ausgeben,
-ebenso gut in den Sternen lesen wie ich in meinen Brühen, so könnten
-sie uns sagen, daß wir diese Nacht Tauwetter mit Sturmgebraus und
-Hagelschauern haben werden. Aber das Tauwetter wird nicht andauern.“
-
-Und Lamm kehrte zu Ulenspiegel zurück, und um Mittag sprach er zu ihm:
-
-„Ich prophezeie weiter: der Himmel wird schwarz, der Wind weht
-stürmisch, es fällt ein warmer Regen; es ist schon ein Fuß Wassers auf
-dem Eise.“
-
-Am Abend rief er fröhlich aus:
-
-„Die Nordsee ist gestiegen, es ist Flutzeit. Die großen Wellen, die in
-den Zuyderzee eindringen, zerbrechen das Eis, das in großen Stücken
-birst und auf die Schiffe springt. Es sprüht Lichtfunken: da kommt der
-Hagel. Der Admiral wünscht, daß wir uns von Amsterdam zurückziehen, und
-das mit soviel Wasser, daß unser größtes Schiff flott wird. Nun sind
-wir im Hafen von Enckhuysen. Das Meer gefriert von neuem. Ich bin ein
-Prophet, und das ist ein Wunder Gottes.“
-
-Und Ulenspiegel sprach:
-
-„Wir wollen ihm zutrinken und ihn segnen.“
-
-Und der Winter ging vorüber und der Sommer kam.
-
-
-19
-
-Um die Mitte des August, wenn die körnersatten Hennen beim Lockruf
-des Hahnes, der ihnen seine Liebe trompetet, taub bleiben, sprach
-Ulenspiegel zu seinen Matrosen und Soldaten:
-
-„Der Blutherzog, welcher in Utrecht ist, wagt dort, ein segensreiches
-Edikt zu erlassen, das den Einwohnern der Niederlande, die sich nicht
-unterwerfen wollen, unter andern lieblichen Gaben Hunger, Tod und
-Verderben verheißt. Alles, was noch ganz ist, soll vertilgt werden, und
-Seine Königliche Majestät wird das Land durch Fremde bevölkern lassen.
-Beiß zu, Herzog, beiß zu! Der Hauer des Ebers zerbricht den Zahn der
-Vipern. Wir sind Eber. Es lebe der Geuse!
-
-„Alba, das Blut berauscht Dich! Wähnst Du, daß wir Deine Drohungen
-fürchten oder an Deine Milde glauben? Deine berühmten Regimenter,
-deren Loblied Du in der ganzen Welt sangest, Deine „Unbesiegbaren,“
-Deine „Unveränderlichen,“ Deine „Unsterblichen“ hielten sich sieben
-Monate damit auf, Haarlem, die schwache, von Bürgern verteidigte Stadt
-zu beschießen. Sie haben gleich gewöhnlichen Sterblichen den Tanz der
-berstenden Minen in der Luft getanzt. Bürger machten ihnen Halskragen
-von Pech; am Ende siegten sie glorreich, indem sie die Entwaffneten
-erwürgten. Henker, hörst Du die Stunde der Vergeltung schlagen?
-
-„Haarlem hat seine tapferen Verteidiger verloren, seine Steine
-schwitzen Blut. Es hat bei seiner Belagerung zwölfhundertachtzigtausend
-Gülden eingebüßt und ausgegeben. Der Erzbischof ist dort wieder
-eingesetzt. Mit leichter Hand und fröhlicher Fratze segnet er die
-Kirchen ein. Don Federigo ist bei diesen Einsegnungen gegenwärtig, der
-Bischof wäscht ihm die Hände, die Gottes Auge rot sieht, und er nimmt
-das Abendmahl in beiderlei Gestalt, was dem armen Volk nicht erlaubt
-ist. Und die Glocken läuten, und das Glockenspiel sendet seine ruhigen,
-wohlklingenden Weisen in die Luft: es ist wie Engelsang auf einem
-Friedhof. Auge um Auge! Zahn um Zahn! Es lebe der Geuse!“
-
-
-20
-
-Die Geusen waren derzeit in Vlissingen, wo Nele das Fieber bekam.
-Da sie das Schiff verlassen mußte, ward sie bei Peeters, einem
-Reformierten, am Turven-Key untergebracht.
-
-Ulenspiegel war gar sehr betrübt, aber doch froh, wenn er bedachte,
-daß in dem Bett, darin sie ohne Zweifel genesen würde, die spanischen
-Kugeln sie nicht erreichen könnten.
-
-Und mit Lamm war er immerwährend bei ihr, pflegte sie gut und liebte
-sie noch mehr. Und da schwätzten sie.
-
-„Lieber und Getreuer,“ sprach Ulenspiegel eines Tages, „weißt Du die
-Zeitung nicht?“
-
-„Nein, mein Sohn,“ antwortete Lamm.
-
-„Sahest Du das Vlieboot, das sich neulich unserer Flotte anschloß, und
-weißt Du, wer dort alle Tage die Laute spielt?“
-
-„Infolge der letzten Fröste bin ich auf beiden Ohren wie taub,“ sagte
-Lamm. „Warum lachst Du, mein Sohn?“
-
-Aber Ulenspiegel setzte seine Rede fort:
-
-„Einmal hörte ich sie ein vlämisches Lied singen und fand ihre Stimme
-lieblich.“
-
-„Ach,“ sprach Lamm, „auch sie sang und spielte die Laute.“
-
-„Weißt Du die andere Zeitung?“ fuhr Ulenspiegel fort.
-
-„Ich weiß sie nicht, mein Sohn,“ antwortete Lamm.
-
-Ulenspiegel entgegnete:
-
-„Wir haben Befehl erhalten, mit unsern Schiffen die Schelde bis
-Antwerpen hinunterzufahren, um dort feindliche Schiffe zu nehmen oder
-zu verbrennen. Was die Männer betrifft, so wird kein Quartier gegeben.
-Was hälst Du davon, Dickwanst?“
-
-„Ach,“ sprach Lamm, „werden wir in diesem traurigen Lande immer nur
-von Brennen, Henken, Ertränken und andern Hinrichtungen armer Menschen
-hören? Wann wird doch der gesegnete Friede kommen, da man ohne Sorge
-Rebhühner braten, Frikassées von Huhn bereiten, und in der Pfanne
-die Blutwürste zwischen den Eiern bruzzeln lassen kann? Ich mag die
-schwarzen lieber, die weißen sind zu fett.“
-
-„Diese holde Zeit wird kommen,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn wir in
-den flandrischen Obstgärten an den Äpfel-, Pflaumen- und Kirschbäumen
-statt der Früchte an jedem Zweig einen Spanier aufgeknüpft sehen.“
-
-„Ach,“ sagte Lamm, „wenn ich nur meine Frau wiederfinden könnte, meine
-vielliebe, innig geliebte, herzallerliebste, getreue Frau! Denn versteh
-mich recht, mein Sohn, ich bin kein Hahnrei gewesen und werde es nimmer
-sein; dazu war sie zu kühl und ruhig in ihrem Benehmen; sie mied die
-Gesellschaft der andern Männer. Wenn sie schönen Putz liebte, so war
-das nur aus weiblicher Neigung. Ich war ihr Koch, Bratenwender und
-Küchenjunge, das gestehe ich gern; warum bin ich es nicht wieder; aber
-ich war auch ihr Herr und Ehemann.“
-
-„Genug des Redens,“ sagte Ulenspiegel. „Hörst Du den Admiral rufen:
-„Die Anker gelichtet!“ Und nach ihm die Kapitäne dasselbe rufen? Wir
-müssen uns jetzt segelfertig machen.“
-
-„Weshalb gehst Du so schnell fort?“ sprach Nele zu Ulenspiegel.
-
-„Wir gehen zu Schiff,“ sagte er.
-
-„Ohne mich?“ fragte sie.
-
-„Ja,“ sagte Ulenspiegel.
-
-„Bedenkst Du nicht, daß ich dahier gar bang um Dich sein werde?“ sagte
-sie.
-
-„Liebchen,“ sprach Ulenspiegel, „meine Haut ist von Eisen.“
-
-„Du spottest,“ sagte sie. „Ich sehe nur Dein Wams, das von Tuch und
-nicht von Eisen ist, darunter ist Dein Körper, wie meiner aus Fleisch
-und Bein. Wenn man Dich verwundet, wer wird Dich verbinden? Willst Du
-ganz allein in Mitten der Krieger sterben? Ich gehe mit Dir?“
-
-„Wehe,“ sprach er, „wenn die Lanzen, Kugeln, Degen, Äxte und
-Streithämmer mich verschonten und auf Deinen holden Leib fielen,
-was würde ich Taugenichts ohne Dich in dieser niederträchtigen Welt
-beginnen?“
-
-Aber Nele sprach:
-
-„Ich will Dir folgen, es ist keine Gefahr dabei; ich werde mich hinter
-der hölzernen Brustwehr verstecken, wo die Scharfschützen sind.“
-
-„Wenn Du gehst, bleibe ich, und dein Freund Ulenspiegel wird für einen
-Verräter und Feigling gelten; aber höre mein Lied:
-
- „Mein Haar ist ein Sturmhut, aus Erz gebaut,
- Natur hat gewappnet mein Leben.
- Von Leder ist mir die erste Haut,
- Von Stahl die zweite gegeben.
-
- Vor Deiner Fratze mich nimmer graut,
- Nie rufst Du mich, Tod, aus dem Leben.
- Von Leder ist mir die erste Haut,
- Von Stahl die zweite gegeben.
-
- Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!
- Allzeit im Lichte leben.
- Von Leder ist mir die erste Haut,
- Von Stahl die zweite gegeben!“
-
-Und singend zog er von hinnen, nicht ohne den bebenden Mund und die
-hübschen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben, die in einem weinte
-und lachte.
-
-Die Geusen sind in Antwerpen. Sie erbeuten Alba’s Schiffe bis in den
-Hafen hinein. Bei hellem Tage dringen sie in die Stadt, befreien
-Gefangene und machen andre, die ihnen Lösegeld einbringen sollen. Sie
-heben die Bürger mit Gewalt aus und zwingen etliche bei Todesstrafe,
-ihnen zu folgen und nicht zu sprechen.
-
-Ulenspiegel sprach zu Lamm: „Des Admirals Sohn wird im Hause des
-Kanonikus gefangen gehalten; wir müssen ihn befreien.“
-
-Als sie ins Haus des Kanonikus drangen, sahen sie den Sohn, den sie
-suchten, in Gesellschaft eines dicken schmerbäuchigen Mönches, der
-zornig auf ihn einredete, denn er wollte ihn in den Schoß unserer
-heiligen Mutter Kirche zurückführen. Aber der junge Bursche wollte
-nicht. Er ging mit Ulenspiegel fort. Indessen packte Lamm den Mönch bei
-der Kapuze und trieb ihn durch die Straßen von Antwerpen vor sich her,
-indem er sagte:
-
-„Du bist hundert Gülden Lösegeld wert, schnüre Dein Bündel und schreite
-voraus. Was säumst Du? Hast Du Blei in Deinen Sandalen? Marsch,
-Specksack, Speiseschrank, Suppenbauch.“
-
-Der Mönch sagte in großer Wut:
-
-„Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe, aber trotz aller Achtung, die ich
-Eurer Büchse schulde, Ihr seid gleich mir fettleibig, schmerbäuchig und
-dick.“
-
-Aber Lamm stieß ihn vor sich her und sprach:
-
-„Wagst Du es, elender Mönch, Dein klösterliches, unnützes Faulenzerfett
-mit dem Fett eines Vlämen zu vergleichen, das durch Anstrengungen,
-Strapazen und Schlachten ehrlich angemästet ist? Lauf, oder ich werde
-Dir wie einem Hund einen Fußtritt geben, und das mit dem Schnabel
-meines Schuhes.“
-
-Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer Atem und Lamm
-desgleichen. Und so gelangten sie zum Schiffe.
-
-
-21
-
-Nachdem die Geusen Rammekens, Gertruidenberg und Alckmaer erobert
-hatten, kehrten sie nach Vlissingen zurück.
-
-Nele, die genesen war, erwartete Ulenspiegel am Hafen.
-
-„Tyll,“ sagte sie, da sie ihn sah, „mein trauter Tyll, bist Du nicht
-verwundet?“
-
-Ulenspiegel sang:
-
- „Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!
- Allzeit im Lichte leben.
- Von Leder ist mir die erste Haut,
- Von Stahl die zweite gegeben.“
-
-„Ach,“ sprach Lamm, sein Bein nachschleppend, „die Kugeln, Granaten und
-Kettenkugeln regnen um ihn her, und er fühlt davon nichts als den Wind.
-Du bist ohne Zweifel ein Geist, Ulenspiegel, und auch Du, Nele, denn
-ich sehe Euch allezeit heiter und jugendlich.“
-
-„Warum schleppst Du das Bein nach?“ fragte Nele ihn.
-
-„Ich bin kein Geist und werde es auch nie werden,“ sagte er. „Zudem
-habe ich einen Axthieb in den Schenkel erhalten / die meiner Frau waren
-so weiß und rund! / Sieh, ich blute. Ach, warum habe ich sie nicht
-hier, um mich zu pflegen!“
-
-Doch Nele erwiderte zornig:
-
-„Was bedarfst Du einer wortbrüchigen Frau?“
-
-„Sprich nicht schlecht von ihr,“ sagte Lamm.
-
-„Warte, hier ist Balsam,“ sagte Nele, „ich habe ihn für Ulenspiegel
-aufbewahrt; streich ihn auf Deine Wunde.“
-
-Da Lamm seine Wunde verbunden hatte, war er froh, denn der Balsam
-linderte den brennenden Schmerz. Und sie gingen alle drei wieder zu
-Schiff.
-
-Da sie den Mönch sah, der dort mit gefesselten Händen herumspazierte,
-sagte sie: „Wer ist der? Ich habe ihn schon gesehen und glaube, ihn zu
-erkennen.“
-
-„Er ist hundert Gülden Lösegeld wert,“ sagte Lamm.
-
-An jenem Tage war in der Flotte ein Freudenfest. Trotz des rauhen
-Dezemberwindes, trotz Regen und Schnee waren alle Geusen der Flotte auf
-den Decks der Schiffe. Die silbernen Halbmonde glänzten matt auf den
-zeeländischen Hüten.
-
-Und Ulenspiegel sang:
-
- „Leyden ist frei. Der Blutherzog zieht aus den Niederlanden.
- Läutet, klingende Glocken,
- Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte!
- Klinget, Flaschen und Gläser!
-
- Hat der Bluthund sich von den Schlägen erholt
- Mit eingeklemmtem Schwanz,
- Stürzt er sich mit blutigem Blick
- Von neuem gegen die Stöcke.
-
- Sein zerschlagenes Gebiß
- Bebt und schlottert ohne Kraft.
- Der Blutherzog ist abgerückt:
- Klinget, Flaschen und Gläser. Es lebe der Geuse!
-
- Er möchte sich wohl selber beißen,
- Die Stöcke zerbrachen sein Gebiß.
- Er senkt sein Bulldoggengesicht,
- Und denkt der Zeiten des Fraßes und Mordes.
- Der Blutherzog ist abgerückt:
- Schlaget die Trommel des Ruhmes!
- Schlaget die Trommel des Krieges!
- Es lebe der Geuse!
-
- Er ruft dem Teufel: „Dir verkauf’ ich meine
- Hündische Seele für eine Stunde der Kraft.“
- „Deine Seele gilt mir gleichviel
- Wie ein Hering,“ entgegnet der Teufel.
- Die Zähne wachsen nicht wieder,
- Nun muß er die harten Bissen meiden.
- Der Blutherzog ist abgerückt:
- Es lebe der Geuse!
-
- Die kleinen Gassenköter, einäugig, krätzig und krumm,
- Die von den Broten leben oder verenden,
- Heben die Pfoten allzumal
- Gegen ihn, der aus Mordlust gemordet:
- Es lebe der Geuse!
-
- „Er liebte nicht Freunde noch Liebste,
- Nicht Frohsinn, Sonne, noch seinen Herrn.
- Nur der Tod, das war seine Braut.
- Der zerbricht ihm die Pfoten
- Zum Vorspiel der Hochzeit.
- Er liebt keinen Menschen heil und ganz.
- Schlaget die Freudentrommel!
- Es lebe der Geuse!“
-
- Und die kleinen Gassenköter, krumm,
- Einäugig, hinkend und krätzig,
- Heben von neuem die Pfoten
- Heiß und salzig ...
- Und mit ihnen Molosser und Windhund.
- Hunde von Ungarn und von Brabant,
- Von Luxemburg und Namur.
- Es lebe der Geuse!
- Trübselig, Schaum vor dem Maule,
- Wird er verenden bei seinem Herrn,
- Welcher ihm einen Fußtritt gibt,
- Weil er nicht tüchtig gebissen.
- In der Hölle wird er dem Tod
- Angetraut; der nennt ihn „Mein Herzog“.
- Und er heißt ihn: „Meine Inquisition“.
- Es lebe der Geuse!
- Läutet, klingende Glocken;
- Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte.
- Klinget, Flaschen und Gläser:
- Es lebe der Geuse!“
-
-
-
-
-Fünftes Buch
-
-
-1
-
-Da der Mönch, den Lamm gefangen genommen, merkte, daß die Geusen nicht
-seinen Tod, sondern Lösegeld wollten, begann er auf dem Schiffe die
-Nase hoch zu tragen.
-
-„Sehet,“ sprach er auf und ab gehend, mit wütendem Kopfschütteln,
-„sehet, in welchen Abgrund schmutziger, schwarzer, gemeiner Greuel ich
-gefallen bin, da ich den Fuß in diesen Holznapf setzte. Wenn ich nicht
-hier wäre, ich, den der Herr salbte ...“
-
-„Mit Hundsfett?“ fragten die Geusen.
-
-„Selbst Hunde,“ antwortete der Mönch, seine Rede fortsetzend. „Ja,
-räudige, verlaufene, dreckige Hunde mit magerem Kreuz. Ihr, die
-Ihr den fruchtbaren Schoß unserer heiligen römischen Mutter Kirche
-gemieden habt, um die dürren Wege Eurer lumpigen, reformierten Kirche
-zu betreten. Ja, wäre ich nicht hier in Eurem Holzschuh, Eurem Napf,
-so hätte der Herr ihn schon längst in die tiefsten Abgründe des Meeres
-versenkt, samt Euch, Euren verfluchten Waffen, Euren Teufelskanonen,
-Eurem singenden Kapitän, Euren lästerlichen Halbmonden, ja, bis auf
-den Grund der unergründlichen Tiefe von Satans Reich. Dort werdet ihr
-nicht verbrennen, nein! aber zu Eis gefrieren, zittern und vor Kälte
-umkommen, während der ganzen langen Ewigkeit. Ja, also wird Gott im
-Himmel auslöschen das Feuer Eures gottlosen Hasses gegen unsere sanfte
-heilige römische Mutter Kirche, gegen die hohen Heiligen, die Herren
-Bischöfe und die gesegneten Edikte, die so überaus sänftiglich und
-reiflich bedacht waren. Jawohl, ich werde Euch oben vom Paradiese
-sehen, veilchenblau wie Rotebeete oder weiß wie Rüben, so sehr wird
-Euch frieren. Tsi, tsi, tsi! Also geschehe es, geschehe es, geschehe
-es!“
-
-Die Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen trieben ihren Spott mit ihm
-und schossen aus Blasrohren mit trockenen Erbsen auf ihn. Und er
-bedeckte sich das Gesicht mit den Händen gegen diese Geschosse.
-
-
-2
-
-Nachdem der Blutherzog die Niederlande verlassen hatte, wurden sie
-von den Herren Messina-Coeli und Requesens mit minderer Grausamkeit
-regiert; dann wurden sie von den Generalstaaten im Namen des
-Königs regiert. Inzwischen eröffneten die Zeeländer und Holländer,
-wohlgeborgen durch Meer und Deiche, so für sie natürliche Wälle und
-Festungen sind, dem Gott der Freien freie Tempel. Die papistischen
-Henker konnten nebenan ihre Hymnen singen, und Seine Gnaden von
-Oranien, der Schweiger, war geschäftig, eine Dynastie von Statthaltern
-und Königen aufzurichten.
-
-Belgien ward von den Wallonen verwüstet, die ob der Genter Pazifikation
-mißvergnügt waren, da sie alle Feindschaft begraben sollten. Und diese
-wallonischen Paternosterknechte, die dicke, schwarze Rosenkränze um den
-Hals trugen, davon zu Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden,
-stahlen Ochsen und Pferde zu zwölfhundert, zu zweitausend und wählten
-sich die besten aus. Sie schleppten Frauen und Mädchen durch Felder und
-Sümpfe fort und verbrannten in den Scheunen die bewaffneten Bauern, die
-sich die Frucht ihrer harten Arbeit nicht rauben lassen wollten.
-
-Und die Leute aus dem Volk sprachen untereinander:
-
-„Don Juan wird mit seinen Spaniern kommen und Seine Herzogliche Hoheit
-mit seinen Franzosen, nicht mit den Hugenotten, sondern den Papisten.
-Der Schweiger, der Holland, Zeeland, Geldern und Overyssel friedlich zu
-regieren wünscht, tritt durch geheimen Vertrag die Belgischen Lande ab,
-auf daß Herr von Anjou sich dort zum König mache.“
-
-Etliche aus dem Volke hatten gleichwohl Vertrauen. „Die Herren von
-den Generalstaaten,“ sagten sie, „haben zwanzigtausend wohlbewaffnete
-Leute mit vielen Kanonen und guter Reiterei. Sie werden allen fremden
-Soldaten widerstehen.“
-
-Aber die Wohlunterrichteten sprachen: „Die Herren von den
-Generalstaaten haben zwanzigtausend Mann auf dem Papier, aber nicht
-im Felde; es fehlt ihnen an Reiterei, und sie lassen sich ihre Pferde
-eine Meile von ihrem Lager von den Paternosterknechten stehlen. Sie
-haben keine Artillerie, denn wiewohl sie deren hier bedürfen, haben sie
-beschlossen, hundert Kanonen mit Pulver und Kugeln an Don Sebastian
-von Portugal zu senden. Und man weiß nicht, wohin die zwei Millionen
-Taler gehen, die wir in vier Raten durch Steuern und Kriegsauflagen
-bezahlt haben. Die Bürger von Gent und Brüssel rüsten sich, Gent für
-die Reformation und Brüssel desgleichen; in Brüssel schlagen die Frauen
-die Schellentrommel, dieweil ihre Männer an den Wällen arbeiten. Gent,
-die Kühne, schickt Brüssel, der Fröhlichen, Pulver und Kanonen, woran
-es ihr mangelt, um sich gegen die Mißvergnügten und die Spanier zu
-verteidigen.“
-
-Und ein Jeglicher in den Städten wie auf dem platten Lande sieht
-ein, daß man kein Vertrauen haben darf, weder zu den Herren von den
-Generalstaaten, noch zu vielen andern. Und wir Bürger und das niedere
-Volk sind betrübt in unsern Herzen, daß wir im Lande unsrer Väter keine
-Besserung sehen, wiewohl wir unser Geld hergeben und bereit sind, unser
-Blut zu geben. Und das Land Belgien ist bang und erzürnt, daß es keine
-getreuen Anführer hat, die ihm Gelegenheit geben zu Schlacht und Sieg,
-da ihre Waffen der Feinde der Freiheit harren.
-
-Und die Wohlunterrichteten sprachen untereinander:
-
-„Bei der Genter Pazifikation haben die Herren von Holland und Belgien
-Beilegung aller Feindschaft geschworen und gegenseitigen Beistand
-zwischen den belgischen und niederländischen Staaten. Sie erklärten die
-Edikte für null und nichtig, die Konfiskationen für aufgehoben, Frieden
-zwischen beiden Religionen; sie versprachen, alle Säulen, Trophäen,
-Inschriften und Bildnisse, so der Herzog zu unserer Unehre errichtet,
-niederzureißen. Aber in den Herzen der Führer sind die Feindschaften
-noch nicht niedergerissen. Adel und Geistlichkeit erregen Zwietracht
-zwischen den Staaten der Union; sie empfangen Geld, um die Soldaten zu
-bezahlen, und behalten es für ihre Völlerei. Fünfzehntausend Prozesse
-um Rückforderung der eingezogenen Vermögen harren der Erledigung. Die
-Lutherischen und Römischen vereinigen sich gegen die Calvinisten;
-den rechtmäßigen Erben gelingt es nicht, den Räubern ihr Vermögen
-abzujagen; die Statue des Herzogs liegt am Boden, aber in ihren Herzen
-lebt das Bild der Inquisition.“
-
-Und das arme Volk und die bekümmerten Bürger harrten immerdar des
-tapferen und getreuen Feldherrn, der sie in die Schlacht für die
-Freiheit führte.
-
-Und sie sprachen untereinander: „Wo sind die erlauchten Unterzeichner
-des Kompromisses, die, wie sie sagten, männiglich zum Wohle des
-Vaterlandes vereinigt waren? Warum bildeten diese falschen Männer eine
-so „heilige Allianz“, wenn sie diese sogleich brechen mußten? Weshalb
-sich mit soviel Aufsehen versammeln, des Königs Zorn erregen, um sich
-hernach wie Feiglinge und Verräter zu trennen? Zu Fünfhundert, wie
-sie waren, hoher und niedrer Adel, als Brüder vereinigt, retteten sie
-uns vor der spanischen Wut; aber sie opferten das Wohl des belgischen
-Landes ihrem eigenen Wohl, gleichwie van Egmont und van Hoorn.“ „Wehe,“
-sagten sie, „sehet jetzo Don Juan, den schönen Ehrgeizigen kommen,
-Philipps Feind, aber mehr noch unsrer Länder Feind. Er kommt um des
-Papstes und seiner selbst willen. Adel und Klerus üben Verrat.“
-
-Und sie beginnen einen Scheinkrieg. An den Mauern der großen und
-kleinen Straßen von Gent und Brüssel, selbst an den Masten der
-Geusenschiffe, sah man nunmehr die Namen der Verräter angeheftet,
-der Heerführer und Kommandanten von Festungen: die des Grafen von
-Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don Juan verteidigte; des
-Burgvogtes von Lüttich, der die Stadt an Don Juan verkaufen wollte; der
-Herren von Aerschot, von Mansfeldt, von Berlaymont, von Rassanghien;
-die des Staatsrats, des Georges de Lalaing, Stadthalters von Friesland,
-des Feldhauptmanns de Rossignol, des Sendboten von Don Juan und
-Vermittlers zum Meuchelmord zwischen Philipp und Jauréguy, dem plumpen
-Mörder des Prinzen von Oranien. Ferner die Namen des Erzbischofs von
-Cambray, der die Spanier in die Stadt einlassen wollte; die Namen der
-Jesuiten von Antwerpen, die den Staaten drei Tonnen Goldes, / das ist
-zwei Millionen Gülden / anboten, damit das Schloß nicht zerstört würde
-und für Don Juan erhalten bliebe; die Namen des Bischofs von Lüttich
-und der geschwätzigen römischen Prediger, welche die Patrioten in
-bösen Leumund brachten; die des Bischofs von Utrecht, den die Bürger
-fortschickten, um anderswo das Kraut des Verrats zu weiden, und der
-Bettelorden, die in Gent zu Gunsten Don Juans Ränke schmiedeten.
-Die von Herzogenbusch nagelten den Namen von Carme Pierre an den
-Schandpfahl, der, vom Bischof und dessen Clerus unterstützt, sich
-anheischig machte, die Stadt dem Don Juan auszuliefern.
-
-In Douay jedoch henkten sie den Rektor der Universität, der
-gleichermaßen spanisch geworden, nicht in effigie. Doch auf den
-Geusenschiffen sah man auf der Brust der gehenkten Strohmänner Namen
-von Mönchen, Äbten und Prälaten und von achtzehnhundert reichen Frauen
-und Jungfrauen des Beghinen-Klosters zu Mecheln, die die Henker des
-Vaterlandes mit ihren Groschen unterhielten und mit Gold und Federn
-schmückten.
-
-Und auf diesen Strohmännern, den Schandpfählen der Verräter, stand der
-Name des Marquis d’Harrault, des Kommandanten der Feste Philippeville,
-der die Kriegs- und Mondvorräte unnütz vergeudete, um unter dem Vorwand
-des Mangels an Lebensmitteln, die Feste dem Feind auszuliefern. Da
-stand der Name Belvers, der Limburg übergab, als diese Stadt sich noch
-acht Monate halten konnte; der des Staatskanzlers von Flandern; des
-Magistrats von Brügge, des Magistrats von Mecheln, der seine Stadt
-für Don Juan offen hielt. Da standen die Namen der Herren von der
-geldernschen Rechnungskammer, die wegen Verrates geschlossen wurde; die
-des Rates von Brabant, der Kanzlei des Herzogtums, des geheimen Rats
-und des Finanzrats; die des Oberamtsmanns und des Bürgermeisters von
-Menin und der bösen Nachbarn von Artois, die zweitausend Franzosen, so
-auf Plünderung auszogen, unverweht durchließen.
-
-„Wehe,“ sprachen die Bürger untereinander, „nun hat der Herzog von
-Anjou einen Fuß in unserm Lande; er will bei uns König werden. Sahet
-Ihr ihn in Mons einziehen, klein und mit dicken Hüften, großer Nase,
-gelbem Antlitz und spöttischem Munde. Es ist ein großer Fürst, der
-die ungewöhnlichen Liebschaften liebt, und damit sich in seinem Namen
-weibliche Anmut mit männlicher Kraft paare, nennt man ihn Seine
-Groß-Hoheit, den Herzog von Anjou.“
-
-Ulenspiegel war nachdenklich. Und er sang:
-
- „Der Himmel ist blau, die Sonne hell;
- Umhüllt die Banner mit Flor,
- Mit Flor die Degengriffe,
- Versteckt die Juwelen,
- Kehrt um die Spiegel;
- Ich singe das Lied vom Tode,
- Das Lied vom Verrat.
-
- Sie setzten ihnen auf Leib und Brust
- Den Fuß, den stolzen Ländern:
- Brabant und Flandern, Hennegau,
- Antwerpen, Artois, Luxemburg.
- Junker und Pfaffen übten Verrat;
- Des Lohnes Köders lockte sie.
- Ich singe das Lied vom Verrat.
-
- Wenn allerorts der Feind nun raubt,
- Der Spanier in Antwerpen herrscht,
- Lustwandeln in den Gassen der Stadt,
- Äbte, Pfaffen und Feldhauptleute,
- In Seide gekleidet, mit Gold verbrämt.
- Von gutem Wein glänzt ihr volles Gesicht
- Und trägt ihre Schande zur Schau.
-
- Und durch sie wird die Inquisition
- Triumphierend zum Leben erwachen.
- Von den neuen Ritelmans
- Werden Taubstumme dann verhaftet
- Um Ketzerei.
- Ich singe das Lied vom Verrat.
-
- Unterzeichner des Vergleichs,
- Feige Unterzeichner;
- Euer Name sei verflucht.
- Wo seid Ihr zur Stunde des Krieges?
- Ihr folget gleich Raben
- Der spanischen Fährte.
- Schlaget die Trommel der Trauer.
-
- Die Zukunft, belgisches Land,
- Wird Dich verdammen, weil Du
- Gewaffnet Dich ließest berauben.
- Zukunft, eile Dich nicht.
- Sieh die Verräter geschäftig:
- Es sind zwanzig, es sind tausend;
- Alle Ämter haben sie inne,
- Die Großen geben sie den Kleinen.
-
- Sie sind im Einverständnis,
- Den Widerstand zu hindern
- Durch Zwietracht und Trägheit,
- Ihre Losung des Verrats.
- Verhüllt mit Flor die Spiegel
- Und die Degengriffe.
- Dies ist das Lied des Verrats.
-
- Spanier und Unzufriedene
- Erklären sie für Rebellen,
- Verbieten, ihnen zu helfen
- Mit Brot und Obdach,
- Mit Pulver und Blei.
- Doch fängt man sie, um sie zu henken.
- Um sie zu henken.
- Gleich lassen sie sie frei.
-
- Auf! sagen die Brüßler.
- Auf! sagen die Genter
- Und das belgische Volk.
- Euch arme Menschen will man
- Zermalmen zwischen dem König
- Und dem Papst, welcher den Kreuzzug
- Gegen Flandern betreibt.
-
- Sie kommen, die feilen Söldner,
- Beim Blutgeruch herbei,
- Scharen von Hunden,
- Hyänen und Schlangen,
- Die hungert und dürstet.
- Armes Land der Väter,
- Reif für Trümmer und Tod.
-
- Nicht Don Juan ist es,
- Der es Farnese, des Papstes Liebling,
- Mundgerecht macht,
- Doch Die, so Du mit Gold
- Und Ehren überhäuft.
- Die Deiner Weiber, Töchter
- Und Kinder Beichte hörten.
-
- Sie warfen Dich zu Boden,
- Es setzt der Spanier Dir
- Das Messer an die Kehle.
- Sie trieben Spott mit Dir,
- Da sie zu Brüssel des Prinzen
- Oranien Kommen gefeiert.
-
- Da man auf dem Kanale
- So mannig Feuerwerk
- Mit Freudengeknatter sah,
- Soviel triumphierende Schiffe,
- Gemälde und Wandbehänge,
- Da, Belgien, spielte man
- Von Joseph die Geschichte,
- Wie ihn die Brüder verkauft.“
-
-
-3
-
-Da der Mönch merkte, daß man ihn reden ließ, trug er auf dem Schiffe
-die Nase hoch; und um ihn noch mehr zum Predigen anzureizen, lästerten
-die Matrosen und Soldaten die heilige Jungfrau, die hohen Heiligen und
-die frommen Andachtsübungen der heiligen römischen Kirche.
-
-Dann geriet er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen sie aus.
-
-„Ja,“ schrie er, „ja, da bin ich traun in der Höhle der Geusen. Ja,
-dies sind wahrlich die verfluchten Länderaussauger! Ja. Und man sagt,
-daß der Inquisitor, der heilige Mann, ihrer zu viele verbrannt hat!
-Nein: Es ist noch genug von dem schmutzigen Ungeziefer übrig. Ja, auf
-den guten, tapferen Kriegsschiffen unseres Herrn Königs, die ehedem
-so sauber und gut gewaschen waren, sieht man jetzo das Ungeziefer
-der Geusen, ja, das stinkende Ungeziefer. Ja, es ist schmutziges,
-stinkendes, schändliches Ungeziefer, der singende Kapitän, der Koch mit
-dem Bauch voller Gottseligkeit, und sie alle mit ihren lästerlichen
-Halbmonden. Wenn der König seine Schiffe mit der Lauge der Geschütze
-gesäubert hat, wird für mehr als hunderttausend Gülden Pulver und
-Kugeln vonnöten sein, um diese schmutzige, gemeine, stinkende Seuche
-zu vertreiben. Ja, Ihr seid alle in Frau Luzifers Bette geboren,
-die verdammt ist, mit Satanas zwischen Mauern von Ungeziefer, unter
-Vorhängen von Ungeziefer und auf Polstern von Ungeziefer zu buhlen.
-Ja, und dort in ihren abscheulichen Umarmungen erzeugten sie die
-Geusen. Ja, ich spucke auf Euch.“
-
-Auf diese Rede hin sprachen die Geusen zu ihm:
-
-„Was behalten wir diesen Faulenzer hier, der nichts kann als
-Schimpfworte ausspeien? Wir wollen ihn lieber henken.“
-
-Und sie machten sich ans Werk.
-
-Als der Mönch sah, daß der Strick bereit, die Leiter an den Mastbaum
-gelehnt war und man ihm die Hände binden wollte, sagte er kläglich:
-
-„Habt Mitleid mit mir, Ihr Herren Geusen, es ist der Teufel des Zornes,
-der in meinem Herzen spricht, und nicht Euer geringer Gefangener, ein
-armer Mönch, der auf dieser Welt nicht mehr als einen Hals hat. Gnädige
-Herren, erbarmt Euch. Schließt mir den Mund mit einer Angstbirne, wenn
-Ihr wollt, / eine gar schlechte Frucht / aber henket mich nicht.“
-
-Ohne auf ihn zu hören, und trotz seines wütenden Widerstandes
-schleppten sie ihn nach der Leiter. Da schrie er so gellend, daß Lamm
-zu Ulenspiegel, der bei ihm in der Küche war und ihn pflegte, sprach:
-
-„Mein Sohn, mein Sohn, sie haben ein Schwein aus dem Koben gestohlen
-und stechen es ab. Oh, die Spitzbuben! Wenn ich doch aufstehen könnte.“
-
-Ulenspiegel ging hinauf und erblickte nichts als den Mönch. Da dieser
-seiner gewahr wurde, fiel er auf die Kniee und sagte, die Hände zu ihm
-erhebend:
-
-„Herr Kapitän, Kapitän der tapferen Geusen, die zu Wasser und zu
-Lande furchtbar sind, Eure Soldaten wollen mich henken, weil ich mich
-mit der Zunge vergangen habe. Das ist eine ungerechte Strafe, Herr
-Kapitän, denn alsdann müßten alle Advokaten, Sachverwalter, Prediger
-und Weiber ein hänfenes Halsband haben, und die Welt würde entvölkert
-werden. Herr, errettet mich vom Strick. Ich werde für Euch beten, und
-Ihr werdet nicht verdammt werden, gebt mir Pardon. Der Sprechteufel
-verleitete mich und zwang mich, unaufhörlich zu reden: das ist ein gar
-großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt mich tausend
-Dinge sagen, die ich nicht denke. Gnade, Herr Kapitän, und Ihr Herren
-alle, bittet für mich.“
-
-Plötzlich erschien Lamm im Hemd auf Deck und sagte:
-
-„Kapitän und Kameraden, es war nicht das Schwein, daß quiekte, sondern
-der Mönch; des bin ich froh. Ulenspiegel, mein Sohn, ich habe einen
-großartigen Plan inbetreff des frommen Vaters gefaßt. Schenk ihm das
-Leben, aber laß ihn nicht frei, sonst wird er noch einen schlechten
-Streich auf dem Schiffe verüben. Vielmehr laß ihm auf Deck einen engen,
-recht luftigen Käfig machen, darin er nur sitzen und schlafen kann, wie
-man sie für die Kapaunen macht. Laß mich ihn füttern, und wenn er nicht
-soviel ißt, wie ich will, möge er gehenkt werden.“
-
-„Möge er gehenkt werden, wenn er nicht ißt“, sagten Ulenspiegel und die
-Geusen.
-
-„Was gedenkst Du mit mir zu machen, Dicker?“ fragte der Mönch.
-
-„Das wirst du sehen,“ antwortete Lamm.
-
-Und Ulenspiegel tat, was Lamm wünschte, und der Mönch ward in den Käfig
-gesetzt, und Jedermann konnte ihn darin nach Belieben betrachten.
-
-Lamm war in die Küche hinuntergegangen; Ulenspiegel ging ihm nach und
-hörte ihn mit Nele streiten.
-
-„Ich werde mich nicht hinlegen,“ sagte er, „nein, ich werde mich nicht
-hinlegen, damit andere kommen und in meinen Brühen herum mantschen.
-Nein ich werde nicht in meinem Bette bleiben wie ein Kalb!“
-
-„Werde nicht böse, Lamm,“ sprach Nele, „sonst wird Deine Wunde wieder
-aufbrechen, und Du wirst sterben.“
-
-„Wohlan,“ sagte er, „ich werde sterben; ich bin es satt, ohne mein Weib
-zu leben. Ist es noch nicht genug, daß ich es verloren habe, willst du
-mich auch noch hindern, mich, den Schiffskoch, auf die Suppe zu achten?
-Weißt du nicht, daß dem Duft der Brühen und Fleischgerichte eine
-Heilkraft innewohnt? Sie nähren selbst meinen Geist und panzern mich
-wider das Unglück.“
-
-„Lamm,“ sagte Nele, „Du mußt auf unseren Rat hören und Dich von uns
-heilen lassen.“
-
-„Ich will mich heilen lassen,“ sprach Lamm; „aber es soll nur ein
-anderer hier herein kommen, irgend ein unwissender, stinkender,
-triefäugiger, rotznasiger Taugenichts und soll an meiner Statt als
-Schiffskoch herrschen und mit seinen schmutzigen Fingern in meine
-Brühen fahren, so schlüg’ ich ihn lieber mit meiner Holzkelle tot, die
-dann von Eisen wäre.“
-
-„Gleichviel,“ sagte Ulenspiegel, „Du brauchst einen Gehilfen, Du bist
-krank.“
-
-„Ein Gehilfe für mich!“ sagte Lamm, „mir ein Gehilfe! Bist Du denn nur
-mit Undankbarkeit vollgepfropft wie eine Wurst mit gehacktem Fleisch?
-Ein Gehilfe, mein Sohn, und Du sagst das mir, Deinem Freund, der Dich
-so lange und so reichlich genährt hat! Jetzt wird meine Wunde wieder
-aufbrechen. Schlechter Freund, wer würde dir hier wohl die Nahrung
-bereiten wie ich? Was würdet Ihr beiden anfangen, wenn ich nicht
-da wäre, um dir, Kapitän, und Dir, Nele, etwelches leckere Gericht
-vorzusetzen?“
-
-„Wir würden selbst in der Küche arbeiten,“ sprach Ulenspiegel.
-
-„Die Küche!“ sagte Lamm. „Du taugst dazu, gute Küche zu essen, sie zu
-schnüffeln und einzuschlürfen, aber kochen, nein! Armer Freund und
-Kapitän, ich würde Dir, mit Verlaub zu sagen, in Streifen geschnittene
-Gürteltaschen zu essen geben, und Du würdest sie für harte Kaldaunen
-halten. Laß mich, mein Sohn, laß mich hier bleiben, sonst werde ich wie
-ein Stock eintrocknen.“
-
-„So bleibe Schiffskoch,“ sprach Ulenspiegel; „wenn du nicht gesund
-wirst, schließe ich die Küche zu und wir essen nur Schiffszwieback.“
-
-„Ach, mein Sohn,“ sprach Lamm, vor Freude weinend, „Du bist gut wie
-unsere liebe Frau.“
-
-
-4
-
-Er schien jedoch zu genesen.
-
-Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des Mönches mit
-einem langen Lederriemen maß.
-
-Am ersten Samstag sagte er:
-
-„Vier Fuß.“
-
-Und sich selber messend, sprach er:
-
-„Vier und einen halben Fuß.“
-
-Und er schien schwermütig.
-
-Doch am achten Samstag war er fröhlich und sagte von dem Mönche:
-
-„Vier dreiviertel Fuß.“
-
-Und als er ihm Maß nahm, erboste sich der Mönch und sprach:
-
-„Was hast du mit mir vor, Dicker?“
-
-Aber Lamm steckte die Zunge heraus und schwieg.
-
-Und siebenmal am Tage sahen die Matrosen und Soldaten ihn mit irgend
-einem andern Gericht ankommen und dabei sagen:
-
-„Hier sind fette Bohnen mit flandrischer Butter; hast Du je so gute
-in Deinem Kloster gegessen? Du hast ein volles Gesicht, hier auf dem
-Schiff magert man nicht ab. Fühlst Du nicht, wie Dir die Fettpolster im
-Rücken wachsen? Bald wirst Du kein Pfühl mehr brauchen, um zu schlafen.“
-
-Bei der zweiten Mahlzeit des Mönches sprach er:
-
-„Sieh da, das sind Krapfen nach Brüsseler Art. Die Wälschen nennen sie
-Crèpes, denn sie tragen sie zum Zeichen der Trauer am Hut. Diese jedoch
-sind nicht schwarz, sondern blond und im Ofen goldig gebacken. Siehst
-Du die Butter darauf rinnen? So wird auch Dein Bauch werden.“
-
-„Ich habe keinen Hunger,“ sprach der Mönch.
-
-„Du mußt essen,“ sagte Lamm. „Glaubst Du, daß es Krapfen von
-Buchweizenmehl sind? Es ist reines Weizenmehl, frommer Vater, Vater im
-Fett, es ist feinstes Weizenmehl, Vater mit vierfachem Kinn; ich sehe
-schon das fünfte keimen, und mein Herz ist froh. Iß!“
-
-„Laß mich in Ruhe, Dicker,“ sprach der Mönch.
-
-Lamm ward zornig und antwortete:
-
-„Ich bin Herr über Dein Leben. Ziehst du den Strang einem guten Napf
-Erbsenbrei mit gerösteter Brotrinde vor, die ich Dir alsbald bringen
-werde?“
-
-Und als er mit dem Napf kam, sagte Lamm:
-
-„Der Erbsenbrei hat es gern, wenn er in Gesellschaft gegessen wird;
-darum habe ich deutsche Knödel dabei gegeben, schöne Klöße von
-Korinther Mehl, ganz frisch ins kochende Wasser geworfen. Sie sind
-schwer, aber sie setzen Speck an. Iß, soviel du kannst. Jemehr Du
-issest, um so größer ist meine Freude. Ziere Dich nicht, und schnaufe
-nicht so stark, als ob es Dir zu viel würde. Iß! Ist Essen nicht besser
-als gehenkt werden? Laß mal Deine Schenkel sehen? Sie werden auch
-fetter. Zwei Fuß und sieben Zoll rund herum. Wo ist ein Schinken, der
-soviel mißt?“
-
-Eine Stunde darauf kam er wieder zum Mönche.
-
-„Sieh,“ sprach er, „hier sind neun Tauben. Sie sind für Dich
-geschlachtet, die unschuldigen Tierchen, die ohne Furcht über den
-Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht, ich habe ihnen eine Butterkugel
-in den Leib gelegt, samt Weißbrot, geriebener Muskatnuß und
-Gewürznelken, in einem kupfernen Mörser gestoßen, der wie Deine Haut
-glänzt. Die liebe Sonne freut sich, in einem Gesichte, so blank wie das
-Deine, sich spiegeln zu können. Das kommt vom Fett, vom guten Fett, das
-ich Dir verschafft habe.“ Bei der fünften Mahlzeit brachte er ihm ein
-„Waterzoey“.
-
-„Was denkst Du von diesem gedämpften Fische?“ fragte er. „Das Meer
-trägt Dich und ernährt Dich, mehr würde es auch nicht für Seine
-Königliche Majestät tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte Kinn deutlich
-sprossen, ein wenig mehr an der linken als an der rechten Seite. Wir
-werden diese Seite, die zu kurz gekommen ist, fett machen müssen,
-denn Gott hat uns gesagt: „Seid gerecht gegen jedermann.“ Wo wäre
-Gerechtigkeit, wenn nicht in gleichmäßiger Verteilung von Fett? Für
-Deine sechste Mahlzeit werde ich Dir Muscheln, die Austern der armen
-Leute, bringen, dergleichen man Dir in Deinem Kloster nie aufgetragen
-hat. Die Unwissenden kochen sie und essen sie so, aber das ist nur
-der Prolog ihrer Zubereitung. Man muß hernach die Schalen abnehmen,
-ihre zarten Körper in ein Pfännlein tun und sie da sanft mit Sellerie,
-Muskat und Nelken dämpfen, die Brühe mit Bier und Mehl binden und
-sie mit gerösteten Brotschnitten anrichten. So habe ich sie für Dich
-gemacht. Warum schulden die Kinder ihren Vätern und Müttern so großen
-Dank? Weil sie ihnen Obdach, Liebe, doch sonderlich die Nahrung gegeben
-haben. Demnach mußt Du mich wie Deinen Vater und Deine Mutter lieben
-und gleich ihnen bist Du, Vielfraß, mir Dank schuldig. Drum sieh mich
-nicht mit so wilden, rollenden Augen an.
-
-„Bald werde ich Dir eine Biersuppe mit Mehl bringen, gut gezuckert,
-mit viel Zimmt. Weißt Du, warum? Damit Dein Fett durchsichtig wird
-und unter Deiner Haut bebt: so sieht man es, wenn Du Dich bewegst.
-Horch, da läutet es Schlafenszeit: schlummere in Frieden, ohne Sorgen
-für den kommenden Tag, und sei sicher, Deine geschmälzten Mahlzeiten
-wiederzufinden, und Deinen Freund Lamm, der nicht ermangeln wird, sie
-Dir zu geben.“
-
-„Geh von hinnen und laß mich beten,“ sagte der Mönch.
-
-„Bete,“ sprach Lamm, „bete in fröhlicher Schnarchmusik. Bier und
-Schlafen werden Dir Fett, gutes Fett ansetzen. Ich bin froh.“
-
-Und Lamm ging, sich ins Bett zu legen.
-
-Und die Matrosen und Soldaten fragten ihn:
-
-„Was hast Du davon, diesen Mönch, der Dir nicht wohl will, so reichlich
-zu füttern?“
-
-„Laßt mich nur machen,“ sprach Lamm. „Ich vollführe ein großes Werk.“
-
-
-5
-
-Im Mai, wenn die flanderischen Bäuerinnen sich nachts langsam drei
-schwarze Bohnen nach rückwärts über den Kopf werfen, um sich vor
-Krankheit und Tod zu schützen, brach Lamms Wunde wieder auf. Er bekam
-starkes Fieber und begehrte, auf Deck, dem Käfig des Mönches gegenüber
-zu liegen.
-
-Ulenspiegel war es zufrieden, doch aus Furcht, daß sein Freund bei
-einem Anfall ins Meer stürzte, ließ er ihn auf seinem Lager tüchtig
-festbinden.
-
-In seinen lichten Augenblicken empfahl er unablässig, daß man den Mönch
-nicht vergäße, und streckte ihm die Zunge heraus.
-
-Und der Mönch sprach: „Du beschimpfest mich, Dicker.“
-
-„Nein,“ antworte Lamm, „ich mache Dich fett.“
-
-Ein lauer Wind wehte, die Sonne schien warm. Der fiebernde Lamm war
-auf seinem Bette gut festgebunden, damit er bei den jähen Anfällen des
-Fieberwahns nicht vom Schiff spränge. Er wähnte sich noch in der Küche
-und sprach:
-
-„Der Ofen ist heute hell. Bald wird es Fettammern regnen. Frau, spanne
-die Schlingen in unserm Obstgarten auf. Du bist schön so mit den bis
-an den Ellbogen aufgeschlagenen Ärmeln. Dein Arm ist weiß, ich will
-mit den Lippen hineinbeißen, das sind Sammetzähne. Wem gehört dieser
-schöne Leib, wem gehören diese schönen Brüste, die unter Deinem weißen
-Leibchen von feinem Linnen schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird
-das Frikassee von Hahnenkämmen und Kücken machen? Nicht zuviel Muskat,
-das macht Fieber. Weiße Brühe mit Thymian und Lorbeeren. Wo sind die
-Eidotter?“
-
-Dann winkte er Ulenspiegel, das Ohr an seinen Mund zu halten, und sagte
-ganz leise zu ihm:
-
-„Bald wird es Wildpret regnen, ich werde Dir vier Fettammern mehr
-aufheben als den Andern. Du bist Kapitän, verrate mich nicht.“
-
-Dann hörte er die Wellen leise an die Schiffswand plätschern.
-
-„Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht, aber wie langsam heizt
-dieser Ofen!“
-
-Sobald er seine fünf Sinne beisammen hatte, sprach er, vom Mönch redend:
-
-„Wo ist er? Wächst sein Speck?“
-
-Da er ihn erblickte, streckte er ihm die Zunge heraus und sagte:
-
-„Das große Werk wird vollendet; des bin ich froh.“
-
-Eines Tages verlangte er, daß die große Wage auf Deck gebracht würde
-und daß man ihn auf ein Wagebrett und den Mönch auf das andere
-legte. Kaum war der Mönch darauf, als Lamm wie ein Pfeil in die Luft
-schnellte. Hocherfreut sagte er, indem er ihn ansah:
-
-„Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein leichter Geist neben
-ihm; ich werde wie ein Vogel in die Luft fliegen. Ich habe einen
-Gedanken: nehmt ihn herunter, damit ich herabsteigen kann; jetzt
-legt die Gewichte auf; legt ihn wieder darauf. Wieviel wiegt er?
-Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.“
-
-
-6
-
-In der Nacht des folgenden Tages ward Ulenspiegel bei Tagesgrauen durch
-Lamm geweckt, welcher rief:
-
-„Ulenspiegel, Ulenspiegel! zu Hilfe, hindere sie fortzugehen. Schneidet
-die Stricke durch, schneidet die Stricke durch!“
-
-Ulenspiegel stieg auf Deck und sagte:
-
-„Warum rufst Du? Ich sehe nichts.“
-
-„Sie ist es,“ antwortete Lamm, „sie, meine Frau; dort in der Schaluppe,
-die jenes Vlieboot umkreist. Ja, um das Vlieboot, von dem die Lieder
-und die Lautenklänge kommen.“
-
-Nele war gleichfalls auf Deck gestiegen.
-
-„Schneide die Stricke durch, Liebchen,“ sprach Lamm. „Siehst Du nicht,
-daß meine Wunde geheilt ist? Ihre weiche Hand hat sie verbunden. Sie,
-ja, sie. Siehst Du sie in der Schaluppe stehen? Hörst Du? Sie singt
-noch. Komm, Geliebte, komm, flieh nicht Deinen armen Lamm, der ohne
-Dich so einsam auf Erden war.“
-
-Nele faßte seine Hand und berührte sein Gesicht.
-
-„Er hat noch Fieber,“ sagte sie.
-
-„Schneidet die Stricke durch,“ sprach Lamm, „gebt mir eine Schaluppe!
-Ich lebe, ich bin glücklich, ich bin geheilt!“
-
-Ulenspiegel zerschnitt die Stricke und Lamm sprang in weißen
-Leinenhosen ohne Wams aus dem Bett und begann, das Boot selbst
-hinunterzulassen.
-
-„Sieh ihn an,“ sagte Nele zu Ulenspiegel. „Seine Hände zittern vor
-Ungeduld bei der Arbeit.“
-
-Da das Boot flott war, stiegen Ulenspiegel, Nele und Lamm mit einem
-Ruderknecht hinein und steuerten auf das Vlieboot zu, das in der Ferne
-im Hafen vor Anker lag.
-
-„Sieh, das schöne Vlieboot,“ sprach Lamm, dem Ruderknecht helfend.
-
-Vom morgenfrischen Himmel, den die Strahlen der jungen Sonne wie
-vergüldetes Kristall färbten, hob das Vlieboot seinen Rumpf und seine
-schlanken Masten ab.
-
-Derweil Lamm ruderte, fragte Ulenspiegel:
-
-„Sag uns nunmehr, wie Du sie wiedergefunden hast?“
-
-Lamm gab stoßweise Antwort.
-
-„Ich schlief, es ging mir schon besser. Plötzlich dumpfes Geräusch.
-Etwas Hölzernes stößt ans Schiff. Schaluppe. Matrose läuft beim
-Geräusch herbei: Wer da? Eine sanfte Stimme, ihre Stimme, mein Sohn,
-ihre süße Stimme: Gut Freund! Dann derbere Stimme: Es lebe der Geuse!
-Kommandant des Vlieboots „Johanna“ mit Lamm Goedzak sprechen. Matrose
-wirft die Strickleiter hinunter. Der Mond schien. Ich sehe die Gestalt
-eines Mannes auf Deck steigen: Starke Hüften, runde Kniee, breites
-Becken. Ich sage mir: Falscher Mann. Mir ist, wie wenn eine Rose sich
-erschließt und meine Wange berührt. Ihr Mund, mein Sohn, und ich höre
-sie sagen, sie selbst, verstehst Du? sie selbst, indem sie mich mit
-Küssen und Tränen bedeckt, die wie flüssiges, balsamisches Feuer auf
-meinen Körper fallen: „Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich habe
-Dich lieb, mein guter Mann. Ich habe vor Gott geschworen, und ich
-breche meinen Schwur, mein Mann, mein armer Mann! Ich bin oft gekommen,
-ohne mich in Deine Nähe zu wagen. Der Matrose hat es mir endlich
-erlaubt. Ich verband Deine Wunde; Du erkanntest mich nicht, aber ich
-habe Dich geheilt. Sei nicht böse, lieber Mann. Ich bin Dir gefolgt,
-aber ich fürchte mich, er ist auf diesem Schiff. Laß mich gehen. Wenn
-er mich sähe, so verfluchte er mich und ich würde im ewigen Feuer
-brennen!“ Weinend und glücklich küßte sie mich abermals und verließ
-mich dann wider meinen Willen, trotz meiner Tränen. Du hattest mir ja
-Arm und Beine festgebunden, mein Sohn, aber jetzt“ ....
-
-So sprechend, ruderte er mit starken Schlägen, wie die gespannte Schnur
-eines Bogens, die den Pfeil vorwärts schnellt.
-
-Als sie sich dem Vlieboot näherten, sprach Lamm:
-
-„Da steht sie auf Deck und spielt die Laute, meine reizende Frau mit
-goldbraunem Haar, braunen Augen, noch blühenden Wangen, bloßen, runden
-Armen und weißen Händen. Hüpfe auf den Wellen, Schaluppe!“
-
-Da der Kapitän des Vlieboots die Schaluppe herankommen und Lamm
-wie einen Teufel rudern sah, ließ er eine Strickleiter von Deck
-herunterwerfen. Als Lamm ihr nahe war, sprang er aus der Schaluppe auf
-die Leiter, auf die Gefahr hin, ins Meer zu stürzen, und stieß das Bot
-drei Klafter weit zurück. Wie eine Katze kletterte er an Bord und lief
-auf seine Frau zu, die, vor Freude halbohnmächtig, ihn umarmte und
-küßte. Dabei sprach sie:
-
-„Lamm! Du darfst mich nicht mitnehmen, ich habe bei Gott geschworen,
-aber ich habe Dich lieb. Ach, lieber Mann!“
-
-Nele rief aus:
-
-„Das ist ja Calleken Huybrechts, die schöne Calleken!“
-
-„Die bin ich,“ sagte sie, „aber ach, meine Schönheit ist nicht mehr in
-der Mittagshöhe.“
-
-Und sie schien betrübt.
-
-„Was hast Du getan?“ fragte Lamm. „Was geschah mit Dir? Warum hast Du
-mich verlassen? Warum willst Du mich jetzo meiden?“
-
-„Hör mich an,“ sprach sie, „und zürne nicht, ich will Dir alles sagen.
-Wissend, daß alle Mönche Erwählte Gottes sind, vertraute ich mich einen
-von ihnen an. Er hieß Broer Cornelis Adriaensen.“
-
-Da Lamm dies vernahm, sprach er:
-
-„Was! dieser schlimme Heuchler, der ein Maul hatte wie eine Kloake voll
-Schmutz und Unrat und von nichts sprach, als das Blut der Reformation
-zu vergießen! Was! dieser Lobredner der Inquisition und der Edikte!
-Wehe! dieser schuftige Taugenichts war es!“
-
-Calleken sagte:
-
-„Beschimpfe den Mann Gottes nicht!“
-
-„Der Mann Gottes!“ sprach Lamm, „ich kenne ihn! Er war der Mann der
-Unflätereien und Zoten. Unseliges Geschick! Mußte meine schöne Calleken
-diesem geilen Mönch in die Hände fallen. Komm mir nicht nahe, ich
-ermorde Dich! Und ich, der ich sie so liebte! Mein armes Herz betrogen,
-das ganz ihr gehörte! Was willst Du hier? Weshalb hast Du mich
-gepflegt? Du hättest mich sollen sterben lassen. Hebe Dich weg, ich
-will Dich nicht mehr sehen, hebe Dich weg oder ich werfe Dich ins Meer.
-Mein Messer! ....“
-
-Sie umarmte ihn und sprach:
-
-„Lamm, lieber Mann, weine nicht. Ich bin nicht, was Du denkst; ich bin
-diesem Mönch nicht zu Willen gewesen!“
-
-„Du lügst,“ sprach Lamm, weinend und zähneknirschend. „Ach, ich war
-nimmer eifersüchtig, und jetzt bin ich’s. Traurige Leidenschaft, Zorn
-und Liebe: der Drang, zu morden und zu umarmen. Hinweg! nein, bleib.
-Ich war so gut zu ihr. Mordlust beherrscht mich. Mein Messer! Oh! das
-brennt, verzehrt, nagt ... Du lachst über mich ....“
-
-Und weinend, sanft und demütig umarmte sie ihn.
-
-„Ja,“ sprach er, „ich bin albern in meinem Zorn; ja, Du hütetest meine
-Ehre, die Ehre, die wir Narren an die Röcke einer Frau hängen. Darum
-also stecktest Du Dein süßestes Lächeln auf, wenn Du mich batest, mit
-Deinen Freundinnen zur Messe zu gehen ...“
-
-„Laß mich reden,“ sprach die Frau, ihn umarmend. „Ich will augenblicks
-tot sein, wenn ich Dich hintergehe.“
-
-„So stirb,“ sprach Lamm, „denn Du wirst lügen.“
-
-„Hör mir an,“ sprach sie.
-
-„Rede oder schweige,“ sagte er, „mir ist es einerlei.“
-
-„Broer Adriaensen,“ sagte sie, „galt für einen guten Kanzelredner.
-Ich ging, ihn zu hören. Er stellte den geistlichen Stand und das
-Zölibat weit über alle andern, weil sie die Frommen am besten ins
-Paradies führen. Seine Beredsamkeit war gewaltig und ungestüm. Mehrere
-ehrbare Frauen, darunter ich, und sonderlich eine gute Zahl Witwen
-und Jungfrauen wurden ganz verstört davon. Maßen der ehelose Stand so
-vollkommen ist, empfahl er uns, darin zu verbleiben. Wir schwuren,
-nicht mehr ehelich zu leben ....“
-
-„Ausgenommen mit ihm, ohne Zweifel,“ sagte Lamm unter Tränen.
-
-„Schweig,“ sagte sie erzürnt.
-
-„Weiter,“ sagte er, „vollende; Du hast mir einen harten Schlag
-versetzt, den werd’ ich nicht überwinden.“
-
-„Doch, lieber Mann,“ sagte sie, „wenn ich allzeit bei Dir sein werde.“
-Sie wollte ihn umarmen und küssen; er aber stieß sie zurück.
-
-„Die Witwen,“ sagte sie, „gelobten ihm in die Hand, sich nie wieder zu
-verheiraten.“
-
-Und Lamm hörte zu, in eifersüchtiges Sinnen versenkt.
-
-Voll Scham erzählte Calleken weiter:
-
-„Er wollte nur schöne und junge Frauen und Jungfrauen als Büßerinnen
-haben; die andern, die schickte er zu ihren Pfarrern zurück. Er
-gründete einen Orden von Andächtigen, indem er uns alle schwören ließ,
-keine andern Beichtiger als ihn zu nehmen. Ich leistete den Schwur.
-Meine Genossinnen, die besser unterrichtet waren als ich, fragten mich,
-ob ich mich nicht in der Heiligen Disziplin und der Heiligen Pönitenz
-unterweisen lassen wollte. Ich war bereit. Es war aber zu Brügge am
-Kai der Steinschneider, nahe dem Kloster der minderen Brüder ein Haus,
-darin eine Frau, namens Calle de Najage, wohnte. Die unterrichtete und
-ernährte junge Mädchen um einen Goldkarolus im Monat. Broer Cornelis
-konnte in ihr Haus gelangen, ohne daß er dem Anschein nach sein Kloster
-verließ. In dieses Haus ging ich: in ein Kämmerlein, darin er allein
-war. Allda befahl er mir, ihm alle meine natürlichen und fleischlichen
-Begierden zu sagen. Erstlich traute ich mich nicht, aber ich gab
-endlich nach, weinte und sagte ihm alles.“
-
-„Wehe!“ klagte Lamm, „so empfing dieser schweinische Mönch Deine holde
-Beichte.“
-
-„Er sagte mir immer / und solches ist wahr, lieber Mann / daß über
-der irdischen eine himmlische Scham sei, durch welche wir Gott unsere
-weltliche Scham zum Opfer bringen, und daß wir also unserm Beichtiger
-alle unseren geheimsten Begierden bekennen und alsdann würdig sind, die
-heilige Geißelung und die heilige Buße zu empfahen.
-
-„Zuletzt nötigte er mich, nackend vor ihn zu treten, um auf meinem
-Körper, der gesündigt hatte, die allzuleichte Züchtigung meiner Sünden
-zu erhalten. Eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden; ich ward
-ohnmächtig, als ich mein Hemd vor ihn fallen lassen mußte. Er brachte
-mich durch Salze und Riechfläschchen wieder zu mir. „Für diesmal ist es
-gut, meine Tochter,“ sagte er, „kehre in zwei Tagen wieder und bringe
-eine Geißel mit.“ Das dauerte lange Zeit, ohne daß jemals ... ich
-schwöre bei Gott und all seinen Heiligen ... Mann ... versteh mich ...
-schau mich an ... sieh, ob ich lüge ... ich blieb rein und treu ... ich
-liebte Dich.“
-
-„Armer, süßer Körper,“ sagte Lamm. „O Schandfleck auf Deinem
-Hochzeitskleid!“
-
-„Lamm,“ sprach sie, „er redete im Namen Gottes und unsrer heiligen
-Mutter Kirche; mußte ich ihn nicht anhören? Ich liebte Dich immer, aber
-ich hatte bei der Jungfrau mit furchtbaren Eiden geschworen, mich Dir
-zu versagen. Und doch war ich schwach, Deinetwegen schwach. Entsinnst
-Du Dich des Gasthauses in Brügge? Ich war bei Calle de Najage, Du kamst
-auf Deinem Esel mit Ulenspiegel vorbeigeritten. Ich ging Dir nach. Ich
-hatte eine hübsche Summe Geldes und gab für mich nichts aus. Ich sah
-Dich hungern, mein Herz zog mich zu Dir, ich empfand Mitleid und Liebe.“
-
-„Wo ist er jetzt?“ fragte Ulenspiegel.
-
-Calleken antwortete:
-
-„Nach einer vom Magistrat befohlenen Nachforschung und auf Anstiften
-Böswilliger mußte Broer Adriaensen Brügge verlassen und flüchtete nach
-Antwerpen. Man hat mir auf dem Vlieboot erzählt, daß mein Mann ihn
-gefangen genommen hat.“
-
-„Was!“ sprach Lamm, „der Mönch, den ich mäste, ist ....“
-
-„Er,“ antwortete Calleken, ihr Gesicht verhüllend.
-
-„Eine Axt, eine Axt,“ schrie Lamm, „daß ich ihn schlachte und das Fett
-dieses geilen Bockes meistbietend verkaufe! Rasch zurück zum Schiffe.
-Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“
-
-Nele sprach zu ihm:
-
-„Es ist eine niedrige Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten oder zu
-verwunden.“
-
-„Du siehst mich mit bösen Augen an; würdest Du mich daran hindern?“
-
-„Ja,“ sagte sie.
-
-„Wohlan,“ sprach Lamm, „ich werde ihm nichts antun. Laß mich ihn nur
-aus dem Käfig werfen. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“
-
-Sie stiegen flugs ein und Lamm ruderte eifrig und weinte, alles mit
-einander.
-
-„Du bist traurig, Mann?“ fragte Calleken.
-
-„Nein,“ sprach er, „ich bin froh. Du wirst mich gewißlich nicht
-verlassen?“
-
-„Nimmer,“ sagte sie.
-
-„Du warst rein und treu, sagst Du; aber süßes Liebchen, geliebte
-Calleken, ich lebte nur, um Dich wiederzufinden, und siehe da, Dank
-diesem Mönch wird in all unsren Wonnen das Gift der Eifersucht sein ...
-Sobald ich traurig oder nur müde bin, werde ich Dich nackend sehen, wie
-Du Deinen schönen Leib dieser schimpflichen Geißelung unterwirfst. Der
-Lenz unsrer Liebe war mein, doch der Sommer gehörte ihm. Grau wird der
-Herbst sein und in Bälde wird der Winter kommen, meine treue Liebe zu
-begraben.“
-
-„Du weinst?“ sagte sie.
-
-„Ja,“ sprach er, „was vergangen ist, kehrt nicht wieder.“
-
-„Wenn Calleken treu war, so sollte sie Dich Deiner häßlichen Worte
-halber allein lassen,“ sagte Nele darauf.
-
-„Er weiß nicht, wie ich ihn liebte,“ sprach Calleken.
-
-„Sagst Du die Wahrheit?“ rief Lamm aus. „Komm, Liebchen, komm, mein
-Weib. Kein grauer Herbst ist mehr da, und kein Winter, uns zu begraben.“
-
-Und er schien fröhlich, und sie kamen zum Schiffe.
-
-Ulenspiegel gab Lamm die Schlüssel zum Käfig und er öffnete ihn. Er
-wollte den Mönch bei einem Ohr auf Deck ziehen, aber er konnte es
-nicht; er wollte ihn seitwärts herausziehen, aber das ging ebenso wenig.
-
-„Man muß alles zerbrechen; der Kapaun ist fett,“ sagte er.
-
-Nunmehr kam der Mönch heraus und rollte seine dicken, blöden Augen,
-dieweil er seinen Bauch mit beiden Händen festhielt. Da zog eine große
-Welle unter dem Schiff her und er fiel auf sein Gesäß.
-
-Und Lamm sprach zum Mönche:
-
-„Wirst Du noch „Dicker“ sagen? Du bist dicker als ich. Wer zwang Dich,
-sieben Mahlzeiten am Tage zu halten? Ich. Woher kommt es, Schreihals,
-daß Du jetzt ruhiger bist und sanfter zu den armen Geusen?“
-
-Und er redete weiter:
-
-„So Du noch ein Jahr im Käfig bleibst, wirst Du nicht mehr daraus
-herfür können. Deine Wangen beben wie Schweinesülze, wenn Du Dich
-bewegst; Du schreist schon nicht mehr, bald wirst Du nicht mehr atmen
-können.“
-
-„Schweig, Dicker,“ sagte der Mönch.
-
-„Dicker!“ sprach Lamm und geriet in Wut. „Ich bin Lamm Goedzak, Du
-bist Bruder Dicksack, Fettsack, Lügensack, Schlucksack, Wollustsack.
-Du hast vier Finger breit Speck unter der Haut, man sieht Deine Augen
-nicht mehr. Ulenspiegel und ich könnten bequem in der Kathedrale
-Deines Bauches hausen! Du nennst mich Dicker; willst Du einen Spiegel,
-um Deinen Bauch zu betrachten? Ich habe Dich gemästet, Du Denkmal
-von Fleisch und Bein. Ich habe geschworen, daß Du Fett speien, Fett
-schwitzen und Fettspuren zurücklassen solltest wie ein Talglicht, das
-in der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß beim siebenten Kinn
-kommt; Du hast ihrer jetzo fünf und ein halbes.“
-
-Dann zu den Geusen gewendet:
-
-„Sehet diesen Lüstling! Das ist Bruder Cornelis Adriaensen Nichtsnutzen
-aus Brügge. Er predigte allda eine neue Schamhaftigkeit. Sein Fett
-ist die Strafe, sein Fett ist mein Werk. Nun höret alle, Matrosen
-und Soldaten: Ich werde Euch verlassen, Dich verlassen, Ulenspiegel,
-auch Dich, kleine Nele, um in Vlissingen, wo ich Vermögen habe, mit
-meiner lieben Frau zu leben, die ich wiederfand. Ihr habt mir ehedem
-geschworen, mir alles zu bewilligen, um was ich Euch bitten würde ...“
-
-„Das ist Geusenmord,“ sprachen sie.
-
-„Wohlan,“ sagte Lamm, „betrachtet diesen Lüstling, diesen Bruder
-Adriaensen Nichtsnutzen aus Brügge; ich schwur, ihn in seinem Fett
-umkommen zu lassen wie ein Schwein. Bauet einen größeren Käfig und
-zwingt ihn, täglich zwölf Mahlzeiten anstatt sieben zu essen; gebt ihm
-eine fette, süße Nahrung. Jetzt ist er schon wie ein Ochs; macht, daß
-er wie ein Elefant wird, und Ihr werdet in Bälde sehen, daß er den
-Käfig ausfüllt.“
-
-„Wir werden ihn mästen,“ sagten sie.
-
-„Und jetzo,“ fuhr Lamm fort, zum Mönche sprechend; „sage ich Dir
-Nichtsnutz Valet. Ich lasse Dich nach Mönchsweise mästen, anstatt Dich
-henken zu lassen; nimm zu an Fett und glaube an den Schlagfluß.“
-
-Dann nahm er sein Weib Calleken in die Arme:
-
-„Schau her, grunze oder brülle, ich raube sie Dir, Du wirst sie nicht
-mehr geißeln!“
-
-Aber der Mönch geriet in Wut und sprach zu Calleken:
-
-„So gehest Du ins Bett der Unzucht, lüsternes Weib! Ja, Du gehst ohne
-Mitleid für den armen Märtyrer von Gottes Wort, der Dich die heilige,
-liebliche und himmlische Zucht lehrte. Sei verflucht! Kein Priester
-möge Dir verzeihen; möge der Boden unter Deinen Füßen brennen, Zucker
-Dir wie Salz erscheinen, Rindfleisch wie verwestes Hundefleisch.
-Das Brot werde Dir zu Asche, die Sonne zu Eis, und der Schnee zu
-Höllenfeuer. Verflucht sei Deine Fruchtbarkeit, Deine Kinder sollen
-scheußlich sein, mit dem Leib eines Affen und einem Schweinskopf,
-der größer ist als ihr Bauch. Du sollst leiden, wimmern und ächzen
-in dieser und in jener Welt, in der Hölle, die Deiner wartet, in der
-Hölle aus Pech und Schwefel, so für Weiber Deiner Art angezündet ist.
-Meine väterliche Liebe wiesest Du zurück. Sei dreifach verflucht
-von der Heiligen Dreieinigkeit und siebenfach verflucht von den
-Leuchten der Kirche. Deine Beichte sei Dir Verdammnis, die Hostie ein
-tödliches Gift, und in der Kirche möge jede Fliese sich erheben, um
-Dich zu zermalmen und Dir zu sagen: Diese ist die Buhlerin, diese ist
-verflucht, diese ist verdammt!“
-
-Und Lamm hüpfte vor Freude und sagte fröhlich:
-
-„Sie ist treu gewesen, er hat es gesagt, der Mönch; es lebe Calleken!“
-
-Aber sie sprach weinend und zitternd:
-
-„Mann, nimm diese Verwünschung von mir. Ich sehe die Hölle! Nehmt die
-Verwünschung von mir!“
-
-„Nimm die Verwünschung zurück,“ sagte Lamm.
-
-„Ich werde sie nicht zurücknehmen, Dicker,“ sagte der Mönch.
-
-Und die Frau harrte knieend, ganz bleich und bekümmert, und mit
-gefalteten Händen flehte sie Bruder Adriaensen an.
-
-Und Lamm sprach zum Mönche:
-
-„Nimm die Verwünschung zurück, sonst wirst Du gehenkt. Und so der
-Strick Deines Gewichtes halber reißt, wirst Du von neuem gehenkt
-werden, bis der Tod eintritt.“
-
-„Gehenkt und wiederum gehenkt,“ sagten die Geusen.
-
-„Wohlan“, sprach der Mönch zu Calleken, „geh hin, Unzüchtige, gehe mit
-diesem dicken Mann; ich nehme meine Verwünschung zurück, aber Gott und
-alle seine Heiligen werden ein Auge auf Dich haben.“
-
-Schwitzend und schnaufend schwieg er still.
-
-Plötzlich rief Lamm aus:
-
-„Er schwillt! Er schwillt: Ich sehe das sechste Kinn. Beim siebenten
-kommt der Schlagfluß. Und jetzt,“ sagte er, sich zu den Geusen wendend,
-„Gott befohlen, Du, Ulenspiegel, und Ihr alle, meine guten Freunde,
-Gott befohlen, Du, Nele, und die heilige Sache der Freiheit; ich vermag
-nichts mehr für sie.“
-
-Nachdem er allen den Bruderkuß gegeben und ihn empfangen hatte, sagte
-er zu seiner Frau Calleken:
-
-„Komm, es ist die Stunde der rechtmäßigen Liebe.“
-
-Derweil das Boot auf dem Wasser glitt und Lamm und seine Herzliebste
-davontrug, riefen Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen, indem sie alle
-ihre Hüte schwenkten: „Leb wohl, Bruder, leb wohl, Lamm, leb wohl,
-Bruder, Freund und Bruder!“
-
-Und Nele sprach zu Ulenspiegel, indem sie ihm mit der Spitze ihres
-zierlichen Fingers eine Träne aus dem Auge wischte:
-
-„Bist Du traurig, Liebster?“
-
-„Er war gut,“ sagte er.
-
-„Wehe,“ sagte sie, „wird denn dieser Krieg nimmer enden? Müssen wir
-denn allezeit in Blut und Tränen leben?“
-
-„Laß uns die Sieben suchen,“ sagte Ulenspiegel; „die Stunde der
-Befreiung naht.“
-
-Gemäß Lamms Wunsch mästeten die Geusen den Mönch im Käfig. Als er für
-Lösegeld in Freiheit gesetzt wurde, wog er dreihundertsiebzehn Pfund
-und fünf Unzen flandrisch Gewicht.
-
-Und er starb als Prior seines Klosters.
-
-
-7
-
-Um jene Zeit versammelten sich die Herren von den Generalstaaten in
-Haag, um über Philipp, König von Spanien, Graf von Flandern, Holland
-usw. zu Gericht zu sitzen, gemäß den von ihm genehmigten Urkunden und
-Privilegien.
-
-Und der Schreiber sprach also:
-
-„Es ist männiglich bekannt, daß ein Landesfürst von Gott als Herrscher
-und Oberhaupt seiner Untertanen eingesetzt ist, um sie vor allen
-Kränkungen, Unterdrückungen und Gewalttaten zu schützen, wie ein Hirte
-für die Verteidigung und den Schutz seiner Schafe angestellt ist.
-Gleichermaßen ist es bekannt, daß die Untertanen nicht von Gott zum
-Nutzen des Fürsten geschaffen sind, um ihm in allem, was er befiehlt,
-gehorsam zu sein, sei es eine fromme oder gottlose, eine gerechte oder
-ungerechte Sache, noch um ihm wie Sklaven zu dienen. Sondern der Fürst
-ist Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht sein kann, auf daß
-er nach Recht und Vernunft regiere, auf daß er sie liebe und erhalte
-wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirte seine Schafe, und sein Leben
-wage, um sie zu schirmen. So er es nicht tut, soll er nicht für einen
-Fürsten, sondern für einen Tyrannen gehalten werden. König Philipp hat
-durch Soldaten, Kreuzzugsbullen und Exkommunikationen vier feindliche
-Heere gegen uns gehetzt. Was soll kraft der Gesetze und Bräuche des
-Landes seine Strafe sein?“
-
-„Er werde abgesetzt,“ antworteten die Herren von den Staaten.
-
-Der Schreiber fuhr fort:
-
-„Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat die Dienste, die wir ihm
-leisteten, vergessen, und die Siege, die wir ihm erringen halfen. Da
-er sah, daß wir reich waren, ließ er uns von den hispanischen Räten
-plündern und brandschatzen.“
-
-„Er werde als Undankbarer und Räuber abgesetzt.“
-
-„Philipp,“ fuhr der Schreiber fort, „hat in den mächtigsten Städten
-des Landes neue Bischöfe eingesetzt und ihnen die Güter der reichsten
-Abteien als Pfründe verliehen. Mit ihrer Hilfe führte er die
-hispanische Inquisition ein.“
-
-„Er werde abgesetzt als Henker und Verschwender fremder Güter,“
-antworteten die Herren von den Staaten.
-
-„In Ansehung dieser Tyrannei unterbreiteten die Adligen des Landes im
-Jahre 1566 eine Bittschrift, in welcher sie den Herrscher inständig
-baten, seine harten Edikte zu mäßigen, insonderheit die, so die
-Inquisition beträfen. Er weigerte es jederzeit.“
-
-„Er werde abgesetzt als Tiger, der von seiner Grausamkeit nicht läßt,“
-antworteten die Herren von den Staaten.
-
-Der Schreiber fuhr fort:
-
-„Es besteht starker Verdacht, das Philipp durch seine hispanischen Räte
-den Bildersturm und die Plünderung der Kirchen insgeheim angestiftet
-hat, um unter dem Vorwand von Verbrechen und Unruhen fremde Heere gegen
-uns ins Feld zu schicken.“
-
-„Er werde abgesetzt als Werkzeug des Todes,“ antworteten die Herren von
-den Staaten.
-
-„In Antwerpen ließ Philipp die Einwohner niedermetzeln und richtete die
-vlämischen und fremden Kaufleute zu Grunde. Er und sein hispanischer
-Rat geben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten Taugenichts, durch
-geheime Weisung, das Recht, sich zum Haupt der Plünderer zu machen,
-Beute zu sammeln, sich seines königlichen Namens zu bedienen, seine
-Insiegel und Gegensiegel zu fälschen und sich wie sein Regent und
-Statthalter aufzuführen. Die königlichen Briefe, die aufgefangen und in
-unseren Händen sind, beweisen die Tatsache. Alles geschieht mit seiner
-Zustimmung und im Einvernehmen mit den spanischen Räten. Leset seine
-Briefe. Er lobt darin das zu Antwerpen Geschehene, erkennt an, daß ihm
-ein ausgezeichneter Dienst geleistet sei, verspricht, ihn zu belohnen,
-und fordert Rhoda und die andern Spanier auf, auf diesem glorreichen
-Pfade weiter zu wandeln.“
-
-„Er werde als Dieb, Räuber und Mörder abgesetzt“, antworteten die
-Herren von den Staaten.
-
-„Wir wollen nichts als die Erhaltung unserer Privilegien, einen
-redlichen und gesicherten Frieden, eine maßvolle Freiheit, sonderlich
-in Betracht der Religion, die vornehmlich Gott und das Gewissen
-betrifft. Von Philipp hatten wir nichts denn lügnerische Verträge,
-die dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu säen, um sie
-nacheinander zu unterjochen und sie mit Plünderung, Konfiskation,
-Hinrichtungen und Inquisition gleich dem indischen Reich zu behandeln.“
-
-„Er werde abgesetzt als Meuchelmörder, der den Mord der Länder mit
-Vorsatz übt,“ antworteten die Herren von den Staaten.
-
-„Er hat die Länder durch den Herzog von Alba und seine Bluthunde,
-durch Medina-Coeli, Requesens und die Verräter aus dem Staatsrat und
-den Provinzen geschröpft. Er empfahl Don Juan und Alexander Farnese,
-dem Prinzen von Parma, wie man aus den aufgefangenen Briefen ersieht,
-eine blutige Strenge. Er erklärte Seine Gnaden von Oranien in die
-Reichsacht, dang bis jetzt drei Meuchelmörder und wird in Bälde den
-vierten dingen. Er ließ Burgen und Festungen bei uns errichten, die
-Männer lebendig verbrennen, die Frauen und Mädchen lebendig begraben;
-er erbte ihre Vermögen, erdrosselte Montigny, de Berghes und andere
-Ritter, ohngeachtet seines königlichen Wortes. Er tötete seinen Sohn
-Don Carlos, vergiftete den Prinzen von Ascoly, dem er Dona Eufrasia,
-die von ihm schwanger war, zum Weibe gab, um den künftigen Bastard mit
-seinen Gütern zu bereichern. Er schleuderte ein Edikt gegen uns, das
-uns alle, nachdem wir Leib und Gut verloren, zu Verrätern erklärte, und
-er beging das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen, die
-Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln.“
-
-„Er werde abgesetzt in Gemäßheit aller Gesetze, Rechte und
-Privilegien,“ antworteten die Herren von den Staaten.
-
-Und des Königs Siegel wurden zerbrochen.
-
-Und die Sonne schien über Land und Meer, vergoldete die reifen Ähren,
-reifte die Trauben und warf Perlen auf jede Welle als Schmuck der
-Freiheit, der Braut der Niederlande.
-
-Dann schoß dem Prinzen von Oranien, da er zu Delft weilte, ein
-vierter Meuchelmörder drei Kugeln in die Brust. Und er starb, seinem
-Wahlspruch getreu: „Ruhig inmitten der wilden Wellen.“
-
-Seine Feinde sagten von ihm, daß er, um Philipp einen Possen zu
-spielen, und nicht verhoffend, über die südlichen und katholischen
-Niederlande zu regieren, sie durch geheimen Vertrag Seiner
-allergnädigsten Hoheit von Anjou angeboten habe. Aber dieser war nicht
-geboren, um mit der Freiheit, so die außergewöhnlichen Liebschaften
-nicht liebt, das Kind Belgien zu erzeugen.
-
-Und Ulenspiegel verließ mit Nele die Flotte.
-
-Und das belgische Vaterland ächzte unter dem Joche, von den Verrätern
-geknebelt.
-
-
-8
-
-Es war im Erntemond, die Luft war schwül, der Wind lau. Schnitter und
-Schnitterinnen konnten das Korn, das sie gesät, nach Herzenslust unter
-freiem Himmel, auf freier Erde ernten.
-
-Friesland, Drenthe, Ober-Yssel, Geldern, Utrecht, Nord-Brabant, Nord-
-und Südholland, Walcheren, Nord- und Süd-Beveland, Duiveland und
-Schouwen, welche Zeeland bilden, die ganze Nordseeküste von Knokke bis
-Helder, die Inseln Texel, Vlieland, Ameland, Schiermonnikoog, von der
-westlichen Schelde bis zur östlichen Ems, sollten vom spanischen Joche
-befreit werden. Moritz, des Schweigers Sohn, setzte den Krieg fort.
-
-Ulenspiegel und Nele, die ihre Jugend, Kraft und Schönheit bewahrt
-hatten, denn die Liebe und der Geist Flanderns altern nicht, lebten
-geruhig auf dem Turm von Necre und harrten der Zeit, wo sie nach manch
-harten Prüfungen den Wind der Freiheit über das Vaterland Belgien
-könnten wehen lassen.
-
-Ulenspiegel hatte gebeten, Kommandant und Wächter des Turms zu werden,
-mit der Angabe, daß er mit seinen Adleraugen und seinen Hasenohren wohl
-merken könnte, ob der Spanier versuchen werde, in den befreiten Landen
-sich wieder einzustellen. Alsdann werde er „Wacharm“, das ist auf
-Vlämisch Sturm läuten.
-
-Der Magistrat tat, wie er wollte. Seiner guten Dienste halber gab
-man ihm täglich einen Gülden, zwei Kannen Bier, Bohnen, Käse,
-Schiffszwieback und in der Woche drei Pfund Rindfleisch.
-
-Solchergestalt lebten Ulenspiegel und Nele zu zweit gar trefflich. Von
-Ferne erblickten sie mit Freuden die freien Inseln Zeelands, nahebei
-Wiesen, Wald, Burgen und Festungen und die gewappneten Geusenschiffe,
-so die Küsten bewachten. Zur Nacht stiegen sie oftmals auf den Turm,
-setzten sich auf die Plattform und plauderten allda von harten
-Schlachten, von vergangener und zukünftiger schöner Liebe. Von da sahen
-sie das Meer, das in diesen heißen Tagen leuchtende Wogen ans Ufer warf
-und sie gleich feurigen Gespenstern gegen die Inseln schleuderte. Und
-Nele erschrak, da sie so viele Irrlichter in den Poldern erblickte,
-die, wie sie sagte, arme Seelen sind. Und alle diese Orte waren
-Schlachtfelder gewesen. Und die Irrwische hüpften aus den Poldern
-hervor, liefen die Deiche entlang und kamen dann wiederum in die Polder
-zurück, als ob sie die Leichen, denen sie entstiegen waren, nicht im
-Stich lassen wollten.
-
-Eines Nachts sprach Nele zu Ulenspiegel:
-
-„Sieh, wie zahlreich sie im Dreiveland sind und wie hoch sie fliegen;
-nach den Vogelinseln zu sehe ich die meisten. Willst Du mit dahin,
-Tyll? Wir nehmen den Balsam, welcher Dinge zeigt, die sterblichen Augen
-unsichtbar sind.“
-
-Ulenspiegel antwortete:
-
-„Wenn es jener Balsam ist, der mich zu dem großen Hexensabbat
-entführte, so hab ich nicht mehr Vertrauen dazu, als zu einem leeren
-Traum.“
-
-„Man soll die Kraft der Zauber nicht leugnen,“ sagte Nele. „Komm
-Ulenspiegel.“
-
-„Ich werde mitgehen.“
-
-Am nächsten Tag bat er den Magistrat, daß ein weitsehender und getreuer
-Soldat ihn vertreten möge, um Turm und Land zu bewachen.
-
-Und er begab sich mit Nele zu den Vogelinseln.
-
-Da sie über Felder und Deiche wanderten, sahen sie kleine grünende
-Eilande, zwischen denen das Meer strömte, und auf den Rasenhügeln,
-die bis zu den Dünen reichten, eine große Menge Kibitze, Möwen und
-Seeschwalben, die regungslos dasaßen und mit ihren Körpern die Eilande
-wie mit Schnee bedeckten. Darüber flogen Tausende dieser Vögel. Der
-Boden war voller Nester. Da Ulenspiegel sich bückte, um auf dem
-Wege ein Ei aufzuheben, sah er eine Möwe auf sich zuflattern, die
-einen Schrei ausstieß. Auf diesen Ruf kamen ihrer mehr denn hundert
-herzu, die vor Angst schrien und über Ulenspiegels Kopf und über den
-benachbarten Nestern schwebten; aber sie wagten sich ihm nicht zu
-nähern.
-
-„Ulenspiegel,“ sprach Nele, „diese Vögel bitten um Gnade für ihre Eier.“
-
-Dann begann sie zu zittern und sagte:
-
-„Ich fürchte mich, die Sonne geht zur Rüste, der Himmel ist weiß,
-die Sterne kommen hervor; es ist die Geisterstunde. Sieh, diese
-roten Dünste, die den Boden streifen. Tyll, mein Geliebter, welch
-Ungeheuer der Hölle öffnet so in der Wolke seinen feurigen Rachen? Sieh
-nach Philippsland zu, wo der königliche Henker um seines grausamen
-Ehrgeizes willen zu zweien Malen so viele arme Menschen töten ließ, die
-tanzenden Irrlichter. Es ist die Nacht, wo die Seelen der armen, in den
-Schlachten Gefallenen die kalte Vorhölle des Fegefeuers verlassen, um
-sich in der linden Luft der Erde zu erwärmen. Es ist die Stunde, in der
-Du von Christo, welcher der Gott der guten Zauberer ist, alles erbitten
-kannst.“
-
-„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel. „Wenn doch
-Christus mir die Sieben zeigen könnte, deren Asche, in alle Winde
-gestreut, Flandern und die ganze Welt beglückt!“
-
-„Ungläubiger,“ sprach Nele, „Du wirst sie kraft des Balsams erblicken.“
-
-„Vielleicht,“ sprach Ulenspiegel, auf den Sirius deutend, „wenn irgend
-ein Geist von jenem kalten Sterne herabsteigt.“
-
-Bei dieser Gebärde setzte sich ein Irrlicht, das ihn umgaukelte, auf
-seinen Finger, und je mehr er sich mühte, es los zu werden, um so
-fester haftete es.
-
-Da Nele versuchte, Ulenspiegel zu befreien, hatte sie auch ein Irrlicht
-auf den Fingerspitzen.
-
-Ulenspiegel schlug auf das seine und sprach:
-
-„Antworte! Bist Du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers? So Du
-die Seele eines Geusen bist, gehe ein ins Paradies, bist Du aber eines
-Spaniers Seele, geh wiederum in die Hölle, woher Du kommst.“
-
-Nele sprach zu ihm:
-
-„Beschimpfe die Seelen nicht, und wären es Seelen von Henkern.“
-
-Sie ließ ihr Irrlicht auf der Fingerspitze tanzen und sprach dabei:
-
-„Irrlicht, niedliches Irrlicht, welche Kunde bringst Du aus dem Lande
-der Seelen? Womit sind sie dorten beschäftigt? Essen sie und trinken
-sie, da sie doch keinen Mund haben? Denn Du hast keinen, hübscher
-Irrwisch. Oder nehmen sie nur im gesegneten Paradies menschliche
-Gestalt an?“
-
-Ulenspiegel sagte:
-
-„Kannst Du also die Zeit vergeuden, zu dieser kärglichen Flamme zu
-reden, die keine Ohren hat, Dich zu hören, noch einen Mund, Dir zu
-antworten?“
-
-Doch ohne auf ihn zu hören, sprach Nele:
-
-„Irrwisch, antworte durch Tanzen, denn ich werde Dich dreimal befragen:
-einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der heiligen Jungfrau und
-einmal im Namen der Elementargeister, welche die Boten zwischen Gott
-und den Menschen sind.“
-
-Also tat sie, und der Irrwisch tanzte drei Mal.
-
-Darauf sprach Nele zu Ulenspiegel:
-
-„Leg Deine Kleider ab, ich werde desgleichen tun. Hier ist die silberne
-Büchse mit dem Zauberbalsam.“
-
-„Es ist mir einerlei,“ sagte Ulenspiegel.
-
-Als sie sich entkleidet und mit dem Zauberbalsam gesalbt hatten, legten
-sie sich nackend nebeneinander aufs Gras. Die Möwen schrien klagend.
-Der Donner grollte dumpf in der Wolke, darin der Blitz zuckte, der
-Mond ließ kaum die güldenen Spitzen seiner Sichel zwischen zwei
-Wetterwolken hervorsehen; Ulenspiegels und Neles Irrlichter tanzten mit
-den andern in der Wiese.
-
-Plötzlich wurden Nele und ihr Liebster von eines Riesen Faust gepackt,
-der sie gleich Kinderbällen in die Luft schleuderte, sie wiederfing,
-auf einander rollte und zwischen seinen Händen knetete, indem er sie in
-die Wasserlachen zwischen den Hügeln warf und sie voller Seegras wieder
-herauszog. Und indem er sie also im Weltraum umherfliegen ließ, sang er
-mit einer Stimme, bei der alle Möwen der Inseln vor Schrecken erwachten:
-
- „Es will mit scheelen Blicken
- Das schwache Erdgewürm
- Die Gottesworte schauen,
- Die unsrer Hut vertraut.
-
- Lies, Wurm, lies das Geheimnis,
- Das heilige Rätselwort,
- Das Erde, Luft und Himmel
- Mit sieben Nägeln trägt.“
-
-Und fürwahr, Ulenspiegel und Nele erblickten auf dem Rasen, in der
-Luft und am Himmel sieben erzene, leuchtende Tafeln, die mit sieben
-flammenden Nägeln befestigt waren. Auf den Tafeln stund geschrieben:
-
- „Aus dem Moder keimt das Leben;
- Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;
- Demant in der Kohle ruht.
- Dumme Lehrer weise Schüler geben;
- Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“
-
-Und der Riese schritt voran, und alle Irrlichter hinter ihm her. Sie
-zirpten gleich Grillen und sagten:
-
- „Seht ihn an, den großen Meister,
- Papst der Päpste, größter König;
- Mit dem Wahn den Kaiser speist er,
- Ist von Holz und taugt gar wenig.“
-
-Plötzlich veränderten sich seine Züge; er schien magerer, trauriger
-und größer. In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen
-Degen. Sein Name war Hoffart.
-
-Und er warf Nele und Ulenspiegel zu Boden und sprach:
-
-„Ich bin Gott.“
-
-Nun erschien an seiner Seite eine rotbäckige Dirne mit bloßen Brüsten,
-offenem Gewand und frechen Blicken; ihr Name war Wollust. Kam alsdann
-eine alte Jüdin, die die Schalen der Möweneier auflas: ihr Name war
-Habsucht. Und ein gefräßiger, gieriger Mönch, der Leberwürste aß
-und sich mit Bratwürsten vollstopfte und gleich der Sau, auf der er
-ritt, unaufhörlich kaute: das war die Völlerei. Es kam dann noch die
-Faulheit, bleich und gedunsen, mit lahmem Bein und erloschenem Auge.
-Der Zorn trieb sie mit dem Stachel vor sich her. Die Faulheit jammerte
-kläglich und fiel, in Tränen zerfließend, vor Ermattung auf die Knie.
-Alsdann kam der hagere Neid mit einem Vipernkopf und Hechtzähnen;
-der biß die Faulheit, weil sie es zu gut hatte, den Zorn, weil er zu
-lebhaft war, die Völlerei, weil sie zu satt, die Wollust, weil sie zu
-rot war; die Habsucht wegen der Eierschalen, die Hoffart, dieweil sie
-ein purpurn Gewand und eine Krone hatte. Und die Irrlichter tanzten im
-Kreise um sie her.
-
-Und mit den Stimmen von Männern, Weibern, Jungfrauen und weinerlichen
-Kindern, sagten sie wimmernd:
-
-„Hoffart, Vater des Ehrgeizes, Zorn, Quell der Grausamkeit, Ihr habet
-uns auf den Schlachtfeldern, in Gefängnissen und bei den Hinrichtungen
-getötet, um Eure Zepter und Eure Kronen zu behalten! Neid, Du hast viel
-edle, nützliche Gedanken im Keime zerstört, wir sind die Seelen der
-verfolgten Erfinder. Habsucht, Du hast das Blut des armen Volkes in
-Gold verwandelt, wir sind die Geister Deiner Opfer. Wollust, Gesellin
-und Schwester des Mordes, Du hast Nero, Messalina und Philipp, den
-König von Spanien geboren; Du kaufst die Tugend und bezahlst die
-Verderbtheit; wir sind die Seelen der Toten. Faulheit und Völlerei, Ihr
-beschmutzt die Welt, Ihr gehört auf den Kehricht; wir sind die Seelen
-der Toten.“
-
-Und man hörte eine Stimme sprechen:
-
- „Aus dem Moder keimt das Leben:
- Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;
- Dumme Lehrer weise Schüler geben.
- Um Asche zu haben und Kohlenglut,
- Der streifende Wurm, was er wohl tut?“
-
-Und die Irrlichter sagten:
-
-„Wir sind das Feuer, die Vergeltung für die uralten Tränen und
-Schmerzen des Volkes; Vergeltung für die großen Herren, die in
-ihren Ländern auf menschliches Wild Jagd machen; Vergeltung für
-nutzlose Schlachten, für das in Gefängnissen vergossene Blut, für die
-verbrannten Männer, für die lebendig begrabenen Frauen und Jungfrauen.
-Wir sind die Vergeltung für die gefesselte, blutige Vergangenheit. Wir
-sind das Feuer, wir sind die Seelen der Toten.“
-
-Bei diesen Worten wurden die Sieben in hölzerne Figuren verwandelt,
-ohne etwas von ihrer vorigen Gestalt einzubüßen.
-
-Und eine Stimme sagte:
-
-„Ulenspiegel, verbrenne das Holz.“
-
-Und Ulenspiegel kehrte sich zu den Irrlichtern.
-
-„Ihr, die Ihr aus Feuer seid, waltet Eures Amtes.“
-
-Und in Menge umgaben die Irrlichter die Sieben; die verbrannten und
-wurden zu Asche verwandelt.
-
-Und ein Strom von Blut floß.
-
-Dieser Asche entstiegen sieben andere Gestalten; die erste sprach:
-
-„Mein Name war Hoffart, jetzt heiße ich edler Stolz.“
-
-Die andern redeten auch, und Ulenspiegel und Nele sahen aus der
-Habsucht die Sparsamkeit, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus der
-Völlerei die Eßlust, aus dem Neid den Wetteifer und aus der Faulheit
-die Träumerei der Poeten und Weisen hervorgehen. Und die Wollust auf
-ihrer Ziege ward in ein schönes Weib mit Namen Liebe verwandelt.
-
-Und die Irrlichter tanzten einen fröhlichen Reigen um sie her.
-
-Alsbald vernahmen Ulenspiegel und Nele tausend helle, lachende Stimmen
-von verborgenen Männern und Weibern; die machten einen Lärm wie von
-hölzernen Klappern und sangen:
-
- „Wenn auf Land und Meeresflut
- Diese sieben herrschen werden,
- Alsdann ist das Glück auf Erden:
- Menschen, dann lebt frohgemut.“
-
-Und Ulenspiegel sprach: „Die Geister treiben ihren Spott mit uns.“
-
-Und eine gewaltige Faust packte Nele am Arm und schleuderte sie in den
-Weltraum.
-
-Und die Geister sangen:
-
- „Wenn der Norden
- Wird den Süden küssen,
- Hören Tod und Tränen auf:
- Such den Gürtel.“
-
-„Wehe!“ sprach Ulenspiegel, „Norden, Süden und Gürtel, Ihr redet
-dunkel, Ihr Herren Geister.“
-
-Und sie sangen lachend:
-
- „Norden ist Niederland;
- Belgien ist Süden;
- Gürtel, das ist Bündnis;
- Gürtel, das ist Freundschaft.“
-
-„Ihr seid nicht dumm, Ihr Herren Geister,“ sprach Ulenspiegel.
-
-Und lachend sangen sie abermals:
-
- „Der Gürtel, armer Schelm,
- Zwischen Niederland und Belgien
- Das ist gute Freundschaft
- Und ein schönes Bündnis.
-
- ~Met raedt
- En daedt,
- Med doodt
- En bloodt.~
-
- Mit Rat
- Und Tat,
- Mit Tod
- Und Blut.
-
- Es müßte sein,
- Wär nicht die Schelde,
- Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“
-
-„Wehe,“ sprach Ulenspiegel, „Das also ist unser peinvolles Leben:
-Tränen der Menschen und Lachen des Schicksals.“
-
- „Bündnis von Blut
- Und Tod,
- Wär nicht die Schelde;“
-
-wiederholten die Geister hohnlachend.
-
-Und eine gewaltige Faust ergriff Ulenspiegel und warf ihn in den
-Weltraum.
-
-
-9
-
-Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte
-nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging. Auch die Spitzen
-der Gräser waren ganz von Gold, und die Sonnenstrahlen färbten das
-Gefieder der schlafenden Möwen gelb; doch sie erwachten bald.
-
-Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete
-sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und deckte
-ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn, aber er rührte
-sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht ergriffen. „Hab ich
-meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam getötet?“ sprach sie. „Ich will
-auch sterben! O, Tyll, wach auf! Er ist kalt wie Marmelstein!“
-
-Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, und
-Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel die Wacht.
-
-Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines Glöckleins
-und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel trug. Hinter ihm, eine
-Wachskerze in der Hand, schritten der Bürgermeister und zwei Schöffen,
-der Pfarrer von Stavenisse und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm
-hielt.
-
-Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige Sakrament
-der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse geworden, aber
-nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben in den Schoß der
-heiligen Römischen Kirche zurück.
-
-Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels Leichnam,
-mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt. Nele kniete
-nieder.
-
-„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei diesem
-Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und antwortete:
-
-„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier
-hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“
-
-Darauf sprach der Pfarrer, vor Freuden schnaufend:
-
-„Ulenspiegel, der Geuse ist tot; gelobet sei Gott! Bauer, spute Dich,
-eine Grube zu graben, nimm ihm die Kleider fort, ehe er begraben wird.“
-
-„Nein,“ sagte Nele und stand auf. „Die soll man ihm nicht wegnehmen; es
-würde ihn in der Erde frieren.“
-
-„Grabe das Grab,“ sagte der Pfarrer zu dem Bauern, der die Schaufel
-trug.
-
-„Das ist mir recht,“ sprach Nele unter Tränen; „in dem kalkhaltigen
-Sande sind keine Würmer, und mein Geliebter wird unversehrt und schön
-bleiben.“
-
-Und ganz betört beugte sie sich über Ulenspiegels Körper und küßte ihn
-unter Schluchzen und Tränen.
-
-Bürgermeister, Schöffen und Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer
-sagte in einem fort frohgemut: „Der große Geuse ist tot, Gott sei
-gelobt!“
-
-Dann grub der Bauer das Grab, legte Ulenspiegel hinein und bedeckte ihn
-mit Sand.
-
-Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle knieten
-rund herum. Plötzlich geschah unter dem Sande eine große Bewegung, und
-Ulenspiegel kam hervor, nieste und schüttelte sich den Sand aus den
-Haaren. Dann packte er den Pfarrer an der Kehle und sprach:
-
-„Inquisitor! Du legst mich lebendig ins Grab, dieweil ich schlafe! Wo
-ist Nele? Hast Du sie auch begraben? Wer bist Du?“
-
-Der Pfarrer schrie:
-
-„Der große Geuse kehrt in die Welt zurück! Herr Gott, erbarm Dich
-meiner Seele!“
-
-Und er entfloh wie ein Hirsch vor den Hunden.
-
-Nele trat zu Ulenspiegel.
-
-„Küß mich, Herzliebste,“ sprach er.
-
-Dann blickte er sich abermals um. Die beiden Bauern waren gleich dem
-Pfarrer entflohen und hatten, um besser zu laufen, Schaufel, Tragsessel
-und Schirm auf die Erde geworfen. Bürgermeister und Schöffen hielten
-sich vor Angst die Ohren zu und stöhnten auf dem Rasen.
-
-Ulenspiegel ging zu ihnen, schüttelte sie und sprach:
-
-„Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der Mutter
-Flandern? Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein! Komm, Nele.“
-
-Und er ging mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch wo er
-das letzte gesungen, das weiß keiner.
-
-
-
-
-
-Nachwort des Übersetzers
-
-
-„Es ist eigentümlich, daß der Name eines Schriftstellers wie Charles
-de Coster im Auslande noch so gut wie unbekannt ist, sowohl in
-dem sprachverwandten Frankreich wie auf dem klassischen Boden des
-Interesses für Weltliteratur, in Deutschland“, heißt es in dem einzigen
-deutschen Essay über ihn, den Fräulein _Elsa Schulhoff_ (in der
-„Nationalzeitung“ vom 18. und 20. August 1901) veröffentlicht hat.
-„Und doch“, fährt sie fort, „ist es der Name eines Mannes, der das für
-einen Schriftsteller höchste Ziel erreicht hat, ein Werk zu schaffen,
-worin ein ganzes Volk sein Streben und Irren, seine Freuden und Leiden
-ausgesprochen findet und sich wiedererkennt. Die Belgier bezeichnen
-den „Ulenspiegel“ als ihre _nationale Bibel_. Es ist ein Buch, das
-nur auf diesem Boden entstehen konnte, das den Charakter dieser Rasse
-zeigt mit seinen Lichtern und Schatten, der derben Lust am Leben auf
-der einen, dem Hang zum Mystizismus auf der andern Seite, seiner zähen
-Freiheitsliebe, seiner Freude an der Arbeit, an bescheidenem häuslichem
-Behagen, und daneben seinem Geschmack am Grausigen und Grausamen.“
-
-Die vorliegende Verdeutschung versucht es, diesem echt niederdeutschen
-Buche in Deutschland Heimatsrecht zu gewinnen und es aus einer
-fremden Sprache in ein stammverwandtes Idiom zurückzuretten. Das
-älteste Volksbuch von Till Ulenspiegel, in niedersächsischer Sprache
-geschrieben, ist uns leider nicht erhalten. Jedoch existiert eine
-hochdeutsche Übersetzung oder Bearbeitung, die im Jahre 1515 bei
-Johannes Grieninger in Straßburg erschien, und eine wahrscheinlich
-gleichfalls auf den niedersächsischen Text zurückgehende vlämische
-Übersetzung: „~Van Ulespegels leuen. Gheprint Thanrwerpen in die
-Kape by my Michiel van Hoochstraten~“ (o. J. 1520-1530?), auf welche
-vermutlich auch die -- in der Vorrede[5] unseres Buches leider nicht
-näher bezeichnete -- vlämische Ausgabe zurückgeht, von der, wie dort
-erwähnt, de Coster eine Reihe von Schwänken in seinen Roman verwoben
-hat. Es handelt sich hier also um eine ganze Kette von Hin- und
-Herübersetzungen und Bearbeitungen -- bei derartigen Stoffen keine
-Seltenheit -- in der unsre vorliegende Verdeutschung nur das letzte
-Glied bildet.
-
-Die Anmerkung zur Vorrede gibt ferner summarisch an, welche Kapitel aus
-Buch I seines Werkes de Coster mehr oder minder frei der alten Quelle
-entlehnt hat. Wer sich über das Verhältnis von Vorlage und Nachbildung
-unterrichten will, der möge zu dem (leicht erhältlichen) Niemeyerschen
-Neudruck des Volksbuches von 1515 greifen und Kapitel 6 unseres Buches
-mit der dortigen Historie 1 vergleichen, ferner Kap. 13 mit Historie
-2,[6] Kap. 19 mit 9, Kap. 24 mit 3 und 4, Kap. 35 mit 71, Kap. 39
-mit 19, Kap. 41 mit 20, Kap. 42 mit 22 sowie am Schlusse mit 58, Kap.
-43 am Schlusse mit 11, Kap. 47 mit 10, Kap. 48 mit 48, Kap. 49 mit
-35, Kap. 53 mit 34, Kap. 55 mit 33, Kap. 57 mit 27, Kap. 60 mit 25,
-Kap. 62 mit 17, Kap. 63 mit 39, Kap. 64 mit 43, Kap. 66 mit 82 des
-Volksbuches. Oft, wie in Kap. 48 beider Bücher, ist die Anekdote in
-ihren Einzelheiten getreu wiedergegeben; nicht selten ist sie besser
-motiviert, bisweilen ihrer unflätigen oder grausamen Derbheit beraubt
-(so der Schluß von Kap. 42 aus dem von Historie 58 und Kap. 66 aus
-Historie 82). Ein paarmal ist sogar nur das Motiv verwertet (für Kap.
-35 aus Hist. 71, für 39 aus 19). Im Allgemeinen aber ist die Benutzung
-eine ziemlich freie dichterische Umgestaltung.
-
-Dies ist schon deshalb begreiflich, weil de Coster seinen
-Ulenspiegel aus dem Mittelalter in die Renaissance versetzt hat.
-Der niedersächsische Ulenspiegel ist / nach der Überlieferung /
-bekanntlich zu Knetlingen bei Braunschweig geboren und zu Mölln bei
-Lübeck begraben, wo sein Grabstein das Jahr 1350 nennt. Die vlämische
-Tradition nimmt ihn ebenfalls für sich in Anspruch, gestützt auf
-einen Grabstein an der Kirche zu Damm in Flandern, der als Todesjahr
-1301 nennt. Aus der Differenz dieser Daten hat man geschlossen,
-daß zwei lustige Schelme dieses Namens gelebt haben, von denen der
-deutsche, berühmtere, der Sohn war. Jedenfalls lebten beide im tiefsten
-Mittelalter, in einer streng katholischen Zeit, die zwar grobe Späße
-über die Pfaffen liebte, aber jede Ketzerei gegen die Grundlagen des
-Glaubens verpönte. Beide Volkshelden erscheinen lediglich als boshafte,
-bisweilen grausame Plagegeister ihrer Mitmenschen, als witzige,
-oft unflätige Betrüger der Einfalt, als Gauner, Zechpreller und
-Landstreicher, „behende, listige und durchtriebene“ Bauernburschen, die
-sich mit ihrer Büberei „nirgends Dank verdienen.“
-
-De Coster hat seinen Liebling um zwei Jahrhunderte verjüngt und ihn
-mitten in die große niederländische Freiheitsbewegung hineinversetzt,
-in der er zum allbeliebten, wackeren Streiter für die Glaubensfreiheit
-des Protestantismus wird. Bei aller Anlehnung an das alte Volksbuch
-im Anfang von Ulenspiegels Erdenwallen ist ihm also, um mit Gottfried
-Keller zu reden, „das Antlitz nach einer anderen Himmelsrichtung
-gekehrt“; er ist moralisch und zeitlich ganz gegensätzlich orientiert.
-Das alte Volksbuch ist ferner nur eine lose aneinandergereihte
-Schwanksammlung über Ulenspiegel, deren ganze Komposition darin
-besteht, daß sie verschiedene Schelmenstreiche ähnlicher Art
-zusammenträgt, wodurch bisweilen Wiederholungen entstehen. De Coster
-hat den alten Schelm zum Helden eines zusammenhängenden Romans gemacht,
-seine Landstreichereien mit einer auferlegten Pilgerfahrt nach Rom
-motiviert und eine ganze Reihe ihm nahestehender Nebenfiguren um ihn
-gruppiert, die er / außer seinen im Volksbuche nur schwach angedeuteten
-Eltern / frei erfunden hat. Er hat ihm schließlich eine kunstvolle
-Folie in der düstren Gestalt des ihm gleichaltrigen Königs Philipp von
-Spanien gegeben. „Es ist nicht mehr die Legende eines Menschen, sondern
-das Gedicht einer Rasse, was de Coster geschrieben hat“, sagte Camille
-Lemonnier in seiner Grabrede auf den Autor mit Recht. Es ist „das Epos
-des 16. Jahrhunderts“, das er zu schaffen sich vorgesetzt hatte.
-
-Zu seinen Vorstudien genügte ihm daher auch nicht im entferntesten
-die viel ältere, durch die junge Buchdruckerkunst rasch verbreitete
-Schwankdichtung des ausgehenden Mittelalters; er mußte sich vor
-allem in die Chroniken und Flugblätter der Renaissance vertiefen; er
-bereiste, wie der oben zitierte Essay hervorhebt, die Gegenden, wo sich
-die Kämpfe der Geusen abgespielt hatten, durchstöberte in zehnjähriger
-Arbeit Archive, Museen und Bibliotheken, belauschte das Volk in den
-vlämischen Wirtshäusern, auf den Märkten und Kirmessen, die auch
-jetzt noch wenig von der derben Ausgelassenheit verloren haben, die
-Teniers’ oder Jan Steens Pinsel schilderte ... „Aber trotzdem“, heißt
-es weiter, „ist sein Buch kein historischer oder kulturhistorischer
-Roman im gewöhnlichen Sinne geworden; er bleibt eine „Legende“; neben
-realistischer Schilderung kommt als seine Hauptstimmung eine Poesie zu
-Worte, die sich bis zum Ausdruck des Visionären steigert“.
-
-„Überhaupt“, heißt es in dem angeführten Essay weiter, „sind es die
-Gegensätze, die dem Buche seine Eigenart geben, der Gegensatz auch
-zwischen dem Charakter des Werkes und dem des Verfassers. Diese oft
-tollen und grotesken Szenen sind von einem Manne geschrieben, der von
-sich sagt. „Ich bin ein melancholisches Geschöpf, dessen Lustigkeit
-Wahnsinn oder Unsinn ist“, und der einer Freundin schreibt: „Hast
-Du in den schönen Büchern die feine Melancholie, die ausgesuchte
-Traurigkeit bemerkt, welche die geheimsten Fibern des Herzens berührt?
-Darin liegt das ganze Wesen der Kunst.“ Diese Stimmung liegt wie
-ein Schleier über dem sonderbaren Buche, sie verdichtet sich nicht
-nur zu ergreifenden Episoden oder Gestalten, auch in der Mitte der
-übermütigsten Auftritte braut der Dichter auf einmal Schwermut, um
-seinen Lieblingsausdruck zu brauchen. Zu seiner Art der Darstellung
-hat sich de Coster von den alten Volksbüchern anregen lassen: er gibt
-nicht eine fortlaufende Erzählung, sondern setzt seine Kapitel von
-sehr ungleichem Umfang, als vollständig in sich abgeschlossene kleine
-Bilder oder auch nur Stimmungen nebeneinander. Es ist die Technik der
-Mosaiks, jedes Steinchen ein festbegrenztes geschliffenes Stück von
-eigner Form und Farbe und doch zu einem untrennbaren, lebendigen Ganzen
-sich zusammenfügend. Einen eigenartigen Reiz gibt dem Buche auch die
-Behandlung der Sprache. Durch langjähriges Studium besonders der Werke
-von Rabelais und Montaigne hatte sich de Coster das Französisch des 16.
-Jahrhunderts ganz zu eigen gemacht und es schon in seinen ersten Buche,
-den „~Légendes Flamandes~“, mit vollendeter Meisterschaft gehandhabt.
-Aber er legt in seinen Briefen Gewicht darauf, daß er dieses „einzige
-Idiom“ nicht nur übernommen, wie er es fand, sondern daß er es ganz in
-sich aufgenommen, es „verdaut“ und verjüngt habe.“
-
-Als „Till Ulenspiegel“ im Jahre 1867 erschien, fand er eine begeisterte
-Aufnahme, aber nur in einem kleinen Kreise von Schriftstellern, Kennern
-und Künstlern, unter denen besonders die Maler die Bedeutung des
-Buches sofort erkannten. Aus diesem Buche wehte ihnen der flandrische
-Erdgeruch entgegen, den die Kunst der Vergangenheit besessen hatte.
-Es war eine Reaktion gegen das trotz der Sprachgemeinschaft fremde
-französische Wesen, das sich in Politik, Kunst, Literatur und Leben
-eingebürgert hatte; es war ein germanisch-protestantischer Gegenschlag
-gegen das geistige und weltliche Rom. Aber gerade diese Teilnahme der
-Maler, heißt es in dem oben zitierten Essay, war ein Grund, daß das
-Werk nicht in weitere Kreise drang. Sie hatten sein Erscheinen durch
-ihre Mitarbeit feiern wollen, und so erschien denn Ulenspiegel zuerst
-als Prachtausgabe mit einigen dreißig Radierungen erster belgischer
-Meister, darunter von Félicien Rops das berühmte grausige Blatt von
-dem am Glockenschwengel Erhängten. Der sehr hohe Preis des Buches
-war selbstredend ein Hindernis für seine Verbreitung. Erst 1893 kam
-es zu einer Neuauflage; der Autor war inzwischen längst im Elend
-gestorben. Ein Jahr darauf wurde in Brüssel, am Teiche von Ixelles, ein
-Doppelstandbild von Ulenspiegel und Nele errichtet, dessen Nische das
-Reliefbildnis ihres geistigen Vaters ziert.
-
-Charles Henri de Coster wurde am 20. August 1827 geboren, und zwar
-in München, wo sein Vater Intendant des belgischen Bischofs und
-päpstlichen Nuntius Charles Mercy d’ Argenteau war. Der Bischof
-übernahm die Patenstelle bei ihm; seine Patin war die Marquise de
-la Tour du Pin, die französische Gesandtin in Turin. „Welch ein
-Gegensatz!“ ruft die Verfasserin des mehrfach zitierten Aufsatzes aus.
-„Dieser schöne, von allen als Liebling des Bischofs verhätschelte
-Knabe, in der frommen Pracht eines Bischofspalastes aufwachsend, und
-der Freidenker, der fünfzig Jahre später von fanatischen Katholiken
-verfolgt und ohne Beistand der Geistlichkeit begraben wird! Dazwischen
-liegt das Leben eines genialen Künstlers mit hochfliegenden Plänen, mit
-der Mißachtung der realen Lebensbedingungen und herben Enttäuschungen.
-
-„Nach der Übersiedlung seiner Familie nach Brüssel und dem frühen
-Tode des Vaters war de Coster darauf angewiesen, nach einem Beruf
-zu greifen. Sein Pate wünschte, daß er Priester würde, was er aber
-ablehnte. Auch das Bankfach, in das einflußreiche Gönner ihn brachten,
-verließ er bald wieder, bezog die Universität Brüssel und wurde nach
-Beendigung seiner Studien Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen und
-Zeitschriften. Aber „ich kann aus meiner Feder kein Handwerkszeug
-machen“, schreibt er mißmutig; nur zum freien Künstler fühlt er
-sich geboren. Das war auch der Eindruck, den seine Persönlichkeit
-auf den ihm näher stehenden Kreis gleichstrebender junger Talente
-machte, die bald das Höchste von ihm erwarteten. Nach einigen feinen
-kleinen Novellen brachten ihm seinen ersten Erfolg im Publikum seine
-1858 erschienenen „~Légendes Flamandes~“. Mit Feuereifer stürzte
-er sich nun in die Vorarbeiten zu seinem großen Werke: er suchte
-in ihnen zugleich Vergessenheit für den Bruch eines jahrelangen,
-eigentümlichen Liebesverhältnisses, in das wie in seine eigne sensitive
-Künstlernatur die nach seinem Tode veröffentlichten ~Lettres à Eliza~
-mit demselben schwermütigen Zauber hineinleuchten, der alles umgibt,
-was er geschrieben hat. Um ganz seiner Dichtung leben zu können, gab
-er seine Anstellung an den Staatsarchiven auf und veröffentlichte
-in den folgenden zehn Jahren nur noch einen kleinen Band „~Contes
-Brabançonnes~“. So ohne jede Einnahme, während seine Ausgaben sich
-durch die für seine Vorarbeit nötigen Reisen vermehrten, von seiner
-Jugend her an einen gewissen äußeren Schmuck des Lebens gewöhnt, war er
-bei Beendigung seines Werkes nicht nur mit seinem kleinen väterlichen
-Erbteil zu Ende, sondern auch tief in Schulden geraten. Das Ausbleiben
-eines pekuniären Erfolges des Ulenspiegel brachte die Katastrophe. Zu
-spät lernte Coster nun den „fürchterlichen Wert des Geldes“ verstehen,
-nicht mehr für den Ruhm wollte er arbeiten, sondern nur noch für seine
-Gläubiger. Aber seine Vermögensverhältnisse waren zu hoffnungslos
-verwirrt. Auch eine Anstellung als Professor der französischen
-Literatur an der neu gegründeten Kriegsschule konnte ihn nicht retten,
-denn seine Gläubiger machten von dem ihnen in Belgien zustehenden Recht
-der Beschlagnahme von Staatsgehältern den unerbittlichsten Gebrauch.
-Literarische Pläne beschäftigten ihn zwar fortwährend, doch hat er
-größere Arbeiten nicht mehr veröffentlicht; der Rest des Lebens war
-ein qualvolles Ringen von einem Zahlungstermine zum andern. Auch der
-Tag, an dem er starb, der 7. Mai 1879, war einer dieser grausamen
-Verfalltage, und das letzte, was er geschrieben, waren am Vorabende
-einige Dankesworte an einen Freund, der ihm die nötige fällige Summe
-für den folgenden Tag versprochen hatte. „Sie retten mich. Charles de
-Coster, der recht krank ist.“ Bei der Leiche dieses Dichters, der alles
-Schöne so sehr geliebt hatte, fanden seine Freunde, wie sein Biograph
-Ch. Powin erzählt, eine arme Frau, deren Gesicht durch ein unheilbares
-schreckliches Leiden entstellt war und die ihn aus Dankbarkeit für sein
-Mitleid gegen sie die letzten Tage gepflegt hatte.“
-
-„Ich gehöre zu denen, die zu warten wissen,“ hatte de Coster angesichts
-des beschränkten Achtungserfolges seines Hauptwerkes geschrieben. „Ich
-schätze mich ein auf etwas für heute, auf viel für die Zukunft.“ Diese
-stolze Voraussicht hat ihn nicht betrogen. „Der Verkannte von Heute,
-der Lebende von Morgen“, wie ihn Camille Lemonnier, der „belgische
-Zola“, an seinem Grabe nannte, ist der Vater der jungbelgischen
-Literatur geworden, die einen Rodenbach und Maeterlinck, einen
-Verhaeren und Lerberghe, einen Khnopff und Elskamp hervorgebracht
-hat. Wenn der Lyriker Verhaeren seine ersten Gedichte „Les Flamandes“
-zum Preise seines Vaterlandes anstimmte und einer bodenwüchsigen
-belgischen Lyrik die Zunge löste, wenn Maeterlinck sein strudelköpfiges
-Erstlingsdrama „Prinzessin Maleine“ auf flandrischen Boden verlegte
-und gleich Verhaeren jene eigentümliche Mischung von Realismus und
-Mystik in seinen späteren Werken beibehielt, wenn die ganze belgische
-Provinz des französischen Parnasses ihre eigene heimische Note besitzt
-und in die französische Literatur einen ganz neuen Ton hineingetragen
-hat, so war dies alles nur nach dem Vorgang de Costers möglich. Nach
-seinem Vorbilde hat das ganze belgische Schrifttum, trotz seines klugen
-sprachlichen Anschlusses an den französischen Kulturkreis, der ihm eine
-ungleich höhere Beachtung sichert als den stammverwandten Niederlanden
-ihre holländische Schriftsprache, seine germanische Art behauptet und
-dadurch eine der fruchtbarsten und eigenartigsten Synthesen in der
-Weltliteratur geschaffen: die von germanischem Geist und romanischer
-Form, der seit den Tagen der Renaissance unser heißes Bemühen gilt.
-
-Zu diesen ästhetisch-kulturellen Motiven von de Costers Ruhm oder
-Nachruhm tritt für die große Masse seiner Landsleute noch ein andres
-hinzu, nämlich eine gewisse politische Aktualität, die sich aus
-der Betrachtung der näheren Umstände leicht ergibt. Das Königreich
-Belgien bildet die „unerlösten“ spanischen, später österreichischen
-Niederlande; es war bis zur französischen Revolutionszeit vorwiegend
-vlämisch, d.h. niederdeutsch; Orts- und Straßennamen sowie die
-Gerichtssprache waren bis 1794 vlämisch, nur in Brüssel, das
-größtenteils wallonisch, d.h. französisch bevölkert war, herrschte von
-jeher das romanische Element vor. Durch die französische Eroberung
-kam Belgien bis 1814 zu Frankreich; im ersten Pariser Frieden fiel
-es an das Königreich der Niederlande, von dem es sich aber dank der
-Agitation der französisch gesinnten Brüsseler Liberalen und des
-Klerus losriß, als die Julirevolution von 1830 ausbrach. Seitdem
-bildet es ein selbständiges Königreich mit klerikaler Regierung,
-der eine starke antiklerikale, sozialistische Opposition schroff
-gegenübersteht. Man begreift aus diesen Gegebenheiten den heftigen
-Antiklerikalismus des Patrioten de Coster, dem nur die Wahl zwischen
-diesen beiden Gegensätzen blieb. Für ihn war die Vereinigung Belgiens
-mit dem protestantischen Holland im Jahre 1814 die späte Frucht
-des heroischen, doch schließlich erschlafften Freiheitskampfes
-gegen die spanische Tyrannei gewesen; und nun hatten die Schwarzen
-im Bunde mit den französisch Gesinnten ihm zum zweiten Male die
-Frucht des Sieges geraubt. Man versteht jetzt erst völlig die tiefe
-Bedeutung des mystischen Orakels von dem Gürtel der Einheit, den
-Ulenspiegel zu suchen auszieht, und von den sieben Lastern, die diese
-Einheit immer wieder zerstören. Am Ende des Buches wiederholt sich
-diese Prophetie mit einem Nachdruck, als wollte sie aus dem Ganzen
-herausspringen wie sein geheimer Sinn, eine flammende Mahnung, die
-Lehren der Vergangenheit zu beherzigen, und ein Bindeglied zwischen der
-anscheinend weit abgerückten Vergangenheit und dem pulsenden Leben der
-Gegenwart zu knüpfen. Von hier ausgehend, schärft sich der Blick für
-diese politische Mystik, die dem Uneingeweihten so ganz wesenlos und
-unmotiviert erscheint; und man wird in den leidenschaftdurchzitterten
-Darstellungen Karls V. und Philipps II., die wahre historische
-Zerrbilder sind, vom Haß eines Renaissance-Pamphletisten gesehen, und
-nicht vom sachlichen Blicke der Klio, unschwer die Parallele zu den
-beiden Napeleons erkennen, von denen der erste Belgien beherrscht hatte
-und der andre zu der Zeit, da der Roman entstand, begehrliche Blicke
-darauf warf. Auch die gelegentlichen gehässigen Darstellungen deutscher
-Landsknechte und Fürsten scheinen aus dem eifersüchtigen Bangen des
-belgischen Patrioten um seine heimische Freiheit entsprungen; nur das
-belgische „Volk“ wird von ihm mit einen idealisierenden Glorienschein
-umgeben. Wer immer aber von ähnlichen politischen Gesinnungen
-beseelt war, der mußte dieses Buch eines zurückgewandten Propheten
-mit nationalen Wallungen lesen und es lieb gewinnen. Und so ist
-„Ulenspiegel“ für die Belgier noch heute eine nationale Bibel, die auch
-in der altertümelnden Sprache sich an die alten Bibelübersetzungen
-anschließt. Für den Nichtbelgier fallen solche Motive der Schätzung
-freilich fort; immerhin muß uns Deutsche, die einen dreißigjährigen
-Krieg für die Glaubensfreiheit kämpften, die seit Goethes und Schillers
-Tagen der Befreiung der Niederlande auch literarisch nahe stehen, der
-germanische Unterstrom dieses französischen Buches anheimeln; und
-archaisierende Romane sind uns seit Scheffels „Ekkehard“, Meinholds
-„Bernsteinhexe“ und den unvergeßlichen Novellen C. F. Meyers ja auch
-nichts Fremdes mehr; jeder ästhetisch Gebildete wird also diese
-Abspiegelung des Geistes der Reformationszeit bewundern. In Frankreich
-hatte Gustave Flaubert das historische Genre wenige Jahre vor de
-Coster gleichfalls zu Ehren gebracht, als er seine „Salambo“ schrieb;
-de Coster jedoch, dem die Quellen ungleich weiter flossen, leistete
-Größeres in der Wiedergabe des kulturhistorischen Dunstkreises und
-besonders im Ausdruck, der fast stets wie aus einer alten Chronik
-entnommen klingt, auch da, wo der Dichter aus Eigenstem geschöpft hat.
-
-Oft genug ist das Buch, wie der mehrfach erwähnte Essay sehr fein
-hervorhebt, „außerordentlich derb, gelegentlich bis zum Abstoßenden,
-hierin wie in der breiten Ausmalung großer Schmausereien und in der
-Satire auf die Geistlichkeit an Rabelais gemahnend. Aber dann ist es
-plötzlich, als öffne sich während eines Trinkgelages ein Fenster, und
-ein Hauch frischer, reiner Luft dringe hinein. Zwischen die burlesken
-Szenen schiebt sich ein kleines Landschaftsbild. / Auch in der
-Schilderung des Freiheitskampfes werden zügellose Szenen manchmal nur
-durch einen Satz, durch einen Gedanken von seltener Gefühlszartheit
-und Melancholie ins Gleichgewicht gebracht. / Oft nur mit wenigen
-Strichen, aber stets auf das Lebendigste gezeichnet, ist auch die Fülle
-historischer Persönlichkeiten, mit denen Ulenspiegel auf seinen Fahrten
-in Verbindung tritt: Egmont, tapfer und hochmütig, sein ihm blindlings
-zustimmender Freund Horn, der herkulische, trinkfreudige und kluge
-Brederode, der große Schweiger Oranien und sein ritterlicher Bruder.
-/ Meisterstücke sind nicht minder Auftritte wie der Bildersturm in
-Antwerpen, das Nachtstück im Gasthaus zum Regenbogen in Courtrai mit
-der dämonischen Gestalt der Gilline, der spanischen Spionin, oder die
-groteske Prozession des Heiligen Martin in Ypern; sie prägen sich dem
-Gedächtnis des Lesers unauslöschlich ein. Und ebenso bewundernswert ist
-die Abwechslung, mit der de Coster diese Szenen zu gestalten weiß.“
-
-Es wäre noch vieles zu sagen über die um Ulenspiegel gruppierten
-Figuren: den schlichten, arbeitsamen Klas, der so gar kein Held ist,
-der seine Richter um Gnade anfleht und der doch als Märtyrer seiner
-Überzeugung den Holzstoß besteigt, / über die arme herzensgute Soetkin
-(Suschen), die aus Gram und an den Folgen der Folter stirbt, / über
-das reizende Idyll der Liebe zu Nele, die mit ihrer Landsmännin, dem
-Goetheschen Klärchen, so nahe verwandt ist, / über den burlesken
-„Freßsack“ Lamm, der im Grimm über das Davonlaufen seines von den
-Pfaffen verhetzten Weibes zu einem komischen Löwen wird, / und vor
-allem über den Helden selbst, der ein Taugenichts und Tagedieb war und
-der plötzlich unter der Wucht des Erlebten zum Manne heranreift, von
-dem einen Rachegedanken beherrscht: „Klasens Asche brennt auf meiner
-Brust“. Das und vieles Andere verdient eingehende Würdigung; aber es
-mag bei diesen Andeutungen bleiben, die den Leser nur auf den Weg des
-eigenen Genusses führen wollen und damit ihre Aufgabe erfüllt haben.
-
-Fräulein _Marie Lamping_, die mir bei der Übersetzung hilfreich zur
-Seite gestanden hat, und Fräulein _Elsa Schulhoff_, deren Aufsatz ich
-die Anregung zu dieser Verdeutschung verdanke, sei auch an dieser
-Stelle mein aufrichtiger Dank gesagt.
-
- F. v. O.-Br.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
-Vorrede der Eule 1
-
-Erstes Buch 5
-
-Zweites Buch 221
-
-Drittes Buch 283
-
-Viertes Buch 453
-
-Fünftes Buch 545
-
-Nachwort des Übersetzers 587
-
-
- Titelholzschnitt und Buchausstattung von F. H. Ehmcke
- Gedruckt bei Gottfr. Pätz in Naumburg an der Saale
-
-
-
-
- Eugen Diederichs Verlag in Jena
-
-
-=Charles de Coster, Flämische Legenden.= Deutsch von Marie Lamping und
-Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. br. M. 3.--, geb. M. 4.--
-
-_Inhalt_: Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht / Bianca, Clara und
-Candida / Herr Halewyn / Smetse, der Schmied / Ser Huygs / Die Masken
-
-
-_St. Galler Blätter_: Costers Legenden werden ja wohl deutschen Lesern
-schnell Gottfried Kellers Sieben Legenden in Erinnerung rufen und
-Züge der Verwandtschaft zwischen dem Schweizer und dem Belgier sind
-in der Tat nicht zu verkennen: das kätzchenschnurrende Poetenbehagen
-am freien Gespinst, das Element lächelnder Schalkheit, das
-Durchschimmernlassen der Kritik aus dem Wesen neuer Welt. Aber Coster
-ist es in stärkerem Maße um säuberlichste Nachbildung alten Geistes
-und alter Form zu tun gewesen, weniger gedämpft ist sein Ton und sind
-seine Farben, wirklichkeitsherb schaut das Mittelalter aus diesen
-eigenartigen Schöpfungen nachbildender Phantasie heraus und bunter
-sind seine Elemente, weniger zu etwas Geschlossenem zusammengetönt,
-derber das Volkshafte darin. In allen Teilen ist der starke Poet am
-Werke: voller Beweglichkeit und Mannigfaltigkeit des Gefühls, bald
-ernst, ja das Grausige heranziehend, bald schwankhaft und ulkig, von
-Erfindung überquellend und packend durch die Wucht des Einfachen in
-diesem in die Stimmung ferner Vergangenheit getauchten, kunstvoll
-in ihr festgehaltenen Berichten. Wie Erholung empfindet man nach
-moderner Subtilität des Psychologischen diese Geschichten voll bunten,
-fröhlichen und düstern Geschehens.
-
-_Wiesbadener Zeitung_: Neun Jahre vor seinem gewaltigen „Tyll
-Ulenspiegel“, der nun durch die Welt geht, schrieb der Dichter 1858
-seine ~Légendes Flamandes~, ein bedeutungsvolles Präludium des größeren
-Lebenswerkes. Auch hier die altertümliche, Rabelais nachempfundene
-Sprache mit ihrer ungelenken Treuherzigkeit, ihrem prachtvollen
-Daseinsbehagen, die glücklicherweise nicht mit wissenschaftlicher
-Konsequenz durchgeführt wird, sondern sich ganz den Dingen selbst
-anpaßt, auch hier an einzelnen Stellen hervorbrechend der wilde Haß
-gegen die spanischen Gewalthaber, die in grotesk phantastischer
-Form, mit grausamer Rachelust gepaart, sich äußert. Es sind Märchen
-voll seltsamer Mischung mystischer und realistischer Elemente, ganz
-Vorahnung jener Motive, die die Gegenwart liebt, aber ganz naiv und
-unmittelbar erfaßt, nicht das Produkt literarischer Konvention, wie so
-vieles heute, vieles ohne Einheitlichkeit, ausgesponnen gleich einem
-bald beklemmenden, bald beglückenden Traum, aber alles unmittelbar
-Gegenwart. Wunderschön ist das Buch übersetzt und mit feiner
-Künstlerschaft ausgestattet.
-
-
-
-
-Anmerkungen
-
-
-[1] Diese Behauptung ist zutreffend. Der Dichter hat einer kleinen
-vlämischen Schrift aus der van Paemel’schen Sammlung, betitelt: ~Het
-aerdig leven van Thyl Ulenspiegel~, die Kapitel VI, XIII, XVI, XIX,
-XXIV, XXXV, XXXIX, XLI, XLII, XLIII, XLVII, XLVIII, XLIX, LIII, LV,
-LVII und LX des ersten Buches seines Werkes entnommen. Jedoch haben
-alle bedeutsame Veränderungen erlitten, ausgenommen das LXII, LXIII,
-LXIV Kapitel. Die andern vom LXI bis zum Ende des Werkes sind de
-Costers Schöpfung, also auch die Bücher II, III, IV, V, die reine
-Erfindung sind. Wir müssen indes auf zwei Ausnahmen aufmerksam machen:
-1. die Predigt des Broer Adriaensen Cornelis, die in Bruchstücken einer
-Sammlung von 1590 entlehnt ist. Der Verfasser mußte etliche Stücke von
-Predigten dieses grimmen Kanzelredners zusammenflicken, um, ohne sich
-ständig zu wiederholen, ein genaues Gemälde der verschiedenen Sekten
-des XVI. Jahrhunderts zu zeichnen. 2. Von dem Geusenlied in Buch III,
-Kap. 5 nur der Kehrreim, der einem Liede jener Zeit entnommen ist.
-Die Tatsachen, die der Geschichte angehören, u. a. die Plünderung der
-Frauenkirche in Antwerpen und das Lied der Verräter, stützen sich, was
-das erste anbelangt, auf die bestimmte Angabe eines sehr geschätzten
-Chronisten, Van Meeeren, und das Lied der Verräter auf Dokumente von
-unanfechtbarer Glaubwürdigkeit, die sich in den königlichen Archiven zu
-Brüssel befinden.
-
-[2] Ein gelbes, mit Flammen und Teufeln bemaltes Hemd Derer, welche von
-der Inquisition zum Tode verurteilt sind. _Der Übersetzer._
-
-[3] Orden der Paulinerbrüder.
-
-[4] Anspielung auf Wilhelm den Schweigsamen von Oranien.
-
-[5] S. die Anmerkung des französischen Herausgebers in der „Vorrede der
-Eule“, die in der Übersetzung wortgetreu wiedergegeben wurde. Leider
-sind die dortigen Angaben ungenau, so daß nicht ersichtlich ist, welche
-niederländische Ausgabe des Ulenspiegel dem Dichter vorgelegen hat. Bei
-L. van Paemel in Gent erschien -- nach der Bibliographie der äußerst
-zahlreichen Ulenspiegel-Texte, die sich in der Vorrede um Neudruck des
-Volksbuches von 1515 befindet (Halle a. S. bei Niemeyer, Bd. 55, 56 der
-Neudrucke deutscher Literaturwerke des 16. und 17. Jahrhunderts) --
-nur eine undatierte, aber anscheinend ziemlich neue Ausgabe des Till
-Ulenspiegel, die sich im britischen Museum befindet.
-
-[6] Kap. 16 ist nur vorhanden in der zweiten hochdeutschen Ausgabe
-bei Servais Kruffter, Kap. 2: „Wie Ulenspegel antworde eym reysigen
-Mann, der na dem Wege vragete.“ Da diese Ausgabe schwer zugänglich
-ist (es existieren davon nur 2 unvollständige, photolithographisch
-ergänzte Exemplare in der Berliner und Wiener Bibliothek), so möge die
-2. Historie dieser Ausgabe zur Vergleichung des Verhältnisses zwischen
-Original und Nachdichtung hier Platz finden.
-
-„Als Ulenspegel noch ein kynt was / was he vp ein tzyt allein to huis
-/ do quam ein man ryden aent huis und vragede na dem Wege. Vn̄ want he
-niemanden sach / so riep he ys dair niemāt in huis. Do sacht das kynt
-Ulenspegel ya yd / and’ half man̄ vnd ein roßheufft. Want du bis met
-deme haluen lyue hirin̄ mit des pertz heufde / un̄ ich byn ein ganz
-man̄. So vragede der man. Wair is din vader un̄ mod’? dz kint sacht.
-myn vad’ is van bösem böser tzo machen. vn̄ myn mod’ is vm̄ schaden
-off schande. Der man sacht / wie dat? dz kind seyde / myn vader macht
-einen quaden wech noch quader wan he macht grauen vp dat beseyde lant
-/ dat man dar vp net vaeren mög. Myn mod’ is broit lenen / gyfft sy
-mind’ weder / dat is schand. gyfft sy merd’ wed’. / dat is schade. So
-sacht der man / waer sall ich recht hyn rydē? dat kind seyde / der dy
-genz hyn gaen. do der man quam ryden / flogen die genß ynt wasser.
-Do zwyuelde der man vn̄ reyt wed’ vm / vnd sacht de genß fliessen im
-wasser / saß weiß ich niet wair hin rydē. Dz kint sacht. yr solt rydē
-daer die genß gain / un̄ nit daer sy swimmen. So reit der man ewech /
-un̄ verwōderte sich sere van d’ antworden des kyndes“.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TYLL ULENSPIEGEL UND LAMM
-GOEDZAK ***
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- Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak, by Charles de Coster&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak</span>, by Charles de Coster</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak</span></p>
-<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Lande Flandern und andern Orts</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Charles de Coster</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Translator: Friedrich von Oppel-Bronikowski</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: August 29, 2022 [eBook #68862]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>TYLL ULENSPIEGEL UND LAMM GOEDZAK</span> ***</div>
-<div class="figcenter illowp47" id="title" style="max-width: 139.5em;">
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-
-<p class="bold title newpage">
-Charles de Coster
-</p>
-<h1>
-Tyll Ulenspiegel<br />
-und Lamm Gœdzak
-</h1>
-<p class="title">Legende von ihren heroischen
-/lustigen und ruhmreichen
-Abenteuern im Lande Flandern
-und andern Orts/</p>
-
-<p class="title">Deutsch von</p>
-
-<p class="title">Friedrich von Oppeln-Bronikowski</p>
-
-<p class="title">Mit Nachwort des Übersetzers</p>
-
-<p class="title spaced">Verlegt bei Eugen Diederichs/</p>
-
-<p class="title">Jena 1911
-</p>
-
-<p class="title spaced">
-Dritte Auflage<br />
-Sechstes bis zehntes Tausend<br />
-</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Vorrede_der_Eule">Vorrede der Eule</h2>
-</div>
-
-<p class="newpage">
-Ihr Herren Künstler, gnädige Herren Herausgeber und Herr
-Poet, ich möchte mir in Bezug auf Ihre erste Ausgabe einige
-Bemerkungen erlauben. Wie! In diesem dicken Buche, diesem
-Elefanten, den Sie, achtzehn an der Zahl, versuchen zum Ruhme
-zu führen, haben Sie nicht den kleinsten Platz für den Vogel Minervas,
-die weise, die verständige Eule gefunden! In Deutschland
-und in Flandern, das Sie so sehr lieben, reise ich beständig
-auf Ulenspiegels Schulter, der nur darum so heißt, weil sein
-Name Eule und Spiegel bedeutet, Weisheit und Gaukelspiel, Uyl
-en Spiegel. Die von Damm, wo er geboren, sprechen den Namen
-der Kürze halber „Ulenspiegel“ aus, und weil sie die Angewohnheit
-haben „U“ statt „Uy“ auszusprechen. Das ist ihre Sache.
-</p>
-
-<p>Ihr habt eine andere Auslegung ersonnen: Ulen für Ulieden
-Spiegel / Euer Spiegel / für Euch, Bauern und Herren, Regierte
-und Regierende, der Spiegel der Narrheiten, Lächerlichkeiten
-und Verbrechen eines Zeitalters. Das war scharfsinnig,
-aber unbillig. Man muß nie mit der Tradition brechen.</p>
-
-<p>Vielleicht fandet Ihr den Gedanken seltsam, die Weisheit durch
-einen traurigen, possierlichen Vogel zu symbolisieren, / Eures
-Bedünkens durch einen bebrillten Schulfuchs, einen Possenreißer
-vom Jahrmarkt, einen Freund der Finsternis, der unhörbar fliegt
-und tötet, ohne daß man ihn kommen hört, gleichwie der Tod?
-Aber Ihr gleichet mir, falsche Biedermänner, die Ihr über mich
-lacht. In mancher Eurer Nächte strömte Blut unter den Streichen
-des Mordes, der auf Filzsohlen geschlichen kam, damit man ihn
-ebenfalls nicht kommen hörte. Gibt es nicht in Eurer Geschichte gewisse
-Tage, an denen die bleiche Morgendämmerung mit ihrem fahlen
-Scheine die Straßen, die mit den Leichen von Männern, Weibern
-und Kindern besäet waren, beleuchtete? Wovon lebt Eure Politik,
-seitdem Ihr die Welt regiert? Vom Erwürgen und Morden.</p>
-
-<p>Ich, die Eule, die häßliche Eule, ich töte, um mich zu ernähren,
-um meine Jungen zu ernähren; ich töte nicht, um zu
-töten. Wenn Ihr mir vorwerft, daß ich ein Nest mit jungen
-Vögeln verschlinge, könnte ich Euch nicht ebenso vorwerfen, daß
-Ihr alles, was Odem hat, niedermetzelt? Ihr habt Bücher geschrieben,
-in denen Ihr gerührten Tones von der Anmut des
-Vogels, seinen Liebesfreuden, seiner Schönheit, vom kunstvollen
-Bau des Nestes und den Ängsten der Mutterschaft sprecht. Hiernach
-sagt Ihr, in welcher Brühe er angerichtet werden muß und
-in welchem Monat des Jahres man die saftigsten Gerichte daraus
-macht. Ich, ich schreibe keine Bücher, Gott bewahre mich,
-anderenfalls würde ich schreiben, daß, wenn Ihr den Vogel nicht
-essen könnt, Ihr das Nest verspeist, aus Furcht, um einen Bissen
-zu kurz zu kommen.</p>
-
-<p>Was Dich betrifft, leichtsinniger Poet, so war es Dein eigner Vorteil,
-mir in Deinem Werke meinen rechtmäßigen Platz zu geben;
-denn zwanzig Kapitel darin gehören zum mindesten mir; die andern
-laß ich dir ganz zu eigen.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Das ist wahrlich das Wenigste, daß
-man uneingeschränkt Herr der Dummheiten sei, die man drucken
-läßt. Zeternder Poet, Du schlägst blindlings auf die los, die Du
-die Henker des Vaterlandes nennst; Du stellst Karl V. und Philipp
-II. an den Schandpfahl der Geschichte. Du bist keine Eule,
-Du bist nicht fürsichtig. Weißt Du, ob in dieser Welt nicht noch
-ein Karl V. und ein Philipp II. existiren? Fürchtest Du nicht,
-daß eine wachsame Censur im Bauche Deines Elefanten nach Anspielungen
-auf erlauchte Zeitgenossen suchen werde? Warum
-ließest Du nicht diesen Kaiser und diesen König in ihrem Grabe
-schlummern? Weshalb kläffst Du so viel Majestäten an? Wer
-sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Es gibt Leute, die Dir
-nicht verzeihen werden; ich verzeihe Dir auch nicht, Du störst mir
-meine spießbürgerliche Verdauung.
-</p>
-<p>
-Was soll dieser ständige Zwist zwischen einem verabscheuten König,
-der von Kindheit an grausam ist / dafür ist er ein Mensch / und
-diesem vlämischen Volke, das Du uns als heldenmütig, fröhlich,
-rechtschaffen und arbeitsam darstellen willst? Wer sagt Dir, daß
-dieses Volk gut und der König schlecht war? Ich könnte Dir klüglich
-das Gegenteil beweisen. Deine Hauptpersonen sind Dummköpfe
-und Narren, ohne einen einzigen auszunehmen. Dein Gassenjunge
-Ulenspiegel ergreift die Waffen für die Gewissensfreiheit; sein
-Vater Klas läßt sich lebendigen Leibes verbrennen, um seine religiösen
-Überzeugungen zu behaupten; seine Mutter Soetkin verzehrt
-sich in Gram und stirbt an den Folgen der Tortur, weil sie
-ihrem Sohn ein Vermögen erhalten wollte. Dein Lamm Goedzak
-geht im Leben geradeaus, als ob man in dieser Welt nur gut und
-ehrlich zu sein brauchte; die kleine Nele; die nicht übel ist, liebt nur
-einen Mann in ihrem Leben.. Wo sieht man noch solche Dinge?
-Ich würde dich beklagen, wenn ich nicht über Dich lachen müßte.</p>
-
-<p>Jedoch muß ich gestehen, neben diesen lächerlichen befinden sich
-etliche Persönlichkeiten, die ich gern zu meinen Busenfreunden
-machte: deine spanischen Soldaten, deine Mönche, die das Volk
-verbrennen, deine Gilline, die Spionin der Inquisition, deinen
-geizigen Fischhändler, den Angeber und Wärwolf, deinen Edelmann,
-der nachts den Teufel spielt, um irgend eine einfältige Person
-zu verführen, in Sonderheit aber den verständigen Philipp II.,
-der, da er Geld braucht, die heiligen Bilder in den Kirchen zerstören
-läßt, um einen Aufstand zu bestrafen, dessen weiser Anstifter
-er selber war. Das ist wahrlich das wenigste, was man tun kann,
-wenn man berufen ist, von denen zu erben, die man mordet.</p>
-
-<p>Aber ich glaube, ich spreche ins Leere. Du weißt vielleicht nicht
-einmal, was eine Eule ist. Ich will es dir zu wissen tun.</p>
-
-<p>Eule ist, wer heimlich auf die Leute, die ihm im Wege sind, Verläumdung
-herabträufelt, und wenn man ihn auffordert, die Verantwortung
-für seine Worte zu übernehmen, klüglich ausruft:
-„Ich behaupte nichts, Man hat es mir gesagt“. Er weiß wohl,
-daß Man unangreifbar ist.</p>
-
-<p>Eule ist, wer in den Kreis einer ehrbaren Familie eintritt, sich
-als Freier ankündigt, ein junges Mädchen ins Gerede bringt, Geld
-borgt, manchmal seine Schuld bezahlt und davon geht, wenn es
-nichts mehr zu nehmen gibt.
-</p>
-<p>
-Eule ist der Politiker, der eine Maske der Freiheit, Aufrichtigkeit
-und Menschenliebe anlegt und Euch im gegebenen Augenblick
-ohne Warnung einen Menschen oder eine Nation erwürgt.</p>
-
-<p>Eule ist der Handelsmann, der seine Weine panscht und seine
-Lebensmittel fälscht, der verdorbenen Magen anstatt Ernährung
-und Wut anstatt Heiterkeit verursacht.</p>
-
-<p>Eule ist, wer geschickt fliegt, ohne daß man ihn beim Kragen
-packen kann, der das Falsche gegen das Wahre verteidigt, die
-Witwe zu Grunde richtet, die Waise beraubt und im Fett triumphirt
-wie andere im Blut.</p>
-
-<p>Eule, die mit ihren Reizen Handel treibt, den besten Herzen junger
-Männer die Unschuld nimmt und das „sie bilden“ heißt, und sie
-ohne einen Heller im Schlamme läßt, in den sie sie gezogen hat.</p>
-
-<p>Wenn sie manchmal traurig ist, sich besinnt, daß sie Frau ist und
-Mutter sein könnte, verleugne ich sie. Wenn sie, dieses Daseins
-müde, sich ins Wasser stürzt, so ist sie eine Närrin, und unwürdig
-zu leben.</p>
-
-<p>Blick um Dich, Dichter aus der Provinz, und zähle die Eulen
-dieser Welt, wenn Du kannst. Bedenke, ob es klug ist, so wie Du
-es tust, die Kraft und die List, diese Königinnen unter den Eulen,
-anzugreifen. Geh in Dich, lege Deine Beichte ab, und flehe auf
-den Knien um Vergebung.</p>
-
-<p>Dennoch nehme ich Anteil an Dir wegen Deiner vertrauensseligen
-Unbesonnenheit. Deshalb warne ich Dich, trotz meiner bekannten
-Gewohnheiten: ich werde stehenden Fußes die Derbheit und die
-Keckheiten Deines Stils meinen literarischen Vettern anzeigen.
-Sie haben starke Federn, Schnäbel und Brillen, sind fürsichtige,
-superkluge Leute, die auf die liebenswürdigste, schicklichste Art
-mit sehr viel Gaze und Manschetten den jungen Frauenzimmern
-Liebesgeschichten erzählen, die nicht allein von Cythere kommen
-und die Euch in einer Stunde, ohne daß man etwas sieht, die widerspänstigste
-Agnes erziehen. O tollkühner Poet, der Du Rabelais
-und die alten Meister so sehr liebst, jene Leute
-haben das vor Dir voraus, daß sie die
-französische Sprache am Ende durch
-vieles Schleifen abnutzen werden.</p>
-
-<p class = "center">
-Bubulus Bubb<br />
-</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Buch">Erstes Buch</h2>
-</div>
-
-<hr class="full newpage" />
-<h3>1</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zu Damm in Flandern, da der Maimond des Hagedorns Blüten
-erschloß, ward Ulenspiegel, des Klas Sohn, geboren.</p>
-
-<p>Eine Wehemutter, Katheline genannt, wickelte ihn in Windeln,
-und da sie seinen Kopf beschaute, wies sie auf ein Häutlein daran.
-„Glückshäutlein, unter gutem Stern geboren“, sprach sie fröhlich.
-Doch alsbald jammerte sie und deutete auf ein schwarzes Pünktlein
-an des Kindes Schulter.</p>
-
-<p>„Wehe,“ weinte sie, „das ist das schwarze Mal vom Teufelsfinger“.</p>
-
-<p>„Meister Satan“, erwiderte Klas, „muß gar früh aufgestanden
-sein, wenn er schon Zeit hatte, meinen Sohn zu zeichnen“.</p>
-
-<p>„Er hat garnicht geschlafen,“ antwortete Katheline, „denn
-horch! da weckt erst Kreyant die Hennen“.</p>
-
-<p>Sie legte das Kind in Klasens Hände und ging hinaus.</p>
-
-<p>Da zerriß die Morgenröte das Nachtgewölk; die Schwalben
-strichen zwitschernd über die Wiesen und die Sonne zeigte ihr
-blendendes Antlitz purpurn am Himmel.</p>
-
-<p>Klas öffnete das Fenster und sprach zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Du Glückskind, schau, da kommt Ihro Gnaden, die Frau Sonne,
-das Land Flandern zu grüßen. Betrachte Sie, wenn immer Du
-kannst, und so Du dermaleinst in Zweifel verstrickt bist und nicht
-weißt, was Du tun sollst, um recht zu handeln, so frage sie um
-Rat. Sie ist licht und warm. Sei aufrichtig wie sie licht ist, und
-gut wie sie warm ist“.</p>
-
-<p>„Klas, Mann,“ sagte Soetkin, „Du predigst einem Tauben.
-Komm und trinke, mein Sohn“.</p>
-
-<p>Und die Mutter bot dem Neugeborenen ihre schönen Naturflaschen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>2</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Dieweil Ulenspiegel mit Lust daran trank, erwachten alle Vöglein
-auf der Flur. Klas band Reisigbündel zusammen und sah
-zu, wie sein Gespons Ulenspiegel die Brust gab.</p>
-
-<p>„Weib,“ fragte er, „hast Du Vorrat von dieser guten Milch angeschafft?“</p>
-
-<p>„Die Krüge sind voll,“ sagte sie, „doch das ist nicht genug, mich
-froh zu machen“.</p>
-
-<p>„Gar kläglich sprichst Du von einem so großen Glück“.</p>
-
-<p>„Ich gedenke,“ sprach sie, „daß sich auch nicht ein elender Heller
-in der Geldkatze findet, die dort an der Wand hängt“.</p>
-
-<p>Klas nahm den Beutel zur Hand; doch er mochte ihn schütteln,
-wie er wollte, er hörte kein Geld darin klingen. Da ward er
-betrübt. Doch er wollte sein Weib trösten und sprach:</p>
-
-<p>„Was sorgst Du Dich? Haben wir nicht den Kuchen im Kasten,
-den Katheline uns gestern geschenkt hat? Sehe ich nicht ein großes
-Stück Rindfleisch, welches zum mindesten drei Tage gute Milch
-für das Kind machen wird? Prophezeit der Sack mit Bohnen,
-der dorten so hübsch in der Ecke hockt, eine Hungersnot? Ist
-dies Fäßlein mit Butter ein Hirngespinnst? Sind die Fähnlein
-und Kompanien von Äpfeln, die in kriegerischen Reihen zu Elfen
-auf dem Boden aufmarschiert sind, Gespenster? Und hält nicht
-das brave dicke Fäßlein mit Brügger Kuytbier in seinem Wanst
-unsere Labung und kündet uns frischen Trunk?“</p>
-
-<p>„Wenn das Kind zur Taufe getragen wird,“ sagte Soetkin, „so
-müssen wir dem Priester zwei Heller und für den Schmaus einen
-Gulden geben“.</p>
-
-<p>Indessen trat Katheline mit einem großen Strauß Pflanzen ein.</p>
-
-<p>„Ich bringe dem Glückskind Engelwurz, der bewahrt den Menschen
-vor Wollust, und Fenchel, der vertreibt den Teufel“.</p>
-
-<p>„Hast Du nicht auch das Kraut, das die Gülden herbeizieht?“
-fragte Klas.</p>
-
-<p>„Nein“, sagte sie.</p>
-
-<p>„So will ich sehen, ob es im Kanal keine gibt“.</p>
-
-<p>Er ging mit Netz und Angel von dannen und war sicher, daß er
-niemanden begegnete, denn es war noch eine Stunde vor Oosterzon:
-so heißt in Flandern die Sonne um sechs Uhr früh.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>3</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Klas ging nach dem Kanal von Brügge, nicht weit vom Meere.
-Da tat er den Köder an die Angel, warf sie aus und ließ das Netz
-hinab. Ein wohlgekleideter Bursche saß am anderen Ufer und
-schlief wie ein Klotz auf einem Haufen Muscheln.</p>
-
-<p>Bei dem Lärm, welchen Klas machte, erwachte er und wollte davonlaufen,
-denn er fürchtete, es möchte ein Gemeinbüttel sein,
-der ihn von seinem Lager forttreiben und zum Steen bringen wollte,
-wegen unerlaubten Vagierens.</p>
-
-<p>Doch seine Furcht schwand, da er Klas erblickte und dieser ihm
-zuschrie:</p>
-
-<p>„Willst Du sechs Deut verdienen, so treibe den Fisch hierher.“</p>
-
-<p>Der Bursche, der schon ein aufgeblähtes Bäuchlein hatte, ging
-ins Wasser, nahm einen Büschel großen Schilfrohrs und trieb
-die Fische zu Klas.</p>
-
-<p>Nach vollbrachtem Fischfang zog Klas Netze und Angelschnur
-heraus, ging über die Schleuse und kam zu dem Buben.</p>
-
-<p>„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner
-Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße
-hinter der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so
-wohlgekleidet bei Mutter Grün Obdach suchest?“</p>
-
-<p>„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim
-eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt
-mich weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr
-auf dem Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr.
-Gestern beim Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit
-den Fingern den Boden einer Schüssel aus, darin Rindfleisch
-mit Bohnen gewesen. Sie aber wollte auch ihr Teil haben, und
-es war doch nicht mal genug für mich, Herr. Da sie nun sah, wie
-ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so wohl schmeckte, ward
-sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so gewaltige Maulschellen,
-daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“</p>
-
-<p>Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan
-hätten. Da antwortete Lamm Goedzak:</p>
-
-<p>„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter
-auf die andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch
-ich mochte kein Mägdlein schlagen und lief davon“.</p>
-
-<p>Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und
-Klas sah eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite
-ging ein mageres Dirnlein von bösem Aussehen.</p>
-
-<p>„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt
-meine Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme
-mich, Meister Kohlenträger!“</p>
-
-<p>„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn
-und laß uns sonder Furcht zu ihnen gehen“.</p>
-
-<p>Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und
-wollten ihn beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt
-hatte, und die Schwester, weil sie es gewohnt war.</p>
-
-<p>Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie:</p>
-
-<p>„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“</p>
-
-<p>Doch die Mutter umhalste ihn schon, dieweil das Mägdlein mit
-Gewalt Lamms Hände öffnen wollte, sein Geld zu bekommen. Er
-aber schrie:</p>
-
-<p>„Es ist mein, Du sollst es nicht haben!“</p>
-
-<p>Und er hielt die Fäuste fest zu.</p>
-
-<p>Klas aber schüttelte das Mägdlein derb bei den Ohren und sprach
-zu ihr:</p>
-
-<p>„Wenn es noch einmal geschieht, daß Du Händel mit Deinem
-Bruder suchst, welcher gut und sanft ist wie ein Lamm, so werde
-ich Dich in ein schwarzes Kohlenloch stecken, und da werde nicht
-ich Dich bei den Ohren zupfen, sondern der rote Teufel aus der
-Höllen, der wird Dich mit seinen großen Klauen und seinen Zähnen
-wie Heugabeln in Stücke reißen“.</p>
-
-<p>Bei dieser Rede wagte das Mägdlein Klas nicht mehr anzublicken
-noch Lamm zu nahen, und suchte Schutz hinter dem Rücken
-der Mutter. Als sie aber in die Stadt kamen, schrie sie allerorten:</p>
-
-<p>„Der Kohlenträger hat mich geschlagen; er hat den Teufel in
-seinem Keller“.</p>
-
-<p>Fortan schlug sie Lamm nicht mehr; doch als sie groß war, ließ
-sie ihn ihre Arbeit verrichten und der gute Tropf tat es gern.</p>
-
-<p>Klas hatte seinen Fang unterwegs an einen Pächter verkauft,
-der ihn ihm abzunehmen pflegte. Als er heimkehrte, sprach er zu
-Soetkin:</p>
-
-<p>„Dieses fand ich im Bauche von vier Hechten, neun Karpfen und
-einen Korb voll Aale“. Und er warf zwei Gulden und einen
-Heller auf den Tisch.</p>
-
-<p>„Was gehst du nicht täglich auf den Fischzug, Mann?“ fragte
-Soetkin.</p>
-
-<p>Klas gab zur Antwort: „Damit ich nicht selber zum Fisch werde
-für die Netze des Gemeinbüttels“.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>4</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegels Vater ward in Damm Klas der Kohlenträger genannt.
-Er hatte schwarzes Haar, feurige Augen, und seine Haut
-war von der Farbe seiner Ware, außer an Sonn- und Feiertagen,
-allwo es reichlich Seife in der Hütte gab. Er war klein, vierschrötig
-und stark und hatte ein lustiges Antlitz. Wenn er nach dem
-Tagewerk bei sinkender Nacht in einer Schänke am Wege nach
-Brügge einkehrte, um sich die schwarze Kohle mit Kuyt aus der
-Kehle zu spülen, riefen alle Frauen, die auf den Türschwellen
-frische Luft schöpften, ihm freundwillig zu:</p>
-
-<p>„Guten Abend und klares Bier, Kohlenträger“.</p>
-
-<p>„Guten Abend und einen wachsamen Mann“, gab Klas zum Bescheid.</p>
-
-<p>Die Mägdlein, die zuhauf von den Feldern heimkehrten, stellten
-sich alle vor ihn hin und sprachen zu ihm:</p>
-
-<p>„Was zahlst Du als Wegzoll: ein scharlachnes Band, einen Goldring,
-Sammetschuhe oder einen Gülden in die Gürteltasche?“</p>
-
-<p>Doch Klas faßte sie um die Hüften und küßte sie auf Wangen
-und Hals, oder was sonst seinem Munde am nächsten war. Dann
-sprach er:</p>
-
-<p>„Den Rest, ihr Schätzchen, den Rest fordert von Eurem Liebsten“.</p>
-
-<p>Und sie gingen laut lachend von dannen.</p>
-
-<p>Die Kinder kannten Klas an seiner derben Stimme und am Klappern
-seiner Schuhe. Sie liefen ihm entgegen und sprachen:</p>
-
-<p>„Guten Abend, Kohlenträger!“</p>
-
-<p>„Gott gebe Euch ein gleiches, Ihr Engelein“, sprach Klas. „Doch
-kommt mir nicht nahe, auf daß ich Euch nicht zu Mohrenkindern
-mache“.</p>
-
-<p>Doch die Kleinen waren keck und kamen heran. Da griff er eines
-am Wams, rieb das rosige Mäulchen mit seinen Händen ein und
-ließ das Kind, welches trotzdem lachte, zur großen Freude aller
-andern entlaufen.</p>
-
-<p>Soetkin, Klasens Frau, war ein braves Weib, früh auf wie das
-Morgenrot und emsig wie eine Ameise.</p>
-
-<p>Klas und sie bestellten zu zweit ihre Felder und spannten sich
-gleich Ochsen vor den Pflug. Gar mühevoll war das Ziehen, doch
-noch schwerer die Egge, wenn das ländliche Werkzeug mit seinen
-hölzernen Zähnen die harten Schollen zerreißen sollte. Sie taten
-es gleichwohl fröhlichen Mutes und sangen ein altes Liedchen
-dabei.</p>
-
-<p>Und es half der Erde nichts hart zu sein; umsonst warf die Sonne
-ihre heißesten Strahlen auf sie. Und ob sie auch ihre Lenden
-grausam anstrengen mußten, wenn sie mit gebogenen Knien die
-Egge schleppten: sobald sie stillhielten und Soetkin ihr sanftes
-Antlitz zu Klas wandte, und Klas küßte diesen Spiegel einer
-zärtlichen Seele, so vergaßen sie der großen Mühsal.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>5</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Tags zuvor war an den Fenstergittern des Stadthauses ausgerufen,
-es solle gebetet werden für Ihre Majestät, Kaiser Karls
-Gemahlin, die schwanger war, daß sie bald niederkäme.</p>
-
-<p>Am ganzen Leibe zitternd, trat Katheline bei Klas ein.</p>
-
-<p>„Was ficht Dich an, Gevatterin?“ fragte der Biedermann.</p>
-
-<p>„Wehe!“ antwortete sie in abgerissenen Worten. „Diese Nacht
-/ Geister, die Menschen mähten wie Schnitter das Gras /
-Mägdlein lebendig begraben; auf ihrem Leib tanzte der Henker!
-Der Stein, der seit neun Monden Blut geschwitzt hat, diese Nacht
-geborsten.“</p>
-
-<p>„Erbarm Dich unser! Erbarm Dich unser, Herr Gott!“ stöhnte
-Soetkin, „das ist eine üble Vorbedeutung für das Land Flandern.“</p>
-
-<p>„Sahest Du das mit Deinen Augen oder im Traume?“ fragte
-Klas.</p>
-
-<p>„Mit meinen Augen“, erwiderte Katheline.</p>
-
-<p>Bleich wie der Tod und mit Thränen hub sie wieder an:</p>
-
-<p>„Zwei Kindlein sind geboren, eins in Hispanien, das ist das Kind
-Philipp, das andre im Lande Flandern, das ist des Klas Sohn,
-so dereinst Ulenspiegel genannt wird. Philipp wird ein Henker
-werden, denn er ist erzeugt von Kaiser Karl, dem Mörder unsres
-Landes. Ulenspiegel wird ein großer Meister in lustigen Reden
-und Bubenstreichen sein, aber er wird ein gutes Herz haben, denn
-er hat Klas zum Vater gehabt, einen wackeren Arbeitsmann, der
-in Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Leutseligkeit sein Brot zu
-verdienen weiß. Karl der Kaiser und Philipp der König werden
-hoch zu Roß durchs Leben reiten und mit Schlachten, Erpressungen
-und andrem Verbrechen Unheil stiften. Klas, der die ganze Woche
-arbeitet, nach Recht und Gesetz lebt und lacht, statt bei seiner
-harten Arbeit zu weinen, wird das Vorbild der guten Flandrischen
-Arbeiter sein.</p>
-
-<p>„Ulenspiegel wird den Tod nicht sehen und allzeit jung sein; er wird
-die Welt durchwandern und an keinem Orte sich festsetzen. Er
-wird Bauer, Edelmann, Maler und Bildhauer sein / alles mit
-einander. Und also wird er die Welt durchwandern, gute und
-schöne Dinge loben, und der Dummheit aus voller Kehle spotten.
-Klas ist Dein Mut, edles flämisches Volk, Soetkin Deine tapfre
-Mutter, Ulenspiegel Dein Witz, ein artig und lieblich Mägdlein,
-des Ulenspiegel Genossin und gleich ihm unsterblich, wird Dein
-Herz sein, und ein dicker Bauch, Lamm Goedzak, Dein Magen.
-Oben werden die Menschenvertilger sein, unten die Opfer; oben
-diebische Drohnen, unten emsige Bienen, und im Himmel werden
-Christi Wunden bluten.“</p>
-
-<p>Nach solchen Worten entschlief Katheline, die gute Zauberin.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>6</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel ward zur Taufe getragen; plötzlich fiel ein Platzregen,
-der ihn schier durchnäßte. Also ward er zum ersten Male
-getauft.</p>
-
-<p>Da er in die Kirche kam, hieß der Küster und Schulmeister Eltern
-und Paten sich um das Taufbecken stellen, welches geschah.</p>
-
-<p>Doch im Gewölbe über dem Taufbecken hatte ein Maurer ein
-Loch gemacht, um allda eine Lampe an einem Stern von vergüldetem
-Holz aufzuhängen. Da er von oben die Paten stocksteif
-um das Taufbecken stehen sah, auf welchem der Deckel noch ruhte,
-goß er durch das Loch in der Wölbung voller Tücke einen Kübel
-Wassers, also daß dieses auf den Deckel stürzte und ein gewaltig
-Spritzen geschah. Ulenspiegel bekam das größte Teil davon. Und
-also ward er zum andern Male getauft.</p>
-
-<p>Der Dechant kam und sie führten Klage bei ihm; er aber sagte,
-sie sollten sich sputen und es wäre ein Zufall. Ulenspiegel zappelte
-wegen des Wassers, das auf ihn gefallen war. Der Dechant gab
-ihm Salz und Wasser und nannte ihn Thylbert, das heißt „reich
-an Bewegungen.“ So ward er zum dritten Male getauft.</p>
-
-<p>Da sie die Frauenkirche verlassen, gingen sie in die Lange Gasse
-und kehrten gegenüber der Kirche in den „Rosenkranz der Flaschen“
-ein, an welchem ein Krug das Credo bildete. Dort tranken sie
-siebzehn Kannen Doppelbier und noch mehr. Denn solches ist der
-rechte Brauch in Flandern, daß man im Bauche ein Feuer anzündet,
-um durchnäßte Leute zu trocknen. So ward Ulenspiegel
-zum vierten Male getauft.</p>
-
-<p>Da sie nun heim taumelten und ihr Kopf schwerer war denn ihr
-Körper, kamen sie an einen Steg, der über ein Wasser gelegt war.
-Katheline, die Pathin war und das Kind trug, tat einen Fehltritt
-und fiel mit Ulenspiegel in die Lache. Also ward er zum fünften
-Male getauft.</p>
-
-<p>Doch man zog ihn aus dem Pfuhle, um ihn in Klasens Hause
-mit warmem Wasser zu waschen; und das war seine sechste Taufe.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>7</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am selbigen Tage beschloß seine Heilige Majestät, Kaiser Karl,
-glänzende Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes fürstlich
-zu feiern. Er beschloß gleich Klas auf den Fischzug zu gehen,
-doch nicht in einem Kanal, sondern in den Gürteltaschen und Geldkatzen
-seiner Völker. Denn daraus ziehen die fürstlichen Angelruten
-Crusados, Silberdaelders und Löwentaler, und alle diese
-wundersamen Fische wandeln sich nach Belieben des Fischers in
-Sammet, Kleider, kostbare Juwelen, erlesene Weine und feine
-Speisen. Denn die fischreichsten Flüsse sind nicht die, so das
-meiste Wasser führen.</p>
-
-<p>Da er nun seine Räte um sich versammelt hatte, bestimmte seine
-Heilige Majestät, daß der Fischzug wie folgt ausgeführt würde:
-Seine Hoheit der Infant sollte in der neunten oder zehnten
-Stunde zur Taufe getragen werden. Um ihre große Freude darzutun,
-sollten die Einwohner von Valladolid die ganze Nacht
-durch Schmausereien und Gelage halten, alles auf ihre Kosten,
-und auf dem Marktplatz Geld für die Armen streuen.</p>
-
-<p>An fünf Straßenecken sollte ein großer Springbrunnen sein und
-bis Tagesanbruch gewöhnlichen Wein in Strömen hervorsprudeln,
-welchen die Stadt bezahlte. An fünf anderen Ecken sollten
-an hölzernen Gerüsten kleine Würste, ferner Schlack-, Leber- und
-Knackwürste, Ochsenzungen und andre Fleischarten aufgehängt
-werden, desgleichen zu Lasten der Stadt.</p>
-
-<p>Die Bürger von Valladolid sollten da, wo der Zug vorbeikommen
-mußte, auf ihre Unkosten eine große Zahl von Triumphbögen errichten,
-welche den Frieden, das Glück, den Überfluß und das
-günstige Geschick darstellten, sowie jegliche Himmelsgabe, womit
-sie unter der Herrschaft seiner Kaiserlichen Majestät überschüttet
-worden.</p>
-
-<p>Endlich sollten außer diesen Friedensbögen etliche andere aufgerichtet
-werden, an welchen in lebhaften Farben weniger milde
-Sinnbilder zu sehen waren, als das sind: Adler, Löwen, Lanzen,
-Hellebarden, Spieße mit glänzender Zunge, Hakenbüchsen, Kanonen,
-Feldschlangen mit großem Rachen und andre Maschinen,
-so die kriegerische Macht und Stärke seiner heiligen Majestät
-versinnbildlichen sollten.</p>
-
-<p>Was die Lichter zum Erleuchten der Kirche betraf, so sollte es
-der Gilde der Wachszieher verstattet sein, zwanzigtausend Kerzen
-ohne Entgelt herzustellen, und was davon nicht verbrannt ward,
-das sollte dem Domkapitel zufallen.</p>
-
-<p>Was aber die anderen Ausgaben betraf, so wollte der Kaiser sie
-gerne bestreiten und solchergestalt seinen guten Willen zeigen, seinen
-Völkern nicht allzugroße Lasten aufzulegen.</p>
-
-<p>Als die Gemeine dies Gebot auszuführen trachtete, traf von Rom
-her klägliche Kunde ein. Oranien, Alençon und Frundsberg, des
-Kaisers Hauptleute, waren in die heilige Stadt gedrungen und
-hatten allda Kirchen, Kapellen und Häuser eingeäschert und ausgeplündert
-und niemand geschont, nicht die Priester und Klosterfrauen
-noch die Weiber und Kinder. Der heilige Vater war gefangen
-worden. Seit einer Woche währte das Plündern, und
-Reiter wie Lanzknechte durchstreiften die Stadt, übersättigt von
-Speise und berauscht vom Trinken. Sie schwangen ihre Waffen,
-suchten die Kardinäle und drohten, sie würden ihnen genug ins
-Fell schneiden, daß sie nie Päpste würden. Andre, so diese Drohung
-bereits ausgeführt hatten, stolzierten in der Stadt umher und
-trugen Rosenkränze auf der Brust, mit achtundzwanzig und mehr
-Kugeln, groß wie Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren
-gleich roten Bächen, darinnen die nackten Leiber der Toten lagen.</p>
-
-<p>Etliche sagten, der Kaiser, dieweil er Geld brauchte, hätte
-solches im geistlichen Blut fischen wollen; und da er von dem
-Vertrage, den seine Hauptleute dem gefangenen Papst auferlegt
-hatten, Kenntnis erhalten, so zwang er ihn, die festen Plätze
-seiner Staaten zu übergeben, 400 000 Dukaten zu bezahlen und
-solange im Gefängnis zu bleiben, bis alles vollführt sei.</p>
-
-<p>Jedoch der Schmerz seiner Majestät war groß, und er sagte alle
-Vorbereitungen zu Freude, Festen und Lustbarkeiten ab und gebot
-den Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und
-der Infant ward in seinen weißen Windeln getauft, welches die
-Windeln königlicher Trauer sind. Solches legten die Herren und
-Damen als üble Vorbedeutung aus.</p>
-
-<p>Dem ohngeachtet stellte die Frau Amme den edlen Herren und
-Damen des Palastes den Infanten dar, auf daß sie ihm nach dem
-Brauche Wünsche und Gaben darbrächten.</p>
-
-<p>Madonna de la Coena hing ihm einen schwarzen Stein wider das
-Gift um den Hals, von der Form und Größe einer Nuß, mit güldener
-Schale. Madame de Chauffade knüpfte ihm an einen seidenen
-Faden, der bis auf den Magen hing, eine Haselnuß an,
-welche die gute Verdauung der Speisen befördert. Messire van
-der Steen aus Flandern brachte ihm eine Genter Wurst dar, fünf
-Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte seiner Hoheit ehrerbietigst,
-daß sie bei dem bloßen Geruche gut gentischen Durst
-nach Clauwaert verspürte; denn er sagte, wer das Bier einer
-Stadt gern trinkt, der kann dessen Brauer nicht hassen. Der Herr
-Stallmeister Jakob Christoph von Castilien ersuchte seine Hoheit
-den Infanten, an seinen Füßlein grünen Jaspis zu tragen, damit er
-gut laufen könnte. Jan de Paepe, der Narr, der dabei war, sprach:
-„Messire, gebt ihm lieber die Posaune Jerichos, bei deren Schall
-alle Städte eilends vor ihm davonlaufen, mitsamt ihren Einwohnern,
-Männern, Weibern und Kindern, um sich andernorts
-niederzulassen. Denn Seine Hoheit soll nicht selbst laufen lernen,
-sondern andre laufen lassen.“</p>
-
-<p>Die trauernde Wittib des Floris van Borsele, welcher Herr von
-Veere und Seeland gewesen, gab Herrn Philipp einen Stein,
-welcher, so sprach sie, die Männer verliebt und die Frauen untröstlich
-machte.</p>
-
-<p>Doch der Infant blökte wie ein Kalb.</p>
-
-<p>Indessen steckte Klas seinem Sohn eine Klapper von Weidengeflecht
-mit Schellen daran in die Hände, und dieweil er
-Ulenspiegel auf seiner Hand tanzen ließ, sprach er: „Glöcklein,
-Glöcklein, Klinglingling. Möchtest Du deren immerdar an
-Deinem Barett haben, kleiner Mann, denn den Narren gehört
-die Welt.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel lachte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>8</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Klas hatte einen großen Lachs gefangen; der ward eines Sonntags
-von ihm, Soetkin, Katheline und dem kleinen Ulenspiegel
-verspeist. Aber Katheline aß nicht mehr denn ein Vogel.</p>
-
-<p>„Gevatterin,“ sprach Klas zu ihr, „ist die Luft in Flandern dermalen
-so kräftig, daß Du sie nur einzuatmen brauchst, um satt
-zu werden wie von einem Fleischgericht? Wann wird man so
-leben? Wenn die Regengüsse gute Suppen wären, wenn es Bohnen
-hagelte und der Schnee, in himmlisches Hackfleisch verwandelt,
-die armen Wanderer labte.“</p>
-
-<p>Katheline schüttelte den Kopf und sprach kein Wort.</p>
-
-<p>„Seh einer das betrübte Weib! Was macht ihr Kummer?“</p>
-
-<p>Da sagte Katheline mit einer Stimme, die gleich einem Hauch
-war:</p>
-
-<p>„Der Böse / wenn Nacht schwarz herabsinkt / Ich höre, wie er
-sein Kommen ankündigt / schreiend wie ein Fischadler. / Schaudernd
-bet' ich zur Heiligen Jungfrau / vergebens. / Für ihn nicht
-Mauern noch Zäune, nicht Türen noch Fenster; dringt überall
-hin wie ein Geist. / Die Leiter kracht. / Er ist bei mir auf dem
-Boden, wo ich schlafe, / faßt mich mit seinen kalten Armen, hart
-wie Marmelstein. / Eisiges Gesicht, Küsse feucht wie Schnee, /
-Die Erde wankt und die Hütte schwankt, wie ein Nachen auf
-stürmischer See.“</p>
-
-<p>„Mußt jeden Morgen zur Messe gehen,“ riet Klas, „damit der
-Herr Jesus Dir die Kraft gibt, den Spuk, der von da unten gekommen
-ist, zu vertreiben.“</p>
-
-<p>„Er ist so schön,“ sagte sie.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>9</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel entwöhnt war, wuchs er wie eine junge Pappel.
-Nun küßte Klas ihn nicht mehr so oft, sondern liebte ihn in
-derber Weise, auf daß er nicht weichlich würde.</p>
-
-<p>Wenn Ulenspiegel heimkehrte und Klage führte, daß sie ihn bei
-einem Streit durchgebläut hätten, schlug Klas ihn aufs Neue,
-weil er die andren nicht geschlagen; und also erzogen, ward Ulenspiegel
-kühn wie ein junger Leu.</p>
-
-<p>Wenn Klas nicht daheim war, bat Ulenspiegel die Mutter um
-einen Heller, um spielen zu gehen. Soetkin ward bös und sprach:
-„Was brauchst Du zu spielen! Du tätest besser, daheimzubleiben
-und Reisig zu schnüren.“</p>
-
-<p>Wenn Ulenspiegel sah, daß er nichts kriegte, schrie er wie ein
-Adler; doch Soetkin vollführte mit Kesseln und Töpfen, die sie
-in einer Holzbütte wusch, einen großen Lärm und tat, als hörte
-sie nichts. Alsdann weinte Ulenspiegel, und die schwache Mutter
-ließ die gespielte Härte fallen, kam zu ihm, liebkoste ihn und
-sprach: „Hast Du an einem Heller genug?“ Nun aber wißt Ihr,
-daß der Heller sechs Deut galt.</p>
-
-<p>Solchermaßen liebte sie ihn zu sehr, und wenn Klas nicht daheim
-war, so war Ulenspiegel König im Hause.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>10</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Eines Morgens sah Soetkin, wie Klas in der Küche gesenkten
-Hauptes umherlief, gleich einem in Gedanken verlorenen Menschen.
-„Was plagt Dich, Mann?“ fragte sie. „Du bist blaß, zornmütig
-und zerstreut.“</p>
-
-<p>Da antwortete er mit leiser Stimme wie ein knurrender Hund:</p>
-
-<p>„Sie wollen die grausamen Anschläge des Kaisers erneuern.
-Der Tod wird aufs Neue über dem Lande Flandern schweben.
-Den Angebern wird die Hälfte von der Habe der Opfer versprochen,
-wenn das Vermögen nicht mehr ist als hundert Karolustaler.“</p>
-
-<p>„Wir sind arm,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Arm“, sprach er, „doch nicht genug. Es gibt schlechte Menschen,
-Geier und Raben, die leben von Leichen und würden uns ebenso
-gern anzeigen, um mit Seiner Heiligen Majestät einen Korb
-Kohlen wie einen Sack Karolustaler zu teilen. Was besaß die
-arme Tannecker, die Wittib des Schneiders Sis, die zu Heyst
-lebendig verbrannt ward? Eine lateinische Bibel, drei Goldgülden
-und etlichen Hausrat von englischem Zinn, wonach es ihre
-Nachbarin gelüstete. Johanna Martens ward als Hexe verbrannt
-und zuvor ins Wasser geworfen, denn ihr Körper schwamm
-obenauf und das galt für ein Zeichen von Zauberei. Sie hatte
-ein paar armselige Stücke Hausrat und sieben Goldkarolus in
-der Geldkatze, und der Angeber wollte die Hälfte davon haben.
-Ach, so könnte ich bis morgen noch mit Dir sprechen. Aber gestehe
-es, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr lebenswert wegen
-der Anschläge. Bald wird jegliche Nacht der Karren des Todes
-durch die Stadt fahren, und wir werden hier hören, wie das Gerippe
-darin mit den Knochen klappert.“</p>
-
-<p>Soetkin sprach: „Du mußt mich nicht bange machen, Mann.
-Der Kaiser ist der Vater von Flandern und Brabant und
-als solcher voll Langmut, Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit“.</p>
-
-<p>„Er würde zuviel dabei verlieren, denn er lebt von den eingezogenen
-Gütern“.</p>
-
-<p>Plötzlich erscholl die Trompete, und die Zimbeln des Stadtherolds
-dröhnten. Klas und Soetkin nahmen Ulenspiegel abwechselnd
-auf den Arm und liefen mit dem Volkshaufen dem Lärm nach.
-Sie kamen vor das Stadthaus. Daselbst hielten zu Pferde die
-Herolde, so die Trompete bliesen und die Becken schlugen. Der
-Profoß hatte die Rute der Gerechtigkeit und der Amtmann hielt
-im Sattel mit beiden Händen eine kaiserliche Verordnung und
-schickte sich an, sie dem versammelten Volke vorzulesen.</p>
-
-<p>Klas verstand wohl, daß es fortan verboten sei, für Alle im Allgemeinen
-und im Besonderen, zu drucken, zu lesen, zu haben oder
-zu unterstützen die Schriften, Bücher und Lehre von Martin
-Luther, Johann Wykliff, Johannes Huß, Marcilius von Padua,
-Öcolampadius, Ulrich Zwingli, Philippus Melanchthon, Franciscus
-Lambertus, Johannes Bugenhagen, Johannes Pomeranus,
-Otto Brunselsius, Justus Jonas, Johannes Puperis und Gorcianus,
-desgleichen die neuen Testamente gedruckt von Adrian de
-Berghe, Christoph von Remonda und Johannes Zel, die voll
-lutherischer und anderer Ketzereien, auch von der theologischen
-Fakultät der Universität Löwen verworfen und verdammt waren.
-„Noch gleichermaßen zu malen und abzukonterfeien, noch malen
-oder abkonterfeien zu lassen schändliche Schildereien oder Bildnisse
-von Gott und der Heiligen Jungfrau Maria, oder zu zerreißen,
-zu zerbrechen und auszulöschen die Bilder oder Malereien,
-die zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis Gottes und
-der Jungfrau Maria oder der von der Kirche anerkannten Heiligen
-gemacht sind“.</p>
-
-<p>„Des weiteren,“ sagte die Verordnung, „daß niemand, welches
-Standes er sei, sich unterfange, die heilige Schrift mitzuteilen
-noch darüber zu disputieren, selbst in zweifelhafter Sache, wenn
-anders er nicht ein wohl beleumdeter und von einer berühmten
-Universität anerkannter Theologe ist“.</p>
-
-<p>Seine Heilige Majestät setzte unter anderen Strafen fest, daß die
-Verdächtigen niemals ein Ehrenamt ausüben dürften. Was die
-Rückfälligen oder in ihrem Irrtum Beharrenden beträfe, so sollten
-sie verurteilt werden, bei langsamem oder raschem Feuer verbrannt
-zu werden, nach Ermessen des Richters in einer Strohhütte
-oder an einen Pfahl gebunden. Die anderen, so sie adlich
-oder gute Bürger wären, sollten durch das Schwert hingerichtet
-werden, die Bauern am Galgen, die Frauen in der Grube. Ihre
-Köpfe sollten zur Warnung auf Pfähle gespießt werden. Zu
-Gunsten des Kaisers sollten die Güter aller dieser Personen eingezogen
-werden, sofern sie sich an den der Einziehung unterworfenen
-Orten befanden.</p>
-
-<p>Seine Heilige Majestät gewährte den Angebern die Hälfte aller
-Habe der Gerichteten, wenn sich ihr Besitz nicht auf hundert Goldgülden
-in Flandrischer Währung beliefe. Was des Kaisers Anteil
-beträfe, so behielte er sich vor, ihn für fromme und barmherzige
-Werke zu verwenden, wie er es bei der Plünderung Roms
-getan.</p>
-
-<p>Klas ging mit Soetkin und Ulenspiegel von dannen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>11</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Dieweil das Jahr gut gewesen, kaufte Klas für sieben Gülden
-einen Esel und neun Scheffel Erbsen und bestieg eines Morgens
-sein Reittier. Ulenspiegel saß hinten auf. In diesem Aufzuge
-wollten sie ihren Oheim und älteren Bruder Jobst Klas besuchen,
-der nicht fern von Meyborg in Deutschland wohnte.</p>
-
-<p>Jobst war in jungen Jahren schlichten und sanften Sinnes gewesen,
-doch wunderlich geworden, nachdem er unterschiedliche
-Unbill erduldet. Sein Blut wandelte sich in schwarze Galle; er
-faßte einen Haß gegen die Menschen und lebte wie ein Einsiedel.
-Es war ihm jetzt eine Lust, zwei sogenannte getreue Freunde sich
-prügeln zu lassen, und er gab Dem drei Heller, der den andern
-am heftigsten durchgewalkt hatte. Auch liebte er es, die ältesten
-und zänkischesten Weiber in einem wohlgeheizten Saale in großer
-Zahl zu versammeln, und gab ihnen geröstetes Brot und Würzwein
-zu trinken. Solchen, die über sechzig alt waren, gab er Wolle in
-irgend einer Ecke zu stricken und empfahl ihnen überdies, ihre
-Nägel nur immer wachsen zu lassen. Und es war wundersam,
-das Gurgeln und Schnalzen der Zungen, das boshafte Geklätsch,
-das Husten und rauhe Ausspeien dieser alten Vogelscheuchen zu
-hören, welche, die Strickscheide unter der Achsel, gemeinsam die
-Ehre des Nächsten zerpflückten.</p>
-
-<p>Wenn Jobst nun sah, daß sie recht im Zuge waren, warf er eine
-Bürste ins Feuer, und wenn sie brannte, war die Luft plötzlich
-voll Gestank. Alsbald schrieen die Weiblein alle mitsamt und
-ziehen einander, die Ursache des Gestankes zu sein. Da aber alle
-die Tatsache leugneten, packten sie sich bald bei den Haaren, und
-Jobst warf noch mehr Bürsten ins Feuer und geschnittene Roßhaare
-auf den Boden. Wenn er nichts mehr zu sehen vermochte,
-dieweil das Handgemenge so wütend, der Rauch so dicht war und
-den Staub aufwirbelte, so holte er zwei seiner Knechte, als Gemeinbüttel
-verkleidet; die trieben die Alten mit starken Gertenhieben
-aus dem Saale, gleich einer Herde wütender Gänse. Und
-Jobst, der das Schlachtfeld besichtigte, fand darauf Fetzen von
-Röcken, Schuhen und Hemden, auch alte Zähne. Und gar schwermütig
-sprach er zu sich: „Mein Tag ist verloren; keine unter
-ihnen hat im Handgemenge ihre Zunge eingebüßt“.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>12</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Als Klas das Weichbild von Meyborg erreichte, ritt er durch
-ein kleines Holz; der Esel fraß unterwegs Disteln und Ulenspiegel
-warf eine Kappe nach den Schmetterlingen und fing sie
-wieder auf, ohne den Rücken des Grautiers zu verlassen. Klas
-verspeiste eine Schnitte Brot und gedachte sie in der nächsten
-Schänke anzufeuchten. Da hörte er von fern ein Glöcklein erklingen
-und den Lärm vieler Menschen, die mit einander sprachen.
-„Das ist irgend eine Wallfahrt,“ sprach er, „und die Herren Pilger
-sind ohne Zweifel reich an Zahl. Halte Dich fest auf dem Langohr,
-auf daß sie Dich nicht herunterreißen. Wir wollen es uns besehen.
-Holla, Grauer, spüre meine Fersen!“</p>
-
-<p>Und der Esel lief hurtig.</p>
-
-<p>Er ließ das Gehölz hinter sich und kam in eine weite Ebene hinab,
-die gen Westen ein Fluß begrenzte. Gen Osten war eine
-kleine Kapelle erbaut; auf ihrem Giebel ragte ein Bild unserer
-lieben Frauen; zu ihren Füßen aber stunden zwei kleine Figuren,
-die beide eines Stieres Bild nachahmten. Auf den Stufen der
-Kapelle standen lachend ein Eremit, der die Glocke läutete, fünfzig
-Burschen, die jeder eine brennende Kerze trugen, sowie Spieler,
-Bläser und Schläger von Trommeln, Trompeten und Pfeifen,
-Schalmeyen und Dudelsäcken und ein Häuflein lustiger Gesellen,
-die mit beiden Händen eiserne Kästen voll alten Eisens hielten;
-doch alle waren in jenem Augenblicke still.</p>
-
-<p>Fünftausend Pilger und mehr kamen zu sieben in engen Reihen
-des Weges; sie hatten Helme auf dem Kopf und trugen Stöcke
-von grünem Holz. Wenn neue hinzukamen, desgleichen bewehrt
-und behelmt, so reihten sie sich mit großem Lärm hinter die andern.
-Dann schritten sie, sieben Mann hoch, an der Kapelle vorbei,
-ließen ihre Knüppel segnen, empfingen männiglich aus den
-Händen der Burschen eine Kerze und entrichteten dafür dem Einsiedel
-einen halben Gulden. Und der Zug war so lang, daß die
-Kerzen der ersten schon am Ende des Dochtes waren, dieweil
-die der letzten schier in allzuviel Talg erloschen.</p>
-
-<p>Dermaßen sahen Klas, Ulenspiegel und der Esel ganz verblüfft
-eine große Mannigfaltigkeit von Bäuchen an sich vorbeiziehen,
-dicke, hohe, lange, spitze, stolze, feste oder solche, die schlaff auf
-ihre natürlichen Stützen hinabfielen.</p>
-
-<p>Und alle Pilger waren behelmt. Die einen trugen Helme, die
-aus Troja kamen und phrygischen Mützen glichen; andre waren
-mit roten Haarbüschen geziert; etliche, ob sie gleich pausbäckig
-oder dickbäuchig waren, trugen Helme mit ausgespannten Flügeln,
-dachten aber nicht ans Fliegen. Dann kamen solche, die mit
-Lattichköpfen geschmückt waren, welche die Schnecken ob der
-wenigen Blätter verschmäht hatten. Aber die Mehrzahl trug so
-alte und rostige Helme, daß sie aus den Tagen Gambrini, des
-Königs des Biers und von Flandern, zu stammen schienen, welcher
-König neunhundert Jahre vor unserem Herrn lebte und ein
-Schoppenmaß auf dem Haupte trug, auf daß er aus Mangel an
-einem Becher nicht zum Dürsten gezwungen würde.</p>
-
-<p>Plötzlich klangen, ächzten, donnerten, schlugen, kreischten, lärmten
-und klirrten Glocken, Dudelsäcke, Schalmeyen, Trommeln
-und Eisenstücke. Dieser heidnische Lärm war ein Zeichen für die
-Pilger; sie drehten sich um, stellten sich in Rotten von sieben
-gegeneinander und warfen sich die brennende Kerze zur Herausforderung
-ins Gesicht, welches großes Niesen verursachte. Dann
-regnete es grünes Holz. Und sie schlugen aufeinander mit
-Füßen, Köpfen, Fersen und allem. Etliche stürzten sich nach der
-Weise von Widdern auf ihr Widerpart, mit dem Helme voran,
-also daß sie bis an die Schulter darinnen saßen und geblendet
-auf eine Rotte wütender Pilger fielen, welche sie unsanft empfingen.</p>
-
-<p>Andere, die Greiner und Feiglinge waren, jammerten ob der
-Schläge; doch dieweil sie ihre erbärmlichen Paternoster murmelten,
-stürzten zweimal sieben sich prügelnde Pilger schnell wie
-der Blitz über sie her, warfen die armen Jämmerlinge zu Boden
-und trampelten sonder Erbarmen darüber hin.</p>
-
-<p>Und der Einsiedel lachte.</p>
-
-<p>Andere Rotten, so aneinander hingen wie Beeren an der Traube,
-rollten von der Hochebene hinab in den Fluß, allwo sie sich mit
-starken Schlägen weiter durchbläuten, ohne daß ihre Wut sich
-abkühlte.</p>
-
-<p>Und der Eremit lachte.</p>
-
-<p>Die, so auf der Hochebene verblieben waren, schlugen sich die
-Augen blau, zerbrachen einander die Zähne, rauften sich die
-Haare aus und zerrissen Wams und Hose.</p>
-
-<p>Und der Einsiedel lachte und sprach:</p>
-
-<p>„Mut, Freunde, wer gut trifft, der ist bewährt in der Liebe.
-Denen, so sich am besten schlagen, lacht die Zärtlichkeit ihrer
-Schönen! Bei unsrer lieben Frauen von Rindbisbels, hier sieht
-man wahre Männer.“</p>
-
-<p>Und die Pilger schlugen nach Herzenslust auf einander los.</p>
-
-<p>Derweil hatte Klas sich dem Einsiedel genähert, indeß Ulenspiegel
-den Schlägen mit Lachen und Schreien Beifall zollte.</p>
-
-<p>„Frommer Vater,“ sprach er, „was haben diese armen Schelme
-verbrochen, daß sie sich so grauslich durchprügeln müssen?“</p>
-
-<p>Der Eremit aber achtete sein nicht und rief:</p>
-
-<p>„Faullenzer! habt Ihr keinen Mut mehr. Wenn die Fäuste ermüden,
-bleiben Euch nicht die Füße? / So wahr Gott lebt!
-Es sind etliche unter Euch, die haben ihre Beine, um gleichwie
-Hasen von dannen zu laufen. Was holt den Funken aus dem
-Stein? Das Eisen, das ihn schlägt. Was belebt die Mannhaftigkeit
-der alten Leute, wo nicht eine gute Schüssel voll Prügel, mit
-männlicher Wut gewürzet?“</p>
-
-<p>Bei dieser Rede fuhren die biederen Pilger fort, sich mit Helmen,
-Händen und Füßen anzufallen. Es war ein wütendes Handgemenge,
-dabei der hundertäugige Argus nichts gesehen hätte, denn
-aufgewirbelten Staub und etliche Helmspitzen.</p>
-
-<p>Plötzlich läutete der Einsiedel die Glocke. Pfeifen, Trommeln,
-Trompeten, Dudelsäcke, Schalmeyen und Eisengerümpel hielten
-inne mit Lärmen. Und dies war das Zeichen zum Frieden.</p>
-
-<p>Die Pilgrime lasen ihre Verwundeten auf. Etlichen Kämpen sah
-man vor Zorn die geschwollenen Zungen aus den Mäulern hangen;
-doch sie gingen von selbst in den gewohnten Gaumen. Das
-schwerste war, denen die Helme abzunehmen, die bis an den Hals
-darinnen saßen und den Kopf schüttelten und sie doch nicht besser
-abschütteln konnten denn unreife Pflaumen.</p>
-
-<p>Indessen gebot ihnen der Einsiedel:</p>
-
-<p>„Sprecht ein Ave und kehrt heim zu Euren Weibern. In neun
-Monden werden so viel mehr Kinder im Weichbild sein, als es
-heute wackre Streiter in der Schlacht gab.“</p>
-
-<p>Und der Einsiedel sang das Ave und alle sangen mit ihm. Und
-das Glöcklein bimmelte.</p>
-
-<p>Dann segnete der Einsiedel sie im Namen unsrer lieben Frauen
-von Rindbisbels und sprach: „Ziehet hin in Frieden!“</p>
-
-<p>Und sie zogen mit Schreien, Drängen und Singen nach Meyborg.
-Und alle Weiber, alt und jung, harrten ihrer auf der Schwelle
-der Häuser, in welche sie eindrangen wie Krieger in eine erstürmte
-Stadt.</p>
-
-<p>Die Glocken von Meyborg läuteten mit aller Macht, und die
-Knaben schrieen, pfiffen und spielten den Rommelpot. Die
-Kannen, Humpen, Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen
-klangen wundersam an. Und der Wein floß in Strömen in die
-Kehlen.</p>
-
-<p>Dieweil dieses Klingen erscholl und der Wind den Gesang der
-Männer, Weiber und Kinder in Stößen herbeitrug, sprach Klas
-aufs neue zu dem Einsiedel und fragte ihn, welche Gnade des
-Himmels diese braven Leute durch solch saures Werk zu erlangen
-gedächten.</p>
-
-<p>Der Einsiedel aber antwortete lachend.</p>
-
-<p>„Du siehst auf dieser Kapelle zwei gemeißelte Bilder, so zwei
-Stiere darstellen. Sie sind dort zum Gedächtnis an das Wunder
-errichtet, das der heilige Martin tat, da er zwei Rinder in Stiere
-verwandelte, dadurch, daß er sie mit den Hörnern auf einander
-stoßen ließ und ihnen das Maul mit Talg und grünem Holz einrieb,
-wohl über eine Stunde.</p>
-
-<p>„Da ich nun das Wunder wußte und mit einem gut bezahlten
-Breve Seiner Heiligkeit versehen war, so ließ ich mich hier nieder.
-Ich beredete alle alten Huster und Schmerbäuche von Meyborg
-und Umgegend, und fortan waren sie sicher, daß sie sich unsre
-liebe Frau geneigt machten, wenn sie sich weidlich durchbläuten
-mit der Kerze, welche die Salbung darstellt, und dem Stock,
-welcher die Kraft bedeutet. Die Weiber schicken ihre alten
-Männer hierher. Die Kinder, so kraft dieser Wallfahrt zur
-Welt kommen, sind gewalttätig, kühn, wild, gewandt und werden
-vollkommene Kriegsleute.“</p>
-
-<p>Plötzlich sagte der Einsiedel zu Klas:</p>
-
-<p>„Erkennest Du mich?“</p>
-
-<p>„Ja,“ erwiderte Klas, „Du bist mein Bruder Jobst.“</p>
-
-<p>„Der bin ich“, sprach der Einsiedel. „Welcher ist aber dieser
-kleine Mann, der mir Fratzen schneidet?“</p>
-
-<p>„Das ist Dein Brudersohn“, gab Klas zur Antwort.</p>
-
-<p>„Welchen Unterschied machst Du zwischen mir und Kaiser
-Karl?“</p>
-
-<p>„Einen großen“, entgegnete Klas.</p>
-
-<p>„Einen kleinen,“ sprach Jobst, „denn er läßt die Menschen einander
-umbringen und ich lasse sie einander sich schlagen, und das
-tun wir beide zu unserem Nutzen und Kurzweil.“</p>
-
-<p>Dann führte er sie in die Einsiedelei, allwo sie eilf Tage ohne
-Ausruhen Schmaus und Gelage hielten.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>13</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Als Klas seinen Bruder verließ, stieg er wieder auf seinen Esel
-und nahm Ulenspiegel hinten auf. Er ritt über den Marktplatz
-von Meyborg und sah dort eine große Zahl Pilger zuhauf stehen.
-Wie diese die Beiden erschauten, wurden sie ergrimmt, schwangen
-ihre Stöcke und schrieen plötzlich alle mitsammen: „Schalksnarr!“
-Das geschah wegen Ulenspiegel, welcher seine Hosenklappe aufgemacht,
-sein Hemd hochgezogen hatte und ihnen die Kehrseite
-wies. Da nun Klas sah, daß es sein Sohn war, welchen sie bedräuten,
-fragte er ihn:</p>
-
-<p>„Was hast Du getan, daß sie so böse auf Dich sind?“</p>
-
-<p>„Lieber Vater,“ sagte Ulenspiegel, „Du siehst wohl, daß ich stillschweige
-und niemand nichts tue, da sagen die Leute, ich sei ein
-Schalk!“</p>
-
-<p>Da setzte Klas ihn vor sich hin.</p>
-
-<p>So sitzend, streckte Ulenspiegel den Pilgern die Zunge heraus,
-und diese schrieen voll Zorn, drohten mit der Faust und erhoben
-den Knüppel, um Klas und den Esel zu schlagen.</p>
-
-<p>Aber Klas gab dem Esel die Fersen, daß er ihrem Grimm entränne,
-und dieweil sie ihn verfolgten, sprach er atemlos zu seinem
-Sohne:</p>
-
-<p>„Du bist freilich in einer unglückseligen Stunde geboren. Du sitzest
-still und schweigst und tust niemand nichts, und doch wollen sie
-Dich totschlagen.“ Ulenspiegel lachte.</p>
-
-<p>Da sie durch Lüttich kamen, erfuhr Klas, daß die armen Leute
-an der Küste großen Hunger litten und daß man sie der Rechtsprechung
-des geistlichen Gerichts unterstellt hätte. Sie empörten
-sich, um Brot und weltliche Richter zu kriegen. Etliche
-wurden enthauptet oder gehenkt, und die andren des Landes verwiesen.
-So groß war dazumal die Milde des Hochwürdigen
-Herrn von der Marck, des sanften Erzbischofs.</p>
-
-<p>Auf dem Wege sah Klas die Verbannten, die das liebliche Tal
-von Lüttich flohen, und an den Bäumen vor der Stadt hingen
-die Leichen derer, so um ihres Hungers willen gehenkt waren.
-Und er weinte über sie.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>14</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>So ritt er auf dem Esel nach Hause, mit einem Sack voll
-Heller versehen; den hatte ihm sein Bruder Jobst geschenkt samt
-einem schönen Humpen von englischem Zinn. Da gab es in der
-Hütte des Sonntags Schlemmereien und werktäglich Feste, denn
-sie aßen alle Tage Fleisch und Bohnen. Klas füllte den großen Humpen
-aus englischem Zinn mit Doppelbier und leerte ihn oftmals.
-Ulenspiegel aß für drei und fuhr in der Schüssel herum wie ein
-Sperling in einem Haufen Körner.</p>
-
-<p>„Jetzt frißt er gar das Salzfaß auf“, sagte Klas.</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Ist das Salzfaß aus einem Stück ausgehölten Brotes gemacht
-wie bei uns, so muß man es zuweilen verspeisen, auf daß nicht
-die Würmer hineinkommen, wann es alt wird.“</p>
-
-<p>„Weshalb wischest Du Deine fettigen Hände an Deinen Hosen
-ab?“ fragte Soetkin.</p>
-
-<p>„Damit niemals die Schenkel naß werden“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Darob tat Klas einen tiefen Trunk aus seinem Humpen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Warum hast Du einen so großen Krug und ich nur einen kläglichen
-Becher?“</p>
-
-<p>Klas antwortete: „Weil ich Dein Vater bin und Herr im Hause.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel entgegnete:</p>
-
-<p>„Du trinkst seit vierzig Jahren und ich nur seit neun. Deine Zeit
-ist vorüber und meine Zeit zum Trinken ist gekommen; es ist also
-an mir, den Humpen zu haben, und an Dir, den kleinen Becher
-zu nehmen.“</p>
-
-<p>„Sohn,“ sprach Klas, „das hieße Bier in den Fluß schütten, wenn
-man das Maß einer Tonne in ein Fäßlein gießen wollte.“</p>
-
-<p>„Du wirst also klug tun, wenn Du Dein Fäßlein in meine Tonne gießest,
-denn ich bin größer als Dein Humpen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und Klas gab ihm mit Freuden seinen Humpen zu leeren. Und
-so lernte Ulenspiegel seine Worte setzen, um zu trinken.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>15</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Soetkin trug ein Zeichen neuer Mutterschaft unter dem Gürtel.
-Katheline war ebenfalls schwanger, wagte aber aus Furcht nicht,
-das Haus zu verlassen.</p>
-
-<p>Da Soetkin sie heimsuchen kam, sprach die betrübte Schwangere:
-„Was soll ich tun mit der armen Frucht meines Leibes? Soll ich
-sie ersticken? Lieber will ich sterben. Doch wenn mich die Häscher
-ergreifen, dieweil ich ein Kind habe und bin nicht verheiratet, so
-werden sie mich wie eine Dirne zwanzig Gulden zahlen lassen und
-ich werde auf dem Markte gestäupt werden.“</p>
-
-<p>Soetkin sprach ihr gütlich zu, um sie zu trösten, und verließ sie und
-kehrte nachdenklich heim. Also sprach sie eines Tages zu Klas:
-„Wenn ich anstatt eines Kindes deren zwei hätte, würdest Du
-mich schlagen, Mann?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht“, sagte Klas.</p>
-
-<p>„Wenn aber das zweite nicht aus meinem Schoß wäre, und ein
-Unbekannter, wohl gar der Teufel, hätte es gezeugt?“</p>
-
-<p>„Die Teufel erzeugen Feuer, Tod und Rauch, aber Kinder, nein.
-Ich würde Kathelines Kind wie das meine halten.“</p>
-
-<p>„Das würdest Du tun?“</p>
-
-<p>„So sagte ich.“</p>
-
-<p>Soetkin ging und brachte Katheline die Kunde. Da sie solches
-vernahm, wußte sie sich vor Freuden nicht zu lassen und rief
-voller Entzücken:</p>
-
-<p>„Der gute Mann, er hat für das Heil meines armen Leibes gesprochen.
-Gott wird ihn segnen, und der Teufel &mdash; wenn anders
-es ein Teufel war,“ sprach sie mit Zittern, „der Dich armes
-Kleines, so sich in meinem Schoße regt, schuf.“</p>
-
-<p>Soetkin und Katheline brachten die eine ein Knäblein, die andere
-ein Mägdlein zur Welt, und alle beide trug Klas als Sohn
-und Tochter zur Taufe. Soetkins Sohn ward Hans benannt
-und blieb nicht am Leben. Kathelines Tochter aber hieß Nele
-und gedieh wohl.</p>
-
-<p>Sie trank den Lebenssaft aus vier Flaschen, den beiden von
-Katheline und den beiden von Soetkin. Und die beiden Frauen
-machten sich in Güte streitig, wer dem Kinde zu trinken gäbe.
-Doch trotz ihres Wunsches mußte Katheline ihre Milch versiegen
-lassen, damit man sie nicht fragte, woher sie käme, ohne das sie
-Mutter war.</p>
-
-<p>Da die kleine Nele, ihre Tochter, entwöhnt war, nahm sie sie
-zu sich und ließ sie nicht eher zu Soetkin gehen, als bis sie sie
-Mutter genannt hatte. Die Nachbarn aber sagten, es sei
-gut von Katheline, die begütert war, daß sie das Kind von
-Klasens ernährte, welche ihr mühselig Leben in Armut hinbrachten.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>16</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel war eines Morgens allein zu Hause, und da die
-Zeit ihm lang ward, so schnitt er an einem Schuh seines Vaters
-herum, auf daß er ein Schifflein daraus machte. Schon hatte
-er den Hauptmast in der Sohle aufgerichtet und das Oberleder
-durchbohrt, um das Bugspriet darin einzulassen, da sah er durch
-die Tür, deren obere Hälfte geöffnet war, den Leib eines Reiters
-und einen Roßkopf vorbeiziehen.</p>
-
-<p>„Ist wer drinnen?“ fragte der Reiter.</p>
-
-<p>„Anderthalb Mann und ein Pferdekopf.“</p>
-
-<p>„Wie das?“ fragte der Reiter.</p>
-
-<p>Ulenspiegel beschied ihn:</p>
-
-<p>„Weil ich hier einen ganzen Mann sehe, das bin ich, einen halben
-Mann, das ist Dein Oberkörper, und einen Pferdekopf, das ist
-der Deiner Mähre.“</p>
-
-<p>„Wo ist Dein Vater und Mutter?“ fragte der Mann.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Mein Vater ist gegangen, das Böse böser zu machen, und
-meine Mutter ist dabei, uns Schande oder Schaden zu machen.“</p>
-
-<p>„Erkläre das!“ sprach der Reiter.</p>
-
-<p>„Mein Vater gräbt zur Stunde die Löcher in seinem Felde tiefer,
-auf daß die Jäger, die das Getreide zerstampfen, darinnen zu
-Falle und Schaden kommen. Die Mutter ist gegangen, Geld zu
-leihen. Gibt sie zu wenig wieder, so ist es eine Schande für uns,
-und gibt sie zu viel, so wird es unser Schade sein.“</p>
-
-<p>Dann fragte der Mann ihn, wohin er reiten müßte.</p>
-
-<p>„Da, wo die Gänse sind“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Mann ritt seines Weges und kam in der Weile zurück, da
-Ulenspiegel von Klasens zweitem Schuh eine Rudergaleere
-machte.</p>
-
-<p>„Du hast mich gefoppt,“ sprach er, „da, wo die Gänse sind, ist
-nur Schlamm und Sumpf, darinnen sie herumpatschen.“</p>
-
-<p>„Ich habe Dir nicht gesagt, daß du hingehen sollst, wo die Gänse
-patschen, sondern wo sie gehen“.</p>
-
-<p>„Zeige mir wenigstens einen Weg, der nach Heyst geht“, sprach der
-Mann.</p>
-
-<p>„In Flandern gehen die Fußgänger und nicht die Wege“, erwiderte
-Ulenspiegel.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>17</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Eines Tages sprach Soetkin zu Klas:</p>
-
-<p>„Mann, mir blutet das Herz. Nun sind es drei Tage, daß Thyl
-das Haus verlassen hat; weißt Du nicht, wo er ist?“</p>
-
-<p>„Wo die herrenlosen Hunde sind, auf irgend einer Landstraße
-mit etlichen Taugenichtsen seiner Art. Gott war grausam, daß
-er uns einen solchen Sohn gab. Da er geboren ward, sah ich in
-ihm die Freude unserer alten Tage, ein Werkzeug mehr im Hause.
-Ich gedachte einen Handwerker aus ihm zu machen, und das böse
-Schicksal macht ihn zum Schelm und zum Tagedieb“.</p>
-
-<p>„Sei nicht so hart, Mann“, sprach Soetkin. „Unser Sohn ist erst
-neun Jahre alt und in der Blüte der Jugendtorheit. Muß er
-nicht gleich wie die Bäume seine Blatthülsen auf den Weg streuen,
-ehe er sich mit den Blättern schmückt, die bei Gewächsen aus
-dem Volke Rechtschaffenheit und Tugend heißen? Er ist ein
-Schalk, aber seine Schalkheit wird ihm dereinst zum Nutzen gedeihen,
-wenn er sie nicht zu schlimmen Streichen, sondern zu
-einem nützlichen Handwerk gebraucht. Er macht sich gern über
-seinen Nächsten lustig, doch ebenso wird er dereinst seinen Platz
-in einer lustigen Bruderschaft behaupten. Er lacht immerdar,
-aber die Gesichter, so mürrisch dreinschauen, sind eine üble Vorbedeutung
-für die künftigen Mienen. Wenn er läuft, so tut er
-es, weil er wachsen muß, maßen er noch nicht in dem Alter ist, wo
-man fühlt, daß die Arbeit Pflicht ist. Und wenn er zuweilen eine
-halbe Woche lang Tag und Nacht ausbleibt, so weiß er nicht,
-welchen Harm er uns zufügt, denn er hat ein gutes Herz und
-liebt uns.“</p>
-
-<p>Klas schüttelte den Kopf und antwortete nichts, und da er schlief,
-weinte Soetkin für sich allein. Und am Morgen gedachte sie, daß
-ihr Sohn etwa an irgend einer Straßenecke krank läge, und trat
-auf die Türschwelle, um zu sehen, ob er nicht heimkehrte; aber sie
-sah nichts und setzte sich ans Fenster und schaute von da auf die
-Straße. Und manch liebes Mal hüpfte ihr das Herz in der Brust,
-wann sie den leichten Schritt eines Knaben hörte. Doch wenn
-er vorüberging, sah sie, daß es nicht Ulenspiegel war, und dann
-weinte sie, die betrübte Mutter.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>18</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Derweilen war Ulenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Gefährten
-in Brügge auf dem Samstagsmarkt.</p>
-
-<p>Da sah man Schuster und Schuhflicker in besonderen Buden,
-Kleiderhändler, Meisenfänger von Antwerpen, die nachts mit
-Hilfe einer Eule die Meisen fangen, Geflügelhändler, spitzbübische
-Hundefänger, Verkäufer von Katzenfellen für Handschuhe,
-Koller und Wämse, und Verkäufer jeglicher Art, Bürger
-und Bürgerfrauen, Knechte und Mägde, Brotbäcker, Kellermeister,
-Köche und Köchinnen. Und alle, Verkäufer und Kunden,
-priesen je nach ihrem Stande die Ware an oder setzten sie
-herab, lobten oder schalten sie.</p>
-
-<p>In einer Ecke des Marktes war ein schönes Leinenzelt mit vier
-Pfosten aufgerichtet. Am Eingang stand ein Bauer aus der
-Ebene von Alost neben zwei Mönchen, die das Geld einnahmen;
-der wies dem neugierigen Frommen um einen Heller ein Stück
-vom Schulterknochen der heiligen Marie von Ägypten. Er
-grölte mit heiserer Stimme die Verdienste der Heiligen und ließ
-in seiner Ballade nicht aus, wie jene aus Mangel an Geld einen
-jungen Fergen in schöner Naturmünze zahlte, auf daß sie nicht
-wider den heiligen Geist sündigte, wenn sie jenem seinen Lohn
-vorenthielte.</p>
-
-<p>Und die Mönche nickten mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß der
-Bauer wahr redete. Neben ihnen stand ein dickes rotes Weib,
-wollüstig wie Astarte, die blies mit Gewalt einen gräulichen
-Dudelsack, dieweil ein anmutig Mägdlein neben ihr wie eine Grasmücke
-sang. Über dem Eingang des Zeltes aber schaukelte an zwei
-Stangen, an den Henkeln von Stricken gehalten, ein Kübel mit
-Wasser, welches zu Rom geweiht war. So nämlich sang es die
-dicke Frau, indeß die beiden Mönche mit dem Kopfe wackelten,
-ihre Rede bekräftigend. Ulenspiegel betrachtete den Kübel und
-ward nachdenklich.</p>
-
-<p>An einem der Zeltpfosten war ein Esel angebunden; der war mehr
-mit Heu denn mit Hafer gefüttert und schaute gesenkten Hauptes
-zu Boden, ohne Hoffnung, daß Disteln daraus emporwüchsen.</p>
-
-<p>„Gefährten,“ sprach Ulenspiegel und wies mit dem Finger auf
-das dicke Weib, die beiden Mönche und den Trübsal blasenden
-Esel, „da die Herren so schön singen, muß man auch den Esel zum
-Tanzen bringen“.</p>
-
-<p>So gesagt, ging er zur nächsten Bude, kaufte sich um einen Heller
-Pfeffer, hub dem Esel den Schwanz auf und rieb den Pfeffer
-darunter.</p>
-
-<p>Da der Esel den Pfeffer verspürte, blickte er unter seinen Schwanz,
-woher ihm solche ungewohnte Wärme käme. Vermeinend, der
-feurige Teufel sei da, wollte er laufen, um ihm zu entrinnen, und
-hub an zu schreien und auszuschlagen und schüttelte den Pfosten
-aus allen Kräften. Der Kübel, der zwischen den Stangen hing,
-ergoß beim ersten Ruck all sein Weihwasser über das Zelt und die,
-so darinnen waren. Das Zelt aber sank alsbald zusammen und
-begrub die Leute, welche die Geschichte der ägyptischen Marie
-anhörten, mit einem feuchten Mantel.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel und seine Genossen hörten lautes Geschrei und
-Klagen unter der Leinewand, denn die Frommen, so darunter
-waren, ziehen einander, daß sie den Kübel umgeschüttet hätten,
-ärgerten sich grün und gelb und schlugen sich mit grimmigen
-Faustschlägen. Die Leinewand hob sich unter der Anstrengung
-der Kämpfenden. Allemal, wenn Ulenspiegel eine runde Form
-sich darauf abzeichnen sah, stach er mit einer Nadel hinein. Dann
-gab es noch lauteres Geschrei unter der Leinewand und ward
-das Puffen noch grimmer.</p>
-
-<p>Und er war sehr lustig und ward es noch mehr, als er sah, daß
-der Esel davonrannte und Leinewand, Kübel und Pfosten hinterdrein
-schleppte, dieweil der Besitzer des Zeltes mit Weib und Kind
-sich an das Gerümpel anklammerte. Der Esel konnte nicht mehr
-laufen, er hob das Maul in die Luft, und wenn er mit Schreien
-innehielt, war es, um unter seinem Schwanz nachzusehen, ob das
-Feuer darunter nicht bald erlosch.</p>
-
-<p>Inzwischen setzten die Frommen ihre Schlacht fort. Die Mönche
-aber, ohne an sie zu denken, rafften das Geld auf, das aus dem
-Sammelkasten gefallen war, und Ulenspiegel half ihnen andächtig
-dabei und nicht ohne Nutzen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>19</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Dieweil des Kohlenträgers nichtsnutziger Sohn an lustiger Bosheit
-zunahm, verkümmerte des erhabenen Kaisers kläglicher
-Sproß in dürrer Melancholie. Herren und Damen sahen den
-Schwächling, wie er durch die Gemächer und Wandelgänge zu
-Valladolid seinen gebrechlichen Leib und seine schlotternden Beine
-schleppte, welche nur mühsam die Last des dicken Kopfes mit
-den blonden Haarborsten trugen.</p>
-
-<p>Immer suchte er die dunklen Gänge auf und saß stundenlang da
-mit gespreizten Beinen. Trat ihm irgend ein Diener aus Versehen
-darauf, so ließ er ihn peitschen und fand seine Lust daran,
-ihn bei den Schlägen schreien zu hören. Doch er lachte nicht.</p>
-
-<p>Den nächsten Tag stellte er die nämliche Falle wo anders. Er
-setzte sich mit ausgestreckten Beinen in irgend einen Korridor,
-und die Damen, Herren oder Pagen, die mehr oder minder eilends
-dort vorbeikamen, stolperten über ihn, fielen und taten sich weh.
-Auch daran erlabte er sich, doch er lachte nicht.</p>
-
-<p>Wenn einer von ihnen ihn anrannte und nicht fiel, so schrie er,
-als hätte man ihn geschlagen, und es war ihm eine Lust, ihren
-Schrecken zu sehen; doch er lachte nicht.</p>
-
-<p>Seiner heiligen Majestät ward von diesen Anschlägen gemeldet,
-doch sie befahl, daß man des Infanten nicht achten solle; denn
-sie sagte, wenn er nicht wolle, daß man ihm auf die Beine träte,
-so solle er sich nicht da aufhalten, wo die Füße gingen. Solches
-mißfiel Philipp, doch er sagte nichts, und man sah ihn nicht mehr,
-es sei denn, daß er an einem hellen Sommertag in den Hof ging,
-um seinen fröstelnden Leib in der Sonne zu wärmen.</p>
-
-<p>Eines Tages, da Karl aus dem Kriege heimkehrte, sah er ihn so,
-wie er Schwermut brütete.</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach er zu ihm, „wie verschieden bist Du doch
-von mir! In Deinen jungen Jahren war meine Kurzweil, auf
-Bäume zu klettern und den Eichkatzen nachzustellen. Ich ließ
-mich an einem Seil von einer Felsspitze herunter, um die jungen
-Adler aus ihrem Horste zu nehmen. Ich konnte bei diesem Spiel
-meine Knochen einbüßen, doch sie wurden um so fester. Auf der
-Jagd flüchteten die wilden Tiere ins Dickicht, wenn sie mich mit
-meinem guten Feuerrohr nahen sahen.“</p>
-
-<p>„Ach,“ seufzte der Infant, „ich habe Bauchgrimmen, Herr Vater.“</p>
-
-<p>„Der Wein von Paxaret“, sprach Karl, „ist ein treffliches Mittel
-dagegen.“</p>
-
-<p>„Ich mag keinen Wein, ich habe Kopfweh, Herr Vater.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach Karl, „Du mußt laufen, springen und
-Dich tummeln, wie es die Kinder Deines Alters tun.“</p>
-
-<p>„Meine Beine sind steif, Herr Vater.“</p>
-
-<p>„Wie könnte es anders sein,“ sprach Karl, „da Du sie ja nicht
-mehr brauchst, als wenn sie von Holz wären. Ich werde Dich
-auf ein recht mutiges Pferd binden lassen.“</p>
-
-<p>Der Infant weinte.</p>
-
-<p>„Bindet mich nicht fest, Herr Vater,“ sprach er, „ich habe Kreuzschmerzen.“</p>
-
-<p>„So hast Du denn überall Schmerzen?“ fragte Karl.</p>
-
-<p>„Ich würde kein Leid spüren, wenn man mich in Ruhe ließe,“
-entgegnete der Infant.</p>
-
-<p>„Gedenkst Du,“ versetzte der Kaiser ungnädig, „Dein königliches
-Leben mit Grübelei zu verbringen wie die Schreiber? Mögen
-sie, um ihre Pergamente mit Tinte zu beschmieren, Ruhe, Einsamkeit
-und Sammlung haben. Du, Sohn des Schwertes, mußt
-heißes Blut, des Luchses Auge, die List des Fuchses und die
-Kraft des Herkules haben. Weshalb bekreuzigst Du Dich?
-Beim Blute Christi, es steht einem jungen Leuen nicht zu, die
-Paternoster plappernden Weiber nachzuäffen!“</p>
-
-<p>„Der Angelus, Herr Vater,“ sprach der Infant.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>20</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Monde Mai und Junius waren im heurigen Jahre wahre
-Blütenmonde. Nie noch ward in Flandern so balsamischer Weißdorn,
-nie in den Gärten eine solche Fülle von Rosen, Jasmin
-und Gaisblatt erschaut. Wann der Wind, der von Engelland
-wehte, die Düfte dieses blühenden Landes gen Osten trieb, hub
-jedermann, sonderlich in Antwerpen, die Nase frohgemut in die
-Luft und sprach:</p>
-
-<p>„Riechet Ihr den guten Wind, der aus Flandern weht?“</p>
-
-<p>Derhalben sogen die emsigen Bienen den Honig aus den Blüten,
-machten Wachs und legten ihre Eier in die Bienenstöcke, welche
-nicht genügten, ihre Schwärme zu fassen. Ihr emsiges Summen
-tönte gleich wie Musik unter dem blauen Himmelszelt, das die
-Erde strahlend überspannte. Man machte Bienenkörbe aus Binsen,
-Stroh, Weiden, geflochtenem Heu, und die Korbmacher,
-Küper und Faßbinder machten ihre Werkzeuge dabei schartig.
-Was die Schreiner betraf, so konnten sie schon lange den Bedarf
-nicht mehr decken. Es gab Schwärme von dreißigtausend
-Immen und zweitausend siebenhundert Drohnen. Die Honigwaben
-waren so erlesen, daß der Dechant von Damm ob ihres
-seltenen Wohlgeschmacks eilf davon dem Kaiser Karl schickte,
-zum Danke dafür, daß er durch seine neuen Edikte die Heilige
-Inquisition wieder bekräftigt habe. Philipp verspeiste sie, doch
-sie taten ihm nicht gut.</p>
-
-<p>Bettler, fahrendes Volk, Vaganten und all das Gesindel müßiger
-Taugenichtse, die ihre Faulheit allerwegen herumschleppen und
-sich lieber hängen lassen, denn arbeiten, kamen, vom Wohlgeschmack
-des Honigs angelockt, um ihr Teil davon zu haben.
-Nachts streiften sie zu Haufen umher.</p>
-
-<p>Klas hatte Bienenkörbe gefertigt, um Schwärme herbeizulocken.
-Etliche waren voll, andre leer und harrten der Bienen. Er hielt
-die ganze Nacht Wache, um dies süße Gut zu hüten. Wenn er
-müde war, hieß er Ulenspiegel ihn ablösen. Der tat es gerne.</p>
-
-<p>Nun hatte Ulenspiegel eines Nachts sich vor der Kühle in einen
-Bienenstock geflüchtet und blickte zusammengekauert durch die
-Löcher, deren zwei oben auf waren. Als er just einschlafen wollte,
-hörte er ein Knacken in den Büschen der Hecke und vernahm die
-Stimme zweier Männer, die er für Diebsleute hielt. Er schaute
-durch eine der Öffnungen und sah, daß alle beide langes Haar
-und einen langen Bart trugen, wiewohl der Bart das Abzeichen
-des Adels war.</p>
-
-<p>Sie gingen von Korb zu Korb und kamen schließlich an den seinen.
-Ihn aufhebend, sprachen sie:</p>
-
-<p>„Diesen wollen wir nehmen, denn es ist der schwerste.“</p>
-
-<p>Und sie trugen ihn auf ihren Knütteln davon.</p>
-
-<p>Ulenspiegel fand keine Freude daran, daß er im Bienenkorb fortgeschafft
-ward. Die Nacht war klar und die Diebe gingen, ohne
-ein Wörtlein zu sagen. Alle fünfzig Schritte hielten sie atemlos
-an, dann schritten sie weiter. Der Vordere brummte voll Wut,
-daß er eine so schwere Last tragen müsse. Der hinten ging, ächzte
-schwermütig. Denn es gibt in dieser Welt zwei Arten feiger
-Tagediebe, die einen, so auf die Arbeit schelten, und die andren,
-die stöhnen, wann es schaffen heißt.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, der nichts zu tun hatte, zog den vordersten Dieb
-an den Haaren, und den hintersten am Barte, und so kräftig,
-daß der Wütende des Spiels müde ward und zu dem Greiner
-sprach:</p>
-
-<p>„Hör auf, mich an den Haaren zu raufen, oder ich gebe Dir eins
-mit der Faust auf den Kopf, also daß er Dir in die Brust fährt
-und Du durch Deine Rippen schaust wie ein Dieb durch sein
-Kerkergitter.“</p>
-
-<p>„Ich würde es gar nicht wagen, Freund,“ sprach der Andre, „vielmehr
-bist Du es, der mich am Barte zupft.“</p>
-
-<p>Der Wütende erwiderte:</p>
-
-<p>„Ich mache nicht Jagd auf das Ungeziefer im Bart eines Aussätzigen.“</p>
-
-<p>„Herr,“ sprach der Greiner, „laßt den Bienenkorb nicht so stark
-schwanken; meine unseligen Arme tragen ihn nimmer.“</p>
-
-<p>„Ich werde sie Dir ganz und gar ausreißen“, entgegnete der Wüterich.</p>
-
-<p>Da entledigte er sich seines Lederriemens, setzte den Korb nieder
-und sprang auf seinen Gefährten zu. Und sie prügelten sich, der
-eine fluchend, der andre um Gnade schreiend.</p>
-
-<p>Ulenspiegel hörte die Püffe regnen, kroch hervor aus dem Korb,
-schleppte ihn bis zum nächsten Gehölz, um ihn allda wieder zu
-finden, und kehrte zu Klas heim.</p>
-
-<p>Solchermaßen finden die Duckmäuser bei Zwistigkeiten ihren
-Nutzen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>21</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel fünfzehn Jahre alt war, errichtete er in Damm ein
-Zelt auf vier Pfählen und rief aus, daß von nun an jedermann
-sein gegenwärtiges und zukünftiges Wesen in einem schönen
-Rahmen von Stroh dargestellt sehen könne.</p>
-
-<p>Wenn ein Rechtsgelehrter kam, recht dünkelhaft und geschwollen
-von seiner Bedeutung, steckte Ulenspiegel den Kopf aus dem Rahmen
-herfür, schnitt eine Fratze wie ein uralter Affe und sprach:</p>
-
-<p>„Alter Muffel kann verfaulen, aber nicht gedeihen. Bin ich nicht
-trefflich Euer Spiegel, mein Herr mit der Pedantenmiene?“</p>
-
-<p>So er einen kräftigen Kriegsmann zum Kunden hatte, verbarg
-er sich und zeigte anstelle seines Gesichtes inmitten des Rahmens
-ein Gericht von Fleisch und Brot. Und sprach:</p>
-
-<p>„Die Schlacht wird Dich zu Suppe machen. Was gibst Du mir
-für mein Prognostikon, Du Freund der großmäuligen Kartaunen?“</p>
-
-<p>Führte ein alter Mann, der sein greises Haupt ohne Würde trug,
-sein junges Weib zu Ulenspiegel, so versteckte sich der, wie er bei
-dem Söldner getan, und zeigte im Rahmen einen kleinen Strauch,
-daran Messergriffe, Kästlein, Kämme und Schreibzeug hingen,
-alles aus Horn. Und rief:</p>
-
-<p>„Woher kommt dieser artige Tändelkram, Messire? Ist es nicht
-vom Hornbaum, welcher im Gehege alter Ehemänner wächst?
-Wer wird noch sagen, daß die Hahnreie in einer Republik unnütze
-Leute seien?“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel zeigte sein junges Gesicht neben dem Strauch in
-dem Rahmen.</p>
-
-<p>Da der alte Mann ihn hörte, hustete er vor männlicher Wut,
-doch seine Liebste beruhigte ihn mit der Hand und trat lächelnd
-zu Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Und wirst Du mir auch meinen Spiegel zeigen?“</p>
-
-<p>„Tritt näher“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Sie gehorchte, und alsobald küßte er sie, wo er konnte.</p>
-
-<p>„In Deinem Spiegel ist stramme Jugend, so in vornehmen Hosenlätzchen
-wohnt.“</p>
-
-<p>Und die Schöne verließ ihn, nicht ohne ihm ein oder zwei Gülden
-zu geben.</p>
-
-<p>Dem feisten Mönch mit den wulstigen Lippen, der sein jetziges
-und zukünftiges Wesen zu sehen begehrte, gab Ulenspiegel also
-Bescheid:</p>
-
-<p>„Du bist ein Schrank voll Schinken und wirst ein Gewölbe für
-Würzbier sein, denn Salz heischt Getränke, nicht also, Dickbauch?
-Gib mir einen Heller dafür, daß ich nicht log.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ erwiderte der Mönch, „wir tragen niemals Geld.“</p>
-
-<p>„Dann also trägt das Geld Dich,“ sprach Ulenspiegel, „denn
-ich weiß, daß Du es zwischen zwei Sohlen unter Deinen Füßen
-trägst. Gib mir Deine Sandale.“</p>
-
-<p>Doch der Mönch sprach:</p>
-
-<p>„Mein Sohn, das ist Klostergut, ich werde jedoch, wenn es sein
-muß, zwei Heller für Deine Mühe herausholen.“</p>
-
-<p>Der Mönch gab sie ihm und Ulenspiegel nahm sie gnädiglich an.
-Also zeigte er den Leuten von Damm, Brügge, Blankenberghe
-und wohl gar Ostende ihren Zukunftsspiegel.</p>
-
-<p>Und statt in seiner vlämischen Mundart zu sagen. „<span class="antiqua">Ick ben u
-lieden Spiegel</span>“ &mdash; ich bin Euer Liebden Spiegel, sagte er abkürzend,
-so wie es noch heutigen Tages in Ost- und Westflandern
-gesagt wird: „<span class="antiqua">Ick ben ulen Spiegel</span>“.</p>
-
-<p>Und daher stammt sein Beiname Ulenspiegel.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>22</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da er größer ward, fand er Gefallen daran, sich auf Messen
-und Jahrmärkten zu tummeln. Wenn er einen Querpfeifer oder
-Geigenspieler oder einen Dudelsackpfeifer sah, so ließ er sich um
-einen Heller die Kunst lehren, diese Instrumenta zum Singen zu
-bringen.</p>
-
-<p>Er ward sonderlich geschickt in der Kunst, den Rommelpot zu
-spielen, welches Instrument aus einer Blase, einem Topf und
-einem starken Strohhalm gemacht wird. Und so richtete er ihn
-her. Er zog die eingeweichte Blase über den Topf, band sie mit
-einer Schnur in der Mitte der Blase an den Knoten des Strohhalms,
-welcher den Boden des Topfes berührte, und um dessen
-Rand zog er dann die Blase, daß sie bis zum Platzen gespannt
-war. Am Morgen, wenn die Blase trocken war, gab sie, so
-man daraufschlug, einen Ton gleich wie ein Tamburin, und strich
-man das Stroh des Instrumentes, so brummte sie besser denn
-eine Bratsche. Mit diesem brummenden Topf, der gleich dem
-Gebell molossischer Hunde war, zog Ulenspiegel am Dreikönigtag
-vor den Haustüren um und sang Weihnachtslieder mit einer Schar
-von Kindern, deren eins einen Stern aus güldnem Papier trug.</p>
-
-<p>Kam irgend ein Malermeister nach Damm, um die Glieder einer
-Gilde, so auf dem Bild niederknieten, zu konterfeien, so bat
-Ulenspiegel, daß er ihm die Farben reiben dürfte, damit er ihm
-seine Arbeit absähe, und wollte keinen andern Lohn nehmen denn
-eine Schnitte Brot, drei Heller und einen Schoppen Kräuterbier.
-Dieweil er sich mit Farbenreiben abgab, studierte er seines
-Meisters Weise. Ging jener fort, so versuchte er es ihm gleich
-zu tun, doch er setzte überall Scharlach hin. Er versuchte Klas,
-Soetkin, Katheline und Nele abzumalen, desgleichen Kannen
-und Kochtöpfe. Klas prophezeite beim Anblick seiner Werke,
-wenn er sich wacker hielte, so würde er eines Tages die Gulden
-zu Dutzenden verdienen durch Inschriften auf den Speelwaagen,
-die in Flandern und Seeland zu Lustbarkeiten dienen.</p>
-
-<p>Desgleichen lernte er von einem Meister Steinmetz Holz und
-Stein schneiden, als dieser kam, um im Chor der Frauenkirche
-einen Chorstuhl zu zimmern, der so beschaffen war, daß der
-Dechant, ein alter Mann, sich, wenn nötig, darauf setzen konnte
-und doch den Anschein hatte, als ob er stünde.
-</p>
-<p>
-Ulenspiegel schnitzte den ersten Messergriff, dessen sich die Leute
-von Seeland bedienen. Er machte diesen Griff in Gestalt eines
-Käfigs; darinnen befand sich ein beweglicher Totenkopf, darüber
-ein liegender Hund. Diese Wahrzeichen bedeuten: „Getreu bis
-in den Tod“.</p>
-
-<p>Und also begann Ulenspiegel die Weissagung Kathelines wahr
-zu machen, dieweil er sich als Maler, Bildschnitzer, Bauer und
-Edelmann erwies, denn vom Vater auf den Sohn trugen die
-Klase drei silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier.
-Doch Ulenspiegel war in keinem Handwerk beständig, und Klas
-sagte zu ihm, wenn dies Spiel andauerte, so würde er ihn aus
-der Hütte jagen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>23</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Als der Kaiser vom Kriege heimkehrte, fragte er, warum
-sein Sohn Philipp nicht gekommen sei, ihn zu begrüßen.</p>
-
-<p>Der Erzbischof, des Infanten Erzieher, gab zur Antwort, daß
-dieser es nicht gewollt hätte, denn er liebte, so sagte er, nur
-Bücher und Einsamkeit. Der Kaiser erkundigte sich, wo er zur
-Stunde weilte. Der Erzieher antwortete, daß man ihn überall
-suchen müßte, wo es dunkel sei. Und das taten sie.</p>
-
-<p>Nachdem sie eine gute Zahl Säle durchschritten, kamen sie zuletzt
-zu einer Art Kammer ohne Steinfliesen, die durch eine Dachluke
-erhellt war. Da sahen sie einen Pfahl in den Boden getrieben
-und daran eine ganz kleine, zierliche Meerkatze um den Leib angebunden.
-Die war dereinst von Indien gesandt, um ihn durch
-ihre jugendliche Kurzweil zu erfreuen. Am Fuße des Pfahles
-rauchten rot glimmende Holzscheite und in der Kammer war ein
-ekler Gestank von verbranntem Haar.</p>
-
-<p>Das Tierlein hatte so sehr gelitten, als es in diesem Feuer stak,
-daß sein kleiner Körper nicht mehr eines Tieres Leib schien, das
-Leben gehabt, sondern der Überrest einer knorrigen, verzerrten
-Wurzel. Sein Mund stand offen wie im Todesschrei, man sah
-blutigen Schaum und das Wasser seiner Tränen benetzte sein
-Antlitz.</p>
-
-<p>„Wer hat dies getan?“ fragte der Kaiser.</p>
-
-<p>Der Erzieher wagte keine Antwort zu geben und alle beide blieben
-stumm, traurig und voller Zorn.</p>
-
-<p>Plötzlich drang durch die Stille ein schwaches Husten, welches
-aus einer dunklen Ecke hinter ihnen kam. Seine Majestät drehte
-sich um und erblickte dort den Infanten Philipp, welcher ganz
-schwarz gekleidet war und eine Zitrone aussog.</p>
-
-<p>„Don Philipp,“ sprach er, „komm und begrüße mich.“</p>
-
-<p>Ohne sich zu rühren, sah der Infant ihn mit seinen furchtsamen
-Augen an, darin keine Liebe war.</p>
-
-<p>„Bist Du es, der dieses Tierlein an diesem Feuer verbrannt hat?“
-fragte der Kaiser.</p>
-
-<p>Der Infant senkte den Kopf.</p>
-
-<p>Da sprach der Kaiser:</p>
-
-<p>„Warst Du grausam genug, es zu tun, so sei tapfer genug, es
-einzugestehen.“</p>
-
-<p>Der Infant gab keine Antwort.</p>
-
-<p>Der Kaiser riß ihm die Zitrone aus der Hand und wollte seinen
-Sohn schlagen. Der Erzbischof wehrte ihm und sagte ihm ins
-Ohr:</p>
-
-<p>„Hoheit wird eines Tages ein großer Ketzerverbrenner sein.“</p>
-
-<p>Der Kaiser lächelte und ließ den Infanten mit seiner Meerkatze
-allein.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>24</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Der November war gekommen, der Reifmond, wo sich die
-Hustenden an der Musik des Ausspeiens ergötzen. Es ist auch
-der Monat, da die Buben sich haufenweis auf den Rübenfeldern
-tummeln und plündern, so viel sie vermögen, zum großen Zorne
-der Bauern, die vergebens mit Knütteln und Forken hinterdreinlaufen.</p>
-
-<p>Eines Tages nun, da Ulenspiegel vom Räubern heimkam, vernahm
-er nicht weit in einer Zaunecke ein Stöhnen. Er bückte sich
-und sah auf etlichen Steinen einen Hund liegen.</p>
-
-<p>„Holla,“ sprach er, „kleines jammerndes Vieh, was treibst Du
-da so spät?“</p>
-
-<p>Dieweil er den Hund streichelte, fühlte er, daß sein Rücken feucht
-war, und er dachte, daß man ihn hätte ertränken wollen. Er
-nahm ihn auf den Arm, um ihn wieder zu erwärmen.</p>
-
-<p>Als er ins Haus trat, fragte er:</p>
-
-<p>„Ich bringe einen Verwundeten mit: was soll ich tun?“</p>
-
-<p>„Ihn verbinden“, erwiderte Klas.</p>
-
-<p>Ulenspiegel setzte den Hund auf den Tisch. Da sahen Klas,
-Soetkin und er bei dem Lichte der Lampe einen kleinen Luxemburgischen
-Rattenfänger, welcher auf dem Rücken verletzt war.
-Soetkin wusch die Wunde mit einem Schwamm aus, bestrich sie
-mit Balsam und umwickelte sie mit Linnen. Ulenspiegel trug
-das Tier in sein Bett, wiewohl Soetkin es in dem ihren haben
-wollte. Denn sie fürchtete, sagte sie, Ulenspiegel, der sich damals
-herumwarf wie ein Teufel in einem Weihwasserbecken, möchte
-den Hund im Schlafe verletzen.</p>
-
-<p>Doch Ulenspiegel tat, was er wollte, und pflegte seiner so gut,
-daß der Verwundete binnen sechs Tagen mit der ganzen Selbstgefälligkeit
-der Köter einherlief.</p>
-
-<p>Und der Schulmeister nannte ihn Titus Bibulus Schnuffius:
-Titus zur Erinnerung an den guten römischen Kaiser, welcher
-herrenlose Hunde gern auflas, Bibulus, maßen der Hund das
-Braunbier gleich wie ein Trunkenbold liebte, und Schnuffius,
-dieweil er seine Nase ohn Unterlaß in die Löcher der Ratten und
-Maulwürfe steckte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>25</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am Ende der Frauengasse standen zwei Weiden am Rand
-eines tiefen Wassers einander gegenüber. Zwischen beiden zog
-Ulenspiegel ein Seil, darauf er eines Sonntags Nachmittags
-nach der Vesper tanzte, und das so gut, daß ihm der ganze Haufe
-der Müßiggänger mit Hand und Stimme Beifall zollte. Dann
-stieg er von seinem Seil hinunter und hielt jedermann einen Teller
-dar, welcher bald mit Gelde gefüllt war. Er aber leerte ihn in
-Soetkins Schürze und behielt nur eilf Heller für sich.</p>
-
-<p>Am anderen Sonntag wollte er wiederum auf dem Seil tanzen,
-doch etliche nichtsnutzige Buben, die ihm seine Behendigkeit
-neideten, hatten einen Schnitt in das Seil gemacht, also
-daß es nach wenig Sprüngen zerriß und Ulenspiegel ins Wasser
-fiel.</p>
-
-<p>Dieweil er schwamm, um das Ufer zu gewinnen, schrieen die
-tapferen kleinen Seilschneider:</p>
-
-<p>„Wie steht es mit Deiner behenden Gesundheit, Ulenspiegel? Willst
-Du die Karpfen auf dem Grunde des Teichs tanzen lehren, Du
-unvergleichlicher Tänzer?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel stieg aus dem Wasser, schüttelte sich und schrie ihnen
-zu, denn sie liefen davon, aus Furcht vor Prügel:</p>
-
-<p>„Fürchtet Euch nicht; kommt den nächsten Sonntag wieder, da
-will ich Euch Künste auf dem Seil zeigen und Ihr sollt Euren
-Teil am Gewinst haben.“</p>
-
-<p>Am Sonntag darnach hatten die Buben sich wohl gehütet, das
-Seil durchzuschneiden, und hielten rund herum Wacht, aus Furcht,
-daß irgend wer daran rührte, denn es war viel Volks zugegen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach zu ihnen:</p>
-
-<p>„Gebt mir ein jeglicher einen Eurer Schuhe, und ich wette, ich
-tanze mit jedem einzelnen, so groß und klein sie auch seien.“</p>
-
-<p>„Was zahlst Du uns, wenn Du verlierst?“ fragten sie ihn.</p>
-
-<p>„Vierzig Kannen Braunbier,“ erwiderte Ulenspiegel, „und Ihr
-sollt mir drei Heller bezahlen, so ich gewinne.“</p>
-
-<p>„Wohl“, sprachen sie.</p>
-
-<p>Und sie gaben ihm männiglich einen ihrer Schuhe. Ulenspiegel
-tat sie alle in seine Schürze, und so beladen, tanzte er auf dem
-Seil, doch nicht ohne Mühe.</p>
-
-<p>Die Seilzerschneider schrieen von unten:</p>
-
-<p>„Du hast gesagt, daß Du mit jedem unserer Schuhe tanzen willst.
-Zieh sie also an und halte Dein Wort.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel tanzte immerfort und antwortete:</p>
-
-<p>„Ich habe nicht gesagt, daß ich Eure Schuhe anziehen will, wohl
-aber, daß ich mit Ihnen tanzen will. Nun tanz ich und alles tanzt
-mit mir in meiner Schürze. Seht Ihr es nicht mit Euren weit
-aufgesperrten Froschaugen? Zahlt mir meine drei Heller.“</p>
-
-<p>Sie aber verhöhnten ihn und schrieen, er solle ihnen ihre Schuhe
-zurückgeben.</p>
-
-<p>Ulenspiegel warf sie ihnen zu, einen nach dem andren, auf einen
-Haufen. Darob entstand ein wildes Getümmel, denn keiner von
-ihnen konnte aus dem Haufen seinen Schuh herausfinden, noch
-ohne Widerspruch nehmen.</p>
-
-<p>Da stieg Ulenspiegel vom Seil und begoß die Kämpfenden, aber
-nicht mit klarem Wasser.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>26</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da der Infant fünfzehn Jahre alt war, streifte er nach seiner
-Gewohnheit durch die Gänge, Treppenflure und Gemächer des
-Schlosses. Am häufigsten aber sah man ihn um die Gemächer
-der Damen umherstreifen, um den Pagen einen Schabernack zu
-spielen, denn sie lagen gleich ihm auf den Fluren wie Katzen auf
-der Lauer.</p>
-
-<p>Andere, so im Hofe standen, sangen mit der Nase in der Luft
-ein zärtliches Lied. Wenn der Infant sie hörte, so trat er an
-ein Fenster und erschreckte die armen Pagen, welche seine bleiche
-Larve anstatt der zärtlichen Augen ihrer Schönen erblickten.</p>
-
-<p>Unter den Damen des Hofes war eine holdselige Vlämin aus
-Dudzeele bei Damm, von hübscher Fülle, eine köstliche reife
-Frucht und wundersam schön; denn sie hatte grüne Augen und
-rotes Kraushaar, welches in der Sonne wie Gold gleißte. Von
-heiterer Laune und feurigem Gemüt, verhehlte sie keinem ihre
-Neigung für den glücklichen Ritter, dem sie auf ihrem schönen
-Eigentum das himmlische Privilegium freier Liebe verlieh. Zu
-der Zeit war es ein hochgemuter, schöner Jüngling, den sie liebte.
-Alle Tage zur besprochenen Stunde traf sie ihn, welches Philipp
-zu Ohren kam.</p>
-
-<p>Er setzte sich auf eine Bank, die an einem Fenster stand, und
-spähte nach ihr aus. Sie ging an ihm vorbei in ihrem Staatskleid
-von gelbem Brokat, das um sie herrauschte, das Auge voll
-Leben, den Mund halb geöffnet, munter und frisch dem Bade
-entstiegen. Da sie den Infanten sah, sagte er zu ihr, ohne sich
-von seiner Bank zu erheben:</p>
-
-<p>„Señora, könntet Ihr nicht einen Augenblick verweilen?“</p>
-
-<p>Ungeduldig wie eine Stute, die zu dem schönen Hengst rennen
-will, der auf der Wiese wiehert, und im vollen Lauf aufgehalten
-wird, sprach sie:</p>
-
-<p>„Hoheit, ein jeder muß hier Eurem fürstlichen Willen gehorchen.“</p>
-
-<p>„Setzet Euch neben mich“, sprach er. Und dieweil er sie lüstern,
-hart und verschlagen anblickte, fuhr er fort: „Sagt mir das Paternoster
-auf vlämisch her; man hat es mich gelehrt, doch ich habe
-es vergessen.“</p>
-
-<p>Die arme Dame mußte also ein Pater hersagen, und er hieß sie
-es langsamer zu sprechen. Und so zwang er die Ärmste, an die
-zehn Gebete zu sprechen, wo sie die Stunde für andre Oremus
-gekommen wähnte. Darnach lobte er sie, sprach von ihren schönen
-Haaren, ihren lebhaften Farben, ihren hellen Augen. Doch er
-wagte nicht, ihr etwas über ihre vollen Schultern, ihren runden
-Busen, noch über andere Dinge zu sagen.</p>
-
-<p>Wie sie nun wähnte, sich beurlauben zu dürfen, und schon in den
-Hof blickte, wo gewißlich ihr Ritter harrte, forschte er sie aus,
-ob sie auch wisse, welches die Tugenden der Frau seien. Da sie
-keinen Bescheid gab, aus Furcht, nicht das rechte zu treffen,
-sprach er für sie und sagte wie ein Vormund:</p>
-
-<p>„Frauentugenden sind Keuschheit, Sorge um die Ehre und ein
-sittiges Leben.“</p>
-
-<p>Auch riet er ihr, sich ziemlich zu kleiden, und alles, was ihr zu
-eigen gehörte, wohl zu verbergen.</p>
-
-<p>Sie nickte bejahend mit dem Kopf und sagte, daß sie sich für
-seine Allernördlichste Hoheit lieber mit zehn Bärenfellen, denn
-mit einer Elle Musselin bedecken würde.</p>
-
-<p>Da sie ihn durch diese Antwort verdutzt gemacht hatte, entwich
-sie mit Freuden.</p>
-
-<p>Jedoch das Feuer der Jugend war auch in der Brust des Infanten
-entzündet; aber es war nicht das rasche Feuer, das die starken
-Seelen zu hohen Taten treibt, noch die sanfte Glut, die zärtlichen
-Herzen Tränen entlockt. Es war eine düstere Lohe, der Hölle
-entstiegen, allwo sie sonder Zweifel Satan entfacht hatte. Sie
-glänzte in seinen grauen Augen wie im Winter der Mond auf einem
-Beinhaus, und brannte ihn grausam.</p>
-
-<p>Da er keine Liebe für die Anderen fühlte, der arme Duckmäuser,
-wagte er nicht, sich den Damen anzubieten. Dann ging er in
-einen abgelegenen Winkel, eine kleine, weiß getünchte Kammer,
-die durch schmale Fenster erleuchtet war, allwo er sein Naschwerk
-zu verspeisen pflegte. Und die Fliegen kamen in Haufen
-dorthin um der Krumen willen. Dort liebkoste er sich selbst und
-zerquetschte ihnen langsam den Kopf an den Scheiben, und tötete
-sie zu Hunderten, bis seine Finger zu stark zitterten, um sein
-blutiges Geschäft fortzusetzen. Und er fand eine widrige Lust an
-dieser grausamen Kurzweil; denn Wollust und Grausamkeit sind
-zwei schändliche Schwestern. Und er verließ diesen Winkel trauriger
-denn zuvor, und Männlein und Weiblein flohen, wo sie es
-vermochten, das Antlitz dieses Prinzen, das so bleich war, als
-hätte er sich von Wundpilzen genährt.</p>
-
-<p>Und der klägliche Prinz litt, denn böses Herz bringt Schmerz.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>27</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die schöne holdselige Frau verließ eines Tages Valladolid,
-um nach ihrem Schlosse Dudzeele in Flandern zu reisen. Da sie
-nun, von ihrem fetten Kellermeister gefolgt, durch Damm kam,
-sah sie einen jungen Burschen von fünfzehn Jahren an der Mauer
-einer Hütte sitzen und den Dudelsack spielen. Vor ihm stand ein
-rotbrauner Hund, welcher diese Musik nicht liebte und melancholisch
-heulte. Die Sonne schien hell. Neben dem jungen Gesellen
-stand ein artig Mägdlein und lachte bei jeglichem Klaggeheul des
-Hundes.</p>
-
-<p>Da die schöne Dame und der Kellermeister an der Hütte vorbei
-kamen, betrachteten sie den blasenden Ulenspiegel, die lachende
-Nele und den heulenden Titus Bibulus Schnuffius.</p>
-
-<p>„Du böser Bube,“ sprach die Dame zu Ulenspiegel, „könntest Du
-nicht aufhören, diesen armen Hund also zum Heulen zu bringen?“
-Aber Ulenspiegel schaute sie an und blies seinen Dudelsack noch
-tapferer. Und Bibulus Schnuffius heulte noch melancholischer,
-und Nele lachte noch lauter.</p>
-
-<p>Der Kellermeister geriet in Zorn und sagte zu der Dame, auf
-Ulenspiegel weisend:</p>
-
-<p>„Wenn ich diese Bettelbrut mit meiner Degenscheide durchfuchtelte,
-so würde sie aufhören, solch unverschämten Lärm zu
-machen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel schaute den Kellermeister an, nannte ihn ob seines
-Bauches Jan Fressack und fuhr fort, auf seinem Dudelsack zu
-blasen. Der Kellermeister trat auf ihn zu und bedrohte ihn mit
-der Faust; aber Bibulus Schnuffius stürzte auf ihn los und biß
-ihm ins Bein. Der Kellermeister fiel vor Angst nieder und schrie:</p>
-
-<p>„Zu Hilfe!“</p>
-
-<p>Lächelnd sprach die Dame zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Könntest Du mir nicht sagen, Dudelsackpfeifer, ob der Weg,
-der von Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel schüttelte den Kopf, ohne im Spielen aufzuhören,
-und schaute die Dame an.</p>
-
-<p>„Was hast Du, mich so anzustaunen?“ fragte sie.</p>
-
-<p>Doch er, immerdar weiterspielend, riß die Augen auf, als ob er
-vor Bewunderung schier verzückt wäre.</p>
-
-<p>Sie sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Schämst Du Dich nicht, so jung Du bist, die Damen also anzugaffen?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ward ein wenig rot, blies weiter und sah sie noch
-mehr an.</p>
-
-<p>„Ich fragte Dich,“ hub sie abermals an, „ob der Weg, der von
-Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“</p>
-
-<p>„Er grünt nicht mehr, seit Ihr ihn des Glückes beraubt, Euch zu
-tragen“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Willst Du mich führen?“ fragte die Dame.</p>
-
-<p>Doch Ulenspiegel blieb sitzen und betrachtete sie unverwandt.
-Und ob sie ihn gleich als Schalk erkannte, wußte sie, daß sein
-Spiel nichts als Jugend war, und verzieh ihm gerne. Er erhob
-sich und wollte ins Haus gehen.</p>
-
-<p>„Wohin gehst Du?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Meine Sonntagskleider anlegen“, erwiderte er.</p>
-
-<p>„Geh“, sagte die Dame.</p>
-
-<p>Alsdann setzte sie sich auf die Bank neben der Schwelle, und der
-Kellermeister tat wie sie. Sie wollte mit Nele sprechen, die aber
-antwortete ihr nicht, denn sie war eifersüchtig.</p>
-
-<p>Ulenspiegel kehrte wohlgewaschen und in Barchend gekleidet zurück.
-Er sah schmuck aus in seinem Sonntagsstaat, der Bursche.</p>
-
-<p>„Gehst Du wirklich mit dieser schönen Dame?“ fragte ihn Nele.</p>
-
-<p>„Ich komme bald wieder“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Soll ich an Deiner statt gehen?“ fragte Nele.</p>
-
-<p>„Nein,“ sprach er, „die Wege sind schmutzig“.</p>
-
-<p>„Mägdlein,“ sprach die Dame erzürnt und gleichfalls eifersüchtig,
-„warum willst Du ihn hindern, mit mir zu gehen?“</p>
-
-<p>Nele gab ihr keine Antwort, doch große Tränen entquollen
-ihren Augen, und voll Zorn und Harm sah sie die schöne Dame an.
-Sie machten sich ihrer Vier auf den Weg, die Dame gleich einer
-Königin auf ihrem weißen, mit schwarzem Sammet gezäumten
-Zelter, der Kellermeister, dem der Bauch im Wandern wackelte,
-Ulenspiegel, der den Zelter der Dame am Zügel führte, und Bibulus
-Schnuffius, der ihm zur Seite schritt und den Schwanz
-stets in der Luft trug.</p>
-
-<p>Also ritten und wanderten sie eine Weile, doch Ulenspiegel war
-nicht guter Dinge. Stumm wie ein Fisch zog er den feinen Benzoeduft
-ein, der von der Dame ausging, maß von der Seite all
-ihre schönen Nesteln, seltenen Kleinodien und Zierarten, desgleichen
-ihr holdes Angesicht, ihre glänzenden Augen, ihre bloße
-Brust und die Haare, die in der Sonne gleich einer Goldhaube
-schimmerten.</p>
-
-<p>„Weshalb bist Du so wortkarg, Bube?“ fragte sie.</p>
-
-<p>Er gab keine Antwort.</p>
-
-<p>„Du hast doch nicht so ganz die Zunge in den Schuhen stecken,
-daß Du mir nicht eine Botschaft ausrichten könntest?“</p>
-
-<p>„Laßt hören“.</p>
-
-<p>„Du mußt mich hier lassen und nach Koolkerke gehen, nach der
-Leeseite, und einem Edelmann, welcher halb schwarz und halb
-rot gekleidet ist, bestellen, er möge mich heut nicht erwarten.
-Doch am Sonntag um zehn Uhr Nachts, da soll er durch das
-Ausfallspförtchen in mein Schloß kommen“.</p>
-
-<p>„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Warum nicht?“ fragte die Dame.</p>
-
-<p>„Nein, ich gehe nicht“, sagte Ulenspiegel zum andren Mal.</p>
-
-<p>Die Dame sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du kleiner zorniger Hahn, was flößt Dir solchen trotzigen
-Willen ein?“</p>
-
-<p>„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wenn ich Dir einen Gülden gäbe?“</p>
-
-<p>„Nein“.</p>
-
-<p>„Einen Dukaten?“</p>
-
-<p>„Nein“.</p>
-
-<p>„Einen Karolustaler?“</p>
-
-<p>„Nein“, sagte Ulenspiegel abermals. „Und dennoch“, fügte er
-mit Seufzen hinzu, „hätt’ ich ihn lieber denn eine Muschelschale
-in meiner Mutter Geldkatze“.</p>
-
-<p>Die Dame lächelte, dann rief sie mit einem Male:</p>
-
-<p>„Ich habe meine schöne und kostbare Gürteltasche verloren, aus
-starrer Seide und mit feinen Perlen bestickt. In Damm hing sie
-noch an meinem Gürtel.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel rührte sich nicht, doch der Kellermeister trat herzu.</p>
-
-<p>„Herrin,“ so sprach er, „schickt nicht diesen jungen Spitzbuben
-auf die Suche danach, denn Ihr sähet ihn niemals wieder“.</p>
-
-<p>„Und wer wird also gehen?“</p>
-
-<p>„Ich,“ antwortete er, „meinen hohen Jahren zum Trotz.“ Und
-er ging von dannen.</p>
-
-<p>Es läutete Mittag, die Hitze war groß, tief die Einsamkeit.
-Ulenspiegel sagte kein Wörtlein, doch er zog sein neues Wams
-aus, auf daß sich die Dame im Schatten einer Linde setzen könnte,
-ohne die Kühle des Grases zu fürchten. Er aber blieb seufzend
-neben ihr stehen.</p>
-
-<p>Sie blickte ihn an, und es erbarmte sie des schüchternen Knaben.
-Sie fragte ihn, ob er es nicht müde sei, so auf seinen allzu jungen
-Beinen zu stehen. Er erwiderte kein Wörtlein, und als er sich
-neben sie niederfallen ließ, wollte sie ihn auffangen und zog ihn
-auf ihre nackte Brust; da blieb er so gern liegen, daß sie vermeint
-hätte, die Sünde der Grausamkeit zu begehen, wenn sie
-ihm ein ander Schlummerkissen angewiesen hätte.</p>
-
-<p>Indeß der Kellermeister kam zurück und vermeldete, er habe die
-Gürteltasche nicht gefunden.</p>
-
-<p>„Ich fand sie selbst wieder,“ entgegnete die Dame, „da ich vom
-Pferde stieg, denn wie ich sie loshakte, war sie am Steigbügel
-hangen geblieben. Jetzo geleite uns nach Dudzeele,“ gebot sie
-Ulenspiegel, „und sage mir, wie du heißest“.</p>
-
-<p>„Mein Schutzpatron ist der heilige Herr Thylbert, das bedeutet,
-leichtfüßig, um den guten Dingen nachzulaufen. Mein Vater
-heißt Klas und mich heißen sie Ulenspiegel. So Ihr Euch in
-meinem Spiegel betrachten wollt, werdet Ihr merken, daß in
-diesem ganzen Lande Flandern keine Blume von so blendender
-Schönheit ist wie Eure duftende Anmut“.</p>
-
-<p>Die Dame errötete vor Vergnügen und war Ulenspiegel nicht gram.</p>
-
-<p>Und Soetkin und Nele weinten ob seines langen Verweilens.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>28</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel von Dudzeele heimkehrte, sah er vor der
-Stadt Nele an einem Zaun lehnen. Sie pflückte von einer blauen
-Weintraube die Beeren ab und biß eine nach der andern durch.
-Sonder Zweifel war ihr solches eine Erfrischung und Ergötzung,
-doch sie ließ kein Vergnügen erkennen. Sie schaute im Gegenteil
-bös drein und riß die Beeren zornig von der Traube. Sie war so
-voller Harm und hatte solch betrübtes, trauriges und holdseliges
-Antlitz, daß Ulenspiegel von verliebtem Mitleid erfaßt ward. Er
-trat vergnügt hinter sie und gab ihr einen Kuß auf den Nacken.
-Sie aber verabreichte ihm als Gegengabe eine tüchtige Maulschelle.</p>
-
-<p>„Ich sehe darum nicht klarer“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Sie weinte und schluchzte.</p>
-
-<p>„Nele,“ sprach er, „willst Du jetzo Springbrunnen am Eingang
-der Dörfer errichten?“</p>
-
-<p>„Geh Deiner Wege“, gebot sie.</p>
-
-<p>„Ich kann doch nicht gehen, wenn Du also weinst, Liebchen.“</p>
-
-<p>„Ich bin kein Liebchen und ich weine nicht“, sprach Nele.</p>
-
-<p>„Nein, Du weinst nicht, doch es kommt gleichwohl Wasser aus
-Deinen Augen.“</p>
-
-<p>„Willst Du wohl fortgehen?“</p>
-
-<p>„Nein,“ sprach er.</p>
-
-<p>Derweil faßte sie ihre Schürze mit ihren zitternden Händlein und
-zerriß sie in Fetzen, und Tränen flossen darauf und benetzten sie.</p>
-
-<p>„Nele,“ fragte Ulenspiegel, „wird bald schön Wetter?“</p>
-
-<p>Und er blickte sie mit gar verliebtem Lächeln an.</p>
-
-<p>„Warum fragst Du mich also?“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Weil, wenn es schön ist, es nicht regnet.“</p>
-
-<p>„Geh fort zu Deiner schönen Dame im Brokatkleid, die hast Du
-ja genugsam zum Lachen gebracht.“</p>
-
-<p>Da sang Ulenspiegel:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Seh’ ich mein Liebchen weinen,</div>
- <div class="verse indent0">Zerreißt es mir das Herz.</div>
- <div class="verse indent0">Ist Honig, wenn sie scherzt,</div>
- <div class="verse indent0">Sind Perlen ihre Tränen.</div>
- <div class="verse indent0">Ich lieb’ sie alleweil</div>
- <div class="verse indent0">Und spend’ uns einen Trunk</div>
- <div class="verse indent0">Vom guten Wein von Löwen,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn Nele lächeln will.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Schlechter Mann, Du spottest mein noch!“</p>
-
-<p>„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „ich bin ein Mann, doch kein schlechter
-Bürgerlicher, denn unser edles Geschlecht aus Schöffenstand
-hat drei silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier.
-Nele, ist’s wahr, daß man im Lande Flandern, wenn man Küsse
-säet, Maulschellen erntet?“</p>
-
-<p>„Ich will Dir nicht Rede stehen,“ sprach Nele.</p>
-
-<p>„Warum öffnest Du alsdann den Mund, es mir zu sagen?“</p>
-
-<p>„Ich bin bös“, sprach sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel gab ihr einen leichten Schlag in den Rücken und
-sagte:</p>
-
-<p>„Küßt die Magd, so schlägt sie Euch, schlagt die Magd, so salbt
-sie Euch. Salbe mich also Liebchen, da ich Dich schlug.“</p>
-
-<p>Nele wandte sich um. Er tat die Arme auf, und sie warf sich,
-noch weinend, hinein und sprach:</p>
-
-<p>„Du gehst nimmer mehr dorthin, nicht wahr, Thyl?“</p>
-
-<p>Doch er gab keine Antwort, denn er mußte ihre armen zitternden
-Finger drücken und mit seinen Lippen ihre heißen Zähren abtrocknen,
-welche gleich den großen Tropfen eines Gewitterregens
-aus Neles Augen fielen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>29</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zur nämlichen Zeit weigerte Gent, die Edle, ihre Beisteuer zu der
-Hilfe, die ihr Sohn Karl, der Kaiser, von ihr heischte. Sie
-vermochte es nicht, denn sie war durch Karls Schuld von Geld
-entblößt. Das war eine große Missetat, und er beschloß bei
-sich, selbst zu gehen, um sie zu züchtigen. Denn der Stock eines
-Sohnes bereitet dem Rücken der Mutter mehr Schmerz denn
-jeglicher andre.</p>
-
-<p>König Franz mit der langen Nase, sein Feind, bot ihm an, durch
-das Land Frankreich zu reisen. Solches tat Karl, und anstatt
-dorten als Gefangener festgehalten zu werden, ward er kaiserlich
-gefeiert und auf Händen getragen. Denn es ist ein fürstliches
-Übereinkommen, sich gegen die Völker beizustehen.</p>
-
-<p>Karl verweilte lange Zeit in Valenciennes, ohne irgend ein Zeichen
-des Unwillens zu geben. Gent, seine Mutter, lebte ohne Furcht
-in dem Glauben, der Kaiser, ihr Sohn, würde ihr verzeihen, daß
-sie nach Recht und Sitte gehandelt hatte.</p>
-
-<p>Karl rückte mit viertausend Mann unter die Mauern der Stadt.
-Alba begleitete ihn, desgleichen der Prinz von Oranien. Das
-niedre Volk und die kleinen Gewerke hätten gern diesen Einzug
-des Sohnes gehindert und die achtzigtausend Mann aus der
-Stadt und vom Land aufgebracht; die Reichen aber, Hoogporters
-genannt, widersetzten sich dem aus Furcht vor der Übermacht des
-Volkes. Dennoch hätte Gent solcherart seinen Sohn mitsamt
-seinen viertausend Pferden in Stücke hacken können. Doch die
-Stadt liebte ihn, und selbst die kleinen Gewerke hatten wieder
-Vertrauen gefaßt. Auch Karl liebte sie, doch um des Geldes
-willen, das er von ihr in seinen Truhen hatte und von dem er
-noch ein Übriges begehrte.</p>
-
-<p>Da er sich zum Herrn von Gent gemacht hatte, stellte er allerorten
-Posten auf und ließ bei Tag und Nacht Ronden durch die
-Stadt streifen. Alsdann sprach er mit großem Pomp ihr Urteil.</p>
-
-<p>Die vornehmsten Bürger sollten mit dem Strick um den Hals
-vor seinen Thron treten und Abbitte tun. Gent ward der einträglichsten
-Verbrechen bezichtigt, als da sind: Untreue, Vertragsbruch,
-Ungehorsam, Aufstand, Rebellion und Majestätsbeleidigung.
-Der Kaiser erklärte jegliche Rechte, Privilegien,
-Freiheiten, Satzungen und Bräuche für abgeschafft. Die Zukunft
-bindend, gleich als wäre er der Herrgott selbst, setzte er fest, daß
-von nun an seine Nachfolger, wann sie zur Herrschaft gelangten,
-schwören sollten, nichts zu beobachten, es sei denn die Karolinische
-Konzession der Abhängigkeit, die er der Stadt auferlegt.</p>
-
-<p>Er hieß die Abtei von Sankt Baro dem Erdboden gleichmachen,
-um dort eine Feste zu errichten, von wo er nach Lust die Brust
-seiner Mutter mit Kugeln durchbohren konnte. Als guter Sohn,
-dem es eilte zu erben, ließ er alles Vermögen von Gent einziehen:
-Einkünfte, Häuser, Geschütze und Kriegsmunition. Da er die
-Stadt allzuwohl verwahrt fand, ließ er den Roten Turm, den
-Krötenturm, die Braamport, Steenpoort, Waalpoort, Ketelpoort
-niederreißen, und viele andre, so wie Kleinodien aus Stein
-gebildet waren.</p>
-
-<p>Wenn nachmals Fremde nach Gent kamen, sprachen sie unter einander:
-„Was ist diese Stadt flach und öde, von der man Wunders
-viel gesagt.“</p>
-
-<p>Und die von Gent antworteten: „Kaiser Karl hat der Stadt
-ihren kostbaren Gürtel genommen.“</p>
-
-<p>Und wenn sie so sprachen, waren sie voll Schmerz und Grimm.
-Und aus den Trümmern der Tore nahm der Kaiser Ziegelsteine
-für seine Festen.</p>
-
-<p>Er wollte, daß Gent arm wäre, denn solchermaßen würde es
-weder durch Arbeit und Gewerbfleiß noch durch Geld seinen hochfahrenden
-Plänen widerstehen können. Er verurteilte also die
-Stadt, den verweigerten Anteil zur Beihilfe mit vierhunderttausend
-Goldgülden zu zahlen und des Mehreren hundert und
-fünfzigtausend Karolus einmal zu zahlen, dazu alljährlich sechstausend
-an fortlaufenden Zinsen. Sie hatte ihm Geld dargeliehen,
-und er schuldete ihr dafür einen Zins von hundertundfünfzigtausend
-Gülden vlämisch. Er ließ sich mit Gewalt die Schuldurkunden
-zurückgeben, und indem er also seine Schuld beglich,
-bereicherte er sich erklecklich.</p>
-
-<p>Gent hatte ihn geliebt und ihm zu vielen Malen geholfen, doch
-er stieß ihm einen Dolch in die Brust und suchte Blut, dieweil er
-nicht Milch genug darinnen fand.</p>
-
-<p>Darnach richtete er den Blick auf Roeland, die schöne Glocke,
-und an ihrem Klöppel ließ er Den henken, welcher Sturm geläutet
-hatte, um die Stadt zur Wahrung ihrer Rechte zu rufen.
-Er hatte kein Erbarmen mit Roeland, seiner Mutter Zunge, durch
-welche sie zu Flandern sprach, Roeland, die stolze Glocke, die
-von sich selber sagte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Als men my slaet dan is’t brandt</span>,</div>
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Als men my luyt dan is’t Storm in Vlaenderlandt.</span></div>
- <div class="verse indent0">Wenn man mich schlägt, ist Brand,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn man mich läutet, Sturm in Flanderland.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Maßen er fand, daß seine Mutter allzulaut redete, nahm er die
-Glocke fort. Und Die vom Lande sagten, daß Gent tot sei, denn
-ihr Sohn habe ihr mit eisernen Zangen die Zunge ausgerissen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>30</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In den klaren und frischen Lenztagen, da die Erde voller
-Liebe ist, plauderte Soetkin am offenen Fenster und Klas summte
-einen Kehrreim, dieweil Ulenspiegel dem Titus Bibulus Schnuffius
-ein Richterbarett aufgesetzt hatte. Der Hund arbeitete mit
-den Pfoten, gleich als wolle er einen Haftbefehl auswirken, doch
-es geschah nur, um sich seiner Kopfbedeckung zu entledigen.</p>
-
-<p>Plötzlich schloß Ulenspiegel das Fenster, lief in das Zimmer und
-sprang auf Stühle und Tische, indeß er die Hände nach der Decke
-ausstreckte. Soetkin und Klas gewahrten, daß er sich so unsinnig
-gebärdete, um ein Vöglein zu erhaschen, ein gar zierliches,
-kleines, das mit zitternden Flügeln an einem Balken im Winkel
-der Decke geduckt saß und aus Furcht schrie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel wollte es ergreifen, da sprach Klas mit Nachdruck
-zu ihm:</p>
-
-<p>„Warum springst Du also?“</p>
-
-<p>„Um ihn zu greifen,“ sprach Ulenspiegel, „in einen Käfig zu
-setzen und ihm Körner zu schütten, auf daß er für mich singe.“</p>
-
-<p>Indessen schrie der Vogel vor Angst, flatterte im Zimmer umher
-und stieß mit dem Kopf wider die Fensterscheiben. Ulenspiegel
-ließ nicht ab, zu springen. Da legte Klas ihm die Hand
-schwer auf die Schulter und sprach:</p>
-
-<p>„Fang ihn, setz ihn in einen Käfig und laß ihn für Dich singen.
-Doch ich werde Dich auch in einen Käfig tun, der mit guten
-Eisenstangen verschlossen ist, und werde Dich singen machen.
-Du läufst gern; das wirst Du nicht mehr können; Du wirst im
-Schatten sein, wenn Dich friert, in der Sonne, wenn Dir heiß
-ist. Dann werden wir eines Sonntags ausgehen und vergessen,
-Dir Futter zu geben, und nicht eher denn Donnerstags heimkehren.
-Und bei der Rückkehr werden wir Thyll verhungert und
-starr und steif finden“.</p>
-
-<p>Soetkin weinte und Ulenspiegel entsprang.</p>
-
-<p>„Was tust Du?“ fragte Klas.</p>
-
-<p>„Ich öffne dem Vogel das Fenster“, antwortete er.</p>
-
-<p>Und wahrlich, das Vöglein, welches ein Distelfink war, flog aus
-dem Fenster, stieß einen Freudenruf aus und ließ sich dann auf
-einen Apfelbaum nieder. Dort glättete es mit dem Schnabel seine
-Flügel, schüttelte sein Gefieder und, sich erbosend, schalt es Ulenspiegel
-in seiner Vogelsprache mit tausend Schmähungen.</p>
-
-<p>Da sprach Klas zu ihn</p>
-
-<p>„Sohn, raube weder Mensch noch Tier jemals die Freiheit,
-welche das größte Gut auf Erden ist. Laß einen jeden in die
-Sonne gehen, wann ihn friert, und in den Schatten, wann ihm
-heiß ist. Und möge Gott seine Heilige Majestät richten, welche,
-nachdem sie den freien Glauben in Flandern in Ketten gelegt, das
-edle Gent in einen Käfig der Knechtschaft geworfen hat“.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>31</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Philipp hatte Maria von Portugal geehelicht und ihre Besitzungen
-der Krone Spanien einverleibt. Sie genas des Don
-Carlos, des grausamen Narren. Doch er liebte seine Gattin nicht.
-Die Königin litt an den Folgen ihres Kindbettes. Sie hütete
-das Bett und hatte ihre Ehrendamen bei sich, darunter die Herzogin
-von Alba. Philipp ließ sie oftmals allein, um Ketzer verbrennen
-zu sehen, und alle Herren und Damen vom Hofe taten
-desgleichen. Also hielt es auch die Herzogin von Alba, die hochedle
-Wächterin des königlichen Kindbettes.</p>
-
-<p>Um diese Zeit nahm das geistliche Gericht einen vlämischen Bildschneider
-gefangen, welcher römischer Katholik war, maßen ihm
-ein Mönch den ausbedungenen Preis für ein Holzbild unserer
-lieben Frauen verweigert und er der Frau mit dem Meißel ins
-Gesicht geschlagen und gesagt hatte, daß er lieber sein Werk zerstören,
-denn es zum Spottpreis hergeben wollte.</p>
-
-<p>Er ward von dem Mönche als Bilderfrevler verklagt, ohn Erbarmen
-gefoltert und verurteilt, lebendig verbrannt zu werden.
-Während der Folter hatte man ihm die Fußsohlen verbrannt,
-und da er mit dem Sanbenito<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> angetan vom Kerker zum Scheiterhaufen
-geführt ward, schrie er:</p>
-
-<p>„Haut die Füße ab! Haut die Füße ab!“</p>
-
-<p>Philipp hörte dies Geschrei von ferne; es war ihm wohl, aber er
-lachte nicht.</p>
-
-<p>Die Ehrendamen verließen die Königin, um der Verbrennung
-beizuwohnen, und nach ihnen ging auch die Herzogin von Alba.
-Sie hörte den vlämischen Bildschneider schreien, wollte das
-Schauspiel mit ansehen und ließ die Königin allein.</p>
-
-<p>Da nun Philipp mit seinen hohen Dienern, Prinzen, Grafen,
-Stallmeistern und Damen gegenwärtig war, fesselten sie den
-Bildschnitzer mit einer langen Kette an einen Pfahl inmitten
-eines Kreises von brennendem Stroh und Reisigbündeln, auf daß er
-langsam geröstet werde, wann er, dem raschen Feuer entrinnend,
-sich an den Pfahl halten wollte. Und alles blickte ihn voll Neugier
-an, wie er nackend oder fast nackend versuchte, seine Seelenstärke
-der Feuersglut entgegenzusetzen.</p>
-
-<p>Zur selbigen Zeit hatte die Königin Maria in ihrem Wochenbett
-Durst. Die Hälfte einer Melone auf einer Schüssel erblickend,
-schleppte sie sich aus ihrem Bette, aß von der Melone und ließ
-nichts davon übrig. Dann brach sie in Schweiß aus und es fröstelte
-sie, dieweil das Fleisch der Melone kalt war. Sie blieb
-auf dem Fußboden liegen und konnte kein Glied rühren.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach sie, „ich würde wieder warm werden, wenn jemand
-mich ins Bett trüge.“</p>
-
-<p>Da hörte sie den armen Bildschnitzer schreien: „Haut die Füße ab!“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach die Königin Maria, „ist es ein Hund, der bei
-meinem Tode heult?“</p>
-
-<p>In diesem Augenblick, da der Bildschneider ringsum die Gesichter
-hispanischer Feinde gewahrte, gedachte er Flanderns, des
-Landes der Männer, kreuzte die Arme, schleppte seine lange Kette
-hinterdrein, ging auf die flammenden Stroh- und Reisigbündel
-zu und mitten hinein, die Arme verschränkend.</p>
-
-<p>„Also“, sprach er, „sterben die Vlamen angesichts der spanischen
-Henker. Haut die Füße ab, doch nicht mir, sondern ihnen, damit
-sie nimmer zum Morden laufen. Es lebe Flandern in alle
-Ewigkeit!“</p>
-
-<p>Und die Damen klatschten ihm Beifall und riefen um Gnade,
-da sie seine stolze Fassung sahen. Und er starb.</p>
-
-<p>Die Königin Maria zitterte am ganzen Leibe, sie weinte, ihre
-Zähne schlugen auf einander im Froste des nahenden Todes. Sie
-streckte Arme und Beine aus und sprach:</p>
-
-<p>„Legt mich in mein Bett, auf daß ich warm werde.“</p>
-
-<p>Und sie starb.</p>
-
-<p>Und also säete Philipp allerorten Tod, Blut und Tränen, gemäß
-der Weissagung Kathelines, der guten Zauberin.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>32</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Doch Ulenspiegel und Nele liebten sich heiß. Es war am
-Ende des Aprilmonds, und alle blühenden Bäume, alle saftstrotzenden
-Pflanzen harrten des Mai, der von einem Pfauen
-begleitet, blütenreich wie ein Blumenstrauß, auf die Erde kommt
-und die Nachtigallen in den Büschen singen heißt.</p>
-
-<p>Oftmals streiften Ulenspiegel und Nele selbander auf den Wegen
-umher, Nele hing an Ulenspiegels Arm und umschlang ihn mit
-beiden Händen. Er fand an diesem Spiele Gefallen und legte
-oftmals seinen Arm um ihre Hüften, um sie besser zu halten, wie
-er sagte. Sie war glücklich, aber sie sprach nicht.</p>
-
-<p>Der Wind wälzte den Duft der Wiesen warm und feucht auf die
-Wege. In der Ferne rauschte das Meer träg im Sonnenschein.
-Ulenspiegel war hoffärtig wie ein junger Teufel, doch Nele
-gleich einer kleinen Heiligen aus dem Paradiese gar verschämt
-ob ihrer Freude.</p>
-
-<p>Sie lehnte den Kopf an Ulenspiegels Schulter; er faßte ihre
-Hände, und im Gehen küßte er sie auf die Stirn, die Wangen
-und ihren lieblichen Mund. Doch sie schwieg.</p>
-
-<p>Nach etlichen Stunden waren sie heiß und durstig, tranken Milch
-beim Bauern und waren doch nicht erquickt.</p>
-
-<p>Sie setzten sich an den Rand eines Grabens auf den Rasen. Nele
-war ganz bleich und nachdenklich und Ulenspiegel betrachtete sie
-furchtsam.</p>
-
-<p>„Du bist traurig?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Ja“, sagte er.</p>
-
-<p>„Warum?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht,“ sprach er, „aber diese Apfel- und Kirschbäume
-in voller Blüte, diese laue Luft, die wie mit dem Feuer des Blitzes
-geladen ist, diese Maßliebchen, die sich errötend auf den Auen öffnen,
-der Schlehdorn dort nahebei in den Hecken, ganz weiß ...
-Wer sagt mir, warum ich mich so unruhig fühle und immerdar
-bereit bin, zu sterben oder zu schlafen? Und mein Herz schlägt so
-stark, wenn ich die Vögel in den Bäumen erwachen höre und sehe
-die Schwalben, die wieder da sind. Dann möchte ich weiter wandern
-als Sonne und Mond. Und bald ist mir kalt, bald heiß.
-Ach, Nele, ich wollte, ich wäre nicht mehr auf dieser erbärmlichen
-Welt, oder ich könnte der, die mich liebte, tausend Leben
-geben“ ...</p>
-
-<p>Aber sie schwieg, und blickte Ulenspiegel mit frohem Lächeln
-an.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>33</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am Tage des Totenfestes kam Ulenspiegel mit etlichen Burschen
-des nämlichen Alters aus der Frauenkirche. Lamm Goedzak
-hatte sich unter sie verirrt wie ein Schaf unter Wölfe. Er zahlte
-für alle freigebig die Zeche, denn seine Mutter gab ihm alle Sonn-
-und Feiertage drei Heller.</p>
-
-<p>Er begab sich also mit seinen Kameraden „In den rooden Schildt“
-zu Jan van Liebeke, welcher ihnen „dobbele knollaert“ von Kortrijk
-auftrug. Da nun das Getränk sie erhitzte und sie von Gebeten
-redeten, sagte Ulenspiegel kühnlich, daß die Seelenmessen
-nur für die Pfaffen von Vorteil seien.</p>
-
-<p>Es war aber ein Judas in der Schar; der zeigte Ulenspiegel als
-Ketzer an. Trotz Soetkins Tränen und Klasens Bitten ward
-Ulenspiegel ergriffen und gefänglich eingezogen. Er blieb einen
-Monat und drei Tage in einem vergitterten Kellerloch, ohne
-jemand zu sehen. Der Kerkermeister fraß ihm drei Viertel
-seiner Portion auf. Derweilen zog man Erkundigungen über
-seinen Leumund ein. Es fand sich nur, daß er ein schlimmer
-Spötter war, welcher sich ohne Unterlaß über seinen Nächsten
-lustig machte, doch hatte er niemals über den Herrgott, die Frau
-Maria und die Herren Heiligen Übles geredet. Darum war sein
-Urteil gelinde; ansonst wäre er mit glühenden Eisen im Gesicht
-gebrandmarkt und bis aufs Blut gepeitscht worden.</p>
-
-<p>In Ansehung seiner Jugend verurteilten ihn die Richter nur, in
-der ersten Prozession, die aus der Kirche kommen würde, im
-Hemde, barhäuptig und barfuß, eine Kerze in der Hand zu tragen
-und hinter den Priestern zu schreiten.</p>
-
-<p>Solches geschah am Tage der Himmelfahrt.</p>
-
-<p>Dieweil die Prozession in die Kirche zurückkehrte, mußte
-er unter dem Torbogen der Frauenkirche stehen und dort
-ausrufen:</p>
-
-<p>„Dank dem hohen Herrn Jesus! Dank den Herren Priestern!
-Ihre Gebete sind den Seelen im Fegefeuer wohltuend und gar
-kühlend; denn jedes Ave ist ein Eimer Wasser, der auf ihren
-Rücken fällt, und jedes Pater ist ein Kübel voll.“</p>
-
-<p>Und das Volk hörte ihm mit großer Andacht und nicht ohne
-Lachen zu.</p>
-
-<p>Beim Pfingstfest mußte er abermals der Prozession folgen; er
-war im Hemd, barfüßig und barhäuptig und hielt eine Kerze in
-der Hand. Da nun die Prozession in die Kirche zurückkehrte,
-trat er unter den Torbogen, und ehrerbietig seine Kerze haltend,
-sprach er mit lauter klarer Stimme, nicht ohne etliche spöttische
-Fratzen zu schneiden:</p>
-
-<p>„Die Gebete der Christen sind für die Seelen im Fegefeuer eine
-große Linderung; aber die des Dechanten von unsrer lieben
-Frauen, des heiligen Mannes, der in der Ausübung aller Tugenden
-vollkommen ist, beruhigen also trefflich die Qualen des
-Feuers, daß es sich plötzlich in Gefrorenes wandelt. Aber die
-Marterteufel kriegen keinen Tropfen davon.“</p>
-
-<p>Und das Volk horchte wiederum mit großer Andacht, nicht ohne
-zu lachen, und der Dechant lächelte mit geistlichem Behagen.</p>
-
-<p>Darauf ward Ulenspiegel drei Jahre des Landes Flandern verwiesen
-und ward ihm auferlegt, eine Pilgerfahrt nach Rom zu
-machen und mit der Absolution des Papstes heimzukehren.</p>
-
-<p>Klas mußte drei Gülden für dieses Urteil zahlen; einen aber gab
-er noch seinem Sohn und versah ihn mit einem Pilgerkleid. Dem
-aber brach am Tag seiner Reise schier das Herz. Er umarmte
-Klas und Soetkin, die schmerzensreiche Mutter, die ganz in
-Tränen zerfloß. Sie gaben ihm ein gut Stück Weges das Geleit,
-in Gesellschaft etlicher Bürger und Bürgersfrauen.</p>
-
-<p>Da Klas wieder in seine Hütte trat, sagte er zu seinem Weibe:</p>
-
-<p>„Weib, es ist recht hart, für ein paar törichte Worte einen so
-jungen Knaben zu dieser strengen Strafe zu verurteilen.“</p>
-
-<p>„Du weinst, Mann, Du liebst ihn mehr als Du zeigst, denn Du
-brichst in männliches Schluchzen aus, das dem Weinen des Leuen
-gleicht.“</p>
-
-<p>Doch er antwortete nichts.</p>
-
-<p>Nele hatte sich in der Scheune verborgen, auf daß niemand sähe,
-daß auch sie um Ulenspiegel weinte. Von ferne folgte sie Soetkin
-und Klas und den Bürgern und Bürgersfrauen. Da sie ihren
-Freund allein fortziehen sah, lief sie zu ihm und sprang ihm an
-den Hals.</p>
-
-<p>„Du wirst viele schöne Damen dort unten finden“, sagte sie.</p>
-
-<p>„Schöne, das weiß ich nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „aber frische
-wie Du, nein, denn die Sonne hat sie alle verbrannt.“</p>
-
-<p>Eine lange Weile gingen sie selbander. Ulenspiegel war ganz in
-Gedanken und sagte etliche Male:</p>
-
-<p>„Ich werde sie ihre Seelenmessen bezahlen lassen.“</p>
-
-<p>„Was für Messen, und wer wird bezahlen?“ fragte Nele.</p>
-
-<p>Ulenspiegel entgegnete:</p>
-
-<p>„Alle Dechanten, Pfarrer, Pfaffen, Küster und obere wie untere
-Laffen, so uns mit Hirngespinsten mästen. Wär ich ein wackerer
-Arbeiter, so hätten sie mir die Frucht von dreijähriger Arbeit gestohlen,
-dieweil sie mich zur Pilgerfahrt zwangen. Nun aber ist es
-der arme Klas, der zahlt. Sie sollen mir meine drei Jahre
-hundertfältig zurückgeben, und ich werde die Seelenmesse von
-ihrem Gelde für sie singen.“</p>
-
-<p>„Ach, Tyll, sei fürsichtig, sie möchten Dich sonst lebendig verbrennen“,
-erwiderte Nele.</p>
-
-<p>„Ich bin von Asbest“, antwortete Ulenspiegel. Dann trennten
-sie sich, sie ganz in Tränen, doch er voller Schmerz und Grimm.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>34</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da er durch Brügge kam, und über den Mittwochsmarkt
-schritt, sah er daselbst eine Frau durch den Henker und seine
-Büttel umhergeführt, und eine große Zahl andrer Weiber schrie
-und heulte tausend schmutzige Schimpfworte um sie her. Da
-Ulenspiegel sah, daß ihr Kleid oben mit Stücken roten Tuches
-besetzt war, auch daß sie den Stein der Gerechtigkeit mit seinen
-Eisenketten am Halse trug, erkannte er, daß es eine Frau war,
-welche die jungen, gesunden Körper ihrer Töchter zu ihrem Nutzen
-verkauft hatte. Man sagte ihm, daß sie Barbe hieße und mit
-Jason Darue verheiratet sei. In diesem Aufzug sollte sie von
-Platz zu Platz geführt werden, bis sie wieder zum Großen Markt
-zurückkam. Allda sollte sie auf ein Gerüst geführt werden, welches
-eigens errichtet war. Ulenspiegel folgte ihr mit dem tobenden
-Volkshaufen. Auf dem Großen Markt angelangt, ward sie
-auf das Gerüst gestellt und an einen Pfosten gebunden, und der
-Henker legte ein Häufchen Gras und einen Klumpen Erde vor
-sie hin, welches die Grube bedeutete.</p>
-
-<p>Man erzählte Ulenspiegel auch, daß sie zuvor im Gefängnis gestäupt
-worden sei.</p>
-
-<p>Wie er davon ging, begegnete er Henri le Marischal, einem Erzbettler,
-welcher in der Schloßhauptmannschaft von West-Ypern
-gehenkt worden war und annoch die Merkmale der Stricke an
-seinem Halse zeigte. Er war, so sagte er, gerettet worden, wie er
-schon in der Luft hing, nur durch ein gutes Gebet, das er an Unsere
-liebe Frau von Hal richtete, also daß nach dem Fortgang der Amtsleute
-und Richter die Stricke, die ihn schon nicht mehr würgten,
-zerrissen und er auf den Boden fiel und heil und gesund war.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel vernahm nachmals, daß dieser vom Strick befreite
-Bettler ein falscher Henri Marischal war, und daß man
-ihn seine Lüge allerorten verbreiten ließ, dieweil er Besitzer eines
-vom Dechanten Unsrer lieben Frauen von Hal unterzeichneten
-Pergaments war. Um dieser Erzählung des Henri Marischal
-willen strömten Alle, so von nah oder ferne den Galgen witterten,
-besagtem Dechanten zu Haufen in seine Kirche und bezahlten ihn
-gut. Und lange Zeit ward Unsere liebe Frau von Hal die Mutter
-Gottes der Gehenkten genannt.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>35</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zur selbigen Zeit stellten die Inquisitoren und Theologen dem
-Kaiser Karl zum andern Male vor, daß die Kirche zugrunde
-ginge, daß ihre Herrschaft verachtet würde und daß er die herrlichen
-Siege, so er errungen, den Gebeten der Katholischen Christenheit
-verdankte, welche die kaiserliche Macht auf ihrem Throne
-erhielte.</p>
-
-<p>Ein Erzbischof von Spanien heischte von ihm, daß sechstausend
-Köpfe abgeschlagen oder ebensoviele Körper verbrannt würden,
-auf daß die bösartige lutherische Ketzerei in den Niederlanden
-ausgerottet würde. Seine Heilige Majestät dünkte solches nicht
-genug.</p>
-
-<p>Derhalben erblickte auch der arme Ulenspiegel an allen Orten,
-durch die er voll Entsetzens zog, nur Köpfe auf Pfählen, junge
-Mägdlein in Säcke gesteckt und lebendig in den Fluß geworfen.
-Er sah Männer nackend aufs Rad geflochten und mit Eisenstangen
-grausam zerschlagen, Frauen in eine Grube geworfen
-und Erde auf sie geschüttet, und der Henker tanzte ihnen auf
-der Brust, um sie zu zerbrechen. Aber die Beichtiger derer, so
-zuvor bereut hatten, verdienten jedesmal zwölf Heller.</p>
-
-<p>In Löwen sah er die Henker dreißig Lutherische zumal verbrennen,
-und der Scheiterhaufen ward mit Schießpulver entzündet. Zu
-Limburg sah er eine Familie, Männer und Frauen, Töchter und
-Töchtermänner zur Richtstatt schreiten und Psalmen singen. Der
-Vater, welcher alt war, schrie, während er verbrannte.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel wanderte auf der armen Erde und empfand
-Furcht und Schmerz.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>36</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Auf freiem Felde schüttelte er sich gleichwie ein Vogel oder
-ein losgelassener Hund, und sein Herz ward wieder guten Mutes
-angesichts der Bäume, der Wiesen und der hellen Sonne.</p>
-
-<p>Wie er nun während dreier Tage gewandert war, kam er in die
-Gegend von Brüssel, in die mächtige Gemeinde von Uccle. Als
-er vor dem Wirtshaus zur Trompete vorbeikam, ward er durch
-einen himmlischen Duft von Fleischgerichten angelockt. Er fragte
-einen kleinen Betteljungen, welcher, die Nase nach dem Winde
-richtend, sich am Wohlgeruch der Tunke ergötzte, wem zu Ehren
-sich dieser festliche Weihrauch gen Himmel erhöbe. Der aber
-antwortete, daß die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sich
-nach der Vesper hier versammelten, um die Befreiung der Gemeinde
-durch die Frauen und Mägdlein von einstmals zu feiern.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sah von fern eine Stange mit einem Papageien
-darauf und ringsumher mit Bögen bewaffnete Weiber. Er fragte,
-ob die Frauen jetzo zu Bogenschützen würden.</p>
-
-<p>Der Betteljunge, welcher den Duft der Tunke einsog, antwortete,
-daß zur Zeit des guten Herzogs die nämlichen Bogen in den Händen
-der Frauen von Uccle mehr denn hundert Räuber vom Leben
-zum Tode gebracht hätten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel wollte mehr davon wissen, doch der Bube sagte, er
-hätte solchen Hunger und Durst, daß er nicht mehr sprechen würde,
-es sei denn, daß Ulenspiegel ihm einen Heller für Essen und Trinken
-gäbe. Ulenspiegel tat es aus Mitleid.</p>
-
-<p>Sobald der Bettler den Heller hatte, drang er ins Wirtshaus
-zur Trompete wie der Fuchs in den Hühnerstall und kam im
-Triumphe zurück, in der Hand eine halbe Wurst und einen dicken
-Laib Brot.</p>
-
-<p>Plötzlich vernahm Ulenspiegel ein sanftes Getön von Schellentrommeln
-und Bratschen und sah eine große Schar Frauen tanzen
-und unter ihnen ein schönes Weib, das eine güldene Kette um den
-Hals trug.</p>
-
-<p>Der Betteljunge, der vor sattem Behagen lachte, erzählte Ulenspiegel,
-daß dieses junge schöne Weib die Königin des Bogenschießens
-sei und Mietje hieße und die Ehefrau Seiner Ehren
-des Herrn Renonckel, des Gemeindeschöffen wäre. Dann begehrte
-er von Ulenspiegel sechs Heller Trinkgeld, und dieser gab
-sie ihm. Nachdem er also gegessen und getrunken, setzte sich der
-Bettler in die Sonne und stocherte sich die Zähne mit den Nägeln.
-Da die Bognerinnen Ulenspiegel in seinem Pilgerkleid erblickten,
-begannen sie in der Runde um ihn zu tanzen und sprachen:</p>
-
-<p>„Guten Tag, schöner Pilger, kommst Du von weit her, Du junger
-Fant?“</p>
-
-<p>„Ich komme aus Flandern, dem schönen Lande, das Überfluß
-an verliebten Mägdlein hat“.</p>
-
-<p>Und er gedachte schwermütig an Nele.</p>
-
-<p>„Was war Dein Verbrechen?“ fragten sie und hörten mit Tanzen
-auf.</p>
-
-<p>„Ich würde nicht wagen es zu beichten, so groß ist es. Aber ich
-habe andere Dinge an mir, die auch nicht klein sind.“</p>
-
-<p>Da lachten die Weiber und stellten Fragen, warum er solcherart
-mit dem Pilgerstab, dem Bettelsack und dem Muschelhut reisen
-müßte.</p>
-
-<p>„Dieweil ich gesagt habe,“ erwiderte er, ein wenig lügend, „daß
-die Seelenmessen für die Priester von Nutzen sind.“</p>
-
-<p>„Sie bringen ihnen klingendes Geld, aber sie sind den Seelen im
-Fegefeuer von Nutzen.“</p>
-
-<p>„Ich war nicht dort“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Willst Du mit uns essen, Pilger?“ sprach die liebreizendste der
-Schützinnen zu ihm.</p>
-
-<p>„Ich will mit Euch essen,“ sagte er, „Dich essen und alle, eine nach
-der andern, denn Ihr seid Bissen für einen König, köstlicher zu
-beißen denn Fettammern, Drosseln und Schnepfen.“</p>
-
-<p>„Gott möge Dich ernähren;“ sprachen sie, „das ist ein unbezahlbares
-Wildpret.“</p>
-
-<p>„Wie Ihr Schönen alle“, erwiderte er.</p>
-
-<p>„Wahrlich, aber wir sind nicht zu verkaufen.“</p>
-
-<p>„Doch zu geben?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagten sie, „Schläge für die Allzudreisten. Und wenn Du
-deren bedarfst, werden wir Dich wie einen Haufen Korn schlagen.“</p>
-
-<p>„Ich verzichte darauf.“</p>
-
-<p>„Komm essen“, sagten sie.</p>
-
-<p>Er folgte ihnen in den Hof der Herberge, gar froh, diese frischen
-Gesichter um sich zu sehen. Plötzlich sah er mit großem Gepränge,
-mit Fahne, Trompete, Flöte und Tambourin, die Brüder vom
-guten Vollmondsgesicht in den Hof einziehen, welche dem
-lustigen Namen ihrer Bruderschaft alle Ehre machten. Da sie
-ihn neugierig betrachteten, sagten die Frauen zu ihnen, es sei ein
-Pilgrim, den sie am Wege aufgelesen, und da sie an ihm ein gutes
-Vollmondsgesicht gewahrt hätten, gleich dem ihrer Gatten und
-Bräutigame, so hätten sie ihn geladen, an ihren Lustbarkeiten
-teilzunehmen.</p>
-
-<p>Die Männer fanden gut, was sie sagten, und der Eine sprach:</p>
-
-<p>„Wallender Pilger, willst Du mit uns durch Tunke und Fleischgerichte
-pilgern?“</p>
-
-<p>„Ich werde Siebenmeilenstiefel dabei anlegen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Da er sich anschickte, mit ihnen in den Festsaal zu treten, gewahrte
-er auf der Straße nach Paris zwölf wandernde Blinde.
-Da sie an ihm vorüber zogen und über Hunger und Durst klagten,
-sagte Ulenspiegel zu sich, daß sie diesen Abend wie Könige tafeln
-sollten, auf Kosten des Dechanten von Uccle, zur Erinnerung an
-die Seelenmessen.</p>
-
-<p>Er ging zu ihnen und sprach:</p>
-
-<p>„Hier sind neun Gulden, kommt essen. Riecht ihr den Duft der
-Fleischgerichte?“</p>
-
-<p>„Ach“, sprachen sie, „seit einer halben Meile sonder Hoffnung.“</p>
-
-<p>„Da ihr jetzt neun Gulden habt, so werdet ihr essen“, sagte Ulenspiegel,
-aber er gab ihnen keine.</p>
-
-<p>„Gesegnet seiest Du“, sprachen sie.</p>
-
-<p>Und von Ulenspiegel geführt, setzten sie sich im Kreise um einen
-kleinen Tisch, dieweil die Brüder vom Guten Vollmondsgesicht
-sich nebst ihren Weibern und Mädchen um einen großen niederließen.</p>
-
-<p>Indem sie sich mit Sicherheit im Besitz von neun Gulden wähnten,
-sprachen die Blinden hochmütig: „Wirt, gib uns vom Besten,
-was Du hast, zu essen und zu trinken.“</p>
-
-<p>Der Wirt, der von neun Gulden hatte sprechen hören, meinte,
-daß sie in ihren Geldbeuteln wären, und fragte nach ihrem Begehr.</p>
-
-<p>Darauf schrieen sie alle zumal:</p>
-
-<p>„Erbsen mit Speck, ein Geschmortes von Rind, Kalb, Hammel
-und Huhn. / Sind die Würste für die Hunde gemacht? / Wer
-hat beim Vorbeigehen Blut- und Weißwürste gewittert, ohne sie
-beim Kragen zu nehmen? Ach, ich sah sie, da meine armen
-Augen mir noch als Leuchten dienten. / Wo sind die Pfannkuchen
-mit Anderlechter Butter? Sie zischen im Ofen, saftig, kraß und
-erzeugen Durst, Kannen hinunterzugießen. / Wer wird mir
-Schinken mit Eiern oder Eier mit Schinken, diese zärtlichen,
-brüderlichen Freunde des Gaumens, unter die Nase halten? /
-Wo seid ihr himmlischen Choesels, das stolze Fleisch, das inmitten
-von Nieren, Hahnenkämmen, Kalbsmilch, Ochsenschwänzen,
-Hammelfüßen und viel Zwiebeln, Pfeffer, Nelke und Muskat
-herumschwimmt? Das Ganze gedämpft und drei Kannen Weißwein
-als Tunke? / Wer führt euch zu mir, ihr herrlichen Leberwürste,
-die Ihr so gut seid, daß Ihr kein Wort sagt, wenn man
-Euch verschlingt? Ihr kommt geradenwegs aus Schlaraffenland,
-dem fetten Lande der glücklichen Bärnhäuter und der
-Schlecker unerschöpflichen Tunken. Doch wo seid Ihr, dürre
-Blätter der letzten Herbste? / Ich will eine Hammelkeule mit
-dicken Bohnen. / Mir Schweinsfähnlein, das sind ihre Ohren. /
-Mir einen Rosenkranz von Fettammern; die Paternoster daran
-müssen Schnepfen sein und ein fetter Kapaun das Kredo.“</p>
-
-<p>Der Wirt erwiderte geruhig:</p>
-
-<p>„Ihr sollt einen Eierkuchen von sechzig Eiern kriegen, und als
-Wegweiser für eure Löffel fünfzig Blutwürste, dampfend auf
-diesen Berg von Nahrung aufgepflanzt, und dobbel Peterman
-obenauf: das wird der Fluß sein.“</p>
-
-<p>Das Wasser lief den armen Blinden im Munde zusammen und
-sie sagten:</p>
-
-<p>„Trag uns den Berg, den Wegweiser und den Fluß auf.“</p>
-
-<p>Und die Brüder vom guten Vollmondsgesicht samt ihren Weibern,
-die mit Ulenspiegel schon zu Tische saßen, sagten, daß dies für
-die Blinden der Tag des unsichtbaren Schmausens sei und daß
-die Armen dermaßen die Hälfte ihres Vergnügens einbüßten.</p>
-
-<p>Da der Eierkuchen kam, mit Petersilie und Kapuzinerkresse bestreut
-und vom Wirt und vier Köchen getragen, wollten sich die
-Blinden hineinstürzen und fuhren bereits mit den Fingern hinein,
-doch der Wirt legte nicht ohne Mühe einem jeden sein Teil in
-seinen Eßnapf.</p>
-
-<p>Die Bognerinnen waren gerührt, da sie sahen, wie jene sich vollstopften
-und dabei vor Behagen schnoben; denn sie hatten gewaltigen
-Hunger und verschluckten die Würste wie Austern. Der
-dobbel Peterman floß in ihre Mägen gleichwie Wasserfälle, die
-von den Bergen hinabstürzen.</p>
-
-<p>Da sie ihre Näpfe geleert hatten, verlangten sie abermals Pfannkuchen,
-Fettammern und neue Fleischgerichte. Der Wirt trug
-ihnen nun eine große Schüssel mit Ochsen-, Kalb- und Hammelknochen
-auf, welche in einer guten Tunke schwammen, legte ihnen
-aber nicht vor.</p>
-
-<p>Da sie aber ihr Brot und ihre Hände bis an die Ellenbogen in
-die Brühe getunkt hatten und nur etliche Rippen, Kalbsknochen
-und eine Hammelkeule, ja sogar ein paar Ochsenkinnbacken
-erwischten, da wähnten sie männiglich, daß die Nachbarn das
-ganze Fleisch hätten, und schlugen einander wütend mit den
-Knochen ins Antlitz.</p>
-
-<p>Wie nun die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sie weidlich
-verlacht hatten, legten sie einen Teil ihres Festmahls mildtätig
-auf die Teller der Armen, und wer von ihnen einen Knochen für
-den Kampf suchte, legte die Hand auf eine Drossel, ein Hühnchen
-oder etliche Lerchen. Derweil hielten die Frauen ihnen den
-Kopf hintenüber und gossen ihnen Brüsseler Wein in Menge hinunter.
-Und wenn sie nach Art der Blinden tasteten, woher diese
-Ströme von Nektar kämen, erhaschten sie nur einen Frauenrock
-und wollten ihn festhalten. Der aber entschlüpfte ihnen unversehens.
-Darum lachten, tranken, aßen und sangen sie.</p>
-
-<p>Etliche, welche die artigen Weiblein witterten, liefen ganz vernarrt
-und von Liebe behext durch den Saal, aber die boshaften
-Mädchen führten sie in die Irre, versteckten sich hinter einen
-Bruder vom guten Vollmondsgesicht und sprachen zu ihnen:
-„Küsse mich.“ Solches taten sie, aber anstatt einer Frau küßten sie
-das bärtige Antlitz eines Mannes, nicht ohne barsche Abweisung.
-Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sangen; sie sangen alle
-zumal. Und die lustigen Weiblein lachten voll innigen Wohlgefallens,
-da sie ihre Freude sahen.</p>
-
-<p>Als diese nahrhaften Stunden vorüber waren, sagte der Baas
-zu ihnen:</p>
-
-<p>„Ihr habt gut gegessen und getrunken; ich bekomme sieben
-Gulden.“</p>
-
-<p>Jeder von ihnen schwur, er hätte die Börse nicht, und beschuldigte
-seinen Nachbarn. Daraus entstand eine Schlacht unter
-ihnen, darin sie versuchten, sich mit Füßen, Fäusten und Köpfen
-zu stoßen, aber sie vermochten es nicht und schlugen ins Leere,
-denn die Brüder vom guten Vollmondsgesicht, da sie das Spiel
-sahen, trennten sie von einander. Und die Schläge regneten in
-die Luft, einen ausgenommen, welcher durch ein Mißgeschick in
-das Gesicht des Baas fiel. Der aber ward zornig, untersuchte
-sie alle und fand nichts denn ein altes Skapulier, sieben Heller,
-drei Hosenknöpfe und ihre Rosenkränze.</p>
-
-<p>Er wollte sie in den Schweinestall werfen, bis für sie bezahlt
-würde, was sie schuldig waren.</p>
-
-<p>„Soll ich für sie bürgen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ja,“ erwiderte der Baas, „wenn jemand für Dich bürgt.“</p>
-
-<p>Die guten Vollmondsgesichter wollten das tun, doch Ulenspiegel
-hinderte sie und sprach:</p>
-
-<p>„Der Pfarrer wird Bürge sein, ich werde ihn aufsuchen.“</p>
-
-<p>Der Seelenmessen gedenkend, ging er zum Pfarrer und erzählte
-ihm, wie der Baas der „Trompete“ vom Teufel besessen sei. Er
-spräche von nichts denn von Schweinen und von Blinden, daß
-die Schweine die Blinden und die Blinden die Schweine fräßen,
-unter mancherlei unheiligen Formen von Braten und Fleischgerichten.
-Während dieser Anfälle, so sagte er, zerbräche er alles
-im Hause; und er bat ihn hinzukommen und den armen Menschen
-von diesem bösen Geist zu befreien.</p>
-
-<p>Solches versprach der Pfarrer ihm, bedeutete ihm aber, daß er
-nicht sogleich mitkommen könne; denn er machte just die Abrechnungen
-des Kapitels und trachtete dabei nach seinem Vorteil.
-</p>
-<p>
-Da Ulenspiegel sah, daß er ungeduldig war, sagte er, daß er mit
-der Frau des Baas wiederkommen werde und daß der Pfarrer
-selbst mit ihr sprechen könne.</p>
-
-<p>„Kommt alle beide“, sprach der Pfarrer.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging wieder zum Wirt und sprach:</p>
-
-<p>„Ich habe den Pfarrer gesprochen, er wird für die Blinden
-Bürgschaft leisten. Dieweil Ihr sie bewacht, lasset die Wirtin
-mit mir zu ihm gehen; er wird ihr wiederholen, was ich Euch
-sagte.“</p>
-
-<p>„Gehe hin, Weib“, sprach der Baas.</p>
-
-<p>Die Wirtin ging mit Ulenspiegel zum Pfarrer, welcher nicht aufhörte
-zu rechnen, um einen Vorteil für sich herauszufinden. Da
-sie mit Ulenspiegel bei ihm eintrat, winkte er ihr voll Ungeduld
-mit der Hand, daß sie fort gehen sollten, und sprach:</p>
-
-<p>„Beruhige Dich, ich werde Deinem Manne in einem oder zwei
-Tagen zu Hilfe kommen.“</p>
-
-<p>Und da Ulenspiegel nach der Trompete zurückkam, sprach er zu
-sich selbst: „Er wird hundert Gülden zahlen, und das soll meine
-erste Seelenmesse sein.“</p>
-
-<p>Und er machte sich auf, desgleichen die Blinden.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>37</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel sich am folgenden Tage auf einer Landstraße
-inmitten viel Volkes befand, folgte er ihm und erfuhr alsbald,
-daß dies der Tag der Wallfahrt nach Alsenberg wäre.</p>
-
-<p>Er sah arme alte Weiblein, die für einen Gulden barfuß rückwärts
-gingen, um die Sünden etlicher fürnehmer Damen abzubüßen.
-Am Wegraine hielten etliche Wallfahrer beim Klange
-von Geigen, Bratschen und Sackpfeifen Schmausereien von gebackenen
-Fischen und Zechereien von Braunbier. Und der Dampf
-der leckeren Fleischgerichte stieg wie ein lieblicher Opferduft gen
-Himmel.</p>
-
-<p>Aber es waren da andere Pilger, Bauern, Bettler und Hungerleider,
-welche, von der Kirche bezahlt, für sechs Sous rückwärts
-gingen.</p>
-
-<p>Ein kleines, ganz kahlköpfiges Männlein mit weit aufgerissenen
-Augen und scheuer Miene sprang rückwärts hinter ihnen, indeß
-es seine Vaterunser abbetete. Ulenspiegel wollte wissen, um was
-der Mann solcherart die Krebse nachäffte, trat vor ihn und
-sprang lächelnd in gleicher Art. Die Geigen, Pfeifen, Bratschen
-und Dudelsäcke und das Ächzen der Pilger machten die Tanzmusik.</p>
-
-<p>„Jan van den Duivel,“ sprach Ulenspiegel, „läufst Du auf solche
-Weise, um sicherer zu fallen?“</p>
-
-<p>Der Mann antwortete nicht und fuhr fort, seine Paternoster zu
-murmeln.</p>
-
-<p>„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „willst Du wissen, wieviel Bäume
-auf dem Wege sind? Aber zählst Du nicht auch die Blätter
-daran?“</p>
-
-<p>Der Mann, der ein Kredo betete, winkte Ulenspiegel zu schweigen.</p>
-
-<p>„Vielleicht“, sagte dieser und hüpfte immer vor ihm her, dieweil
-er ihm nachahmte, „gehst Du um eines plötzlichen Wahnsinns
-willen anders denn alle Welt. Doch wer will einem Narren eine
-weise Antwort entlocken, der ist selbst nicht weise. Ist es nicht
-also, mein Herr mit dem kahlen Fell?“</p>
-
-<p>Da der Mann noch immer nicht antwortete, fuhr Ulenspiegel fort
-zu hüpfen; doch er vollführte dabei einen solchen Lärm mit seinen
-Sohlen, daß der Weg widerhallte gleich wie eine hölzerne Kiste.</p>
-
-<p>„Vielleicht“, sprach Ulenspiegel, „seid Ihr stumm, mein Herr?“</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Ave Maria</span>,“ sprach der Mann, „<span class="antiqua">gratia plena et benedictus
-fructus ventris tui Jesus</span>.“</p>
-
-<p>„Oder vielleicht seid ihr auch taub?“ fragte Ulenspiegel. „Das
-werden wir sehen: Man sagt, daß die Tauben weder Lobsprüche
-noch Schimpfwörter hören. Laß sehen, ob das Trommelfell
-Deiner Ohren von Haut oder von Erz ist. Du Laterne ohne
-Licht, Du Trugbild eines Fußgängers, glaubst Du einem Manne
-zu gleichen? Das wird geschehen, wenn sie aus Lumpen gemacht
-werden. Wo sah man je solche gelbliche Fratze, solchen kahlen
-Schädel, wenn nicht auf dem Galgenacker? Bist Du nicht vor
-Zeiten gehenkt worden?“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel tanzte und der Mann ward zornig, sprang grollend
-rückwärts und murmelte seine Paternoster mit geheimem
-Verdruß.</p>
-
-<p>„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „verstehst Du nur Hochvlämisch,
-ich werde Platt zu Dir sprechen. Wenn Du nicht ein Vielfraß
-bist, so bist Du ein Trunkenbold. Bist Du aber kein Trunkenbold,
-sondern ein Wassertrinker, so bist du ein Schalk, der irgendwo
-verstopft ist, und bist Du nicht verstopft, so hast Du Durchfall.
-Bist Du nicht ein Wüstling, so bist Du ein Kapaun. Wenn es
-Mäßigkeit gibt, so erfüllt sie nicht die Tonne Deines Bauches,
-und wenn es auf tausend Millionen Menschen, so die Erde bevölkern,
-nur einen Hahnrei gäbe, so wärest Du es“.</p>
-
-<p>Bei dieser Rede fiel Ulenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine
-in die Luft, denn der Mann hatte ihm einen solchen Faustschlag
-unter die Nase versetzt, daß er mehr denn hundert Lichter blitzen
-sah. Dann fiel er behende über ihn her, trotz der Last seines
-Bauches, und schlug ihn überall, und die Schläge regneten gleich
-wie Hagel auf Ulenspiegels mageren Körper. Und sein Knüppel
-fiel zu Boden.</p>
-
-<p>„Lerne aus dieser Lehre,“ sprach der Mann zu ihm, „daß du die
-rechtschaffenen Leute, die auf die Wallfahrt gehen, nicht hänselst.
-Denn wisse wohl, ich gehe auch nach Alsenberg, wie es Brauch
-ist, um die heilige Frau Maria zu bitten, daß sie ein Kind, das
-meine Frau empfangen, da ich auf Reisen war, eine Fehlgeburt
-werden lasse. Um eine so große Wohltat zu erlangen, muß man
-vom zwanzigsten Schritt nach der Wohnung bis zu den untersten
-Kirchenstufen rückwärts gehen und tanzen, ohne zu sprechen. Ach,
-jetzt muß ich von vorn anfangen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel hatte seinen Stock aufgehoben und sagte:</p>
-
-<p>„Ich will Dir helfen, Du Taugenichts, dem die Mutter Gottes
-dienen soll, die Kinder im Mutterleibe zu töten.“</p>
-
-<p>Und er hub an, den boshaften Hahnrei so grausam zu prügeln,
-daß er ihn für tot auf dem Wege liegen ließ.</p>
-
-<p>Dieweilen stieg das Gestöhn der Wallfahrer, die Töne der Pfeifen,
-Bratschen, Geigen und Dudelsäcke immerwährend gen Himmel
-und gleich wie ein reiner Weihrauch der Dampf der gebackenen
-Fische.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>38</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Klas, Soetkin und Nele schwätzten am Kaminfeuer und unterhielten
-sich über den wallenden Pilger.</p>
-
-<p>„Mädchen,“ sagte Soetkin, „warum kannst Du ihn nicht durch
-die Macht des Jugendzaubers immer bei uns halten!“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Nele, „ich kann es nicht.“</p>
-
-<p>„Das kommt,“ erwiderte Klas, „weil er einen entgegengesetzten
-Zauber hat, der ihn treibt zu laufen, ohne sich je auszuruhen,
-es sei denn, wenn er sein Maulwerk arbeiten läßt.“</p>
-
-<p>„Der häßliche Schalk“, seufzte Nele.</p>
-
-<p>„Ein Schalk,“ sprach Soetkin, „das gebe ich zu, aber häßlich, nein.
-Wenn mein Sohn Ulenspiegel kein griechisches oder römisches Antlitz
-hat, um so besser; denn aus Flandern sind seine flinken Füße,
-vom Franken aus Brügge seine klugen, braunen Augen, und seine
-Nase und Mund sind von zwei Füchsen gemacht, die Meister in
-den Wissenschaften der Schalkheit und der Bildschneiderei sind.“</p>
-
-<p>„Wer machte ihm denn die Arme eines Faullenzers, und Beine,
-die allzu behend sind, dem Vergnügen nachzulaufen?“ fragte Klas.</p>
-
-<p>„Sein allzu junges Herz“, erwiderte Soetkin.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>39</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zu jener Zeit kurierte Katheline durch Heilkräuter einen Ochsen,
-drei Hämmel und ein Schwein, die Speelman gehörten; eine Kuh
-aber, die Jan Beloen hatte, konnte sie nicht heilen. Dieser klagte
-sie der Zauberei an. Er erklärte, daß sie das Tier behext hätte,
-in Ansehung dessen, daß sie es streichelte und zu ihm sprach, dieweil
-sie ihm die Heilkräuter gab, sonder Zweifel in einer teuflischen
-Sprache, denn eine rechtschaffene Christin soll nicht zu
-einem Tiere reden.</p>
-
-<p>Besagter Jan Beloen fügte hinzu, daß er Speelmanns Nachbar
-sei, welchem sie den Ochsen, die Hämmel und das Schwein kuriert
-habe. Wenn sie seine Kuh umgebracht habe, so sei das sonder
-Zweifel auf Anstiften Speelmanns geschehen, welcher mit Neid
-sähe, daß seine, Beloens Äcker, besser bestellt wären und mehr Frucht
-trügen denn seine, Speelmanns Äcker. Auf das Zeugnis von Pieter
-Meulemeester, einem Manne von gutem Wandel und Sitten,
-sowie von Jan Beloen, welche bezeugten, daß Katheline in
-Damm als Hexe verrufen sei und sonder Zweifel die Kuh umgebracht
-habe, ward Katheline gefänglich eingezogen und verurteilt,
-gefoltert zu werden, bis sie ihre Verbrechen und Missetaten
-bekannt hätte.</p>
-
-<p>Sie ward durch einen Schöffen verhört, der beständig wütend
-war, denn er trank den ganzen Tag Branntwein.</p>
-
-<p>Vor ihm und den Männern der Vierschare ward Katheline auf
-die erste Folterbank gelegt. Der Henker zog sie ganz nackt aus,
-dann schor er ihr die Haare am ganzen Körper und sah überall
-nach, ob sie irgend einen Zauber verberge. Da er nichts gefunden
-hatte, band er sie mit Stricken auf die Folterbank fest.</p>
-
-<p>Da sprach sie:</p>
-
-<p>„Ich schäme mich, also nackt vor diesen Männern zu sein, heilige
-Frau Maria macht, daß ich sterbe.“</p>
-
-<p>Alsobald legte ihr der Henker nasse Lappen auf die Brust, den
-Leib und die Beine, hob die Bank in die Höhe und goß ihr heißes
-Wasser in so großer Menge in den Magen, also daß sie ganz
-aufgeblasen schien. Dann ließ er die Bank zurückfallen.</p>
-
-<p>Der Schöffe fragte Katheline, ob sie ihr Verbrechen bekennen
-wollte. Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Henker goß
-ihr noch mehr heißes Wasser ein, aber Katheline brach alles aus.
-Da ward sie auf Anraten des Arztes losgebunden. Sie sprach
-nicht, aber sie schlug sich auf die Brust, zum Zeichen, daß das
-heiße Wasser sie verbrannt hätte. Als der Schöffe sah, daß sie
-sich von dieser ersten Folter erholt hatte, sagte er zu ihr:</p>
-
-<p>„Bekenne, daß Du eine Hexe bist und daß Du die Kuh verzaubert
-hast“.</p>
-
-<p>„Ich werde nicht bekennen“, sagte sie. „Ich liebe alle Tiere, so
-sehr mein armes Herz vermag, und lieber würde ich mir ein
-Leides tun als ihnen, so sie sich nicht verteidigen können. Um
-die Kuh zu heilen, habe ich die Mittel angewandt, die von Nöten
-sind“.</p>
-
-<p>Doch der Schöffe erwiderte:</p>
-
-<p>„Du hast ihr Gift gegeben, denn die Kuh ist tot“.</p>
-
-<p>„Herr Schöffe,“ sprach Katheline, „ich bin hier vor Eurem
-Richterstuhl und in Eurer Gewalt. Dennoch wage ich Euch zu
-sagen, daß ein Tier an einer Krankheit sterben kann wie ein
-Mensch, trotz des Beistandes der Chirurgen und Ärzte. Und ich
-schwöre beim allerhöchsten Herrn Christus, der gern bereit war,
-für unsere Sünden am Kreuze zu sterben, daß ich dieser Kuh
-nichts antun wollte, sondern vielmehr sie durch einfache Mittel
-heilen.“</p>
-
-<p>Da sagte der Schöffe wütend:</p>
-
-<p>„Diese Teufelsdirne soll nicht unaufhörlich leugnen. Bringt sie
-auf eine andere Folterbank!“</p>
-
-<p>Und er trank ein großes Glas Branntwein.</p>
-
-<p>Der Henker setzte Katheline auf den Deckel eines Sarges von
-Eichenholz, welcher auf Holzböcken ruhte. Besagter Deckel in
-Form eines Daches war scharf wie eine Klinge. Im Kamin
-brannte ein großes Feuer, denn es war im Monat November.
-Da Katheline auf dem Sarge und auf einem Spieß von spitzem
-Holze saß, ward sie mit zu engen Schuhen aus frischem Leder bekleidet
-und vor das Feuer geschoben. Als sie fühlte, wie das
-schneidende Holz des Sarges und der spitze Spieß in ihr Fleisch
-drang und die Glut das Leder ihrer Schuhe erhitzte und zusammenzog,
-schrie sie:</p>
-
-<p>„Ich leide tausend Schmerzen! Wer gibt mir schwarzes Gift?“</p>
-
-<p>„Rückt sie näher ans Feuer“, gebot der Schöffe.</p>
-
-<p>Dann befragte er Katheline:</p>
-
-<p>„Wie oft bist Du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten?
-Wie oft hast Du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem
-Baum, das Ungeborne im Mutterleibe zu Grunde gerichtet?
-Wie oft hast du aus zwei Brüdern geschworne Feinde und aus
-zwei Schwestern Nebenbuhlerinnen voll Haß gemacht?“</p>
-
-<p>Katheline wollte sprechen, doch sie vermochte es nicht, und bewegte
-die Arme, wie um nein zu sagen. Der Schöffe sagte
-darauf:</p>
-
-<p>„Sie wird nicht eher sprechen, als bis sie am Feuer all ihr Hexenfett
-schmelzen fühlt. Rückt sie näher heran“.</p>
-
-<p>Katheline schrie. Der Schöffe sprach zu ihr:</p>
-
-<p>„Bitte Satan, daß er Dich kühle“.</p>
-
-<p>Sie machte eine Bewegung, als sei sie willens, ihre Schuhe
-auszuziehen, die bei der Feuersglut rauchten.</p>
-
-<p>„Bitte Satan, daß er Dir die Schuhe auszieht“, sprach der
-Schöffe.</p>
-
-<p>Es schlug zehn Uhr, die Mittagszeit des Wüterichs; er ging mit dem
-Henker und dem Schreiber hinaus und ließ Katheline allein vor
-dem Feuer in der Folterkammer.</p>
-
-<p>Um eilf Uhr kamen sie zurück und fanden Katheline steif und
-unbeweglich sitzend. Der Schreiber sprach:</p>
-
-<p>„Mich deucht, sie ist tot.“</p>
-
-<p>Der Schöffe befahl dem Henker, Katheline vom Sarge zu nehmen
-und ihr die Schuhe auszuziehen. Der Henker konnte sie nicht
-ausziehen und schnitt sie los. Kathelinens Füße kamen rot und
-blutend zum Vorschein.</p>
-
-<p>Und der Schöffe, seiner Mahlzeit gedenkend, blickte sie an, ohne
-ein Wort zu sagen. Aber alsbald kam sie wieder zu sich und stürzte
-zu Boden, von wo sie sich aller Anstrengung zum Trotz nicht
-wieder erheben konnte.</p>
-
-<p>Sie sprach zum Schöffen:</p>
-
-<p>„Ehedem hast Du mich zum Weibe gewollt, nun aber sollst Du
-mich nicht mehr bekommen. Viermal drei, das ist die heilige Zahl,
-und der dreizehnte ist der Ehemann“.</p>
-
-<p>Und da der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm:</p>
-
-<p>„Sei still, er hört schärfer denn der Erzengel, der im Himmel
-die Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst Du so
-spät? Viermal drei, das ist die heilige Zahl; er tötet, die mich
-begehren“.</p>
-
-<p>Der Schöffe sagte:</p>
-
-<p>„Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette“.</p>
-
-<p>„Sie redet irr wegen der Folterqualen“, sagte der Schreiber.</p>
-
-<p>Katheline ward ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach,
-da das Schöffengericht sich in der „Vierschare“ versammelt
-hatte, ward Katheline nach Beratung zur Feuerstrafe verurteilt.</p>
-
-<p>Der Henker und seine Büttel führten sie auf den großen Markt
-von Damm. Daselbst war ein Gerüst, auf welches sie stieg. Auf
-dem Platze standen der Profoß, der Herold und die Richter.</p>
-
-<p>Die Trompeten des Stadtherolds erschallten dreimal, und dieser
-sagte zum Volke:</p>
-
-<p>„Dieweil der Magistrat von Damm mit Jungfer Katheline Mitleid
-gehabt hat, so hat er nicht gemäß der äußersten Strenge des
-städtischen Gesetzes sie bestrafen wollen. Um aber bekannt zu
-geben, daß sie eine Hexe ist, sollen ihre Haare verbrannt werden;
-auch soll sie zwanzig Goldkarolus Buße zahlen und auf drei
-Jahre aus dem Weichbild von Damm verbannt werden, bei Gefahr,
-ein Glied ihres Körpers zu verlieren.“</p>
-
-<p>Und das Volk begrüßte diese rauhe Milde mit Beifall. Danach
-band der Henker Katheline am Pfahle fest, setzte eine Perücke von
-Werg auf ihren geschorenen Kopf und steckte sie an. Das Werg
-brannte lange und Katheline schrie und weinte.</p>
-
-<p>Dann wurde sie losgebunden und auf einem Karren aus dem
-Weichbild von Damm gefahren; denn ihre Füße waren verbrannt.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>40</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zur selbigen Zeit war Ulenspiegel in Herzogenbusch in Brabant,
-und etliche Herren der Stadt begehrten ihn zu ihrem Narren.
-Er aber schlug diese Würde aus und sprach: „Ein wallender
-Pilger kann nicht an einem Orte Narretei treiben, sondern nur
-in Herbergen und auf Straßen.</p>
-
-<p>Zur selbigen Zeit kam Philipp, welcher König von Engelland
-war, seine künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hennegau,
-Holland und Seeland zu besuchen. Er war dazumal im neunundzwanzigsten
-Jahre seines Alters. In seinen graugrünen
-Augen wohnte bittere Melancholie, scheue Verstecktheit und grausame
-Entschlossenheit. Kalt war sein Antlitz, starr sein mit falben
-Haaren bedeckter Kopf, und steif war auch sein magerer Leib
-und seine gebrechlichen Beine; seine Sprache war langsam und
-schwerfällig, wie wenn er Wolle im Munde gehabt hätte.</p>
-
-<p>Inmitten von Turnieren, Lanzenstechen und Festen besuchte er
-das frohgemute Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern
-und seine andern Herrschaften. Allerorten schwur er die
-Privilegien zu bewahren; doch da er zu Brüssel einen Schwur
-auf das Evangelium tat, die güldene Bulle von Brabant zu
-achten, krampfte sich seine Hand so heftig zusammen, daß er sie
-von dem heiligen Buch zurückziehen mußte.</p>
-
-<p>Er begab sich nach Antwerpen, allwo man zu seinem Empfange
-dreiundzwanzig Triumphbögen machte. Die Stadt gab zweihundert
-siebenundachtzig tausend Gülden aus, um diese Bögen
-zu bezahlen, desgleichen die Anzüge von achtzehnhundert und
-neunundsiebzig Kaufleuten, alle in karmoisinroten Sammet gekleidet.
-Desgleichen für die reiche Livrei von vierhundert und
-sechzehn Lakaien und den prächtigen seidenen Aufputz von viertausend
-gleichgekleideten Bürgern. Manches Festspiel ward von
-den Schülern aller Städte der Niederlande oder nahezu aller
-aufgeführt.</p>
-
-<p>Allda sah man mit ihren Narren und Närrinnen den Fürsten der
-Liebe von Tournay auf einer Sau mit Namen Astarte reitend;
-den König der Toren von Lille, so ein Pferd am Schwanz führte
-und hinterdrein ging; den Fürsten der Lust von Valenciennes, so
-zu seiner Kurzweil die Fürze seines Esels zählte, den Abt des Frohsinns
-von Arras, welcher Brüsseler Wein aus einer Flasche in
-Gestalt eines Breviers trank, und das war ein fröhlich Lesen.
-Desgleichen den Abt der wohlversorgten Töpfe aus Ath, welcher
-nur mit einem durchlöcherten Hemde und niedergetretenen Schuhen
-versorgt war; aber er hatte eine Wurst, damit er sich trefflich den
-Bauch versorgte. Desgleichen den Propst der Leichtfertigen
-Brüder, einen jungen Fant, so auf einer furchtsamen Ziege ritt
-und ihretwegen manche Püffe erhielt, wenn er in die Menge trabte.
-Auch erblickte man allda den Abt von der Silberschüssel von Le
-Quesnoy, so auf einem Pferde ritt und tat, als ob er in einer
-Schüssel säße, und dabei sagte: „Es ist kein Tier so groß, daß
-Feuer es nicht braten könnte.“</p>
-
-<p>Und sie trieben allerhand unschuldige Narretei, aber der König
-blieb traurig und düster.</p>
-
-<p>Desselbigen Abends versammelten sich der Markgraf von Antwerpen,
-die Bürgermeister, Hauptleute und Ältesten, um irgend
-ein Spiel zu ersinnen, das König Philipp zum Lachen brächte.</p>
-
-<p>Der Markgraf sprach:</p>
-
-<p>„Habet Ihr nicht von einem gewissen Pierkin Jakobsen reden
-hören, dem Narren der Stadt Herzogenbusch, gar berühmt für
-seine Schwänke?“</p>
-
-<p>„Freilich“, sagten sie.</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sprach der Markgraf, „entbieten wir ihn hierher, auf
-daß er etwelchen geschickten Streich verübe, sintemalen unser
-Narr Blei in den Schuhen hat.“</p>
-
-<p>„Entbieten wir ihn hierher“, meinten sie.</p>
-
-<p>Da der Bote von Antwerpen nach Herzogenbusch kam, ward
-ihm gesagt, daß der Narr Pierkin am zuvielen Lachen verendet
-wäre, daß aber ein andrer durchreisender Narr in der Stadt wäre,
-namens Ulenspiegel. Der Bote suchte ihn in einer Schenke auf,
-wo er ein Gericht von Muscheln aß und einem Mägdlein von
-den Schalen einen Panzer machte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war entzückt, da er erfuhr, daß um seinetwillen der
-Gemeindekurier von Antwerpen auf einem so schönen Ambachter
-Rosse geritten sei und noch ein anderes am Zügel führte.</p>
-
-<p>Ohne abzusteigen, fragte ihn der Kurier, ob er einen neuen Schelmenstreich
-zu erfinden wisse, um König Philipp zum Lachen zu
-bringen.</p>
-
-<p>„Ich habe einen Anschlag unter meinen Haaren“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Sie ritten von dannen. Die beiden Pferde liefen mit verhängtem
-Zügel und trugen Ulenspiegel und den Kurier nach Antwerpen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel trat vor den Markgrafen, die beiden Bürgermeister
-und die von der Gemeine.</p>
-
-<p>„Was gedenkst du zu tun?“ fragte ihn der Markgraf.</p>
-
-<p>„In die Luft zu fliegen“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wie wirst du das anstellen?“ fragte der Markgraf.</p>
-
-<p>„Wißt ihr, was noch weniger wert ist als eine geplatzte Blase?“
-fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Das weiß ich nicht“, sprach der Markgraf.</p>
-
-<p>„Es ist ein verratenes Geheimnis.“</p>
-
-<p>Indessen ritten die Herolde der Spiele auf ihren schönen Rossen,
-so mit karmoisinrotem Sammet aufgezäumt waren, durch alle
-großen Straßen, Plätze, Kreuzwege und bliesen die Trompete
-und schlugen die Trommel. Solchergestalt verkündeten sie den
-„Signorkes“ und „Signorkinnes“, daß Ulenspiegel, der Narr von
-Damm, am Ufer der Schelde in die Luft fliegen würde und daß
-König Philipp und seine hohe, erlauchte und ansehnliche Gesellschaft
-auf einer Estrade gegenwärtig sein würden.</p>
-
-<p>Der Estrade gegenüber stand ein Haus in italienischer Bauart;
-längs des Daches lief eine Wasserrinne. Ein Bodenfenster öffnete
-sich nach der Dachrinne. An diesem Tage ritt Ulenspiegel auf
-einem Esel durch die Stadt, und ein Diener zu Fuß lief ihm zur
-Seite. Ulenspiegel hatte das schöne Kleid von karmoisinroter
-Seide angelegt, welches ihm der hochwohllöbliche Gemeinderat
-gegeben hatte. Seine Kopfbedeckung war eine karmoisinrote
-Kapuze, an der zwei Eselsohren mit einer Schelle an jedem Ende
-zu sehen waren. Er trug eine Halskette von kupfernen Medaillen,
-darauf in getriebener Arbeit das Wappen von Antwerpen zu sehen
-war. An den Ärmeln des Wamses klingelte eine vergüldete Schelle
-an den Spitzen der Ellenbogen. Er trug Schuhe mit vergüldeten
-Stelzen und oben an den Stelzen eine Schelle. Sein Esel hatte
-eine Schabracke von karmoisinroter Seide, und auf jedem Schenkel
-das Wappen von Antwerpen in echtem Golde gestickt.</p>
-
-<p>Der Knecht schwenkte in einer Hand einen Eselskopf und in der
-andern einen Zweig, an dessen Spitze eine Kuhglocke klingelte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ließ seinen Knecht und sein Reittier auf der Straße
-und stieg in die Dachrinne. Allda schüttelte er seine Schellen und
-öffnete die Arme ganz weit, als ob er fliegen wollte. Dann, sich
-vor König Philipp verneigend, sprach er:</p>
-
-<p>„Ich meinte, es sei kein Narr in Antwerpen denn ich. Nun seh
-ich, daß schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn Ihr
-mir alle sagtet, daß Ihr fliegen wolltet, ich glaubt’ es nicht, und
-Ihr glaubt mir als einem Toren. Wie sollt’ ich fliegen können;
-ich bin doch kein Vogel.“</p>
-
-<p>Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sagten:</p>
-
-<p>„Der Narr spricht gleichwohl war.“</p>
-
-<p>Aber König Philipp blieb unbeweglich wie ein König von Stein.
-Und die vom Gemeinderat sagten ganz leise unter sich:</p>
-
-<p>„War nicht von Nöten, so große Feste für solch einen Sauertopf
-zu bereiten.“</p>
-
-<p>Und sie gaben Ulenspiegel drei Gülden, und er ging von hinnen,
-nachdem er ihnen wohl oder übel das Kleid von karmoisinroter
-Seide zurückgegeben hatte.</p>
-
-<p>„Was sind drei Gülden in der Tasche eines jungen Gesellen denn
-ein Schneeball vor dem Feuer, oder eine volle Flasche, die vor
-Euch steht, Ihr weitschlündigen Trinker? Drei Gülden! Die
-Blätter fallen von den Bäumen und schlagen wieder aus, aber
-die Gülden wandern aus der Tasche und kehren nimmer zurück.
-Die Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer fort, und die
-Gülden gleichermaßen, ob sie gleich zwei Esterling und neun As
-wiegen.“</p>
-
-<p>Solches sagend betrachtete Ulenspiegel seine drei Gülden.</p>
-
-<p>„Welch stolzer Anblick“, sprach er für sich. „Auf der Vorderseite
-Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert in der
-einen Hand und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet,
-in der andern! Welch stolze Miene hat er! Er ist von Gottes
-Gnaden römischer Kaiser, König von Spanien usw. Er ist gar
-gnädig gegen unsre Lande, der gepanzerte Kaiser. Und hier auf
-der Rückseite ist ein Schild, darauf die Herzogs- und Grafenwappen
-all seiner Besitzungen eingestochen sind, mit der schönen
-Umschrift: <span class="antiqua">Da mihi virtutem contra hostes tuos.</span> Gib mir
-Tapferkeit gegen deine Feinde. / Wahrlich, er war tapfer gegen
-die Reformirten, die Vermögen haben, das eingezogen werden
-kann. Und er beerbt sie. Ach, wenn ich Kaiser Karl wäre, ich
-würde Gülden für jedermann prägen lassen, und wenn ein jeglicher
-reich wäre, so würde keiner mehr arbeiten.“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel hatte das Nachsehen bei dem schönen Gelde; es
-war dahingegangen beim Klirren der Humpen und Flaschen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>41</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Dieweil Ulenspiegel sich in karmoisinroter Seide auf der Dachrinne
-sehen ließ, hatte er nicht gemerkt, daß Nele unter dem Volke
-stand und ihn lächelnd anblickte. Sie wohnte dermalen in Borgerhout
-bei Antwerpen und dachte, wenn irgend ein Narr vor
-König Philipp fliegen wollte, so müßte es ihr Freund Ulenspiegel
-sein.</p>
-
-<p>Da er sinnend auf der Straße wanderte, hörte er nicht das Geräusch
-rascher Schritte hinter sich, aber er fühlte zwei Hände,
-die sich flach auf seine Augen legten; und Nele witternd, sagte
-er:</p>
-
-<p>„Du bist es?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach sie, „ich laufe hinter dir her, seit du aus der Stadt
-gegangen bist. Komm mit mir.“</p>
-
-<p>„Aber“, fragte er, „wo ist Katheline?“</p>
-
-<p>„Du weißt nicht, daß sie ungerecht als Hexe gefoltert und dann
-auf drei Jahre aus Damm verbannt ist, und daß sie ihr die Füße
-verbrannt und ihr Werg auf dem Kopfe entzündet haben. Solches
-sage ich Dir, auf daß Du nicht vor ihr erschrickst, denn sie
-ist durch das große Leiden irre geworden. Oft bringt sie ganze
-Stunden damit zu, ihre Füße anzusehen und zu sagen: „Hanske,
-mein süßer Teufel, sieh, was sie Deiner Liebsten getan haben.“
-Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden. Dann weint sie
-und sagt: „Die andern Frauen haben einen Mann oder einen
-Liebsten, ich aber lebe wie eine Wittib in dieser Welt.“ Alsdann
-sage ich ihr, daß ihr Hanske Haß gegen sie fassen wird,
-wenn sie zu andern als zu mir von ihm spricht. Und sie gehorcht
-mir wie ein Kind, ausgenommen, wenn sie eine Kuh oder einen
-Ochsen, die Ursache ihrer Folter sieht. Dann entflieht sie in
-schnellem Lauf, und nichts hält sie auf, nicht Zäune, Flüsse noch
-Wasserläufe, bis sie an einem Wegeknick oder an der Mauer
-eines Gutshofes vor Erschöpfung umfällt. Ich gehe ihr nach,
-sie aufzuheben und ihr die Füße zu verbinden, die dann bluten.
-Und ich glaube, da man das Bündel Werg auf ihrem Kopfe verbrannte,
-hat man ihr auch das Hirn im Kopf verbrannt.“</p>
-
-<p>Und beide waren betrübt, da sie Kathelines gedachten.</p>
-
-<p>Sie kamen zu ihr und sahen sie auf einer Bank in der Sonne
-sitzen, an die Wand ihres Hauses gelehnt. Ulenspiegel sagte zu
-ihr:</p>
-
-<p>„Erkennst du mich?“</p>
-
-<p>„Viermal drei,“ sagte sie, „das ist die heilige Zahl, und der dreizehnte,
-das ist Therab. Wer bist Du, Kind dieser schlechten
-Welt?“</p>
-
-<p>„Ich bin Ulenspiegel, der Sohn von Soetkin und Klas“, sprach er.</p>
-
-<p>Sie erhob den Kopf und erkannte ihn; dann winkte sie ihm
-mit dem Finger und beugte sich zu seinem Ohre:</p>
-
-<p>„So Du ihn siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, sag ihm, daß
-er wiederkomme, Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>Dann zeigte sie auf ihre verbrannten Haare:</p>
-
-<p>„Ich habe Schmerzen,“ sprach sie, „sie haben mir meinen Verstand
-genommen; aber wenn er kommen wird, so wird er mir
-den Kopf wieder füllen, der jetzo ganz leer ist. Hörst Du? Er
-tönt wie eine Glocke. Das ist meine Seele, die an die Tür pocht,
-um fortzugehen, weil es brennt. Wenn Hanske kommt und mir
-den Kopf nicht ausfüllen will, so werde ich ihm sagen, daß er
-mit einem Messer ein Loch hineinmache. Die Seele, die darinnen
-ist und immer pocht, um fortzugehen, die zerreißt mir grausam
-das Herz und ich werde sterben, ja. Und ich schlafe nie mehr
-und erwarte ihn immer, und er muß mir den Kopf ausfüllen, ja.“</p>
-
-<p>Und sie sank in sich zusammen und ächzte.</p>
-
-<p>Und die Bauern, die von den Feldern heimkehrten, um ihr Mittagmahl
-zu halten, dieweil sie die Glocke dazu rief, die gingen an
-Katheline vorüber und sagten:</p>
-
-<p>„Seht, die Irre.“</p>
-
-<p>Und sie bekreuzten sich.</p>
-
-<p>Und Nele und Ulenspiegel weinten, und Ulenspiegel mußte seine
-Wallfahrt fortsetzen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>42</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zur Zeit seiner Pilgerfahrt nahm er Dienste bei einem gewissen
-Jobst mit dem Beinamen der Kwaebakker, der böse Bäcker,
-wegen seiner mürrischen Miene. Der Kwaebakker gab ihm als
-Nahrung drei altbackene Brote in der Woche und als Wohnung
-einen Verschlag unter dem Dache, allwo es trefflich regnete und
-wehte.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel sah, daß er so schlecht behandelt ward, spielte
-er ihm unterschiedliche Streiche, darunter auch diesen. Wenn man
-in aller Frühe backt, muß das Mehl nachts gebeutelt werden.
-Eines Nachts nun, da der Mond schien, verlangte Ulenspiegel
-eine Kerze, damit er sehen könnte, und sein Meister gab ihm zur
-Antwort:</p>
-
-<p>„Beutle das Mehl im Mondschein.“</p>
-
-<p>Gehorsam beutelte Ulenspiegel das Mehl auf der Erde, da wo
-der Mond schien.</p>
-
-<p>Um die Morgenstunde, da der Kwaebakker sehen wollte, welche
-Arbeit Ulenspiegel getan hätte, fand er ihn noch beutelnd und
-sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Kostet das Mehl nichts mehr, daß man es jetzo auf der Erde
-beutelt?“</p>
-
-<p>„Ich habe das Mehl im Mondschein gebeutelt, wie Ihr mich
-geheißen habt“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Bäcker entgegnete:</p>
-
-<p>„Du Esel, in einem Sieb mußtest Du das tun.“</p>
-
-<p>„Ich glaubte, der Mond wäre ein Sieb, nach neuer Erfindung“,
-erwiderte Ulenspiegel. „Aber der Schade wird nicht groß sein,
-ich werde das Mehl aufheben.“</p>
-
-<p>„Es ist zu spät, den Teig anzurühren und zu backen,“ erwiderte
-der Kwaebakker.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Baas, der Teig des Nachbars in der Mühle ist fertig. Soll ich
-ihn holen gehen?“</p>
-
-<p>„Geh zum Galgen und suche, was dort zu finden ist“, antwortete
-der Kwaebakker.</p>
-
-<p>„Ich werde hingehen, Baas.“</p>
-
-<p>Er lief zum Galgenfeld und fand dort eine verdorrte Diebeshand,
-die trug er zum Kwaebakker und sprach:</p>
-
-<p>„Hier ist eine glorreiche Hand, welche alle unsichtbar macht,
-die sie tragen. Willst Du nunmehr Deine schlechte Gemütsart
-verbergen?“</p>
-
-<p>„Das will ich dem Bürgermeister klagen,“ erwiderte der Kwaebakker,
-„und Du sollst sehen, daß Du meines Herren Gericht bestohlen
-hast.“</p>
-
-<p>Da sie nun zu zweit vor den Bürgermeister traten und der
-Bäcker den Rosenkranz von Ulenspiegels Missetaten herbeten
-wollte, sah er, daß dieser die Augen weit aufriß. Darob ward
-er so zornig, daß er vergaß, was er klagen wollte, und zu ihm
-sprach:</p>
-
-<p>„Was willst Du?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Du hast mir gesagt, Du wolltest mich solcherart anklagen, daß
-ich sehen sollte. Ich suche zu sehen, und deshalb schaue ich so.“</p>
-
-<p>„Geh mir aus den Augen“, schrie der Bäcker.</p>
-
-<p>„Säß’ ich Euch in den Augen,“ erwiderte Ulenspiegel, „so müßt’
-ich Euch aus den Nasenlöchern kriechen, wenn Ihr die Augen
-zutätet.“</p>
-
-<p>Da der Bürgermeister sah, daß heute Hirngespinnste feil seien,
-wollte er sie nicht anhören. Ulenspiegel und der Kwaebakker
-gingen mitsammen hinaus; der Bäcker erhub seinen Stock wider
-ihn, aber Ulenspiegel wich ihm aus und sagte:</p>
-
-<p>„Baas, da mein Mehl mit Schlägen gebeutelt wird, nimm Du die
-Kleie davon: das ist Dein Zorn. Ich behalte das feinste Mehl
-zurück, das ist mein fröhlicher Sinn.“</p>
-
-<p>Dann zeigte er ihm die Kehrseite:</p>
-
-<p>„Und dies“, fügte er hinzu, „ist das Loch des Backofens, wenn
-Du backen willst.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>43</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Der wallfahrende Ulenspiegel wäre gern Straßenräuber geworden,
-aber er fand die Steine zum Tragen zu schwer.</p>
-
-<p>Er wanderte auf gut Glück auf der Straße nach Audenaerde,
-wo sich dermalen eine Garnison flämischer Reiter befand; die
-hatten Befehl, die Stadt wider die französischen Streifscharen
-zu verteidigen, die das Land gleich Heuschrecken verheerten.</p>
-
-<p>Der Hauptmann der Reiter war ein Friese von Geburt, des Namens
-Kornhuin. Auch diese durchstreiften das platte Land und
-plünderten das Volk, also daß es, wie bräuchlich, von beiden
-Seiten aufgefressen ward.</p>
-
-<p>Alles war ihnen recht, Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber
-und Schweine. Eines Tages, da sie mit Beute beladen zurückkehrten,
-gewahrten Kornhuin und sein Leutnant am Fuß eines
-Baumes Ulenspiegel schlafend und von Fleischgerichten träumend.</p>
-
-<p>„Was tust Du, um zu leben?“ fragte Kornhuin.</p>
-
-<p>„Ich sterbe vor Hunger“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Was ist Dein Handwerk?“</p>
-
-<p>„Wegen meiner Sünden wallfahrten, die anderen arbeiten sehen,
-auf dem Seil tanzen, die hübschen Gesichter abkonterfeien,
-Messergriffe schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete
-blasen.“</p>
-
-<p>Wenn Ulenspiegel so kecklich vom Trompeten sprach, so war es,
-weil er erfahren hatte, daß die Stelle des Wächters vom Schlosse
-Audenaerde erledigt sei durch den Tod eines alten Mannes, welcher
-dieses Amt bekleidet hatte.</p>
-
-<p>Kornhuin sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Du sollst Turmbläser sein.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel folgte ihm und ward auf dem höchsten Turme der
-Wälle in eine Warte einquartiert, die von allen vier Winden wohl
-durchlüftet war, ausgenommen vom Südwind, der dort nur mit
-einem Flügel wehte. Es ward ihm anbefohlen, die Trompete zu
-blasen, sobald er den Feind anrücken sähe und dieserhalb den
-Kopf frei zu halten und immer klare Augen zu haben. Zu dem
-Ende würde man ihm nicht zuviel zu essen noch zu trinken geben.</p>
-
-<p>Der Hauptmann und sein Kriegsvolk blieben im Turm und
-hielten den ganzen Tag Gelage auf Kosten des Landes. Da ward
-mehr als ein Kapaun geschlachtet und aufgefressen, dessen einziges
-Verbrechen sein Fett war. Ulenspiegel, der allzeit vergessen
-ward und sich an seiner mageren Suppe genügen lassen mußte,
-ergötzte sich nicht am Dufte der Saucen. Die Franzosen kamen
-und raubten viel Vieh, Ulenspiegel blies die Trompete nicht.</p>
-
-<p>Kornhuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn:</p>
-
-<p>„Warum hast Du nicht geblasen?“</p>
-
-<p>„Ich spreche nicht das Gratias bei Eurem Essen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage befahl der Hauptmann ein großes Mahl für
-sich und seine Soldaten, aber Ulenspiegel ward wieder vergessen.</p>
-
-<p>Sie wollten just zu schmausen anheben; Ulenspiegel blies die
-Trompete. Kornhuin und seine Soldaten wähnten, daß die
-Franzosen kämen, ließen Wein und Braten stehen, stiegen zu
-Pferde und ritten eilends zur Stadt hinaus; aber sie fanden auf
-dem Felde nichts als einen Ochsen, der stund in der Sonne und
-käute wieder. Sie führten ihn mit sich. Derweilen hatte Ulenspiegel
-sich mit Wein und Fleischspeisen angefüllt. Beim Eintreten
-sah ihn der Hauptmann, wie er lächelnd und mit schlotternden
-Beinen an der Tür der Festhalle stand, und sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Das heißt den Verräter spielen, Alarm zu blasen, wann Du
-keinen Feind siehst, und nicht zu blasen, wann Du ihn siehst.“</p>
-
-<p>„Herr Hauptmann,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde in meinem
-Turm solchermaßen von den vier Winden aufgebläht, daß ich
-oben schwimmen müßte wie eine Blase, hätte ich mich nicht durch
-Trompetenblasen erleichtert. Laßt mich jetzo henken oder ein
-ander Mal, wenn Ihr einer Eselshaut für Eure Trommeln bedürfet.“</p>
-
-<p>Kornhuin ging, ohne ein Wort zu sagen.</p>
-
-<p>Indessen kam nach Audenaerde die Kunde, daß der gnädige
-Kaiser Karl in fürnehmer Begleitung in diese Stadt einziehen
-wollte. Bei diesem Anlaß gaben die Schöffen Ulenspiegel eine
-Brille, auf daß er besser sehen könnte, wann Seine Heilige
-Majestät ankäme. Ulenspiegel sollte dreimal ins Horn stoßen,
-sobald er den Kaiser auf Luppeghem zukommen sähe, welches
-einer viertel Meile vom Burgtor ist.</p>
-
-<p>Also würden die in der Stadt Zeit haben, die Glocken zu läuten,
-die Böllerschüsse zu lösen, die Braten in den Backofen zu schieben
-und die Zapfen in die Fässer zu stoßen.</p>
-
-<p>Eines Tages um Mittag, da der Wind von Brabant kam und
-der Himmel klar war, sah Ulenspiegel auf der Straße, die nach
-Luppeghem führt, eine große Schar Reiter auf stolzen Rossen;
-die Federn ihrer Barette wallen im Winde. Etliche trugen
-Banner. Der, welcher stolz an der Spitze ritt, trug eine Mütze
-von Goldbrokat mit großen Federn. Er war in braunen Sammet
-gekleidet, die mit Brokatell besetzt war.</p>
-
-<p>Ulenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß dies Kaiser Karl
-der Fünfte war, der denen von Audenaerde gestattete, ihm ihre
-besten Weine und ihre besten Braten vorzusetzen.</p>
-
-<p>Die ganze Schar ritt sonder Eile und sog die frische Luft ein,
-welche den Hunger anreizt. Aber Ulenspiegel gedachte, daß sie
-gemeiniglich fetten Schmaus hielten und wohl einen Tag fasten
-könnten, ohne zu verscheiden. Also sah er sie kommen und stieß
-nicht ins Horn.</p>
-
-<p>Lachend und schwätzend kamen sie näher, dieweil Seine Heilige
-Majestät in seinem Magen nachschaute, ob er Platz genug für
-das Gastmahl derer von Audenaerde hätte. Er schien erstaunt
-und ungnädig, daß keine Glocke läutete, seine Ankunft zu verkünden.</p>
-
-<p>Indem kam ein Bauer eiligst angelaufen, um zu verkünden, daß
-er in der Umgegend eine französische Streifschar gesehen habe,
-welche auf die Stadt zu ritte, um darinnen alles zu verzehren
-und zu rauben. Bei dieser Rede schloß der Torwart das Tor
-und sandte einen Stadtknecht, damit er es den andern Torwächtern
-ansagte. Aber die Reiter zechten, ohne etwas zu wissen.</p>
-
-<p>Seine Majestät kam immer näher, erzürnt, nicht Glocken, Kanonen
-und Büchsenschüsse läuten, donnern und knattern zu hören.
-Vergebens hielt er das Ohr hin. Er vernahm nichts als das
-Glockenspiel, das die halbe Stunde läutete. Er kam vor das
-Tor, fand es verschlossen und schlug mit der Faust dagegen, auf
-daß es geöffnet werde. Und die Herren seines Gefolges wurden
-zornig wie er und murrten scharfe Worte. Der Torwart, der
-droben auf den Wällen war, schrie ihnen zu, wenn sie nicht mit
-diesem Lärm aufhörten, so würde er sie mit einer Kartätschen begrüßen,
-auf daß sie ihre Ungeduld abkühlten.</p>
-
-<p>Aber seine Majestät sprach voll Grimm:</p>
-
-<p>„Du blindes Schwein, erkennst Du Deinen Kaiser nicht?“</p>
-
-<p>Der Torwart erwiderte, daß die, so am mindesten den Schweinen
-gleichen, nicht immer am meisten vergüldet sein. Auch wisse er,
-daß die Franzosen ihrer Natur nach arge Spötter seien, sintemalen
-Kaiser Karl zur Stunde in Italien Krieg führte und nicht
-vor den Toren von Audenaerde stehen könne.</p>
-
-<p>Darob schrieen Karl und die Ritter noch mehr und sagten:</p>
-
-<p>„Wenn Du nicht öffnest, so werden wir Dich, auf eine Lanze gespießt,
-braten lassen. Und zuvor sollst Du Deine Schlüssel verschlucken.“</p>
-
-<p>Bei dem Lärm, den sie vollführten, kam ein alter Kriegsmann
-aus dem Zeughaus und steckte die Nase über die Mauer.</p>
-
-<p>„Torwart,“ sprach er, „Du täuschest Dich; „der da ist unser
-Kaiser. Ich erkenne ihn wohl, obwohl er gealtert ist, seit er Maria
-von der Gheynst von hier nach dem Schlosse Ballaing brachte.“</p>
-
-<p>Der Torwart fiel vor Schreck mausetot um, der Soldat nahm
-ihm die Schlüssel ab und ging, die Tür zu öffnen.</p>
-
-<p>Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange hätte warten lassen.
-Da der Soldat es ihm vermeldet hatte, befahl Seine Majestät
-ihm, das Tor wieder zu schließen und die Reiter von Kornjuin
-vor ihn zu bringen. Denen gebot er, vor ihm her zu reiten, die
-Trommeln zu rühren und die Pfeifen zu blasen.</p>
-
-<p>Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um mit allen
-Kräften zu läuten. So eingeführt, kam Seine Majestät mit
-kaiserlichem Getöse auf den Großen Markt. Die Bürgermeister
-und Schöffen waren allda versammelt; der Schöffe Jan Guigelaer
-trat bei dem Lärm hinaus, kehrte in den Sitzungssaal zurück und
-sagte:</p>
-
-<p>„Keyser Karel is alhier.“</p>
-
-<p>Voll Schreckens ob dieser Kunde traten Bürgermeister, Schöffen
-und Räte aus dem Rathaus, um <span class="antiqua">in corpore</span> den Kaiser zu begrüßen,
-dieweil ihre Diener durch die ganze Stadt liefen, um
-die Böllerschüsse anzusagen, das Geflügel ins Feuer und die
-Bratspieße in die Oefen zu schieben. Männer, Frauen und
-Kinder liefen herum und schrieen: „Keyser Karel is op’t groot
-marckt.“</p>
-
-<p>Alsbald war viel Volks auf dem Platze. Der Kaiser, höchst ergrimmt,
-fragte die beiden Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu
-werden verdienten, maßen sie solcherart an Ehrfurcht vor ihrem
-Herrscher ermangelt hätten.</p>
-
-<p>Die Bürgermeister antworteten, daß sie es wahrlich verdienten,
-aber daß Ulenspiegel, der Turmbläser, es noch mehr verdiente,
-sintemalen man ihn auf die Kunde von der Ankunft seiner
-Majestät mit einer guten Brille versehen und dort angestellt
-habe, mit ausdrücklichem Befehl, dreimal ins Horn zu stoßen,
-sobald er den kaiserlichen Zug kommen sähe. Er aber hätte nichts
-dergleichen getan.</p>
-
-<p>Der Kaiser, immer noch zornig, verlangte, daß man Ulenspiegel
-vor ihn führte.</p>
-
-<p>„Weshalb,“ sprach er zu ihm, „hast Du bei meiner Ankunft nicht
-die Trompete geblasen, da Du doch eine so scharfe Brille hast?“</p>
-
-<p>So sprechend, hielt er der Sonne wegen die Hand über die
-Augen und blickte Ulenspiegel an.</p>
-
-<p>Dieser hielt gleichermaßen die Hand über die Augen und sagte,
-er habe sich der Brille nicht mehr bedienen wollen, seit er bemerkt
-habe, wie seine Majestät durch die Finger sähe.</p>
-
-<p>Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt werden solle; der erste
-Stadtwächter sagte, das sei wohlgetan, und die Bürgermeister
-waren über dies Urteil so in Schrecken versetzt, daß sie kein Wort
-erwiderten, weder um es zu billigen, noch um Einspruch zu tun.</p>
-
-<p>Der Henker und seine Büttel wurden entboten. Sie kamen
-mit einer Leiter und einem neuen Strick und packten Ulenspiegel
-am Kragen. Der schritt vor den hundert Reitern von Kornjuin
-einher, hielt sich ruhig und sagte seine Gebete. Aber jene verhöhnten
-ihn aufs bitterste.</p>
-
-<p>Das Volk, welches hinterher ging, sagte:</p>
-
-<p>„Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen Jungen um
-eines so leichten Fehls willen umzubringen.“</p>
-
-<p>Und die Weber waren bewaffnet und in großer Zahl und sagten:</p>
-
-<p>„Wir werden nicht zulassen, daß Ulenspiegel gehenkt wird; das
-ist gegen das Gesetz von Audenaerde.“</p>
-
-<p>Derweilen kam man auf den Galgenacker. Ulenspiegel ward die
-Leiter hinaufgeführt und der Henker legte ihm den Strick um den
-Hals. Die Weiber drängten sich um den Galgen. Der Profoß
-war zu Roß und stützte die Rute der Gerechtigkeit, womit er auf
-des Kaisers Befehl das Zeichen zur Hinrichtung geben sollte, auf
-den Bug seines Pferdes.</p>
-
-<p>Das ganze versammelte Volk schrie:</p>
-
-<p>„Gnade, Gnade für Ulenspiegel!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte auf seiner Leiter:</p>
-
-<p>„Erbarmen, gnädiger Kaiser!“</p>
-
-<p>Der Kaiser hob die Hand und sagte:</p>
-
-<p>„Wenn dieser Taugenichts mich um etwas bittet, das ich nicht
-tun kann, so soll er mit dem Leben davonkommen.“</p>
-
-<p>„Rede, Ulenspiegel“, schrie das Volk.</p>
-
-<p>Und die Frauen weinten und sagten:</p>
-
-<p>„Er wird um nichts bitten können, der arme Junge, denn der
-Kaiser vermag alles.“</p>
-
-<p>Und alle riefen zumal:</p>
-
-<p>„Rede, Ulenspiegel!“</p>
-
-<p>„Heilige Majestät,“ sagte Ulenspiegel, „ich bitte Euch nicht um
-Geld noch Gut, noch um mein Leben, sondern allein um etwas,
-um das, wenn ich es zu sagen wage, Ihr mich nicht peitschen,
-noch rädern lasset, ehe ich ins Land der Seelen gehe.“</p>
-
-<p>„Ich verspreche es Dir“, sagte der Kaiser.</p>
-
-<p>„Majestät,“ sprach Ulenspiegel, „ich bitte, daß Ihr kommt, den
-Mund zu küssen, mit dem ich nicht vlämisch spreche, ehe ich gehenkt
-werde.“</p>
-
-<p>Der Kaiser lachte wie alles Volk und sagte:</p>
-
-<p>„Ich kann nicht tun, um was Du bittest, und Du sollst nicht gehenkt
-werden, Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>Aber er verurteilte die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monde
-lang Brillen hinten am Kopf zu tragen.</p>
-
-<p>„Auf daß die von Audenaerde,“ sagte er, „wenn sie vorn nicht
-sehen können, wenigstens hinten sehen mögen.“</p>
-
-<p>Und nach Kaiserlicher Verordnung ist diese Brille noch heute im
-Wappen der Stadt zu sehen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel ging bescheiden von dannen, mit einem kleinen
-Beutel voll Geld; den hatten ihm die Frauen gegeben.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>44</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel in Lüttich auf den Fischmarkt kam, folgte er
-einem dicken Burschen, der unter einem Arme ein Netz mit aller
-Art von Geflügel trug und ein anderes mit Schellfisch, Forellen,
-Aalen und Hechten anfüllte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel erkannte Lamm Goedzak.</p>
-
-<p>„Was tust Du hier, Lamm?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Du weißt, wie sehr die Vlämen in diesem freundlichen Lande
-Lüttich willkommen sind. Ich gehe hier meiner Liebe nach. Und
-du?“</p>
-
-<p>„Ich suche einen Herrn, dem ich um Brot dienen könnte“, erwiderte
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Das ist eine gar trockene Nahrung. Besser wärs, Du ließest
-einen Rosenkranz von Fettammern, mit einem Krammetsvogel
-als Kredo daran, von der Schüssel in den Mund gleiten.“</p>
-
-<p>„Bist Du reich?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Lamm Goedzak erwiderte:</p>
-
-<p>„Ich habe Vater, Mutter und meine junge Schwester verloren,
-welche mich so heftig schlug; ich werde ihr Hab und Gut erben.
-Ich lebe mit einer einäugigen Magd, welche eine große Meisterin
-in Frikassees ist.“</p>
-
-<p>„Soll ich Dir Deine Fische und Dein Geflügel tragen?“ fragte
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Lamm Goedzak.</p>
-
-<p>Sie schlenderten selbander über den Markt.</p>
-
-<p>Plötzlich sagte Lamm:</p>
-
-<p>„Weißt Du, warum Du ein Narr bist?“</p>
-
-<p>„Nein“, gab Ulenspiegel zurück.</p>
-
-<p>„Weil Du Fisch und Geflügel in der Hand trägst, anstatt sie im
-Magen zu tragen.“</p>
-
-<p>„Du hast es getroffen, Lamm,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber seit
-ich kein Brot mehr habe, wollen die Fettammern mich nicht mehr
-ansehen.“</p>
-
-<p>„Du wirst deren essen, Ulenspiegel,“ sagte Lamm, „und mir
-dienen, wenn meine Köchin Dich haben will.“</p>
-
-<p>Dieweil sie gingen, zeigte Lamm dem Ulenspiegel ein schönes,
-artiges, zierliches Mägdlein, in Seide gekleidet, das über den
-Markt trippelte und Lamm mit sanften Augen anblickte. Ein
-alter Mann, ihr Vater, ging hinter drein mit zwei Netzen, einem
-mit Fischen und einem andern mit Wildbret.</p>
-
-<p>„Die da“, sagte Lamm, auf sie weisend, „mache ich zu meiner
-Frau.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „ich kenne sie. Es ist eine Vlamländerin
-aus Zotteghem, sie wohnt Rue Vinave d’Isle, und die Nachbarn
-sagen, daß ihre Mutter an ihrer Statt vor dem Hause die Straße
-kehrt und daß ihr Vater ihre Hemden bügelt.“</p>
-
-<p>Doch Lamm antwortete und sagte gar erfreut:</p>
-
-<p>„Sie hat mich angeblickt.“</p>
-
-<p>Sie kamen beide zu Lamms Haus bei der Bogenbrücke und
-klopften an die Tür. Eine einäugige Magd kam, ihnen zu öffnen.
-Ulenspiegel sah, daß sie alt, lang, hager und mürrisch war.</p>
-
-<p>„La Sanginne,“ sagte Lamm zu ihr, „magst Du diesen, um Dir
-bei der Arbeit zu helfen?“</p>
-
-<p>„Ich werde ihn auf Probe nehmen“, sagte sie.</p>
-
-<p>„So nimm ihn,“ sagte er, „und laß ihn die Freuden Deiner Kochkunst
-kosten.“</p>
-
-<p>La Sanginne setzte alsbald drei Blutwürste, eine Kanne Kräuterbier
-und einen großen Laib Brot auf den Tisch.</p>
-
-<p>Dieweil Ulenspiegel aß, knabberte Lamm auch an einer Wurst.</p>
-
-<p>„Weißt Du,“ fragte er, „wo unsre Seele wohnt?“</p>
-
-<p>„Nein, Lamm“, sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Sie ist in unserm Magen,“ versetzte Lamm, „um ihn unablässig
-auszuhöhlen und in unserm Körper immerdar die Lebenskraft zu
-erneuern. Und welches sind die besten Gesellschafter? Das sind
-alle guten und feinen Gerichte, und Wein von der Maas obendrein.“</p>
-
-<p>„Ja“, sagte Ulenspiegel, „Würste sind eine angenehme Gesellschaft
-für die einsame Seele.“</p>
-
-<p>„Er will noch mehr, gib ihm noch mehr, la Sanginne“, gebot
-Lamm.</p>
-
-<p>Sie gab Ulenspiegel diesmal Weißwürste.</p>
-
-<p>Während er sich vollstopfte, ward Lamm nachdenklich und
-sprach:</p>
-
-<p>„Wenn ich sterbe, wird mein Bauch mit mir sterben, und da unten
-im Fegefeuer wird man mich fasten und meinen schlaffen, leeren
-Bauch herumtragen lassen.“</p>
-
-<p>„Die schwarzen schienen mir besser“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Du hast ihrer sechse gegessen,“ versetzte la Sanginne, „und mehr
-bekommst Du nicht.“</p>
-
-<p>„Du weißt,“ sagte Lamm, „daß Du hier einen guten Dienst haben
-und so gut essen wirst wie ich.“</p>
-
-<p>„Das Wort werde ich mir merken“, entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel sah, daß er dasselbe Essen bekam, war er glücklich.
-Die verschluckten Würste gaben ihm solchen Mut, daß er
-an diesem Tage alle Kessel, Pfannen und Töpfe putzte, also daß
-sie wie Sonnen glänzten.</p>
-
-<p>Da sichs in diesem Hause gut lebte, so ging er beständig in Keller
-und Küche; den Boden aber ließ er den Katzen. Eines Tages
-hatte la Sanginne zwei Hühner zu braten und hieß Ulenspiegel
-den Bratspieß drehen, dieweil sie zu Markte ging, um allerlei
-Kräuter zur Würze zu holen.</p>
-
-<p>Da die beiden Hühner gebraten waren, verzehrte Ulenspiegel das
-eine.</p>
-
-<p>Wie nun la Sanginne zurückkam, sagte sie:</p>
-
-<p>„Der Hühner waren doch zwei; ich sehe nur noch eins.“</p>
-
-<p>„Frau, tut Euer anderes Auge auf, so sehet Ihr sie alle beide“,
-versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Ganz erbost ging sie zu Lamm Goedzak und meldete ihm das
-Vorgefallene.</p>
-
-<p>Lamm ging in die Küche hinunter und sprach zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Was hast Du meiner Magd zu spotten? Es waren zwei Hühner
-da.“</p>
-
-<p>„Freilich, Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „aber da ich hier in Dienst
-trat, sagtest Du mir zu, daß ich so gut essen und trinken sollte wie
-Du. Zwei Hühner waren da, eins habe ich gegessen und Du wirst
-das andere essen. Meine Freude ist vorüber, die Deine wird
-erst kommen, bist Du nicht glücklicher als ich?“</p>
-
-<p>„Ja,“ erwiderte Lamm lächelnd, „aber tue ganz, wie la
-Sanginne Dich heißen wird, dann wirst Du nur halbe Arbeit
-haben.“</p>
-
-<p>„Ich werde darauf achten,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und allemal, wenn la Sanginne ihn etwas tun hieß, tat er es
-nur halb. Wenn sie ihm befahl, zwei Eimer Wassers zu holen,
-so brachte er nur einen. Trug sie ihm auf, einen Krug Kräuterbier
-aus dem Faß zu füllen, so goß er die Hälfte unterwegs in
-seine Kehle, und so mit allem.</p>
-
-<p>Endlich war la Sanginne dieser Ränke überdrüssig und sagte zu
-Lamm, wenn dieser Taugenichts noch länger im Hause bliebe, so
-liefe sie fort.</p>
-
-<p>Lamm ging zu Ulenspiegel hinunter und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du mußt abziehen, mein Sohn, ungeachtet Du in diesem Hause
-ein gesundes Aussehen bekommen hast. Hör den Hahn krähen!
-Es ist zwei Uhr nachmittags: das bedeutet Regen. Lieber wäre
-mir, Dich bei dem kommenden Unwetter nicht vor die Tür zu
-setzen. Aber bedenke mein Sohn, daß la Sanginne durch ihre
-Frikassees mir das Leben erhält; ich kann nicht zugeben, daß sie
-mich verläßt, ohne einen nahen Tod zu gewärtigen. Darum
-geh, mein Junge, mit Gottes Segen und nimm, Deinen Weg zu
-erheitern, diese drei Gülden und diesen Rosenkranz von Schlackwürsten
-mit.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging betrübt von dannen, voller Sehnsucht nach Lamm
-und nach seiner Küche.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>45</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Der Reifmond kam nach Damm und andern Orten; aber der
-Winter zauderte. Nicht Schnee, noch Regen, noch kalte Luft;
-die Sonne schien vom Morgen bis zum Abend und ward nicht
-blasser. Die Kinder wälzten sich im Staub auf den Gassen und
-Wegen. Zur Feierstunde nach dem Abendbrot traten die Kaufleute,
-Krämer, Goldschmiede, Wagner, und Handwerker vor ihre Türen,
-schauten nach dem allzeit blauen Himmel, den Bäumen, deren
-Blätter nicht abfielen, den Störchen, die auf dem Dachfirst standen,
-und den Schwalben, die nicht fortzogen. Die Rosen hatten
-dreimal geblüht und trugen zum vierten Mal Knospen. Die
-Nächte waren lau, und die Nachtigallen sangen ohn Unterlaß.</p>
-
-<p>Die von Damm sprachen:</p>
-
-<p>„Der Winter ist tot, laßt uns den Winter verbrennen.“ Und sie
-fertigten eine riesengroße Puppe, die eine Bärenschnauze, einen
-langen Bart von Hobelspähnen und einen dicken Scheitel von
-Flachs hatte, legten ihr weiße Kleider an und verbrannten sie mit
-großer Feierlichkeit.</p>
-
-<p>Klas blies Trübsal und segnete weder den immer blauen Himmel
-noch die Schwalben, die nicht fortziehen wollten; denn keiner
-in Damm brannte Kohlen mehr, es sei denn zum Kochen, und
-da ein jeder genug hatte, ging er nicht zu Klas, welche zu kaufen.
-Klas aber hatte all seine Spargroschen ausgegeben, um seinen
-Vorrat zu bezahlen. Darum sagte der Kohlenträger, wenn er
-auf seiner Türschwelle stand und fühlte, wie seine Nasenspitze
-von einem herben Windhauch erfrischt ward: „Ah, da kommt
-mein Brot.“</p>
-
-<p>Aber der frische Wind blies nicht stetig und der Himmel blieb
-immerdar blau, und die Blätter wollten nicht abfallen. Und
-Klas weigerte sich, seinen Wintervorrat dem geizigen Griepenstüver,
-dem Ältesten der Fischergilde, zum halben Preis zu verkaufen.
-Und bald mangelte es in der Hütte an Brot.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>46</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Aber König Philipp hatte keinen Hunger und verspeiste Leckereien
-bei seiner Gemahlin Maria der Häßlichen aus dem königlichen
-Hause der Tudor. Er liebte sie nicht von Herzen, hoffte
-aber dem engelländischen Volk einen spanischen Monarchen zu
-geben, indem er die Schwächliche befruchtete.</p>
-
-<p>Ihn widerte vor dieser Verbindung, welche die eines Steines
-mit einer glühenden Kohle war. Jedoch vereinigten sie sich genugsam,
-um die armen Reformierten zu Hunderten ertränken und
-verbrennen zu lassen.</p>
-
-<p>Wenn Philipp nicht von London entfernt noch verkleidet ausgegangen
-war, um sich in irgend einem verrufenen Haus zu ergötzen,
-vereinigte die Nachtstunde die beiden Gatten. Alsdann reckte
-sich die Königin Maria, mit schöner Leinwand von Tournay
-und irländischen Spitzen angetan, im Ehebett, dieweil Philipp
-steif wie ein Pfahl vor ihr stund und zusah, ob er an seinem
-Weibe nicht irgend ein Zeichen von Mutterschaft erblickte. Aber
-da er nichts sah, ward er zornig, blieb stumm und betrachtete seine
-Nägel.</p>
-
-<p>Dann sprach die unfruchtbare Harpye zärtliche Worte und versuchte
-zu liebäugeln und den eisigen Philipp um Liebe zu bitten.
-Tränen, Geschrei und inständiges Flehen, nichts sparte sie, um
-eine lauwarme Liebkosung von ihm, der sie nicht liebte, zu erhalten.
-Vergebens warf sie sich mit gefalteten Händen ihm zu
-Füßen, vergebens lachte und weinte sie zugleich wie eine Verrückte,
-um ihn zu rühren. Nicht Lachen noch Tränen erweichten
-dies steinharte Herz. Vergebens umschlang sie ihn mit ihren
-mageren Armen wie eine verliebte Schlange und drückte den
-engen Käfig, darin die verkümmerte Seele des blutigen Königs
-wohnte, an ihre flache Brust; er rührte sich nicht mehr denn ein
-Prellstein.</p>
-
-<p>Die arme Häßliche versuchte, anmutig zu sein, und nannte ihn
-mit allen süßen Namen, die Liebestolle dem erwählten Geliebten
-geben. Philipp betrachtete seine Nägel.</p>
-
-<p>Manchmal antwortete er:</p>
-
-<p>„Wirst Du keine Kinder bekommen?“</p>
-
-<p>Bei dieser Rede sank Marias Haupt auf ihre Brust.</p>
-
-<p>„Ist es meine Schuld, wenn ich unfruchtbar bin? Habe Mitleid
-mit mir, ich lebe wie eine Wittib.“</p>
-
-<p>„Warum hast Du keine Kinder?“ fragte Philipp.</p>
-
-<p>Da fiel die Königin wie zu Tode getroffen auf den Teppich. Sie
-hatte nur Tränen in den Augen, aber sie hätte Blut geweint,
-wenn sie gekonnt hätte, die Arme. Und also rächte Gott an den
-Henkern die Opfer, mit denen sie den Boden Engellands besäet
-hatten.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>47</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es ging das Gerücht unter den Leuten, daß Kaiser Karl den
-Mönchen das freie Recht nehmen wollte, die, welche in ihrem
-Kloster starben, zu beerben. Solches mißfiel dem Pabst gar sehr.
-Ulenspiegel, der damals an den Ufern der Maaß war, gedachte,
-daß der Kaiser derart überall seinen Nutzen finden würde; denn
-er erbte, wenn die Familie nicht erbte. Er setzte sich an den Rand
-des Flusses und warf seine Angelschnur mit gutem Köder hinein.
-Dann knabberte er ein altes Stück Schwarzbrot, und es war
-ihm leid, daß er keinen Wein aus der Romagna hatte, um es anzufeuchten.
-Aber er gedachte, daß man nicht immer sein Vergnügen
-haben kann.</p>
-
-<p>Indem warf er von seinem Brote ins Wasser und sagte bei sich:
-„Wer ißt und teilt sein Mahl mit dem Nächsten nicht, der ist
-des Essens nicht wert.“</p>
-
-<p>Kam ein Gründling herbei, witterte einen Bissen, beleckte ihn
-mit seinen Lefzen und tat sein unschuldig Maul auf, denn er
-wähnte ohne Zweifel, daß das Brot von selbst hineinfallen würde.
-Dieweil er also in die Luft sah, ward er urplötzlich von einem
-heimtückischen Hecht verschlungen, der sich wie ein Pfeil auf ihn
-gestürzt hatte. Desgleichen tat der Hecht bei einem Karpfen,
-der Fliegen im Fluge fing, unbekümmert um die Gefahr. So
-wohl gesättigt, hielt er sich unbeweglich unter Wasser, das kleine
-Fischvolk verschmähend, welches überdies so schnell wie möglich
-von ihm fortschwamm. Während er sich so breit machte, siehe
-da kam unversehens mit gähnendem Rachen gar gefräßig ein
-hungriger Hecht herbei, der sich mit einem Satz auf ihn stürzte.
-Ein wütender Kampf entspann sich zwischen beiden und sie hieben
-mit den Mäulern aufeinander los wie unsterbliche Helden. Das
-Wasser ward rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gespeist hatte,
-verteidigte sich schlecht gegen den, welcher nüchtern war. Der aber
-zog sich zurück, nahm einen Anlauf und schoß wie eine Kugel
-auf seinen Gegner, der ihn mit aufgesperrtem Rachen erwartete
-und seinen Kopf mehr denn halb verschlang. Er wollte ihn
-wieder los werden, konnte es aber nicht wegen seiner umgebogenen
-Zähne. Und alle beide zappelten jämmerlich.</p>
-
-<p>So festgehakt, sahen sie die starke Angel nicht, die an einer seidenen
-Schnur befestigt, unten aus dem Wasser stieg und sich unter die
-Flosse des Hechtes, der gespeist hatte, bohrte. Sie zog ihn samt
-seinem Feind aus dem Wasser und warf alle beide kurzerhand auf
-den Rasen.</p>
-
-<p>Indem er sie schlachtete, sagte Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Ihr allerliebsten Hechte, seid Ihr nicht vielleicht Papst und
-Kaiser, die einander fressen, und bin ich nicht das Volk, welches
-in der Stunde, die Gott gibt, Euch alle beide in Euren Schlachten
-mit dem Haken erschnappt?“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>48</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Derweilen schweifte Katheline, welche Borgerhout nicht verlassen
-hatte, ohne Unterlaß in der Gegend umher und sagte immerdar:</p>
-
-<p>„Hanske, mein Mann, sie haben mir Feuer auf dem Kopf angezündet;
-mach ein Loch hinein, daß die Seele hinaus kann. Ach,
-sie pocht alleweil und jeglicher Schlag ist stechender Schmerz.“</p>
-
-<p>Und Nele pflegte sie in ihrem Wahnsinn und gedachte an ihrer
-Seite voller Harm ihres Freundes Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und in Damm schnürte Klas seine Reisigbündel, verkaufte seine
-Kohle und gedachte manchesmal schwermütig, daß es noch lange
-währen möchte, bis Ulenspiegel, der Verbannte, in seine Hütte
-heimkehrte.</p>
-
-<p>Soetkin stand den ganzen Tag am Fenster und schaute hinaus,
-ob sie ihren Sohn Ulenspiegel nicht kommen sähe.</p>
-
-<p>Der aber war in der Gegend von Köln angelangt und fand, daß
-er zur Stunde Lust zum Gartenbau hatte. Et erbot sich, dem
-Jan von Zuursmoel als Knecht zu dienen, welcher Landsknechtshauptmann
-war. Der wäre auf ein Haar gehenkt worden aus
-Mangel an Lösegeld und hatte einen großen Graus vor dem
-Hanf, so auf vlämisch Hennep geheißen wird.</p>
-
-<p>Eines Tages wollte Jan von Zuursmoel dem Ulenspiegel seine
-Arbeit weisen und führte ihn an das Ende seines Gartens; allda
-sahen sie einen Morgen Ackers, dem Garten benachbart, der ganz
-mit grünem Hanfe bepflanzt war.</p>
-
-<p>Jan von Zuursmoel sprach zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Jedes Mal, so Du dies häßliche Kraut siehest, mußt Du darauf
-sch....., denn es dient zu Rad und Galgen.“</p>
-
-<p>„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Eines Tages saß Jan von Zuursmoel bei Tafel mit etlichen gefräßigen
-Freunden, da sprach der Koch zu Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Geh in den Keller und hole <em>Sennep</em>“, welches Senf ist.</p>
-
-<p>Ulenspiegel hörte volle Tücke Hennep statt Sennep, sch... in den
-Senftopf im Keller und trug ihn zur Tafel auf, nicht ohne Lachen.</p>
-
-<p>„Warum lachst Du?“ fragte Jan von Zuursmoel. „Meinst Du,
-unsere Nasen seien von Erz? Iß diesen Sennep selber, dieweil
-Du ihn angerichtet hast.“</p>
-
-<p>„Ich esse lieber Rostbraten mit Zimmet“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Jan von Zuursmoel stand auf, um ihn zu schlagen.</p>
-
-<p>„In diesen Senftopf“, sprach er, „ist gesch... worden.“</p>
-
-<p>„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „gedenkt Ihr nicht mehr des
-Tages, da ich Euch bis ans Ende Eures Gartens gefolgt bin? Da
-sprachet Ihr, auf den Sennep weisend: ‚Überall, wo Du dies
-Kraut findest, sch.... darauf, denn es dient zu Galgen und
-Rad‘. Also tat ich, Herr, ich sch... darauf mit großer Verachtung.
-Züchtigt mich nicht für meinen Gehorsam.“</p>
-
-<p>„Ich sagte Hennep, nicht Sennep“, schrie Jan von Zuursmoel
-gar wütend.</p>
-
-<p>„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „Ihr sagtet Sennep, nicht
-Hennep.“</p>
-
-<p>Also stritten sie sich lange Zeit. Ulenspiegel sprach demütiglich;
-Jan von Zuursmoel schrie wie ein Adler und warf Sennep,
-Hennep und ähnliche Worte durcheinander gleich einem verwirrten
-Seidengesträhne. Und die Gäste lachten wie Teufel und aßen
-Dominikanerkoteletten und Inquisitorennieren.</p>
-
-<p>Ulenspiegel aber ward von Jan von Zuursmoel fortgejagt.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>49</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel verdingte sich bei einem Schneider, der sagte zu ihm:
-„Wenn Du nähst, nähe so eng, daß ich die Stiche nicht sehe.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel kroch unter ein Faß und hub an, allda zu nähen.</p>
-
-<p>„Das meinte ich nicht“, schrie der Schneider.</p>
-
-<p>„Ich dränge mich in ein Faß; wie soll man die Stiche da sehen
-können?“ versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Komm,“ sagte der Schneider, „setz Dich wieder auf den Tisch
-und näh die Stiche eng zusammen einen neben den andern und
-mach das Gewand wie diesen Wolf.“ Wolf aber war der Name
-für ein Bauernwamms.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm das Wamms, schnitt es in Stücke und nähte
-sie dergestalt zusammen, daß sie die Gestalt eines Wolfes hatten.</p>
-
-<p>Da der Schneider dies sah, schrie er:</p>
-
-<p>„Was zum Teufel hast Du gemacht?“</p>
-
-<p>„Einen Wolf“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Du arger Schalk,“ erwiderte der Schneider, „ich hatte Dir freilich
-gesagt, einen Wolf, aber Du weißt, daß man ein Bauernwamms
-Wolf heißt.“</p>
-
-<p>Nach einer Weile sagte er zu ihm:</p>
-
-<p>„Gesell, wirf die Ärmel an diesen Rock, ehe Du schlafen gehst.“
-Ulenspiegel hing den Rock an den Haken und brachte die ganze
-Nacht damit hin, die Ärmel daran zu werfen.</p>
-
-<p>Der Schneider kam bei dem Lärm herzu:</p>
-
-<p>„Taugenichts,“ sprach er zu ihm, „was für einen schlechten
-Streich spielst Du mir da wieder?“</p>
-
-<p>„Ist das ein schlechter Streich?“ versetzte Ulenspiegel. „Sehet,
-ich habe diese Ärmel die ganze Nacht an den Rock geworfen,
-und sie sitzen noch nicht fest.“</p>
-
-<p>„Das versteht sich,“ sprach der Schneider, „darum werf ich Dich
-auf die Straße; sieh zu, ob Du da besser festsitzest.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>50</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Derweil Katheline bei einem guten Nachbar wohlbehütet war,
-ging Nele ganz allein weit, weit fort, bis Antwerpen, die Schelde
-entlang oder auf andern Wegen und suchte auf den Flußkähnen
-und auf den staubigen Straßen, ob sie ihren Freund Ulenspiegel
-nicht fände.</p>
-
-<p>An einem Markttage kam er nach Hamburg und sah allerorten
-Kaufleute und unter ihnen etliche alte Juden, die von Wucher
-und uneingelösten Pfändern lebten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, der auch Kaufmann werden wollte, sah etliche Roßäpfel
-am Boden liegen und trug sie in seine Wohnung, welche in
-einer Flesche des Walls war. Da ließ er sie trocknen. Dann
-kaufte er rote und grüne Seide und machte Säcklein davon. Da
-hinein tat er die Roßäpfel und band sie mit einem Bande zu, als
-ob sie voll Bisam wären.</p>
-
-<p>Alsdann machte er aus etlichen Latten ein Tragbrett, hängte
-es mit alten Stricken um seinen Hals und ging zu Markt, das
-Brett, mit den Säcklein gefüllt, vor sich hertragend. Am Abend
-zündete er, um sie zu beleuchten, in der Mitte ein Lichtlein an.</p>
-
-<p>Wenn die Leute ihn fragten, was er da feil hielte, antwortete
-er voll Heimlichkeit:</p>
-
-<p>„Ich werde es Euch sagen, aber laßt uns nicht zu laut sprechen!“</p>
-
-<p>„Was ist es denn?“ fragten die Käufer.</p>
-
-<p>„Es sind Prophetenbeeren,“ antwortete Ulenspiegel, „so geradenwegs
-aus Arabien nach Flandern gekommen sind, mit großer Kunst
-von Meister Abdul-Medil aus dem Geschlecht des großen Mahomet
-bereitet.“</p>
-
-<p>Etliche Kunden sprachen zu einander:</p>
-
-<p>„Das ist ein Türke.“</p>
-
-<p>Aber die andern sprachen:</p>
-
-<p>„Es ist ein Pilger, der aus Flandern kommt. Hört ihr es nicht
-an seiner Sprache?“</p>
-
-<p>Und die Zerlumpten, die Hungerleider und Bettler kamen zu
-Ulenspiegel und sagten:</p>
-
-<p>„Gib uns von diesen Prophetenbeeren.“</p>
-
-<p>„Wenn ihr Gülden haben werdet, solche zu kaufen.“</p>
-
-<p>Und die armen Zerlumpten, Hungerleider und Bettler gingen betrübt
-von dannen und sagten:</p>
-
-<p>„Es ist keine Freude in dieser Welt, denn allein für die Reichen.“</p>
-
-<p>Das Gerücht von den Beeren, die zu verkaufen waren, verbreitete
-sich alsbald über den Markt. Die Bürger sprachen zu
-einander:</p>
-
-<p>„Da ist ein Vlamländer, welcher Prophetenbeeren hat, die in
-Jerusalem auf dem Grabe unseres Herrn Jesu geweiht sind; aber
-es heißt, daß er sie nicht verkaufen will.“</p>
-
-<p>Und alle Bürger kamen zu Ulenspiegel und fragten ihn nach
-seinen Beeren.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel, der großen Gewinn haben wollte, erwiderte,
-daß sie noch nicht reif genug wären; er hatte aber ein Auge auf
-zwei reiche Juden geworfen, die auf dem Markte umhergingen.</p>
-
-<p>„Ich möchte wohl wissen,“ sagte einer der Bürger, „was aus
-meinem Schiff auf See werden wird.“</p>
-
-<p>„Es wird bis an den Himmel gehen, wenn die Wellen hoch genug
-sind“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Ein anderer zeigte ihm sein hübsches Töchterlein, welches über
-und über rot ward, und sprach:</p>
-
-<p>„Diese wird ohne Zweifel den Weg der Tugend wandeln?“</p>
-
-<p>„Alles wandelt, wohin die Natur will“, versetzte Ulenspiegel,
-denn er hatte gesehen, wie das Mädchen einem jungen Burschen
-einen Schlüssel gab. Der aber, von Wohlbehagen aufgeblasen,
-sprach zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Herr Kaufmann, gebt mir einen Eurer prophetischen Säcke,
-damit ich daraus ersehe, ob ich diese Nacht allein schlafen
-werde.“</p>
-
-<p>„Es stehet geschrieben,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „welcher
-den Roggen der Verführung aussäet, der wird das Saatkorn
-der Hahnreischaft ernten.“</p>
-
-<p>Der junge Bursche erboste sich:</p>
-
-<p>„Auf wen hast Du es abgesehen?“</p>
-
-<p>„Die Beeren sagen,“ erwiderte Ulenspiegel, „daß sie Dir eine
-glückliche Ehe wünschen und eine Frau, die Dir nicht den Hut des
-Vulkan aufsetzt. Kennst Du diese Kopfbedeckung?“</p>
-
-<p>Dann predigte er:</p>
-
-<p>„Das Weib, das auf dem Heiratsmarkt Handgeld gibt, läßt
-nachher den andern die ganze Ware umsonst.“</p>
-
-<p>Hierauf sprach das Mädchen, welches Sicherheit heucheln wollte:
-„Sieht man all dieses in dem prophetischen Säcklein?“</p>
-
-<p>„Man sieht auch einen Schlüssel darin“, sagte Ulenspiegel ihr
-ganz leise ins Ohr.</p>
-
-<p>Aber der Jüngling war schon mit dem Schlüssel davon.</p>
-
-<p>Plötzlich gewahrte Ulenspiegel einen Dieb, der von der Fleischbank
-eines Schweinemetzgers eine ellenlange Wurst stahl und
-unter seinem Mantel verbarg. Aber der Metzger sah es nicht.
-Voller Freuden kam der Dieb zu Ulenspiegel und sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Was verkaufst Du da, Unglücksprophet?“</p>
-
-<p>„Säcklein, aus denen Du ersehen kannst, daß Du gehängt werden
-wirst, weil Du die Würste zu gern hattest.“</p>
-
-<p>Bei dieser Rede entfloh der Dieb eilends, indes der bestohlene
-Metzger schrie:</p>
-
-<p>„Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“</p>
-
-<p>Aber es war zu spät.</p>
-
-<p>Während Ulenspiegel sprach, näherten sich ihm die beiden reichen
-Juden, die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatten, und sagten
-zu ihm:</p>
-
-<p>„Was hast Du da feil, Vlamländer?“</p>
-
-<p>„Säcklein“, versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Was sieht man mit Hilfe Deiner Prophetenbeeren?“ fragten sie.</p>
-
-<p>„Die künftigen Ereignisse, wenn man sie in den Mund nimmt,“
-versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Die beiden Juden beredeten sich, und der Ältere sagte zum andern.</p>
-
-<p>„Derart könnten wir sehen, wann unser Messias kommen wird.
-Solches würde ein großer Trost für uns sein. Laß uns eins dieser
-Säcklein erstehen. Wie teuer verkaufst Du sie?“ fragten sie.</p>
-
-<p>„Fünfzig Gülden“, versetzte Ulenspiegel. „Wenn Ihr mir die
-nicht zahlen wollt, so geht nur hinweg. Wer das Feld nicht
-kauft, muß den Misthaufen lassen, wo er ist.“</p>
-
-<p>Da sie Ulenspiegel so fest sahen, zählten sie ihm sein Geld hin,
-nahmen eins der Säckchen und begaben sich nach ihrem Bethaus.
-Allda liefen bald alle Juden zu Hauf, wissend, daß einer der
-beiden Alten ein Geheimnis erhandelt hatte, durch welches man
-des Messias Ankunft erfahren und verkünden könnte.</p>
-
-<p>Da ihnen die Sache bekannt war, wollten sie an dem Säcklein
-saugen, ohne zu zahlen; aber der Älteste, der es gekauft hatte,
-und der Jehu hieß, wollt’ es allein tun.</p>
-
-<p>„Söhne Israels,“ sprach er, das Säckchen in der Hand haltend,
-„die Christen spotten unser, wir sind gehetzt unter den Menschen,
-und man schreit hinter uns her, als wären wir Schelme. Die
-Philister wollen uns unter den Erdboden erniedrigen; sie speien
-uns ins Antlitz, denn Gott hat unsere Bogen entspannt und die
-Zügel vor uns gelockert. Wird es noch lange währen, Herr Gott
-Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns Übles geschieht, so wir
-Gutes erwarten, und daß Finsternis kommt, so wir auf Helligkeit
-hoffen? Wirst Du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher
-Messias? Wann werden die Christen sich in den Höhlen und
-Löchern der Erde verbergen, ob des Schreckens, den sie vor Dir
-haben und vor Deiner Herrlichkeit, wann Du aufstehen wirst,
-sie zu züchtigen?“</p>
-
-<p>Und die Juden schrien:</p>
-
-<p>„Komm Messias! sauge Jehu!“</p>
-
-<p>Jehu leckte und brach es wieder aus und rief gar kläglich:</p>
-
-<p>„Wahrlich, ich sage Euch, dies ist nichts denn Kot, und der
-flandrische Pilger ist ein Schelm.“</p>
-
-<p>Da stürzten sich alle Juden über das Säcklein her, öffneten es
-und sahen, was es enthielt, und gingen in großer Wut auf den
-Markt, um Ulenspiegel zu suchen.</p>
-
-<p>Der aber hatte mit nichten auf sie geharrt.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>51</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ein Mann aus Damm, welcher Klas seine Kohlen nicht bezahlen
-konnte, gab ihm sein bestes Gerät, eine Armbrust mit zwölf
-scharfgespitzten Bolzen, die als Wurfgeschoß dienten.</p>
-
-<p>In den Stunden, wo die Arbeit feierte, schoß Klas mit der
-Armbrust; mehr als ein Hase ward von ihm erlegt und zu Frikassee
-eingekocht, dafür daß er den Kohl zu sehr geliebt hatte.</p>
-
-<p>Alsdann aß Klas unmäßig und Soetkin sagte, auf die öde Landstraße
-blickend: „Tyll, mein Sohn, spürst du nicht den Wohlgeruch
-der Brühe? Gewißlich hat er jetzt Hunger.“ Und ganz
-in Gedanken hätte sie ihm seinen Anteil am Schmause aufheben
-mögen.</p>
-
-<p>„Wenn ihn hungert,“ sprach Klas, „so ist’s seine Schuld; möge
-er heimkehren, so wird er essen wie wir.“</p>
-
-<p>Klas hatte Tauben; auch hörte er gern Grasmücken, Distelfinken,
-Sperlinge und andere singende und geschwätzige Vögel
-um sich herum singen und zwitschern. Desgleichen schoß er gern
-die Bussarde und Sperber, die königlichen Vertilger des Vogelvolks.</p>
-
-<p>Einmal, da er im Hofe Kohlen maß, zeigte Soetkin ihm einen
-großen Vogel, der über dem Taubenschlag in der Luft schwebte.
-Klas nahm seine Armbrust und sprach:</p>
-
-<p>„Der Teufel errette Seine Gnaden, den Sperber!“</p>
-
-<p>Er spannte seine Armbrust und verfolgte alle Bewegungen des
-Vogels, um ihn nicht zu fehlen. Es war um die Zeit der Dämmerung,
-Klas konnte nur noch einen schwarzen Punkt unterscheiden.
-Er schoß den Bolzen ab und sah einen Storch in den
-Hof fallen.</p>
-
-<p>Klas war schier betrübt darüber, aber Soetkin war es noch
-mehr und rief:</p>
-
-<p>„Unseliger, du hast den Vogel Gottes getötet.“</p>
-
-<p>Hierauf nahm sie den Storch, sah, daß er nur am Flügel verwundet
-war, ging Balsam holen und sagte, derweil sie seine
-Wunde verband:</p>
-
-<p>„Storch, Schätzlein, es war nicht gescheit von Dir, daß Du, den
-man liebt, in den Wolken schwebst wie der Sperber, den man
-haßt. Auch die Pfeile des Volkes gehen ans unrechte Ziel; tut
-Dir Dein armer Flügel weh, Störchlein? Lässest Dich so geduldig
-behandeln, denn Du weißt, daß unsre Hände Freundeshände
-sind.“</p>
-
-<p>Da der Storch geheilt war, bekam er zu fressen, was er nur
-wollte; aber mit Vorliebe fraß er den Fisch, den Klas für ihn
-im Kanal fischen ging. Und allemal, wenn der Gottesvogel ihn
-kommen sah, öffnete er seinen großen Schnabel. Er folgte Klas
-wie ein Hund, aber lieber weilte er in der Küche und wärmte
-seine Brust am Feuer und klopfte Soetkin, die das Mahl bereitete,
-mit dem Schnabel auf den Leib, als wollte er ihr sagen:</p>
-
-<p>„Ist nichts für mich da?“</p>
-
-<p>Es war aber lustig anzusehen, wie dieser ernsthafte Glücksbote
-auf seinen langen Beinen in der Hütte einherstelzte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>52</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Indessen waren die bösen Tage wiedergekehrt. Klas arbeitete
-traurig allein auf dem Felde, denn es war nicht Arbeit für zwei.
-Soetkin blieb allein in der Hütte und bereitete die Bohnen, ihre
-tägliche Speise, auf jegliche Art zu, um ihrem Manne Lust zum
-Essen zu machen. Und sie sang und lachte, damit er sich nicht
-grämte, sie traurig zu sehen. Der Storch stand auf einem Bein,
-den Schnabel im Gefieder, neben ihr.</p>
-
-<p>Ein Mann zu Pferde hielt vor der Hütte still; er war schwarz
-gekleidet, sehr hager und hatte eine sonderlich traurige Miene.</p>
-
-<p>„Ist jemand drinnen?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Gott segne Eure Schwermut, aber bin ich ein Geist, daß Ihr
-mich hier sehet und fragt, ob jemand daheim sei?“</p>
-
-<p>„Wo ist Dein Vater?“ fragte der Reiter.</p>
-
-<p>„Wenn mein Vater Klas heißt, so ist er dort unten, und Du siehst
-ihn Korn säen.“</p>
-
-<p>Der Reiter ging und Soetkin desgleichen, betrübten Herzens,
-denn sie mußte zum sechsten Male Brot vom Bäcker holen, ohne
-zu zahlen. Da sie mit leeren Händen zurückkehrte, sah sie voller
-Staunen, wie Klas stolz und triumphierend heimkehrte auf dem
-Pferde des schwarzgekleideten Mannes, welcher zu Fuß neben
-ihm schritt und es am Zügel führte. Klas stützte einen ledernen
-Sack, der wohlgefüllt schien, stolz auf seinen Schenkel.</p>
-
-<p>Beim Absteigen umarmte er den Mann, schlug ihm fröhlich auf
-die Schulter und rief, den Sack schüttelnd:</p>
-
-<p>„Es lebe mein Bruder Jobst, der gute Einsiedel! Gott erhalte
-ihn in Freude, Leibesfülle, Frohsinn und Gesundheit! Siehe, er
-ist der Jobst des Segens, des Überflusses und der fetten Suppen!
-Der Storch hat nicht gelogen!“ Und er setzte den Sack auf den
-Tisch.</p>
-
-<p>Da sagte Soetkin voller Harm: „Mann, wir werden heute nicht
-essen, der Bäcker wollte mir kein Brot geben.“</p>
-
-<p>„Brot?“ sagte Klas, öffnete den Sack und ließ einen goldenen
-Strom über den Tisch sich ergießen. „Brot? Hier ist Brot,
-Butter, Fleisch, Wein, Bier. Hier sind Schinken, Markknochen,
-Reiherpasteten, Fettammern, Masthühner und Kapaunen, wie
-bei den großen Herren! Hier ist Bier in Tonnen und Wein in
-Fässern. Ein Narr ist der Bäcker, der uns das Brot verweigert;
-wir werden nichts mehr bei ihm kaufen.“</p>
-
-<p>„Aber Mann“, sprach Soetkin verblüfft.</p>
-
-<p>„Wohlan, höre,“ sprach Klas, „und sei guter Dinge. Katheline,
-anstatt in der Markgrafschaft Antwerpen die Zeit ihrer Verbannung
-hinzubringen, ist, von Nele geführt, auf Schusters
-Rappen bis Meyborg gegangen. Dort hat Nele meinem Bruder
-Jobst gesagt, daß wir oftmals darben, ohngeachtet unserer sauren
-Arbeit. Wie dieser wackre Bote mir soeben vermeldete“ / und
-Klas wies auf den schwarzgekleideten Reiter / „hat Jobst die
-heilige römische Religion verlassen und sich der Ketzerei Luthers
-hingegeben.“</p>
-
-<p>Der schwarzgekleidete Mann sagte:</p>
-
-<p>„Jene sind Ketzer, die sich zum Dienste der großen Buhlerin bekennen.
-Denn der Papst ist bestechlich und treibt Schacher mit
-heiligen Dingen.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Soetkin, „sprecht nicht so laut, Herr, Ihr könntet
-uns alle drei auf den Scheiterhaufen bringen.“</p>
-
-<p>„So hat denn“, sagte Klas, „Jobst diesem wackeren Boten gesagt,
-er wolle mit den Truppen Friedrichs von Sachsen kämpfen
-und ihm fünfzig trefflich gewappnete Männer zuführen. Da er
-in den Krieg zöge, sei ihm so viel Geld nicht vonnöten, um es in
-übler Stunde irgend einem Schelm von Landsknecht zu überlassen.
-„Darum“, so hat er gesagt, „bringe diese siebenhundert
-Goldkarolus meinem Bruder Klas samt meinen Segenswünschen.
-Sag ihm, er möge einen guten Wandel führen und seines
-Seelenheils gedenken.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach der Reiter, „es ist an der Zeit, denn Gott wird dem
-Menschen nach seinen Werken lohnen und jeglichen behandeln,
-gleich wie es sein Wandel verdient.“</p>
-
-<p>„Herr,“ sprach Klas, „inzwischen wird es mir nicht verwehrt
-sein, mich der frohen Botschaft zu freuen. Geruht bei uns zu
-bleiben, wir wollen sie mit schönen Kaldaunen, viel Kalbsbraten
-und einem kleinen Schinken feiern, den ich zuvor bei dem
-Schweinemetzger gesehen habe, so rund und lecker, daß er mir
-die Zähne einen Fuß lang aus dem Maul gezogen hat.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach der Mann, „die Toren ergötzen sich, derweilen die
-Augen Gottes über ihren Wegen sind.“</p>
-
-<p>„Nun denn, Bote,“ sagte Klas, „willst Du mit uns essen und
-trinken oder nicht?“</p>
-
-<p>Der Mann entgegnete:</p>
-
-<p>„Für die Getreuen wird es Zeit sein, ihre Seelen den irdischen
-Freuden hinzugeben, wenn die große Babel gefallen ist.“</p>
-
-<p>Da Soetkin und Klas sich bekreuzten, wollte er gehen.</p>
-
-<p>Klas sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Dieweil es Dir gefällt, also ohne Labung des Weges zu gehen,
-gib meinem Bruder Jobst den Friedenskuß und wache über ihn
-in der Schlacht.“</p>
-
-<p>„Das werde ich tun“, erwiderte der Mann.</p>
-
-<p>Er machte sich auf, indes Soetkin etwas einholen ging, um den
-Glücksfall zu feiern. Der Storch kriegte am selbigen Tage zwei
-Gründlinge und einen Kabeljaukopf zum Abendessen.</p>
-
-<p>Die Kunde verbreitete sich bald in Damm, daß der arme Klas
-durch das Vermögen seines Bruders Jobst ein reicher Klas
-worden sei. Der Dechant meinte, daß Katheline ohne Zweifel
-Jobst behext hätte, maßen Klas eine ansehnliche Summe Geldes
-erhalten und doch Unsrer lieben Frau nicht das geringste Kleid
-geschenkt hätte.</p>
-
-<p>Klas und Soetkin waren glücklich. Klas arbeitete auf dem
-Felde und verkaufte seine Kohlen und Soetkin zeigte sich daheim
-als tüchtige Hausfrau. Aber sie spähte voller Harm ohn Unterlaß
-auf den Wegen nach ihrem Sohn Ulenspiegel. Und alle drei
-genossen des Glücks, das ihnen von Gott kam, in Erwartung
-dessen, das ihnen von den Menschen kommen sollte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>53</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Kaiser Karl empfing desselbigen Tages einen Brief, worin sein
-Sohn Philipp ihm schrieb:</p>
-
-<p class="center">
-„Mein Kaiserlicher Vater!
-</p>
-
-<p>„Es mißfällt mir, in diesem Lande leben zu müssen, wo die verfluchten
-Ketzer wie Flöhe, Raupen und Heuschrecken überhand
-nehmen. Feuer und Schwert wären gerade recht, um sie vom
-Stamm des Lebensbaumes, der unsere heilige Mutter Kirche ist,
-abzuhauen. Als ob es für mich an diesem Kummer nicht genug
-wäre, muß es noch sein, daß sie mich nicht als König ansehen,
-sondern als den Mann ihrer Königin, der ohne sie keine Macht
-hat. Sie spotten über mich und sagen in boshaften Pamphleten,
-deren Verfasser und Drucker man nicht auffinden kann, daß der
-Papst mich bezahlt, um das Königreich durch ruchloses Brennen
-und Hängen zu beunruhigen und zu verderben. So ich irgend
-eine dringende Steuer von ihnen erheben will, denn sie lassen
-mich häufig aus Bosheit ohne Geld, antworten sie mir in elenden
-Pasquillen, daß ich nur Satan, für welchen ich arbeite, darum
-zu bitten brauchte. Die vom Parlament entschuldigen sich
-und machen einen krummen Buckel, aus Furcht, daß ich beiße;
-aber sie bewilligen nichts.</p>
-
-<p>Indessen sind die Mauern Londons mit Schmähschriften bedeckt,
-so mich als einen Vatermörder hinstellen, der bereit ist, Eure
-Majestät zu erschlagen, um Euch zu beerben.</p>
-
-<p>Aber Ihr wisset, Herr und Vater, daß ich, ohngeachtet alles berechtigten
-Ehrgeizes und Stolzes, Euch eine lange und ruhmreiche
-Regierung wünsche.</p>
-
-<p>Auch verbreiten sie in der Stadt eine Zeichnung, die nur allzu
-geschickt in Kupfer gestochen ist. Darauf bin ich zu sehen, wie
-ich das Klavichord spielen lasse durch die Pfoten von Katzen,
-die in dem Instrument eingesperrt sind. Ihre Schwänze kommen
-durch runde Löcher herfür und sind außen mit eisernen Stiften
-befestigt. Ein Mann, der ich sein soll, verbrennt ihnen den
-Schwanz mit glühenden Eisen und macht dadurch, daß sie die
-Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend heulen. Ich bin so
-häßlich darauf dargestellt, daß ich mich nicht ansehen mag. Und
-dann zeigen sie mich lachend. Ihr aber wisset, mein Herr Vater,
-ob es mir bei irgend einer Gelegenheit begegnet ist, mir dies profane
-Vergnügen zu machen. Ohne Zweifel versuchte ich mich zu
-zerstreuen, indem ich diese Katzen zum Miauen brachte, aber ich
-lachte nicht. In ihren rebellischen Ausdrücken machen sie mir
-ein Verbrechen aus dem, was sie die Neuheit und Grausamkeit
-dieses Klavichords nennen, wiewohl doch die Tiere keine Seele
-haben und alle Menschen, sonderlich alle königlichen Personen,
-sich zu ihrer Erholung der Tiere bis zu deren Tode bedienen
-können. Aber in diesem Engelland sind sie so mit Tieren versehen,
-daß sie solche besser behandeln als ihre Diener. Die Pferdeställe
-und Hundehütten sind hier Paläste, und es gibt Ritter, die
-mit ihrem Pferde auf derselben Streu schlafen.</p>
-
-<p>Des Weiteren ist meine edle Gemahlin und Königin unfruchtbar.
-Sie tun mir den blutigen Schimpf an zu sagen, daß ich die Ursache
-davon sei und nicht sie, die übrigens über die Maßen eifersüchtig,
-ohne feine Sitte und liebestoll ist. Mein Herr und Vater,
-ich bitte alle Tage zum Herrgott, daß er mich in seiner Gnade
-erhalte. Ich hoffe auf einen andern Thron, und wäre es beim
-Türken, in Erwartung dessen, zu dem mich die Ehre beruft, Eurer
-höchst ruhmvollen und höchst siegreichen Majestät Sohn zu sein.“</p>
-
-<p class="right">
-Gezeichnet: PHLE.“
-</p>
-
-<p>Der Kaiser antwortete auf diesen Brief:</p>
-
-<p class="center">
-Mein Herr Sohn!
-</p>
-
-<p>„Eure Feinde sind groß, das bestreite ich nicht, aber versuchet,
-ohne Unwillen das Warten auf eine glänzendere Krone zu ertragen.
-Ich habe schon mehreren meine Absicht kund getan,
-Mich aus den Niederlanden und Meinen andern Kronländern
-zurückzuziehen, denn, alt und gichtisch, wie Ich werde, weiß Ich,
-daß Ich nicht wohl Heinrich von Frankreich, dem zweiten dieses
-Namens, widerstehen könnte, maßen Fortuna die jungen Leute
-liebt. Bedenket auch, daß Ihr als Herr Engellands Frankreich,
-Unseren Feind, durch Eure Macht verwundet.</p>
-
-<p>Ich wurde vor Metz elend geschlagen und verlor dort vierzigtausend
-Mann. Ich mußte vor dem von Sachsen fliehen. Wenn
-Gott mir nicht durch eine Fügung seines guten und göttlichen
-Willens Meine ursprüngliche Kraft und Rüstigkeit wiedergibt,
-so bin ich gewillt, mein Herr Sohn, Meine Reiche zu verlassen
-und sie Euch zu übergeben.</p>
-
-<p>Habet also Geduld und übet derweilen alle Pflicht wider die
-Ketzer, indem Ihr keinen von ihnen verschont, nicht Männer,
-Frauen, Mädchen noch Kinder; denn ich habe nicht ohne großen
-Schmerz erfahren, daß die Frau Königin sie oft begnadigen wollte.</p>
-
-<p class="right">
-Euer wohlgewogener Vater.
-</p>
-<p class="halfright">
-Gezeichnet: Karl.“
-</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>54</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel lange Zeit gewandert war, hatte er blutende
-Füße und begegnete im Bistum Mainz einem Planwagen mit
-Pilgern, der brachte ihn bis nach Rom.</p>
-
-<p>Als er in die Stadt einfuhr und vom Wagen stieg, erblickte er
-auf der Schwelle einer Herbergstür ein artiges Weiblein, welches
-lächelte, da es sah, wie er es anschaute.</p>
-
-<p>Diese holde Laune zu seinen Gunsten deutend, sprach er:</p>
-
-<p>„Wirtin, willst Du dem pilgernden Pilger Obdach geben? Denn
-ich bin der Entbindung nahe und werde mit dem Erlaß meiner
-Sünden niederkommen.“</p>
-
-<p>„Wir geben Obdach allen, die uns zahlen.“</p>
-
-<p>„Ich habe hundert Dukaten in meiner Geldkatze,“ versetzte Ulenspiegel,
-der nur einen hatte, „und ich will den ersten draufgehen
-lassen und mit Dir eine Flasche alten römischen Weins
-trinken.“</p>
-
-<p>„Der Wein ist an diesen heiligen Orten nicht teuer“, erwiderte
-sie. „Tritt ein und trinke für einen Soldo.“</p>
-
-<p>Sie tranken so lange mitsammen und leerten unter artigen Reden
-so viele Flaschen, daß die Wirtin ihrer Magd heißen mußte, an
-ihrer Statt den Kunden zu trinken zu geben. Sie und Ulenspiegel
-zogen sich derweil in ein Hintergemach zurück, das mit
-Marmelstein ausgelegt und kalt wie der Winter war.</p>
-
-<p>Den Kopf auf seine Schulter neigend, fragte sie ihn, wer er
-wäre. Ulenspiegel gab diese Antwort:</p>
-
-<p>„Ich bin Herr von Geeland, Graf von Gavergaëten, Baron von
-Tuchtendeel, und in Damm, meiner Vaterstadt, habe ich fünfundzwanzig
-Morgen Mondschein.“</p>
-
-<p>„Was ist das für ein Landgut?“ fragte die Wirtin und trank aus
-Ulenspiegels Humpen.</p>
-
-<p>„Das ist eine Besitzung, auf der man das Korn der Täuschungen,
-der leeren Hoffnungen und der luftigen Versprechen säet. Aber
-Du bist nicht im Mondschein geboren, holde Wirtin mit der
-ambraduftenden Haut und den Augen, die wie Perlen glänzen.
-Das bräunliche Gold dieser Haare hat die Farbe der Sonne;
-Venus, die neidlose, machte Dir die üppigen Schultern, die
-prallen Brüste, die runden Arme und die zierlichen Händlein.
-Werden wir heute Abend mitsammen speisen?“</p>
-
-<p>„Schöner Pilger aus Flandern,“ sprach sie, „warum kommst Du
-hierher?“</p>
-
-<p>„Um mit dem Papst zu sprechen,“ versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach sie, die Hände faltend, „mit dem Papst zu sprechen;
-ich, die ich aus diesem Lande stamme, habe es nimmer vermocht.“</p>
-
-<p>„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Aber,“ sagte sie, „weißt Du, wohin er geht, wie er ist? Kennst
-Du seine Gewohnheiten und seine Lebensweise?“</p>
-
-<p>„Man hat mir unterwegs erzählt, daß er Julius III. heißet, daß
-er ein Wüstling, lustig und ausschweifend ist, geschickt in der
-Unterhaltung und scharfsinnig in seinen Antworten. Auch hat
-man mir gesagt, daß er für einen kleinen schwarzen, schmutzigen
-und ungesitteten Bettelbuben, der mit einem Affen um Almosen
-bettelt, eine außerordentliche Freundschaft gefaßt hat. Da er
-auf den päpstlichen Stuhl gelangte, hat er ihn zum Kardinal
-der Anleihen gemacht, und er soll krank sein, wenn er einen Tag
-verbringt, ohne ihn zu sehen.“</p>
-
-<p>„Trink,“ sagte sie, „und sprich nicht so laut.“</p>
-
-<p>„Man sagt auch, daß er wie ein Soldat fluchte: <span class="antiqua">Al dispetto di
-Dio, potta di Dio</span>, als er eines Tages beim Nachtmahl einen kalten
-Pfauen, den er sich hatte aufheben lassen, nicht fand. Er sagte:
-„Ich, der Statthalter Christi, mag wohl eines Pfauen halber
-fluchen, wenn mein Herr um einen Apfel gezürnet hat!“ / „Du
-siehst, Schätzlein, daß ich den Papst kenne und weiß, wer er
-ist.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sagte sie, „aber sprich davon nicht zu andern. Du wirst
-ihn gleichwohl nicht sehen.“</p>
-
-<p>„Ich werde mit ihm sprechen“, sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wenn Du das tust, so gebe ich Dir hundert Gülden.“</p>
-
-<p>„Ich habe sie schon gewonnen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Am andern Morgen lief er in der Stadt umher, wiewohl seine
-Beine müde waren, und erkundete, daß der Papst des selbigen
-Tages in Sankt Johann vom Lateran die Messe lesen würde.
-Ulenspiegel ging dorthin und stellte sich so auffallend in die
-Nähe des Papstes, als er vermochte, und jedes Mal, wenn der
-Papst den Kelch oder die Hostie erhob, kehrte Ulenspiegel dem
-Altar den Rücken.</p>
-
-<p>Neben dem Papst stand ein Kardinal, der die Messe ministrirte,
-braun von Angesicht, boshaft und feist, mit einem Affen auf der
-Schulter, und gab dem Volk mit vielen unzüchtigen Gesten das
-Sakrament. Er machte den Papst auf Ulenspiegels Gebahren
-aufmerksam und der Papst sandte nach der Messe vier prächtige
-Kriegsmänner, wie man sie in diesen kriegerischen Ländern kennt,
-sich des Pilgers zu bemächtigen.</p>
-
-<p>„Was für einen Glauben hast Du?“ fragte ihn der Papst.</p>
-
-<p>„Allerheiligster Vater,“ versetzte Ulenspiegel, „ich habe den Glauben,
-den meine Wirtin hat.“</p>
-
-<p>Der Papst ließ die Frau holen.</p>
-
-<p>„Was glaubst Du?“ sagte er zu ihr.</p>
-
-<p>„Was Eure Heiligkeit glaubt“, erwiderte sie.</p>
-
-<p>„Und ich desgleichen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Papst fragte ihn, warum er dem heiligen Sakrament den
-Rücken gedreht hätte.</p>
-
-<p>„Ich fühlte mich unwürdig, es anzuschauen.“</p>
-
-<p>„Du bist Pilger“, sagte der Papst.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach er, „ich komme aus Flandern, Vergebung meiner
-Sünden zu erbitten.“</p>
-
-<p>Der Papst segnete ihn und Ulenspiegel ging mit der Wirtin von
-dannen; die zählte ihm hundert Gülden auf. So beladen verließ
-er Rom, um in das Land Flandern zurückzukehren.</p>
-
-<p>Aber für seinen Ablaß, der auf Pergament geschrieben war, mußte
-er sieben Dukaten entrichten.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>55</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zur selbigen Zeit kamen zwei Prämonstratenserbrüder nach Damm,
-um Ablaß zu verkaufen. Sie trugen über ihrem Mönchsgewand
-ein schönes, mit Spitzen besetztes Hemde.</p>
-
-<p>Wenn das Wetter hell war, standen sie vor der Kirchtür, wenn
-es regnete, in der Vorhalle. Sie schlugen ihre Preisliste an;
-danach gaben sie für sechs Heller, für einen Pfennig, einen halben
-Pariser Lire, für sieben, zwölf Karolusgülden je hundert, zweihundert,
-dreihundert, vierhundert Jahre Ablaß und je nach dem
-Preis halben oder vollkommenen Ablaß und Vergebung für die
-ungeheuerlichsten Verbrechen, zum Exempel den Wunsch, der
-heiligen Jungfrau Gewalt anzutun. Aber dieses kostete siebenzehn
-Gülden.</p>
-
-<p>Den Käufern, die ihnen Geld gaben, händigten sie kleine Stücke
-Pergament ein, auf denen die Zahl der Ablaßjahre geschrieben
-stand. Darunter las man diese Inschrift:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wer nicht will werden</div>
- <div class="verse indent0">Gedämpft, gebraten, gesotten gar,</div>
- <div class="verse indent0">Im Fegefeuer tausend Jahr,</div>
- <div class="verse indent0">In der Höllen brennen immerdar,</div>
- <div class="verse indent0">Der kaufe Ablaß, Gnaden, Vergebung</div>
- <div class="verse indent0">Um wenig Geld</div>
- <div class="verse indent0">Gott wird’s ihm lohnen.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und auf zehn Meilen im Umkreis kamen Käufer zu ihnen. Der
-eine der guten Brüder predigte oftmals zum Volke; er hatte ein
-feistes, blühendes Gesicht und trug sein dreifaches Kinn und seinen
-Bauch ohne Verlegenheit zur Schau.</p>
-
-<p>„Unglücklicher,“ sprach er und heftete seine Augen auf den einen
-oder den andern seiner Zuhörer: „Unglücklicher, da bist Du in
-der Höllen; das Feuer verbrennt dich grausam, man lässet Dich
-in einem Kessel voll siedenden Öls kochen, worin man die Ölkuchen
-der Astarte bereitet. Du bist nichts als eine Blutwurst auf Luzifers
-Ofen, eine Hammelkeule auf dem Gilgiroths des großen
-Teufels, denn zuvor schneidet man Dich in Stücke. Siehe diesen
-großen Sünder, der den Ablaß verachtete, siehe diese Schüssel
-mit Hackfleisch, das ist er, das ist er, sein ruchloser Körper, sein
-verdammter Körper also zusammengekocht. Und was für eine
-Brühe! Schwefel, Pech und Teer. Und solchergestalt werden
-alle diese armen Sünder gefressen, um beständig für die Qual
-neu geboren zu werden. Da ist wahrlich Heulen und Zähneklappern.
-Habe Mitleid, Gott der Barmherzigkeit! Ja, da bist Du
-in der Hölle, armer Verdammter und leidest all diese Qualen.
-Gibt man nur einen Heller für Dich, so spürst Du jählings Linderung
-an Deiner rechten Hand; gibt man noch einen halben mehr,
-siehe da, Deine beiden Hände sind aus dem Feuer. Aber der
-übrige Körper? Ein Gülden, und der Tau des Ablasses fällt.
-O köstliche Kühlung. Und das zehn Tage, hundert Tage, tausend
-Jahre, je nachdem man zahlt: kein Braten, keine Ölkuchen, kein
-Hackfleisch mehr. Und wenn es nicht für Dich Sünder ist, gibt
-es nicht in den geheimsten Tiefen des Feuers arme Seelen? Deine
-Eltern, ein liebes Weib, ein holdes Mägdlein, mit dem Du gern
-sündigtest?“</p>
-
-<p>So sprechend, stieß der Mönch den Frater, der mit einem silbernen
-Becken neben ihm stand, mit dem Ellenbogen an. Bei diesem
-Zeichen schlug der Bruder die Augen nieder und schüttelte
-salbungsvoll sein Becken, um das Geld herbeizulocken.</p>
-
-<p>„Hast Du nicht“, sprach der Mönch weiter, „in diesem gräßlichen
-Feuer einen Sohn, eine Tochter, irgend ein geliebtes Kindlein?
-Sie schreien, sie weinen, sie rufen Dich. Könntest Du bei diesen
-kläglichen Stimmen taub bleiben? Du könntest es nicht. Dein
-Herz von Eis schmilzt; aber das wird Dir einen Gülden kosten.
-Und schau: beim Klang dieses Karolus auf diesem geringen Metall
-(des Mönches Kumpan schüttelte abermals das Becken) entsteht
-ein leerer Raum im Feuer, und die arme Seele steigt bis
-an die Öffnung irgend eines Vulkans. Nun ist sie in der frischen
-Luft, der freien Luft! Wo ist die Pein des Feuers? Das Meer
-ist nahe, sie stürzt sich hinein, sie schwimmt auf dem Rücken, auf
-dem Bauch, auf den Wogen und unter ihnen. Horch, wie sie vor
-Freude jauchzt, wie sie sich im Wasser wälzt! Die Engel schauen
-sie an und sind glücklich. Sie erwarten sie, aber sie hat noch
-nicht genug, sie möchte ein Fisch werden. Sie weiß nicht, daß es
-da oben labende, duftende Bäder gibt, darinnen große Stücke
-weißen Kandiszuckers schwimmen, so kühl wie Eis. Ein Hai erscheint;
-sie fürchtet ihn nimmer. Sie steigt auf seinen Rücken,
-aber er spürt sie nicht; sie will mit ihm in die Tiefen des Meeres
-tauchen, dort will sie die Engel der Gewässer begrüßen, Waterzoey
-(Wassertiere) aus Korallenkesseln und frische Austern von
-Perlmutterschalen essen. Und wie wohl wird sie dort empfangen,
-gefeiert und gehätschelt. Die Englein rufen sie immerdar von
-oben. Siehst Du, wie sie endlich erquickt und glücklich, gleich
-einer Lerche, sich singend in den höchsten Himmel erhebt, wo Gott
-in seiner Herrlichkeit thront? Dort findet sie alle ihre irdischen
-Verwandten und Freunde, ohne allein jene, so im Abgrund der
-Höllen brennen, dieweil sie den Ablaß unsrer Heiligen Mutter
-Kirche geschmäht haben. Und also immer, immer, immer, bis
-in Jahrhunderte von Jahrhunderten, in der brennenden Ewigkeit.
-Aber die andre Seele ist bei Gott, erfrischt sich in köstlichen
-Bädern und knuspert Kandiszucker. Kauft Ablaß, Brüder,
-er wird für Cruzados, für Goldgülden, für Sovereigns
-aus England erteilt. Auch Kippergeld wird nicht zurückgewiesen.
-Kauft, kauft! Dies ist der heilige Kramladen. Hier
-ist Waare für Arme und für Reiche, aber es ist uns schier
-leid: wir können nichts auf Borg geben, Brüder, denn kaufen
-und nicht baar bezahlen ist ein Verbrechen in den Augen des
-Herrn.“</p>
-
-<p>Der Bruder, der nicht predigte, schüttelte seine Schale und die
-Gulden, Cruzados, Dukaten, Groschen, Heller und Pfennige fielen
-hageldicht darauf nieder.</p>
-
-<p>In Ansehung seines Reichtums zahlte Klas einen Gülden für
-zehntausend Jahre Ablaß. Die Mönche gaben ihm dafür ein
-Stück Pergament.</p>
-
-<p>Aber in Bälde, da sie sahen, daß in Damm nur noch Geizhälse
-übrig waren, die keinen Ablaß gekauft hatten, machten sich die
-beiden nach Heyst auf.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>56</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Mit seinem Pilgergewand angetan und seiner Vergehen los
-und ledig, verließ Ulenspiegel Rom, ging seines Weges fürbaß
-und kam nach Bamberg, wo man das beste Gemüse der Welt
-hat.</p>
-
-<p>Er trat in eine Herberge, wo eine fröhliche Wirtin war; die
-sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Junger Herr, willst Du für dein Geld essen?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „aber für wieviel isset man hier?“</p>
-
-<p>Die Wirtin erwiderte:</p>
-
-<p>„An der Herrentafel speist man für sechs Gülden; am Bürgertisch
-für vier und am Gesindetisch für zwei.“</p>
-
-<p>„Das meiste Geld dient mir allerbest“, versetzte Ulenspiegel und
-ging und setzte sich an die Herrentafel. Als er sich satt gegessen
-und seine Mahlzeit mit Rheinwein begossen hatte, sprach er zur
-Wirtin:</p>
-
-<p>„Gevatterin, ich habe für mein Geld gut gespeist; gib mir die
-sechs Gülden.“</p>
-
-<p>Die Wirtin sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Spottest Du meiner? Zahl Deine Zeche.“</p>
-
-<p>„Liebreizende Meisterin,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „Ihr
-habt nicht das Aussehen einer schlimmen Schuldnerin; im Gegenteil,
-ich sehe soviel große Aufrichtigkeit, Treuherzigkeit und
-Nächstenliebe darin, daß Ihr mir lieber achtzehn Gülden zahlen
-würdet, als mir die sechs verweigern, die Ihr mir schuldet. Die
-schönen Augen! Die Sonne, die Strahlenpfeile auf mich schleudert
-und verliebte Tollheit aufschießen läßt, höher als die Quecken
-auf einem Brachfeld.“</p>
-
-<p>Die Wirtin entgegnete:</p>
-
-<p>„Ich habe nichts mit Deiner Tollheit noch mit Deinen Quecken
-zu schaffen; bezahle und scheer Dich fort.“</p>
-
-<p>„Fortgehen und Dich nicht fürder sehen! Lieber wollt’ ich augenblicks
-verscheiden. Meisterin, süße Meisterin, ich habe nicht die
-Gewohnheit für sechs Gülden zu essen, ich armer junger Kerl, der
-über Berg und Tal wandert. Ich habe mich vollgestopft, und
-bald werde ich wie ein Hund in der Sonne die Zunge heraushängen
-lassen. Geruht, mich zu bezahlen, ich habe die sechs Gülden
-durch die harte Arbeit meiner Kinnbacken redlich verdient.
-Gebt sie mir und ich werde Euch mit solcher Glut der Dankbarkeit
-liebkosen, küssen und umarmen, daß siebenundzwanzig Verliebte
-mitsammen zu solcher Leistung nicht ausreichen.“</p>
-
-<p>„Du redest so ums Geld“, sagte sie.</p>
-
-<p>„Soll ich Dich umsonst aufessen?“</p>
-
-<p>„Nein“, sprach sie, sich seiner erwehrend.</p>
-
-<p>„Ach,“ seufzte er, sie verfolgend, „Deine Haut ist wie Rahm,
-Deine Haare sind wie ein Fasan, der am Spieß gebräunt ist,
-Deine Lippen wie Kirschen! Gibt es eine, die leckerer ist als Du?“</p>
-
-<p>„Es steht Dir wohl an, Du loser Vogel,“ sagte sie lächelnd,
-„mir noch sechs Gülden abzufordern. Sei froh, daß ich Dich gratis
-gefüttert habe, ohne etwas von Dir zu fordern.“</p>
-
-<p>„Wenn Du wüßtest, wieviel Platz noch da ist.“</p>
-
-<p>„Zieh ab,“ sagte die Wirtin, „ehe mein Mann kommt.“</p>
-
-<p>„Ich werde ein nachsichtiger Gläubiger sein“, versetzte Ulenspiegel.
-„Gib mir zum wenigsten einen Gülden für den künftigen Durst.“</p>
-
-<p>„Da, Du schlimmer Geselle“, sagte sie und gab ihm den.</p>
-
-<p>„Aber lässest Du mich auch wiederkommen?“</p>
-
-<p>„Willst Du wohl gehen“, sagte sie.</p>
-
-<p>„Wohl gehen,“ sprach Ulenspiegel, „das hieße zu Dir gehen, Du
-Holde. Aber Deine schönen Augen verlassen, das heißt schlecht
-gehen. Wenn Du geruhst, mich zu behalten, werde ich nur für
-einen Gülden täglich essen.“</p>
-
-<p>„Ist ein Stock vonnöten?“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Nimm meinen“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Sie lachte, aber er mußte von dannen ziehen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>57</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Um jene Zeit siedelte Lamm Goedzak wiederum nach Damm über,
-sintemalen das Land Lüttich wegen der Ketzereien unsicher war.
-Sein Weib folgte ihm willig, dieweil die Lütticher, die ihrer Natur
-nach treffliche Spötter waren, sich über die Gutmütigkeit ihres
-Mannes lustig machten.</p>
-
-<p>Er ging oft zu Klas, welcher, seit er geerbt hatte, die Schenke
-„zum blauen Turm“ unsicher machte und sich allda für sich und
-seine Kumpane einen Tisch ausgewählt hatte. Am nächsten
-Tische saß Jobst Griepenstüver, der seine halbe Kanne in kleinen
-Schlucken trank. Er war der Älteste der Fischergilde, ein geiziger,
-knickeriger Mann, der von sauren Heringen lebte und dem
-das Geld über das Heil seiner Seele ging. Klas hatte das Stück
-Pergament, darauf die zehntausend Jahre Ablaß geschrieben
-waren, in seinen Säckel gesteckt.</p>
-
-<p>Eines Abends, da Klas in Gesellschaft von Lamm Goedzak, Jan
-van Rosebeke und Matthys van Assche im „Blauen Turm“ saß
-und Jobst Griepenstüver auch da war, becherte Klas tapfer
-und Jan Rosebeke sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Das heißt sündigen, soviel zu trinken.“</p>
-
-<p>Klas entgegnete:</p>
-
-<p>„Man brennt nur einen halben Tag für eine Kanne zuviel. Und
-ich habe zehntausend Jahre Ablaß in meinem Säckel. Wer will
-hundert davon, um sich ohne Furcht den Magen zu überschwemmen?“</p>
-
-<p>Alle riefen:</p>
-
-<p>„Wie teuer verkaufst Du sie?“</p>
-
-<p>„Für eine Kanne, doch gebe ich hundertfünfzig für eine <span class="antiqua">muske
-conyn</span>.“</p>
-
-<p>Etliche Trinker zahlten Klas, der eine einen Schoppen, der andre
-Schinken; er schnitt ihnen allen einen kleinen Streifen Pergament
-ab. Aber nicht Klas aß den Preis des Ablasses auf und
-vertrank ihn, sondern Lamm Goedzak, welcher soviel verschlang,
-daß er zusehends anschwoll, derweil Klas in der Schenke hin und
-her ging, seine Ware feilzubieten.</p>
-
-<p>Griepenstüver kehrte ihm seine mürrische Miene zu.</p>
-
-<p>„Hast du Ablaß für zehn Tage?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Nein,“ sprach Klas, „das ist zu schwer abzuschneiden.“</p>
-
-<p>Und jedermann lachte, und Griepenstüver würgte seinen Zorn hinunter.</p>
-
-<p>Alsdann begab sich Klas in seine Hütte, und Lamm folgte ihm
-und ging, als ob er Beine aus Wolle hätte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>58</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Gegen das Ende des dritten Jahres kehrte Katheline nach Damm
-in ihre Behausung zurück. Und ohne Aufhören sagte die Irre:
-„Feuer auf dem Kopf, die Seele pocht, macht ein Loch, sie will
-hinaus.“ Und allemal, wenn sie Ochsen oder Hämmel erblickte,
-entfloh sie. Und sie setzte sich auf die Bank unter den Linden hinter
-ihrer Hütte, schüttelte den Kopf und sah die von Damm an,
-ohne sie zu erkennen; sie aber sagten, an ihr vorübergehend: „Das
-ist die Irre.“</p>
-
-<p>Indessen erblickte Ulenspiegel, welcher auf Wegen und Stegen
-umherstreifte, einen Esel auf der Landstraße; der war mit einem
-Leder aufgezäumt, welches mit Kupfernägeln verziert war, und
-sein Kopf war mit Quasten und Troddeln von roter Wolle geschmückt.</p>
-
-<p>Etliche alte Weiber stunden um den Esel und schwatzten und redeten
-alle zumal: „Keiner kann ihn bezwingen, es ist das grausliche
-Tier des großen Hexenmeisters, Baron von Rais, der lebendig
-verbrannt ward, dafür daß er dem Teufel acht Kinder geopfert
-hat. / Gevatterinnen, er ist so schnell davongelaufen, daß
-man ihn nicht hat einholen können. Satan steckt in ihm und beschützt
-ihn. / Denn da er ermattet auf der Landstraße still stand,
-kamen die Gemeinbüttel, ihn zu fangen; er aber schlug hinten
-aus und schrie so erschrecklich, daß sie ihm nicht zu nahen
-wagten. / Und das war keines Esels, sondern des Teufels Geschrei.
-/ Derhalben ließ man ihn Disteln weiden, ohne ihm den
-Prozeß zu machen, noch ihn als Hexenmeister lebendig zu verbrennen.
-/ Diese Mannsleute haben keinen Mut.“</p>
-
-<p>Ohngeachtet dieser erbaulichen Reden entflohen sie mit Geschrei,
-sobald der Esel die Ohren spitzte oder sich die Flanken mit dem
-Schwanze schlug. Dann aber kamen sie gackernd und plappernd
-wieder und führten bei der geringsten Bewegung des Grautiers
-die nämliche Komödie von Neuem auf.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel betrachtete sie mit Lachen:</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach er, „Neugierde ohne Ende und immerwährendes
-Reden strömt wie ein Fluß aus den Mäulern der Gevatterinnen,
-sonderlich der alten, denn bei den jungen ist der Strom nicht so
-reißend wegen ihrer verliebten Geschäfte.“</p>
-
-<p>Alsdann nahm er den Esel in Augenschein.</p>
-
-<p>„Dies Hexentier ist behend,“ sprach er, „und trabt ohne Zweifel
-nicht mit den Schultern; ich kann darauf reiten oder es verkaufen.“</p>
-
-<p>Ohne ein Wort zu sagen, ging er und holte eine Metze Hafer,
-gab sie dem Esel zu fressen, sprang ihm hurtig auf den Rücken,
-ergriff den Zügel, drehte sich nach Norden, Osten und Westen und
-segnete von ferne die Alten.</p>
-
-<p>Die knieten, ohnmächtig vor Schreck, nieder, und in der Spinnstube
-hieß es hernach, daß ein Engel, der einen Filzhut mit Fasanenfeder
-trug, gekommen sei, sie alle zu segnen und durch absonderliche
-Gnade Gottes den Esel des Zauberers fortzuführen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel trabte auf seinem Esel von dannen, mitten
-durch fette Weiden, wo Pferde frei umhersprangen und Kühe
-und Färsen träg in der Sonne lagen und wiederkäuten. Und er
-nannte ihn Jef.</p>
-
-<p>Der Esel stand still und hielt wohlgemut sein Mittagmahl von
-Disteln. Bisweilen jedoch zitterte er über die ganze Haut und
-schlug mit dem Schwanz an die Flanken, um die gefräßigen
-Bremsen zu vertreiben, die auch speisen wollten, aber von seinem
-Fleische.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, dessen Magen vor Hunger knurrte, war trübselig.</p>
-
-<p>„Du wärest recht glücklich, Herr Esel,“ sagte er, „bei Deinem
-Mittagmahl von fetten Disteln, „wann keiner Dich in Deinem
-Wohlbehagen störte und Dich erinnerte, daß Du sterblich bist,
-das ist geboren, um alle Arten von Unbill zu erdulden. Gleich
-wie Du,“ fuhr er fort und drückte den Esel mit den Schenkeln,
-„hat der Mann vom heiligen Pantoffel seine Bremse, das ist der
-Doktor Luther, und seine Hohe Majestät Karl hat auch die seine,
-das ist Herr Franz, der erste des Namens, der König mit der sehr
-langen Nase und dem noch längeren Degen. Darum ist es mir,
-dem armen jungen Kerl, der wie ein Jude herumirrt, wohl erlaubt,
-auch eine Bremse zu haben, Herr Esel. Ach, alle meine
-Täschlein sind durchlöchert und durch das Loch laufen all meine
-schönen Dukaten, Gülden und Taler davon wie eine Legion
-Mäuse, so dem Rachen einer Katze entfleuchen. Ich weiß nicht,
-warum das Geld mich nicht mag, der ich so gern das Geld möchte.
-Was man auch sage, Fortuna ist kein Weib, denn sie liebt nur die
-geizigen Filze, so sie in Truhen und Säcke sperren und mit zwanzig
-Schlüsseln verschließen und ihr nimmer erlauben, ein Endlein
-ihrer ganz vergüldeten Nase ans Fenster zu drücken. Das ist die
-Bremse, die an mir nagt und frißt und mich kitzelt, ohne mich
-zum Lachen zu bringen, Du hörst mich nicht an, Herr Esel, und
-denkst nur ans Fressen. O, Du Fettwanst, der seinen Wanst anfüllt,
-Deine langen Ohren sind taub für das Knurren der leeren
-Bäuche. Hör mich an, ich will es.“</p>
-
-<p>Und er peitschte ihn fort. Der Esel hub an zu schreien.</p>
-
-<p>„Nun Du gesungen hast, laß uns weitergehen“, sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Aber der Esel rührte sich nicht mehr denn ein Meilenstein und
-schien den Vorsatz gefaßt zu haben, alle Disteln an der Straße
-bis auf die letzte zu fressen. Und es mangelte nicht daran.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel das sah, stieg er ab, schnitt einen Strauß Disteln,
-hielt ihn dem Esel unter die Nase und führte ihn solcherart bis
-in das Gebiet des Landgrafen von Hessen.</p>
-
-<p>„Meister Esel,“ sagte er im Weiterreiten, „Du läufst meinem
-Distelstrauße nach und lässest den schönen Weg, der ganz mit
-diesen leckeren Pflanzen bestanden ist, hinter Dir. So machen
-es alle Menschen; die einen wittern den Duft des Ruhmes, den
-Fortuna ihnen unter die Nase hält, die andern den Duft des Gewinstes
-und etliche den Duft der Liebe. Am Ende des Weges
-werden sie wie Du gewahr, daß sie dem nachgelaufen sind, was
-wenig war, und das zurückgelassen haben, was etwas war, nämlich:
-Gesundheit, Arbeit, Ruhe und Wohlsein daheim.“</p>
-
-<p>Dergestalt mit seinem Esel schwätzend, kam Ulenspiegel vor den
-Palast des Landgrafen.</p>
-
-<p>Zwei Hauptleute der Scharfschützen würfelten auf der Treppe.
-Der eine von ihnen, welcher rothaarig und riesengroß war, sprach
-zu Ulenspiegel, der bescheidentlich auf Jef saß und ihnen zusah:
-„Was willst Du bei uns mit Deiner ausgehungerten Pilgerfratze?“</p>
-
-<p>„Ich habe freilich großen Hunger,“ versetzte Ulenspiegel, „und
-wallfahrte wider Willen.“</p>
-
-<p>„So Du Hunger hast,“ erwiderte der Hauptmann, „so schlinge
-den Strick hinunter, der am nächsten Galgen baumelt; der ist
-für Landstreicher bestimmt.“</p>
-
-<p>„Herr Hauptmann,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn Ihr mir den
-schönen güldenen Strick gäbet, den Ihr am Hute traget, so
-würde ich mich mit den Zähnen an jenem fetten Schinken aufhängen,
-der dorten beim Garkoch baumelt.“</p>
-
-<p>„Woher kommst Du?“ fragte der Hauptmann.</p>
-
-<p>„Aus Flandern“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Was willst Du?“</p>
-
-<p>„Seiner landgräflichen Gnaden ein Gemälde meiner Art zeigen.“</p>
-
-<p>„Wenn Du ein Maler und aus Flandern bist,“ sagte der
-Hauptmann, „so tritt ein, und ich werde Dich zu meinem Herrn
-führen.“</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel vor den Landgrafen geführt ward, grüßte er ihn
-dreimal und noch mehr.</p>
-
-<p>„Geruhen Euer Landgräfliche Gnaden“, sprach er, „meine Dreistigkeit
-zu entschuldigen, wenn ich es wage, zu Ihren edlen Füßen
-eine Malerei niederzulegen, die ich für Sie machte, und worauf
-ich die Ehre hatte, die Jungfrau in kaiserlichem Schmuck zu konterfeien.“</p>
-
-<p>„Diese Malerei“, fuhr er fort, „wird Euch vielleicht genehm
-sein. In dem Falle macht mich meine Kunst so vermessen, auf
-eine Erhöhung meines Sitzes bis zu diesem schönen Armsessel von
-rotem Sammet zu hoffen, worinnen zu seinen Lebzeiten der unvergeßliche
-Maler Euer großmütigen Gnaden saß.“</p>
-
-<p>Da der Herr Landgraf das Gemälde, das schön war, betrachtet
-hatte, sagte er:</p>
-
-<p>„Du sollst Unser Maler werden, setz Dich dort auf den Armstuhl.“
-Und er küßte ihn fröhlich auf beide Wangen. Ulenspiegel setzte
-sich.</p>
-
-<p>„Schier zerlumpt schaust Du aus“, sprach der Landgraf, ihn betrachtend.</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Wahrlich, Euer Gnaden, Jef, das ist mein Esel, fraß Disteln
-zu Mittag, aber ich lebe seit drei Tagen nur von Elend und nähre
-mich vom Dunste der Hoffnung.“</p>
-
-<p>„Du wirst alsbald besseres Fleisch zum Nachtmahl haben,“ entgegnete
-der Landgraf, „aber wo ist Dein Esel?“</p>
-
-<p>„Ich habe ihn auf dem Schloßplatz gelassen, dem Palast Eurer
-Gnaden gegenüber. Ich wäre recht froh, wenn Jef Obdach, Streu
-und Futter für die Nacht fände.“</p>
-
-<p>Der Herr Landgraf befahl stracks einem seiner Pagen, Ulenspiegels
-Esel zu behandeln, als wär’s sein eigner.</p>
-
-<p>Alsbald kam die Stunde des Nachtmahls. Da war eitel Hochzeit
-und Gelage, und die Fleischspeisen dampften immerfort und die
-Weine strömten in die Kehlen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und der Landgraf waren alle beide so rot wie glühende
-Kohlen; Ulenspiegel ward lustig, aber der Landgraf blieb
-nachdenklich.</p>
-
-<p>„Unser Maler,“ sagte er plötzlich, „Du mußt mich malen, denn
-es ist für einen sterblichen Fürsten eine gar große Genugtuung,
-seinen Nachkommen sein Antlitz zum Gedächtnis zu hinterlassen.“</p>
-
-<p>„Herr Landgraf,“ versetzte Ulenspiegel, „Euer Wille ist mein
-Wunsch; aber mir Armseligen scheint, daß Eure Liebden so ganz
-allein konterfeit in den künftigen Zeiten nicht viel Kurzweil haben
-würden. Ihr müßt in Gesellschaft Eurer edlen Gemahlin, der
-Frau Landgräfin, hochdero Damen und Herren und Eurer tapfersten
-Hauptleute und Offiziere sein, in deren Mitte der hohe Herr
-und die hohe Frau wie Sonnen unter Laternen erglänzen werden.“</p>
-
-<p>„Fürwahr, Unser Maler,“ erwiderte der Landgraf, „und was
-soll ich Dir für diese große Arbeit zahlen?“</p>
-
-<p>„Hundert Gülden im voraus oder anders“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Hier sind sie im voraus“, sprach der Landgraf.</p>
-
-<p>„Euer Mitleid, gnädiger Herr, gießt Öl auf meine Lampe; sie
-wird Euch zu Ehren brennen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Am folgenden Tag bat er Seine Gnaden den Landgrafen, Die,
-welchen er die Ehre des Konterfeis zugedacht hätte, an ihm vorbeiziehen
-zu lassen.</p>
-
-<p>Da kam der Herzog von Lüneburg, der Feldhauptmann der
-Landsknechte im Dienste des Landgrafen, der seinen feisten Wanst
-nur mit großer Beschwerde schleppte. Er trat nahe an Ulenspiegel
-heran und säuselte ihm diese Worte ins Ohr:</p>
-
-<p>„Wenn Du mir beim Abmalen nicht die Hälfte meines Fettes
-fortnimmst, so laß ich Dich durch meine Soldaten henken.“</p>
-
-<p>Kam sodann eine hohe Dame; selbige hatte einen Höcker auf dem
-Rücken und eine Brust, so glatt wie die Klinge eines Richtschwertes.</p>
-
-<p>„Meister Maler,“ sagte sie, „wenn Du mir nicht anstatt des einen,
-den du fortnimmst, zwei Höcker machst und sie nach vorne setzest,
-so laß ich Dich wie einen Giftmischer vierteilen.“</p>
-
-<p>Kam ein junges Ehrenfräulein, blond, frisch und liebreizend, aber
-ihr fehlten drei Zähne unter der Oberlippe.</p>
-
-<p>„Meister Maler,“ sprach sie, „wenn Du mich nicht malst, wie ich
-lache und zweiunddreißig Zähne zeige, so laß ich Dich durch meinen
-Herzallerliebsten in Stücke hacken.“</p>
-
-<p>Und auf den Hauptmann der Scharfschützen weisend, der zuvor
-auf der Treppe des Palastes gewürfelt hatte, ging sie weiter.</p>
-
-<p>Die Prozession nahm ihren Verlauf. Ulenspiegel blieb mit Seiner
-Gnaden dem Landgrafen allein.</p>
-
-<p>„Wenn Du das Unglück hast,“ sprach dieser, „beim Konterfeien
-aller dieser Gesichter mit einem Strich zu lügen, so laß ich Dir
-den Hals abschneiden wie einem jungen Huhn.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel gedachte: „des Kopfes beraubt, gevierteilt, kleingehackt
-oder zum mindesten gehenkt, wird es leichter sein, gar nicht
-zu malen. Ich werde darauf bedacht sein.“</p>
-
-<p>„Wo ist der Saal,“ fragte er den Landgrafen, „den ich mit all
-diesen Gemälden schmücken soll?“</p>
-
-<p>„Folge mir“, sprach der Landgraf.</p>
-
-<p>Und er zeigte ihm ein großes Gemach mit ganz nackten Mauern.</p>
-
-<p>„Hier ist der Saal“, sagte er.</p>
-
-<p>„Mir wäre es lieb,“ sprach Ulenspiegel, „wenn man vor diese
-Wände große Vorhänge zöge, auf daß meine Schildereien nicht
-möchten durch Fliegen und Staub verunglimpft werden.“</p>
-
-<p>„Das soll geschehen“, sprach der Landgraf.</p>
-
-<p>Nachdem die Vorhänge befestigt waren, begehrte Ulenspiegel drei
-Gesellen, damit sie, wie er sagte, ihm die Farben rieben. Dreißig
-Tage lang taten Ulenspiegel und die Gesellen nichts denn schwelgen
-und schlemmen und schonten der feinen Braten und alten
-Weine nicht; der Landgraf wachte selbst darüber.</p>
-
-<p>Indessen am einunddreißigsten Tage steckte er die Nase in die
-Türe des Gemachs, das auf Ulenspiegels Geheiß niemand betreten
-sollte.</p>
-
-<p>„Wohlan, Tyll,“ sprach er, „wo sind die Bilder?“</p>
-
-<p>„Sie sind weit“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Kann man sie nicht sehen?“</p>
-
-<p>„Noch nicht.“</p>
-
-<p>Am sechsunddreißigsten Tage steckte er wieder die Nase durch die
-Türe:</p>
-
-<p>„Wohlan, Tyll?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ei, gnädigster Herr Landgraf, sie gehen dem Ende zu.“</p>
-
-<p>Am sechzigsten Tage ward der Landgraf zornig und trat in das
-Gemach.</p>
-
-<p>„Flugs wirst Du mir die Bildnisse zeigen“, sprach er.</p>
-
-<p>„Jawohl, Euer Furchtbarkeit“, erwiderte Ulenspiegel. „Aber
-wollet diesen Vorhang nicht lüften, ehe Ihr nicht die Herren
-Hauptleute und Damen Eures Hofes hierher beschieden habt.“</p>
-
-<p>„Ich willige darein“, sprach der Landgraf.</p>
-
-<p>Alle kamen auf sein Geheiß.</p>
-
-<p>Ulenspiegel stand vor dem zugezogenen Vorhang.</p>
-
-<p>„Gnädigster Herr Landgraf,“ sprach er, „und Ihr, gnädigste Frau
-Landgräfin, und Eure Gnaden von Lüneburg und Ihr anderen
-schönen Damen und wackeren Hauptleute, ich habe Eure liebreizenden
-oder kriegerischen Angesichter hinter jenem Vorhang aufs
-beste abkonterfeit. Es wird Euch ein Leichtes sein, Euch männiglich
-darauf zu erkennen. Ihr seid neugierig, es zu sehen, das ist gerecht,
-aber geruhet Euch zu gedulden, und lasset mich ein Wort oder
-sechs reden. Schöne Damen und wackere Hauptleute, die Ihr adligen
-Blutes seid, Ihr könnet meine Malerei sehen und bewundern,
-so aber einer unter Euch ein Bürgerlicher ist, wird er nur
-die weiße Wand erblicken. Und nun geruhet Eure edlen Augen
-aufzutun.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel zog den Vorhang fort:</p>
-
-<p>„Allein die adligen Herren, allein die adligen Damen sind sehend.
-Darum wird man in Bälde sagen: Für die Malerei
-blind wie ein Niedriggeborener, scharfsichtig wie ein Edelmann.“</p>
-
-<p>Alle sperrten die Augen auf und stellten sich, als ob sie etwas sähen,
-zeigten sich einer dem andern, nannten Namen und erkannten sich,
-aber in Wahrheit erblickten sie nur die nackte Wand, welches sie
-verblüffte.</p>
-
-<p>Plötzlich sprang der Narr, der zugegen war, drei Schuh hoch in
-die Luft und schüttelte seine Schellen:</p>
-
-<p>„Scheltet mich einen Bürgerlichen, einen Niedrigen, der Niedrigkeit
-noch erniedrigt, aber ich sage und rufe mit Pauken und Trompeten,
-daß ich allda nur eine kahle Wand, eine weiße Wand, eine
-kahle Wand sehe. So mögen mir Gott und alle seine Heiligen
-beistehen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel versetzte:</p>
-
-<p>„Wenn Narren drein reden, so ist’s für die Weisen an der Zeit, zu
-gehen.“</p>
-
-<p>Er wollte den Palast verlassen, als der Landgraf ihn festhielt
-und sprach:</p>
-
-<p>„Du Schalksnarr, der durch die Welt wandert und die schönen
-und guten Dinge preist und der Dummheit mit einer scharfen
-Zunge spottet, Du wagtest angesichts so vieler hoher Damen und
-noch höherer vieledler Herren Dich öffentlich über Wappen und
-Adelsstolz lustig zu machen; du wirst eines Tages für Dein freies
-Reden gehenkt werden.“</p>
-
-<p>„Wenn der Strick von Gold ist, wird er vor Furcht zerreißen,
-wenn er mich kommen sieht.“</p>
-
-<p>„Nimm“, sprach der Landgraf und gab ihm fünfzehn Gülden;
-„dies ist das eine Ende davon.“</p>
-
-<p>„Großen Dank, Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „jede Herberge
-des Weges wird ein Fädlein davon erhalten, ein gülden
-Fädlein, das die spitzbübischen Herbergswirte zu Krösussen
-macht.“</p>
-
-<p>Und wohlgemut ritt er auf seinem Esel fürbaß; die Kappe trug
-er hoch, und die Feder wallte im Winde.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>59</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Blätter auf den Bäumen vergilbten, und der Herbstwind
-begann zu wehen. Katheline war zuzeiten eine oder drei Stunden
-bei Sinnen. Und Klas sagte dann, daß der Geist Gottes in
-seinem milden Erbarmen in sie führe. In solchen Augenblicken
-hatte sie die Macht, durch Gebärden und Worte einen Zauber
-auf Nele zu werfen, also daß sie mehr denn hundert Meilen
-weit Dinge erblickte, die auf Plätzen und Gassen und in den
-Häusern geschahen.</p>
-
-<p>An jenem Tage nun, da Katheline bei gutem Verstande war und
-Ölkuchen, mit Doppelbier angefeuchtet, in Gemeinschaft mit
-Klas, Soetkin und Nele verzehrte, sprach Klas:</p>
-
-<p>„Heute ist der Tag der Abdankung Seiner Heiligen Majestät
-Kaiser Karls V. Nele, mein Schätzlein, vermöchtest Du wohl
-bis nach Brüssel in Brabant zu sehen?“</p>
-
-<p>„Ich vermöchte es, wenn Katheline will“, versetzte Nele.</p>
-
-<p>Alsogleich hieß Katheline das Mägdlein auf eine Bank niedersitzen
-und durch ihre Worte und Gebärden, die wie ein Zauber
-wirkten, sank Nele in festen Schlummer.</p>
-
-<p>Katheline sprach zu ihr:</p>
-
-<p>„Tritt in das kleine Haus des Lustgartens, wo Kaiser Karl V. zu
-verweilen liebt.“</p>
-
-<p>„Ich bin“, sprach Nele mit leiser Stimme und als ob sie erstickte,
-„ich bin in einem kleinen Saal, der mit Ölfarbe grün angemalt ist.
-Dort sitzt ein Mann, nahe bei vierundfünfzig Jahren, kahlköpfig
-und grau, der einen blonden Bart auf einem vorstehenden Kinn
-trägt. Der Blick seiner grauen Augen ist böse, voller Arglist,
-Grausamkeit und verstellter Gutmütigkeit. Und diesen Mann
-nennt man Heilige Majestät. Er ist verschleimt und hustet viel.
-Bei ihm steht ein anderer, der ist jung, mit häßlicher Fratze wie
-ein wasserköpfiger Affe. Ich sah ihn zu Antwerpen, es ist König
-Philipp. Seine Heilige Majestät tadelt ihn just, daß er die Nacht
-sich herumgetrieben hat. Sicherlich, sagt er, um in einer Spelunke
-irgend eine Vettel aus dem verrufenen Stadtteil zu finden. Er
-sagt, daß seine Haare nach der Schenke riechen und daß solches
-kein Vergnügen für einen König sei, der nur zu wählen braucht
-reizende Leiber mit Haut wie Atlas, in wohlriechenden Bädern
-erfrischt, und Hände sehr verliebter, vornehmer Damen. Das
-ist mehr wert als eine Saudirne, die kaum gewaschen aus den
-Armen eines versoffenen Soldaten kommt. Da ist kein Weib, sagt
-er, ob Jungfrau, Ehefrau oder Wittib, die ihm widerstehen
-möchte unter den adligsten und schönsten, die ihre Liebschaften
-mit duftenden Kerzen und nicht mit dem fettigen Glimmen stinkender
-Unschlittlichter erhellen.“</p>
-
-<p>Der König erwidert Seiner Majestät, daß er ihm in allem gehorchen
-werde.</p>
-
-<p>Dann hustet Seine Majestät und trinkt etliche Schluck Würzwein.</p>
-
-<p>„Du wirst“, sagt er, sich an Philipp wendend, „alsbald die Generalstaaten
-sehen, Prälaten, Edle und Bürger: Oranien den
-Schweigsamen, Egmont den Eitlen, Hoorn den Unbeliebten,
-und Brederode den Leuen, und alle die Ritter vom Güldenen
-Vlies, zu dessen Großmeister ich Dich ernennen werde. Du wirst
-da hundert finden, die dies Spielzeug tragen und die sich männiglich
-die Nase abschneiden ließen, so sie diese an einer güldenen
-Kette als Zeichen höheren Adels auf der Brust tragen könnten.“</p>
-
-<p>Dann sagt Seine Majestät in anderm Ton und höchst kläglich
-zu König Philipp:</p>
-
-<p>„Du weißt, daß ich zu Deinen Gunsten abdanken werde, mein
-Sohn, und der Welt ein großes Schauspiel geben und vor einer
-großen Menge reden, obwohl mit Schlucken und Husten, denn
-ich habe meiner Lebtage zuviel gegessen, mein Sohn. Du müßtest
-ein gar hartes Herz haben, wenn Du nicht etliche Tränen vergössest,
-nachdem Du mich angehört hast.“</p>
-
-<p>„Ich werde weinen, Herr Vater“, antwortet König Philipp.</p>
-
-<p>Dann spricht Seine Heilige Majestät zu einem Diener, mit
-Namen Dubois:</p>
-
-<p>„Dubois,“ sagt er, „reiche mir ein Stück Madeirazucker: ich
-habe das Schlucken. Wenn es mich nur nicht überfällt, dieweil
-ich zu aller Welt spreche. Die Gans von gestern wird wohl nie
-verdaut werden. Ob ich wohl einen Humpen Wein von Orleans
-trinke? Nein, er ist zu herbe. Ob ich etliche Sardinen esse? Sie
-sind so ölig. Dubois, gib mir Wein aus der Romagna.“</p>
-
-<p>Dubois gibt Seiner Heiligen Majestät, was er verlangt. Dann
-legt er ihm ein Kleid von karmesinrotem Sammet an, bedeckt
-ihn mit einem güldenen Mantel, gürtet ihm den Degen um, überreicht
-ihm Zepter und Reichsapfel und setzt ihm die Krone aufs
-Haupt.</p>
-
-<p>Sodann verläßt Seine Heilige Majestät auf einem kleinen
-Maultier das Haus im Lustgarten; König Philipp und viele
-hohe Personen folgen ihm. So gelangen sie in ein großes Gebäude,
-das sie Palast nennen und finden dort in einem Gemach
-einen Mann von hoher, hagerer Gestalt und reich gekleidet, den
-sie Oranien nennen.</p>
-
-<p>Seine Heilige Majestät spricht zu diesem Manne und sagt:</p>
-
-<p>„Sehe ich gut aus, Vetter Wilhelm?“</p>
-
-<p>Aber der Mann antwortet nicht.</p>
-
-<p>Seine Heilige Majestät sagt darauf, halb lachend, halb zornig:</p>
-
-<p>„Wirst Du denn immer stumm sein, Vetter, selbst wenn es
-gilt, dem alten Gerümpel Wahrheiten zu sagen? Soll ich noch
-weiter regieren oder soll ich abdanken, Schweiger?“</p>
-
-<p>„Heilige Majestät,“ sagt der hagere Mann, „wenn der Winter
-kommt, lassen die stärksten Eichen ihre Blätter fallen.“</p>
-
-<p>Die dritte Stunde schlägt.</p>
-
-<p>„Schweiger,“ sagt er, „leih mir deine Schulter, daß ich mich
-darauf stütze.“</p>
-
-<p>Und er tritt mit ihm und seinem Gefolge in einen großen Saal
-und setzt sich unter einen Thronhimmel auf eine Estrade, die
-mit Seide oder Teppichen überzogen ist. Da sind drei Sessel.
-Seine Majestät nimmt den in der Mitten ein, der reicher verziert
-ist als die anderen und hinter dem die Kaiserkrone emporragt.
-König Philipp setzt sich auf den zweiten, und der dritte
-ist für eine Frau, welche ohne Zweifel eine Königin ist. Zur
-Rechten und Linken sitzen auf teppichbelegten Bänken rotgekleidete
-Männer, so ein gülden Lamm um den Hals tragen. Hinter
-ihnen stehen unterschiedliche Personen, ohne Zweifel Prinzen
-und große Herren. Gegenüber am Fuß der Estrade sitzen auf
-kahlen Bänken in Wolle gekleidete Männer. Ich höre sie sagen,
-daß sie so bescheiden sitzen und so schlicht gekleidet sind, weil
-sie allein alle Kosten tragen. Ein jeglicher hat sich erhoben, da
-Seine Heilige Majestät eingetreten ist, er aber hat sich sogleich
-gesetzt und gibt allen das Zeichen, ihm nachzuahmen.</p>
-
-<p>Ein alter Mann spricht nun des Langen und Breiten über die
-Gicht. Dann reicht die Frau, so eine Königin scheint, Seiner
-Heiligen Majestät eine Pergamentrolle. Es sind Dinge darauf
-geschrieben, die Seine Heilige Majestät hustend und mit dumpfer,
-leiser Stimme verliest. Er spricht von sich selbst und sagt:</p>
-
-<p>„Viel sind der Reisen, so ich in Hispanien, Italien, den Niederlanden,
-Engelland und Afrika gemacht, alles zur Ehre Gottes,
-zum Ruhm meiner Waffen und zum Wohl meiner Völker.“</p>
-
-<p>Dann, nachdem er des Langen und Breiten geredet hat, sagt er,
-daß er hinfällig und müde sei und die Krone Spaniens, die
-Grafschaften, Herzogtümer und Markgrafschaften dieser Länder
-in die Hände seines Sohnes überantworten wolle.</p>
-
-<p>Alsdann weint er, und alle weinen mit ihm.</p>
-
-<p>König Philipp erhebt sich nun und fällt auf die Knie:</p>
-
-<p>„Heilige Majestät,“ sagt er, „wie ist es mir erlaubt, diese Krone
-aus Euren Händen zu empfangen, wenn Ihr noch so fähig seid,
-sie zu tragen.“</p>
-
-<p>Dann sagt Seine Heilige Majestät ihm ins Ohr, er solle zu den
-Männern, so auf den mit Teppich belegten Bänken sitzen, wohlwollend
-reden.</p>
-
-<p>König Philipp wendet sich zu ihnen und sagt in mürrischem Ton,
-ohne sich zu erheben:</p>
-
-<p>„Ich verstehe ziemlich gut französisch, aber nicht genug, um zu
-Euch in dieser Sprache zu sprechen; Ihr werdet hören, was der
-Bischof von Arras, Herr Granvella, Euch in meinem Namen
-sagen wird.“</p>
-
-<p>„Du sprichst schlecht, mein Sohn“, sagt Seine Majestät.</p>
-
-<p>Und wahrlich, die Versammlung murrt, da sie den jungen König
-so stolz und so hoffärtig sieht. Die Frau Königin spricht auch,
-um ihn zu prüfen. Dann kommt ein alter Magister dran, der,
-da er fertig ist, von Seiner Heiligen Majestät als Zeichen des
-Danks einen Wink mit der Hand empfäht. Nun sind die Zeremonien
-und Ansprachen zu Ende. Seine Majestät spricht seine
-Untertanen ihres Treuschwurs ledig, unterzeichnet die hierfür
-aufgesetzten Urkunden, und von seinem Throne sich erhebend, setzt
-er seinen Sohn darauf. Und jedermann im Saale weint. Dann
-gehen sie wiederum in das Haus im Lustgarten.</p>
-
-<p>Da sie zum andern Mal im grünen Gemache sind, allein und bei
-verschlossenen Türen, lacht Seine Majestät aus vollem Halse
-und spricht zu König Philipp, der nicht lacht, also:</p>
-
-<p>„Sahest Du, wie wenig vonnöten ist, um diese guten Kerle zu
-rühren?“ spricht er, indem er zugleich redet, schluckt und lacht.
-„Welche Flut von Tränen! Und dieser dicke Maes, der wie ein
-Kalb weinte, da er seine lange Salbaderei endete. Du selbst
-schienest bewegt, aber nicht genug. Das sind die wahren
-Schauspiele, die das Volk haben muß. Mein Sohn, wir Männer
-schätzen unsere Liebsten um so höher, je mehr sie uns kosten.
-So auch bei den Völkern. Je mehr wir sie zahlen lassen, um so
-mehr lieben sie uns. Ich habe die reformierte Religion in
-Deutschland geduldet und in den Niederlanden hart gestraft.
-Wären die deutschen Fürsten katholisch gewesen, so wäre ich
-lutherisch geworden und hätte ihre Besitztümer eingezogen. Sie
-glauben an die Redlichkeit meines Eifers für den katholischen
-Glauben und beklagen, daß ich sie verlasse. In den Niederlanden
-sind auf mein Geheiß um der Ketzerei willen fünfzigtausend
-ihrer tapfersten Männer und ihrer hübschesten Mädchen
-umgekommen. Ich gehe und sie jammern. Ungerechnet der
-Gütereinziehungen hab ich sie mehr Steuern zahlen lassen als
-Indien und Peru: sie sind betrübt mich zu verlieren. Ich habe
-den Frieden von Cadzant gebrochen, Gent bezwungen, alles
-unterdrückt, was mich hindern konnte; Gerechtsame, Freiheiten,
-Privilegien, alles ist der Bestätigung der Beamten des Fürsten
-unterworfen. Diese Biedermänner glauben sich noch frei, weil
-ich ihnen erlaube, mit der Armbrust zu schießen und ihre Zunftfahnen
-bei Umzügen zu tragen. Sie fühlen die Hand des Herrn.
-Sie sind im Käfig und befinden sich wohl darin, singen und
-weinen um mich. Mein Sohn, sei gegen sie, wie ich es war,
-gütig in Worten, rauh in Taten; lecke, wenn Du nicht beißen
-mußt. Schwöre, schwöre immer auf ihre Gerechtsame, Freiheiten
-und Privilegien; aber so sie eine Gefahr für Dich werden
-können, vernichte sie. Sie sind von Eisen, wenn man sie mit
-furchtsamer Hand berührt, von Glas, wenn man sie mit starkem
-Arme zerbricht. Schlage die Ketzerei zu Boden, nicht weil sie
-von der römischen Religion abweicht, sondern weil sie in den
-Niederlanden unsere Macht zerstören würde. Die, so den Papst
-angreifen, welcher drei Kronen trägt, haben den Fürsten, die
-nur eine haben, bald den Garaus gemacht. Mache gleich mir
-die Gewissensfreiheit zum Majestätsverbrechen mit Gütereinziehung,
-so wirst Du erben, wie ich mein Lebelang getan habe.
-Und wenn Du gehst, um abzudanken oder zu sterben, werden sie
-sagen: Ach, der gute Fürst! Und sie werden weinen.“</p>
-
-<p>„Und ich höre nichts mehr,“ sprach Nele weiter, „denn Seine
-Heilige Majestät hat sich auf ein Bett gelegt und schläft,
-und König Philipp, stolz und hoffärtig, blickt ihn ohne Liebe
-an.“</p>
-
-<p>Da sie solches gesagt hatte, ward Nele von Katheline erweckt.</p>
-
-<p>Und Klas sah in Gedanken, wie die Herdflamme den Rauchfang
-erhellte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>60</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Als Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen verließ, bestieg er
-seinen Esel, und da er über den Marktplatz kam, stieß er auf etliche
-ergrimmte Gesichter von Herren und Damen, aber das
-kümmerte ihn nicht.</p>
-
-<p>Alsbald gelangte er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg;
-da traf er eine Schar Schelmenbrüder, lustige Vlamländer aus
-Sluys, die alle Samstag etliches Geld beiseite legten, um einmal
-im Jahre nach Deutschland zu reisen.</p>
-
-<p>Sie fuhren singend ihres Weges, in einem ungedeckten Leiterwagen,
-gezogen von einem starken Pferd von Vuerne-Ambacht,
-das sie durch die Wege und Sümpfe des Herzogtums Lüneburg
-führte. Etliche unter ihnen spielten die Flöte, Fiedel und Bratsche
-oder den Dudelsack mit großem Getöse. Zur Seite des Wagens
-schritt mannigmal ein Dicksack, der den Rommelpot spielte und
-zu Fuß wanderte, in der Hoffnung, seinen Wanst zum Schmelzen
-zu bringen.</p>
-
-<p>Da sie beim letzten Gülden angelangt waren, sahen sie Ulenspiegel
-auf sich zukommen, der mit klingender Münze belastet
-war; sie kehrten in eine Herberge ein und zahlten einen Trunk
-für ihn. Ulenspiegel ließ es sich gern gefallen. Da er jedoch
-sah, daß die Schelmenbrüder mit den Augen zwinkerten und
-lächelten, wenn sie ihm einschenkten, bekam er Wind von etwelchem
-Schabernack, ging hinaus und stellte sich an die Türe,
-um ihre Reden zu hören. Er hörte den Dicksack von ihm
-sagen:</p>
-
-<p>„Das ist des Landgrafen Maler, dem er mehr als tausend Gülden
-für ein Gemälde gegeben hat. Laßt ihn uns festlich bewirten, er
-wird uns das Doppelte dafür wiedergeben.“</p>
-
-<p>„Amen“, sprachen die andern.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging und band seinen gesattelten Esel tausend Schritte
-von da bei einem Pächter an, gab einer Magd zwei Pfennig,
-um ihn zu hüten, trat wieder in die Wirtsstube und setzte sich an
-den Tisch der Schelmenbrüder, ohne ein Wort zu sagen. Diese
-schenkten ihm ein und zahlten die Zeche. Ulenspiegel ließ in
-seinem Mantelsack die Gülden des Landgrafen klingen und erzählte
-dabei, daß er seinen Esel einem Bauern für siebzehn
-Silbertaler verkauft hätte.</p>
-
-<p>Sie reisten, aßen und tranken dabei, bliesen Flöte und Dudelsack
-und spielten den Rommelpot, und unterwegs lasen sie die Weiblein
-auf, die ihnen artig zu sein bedünkten. Solcherart erzeugten
-sie Herrgottskinder, sonderlich Ulenspiegel, dessen Gesellin nachmals
-einen Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, maßen
-die Schöne den Sinn des Namens von ihrem Zufallsmanne
-nicht wohl verstund, und vielleicht auch zum Andenken an die
-Stunde, darin der Knabe erzeugt ward. Und von diesem Eulenspiegelchen
-wird fälschlich gesagt, daß er zu Knetlingen im Lande
-Sachsen geboren ward.</p>
-
-<p>Sie ließen sich von ihrem wackern Gaule ziehen und kamen eine
-Straße entlang, an deren Rande ein Dorf und ein Wirtshaus lag,
-das trug ein Schild „Zum Kessel“, und es drang ein lieblicher
-Duft von Fleischgerichten heraus.</p>
-
-<p>Der Dicksack, der den Rommelpot spielte, ging zum Baas und
-sagte von Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Das ist des Landgrafen Maler, er wird alles zahlen.“</p>
-
-<p>Der Wirt betrachtete Ulenspiegels Miene, die gut war, und da
-er den Klang der Gülden und Taler vernahm, trug er zu essen
-und zu trinken auf. Ulenspiegel ließ sich nichts abgehen. Und
-immer klingelten die Taler in seiner Geldkatze, und mannigmal
-hatte er auch auf seinen Hut geschlagen und gesagt, daß darin
-sein größter Schatz wäre. Da nun das Gelage zwei Tage und
-zwei Nächte gewährt hatte, sprachen die Schelmenbrüder zu
-Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Laßt uns aufbrechen und die Zeche zahlen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Wenn die Ratte im Käse ist, verlangt es sie, fortzugehen?“</p>
-
-<p>„Nein“, sagten sie.</p>
-
-<p>„Und wenn der Mensch gut ißt und trinkt, sucht er dann den
-Staub der Straßen und das Wasser der Gräben, die voll von
-Blutegeln sind?“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagten sie.</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sprach Ulenspiegel weiter, „so laßt uns bleiben, solange
-meine Gülden und Taler uns als Trichter dienen, um Getränke
-in unsere Kehlen zu gießen.“</p>
-
-<p>Und er hieß den Wirt noch mehr Wein und Wurst auftragen.</p>
-
-<p>Während sie tranken und aßen, sprach Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Ich bezahle, ich bin jetzo Landgraf. Was würdet Ihr tun,
-Kameraden, wenn meine Geldkatze leer wäre? Ihr würdet
-meinen Hut von weichem Filz nehmen und finden, daß er voll
-Karolus ist, sowohl im Boden als zwischen der Krempe.“</p>
-
-<p>„Laß ihn uns befühlen“, sprachen sie alle mitsammen. Und
-seufzend fühlten sie darin zwischen den Fingern große Geldstücke,
-die den Umfang von Goldkarolus hatten. Einer von ihnen betastete
-ihn aber mit solcher Vertraulichkeit, daß Ulenspiegel ihn
-ihm wieder fortnahm und sagte:</p>
-
-<p>„Du ungestümer Melker, man muß die Zeit zum Melken abwarten
-können.“</p>
-
-<p>„Gib mir den halben Hut“, sprach der Schelmenbruder.</p>
-
-<p>„Nein,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich will nicht, daß Du ein
-Narrenhirn bekommst, halb im Schatten und halb in der
-Sonne.“</p>
-
-<p>Dann sprach er, seinen Hut dem Wirt gebend:</p>
-
-<p>„Hebe Du ihn immerhin auf, denn er ist warm. Ich will mich
-draußen erleichtern.“</p>
-
-<p>Er tat es und der Wirt behielt den Hut.</p>
-
-<p>Alsbald verließ er die Herberge, ging zum Bauern, stieg auf
-seinen Esel und ritt im Trab auf der Straße, die nach Emden
-führt.</p>
-
-<p>Da die Schelmenbrüder ihn nicht zurückkommen sahen, sprachen
-sie untereinander:</p>
-
-<p>„Ist er davongegangen? Wer wird die Zeche zahlen?“</p>
-
-<p>Den Baas packte die Furcht und mit einem Messer schnitt er
-Ulenspiegels Hut auf. Aber anstatt der Karolus fand er nichts
-darin zwischen Filz und Futter denn elende, kupferne Rechenpfennige.</p>
-
-<p>Da ergrimmte er wider die Schelmenbrüder und sprach zu
-ihnen:</p>
-
-<p>„Ihr Lumpenbrüder, Ihr werdet nicht von hinnen ziehen, Ihr
-lasset mir denn Eure Kleider samt und sonders, allein das Hemd
-ausgenommen.“</p>
-
-<p>Und sie mußten sich alle entblößen, um ihre Zehrung zu zahlen.
-Und also zogen sie im Hemd über Berg und Tal, denn ihr Pferd
-und ihren Wagen hatten sie nicht verkaufen wollen.</p>
-
-<p>Und ein jeglicher, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen gern Brot
-zu essen, Bier und bisweilen auch Fleisch, denn sie erzählten überall,
-sie wären von Räubern ausgeplündert worden.</p>
-
-<p>Und alle mitsammen hatten sie nur eine Hose.</p>
-
-<p>Und also kamen sie im Hemde nach Sluys zurück, tanzten auf
-ihrem Wagen und spielten den Rommelpot.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>61</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Derweilen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken durch das Land und
-die Sümpfe des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamländer nennen
-diesen Herzog den Water-Signorke, dieweil immer feucht Wetter
-bei ihm ist.</p>
-
-<p>Jef gehorchte Ulenspiegel gleich wie ein Hund, trank Braunbier,
-tanzte besser denn ein ungarischer Meister in der Kunst der
-Grazien, stellte sich beim leisesten Wink für tot und legte sich
-auf den Rücken.</p>
-
-<p>Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg gekränkt
-und erbost war, dieweil Ulenspiegel seiner zu Darmstadt vor
-dem Landgrafen von Hessen gespottet, und daß er ihm sein Land
-bei Strafe des Galgens verboten hatte. Plötzlich sah er Seine
-Herzogliche Hoheit in Persona daherkommen, und da er ihn als
-heftig kannte, ergriff ihn die Furcht. Er sprach zu seinem Esel:</p>
-
-<p>„Jef, da kommt der hohe Herr von Lüneburg. Am Halse juckt
-mich ein Strick, wenn nur der Henker mich nicht kratzt. Jef, ich
-will gern gekratzt, aber nicht gehenkt werden. Gedenke, daß wir
-Genossen im Elend sind und beide lange Ohren haben; gedenke
-auch, welch guten Freund Du an mir verlörest.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel wischte sich die Augen, und der Esel hub an zu
-schreien.</p>
-
-<p>Dann redete er weiter:</p>
-
-<p>„Wir leben lustig oder traurig mitsammen, wie es der Zufall will;
-gedenkst Du daran, Jef?“ Der Esel fuhr fort zu schreien, denn
-er hatte Hunger. „Und Du wirst meiner nimmer vergessen
-können,“ sagte sein Herr, „denn welche Freundschaft wäre von
-Dauer, denn allein die, so über die nämlichen Freuden lacht und
-über die nämlichen Schmerzen weint? Jef, Du mußt Dich auf
-den Rücken legen.“</p>
-
-<p>Der folgsame Esel gehorchte, und mit den vier Hufen in der Luft
-ward er vom Herzog erblickt. Ulenspiegel setzte sich hurtig auf
-seinen Bauch. Der Herzog trat zu ihm:</p>
-
-<p>„Was machst Du da?“ fragte er. „Weißt Du nicht, daß ich durch
-meine letzte Kundgebung Dir bei Galgen und Strick verbot,
-Deinen staubigen Fuß in meine Lande zu setzen?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!“</p>
-
-<p>Dann wies er auf seinen Esel.</p>
-
-<p>„Ihr wisset wohl, daß nach Gesetz und Recht der allzeit frei ist,
-der in seinen vier Pfählen wohnt.“</p>
-
-<p>Der Herzog versetzte:</p>
-
-<p>„Geh aus meinen Landen, oder Du sollst sterben.“</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „ein Gülden oder zwei
-würden mich schneller von dannen tragen.“</p>
-
-<p>„Taugenichts,“ sprach der Herzog, „ist es an Deinem Ungehorsam
-nicht genug? Willst Du mich auch noch um Geld bitten?“</p>
-
-<p>„Ich muß wohl, Herr, da ich Euch keins nehmen kann.“</p>
-
-<p>Der Herzog gab ihm einen Gülden.</p>
-
-<p>Darauf sprach Ulenspiegel zu seinem Esel:</p>
-
-<p>„Jef, steh auf und grüße Seine Gnaden.“</p>
-
-<p>Der Esel erhob sich und schrie aufs neue. Dann zogen beide von
-dannen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>62</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Soetkin und Nele saßen an einem Fenster und blickten auf die
-Straße.</p>
-
-<p>Soetkin sagte zu Nele:</p>
-
-<p>„Herzchen, siehst Du nicht meinen Sohn Ulenspiegel kommen?“</p>
-
-<p>„Nein,“ sprach Nele, „wir werden den schlimmen Landstreicher
-nicht wiedersehen.“</p>
-
-<p>„Nele,“ sprach Soetkin, „Du mußt nicht bös auf ihn sein, sondern
-ihn beklagen, denn er ist fern von Hause der gute Junge.“</p>
-
-<p>„Ich weiß es wohl,“ sprach Nele; „er hat ein andres Heim gar
-weit von hier, reicher als seins, wo irgend eine schöne Dame ihm
-sicherlich Obdach gibt.“</p>
-
-<p>„Das wäre ein groß Glück für ihn,“ sagte Soetkin; „vielleicht
-wird er dort mit Fettammern gespeist.“</p>
-
-<p>„Warum gibt man ihm nicht Steine zu essen: dann wäre er geschwind
-hier, der Nimmersatt!“ sagte Nele.</p>
-
-<p>Da lachte Soetkin und fragte: „Woher kommt Dir dieser große
-Zorn, mein Herz?“</p>
-
-<p>Aber Klas, der in tiefem Sinnen in einer Ecke Reisigbündel
-schnürte, sagte:</p>
-
-<p>„Siehst Du nicht, daß sie in ihn vernarrt ist?“</p>
-
-<p>„Ei, seht doch die durchtriebene Dirne,“ sprach Soetkin, „die mich
-nichts davon hat merken lassen. Ist es wahr, Liebchen, daß Du
-ihn möchtest?“</p>
-
-<p>„Glaubet es nicht“, erwiderte Nele.</p>
-
-<p>„Da wirst Du einen wackern Ehemann haben,“ sprach Klas, „mit
-großem Maul, leerem Bauch und langer Zunge, der die Gülden
-zu Hellern macht und nimmer einen Sou durch seine Arbeit verdient,
-der allezeit das Pflaster tritt und die Wege mit der Elle
-des Vaganten mißt.“</p>
-
-<p>Aber Nele erwiderte, über und über rot und zornig:</p>
-
-<p>„Warum habt Ihr nichts andres aus ihm gemacht?“</p>
-
-<p>„Da haben wir’s, nun weint sie,“ sprach Soetkin; „schweig doch,
-Mann.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>63</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Eines Tages kam Ulenspiegel gen Nürnberg und gab sich allda
-für einen großen Arzt und Obsieger aller Krankheiten aus, bewährt
-im Purgieren, berühmt fürs Bezwingen von Fiebern, vielgepriesen
-ob seiner Kunst, der Pest den Kehraus zu machen, und
-unüberwindlich im Geißeln der Krätze.</p>
-
-<p>Im Spital gab es so viel Kranke, daß man nicht wußte, wo sie
-unterbringen. Da der Spittelmeister Ulenspiegels Ankunft erfuhr,
-ging er zu ihm und forschte ihn aus, ob es wahr wäre, daß
-er alle Krankheiten heilen könnte.</p>
-
-<p>„Ausgenommen die letzte,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber versprecht
-mir zweihundert Gülden für die Heilung aller andern, und ich
-will nicht einen Heller empfangen, so nicht alle Eure Kranken
-sagen, daß sie geheilt sind und das Spital verlassen.“</p>
-
-<p>Des folgenden Tages ging er ins besagte Spital mit festem Blick
-und feierlicher Miene, wie ein Doktor. In den Siechenstuben
-nahm er jeden Kranken besonders und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Schwöre, keinem anzuvertrauen, was ich Dir ins Ohr sagen
-will. Was ist Dein Gebresten?“</p>
-
-<p>Der Kranke nannte es ihm und schwur Stein und Bein, zu
-schweigen.</p>
-
-<p>„Wisse,“ sprach Ulenspiegel, „daß ich einen unter Euch durch Feuer
-zu Pulver verbrennen muß; von diesem Pulver werd’ ich eine
-wunderbare Mixtur machen und sie allen Kranken zu trinken
-geben. Der, welcher nicht gehen kann, wird verbrannt werden.
-Morgen werde ich hierher kommen, mich mit dem Spittelmeister
-auf die Straße stellen und Euch alle herbeirufen, indem
-ich schreie: Wer nicht krank ist, schnüre seine Bündel und
-komme.“</p>
-
-<p>Am Morgen kam Ulenspiegel und rief, wie er gesagt hatte.
-Alle Kranken, Lahmen, Hustenden, Fiebernden, mit Schleimflüssen
-Behafteten, wollten zugleich hinaus. Alle waren auf der
-Straße, selbst die, so seit zehn Jahren ihr Bett nicht verlassen
-hatten.</p>
-
-<p>Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt wären und gehen
-könnten.</p>
-
-<p>„Ja“, antworteten sie in dem Glauben, daß einer von ihnen im
-Hofe verbrannt würde.</p>
-
-<p>Darauf sagte Ulenspiegel zum Spittelmeister:</p>
-
-<p>„Bezahle mich, maßen sie Alle draußen sind und sich für geheilt
-erklären.“</p>
-
-<p>Der Meister bezahlte ihm zweihundert Gülden und Ulenspiegel
-zog ab.</p>
-
-<p>Doch am zweiten Tage sah der Meister seine Kranken in einem
-schlimmeren Zustand als zuvor wiederkommen, einen ausgenommen,
-den die frische Luft kuriert hatte und den man trunken in
-den Gassen fand, wie er sang: „Heil dem großen Doktor Ulenspiegel!“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>64</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Nachdem die zweihundert Gülden Reißaus genommen hatten,
-kam Ulenspiegel nach Wien, allwo er sich bei einem Wagner verdingte;
-der ließ seine Gesellen immer hart an, weil sie den Blasebalg
-der Schmiede nicht stark genug zogen.</p>
-
-<p>„Holla,“ schrie er beständig, „folgt mit den Bälgen.“</p>
-
-<p>Eines Tages, da der Meister in den Garten ging, macht Ulenspiegel
-den Blasebalg los, trägt ihn auf den Schultern davon
-und folgt seinem Meister nach. Da dieser sich verwundert, ihn
-so seltsam beladen zu sehen, spricht Ulenspiegel zu ihm:</p>
-
-<p>„Meister, Ihr habt befohlen, Euch mit den Bälgen zu folgen.
-Wo soll ich ihn hintun, dieweil ich gehe, den andern zu holen?“</p>
-
-<p>„Lieber Knecht,“ erwiderte der Meister, „ich meint’ es nicht
-also; geh und lege den Blasebalg wieder an seinen Ort.“</p>
-
-<p>Indessen gedachte er, ihm diesen Streich heimzuzahlen. Fortan
-stand er alle Tage um Mitternacht auf, weckte seine Gesellen und
-hieß sie arbeiten.</p>
-
-<p>Die Gesellen sprachen zu ihm:</p>
-
-<p>„Meister, warum weckst Du uns mitten in der Nacht?“</p>
-
-<p>„Das ist so meine Weise,“ sprach der Meister, „daß ich meinen
-Knechten die ersten acht Tage nicht erlaube, mehr als die halbe
-Nacht im Bette zu liegen.“</p>
-
-<p>Die andere Nacht weckte er seine Knechte abermals um Mitternacht.
-Ulenspiegel, der auf dem Boden schlief, nahm sein Bett
-auf den Rücken und so beladen stieg er in die Schmiede hinunter.</p>
-
-<p>Der Meister sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Bist Du toll? Was lässest Du Dein Bett nicht an seinem Ort?“</p>
-
-<p>„Das ist so meine Weise,“ antwortete Ulenspiegel, „die ersten
-acht Tage die halbe Nacht auf meinem Bett und die andere halbe
-Nacht darunter zu liegen.“</p>
-
-<p>„Wohlan,“ versetzte der Meister, „und ich habe noch eine andere
-Weise, die ist: meine unverschämten Knechte auf die Straße zu
-werfen, mit Erlaubnis, die erste Woche auf dem Pflaster und die
-zweite darunter zu verbringen.“</p>
-
-<p>„In Eurem Keller, Meister, mit Verlaub, bei den Tonnen mit
-Braunbier“, entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>65</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da er den Wagner verlassen hatte und sich wiederum nach Flandern
-begab, mußte er sich als Lehrling bei einem Schuster verdingen,
-der sich lieber auf der Straße aufhielt, als in der Werkstatt
-die Ahle zu handhaben. Als Ulenspiegel ihn zum hundertsten
-Mal zum Ausgehen bereit sah, fragte er ihn, wie er das
-Oberleder zuschneiden solle.</p>
-
-<p>„Schneide es für große und mittlere Füße, damit alles, was das
-große und kleine Vieh führt, gemächlich hinein kommen kann.“</p>
-
-<p>„Amen, Meister“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Als der Schuster gegangen war, schnitt Ulenspiegel das Oberleder
-zu; es war nur gut, um Stuten, Eselinnen, Kühe, Säue
-und Schafe zu beschuhen.</p>
-
-<p>Da der Schuster in die Werkstatt zurückkam und sein Leder in
-Stücken sah, sprach er:</p>
-
-<p>„Was hast Du da gemacht, nichtsnutziger Verderber?“</p>
-
-<p>„Was Ihr mich geheißen habt“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ich habe Dir befohlen, mir Schuhe zuzuschneiden, die allen
-Denen passen, so Rindvieh, Schweine und Schafe führen, und
-Du machst Schuhzeug nach dem Fuß dieser Tiere.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel versetzte:</p>
-
-<p>„Meister, wer führt denn den Eber, wenn nicht die Sau, den
-Esel, wenn nicht die Eselin, den Stier, wenn nicht die Kuh und
-den Widder wenn es nicht das Schaf ist, zu der Jahreszeit, da
-alle Tiere brünstig sind?“</p>
-
-<p>Dann ging er hinaus und mußte draußen bleiben.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>66</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Man war derzeit im April. Die Luft war milde gewesen, nun
-kam ein gestrenger Frost, und der Himmel war grau wie am
-Tag Allerseelen. Das dritte Jahr von Ulenspiegels Verbannung
-war seit geraumer Zeit verflossen, und Nele erwartete ihren
-Freund jeden Tag.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach sie, „es wird auf die Birnbäume schneien, auf
-den blühenden Jasmin, auf all die armen Pflanzen, die voll Vertrauen
-auf die laue Wärme eines vorzeitigen Lenzes erblüht sind.
-Schon fallen kleine Flocken vom Himmel auf die Wege. Und es
-schneit auch auf mein armes Herz.</p>
-
-<p>„Wo sind die hellen Strahlen, die auf frohen Angesichtern spielten
-und auf den Dächern, die sie röter, auf den Scheiben, die sie
-glänzender machten? Wo sind sie, die Erde und Himmel, Vögel
-und Immen wärmten? Wehe, bei Nacht und bei Tag friert
-mich jetzo aus Traurigkeit und langem Harren. Wo bist du,
-mein Freund Ulenspiegel?“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>67</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel in die Nähe von Renaix in Flandern kam, hatte
-er Hunger und Durst, wollte aber nicht jammern und versuchte
-die Leute zum Lachen zu bringen, auf daß man ihm Brot gäbe.
-Aber das Lachen gelang ihm schlecht, und die Leute gingen vorüber,
-ohne etwas zu geben.</p>
-
-<p>Es war kalt: eins ums andre schneite, regnete, hagelte es auf
-den Rücken des Landstreichers. Zog er durch Dörfer, so lief ihm
-das Wasser im Munde zusammen, wann er nur in einem Mauerwinkel
-einen Hund einen Knochen benagen sah. Er hätte gern
-einen Gülden verdient, doch er wußte nicht, wie er ihm in sein
-Ränzel fallen könnte.</p>
-
-<p>Er suchte in der Luft und sah Tauben, die vom Dach eines Taubenschlages
-etwas weißes auf den Weg fallen ließen, aber Gülden
-waren es nicht. Er suchte auf dem Boden der Landstraße;
-aber zwischen den Pflastersteinen blühten keine Gülden.</p>
-
-<p>Er suchte zur Rechten und sah eine häßliche Wolke, die am
-Himmel herankam gleichwie eine große Gießkanne; aber er wußte,
-daß es kein Platzregen von Gülden sein würde, wenn etwas aus
-dieser Wolke fiele. Er suchte zur Linken und erblickte eine Roßkastanie,
-einen großen Faulenzer, der da lebte, ohne etwas zu
-tun: „Ach, sprach er zu sich, warum gibt es nicht Güldenbäume,
-das wären gar schöne Bäume.“</p>
-
-<p>Unversehens platzte die große Wolke und die Hagelkörner fielen
-dicht auf Ulenspiegels Rücken wie Kieselsteine. „Wehe,“ sprach
-er, „ich fühle es genugsam; nur die herrenlosen Hunde wirft man
-mit Steinen.“ Dann hub er an zu laufen.</p>
-
-<p>„Es ist nicht meine Schuld, wenn ich keinen Palast, nicht einmal
-ein Zelt habe, um meinen mageren Leib zu schützen. O, die garstigen
-Hagelkörner; sie sind hart wie Kugeln! Nein, es ist nicht
-meine Schuld, wenn ich meine Lumpen durch die Welt schleppe,
-es ist einzig, weil es mir so beliebt hat. Warum bin ich nicht
-Kaiser! Diese Hagelkörner wollen mit Gewalt in meine Ohren
-dringen gleich bösen Worten!“ Und er rannte. „Arme Nase,
-bald wirst Du durchlöchert sein und kannst den Reichen dieser
-Welt, auf die es nicht hagelt, bei ihren Schmäusen als Pfefferbüchse
-dienen.“ Dann wischte er sich die Wangen. „Diese werden
-den Köchen, denen an ihren Herden warm ist, trefflich als
-Schaumlöffel dienen. Ach, wie fern ist die Erinnerung an die
-Brühen von einst! Mich hungert! Leerer Bauch, beklage Dich
-nicht, ihr jammernden Eingeweide, hört auf zu knurren. Wo verbirgst
-Du Dich, günstiges Glück? Führe mich an den Ort, wo ich
-Weide finde.“</p>
-
-<p>Dieweil er so zu sich selbst sprach, erhellte sich der Himmel vom
-Scheine der Sonne; es hörte auf zu hageln und Ulenspiegel sagte:
-„Guten Tag, Frau Sonne, meine einzige Freundin, Du kannst
-mich ja trocknen.“</p>
-
-<p>Aber er lief noch immer, denn ihn fror. Plötzlich sah er von
-fern einen weiß und schwarzen Hund des Weges kommen, der
-rannte geradeaus, mit hängender Zunge und vorquellenden Augen.</p>
-
-<p>„Das Tier“, sprach Ulenspiegel, „hat die Wut im Leibe!“ Er
-hub hastig einen großen Stein auf und kletterte auf einen Baum.
-Als er den ersten Ast erreichte, kam der Hund vorbei und Ulenspiegel
-schleuderte ihm den Stein auf den Schädel. Der Hund
-blieb stehen und wollte steif und kläglich auf den Baum klettern
-und Ulenspiegel beißen, doch er vermochte es nicht und fiel hin,
-um zu sterben.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war dessen nicht froh, zumal er, vom Baume herabsteigend,
-wahrnahm, daß des Hundes Maul nicht trocken war,
-wie es seinesgleichen, von der Tollwut ergriffen, gemeiniglich
-haben. Dann betrachtete er das Fell, sah, daß es schön und
-gut zu verkaufen war, zog es ihm ab, wusch es und hängte es
-an seinen Spieß, ließ es ein weniges an der Sonne trocknen und
-steckte es in seinen Ranzen. Maßen Hunger und Durst ihn noch
-mehr peinigten, ging er in mehrere Bauernhöfe, wagte aber
-nicht, das Fell allda zu verkaufen, aus Furcht, daß es das eines
-Hundes sei, der dem Bauern gehört hatte. Er bat um Brot,
-man weigerte es ihm. Die Nacht kam. Seine Beine waren matt.
-Er ging in eine kleine Herberge. Allda sah er eine alte Wirtin,
-die streichelte einen alten hustenden Hund, dessen Fell dem des
-Toten glich.</p>
-
-<p>„Woher kommst Du, Wandersmann?“ fragte die Alte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Ich komme von Rom, allwo ich den Hund des Papstes von einer
-Verschleimung geheilt habe, die ihn über die Maßen quälte.“</p>
-
-<p>„Du hast also den Papst gesehen?“ fragte sie und zapfte ihm ein
-Glas Bier ab.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Ulenspiegel, „es ist mir nur vergönnt gewesen, seinen
-heiligen Fuß und seinen geweihten Pantoffel zu küssen.“</p>
-
-<p>Indessen hustete der alte Hund der Wirtin und spie nicht aus.</p>
-
-<p>„Wann tatest Du das?“ fragte die Alte.</p>
-
-<p>„Im vorletzten Mond“, antwortete Ulenspiegel, „kam ich an /
-ich wurde erwartet / und pochte an die Tür. „Wer ist da?“
-fragte der allergroßmächtigste, allergeheimste, alleraußerordentlichste
-Kämmerer Seiner Allerheiligsten Heiligkeit:/ „Ich bin
-es,“ antwortete ich, „hochwürdiger Kardinal, ich komme eigens
-von Flandern her, um dem Papste den Fuß zu küssen und seinen
-Hund von der Schleimsucht zu heilen.“ / „Ei, Du bist es, Ulenspiegel?“
-sagte der Papst, der aus einer kleinen Tür von der andern
-Seite sprach. „Ich würde mich freun, Dich zu sehen, doch
-das ist gegenwärtig ein unmöglich Ding. Es ist mir durch die
-heiligen Dekretalen verboten, Fremden mein Antlitz zu zeigen,
-wenn das heilige Bartmesser darüber fährt.“ / „Ach,“ sagte ich,
-„ich bin gar unglücklich, ich komme aus weit entlegenen Landen,
-um Eurer Heiligkeit den Fuß zu küssen und Euren Hund von der
-Schleimsucht zu heilen. Muß ich mit unerfüllten Wünschen heimkehren?“
-/ „Nein“, sprach der Papst. Dann hörte ich ihn ausrufen:
-„Erzkämmerer, schiebt meinen Sessel bis an die untere
-Tür und öffnet unten das kleine Schiebefenster.“ Solches geschah.
-Ich sah ihn einen mit güldenem Pantoffel beschuhten
-Fuß durch das Schiebefenster strecken, und hörte eine Stimme,
-die gleichwie Donner rollte, sagen: „Dies ist der furchtbare Fuß
-des Fürsten aller Fürsten, des Königs der Könige, des Kaisers
-der Kaiser. Küsse, Christ, küsse den heiligen Pantoffel.“ Und ich
-küßte den heiligen Pantoffel, und ich hatte die Nase ganz voll
-Balsam von dem himmlischen Duft, den dieser Fuß ausströmte.
-Dann ward das Fenster geschlossen, und die nämliche furchtbare
-Stimme hieß mich warten. Die Klappe öffnete sich abermals
-und heraus kam, mit Respekt zu vermelden, ein Tier mit räudigem
-Fell, triefäugig, hustend und aufgeblasen wie ein Schlauch; es
-mußte ob seines Bauches mit gespreizten Beinen gehen.</p>
-
-<p>Der heilige Vater geruhte zum andern Mal zu mir zu sprechen:</p>
-
-<p>„Ulenspiegel,“ sagte er, „hier siehst Du meinen Hund. Er
-ward von Schleimsucht und andern Gebresten befallen, als er
-die Knochen von Ketzern, denen man sie gebrochen hatte, benagte.
-Heile ihn, mein Sohn, Du wirst Dich gut dabei stehen.“</p>
-
-<p>„Trink“, sagte die Alte.</p>
-
-<p>„Schenk ein“, antwortete Ulenspiegel. Dann redete er weiter.
-„Ich purgierte den Hund mit Hilfe eines Wundertranks, den ich
-selber gebraut hatte, und er ward geheilt.“</p>
-
-<p>„Jesus, Gott und Maria!“ sagte die Alte, „laß mich Dich küssen,
-ruhmreicher Pilger, der den Papst gesehen hat und der auch
-meinen Hund wird heilen können.“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel machte sich nichts aus den Küssen der Alten
-und sagte: „Die, deren Lippen den heiligen Pantoffel berührt
-haben, dürfen innerhalb zweier Jahre von keiner Frau geküßt
-werden. Gib mir zuvörderst zum Nachtmahl etliche gute
-Kalbs-Rippchen, eine Blutwurst oder zwei, und Bier zur Genüge,
-dann will ich Deinem Hund eine so klare Stimme machen,
-daß, er im Chor der großen Kirche die Aves in e und a singen
-kann.“</p>
-
-<p>„Möchtest Du die Wahrheit sagen,“ greinte die Alte, „dann
-werde ich Dir einen Gülden geben.“</p>
-
-<p>„Ich werde es tun,“ sprach Ulenspiegel, „aber erst nach dem
-Nachtmahl.“</p>
-
-<p>Sie trug ihm auf, was er verlangt hatte. Er aß und trank nach
-Herzenslust und hätte zum Dank für die Atzung die Alte schier
-umhalst, wären nicht seine vorigen Worte gewesen.</p>
-
-<p>Derweil er aß, legte der Hund seine Pfoten auf seine Knie, um
-einen Knochen zu bekommen. Ulenspiegel gab ihm mehrere;
-dann sagte er zur Wirtin:</p>
-
-<p>„Wenn einer bei Dir gegessen hätte und Dir nicht zahlte, was
-würdest Du da tun?“</p>
-
-<p>„Ich würde dem Spitzbuben sein bestes Kleid fortnehmen“,
-antwortete die Alte.</p>
-
-<p>„Es ist gut“, sprach Ulenspiegel. Dann nahm er den Hund unter
-den Arm und ging in den Stall. Allda sperrte er ihn mit einem
-Knochen ein, holte das Fell des Toten aus seinem Ranzen und
-kam zu der Alten zurück. Er fragte sie, ob sie gesagt hätte, daß
-sie dem, der ihr seine Mahlzeit nicht bezahlte, sein bestes Gewand
-fortnehmen würde.</p>
-
-<p>„Ja“, antwortete sie.</p>
-
-<p>„Wohlan, Dein Hund hat mit mir gespeist und hat mich nicht bezahlt,
-so hab ich ihm nach Deiner Vorschrift sein bestes und einziges
-Kleid ausgezogen.“</p>
-
-<p>Und er zeigte ihr das Fell des toten Hundes.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach die Alte weinend, „das ist grausam von Dir, Herr
-Arzt. Armes Hündlein! Es war für mich arme Wittfrau wie
-mein Kind. Weshalb raubtest Du mir den einzigen Freund, den
-ich in der Welt hatte? Jetzt will ich gern sterben.“</p>
-
-<p>„Ich werde ihn auferwecken,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Auferwecken!“ sprach sie. „Und er wird mir wieder schmeicheln,
-mich wiederum ansehen und mich lecken und mit dem armen, alten
-Schwänzlein wedeln, wenn er mich erblickt? Tut also, Herr Arzt,
-und Ihr sollt umsonst hier gespeist haben, eine teure Mahlzeit,
-und ich will Euch noch mehr denn einen Gülden obendrein geben.“
-„Ich werde ihn ins Leben zurückrufen, aber dazu bedarf ich
-heißes Wasser, Sirup, um die Gelenke zu kleben, Nadel und Faden
-und geschmälzte Fleischbrühe. Und während der Operation
-will ich allein sein.“</p>
-
-<p>Die Alte gab ihm, was er begehrte; er nahm das Fell des toten
-Hundes und begab sich in den Stall.</p>
-
-<p>Dort beschmierte er das Maul des alten Hundes mit geschmälzter
-Brühe, der ließ es mit Behagen geschehen. Dann zog er ihm
-einen großen Sirupstreifen unter den Bauch und machte ihm
-Sirup an die Pfoten und Brühe an den Schwanz. Alsdann stieß
-er dreimal einen lauten Schrei aus und sagte darauf: „Steh
-auf, stehe auf, ich befehl’s, fauler Hund.“</p>
-
-<p>Hurtig steckte er das Fell des toten Hundes in seinen Ranzen, gab
-dem lebenden einen gewaltigen Fußtritt und beförderte ihn so in
-die Herbergsstube.</p>
-
-<p>Als die Alte sah, daß ihr Hund am Leben war und sich leckte,
-wollte sie ihn voll Freuden umhalsen; aber Ulenspiegel ließ es
-nicht zu.</p>
-
-<p>„Du kannst diesen Hund“, sprach er, „nicht eher liebkosen, als
-bis er mit der Zunge allen Sirup abgeleckt hat, mit dem er bestrichen
-ist; erst dann werden die Nähte im Fell fest sein. Bezahle
-mir nunmehr meine zehn Gülden.“</p>
-
-<p>„Ich hatte einen gesagt,“ antwortete die Alte.</p>
-
-<p>„Einen für die Operation, neun für die Auferweckung“, erwiderte
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Sie zahlte sie ihm. Ulenspiegel machte sich davon, indem er das
-Fell des toten Hundes in die Wirtsstube warf und dazu sagte:
-„Da, Frau, behalte sein altes Fell, es kann Dir dienen, das neue
-auszuflicken, wenn es Löcher bekommt.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>68</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am nämlichen Sonntag ward in Brügge die Prozession des
-Heiligen Blutes abgehalten. Klas sagte zu seinem Weib und
-Nele, sie möchten gehen sie anzusehen, und sie würden vielleicht
-Ulenspiegel in der Stadt finden. Was ihn anginge, sagte er, so
-würde er das Haus hüten, in Erwartung, daß der Pilger heimkehrte.</p>
-
-<p>Die beiden Frauen gingen selbander fort. Klas, der in Damm
-zurückgeblieben war, setzte sich auf seine Türschwelle und fand
-das Städtlein gar verödet. Er vernahm nichts als den kristallenen
-Ton einer Dorfglocke, derweil der Wind ihm von Brügge
-stoßweise die Musik der Glockenspiele und ein großes Getöse von
-Böllern und Mörsern zutrug, so man zu Ehren des Heiligen
-Blutes abschoß.</p>
-
-<p>In tiefem Sinnen spähte Klas auf den Wegen nach Ulenspiegel,
-doch erblickte er nichts denn den klaren, blauen, wolkenlosen
-Himmel, etliche Hunde, die mit hängender Zunge in der Sonne
-lagen, kecke Sperlinge, so zwitschernd im Staube sich badeten
-und eine Katze, die jene belauerte. Die Sonne drang freundlich
-in alle Häuser und ließ die Kupferkessel und Zinnhumpen auf den
-Anrichten erglänzen.</p>
-
-<p>Aber Klas war traurig inmitten dieser Freude und spähte nach
-seinem Sohn. Er versuchte, ihn hinter dem grauen Nebel der
-Wiesen zu sehen, ihn in dem fröhlichem Rauschen der Blätter
-und dem lustigen Gesang der Vögel in den Bäumen zu hören.
-Plötzlich sah er auf dem Wege von Maldeghem einen Mann von
-hoher Gestalt und erkannte, daß es nicht Ulenspiegel war. Er
-sah ihn am Rande eines Mohrrübenackers still stehen und begierig
-von diesem Gemüse essen.</p>
-
-<p>„Das ist ein Mann, der großen Hunger hat“, sprach Klas. Er
-hatte ihn einen Augenblick aus dem Gesicht verloren, sah ihn an
-der Ecke der Reiherstraße wieder auftauchen und erkannte in
-ihm den Boten von Jobst, welcher ihm die siebenhundert Goldkarolus
-gebracht hatte. Er ging zu ihm auf die Straße und
-sagte:</p>
-
-<p>„Komm in mein Haus.“</p>
-
-<p>Der Mann antwortete:</p>
-
-<p>„Gesegnet seien, die liebreich gegen die irrenden Wandrer sind.“</p>
-
-<p>Auf dem äußeren Fenstersims der Hütte lagen Brosamen, die
-Soetkin für die Vögel der Umgegend aufsparte. Sie kamen im
-Winter dorthin, um sich Nahrung zu holen. Der Mann nahm
-etliche dieser Brocken und aß sie.</p>
-
-<p>„Dich hungert und dürstet“, sprach Klas.</p>
-
-<p>Der Mann sagte:</p>
-
-<p>„Seit acht Tagen, wo ich von den Dieben ausgeplündert ward,
-nähre ich mich von den Rüben auf den Äckern und den Wurzeln
-in den Wäldern.“</p>
-
-<p>„So ist es an der Zeit zu schlemmen. Und hier“, sagte er und
-öffnete den Wandschrank, „ist eine volle Schüssel Erbsen, Eier,
-Blutwürste, Schinken, Genter Wurst und Waterzoey: gedämpfter
-Fisch. Unten im Keller schlummert der Wein von Löwen,
-nach Art des Burgunder gekeltert und rot und klar wie Rubin;
-den verlangt es, in den Gläsern zu erwachen. Wohlan, wir
-wollen Reisig aufs Feuer legen. Hörst Du die Blutwürste auf
-dem Rost singen? Das ist ein Loblied des guten Essens.“</p>
-
-<p>Klas drehte sie um und um und sprach zu dem Manne:</p>
-
-<p>„Sahst Du meinen Sohn Ulenspiegel nicht?“</p>
-
-<p>„Nein“, antwortete er.</p>
-
-<p>„Bringst Du Nachricht von Jobst, meinem Bruder?“ sagte Klas,
-dieweil er die gerösteten Blutwürste, einen Eierkuchen mit fettem
-Schinken und große Humpen auf den Tisch setzte, und der Wein
-von Löwen schimmerte blaßrot in den Flaschen.</p>
-
-<p>Der Mann antwortete:</p>
-
-<p>„Dein Bruder Jobst ist zu Sippenaken bei Aachen auf dem Rade
-gestorben. Und das, weil er als Ketzer die Waffen wider den
-Kaiser getragen hat.“</p>
-
-<p>Klas war wie von Sinnen, und am ganzen Leibe zitternd, denn
-sein Grimm war groß, sagte er:</p>
-
-<p>„Elende Henker! Jobst, mein armer Bruder!“</p>
-
-<p>Darauf sprach der Mann ohne Weichheit:</p>
-
-<p>„Unsere Freuden und Leiden sind nicht von dieser Welt.“</p>
-
-<p>Und er begann zu essen. Darauf sagte er:</p>
-
-<p>„Ich habe Deinem Bruder in seinem Kerker beigestanden, indem
-ich mich für einen Bauern von Niesweiler, seinen Verwandten,
-ausgab. Ich komme hierher, weil er zu mir gesagt hat: Wenn
-Du nicht gleich mir für den Glauben stirbst, so gehe zu meinem
-Bruder Klas. Heiß ihn, im Frieden des Herrn leben, indem er
-die Werke der Barmherzigkeit übt und seinen Sohn insgeheim
-nach Christi Gebot erzieht. Das Geld, das ich ihm gab, ward
-dem armen, unwissenden Volk abgenommen; er möge es anwenden,
-um Tyll in der Erkenntnis Gottes und des Wortes zu erziehen.“</p>
-
-<p>Nachdem er solches gesagt, gab der Bote Klas den Friedenskuß.</p>
-
-<p>Und Klas wehklagte und sprach:</p>
-
-<p>„Auf dem Rade gestorben, mein armer Bruder!“</p>
-
-<p>Und er konnte seines Schmerzes nicht Herr werden.</p>
-
-<p>Jedoch da er sah, daß den Mann dürstete und daß er sein Glas
-hinhielt, schenkte er ihm Wein ein; aber er aß und trank ohne
-Lust. Soetkin und Nele waren sieben Tage fern; während der
-Zeit wohnte der Bote von Jobst unter Klasens Dach.</p>
-
-<p>Jede Nacht hörten sie Katheline in der Hütte heulen:</p>
-
-<p>„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus!“</p>
-
-<p>Und Klas ging zu ihr und redete ihr gütlich zu und kehrte dann
-in sein Haus zurück.</p>
-
-<p>Nach Verlauf der sieben Tage ging der Mann von hinnen und
-wollte von Klas nicht mehr denn zwei Karolus nehmen, um
-unterwegs Kost und Herberge zu finden.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>69</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Als Nele und Soetkin von Brügge heimgekehrt waren, saß Klas
-in seiner Küche auf dem Boden nach Art der Schneider und nähte
-Knöpfe an eine alte Hose. Nele war bei ihm und hetzte Titus
-Bibulus Schnuffius auf den Storch; bald stürzte er sich auf ihn,
-bald wich er zurück und heulte dabei in den höchsten Tönen. Der
-Storch, auf einem Bein stehend, blickte ihn ernst und nachdenklich
-an und zog seinen langen Hals in sein Brustgefieder zurück.
-Da Titus Bibulus Schnuffius seine Friedfertigkeit sah, heulte er
-noch schrecklicher. Aber unversehens schoß der Vogel, den diese
-Musik verdroß, seinen Schnabel wie einen Pfeil in den Rücken
-des Hundes, welcher entfloh und um Hilfe heulte. Klas lachte,
-Nele desgleichen; Soetkin schaute immerwährend auf die Straße
-und spähte, ob sie Ulenspiegel nicht kommen sähe. Plötzlich
-sprach sie:</p>
-
-<p>„Da ist der Profos und vier Büttel. Ohne Zweifel haben sie es
-nicht auf uns abgesehen. Ihrer zwei gehen rund um die Hütte.“</p>
-
-<p>Klas hob die Nase von der Arbeit auf.</p>
-
-<p>„Und zwei bleiben vorne stehen“, redete Soetkin weiter.</p>
-
-<p>Klas stund auf.</p>
-
-<p>„Wen werden sie in dieser Straße gefangen nehmen?“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Herr Jesus, Mann, sie kommen herein.“</p>
-
-<p>Klas sprang aus der Küche in den Garten, Nele ihm nach. Er
-sagte zu ihr:</p>
-
-<p>„Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“</p>
-
-<p>Nele verstand ihn und da sie sah, daß er über die Hecke sprang
-und als die Büttel ihn beim Kragen packten, daß er sie schlug,
-um sie los zu werden, da schrie und weinte sie:</p>
-
-<p>„Er ist unschuldig, er ist unschuldig! Tut meinem Vater Klas
-kein Leids an! Ulenspiegel, wo bist Du? Du würdest sie alle
-beide töten!“</p>
-
-<p>Und sie warf sich auf einen der Büttel und zerfleischte ihm das
-Gesicht mit ihren Nägeln. Dann schrie sie: „Sie werden ihn
-umbringen“, warf sich in das Gras im Garten und wälzte sich
-darin wie von Sinnen.</p>
-
-<p>Katheline war auf den Lärm herbeigekommen, sie stand aufrecht
-und unbeweglich, sah dem Schauspiel zu und schüttelte den Kopf:
-„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will heraus!“
-Soetkin sah nichts und sprach zu den Bütteln, die in die Hütte
-getreten waren:</p>
-
-<p>„Ihr Herren, was suchet Ihr in unserer armen Behausung?
-Wenn es mein Sohn ist, der ist fern. Da müsset Ihr lange Beine
-machen.“</p>
-
-<p>Solches sagend war sie frohen Mutes.</p>
-
-<p>Indem schrie Nele um Hilfe. Soetkin lief in den Garten, sah,
-wie ihr Mann auf dem Weg bei der Hecke festgehalten ward und
-sich sträubte.</p>
-
-<p>„Schlag zu, töte sie“, rief sie. „Ulenspiegel, wo weilst Du?“</p>
-
-<p>Sie wollte ihrem Manne zu Hilfe kommen, doch einer der Büttel
-packte sie um den Leib, nicht ohne Fährnis für sie.</p>
-
-<p>Klas wehrte sich und schlug so heftig, daß er wohl hätte entkommen
-mögen, wären nicht die beiden Büttel, mit denen Soetkin
-gesprochen hatte, denen, so ihn hielten, zu Hilfe kommen.</p>
-
-<p>Mit gebundenen Händen führten sie ihn in die Küche, allwo
-Soetkin und Nele weinten und schluchzten.</p>
-
-<p>„Herr Profos,“ sagte Soetkin, „was hat mein armer Mann getan,
-daß Ihr ihn also mit diesen Stricken bindet?“</p>
-
-<p>„Ketzer“, sprach einer der Büttel.</p>
-
-<p>„Ketzer,“ sprach Soetkin dagegen, „Du bist ein Ketzer, Du!
-Diese Teufel haben gelogen.“</p>
-
-<p>Klas antwortete:</p>
-
-<p>„Ich befehle mich in Gottes Hut.“</p>
-
-<p>Er ging fort. Nele und Soetkin folgten ihm weinend und vermeinend,
-daß man sie auch vor den Richter bringen würde.
-Freunde und Gevatterinnen kamen zu ihnen, aber da sie vernahmen,
-daß Klas also gebunden ging, weil er der Ketzerei verdächtig
-war, hatten sie so große Furcht, daß sie eilends wieder
-in ihre Häuser gingen und alle Türen hinter sich zuschlossen. Nur
-etliche Mägdlein wagten zu Klas zu kommen und zu ihm zu
-sagen:</p>
-
-<p>„Wohin gehst Du also gebunden, Kohlenträger?“</p>
-
-<p>„Wohin Gott will, Ihr Mägdlein“, sprach er.</p>
-
-<p>Sie brachten ihn in den Gemeindekerker, und Soetkin und Nele
-setzten sich auf die Schwelle. Da es Abend ward, sagte Soetkin
-zu Nele, sie solle sie lassen und sehen, ob Ulenspiegel nicht heimkehrte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>70</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Kunde verbreitete sich alsbald in den benachbarten Dörfern,
-daß man einen Mann um der Ketzerei willen eingekerkert hätte,
-und daß der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem
-Beinamen der Herzlose, das Verhör leiten sollte. Zur selbigen
-Zeit lebte Ulenspiegel in Koolkerke und stand in Gunst und Gnaden
-bei einer artigen Bäuerin, einer gefälligen Wittib, die ihm nichts
-abschlug, was ihr zu eigen war. Ulenspiegel war dort guter
-Dinge, ward gehätschelt und geliebkost bis an den Tag, wo ein
-falscher Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeine, ihm beim Verlassen
-der Schenke auflauerte, um ihn durchzubläuen. Doch
-Ulenspiegel warf ihn in den Sumpf, damit er seinen Zorn abkühle,
-und der Schöffe kroch heraus, so gut er’s vermochte, grün
-wie eine Kröte und durchweicht wie ein Schwamm.</p>
-
-<p>Für diese Heldentat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen. Er
-rannte, so schnell seine Beine ihn trugen, nach Damm, denn er
-fürchtete die Rache des Schöffen.</p>
-
-<p>Der Abend sank kühl herab. Ulenspiegel lief schnell, es verlangte
-ihn, daheim zu sein. Im Geiste sah er Nele nähen, Soetkin
-das Nachtmahl bereiten und Klas Reisigbündel schnüren,
-Schnuffius einen Knochen benagen und den Storch der Hausmutter
-auf den Bauch klopfen, um einige Brocken vom Essen abzubekommen.</p>
-
-<p>Ein wandernder Hausierer sprach im Vorbeigehen zu ihm:</p>
-
-<p>„Wohin so eilends?“</p>
-
-<p>„Nach Damm, nach Haus“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Hausierer erwiderte:</p>
-
-<p>„Die Stadt ist nicht mehr sicher wegen der Reformierten, die man
-da verhaftet.“</p>
-
-<p>Und er ging weiter.</p>
-
-<p>Als Ulenspiegel am Wirtshaus „zum roten Schild“ anlangte,
-kehrte er ein, um ein Glas Doppelbier zu trinken. Der Wirt sprach
-zu ihm:</p>
-
-<p>„Bist Du nicht des Klas Sohn?“</p>
-
-<p>„Der bin ich“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Spute Dich,“ sprach der Wirt, „denn die schlimme Stunde hat
-für Deinen Vater geschlagen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel fragte, was er damit meinte.</p>
-
-<p>Der Wirt antwortete, er würde es nur allzubald erfahren.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel rannte weiter.</p>
-
-<p>Als er bei den ersten Häusern von Damm anlangte, sprangen
-ihm die Hunde, so auf den Türschwellen standen, an die Beine
-und kläfften und bellten. Die alten Weiber kamen auf den Lärm
-heraus und riefen ihm alle miteinander zu:</p>
-
-<p>„Woher kommst Du? Hast Du Kunde von Deinem Vater? Wo
-ist Deine Mutter? Ist sie auch im Kerker mit ihm? Wehe!
-Gnade Gott, daß man ihn nicht verbrenne!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel lief noch rascher.</p>
-
-<p>Er begegnete Nele, die sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Tyll, geh nicht in Dein Haus. Die aus der Stadt haben im
-Namen Seiner Majestät einen Wächter dort angestellt.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel blieb stehen:</p>
-
-<p>„Nele,“ sprach er, „ist es wahr, daß mein Vater Klas im Gefängnis
-ist?“</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete Nele, „und Soetkin weint auf der Schwelle.“
-Da schwoll das Herz des verlorenen Sohnes vor Leid und er
-sprach zu Nele:</p>
-
-<p>„Ich will sie besuchen.“</p>
-
-<p>„Nicht das sollst Du tun, sondern vielmehr Klas gehorchen, der
-mir, ehe sie ihn ergriffen, gesagt hat: „Rette die Karolus, sie
-sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“ Die müssen zuerst
-gerettet werden, denn sie sind Soetkins, des armen Weibes Erbe.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel hörte nichts und eilte zum Gefängnis. Allda sah
-er Soetkin auf der Schwelle sitzen; sie umfing ihn mit Tränen
-und sie weinten mitsammen.</p>
-
-<p>Und da das Volk sich ihretwegen in Haufen um das Gefängnis
-scharte, kamen Büttel und geboten Ulenspiegel und Soetkin, daß
-sie sich ehestens fortscheren sollten.</p>
-
-<p>Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die ihrem Hause benachbart
-war. Vor diesem sahen sie einen der Landsknechte, die
-von Brügge entboten waren, aus Furcht vor Unruhen, die während
-des Gerichts und der Hinrichtung entstehen mochten. Denn
-die Leute von Damm liebten Klas von Herzen.</p>
-
-<p>Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war geschäftig,
-den letzten Tropfen Branntwein aus einer Flasche zu saugen.
-Da er nichts mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit,
-zog sein kurzes Schwert und ergötzte sich damit, die Pflastersteine
-auszugraben.</p>
-
-<p>Soetkin trat bitterlich weinend bei Katheline ein. Und Katheline
-schüttelte den Kopf: „Das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele
-will hinaus“, sprach sie.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>71</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Sturmglocke rief die Richter zum Tribunal und sie vereinigten
-sich um vier Uhr in der „Vierschare“ um die Gerichtslinde.</p>
-
-<p>Klas ward vor sie gebracht und sah den Amtmann von Damm
-feierlich unter einem Baldachin sitzen und ihm zur Seiten und
-gegenüber den Bürgermeister, die Schöffen und den Gerichtsschreiber.</p>
-
-<p>Das Volk kam beim Klange der Glocke in Haufen herbei und
-sprach:</p>
-
-<p>„Viele unter den Richtern sind nicht da, um ein Werk der Gerechtigkeit,
-sondern der kaiserlichen Knechtschaft zu üben.“</p>
-
-<p>Der Gerichtsschreiber machte bekannt, daß, nachdem der Gerichtshof
-sich zuvor in der Vierschare um die Linde versammelt, selbiger
-Anlaß gefunden habe, in Ansehung und Kenntnis der Anzeigen
-und Aussagen, Klas den Kohlenträger, aus Damm gebürtig,
-Ehemann von Soetkin, Jobstens Tochter, gefänglich einzuziehen.
-Nunmehr würden sie zum Verhör der Zeugen schreiten.</p>
-
-<p>Hans Barbier, des Klas Nachbar, ward zuerst vernommen.
-Nachdem er den Eid geleistet hatte, sagte er aus:</p>
-
-<p>„Beim Heil meiner Seele versichere und bezeuge ich, daß gegenwärtiger
-Klas mir seit nahezu siebenzehn Jahren bekannt ist,
-daß er allezeit rechtschaffen und nach den Gesetzen unserer heiligen
-Mutter Kirche gelebt, niemals schimpflich von ihr geredet hat.
-Noch hat er meines Wissens irgend einen Ketzer beherbergt, noch
-das Buch Luthers verborgen, noch von besagtem Buche geredet,
-oder irgend etwas getan, das ihn verdächtigen könnte, gegen die
-Gesetze und Verordnungen des Reiches gefehlt zu haben. So
-helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“</p>
-
-<p>Alsdann wurde Jan van Roosebeke verhört. Er sagte aus, daß er
-bei Abwesenheit von Soetkin, Klasens Weib, oftmals die Stimme
-zweier Männer im Hause des Beklagten zu vernehmen vermeint
-habe. Oftmals am Abend nach der Feierabendglocke habe er in
-einer kleinen Stube unterm Dach ein Licht und zwei Männer,
-deren einer Klas war, vertraulich mitsammen reden sehen. Wenn
-er sagen sollte, ob der andere Mann ein Ketzer war oder nicht,
-so vermöchte er das nicht, denn er hätte ihn nur von ferne gesehen.
-„Was Klas angeht,“ fügte er hinzu, „so sage ich aus und spreche
-die volle Wahrheit, daß er, so lange ich ihn kenne, um die Osterzeit
-nach der Regel beichtete, an den hohen Festen kommunizierte,
-alle Sonntag zur Messe ging, ausgenommen den Sonntag des
-heiligen Blutes und die folgenden. Und mehr weiß ich nicht.
-So wahr mir Gott und alle seine Heiligen helfen.“</p>
-
-<p>Befragt, ob er nicht gesehen hätte, wie Klas in der Schenke „zum
-blauen Turm“ Ablaß verkauft und über das Fegefeuer gespottet
-hätte, erwiderte Jan van Roosebeke, daß Klas allerdings Ablaß
-verkauft hätte; doch ohne Verachtung oder Spott. Er, Jan
-van Roosebeke hätte davon gekauft, und also habe auch Jobst
-Griepenstüver, der Älteste der Fischergilde tun wollen, der dort
-in der Menge sei.</p>
-
-<p>Darauf sagte der Amtmann, er wolle die Taten und Handlungen,
-um derentwillen Klas vor den Gerichtshof der Vierschare geführt
-sei, bekannt geben.</p>
-
-<p>„Der Angeber“, sagte er, „war von ohngefähr in Damm geblieben,
-um nicht in Brügge sein Geld für Schlemmerei und Prasserei
-auszugeben, wie das allzu oft bei diesen heiligen Gelegenheiten
-geübt wird; er saß auf seiner Türschwelle und schöpfte Luft. Da
-erblickte er einen Mann, der in der Reiherstraße ging. Da Klas
-diesen Mann bemerkte, ging er auf ihn zu und begrüßte ihn.
-Der Mann war in schwarzes Linnen gekleidet. Er trat bei Klas
-ein, und die Tür der Hütte blieb halb geöffnet. Begierig zu wissen,
-wer dieser Mann wäre, trat der Angeber in den Hausflur; er
-hörte Klas in der Küche mit dem Fremden von einem gewissen
-Jobst, seinem Bruder, sprechen, der unter den Truppen der Reformierten
-zum Gefangenen gemacht und für diese Tat unweit
-von Aachen lebendig gerädert worden. Der Fremde sagte zu
-Klas, daß er das Geld, so er von seinem Bruder empfahen, anwenden
-solle, seinen Sohn in der reformierten Religion zu erziehen,
-maßen es der Unwissenheit armer Leute abgewonnen sei.
-Desgleichen hat er Klas aufgefordert, den Schoß Unserer
-Heiligen Mutter Kirche zu verlassen, und andere gottlose Worte
-ausgesprochen, auf welche Klas nur mit den Worten erwiderte:
-„Grausame Henker! Mein armer Bruder!“ Und also lästerte
-der Angeklagte Unsern Heiligen Vater, den Papst, und Seine
-Königliche Majestät, indem er sie der Grausamkeit beschuldigte,
-weil sie die Ketzerei zu Recht als göttliches und menschliches
-Majestätsverbrechen bestraften. Als der Mann mit Essen fertig
-war, hörte der Angeber Klas ausrufen: „Armer Jobst, den Gott
-in seine Herrlichkeit aufnehme, sie waren grausam gegen Dich!“
-Und so klagte er Gott selber der Gottlosigkeit an durch den
-Glauben, daß er Ketzer in seinem Himmel aufnehmen könne.
-Und Klas ließ nicht nach zu sagen: „Mein armer Bruder.“ Darob
-geriet der Fremde in Wut wie ein Ketzerlehrer bei seiner Predigt
-und schrie: „Sie wird stürzen, die große Babel, die römische
-Hure, und sie wird die Behausung von Teufeln und der Schlupfwinkel
-jedes Galgenvogels werden!“ Klas sagte: „Grausame
-Henker! Mein armer Bruder!“ Der Fremde redete ein Mehreres
-und sagte: „Denn der Engel wird den Stein nehmen, groß wie
-ein Mühlstein. Und der Stein wird ins Meer geschleudert werden,
-und der Engel wird sagen: „Also wird die große Babel verworfen
-und nicht mehr gefunden werden.“ „Herr,“ sprach Klas,
-„Euer Mund ist voll Zornes; aber saget mir, wann wird das
-Reich kommen, wo die, so sanftmütigen Herzens sind, in Frieden
-auf Erden leben können?“ „Nimmer!“ antwortete der Fremde,
-„solange der Antichrist herrschen wird, welcher ist der Papst und
-Widersacher aller Wahrheit!“ / „Ach,“ sprach Klas, „Ihr redet
-ohne Ehrfurcht von Unserm Heiligen Vater. Gewißlich weiß er
-nichts von den grausamen Todesstrafen, mit denen man die
-armen Reformierten strafet.“ Der Fremde erwiderte: „Er kennt
-sie nur zu wohl, denn er ist es, der die Urteile schleudert und sie
-durch den Kaiser und jetzo den König ausführen läßt. Der hat
-den Nutzen von den Gütereinziehungen; er beerbt die Verstorbenen
-und macht den Reichen gern den Prozeß wegen Ketzerei.“ Klas
-antwortete: „Man redet von solchen Dingen im Lande Flandern,
-ich muß sie glauben. Das Fleisch des Menschen ist schwach, selbst
-wenn es königlich Fleisch ist. Mein armer Jobst.“ Und also
-gab Klas zu verstehen, daß Seine Majestät aus niedriger Gewinnsucht
-die Anstifter der Ketzerei strafte. Da der Fremde ihn
-beschwatzen wollte, erwiderte Klas: „Herr, wollet mir nicht
-mehr solche Reden halten, die, wenn sie gehört würden, mir einen
-schlimmen Prozeß zuziehen könnten.“ Klas erhob sich, um in den
-Keller zu gehen, und kam mit einem Maß Bier wieder herauf.
-„Ich will die Tür schließen“, sagte er alsdann, und der Angeber
-hörte nichts mehr, denn er mußte eilends aus dem Hause gehen.
-Die Tür, so zuvor verschlossen war, ward jedoch bei sinkender
-Nacht wieder geöffnet. Der Fremde kam heraus, kehrte aber
-alsbald zurück, pochte und sagte dabei: „Klas, mich friert, ich
-weiß nicht, wo ich einkehren soll. Gib mir Obdach, niemand hat
-mich hereinkommen sehen, die Stadt ist menschenleer.“</p>
-
-<p>Klas nahm ihn bei sich auf, entzündete eine Laterne, und man
-sah ihn, dem Ketzer vorangehend, die Stiege hinaufsteigen und
-den Fremden in ein Kämmerlein unter dem Dach führen, dessen
-Fenster aufs Feld ging.“</p>
-
-<p>„Wer anders“, schrie Klas, „kann alles dies berichtet haben,
-wenn nicht Du, schändlicher Fischhändler, den ich am Sonntag
-aufrecht wie einen Pfahl auf seiner Schwelle sah, wie Du heuchlerisch
-nach den Schwalben in der Luft blicktest.“</p>
-
-<p>Und er wies mit dem Finger auf Jobst Griepenstüver, den Ältesten
-der Fischhändler, der seine häßliche Fratze unter dem Volk zeigte.
-Der Fischhändler lächelte hämisch, da er sah, daß Klas sich
-solchergestalt verriet. Alles Volk, Männer, Frauen und Kinder
-sprachen untereinander:</p>
-
-<p>„Armer, guter Mann, seine Worte werden ihm den Tod bringen.“</p>
-
-<p>Aber der Gerichtsschreiber fuhr in seiner Verlesung fort:</p>
-
-<p>„Der Ketzer und Klas sprachen jene Nacht lange zusammen, desgleichen
-während sechs anderer, in welchen man den Fremdling
-mancherlei dräuende oder segnende Gebärden machen sah, auch
-wahrnehmen konnte, wie er die Arme gen Himmel hob; wie
-Ketzer zu tun pflegen. Und dem Anschein nach hieß Klas seine
-Reden gut. Gewißlich sprachen sie während jener Tage, Abende
-und Nächte schändlich über Messe und Beichte, über den Ablaß
-und über Seine Königliche Majestät.“</p>
-
-<p>„Keiner hat es gehört,“ sagte Klas, „und man kann mich nicht
-solchergestalt ohne Beweise anklagen.“</p>
-
-<p>Der Gerichtsschreiber versetzte:</p>
-
-<p>„Man hat anderes gehört. Als der Fremde den siebenten Tag um
-die zehnte Stunde aus Deinem Hause ging und es schon Abend
-war, da gabst Du ihm bis zur Grenze von Kathelines Feld das
-Geleite. Allda erkundigte er sich, was Du mit den schändlichen
-Götzenbildern / und der Amtmann bekreuzte sich / der erhabenen
-Frau Maria und der hohen Heiligen Nikolas und Martin gemacht
-hättest. Du gabst zur Antwort, daß Du sie zerbrochen und
-in den Brunnen geworfen hättest. Und wirklich wurden sie verwichene
-Nacht in Deinem Brunnen gefunden, und die Stücke sind
-auf der Folterkammer.“</p>
-
-<p>Bei diesen Worten schien Klas niedergeschinettert. Der Amtmann
-fragte, ob er etwas zu erwidern hätte, doch Klas schüttelte
-verneinend den Kopf.</p>
-
-<p>Der Amtmann fragte ihn, ob er nicht den verruchten Gedanken,
-die Bilder zu zerbrechen, desgleichen die gottlose Verirrung, kraft
-deren er schändende Worte wider seine göttliche und Seine Königliche
-Majestät gesprochen, widerrufen wolle.</p>
-
-<p>Klas erwiderte, daß sein Leib Seiner Königlichen Majestät,
-sein Gewissen aber Christo gehörte, dessen Gebot er folgen
-wolle. Der Amtmann fragte ihn, ob dieses Gebot das Unserer
-Heiligen Mutter Kirche wäre. Klas antwortete:</p>
-
-<p>„Es ist im Heiligen Evangelio.“</p>
-
-<p>Aufgefordert, auf die Frage zu antworten, ob der Papst der
-Statthalter Gottes auf Erden sei, sprach er:</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>Verhört, ob er es für unerlaubt hielte, die Bilder der erhabenen
-Frau Maria und der hohen Heiligen anzubeten, antwortete er,
-daß solches Götzendienst wäre. Im Punkte der Ohrenbeichte befragt,
-ob selbe eine gute und heilsame Sache sei, sprach er:</p>
-
-<p>„Christus hat gesagt: Beichtet einer dem andern.“</p>
-
-<p>Seine Antworten waren tapfer, wiewohl er im Grunde seines
-Herzens betrübt und erschrocken schien.</p>
-
-<p>Da es acht Uhr geschlagen hatte und die Nacht herabsank, zog
-sich der hohe Gerichtshof zurück und verschob das endgültige Urteil
-auf den nächsten Tag.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>72</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In Kathelines Hütte weinte Soetkin vor irrem Schmerz. Ohne
-Unterlaß sagte sie:</p>
-
-<p>„Mein Mann, mein armer Mann!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Nele umarmten sie mit inniger Zärtlichkeit. Dann
-drückte sie sie in die Arme und weinte still. Hierauf machte sie
-ihnen ein Zeichen, sie allein zu lassen. Nele sprach zu Ulenspiegel:
-„Wir wollen sie verlassen, sie will es; laß uns die Karolus
-retten.“</p>
-
-<p>Sie gingen beide hinaus. Katheline ging um Soetkin herum und
-sprach:</p>
-
-<p>„Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus.“</p>
-
-<p>Und Soetkin blickte sie starren Auges an, ohne sie zu sehen.</p>
-
-<p>Die Hütten von Klas und Katheline stießen aneinander, die von
-Klas trat zurück und hatte ein Gärtlein vor dem Haus; die von
-Katheline hatte ein Stück Land, mit Saubohnen bepflanzt, nach
-der Straße zu. Das Land war mit einer grünen Hecke eingefriedigt,
-darein Ulenspiegel, um zu Nele zu gehen, und Nele um zu
-Ulenspiegel zu gehen, in ihren Kinderjahren ein großes Loch gemacht
-hatten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Nele kamen in den Gemüsegarten, sahen von dort
-den wachthabenden Soldaten, der mit dem Kopf wackelte und
-in die Luft spuckte, aber der Speichel fiel auf sein Wams zurück.
-Eine Flasche, die mit Weiden umflochten war, lag neben
-ihm.</p>
-
-<p>„Nele,“ sagte Ulenspiegel ganz leise, „dieser trunkne Soldat hat
-noch nicht genug für seinen Durst; er muß noch mehr trinken.
-So werden wir die Herren sein. Laß uns die Flasche nehmen.“</p>
-
-<p>Beim Ton ihrer Stimmen wandte der Landsknecht seinen
-schweren Kopf nach ihrer Seite, suchte seine Flasche und da er
-sie nicht fand, fuhr er fort in die Luft zu spucken und versuchte,
-beim Mondschein seinen Speichel fallen zu sehen.</p>
-
-<p>„Der Branntwein geht ihm bis an die Zähne,“ sprach Ulenspiegel.
-„hörst Du, wie er mit Mühe spuckt?“</p>
-
-<p>Indessen streckte der Soldat, nachdem er oftmals gespuckt und
-in die Luft gesehen, wiederum den Arm aus, um die Hand auf
-die Flasche zu legen. Er fand sie, hielt den Mund an die Öffnung,
-bog den Kopf nach hinten, kippte die Flasche um und schlug ein
-wenig darauf, auf daß sie ihm ihren ganzen Saft gäbe; und er
-sog daran, wie ein Kind an der Brust seiner Mutter. Da er
-nichts darinnen fand, ließ er es dabei bewenden, legte die Flasche
-neben sich, fluchte etliches auf hochdeutsch, spuckte wiederum,
-schüttelte den Kopf von rechts nach links und schlief mit unverständlichem
-Geplapper ein.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel, wissend, daß dieser Schlaf nicht andauern
-würde, und daß man ihn noch tiefer machen müßte, glitt durch
-das Loch in der Hecke, nahm die Flasche des Soldaten und gab
-sie Nele, welche sie mit Branntwein füllte.</p>
-
-<p>Der Soldat hörte nicht auf zu schnarchen: Ulenspiegel schlüpfte
-wieder durch das Loch in der Hecke, legte ihm die volle Flasche
-zwischen die Beine, kehrte in Kathelines Gärtlein zurück und
-wartete mit Nele hinter der Hecke.</p>
-
-<p>Die Kühle der frischgezapften Flüssigkeit machte den Soldaten
-etwas wach und mit der ersten Bewegung suchte er nach dem
-kalten Ding unter seinem Wamse.</p>
-
-<p>Mit dem rechten Gefühl eines Trunkenbolds erwog er, daß dies
-wohl eine volle Flasche sein könnte, und legte die Hand darauf.
-Ulenspiegel und Nele sahen, wie er beim Schein des Mondes die
-Flasche schüttelte, um das Glucksen der Flüssigkeit zu hören;
-dann kostete er davon, lachte, war baß erstaunt, daß sie so voll
-war, trank einen Schluck, tat einen Zug, setzte sie zu Boden,
-nahm sie abermals und trank von neuem.</p>
-
-<p>Dann hub er an zu singen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint,</div>
- <div class="verse indent0">Die Frau See zu grüßen,</div>
- <div class="verse indent0">Trägt sie ihm wohl auf</div>
- <div class="verse indent0">Einen Humpen Glühwein;</div>
- <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Speist mit ihm zur Nacht,</div>
- <div class="verse indent0">Küßt ihn manchesmal,</div>
- <div class="verse indent0">Gibt nach gutem Schmaus</div>
- <div class="verse indent0">Ihm ihr Bett zum Lager;</div>
- <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Also tu auch Du, mein Liebchen,</div>
- <div class="verse indent0">Leckern Schmaus und guten Glühwein,</div>
- <div class="verse indent0">Also tu auch Du, mein Liebchen,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Um und um trinkend und einen Vers singend, schlief er ein. Und
-er konnte nicht hören, daß Nele sagte: „Sie sind in einem Topf
-hinter der Rückwand des Rauchfangs“; noch sah er, wie Ulenspiegel
-durch den Stall in Klasens Küche trat, den Stein von
-der Rückwand abhob, den Topf und die Karolus fand, auf
-Kathelines Anwesen zurückkehrte und die Karolus an der Seite
-der Brunnenmauer vergrub, wohl wissend, daß man sie darinnen
-und nicht außerhalb suchen würde.</p>
-
-<p>Dann gingen beide wieder zu Soetkin und fanden die schmerzensreiche
-Frau in Tränen. Sie sprach:</p>
-
-<p>„Mein Mann, mein armer Mann!“</p>
-
-<p>Nele und Ulenspiegel wachten bei ihr bis zum Morgen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>73</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am folgenden Tag rief die Sturmglocke die Richter mit lauten
-Schlägen zum Gericht der Vierschare.</p>
-
-<p>Da sie sich auf den vier Bänken um den Baum der Gerechtigkeit
-niedergesetzt, verhörten sie Klas abermals und fragten ihn, ob
-er seine Irrtümer aufgeben wollte.</p>
-
-<p>Klas hob die Hand gen Himmel:</p>
-
-<p>„Christus, mein Herr, blickt auf mich herab“, sagte er. „Ich
-schaute in seine Sonne, als mein Sohn Ulenspiegel geboren
-ward. Wo ist er zur Stunde, der Landstreicher? Soetkin, mein
-sanftes Weib, wirst Du im Unglück tapfer sein?“</p>
-
-<p>Dann sah er die Linde an und verfluchte sie.</p>
-
-<p>„Sturm und Dürre! Macht, daß die Bäume auf unserer Väter
-Erde lieber alle bis auf den Stamm zugrunde gehen, denn daß
-unter ihrem Schatten das freie Gewissen zum Tode verdammt
-wird. Wo bist Du, mein Sohn Ulenspiegel? Ich war hart gegen
-Dich. Ihr Herren, habt Mitleid mit mir und richtet mich, wie
-unser barmherziger Heiland es täte.“</p>
-
-<p>Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht.</p>
-
-<p>Dann fragte er, ob es keine Begnadigung für ihn gäbe, und
-sprach:</p>
-
-<p>„Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich war gut zu
-den Armen und freundlich gegen jedermann. Die römische Kirche
-habe ich verlassen, um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu
-mir sprach. Ich flehe um keine Gnade, denn daß die Feuerstrafe
-in ewige, lebenslängliche Landesverweisung verwandelt werde,
-welche Strafe wahrlich schon groß ist.“</p>
-
-<p>Alle, die gegenwärtig waren, schrien:</p>
-
-<p>„Gnade, Ihr Herren! Erbarmen!“</p>
-
-<p>Aber Jobst Griepenstüver rief nicht.</p>
-
-<p>Der Amtmann winkte den Umstehenden zu schweigen und sagte,
-daß die Edikte das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer
-um Gnade zu bitten. So aber Klas seinen Irrtum abschwören
-wolle, solle er durch den Strang anstatt durchs Feuer hingerichtet
-werden.</p>
-
-<p>Und das Volk sprach:</p>
-
-<p>„Ob Feuer oder Strang, es ist der Tod.“</p>
-
-<p>Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf.</p>
-
-<p>Darauf sprach Klas:</p>
-
-<p>„Ich werde mitnichten abschwören. Tut mit meinem Leib, was
-Eurer Barmherzigkeit gefallen wird.“</p>
-
-<p>Der Dechant von Renaix, Titelman, schrie:</p>
-
-<p>„Es ist unerträglich zu sehen, wie solches Ketzergeschmeiß das
-Haupt vor seinen Richtern erhebt. Ihre Körper zu verbrennen
-ist eine Strafe von kurzer Dauer; man muß ihre Seelen retten
-und sie durch die Folter zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören,
-auf daß sie dem Volk nicht das gefährliche Schauspiel von Ketzern
-geben, die eines unbußfertigen Todes sterben.“</p>
-
-<p>Bei solcher Rede weinten die Frauen noch mehr, und die Männer
-sagten:</p>
-
-<p>„Nach einem Geständnis folgt Strafe, nicht Folter!“</p>
-
-<p>Der Gerichtshof entschied, dieweil die Folter in den Verordnungen
-nicht vorgeschrieben, so sei es nicht statthaft, sie Klas
-erleiden zu lassen. Abermals aufgefordert zu widerrufen, antwortete
-er:</p>
-
-<p>„Ich kann es nicht.“</p>
-
-<p>Kraft der Edikte ward er der Simonie für schuldig erklärt, wegen
-Verkaufes von Ablaß, desgleichen als Ketzer und Helfershelfer
-von Ketzern befunden und als solcher verurteilt, vor dem Gitter
-des Rathauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte.</p>
-
-<p>Sein Körper sollte während zweier Tage am Pfahl befestigt
-bleiben, um zum Exempel zu dienen, und alsdann an der Stätte
-begraben werden, wo die Körper der Hingerichteten verscharrt
-werden.</p>
-
-<p>Der Gerichtshof bewilligte dem Ankläger Jobst Griepenstüver,
-des Name nicht genannt ward, fünfzig Gülden auf die ersten
-hundert Karolusgülden der Erbschaft und den zehnten Teil von
-dem übrigen.</p>
-
-<p>Da Klas diesen Richterspruch vernommen, sprach er zum Ältesten
-der Fischhändler:</p>
-
-<p>„Du wirst eines elenden Todes sterben, Du schlechter Mensch,
-der für einen armseligen Groschen aus einem glücklichen Eheweib
-eine Wittib und aus einem fröhlichen Sohn eine bekümmerte
-Waise machst.“</p>
-
-<p>Die Richter hatten Klas sprechen lassen, denn auch sie, ausgenommen
-Titelman, fühlten große Verachtung für die Angeberei
-des Obmanns der Fischergilde.</p>
-
-<p>Dieser schien bleich vor Schmach und Zorn.</p>
-
-<p>Und Klas ward in sein Gefängnis zurückgeführt.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>74</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am folgenden Tage, welcher der Vorabend von Klasens Hinrichtung
-war, wußten Nele, Ulenspiegel und Soetkin das Urteil.</p>
-
-<p>Sie baten die Richter um Einlaß ins Gefängnis, welches ihnen
-gewährt ward, aber nicht Nele.</p>
-
-<p>Da sie hineingingen, sahen sie Klas mit einer langen Kette an die
-Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin wegen
-der Feuchtigkeit. Denn nach Recht und Gesetz ist es in Flandern
-befohlen, gegen die, so sterben sollen, milde zu sein und ihnen Brot,
-Fleisch oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Kerkermeister
-handeln oftmals dem Gesetz zuwider, und ihrer sind viele,
-die den größten Teil und die besten Stücke der Nahrung der armen
-Gefangenen essen.</p>
-
-<p>Weinend umarmte Klas Ulenspiegel und Soetkin, aber er war der
-erste, der trockne Augen hatte, wie es ihm als Mann und Familienhaupt
-geziemte.</p>
-
-<p>Soetkin weinte und Ulenspiegel sprach:</p>
-
-<p>„Ich will diese abscheulichen Ketten zerbrechen.“</p>
-
-<p>Soetkin sagte unter Tränen:</p>
-
-<p>„Ich werde zum König Philipp gehen, er wird Dich begnadigen.“</p>
-
-<p>Klas antwortete:</p>
-
-<p>„Der König erbt die Vermögen der Märtyrer.“ Dann fügte er bei:</p>
-
-<p>„Weib und geliebter Sohn, ich gehe traurig und voller Harm
-aus dieser Welt. Wenn ich etwelche Furcht vor dem Leiden für
-meinen Körper habe, so bin ich gleicherweise recht betrübt zu denken,
-daß, wenn ich nicht mehr bin, Ihr alle beide arm und elend sein
-werdet, denn der König wird Euch Eure Habe nehmen.“</p>
-
-<p>Mit leiser Stimme antwortete Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Nele hat gestern alles mit mir in Sicherheit gebracht.“</p>
-
-<p>„Des bin ich froh,“ antwortete Klas, „der Angeber wird nicht über
-meinen Nachlaß lachen.“</p>
-
-<p>„Möge er vielmehr sterben,“ sprach Soetkin, das Auge voll Haß,
-ohne zu weinen.</p>
-
-<p>Aber Klas sprach, der Karolus gedenkend: „Du warst schlau,
-Tyll, mein Söhnchen. Dann wird meine Wittib Soetkin in ihren
-alten Tagen nicht Hunger leiden.“</p>
-
-<p>Und Klas küßte sie und drückte sie fest an seine Brust und sie weinte
-noch mehr, denn sie gedachte, daß sie bald seinen liebenden Schutz
-verlieren würde.</p>
-
-<p>Klas sah Ulenspiegel an und sprach:</p>
-
-<p>„Sohn, Du hast oft gesündigt, wenn Du Dich auf den Landstraßen
-herumtriebst, wie die bösen Buben tun. Du mußt es nicht mehr
-tun, mein Kind, noch die betrübte Witwe allein im Haus lassen;
-Du, der Mann, schuldest ihr Schutz und Schirm.“</p>
-
-<p>„Vater, ich werde es tun“, sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wehe, mein armer Mann“, sprach Soetkin und umarmte ihn.
-„Welch großes Verbrechen haben wir begangen? Wir lebten friedlich
-zu zweit ein ehrlich und bescheiden Leben und liebten uns innig,
-Herr Gott, Du weißt es. Wir standen frühe auf, um zu arbeiten,
-und am Abend, wenn wir das Dankgebet sprachen, aßen wir das
-Brot, so wir tags verdient hatten. Ich will zum König gehen
-und ihn mit meinen Nägeln zerfleischen. Herr Gott, wir waren
-nicht schuldig.“</p>
-
-<p>Aber der Kerkermeister trat herein und sagte, daß sie gehen müßten.
-Soetkin verlangte zu bleiben. Klas fühlte, wie ihr armes Gesicht
-an dem seinen glühte, wie Soetkins Zähren in Strömen flossen
-und seine Wangen netzten, und wie ihr ganzer armer Körper in
-seinen Armen bebte und zitterte. Er bat, daß sie bei ihm bleiben
-möge.</p>
-
-<p>Der Kerkermeister sagte nochmals, daß sie fort müßten, und zog
-Soetkin aus Klasens Armen.</p>
-
-<p>Klas sprach zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Wache über sie.“</p>
-
-<p>Der antwortete, er würde es tun. Und Ulenspiegel und Soetkin
-gingen selbander fort und der Sohn stützte die Mutter.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>75</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am folgenden Morgen, dem Tage der Hinrichtung, kamen die
-Nachbarn und schlossen Ulenspiegel, Soetkin und Nele zusammen
-in Kathelines Hause ein. Aber sie hatten nicht bedacht, daß sie
-von fern das Geschrei des armen Sünders hören und durch die
-Fenster die Flamme des Holzstoßes sehen könnten.</p>
-
-<p>Katheline irrte durch die Stadt, schüttelte den Kopf und sprach:
-„Macht ein Loch, die Seele will hinaus.“</p>
-
-<p>Um die neunte Stunde ward Klas im Hemde, die Hände auf den
-Rücken gebunden, aus dem Gefängnis geführt. Dem Urteil gemäß
-war der Scheiterhaufen in der Straße der Frauenkirche aufgeschichtet,
-rings um einen Pfahl, der vor den Fenstergittern des
-Rathauses eingerammt war. Der Henker und seine Büttel waren
-noch nicht mit dem Aufschichten des Holzes fertig.</p>
-
-<p>Klas wartete inmitten dieser Bluthunde geduldig, bis ihre Arbeit
-getan war, dieweil der Profos zu Pferde und die Schergen des
-Amtskreises und die neun Landsknechte, so von Brüssel herbeigerufen
-waren, nur mit großer Mühe das murrende Volk im Zaum
-halten konnten.</p>
-
-<p>Alle sagten, daß es Grausamkeit wäre, also in seinen alten Tagen
-ungerechterweise einen armen, braven Mann zu morden, der
-so freundlich und barmherzig und so wacker bei der Arbeit gewesen.</p>
-
-<p>Plötzlich knieten sie nieder und beteten; die Sterbeglocken der
-Frauenkirche läuteten.</p>
-
-<p>Katheline stund auch in der Volksmenge in der ersten Reihe und
-war ganz irre. Sie blickte Klas und den Scheiterhaufen an und
-sagte kopfschüttelnd:</p>
-
-<p>„Das Feuer, das Feuer! macht ein Loch, die Seele will hinaus!“</p>
-
-<p>Da Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzten
-sie sich alle beide. Aber Ulenspiegel tat nicht mit, denn er sagte,
-daß er Gott nicht nach Art der Henker anbeten wolle. Und er
-rannte in der Hütte hin und her und versuchte die Türen einzuschlagen
-und durch die Fenster zu springen; aber alle waren bewacht.</p>
-
-<p>Plötzlich schrie Soetkin, das Gesicht in der Schürze bergend:</p>
-
-<p>„Der Rauch!“</p>
-
-<p>Und in Wahrheit sahen die drei Leidtragenden eine große, gar
-schwarze Rauchwolke am Himmel. Sie kam vom Scheiterhaufen,
-auf welchem Klas an den Pfahl gekettet stand, und der Henker
-hatte ihn jetzt an drei Stellen entzündet, im Namen Gottes des
-Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.</p>
-
-<p>Klas schaute um sich, und da er Soetkin und Ulenspiegel nicht in
-der Menge gewahrte, ward ihm leichter zumute in dem Gedanken,
-daß sie ihn nicht leiden sähen.</p>
-
-<p>Kein ander Geräusch war vernehmbar als Klasens Stimme, der
-betete, das prasselnde Holz, die murrenden Männer, die weinenden
-Frauen und Katheline, welche schrie: „Nehmt das Feuer fort,
-macht ein Loch, die Seele will hinaus.“ Und die Sterbeglocken
-der Frauenkirche läuteten.</p>
-
-<p>Plötzlich ward Soetkin weiß wie Schnee, bebte am ganzen Leibe,
-ohne zu weinen, und wies mit dem Finger gen Himmel. Eine
-lange, schmale Flamme war aus dem Scheiterhaufen geschossen
-und erhob sich zuweilen über die Dächer der niedern Häuser. Sie
-war für Klas grausam schmerzhaft, denn je nach der Laune
-des Windes zernagte sie seine Beine, streifte seinen Bart und sengte
-ihn, beleckte seine Haare und verbrannte sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel hielt Soetkin in seinen Armen und wollte sie vom
-Fenster fortreißen. Sie hörten einen gellenden Schrei, welchen
-Klas ausstieß, dieweil sein Körper nur an einer Seite brannte.
-Aber er schwieg und weinte, und seine Brust war ganz benetzt von
-seinen Zähren.</p>
-
-<p>Dann hörten Soetkin und Ulenspiegel ein großes Getöse von
-Stimmen. Es waren Bürger, Frauen und Kinder, die schrien:</p>
-
-<p>„Klas ist nicht verurteilt, langsam zu brennen, sondern bei
-starkem Feuer. Henker, schüre den Holzstoß.“</p>
-
-<p>Der Henker tat also, aber das Feuer flammte nicht schnell genug
-auf.</p>
-
-<p>„Erdroßle ihn“, schrien sie.</p>
-
-<p>Und sie warfen mit Steinen nach dem Profos.</p>
-
-<p>„Die Flamme! die große Flamme!“ schrie Soetkin.</p>
-
-<p>Und wahrlich, eine rote Flamme stieg inmitten des Rauches zum
-Himmel.</p>
-
-<p>„Er stirbt“, sagte die Wittib. „Herr Gott, erbarm Dich der Seele
-des Unschuldigen. Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen
-Nägeln das Herz ausreiße?“</p>
-
-<p>Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.</p>
-
-<p>Soetkin hörte Klas noch einen lauten Schrei tun, aber sie sah
-nicht, wie sein Körper sich krümmte und ächzte, um der Qualen
-des Feuers willen, noch wie sein Gesicht sich verzerrte, noch sah
-sie seinen Kopf, den er nach allen Seiten drehte und gegen das
-Holz des Pfahls schmetterte. Das Volk fuhr fort zu rufen und
-zu zischen, die Frauen und die Knaben warfen Steine, als plötzlich
-der Scheiterhaufen ganz und gar aufloderte und alle vernahmen,
-wie Klas mitten in Flammen und Rauch sprach:</p>
-
-<p>„Soetkin! Tyll!“</p>
-
-<p>Und das Haupt sank ihm auf die Brust wie eine Bleikugel.</p>
-
-<p>Ein durchdringender Weheruf drang aus Kathelines Hütte.
-Dann hörte man nichts mehr, nur die arme Wahnsinnige schüttelte
-den Kopf und sagte: „Die Seele will hinaus.“</p>
-
-<p>Klas war verschieden. Der ausgebrannte Scheiterhaufen sank
-am Fuße des Pfahles in sich zusammen, und der arme, ganz
-schwarze Körper blieb am Halse aufgehängt daran stehen.</p>
-
-<p>Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>76</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Soetkin stand bei Katheline gegen die Mauer gelehnt mit gesenktem
-Haupt und gefalteten Händen. Sie hielt Ulenspiegel
-umfangen, ohne zu reden, noch zu weinen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war auch stumm; er fühlte mit Schrecken die Fieberglut,
-so den Körper seiner Mutter verbrannte.</p>
-
-<p>Die Nachbarn, die vom Richtplatz zurückkamen, sagten, daß
-Klas ausgelitten habe.</p>
-
-<p>„Er ist in die Herrlichkeit eingegangen“, sprach die Wittib.</p>
-
-<p>„Bete“, sagte Nele zu Ulenspiegel; und sie gab ihm seinen Rosenkranz,
-aber er wollte ihn nicht gebrauchen, weil die Kugeln vom
-Papst geweiht wären.</p>
-
-<p>Da die Nacht herabsank, sagte Ulenspiegel zur Wittib:</p>
-
-<p>„Mutter, Du <em>mußt</em> Dich schlafen legen; ich werde bei Dir
-wachen.“</p>
-
-<p>Aber Soetkin antwortete: „Es tut nicht not, daß Du bei mir
-wachst: der Schlaf ist gut für die Jugend.“</p>
-
-<p>Nele bereitete jedem ein Lager in der Küche und ging fort.</p>
-
-<p>Sie blieben beieinander, dieweil die Reste eines Feuers von
-Baumwurzeln im Kamin verbrannten.</p>
-
-<p>Soetkin legte sich nieder und Ulenspiegel tat wie sie und hörte
-sie unter ihren Decken weinen.</p>
-
-<p>Draußen in der nächtlichen Stille ließ der Wind die Bäume des
-Kanals rauschen wie das Meer und als Vorbote des Herbstes
-schleuderte er den Staub in Wirbeln gegen die Fenster.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sah etwas wie einen Mann, der kam und ging; er
-hörte ein Geräusch von Schritten in der Küche; da er hinhorchte,
-hörte er nichts mehr als den Wind, der im Kamin heulte, und
-Soetkin, die unter ihren Decken weinte.</p>
-
-<p>Dann hörte er wiederum gehen und hinter sich am Kopfende
-seufzen. „Wer ist da?“ fragte er.</p>
-
-<p>Niemand gab Antwort; aber es ward zu drei Malen auf den
-Tisch geklopft. Ulenspiegel ward von Furcht ergriffen und zitternd
-fragte er abermals: „Wer ist da?“ Er bekam keine Antwort,
-aber drei Schläge fielen auf den Tisch, und er fühlte, wie zwei
-Arme ihn umschlangen und über sein Gesicht ein Körper sich
-neigte, dessen Haut war gerunzelt, auch hatte er ein großes Loch
-in der Brust und einen Brandgeruch um sich.</p>
-
-<p>„Vater,“ sprach Ulenspiegel, „ist es Dein armer Leichnam, der
-also auf mir lastet?“</p>
-
-<p>Er erhielt keine Antwort, und ohngeachtet der Schatten nahe
-bei ihm stand, hörte er draußen „Tyll, Tyll!“ rufen. Plötzlich
-erhob Soetkin sich und trat an Ulenspiegels Lager: „Hörst Du
-nichts?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Wohl,“ sprach er, „der Vater ruft mich.“</p>
-
-<p>„Ich,“ sprach Soetkin, „ich habe einen kalten Leichnam an
-meiner Seite in meinem Bette gefühlt, und die Pfühle haben sich
-gerührt und die Vorhänge sich bewegt, und ich habe eine Stimme
-sagen hören: „Soetkin“. Eine Stimme, leise wie ein Hauch, und
-einen Schritt, leicht wie das Summen einer Mücke!“ Und sie
-sprach also zu dem Geist ihres Klas:</p>
-
-<p>„Mein Mann, so Du im Himmel, allwo Gott Dich in seine Herrlichkeit
-aufgenommen hat, irgend etwas begehrst, mußt Du es
-uns sagen, auf daß wir Deinen Willen vollstrecken.“</p>
-
-<p>Plötzlich stieß ein Windstoß die Tür mit Ungestüm auf und erfüllte
-den Raum mit Staub, und Ulenspiegel und Soetkin hörten
-fernes Gekrächz von Raben.</p>
-
-<p>Sie gingen selbander hinaus und kamen zum Scheiterhaufen.</p>
-
-<p>Die Nacht war schwarz, ausgenommen, wenn die Wolken, so
-von dem scharfen Nordwind gejagt gleich Hirschen über den
-Himmel liefen, dem Antlitz des Gestirns seinen Glanz ließen.</p>
-
-<p>Ein Gemeinbüttel schritt auf und ab und hielt Wache am Scheiterhaufen.
-Ulenspiegel und Soetkin hörten den Schall seiner
-Schritte auf dem hartgestampften Boden und die Stimme eines
-Raben, der ohne Zweifel andere herbeirief, denn aus der Ferne
-antwortete ihm Gekrächz.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel und Soetkin an den Scheiterhaufen traten, ließ
-der Rabe sich auf Klasens Schultern nieder und sie hörten ihn an
-dem Körper picken, und alsobald kamen andere Raben herbei.</p>
-
-<p>Ulenspiegel wollte sich auf den Scheiterhaufen stürzen und die
-Raben niederschlagen; der Büttel aber sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Du Zauberer, suchst Du Teufelsklauen? Wisse, daß die Hände
-von Verbrannten nicht unsichtbar machen, sondern allein die
-Hände eines Gehenkten, wie Du dereinst einer sein wirst.“</p>
-
-<p>„Herr Weibel,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich bin kein Zauberer,
-sondern der verwaiste Sohn dessen, der dort hängt, und dies
-Weib ist seine Wittib. Wir wollen ihn nur noch einmal küssen und
-ein Weniges von seiner Asche zum Gedächtnis an ihn nehmen.
-Erlaubt es uns, Herr, der Ihr kein fremder Söldling, sondern
-vielmehr ein Sohn dieses Landes seid.“</p>
-
-<p>„Es geschehe, wie Du willst“, antwortete der Büttel.</p>
-
-<p>Waise und Witwe schritten über das verbrannte Holz und kamen
-an den Leichnam. Beide küßten Klasens Antlitz mit Tränen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm da, wo das Herz saß und wo die Flamme ein
-großes Loch ausgehöhlt hatte, ein wenig von der Asche des
-Toten. Dann knieten Soetkin und er nieder und beteten. Da die
-Morgenröte fahl am Himmel erschien, waren sie beide noch da;
-aber der Büttel trieb sie fort, aus Furcht, seiner Gutwilligkeit
-halber gestraft zu werden.</p>
-
-<p>Daheim nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein Stück
-schwarzer Seide; sie machte ein Säcklein daraus; in das tat sie
-die Asche; und an das Säcklein nähte sie zwei Bänder, auf daß
-Ulenspiegel es allezeit um den Hals tragen könnte. Sie hing ihm
-das Säcklein um und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Möge diese Asche, so das Herz meines Mannes, dieses Rot, das
-sein Blut, dieses Schwarz, das unsere Trauer ist, immerwährend
-auf Deiner Brust sein wie das Feuer der Rache wider die Henker.“
-„So sei es“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und die Wittib umarmte die Waise und die Sonne ging auf.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>77</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Des anderen Tages drangen die Büttel und Ausrufer der Gemeinde
-in Klas Behausung, setzten allen Hausrat daraus auf
-die Gasse und schritten zur öffentlichen Vergantung.</p>
-
-<p>Von Kathelines Haus aus sah Soetkin die Wiege aus Eisen und
-Kupfer hinaustragen, die vom Vater auf den Sohn im Hause
-der Klas vererbt worden, darinnen der arme Tote und auch
-Ulenspiegel geboren war. Dann trugen sie das Bett hinaus, in
-dem Soetkin ihr Kind empfangen, und in dem sie so trauliche
-Nächte, an ihren Mann geschmiegt, verbracht hatte. Dann kam
-der Kasten, in dem sie das Brot verwahrte, die Lade, in der zur
-Zeit des Wohllebens die Fleischstücke waren, Pfannen, Kessel und
-Töpfe, nicht mehr glänzend wie in der guten Zeit des Glücks,
-sondern vom Staub der Verwahrlosung bedeckt. Und sie gedachte
-bei ihnen der häuslichen Feste, wo die Nachbarn, vom
-Duft angelockt, herbeigekommen waren.</p>
-
-<p>Dann kam auch eine Tonne und ein Tönnlein, mit einfachem und
-Doppelbier, und ein Korb mit Weinflaschen, deren zumindest
-dreißig waren; und alles ward auf die Straße gesetzt bis auf
-den letzten Nagel, den die arme Witfrau mit großem Lärm herausreißen
-hörte.</p>
-
-<p>Ohne zu schmähen noch sich zu beklagen, saß sie da und sah blutenden
-Herzens ihren bescheidenen Wohlstand davon tragen. Nachdem
-der öffentliche Verkäufer ein Talglicht angezündet hatte,
-ward der Hausrat vergantet. Da das Licht beinahe ausgebrannt
-war, hatte der Älteste der Fischergilde alles um ein Spottgeld
-erstanden, um es wieder zu verkaufen, und er schien sich zu ergötzen
-wie ein Wiesel, das einem Huhne das Hirn aussaugt.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht lange lachen,
-Mörder.“</p>
-
-<p>Indessen ging der Verkauf zu Ende und die Büttel, so alles durchwühlten,
-fanden die Karolus nicht. Der Fischhändler rief aus:
-„Ihr suchet schlecht; ich weiß, daß Klas vor sechs Monaten
-siebenhundert hatte.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht erben,
-Mörder.“</p>
-
-<p>Plötzlich wandte sich Soetkin um und sprach, auf den Fischhändler
-weisend: „Der Angeber!“</p>
-
-<p>„Ich weiß es“, sagte er.</p>
-
-<p>„Soll er vom Blut Deines Vaters erben?“</p>
-
-<p>„Lieber wollt ich einen ganzen Tag auf der Folterbank leiden“,
-antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Auch ich, aber bekenne nichts um meinetwillen, welche Qual
-Du mich auch erdulden siehst.“</p>
-
-<p>„Ach, Du bist ein Weib“, sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Armer Schelm,“ sprach sie, „ich habe Dich zur Welt gebracht
-und weiß zu leiden. Aber Du, wenn ich Dich sähe.“ Da erbleichte
-sie. „Ich werde zur heiligen Jungfrau beten, die ihren Sohn
-am Kreuze sah.“</p>
-
-<p>Und sie weinte, dieweil sie Ulenspiegel liebkoste. Und also machten
-sie miteinander einen Pakt des Hasses und der Kraft.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>78</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Der Fischhändler brauchte nur die Hälfte des Kaufpreises zu entrichten,
-da die andere Hälfte dazu dienen sollte, seine Angeberei
-zu belohnen, bis daß die siebenhundert Karolus gefunden wären,
-die ihn zur Schurkerei getrieben hatten.</p>
-
-<p>Soetkin verbrachte die Nächte mit Weinen und die Tage mit
-Hausarbeit. Oft hörte Ulenspiegel sie ganz allein sprechen und
-sagen: „Wenn er erbt, töte ich mich.“</p>
-
-<p>Wissend, daß sie ausführen würde, was sie sagte, taten Nele und
-er ihr Bestes, Soetkin zu bereden, nach Walcheren zu ziehen,
-allwo sie Verwandte hatte. Soetkin wollte nicht und sagte, es
-täte ihr nicht not, den Würmern aus dem Wege zu gehen, die in
-Bälde ihre Witwenknochen verzehren würden.</p>
-
-<p>Derweilen war der Fischhändler wiederum zum Amtmann gegangen
-und hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor etlichen
-Monaten an siebenhundert Karolus geerbt habe; daß er
-ein haushälterischer Mann gewesen, der mit wenigem auskam
-und also nicht diese große Summe ausgegeben habe, welche ohne
-Zweifel in einem Winkel verborgen sei.</p>
-
-<p>Der Amtmann fragte, was Ulenspiegel und Soetkin ihm Böses
-angetan hätten, da er noch darauf sinne, sie grausam zu verfolgen,
-nachdem er ihnen Vater und Mann genommen?</p>
-
-<p>Der Fischhändler erwiderte, daß er als angesehener Bürger von
-Damm den Gesetzen des Reichs Achtung verschaffen und also die
-Gnade Seiner Majestät verdienen wolle.</p>
-
-<p>Nachdem er solches gesagt, gab er dem Amtmann eine Anklageschrift
-zu Händen und führte Zeugen auf, die der Wahrheit gemäß
-wider Willen bezeugten, daß der Fischhändler nicht löge.</p>
-
-<p>Nachdem die Wohllöbliche Schöffenkammer die Zeugnisse vernommen,
-erklärte sie die Indizien der Schuld ausreichend zur
-Folter. Somit schickten sie zum andern Mal Büttel, um das
-Haus zu durchwühlen; diese hatten Vollmacht, Mutter und
-Sohn in das Stadtgefängnis zu bringen, allwo sie gehalten
-werden sollten, bis der Henker von Brügge, welcher ohne Verzug
-bestellt ward, anlangte.</p>
-
-<p>Da Soetkin und Ulenspiegel durch die Straße gingen, die Hände
-auf den Rücken gebunden, stund der Fischhändler auf der Schwelle
-seines Hauses und sah sie an.</p>
-
-<p>Und die Bürger und Bürgersfrauen von Damm standen auch
-auf der Schwelle ihrer Häuser. Matthyssen, der nächste Nachbar
-des Fischhändlers, hörte Ulenspiegel zum Ankläger sagen:</p>
-
-<p>„Gott wird Dir fluchen, Du Henker der Witwen!“</p>
-
-<p>Und Soetkin sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du wirst eines jämmerlichen Todes sterben, Du Verfolger der
-Waisen.“</p>
-
-<p>Da die Leute von Damm solchermaßen erfahren hatten, daß die
-Witwe und die Waise also auf eine zweite Anzeige Griepenstüvers
-ins Gefängnis gebracht wurden, schmähten sie den Fischhändler
-und warfen ihm abends Steine in die Fenster und seine Tür ward
-mit Unrat bedeckt.</p>
-
-<p>Und er wagte nicht mehr aus dem Hause zu gehen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>79</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Gegen die zehnte Stunde des Vormittags wurden Ulenspiegel
-und Soetkin in die Folterkammer geführt.</p>
-
-<p>Allda befanden sich der Amtmann, der Gerichtsschreiber und die
-Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt.</p>
-
-<p>Der Amtmann fragte Soetkin, ob sie kein dem Kaiser gehöriges
-Gut vorenthalte. Sie antwortete: daß sie nichts vorenthalten
-könne, da sie nichts habe.</p>
-
-<p>„Und Du?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Vor sieben Monaten“, versetzte er, „erbten wir siebenhundert
-Karolus, etliche davon haben wir verzehrt. Was die andern angeht,
-so weiß ich nicht, wo sie sind; ich vermeine jedoch, daß der
-Wanderer, der zu unserm Unglück bei uns wohnte, den Rest mitgenommen
-hat; denn ich habe seither nichts mehr gesehen.“</p>
-
-<p>Der Amtmann fragte wiederum, ob alle beide darin beharrten,
-sich für unschuldig zu erklären.</p>
-
-<p>Sie antworteten, daß sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthielten.</p>
-
-<p>Darauf sagte der Amtmann ernst und traurig:</p>
-
-<p>„Da die Aussagen Euch schwer belasten und die Anklage begründet
-ist, müßt Ihr, so Ihr nicht bekennt, die hochnotpeinliche
-Frage erleiden.“</p>
-
-<p>„Schonet der Witwe,“ sprach Ulenspiegel, „der Fischhändler hat
-alles gekauft.“</p>
-
-<p>„Armer Schelm,“ sagte Soetkin, „die Männer vermögen den
-Schmerz nicht so zu ertragen, wie die Frauen.“</p>
-
-<p>Da sie sahe, daß Ulenspiegel um ihretwillen bleich wie ein Toter
-ward, sagte sie noch:</p>
-
-<p>„Ich habe Haß und Kraft.“</p>
-
-<p>„Schonet der Witwe“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Nehmt mich statt seiner“, sprach Soetkin.</p>
-
-<p>Der Amtmann fragte den Henker, ob er die Werkzeuge bereit
-halte, die zur Erkenntnis der Wahrheit erforderlich seien.</p>
-
-<p>Der Henker antwortete:</p>
-
-<p>„Sie sind alle hier.“</p>
-
-<p>Nachdem die Richter Rat gehalten hatten, bestimmten sie, daß
-mit der Frau begonnen werden müsse, um die Wahrheit zu erfahren.</p>
-
-<p>„Denn“, sagte einer der Schöffen, „es ist kein Sohn, der grausam
-genug wäre, seine Mutter leiden zu sehen, ohne das Verbrechen
-zu bekennen und sie solchergestalt zu erlösen. Desgleichen
-wird jede Mutter für die Frucht ihres Leibes tun, hätte sie gleich
-das Herz einer Tigerin.“</p>
-
-<p>Zum Henker sprechend, sagte der Amtmann:</p>
-
-<p>„Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Schraubstöcke
-an Hände und Füße.“</p>
-
-<p>Der Henker gehorchte.</p>
-
-<p>„O, tut nicht also, Ihr Herren Richter!“ schrie Ulenspiegel.
-„Bindet mich an ihrer Statt, zerbrecht mir die Finger und die
-Zehen, aber schont der Witwe!“</p>
-
-<p>„Der Fischhändler“, sagte Soetkin. „In mir ist Haß und Kraft.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ward noch bleicher. Er zitterte verstört und
-schwieg.</p>
-
-<p>Die Schraubstöcke waren Stäblein von Buchsbaumholz, welche
-mit Schnüren verbunden waren und zwischen die Finger gesteckt
-die Knochen berührten. Durch eine Vorrichtung von so scharfsinniger
-Erfindung konnte der Henker nach Belieben des Richters
-die Finger zusammenpressen, die Knochen von ihrem Fleisch entblößen,
-sie zermalmen, oder dem Delinquenten nur einen geringen
-Schmerz verursachen.</p>
-
-<p>Er legte die Schraubstöcke an Soetkins Hände und Füße.</p>
-
-<p>„Schnürt“, befahl ihm der Amtmann.</p>
-
-<p>Er tat es grausam.</p>
-
-<p>Drauf sprach der Amtmann zu Soetkin:</p>
-
-<p>„Bezeichne mir den Ort, wo die Karolus verborgen sind.“</p>
-
-<p>„Ich kenne ihn nicht“, antwortete sie ächzend.</p>
-
-<p>„Schnürt stärker“, sagte er.</p>
-
-<p>Ulenspiegel versuchte seine Arme, die auf dem Rücken gebunden
-waren, vom Strick loszureißen, um Soetkin zu Hilfe zu kommen.</p>
-
-<p>„Schnürt nicht, Ihr Herren Richter,“ sagte er, „es sind zarte,
-zerbrechliche Frauenknochen. Ein Vogel vermöchte sie mit seinem
-Schnabel zu zerbrechen. Schnürt nicht, Herr Scharfrichter, ich
-rede nicht zu Euch, dieweil Ihr den Befehlen der Herren gehorsam
-sein müßt. Schnürt nicht, habt Erbarmen!“</p>
-
-<p>„Der Fischhändler“, sprach Soetkin.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel schwieg.</p>
-
-<p>Da er aber sahe, daß der Henker die Schraubstöcke noch stärker
-anzog, schrie er von neuem:</p>
-
-<p>„Erbarmen, Ihr Herren, Ihr zerbrecht der Witwe die Finger,
-deren sie zur Arbeit bedarf. Wehe, ihre Füße! Wird sie nicht
-mehr gehen können? Erbarmen, Ihr Herren!“</p>
-
-<p>„Du wirst eines elendigen Todes sterben, Fischhändler“, schrie
-Soetkin.</p>
-
-<p>Und ihre Knochen krachten und das Blut troff von ihren Füßen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm alles wahr und vor Schmerz und Zorn
-zitternd, sagte er:</p>
-
-<p>„Zerbrecht sie nicht, die Knochen eines Weibes, Ihr Herren
-Richter!“</p>
-
-<p>„Der Fischhändler“, ächzte Soetkin.</p>
-
-<p>Und ihre Stimme war leise und erstickt wie die eines Geistes.</p>
-
-<p>Ulenspiegel zitterte und rief:</p>
-
-<p>„Ihr Herren Richter, die Hände bluten und die Füße auch. Man
-hat der Witwe die Knochen gebrochen.“</p>
-
-<p>Der Wundarzt berührte sie mit dem Finger, und Soetkin stieß
-einen lauten Schrei aus.</p>
-
-<p>„Bekenne für sie“, sprach der Amtmann zu Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Aber Soetkin blickte ihn mit weit offnen Augen an, die denen
-einer Dahingeschiedenen glichen. Und er merkte, daß er nicht
-sprechen dürfe, und weinte, ohne ein Wort zu sagen.</p>
-
-<p>Aber der Amtmann sagte darauf:</p>
-
-<p>„Da dieses Weib mit der Festigkeit eines Mannes begabt ist, so
-muß ihr Mut vor der Tortur ihres Sohnes auf die Probe gestellt
-werden.“</p>
-
-<p>Soetkin hörte nicht, denn sie war ohnmächtig ob des großen
-Schmerzes, den sie erlitten.</p>
-
-<p>Mit viel Essig ward sie wieder zu sich gebracht. Dann ward
-Ulenspiegel entkleidet und nackend vor die Augen der Witwe gestellt.
-Der Henker schor ihm das Haupthaar und alles Haar ab,
-um zu sehen, ob er nicht ein Teufelsmal habe. Dabei ward er des
-schwarzen Pünktleins auf dem Rücken gewahr, so Ulenspiegel
-seit der Geburt an sich trug. Er stach zu unterschiedlichen Malen
-eine lange Nadel hinein; aber da Blut herauskam, erkannte
-er, daß in diesem Pünktlein keinerlei Zauberei sei. Auf Befehl
-des Amtmanns wurden Ulenspiegels Hände an zwei Stricke gebunden,
-so über eine an der Decke befestigte Rolle liefen, also
-daß der Henker ihn nach Belieben der Richter hochziehen und
-herunterlassen konnte, indem er ihn heftig schüttelte. Solches
-tat er an die neun Male, nachdem er ihm an jedes Bein ein Gewicht
-von fünfundzwanzig Pfund gehängt hatte.</p>
-
-<p>Beim neunten Stoß zerriß die Haut der Handgelenke und Fußknöchel,
-und die Knochen der Beine traten aus ihren Gelenken.</p>
-
-<p>„Bekenne“, sagte der Amtmann.</p>
-
-<p>„Nein“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Soetkin blickte ihren Sohn an und fand nicht Kraft zu schreien
-noch zu sprechen; sie streckte nur die Arme aus und bewegte ihre
-blutenden Hände und bezeigte durch diese Gebärde, daß man
-dieser Marter ein Ende machen solle.</p>
-
-<p>Der Henker zog Ulenspiegel abermals hinauf und hinunter. Und
-die Haut der Fußknöchel und Handgelenke zerriß stärker und die
-Knochen der Beine traten noch weiter aus ihren Gelenken; aber
-er schrie nicht.</p>
-
-<p>Soetkin weinte und schüttelte ihre blutenden Hände.</p>
-
-<p>„Bekenne die Unterschlagung,“ sprach der Amtmann, „und Dir
-soll verziehen sein.“</p>
-
-<p>„Der Fischhändler braucht Verzeihung“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Du willst der Richter spotten?“ sagte einer der Schöffen.</p>
-
-<p>„Ich spotten? Ach,“ antwortete Ulenspiegel, „ich stelle mich nur
-so, glaubet mir.“</p>
-
-<p>Soetkin sah nun, daß der Henker auf Befehl des Amtmanns
-ein Becken mit glühenden Kohlen anfachte und daß ein Knecht
-zwei Unschlittkerzen entzündete.</p>
-
-<p>Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, doch sie
-fiel in den Sitz zurück und rief aus:</p>
-
-<p>„Schafft das Feuer fort! Ach, ihr Herren Richter, schont seiner
-armen Jugend. Schafft das Feuer fort.“</p>
-
-<p>„Der Fischhändler!“ rief Ulenspiegel, da er sie schwach werden
-sah.</p>
-
-<p>„Ziehet Ulenspiegel einen Schuh hoch vom Boden“, sagte der
-Amtmann; „stellet ihm das Kohlenbecken unter die Füße und
-haltet eine Kerze unter jede Achsel.“</p>
-
-<p>Der Henker gehorsamte. Was an Haar unter den Achseln übrig
-war, knisterte und rauchte in der Flamme.</p>
-
-<p>Ulenspiegel schrie und Soetkin sagte weinend:</p>
-
-<p>„Schafft das Feuer hinweg!“</p>
-
-<p>Der Amtmann sprach:</p>
-
-<p>„Bekenne die Hehlerei und du sollst erlöst sein. Gestehe für ihn,
-Weib.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Wer will den Fischhändler in das ewig brennende Feuer
-werfen?“</p>
-
-<p>Soetkin schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen
-hätte. Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen und Soetkin schaute
-auf ihn mit verstörten Augen, in Tränen aufgelöst.</p>
-
-<p>Indessen, nachdem der Henker die Kerzen ausgelöscht und das
-Becken mit glühenden Kohlen unter Ulenspiegels Füße gestellt
-hatte, schrie sie:</p>
-
-<p>„Ihr Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm, er weiß nicht, was
-er sagt.“</p>
-
-<p>„Warum weiß er nicht, was er sagt?“ fragte der Amtmann voll
-Arglist.</p>
-
-<p>„Fraget sie nicht, Ihr Herren Richter; Ihr seht wohl, daß sie vor
-Schmerz von Sinnen ist. Der Fischhändler hat gelogen“, sprach
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wirst Du so wie er aussagen, Weib?“ fragte der Amtmann.</p>
-
-<p>Soetkin nickte mit dem Kopf.</p>
-
-<p>„Verbrennt den Fischhändler!“ schrie Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Soetkin schwieg, aber sie hielt die geballte Faust hoch, als wollte
-sie ihn verfluchen.</p>
-
-<p>Da sie jedoch die Kohlen in hellerer Glut unter den Füßen ihres
-Sohnes aufflammen sah, schrie sie:</p>
-
-<p>„Herr Gott! heilige Jungfrau, die Ihr im Himmel seid, macht
-dieser Marter ein Ende. Habt Erbarmen! Nehmt das Kohlenbecken
-fort!“</p>
-
-<p>„Der Fischhändler!“ ächzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und er brach das Blut in Strömen durch Nase und Mund aus,
-neigte den Kopf und blieb über den Kohlen hängen.</p>
-
-<p>Da schrie Soetkin:</p>
-
-<p>„Mein armes Kind ist tot! Sie haben ihn gemordet! Wehe,
-auch ihn! Nehmt die Kohlen fort, Ihr Herren Richter. Lasset
-mich ihn in die Arme nehmen, um bei ihm zu sterben. Ihr wisset,
-daß ich auf meinen gebrochenen Füßen nicht entfliehen kann.“</p>
-
-<p>„Gebet der Wittib ihren Sohn“, sprach der Amtmann.</p>
-
-<p>Dann ratschlagten die Richter untereinander.</p>
-
-<p>Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackend und blutüberströmt
-auf Soetkins Knie, derweil der Wundarzt ihm die
-Knochen wieder einrenkte.</p>
-
-<p>Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend:</p>
-
-<p>„Mein Sohn, Du armer Märtyrer! Wenn die Herren Richter
-es gestatten, werde ich Dich heilen; aber wach auf, Tyll, mein
-Sohn! Ihr Herren Richter, wenn Ihr ihn mir umgebracht habt,
-so werde ich zu Seiner Majestät gehen, denn Ihr habt gegen
-jedes Recht und Gerechtigkeit gehandelt und Ihr sollt sehen, was
-eine arme Frau wider die Bösen vermag. Aber Ihr Herren, lasset
-uns mitsammen frei. Wir haben nur einander in Welt, wir armen
-Leute, auf die Gottes Hand schwer herabfällt.“</p>
-
-<p>Nachdem die Richter Rat gepflogen hatten, sprachen sie das
-Urteil wie folgt:</p>
-
-<p>„In Ansehung dessen, daß Ihr, Soetkin, eheliche Witwe von Klas,
-und Ihr Tyll, Sohn von Klas, mit dem Beinamen Ulenspiegel,
-trotz grausamer Tortur und genugsamer Proben nichts bekannt
-habt auf die Anschuldigung, das Vermögen unterschlagen zu
-haben, so kraft Konfiskation und ohngeachtet aller dem zuwiderlaufenden
-Privilegien, Seiner Königlichen Majestät gehörte;
-Erklärt der Gerichtshof Euch für frei; Mangels ausreichender
-Beweise und bei Dir, Frau, des jammervollen Zustandes Eurer
-Glieder, und bei Dir, Mann, der peinlichen Folter wegen, so
-Ihr erlitten habt. Er erlaubt Euch, bei dem Manne oder der
-Frau aus der Stadt, denen es genehm sein wird, Euch unangesehen
-Eurer Armut zu beherbergen und niederzulassen.“</p>
-
-<p>„So gegeben zu Damm, den dreiundzwanzigsten Tag des Weinmonats
-Anno Domini 1558.“</p>
-
-<p>„Seid bedankt, Ihr Herren Richter“, sagte Soetkin.</p>
-
-<p>„Der Fischhändler“, ächzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und Mutter und Sohn wurden in einem Karren zu Katheline
-gebracht.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>80</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Im selbigen Jahre, dem achtundzwanzigsten des Jahrhunderts,
-trat Katheline zu Soetkin ins Gemach und sprach:</p>
-
-<p>„Verwichene Nacht, da ich mich mit Balsam gesalbt hatte, ward
-ich auf den Turm der Frauenkirche versetzt. Ich sah die Geister
-der Elemente, die Gebete der Menschen den Engeln zutragen,
-welche sie hinwiederum nach dem hohen Himmel zum Throne emportrugen.
-Und der Himmel war ganz übersät mit strahlenden
-Sternen. Plötzlich erhob sich von einem Scheiterhaufen eine Gestalt,
-die mich schwarz dünkte, und schwebte hinauf und setzte sich
-neben mich auf den Turm. Ich erkannte Klas, so wie er im
-Leben war, mit seinem Kohlenträgerkittel angetan. „Was machst
-Du auf dem Turme der Frauenkirche?“ sagte er zu mir. „Aber
-wohin gehst Du, der Du wie ein Vogel in den Lüften fliegst?“
-fragte ich dagegen. „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. „Hörst
-Du nicht die Posaune des Gerichts?“ Ich stand ganz nahe bei
-ihm und fühlte, daß seine Geistergestalt nicht hart war wie der
-Körper der Lebendigen, sondern so zart, daß ich in ihn eindrang
-wie in heißen Dampf, da ich ihm nahe rückte. Zu meinen Füßen
-durch das ganze Land Flandern erglänzten etliche Lichter, und
-ich sagte zu mir selbst: Die da frühe aufstehen und spät schaffen,
-sind die Gesegneten des Herrn.</p>
-
-<p>Und immerda hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels
-ertönen. Und alsbald sah ich einen andern Schatten aufsteigen,
-so aus Spanien kam; selbiger war alt und abgelebt, hatte ein
-Kinn wie ein Holzschuh und Quittenmus an den Lippen.</p>
-
-<p>Er trug einen karmesinroten Sammetmantel, mit Hermelin gefüttert,
-eine Kaiserkrone und in der einen Hand eine Anschovis,
-die er knabberte, in der andern einen vollen Bierhumpen.</p>
-
-<p>Er kam und setzte sich auf den Turm der Frauenkirche, ohne
-Zweifel aus Müdigkeit. Niederknieend sprach ich zu ihm: „Gekrönte
-Majestät, ich verehre Euch, aber ich kenne Euch nicht.
-Von wannen kommt Ihr und was tut Ihr in der Welt?“ / „Ich
-komme aus Sankt-Just in Estremadura,“ sagte er, „und war
-der Kaiser Karl der Fünfte.“ „Aber,“ sprach ich, „wohin gehet
-Ihr jetzo in dieser kalten Nacht, durch die hagelschweren
-Wolken?“ / „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. Da der Kaiser
-seine Anschovis aufessen und das Bier aus seinem Kruge austrinken
-wollte, ertönte die Posaune des Engels, und er erhob sich
-in die Luft und murrte, weil er also in seiner Mahlzeit gestört
-ward. Ich folgte Seiner Heiligen Majestät. Er ging durch den
-Weltraum, indem er vor Müdigkeit schluckste, vor Asthma keuchte
-und sich zu Zeiten erbrach, denn der Tod hatte ihn mit verdorbenem
-Magen ereilt. Wir stiegen unaufhörlich, wie Pfeile, aus
-einem Bogen von Kirschbaumholz geschnellt. Die Sterne flogen
-an uns vorüber und zogen feurige Streifen in den Himmel. Wir
-sahen, wie sie sich loslösten und fielen. Die Posaune des Engels
-ertönte. Welch schmetternder, mächtiger Schall! Bei jeder Fanfare,
-so die Dünste der Luft erschütterte, zerrissen sie, wie wenn
-ein Orkan ganz dicht auf sie dreingeblasen hätte. Und so war
-uns der Weg vorgezeichnet. Da wir nun tausend Meilen und
-mehr emporgestiegen waren, sahen wir Christum in seiner Herrlichkeit
-auf einem Sternenthron sitzen. Zu seiner Rechten stund
-der Engel, der die Taten der Menschen auf eine eherne Tafel
-schreibt, und zu seiner Linken Maria, seine Mutter, die ihn unablässig
-für die Sünder um Gnade bittet.</p>
-
-<p>Klas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder.</p>
-
-<p>Der Engel warf ihm die Krone vom Haupt. „Hier ist nur ein
-Kaiser,“ sprach er, „das ist Christus.“</p>
-
-<p>Seine Heilige Majestät schien erzürnt, jedoch sagte sie, demütig
-sprechend: „Könnte ich nicht diese Anschovis und diesen Humpen
-Bier behalten? Denn die lange Reise hat mich hungrig gemacht.“</p>
-
-<p>„Wie Du es Dein Lebenlang warest“, versetzte der Engel. „Aber
-iß und trink immerhin.“</p>
-
-<p>Der Kaiser leerte den Humpen und knabberte die Anschovis.</p>
-
-<p>Darauf redete Christus und sprach:</p>
-
-<p>„Stellst Du Dich mit reiner Seele zum Gericht?“</p>
-
-<p>„Ich hoffe es, mein gütiger Herr, denn ich habe gebeichtet,“ antwortete
-Kaiser Karl.</p>
-
-<p>„Und Du, Klas?“ fragte der Engel. „Denn Du zitterst nicht wie
-dieser Kaiser.“</p>
-
-<p>„Mein Herr Jesus,“ antwortete Klas, „es ist keine Seele, die
-rein sei, darum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr die
-höchste Güte und die höchste Gerechtigkeit seid; aber ich fürchte
-dennoch für meine Sünden, die zahlreich waren.“</p>
-
-<p>„Rede, Kadaver“, sprach der Engel, sich an den Kaiser wendend.</p>
-
-<p>„Ich,“ antwortete Karl mit unklarer Stimme, „ich ward durch
-den Finger Eurer Priester gesalbet und zum König von Castilien,
-Kaiser von Deutschland und König der Römer geweiht. Unablässig
-lag mir die Erhaltung der Macht am Herzen, so von Euch
-kommt, und darum wirkte ich mit Strang, Schwert, Grube und
-Feuer wider alle Reformierten.“</p>
-
-<p>Aber der Engel sprach:</p>
-
-<p>„Du Lügner und Völler,“ sagte er, „Du willst uns betrügen. In
-Deutschland hast Du die Reformierten geduldet, denn Du hattest
-Furcht vor ihnen; und in den Niederlanden, wo Du nur Das
-fürchtetest, nicht genug von diesen fleißigen, honigreichen Bienen
-zu erben, hast Du sie enthaupten, verbrennen, hängen und lebendig
-begraben lassen. Hunderttausend Seelen sind durch Dich zugrunde
-gegangen, nicht weil Du Christum, meinen Herrn liebtest,
-sondern weil Du ein Despot, Tyrann und Länderverschlinger
-warst. Du liebtest nur Dich selbst und nach Dir Fleisch, Fisch,
-Wein und Bier, denn Du warst gierig wie ein Hund und durstig
-wie ein Schwamm.“</p>
-
-<p>„Und Du, Klas, sprich“, sagte Christus.</p>
-
-<p>Aber der Engel erhob sich.</p>
-
-<p>„Dieser hat nichts zu sagen. Er war gut, arbeitsam wie das
-arme flandrische Volk, das da gerne arbeitet und gerne lacht,
-und seinen Fürsten die schuldige Treue hält und glaubt, daß die
-Fürsten ihm die Treue hielten, die sie ihm schuldeten. Er hatte
-Geld, ward angeklagt und da er einen Reformierten beherbergt
-hatte, ward er lebendig verbrannt.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Maria, „armer Märtyrer! Aber im Himmel sind
-kühle Bronnen, Springbrunnen von Milch und köstlichem Wein,
-die werden Dich erfrischen, und ich selbst will Dich dort hinführen,
-Kohlenträger.“</p>
-
-<p>Die Posaune des Engels erscholl abermals, und aus der Tiefe der
-Abgründe sah ich einen Mann aufsteigen, nackt und schön, mit
-Eisen gekrönt. Und auf dem Reifen der Krone waren diese
-Worte geschrieben: „Traurig bis an den Tag des Gerichts.“</p>
-
-<p>Er nahete dem Thron und sprach zu Christo:</p>
-
-<p>„Ich bin Dein Sklave, bis daß ich Dein Herr sein werde.“</p>
-
-<p>„Satan,“ sagte Maria, „ein Tag wird kommen, wo es weder
-Sklaven noch Herren gibt und wo Christus, welcher die Liebe,
-und Satan, welcher der Stolz ist, bedeuten werden: Kraft und
-Wissen.“</p>
-
-<p>„Weib, Du bist gut und schön“, sprach Satan.</p>
-
-<p>Dann zu Christo redend und auf den Kaiser deutend, sprach er:
-„Was soll mit diesem hier geschehen?“</p>
-
-<p>Christus antwortete:</p>
-
-<p>„Du sollst das gekrönte Gewürm in ein Gemach bringen, darinnen
-Du alle Folterwerkzeuge, so unter seiner Regierung im Gebrauch
-waren, zusammenträgst. Jedesmal, wenn ein unschuldiger
-Unglücklicher die Wasserfolter erleidet, welche die Menschen aufbläht
-wie Blasen, die Kerzenfolter, welche die Fußsohlen und
-Achselhöhlen verbrennt, den Wippgalgen, welcher die Glieder
-zerbricht, das Zerreißen durch vier Pferde; jedesmal, wenn
-eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren letzten Atem aushaucht,
-soll er eins nach dem andren diese Tode und Foltern erdulden.
-Er soll innewerden, wieviel Böses ein Ungerechter, der
-über Millionen gebeut, tun kann. Möge er in den Gefängnissen
-verfaulen, auf den Schafotten sterben, in der Verbannung, fern
-vom Vaterland, stöhnen; möge er beschimpft, verunglimpft, gestäupet
-werden. Er möge reich sein und der Fiskus von ihm
-zehren; der Angeber soll ihn verklagen und die Konfiskation soll
-ihn zugrunde richten. Du sollst ihn in einen Esel verwandeln,
-auf daß er sanftmütig, mißhandelt und schlecht genährt sei; in
-einen Armen, auf daß er um Almosen bitte und mit Schimpfworten
-begrüßt werde; in einen Arbeiter, auf daß er zuviel arbeite
-und nicht genug esse. Wenn er alsdann an Leib und Seele
-genugsam gelitten hat, so sollst Du ihn zum Hunde machen, auf
-daß er gut sei und Prügel empfahe; zu einem Sklaven in Indien,
-der öffentlich versteigert wird; zu einem Soldaten, damit er sich
-für einen andern schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen
-warum. Und wenn er nach Verlauf von dreihundert Jahren
-alle Leiden, alles Elend erschöpft haben wird, sollst Du ihn zum
-freien Menschen machen. Wenn er in diesem Stande gut wie
-Klas ist, sollst Du seinen Leichnam in einem Erdenwinkel, der
-um Mittag schattig ist und am Morgen von der Sonne beschienen
-wird, unter einem schönen Baum mit frischem Rasen bedecken
-und ihm die ewige Ruhe geben. Und seine Freunde werden kommen
-und auf seinem Grabe bittere Tränen vergießen und Veilchen
-säen, die Blumen der Erinnerung.“</p>
-
-<p>„Gnade, mein Sohn,“ sprach Maria, „er wußte nicht, was er
-tat, denn Macht verhärtet das Herz.“</p>
-
-<p>„Hier ist keine Gnade“, sagte Christus.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Seine Heilige Majestät, „wenn ich nur ein Glas
-andalusischen Weines hätte!“</p>
-
-<p>„Komm,“ sprach Satan, „die Zeit des Weines, der Fleischspeisen
-und Geflügel ist vorbei.“</p>
-
-<p>Und in die tiefste Hölle schleppte er die Seele des armen Kaisers,
-der noch an seiner Anschovis kaute.</p>
-
-<p>Satan ließ es aus Mitleid geschehen. Dann sah ich Mutter
-Maria den Klas in den höchsten Himmel führen, dorthin, wo
-nichts war, denn Sterne, die in Trauben am Gewölbe befestigt
-sind. Und allda wuschen ihn die Engel und er ward schön und
-jung. Alsdann gaben sie ihm Reisbrei mit silbernen Löffeln zu
-essen. Und der Himmel schloß sich.“</p>
-
-<p>„Er ist in der Herrlichkeit“, sagte die Wittib.</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>81</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Während der folgenden dreiundzwanzig Tage ward Katheline
-weiß und mager und dörrte aus, als würde sie von einem innern
-Fieber verzehrt, glühender als das des Wahnsinns.</p>
-
-<p>Sie sagte nicht mehr: „Das Feuer, grabt ein Loch, die Seele
-will hinaus“, sondern sie war allezeit verzückt und sagte zu
-Nele:</p>
-
-<p>„Ehefrau bin ich, und Ehefrau sollst auch Du sein. Schön,
-starkes Haar, heiße Liebe, kalte Kniee und kalte Arme!“</p>
-
-<p>Und Soetkin blickte sie traurig an und glaubte an einen neuen
-Wahnsinn.</p>
-
-<p>Katheline redete weiter:</p>
-
-<p>„Dreimal drei sind neun, heilige Zahl. Dem in der Nacht die
-Augen glänzen wie Katzenaugen, der allein sieht das Geheimnis.“</p>
-
-<p>Eines Abends machte Soetkin eine Gebärde des Zweifels. Aber
-Katheline sagte:</p>
-
-<p>„Vier und drei bedeutet Unglück unter Saturn; unter Venus die
-Zahl der Heirat. Kalte Arme, kalte Knie, feuriges Herz!“</p>
-
-<p>Soetkin versetzte:</p>
-
-<p>„Man muß nicht von bösen, heidnischen Götzen sprechen.“</p>
-
-<p>Da Katheline solches vernahm, machte sie das Zeichen des
-Kreuzes und sagte:</p>
-
-<p>„Gesegnet sei der graue Ritter. Nele muß einen Mann haben,
-schöner Mann, der den Degen trägt, schwarzer Mann mit glänzendem
-Gesicht.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „ein Hackfleisch von Männern, und
-dazu werde ich mit meinem Messer die Brühe machen.“</p>
-
-<p>Nele blickte ihren Freund mit Augen an, die vor Freude feucht
-waren, da sie ihn so eifersüchtig sah.</p>
-
-<p>„Ich will keinen“, sprach sie.</p>
-
-<p>Katheline entgegnete:</p>
-
-<p>„Wenn der kommen wird, der grau gekleidet und immer auf andre
-Art gestiefelt und gespornt ist.“</p>
-
-<p>Soetkin sprach:</p>
-
-<p>„Bittet Gott für die arme Närrin.“</p>
-
-<p>„Ulenspiegel,“ sagte Katheline, „geh und hol uns vier Schoppen
-Doppelbier, dieweil ich Schmalzkuchen backe.“</p>
-
-<p>Soetkin fragte, warum sie den Samstag wie die Juden feire.</p>
-
-<p>Katheline antwortete:</p>
-
-<p>„Weil der Teig fertig ist.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel stand vor ihr und hielt den großen Krug von englischem
-Zinn in der Hand, der just ein Maß faßte.</p>
-
-<p>„Mutter, was soll ich tun?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Geh,“ sagte Katheline.</p>
-
-<p>Soetkin wollte nicht antworten, da sie nicht Herrin im Hause
-war; sie sprach zu Ulenspiegel: „Geh, mein Sohn.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel lief zum „Scaeck“ und brachte die vier Schoppen
-Doppelbier zurück.</p>
-
-<p>Alsbald verbreitete sich der Duft der Schmalzkuchen in der Küche,
-und alle hatten Hunger, selbst die arme Leidtragende.</p>
-
-<p>Ulenspiegel aß wacker. Katheline hatte ihm einen großen Humpen
-gegeben und sagte dabei, daß er, als der einzige Mann und
-das Haupt des Hauses, mehr denn die andern trinken und hernach
-singen sollte.</p>
-
-<p>Ihre Miene war arglistig, als sie so sprach. Aber Ulenspiegel
-trank, doch sang er nicht. Nele weinte, da sie Soetkin so bleich
-und zusammengesunken sah. Allein Katheline war lustig.</p>
-
-<p>Nach der Mahlzeit stiegen Soetkin und Ulenspiegel zum Boden
-hinauf, um sich schlafen zu legen; Katheline und Nele blieben in
-der Küche, allwo ihre Betten aufgeschlagen waren.</p>
-
-<p>Um die zweite Morgenstunde war Ulenspiegel ob des schweren
-Getränkes längst entschlafen; mit offenen Augen bat Soetkin wie
-jedwede Nacht Unsere liebe Frau, ihr Schlaf zu geben, aber
-Unsere Frau erhörte sie nicht.</p>
-
-<p>Plötzlich hörte sie den Schrei eines Fischadlers und aus der Küche
-einen ähnlichen Schrei, der ihm antwortete; dann ertönten von
-fern aus den Feldern andere Rufe, und immer wollte es sie bedünken,
-daß von der Küche aus darauf geantwortet würde.</p>
-
-<p>Gedenkend, daß es Nachtvögel seien, hatte sie des nicht Acht.
-Sie hörte Pferdegewieher und Klappern von Hufeisen auf der
-Straße, öffnete das Bodenfenster und sah leibhaftig zwei gesattelte
-Pferde, so den Boden stampften und das Gras des Wegrains
-abweideten. Alsdann vernahm sie die schreiende Stimme
-einer Frau und eine drohende Männerstimme; es fielen Schläge,
-neues Geschrei; eine Tür ward mit Getöse geschlossen und angstvolle
-Schritte kamen die Stufen der Stiege herauf.</p>
-
-<p>Ulenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Bodentür öffnete
-sich und Nele trat ein, fast nackend, atemlos und schluchzend.
-Hastig stellte sie einen Tisch, Stühle, ein altes Kohlenbecken,
-alles was sie an Hausrat finden konnte, gegen die Tür. Die
-letzten Sterne waren am Erlöschen, die Hähne krähten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel hatte sich beim Geräusch, das Nele machte, im Bett
-umgedreht, aber er schlief weiter.</p>
-
-<p>Da warf sich Nele an Soetkins Hals. „Soetkin,“ sagte sie, „ich
-habe Furcht, zünde das Licht an.“</p>
-
-<p>Soetkin tat es und immer noch stöhnte Nele.</p>
-
-<p>Als das Licht angezündet war und Soetkin Nele anschaute, sah
-sie, daß des Mägdleins Hemd an der Schulter zerrissen war, und
-auf Stirn, Wangen und Hals erblickte sie blutige Schrammen
-gleich Kratzwunden.</p>
-
-<p>„Nele,“ sprach Soetkin und umschlang sie, „woher kommst Du
-also verwundet?“</p>
-
-<p>Das Mädchen zitterte und stöhnte beständig und sagte: „Bring
-uns nicht auf den Scheiterhaufen, Soetkin.“</p>
-
-<p>Indessen erwachte Ulenspiegel und zwinkerte mit den Augen im
-Lichtschein. Soetkin sagte: „Wer ist unten?“ Nele antwortete:</p>
-
-<p>„Schweig, es ist der Mann, den sie mir geben will.“</p>
-
-<p>Soetkin und Nele hörten plötzlich Katheline schreien, und die
-Knie zitterten den beiden. „Er schlägt sie, er schlägt sie um
-meinetwillen,“ sagte Nele.</p>
-
-<p>„Wer ist im Hause?“ schrie Ulenspiegel und sprang aus dem Bett.
-Dann rieb er sich die Augen und lief im Zimmer hin und her, bis
-er einen schweren Schürhaken in die Hand kriegte, der in einer
-Ecke lag.</p>
-
-<p>„Niemand,“ sagte Nele, „niemand, geh nicht hin, Ulenspiegel.“
-Aber er hörte nicht, lief zur Tür, warf Stühle, Tische und Kohlenbecken
-beiseite. Katheline schrie unten immerfort. Nele und
-Soetkin hielten Ulenspiegel auf dem Treppenabsatz fest, die eine
-um den Leib, die andere an den Beinen, und sagten dabei: „Geh
-nicht hin, Ulenspiegel, es sind Teufel.“</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete er, „ein Teufelsmann für Nele, ich werde ihn
-mit meinem Schürhaken ehelich zusammentun. Ein Verlöbnis
-von Eisen und Fleisch! Laßt mich hinunter!“</p>
-
-<p>Aber sie ließen ihn nicht los, denn sie waren stark, maßen sie sich
-ans Geländer klammerten. Er riß sie mit auf die Stufen der
-Stiege hinab, und sie hatten Furcht, so den Teufeln nahe zu
-kommen. Aber sie vermochten nichts wider ihn. Er flog in
-Sprüngen und Sätzen hinunter wie ein Schneeball vom Gipfel
-eines Berges, kam in die Küche und sah Katheline fahl und verstört
-bei Schein der Morgenröte und hörte sie sagen:</p>
-
-<p>„Hanske, weshalb lässest Du mich allein? Es ist nicht meine
-Schuld, wenn Nele bös ist.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel öffnete die Stalltür, ohne auf sie zu hören. Da er
-dort niemanden fand, stürzte er nach dem Garten und von da
-auf die Straße. Von fern sah er zwei trabende Pferde, die sich
-im Nebel verloren. Er rannte, um sie einzuholen, aber er konnte
-es nicht, denn sie jagten wie der Sturm, der die dürren Blätter
-vor sich hertreibt.</p>
-
-<p>Von Zorn und Verzweiflung gepeinigt, kehrte er um und sagte
-zwischen den Zähnen: „Sie haben sie mißbraucht! Sie haben sie
-mißbraucht!“ Mit Augen, worinnen eine böse Flamme glühte,
-betrachtete er Nele, die am ganzen Leibe zitternd vor der Witwe
-und Katheline stand und sagte:</p>
-
-<p>„Nein, Tyll, mein Geliebter, nein.“</p>
-
-<p>Solches sagend, sah sie ihm so traurig und aufrichtig in die
-Augen, daß er wohl sah, daß sie wahr redete.</p>
-
-<p>Dann befragte er sie und sprach:</p>
-
-<p>„Woher kommen diese Rufe, und wohin gingen diese Männer?
-Warum ist Dein Hemd auf der Schulter und im Rücken zerrissen?
-Warum trägst Du an Stirn und Wangen Kratzwunden?“</p>
-
-<p>„Hör mich an,“ sagte sie, „aber bring uns nicht auf den Scheiterhaufen.
-Katheline, die Gott vor der Hölle bewahren möge, hat
-seit dreiundzwanzig Tagen einen Teufel in schwarzen Kleidern,
-gestiefelt und gespornt, zum Freunde. Sein Antlitz gleißt wie
-das Feuer, das man des Sommers, wann es heiß ist, auf den
-Meereswellen sieht.“</p>
-
-<p>„Warum bist Du fortgegangen, Hanske, mein Liebster?“ sprach
-Katheline. „Nele ist bös.“</p>
-
-<p>Aber Nele redete weiter und sprach:</p>
-
-<p>„Er schreit wie ein Fischadler, um anzukündigen, daß er da ist.
-Meine Mutter empfängt ihn jeden Samstag in der Küche. Sie
-erzählt, daß seine Küsse kalt und sein Körper wie Schnee sei.
-Und so sie nicht alles tut, was er will, schlägt er sie. Einmal
-brachte er ihr etliche Gülden, aber er nahm ihr dafür alle andern
-fort.“</p>
-
-<p>Während dieser Rede faltete Soetkin die Hände und betete für
-Katheline. Katheline sagte fröhlich:</p>
-
-<p>„Mein Körper ist nicht mehr mein, mein Geist ist nicht mehr
-mein, sondern sein. Hanske, mein Herzallerliebster, führe mich
-wiederum zum Sabbat. Nur Nele will nimmer mitgehen, Nele
-ist ungehorsam.“</p>
-
-<p>„Bei Tagesanbruch ging er davon,“ sprach das Mägdlein weiter:
-„Am nächsten Tage erzählte meine Mutter mir hundert schier seltsame
-Dinge ... Aber Du mußt mich nicht mit so bösen Augen
-anschauen, Ulenspiegel. Gestern hat sie mir gesagt, daß ein
-schöner Herr, grau gekleidet und Hilbert geheißen, mich zur Ehe
-begehre und herkommen wollte, sich mir zu zeigen. Ich gab zur
-Antwort, daß ich keinen Mann wolle, weder einen schönen noch
-häßlichen. Aber kraft ihrer mütterlichen Gewalt zwang sie mich
-aufzubleiben, um seiner zu harren; denn wenn es sich um ihre
-Buhlschaften handelt, verliert sie mitnichten den Verstand. Wir
-waren halb entkleidet und bereit, uns schlafen zu legen; ich schlief
-auf dem Stuhl dort. Da sie eintraten, wachte ich nicht auf.
-Plötzlich fühlte ich, daß mich einer umfing und mich auf den
-Hals küßte. Und beim Scheine des strahlenden Mondes sah ich
-ein Antlitz, gleißend wie die Schaumkämme der Meereswogen
-im Heumond, wenn es donnern will; und ich hörte ihn mit leiser
-Stimme zu mir sagen: „Ich bin Hilbert, Dein Ehemann, sei
-mein, ich werde Dich reich machen.“ Das Angesicht dessen, der
-sprach, hatte einen Fischgeruch. Ich stieß ihn zurück; er wollte
-mich mit Gewalt packen, aber ich hatte die Kraft von zehn
-Männern gleich ihm. Jedoch er zerriß mir das Hemde, verwundete
-mich im Gesicht und sagte immerfort: „Sei mein, ich
-werde Dich reich machen.“ / „Ja,“ sagte ich, „gleichwie meine
-Mutter, der Du ihren letzten Heller nehmen wirst.“ Da verdoppelte
-er seine Gewalt, aber er vermochte nichts gegen mich.
-Und da er häßlicher war denn ein Toter, fuhr ich ihm so heftig
-mit meinen Nägeln in die Augen, daß er vor Schmerz schrie, und
-ich entschlüpfte und kam hierher zu Soetkin.“</p>
-
-<p>Katheline sprach beständig:</p>
-
-<p>„Nele ist ungehorsam. Warum bist Du so schnell fortgegangen,
-Hanske, mein Buhle?“</p>
-
-<p>„Wo warst Du, schlechte Mutter,“ fragte Soetkin, „dieweil man
-Deinem Kinde die Ehre nehmen wollte?“</p>
-
-<p>„Nele ist ungehorsam“, sagte Katheline. „Ich war bei meinem
-schwarzen Herrn, da kam der graue Teufel zu uns mit blutendem
-Antlitz und sprach: Komm fort, Gesell, das ist ein schlimmes
-Haus. Die Männer darinnen gelüstet es nach Totschlag und
-die Weiber haben Messer an den Fingerspitzen. Da liefen sie
-zu ihren Rossen und verschwanden im Nebel. Nele ist ungehorsam!“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>82</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am nächsten Tage, da sie warme Milch tranken, sprach Soetkin
-zu Katheline:</p>
-
-<p>„Du siehest, daß das Leid mich schon aus dieser Welt jagt. Willst
-Du mich noch durch Deine verfluchten Zaubereien daraus vertreiben?“</p>
-
-<p>Aber Katheline sagte immerfort:</p>
-
-<p>„Nele ist ungehorsam. Kehr zurück, Hanske, mein Buhle.“</p>
-
-<p>Den folgenden Mittwoch kamen die Teufel zu zweien wieder.</p>
-
-<p>Nele nächtigte seit dem Samstag bei der Witwe van den Houte,
-unter dem Vorgeben, sie könne bei Katheline nicht bleiben wegen
-Ulenspiegels, des jungen Gesellen, der dort weilte.</p>
-
-<p>Katheline empfing ihren schwarzen Ritter und dessen Freund in
-der Keet, einem Anbau am Haus, welcher die Waschküche und
-den Backofen enthält. Da hielten sie Schmaus und Gelage von
-altem Wein und geräucherter Ochsenzunge, so stets ihrer warteten.
-Der schwarze Teufel sagte zu Katheline:</p>
-
-<p>„Wir haben eine ansehnliche Summe Geldes vonnöten, um ein
-großes Werk zu tun. Gib uns soviel Du kannst.“</p>
-
-<p>Da Katheline ihnen nicht mehr als einen Gülden geben wollte,
-drohten sie ihr, sie zu töten. Aber sie ließen sie für zwei Goldkarolus
-und sieben Groschen frei.</p>
-
-<p>„Kommet nicht mehr des Samstags“, sprach sie zu ihnen.
-„Ulenspiegel ist dieser Tag bekannt und er wird Euch gewaffnet
-erwarten, um Euch totzuschlagen; und ich würde Euch nicht
-überleben.“</p>
-
-<p>„Wir werden den folgenden Dienstag kommen“, sagten sie.</p>
-
-<p>An jenem Tag schliefen Ulenspiegel und Nele, ohne die Teufel zu
-fürchten, denn sie waren des Glaubens, daß sie des Samstags
-kämen.</p>
-
-<p>Katheline stand auf und ging in die „Keet“ nachzusehen, ob
-ihre Freunde nicht gekommen wären.</p>
-
-<p>Sie war schier ungeduldig, denn seit sie Hanske wiedergesehen,
-hatte ihr Wahnsinn um ein Merkliches nachgelassen, maßen es
-Liebestollheit war, wie man sagte.</p>
-
-<p>Da sie sie nicht erblickte, war sie voller Harm; da hörte sie von
-der Seite von Sluys her auf freiem Felde den Fischadler schreien
-und ging dem Ruf nach. Auf der Wiese am Fuß eines Deiches
-auf Buhnen und Rasen wandelnd, hörte sie von der anderen
-Seite des Deiches die beiden Teufel mitsammen reden. Der eine
-sagte:</p>
-
-<p>„Ich will die Hälfte davon haben.“</p>
-
-<p>Der andere antwortete:</p>
-
-<p>„Du sollst nichts haben; was Kathelines ist, ist mein.“</p>
-
-<p>Darauf lästerten sie wütend und stritten miteinander, wer allein
-das Vermögen und die Liebe von Katheline und Nele zugleich
-haben sollte. Von Furcht erstarrt, getraute Katheline sich nicht
-zu sprechen, noch sich zu rühren. Sie hörte alsbald, wie sie auf
-einander einhieben; dann sagte der eine: „Dies Schwert ist kalt.“
-Drauf ein Röcheln und den Fall eines schweren Körpers.</p>
-
-<p>Voller Furcht schritt sie bis zu ihrer Hütte. In der zweiten
-Nachtstunde vernahm sie abermal, jedoch auf ihrem Anwesen,
-den Schrei des Fischadlers. Sie ging öffnen und sah ihren teuflischen
-Freund allein vor der Tür. Sie fragte ihn:</p>
-
-<p>„Was hast Du mit dem andern gemacht?“</p>
-
-<p>„Er wird nicht mehr kommen“, antwortete er.</p>
-
-<p>Dann umarmte und liebkoste er sie. Er deuchte ihr kälter als
-sonst. Kathelines Geist aber war trefflich wach. Da er von
-dannen ging, begehrte er von ihr zwanzig Gülden, alles was sie
-hatte; sie gab ihm deren siebenzehn.</p>
-
-<p>Voller Neugier ging sie am andern Tage am Deich entlang; aber
-sie sah nichts.</p>
-
-<p>Nur an einer Stelle, so groß wie der Sarg eines Mannes, war
-Blut auf dem Rasen, darin der Fuß versank. Aber am Abend
-wusch der Regen das Blut fort.</p>
-
-<p>Am nächsten Mittwoch hörte sie abermals in ihrem Garten den
-Schrei des Fischadlers.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>83</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Allemal, wenn Ulenspiegel Geld bedurfte, um bei Katheline ihren
-gemeinsamen Unterhalt zu bezahlen, hob er nachts den Stein von
-dem Loch, das er beim Brunnen gegraben, und entnahm daraus
-einen Karolus.</p>
-
-<p>Eines Abends waren die drei Frauen beim Spinnen; Ulenspiegel
-schnitzte mit dem Messer ein Kästlein, welches der Amtmann bei
-ihm bestellt hatte. Er schnitzte geschickt eine schöne Jagd hinein,
-mit einer Meute von Hennegauer Hunden, von Molossi
-von Kandia, welches sehr wilde Tiere sind, von Brabanter
-Hunden, die paarweis gehen und Ohrenschnapper genannt werden,
-und andere Hunde ringsherum, Möpse, Rüden und Windhunde.</p>
-
-<p>Da Katheline zugegen war, fragte Nele Soetkin, ob sie ihren
-Schatz wohl verborgen habe. Die Witwe antwortete ihr ohne
-Mißtrauen, daß er nirgend besser sein könne als neben der
-Brunnenmauer.</p>
-
-<p>Um Mitternacht des Donnerstags ward Soetkin von Bibulus
-Schnuffius aufgeweckt, der scharf, doch nicht lange bellte. Vermeinend,
-daß es nur ein blinder Lärm sei, schlief sie wieder ein.</p>
-
-<p>Am Freitag morgen, da Soetkin und Ulenspiegel bei Tagesgrauen
-aufgestanden waren, sahen sie nicht wie üblich Katheline
-in der Küche, noch das Feuer angezündet, noch die Milch auf
-dem Feuer kochen. Das nahm sie wunder, und sie sahen nach,
-ob sie etwan im Garten wäre. Dort erblickten sie sie, ohngeachtet
-ein feiner Regen fiel, im Hemde, durchnäßt und erstarrt;
-aber sie wagte nicht hereinzukommen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging zu ihr und sagte:</p>
-
-<p>„Was tust Du da fast nackend, derweil es regnet?“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach sie, „ja, ja, großes Wunder!“</p>
-
-<p>Und sie wies auf den Hund, der erdrosselt und ganz steif war.</p>
-
-<p>Ulenspiegel gedachte alsogleich des Schatzes und lief hin. Das
-Loch war leer und die Erde weithin zerstreut.</p>
-
-<p>Er sprang auf Katheline los und schlug sie.</p>
-
-<p>„Wo sind die Karolus?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ja, ja, großes Wunder!“ antwortete Katheline.</p>
-
-<p>Nele beschützte ihre Mutter und rief:</p>
-
-<p>„Gnade und Erbarmen, Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>Da hörte er auf, sie zu schlagen. Soetkin kam herbei und fragte,
-was geschehen sei.</p>
-
-<p>Ulenspiegel zeigte ihr den erwürgten Hund und das leere Loch.
-Soetkin erblich und sprach:</p>
-
-<p>„Deine Hand trifft mich schwer, Herr Gott! Meine armen Füße!“
-Solches aber sagte sie wegen des Schmerzes, den sie daran hatte,
-und der Tortur, so sie unnütz für die Goldkarolus erduldet.</p>
-
-<p>Da Nele Soetkin so sanft sah, verzweifelte sie und weinte.</p>
-
-<p>Katheline schwenkte ein Stück Pergament und sagte:</p>
-
-<p>„Ja, großes Wunder. Diese Nacht kam er, freundlich und schön.
-Er hatte in seinem Antlitz nicht mehr den bleichen Schimmer, der
-mich so bange machte, und sprach mit großer Zärtlichkeit zu mir.
-Ich war verzückt, mein Herz schmolz. Er sprach zu mir: Ich
-bin jetzo reich und werde Dir in Bälde tausend Goldgülden bringen.“</p>
-
-<p>„Wohl,“ sagte ich, „aber des bin ich froh mehr deinet- als
-meinethalben, Hanske, mein Liebster.“</p>
-
-<p>„Aber hast Du nicht daheim“, fragte er, „Etliche, die Du lieb hast,
-und die ich reich machen könnte?“ / „Nein, die so hier sind, bedürfen
-Deiner nicht.“ / „Du bist stolz,“ sagte er, „Soetkin und
-Ulenspiegel sind also reich?“ / „Sie leben ohne Beistand ihrer
-Nächsten.“ / „Ohngeachtet der Gütereinziehung?“ Auf solches antwortete
-ich, daß Ihr lieber hättet die Tortur erduldet, denn Euch
-Euer Vermögen nehmen lassen. / „Ich wußte es wohl“, sagte
-er. Und er hub an, mit verstohlenem, leisen Lachen des Amtmanns
-und der Schöffen zu spotten, daß sie nicht einmal vermocht
-hätten, Euch zum Geständnis zu bringen. Darauf lachte ich desgleichen.
-„Sie sind doch nicht etwan so einfältig gewesen, ihren
-Schatz im Hause zu verbergen?“ Ich lachte. „Noch im Keller
-drinnen?“ / „Mit nichten,“ sagte ich. / „Noch im Garten?“ Ich
-antwortete nicht. „O,“ sagte er, „das wäre große Torheit.“</p>
-
-<p>„Kleine,“ sagte ich, „sintemalen weder das Wasser noch seine
-Mauer reden werden.“ Und er lachte immer. Diese Nacht ging
-er früher fort, als seine Gewohnheit ist, nachdem er mir ein Pulver
-gegeben hatte, mit dem ich, wie er sagte, zum schönsten Sabbat
-fliegen würde. Ich gab ihm im Hemde das Geleit bis an die
-Gartenpforte und war ganz schlaftrunken. Wie er gesagt hatte,
-ging ich zum Sabbat und kam erst um Tagesanbruch zurück. Da
-fand ich mich allhier und erblickte den erwürgten Hund und das
-leere Loch. Das ist ein gar schwerer Schlag für mich, die ihn so
-zärtlich liebte und ihm meine Seele gab. Aber Ihr sollt alles
-haben, was ich habe, und ich werde mit Füßen und Händen Euch
-Lebensunterhalt schaffen.“</p>
-
-<p>„Ich bin das Korn unter dem Mühlstein, Gott und ein schurkischer
-Teufel suchen mich zur nämlichen Zeit heim,“ sagte Soetkin.</p>
-
-<p>„Ein Schurke / sprechet nicht also von ihm,“ versetzte Katheline,
-„er ist ein Teufel, ein Teufel. Und zum Beweis werde ich Euch
-das Pergament zeigen, das er im Hof gelassen hat; hier stehet
-geschrieben: „Vergiß nimmer, mir zu dienen. In dreimal zween
-Wochen und fünf Tagen werde ich Dir den Schatz zwiefach zurückgeben;
-habe Du keinen Zweifel, sonst wirst Du sterben.“ Und
-er wird Wort halten, des bin ich sicher.“</p>
-
-<p>„Arme Irre“, sprach Soetkin.</p>
-
-<p>Und das war ihr letzter Vorwurf.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>84</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Drei Wochen waren zweimal vergangen und die fünf Tage desgleichen,
-aber der teuflische Freund kehrte nicht zurück. Gleichwohl
-ließ Katheline die Hoffnung nicht sinken.</p>
-
-<p>Soetkin, die nicht mehr arbeitete, saß immerdar hustend und gebückt
-am Feuer. Nele gab ihr die besten und duftigsten Kräuter;
-aber kein Heilmittel half ihr. Ulenspiegel ging nicht aus dem
-Haus, aus Furcht, daß Soetkin stürbe, dieweil er draußen wäre.
-Es geschah aber, daß die Witwe nicht mehr essen noch trinken
-konnte, ohne es zu erbrechen. Der Bader kam und ließ sie zur
-Ader; nachdem ward sie so schwach, daß sie ihre Bank nicht mehr
-verlassen konnte.</p>
-
-<p>Von Schmerz verzehrt, sagte sie endlich eines Abends:</p>
-
-<p>„Klas, mein Mann! Tyll, mein Sohn! Dank sei Dir, Gott, daß
-Du mich hinweg nimmst.“</p>
-
-<p>Und sie starb mit einem Seufzer.</p>
-
-<p>Da Katheline sich nicht traute, bei ihr zu wachen, taten Nele und
-Ulenspiegel es mitsammen, und sie beteten die ganze Nacht für
-die Verstorbene.</p>
-
-<p>Bei Tagesanbruch flog eine Schwalbe durchs offene Fenster.</p>
-
-<p>Nele sagte:</p>
-
-<p>„Der Vogel der Seelen, das ist ein gutes Zeichen: Soetkin ist
-im Himmel!“</p>
-
-<p>Die Schwalbe kreiste dreimal um das Gemach und flog dann
-hinaus, einen Schrei ausstoßend.</p>
-
-<p>Dann kam eine zweite Schwalbe, größer und schwärzer als die
-erste. Sie umkreiste Ulenspiegel, und er sagte:</p>
-
-<p>„Vater und Mutter, die Asche brennt auf meiner Brust; ich werde
-tun, was ihr begehrt!“</p>
-
-<p>Und die zweite Schwalbe flog zwitschernd davon gleich wie die
-erste. Es wurde heller. Ulenspiegel sah Tausende von Schwalben
-über die Wiesen streichen und die Sonne ging auf.</p>
-
-<p>Und Soetkin ward auf dem Totenacker der Armen begraben.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>85</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Seit Soetkin tot war, ging Ulenspiegel sinnend, betrübt oder
-zornig in der Küche umher, hörte auf nichts und nahm ohne
-Wahl an Speise und Trank, was man ihm gab. Und oftmals
-stand er des Nachts auf.</p>
-
-<p>Umsonst mahnte Nele ihn mit ihrer sanften Stimme zur Hoffnung.
-Vergeblich sagte Katheline zu ihm, sie wisse, daß Soetkin
-mit Klas im Paradiese sei. Ulenspiegel antwortete auf alles:</p>
-
-<p>„Die Asche brennt.“</p>
-
-<p>Und er war wie von Sinnen, und Nele weinte, da sie ihn also
-sah.</p>
-
-<p>Indessen blieb der Fischhändler in seinem Haus allein wie ein
-Vatermörder und wagte sich nur Abends herfür; denn Männer
-und Frauen höhnten ihn und hießen ihn Mörder, wenn sie an
-ihm vorbeigingen. Die kleinen Kinder flüchteten vor ihm, denn
-man hatte ihnen gesagt, daß er der Henker wäre. Er irrte allein
-umher und wagte nicht, in einer der drei Schenken von Damm
-einzukehren; denn man wies dort mit dem Finger auf ihn, und
-so er nur eine Minute darin stehen blieb, gingen die Trinker hinaus.</p>
-
-<p>So geschah es, daß die Wirte ihn nicht mehr bei sich sehen wollten,
-und wenn er sich einfand, schlugen sie ihm die Tür vor der Nase
-zu. Alsdann machte der Fischhändler ihnen demütige Vorstellungen,
-doch sie erwiderten, daß es ihr Recht sei, Getränk zu
-verkaufen, nicht ihre Pflicht.</p>
-
-<p>Der Fehde müde, ging der Fischhändler zum Trinken <span class="antiqua">In ’t Roode
-Valck</span> (in den roten Falken), eine kleine Schänke fern von der
-Stadt an den Ufern des Kanals von Sluys. Da bediente man
-ihn, denn es waren dürftige Leute, die jegliches Geld gerne
-nahmen. Aber der Baas vom Roten Falken sprach nicht mit
-ihm, noch seine Frau. Es waren aber zwei Kinder und ein
-Hund da; wenn der Fischhändler die Kinder liebkosen wollte, so
-liefen sie davon; und wenn er den Hund rief, wollte dieser ihn
-beißen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel setzte sich eines Abends auf die Türschwelle; als
-Mathyssen, der Faßbinder, ihn so in Gedanken versunken sah,
-sprach er zu ihm:</p>
-
-<p>„Du mußt Deinen Händen Arbeit geben und diesen Schicksalsschlag
-vergessen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sagte Mathyssen, „er führt ein trauriger Leben als Du,
-der elende Fischhändler. Keiner spricht mit ihm und jeder flieht
-ihn, also daß er genötigt ist, bei den armen Lumpen im Roten
-Falken seine Kanne Braunbier einsam zu trinken. Das ist eine
-große Strafe.“</p>
-
-<p>„Die Asche brennt“, sagte Ulenspiegel zum andern Mal.</p>
-
-<p>Am nämlichen Abend, da die Glocke der Frauenkirche die neunte
-Stunde läutete, schritt Ulenspiegel nach dem Roten Falken.
-Sehend, daß der Fischhändler nicht dort war, streifte er unter
-den Bäumen, so den Kanal einfassen, umher. Der Mond schien
-hell.</p>
-
-<p>Er sah den Mörder kommen.</p>
-
-<p>Da er an ihm vorüber ging, konnte er ihn ganz nahe sehen und
-hörte ihn sagen, denn er redete laut, wie Leute, die allein leben:
-„Wo haben sie die Karolus versteckt?“</p>
-
-<p>„Wo der Teufel sie gefunden hat“, antwortete Ulenspiegel und
-schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sagte der Fischhändler, „ich erkenne Dich, Du bist der
-Sohn. Habe Mitleid, ich bin alt und kraftlos. Was ich tat,
-geschah nicht aus Haß, sondern um Seiner Majestät zu dienen.
-Verzeihe mir gnädigst. Ich will Dir Deinen Hausrat wiedergeben,
-den ich erstanden, Du sollst mir keinen Groschen dafür bezahlen.
-Ist das nicht genug? Ich habe ihn für sieben Goldgülden
-gekauft. Du sollst alles haben und noch einen halben
-Gülden dazu, denn ich bin nicht reich, das mußt Du nicht wähnen.“</p>
-
-<p>Und er wollte sich vor ihm auf die Knie werfen.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel ihn so häßlich, zitternd und feige sahe, warf er
-ihn in den Kanal.</p>
-
-<p>Und er machte sich davon.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>86</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Auf den Scheiterhaufen schwelte das Fett der Opfer. Ulenspiegel
-gedachte an Klas und Soetkin und weinte einsam. Eines Abends
-suchte er Katheline auf, um sie um Beistand und um Rache zu
-bitten. Sie saß mit Nele allein bei der Lampe und nähte. Da
-sie ihn eintreten hörte, hob Katheline schwerfällig den Kopf,
-gleichwie eine Frau, die aus tiefem Schlaf erwacht.</p>
-
-<p>Er sagte zu ihr:</p>
-
-<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust, ich will das Land
-Flandern retten. Ich bat den großen Gott Himmels und der
-Erden darum, aber er antwortete mir nicht.“</p>
-
-<p>Katheline sagte:</p>
-
-<p>„Der große Gott konnte Dich nicht hören. Du mußtest zuvor
-zu den Geistern der Elemente sprechen, welche, da sie himmlischer
-und irdischer Natur sind, die Klagen der armen Menschen annehmen
-und sie den Engeln zutragen, die sie hernach zum Throne
-bringen.“</p>
-
-<p>„Hilf mir bei meinem Vorhaben,“ sagte er, „ich will Dich mit
-Blut bezahlen, wenn es sein muß.“</p>
-
-<p>Katheline antwortete:</p>
-
-<p>„Ich will Dir helfen, wann ein Mädchen, so Dich liebt, Dich
-mitnimmt zum Sabbat der Frühlingsgeister, welche die Ostern
-des Saftes sind.“</p>
-
-<p>„Ich will ihn mitnehmen“, sagte Nele.</p>
-
-<p>Katheline goß ein graulich Gebräu in einen Kristallkelch, davon
-sie beiden zu trinken gab. Sie rieb ihnen mit dieser Mixtur
-die Schläfen, Nasenlöcher, Handflächen und Gelenke ein, ließ sie
-eine Fingerspitze weißen Pulvers nehmen und hieß sie sich einander
-ansehen, damit ihre Seelen eins würden.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sah Nele an und die sanften Augen des Mägdleins
-entzündeten eine große Glut in ihm; dann fühlte er ob der Mixtur
-ein Zwicken wie von tausend Krabben.</p>
-
-<p>Danach entkleideten sie sich und solcherart von der Lampe beleuchtet,
-waren sie schön; er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer
-liebreizenden Anmut. Aber sie konnten einander nicht sehen, dieweil
-sie schon gleichsam entschlafen waren. Sodann legte
-Katheline Neles Hals auf Ulenspiegels Arm und nahm seine
-Hand und legte sie auf des Mägdleins Herz.</p>
-
-<p>Und also lagen sie nackt nebeneinander. Es deuchte ihnen beiden,
-daß ihre Körper, die sich berührten, von sanfter Glut wären
-wie die Sonne im Rosenmond.</p>
-
-<p>Sie erhoben sich / also erzählten sie später / stiegen auf die
-Fensterbrüstung, schwangen sich ins Leere und fühlten, wie die
-Luft sie trug, wie das Wasser bei den Schiffen tut. Dann nahmen
-sie nichts mehr wahr, weder von der Erde, wo die armen Menschen
-schliefen, noch vom Himmel, wo bald die Wolken zu ihren
-Füßen wogten. Und sie setzten den Fuß auf Sirius, den kalten
-Stern. Dann wurden sie auf den Pol geschleudert.</p>
-
-<p>Allda erblickten sie, nicht ohne Bangen, einen nackten Riesen, den
-Giganten Winter, mit falbem Haar, so auf Eisblöcken an einer
-Eiswand saß. In Wasserlachen tummelten sich Bären und
-Robben um ihn her, eine heulende Herde. Mit heiserer Stimme
-rief er den Schnee, den Hagel, die kalten Regenschauer, die
-grauen Wetterwolken und die schädlichen, stinkenden Nebel herbei.
-Desgleichen die Winde, von denen der rauhe Nordwind am
-stärksten bläst! Und alle tobten zumal an diesem heillosen Orte.
-Lächelnd über dieses Unheil, legte sich der Riese auf Blumen, so
-durch die Berührung seiner Hand verwelkt waren, auf Blätter,
-die sein Odem verdorrt hatte. Dann bückte er sich und den Boden
-mit seinen Nägeln aufscharrend und mit seinen Zähnen aufwühlend,
-grub er ein Loch hinein, um das Herz der Erde zu suchen
-und es zu verschlingen. Auch wollte er schattige Wälder zu
-Kohle, Getreide zu Stroh und die fruchtbare Erde zu Sand
-machen. Doch da das Herz der Erde von Feuer war, so wagte
-er es nicht anzurühren und wich scheusam zurück.</p>
-
-<p>Er thronte als König und leerte seinen Becher voll Tran inmitten
-seiner Bären und Robben und der Gerippe all derer, so er zu
-Wasser und Land und in den Hütten der Armen getötet hatte.</p>
-
-<p>Wohlgemut hörte er die Bären brummen, die Robben schreien,
-das Totengebein von Mensch und Tier unter den Krallen von
-Geiern und Raben klappern, so daran nach einem letzten Bissen
-Fleisch suchten, und hörte die Eisschollen krachen, die im trüben
-Wasser widereinander stießen.</p>
-
-<p>Und die Stimme des Riesen war gleichwie das Brüllen der Orkane,
-das Tosen der Winterstürme und wie der Wind, der in den
-Kaminen heult.</p>
-
-<p>„Mich friert und ängstet“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Er vermag nichts wider die Geister“, antwortete Nele.</p>
-
-<p>Plötzlich entstand ein Aufruhr unter den Robben, die eilends ins
-Wasser zurückkehrten; die Bären ließen vor Furcht die Ohren
-hängen und brummten kläglich; und die Raben, vor Angst krächzend,
-verschwanden in den Wetterwolken.</p>
-
-<p>Und siehe! Nele und Ulenspiegel vernahmen die dumpfen Stöße
-eines Sturmbocks wider die Eismauer, so dem Riesen Winter als
-Stütze diente. Und die Mauer spaltete sich und erbebte in ihren
-Grundvesten.</p>
-
-<p>Aber der Riese Winter hörte nichts und heulte und bellte lustig,
-füllte und leerte seinen Tranbecher und suchte nach dem Herzen
-der Erde, um es zu erstarren, und wagte doch nicht, es zu fassen.</p>
-
-<p>Indessen erdröhnten die Stöße stärker und die Mauer barst
-noch mehr, und der Regen von Eisstücken, so in Splittern abflogen,
-prasselte ohn Unterlaß um ihn her. Und die Bären brummten
-allezeit kläglich und die Robben winselten in den trüben
-Wassern.</p>
-
-<p>Die Mauer stürzte zusammen und der Himmel ward hell. Ein
-Mann, nackend und schön, eine Hand auf eine güldene Axt stützend,
-entstieg ihm. Derselbige Mann war Luzifer, der König Lenz.
-Da der Riese ihn sahe, warf er seinen Tranbecher weit fort und
-flehete ihn an, ihn nicht zu töten.</p>
-
-<p>Und da König Lenz seinen lauen Odem hauchte, verlor der Riese
-Winter jegliche Kraft. Da nahm der König demantne Ketten
-und band ihn damit und fesselte ihn an den Pol.</p>
-
-<p>Sodann hielt er inne und rief, aber inniglich und brünstig. Und
-vom Himmel kam ein blondhaarig Weib herab, nackend und
-schön. Sie saß neben dem König nieder und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du bist mein Sieger, starker Mann.“</p>
-
-<p>Er antwortete:</p>
-
-<p>„So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke, und so Du
-Furcht hast, komm nahe zu mir: ich bin Dein Geselle.“</p>
-
-<p>„Mich hungert und dürstet nur nach Dir“, sprach sie.</p>
-
-<p>Und aber rief der König sieben Mal schrecklich.</p>
-
-<p>Und es ward ein großes Getöse von Donnern und Blitzen, und
-hinter ihm entstund ein Baldachin von Sonnen und Sternen.
-Und sie setzten sich auf Throne.</p>
-
-<p>Darauf riefen der König und sein Gemahl; aber ihr edles Angesicht
-bewegte sich nicht, noch machten sie eine Gebärde, so ihrer
-Kraft und ruhigen Majestät entgegen war. Und bei diesem
-Rufen entstand eine wallende Bewegung in der Erde, dem harten
-Gestein und den Eisblöcken. Und Nele und Ulenspiegel vernahmen
-ein Geräusch, gleich als ob riesige Vögel die Schale ungeheurer
-Eier mit Schnabelhieben zerbrächen.</p>
-
-<p>Und in dieser gewaltigen Bewegung des Bodens, der gleich
-Meereswogen stieg und sank, waren Formen wie die eines Eies.
-Plötzlich kamen von allen Seiten Bäume heraus, die ihre dürren
-Zweige durcheinander wirrten, dieweil ihre Stämme wie trunkene
-Männer schwankten. Dann wichen sie auseinander und ließen
-einen weiten leeren Raum zwischen sich. Aus dem wallenden
-Boden kamen die Geister der Erde, aus der Tiefe des Waldes
-die Waldgeister, aus dem nahen Meere die Wassergeister.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Nele erblickten da schatzhütende Zwerge, bucklig,
-plattfüßig und zottig, häßlich und fratzenhaft, Fürsten des
-Gesteins, Waldmänner, so wie Bäume lebten und an Stelle von
-Mund und Magen ein Bündel Wurzeln am Gesicht trugen, um
-dergestalt ihre Nahrung aus der Brust der Erde zu saugen; desgleichen
-die Herrscher der Bergwerke, welche stumm sind, weder
-Herz noch Eingeweide haben und sich gleich glänzenden Maschinen
-bewegen. Da waren Zwerge von Fleisch und Bein, so
-Eidechsenschwänze und Krötenköpfe hatten und auf dem Kopf
-eine Leuchte trugen. Sie springen zur Nacht dem trunkenen
-Wanderer oder furchtsamen Reisenden auf die Schultern, springen
-wieder hinunter, schwenken ihr Lichtlein und führen sie in Sümpfe
-oder Gräben, denn die armen Wandrer wähnen, daß dieses die
-Leuchte sei, so in ihrer Behausung brennt.</p>
-
-<p>Da waren auch Blumenmädchen, Blumen von weiblicher Kraft
-und Gesundheit, nackend und nicht errötend, sondern stolz auf
-ihre Schönheit und nur in den Mantel ihrer Haare gehüllt. Ihre
-Augen erglänzten feucht gleichwie Perlmutter im Wasser. Die
-Haut ihres Körpers war fest, weiß und vom Lichte vergüldet. Aus
-ihrem roten, offenen Munde ging ein Odem, balsamischer als
-Jasmin. Sie sind es, die am Abend in Mauern und Gärten, noch
-lieber in der Tiefe der Wälder auf schattigen Steinen umherstreifen
-und verliebt nach irgend einer Mannesseele sahen, um
-sie zu besitzen. So ein junger Knabe und ein Mägdlein an ihnen
-vorbeigeht, versuchen sie das Mägdlein zu töten, doch da sie
-es nicht vermögen, hauchen sie der Lieblichen, die noch widerstrebt,
-Liebessehnsucht ein, auf daß sie sich dem Geliebten hingebe.
-Denn alsdann hat die Blumenmaid die Hälfte der Küsse.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Nele sahen auch die Schutzgeister der Sterne,
-die Geister der kalten und warmen Winde und des Regens vom
-hohen Himmel herabsteigen; es waren geflügelte Jünglinge, so
-die Erde befruchten.</p>
-
-<p>Alsdann erschienen an allen Punkten des Himmels die Vögel der
-Seelen, die zierlichen Schwalben. Als sie da waren, schien das
-Licht heller. Blumenmädchen, Steinfürsten, Herrscher der Bergwerke,
-Waldmänner, Wasser-, Feuer- und Erdgeister riefen zumal:
-„Licht, Saft! Ruhm dem König Lenz!“</p>
-
-<p>Ob ihr einstimmig Geschrei zwar mächtiger war, denn das tosende
-Meer, der krachende Donner und der entfesselte Sturm, so
-klang es doch Nele und Ulenspiegel gleichwie sanfte Musik in
-die Ohren. Sie aber saßen reglos und schweigend zusammengekauert
-hinter dem knorrigen Stamm einer Eiche.</p>
-
-<p>Aber sie fürchteten sich noch mehr, da die Geister sich zu Tausenden
-wie auf Sessel niederließen auf riesige Spinnen, auf Kröten
-mit Elefantenrüsseln, auf Schlangenknäule und Krokodile, so auf
-dem Schwanze stunden und eine Schar Geister im Rachen hielten.
-Schlangen trugen mehr denn dreißig Zwerge und Zwerginnen, so
-rittlings auf ihrem schlängelnden Körper saßen, und schier hunderttausend
-Insekten, größer denn Goliath, mit Degen, Lanzen,
-gezähnten Sicheln, siebenzinkigen Heugabeln und jeglicher Art
-von schrecklichen Mordwerkzeuge bewaffnet. Die schlugen auf
-einander los mit großem Getöse; der Starke fraß den Schwachen,
-mästete sich an ihm und zeigte also, daß der Tod aus dem Leben
-und das Leben aus dem Tode entsteht.</p>
-
-<p>Und aus dieser ganzen wimmelnden, drängenden und wirren
-Menge von Geistern drang ein Geräusch gleichwie dumpfer
-Donner und der Lärm von hundert Webstühlen, Walkmühlen
-und Schlosserwerkstätten, die mitsammen arbeiten.</p>
-
-<p>Plötzlich erschienen die Geister des Saftes, kurz und stämmig,
-mit Lenden, breit wie das große Faß zu Heidelberg und Schenkeln,
-so gewaltig wie ein Ohm Wein. Und ihre Muskeln waren
-so seltsam stark und mächtig, daß man hätte sagen mögen, sie
-seien aus großen und kleinen Eiern gemacht, die aneinandergefügt
-und mit einer Haut bedeckt waren, welche so rot, fett und
-glänzend war, wie ihr spärlicher Bart und das rote Haupthaar;
-und sie trugen ungeheure Humpen voll einer seltsamen Flüssigkeit.</p>
-
-<p>Da die Geister sie kommen sahen, machten sie einen großen Aufstand
-vor Freuden; die Bäume und Pflanzen schüttelten sich und
-die Erde barst, um zu trinken.</p>
-
-<p>Und die Geister des Saftes gossen Wein aus, und alsobald knospete,
-grünte und blühte alles. Der Rasen war voll summender
-Käfer und der Himmel mit Vögeln und Faltern erfüllt. Die
-Geister gossen immerdar Wein und die unten empfingen ihn, so
-gut sie konnten. Die Blumenmädchen öffneten den Mund oder
-sprangen auf ihre rothaarigen Mundschenken zu und küßten sie,
-um noch mehr zu bekommen. Etliche falteten die Hände zum
-Beten; andere ließen es glückselig auf sich herabregnen. Aber alle,
-ob lüstern oder durstig, fliegend, stehend, laufend oder unbeweglich,
-trachteten nach dem Wein und wurden nach jedem Tröpflein,
-so sie auffangen konnten, lebendiger. Und waren keine Greise
-da, sondern alle, ob häßlich oder schön, waren voll frischer Kraft
-und lebendiger Jugend.</p>
-
-<p>Und sie lachten, schrien, sangen und verfolgten sich auf den
-Bäumen gleich Eichkätzchen und in der Luft gleich Vögeln. Jedes
-Männchen suchte sein Weibchen und übte unter Gottes Himmel
-das heilige Werk der Natur.</p>
-
-<p>Und die Geister des Saftes brachten dem König und der Königin
-den großen Becher voll ihres Weines; und der König und die
-Königin tranken und umarmten sich. Alsdann schüttete der
-König, sein Gemahl umschlungen haltend, den Rest seines Bechers
-über die Bäume, die Blumen und Geister und rief: „Ehre sei
-dem Leben! Ehre der freien Luft! Ehre der Kraft!“</p>
-
-<p>Und alle riefen:</p>
-
-<p>„Ehre sei der Natur! Ehre der Kraft!“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel nahm Nele in seine Arme. Da sie so umschlungen
-waren, begann ein Tanz. Ein wirbelnder Tanz wie von Blättern,
-so ein Wirbelwind zusammenraft, wo alles im Schwung war:
-Bäume, Pflanzen, Käfer, Falter, Himmel und Erde, König und
-Königin, Blumenmädchen, Bergwerksherrscher, Wassergeister,
-bucklige Zwerge, auch Steinfürsten, Waldmänner, Leuchtenträger
-und Schutzgeister der Sterne. Die hunderttausend greulichen
-Insekten verwirrten ihre Lanzen, gezähnten Sicheln und siebenzinkigen
-Heugabeln. Es war ein schwindelnder Tanz, der sich in
-den Weltraum wälzte und ihn erfüllte, und Sonne, Mond,
-Planeten, Sterne, Wind und Wetterwolken nahmen daran teil.</p>
-
-<p>Und die Eiche, daran Nele und Ulenspiegel sich geklammert
-hatten, rollte mit im Wirbel, und Ulenspiegel sprach zu Nele:</p>
-
-<p>„Liebchen, wir werden sterben.“</p>
-
-<p>Und ein Geist hörte sie und sahe, daß sie Sterbliche waren.</p>
-
-<p>„Menschen,“ schrie er, „Menschen an diesem Ort!“</p>
-
-<p>Und er riß sie vom Baume los und schleuderte sie in die Menge.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der
-Geister, die sie sich einander zuwarfen und dabei sagten:</p>
-
-<p>„Heil den Menschen! Willkommen Ihr Erdenwürmer! Wer
-will ein Knäblein und ein Mägdlein haben? Sie machen uns
-einen Besuch, die Schwächlinge!“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel und Nele flogen von einem zum andern und riefen:
-„Gnade!“</p>
-
-<p>Aber die Geister hörten sie nicht und alle beide flogen und wirbelten
-wie Federn im Winterwind, die Beine in der Luft und den
-Kopf nach unten, derweil die Geister sagten:</p>
-
-<p>„Ehre den Männlein und Weiblein, mögen sie tanzen gleichwie
-wir.“</p>
-
-<p>Die Blumenmädchen waren willens, Nele von Ulenspiegel zu
-trennen, schlugen sie und hätten sie getötet, hätte nicht der König
-Lenz mit einer Gebärde dem Tanz Einhalt geboten und gerufen:</p>
-
-<p>„Man führe diese beiden Flöhe vor meinen Thron!“</p>
-
-<p>Und sie wurden voneinander getrennt, und jegliche Blumenmaid
-trachtete Ulenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen und
-sprach:</p>
-
-<p>„Tyll, möchtest Du nicht für mich sterben?“</p>
-
-<p>„Ich werde es in Bälde tun“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und die zwergischen Waldgeister, so Nele trugen, sagten:</p>
-
-<p>„Was bist Du nicht Seele wie wir, auf daß wir Dich zu eigen
-nehmen könnten!“</p>
-
-<p>Nele antwortete:</p>
-
-<p>„Geduldet Euch.“</p>
-
-<p>Und also kamen sie vor des Königs Thron, und sie zitterten schier,
-da sie seine güldene Axt und seine eiserne Krone ersahen.</p>
-
-<p>Und er sprach zu ihnen:</p>
-
-<p>„Warum seid Ihr hier gekommen, Ihr Schwächlinge?“</p>
-
-<p>Sie antworteten nicht.</p>
-
-<p>„Ich kenne Dich, Du Hexenknospe,“ fügte der König bei, „und
-auch Dich, Sprößling des Kohlenträgers. Aber da es Euch durch
-Hexenkunst gelang, in diese Werkstätte der Natur einzudringen,
-warum habt Ihr jetzo den Schnabel zu wie Kapaune, so mit
-Brotkrumen gestopft sind?“</p>
-
-<p>Nele erbebte beim Anblick des schrecklichen Teufels. Ulenspiegel
-aber gewann seine mannhafte Festigkeit wieder und antwortete:</p>
-
-<p>„Klasens Asche brennt mir auf dem Herzen. Göttliche Hoheit,
-der Schnitter Tod geht durch das Land Flandern und in des
-Papstes Namen mähet er die stärksten Männer und die holdesten
-Frauen. Flanderns Privilegien sind zerbrochen, seine Urkunden
-vernichtet, die Hungersnot nagt an ihm. Seine Weber und
-Tuchwirker verlassen es, um in der Fremde freie Arbeit zu suchen.
-Bald wird es sterben, sofern man ihm nicht zu Hilfe kommt.
-Ihr Hoheiten, ich bin nur ein armer, geringer Bursche, zur Welt
-gekommen wie ein Jeder; habe gelebt wie ich konnte, unvollkommen,
-beschränkt, unwissend, nicht tugendhaft noch keusch,
-und keiner menschlichen noch göttlichen Gnade würdig. Aber
-Soetkin starb an den Folgen der Tortur und ihres Kummers
-und Klas verbrannte in einem schrecklichen Feuer, und ich wollte
-sie rächen und tat es schon einmal. Ich wollte auch diesen armen
-Boden, in den ihr Gebein gesäet ist, glücklicher sehen, und ich
-bat Gott um den Tod der Verfolger, aber er erhörte mich nicht.
-Der Klagen müde, hab’ ich Euch durch Kathelines Zauber beschworen,
-und ich und meine zage Gesellin kommen zu Euren
-Füßen, Ihr göttlichen Hoheiten, und bitten Euch um Rettung
-dieses armen Landes.“</p>
-
-<p>Der König und seine Gefährtin antworteten zumal:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Durch Krieg und Feuer,</div>
- <div class="verse indent0">Durch Tod und Schwert</div>
- <div class="verse indent0">Suche die Sieben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">In Tod und Blut,</div>
- <div class="verse indent0">In Trümmern und Tränen</div>
- <div class="verse indent0">Finde die Sieben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Häßlich, grausam, ungestalt,</div>
- <div class="verse indent0">Wahre Geißeln dieses Landes,</div>
- <div class="verse indent0">Brenne die Sieben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Harre, horch und schaue,</div>
- <div class="verse indent0">Schwächling, sag, bist Du nicht froh?</div>
- <div class="verse indent0">Finde die Sieben.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und alle Geister sangen zumal:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„In Tod und Blut,</div>
- <div class="verse indent0">In Trümmern und Tränen</div>
- <div class="verse indent0">Finde die Sieben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Harre, horch und schaue,</div>
- <div class="verse indent0">Schwächling, sag, bist Du nicht froh?</div>
- <div class="verse indent0">Finde die Sieben.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Jedoch,“ sprach Ulenspiegel, „Hoheit und Ihr Herren Geister,
-ich verstehe nichts von Eurer Rede. Ohne Zweifel spottet Ihr
-meiner.“</p>
-
-<p>Die aber sagten, ohne ihn anzuhören:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Wann der Norden</div>
- <div class="verse indent0">Wird den Süden küssen,</div>
- <div class="verse indent0">Ist das Ende des Verderbens nah.</div>
- <div class="verse indent0">Finde die Sieben</div>
- <div class="verse indent0">Und den Gürtel.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und das mit so gewaltigem Einklang und so erschrecklicher
-Kraft des Schalles, daß die Erde erbebte und die Himmel erzitterten.
-Und die Falken pfiffen, die Eulen schrien, die Sperlinge
-piepsten vor Furcht, die Fischadler klagten und alle flatterten
-ängstlich.</p>
-
-<p>Und die Tiere der Erde: Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche,
-Rehe, Wölfe, Hunde und Katzen brüllten, zischten, schrien,
-heulten, bellten und miauten erschrecklich.</p>
-
-<p>Und die Geister sangen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Harre, horch und schaue,</div>
- <div class="verse indent0">Liebe die Sieben</div>
- <div class="verse indent0">Und den Gürtel.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und die Hähne krähten und alle Geister entwichen, ungerechnet
-einen bösen Bergwerkskönig, welcher Nele und Ulenspiegel je mit
-einem Arm packte und sie unsänftiglich ins Leere schleuderte.</p>
-
-<p>Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie um zu schlafen, und
-fröstelten bei dem kalten Morgenwind.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sah Neles holden Leib ganz gülden in der aufgehenden
-Sonne.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2>
-</div>
-
-<hr class="full newpage" />
-<h3>1</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>An diesem Morgen des Herbstmonds nahm Ulenspiegel seinen
-Stab, drei Gülden, die ihm Katheline gegeben, ein Stück
-Schweinsleber, eine Schnitte Brot und zog von Damm nach Antwerpen,
-um die Sieben zu suchen. Nele schlief.</p>
-
-<p>Beim Wandern folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber
-beschnüffelte und ihm an die Beine sprang. Ulenspiegel wollte
-ihn fortjagen, und da er sah, daß der Hund ihm hartnäckig folgte,
-hielt er ihm diese Rede:</p>
-
-<p>„Ei Hündlein, mein Schatz, Du bist übel beraten, daß Du das
-Haus verlässest, wo gute Pasteten, auserlesener Abhub von der
-Tafel und Knochen voll Mark Deiner harren. Du willst aufs
-Geratewohl einem Landstreicher folgen, der vielleicht nicht allzeit
-Wurzeln haben wird, um sie Dir als Nahrung zu bieten. Glaube
-mir, Du unfürsichtiges Hündlein, kehr zu Deinem Herrn zurück.
-Meide Regen, Schnee, Hagel, Staubregen, Nebel, Glatteis und
-andere magere Suppen, so auf den Rücken der Landstreicher
-fallen. Bleibe im Herdwinkel und wärme Dich, zusammengerollt
-am lustigen Feuer; laß mich in Schlamm, Staub, Kälte
-und Hitze marschieren; heute gesotten, morgen zu Eis erstarrt,
-Freitags vollgestopft, Sonntags ausgehungert. Du wirst etwas
-Gescheites tun, wenn Du hingehst, wo Du hergekommen bist, Du
-Hündlein mit wenig Erfahrung.“</p>
-
-<p>Das Tier schien Ulenspiegel schlechterdings nicht zu verstehen.
-Es wedelte mit dem Schwanz und sprang so gut es konnte und
-bellte vor Begierde. Ulenspiegel glaubte, daß es Freundschaft
-sei, aber er gedachte nicht der Leber, die er im Ränzel trug. Er
-wanderte, der Hund lief ihm nach. Da sie also gegen eine
-Stunde zurückgelegt hatten, sahen sie auf der Landstraße
-einen Karren mit einem Esel bespannt, welcher den Kopf senkte.
-Auf einer Böschung am Wegrande saß zwischen zwei Distelsträuchen
-ein dicker Mann, der in der einen Hand eine Hammelkeule
-hielt, die er abnagte, in der andern eine Flasche, deren
-Saft er aussog. Wenn er nicht aß noch trank, so greinte und
-weinte er.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel stillstand, blieb der Hund gleichermaßen stehen.
-Er witterte den Hammel und die Leber und lief die Böschung
-hinan. Da setzte er sich auf die Hinterpfoten neben den Mann
-und kratzte ihn am Wams, um auch sein Teil von dem Festmahl
-zu haben. Aber der Mann stieß ihn mit dem Ellenbogen zurück,
-hielt seine Hammelkeule in die Luft und greinte erbärmlich. Der
-Hund tat aus Gier das nämliche. Der Esel ward böse, daß er
-an den Wagen gespannt war und die Disteln nicht erreichen
-konnte, und hub an zu schreien.</p>
-
-<p>„Was ficht Dich an, Jan?“ fragte der Mann den Esel.</p>
-
-<p>„Nichts,“ antwortete Ulenspiegel, „dafern er nicht von jenen
-Disteln Imbiß halten möchte, die Euch zur Seiten blühen wie
-am hohen Chor von Tessenderloo neben und über dem Herrn
-Christo. Dieser Hund würde auch nicht bös sein, wenn seine
-Kinnbacken mit dem Knochen, so Ihr da haltet, Hochzeit machen
-könnten. Indessen will ich ihm die Leber geben, die ich hier
-habe.“</p>
-
-<p>Nachdem der Hund die Leber gefressen, betrachtete der Mann
-seinen Knochen, benagte ihn noch mehr, um alles Fleisch, so
-daran war, zu kriegen, und gab ihn dermaßen abgenagt dem
-Hunde. Der legte seine Pfoten darauf und machte sich daran,
-ihn auf dem Rasen zu zermalmen.</p>
-
-<p>Dann blickte der Mann Ulenspiegel an. Und der erkannte Lamm
-Goedzak aus Damm. „Lamm,“ sagte er, „was tust Du hier,
-essend, trinkend und bitterlich weinend? Sollte Dir ein Soldat
-die Ohren ohne die rechte Ehrfurcht eingerieben haben?“</p>
-
-<p>„Wehe, mein Weib“, sagte Lamm.</p>
-
-<p>Er wollte seine Flasche Wein leeren, aber Ulenspiegel legte ihm
-die Hand auf den Arm.</p>
-
-<p>„Trink nicht also, denn hastig Trinken kommt nur den Nieren
-zugute. Es sollte lieber dem zuteil werden, der keine Flasche
-hat.“</p>
-
-<p>„Du redest gut,“ sagte Lamm, „aber wirst Du besser trinken?“</p>
-
-<p>Und er hielt ihm die Flasche hin.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellenbogen und gab sie ihm zurück.</p>
-
-<p>„Heiß mich Spanier,“ sagte er, „dafern noch genug darin ist,
-um einen Sperling trunken zu machen.“</p>
-
-<p>Lamm betrachtete die Flasche und ohne mit Greinen innezuhalten,
-wühlte er in seiner Weidtasche und zog eine andere Flasche und
-ein anderes Stück Wurst heraus, die er alsogleich in Stücke
-schnitt und trübsinnig kaute.</p>
-
-<p>„Issest Du ohn Unterlaß, Lamm?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Oftmals, mein Sohn,“ erwiderte Lamm, „aber es geschieht,
-meine traurigen Gedanken zu vertreiben. Wo bist Du, Weib?“
-sagte er und wischte sich eine Zähre ab.</p>
-
-<p>Und er schnitt sich zehn Scheiben Wurst.</p>
-
-<p>„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „iß nicht so rasch und ohne Mitleid
-für den armen Wallfahrer.“</p>
-
-<p>Lamm gab ihm weinend vier Schnitten und da Ulenspiegel sie
-verspeiste, ward er von ihrem guten Geschmack gerührt.</p>
-
-<p>Aber Lamm sagte, immerfort weinend und essend:</p>
-
-<p>„Mein Weib, mein gutes Weib! Wie sanft und wohlgeformt
-war ihr Leib! Sie war leicht wie ein Falter, rasch wie der
-Blitz und sang gleich einer Lerche. Sie schmückte sich freilich zu
-gerne mit schönem Putz. Ach, er kleidete sie so gut. Aber die
-Blumen haben auch reichen Putz. So Du ihre Händlein gesehen
-hättest, mein Sohn, die so zierlich liebkosten, hättest Du
-ihnen nimmer erlaubt, Pfanne noch Tiegel anzurühren. Das
-Küchenfeuer hätte ihre Haut, die so hell wie der Tag war, geschwärzt.
-Und welche Augen! Ich zerschmolz in Zärtlichkeit
-beim bloßen Anschauen. / Trink einen Schluck Wein, ich werde
-nach Dir trinken. Ach, warum ist sie nicht tot! Thyl, ich behielt
-mir in unserm Haus jegliche Arbeit vor, um ihr die mindeste
-Mühe zu ersparen. Ich kehrte die Stuben, ich machte das Ehebett,
-darinnen sie sich am Abend, vom Wohlleben ermüdet, ausstreckte;
-ich wusch das Geschirr und auch die Wäsche, die ich
-selbst bügelte. / Iß, Thyl, diese Wurst ist aus Gent. / Oftmals,
-wenn sie sich draußen erging, kam sie zu spät zum Mittagmahl;
-aber es war mir so große Freude, sie zu sehen, daß ich nicht
-wagte, sie zu schmählen. Ich war schier glücklich, so sie mir
-nachts nicht schmollend den Rücken kehrte. Ich habe alles verloren.
-/ Trink von diesem Wein, er ist vom Brüsseler Weinberg,
-nach Art des Burgunders.“</p>
-
-<p>„Warum ist sie fortgegangen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei
-ihr aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus
-Furcht und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen
-runden weißen Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute,
-ließ sie unversehens ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen
-ließ sie sich mein Kosen gefallen und ich konnte sie auf die
-holden Äuglein küssen, welche sie schloß, und auf den vollen festen
-Nacken. Dann schauderte sie und schrie ein wenig, neigte den
-Kopf zurück, und gab mir solcherart einen Nasenstüber. Und
-sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr verliebte Schläge
-und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. / Thyl, ist
-noch Wein in der Flasche?“</p>
-
-<p>„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Lamm trank und redete weiter:</p>
-
-<p>„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide
-Arme um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte
-mich wie toll und hundert Mal nacheinander auf Wange und
-Stirn, aber nimmer auf den Mund, und wenn ich sie fragte, woher
-ihr diese große Sprödigkeit bei so großer Ungezwungenheit
-komme, lief sie eilends nach einem Humpen, der auf einem Schrein
-stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und Perlen angetan,
-schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will ich nicht.“
-Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu bewahren,
-gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden.
-Ach, süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du
-nicht einen kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“</p>
-
-<p>„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der
-ihn ganz und gar verspeiste.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sah ihm zu und sagte:</p>
-
-<p>„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“</p>
-
-<p>„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit
-den Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen.
-Sie ist aus Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem
-Wagen suchen?“</p>
-
-<p>„Das will ich“, sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“</p>
-
-<p>„Nichts“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und sie stiegen in den Wagen und wurden von dem Grautier gezogen,
-welches zum Zeichen der Abfahrt trübselig schrie.</p>
-
-<p>Der Hund aber war, da er sich satt gefressen, ohne ein Wörtlein,
-davongelaufen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>2</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da der Wagen zwischen einem Weiher und einem Kanal auf
-einen Deich rollte, strich Ulenspiegel in tiefem Sinnen kosend über
-Klasens Asche auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht
-Wahrheit oder Lüge sei, ob die Geister seiner gespottet, oder ob
-sie ihm in Rätseln gesagt hätten, was er wirklich finden müßte,
-um das Land seiner Väter zu beglücken.</p>
-
-<p>Umsonst zermarterte er sein Hirn, er konnte nicht finden, was die
-Sieben und der Gürtel bedeuteten.</p>
-
-<p>Wenn er des toten Kaisers, des lebenden Königs, der Regentin,
-des römischen Papstes, des Großinquisitors, des Jesuitengenerals
-gedachte, so fand er da sechs große Landeshenker, so er ohne Verzug
-lebendig hätte verbrennen mögen. Aber er dachte, daß sie
-es mitnichten seien, denn sie waren zu leicht zu verbrennen, also
-mußten sie andern Orts sein.</p>
-
-<p>Und er wiederholte sich immerfort im Geiste:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wenn der Norden</div>
- <div class="verse indent0">Wird den Süden küssen,</div>
- <div class="verse indent0">Endet das Verderben.</div>
- <div class="verse indent0">Liebe die Sieben</div>
- <div class="verse indent0">Und den Gürtel.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ach,“ sprach er zu sich: „In Tod, Blut und Tränen sieben finden,
-sieben verbrennen, sieben lieben: Mein armer Verstand sucht vergeblich,
-denn wer verbrennt, was er liebt?“</p>
-
-<p>Da der Wagen schon ein gut Stück Weges verschlungen, hörten
-sie Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,</div>
- <div class="verse indent0">Den närrischen Freund, der mir entrann?</div>
- <div class="verse indent0">Nach Laun und Zufall tut er gehn;</div>
- <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wie es dem Lamm der Adler tat,</div>
- <div class="verse indent0">Mein Herze nahm er unversehn,</div>
- <div class="verse indent0">Er ist ein Mann, doch ohne Bart;</div>
- <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,</div>
- <div class="verse indent0">Gar müde ward von vielem Gehn.</div>
- <div class="verse indent0">Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?</div>
- <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,</div>
- <div class="verse indent0">So ihm der Täuber tat entgehn?</div>
- <div class="verse indent0">So auch ein treues Herze bricht.</div>
- <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ulenspiegel schlug Lamm auf den Bauch und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Halt den Odem an, Fettwanst.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Lamm, „das ist gar hart für einen Mann meines
-Umfangs.“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn und versteckte sich hinter das
-Plantuch des Wagens und ahmte die Stimme eines hüstelnden
-Zechers nach, dieweil er sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;</div>
- <div class="verse indent0">Er saß in einem morschen Karren,</div>
- <div class="verse indent0">Bei einem Vielfraß, dick und voll.</div>
- <div class="verse indent0">Ich sah ihn wohl.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Thyl,“ sprach Lamm, „Du hast heute morgen eine schlimme
-Zunge.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel, ohne auf ihn zu hören, steckte den Kopf aus dem
-Loch der Plandecke und sprach:</p>
-
-<p>„Nele, erkennst Du mich?“</p>
-
-<p>Sie aber, von Furcht ergriffen und in Einem lachend und weinend,
-denn sie hatte feuchte Wangen, sprach:</p>
-
-<p>„Ich sehe Dich, schlimmer Verräter!“</p>
-
-<p>„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „so Du mich schlagen willst, ich
-habe da drinnen einen Knüttel. Er ist schwer, um die Hiebe eindringlich
-zu machen, und knotig, um ein Merkmal davon zu
-hinterlassen.“</p>
-
-<p>„Thyl,“ sprach Nele, „gehst Du den Sieben nach?“</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Nele trug ein Ränzel, das jeden Augenblick platzen wollte, so voll
-war es.</p>
-
-<p>„Thyl,“ sprach sie, es ihm hinhaltend, „ich meinte, es sei einem
-Menschen ungesund, zu reisen, ohne eine gute, fette Gans, einen
-Schinken und Genter Würste mitzunehmen. Und dies mußt Du
-zu meinem Gedächtnis essen.“</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel sie anschaute und mitnichten gewillt war, das
-Ränzel zu nehmen, steckte Lamm den Kopf aus einem andern
-Loch der Leinwand und sprach:</p>
-
-<p>„Du vorsorgliches Mägdlein, wenn er’s nicht annimmt, geschieht’s
-aus Vergeßlichkeit. Aber gib mir diese Gans, gib mir
-diesen Schinken, und dränge mir diese Würste auf; ich werde sie
-ihm aufheben.“</p>
-
-<p>„Wer ist dies biedere Vollmondsgesicht?“ fragte Nele.</p>
-
-<p>„Das ist ein Opfer des Ehestandes“, antwortete Ulenspiegel.
-„Von Schmerz verzehrt, würde er wie ein Apfel im Backofen
-eintrocknen, dafern er nicht seine Kräfte durch unaufhörliche
-Nahrung ersetzte.“</p>
-
-<p>„Du sagst es, mein Sohn“, seufzte Lamm.</p>
-
-<p>Die strahlende Sonne brannte Nele auf den Kopf und sie schirmte
-sich mit ihrer Schürze. Da er mit ihr allein sein wollte, sprach
-er zu Lamm:</p>
-
-<p>„Siehest Du die Frau dort auf der Weide einhergehn?“</p>
-
-<p>„Ich sehe sie!“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Erkennest Du sie?“</p>
-
-<p>„Ei!“ sagte Lamm, „sollt’ es die meine sein? Sie trägt sich nicht
-wie eine Bürgersfrau.“</p>
-
-<p>„Du zweifelst noch, blinder Maulwurf“, sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wenn sie es nun nicht wäre?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Du verlierst nichts dabei; dort zur Linken, gen Norden, ist eine
-Schenke, allwo Du gutes Braunbier finden wirst. Wir wollen
-Dich dort treffen. Und hier ist Schinken, den natürlichen Durst
-zu salzen.“</p>
-
-<p>Lamm stieg aus dem Wagen und lief eilends auf die Frau zu, die
-auf der Weide stand.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte zu Nele:</p>
-
-<p>„Was kommst Du nicht zu mir?“</p>
-
-<p>Alsdann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich, nahm
-ihr die Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern.
-Dann gab er ihr hundert Küsse und sprach:</p>
-
-<p>„Wohin gingest Du, Geliebte?“</p>
-
-<p>Sie erwiderte nichts, aber sie war vor Wonne schier verzückt.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel, gleich ihr entzückt, sagte:</p>
-
-<p>„Da bist Du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht
-die holde Röte Deiner frischen Haut. Du bist keine Königin,
-aber ich will Dir eine Krone von Küssen machen. Ihr reizenden
-Arme, so weich und rosig, die Amor mit Fleiß zum Umarmen gemacht
-hat. Ach, geliebtes Mägdlein, werden meine rauhen
-Mannshände nicht dieser Schulter den Schmelz rauben? Der
-leichte Falter setzt sich auf die purpurne Nelke, aber kann ich
-Tölpel an Deiner weißen Haut ruhen, ohne sie welk zu machen?
-Gott sitzt im Himmel, der König auf seinem Thron und die Sonne
-steht siegreich dort oben; aber bin ich Gott, König oder Licht,
-daß ich Dir so nahe bin? Ihr Haar, weicher denn Flockseide!
-Nele, ich schlage, ich zerreiße, ich zerstückele Dich! Aber habe
-keine Furcht, Liebchen. Welch zierliches Füßlein! Woher kommt’s,
-daß es so weiß ist? Ist es in Milch gebadet?“</p>
-
-<p>Sie wollte aufstehen.</p>
-
-<p>„Was fürchtest Du?“ sprach Ulenspiegel. „Die Sonne scheint
-auf uns herab und bemalt Dich mit Gold. Schlage nicht die
-Augen nieder. Sieh, welch schöne Glut sich in den meinen entzündet.
-Ach Geliebte, höre, mein Schätzlein, es ist die schweigende
-Stunde des Mittags. Der Arbeiter ist daheim und ißt seine
-Brühe; könnten wir nicht von Liebe leben? Könnt’ ich doch
-tausend Jahre auf Deinen Knien einen Rosenkranz von irdischen
-Perlen abbeten.“</p>
-
-<p>„Schmeichler“, sagte sie.</p>
-
-<p>Und Frau Sonne leuchtete durch das weiße Linnen des Wagens,
-und eine Lerche sang über dem Klee, und Nele legte ihr Haupt
-an Ulenspiegels Schulter.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>3</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Derweilen kehrte Lamm zurück, schwitzte große Tropfen und
-schnaufte wie ein Delphin.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sagte er, „ich bin unter einem unglücklichen Sterne geboren.
-Ich habe gewaltig laufen müssen, um zu dieser Frau zu
-kommen, und es war nicht die meine und war in Jahren; ich
-sah’s ihr am Gesicht an, daß sie gut fünfundvierzig Jahre zählte,
-und an der Haube, daß sie niemals verheiratet gewesen. Sie
-fragte mich keifend, was ich mit meinem Wanst im Kleefelde wollte.
-„Ich suche mein Weib, das mich verlassen hat,“ antwortete ich
-sanftmütig, „und da ich Euch für sie hielt, bin ich Euch nachgelaufen.“</p>
-
-<p>Auf diese Rede sagte mir die bejahrte Jungfer, daß ich nur wieder
-hingehen solle, von wo ich gekommen sei. So mein Weib mich
-verlassen hätte, so wär’ es wohl getan, in Ansehung daß alle Männer
-Spitzbuben, Lumpen, Ketzer, Treulose, Vergifter seien und die
-Jungfrauen ohngeachtet ihres reifen Alters betrögen. Im übrigen
-werde sie mich von ihrem Hund fressen lassen, so ich mich nicht
-flugs davon höbe.</p>
-
-<p>„Solches tat ich, nicht ohne Furcht, denn ich nahm einen großen
-Schäferhund wahr, der knurrend zu ihren Füßen lag. Als ich die
-Grenze ihres Feldes überschritten hatte, saß ich nieder, und um
-mich zu erholen, biß ich in Dein Stück Schinken. Ich befand mich
-just zwischen zwei Kleeäckern; mit einem Mal hörte ich ein Geräusch
-hinter mir, und da ich mich umwandte, sah ich den großen
-Schäferhund der alten Jungfrau, nicht mehr dräuend, sondern
-lieblich und hungrig mit dem Schwanze wedelnd. Er wollte
-meinem Schinken zu Leibe. Ich gab ihm also etliche Stücklein,
-als seine Herrin herbeikam und schrie:</p>
-
-<p>„Faß den Mann! Schnapp zu, mein Sohn!“</p>
-
-<p>Und ich hub an zu laufen und der große Köter hinterdrein, so
-aus meinen Hosen einen Fetzen herausriß und mit dem Fetzen ein
-Stück Fleisch. Vor Schmerz ward ich wütend, drehte mich nach
-ihm um und gab ihm einen so trefflichen Stockhieb über die Vorderpfoten,
-daß ich ihm zum Wenigsten eine zerbrach. Er stürzte
-und schrie in seiner Hundesprache: Erbarmen! welches ich ihm
-bewilligte. Derweil bewarf mich seine Herrin, da es ihr an Steinen
-mangelte, mit Erde. Und ich lief weiter. / Weh! Ist es nicht
-grausam und ungerecht, daß, weil eine Jungfer nicht schön genug
-ist, um einen Freier zu finden, sie sich an armen Unschuldigen wie
-ich räche?</p>
-
-<p>„Ich begab mich jedoch, Trübsal blasend, zu der Schenke, die Du
-mir bezeichnet hattest, verhoffend, dort das tröstliche Braunbier
-zu finden. Aber ich ward betrogen, denn beim Eintreten sah ich
-einen Mann und ein Weib, die sich prügelten. Ich bat sie: „Geruhet
-Eure Schlacht zu unterbrechen und mir einen Krug Braunbier
-zu geben, und wäre es auch nur eine Kanne oder sechs.“
-Doch das Weib, ein wahrer Stockfisch, antwortete mir wütend,
-sie werde mich den Holzschuh, womit sie ihrem Mann auf den
-Kopf schlug, fressen lassen, so ich mich nicht augenblicks von
-dannen machte. Und da bin ich, mein Freund, schweißtriefend
-und gar müde. Hast Du nichts zu essen?“</p>
-
-<p>„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Endlich“, sprach Lamm.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>4</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Also vereint, reisten sie in Gemeinschaft. Der Esel legte die Ohren
-an und zog den Wagen.</p>
-
-<p>„Lamm,“ sprach Ulenspiegel; „wir sind unser vier gute Gefährten:
-der Esel, das Tier, so unsern Herrn trug und auf den Triften die
-Disteln weidet, die es findet; Du, guter Dickbauch, der die sucht,
-die Dich flieht; und sie, die holde Liebste mit dem zärtlichen
-Herzen, die den findet, der dessen nicht würdig, das bin ich, der
-vierte.</p>
-
-<p>„Wohlan, frischauf, Kinder und guten Mut. Die Blätter vergilben,
-die Gestirne werden glänzender; bald wird Frau Sonne in
-herbstlichen Nebeln schlafen gehen. Winter, des Todes Ebenbild,
-wird kommen und sie mit schneeigen Leintüchern zudecken, die unter
-unsern Füßen schlummern; ich aber werde wandern für die Wohlfahrt
-des Landes meiner Väter. Ihr armen Toten, Soetkin, die
-Du an Herzeleid starbst, und Klas, der Du im Feuer umkamst:
-Eiche voller Güte und Efeu voller Liebe: ich, Euer Sprößling
-bin voller Harm und werde Dich rächen, teure Asche, die auf
-meinem Busen brennt.“</p>
-
-<p>Lamm sagte:</p>
-
-<p>„Man soll nicht beweinen, die um der Gerechtigkeit willen
-sterben.“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel verharrte in Gedanken. Plötzlich sagte er:</p>
-
-<p>„Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens für gar lange
-Zeit, und vielleicht werde ich nimmer Dein holdes Angesicht wiedersehen.“</p>
-
-<p>Nele blickte ihn an mit ihren Augen, die wie Sterne leuchteten.</p>
-
-<p>„Warum lässest Du nicht diesen Wagen und kommst mit mir in
-den Wald, wo Du leckere Nahrung fändest; denn ich kenne die
-Pflanzen und verstehe die Vögel zu locken.“</p>
-
-<p>„Mägdlein,“ sprach Lamm, „es ist bös von Dir, daß Du Ulenspiegel
-unterwegs aufhalten willst; er soll die Sieben suchen,
-und mir helfen, mein Weib wiederzufinden.“</p>
-
-<p>„Noch nicht“, erwiderte Nele und weinte und lachte, zärtlich
-unter Tränen, ihrem Freund Ulenspiegel zu.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel dies sah, antwortete er:</p>
-
-<p>„Dein Weib findest Du immer noch zeitig genug, wenn Dich nach
-neuem Leide gelüstet.“</p>
-
-<p>„Thyl,“ sagte Lamm, „willst Du mich also in meinem Wagen allein
-lassen dieses Mägdleins halber? Du antwortest mir nicht und
-gedenkst an den Wald, worinnen die Sieben nicht sind, noch auch
-mein Weib. Laß sie uns lieber auf diesem Fahrdamm suchen,
-auf dem die Wagen so trefflich rollen.“</p>
-
-<p>„Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „Du hast eine volle Weidtasche im
-Wagen, somit wirst Du nicht Hungers sterben, wenn Du ohne
-mich nach Koelkerke gehst, allwo ich Dich einholen werde. Du
-mußt dort allein sein, denn da wirst Du erfahren, nach welchem
-Punkt Du Dich wenden mußt, um Dein Weib wiederzufinden.
-Vernimm denn und höre. In diesem Schritte wirst Du drei Meilen
-von hier mit Deinem Wagen nach Koelkerke fahren, der kühlen
-Kirche, also genannt, weil sie von den vier Winden zumal bestrichen
-wird, wie viele andere. Auf dem Glockenturm ist eine
-Wetterfahne in Gestalt eines Hahnes, die dreht sich auf ihren
-verrosteten Angeln nach allen Seiten. Das Kreischen dieser
-Angeln zeigt den armen Männern, so ihre Liebste verloren haben,
-den Weg an, den sie einschlagen müssen, um sie wiederzufinden.
-Aber zuvor muß jegliche Seite der Mauer siebenmal mit einer
-Haselrute geschlagen werden. Kreischen die Angeln, wenn der
-Wind von Norden kommt, so mußt Du nach jener Seite gehen;
-aber fürsichtig, denn Nordwind ist Kriegswind; wenn von Süden,
-geh frohgemut dorthin, das ist der Wind der Liebe. Kommt
-der Wind von Osten, so lauf in Trab, denn der bedeutet Frohsinn
-und Licht; von Westen / dann geh sacht, das ist der Wind des
-Regens und der Tränen. Geh, Lamm, geh nach Koelkerke und
-harre dort mein.“</p>
-
-<p>„Ich gehe hin,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>Und er fuhr im Wagen von dannen.</p>
-
-<p>Dieweil Lamm gen Koelkerke fuhr, jagte der starke, warme
-Wind die grauen Wolken gleich einer Schafherde über den Himmel
-hin. Die Bäume rauschten wie die Wogen eines brandenden
-Meeres. Ulenspiegel und Nele waren seit geraumer Zeit allein
-im Walde. Ulenspiegel hatte Hunger und Nele suchte wohlschmeckende
-Wurzeln und fand nur Küsse, die ihr Freund ihr gab,
-und Eicheln. Nachdem Ulenspiegel Schlingen aufgestellt hatte,
-pfiff er, um die Vögel zu locken, auf daß er die, welche hineingingen,
-briete. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter nahe
-zu Nele; sie wollte sie singen lassen und fing sie nicht. Eine Grasmücke
-kam, und sie hatte Mitleid mit ihr, weil sie so stolz war.
-Alsdann kam eine Lerche, aber Nele sprach zu ihr, daß sie besser
-täte, in Himmelshöhen der Natur ein Loblied zu singen, denn sich
-ungeschickt über der mörderischen Spitze eines Spießes abzuzappeln.
-Und sie redete wahr, maßen Ulenspiegel in der Zwischenzeit ein
-helles Feuer entzündet und einen Spieß geschnitzt hatte, der
-seiner Opfer harrte.</p>
-
-<p>Aber die Vögel kamen nicht mehr, es sei denn etliche bösen Raben,
-die sehr hoch ob ihren Häuptern krächzten.</p>
-
-<p>Und also aß Ulenspiegel nicht.</p>
-
-<p>Indessen mußte Nele fort und zu Katheline heimkehren.</p>
-
-<p>Sie wanderte weinend, und Ulenspiegel sah sie von ferne schreiten.
-Aber sie kehrte um, fiel ihm um den Hals und sprach:</p>
-
-<p>„Ich gehe von hinnen.“</p>
-
-<p>Alsdann tat sie etliche Schritte, kam wieder zurück und sagte
-abermals:</p>
-
-<p>„Ich gehe von hinnen.“</p>
-
-<p>Und so zwanzig Mal aufeinander und noch mehr.</p>
-
-<p>Dann ging sie fort, und Ulenspiegel blieb allein. Er machte sich
-alsbald auf den Weg, um Lamm einzuholen.</p>
-
-<p>Da er zu ihm stieß, fand er ihn unten am Turm sitzen, einen
-großen Krug Braunbier zwischen den Beinen und trübselig an
-einer Haselgerte kauend.</p>
-
-<p>„Ulenspiegel,“ sagte er, „ich vermeine, daß Du mich nur hierher
-geschickt hast, um mit dem Mägdlein allein zu bleiben. Ich habe
-siebenmal mit der Haselrute an jede Seite des Turmes geschlagen,
-wie Du mich geheißen, aber ob der Wind gleich wie ein Teufel
-bläst, haben die Angeln nicht gekreischt.“</p>
-
-<p>„Man wird sie ohne Zweifel geölt haben“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Dann machten sie sich auf nach dem Herzogtum Brabant.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>5</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>König Philipp, der finstere, kritzelte den ganzen Tag lang und
-selbst die Nacht ohne Rast noch Ruh und beschmierte Papiere
-und Pergamente. Ihnen vertraute er die Gedanken seines harten
-Herzens an. Da er sein Lebenlang keinen Menschen geliebt und
-wohl wußte, daß keiner ihn liebte, auch gewillt war, sein ungeheures
-Reich allein zu tragen, brach er, ein kläglicher Atlas, unter
-der Last zusammen. Trägen Blutes und trübsinnig, wie er
-war, zehrten seine übermäßigen Anstrengungen an seinem schwachen
-Körper. Voller Abscheu gegen jedes fröhliche Gesicht, haßte
-er unsere Lande ihres heiteren Sinnes halber, haßte unsere Kaufherren
-um ihrer Prachtliebe und ihres Reichtums willen, unsern
-Adel ob seiner freimütigen Reden, seines offenherzigen Gehabens
-und der strotzenden Kraft seines rechtschaffenen Frohsinns. Er
-wußte, denn man hatte es ihm gesagt, daß sich in unsern Landen
-die Empörung gegen den Papst und die römische Kirche in
-unterschiedlichen Sekten geoffenbart hatte und in allen Köpfen,
-gleich siedendem Wasser in einem geschlossenen Kessel war. Und
-dieses lange, ehe der Bischof van Cusa um das Jahr 1380 die
-Mißbräuche der Kirche angezeigt und die Notwendigkeit der
-Reformen gepredigt hatte. Gleich einem starrköpfigen Maultier
-glaubte er, daß sein Wille wie der Wille Gottes auf der ganzen Welt
-lasten müsse. Er wollte, daß unsere Länder, des Gehorchens entwöhnt,
-sich unter das alte Joch beugten, ohne irgend eine Reform
-zu erlangen. Er wollte Seine heilige Mutter Kirche katholisch,
-apostolisch und römisch haben, einig, ungeteilt und allgemein,
-ohne Neuerung noch Änderung, und hatte keinen andern Grund
-es zu wollen, als weil er es wollte. Auch hierin handelte er wie
-ein unvernünftiges Weib und wälzte sich nachts in seinem Bett
-wie auf einem Dornenlager, ohn Unterlaß von seinen Gedanken
-gepeinigt.</p>
-
-<p>„Ja, Sankt Philippus, ja Herr Gott, sollte ich auch aus den
-Niederlanden eine große Gruft machen und alle Einwohner
-hineinwerfen, so würden sie zu Euch, mein benedeiter Schutzpatron,
-und auch zu Euch, heilige Frau Maria, und zu Euch,
-Ihr heiligen Männer und Frauen des Paradieses, zurückkehren.“
-Und er versuchte zu tun, wie er gesagt, und also ward er römischer
-denn der Papst und katholischer denn die Konzile.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel und Lamm und das Volk Flanderns und der
-Niederlande glaubten voll Bängnis, in der Ferne, in dem düstern
-Palast von Eskurial, diese gekrönte Spinne zu sehen, so mit
-ihren langen Beinen und geöffneten Zangen ihr Netz spannte, um
-sie darein zu verstricken und ihnen ihr Herzblut auszusaugen.</p>
-
-<p>Ohngeachtet die päpstliche Inquisition unter Karls Regierung
-hunderttausend Christen durch Scheiterhaufen, Grube und
-Strang getötet hatte; ohngeachtet die Vermögen der armen Verurteilten
-in die Truhen des Kaisers und des Königs gelaufen
-waren, wie Regen in die Dachtraufe, vermeinte Philipp, daß
-solches nicht genug sei. Er drängte dem Lande neue Bischöfe auf
-und vermaß sich, die hispanische Inquisition dort einzuführen.</p>
-
-<p>Und die Herolde in den Städten lasen überall beim Schall der
-Trompeten und Schellentrommeln Edikte vor, so für alle Ketzer,
-Männer, Frauen und Jungfrauen bestimmten: den Feuerstod für
-die, so ihren Irrglauben nicht abschworen, den Tod durch den
-Strang für die, so widerriefen. Frauen und Jungfrauen sollten
-lebendig begraben werden, und der Henker sollte auf ihren Leibern
-tanzen.</p>
-
-<p>Und das Feuer des Aufstandes lief durch das ganze Land.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>6</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am fünften April vor Ostern traten die Herren Graf Ludwig von
-Nassau, von Kuilenburg, von Brederode, der herkulische Zecher,
-mit dreihundert andern Edelleuten in den Burghof zu Brüsselen
-zur Frau Herzogin Regentin von Parma. In Reihen zu Vieren
-stiegen sie die große Treppe des Palastes hinauf. Da sie in die
-Halle kamen, darin Ihre Hoheit verweilte, überreichten sie ihr
-eine Bittschrift. In selbiger baten sie sie, von König Philipp
-die Abschaffung der Verordnungen zu erlangen, so die Sache
-der Religion, desgleichen die hispanische Inquisition beträfen.
-Sie erklärten, daß in unseren unzufriedenen Ländern daraus
-nichts denn Unruhen, Trümmer und allgemeines Elend entstehen
-können.</p>
-
-<p>Und diese Bittschrift ward <em>der Kompromiß</em> genannt.</p>
-
-<p>Berlaymont, welcher nachmals so verräterisch und grausam gegen
-das Land seiner Väter war, stund neben Ihrer Hoheit und
-sagte zu ihr, der Armut von etlichen unter den edlen Verbündeten
-spottend:</p>
-
-<p>„Edle Herrin, fürchtet nichts, es sind nur Bettler.“</p>
-
-<p>Damit meinte er, daß diese Adligen sich in des Königs Dienst zugrunde
-gerichtet hätten oder vielmehr, indem sie es durch ihren
-Aufwand den spanischen Rittern gleichtun wollten.</p>
-
-<p>Um die Worte des Herrn von Berlaymont mit Verachtung zu
-strafen, erklärten die Ritter nachmals, „daß sie es sich zur Ehre
-anrechneten, für den Dienst des Königs und dieser Länder als
-Bettler (Geusen) erachtet und also geheißen zu werden.“</p>
-
-<p>Sie begannen, güldene Schaumünzen um den Hals zu tragen, die
-auf einer Seite des Königs Bildnis trugen und auf der andern
-zwei Hände, so sich um einen Bettelsack ineinander schlangen.
-Dazu die Worte: „Getreu dem König bis zum Bettelsack“. Auch
-trugen sie an ihren Hüten und Kappen güldne Kleinodien in Gestalt
-von Eßnäpfen und Bettlerhüten.</p>
-
-<p>Derweilen führte Lamm seinen Bauch durch die ganze Stadt,
-suchte sein Weib und fand es nicht.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>7</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel sprach eines Morgens zu ihm:</p>
-
-<p>„Folge mir nach. Wir wollen eine hohe, edle, mächtige und gefürchtete
-Person begrüßen.“</p>
-
-<p>„Wird sie mir sagen, wo mein Weib ist?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Wenn sie es weiß“, entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und sie begaben sich zu Brederode, dem herkulischen Zecher. Er
-stand im Hofe seines Palastes.</p>
-
-<p>„Was begehrst Du von mir?“ fragte er Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Mit Euch zu reden, edler Herr,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„So rede“, sprach dagegen Brederode.</p>
-
-<p>„Ihr seid,“ sagte Ulenspiegel, „ein schöner, kühner und starker
-Ritter. Einstmals erdrücktet ihr einen Franzosen in seinem Panzer
-wie ein Muscheltier in seiner Schale. Aber wie Ihr stark und
-kühn seid, so seid Ihr auch klug. Warum tragt Ihr denn diese
-Schaumünze, auf der ich lese: „Getreu dem König bis zum Bettelsack?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Lamm, „warum also, edler Herr?“</p>
-
-<p>Aber Brederode antwortete ihm nicht, sondern schaute Ulenspiegel
-an. Dieser redete weiter und sprach:</p>
-
-<p>„Warum wollt Ihr edlen Herren dem König bis zum Bettelsack
-treu sein? Ist es, dieweil er Euch so gar wohl will, oder der
-schönen Freundschaft halber, die er für Euch hegt? Was schaffet
-Ihr nicht, daß der Henker, seiner Länder beraubt, allzeit dem
-Bettelsack getreu sei, anstatt daß Ihr ihm bis zum Bettelsack getreu
-seid?“</p>
-
-<p>Und Lamm nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Zustimmung.</p>
-
-<p>Brederode schaute Ulenspiegel mit seinem durchdringenden
-Blick an und lächelte, da er sein gutes Gesicht sah.</p>
-
-<p>„So Du nicht ein Spion des Königs Philipp bist, bist Du ein
-guter Vlamländer, und ich will Dich für beide Fälle belohnen.“</p>
-
-<p>Er führte ihn in sein Speisezimmer, und Lamm folgte ihnen.
-Daselbst zerrte er ihn am Ohr bis aufs Blut.</p>
-
-<p>„Das ist“, sagte er, „für den Spion.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel schrie nicht.</p>
-
-<p>„Bringe den Kessel mit Zimmetwein“, sprach er zu seinem Kellermeister.</p>
-
-<p>Der Kellermeister brachte den Kessel herbei und einen großen
-Humpen mit Glühwein, der die Luft mit Wohlgeruch erfüllte.</p>
-
-<p>„Trink,“ sprach Brederode, „dies ist für den guten Vlamländer.“</p>
-
-<p>„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „das ist ein guter Vlamländer, der
-spricht eine zimmetgewürzte Sprache, die Heiligen sprechen keine
-bessere.“</p>
-
-<p>Nachdem er die Hälfte des Weins getrunken, reichte er Lamm
-die andere.</p>
-
-<p>„Wer ist dieser dickwanstige Freßsack, der belohnt wird, ohne daß
-er etwas getan hat?“ fragte Brederode.</p>
-
-<p>„Das ist mein Freund Lamm,“ versetzte Ulenspiegel, „der allemal,
-wenn er Glühwein trinkt, sich einbildet, daß er sein Weib wiederfinden
-wird.“</p>
-
-<p>„So ist’s“, sprach Lamm, der mit großer Andacht den Wein aus
-dem Humpen schlürfte.</p>
-
-<p>„Wohin geht Ihr jetzo?“ fragte Brederode.</p>
-
-<p>„Wir sind auf der Suche nach den Sieben, die das Land Flandern
-retten werden.“</p>
-
-<p>„Welche Sieben?“ fragte Brederode.</p>
-
-<p>„Wenn ich sie gefunden habe, werde ich Euch sagen, wer sie sind,“
-antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Aber Lamm, guter Dinge, dieweil er getrunken hatte, sagte:</p>
-
-<p>„Tyll, wenn wir mein Weib auf dem Mond suchten?“</p>
-
-<p>„Bestell die Leiter“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Im Mai, dem grünen Monat, sagte Ulenspiegel zu Lamm:</p>
-
-<p>„Nun haben wir den schönen Maimond. Ei, der klare blaue
-Himmel, die fröhlichen Schwalben. Siehe, die Zweige sind heiß
-von Saft, das Land ist voller Liebe, das ist der Augenblick, um
-des Glaubens willen zu henken und zu brennen. Sie sind da, die
-guten kleinen Inquisitoren. Welch edle Gesichter! Sie haben
-jegliche Gewalt, zu züchtigen, zu strafen, abzusetzen und den
-weltlichen Richtern zu überantworten, auch ihre Gefängnisse zu benutzen.
-/ Ei, der schöne Maimond! / Sie können gefangen nehmen,
-Prozesse führen, ohne sich der gewöhnlichen Form der Justiz zu
-bedienen, können brennen, henken, enthaupten und für die armen
-Frauen und Jungfrauen die Grube des vorzeitigen Todes graben.
-/ Die Finken singen in den Bäumen. Die guten Inquisitoren
-haben ein Auge auf die Reichen. Und der König wird erben.
-Auf, ihr Mägdlein, tanzet auf der Wiese beim Schall von Dudelsack
-und Schalmei. O, der Wonnemond!“</p>
-
-<p>Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.</p>
-
-<p>„Laß uns gehen,“ sprach er zu Lamm. „Glücklich, die den Mut
-aufrecht und den Degen hoch halten in den düstren Tagen, die
-da kommen werden.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>8</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Eines Tages im Augustmonat ging Ulenspiegel in der flandrischen
-Straße zu Brüssel vor dem Hause von Jan Potztausend vorbei,
-welcher also genannt ward, weil sein väterlicher Großvater im
-Zorn so zu fluchen pflegte, um nicht den allerheiligsten Namen
-Gottes zu lästern. Besagter Potztausend war seines Zeichens
-Sticker; aber da er durch unmäßiges Trinken taub und blind geworden,
-stickte sein Weib, eine alte Gevatterin mit mürrischer
-Miene, an seiner Statt die Röcke, Wämser, Mäntel und
-Schuhe der Herren. Ihr hübsches Töchterlein half ihr bei dieser
-einträglichen Arbeit.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel zur Dämmerstunde vor sotanem Hause vorüberging,
-sah er das Mägdlein am Fenster und hörte es rufen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Erntemond, Erntemond,</div>
- <div class="verse indent0">Sag an, holder Mond,</div>
- <div class="verse indent0">Wer wird mich freien,</div>
- <div class="verse indent0">Sag an, lieber Mond?“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ich,“ sprach Ulenspiegel, „so Du willst.“</p>
-
-<p>„Du?“ fragte sie. „Komm näher, daß ich Dich betrachte.“</p>
-
-<p>Aber er:</p>
-
-<p>„Wie kommt’s, daß Du im Augustmond rufst, und daß die Brabanter
-Mägdlein am Vorabend des März rufen?“</p>
-
-<p>„Die,“ sagte sie, „haben nur einen Monat, ihnen einen Mann zu
-bescheren, ich habe deren zwölf. Am Vorabend eines jeden / nicht
-um Mitternacht, sondern in den sechs Stunden vor Mitternacht
-/ springe ich aus meinem Bett, mache drei Schritte rückwärts gegen
-das Fenster und rufe, was Dir bekannt ist. Dann kehre ich um
-und mache drei Schritte rückwärts gegen das Bett, und um
-Mitternacht leg ich mich nieder, schlafe ein und träume von dem
-Mann, den ich bekommen werde. Aber die Monate, die lieben
-Monate, sind von Natur schlimme Spötter, und so träume ich
-nicht mehr von einem Mann, sondern von zwölfen auf einmal:
-Du wirst der dreizehnte sein, wenn Du willst.“</p>
-
-<p>„Die andern möchten eifersüchtig werden,“ antwortete Ulenspiegel.
-„Du rufst auch: Erlösung?“</p>
-
-<p>Das Mägdlein errötete und gab zur Antwort:</p>
-
-<p>„Ich rufe Erlösung und weiß, was ich begehre.“</p>
-
-<p>„Ich weiß es gleichfalls und bringe es Dir.“</p>
-
-<p>„Du mußt warten,“ sagte sie lächelnd und zeigte ihre weißen
-Zähne.</p>
-
-<p>„Warten?“ sagte Ulenspiegel, „nein! Ein Haus kann mir auf
-den Kopf fallen, ein Windstoß mich in einen Graben werfen, ein
-toller Köter mich ins Bein beißen; nein, ich werde nicht warten.“</p>
-
-<p>„Ich bin zu jung,“ sprach sie, „und rufe nur, weil es Brauch
-ist.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ward argwöhnisch, gedenkend, daß die Brabanter
-Jungfrauen am Vorabend des März und nicht im Erntemond
-nach einem Manne rufen.</p>
-
-<p>Sie sagte lächelnd:</p>
-
-<p>„Ich bin zu jung und rufe nur, weil es Brauch ist.“</p>
-
-<p>„Willst Du warten, bis Du zu alt bist?“ erwiderte Ulenspiegel.
-„Das ist eine schlechte Rechenkunst. Ich habe nimmer einen so
-runden Hals und weiße Brüste gesehen, Brüste einer Vlamländerin,
-voll der guten Milch, die Männer macht.“</p>
-
-<p>„Voll? noch nicht, voreiliger Wanderer“, sagte sie.</p>
-
-<p>„Warten“, wiederholte Ulenspiegel. „Soll ich etwa keine Zähne
-mehr haben, um Dich, Holde, ganz roh zu verschlingen? Du
-antwortest nicht, Du lächelst mit Deinen klaren, braunen Augen
-und Deinem kirschroten Mündlein.“</p>
-
-<p>Das Mägdlein sah ihn listig an:</p>
-
-<p>„Warum liebst Du mich so schnell? Welch Handwerk treibst Du?
-Bist Du ein Bettler, bist Du reich?“</p>
-
-<p>„Ich bin ein Bettler und auch reich, so Du mir Deinen reizenden
-Leib gibst.“</p>
-
-<p>Sie entgegnete:</p>
-
-<p>„Nicht das will ich wissen. Gehest Du zur Messe? Bist Du ein
-guter Christ? Wo wohnest Du? Würdest Du zu sagen wagen,
-daß Du ein Bettler, ein Geuse, ein wirklicher Geuse bist, der sich
-wider die Dekrete und die Inquisition auflehnt?“</p>
-
-<p>Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.</p>
-
-<p>„Ich bin ein Geuse,“ sagte er, „und will die Unterdrücker der
-Niederlande tot und von den Würmern gefressen sehen. Du schaust
-mich an, Geliebte. Das Feuer der Liebe, das für dich, Holde,
-brennt, ist das Feuer der Jugend, Gott entzündete es, es flammet,
-wie die Sonne leuchtet, bis daß es erlischt. Aber das Feuer der
-Rache, so in meinem Herzen glimmt, hat Gott gleichermaßen entzündet.
-Es wird Schwert, Feuer, Strang, Feuersbrunst, Verwüstung,
-Krieg und Untergang der Henker sein.“</p>
-
-<p>„Du bist schön,“ sprach sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen;
-„aber schweige.“</p>
-
-<p>„Warum weinest Du?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Du mußt hier und wo immer Du bist, acht geben“, sagte sie.</p>
-
-<p>„Haben diese Wände Ohren?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Sie haben nur die meinen“, sprach sie.</p>
-
-<p>„Von Amor gemeißelt, ich schließe sie mit einem Kuß.“</p>
-
-<p>„Törichter Freund, hör mich an, wenn ich spreche.“</p>
-
-<p>„Warum? Was hast Du mir zu sagen?“</p>
-
-<p>„Hör mich an,“ sprach sie voll Ungeduld. „Da kommt meine
-Mutter ... Schweige, schweige sonderlich vor ihr ...“</p>
-
-<p>Die alte Potztausend kam herein. Ulenspiegel sprach zu sich, indem
-er sie betrachtete:</p>
-
-<p>„Ein Gesicht, wie ein Schaumlöffel durchlöchert, Augen mit
-hartem und falschem Blick, ein Mund, der lachen will, und Fratzen,
-Ihr macht mich neugierig.“</p>
-
-<p>„Gott sei mit Euch, Herr, mit Euch immerdar“, sagte die Alte.
-„Ich habe Geld empfangen, Töchterlein, schönes Geld vom Herrn
-van Egmont, da ich ihm seinen Mantel brachte, auf den ich die
-Narrenkappe gestickt hatte. Ja, Herr, eine Narrenkappe wider
-den Roten Hund.“</p>
-
-<p>„Den Kardinal von Granvella?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ja“, sagte sie, „wider den Roten Hund. Man sagt, daß er dem
-König ihre Anschläge hinterbringt; sie wollen ihn umbringen.
-Sie haben recht, ist es nicht so?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete nicht.</p>
-
-<p>„Ihr sahet sie nicht auf den Straßen mit einem Wams und einem
-grauen Oberkleid, wie das Volk es trägt, mit langen, hängenden
-Aermeln und Mönchskapuzen und auf all den grauen Oberkleidern
-die gestickte Narrenkappe. Ich habe ihrer zum mindesten
-siebenundzwanzig gemacht und mein Töchterlein fünfzehn. Das
-erboste den Roten Hund, diese Kappen zu sehen.“</p>
-
-<p>Dann flüsterte sie Ulenspiegel ins Ohr:</p>
-
-<p>„Ich weiß, daß die Herren beschlossen haben, die Kappe durch ein
-Aehrenbündel zu ersetzen, zum Zeichen der Einigkeit. Ja, ja sie
-wollen wider König und Inquisition kämpfen. Sie tun wohl
-daran, nicht so, Herr?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete nicht.</p>
-
-<p>„Der fremde Herr braut Trübsal,“ sagte die Alte. „Sein Schnabel
-ist mit einem Mal zu.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ließ kein Wort fallen und ging.</p>
-
-<p>Alsbald kehrte er in eine Musikschenke ein, um das Trinken nicht
-zu vergessen. Die Schenke war voll von Zechern, die sprachen
-ohne alle Fürsicht vom König, den verhaßten Dekreten, der Inquisition
-und dem Roten Hund, so gezwungen werden müßte, das
-Land zu verlassen. Da sah er die Alte ganz zerlumpt und dem
-Anschein nach schlafend bei einem Schöpplein Branntwein. Also
-verharrte sie eine lange Weile, dann zog sie einen kleinen Teller
-aus ihrer Tasche, und er sah sie unter den Zechern betteln, sonderlich
-bei denen, so am unfürsichtigsten redeten.</p>
-
-<p>Und die guten Tröpfe gaben ihr Gülden, Heller und Pfennige,
-ohne zu knausern.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, verhoffend, daß er von dem Mägdlein erfahren würde,
-was ihm die alte Potztausend nicht sagte, ging wiederum vor das
-Haus und erblickte das Mägdlein, das nicht mehr rief, sondern
-ihm zulächelte und süß verheißend mit den Augen zwinkerte.</p>
-
-<p>Die Alte kehrte unversehens heim.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, erbost sie zu sehen, rannte wie ein Hirsch durch die
-Gasse und schrie: „Es brennt, es brennt“, bis er vor dem Hause
-des Bäckers Jakob Pietersen angelangt war. Die Fensterscheiben
-waren nach deutscher Art und flammten rot in der untergehenden
-Sonne. Ein dicker Rauch von Scheiten, so im Backofen zu Kohle
-wurden, entstieg der Esse der Bäckerei. Ulenspiegel rannte unaufhörlich
-und schrie: „Es brennt, es brennt“, und zeigte auf
-Jakob Pietersens Haus. Die Menge sammelte sich davor, sah
-die roten Fensterscheiben und den dicken Rauch und schrie gleich
-wie Ulenspiegel: „Es brennt, es brennt“. Der Wächter Unserer
-lieben Frau von der Kapellen stieß ins Horn, dieweil der Küster aus
-Leibeskräften die Feuerglocke, „Wacharm“ genannt, läutete. Und
-die Büblein und Dirnlein liefen pfeifend und singend in Schwärmen
-herzu.</p>
-
-<p>Da Glocke und Trompete immerwährend erschallten, schnürte die
-alte Potztausend ihr Bündel und ging von dannen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel erspähte sie. Als sie fern war, trat er ins Haus.</p>
-
-<p>„Du hier,“ sagte das Mägdlein, „so brennt es dorten nicht?“</p>
-
-<p>„Da? nein“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Aber die Glocke, die läutet?“</p>
-
-<p>„Sie weiß nicht, was sie tut“, antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Und diese klägliche Trompete und all das rennende Volk?“</p>
-
-<p>„Die Zahl der Narren ist unendlich.“</p>
-
-<p>„Was brennt denn?“</p>
-
-<p>„Deine Augen und mein entflammtes Herz“, erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und er flog an ihren Mund.</p>
-
-<p>„Du issest mich auf“, sagte sie.</p>
-
-<p>„Ich habe die Kirschen gern“, sagte er.</p>
-
-<p>Sie blickte ihn lächelnd und betrübt an. Plötzlich sagte sie weinend:
-„Komm nicht mehr hierher. Du bist ein Geuse und Feind des
-Papstes, komme nicht wieder ...“</p>
-
-<p>„Deine Mutter!“ sagte er.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach sie errötend. „Weißt Du, wo sie zur Stunde ist?
-Sie horcht da, wo es brennt. Weißt Du, wohin sie alsbald gehen
-wird? Zum Roten Hund, um alles zu berichten, was sie weiß, und
-dem Herzog, der da kommen wird, das Werk zu bereiten. Flieh,
-Ulenspiegel, ich rette Dich, flieh. Noch einen Kuß, aber komm
-nicht wieder; noch einen, Du bist schön, ich weine / aber geh.“</p>
-
-<p>„Wackeres Mägdlein“, sprach Ulenspiegel und hielt sie umfangen.</p>
-
-<p>„Ich war es nicht allezeit,“ sagte sie. „Ich war wie sie ...“</p>
-
-<p>„Dies Singen,“ sagte er „diese stummen Rufe der Schönheit
-für verliebte Männer?“ ...</p>
-
-<p>„Ja“, sprach sie. „Meine Mutter wollt’ es so. Dich rette ich,
-denn ich liebe Dich inniglich. Die andern werde ich Dir zum Andenken
-retten, mein Geliebter. Wenn du ferne sein wirst, wird
-dich dein Herz zu dem reuigen Mädchen ziehen? Küß mich, Herzliebster.
-Es wird nimmermehr um Geld Opfer zum Scheiterhaufen
-liefern. Geh; nein, verweile noch. Wie weich deine Hand
-ist. Halt, ich küsse deine Hand, das ist das Zeichen der Knechtschaft.
-Du bist mein Herr. Horch, komm näher, aber schweige.
-Diese Nacht sind Männer ins Haus gekommen, Lumpen und Spitzbuben,
-einer nach dem andern, und unter ihnen ein Italiener.
-Meine Mutter hieß sie, in das Gemach eintreten, in dem du jetzo
-bist, befahl mir herauszugehen und schloß die Türe. Ich hörte
-diese Worte „Steinernes Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession,
-Antwerpen, Unsere liebe Frau ...“ ersticktes Gelächter
-und das Klimpern von Gülden, so auf den Tisch gezählt wurden.
-... Flieh, da sind sie; flieh, mein Geliebter. Halt mich in liebem
-Gedenken; flieh!“ ...</p>
-
-<p>Ulenspiegel lief, wie sie ihn hieß, bis „<span class="antiqua">In den ouden Haen</span>“ und
-fand allda Lamm, welcher Trübsal braute, eine Wurst knabberte
-und seine siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte.</p>
-
-<p>Und er zwang ihn, gleich ihm zu laufen, ohngeachtet seines Bauches.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>9</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Dieweil er so im Schnelltrabe rannte und Lamm hintendrein, fand
-er in der Eikenstraat ein boshaftes Pasquill gegen Brederode. Er
-brachte es ihm geradenwegs.</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ sagte er, „ich bin jener gute Vlämländer und
-jener Spion des Königs, dem Ihr so trefflich die Ohren riebt und
-dem Ihr so guten Glühwein zu trinken gabt. Er bringt Euch ein
-artiges, kleines Pamphlet, in dem man Euch unter anderm beschuldigt,
-Euch Graf von Holland zu titulieren wie der König.
-Es kommt frisch aus der Druckerpresse von Jan Lügenbold, der
-am Damm der Taugenichtse in der Sackgasse der Ehrabschneider
-wohnt.“</p>
-
-<p>Brederode erwiderte ihm mit Lächeln:</p>
-
-<p>„Ich werde dich während zweier Stunden peitschen lassen, so Du
-mir nicht den wahren Namen des Skribenten sagst.“</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „lasset mich zwei Jahre
-lang peitschen, wenn Ihr wollet; aber Ihr könnet meinen Rücken
-nicht zwingen auszusagen, was mein Mund nicht weiß.“</p>
-
-<p>Und er ging fürbaß, nicht ohne einen Gulden für seine Mühe erhalten
-zu haben.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>10</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Seit Juni, dem Rosenmond, hatten im Lande Flandern die Predigten
-begonnen.</p>
-
-<p>Und die Apostel der ursprünglichen christlichen Kirche predigten
-aller Orten, auf Feldern und in Gärten, auf den Hügeln, die zur
-Zeit der Überschwemmung als Zuflucht für das Vieh dienen, und
-auf den Flüssen in Barken.</p>
-
-<p>Zu Lande verschanzten sie sich wie in einem Lager, indem sie sich
-mit ihren Wagen umgaben. Auf den Flüssen oder in den Häfen
-hielten Kähne mit Gewaffneten Wacht um sie her. Und in den
-Lagern beschirmten Musketiere und Scharfschützen sie vor den
-Überfällen des Feindes. Und also ward das Wort der Freiheit
-aller Orten auf der heimischen Erde vernommen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>11</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel und Lamm mit ihrem Wagen nach Brügge kamen
-und ihn in einen Nachbarhof einstellten, traten sie nicht in eine
-Schenke, sondern in die Kirche des Heiligen Erlösers, sintemalen
-in ihren Säckeln kein lustig Geldklingeln mehr zu hören war.</p>
-
-<p>Pater Cornelis Adriaensen, ein Minoritenbruder, ein schmutziger,
-schamloser, wütender, keifender Predikant, ereiferte sich an
-jenem Tage auf der Kanzel der Wahrheit. Junge, schöne andächtige
-Frauen drängten sich um ihn. Pater Cornelis redete von
-der Passion. Und als er bei der Stelle des Heiligen Evangelii
-war, da die Juden, vom Herrn Jesu sprechend, Pilato zuschreien:
-„Kreuzige ihn, kreuzige ihn, denn wir haben ein Gesetz, und nach
-dem Gesetz muß er sterben!“ rief Bruder Cornelis aus:</p>
-
-<p>„Ihr habt es gehört, Ihr guten Leute. Wenn unser Herr Jesus
-Christus einen schrecklichen, schmählichen Tod erlitten hat, so ist
-das geschehen, weil es allezeit Gesetze gab, um die Ketzer zu
-strafen. Er wurde zu Recht verurteilt, weil er den Gesetzen nicht
-gehorcht hatte. Und jetzt wollen sie die Edikte und Dekrete für
-nichts achten! Ach, Jesus, welchen Fluch willst du auf diese
-Lande fallen lassen! Hochwürdige Mutter Gottes, wenn Kaiser
-Karl noch am Leben wäre und das Ärgernis dieser edlen Verbündeten
-sehen könnte. Sie haben gewagt, der Regentin eine Bittschrift
-wider die Inquisition zu überreichen, und wider die Dekrete,
-so zu einem so guten Zweck gemacht sind, so reiflich bedacht und
-nach so langen und klugen Erwägungen verfaßt, um alle Sekten
-und Ketzereien zu vernichten! Und wo sie nötiger sind als Brot
-und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In welchen stinkenden,
-eklen, scheußlichen Abgrund stürzt man uns jetzo? Luther,
-dieser schmutzige Luther, dieser tolle Ochs, triumphiert in Sachsen,
-Braunschweig, Lüneburg, Mecklenburg. Brentius, der kotige
-Brentius, der in Deutschland von Eicheln lebte, so die Schweine
-nicht mochten, Brentius triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige
-Servet, der ein Mondviertel im Kopf hatte, der Antitrinitarier
-Servet regiert in Pommern, Dänemark und Schweden,
-und allda wagt er die heilige, glorreiche und mächtige Dreieinigkeit
-zu lästern. Aber man hat mir gesagt, daß er durch Calvin,
-der nur hierin gut war, lebendig verbrannt worden ist; ja, durch
-den stinkenden Calvin, der sauer riecht, mit seiner Schnauze,
-so lang wie ein Schlauch, mit seinen Käsegesicht und Zähnen so
-groß wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen sich untereinander;
-jawohl, dieser Ochs Luther, dieser tolle Ochs, wappnete
-die deutschen Fürsten wider den Wiedertäufer Münzer, der
-ein Biedermann war, wie man sagt, und nach dem Evangelio
-lebte. Und durch ganz Deutschland hat man das Brüllen dieses
-Ochsen gehört, ja!</p>
-
-<p>„Und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland,
-Seeland? Adamiten, so ganz nackend auf den Gassen laufen.
-Ja, Ihr guten Leute, ganz nackend auf den Gassen, und zeigen
-den Vorbeigehenden ohne Scham ihr mageres Fleisch. Ihr sagt,
-es war nur einer. Ja / zugegeben, einer gilt so viel wie hundert,
-hundert wie einer. Und er wurde verbrannt, sagt ihr, lebendig
-verbrannt auf die Bitte der Calvinisten und Lutheraner. Diese
-Wölfe fressen sich untereinander, sage ich Euch!</p>
-
-<p>„Jawohl, was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland,
-Seeland? Freidenker, die da lehren, daß jede Knechtschaft
-dem Worte Gottes zuwider sei. Sie lügen, die stinkenden Ketzer,
-man muß sich der heiligen römischen Mutter Kirche unterwerfen.
-Und in dieser verfluchten Stadt Antwerpen, dem Stelldichein der
-ganzen ketzerischen Hundebrut der Welt, haben sie zu predigen gewagt,
-daß wir die Hostie mit Hundefett backen lassen. Ein andrer
-sagt / es ist jener Geuse, der dort an der Straßenecke auf dem
-Nachttopf sitzt / „Es ist kein Gott, noch ewiges Leben, noch Auferstehung
-des Fleisches, noch ewige Verdammnis.“ / „Man kann
-ohne Salz, ohne Schweineschmalz, ohne Speichel, ohne Teufelaustreibung
-und Kerze taufen“, sagt ein anderer da unten mit heuleriger
-Stimme. / „Es gibt kein Fegefeuer“, sagt ein andrer mit
-kläglicher Stimme. „Kein Fegefeuer, Ihr guten Leute! Wehe,
-Euch wäre besser, mit Euren Müttern, Schwestern und Töchtern
-gesündigt zu haben, denn am Fegefeuer zu zweifeln!“</p>
-
-<p>„Jawohl, sie rümpfen die Nase vor dem Inquisitor, dem heiligen
-Manne. Sie sind unweit von hier nach Belem gezogen, an
-viertausend Calvinisten, mit Gewappneten, Bannern und Trommeln.
-Jawohl, und Ihr riechet von hier den Dunst ihrer
-Speisen. Sie haben die Kirche Sankt Katholyne in Besitz genommen,
-um sie zu entehren, zu entweihen, zu entheiligen durch
-ihr verfluchtes Gepredige.</p>
-
-<p>„Was soll diese gottlose und schändliche Duldsamkeit? Bei
-den tausend Teufeln der Hölle, warum nehmet Ihr nicht auch
-die Waffen zur Hand, Ihr katholischen Rüden? Ihr habet gleich
-den verdammten Calvinisten Kürasse, Lanzen, Hellebarden,
-Degen, Schwerter, Armbrüste, Messer, Knüttel, Spieße und die
-Bombarden und Feldschlangen der Stadt.</p>
-
-<p>„Sie sind friedfertig, saget ihr; sie wollen in aller Freiheit und
-Ruhe das Wort Gottes hören. Das ist mir ganz eins. Hinaus aus
-Brügge! Jaget, tötet, werfet mir alle diese Calvinisten aus
-der Kirche. Ihr seid noch nicht fort! Pfui, über Euch! Ihr
-seid Hühner, die auf ihrem Misthaufen zittern. Ich sehe schon
-den Augenblick, da diese verdammten Calvinisten auf dem Bauch
-Eurer Weiber und Töchter die Trommel schlagen, und Ihr lasset
-sie, Ihr Männer von Werg und Teig. Gehet ja nicht dahin, mitnichten!
-Ihr würdet in der Schlacht Eure Hosen naß machen.
-Pfui über Euch Brügger, pfui, Ihr Katholiken! Das heißt
-gut katholisch sein, Ihr feigen Memmen! Schande über
-Euch, Ihr Enten und Enteriche, Gänse und Truthähne, die Ihr
-seid!</p>
-
-<p>„Ei, sind es nicht schöne Prediger, daß Ihr so in Haufen zu
-Ihnen gehet, die Lügen anzuhören, die sie ausspeien, daß Eure
-Töchter des Nachts zu ihren Predigten gehen, auf daß in neun
-Monden die Stadt voll kleiner Geusen und Geusinnen sei? Es
-waren ihrer vier, vier schändliche Taugenichtse, so auf dem
-Kirchhof gepredigt haben. Der erste dieser Hallunken, bleich
-und mager, trug einen schmutzigen Hut auf dem Kopfe. Dank
-dem Hut sah man seine Ohren nicht. Wer unter Euch hat die
-Ohren eines der Prediger gesehen? Er war ohne Hemd, denn seine
-bloßen Arme schauten ohne Linnen aus dem Wams heraus. Ich
-hab es wohl gesehen, ohngeachtet er sich mit einem schmutzigen
-Mäntelchen bedecken wollte, und in seinen Hosen von schwarzem
-Leinen und durchscheinend wie die Turmspitze von Unsrer lieben
-Frau zu Antwerpen, sah ich seine Naturglocken und seinen Klöppel.
-Der andere böse Bube predigte im Wams ohne Schuhe.
-Keiner hat seine Ohren gesehen. Er mußte in seinem Gepredige
-innehalten, und die Knaben und Mägdlein höhnten ihn und
-schrien: „Huh, huh, er weiß seine Lektion nicht.“ Der dritte
-dieser schändlichen Buben trug ein schmutziges Hütlein mit einer
-winzigen Feder darauf. Seine Ohren waren auch nicht zu
-sehen. Der vierte Taugenichts, Hermanus, der besser ausstaffiert
-war als die andern, muß an der Schulter zweimal durch
-den Henker gebrandmarkt sein, jawohl.</p>
-
-<p>„Sie tragen alle unter ihrem Hut schmierige, seidene Mützen, so
-ihre Ohren verbergen. Sahet Ihr die Ohren eines der Prediger?
-Wer von diesen Lumpen wagte seine Ohren zu zeigen? Ohren,
-ha, ha, seine Ohren zeigen: sie sind ihnen abgeschnitten. Jawohl,
-der Henker hat ihnen allen die Ohren abgeschnitten. Und
-doch scharte sich der Pöbel um die schändlichen Schufte, diese
-Beutelschneider, diese Schuhflicker, die von ihren Schemeln
-weggelaufen sind, diese predigenden Lumpen, und rief: „Es lebe
-der Geuse!“ gleich als wären sie allzumal rasend, trunken oder
-toll gewesen.</p>
-
-<p>„Wehe! Uns armen, römischen Katholiken bleibt nichts denn die
-Niederlande zu verlassen, sintemalen man hier das Geschrei duldet:
-„Es lebe der Geuse! Es lebe der Geuse.“ Welch ein verwünschter
-Mühlstein ist diesem verhexten und dummen Volk auf
-den Kopf gefallen, oh Jesus! Reich und Arm, Adlig und Unadlig,
-Jung und Alt, Männer und Frauen schreien: „Es lebe der
-Geuse“!</p>
-
-<p>„Und was sind diese Herren, all diese schäbigen Lederhosen, so
-uns von Deutschland gekommen sind? All ihr Hab’ und Gut
-ist zu den Dirnen gegangen, in Krimpelspiel, Schleckereien, Gelagen,
-Völlerei, Ausschweifung und mancherlei Schändlichkeit,
-Götzendienst der Würfel und Triumph der Putzsucht. Sie haben
-nicht einen verrosteten Nagel, sich zu kratzen, wo es sie juckt.
-Darum brauchen sie die Güter der Kirchen und Klöster.</p>
-
-<p>„Und auf ihrem Bankett bei dem Schelm von Kuilenburg mit
-dem andern Schelm von Brederode haben sie aus hölzernen
-Näpfen getrunken, Herrn von Berlaymont und Ihro Gnaden
-der Frau Regentin zum Trotz. Jawohl, und haben gerufen: „Es
-lebe der Geuse!“ Ach, wenn ich der liebe Gott währe, ich hätte,
-mit Respekt zu vermelden, ihr Getränk, ob Bier oder Wein, in ein
-schmutziges, abscheuliches Spülicht verwandelt, ja in schmutziges,
-scheußliches, stinkendes Waschwasser, darin sie ihre kotigen Hemden
-und Laken gewaschen hätten.</p>
-
-<p>„Ja, schreit, Ihr Esel, die Ihr seid, schreit nur: „Es lebe der
-Geuse!“ Ich bin ein Prophet. Und alle Verwünschungen, alle
-Not, Fieber, Pestilenz, Brand, Trümmer, Verwüstung, Krebs,
-englisches Schweißfieber und schwarzer Tod werden über die
-Niederlande kommen. Und also wird Gott für Euer ekles Geplärr:
-„Es lebe der Geuse!“ gerächt werden. Und von Euren
-Häusern wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben und nicht
-ein Stück Knochen von Euren verdammten Beinen, die zu dieser
-verfluchten Calvinisterei und Predigerei laufen. Also geschehe es,
-geschehe es, geschehe es, Amen.“</p>
-
-<p>„Laß uns gehen, mein Sohn“, sprach Ulenspiegel zu Lamm.</p>
-
-<p>„Sogleich“, sagte Lamm.</p>
-
-<p>Und er suchte seine Frau unter den jungen, schönen, andächtigen
-Frauen, die der Predigt beiwohnten, aber er fand sie nicht.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>12</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser)
-genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und
-Wysneusen (Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der
-Mindesten heiße<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>. Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand
-des Wassers und sahen unter den Bäumen, deren Laubwerk wie
-ein niedrig Gewölbe bis auf ihre Köpfe hing, Männer und
-Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie trugen
-Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten
-Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen
-nichts in dieser Welt denn sich selbst.</p>
-
-<p>Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem
-traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“</p>
-
-<p>Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten
-Pärlein.</p>
-
-<p>„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just
-solchen, die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der
-Gräben ausstrecken, trugen wir unsre Liebe zur Schau.“</p>
-
-<p>„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben
-auf dem Boden eines Maßkruges finden.“</p>
-
-<p>„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die
-Sieben Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche
-des heiligen Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in
-irgend einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und
-eine artige Wirtin finden möchten und sagte wiederum:</p>
-
-<p>„Laß uns trinken gehen.“</p>
-
-<p>Aber Lamm hörte ihn nicht und sprach, indem er den Turm der
-Liebfrauenkirche betrachtete:</p>
-
-<p>„Heilige Frau Maria, Schutzpatronin der erlaubten Liebe, gib,
-daß ich noch einmal ihren weißen Busen, das weiche Schlummerkissen
-sehe.“</p>
-
-<p>„Komm trinken“, sagte Ulenspiegel. „Du wirst sie finden, wie
-sie ihn in einer Schenke den Zechern zeigt.“</p>
-
-<p>„Wagst Du so schlecht von ihr zu denken?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Laß uns trinken gehen,“ sagte Ulenspiegel, „sie ist ohne Zweifel
-irgendwo Wirtin.“</p>
-
-<p>„So redet der Durst“, sagte Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel redete weiter:</p>
-
-<p>„Vielleicht hat sie für die armen Wanderer eine Schüssel schönen
-gedämpften Ochsenfleisches aufgehoben, dessen Gewürze die Luft
-mit Duft erfüllen, nicht zu fett, zart und saftig wie Rosenblätter,
-und gleich Fastnachtsfischen zwischen Nelken, Muskat,
-Hahnenkämmen, Kalbsmilch und andern himmlischen Leckerbissen
-schwimmend.“</p>
-
-<p>„Du Boshafter“, sagte Lamm, „Du willst mich gewißlich umbringen.
-Weißt Du nicht, daß wir seit zwei Tagen nur von trocknem
-Brot und Dünnbier leben?“</p>
-
-<p>„Der Hunger redet aus Dir,“ versetzte Ulenspiegel. „Du weinst
-vor Begierde, komm essen und trinken. Ich habe da einen hübschen
-halben Gülden, der wird die Kosten unseres Schmauses
-decken.“</p>
-
-<p>Lamm lachte. Sie holten ihren Wagen und fuhren also durch die
-Stadt und suchten nach der besten Herberge. Aber sie erblickten
-etliche Gesichter von Wirten, die mürrisch, und Wirtinnen, die
-gar wenig mitleidig aussahen, und fuhren vorbei, denn sie gedachten,
-daß eine saure Miene ein schlechtes Aushängeschild für
-gastliche Küche sei.</p>
-
-<p>So gelangten sie zum Samstagsmarkt und kehrten in den Gasthof
-„Zur Blauen Laterne“ ein. Da war ein Wirt von guter Miene.
-Sie stellten ihren Wagen ein und ließen den Esel in den Stall
-bringen, mit einer Metze Hafer zur Gesellschaft. Sie ließen sich
-zu essen auftragen, aßen nach Herzenslust, schliefen gut und standen
-auf, um wiederum zu essen. Lamm, der vor Behagen platzte,
-sprach:</p>
-
-<p>„Ich höre himmlische Musik in meinem Magen.“</p>
-
-<p>Da der Augenblick des Zahlens kam, ging der Wirt zu Lamm und
-sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Ich kriege zehn Heller.“</p>
-
-<p>„Der hat sie“, sprach Lamm zu ihm und zeigte auf Ulenspiegel.
-Der aber sagte:</p>
-
-<p>„Ich habe sie nicht.“</p>
-
-<p>„Und der halbe Gülden?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Ich habe ihn nicht,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Das ist eine schöne Rede,“ sagte der Wirt. „Ich werde Euch
-allen beiden Euer Wams und Hemd fortnehmen.“</p>
-
-<p>Plötzlich rief Lamm in der Trinklaune:</p>
-
-<p>„Und wenn ich essen und trinken will, essen und trinken, ja für
-siebenundzwanzig Gülden und mehr trinken, so werde ich es tun.
-Meinst Du, daß in diesem Bauch nicht ein roter Heller sitzt? So
-wahr Gott lebt! er wurde bis heute nur mit Fettammern gemästet.
-Du wirst unter Deinem schmierigen Ledergürtel nimmer
-seinesgleichen tragen. Denn Du hast Dein Fett am Kragen des
-Wamses, wie ein böser Mensch, und nicht wie ich drei Daumen
-dicken leckeren Specks auf dem Bauch!“</p>
-
-<p>Der Wirt war vor Wut außer sich. Da er ohnedies stotterte,
-wollte er schnell sprechen; je hastiger er aber sprach, um so mehr
-nieste er wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Ulenspiegel
-warf ihm Brotkügelchen an die Nase, und Lamm ereiferte sich
-noch mehr und redete weiter:</p>
-
-<p>„Jawohl, ich habe hier genug, um Deine drei mageren Hühner,
-Deine vier krätzigen Küchlein und diesen großen Dummkopf von
-Pfau zu bezahlen, der seinen schmutzigen Schweif in Deinem
-Hühnerhofe zur Schau trägt. Und wenn Deine Haut nicht trockner
-wäre denn die eines alten Hahnes, und Deine Knochen nicht
-in Deiner Brust zu Staub zerfielen, so hätte ich noch genug, um
-Dich, Deinen rotznasigen Knecht und Deine einäugige Magd zu
-essen und Deinen Koch dazu, dessen Arme, so er die Krätze hätte,
-zu kurz wären sich zu kratzen. Ei seht doch“, so redete er weiter,
-„seht doch den schönen Vogel, der uns eines halben Güldens willen
-unser Wams und Hemd nehmen will? Was sind denn Deine
-Kleider wert, Du zerlumptes Großmaul, ich will Dir drei Heller
-dafür geben.“</p>
-
-<p>Aber der Wirt ward immer zorniger und schnaubte noch mehr.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen ins Gesicht.</p>
-
-<p>Lamm war wie ein Löwe und sagte:</p>
-
-<p>„Was glaubst Du, magere Fratze, was ein schöner Esel mit feinem
-Maul, langen Ohren, breiter Brust und Fesseln wie von Eisen
-wert sei? Achtzehn Gülden zum mindesten, nicht wahr, Du
-armer Schlucker von einem Wirt? Wieviel alte Nägel hast Du
-in Deinen Goldtruhen, um ein so schönes Tier zu bezahlen?“</p>
-
-<p>Der Wirt schnaubte noch mehr, aber er wagte nicht zu mucksen.</p>
-
-<p>„Wieviel glaubst Du, ist ein schöner Wagen aus Eschenholz
-wert, durchweg bemalt und oben mit Linnen von Courtrai gegen
-Sonne und Platzregen geschirmt? Vierundzwanzig Gülden zum
-mindesten, he? Und wieviel macht vierundzwanzig Gülden und
-achtzehn Gülden? Antworte, Du Knicker, der nicht rechnen kann.
-Und dieweil Markttag ist und Bauern in Deinem kläglichen Gasthofe
-sind, so will ich ihnen beides flugs verkaufen.“</p>
-
-<p>Und so geschah es, denn alle kannten Lamm. Und wahrlich, er
-kriegte für Esel und Wagen vierundvierzig Gülden und zehn
-Heller. Darnach klimperte er dem Wirt mit dem Gold unter der
-Nase und fragte ihn:</p>
-
-<p>„Witterst Du den Duft der künftigen Schmäuse?“</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete der Wirt.</p>
-
-<p>Und ganz leise sprach er:</p>
-
-<p>„So Du Deine Haut feil bietest, will ich sie für einen Heller
-kaufen und daraus ein Amulett gegen die Verschwendung machen.“</p>
-
-<p>Derweilen hatte ein hübsches, artiges Weiblein, so im dunklen
-Hofe stand, Lamm oftmals durchs Fenster angeschaut und allemal
-wenn er ihr hübsches Lärvchen sehen konnte, zog sie sich zurück.
-Am Abend, da er schwankend vom Weine, den er getrunken,
-ohne Licht hinaufging, fühlte er auf der Stiege, wie eine Frau
-ihn umhalste, ihn begehrlich auf Wange, Mund und gar auf die
-Nase küßte und sein Antlitz mit verliebten Tränen benetzte; dann
-ließ sie ihn los.</p>
-
-<p>Schlaftrunken von dem Getränk, legte Lamm sich nieder, schlief
-und zog des andern Tages mit Ulenspiegel nach Gent.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>13</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Allda suchte er sein Weib in allen Musikschenken und Trinkstuben.
-Am Abend fand er Ulenspiegel im „Singenden Schwan“ wieder.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging hin, wo er konnte, säete Aufruhr und wiegelte
-das Volk auf gegen die Henker des Landes seiner Väter.</p>
-
-<p>Da er auf dem Freitagsmarkt bei der Dulle Griet, der großen
-Kanone war, legte er sich platt auf den Bauch aufs Pflaster.</p>
-
-<p>Ein Kohlenträger kam und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Was tust Du da?“</p>
-
-<p>„Ich mache meine Nase feucht, um zu erfahren, woher der Wind
-kommt.“</p>
-
-<p>Ein Schreiner kam.</p>
-
-<p>„Hältst Du das Pflaster für ein Pfühl?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Es sind ihrer, die es bald zur Decke nehmen werden,“ antwortete
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Ein Mönch blieb stehen.</p>
-
-<p>„Was macht dieses Kalb da?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Es liegt vor Euch auf dem Bauch und bittet um Euren Segen,
-mein Vater,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Als der Mönch ihm den gegeben hatte, ging er fürbaß.</p>
-
-<p>Alsdann legte Ulenspiegel das Ohr an die Erde. Ein Bauer kam.</p>
-
-<p>„Hörst Du ein Geräusch da unten?“ fragte er ihn.</p>
-
-<p>„Ich höre das Holz wachsen, dessen Scheite dienen werden, die
-armen Ketzer zu verbrennen.“</p>
-
-<p>„Hörst du weiter nichts?“ fragte ihn ein Stadtknecht.</p>
-
-<p>„Ich höre die Reiterei aus Spanien kommen; so Du etwas hast,
-was Du behalten willst, grab es ein, maßen die Städte in Bälde
-nicht mehr sicher sein werden vor Dieben.“</p>
-
-<p>„Er ist närrisch,“ sagte der Stadtknecht.</p>
-
-<p>„Er ist närrisch,“ wiederholten die Bürger.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>14</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Derweilen aß Lamm nicht mehr, denn er gedachte des holden
-Traumes auf der Stiege der „Blauen Laterne“. Doch ob ihn
-sein Herz auch nach Brügge zog, ward er von Ulenspiegel doch mit
-Gewalt nach Antwerpen geführt, wo er seine traurigen Nachforschungen
-fortsetzte.</p>
-
-<p>War Ulenspiegel in der Schenke unter guten reformierten Vlamländern,
-ja, selbst unter Katholiken, welche der Freiheit wohlgesinnt
-waren, so sprach er zu ihnen solcherart über die Edikte:
-„Sie führen bei uns die Inquisition ein mit dem Vorgeben, uns von
-der Ketzerei zu purgieren; aber dieser Rhabarber ist nur für
-unsere Geldsäckel wirksam. Wir wollen keine Arzenei nehmen,
-als welche uns beliebt; wir werden böse werden, uns empören
-und nach den Waffen greifen. Der König wußte das im voraus.
-Wenn er sieht, daß wir keinen Rhabarber wollen, wird er die
-Spritzen aufmarschieren lassen, das heißt, die großen und kleinen
-Kanonen, Feldschlangen, Bombarden und Mörser mit großem
-Rachen! Ein königliches Klistier. In dem mit solcher Arznei
-behandelten Flandern wird kein reicher Vlamländer bleiben.
-Unsere Länder sind glücklich, einen so königlichen Arzt zu haben.“
-Aber die Bürger lachten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Lachet heute, aber fliehet oder wappnet Euch an dem Tage, da
-man etwas an Unserer lieben Frau zerbrechen wird.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>15</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am fünfzehnten August, dem großen Marientag, wo die Kräuter
-und Wurzeln geweiht werden und die Hennen, von Körnern satt,
-für das Trompeten des Liebe verlangenden Hahnes taub sind,
-ward ein großes Steinkreuz an einem der Tore von Antwerpen
-von einem Italiener im Solde des Kardinals Granvella zerbrochen,
-und die Prozession der Jungfrau, der grüne, gelbe und
-rote Narren vorausgingen, kam aus der Frauenkirche gezogen.
-Aber die Statue der Jungfrau ward unterwegs von unbekannten
-Männern beschimpft und eilends in das Chor der Frauenkirche
-zurückgebracht, und die Gitter wurden geschlossen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm traten in die Kirche. Junge ausgehungerte,
-zerlumpte Gesellen, so männiglich fremd waren, standen
-vor dem Chor und machten einander gewisse Zeichen und Fratzen.
-Mit ihren Füßen und Zungen vollführten sie großen Lärm. Keiner
-hatte sie in Antwerpen gesehen, keiner sah sie wieder. Einer von
-ihnen, mit einem Antlitz wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob
-Mieke, damit meinte er die Jungfrau, Angst gehabt hätte, dieweil
-sie so hastig in die Kirche zurückgekehrt sei?</p>
-
-<p>„Vor Dir hat sie keine Furcht gehabt, Du garstiger Mohr,“ antwortete
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der junge Gesell, zu dem er sprach, ging auf ihn los, um ihn zu
-schlagen, aber Ulenspiegel würgte ihn am Kragen und sprach:</p>
-
-<p>„So Du mich schlägst, laß ich Dich Deine Zunge ausspeien.“</p>
-
-<p>Alsdann wandte er sich zu etlichen Männern von Antwerpen,
-die da waren, und sagte, auf die jungen, zerlumpten Kerle deutend:</p>
-
-<p>„Signorkes und Pagaders, hütet Euch, das sind falsche Vlamländer,
-Verräter, die bezahlt sind, uns Leid, Elend und Untergang
-zu bringen.“</p>
-
-<p>Dann sprach er also zu den Unbekannten:</p>
-
-<p>„He, Ihr Eselsköpfe, vom Elend ausgedörrt, woher habt Ihr
-das Geld, das man heute in Euern Säckeln klingen hört? Habet
-Ihr etwan Eure Haut im voraus verkauft, um Trommeln daraus
-zu machen?“</p>
-
-<p>„Sehet den Prediger!“ sagten die Unbekannten.</p>
-
-<p>Dann huben sie insgesamt an zu schreien und sagten von Unsrer
-lieben Frau:</p>
-
-<p>„Mieke hat ein schönes Kleid! Mieke hat eine schöne Krone!
-Ich will sie meiner Vettel geben!“</p>
-
-<p>Sie gingen hinaus, dieweil einer von ihnen auf die Kanzel gestiegen
-war, um dort unziemliche Reden zu führen, dann kamen
-sie wieder und schrien:</p>
-
-<p>„Steig herab, Mieke, steig herab, ehe wir dich holen. Tu ein
-Wunder, auf daß wir sehen, daß Du ebensogut gehen kannst
-als Dich tragen lassen, Mieke, Du Faulenzerin!“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel hatte gut rufen: „Ihr Unglücksstifter, hört auf
-mit Euren schlimmen Reden, jede Plünderung ist ein Verbrechen.“
-Sie hörten schlechterdings nicht auf zu reden, und etliche sprachen
-gar davon, das Chor zu erbrechen und Mieke zu zwingen, daß
-sie herabstiege.</p>
-
-<p>Ein altes Weiblein, das in der Kirche Kerzen verkaufte und diese
-Reden vernahm, warf ihnen die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht;
-aber sie schlugen das Weiblein und warfen es zu Boden,
-und nun begann das Getobe.</p>
-
-<p>Der Markgraf kam mit seinen Bütteln in die Kirche. Da er die
-versammelte Menge sah, ermahnte er sie aus der Kirche zu gehen,
-aber so sänftiglich, daß nur etliche von hinnen gingen; die andern
-sagten:</p>
-
-<p>„Zuvor wollen wir die Domherren zu Miekes Ehre die Vesper
-singen hören.“</p>
-
-<p>Der Markgraf entgegnete:</p>
-
-<p>„Es wird nicht gesungen werden.“</p>
-
-<p>„Wir wollen selber singen,“ antworteten die unbekannten Lumpen.
-Solches taten sie in den Schiffen und bei der Vorhalle der
-Kirche. Etliche spielten mit <span class="antiqua">krieke-steenen</span> (Kirschkernen) und
-sagten: „Mieke, Du spielest nimmer im Paradies und hast keine
-Kurzweil; spiele mit uns.“</p>
-
-<p>Und ohne Aufhören beschimpften sie das Marienbild und schrien,
-höhnten und pfiffen.</p>
-
-<p>Der Markgraf tat, als ob er Furcht hätte, und ging hinaus. Auf
-seinen Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen.</p>
-
-<p>Ohne daß das Volk sich darein mischte, ward das fremde Lumpengesindel
-kecker und schrie noch lauter. Und die Gewölbe hallten
-wider wie Donner von hundert Kanonen.</p>
-
-<p>Alsdann bestieg einer von ihnen die Kanzel, der mit dem Gesicht
-gleich einer verbrannten Zwiebel, welcher etliches Ansehen zu
-haben schien, winkte ihnen mit der Hand, predigte und sprach:
-„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes,
-die drei sind nur einer und einer drei, Gott bewahre uns im Paradies
-vor der Rechenkunst. Des heutigen Tages am fünfzehnten
-des Augustmonds ist Mieke im höchsten Staat ausgegangen, um
-ihr hölzernes Antlitz den Herren und Bürgern von Antwerpen zu
-zeigen. Aber während der Prozession ist Mieke dem Teufel Satanas
-begegnet, und Satanas, ihrer spottend, hat zu ihr gesagt:
-„Du bist schier stolz als Königin ausstaffiert, Mieke; Du wirst
-von vier Herren getragen und willst den armen Satanas, der
-auf Schusters Rappen reitet, nicht mehr anschauen.“ Und Mieke
-antwortete: „Hebe Dich weg, Satanas, auf daß ich Dir nicht
-noch mehr den Kopf zertrete, Du böse Schlange!“</p>
-
-<p>„Mieke,“ sagte Satanas darauf, „mit diesem Geschäft verbringst
-Du seit fünfzehnhundert Jahren die Zeit, aber der Geist des Herrn,
-Deines Meisters, hat mich erlöset. Ich bin stärker als Du, Du
-wirst mir nicht mehr auf den Kopf treten, und ich werde Dich
-jetzo tanzen lassen.“ Satanas nahm eine große Peitsche, die
-scharf einschnitt, und hub an, Mieke zu schlagen. Sie wagte
-nicht zu schreien, aus Furcht, ihre Angst zu zeigen, und alsdann
-hat sie sich in den schnellsten Trab gesetzt, und die Herren, so sie
-trugen, gezwungen, auch zu laufen, um sie mit ihrer güldenen
-Krone und ihren Kleinodien nicht in das arme, gemeine Volk fallen
-zu lassen. Und jetzt steht Mieke still und steif in ihrer Nische und
-betrachtet Satan, der da oben auf der Säule unter der kleinen
-Kuppel sitzet und seine Peitsche hält und hohnlachend zu ihr
-sagt:</p>
-
-<p>„Ich werde Dir das Blut und die Tränen heimzahlen, so in Deinem
-Namen fließen! Mieke, wie steht Dein jungfräuliches Befinden?
-Die Stunde ist gekommen, wo Du ausziehen mußt. Man
-wird Dich entzwei schneiden, Du häßliche, hölzerne Puppe, für
-all die Puppen aus Fleisch und Bein, so in Deinem Namen ohn
-Erbarmen verbrannt, gehenkt und lebendig begraben wurden.“
-Also sprach Satanas und er sprach gut. „Du mußt aus Deiner
-Nische herabsteigen, blutdürstige, grausame Mieke, die Du Deinem
-Sohne Christo nicht ähnlich bist.“</p>
-
-<p>Und höhnend und schreiend tobte der ganze Schwarm der Unbekannten:</p>
-
-<p>„Mieke, Mieke, es ist die Stunde des Auszugs! Nehmet die
-hölzernen Heiligen fort! Auf, Brabant für den guten Herzog!
-Wer will ein Bad in der Schelde nehmen? Holz schwimmt besser
-als Fische.“</p>
-
-<p>Das Volk hörte zu, ohne etwas zu sagen.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel bestieg die Kanzel und warf den Sprecher mit
-Gewalt die Stiege hinunter.</p>
-
-<p>„Ihr Rasenden,“ sagte er zum Volke, „Ihr wahnsinnigen Narren,
-Ihr einfältigen Narren, die Ihr nicht weiter sehet als Eure rotzige
-Nasenspitze, begreifet Ihr nicht, daß all dies das Werk von Verrätern
-ist? Sie wollen Euch zu Kirchenschändern und Räubern
-machen, um Euch für Rebellen zu erklären, Eure Geldtruhen zu
-leeren, Euch zu brandmarken und lebendig zu verbrennen. Und
-der König wird erben! Signorkes und Pagaders, messet den
-Worten dieser Unglücksstifter keinen Glauben bei; lasset Unsre
-liebe Frau in ihrer Nische, lebet standhaft, indem Ihr fröhlich
-arbeitet und Euren Gewinst und Verdienst ausgebet. Der
-schwarze Teufel des Verderbens hat ein Auge auf Euch. Durch
-Plünderung und Zerstörung will er das feindliche Heer herbeirufen,
-um Euch als Rebellen zu behandeln. Dann wird Alba
-durch Diktatur, Inquisition, Konfiskation und Tod über Euch
-herrschen und er wird erben.“</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach Lamm, „plündert nicht, Signorkes und Pagaders;
-der König ist schon sehr erzürnt. Die Tochter der Stickerin hat
-es meinem Freund Ulenspiegel gesagt. Plündert nicht, Ihr
-Herren.“</p>
-
-<p>Aber das Volk konnte sie nicht hören.</p>
-
-<p>Die Unbekannten schrien:</p>
-
-<p>„Plünderung und Austreibung! Plünderung, Brabant für den
-guten Herzog! Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen
-besser denn Fische!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel hielt sich an der Kanzel fest und rief vergeblich:</p>
-
-<p>„Signorkes und Pagaders, leidet die Plünderung nicht! Rufet
-nicht das Verderben auf die Stadt herab!“</p>
-
-<p>Er ward fortgezerrt und ohngeachtet er sich mit Händen und
-Füßen wehrte, ward ihm Gesicht, Wams, Hosen, alles zerrissen.</p>
-
-<p>Und wiewohl blutend, ließ er nicht ab zu schreien:</p>
-
-<p>„Leidet die Plünderung nicht!“</p>
-
-<p>Aber es war umsonst.</p>
-
-<p>Die Unbekannten und das Gesindel der Stadt warfen sich auf
-das Gitter des Chors und zerbrachen es. Dabei schrien sie:</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Alle huben an zu zerbrechen, zu plündern und zu zerstören. Vor
-Mitternacht war die große Kirche, in der es siebenzig Altäre,
-alle Arten schöner Malereien und kostbarer Dinge gab, ausgeleert
-wie eine Nuß. Die Altäre waren zertrümmert, die Bilder
-heruntergeschlagen und alle Schlösser zerbrochen.</p>
-
-<p>Da dies getan war, machten sich die nämlichen Unbekannten
-auf den Weg, um die Minderen Brüder, die Franziskaner, Sankt
-Peter, Sankt Andreas, Sankt Michael, Sankt Peter im Topf,
-die Burg, die Fawkens, die Weißen Schwestern, die Grauen
-Schwestern, den dritten Orden, die Prediger und alle Kirchen
-und Kapellen der Stadt gleich der Frauenkirche zu traktieren.
-Und sie nahmen die Kerzen und Fackeln heraus und liefen so überall
-hin.</p>
-
-<p>Es gab unter ihnen weder Streit noch Beratung; keiner von
-ihnen ward bei diesem großen Zerbrechen von Steinen, Holz
-und anderen Dingen verwundet.</p>
-
-<p>Sie stellten sich in Haag ein, um auch dort zum Raub der Bildwerke
-und Altäre zu schreiten, ohne daß ihnen hier oder andernorts
-die Reformierten Beistand geleistet hätten.</p>
-
-<p>Im Haag fragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht wäre.</p>
-
-<p>„Da ist sie,“ sagte einer und schlug auf sein Herz.</p>
-
-<p>„Ihre Vollmacht, hört Ihr, Signorkes und Pagaders?“ sprach
-Ulenspiegel, da er die Sache erfahren. „Es ist also einer da,
-der ihnen befohlen hat, als Kirchenschänder zu arbeiten. So
-in meine Hütte etwelcher plündernde Spitzbube kommt, werde
-ich tun wie der Magistrat vom Haag; ich werde meinen Hut
-abnehmen und sagen: „Edler Spitzbube, gnädiger Taugenichts,
-ehrwürdiger Lump, zeig mir deine Vollmacht.“ Und er wird sagen,
-daß sie in seinem Herzen sei, das nach meinem Gute verlangt.
-Und ich werde ihm die Schlüssel zu allem geben. Suchet, suchet,
-wem diese Plünderung Nutzen bringt. Hütet Euch vor dem
-Roten Hund. Das Verbrechen ist begangen, man wird es strafen.
-Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das große steinerne Kruzifix
-ist heruntergeschlagen. Hütet Euch vor dem Roten Hund.“</p>
-
-<p>Da der Hohe Rat von Mecheln durch den Mund seines Präsidenten
-Viglius befohlen hatte, dem Zerbrechen der Bilder keinen
-Einhalt zu tun, sagte Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Wehe, die Ernte ist reif für die hispanischen Schnitter. Der
-Herzog, der Herzog marschiert gegen uns Vlamländer, das Meer
-schwillt, das Meer der Rache. Arme Frauen und Jungfrauen,
-fliehet die Grube! Arme Männer, fliehet den Galgen, das
-Feuer und Schwert. Philipp will Karls blutiges Werk vollenden.
-Der Vater säete Tod und Verbannung; der Sohn hat
-geschworen, er wolle lieber über einen Totenacker herrschen, denn
-über ein Volk von Ketzern. Fliehet, hier sind der Henker und
-die Totengräber.“</p>
-
-<p>Das Volk hörte auf Ulenspiegel, und die Familien verließen
-bei Hunderten die Städte, und die Landstraßen waren versperrt
-von Wagen, beladen mit dem Hausrat Derer, so in die Verbannung
-zogen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel ging allerorten hin und Lamm folgte ihm betrübt
-und suchte seine Liebste.</p>
-
-<p>Und in Damm weinte Nele bei Katheline, der Irren.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>16</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel im Gerstemond, das ist Oktober, in Gent war,
-sah er Egmont in des Abtes von Sankt Bavo edler Gesellschaft
-vom Schwelgen und Feiern heimkehren. In singfroher Laune
-ließ er träumend sein Pferd im Schritt gehen. Plötzlich erblickte
-er einen Mann, der eine brennende Laterne trug und neben ihm
-her schritt.</p>
-
-<p>„Was willst Du?“ fragte Egmont.</p>
-
-<p>„Gutes“, versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Geh und laß mich,“ entgegnete der Graf.</p>
-
-<p>„Ich werde nicht gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Willst Du einen Peitschenhieb haben?“</p>
-
-<p>„Ich will ihrer zehn haben, wenn ich Euch einen solchen Leuchtkäfer
-in den Kopf setzen kann, daß Ihr von hier bis zum Escurial
-deutlich sehen könnt.“</p>
-
-<p>„Mich kümmert nicht Leuchtkäfer noch Escurial,“ antwortete
-der Graf.</p>
-
-<p>„Und mich brennt es, Euch einen guten Rat zu geben,“ erwiderte
-Ulenspiegel. Dann nahm er des Grafen Pferd, welches ausschlug
-und sich bäumte, beim Zügel und sprach:</p>
-
-<p>„Euer Gnaden, gedenket, daß Ihr jetzo auf Eurem Roß tanzet
-und daß Euer Haupt auch trefflich auf Euren Schultern tanzet;
-aber der König, sagt man, will diesen schönen Tanz unterbrechen,
-Euch Euren Körper lassen, aber Euren Kopf nehmen und ihn
-in so ferne Länder tanzen lassen, daß Ihr ihn nimmermehr
-wieder einholen könnet. Gebet mir einen Gulden, ich habe ihn
-verdient.“</p>
-
-<p>„Die Peitsche, wenn du nicht weichest, schlechter Ratgeber.“</p>
-
-<p>„Euer Gnaden, ich bin Ulenspiegel, der Sohn des Klas, der
-für seinen Glauben lebendig verbrannt ist, und Soetkins Sohn,
-die an Herzeleid gestorben ist. Die Asche brennt auf meiner
-Brust und sagt mir, daß Egmont, der tapfere Soldat, mit der
-Reiterei, die er befehligt, seine dreimal siegreichen Truppen dem
-Herzog Alba entgegen stellen kann.“</p>
-
-<p>„Geh,“ antwortete Egmont, „ich bin kein Verräter.“</p>
-
-<p>„Rette die Lande, Du allein kannst es,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Graf wollte Ulenspiegel peitschen, aber dieser wartete nicht
-darauf und entfloh mit dem Ruf:</p>
-
-<p>„Esset Leuchtkäfer, esset Leuchtkäfer, Herr Graf. Rettet die
-Lande.“</p>
-
-<p>Ein ander Mal hielt Egmont, da ihn dürstete, vor der Herberge
-<span class="antiqua">In ’t tondt verken</span>, Zum bunten Ferkel, so von einer Frau aus
-Kortrijk, einem hübschen Weiblein, namens Musekin, Mäuslein,
-gehalten ward.</p>
-
-<p>Der Graf erhob sich in den Steigbügeln und rief:</p>
-
-<p>„Zu trinken.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel, welcher der Musekin diente, trat zu dem Grafen
-heran, in der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine
-volle Flasche roten Weines.</p>
-
-<p>Der Graf sagte, als er ihn sah:</p>
-
-<p>„Bist Du es, Unglücksrabe?“</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ entgegnete Ulenspiegel, „wenn meine Prophezeihung
-schwarz ist, so kommts, weil sie sich nicht weiß gewaschen
-hat. Aber wollt Ihr mir sagen, was röter ist, der Wein, der
-in die Kehle geht, oder das Blut, das herausspritzt? Das war’s,
-was meine Laterne fragte.“</p>
-
-<p>Der Graf antwortete nicht, trank, zahlte und ritt von dannen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>17</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm, ein jeglicher auf einem Esel reitend, den
-Simon Simonsen, einer der Getreuen des Prinzen von Oranien
-ihnen gegeben hatte, zogen überall hin und warnten die Leute vor
-den schwarzen Anschlägen des Blutkönigs und waren allzeit auf
-der Lauer, um die Zeitungen, die aus Spanien kamen, zu erfahren.
-Sie verkauften Gemüse, waren wie Bauern gekleidet und besuchten
-alle Märkte.</p>
-
-<p>Als sie von dem Markte in Brüssel kamen, sahen sie in einem
-steinernen Hause am Ziegeldamm, in einem niedren Gemach eine
-schöne, in Atlas gekleidete Dame mit frischen Farben, vollem
-Busen und übermütigen Augen.</p>
-
-<p>Sie sagte zu einer jungen, frischen Köchin:</p>
-
-<p>„Scheure mir diese Pfanne wohl, ich liebe keine Brühe mit der
-Würze des Rostes.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel drückte die Nase ans Fenster.</p>
-
-<p>„Ich,“ sagte er, „ich liebe sie alle, denn ein ausgehungerter
-Bauch ist nicht wählerisch in Gerichten.“</p>
-
-<p>Die Dame drehte sich um.</p>
-
-<p>„Wer ist dieser Schelm, der sich um meine Suppe kümmert?“</p>
-
-<p>„Ach, schöne Dame,“ sagte Ulenspiegel, „wenn Ihr nur ein
-wenig davon in meiner Gesellschaft machen wolltet. Ich würde
-Euch Leckereien eines Reisenden lehren, die schönen seßhaftigen
-Damen unbekannt sind.“</p>
-
-<p>Dann schnalzte er mit der Zunge und sprach:</p>
-
-<p>„Ich habe Durst.“</p>
-
-<p>„Auf was?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Auf Dich“, sagte er.</p>
-
-<p>„Er ist ein hübscher Bursche,“ sagte die Köchin zur Dame.
-„Wir wollen ihn einlassen, auf daß er uns seine Abenteuer erzähle.“</p>
-
-<p>„Aber es sind ihrer zwei,“ sagte die Dame.</p>
-
-<p>„Ich werde für einen sorgen,“ versetzte die Köchin.</p>
-
-<p>„Edle Frau,“ sprach Ulenspiegel dagegen, „wir sind freilich
-zwei, ich und mein armer Lamm, der nicht hundert Pfund auf
-dem Rücken tragen kann, aber gerne fünfhundert in Fleisch und
-Getränke im Magen trägt.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „mache dich nicht über mich Unseligen
-lustig, dem das Füllen seines Bauches so teuer zu stehen
-kommt.“</p>
-
-<p>„Heute soll er Dir keinen Heller kosten,“ sagte die Dame. „Tretet
-beide ein.“</p>
-
-<p>„Aber,“ sprach Lamm, „hier sind auch die beiden Esel, auf denen
-wir sitzen.“</p>
-
-<p>„Im Pferdestall des Herrn Grafen von Meghem mangelt es
-nicht an Metzen Hafer.“</p>
-
-<p>Die Köchin ließ ihre Pfanne im Stich und zog Ulenspiegel und
-Lamm auf ihren Eseln in den Hof; selbige huben ohne Verzug
-an zu schreien.</p>
-
-<p>„Das ist die Fanfare für die nahende Atzung. Sie posaunen
-ihre Freude aus, die armen Esel.“</p>
-
-<p>Da sie alle beide abgestiegen waren, sprach Ulenspiegel zur
-Köchin:</p>
-
-<p>„Wenn Du eine Eselin wärest, möchtest Du einen Esel wie ich?“</p>
-
-<p>„Wenn ich eine Frau wäre, wollte ich einen Gesellen mit lustigem
-Gesicht.“</p>
-
-<p>„Was bist Du denn, wenn Du nicht Frau noch Eselin bist?“
-fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Ich bin Jungfrau,“ sagte sie. „Eine Jungfrau ist keine Frau,
-noch weniger Eselin! begreifest Du das, Dickwanst?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte zu Lamm:</p>
-
-<p>„Glaub ihr nicht, es ist die Hälfte von einer Dirne und das
-Viertel von zwei Teufelinnen. Ihre Schalkheit und Sinnenlust
-hat ihr schon in der Höllen einen Platz gesichert auf einem Pfühl,
-um Beelzebub darauf zu herzen.“</p>
-
-<p>„Arger Spötter,“ sagte die Köchin, „wenn Deine Haare Pferdehaare
-wären, wollte ich sie nicht, um darauf zu treten.“</p>
-
-<p>„Und ich“, sagte Ulenspiegel, „möchte all Deine Haare essen.“</p>
-
-<p>„Schmeichler,“ sagte die Dame, „mußt Du alle haben?“</p>
-
-<p>„Nein,“ antwortete Ulenspiegel, „tausend in eine einzige verschmolzen
-wie Ihr seid, wären mir genug.“</p>
-
-<p>Die Dame sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Trinke zuvor eine Kanne Braunbier, iß ein Stück Schinken,
-schneide nach Belieben in diese Hammelkeule, höhle mir diese
-Pastete aus und schlürfe diesen Salat.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel faltete die Hände:</p>
-
-<p>„Der Schinken ist gutes Fleisch“, sagte er, „das Braunbier himmlisches
-Bier, die Hammelkeule ein göttlicher Braten; eine Pastete
-auszuhöhlen läßt die Zunge im Munde vor Freude erzittern; ein
-fetter Salat ist eine fürstliche Schleckerei. Aber gesegnet wird
-der sein, dem Ihr von Eurer Schönheit zu kosten gebet.“</p>
-
-<p>„Sehet, wie er schwätzt,“ sagte sie. „Iß zuvor, Taugenichts.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte: „Sollen wir nicht das Benedicite vor dem
-Gratias sagen?“</p>
-
-<p>„Nein“, sprach sie.</p>
-
-<p>Darauf sprach Lamm ächzend:</p>
-
-<p>„Ich habe Hunger.“</p>
-
-<p>„Du wirst zu essen bekommen, dieweil Du keine andre Sorge
-hast als gekochtes Fleisch.“</p>
-
-<p>„Und frisches auch, so frisch wie mein Weib war.“</p>
-
-<p>Die Köchin ward bei dieser Rede unwirsch. Jedoch sie aßen gar
-reichlich und tranken wie die Schwämme. Und die Dame gab
-Ulenspiegel diese Nacht, die nächste und die folgenden das Nachtmahl.</p>
-
-<p>Die Esel bekamen eine doppelte Metze Hafer und Lamm aß
-für zwei. Während einer Woche verließ er die Küche nicht und
-trieb sein Spiel mit den Schüsseln, aber nicht mit der Köchin,
-denn er gedachte seines Weibes. Solches verdroß die Jungfer,
-welche sagte, daß es sich nicht verlohnte, in dieser armen Welt
-Platz fortzunehmen, nur um an seinen Bauch zu denken.</p>
-
-<p>Derweilen lebten Ulenspiegel und die Dame gar freundlich miteinander.
-Eines Tages sagte sie zu ihm:</p>
-
-<p>„Thyl, Du bist nicht ehrbar. Wer bist Du?“</p>
-
-<p>Er sagte: „Ich bin ein Sohn, den der glückliche Zufall eines
-Tages mit Frau Aventüre hatte.“</p>
-
-<p>„Du sprichst nicht schlecht von Dir,“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Es geschieht aus Furcht, daß die Andern mich loben,“ entgegnete
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Würdest Du Dich Deiner Brüder annehmen, die man verfolgt?“</p>
-
-<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wie schön Du jetzt bist,“ sagte sie. „Wer ist Klas?“</p>
-
-<p>„Mein Vater, der um des Glaubens willen verbrannt ist,“ sprach
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Der Graf von Meghem gleicht Dir nicht,“ sprach sie. „Er will
-das Vaterland bluten lassen, und ich liebe es, denn ich bin zu Antwerpen,
-der glorreichen Stadt, geboren. Wisse denn, daß er mit
-dem Brabanter Ratsherrn Scheyf im Einvernehmen ist, seine
-zehen Fähnlein Fußvolk in Antwerpen einrücken zu lassen.“</p>
-
-<p>„Ich werde es den Bürgern anzeigen,“ sagte Ulenspiegel, „und
-ich werde auf der Stelle hingehen, schnell wie ein Geist.“</p>
-
-<p>Er ging hin, und am nächsten Tag waren die Bürger in Waffen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm aber, so ihre Esel bei einem Pächter
-von Simon Simonsen eingestellt hatten, mußten sich verbergen,
-aus Furcht vor dem Grafen von Meghem, der sie allerorten
-suchen ließ, damit sie gehenkt würden; denn man hatte ihm gesagt,
-daß zwei Ketzer von seinem Wein getrunken und von seinem
-Fleisch gegessen hätten. Er war eifersüchtig, sagte es seiner schönen
-Dame, die vor Zorn mit den Zähnen knirschte, weinte und siebenzehn
-Mal in Ohnmacht fiel. Die Köchin tat das Nämliche, aber
-nicht so oft, und erklärte bei ihrem Anrecht aufs Paradies und
-ihrer ewigen Seligkeit, daß weder sie noch ihre Dame etwas andres
-getan hätten, als daß sie die Ueberreste des Mittagmahles
-zween armen Pilgern gegeben hätten, die auf zwei erbärmlichen
-Eseln reitend, vor dem Küchenfenster gehalten hätten.</p>
-
-<p>Es wurden an jenem Tage so viel Tränen vergossen, daß der
-Fußboden davon ganz feucht war. Da Herr von Meghem solches
-sah, war er überzeugt, daß sie nicht lögen.</p>
-
-<p>Lamm wagte sich nicht mehr in Herrn von Meghems Haus zu
-zeigen, denn die Köchin nannte ihn immer, „mein Weib“.</p>
-
-<p>Er war schier betrübt, wenn er der Nahrung gedachte; aber Ulenspiegel
-brachte ihm allzeit ein gutes Gericht, denn er ging von der
-Sankt Katharinenstraße in das Haus und verbarg sich auf dem
-Boden.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage zur Vesper bekannte der Graf von Meghem
-seinem schönen Weibe, welcher Art er beschlossen hätte, die Reiterei,
-die er befehligte, vor Tag in Herzogenbusch einrücken zu
-lassen. Dann entschlief er. Das schöne Weib stieg auf den Boden
-und ließ Ulenspiegel die Sache wissen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>18</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel ging, als Pilger gekleidet, ohne Wegzehrung noch
-Geld flugs nach Herzogenbusch, um die Bürger zu warnen. Er
-wollte unterwegs bei Herrn Praet, Simons Bruder, ein Pferd
-nehmen; er hatte Briefe vom Prinzen für ihn. Von da wollte er
-im schnellsten Trab auf Richtwegen nach Herzogenbusch reiten.</p>
-
-<p>Da er die Heerstraße kreuzte, sah er einen Haufen Kriegsvolks
-daherkommen. Er hatte große Furcht der Briefe halber.
-Aber da er entschlossen war, gute Miene zum bösen Spiel zu
-machen, so erwartete er die Söldner stehenden Fußes und murmelte
-seine Paternoster. Als sie vorbeikamen, marschierte er mit
-ihnen und erfuhr, daß sie nach Herzogenbusch zogen.</p>
-
-<p>Ein wallonisches Fähnlein eröffnete den Marsch. An der Spitze
-ritt der Hauptmann Lamotte mit seiner Leibwache von sechs
-Hellebardieren; dann ihrem Range nach der Fähndrich mit geringerem
-Geleit, der Profos mit seinen Hellebardieren und seinen
-zwei Stockknechten, der Wachtmeister, der Troßmeister, der Henker
-und sein Büttel und Pfeifer und Trommler, so großen Lärm vollführten.
-Alsdann kam ein vlämisches Fähnlein von zweihundert
-Mann mit seinem Hauptmann und Fähndrich. Es war in zwei
-Kompanieen geteilt, so von Feldwaibeln geführt wurden, und
-zerfiel in Rotten, denen Rottmeister vorstanden. Vor dem Profos
-und den Stockknechten zogen gleichermaßen Pfeifer und
-Trommler einher, die dröhnten und gellten.</p>
-
-<p>Hinter ihnen kamen in zween Wagen ihre Gefährtinnen, schöne
-Dirnen, die lachten ausgelassen, zwitscherten wie Grasmücken,
-sangen wie Nachtigallen, aßen, tranken, tanzten, stunden, lagen
-oder saßen rittlings in den Wagen.</p>
-
-<p>Etliche waren wie Landsknechte gekleidet, aber in feines, weißes
-Linnen, am Halse entblößt und an Armen und Beinen und am
-Wamse geschlitzt, also daß der reizende Körper zu sehen war. Sie
-trugen Mützen von feinem Linnen, mit Gold verbrämt und mit
-schönen Straußenfedern darauf, so im Winde wallten. An ihren
-Gürteln von Goldbrokat mit Krausen von rotem Atlas hingen ihre
-Dolche in Scheiden aus Goldstoff. Und ihre Schuhe, Strümpfe
-und Kniehosen, ihre Wämse, Nesteln und Zierarten waren eitel
-Gold und weiße Seide.</p>
-
-<p>Andere waren auch nach Art der Landsknechte gekleidet, aber in
-Blau, Grün, Scharlach, Himmelblau, Purpur und nach Willkür
-und Laune geschlitzt, bestickt und mit Wappen geziert. Und alle
-hatten am Arm das bunte Rädlein, so ihr Handwerk bedeutet.
-Ein Hurenwaibel, der sie befehligte, wollte sie zum Schweigen
-bringen, aber sie brachten ihn durch ihre artigen Fratzen und Reden
-zum Lachen und gehorchten ihm nicht.</p>
-
-<p>Als Pilger gekleidet, zog Ulenspiegel neben den zwei Fähnlein daher
-wie ein Nachen neben einem großen Schiff. Und er murmelte
-seine Paternoster.</p>
-
-<p>Plötzlich sagte Lamotte zu ihm:</p>
-
-<p>„Wohin gehst Du, Pilger?“</p>
-
-<p>„Herr Hauptmann,“ antwortete der hungrige Ulenspiegel, „ich
-habe ehemals eine große Sünde begangen und ward vom Kapitel
-Unserer lieben Frau verurteilt, zu Fuß nach Rom zu pilgern und
-den heiligen Vater um Ablaß zu bitten, welchen er mir auch gab.
-Ich kehrte von Sünde gereinigt in diese Lande zurück, unter der
-Bedingung, unterwegs allem Kriegsvolk, dem ich begegne, die
-heiligen Mysterien zu predigen. Dafür soll ich zum Lohne Brot
-und Wein empfahen. Und so predigend friste ich mein armes Leben.
-Verstattet mir, beim nächsten Halt meinem Gelübde nachzukommen.“</p>
-
-<p>„Wohl“, sprach Herr von Lamotte.</p>
-
-<p>Indem Ulenspiegel sich brüderlich unter die Wallonen und Vlamländer
-mischte, befühlte er die Briefe unter seinem Wams.</p>
-
-<p>Die Dirnen riefen ihm zu:</p>
-
-<p>„Pilger, schöner Pilger, komm hierher und zeig uns die Macht
-Deiner Muschelschalen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel trat zu ihnen und sagte ehrbar:</p>
-
-<p>„Meine Schwestern in Christo, spottet nicht des armen Pilgers,
-der über Berg und Tal wandert, um den Soldaten den heiligen
-Glauben zu predigen.“</p>
-
-<p>Und er verschlang ihre holden Reize mit den Augen. Aber die
-Dirnen streckten ihre muntern Gesichter zwischen den Planen der
-Wagen herfür.</p>
-
-<p>„Du bist gar jung,“ sprachen sie, „um den Soldaten zu predigen,
-steig in unsere Wagen, wir werden dich süßere Reden lehren.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel hätte gern gehorcht, aber er konnte nicht wegen der
-Briefe. Schon streckten zwei von ihnen ihre runden, weißen Arme
-aus dem Wagen und trachteten, ihn zu sich hinauf zu ziehen. Da
-sprach der Hurenwaibel voll Eifersucht zu Ulenspiegel: „Wenn Du
-nicht fortgehst, so schlage ich Dich in Stücke.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel hielt sich weiter ab und betrachtete heimlich die
-frischen Mägdlein, welche die Sonne, die hell auf den Weg schien,
-vergüldete.</p>
-
-<p>Sie kamen nach Berchem. Philipp von Lannoy, Ritter von
-Beauvoir, der die Vlamländer kommandierte, befahl Halt zu
-machen.</p>
-
-<p>An diesem Platze stund eine Eiche von mittlerem Wuchs, die
-war ihrer Äste beraubt, ausgenommen einen sehr starken, der
-mitten durchgebrochen war. Daran hatte man im vorigen Monat
-einen Wiedertäufer aufgeknüpft.</p>
-
-<p>Die Soldaten machten Halt; die Marketender kamen herzu und
-verkauften ihnen Brot, Wein, Bier und Fleisch jeglicher Art. Den
-Dirnen dagegen verkauften sie Zucker, Kapaune, Mandeln und
-süßes Gebäck. Da Ulenspiegel solches sah, ward er noch hungriger.</p>
-
-<p>Plötzlich kletterte er wie ein Affe auf den Baum und setzte sich
-rittlings auf den dicken Ast, der sieben Fuß über der Erde war.
-Dieweil die Soldaten und Dirnen ihn im Kreise umringten, kasteite
-er sich mit einer Geißel und sprach:</p>
-
-<p>„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
-Amen. Es stehet geschrieben: Welcher den Armen gibt, leihet
-Gott aus. Soldaten und Ihr, schöne Damen, reizende Liebesgefährtinnen
-dieser tapferen Krieger, leihet Gott. Das heißt:
-„Gebet mir Brot, Fleisch, Wein und Bier, so es Euch beliebt. Und
-nichts für ungut, auch Kuchen; und Gott, der so reich ist, wird es
-Euch heimzahlen in Bergen von Fettammern, in Strömen von
-Malvasier, in Haufen von Kandiszucker und Reisbrei, den Ihr
-im Paradiese mit silbernen Löffeln sollt essen.“</p>
-
-<p>Dann jammerte er: „Sehet Ihr nicht, durch welch grausame
-Marter ich trachte, meiner Sünden Vergebung zu verdienen?
-Erleichtert Ihr nicht den brennenden Schmerz dieser Geißel, die
-mir den Rücken wund und blutig macht?“</p>
-
-<p>„Wer ist dieser Narr?“ sagten die Soldaten.</p>
-
-<p>„Meine Freunde,“ entgegnete Ulenspiegel, „ich bin nicht närrisch,
-sondern reuevoll und ausgehungert; denn während mein Geist
-seine Sünden beweint, beweint mein Bauch den Mangel an Fleisch.
-Ihr glücklichen Soldaten und Ihr schönen Mägdlein, ich sehe da
-bei Euch fetten Schinken, Gans, Würste, Wein, Bier und Kuchen.
-Wolltet Ihr dem Pilger nichts geben?“</p>
-
-<p>„Ja, ja,“ sagten die vlämischen Soldaten, „er hat ein gutes Gesicht,
-dieser Prediger.“</p>
-
-<p>Und alle warfen ihm Bissen zu wie Bälle. Ulenspiegel hörte nicht
-auf zu reden und aß, auf dem Aste reitend.</p>
-
-<p>„Der Hunger“, sprach er, „macht den Menschen hart und zum
-Gebet untauglich, aber der Schinken verscheucht sogleich diese
-üble Laune“.</p>
-
-<p>„Achtung, der Kopf wird gespalten“, rief ein Feldwaibel und warf
-ihm eine halbvolle Flasche zu.</p>
-
-<p>Ulenspiegel fing sie im Fluge auf, trank kleine Schlucke und sprach:
-„So wie der scharfe, wütende Hunger für den elenden Körper des
-Menschen ein schädlich Ding ist, so gibt es noch ein anderes nicht
-minder verderbliches Ding. Was ist die Angst eines armen Pilgers,
-welchem hochherzige Soldaten eine Schnitte Schinken und eine
-Flasche Bier gegeben haben? Denn der Pilger ist gemeiniglich
-nüchtern, und so er mit so geringer Nahrung im Magen tränke,
-würde er flugs trunken sein.“</p>
-
-<p>Wie er so sprach, fing er abermals im Flug eine Gänsekäule auf.</p>
-
-<p>„Das ist ein wundersam Ding,“ sagte er, „in der Luft Wiesenfische
-zu fischen. Doch dieser ist mitsamt dem Beine verschwunden.
-Was ist gieriger als trockner Sand? Ein unfruchtbar
-Weib und ein ausgehungerter Magen.“</p>
-
-<p>Plötzlich fühlte er, daß eine Hellebardenspitze ihn ins Gesäß stach.
-Und er hörte einen Fähndrich sagen:</p>
-
-<p>„Verschmähen die Pilger jetzo eine Hammelkeule?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sah eine große Hammelkeule auf die Spitze der Hellebarde
-gespießt. Er nahm sie und sagte:</p>
-
-<p>„Keule gegen Keule: diese ist mir lieber als der Keulenärmel
-an meinem Wams. Ich werde eine Markflöte daraus machen,
-um Dein Loblied zu singen, Du barmherziger Hellebardier. Jedoch,“
-sagte er, die Keule benagend, „was ist eine Mahlzeit ohne
-Nachtisch? Was ist eine Keule, so saftig sie auch sei, wenn dem
-Pilger hernach nicht ein Stück Kuchen lächelt?“</p>
-
-<p>So sprechend, faßte er mit der Hand nach dem Gesicht, denn zwei
-Kuchen, so aus der Schar der losen Jungfrauen kamen, waren
-einer auf seinem Auge, der andere auf seiner Wange zerquetscht.
-Und die Mädchen lachten und Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Großen Dank, Ihr herzigen Mägdlein, daß Ihr mir den Ritterschlag
-mit Zuckerbrot gebet.“</p>
-
-<p>Aber die Kuchen waren zu Boden gefallen.</p>
-
-<p>Plötzlich erdröhnten die Trommeln, die Pfeifen gellten und die
-Soldaten marschierten davon. Herr von Beauvoir hieß Ulenspiegel
-von seinem Baume herabsteigen und neben dem Kriegervolk
-einherziehen, von dem er hundert Meilen hätte fern sein
-mögen. Denn er witterte aus den Worten etlicher finster dreinschauender
-Kriegsknechte, daß er ihnen verdächtig sei und daß
-sie ihn alsbald für einen Spion nehmen, ihn durchsuchen und
-aufknüpfen würden, wenn sie seine Sendschreiben fänden.</p>
-
-<p>Drum ließ er sich in einen Graben fallen und schrie:</p>
-
-<p>„Erbarmen, Ihr Herren Soldaten, ich habe das Bein gebrochen,
-ich könnte nicht mehr gehen, lasset mich in den Wagen der Mädchen
-steigen.“</p>
-
-<p>Aber er wußte, daß der eifersüchtige Waibel es ihm nicht verstatten
-würde.</p>
-
-<p>Die aus dem Wagen riefen ihm zu:</p>
-
-<p>„Wohlan, komm doch, artiger Pilger, komm. Wir wollen Dich
-lieben, herzen, bewirten und Dich an einem Tage heilen.“</p>
-
-<p>„Ich weiß es,“ sagte er, „Frauenhände sind ein göttlicher Balsam
-für alle Wunden.“</p>
-
-<p>Aber der eifersüchtige Waibel sprach zu Herrn von Lamotte:</p>
-
-<p>„Euer Gnaden, ich glaube, dieser Pilger hat uns mit seinem gebrochenen
-Beine zum besten, um in den Wagen der Dirnen zu steigen.
-Befehlet, daß man ihn auf dem Wege zurücklasse.“</p>
-
-<p>„Das will ich,“ antwortete Herr von Lamotte.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel ward in dem Graben gelassen.</p>
-
-<p>Etliche Soldaten glaubten, daß er wahrhaftig das Bein gebrochen
-habe, und waren betrübt darüber, maßen er ein so fröhlicher Gesell
-war. Sie ließen ihm Fleisch und Wein für zwei Tage. Die
-Mädchen wären ihm gerne zu Hilfe gekommen, aber da sie es
-nicht vermochten, warfen sie ihm alles zu, was ihnen von den
-Hühnern geblieben war.</p>
-
-<p>Da das Kriegsvolk sich verzogen hatte, lief Ulenspiegel in seinem
-Pilgerkleid querfeldein, kaufte sich ein Pferd und kam auf Wegen
-und Stegen wie der Wind nach Herzogenbusch.</p>
-
-<p>Bei der Kunde von der Ankunft der Herren von Beauvoir und
-von Lamotte waffneten sich die aus der Stadt, achthundert Mann
-hoch, wählten Hauptleute und sandten Ulenspiegel als Kohlenträger
-verkleidet nach Antwerpen, um Hilfe von Brederode, dem
-herkulischen Zecher zu holen.</p>
-
-<p>Und die Herren von Lamotte und von Beauvoir fanden Herzogenbusch,
-die wachsame Stadt, zu kühner Abwehr bereit und konnten
-nicht eindringen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>19</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Im folgenden Mond gab ein gewisser Doktor Agileus Ulenspiegel
-zwei Gülden und Briefe, mit denen er sich zu Simon Praet begeben
-sollte; der würde ihm sagen, was er tun sollte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel fand bei Praet Kost und Obdach. Sein Schlaf war gut
-und gut war auch sein jugendlich blühendes Antlitz. Praet hingegen
-war schwächlich und von kläglichem Aussehen und schien immer in
-traurigen Gedanken befangen. Ulenspiegel verwunderte sich des
-Nachts, wenn er von Ohngefähr erwachte und hämmern hörte.</p>
-
-<p>So zeitig er aufstand, Simon Praet war vor ihm auf und sein
-Aussehen war noch kläglicher und seine Blicke noch trauriger.
-Sie erglänzten wie die eines Mannes, der sich auf den Tod oder
-die Schlacht bereitet.</p>
-
-<p>Oft seufzete Praet, die Hände zum Beten gefaltet, und allezeit
-schien er voller Grimm. Seine Finger waren schwarz und schmierig,
-desgleichen seine Arme und seine Hand.</p>
-
-<p>Ulenspiegel beschloß zu erfahren, woher das Hämmern, die schwarzen
-Arme und Praets Trübsinn kämen.</p>
-
-<p>Eines Abends, da er in Simons Gesellschaft, der wider Willen
-dort weilte, in der Schenke zur „Blauen Gans“ gewesen war,
-stellte er sich als ob er so viel getrunken und solch einen Rausch
-im Kopf hätte, daß er ihn stracks auf das Kissen hinlegen müßte.
-Und Praet führte ihn traurig nach Hause.</p>
-
-<p>Ulenspiegel schlief auf dem Boden bei den Katzen; Simons Bett
-war unten beim Keller.</p>
-
-<p>Ulenspiegel stellte sich fürderhin trunken, stieg taumelnd die Stiege
-hinauf, tat, als ob er fiele, und hielt sich am Strick fest. Simon
-half ihm mit zärtlicher Sorgfalt wie ein Bruder. Nachdem er
-ihn zu Bett gebracht, ob seiner Trunkenheit bedauert und Gott
-gebeten hatte, sie ihm zu verzeihen, ging er hinunter, und alsbald
-vernahm Ulenspiegel die nämlichen Hammerschläge, die ihn manches
-Mal geweckt hatten.</p>
-
-<p>Er stand geräuschlos auf, stieg barfuß die schmale Stiege hinunter,
-also daß er sich nach zweiundsiebenzig Stufen vor einer niederen
-Tür befand, durch deren Spalte ein schwacher Lichtschein drang.
-Simon druckte Flugblätter mit alten Lettern aus der Zeit von Laurens
-Costers, dem großen Verbreiter der edlen Buchdruckerkunst.
-„Was machst Du da?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Simon antwortete erschrocken:</p>
-
-<p>„Wenn Du des Teufels bist, zeige mich an, auf daß ich sterbe.
-Bist Du aber Gottes, so sei Dein Mund Deiner Zunge Kerker.“</p>
-
-<p>„Ich bin Gottes,“ antwortete Ulenspiegel, „und will Dir nichts
-Übles tun. Was tust Du da?“</p>
-
-<p>„Ich drucke Bibeln,“ antwortete Simon. „Denn wenn ich über
-Tag, um mein Weib und meine Kinder zu ernähren, die grausamen
-und schlechten Edikte Seiner Majestät veröffentliche, so säe ich
-nachts das wahrhaftige Wort Gottes aus und mache so das Übel
-wieder gut, das ich am Tage tue.“</p>
-
-<p>„Du bist tapfer,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ich bin im Glauben,“ entgegnete Simon.</p>
-
-<p>Und wahrlich, aus dieser frommen Druckerei gingen Bibeln in
-vlämischer Sprache hervor, so sich in den Ländern Brabant, Flandern,
-Holland, Seeland, Utrecht, Nord-Brabant, Ober-Yssel und
-Gelderland verbreiteten, bis an den Tag, wo Simon verurteilt
-wurde, geköpft zu werden, und also sein Leben für Christum und
-die Gerechtigkeit vollendete.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>20</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Eines Tages sagte Simon zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Höre, Bruder, hast Du Mut?“</p>
-
-<p>„Ich habe soviel, wie nötig ist, um einen Spanier zu peitschen,
-bis daß der Tod erfolgt, einen Meuchelmörder zu töten und einem
-Totschläger das Leben zu nehmen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Vermöchtest Du geduldig in einem Kamin auszuharren und zu
-horchen, was in einem Gemache gesprochen wird?“ fragte der
-Drucker.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete: „Da ich durch Gottes Gnade ein starkes
-Kreuz und geschmeidige Kniekehlen habe, so könnte ich mich wie
-eine Katze lange festhalten, wo ich wollte.“</p>
-
-<p>„Hast Du Geduld und Gedächtnis?“ fragte Simon.</p>
-
-<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust“, entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Höre denn,“ sagte der Buchdrucker. „Du wirst diese also gefaltete
-Spielkarte nehmen, nach Dendermonde gehen und allda
-zweimal stark und einmal leise an die Türe des Hauses pochen,
-dessen Abbild hier gezeichnet ist. Jemand wird Dir öffnen und
-Dich fragen, ob Du der Kaminkehrer bist. Du antwortest, daß
-Du mager bist, und daß Du die Karte nicht verloren hast. Du
-zeigst sie ihm. Alsdann, Thyl, wirst Du tun, was sein muß.
-Großes Unheil schwebt über dem Lande Flandern. Man wird
-Dir einen Kamin zeigen, der schon im voraus zugerichtet und gekehrt
-ist. Du wirst darin gute Krampen für Deine Füße und als
-Sitz ein kleines, sicher befestigtes Brett finden. Wenn der, welcher
-Dir aufgemacht hat, Dich heißen wird, in den Kamin zu steigen,
-wirst Du es tun und Dich ruhig darin verhalten. Erlauchte Herren
-werden sich in dem Gemache vor dem Kamin, in dem Du sein wirst,
-vereinigen. Es sind Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien,
-die Grafen von Egmont, von Hoorn, von Hoogstraten und Ludwig
-von Nassau, der wackere Bruder des Schweigers. Wir Reformierten
-wollen wissen, was diese Herren unternehmen wollen und
-können, um die Lande zu retten.“</p>
-
-<p>Es war aber am ersten Tage des Ostermonds, daß Ulenspiegel
-tat, wie ihm geheißen war, und sich in den Kamin setzte. Er war
-es zufrieden, daß kein Feuer darinnen war, denn er gedachte, wenn
-kein Rauch da wäre, würde sein Gehör um so schärfer sein.</p>
-
-<p>Alsbald öffnete sich die Türe des Saales und ein Windstoß ging
-ihm durch und durch. Aber er nahm diesen Wind in Geduld hin
-und sagte sich, daß er seine Aufmerksamkeit auffrischen würde.
-Darnach hörte er die Herren von Oranien, Egmont und die anderen
-in das Gemach treten. Sie begannen zu reden: von den Befürchtungen,
-die sie hatten, vom Zorne des Königs und der schlechten
-Verwaltung der Gelder und Finanzen. Einer sprach in hellem,
-bittrem, hoffärtigem Tone, das war Egmont. Ulenspiegel erkannte
-ihn wieder, desgleichen Hoogstraten an seiner heiseren
-Stimme, von Hoorn an seiner lauten Stimme, den Grafen Ludwig
-von Nassau an seinem derben, kriegerischen Ton, und den
-Schweiger daran, daß er alle seine Worte langsam aussprach, als
-wöge er ein jegliches auf einer Wage.</p>
-
-<p>Graf Egmont fragte, warum man sie zum andern Male zusammen
-riefe, maßen sie in Hellegat Muße gehabt hätten, sich zu entscheiden,
-was sie tun wollten.</p>
-
-<p>Von Hoorn antwortete:</p>
-
-<p>„Die Zeit entfleucht; der König ist zornig; hüten wir uns zu
-zaudern.“</p>
-
-<p>Da sagte der Schweiger:</p>
-
-<p>„Die Lande sind bedroht; man muß sie vor dem Angriff eines
-fremden Heeres schirmen.“</p>
-
-<p>Egmont entgegnete aufbrausend, es verwunderte ihn, daß der Herr
-und König sich bemüßigt fühlte, ein Heer zu entsenden, nun, da durch
-der Herren Fürsorge, in Sonderheit die seine, alles beruhigt sei.</p>
-
-<p>Doch der Schweiger versetzte:</p>
-
-<p>„Philipp hat in den Niederlanden vierzehn Haufen Kriegsvolk,
-und ein jeder Soldat hält zu Dem, der bei Saint-Quentin und
-bei Gravelingen befehligte.“</p>
-
-<p>„Ich verstehe nicht,“ sprach Egmont.</p>
-
-<p>Der Prinz erwiderte: „Ich will nicht mehr sagen, doch es sollen
-Euch und den versammelten Herren gewisse Briefe verlesen werden,
-mit denen des armen Gefangenen Montigny anfangend.“</p>
-
-<p>In diesen Briefen schrieb Herr von Montigny:</p>
-
-<p>„Der König ist höchlichst erzürnt ob der Geschehnisse in den
-Niederlanden, und er wird die Begünstiger der Unruhen zur gegebenen
-Zeit strafen.“</p>
-
-<p>Worauf Graf Egmont sagte, daß es ihn fröre und daß man gut
-täte, ein starkes Holzfeuer anzulegen. Solches geschah, dieweil
-die beiden Herren über die Briefe sprachen. Aber das Feuer wollte
-nicht brennen, aus Ursach des allzu großen Pfropfens, der im
-Kamin war, und das Gemach wurde voll Rauch.</p>
-
-<p>Hustend verlas Graf von Hoogstraten alsdann die aufgefangenen
-Briefe Alavas, des hispanischen Gesandten, die an die Regentin
-gerichtet waren.</p>
-
-<p>„Der Gesandte“, sagte er, „schreibt, daß alles Unheil, so in den
-Niederlanden geschehen, das Werk der Drei sei; zu vermelden:
-der Herren von Oranien, von Egmont und von Hoorn. Man
-müsse, sagt er, den drei Herren ein freundlich Gesicht zeigen und
-ihnen sagen, daß der König anerkenne, daß er diese Lande durch
-ihre Dienste in Botmäßigkeit erhalten. Was aber die beiden,
-Montigny und de Berghes beträfe, so seien sie da, wo sie bleiben
-sollten.“</p>
-
-<p>„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „mir ist ein rauchiger Kamin im Lande
-Flandern lieber denn ein kühles Gefängnis im Lande Hispanien;
-sintemalen zwischen den feuchten Mauern Knebel wachsen!“</p>
-
-<p>„Besagter Gesandte fügt hinzu, daß der König in der Stadt
-Madrid gesagt habe: „Durch alles, was in den Niederlanden sich
-zugetragen, ist Unser königliches Ansehen erschüttert, der Gottesdienst
-erniedrigt, und lieber werden Wir alle Unsere Lande in Gefahr
-bringen, als eine solche Rebellion ungestraft lassen. Wir sind
-entschlossen, in höchsteigner Person nach den Niederlanden zu
-reisen und Papst wie Kaiser um Beistand anzugehen. Unter dem
-gegenwärtigen Unglück ruht das zukünftige Glück. Wir werden die
-Niederlande unter Unsre uneingeschränkte Botmäßigkeit zwingen
-und Staat, Religion und Regierung nach Unserm Belieben ändern.“</p>
-
-<p>„Ha, König Philipp,“ sprach Ulenspiegel zu sich, „so ich Dich nach
-meiner Art ändern könnte, würdest Du unter meinem vlämischen
-Knüttel eine gewaltige Veränderung Deiner Schenkel, Arme und
-Beine erleiden. Ich würde Dir den Kopf mit zwei Nägeln mitten
-auf den Rücken heften, um zu sehen, ob Du in dem Zustande, wenn
-Du den Totenacker, den Du hinter Dir lässest, erblickst, auch noch
-das Lied von der tyrannischen Veränderung singst.“</p>
-
-<p>Es wurde Wein gebracht. Von Hoogstraten erhob sich und
-sagte:</p>
-
-<p>„Ich trinke auf das Wohl der Lande.“ Alle taten wie er. Er
-setzte den Humpen leer auf den Tisch und fügte hinzu: „Die
-böse Stunde schlägt für den belgischen Adel, man muß auf Mittel
-bedacht sein, sich zu verteidigen.“</p>
-
-<p>Eine Antwort erwartend, blickte er Egmont an, der aber blieb
-stumm.</p>
-
-<p>Doch der Schweiger sprach: „Wir werden widerstehen, wenn
-Egmont, der bei Saint-Quentin und Gravelingen zweimal Frankreich
-erzittern ließ und bei den vlämischen Söldnern unbedingtes
-Ansehen genießt, uns zu Hilfe kommen und die Spanier hindern
-will, in unsere Lande zu dringen.“</p>
-
-<p>Herr von Egmont erwiderte:</p>
-
-<p>„Ich habe eine zu ehrerbietige Meinung vom König, um zu glauben,
-daß wir uns als Rebellen wider ihn wappnen müssen. Mögen
-die, so seinen Zorn fürchten, sich zurückziehen. Ich werde bleiben,
-denn ich sehe keine Möglichkeit, mich ohne seine Hilfe zu erhalten.“</p>
-
-<p>„Philipp kann sich grausam rächen,“ sagte der Schweiger.</p>
-
-<p>„Ich habe Vertrauen,“ entgegnete Egmont.</p>
-
-<p>„Den Kopf einbegriffen?“ fragte Ludwig von Nassau.</p>
-
-<p>„Kopf, Körper und Ergebenheit, die sein sind, einbegriffen,“ antwortete
-Egmont.</p>
-
-<p>„Lieber und Getreuer,“ sagte von Hoorn, „ich werde handeln wie
-Du.“</p>
-
-<p>Der Schweiger sagte: „Man muß voraussehen und nicht warten.“</p>
-
-<p>Nunmehr redete Herr von Egmont heftig und sprach: „Ich
-habe zu Grammont zweiundzwanzig Reformierte henken lassen.
-Wenn die Predigten aufhören, wenn man die Bilderstürmer bestraft,
-wird des Königs Zorn sich besänftigen.“</p>
-
-<p>Der Schweiger erwiderte: „Es gibt trügerische Hoffnungen.“</p>
-
-<p>„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte Egmont.</p>
-
-<p>„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte von Hoorn.</p>
-
-<p>„Mit Eisen müssen wir uns wappnen und nicht mit Vertrauen,“
-entgegnete von Hoogstraten.</p>
-
-<p>Hierauf winkte der Schweiger, zum Zeichen, daß er gehen wolle.</p>
-
-<p>„Gehabt Euch wohl, Prinz ohne Land,“ sagte Egmont.</p>
-
-<p>„Gehabt Euch wohl, Graf ohne Kopf,“ antwortete der Schweiger.</p>
-
-<p>Ludwig von Nassau sagte darauf: „Der Schlächter ist für das
-Schaf und der Ruhm für den Soldaten, der das Land seiner Väter
-rettet!“</p>
-
-<p>„Ich kann und will es nicht,“ sagte Egmont.</p>
-
-<p>„Das Blut der Opfer komme über das Haupt des Höflings,“
-sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Die Herren zogen sich zurück.</p>
-
-<p>Alsbald stieg Ulenspiegel aus seinem Kamin und ging ohne Verzug
-zu Praet, ihm die Zeitung zu bringen. Der sagte: „Egmont
-ist ein Verräter; Gott ist mit dem Prinzen.“</p>
-
-<p class="tb">Der Herzog, der Herzog in Brüssel! Wo sind eiserne Truhen,
-die Flügel haben?</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Buch">Drittes Buch</h2>
-</div>
-
-<hr class="full newpage" />
-<h3>1</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Er geht, der Schweiger, Gott führt ihn.</p>
-
-<p>Die beiden Grafen sind schon gefangen; Alba verspricht dem
-Schweiger Milde und Verzeihung, wenn er vor ihm erscheint.</p>
-
-<p>Bei dieser Kunde sagt Ulenspiegel zu Lamm: „Beim Mantel
-meines Liebchens! Der Herzog läßt auf Dubois, des Generalprokurators
-Drängen, den Prinzen von Oranien, Ludwig, seinen
-Bruder, von Hoogstraten, van den Bergh, Kuilenburg, von
-Brederode und andre Freunde des Prinzen entbieten, in dreimal
-vierzehn Tagen vor ihm zu erscheinen, und verspricht ihnen gerechtes
-Urteil und Begnadigung. Höre, Lamm: Eines Tages forderte
-ein Amsterdamer Jude einen seiner Feinde auf, in die Gasse
-herunterzukommen; er stund in der Gasse, der andere an einem
-Fenster. „Steig doch herunter“, sagte er, „und ich werde Dir einen
-solchen Faustschlag auf den Kopf geben, daß er Dir in die Brust
-rutscht und daß Du durch Deine Rippen siehst, wie ein Dieb durch
-das Gitter seines Gefängnisses.“ Der Aufgeforderte erwiderte:
-„Wenn Du mir auch hundert Mal mehr versprächest, so würde
-ich doch nicht herunterkommen.“ Also mögen Oranien und die
-Andern antworten.“</p>
-
-<p>Und sie taten es, indem sie sich weigerten zu erscheinen. Von Egmont
-und von Hoorn folgten ihrem Beispiel nicht. Und Schwachheit
-in der Pflicht ruft das Schicksal herbei.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>2</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zur selbigen Zeit wurden auf dem Roßmarkt zu Brüssel die Herren
-von Andelot, die Kinder Battenburgs und andere erlauchte und
-tapfere Ritter enthauptet, welche sich der Stadt Amsterdam
-durch einen Überfall hatten bemächtigen wollen. Und dieweil
-sie zum Richtplatze gingen und Psalmen sangen / es waren ihrer
-achtzehn / erdröhnten die Trommeln vor und hinter ihnen, den
-ganzen Weg entlang.</p>
-
-<p>Und die hispanischen Söldner, die sie begleiteten und brennende
-Fackeln trugen, verbrannten ihnen damit den Körper an allen
-Stellen. Und wenn sie des Schmerzes halber zuckten, sagten die
-Söldner:</p>
-
-<p>„Wie, Ihr Lutheraner, tut es Euch denn wehe, so bald verbrannt
-zu werden?“</p>
-
-<p>Und der sie verraten hatte, war einer namens Dierick Slosse;
-der hatte sie zu dem noch katholischen Enkhuyse geführt, um sie
-des Herzogs Bluthunden zu überliefern.</p>
-
-<p>Und sie starben tapfer.</p>
-
-<p>Und der König erbte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>3</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>„Sahest Du sie vorbeigehen?“ fragte Ulenspiegel, welcher als
-Holzhacker gekleidet war, den gleich ausstaffierten Lamm. „Sahest
-Du den schlimmen Herzog mit seiner Stirn, die oben so flach ist
-wie die des Adlers, und seinem langen Bart, der dem Ende eines
-Strickes gleicht, der von einem Galgen herunterhängt? Daß Gott
-ihn daran erdrossele! Sahest Du diese Spinne mit ihren langen,
-haarigen Beinen, die Satan beim Erbrechen auf diese Lande spie?
-Komm, Lamm, komm, wir wollen ihr Steine ins Netz werfen ...“</p>
-
-<p>„Wehe,“ sagte Lamm, „wir werden lebendig verbrannt werden.“</p>
-
-<p>„Komm nach Groenendal, viellieber Freund; komm nach Groenendal.
-Da ist ein schönes Kloster, allwo Seine Herzogliche Gnaden,
-die Spinne, Gott um Frieden bitten wird, auf daß er ihn
-sein Werk vollenden lasse, welches ist: seine unsauberen Geister
-an Aas zu ergötzen. Wir sind in der Fastenzeit, und nur des Blutes
-will Seine Gnaden sich nicht enthalten. Komm, Lamm, es sind dreihundert
-gewappnete Reiter um das Stadthaus von Ohain, dreihundert
-Mann Fußvolk sind in kleinen Trupps aufgebrochen und
-dringen in den Wald von Soignes ein.</p>
-
-<p>„Alsbald, wenn Alba seine Andacht halten wird, gehen wir auf
-ihn los, und wenn wir ihn gefangen haben, setzen wir ihn in einen
-schönen, eisernen Käfig und schicken ihn dem Prinzen.“</p>
-
-<p>Doch Lamm sprach, vor Angst schaudernd, zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Große Gefahr, mein Sohn! Ich würde Dir bei diesem Unternehmen
-folgen, wenn meine Beine nicht so schwach wären, und
-mein Bauch von dem sauern Bier, so sie in dieser Stadt Brüssel
-trinken, nicht so aufgebläht wäre.“</p>
-
-<p>Diese Reden wurden in einem Loche geführt, das im Walde mitten
-im Dickicht in die Erde gegraben war. Plötzlich, da sie wie das
-Auge eines Dachshundes durch die Blätter spähten, sahen sie die
-gelben und roten Röcke der herzoglichen Söldner, die zu Fuß durch
-den Wald gingen. Ihr Gewaffen blitzte im Sonnenschein.</p>
-
-<p>„Wir sind verraten,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Als er die Söldner nicht mehr sah, rannte er im schnellsten Lauf
-bis nach Ohain. Die Söldner ließen ihn ob seiner Holzhackertracht
-und der Holzlast, so er auf dem Rücken trug, unbeachtet passieren.
-Da fand er die Reiter wartend; er verbreitete die Kunde, und alle
-stoben auseinander und entkamen, außer dem Herrn von Bausart
-d’Armentières, der gefangen ward. Von den Fußsoldaten aber,
-die aus Brüssel kamen, konnte man keinen fassen. Herr von Bausart
-zahlte grausam für die andern. Und es war ein feiger Verräter
-vom Regiment des Herrn von Likes, der sie allesamt verriet.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, dem das Herz vor Angst klopfte, ging nach dem
-Viehmarkt zu Brüssel, um seine grausame Hinrichtung anzusehen.</p>
-
-<p>Und der arme Armentières ward auf das Rad geflochten und
-empfing siebenunddreißig Schläge mit der Eisenstange auf die
-Beine, Arme, Füße und Hände, die eines um das andere zerbrochen
-wurden, denn die Henker wollten ihn grausam leiden sehen. Und
-den siebenunddreißigsten empfing er auf die Brust und starb daran.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>4</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>An einem hellen, linden Junitage ward zu Brüssel auf dem
-Markte vor dem Rathaus ein mit schwarzem Tuch bedecktes
-Schaffot aufgerichtet und daneben zween hohe Pfähle mit Eisenspitzen.
-Auf dem Blutgerüst waren zwei schwarze Kissen und
-ein Tischlein, darauf ein silbern Kreuz stand.</p>
-
-<p>Und auf diesem Schaffot wurden die edlen Grafen von Egmont
-und von Hoorn mit dem Schwerte enthauptet. Und der König
-erbte.</p>
-
-<p>Und der Gesandte von Franz, dem ersten dieses Namens, sagte
-von Egmont:</p>
-
-<p>„Ich sah soeben dem, der zweimal Frankreich erzittern machte,
-das Haupt abschlagen.“</p>
-
-<p>Und die Köpfe der Grafen wurden auf die Eisenspitzen gesteckt.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sprach zu Lamm:</p>
-
-<p>„Die Leiber und das Blut sind mit schwarzem Tuche verdeckt.
-Gesegnet seien, so in den schwarzen Tagen, die da kommen werden,
-Mut hoch und den Degen aufrecht halten.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>5</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Um dieselbige Zeit brachte der Schweiger ein Heer zusammen und
-ließ es von drei Seiten in die Niederlande einfallen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sprach in einer Versammlung wilder Geusen von
-Marenhout:</p>
-
-<p>„Auf den Rat der Inquisitionsmänner hat Philipp der König
-alle Einwohner der Niederlande des Majestätsverbrechens schuldig
-erklärt durch die Tat der Ketzerei, sowohl wer ihr angehangen,
-als wer ihr kein Hindernis in den Weg gelegt hat. In
-Ansehung dieses abscheulichen Verbrechens verdammt er sie alle,
-ohne Rücksicht auf Geschlecht oder Alter, mit Ausnahme der
-namentlich Bezeichneten, zu den Strafen, die auf solche Frevel
-stehen; und solches ohne alle Hoffnung auf Gnade. Der König
-erbt. Der Tod mäht in dem reichen, weiten Lande, das die Nordsee,
-die Grafschaft Emden, die Ems, die Länder Westphalen, Cleve,
-Jülich, Lüttich, die Bistümer Cöln und Trier, die Länder Lothringen
-und Frankreich begrenzen. Der Tod mäht auf einer Fläche
-von dreihundertundvierzig Meilen in zweihundert mit Mauern
-umgebenen Städten, in hundertundfünfzig Dörfern mit Städterecht,
-in den Flecken, auf den Feldern und Ebenen. Der König
-erbt.</p>
-
-<p>„Elftausend Henker sind nicht zuviel, um die Arbeit zu tun. Alba
-nennt sie Soldaten. Und das Land der Väter ist ein Beinhaus
-geworden, woraus die Künste fliehen, das Handwerk entweicht
-und welches die Gewerbe verlassen, um den Fremden zu bereichern,
-der ihnen erlaubt, bei ihm den Gott des freien Gewissens anzubeten.
-Tod und Verderben mähen. Der König erbt.</p>
-
-<p>„Die Lande hatten ihre Privilegien erworben durch viel Geld,
-das sie bedürftigen Fürsten gaben; diese Privilegien sind eingezogen.
-Sie hatten gehofft, den Verträgen gemäß, die zwischen
-ihnen und den Herrschern geschlossen waren, den Reichtum, die
-Frucht ihrer Arbeit, zu genießen. Sie täuschen sich: der Maurer
-baut für die Feuersbrunst, der Handarbeiter arbeitet für den
-Dieb. Und der König erbt.</p>
-
-<p>„Blut und Tränen! Der Tod mäht auf den Scheiterhaufen, an
-den Bäumen, die längs der Heerstraße als Galgen dienen, in den
-offenen Gruben, in welche die armen Mägdlein lebendig geworfen
-werden. Andre werden in den Gefängnissen ertränkt, inmitten
-von angezündeten Reisigbündeln bei langsamem Feuer gebraten
-oder kommen in brennenden Strohhütten in Flamme und
-Rauch um. Der König erbt.</p>
-
-<p>„Also hat der römische Papst es gewollt.</p>
-
-<p>„Die Städte sind übervoll von Spionen, so ihren Anteil vom
-Vermögen der Opfer erwarten. Je reicher, desto schuldiger ist
-man. Der König erbt.</p>
-
-<p>„Doch die tapferen Männer des Landes werden sich nicht gleich
-Lämmern erwürgen lassen. Unter den Flüchtigen sind Bewaffnete,
-die in die Wälder flüchten. Die Mönche hatten sie angezeigt,
-auf daß man sie töte und ihnen ihr Vermögen nähme. Darum
-stürzen sie sich bei Nacht und Tag wie die wilden Tiere auf die
-Klöster und nehmen dort das Geld wieder, das dem armen Volke
-in Gestalt von Leuchtern, güldenen und silbernen Reliquienschreinen,
-Speisekelchen, Hostientellern und kostbaren Gefäßen gestohlen
-ist. Nicht so, Ihr guten Leute? Und sie trinken dort den Wein,
-den die Mönche für sich bewahrten. Die geschmolzenen oder verpfändeten
-Gefäße werden zum heiligen Kriege dienen. Es lebe
-der Geuse!</p>
-
-<p>„Sie beunruhigen des Königs Soldaten, töten und berauben sie
-und fliehen dann in ihre Schlupfwinkel. Bei Tag und Nacht
-sieht man in den Wäldern nächtliche Feuer brennen und verlöschen
-und immerwährend den Platz verändern. Das ist das Feuer unserer
-Gelage. Unser ist das Wild mit Fell und Feder. Wir sind
-die Herren; die Bauern geben uns Speck und Brot, wann wir
-wollen. Lamm, betrachte sie. Zerlumpt, wild, entschlossen, mit
-stolzem Blick, irren sie mit ihren Äxten, Hellebarden, langen Degen,
-kurzen Schwertern, Piken, Lanzen, Armbrüsten und Hakenbüchsen
-in den Wäldern umher. Alle Waffen sind ihnen recht,
-und sie wollen nicht unter Fahnen marschieren. Es lebe der
-Geuse!“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,</div>
- <div class="verse indent0">Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Dem Herzog reißt die Eingeweide aus</div>
- <div class="verse indent0">Und peitscht damit sein Angesicht!</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges,</div>
- <div class="verse indent0">Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Hängt an der Zunge ihn auf,</div>
- <div class="verse indent0">An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,</div>
- <div class="verse indent0">Und am Arm, der es unterschreibt!</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!</div>
- <div class="verse indent0">Auf daß in dem eklen Dunst</div>
- <div class="verse indent0">Er an der Leichenpest sterbe!</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.</div>
- <div class="verse indent0">Dem Feuer und Strick bieten sie Trutz</div>
- <div class="verse indent0">Und dem Schwert um Deines Worts willen.</div>
- <div class="verse indent0">Sie wollen Befreiung des Vaterlands.</div>
- <div class="verse indent0">Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und alle tranken und schrieen:</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel trank aus dem vergüldeten Humpen eines Mönches
-und betrachtete voller Stolz der wilden Geusen kühne Gesichter.</p>
-
-<p>„Ihr wilden Männer,“ sagte er, „Ihr seid Wölfe, Leuen und
-Tiger, fresset die Hunde des Blutkönigs.“</p>
-
-<p>Sie sangen und sagten: „Es lebe der Geuse!</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Slaet op den trommele van dirre dom deyne,</div>
- <div class="verse indent0">Slaet op den trommele van dirre dum, dum.</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-<h3>6</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel zu Ypern war, warb er Soldaten für den Prinzen.
-Von des Herzogs Bluthunden verfolgt, bot er sich dem Propst
-von Sankt Martin als Küster an. Er hatte allda einen Glöckner
-namens Pompilius Numa zum Gefährten, eine ausgemachte Memme,
-der nachts seinen Schatten für den Teufel und sein Hemd für
-ein Gespenst hielt.</p>
-
-<p>Der Propst war fett und feist wie ein Masthuhn, das für den
-Spieß reif ist. Ulenspiegel sah alsbald, von welchem Kraut er
-weidete, um soviel Speck anzusetzen. Wie er es von dem Glöckner
-erfuhr und mit eigenen Augen ersah, speiste der Propst um
-neun Uhr zu Mittag und um vier zu Abend. Bis acht ein halb
-Uhr blieb er im Bette, alsdann ging er vor dem Mittagessen
-in seiner Kirche spazieren, um zu sehen, ob die Opferstöcke
-wohl gefüllt seien. Und die Hälfte davon tat er in seinen Säckel.
-Um neun verspeiste er eine Satte Milch, eine halbe Hammelkeule,
-eine kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler
-Wein. Um zehn Uhr lutschte er etliche Backpflaumen, begoß
-sie mit Wein aus Orleans und bat dabei Gott, ihn nimmer
-in die Versuchung der Völlerei zu führen. Um Mittag knabberte
-er zum Zeitvertreib einen Flügel und Hinterteil von Geflügel.
-Um ein Uhr leerte er einen großen Becher hispanischen
-Weines und gedachte an sein Nachtmahl. Alsdann streckte
-er sich auf sein Bett hin und erfrischte sich durch einen kleinen
-Schlummer.</p>
-
-<p>Erwachend, genoß er ein wenig gesalzenen Lachs, um den Appetit
-zu reizen, und leerte einen großen Humpen Antwerpener <span class="antiqua">dobbelknol</span>.
-Dann ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor
-den Kamin an das schöne Holzfeuer, das darinnen flammte. Er
-sah zu, wie ein großes Stück Kalbfleisch oder ein wohl abgebrühtes
-Spanferkel für die Mönche der Abtei darin briet und
-sich bräunte; das hätte er lieber gegessen, denn einen Laib
-weißen Brotes. Doch es gebrach ihm ein wenig an Hunger. Und
-er betrachtete den Spieß, der sich wie durch ein Wunder ganz
-von allein drehte. Das war das Werk Pieters van Steenkiste, eines
-Schmiedes, der in der Kastellanei von Kortrijck wohnte. Der
-Propst bezahlte ihm für einen dieser Spieße fünfzehn Pariser
-Franken.</p>
-
-<p>Dann ging er wieder hinauf in sein Bett und schlummerte vor
-Ermüdung ein; er erwachte gegen zwei Uhr und verschluckte ein
-wenig Schweinsgallert nebst Wein aus der Romagna, zu zweihundertvierzig
-Gülden das Stückfaß. Um drei Uhr aß er ein
-Vögelchen in Madeirazucker und leerte zwei Gläser Malvasier
-zu siebzehn Gülden das Fäßchen. Um dreieinhalb Uhr genoß er
-einen halben Topf Eingemachtes und trank Meth dazu. Alsdann
-war er recht wach, nahm einen seiner Füße in die Hände
-und ruhte sinnend aus.</p>
-
-<p>Wenn der Augenblick des Nachtessens kam, so erschien oftmals
-der Pfarrer von St. Johanni, ihm zu dieser saftigen Stunde
-seine Aufwartung zu machen. Manches Mal wetteiferten sie,
-wer am meisten Fisch, Geflügel, Wildbret und Fleisch essen würde.
-Der am schnellsten satt war, mußte dem andern ein Gericht
-Kalbsrippen liefern, das mit drei Weinen, vier Würzen und
-siebenerlei Gemüse zubereitet war.</p>
-
-<p>Also essend und trinkend, schwatzten sie mitsammen von den
-Ketzern und waren übrigens der Meinung, daß man ihrer nicht
-genug vernichten könne. Derhalben fingen sie niemals Händel
-an, ohngerechnet den Fall, wo sie über die neununddreißig Arten,
-gute Biersuppe zu machen, diskutierten.</p>
-
-<p>Dann neigeten sie ihre ehrwürdigen Häupter auf ihre priesterlichen
-Bäuche und schnarchten. Manches Mal, wenn einer von
-ihnen halb erwachte, sagte er, daß das Leben ein gar lieblich
-Ding in dieser Welt sei und daß die armen Leute Unrecht hätten,
-sich zu beklagen.</p>
-
-<p>Dieses heiligen Mannes Küster ward Ulenspiegel. Er bediente
-ihn trefflich bei der Messe, nicht ohne zu dreien Malen die Meßkännchen
-zu füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst.
-Der Glöckner Numa Pompilius half ihm bei Gelegenheit dabei.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, der Pompilius so blühend, dickbäuchig und pausbäckig
-sah, fragte ihn, ob er im Dienste des Propstes den Schatz
-dieser neidenswerten Gesundheit gesammelt habe.</p>
-
-<p>„Ja, mein Sohn,“ antwortete Pompilius, „aber schließe die Türe
-gut, auf daß uns keiner höre.“</p>
-
-<p>Dann sagte er ganz leise:</p>
-
-<p>„Du weißt, daß unser Meister Propst alle Weine und Biere, alle
-Arten Fleisch und Geflügel mit zärtlicher Liebe liebt. Derhalben
-schließt er das Fleisch in einen Kasten und die Weine in einen
-Keller, und die Schlüssel dazu trägt er immerdar in seinem
-Säckel. Und beim Einschlafen hat er die Hände darauf. Nachts,
-wenn er schläft, gehe ich und nehme ihm die Schlüssel vom Wanst
-und lege sie nicht ohne Zittern wieder dahin, mein Sohn; denn
-wenn er um meine Missetat wüßte, so würde er mich bei lebendigem
-Leibe kochen lassen.“</p>
-
-<p>„Pompilius,“ sagte Ulenspiegel, „Du mußt Dir nicht soviel
-Mühe machen, sondern mir nur einmal die Schlüssel geben; ich
-werde nach diesem Muster welche anfertigen, und wir lassen die
-andern auf dem Bauche des guten Propstes.“</p>
-
-<p>„Mache sie, mein Sohn,“ sagte Pompilius.</p>
-
-<p>Ulenspiegel machte die Schlüssel. Sobald er und Pompilius um
-acht Uhr Abends vermuteten, daß der gute Propst eingeschlafen
-sei, stiegen sie hinunter, um sich Fleisch und Flaschen auszusuchen.
-Ulenspiegel trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, maßen
-er allzeit wie Espenlaub zitterte und Schinken und Hammelkeulen
-nicht zerbrechen, so sie hinfallen. Etliche Male bemächtigten
-sie sich des Geflügels, ehe es gebraten war, dieserhalb
-wurden mehrere Katzen der Nachbarschaft angeklagt und wegen
-solcher Tat umgebracht.</p>
-
-<p>Alsdann gingen sie in die Ketelstraet, das ist die Straße der
-Dirnen. Da sparten sie nichts und gaben ihren Schönen mit vollen
-Händen geräuchertes Ochsenfleisch und Schinken, Hirnwurst
-und Geflügel, und gaben ihnen Wein aus Orleans und der Romagna
-zu trinken und von dem „Ingelschen Bier“, das die jenseits des
-Meeres Ale nennen. Und sie gossen es in Strömen in die jungen
-Kehlen der Schönen. Und sie wurden mit Liebkosungen bezahlt.
-Eines Morgens jedoch nach der Mahlzeit ließ der Propst alle
-beide zu sich bescheiden. Er hatte eine furchtbare Miene und
-lutschte grimmig an einem Markknochen aus der Suppe.</p>
-
-<p>Pompilius zitterte in seinen Hosen und sein Bauch ward von
-Furcht geschüttelt. Ulenspiegel verhielt sich ruhig und befühlte
-vergnüglich die Kellerschlüssel in seiner Tasche.</p>
-
-<p>Der Propst sprach zu ihm und sagte:</p>
-
-<p>„Man trinkt meinen Wein und man ißt mein Geflügel; tust Du
-das mein Sohn?“</p>
-
-<p>„Nein,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Und hat nicht dieser Glöckner“, sagte der Probst, auf Pompilius
-zeigend, „seine Hände bei diesem Verbrechen im Spiel gehabt?
-Denn er ist bleich wie ein Verscheidender; gewißlich aus Ursach
-des gestohlenen Weins, der bei ihm als Gift wirkt.“</p>
-
-<p>„Ach, Herr,“ entgegnete Ulenspiegel, „Ihr beschuldigt Euren
-Glöckner zu Unrecht, denn wenn er bleich ist, so ist es nicht, weil
-er Wein getrunken hat, sondern weil er nicht genug zu schlürfen
-bekam. Wovon er so entkräftet ist, daß, wenn man seine Seele
-nicht aufhält, sie sich in Strömen in seine Hosen ergießen wird.“</p>
-
-<p>„Ja, es gibt arme Leute in dieser Welt,“ sagte der Propst und
-trank einen großen Schluck Wein aus seinem Humpen. „Aber sag
-mir, mein Sohn, ob Du, der Du Luchsaugen hast, nicht die Spitzbuben
-sahest?“</p>
-
-<p>„Ich werde gut Acht geben, Herr Propst,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Gott erhalte Euch alle beide fröhlich, Kinder,“ sagte der Propst,
-„und lebet mäßig. Denn von der Unmäßigkeit kommen uns viele
-Leiden in diesem Jammertal. Gehet hin in Frieden.“</p>
-
-<p>Und er segnete sie.</p>
-
-<p>Und er lutschte noch einen Markknochen aus der Brühe und trank
-noch einen großen Schluck Wein.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Pompilius gingen hinaus.</p>
-
-<p>„Dieser garstige Filz hätte Dir nicht einen einzigen Tropfen seines
-Weines zu trinken gegeben. Ihm noch mehr zu stehlen ist so gut
-wie geweihtes Brot. Doch was ist Dir, daß Du so zitterst?“</p>
-
-<p>„Meine Hosen sind ganz naß,“ sagte Pompilius.</p>
-
-<p>„Wasser trocknet rasch, mein Sohn,“ erwiderte Ulenspiegel. „Doch
-sei guter Dinge. Heut abend in der Ketelstraet werden die
-Flaschen klingen. Und wir wollen die drei Nachtwächter trunken
-machen, also daß sie schnarchend die Stadt bewachen.“</p>
-
-<p>Solches geschah.</p>
-
-<p>Indessen kam Sankt Märten heran, und die Kirche ward für das
-Fest geschmückt. Ulenspiegel und Pompilius gingen des Nachts hinein,
-schlossen sorgsam die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen
-eine Bratsche und einen Dudelsack und huben an, auf diesen Instrumenten
-zu spielen, so gut sie konnten. Und die Kerzen strahlten
-wie Sonnen. Aber das war nicht alles. Da ihre Arbeit
-getan war, gingen sie zum Propst, den sie ohngeachtet der vorgerückten
-Stunde noch auf fanden, wie er einen Krammetsvogel
-knusperte, Rheinwein trank und die Augen aufsperrte, da er die
-Fenster der Kirche erleuchtet sah.</p>
-
-<p>„Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „wollet Ihr wissen,
-wer Euer Fleisch isset und Euern Wein trinket?“</p>
-
-<p>„Und diese Beleuchtung,“ sagte der Propst, auf die Fenster der
-Kirche weisend. „O, Herr Gott, erlaubst Du dem heiligen Märten,
-also nächtlicher Weile die Kerzen der Armen unbezahlt zu
-verbrennen?“</p>
-
-<p>„Er tut noch ganz andere Dinge, Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel,
-„aber kommt.“</p>
-
-<p>Der Propst nahm sein Kruzifix und folgte ihnen. Sie traten in
-die Kirche.</p>
-
-<p>Allda sah er inmitten des Hauptschiffes alle Heiligen aus ihren
-Nischen herabgestiegen und im Kreise aufgestellt und von Sankt
-Märten, der sie alle um Haupteslänge überragte, schier kommandiert.
-An seinem zum Segen ausgestreckten Zeigefinger hielt
-er einen gebratenen Truthahn. Die andern hielten Stücke von
-Hühnern oder Gänsen, Würste, Schinken, rohen und gesottenen
-Fisch in der Hand oder führten sie zum Munde, unter anderm einen
-Hecht, der gut seine vierzehn Pfund wog. Und ein jeder hatte
-eine Flasche Wein zu seinen Füßen.</p>
-
-<p>Bei diesem Anblick konnte der Propst sich vor Zorn nicht halten.
-Er ward so rot und sein Antlitz so geschwollen, daß Ulenspiegel
-und Pompilius vermeinten, er werde platzen. Aber der Propst
-ging, ohne ihrer zu achten, gerade auf den heiligen Märten zu,
-indem er ihn bedräuete, gleich als wollte er ihm die Missetat der
-andern zur Last legen. Er riß ihm den Truthahn vom Finger
-und bläute ihn so wacker durch, daß er ihm Arm, Nase, Kreuz
-und Mitra zerbrach.</p>
-
-<p>Was die andern angeht, so sparte er ihnen keine Püffe, und mehr
-als einer verlor unter seinen Schlägen Arme, Hände, Mitra,
-Kreuz, Beil, Rost, Säge und andere Sinnbilder der Würde und
-des Martertodes. Alsdann machte der Propst sich mit wackelndem
-Bauche selbsteigen daran, die Kerzen hurtig und wütend auszulöschen.
-An Schinken, Geflügel und Würsten raffte er an sich, soviel
-er vermochte, und unter der Last schier erliegend, ging er
-wieder in sein Schlafgemach, dermaßen betrübt und ergrimmt,
-daß er Zug auf Zug drei große Flaschen Wein trank.</p>
-
-<p>Nachdem Ulenspiegel sich versichert hatte, daß er schlief, trug er
-alles, was der Propst gerettet zu haben vermeinte, in die Ketelstraet,
-desgleichen alles, was in der Kirche blieb, aber nicht, ohne
-zuvor die besten Bissen dortselbst verspeist zu haben. Und den
-Abfall legten sie zu Füßen der Heiligen.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen läutete Pompilius die Glocke zur Frühmette,
-und Ulenspiegel stieg zum Schlafgemach des Propstes
-hinan, mit der Bitte, in die Kirche hinunterzukommen.</p>
-
-<p>Allda wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und
-sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Herr Propst, es hat Euch nichts genutzt, sie haben trotz allem
-gegessen.“</p>
-
-<p>„Ja,“ erwiderte der Propst, „sie sind wie Diebe bis ins Schlafgemach
-gedrungen, um zu nehmen, was ich in Sicherheit gebracht
-hatte. O, Ihr hohen Heiligen, ich werde mich beim Papst darüber
-beschweren.“</p>
-
-<p>„Ja,“ versetzte Ulenspiegel, „aber übermorgen ist die Prozession.
-Die Arbeiter werden bald in die Kirche kommen. Fürchtet Ihr
-nicht, der Bilderzerstörung angeklagt zu werden, wenn sie hier
-all die armen Heiligen verstümmelt sehen?“</p>
-
-<p>„Ach, Heiliger Märten“, sagte der Propst, „erspare mir das
-Feuer, ich wußte nicht, was ich tat.“</p>
-
-<p>Dann wandte er sich an Ulenspiegel, derweil der furchtsame
-Glöckner sich an den Glocken schaukelte.</p>
-
-<p>„Man wird den Heiligen Martin nimmermehr von jetzt bis auf
-den Sonntag ausbessern können,“ sagte er. „Was soll ich tun,
-und was wird das Volk sagen?“</p>
-
-<p>„Herr“, antwortete Ulenspiegel, „man muß zu einer unschuldigen
-Ausflucht greifen. Wir kleben Pompilius einen Bart aufs Gesicht,
-das gar ehrwürdig ist, maßen es allzeit melancholisch ist,
-vermummen ihn mit Mitra, Meßgewand und Chormütze und
-dem großen Mantel des Heiligen und empfehlen ihm an, gut auf
-seinem Sockel zu stehen; so wird das Volk ihn für den Heiligen
-Martin aus Holz halten.“</p>
-
-<p>Der Propst ging zu Pompilius, der sich an den Stricken schaukelte.</p>
-
-<p>„Hör auf zu läuten,“ sagte er, „und hör mich an. Willst Du
-fünfzehn Dukaten verdienen? Am Sonntag, dem Tage der Prozession,
-sollst Du der Heilige Martin sein. Ulenspiegel wird Dich
-ausstaffieren, wie es sich gehört, und sofern Du, während Deine
-vier Männer Dich tragen, eine Bewegung machst oder ein Wort
-sagst, laß ich Dich bei lebendigem Leib in dem Öl des großen
-Kessels sieden, den der Henker just auf dem Hallenplatz aufgemauert
-hat.“</p>
-
-<p>„Ich werde gehorchen, Euer Gnaden,“ sprach Pompilius gar
-kläglich.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>7</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Des andern Tages ging die Prozession bei hellem Sonnenschein
-aus der Kirche. Ulenspiegel hatte, so gut er konnte, die zwölf
-Heiligen zusammengeflickt, die auf ihren Sockeln zwischen den
-Bannern der Zünfte hin und her schwankten. Dann kam die
-Statue Unsrer lieben Frau, alsdann die Marienkinder, schneeweiß
-gekleidet und Hymnen singend; dann die Bogen- und Armbrustschützen.
-Dem Baldachin zunächst kam Pompilius, der
-mehr schwankte als die andern und sich unter den schweren Gewändern
-des Heiligen Martin bog.</p>
-
-<p>Ulenspiegel hatte sich mit Juckpulver versorgt und Pompilius
-eigenhändig mit dem bischöflichen Ornat bekleidet, ihn mit Handschuhen
-und Kreuz versehen und ihn die lateinische Weise, das
-Volk zu segnen, gelehrt. Er hatte auch den Priestern beim Ankleiden
-geholfen. Den einen legte er die Stola, den andern die
-Chormütze und den Meßnern das Chorhemd an. Er lief in der
-Kirche hierin, dorthin, um ein Wams oder eine Hose in die richtigen
-Falten zu legen. Und jedwedem streute er auf die Halskrause,
-den Rücken oder das Handgelenk eine Fingerspitze voll
-Juckpulver.</p>
-
-<p>Aber der Dechant und die vier Träger des Heiligen Martin bekamen
-das Meiste ab. Was die Marienkinder betraf, so verschonte
-Ulenspiegel ihrer, in Ansehung ihrer kindlichen Anmut.</p>
-
-<p>Die Prozession zog mit fliegenden Bannern und entfalteten Fahnen
-in schöner Ordnung daher. Männer und Frauen bekreuzten sich,
-wenn sie sie vorbeiziehen sahen. Und die Sonne schien heiß.</p>
-
-<p>Der Dechant war der erste, der des Pulvers Wirkung verspürte
-und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte. Priester, Bogen- und
-Armbrustschützen, alle kratzten sich insgeheim an Hals, Beinen
-und Handgelenken. Die vier Träger kratzten sich gleicherweise,
-aber der Glöckner, den es mehr juckte als die andern, denn er
-war der glühenden Sonne mehr ausgesetzt, wagte nicht einmal
-sich zu rühren, aus Furcht, lebendig gesotten zu werden. Er kniff
-die Nase zusammen, machte eine häßliche Fratze und zitterte auf
-seinen schlotternden Beinen, denn allemal, wenn die Träger sich
-kratzten, war er nahe daran, zu fallen.</p>
-
-<p>Die Priester sangen eine Hymne auf Unsere liebe Frau:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes</span></div>
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“</span></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Denn ihre Stimmen zitterten des Juckens halber, das maßlos
-wurde; doch sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten jedoch
-und den vier Trägern des Heiligen Martin waren Hals und
-Handgelenke ganz zerfressen. Pompilius stand schlotternd auf
-seinen armen Beinen, die am meisten juckten.</p>
-
-<p>Doch siehe, auf einmal standen alle, Armbrust- und Bogenschützen,
-Domherren, Priester, Dechant und Träger des Heiligen Martin
-still, um sich zu kratzen. Das Pulver juckte Pompilius an den
-Fußsohlen, doch er wagte nicht sich zu rühren, aus Furcht zu
-fallen.</p>
-
-<p>Er bewunderte und lobte die blinkenden Waffen der Armbruster
-und die furchtbaren Bogen der Bruderschaft der Bogenschützen.</p>
-
-<p>Und die Fürwitzigen sagten, daß der Heilige Martin die Augen
-gar wild rolle und dem armen Volk eine dräuende Miene mache.
-Dann hieß der Dechant die Prozession weiterziehen. Die heiße
-Sonne, die senkrecht auf all die Rücken und Bäuche in der Prozession
-fiel, machte alsbald die Wirkung des Pulvers unerträglich.
-Und nun sah man Priester und Schützen, Domherren und
-Dechant wie eine Schar von Affen stillhalten und sich ohne Scham
-überall kratzen, wo es sie juckte.</p>
-
-<p>Die Marienkinder sangen ihre Hymne und alle diese frischen, gen
-Himmel steigenden Stimmen waren wie Engelchöre.</p>
-
-<p>Übrigens machten sich alle davon, wohin sie konnten. Der Dechant
-brachte, sich kratzend, das Heilige Sakrament in Sicherheit; das
-fromme Volk trug die Reliquien in die Kirche. Die vier Träger
-des Heiligen Martin warfen Pompilius derb auf die Erde. Der
-arme Glöckner, der nicht wagte, sich zu kratzen, zu bewegen, noch
-zu sprechen, schloß fromm die Augen.</p>
-
-<p>Zwei junge Bürschlein wollten ihn fortschaffen, doch da sie ihn
-zu schwer befanden, stellten sie ihn aufrecht an eine Mauer, und
-da weinte Pompilius dicke Tränen.</p>
-
-<p>Das Volk versammelte sich um ihn. Die Frauen hatten Sacktüchlein
-von feinem, weißen Linnen geholt und wischten ihm das
-Antlitz, um seine Zähren wie Reliquien zu bewahren. Sie sprachen
-zu ihm: „Euer Gnaden, wie schwitzt Ihr.“</p>
-
-<p>Der Glöckner blickte sie jämmerlich an und schnitt wider Willen
-Grimassen.</p>
-
-<p>Doch da die Zähren in Strömen aus seinen Augen flossen, sprachen
-die Frauen:</p>
-
-<p>„Großer Sankt Martin, weinet Ihr über die Sünden der Stadt
-Ypern? Rührt sich nicht Eure edle Nase? Wir haben trotzdem
-die Ratschläge von Louis Vivès befolgt, und die Armen von
-Ypern haben zu arbeiten und zu essen. O, die großen Tränen!
-Das sind Perlen. Hier ist unser Heil.“</p>
-
-<p>Die Männer sagten:</p>
-
-<p>„Großer Sankt Martin, muß die Ketelstraet Eurer Stadt niedergerissen
-werden? Aber belehret uns vor allem über die Mittel,
-die armen Mägdlein zu hindern, abends auszugehen und sich also
-tausend Abenteuern auszusetzen.“</p>
-
-<p>Plötzlich schrie das Volk: „Da ist der Küster.“</p>
-
-<p>Da erschien Ulenspiegel, faßte Pompilius um den Leib und trug
-ihn auf den Schultern fort, und die andächtige Menge folgte
-ihm nach.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sagte der arme Glöckner ihm ganz leise ins Ohr, „ich
-sterbe vor Jucken.“</p>
-
-<p>„Halte Dich steif,“ versetzte Ulenspiegel, „vergissest Du, daß Du
-ein hölzerner Heiliger bist?“</p>
-
-<p>Er lief hurtig und setzte Pompilius vor dem Propst nieder, der
-sich mit den Nägeln bis aufs Blut kratzte.</p>
-
-<p>„Glöckner,“ sagte der Propst, „hast Du Dich so wie wir gekratzt?“</p>
-
-<p>„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.</p>
-
-<p>„Hast Du gesprochen oder eine Gebärde gemacht?“</p>
-
-<p>„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.</p>
-
-<p>„Dann sollst Du Deine fünfzehn Gulden haben,“ sagte der Propst.
-„Geh jetzt und kratze Dich.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>8</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Des andern Tages, nachdem die Leute durch Ulenspiegel die
-Sache erfahren hatten, sagten sie, daß es ein schlechter Spaß sei,
-sie einen Greiner als Heiligen anbeten zu lassen. Und viele wurden
-Ketzer. Sie zogen mit ihrem Hab und Gut fort und eilten, das
-Heer des Prinzen zu vergrößern.</p>
-
-<p>Ulenspiegel kehrte nach Lüttich zurück.</p>
-
-<p>Da er allein im Walde war, setzte er sich nieder und sann. Er
-schaute den klaren Himmel an und sprach:</p>
-
-<p>„Krieg und immer Krieg, auf daß der hispanische Feind das
-arme Volk töte, unser Hab und Gut raube, unsere Frauen und
-Töchter schände. Indessen geht unser schönes Geld dahin, und
-unser Blut fließet in Strömen ohne Nutzen für irgend jemand,
-ausgenommen diesen königlichen Wicht, der sich noch ein Sinnbild
-der Macht mehr an seine Krone heften will. Einen Zierat,
-den er für ruhmvoll hält, aus Blut und aus Rauch. Ei, wenn ich
-Dich zieraten könnte, wie ich wollte! Nur die Fliegen würden
-Dir Gesellschaft leisten wollen!“</p>
-
-<p>Da er diesen Dingen nachsann, siehe da zog ein ganzes Rudel
-Hirsche an ihm vorbei. Es waren alte und große darunter, so
-noch ihr Hirschgeschrötte hatten und stolz ihr neunendiges Geweih
-trugen. Zierliche Spießer, ihre Schildknappen, trabten ihnen zur
-Seite und schienen bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn Beistand
-zu leisten. Ulenspiegel wußte nicht, wohin sie gingen, aber
-er vermutete, daß sie nach ihrem Lager wollten.</p>
-
-<p>„Ach“, sagte er, „Ihr alten Hirsche und zierlichen Spießer, Ihr
-gehet lustig und stolz in die Tiefe des Waldes nach Eurem Bette;
-Ihr äset die jungen Sprossen und wittert balsamische Gerüche;
-Ihr seid glücklich, bis der Jäger als Henker naht. Also ergeht
-es auch uns alten Hirschen und Spießern.“</p>
-
-<p>Und Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>9</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Im September, wenn die Mücken zu stechen aufhören, ging der
-Schweiger mit sechs Feldstücken und vier großen Kanonen, die
-für ihn das Wort führten, nebst vierzehntausend Vlämen, Wallonen
-und Deutschen bei Sankt Veit über den Rhein.</p>
-
-<p>Unter den gelb und roten Fahnen des Burgunder Knotenstockes,
-der unsere Lande geraume Zeit schlug und in Albas Hand der
-Stock der beginnenden Knechtschaft war, marschierten sechsundzwanzigtausend
-und fünfhundert Mann und rollten siebenzehn
-Feldstücke und neun schwere Kanonen.</p>
-
-<p>Doch der Schweiger sollte in diesem Kriege keinen Erfolg haben,
-denn Alba nahm keine Schlacht an. Und sein Bruder Ludwig,
-der Bastard Flanderns, verlor bei Gemmingen in Friesland,
-nachdem er viele Städte eingenommen und viele Schiffe auf dem
-Rheine gekapert, an den Sohn des Herzogs sechzehn Kanonen,
-fünfzehnhundert Pferde und zwanzig Fähnlein, um der feigen
-Söldlinge willen, die Geld verlangten, da sie kämpfen sollten.</p>
-
-<p>Und in Trümmern, Blut und Tränen suchte Ulenspiegel umsonst
-das Heil des Vaterlands.</p>
-
-<p>Und allerorten henkten, köpften und verbrannten die Henker die
-armen, unschuldigen Opfer.</p>
-
-<p>Und der König erbte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>10</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Ulenspiegel durch das wallonische Land wanderte, sah er, daß
-der Prinz hier keine Hülfe zu erhoffen hatte, und also kam er vor
-die Stadt Bouillon.</p>
-
-<p>Nach und nach sah er auf dem Wege Bucklige jedes Alters, Geschlechts
-und Standes ankommen. Sie trugen Rosenkränze und
-beteten sie andächtig ab. Und ihre Gebete waren wie das Quaken
-der Frösche im Teich an einem warmen Abend.</p>
-
-<p>Da gab es bucklige Mütter, so bucklige Kinder trugen; andere
-Kinder aus der nämlichen Brut klammerten sich an ihre Röcke.
-Und allerwegen sah Ulenspiegel ihre mageren Umrisse sich gegen
-den hellen Himmel abzeichnen.</p>
-
-<p>Er ging zu einem von ihnen und fragte ihn:</p>
-
-<p>„Wohin ziehen all diese arme Männer, Weiber und Kinder?“</p>
-
-<p>Der Mann antwortete:</p>
-
-<p>„Wir ziehen zum Grabe des heiligen Remaclius, um ihn zu bitten,
-daß er uns gebe, was unser Herz begehrt, und die Demütigung,
-die er uns auferlegte, von unserm Rücken nehme.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel versetzte:</p>
-
-<p>„Könnte doch der heilige Remaclius auch mir geben, was mein
-Herz begehrt, und von dem Rücken der armen Gemeinden den
-Blutherzog fortnehmen, der gleich einen bleiernen Buckel darauf
-lastet.“</p>
-
-<p>„Es ist nicht seines Amtes, zur Buße auferlegte Buckel fortzunehmen,“
-antwortete der Pilger.</p>
-
-<p>„Hat er etliche andere fortgenommen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ja, wenn die Buckel jung sind. Wenn alsdann das Wunder der
-Heilung geschieht, halten wir in der ganzen Stadt Gelage und
-Schmausereien. Und jeglicher Pilger gibt dem glücklich Geheilten,
-der durch dieses Geschehnis heilig geworden ist und mit Erfolg
-für die andern beten kann, ein Geldstück und oftmals einen
-Goldgülden.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Weshalb läßt der reiche Sankt Remaclius sich die Heilungen wie
-ein lumpiger Apotheker bezahlen?“</p>
-
-<p>„Gottloser Wanderer, er straft die Lästerer!“ entgegnete der Pilger
-und schüttelte wütend seinen Höcker.</p>
-
-<p>„Wehe!“ ächzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und er fiel zusammengekrümmt am Fuß eines Baumes nieder.</p>
-
-<p>Der Pilger sagte, ihn betrachtend:</p>
-
-<p>„Wen Sankt Remaclius schlägt, den trifft er gut!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel krümmte den Rücken, kratzte sich daran und ächzte:</p>
-
-<p>„Ruhmreicher Heiliger, habt Erbarmen. Das ist die Züchtigung.
-Ich fühle einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern.
-Wehe! Au! Vergebung, heiliger Remaclius! Geh, Pilger,
-laß mich hier allein, auf daß ich gleich einem Vatermörder weine
-und bereue.“</p>
-
-<p>Doch der Pilger war bis zum Marktplatz von Bouillon entflohen,
-allwo sich alle Buckligen zusammen fanden.</p>
-
-<p>Dort sagte er zu ihnen, vor Furcht bebend, in stoßweiser
-Sprache:</p>
-
-<p>„Habe Pilger getroffen, grade wie eine Pappel .... Pilger
-Gotteslästerer .... Buckel auf dem Rücken .... entzündeten
-Buckel!“</p>
-
-<p>Da die Pilger solches vernahmen, stießen sie ein tausendfaches
-Freudengeschrei aus und riefen:</p>
-
-<p>„Heiliger Remaclius, wenn Du Buckel gibst, kannst Du sie auch
-fortnehmen. Nimm uns die Buckel ab, heiliger Remaclius!“</p>
-
-<p>Derweilen verließ Ulenspiegel seinen Baum. Als er durch die
-menschenleere Vorstadt kam, sah er an der niedern Türe einer
-Schenke zwei Blasen an einem Stock schaukeln, Schweinsblasen,
-so zum Zeichen der Blutwurst-Kirmes, <span class="antiqua">panch kermis</span>, wie man
-im Lande Brabant sagt, angehängt waren.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm eine der beiden Blasen, las die Rückengräte
-einer Scholle vom Boden auf, ließ sich zur Ader, ließ von seinem
-Blut in die Blase fließen, blies sie auf, schloß sie und legte sie
-auf seinen Rücken und oben drauf die Rückengräte der Scholle.
-Also ausstaffiert, kam er mit gewölbten Rücken, wackelndem Kopf
-und schlotternden Beinen wie ein alter Buckliger auf den Platz.
-Der Pilger, der Zeuge seines Falles gewesen, erblickte ihn und
-schrie:</p>
-
-<p>„Da ist der Gotteslästerer!“</p>
-
-<p>Und er wies mit dem Finger auf ihn. Und alle kamen herbei, um
-den Gestraften zu sehen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel schüttelte kläglich den Kopf.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach er, „ich verdiene nicht Gnade noch Erbarmen; tötet
-mich wie einen tollen Hund.“</p>
-
-<p>Und die Buckligen sprachen, sich die Hände reibend:</p>
-
-<p>„Einer mehr in unsrer Brüderschaft.“</p>
-
-<p>Zwischen den Zähnen murmelnd: „Das sollt Ihr mir büßen, Ihr
-Bösen,“ schien er alles geduldig zu ertragen und sprach:</p>
-
-<p>„Ich werde nicht essen und nicht einmal trinken, um meinen Buckel
-nicht festzumachen, bis daß Sankt Remaclius die Gnade gehabt
-hat, mich zu heilen, wie er mich geschlagen hat.“</p>
-
-<p>Auf das Gerücht von dem Wunder kam der Dechant aus der
-Kirche. Es war ein großer majestätischer Mann mit einem
-Schmerbauch. Mit erhobner Nase zerteilte er die Flut der Buckligen
-gleich einem Schiffe.</p>
-
-<p>Man zeigte ihm Ulenspiegel und er sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Bist Du es, armer Tropf, den Sankt Remaclius Geißel geschlagen
-hat?“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Dechant,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin’s wahrlich,
-sein untertäniger Verehrer, der sich von seinem neuen Buckel
-heilen lassen will, so es ihm gefällt.“</p>
-
-<p>Der Dechant, der hinter dieser Rede eine Bosheit witterte, sprach:</p>
-
-<p>„Laß mich diesen Buckel befühlen.“</p>
-
-<p>„Befühlt ihn, Herr,“ versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Nachdem er es getan, sprach der Dechant:</p>
-
-<p>„Er ist neuen Ursprungs und feucht. Indessen hoffe ich, daß Sankt
-Remaclius geruhen wird, Barmherzigkeit zu üben. Folge mir.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel folgte dem Dechanten und trat in die Kirche. Die
-Buckligen schritten hinter ihm her und schrieen: „Sehet den Verfluchten!
-Sehet den Lästerer! Wie viel wiegt Dein neuer Buckel?
-Wirst Du einen Sack draus machen, um Deine Taler hinein zu
-tun? Du hast Dein Lebelang unser gespottet, dieweil Du grade
-warst, jetzt ist die Reihe an uns. Ehre sei dem heiligen Herrn
-Remaclius!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach kein Wort, beugte den Kopf und trat, dem
-Dechanten folgend, in eine kleine Kapelle. Daselbst befand sich
-ein Grabmal ganz aus Marmelstein, bedeckt mit einer großen
-Tafel, die gleicherweise aus Marmelstein war. Zwischen dem
-Grabmal und der Wand der Kapelle war nicht die Weite einer
-großen, gespreizten Hand. Eine Menge buckliger Pilger gingen
-einer nach dem andern zwischen der Wand und der Grabtafel
-durch, an welcher sie stillschweigend ihre Buckel rieben. Und dergestalt
-hofften sie, ihrer ledig zu werden. Und die, so ihren Buckel
-rieben, wollten denen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht
-Platz machen, und sie schlugen einander, doch ohne Lärm, denn
-der Heiligkeit des Ortes halber gaben sie sich nur heimliche Püffe
-nach Art der Buckligen.</p>
-
-<p>Der Dechant hieß Ulenspiegel auf die Grabplatte steigen, auf
-daß alle Pilger ihn gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Ich vermag es nicht allein.“</p>
-
-<p>Der Dechant half ihm hinauf, stellte sich neben ihn und gebot ihm,
-niederzuknien. Ulenspiegel tat also und blieb gesenkten Hauptes
-in dieser Stellung.</p>
-
-<p>Und alsobald, nachdem der Dechant sich gesammelt hatte, predigte
-er und sprach mit weit schallender Stimme:</p>
-
-<p>„Söhne und Brüder in Jesu Christo! Ihr sehet zu meinen Füßen
-den größten Gottlosen, Taugenichts und Lästerer, den Sankt
-Remaclius je mit seinem Zorn geschlagen hat.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel schlug sich an die Brust und sagte: „<span class="antiqua">Confiteor</span>.“</p>
-
-<p>„Ehedem,“ redete der Dechant weiter, „war er grade wie der
-Schaft einer Hellebarde und rühmt sich dessen. Sehet ihn jetzo
-bucklig und unter der Wucht des himmlischen Fluches gebeugt.“</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Confiteor</span>, nimm mir den Buckel,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wohl,“ fuhr der Dechant fort, „wohl, großer Heiliger, heiliger
-Herr Remaclius, der Du seit Deinem glorreichen Tode neununddreißig
-Wunder vollbrachtest, nimm von seinen Schultern die
-Bürde, die darauf lastet. Und möchten wir um dessentwillen in
-Jahrhunderten von Jahrhunderten, in <span class="antiqua">saecula saeculorum</span>, Dein
-Loblied singen. Und Friede auf Erden für die guten Buckligen.“</p>
-
-<p>Und die Buckligen sprachen im Chor:</p>
-
-<p>„Wohl, wohl! Friede auf Erden für die guten Buckligen. Gib
-Frieden den Buckligen, Frieden den Mißgestalteten und Erlaß
-der Demütigungen. Nimm hinweg, unsere Buckel, heiliger Herr
-Remaclius!“</p>
-
-<p>Der Dechant gebot Ulenspiegel, vom Grabe herunterzusteigen und
-seinen Buckel am Rande der Platte zu reiben. Ulenspiegel tat
-also, indem er immerfort „<span class="antiqua">mea culpa confiteor</span>, nimm mir den
-Buckel,“ sprach. Und er rieb ihn gar trefflich mit Sehen und
-Wissen der Umstehenden.</p>
-
-<p>Und jene schrien:</p>
-
-<p>„Sehet den Buckel, er senkt sich! Sehet! Er gibt nach! Er wird
-nach rechts auseinanderfließen. / Nein, er wird in die Brust zurücktreten;
-Buckel schmelzen nicht, sie gehen in das Gedärm hinunter,
-von wo sie gekommen sind. / Nein, sie kehren in den Magen
-zurück, allwo sie achtzig Tage lang als Nahrung dienen.
-Das ist des Heiligen Gabe für die erlösten Buckligen. / Wohin
-gehen die alten Buckel?“</p>
-
-<p>Plötzlich stießen die Buckligen allesamt einen lauten Schrei aus,
-denn Ulenspiegel hatte soeben seinen Buckel zum Platzen gebracht,
-indem er sich schwer gegen den Rand der Grabplatte stemmte.
-Alles Blut, so darinnen war, floß in großen Tropfen aus seinem
-Wams auf die Steinfliesen. Und indem er sich aufrichtete und
-die Arme ausstreckte, rief er aus:</p>
-
-<p>„Ich bin befreit!“</p>
-
-<p>Und alle Buckligen riefen mitsammen:</p>
-
-<p>„Der heilge Herr Remaclius segnet ihn; das ist für ihn süß und für
-Euch hart. Herr, nehmet uns unsere Buckel. / Ich bringe Euch ein
-Kalb dar. / Ich sieben Hammel. / Ich die Jagdbeute des Jahres. /
-Ich sechs Schinken. / Ich gebe der Kirche meine Hütte. / Nehmet
-unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“</p>
-
-<p>Und sie betrachteten Ulenspiegel voller Neid und Scheu. Einer
-unter ihnen wollte unter sein Wams tasten, doch der Dechant
-wehrte es ihm.</p>
-
-<p>„Da ist eine Wunde, die nicht ans Licht darf.“</p>
-
-<p>„Ich werde für Euch beten,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ja, Pilger,“ sagten die Buckligen alle zumal, „ja Herr, der Ihr
-wieder grade geworden seid; wir haben Eurer gespottet, verzeihet
-uns, wir wußten nicht, was wir taten. Christus, der Herr,
-hat am Kreuze verziehen, gewähret auch uns Verzeihung.“</p>
-
-<p>„Ich verzeihe Euch,“ sagte Ulenspiegel wohlwollend.</p>
-
-<p>„So nehmet denn diesen Stüver, genehmigt diesen Gülden, lasset
-uns Eurer Gradheit diesen Real geben, Euch diesen Crusado
-anbieten, in Eure Hände diese Karolus legen ...“</p>
-
-<p>„Verberget Eure Karolus wohl,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu
-ihnen, „auf daß Eure linke Hand nicht wisse, was die rechte
-tut.“</p>
-
-<p>Also redete er wegen des Dechanten, der die Münzen der Buckligen
-mit den Augen verschlang, ohne zu sehen, ob es güldene
-oder silberne waren.</p>
-
-<p>„Euch sei Dank, Geweihter des Herrn,“ sagten die Buckligen zu
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und er nahm stolz ihre Gaben an, wie einer, an dem ein Wunder
-geschehen.</p>
-
-<p>Aber die Geizigen rieben ihre Buckel am Grabstein, ohne etwas
-zu sagen.</p>
-
-<p>Am Abend ging Ulenspiegel in eine Schenke, allwo er schwelgte
-und zechte.</p>
-
-<p>Ehe er sich ins Bett legte, gedachte er, daß der Dechant gewiß
-seinen Anteil an der Beute heischen würde, wenn nicht alles. Er
-zählte seinen Gewinst und fand mehr Gold als Silber, sintemalen
-es gut dreihundert Karolus waren. Er erspähete einen
-dürren Lorbeerbaum in einem Topf, packte ihn beim Schopf, zog
-Pflanze und Erde heraus und legte das Gold darunter. Alle
-halben Gülden, Stüver und Taler aber breitete er auf dem Tisch
-aus.</p>
-
-<p>Der Dechant trat in die Schenke und stieg zu Ulenspiegel hinauf.
-Da dieser ihn erblickte, sagte er:</p>
-
-<p>„Herr Dechant, was wollet Ihr von meiner armseligen Person?“</p>
-
-<p>„Ich will nur Dein Bestes, mein Sohn,“ antwortete jener.</p>
-
-<p>„Wehe,“ ächzte Ulenspiegel, „ist es das, was Ihr auf dem Tisch
-sehet?“</p>
-
-<p>„Das ist es,“ versetzte der Dechant.</p>
-
-<p>Alsdann streckte er die Hand aus und säuberte den Tisch von
-allem Gelde, das darauf war, und ließ es in einen dazu bestimmten
-Sack fallen.</p>
-
-<p>Und er gab Ulenspiegel, der zum Schein stöhnte, einen Gülden.</p>
-
-<p>Und er fragte ihn nach den Werkzeugen des Wunders.</p>
-
-<p>Ulenspiegel zeigte ihm die Schollengräte und die Blase.</p>
-
-<p>Der Dechant nahm sie, indes Ulenspiegel jammerte und ihn anflehte,
-ihm gnädigst mehr zu geben. Der Weg von Bouillon nach
-Damm, sprach er, sei für ihn armen Wanderer weit, und er würde
-gewißlich Hungers sterben.</p>
-
-<p>Der Dechant ging von dannen, ohne ein Wort zu sagen.</p>
-
-<p>Als Ulenspiegel allein war, entschlief er mit dem Blick auf den
-Lorbeerbaum. Am andern Morgen bei Tagesanbruch raffte er
-seine Beute zusammen, verließ Bouillon und begab sich nach dem
-Lager des Schweigers. Er überantwortete ihm das Geld und erzählte
-die Tat mit dem Bemerken, daß dies die wahre Art sei,
-vom Feinde Kriegskontribution einzutreiben.</p>
-
-<p>Und der Prinz gab ihm zehn Gülden.</p>
-
-<p>Die Schollengräte aber ward in einen kristallenen Reliquienschrein
-gelegt und zwischen die Arme des Kreuzes am Hauptaltar
-von Bouillon eingelassen. Und jedermann in der Stadt weiß,
-daß das, was das Kreuz umschließt, der Buckel des geheilten
-Lästerers ist.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>11</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da der Schweiger in der Umgegend von Lüttich war, machte er,
-bevor er die Maas überschritt, Märsche und Gegenmärsche, um
-den Herzog in seiner Wachsamkeit irre zu führen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel tat seine Soldatenpflicht, handhabte trefflich die Radschloßbüchse
-oder hielt Augen und Ohren offen.</p>
-
-<p>Um jene Zeit kamen vlämische und brabanter Edelleute ins
-Lager, so mit den Rittern, Obristen und Hauptleuten vom Gefolge
-des Schweigers lustig lebten.</p>
-
-<p>Bald bildeten sich zwei Parteien im Lager, die unaufhörlich miteinander
-haderten. Die einen sagten: „Der Prinz ist ein Verräter“;
-die andern erwiderten, die Ankläger hätten gelogen und sie
-würden sie ihre Lüge hinunterschlucken lassen. Das Mißtrauen
-nahm zu wie ein Ölfleck. In Rotten von sechs, acht, zwölf Mann
-wurden sie handgemein; im Zweikampf fochten sie mit jeder Art
-von Waffen, selbst mit Hakenbüchsen.</p>
-
-<p>Eines Tages kam der Prinz auf den Lärm hinzu und trat zwischen
-die beiden Parteien. Eine Kugel riß ihm den Degen von der
-Seite. Er gebot dem Kampf Einhalt und zeigte sich im ganzen
-Lager, damit man nicht sagen sollte: „Der Schweiger ist tot, tot
-ist der Krieg.“</p>
-
-<p>Am folgenden Tag um Mitternacht bei Nebelwetter wollte Ulenspiegel
-just ein Haus verlassen, darinnen er einem wallonischen
-Mägdlein vlämische Minnelieder gesungen hatte. Da hörte er
-an der Tür einer Hütte, neben dem Hause, zu dreien Malen,
-Rabengekrächz. Anderes Gekrächz antwortete von ferne, dreifach
-und dreimal nacheinander. Ein Bauer trat auf die Schwelle
-der Hütte. Ulenspiegel hörte Schritte auf dem Wege.</p>
-
-<p>Zwei Männer, so hispanisch sprachen, kamen zu dem Bauern, der
-in der nämlichen Sprache zu ihnen sagte:</p>
-
-<p>„Was habet Ihr getan?“</p>
-
-<p>„Gutes Werk,“ sagten sie, „indem wir für den König logen.
-Dank uns sprechen die mißtrauischen Hauptleute und Soldaten
-untereinander:</p>
-
-<p>„Aus schnödem Ehrgeiz widersteht der Prinz dem König. Solchergestalt
-rechnet er, ihm Furcht einzuflößen und Städte und
-Herrschaften als Friedenspfand zu empfangen. Um fünfhunderttausend
-Gülden wird er die tapferen Ritter, so für die Lande
-kämpfen, verlassen. Der Herzog hat ihm völlige Amnestie anbieten
-lassen mit Versprechen und Eid, ihm und allen hohen Heerführern
-ihr Vermögen zu erstatten, wenn sie sich unter die Botmäßigkeit
-des Königs zurückbegeben. Oranien wird allein mit
-ihnen verhandeln.“</p>
-
-<p>Die Getreuen des Schweigers antworteten uns:</p>
-
-<p>„Anerbieten des Herzogs, hinterlistige Falle, er wird der Herren
-von Egmont und von Hoorn gedenken und nicht hineingehen.
-Sie wissen es wohl.“ Kardinal Granvella hat, da er in Rom
-war, gesagt, als die Grafen gefangen gesetzt wurden:</p>
-
-<p>„Die beiden Gründlinge fängt man, aber den Hecht läßt man
-leben; man hat nichts gefangen, dieweil der Schweiger noch zu
-fangen bleibt.“</p>
-
-<p>„Ist die Uneinigkeit im Lager groß?“ fragte der Bauer.</p>
-
-<p>„Die Uneinigkeit ist groß, sie wird mit jedem Tage größer“, sagten
-sie. „Wo sind die Briefe?“</p>
-
-<p>Sie traten in die Hütte, allwo eine Laterne entzündet wurde.
-Da sah Ulenspiegel durch eine kleine Luke, wie sie die Siegel
-von zwei Sendschreiben erbrachen, sich am Lesen ergötzten, Meth
-tranken und endlich hinausgingen, wobei sie in hispanischer
-Sprache zu dem Bauern sagten:</p>
-
-<p>„Das Lager gespalten, Orange genommen. Das wird eine gute
-Limonade sein.“</p>
-
-<p>„Diese dürfen nicht am Leben bleiben,“ sagte Ulenspiegel zu sich.
-Sie gingen durch den dichten Nebel fort. Ulenspiegel sah, daß
-der Bauer ihnen eine Laterne brachte, welche sie nahmen.</p>
-
-<p>Da der Schein der Laterne oftmals durch eine schwarze Gestalt
-verdunkelt ward, so mutmaßte er, daß sie hintereinander schritten.</p>
-
-<p>Er spannte seine Büchse und schoß auf die schwarze Gestalt.
-Alsbald sah er, daß die Laterne unterschiedliche Male gesenkt
-und erhoben ward, und hielt dafür, daß einer von beiden gefallen
-war und der andere zu sehen suchte, welcher Art seine Wunde sei.
-Er spannte abermals seine Büchse. Sobald die Laterne allein,
-schnell und schaukelnd in der Richtung auf das Lager zu ging,
-schoß er zum andern Mal. Die Laterne schwankte, fiel hin, erlosch,
-und es ward finster.</p>
-
-<p>Er lief zum Lager und sah den Profos mit einer Menge Soldaten,
-so durch die Schüsse alarmiert waren, herauskommen. Ulenspiegel
-trat auf sie zu und sprach:</p>
-
-<p>„Ich bin der Jäger; gehet, das Wild aufzuheben.“</p>
-
-<p>„Lustiger Vläme,“ sagte der Profos, „Du redest noch anders als
-mit der Zunge.“</p>
-
-<p>„Worte der Zunge sind Wind,“ erwiderte Ulenspiegel; „Worte
-aus Blei bleiben im Körper der Verräter. Aber folget mir.“</p>
-
-<p>Er führte sie mit ihren Laternen an den Ort, wo die Beiden gefallen
-waren. In der Tat sahen sie sie auf der Erde liegen, der
-eine war tot, der andre röchelte und hielt die Hand auf der Brust,
-allwo sich ein Brief fand, den er mit der letzten Lebenskraft zerknüllt
-hatte.</p>
-
-<p>Sie trugen die Leichname fort, die sie an der Tracht für solche
-von Edelleuten erkannten. Also gelangten sie mit ihren Laternen
-zum Prinzen, der just mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen
-von Hessen und andern Herren ratschlagte.</p>
-
-<p>Von Landsknechten und Reitern in grünen und roten Mänteln
-gefolgt, kamen sie vor das Zelt des Prinzen und verlangten mit
-Geschrei, daß er sie vorließe.</p>
-
-<p>Er kam heraus. Alsbald schnitt Ulenspiegel dem Profossen, der
-sich räusperte und sich anschickte, ihn anzuklagen, das Wort ab.</p>
-
-<p>„Euer Gnaden“, sprach er, „ich habe statt Raben zwei adlige
-Verräter Eures Gefolges getötet.“</p>
-
-<p>Dann berichtete er, was er gesehen, gehört und getan hätte.</p>
-
-<p>Der Schweiger blieb stumm. Die beiden Leichname wurden
-durchsucht. Dabei waren zugegen Wilhelm von Oranien, der
-Schweiger, Friedrich von Hollenhausen, der Markgraf von Hessen,
-Dieterich von Schoonenbergh, der Graf Albert von Nassau, der
-Graf von Hoogstraten, Antoine de Lalaing, Gouverneur von
-Mecheln; desgleichen die Soldaten und Lamm Goedzak, dem
-sein Bauch innerlich zitterte. Bei den Edelleuten wurden gesiegelte
-Schreiben von Granvella und Noircarmes gefunden, so sie aufforderten,
-im Gefolge des Prinzen Zwietracht zu säen, um seine
-Kriegsmacht um ein Bedeutendes zu verringern, ihn zur Übergabe
-zu zwingen und ihn dem Herzog auszuliefern, auf daß er
-seinem Verdienste gemäß enthauptet werde. Die Briefe besagten,
-daß es nötig sei, fürsichtig und mit versteckten Worten vorzugehen,
-damit die vom Heer glaubten, daß der Prinz zu seinem
-alleinigen Vorteil schon einen Vertrag mit dem Herzog gemacht
-habe. Voller Zorn würden seine Hauptleute und Söldner ihn
-gefangen nehmen. Als Belohnung war einem jeden von ihnen
-ein Gutschein für fünfhundert Dukaten auf die Fugger in Antwerpen
-geschickt. Sie sollten tausend haben, sobald die vierhunderttausend,
-die man aus Hispanien erwartete, in Seeland angekommen
-wären.</p>
-
-<p>Nachdem diese Verschwörung aufgedeckt war, wandte sich der
-Prinz stumm zu den Edelleuten, Rittern und Söldnern um, unter
-denen viele waren, die ihn beargwöhnten. Er deutete schweigend
-auf die beiden Leichen und wollte ihnen durch diese Gebärde ihr
-Mißtrauen vorwerfen. Alle riefen stürmisch:</p>
-
-<p>„Lang lebe Oranien! Oranien ist den Landen treu!“</p>
-
-<p>Sie wollten die Leichname voll Verachtung den Hunden vorwerfen;
-doch der Schweiger sprach:</p>
-
-<p>„Nicht die Leichname sollt Ihr den Hunden vorwerfen, sondern
-die Schwachheit des Geistes, die an reinen Absichten zweifeln
-heißt.“</p>
-
-<p>Und die Ritter und Söldner riefen:</p>
-
-<p>„Es lebe der Prinz! Es lebe Oranien, der Freund der Lande!“</p>
-
-<p>Und ihre Stimmen waren gleich wie ein Donner, der die Ungerechtigkeit
-bedräuet.</p>
-
-<p>Und der Prinz sagte, auf die Leichname deutend:</p>
-
-<p>„Begrabt sie christlich.“</p>
-
-<p>„Und ich,“ fragte Ulenspiegel, „was wird man mit meinem getreuen
-Gerippe tun? Habe ich Übles getan, so gebe man mir
-Schläge; habe ich gut gehandelt, so gebe man mir eine Belohnung.“</p>
-
-<p>Darauf redete der Schweiger und sprach:</p>
-
-<p>„Dieser Scharfschütze soll in meiner Gegenwart fünfzig mit grünem
-Holz aufgezählt bekommen, maßen er ohne Befehl zwei Edelleute
-getötet hat, mit dreister Hintansetzung jeglicher Mannszucht.
-Desgleichen soll er dreißig Gülden haben, weil er gut gesehen
-und gehört hat.“</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ versetzte Ulenspiegel, „so man mir erstlich die
-dreißig Gülden gäbe, würde ich die Schläge mit grünem Holz
-mit Geduld ertragen.“</p>
-
-<p>„Ja, ja,“ stöhnte Lamm Goedzak, „gebet ihm zuvor die dreißig
-Gülden, das Übrige wird er mit Geduld ertragen.“</p>
-
-<p>„Und dann,“ sagte Ulenspiegel, „da meine Seele rein ist, habe
-ich nicht nötig, mit ungebrannter Asche gelaugt und mit Kirschholz
-gebläut zu werden.“</p>
-
-<p>„Ja,“ stöhnte Lamm Goedzak wiederum, „Ulenspiegel hat nicht
-nötig, gelaugt und gebläut zu werden. Seine Seele ist rein.
-Wascht ihn nicht, Ihr Herren, wascht ihn nicht.“</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel die dreißig Gülden empfangen hatte, ward dem
-Stockmeister vom Profos befohlen, sich seiner zu bemächtigen.</p>
-
-<p>„Sehet, Ihr Herren,“ sprach Lamm, „wie kläglich seine Miene
-ist. Er liebt das Holz mit nichten, mein Freund Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>„Ich liebe eine schöne dichtbelaubte Esche zu sehen,“ entgegnete
-Ulenspiegel, „die in ursprünglicher Jugendkraft in der Sonne
-wächst. Aber auf den Tod hasse ich diese üblen Holzknüttel, die
-noch ihren Saft ausbluten, die ohne Äste, Blätter und Zweige
-sind. Sie sind von wildem Aussehen und rauhen Sitten.“</p>
-
-<p>„Bist Du bereit?“ fragte der Profos.</p>
-
-<p>„Bereit“, wiederholte Ulenspiegel, „bereit wozu? Geschlagen
-zu werden? Nein, das bin ich nicht und will es nicht sein, Herr
-Stockmeister. Euer Bart ist rot, und Eure Miene furchtbar;
-doch ich bin gewiß, Ihr habt ein weiches Herz und liebt es nicht,
-einen armen Menschen, wie mich, lendenlahm zu machen. Ich
-muß es Euch sagen, ich mag es nicht sehen noch tun; denn eines
-Christen Rücken ist ein geweihter Tempel, der, gleich wie die Brust,
-die Lungen einschließt, durch die wir die liebe Gottesluft einatmen.
-Von wie nagenden Gewissensbissen würdet Ihr verzehrt
-werden, dafern ein roher Stockhieb sie mir in Stücke risse.“</p>
-
-<p>„Spute Dich,“ sagte der Stockmeister.</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ sagte Ulenspiegel zum Prinzen, „es eilt nicht,
-glaubet mir. Man müßte zuerst diesen Knüttel trocknen lassen,
-denn man sagt, daß das grüne Holz beim Eindringen in das lebendige
-Fleisch ihm ein tödliches Gift zuführt. Möchte Eure
-Hoheit mich dieses häßlichen Todes sterben sehen? Euer Gnaden,
-ich halte meinen getreuen Rücken zu Eurer Hoheit Diensten;
-lasset ihn mit Ruten schlagen, mit der Peitsche geißeln. Aber so
-Ihr mich nicht tot sehen wollt, ersparet mir das grüne Holz,
-wenn es Euch beliebt.“</p>
-
-<p>„Prinz, begnadigt ihn,“ sagten Herr von Hoogstraten und Dietrich
-von Schoonenbergh. Die andern lächelten voll Mitleids.</p>
-
-<p>Auch Lamm sagte: „Hoher Herr, begnadigt ihn; das grüne
-Holz ist reines Gift.“</p>
-
-<p>Darauf sprach der Prinz: „Ich begnadige ihn.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprang unterschiedliche Male in die Luft, schlug
-Lamm auf den Bauch, und indem er ihn zu tanzen zwang,
-sagte er:</p>
-
-<p>„Preise Seine Gnaden mit mir, der mich vom grünen Holz errettet
-hat.“</p>
-
-<p>Und Lamm versuchte zu tanzen, doch er vermochte es nicht, seines
-Bauches halber.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel traktierte ihn mit Essen und Trinken.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>12</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Dieweil der Herzog keine Schlacht liefern wollte, beunruhigte er
-ohne Unterlaß den Schweiger, der zwischen Jülich und der Maas
-durch das platte Land streifte. Er ließ den Fluß allerorten, bei
-Hondt, Mecheln, Elsen, Meersen ergründen und fand ihn allerorten
-voll von Fußangeln, um Menschen und Pferde, so ihn
-durchwaten wollten, zu verwunden.</p>
-
-<p>Bei Stockem fanden die Suchenden keine. Der Prinz befahl hindurchzugehen.
-Reiter durchritten die Maas und stellten sich in
-Schlachtordnung am andern Ufer auf, um den Durchgang nach
-dem Bistum Lüttich zu verteidigen. Dann pflanzten sich zehn
-Reihen Bogen- und Scharfschützen von einem Ufer zum andern
-auf, um solchergestalt den Lauf des Flusses zu hemmen. Unter
-ihnen befand sich auch Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Das Wasser reichte bis an die Schenkel und oftmals hob ihn eine
-tückische Welle in die Höhe, ihn und sein Pferd.</p>
-
-<p>Er sah die Fußsoldaten vorbeiziehen, die ein Säcklein mit Pulver
-auf dem Hut und ihre Büchsen in der Luft trugen. Dann
-kamen die Karren, die Hakenbüchsen, die Feuerwerker, die Zündstöcke,
-Feldschlangen, doppelte Feldschlangen, Falkonetts, Quartierschlangen,
-halbe Quartierschlangen, doppelte Quartierschlangen,
-Bombarden, doppelte Bombarden, Kanonen, Mörser, Kammerschlangen,
-kleine Feldstücke, so auf Protzwagen gelegt und
-von zwei Pferden gezogen, im Galopp sich bewegen konnten. Sie
-glichen auf ein Haar denen, die Pistolen des Kaisers genannt
-wurden. Hinter ihnen kamen die Landsknechte und flandrischen
-Reiter zum Schutze der Nachhut.</p>
-
-<p>Ulenspiegel suchte einen erwärmenden Trunk. Der Schütze Riesenkraft,
-ein Hochdeutscher, ein magerer, grausamer Hüne,
-schnarchte neben ihm auf seinem Schlachtroß und atmete Branntweingeruch
-aus. Ulenspiegel suchte ein Fläschlein auf der Kruppe
-seines Pferdes und fand es, mittels einer Schnur wie ein Wehrgehenk
-umgehängt. Er durchschnitt die Schnur, nahm das Fläschchen
-und schlürfte wohlgemut daraus. Seine Kameraden, die
-Schützen, sagten zu ihm:</p>
-
-<p>„Gib uns davon.“</p>
-
-<p>Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knotete
-er die Schnur des Fläschchens und wollte es wieder auf die
-Brust des Söldners hängen. Als er den Arm erhob, um solches
-zu tun, erwachte Riesenkraft. Er nahm das Fläschlein und wollte
-seine gewohnte Kuh melken. Da er fand, daß sie keine Milch
-mehr gab, geriet er in großen Zorn.</p>
-
-<p>„Spitzbube, was hast Du mit meinem Branntwein gemacht?“
-sprach er.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Ich habe ihn getrunken. Unter durchnäßten Reitern ist der
-Branntwein eines Einzigen der Branntwein aller. Ein Geizhals
-ist kläglich.“</p>
-
-<p>„Morgen werde ich Dir im Zweikampf das Fleisch zerstückeln,“
-erwiderte Riesenkraft.</p>
-
-<p>„Wir werden uns Köpfe, Beine, Arme und alles zerstückeln.
-Aber bist Du nicht verstopft, daß Du ein so saures Gesicht
-machst?“</p>
-
-<p>„Das bin ich,“ erwiderte Riesenkraft.</p>
-
-<p>„Dann mußt Du Dich purgieren und nicht Dich schlagen,“ versetzte
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Es ward ausgemacht, daß sie sich am folgendem Tage treffen
-sollten, jeder nach seinem Belieben beritten und gerüstet, und daß
-sie einander den Speck mit kurzem, starrem Stoßdegen zerstückeln
-sollten. Ulenspiegel verlangte für sich, den Stoßdegen durch einen
-Stock zu ersetzen, welches ihm gestattet ward.</p>
-
-<p>Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß durchschritten und
-stellten sich auf Kommando der Obristen und Hauptleute in guter
-Ordnung auf. Alsdann gingen die zehn Reihen Bogenschützen
-gleichfalls hindurch.</p>
-
-<p>Und der Schweiger sprach:</p>
-
-<p>„Wir wollen auf Lüttich marschieren.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel war des froh und rief mit allen Vlamländern:</p>
-
-<p>„Lang lebe Oranien! Auf nach Lüttich!“</p>
-
-<p>Aber die Fremden, sonderlich die Hochdeutschen, sagten, daß sie
-zu sehr durchnäßt und eingeweicht seien, um zu marschieren. Vergeblich
-versicherte der Prinz ihnen, daß sie zu einem sicheren Sieg
-in eine befreundete Stadt gingen. Sie wollten nichts hören, zündeten
-große Feuer an und wärmten sich samt ihren abgesattelten
-Pferden.</p>
-
-<p>Der Angriff auf die Stadt ward auf den kommenden Tag verschoben,
-wo Alba, über den kühnen Durchgang gewaltig erstaunt,
-durch seine Spione erfuhr, daß die Söldner des Schweigers noch
-nicht zum Angriff bereit seien.</p>
-
-<p>Daraufhin ließ er Lüttich und das ganze umliegende Land bedrohen,
-daß er sie mit Feuer und Schwert vertilgen wolle, wenn
-des Prinzen Freunde dort irgend welchen Aufruhr machten. Gerard
-von Groesbeke, der bischöfliche Bluthund, ließ seine Söldner
-gegen den Prinzen rüsten; und er kam durch die Schuld der
-Hochdeutschen, die Furcht vor etwas nassen Hosen gehabt hatten,
-zu spät.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>13</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Nachdem Ulenspiegel und Riesenkraft Sekundanten genommen
-hatten, sagten diese, sie sollten zu Fuß kämpfen, bis daß einer den
-Geist aufgäbe, wenn es dem Sieger gefiele; denn solches waren
-Riesenkrafts Bedingungen.</p>
-
-<p>Der Kampfplatz war eine kleine Heide.</p>
-
-<p>Gleich am Morgen legte Riesenkraft seine Rüstung als Schütze
-an. Er setzte die Pickelhaube mit Halsstück auf, ohne Visier, und
-zog ein Panzerhemd ohne Ärmel an. Sintemalen sein anderes
-Hemd in Fetzen auseinanderging, legte er es in die Pickelhaube,
-um, wenn es not tat, einen Verband daraus zu machen. Er versah
-sich mit seiner Armbrust aus gutem Ardenner Holz, einem Bündel
-von dreißig Pfeilen, einem langen Dolch, aber nicht mit einem
-zweihändigen Degen, welches der Bogenschützen Degen ist. Und
-er kam auf seinem Schlachtroß, das den Kriegssattel und das
-Zaumzeug mit Federbusch trug und ganz gepanzert war, auf den
-Kampfplatz geritten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel machte sich eine Ausrüstung wie ein gewappneter
-Edelmann, sein Schlachtroß war ein Esel; sein Sattel waren die
-Röcke einer Dirne, das mit Federn geschmückte Zaumzeug aus
-Weiden, obenauf mit schönen, trefflich flatternden Hobelspänen
-geziert. Der Roßharnisch war aus Speck, denn das Eisen kostet
-zu viel, sagte er, Stahl ist unerschwinglich, und was das Kupfer
-anlangt, so hat man in den verwichenen Tagen so viele Kanonen
-daraus gemacht, daß nicht soviel übrig ist, um ein Kaninchen
-in der Schlacht zu wappnen. An Stelle des Hutes setzte
-er einen schönen Lattichkopf auf, den die Schnecken noch nicht
-zerfressen hatten. Darauf ragte eine Schwanenfeder, damit er im
-Verscheiden singen konnte.</p>
-
-<p>Sein starrer, leichter Stoßdegen war ein rechtschaffener, langer,
-dicker Knüttel aus Fichtenholz, an dessen Ende ein Besen aus
-Zweigen des gleichen Holzes war. An der linken Seite seines
-Sattels hing sein Messer, das gleichfalls aus Holz war, auf der
-rechten Seite schaukelte sein trefflicher Streitkolben aus Holunderholz,
-von einer Rübe gekrönt. Sein Küraß bestand ganz aus
-Löchern.</p>
-
-<p>Als er so ausgestattet auf den Kampfplatz kam, brachen Riesenkrafts
-Sekundanten in Gelächter aus; aber dieser selbst behielt
-seine sauertöpfische Miene.</p>
-
-<p>Alsdann forderten Ulenspiegels Sekundanten die Beisteher Riesenkrafts
-auf, der Deutsche möge seine ganze Rüstung von Panzerringen
-und Eisen ablegen, in Ansehung dessen, daß Ulenspiegel
-nur mit Lumpen gepanzert sei. Riesenkraft willigte darein. Nunmehr
-fragten Riesenkrafts Sekundanten die Ulenspiegels, woher
-es käme, daß Ulenspiegel mit einem Besen bewaffnet wäre.</p>
-
-<p>„Ihr gewährtet mir den Knüttel, doch Ihr verbotet mir nicht,
-ihn mit Laubwerk aufzuputzen.“</p>
-
-<p>„Mach’s, wie Du’s verstehst,“ sagten die vier Sekundanten.</p>
-
-<p>Riesenkraft sagte keinen Ton und metzelte das kümmerliche Heidekraut
-mit kurzen Degenhieben ab.</p>
-
-<p>Die Sekundanten forderten ihn auf, seinen Stoßdegen gleich
-Ulenspiegel durch einen Knüttel zu ersetzen.</p>
-
-<p>Er antwortete:</p>
-
-<p>„Wenn dieser Lump aus freien Stücken eine so ungewöhnliche
-Waffe gewählet hat, so geschieht’s, weil er vermeint, sein Leben
-damit verteidigen zu können.“</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel abermals sagte, daß er sich seines Besens bedienen
-wolle, kamen die vier Sekundanten überein, daß alles recht sei.</p>
-
-<p>Sie standen sich kampfbereit gegenüber, Riesenkraft auf seinem
-eisengepanzerten Pferde, Ulenspiegel auf seinem speckgepanzerten
-Esel.</p>
-
-<p>Ulenspiegel rückte bis zur Mitte des Feldes vor. Dann sprach er,
-seinen Besen wie eine Lanze haltend:</p>
-
-<p>„Stinkender als Pest, Aussatz und Tod finde ich dies Ungeziefer
-von schlechten Kerls, die in einem Lager von guten Kriegskameraden
-keine andern Sorgen haben, als allerwegen ihre mürrische
-Fratze und ihr zornschäumendes Maul herumzuführen. Wo sie
-verweilen, wagt sich das Lachen nicht hervor, und die Lieder
-schweigen. Sie müssen allzeit brummen oder sich schlagen, und
-dergestalt führen sie neben dem berechtigten Kampf für das Vaterland
-den Zweikampf ein, welcher der Ruin des Heeres und die
-Freude des Feindes ist. Gegenwärtiger Riesenkraft tötete einundzwanzig
-Menschen um unschuldiger Worte willen, ohne daß
-er jemals in Schlacht oder Scharmützel eine glänzende Tat der
-Tapferkeit getan oder durch seinen Mut die geringste Belohnung
-verdient hätte. Darum so gefällt es mir, heute das räudige Fell
-dieses bissigen Hundes wider den Strich zu bürsten.“</p>
-
-<p>Riesenkraft antwortete:</p>
-
-<p>„Dieser Trunkenbold hat schöne Dinge über den Mißbrauch des
-Zweikampfes geträumt; es wird mir heute gefallen, ihm den Kopf
-zu spalten, um Jedermann zu zeigen, daß er nur Heu im Hirn
-hat.“</p>
-
-<p>Die Sekundanten zwangen sie, von ihren Tieren zu steigen. Dies
-tuend, ließ Ulenspiegel den Lattich vom Kopf fallen, den der Esel
-ruhig fraß, doch er ward in diesem Geschäft durch einen Fußtritt
-unterbrochen, den ihm ein Sekundant gab, um ihn aus den
-Schranken des Kampfplatzes zu treiben. Ebenso geschah dem
-Pferde. Und sie gingen, anderswo in Gesellschaft zu weiden.</p>
-
-<p>Alsbald gaben die Sekundanten / die besentragenden, das waren
-die Ulenspiegels, / und die degentragenden, das waren die Riesenkrafts
-/ durch Pfeifen das Zeichen zum Kampfe.</p>
-
-<p>Und Riesenkraft und Ulenspiegel fochten wütend miteinander.</p>
-
-<p>Riesenkraft schlug mit seinem Stoßdegen und Ulenspiegel parierte
-mit seinem Besen. Riesenkraft fluchte bei allen Teufeln, Ulenspiegel
-wich ihm aus und hüpfte die Kreuz und die Quer durch
-die Heide, steckte die Zunge heraus und machte Riesenkraft tausend
-Fratzen. Diesem ging der Atem aus, und er schlug mit dem Stoßdegen
-ins Blaue wie ein närrisch gewordener Söldling. Ulenspiegel
-fühlte, daß er ihm nahe war, drehte sich plötzlich um und
-gab ihm mit seinem Besen einen gewaltigen Stoß unter die Nase.
-Riesenkraft fiel mit ausgestreckten Armen und Beinen zu Boden,
-wie ein Frosch, wenn er verendet.</p>
-
-<p>Ulenspiegel warf sich auf ihn und fegte ihm das Gesicht ohne
-Erbarmen mit dem Strich und gegen den Strich. Dabei sagte
-er:</p>
-
-<p>„Bitte um Gnade, oder Du sollst meinen Besen verschlingen.“
-Und er rieb ihn ohn Unterlaß hin und her, zum großen Ergötzen
-der Anwesenden, und sagte immerfort:</p>
-
-<p>„Schrei um Gnade, oder Du sollst ihn verschlingen!“</p>
-
-<p>Aber Riesenkraft konnte nicht schreien, maßen er an der schwarzen
-Wut gestorben war.</p>
-
-<p>„Gott habe Dich selig, armer Wüterich!“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und er ging fürbaß und blies Trübsal.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>14</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es war dazumal Ende Oktober. Dem Prinzen mangelte das Geld,
-sein Heer hungerte. Die Söldlinge murrten. Er marschierte nach
-Frankreich und bot dem Herzog die Schlacht an; der aber nahm
-sie nicht an.</p>
-
-<p>Er brach von Quesnoy-le-Comte auf, um auf Cambresis zu
-rücken; da stieß er auf zehn Kompanien Deutscher, acht Fähnlein
-Spanier und drei Schwadronen leichter Reiter, die von Don
-Ruffele Henricis, des Herzogs Sohne, befehligt wurden. Er war
-mitten in der Schlacht und rief auf Spanisch:</p>
-
-<p>„Tötet, tötet! Gebt kein Quartier! Es lebe der Papst!“</p>
-
-<p>Don Henricis war just der Kompanie Schützen gegenüber, in der
-Ulenspiegel Rottenführer war; er stürzte sich mit seinen Leuten
-auf sie. Ulenspiegel sagte zum Feldwaibel:</p>
-
-<p>„Ich will diesem Henker die Zunge abschneiden.“</p>
-
-<p>„Schneide“, sagte der Feldwaibel.</p>
-
-<p>Und mit einer wohlgezielten Kugel riß Ulenspiegel Zunge und
-Kinnbacken des Don Ruffele Henricis, des Herzogs Sohn, entzwei.</p>
-
-<p>Ulenspiegel schoß auch den Sohn des Marquis Delmarès vom
-Pferde.</p>
-
-<p>Die acht Fähnlein und drei Schwadronen wurden geschlagen.</p>
-
-<p>Nach diesem Siege suchte Ulenspiegel Lamm im Lager, aber er
-fand ihn nicht.</p>
-
-<p>„Ach,“ sagte er, „nun ist er fort, mein Freund Lamm, mein dicker
-Freund. Das Gewicht seines Bauches vergessend, wird er in seinem
-kriegerischen Ungestüm die hispanischen Flüchtlinge haben
-verfolgen wollen. Außer Atem wird er wie ein Sack auf den Weg
-gefallen sein. Und sie werden ihn aufgenommen haben, um Lösegeld
-für ihn zu bekommen, ein Lösegeld für christlichen Speck.
-Mein Freund Lamm, wo bist Du doch, wo bist Du, mein fetter
-Freund?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel suchte ihn allerorten und blies Trübsal, da er ihn nicht
-fand.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>15</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Im November, dem Monat der Schneestürme, ließ der Schweiger
-Ulenspiegel zu sich entbieten. Der Prinz biß auf die Schnur
-seines Panzerhemdes.</p>
-
-<p>„Höre und bewahre“, sagte er.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Meine Ohren sind Gefängnistore; man geht leicht hinein, aber
-hinauszugehen ist eine schwere Sache.“</p>
-
-<p>Der Schweiger sprach:</p>
-
-<p>„Geh über Namur, Flandern, Hennegau, Süd-Brabant, Antwerpen,
-Nord-Brabant, Geldern, Oberyssel, Nord-Holland
-und verkünde allerorten: wenn Fortuna unsere heilige, christliche
-Sache auf dem Lande verrät, so wird der Kampf gegen alle ungerechten
-Gewalttaten auf dem Meere fortgesetzt werden. Diese
-Sache steht in Gottes Hand, sei es im Glück oder Unglück. In
-Amsterdam angelangt, wirst Du Paul Buys, meinem Getreuen,
-von deinem Tun und Treiben Rechenschaft geben. Hier sind drei
-Pässe, von Alba selbst unterzeichnet und bei den Leichen von Quesnoy-le-Comte
-gefunden. Mein Sekretarius hat sie ausgefüllt.
-Kann sein, daß Du unterwegens einen guten Gefährten findest,
-dem Du vertrauen kannst. Die sind gut, die auf Lerchentriller
-mit kriegerischem Hahnenruf antworten. Hier sind fünfzig Gülden.
-Du wirst tapfer und treu sein.“</p>
-
-<p>„Klasens Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel.
-Und er ging von dannen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>16</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Er hatte vom König und vom Herzog Vollmacht, nach seinem
-Ermessen alle Waffen zu tragen. Er nahm seine gute Radschloßbüchse,
-Patronen und trockenes Pulver, legte einen zerlumpten
-Mantel, ein zerschlissenes Wams, eine nach hispanischer Mode
-durchlöcherte Hose, ein Barett mit wallender Feder und einen
-Degen an; so verließ er das Heer an der französischen Grenze
-und wandte sich nach Maastricht. Die Zaunkönige, der Kälte
-Boten, flogen Obdach begehrend um die Häuser. Es schneiete am
-dritten Tage.</p>
-
-<p>Manchmal mußte Ulenspiegel unterwegens seinen Geleitbrief
-zeigen. Man ließ ihn passieren und er wandte sich nach Lüttich.
-Er war in eine Ebene gelangt. Ein starker Wind trieb ihm die
-Flocken in Wirbeln ins Gesicht. Vor seinen Augen breitete sich
-eine weiße Fläche aus, darüber die Schneewolken von Windstößen
-gejagt wurden. Drei Wölfe folgten ihm; doch nachdem er
-ihrer einen mit seiner Büchse niedergeschossen, warfen die andern
-sich auf den Verwundeten und entwichen in den Wald, jeder ein
-Stück des Kadavers mitschleppend.</p>
-
-<p>Also befreit, schaute Ulenspiegel sich um, ob nicht noch eine andere
-Schar auf freiem Felde sei. Da erblickte er am Rande der Ebene
-Punkte wie graue Steinbilder, die sich zwischen den Schneewirbeln
-bewegten, und dahinter schwarze Gestalten berittener Soldaten.
-Er stieg auf einen Baum. Der Wind trug ihm ein fernes
-Geräusch von Klagen zu. „Vielleicht“, sprach er zu sich selbst,
-„sind es Pilger, in weiße Gewänder gekleidet. Ich sehe kaum
-ihre Körper auf dem Schnee.“</p>
-
-<p>Dann gewahrte er Menschen, die nackend liefen, und sah zwei
-Reiter in schwarzer Rüstung, die auf ihren großen Schlachtrossen
-sitzend diese armselige Herde mit heftigen Peitschenhieben vor sich
-her trieben. Er spannte seine Büchse. Unter diesen Gegeißelten
-sah er junge Leute und nackte Greise, zitternd, erstarrt und gekrümmt.
-Sie liefen, um der Peitsche der beiden Soldaten zu entrinnen,
-die wohlgekleidet, von Branntwein und guter Nahrung
-rot waren und ihr Ergötzen daran fanden, die Körper der nackten
-Menschen zu geißeln, um sie zu schnellerem Lauf anzutreiben.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte: „Klasens Asche, Dir soll Rache werden.“ Und
-er tötete einen der Reiter mit einer Kugel ins Gesicht; der fiel
-vom Pferde. Den andern, der nicht wußte, von wannen diese unverhoffte
-Kugel kam, ergriff die Furcht. Wähnend, daß im Gehölz
-Feinde versteckt wären, wollte er mit seines Gefährten Roß
-entfliehen. Als er sich des Zügels bemächtigt hatte und abstieg,
-um den Toten auszuplündern, ward er von einer andern Kugel in
-den Hals getroffen und fiel gleichermaßen.</p>
-
-<p>Die nackten Menschen glaubten nicht anders, als daß ein Engel
-vom Himmel, ein guter Scharfschütze, zu ihrer Verteidigung käme,
-und fielen auf die Kniee. Alsbald stieg Ulenspiegel vom Baume
-herab und wurde von denen aus der Schar, die gleich ihm in
-den Heeren des Prinzen gedient hatten, erkannt. Sie sagten zu
-ihm:</p>
-
-<p>„Ulenspiegel, wir sind aus dem Lande Frankreich in diesem erbärmlichen
-Zustand nach Maastricht geschickt worden, wo der
-Herzog ist, um dort wie Rebellen und Gefangene behandelt zu
-werden, die kein Lösegeld zahlen können. Wir sind im Voraus
-verurteilt, gefoltert und geköpft zu werden, oder gleich Lumpen
-und Spitzbuben auf des Königs Galeeren zu rudern.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel gab dem Ältesten der Schar sein Obergewand und
-antwortete:</p>
-
-<p>„Kommet, ich werde Euch bis Mézières führen, aber zuvor müssen
-wir diese beiden Söldner plündern und ihre Pferde mitnehmen.“</p>
-
-<p>Die Wämse, Hosen, Stiefel, Helme und Kürasse der Söldner
-wurden unter die Schwächsten und Kränkesten verteilt, und
-Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Wir wollen ins Gehölz gehen, allwo die Luft dicker und weicher
-ist. Laßt uns laufen, Brüder.“</p>
-
-<p>Plötzlich fiel ein Mann und sagte:</p>
-
-<p>„Mich hungert und friert, ich werde gehen und vor Gott bezeugen,
-daß der Papst der Antichrist auf Erden ist.“</p>
-
-<p>Und er verschied. Und die Übrigen wollten ihn forttragen, um
-ihn christlich zu begraben.</p>
-
-<p>Dieweil sie auf der Landstraße wanderten, bemerkten sie einen
-Bauern, der einen Planwagen lenkte. Da er die nackten Menschen
-sah, hatte er Mitleid und ließ sie auf den Wagen steigen.
-Sie fanden Heu daselbst, um sich hineinzulegen, und leere Säcke,
-um sich zuzudecken. Und da ihnen warm wurde, dankten sie Gott.
-Ulenspiegel ritt auf einem der Reiterpferde neben dem Wagen und
-hielt das andere am Zügel.</p>
-
-<p>In Mézières stiegen sie ab. Dort gab man ihnen gute Suppe,
-Bier, Brot, Käse und den Greisen und Frauen Fleisch. Sie
-wurden auf Kosten der Gemeinde beherbergt und von neuem gekleidet
-und bewaffnet. Und alle gaben Ulenspiegel den Bruderkuß
-des Segens, und er ließ es sich fröhlich gefallen.</p>
-
-<p>Er verkaufte die Pferde der beiden Reiter zu achtundvierzig Gülden,
-von denen er den Franzosen dreißig gab.</p>
-
-<p>Da er einsam des Weges zog, sprach er zu sich selbst: „Ich gehe
-durch Trümmer, Blut und Tränen, ohne etwas zu finden. Die
-Teufel haben mich ohne Zweifel belogen. Wo ist Lamm? Wo
-ist Nele? Wo sind die Sieben?“</p>
-
-<p>Und Klasens Asche brannte von Neuem auf seiner Brust. Und er
-hörte eine Stimme gleich einem Hauche sagen:</p>
-
-<p>„Such in Tod, Trümmern und Tränen.“</p>
-
-<p>Und er ging von dannen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>17</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel gelangte im Märzmond nach Namur. Dort sah er
-Lamm, welcher, von großer Liebe für die Fische der Maas, sonderlich
-die Forellen, ergriffen, einen Kahn gemietet hatte und mit
-Verlaub der Gemeinde im Fluß fischte. Aber er hatte der Fischergilde
-fünfzig Gülden gezahlt. Er verkaufte und aß seinen Fisch
-und erwarb sich bei diesem Handwerk eine Aufbesserung seines
-Bauches und ein Säcklein mit Karolus.</p>
-
-<p>Da er seinen Freund und Gesellen am Ufer der Maas wandeln
-sah, um in die Stadt zu gehen, ward er frohen Muts, stieß sein
-Boot gegen das Ufer, und indem er schnaufend die Böschung
-hinanstieg, gelangte er zu Ulenspiegel. Vor Freuden stammelnd,
-sagte er:</p>
-
-<p>„Da bist Du also, mein Sohn, mein Sohn in Gott, denn meine
-Arche von Bauch könnte ihrer zwei wie Dich tragen. Wohin gehst
-Du? Was willst Du? Bist Du gewißlich nicht tot? Hast Du
-mein Weib gesehen? Du sollst von den Fischen der Maas essen,
-den besten, die in dieser gemeinen Welt sind. Sie machen in diesem
-Lande Saucen, daß man seine Finger bis zu den Schultern aufessen
-möchte. Du bist stolz und hoffärtig, weil Du den Sonnenbrand
-der Schlachten auf den Wangen hast. Da bist Du also,
-mein Sohn, mein Freund Ulenspiegel, der lustige Landstreicher.“</p>
-
-<p>Dann leiser redend:</p>
-
-<p>„Wieviel Spanier hast Du getötet? Sahest Du mein Weib nicht
-in ihren Wagen voller Dirnen? Und von dem Maaswein, der
-für verstopfte Leute so köstlich ist, sollst Du trinken. Bist Du verwundet,
-mein Sohn? Hier bleibst Du, frisch und gesund und
-munter wie ein junger Adler. Und die Aale, davon sollst Du
-kosten. Kein Sumpfgeschmack. Küß mich, mein Dickwanst. Gott
-sei gelobt, wie froh bin ich!“</p>
-
-<p>Und Lamm tanzte, sprang, schnaufte und zwang Ulenspiegel zu
-tanzen.</p>
-
-<p>Dann wanderten sie gen Namur. Am Stadttor wies Ulenspiegel
-seinen vom Herzog unterschriebenen Paß vor. Und Lamm führte
-ihn in sein Haus.</p>
-
-<p>Dieweil er das Mahl bereitete, hieß er ihn seine Abenteuer erzählen,
-und er gab die seinen zum besten. Er hatte das Heer verlassen,
-sagte er, um einem Mädchen zu folgen, das ihm seine Frau
-zu sein dünkte. Bei dieser Verfolgung war er bis nach Namur
-gekommen. Und unaufhörlich sagte er:</p>
-
-<p>„Hast Du sie nicht gesehen?“</p>
-
-<p>„Ich habe andere sehr schöne gesehen,“ antwortete Ulenspiegel,
-„und sonderlich in dieser Stadt, wo alle verliebt sind.“</p>
-
-<p>„Wahrlich,“ sagte Lamm, „man hat mich hundert Mal haben
-wollen, aber ich blieb treu, denn mein betrübtes Herz ist von einer
-einzigen Erinnerung geschwellt.“</p>
-
-<p>„Gleichwie Dein Bauch von zahlreichen Gerichten,“ entgegnete
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Lamm versetzte: „Wenn ich betrübt bin, muß ich essen.“</p>
-
-<p>„Ist dein Kummer ohne Ende?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ach ja!“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>Und indem er eine Forelle aus einem Tiegel zog, sprach er:</p>
-
-<p>„Sieh, wie schön und fest sie ist. Dies Fleisch ist rosenrot wie
-das meiner Frau. Morgen werden wir Namur verlassen; ich
-habe ein Säckel voller Gülden, wir wollen uns jeder einen Esel
-kaufen, und also werden wir uns aufmachen und nach dem Lande
-Flandern reiten.“</p>
-
-<p>„Dabei wirst Du viel verlieren.“</p>
-
-<p>„Mein Herz zieht mich nach Damm. Es war der Ort, wo sie
-mich gar lieb gehabt hat. Kann sein, daß sie dorthin zurückgekehrt
-ist.“</p>
-
-<p>„Da Du es begehrst, wollen wir morgen aufbrechen,“ sagte
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und so geschah’s. Jeder auf einem Esel sitzend, zogen sie fort
-und ritten Seite an Seite.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>18</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es wehte ein scharfer Wind. Die Sonne, in der Frühe so hell
-wie die Jugend, ergraute wie ein alter Mann. Regen, mit
-Schloßen gemischt, fiel. Als der Regen aufgehört, schüttelte sich
-Ulenspiegel und sprach:</p>
-
-<p>„Der Himmel, der so viel Dünste trinkt, muß sich bisweilen erleichtern.“</p>
-
-<p>Wiederum stürzte der Regen mit noch mehr Hagel als zuvor auf
-die beiden Gefährten. Lamm stöhnte:</p>
-
-<p>„Wir waren trefflich gewaschen; muß man uns auch noch
-spülen?“</p>
-
-<p>Die Sonne schien wieder, und sie ritten frohgemut.</p>
-
-<p>Nun fiel ein Regen mit Hagelschloßen, so mörderisch, daß er
-die dürren Zweige der Bäume wie mit einem Bündel von Messern
-zerhackte.</p>
-
-<p>Lamm sagte:</p>
-
-<p>„Hoho, ein Dach! Mein armes Weib! Wo seid Ihr, gutes
-Feuer, süße Küsse und fette Suppen?“</p>
-
-<p>Und der dicke Mensch weinte.</p>
-
-<p>Doch Ulenspiegel sprach:</p>
-
-<p>„Wir jammern; aber kommen nicht unsere Uebel aus uns selbst?
-Es regnet auf unsere Schultern, aber dieser Dezemberregen wird
-Maienklee machen. Und die Kühe werden vor Freude brüllen.
-Wir sind ohne Obdach, aber warum freien wir nicht? Will sagen,
-ich die kleine Nele, die so schön und gut ist und mir jetzund ein
-gutes Gericht Rindfleisch mit Bohnen dämpfen würde. Uns
-dürstet ohngeachtet des Wassers, das herunterkommt. Warum
-wurden wir nicht Gesellen, die einem Handwerk treu sind?
-Die, so Meister geworden sind, haben volle Tonnen Braunbiers
-im Keller.“</p>
-
-<p>Klasens Asche brannte auf seinem Herzen. Der Himmel klärte
-sich, die Sonne erglänzte und Ulenspiegel sprach:</p>
-
-<p>„Frau Sonne, Euch sei Dank, Ihr erwärmt uns das Kreuz.
-Klasens Asche, Du erwärmst uns das Herz und sagst uns, daß
-die gesegnet sind, die zur Befreiung des Vaterlandes umherirren.“</p>
-
-<p>„Mich hungert,“ sprach Lamm.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>19</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Sie kehrten in einer Herberge ein und man gab ihnen in einem
-hohen Gemach das Nachtessen. Ulenspiegel öffnete die Fenster
-und sah von da aus einen Garten, in dem sich ein artig Mägdlein
-erging, wohlgerundet, mit vollen Brüsten, goldenen Haaren und
-nur mit einem Rock, einem Leibchen von weißem Linnen und einer
-durchlöcherten Schürze von schwarzer Leinwand angetan.</p>
-
-<p>Hemden und andere Frauenwäsche bleichten auf Stricken. Das
-Mägdlein nahm die Hemden von den Stricken, sich immerdar
-nach Ulenspiegel umwendend, hängte sie wieder auf und setzte sich
-dann lächelnd und immerdar ausschauend auf die aufgereihte
-Wäsche und schaukelte sich auf den beiden zusammengeknoteten
-Enden.</p>
-
-<p>In der Nachbarschaft hörte Ulenspiegel einen Hahn krähen und
-sah eine Amme, die spielte mit einem Kinde und wandte sein Antlitz
-einem Manne zu, der vor ihr stand; und dabei sagte sie:</p>
-
-<p>„Boelkin, mach Väterchen freundliche Augen.“</p>
-
-<p>Das Kind weinte.</p>
-
-<p>Und das artige Mägdlein lustwandelte fürder im Garten und
-nahm die Wäsche ab und hängte sie wieder auf.</p>
-
-<p>„Das ist eine Spionin,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>Das Mägdlein hielt die Hände vor die Augen und durch die
-Finger lächelnd, blickte es Ulenspiegel an.</p>
-
-<p>Dann hob es mit vollen Händen seine Brüste in die Höhe, ließ
-sie wieder fallen und schaukelte sich von neuem, ohne daß seine
-Füße den Boden berührten. Und die Hemden, die herunterflogen,
-machten, daß es sich gleich einem Kreisel drehte, indessen Ulenspiegel
-seine Arme, weiß und rund im bleichen Sonnenschein,
-bis an die Schultern erblickte. Es drehte sich und lächelte und
-schaute ihn immer an. Er ging hinaus, um es aufzusuchen.
-Lamm folgte ihm. Er suchte ein Loch in der Gartenhecke, um
-hindurchzuschlüpfen, aber er fand keines.</p>
-
-<p>Da das Mägdlein sein Treiben sah, blickte es ihn wiederum
-lächelnd durch die Finger an.</p>
-
-<p>Ulenspiegel versuchte durch die Hecke zu dringen, derweil Lamm
-ihn zurückhielt und sagte:</p>
-
-<p>„Geh nicht, das ist eine Spionin, wir werden verbrannt werden.“</p>
-
-<p>Dann lustwandelte das Mädchen im Gärtlein, bedeckte sich
-das Gesicht mit der Schürze und lugte durch die Löcher, zu sehen,
-ob ihr Freund von Ohngefähr nicht bald käme.</p>
-
-<p>Ulenspiegel wollte mit einem Satz über die Hecke springen, aber
-Lamm hinderte ihn daran, ihn am Bein packend, daß er zu Boden
-fiel, und sprach:</p>
-
-<p>„Strang, Schwert und Galgen! Das ist eine Spionin, geh
-nicht hin!“</p>
-
-<p>Auf der Erde sitzend, suchte Ulenspiegel sich seiner zu erwehren.
-Das Mägdlein steckte den Kopf über die Hecke und rief:</p>
-
-<p>„Gehabt Euch wohl, Herr, Amor möge Euch Langmütigen in
-der Schwebe halten.“</p>
-
-<p>Und er hörte ein spöttisches Lachen erschallen.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sagte er, „das ist für mein Ohr wie ein Bund Nadeln.“</p>
-
-<p>Dann wurde eine Tür zugeschmettert.</p>
-
-<p>Und er ward schwermütig.</p>
-
-<p>Lamm, der ihn alleweil festhielt, sprach:</p>
-
-<p>„Du zählst die holden Schätze der Schönheit, die zu Deiner
-Schande verloren sind. Das ist eine Spionin. Du fällst gut,
-wenn Du fällst. Ich werde noch vor Lachen bersten.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel blieb stumm und alle beide bestiegen wiederum ihre Esel.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>20</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>So zogen sie selbander, hier ein Bein und da ein Bein auf ihrem
-Esel. Lamm kaute an seiner letzten Mahlzeit und sog frohgemut
-die frische Luft ein. Unversehens zog Ulenspiegel ihm einen
-gewaltigen Hieb mit der Peitsche über das Gesäß, welches ein
-Polster im Sattel bildete.</p>
-
-<p>„Was machst Du da?“ schrie Lamm kläglich.</p>
-
-<p>„Was?“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Dieser Peitschenhieb?“</p>
-
-<p>„Welcher Peitschenhieb?“</p>
-
-<p>„Den ich von Dir empfing,“ versetzte Lamm.</p>
-
-<p>„Von links?“</p>
-
-<p>„Ja, von links und auf meinen Hintern. Warum tatest Du das,
-Schalksknecht?“</p>
-
-<p>„Aus Unwissenheit,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich weiß sehr
-wohl, was eine Peitsche ist, und eben so wohl, was ein Gesäß
-auf einem engen Sattel ist. Da ich nun dieses so breit, geschwollen
-und prall sah, wie es über den Sattel quoll, sagte ich
-mir: Da man nicht mit dem Finger hineinzwicken kann, so könnte
-man ihm auch nicht mit der Peitschenschnur wehe tun. Ich beging
-einen Irrtum.“</p>
-
-<p>Da Lamm bei dieser Rede lächelte, sprach Ulenspiegel solcherart
-weiter:</p>
-
-<p>„Aber ich bin es nicht allein in dieser Welt, der aus Unwissenheit
-sündigt; es ist mehr als ein Erzdummkopf, der sein Fett auf dem
-Sattel eines Esels zur Schau stellt, der es mir darin zuvor tun
-könnte. Wenn meine Peitsche an deinem Gesäß sündigte, so hast
-Du viel schwerer an meinen Beinen gesündigt, indem Du sie
-hindertest, hinter dem Mädchen herzulaufen, das im Garten auf
-Buhlschaft ausging.“</p>
-
-<p>„Rabenfutter!“ sprach Lamm; „das war also Rache?“</p>
-
-<p>„Eine ganz kleine,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>21</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In Damm lebte Nele betrübt mit Katheline, die den kalten
-Teufel, welcher nicht kam, zärtlich rief.</p>
-
-<p>„Ach,“ sagte sie, „Du bist reich, Hanske, mein Buhle, und könntest
-mir die siebenhundert Karolus wiederbringen. Alsdann
-wird Soetkin aus dem Fegefeuer lebendig auf die Erde zurückkehren,
-und Klas würde im Himmel lachen; wohl kannst Du es
-tun. Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch, die Seele will
-hinaus.“</p>
-
-<p>Und sie wies mit dem Finger ohn Unterlaß auf die Stelle, wo
-der Werg gelegen hatte.</p>
-
-<p>Katheline war sehr arm, doch die Nachbarn unterstützten sie mit
-Bohnen, Brot und Fleisch nach ihren Mitteln. Die Gemeinde
-gab ihr etwas Geld. Und Nele nähte Kleider für die reichen
-Bürgerfrauen und ging zu ihnen, um die Wäsche zu bügeln, und
-verdiente dergestalt einen Gülden die Woche.</p>
-
-<p>Und Katheline sagte beständig:</p>
-
-<p>„Macht ein Loch, nehmt meine Seele fort. Sie pocht und will
-hinausgehen. Er wird die siebenhundert Karolus wiederbringen.“</p>
-
-<p>Und Nele weinte, wenn sie das hörte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>22</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Indessen kehrten Ulenspiegel und Lamm, mit ihren Pässen versehen,
-in eine kleine Herberge ein, die sich an die Felsen der
-Sambre lehnte, welche an gewissen Stellen mit Bäumen bedeckt
-sind. Auf dem Schild stand geschrieben: Bei Marlaire.</p>
-
-<p>Nachdem sie manch Fläschlein Maaswein in Burgunder Art
-getrunken und viele gesalzene Fische verspeist hatten, plauderten
-sie mit dem Wirt, der ein Papist reinsten Wassers war, aber geschwätzig
-wie eine Elster, des Weines wegen, den er getrunken
-hatte. Unaufhörlich zwinkerte er boshaft mit den Augen. Ulenspiegel
-vermutete hinter diesem Zwinkern etwelches Geheimnis
-und ließ ihn noch mehr trinken, also daß der Wirt anhub zu
-tanzen und in Gelächter auszubrechen. Dann setzte er sich wieder
-an den Tisch und sagte:</p>
-
-<p>„Gute Katholiken, ich trinke auf Euer Wohl.“</p>
-
-<p>„Wir trinken auf das Deine,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Auf die Ausrottung jeder Pest von Rebellion und Ketzerei!“</p>
-
-<p>„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel und
-füllten ohn Unterlaß den Becher des Wirts, der ihn niemals leer
-sehen konnte.</p>
-
-<p>„Ihr seid Biedermänner,“ sprach er. „Ich trinke auf Eure Freigebigkeit;
-ich verdiene am Wein, der getrunken. Wo sind Eure
-Pässe?“</p>
-
-<p>„Hier sind sie,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Vom Herzog unterzeichnet. Ich trinke auf des Herzogs Wohl.“</p>
-
-<p>„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Wirt fuhr in seiner Rede fort:</p>
-
-<p>„Worin fängt man die Ratten, Mäuse und Hamster? In Ratten-,
-Hamster- und Mausefallen. Wer ist der Hamster? Das
-ist der große Ketzer, orangefarben gleich dem Feuer der Höllen.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>
-Gott ist mit uns. Sie werden kommen. Ha, ha! Zu trinken!
-Schenk ein, ich koche, ich brenne. Zu trinken! Sehr schöne,
-kleine, reformierte Prediger ... Kleine, sage ich ... schöne, kleine,
-tapfere, starke Soldaten, Eichen ... Zu trinken! Werdet Ihr
-nicht mit ihnen in das Lager des großen Ketzers gehen? Ich
-habe Pässe, von ihm unterzeichnet ... Ihr werdet ihren Auftrag
-mit Augen sehen.“</p>
-
-<p>„Wir werden ins Lager gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Sie werden sich gut dazuhalten, und in der Nacht, wenn die
-Gelegenheit günstig ist, (und der Wirt machte pfeifend einen Mann
-nach, der einen andern erwürgt) wird Eisenwind die Drossel Nassau
-hindern, noch mehr zu pfeifen. Holla, zu trinken!“</p>
-
-<p>„Du bist lustig, ob Du gleich verheiratet bist,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Wirt sagte:</p>
-
-<p>„Das bin ich nicht, noch war ich es. Ich hüte die Geheimnisse
-der Fürsten. Gebt mir zu trinken. / Mein Weib würde sie mir
-vom Kopfkissen stehlen, um mich henken zu lassen und eher Wittib
-zu werden als die Natur will. So wahr Gott lebt! Sie
-werden kommen. Wo sind die neuen Pässe? Auf meinem christlichen
-Herzen. Laßt uns trinken! Da sind sie, da, in dreihundert
-Schritt Entfernung auf dem Wege, bei Marche-les-Dames.
-Sehet Ihr sie? Laßt uns trinken.“</p>
-
-<p>„Trink,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „trink; ich trinke auf den
-König, den Herzog, die Prediger und auf Eisenwind. Ich
-trinke auf Dein Wohl und meins; ich trinke auf den Wein und
-auf die Flasche. Du trinkst ja nicht.“ Und bei jedem Trinkspruch
-füllte Ulenspiegel von neuem das Glas und der Wirt
-leerte es.</p>
-
-<p>Ulenspiegel betrachtete ihn etliche Zeit. Dann sagte er, sich erhebend:</p>
-
-<p>„Er schläft; wir wollen uns davonmachen, Lamm.“</p>
-
-<p>Als sie draußen waren:</p>
-
-<p>„Er hat kein Weib, uns zu verraten ... Die Nacht sinkt herab
-... Du hast deutlich vernommen, was dieser Taugenichts sagte;
-und Du weißt, wer die drei Prediger sind?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Du weißt, das sie die Maas entlang von Marche-les-Dames
-kommen, und daß man gut tun wird, sie auf dem Wege zu erwarten,
-ehe denn Eisenwind zu Atem kommt.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Wir müssen dem Prinzen das Leben retten,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Da,“ sprach Ulenspiegel, „nimm meine Büchse, geh dort in das
-Gebüsch zwischen den Felsen; lade sie mit zwei Kugeln und ziele,
-wenn ich wie ein Rabe krächze.“</p>
-
-<p>„Das will ich tun,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Und er verschwand im Gebüsch. Alsbald hörte Ulenspiegel das
-Rad der Büchse knarren.</p>
-
-<p>„Siehst Du sie kommen?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ich sehe sie“; antwortete Lamm. „Es sind ihrer drei, die gleich
-Soldaten marschieren, und der Eine überragt die Andern um
-Haupteslänge.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel setzte sich mit vorgestreckten Beinen auf den Weg, indem
-er murmelnd einen Rosenkranz abbetete, wie die Bettler
-tun. Und er hatte seinen Hut zwischen den Knieen.</p>
-
-<p>Als die drei Prediger vorübergingen, hielt er ihnen seinen Hut
-hin, sie aber legten nichts hinein.</p>
-
-<p>Da stand Ulenspiegel auf und sagte kläglich:</p>
-
-<p>„Ihr guten Herren, versagt einem armen Steinhauer, der sich letzthin
-in einer Grube des Steinbruchs die Lenden gebrochen hat, nicht
-einen Stüver. Sie sind hart in diesem Lande und haben mir
-nichts geben wollen, mein trauriges Elend zu lindern. Wehe, gebt
-mir einen Stüver, dann werde ich für Euch beten. Und Gott wird
-Eure großmütige Gnaden das ganze Leben fröhlich erhalten.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte einer der Prediger, ein starker Mann, „für
-uns wird in dieser Welt keine Freude sein, solange Papst und
-Inquisition darin regieren.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel seufzte gleichfalls und sprach:</p>
-
-<p>„Wehe! was sagt Ihr, edle Herren? Sprecht leise, wenn es
-Euer Gnaden beliebt. Aber gebt mir einen Stüver.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ antwortete ein kleiner Prediger mit kriegerischem
-Antlitz, „wir armen Märtyrer haben nur so viel Stüver, wie wir
-brauchen, uns unterwegs zu ernähren.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel warf sich auf die Kniee.</p>
-
-<p>„Segnet mich,“ sagte er.</p>
-
-<p>Die drei Prediger legten die Hand ohne Frömmigkeit auf Ulenspiegels
-Kopf.</p>
-
-<p>Da er wahrnahm, daß sie mager waren und doch mächtige
-Bäuche hatten, erhob er sich, stellte sich, als ob er fiele, und stieß
-mit der Stirn gegen den Bauch des hochgewachsenen Predigers,
-wobei er ein lustiges Klingeln von Münzen vernahm.</p>
-
-<p>Da richtete er sich auf und zog sein kurzes Schwert.</p>
-
-<p>„Ihr schönen Väter,“ sagte er, „es ist kalt; ich bin schlecht bekleidet,
-und Ihr habt mehr als genug. Gebt mir von Eurer Wolle,
-daß ich mir daraus einen Mantel schneiden kann. Ich bin Geuse,
-es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Der große Prediger antwortete:</p>
-
-<p>„Du gekrönter Geuse, Du trägst den Kamm hoch; wir werden
-ihn Dir abschneiden.“</p>
-
-<p>„Abschneiden,“ sprach Ulenspiegel, indem er zurückwich; „aber
-Eisenwind wird Euch anhauchen, ehe er den Prinzen anhaucht.
-Geuse bin ich, es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Die drei Prediger sagten bestürzt untereinander:</p>
-
-<p>„Woher kommt ihm die Kunde? Wir sind verraten. Drauf!
-Es lebe die Messe!“</p>
-
-<p>Und sie zogen unter ihren Hosen schöne, scharfgeschliffene Schwerter
-hervor.</p>
-
-<p>Doch Ulenspiegel entwich, ohne ihnen stand zu halten, nach
-dem Gebüsch, worin Lamm verborgen war. Als er meinte, daß
-die Prediger in Schußweite seien, sprach er:</p>
-
-<p>„Ihr Raben, schwarze Raben, Bleiwind wird wehen. Ich singe
-Euer Sterbelied.“</p>
-
-<p>Und er krächzte.</p>
-
-<p>Ein Büchsenschuß aus dem Gebüsch streckte den größten Prediger
-nieder, mit dem Gesicht auf den Boden; ein zweiter Schuß warf
-den zweiten auf den Weg.</p>
-
-<p>Und zwischen den Büschen erblickte Ulenspiegel Lamms gutes
-Vollmondsgesicht und seinen erhobenen Arm, der hastig die Büchse
-wieder lud. Und ein blauer Rauch stieg aus dem schwarzen
-Gebüsch auf.</p>
-
-<p>Der dritte Prediger, vor männlicher Wut rasend, wollte Ulenspiegel
-mit aller Gewalt aus dem Busche reißen. Der aber
-sprach:</p>
-
-<p>„Eisenwind oder Bleiwind, Du wirst aus dieser Welt scheiden
-und in die andere gehen, Du schändlicher Mordstifter!“</p>
-
-<p>Und er griff ihn an und er wehrte sich tapfer.</p>
-
-<p>Fest standen sie Aug’ in Aug’ auf dem Wege, teilten Hiebe aus
-und parierten sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war von Blut überströmt, maßen sein Gegner, ein
-geübter Kämpfer, ihn am Kopf und Bein verwundet hatte.
-Doch er griff ihn an und verteidigte sich wie ein Leu. Da ihn das
-Blut, so von seinem Kopf strömte, blendete, wich er in großen
-Schritten zurück, wischte es mit der Linken ab und fühlte, daß er
-schwach wurde. Er wäre getötet worden, hätte Lamm nicht
-auf den Prediger geschossen und ihn niedergestreckt.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sah und hörte ihn Lästerworte, Blut und Todesschaum
-ausspeien.</p>
-
-<p>Und blauer Rauch stieg aus dem Gebüsch auf, darinnen Lamm
-wiederum sein gutes Vollmondsgesicht sehen ließ.</p>
-
-<p>„Ist es vollendet?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ja, mein Sohn,“ antwortete Ulenspiegel, „aber komm ...“</p>
-
-<p>Da Lamm aus seinem Versteck trat, sah er Ulenspiegel ganz mit
-Blut bedeckt. Ohngeachtet seines Bauches wie ein Hirsch rennend,
-gelangte er zu Ulenspiegel, der neben den Getöteten auf der Erde
-saß.</p>
-
-<p>„Er ist verwundet,“ sprach er, „mein herzlieber Freund, von
-diesem nichtsnutzigen Mörder verwundet.“ Und mit einem Stoß
-seines Absatzes zerbrach er dem nächsten Prediger die Zähne.
-„Du antwortest nicht, Ulenspiegel! Wirst Du sterben, mein Sohn?
-Wo ist der Balsam? Ha, unten in seinem Felleisen unter den
-Würsten. Ulenspiegel, hörst Du mich nicht? Wehe, ich habe kein
-lauwarmes Wasser, Deine Wunde zu waschen, und keine Möglichkeit,
-welches zu bekommen. Aber das Sambrewasser wird
-genügen. Sprich zu mir, mein Freund. Du bist doch nicht so schwer
-verwundet. Ein wenig Wasser, recht kalt, nicht so? Er erwacht.
-Ich bin es, mein Sohn, dein Freund. Sie sind alle tot.
-Leinwand, Leinwand, seine Wunden zu verbinden. Keine da.
-Also mein Hemd.“ / Er zog sich aus. / Und Lamm redete weiter:
-„In Stücke das Hemd. Das Blut stockt. Mein Freund wird
-nicht sterben.“</p>
-
-<p>„Ha,“ sprach er, „es ist kalt mit nacktem Rücken in dieser frischen
-Luft. Kleiden wir uns wieder an. Er wird nicht sterben. Ich
-bin’s, Ulenspiegel, ich, Dein Freund Lamm. Er lächelt. Ich
-werde die Mörder plündern. Sie haben Bäuche aus Gülden.
-Güldene Kaldaunen. Karolus, Gülden, Taler, Stüver und
-Briefe. Wir sind reich. Ueber dreihundert Karolus zu teilen.
-Wir wollen die Waffen und das Geld nehmen. Eisenwind wird
-noch nicht für Seine Gnaden wehen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel stand auf und klapperte vor Frost mit den Zähnen.</p>
-
-<p>„Da bist Du wieder auf den Beinen!“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Das ist die Kraft des Balsams,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Balsam der Tapferkeit,“ versetzte Lamm.</p>
-
-<p>Alsdann nahm er die Leichen der drei Prediger eine nach der
-andern und warf sie in ein Loch zwischen den Felsen; ihre Waffen
-und Kleider ließ er ihnen, außer dem Mantel.</p>
-
-<p>Und am Himmel, rund um sie her, krächzten die Raben, die ihres
-Futters harrten. Und die Sambre floß wie ein eherner Strom
-unter dem grauen Himmel. Und der Schnee fiel und wusch das
-Blut fort.</p>
-
-<p>Dennoch waren sie bekümmert und Lamm sprach:</p>
-
-<p>„Ich töte lieber ein Huhn als einen Menschen.“</p>
-
-<p>Und sie stiegen wieder auf ihre Esel.</p>
-
-<p>Am Tor von Huy floß das Blut immer noch. Sie stellten sich,
-als fingen sie Streit an, stiegen von ihren Eseln und fochten mit
-ihren Schwertern, dem Ansehen nach schier grausam. Als der
-Kampf beendet war, saßen sie wieder auf und ritten in Huy ein,
-nachdem sie am Stadttor ihre Pässe vorgewiesen hatten.</p>
-
-<p>Da die Frauen Ulenspiegel verwundet und blutend und Lamm
-auf seinem Esel den Sieger spielen sahen, betrachteten sie Ulenspiegel
-mit zärtlichem Mitleid; aber Lamm drohten sie mit der
-Faust und sagten:</p>
-
-<p>„Das ist der Taugenichts, der seinen Freund verwundet.“</p>
-
-<p>Voll Unruhe suchte Lamm unter ihnen sein Weib.</p>
-
-<p>Es war vergebens und er blies Trübsal.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>23</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>„Wohin gehen wir?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Nach Maestricht,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Aber, mein Sohn, man sagt, daß des Herzogs Kriegsknechte da
-rund um die Stadt liegen und daß er sich selbst darinnen befindet.
-Unsere Pässe werden nicht hinreichen. Wenn die hispanischen
-Söldner sie gut befinden, werden wir darum nicht weniger in
-der Stadt festgehalten und verhört werden. Unterweilen werden
-sie den Tod der Prediger erfahren, und mit unserm Leben wird
-es zu Ende sein.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Die Raben, Eulen und Geier werden in Bälde mit ihrem Fleisch
-ein Ende gemacht haben. Ihr Gesicht ist ohne Zweifel schon
-unkenntlich. Was unsere Pässe angeht, so mögen sie gut sein;
-so man aber Kunde vom Morde erhielte, würden wir, wie Du
-sagst, gefangen genommen. Dessen ohngeachtet müssen wir über
-Landen nach Maestricht gehen.“</p>
-
-<p>„Sie werden uns henken,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Wir werden durchkommen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>So ratschlagend, kamen sie nach der Herberge „Zur Elster“, allwo
-sie gute Kost, gutes Nachtlager und Heu für ihre Esel fanden.</p>
-
-<p>Am andern Morgen machten sie sich auf den Weg nach Landen.</p>
-
-<p>Da sie bei einem großen Pachthofe vor der Stadt angelangt
-waren, trillerte Ulenspiegel wie eine Lerche und alsbald antwortete
-ihm von drinnen das kriegerische Trompeten des Hahnes.
-Ein Pächter, der ein ehrlich Gesicht hatte, erschien auf der Türschwelle.</p>
-
-<p>„Freunde als Freie, es lebe der Geuse! Tretet ein!“ sprach er.</p>
-
-<p>„Wer ist dieser?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Thomas Utenhove, der tapfere Reformierte. Seine Knechte
-und Mägde arbeiten gleich ihm für das freie Gewissen.“</p>
-
-<p>Darauf sprach Utenhove:</p>
-
-<p>„Ihr seid des Prinzen Gesandte. Esset und trinket.“</p>
-
-<p>Und der Schinken prasselte in der Pfanne und die Blutwürste
-desgleichen, und der Wein ließ nicht auf sich warten, und die
-Gläser füllten sich.</p>
-
-<p>Und Lamm trank wie trockener Sand und aß tapfer.</p>
-
-<p>Knechte und Mägde des Pachthofs kamen nacheinander und
-steckten die Nase durch die halbgeöffnete Tür, um der Arbeit
-seiner Kinnbacken zuzuschauen; und die Männer wurden eifersüchtig
-und sagten, daß sie es ebensogut könnten.</p>
-
-<p>Nach vollendeter Mahlzeit sprach Utenhove:</p>
-
-<p>„Hundert Bauern werden diese Woche von hier aufbrechen,
-unter dem Vorgeben, daß sie in Brügge und Umgegend an den
-Deichen arbeiten wollen. Sie werden in Rotten von fünf oder
-sechs und auf unterschiedlichen Wegen reisen. In Brügge werden
-Barken sein, um sie übers Meer nach Emden zu bringen.“</p>
-
-<p>„Sind sie mit Waffen und Geld versehen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Sie sollen jeder zehn Gülden und große Hirschfänger haben.“</p>
-
-<p>„Gott und der Prinz werden Dir’s lohnen,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ich arbeite nicht um Lohn,“ erwiderte Thomas Utenhove.</p>
-
-<p>„Wie macht Ihr’s,“ sagte Lamm, während er die dicken,
-schwarzen Blutwürste knusperte, „wie macht Ihr’s, Herr Wirt,
-um ein so duftend, saftig Gericht von so zartem Fett zu erhalten?“</p>
-
-<p>„Das kommt,“ sprach der Wirt, „weil wir Zimmet und Baldrian
-darantun.“</p>
-
-<p>Dann zu Ulenspiegel redend, sagte er:</p>
-
-<p>„Ist Edzard, Graf von Friesland, allzeit des Prinzen Freund?“</p>
-
-<p>„Er hält seine Gesinnung geheim, wiewohl er seinen Schiffen
-in Emden Asyl gibt.“ Und er fügte hinzu:</p>
-
-<p>„Wir müssen nach Maestricht.“</p>
-
-<p>„Das wirst Du nicht können,“ sagte der Wirt; „des Herzogs
-Heer ist vor der Stadt und rings umher.“</p>
-
-<p>Dann führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm in der Ferne
-die Fähnlein und Standarten der Reiter und Fußsoldaten, die
-auf freiem Felde ritten und marschierten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach:</p>
-
-<p>„Ich werde passieren, wenn Ihr, der Ihr an diesem Ort mächtig
-seid, mir Erlaubnis gebt, mich zu verheiraten. Was die Frau
-angeht, so brauche ich eine, die anmutig, sanft und schön ist und
-mich freien will, wenn nicht für immer, zum wenigsten für eine
-Woche.“</p>
-
-<p>Lamm seufzte und sprach:</p>
-
-<p>„Tu’s nicht, mein Sohn, sie würde Dich allein lassen, von Liebesglut
-verzehrt. Dein Bett, in dem Du so ruhig schläfst, wird
-Dir gleich einem Pfühl von Stechpalmen sein und Dir den süßen
-Schlummer rauben.“</p>
-
-<p>„Ich werde heiraten,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und da Lamm nichts mehr auf dem Tische fand, ward er schier
-betrübt. Da er jedoch Kapaune in einem Napf entdeckte, knabberte
-er sie melancholisch.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte zu Thomas Utenhove:</p>
-
-<p>„Wohlan, darauf trink ich, schafft mir eine Frau, reich oder arm.
-Ich gehe mit ihr zur Kirche und lasse die Ehe durch den Pfarrer
-einsegnen. Dieser gibt uns einen Trauschein, nicht gültig, da er
-von einem papistischen Inquisitor kommt. Wir lassen darin feststellen,
-daß wir alle gute Christen sind, maßen wir gebeichtet
-und kommuniziert haben und gemäß den Vorschriften unsrer
-heiligen römischen Mutter Kirche, so ihre Kinder verbrennt,
-apostolisch leben. Und also rufen wir die Segnungen unseres
-heiligen Vaters, des Papstes, der himmlischen und irdischen
-Heerscharen, der heiligen Männer und Frauen, der Dechanten,
-Pfaffen, Mönche, Söldlinge, Bluthunde und andrer Lumpen
-auf uns herab. Mit besagtem Zeugnis versehen, machen wir
-die Vorbereitungen zur Reise, die bei der Hochzeitfeier Brauch
-ist.“</p>
-
-<p>„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.</p>
-
-<p>„Die mußt Du für mich finden,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich
-nehme also zwei Wagen, schmücke sie mit Kränzen von Fichtenzweigen,
-Stechpalmen und Papierblumen und besetze sie mit etlichen
-Bauern, die Du zum Prinzen schicken willst.“</p>
-
-<p>„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.</p>
-
-<p>„Die ist gewißlich hier,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und er redete weiter:</p>
-
-<p>„Ich spanne zwei Deiner Pferde vor den einen Wagen, unsere
-beiden Esel vor den andern. In den ersten Wagen setze ich
-meine Frau und mich, meinen Freund Lamm und die Trauzeugen,
-in den zweiten die Spielleute mit Schellentrommeln, Querpfeifen
-und Schalmeien. Dann tragen wir lustige Hochzeitsbanner,
-und mit Trommeln, Singen und Trinken fahren wir im
-scharfen Trab auf der Heerstraße, die uns zum Galgenfelde oder
-in die Freiheit führt.“</p>
-
-<p>„Ich will Dir helfen,“ sprach Thomas Utenhove. „Aber die Frauen
-und Mädchen werden ihren Männern folgen wollen.“</p>
-
-<p>„Wir werden in Gottes Schutz gehen,“ sagte ein hübsches Mägdlein
-und steckte den Kopf in die halboffene Tür.</p>
-
-<p>„Wenn es not tut, sind vier Wagen da, und dergestalt können
-wir über fünfundzwanzig Mann durchbringen.“</p>
-
-<p>„Der Herzog wird übertölpelt werden,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Und in des Prinzen Flotte werden etliche gute Soldaten mehr
-dienen,“ erwiderte Thomas Utenhove.</p>
-
-<p>Dann läutete er seinen Knechten und Mägden und sprach zu ihnen:
-„Ihr alle, die Ihr aus Zeeland seid, Männer und Weiber, höret.
-Gegenwärtiger Ulenspiegel, der Vläme, will, daß Ihr in hochzeitlichen
-Kleidern durch des Herzogs Heer hindurchziehet.“</p>
-
-<p>Männer und Frauen aus Zeeland riefen mitsammen:</p>
-
-<p>„Bei Todesgefahr! Wir wollen!“</p>
-
-<p>Und die Männer redeten untereinander:</p>
-
-<p>„Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft zu verlassen
-und aufs freie Meer zu gehen. Wenn Gott für uns ist, wer kann
-wider uns sein?“</p>
-
-<p>Die Frauen und Mädchen sagten:</p>
-
-<p>„Wir wollen unsern Männern und Freunden folgen. Wir sind
-aus Zeeland und werden dort Zuflucht finden.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erspähte ein junges, artiges Mägdlein, trieb seinen
-Scherz mit ihr und sagte:</p>
-
-<p>„Ich will Dich freien.“</p>
-
-<p>Und sie antwortete errötend:</p>
-
-<p>„Ich will Dich, aber nur in der Kirche.“</p>
-
-<p>Und mit Lachen sprachen die Frauen untereinander:</p>
-
-<p>„Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, des Baas Sohn. Er
-geht gewiß mit ihr.“</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete Hans.</p>
-
-<p>Und der Vater sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du kannst es tun.“</p>
-
-<p>Die Männer legten ihr Festgewand an, Wams und Hosen von
-Sammet und den weiten Mantel darüber; auch setzten sie
-große Hüte zum Schutz gegen Sonne und Regen auf. Die Weiber,
-in schwarzen Strümpfen und geschlitzten Schuhen, trugen den
-großen, güldenen Stirnschmuck, links für die Mädchen und rechts
-für die Ehefrauen; am Halse die weiße Krause, den Brustlatz
-in güldner, scharlachner und azurblauer Stickerei, der Rock von
-schwarzer Wolle mit breiten Sammetstreifen in der nämlichen
-Farbe, schwarzwollene Strümpfe und Sammetschuhe mit Silberschnalle.</p>
-
-<p>Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester zu
-bitten, für zwei Reichstaler, die er ihm in die Hand steckte, ohne
-Verzug Tylbert, des Klas Sohn, mit Tannekin Pieters zu
-trauen, und der Pfarrer willigte darein.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging also, von der ganzen Hochzeitsgesellschaft gefolgt,
-in die Kirche und vermählte sich allda vor dem Priester
-mit Tannekin, die so schön und reizend, so freundlich und rundlich
-war, daß er gern in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen
-Liebesapfel. Und er sagte es ihr, da er aus Scheu vor ihrer
-sanften Schönheit es nicht zu tun wagte. Sie aber sprach
-schmollend zu ihm:</p>
-
-<p>„Laß mich; da ist Hans, der sieht Euch an, um Euch umzubringen.“</p>
-
-<p>Und ein Mägdlein, ein eifersüchtiges, sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Such anderswo; siehest Du nicht, daß sie Angst vor ihrem Manne
-hat.“</p>
-
-<p>Lamm rieb sich die Hände und rief aus:</p>
-
-<p>„Du sollst sie nicht alle haben, Taugenichts.“</p>
-
-<p>Und er freute sich baß.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm sein Leid in Geduld hin und kehrte mit den
-Hochzeitsgästen zum Pachthof zurück. Und da trank er, sang
-und war guter Dinge und trank dem eifersüchtigen Mägdlein zu.
-Des war Hans froh, aber nicht Tannekin noch des Mägdleins
-Bräutigam.</p>
-
-<p>Bei hellem Sonnenschein und frischem Winde fuhren die Wagen
-um Mittag, mit Grün und Blumen geschmückt davon, mit flatternden
-Fahnen und beim fröhlichen Klang der Schellentrommeln,
-Schalmeien, Quer- und Sackpfeifen.</p>
-
-<p>In Albas Lager war ein ander Fest. Nachdem die Wachen und
-Vorposten Alarm geblasen hatten, kamen sie nacheinander zurück
-und meldeten:</p>
-
-<p>„Der Feind ist nahe; wir haben den Lärm der Trommeln und
-Pfeifen gehört und die Fahnen erblickt. Es ist eine starke Abteilung
-Reiterei, die dorthin gerückt ist, um Euch in irgend einen
-Hinterhalt zu locken. Die Hauptmacht ist ohnzweifelhaft ferner.“</p>
-
-<p>Alsbald ließ der Herzog Feldmeister, Obristen und Hauptleute
-benachrichtigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung aufzustellen,
-und ließ den Feind auskundschaften.</p>
-
-<p>Plötzlich erschienen vier Wagen, die auf die Scharfschützen zufuhren.
-In den Wagen tanzten die Männer und Weiber, die
-Flaschen machten die Runde, und lustig kreischten die Pfeifen,
-ächzten die Schalmeien, dröhnten die Trommeln und schnarrten
-die Dudelsäcke.</p>
-
-<p>Nachdem die Hochzeitsgesellschaft Halt gemacht hatte, kam
-Alba selbst auf den Lärm herbei und sah die junge Frau auf
-einen der vier Wagen, Ulenspiegel, ihr Ehegespons, neben ihr,
-ganz mit Blumen geschmückt; und alle Bauern und Bäuerinnen
-waren abgestiegen, tanzten herum und gaben den Soldaten zu
-trinken.</p>
-
-<p>Alba und die Seinen verwunderten sich gewaltig der Einfalt
-dieser Bauern, die da sangen und feierten, wo alles um sie her
-in Waffen war. Und die in den Wagen waren, gaben den Soldaten
-all ihren Wein.</p>
-
-<p>Und sie wurden von ihnen gepriesen und geehrt.</p>
-
-<p>Da der Wein in den Wagen ein Ende nahm, machten sich die
-Bauern und Bäuerinnen beim Klange der Schellentrommeln,
-Quer- und Sackpfeifen wieder auf den Weg, ohne belästigt zu
-werden. Und frohen Muts gaben die Soldaten ihnen zu Ehren
-eine Salve Büchsenschüsse ab. Und dergestalt zogen sie in
-Maestricht ein, wo Ulenspiegel sich mit reformierten Unterhändlern
-ins Einvernehmen setzte, um der Flotte des Schweigers
-Schiffe, Waffen und Munition zu senden. Und desgleichen taten
-sie in Landen. Und als Tagelöhner gekleidet zogen sie allerorten
-hin.</p>
-
-<p>Dem Herzog ward die Kriegslist kund; und es ward ein Lied
-darauf gemacht, welches man ihm sandte, und der Kehrreim
-lautete:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Blutherzog, Du Tropf,</div>
- <div class="verse indent0">Hast Du die Braut gesehen?“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und allemal, wenn er ein falsches Manöver gemacht hatte, sangen
-die Soldaten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Der Herzog ist geblendet,</div>
- <div class="verse indent0">Er hat die Braut gesehen.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-<h3>24</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Inzwischen brütete König Philipp unheilvollen Trübsinn. In
-seinem leidenden Hochmut bat er Gott, ihm Macht zu geben,
-Engelland zu besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua
-und Venedig zu nehmen und dergestalt als großer Meerbeherrscher
-über ganz Europa zu regieren.</p>
-
-<p>Dieses Triumphes gedenkend, lachte er nicht.</p>
-
-<p>Es fror ihn beständig; der Wein erwärmte ihn nicht, noch das
-Feuer von duftendem Holze, das allezeit in dem Gemache, darin
-er sich aufhielt, brannte. Dieweil er unaufhörlich schrieb
-und inmitten so vieler Briefe saß, daß man hundert Tonnen damit
-hätte anfüllen können, gedachte er der allumfassenden Weltherrschaft,
-wie sie die römischen Kaiser ausgeübt hatten. Er
-gedachte des eifersüchtigen Hasses wider seinen Sohn Don
-Carlos, seit dieser an Herzog Albas Stelle nach den Niederlanden
-hatte gehen wollen, ohne Zweifel, um dort den Versuch zu machen
-zu regieren; so glaubte er.</p>
-
-<p>Und beim Anblick dieses wilden und bösartigen Verrückten, der
-häßlich und mißgestalt war, faßte er noch größeren Haß gegen
-ihn. Doch er redete nicht darüber.</p>
-
-<p>Die, so König Philipp und seinem Sohne Don Carlos dienten,
-wußten nicht, welchen von beiden sie am meisten fürchten sollten,
-den behenden, mörderischen Sohn, der seine Diener mit seinen
-Nägeln zerfleischte, oder den feigen, tückischen Vater, der sich
-andrer bediente, um zu schlagen, und gleich einer Hyäne von
-Leichen lebte.</p>
-
-<p>Die Diener erschraken, da sie sie um einander herum schleichen
-sahen. Und sie sagten, daß in Bälde etwelcher Todesfall im
-Escurial eintreten würde.</p>
-
-<p>Nun aber erfuhren sie bald, daß Don Carlos wegen Verbrechen
-des Hochverrats eingekerkert sei. Und sie wußten, daß sich seine
-Seele in finsterm Groll verzehrte und daß er sich im Gesicht verletzt
-hatte, als er sich durch die Eisenstäbe seines Gefängnisses
-zwängen wollte, um zu entfliehen, und daß Madame Isabella
-von Frankreich unablässig weinte.</p>
-
-<p>Aber König Philipp weinte nicht.</p>
-
-<p>Und es ging das Gerücht, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben
-und daß er am nächsten Tage gestorben sei, gleich als
-wäre er eingeschlafen. Die Aerzte sagten: Sobald er die Feigen
-gegessen hatte, hörte das Blut auf zu pulsen und alle Funktionen
-des Lebens, wie die Natur sie vorschreibt, waren unterbrochen.
-Er konnte nicht mehr ausspeien, noch erbrechen, noch irgend etwas
-aus seinem Körper hinausbringen. Sein Leib schwoll beim
-Sterben auf.</p>
-
-<p>König Philipp hörte für Don Carlos die Seelenmesse, ließ ihn
-in der Kapelle seiner königlichen Residenz beisetzen und einen
-Stein über seinen Leichnam decken; aber er weinte nicht. Und
-die Diener sprachen untereinander, indem sie mit der prinzlichen
-Grabschrift, so auf dem Leichenstein stand, ihren Spott
-trieben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Hier ruht, der grüne Feigen gegessen;</div>
- <div class="verse indent0">Er starb und ist nicht krank gewesen.</div>
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">A qui jaze qui en para desit verdad</span></div>
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Morio sin infirmidad.</span></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und König Philipp sah die Prinzessin von Eboli, welche verheiratet
-war, mit begehrlichen Blicken an. Er bat sie um Liebe,
-und sie gewährte sie ihm.</p>
-
-<p>Madame Isabella von Frankreich, von der man sagte, daß sie
-des Don Carlos Absichten auf die Niederlande begünstigt habe,
-ward mager und leidend. Und ihre Haare fielen in großen
-Strähnen auf einmal aus. Sie hatte oftmals Erbrechen, und
-die Nägel ihrer Füße und Hände fielen ab. Und sie starb.</p>
-
-<p>Und Philipp weinte nicht.</p>
-
-<p>Die Haare des Prinzen von Eboli fielen gleichfalls aus und er
-ward traurig und klagte immer. Dann fielen auch die Nägel
-seiner Füße und Hände ab.</p>
-
-<p>Und König Philipp ließ ihn beisetzen.</p>
-
-<p>Und er bezahlte die Trauer der Witwe und weinte nicht.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>25</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zu jener Zeit kamen etliche Frauen und Mädchen aus Damm und
-fragten Nele, ob sie nicht Maienbraut sein und sich mit dem
-Bräutigam, den man ihr schaffen würde, im Gebüsch verstecken
-wolle. Denn, so sprachen die Frauen nicht ohne Eifersucht, es
-ist kein junger Mann in ganz Damm und Umgegend, der sich Dir
-nicht verloben würde: Dir, die Du so schön, sittsam und blühend
-bleibst, / ohne Zweifel eine Hexengabe.“</p>
-
-<p>„Gevatterinnen,“ antwortete Nele, „saget den jungen Männern,
-die meiner begehren: Neles Herz ist nicht hier, sondern bei dem,
-der umherstreift, das Land der Väter zu befreien. Und wenn
-ich blühend bin, wie Ihr saget, so ist es nicht Hexengabe, sondern
-Gabe der Gesundheit.“</p>
-
-<p>Die Gevatterinnen antworteten:</p>
-
-<p>„Katheline steht jedoch im Verdacht.“</p>
-
-<p>„Glaubet nicht den Worten der Bösen,“ antwortete Nele, „Katheline
-ist keine Hexe. Die Herren vom Gericht haben ihr Werg auf
-dem Kopf verbrannt und Gott hat sie mit Wahnsinn heimgesucht.“</p>
-
-<p>Und Katheline kauerte in einem Winkel, schüttelte den Kopf und
-sprach:</p>
-
-<p>„Nehmt das Feuer fort, Hanske, mein Liebster wird wiederkommen.“</p>
-
-<p>Da die Gevatterinnen fragten, wer dieser Hanske sei, antwortete
-Nele:</p>
-
-<p>„Es ist Klasens Sohn, mein Milchbruder, den sie verloren wähnt,
-seit Gott sie heimgesucht hat.“</p>
-
-<p>Und die guten Gevatterinnen gaben Katheline Silberstüver. Und
-wenn sie neu waren, zeigte sie sie Einem, den keiner sah, und sagte:
-„Ich bin reich, reich an glänzendem Silber. Komm, Hanske,
-mein Buhle, ich werde meine Liebesfreuden bezahlen.“</p>
-
-<p>Und nachdem die Gevatterinnen fort waren, weinte Nele in der
-einsamen Hütte. Sie gedachte an Ulenspiegel, der in fernen Landen
-umherirrte, ohne daß sie ihm folgen konnte, und an Katheline,
-die oftmals ächzte: „Nehmt das Feuer fort,“ und mit beiden
-Händen an ihre Brust faßte und also zeigte, daß das Feuer des
-Wahnsinns Haupt und Leib mit Fieber verbrannte.</p>
-
-<p>Inzwischen versteckten sich Maienbraut und Bräutigam in den
-Büschen. Der oder die, so einen von ihnen fand, war nach
-dem Geschlechte des Findlings und dem seinigen, König oder
-Königin des Festes.</p>
-
-<p>Nele hörte die Freudenrufe der Burschen und Dirnen, als die
-Maienbraut am Rand eines Grabens, in hohem Grase versteckt,
-gefunden ward. Und sie weinte, der holden Zeiten gedenkend, da
-man sie suchte, sie und ihren Freund Ulenspiegel.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>26</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Dieweil ritten er und Lamm, hier ein Bein und da ein Bein, auf
-ihren Eseln.</p>
-
-<p>„Wohlan, höre, Lamm,“ sprach Ulenspiegel. „Die Adligen der
-Niederlande haben aus Eifersucht gegen Oranien die Sache der
-Verbündeten, den heiligen Bund verraten, den tapferen Kompromiß,
-der zum Wohle des Vaterlandes unterzeichnet ward.
-Von Egmont und von Hoorn waren gleichermaßen Verräter und
-ohne Nutzen für sie. Brederode ist tot, und uns bleibt in diesem
-Kriege nur das arme Volk von Brabant und Flandern, das treue
-Führer erharrt, um vorzudringen. Und dann, mein Sohn, sind
-noch die Inseln da, die Inseln von Zeeland, auch Nord-Holland,
-dessen Statthalter der Prinz ist, und weiter noch über das Meer,
-Edgard, Graf von Emden und Ostfriesland.“</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach Lamm, „ich sehe es klar, wir pilgern zwischen
-Strick, Rad und Scheiterhaufen, vor Hunger sterbend und vor
-Durst gähnend, ohn alle Hoffnung auf Ruhe.“</p>
-
-<p>„Wir sind erst im Anfang,“ erwiderte Ulenspiegel. „Geruhe, in
-Betracht zu ziehen, daß alles dabei für uns eine Lust ist: unsere
-Feinde zu töten, ihnen eine Nase zu drehen, unsere Säcke voller
-Gülden zu haben. Dazu haben wir guten Ballast von Fleisch,
-Bier, Wein und Branntwein. Was brauchst Du mehr, Federsack?
-Sollen wir unsere Esel verkaufen und Pferde einhandeln?“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „der Trab eines Pferdes ist für einen
-Mann meiner Leibesstärke gar beschwerlich.“</p>
-
-<p>„Du setzest Dich auf dein Tier, wie die Bauern tun, und niemand
-wird über dich spotten, da Du wie ein Bauer gekleidet bist und
-nicht gleich mir einen Degen, sondern nur einen Spieß trägst.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „bist Du sicher, daß unsere beiden
-Pässe uns in den kleinen Städten helfen können?“</p>
-
-<p>„Habe ich nicht des Pfarrers Zeugnis,“ sagte Ulenspiegel, „mit
-dem großen Kirchensigill aus rotem Wachs, so an zwei Pergamentschwänzen
-daran hänget, und unsere Beichtzettel? Die Söldlinge
-und Bluthunde des Herzogs vermögen nichts wider zwei so
-trefflich versehene Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die
-wir zu verkaufen haben? Wir sind alle beide Reiter, Du Vläme
-und ich ein Deutscher, und reisen auf ausdrücklichen Befehl des
-Herzogs, die Ketzer dieses Landes durch Verkauf geweihter
-Sachen dem heiligen, katholischen Glauben zu gewinnen. Derart
-werden wir allerorten eindringen, in die Häuser der adligen
-Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden uns salbungsvolle
-Gastfreundschaft gewähren. Und wir werden ihre Geheimnisse
-erlauschen. Leck Deine Lefzen, mein sanfter Freund.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „wir treiben das Handwerk von
-Spionen.“</p>
-
-<p>„Nach Recht und Gesetz des Krieges,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„So sie die Tat an den drei Predigern erfahren, ist es um uns
-geschehen,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!</div>
- <div class="verse indent0">Allzeit im Lichte leben.</div>
- <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div>
- <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Doch Lamm seufzte:</p>
-
-<p>„Ich habe nur eine gar weiche Haut, der geringste Dolchstoß
-würde sie ohne Verzug durchlöchern. Wir täten besser, uns irgend
-einem nützlichen Handwerk zu widmen, als derart über Berg und
-Tal zu vagieren, um all den großen Prinzen zu dienen, die mit den
-Beinen in sammetnen Hosen stecken und von vergüldeten Tafeln
-Fettammern speisen. Für uns sind Schläge, Gefahren, Schlacht,
-Regen, Hagel, Schnee und magere Landstreichersuppen. Für sie
-sind leckere Aale, fette Kapaune, duftende Krammetsvögel und
-saftige Masthühnchen.“</p>
-
-<p>„Das Wasser läuft Dir im Munde zusammen, mein sanfter
-Freund“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wo seid Ihr, frisches Brot, goldene Pfannkuchen und köstliche
-Rahmspeise? Ja, wo bist Du, mein Weib?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel versetzte:</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen und treibt mich in die
-Schlacht. Du aber, sanftes Lamm, das weder den Tod von
-Vater noch Mutter, noch den Kummer derer, die Du liebst, noch
-Deine gegenwärtige Armut zu rächen hast, laß mich allein wandern,
-wohin ich muß, wenn des Krieges Beschwerden Dich
-schrecken.“</p>
-
-<p>„Allein?“ sprach Lamm und brachte plötzlich seinen Esel zum
-stehen. Der hub an, einen Distelstrauch zu benagen, deren es
-auf diesem Wege eine große Ernte gab. Ulenspiegels Esel stand
-still und fraß desgleichen.</p>
-
-<p>„Allein?“ sprach Lamm. „Du wirst mich nicht allein lassen,
-mein Sohn, das wäre eine ausgesuchte Grausamkeit. Mein
-Weib verloren haben und auch noch meinen Freund verlieren,
-das kann nicht sein. Ich werde nicht mehr stöhnen, ich gelobe
-es Dir. Und da es sein muß,“ / und er hub stolz das Haupt /
-„so werde ich in den Kugelregen gehen, ja! / Und mitten in die
-Degen hinein, jawohl, und unter die schmählichen Söldlinge,
-die Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages blutend
-und zu Tode getroffen zu deinen Füßen falle, begrabe mich,
-und so Du mein Weib siehest, sag ihr, ich sei gestorben, weil ich
-nicht leben konnte, ohne von irgend einem in dieser Welt geliebt
-zu werden. Nein, das vermöcht ich nicht, mein Sohn Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>Und Lamm weinte. Und Ulenspiegel ward gerührt, da er diesen
-sanften Mut sah.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>27</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Um diese Zeit teilte der Herzog sein Heer in zwei Haufen und
-ließ den einen nach dem Herzogtum Luxemburg den anderen nach
-der Markgrafschaft Namur marschieren.</p>
-
-<p>„Das ist irgend ein militärischer Entschluß, der mir unbekannt
-ist,“ sagte Ulenspiegel. „Einerlei, laß uns mit Zuversicht nach
-Maestricht ziehen.“</p>
-
-<p>Als sie nahe der Stadt an der Maas entlang gingen, sah Lamm,
-wie Ulenspiegel alle Schiffe, die auf dem Fluß schwammen, achtsam
-betrachtete und vor ihrer einem, so am Bug ein Meerweib
-trug, still stehen blieb. Und dieses Meerweib hielt einen Schild,
-darauf in güldenen Lettern auf schwarzem Grunde das Zeichen
-<span class="antiqua">J-H-S</span>, welches das unseres Herrn Jesu Christi ist, stand.</p>
-
-<p>Ulenspiegel bedeutete Lamm stehen zu bleiben und hub an, fröhlich
-wie eine Lerche zu trillern.</p>
-
-<p>Ein Mann kam auf Deck und krähte wie ein Hahn. Dann auf
-ein Zeichen Ulenspiegels, der wie ein Esel schrie und auf das auf
-dem Flußdamm versammelte Volk wies, hub er auch an, wie ein
-Esel erschrecklich zu schreien. Ulenspiegels und Lamms beide
-Esel legten die Ohren an und sangen ihr Naturlied.</p>
-
-<p>Weiber kamen vorbei, auch Männer auf Pferden, so die Schiffe
-zogen, und Ulenspiegel sagte zu Lamm:</p>
-
-<p>„Dieser Bootsmann macht sich über uns und unsere Reittiere
-lustig. Wollen wir ihn auf seinem Boot angreifen?“</p>
-
-<p>„Mag er doch lieber hierher kommen,“ antwortete Lamm.</p>
-
-<p>Darauf sprach eine Frau und sagte:</p>
-
-<p>„Wenn anders Ihr nicht mit zerschnittenen Armen, zerbrochenem
-Kreuz und zerfetztem Gesicht zurückkommen wollet, so lasset
-diesen Stercke Pier nach Belieben schreien.“</p>
-
-<p>„I&mdash;ah, I&mdash;ah, I&mdash;ah,“ machte der Bootsmann.</p>
-
-<p>„Lasset ihn singen,“ sprach die Gevatterin. „Wir sahen ihn
-jüngst einen mit schweren Bierfässern beladenen Wagen auf seine
-Schultern heben und einen andern von einem starken Pferd gezogenen
-Wagen aufhalten. Dorten,“ sprach sie, auf die Herberge
-zum Blauwen Torren deutend, „hat er mit seinem Messer, das
-er auf zwanzig Schritt schleuderte, eine eichene Planke von zwölf
-Daumen Dicke durchbohrt.“</p>
-
-<p>„I&mdash;ah, I&mdash;ah, I&mdash;ah,“ schrie der Bootsmann, indes ein Junge
-von zwölf Jahren auf Deck kam und ebenfalls wie ein Esel zu
-schreien anhub.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Was kümmert uns dein Sterke Pier! Ein wie starker Peter er
-auch sein mag, wir sind noch stärker, und hier ist mein Freund
-Lamm, der könnte zwei von seiner Statur verschlingen, ohne
-aufzustoßen.“</p>
-
-<p>„Was sagst Du, mein Sohn?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Was wahr ist,“ antwortete Ulenspiegel; „widersprich mir nicht
-aus Bescheidenheit. Ja, Ihr guten Leute, Gevatterinnen
-und Handwerker, bald sollt Ihr sehen, wie er diesen berühmten
-Sterke Pier mit den Armen bearbeitet und zu nichte
-macht.“</p>
-
-<p>„Schweig,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Deine Kraft ist bekannt,“ antwortete Ulenspiegel, „Du könntest
-sie nicht verbergen.“</p>
-
-<p>„I&mdash;ah,“ schrie der Bootsmann, „I&mdash;ah, I&mdash;ah,“ schrie der
-Junge.</p>
-
-<p>Plötzlich sang Ulenspiegel wiederum gar melodisch wie eine
-Lerche, und die Männer, Weiber und Arbeiter fragten ihn voller
-Entzücken, wo er dies göttliche Trillern gelernt hätte.</p>
-
-<p>„Im Paradeis, von wannen ich gradenwegs komme,“ sprach
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Dann sprach er zu dem Manne, der nicht nachließ mit Schreien
-und spottend mit dem Finger auf ihn wies:</p>
-
-<p>„Warum bleibst Du da auf Deinem Schiff, Taugenichts? Traust
-Du Dich nicht, an Land zu kommen, um über uns und unsere
-Tiere zu spotten?“</p>
-
-<p>„Traust Du Dich nicht?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„I&mdash;ah, I&mdash;ah,“ schrie der Bootsmann. „Ihr eselhaften Esel,
-kommt auf mein Schiff.“</p>
-
-<p>„Tu so wie ich,“ flüsterte Ulenspiegel Lamm zu.</p>
-
-<p>Und zum Bootsmann sprechend:</p>
-
-<p>„Wenn Du der starke Pier bist, bin ich Tyll Ulenspiegel. Und
-diese beiden sind unsere Esel Jef und Jan, die besser i&mdash;ahen
-können als Du, denn es ist ihre natürliche Rede. Und auf Deine
-schlecht gefügten Planken steigen, das wollen wir nicht. Dein
-Schiff ist gleich einem Napfe; jedesmal, wenn eine Welle es anstößt,
-weicht es zurück, es könnte nur auf der Seite gehen wie
-die Krabben.“</p>
-
-<p>„Ja, wie die Krabben,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Darauf sagte der Bootsmann zu Lamm:</p>
-
-<p>„Was murmelst Du da zwischen den Zähnen, Du Speckblock?“</p>
-
-<p>Lamm geriet in Wut und sagte:</p>
-
-<p>„Schlechter Christ, der Du mir mein Gebrechen vorwirfst, wisse,
-daß mein Speck mein ist und von meiner guten Nahrung herrührt,
-derweil Du, alter, verrosteter Nagel nur von alten Pökel-Heringen,
-Lichtdochten und Stockfischhäuten gelebt hast, nach
-Deinem magereren Fleisch zu urteilen, das man durch die Löcher
-Deiner Hosen durchscheinen sieht.“</p>
-
-<p>„Sie werden sich wacker verhauen,“ sprachen erfreut und neugierig
-die Männer, Weiber und Arbeiter.</p>
-
-<p>„I&mdash;ah, I&mdash;ah,“ schrie der Schiffer.</p>
-
-<p>Lamm wollte von seinem Esel steigen und Steine aufheben, um
-den Schiffer damit zu werfen.</p>
-
-<p>„Wirf nicht mit Steinen,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Schiffer sagte dem Jungen, der neben ihm auf dem Schiff
-iahte, etwas ins Ohr. Derselbige machte von der Breitseite
-ein Boot los und mit Hilfe eines Bootshakens, den er geschickt
-handhabte, näherte er sich dem Ufer. Als er ganz nahe war,
-sagte er in stolzer Haltung:</p>
-
-<p>„Mein Baas fragt an, ob Ihr waget, auf das Schiff zu kommen
-und einen Kampf mit Faust und Fuß mit ihm aufzunehmen?
-Diese Männer und Weiber werden Zeugen sein.“</p>
-
-<p>„Das wollen wir,“ sprach Ulenspiegel gar würdig.</p>
-
-<p>„Wir nehmen den Kampf an,“ sagte Lamm mit großem Stolz.</p>
-
-<p>Es war um Mittag und die Deicharbeiter, Pflasterer, Schiffsbauleute,
-die Frauen, die ihren Männern das Essen brachten, die
-Kinder, die gekommen waren, um ihre Väter Bohnen und gekochtes
-Fleisch essen zu sehen; alle lachten und klatschten in die
-Hände bei der Aussicht auf einen bevorstehenden Kampf. Sie
-erhofften voller Freuden, daß dem einen oder andern der Kämpen
-der Schädel zerbrochen, oder daß er zu ihrem Ergötzen in
-den Fluß fallen würde.</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm ganz leise, „er wird uns ins Wasser
-werfen.“</p>
-
-<p>„Laß Dich nur hineinwerfen,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Der Dicke hat Angst,“ sagte der Haufe der Arbeiter.</p>
-
-<p>Lamm, der immer noch auf seinem Esel saß, drehte sich nach
-ihnen um und sah sie zornig an, aber sie höhnten ihn.</p>
-
-<p>„Laß uns auf das Schiff gehen,“ sagte Lamm, „sie sollen sehen,
-ob ich Angst habe.“</p>
-
-<p>Bei diesen Worten ward er abermals verhöhnt, und Ulenspiegel
-sagte:</p>
-
-<p>„Laß uns auf das Schiff gehen.“</p>
-
-<p>Nachdem sie von ihren Eseln gestiegen, warfen sie dem Jungen
-die Zügel zu. Selbiger streichelte die Grautiere freundschaftlich
-und führte sie dahin, wo er Disteln sah.</p>
-
-<p>Alsdann nahm Ulenspiegel den Bootshaken, hieß Lamm in das
-Boot steigen, steuerte auf das Schiff zu und erkletterte es mit
-Hilfe eines Taus hinter dem schwitzenden, schnaufenden Lamm.</p>
-
-<p>Als sie auf dem Deck des Boots waren, bückte Ulenspiegel sich,
-als wolle er seine Schuhe schnüren, und sprach etliche Worte
-zu dem Schiffer. Der lächelte und blickte Lamm an. Dann
-stieß er tausend Schimpfworte aus, schalt ihn einen, von sträflichem
-Fett aufgedunsenen Taugenicht, eine Galgenfrucht, einen
-Breifresser und sagte zu ihm: „Dicker Walfisch, wieviel Tonnen
-Oel gibst Du, wenn man Dich zur Ader lässet?“</p>
-
-<p>Unversehens stürzte Lamm, ohne zu antworten, wie ein wütender
-Ochs auf ihn los, warf ihn zu Boden und prügelte ihn mit aller
-Kraft, tat ihm aber wegen der Schwachheit seiner fetten Arme
-nicht sehr wehe. Der Schiffer, wiewohl er sich stellte, als wehre
-er sich, ließ sich’s gefallen, und Ulenspiegel sagte: „Dieser Taugenichts
-soll uns zur Strafe frei halten.“</p>
-
-<p>Die Männer, Weiber und Kinder, so vom Ufer aus dem Kampfe
-zuschauten, sprachen: „Wer hätte geglaubt, daß dieser Dicke so
-hitzig wäre!“</p>
-
-<p>Und sie klatschten in die Hände, derweil Lamm wie ein Besessener
-zuschlug. Aber der Schiffer trug nur Sorge, sein Gesicht zu
-schützen. Plötzlich sah man Lamm, wie er, mit dem Knie auf
-der Brust des starken Pier, ihn mit der einen Hand bei der Kehle
-packte und die andere erhob, um zuzuschlagen.</p>
-
-<p>„Schrei um Gnade,“ rief er wütend, „oder ich werde Dich
-durch die Planken Deines Waschkübels drücken!“</p>
-
-<p>Der Schiffer hustete, um anzuzeigen, daß er nicht schreien könne,
-und bat mit einer Handbewegung um Gnade.</p>
-
-<p>Alsbald sah man, wie Lamm seinen Feind edelmütig aufrichtete.
-Dieser stand sogleich wieder aufrecht und steckte, den Zuschauern
-den Rücken kehrend, Ulenspiegel die Zunge heraus. Der aber
-brach in Gelächter aus über Lamm, welcher stolz die Feder
-seines Baretts schüttelte und in großem Triumph auf dem Deck
-einher stolzierte. Und die Männer und Weiber, die Knaben
-und Mädchen, so am Ufer standen, klatschten aus Leibeskräften
-Beifall und riefen dabei:</p>
-
-<p>„Es lebe der Besieger des starken Pier! Das ist ein Mann von
-Eisen. Habt Ihr gesehen, wie er ihn mit der Faust bearbeitete
-und ihn unversehens auf den Rücken warf? Jetzund werden sie
-trinken, um Frieden zu schließen. Der starke Pier kommt mit
-Wein und Würsten aus dem Schiffsraum herauf.“</p>
-
-<p>Wirklich war der starke Pier mit zwei Humpen und einem
-großen Krug weißen Maasweins nach oben gekommen. Und
-er und Lamm hatten Frieden geschlossen. Und Lamm, der
-ob seines Sieges, des Weins und der Würste schier guter Dinge
-war, wies auf eine eiserne Esse, die schwarzen, dicken Rauch
-ausspie, und fragte ihn, welche Gerichte er im Schiffsraum
-machte.</p>
-
-<p>„Kriegskost,“ antwortete lächelnd der starke Pier. Der Haufe
-der Arbeiter, Weiber und Kinder hatte sich verlaufen, um zur
-Arbeit oder nach Hause zu gehen. Alsbald lief das Gerücht von
-Mund zu Mund, daß ein dicker Mann auf einem Esel, von
-einem kleinen Pilger begleitet, der gleichfalls einen Esel ritt,
-stärker als Simson sei, und daß man sich hüten müsse, ihn zu beleidigen.</p>
-
-<p>Lamm trank und blickte den Schiffer siegesbewußt an.</p>
-
-<p>Dieser sagte plötzlich:</p>
-
-<p>„Eure Esel langweilen sich da unten.“</p>
-
-<p>Dann lenkte er das Schiff nach dem Flußdamme, stieg ans Land,
-faßte einen der Esel bei den Vorder- und Hinterbeinen, trug ihn
-wie Jesus das Lamm trug und setzte ihn auf das Verdeck nieder.
-Nachdem er ein Gleiches mit dem andern getan, ohne zu verschnaufen,
-sagte er:</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken.“</p>
-
-<p>Der Junge sprang aufs Deck.</p>
-
-<p>Und sie tranken. Ganz verblüfft, wußte Lamm nicht mehr, ob er,
-Lamm, aus Damm gebürtig, diesen starken Mann überwältigt
-hatte. Er wagte ihn nur noch verstohlen und ohne etwelchen
-Triumph anzusehen, in der Befürchtung, daß ihn eine Lust anwandeln
-möge, ihn zu packen, wie er es mit den Eseln getan,
-und ihn aus Rache für seine Niederlage lebendig in die Maas
-zu werfen. Doch der Schiffer lud ihn lächelnd und lustig ein,
-noch mehr zu trinken, und Lamm erholte sich von seinem Schrecken
-und blickte ihn wiederum siegesbewußt an.</p>
-
-<p>Und der Schiffer und Ulenspiegel lachten.</p>
-
-<p>Unterweilen hatten die Esel, voller Verwunderung, sich auf gedieltem
-Boden zu befinden, die Köpfe gesenkt und die Ohren angelegt
-und wagten aus Furcht nicht zu trinken. Der Schiffer
-holte ihnen eine Metze des Hafers, den er den Pferden, die seine
-Barke zogen, gab. Er hatte ihn selbst gekauft, um nicht von
-den Führern mit dem Futterpreise betrogen zu werden.</p>
-
-<p>Als die Esel die Metze sahen, murmelten sie mit dem Maul ihre
-Paternoster, dieweil sie das Deck trübsinnig betrachteten und
-aus Furcht, auszugleiten, nicht wagten, einen Huf darauf zu bewegen.</p>
-
-<p>Hierauf sagte der Schiffer zu Lamm und Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Laßt uns in die Küche gehen.“</p>
-
-<p>„In die Kriegsküche?“ sagte Lamm ängstlich.</p>
-
-<p>„In die Kriegsküche, aber Du magst ohne Furcht hinuntergehen,
-mein Ueberwinder.“</p>
-
-<p>„Ich habe keine Furcht und folge Dir,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Der Junge setzte sich ans Steuerruder.</p>
-
-<p>Als sie hinunterstiegen, sahen sie überall Säcke mit Korn, Bohnen,
-Erbsen, Kohl, Mohrrüben und andern Gemüsen. Dann
-öffnete der Schiffer die Tür einer kleinen Schmiede und sprach:</p>
-
-<p>„Sintemalen Ihr Männer mit tapferem Herzen seid, so den
-Sang der Lerche, des Vogels der Freien, den kriegerischen Trompetenton
-des Hahnes und das Schreien des Esels, des sanftmütigen
-Arbeiters kennen, so will ich Euch meine Kriegsküche zeigen.
-Diese kleine Schmiede werdet Ihr auf den meisten Maas-Schiffen
-finden. Niemand kann sie für verdächtig halten, denn
-sie dient dazu, das Eisenwerk der Schiffe wieder in Stand zu
-setzen. Doch was nicht alle besitzen, das sind die schönen Gemüse,
-die in diesen Speichern sind.“</p>
-
-<p>Dann nahm er etliche Steine fort, die den Boden des Schiffsraums
-bedeckten, hob etliche Planken auf und zog ein schönes
-Bündel von Flintenläufen und Büchsen hervor, hob es auf, als
-wäre es eine Feder, und legte es wiederum an seinen Platz.
-Dann zeigte er ihnen Lanzenspitzen, Hellebarden, Degenklingen
-und Säcklein mit Kugeln und Pulver.</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse,“ sprach er, „hier sind die Bohnen und
-die Brühe. Die Kolben sind die Hammelkeulen, die Salate
-sind die Hellebardenspitzen und diese Büchsenläufe sind die
-Ochsenbeine für die Suppe der Freiheit. Es lebe der Geuse!
-Wohin soll ich dies Futter bringen?“ fragte er Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Nach Nymwegen. Dort wirst Du Dein Schiff anlegen, noch mehr
-beladen mit wirklichen Gemüsen, so Dir die Bauern, die Du in
-Etsen, Stephansweert und Ruvemarde aufnehmen wirst, bringen.
-Auch sie werden wie die Lerche, der Vogel der Freiheit, singen,
-und Du wirst ihnen mit kriegerischen Hahnenschrei antworten.
-Dann wirst Du zum Doktor Pontus gehen, der am neuen Waal
-wohnt, und ihm sagen, daß Du mit Gemüsen in die Stadt kommst,
-aber daß Du die Trockenheit fürchtest. Dieweil die Bauern auf
-den Markt gehen, um die Gemüse zu teuer anzubieten, als daß
-man sie kaufe, wird er Dir sagen, was Du mit Deinen Waffen
-tun sollst. Ich denke wohl, daß er Dich heißen wird, Waal,
-Maas oder Rhein hinabzufahren, wenn auch nicht ohne Fährlichkeit,
-und Deine Gemüse für Netze umzutauschen, die Du verkaufst,
-um mit dem Harlinger Fischerbooten Geschäfte zu machen.
-Dort sind viele Matrosen, die den Sang der Lerche kennen. Du
-mußt an der Küste entlang durch die Watten fahren, den Lauwer
-Zee erreichen, die Netze gegen Eisen und Blei eintauschen und
-Deinen Bauern die Trachten der Inseln Marken, Vlieland und
-Ameland geben. Dann mußt Du Dich ein Weniges an den Küsten
-aufhalten, fischen und Deinen Fisch einsalzen, um ihn aufzuheben,
-und nicht, um ihn zu verkaufen, denn frischer Trunk und gesalzener
-Krieg sind eine gerechte Sache.“</p>
-
-<p>„Wohlan denn, laßt uns trinken,“ sprach der Schiffer.</p>
-
-<p>Und sie stiegen auf Deck. Doch Lamm blies Trübsal.</p>
-
-<p>„Herr Schiffer,“ sagte er plötzlich, „Ihr habet in Eurer Schmiede
-ein so prächtiges Feuerchen, daß man gewißlich das leckerste
-Fleischgericht darauf kochen könnte. Meine Kehle schmachtet
-nach Suppe.“</p>
-
-<p>„Ich werde Dich erfrischen,“ sprach der Mann.</p>
-
-<p>Und alsbald setzte er ihm eine fette Brühe vor, darinnen er ein
-dickes Stück gesalzenen Schinkens gekocht hatte.</p>
-
-<p>Als Lamm etliche Löffel voll verschluckt hatte, sprach er zum
-Schiffer:</p>
-
-<p>„Die Kehle klebt mir, und meine Zunge brennt. Das ist gewißlich
-keine Fischsuppe.“</p>
-
-<p>„Es stehet geschrieben: Frischer Trunk und gesalzener Krieg,“
-versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Schiffer füllte also die Humpen und sprach:</p>
-
-<p>„Die Lerche, der Vogel der Freiheit, soll leben!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Der Hahn, der zum Kriege bläst.“</p>
-
-<p>Lamm sagte:</p>
-
-<p>„Ich trinke auf mein Weib. Möge sie niemals Durst leiden,
-die Herzliebste.“</p>
-
-<p>„Du wirst durch die Nordsee nach Emden gehen; Emden ist eine
-Zuflucht für uns,“ sagte Ulenspiegel zum Schiffer.</p>
-
-<p>„Das Meer ist groß,“ sagte der Schiffer.</p>
-
-<p>„Groß für die Schlacht,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Gott ist mit uns,“ sagte der Schiffer.</p>
-
-<p>„Wer könnte wider uns sein,“ versetzte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wann gehet Ihr?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Glückliche Reise und Wind im Rücken. Hier ist Pulver und
-Blei.“</p>
-
-<p>Und er küßte sie und geleitete sie ans Ufer, nachdem er die beiden
-Esel wie zwei Lämmlein auf Hals und Schultern getragen hatte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm stiegen auf und ritten gen Lüttich.</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, dieweil sie ritten, „wie geht es zu,
-daß dieser so starke Mann sich so grausam von mir hat walken
-lassen?“</p>
-
-<p>„Auf daß allerorten, wohin wir kommen, der Schrecken Dir
-vorauseile,“ sprach Ulenspiegel. „Das wird uns ein besser
-Schutzgeleit sein denn zwanzig Landsknechte. Wer wird es fortan
-wagen, Lamm, den Mächtigen, Siegreichen, anzugreifen?
-Lamm, den unvergleichlichen Stier, der, wie männiglich sah und
-erkannte, mit einem Stoß seines Kopfes den starken Pier zu Boden
-warf, welcher die Esel wie Lämmlein trägt und einen Wagen
-mit Bierfässern mit einer Schulter aufhebt. Jedermann kennt
-Dich hier schon. Du bist Lamm, der Furchtbare, der Unbesiegliche,
-und ich gehe im Schatten Deines Schutzes. Jedermann
-wird Dich auf dem Wege, den wir durcheilen, kennen, keiner wird
-wagen, Dich scheel anzusehen. Und in Anbetracht des großen
-Mutes der Menschen wirst Du überall auf Deiner Straße nichts
-als gezogene Hüte, Grüße und Ehrerbietung finden, so der Kraft
-Deiner furchtbaren Faust gelten.“</p>
-
-<p>„Du sprichst gut, mein Sohn,“ sagte Lamm, sich im Sattel aufrichtend.</p>
-
-<p>„Und ich spreche wahr,“ versetzte Ulenspiegel. „Siehst Du die
-neugierigen Gesichter an den ersten Häusern dieses Dorfes?“</p>
-
-<p>Man weist mit dem Finger auf Lamm, den erschrecklichen Sieger.
-„Siehst Du diese Männer, die Dich neidvoll betrachten, und diese
-erbärmlichen Memmen, so ihre Hüte abnehmen? Erwidere ihren
-Gruß, Lamm, mein Herzchen, und verschmähe das schwache
-Volk nicht. Sieh, die Kinder wissen Deinen Namen und wiederholen
-ihn mit Bangen.“</p>
-
-<p>Lamm ritt stolz vorbei, nach rechts und nach links wie ein König
-grüßend. Und die Kunde seiner Tapferkeit folgte ihm von Dorf
-zu Dorf, von Stadt zu Stadt bis nach Lüttich, Chocquien,
-Neuville, Vesin und Namur, welches sie um der drei Prediger
-willen umgingen.</p>
-
-<p>Dergestalt folgten sie lange Zeit dem Laufe der Ströme, Flüsse
-und Kanäle. Und allerorten antwortete Hahnenschrei dem Sang
-der Lerche. Und allerorten wurden für das Werk der Freiheit
-Waffen geschmiedet, gegossen und geschliffen; und die Schiffe,
-die an den Küsten entlang fuhren, nahmen sie mit.</p>
-
-<p>Und in Fässern, Kisten und Körben passierten sie die Zölle.</p>
-
-<p>Allezeit fanden sich gute Leute, die sie aufnahmen und an sicherem
-Orte verbargen mit Pulver und Kugeln, bis zur gottgewollten
-Stunde.</p>
-
-<p>Und da Lamm mit Ulenspiegel reiste und sein Ruf als Sieger
-ihm immerdar vorauslief, so begann er selber, an seine große
-Kraft zu glauben, und indem er hoffärtig und kriegerisch ward,
-ließ er sich den Bart wachsen. Und Ulenspiegel nannte ihn Lamm
-den Löwen.</p>
-
-<p>Doch am vierten Tage verlor Lamm das Zutrauen zu diesem
-Plane wegen des Kitzelns der jungen Bartstoppeln. Und er ließ
-das Scheermesser über sein siegreiches Antlitz gehen, welches
-Ulenspiegel von neuem rund und voll erschien, wie eine Sonne,
-am Feuer guter Nahrung entzündet.</p>
-
-<p>Und solchergestalt kamen sie nach Stockem.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>28</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Allda ließen sie ihre Esel und bei Einbruch der Nacht betraten
-sie die Stadt Antwerpen und Ulenspiegel sprach zu Lamm:</p>
-
-<p>„Dies ist die große Stadt. Die ganze Welt häuft hier ihre Reichtümer
-an: Gold, Silber, vergüldetes Leder, Gobelins, Tuche
-Sammet- Woll- und Seidenstoffe, Bohnen, Erbsen, Korn, Fleisch,
-Mehl, gesalzene Häute, Wein aus Löwen, Namur, Luxemburg,
-Lüttich, Landwein von Brüssel und Aerschot, Weine von Buley,
-dessen Weinberg vor dem Tor de la Plante zu Namur liegt;
-desgleichen findet man hier Weine vom Rhein, Hispanien und
-Portugal, Rosinenöl von Aerschot, das sie Landolium nennen,
-die Weine von Burgund, Malvasier und viele andere. Und die
-Hafendämme sind voller Waren. Diese Schätze der Erde und
-der menschlichen Arbeit locken die schönsten Dirnen, die es gibt,
-an diesen Ort.“</p>
-
-<p>„Du wirst träumerisch,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Unter ihnen werde ich die Sieben finden. Es ist mir geweissagt
-worden:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">In Trümmern, Blut und Tränen suche.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Wer ist denn mehr als die lockeren Dirnen Ursache des Verfalls?
-Verlieren die armen, betörten Männer nicht bei ihnen
-ihre schönen, glänzenden, klingenden Karolus, ihre Kleinodien,
-Ketten und Ringe und gehen ohne Wams, zerlumpt und zerfetzt,
-wohl gar ohne Hemd von dannen, dieweil jene sich an ihrem
-Raub mästen? Wohin ist das klare, rote Blut, das in ihren
-Adern floß? Jetzt ist es wie Birnensaft. Und stechen sie sich
-nicht auch mit Dolch, Messer und Degen, um ihre holden reizenden
-Leiber zu genießen? Die bleichen, blutigen Leichname, die
-man fortträgt, sind die Leichen armer Liebestoller. Wenn der
-Vater schmält und finster auf seinem Sessel sitzt, wenn seine weißen
-Haare noch weißer und starrer scheinen und aus seinen trocknen
-Augen, darinnen der Kummer über des Sohnes Verderben
-brennt, die Tränen nicht fließen wollen, wenn die Mutter, stumm
-und bleich gleich einer Toten, weint, als ob sie nichts mehr sähe,
-denn die Schmerzen dieser Welt: wer läßt alsdann diese Tränen
-fließen? Die Dirnen, die nichts lieben als sich und das Geld
-und die denkende, arbeitende, philosophierende Welt an ihren güldenen
-Gürtel halten. Ja, da sind die Sieben, und wir werden
-zu den Dirnen gehen, Lamm. Deine Frau ist vielleicht auch
-dort; das wird ein doppelter Fang sein.“</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Man war dermalen im Rosenmond, gegen Ende des Sommers,
-wenn die Sonne schon die Blätter der Kästenbäume rötet, die
-Vöglein in den Bäumen singen, und keine Milbe so klein ist, daß
-sie nicht vor Behagen im warmen Gras summte.</p>
-
-<p>Lamm irrte mit gesenktem Kopf an Ulenspiegels Seite durch die
-Straßen von Antwerpen und schleppte seinen Körper wie ein
-Haus daher.</p>
-
-<p>„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „Du bläsest Trübsal. Weißt Du
-denn nicht, daß nichts der Haut mehr schadet? Wenn Du in
-Deinem Kummer verharrst, wird sie in Streifen von Dir abfallen.
-Und das wird sich hübsch anhören, wenn man von Dir sagt:
-Der abgehäutete Lamm.“</p>
-
-<p>„Mich hungert,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Komm essen“, sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und sie gingen selbander zur „Alten Stiege,“ allwo sie Choesels
-aßen und Dobbel-kuyt tranken, so viel sie konnten.</p>
-
-<p>Und Lamm weinte nicht mehr.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sagte: „Gesegnet sei das gute Bier, das Dir die
-Seele voller Sonnenschein macht! Du lachst und schüttelst Deinen
-Bauch. Wie gern seh ich den Tanz der lustigen Gedärme!“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie würden noch weit mehr tanzen,
-wenn ich das Glück hätte, mein Weib wiederzufinden.“</p>
-
-<p>„Laß sie uns suchen,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>So kamen sie in das Viertel der Unteren Schelde.</p>
-
-<p>„Schau,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm, „dieses Häuschen, ganz
-aus Holz, mit schönen, wohlgefügten Fensterrahmen und Butzenscheiben.
-Betrachte diese gelben Vorhänge und diese rote Laterne.
-Da, mein Sohn, thront hinter vier Tonnen Braunbier, Uitzet,
-Dobbelkuyt und Wein aus Amboise eine schöne Wirtin von fünfzig
-oder mehr Jahren. Jedes Jahr, das sie zurücklegte, versah
-sie mit einer neuen Speckschicht. Auf einer der Tonnen brennt
-eine Kerze und vor den Deckbalken hängt eine Laterne. Es ist
-da hell und dunkel; dunkel für die Liebe und hell für die Bezahlung.“</p>
-
-<p>„Aber,“ sprach Lamm, „das ist ja ein Kloster von Teufelsnönnlein,
-und diese Wirtin ist ihre Aebtissin.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „diese ist’s, die in Herrn Beelzebubs
-Namen fünfzehn schöne Mägdlein von lockerem Wandel auf den
-Pfad der Sünde führt. Sie finden bei ihr Zuflucht und Nahrung,
-aber sie dürfen dort nicht schlafen.“</p>
-
-<p>„Kennest Du dies Kloster?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Ich will dort Deine Frau suchen. Komm.“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte Lamm, „ich habe es überlegt und gehe nicht
-hinein.“</p>
-
-<p>„Willst Du deinen Freund ganz allein der Fährlichkeit unter diesen
-Astartes aussetzen?“</p>
-
-<p>„Möge er nicht gehen,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Aber wenn er doch hingehen muß, um die Sieben und dein Weib
-zu finden?“</p>
-
-<p>„Ich möchte lieber schlafen,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Ei komm doch,“ sagte Ulenspiegel, öffnete die Türe und schob
-Lamm vor sich her. „Sieh, die Wirtin sitzt hinter ihren Fässern
-zwischen zwei Kerzen. Das Gemach ist weit, mit einer Decke
-von gedunkeltem Eichenholz und rauchgeschwärzten Balken.
-Rund herum sind Bänke und Tische mit wackligen Beinen, mit
-Gläsern, Schoppen, Bechern, Humpen, Krügen, Karaffen, Flaschen
-und anderm Trinkgerät. In der Mitte sind abermals Tische
-und Stühle, darauf Schauben, das sind Weibermäntel, güldene
-Gürtel, Stelzschuhe von Sammet, Dudelsäcke, Pfeifen und Schalmeien
-herumliegen. In der Ecke ist eine Stiege, die ins obere
-Stockwerk führt. Ein kleiner, kahlköpfiger Buckliger spielt auf
-einem Clavizimbal, das auf Glasfüßen steht, so dem Instrument
-einen scharfen Ton geben. Tanze, mein Dicker. Fünfzehn
-schöne Dirnen sitzen dort, die einen auf Tischen, die andern auf
-Stühlen, rittlings, gebückt oder gerade, mit aufgestütztem Ellenbogen,
-verkehrt herum oder nach ihrer Laune auf dem Rücken
-oder auf der Seite liegend. Sie sind weiß oder rot gekleidet, ihre
-Arme sind nackt, ebenso die Schultern und die Brust bis an die
-Mitte des Körpers. Es sind ihrer von allen Sorten da, auserlesene!
-Bei den einen läßt das Kerzenlicht, das ihre blonden
-Haare liebkost, die blauen Augen im Schatten, also daß man
-nur ihren feuchten Glanz schimmern sieht. Andere schauen zur
-Decke hinauf und säuseln zur Laute ein deutsches Lied. Wieder
-andre, rund, braun, fett und schamlos, trinken Wein von Amboise
-aus vollen Humpen, zeigen ihre runden, bis zur Schulter
-nackten Arme und ihr halb offnes Gewand, aus dem die runden
-Brüste wie Äpfel hervorsehen, und ohne Scham sprechen sie mit
-vollem Munde, eine nach der andern oder alle zumal. Höre sie an:</p>
-
-<p>„Nichts da von Geld heute! Liebe wollen wir. Liebe nach
-unsrer Wahl“, sagten die schönen Dirnen, „Liebe eines Kindes,
-Jünglings oder wer immer uns gefällt, ohne zu zahlen“. /
-„Mögen die, in die Natur die männliche Kraft legte, die wahre
-Männer macht, zu uns an diesen Ort kommen, um Gottes und
-unsrer Liebe willen.“ / „Gestern war der Tag, da man zahlte,
-heute ist der Tag, da man liebt!“ / „Wer will von unsern Lippen
-trinken, sie sind noch feucht von der Flasche. Wein und Küsse,
-das ist ein vollkommnes Fest!“ / „Wir spotten der Witwen, die
-allein schlafen. Wir sind Dirnen! Heute ist ein Tag des Wohltuns!
-Den Jungen, Starken und Schönen öffnen wir unsere
-Arme. Zu trinken!“ / „Schätzlein, ist es der Liebesschlacht halber,
-daß Dein Herz in der Brust die Trommel schlägt? Welche Unruhe!
-Das ist das Schlagwerk der Küsse! Wann werden sie
-kommen, mit vollen Herzen und leerem Geldbeutel? Wittern sie
-nicht leckere Abenteuer? Welcher Unterschied ist zwischen einem
-jungen Geusen und dem Herrn Markgrafen? Seine Gnaden bezahlt
-in Gülden und der junge Geuse mit Liebkosungen. Es lebe
-der Geuse! Wer will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“</p>
-
-<p>Also redeten die jungen, heißblütigen und fröhlichen unter den
-Mädchen von lockerem Wandel.</p>
-
-<p>Aber es waren ihrer andere mit schmalem Gesicht und mageren
-Schultern, die um Ersparnisse mit ihrem Körper Handel trieben
-und den Preis ihres dürren Fleisches auf Heller und Pfennig aufschrieben.
-Diese schmälten untereinander: „Es ist recht einfältig
-von uns, in diesem ermüdenden Handwerk auf Entgelt zu verzichten
-um der wunderlichen Launen willen, die den mannstollen
-Dirnen durchs Hirn fahren. Wenn sie ein Mondviertel im Kopf
-haben, so haben wir es nicht. Wir ziehen es vor, in unsern alten
-Tagen nicht unsere Lumpen durch die Gosse zu schleifen wie sie,
-sondern uns bezahlen zu lassen, da wir feil sind. / Nichts von
-umsonst! Die Männer sind häßlich, stinkend, brummig, Fresser
-und Säufer. Sie allein bringen die armen Weiber ins Unglück!“</p>
-
-<p>Doch die Jungen und Schönen vernahmen von diesen Reden
-nichts; sie waren ganz bei ihrem Vergnügen und Zechen und
-sagten:</p>
-
-<p>„Hört Ihr das Totenglöcklein von Notre Dame läuten? Wir
-brennen! Wer will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“</p>
-
-<p>Da Lamm so viel Frauen, braune und blonde, frische und verblühte,
-zumal sah, schämte er sich, schlug die Augen nieder und
-rief „Ulenspiegel, wo bist du“?</p>
-
-<p>„Er ist verschieden, mein Freund,“ sagte ein dickes Mädchen und
-faßte ihn am Arme.</p>
-
-<p>„Verschieden?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach sie, „vor dreihundert Jahren, in Gesellschaft von
-Jacobus de Coster van Maerlandt.“</p>
-
-<p>„Lasset mich,“ sprach Lamm „und neckt mich nicht. Ulenspiegel,
-wo bist Du? Komm und rette Deinen Freund! Ich gehe unverzüglich
-fort, wenn Ihr mich nicht loslasset.“</p>
-
-<p>„Du wirst nicht fortgehen,“ sagten sie.</p>
-
-<p>„Ulenspiegel,“ sprach Lamm zum andren Mal kläglich, „wo bist
-Du, mein Sohn? ... Madame, zieht mich nicht so bei den
-Haaren; ich versichere Euch, es ist keine Perrücke. Zu Hilfe!
-Findet Ihr meine Ohren noch nicht rot genug, ohne daß Ihr das
-Blut hineintreibt? Siehe, nun gibt mir diese Andere immerdar
-Nasenstüber. Ihr tut mir wehe. Ach, womit reibt man mir jetzt
-das Gesicht? Den Spiegel! Ich bin schwarz wie das Loch eines
-Backofens. Ich werde alsbald bös werden, wenn Ihr nicht ein
-Ende macht. Es ist schlecht von Euch, einen armen Menschen
-so zu mißhandeln. Laßt mich! Wenn Ihr mich rechts und links
-und überall an den Hosen gezogen und mich wie einen Kreisel gedreht
-habt, seid Ihr dicker davon? Ja, ich werde sicherlich bös
-werden.“</p>
-
-<p>„Er wird bös werden,“ sagten sie spottend; „er wird bös werden,
-der gute Kerl. Lache lieber und sing uns ein Minnelied.“</p>
-
-<p>„Ich werde allsogleich eins singen, wenn Ihr wollt; aber lasset
-mich los.“</p>
-
-<p>„Wen liebst Du hier?“</p>
-
-<p>„Keine, weder Dich noch die Andern; ich werde beim Magistrat
-Klage führen und er wird Euch peitschen lassen.“</p>
-
-<p>„Ho, ho,“ sagten sie, „peitschen? Und wenn wir Dich vor dieser
-Peitscherei mit Gewalt küßten?“</p>
-
-<p>„Mich?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Dich,“ sagten sie alle.</p>
-
-<p>Und siehe da! Die Schönen und die Häßlichen, die Frischen und
-die Verblühten, die Braunen und die Blonden stürzten sich auf
-Lamm, warfen sein Barett in die Luft, desgleichen seinen Mantel,
-und liebkosten und küßten ihn mit aller Kraft auf die Wange, die
-Nase, den Magen, den Rücken.</p>
-
-<p>Die Wirtin lachte zwischen ihren Talglichtern.</p>
-
-<p>„Zu Hilfe,“ schrie Lamm, „zu Hilfe! Ulenspiegel, fege mir alles
-dieses Lumpengesindel fort. Laßt mich los; ich will Eure Küsse
-nicht. Beim Heiligen Blut! Ich bin verheiratet und bewahre
-alles für meine Frau.“</p>
-
-<p>„Verheiratet,“ sagten sie, „aber das ist zu viel für deine Frau;
-ein Mann von Deiner Beleibtheit! Gib uns ein wenig ab. Eine
-treue Frau, das ist wohlgetan; ein treuer Mann ist ein Kapaun.
-Gott steh Dir bei! Du mußt Eine wählen, oder wir peitschen
-Dich unsrerseits.“</p>
-
-<p>„Das werde ich nicht tun,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Wähle,“ sprachen sie.</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Willst Du mich?“ fragte ein schönes, blondes Mägdlein. „Siehe,
-ich bin sanftmütig und liebe den, der mich liebt.“</p>
-
-<p>„Laß mich,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Willst Du mich?“ fragte ein reizend Mädchen mit schwarzen
-Haaren, braunen Augen und brauner Haut, und übrigens wie
-von Engeln gedrechselt.</p>
-
-<p>„Ich mag keinen Honigkuchen,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Und mich? Willst Du mich nicht nehmen?“ fragte ein großes
-Mädchen, deren Stirn fast ganz mit Haar bedeckt war. Sie hatte
-dichte, zusammengewachsene Brauen und große schwimmende
-Augen, Lippen so dick wie Wülste und feuerrot; und rot auch
-Gesicht, Hals und Schultern.</p>
-
-<p>„Ich mag keine glühenden Ziegelsteine,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Nimm mich,“ sagte ein Dirnlein von sechzehn Jahren, mit der
-Schnauze eines Eichkätzchens.</p>
-
-<p>„Ich mag keine Nußknacker,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>„Wir müssen ihn peitschen,“ sagten sie. „Womit? Mit schönen
-Peitschen, so eine Schnur von gedörrten Leder haben. Ein stolzes
-Stäupen. Da widersteht die härteste Haut nicht. Nehmt zehn
-Peitschen von Fuhrleuten und Eseltreibern.“</p>
-
-<p>„Zu Hilfe, Ulenspiegel!“ schrie Lamm.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel antwortete nicht.</p>
-
-<p>„Du hast ein schlechtes Herz,“ sprach Lamm, seinen Freund überall
-suchend. Die Peitschen wurden gebracht. Zwei der Dirnen
-schickten sich an, Lamm das Wams auszuziehen.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach er, „mein armes Fett, das ich mit soviel Mühe
-angesetzt habe, das werden sie mir gewißlich mit ihren scharfen
-Peitschen herunterreißen. Aber Ihr Weibsbilder ohne Erbarmen,
-mein Fett wird Euch nichts nützen, nicht einmal, um es in die
-Brühe zu tun.“</p>
-
-<p>„Wir werden Talglichte daraus machen. Ist es nichts wert, ohne
-Kosten Beleuchtung zu haben? Wer fortan sagen wird, daß das
-Licht von der Peitsche kommt, wird jedermann närrisch scheinen.
-Wir werden bis an den Tod daran festhalten und mehr als eine
-Wette gewinnen. Tunkt die Ruten in den Essig. So, dein Wams
-ist ausgezogen. Auf Saint-Jacques schlägt es Voll. Neun Uhr.
-Wenn Du beim letzten Schlag nicht gewählt hast, peitschen wir
-Dich.“</p>
-
-<p>Lamm sagte, schier gelähmt:</p>
-
-<p>„Habt Mitleid und Erbarmen mit mir, ich habe meiner armen
-Frau Treue geschworen und werde sie halten, ob sie mich
-gleich böslich verlassen hat. Ulenspiegel, mein Liebling, zu
-Hilfe!“</p>
-
-<p>Doch Ulenspiegel ließ sich nicht blicken.</p>
-
-<p>„Sehet mich,“ sprach Lamm zu den Dirnen, „sehet mich zu Euren
-Füßen. Kann man demütiger sein? Sage ich nicht genug damit,
-daß ich Eure große Schönheit gleich den Heiligen verehre? Glücklich
-der Ehelose, der Eure Reize genießen kann. Das ist ohne
-Zweifel das Paradies; aber schlagt mich nicht, wenn es Euch beliebt.“</p>
-
-<p>Plötzlich sprach die Wirtin, die zwischen ihren beiden Talglichtern
-stand, mit lauter, dräuender Stimme:</p>
-
-<p>„Gevatterinnen und Mädchen, ich schwöre Euch bei meinem
-Erzteufel, so Ihr nicht im Augenblick mit Lachen und Güte diesen
-Mann zur Einsicht, das heißt, in Euer Bett gebracht habt, so
-werde ich die Nachtwächter rufen und Euch alle an seiner statt
-peitschen lassen. Ihr verdient nicht den Namen loser Dirnen,
-wenn Ihr umsonst die leichtfertige Zunge, die kecke Hand und
-lodernden Augen habt, um das männliche Geschlecht zu reizen,
-wie die Weibchen der Glühwürmer tun, die nur zu diesem Ende
-ein Licht haben. Und Ihr werdet ohne Gnade für Eure Dummheit
-gepeitscht werden.“</p>
-
-<p>Bei dieser Rede zitterten die Dirnen, und Lamm ward frohgemut.
-„Heda, Gevatterinnen,“ sagte er, „welche Kunde bringt Ihr aus
-dem Lande der peitschenden Riemen? Ich werde selber die
-Wächter holen. Sie werden ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen
-dabei helfen, das wird mir große Kurzweil sein.“</p>
-
-<p>Doch siehe, da warf sich ein liebliches Kind von fünfzehn Jahren
-zu seinen Füßen.</p>
-
-<p>„Herr,“ sagte sie, „Ihr sehet mich hier vor Euch in Demut ergeben.
-So Ihr nicht geruhet, eine unter uns zu wählen, muß
-ich Euretwillen geschlagen werden. Und die Wirtin dort wird
-mich in einen abscheulichen Keller unter der Schelde stecken, wo
-das Wasser von den Wänden sickert, und wo ich nur schwarzes
-Brot zu essen bekomme.“</p>
-
-<p>„Wird sie wirklich meinetwegen geschlagen werden, Frau Wirtin?“
-fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Bis aufs Blut,“ antwortete diese.</p>
-
-<p>Da betrachtete Lamm das Mägdlein und sprach: „Ich sehe dich
-so frisch und duftig; deine Schulter taucht wie ein großes, weißes
-Rosenblatt aus Deinem Kleide auf. Ich will nicht, daß diese
-schöne Haut, unter der das Blut so jugendlich fließt, unter der
-Peitsche leidet, noch daß diese Augen, vom Feuer der Jugend hell,
-wegen schmerzhafter Schläge weinen, oder daß die Kälte des
-Kerkers diesen Körper einer Huldin erschauern lasse. So will ich
-Dich denn lieber wählen als Dich geschlagen wissen.“</p>
-
-<p>Das Mädchen führte ihn fort. Also sündigte er aus Seelengüte,
-wie er es sein ganzes Leben tat.</p>
-
-<p>Unterweilen stunden Ulenspiegel und ein großes, schönes, braunes
-Mädchen mit krausem Haar einander gegenüber. Das Mädchen
-sah Ulenspiegel lockend an, ohne ein Wort zu sagen, und
-schien ihn nicht zu wollen.</p>
-
-<p>„Liebe mich,“ sprach er.</p>
-
-<p>„Dich lieben,“ sagte sie, „törichter Freund, der dessen nur nach
-der Laune der Stunde begehrt?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete: „Der Vogel, der über Deinem Haupt dahinfliegt,
-singt sein Lied und entfleucht. Also auch ich, süßes
-Herz: wollen wir zusammen singen?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach sie, „ein Lied vom Lachen und von Tränen.“</p>
-
-<p>Und das Mädchen warf sich an Ulenspiegels Hals.</p>
-
-<p>Da nun alle Beide im Arm ihrer Liebsten vor Wonne vergingen,
-siehe da drang beim Klange von Trommel und Pfeife eine lustige
-Kompanie von Meisenfängern ins Haus, die sich drängten, stießen,
-sangen, pfiffen, heulten und schimpften. Sie trugen Säcke und
-Käfige, ganz voll dieser kleinen Vögel, und die Eulen, die ihnen
-dabei geholfen hatten, rissen im Licht ihre gelben Augen auf.</p>
-
-<p>Die Meisenfänger waren zehn Mann hoch, alle rot und vom
-Wein und Würzbier geschwollen. Die Köpfe wackelten ihnen und
-sie schleppten ihre schlotternden Beine und schrien mit so rauher,
-gebrochener Stimme, daß es die furchtsamen Mädchen bedünkte,
-eher wilde Bestien in einem Walde denn Menschen in einem Gemache
-zu hören.</p>
-
-<p>Indessen sie ließen nicht ab zu sagen, indem sie einzeln oder allzumal
-sprachen: „Ich will, den ich liebe.“ / „Wir gehören dem,
-der uns gefällt. Morgen Denen, die an Gülden reich sind! Heute
-Denen, die an Liebe reich sind.“ Die Meisenfänger antworteten:
-„Gülden haben wir, Liebe desgleichen, für uns die Dirnen! Wer
-zurückweicht, ist ein Kapaun. Dies sind Meisen, wir sind Jäger.
-Drauf! Brabant dem guten Herzog!“</p>
-
-<p>Doch die Frauenzimmer höhnten: „Pfui über die häßlichen Mäuler,
-die uns zu fressen gedenken! Den Schweinen gibt man keinen
-Sorbett. Wir nehmen, wer uns gefällt, und wollen mit Euch
-nichts zu tun haben. Ihr Öltonnen, Specksäcke, dürre Nägel,
-verrostete Klingen, Ihr stinkt nach Schweiß und Schmutz.
-Scheert Euch hinaus. Ihr werdet auch ohne unsere Hülfe verdammt
-werden.“</p>
-
-<p>Sie aber sprachen: „Die Wälschen sind heuer wählerisch. Edle
-Fräuleins Zimperlich, Ihr könnet uns wohl geben, was Ihr aller
-Welt verkauft.“</p>
-
-<p>Doch die Mädchen antworteten: „Morgen werden wir hündische
-Sklavinnen sein und Euch nehmen; heute sind wir freie Frauen
-und weisen Euch fort!“</p>
-
-<p>Da schrien Jene: „Genug der Worte! Wer hat Durst? Laßt
-uns die Äpfel pflücken.“</p>
-
-<p>So sprechend, stürzten sie sich auf sie, ohn Unterschied von Alter
-noch Schönheit. Die schönen Mädchen, zu ihrem Vorhaben entschlossen,
-warfen ihnen Stühle, Schoppen, Krüge, Becher, Humpen,
-Karaffen und Flaschen an den Kopf, daß es hagelte und
-sie verwundet, zerquetscht und ihnen die Augen ausgeschlagen
-wurden.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm kamen bei dem Lärm herzu und ließen
-ihre zitternden Liebhaberinnen oben an der Stiege. Da Ulenspiegel
-die Männer auf die Weiber losschlagen sah, ergriff er im Hof
-einen Besen, riß das Besenreis herunter, gab Lamm einen andern,
-und damit prügelten sie die Meisenfänger ohn Erbarmen.</p>
-
-<p>Das Spiel dünkte den also durchgewalkten Trunkenbolden hart;
-sie hielten einen Augenblick inne, und die mageren Dirnen, die
-sich verkaufen und nicht verschenken wollten, selbst an diesem
-großen Tage der freiwilligen Liebe, wie die Natur sie gebeut,
-nutzten dies ohne Verzug. Wie Nattern glitten sie zwischen die
-Verwundeten, liebkosten sie, verbanden ihre Wunden, tranken den
-Wein von Amboise an ihrer Statt und leerten ihnen so trefflich
-die Säckel von Gülden und anderer Münze, daß ihnen auch nicht
-ein elender Heller blieb. Dann, da es Feierabend läutete, setzten
-sie sie vor die Tür, die Ulenspiegel und Lamm schon verlassen
-hatten.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>29</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm marschierten auf Gent und kamen bei
-Morgengrauen nach Lokeren. Die Erde war weithin betaut,
-weiße, kühle Dünste schwebten über den Wiesen. Da Ulenspiegel
-vor einer Schmiede vorbeikam, trillerte er wie die Lerche, der
-Vogel der Freiheit. Und alsbald erschien ein Kopf mit zerzaustem,
-weißem Haar in der Tür der Schmiede und ahmte mit schwacher
-Stimme den kriegerischen Trompetenstoß des Hahnes nach.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte zu Lamm:</p>
-
-<p>„Dieser ist der Schmied Wasteele, der bei Tage Spaten, Hacken
-und Pflugscharen macht und das Eisen schmiedet, wenn es heiß
-ist, um daraus schöne Gitter für die Chöre von Kirchen zu bilden.
-Doch des Nachts macht und schleift er oftmals Waffen für die
-Soldaten des freien Gewissens. Dies Spiel hat ihm kein gutes
-Aussehen verschafft, sintemalen er bleich ist wie ein Gespenst,
-traurig wie ein Verdammter und so mager, das ihm die Knochen
-die Haut durchlöchern. Er hat sich noch nicht schlafen gelegt,
-da er ohne Zweifel die ganze Nacht geschafft hat.“</p>
-
-<p>„Tretet alle beide ein,“ sagte der Schmied Wasteele, „und führet
-Eure Esel auf den Anger hinter dem Hause.“</p>
-
-<p>Da dies besorgt war und Ulenspiegel und Lamm sich in der
-Schmiede befanden, trug der Schmied Wasteele alles, was er
-während der Nacht an Degen geschärft und an Lanzenspitzen geschmiedet
-hatte, in den Keller seines Hauses und bereitete die tägliche
-Arbeit für seine Gesellen vor.</p>
-
-<p>Er blickte Ulenspiegel mit glanzlosen Augen an und fragte ihn:</p>
-
-<p>„Welche Kunde bringst Du mir vom Schweiger?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Der Prinz ist mit seinem Kriegsvolk aus den Niederlanden vertrieben,
-wegen der Feigheit seiner Söldlinge, die „Geld, Geld!“
-schreien, wenn sie kämpfen sollen. Er ist mit den getreuen Soldaten,
-seinem Bruder, dem Grafen Ludwig, und dem Herzog von
-Zweibrücken nach Frankreich gezogen, zum Beistand des Königs
-von Navarra und der Hugenotten. Von da ging er nach Deutschland,
-nach Dillenburg, allwo manche Flüchtlinge aus den Niederlanden
-bei ihm sind. Du sollst Waffen und das von Dir gesammelte
-Geld hinsenden, derweil wir auf dem Meere das Werk
-freier Männer vollbringen.“</p>
-
-<p>„Ich werde tun, was sein muß,“ sagte der Schmied Wasteele;
-„ich habe Waffen und neuntausend Gülden. Aber seid Ihr nicht
-auf Eseln gekommen?“</p>
-
-<p>„Jawohl,“ sprachen sie.</p>
-
-<p>„Und ist Euch nicht unterwegs Kunde von drei Predigern geworden,
-so getötet, geplündert und in ein Loch in den Felsen der
-Maas geworfen sind?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel mit großem Gleichmut, „diese drei Prediger
-waren Spione des Herzogs und Meuchelmörder, gedungen,
-den Freiheitsprinzen aus dem Wege zu räumen. Wir zwei, Lamm
-und ich, brachten sie vom Leben zum Tode. Ihr Geld ist unser,
-und ihre Papiere desgleichen. Wir werden davon nehmen, was
-uns für die Reise not tut; den Rest werden wir dem Prinzen
-geben.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel öffnete sein und Lamms Wams und zog die
-Papiere und Pergamente heraus. Nachdem der Schmied Wasteele
-sie gelesen hatte, sagte er:</p>
-
-<p>„Sie enthalten Pläne für Schlacht und Verschwörung. Ich
-werde sie dem Prinzen zustellen lassen, und es soll ihm kund
-werden, daß Ulenspiegel und Lamm Goedzak, seine getreuen Vaganten,
-sein edles Leben retteten. Ich werde Eure Esel verkaufen
-lassen, auf daß man Euch nicht an Euren Reittieren erkenne.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel fragte den Schmied Wasteele, ob das Schöffengericht
-zu Namur schon die Häscher auf ihre Fersen gesetzt habe.</p>
-
-<p>„Ich werde Euch sagen, was ich weiß,“ antwortete Wasteele.
-„Ein Schmied aus Namur, ein wackerer Reformierter, kam jüngst
-hier durch, unter dem Vorgeben, meine Hülfe für Gitter, Wetterfahnen
-und andres Eisenwerk an einem Kastell, das man nahe
-dem Tor de la Plante erbauen will, zu erbitten. Der Gerichtsdiener
-des Schöffengerichts hat ihm gesagt, daß seine Herren
-schon eine Sitzung gehabt hätten und daß ein Schenkwirt vorgeladen
-sei, maßen er etliche hundert Klafter von der Mordstätte
-entfernt wohnte. Befragt, ob er nicht die Mörder gesehen habe,
-oder Die, auf die er Verdacht haben könnte, hat er geantwortet:
-„Ich habe Bauern und Bäuerinnen gesehen, die zu Esel reisten
-und von mir zu trinken verlangten und auf ihren Tieren sitzen
-blieben oder abstiegen, um bei mir zu trinken, die Männer Bier,
-die Frauen und Mädchen Meth. Ich sah zwei wackere Bauern,
-so davon redeten, den Herrn von Oranien um einen Fuß kürzer zu
-machen.“ So sprechend, machte der Wirt pfeifend nach, wie ein
-Messer durch einen Hals schnitt. „Beim Eisenwind,“ sprach er,
-„ich werde Euch insgeheim beistehen, da ich die Macht habe, es
-zu tun.“ Er sprach und ward freigelassen. Seit jener Zeit haben
-die Gerichtsräte ohne Zweifel Sendschreiben an ihre Untergebenen
-gerichtet. Der Wirt sagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen
-auf Eseln gesehen, daraus folgt, daß man auf alle, die
-man auf Eseln reiten sieht, Jagd machen wird. Und der Prinz
-braucht Euch, Kinder.“</p>
-
-<p>„Verkaufe die Esel,“ sprach Ulenspiegel, „und behalte das Kaufgeld
-für den Schatz des Prinzen.“</p>
-
-<p>Die Esel wurden verkauft.</p>
-
-<p>„Nunmehr,“ sprach Wasteele, „müsset Ihr Jeder ein Handwerk
-haben, das von den Zünften frei und unabhängig ist. Verstehst
-Du, Vogelbauer und Mausefallen zu machen?“</p>
-
-<p>„Ich machte sie ehedem,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Und Du?“ fragte Wasteele Lamm.</p>
-
-<p>„Ich werde <span class="antiqua">Eete-koeken</span> und <span class="antiqua">Olie-koeken</span> verkaufen“; das sind
-Krapfen und Ölkuchen.</p>
-
-<p>„Folget mir. Hier sind fertige Käfige und Mausefallen, auch
-Werkzeuge und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu
-fertigen. Sie wurden mir von einem meiner Spione gebracht.
-Dies ist für Dich, Ulenspiegel. Was Dich anbetrifft, Lamm, so
-ist hier ein kleiner Backofen und ein Blasebalg; ich werde Dir
-Mehl, Butter und Öl geben, um die Krapfen und Ölkuchen zu
-backen.“</p>
-
-<p>„Er wird sie aufessen,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wann werden wir die ersten machen?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>Wasteele antwortete:</p>
-
-<p>„Ihr werdet mir erst eine oder zwei Nächte helfen; ich kann
-meine große Arbeit nicht allein zwingen.“</p>
-
-<p>„Ich habe Hunger,“ sprach Lamm; „isset man hier?“</p>
-
-<p>„Brot und Käse ist da,“ sprach Wasteele.</p>
-
-<p>„Ohne Butter?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Ohne Butter,“ sagte Wasteele.</p>
-
-<p>„Hast Du Bier oder Wein?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Das trinke ich nimmer,“ antwortete er, „aber ich werde nach
-dem „Pelikan“ nahebei gehen und Euch etwas holen, so Ihr es
-wünschet.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Lamm, „und bringe uns Schinken mit.“</p>
-
-<p>„Ich werde tun, was Ihr begehrt,“ sagte Wasteele und blickte
-Lamm gar verächtlich an.</p>
-
-<p>Er brachte jedoch <span class="antiqua">dobbel-clauwaert</span> und einen Schinken mit. Und
-Lamm aß wohlgemut für fünf.</p>
-
-<p>Und er sagte:</p>
-
-<p>„Wann werden wir uns an die Arbeit machen?“</p>
-
-<p>„Diese Nacht,“ sagte Wasteele; „aber bleibe in der Schmiede und
-habe keine Furcht vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie
-Du.“</p>
-
-<p>„Das ist gut,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>Zur Nacht, als es Feierabend geläutet hatte und alle Türen geschlossen
-waren, stieg Wasteele mit Ulenspiegel und Lamm in den
-Keller hinab und ließ sich von ihnen helfen, eine große Menge
-Waffen in die Schmiede hinaufzutragen. Dann sagte er:</p>
-
-<p>„Hier sind zwanzig Büchsen auszubessern, dreißig Lanzenspitzen
-zu schleifen und Blei für fünfzehnhundert Kugeln zu schmelzen.
-Ihr müsset mir dabei helfen.“</p>
-
-<p>„Mit allen Händen,“ sprach Ulenspiegel. „Warum habe ich nicht
-vier, um Dir zu nützen?“</p>
-
-<p>„Lamm wird uns zu Hülfe kommen,“ sprach Wasteele.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Lamm kläglich und vor Müdigkeit umfallend, aus
-Ursach des unmäßigen Trinkens und Essens.</p>
-
-<p>„Du wirst das Blei schmelzen,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ich werde das Blei schmelzen,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Dieweil Lamm sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, warf er
-grimme Blicke auf den Schmied Wasteele, der ihn zu wachen
-zwang, wenn er vor Schläfrigkeit umfiel. Mit stillem Zorn goß
-er die Kugeln und hatte großes Verlangen, dem Schmied Wasteele
-das geschmolzene Blei auf den Kopf zu schütten. Doch er
-hielt an sich. Um Mitternacht, als Wut und übergroße Müdigkeit
-ihn gleichermaßen überfielen, hielt er ihm mit zischender
-Stimme diese Rede, dieweil der Schmied Wasteele und Ulenspiegel
-geduldig Flintenläufe, Büchsen und Lanzenspitzen schliffen.</p>
-
-<p>„Siehe,“ sprach Lamm, „Du magerer, bleicher und kümmerlicher
-Mensch glaubst an die Aufrichtigkeit von Fürsten und andern
-Großen der Erde, und voll Übereifer verachtest Du Deinen
-Leib, Deinen edlen Leib, den Du in Elend und Niedrigkeit umkommen
-lässest. Nicht darum hat Gott ihn mit Mutter Natur
-geschaffen. Weißt Du, daß unsere Seele, so des Lebens Odem ist,
-zum Atmen der Bohnen, des Rindfleisches, Bieres und Weines,
-des Schinkens, der Würste und der Ruhe bedarf? Du aber lebst
-von Brot, Wasser und Nachtwachen.“</p>
-
-<p>„Von wannen kommt Dir dieser Redefluß?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Er weiß nicht, was er redet,“ antwortete Wasteele traurig.
-Aber Lamm erboste sich:</p>
-
-<p>„Ich weiß es besser als Du. Ich sage, daß wir Narren sind, ich,
-Du und Ulenspiegel desgleichen, uns die Augen aus dem Kopf
-zu arbeiten für all die Prinzen und Großen der Erde; sie würden
-trefflich lachen, wenn sie sähen, wie wir vor Müdigkeit umkommen
-und nicht schlafen, um Waffen zu schmieden und Kugeln für
-ihren Dienst zu gießen. Derweilen trinken sie französischen
-Wein aus güldenen Humpen und essen deutsche Kapaunen von
-Schüsseln aus engelländischem Zinn. Indessen wir in der Luft
-nach Gott suchen, durch dessen Gnade sie mächtig sind, fragen sie
-nicht danach, ob ihre Feinde uns mit ihren Sensen die Beine abschlagen
-und uns in die Grube des Todes werfen. Inzwischen
-aber werden sie, die weder Reformierte noch Calvinisten, weder
-lutherisch noch katholisch sondern ganz und gar Skeptiker und
-Zweifler sind, Fürstentümer kaufen und erobern; sie werden das
-Gut der Mönche, Äbte und Klöster verzehren; ihnen wird alles
-gehören: Jungfrauen, Frauen und Dirnen. Aus ihren güldenen
-Humpen werden sie auf ihre dauernde Spottlust trinken, auf
-unsere immerwährenden Albernheiten, Torheiten und Eseleien
-und auf die sieben Todsünden, so sie, oh Schmied Wasteele, vor
-Deiner von Begeisterung mageren Nase begehen. Schau die
-Felder, die Wiesen, die Ernten, die Obstgärten, die Ochsen, das
-Gold, das aus der Erde kommt; schau die Tiere des Waldes,
-die Vögel des Himmels, die köstlichen Fettammern, die feinen
-Krammetsvögel, den Wildschweinskopf, die Rehkeule: ihnen gehört
-alles, Waidwerk und Fischfang, Erde, Meer, alles. Und
-Du lebst von Brot und Wasser, und wir richten uns hier zu
-Grunde, ohne zu schlafen, ohne zu essen und zu trinken. Und
-wenn wir gestorben sind, werden sie unserm Aas einen Fußtritt
-geben und zu unsern Müttern sprechen: „Macht andere, diese
-sind nichts mehr nutz.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel lachte stumm, Lamm prustete vor Entrüstung, aber
-Wasteele sagte mit sanfter Stimme:</p>
-
-<p>„Du redest leichtfertig. Ich lebe mit nichten für Schinken, Bier,
-noch Fettammern, sondern für den Sieg des freien Gewissens.
-Der Freiheitsprinz tut gleich wie ich. Er opfert sein Hab und
-Gut, seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei
-aus den Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und versuche
-mager zu werden. Nicht durch den Bauch rettet man die
-Völker, sondern durch stolzen Mut und Beschwerden bis an den
-Tod, ohne Murren ertragen. Und jetzo geh und leg Dich schlafen,
-wenn Dich schläfert.“</p>
-
-<p>Doch Lamm wollte nicht, maßen er sich schämte.</p>
-
-<p>Und sie schliffen Waffen und gossen Kugeln bis an den Morgen.
-Und also während dreier Tage.</p>
-
-<p>Dann brachen sie in der Nacht nach Gent auf und verkauften
-Käfige, Mausefallen und Oelkuchen.</p>
-
-<p>Und sie rasteten in Meulestee, dem Städtlein der Mühlen, dessen
-rote Dächer man allerorten erblickt, und kamen dort überein,
-ihr Handwerk getrennt auszuüben und sich am Abend vor der
-Feierstunde in der Herberge „Zum Schwanen“ zu treffen.</p>
-
-<p>Lamm streifte durch die Gassen von Gent, indem er seine Oelkuchen
-verkaufte und Geschmack an diesem Handwerk fand. Er
-suchte sein Weib, leerte gar viele Schoppen und aß ohn Unterlaß.</p>
-
-<p>Ulenspiegel hatte des Prinzen Briefe Jakob Scoelap, einem
-Doktor der Medicin, und Lieven Smet, einem Tuchschneider,
-Jan de Wulfschager und Gillis Coorne, einem Rotfärber übergeben,
-desgleichen Jan de Roose, einem Ziegelbrenner. Diese
-gaben ihm das Geld, so sie für den Prinzen gesammelt hatten,
-und hießen ihn noch etliche Tage in Gent und in der Umgegend
-verweilen; denn man würde ihm noch mehr geben.</p>
-
-<p>Nachdem jene später am Neuen Galgen wegen Ketzerei gehenket
-waren, wurden ihre Leichname auf dem Galgenfelde, nahe dem
-Tor von Brügge begraben.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>30</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem
-roten Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu
-Stadt. Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen
-und schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen
-darin lebendig zu begraben. Und der König erbte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und
-war voller Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand,
-war es kalt. Vom Himmel, der mit grauen Wetterwolken bedeckt
-war, fiel ein feiner Hagel.</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit
-vier Nächten umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst in
-<span class="antiqua">de Zoeten Inval</span>, in den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es
-machen wie der Mann auf dem Schild, der mit dem Kopf zuerst
-in einen Bienenstock fiel. Vergebens harr’ ich Deiner „Im
-Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir nichts Gutes.
-Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“</p>
-
-<p>„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und
-dem Alle Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“</p>
-
-<p>„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“</p>
-
-<p>„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein
-vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte.</p>
-
-<p>„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter
-diesem Baum?“</p>
-
-<p>„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach
-wider den Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu.</p>
-
-<p>„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine
-Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann
-wirst Du schlafen und keine Langeweile haben.“</p>
-
-<p>„So werde ich tun,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer.</p>
-
-<p>„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es
-auf der andern, und jetzt laß uns laufen.“</p>
-
-<p>„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß
-Spelle ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen,
-die ihm nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen.
-Darum laufe ich; laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu
-verteidigen.“</p>
-
-<p>„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach
-Destelbergh in den „Stern der Weisen.“</p>
-
-<p>Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit
-Händen und begann zu rennen.</p>
-
-<p>„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen.</p>
-
-<p>„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde
-gleich einer ungeduldigen Stute.</p>
-
-<p>„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Was bedeutet das?“ fragte sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten
-Wein, dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“</p>
-
-<p>Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an.</p>
-
-<p>„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“</p>
-
-<p>„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke
-dienen.“</p>
-
-<p>„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen,
-wie Du es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich
-allein laufe.“</p>
-
-<p>„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf
-vier Beinen rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum
-laufen wir besser, da wir vier haben.“</p>
-
-<p>„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“</p>
-
-<p>„Jawohl,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine
-ruhige, schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine
-Larve, die mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel
-für einen Mann von Stein. Ich liebe die, so in der Brust
-eine Kohlenglut haben, die am Feuer der Mannheit entzündet,
-zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“</p>
-
-<p>„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“
-erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße.</p>
-
-<p>„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut
-trinken.“</p>
-
-<p>„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen.</p>
-
-<p>Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer
-Krug, ob seines dicken Wanstes Bauch genannt.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach zum Wirt:</p>
-
-<p>„Siehst Du diesen Gülden?“</p>
-
-<p>„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas.</p>
-
-<p>„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da
-mit <span class="antiqua">dobbele clauwaert</span> zu füllen?“</p>
-
-<p>„Mit <span class="antiqua">negen mannekens</span> (neun Groschenmännlein) wärest Du
-quitt.“</p>
-
-<p>„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber
-fülle ihn immerhin.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob
-er sich stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund
-legend, leerte er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch
-wie von einem Wasserfall.</p>
-
-<p>Das Mädchen sagte verdutzt:</p>
-
-<p>„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren
-Leib zu bringen?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt:</p>
-
-<p>„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen
-vollen Bauch, auf daß wir essen und trinken.“</p>
-
-<p>Solches taten sie.</p>
-
-<p>Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte
-er sie so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und
-fügsam ward.</p>
-
-<p>Alsdann fragte sie ihn und sprach:</p>
-
-<p>„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes,
-dieser Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich,
-wie Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute
-Stunde. Indem ich während dieser Stunde über mein künftiges
-Leben nachsann, sättigte ich mich kärglich mit Brot; Wasser war
-mein schaler Trunk; traurig floh ich die Liebe und getraute mich
-nicht, mich zu rühren noch zu niesen, aus Furcht Böses zu tun.
-Von allen war ich geachtet, von jedermann gefürchtet, allein wie
-ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein Herr gestorben
-ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete ich trübselig
-auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug.
-Drum küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer
-verlassen.“</p>
-
-<p>„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild
-ist die Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“</p>
-
-<p>Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich
-aber mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte,
-mitten in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine
-Häscher auftauchen zu sehen.</p>
-
-<p>„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie
-Lamm im „Stern der drei Weisen“ schmausend.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>31</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel sah in Gent oftmals Jakob Scoelap, Lieven Smet
-und Jan de Wulfschager, die ihm Kunde vom guten und bösen
-Geschick des Schweigers gaben.</p>
-
-<p>Und allemal, wenn Ulenspiegel nach Destelbergh zurückkehrte,
-sagte Lamm zu ihm:</p>
-
-<p>„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“</p>
-
-<p>„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig,
-die andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich
-weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu
-vereinigen. Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und
-das freie Gewissen gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die
-deutschen Reiter und Landsknechte weigerten sich, weiter zu
-ziehen, und sagten, daß ihr Eid sie verpflichte, wider den Herzog
-von Alba zu fechten, nicht aber wider Frankreich. Nachdem er
-sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht zu tun, mußte der
-Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und Lothringen
-bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland
-zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs
-mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet
-seines Vertrages mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu
-zahlen, das er versprochen. Die Königin von England hatte ihm
-welches schicken wollen, um die Stadt Calais und Umgegend
-wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre Briefe wurden aufgefangen
-und dem Cardinal von Lothringen überliefert, der eine
-ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne Heer,
-unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen.
-Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser
-seine Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>32</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte
-Lamm und Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen
-und die Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist
-unter ihnen. Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr
-Männer seid, werdet ihn rächen. Ein schmutziger und schändlicher
-Wüstling, Pieter de Roose, ein gewohnter Verführer von
-Kindern und Mägdlein, war Ursach des ganzen Leids. Ach,
-mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose waren eines
-Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke zum
-Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen
-ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube
-mit sich sehen wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und
-hieß ihn reine Luft machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder
-einer öffentlichen Dirne sollte den Kopf nicht so hoch tragen.
-Er log; ich bin nicht öffentlich und gebe mich nur dem, der mir
-gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein Maß Würzbier ins Gesicht
-und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein schmutziger
-Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht hinausschere,
-sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der
-andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte.
-Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn
-an den Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ
-er ihn ohne Erbarmen verwundet liegen.</p>
-
-<p>„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte,
-kehrte er <span class="antiqua">in’t Vagevuur</span> ein, wahrlich ein Fegefeuer und eine
-elende Schänke, allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er
-allein gelassen, sogar von diesen Lumpen. Und keiner redete zu
-ihm, ohne einige Bauern, welchen er unbekannt war, oder etliche
-fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er ward dort sogar
-unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker.</p>
-
-<p>„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen
-war, folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein
-Hund. Auf seine Kosten ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an
-Wein, Fleisch und andern Freuden, so mit Geld bezahlt werden,
-ergötzen. Also ward er ihr Geselle und Kamerad und begann,
-wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er verabscheute, zu peinigen:
-nämlich alle Einwohner von Meulestee, insonderheit aber
-meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an. Falsche Zeugen,
-nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß Michielkin
-ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau gehalten
-und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen
-in der Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte
-er dreihundert Gülden in einer Truhe.</p>
-
-<p>„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten
-waren, wurde Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von
-Spelle und seinen Häschern für ausreichend erklärt wurden, um
-den Angeschuldigten zu foltern, so ward Michielkin mit den Armen
-an einer Rolle aufgehängt, die an der Decke befestigt war. An
-jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht von fünfzig Pfund. Er
-leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in Meulestee einen
-Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre das
-Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören
-und hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen
-und mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder
-herabfallen. Solches taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten
-Haut und Muskeln der Knöchel zerrissen und der Fuß
-kaum am Beine festsaß.</p>
-
-<p>„Da Michielkin bei Behauptung seiner Unschuld beharrte, ließ
-Spelle ihn abermals foltern und gab ihm dabei zu verstehen,
-daß er ihn los und ledig lassen würde, so er ihm hundert Gülden
-zahlte.</p>
-
-<p>„Michielkin sagte, daß er lieber sterben würde.</p>
-
-<p>„Da die von Damme die Kunde der Verhaftung und Tortur vernahmen,
-wollten sie als Massenzeugen auftreten, welches das
-Zeugnis aller guten Einwohner einer Gemeine ist. Einstimmig
-sagten sie aus, daß Michielkin keinesweges ein Ketzer wäre, jeden
-Sonntag zur Messe und zum Tisch des Herrn ginge, daß er niemals
-andere Gespräche über Unsere liebe Frau geführt hätte, als
-in bedrängten Umständen ihre Hülfe anzurufen. Dieweil er nimmer
-von einer irdischen Frau schlecht gesprochen hätte, würde er
-es mit viel mehr Grund nicht bei der himmlischen Mutter Gottes
-gewagt haben. Was die Gotteslästerungen anginge, so die falschen
-Zeugen in der Schenke zum Falken von ihm gehört haben
-wollten, so wäre das in jedem Punkt falsch und eitel Lug.</p>
-
-<p>„Nachdem Michielkin freigelassen war, wurden die falschen Zeugen
-bestraft und Spelle forderte Pieter de Roose vor sein Tribunal,
-aber er entließ ihn wieder ohne Verhör noch Tortur für einmalige
-Zahlung von hundert Gülden. Aus Angst, das Geld, das
-ihm verblieb, möchte Spelles Aufmerksamkeit zum andern Mal
-auf ihn lenken, entfloh Pieter de Roose von Meulestee, indes
-Michielkin, mein armer Bruder, am Brand starb, der seine Füße
-ergriffen hatte.</p>
-
-<p>„Er wollte mich nicht mehr sehen, ließ mich gleichwohl rufen, um
-mir zu sagen, ich sollte mich vor dem Feuer meines Leibes hüten;
-es würde mich zum Feuer der Höllen führen. Und ich konnte
-nur weinen, denn das Feuer ist in mir. Und er gab seine Seele in
-meinen Armen auf.“</p>
-
-<p>„Ha,“ sagte sie, „wer den Tod meines geliebten, sanften Michielkin
-an Spelle rächen würde, der sollte auf immer mein Herr sein, und
-ich würde ihm gleich einer Hündin gehorchen.“</p>
-
-<p>Dieweil sie so sprach, brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels
-Brust. Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, gehenket werden
-sollte.</p>
-
-<p>Boelkin, das war des Mädchens Name, kehrte nach Meulestee
-zurück. Sie war in ihrer Behausung sicher vor Pieter de Roose’s
-Rache, denn ein Ochsentreiber, der durch Destelbergh kam, brachte
-ihr Nachricht, daß der Pfarrer und die Bürger erklärt hätten,
-sie würden Spelle vor den Herzog bringen, so er Michielkins
-Schwester anrührte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war ihr nach Meulestee gefolgt und trat in ein niederes
-Gemach in Michielkins Haus. Allda sah er ein Bildnis
-eines Zuckerbäckermeisters, das er für das des armen Toten hielt.</p>
-
-<p>Und Boelkin sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Es ist meines Bruders Bild.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm das Bild und sagte im Fortgehen:</p>
-
-<p>„Spelle wird gehenket werden.“</p>
-
-<p>„Wie wirst Du es anstellen?“</p>
-
-<p>„Wenn Du es wüßtest,“ sagte er, „so würde es Dich nicht ergötzen,
-es tun zu sehen.“</p>
-
-<p>Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit klagender Stimme:
-„Du traust mir nicht“.</p>
-
-<p>„Heißt es nicht, Dir aufs Höchste vertrauen, wenn ich Dir sage,
-Spelle wird gehenkt werden? Denn mit diesem einzigen Worte
-kannst Du mich von ihm henken lassen.“</p>
-
-<p>„Fürwahr,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Geh also,“ versetzte Ulenspiegel, „und hole mir gute Tonerde,
-ein doppelt Maß Braunbier, klares Wasser und etliche Schnitten
-Ochsenfleisch. Jedes besonders. Der Ochs soll für mich sein, das
-Braunbier für den Ochsen, das Wasser für den Ton und der Ton
-für das Bildnis.“</p>
-
-<p>Derweil Ulenspiegel aß und trank, knetete er den Ton und verschluckte
-dann und wann ein Stücklein davon; doch das kümmerte
-ihn wenig, und er betrachtete aufmerksam Michielkins
-Bildnis. Da der Ton geknetet war, machte er daraus eine Maske
-mit Nase, Mund, Augen, Ohren, die dem Bildnis des Toten so
-gleich waren, daß Boelkin sich baß verwunderte.</p>
-
-<p>Nach diesem legte er die Maske in den Backofen und als sie
-trocken war, bemalte er sie mit der Farbe der Leichen, schuf ihr
-verstörte Augen, ein ernstes Antlitz und die unterschiedlichen Verzerrungen
-eines Verscheidenden. Da hörte das Mädchen auf sich
-zu verwundern; sie sah die Maske an und konnte ihre Augen
-nicht abwenden, erblaßte und ward totenbleich, verhüllte ihr
-Antlitz und sagte schaudernd:</p>
-
-<p>„Das ist er, mein armer Michielkin!“</p>
-
-<p>Er machte auch zwei blutende Füße.</p>
-
-<p>Dann, nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte,
-sprach sie: „Der wird gesegnet sein, der den Mörder morden wird.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm die Maske und die Füße und sprach:</p>
-
-<p>„Ich bedarf eines Helfers.“</p>
-
-<p>Boelkin antwortete:</p>
-
-<p>„Geh in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem von Ypern, der
-diese Schenke führt. Er war meines Bruders bester Kamerad
-und Freund. Sag ihm, Boelkin schickte Dich.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel tat, wie sie ihm geheißen.</p>
-
-<p>Nachdem der Profoß Spelle für den Tod gearbeitet hatte, ging er
-in „den Falken“, um eine heiße Mischung von Dobbele Clauwaert,
-Zimmet und Madeirazucker zu trinken. Aus Furcht vor dem
-Strang wagte man ihm in diesem Gasthause nichts zu verweigern.</p>
-
-<p>Pieter de Roose, der wieder Mut gefaßt hatte, war nach
-Meulestee zurückgekehrt. Er ging Spelle und seinen Schergen
-allenthalben nach, damit sie ihn schützten. Spelle bezahlte bisweilen
-die Zeche. Und sie vertranken mitsammen wohlgemut das
-Geld der Opfer.</p>
-
-<p>Die Herberge zum Falken war nicht mehr voll wie in den guten
-Zeiten, wo das Dorf fröhlich lebte, wo die Leute Gott als gute
-Katholiken dienten und nicht um der Religion willen gepeinigt
-wurden. Jetzt war das Dorf gleichsam in Trauer, wie man es
-an den zahlreichen leeren oder geschlossenen Häusern und an
-seinen verödeten Gassen sah, in welchen nur etliche magere Hunde
-irrten, so auf den Kehrichthaufen ihre verfaulte Nahrung
-suchten.</p>
-
-<p>In Meulestee war nur noch Platz für die beiden Bösen. Die
-furchtsamen Dorfbewohner sahen die Frechen des Tages die Häuser
-der künftigen Opfer bezeichnen und die Totenlisten aufstellen
-und am Abend vom Falken zurückkehren und unflätige Gassenhauer
-singen, geleitet von zwei Schergen, trunken wie sie und
-bis an die Zähne bewaffnet.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem, der in
-seiner Schreibstube saß.</p>
-
-<p>Ulenspiegel zog ein Fläschlein Branntwein aus dem Hosensack
-und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Boelkin hat zwei Tonnen davon zu verkaufen.“</p>
-
-<p>„Komm in meine Küche,“ sagte der Wirt.</p>
-
-<p>Dann schloß er die Türe und sah ihn fest an.</p>
-
-<p>„Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet Dein Augenzwinkern?
-Wer bist Du?“</p>
-
-<p>„Ich bin des Klas Sohn, der zu Damm verbrannt ist; die Asche
-des Toten brennt auf meiner Brust. Ich will Spelle, den Mörder
-töten.“</p>
-
-<p>„Ist es Boelkin, die Dich sendet?“</p>
-
-<p>„Boelkin sendet mich,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich werde Spelle
-töten und Du sollst mir dabei helfen.“</p>
-
-<p>„Das will ich“, sagte der Wirt. „Was muß ich tun?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Geh zum Pfarrer, dem guten Seelenhirten und Feind von Spelle,
-hole Deine Freunde zusammen und finde Dich morgen nach Feierabend
-mit ihnen auf der Straße nach Ewerghem, jenseit Spelles
-Haus, zwischen dem Falken und besagtem Hause ein. Stellet Euch
-alle ins Dunkle und legt keine weißen Kleider an. Schlag zehn
-Uhr wirst Du Spelle aus der Schenke kommen sehen und ein
-Fuhrwerk von der andern Seite. Sage Deinen Freunden heute
-Abend nichts; sie schlafen dem Ohr ihrer Weiber zu nahe. Suche
-sie morgen auf. Kommet, horchet gut auf alles, und behaltet es
-wohl im Gedächtnis.“</p>
-
-<p>„Wir werden es im Gedächtnis behalten,“ sagte Joos. Und seinen
-Becher erhebend: „Ich trinke auf den Strang für Spelle.“</p>
-
-<p>„Auf den Strang,“ sprach Ulenspiegel. Dann kehrte er mit dem
-Wirt in die Schenkstube zurück, allwo etliche gentische Trödler
-zechten. Sie kamen vom Brügger Samstagsmarkt heim, wo sie
-Wämse und Koller von Gold- und Silberstoff teuer verkauft
-hatten, die sie zuvor für wenige Sous von verarmten Adligen,
-so es durch ihren Aufwand den Spaniern gleich tun gewollt, erhandelt
-hatten.</p>
-
-<p>Wegen des großen Verdienstes hielten sie Schmaus und Gelage.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Joos setzten sich in eine Ecke und verabredeten
-beim Trinken, ohne daß jemand sie hörte, daß Joos zum Pfarrer
-der Kirche, dem guten Pastor gehen solle, der wider Spelle, den
-Mörder Unschuldiger, erzürnt war. Danach sollte er zu seinen
-Freunden gehen.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage nach Feierabend verließen Joos und Michielkins
-Freunde, die benachrichtigt waren, die ‚Blaue Gans,‘ wo
-sie zu zechen pflegten, auf verschiedenen Wegen, damit man ihre
-Absicht nicht merke und gingen zur Landstraße nach Everghem.
-Es waren ihrer siebenzehn.</p>
-
-<p>Um zehn Uhr kam Spelle aus ‚dem Falken,‘ und seine beiden
-Schergen und Pieter de Roose gingen hinter ihm. Lansaem und
-die Seinen hatten sich in der Scheuer von Samson Boene, einem
-Freund Michielkins, versteckt. Das Tor der Scheuer war offen.
-Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn vorübergehen, vom vielen
-Trinken schwankend, desgleichen Pieter de Roose und seine beiden
-Häscher, und er sagte mit breiiger Stimme und vielem
-Schlucken:</p>
-
-<p>„Profoße, Profoße! Sie haben ein gutes Leben auf Erden.
-Stützt mich, Ihr Galgenvögel, die Ihr von meinem Abhub lebt.“</p>
-
-<p>Plötzlich vernahm man auf der Landstraße von den Feldern
-her das Schreien eines Esels und das Knallen einer Peitsche.</p>
-
-<p>„Da ist ein gar halsstarriger Esel“, sprach Spelle, „der trotz
-dieser schönen Mahnung nicht vorwärts will.“</p>
-
-<p>Plötzlich hörte man lautes Rädergerassel und ein Karren kam
-in Sätzen die Landstraße heruntergefahren.</p>
-
-<p>„Haltet ihn an,“ sagte Spelle.</p>
-
-<p>Als der Wagen an ihnen vorbeikam, stürzten Spelle und seine
-beiden Knechte sich auf den Kopf des Esels.</p>
-
-<p>„Dieser Wagen ist leer,“ sagte einer der Häscher.</p>
-
-<p>„Tölpel,“ sprach Spelle, „laufen die leeren Wagen in der Nacht
-allein herum? In diesem Wagen ist einer, der sich versteckt.
-Zündet die Laternen an und haltet sie hoch, ich werde hineinsehen.“</p>
-
-<p>Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg auf den
-Wagen, die seine hochhaltend; aber kaum hatte er hingeblickt,
-als er einen lauten Schrei tat, zurücksank und rief:</p>
-
-<p>„Michielkin, Michielkin! Jesus, erbarme Dich meiner.“</p>
-
-<p>Alsbald erhob sich vom Boden des Wagens ein Mann, nach Art
-der Zuckerbäcker weiß gekleidet, und in seinen beiden Händen
-blutige Füße haltend.</p>
-
-<p>Da Pieter de Roose diesen Mann im Schein der Laternen sich
-erheben sah, schrie er samt seinen beiden Bluthunden:</p>
-
-<p>„Michielkin, Michielkin, der Tote! Herr, erbarme Dich unser!“</p>
-
-<p>Die Siebenzehn kamen bei dem Lärm herzu und wollten das
-Schauspiel mit ansehen. Sie waren schier erschrocken, da sie
-beim hellen Mondschein gewahrten, wie ähnlich das Abbild
-Michielkins dem armem Verstorbenen war.</p>
-
-<p>Und das Gespenst schwenkte seine blutigen Füße.</p>
-
-<p>Es war sein Antlitz, voll und rund wie sonst, aber im Tode
-verblaßt, dräuend, fahl und unterm Kinn von Würmern zerfressen.</p>
-
-<p>Das Gespenst schüttelte immer noch seine blutigen Füße und
-sprach zu Spelle, der ächzend auf dem Rücken lag:</p>
-
-<p>„Spelle, Profoß Spelle, erwache!“</p>
-
-<p>Aber Spelle rührte sich nicht.</p>
-
-<p>„Spelle“, sprach das Gespenst zum andern Male, „Profoß Spelle,
-erwache, oder ich werde Dich mit mir in den gähnenden Rachen
-der Hölle schleppen.“</p>
-
-<p>Spelle stand auf, seine Haare sträubten sich vor Furcht und er
-schrie jammervoll:</p>
-
-<p>„Michielkin, Michielkin, hab Erbarmen!“</p>
-
-<p>Indessen waren die Bürger näher gekommen, aber Spelle sah
-nichts als die Laternen, die er für Augen von Teufeln hielt, wie
-er später bekannte.</p>
-
-<p>„Spelle,“ sprach Michielkins Geist, „bist Du zu sterben bereit?“</p>
-
-<p>„Nein,“ antwortete der Profoß, „nein, Herr Michielkin, ich
-bin mit nichten dazu bereit und will nicht vor Gott erscheinen
-mit einer Seele, die ganz schwarz ist von Sünden.“</p>
-
-<p>„Erkennest Du mich?“ fragte das Gespenst.</p>
-
-<p>„Gott steh mir bei,“ sagte Spelle, „ja, ich erkenne Euch. Ihr
-seid der Geist Michielkins, des Zuckerbäckers, der unschuldig an
-den Folgen der Folter in seinem Bette starb. Und die zwei blutigen
-Füße sind die nämlichen, an deren jeden ich fünfzig Pfund
-hängen ließ. Ach, Michielkin, verzeiht mir, Pieter de Roose verführte
-mich; er bot mir fünfzig Gulden, die ich annahm, um
-Euren Namen auf die Liste zu setzen.“</p>
-
-<p>„Willst Du beichten?“ fragte das Gespenst.</p>
-
-<p>„Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber
-geruhet, diese Teufel dort zu entfernen, die bereit sind, mich zu
-verschlingen. Ich werde alles sagen. Schafft diese feurigen
-Augen fort! Ich habe in Tournay ebenso an fünf Bürgern gehandelt,
-ebenso in Brügge an vieren. Ich weiß ihre Namen nicht
-mehr, aber ich werde sie Euch sagen, so Ihr es verlangt. Auch
-anderswo habe ich gesündigt, und durch mein Tun sind neunundsechzig
-Unschuldige in der Grube. Michielkin, der König
-brauchte Geld. Man hatte es mir eingeschärft; aber ich brauchte
-es gleichermaßen. Es ist in Gent, im Keller unter den Pflastersteinen
-bei der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe
-alles gesagt, alles. Gnade und Erbarmen! Schafft die Teufel
-fort. Herr Gott, Jungfrau Maria, Jesus, bittet für mich! Entfernt
-die höllischen Feuer, ich werde alles verkaufen, alles den
-Armen geben und Buße tun.“</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm
-beizustehen, sprang er aus dem Wagen und Spelle an die Kehle,
-um ihn zu erdrosseln.</p>
-
-<p>Aber der Pfarrer kam.</p>
-
-<p>„Lasset ihn leben,“ sprach er. „Es ist besser, daß er durch den
-Strick des Henkers sterbe, denn durch die Hände eines Gespenstes.“</p>
-
-<p>„Was wollt Ihr mit ihm machen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ihn beim Herzog verklagen und ihn henken lassen,“ antwortete
-der Pfarrer. „Wer aber bist Du?“ fragte er.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete: „Ich bin Michielkins Conterfei und die
-Person eines armen vlämisches Fuchses, der sich wieder in seinen
-Bau verkriechen wird, aus Furcht vor den hispanischen Jägern.“</p>
-
-<p>Inzwischen entfloh Pieter de Roose so schnell er konnte.</p>
-
-<p>Nachdem Spelle gehenkt war, wurden seine Güter eingezogen.</p>
-
-<p>Und der König erbte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>33</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem
-klaren Fluß entlang auf Kortrijck.</p>
-
-<p>Lamm wanderte kläglichen Mutes.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe,
-das Dir die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und
-liebte mich genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus.
-Eines Tages, da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier
-verwandelt zurück. Von jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich
-sie um Liebe bat:</p>
-
-<p>„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“</p>
-
-<p>Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen:</p>
-
-<p>„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles
-für Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal
-ein Wams aus schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent
-angelegt, um Dich trotz der königlichen Verordnungen in Seide
-und Brokat gekleidet zu sehen? Liebchen, liebst Du mich nicht
-mehr?“</p>
-
-<p>„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin
-und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl
-eine tugendsame Gefährtin sein.“</p>
-
-<p>„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will
-ich, Dich, mein Weib.“</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf:</p>
-
-<p>„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im
-Haus, um mir die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest
-unsere Leintücher, Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen
-zu schwer für mich waren. Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest
-das Haus und die Gasse vor der Tür, um mir jegliche Beschwer
-zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner schaffen, aber
-nichts weiter, lieber Mann.“</p>
-
-<p>„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor
-Deine Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein,
-Dein leibeigner, unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht
-diese beiden Herzen und Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies
-holde Band der Liebe, das uns so zart verknüpfte.“</p>
-
-<p>„Es muß sein,“ antwortete sie.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß
-gefaßt?“</p>
-
-<p>Sie antwortete:</p>
-
-<p>„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“</p>
-
-<p>„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine
-Pflichten als Frau nicht zu erfüllen?“</p>
-
-<p>„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl
-seiner Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie
-die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte,
-drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr
-von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins
-einer meiner Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer.
-Ohne Zweifel meines Flehens müde, böse und trübselig über meinen
-Kummer, war mein Weib entflohen. Wo weilt sie nun?“</p>
-
-<p>Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und
-schaute das Wasser an.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du!
-Werde ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde
-ich nie mehr von Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo
-sind Deine Küsse, balsamisch wie Thymian? Dein lieblicher Mund,
-von dem ich Freude pflückte wie die Biene den Honig von der
-Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend umschlangen? Wo
-ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der reizende
-Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind
-Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so
-lustig in der Sonne rollst?“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>34</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu
-Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“</p>
-
-<p>„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche
-an sich vorbeiziehen.</p>
-
-<p>„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine
-deutsche Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr
-Hirschgeschrötte haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen;
-zierliche Spießer, ihre Schildknappen, traben ihnen zur Seite,
-bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie
-gehen nach ihrem Lager. Drehe das Radschloß der Büchse, wie
-ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist krank geschossen.
-Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm nach, bis
-er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“</p>
-
-<p>„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm,
-„den Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel,
-das ist verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den
-grausamen Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie
-Du? Ich schwitze, mein Sohn, ich schwitze und werde fallen.
-Wenn der Förster Dich abfaßt, wirst Du gehenkt werden. Der
-Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie laufen, mein Sohn, Du
-wirst sie nicht fangen.“</p>
-
-<p>„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines
-Geweihs im Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind?
-Siehst Du die jungen, abgebrochenen Zweige, die Blätter, die
-den Boden bedecken? Diesmal hat er noch eine Kugel aufs Blatt
-gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“</p>
-
-<p>„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere
-laufen. Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und
-nicht wieder aufstehen.“</p>
-
-<p>Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten
-den Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der
-Hirsche.</p>
-
-<p>Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten
-sie auf eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie
-unter Weibern und Kindern, die da lagerten, Männer in großer
-Zahl, mit Degen, Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und
-Reiterpistolen auf mancherlei Weise bewaffnet.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er:</p>
-
-<p>„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft
-zu leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“</p>
-
-<p>„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem
-Feuer saß und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte.
-„Aber wer bist Du?“</p>
-
-<p>„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel,
-„Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander.
-Und solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe
-schöne und gute Dinge und spotte der Dummheit mit keckem
-Schnabel.“</p>
-
-<p>„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann,
-kannst Du „<span class="antiqua">Schild ende Vriendt</span>,“ Schild und Freund, auf Genter
-Art aussprechen; wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und
-mußt sterben.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach: <span class="antiqua">Schild ende Vriendt</span>.</p>
-
-<p>„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend,
-„was ist Dein Gewerbe?“</p>
-
-<p>Lamm antwortete:</p>
-
-<p>„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen
-und zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel
-allerorten zu folgen.“</p>
-
-<p>„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt
-Du wissen, wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“</p>
-
-<p>„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir
-nicht den Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus
-dem Hause trieb? Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“</p>
-
-<p>Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal
-entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld
-und ein Weib, das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“</p>
-
-<p>Dann redete er zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Raekstekers</span>, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel,
-„maßen einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren
-gefallen war und die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da
-sie ihn springen sahen. „Lasset uns den Pfarrer holen, um den
-Rochen zu exorzieren,“ sprachen sie. Der Pfarrer trieb den Teufel
-aus, nahm den Rochen mit nach Hause und machte ein leckeres
-Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue Gott mit dem
-Blutkönig.“</p>
-
-<p>Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete,
-die im Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen.</p>
-
-<p>„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“
-sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man
-die Leute aus Eindhoven in Limburg?“</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Pinnenmakers</span>, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst,
-da der Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer
-Mohrrübe. Und die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit
-heftigen Bissen ihrer gierigen Schnäbel und die Feinde drangen
-in Eindhoven ein. Aber es werden eiserne Schnäbel sein, die die
-Riegel der Kerker verzehren, darinnen man das freie Gewissen
-einsperren will.“</p>
-
-<p>„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende
-Zweige: es ist ein Sturm im Walde.“</p>
-
-<p>„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte betrachtend.</p>
-
-<p>„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu
-Lamm; „die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der
-Hirsch! Der Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige
-Tier! Es hat meinen dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel,
-Töpfe, Feldkessel und Schmorfleisch auf die Erde geworfen.
-Siehe, die Frauen und Mädchen entfliehen, von Schrecken betört.
-Blutest Du, mein Sohn?“</p>
-
-<p>„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat
-mir sein Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose
-zerrissen ist und mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte
-liegen am Boden. Sieh, ich verliere all mein Blut durch
-den Strumpf.“</p>
-
-<p>„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich
-vor dem Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber
-ich werde Dir nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen
-guten Männern und Frauen bleiben. Wie kannst Du sonder
-Scham gegen meine Schmerzen so hart sein, wenn ich Dir wie
-ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind auf
-den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut
-schwitze!“</p>
-
-<p>„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf,
-das wird ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber
-weißt Du, wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht,
-armer Freund. Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am
-Stöhnen zu hindern. Sie heißen <span class="antiqua">koeye-schieters</span>, Kuhschützen,
-denn sie waren einstmals so dumm, auf Kühe zu zielen, die sie
-für feindliche Soldaten hielten. Wir aber, wir zielen auf die hispanischen
-Böcke; ihr Fleisch ist stinkend, aber die Haut ist gut,
-Trommeln daraus zu machen. Und die von Tirlemont? Weißt
-Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen Beinamen
-<span class="antiqua">kirekers</span>. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine Ente
-vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen
-Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die
-Töpfe und Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das
-ist Eifer für die Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an,
-setzest den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und befassest
-Dich gar sorglich mit dem Kochen. Weißt Du, warum es in
-Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will es Dir sagen. Erstlich,
-weil die Lebenden dort unter den Toten gehn, denn die Kirche
-Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt daraus,
-daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken dort
-außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen
-ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine
-im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt.
-Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn
-die Vorderseite von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens
-wegen des Turms ohne Nägel, sintemalen die Turmspitze von
-Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt aus Holz gebaut ist und man
-die Steine nicht nagelt, ausgenommen das Herz des Blutkönigs,
-das ich über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Doch
-Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt Du,
-warum die von Termonde die Bettwärmer, <span class="antiqua">de vierpannen</span> genannt
-werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge
-zum „Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte
-nicht, wie er die Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem
-Bettwärmer. Er ließ das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen,
-das eilends davonlief, da es den Prinzen kommen hörte;
-und der Prinz fragte, warum man den Bettwärmer nicht darinnen
-gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in einen Kasten
-von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als Bettwärmer
-diene.“</p>
-
-<p>„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deine
-<span class="antiqua">vierpannen</span>, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß
-mich bei meiner Brühe.“</p>
-
-<p>„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß;
-es wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm
-Dich vor dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“</p>
-
-<p>„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten
-zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“</p>
-
-<p>„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr
-müsset mich zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich
-mir für Euch gebe. Die Tunke der Vögel wird gut sein, nur
-knirscht sie etwas: das macht der Sand, auf den sie gefallen sind,
-da dieser große Teufel von Hirsch mir beides, Wams und
-Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“</p>
-
-<p>„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht
-und stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die
-Städter lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden
-noch etliche Zeit in Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische
-Heer uns einschließt. So das geschieht, werden wir, alte und
-junge Männer, Frauen, Mädchen, Büblein und Dirnlein, unser
-Leben teuer verkaufen und uns lieber untereinander töten, denn
-unter der Hand des Blutherzogs tausendfache Marter leiden.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Es ist nicht mehr an der Zeit, den Henker zu Land zu bekämpfen.
-Auf dem Meer müssen wir seine Macht vernichten. Gehet nach
-den Inseln von Zeeland über Brügge, Heyst und Knocke.“</p>
-
-<p>„Wir haben kein Geld,“ sprachen sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel versetzte:</p>
-
-<p>„Hier sind tausend Karolus im Auftrag des Prinzen. Gehet
-längs der Wasserläufe, Kanäle, Ströme und Flüsse. So Ihr
-Schiffe erblickt, die das Zeichen <span class="antiqua">J-H-S</span> tragen, soll einer unter
-Euch gleich einer Lerche singen. Hahnenschrei wird ihm antworten.
-Und Ihr werdet in Freundesland sein.“</p>
-
-<p>„So werden wir tun,“ sagten sie.</p>
-
-<p>Bald erschienen die Jäger, die den erlegten Hirsch an Stricken
-schleppten, die Hunde hinterdrein.</p>
-
-<p>Alsbald setzten sich alle im Kreise ums Feuer. Es waren ihrer
-wohl sechzig, Männer, Frauen und Kinder. Das Brot ward
-aus den Ranzen und die Messer aus den Scheiden gezogen, der
-Hirsch abgedeckt, zerlegt und ausgenommen und mit kleinerem
-Wildpret an den Spieß gesteckt. Und am Ende der Mahlzeit sah
-man Lamm schnarchend, den Kopf auf die Brust gesenkt und an
-einen Baum lehnend.</p>
-
-<p>Bei sinkender Nacht krochen die Waldbrüder in unterirdische
-Hütten, um zu schlafen; und Lamm und Ulenspiegel taten desgleichen.</p>
-
-<p>Bewaffnete hielten Wacht und beschützten das Lager. Und Ulenspiegel
-hörte die dürren Blätter unter ihren Füßen rascheln.</p>
-
-<p>Am andern Tage ging er mit Lamm von dannen, indes die aus
-dem Lager zu ihm sagten:</p>
-
-<p>„Gesegnet seiest Du; wir werden nach dem Meere gehen.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>35</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In Harlebeke schaffte Lamm neuen Vorrat von Ölkuchen an, aß
-deren siebenundzwanzig und tat dreißig in seinen Korb. Ulenspiegel
-trug seine Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie
-nach Kortrijck und stiegen in der Herberge ‚zur Biene‘ ab, bei
-Gillis van den Ende, der sogleich an die Tür kam, als er den
-Lerchensang hörte.</p>
-
-<p>Da war alles eitel Zucker und Honig für sie. Nachdem der Wirt
-des Prinzen Briefe gesehen, übergab er Ulenspiegel fünfzig Karolus
-für den Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die
-er ihnen vorsetzte, noch für den Doppel Klauwaert, mit dem er
-sie tränkte, bezahlt sein. Auch warnte er ihn vor den Spionen
-des Bluttribunals, die in Kortrijck wären, derhalben er seine
-und seines Gefährten Zunge wohl im Zaum halten solle.</p>
-
-<p>„Wir werden darauf achten“, sprachen Ulenspiegel und Lamm.</p>
-
-<p>Und sie verließen die Herberge.</p>
-
-<p>Die untergehende Sonne vergüldete die Giebel der Häuser. Die
-Vögel sangen unter den Linden, die Gevatterinnen schwätzten
-vor ihren Türschwellen, und die Kinder wälzten sich im Staube.
-Ulenspiegel und Lamm streiften aufs Geratewohl durch die
-Gassen.</p>
-
-<p>Plötzlich sagte Lamm:</p>
-
-<p>„Martin van den Ende sagte mir auf meine Frage, ob er eine Frau
-ähnlich der meinen gesehen habe / ich machte ihm ein Bild meiner
-Liebsten / daß bei der Stevenyne auf der Brügger Landstraße vor
-der Stadt im „Regenbogen“ eine große Zahl Frauen seien. Sie
-vereinigten sich dort alle Abende. Ich gehe flugs dorthin.“</p>
-
-<p>„Ich werde sogleich nachkommen,“ sprach Ulenspiegel. „Ich will
-mir die Stadt anschauen; so ich Deiner Frau begegne, werde ich
-sie Dir alsbald schicken. Du weißt, daß der Wirt Dich ermahnt
-hat, zu schweigen, wenn anders Dir Deine Haut lieb ist.“</p>
-
-<p>„Ich werde schweigen,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel strich nach Belieben herum. Die Sonne ging unter,
-und der Tag ging schnell zur Rüste. Ulenspiegel kam in die <span class="antiqua">Pierpot
-Straetje</span>, das Steintopfgäßchen. Allda hörte er melodisch die
-Laute spielen. Näher tretend, erblickte er eine weiße Gestalt,
-die ihn lockte, ihn floh und auf der Laute spielte. Und wie ein
-Seraph sang sie ein sanftes, langsames Lied, indem sie stehen
-blieb, ihn lockte und wiederum floh.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel rannte hurtig; er holte sie ein und wollte zu ihr
-reden; da legte sie ihm ihre nach Benzoe duftende Hand auf den
-Mund.</p>
-
-<p>„Bist Du ein Bauer oder ein Edelmann?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Ich bin Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>„Bist Du reich?“</p>
-
-<p>„Genug, um ein groß Vergnügen zu bezahlen, aber nicht genug,
-um meine Seele loszukaufen.“</p>
-
-<p>„Hast Du keine Rosse, daß Du zu Fuße gehst?“</p>
-
-<p>„Ich hatte einen Esel, aber ich hab’ ihn im Stall gelassen.“</p>
-
-<p>„Wie kommt es, daß Du allein bist, ohne Freund, in einer fremden
-Stadt?“</p>
-
-<p>„Dieweil mein Freund seinerseits herumstreicht, wie ich für mich,
-Du neugierig Schätzlein.“</p>
-
-<p>„Ich bin nicht neugierig,“ sagte sie. „Ist Dein Freund reich?“</p>
-
-<p>„An Fett,“ sagte Ulenspiegel. „Bist Du bald fertig mit
-Fragen?“</p>
-
-<p>„Ich bin fertig,“ sagte sie, „laß mich nun.“</p>
-
-<p>„Dich lassen?“ sagte er. „Ebenso gut könntest Du Lamm, wenn
-ihn hungert, heißen, ein Gericht Fettammern stehen zu lassen.
-Ich will Dich kosten.“</p>
-
-<p>„Du hast mich ja gar nicht gesehen,“ sprach sie. Und sie öffnete
-eine Laterne, die plötzlich einen Schein warf und ihr Antlitz erleuchtete.</p>
-
-<p>„Du bist schön,“ sprach Ulenspiegel. „Hei, die goldige Haut,
-die sanften Augen, der rote Mund und der reizende Leib. Alles
-wird mein sein.“</p>
-
-<p>„Alles,“ sagte sie.</p>
-
-<p>Sie führte ihn zur Stevenyne in den „Regenbogen“ an der Landstraße
-nach Brügge. Ulenspiegel sah allda eine große Zahl Dirnen,
-die am Arm Rädlein von anderer Farbe als ihre Barchentkleider
-trugen. Diese trug ein Rädlein von Silberstoff auf einem Kleid
-von Goldstoff. Und alle Dirnen blickten sie eifersüchtig an. Beim
-Eintreten machte sie der Wirtin ein Zeichen, aber Ulenspiegel sah
-es nicht. Sie setzten sich zueinander und tranken.</p>
-
-<p>„Weißt Du,“ sagte sie, „daß wer mich geliebt hat, für allezeit
-mein ist.“</p>
-
-<p>„Schönes, duftendes Weiblein,“ sagte Ulenspiegel, „es wäre mir
-ein köstlicher Schmaus, allzeit von Deinem Fleisch zu zehren.“</p>
-
-<p>Auf einmal erblickte er Lamm in einer Ecke; der hatte ein Tischlein
-mit Talglicht, einen Schinken und einen Krug Bier vor sich
-und wußte nicht, wie er sein Bier und Schinken zwei Dirnen
-streitig machen sollte, die mit aller Gewalt mit ihm essen und
-trinken wollten.</p>
-
-<p>Da Lamm Ulenspiegel gewahrte, stand er auf, sprang drei Schuh
-hoch in die Luft und rief:</p>
-
-<p>„Gelobt sei Gott, der mir meinen Freund Ulenspiegel wiedergibt!
-Zu trinken, Wirtin!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel zog seine Börse und sagte:</p>
-
-<p>„Zu trinken, bis dies alle ist.“</p>
-
-<p>Und er ließ seine Karolus klingen.</p>
-
-<p>„So wahr Gott lebt“, rief Lamm und riß ihm behend die Börse
-aus den Händen. „Ich zahle, und nicht Du. Diese Börse ist mein.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel wollte ihm seine Börse mit Gewalt wieder abnehmen,
-aber Lamm hielt sie gut fest. Wie sie so mit einander rangen,
-der Eine, um sie zu behalten, der Andere, um sie zu entreißen,
-raunte Lamm ganz leise, in abgerissenen Worten:</p>
-
-<p>„Horch. Schergen drinnen ... vier ... kleines Gemach mit drei
-Dirnen ... Zwei draußen ... für Dich, für mich ... Wollte rausgehen
-... gehindert ... Frauenzimmer in Brokat ... Spionin
-... Stevenyne Spionin!“</p>
-
-<p>Derweil sie sich schlugen, hörte Ulenspiegel wohl zu und schrie:</p>
-
-<p>„Gib mir meine Börse, Taugenichts.“</p>
-
-<p>„Du wirst sie nicht bekommen,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Und sie packten sich beim Hals und bei den Schultern und wälzten
-sich auf dem Boden, dieweil Lamm Ulenspiegel seinen guten
-Rat gab.</p>
-
-<p>Plötzlich trat der Wirt „zur Biene“ herein und hinter ihm sieben
-Männer, die er nicht zu kennen schien. Er krähte wie ein Hahn,
-und Ulenspiegel trillerte wie eine Lerche. Da er Ulenspiegel und
-Lamm sich prügeln sah, sprach der Wirt zur Stevenyne:</p>
-
-<p>„Wer sind diese beiden?“</p>
-
-<p>Die Stevenyne antwortete:</p>
-
-<p>„Taugenichtse, so man lieber trennen sollte, anstatt sie hier so
-großen Lärm aufführen zu lassen, ehe sie zum Galgen gehen.“</p>
-
-<p>„Er soll nur wagen, uns zu trennen,“ sagte Ulenspiegel, „o so
-werden wir ihn das Pflaster fressen lassen.“</p>
-
-<p>„Ja, wir werden ihn das Pflaster fressen lassen,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Der Wirt, unser Retter,“ sagte Ulenspiegel Lamm ins Ohr.</p>
-
-<p>Ein Geheimnis ahnend, stürzte sich der Wirt mit gesenktem
-Kopf in den Kampf.</p>
-
-<p>Lamm warf ihm diese Worte ins Ohr:</p>
-
-<p>„Du unser Retter? Wie?“</p>
-
-<p>Der Wirt gab sich den Anschein, Ulenspiegel an den Ohren zu
-schütteln, und sagte ganz leise zu ihm:</p>
-
-<p>„Sieben für Dich ... starke Männer, Metzger ... muß gehen
-... zu bekannt in der Stadt. Wenn ich fort bin, <span class="antiqua">’t is van te
-beven de klinkaert</span> ... Alles zerbrechen ...“</p>
-
-<p>„Ja“, sprach Ulenspiegel, erhob sich und gab ihm einen Fußtritt.</p>
-
-<p>Der Wirt schlug ihn seinerseits, und Ulenspiegel sprach zu ihm:
-„Deine Schläge fallen dicht, Dickwanst.“</p>
-
-<p>„Wie Hagel“, sagte der Wirt, indem er Lamm behend die Börse
-fortriß und sie Ulenspiegel zurückgab.</p>
-
-<p>„Spitzbube, zahle jetzt einen Trunk für mich, da du wieder im
-Besitz Deines Vermögens bist.“</p>
-
-<p>„Du sollst trinken, schändlicher Taugenichts,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Sehet, wie frech er ist,“ sagte die Stevenyne.</p>
-
-<p>„So sehr wie Du schön bist, Herzchen,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Nun war die Stevenyne gut sechzig Jahre alt und hatte ein
-Gesicht wie eine Mispel, doch ganz gelb von galligem Zorn. In
-der Mitte saß eine Nase gleich einem Eulenschnabel. Ihre Augen
-waren voller Habgier und ohne Liebe. Zwei lange Hauer stachen
-aus ihrem fleischlosen Munde und auf ihrer linken Backe hatte
-sie einen großen, dunkelroten Fleck.</p>
-
-<p>Die Dirnen lachten, indem sie sich über sie lustig machten, und
-sagten:</p>
-
-<p>„Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken. / Er wird Dich umarmen.
-/ Ist es lange, daß Du Deine erste Hochzeit hieltest? /
-Hüte Dich, Ulenspiegel, sie will Dich fressen. / Sieh ihre Augen,
-sie glänzen nicht von Haß, sondern von Liebe. / Man könnte
-meinen, daß sie Dich totbeißen will. / Sei ohne Furcht. / So
-machen’s alle verliebten Frauen. / Sie will nur Dein Bestes. /
-Sieh, wie sie zum Lachen wohl aufgelegt ist.“</p>
-
-<p>Und wahrlich, die Stevenyne lachte und zwinkerte der Gilline,
-dem Frauenzimmer im Brokatkleide zu.</p>
-
-<p>Der Wirt trank, zahlte und ging fort. Die sieben Metzger
-schnitten den Häschern und der Stevenyne Fratzen zum Zeichen
-des Einverständnisses. Einer unter ihnen deutete durch eine Gebärde
-an, daß er Ulenspiegel für einen Dummkopf hielte und ihn
-trefflich vexieren würde. Und dieweil er der Stevenyne, die
-lachend ihre Hauer fletschte, spöttisch die Zunge heraussteckte,
-sagte er Ulenspiegel ins Ohr:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">’t is van te beven de klinkaert</span>“. (Es ist Zeit mit den Gläsern
-zu klirren.)</p>
-
-<p>Dann ganz laut und auf die Häscher zeigend:</p>
-
-<p>„Hochedler Reformierter, wir halten alle zu Dir; zahle uns Essen
-und Trinken.“</p>
-
-<p>Und die Stevenyne lachte vor Vergnügen und streckte auch Ulenspiegel
-die Zunge heraus, da dieser ihr den Rücken wandte. Und
-die Gilline im Brokatkleid streckte desgleichen die Zunge heraus.</p>
-
-<p>Und die Dirnen sprachen ganz leise: „Sehet die Spionin, die
-durch ihre Schönheit mehr denn siebenundzwanzig Reformierte
-zu grausamer Tortur und noch grausamerem Tode geführt hat.
-Gilline schwelgt in dem Gedanken an den Lohn ihrer Angeberei:
-die ersten hundert Karolusgülden vom Nachlaß der Opfer. Aber
-sie lacht nicht, gedenkend, daß sie sie mit der Stevenyne wird
-teilen müssen.“</p>
-
-<p>Und alle, Häscher, Metzger und Dirnen streckten die Zunge heraus,
-um Ulenspiegel zu höhnen. Und Lamm schwitzte große Tropfen;
-er war rot vor Zorn wie ein Hahnenkamm, doch er wollte nicht
-reden.</p>
-
-<p>„Traktiere uns mit Essen und Trinken,“ sagten die Metzger und
-Häscher.</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sagte Ulenspiegel und ließ von neuem seine Karolus
-klingen, „gib uns zu essen und zu trinken, o reizende Stevenyne,
-aus Gläsern zu trinken, die klingen.“</p>
-
-<p>Darob lachen die Dirnen abermals, und die Stevenyne fletschte
-ihre Hauer.</p>
-
-<p>Gleichwohl ging sie in Keller und Küche und trug Schinken,
-Würste und Eierkuchen mit Blutwürsten auf, nebst Klingegläsern,
-also genannt, weil sie mit einem Fuß versehen waren
-und wie ein Glockenspiel klangen, wenn man sie anstieß.</p>
-
-<p>Darauf sprach Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Wer Hunger hat, der esse; wer Durst hat, der trinke.“</p>
-
-<p>Bei dieser Rede schlugen Häscher, Dirnen, Metzger, Gilline und
-Stevenyne mit Händen und Füßen Beifall. Dann suchte sich
-jeglicher einen guten Platz; Ulenspiegel und Lamm und die sieben
-Metzger am großen Ehrentisch, die Häscher und Dirnen an zwei
-kleinen Tischen. Und sie aßen und tranken mit lautem Krachen
-der Kinnbacken, selbst die beiden Schergen, so draußen waren
-und von ihren Kameraden hereingeholt worden, um an dem
-Schmause teil zu haben. Und aus ihrem Ranzen sah man Stricke
-oder Handfesseln herausgucken.</p>
-
-<p>Da streckte die Stevenyne die Zunge heraus und sprach hohnlachend:</p>
-
-<p>„Keiner wird hinaus gehen, der nicht bezahlt.“</p>
-
-<p>Und sie ließ alle Türen verschließen und steckte die Schlüssel in
-ihre Taschen.</p>
-
-<p>Gilline erhob ihr Glas und sagte:</p>
-
-<p>„Der Vogel ist im Käfig, laßt uns trinken.“</p>
-
-<p>Drauf sagten zwei Mädchen, Gena und Margot, zu ihr:</p>
-
-<p>„Ist wieder einer da, den Du umbringen lassen willst, schlechtes
-Weib?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht“, sprach Gilline. „Laßt uns trinken.“</p>
-
-<p>Aber die drei Mädchen wollten mit ihr nicht trinken.</p>
-
-<p>Und Gilline nahm ihre Laute und sang auf Französisch:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Zum Klang der Mandoline</div>
- <div class="verse indent0">Sing’ ich Nacht und Tag.</div>
- <div class="verse indent0">Ich bin die lose Gilline,</div>
- <div class="verse indent0">Feil jedem, der mich mag.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Astarte lieh mir Lenden,</div>
- <div class="verse indent0">Drinnen Feuer loht.</div>
- <div class="verse indent0">Meine weißen Schuldern blenden,</div>
- <div class="verse indent0">Mein schöner Leib ist Gott.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Von blanken Gülden mache</div>
- <div class="verse indent0">Die Säckel ich Euch leer.</div>
- <div class="verse indent0">Von blankem Golde lache</div>
- <div class="verse indent0">Zu Füßen mir ein Meer.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Des Teufels Tochter bin ich;</div>
- <div class="verse indent0">Frau Eva mich gebar.</div>
- <div class="verse indent0">Dein Traum sei noch so minnig /</div>
- <div class="verse indent0">Durch mich nur wird er wahr.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Kalt bin ich, sprühe Funken,</div>
- <div class="verse indent0">Bin zärtlich untertan,</div>
- <div class="verse indent0">Bin lau, bin heiß und trunken</div>
- <div class="verse indent0">Nach Deinem Willen, Mann.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Sieh, ich verkaufe Reize,</div>
- <div class="verse indent0">Die Seele, Augen blau,</div>
- <div class="verse indent0">Glück, Lachen, Tränentau /</div>
- <div class="verse indent0">Selbst Tod: mit nichts ich geize.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Zum Klang der Mandoline</div>
- <div class="verse indent0">Sing’ ich Nacht und Tag.</div>
- <div class="verse indent0">Ich bin die lose Gilline,</div>
- <div class="verse indent0">Feil jedem, der mich mag.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und während sie also sang, war Gilline so schön, so hold und
-so minniglich, daß alle Männer, Häscher, Metzger, Lamm und
-Ulenspiegel stumm, gerührt und lachend dasaßen, vom Zauber
-gebannt.</p>
-
-<p>Plötzlich brach Gilline in Gelächter aus, und Ulenspiegel anblickend,
-sagte sie:</p>
-
-<p>„So sperrt man die Vögel in den Käfig.“</p>
-
-<p>Und ihr Zauber war gebrochen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, Lamm und die Metzger blickten einander an.</p>
-
-<p>„Gelt, werdet Ihr mich bezahlen,“ sagte die Stevenyne, „werdet
-Ihr mich bezahlen, Junker Ulenspiegel, der aus dem Fleische von
-Predigern so gutes Fett gewinnt?“</p>
-
-<p>Lamm wollte reden, doch Ulenspiegel hieß ihn schweigen und
-sagte zur Stevenyne:</p>
-
-<p>„Wir bezahlen nicht im voraus.“</p>
-
-<p>„So werde ich mich hernach aus Deinem Nachlaß bezahlt
-machen,“ sagte die Stevenyne.</p>
-
-<p>„Die Hyänen leben von Leichen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach der Häscher einer, „diese beiden da haben das Geld
-der Prediger genommen, mehr denn dreihundert Goldkarolus.
-Das ist ein guter Batzen für die Gilline.“</p>
-
-<p>Diese sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Wo fändst Du solche Reize?</div>
- <div class="verse indent0">Nimm alles, Augen blau,</div>
- <div class="verse indent0">Lust, Küsse, Tränentau /</div>
- <div class="verse indent0">Auch Tod: mit nichts ich geize.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Dann sagte sie hohnlachend:</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken!“</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sprachen die Häscher.</p>
-
-<p>„Bei Gott,“ sagte die Stevenyne, „laßt uns trinken! Die Türen
-sind geschlossen, die Fenster haben starke Eisenstäbe, die Vögel
-sind im Käfig. Laßt uns trinken.“</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sagten die Sieben.</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sagten die Häscher.</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline und ließ ihre Laute erklingen.
-„Ich bin schön, laßt uns trinken. Ich werde den Erzengel Gabriel
-in den Schlingen meines Liedes fangen.“</p>
-
-<p>„Wohlauf, zu trinken,“ sprach Ulenspiegel, „Wein, um das Fest
-zu krönen, und vom besten. An jedem Haar unserer durstigen
-Körper soll ein Tropfen flüssigen Feuers hängen.“</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline; „noch zwanzig Gründlinge
-wie Du, und die Hechte werden aufhören zu singen.“</p>
-
-<p>Die Stevenyne brachte Wein. Alle saßen trinkend und schnaufend,
-die Büttel und Dirnen zusammen. Die Sieben, die mit Ulenspiegel
-und Lamm am Tische saßen, warfen Schinken, Würste,
-Eierkuchen und Flaschen von ihrer Tafel an die der Dirnen, die
-sie im Fluge auffingen, wie Karpfen, die an der Oberfläche eines
-Teiches nach Fliegen schnappen. Und die Stevenyne lachte und
-fletschte ihre Hauer und wies auf Päcklein von Kerzen, fünf aufs
-Pfund, die über dem Zahltisch baumelten. Es waren die Kerzen
-der Dirnen. Dann sagte sie zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Wenn man zum Scheiterhaufen geht, trägt man eine Unschlittkerze;
-willst Du jetzt eine?“</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Laßt uns trinken,“ sprachen die Sieben.</p>
-
-<p>Die Gilline sagte:</p>
-
-<p>„Ulenspiegel hat so glänzende Augen wie ein Schwan, der verscheiden
-will.“</p>
-
-<p>„Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?“ meinte die
-Stevenyne.</p>
-
-<p>„Das würde für sie Lichtmeß sein. Wohlauf getrunken,“ sprach
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Möchtest Du,“ sprach die Stevenyne, „daß man Dir auf dem
-Schafott die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?“</p>
-
-<p>„Dann wäre sie besser zum Pfeifen. Laßt uns trinken!“ antwortete
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Du redetest weniger, wenn Du gehenket wärest und Deine
-Liebste Dich anschauen käme.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „aber dann wöge ich mehr und fiele
-Dir auf Dein niedliches Maul. Laßt uns trinken.“</p>
-
-<p>„Was würdest Du sagen, wenn Du gestäupt und auf der Stirn
-und der Schulter gebrandmarkt würdest?“</p>
-
-<p>„Ich würde sagen, daß man sich im Fleisch geirrt hat,“ entgegnete
-Ulenspiegel, „und daß man den Eber Ulenspiegel abgebrüht
-hat, anstatt die Sau Stevenyne zu rösten. Laßt uns trinken.“</p>
-
-<p>„Da Du von alledem nichts magst,“ sprach die Stevenyne, „so
-wirst Du auf des Königs Schiffe geführt und allda verdammt
-werden, von vier Galeeren gevierteilt zu werden.“</p>
-
-<p>„So werden die Haifische meine vier Gliedmaßen bekommen und
-Du kannst fressen, was sie nicht wollen,“ sprach Ulenspiegel.
-„Laßt uns trinken!“</p>
-
-<p>„Was issest Du nicht eine dieser Kerzen?“ fragte die Stevenyne.
-„Sie würden Dir in der Höllen dienlich sein, deine ewige Verdammnis
-zu erhellen.“</p>
-
-<p>„Ich sehe deutlich genug, um Deinen leuchtenden Rüssel zu betrachten,
-Du schlechtgebrühete Sau. Laßt uns trinken!“ sprach
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Plötzlich pochte er mit dem Fuß seines Glases auf den Tisch, derweil
-er mit den Händen das Geräusch eines Tapezierers nachmachte,
-der im Takte ein Polster klopft, doch ganz ruhig, und
-dazu sprach er:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Tis (tydt) van de beven de klinkaert.</span>“ Es ist Zeit mit dem
-Klinger zu klirren.</p>
-
-<p>Das ist in Flandern das Zeichen für die Zecher, Händel anzufangen
-und die Häuser mit roter Laterne zu plündern.</p>
-
-<p>Ulenspiegel trank, dann ließ er sein Glas auf dem Tisch klirren
-und sprach:</p>
-
-<p>„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“</p>
-
-<p>Und die Sieben taten es ihm nach.</p>
-
-<p>Alle blieben ruhig. Die Gilline erbleichte, die Stevenyne blickte
-verwundert. Die Büttel sprachen:</p>
-
-<p>„Halten die Sieben es mit ihnen?“</p>
-
-<p>Aber die Metzger beruhigten sie, mit den Augen zwinkernd; doch
-zugleich riefen sie lauter und lauter mit Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren. Es ist Zeit mit dem
-Klinger zu klirren.“</p>
-
-<p>Die Stevenyne trank, um sich Mut zu machen.</p>
-
-<p>Da schlug Ulenspiegel mit der Faust auf den Tisch, im Takt der
-Tapezierer, die Polster klopfen. Die Sieben taten wie er: Gläser,
-Krüge, Näpfe, Schoppen und Becher huben langsam zu
-tanzen an, fielen um, zerbrachen, standen an einer Seite auf, um
-an der andern wieder hinzufallen. Und immer dräuender, ernster,
-kriegerischer und eintöniger erklang es:</p>
-
-<p>„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach die Stevenyne, „sie werden alles zerbrechen.“</p>
-
-<p>Und vor Furcht fletschte sie ihre beiden Hauer noch mehr denn
-gewöhnlich.</p>
-
-<p>Und vor Wut und Grimm entzündete sich das Blut in der Seele
-der Sieben und in Ulenspiegels und in Lamms Seele.</p>
-
-<p>Da ergriffen alle, so an Ulenspiegels und Lamms Tisch saßen,
-ihre Gläser, ohne mit dem eintönigen, dräuenden Sang aufzuhören,
-und zerbrachen sie im Takt auf dem Tisch, dieweil sie auf
-Stühlen ritten und ihre Dolchmesser zogen. Sie vollführten ein
-so großes Lärmen mit ihrem Sang, daß alle Fensterscheiben des
-Hauses erzitterten. Alsdann machten sie gleich einer Rotte toll
-gewordener Teufel im Gemach und um alle Tische die Runde und
-schrieen dabei ohne Unterlaß: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu
-klirren.“</p>
-
-<p>Da standen die Schergen vor Furcht zitternd auf und ergriffen
-ihre Stricke und Ketten. Aber die Metzger, Ulenspiegel und
-Lamm steckten ihre Hirschfänger wieder in die Scheiden, standen
-auf, packten ihre Stühle, schwangen sie gleich Knütteln, liefen
-behend durch das Gemach, schlugen nach rechts und nach links,
-nur der Dirnen schonend, und zerbrachen alles übrige, Hausrat,
-Scheiben, Truhen, Geschirr, Schoppen, Näpfe, Gläser und Flaschen.
-Sie schlugen die Büttel ohn Erbarmen und sangen immerfort
-im Takt der Tapezierer, die Polster klopfen: „Es ist Zeit mit
-dem Klinger zu klirren.“ Derweilen hatte Ulenspiegel der Stevenyne
-einen Faustschlag aufs Maul gegeben, ihr die Schlüssel aus
-der Tasche genommen und zwang sie, ihre Lichte zu essen.</p>
-
-<p>Die schöne Gilline kratzte mit ihren Nägeln an den Türen, Läden,
-Fensterglas und Rahmen und schien sich durch alles durchdrängen
-zu wollen wie eine furchtsame Katze. Dann kauerte sie sich leichenblaß
-in einen Winkel, mit verstörten Augen, bläkte die Zähne und
-hielt ihre Laute, als wollte sie sie beschützen.</p>
-
-<p>Die Sieben und Lamm sprachen zu den Dirnen: „Wir werden
-Euch kein Leids antun,“ und mit ihrer Hilfe banden sie die Büttel,
-die in ihren Hosen zitterten, mit Ketten und Stricken. Sie wagten
-nicht Widerstand zu leisten, maßen sie fühlten, daß die Metzger,
-die der Bienenwirt unter den Stärksten auserlesen, sie mit
-ihren Messern in Stücke gehackt hätten.</p>
-
-<p>Bei jedem Licht, das die Stevenyne essen mußte, sprach Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Dies ist fürs Henken, dies fürs Stäupen; dies andere fürs Brandmarken;
-dies vierte für meine durchbohrte Zunge. Hier sind
-zwei treffliche und gar fette für des Königs Schiffe und das Vierteilen
-durch vier Galeeren; dies da für Deine Spionenhöhle, dies
-für dein Weibsbild im Brokatkleid, und alle andern für mein Ergötzen.“</p>
-
-<p>Und die Mädchen lachten, da sie sahen, wie die Stevenyne sich
-vor Grimm wand und ihre Kerzen ausspeien wollte. Aber vergebens,
-denn sie hatte den Mund zu voll davon.</p>
-
-<p>Ulenspiegel, Lamm und die Sieben ließen nicht ab, im Takt zu
-singen: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“</p>
-
-<p>Dann ließ Ulenspiegel ab und winkte ihnen, den Reim leise zu
-murmeln. Solches taten sie, derweil er den Dirnen und Häschern
-diese Rede hielt:</p>
-
-<p>„So einer unter Euch um Hilfe schreit, wird er auf der Stelle
-getötet.“</p>
-
-<p>„Getötet“, sagten die Metzger.</p>
-
-<p>„Wir werden schweigen,“ sprachen die Mädchen, „tu uns kein
-Leids an, Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>Aber die Gilline, so mit herausgetretenen Augen und vorstehenden
-Zähnen in ihrem Winkel kauerte, war keines Wortes fähig
-und preßte ihre Laute an sich.</p>
-
-<p>Und die Sieben murmelten immer im Takt: „Es ist Zeit mit dem
-Klinger zu klirren.“</p>
-
-<p>Die Stevenyne wies auf die Kerzen, so sie im Munde hatte, und
-machte ein Zeichen, daß sie gleichermaßen schweigen würde. Die
-Häscher gelobten wie sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel redete weiter:</p>
-
-<p>„Ihr seid hier in unserer Gewalt. Die dunkle Nacht ist gekommen,
-wir sind nah bei der Leye, in der Ihr leicht ertrinkt,
-wenn man Euch hineinstößt. Die Tore von Kortrijck sind geschlossen.
-So die Nachtwächter den Lärm vernommen haben,
-werden sie sich nicht vom Fleck rühren, maßen sie zu faul sind
-und wähnen, daß es gute Vlämen sind, die beim Klang der
-Schoppen und Flaschen lustig singen. Also verhaltet Euch ruhig
-vor Euren Bezwingern.“</p>
-
-<p>Dann redete er zu den Sieben:</p>
-
-<p>„Gehet Ihr nach Peteghem, zu den Geusen zu stoßen?“</p>
-
-<p>„Bei der Kunde Deines Kommens haben wir uns dazu angeschickt.“</p>
-
-<p>„Von da werdet Ihr aufs Meer gehen?“</p>
-
-<p>„Ja“, sagten sie.</p>
-
-<p>„Kennet Ihr unter diesen Häschern einen oder zwei, die man loslassen
-könnte, um uns zu dienen?“</p>
-
-<p>„Zwei“, sprachen sie, „Niklas und Joos, die niemals die armen
-Reformierten verfolgten.“</p>
-
-<p>„Wir sind getreu,“ sagten Niklas und Joos.</p>
-
-<p>Sodann sprach Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Hier sind zwanzig Karolusgülden für Euch, zweimal so viel
-als ihr gekriegt hättet, wenn Ihr den schändlichen Judaslohn
-empfangen hättet.“</p>
-
-<p>Plötzlich schrien die fünf Andern.</p>
-
-<p>„Zwanzig Gülden! Wir dienen dem Prinzen um zwanzig Gülden.
-Der König zahlt schlecht. Gebt jedem von uns die Hälfte davon,
-und wir werden dem Richter alles sagen, was Du willst.“</p>
-
-<p>Die Metzger und Lamm murmelten dumpf:</p>
-
-<p>„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem
-Klinger zu klirren!“</p>
-
-<p>„Auf daß Ihr nicht zu viel redet,“ sagte Ulenspiegel, „werden die
-Sieben Euch gebunden bis Peteghem zu den Geusen führen. Ihr
-sollt zehn Gülden bekommen, wenn Ihr auf dem Meere seid.
-Bis dahin sind wir gewiß, daß die Feldküche Euch bei Brot und
-Suppe festhalten wird. So Ihr tapfer seid, sollt Ihr Euren
-Anteil an der Beute haben. So Ihr versuchet zu desertieren,
-werdet Ihr gehenket werden. So Ihr entwischet und also dem
-Strick entgeht, werdet Ihr das Messer finden.“</p>
-
-<p>„Wir dienen dem, der uns bezahlt,“ sagten sie.</p>
-
-<p>„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem
-Klinger zu klirren,“ sagten Lamm und die Sieben und schlugen
-mit den Scherben der zerbrochenen Töpfe und Gläser auf den
-Tisch.</p>
-
-<p>„Desgleichen werdet Ihr die Gilline, die Stevenyne und die drei
-Frauenzimmer mit Euch führen. Wenn eine darunter entwischen
-will, so sollt Ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.“
-„Er hat mich nicht getötet,“ sprach die Gilline, sprang aus ihrem
-Winkel auf und schwang ihre Laute in der Luft. Und sie sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Blutiges hatt’ im Sinn ich:</div>
- <div class="verse indent0">Ein schlimmer Traum fürwahr!</div>
- <div class="verse indent0">Des Teufels Tochter bin ich;</div>
- <div class="verse indent0">Frau Eva mich gebar.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Stevenyne und die andern machten Miene zu weinen.</p>
-
-<p>„Fürchtet nichts, Ihr Schätzchen“, sprach Ulenspiegel, „Ihr seid
-so lieblich und sanft, daß man Euch allerorten lieben, feiern und
-hätscheln wird. Bei jeder Prise werdet Ihr Euren Anteil an der
-Beute haben.“</p>
-
-<p>„Und mir, die alt ist, wird man nichts geben,“ greinte die Stevenyne.</p>
-
-<p>„Einen Sou pro Tag, Krokodil,“ sagte Ulenspiegel, „denn Du
-sollst die Leibeigene dieser vier schönen Mädchen sein, Du wirst
-ihre Röcke, Leintücher und Hemden waschen.</p>
-
-<p>„Ich, Herr Gott!“ sagte sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel entgegnete:</p>
-
-<p>„Du hast sie lange Zeit gemeistert und vom Ertrag ihrer Körper
-gelebt, sie aber arm und hungrig gelassen. Du magst greinen
-und plärren, es wird geschehen, wie ich gesagt habe.“</p>
-
-<p>Darob lachen die vier Mädchen, spotten der Stevenyne und
-sagen zu ihr, die Zunge herausstreckend:</p>
-
-<p>„Jede kommt in dieser Welt an die Reihe. Wer hätte das von der
-Stevenyne, der Geizigen gedacht. Sie wird als Leibeigene für
-uns arbeiten. Gesegnet sei seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“</p>
-
-<p>Darauf sprach Ulenspiegel zu den Metzgern und zu Lamm:</p>
-
-<p>„Leert die Weinkeller, nehmet das Geld; es soll zum Unterhalt
-der Stevenyne und der vier Mädchen dienen.“</p>
-
-<p>„Sie knirscht mit den Zähnen, die Stevenyne, die Geizige,“ sagten
-die Mädchen. „Du warest hart, nun ist man es gleicherweise
-gegen Dich. Gesegnet sei Seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“</p>
-
-<p>Dann wandten sich alle drei gegen Gilline:</p>
-
-<p>„Du warst ihre Tochter, ihre Ernährerin, Du teiltest die Frucht
-der schändlichen Angeberei. Wirst Du es wohl noch wagen, uns
-zu schlagen und zu beschimpfen in Deinem Brokatkleid? Du verachtetest
-uns, weil wir nur Barchent trugen. Nur vom Blute der
-Opfer bist Du so reich gekleidet. Laßt uns ihr das Kleid ausziehen,
-auf daß sie uns dadurch gleich sei.“</p>
-
-<p>„Ich dulde es nicht,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und die Gilline flog ihm an den Hals und sprach:</p>
-
-<p>„Gesegnet seist Du, der mich nicht getötet hat und nicht will, daß
-ich häßlich sei!“</p>
-
-<p>Und die eifersüchtigen Mädchen blickten Ulenspiegel an und
-sagten:</p>
-
-<p>„Er ist in sie vernarrt wie alle.“</p>
-
-<p>Die Gilline sang zur Laute.</p>
-
-<p>Die Sieben zogen gen Peteghem und führten die Häscher und
-Dirnen an der Leye entlang. Im Wandern murmelten sie: „Es
-ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger
-zu klirren!“</p>
-
-<p>Bei Tagesanbruch kamen sie ins Lager, sangen wie die Lerche,
-und Hahnenschrei antwortete ihnen. Die Mädchen und die
-Häscher wurden scharf bewacht. Dessen ohngeachtet fand man
-am dritten Tag um Mittag die Gilline tot, das Herz von einer
-langen Nadel durchbohrt. Die Stevenyne wurde von den drei
-Mädchen bezichtigt und vor den Hauptmann der Kampanie, seine
-Rottenmeister und Sergeanten geführt, die zu Richtern eingesetzt
-waren. Allda bekannte sie ohne peinliche Frage, sie habe die
-Gilline getötet, aus Eifersucht auf ihre Schönheit und aus Wut
-darob, daß die Dirne sie ohne Gnade als Leibeigne behandelte.
-Und die Stevenyne ward gehenket und dann im Walde begraben.
-Auch die Gilline ward begraben, und über ihrem reizenden Leib
-wurden Sterbegebete gesprochen.</p>
-
-<p>Derweil hatten sich die beiden Büttel, von Ulenspiegel beredet,
-vor den Burgvogt von Kortrijck begeben, denn den Lärmen und
-Toben und die Plünderung, so im Hause der Stevenyne geschehen,
-mußten von besagtem Burgvogt bestraft werden, maßen daß
-Haus der Stevenyne in der Burgvogtei außerhalb der Gerichtsbarkeit
-von Kortrijck lag. Nachdem sie dem Herrn Burgvogt
-erzählt, was sich zugetragen, sagten sie mit tiefer Überzeugung
-und schlichter Einfalt der Sprache:</p>
-
-<p>„Die Mörder der Prediger sind mit nichten Ulenspiegel und sein
-getreuer und vielgeliebter Lamm Goedzak, die nur zu ihrer Ergötzung
-in den „Regenbogen“ gekommen sind. Sie haben sogar
-Pässe vom Herzog, und wir haben sie gesehen. Die wahren
-Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent, der eine mager, der
-andere sehr fett, so nach dem Lande Frankreich auf und davon
-sind, nachdem sie bei der Stevenyne alles zerschlagen hatten;
-diese haben sie mitsamt ihren vier Dirnen zu ihrem Zeitvertreib
-mitgeführt. Wir hätten sie wohl am Kanthaken gefaßt, doch es
-waren sieben Metzger da, von den stärksten der Stadt, die ihre
-Partei nahmen. Sie haben uns alle gebunden und nicht eher
-freigelassen, als bis sie weit im Lande Frankreich waren. Und
-hier sind die Spuren der Stricke. Die vier andern Büttel sind
-ihnen auf den Fersen und erwarten Verstärkung, um Hand an
-sie zu legen.“</p>
-
-<p>Der Burgvogt gab einem Jeden zwei Karolus und ein neues
-Kleid für ihre getreuen Dienste.</p>
-
-<p>In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an das Schöffengericht
-in Kortrijck und andere Gerichtshöfe, um ihnen zu
-vermelden, daß die wahren Mörder gefunden wären. Und er
-beschrieb ihnen das Abenteuer des Langen und Breiten. Darob
-erzitterten die vom Rat von Flandern und von den andern Gerichtshöfen.
-Und der Burgvogt ward ob seines Scharfsinns
-trefflich gelobt.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel und Lamm wanderten friedsam auf der Straße
-von Peteghem nach Gent an der Leye entlang. Es verlangte
-sie, nach Brügge zu kommen, allwo Lamm sein Weib zu finden
-hoffte, und nach Damm, wo Ulenspiegel, der in Träume versunken
-war, schon hätte sein mögen, um Nele zu sehen, die betrübt
-mit Katheline, der Irren, lebte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>36</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Seit geraumer Zeit waren im Weichbild von Damm und der Umgegend
-unterschiedliche abscheuliche Verbrechen begangen worden.
-Mägdlein, junge Burschen und Greise, von denen man
-wußte, daß sie mit Geld versehen nach Brügge, Gent oder sonst
-einer Stadt oder Ortschaft in Flandern gegangen waren, wurden
-tot aufgefunden. Sie waren nackend wie Würmer und von so
-langen spitzen Zähnen ins Genick gebissen, daß der Halswirbel
-bei allen gebrochen war.</p>
-
-<p>Die Ärzte und Bader erklärten, daß diese Zähne die eines großen
-Wolfes seien. Ohne Zweifel wären Diebe nach dem Wolfe gekommen,
-sagten sie, und hätten die Opfer geplündert.</p>
-
-<p>Ohngeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken,
-wer die Diebe waren. Bald ward der Wolf vergessen.</p>
-
-<p>Etliche angesehene Bürger, die sich ohne Geleit kühn auf den
-Weg gemacht hatten, verschwanden, ohne daß man wußte, was
-aus ihnen geworden, es sei denn, daß ein Bauer, der des Morgens
-ging, sein Feld zu bestellen, Wolfsspuren auf seinem Acker fand,
-derweil sein Hund mit den Pfoten die Furchen aufscharrte und
-einen armen Leichnam bloß legte, der die Spuren der Wolfszähne
-im Genick oder unterm Ohr aufwies, gar oft auch am
-Bein und immer von hinten. Und allemal war der Wirbelknochen
-und das Bein gebrochen.</p>
-
-<p>Der Bauer ging voller Angst stracks zum Amtmann, ihm Kunde
-zu bringen, und dieser kam mit dem Kriminalschreiber, zwei
-Schöffen und zwei Wundärzten nach dem Ort, wo der Leichnam
-des Getöteten lag. Nachdem sie ihn fleißig und sorgsam visitiert
-und manchmal, wenn das Gesicht noch nicht von den Würmern
-zerfressen war, seinen Stand, sogar Namen und Geschlecht erkannt
-hatten, verwunderten sie sich baß, daß der Wolf, der aus
-Hunger tötet, dem Toten kein Stück Fleisch abgebissen hatte. Und
-die von Damm entsetzten sich schier, und war keiner, der nachts
-ohne Geleit auszugehen wagte.</p>
-
-<p>Nun trug es sich zu, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche
-nach dem Wolfe geschickt wurden, mit dem Befehl, ihn Tag und
-Nacht in den Dünen längs des Meeres zu suchen.</p>
-
-<p>Sie waren zur Zeit nahe bei Heyst in den großen Dünen. Die
-Nacht war gekommen. Einer unter ihnen, der auf seine Kraft
-vertraute, wollte sie verlassen, um allein, mit seiner Büchse bewaffnet,
-auf die Suche zu gehen. Die Andern ließen ihn seinen
-Willen, überzeugt, daß er, tapfer und bewaffnet, wie er war, den
-Wolf töten würde, wenn anders er sich zu zeigen wagte.</p>
-
-<p>Da ihr Kumpan fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten
-und tranken nach Herzenslust aus ihrer Branntweinflasche.</p>
-
-<p>Und von Zeit zu Zeit schrien sie:</p>
-
-<p>„Holla, Kamerad, komm zurück; der Wolf fürchtet sich, komm
-trinken!“</p>
-
-<p>Aber er antwortete nicht.</p>
-
-<p>Plötzlich, da sie einen lauten Schrei, wie den eines Sterbenden
-vernahmen, eilten sie dorthin, von wannen der Schrei kam und
-sagten: „Halt aus, wir kommen Dir zu Hülfe.“</p>
-
-<p>Doch es währte lange, bis sie ihren Kameraden fanden, denn
-die Einen sagten, der Schrei sei aus dem Tal, und die Andern,
-er sei vom Kamme der Dünen gekommen.</p>
-
-<p>Endlich, da sie Dünen und Tal mit ihren Laternen gründlich abgesucht
-hatten, fanden sie ihren Gefährten an Arm und am Bein
-gebissen und den Hals hinterrücks gebrochen, wie bei den andern
-Opfern. Auf dem Rücken liegend, hielt er seinen Degen in der
-geballten Faust; seine Büchse lag auf dem Sande. Neben ihm
-fanden sich drei abgeschnittene Finger, die sie mitnahmen und
-die nicht seine waren. Sein Säckel war geraubt.</p>
-
-<p>Sie nahmen den toten Leib ihres Gefährten, seinen guten Degen
-und seine wackere Büchse auf die Schultern, und betrübt und
-ergrimmt trugen sie den Leichnam zum Amtshaus, wo der Amtmann
-sie in Gesellschaft des Kriminalschreibers, der zwei
-Schöffen und der beiden Wundärzte empfing.</p>
-
-<p>Die abgeschnittenen Finger wurden geprüft und als die eines Greises
-erkannt, der in keinem Handwerk Arbeiter war, denn die
-Finger waren dünn und die Nägel daran lang wie bei Männern
-des Richter- oder Priesterstandes.</p>
-
-<p>Des andern Tages gingen der Amtmann, die Schöffen, der Kriminalschreiber,
-die Wundärzte und die Soldaten nach der Stelle,
-wo der arme Tote gebissen worden, und sahen, daß dort Blutstropfen
-auf dem Grase waren und Fußstapfen, so bis ans Meer
-gingen und dort aufhörten.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>37</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmond, am vierten
-Tage, wo man in der Stadt Brüssel vom Sankt Niklasturm herab
-nach der Hochmesse dem Volk Säcke mit Nüssen zuwirft.</p>
-
-<p>In der Nacht wurde Nele durch Geschrei, so von der Straße
-kam, geweckt. Sie suchte Katheline in der Kammer und fand
-sie nicht. Sie lief nach unten und öffnete die Tür, und Katheline
-trat ein und sagte:</p>
-
-<p>„Rette mich, rette mich! der Wolf, der Wolf!“</p>
-
-<p>Und Nele hörte vom Feld her fernes Geheul. Zitternd entzündete
-sie alle Lampen, Wachslichte und Talgkerzen.</p>
-
-<p>„Was ist geschehen, Katheline?“ fragte sie, sie in ihre Arme
-schließend.</p>
-
-<p>Katheline setzte sich verstörten Blicks und sagte, die Kerzen
-anschauend:</p>
-
-<p>„Das ist die Sonne, sie verscheucht die bösen Geister. Der Wolf,
-der Wolf heult draußen auf dem Felde.“</p>
-
-<p>„Aber“, sprach Nele, „warum bist Du aus Deinem warmen Bette
-gestiegen, um Dir in den feuchten Septembernächten das Fieber
-zu holen?“</p>
-
-<p>Und Katheline sprach:</p>
-
-<p>„Hanske hat diese Nacht geschrieen wie der Fischadler und ich
-habe die Tür aufgemacht. Und er hat zu mir gesagt: „Trink
-diesen Zaubertrank;“ und ich habe getrunken. Hanske ist schön.
-Nehmt das Feuer fort. Alsdann hat er mich an den Kanal geführt
-und zu mir gesagt: „Katheline, ich werde Dir die siebenhundert
-Karolus wiedergeben und Du sollst sie Ulenspiegel,
-Klasens Sohn, geben. Und hier sind zwei, um Dir ein Kleid zu
-kaufen; bald wirst du ihrer tausend haben.“ / „Tausend,“
-sprach ich, „mein Geliebter, dann werde ich reich sein.“ / „Du sollst
-sie haben,“ sagte er. „Aber sind nicht in Damm Frauen oder
-Mädchen, die jetzt ebenso reich sind, wie du sein wirst?“ / „Ich
-weiß nicht,“ antwortete ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht
-sagen, aus Furcht, daß er sie liebte. Darauf sprach er zu mir:
-„Forsche danach und sage mir ihre Namen, wenn ich wiederkomme.“</p>
-
-<p>„Die Luft war kalt, der Nebel schwebte über den Wiesen, dürres
-Reisig fiel von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond
-schien, und auf dem Wasser des Kanals waren Feuer. Hanske
-sprach zu mir: „Das ist die Nacht der Werwölfe, alle schuldbeladenen
-Seelen steigen aus der Hölle auf. Du mußt mit der
-Linken dreimal das Zeichen des Kreuzes machen und Salz! Salz!
-Salz! rufen, das ist das Sinnbild der Unsterblichkeit, und sie
-werden Dir nichts antun.“ / Und ich sagte: „Ich werde tun, was
-Du willst, Hanske, mein Herzliebster.“ Und er umarmte mich und
-sagte dabei: „Du bist mein Weib.“ / „Ja,“ sprach ich. Und bei
-diesem süßen Worte glitt himmlische Wonne wie Balsam über
-meinen Leib. Er bekränzte mich mit Rosen und sagte: „Du bist
-schön.“ / Und ich sprach zu ihm: „Du bist auch schön, Hanske,
-mein Herzliebster, in deinen feinen Kleidern von grünem Sammet
-mit güldenen Borten, mit deiner langen Straußenfeder, die auf
-deinem Barett wallt, und deinem Antlitz, das bleich ist wie Meeresleuchten.
-Und wenn die Mädchen von Damm Dich sähen, so
-würden sie Dir alle nachlaufen und dein Herz begehren, doch Du
-mußt es nur mir geben, Hanske.“ / Er sprach: „Suche zu erfahren,
-welche am reichsten sind, ihr Vermögen wird Dein sein.“ Dann
-ging er von dannen und ließ mich zurück, nachdem er mir verboten,
-ihm zu folgen. Ich blieb stehen und ließ die zwei Karolus
-in meiner Hand klingen. Ich zitterte am ganzen Leibe und war
-schier erstarrt wegen des Nebels. Da sah ich einen Wolf mit
-grünem Gesicht und langen Schilfblättern in seinem weißen Fell
-die Uferböschung hinansteigen. Ich schrie. „Salz! Salz! Salz!“
-und machte das Zeichen des Kreuzes, aber das schien ihn nicht
-zu schrecken. Und ich lief aus allen Kräften und schrie, und er
-heulte, und ich hörte das Klappern seiner Zähne ganz nah bei
-mir und einmal ganz nah an meiner Schulter, daß ich glaubte,
-er würde mich packen. Doch ich lief schneller als er. Zum großen
-Glück stieß ich an der Ecke der Reiherstraße auf den Nachtwächter
-mit seiner Laterne. „Der Wolf, der Wolf!“ schrie ich.
-„Fürchte dich nicht,“ sprach der Nachtwächter, „ich werde dich
-nach Hause führen, irre Katheline.“ Und ich fühlte, daß seine
-Hand, die mich hielt, zitterte. Er hatte auch Furcht.“</p>
-
-<p>„Aber er hat wieder Mut gefaßt,“ sprach Nele. „Hörst Du ihn
-jetzt mit schleppender Stimme singen: „Hört Ihr Leute und laßt
-Euch sagen, die Glocke hat zehn geschlagen.“ Und er läßt seine
-Knarre schnarren.“</p>
-
-<p>„Nehmt das Feuer fort,“ sagte Katheline, „der Kopf brennt.
-Komm wieder, Hanske, mein Buhle.“</p>
-
-<p>Und Nele blickte Katheline an, und sie bat Unsere heilige Jungfrau,
-das Feuer des Wahnsinns von ihrem Haupte zu nehmen.
-Und sie weinte über sie.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>38</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In Bellem, an den Ufern des Brügger Kanals, begegneten Ulenspiegel
-und Lamm einem Reiter, der drei Hahnenfedern auf seinem
-Filzhut trug und in gestrecktem Galopp nach Gent ritt. Ulenspiegel
-trillerte wie eine Lerche, und der Reiter hielt an und
-antwortete mit Kreyants Trompetenstoß.</p>
-
-<p>„Bringst Du Zeitung, ungestümer Reiter?“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Hochwichtige Zeitung,“ sagte der Reiter. „Auf des Herrn von
-Chatillon Rat, der im Lande Frankreich Admiral ist, hat der
-Freiheitsprinz Befehl erteilt, Kriegsschiffe auszurüsten, ohngeachtet
-die, so in Emden und Ostfriesland schon bewaffnet sind.
-Die kühnen Männer, die diese Aufträge erhalten haben, sind
-Adrian de Berghes, Herr von Dohlhain, sein Bruder, Ludwig
-von Hennegau, der Baron de Montfaucon, Herr Ludwig van
-Brederode, Albert van Egmont, des Enthaupteten Sohn und
-kein Verräter wie sein Bruder, Berthel Enthens von Mentheda,
-der Friese, Adrian Menningh, Hemubyse, der hitzköpfige und
-stolze Genter, und Jan Brock.</p>
-
-<p>Der Prinz hat seine ganze Habe, mehr denn fünfzigtausend Gülden,
-hingegeben.“</p>
-
-<p>„Ich habe fünfhundert für ihn,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Tragt sie bis ans Meer,“ sagte der Reiter. Und er galoppierte
-von dannen.</p>
-
-<p>„Er gibt seine ganze Habe,“ sagte Ulenspiegel, „wir andern geben
-nur unsere Haut.“</p>
-
-<p>„Ist das denn nichts,“ sagte Lamm, „und werden wir immer
-nur von Plünderung und Metzelei reden hören? Die Orange ist
-zu Boden gefallen.“</p>
-
-<p>„Zu Boden gefallen wie die Eiche; aber aus der Eiche macht
-man Schiffe für die Freiheit!“</p>
-
-<p>„Zu seinem Nutzen,“ sprach Lamm. „Aber da wir nichts mehr
-zu befahren haben, laß uns wieder Esel kaufen. Ich marschiere
-gern sitzend und ohne an den Fußsohlen ein Glockenspiel zu
-haben.“</p>
-
-<p>„So laß uns Esel kaufen,“ sagte Ulenspiegel. „Diese Tiere sind
-leicht wieder los zu schlagen.“</p>
-
-<p>Sie gingen zu Markt und erstanden dort zwei schöne Esel mit
-Zaumzeug.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>39</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da sie Bein hier, Bein da ritten, kamen sie nach Oost-Camp, wo
-ein großer Wald ist, dessen Saum bis an den Kanal ging. Sie
-betraten ihn, um Schatten und liebliche Düfte zu finden, und
-sahen nichts andres, denn lange Waldwege, die in allen Richtungen
-nach Brügge, Gent, Süd- und Nord-Flandern führten.</p>
-
-<p>Unversehens sprang Ulenspiegel vom Esel.</p>
-
-<p>„Siehst Du dort nichts?“</p>
-
-<p>Lamm sagte: „Ja, ich sehe.“ Und zitternd: „Mein Weib, mein
-gutes Weib. Das ist sie, mein Sohn. Ha! Ich vermag nicht, zu
-ihr zu gehen. Sie so wiederzufinden!“</p>
-
-<p>„Worüber klagst Du?“ fragte Ulenspiegel. „So halb nackt ist sie
-schön, in dem Leibchen von geschlitzten Nesselleinen, welches das
-blühende Fleisch sehen läßt. Die da ist zu jung, sie ist nicht Deine
-Frau.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie ist es, mein Sohn; ich erkenne
-sie. Trag mich, ich kann nicht mehr gehen. Wer hätte das von
-ihr gedacht? So ohne Scham, als Zigeunerin gekleidet, zu tanzen!
-Ja, das ist sie; sieh ihre zierlichen Beine, ihre Arme, nackt bis
-zur Schulter, ihre runden, bräunlichen Brüste, die halb aus dem
-Nesselleibchen hervorsehen. Schau, wie sie mit der roten Fahne
-den großen Hund neckt, der danach springt.“</p>
-
-<p>„Das ist ein Zigeunerhund,“ sprach Ulenspiegel; „die Niederlande
-bringen dergleichen nicht hervor.“</p>
-
-<p>„Zigeuner ... ich weiß nicht ... Aber sie ist es. Ha! mein Sohn,
-Ich sehe nicht mehr hin. Sie streift ihre Hosen noch höher, um
-ihre runden Beine besser sehen zu lassen. Sie lacht, um ihre
-weißen Zähne zu zeigen, und schallend, um ihre wohlklingende
-Stimme hören zu lassen. Sie macht ihr Leibchen oben auf und
-wirft sich zurück. Ach, dieser Hals eines verliebten Schwanes,
-diese nackten Schultern, diese hellen kecken Augen! Ich laufe zu
-ihr!“</p>
-
-<p>Und er sprang vom Esel.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel hielt ihn fest.</p>
-
-<p>„Dies Mägdlein,“ sprach er, „ist nicht Deine Frau. Wir sind bei
-einem Zigeunerlager. Hüte Dich. Siehst Du den Rauch hinter
-den Bäumen? Hörst Du das Hundegebell? Halt! Da sind etliche,
-die uns ansehen und vielleicht bereit sind zu beißen. Wir
-wollen uns mehr im Dickicht verbergen.“</p>
-
-<p>„Ich verberge mich nicht,“ sagte Lamm. „Diese Frau ist die
-meine, eine Vlämin wie wir!“</p>
-
-<p>„Blinder Narr,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Blind, nein! Ich sehe wohl, wie sie halb nackend tanzt und
-lacht und den großen Hund neckt. Sie stellt sich, als sähe sie uns
-nicht. Aber sie sieht uns, gewißlich. Tyll, Tyll! Jetzt springt der
-Hund auf sie und wirft sie zu Boden, um die rote Fahne zu bekommen.
-Und sie fällt und stößt einen Klagelaut aus.“</p>
-
-<p>Und Lamm stürzte hastig hinzu und sprach zu ihr:</p>
-
-<p>„Mein Weib, mein Weib! Wo hast Du Dir weh getan, Liebchen?
-Warum lachest Du so ausgelassen? Deine Augen sind
-wild.“</p>
-
-<p>Und er umarmte und liebkoste sie und sprach:</p>
-
-<p>„Das Schönheitsmal, das Du unter der linken Brust hattest!
-Ich sehe es nicht. Wo ist es? Du bist nicht mein Weib! Großer
-Gott im Himmel!“</p>
-
-<p>Und sie hörte nicht auf zu lachen.</p>
-
-<p>Plötzlich rief Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Sieh Dich vor, Lamm.“</p>
-
-<p>Und sich umwendend, sah Lamm einen großen Mohren von
-Zigeuner vor sich stehen, mit hagerem Gesicht und braun wie
-Pfefferkuchen.</p>
-
-<p>Lamm hob seinen Spieß auf, stellte sich zur Wehr und schrie:</p>
-
-<p>„Zu Hilfe, Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel war mit seinem guten Degen zur Hand.</p>
-
-<p>Der Zigeuner sagte auf Hochdeutsch zu ihm:</p>
-
-<p>„Gebt mir Geld, einen Reichstaler oder zehn.“</p>
-
-<p>„Sieh“, sprach Ulenspiegel, „das Mägdlein geht laut lachend
-von dannen und dreht sich immerdar um, damit wir ihr nachfolgen.“</p>
-
-<p>„Gebt mir Geld“, sagte der Mann. „Bezahle deine Liebe. Wir
-sind arm und wollen Dir nichts antun.“</p>
-
-<p>Lamm gab ihm einen Karolus.</p>
-
-<p>„Welches Gewerbe treibst Du?“</p>
-
-<p>„Alle“, erwiderte der Zigeuner. „Da wir Meister in der Geschicklichkeit
-sind, vollführen wir wundersame und zauberische Künste.
-Wir spielen die Schellentrommel und tanzen ungarische Tänze.
-Und es ist mehr denn einer unter uns, der Käfige macht und
-Roste, die schönsten Kalbsrippen darauf zu braten. Aber alle
-Vlämen und Wallonen fürchten und vertreiben uns. Da wir
-nicht vom Erwerb leben können, leben wir von Raub, das ist,
-von Gemüsen, Fleisch und Geflügel, so wir dem Bauern nehmen
-müssen, da er sie uns nicht geben noch verkaufen will.“</p>
-
-<p>Lamm sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Woher kommt das Mägdlein, das so sehr meiner Frau
-gleicht?“</p>
-
-<p>„Sie ist unseres Häuptlings Tochter,“ sagte der Schwarze.</p>
-
-<p>Dann sprach er leise, wie einer, der sich fürchtet:</p>
-
-<p>„Sie wurde von Gott mit Liebestollheit geschlagen und weiß
-nichts von weiblicher Scham. Sobald sie einen Mann erblickt,
-wird sie lustig und toll und lacht unablässig. Sie spricht wenig,
-und lange hielt man sie für stumm. Nachts hockt sie trübsinnig
-am Feuer, manchmal weinend und ohne Ursache lachend und auf
-den Leib deutend, wo sie Schmerzen hat, sagt sie. Um die Mittagsstunde
-im Sommer nach der Mahlzeit ist ihre Tollheit am
-wildesten. Alsdann tanzt sie fast nackend in der Umgebung des
-Lagers. Sie will nur Kleidung aus Tüll und Nesseltuch tragen,
-und im Winter können wir sie nur mit großer Mühe in einem
-Mantel von Ziegenfell einhüllen.“</p>
-
-<p>„Aber,“ sprach Lamm, „hat sie nicht irgend einen Freund, der
-sie hindert, sich dergestalt dem Ersten Besten hinzugeben?“</p>
-
-<p>„Sie hat keinen,“ sagte der Mann, „denn die Reisenden, die sich
-ihr nähern und ihre irren Augen wahrnehmen, haben mehr
-Furcht vor ihr als Liebe. Dieser dicke Mann war kühn,“ sagte er,
-auf Lamm weisend.</p>
-
-<p>„Laß ihn reden, mein Sohn,“ versetzte Ulenspiegel. „Der Stockfisch
-spricht schlecht vom Walfisch. Welcher von beiden gibt das
-meiste Oel?“</p>
-
-<p>„Du hast heute Morgen eine scharfe Zunge,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel sagte, ohne ihn anzuhören, zum Zigeuner:</p>
-
-<p>„Was tut sie, wenn andere so kühn sind wie mein Freund Lamm?“</p>
-
-<p>Der Zigeuner antwortete traurig:</p>
-
-<p>„Alsdann hat sie Vergnügen und Gewinn. Die sie besitzen, bezahlen
-ihre Lust, und das Geld dient dazu, sie zu kleiden und
-auch für die Bedürfnisse der Greise und Frauen.“</p>
-
-<p>„Sie gehorcht also keinem?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>Der Zigeuner erwiderte:</p>
-
-<p>„Lassen wir denen, so Gott heimsucht, ihr Wollen. Er gibt derart
-seinen Willen kund. Solches ist unser Gesetz.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm gingen fürbaß. Und der Zigeuner kehrte
-ernst und stolz in sein Lager zurück. Und das Mägdlein tanzte
-mit ausgelassenem Lachen in der Lichtung.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>40</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Unterwegs nach Brügge sprach Ulenspiegel zu Lamm:</p>
-
-<p>„Wir haben eine große Summe Geldes ausgegeben, um Soldaten
-anzuwerben, die Büttel zu bestechen, die Zigeunerin zu beschenken
-und die unzähligen Ölkuchen zu bezahlen, die es Dir
-gefiel, unaufhörlich zu essen, anstatt ihrer einen zu verkaufen.
-Und trotz dem Begehren deines Bauches ist es an der Zeit, vernünftiger
-zu leben. Gib mir Dein Geld, ich werde die gemeinsame
-Börse aufheben.“</p>
-
-<p>„Tu das,“ sprach Lamm. „Doch laß mich nicht Hungers sterben,“
-sagte er, sie ihm reichend, „denn bedenke, groß und gewaltig wie
-ich bin, bedarf ich einer kräftigen und reichlichen Nahrung. Für
-Dich, der Du mager und schmächtig bist, ist es gut, von der
-Hand in den Mund zu leben, zu essen oder nicht zu essen, was
-Du findest, wie die Planken am Hafen, so von Luft und Wasser
-leben. Aber ich, den die Luft aushöhlt und der Regen heißhungrig
-macht, ich brauche andern Schmaus.“</p>
-
-<p>„Du sollst ihn haben, tugendhaften Fastenschmaus. Die bestgefüllten
-Wänste widerstehen da nicht; sie schrumpfen nach und
-nach ein und machen den schwersten Mann leicht. Und bald
-wird man ihn, weidlich entfettet, wie einen Hirsch laufen sehen,
-meinen zierlichen Lamm.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Lamm, „was wird künftig mein mageres Schicksal
-sein? Mich hungert, mein Sohn, und ich möchte zur Nacht essen.“</p>
-
-<p>Der Abend sank. Sie hielten ihren Einzug in Brügge durch
-das Genter Tor und zeigten ihre Pässe vor. Nachdem sie für
-sich selbst einen halben Sou und zwei für ihre Esel hatten bezahlen
-müssen, gingen sie in die Stadt. Lamm, der Worte Ulenspiegels
-gedenkend, schien tiefbetrübt.</p>
-
-<p>„Werden wir alsbald zur Nacht essen?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Sie stiegen in der „Meermin“, der „Seejungfer“ ab, die als
-Wetterfahne, ganz aus Gold, über dem Giebel der Herberge angebracht
-ist, führten ihre Esel in den Stall, und Ulenspiegel bestellte
-für sich und Lamm Nachtessen: Brot, Bier und Käse.</p>
-
-<p>Der Wirt lachte spöttisch, da er diese karge Kost auftrug. Lamm
-aß mit langen Zähnen und blickte voller Verzweiflung Ulenspiegel
-zu, der in das zu alte Brot und den zu jungen Käse hineinbiß,
-als wären es Fettammern gewesen. Und Lamm trank sein Dünnbier
-ohne Genuß. Ulenspiegel lachte, da er ihn so kläglich sah.
-Und es war noch jemand, so im Hofe der Herberge lachte und
-manchmal das Gesicht an den Fensterscheiben zeigte. Ulenspiegel
-sah, daß es ein Weib war, das sein Gesicht versteckte. In der
-Meinung, es sei irgend eine boshafte Magd, dachte er nicht mehr
-daran, und da er Lamm so blaß, traurig und bleich sah, wegen
-der vereitelten Begierden seines Magens, jammerte ihn sein und
-er gedachte, für seinen Gefährten einen Eierkuchen mit Blutwürsten,
-ein Gericht Rindfleisch mit Saubohnen oder irgend eine
-andere heiße Schüssel zu bestellen, als der Wirt eintrat, seinen
-Hut lüftete und sprach:</p>
-
-<p>„Wenn die Herren Reisenden ein besser Nachtmahl begehren, so
-müssen sie sprechen und sagen, was es sein soll.“</p>
-
-<p>Lamm riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und
-blickte Ulenspiegel mit banger Unruhe an.</p>
-
-<p>Dieser antwortete:</p>
-
-<p>„Wandernde Handwerker sind nicht reich.“</p>
-
-<p>„Es kommt gleich wohl vor,“ sprach der Wirt „daß ihnen nicht
-ihr ganzer Besitz bekannt ist.“ Und auf Lamm deutend: „Dies
-gute Vollmondsgesicht ist soviel wert wie zwei andere. Was beliebt
-den Herrschaften zu speisen und zu trinken? Ein Speck-Eierkuchen,
-heute frisch gedämpfte Choesels, ein Kapaun, der auf
-der Zunge zergeht, eine schöne, auf dem Rost gebratene Kalbsrippe
-mit einer Tunke von vier Gewürzen, Dobbel-knol aus Antwerpen,
-Dobbel-kuyt aus Brügge und Löwener Wein, nach Art
-des Burgunders gekeltert? Und ohne Bezahlung.“</p>
-
-<p>„Bringt alles,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Der Tisch ward alsogleich besetzt, und Ulenspiegel ergötzte sich
-daran, dem armen Lamm zuzusehen, der sich hungriger denn je
-auf den Eierkuchen, die Choesels, den Kapaun, den Schinken
-und die Kalbsrippen stürzte und Dobbel-knol und Dobbel-kuyt
-und Löwener Wein, auf burgundische Art gekeltert, maßweise in
-den Schlund goß.</p>
-
-<p>Als er nichts mehr essen konnte, schnob er vor Behagen wie ein
-Walfisch und ließ seine Blicke über den Tisch schweifen, um zu
-sehen, ob es nichts mehr zu beißen gäbe. Und er knusperte die
-Krumen.</p>
-
-<p>Weder Ulenspiegel noch er hatten das hübsche Lärvchen gesehen,
-das lächelnd durch die Scheibe blickte und im Hofe hin und
-wieder ging. Nachdem der Wirt Glühwein mit Zimmet und
-Madeirazucker gebracht hatte, tranken sie weiter. Und sie
-sangen.</p>
-
-<p>Als die Nachtstunde nahte, fragte der Wirt sie, ob sie ein jeder
-in ihr großes und schönes Gemach hinaufgehen wollten. Ulenspiegel
-entgegnete, daß ein kleines für beide genügte. Der Wirt
-versetzte:</p>
-
-<p>„Das habe ich nicht; Ihr sollt jeder, ohne zu zahlen, ein herrschaftliches
-Zimmer haben.“</p>
-
-<p>Und fürwahr, er führte sie in reich mit Hausrat und Teppichen
-versehene Gemächer. In Lamms Gemach stund ein großes Bett.
-Ulenspiegel, der wacker gezecht hatte und vor Schläfrigkeit umsank,
-ließ ihn zu Bett gehen und tat flugs desgleichen.</p>
-
-<p>Am andern Tage zur Mittagszeit trat er in Lamms Zimmer und
-sah ihn schlafen und schnarchen. Neben ihm lag ein zierliches
-Täschlein voll Geld. Er machte es auf und sah, daß es Goldkarolus
-und Silberstüver waren.</p>
-
-<p>Er schüttelte Lamm, um ihn aufzuwecken. Dieser kam aus dem
-Schlaf, rieb sich die Augen und unruhig umherblickend, sagte er:</p>
-
-<p>„Mein Weib, wo ist mein Weib?“</p>
-
-<p>Und auf eine leere Stelle neben sich im Bette deutend, sagte er:</p>
-
-<p>„Da war sie kurz zuvor.“</p>
-
-<p>Dann sprang er aus dem Bett und blickte wieder allenthalben
-umher, durchwühlte alle Ecken und Winkel der Zimmers, den
-Alkoven und die Schränke und sagte, mit dem Fuß stampfend:</p>
-
-<p>„Mein Weib, wo ist mein Weib?“</p>
-
-<p>Der Wirt kam bei dem Lärm herauf.</p>
-
-<p>„Taugenichts,“ sprach Lamm und packte ihn an der Kehle, „wo
-ist mein Weib, was hast Du mit meinem Weibe gemacht?“</p>
-
-<p>„Ungeduldiger Wanderer,“ sprach der Wirt, „Dein Weib?
-Welches Weib? Du bist allein gekommen. Ich weiß nichts.“</p>
-
-<p>„Ha, er weiß es nicht,“ sprach Lamm. „Er weiß es nicht,“ sprach
-er und durchstöberte abermals alle Ecken und Winkel des Gemachs.</p>
-
-<p>„Ach! Sie war da, diese Nacht, in meinem Bette wie zur Zeit
-unserer holden Liebe. Ja. Wo bist Du, Liebchen?“</p>
-
-<p>Und die Börse auf den Boden werfend:</p>
-
-<p>„Nicht Dein Geld brauch ich, sondern Dich, Deinen holden Leib,
-Dein gutes Herz, o, meine Geliebte! O Himmelsfreuden, Ihr
-kehrt nicht wieder. Ich hatte mich gewöhnt, Dich nicht mehr zu
-sehen, ohne Liebe zu leben, mein süßer Schatz. Und nunmehr verlässest
-Du mich, nachdem Du wieder zu mir gekommen warst.
-Ach ich will sterben. Ha! mein Weib, wo ist mein Weib?“</p>
-
-<p>Und auf dem Boden, auf den er sich geworfen, weinte er heiße
-Zähren. Dann riß er plötzlich die Tür auf und begann im Hemde
-in der ganzen Herberge und auf der Straße umherzulaufen und
-zu schreien:</p>
-
-<p>„Mein Weib, wo ist mein Weib?“</p>
-
-<p>Aber er kam bald zurück, denn die bösen Buben höhnten ihn
-und warfen ihn mit Steinen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel nötigte ihn sich anzukleiden und sprach zu ihm:
-„Sei nicht untröstlich. Du wirst sie wiedersehen, sintemal Du sie
-gesehen hast. Sie liebt Dich noch, da sie wieder zu Dir gekommen
-ist, denn ohne Zweifel war sie es, die das Nachtmahl
-und die fürnehmen Zimmer bezahlt hat und diesen vollen Säckel
-auf das Bett gelegt hat. Diese Metallspäne sagen mir, daß dies
-nicht die Tat einer Ungetreuen ist. Weine nicht mehr, und laß uns
-zur Verteidigung unseres Vaterlandes weiterziehen.“</p>
-
-<p>„Laß uns noch in Brügge bleiben,“ sprach Lamm, „ich will durch
-die ganze Stadt laufen und werde sie wiederfinden.“</p>
-
-<p>„Du wirst sie nicht wiederfinden, da sie sich vor Dir versteckt,“
-sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Lamm stellte den Wirt zur Rede, aber dieser wollte ihm nichts
-sagen.</p>
-
-<p>Und sie machten sich auf nach Damm.</p>
-
-<p>Während sie so wanderten, sprach Ulenspiegel zu Lamm:</p>
-
-<p>„Warum sagst Du mir nicht, wie Du sie diese Nacht bei Dir
-fandest und wie sie Dich verließ?“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß wir dem
-Fleisch, Bier und Wein alle Ehre angetan hatten und daß ich
-mit Mühe schnaufte, als wir zu Bett gingen. Ich trug eine
-Wachskerze wie ein fürnehmer Herr, um mir zu leuchten, und
-hatte den Leuchter auf eine Truhe gesetzt, um zu schlafen. Die
-Tür war halb offen geblieben, die Truhe war nahe dabei. Als
-ich mich auskleidete, blickte ich mein Bett voller Liebe und Sehnsucht
-nach Schlaf an. Die Wachskerze erlosch mit einem Mal.
-Ich vernahm etwas wie einen Hauch und ein Geräusch leichter
-Schritte in meiner Stube, aber maßen meine Schläfrigkeit größer
-war denn meine Furcht, fiel ich schwer ins Bett. Da ich im
-Einschlafen war, sprach eine Stimme, ihre Stimme, oh, mein
-Weib, mein armes Weib! sprach zu mir: „Hast Du gut gespeist,
-Lamm?“ Und ihre Stimme war mir nahe, desgleichen ihr Antlitz
-und ihr holder Leib.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>41</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am selbigen Tage war König Philipp schwermütiger denn sonst,
-denn er hatte zuviel Zuckergebäck gegessen. Er hatte auf seinem
-lebendigen Klavizimbal gespielt; das war eine Kiste, die Katzen
-enthielt, deren Köpfe durch runde Löcher unter den Tasten herauskamen.
-Jedesmal, wenn der König auf eine Taste schlug,
-traf diese die Katze mit einem Stachel, und das Tier miaute und
-jammerte vor Schmerz.</p>
-
-<p>Aber Philipp lachte nicht.</p>
-
-<p>Unablässig forschte er im Geiste, wie er Elisabeth, die große
-Königin, besiegen und Marie Stuart auf den Thron von England
-setzen könne. Zu dem Ende hatte er an den bedürftigen und
-verschuldeten Papst geschrieben; der Papst hatte geantwortet,
-daß er für dieses Unternehmen gern die heilgen Gefäße aus den
-Kirchen und die Schätze des Vatikans verkaufen würde.</p>
-
-<p>Aber König Philipp lachte nicht.</p>
-
-<p>Ridolfi, der Buhle der Königin Maria, welcher sie zu befreien,
-hernach zu heiraten und König von England zu werden hoffte,
-kam vor König Philipp, um mit ihm den Mord Elisabeths abzukarten.
-Aber er war ein solcher Schwätzer, wie der König
-schrieb, daß man von seiner Absicht ganz offen an der Börse von
-Antwerpen gesprochen hatte. Und der Mord unterblieb.</p>
-
-<p>Und Philipp lachte nicht.</p>
-
-<p>Später schickte der Blutherzog, den Befehlen des Königs zufolge,
-ein Paar Mörder nach England. Ihr Erfolg war, gehenkt
-zu werden.</p>
-
-<p>Und Philipp lachte nicht.</p>
-
-<p>Und also machte Gott den Ehrgeiz dieses Vampirs zu nichte,
-der nichts geringeres wollte, als Maria Stuart ihren Sohn zu
-rauben und an ihrer Statt mit dem Papst über England zu herrschen.
-Und der Mörder erboste sich, dies edle Land groß und
-mächtig zu sehen. Unablässig richtete er seine farblosen Augen dahin
-und suchte, wie er es verderben möchte, um danach über die
-Welt zu herrschen, die Reformierten auszurotten, sonderlich die
-Reichen, und die Güter der Opfer zu erben.</p>
-
-<p>Aber er lachte nicht.</p>
-
-<p>Man brachte ihm Mäuse und Ratten in einem eisernen Kasten,
-mit hohen Rändern, an einer Seite offen; und er setzte den Boden
-des Kastens auf ein starkes Feuer und ergötzte sich daran, zu
-sehen und zu hören, wie die armen Tierlein sprangen, schrieen,
-ächzten und starben.</p>
-
-<p>Aber er lachte nicht.</p>
-
-<p>Dann ging er bleich und mit zitternden Händen in die Arme der
-Prinzessin Eboli, um die Glut der Wollust, an der Fackel der
-Grausamkeit entzündet, zu löschen.</p>
-
-<p>Und er lachte nicht.</p>
-
-<p>Und die Prinzessin Eboli empfing ihn aus Furcht und nicht aus
-Liebe.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>42</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer.
-Die Bäume am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen
-blieben in den Wiesen, dieweil die Dienstleute der Kirchen und
-Abteien auf die Felder kamen, um für die Pfarrer und Äbte den
-Dreizehnten von der Ernte zu holen. Vom blauen, glühenden und
-tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab, und die Natur
-schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes Mädchen,
-das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist. Die
-Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um
-nach den Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten,
-derweil die Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln
-ihnen ihre Beute streitig machten. Vom Boden stieg ein warmer
-Dunst auf, der im Licht glänzte und schillerte. Hoch vom Turm
-verkündete der Glöckner von Damm durch eine gesprungene
-Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und die
-Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die
-Frauen schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre
-Brüder oder Männer mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und
-man sah ihre roten Kappen über den Heuhaufen. In der Ferne
-ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm der Frauenkirche
-hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach:</p>
-
-<p>„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel antwortete nicht.</p>
-
-<p>„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht
-mein Weib wiedersehen.“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel antwortete nicht.</p>
-
-<p>„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts
-Dich ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit
-verbrachtest, noch die teuren Schatten des armen Klas und der
-armen Soetkin, der beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig
-noch fröhlich; was hat Dir also das Herz ausgedörrt? Sieh
-mich an, wie bang und unruhig ich bin, und wie ich trotz meines
-Wanstes hüpfe; sieh mich....“</p>
-
-<p>Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und
-das Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm.</p>
-
-<p>Und Lamm schwieg.</p>
-
-<p>So wanderten sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damm.
-Sie zogen durch die Reiherstraße ein und sahen keine Seele wegen
-der Hitze. Die Hunde lagen vor den Türschwellen mit heraushängender
-Zunge auf der Seite und gähnten. Lamm und Ulenspiegel
-schritten bis zum Rathaus, davor Klas war verbrannt
-worden. Ulenspiegels Lippen zitterten noch mehr, und seine
-Tränen versiegten. Sie kamen vor Klasens Haus, das ein
-Kohlenhändler bewohnte. Er trat ein und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Erkennest Du mich? Ich will mich hier ausruhen.“</p>
-
-<p>Der Kohlenhändler antwortete:</p>
-
-<p>„Ich erkenne Dich, Du bist der Sohn des Geopferten. Geh in
-diesem Hause, wohin Du willst.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging in die Küche, dann in Klasens und Soetkins
-Kammer und weinte dort.</p>
-
-<p>Als er wieder hinuntergestiegen war, sprach der Kohlenhändler
-zu ihm:</p>
-
-<p>„Hier ist Brot, Käse und Bier. So Du Hunger hast, iß; so Du
-Durst hast, trinke.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel winkte mit der Hand, daß er weder Hunger noch
-Durst habe.</p>
-
-<p>Dann ging er mit Lamm, der rittlings auf seinem Esel saß, dieweil
-Ulenspiegel den seinen am Halfter führte.</p>
-
-<p>Sie kamen zu Kathelines Hütte, banden ihre Esel an und traten
-ein. Es war Essenszeit. Auf dem Tisch standen grüne Bohnen
-in der Schale, mit großen weißen Bohnen gemischt. Katheline
-aß. Nele stand neben ihr und wollte just eine Essigtunke, die sie
-vom Feuer genommen, in Kathelines Napf gießen.</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel eintrat, erschrak sie so, daß sie den Topf mitsamt
-der Tunke in Kathelines Napf warf. Diese begann kopfschüttelnd
-die Bohnen um den Topf aufzusuchen, schlug sich gegen die
-Stirn und sagte wie eine Irre:</p>
-
-<p>„Nehmt das Feuer fort! Der Kopf brennt!“</p>
-
-<p>Der Geruch des Essigs machte Lamm hungrig.</p>
-
-<p>Ulenspiegel blieb stehen und blickte Nele an. Er lächelte liebevoll
-inmitten seiner großen Trübsal.</p>
-
-<p>Und Nele legte ihre Arme um seinen Hals, ohne ihm ein Wort zu
-sagen. Auch sie schien närrisch; sie weinte und lachte und errötete
-vor großer, süßer Wonne; sie sagte nur immerfort: „Tyll,
-Tyll!“ Ulenspiegel betrachtete sie gücklich. Dann ließ sie ihn los,
-trat ein wenig zurück, schaute ihn freudig an, stürzte ihm wieder
-entgegen und umhalste ihn stürmisch, und so etliche Male. Er
-umfaßte sie glückselig und konnte sich nicht von ihr trennen, bis
-sie auf einen Stuhl sank, matt und wie von Sinnen; und sie
-sagte ohne Scheu:</p>
-
-<p>„Tyll, Tyll, mein Geliebter, da bist Du wieder!“</p>
-
-<p>Lamm stand an der Tür. Als Nele sich beruhigt hatte, sagte sie,
-auf ihn deutend:</p>
-
-<p>„Wo hab’ ich diesen dicken Mann gesehen?“</p>
-
-<p>„Das ist mein Freund,“ sagte Ulenspiegel. „Er begleitet mich
-und sucht seine Frau.“</p>
-
-<p>„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der
-Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge
-gesehen, allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich
-sie gefragt hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen
-habe, antwortete sie mir:</p>
-
-<p>„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen
-Buße; aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“</p>
-
-<p>Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit
-Essig an. Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor
-und die erschlaffte Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und
-Katheline stach mit ihrem Löffel rund um den Topf nach den
-weißen Bohnen, den grünen Schoten und der Tunke.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>43</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Zur selbigen Zeit ging ein fünfzehnjähriges Mägdlein allein bei
-hellem Tage durch die Dünen von Heyst nach Knokke. Niemand
-sorgte sich um sie, denn man wußte, daß die Werwölfe und die
-bösen, verdammten Seelen nur bei Nacht beißen. In einem
-Beutel trug sie achtundvierzig Silbersous, die vier Karolusgülden
-wert waren, welche ihre Mutter, Toria Pieterson, zu
-Heyst wohnhaft, ihrem Ohm, Jan Rapen zu Knokke, von einem
-Verkauf her schuldete. Das Mägdlein, Betkin genannt, ging,
-mit ihren schönsten Kleidern angetan, frohgemut von dannen.</p>
-
-<p>Am Abend besorgte sich ihre Mutter, da sie nicht heim kam.
-Doch sie gedachte, daß sie bei ihrem Oheim genächtigt hätte, und
-beruhigte sich.</p>
-
-<p>Am folgenden Tag zogen Fischer, die mit vollen Netzen vom
-Meere zurückkamen, ihr Boot auf den Strand und luden ihre
-Fische auf Wagen, um sie wagenweise nach dem Stadtrecht von
-Heyst zu verganten. Sie stiegen den mit Muscheln besäeten
-Pfad hinan und fanden auf der Düne ein nacktes ausgeplündertes
-Mädchen, selbst des Hemdes entblößt; um sie her war Blut.
-Da sie nahe kamen, sahen sie an ihrem armen, gebrochenen
-Halse die Spuren langer, spitzer Zähne. Sie lag auf dem Rücken,
-und ihre Augen waren offen und blickten gen Himmel, und der
-Mund war gleicherweise offen, als ob sie in Todesangst schreien
-wollte!</p>
-
-<p>Sie bedeckten des Mägdleins Leichnam mit einem Oberkleid und
-trugen ihn nach Heyst ins Rathaus. Alsobald versammelten sich
-die Schöffen und der Wundarzt, welcher erklärte, das diese langen
-Zähne nicht Wolfszähne wären, wie die Natur sie macht,
-sondern die eines schlimmen und höllischen Werwolfs, und daß
-man Gott bitten müsse, das Land Flandern zu erlösen.</p>
-
-<p>Und in der ganzen Grafschaft, sonderlich in Damm, Heyst und
-Knokke, wurden Fürbitten und Gebete angeordnet. Und das
-Volk stand wehklagend in den Kirchen.</p>
-
-<p>In der Heyster Kirche, in der des Mägdleins Leiche ausgestellt
-war, weinten die Männer und Weiber beim Anblick ihres blutigen,
-zerrissenen Halses. Und die Mutter sagte in der Kirche:
-„Ich will zum Werwolf gehen und ihn mit den Zähnen töten.“</p>
-
-<p>Und die Frauen trieben sie weinend an, solches zu tun. Und etliche
-sagten:</p>
-
-<p>„Du wirst nicht wiederkehren.“</p>
-
-<p>Und sie machte sich mit ihrem Mann und ihren beiden wohlbewaffneten
-Brüdern auf, den Wolf in Strand, Düne und Tal zu
-suchen, aber sie fanden ihn nicht. Und ihr Mann mußte sie nach
-Hause bringen, denn sie hatte sich in der nächtlichen Kälte das
-Fieber geholt. Und sie wachten bei ihr und flickten die Netze
-für den nächsten Fischzug.</p>
-
-<p>In Erwägung, daß der Werwolf ein Tier ist, so von Blut lebt
-und nicht die Toten plündert, sagte der Amtmann von Damm,
-daß ohne Zweifel Diebe, die durch die Dünen streiften, diesem
-ihres ungerechten Vorteils wegen nachgingen. Darum ließ er
-durch öffentliches Ausschellen bekannt machen, daß männiglich
-wohl bewaffnet und mit Knütteln versehen auf alle Bettler und
-Tagediebe losgehen, sie gefangen nehmen und visitieren solle, ob
-sie in ihren Taschen Goldkarolus oder das eine und andre Stück
-von der Kleidung des Opfers hätten. Hernach sollten die rüstigen
-Bettler und Tagediebe auf des Königs Galeeren gebracht werden,
-die alten und bresthaften aber solle man laufen lassen. Aber man
-fand nichts.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging zum Amtmann und sprach:</p>
-
-<p>„Ich will den Werwolf umbringen.“</p>
-
-<p>„Wer gibt Dir Zuversicht?“ fragte der Amtmann.</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel.
-„Gebt mir Erlaubnis, in der Gemeindeschmiede zu arbeiten.“</p>
-
-<p>„Du magst es tun,“ sprach der Amtmann.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte keinem aus Damm, weder Mann noch Weib,
-ein Wort über seinen Anschlag, ging nach der Schmiede und
-schmiedete dort insgeheim eine schöne und große Falle, um wilde
-Tiere zu fangen.</p>
-
-<p>Am folgenden Samstag, dem Lieblingstage des Werwolfs,
-machte Ulenspiegel sich auf. Er trug einen Brief des Amtmanns
-an den Pfarrer von Heyst und die Falle unter seinem
-Mantel. Im Übrigen war er mit einer guten Armbrust und
-einem wohlgewetzten Dolchmesser bewehrt und sprach zu Denen
-von Damm:</p>
-
-<p>„Ich will Möwen jagen und aus ihren Daunen der Frau Amtmännin
-Kopfkissen machen.“</p>
-
-<p>Auf dem Wege nach Heyst kam er auf den Strand und hörte die
-hohle See große Wogen mit Donnergebrüll rollen; und der Wind,
-der von Engelland blies, heulte im Tauwerk der gescheiterten
-Schiffe. Ein Fischer sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Dieser böse Wind ist unser Schade. Diese Nacht war das Meer
-still, aber nach Sonnenaufgang hat es sich jählings empört.
-Wir können nicht zum Fischfang hinaus.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel war froh, denn er war solcherart sicher, in der Nacht
-Hülfe zu finden, wenn es not tat.</p>
-
-<p>In Heyst ging er zum Pfarrer und gab ihm des Amtmanns
-Brief.</p>
-
-<p>Der Pfarrer sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du bist kühn, allein wisse, daß keiner am Samstag Abend allein
-durch die Dünen geht, der nicht gebissen und tot auf dem Sande
-gelassen wird. Die Deicharbeiter und andere wollen nur in Scharen
-gehen. Der Abend sinkt. Hörst Du den Werwolf im Tal
-heulen? Wird er wiederum, wie in der verwichenen Nacht, auf
-dem Kirchhof die ganze Nacht entsetzlich schreien? Gott sei
-mit Dir, mein Sohn, aber geh nicht dorthin.“</p>
-
-<p>Und der Pfarrer bekreuzte sich.</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Der Pfarrer sagte:</p>
-
-<p>„Dieweil Du so tapferen Willen hast, will ich Dir beistehen.“</p>
-
-<p>„Herr Pfarrer,“ sprach Ulenspiegel, „Ihr tätet an mir und dem
-armen, untröstlichen Lande ein löbliches Werk, wenn Ihr zu
-Toria, des Mädchens Mutter, und desgleichen zu ihren beiden
-Brüdern ginget, um ihnen zu sagen, daß der Wolf in der Nähe
-ist und daß ich ihn erwarten und töten will.“</p>
-
-<p>Der Pfarrer sagte:</p>
-
-<p>„Wenn Du noch nicht weißt, auf welchem Wege Du Dich aufstellen
-sollst, so halte Dich auf dem, der zum Kirchhof führt. Er ist
-zwischen zwei Ginsterhecken, nicht breit genug für zwei Männer.“</p>
-
-<p>„Ich werde mich dort aufstellen,“ versetzte Ulenspiegel. „Und
-Ihr, wackerer Herr Pfarrer, Helfer bei der Befreiung, befehlt
-und gebietet der Mutter des Mägdleins, ihrem Mann und ihren
-Brüdern, sich vor der Nachtstunde wohlbewaffnet in der Kirche
-einzufinden. Wenn sie den Schrei der Möwe hören, so heißt das,
-daß ich den Werwolf gesehen habe. Sie müssen sogleich die
-Sturmglocke läuten und mir zu Hülfe kommen. Und wenn noch
-andere tapfere Männer da sind ...?“</p>
-
-<p>„Es sind keine da, mein Sohn,“ antwortete der Pfarrer. „Die
-Fischer fürchten den Werwolf mehr als Pest und Tod. Aber geh
-nicht hin.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen.“</p>
-
-<p>Drauf sprach der Pfarrer:</p>
-
-<p>„Ich werde tun, wie Du begehrst. Sei gesegnet. Hast Du
-Hunger oder Durst?“</p>
-
-<p>„Beides,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.</p>
-
-<p>Der Pfarrer gab ihm Bier, Brot und Käse.</p>
-
-<p>Ulenspiegel trank, aß und machte sich auf den Weg.</p>
-
-<p>Unterwegs, da er die Augen aufhob, sah er seinen Vater Klas
-in der Herrlichkeit zur Seite Gottes im Himmel, wo der helle
-Mond schien, und er betrachtete das Meer und die Wolken, und
-er hörte den Sturmwind von Engelland wehen.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach er, „Ihr schwarzen, raschen Wolken, Ihr seid
-wie die Rache auf den Fersen des Mordes. Du grollendes
-Meer, Du Himmel, der sich schwärzt wie der Höllenschlund, Ihr
-Wogen mit feurigem Schaum, die Ihr über das düstere Wasser
-laufet und ungeduldig und zornig zahllose feurige Tiere, Ochsen,
-Schafe, Pferde und Schlangen schleudert, so sich über die Flut
-wälzen oder sich emporrecken und Flamenregen speien, pechschwarzes
-Meer, schwarzumflorter Himmel, flammt mit mir, den Werwolf,
-den schlimmen Mädchenmörder, zu bekämpfen. Und Du
-Wind, der Du kläglich im Dünengras und im Takelwerk der
-Schiffe heulst, Du bist die Stimme der Opfer, die Gott um
-Rache anrufen, der mir bei diesem Unterfangen beistehen möge.“</p>
-
-<p>Und er stieg in das Tal hinab und schwankte auf seinen Naturstützen,
-als ob er ein Saufgelage im Kopf und den Magen mit
-Kohl überladen hätte. Und er sang rülpsend, taumelnd und
-spuckend, stand still und stellte sich, als ob er sich erbräche. Aber
-in Wahrheit machte er die Augen auf, um alles um sich her wohl
-zu betrachten, als er plötzlich ein gellendes Geheul hörte und
-beim Schein des hellen Mondes die lange Gestalt eines Wolfes
-gegen den Kirchhof laufen sah.</p>
-
-<p>Wiederum taumelnd, trat er auf den Fußsteig, der zwischen den
-Ginsterbüschen gebahnt war. Dort tat er, als ob er fiele, und
-stellte die Falle nach der Seite auf, von wo der Wolf kam, lud
-seine Armbrust und ging zehn Schritt weiter in der Haltung
-eines Trunkenen, immerdar taumelnd, rülpsend und würgend.
-Aber in Wahrheit spannte er seinen Geist wie einen Bogen und
-hielt Augen und Ohren weit offen.</p>
-
-<p>Und er sah nichts als die Wolkengebilde, die wie toll über den
-Himmel jagten, und eine breite, dicke, kurze, schwarze Gestalt,
-die auf ihn zukam. Und er vernahm nichts als das klagende
-Heulen des Windes, das Donnergrollen des Meeres und das
-Knirschen der Muscheln des Meeres unter einem schweren, springenden
-Schritt.</p>
-
-<p>Er tat, als wollte er sich setzen, und fiel schwer wie ein Trunkenbold
-auf den Weg. Und er spie aus.</p>
-
-<p>Dann hörte er zwei Schritte von seinem Ohr ein Klirren von
-Eisenwerk, dann das Zuklappen der Falle und den Schrei eines
-Menschen.</p>
-
-<p>„Der Werwolf hat seine Vorderpfoten in der Falle,“ sprach er.
-„Er erhebt sich heulend, schüttelt das Eisen und möchte laufen.
-Aber er wird nicht entkommen.“</p>
-
-<p>Und er schoß ihm mit der Armbrust einen Bolzen in die Beine.</p>
-
-<p>„Jetzt fällt er getroffen zu Boden.“</p>
-
-<p>Und er schrie wie eine Möwe.</p>
-
-<p>Plötzlich läutete die Kirchenglocke Sturm und eine helle Knabenstimme
-rief im Dorfe:</p>
-
-<p>„Erwacht, Ihr Schläfer, der Werwolf ist gefangen.“</p>
-
-<p>„Lob sei Gott,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Toria, Betkins Mutter, Lansaem, ihr Mann, Josse und Michiel,
-ihre Brüder, kamen zuerst mit Laternen.</p>
-
-<p>„Ist er gefangen?“ fragten sie.</p>
-
-<p>„Schaut auf den Weg,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Gott sei gelobt!“ sagten sie.</p>
-
-<p>Und sie bekreuzten sich.</p>
-
-<p>„Wer läutet da?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Lansaem antwortete:</p>
-
-<p>„Das ist mein Ältester; der Jüngste läuft durch das Dorf, pocht
-an die Türen und ruft, daß der Wolf gefangen ist. Dir sei Lob
-und Dank!“</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Plötzlich redete der Werwolf und sprach:</p>
-
-<p>„Hab Erbarmen mit mir, Erbarmen, Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>„Der Wolf spricht,“ sagten sie, sich alle bekreuzend. „Er ist ein
-Teufel und kennt schon Ulenspiegels Namen.“</p>
-
-<p>„Hab Erbarmen, Erbarmen,“ sagte die Stimme. „Heiße die
-Glocke schweigen; sie läutet für die Toten. Erbarmen, ich bin
-kein Wolf. Meine Handgelenke sind von der Falle durchbohrt;
-ich bin alt und blute, Erbarmen! Was ist das für eine helle
-Kinderstimme, die das Dorf aufweckt? Erbarmen!“</p>
-
-<p>„Dich hört ich schon früher sprechen“, sagte Ulenspiegel ungestüm.
-„Du bist der Fischhändler, Klasens Mörder, der Vampir der
-armen Mägdlein. Gevatter und Gevatterinnen, habet keine
-Furcht. Es ist der Älteste, der nämliche, durch den Soetkin vor
-Kummer starb.“</p>
-
-<p>Und mit der einen Hand hielt er ihn am Hals unterm Kinn, mit
-der andern zog er sein Dolchmesser.</p>
-
-<p>Aber Toria, Betkins Mutter, hielt ihn zurück.</p>
-
-<p>„Fangt ihn lebendig,“ schrie sie.</p>
-
-<p>Und sie riß ihm seine weißen Haare in Büscheln aus und zerfleischte
-sein Gesicht mit ihren Nägeln.</p>
-
-<p>Und sie heulte vor grimmer Wut.</p>
-
-<p>Mit den Händen in der Falle, sprang der Werwolf vor heftigem
-Schmerz auf dem Wege herum.</p>
-
-<p>„Erbarmen,“ sprach er, „Erbarmen, bringt dies Weib fort. Ich
-werde zwei Karolus geben. Zerbrecht die Glocken! Wo sind die
-schreienden Kinder?“</p>
-
-<p>„Lasset ihn am Leben!“ schrie Toria, „damit er büßt! Die
-Sterbeglocken, die Sterbeglocken für Dich, Mörder. Bei langsamen
-Feuer mit glühenden Zangen! Laßt ihn leben, damit
-er büßt!“</p>
-
-<p>Inzwischen hatte Toria ein Waffeleisen mit langen Armen vom
-Weg aufgehoben. Sie betrachtete es beim Fackelschein und sah
-innen auf den beiden Eisenplatten tief eingegrabene Rauten nach
-Brabanter Art; des Weiteren war es wie ein eiserner Rachen
-mit langen, spitzen Zähnen versehen. Wenn sie es öffnete, war es
-wie der Rachen ein Windspiels.</p>
-
-<p>Da Toria das Waffeleisen hielt, es auf und zu klappte und das
-Metall klirren ließ, schien sie von männlicher Raserei betört.
-Sie knirschte mit den Zähnen, röchelte wie eine Sterbende und
-ächzte, gepeinigt von glühendem Rachedurst. Sie quetschte den
-Gefangenen mit dem Gerät an den Armen, Beinen und überall,
-in Sonderheit aber am Halse, und allemal, wenn sie ihn quetschte,
-sagte sie:</p>
-
-<p>„So tat er mit den eisernen Zähnen bei Betkin. Er büßt. Blutest
-Du, Mörder? Gott ist gerecht. Die Sterbeglocken! Betkin
-ruft mich zur Rache. Fühlst Du die Zähne, das ist Gottes
-Rachen!“</p>
-
-<p>Und ohne Unterbrechung noch Erbarmen quetschte sie ihn und
-schlug ihn mit dem Waffeleisen, wenn sie nicht quetschen konnte.
-Und ihrer großen Ungeduld halber tötete sie ihn nicht.</p>
-
-<p>„Übt Barmherzigkeit“, schrie der Gefangene. „Ulenspiegel, erstich
-mich mit dem Messer, dann sterb’ ich schneller. Nehmt dies
-Weib fort. Zerbrich die Totenglocken, töte die schreienden
-Kinder.“</p>
-
-<p>Und Toria zerhackte ihn immerfort, bis ein alter Mann, der
-Mitleid hatte, ihr das Waffeleisen aus den Händen nahm.</p>
-
-<p>Da spie Toria den Werwolf ins Gesicht, riß ihm die Haare aus
-und sagte dabei: „Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen
-wirst Du büßen! Meine Nägel an Deine Augen!“</p>
-
-<p>Auf das Gerücht hin, daß der Werwolf ein Mensch und kein
-Teufel sei, waren derweil alle Fischer, Bauern und Weiber von
-Heyst herbeigekommen. Etliche trugen Laternen und brennende
-Fackeln. Und alle schrieen:</p>
-
-<p>„Mörderischer Dieb, wo verbirgst Du das Gold, das Du den
-armen Opfern stahlest? Er soll alles herausgeben.“</p>
-
-<p>„Ich habe keins; habt Erbarmen,“ sagte der Fischhändler.</p>
-
-<p>Und die Weiber warfen ihn mit Steinen und Sand.</p>
-
-<p>„Er büßt, er büßt!“ schrie Toria.</p>
-
-<p>„Erbarmen“, ächzte er. „Mein Blut fließt und durchnäßt mich.
-Erbarmen!“</p>
-
-<p>„Dein Blut,“ sprach Toria. „Dir wird noch genug verbleiben,
-um zu büßen. Legt Balsam auf seine Wunden. Mit abgehauener
-Hand, bei langsamen Feuer und glühenden Zangen soll er büßen,
-büßen!“ Und sie wollte ihn schlagen.</p>
-
-<p>Dann fiel sie bewußtlos, wie tot, auf den Sand; und man ließ
-sie liegen, bis sie wieder zu sich kam.</p>
-
-<p>Indessen hatte Ulenspiegel die Hände des Gefangenen aus der
-Falle losgemacht und sah, daß an der rechten Hand drei Finger
-fehlten.</p>
-
-<p>Und er befahl, ihn festzubinden und in einen Fischerkorb zu legen.
-Männer, Weiber und Kinder trugen abwechselnd den Korb.
-So zogen sie nach Damm, um dort Gerechtigkeit zu fordern. Und
-sie trugen Fackeln und Laternen.</p>
-
-<p>Und der Fischhändler sagte unaufhörlich: „Zerschlagt die Glocken,
-tötet die schreienden Kinder!“</p>
-
-<p>Und Toria sagte: „Er soll büßen, bei langsamen Feuer und
-glühenden Zangen soll er büßen.“</p>
-
-<p>Dann waren alle beide still. Und Ulenspiegel hörte nichts mehr
-als Torias stoßweises Atmen, den schweren Tritt der Männer
-auf dem Sand und das Meer, das wie Donner grollte.</p>
-
-<p>Und Trauer im Herzen, betrachtete er die Wetterwolken, die
-wie toll über den Himmel jagten, die See, auf der man feurige
-Schafe erblickte, und beim Schimmer der Fackeln und Laternen
-das fahle Gesicht des Fischhändlers, der ihn mit grausamen
-Augen ansah.</p>
-
-<p>Und die Asche brannte auf seinem Herzen.</p>
-
-<p>Und vier Stunden lang marschierten sie bis Damm, allwo das
-Volk in Menge versammelt war, denn man hatte schon Kunde
-erhalten. Alle wollten den Fischhändler sehen, und schreiend,
-singend und tanzend, folgten sie der Fischerschar und sagten:</p>
-
-<p>„Der Werwolf ist gefangen, er ist gefangen, der Mörder! Gesegnet
-sei Ulenspiegel. Lang lebe unser Bruder Ulenspiegel!“</p>
-
-<p>Und es war wie ein Volksaufstand.</p>
-
-<p>Da sie vor des Amtmanns Haus kamen, trat dieser heraus und
-sagte zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Du bist der Sieger. Dir sei Lob und Dank!“</p>
-
-<p>„Klasens Asche brannte auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Darauf sprach der Amtmann:</p>
-
-<p>„Du sollst die halbe Erbschaft des Mörders haben.“</p>
-
-<p>„Gebet den Opfern,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Lamm und Nele kamen. Nele lachte und weinte vor Freude und
-küßte ihren Freund Ulenspiegel. Lamm sprang schwerfällig in
-die Luft, klopfte ihm auf den Bauch und sagte:</p>
-
-<p>„Dieser ist tapfer, treu und rechtschaffen. Er ist mein lieber Geselle;
-Ihr habt nicht seines Gleichen, Ihr Leute vom platten
-Lande.“</p>
-
-<p>Aber die Fischer lachten und spotteten seiner.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>44</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Sturmglocke läutete am nächsten Tage, um Amtmann,
-Schöffen und Gerichtsschreiber zur „Vierschare“ zu rufen: zum
-Gericht auf den vier Rasenbänken unter dem Gerichtsbaum,
-welcher eine schöne Linde war. Ringsum stund das gemeine
-Volk. Der Fischhändler wollte im Verhör nichts bekennen, selbst
-nicht, als man ihm die drei Finger vorwies, die der Soldat abgeschnitten
-hatte und die an seiner rechten Hand fehlten. Er
-sagte immerdar:</p>
-
-<p>„Ich bin arm und alt, übt Barmherzigkeit.“</p>
-
-<p>Doch das gemeine Volk höhnte ihn und sprach:</p>
-
-<p>„Du bist ein alter Wolf, ein Kinderschlächter; habt kein Mitleid,
-Ihr Herren Richter.“</p>
-
-<p>Die Weiber sagten:</p>
-
-<p>„Sieh uns nicht mit Deinen kalten Augen an, Du bist ein Mensch
-und kein Teufel. Wir fürchten Dich nicht. Grausame Bestie,
-feiger als eine Katze, die die Vöglein im Neste verspeist, Du
-tötest die armen Mägdlein, die ihr zartes Leben in Ehrbarkeit
-zu leben begehrten.“</p>
-
-<p>„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen“,
-schrie Toria.</p>
-
-<p>Und den Gemeindebütteln zum Trotz hetzten die Mütter die
-Buben auf, den Fischhändler mit Steinen zu werfen. Und sie
-taten es gern, höhnten ihn jedesmal, wenn er sie ansah, und
-schrieen immerfort: „Blutsauger, schlagt ihn tot!“</p>
-
-<p>Und Toria schrie ohne Unterlaß:</p>
-
-<p>„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen!“</p>
-
-<p>Und das Volk murrte.</p>
-
-<p>„Sehet,“ sprachen die Weiber untereinander „wie es ihn friert
-in der hellen Sonne, die am Himmel leuchtet und bescheint seine
-weißen Haare und sein Gesicht, das Toria zerfleischt hat.“</p>
-
-<p>„Und er zittert vor Schmerz.“</p>
-
-<p>„Das ist Gottes Gericht.“</p>
-
-<p>„Er steht mit kläglicher Miene da.“</p>
-
-<p>„Seht seine Mörderhände! Sie sind ihm vorn zusammengebunden
-und bluten von den Wunden der Falle.“</p>
-
-<p>„Er soll büßen, büßen!“ schrie Toria.</p>
-
-<p>Er sagte jammernd: „Ich bin arm, laßt mich frei!“</p>
-
-<p>Und jeder, selbst die Richter, lachten ihn aus, als sie das hörten.
-Er weinte zum Schein, um Mitleid zu erregen. Und die Frauen
-lachten.</p>
-
-<p>In Anbetracht hinlänglicher Beweise ward er verurteilt, auf die
-Folter gespannt zu werden, bis er bekannt hätte, wie er zu töten
-pflegte, woher er gekommen, wo das den Opfern geraubte Gut
-sei und wo er sein Gold versteckt hätte.</p>
-
-<p>Da er in der Marterkammer war, mit zu engen Stiefeln aus
-neuem Leder angetan, und der Amtmann ihn fragte, wie Satan
-ihm so schwarze Anschläge und so schändliche Verbrechen eingegeben
-habe, antwortete er:</p>
-
-<p>„Ich selbst bin Satan, mein natürlich Wesen. Von häßlichem
-Aussehen und zu allen körperlichen Übungen ungeschickt, ward
-ich schon als ein kleines Kind von jedermann für einen Tropf
-gehalten und oftmals geschlagen. Nicht Knabe noch Mägdlein
-hatte Mitleid mit mir. In meiner Jugend wollte mich keine,
-selbst nicht für Geld. Da faßte ich kalten Haß gegen alle vom
-Weibe geborne Kreatur. Darum zeigte ich Klas an, den jedermann
-liebte. Und ich liebte einzig das Geld, das war meine
-weiße oder goldene Geliebte; ich fand Nutzen und Vergnügen
-daran, Klas in den Tod zu treiben. Hernach mußte ich noch
-mehr als zuvor gleich einem Wolf leben, und ich träumte vom
-Beißen. Als ich durch Brabant kam, sah ich dort die Waffeleisen
-dieses Landes und dachte, daß ihrer eins mir ein guter
-eiserner Rachen sein würde. Hielte ich Euch doch am Kragen,
-Ihr bösen Tiger, die Ihr Euch an den Qualen eines Greises
-ergötzt! Ich würde Euch mit größerer Lust beißen als den
-Soldaten und das Mägdlein. Denn da ich es in seinem Liebreiz
-auf dem Sande in der Sonne schlafen sah, das Säcklein
-mit Geld in den Händen haltend, war Liebe und Mitleid in
-mir. Aber da ich mich zu alt fühlte und sie nicht besitzen konnte,
-biß ich sie ...“</p>
-
-<p>Auf des Amtmanns Frage, wo er wohne, antwortete der Gefangene:</p>
-
-<p>„In Ramskapelle, von wo ich nach Blankenberghe, Heyst, ja
-selbst nach Knokke gehe. An den Sonn- und Kirmestagen mache
-ich in allen Dörfern Waffeln nach Brabanter Art, mit diesem
-Gerät hier. Und es ist immer sauber und wohl eingefettet. Und
-diese ausländische Neuheit ward gut aufgenommen. So es Euch
-gefällt, noch mehr davon zu erfahren, und wie es zuging, daß
-niemand mich erkennen konnte, so will ich Euch sagen, daß ich mir
-tags das Gesicht schminkte und meine Haare rot färbte. Was
-das Wolfsfell anlangt, auf das Ihr mit Eurem grausamen
-Finger weiset, dieweil Ihr mich verhört, so will ich Euch zum
-Trotze sagen, daß es von zwei Wölfen stammt, die ich in den
-Forsten von Raveschoot und Maldeghen geschossen habe. Ich
-brauchte nur die Häute zusammenzunähen, um mich damit zu
-bedecken. Ich verbarg sie in meiner Kiste in den Heyster Dünen.
-Da sind auch die Kleidungsstücke, die ich gestohlen, um sie später
-bei guter Gelegenheit zu verkaufen.“</p>
-
-<p>„Nehmt ihn vom Feuer fort,“ sagte der Amtmann.</p>
-
-<p>Der Henker gehorchte.</p>
-
-<p>„Wo ist dein Gold?“ fragte wiederum der Amtmann.</p>
-
-<p>„Der König wird es nicht erfahren,“ antwortete der Fischhändler.</p>
-
-<p>„Versengt ihn stärker mit den brennenden Lichten. Bringt ihn
-näher ans Feuer,“ sagte der Amtmann.</p>
-
-<p>Der Henker gehorchte, und der Gefangene schrie:</p>
-
-<p>„Ich will nichts sagen. Ich habe schon zu viel geredet: Ihr
-werdet mich verbrennen. Ich bin kein Zauberer, warum setzt
-Ihr mich wieder ans Feuer? Meine Füße bluten vom vielen
-Brennen. Ich werde nichts sagen. Warum noch näher? Sie
-bluten, sag ich Euch, sie bluten. Diese Stiefel sind Schienen von
-glühendem Eisen. Mein Gold? Wohlan, mein einziger Freund
-in dieser Welt, es ist ... bringt mich vom Feuer fort; es ist in
-meinem Keller in Ramskapelle in einem Kasten ... lasset es mir.
-Gnade und Erbarmen, Ihr Herren Richter! Verfluchter Henker,
-nimm die Lichte fort ... Er brennt mich stärker ... Es ist in
-einem Kasten mit doppeltem Boden, in Wolle eingewickelt, damit
-man kein Geräusch hört, wenn der Kasten geschüttelt wird. Nun
-habe ich alles gesagt; nehmt mich fort.“</p>
-
-<p>Da er vom Feuer fortgenommen war, lächelte er boshaft.</p>
-
-<p>Der Amtmann fragte ihn warum.</p>
-
-<p>„Aus Freude, erlöst zu sein,“ antwortete er.</p>
-
-<p>Der Amtmann sagte zu ihm:</p>
-
-<p>„Hat keiner Dich gebeten, Dein gezahntes Waffeleisen zu zeigen?“</p>
-
-<p>Der Fischhändler antwortete:</p>
-
-<p>„Man sah, daß es gleich allen andern war, nur daß es Löcher
-hat, in die ich die Eisenzähne einschraubte. Bei Tagesanbruch
-nahm ich sie heraus. Die Bauern ziehen meine Waffeln denen
-andrer Händler vor und heißen sie: <span class="antiqua">Waefels met brabandsche
-Knopen</span>, Waffeln mit Brabanter Knöpfen, weil die leeren Löcher,
-wenn die Zähne herausgenommen sind, kleine Halbkugeln wie
-Knöpfe bilden.“</p>
-
-<p>Aber der Amtmann darauf:</p>
-
-<p>„Wann packtest Du die armen Opfer?“</p>
-
-<p>„Bei Tag und Nacht. Bei Tage streifte ich durch die Dünen
-und auf den Landstraßen und stand mit meinem Waffeleisen auf
-der Lauer, sonderlich des Samstags, dem Tag des großen Brügger
-Markts. Sah ich irgend einen Bauer trübsinnig daherschlendern,
-so ließ ich ihn gehen, denn ich vermeinte, daß er wohl an
-Schwindsucht des Geldbeutels leide. Aber ich ging Dem zur
-Seite, den ich lustig wandern sah, und wenn er des nicht gewärtig
-war, biß ich ihn in den Hals und nahm seinen Säckel. Und
-nicht allein in den Dünen, sondern auf allen Stegen und Wegen
-des platten Landes.“</p>
-
-<p>Darauf sprach der Amtmann:</p>
-
-<p>„Bereue und bete zu Gott.“</p>
-
-<p>Aber der Fischhändler lästerte:</p>
-
-<p>„Der Herrgott hat mich so gewollt, wie ich bin. Ich tat alles
-wider Willen, durch den Zwang der Natur getrieben. Ihr bösen
-Tiger, Ihr bestraft mich ungerecht. Aber verbrennt mich nicht ...
-Ich tat alles wider Willen. Habt Erbarmen, ich bin arm und
-alt; ich werde an meinen Wunden sterben, verbrennt mich nicht.“
-Nunmehr ward er zur „Vierschare“ unter die Linde gebracht,
-um dort vor versammeltem Volk sein Urteil zu vernehmen.</p>
-
-<p>Als abscheulicher Mörder, Dieb und Gotteslästerer ward er verurteilt,
-daß ihm die Zunge mit glühendem Eisen durchbohrt, die
-rechte Hand abgeschnitten, und er bei langsamem Feuer lebendig
-verbrannt werden sollte, bis der Tod einträte, und dies vor den
-Gitterfenstern des Rathauses.</p>
-
-<p>Und Toria schrie:</p>
-
-<p>„Das ist Gerechtigkeit! Er büßt!“</p>
-
-<p>Und das Volk rief:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Lang leven de Heeren van de wet</span>, langes Leben den Herren
-Richtern!“</p>
-
-<p>Er ward ins Gefängnis zurückgebracht, wo man ihm Fleisch und
-Wein gab. Und er wurde guter Dinge und sagte, daß er dergleichen
-bis zur Stunde nie gegessen noch getrunken habe; aber
-der König, der sein Vermögen erbe, könnte ihm wohl diese letzte
-Mahlzeit bezahlen.</p>
-
-<p>Und er lachte bitter.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage bei Morgengrauen, da man ihn zur Richtstatt
-führte, sah er Ulenspiegel neben dem Scheiterhaufen stehen
-und rief, mit dem Finger auf ihn deutend:</p>
-
-<p>„Jener dort, der Greisenmörder, muß gleichfalls sterben. Vor
-zehn Jahren warf er mich in den Brügger Kanal, weil ich seinen
-Vater verklagt hatte. Hierin diente ich Seiner Katholischen
-Majestät als getreuer Untertan.“</p>
-
-<p>Das Armesünderglöcklein der Frauenkirche läutete.</p>
-
-<p>„Auch für Dich läutet die Glocke,“ sagte er zu Ulenspiegel. „Du
-wirst gehenkt werden, denn Du hast getötet.“</p>
-
-<p>„Der Fischhändler lügt,“ schrien alle, so dem gemeinen Volk angehörten;
-„er lügt, der mörderische Henker.“</p>
-
-<p>Wie eine Verrückte warf Toria ihn mit einem Stein, der ihn an
-der Stirn verletzte, und schrie:</p>
-
-<p>„Wenn er Dich ersäuft hätte, so hättest Du nicht gelebt, um als
-ein blutsaugender Vampir mein armes Töchterlein zu beißen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel blieb stumm; Lamm sagte:</p>
-
-<p>„Hat einer ihn den Fischhändler ins Wasser werfen sehen?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel gab keine Antwort.</p>
-
-<p>„Nein, nein,“ schrie das Volk, „er hat gelogen, der Henker!“</p>
-
-<p>„Nein, ich habe nicht gelogen,“ schrie der Fischhändler; „er warf
-mich hinein, dieweil ich ihn anflehte, mir zu vergeben. Doch
-ich hielt mich an einem am Ufer verankerten Kahn fest und
-rettete mich. Durchnäßt und fröstelnd, erreichte ich mit Mühe
-meine armselige Behausung. Dort bekam ich das Fieber, keiner
-pflegte mich, und ich vermeinte zu sterben.“</p>
-
-<p>„Du lügst,“ sagte Lamm, „keiner hat es gesehen.“</p>
-
-<p>„Nein, keiner hat es gesehen!“ schrie Toria. „Ins Feuer mit dem
-Henker. Vorm Sterben muß er noch ein unschuldiges Opfer
-haben; ins Feuer, auf daß er büße! Er hat gelogen. Wenn Du
-es getan hast, gestehe nichts, Ulenspiegel. Er hat keine Zeugen.
-Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen.“</p>
-
-<p>„Hast Du den Mord begangen?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Ich habe Klasens mörderischen Ankläger ins Wasser geworfen.
-Meines Vaters Asche brannte auf meinem Herzen.“</p>
-
-<p>„Er gesteht,“ sagte der Fischhändler, „er wird auch sterben.
-Wo ist der Galgen, daß ich ihn sehe? Wo ist der Henker mit
-dem Schwert der Gerechtigkeit? Das Armesünderglöcklein läutet
-für Dich, Taugenichts, Greisenmörder.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Ich habe Dich ins Wasser geworfen, um Dich umzubringen. Die
-Asche brannte auf meinem Herzen.“</p>
-
-<p>Und die Weiber im Volk sagten:</p>
-
-<p>„Warum gestehst Du’s, Ulenspiegel? Niemand hat es gesehen;
-jetzt mußt Du sterben.“</p>
-
-<p>Und der Gefangene lachte und sprang vor boshafter Freude und
-schwenkte seine gefesselten, mit blutigen Binden bedeckten Arme.</p>
-
-<p>„Er wird sterben,“ sagte er, „und von der Erde zur Hölle
-fahren als Lump, Dieb und Taugenichts, mit dem Strick um den
-Hals wird er sterben; Gott ist gerecht.“</p>
-
-<p>„Er wird nicht sterben,“ sagte der Amtmann. „Nach zehn Jahren
-ist der Mord auf flandrischem Boden verjährt. Ulenspiegel hat
-eine schlechte Tat begangen, aber aus kindlicher Liebe. Ulenspiegel
-wird über diesen Fall nicht verhört werden.“</p>
-
-<p>„Es lebe das Gesetz,“ rief das Volk.</p>
-
-<p>Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten. Und der Gefangene
-knirschte mit den Zähnen, senkte den Kopf und weinte seine
-erste Träne.</p>
-
-<p>Die Hand wurde ihm abgehackt und die Zunge mit glühenden
-Eisen durchbohrt, und er ward bei langsamem Feuer vor den
-Gitterfenstern des Rathauses verbrannt.</p>
-
-<p>Im Verscheiden rief er:</p>
-
-<p>„Der König wird mein Gold nicht bekommen; ich habe gelogen
-... Ihr grausamen Tiger, ich werde wiederkommen und Euch
-beißen.“</p>
-
-<p>Und Toria schrie:</p>
-
-<p>„Er büßt, er büßt! Die Arme und Beine, die zum Mord eilten,
-krümmen sich. Der Körper des Schlächters raucht. Sein
-weißes Hyänenhaar brennt auf seiner bleichen Fratze. Er büßt!
-Er büßt!“</p>
-
-<p>Und mit wölfischem Geheul starb der Fischhändler.</p>
-
-<p>Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.</p>
-
-<p>Und Lamm und Ulenspiegel bestiegen wieder ihre Esel.</p>
-
-<p>Nele blieb betrübten Herzens bei Katheline, die ohne Unterlaß
-sagte:</p>
-
-<p>„Nehmt das Feuer fort! Mein Kopf brennt, Hanske, mein
-Buhle, komm wieder!“</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Viertes_Buch">Viertes Buch</h2>
-</div>
-
-<hr class="full newpage" />
-<h3>1</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Von den Dünen von Heyst aus sahen Ulenspiegel und Lamm
-viele Fischerboote von Ostende, Blankenberghe und Knokke kommen,
-die voll Bewaffneter waren und den Geusen von Zeeland
-folgten, welche am Hut den silbernen Halbmond mit der Inschrift
-tragen: „Lieber dem Türken denn dem Papst dienen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ist frohgemut und trillert wie eine Lerche; von allen
-Seiten antwortet der kriegerische Trompetenton des Hahnes.</p>
-
-<p>Die Bootsleute rudern oder fischen und verkaufen ihre Fische,
-und ein Boot nach dem andern legt in Emden an. Dort weilt
-Guillaume de Bois, welcher im Auftrage des Prinzen von Oranien
-ein Schiff ausrüstet.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm kommen nach Emden, dieweil die Geusenschiffe
-auf Très-Long’s Befehl wieder das offene Meer gewinnen.</p>
-
-<p>Très-Long, der seit elf Wochen in Emden lag, ward von Ungeduld
-verzehrt. Er ging vom Schiff an Land und vom Land
-aufs Schiff, gleich einem Bären an der Kette.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Lamm spazieren am Hafendamm umher und
-erblicken allda einen fürnehmen Herrn mit biedrem Gesicht, der
-ein wenig Trübsal bläst und geschäftig ist, mit einem Spieß einen
-Pflasterstein des Hafendammes herauszubohren. Es gelang nicht,
-aber er versuchte dennoch, das Unternehmen zu gutem Ende zu
-führen, dieweil hinter ihm ein Hund einen Knochen benagte.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nähert sich dem Hund und tut, als wolle er ihm den
-Knochen rauben. Der Hund knurrt. Ulenspiegel läßt nicht
-nach und der Hund vollführt ein heftiges Gebell.</p>
-
-<p>Der Herr dreht sich bei dem Lärm um und spricht zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Was hast Du davon, dieses Tier zu quälen?“</p>
-
-<p>„Was habt Ihr davon, Herr, dieses Pflaster zu quälen?“</p>
-
-<p>„Das ist nicht das gleiche,“ sagt der Herr.</p>
-
-<p>„Der Unterschied ist nicht groß,“ entgegnet Ulenspiegel. „Dieser
-Hund hält an seinem Knochen fest und will ihn behalten; dieser
-Pflasterstein hält an seinem Damm fest und will dort bleiben,
-und es ist das Mindeste, daß unsereins sich mit einem Hund abgibt,
-wenn Leute wie Ihr sich mit einem Pflasterstein beschäftigen.“</p>
-
-<p>Lamm stand hinter Ulenspiegel und wagte nicht zu reden.</p>
-
-<p>„Wer bist Du?“ fragte der Herr.</p>
-
-<p>„Ich bin Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, der für den Glauben
-in den Flammen starb.“</p>
-
-<p>Und er sang wie eine Lerche, und der Herr krähte wie ein Hahn.</p>
-
-<p>„Ich bin der Admiral Très-Long,“ sprach er; „was willst Du
-von mir?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erzählte ihm seine Abenteuer und gab ihm fünfhundert
-Karolus.</p>
-
-<p>„Wer ist dieser Dicke?“ fragte Très-Long und deutete mit dem
-Finger auf Lamm.</p>
-
-<p>„Mein Geselle und Freund,“ antwortete Ulenspiegel. „Er will
-gleich mir seine Büchse, die eine gar liebliche Stimme hat, auf
-Deinem Schiffe das Lied von der Befreiung des Vaterlandes
-singen lassen.“</p>
-
-<p>„Ihr seid beide wackre Leute,“ sagte Très-Long, „und sollt auf
-meinem Schiffe hinaus fahren.“</p>
-
-<p>Es war im Februar: scharf war der Wind, stark der Frost.
-Nach drei Wochen verdrießlichen Wartens verläßt Très-Long
-Emden wider Willen. Mit der Absicht, in den Hafen Texel einzulaufen,
-segelt er von Vlinland ab, ist aber gezwungen, Wieringen
-anzulaufen, wo sein Schiff vom Eis eingeschlossen wird.</p>
-
-<p>Bald gab es ringsum ein lustiges Schauspiel: Schlitten und
-Schlittschuhläufer, in Sammet gekleidet, Schlittschuhläuferinnen,
-in Jacken und Röcken, so mit Gold, Perlen und scharlachroter
-und himmelblauer Seide bestickt waren: Knaben und Mägdlein
-kamen und gingen, glitschten, lachten, liefen in langer Reihe
-hintereinander, oder paarweise und sangen das Lied der Liebe
-auf dem Eise. Oder sie gingen in die mit Fahnen geschmückten
-Buden und aßen und tranken Branntwein, Orangen, Feigen,
-Pfefferkuchen, Schollen, Eier, warme Gemüse und Schmalzkuchen
-oder <span class="antiqua">Eetekoeken</span>, das sind Krapfen, und Gemüse in Essig,
-dieweil ringsum Schlitten und Segelschlitten mit ihren Schnäbeln
-knirschend über das Eis hinfuhren.</p>
-
-<p>Lamm suchte seine Frau und lief auf Schlittschuhen umher wie
-die lustigen Männlein und Weiblein; aber er fiel oftmals hin.
-Inzwischen ging Ulenspiegel in eine kleine Herberge am Hafen,
-um Speise und Trank zu sich zu nehmen; dort brauchte er seine
-Portion nicht teuer zu bezahlen, und er schwatzte gern mit der
-alten Wirtin.</p>
-
-<p>Eines Sonntags gegen neun Uhr kehrte er dort ein und begehrte
-sein Mittagessen.</p>
-
-<p>„Ei,“ sagte er zu einem artigen Frauenzimmer, das herbeikam,
-um ihn zu bedienen, „was hast Du mit Deinen früheren Runzeln
-gemacht? Dein Mund hat all seine weißen, jungen Zähne und
-Deine Lippen sind rot wie Kirschen. Ist dies sanfte, schalkhafte
-Lächeln für mich?“</p>
-
-<p>„Nicht doch,“ sprach sie; „aber was soll ich dir geben?“</p>
-
-<p>„Dich,“ sagte er.</p>
-
-<p>Die Frau versetzte:</p>
-
-<p>„Das wäre für einen mageren Hering, wie Du bist, zuviel.
-Willst Du kein anderes Fleisch?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel schwieg.</p>
-
-<p>„Was hast Du mit dem schönen, wohlgestalteten und behäbigen
-Mann angefangen, den ich oftmals in Deiner Gesellschaft sah?“
-fragte sie.</p>
-
-<p>„Lamm?“ sagte er.</p>
-
-<p>„Was hast Du mit ihm gemacht?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Er ißt in den Buden harte Eier, geräucherte Aale, gepökelte
-Fische, saures Gemüse und alles, was er zwischen die Zähne bekommen
-kann, und das alles, um seine Frau zu suchen. Warum
-bist Du nicht mein, Schätzchen? Willst Du fünfzig Gülden?
-Willst Du ein güldnes Halsband?“</p>
-
-<p>Doch sie bekreuzte sich:</p>
-
-<p>„Ich bin weder zu kaufen noch zu haben,“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Liebst Du nichts?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ich liebe Dich als meinen Nächsten; aber vor allem liebe ich
-den Herrn Christum und die heilige Jungfrau, die mir gebieten,
-ein züchtig Leben zu führen. Hart und beschwerlich sind unsere
-Pflichten, aber Gott hilft uns armen Frauen. Doch es sind ihrer
-etliche, die unterliegen. Ist Dein dicker Freund fröhlich?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Beim Essen ist er lustig, mit nüchternem Magen traurig und
-immerdar nachdenklich. Aber Du, bist Du fröhlich oder betrübt?“</p>
-
-<p>„Wir Frauen,“ sprach sie, „sind Sklavinnen dessen, der uns
-beherrscht!“</p>
-
-<p>„Der Mond,“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Ich werde Lamm sagen, daß er dich besucht.“</p>
-
-<p>„Tu das nicht,“ sagte sie; „er würde weinen und ich desgleichen.“</p>
-
-<p>„Hast Du jemals seine Frau gesehen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Seufzend antwortete sie:</p>
-
-<p>„Sie sündigte mit ihm und ward zu einer grausamen Buße verdammt.
-Sie weiß, daß er für den Sieg des Ketzertums aufs
-Meer geht, das ist hart zu denken für ein christliches Herz.
-Verteidige ihn, wenn er angegriffen wird, pflege ihn, wenn er
-verwundet wird; seine Frau trug mir auf, diese Bitte an Dich
-auszurichten.“</p>
-
-<p>„Lamm ist mein Freund und Bruder,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach sie, „warum kehret Ihr nicht in den Schoß unsrer
-heiligen Mutter Kirche zurück!“</p>
-
-<p>„Sie frißt ihre Kinder,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und er ging.</p>
-
-<p>An einem Märzmorgen, als ein scharfer Wind blies und wehte
-und das Eis immer dicker machte, also daß Très-Longs Schiff
-nicht absegeln konnte, trieben die Matrosen und Soldaten des
-Schiffes in Schlitten und auf Schlittschuhen allerhand Kurzweil
-und Lustbarkeiten.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war in der Herberge, und die hübsche Frau sprach
-tiefbetrübt und wie von Sinnen zu ihm:</p>
-
-<p>„Armer Lamm! Armer Ulenspiegel!“</p>
-
-<p>„Warum jammerst Du?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Wehe, wehe!“ sagte sie, „warum glaubt Ihr nicht an die Messe?
-Ihr würdet gewißlich ins Paradies eingehen, und ich könnte Euch
-in diesem Leben retten.“</p>
-
-<p>Da Ulenspiegel sie an die Tür gehen und aufmerksam horchen
-sah, sagte er: „Du horchst nicht nach dem fallenden Schnee?“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Du leihst nicht dem seufzenden Winde das Ohr?“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte sie wiederum.</p>
-
-<p>„Noch dem frohem Lärm, den unsere wackeren Matrosen in der
-Schenke hier nebenan machen?“</p>
-
-<p>„Der Tod kommt wie ein Dieb,“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Der Tod!“ sagte Ulenspiegel. „Ich verstehe dich nicht. Komm
-hierher und rede.“</p>
-
-<p>„Sie sind da,“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Wer?“</p>
-
-<p>„Wer?“ erwiderte sie. „Die Soldaten von Simonen-Bol, die in
-des Herzogs Namen über Euch alle herfallen werden. Wenn
-man Euch hier so gut behandelt, so geht’s Euch wie den Ochsen,
-die man schlachten will. Ach,“ sagte sie, in Tränen zerfließend,
-„warum erfahre ich es erst jetzt?“</p>
-
-<p>„Weine und schreie nicht,“ sagte Ulenspiegel, „und bleibe.“</p>
-
-<p>„Verrate mich nicht,“ sagte sie.</p>
-
-<p>Ulenspiegel verließ das Haus, eilte in alle Buden und Schenken
-und flüsterte den Seeleuten und Soldaten diese Worte ins Ohr:
-„Der Spanier kommt.“</p>
-
-<p>Alle eilten zum Schiffe, bereiteten in großer Hast alles, was zur
-Schlacht nötig war, und erwarteten den Feind. Ulenspiegel sagte
-zu Lamm:</p>
-
-<p>„Siehst Du das hübsche Weib in dem schwarzen, mit Scharlach
-bestickten Kleid, so am Ufer steht und sein Gesicht unter der
-weißen Kapuze versteckt?“</p>
-
-<p>„Das ist mir ganz gleich,“ antwortete Lamm. „Mich friert, ich
-will schlafen.“</p>
-
-<p>Und er wickelte sich den Mantel um seinen Kopf und war also
-wie ein Tauber.</p>
-
-<p>Da erkannte Ulenspiegel die Frau und rief ihr vom Schiff zu:</p>
-
-<p>„Willst Du uns folgen?“</p>
-
-<p>„Bis ins Grab, aber ich kann nicht ... “</p>
-
-<p>„Du tätest wohl daran,“ sagte Ulenspiegel. „Bedenke indessen:
-wenn die Nachtigall im Walde bleibt, ist sie glücklich und singt;
-aber so sie ihn verläßt und ihre schwachen Flügel dem starken
-Seewind aussetzt, zerbrechen sie, und sie stirbt.“</p>
-
-<p>„Ich habe daheim gesungen und ich würde draußen singen, wenn
-ich könnte,“ sprach sie. Dann näherte sie sich dem Schiffe. „Nimm
-diesen Balsam,“ sprach sie, „für Dich und Deinen Freund, der
-schläft, wenn er wachen sollte.“</p>
-
-<p>Und sie entfernte sich und sagte: „Lamm, Lamm! Gott bewahre
-Dich vor allem Übel, komm gesund zurück.“</p>
-
-<p>Und sie enthüllte ihr Antlitz.</p>
-
-<p>„Mein Weib, mein Weib!“ schrie Lamm.</p>
-
-<p>Und er wollte aufs Eis springen.</p>
-
-<p>„Dein getreues Weib,“ sagte sie und lief behend von dannen.</p>
-
-<p>Lamm wollte vom Deck aufs Eis springen, aber daran hinderte
-ihn ein Soldat, der ihn am Mantel festhielt. Er schrie, weinte
-und flehte, ihn gehen zu lassen.</p>
-
-<p>Aber der Profoß sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„So du das Schiff verlässest, wirst Du gehenkt.“</p>
-
-<p>Lamm wollte sich aufs Eis stürzen, aber ein alter Geuse hielt
-ihn fest und sagte:</p>
-
-<p>„Der Boden ist feucht, Du könntest nasse Füße bekommen.“</p>
-
-<p>Lamm fiel aufs Gesäß, weinte und sprach unaufhörlich:</p>
-
-<p>„Mein Weib, mein Weib, laßt mich zu meinem Weibe gehen!“</p>
-
-<p>„Du wirst sie wiedersehen,“ sprach Ulenspiegel. „Sie liebt Dich,
-aber sie liebt Gott mehr als Dich.“</p>
-
-<p>„Die tolle Teufelin,“ schrie Lamm. „Wenn sie Gott mehr liebt
-als ihren Mann, warum zeigt sie sich mir so hübsch und begehrenswert!
-Und wenn sie mich liebt, warum verläßt sie mich?“</p>
-
-<p>„Kannst Du in tiefe Brunnen sehen?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach Lamm, „ich werde bald sterben.“</p>
-
-<p>Und bleich und betört blieb er auf Deck.</p>
-
-<p>Inzwischen kamen die Leute von Simonen-Bol mit starkem Geschütz.</p>
-
-<p>Sie schossen auf das Schiff, das ihr Feuer erwiderte. Und ihre
-Kugeln zerbrachen das Eis rings umher. Gegen Abend fiel ein
-lauer Regen.</p>
-
-<p>Da der Wind aus Westen wehte, ward das Meer unter dem
-Eise erregt und hob es in ungeheuren Blöcken empor, die sich
-aufbäumten und wieder zurückfielen, gegen einander prallten und
-sich übereinander schoben, nicht ohne Gefahr für das Schiff, das,
-als die Morgenröte die nächtlichen Wolken zerriß, seine linnenen
-Flügel entfaltete und wie ein Vogel der Freiheit aufs hohe Meer
-segelte.</p>
-
-<p>Da stießen sie zu der Flotte des Herrn de Lumey de la Marche,
-Admirals von Holland und Zeeland und Höchstkommandierenden,
-der als solcher eine Laterne oben am Maste trug.</p>
-
-<p>„Sieh ihn Dir recht an, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Der
-wird Deiner nicht schonen, wenn Du mit Gewalt das Schiff verlassen
-willst. Hörst Du seine Stimme wie Donner rollen? Sieh,
-wie breit und stark er bei seiner hohen Gestalt ist. Schau seine
-langen Hände mit den gebogenen Nägeln. Sieh seine runden
-Augen an, kalte Adleraugen, und seinen langen, spitzen Bart,
-den er wachsen läßt, bis er alle Mönche und Priester gehenkt
-hat, um den Tod der beiden Grafen zu rächen. Sieh, wie furchtbar
-und grausam er ist; er wird Dich hoch und kurz aufhenken
-lassen, wenn Du immerdar fortfährst, zu stöhnen und zu schreien:
-„Mein Weib!“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ versetzte Lamm, „der spricht vom Strick für den
-Nächsten, der selbst schon die hanfene Krause um den Hals hat.“</p>
-
-<p>„Du sollst sie zuerst tragen. Das ist mein freundschaftlicher
-Wunsch,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ich werde Dich am Galgen sehen, wie Dir die giftige Zunge
-eine Klafter lang aus dem Maul wächst,“ erwiderte Lamm.</p>
-
-<p>Und alle beide hätten fast gelacht.</p>
-
-<p>An jenem Tage kaperte das Kriegsschiff einen Kauffahrer aus
-Biskaya, so mit Quecksilber, Goldstaub, Wein und Gewürzen
-befrachtet war. Und dem Schiffe ward sein Mark, Menschen
-und Beute, ausgenommen, wie einem Rindsknochen zwischen den
-Zähnen eines Löwen.</p>
-
-<p>Zur selbigen Zeit legte der Herzog den Niederlanden grausame
-und schändliche Steuern auf, laut denen alle Einwohner, so bewegliche
-und unbewegliche Habe verkauften, tausend Gülden
-von zehntausend zahlen mußten. Und dieser Schoß war dauernd.
-Alle Kaufleute und Händler jeder Art mußten dem König den
-Zehnten vom Kaufpreis zahlen, und im Volk ging die Rede, daß
-der König von den zehnmal in einer Woche verkauften Waren
-das Ganze bekäme.</p>
-
-<p>Und so gingen Handel und Gewerbfleiß den Weg des Verfalls
-und des Todes.</p>
-
-<p>Und die Geusen nahmen Briel, eine starke Seefeste, die der
-Garten der Freiheit genannt ward.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>2</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In den ersten Tagen des Maimonds, als das Schiff unter blauem
-Himmel stolz über die Flut fuhr, sang Ulenspiegel:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Die Asche brennt auf meinem Herzen.</div>
- <div class="verse indent0">Die Henker kamen her und töteten</div>
- <div class="verse indent0">Mit Dolch und Feuer, Kraft und Schwert</div>
- <div class="verse indent0">Und lohnten die schändlichen Spione.</div>
- <div class="verse indent0">Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,</div>
- <div class="verse indent0">Säten sie Mißtraun und Verrat.</div>
- <div class="verse indent0">Zum Tod mit den Schergen,</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!</div>
- <div class="verse indent0">Briel ist genommen.</div>
- <div class="verse indent0">Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;</div>
- <div class="verse indent0">Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.</div>
- <div class="verse indent0">Wo waren Zeelands Geschütze?</div>
- <div class="verse indent0">Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,</div>
- <div class="verse indent0">Geschmiedete und gegossene Kugeln.</div>
- <div class="verse indent0">Gott ist mit uns, wer ist wider uns?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!</div>
- <div class="verse indent0">Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!</div>
- <div class="verse indent0">Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.</div>
- <div class="verse indent0">Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,</div>
- <div class="verse indent0">Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,</div>
- <div class="verse indent0">Meineidigem König rebellisches Volk!</div>
- <div class="verse indent0">Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,</div>
- <div class="verse indent0">Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.</div>
- <div class="verse indent0">Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!</div>
- <div class="verse indent0">Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ja, Gevattern und Freunde,“ sprach Ulenspiegel, „sie haben in
-Antwerpen vor dem Rathaus ein glänzend Gerüst errichtet, mit
-rotem Tuch überzogen. Darauf sitzt der Herzog inmitten der
-Lakeien und Söldlinge wie ein König auf seinem Throne. Wenn
-er wohlwollend lächeln will, macht er eine saure Fratze. Schlaget
-die Trommel des Krieges!</p>
-
-<p>„Er hat Vergebung gewährt: Still da ... Sein vergüldeter Harnisch
-gleißt in der Sonne, der Generalprofoß hält zu Pferde
-neben dem Baldachin. Siehe da kommt der Herold mit den
-Paukenschlägern. Er liest: es ist die Vergebung für alle, so nicht
-gesündigt haben, die andern sollen grausam gestraft werden.</p>
-
-<p>„Höret, Gevattern. Er verliest das Edikt, welches bei Strafe
-der Rebellion die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs
-vorschreibt.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,</div>
- <div class="verse indent0">Das starke Raunen? So schwillt das Meer,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn die große Springflut sich naht.</div>
- <div class="verse indent0">Genug des Geldes, genug des Blutes,</div>
- <div class="verse indent0">Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.</div>
- <div class="verse indent0">Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Das ist die Kralle in blutiger Wunde,</div>
- <div class="verse indent0">Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser Gold</div>
- <div class="verse indent0">Zu unserem Blute mischen, um es zu trinken?</div>
- <div class="verse indent0">Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreu</div>
- <div class="verse indent0">Des Königs Majestät. Meineidig ist er,</div>
- <div class="verse indent0">Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Herzog von Alba, Blutherzog,</div>
- <div class="verse indent0">Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,</div>
- <div class="verse indent0">Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,</div>
- <div class="verse indent0">Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.</div>
- <div class="verse indent0">Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?</div>
- <div class="verse indent0">Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nicht</div>
- <div class="verse indent0">Haß und Verachtung Dich umwittern?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Das schöne Land Flandern,</div>
- <div class="verse indent0">Das frohe Land Brabant</div>
- <div class="verse indent0">Sind traurig wie Totenhöfe.</div>
- <div class="verse indent0">Und da, wo einst in der Zeit der Freiheit</div>
- <div class="verse indent0">Die Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,</div>
- <div class="verse indent0">Herrscht Schweigen und Tod.</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wo frohe Gesichter lachten</div>
- <div class="verse indent0">Von Zechern und singenden Liebespaaren,</div>
- <div class="verse indent0">Starren jetzt die bleichen Gesichter</div>
- <div class="verse indent0">Derer, die in Ergebung warten</div>
- <div class="verse indent0">Auf den Schwerthieb der Ungerechten.</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Keiner hört mehr in den Schenken</div>
- <div class="verse indent0">Das fröhliche Klinken der Gläser</div>
- <div class="verse indent0">Noch der Mädchen helle Stimmen,</div>
- <div class="verse indent0">Die mit Gesang die Stadt durchzogen.</div>
- <div class="verse indent0">Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,</div>
- <div class="verse indent0">Wurden Länder der Tränen.</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel der Trauer.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Erde der Väter, geliebte Dulderin,</div>
- <div class="verse indent0">Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.</div>
- <div class="verse indent0">Fleißige Bienen, stürzt Euch in Schwärmen</div>
- <div class="verse indent0">Auf die hispanischen Drohnen.</div>
- <div class="verse indent0">Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,</div>
- <div class="verse indent0">Schreiet zum Himmel nach Rache.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,</div>
- <div class="verse indent0">Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.</div>
- <div class="verse indent0">Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir aus</div>
- <div class="verse indent0">Und peitschen damit Dein Gesicht,</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.</div>
- <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und alle Seeleute und Soldaten von Ulenspiegels Schiff und
-auch die von den andern Schiffen sangen desgleichen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und ihre Stimmen grollten wie Donner der Freiheit.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>3</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es war im Januar, dem grausamen Monat, da das Kalb im
-Leibe der Kuh gefriert. Es hatte geschneit und obendrein gefroren.
-Die Knaben fingen mit Vogelleim die Sperlinge, so auf
-dem hartgefrorenen Schnee ihre kümmerliche Nahrung suchten,
-und brachten dieses Wild in ihre Hütten. Vom grauen, hellen
-Himmel hoben sich regungslos die Gerippe der Bäume ab. Ihre
-Zweige waren mit schneeigen Kissen bedeckt, welche gleichfalls
-die Hütten und Mauerfirsten bedeckten, auf denen man Spuren
-von Katzenpfoten erblickte, die gleichfalls im Schnee auf die Sperlinge
-Jagd machten. Die Wiesen waren weithin unter diesem
-wundersamen Vließe verborgen, das die Erde in der scharfen
-Winterkälte warm hielt. Der Rauch der Häuser und Hütten
-stieg schwarz gen Himmel, und man vernahm keinen Laut.</p>
-
-<p>Und Katheline und Nele waren allein in ihrer Behausung, und
-Katheline sagte kopfschüttelnd:</p>
-
-<p>„Hans, mein Herz zieht mich zu Dir. Du mußt Ulenspiegel, Soetkins
-Sohn, die siebenhundert Karolus wiedergeben. Wenn du arm
-bist, komm wenigstens, daß ich Dein leuchtendes Antlitz schaue.
-Nimm das Feuer fort, mein Kopf brennt. Wehe, wo sind Deine
-schneekalten Küsse, wo ist Dein Körper aus Eis? Hans, mein
-Geliebter.“</p>
-
-<p>Sie stand am Fenster. Plötzlich kam im schnellsten Trab ein
-Läufer vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und rief:</p>
-
-<p>„Es kommt der Amtmann, der Amthauptmann von Damm!“</p>
-
-<p>Und derart lief er bis zum Rathause, um Bürgermeister und
-Schöffen dorthin zu berufen.</p>
-
-<p>Alsdann hörte Nele zwei Hörner durch die dumpfe Stille. Alle
-aus Damm traten vor die Türen, vermeinend, daß Seine Königliche
-Majestät sich durch solche Fanfaren ankündigte.</p>
-
-<p>Und Katheline trat auch an die Tür mit Nele. Von fern sahen
-sie glänzende Reiter, die zu Hauf ritten, und vor ihnen ritt ein
-Mann in schwarzem, mit Marderfell verbrämtem Sammetrock;
-sein Wams war mit echten Goldborten besetzt und die Stiefel
-von falbem Kalbsleder, mit Marderfell verbrämt. Und sie erkannten
-den Amthauptmann.</p>
-
-<p>Hinter ihm ritten junge Ritter, die ohngeachtet der Verordnung
-Seiner hochseligen Kaiserlichen Majestät, an ihren Sammetgewändern
-Stickereien, Borten, Streifen und Einfassungen von
-Gold, Silber und Seide trugen. Und ihre Röcke, die sie unter
-ihren Mänteln trugen, waren gleich denen des Amtmanns mit
-Pelz verbrämt. Sie ritten munter daher, und die langen
-Straußenfedern, die ihre mit Knöpfen und güldenen Borten verzierten
-Baretts schmückten, wallten im Winde.</p>
-
-<p>Und sie schienen alle gute Freunde und Kumpane des Amthauptmannes,
-in Sonderheit ein Ritter mit finsterer Miene, in grünen
-Sammet gekleidet und in einen Mantel mit goldverbrämtem
-schwarzem Sammet, desgleichen das mit langen Federn geschmückte
-Barett. Seine Nase hatte die Form eines Geierschnabels,
-die Lippen waren schmal; er hatte rote Haare, ein
-bleiches Gesicht und stolze Haltung.</p>
-
-<p>Dieweil das Häuflein der Ritter vor Kathelines Haus vorbeiritt,
-fiel diese plötzlich dem Pferde des bleichen Ritters in den
-Zügel und rief närrisch vor Freude:</p>
-
-<p>„Hans, mein Geliebter, ich wußte es, Du kehrst wieder. Wie
-schön Du bist, so ganz in Sammet und Gold, wie eine Sonne
-auf dem Schnee! Bringst du mir die siebenhundert Karolus?
-Wirst Du wiederum schreien wie der Fischadler?“</p>
-
-<p>Der Amthauptmann hieß das Häuflein der Edelleute still halten,
-und der bleiche Ritter sagte:</p>
-
-<p>„Was will diese Geusin von mir?“</p>
-
-<p>Doch Katheline hielt immer noch das Pferd am Zügel.</p>
-
-<p>„Gehe nicht wieder fort,“ sprach sie, „ich habe soviel um Dich
-geweint. Holde Nächte, mein Liebster, mit Küssen von Schnee
-und Körpern von Eis. Das Kind ist hier!“</p>
-
-<p>Und sie zeigte auf Nele, die ihn zornig anblickte, denn er hatte
-seine Peitsche gegen Katheline erhoben. Aber Katheline sprach
-weinend:</p>
-
-<p>„Ach, gedenkst Du dessen nicht mehr? Habe Mitleid mit Deiner
-Magd. Führe sie mit Dir, wohin Du willst. Nimm das Feuer
-fort, Hans, Erbarmen!“</p>
-
-<p>„Hinweg!“ sagte er.</p>
-
-<p>Und er drängte sein Pferd so stark vorwärts, daß Katheline den
-Zügel losließ und zu Boden fiel, und das Pferd trat auf sie und
-schlug ihr eine blutende Wunde an der Stirn.</p>
-
-<p>Darauf sagte der Amtmann zu dem bleichen Ritter:</p>
-
-<p>„Herr, kennet Ihr diese Frau?“</p>
-
-<p>„Ich kenne sie nicht,“ sagte er; „es ist ohne Zweifel etwelche Verrückte.“</p>
-
-<p>Aber Nele, die Katheline aufgehoben hatte, sprach:</p>
-
-<p>„Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, Euer Gnaden,
-und ich will von diesem Schnee, den ich esse, sterben“ / und sie
-nahm mit den Fingern etwas Schnee / „wenn dieser Mann nicht
-meine Mutter gekannt hat, wenn er ihr nicht all ihr Geld genommen
-und nicht des Klas Hund getötet hat, um siebenhundert
-Karolus, so dem armen Toten gehörten, von der Brunnenmauer
-unseres Hauses zu nehmen.“</p>
-
-<p>„Hans, mein Herzliebster,“ weinte Katheline, die blutend vor
-ihm auf den Knien lag, „Hans, mein Geliebter, gib mir den
-Friedenskuß. Sieh, mein Blut fließt. Die Seele hat sich ein
-Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben, verlaß
-mich nicht.“ Dann sagte sie ganz leise: „Damals tötetest Du
-Deinen Gefährten aus Eifersucht am Deiche.“ Und sie streckte
-den Finger in der Richtung nach Dudzeele. „Zu jener Zeit liebtest
-Du mich sehr.“</p>
-
-<p>Und sie faßte und umschlang des Edelmanns Knie und nahm
-seinen Stiefel und küßte ihn.</p>
-
-<p>„Wer ist dieser Getötete?“ fragte der Amthauptmann.</p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht, Euer Gnaden,“ sagte er. „Was kümmern
-uns die Reden dieser Geusin? Vorwärts.“</p>
-
-<p>Das Volk rottete sich um sie zusammen; reiche und geringe
-Bürger, Handwerker und Bauern nahmen Kathelines Partei
-und riefen:</p>
-
-<p>„Gerechtigkeit, Herr Amtmann, Gerechtigkeit!“</p>
-
-<p>Und der Amtmann sagte zu Nele:</p>
-
-<p>„Was ist es mit diesem Getöteten? Sprich wie Gott und die
-Wahrheit es verlangt.“</p>
-
-<p>Nele redete und sprach, auf den bleichen Edelmann deutend:</p>
-
-<p>„Der da ist alle Samstag in die Keet gekommen, um meine
-Mutter zu besuchen und ihr Geld zu nehmen; er hat seinen
-Freund, Hilbert genannt, auf dem Acker von Servaes van der
-Vichte umgebracht. Nicht aus Liebe, wie diese arme Närrin
-wähnt, sondern um die siebenhundert Karolus für sich allein zu
-haben.“</p>
-
-<p>Und Nele erzählte von Kathelines Liebschaft und was diese
-gehört, als sie in der Nacht hinter dem Deich, der den Acker des
-Servaes van der Vichte durchschneidet, versteckt war.</p>
-
-<p>„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „sie spricht hart von Hans,
-ihrem Vater.“</p>
-
-<p>„Ich schwöre, daß er wie ein Fischadler schrie, um sich anzumelden,“
-sprach Nele.</p>
-
-<p>„Du lügst,“ sagte der Edelmann.</p>
-
-<p>„O nein!“ sagte Nele, „und Ihr, Herr Amtmann und alle hohen
-Herren, so zugegen sind, sehen es wohl: Du bist nicht vor Kälte,
-sondern vor Furcht so bleich. Woher kommt es, daß Dein Antlitz
-nicht mehr glänzt? Du hast also die Zaubersalbe verloren, mit
-der Du es einriebest, damit es hell erschiene wie die Wogen im
-Sommer, wenn es donnert. Aber Du wirst vor den Gitterfenstern
-des Rathauses verbrannt werden, verfluchtet Zauberer. Du warst
-die Ursache von Soetkins Tode, Du hast ihren vaterlosen Sohn
-ins Elend getrieben. Du bist gewiß ein Edelmann und kamst zu
-uns Bürgern, um meiner Mutter ein einzig Mal Geld zu bringen
-und es ihr alle andern Male zu nehmen.“</p>
-
-<p>„Hans,“ sprach Katheline, „Du wirst mich wiederum zum Sabbat
-führen und mich wiederum mit Balsam einreiben. Hör nicht
-auf Nele, sie ist boshaft. Du siehst das Blut; die Seele hat
-sich ein Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben
-und in die Vorhölle kommen, wo es nicht brennt.“</p>
-
-<p>„Schweig, verrückte Hexe, ich kenne Dich nicht,“ sprach der Edelmann,
-„und ich weiß nicht, was Du meinst.“</p>
-
-<p>„Und doch bist Du es, der mit einem Gefährten kam und ihn mir
-zum Manne geben wollte; Du weißt, daß ich ihn nicht wollte.
-Was hat Dein Freund Hilbert mit seinen Augen gemacht, als ich
-meine Nägel hineingekrallt hatte?“</p>
-
-<p>„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „glaub ihr nicht, Hans,
-mein Herzliebster. Sie ist auf Hilbert zornig, weil er ihr Gewalt
-antun wollte; aber jetzt kann er es nicht mehr, denn die Würmer
-haben ihn gefressen. Und Hilbert war häßlich, mein süßer Hans,
-Du allein bist schön. Nele ist boshaft.“</p>
-
-<p>Nunmehr sprach der Amtmann:</p>
-
-<p>„Ihr Frauen, gehet in Frieden.“</p>
-
-<p>Aber Katheline wollte die Stätte nicht verlassen, wo ihr Freund
-war. Sie mußte mit Gewalt in ihre Behausung gebracht werden.</p>
-
-<p>Und das ganze versammelte Volk schrie:</p>
-
-<p>„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit!“</p>
-
-<p>Da die Gemeindebüttel auf den Lärm herzugekommen waren, befahl
-der Amtmann ihnen, zu bleiben, und sagte zu den Rittern und
-Edelleuten:</p>
-
-<p>„Edle Herren, ohngeachtet aller Privilegien, so den erlauchten
-Adelsstand im Lande Flandern schützen, muß ich Euren Joos
-Damman auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, in
-Sonderheit die der Zauberei, verhaften lassen, bis er gemäß den
-Gesetzen und Verordnungen des Reiches gerichtet ist. Liefert
-Euren Degen aus, Herr Josse.“</p>
-
-<p>„Herr Amtmann,“ sagte Joos Damman mit großem Hochmut und
-Adelsstolz, „indem Ihr mich verhaftet, vergeht Ihr Euch gegen
-das flandrische Gesetz, denn Ihr seid nicht selbst Richter. Nun
-wisset Ihr, daß es nicht erlaubt ist, ohne richterlichen Auftrag
-zu verhaften, ausgenommen die Falschmünzer, Straßenräuber
-und Wegelagerer, Brandstifter und Frauenschänder; desgleichen
-die Soldaten, so ihren Hauptmann verlassen, die Zauberer, die
-Gift anwenden, um die Gewässer zu vergiften, die entlaufenen
-Mönche oder Beghinen und die Verbannten. Wohlan, Ihr edlen
-Herren, verteidigt mich!“</p>
-
-<p>Da Etliche gehorchen wollten, sprach der Amtmann zu ihnen:</p>
-
-<p>„Edle Herren, da ich allhier unsern König, Grafen und Herrn
-vertrete, welchem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten
-ist, so gebiete und befehle ich Euch bei Strafe, für
-Rebellen erklärt zu werden, Eure Degen wieder in die Scheide
-zu stecken.“</p>
-
-<p>Die Edelleute gehorchten, doch Herr Joos Damman zauderte
-immer noch. Das Volk schrie:</p>
-
-<p>„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen
-ausliefern!“</p>
-
-<p>Darauf tat er es sehr wider Willen, stieg vom Pferde und ward
-von zwei Schergen nach dem Gemeindekerker geführt. Er ward
-jedoch nicht in die Verließe gesperrt, sondern vielmehr in ein vergittertes
-Gemach, wo er für sein Geld gutes Feuer, gutes Bett
-und gute Nahrung erhielt; davon nahm sich der Kerkermeister
-die Hälfte.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>4</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am andern Tage gingen der Amtmann, die beiden Kriminalschreiber,
-zwei Schöffen und ein Wundarzt gen Dudzeele, um zu sehen,
-ob sie auf Servaes van der Vichtes Acker längs des Deiches, der
-das Feld durchschnitt, den Leichnam eines Mannes fänden.</p>
-
-<p>Nele hatte zu Katheline gesagt: „Hans, dein Liebster, verlangt
-Hilberts abgeschnittene Hand. Heute Abend wird er wie ein Fischadler
-schreien, in unsere Hütte kommen und Dir die siebenhundert
-Goldkarolus bringen.“</p>
-
-<p>Katheline hatte geantwortet:</p>
-
-<p>„Ich werde sie abschneiden.“ Und wirklich nahm sie ein Messer
-und machte sich in Neles Begleitung auf; die Gerichtsbeamten
-folgten ihr. Sie ging rasch und stolz mit Nele, der die frische
-Luft das hübsche Gesicht rötete. Die alten, hüstelnden Gerichtsbeamten
-folgten ihr schier erfroren; sie waren alle wie schwarze
-Schatten auf der weißen Ebene, und Nele trug ein Grabscheit.
-Als sie auf Servaes van der Vichtes Acker und auf dem Deiche
-anlangten, ging Katheline bis zur Mitte und sprach, zur Rechten
-auf die Wiese deutend: „Hans, Du wußtest nicht, daß ich da
-verborgen war und beim Klirren der Degen erbebte. Und Hilbert
-schrie: Dies Eisen ist kalt. Hilbert war häßlich, Hans ist
-schön. Du sollst seine Hand haben, laß mich allein.“ Dann stieg
-sie zur Linken hinab, kniete auf dem Schnee nieder und rief dreimal
-in die Luft, um den Geist herbeizurufen.</p>
-
-<p>Dann gab Nele ihr das Grabscheit, über das Katheline dreimal
-das Zeichen des Kreuzes machte. Alsdann zeichnete sie auf dem
-Eise die Form eines Sarges und drei umgekehrte Kreuze, eins
-nach Osten, eins nach Westen, eins nach Norden und sprach: „Drei,
-das ist Mars nahe bei Saturn, und drei ist Entdeckung unter
-Venus, dem hellen Stern.“ Darauf zog sie einen großen Kreis
-um den Sarg und sagte: „Hebe Dich hinweg, böser Geist, der
-den Leichnam bewacht.“ Dann fiel sie betend auf die Kniee:
-„Teufelsfreund, Hilbert,“ sagte sie, „Hans, mein Herr und
-Meister, befiehlt mir, hierherzukommen, um Dir die Hand abzuschneiden
-und sie ihm zu bringen. Ich schulde ihm Gehorsam.
-Laß nicht das Feuer der Erde gegen mich los, weil ich die Ruhe
-Deines edlen Grabes störe, und vergib mir um Gott und der
-Heiligen willen.“</p>
-
-<p>Dann zerbrach sie das Eis in der Linie des Sarges und erreichte
-den feuchten Rasen, dann den Sand. Und der Amtmann und
-seine Beamten, Nele und Katheline erblickten den Körper eines
-jungen Mannes, der vom Sande weiß wie Kalk war. Er trug
-ein Wams von grauem Tuch, desgleichen den Mantel; sein Degen
-war ihm zur Seite gelegt. Er hatte eine Tasche von Eisenmaschen
-am Gürtel, und ein breiter Dolch steckte unter seinem
-Herzen. Auf dem Tuche des Wamses war Blut, und dies Blut
-war unter seinen Rücken geflossen. Und der Mann war jung.</p>
-
-<p>Katheline schnitt ihm die Hand ab und tat sie in ihren Beutel.
-Und der Amtmann ließ es geschehen; dann befahl er ihr, den
-Leichnam aller seiner Waffen und Gewandung zu entblößen.
-Katheline fragte, ob Hans es also befohlen habe. Der Amtmann
-antwortete, daß er nur nach seinen Befehlen handle, und alsbald
-tat Katheline, was er wollte.</p>
-
-<p>Als der Leichnam entblößt war, sah man, daß er trocken wie
-Holz, aber nicht verwest war; und der Amtmann und seine Beamten
-gingen von dannen, nachdem sie ihn wieder mit Sand
-hatten bedecken lassen, und die Büttel trugen die Sachen des Toten.
-Da sie vor dem Gemeindekerker vorbeikamen, sagte der Amtmann
-zu Katheline, daß Hans sie dort erwarte; sie ging freudig
-hinein.</p>
-
-<p>Nele wollte sie daran hindern, und Katheline erwiderte immerfort:
-„Ich will Hans, meinen Herrn sehen.“</p>
-
-<p>Und Nele weinte auf der Schwelle, denn sie wußte, daß Katheline
-als Zauberin verhaftet war, um der Beschwörungen und
-Zeichen willen, so sie auf den Schnee gemacht hatte.</p>
-
-<p>Und in Damm ging die Rede, daß es keine Gnade für sie gäbe.
-Und Katheline wurde in den westlichen Kerker des Gefängnisses
-gebracht.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>5</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Am folgenden Tag, da der Wind aus Brabant wehte, schmolz
-der Schnee, und die Wiesen wurden überschwemmt.</p>
-
-<p>Und die Sturmglocke rief die Richter zum Gericht der „Vierschare,“
-das wegen der Feuchtigkeit der Rasenbänke unter einem
-Schirmdache stattfand. Und das Volk stand im Kreise um die
-Richter.</p>
-
-<p>Joos Damman wurde aller Fesseln ledig in seiner fürnehmen
-Tracht vorgeführt. Auch Katheline wurde herbeigeführt, mit
-vorn zusammengebundenen Händen, in einem Kleide von grauer
-Leinwand, der Gefängnistracht.</p>
-
-<p>Joos Damman bekannte im Verhör, daß er seinen Freund Hilbert
-im Zweikampf auf Degen getötet habe. Als man ihm sagte:
-Er ist von einem Dolchstoß getroffen, antwortete Joos Damman:
-„Ich habe ihn niedergestochen, weil er nicht rasch genug starb.
-Da ich unter dem Schutz der flandrischen Gesetze stehe, die verbieten,
-den Mörder nach Ablauf von zehn Jahren zu verfolgen,
-so bekenne ich den Mord willig.“</p>
-
-<p>Der Amtmann sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Bist Du kein Zauberer?“</p>
-
-<p>„Nein,“ antwortete Damman.</p>
-
-<p>„Beweise es,“ sagte der Amtmann.</p>
-
-<p>„Ich werde es zu gelegener Zeit und am rechten Orte tun, aber es
-beliebt mir nicht, es jetzt zu tun.“</p>
-
-<p>Der Amtmann befragte alsdann Katheline; sie hörte ihn nicht
-und schaute Hans an:</p>
-
-<p>„Du bist mein grüner Ritter, schön wie die Sonne. Nimm das
-Feuer fort, Herzliebster.“</p>
-
-<p>Darauf sprach Nele an ihrer Stelle:</p>
-
-<p>„Sie kann nichts bekennen, als was Ihr schon wisset, Euer
-Gnaden und Ihr Herren. Sie ist keine Hexe, sondern nur irre.“</p>
-
-<p>Nunmehr redete der Amtmann und sprach:</p>
-
-<p>„Zauberer ist der, welcher durch teuflische Mittel, wissentlich
-angewendet, sich bemüht, irgend etwas zu erreichen. Nun sind
-diese beiden, Mann und Weib, Zauberer nach Absicht und Tat,
-er, weil er ihr die Salbe für den Hexensabbat gegeben und sich
-das Gesicht hell wie Luzifer gemacht hat, um Geld und Befriedigung
-seiner Wollust zu erhalten; sie, weil sie sich ihm unterworfen
-hat, da sie ihn für einen Teufel hielt, und sich seinen Begierden
-hingegeben hat. Er hat sich mit Zauberei abgegeben, sie
-ist seine offenbare Mitschuldige. Derhalben dürfen wir kein Mitleid
-haben, und ich muß es sagen, denn ich sehe die Schöffen und
-das Volk der Frau allzu wohl gesinnt. Sie hat zwar nicht gemordet
-noch gestohlen, noch Vieh und Menschen behext, noch
-irgend einen Kranken durch außergewöhnliche Mittel geheilt,
-sondern nur durch Hausmittel, so der ehrbaren, christlichen
-Arzeneikunde bekannt sind. Aber sie wollte ihre Tochter dem
-Teufel ausliefern, und wenn diese nicht trotz ihrer Jugend mit
-so redlichem, wackeren Mute widerstanden hätte, so hätte sie
-Hilbert nachgegeben und wäre wie jene eine Hexe geworden.
-Darum so frage ich die Herren vom Gericht, ob sie nicht der
-Meinung sind, daß die Beiden auf die Folter gespannt werden
-müssen!“</p>
-
-<p>Die Schöffen antworteten nicht und zeigten dadurch genugsam,
-daß solches nicht ihr Wunsch sei, soweit es Katheline betraf.</p>
-
-<p>Darauf redete der Amtmann weiter:</p>
-
-<p>„Ich bin gleich Euch von Mitleid und Erbarmen für sie bewegt.
-Aber konnte diese irrsinnige Hexe, die dem Teufel so trefflich gehorchte,
-nicht mit einer Sichel ihrer Tochter den Kopf abschneiden,
-wenn ihr mitangeklagter Buhle es ihr befohlen hätte, gleichwie
-es Katharine Daru im Lande Frankreich auf Geheiß des Teufels
-bei ihren beiden Töchtern getan hat? Konnte sie nicht, wenn ihr
-schwarzer Gemahl es ihr geboten hätte, Tiere töten, die Butter
-im Butterfaß gerinnen machen, indem sie Zucker hinein warf?
-Konnte sie nicht in Person allem Teufeldienst, Hexentanz, Greueln
-und Buhlschaft der Zauberer beiwohnen? Konnte sie nicht
-Menschenfleisch essen und die Kinder schlachten, Pasteten daraus
-machen und sie verkaufen, wie ein Pastetenbäcker in Paris es
-getan hat? Konnte sie nicht die Lenden der Gehenkten abschneiden
-und forttragen, um hineinzubeißen und solchergestalt schändlichen
-Diebstahl und Entweihung zu begehen? Und ich fordere vom
-Gerichtshof, daß alle beide, Katheline und Joos Damman, auf
-die Folter gebracht werden, um zu erfahren, ob sie kein anderes
-Verbrechen als die schon bekannten und erforschten begangen
-haben. Da Joos Damman sich weigert, irgend etwas außer dem
-Mord zu gestehen, und Katheline gar nichts ausgesagt hat, so
-erheischen die Reichsgesetze das Verfahren, das ich bezeichnet
-habe.“</p>
-
-<p>Und der Spruch der Schöffen lautete auf Tortur am Freitag,
-welcher übermorgen war.</p>
-
-<p>Und Nele rief: „Gnade, Ihr Herren,“ und das Volk rief mit ihr.
-Aber es war vergeblich.</p>
-
-<p>Und Katheline blickte Joos Damman an und sprach:</p>
-
-<p>„Ich habe Hilberts Hand, hole sie diese Nacht, mein Geliebter!“
-Und sie wurden wieder ins Gefängnis geführt.</p>
-
-<p>Dort ward dem Kerkermeister auf Geheiß des Gerichtshofes anbefohlen,
-jedem zwei Wärter zu geben, die sie allemal, wenn sie
-einschlafen wollten, schlagen sollten, aber die zwei Wächter Kathelines
-ließen sie die Nacht durch schlafen, und die von Joos
-Damman schlugen ihn unbarmherzig, so oft er die Augen schloß
-oder nur den Kopf neigte.</p>
-
-<p>Sie hungerten den ganzen Tag und die Nacht des Mittwoch und
-den ganzen Donnerstag bis zum Abend; dann gab man ihnen zu
-essen und zu trinken: Fleisch mit Salz und Salpeter, und Wasser
-mit Salz und Salpeter. Das war der Anfang ihrer Tortur. Und
-am Morgen, als sie vor Durst schrien, führten die Büttel sie in
-die Folterkammer.</p>
-
-<p>Dort wurden sie einander gegenüber gelegt und jeder auf eine
-Bank gebunden, die mit verknoteten Stricken bedeckt war, was
-ihnen große Pein verursachte. Und sie mußten jeder ein Glas
-Wasser mit Salz und Salpeter trinken.</p>
-
-<p>Da Joos Damman auf der Bank einschlafen wollte, schlugen
-ihn die Büttel.</p>
-
-<p>Und Katheline sprach:</p>
-
-<p>„Schlagt ihn nicht, Ihr Herren, Ihr zerbrechet seinen armen
-Körper. Er hat nur ein einziges Verbrechen begangen, und das
-aus Liebe, als er Hilbert umbrachte. Mich dürstet und dich auch,
-mein geliebter Hans. Gebt ihm zuerst zu trinken. Wasser! Wasser!
-Mein Körper brennt. Schonet seiner, ich werde bald für ihn sterben.
-Zu trinken!“</p>
-
-<p>Hans sprach zu ihr:</p>
-
-<p>„Garstige Hexe, stirb und verrecke wie eine Hündin. Werft sie
-ins Feuer, Ihr Herren Richter. Mich dürstet!“</p>
-
-<p>Die Schreiber schrieben alle seine Worte nieder.</p>
-
-<p>Darauf sprach der Amtmann zu ihm:</p>
-
-<p>„Hast Du nichts zu gestehen?“</p>
-
-<p>„Ich habe nichts mehr zu sagen“, antwortete Damman. „Ihr
-wisset alles.“</p>
-
-<p>„Da er beim Leugnen beharrt,“ sagte der Amtmann, „soll er, bis
-auf neues und vollständiges Geständnis, auf der Marterbank
-und auf diesen Stricken bleiben: er soll Durst leiden und am
-Schlafen verhindert werden.“</p>
-
-<p>„Ich werde bleiben,“ sagte Joos Damman, „und mich damit ergötzen,
-diese Hexe auf jener Bank leiden zu sehen. Wie findest Du
-das Hochzeitsbett, mein Schätzchen?“</p>
-
-<p>Und Katheline antwortete ächzend:</p>
-
-<p>„Kalte Hände und heißes Herz. Hans, mein Liebster. Mich dürstet,
-mein Kopf brennt!“</p>
-
-<p>„Und Du, Weib,“ sprach der Amtmann, „hast Du nichts mehr zu
-sagen?“</p>
-
-<p>„Ich höre den Karren des Todes und das Klappern der Gebeine,“
-sprach sie. „Mich dürstet! Er führt mich an einen großen
-Fluß, in dem Wasser, frisches, klares Wasser ist; aber dies Wasser
-ist Feuer. Hans, mein Freund, befreie mich von diesen Stricken.
-Ja, ich bin im Fegefeuer, und ich sehe oben den Herrn Jesus in
-seinem Paradies und die gnadenreiche Jungfrau. Oh, unsere liebe
-Frau, gib mir einen Tropfen Wassers, beiße nicht allein in diese
-schönen Früchte.“</p>
-
-<p>„Dies Weib wird von grausamem Wahnsinn geplagt,“ sagte
-einer der Schöffen. „Sie muß von der Folterbank genommen
-werden.“</p>
-
-<p>„Sie ist so wenig wahnsinnig wie ich,“ sagte Joos Damman, „das
-ist eitel Spiel und Verstellung.“ Und mit drohender Stimme
-sagte er zu Katheline: „Ich werde Dich, die so trefflich die Irre
-spielt, im Feuer sehen.“ Und er knirschte mit den Zähnen und
-lachte ob seiner grausamen Lüge.</p>
-
-<p>„Mich dürstet, erbarmt Euch, mich dürstet,“ sagte Katheline.
-„Hans, mein Liebster, gib mir zu trinken. Wie weiß Dein Gesicht
-ist! Lasset mich zu ihm, Ihr Herren Richter.“ Und den
-Mund weit öffnend: „Ja, ja, jetzo legen sie mir das Feuer in die
-Brust, und die Teufel binden mich auf dies grausame Bett. Hans,
-Du bist so mächtig, nimm deinen Degen und töte sie! Wasser! zu
-trinken, zu trinken!“</p>
-
-<p>„Verrecke, Hexe,“ sagte Joos Damman. „Man sollte ihr eine
-Angstbirne ins Maul stecken, damit sie, die Bäuerin, sich nichts
-gegen mich, den Edelmann, herausnehmen kann.“</p>
-
-<p>Auf diese Rede erwiderte ein Schöffe, der dem Adel feind war:
-„Herr Amtmann, es ist den Rechten und Bräuchen des Reiches zuwider,
-denen, so peinlich befragt werden, Angstbirnen in den Mund
-zu stecken. Denn sie sind hier, um die Wahrheit zu bekennen, und
-damit wir sie nach ihren Aussagen richten. Das ist nur verstattet,
-wenn der verurteilte Angeklagte auf dem Blutgerüst zum Volke
-sprechen, es dergestalt rühren und einen öffentlichen Aufruhr erregen
-könnte.“</p>
-
-<p>„Mich dürstet,“ sagte Katheline. „Gib mir zu trinken, Hans,
-mein Herzliebster.“</p>
-
-<p>„Ha, du leidest, verfluchte Hexe,“ sprach er, „Du, die einzige Ursache
-aller Qualen, die ich erdulde. Aber Du wirst in dieser Folterkammer
-die Marter der Kerzen, den Wippgalgen und die
-Holzstückchen zwischen den Nägeln der Füße und Hände erleiden.
-Man wird dich rittlings auf einen Sarg setzen, dessen Rücken so
-scharf ist wie eine Messerklinge, und Du wirst bekennen, daß Du
-keine Wahnsinnige, sondern eine schlimme Hexe bist, der Satan
-befohlen hat, den Edelleuten etwas anzutun. Zu trinken!“</p>
-
-<p>„Hans, mein Lieber,“ sprach Katheline, „zürne Deiner Magd
-nicht. Ich leide tausend Schmerzen für Dich, mein Gebieter.
-Schonet seiner, Ihr Herren Richter; gebet ihm einen vollen
-Becher zu trinken und hebt mir nur einen Tropfen auf. Hans, ist
-die Stunde des Fischadlers noch nicht da?“</p>
-
-<p>Jetzo sagte der Amtmann zu Joos Damman:</p>
-
-<p>„Da Du Hilbert umbrachtest, was war der Anlaß des Zweikampfes?“</p>
-
-<p>„Es war wegen einer Dirne aus Heyst, die wir alle beide haben
-wollten.“</p>
-
-<p>„Eine Dirne aus Heyst,“ schrie Katheline und wollte mit Gewalt
-von der Bank aufstehen. „Du betrügst mich mit einer Andern, du
-falscher Teufel. Wußtest du, daß ich hinter dem Deich horchte,
-als Du sagtest, Du wolltest alles Geld haben, das Klas gehörte?
-Du wolltest es gewißlich in Leckereien und Schlemmereien mit
-ihr ausgeben! Ach, und ich, die ihm ihr Blut gegeben hätte,
-wenn er Gold daraus hätte machen können! Und alles wegen
-einer Andern. Sei verflucht!“</p>
-
-<p>Aber plötzlich weinte sie und versuchte, sich auf ihrer Folterbank
-umzudrehen:</p>
-
-<p>„Nein, Hans, sage, daß Du Deine arme Magd noch lieb haben
-willst, und ich will mit meinen Fingern die Erde aufscharren und
-einen Schatz finden. Ja, es ist einer da, und ich werde mit der
-Wünschelrute gehen, die sich nach der Seite neigt, wo die Metalle
-sind; und ich werde ihn finden und ihn Dir bringen. Küsse mich,
-Liebster, und Du sollst reich werden; und wir werden Fleisch
-essen und alle Tage Bier trinken. Ja, ja, die da trinken auch
-Bier, frisches, schäumendes Bier. O, Ihr Herren, gebt mir nur
-einen Tropfen davon, ich bin im Feuer. Hans, ich weiß es wohl,
-wo Haselruten sind, aber wir müssen bis zum Frühjahr warten.“</p>
-
-<p>„Schweig, Hexe,“ sagte Joos Damman, „ich kenne Dich nicht.
-Du hast Hilbert für mich gehalten. Er war’s, der Dich besuchte.
-Und in Deinem boshaften Gemüt nanntest Du ihn Hans. Wisse,
-daß ich nicht Hans heiße, sondern Joos. Wir waren von gleichem
-Wuchs, Hilbert und ich. Ich kenne Dich nicht. Ohne Zweifel
-war es Hilbert, der die siebenhundert Karolusgülden stahl.
-Gebt mir zu trinken. Mein Vater wird einen Becher Wassers mit
-hundert Gülden bezahlen; aber dieses Weib kenne ich nicht.“</p>
-
-<p>„Gnädiger Herr,“ rief Katheline aus, „er sagt, daß er mich nicht
-kennt; aber ich, ich kenne ihn wohl und weiß, daß er auf dem
-Rücken ein braunes, behaartes Mal so groß wie eine Bohne hat.
-Ha, Du liebtest eine Dirne aus Heyst. Schämt sich ein wahrer
-Liebhaber seines Liebchens? Hans, bin ich nicht noch schön?“</p>
-
-<p>„Schön!“ sagte er. „Du hast ein Gesicht wie eine Mispel und
-einen Leib wie ein Reisigbündel. Sehet das Bettelweib, das von
-fürnehmen Herren geliebt sein will. Zu trinken!“</p>
-
-<p>„Du sprachst nicht also, Hans, mein süßer Herr,“ sagte sie, „da
-ich sechzehn Jahre jünger war denn jetzt.“ Dann schlug sie sich
-vor Kopf und Stirn. „Die Glut darinnen dörrt mir Herz und
-Gesicht; schelte mich nicht darum. Weißt Du noch, wenn wir
-Gesalzenes aßen, um mehr zu trinken, wie Du sagtest? Jetzt
-ist das Salz in uns, mein Liebster, und der Herr Amtmann trinkt
-Wein aus der Romagna. Wir wollen keinen Wein, gebt uns
-Wasser. Es rieselt im Grase, das Wässerlein, das die klare
-Quelle macht; das gute Wasser, es ist kalt. Nein, es brennt, es
-ist höllisches Wasser.“ Und Katheline weinte und sagte: „Ich
-habe Niemandem Übles getan, und jedermann wirft mich ins
-Feuer. Zu trinken! Man gibt den herrenlosen Hunden Wasser.
-Ich bin eine Christin, gebt mir zu trinken. Ich habe Niemandem
-Übles getan. Zu trinken!“</p>
-
-<p>Darauf redete ein Schöffe und sagte:</p>
-
-<p>„Diese Hexe ist nur in so weit toll, als sie vom Feuer behauptet,
-daß es ihr den Kopf verbrenne. In andern Dingen ist sie es
-nicht, maßen sie uns klaren Geistes half, die sterblichen Reste
-des Toten zu entdecken. Wenn das behaarte Mal sich auf Joos
-Dammans Körper findet, so genügt dies, um festzustellen, daß
-er und der Teufel Hans, von dem Katheline betört ward, derselbe
-ist. Henker, laß uns das Mal sehen.“</p>
-
-<p>Der Henker entblößte Hals und Schulter und zeigte das braune
-behaarte Mal.</p>
-
-<p>„Ach,“ sagte Katheline, „wie weiß Deine Haut ist! Beinahe wie
-die Schultern eines Mägdleins. Du bist schön, Hans, mein Geliebter.
-Zu trinken!“</p>
-
-<p>Der Henker stach mit einer langen Nadel in das Mal; aber es
-blutete nicht.</p>
-
-<p>Und die Schöffen sprachen untereinander:</p>
-
-<p>„Er ist ein Teufel, und er wird Joos Damman umgebracht und
-sein Gesicht angenommen haben, um die arme Welt desto sichrer
-zu täuschen.“</p>
-
-<p>Und der Amtmann und die Schöffen erschraken und sprachen:</p>
-
-<p>„Er ist ein Teufel, und es ist Zauberei im Spiel.“</p>
-
-<p>Und Joos Damman sagte:</p>
-
-<p>„Ihr wisset, daß keine Zauberei im Spiel ist, und daß es solche
-fleischigen Auswüchse gibt, die man stechen kann, ohne daß sie
-bluten. Wenn Hilbert von dieser Hexe Geld genommen hat, denn
-sie ist ja eine, die bekennt, mit dem Teufel gebuhlt zu haben, so
-durfte er es mit ausdrücklicher Zustimmung dieser Bäuerin und
-ward also als Edelmann für seine Zärtlichkeiten bezahlt, wie es
-die Dirnen alle Tage tun. Gibt es in dieser Welt nicht gleich den
-Dirnen leichtfertige Burschen, so sich von den Weibern ihre Kraft
-und Schönheit bezahlen lassen?“</p>
-
-<p>Die Schöffen sagten untereinander:</p>
-
-<p>„Sehet die teuflische Dreistigkeit! Seine behaarte Warze hat
-nicht geblutet; er ist ein Mörder, Teufel und Zauberer und
-will sich schlechtweg für einen Duellanten ausgeben, indem er
-seine andern Verbrechen auf den teuflischen Freund wälzt, dem
-er den Leib, aber nicht den Geist getötet hat ... Und sehet, wie
-bleich sein Gesicht ist. / So erscheinen alle Teufel, rot in der
-Hölle, bleich auf Erden, denn sie haben nicht das Lebensfeuer,
-das dem Gesicht seine rote Farbe gibt, und inwendig sind sie
-Asche. Er muß ins Feuer zurückgebracht werden, damit er rot
-wird und brennt.“</p>
-
-<p>Darauf sagte Katheline:</p>
-
-<p>„Ja, er ist ein Teufel, aber ein guter, freundlicher Teufel. Und
-der heilige Jakobus, sein Schutzpatron, hat ihm erlaubt, die
-Hölle zu verlassen. Er bittet den Herrn Jesum alle Tage für ihn.
-Er wird nur siebentausend Jahre im Fegefeuer sein müssen: die
-Jungfrau will es, aber Herr Satan ist dagegen. Aber die hohe
-Frau tut, was sie will. Werdet Ihr wider sie sein? Wenn Ihr
-ihn recht betrachtet, werdet Ihr sehen, daß er von seiner teuflischen
-Natur nichts behalten hat, denn den kalten Körper und
-das leuchtende Antlitz, wie es die See im August hat, wenn es
-donnern will.“</p>
-
-<p>Und Joos Damman sagte:</p>
-
-<p>„Schweig, Hexe, Du bringst mich ins Feuer.“ Dann sprach er
-zum Amtmann und zu den Schöffen: „Seht mich an, ich bin kein
-Teufel. Ich bin aus Fleisch und Bein, Blut und Wasser. Ich
-trinke und esse, verdaue und scheide aus gleich Euch; meine Haut
-ist gleich der Euren und mein Fuß desgleichen. Henker, zieh mir
-die Stiefel aus, denn ich kann mich mit den gefesselten Füßen
-nicht rühren.“</p>
-
-<p>Der Henker tat es, nicht ohne Furcht.</p>
-
-<p>„Sehet,“ sprach Joos und zeigte seine weißen Füße. „Sind das
-Klauen, Teufelsfüße? Was meine Blässe angeht, / ist keiner
-unter Euch so blaß wie ich? Ich sehe mehr als drei, die so sind.
-Aber nicht ich bin’s, der gesündigt hat, sondern diese garstige
-Hexe und ihre Tochter, die boshafte Anklägerin. Woher hat sie
-das Geld, das sie Hilbert gegeben hat? Woher stammten die
-Gülden, die sie ihm lieh? War es nicht der Teufel, der sie bezahlte,
-um fürnehme, unschuldige Männer anzuklagen und dem
-Tode auszuliefern? Diese beiden müssen gefragt werden, wer
-den Hund im Hof erwürgte, wer das Loch grub und davon
-ging, nachdem er alles herausgenommen, ohne Zweifel, um den
-Schatz an einem andern Ort zu verbergen. Soetkin, die Witwe,
-hatte kein Vertrauen zu mir, da sie mich nicht kannte, wohl aber
-zu ihnen, die sie alle Tage sah. Die beiden sind’s, die des Kaisers
-Habe gestohlen haben.“</p>
-
-<p>Der Gerichtsschreiber schrieb, und der Amtmann sprach zu
-Katheline:</p>
-
-<p>„Weib, hast Du nichts zu Deiner Verteidigung zu sagen?“</p>
-
-<p>Katheline schaute Joos Damman an und sagte gar verliebt:</p>
-
-<p>„Es ist die Stunde des Fischadlers. Ich habe Hilberts Hand,
-mein lieber Hans. Sie sagen, daß Du mir die siebenhundert
-Karolus wiedergeben wirst. Nehmt das Feuer fort, nehmt das
-Feuer fort!“ schrie sie sodann. „Zu trinken, zu trinken, mein
-Kopf brennt. Gott und die Engel essen im Himmel Äpfel.“</p>
-
-<p>Und sie verlor das Bewußtsein.</p>
-
-<p>„Bindet sie von der Folterbank los,“ sprach der Amtmann.
-Der Henker und seine Knechte gehorchten. Und sie taumelte und
-hatte geschwollene Füße, maßen der Henker die Stricke zu fest
-geschnürt hatte.</p>
-
-<p>„Gebt ihr zu trinken,“ sprach der Amtmann.</p>
-
-<p>Es ward ihr frisches Wasser gegeben; sie goß es begierig hinunter,
-indem sie den Becher zwischen den Zähnen festhielt und
-nicht loslassen wollte, wie ein Hund mit einem Knochen tut.
-Dann gab man ihr noch mehr Wasser, und sie wollte Joos
-Damman davon bringen, aber der Henker riß ihr den Becher
-aus den Händen. Und sie fiel wie ein Bleiklumpen zu Boden
-und schlief.</p>
-
-<p>Darauf schrie Joos Damman wütend:</p>
-
-<p>„Auch ich bin durstig und schläfrig! Warum gebet Ihr ihr zu
-trinken? Warum lasset Ihr sie schlafen?“</p>
-
-<p>„Sie ist schwach, ein Weib und irre,“ sprach der Amtmann.</p>
-
-<p>„Ihr Irrsinn ist ein Spiel,“ sagte Joos Damman; „sie ist eine
-Hexe; ich will trinken, ich will schlafen!“</p>
-
-<p>Und er schloß die Augen, doch die Knechte des Henkers schlugen
-ihn ins Angesicht.</p>
-
-<p>„Gebt mir ein Messer,“ schrie er, „daß ich diese Tölpel in Stücke
-schneide. Ich bin ein Edelmann und ward noch nie ins Gesicht
-geschlagen! Wasser! Laßt mich schlafen, ich bin unschuldig.
-Nicht ich habe die siebenhundert Karolus genommen, sondern
-Hilbert. Zu trinken! Ich habe nie Zauberei und Beschwörung
-getrieben. Ich bin unschuldig, laßt mich. Zu trinken!“</p>
-
-<p>Darauf fragte der Amtmann:</p>
-
-<p>„Womit verbrachtest Du die Zeit, seit Du Katheline verlassen?“</p>
-
-<p>„Ich kenne Katheline nicht; ich habe sie nicht verlassen,“ erwiderte
-er. „Ihr befragt mich über Dinge, die mit der Sache
-nichts zu tun haben. Ich brauche Euch nicht zu antworten. Zu
-trinken, laßt mich schlafen. Ich sage Euch, Hilbert war’s, der
-alles verübt hat.“</p>
-
-<p>„Bindet ihn los,“ sagte der Amtmann. „Führt ihn in sein Gefängnis
-zurück. Aber er soll Durst leiden und nicht schlafen, bis
-daß er alle seine Zaubereien und Beschwörungen bekannt hat.“</p>
-
-<p>Und es war eine grausame Folter für Damman. So laut schrie
-er in seinem Gefängnis: Zu trinken, zu trinken! daß das Volk
-ihn hörte, aber ohne jedwedes Mitleid. Und da er vor Müdigkeit
-umfiel und ihn seine Wächter ins Gesicht schlugen, war er
-wie ein Tiger und schrie:</p>
-
-<p>„Ich bin ein Edelmann und werde Euch Bauern umbringen.
-Ich werde zum König, unserm Herrn, gehen. Zu trinken!“</p>
-
-<p>Aber er bekannte nichts, und man ließ ihn allein.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>6</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es war zur Maienzeit; die Gerichtslinde war grün, grün waren
-auch die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war
-als Zeugin vorgeladen. An diesem Tage sollte das Urteil gesprochen
-werden.</p>
-
-<p>Und das Volk, Männer, Weiber, Bürger und Arbeiter, stunden
-rings um die Dingstätte, und die Sonne schien hell.</p>
-
-<p>Katheline und Joos Damman wurden vorgeführt, und Damman
-schien noch bleicher wegen der Marter des Durstes und der schlaflos
-verbrachten Nächte.</p>
-
-<p>Katheline, die nicht auf ihren zitternden Beinen stehen konnte,
-wies auf die Sonne und sprach:</p>
-
-<p>„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt!“</p>
-
-<p>Und sie blickte Joos Damman voll zärtlicher Liebe an.</p>
-
-<p>Und er blickte sie voller Haß und Verachtung an.</p>
-
-<p>Und die Ritter und Edelleute, seine Freunde, die nach Damm
-berufen waren, standen männiglich als Zeugen vor dem Gerichtshof.</p>
-
-<p>Darauf redete der Amtmann und sprach:</p>
-
-<p>„Nele, das Mägdlein, die ihre Mutter Katheline mit so großer
-Liebe verteidigt, hat in der Tasche, die an den Rock, den Feiertagsrock
-derselbigen angenäht ist, ein Brieflein gefunden, Joos
-Damman unterzeichnet. Unter den Überbleibseln von Hilbert
-Ryvisch fand ich in der Gürteltasche des Toten einen andern
-Brief von besagtem Joos Damman, dem hier vor Euch gegenwärtigen
-Angeklagten. Ich habe alle beide bei mir bewahrt,
-damit Ihr im rechten Augenblick, der jetzt gekommen ist, über
-die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn nach Recht
-und Gerechtigkeit freisprechen oder verdammen könnt. Hier ist
-das in der Gürteltasche gefundene Pergament. Ich habe es nicht
-berührt und weiß nicht, ob es lesbar ist oder nicht.“</p>
-
-<p>Die Richter waren darob in großer Bestürzung.</p>
-
-<p>Der Amtmann versuchte die Pergamentkugel auseinander zu
-wickeln, aber es war vergeblich, und Joos Damman lachte.</p>
-
-<p>Darauf sagte ein Schöffe:</p>
-
-<p>„Legt die Kugel ins Wasser und hernach vors Feuer; wenn sie
-durch ein Geheimnis zusammengeklebt ist, werden Feuer und
-Wasser es auflösen.“</p>
-
-<p>Das Wasser ward herbeigebracht; der Henker entzündete auf
-dem Felde ein großes Holzfeuer. Der Rauch stieg durch die
-grünenden Zweige der Gerichtslinde blau in den hellen Himmel
-empor.</p>
-
-<p>„Leget den Brief nicht in das Becken,“ sagte ein Schöffe, „denn
-wenn er mit in Wasser gelöstem Ammoniak geschrieben ist, werdet
-Ihr die Schriftzeichen auslöschen.“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte der anwesende Wundarzt, „die Schriftzüge werden
-nicht verlöschen; das Wasser wird nur die Tünche aufweichen,
-die das Öffnen dieser magischen Kugel verhindert.“</p>
-
-<p>Das Pergament ward ins Wasser getaucht, erweicht und entfaltet.</p>
-
-<p>Der Wundarzt sagte: „Haltet es nunmehr vors Feuer.“</p>
-
-<p>„Ja, ja,“ sprach Nele, „haltet das Papier vors Feuer; der
-Herr Wundarzt ist auf der rechten Fährte, denn der Mörder erblaßt,
-und seine Beine schlottern.“</p>
-
-<p>Hierauf erwiderte Herr Joos Damman:</p>
-
-<p>„Ich erblasse nicht, noch zittere ich, Du kleine Harpye aus dem
-Volke, die den Tod eines adligen Mannes will. Es wird Dir
-nicht gelingen, dies Pergament muß verfault sein, nachdem es
-sechzehn Jahre in der Erde gelegen hat.“</p>
-
-<p>„Das Pergament ist nicht verfault,“ sagte der Schöffe, „die
-Gürteltasche war mit Seide gefüttert. Die Seide zerfällt in der
-Erde nicht und die Würmer haben das Pergament nicht zerfressen.“</p>
-
-<p>Das Pergament ward vors Feuer gelegt.</p>
-
-<p>„Euer Gnaden! Herr Amtmann,“ sprach Nele, „sehet, die Tinte
-wird vor dem Feuer sichtbar. Befehlt, daß man das Geschriebene
-lese.“</p>
-
-<p>Da der Wundarzt sich anschickte zu lesen, wollte Herr Joos
-Damman die Arme ausstrecken, um das Pergament an sich zu
-reißen, aber schnell wie der Wind stürzte Nele sich auf seinen
-Arm und sagte:</p>
-
-<p>„Du sollst es nicht anrühren, denn da stehet Dein Tod oder
-Kathelines Tod geschrieben. Wenn Dir jetzt das Herz blutet,
-Mörder, so blutet das unsre seit fünfzehn Jahren; fünfzehn
-Jahre sind es, daß Katheline leidet, fünfzehn Jahre, daß ihr
-deinetwegen das Hirn im Kopf verbrannt ward, fünfzehn Jahre,
-daß Soetkin an den Folgen der Tortur starb, fünfzehn Jahre,
-daß wir bedürftig und zerlumpt sind und im Elend leben, wenn
-auch stolzen Sinnes. Lest das Papier, lest das Papier! Die
-Richter sind Gott auf Erden, denn sie sind die Gerechtigkeit;
-leset das Papier!“</p>
-
-<p>„Leset das Papier,“ schrien Männer und Weiber weinend. „Nele
-ist tapfer! Lest das Papier! Katheline ist keine Hexe!“</p>
-
-<p>Und der Gerichtsschreiber las:</p>
-
-<p>„An Hilbert, Sohn von Willem Ryvisch, Ritter, Joos Damman,
-Ritter, Gruß.</p>
-
-<p>„Viellieber Freund, verliere nicht fürder Dein Geld in Karten-,
-Würfelspiel und anderm großen Elend. Ich will Dir sagen, wie
-man es mit sicherem Wurf gewinnt. Wir wollen uns in Teufel
-verwandeln, hübsche Teufel, die von Frauen und Mädchen geliebt
-werden. Die Schönen und Reichen nehmen wir, die Häßlichen
-und Armen lassen wir beiseite; sie mögen ihr Vergnügen bezahlen.
-Bei diesem Handwerk verdiente ich in sechs Monaten im Lande
-Deutschland fünftausend Reichstaler. Die Frauen geben ihrem
-Buhlen, so sie ihn lieben, ihre Röcke und Hemden. Flieh die
-Geizigen mit spitzer Nase, die sich besinnen, ihr Vergnügen zu
-bezahlen. Für Deine Person und um als schöner und echter
-Incubus zu erscheinen, verkünde Dein Kommen, wenn sie Dich
-für die Nacht aufnehmen, indem Du wie ein Nachtvogel schreist.
-Und um Dir eine wahre Teufelslarve zu machen, wie ein erschrecklicher
-Teufel, reibe Dir das Gesicht mit Phosphor ein,
-welcher glänzt, wenn er feucht wird. Der Geruch ist übel, aber
-sie werden glauben, daß es Höllenduft ist. Töte, was Dir in
-den Weg kommt, Mann, Weib oder Tier.</p>
-
-<p>„Wir werden bald zusammen zu Katheline gehn, einem schönen,
-gutherzigen Weibsbild. Ihre Tochter Nele, eins von meinen
-Kindern, wenn Katheline mir treu war, ist artig und hübsch.
-Du wirst sie ohne Mühe besitzen. Ich gebe sie Dir, denn ich
-schere mich nicht um diese Bastarde, die man nicht mit Gewißheit
-als seine Sprößlinge erkennen kann. Ihre Mutter gab ihr
-schon dreiundzwanzig Karolus, ihre ganze Habe. Aber sie verbirgt
-einen Schatz, welcher, wenn ich kein Dummkopf bin, die Erbschaft
-des zu Damm verbrannten Ketzers Klas ist: siebenhundert
-Karolusgülden, die der Konfiskation verfallen. Aber der gute
-König Philipp, der so viele seiner Untertanen verbrennen ließ, um
-sie zu beerben, konnte seine Klaue nicht auf diesen lieblichen Schatz
-legen. Er wird in meiner Geldkatze schwerer wiegen als in seiner.
-Katheline wird mir sagen, wo er ist, und wir wollen ihn teilen.
-Du mußt mir nur für die Entdeckung den größten Teil lassen.</p>
-
-<p>„Die Weiber, unsre holden Leibeigenen und verliebten Sklavinnen,
-werden wir ins Land Deutschland bringen. Dort werden wir sie
-lehren, weibliche Teufel und Succubi zu werden, die alle reichen
-Bürger und Edelleute verliebt machen. Allda werden sie und
-wir von Liebe leben, die mit schönen Reichstalern, Samt, Seide,
-Gold, Perlen oder Kleinodien bezahlt wird, und also ohne Anstrengung
-reich werden. Und ohne Wissen der Succubi werden
-wir von den Schönsten geliebt werden und uns übrigens immer
-bezahlen lassen. Alle Frauen sind dumm und albern gegen den
-Mann, welcher das Liebesfeuer entzünden kann, das Gott unter
-ihren Gürtel legte. Katheline und Nele werden es noch mehr sein
-als andre und in allen Stücken gehorchen, sintemal sie uns für
-Teufel halten. Behalte du deinen Vornamen, aber gib niemals
-deinen Vaternamen Ryvisch an. Wenn der Richter die Weiber
-abfaßt, reisen wir ab, ohne daß sie uns kennen und uns angeben
-können. Vorwärts, mein Getreuer. Fortuna lächelt der Jugend,
-wie Seine Hochselige, heilige Majestät Karl der Fünfte sagte,
-der ein geprüfter Meister in Sachen der Liebe und des Krieges
-war.“</p>
-
-<p>Und der Gerichtsschreiber hörte auf zu lesen und sagte:</p>
-
-<p>„Dies ist der Brief. Er ist unterzeichnet. Joos Damman, Ritter.“</p>
-
-<p>Und das Volk schrie:</p>
-
-<p>„Zum Tode mit dem Mörder! Zum Tode mit dem Zauberer! Ins
-Feuer mit dem Weiberbetörer! An den Galgen mit dem Dieb!“</p>
-
-<p>Darauf sprach der Amtmann!</p>
-
-<p>„Haltet Ruhe, Leute, damit wir in aller Freiheit diesen Menschen
-richten können.“</p>
-
-<p>Und zu den Schöffen redend, sprach er:</p>
-
-<p>„Ich will euch jetzo den zweiten Brief vorlesen, den Nele in der
-Tasche von Kathelines Festtagsrock gefunden hat; er ist also
-abgefaßt:</p>
-
-<p>„Reizende Hexe, hier ist das Rezept einer Mixtur, die mir Luzifers
-Weib selbst geschickt hat. Mit Hülfe dieser Mixtur kannst du
-dich in die Sonne, den Mond und die Gestirne versetzen; mit den
-Elementargeistern, die die Gebete der Menschen zu Gott tragen,
-Zwiesprache halten und alle Städte, Marktflecken, Flüsse und
-Wiesen der ganzen Welt durcheilen. Du zerreibst zu gleichen
-Teilen: Stechapfel, betäubenden Nachtschatten, Bilsenkraut,
-Opium, die frischen Spitzen des Hanfes und Tollkirsche.</p>
-
-<p>„Wenn Du willst, gehen wir heute zum Sabbat der Geister; aber
-Du mußt mich mehr lieben und nicht so knauserig sein wie jüngst
-abends, da Du mir zehn Gülden weigertest und sagtest, daß Du
-sie nicht hättest. Ich weiß, daß Du einen Schatz verborgen hältst
-und es mir nicht sagen willst. Liebst du mich nicht mehr, mein
-süßes Herz?</p>
-
-<p class="right">
-Dein kalter Teufel</p>
-<p class="halfright">
-Hanske“
-</p>
-
-<p>„Der Zauberer muß sterben!“ schrie das Volk.</p>
-
-<p>Der Amtmann sagte:</p>
-
-<p>„Die beiden Schriftstücke müssen verglichen werden.“</p>
-
-<p>Nachdem solches geschehen, wurden sie für gleich erklärt.</p>
-
-<p>Darauf sagte der Amtmann zu den anwesenden Rittern und
-Herren: „Erkennet ihr diesen da als Herrn Joos Damman, den
-Sohn des Schöffen der Küre zu Gent?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprachen sie.</p>
-
-<p>„Habt Ihr Junker Hilbert, den Sohn des hochwohlgebornen
-Willem Ryvisch gekannt?“ fragte er.</p>
-
-<p>Einer der Edelleute, der van der Zinkelen hieß, nahm das Wort
-und sagte:</p>
-
-<p>„Ich bin aus Gent, mein Steen ist an der Place Saint-Michel;
-ich kenne den Ritter Willem Ryvisch, den Schöffen der Küre zu
-Gent. Es sind nunmehr fünfzehn Jahre, daß er einen Sohn im
-Alter von dreiundzwanzig Jahren verlor. Er war ausschweifend,
-ein Spieler und Müssiggänger; aber männiglich verzieh ihm seiner
-Jugend halber. Seit jener Zeit hat keiner Kunde von ihm gehabt.
-Ich begehre Degen, Dolch und Gürteltasche des Toten zu sehen.“</p>
-
-<p>Als er sie vor sich hatte, sagte er:</p>
-
-<p>„Degen und Dolch tragen am Kopfe des Griffes das Wappen der
-Ryvisch, das drei silberne Fische auf azurnem Felde hat. Ich
-sehe das nämliche Wappen auf einem güldenen Schilde zwischen
-den Eisenmaschen der Tasche. Wes ist dieser andere Dolch?“</p>
-
-<p>Es ist derselbe, den man in der Leiche von Hilbert Ryvisch, dem
-Sohne Willems, stecken fand,“ sprach der Amtmann.</p>
-
-<p>„Ich erkenne das Wappen der Damman daran: den Turm mit
-den Rachen auf silbernem Feld. So helfe mir Gott und alle seine
-Heiligen.“</p>
-
-<p>Die andern Edelleute sprachen desgleichen:</p>
-
-<p>„Wir erkennen besagte Wappen als die der Ryvisch und Damman.
-So helfe uns Gott und alle seine Heiligen.“</p>
-
-<p>Der Amtmann sprach:</p>
-
-<p>„Nach den, vom Schöffengericht gehörten und gelesenen Beweisen
-ist Herr Joos Damman ein Zauberer, Mörder, Weiberbetörer
-und Dieb am königlichen Gute und als solcher des Verbrechens
-an göttlicher und menschlicher Majestät schuldig.“</p>
-
-<p>„Ihr sagt es, Herr Amtmann,“ entgegnete Joos, „aber Ihr werdet
-mich nicht verurteilen, aus Mangel an Beweisen. Ich bin kein
-Zauberer und war es nie, ich spielte nur die Rolle des Teufels.
-Was mein helles Gesicht betrifft, so habt Ihr das Rezept dafür,
-desgleichen für die Salbe, welches, ob schon es Bilsenkraut, eine
-giftige Pflanze, enthält, doch nur ein Schlafmittel ist. Wenn dieses
-Weib, das eine richtige Hexe ist, davon einnahm, versank sie in
-Schlaf und vermeinte zum Sabbat zu fahren, dort mit nach
-außen gedrehtem Gesicht in der Runde zu gehen und einen Teufel
-mit Bocksgesicht, der auf einem Altar stand, anzubeten. Wenn
-der Umgang beendet war, wähnte sie, daß sie ihn unter den
-Schwanz küßte, wie die Zauberer tun: nachher überließ sie sich
-mir, ihrem Freunde, zu seltsamen Paarungen, die ihrem ausschweifenden
-Sinne gefielen. Wenn ich, wie sie sagte, kalte Arme und
-kühlen Leib hatte, so war das ein Zeichen der Jugend, nicht der
-Zauberei. Aber Katheline wollte glauben, was sie wünschte, und
-mich für einen Teufel halten, ob ich gleich ein Mensch von Fleisch
-und Bein bin, ganz wie Ihr, die Ihr mich anseht. Sie allein ist
-schuldig. Indem sie mich für einen Teufel hielt und mich in ihr
-Bett nahm, sündigte sie mit Absicht und Tat gegen Gott und den
-Heiligen Geist. Demnach ist sie es, und nicht ich, die das Verbrechen der
-Zauberei beging; sie ist des Feuers würdig als rasende,
-boshafte Hexe, die sich für eine Irre ausgeben will, um ihre
-Bosheit zu verbergen.“</p>
-
-<p>Doch Nele sprach:</p>
-
-<p>„Hört Ihr ihn, den Mörder? Wie eine feile Dirne, die das Rädlein
-am Arm trägt, hat er das Gewerbe und Handwerk der Liebe
-getrieben. Hört Ihr ihn? Um sich zu retten, will er die verbrennen
-lassen, die ihm alles gab.“</p>
-
-<p>„Nele ist boshaft,“ sprach Katheline, „höre nicht auf sie, Hans,
-mein Geliebter.“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte Nele, „Du bist kein Mensch, Du bist ein feiger,
-grausamer Teufel.“ Sie umschlang Katheline mit ihren Armen
-und rief aus: „Ihr Herren Richter, hört nicht auf diesen bleichen
-Bösewicht. Er hat nur einen Wunsch: meine Mutter verbrannt
-zu sehen, so sie kein andres Verbrechen beging, als daß Gott sie
-mit Wahnsinn heimsuchte und sie die Hirngespinste ihrer Träume
-für Wirklichkeit hielt. Sie hat an Leib und Seele schon gar sehr
-gelitten. Laßt sie nicht sterben, Ihr Herren Richter. Lasset die
-Unschuldige in Frieden ihr traurig Dasein leben.“</p>
-
-<p>Und Katheline sagte: „Nele ist boshaft, Du mußt ihr nicht
-glauben, Hans, mein Gebieter.“</p>
-
-<p>Und unter dem Volk weinten die Frauen, und die Männer sagten:
-„Gnade für Katheline.“</p>
-
-<p>Auf ein Geständnis, das Joos Damman nach erneuter Folter
-machte, sprachen der Amtmann und die Schöffen das Urteil. Er
-wurde verurteilt, aus dem Adel ausgestoßen und bei langsamen
-Feuer lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte. Er
-erlitt die Strafe am folgenden Morgen vor den Gitterfenstern des
-Rathauses und sagte immerfort: „Laßt die Hexe sterben, sie allein
-ist schuldig! Gott sei verflucht! Mein Vater wird die Richter
-töten.“ Und er gab den Geist auf.</p>
-
-<p>Und das Volk sagte: „Sehet, wie er flucht und lästert; er verendet
-wie ein Hund.“</p>
-
-<p>Am andern Tage fällten der Amtmann und die Schöffen ihren
-Spruch über Katheline. Sie ward verurteilt, im Brügger Kanal
-die Wasserprobe zu bestehen. Bliebe sie oben schwimmen, so sollte
-sie als Hexe verbrannt werden; ginge sie aber unter und verlöre
-dabei das Leben, so sollte sie als christlich gestorben angesehen
-und als solche auf dem Kirchhof begraben werden.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage wurde Katheline, die eine Wachskerze trug,
-barfuß und mit einem schwarzlinnenen Hemde bekleidet, in großer
-Prozession an den Bäumen entlang bis an das Ufer des Kanals
-geführt. Vor ihr her schritten der Dechant der Frauenkirche und
-seine Vikare, die Sterbegebete sangen, und der Meßner, der das
-Kreuz trug; hinter ihr der Amtmann von Damm, Schöffen,
-Gerichtsschreiber, Gemeindebüttel, der Profoß, der Henker und
-seine beiden Knechte. Am Ufer stand eine große Menge weinender
-Frauen und murrender Männer, beide voll Mitleids für Katheline,
-die wie ein Lamm dahinschritt, das sich führen läßt, ohne
-zu wissen wohin, und immer sagte:</p>
-
-<p>„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt! Hans, wo bist Du?“
-Nele, die unter den Frauen stand, schrie: „Ich will mit ihr hineingeworfen
-werden!“ Aber die Frauen wehrten ihr, daß sie Katheline
-nahte.</p>
-
-<p>Vom Meere wehte ein scharfer Wind; vom grauen Himmel fiel
-ein feiner Hagel in das Wasser des Kanals. Der Henker und seine
-Knechte bemächtigten sich im Namen seiner königlichen Majestät
-eines Kahnes, der da war. Auf ihr Geheiß stieg Katheline hinein;
-der Henker stand darinnen, ergriff sie, und als der Profoß mit
-der Rute der Gerechtigkeit winkte, warf er Katheline in den
-Kanal. Sie kämpfte mit der Flut, aber nicht lange; dann sank
-sie unter, nachdem sie: „Hans, Hans, zu Hilfe,“ gerufen hatte.</p>
-
-<p>Und das Volk sagte: „Dies Weib ist keine Hexe.“</p>
-
-<p>Männer sprangen in den Kanal und zogen Katheline heraus.
-Sie war von Sinnen und starr wie eine Leiche. Dann ward sie
-in eine Schenke gebracht und vor ein starkes Feuer gelegt. Nele
-zog ihr die nassen Kleider und die Wäsche aus, um ihr andere
-anzulegen. Als sie wieder zu sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd:
-„Hans, gib mir einen wollenen Mantel.“</p>
-
-<p>Und Katheline konnte nicht wieder warm werden und starb am
-dritten Tage. Und sie ward auf dem Kirchhof begraben.</p>
-
-<p>Und die verwaiste Nele begab sich ins Land Holland zu Rosa
-van Auweghem.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>7</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Auf den zeeländischen Huckern, auf den Bujern und den Galeassen
-fährt Tyll Klas Ulenspiegel davon. Das offne Meer trägt die
-wackeren Freibeuter darauf acht, zehn oder zwanzig eiserne Feldstücke
-sind; sie speien Tod und Verderben auf die spanischen
-Verräter.</p>
-
-<p>Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, ist ein trefflicher Kanonier.</p>
-
-<p>Man muß ihn sehen, wie er das Stück richtet, scharf visiert und
-die Schiffsrümpfe der Henker wie eine Mauer aus Butter durchlöchert.
-Er trägt am Filzhut den silbernen Halbmond mit der
-Inschrift: „<span class="antiqua">Liever den Turk als den Paus.</span>“ Lieber dem Türken
-als dem Papst dienen.</p>
-
-<p>Die Matrosen, die ihn flink wie eine Katze und behend wie ein
-Eichhörnchen auf ihre Schiffe klettern sahen, dabei ein Liedchen
-singend oder lustige Reden führend, fragten ihn neugierig:</p>
-
-<p>„Wie geht es zu, kleiner Kerl, daß Du ein so jugendlich Aussehen
-hast, denn die Rede geht, daß es lange her ist, daß du in
-Damm geboren wurdest?“</p>
-
-<p>„Ich bin nicht Körper, sondern Geist,“ sagte er, „und Nele, mein
-Liebchen, gleicht mir. Vlämischer Geist, vlämische Liebe, wir
-werden nicht sterben.“</p>
-
-<p>„Gleichwohl blutest Du, wenn man Dich schneidet,“ sagten sie.</p>
-
-<p>„Das scheint nur so; es ist Wein und nicht Blut.“</p>
-
-<p>„Wir werden Dir einen Zapfen in den Bauch stecken.“</p>
-
-<p>„Ich werde mich allein leeren.“</p>
-
-<p>„Du spottest unser.“</p>
-
-<p>„Wer das Kalbfell schlägt, wird die Trommel hören,“ antwortete
-Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und die gestickten Banner der römischen Prozessionen flatterten
-an den Schiffsmasten. In Sammet, Brokat, Seide, Gold- und
-Silberstoff gekleidet, wie es die Äbte beim Hochamt tun, mit
-Mitra und Kreuz in den Händen und der Mönche Wein trinkend,
-so hielten die Geusen auf den Schiffen Wacht.</p>
-
-<p>Und es war ein seltsames Schauspiel, aus diesen reichen Gewändern
-diese rauhen Hände herausgucken zu sehen, die Hakenbüchse
-oder Armbrust, Hellebarde oder Picke trugen, lauter
-Männer mit hartem Gesicht und überdies mit Pistolen und Hirschfängern
-umgürtet, die in der Sonne glänzten. Sie tranken aus
-güldenen Kelchen den Klosterwein, welcher zum Weine der Freiheit
-geworden war.</p>
-
-<p>Und sie sangen und riefen: „Es lebe der Geuse!“ Und also segelten
-sie auf dem Meer und der Schelde.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>8</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Um dieselbige Zeit nahmen die Geusen, unter denen Lamm und
-Ulenspiegel waren, Gorkum ein. Sie wurden vom Kapitän
-Marin befehligt. Dieser Marin, der ehemals Deicharbeiter war,
-spreizte sich in großem Hochmut und Dünkel und unterzeichnete
-mit Gaspard Turc, dem Verteidiger von Gorkum, eine Kapitulation,
-laut welcher Turc, die Mönche, Bürger und Soldaten,
-so in der Zitadelle eingeschlossen waren, frei abziehen sollten mit
-der Kugel im Munde, der Muskete auf der Schulter mit allem,
-was sie tragen konnten. Nur die Kirchengüter sollten den Belagerern
-verbleiben. Doch der Kapitän Marin hielt auf Befehl
-von Messire de Lumey die dreizehn Mönche als Gefangene zurück
-und ließ die Soldaten und Bürger ziehen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sagte: „Soldatenwort soll gülden Wort sein.
-Warum hält er seines nicht?“</p>
-
-<p>Ein alter Geuse antwortete Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Die Mönche sind Satans Kinder, der Aussatz der Völker, die
-Schande der Länder. Seit dem Einmarsch des Herzog Alba
-tragen sie in Gorkum die Nase hoch. Einer unter ihnen, der
-Priester Nikolas, ist hoffärtiger als ein Pfau und wilder als ein
-Tiger. Allemal, wenn er mit seinem Heiligen Sakrament, darinnen
-seine aus Hundefett gemachte Hostie war, durch die
-Straße ging, sah er mit wütenden Blicken nach den Häusern, aus
-denen die Frauen nicht heraus kamen, um niederzuknieen. Er zeigte
-alle dem Richter an, die nicht vor seinem Götzenbild aus Teig und
-vergüldetem Kupfer das Knie beugten. Die andern Mönche taten
-des gleichen. Das war der Anlaß zu mehrfachem großen Jammer,
-Verbrennungen und grausamer Strafen in der Stadt Gorkum.
-Der Kapitän Marin tut wohl daran, die Mönche als Gefangene
-festzuhalten; wenn nicht, würden sie mit ihres Gleichen in die
-Dörfer, Marktflecken, Städte und Weiler gehen, gegen uns predigen,
-das Volk aufwiegeln und die armen Reformierten verbrennen
-lassen. Man legt die Bullenbeißer an die Kette, bis sie verenden;
-an die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden
-des Herzogs, in den Käfig mit den Henkern! Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>„Aber Seine Gnaden von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß
-man bei denen, die sich ergeben, die persönliche Habe und das
-freie Gewissen achte,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Die alten Geusen erwiderten:</p>
-
-<p>„Der Admiral will es nicht für die Mönche. Er ist Herr, er hat
-Briel erobert. In den Käfig mit den Mönchen!“</p>
-
-<p>„Soldatenwort, gülden Wort! Warum bricht er es?“ entgegnete
-Ulenspiegel. „Die Mönche, die im Gefängnis sind, erdulden da
-tausend Mißhandlungen.“</p>
-
-<p>„Die Asche brennt nicht mehr auf deinem Herzen,“ sagten sie.
-„Kraft der Edikte haben hunderttausend Familien die Handwerke,
-den Gewerbefleiß, den Reichtum unserer Länder nach dem
-Nordwesten, nach Engelland getragen; beklage denn die, so
-unser Verderben verschuldeten! Seit Kaiser Karl dem Fünften,
-dem ersten Henker, und unter dem gegenwärtigen, dem Blutkönig
-und zweiten Henker, sind hundertundachtzehntausend Personen
-hingerichtet worden. Wer trug die Totenkerze bei Mord und
-Tränen? Mönche und hispanische Söldner. Hörst du nicht die
-Seelen der Toten klagen?“</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. „Soldatenwort,
-ein gülden Wort.“</p>
-
-<p>„Wer wollte denn,“ so sprachen sie, „das Land durch die Exkommunikation
-bei allen Völkern in Acht und Bann tun? Wer
-hätte, wenn er es vermocht hätte, Erde und Himmel, Gott und
-Teufel und die Scharen der Heiligen gegen uns gewappnet? Wer
-schmierte die Hostien mit Ochsenblut ein und ließ die hölzernen
-Statuen weinen? Wer ließ auf unserm heimatlichen Boden den
-Sterbegesang erschallen, wenn nicht die verfluchte Klerisei, diese
-Horden faulenzender Mönche, um ihren Reichtum, ihren Einfluß
-über die Götzenanbeter zu behalten und durch Verderben, Blut
-und Feuer über das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit
-den Wölfen, die sich auf die am Boden Liegenden stürzen; in den
-Käfig mit den Hyänen! Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>„Soldatenwort, gülden Wort,“ entgegnete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Des andern Tages kam ein Bote von Messire de Lumey mit dem
-Befehl, die neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel,
-allwo der Admiral war, bringen zu lassen.</p>
-
-<p>„Sie werden gehenkt werden,“ sagte der Kapitän Marin zu Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Nicht, so lange ich am Leben bin,“ versetzte er.</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „sprich nicht also zu Messire de Lumey.
-Er ist grimmig und wird dich ohne Gnade mit ihnen henken lassen.“</p>
-
-<p>„Ich werde der Wahrheit gemäß reden,“ erwiderte Ulenspiegel.
-„Soldatenwort, gülden Wort.“</p>
-
-<p>„Wenn Du sie retten kannst,“ sagte Marin, „so führe ihre Barke
-bis Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, und Deinen Freund Lamm
-mit, wenn Du willst.“</p>
-
-<p>„Ja, ich will,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Die Barke legte am Quai Vert an, und die neunzehn Mönche
-stiegen hinein. Der furchtsame Rochus wurde ans Steuerruder
-gesetzt, und Ulenspiegel und Lamm nahmen wohlbewaffnet im
-Vorderteil des Fahrzeuges Platz. Verlotterte Söldner, die sich
-des Plünderns halber zu den Geusen geschlagen hatten, waren
-bei den hungernden Mönchen. Ulenspiegel gab ihnen zu trinken
-und zu essen. „Dieser wird Verrat üben,“ sprachen die verlotterten
-Söldner. Die neunzehn Mönche saßen blöd und schlotternd in
-der Mitte, ohngeachtet man im Juli war, die Sonne hell und
-warm schien und ein sanfter Wind die Segel der Barke schwellte,
-die schwer und rundbäuchig über die grünen Wogen glitt.</p>
-
-<p>Darauf redete Pater Nikolas und sprach zum Steuermann:</p>
-
-<p>„Rochus, führt man uns aufs Galgenfeld?“ Dann wandte er sich
-nach Gorkum, stand auf und reckte die Hand aus. „O, Stadt
-Gorkum! welch großes Wehe hast Du zu erleiden! Verflucht wirst
-Du sein unter den Städten, denn Du hast in Deinen Mauern den
-Samen der Ketzerei großgezogen! O Stadt Gorkum! Und der
-Engel des Herrn wird nicht mehr an Deinen Toren Wacht halten.
-Er wird nicht mehr für die Keuschheit Deiner Jungfrauen, den
-Mut Deiner Männer und den Reichtum Deiner Kaufleute sorgen!
-O Stadt Gorkum, verflucht bist Du, Unselige!“</p>
-
-<p>„Verflucht, verflucht,“ erwiderte Ulenspiegel, „verflucht wie der
-Kamm, der durchgefahren ist und die hispanischen Läuse mitgenommen
-hat. Verflucht wie der Hund, der die Kette zerbricht,
-wie das edle Roß, das einen grausamen Reiter von sich abschüttelt.
-Verflucht Du selbst, einfältiger Pfaff, der es schlecht findet, daß
-man die Rute, und wäre sie von Eisen, auf dem Rücken der
-Tyrannen zerbricht.“</p>
-
-<p>Der Mönch schwieg, schlug die Augen nieder und schien in frommen
-Haß versenkt.</p>
-
-<p>Die Söldner, so Plünderns halber zu den Geusen gekommen
-waren, saßen bei den Mönchen, die bald Hunger hatten. Ulenspiegel
-forderte Schiffsbrot und Hering für sie. Der Schiffsmeister
-antwortete:</p>
-
-<p>„Werfet sie in die Maas, da können sie den Hering ungesalzen
-fressen.“</p>
-
-<p>Darauf gab Ulenspiegel den Mönchen alles, was er an Brot
-und Wurst für sich und Lamm bei sich hatte. Der Schiffsmeister
-und die Söldner sprachen untereinander:</p>
-
-<p>„Das ist ein Verräter, er füttert die Mönche; er muß angezeigt
-werden.“</p>
-
-<p>In Dordrecht legte die Barke im Hafen am Bloemen-Key an.
-Männer, Frauen, Knaben und Mädchen kamen in Menge herbeigelaufen,
-die Mönche zu sehen, wiesen mit dem Finger auf sie
-oder drohten mit der Faust und sagten zueinander:</p>
-
-<p>„Sehet diese Wichte und Gottmacher, die die Leiber zum Scheiterhaufen
-und die Seelen ins ewige Feuer bringen; sehet die fetten
-Tiger und dickbäuchigen Hyänen.“</p>
-
-<p>Die Mönche senkten den Kopf und wagten nicht mehr zu sprechen,
-und Ulenspiegel sah sie abermals zittern.</p>
-
-<p>„Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,“ sagten sie.</p>
-
-<p>Aber der Schiffspatron sprach:</p>
-
-<p>„Wer trinkt allezeit? Der dürre Sand. Wer ißt allezeit? Der
-Mönch.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging in die Stadt, um Brot, Schinken und einen
-großen Krug Bier für sie zu holen.</p>
-
-<p>„Esset und trinket,“ sprach er. „Ihr seid unsere Gefangenen,
-aber ich werde Euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort, gülden
-Wort.“</p>
-
-<p>„Weshalb gibst Du ihnen das? Sie werden Dir’s nicht lohnen,“
-sagten die Söldner und sie sprachen leise miteinander und flüsterten
-sich diese Worte ins Ohr: „Er hat versprochen, sie zu retten; laßt
-uns ihn wohl bewachen.“</p>
-
-<p>Bei Tagesanbruch gelangten sie nach Briel. Nachdem ihnen die
-Tore geöffnet waren, ging ein Eilbote voraus, um Herrn de
-Lumey ihre Ankunft zu melden.</p>
-
-<p>Kaum hatte er die Kunde empfangen, so kam er, notdürftig
-bekleidet und von etlichen bewaffneten Reitern und Fußgängern
-gefolgt, angeritten.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel konnte zum andern Mal den grimmen Admiral
-sehen, gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überfluß lebt.</p>
-
-<p>„Seid gegrüßt, Ihr Herren Mönche,“ sprach er. „Hebt die Hände
-auf. Wo ist das Blut der Herren von Egmont und van Hoorn?
-Ihr zeigt mir eine weiße Pfote, das ist hübsch von Euch.“</p>
-
-<p>Ein Mönch, namens Leonard, sagte:</p>
-
-<p>„Mach mit uns, was Du willst. Wir sind Mönche, keiner wird
-Anspruch auf uns erheben.“</p>
-
-<p>„Er hat recht geredet,“ sprach Ulenspiegel. „Denn da der Mönch
-mit der Welt gebrochen hat, die Vater und Mutter, Bruder und
-Schwester, Gattin und Liebste ist, so wird er in seinem letzten
-Stündlein keinen finden, der Anspruch an ihn erhebt. Ich aber,
-Excellenz, ich will es tun. Da der Kapitän Marin die Kapitulation
-von Gorkum unterzeichnete, machte er aus, daß diese
-Mönche frei sein sollten, wie alle, die in der Zitadelle gefangen
-wurden und aus der Stadt abzogen. Sie wurden jedoch ohne
-Grund als Gefangene zurückgehalten. Ich höre, daß sie gehenkt
-werden sollen. Euer Gnaden, ich wende mich in aller Demut an
-Euch und lege Fürsprache für sie ein; denn ich weiß: Soldatenwort
-ist gülden Wort.“</p>
-
-<p>„Wer bist Du?“ fragte Messire de Lumey.</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin ein Vläme aus
-dem schönen Land Flandern; ein Bauer und Edelmann, alles zumal.
-Also lustwandle ich durch die Welt, lobe die guten und
-schönen Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel.
-Und ich will Euch preisen, so Ihr das Versprechen haltet, das
-der Kapitän gegeben hat: Soldatenwort ist gülden Wort.“</p>
-
-<p>Aber die Söldner, so auf dem Schiff waren, sagten:</p>
-
-<p>„Euer Gnaden, dieser Mensch ist ein Verräter. Er hat versprochen,
-sie zu retten; er hat ihnen Brot, Schinken, Wurst, Bier gegeben,
-und uns nichts.“</p>
-
-<p>Drauf sagte Messire de Lumey zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Lustwandelnder Vläme und Ernährer von Mönchen, Du wirst
-mit ihnen gehenkt werden.“</p>
-
-<p>„Ich habe keine Furcht,“ erwiderte Ulenspiegel, „Soldatenwort
-ist gülden Wort.“</p>
-
-<p>„Dir ist der Kamm trefflich geschwollen,“ sprach de Lumey.</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Die Mönche wurden in eine Scheune gebracht und Ulenspiegel
-mit ihnen; dort wollten sie ihn durch theologische Argumente bekehren,
-aber beim Zuhören schlief er ein.</p>
-
-<p>Dieweil Herr de Lumey bei Tafel war und sich an Wein und
-Fleisch gütlich tat, kam ein Bot von Gorkum vom Kapitän Marin
-mit der Abschrift der Briefe des Schweigers, Prinzen von Oranien:
-„Befehl an alle Gouverneure der Städte und andrer Orte, daß sie
-den Geistlichen gleichen Schutz, gleiche Sicherheit und Vorrechte
-wie dem übrigen Volk angedeihen lassen.“</p>
-
-<p>Der Bote verlangte bei de Lumey vorgelassen zu werden, um ihm
-die Abschrift der Briefe zu eignen Händen auszuantworten.</p>
-
-<p>„Wo ist das Original?“ fragte ihn de Lumey.</p>
-
-<p>„Bei meinem Gebieter Marin,“ sagte der Bote.</p>
-
-<p>„Und der Tölpel schickt mir die Abschrift!“ sagte de Lumey. „Wo
-ist Dein Paß?“</p>
-
-<p>„Hier, Euer Gnaden,“ sagte der Bote.</p>
-
-<p>Herr de Lumey las laut vor:</p>
-
-<p>„Der gnädige Herr und Hauptmann Marin Brandt befiehlt allen
-Beamten, Gouverneuren und Offizieren der Republik ungefährdet
-passieren zu lassen“ usw.</p>
-
-<p>De Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und zerriß den Paß.
-„Blut Gottes,“ schrie er, „was untersteht sich dieser Marin, dieser
-Lump, der vor der Einnahme von Briel nicht eine Heringsgräte
-zu beißen hatte! Er betitelt sich gnädiger Herr und Hauptmann
-und schickt mir Befehle, mir! Er verordnet und befiehlt! Sag
-Deinem gnädigen Herrn, daß er so sehr Hauptmann und gnädig
-ist, und so trefflich befehlen und verordnen kann, daß die Mönche
-alsogleich kurz und hoch sollen aufgehenkt werden, und Du mit
-ihnen, wenn Du Dich nicht packst.“</p>
-
-<p>Und mit einem Fußtritt stieß er ihn aus dem Saale.</p>
-
-<p>„Zu trinken!“ schrie er. „Habt Ihr die Anmaßung dieses Marin
-gesehen? Ich werde mein Essen wieder ausspeien, so wütend bin
-ich. Die Mönche sollen straks in ihrer Scheune gehenkt werden
-und der lustwandelnde Vläme soll hierher gebracht werden, nachdem
-er ihrer Hinrichtung beigewohnt hat. Wir wollen doch sehen,
-ob er es wagen wird, mir zu sagen, daß ich schlecht getan habe.
-Blut Gottes! Wozu braucht es hier noch Krüge und Gläser?“
-Und mit lautem Krachen zerbrach er die Becher und das Geschirr,
-und niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. Die Diener wollten
-die Scherben auflesen, er duldete es nicht, und indem er ohne
-Maß die Flaschen austrank, geriet er noch mehr in Wut, rannte
-mit großen Schritten umher und trampelte und stampfte wütend
-auf die Scherben. Ulenspiegel ward vor ihn geführt.</p>
-
-<p>„Nun,“ sagte er zu ihm, „bringst Du Kunde von Deinen Freunden,
-den Mönchen?“</p>
-
-<p>„Sie sind gehenkt,“ sagte Ulenspiegel, „und ein feiger Henker,
-der aus Habgier schlachtet, hat dem einen, nachdem er tot war,
-Bauch und Seiten aufgeschlitzt, wie bei einem Schwein, das man
-ausnimmt, um sein Fett einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort
-ist nicht mehr gülden Wort.“</p>
-
-<p>De Lumey zerstampfte die Trümmer des Geschirrs.</p>
-
-<p>„Du trotzest mir, Du vier Schuh hoher Taugenichts, doch Du
-sollst auch gehenkt werden, nicht in einer Scheune, sondern auf
-offenem Markt, mit Schimpf und Schande vor allen Leuten.“</p>
-
-<p>„Schande über Euch,“ sagte Ulenspiegel. „Schande über uns.
-Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“</p>
-
-<p>„Wirst Du schweigen, Eisenkopf!“ sagte Messire Lumey.</p>
-
-<p>„Schande über Dich,“ sprach Ulenspiegel, „Soldatenwort kein
-gülden Wort mehr. Bestrafe lieber die schändlichen Händler mit
-Menschenfett.“</p>
-
-<p>Darauf stürzte sich Herr de Lumey auf ihn, um ihn zu schlagen.</p>
-
-<p>„Schlag zu,“ sagte Ulenspiegel, „ich bin Dein Gefangener, aber
-ich habe keine Furcht vor Dir. Soldatenwort kein gülden Wort
-mehr.“</p>
-
-<p>Da zog Herr von Lumey seinen Degen und hätte Ulenspiegel gewißlich
-getötet, dafern nicht Herr von Très-Long seinen Arm festgehalten
-und zu ihm gesagt hätte:</p>
-
-<p>„Erbarme Dich! Er ist ehrlich und tapfer und hat kein Verbrechen
-begangen.“</p>
-
-<p>Da besann sich de Lumey und sprach:</p>
-
-<p>„Er möge um Pardon bitten“.</p>
-
-<p>Doch Ulenspiegel blieb stehen und sagte:</p>
-
-<p>„Das werde ich nicht tun.“</p>
-
-<p>„Dann soll er zum wenigsten sagen, daß ich nicht Unrecht gehabt
-habe,“ schrie de Lumey, in Wut geratend.</p>
-
-<p>Ulenspiegel entgegnete:</p>
-
-<p>„Ich bin kein Speichellecker großer Herren; Soldatenwort kein
-gülden Wort mehr.“</p>
-
-<p>„Der Galgen soll aufgerichtet werden,“ sagte de Lumey. „Führt
-ihn hin; so wird es ein hanfenes Wort sein.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „und vor allem Volk werde ich Dir zurufen:
-Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr!“</p>
-
-<p>Der Galgen ward auf dem großen Markt errichtet, und die Kunde
-durchlief alsbald die Stadt, daß Ulenspiegel, der tapfere Geuse,
-gehenkt werden sollte. Und das Volk ward von Mitleid und
-Teilnahme ergriffen. In hellen Haufen kam es zum Großen Markt,
-und Herr de Lumey kam auch angeritten, da er selber das Zeichen
-zur Hinrichtung geben wollte.</p>
-
-<p>Ohne Erbarmen sah er Ulenspiegel mit dem Totenhemd angetan,
-auf der Leiter stehen, die Arme am Körper festgebunden, die
-Hände gefaltet, den Strick um den Hals, und den Henker bereit,
-seines Amtes zu walten.</p>
-
-<p>Très-Long sagte:</p>
-
-<p>„Euer Gnaden, verzeihet ihm, er ist kein Verräter, und niemand
-hat je einen Menschen henken sehen, weil er aufrichtig und mitleidig
-war.“</p>
-
-<p>Und als die Männer und Weiber aus dem Volk Très-Long reden
-hörten, schrien sie: „Erbarmen, Euer Gnaden, Erbarmen und
-Gnade für Ulenspiegel!“</p>
-
-<p>„Dieser Eisenkopf hat mir getrotzt,“ sprach de Lumey, „er möge
-bereuen und sagen, daß ich recht getan habe.“</p>
-
-<p>„Willst Du bereuen und sagen, daß er recht getan habe?“ sagte
-Très-Long zu Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr,“ gab Ulenspiegel zur
-Antwort.</p>
-
-<p>„Zieht den Strick zu,“ sagte de Lumey.</p>
-
-<p>Der Henker wollte gehorchen; da sprang ein junges Mädchen,
-ganz in Weiß gekleidet, mit einem Blumenkränzlein im Haar,
-wie rasend die Stufen des Blutgerüsts hinauf, warf sich an Ulenspiegels
-Brust und sagte:</p>
-
-<p>„Dieser Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.“</p>
-
-<p>Und das Volk klatschte in die Hände und die Weiber schrieen:</p>
-
-<p>„Es lebe das Dirnlein, Ulenspiegels Retterin!“</p>
-
-<p>„Was bedeutet das?“ fragte Herr de Lumey.</p>
-
-<p>Très-Long antwortete:</p>
-
-<p>„Nach Sitte und Brauch der Stadt ist es Recht und Gesetz, daß
-ein junges Weib, Jungfrau oder ledig, einen Mann vom Strang
-errettet, wenn sie ihn am Fuße des Galgens zum Gatten nimmt.“</p>
-
-<p>„Gott ist mit ihm,“ sprach de Lumey, „bindet ihn los.“</p>
-
-<p>Darauf ritt er an das Gerüst heran und sah das Mägdlein geschäftig,
-Ulenspiegels Stricke zu zerschneiden, und der Henker
-wollte sich ihrem Vorhaben widersetzen und sagte:</p>
-
-<p>„So Ihr sie zerschneidet, wer wird sie bezahlen?“</p>
-
-<p>Aber das Mägdlein hörte ihn gar nicht.</p>
-
-<p>Da er sah, daß sie so behend, verliebt und klug war, ward er
-gerührt.</p>
-
-<p>„Wer bist Du?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ich bin Nele, seine Braut, und komme aus Flandern, ihn zu
-suchen.“</p>
-
-<p>„Du tatest recht,“ sagte de Lumey in rauhem Ton.</p>
-
-<p>Und er ritt von dannen.</p>
-
-<p>Drauf kam Très-Long heran.</p>
-
-<p>„Kleiner Vläme,“ sagte er, „wirst Du als Ehemann noch Soldat
-auf unsern Schiffen bleiben?“</p>
-
-<p>„Ja, Herr,“ antwortete Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Und Du, Mägdlein, was wirst Du ohne Deinen Mann anfangen?“</p>
-
-<p>Nele antwortete:</p>
-
-<p>„Wenn Ihr erlaubt, Herr, werde ich auf seinem Schiff Pfeifer
-werden.“</p>
-
-<p>„Ich erlaube es,“ sagte Très-Long.</p>
-
-<p>Und er gab ihr zwei Gülden für die Hochzeit.</p>
-
-<p>Und Lamm sagte, vor Freude weinend und lachend:</p>
-
-<p>„Hier sind noch drei Gülden: wir wollen alles aufessen, ich bezahle.
-Laßt uns zum „Güldenen Kamm“ gehen. Mein Freund
-ist nicht tot. Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Und das Volk klatschte Beifall, und sie gingen zum „Güldenen
-Kamm“, allwo ein großer Schmaus bestellt ward, und Lamm
-warf Heller zum Fenster hinaus für das Volk.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sagte zu Nele:</p>
-
-<p>„Herzallerliebste, da bist Du also bei mir! O, Jubel! Sie ist
-hier, mit Leib, Herz und Seele, mein süßes Liebchen. O, die sanften
-Augen und die schönen roten Lippen, von welchen immer nur gute
-Worte kamen. Auf unsern Schiffen wirst Du die Pfeife der Freiheit
-blasen. Entsinnst Du Dich ... Doch nein ... Unser ist die
-gegenwärtige Stunde voller Wonne, und mein ist Dein Antlitz
-hold wie Blüten des Rosenmonds. Ich bin im Paradiese. Doch
-Du weinst ...?“</p>
-
-<p>„Sie haben sie umgebracht,“ sprach sie.</p>
-
-<p>Und sie erzählte ihm die Leidensgeschichte.</p>
-
-<p>Und sich einander anschauend, weinten sie vor Liebe und Schmerz.
-Und beim Festmahl aßen und tranken sie, und Lamm blickte sie
-betrübt an und sagte:</p>
-
-<p>„Ach, mein Weib, wo bist Du?“</p>
-
-<p>Und der Priester kam und traute Nele und Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und die Morgensonne fand sie nebeneinander auf ihrem Hochzeitslager.</p>
-
-<p>Und Neles Haupt ruhte auf Ulenspiegels Schulter. Und als sie
-beim Sonnenschein erwachte, sagte er:</p>
-
-<p>„Blühendes Antlitz und sanftes Herz, wir werden Flanderns
-Rächer sein.“</p>
-
-<p>Und sie küßte ihn auf den Mund und sagte: „Närrischer Sinn
-und starker Arm, Gott wird Pfeife und Degen segnen.“</p>
-
-<p>„Ich werde Dir ein Soldatenkleid machen.“</p>
-
-<p>„Sogleich?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. „Aber wer sagt doch, daß
-morgens die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist weit besser.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>9</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten, gleich ihren Freunden und
-Gefährten, den Klöstern die Habe wieder abgenommen, so diese
-dem Volke durch Prozessionen, falsche Wunder und andere
-römische Gaukeleien aus der Tasche gezogen hatten.</p>
-
-<p>Dies war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen,
-aber das Geld diente zur Bezahlung der Kriegskosten.</p>
-
-<p>Lamm Goedzak, nicht zufrieden, sich mit Geld zu versorgen,
-raubte Schinken, Würste, Flaschen, Wein und Bier aus den
-Klöstern und kehrte frohgemut zurück, ein Wehrgehenk mit Geflügel,
-Truthennen, Kapaunen, Hühnern und Kücken auf der
-Brust tragend und etliche mönchische Kälber und Schweine an
-einem Strick hinterdreinschleifend. Und das gemäß dem Kriegsrecht,
-wie er sagte.</p>
-
-<p>Hocherfreut über jede Beute, trug er sie aufs Schiff, damit man
-damit Schmausereien und Gelage veranstaltete; gleichwohl beklagte
-er sich, daß der Schiffskoch in der Wissenschaft der Brühen
-und Fleischgerichte so unbewandert sei.</p>
-
-<p>Eines Tages, da die Geusen siegesfroh ihren Wein schlürften,
-sprachen sie zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Du hast immer die Nase nach dem Winde, um Zeitung vom Festland
-zu wittern; Du kennst alle Kriegsabenteuer: sing sie uns
-vor. Indes wird Lamm die Trommel schlagen und der hübsche
-Pfeifer wird nach dem Takt Deines Liedes blasen.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„An einem hellen, kühlen Maitage findet Ludwig von Nassau, der
-in Mons einzurücken gedenkt, nicht Fußsoldaten noch Reiterei.
-Etliche heimliche Anhänger hielten ein Tor offen und eine Brücke
-war herabgelassen, auf daß er in Besitz der Stadt käme. Aber die
-Bürger bemächtigten sich der Stadt und des Tores. Wo sind des
-Grafen Ludwig Soldaten? Die Bürger wollen die Brücke aufziehen.
-Graf Ludwig stößt ins Horn.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?</div>
- <div class="verse indent0">Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,</div>
- <div class="verse indent0">So dürres Reis wie zarte Maienblumen.</div>
- <div class="verse indent0">Die liebe Sonne lässet ihre roten</div>
- <div class="verse indent0">Und kriegerischen Angesichter glänzen</div>
- <div class="verse indent0">Und ihrer Renner blanke Kruppen.</div>
- <div class="verse indent0">Graf Ludwig stößt ins Horn.</div>
- <div class="verse indent0">Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,</div>
- <div class="verse indent0">Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,</div>
- <div class="verse indent0">Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,</div>
- <div class="verse indent0">Fliegen die schweren Reiter heran!</div>
- <div class="verse indent0">Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!</div>
- <div class="verse indent0">Die Brücke hebt sich ... Gespornt</div>
- <div class="verse indent0">Der Schlachtrosse blutende Flanken!</div>
- <div class="verse indent0">Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Sie sind davor. Ist es zu spät?</div>
- <div class="verse indent0">In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,</div>
- <div class="verse indent0">Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,</div>
- <div class="verse indent0">Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.</div>
- <div class="verse indent0">Die Stadt gewonnen! Höret Ihr</div>
- <div class="verse indent0">Auf dem Pflaster von Mons,</div>
- <div class="verse indent0">Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,</div>
- <div class="verse indent0">Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Heil Chaumont und dem spanischen Hengst</div>
- <div class="verse indent0">Schmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!</div>
- <div class="verse indent0">Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;</div>
- <div class="verse indent0">Die Lerche steigt singend gen Himmel.</div>
- <div class="verse indent0">Heil dem Vogel der Freiheit!</div>
- <div class="verse indent0">Rühret die Siegestrommel!</div>
- <div class="verse indent0">Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!</div>
- <div class="verse indent0">Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und die Geusen sangen auf den Schiffen: „Christe, schau nieder
-auf Deine Soldaten. Schärfe unsere Waffen, Herr. Es lebe der
-Geuse!“</p>
-
-<p>Und Nele ließ lächelnd die schrillen Töne der Pfeife erklingen,
-und Lamm schlug die Trommel, und die güldenen Kelche und die
-Freiheitslieder erhoben sich zum Himmel, dem Tempel Gottes.
-Und gleich Meerjungfrauen murmelten die klaren, kühlen Wogen
-melodisch um das Schiff.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>10</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>An einem Tag im Augustmond, einem schwülen, heißen Tage blies
-Lamm Trübsal. Seine lustige Trommel war still und schlief, und
-die Trommelstöcke sahen aus seiner Kriegstasche hervor.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Nele lächelten vor verliebten Wohlbehagen und
-wärmten sich in der Sonne; die Marswachen pfiffen oder sangen,
-dieweil sie über das weite Meer Ausschau hielten, ob sie am
-Horizont nicht etwelche Beute erspähten. Wenn Très-Long sie
-fragte: sagten sie immer: „<em>Niets</em>, nichts.“</p>
-
-<p>Und Lamm, bleich und niedergedrückt, seufzte erbärmlich. Und
-Nele sagte:</p>
-
-<p>„Woher kommt es, Lamm, daß Du so bekümmert bist?“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Du wirst mager, mein Sohn.“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Lamm, „ich bin betrübt und mager. Mein Herz
-büßt seine Heiterkeit und mein Vollmondsgesicht seine Frische ein.
-Ja, lacht nur über mich, Ihr, die Ihr Euch durch tausend Gefahren
-wiederfandet. Spottet des armen Lamm, der, wiewohl
-verheiratet, wie ein Witwer lebt, indes die da“, sprach er, auf
-Nele deutend, „ihren Mann der Umarmung des Strickes entriß,
-der sein letztes Liebchen sein wird. Sie tat wohl daran, Gott
-sei gelobt, aber sie muß nicht über mich lachen. Jawohl, Du
-mußt nicht über den armen Lamm lachen, Nele, mein Herzchen!
-Mein Weib lacht für zehn. Ach, Ihr Weiber seid grausam gegen
-die Schmerzen Andrer. Ja, mein Herz ist betrübt, vom Schmerze
-der Trennung verwundet, und nichts kann es trösten, denn sie
-allein.“</p>
-
-<p>„Oder irgend ein Fleischgericht,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wohl,“ sprach Lamm, „wo ist auf diesem elenden Schiff das
-Fleisch? Auf den Schiffen des Königs kriegen sie es viermal in
-der Woche, dafern nicht Fasttag ist, und dreimal Fisch. Was
-die Fische angeht, Gott verdamme mich, wenn dies Faserzeug /
-ich meine ihr Fleisch / etwas anderes tut als mir unnütz das Blut
-zu erhitzen, mein armes Blut, das sich bald in Wasser verwandeln
-wird. Sie haben Bier, Käse, Suppe und gutes Getränk.
-Ja, sie haben alles für des Magens Behagen: Schiffszwieback,
-Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles: gedörrten
-Fisch, Käse, Senfsamen, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze, Essig,
-Öl, Talg, Holz und Kohlen. Uns aber hat man verboten, Vieh
-zu rauben, wessen es auch sei, eines Bürgers, Abtes oder Edelmannes.
-Wir essen Hering und trinken Dünnbier. Wehe, ich habe
-nichts mehr; nicht Frauenliebe, noch guten Wein, nicht Doppel-Braunbier,
-noch gute Nahrung. Wo sind hier unsere Freuden?“</p>
-
-<p>„Das will ich Dir sagen, Lamm,“ antwortete Ulenspiegel. „Auge
-um Auge, Zahn um Zahn. In der Bartholomäusnacht zu Paris
-haben sie zehntausend freie Seelen allein in der Stadt Paris getötet,
-der König hat selbst auf sein Volk geschossen. Erwache,
-Vläme, ergreife das Beil ohne Erbarmen: Das sind unsere
-Freuden. Triff den feindlichen, römischen Spanier, wo immer
-Du ihn findest. Laß Deine Esserei beiseite. Sie haben die Opfer,
-tot oder lebendig, an ihren Fluß geschafft und sie zu ganzen
-Wagenladungen ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst
-Du, Lamm? Die Seine war neun Tage lang rot, und die Raben
-ließen sich in Scharen auf die Stadt nieder. In La Charité,
-Rouen, Toulouse, Lyon, Bordeaux, Bourges und Meaux war
-das Blutbad entsetzlich. Siehst Du die Scharen vollgefressener
-Hunde, die sich bei den Kadavern niederlegen? Ihre Zähne sind
-müde von der Arbeit; der Flug der Raben ist schwerfällig, so
-sehr haben sie sich den Magen mit dem Fleische der Opfer angefüllt.
-Hörst Du die Stimmen der Seelen, Lamm, die um Rache
-und Mitleid gen Himmel schreien? Erwache, Vläme. Du sprichst
-von Deiner Frau. Ich glaube nicht, daß sie untreu ist, aber betört,
-und sie liebt Dich noch, armer Freund. Sie war nicht
-unter den Damen vom Hofe, die in der Nacht des Blutbades
-die Leichen entblößten, um zu sehen, ob ihre Männlichkeit groß
-oder klein war. Und sie lachten, diese großen Damen, groß in
-Unzucht. Freue Dich, mein Sohn, trotz Deines Fisches und
-Dünnbiers. Wenn der Nachgeschmack des Herings widerlich ist,
-so ist es der Geruch dieser Geilheit noch mehr. Die geschlachtet
-haben, halten Festmahle, und mit schlecht gewaschenen Mörderhänden
-zerlegen sie die fetten Gänse, um den artigen Pariser
-Edelfräulein die Flügel, Füße und das Hinterteil anzubieten.
-Die aber hatten zuvor anderes Fleisch, kaltes Fleisch berührt.“</p>
-
-<p>„Ich werde nicht mehr klagen, mein Sohn,“ sagte Lamm und
-stand auf. „Für die freien Seelen ist der Hering eine Fettammer
-und das Dünnbier gleicht Malvasier.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sprach:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.</div>
- <div class="verse indent0">In Trümmern und Blut</div>
- <div class="verse indent0">Erblüht die Rose der Freiheit.</div>
- <div class="verse indent0">So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Nach dem Triumph der Hyäne</div>
- <div class="verse indent0">Kommt die Zeit des Löwen.</div>
- <div class="verse indent0">Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.</div>
- <div class="verse indent0">Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und die Geusen auf den Schiffen sangen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Das gleiche Los droht uns vom Herzog.</div>
- <div class="verse indent0">Auge um Auge, Zahn um Zahn,</div>
- <div class="verse indent0">Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-<h3>11</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In einer düsteren Nacht, als der Donner in den Tiefen der Wetterwolken
-grollte, war Ulenspiegel mit Nele auf Deck und sprach:</p>
-
-<p>„All unsere Lichter sind gelöscht. Wir sind Füchse, die nachts
-auf das spanische Geflügel lauern, das ist auf ihre zweiundzwanzig
-Kuffs, reiche Schiffe, darauf die Laternen schimmern, die für sie
-böse Sterne sind. Und wir werden sie verfolgen.“</p>
-
-<p>Nele sprach:</p>
-
-<p>„Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie
-der Höllenschlund, die Sterne funkeln wie Satans Lächeln, der
-ferne Donner grollt dumpf, die Möwen fliegen laut kreischend
-vorüber. Das Meer wälzt seine phosphorschimmernden Wellen
-wie silberne Schlangen. Tyll, mein Geliebter, komm in die Welt
-der Geister. Nimm das Zauberpulver“ ...</p>
-
-<p>„Werde ich die Sieben sehen, Liebchen?“</p>
-
-<p>Und sie nahmen das Zauberpulver.</p>
-
-<p>Und Nele drückte Ulenspiegel die Augen zu und Ulenspiegel schloß
-sie Nele. Und sie erblickten ein grausames Schauspiel.</p>
-
-<p>Himmel, Erde und Meer waren voll von Männern, Weibern
-und Kindern, die da arbeiteten, ruderten, wanderten oder träumten.
-Das Meer schaukelte sie, die Erde trug sie und sie wimmelten
-wie Aale in einem Korbe.</p>
-
-<p>Sieben Männer und Frauen saßen mitten im Himmel auf Thronen,
-die Stirnen mit einem glänzenden Sterne gekrönt; aber sie waren
-so verschwommen, daß Nele und Ulenspiegel nur ihre Sterne
-deutlich erblickten.</p>
-
-<p>Das Meer stieg bis zum Himmel und wälzte in seinem Schaum
-eine Unzahl von Schiffen, deren Masten und Takelwerk nach der
-Willkür der stürmisch bewegten Wogen aneinanderstießen, sich verwickelten,
-zerbrachen und zerspellten. Dann erschien ein Schiff
-inmitten aller andern. Seine Verschalung war von glühendem
-Eisen, der stählerne Kiel scharf wie ein Messer. Das Wasser
-schrie und ächzte, wenn es hindurchfuhr. Der Tod saß hohnlachend
-auf dem Heck, in der einen Hand seine Hippe, in der
-andern eine Peitsche, womit er sieben Personen schlug. Die eine
-war ein trübseliger, magerer, hochmütiger, schweigsamer Mensch.
-In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen
-Degen. Neben ihm saß eine rothaarige Dirne auf einer Ziege,
-ihre Brüste waren bloß, ihr Kleid offen und sie hatte freche
-Augen. Unzüchtig reckte sie sich zur Seite eines alten Juden, der
-Nägel aufsammelte, und eines dicken, gedunsenen Mannes, der
-allemal umfiel, wenn sie ihn aufrichtete. Ein mageres, wütendes
-Weib prügelte alle beide. Der dicke Mann rächte sich nicht, noch
-minder seine rothaarige Gefährtin. Ein Mönch in ihrer Mitte
-aß Würste. Ein Weib, das auf der Erde lag, kroch wie eine
-Schlange zwischen den andern hindurch, biß den alten Juden
-wegen seiner alten Nägel, den gedunsenen Mann, weil er zu gemächlich
-war, die rothaarige Dirne wegen des feuchten Schimmers
-ihrer Augen, den Mönch wegen der Würste, und den Magern
-wegen seines Zepters. Und alsbald prügelten sich alle.</p>
-
-<p>Als sie weiterfuhren, ward die Schlacht auf dem Meer, im
-Himmel und auf Erden entsetzlich. Es regnete Blut. Die Schiffe
-wurden von Beilhieben, Büchsen- und Kanonenschüssen zerschmettert,
-ihre Trümmer flogen mitten im Pulverdampf in die Luft.
-Auf dem Lande prallten die Heere wie eherne Mauern zusammen.
-Städte, Dörfer und Ernten verbrannten unter Geschrei
-und Tränen. Die stolzen Schattenrisse der ragenden Glockentürme
-hoben sich wie steinerne Spitzenzier vom Feuerschein ab; dann
-stürzten sie gleich gefällten Eichen dröhnend zu Boden. Schwarze
-Reiter, zahlreich und dicht wie Ameisenhaufen, den Degen in der
-Hand und die Pistole in der Faust, töteten Männer, Weiber und
-Kinder. Etliche schlugen Löcher ins Eis und senkten lebende
-Greise hinein; andere schnitten den Weibern die Brüste ab und
-streuten Pfeffer darauf, andere henkten Kinder in den Essen auf.
-Die des Tötens müde waren, taten irgend einem Mädchen oder
-einer Frau Gewalt an, tranken, spielten Würfel und wühlten mit
-roten Fingern in Goldhaufen, dem Ertrage der Plünderung.</p>
-
-<p>Die sieben Sterngekrönten riefen: „Erbarmen für die arme Welt!“</p>
-
-<p>Und die Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen
-denen von tausend Fischadlern, die zumal schrieen. Und der Tod
-schwang seine Hippe.</p>
-
-<p>„Hörst Du sie?“ sagte Ulenspiegel; „das sind die Raubvögel der
-armen Menschen. Sie nähren sich von kleinen Vögeln, nämlich
-den Schlichten und Guten.“</p>
-
-<p>Die sieben Sterngekrönten riefen: „Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit!“</p>
-
-<p>Und die sieben Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen
-denen von tausend Fischadlern, die zumal schreien. Und der Tod
-peitschte sie.</p>
-
-<p>Und das Schiff fuhr mitten hindurch und schnitt Kriegsschiffe,
-Boote, Männer, Weiber und Kinder entzwei. Die Klagen der
-Opfer, die „Erbarmen“ riefen, widerhallten auf dem Meere.
-Und das rote Schiff segelte über sie alle hinweg, dieweil die lachenden
-Gespenster gleich Seeadlern schrieen. Und der Tod trank
-hohnlachend das blutige Wasser.</p>
-
-<p>Da das Schiff im Nebel verschwunden war, hörte die Schlacht
-auf und die sieben Sterngekrönten vergingen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel und Nele sahen nichts mehr denn den schwarzen
-Himmel, die hochgehende See, die düstern Wetterwolken, die auf
-dem phosphorschimmernden Wasser heranzogen, und ganz nahe
-rote Sterne. Es waren die Laternen der zweiundzwanzig Kuffs.
-Das Meer und der Donner grollten dumpf.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel läutete sacht die Alarmglocke und rief: „Der
-Spanier, der Spanier! Er segelt auf Vlissingen!“ Und der Ruf
-hallte wider durch die ganze Flotte.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sagte zu Nele:</p>
-
-<p>„Ein grauer Schimmer breitet sich über Himmel und Meer aus.
-Die Laternen leuchten nur noch schwach; der Tag bricht an, der
-Wind frischt auf, die Wogen schleudern ihren Schaum über das
-Deck der Schiffe, ein starker Regen fällt und hört sogleich wieder
-auf. Die Sonne geht strahlend auf und vergoldet die Wogenkämme;
-das ist Dein Lächeln, Nele, frisch wie der Morgen,
-sanft wie der Sonnenstrahl.“</p>
-
-<p>Die zweiundzwanzig Kuffs segeln vorbei. Auf den Schiffen der
-Geusen dröhnen die Trommeln und schrillen die Pfeifen; de Lumey
-ruft: „Auf Befehl des Prinzen: Klar zum Entern!“ Ewont
-Pietersen Wort, Vizeadmiral, ruft: „Auf Befehl Seiner Gnaden
-von Oranien und des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“ Auf
-allen Schiffen, „Johanna“, „Schwan“, „Anne-Mie“, „Geuse“,
-„Kompromiß“, „von Egmont“, „von Hoorn“, „Willem de
-Zwyger“, rufen alle Kapitäne: „Auf Befehl seiner Gnaden von
-Oranien und des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“</p>
-
-<p>„Klar zum Entern! es lebe der Geuse!“ rufen die Soldaten und
-Matrosen.</p>
-
-<p>Très-Longs Hucker, „Briel“ genannt, auf dem Ulenspiegel und
-Lamm sind, gefolgt von „Johanna“, „Schwan“ und „Geuse“, erobert
-vier Kuffs. Die Geusen werfen alles, was spanisch ist, ins
-Wasser, nehmen die Niederländer gefangen, leeren die Schiffe
-aus wie Eierschalen und lassen sie ohne Mast noch Segel in die
-Rhede treiben. Dann machen sie Jagd auf die achtzehn andern.
-Der Wind weht heftig von Antwerpen, die Längsseiten der
-schnellen Schiffe neigen sich unter der Wucht der geschwellten
-Segel ins Wasser des Flusses, wie Mönchswangen beim Winde,
-der aus den Küchen kommt. Die Kuffs fahren schnell; die Geusen
-verfolgen sie bis in die Rhede von Middelburg unter dem Feuer
-der Forts. Da entspinnt sich eine blutige Schlacht. Die Geusen
-schwingen sich mit Äxten auf die Decks der Schiffe, die alsbald
-mit abgehauenen Armen und Beinen übersäet sind, also daß sie
-nach der Schlacht körbeweise in die Fluten geworfen werden
-müssen. Die Forts feuern auf sie; sie spotten ihrer, und mit dem
-Ruf: „Es lebe der Geuse!“ nehmen sie Pulver, Bomben, Kugeln
-und Getreide aus den Kuffs. Nachdem sie sie entleert haben,
-stecken sie sie in Brand, lassen sie rauchend und brennend in der
-Rhede zurück und segeln nach Vlissingen.</p>
-
-<p>Von dort werden sie Mannschaft aussenden, um die Deiche von
-Holland und Zeeland zu durchstechen und beim Bau neuer Schiffe
-zu helfen, sonderlich der Vliebote von hundertundvierzig Tonnen,
-welche bis zu zwanzig gußeiserne Feldstücke tragen können.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>12</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es schneit auf die Schiffe. Ganz weiß ist die Luft bis weit in die
-Ferne und ohn Unterlaß fällt der Schnee und sinkt weich in die
-schwarze Flut, wo er schmilzt.</p>
-
-<p>Es schneit auf das Land, ganz weiß sind die Wege, ganz weiß
-die schwarzen Umrisse der entblätterten Bäume. Kein Laut als
-die fernen Glocken von Haarlem, welche die Stunde läuten, und
-das fröhliche Glockenspiel, das seine gedämpften Töne in die dicke
-Luft hinaussendet.</p>
-
-<p>„Ihr Glocken, läutet nicht, Ihr Glocken, spielt nicht Eure
-schlichten, holden Weisen: Don Federigo naht, der junge Blutherzog.
-Er marschiert auf Dich los, und ihm folgen fünfunddreißig
-Fähnlein Spanier, Deine tödlichen Feinde, o Haarlem,
-Stadt der Freiheit; zweiundzwanzig Fähnlein Wallonen, achtzehn
-Fähnlein Deutsche, achthundert Pferde und viel Geschütz.
-Hörst Du das Dröhnen dieses mörderischen Eisenwerks auf den
-Lafetten? Falkonetts, Feldschlangen, kurze Kanonen mit großem
-Rachen, all das ist für Dich, Haarlem. Glocken, läutet nicht,
-Glockenspiel, sende nicht Deine frohen Weisen in die dicke Schneeluft
-hinauf.“</p>
-
-<p>„Wir Glocken werden läuten; ich, das Glockenspiel, werde meine
-kühnen Klänge in die dicke Schneeluft hinaufsenden.“ Haarlem
-ist die Stadt der tapferen Herzen, der mutigen Frauen. Ohne
-Furcht sieht sie von ihren Glockentürmen die schwarzen Scharen
-ihrer Henker wie höllische Ameisenhaufen kribbeln. Ulenspiegel,
-Lamm und hundert Meergeusen sind in ihren Mauern. Ihre
-Flotte kreuzt auf dem See.“</p>
-
-<p>„Mögen sie kommen!“ sagen die Einwohner. „Wir sind nur
-Bürger, Fischer, Seeleute und Frauen. Um bei uns einzudringen,
-braucht Herzog Albas Sohn, so sagt er, keine andren Schlüssel
-als sein Geschütz. Möge er die schwachen Tore öffnen, wenn er
-kann; er wird Männer dahinter finden. Läutet, Glocken; sende
-Deine fröhlichen Weisen, o Glockenspiel, in die schwere Schneeluft
-hinauf.</p>
-
-<p>„Wir haben nur schwache Mauern und Gräben nach alter Art.
-Vierzehn Kanonen speien ihre sechsundvierzigpfündigen Kugeln
-auf die <span class="antiqua">Cruys-poort</span>. Stellt Männer hin, wo Steine fehlen. Die
-Nacht kommt, ein jeder arbeitet; es ist, als habe das Geschütz
-nie hindurch geschossen. Auf die <span class="antiqua">Cruys-poort</span> haben sie sechshundertachtzig
-Kugeln geschossen, auf die Porte Saint-Jean
-sechshundertfünfundsiebzig. Diese Schlüssel schließen nicht, denn
-siehe, dahinter erhebt sich ein neues Bollwerk. Läutet, Glocken,
-sende, Glockenspiel, Deine fröhlichen Weisen in die schwere
-Schneeluft hinauf.</p>
-
-<p>„Das Geschütz schießt, schießt immerfort gegen die Mauern; die
-Steine springen ab, die Mauerecken stürzen ein. Die Bresche ist
-weit genug, daß eine Kompagnie in Front hindurch könnte.
-„Sturm! Tod! Tod!“ schreien sie. Sie stürmen an, es sind ihrer
-zehntausend. Laßt sie mit ihren Laufbrücken und Sturmleitern
-die Festungsgräben passieren. Unser Geschütz ist bereit. Das ist
-die Schar der Todgeweihten. Grüßt sie, Kanonen der Freiheit!
-Sie grüßen: die Kettenkugeln, die brennenden Pechkränze, die
-zischend fliegen und die Masse der Stürmenden durchbrechen,
-zerschlagen, in Brand setzen und blenden, also daß sie weichen
-und in Verwirrung fliehen. Fünfzehnhundert Tote erfüllen den
-Graben. Läutet, Glocken, und Du, Glockenspiel, sende Deine
-fröhlichen Weisen in die schwere Schneeluft hinauf!</p>
-
-<p>„Erneuert den Sturm! Sie wagen es nicht. Sie verlegen sich
-wieder aufs Schießen und Minenlegen. Wir verstehen uns auch
-auf diese Kunst. Unter ihnen, unter ihnen zündet die Lunte an;
-lauft, wir werden ein schönes Schauspiel sehen. Vierhundert
-Spanier fliegen in die Luft. Das ist nicht der Weg nach dem
-ewigen Feuer. O, der schöne Tanz beim silbernen Klang unserer
-Glocken, bei der fröhlichen Musik unseres Glockenspiels!</p>
-
-<p>„Sie ahnen nicht, daß der Prinz über uns wacht, daß alle Tage
-Schlitten mit Getreide und Pulver durch wohlbewachte Zugänge
-zu uns gelangen; das Getreide für uns, das Pulver für sie. Wo
-sind ihre sechshundert Deutschen, die wir im Haarlemer Wald
-erschlugen und ertränkten? Wo sind die elf Fahnen, die wir ihnen
-abnahmen, die sechs Geschütze und fünfzig Ochsen? Wir hatten
-einen Mauergürtel, jetzt haben wir deren zwei. Selbst die
-Frauen kämpfen, und Kennan führt ihre tapfere Schar. Kommt,
-Henker, rückt in unsere Gassen ein, die Kinder werden Euch mit
-ihren kleinen Messern die Kniekehlen zerschneiden. Läutet, Ihr
-Glocken, und du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen in
-die dicke Luft hinauf!</p>
-
-<p>„Aber das Glück ist nicht mit uns. Die Flotte der Geusen ist
-auf dem See geschlagen. Geschlagen sind die Truppen, die Oranien
-uns zu Hilfe geschickt hatte. Es friert, es friert stark.
-Keine Hilfe! Auch leisten wir, tausend gegen zehntausend, fünf
-Monate lang Widerstand. Jetzt müssen wir mit unsern Peinigern
-unterhandeln. Wird der junge Blutherzog, der uns den
-Untergang schwor, von keinem Vergleich hören wollen? Wir
-wollen alle Soldaten mit ihren Waffen ausfallen lassen, sie
-werden die feindlichen Scharen durchbrechen. Aber die Frauen
-sind an den Toren und fürchten, man werde sie allein die Stadt
-bewachen lassen. Glocken, läutet nicht mehr; Glockenspiel,
-sende Deine fröhlichen Weisen nicht mehr in die Luft hinauf!</p>
-
-<p>„Jetzt haben wir Juni, das Heu duftet, das Getreide wird
-gülden in der Sonne, die Vögel singen; wir haben fünf Monde
-lang Hunger gelitten, die Stadt ist in Trauer. Wir ziehen alle
-aus Haarlem heraus, die Schützen voran, um den Weg zu bahnen,
-die Frauen und die Kinder und der Magistrat hinterdrein, beschützt
-vor dem Fußvolk, das über die Bresche Wacht hält. Ein
-Brief, ein Brief des jungen Blutherzogs. Ist’s Tod, was er
-kündet? Nein, Leben für alles, was in der Stadt ist. O unerwartete
-Güte &mdash; Lüge vielleicht! Wirst Du wiederum singen,
-fröhliches Glockenspiel? Sie rücken in die Stadt ein.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten die Tracht der deutschen
-Söldner angelegt, die, sechshundert an der Zahl, mit ihnen im
-Kloster der Augustiner eingesperrt waren.</p>
-
-<p>„Wir werden heute sterben,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu
-Lamm.</p>
-
-<p>Und er preßte Neles reizenden Körper, der vor Furcht bebte, an
-seine Brust.</p>
-
-<p>„Ach, meine Frau, die werde ich nicht wiedersehen,“ sprach
-Lamm. „Aber vielleicht wird uns unsere deutsche Soldatentracht
-das Leben retten?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er an keine
-Gnade glaubte.</p>
-
-<p>„Ich höre den Lärm des Plünderns nicht,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Die Bürger haben dem Abkommen gemäß Plünderung und Leben
-um die Summe von zweihundertvierzigtausend Gülden erkauft.
-Sie werden binnen zwölf Tagen hunderttausend Gülden
-bar und den Rest drei Monate später zahlen. Den Frauen ist
-anbefohlen, sich in die Kirche zurückzuziehen. Ohne Zweifel
-werden sie jetzt mit dem Morden beginnen. Hörst Du, wie sie
-Blutgerüste nageln und die Galgen aufrichten.“</p>
-
-<p>„Ach, wir werden sterben,“ sagte Nele; „mich hungert!“</p>
-
-<p>„Ja,“ flüsterte Lamm Ulenspiegel zu, „der junge Blutherzog hat
-gesagt, daß wir ausgehungert gefügiger sein werden, wenn man
-uns zum Tode führt.“</p>
-
-<p>„Mich hungert so sehr,“ sagte Nele.</p>
-
-<p>Am Abend kamen Soldaten und verteilten ein Brot für sechs
-Mann.</p>
-
-<p>„Dreihundert wallonische Soldaten sind auf dem Markt gehenkt
-worden,“ sagten sie. „Bald werdet Ihr drankommen. Es war
-von jeher Hochzeit der Geusen mit dem Strick.“</p>
-
-<p>Am nächsten Abend kamen sie wiederum mit ihrem Brot für
-sechs Mann:</p>
-
-<p>„Vier vornehme Bürger sind enthauptet worden,“ sagten sie.
-„Zweihundertneunundvierzig Soldaten sind zwei zu zweit zusammen
-gebunden und ins Meer geworfen. Die Krabben werden
-dies Jahr fett werden. Ihr anderen habt kein gutes Aussehen
-seit dem 7. Juli, wo Ihr hier seid. Die Niederländer sind
-Fresser und Säufer; wir Spanier haben an zwei Feigen zum
-Nachtmahl genug.“</p>
-
-<p>„Darum also,“ antwortete Ulenspiegel, „muß man Euch überall
-beim Bürger vier Mahlzeiten von Fleisch, Geflügel, Rahmspeisen,
-Wein und Eingemachten bereiten; darum braucht Ihr
-Milch, um die Leiber Eurer <span class="antiqua">Mustachos</span> zu waschen, und Wein,
-um die Füße Eurer Pferde zu baden?“</p>
-
-<p>Am 18. Juli sagte Nele:</p>
-
-<p>„Ich habe nasse Füße; was ist das?“</p>
-
-<p>„Blut,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Am Abend kamen die Soldaten abermals mit ihrem Brote für
-sechs.</p>
-
-<p>„Wo der Strick nicht mehr hinreicht, tut das Schwert die Arbeit,“
-sagten sie. „Dreihundert Soldaten und siebenundzwanzig
-Bürger, die aus der Stadt zu entfliehen gedachten, lustwandeln
-jetzt mit dem Kopf in der Hand in die Hölle.“</p>
-
-<p>Am folgenden Tag drang das Blut wiederum ins Kloster. Die
-Soldaten kamen, nicht um Brot zu bringen, sondern nur, um die
-Gefangenen zu betrachten. Sie sagten:</p>
-
-<p>„Die fünfhundert Wallonen, Engländer und Schotten, so gestern
-geköpft sind, sahen gesünder aus. Diese da haben gewißlich
-Hunger; aber wer sollte Hungers sterben, wenn nicht der Geuse?“</p>
-
-<p>Und wahrlich, bleich, abgezehrt, kraftlos und in kaltem Fieber
-erzitternd, waren sie alle Gespenstern gleich.</p>
-
-<p>Am sechzehnten August um fünf Uhr abends traten die Soldaten
-lachend ein und gaben ihnen Brot, Käse und Bier. Lamm
-sprach:</p>
-
-<p>„Das ist die Henkersmahlzeit.“</p>
-
-<p>Um zehn Uhr kamen vier Fähnlein; die Kapitäne ließen die
-Türen des Klosters öffnen und befahlen den Gefangenen, zu viert
-hinter den Pfeifern und Trommlern zu marschieren, bis an den
-Ort, wo man ihnen Halt gebieten würde. Manche Straßen
-waren rot, und sie schritten nach dem Galgenfeld.</p>
-
-<p>Hier und da waren die Wiesen mit Blutlachen befleckt; Blut
-war rings um die Mauern. Die Raben kamen von allen Seiten
-in Scharen; die Sonne verbarg sich in einer Nebelschicht. Der
-Himmel war noch hell, und in seinen Tiefen tauchten zaghaft die
-Sterne auf. Plötzlich vernahmen sie klägliches Geheul.</p>
-
-<p>Die Soldaten sagten:</p>
-
-<p>„Die da schreien, sind die Geusen aus dem Fort Fuycke, außerhalb
-der Stadt; man läßt sie Hungers sterben.“</p>
-
-<p>„Auch wir werden sterben,“ sagte Nele.</p>
-
-<p>Und sie weinte.</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Lamm auf Vlämisch / die Soldaten des Geleits verstanden
-diese stolze Sprache nicht / „ach,“ sprach Lamm, „wenn
-ich diesen Blutherzog halten und ihn zwingen könnte, alle Stricke,
-Galgen, Folterbänke, hölzerne Pferde, Gewichte und spanische
-Stiefel zu fressen, bis ihm die Haut platzte; wenn ich ihm das
-von ihm vergossene Blut eingießen könnte, und daß Holzsplitter
-und Eisenstücke durch seine zerissene Haut und seine entblößten
-Eingeweide drängen! Und wenn er noch nicht den Geist aufgäbe,
-würde ich ihm das Herz aus der Brust reißen und es ihn
-roh und giftig fressen lassen. Dann würde er sicherlich aus
-dem Leben abscheiden und in den Schwefelpfuhl fallen, wo der
-Teufel es ihn für und für essen ließe. Und so während der ganzen
-langen Ewigkeit.“</p>
-
-<p>„Amen,“ sagten Ulenspiegel und Nele.</p>
-
-<p>„Aber siehst Du nichts?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Ich sehe im Westen fünf Männer und zwei Frauen im Kreise
-sitzen,“ sagte sie. „Der eine ist mit Purpur bekleidet und tragt
-eine güldene Krone. Er scheint das Haupt der andern zu sein,
-die alle zerlumpt und bettelhaft sind. Von Osten her seh ich
-eine andere Schar von sieben kommen. Auch ihnen gebeut einer,
-der in Purpur gekleidet ist, doch er trägt keine Krone. Und sie
-stoßen auf die aus Westen, und sie kämpfen in der Wolke gegen
-sie; aber ich sehe nichts mehr.“</p>
-
-<p>„Die Sieben,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Ich höre,“ sagte Nele, „neben uns im Laub eine Stimme gleich
-einem Hauch sprechen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Durch Krieg und Feuer,</div>
- <div class="verse indent0">Durch Piken und Schwerter</div>
- <div class="verse indent8">Suche;</div>
- <div class="verse indent0">In Tod und Blut,</div>
- <div class="verse indent0">In Trümmern und Tränen</div>
- <div class="verse indent8">Finde.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Andere als wir werden das Land Flandern befreien,“ erwiderte
-Ulenspiegel. „Die Nacht wird schwarz, die Soldaten zünden
-Fackeln an. Wir sind beim Galgenfeld. O, süße Liebste, warum
-bist Du mir gefolgt? Hörst Du nichts mehr, Nele?“</p>
-
-<p>„Doch,“ sprach sie, „ein Klirren von Waffen in den Kornfeldern.
-Und da über diesem Hügel, welcher den Weg, den wir einschlagen,
-überragt, siehst Du den roten Fackelschein auf dem Erz blinken?
-Ich sehe feurige Punkte von Büchsenlunten. Schlafen unsere
-Wächter, oder sind sie blind? Hörst Du den Donnerschlag? Siehst
-Du die Spanier von Kugeln durchbohrt fallen? Hörst Du: „Es
-lebe der Geuse!“ Sie stürmen den Pfad hinauf mit vorgestreckter
-Pike; mit Äxten steigen sie längs des Hügels hinunter. Es lebe
-der Geuse!“</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse!“ riefen Lamm und Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Schau, da sind Soldaten, die uns Waffen geben,“ sagte Nele.
-„Nimm, Lamm, nimm, mein Geliebter. Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse!“ ruft die ganze Schar der Gefangenen.</p>
-
-<p>„Die Büchsen hören nicht auf zu schießen,“ sagte Nele. „So beleuchtet
-vom Fackelschein, fallen sie wie die Fliegen. Es lebe der
-Geuse!“</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse!“ ruft die Schar der Retter.</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse!“ rufen Ulenspiegel und die Gefangenen. „Die
-Spanier sind in einem Feuerkreis. Tod! Tod! Nicht einer soll
-leben bleiben! Tod! Kein Mitleid! Krieg ohne Erbarmen! Und
-nun laßt uns unser Bündel schnüren und bis Enckhuysen eilen.
-Wer hat die Tuch- und Seidenkleider der Henker? Wer hat ihre
-Waffen?“</p>
-
-<p>„Alle, alle!“ schrieen sie. „Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Gesagt, getan. Sie fahren im Boot nach Enckhuysen, wo die
-befreiten Deutschen bei ihnen bleiben, um die Stadt zu bewachen.</p>
-
-<p>Und Lamm, Nele und Ulenspiegel finden ihre Schiffe wieder.
-Und da singen sie zum andern Mal auf offnem Meer: „Es lebe
-der Geuse!“</p>
-
-<p>Und sie kreuzen in der Rhede von Vlissingen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>13</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da ward Lamm wiederum frohgemut. Er ging gern an Land
-und machte auf Ochsen, Schafe und Geflügel Jagd, als wären
-es Hasen, Hirsche und Fettammern.</p>
-
-<p>Auf dieser nährsamen Jagd war er nicht allein. Es war eine
-Freude, die Jäger heimkehren zu sehen. Mit Lamm an der Spitze,
-zogen sie das Großvieh an den Hörnern, das Kleinvieh stießen
-sie vor sich her, mit der Gerte lenkten sie Gänseherden, und am
-Ende ihrer Bootshaken trugen sie Hühner, Kücken, Kapaune trotz
-des Verbotes.</p>
-
-<p>Dann gab es Schmaus und Gelage auf den Schiffen. Und Lamm
-sagte: „Der Geruch der Brühen steigt bis zum Himmel und ergötzt
-dort die Herren Engel, welche sagen: Das ist das beste am
-Fleisch.“</p>
-
-<p>Dieweil sie kreuzten, kam eine Kauffahrerflotte aus Lissabon,
-deren Kommandant nicht wußte, daß Vlissingen in die Hände
-der Geusen gefallen war. Man befiehlt ihr, die Anker zu werfen,
-und schließt sie ein. Trommeln und Pfeifen geben das Zeichen
-zum Entern. Die Kaufleute haben Kanonen. Piken, Beile und
-Hakenbüchsen.</p>
-
-<p>Von den Schiffen der Geusen regnet es Musketen- und Stückkugeln.
-Ihre Scharfschützen, hinter ihren Brustwehren um den
-Großmast verschanzt, schießen sicher und gefahrlos. Die Kaufleute
-fallen wie Fliegen.</p>
-
-<p>„Vorwärts!“ sprach Ulenspiegel zu Lamm und Nele, „Vorwärts!
-Hier sind Gewürze, Juwelen, kostbare Eßwaren, Zucker, Muskat,
-Nelken, Ingwer, und glänzende Reale, Dukaten und Gold-Moutons.
-Es sind mehr als fünfhunderttausend Stück. Der
-Spanier wird die Kriegskosten tragen. Laßt uns trinken! Wir
-wollen die Geusenmesse singen, das ist die Schlacht!“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel und Lamm griffen überall an wie Löwen. Nele
-blies die Pfeife im Schutze der hölzernen Schanze. Die ganze
-Flotte ward erbeutet.</p>
-
-<p>Die Toten wurden gezählt; es waren ihrer tausend auf Seiten
-der Spanier, dreihundert auf Seiten der Geusen, unter ihnen
-der Schiffskoch des Vliebootes „Briel.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel verlangte vor Très-Long und den Matrosen zu reden,
-welches Très-Long ihm gern zugestand. Und er hielt ihnen diese
-Rede:</p>
-
-<p>„Herr Kapitän und ihr, Kameraden und Freunde, wir haben viel
-Spezereien geerbt, und hier haben wir Lamm, den guten Dickwanst,
-welcher meint, daß der arme Tote da, Gott habe ihn selig,
-kein großer Meister in Fleischgerichten war. Laßt uns ihn an seiner
-Stelle erwählen, und er wird Euch himmlische Ragouts und
-paradiesische Suppen bereiten.“</p>
-
-<p>„Das wollen wir,“ sagten Très-Long und die andern. „Lamm
-soll Oberkoch des Schiffes sein. Er soll die große, hölzerne Kelle
-tragen, um den Schaum von seinen Brühen abzulöffeln.“</p>
-
-<p>„Herr Kapitän, Kameraden und Freunde,“ sprach Lamm, „Ihr
-sehet mich vor Freude weinen, denn ich verdiene eine so große
-Ehre nicht. Da Ihr jedoch geruht, Euch an meine unwürdige
-Person zu wenden, so nehme ich die edlen Pflichten eines Meisters
-der Kochkunst auf dem wackeren Vlieboot „Briel“ an. Aber zugleich
-bitte ich Euch demütig, mir das höchste Kommando der Küche
-zu verleihen, solchergestalt, daß Euer Oberkoch / das werde ich
-sein / durch Recht, Gesetz und Gewalt einem jeden verwehren
-kann, der Andren Portion aufzuessen.“</p>
-
-<p>Très-Long und die andern riefen aus:</p>
-
-<p>„Es lebe Lamm! Recht, Gesetz und Macht soll dir zustehen!“</p>
-
-<p>„Aber ich habe Euch noch eine andere Bitte demütig zu stellen.
-Ich bin fett, groß und stark, tief ist mein Bauch, tief mein Magen.
-Meine arme Frau / Gott gebe sie mir wieder, / gab mir
-allzeit zwei Portionen anstatt einer. Bewilligt mir die gleiche
-Gunst.“</p>
-
-<p>Très-Long, Ulenspiegel und die Matrosen sagten:</p>
-
-<p>„Du sollst zwei Portionen haben, Lamm.“</p>
-
-<p>Und Lamm sagte, plötzlich melancholisch werdend:</p>
-
-<p>„Mein Weib, mein süßes Liebchen, wenn irgend etwas mich über
-Deine Abwesenheit trösten kann, so wird es das sein, daß ich
-mich bei meinem Tun deiner himmlischen Kochkunst in unserm
-trauten Heim erinnere.“</p>
-
-<p>„Du mußt den Eid ablegen, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel.
-„Bringt die große, hölzerne Kelle und den großen Kupferkessel
-herbei.“</p>
-
-<p>„Ich schwöre bei Gott, der mir hierin beistehe,“ sprach Lamm,
-„ich schwöre Treue seiner Gnaden, dem Prinzen von Oranien,
-genannt der Schweiger, der für den König die Provinzen Holland
-und Zeeland regiert; Treue auch Messire de Lumey, dem
-kommandierenden Admiral unsrer edlen Flotte, und Herrn Très-Long,
-Vizeadmiral und Kapitän des Schiffes „Briel“. Ich
-schwöre, das Fleisch und Geflügel, so Fortuna uns bewilligt,
-nach meinen geringen Kräften zu bereiten, gemäß den Bräuchen
-und Gepflogenheiten der großen Köche von ehemals, die schöne
-Bücher mit Bildern über die erhabene Kochkunst hinterlassen
-haben; ich schwöre, besagten Herrn Kapitän Très-Long zu speisen
-und seinen Leutnant, meinen Freund Ulenspiegel, desgleichen
-Euch alle, Oberbootsmann, Steuermann, Aufseher, Kameraden,
-Soldaten, Kanoniere, Mundschenk, Schiffsjunge, Kapitänsbursche,
-Wundarzt, Trompeter, Matrosen und alle. Wenn der
-Braten zu blutig, das Geflügel zu wenig gebräunt ist, wenn
-die Suppe einen schalen Geruch ausströmt, so der guten Verdauung
-schädlich ist, wenn der Duft der Brühen Euch nicht alle
-verlockt, Euch in die Küche zu stürzen &mdash; mit Vorbehalt meiner
-Zustimmung &mdash; wenn ich Euch nicht alle lustig mache und Euch
-kein rundes Gesicht verschaffe, so werde ich mein edles Amt niederlegen
-und mich für unfähig erachten, den Küchenthron fürder
-innezuhaben. So helfe mir Gott in diesem und im künftigen
-Leben.“</p>
-
-<p>„Es lebe der Oberkoch,“ riefen sie, „der König der Küche, der
-Kaiser der Fleischgerichte. Am Sonntag soll er drei Portionen
-statt zweier haben.“</p>
-
-<p>Und Lamm ward Oberkoch auf dem Schiffe „Briel“. Und während
-die kräftigen Suppen in den Töpfen kochten, stand er stolz
-an der Küchentür und hielt seine große hölzerne Kelle wie ein
-Zepter.</p>
-
-<p>Und am Sonntag bekam er seine drei Portionen.</p>
-
-<p>Wenn die Geusen mit dem Feinde handgemein wurden, hielt er
-sich gern in seinem Laboratorium für Brühen auf, kam jedoch
-heraus, um auf Deck etliche Büchsenschüsse abzugeben, stieg aber
-alsbald wieder hinunter, um auf seine Brühen zu achten.</p>
-
-<p>Und da er also ein treuer Koch und tapferer Soldat war, so
-war er bei jedem beliebt.</p>
-
-<p>Aber keiner durfte seine Küche betreten, denn dann war er wie ein
-Teufel und schlug und stach mit seiner Holzkelle ohne Erbarmen.</p>
-
-<p>Und er ward wiederum Lamm der Löwe benamst.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>14</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Auf dem Meer und auf der Schelde, bei Sonne, Regen, Schnee
-und Hagel, im Sommer und Winter, fahren die Geusenschiffe,
-alle Segel beigesetzt, wie Schwäne, weiße Schwäne der Freiheit,
-Weiß ist Freiheit, Blau Größe und Orange ist für den Prinzen;
-das ist die Standarte der stolzen Schiffe.</p>
-
-<p>Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut
-schlägt an ihre Flanken, die Wogen benetzen sie mit Schaum.</p>
-
-<p>Sie segeln, jagen, fliegen auf der Flut, schnell wie Wolken vor
-dem Nordwind, die stolzen Geusenschiffe, die Segel im Wasser.
-Hört ihr, wie ihr Bug die Woge zerteilt? Gott der Freien. Es
-lebe der Geuse!</p>
-
-<p>Hücker, Bujer, Vlieboote, Galeassen, schnell wie der Wind, der
-das Ungewitter bringt, schnell wie die Wolke, die den Blitz
-birgt. Es lebe der Geuse!</p>
-
-<p>Bujer und Galeassen, flache Boote fahren den Fluß hinauf. Die
-Wellen ächzen, von ihrem Kiel zerteilt, wenn sie dem Strome
-entgegen fahren, mit dem mörderischen Rachen ihrer Feldschlange
-auf der Spitze des Bugs. Es lebe der Geuse!</p>
-
-<p>Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut
-schlägt an ihre Flanken und benetzt sie mit Schaum.</p>
-
-<p>Bei Tag und bei Nacht, bei Regen, Hagel und Schnee fahren
-sie! Christus lächelt ihnen aus der Wolke, aus Sonne und Sternen
-zu. Es lebe der Geuse!</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>15</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Der Blutkönig vernahm die Kunde von ihren Siegen. Der
-Tod verzehrte den Henker schon, und sein Leib war voller Würmer.
-Elend und menschenscheu schritt er durch die Gänge von
-Valladolid, seine geschwollenen Füße und bleischweren Beine
-schleppend. Er sang nimmer, der grausame Tyrann; wenn der
-Tag anbrach, lachte er nicht, und wenn die Sonne sein Reich
-wie ein Lächeln Gottes erhellte, so empfand er keine Freude in
-seinem Herzen.</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel, Lamm und Nele sangen wie Vögel. Sie trugen
-ihr Fell zu Markt, nämlich Ulenspiegel und Lamm, und
-Nele ihre weiße Haut, dieweil sie in den Tag hineinlebten. Über
-einen Scheiterhaufen, den die Geusen löschten, freuten sie sich
-mehr, denn der schwarze König über eine eingeäscherte Stadt.</p>
-
-<p>Um jene Zeit entsetzte Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien,
-Herrn de Lumey de la Marck seiner Admiralswürde wegen
-seiner großen Grausamkeit und ernannte Herrn Bouwen
-Ewoutsen Worst an seiner Statt. Auch war er auf die Mittel
-bedacht, das Getreide zu bezahlen, das die Geusen den Bauern
-geraubt hatten, die von ihnen erhobenen Zwangskontributionen
-zu erstatten und den römischen Katholiken wie allen die freie
-Ausübung ihrer Religion ohne Verfolgung noch Schmähung zu
-bewilligen.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>16</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Auf den Schiffen der Geusen, unter dem strahlenden Himmel,
-auf den klaren Fluten schrillen Pfeifen, schnarren Dudelsäcke,
-glucksen Flaschen, klingen Gläser, gleißt das Eisen der Waffen.</p>
-
-<p>„Wohlan,“ spricht Ulenspiegel. „Rühret die Trommel des Ruhmes,
-die Trommel der Freude. Es lebe der Geuse! Spanien
-ist besiegt, die Harpye gebändigt. Unser ist das Meer, Briel
-ist genommen. Unser ist die Küste von Nieupoort bis Ostende
-und Blanckenberghe, die Inseln von Zeeland, die Mündungen
-der Schelde, der Maas und des Rheines bis Helder. Unser ist
-Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland, Rottum, Borkum. Es
-lebe der Geuse!</p>
-
-<p>„Unser ist Delft, Dordrecht. Das ist ein Lauffeuer, Gott hält
-die Lunte. Die Henker verlassen Rotterdam. Das freie Gewissen,
-das Krallen und Zähne der Gerechtigkeit hat wie ein
-Leu, nimmt Zütphen, die Städte Deutichem, Doesburg, Goor,
-Oldenzaal und in der Landschaft Veluwe Hattem, Elburg und
-Harderwijk.</p>
-
-<p>„Das ist der Blitz, das ist der Donnerschlag: Kampen, Zwolle,
-Hasselt, Steenwijk fallen uns in die Hände, desgleichen Oudewater,
-Gouda und Leyden. Es lebe der Geuse!</p>
-
-<p>„Unser ist Bueren und Enckhuysen. Noch haben wir nicht Amsterdam,
-Schoonhoven und Middelburg. Doch mit der Zeit
-fällt den Geduldigen alles zu. Es lebe der Geuse!</p>
-
-<p>„Laßt uns spanischen Wein trinken. Aus den Kelchen, aus denen
-sie das Blut der Opfer tranken. Wir werden durch den Zuydersee,
-durch Ströme, Flüsse und Kanäle fahren. Nord-Holland,
-Süd-Holland und Zeeland haben wir, Ost- und Westfriesland
-werden wir noch erobern; Briel wird die Zuflucht unserer Schiffe
-sein, das Nest für die Bruthennen der Freiheit. Es lebe der
-Geuse!</p>
-
-<p>„Horcht, wie in Flandern, dem teuren Vaterland, der Racheschrei
-losbricht! Waffen werden geschmiedet, Schwerter geschärft.
-Alles ist in Bewegung und erzittert wie die Saiten einer Harfe
-beim warmen Hauch, beim Hauche der Seelen, der aus Gruben
-und Scheiterhaufen von den blutigen Leichen der Opfer
-aufsteigt. Alle: Hennegau, Brabant, Luxemburg, Limburg,
-Namur, Lüttich, die freie Stadt, alle! Das Blut keimt und
-befruchtet. Die Ernte ist reif für die Sichel. Es lebe der
-Geuse!</p>
-
-<p>„Die Nordsee ist unser, die weite Nordsee, und die guten Kanonen,
-die stolzen Schiffe, die kühne Schar der gefürchteten Seeleute:
-Bettler, Lumpen, Priester in Waffen, Edelleute, Bürger
-und Arbeiter, die vor der Verfolgung fliehen. Mit uns allen
-vereint zum Werke der Freiheit. Es lebe der Geuse!</p>
-
-<p>„Blutkönig Philipp, wo bist Du? Alba, wo bist Du? Mit
-dem geweihten Hute, des Papstes Geschenk, auf dem Haupt,
-schmälst und lästerst Du. Schlaget die Freudentrommel. Es
-lebe der Geuse! Laßt uns trinken.</p>
-
-<p>„Der Wein fließt in die güldenen Kelche. Schlürfet ihn fröhlich.
-Die Meßgewänder, welche die rauhen Männer tragen, sind mit
-rotem Naß getränkt. Die römischen Kirchenbanner flattern im
-Winde. Allzeit Musik! Auf Euer Wohl, schrillende Pfeifen,
-schnarrende Dudelsäcke, Ruhm wirbelnde Trommeln! Es lebe
-der Geuse!“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>17</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Welt war im Wolfsmond, welches der Monat Dezember ist.
-Eisiger Regen fiel gleich Nadeln ins Wasser. Die Geusen kreuzten
-im Zuydersee. Der Herr Admiral ließ durch Trompetensignal
-die Käpitäne der Hucker und Vlieboote und mit ihnen Ulenspiegel
-auf sein Schiff entbieten.</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sagte er, zuerst zu ihm redend: „Der Prinz will Deine
-guten Taten und getreuen Dienste anerkennen und ernennt Dich
-zum Kapitän des Schiffes „Briel“, und ich übergebe Dir hiermit
-das Patent auf Pergament.“</p>
-
-<p>„Euch sei Dank, Herr Admiral,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich
-werde all meine geringe Kraft daransetzen, ein guter Hauptmann
-zu sein, und durch solche Hauptmannschaft hoffe ich sehr, so
-Gott mir beisteht, Flandern und Holland von Spanien zu enthaupten.
-Ich will Nord- und Süd-Niederlande.“</p>
-
-<p>„Das ist gut,“ sprach der Admiral. „Und jetzo,“ fügte er hinzu,
-zu allen redend, „will ich Euch sagen, daß die aus dem katholischen
-Amsterdam Enckhuysen belagern wollen. Noch sind sie
-nicht aus dem Y-Kanal heraus; kreuzen wir davor, damit sie
-drinnen bleiben. Nieder mit jedem ihrer Schiffe, daß seinen tyrannischen
-Rumpf im Zuydersee blicken läßt.“</p>
-
-<p>Sie antworteten:</p>
-
-<p>„Wir werden sie in den Grund bohren. Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Wieder an Bord seines Schiffes, ließ Ulenspiegel seine Matrosen
-und die Soldaten auf Deck zusammentreten und verkündete ihnen,
-was der Admiral bestimmt hatte.</p>
-
-<p>Sie antworteten:</p>
-
-<p>„Wir haben Flügel, das sind unsere Segel, Schlittschuhe, das
-sind die Kiele unserer Schiffe, Riesenhände, das sind die Enterhaken.
-Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Die Flotte segelte ab und kreuzte eine Seemeile vor Amsterdam,
-dergestalt, daß niemand ohne ihren Willen ein- und ausfahren
-konnte.</p>
-
-<p>Am fünften Tage hörte es auf zu regnen, der Wind wehte schärfer
-bei hellem Himmel, die Amsterdamer rührten sich nicht.</p>
-
-<p>Plötzlich sah Ulenspiegel Lamm auf Deck steigen. Mit gewaltigen
-Schlägen seiner Holzkelle trieb er den Truxman, den Dolmetsch
-des Bootes vor sich her, einen jungen Kerl, der in der
-vlämischen und französischen Sprache bewandert war, aber
-seinen Schnabel noch besser zum Essen gebrauchen konnte.</p>
-
-<p>„Taugenichts,“ sagte Lamm, „wähntest Du, meine Fleischgerichte
-ungestraft vor der Zeit essen zu können? Klettere auf den Mast
-und sieh zu, ob sich auf den Amsterdamer Schiffen nichts rührt.
-Damit wirst Du etwas Gutes tun.“</p>
-
-<p>Doch der Dolmetsch antwortete: „Was gibst Du mir?“</p>
-
-<p>„Bildest Du Dir ein, daß Du bezahlt wirst, ohne gearbeitet zu
-haben? Du Diebsbrut, wenn Du nicht hinaufkletterst, so laß
-ich Dich peitschen. Und Dein Französisch wird Dich nicht
-retten.“</p>
-
-<p>„Es ist eine schöne Sprache,“ sagte der Dolmetsch, „eine Liebes-
-und Kriegersprache.“</p>
-
-<p>Er kletterte hinauf.</p>
-
-<p>„Nun, Faulenzer?“ fragte Lamm.</p>
-
-<p>Der Dolmetsch antwortete:</p>
-
-<p>„Ich sehe nichts, weder in der Stadt, noch auf den Schiffen.“</p>
-
-<p>Beim Hinunterklettern sagte er:</p>
-
-<p>„Nunmehr bezahle mich.“</p>
-
-<p>„Behalte, was Du gestohlen hast,“ erwiderte Lamm; „aber unrecht
-Gut gedeihet nicht, Du wirst es gewiß wieder ausbrechen.“
-Der Dolmetsch kletterte abermals auf den Mast und schrie
-plötzlich:</p>
-
-<p>„Lamm, Lamm, ein Dieb schleicht in Deine Küche!“</p>
-
-<p>„Ich habe den Küchenschlüssel in meiner Gürteltasche,“ antwortete
-Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel nahm Lamm beiseite und sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Mein Sohn, diese große Ruhe in Amsterdam erschreckt mich.
-Sie haben einen geheimen Anschlag.“</p>
-
-<p>„Das dachte ich auch,“ sagte Lamm. „Das Wasser gefriert in
-den Krügen im Schrank, das Geflügel ist wie Holz, die Würste
-sind mit weißem Reif überzogen; die Butter ist wie Stein, das
-Öl schneeweiß, das Salz trocken wie Sand in der Sonne.“</p>
-
-<p>„Da ist der Trost nahe,“ sprach Ulenspiegel. „Sie werden in
-großer Zahl kommen und uns mit Geschütz angreifen.“</p>
-
-<p>Er ging an Bord des Admiralschiffes und sagte dem Admiral,
-was er fürchtete. Der antwortete ihm:</p>
-
-<p>„Der Wind weht von Engelland her, es wird schneien, aber nicht
-frieren. Geh wieder auf Dein Schiff.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel tat also.</p>
-
-<p>In der Nacht kam ein starker Schneefall; aber alsbald wehte
-der Wind von Norwegen her, das Meer gefror und ward wie
-eine Tenne. Der Admiral sah was geschehen war.</p>
-
-<p>Da er nun befürchtete, daß die Amsterdamer aufs Eis kommen
-möchten, um die Schiffe in Brand zu stecken, befahl er den Soldaten,
-ihre Schlittschuhe bereit zu halten, im Fall, daß sie draußen
-und um die Schiffe herum kämpfen müßten. Den Kanonieren
-der geschmiedeten und gegossenen Kanonen befahl er, die Kugeln
-in Haufen neben die Lafetten zu legen und die Lunten alleweil
-brennend zu halten.</p>
-
-<p>Doch die Amsterdamer kamen nicht.</p>
-
-<p>Und so ging es sieben Tage.</p>
-
-<p>Am Abend des achten Tages befahl Ulenspiegel, den Matrosen
-und Soldaten einen guten Schmaus aufzutischen, um ihnen
-gegen den scharfen Wind, welcher blies, einen Panzer zu machen.</p>
-
-<p>Aber Lamm sagte:</p>
-
-<p>„Es ist nichts übrig als Schiffszwieback und Dünnbier.“</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse,“ sagten sie. „Wir halten Fastenschmaus,
-bis die Stunde der Schlacht geschlagen hat.“</p>
-
-<p>„Sie wird nicht so bald schlagen,“ sprach Lamm. „Die Amsterdamer
-werden kommen, um unsere Schiffe zu verbrennen, aber
-nicht diese Nacht. Zuvor müssen sie sich ums Feuer versammeln
-und viele Schoppen Glühwein mit Madeirazucker trinken /
-Gott gebe ihn Euch. Nachdem sie dann bis Mitternacht mit
-Geduld, Vernunft und vollen Schoppen geredet haben, werden
-sie beschließen, daß es morgen an der Zeit sein wird, zu beschließen,
-ob sie uns die kommende Woche angreifen wollen oder nicht.
-Morgen, wenn sie wiederum Glühwein mit Madeirazucker
-trinken, / Gott gebe ihn Euch / werden sie zum andern Mal
-mit Ruhe, Geduld und vollen Schoppen beschließen, daß sie sich
-an einem andern Tage versammeln müssen, um zu erfahren, ob
-das Eis eine große Schar Menschen tragen könne oder nicht.
-Und sie werden es durch gelahrte Männer prüfen lassen, die ihre
-Meinungen auf Pergament niederlegen. Wenn sie dieses empfangen
-haben, werden sie wissen, daß das Eis eine halbe Elle
-dick und fest genug ist, um etliche hundert Mann mit Kanonen
-und Feldstücken zu tragen. Dann werden sie sich abermals versammeln,
-um mit Ruhe, Geduld und vielen Schoppen Glühwein
-zu beratschlagen, und werden in Erwägung ziehen, ob sie wegen
-des Schatzes, den wir den Lissabonern abnahmen, unsere Schiffe
-angreifen oder verbrennen sollen. Und also ratlos und zaudernd,
-werden sie dennoch beschließen, daß unsere Schiffe erbeutet
-und nicht verbrannt werden müssen, ohngeachtet des großen Unrechts,
-daß sie uns derart zufügen würden.“</p>
-
-<p>„Du sprichst trefflich,“ sagte Ulenspiegel, „aber siehst Du nicht
-die Feuer, so in der Stadt angezündet werden, und die Leute,
-die Laternen tragen und geschäftig umher rennen?“</p>
-
-<p>„Das ist, weil sie frieren,“ sprach Lamm.</p>
-
-<p>Und seufzend fügte er hinzu:</p>
-
-<p>„Alles ist aufgegessen, kein Rindfleisch, Schweinefleisch noch Geflügel
-mehr, kein Wein und, ach, kein gutes Doppelbier, nichts
-als Schiffszwieback und Dünnbier. Wer mich lieb hat, folge
-mir.“</p>
-
-<p>„Wohin gehst Du?“ fragte Ulenspiegel. „Niemand darf das
-Schiff verlassen.“</p>
-
-<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „Du bist derzeit Kapitän und
-Befehlshaber. Ich werde nicht gehen, wenn Du es nicht willst.
-Geruhe aber zu bedenken, daß wir ehegestern unsere letzte Wurst
-gegessen haben, und daß in dieser schweren Zeit das Küchenfeuer
-die Sonne der guten Kameradschaft ist. Wer möchte hier nicht
-den Dampf der Brühen riechen, nicht die duftende Blume des
-göttlichen Weines einatmen, so aus fröhlichen Blüten, als da
-sind: Heiterkeit, Lachen, Wohlwollen gegen jedermann, gemacht
-ist. Wohlan, Kapitän und getreuer Freund, ich wage es Dir zu
-sagen: mein Herz verzehrt sich in Kummer, da ich nicht esse. Ich,
-der ich nur die Ruhe liebe, nicht gern töte, ausgenommen eine
-zarte Gans, ein fettes Hühnchen oder eine saftige Truthenne, ich
-folge Dir in Schlachten und Strapazen. Sieh von hier die Lichter
-auf jenem reichen, mit Groß- und Kleinvieh wohl versehenem
-Bauernhof. Weißt Du, wer darauf wohnt? Es ist der Schiffer
-aus Friesland, der Messire Dandelot verriet und achtzehn arme
-Ritter und Freunde nach Enckhuysen führte, da es noch spanisch
-war, also daß sie auf dem Roßmarkt zu Brüssel geköpft wurden.
-Dieser Verräter, namens Slosse, hat vom Herzog zweitausend
-Gülden für seinen Verrat empfangen. Für das Blutgeld hat er
-wie ein rechter Judas den Hof gekauft, den du da siehst, und
-sein Vieh und die Äcker ringsum, deren Frucht und Wachstum
-ihn jetzt reich machen.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwiderte:</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen. Die Stunde der Rache
-hat geschlagen.“</p>
-
-<p>„Und die Stunde der Nahrung desgleichen,“ sagte Lamm. „Gib
-mir zwanzig Burschen mit, tapfere Soldaten und Matrosen; ich
-werde den Verräter holen.“</p>
-
-<p>„Ich will ihr Anführer sein,“ sprach Ulenspiegel. „Wer Gerechtigkeit
-liebt, folge mir. Nein, nicht alle, Ihr Lieben und Getreuen.
-Ich brauche nur zwanzig; wer sollte sonst das Schiff bewachen?
-Laßt die Würfel entscheiden. Nun sind es zwanzig, kommt. Die
-Würfel entscheiden gut. Legt Eure Schlittschuhe an, und fahrt
-in der Richtung der Venus, die über dem Hof des Verräters
-glänzt. Kommt, Ihr Zwanzig, mit der Axt auf der Schulter,
-lauft und gleitet. Das helle Licht wird Euer Leitstern sein. Der
-Wind pfeift und treibt den Schnee in weißen Wirbeln auf dem
-Eis vor sich her. Kommt, tapfere Männer! Ihr singt nicht, Ihr
-sprecht nicht; Ihr lauft schweigend geradeaus, dem Stern zu;
-das Eis knirscht unter Euren Schlittschuhen.</p>
-
-<p>„Wer fällt, steht sogleich wieder auf. Wir kommen ans Ufer:
-nicht eine Gestalt auf dem weißen Schnee, kein Vogel in der
-eisigen Luft. Bindet die Schlittschuhe los.</p>
-
-<p>„Jetzt sind wir auf dem Lande, hier sind die Wiesen. Legt die
-Schlittschuhe wieder an. Wir sind im Umkreis des Hofes und
-halten den Atem an.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel klopft an die Tür, Hunde bellen. Er pocht nochmals;
-ein Fenster geht auf, und der Baas steckt den Kopf hinaus und
-fragt:</p>
-
-<p>„Wer bist Du?“</p>
-
-<p>Er sieht nur Ulenspiegel; die andern sind hinter der Keet, dem
-Waschhaus, versteckt.</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortet:</p>
-
-<p>„Messire de Boussu befiehlt Dir, Dich zur Stunde nach Amsterdam
-zu ihm zu begeben.“</p>
-
-<p>„Wo ist Dein Geleitbrief?“ fragt der Mann, indem er hinuntergeht
-und ihm die Tür öffnet.</p>
-
-<p>„Hier,“ antwortet Ulenspiegel und weist auf die zwanzig Geusen,
-die sich hinter ihm in die offene Tür stürzen.</p>
-
-<p>Darauf spricht Ulenspiegel zu ihm:</p>
-
-<p>„Du bist Slosse, der verräterische Schiffer, der die Herren Dandelot,
-van Battemburgh und andere Ritter in Hinterhalt lockte.
-Wo ist das Blutgeld?“</p>
-
-<p>Der Pächter antwortet zitternd:</p>
-
-<p>„Ihr seid Geusen, gebt mir Pardon; ich wußte nicht, was ich tat.
-Ich habe kein Geld daheim, ich werde alles geben.“</p>
-
-<p>Lamm sagte:</p>
-
-<p>„Es ist dunkel; gib uns Talg- oder Wachskerzen.“</p>
-
-<p>Der Baas antwortet:</p>
-
-<p>„Die Talgkerzen sind dort aufgehängt.“</p>
-
-<p>Da ein Licht angezündet war, sagte einer der Geusen in der
-Küche:</p>
-
-<p>„Es ist kalt, wir wollen ein Feuer machen, hier ist gutes Reisig.“
-Und er wies auf ein Brett mit Blumentöpfen, darinnen vertrocknete
-Pflanzen standen. Er nahm eine beim Schopf, und als er
-sie mit dem Topf schüttelte, fiel der Topf hin, und es rollten
-Dukaten, Gülden und Reale über den Boden.</p>
-
-<p>„Da ist der Schatz,“ sprach er, auf die andern Blumentöpfe
-deutend.</p>
-
-<p>Und wahrlich, als sie sie ausgeleert hatten, fanden sie zehntausend
-Gülden darin.</p>
-
-<p>Als der Baas das sah, schrie und weinte er.</p>
-
-<p>Die Knechte und Mägde des Hofes kamen bei dem Geschrei in
-ihren Hemden herbei. Die Männer, die ihren Herrn rächen
-wollten, wurden geknebelt. Bald versteckten sich die schamhaften
-Frauen, sonderlich die jungen, hinter den Männern.</p>
-
-<p>Darauf trat Lamm vor und sagte: „Verräter, wo sind die Schlüssel
-zum Keller und zum Pferde-, Kuh- und Schafstall?“</p>
-
-<p>„Ihr schändlichen Räuber werdet aufgehenkt werden, bis Ihr
-sterbt,“ sprach der Pächter.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach: „Es ist die Stunde Gottes; gib die Schlüssel!“</p>
-
-<p>„Gott wird mich rächen,“ sprach der Pächter und gab die
-Schlüssel heraus.</p>
-
-<p>Nachdem die Geusen den Gutshof ausgeräumt hatten, kehrten
-sie auf Schlittschuhen zurück zu den Schiffen, den leichten Häusern
-der Freiheit.</p>
-
-<p>„Ich bin Schiffskoch,“ sprach Lamm, der sie anführte, „ich bin
-Oberkoch. Schiebt die wackren, mit Wein und Bier bepackten
-Schlitten; treibt die Pferde, Rinder, Schweine und Schafe bei
-den Hörnern oder auf andere Art vor Euch her, die ganze Herde,
-die ihr Naturlied singt. Die Tauben gurren in den Körben. Die
-Kapaune, mit Brot gemästet, sitzen erschrocken in den Holzkäfigen,
-darinnen sie sich nicht rühren können. Ich bin Schiffskoch.
-Das Eis knirscht unter dem Eisen der Schlittschuhe. Nun sind
-wir bei den Schiffen. Morgen wird es Musik in der Küche geben.
-Laßt die Winde herab. Legt den Pferden, Kühen und
-Ochsen Gurten um. Das ist ein artig Schauspiel, sie so am Bauch
-aufgehängt zu sehen; morgen werden wir mit der Zunge an fetten
-Fleischgerichten hängen. Sie werden mit der Windetalje aufs
-Schiff gehißt. Das gibt Rippenstücke. Werft die Hühner, Gänse,
-Enten und Kapaune aufs Geratewohl in den Schiffsraum. Wer
-wird ihnen den Hals umdrehen? Der Schiffskoch. So, die Tür
-ist zu, den Schlüssel hab ich in meinem Säckel. Gott sei gelobt
-in der Küche! Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Alsdann begab Ulenspiegel sich auf das Admiralsschiff und führte
-Dierick Slosse und die andern Gefangenen mit, die aus Furcht
-vor dem Strick wehklagten und weinten.</p>
-
-<p>Messire Worst kam bei dem Lärm herbei. Da er beim roten
-Fackelschein Ulenspiegel und seine Gefährten erblickte, sagte er:</p>
-
-<p>„Was willst Du von uns?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Wir haben diese Nacht den Verräter Dierick Slosse, der die Achtzehn
-in Hinterhalt lockte, auf seinem Gute gefangen genommen.
-Dieser ist’s. Die andern sind unschuldige Knechte und Mägde.“</p>
-
-<p>Dann übereichte er ihm eine Geldkatze.</p>
-
-<p>„Diese Florins,“ sagte er, „florierten in den Blumentöpfen im
-Hause des Verräters: es sind Zehntausend.“</p>
-
-<p>Messire Worst sprach zu ihnen:</p>
-
-<p>„Ihr tatet übel, die Schiffe zu verlassen; aber um des guten
-Erfolges willen soll Euch verziehen sein. Die Gefangenen und
-den Säckel mit Gülden heiße ich willkommen, und auch Euch,
-wackere Männer, denen ich nach Seerecht und Brauch ein Drittel
-der Prise zubillige. Das zweite Drittel ist für die Flotte
-und das dritte für seine Gnaden von Oranien. Den Verräter
-henket unverzüglich.“</p>
-
-<p>Als die Geusen den Befehl ausgeführt hatten, machten sie ein
-Loch ins Eis und warfen den Leichnam Dierick Slosses hinein.</p>
-
-<p>Darauf sprach Messire Worst:</p>
-
-<p>„Ist um die Schiffe Gras gewachsen, daß ich die Hennen glucksen,
-die Schafe blöken und die Ochsen brüllen höre?“</p>
-
-<p>„Das sind Gefangene für unsern Schnabel,“ antwortete Ulenspiegel;
-„sie werden das Lösegeld mit Fleischgerichten bezahlen. Der
-Herr Admiral wird das Beste davon bekommen. Was diese anbelangt,
-die Knechte und Mägde, unter denen artige hübsche
-Weiblein sind, so will ich sie wieder auf mein Schiff bringen.“</p>
-
-<p>So getan, hielt er ihnen diese Rede:</p>
-
-<p>„Gevatter und Gevatterinnen, Ihr seid hier auf dem besten
-Schiff, das es gibt. Wir verbringen hier die Zeit mit Schmäusen,
-Gelagen und Schlemmerei ohne Ende. So es Euch beliebt
-fortzugehen, zahlt Lösegeld; so es Euch beliebt, hier zu bleiben,
-werdet Ihr so leben wie wir: arbeiten und gut essen. Was diese
-allerliebsten Weiblein angeht, so gestatte ich ihnen mit Erlaubnis
-des Admirals gänzliche Freiheit und sage ihnen, daß es mir
-einerlei ist, ob sie ihre Liebsten, die mit ihnen aufs Schiff gekommen
-sind, behalten oder irgend einen wackeren, hier anwesenden
-Geusen erküren wollen, daß er in ehelicher Gemeinschaft mit
-ihnen lebe.“</p>
-
-<p>Aber all die niedlichen Weiblein waren ihren Liebhabern getreu,
-ausgenommen eine, die Lamm lächelnd anschaute und ihn fragte,
-ob er sie wolle.</p>
-
-<p>„Schönsten Dank, mein Schatz,“ sagte er, „aber ich bin anderweitig
-beschäftigt.“</p>
-
-<p>„Er ist verheiratet, der Biedermann,“ sagten die Geusen, da sie
-sahen, daß es die Frau verdroß.</p>
-
-<p>Aber sie drehte ihm den Rücken und erkor sich einen andern, der
-gleich Lamm einen guten Bauch und ein gutes Vollmondgesicht
-hatte.</p>
-
-<p>An jenem und den folgenden Tagen gab es an Bord gewaltige
-Schmäuse und Gelage mit Wein, Geflügel und Fleischgerichten.
-Und Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Es lebe der Geuse! Blase, scharfer Nordwind, wir werden die
-Luft mit unserm Atem erwärmen. Unser Herz ist Feuer und
-Flamme für das freie Gewissen. Feuer und Flamme ist unser
-Magen für das Fleisch des Feindes. Trinken wir Wein, die
-Milch der Männer. Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Nele trank auch aus einem großen güldenen Humpen, und vom
-Winde gerötet, blies sie die schrille Pfeife. Und ohngeachtet der
-Kälte aßen und tranken die Geusen fröhlich auf Deck.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>18</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Plötzlich erblickte die Flotte am Strand eine schwarze Schar,
-in der Fackeln leuchteten und Waffen blinkten. Dann wurden
-die Fackeln gelöscht und große Dunkelheit herrschte.</p>
-
-<p>Die Befehle des Admirals wurden übermittelt und das Signal
-Achtung auf den Schiffen gegeben. Alle Feuer erloschen,
-Matrosen und Soldaten legten sich, mit Äxten bewaffnet, auf
-Deck platt auf den Bauch. Die wackeren Kanoniere standen
-mit ihren Leuten bei den Geschützen, die mit Kugelsäcken und
-Kettenkugeln geladen waren. Sobald der Admiral und die
-Kapitäne riefen: „Hundert Schritt!“ was die Entfernung des
-Feindes bezeichnete, sollten sie mit dem Heckgeschütz, dem Sterngeschütz
-oder den Breitseiten Feuer geben, je nach ihrer Lage im
-Eise.</p>
-
-<p>Und man hörte die Stimme des Messire Worst sagen:</p>
-
-<p>„Todesstrafe für den, der laut spricht.“</p>
-
-<p>Und die Kapitäne sprachen ihm nach:</p>
-
-<p>„Todesstrafe für den, der laut spricht!“</p>
-
-<p>Die Nacht war sternklar, aber der Mond schien nicht.</p>
-
-<p>„Hörst Du,“ sagte Ulenspiegel zu Lamm, / sein Flüstern war
-wie Geisterhauch / „hörst Du die Stimme der Amsterdamer
-und das Knirschen des Eises unter den Schnäbeln ihrer Schlittschuhe?
-Sie laufen schnell. Man hört sie sprechen. Sie sagen:
-„Die faulenzenden Geusen schlafen. Der Schatz von Lissabon
-ist unser!“ Sie zünden Fackeln an. Siehst Du ihre Sturmleitern,
-ihre häßlichen Gesichter und die lange Linie ihres Schlachthaufens?
-Es sind ihrer tausend und mehr.“</p>
-
-<p>„Hundert Schritt!“ rief Messire Worst.</p>
-
-<p>„Hundert Schritt!“ riefen die Kapitäne.</p>
-
-<p>Da gab es großes Getöse wie Donner und klägliches Geheul
-auf dem Eise.</p>
-
-<p>„Vierundzwanzig Kanonen donnern zumal,“ sagte Ulenspiegel.
-„Sie fliehen! Siehst Du die Fackeln sich entfernen?“</p>
-
-<p>„Ihnen nach,“ gebot der Admiral Worst.</p>
-
-<p>„Ihnen nach,“ geboten die Kapitäne.</p>
-
-<p>Aber die Verfolgung war von kurzer Dauer, maßen die Flüchtlinge
-einen Vorsprung von hundert Schritt und die Beine furchtsamer
-Hasen hatten.</p>
-
-<p>Und bei den auf dem Eise Jammernden und Sterbenden wurden
-Gold und Kleinodien gefunden, auch Stricke, um die Geusen
-zu binden.</p>
-
-<p>Und nach diesem Siege sprachen die Geusen untereinander:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Als God met ons is, wie tegen ons zal zijn?</span> So Gott mit
-uns ist, wer mag wider uns sein! Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<p>Doch am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst
-mit Unruhe einen neuen Angriff. Lamm sprang auf Deck und
-sagte zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Führe mich zum Admiral, der Dir nicht Gehör geben wollte,
-als Du Frost prophezeitest.“</p>
-
-<p>„Geh ungeführt,“ erwiderte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Lamm verschloß die Küchentüre und ging. Der Admiral stand
-auf Deck und spähete, ob er nicht von der Stadt her etwelche
-Bewegung wahrnehmen könnte.</p>
-
-<p>Lamm sprach, auf ihn zutretend:</p>
-
-<p>„Gnädiger Herr Admiral, darf ein geringer Schiffskoch Euch
-seine Ansicht sagen?“</p>
-
-<p>„Sprich, mein Sohn,“ sagte der Admiral.</p>
-
-<p>„Euer Gnaden,“ sagte Lamm, „das Eis in den Krügen taut auf,
-das Geflügel wird wieder zart; der Reif, der die Wurst wie
-Schimmel überzog, verschwindet; die Butter ist schmierig, das
-Öl flüssig, das Salz rinnt. Es wird in Bälde regnen und wir
-werden gerettet sein, Euer Gnaden.“</p>
-
-<p>„Wer bist Du?“ fragte Messire Worst.</p>
-
-<p>„Ich bin Lamm Goedzak,“ antwortete er, „der Koch des Schiffes
-Briel. Und wenn alle die großen Gelehrten, so sich für Astronomen
-ausgeben, ebenso gut in den Sternen lesen wie ich in
-meinen Brühen, so könnten sie uns sagen, daß wir diese Nacht
-Tauwetter mit Sturmgebraus und Hagelschauern haben werden.
-Aber das Tauwetter wird nicht andauern.“</p>
-
-<p>Und Lamm kehrte zu Ulenspiegel zurück, und um Mittag sprach
-er zu ihm:</p>
-
-<p>„Ich prophezeie weiter: der Himmel wird schwarz, der Wind
-weht stürmisch, es fällt ein warmer Regen; es ist schon ein Fuß
-Wassers auf dem Eise.“</p>
-
-<p>Am Abend rief er fröhlich aus:</p>
-
-<p>„Die Nordsee ist gestiegen, es ist Flutzeit. Die großen Wellen,
-die in den Zuyderzee eindringen, zerbrechen das Eis, das in großen
-Stücken birst und auf die Schiffe springt. Es sprüht Lichtfunken:
-da kommt der Hagel. Der Admiral wünscht, daß wir
-uns von Amsterdam zurückziehen, und das mit soviel Wasser, daß
-unser größtes Schiff flott wird. Nun sind wir im Hafen von
-Enckhuysen. Das Meer gefriert von neuem. Ich bin ein Prophet,
-und das ist ein Wunder Gottes.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sprach:</p>
-
-<p>„Wir wollen ihm zutrinken und ihn segnen.“</p>
-
-<p>Und der Winter ging vorüber und der Sommer kam.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>19</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Um die Mitte des August, wenn die körnersatten Hennen beim
-Lockruf des Hahnes, der ihnen seine Liebe trompetet, taub bleiben,
-sprach Ulenspiegel zu seinen Matrosen und Soldaten:</p>
-
-<p>„Der Blutherzog, welcher in Utrecht ist, wagt dort, ein segensreiches
-Edikt zu erlassen, das den Einwohnern der Niederlande,
-die sich nicht unterwerfen wollen, unter andern lieblichen Gaben
-Hunger, Tod und Verderben verheißt. Alles, was noch ganz
-ist, soll vertilgt werden, und Seine Königliche Majestät wird
-das Land durch Fremde bevölkern lassen. Beiß zu, Herzog,
-beiß zu! Der Hauer des Ebers zerbricht den Zahn der Vipern.
-Wir sind Eber. Es lebe der Geuse!</p>
-
-<p>„Alba, das Blut berauscht Dich! Wähnst Du, daß wir Deine
-Drohungen fürchten oder an Deine Milde glauben? Deine berühmten
-Regimenter, deren Loblied Du in der ganzen Welt
-sangest, Deine „Unbesiegbaren,“ Deine „Unveränderlichen,“ Deine
-„Unsterblichen“ hielten sich sieben Monate damit auf, Haarlem,
-die schwache, von Bürgern verteidigte Stadt zu beschießen. Sie
-haben gleich gewöhnlichen Sterblichen den Tanz der berstenden
-Minen in der Luft getanzt. Bürger machten ihnen Halskragen
-von Pech; am Ende siegten sie glorreich, indem sie die Entwaffneten
-erwürgten. Henker, hörst Du die Stunde der Vergeltung
-schlagen?</p>
-
-<p>„Haarlem hat seine tapferen Verteidiger verloren, seine Steine
-schwitzen Blut. Es hat bei seiner Belagerung zwölfhundertachtzigtausend
-Gülden eingebüßt und ausgegeben. Der Erzbischof
-ist dort wieder eingesetzt. Mit leichter Hand und fröhlicher
-Fratze segnet er die Kirchen ein. Don Federigo ist bei diesen
-Einsegnungen gegenwärtig, der Bischof wäscht ihm die Hände,
-die Gottes Auge rot sieht, und er nimmt das Abendmahl in beiderlei
-Gestalt, was dem armen Volk nicht erlaubt ist. Und die
-Glocken läuten, und das Glockenspiel sendet seine ruhigen, wohlklingenden
-Weisen in die Luft: es ist wie Engelsang auf einem
-Friedhof. Auge um Auge! Zahn um Zahn! Es lebe der Geuse!“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>20</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Die Geusen waren derzeit in Vlissingen, wo Nele das Fieber bekam.
-Da sie das Schiff verlassen mußte, ward sie bei Peeters,
-einem Reformierten, am Turven-Key untergebracht.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war gar sehr betrübt, aber doch froh, wenn er bedachte,
-daß in dem Bett, darin sie ohne Zweifel genesen würde,
-die spanischen Kugeln sie nicht erreichen könnten.</p>
-
-<p>Und mit Lamm war er immerwährend bei ihr, pflegte sie gut
-und liebte sie noch mehr. Und da schwätzten sie.</p>
-
-<p>„Lieber und Getreuer,“ sprach Ulenspiegel eines Tages, „weißt
-Du die Zeitung nicht?“</p>
-
-<p>„Nein, mein Sohn,“ antwortete Lamm.</p>
-
-<p>„Sahest Du das Vlieboot, das sich neulich unserer Flotte anschloß,
-und weißt Du, wer dort alle Tage die Laute spielt?“</p>
-
-<p>„Infolge der letzten Fröste bin ich auf beiden Ohren wie taub,“
-sagte Lamm. „Warum lachst Du, mein Sohn?“</p>
-
-<p>Aber Ulenspiegel setzte seine Rede fort:</p>
-
-<p>„Einmal hörte ich sie ein vlämisches Lied singen und fand ihre
-Stimme lieblich.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Lamm, „auch sie sang und spielte die Laute.“</p>
-
-<p>„Weißt Du die andere Zeitung?“ fuhr Ulenspiegel fort.</p>
-
-<p>„Ich weiß sie nicht, mein Sohn,“ antwortete Lamm.</p>
-
-<p>Ulenspiegel entgegnete:</p>
-
-<p>„Wir haben Befehl erhalten, mit unsern Schiffen die Schelde
-bis Antwerpen hinunterzufahren, um dort feindliche Schiffe zu
-nehmen oder zu verbrennen. Was die Männer betrifft, so wird
-kein Quartier gegeben. Was hälst Du davon, Dickwanst?“</p>
-
-<p>„Ach,“ sprach Lamm, „werden wir in diesem traurigen Lande
-immer nur von Brennen, Henken, Ertränken und andern Hinrichtungen
-armer Menschen hören? Wann wird doch der gesegnete
-Friede kommen, da man ohne Sorge Rebhühner braten,
-Frikassées von Huhn bereiten, und in der Pfanne die Blutwürste
-zwischen den Eiern bruzzeln lassen kann? Ich mag die schwarzen
-lieber, die weißen sind zu fett.“</p>
-
-<p>„Diese holde Zeit wird kommen,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn
-wir in den flandrischen Obstgärten an den Äpfel-, Pflaumen-
-und Kirschbäumen statt der Früchte an jedem Zweig einen
-Spanier aufgeknüpft sehen.“</p>
-
-<p>„Ach,“ sagte Lamm, „wenn ich nur meine Frau wiederfinden
-könnte, meine vielliebe, innig geliebte, herzallerliebste, getreue
-Frau! Denn versteh mich recht, mein Sohn, ich bin kein Hahnrei gewesen
-und werde es nimmer sein; dazu war sie zu kühl und ruhig
-in ihrem Benehmen; sie mied die Gesellschaft der andern
-Männer. Wenn sie schönen Putz liebte, so war das nur aus
-weiblicher Neigung. Ich war ihr Koch, Bratenwender und
-Küchenjunge, das gestehe ich gern; warum bin ich es nicht
-wieder; aber ich war auch ihr Herr und Ehemann.“</p>
-
-<p>„Genug des Redens,“ sagte Ulenspiegel. „Hörst Du den Admiral
-rufen: „Die Anker gelichtet!“ Und nach ihm die Kapitäne
-dasselbe rufen? Wir müssen uns jetzt segelfertig machen.“</p>
-
-<p>„Weshalb gehst Du so schnell fort?“ sprach Nele zu Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Wir gehen zu Schiff,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Ohne mich?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Bedenkst Du nicht, daß ich dahier gar bang um Dich sein werde?“
-sagte sie.</p>
-
-<p>„Liebchen,“ sprach Ulenspiegel, „meine Haut ist von Eisen.“</p>
-
-<p>„Du spottest,“ sagte sie. „Ich sehe nur Dein Wams, das von
-Tuch und nicht von Eisen ist, darunter ist Dein Körper, wie
-meiner aus Fleisch und Bein. Wenn man Dich verwundet, wer
-wird Dich verbinden? Willst Du ganz allein in Mitten der
-Krieger sterben? Ich gehe mit Dir?“</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprach er, „wenn die Lanzen, Kugeln, Degen, Äxte und
-Streithämmer mich verschonten und auf Deinen holden Leib
-fielen, was würde ich Taugenichts ohne Dich in dieser niederträchtigen
-Welt beginnen?“</p>
-
-<p>Aber Nele sprach:</p>
-
-<p>„Ich will Dir folgen, es ist keine Gefahr dabei; ich werde mich
-hinter der hölzernen Brustwehr verstecken, wo die Scharfschützen
-sind.“</p>
-
-<p>„Wenn Du gehst, bleibe ich, und dein Freund Ulenspiegel wird
-für einen Verräter und Feigling gelten; aber höre mein Lied:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Mein Haar ist ein Sturmhut, aus Erz gebaut,</div>
- <div class="verse indent0">Natur hat gewappnet mein Leben.</div>
- <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div>
- <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Vor Deiner Fratze mich nimmer graut,</div>
- <div class="verse indent0">Nie rufst Du mich, Tod, aus dem Leben.</div>
- <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div>
- <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!</div>
- <div class="verse indent0">Allzeit im Lichte leben.</div>
- <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div>
- <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und singend zog er von hinnen, nicht ohne den bebenden Mund
-und die hübschen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben,
-die in einem weinte und lachte.</p>
-
-<p>Die Geusen sind in Antwerpen. Sie erbeuten Alba’s Schiffe
-bis in den Hafen hinein. Bei hellem Tage dringen sie in die
-Stadt, befreien Gefangene und machen andre, die ihnen Lösegeld
-einbringen sollen. Sie heben die Bürger mit Gewalt aus und
-zwingen etliche bei Todesstrafe, ihnen zu folgen und nicht zu
-sprechen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel sprach zu Lamm: „Des Admirals Sohn wird im Hause
-des Kanonikus gefangen gehalten; wir müssen ihn befreien.“</p>
-
-<p>Als sie ins Haus des Kanonikus drangen, sahen sie den Sohn,
-den sie suchten, in Gesellschaft eines dicken schmerbäuchigen
-Mönches, der zornig auf ihn einredete, denn er wollte ihn in den
-Schoß unserer heiligen Mutter Kirche zurückführen. Aber der
-junge Bursche wollte nicht. Er ging mit Ulenspiegel fort. Indessen
-packte Lamm den Mönch bei der Kapuze und trieb ihn
-durch die Straßen von Antwerpen vor sich her, indem er sagte:</p>
-
-<p>„Du bist hundert Gülden Lösegeld wert, schnüre Dein Bündel
-und schreite voraus. Was säumst Du? Hast Du Blei in Deinen
-Sandalen? Marsch, Specksack, Speiseschrank, Suppenbauch.“</p>
-
-<p>Der Mönch sagte in großer Wut:</p>
-
-<p>„Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe, aber trotz aller Achtung, die
-ich Eurer Büchse schulde, Ihr seid gleich mir fettleibig, schmerbäuchig
-und dick.“</p>
-
-<p>Aber Lamm stieß ihn vor sich her und sprach:</p>
-
-<p>„Wagst Du es, elender Mönch, Dein klösterliches, unnützes
-Faulenzerfett mit dem Fett eines Vlämen zu vergleichen, das
-durch Anstrengungen, Strapazen und Schlachten ehrlich angemästet
-ist? Lauf, oder ich werde Dir wie einem Hund einen
-Fußtritt geben, und das mit dem Schnabel meines Schuhes.“</p>
-
-<p>Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer
-Atem und Lamm desgleichen. Und so gelangten sie zum Schiffe.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>21</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Nachdem die Geusen Rammekens, Gertruidenberg und Alckmaer
-erobert hatten, kehrten sie nach Vlissingen zurück.</p>
-
-<p>Nele, die genesen war, erwartete Ulenspiegel am Hafen.</p>
-
-<p>„Tyll,“ sagte sie, da sie ihn sah, „mein trauter Tyll, bist Du nicht
-verwundet?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!</div>
- <div class="verse indent0">Allzeit im Lichte leben.</div>
- <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div>
- <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ach,“ sprach Lamm, sein Bein nachschleppend, „die Kugeln,
-Granaten und Kettenkugeln regnen um ihn her, und er fühlt
-davon nichts als den Wind. Du bist ohne Zweifel ein Geist, Ulenspiegel,
-und auch Du, Nele, denn ich sehe Euch allezeit heiter und
-jugendlich.“</p>
-
-<p>„Warum schleppst Du das Bein nach?“ fragte Nele ihn.</p>
-
-<p>„Ich bin kein Geist und werde es auch nie werden,“ sagte er.
-„Zudem habe ich einen Axthieb in den Schenkel erhalten / die
-meiner Frau waren so weiß und rund! / Sieh, ich blute. Ach,
-warum habe ich sie nicht hier, um mich zu pflegen!“</p>
-
-<p>Doch Nele erwiderte zornig:</p>
-
-<p>„Was bedarfst Du einer wortbrüchigen Frau?“</p>
-
-<p>„Sprich nicht schlecht von ihr,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Warte, hier ist Balsam,“ sagte Nele, „ich habe ihn für Ulenspiegel
-aufbewahrt; streich ihn auf Deine Wunde.“</p>
-
-<p>Da Lamm seine Wunde verbunden hatte, war er froh, denn der
-Balsam linderte den brennenden Schmerz. Und sie gingen alle
-drei wieder zu Schiff.</p>
-
-<p>Da sie den Mönch sah, der dort mit gefesselten Händen herumspazierte,
-sagte sie: „Wer ist der? Ich habe ihn schon gesehen
-und glaube, ihn zu erkennen.“</p>
-
-<p>„Er ist hundert Gülden Lösegeld wert,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>An jenem Tage war in der Flotte ein Freudenfest. Trotz des
-rauhen Dezemberwindes, trotz Regen und Schnee waren alle
-Geusen der Flotte auf den Decks der Schiffe. Die silbernen
-Halbmonde glänzten matt auf den zeeländischen Hüten.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Leyden ist frei. Der Blutherzog zieht aus den Niederlanden.</div>
- <div class="verse indent12">Läutet, klingende Glocken,</div>
- <div class="verse indent0">Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte!</div>
- <div class="verse indent12">Klinget, Flaschen und Gläser!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent6">Hat der Bluthund sich von den Schlägen erholt</div>
- <div class="verse indent6">Mit eingeklemmtem Schwanz,</div>
- <div class="verse indent12">Stürzt er sich mit blutigem Blick</div>
- <div class="verse indent12">Von neuem gegen die Stöcke.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent12">Sein zerschlagenes Gebiß</div>
- <div class="verse indent12">Bebt und schlottert ohne Kraft.</div>
- <div class="verse indent12">Der Blutherzog ist abgerückt:</div>
- <div class="verse indent6">Klinget, Flaschen und Gläser. Es lebe der Geuse!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent12">Er möchte sich wohl selber beißen,</div>
- <div class="verse indent12">Die Stöcke zerbrachen sein Gebiß.</div>
- <div class="verse indent12">Er senkt sein Bulldoggengesicht,</div>
- <div class="verse indent6">Und denkt der Zeiten des Fraßes und Mordes.</div>
- <div class="verse indent12">Der Blutherzog ist abgerückt:</div>
- <div class="verse indent12">Schlaget die Trommel des Ruhmes!</div>
- <div class="verse indent12">Schlaget die Trommel des Krieges!</div>
- <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent6">Er ruft dem Teufel: „Dir verkauf’ ich meine</div>
- <div class="verse indent6">Hündische Seele für eine Stunde der Kraft.“</div>
- <div class="verse indent12">„Deine Seele gilt mir gleichviel</div>
- <div class="verse indent12">Wie ein Hering,“ entgegnet der Teufel.</div>
- <div class="verse indent12">Die Zähne wachsen nicht wieder,</div>
- <div class="verse indent12">Nun muß er die harten Bissen meiden.</div>
- <div class="verse indent12">Der Blutherzog ist abgerückt:</div>
- <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent6">Die kleinen Gassenköter, einäugig, krätzig und krumm,</div>
- <div class="verse indent6">Die von den Broten leben oder verenden,</div>
- <div class="verse indent12">Heben die Pfoten allzumal</div>
- <div class="verse indent12">Gegen ihn, der aus Mordlust gemordet:</div>
- <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent6">„Er liebte nicht Freunde noch Liebste,</div>
- <div class="verse indent6">Nicht Frohsinn, Sonne, noch seinen Herrn.</div>
- <div class="verse indent6">Nur der Tod, das war seine Braut.</div>
- <div class="verse indent12">Der zerbricht ihm die Pfoten</div>
- <div class="verse indent12">Zum Vorspiel der Hochzeit.</div>
- <div class="verse indent12">Er liebt keinen Menschen heil und ganz.</div>
- <div class="verse indent12">Schlaget die Freudentrommel!</div>
- <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent6">Und die kleinen Gassenköter, krumm,</div>
- <div class="verse indent6">Einäugig, hinkend und krätzig,</div>
- <div class="verse indent12">Heben von neuem die Pfoten</div>
- <div class="verse indent12">Heiß und salzig ...</div>
- <div class="verse indent12">Und mit ihnen Molosser und Windhund.</div>
- <div class="verse indent12">Hunde von Ungarn und von Brabant,</div>
- <div class="verse indent12">Von Luxemburg und Namur.</div>
- <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div>
- <div class="verse indent12">Trübselig, Schaum vor dem Maule,</div>
- <div class="verse indent12">Wird er verenden bei seinem Herrn,</div>
- <div class="verse indent12">Welcher ihm einen Fußtritt gibt,</div>
- <div class="verse indent12">Weil er nicht tüchtig gebissen.</div>
- <div class="verse indent12">In der Hölle wird er dem Tod</div>
- <div class="verse indent12">Angetraut; der nennt ihn „Mein Herzog“.</div>
- <div class="verse indent12">Und er heißt ihn: „Meine Inquisition“.</div>
- <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div>
- <div class="verse indent12">Läutet, klingende Glocken;</div>
- <div class="verse indent12">Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte.</div>
- <div class="verse indent12">Klinget, Flaschen und Gläser:</div>
- <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Buch">Fünftes Buch</h2>
-</div>
-
-<hr class="full newpage" />
-<h3>1</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da der Mönch, den Lamm gefangen genommen, merkte, daß die
-Geusen nicht seinen Tod, sondern Lösegeld wollten, begann er
-auf dem Schiffe die Nase hoch zu tragen.</p>
-
-<p>„Sehet,“ sprach er auf und ab gehend, mit wütendem Kopfschütteln,
-„sehet, in welchen Abgrund schmutziger, schwarzer, gemeiner
-Greuel ich gefallen bin, da ich den Fuß in diesen Holznapf
-setzte. Wenn ich nicht hier wäre, ich, den der Herr salbte ...“</p>
-
-<p>„Mit Hundsfett?“ fragten die Geusen.</p>
-
-<p>„Selbst Hunde,“ antwortete der Mönch, seine Rede fortsetzend.
-„Ja, räudige, verlaufene, dreckige Hunde mit magerem Kreuz.
-Ihr, die Ihr den fruchtbaren Schoß unserer heiligen römischen
-Mutter Kirche gemieden habt, um die dürren Wege Eurer lumpigen,
-reformierten Kirche zu betreten. Ja, wäre ich nicht hier
-in Eurem Holzschuh, Eurem Napf, so hätte der Herr ihn schon
-längst in die tiefsten Abgründe des Meeres versenkt, samt Euch,
-Euren verfluchten Waffen, Euren Teufelskanonen, Eurem singenden
-Kapitän, Euren lästerlichen Halbmonden, ja, bis auf
-den Grund der unergründlichen Tiefe von Satans Reich. Dort
-werdet ihr nicht verbrennen, nein! aber zu Eis gefrieren, zittern
-und vor Kälte umkommen, während der ganzen langen Ewigkeit.
-Ja, also wird Gott im Himmel auslöschen das Feuer Eures
-gottlosen Hasses gegen unsere sanfte heilige römische Mutter
-Kirche, gegen die hohen Heiligen, die Herren Bischöfe und die
-gesegneten Edikte, die so überaus sänftiglich und reiflich bedacht
-waren. Jawohl, ich werde Euch oben vom Paradiese sehen,
-veilchenblau wie Rotebeete oder weiß wie Rüben, so sehr wird
-Euch frieren. Tsi, tsi, tsi! Also geschehe es, geschehe es, geschehe
-es!“</p>
-
-<p>Die Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen trieben ihren
-Spott mit ihm und schossen aus Blasrohren mit trockenen Erbsen
-auf ihn. Und er bedeckte sich das Gesicht mit den Händen
-gegen diese Geschosse.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>2</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Nachdem der Blutherzog die Niederlande verlassen hatte,
-wurden sie von den Herren Messina-Coeli und Requesens mit
-minderer Grausamkeit regiert; dann wurden sie von den Generalstaaten
-im Namen des Königs regiert. Inzwischen eröffneten
-die Zeeländer und Holländer, wohlgeborgen durch Meer
-und Deiche, so für sie natürliche Wälle und Festungen sind, dem
-Gott der Freien freie Tempel. Die papistischen Henker konnten
-nebenan ihre Hymnen singen, und Seine Gnaden von Oranien,
-der Schweiger, war geschäftig, eine Dynastie von Statthaltern
-und Königen aufzurichten.</p>
-
-<p>Belgien ward von den Wallonen verwüstet, die ob der Genter
-Pazifikation mißvergnügt waren, da sie alle Feindschaft begraben
-sollten. Und diese wallonischen Paternosterknechte, die
-dicke, schwarze Rosenkränze um den Hals trugen, davon zu
-Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden, stahlen
-Ochsen und Pferde zu zwölfhundert, zu zweitausend und wählten
-sich die besten aus. Sie schleppten Frauen und Mädchen
-durch Felder und Sümpfe fort und verbrannten in den Scheunen
-die bewaffneten Bauern, die sich die Frucht ihrer harten Arbeit
-nicht rauben lassen wollten.</p>
-
-<p>Und die Leute aus dem Volk sprachen untereinander:</p>
-
-<p>„Don Juan wird mit seinen Spaniern kommen und Seine
-Herzogliche Hoheit mit seinen Franzosen, nicht mit den Hugenotten,
-sondern den Papisten. Der Schweiger, der Holland,
-Zeeland, Geldern und Overyssel friedlich zu regieren wünscht,
-tritt durch geheimen Vertrag die Belgischen Lande ab, auf
-daß Herr von Anjou sich dort zum König mache.“</p>
-
-<p>Etliche aus dem Volke hatten gleichwohl Vertrauen. „Die
-Herren von den Generalstaaten,“ sagten sie, „haben zwanzigtausend
-wohlbewaffnete Leute mit vielen Kanonen und guter Reiterei.
-Sie werden allen fremden Soldaten widerstehen.“</p>
-
-<p>Aber die Wohlunterrichteten sprachen: „Die Herren von den
-Generalstaaten haben zwanzigtausend Mann auf dem Papier,
-aber nicht im Felde; es fehlt ihnen an Reiterei, und sie lassen sich
-ihre Pferde eine Meile von ihrem Lager von den Paternosterknechten
-stehlen. Sie haben keine Artillerie, denn wiewohl sie
-deren hier bedürfen, haben sie beschlossen, hundert Kanonen mit
-Pulver und Kugeln an Don Sebastian von Portugal zu senden.
-Und man weiß nicht, wohin die zwei Millionen Taler gehen, die
-wir in vier Raten durch Steuern und Kriegsauflagen bezahlt
-haben. Die Bürger von Gent und Brüssel rüsten sich, Gent für
-die Reformation und Brüssel desgleichen; in Brüssel schlagen
-die Frauen die Schellentrommel, dieweil ihre Männer an den
-Wällen arbeiten. Gent, die Kühne, schickt Brüssel, der Fröhlichen,
-Pulver und Kanonen, woran es ihr mangelt, um sich gegen
-die Mißvergnügten und die Spanier zu verteidigen.“</p>
-
-<p>Und ein Jeglicher in den Städten wie auf dem platten Lande
-sieht ein, daß man kein Vertrauen haben darf, weder zu den
-Herren von den Generalstaaten, noch zu vielen andern. Und
-wir Bürger und das niedere Volk sind betrübt in unsern Herzen,
-daß wir im Lande unsrer Väter keine Besserung sehen, wiewohl
-wir unser Geld hergeben und bereit sind, unser Blut zu geben.
-Und das Land Belgien ist bang und erzürnt, daß es keine getreuen
-Anführer hat, die ihm Gelegenheit geben zu Schlacht und Sieg,
-da ihre Waffen der Feinde der Freiheit harren.</p>
-
-<p>Und die Wohlunterrichteten sprachen untereinander:</p>
-
-<p>„Bei der Genter Pazifikation haben die Herren von Holland und
-Belgien Beilegung aller Feindschaft geschworen und gegenseitigen
-Beistand zwischen den belgischen und niederländischen Staaten.
-Sie erklärten die Edikte für null und nichtig, die Konfiskationen
-für aufgehoben, Frieden zwischen beiden Religionen;
-sie versprachen, alle Säulen, Trophäen, Inschriften und Bildnisse,
-so der Herzog zu unserer Unehre errichtet, niederzureißen.
-Aber in den Herzen der Führer sind die Feindschaften noch nicht
-niedergerissen. Adel und Geistlichkeit erregen Zwietracht zwischen
-den Staaten der Union; sie empfangen Geld, um die Soldaten
-zu bezahlen, und behalten es für ihre Völlerei. Fünfzehntausend
-Prozesse um Rückforderung der eingezogenen Vermögen
-harren der Erledigung. Die Lutherischen und Römischen vereinigen
-sich gegen die Calvinisten; den rechtmäßigen Erben gelingt
-es nicht, den Räubern ihr Vermögen abzujagen; die
-Statue des Herzogs liegt am Boden, aber in ihren Herzen lebt
-das Bild der Inquisition.“</p>
-
-<p>Und das arme Volk und die bekümmerten Bürger harrten immerdar
-des tapferen und getreuen Feldherrn, der sie in die
-Schlacht für die Freiheit führte.</p>
-
-<p>Und sie sprachen untereinander: „Wo sind die erlauchten Unterzeichner
-des Kompromisses, die, wie sie sagten, männiglich zum
-Wohle des Vaterlandes vereinigt waren? Warum bildeten diese
-falschen Männer eine so „heilige Allianz“, wenn sie diese sogleich
-brechen mußten? Weshalb sich mit soviel Aufsehen versammeln,
-des Königs Zorn erregen, um sich hernach wie Feiglinge und
-Verräter zu trennen? Zu Fünfhundert, wie sie waren, hoher
-und niedrer Adel, als Brüder vereinigt, retteten sie uns vor der
-spanischen Wut; aber sie opferten das Wohl des belgischen Landes
-ihrem eigenen Wohl, gleichwie van Egmont und van Hoorn.“
-„Wehe,“ sagten sie, „sehet jetzo Don Juan, den schönen Ehrgeizigen
-kommen, Philipps Feind, aber mehr noch unsrer Länder
-Feind. Er kommt um des Papstes und seiner selbst willen. Adel
-und Klerus üben Verrat.“</p>
-
-<p>Und sie beginnen einen Scheinkrieg. An den Mauern der großen
-und kleinen Straßen von Gent und Brüssel, selbst an den Masten
-der Geusenschiffe, sah man nunmehr die Namen der Verräter
-angeheftet, der Heerführer und Kommandanten von Festungen:
-die des Grafen von Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don
-Juan verteidigte; des Burgvogtes von Lüttich, der die Stadt
-an Don Juan verkaufen wollte; der Herren von Aerschot, von
-Mansfeldt, von Berlaymont, von Rassanghien; die des Staatsrats,
-des Georges de Lalaing, Stadthalters von Friesland, des
-Feldhauptmanns de Rossignol, des Sendboten von Don Juan
-und Vermittlers zum Meuchelmord zwischen Philipp und Jauréguy,
-dem plumpen Mörder des Prinzen von Oranien. Ferner
-die Namen des Erzbischofs von Cambray, der die Spanier in
-die Stadt einlassen wollte; die Namen der Jesuiten von Antwerpen,
-die den Staaten drei Tonnen Goldes, / das ist zwei
-Millionen Gülden / anboten, damit das Schloß nicht zerstört würde
-und für Don Juan erhalten bliebe; die Namen des Bischofs von
-Lüttich und der geschwätzigen römischen Prediger, welche die Patrioten
-in bösen Leumund brachten; die des Bischofs von Utrecht,
-den die Bürger fortschickten, um anderswo das Kraut des Verrats
-zu weiden, und der Bettelorden, die in Gent zu Gunsten
-Don Juans Ränke schmiedeten. Die von Herzogenbusch nagelten
-den Namen von Carme Pierre an den Schandpfahl, der,
-vom Bischof und dessen Clerus unterstützt, sich anheischig machte,
-die Stadt dem Don Juan auszuliefern.</p>
-
-<p>In Douay jedoch henkten sie den Rektor der Universität, der
-gleichermaßen spanisch geworden, nicht in effigie. Doch auf den
-Geusenschiffen sah man auf der Brust der gehenkten Strohmänner
-Namen von Mönchen, Äbten und Prälaten und von
-achtzehnhundert reichen Frauen und Jungfrauen des Beghinen-Klosters
-zu Mecheln, die die Henker des Vaterlandes mit ihren
-Groschen unterhielten und mit Gold und Federn schmückten.</p>
-
-<p>Und auf diesen Strohmännern, den Schandpfählen der Verräter,
-stand der Name des Marquis d’Harrault, des Kommandanten
-der Feste Philippeville, der die Kriegs- und Mondvorräte
-unnütz vergeudete, um unter dem Vorwand des Mangels an
-Lebensmitteln, die Feste dem Feind auszuliefern. Da stand der
-Name Belvers, der Limburg übergab, als diese Stadt sich noch
-acht Monate halten konnte; der des Staatskanzlers von Flandern;
-des Magistrats von Brügge, des Magistrats von Mecheln,
-der seine Stadt für Don Juan offen hielt. Da standen die Namen
-der Herren von der geldernschen Rechnungskammer, die wegen
-Verrates geschlossen wurde; die des Rates von Brabant, der
-Kanzlei des Herzogtums, des geheimen Rats und des Finanzrats;
-die des Oberamtsmanns und des Bürgermeisters von Menin
-und der bösen Nachbarn von Artois, die zweitausend Franzosen,
-so auf Plünderung auszogen, unverweht durchließen.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sprachen die Bürger untereinander, „nun hat der Herzog
-von Anjou einen Fuß in unserm Lande; er will bei uns König
-werden. Sahet Ihr ihn in Mons einziehen, klein und mit dicken
-Hüften, großer Nase, gelbem Antlitz und spöttischem Munde.
-Es ist ein großer Fürst, der die ungewöhnlichen Liebschaften
-liebt, und damit sich in seinem Namen weibliche Anmut mit
-männlicher Kraft paare, nennt man ihn Seine Groß-Hoheit,
-den Herzog von Anjou.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel war nachdenklich. Und er sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Der Himmel ist blau, die Sonne hell;</div>
- <div class="verse indent0">Umhüllt die Banner mit Flor,</div>
- <div class="verse indent0">Mit Flor die Degengriffe,</div>
- <div class="verse indent2">Versteckt die Juwelen,</div>
- <div class="verse indent2">Kehrt um die Spiegel;</div>
- <div class="verse indent0">Ich singe das Lied vom Tode,</div>
- <div class="verse indent2">Das Lied vom Verrat.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Sie setzten ihnen auf Leib und Brust</div>
- <div class="verse indent0">Den Fuß, den stolzen Ländern:</div>
- <div class="verse indent0">Brabant und Flandern, Hennegau,</div>
- <div class="verse indent0">Antwerpen, Artois, Luxemburg.</div>
- <div class="verse indent0">Junker und Pfaffen übten Verrat;</div>
- <div class="verse indent0">Des Lohnes Köders lockte sie.</div>
- <div class="verse indent0">Ich singe das Lied vom Verrat.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wenn allerorts der Feind nun raubt,</div>
- <div class="verse indent0">Der Spanier in Antwerpen herrscht,</div>
- <div class="verse indent0">Lustwandeln in den Gassen der Stadt,</div>
- <div class="verse indent0">Äbte, Pfaffen und Feldhauptleute,</div>
- <div class="verse indent0">In Seide gekleidet, mit Gold verbrämt.</div>
- <div class="verse indent0">Von gutem Wein glänzt ihr volles Gesicht</div>
- <div class="verse indent0">Und trägt ihre Schande zur Schau.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und durch sie wird die Inquisition</div>
- <div class="verse indent0">Triumphierend zum Leben erwachen.</div>
- <div class="verse indent2">Von den neuen Ritelmans</div>
- <div class="verse indent0">Werden Taubstumme dann verhaftet</div>
- <div class="verse indent2">Um Ketzerei.</div>
- <div class="verse indent0">Ich singe das Lied vom Verrat.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Unterzeichner des Vergleichs,</div>
- <div class="verse indent2">Feige Unterzeichner;</div>
- <div class="verse indent0">Euer Name sei verflucht.</div>
- <div class="verse indent0">Wo seid Ihr zur Stunde des Krieges?</div>
- <div class="verse indent2">Ihr folget gleich Raben</div>
- <div class="verse indent2">Der spanischen Fährte.</div>
- <div class="verse indent2">Schlaget die Trommel der Trauer.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Die Zukunft, belgisches Land,</div>
- <div class="verse indent0">Wird Dich verdammen, weil Du</div>
- <div class="verse indent0">Gewaffnet Dich ließest berauben.</div>
- <div class="verse indent0">Zukunft, eile Dich nicht.</div>
- <div class="verse indent0">Sieh die Verräter geschäftig:</div>
- <div class="verse indent0">Es sind zwanzig, es sind tausend;</div>
- <div class="verse indent0">Alle Ämter haben sie inne,</div>
- <div class="verse indent0">Die Großen geben sie den Kleinen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Sie sind im Einverständnis,</div>
- <div class="verse indent0">Den Widerstand zu hindern</div>
- <div class="verse indent0">Durch Zwietracht und Trägheit,</div>
- <div class="verse indent0">Ihre Losung des Verrats.</div>
- <div class="verse indent0">Verhüllt mit Flor die Spiegel</div>
- <div class="verse indent2">Und die Degengriffe.</div>
- <div class="verse indent0">Dies ist das Lied des Verrats.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Spanier und Unzufriedene</div>
- <div class="verse indent0">Erklären sie für Rebellen,</div>
- <div class="verse indent0">Verbieten, ihnen zu helfen</div>
- <div class="verse indent2">Mit Brot und Obdach,</div>
- <div class="verse indent2">Mit Pulver und Blei.</div>
- <div class="verse indent0">Doch fängt man sie, um sie zu henken.</div>
- <div class="verse indent2">Um sie zu henken.</div>
- <div class="verse indent0">Gleich lassen sie sie frei.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Auf! sagen die Brüßler.</div>
- <div class="verse indent0">Auf! sagen die Genter</div>
- <div class="verse indent2">Und das belgische Volk.</div>
- <div class="verse indent0">Euch arme Menschen will man</div>
- <div class="verse indent0">Zermalmen zwischen dem König</div>
- <div class="verse indent0">Und dem Papst, welcher den Kreuzzug</div>
- <div class="verse indent2">Gegen Flandern betreibt.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Sie kommen, die feilen Söldner,</div>
- <div class="verse indent2">Beim Blutgeruch herbei,</div>
- <div class="verse indent2">Scharen von Hunden,</div>
- <div class="verse indent2">Hyänen und Schlangen,</div>
- <div class="verse indent2">Die hungert und dürstet.</div>
- <div class="verse indent0">Armes Land der Väter,</div>
- <div class="verse indent0">Reif für Trümmer und Tod.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Nicht Don Juan ist es,</div>
- <div class="verse indent0">Der es Farnese, des Papstes Liebling,</div>
- <div class="verse indent2">Mundgerecht macht,</div>
- <div class="verse indent2">Doch Die, so Du mit Gold</div>
- <div class="verse indent2">Und Ehren überhäuft.</div>
- <div class="verse indent2">Die Deiner Weiber, Töchter</div>
- <div class="verse indent2">Und Kinder Beichte hörten.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Sie warfen Dich zu Boden,</div>
- <div class="verse indent2">Es setzt der Spanier Dir</div>
- <div class="verse indent2">Das Messer an die Kehle.</div>
- <div class="verse indent2">Sie trieben Spott mit Dir,</div>
- <div class="verse indent2">Da sie zu Brüssel des Prinzen</div>
- <div class="verse indent2">Oranien Kommen gefeiert.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Da man auf dem Kanale</div>
- <div class="verse indent2">So mannig Feuerwerk</div>
- <div class="verse indent2">Mit Freudengeknatter sah,</div>
- <div class="verse indent2">Soviel triumphierende Schiffe,</div>
- <div class="verse indent2">Gemälde und Wandbehänge,</div>
- <div class="verse indent2">Da, Belgien, spielte man</div>
- <div class="verse indent2">Von Joseph die Geschichte,</div>
- <div class="verse indent2">Wie ihn die Brüder verkauft.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-<h3>3</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da der Mönch merkte, daß man ihn reden ließ, trug er auf dem
-Schiffe die Nase hoch; und um ihn noch mehr zum Predigen anzureizen,
-lästerten die Matrosen und Soldaten die heilige
-Jungfrau, die hohen Heiligen und die frommen Andachtsübungen
-der heiligen römischen Kirche.</p>
-
-<p>Dann geriet er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen
-sie aus.</p>
-
-<p>„Ja,“ schrie er, „ja, da bin ich traun in der Höhle der Geusen.
-Ja, dies sind wahrlich die verfluchten Länderaussauger! Ja.
-Und man sagt, daß der Inquisitor, der heilige Mann, ihrer zu
-viele verbrannt hat! Nein: Es ist noch genug von dem schmutzigen
-Ungeziefer übrig. Ja, auf den guten, tapferen Kriegsschiffen
-unseres Herrn Königs, die ehedem so sauber und gut gewaschen
-waren, sieht man jetzo das Ungeziefer der Geusen, ja, das stinkende
-Ungeziefer. Ja, es ist schmutziges, stinkendes, schändliches
-Ungeziefer, der singende Kapitän, der Koch mit dem Bauch voller
-Gottseligkeit, und sie alle mit ihren lästerlichen Halbmonden.
-Wenn der König seine Schiffe mit der Lauge der Geschütze gesäubert
-hat, wird für mehr als hunderttausend Gülden Pulver
-und Kugeln vonnöten sein, um diese schmutzige, gemeine, stinkende
-Seuche zu vertreiben. Ja, Ihr seid alle in Frau Luzifers
-Bette geboren, die verdammt ist, mit Satanas zwischen Mauern
-von Ungeziefer, unter Vorhängen von Ungeziefer und auf Polstern
-von Ungeziefer zu buhlen. Ja, und dort in ihren abscheulichen
-Umarmungen erzeugten sie die Geusen. Ja, ich spucke auf
-Euch.“</p>
-
-<p>Auf diese Rede hin sprachen die Geusen zu ihm:</p>
-
-<p>„Was behalten wir diesen Faulenzer hier, der nichts kann als
-Schimpfworte ausspeien? Wir wollen ihn lieber henken.“</p>
-
-<p>Und sie machten sich ans Werk.</p>
-
-<p>Als der Mönch sah, daß der Strick bereit, die Leiter an den Mastbaum
-gelehnt war und man ihm die Hände binden wollte, sagte
-er kläglich:</p>
-
-<p>„Habt Mitleid mit mir, Ihr Herren Geusen, es ist der Teufel des
-Zornes, der in meinem Herzen spricht, und nicht Euer geringer
-Gefangener, ein armer Mönch, der auf dieser Welt nicht mehr
-als einen Hals hat. Gnädige Herren, erbarmt Euch. Schließt
-mir den Mund mit einer Angstbirne, wenn Ihr wollt, / eine gar
-schlechte Frucht / aber henket mich nicht.“</p>
-
-<p>Ohne auf ihn zu hören, und trotz seines wütenden Widerstandes
-schleppten sie ihn nach der Leiter. Da schrie er so gellend, daß
-Lamm zu Ulenspiegel, der bei ihm in der Küche war und ihn
-pflegte, sprach:</p>
-
-<p>„Mein Sohn, mein Sohn, sie haben ein Schwein aus dem Koben
-gestohlen und stechen es ab. Oh, die Spitzbuben! Wenn ich doch
-aufstehen könnte.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging hinauf und erblickte nichts als den Mönch. Da
-dieser seiner gewahr wurde, fiel er auf die Kniee und sagte, die
-Hände zu ihm erhebend:</p>
-
-<p>„Herr Kapitän, Kapitän der tapferen Geusen, die zu Wasser und
-zu Lande furchtbar sind, Eure Soldaten wollen mich henken,
-weil ich mich mit der Zunge vergangen habe. Das ist eine ungerechte
-Strafe, Herr Kapitän, denn alsdann müßten alle Advokaten,
-Sachverwalter, Prediger und Weiber ein hänfenes Halsband
-haben, und die Welt würde entvölkert werden. Herr, errettet
-mich vom Strick. Ich werde für Euch beten, und Ihr werdet
-nicht verdammt werden, gebt mir Pardon. Der Sprechteufel
-verleitete mich und zwang mich, unaufhörlich zu reden: das ist
-ein gar großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt
-mich tausend Dinge sagen, die ich nicht denke. Gnade, Herr Kapitän,
-und Ihr Herren alle, bittet für mich.“</p>
-
-<p>Plötzlich erschien Lamm im Hemd auf Deck und sagte:</p>
-
-<p>„Kapitän und Kameraden, es war nicht das Schwein, daß
-quiekte, sondern der Mönch; des bin ich froh. Ulenspiegel, mein
-Sohn, ich habe einen großartigen Plan inbetreff des frommen
-Vaters gefaßt. Schenk ihm das Leben, aber laß ihn nicht frei,
-sonst wird er noch einen schlechten Streich auf dem Schiffe verüben.
-Vielmehr laß ihm auf Deck einen engen, recht luftigen
-Käfig machen, darin er nur sitzen und schlafen kann, wie man
-sie für die Kapaunen macht. Laß mich ihn füttern, und wenn er
-nicht soviel ißt, wie ich will, möge er gehenkt werden.“</p>
-
-<p>„Möge er gehenkt werden, wenn er nicht ißt“, sagten Ulenspiegel
-und die Geusen.</p>
-
-<p>„Was gedenkst Du mit mir zu machen, Dicker?“ fragte der
-Mönch.</p>
-
-<p>„Das wirst du sehen,“ antwortete Lamm.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel tat, was Lamm wünschte, und der Mönch ward
-in den Käfig gesetzt, und Jedermann konnte ihn darin nach Belieben
-betrachten.</p>
-
-<p>Lamm war in die Küche hinuntergegangen; Ulenspiegel ging ihm
-nach und hörte ihn mit Nele streiten.</p>
-
-<p>„Ich werde mich nicht hinlegen,“ sagte er, „nein, ich werde mich
-nicht hinlegen, damit andere kommen und in meinen Brühen
-herum mantschen. Nein ich werde nicht in meinem Bette bleiben
-wie ein Kalb!“</p>
-
-<p>„Werde nicht böse, Lamm,“ sprach Nele, „sonst wird Deine
-Wunde wieder aufbrechen, und Du wirst sterben.“</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sagte er, „ich werde sterben; ich bin es satt, ohne
-mein Weib zu leben. Ist es noch nicht genug, daß ich es verloren
-habe, willst du mich auch noch hindern, mich, den Schiffskoch,
-auf die Suppe zu achten? Weißt du nicht, daß dem Duft
-der Brühen und Fleischgerichte eine Heilkraft innewohnt? Sie
-nähren selbst meinen Geist und panzern mich wider das Unglück.“</p>
-
-<p>„Lamm,“ sagte Nele, „Du mußt auf unseren Rat hören und Dich
-von uns heilen lassen.“</p>
-
-<p>„Ich will mich heilen lassen,“ sprach Lamm; „aber es soll nur
-ein anderer hier herein kommen, irgend ein unwissender, stinkender,
-triefäugiger, rotznasiger Taugenichts und soll an meiner
-Statt als Schiffskoch herrschen und mit seinen schmutzigen Fingern
-in meine Brühen fahren, so schlüg’ ich ihn lieber mit meiner
-Holzkelle tot, die dann von Eisen wäre.“</p>
-
-<p>„Gleichviel,“ sagte Ulenspiegel, „Du brauchst einen Gehilfen,
-Du bist krank.“</p>
-
-<p>„Ein Gehilfe für mich!“ sagte Lamm, „mir ein Gehilfe! Bist
-Du denn nur mit Undankbarkeit vollgepfropft wie eine Wurst
-mit gehacktem Fleisch? Ein Gehilfe, mein Sohn, und Du sagst
-das mir, Deinem Freund, der Dich so lange und so reichlich genährt
-hat! Jetzt wird meine Wunde wieder aufbrechen. Schlechter
-Freund, wer würde dir hier wohl die Nahrung bereiten wie
-ich? Was würdet Ihr beiden anfangen, wenn ich nicht da wäre,
-um dir, Kapitän, und Dir, Nele, etwelches leckere Gericht vorzusetzen?“</p>
-
-<p>„Wir würden selbst in der Küche arbeiten,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Die Küche!“ sagte Lamm. „Du taugst dazu, gute Küche zu
-essen, sie zu schnüffeln und einzuschlürfen, aber kochen, nein!
-Armer Freund und Kapitän, ich würde Dir, mit Verlaub zu
-sagen, in Streifen geschnittene Gürteltaschen zu essen geben,
-und Du würdest sie für harte Kaldaunen halten. Laß mich,
-mein Sohn, laß mich hier bleiben, sonst werde ich wie ein Stock
-eintrocknen.“</p>
-
-<p>„So bleibe Schiffskoch,“ sprach Ulenspiegel; „wenn du nicht
-gesund wirst, schließe ich die Küche zu und wir essen nur Schiffszwieback.“</p>
-
-<p>„Ach, mein Sohn,“ sprach Lamm, vor Freude weinend, „Du bist
-gut wie unsere liebe Frau.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>4</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Er schien jedoch zu genesen.</p>
-
-<p>Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des
-Mönches mit einem langen Lederriemen maß.</p>
-
-<p>Am ersten Samstag sagte er:</p>
-
-<p>„Vier Fuß.“</p>
-
-<p>Und sich selber messend, sprach er:</p>
-
-<p>„Vier und einen halben Fuß.“</p>
-
-<p>Und er schien schwermütig.</p>
-
-<p>Doch am achten Samstag war er fröhlich und sagte von dem
-Mönche:</p>
-
-<p>„Vier dreiviertel Fuß.“</p>
-
-<p>Und als er ihm Maß nahm, erboste sich der Mönch und sprach:</p>
-
-<p>„Was hast du mit mir vor, Dicker?“</p>
-
-<p>Aber Lamm steckte die Zunge heraus und schwieg.</p>
-
-<p>Und siebenmal am Tage sahen die Matrosen und Soldaten ihn
-mit irgend einem andern Gericht ankommen und dabei sagen:</p>
-
-<p>„Hier sind fette Bohnen mit flandrischer Butter; hast Du je so
-gute in Deinem Kloster gegessen? Du hast ein volles Gesicht,
-hier auf dem Schiff magert man nicht ab. Fühlst Du nicht, wie
-Dir die Fettpolster im Rücken wachsen? Bald wirst Du kein
-Pfühl mehr brauchen, um zu schlafen.“</p>
-
-<p>Bei der zweiten Mahlzeit des Mönches sprach er:</p>
-
-<p>„Sieh da, das sind Krapfen nach Brüsseler Art. Die Wälschen
-nennen sie Crèpes, denn sie tragen sie zum Zeichen der Trauer am
-Hut. Diese jedoch sind nicht schwarz, sondern blond und im Ofen
-goldig gebacken. Siehst Du die Butter darauf rinnen? So
-wird auch Dein Bauch werden.“</p>
-
-<p>„Ich habe keinen Hunger,“ sprach der Mönch.</p>
-
-<p>„Du mußt essen,“ sagte Lamm. „Glaubst Du, daß es Krapfen
-von Buchweizenmehl sind? Es ist reines Weizenmehl, frommer
-Vater, Vater im Fett, es ist feinstes Weizenmehl, Vater mit vierfachem
-Kinn; ich sehe schon das fünfte keimen, und mein Herz
-ist froh. Iß!“</p>
-
-<p>„Laß mich in Ruhe, Dicker,“ sprach der Mönch.</p>
-
-<p>Lamm ward zornig und antwortete:</p>
-
-<p>„Ich bin Herr über Dein Leben. Ziehst du den Strang einem
-guten Napf Erbsenbrei mit gerösteter Brotrinde vor, die ich Dir
-alsbald bringen werde?“</p>
-
-<p>Und als er mit dem Napf kam, sagte Lamm:</p>
-
-<p>„Der Erbsenbrei hat es gern, wenn er in Gesellschaft gegessen
-wird; darum habe ich deutsche Knödel dabei gegeben, schöne
-Klöße von Korinther Mehl, ganz frisch ins kochende Wasser geworfen.
-Sie sind schwer, aber sie setzen Speck an. Iß, soviel
-du kannst. Jemehr Du issest, um so größer ist meine Freude.
-Ziere Dich nicht, und schnaufe nicht so stark, als ob es Dir zu
-viel würde. Iß! Ist Essen nicht besser als gehenkt werden? Laß
-mal Deine Schenkel sehen? Sie werden auch fetter. Zwei Fuß
-und sieben Zoll rund herum. Wo ist ein Schinken, der soviel
-mißt?“</p>
-
-<p>Eine Stunde darauf kam er wieder zum Mönche.</p>
-
-<p>„Sieh,“ sprach er, „hier sind neun Tauben. Sie sind für Dich
-geschlachtet, die unschuldigen Tierchen, die ohne Furcht über den
-Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht, ich habe ihnen eine Butterkugel
-in den Leib gelegt, samt Weißbrot, geriebener Muskatnuß
-und Gewürznelken, in einem kupfernen Mörser gestoßen, der wie
-Deine Haut glänzt. Die liebe Sonne freut sich, in einem Gesichte,
-so blank wie das Deine, sich spiegeln zu können. Das
-kommt vom Fett, vom guten Fett, das ich Dir verschafft habe.“
-Bei der fünften Mahlzeit brachte er ihm ein „Waterzoey“.</p>
-
-<p>„Was denkst Du von diesem gedämpften Fische?“ fragte er. „Das
-Meer trägt Dich und ernährt Dich, mehr würde es auch nicht
-für Seine Königliche Majestät tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte
-Kinn deutlich sprossen, ein wenig mehr an der linken als an der
-rechten Seite. Wir werden diese Seite, die zu kurz gekommen
-ist, fett machen müssen, denn Gott hat uns gesagt: „Seid gerecht
-gegen jedermann.“ Wo wäre Gerechtigkeit, wenn nicht in gleichmäßiger
-Verteilung von Fett? Für Deine sechste Mahlzeit
-werde ich Dir Muscheln, die Austern der armen Leute, bringen,
-dergleichen man Dir in Deinem Kloster nie aufgetragen hat. Die
-Unwissenden kochen sie und essen sie so, aber das ist nur der Prolog
-ihrer Zubereitung. Man muß hernach die Schalen abnehmen,
-ihre zarten Körper in ein Pfännlein tun und sie da sanft mit
-Sellerie, Muskat und Nelken dämpfen, die Brühe mit Bier und
-Mehl binden und sie mit gerösteten Brotschnitten anrichten. So
-habe ich sie für Dich gemacht. Warum schulden die Kinder
-ihren Vätern und Müttern so großen Dank? Weil sie ihnen Obdach,
-Liebe, doch sonderlich die Nahrung gegeben haben. Demnach
-mußt Du mich wie Deinen Vater und Deine Mutter lieben und
-gleich ihnen bist Du, Vielfraß, mir Dank schuldig. Drum sieh
-mich nicht mit so wilden, rollenden Augen an.</p>
-
-<p>„Bald werde ich Dir eine Biersuppe mit Mehl bringen, gut gezuckert,
-mit viel Zimmt. Weißt Du, warum? Damit Dein
-Fett durchsichtig wird und unter Deiner Haut bebt: so sieht
-man es, wenn Du Dich bewegst. Horch, da läutet es Schlafenszeit:
-schlummere in Frieden, ohne Sorgen für den kommenden
-Tag, und sei sicher, Deine geschmälzten Mahlzeiten wiederzufinden,
-und Deinen Freund Lamm, der nicht ermangeln wird,
-sie Dir zu geben.“</p>
-
-<p>„Geh von hinnen und laß mich beten,“ sagte der Mönch.</p>
-
-<p>„Bete,“ sprach Lamm, „bete in fröhlicher Schnarchmusik. Bier
-und Schlafen werden Dir Fett, gutes Fett ansetzen. Ich bin
-froh.“</p>
-
-<p>Und Lamm ging, sich ins Bett zu legen.</p>
-
-<p>Und die Matrosen und Soldaten fragten ihn:</p>
-
-<p>„Was hast Du davon, diesen Mönch, der Dir nicht wohl will,
-so reichlich zu füttern?“</p>
-
-<p>„Laßt mich nur machen,“ sprach Lamm. „Ich vollführe ein
-großes Werk.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>5</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Im Mai, wenn die flanderischen Bäuerinnen sich nachts langsam
-drei schwarze Bohnen nach rückwärts über den Kopf werfen,
-um sich vor Krankheit und Tod zu schützen, brach Lamms
-Wunde wieder auf. Er bekam starkes Fieber und begehrte, auf
-Deck, dem Käfig des Mönches gegenüber zu liegen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel war es zufrieden, doch aus Furcht, daß sein Freund
-bei einem Anfall ins Meer stürzte, ließ er ihn auf seinem Lager
-tüchtig festbinden.</p>
-
-<p>In seinen lichten Augenblicken empfahl er unablässig, daß man
-den Mönch nicht vergäße, und streckte ihm die Zunge heraus.</p>
-
-<p>Und der Mönch sprach: „Du beschimpfest mich, Dicker.“</p>
-
-<p>„Nein,“ antworte Lamm, „ich mache Dich fett.“</p>
-
-<p>Ein lauer Wind wehte, die Sonne schien warm. Der fiebernde
-Lamm war auf seinem Bette gut festgebunden, damit er bei den
-jähen Anfällen des Fieberwahns nicht vom Schiff spränge. Er
-wähnte sich noch in der Küche und sprach:</p>
-
-<p>„Der Ofen ist heute hell. Bald wird es Fettammern regnen.
-Frau, spanne die Schlingen in unserm Obstgarten auf. Du bist
-schön so mit den bis an den Ellbogen aufgeschlagenen Ärmeln.
-Dein Arm ist weiß, ich will mit den Lippen hineinbeißen, das sind
-Sammetzähne. Wem gehört dieser schöne Leib, wem gehören
-diese schönen Brüste, die unter Deinem weißen Leibchen von feinem
-Linnen schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird
-das Frikassee von Hahnenkämmen und Kücken machen? Nicht
-zuviel Muskat, das macht Fieber. Weiße Brühe mit Thymian
-und Lorbeeren. Wo sind die Eidotter?“</p>
-
-<p>Dann winkte er Ulenspiegel, das Ohr an seinen Mund zu halten,
-und sagte ganz leise zu ihm:</p>
-
-<p>„Bald wird es Wildpret regnen, ich werde Dir vier Fettammern
-mehr aufheben als den Andern. Du bist Kapitän, verrate mich
-nicht.“</p>
-
-<p>Dann hörte er die Wellen leise an die Schiffswand plätschern.</p>
-
-<p>„Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht, aber wie
-langsam heizt dieser Ofen!“</p>
-
-<p>Sobald er seine fünf Sinne beisammen hatte, sprach er, vom
-Mönch redend:</p>
-
-<p>„Wo ist er? Wächst sein Speck?“</p>
-
-<p>Da er ihn erblickte, streckte er ihm die Zunge heraus und sagte:</p>
-
-<p>„Das große Werk wird vollendet; des bin ich froh.“</p>
-
-<p>Eines Tages verlangte er, daß die große Wage auf Deck gebracht
-würde und daß man ihn auf ein Wagebrett und den Mönch
-auf das andere legte. Kaum war der Mönch darauf, als
-Lamm wie ein Pfeil in die Luft schnellte. Hocherfreut sagte er,
-indem er ihn ansah:</p>
-
-<p>„Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein leichter Geist neben ihm;
-ich werde wie ein Vogel in die Luft fliegen. Ich habe einen Gedanken:
-nehmt ihn herunter, damit ich herabsteigen kann; jetzt
-legt die Gewichte auf; legt ihn wieder darauf. Wieviel wiegt
-er? Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.“</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>6</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>In der Nacht des folgenden Tages ward Ulenspiegel bei Tagesgrauen
-durch Lamm geweckt, welcher rief:</p>
-
-<p>„Ulenspiegel, Ulenspiegel! zu Hilfe, hindere sie fortzugehen.
-Schneidet die Stricke durch, schneidet die Stricke durch!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel stieg auf Deck und sagte:</p>
-
-<p>„Warum rufst Du? Ich sehe nichts.“</p>
-
-<p>„Sie ist es,“ antwortete Lamm, „sie, meine Frau; dort in der
-Schaluppe, die jenes Vlieboot umkreist. Ja, um das Vlieboot,
-von dem die Lieder und die Lautenklänge kommen.“</p>
-
-<p>Nele war gleichfalls auf Deck gestiegen.</p>
-
-<p>„Schneide die Stricke durch, Liebchen,“ sprach Lamm. „Siehst
-Du nicht, daß meine Wunde geheilt ist? Ihre weiche Hand hat sie
-verbunden. Sie, ja, sie. Siehst Du sie in der Schaluppe stehen?
-Hörst Du? Sie singt noch. Komm, Geliebte, komm, flieh nicht
-Deinen armen Lamm, der ohne Dich so einsam auf Erden war.“</p>
-
-<p>Nele faßte seine Hand und berührte sein Gesicht.</p>
-
-<p>„Er hat noch Fieber,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Schneidet die Stricke durch,“ sprach Lamm, „gebt mir eine
-Schaluppe! Ich lebe, ich bin glücklich, ich bin geheilt!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel zerschnitt die Stricke und Lamm sprang in weißen
-Leinenhosen ohne Wams aus dem Bett und begann, das Boot
-selbst hinunterzulassen.</p>
-
-<p>„Sieh ihn an,“ sagte Nele zu Ulenspiegel. „Seine Hände zittern
-vor Ungeduld bei der Arbeit.“</p>
-
-<p>Da das Boot flott war, stiegen Ulenspiegel, Nele und Lamm
-mit einem Ruderknecht hinein und steuerten auf das Vlieboot zu,
-das in der Ferne im Hafen vor Anker lag.</p>
-
-<p>„Sieh, das schöne Vlieboot,“ sprach Lamm, dem Ruderknecht
-helfend.</p>
-
-<p>Vom morgenfrischen Himmel, den die Strahlen der jungen
-Sonne wie vergüldetes Kristall färbten, hob das Vlieboot seinen
-Rumpf und seine schlanken Masten ab.</p>
-
-<p>Derweil Lamm ruderte, fragte Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Sag uns nunmehr, wie Du sie wiedergefunden hast?“</p>
-
-<p>Lamm gab stoßweise Antwort.</p>
-
-<p>„Ich schlief, es ging mir schon besser. Plötzlich dumpfes Geräusch.
-Etwas Hölzernes stößt ans Schiff. Schaluppe. Matrose
-läuft beim Geräusch herbei: Wer da? Eine sanfte Stimme,
-ihre Stimme, mein Sohn, ihre süße Stimme: Gut Freund!
-Dann derbere Stimme: Es lebe der Geuse! Kommandant des
-Vlieboots „Johanna“ mit Lamm Goedzak sprechen. Matrose
-wirft die Strickleiter hinunter. Der Mond schien. Ich sehe die
-Gestalt eines Mannes auf Deck steigen: Starke Hüften, runde
-Kniee, breites Becken. Ich sage mir: Falscher Mann. Mir ist,
-wie wenn eine Rose sich erschließt und meine Wange berührt.
-Ihr Mund, mein Sohn, und ich höre sie sagen, sie selbst, verstehst
-Du? sie selbst, indem sie mich mit Küssen und Tränen bedeckt,
-die wie flüssiges, balsamisches Feuer auf meinen Körper
-fallen: „Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich habe Dich lieb,
-mein guter Mann. Ich habe vor Gott geschworen, und ich
-breche meinen Schwur, mein Mann, mein armer Mann! Ich
-bin oft gekommen, ohne mich in Deine Nähe zu wagen. Der
-Matrose hat es mir endlich erlaubt. Ich verband Deine Wunde;
-Du erkanntest mich nicht, aber ich habe Dich geheilt. Sei nicht
-böse, lieber Mann. Ich bin Dir gefolgt, aber ich fürchte mich,
-er ist auf diesem Schiff. Laß mich gehen. Wenn er mich sähe,
-so verfluchte er mich und ich würde im ewigen Feuer brennen!“
-Weinend und glücklich küßte sie mich abermals und verließ mich
-dann wider meinen Willen, trotz meiner Tränen. Du hattest mir
-ja Arm und Beine festgebunden, mein Sohn, aber jetzt“ ....</p>
-
-<p>So sprechend, ruderte er mit starken Schlägen, wie die gespannte
-Schnur eines Bogens, die den Pfeil vorwärts schnellt.</p>
-
-<p>Als sie sich dem Vlieboot näherten, sprach Lamm:</p>
-
-<p>„Da steht sie auf Deck und spielt die Laute, meine reizende Frau
-mit goldbraunem Haar, braunen Augen, noch blühenden Wangen,
-bloßen, runden Armen und weißen Händen. Hüpfe auf den
-Wellen, Schaluppe!“</p>
-
-<p>Da der Kapitän des Vlieboots die Schaluppe herankommen und
-Lamm wie einen Teufel rudern sah, ließ er eine Strickleiter
-von Deck herunterwerfen. Als Lamm ihr nahe war, sprang er
-aus der Schaluppe auf die Leiter, auf die Gefahr hin, ins Meer
-zu stürzen, und stieß das Bot drei Klafter weit zurück. Wie eine
-Katze kletterte er an Bord und lief auf seine Frau zu, die, vor
-Freude halbohnmächtig, ihn umarmte und küßte. Dabei sprach sie:</p>
-
-<p>„Lamm! Du darfst mich nicht mitnehmen, ich habe bei Gott
-geschworen, aber ich habe Dich lieb. Ach, lieber Mann!“</p>
-
-<p>Nele rief aus:</p>
-
-<p>„Das ist ja Calleken Huybrechts, die schöne Calleken!“</p>
-
-<p>„Die bin ich,“ sagte sie, „aber ach, meine Schönheit ist nicht mehr
-in der Mittagshöhe.“</p>
-
-<p>Und sie schien betrübt.</p>
-
-<p>„Was hast Du getan?“ fragte Lamm. „Was geschah mit Dir?
-Warum hast Du mich verlassen? Warum willst Du mich jetzo
-meiden?“</p>
-
-<p>„Hör mich an,“ sprach sie, „und zürne nicht, ich will Dir alles
-sagen. Wissend, daß alle Mönche Erwählte Gottes sind, vertraute
-ich mich einen von ihnen an. Er hieß Broer Cornelis
-Adriaensen.“</p>
-
-<p>Da Lamm dies vernahm, sprach er:</p>
-
-<p>„Was! dieser schlimme Heuchler, der ein Maul hatte wie eine
-Kloake voll Schmutz und Unrat und von nichts sprach, als das
-Blut der Reformation zu vergießen! Was! dieser Lobredner
-der Inquisition und der Edikte! Wehe! dieser schuftige Taugenichts
-war es!“</p>
-
-<p>Calleken sagte:</p>
-
-<p>„Beschimpfe den Mann Gottes nicht!“</p>
-
-<p>„Der Mann Gottes!“ sprach Lamm, „ich kenne ihn! Er war
-der Mann der Unflätereien und Zoten. Unseliges Geschick!
-Mußte meine schöne Calleken diesem geilen Mönch in die Hände
-fallen. Komm mir nicht nahe, ich ermorde Dich! Und ich, der
-ich sie so liebte! Mein armes Herz betrogen, das ganz ihr gehörte!
-Was willst Du hier? Weshalb hast Du mich gepflegt?
-Du hättest mich sollen sterben lassen. Hebe Dich weg, ich will
-Dich nicht mehr sehen, hebe Dich weg oder ich werfe Dich ins
-Meer. Mein Messer! ....“</p>
-
-<p>Sie umarmte ihn und sprach:</p>
-
-<p>„Lamm, lieber Mann, weine nicht. Ich bin nicht, was Du denkst;
-ich bin diesem Mönch nicht zu Willen gewesen!“</p>
-
-<p>„Du lügst,“ sprach Lamm, weinend und zähneknirschend. „Ach,
-ich war nimmer eifersüchtig, und jetzt bin ich’s. Traurige Leidenschaft,
-Zorn und Liebe: der Drang, zu morden und zu umarmen.
-Hinweg! nein, bleib. Ich war so gut zu ihr. Mordlust
-beherrscht mich. Mein Messer! Oh! das brennt, verzehrt,
-nagt ... Du lachst über mich ....“</p>
-
-<p>Und weinend, sanft und demütig umarmte sie ihn.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach er, „ich bin albern in meinem Zorn; ja, Du hütetest
-meine Ehre, die Ehre, die wir Narren an die Röcke einer
-Frau hängen. Darum also stecktest Du Dein süßestes Lächeln
-auf, wenn Du mich batest, mit Deinen Freundinnen zur Messe
-zu gehen ...“</p>
-
-<p>„Laß mich reden,“ sprach die Frau, ihn umarmend. „Ich will
-augenblicks tot sein, wenn ich Dich hintergehe.“</p>
-
-<p>„So stirb,“ sprach Lamm, „denn Du wirst lügen.“</p>
-
-<p>„Hör mir an,“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Rede oder schweige,“ sagte er, „mir ist es einerlei.“</p>
-
-<p>„Broer Adriaensen,“ sagte sie, „galt für einen guten Kanzelredner.
-Ich ging, ihn zu hören. Er stellte den geistlichen Stand
-und das Zölibat weit über alle andern, weil sie die Frommen
-am besten ins Paradies führen. Seine Beredsamkeit war gewaltig
-und ungestüm. Mehrere ehrbare Frauen, darunter ich,
-und sonderlich eine gute Zahl Witwen und Jungfrauen wurden
-ganz verstört davon. Maßen der ehelose Stand so vollkommen
-ist, empfahl er uns, darin zu verbleiben. Wir schwuren, nicht
-mehr ehelich zu leben ....“</p>
-
-<p>„Ausgenommen mit ihm, ohne Zweifel,“ sagte Lamm unter
-Tränen.</p>
-
-<p>„Schweig,“ sagte sie erzürnt.</p>
-
-<p>„Weiter,“ sagte er, „vollende; Du hast mir einen harten Schlag
-versetzt, den werd’ ich nicht überwinden.“</p>
-
-<p>„Doch, lieber Mann,“ sagte sie, „wenn ich allzeit bei Dir sein
-werde.“ Sie wollte ihn umarmen und küssen; er aber stieß sie
-zurück.</p>
-
-<p>„Die Witwen,“ sagte sie, „gelobten ihm in die Hand, sich nie
-wieder zu verheiraten.“</p>
-
-<p>Und Lamm hörte zu, in eifersüchtiges Sinnen versenkt.</p>
-
-<p>Voll Scham erzählte Calleken weiter:</p>
-
-<p>„Er wollte nur schöne und junge Frauen und Jungfrauen als
-Büßerinnen haben; die andern, die schickte er zu ihren Pfarrern
-zurück. Er gründete einen Orden von Andächtigen, indem er
-uns alle schwören ließ, keine andern Beichtiger als ihn zu nehmen.
-Ich leistete den Schwur. Meine Genossinnen, die besser
-unterrichtet waren als ich, fragten mich, ob ich mich nicht in der
-Heiligen Disziplin und der Heiligen Pönitenz unterweisen lassen
-wollte. Ich war bereit. Es war aber zu Brügge am Kai der
-Steinschneider, nahe dem Kloster der minderen Brüder ein
-Haus, darin eine Frau, namens Calle de Najage, wohnte. Die
-unterrichtete und ernährte junge Mädchen um einen Goldkarolus
-im Monat. Broer Cornelis konnte in ihr Haus gelangen, ohne
-daß er dem Anschein nach sein Kloster verließ. In dieses Haus
-ging ich: in ein Kämmerlein, darin er allein war. Allda befahl
-er mir, ihm alle meine natürlichen und fleischlichen Begierden zu
-sagen. Erstlich traute ich mich nicht, aber ich gab endlich nach,
-weinte und sagte ihm alles.“</p>
-
-<p>„Wehe!“ klagte Lamm, „so empfing dieser schweinische Mönch
-Deine holde Beichte.“</p>
-
-<p>„Er sagte mir immer / und solches ist wahr, lieber Mann / daß
-über der irdischen eine himmlische Scham sei, durch welche wir
-Gott unsere weltliche Scham zum Opfer bringen, und daß wir
-also unserm Beichtiger alle unseren geheimsten Begierden bekennen
-und alsdann würdig sind, die heilige Geißelung und die
-heilige Buße zu empfahen.</p>
-
-<p>„Zuletzt nötigte er mich, nackend vor ihn zu treten, um auf meinem
-Körper, der gesündigt hatte, die allzuleichte Züchtigung meiner
-Sünden zu erhalten. Eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden;
-ich ward ohnmächtig, als ich mein Hemd vor ihn fallen
-lassen mußte. Er brachte mich durch Salze und Riechfläschchen
-wieder zu mir. „Für diesmal ist es gut, meine Tochter,“ sagte
-er, „kehre in zwei Tagen wieder und bringe eine Geißel mit.“
-Das dauerte lange Zeit, ohne daß jemals ... ich schwöre bei
-Gott und all seinen Heiligen ... Mann ... versteh mich ...
-schau mich an ... sieh, ob ich lüge ... ich blieb rein und treu ...
-ich liebte Dich.“</p>
-
-<p>„Armer, süßer Körper,“ sagte Lamm. „O Schandfleck auf
-Deinem Hochzeitskleid!“</p>
-
-<p>„Lamm,“ sprach sie, „er redete im Namen Gottes und unsrer
-heiligen Mutter Kirche; mußte ich ihn nicht anhören? Ich liebte
-Dich immer, aber ich hatte bei der Jungfrau mit furchtbaren
-Eiden geschworen, mich Dir zu versagen. Und doch war ich
-schwach, Deinetwegen schwach. Entsinnst Du Dich des Gasthauses
-in Brügge? Ich war bei Calle de Najage, Du kamst
-auf Deinem Esel mit Ulenspiegel vorbeigeritten. Ich ging Dir
-nach. Ich hatte eine hübsche Summe Geldes und gab für mich
-nichts aus. Ich sah Dich hungern, mein Herz zog mich zu Dir,
-ich empfand Mitleid und Liebe.“</p>
-
-<p>„Wo ist er jetzt?“ fragte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Calleken antwortete:</p>
-
-<p>„Nach einer vom Magistrat befohlenen Nachforschung und auf
-Anstiften Böswilliger mußte Broer Adriaensen Brügge verlassen
-und flüchtete nach Antwerpen. Man hat mir auf dem Vlieboot
-erzählt, daß mein Mann ihn gefangen genommen hat.“</p>
-
-<p>„Was!“ sprach Lamm, „der Mönch, den ich mäste, ist ....“</p>
-
-<p>„Er,“ antwortete Calleken, ihr Gesicht verhüllend.</p>
-
-<p>„Eine Axt, eine Axt,“ schrie Lamm, „daß ich ihn schlachte und
-das Fett dieses geilen Bockes meistbietend verkaufe! Rasch zurück
-zum Schiffe. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“</p>
-
-<p>Nele sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Es ist eine niedrige Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten
-oder zu verwunden.“</p>
-
-<p>„Du siehst mich mit bösen Augen an; würdest Du mich daran
-hindern?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sprach Lamm, „ich werde ihm nichts antun. Laß
-mich ihn nur aus dem Käfig werfen. Die Schaluppe! Wo ist
-die Schaluppe?“</p>
-
-<p>Sie stiegen flugs ein und Lamm ruderte eifrig und weinte, alles
-mit einander.</p>
-
-<p>„Du bist traurig, Mann?“ fragte Calleken.</p>
-
-<p>„Nein,“ sprach er, „ich bin froh. Du wirst mich gewißlich nicht
-verlassen?“</p>
-
-<p>„Nimmer,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Du warst rein und treu, sagst Du; aber süßes Liebchen, geliebte
-Calleken, ich lebte nur, um Dich wiederzufinden, und siehe da,
-Dank diesem Mönch wird in all unsren Wonnen das Gift der
-Eifersucht sein ... Sobald ich traurig oder nur müde bin, werde
-ich Dich nackend sehen, wie Du Deinen schönen Leib dieser
-schimpflichen Geißelung unterwirfst. Der Lenz unsrer Liebe
-war mein, doch der Sommer gehörte ihm. Grau wird der
-Herbst sein und in Bälde wird der Winter kommen, meine treue
-Liebe zu begraben.“</p>
-
-<p>„Du weinst?“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Ja,“ sprach er, „was vergangen ist, kehrt nicht wieder.“</p>
-
-<p>„Wenn Calleken treu war, so sollte sie Dich Deiner häßlichen
-Worte halber allein lassen,“ sagte Nele darauf.</p>
-
-<p>„Er weiß nicht, wie ich ihn liebte,“ sprach Calleken.</p>
-
-<p>„Sagst Du die Wahrheit?“ rief Lamm aus. „Komm, Liebchen,
-komm, mein Weib. Kein grauer Herbst ist mehr da, und kein
-Winter, uns zu begraben.“</p>
-
-<p>Und er schien fröhlich, und sie kamen zum Schiffe.</p>
-
-<p>Ulenspiegel gab Lamm die Schlüssel zum Käfig und er öffnete
-ihn. Er wollte den Mönch bei einem Ohr auf Deck ziehen, aber
-er konnte es nicht; er wollte ihn seitwärts herausziehen, aber
-das ging ebenso wenig.</p>
-
-<p>„Man muß alles zerbrechen; der Kapaun ist fett,“ sagte er.</p>
-
-<p>Nunmehr kam der Mönch heraus und rollte seine dicken, blöden
-Augen, dieweil er seinen Bauch mit beiden Händen festhielt. Da
-zog eine große Welle unter dem Schiff her und er fiel auf sein
-Gesäß.</p>
-
-<p>Und Lamm sprach zum Mönche:</p>
-
-<p>„Wirst Du noch „Dicker“ sagen? Du bist dicker als ich. Wer
-zwang Dich, sieben Mahlzeiten am Tage zu halten? Ich. Woher
-kommt es, Schreihals, daß Du jetzt ruhiger bist und sanfter
-zu den armen Geusen?“</p>
-
-<p>Und er redete weiter:</p>
-
-<p>„So Du noch ein Jahr im Käfig bleibst, wirst Du nicht mehr
-daraus herfür können. Deine Wangen beben wie Schweinesülze,
-wenn Du Dich bewegst; Du schreist schon nicht mehr, bald
-wirst Du nicht mehr atmen können.“</p>
-
-<p>„Schweig, Dicker,“ sagte der Mönch.</p>
-
-<p>„Dicker!“ sprach Lamm und geriet in Wut. „Ich bin Lamm
-Goedzak, Du bist Bruder Dicksack, Fettsack, Lügensack, Schlucksack,
-Wollustsack. Du hast vier Finger breit Speck unter der
-Haut, man sieht Deine Augen nicht mehr. Ulenspiegel und ich
-könnten bequem in der Kathedrale Deines Bauches hausen! Du
-nennst mich Dicker; willst Du einen Spiegel, um Deinen Bauch
-zu betrachten? Ich habe Dich gemästet, Du Denkmal von
-Fleisch und Bein. Ich habe geschworen, daß Du Fett speien,
-Fett schwitzen und Fettspuren zurücklassen solltest wie ein Talglicht,
-das in der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß
-beim siebenten Kinn kommt; Du hast ihrer jetzo fünf und
-ein halbes.“</p>
-
-<p>Dann zu den Geusen gewendet:</p>
-
-<p>„Sehet diesen Lüstling! Das ist Bruder Cornelis Adriaensen
-Nichtsnutzen aus Brügge. Er predigte allda eine neue Schamhaftigkeit.
-Sein Fett ist die Strafe, sein Fett ist mein Werk.
-Nun höret alle, Matrosen und Soldaten: Ich werde Euch verlassen,
-Dich verlassen, Ulenspiegel, auch Dich, kleine Nele, um
-in Vlissingen, wo ich Vermögen habe, mit meiner lieben Frau
-zu leben, die ich wiederfand. Ihr habt mir ehedem geschworen,
-mir alles zu bewilligen, um was ich Euch bitten würde ...“</p>
-
-<p>„Das ist Geusenmord,“ sprachen sie.</p>
-
-<p>„Wohlan,“ sagte Lamm, „betrachtet diesen Lüstling, diesen Bruder
-Adriaensen Nichtsnutzen aus Brügge; ich schwur, ihn in
-seinem Fett umkommen zu lassen wie ein Schwein. Bauet einen
-größeren Käfig und zwingt ihn, täglich zwölf Mahlzeiten anstatt
-sieben zu essen; gebt ihm eine fette, süße Nahrung. Jetzt ist er
-schon wie ein Ochs; macht, daß er wie ein Elefant wird, und
-Ihr werdet in Bälde sehen, daß er den Käfig ausfüllt.“</p>
-
-<p>„Wir werden ihn mästen,“ sagten sie.</p>
-
-<p>„Und jetzo,“ fuhr Lamm fort, zum Mönche sprechend; „sage ich
-Dir Nichtsnutz Valet. Ich lasse Dich nach Mönchsweise mästen,
-anstatt Dich henken zu lassen; nimm zu an Fett und glaube an
-den Schlagfluß.“</p>
-
-<p>Dann nahm er sein Weib Calleken in die Arme:</p>
-
-<p>„Schau her, grunze oder brülle, ich raube sie Dir, Du wirst sie
-nicht mehr geißeln!“</p>
-
-<p>Aber der Mönch geriet in Wut und sprach zu Calleken:</p>
-
-<p>„So gehest Du ins Bett der Unzucht, lüsternes Weib! Ja, Du
-gehst ohne Mitleid für den armen Märtyrer von Gottes Wort,
-der Dich die heilige, liebliche und himmlische Zucht lehrte. Sei
-verflucht! Kein Priester möge Dir verzeihen; möge der Boden
-unter Deinen Füßen brennen, Zucker Dir wie Salz erscheinen,
-Rindfleisch wie verwestes Hundefleisch. Das Brot werde Dir
-zu Asche, die Sonne zu Eis, und der Schnee zu Höllenfeuer.
-Verflucht sei Deine Fruchtbarkeit, Deine Kinder sollen scheußlich
-sein, mit dem Leib eines Affen und einem Schweinskopf, der größer
-ist als ihr Bauch. Du sollst leiden, wimmern und ächzen
-in dieser und in jener Welt, in der Hölle, die Deiner wartet, in
-der Hölle aus Pech und Schwefel, so für Weiber Deiner Art
-angezündet ist. Meine väterliche Liebe wiesest Du zurück. Sei
-dreifach verflucht von der Heiligen Dreieinigkeit und siebenfach
-verflucht von den Leuchten der Kirche. Deine Beichte sei Dir
-Verdammnis, die Hostie ein tödliches Gift, und in der Kirche
-möge jede Fliese sich erheben, um Dich zu zermalmen und Dir
-zu sagen: Diese ist die Buhlerin, diese ist verflucht, diese ist verdammt!“</p>
-
-<p>Und Lamm hüpfte vor Freude und sagte fröhlich:</p>
-
-<p>„Sie ist treu gewesen, er hat es gesagt, der Mönch; es lebe
-Calleken!“</p>
-
-<p>Aber sie sprach weinend und zitternd:</p>
-
-<p>„Mann, nimm diese Verwünschung von mir. Ich sehe die Hölle!
-Nehmt die Verwünschung von mir!“</p>
-
-<p>„Nimm die Verwünschung zurück,“ sagte Lamm.</p>
-
-<p>„Ich werde sie nicht zurücknehmen, Dicker,“ sagte der Mönch.</p>
-
-<p>Und die Frau harrte knieend, ganz bleich und bekümmert, und
-mit gefalteten Händen flehte sie Bruder Adriaensen an.</p>
-
-<p>Und Lamm sprach zum Mönche:</p>
-
-<p>„Nimm die Verwünschung zurück, sonst wirst Du gehenkt. Und
-so der Strick Deines Gewichtes halber reißt, wirst Du von neuem
-gehenkt werden, bis der Tod eintritt.“</p>
-
-<p>„Gehenkt und wiederum gehenkt,“ sagten die Geusen.</p>
-
-<p>„Wohlan“, sprach der Mönch zu Calleken, „geh hin, Unzüchtige,
-gehe mit diesem dicken Mann; ich nehme meine Verwünschung
-zurück, aber Gott und alle seine Heiligen werden ein Auge auf
-Dich haben.“</p>
-
-<p>Schwitzend und schnaufend schwieg er still.</p>
-
-<p>Plötzlich rief Lamm aus:</p>
-
-<p>„Er schwillt! Er schwillt: Ich sehe das sechste Kinn. Beim
-siebenten kommt der Schlagfluß. Und jetzt,“ sagte er, sich zu den
-Geusen wendend, „Gott befohlen, Du, Ulenspiegel, und Ihr alle,
-meine guten Freunde, Gott befohlen, Du, Nele, und die heilige
-Sache der Freiheit; ich vermag nichts mehr für sie.“</p>
-
-<p>Nachdem er allen den Bruderkuß gegeben und ihn empfangen
-hatte, sagte er zu seiner Frau Calleken:</p>
-
-<p>„Komm, es ist die Stunde der rechtmäßigen Liebe.“</p>
-
-<p>Derweil das Boot auf dem Wasser glitt und Lamm und seine
-Herzliebste davontrug, riefen Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen,
-indem sie alle ihre Hüte schwenkten: „Leb wohl, Bruder,
-leb wohl, Lamm, leb wohl, Bruder, Freund und Bruder!“</p>
-
-<p>Und Nele sprach zu Ulenspiegel, indem sie ihm mit der Spitze
-ihres zierlichen Fingers eine Träne aus dem Auge wischte:</p>
-
-<p>„Bist Du traurig, Liebster?“</p>
-
-<p>„Er war gut,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Wehe,“ sagte sie, „wird denn dieser Krieg nimmer enden?
-Müssen wir denn allezeit in Blut und Tränen leben?“</p>
-
-<p>„Laß uns die Sieben suchen,“ sagte Ulenspiegel; „die Stunde
-der Befreiung naht.“</p>
-
-<p>Gemäß Lamms Wunsch mästeten die Geusen den Mönch im Käfig.
-Als er für Lösegeld in Freiheit gesetzt wurde, wog er dreihundertsiebzehn
-Pfund und fünf Unzen flandrisch Gewicht.</p>
-
-<p>Und er starb als Prior seines Klosters.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>7</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Um jene Zeit versammelten sich die Herren von den Generalstaaten
-in Haag, um über Philipp, König von Spanien, Graf
-von Flandern, Holland usw. zu Gericht zu sitzen, gemäß den von
-ihm genehmigten Urkunden und Privilegien.</p>
-
-<p>Und der Schreiber sprach also:</p>
-
-<p>„Es ist männiglich bekannt, daß ein Landesfürst von Gott als
-Herrscher und Oberhaupt seiner Untertanen eingesetzt ist, um sie
-vor allen Kränkungen, Unterdrückungen und Gewalttaten zu
-schützen, wie ein Hirte für die Verteidigung und den Schutz seiner
-Schafe angestellt ist. Gleichermaßen ist es bekannt, daß die
-Untertanen nicht von Gott zum Nutzen des Fürsten geschaffen
-sind, um ihm in allem, was er befiehlt, gehorsam zu sein, sei es
-eine fromme oder gottlose, eine gerechte oder ungerechte Sache,
-noch um ihm wie Sklaven zu dienen. Sondern der Fürst ist
-Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht sein kann, auf daß
-er nach Recht und Vernunft regiere, auf daß er sie liebe und erhalte
-wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirte seine Schafe, und
-sein Leben wage, um sie zu schirmen. So er es nicht tut, soll er
-nicht für einen Fürsten, sondern für einen Tyrannen gehalten werden.
-König Philipp hat durch Soldaten, Kreuzzugsbullen und
-Exkommunikationen vier feindliche Heere gegen uns gehetzt.
-Was soll kraft der Gesetze und Bräuche des Landes seine Strafe
-sein?“</p>
-
-<p>„Er werde abgesetzt,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p>
-
-<p>Der Schreiber fuhr fort:</p>
-
-<p>„Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat die Dienste, die wir
-ihm leisteten, vergessen, und die Siege, die wir ihm erringen halfen.
-Da er sah, daß wir reich waren, ließ er uns von den hispanischen
-Räten plündern und brandschatzen.“</p>
-
-<p>„Er werde als Undankbarer und Räuber abgesetzt.“</p>
-
-<p>„Philipp,“ fuhr der Schreiber fort, „hat in den mächtigsten
-Städten des Landes neue Bischöfe eingesetzt und ihnen die Güter
-der reichsten Abteien als Pfründe verliehen. Mit ihrer Hilfe
-führte er die hispanische Inquisition ein.“</p>
-
-<p>„Er werde abgesetzt als Henker und Verschwender fremder Güter,“
-antworteten die Herren von den Staaten.</p>
-
-<p>„In Ansehung dieser Tyrannei unterbreiteten die Adligen des
-Landes im Jahre 1566 eine Bittschrift, in welcher sie den Herrscher
-inständig baten, seine harten Edikte zu mäßigen, insonderheit
-die, so die Inquisition beträfen. Er weigerte es jederzeit.“</p>
-
-<p>„Er werde abgesetzt als Tiger, der von seiner Grausamkeit
-nicht läßt,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p>
-
-<p>Der Schreiber fuhr fort:</p>
-
-<p>„Es besteht starker Verdacht, das Philipp durch seine hispanischen
-Räte den Bildersturm und die Plünderung der Kirchen insgeheim
-angestiftet hat, um unter dem Vorwand von Verbrechen und
-Unruhen fremde Heere gegen uns ins Feld zu schicken.“</p>
-
-<p>„Er werde abgesetzt als Werkzeug des Todes,“ antworteten die
-Herren von den Staaten.</p>
-
-<p>„In Antwerpen ließ Philipp die Einwohner niedermetzeln und
-richtete die vlämischen und fremden Kaufleute zu Grunde. Er
-und sein hispanischer Rat geben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten
-Taugenichts, durch geheime Weisung, das Recht, sich
-zum Haupt der Plünderer zu machen, Beute zu sammeln, sich
-seines königlichen Namens zu bedienen, seine Insiegel und Gegensiegel
-zu fälschen und sich wie sein Regent und Statthalter aufzuführen.
-Die königlichen Briefe, die aufgefangen und in unseren
-Händen sind, beweisen die Tatsache. Alles geschieht mit seiner
-Zustimmung und im Einvernehmen mit den spanischen Räten.
-Leset seine Briefe. Er lobt darin das zu Antwerpen Geschehene,
-erkennt an, daß ihm ein ausgezeichneter Dienst geleistet sei, verspricht,
-ihn zu belohnen, und fordert Rhoda und die andern
-Spanier auf, auf diesem glorreichen Pfade weiter zu wandeln.“</p>
-
-<p>„Er werde als Dieb, Räuber und Mörder abgesetzt“, antworteten
-die Herren von den Staaten.</p>
-
-<p>„Wir wollen nichts als die Erhaltung unserer Privilegien, einen
-redlichen und gesicherten Frieden, eine maßvolle Freiheit, sonderlich
-in Betracht der Religion, die vornehmlich Gott und das
-Gewissen betrifft. Von Philipp hatten wir nichts denn lügnerische
-Verträge, die dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu
-säen, um sie nacheinander zu unterjochen und sie mit Plünderung,
-Konfiskation, Hinrichtungen und Inquisition gleich dem indischen
-Reich zu behandeln.“</p>
-
-<p>„Er werde abgesetzt als Meuchelmörder, der den Mord der Länder
-mit Vorsatz übt,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p>
-
-<p>„Er hat die Länder durch den Herzog von Alba und seine
-Bluthunde, durch Medina-Coeli, Requesens und die Verräter
-aus dem Staatsrat und den Provinzen geschröpft. Er empfahl
-Don Juan und Alexander Farnese, dem Prinzen von Parma, wie
-man aus den aufgefangenen Briefen ersieht, eine blutige Strenge.
-Er erklärte Seine Gnaden von Oranien in die Reichsacht, dang
-bis jetzt drei Meuchelmörder und wird in Bälde den vierten
-dingen. Er ließ Burgen und Festungen bei uns errichten, die
-Männer lebendig verbrennen, die Frauen und Mädchen lebendig
-begraben; er erbte ihre Vermögen, erdrosselte Montigny, de
-Berghes und andere Ritter, ohngeachtet seines königlichen Wortes.
-Er tötete seinen Sohn Don Carlos, vergiftete den Prinzen von
-Ascoly, dem er Dona Eufrasia, die von ihm schwanger
-war, zum Weibe gab, um den künftigen Bastard mit seinen Gütern
-zu bereichern. Er schleuderte ein Edikt gegen uns, das uns
-alle, nachdem wir Leib und Gut verloren, zu Verrätern erklärte,
-und er beging das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen,
-die Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln.“</p>
-
-<p>„Er werde abgesetzt in Gemäßheit aller Gesetze, Rechte und
-Privilegien,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p>
-
-<p>Und des Königs Siegel wurden zerbrochen.</p>
-
-<p>Und die Sonne schien über Land und Meer, vergoldete die reifen
-Ähren, reifte die Trauben und warf Perlen auf jede Welle als
-Schmuck der Freiheit, der Braut der Niederlande.</p>
-
-<p>Dann schoß dem Prinzen von Oranien, da er zu Delft weilte,
-ein vierter Meuchelmörder drei Kugeln in die Brust. Und er
-starb, seinem Wahlspruch getreu: „Ruhig inmitten der wilden
-Wellen.“</p>
-
-<p>Seine Feinde sagten von ihm, daß er, um Philipp einen Possen
-zu spielen, und nicht verhoffend, über die südlichen und katholischen
-Niederlande zu regieren, sie durch geheimen Vertrag Seiner
-allergnädigsten Hoheit von Anjou angeboten habe. Aber dieser
-war nicht geboren, um mit der Freiheit, so die außergewöhnlichen
-Liebschaften nicht liebt, das Kind Belgien zu erzeugen.</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel verließ mit Nele die Flotte.</p>
-
-<p>Und das belgische Vaterland ächzte unter dem Joche, von den
-Verrätern geknebelt.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>8</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Es war im Erntemond, die Luft war schwül, der Wind lau.
-Schnitter und Schnitterinnen konnten das Korn, das sie gesät,
-nach Herzenslust unter freiem Himmel, auf freier Erde ernten.</p>
-
-<p>Friesland, Drenthe, Ober-Yssel, Geldern, Utrecht, Nord-Brabant,
-Nord- und Südholland, Walcheren, Nord- und Süd-Beveland,
-Duiveland und Schouwen, welche Zeeland bilden, die ganze Nordseeküste
-von Knokke bis Helder, die Inseln Texel, Vlieland,
-Ameland, Schiermonnikoog, von der westlichen Schelde bis zur
-östlichen Ems, sollten vom spanischen Joche befreit werden.
-Moritz, des Schweigers Sohn, setzte den Krieg fort.</p>
-
-<p>Ulenspiegel und Nele, die ihre Jugend, Kraft und Schönheit
-bewahrt hatten, denn die Liebe und der Geist Flanderns altern
-nicht, lebten geruhig auf dem Turm von Necre und harrten der
-Zeit, wo sie nach manch harten Prüfungen den Wind der Freiheit
-über das Vaterland Belgien könnten wehen lassen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel hatte gebeten, Kommandant und Wächter des Turms
-zu werden, mit der Angabe, daß er mit seinen Adleraugen und
-seinen Hasenohren wohl merken könnte, ob der Spanier versuchen
-werde, in den befreiten Landen sich wieder einzustellen. Alsdann
-werde er „Wacharm“, das ist auf Vlämisch Sturm läuten.</p>
-
-<p>Der Magistrat tat, wie er wollte. Seiner guten Dienste halber
-gab man ihm täglich einen Gülden, zwei Kannen Bier, Bohnen,
-Käse, Schiffszwieback und in der Woche drei Pfund Rindfleisch.</p>
-
-<p>Solchergestalt lebten Ulenspiegel und Nele zu zweit gar trefflich.
-Von Ferne erblickten sie mit Freuden die freien Inseln Zeelands,
-nahebei Wiesen, Wald, Burgen und Festungen und die gewappneten
-Geusenschiffe, so die Küsten bewachten. Zur Nacht stiegen
-sie oftmals auf den Turm, setzten sich auf die Plattform und
-plauderten allda von harten Schlachten, von vergangener und
-zukünftiger schöner Liebe. Von da sahen sie das Meer, das in
-diesen heißen Tagen leuchtende Wogen ans Ufer warf und sie
-gleich feurigen Gespenstern gegen die Inseln schleuderte. Und
-Nele erschrak, da sie so viele Irrlichter in den Poldern erblickte,
-die, wie sie sagte, arme Seelen sind. Und alle diese Orte
-waren Schlachtfelder gewesen. Und die Irrwische hüpften aus
-den Poldern hervor, liefen die Deiche entlang und kamen dann
-wiederum in die Polder zurück, als ob sie die Leichen, denen sie
-entstiegen waren, nicht im Stich lassen wollten.</p>
-
-<p>Eines Nachts sprach Nele zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Sieh, wie zahlreich sie im Dreiveland sind und wie hoch sie fliegen;
-nach den Vogelinseln zu sehe ich die meisten. Willst Du
-mit dahin, Tyll? Wir nehmen den Balsam, welcher Dinge
-zeigt, die sterblichen Augen unsichtbar sind.“</p>
-
-<p>Ulenspiegel antwortete:</p>
-
-<p>„Wenn es jener Balsam ist, der mich zu dem großen Hexensabbat
-entführte, so hab ich nicht mehr Vertrauen dazu, als zu einem
-leeren Traum.“</p>
-
-<p>„Man soll die Kraft der Zauber nicht leugnen,“ sagte Nele.
-„Komm Ulenspiegel.“</p>
-
-<p>„Ich werde mitgehen.“</p>
-
-<p>Am nächsten Tag bat er den Magistrat, daß ein weitsehender
-und getreuer Soldat ihn vertreten möge, um Turm und Land
-zu bewachen.</p>
-
-<p>Und er begab sich mit Nele zu den Vogelinseln.</p>
-
-<p>Da sie über Felder und Deiche wanderten, sahen sie kleine grünende
-Eilande, zwischen denen das Meer strömte, und auf den
-Rasenhügeln, die bis zu den Dünen reichten, eine große Menge
-Kibitze, Möwen und Seeschwalben, die regungslos dasaßen und
-mit ihren Körpern die Eilande wie mit Schnee bedeckten. Darüber
-flogen Tausende dieser Vögel. Der Boden war voller Nester.
-Da Ulenspiegel sich bückte, um auf dem Wege ein Ei aufzuheben,
-sah er eine Möwe auf sich zuflattern, die einen Schrei
-ausstieß. Auf diesen Ruf kamen ihrer mehr denn hundert herzu,
-die vor Angst schrien und über Ulenspiegels Kopf und über den
-benachbarten Nestern schwebten; aber sie wagten sich ihm nicht
-zu nähern.</p>
-
-<p>„Ulenspiegel,“ sprach Nele, „diese Vögel bitten um Gnade für
-ihre Eier.“</p>
-
-<p>Dann begann sie zu zittern und sagte:</p>
-
-<p>„Ich fürchte mich, die Sonne geht zur Rüste, der Himmel ist
-weiß, die Sterne kommen hervor; es ist die Geisterstunde. Sieh,
-diese roten Dünste, die den Boden streifen. Tyll, mein Geliebter,
-welch Ungeheuer der Hölle öffnet so in der Wolke seinen feurigen
-Rachen? Sieh nach Philippsland zu, wo der königliche
-Henker um seines grausamen Ehrgeizes willen zu zweien Malen
-so viele arme Menschen töten ließ, die tanzenden Irrlichter. Es
-ist die Nacht, wo die Seelen der armen, in den Schlachten Gefallenen
-die kalte Vorhölle des Fegefeuers verlassen, um sich in
-der linden Luft der Erde zu erwärmen. Es ist die Stunde, in
-der Du von Christo, welcher der Gott der guten Zauberer ist,
-alles erbitten kannst.“</p>
-
-<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel.
-„Wenn doch Christus mir die Sieben zeigen könnte, deren Asche,
-in alle Winde gestreut, Flandern und die ganze Welt beglückt!“</p>
-
-<p>„Ungläubiger,“ sprach Nele, „Du wirst sie kraft des Balsams
-erblicken.“</p>
-
-<p>„Vielleicht,“ sprach Ulenspiegel, auf den Sirius deutend, „wenn
-irgend ein Geist von jenem kalten Sterne herabsteigt.“</p>
-
-<p>Bei dieser Gebärde setzte sich ein Irrlicht, das ihn umgaukelte,
-auf seinen Finger, und je mehr er sich mühte, es los zu werden,
-um so fester haftete es.</p>
-
-<p>Da Nele versuchte, Ulenspiegel zu befreien, hatte sie auch ein
-Irrlicht auf den Fingerspitzen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel schlug auf das seine und sprach:</p>
-
-<p>„Antworte! Bist Du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers?
-So Du die Seele eines Geusen bist, gehe ein ins Paradies,
-bist Du aber eines Spaniers Seele, geh wiederum in die Hölle,
-woher Du kommst.“</p>
-
-<p>Nele sprach zu ihm:</p>
-
-<p>„Beschimpfe die Seelen nicht, und wären es Seelen von Henkern.“</p>
-
-<p>Sie ließ ihr Irrlicht auf der Fingerspitze tanzen und sprach
-dabei:</p>
-
-<p>„Irrlicht, niedliches Irrlicht, welche Kunde bringst Du aus dem
-Lande der Seelen? Womit sind sie dorten beschäftigt? Essen sie
-und trinken sie, da sie doch keinen Mund haben? Denn Du
-hast keinen, hübscher Irrwisch. Oder nehmen sie nur im gesegneten
-Paradies menschliche Gestalt an?“</p>
-
-<p>Ulenspiegel sagte:</p>
-
-<p>„Kannst Du also die Zeit vergeuden, zu dieser kärglichen
-Flamme zu reden, die keine Ohren hat, Dich zu hören, noch einen
-Mund, Dir zu antworten?“</p>
-
-<p>Doch ohne auf ihn zu hören, sprach Nele:</p>
-
-<p>„Irrwisch, antworte durch Tanzen, denn ich werde Dich dreimal
-befragen: einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der heiligen
-Jungfrau und einmal im Namen der Elementargeister,
-welche die Boten zwischen Gott und den Menschen sind.“</p>
-
-<p>Also tat sie, und der Irrwisch tanzte drei Mal.</p>
-
-<p>Darauf sprach Nele zu Ulenspiegel:</p>
-
-<p>„Leg Deine Kleider ab, ich werde desgleichen tun. Hier ist die
-silberne Büchse mit dem Zauberbalsam.“</p>
-
-<p>„Es ist mir einerlei,“ sagte Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Als sie sich entkleidet und mit dem Zauberbalsam gesalbt hatten,
-legten sie sich nackend nebeneinander aufs Gras. Die Möwen
-schrien klagend. Der Donner grollte dumpf in der Wolke,
-darin der Blitz zuckte, der Mond ließ kaum die güldenen Spitzen
-seiner Sichel zwischen zwei Wetterwolken hervorsehen; Ulenspiegels
-und Neles Irrlichter tanzten mit den andern in der Wiese.</p>
-
-<p>Plötzlich wurden Nele und ihr Liebster von eines Riesen Faust
-gepackt, der sie gleich Kinderbällen in die Luft schleuderte, sie
-wiederfing, auf einander rollte und zwischen seinen Händen
-knetete, indem er sie in die Wasserlachen zwischen den Hügeln
-warf und sie voller Seegras wieder herauszog. Und indem er
-sie also im Weltraum umherfliegen ließ, sang er mit einer Stimme,
-bei der alle Möwen der Inseln vor Schrecken erwachten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Es will mit scheelen Blicken</div>
- <div class="verse indent0">Das schwache Erdgewürm</div>
- <div class="verse indent0">Die Gottesworte schauen,</div>
- <div class="verse indent0">Die unsrer Hut vertraut.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Lies, Wurm, lies das Geheimnis,</div>
- <div class="verse indent0">Das heilige Rätselwort,</div>
- <div class="verse indent0">Das Erde, Luft und Himmel</div>
- <div class="verse indent0">Mit sieben Nägeln trägt.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und fürwahr, Ulenspiegel und Nele erblickten auf dem Rasen,
-in der Luft und am Himmel sieben erzene, leuchtende Tafeln, die
-mit sieben flammenden Nägeln befestigt waren. Auf den Tafeln
-stund geschrieben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Aus dem Moder keimt das Leben;</div>
- <div class="verse indent0">Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;</div>
- <div class="verse indent0">Demant in der Kohle ruht.</div>
- <div class="verse indent0">Dumme Lehrer weise Schüler geben;</div>
- <div class="verse indent0">Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und der Riese schritt voran, und alle Irrlichter hinter ihm her.
-Sie zirpten gleich Grillen und sagten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Seht ihn an, den großen Meister,</div>
- <div class="verse indent0">Papst der Päpste, größter König;</div>
- <div class="verse indent0">Mit dem Wahn den Kaiser speist er,</div>
- <div class="verse indent0">Ist von Holz und taugt gar wenig.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Plötzlich veränderten sich seine Züge; er schien magerer, trauriger
-und größer. In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der
-andern einen Degen. Sein Name war Hoffart.</p>
-
-<p>Und er warf Nele und Ulenspiegel zu Boden und sprach:</p>
-
-<p>„Ich bin Gott.“</p>
-
-<p>Nun erschien an seiner Seite eine rotbäckige Dirne mit bloßen
-Brüsten, offenem Gewand und frechen Blicken; ihr Name war
-Wollust. Kam alsdann eine alte Jüdin, die die Schalen der
-Möweneier auflas: ihr Name war Habsucht. Und ein gefräßiger,
-gieriger Mönch, der Leberwürste aß und sich mit Bratwürsten
-vollstopfte und gleich der Sau, auf der er ritt, unaufhörlich
-kaute: das war die Völlerei. Es kam dann noch die Faulheit, bleich
-und gedunsen, mit lahmem Bein und erloschenem Auge. Der
-Zorn trieb sie mit dem Stachel vor sich her. Die Faulheit jammerte
-kläglich und fiel, in Tränen zerfließend, vor Ermattung auf
-die Knie. Alsdann kam der hagere Neid mit einem Vipernkopf
-und Hechtzähnen; der biß die Faulheit, weil sie es zu gut hatte,
-den Zorn, weil er zu lebhaft war, die Völlerei, weil sie zu satt,
-die Wollust, weil sie zu rot war; die Habsucht wegen der Eierschalen,
-die Hoffart, dieweil sie ein purpurn Gewand und eine
-Krone hatte. Und die Irrlichter tanzten im Kreise um sie her.</p>
-
-<p>Und mit den Stimmen von Männern, Weibern, Jungfrauen
-und weinerlichen Kindern, sagten sie wimmernd:</p>
-
-<p>„Hoffart, Vater des Ehrgeizes, Zorn, Quell der Grausamkeit,
-Ihr habet uns auf den Schlachtfeldern, in Gefängnissen und bei
-den Hinrichtungen getötet, um Eure Zepter und Eure Kronen
-zu behalten! Neid, Du hast viel edle, nützliche Gedanken im
-Keime zerstört, wir sind die Seelen der verfolgten Erfinder.
-Habsucht, Du hast das Blut des armen Volkes in Gold verwandelt,
-wir sind die Geister Deiner Opfer. Wollust, Gesellin
-und Schwester des Mordes, Du hast Nero, Messalina und Philipp,
-den König von Spanien geboren; Du kaufst die Tugend
-und bezahlst die Verderbtheit; wir sind die Seelen der Toten.
-Faulheit und Völlerei, Ihr beschmutzt die Welt, Ihr gehört auf
-den Kehricht; wir sind die Seelen der Toten.“</p>
-
-<p>Und man hörte eine Stimme sprechen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Aus dem Moder keimt das Leben:</div>
- <div class="verse indent0">Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;</div>
- <div class="verse indent0">Dumme Lehrer weise Schüler geben.</div>
- <div class="verse indent0">Um Asche zu haben und Kohlenglut,</div>
- <div class="verse indent0">Der streifende Wurm, was er wohl tut?“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und die Irrlichter sagten:</p>
-
-<p>„Wir sind das Feuer, die Vergeltung für die uralten Tränen
-und Schmerzen des Volkes; Vergeltung für die großen Herren,
-die in ihren Ländern auf menschliches Wild Jagd machen; Vergeltung
-für nutzlose Schlachten, für das in Gefängnissen vergossene
-Blut, für die verbrannten Männer, für die lebendig begrabenen
-Frauen und Jungfrauen. Wir sind die Vergeltung für
-die gefesselte, blutige Vergangenheit. Wir sind das Feuer, wir
-sind die Seelen der Toten.“</p>
-
-<p>Bei diesen Worten wurden die Sieben in hölzerne Figuren verwandelt,
-ohne etwas von ihrer vorigen Gestalt einzubüßen.</p>
-
-<p>Und eine Stimme sagte:</p>
-
-<p>„Ulenspiegel, verbrenne das Holz.“</p>
-
-<p>Und Ulenspiegel kehrte sich zu den Irrlichtern.</p>
-
-<p>„Ihr, die Ihr aus Feuer seid, waltet Eures Amtes.“</p>
-
-<p>Und in Menge umgaben die Irrlichter die Sieben; die verbrannten
-und wurden zu Asche verwandelt.</p>
-
-<p>Und ein Strom von Blut floß.</p>
-
-<p>Dieser Asche entstiegen sieben andere Gestalten; die erste sprach:</p>
-
-<p>„Mein Name war Hoffart, jetzt heiße ich edler Stolz.“</p>
-
-<p>Die andern redeten auch, und Ulenspiegel und Nele sahen aus der
-Habsucht die Sparsamkeit, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus
-der Völlerei die Eßlust, aus dem Neid den Wetteifer und aus
-der Faulheit die Träumerei der Poeten und Weisen hervorgehen.
-Und die Wollust auf ihrer Ziege ward in ein schönes Weib mit
-Namen Liebe verwandelt.</p>
-
-<p>Und die Irrlichter tanzten einen fröhlichen Reigen um sie her.</p>
-
-<p>Alsbald vernahmen Ulenspiegel und Nele tausend helle, lachende
-Stimmen von verborgenen Männern und Weibern; die machten
-einen Lärm wie von hölzernen Klappern und sangen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Wenn auf Land und Meeresflut</div>
- <div class="verse indent0">Diese sieben herrschen werden,</div>
- <div class="verse indent0">Alsdann ist das Glück auf Erden:</div>
- <div class="verse indent0">Menschen, dann lebt frohgemut.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und Ulenspiegel sprach: „Die Geister treiben ihren Spott mit
-uns.“</p>
-
-<p>Und eine gewaltige Faust packte Nele am Arm und schleuderte
-sie in den Weltraum.</p>
-
-<p>Und die Geister sangen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Wenn der Norden</div>
- <div class="verse indent0">Wird den Süden küssen,</div>
- <div class="verse indent0">Hören Tod und Tränen auf:</div>
- <div class="verse indent0">Such den Gürtel.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Wehe!“ sprach Ulenspiegel, „Norden, Süden und Gürtel, Ihr
-redet dunkel, Ihr Herren Geister.“</p>
-
-<p>Und sie sangen lachend:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Norden ist Niederland;</div>
- <div class="verse indent0">Belgien ist Süden;</div>
- <div class="verse indent0">Gürtel, das ist Bündnis;</div>
- <div class="verse indent0">Gürtel, das ist Freundschaft.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ihr seid nicht dumm, Ihr Herren Geister,“ sprach Ulenspiegel.</p>
-
-<p>Und lachend sangen sie abermals:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Der Gürtel, armer Schelm,</div>
- <div class="verse indent0">Zwischen Niederland und Belgien</div>
- <div class="verse indent0">Das ist gute Freundschaft</div>
- <div class="verse indent0">Und ein schönes Bündnis.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Met raedt</span></div>
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">En daedt,</span></div>
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Med doodt</span></div>
- <div class="verse indent0"><span class="antiqua">En bloodt.</span></div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Mit Rat</div>
- <div class="verse indent0">Und Tat,</div>
- <div class="verse indent0">Mit Tod</div>
- <div class="verse indent0">Und Blut.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Es müßte sein,</div>
- <div class="verse indent0">Wär nicht die Schelde,</div>
- <div class="verse indent0">Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Wehe,“ sprach Ulenspiegel, „Das also ist unser peinvolles Leben:
-Tränen der Menschen und Lachen des Schicksals.“</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Bündnis von Blut</div>
- <div class="verse indent0">Und Tod,</div>
- <div class="verse indent0">Wär nicht die Schelde;“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>wiederholten die Geister hohnlachend.</p>
-
-<p>Und eine gewaltige Faust ergriff Ulenspiegel und warf ihn in
-den Weltraum.</p>
-
-<hr class="full" />
-<h3>9</h3>
-<hr class="full" />
-
-<p>Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte
-nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging.
-Auch die Spitzen der Gräser waren ganz von Gold, und die
-Sonnenstrahlen färbten das Gefieder der schlafenden Möwen
-gelb; doch sie erwachten bald.</p>
-
-<p>Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete
-sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und
-deckte ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn,
-aber er rührte sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht
-ergriffen. „Hab ich meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam
-getötet?“ sprach sie. „Ich will auch sterben! O, Tyll, wach auf!
-Er ist kalt wie Marmelstein!“</p>
-
-<p>Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen,
-und Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel
-die Wacht.</p>
-
-<p>Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines
-Glöckleins und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel
-trug. Hinter ihm, eine Wachskerze in der Hand, schritten der
-Bürgermeister und zwei Schöffen, der Pfarrer von Stavenisse
-und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm hielt.</p>
-
-<p>Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige
-Sakrament der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse
-geworden, aber nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben
-in den Schoß der heiligen Römischen Kirche zurück.</p>
-
-<p>Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels
-Leichnam, mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt.
-Nele kniete nieder.</p>
-
-<p>„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei
-diesem Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und
-antwortete:</p>
-
-<p>„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier
-hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“</p>
-
-<p>Darauf sprach der Pfarrer, vor Freuden schnaufend:</p>
-
-<p>„Ulenspiegel, der Geuse ist tot; gelobet sei Gott! Bauer, spute
-Dich, eine Grube zu graben, nimm ihm die Kleider fort, ehe er
-begraben wird.“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte Nele und stand auf. „Die soll man ihm nicht wegnehmen;
-es würde ihn in der Erde frieren.“</p>
-
-<p>„Grabe das Grab,“ sagte der Pfarrer zu dem Bauern, der die
-Schaufel trug.</p>
-
-<p>„Das ist mir recht,“ sprach Nele unter Tränen; „in dem kalkhaltigen
-Sande sind keine Würmer, und mein Geliebter wird unversehrt
-und schön bleiben.“</p>
-
-<p>Und ganz betört beugte sie sich über Ulenspiegels Körper und
-küßte ihn unter Schluchzen und Tränen.</p>
-
-<p>Bürgermeister, Schöffen und Bauer hatten Mitleid, aber der
-Pfarrer sagte in einem fort frohgemut: „Der große Geuse ist tot,
-Gott sei gelobt!“</p>
-
-<p>Dann grub der Bauer das Grab, legte Ulenspiegel hinein und bedeckte
-ihn mit Sand.</p>
-
-<p>Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle
-knieten rund herum. Plötzlich geschah unter dem Sande eine
-große Bewegung, und Ulenspiegel kam hervor, nieste und schüttelte
-sich den Sand aus den Haaren. Dann packte er den Pfarrer
-an der Kehle und sprach:</p>
-
-<p>„Inquisitor! Du legst mich lebendig ins Grab, dieweil ich schlafe!
-Wo ist Nele? Hast Du sie auch begraben? Wer bist Du?“</p>
-
-<p>Der Pfarrer schrie:</p>
-
-<p>„Der große Geuse kehrt in die Welt zurück! Herr Gott, erbarm
-Dich meiner Seele!“</p>
-
-<p>Und er entfloh wie ein Hirsch vor den Hunden.</p>
-
-<p>Nele trat zu Ulenspiegel.</p>
-
-<p>„Küß mich, Herzliebste,“ sprach er.</p>
-
-<p>Dann blickte er sich abermals um. Die beiden Bauern waren
-gleich dem Pfarrer entflohen und hatten, um besser zu laufen,
-Schaufel, Tragsessel und Schirm auf die Erde geworfen. Bürgermeister
-und Schöffen hielten sich vor Angst die Ohren zu und
-stöhnten auf dem Rasen.</p>
-
-<p>Ulenspiegel ging zu ihnen, schüttelte sie und sprach:</p>
-
-<p>„Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der
-Mutter Flandern? Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein!
-Komm, Nele.“</p>
-
-<p>Und er ging mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch
-wo er das letzte gesungen, das weiß keiner.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Nachwort_des_Uebersetzers">
-Nachwort
-des Übersetzers</h2>
-</div>
-
-<p class="newpage">„Es ist eigentümlich, daß der Name eines Schriftstellers wie
-Charles de Coster im Auslande noch so gut wie unbekannt
-ist, sowohl in dem sprachverwandten Frankreich wie auf dem
-klassischen Boden des Interesses für Weltliteratur, in Deutschland“,
-heißt es in dem einzigen deutschen Essay über ihn, den
-Fräulein <em>Elsa Schulhoff</em> (in der „Nationalzeitung“ vom 18.
-und 20. August 1901) veröffentlicht hat. „Und doch“, fährt sie
-fort, „ist es der Name eines Mannes, der das für einen Schriftsteller
-höchste Ziel erreicht hat, ein Werk zu schaffen, worin ein
-ganzes Volk sein Streben und Irren, seine Freuden und Leiden
-ausgesprochen findet und sich wiedererkennt. Die Belgier bezeichnen
-den „Ulenspiegel“ als ihre <em>nationale Bibel</em>. Es ist
-ein Buch, das nur auf diesem Boden entstehen konnte, das den
-Charakter dieser Rasse zeigt mit seinen Lichtern und Schatten,
-der derben Lust am Leben auf der einen, dem Hang zum Mystizismus
-auf der andern Seite, seiner zähen Freiheitsliebe, seiner
-Freude an der Arbeit, an bescheidenem häuslichem Behagen, und
-daneben seinem Geschmack am Grausigen und Grausamen.“</p>
-
-<p>Die vorliegende Verdeutschung versucht es, diesem echt niederdeutschen
-Buche in Deutschland Heimatsrecht zu gewinnen und
-es aus einer fremden Sprache in ein stammverwandtes Idiom
-zurückzuretten. Das älteste Volksbuch von Till Ulenspiegel, in
-niedersächsischer Sprache geschrieben, ist uns leider nicht erhalten.
-Jedoch existiert eine hochdeutsche Übersetzung oder Bearbeitung,
-die im Jahre 1515 bei Johannes Grieninger in Straßburg erschien,
-und eine wahrscheinlich gleichfalls auf den niedersächsischen
-Text zurückgehende vlämische Übersetzung: „<span class="antiqua">Van Ulespegels
-leuen. Gheprint Thanrwerpen in die Kape by my Michiel van
-Hoochstraten</span>“ (o. J. 1520-1530?), auf welche vermutlich auch
-die &mdash; in der Vorrede<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> unseres Buches leider nicht näher bezeichnete
-&mdash; vlämische Ausgabe zurückgeht, von der, wie dort erwähnt,
-de Coster eine Reihe von Schwänken in seinen Roman verwoben
-hat. Es handelt sich hier also um eine ganze Kette von Hin- und
-Herübersetzungen und Bearbeitungen &mdash; bei derartigen Stoffen
-keine Seltenheit &mdash; in der unsre vorliegende Verdeutschung nur
-das letzte Glied bildet.</p>
-
-<p>Die Anmerkung zur Vorrede gibt ferner summarisch an, welche
-Kapitel aus Buch I seines Werkes de Coster mehr oder minder
-frei der alten Quelle entlehnt hat. Wer sich über das Verhältnis
-von Vorlage und Nachbildung unterrichten will, der möge zu
-dem (leicht erhältlichen) Niemeyerschen Neudruck des Volksbuches
-von 1515 greifen und Kapitel 6 unseres Buches mit der
-dortigen Historie 1 vergleichen, ferner Kap. 13 mit Historie 2,<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>
-Kap. 19 mit 9, Kap. 24 mit 3 und 4, Kap. 35 mit 71, Kap. 39
-mit 19, Kap. 41 mit 20, Kap. 42 mit 22 sowie am Schlusse
-mit 58, Kap. 43 am Schlusse mit 11, Kap. 47 mit 10, Kap. 48
-mit 48, Kap. 49 mit 35, Kap. 53 mit 34, Kap. 55 mit 33,
-Kap. 57 mit 27, Kap. 60 mit 25, Kap. 62 mit 17, Kap. 63
-mit 39, Kap. 64 mit 43, Kap. 66 mit 82 des Volksbuches. Oft,
-wie in Kap. 48 beider Bücher, ist die Anekdote in ihren Einzelheiten
-getreu wiedergegeben; nicht selten ist sie besser motiviert,
-bisweilen ihrer unflätigen oder grausamen Derbheit beraubt
-(so der Schluß von Kap. 42 aus dem von Historie 58 und
-Kap. 66 aus Historie 82). Ein paarmal ist sogar nur das Motiv
-verwertet (für Kap. 35 aus Hist. 71, für 39 aus 19). Im Allgemeinen
-aber ist die Benutzung eine ziemlich freie dichterische
-Umgestaltung.</p>
-
-<p>Dies ist schon deshalb begreiflich, weil de Coster seinen Ulenspiegel
-aus dem Mittelalter in die Renaissance versetzt hat. Der niedersächsische
-Ulenspiegel ist / nach der Überlieferung / bekanntlich zu
-Knetlingen bei Braunschweig geboren und zu Mölln bei Lübeck
-begraben, wo sein Grabstein das Jahr 1350 nennt. Die vlämische
-Tradition nimmt ihn ebenfalls für sich in Anspruch, gestützt auf
-einen Grabstein an der Kirche zu Damm in Flandern, der als
-Todesjahr 1301 nennt. Aus der Differenz dieser Daten hat man
-geschlossen, daß zwei lustige Schelme dieses Namens gelebt haben,
-von denen der deutsche, berühmtere, der Sohn war. Jedenfalls
-lebten beide im tiefsten Mittelalter, in einer streng katholischen
-Zeit, die zwar grobe Späße über die Pfaffen liebte, aber jede
-Ketzerei gegen die Grundlagen des Glaubens verpönte. Beide
-Volkshelden erscheinen lediglich als boshafte, bisweilen grausame
-Plagegeister ihrer Mitmenschen, als witzige, oft unflätige Betrüger
-der Einfalt, als Gauner, Zechpreller und Landstreicher,
-„behende, listige und durchtriebene“ Bauernburschen, die sich mit
-ihrer Büberei „nirgends Dank verdienen.“</p>
-
-<p>De Coster hat seinen Liebling um zwei Jahrhunderte verjüngt
-und ihn mitten in die große niederländische Freiheitsbewegung
-hineinversetzt, in der er zum allbeliebten, wackeren Streiter für
-die Glaubensfreiheit des Protestantismus wird. Bei aller Anlehnung
-an das alte Volksbuch im Anfang von Ulenspiegels
-Erdenwallen ist ihm also, um mit Gottfried Keller zu reden,
-„das Antlitz nach einer anderen Himmelsrichtung gekehrt“; er ist
-moralisch und zeitlich ganz gegensätzlich orientiert. Das alte
-Volksbuch ist ferner nur eine lose aneinandergereihte Schwanksammlung
-über Ulenspiegel, deren ganze Komposition darin
-besteht, daß sie verschiedene Schelmenstreiche ähnlicher Art zusammenträgt,
-wodurch bisweilen Wiederholungen entstehen. De
-Coster hat den alten Schelm zum Helden eines zusammenhängenden
-Romans gemacht, seine Landstreichereien mit einer auferlegten
-Pilgerfahrt nach Rom motiviert und eine ganze Reihe ihm nahestehender
-Nebenfiguren um ihn gruppiert, die er / außer seinen
-im Volksbuche nur schwach angedeuteten Eltern / frei erfunden
-hat. Er hat ihm schließlich eine kunstvolle Folie in der düstren
-Gestalt des ihm gleichaltrigen Königs Philipp von Spanien gegeben.
-„Es ist nicht mehr die Legende eines Menschen, sondern
-das Gedicht einer Rasse, was de Coster geschrieben hat“, sagte
-Camille Lemonnier in seiner Grabrede auf den Autor mit Recht.
-Es ist „das Epos des 16. Jahrhunderts“, das er zu schaffen sich
-vorgesetzt hatte.</p>
-
-<p>Zu seinen Vorstudien genügte ihm daher auch nicht im entferntesten
-die viel ältere, durch die junge Buchdruckerkunst rasch verbreitete
-Schwankdichtung des ausgehenden Mittelalters; er mußte sich
-vor allem in die Chroniken und Flugblätter der Renaissance vertiefen;
-er bereiste, wie der oben zitierte Essay hervorhebt, die
-Gegenden, wo sich die Kämpfe der Geusen abgespielt hatten,
-durchstöberte in zehnjähriger Arbeit Archive, Museen und Bibliotheken,
-belauschte das Volk in den vlämischen Wirtshäusern,
-auf den Märkten und Kirmessen, die auch jetzt noch wenig von
-der derben Ausgelassenheit verloren haben, die Teniers’ oder
-Jan Steens Pinsel schilderte ... „Aber trotzdem“, heißt es
-weiter, „ist sein Buch kein historischer oder kulturhistorischer
-Roman im gewöhnlichen Sinne geworden; er bleibt eine
-„Legende“; neben realistischer Schilderung kommt als seine
-Hauptstimmung eine Poesie zu Worte, die sich bis zum Ausdruck
-des Visionären steigert“.</p>
-
-<p>„Überhaupt“, heißt es in dem angeführten Essay weiter, „sind
-es die Gegensätze, die dem Buche seine Eigenart geben, der
-Gegensatz auch zwischen dem Charakter des Werkes und dem des
-Verfassers. Diese oft tollen und grotesken Szenen sind von einem
-Manne geschrieben, der von sich sagt. „Ich bin ein melancholisches
-Geschöpf, dessen Lustigkeit Wahnsinn oder Unsinn ist“, und der
-einer Freundin schreibt: „Hast Du in den schönen Büchern die
-feine Melancholie, die ausgesuchte Traurigkeit bemerkt, welche
-die geheimsten Fibern des Herzens berührt? Darin liegt das
-ganze Wesen der Kunst.“ Diese Stimmung liegt wie ein Schleier
-über dem sonderbaren Buche, sie verdichtet sich nicht nur zu
-ergreifenden Episoden oder Gestalten, auch in der Mitte der
-übermütigsten Auftritte braut der Dichter auf einmal Schwermut,
-um seinen Lieblingsausdruck zu brauchen. Zu seiner Art der
-Darstellung hat sich de Coster von den alten Volksbüchern anregen
-lassen: er gibt nicht eine fortlaufende Erzählung, sondern
-setzt seine Kapitel von sehr ungleichem Umfang, als vollständig
-in sich abgeschlossene kleine Bilder oder auch nur Stimmungen
-nebeneinander. Es ist die Technik der Mosaiks, jedes Steinchen
-ein festbegrenztes geschliffenes Stück von eigner Form und Farbe
-und doch zu einem untrennbaren, lebendigen Ganzen sich zusammenfügend.
-Einen eigenartigen Reiz gibt dem Buche auch
-die Behandlung der Sprache. Durch langjähriges Studium
-besonders der Werke von Rabelais und Montaigne hatte sich de
-Coster das Französisch des 16. Jahrhunderts ganz zu eigen gemacht
-und es schon in seinen ersten Buche, den „<span class="antiqua">Légendes
-Flamandes</span>“, mit vollendeter Meisterschaft gehandhabt. Aber
-er legt in seinen Briefen Gewicht darauf, daß er dieses „einzige
-Idiom“ nicht nur übernommen, wie er es fand, sondern daß er
-es ganz in sich aufgenommen, es „verdaut“ und verjüngt habe.“</p>
-
-<p>Als „Till Ulenspiegel“ im Jahre 1867 erschien, fand er eine begeisterte
-Aufnahme, aber nur in einem kleinen Kreise von Schriftstellern,
-Kennern und Künstlern, unter denen besonders die Maler
-die Bedeutung des Buches sofort erkannten. Aus diesem Buche
-wehte ihnen der flandrische Erdgeruch entgegen, den die Kunst
-der Vergangenheit besessen hatte. Es war eine Reaktion gegen
-das trotz der Sprachgemeinschaft fremde französische Wesen, das
-sich in Politik, Kunst, Literatur und Leben eingebürgert hatte;
-es war ein germanisch-protestantischer Gegenschlag gegen das
-geistige und weltliche Rom. Aber gerade diese Teilnahme der
-Maler, heißt es in dem oben zitierten Essay, war ein Grund,
-daß das Werk nicht in weitere Kreise drang. Sie hatten sein Erscheinen
-durch ihre Mitarbeit feiern wollen, und so erschien denn
-Ulenspiegel zuerst als Prachtausgabe mit einigen dreißig Radierungen
-erster belgischer Meister, darunter von Félicien Rops das
-berühmte grausige Blatt von dem am Glockenschwengel Erhängten.
-Der sehr hohe Preis des Buches war selbstredend ein
-Hindernis für seine Verbreitung. Erst 1893 kam es zu einer
-Neuauflage; der Autor war inzwischen längst im Elend gestorben.
-Ein Jahr darauf wurde in Brüssel, am Teiche von
-Ixelles, ein Doppelstandbild von Ulenspiegel und Nele errichtet,
-dessen Nische das Reliefbildnis ihres geistigen Vaters ziert.</p>
-
-<p>Charles Henri de Coster wurde am 20. August 1827 geboren, und
-zwar in München, wo sein Vater Intendant des belgischen
-Bischofs und päpstlichen Nuntius Charles Mercy d’ Argenteau
-war. Der Bischof übernahm die Patenstelle bei ihm; seine Patin
-war die Marquise de la Tour du Pin, die französische Gesandtin in
-Turin. „Welch ein Gegensatz!“ ruft die Verfasserin des mehrfach
-zitierten Aufsatzes aus. „Dieser schöne, von allen als Liebling
-des Bischofs verhätschelte Knabe, in der frommen Pracht eines
-Bischofspalastes aufwachsend, und der Freidenker, der fünfzig
-Jahre später von fanatischen Katholiken verfolgt und ohne Beistand
-der Geistlichkeit begraben wird! Dazwischen liegt das
-Leben eines genialen Künstlers mit hochfliegenden Plänen, mit
-der Mißachtung der realen Lebensbedingungen und herben Enttäuschungen.</p>
-
-<p>„Nach der Übersiedlung seiner Familie nach Brüssel und dem
-frühen Tode des Vaters war de Coster darauf angewiesen,
-nach einem Beruf zu greifen. Sein Pate wünschte, daß er
-Priester würde, was er aber ablehnte. Auch das Bankfach, in
-das einflußreiche Gönner ihn brachten, verließ er bald wieder,
-bezog die Universität Brüssel und wurde nach Beendigung
-seiner Studien Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen und
-Zeitschriften. Aber „ich kann aus meiner Feder kein Handwerkszeug
-machen“, schreibt er mißmutig; nur zum freien Künstler
-fühlt er sich geboren. Das war auch der Eindruck, den seine
-Persönlichkeit auf den ihm näher stehenden Kreis gleichstrebender
-junger Talente machte, die bald das Höchste von
-ihm erwarteten. Nach einigen feinen kleinen Novellen brachten
-ihm seinen ersten Erfolg im Publikum seine 1858 erschienenen
-„<span class="antiqua">Légendes Flamandes</span>“. Mit Feuereifer stürzte er sich nun in
-die Vorarbeiten zu seinem großen Werke: er suchte in ihnen zugleich
-Vergessenheit für den Bruch eines jahrelangen, eigentümlichen
-Liebesverhältnisses, in das wie in seine eigne sensitive
-Künstlernatur die nach seinem Tode veröffentlichten <span class="antiqua">Lettres à
-Eliza</span> mit demselben schwermütigen Zauber hineinleuchten, der
-alles umgibt, was er geschrieben hat. Um ganz seiner Dichtung
-leben zu können, gab er seine Anstellung an den Staatsarchiven
-auf und veröffentlichte in den folgenden zehn Jahren nur noch einen
-kleinen Band „<span class="antiqua">Contes Brabançonnes</span>“. So ohne jede Einnahme,
-während seine Ausgaben sich durch die für seine Vorarbeit nötigen
-Reisen vermehrten, von seiner Jugend her an einen gewissen äußeren
-Schmuck des Lebens gewöhnt, war er bei Beendigung seines
-Werkes nicht nur mit seinem kleinen väterlichen Erbteil zu Ende,
-sondern auch tief in Schulden geraten. Das Ausbleiben eines
-pekuniären Erfolges des Ulenspiegel brachte die Katastrophe.
-Zu spät lernte Coster nun den „fürchterlichen Wert des Geldes“
-verstehen, nicht mehr für den Ruhm wollte er arbeiten, sondern
-nur noch für seine Gläubiger. Aber seine Vermögensverhältnisse
-waren zu hoffnungslos verwirrt. Auch eine Anstellung als
-Professor der französischen Literatur an der neu gegründeten
-Kriegsschule konnte ihn nicht retten, denn seine Gläubiger machten
-von dem ihnen in Belgien zustehenden Recht der Beschlagnahme
-von Staatsgehältern den unerbittlichsten Gebrauch. Literarische
-Pläne beschäftigten ihn zwar fortwährend, doch hat er
-größere Arbeiten nicht mehr veröffentlicht; der Rest des Lebens
-war ein qualvolles Ringen von einem Zahlungstermine zum
-andern. Auch der Tag, an dem er starb, der 7. Mai 1879, war
-einer dieser grausamen Verfalltage, und das letzte, was er geschrieben,
-waren am Vorabende einige Dankesworte an einen
-Freund, der ihm die nötige fällige Summe für den folgenden Tag
-versprochen hatte. „Sie retten mich. Charles de Coster, der
-recht krank ist.“ Bei der Leiche dieses Dichters, der alles Schöne
-so sehr geliebt hatte, fanden seine Freunde, wie sein Biograph
-Ch. Powin erzählt, eine arme Frau, deren Gesicht durch ein unheilbares
-schreckliches Leiden entstellt war und die ihn aus Dankbarkeit
-für sein Mitleid gegen sie die letzten Tage gepflegt hatte.“</p>
-
-<p>„Ich gehöre zu denen, die zu warten wissen,“ hatte de Coster
-angesichts des beschränkten Achtungserfolges seines Hauptwerkes
-geschrieben. „Ich schätze mich ein auf etwas für heute, auf viel für
-die Zukunft.“ Diese stolze Voraussicht hat ihn nicht betrogen. „Der
-Verkannte von Heute, der Lebende von Morgen“, wie ihn Camille
-Lemonnier, der „belgische Zola“, an seinem Grabe nannte, ist der
-Vater der jungbelgischen Literatur geworden, die einen Rodenbach
-und Maeterlinck, einen Verhaeren und Lerberghe, einen
-Khnopff und Elskamp hervorgebracht hat. Wenn der Lyriker
-Verhaeren seine ersten Gedichte „Les Flamandes“ zum Preise
-seines Vaterlandes anstimmte und einer bodenwüchsigen belgischen
-Lyrik die Zunge löste, wenn Maeterlinck sein strudelköpfiges
-Erstlingsdrama „Prinzessin Maleine“ auf flandrischen Boden
-verlegte und gleich Verhaeren jene eigentümliche Mischung von
-Realismus und Mystik in seinen späteren Werken beibehielt, wenn
-die ganze belgische Provinz des französischen Parnasses ihre eigene
-heimische Note besitzt und in die französische Literatur einen ganz
-neuen Ton hineingetragen hat, so war dies alles nur nach dem
-Vorgang de Costers möglich. Nach seinem Vorbilde hat das
-ganze belgische Schrifttum, trotz seines klugen sprachlichen
-Anschlusses an den französischen Kulturkreis, der ihm eine ungleich
-höhere Beachtung sichert als den stammverwandten Niederlanden
-ihre holländische Schriftsprache, seine germanische Art behauptet
-und dadurch eine der fruchtbarsten und eigenartigsten
-Synthesen in der Weltliteratur geschaffen: die von germanischem
-Geist und romanischer Form, der seit den Tagen der Renaissance
-unser heißes Bemühen gilt.</p>
-
-<p>Zu diesen ästhetisch-kulturellen Motiven von de Costers Ruhm
-oder Nachruhm tritt für die große Masse seiner Landsleute noch
-ein andres hinzu, nämlich eine gewisse politische Aktualität, die
-sich aus der Betrachtung der näheren Umstände leicht ergibt. Das
-Königreich Belgien bildet die „unerlösten“ spanischen, später österreichischen
-Niederlande; es war bis zur französischen Revolutionszeit
-vorwiegend vlämisch, d.h. niederdeutsch; Orts- und Straßennamen
-sowie die Gerichtssprache waren bis 1794 vlämisch, nur
-in Brüssel, das größtenteils wallonisch, d.h. französisch bevölkert
-war, herrschte von jeher das romanische Element vor. Durch
-die französische Eroberung kam Belgien bis 1814 zu Frankreich; im
-ersten Pariser Frieden fiel es an das Königreich der Niederlande,
-von dem es sich aber dank der Agitation der französisch gesinnten
-Brüsseler Liberalen und des Klerus losriß, als die Julirevolution
-von 1830 ausbrach. Seitdem bildet es ein selbständiges Königreich
-mit klerikaler Regierung, der eine starke antiklerikale,
-sozialistische Opposition schroff gegenübersteht. Man begreift
-aus diesen Gegebenheiten den heftigen Antiklerikalismus des
-Patrioten de Coster, dem nur die Wahl zwischen diesen beiden
-Gegensätzen blieb. Für ihn war die Vereinigung Belgiens mit
-dem protestantischen Holland im Jahre 1814 die späte Frucht
-des heroischen, doch schließlich erschlafften Freiheitskampfes gegen
-die spanische Tyrannei gewesen; und nun hatten die Schwarzen
-im Bunde mit den französisch Gesinnten ihm zum zweiten Male
-die Frucht des Sieges geraubt. Man versteht jetzt erst völlig
-die tiefe Bedeutung des mystischen Orakels von dem Gürtel der
-Einheit, den Ulenspiegel zu suchen auszieht, und von den sieben
-Lastern, die diese Einheit immer wieder zerstören. Am Ende des
-Buches wiederholt sich diese Prophetie mit einem Nachdruck, als
-wollte sie aus dem Ganzen herausspringen wie sein geheimer
-Sinn, eine flammende Mahnung, die Lehren der Vergangenheit
-zu beherzigen, und ein Bindeglied zwischen der anscheinend weit
-abgerückten Vergangenheit und dem pulsenden Leben der Gegenwart
-zu knüpfen. Von hier ausgehend, schärft sich der Blick
-für diese politische Mystik, die dem Uneingeweihten so ganz
-wesenlos und unmotiviert erscheint; und man wird in den leidenschaftdurchzitterten
-Darstellungen Karls V. und Philipps II., die
-wahre historische Zerrbilder sind, vom Haß eines Renaissance-Pamphletisten
-gesehen, und nicht vom sachlichen Blicke der Klio,
-unschwer die Parallele zu den beiden Napeleons erkennen, von
-denen der erste Belgien beherrscht hatte und der andre zu der
-Zeit, da der Roman entstand, begehrliche Blicke darauf warf.
-Auch die gelegentlichen gehässigen Darstellungen deutscher Landsknechte
-und Fürsten scheinen aus dem eifersüchtigen Bangen des
-belgischen Patrioten um seine heimische Freiheit entsprungen;
-nur das belgische „Volk“ wird von ihm mit einen idealisierenden
-Glorienschein umgeben. Wer immer aber von ähnlichen politischen
-Gesinnungen beseelt war, der mußte dieses Buch eines
-zurückgewandten Propheten mit nationalen Wallungen lesen und
-es lieb gewinnen. Und so ist „Ulenspiegel“ für die Belgier noch
-heute eine nationale Bibel, die auch in der altertümelnden
-Sprache sich an die alten Bibelübersetzungen anschließt. Für
-den Nichtbelgier fallen solche Motive der Schätzung freilich
-fort; immerhin muß uns Deutsche, die einen dreißigjährigen Krieg
-für die Glaubensfreiheit kämpften, die seit Goethes und Schillers
-Tagen der Befreiung der Niederlande auch literarisch nahe stehen,
-der germanische Unterstrom dieses französischen Buches anheimeln;
-und archaisierende Romane sind uns seit Scheffels „Ekkehard“,
-Meinholds „Bernsteinhexe“ und den unvergeßlichen Novellen
-C. F. Meyers ja auch nichts Fremdes mehr; jeder ästhetisch Gebildete
-wird also diese Abspiegelung des Geistes der Reformationszeit
-bewundern. In Frankreich hatte Gustave Flaubert
-das historische Genre wenige Jahre vor de Coster gleichfalls zu
-Ehren gebracht, als er seine „Salambo“ schrieb; de Coster jedoch,
-dem die Quellen ungleich weiter flossen, leistete Größeres in der
-Wiedergabe des kulturhistorischen Dunstkreises und besonders
-im Ausdruck, der fast stets wie aus einer alten Chronik entnommen
-klingt, auch da, wo der Dichter aus Eigenstem geschöpft hat.</p>
-
-<p>Oft genug ist das Buch, wie der mehrfach erwähnte Essay
-sehr fein hervorhebt, „außerordentlich derb, gelegentlich bis zum
-Abstoßenden, hierin wie in der breiten Ausmalung großer Schmausereien
-und in der Satire auf die Geistlichkeit an Rabelais gemahnend.
-Aber dann ist es plötzlich, als öffne sich während eines
-Trinkgelages ein Fenster, und ein Hauch frischer, reiner Luft
-dringe hinein. Zwischen die burlesken Szenen schiebt sich ein
-kleines Landschaftsbild. / Auch in der Schilderung des Freiheitskampfes
-werden zügellose Szenen manchmal nur durch einen
-Satz, durch einen Gedanken von seltener Gefühlszartheit und
-Melancholie ins Gleichgewicht gebracht. / Oft nur mit wenigen
-Strichen, aber stets auf das Lebendigste gezeichnet, ist auch
-die Fülle historischer Persönlichkeiten, mit denen Ulenspiegel auf
-seinen Fahrten in Verbindung tritt: Egmont, tapfer und hochmütig,
-sein ihm blindlings zustimmender Freund Horn, der herkulische,
-trinkfreudige und kluge Brederode, der große Schweiger
-Oranien und sein ritterlicher Bruder. / Meisterstücke sind nicht
-minder Auftritte wie der Bildersturm in Antwerpen, das Nachtstück
-im Gasthaus zum Regenbogen in Courtrai mit der dämonischen
-Gestalt der Gilline, der spanischen Spionin, oder die
-groteske Prozession des Heiligen Martin in Ypern; sie prägen
-sich dem Gedächtnis des Lesers unauslöschlich ein. Und ebenso
-bewundernswert ist die Abwechslung, mit der de Coster diese
-Szenen zu gestalten weiß.“</p>
-
-<p>Es wäre noch vieles zu sagen über die um Ulenspiegel gruppierten
-Figuren: den schlichten, arbeitsamen Klas, der so gar kein Held
-ist, der seine Richter um Gnade anfleht und der doch als Märtyrer
-seiner Überzeugung den Holzstoß besteigt, / über die arme
-herzensgute Soetkin (Suschen), die aus Gram und an den Folgen
-der Folter stirbt, / über das reizende Idyll der Liebe zu
-Nele, die mit ihrer Landsmännin, dem Goetheschen Klärchen,
-so nahe verwandt ist, / über den burlesken „Freßsack“ Lamm,
-der im Grimm über das Davonlaufen seines von den Pfaffen
-verhetzten Weibes zu einem komischen Löwen wird, / und vor
-allem über den Helden selbst, der ein Taugenichts und Tagedieb
-war und der plötzlich unter der Wucht des Erlebten zum Manne
-heranreift, von dem einen Rachegedanken beherrscht: „Klasens
-Asche brennt auf meiner Brust“. Das und vieles Andere verdient
-eingehende Würdigung; aber es mag bei diesen Andeutungen
-bleiben, die den Leser nur auf den Weg des eigenen Genusses
-führen wollen und damit ihre Aufgabe erfüllt haben.</p>
-
-<p>Fräulein <em>Marie Lamping</em>, die mir bei der Übersetzung hilfreich
-zur Seite gestanden hat, und Fräulein <em>Elsa Schulhoff</em>,
-deren Aufsatz ich die Anregung zu dieser Verdeutschung verdanke,
-sei auch an dieser Stelle mein aufrichtiger Dank gesagt.</p>
-
-<p class="center">
-F. v. O.-Br.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table class="autotable" summary="Inhalt">
-<tr>
-<td class="tdl"></td>
-<td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><a href="#Vorrede_der_Eule">Vorrede der Eule</a></td>
-<td class="tdr">1</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><a href="#Erstes_Buch">Erstes Buch</a></td>
-<td class="tdr">5</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><a href="#Zweites_Buch">Zweites Buch</a></td>
-<td class="tdr">221</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><a href="#Drittes_Buch">Drittes Buch</a></td>
-<td class="tdr">283</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><a href="#Viertes_Buch">Viertes Buch</a></td>
-<td class="tdr">453</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><a href="#Fuenftes_Buch">Fünftes Buch</a></td>
-<td class="tdr">545</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><a href="#Nachwort_des_Uebersetzers">Nachwort des Übersetzers</a></td>
-<td class="tdr">587</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p class="center spaced">
-Titelholzschnitt und Buchausstattung von F. H. Ehmcke<br />
-Gedruckt bei Gottfr. Pätz in Naumburg an der Saale<br />
-</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Eugen_Diederichs_Verlag_in_Jena">Eugen Diederichs Verlag in Jena</h2>
-</div>
-
-<p><b>Charles de Coster, Flämische Legenden.</b>
-Deutsch von Marie Lamping und Friedrich
-v. Oppeln-Bronikowski. br. M. 3.&mdash;, geb. M. 4.&mdash;</p>
-
-<p><em>Inhalt</em>: Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht / Bianca,
-Clara und Candida / Herr Halewyn / Smetse, der Schmied /
-Ser Huygs / Die Masken</p>
-
-<p><em>St. Galler Blätter</em>: Costers Legenden werden ja wohl deutschen Lesern
-schnell Gottfried Kellers Sieben Legenden in Erinnerung rufen und Züge
-der Verwandtschaft zwischen dem Schweizer und dem Belgier sind in der
-Tat nicht zu verkennen: das kätzchenschnurrende Poetenbehagen am freien
-Gespinst, das Element lächelnder Schalkheit, das Durchschimmernlassen
-der Kritik aus dem Wesen neuer Welt. Aber Coster ist es in stärkerem
-Maße um säuberlichste Nachbildung alten Geistes und alter Form zu tun
-gewesen, weniger gedämpft ist sein Ton und sind seine Farben, wirklichkeitsherb
-schaut das Mittelalter aus diesen eigenartigen Schöpfungen
-nachbildender Phantasie heraus und bunter sind seine Elemente, weniger
-zu etwas Geschlossenem zusammengetönt, derber das Volkshafte darin.
-In allen Teilen ist der starke Poet am Werke: voller Beweglichkeit und
-Mannigfaltigkeit des Gefühls, bald ernst, ja das Grausige heranziehend,
-bald schwankhaft und ulkig, von Erfindung überquellend und packend
-durch die Wucht des Einfachen in diesem in die Stimmung ferner Vergangenheit
-getauchten, kunstvoll in ihr festgehaltenen Berichten. Wie
-Erholung empfindet man nach moderner Subtilität des Psychologischen
-diese Geschichten voll bunten, fröhlichen und düstern Geschehens.</p>
-
-<p><em>Wiesbadener Zeitung</em>: Neun Jahre vor seinem gewaltigen „Tyll
-Ulenspiegel“, der nun durch die Welt geht, schrieb der Dichter 1858 seine
-<span class="antiqua">Légendes Flamandes</span>, ein bedeutungsvolles Präludium des größeren
-Lebenswerkes. Auch hier die altertümliche, Rabelais nachempfundene
-Sprache mit ihrer ungelenken Treuherzigkeit, ihrem prachtvollen Daseinsbehagen,
-die glücklicherweise nicht mit wissenschaftlicher Konsequenz
-durchgeführt wird, sondern sich ganz den Dingen selbst anpaßt, auch hier
-an einzelnen Stellen hervorbrechend der wilde Haß gegen die spanischen
-Gewalthaber, die in grotesk phantastischer Form, mit grausamer Rachelust
-gepaart, sich äußert. Es sind Märchen voll seltsamer Mischung mystischer
-und realistischer Elemente, ganz Vorahnung jener Motive, die
-die Gegenwart liebt, aber ganz naiv und unmittelbar erfaßt, nicht das
-Produkt literarischer Konvention, wie so vieles heute, vieles ohne Einheitlichkeit,
-ausgesponnen gleich einem bald beklemmenden, bald beglückenden
-Traum, aber alles unmittelbar Gegenwart. Wunderschön ist das
-Buch übersetzt und mit feiner Künstlerschaft ausgestattet.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2>Anmerkungen:</h2>
-</div>
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Diese Behauptung ist zutreffend. Der Dichter hat einer kleinen
-vlämischen Schrift aus der van Paemel’schen Sammlung, betitelt: <span class="antiqua">Het
-aerdig leven van Thyl Ulenspiegel</span>, die Kapitel VI, XIII, XVI,
-XIX, XXIV, XXXV, XXXIX, XLI, XLII, XLIII, XLVII, XLVIII, XLIX, LIII,
-LV, LVII und LX des ersten Buches seines Werkes entnommen. Jedoch
-haben alle bedeutsame Veränderungen erlitten, ausgenommen das LXII,
-LXIII, LXIV Kapitel. Die andern vom LXI bis zum Ende des Werkes sind
-de Costers Schöpfung, also auch die Bücher II, III, IV, V, die reine
-Erfindung sind. Wir müssen indes auf zwei Ausnahmen aufmerksam machen:
-1. die Predigt des Broer Adriaensen Cornelis, die in Bruchstücken einer
-Sammlung von 1590 entlehnt ist. Der Verfasser mußte etliche Stücke von
-Predigten dieses grimmen Kanzelredners zusammenflicken, um, ohne sich
-ständig zu wiederholen, ein genaues Gemälde der verschiedenen Sekten
-des XVI. Jahrhunderts zu zeichnen. 2. Von dem Geusenlied in Buch III,
-Kap. 5 nur der Kehrreim, der einem Liede jener Zeit entnommen ist.
-Die Tatsachen, die der Geschichte angehören, u. a. die Plünderung der
-Frauenkirche in Antwerpen und das Lied der Verräter, stützen sich, was
-das erste anbelangt, auf die bestimmte Angabe eines sehr geschätzten
-Chronisten, Van Meeeren, und das Lied der Verräter auf Dokumente
-von unanfechtbarer Glaubwürdigkeit, die sich in den königlichen
-Archiven zu Brüssel befinden.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Ein gelbes, mit Flammen und Teufeln bemaltes Hemd Derer, welche von
-der Inquisition zum Tode verurteilt sind. <em>Der Übersetzer.</em></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Orden der Paulinerbrüder.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Anspielung auf Wilhelm den Schweigsamen von Oranien.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> S. die Anmerkung des französischen Herausgebers in der „Vorrede der
-Eule“, die in der Übersetzung wortgetreu wiedergegeben wurde. Leider
-sind die dortigen Angaben ungenau, so daß nicht ersichtlich ist, welche
-niederländische Ausgabe des Ulenspiegel dem Dichter vorgelegen hat. Bei
-L. van Paemel in Gent erschien &mdash; nach der Bibliographie der äußerst
-zahlreichen Ulenspiegel-Texte, die sich in der Vorrede um Neudruck des
-Volksbuches von 1515 befindet (Halle a. S. bei Niemeyer, Bd. 55, 56 der
-Neudrucke deutscher Literaturwerke des 16. und 17. Jahrhunderts) &mdash;
-nur eine undatierte, aber anscheinend ziemlich neue Ausgabe des Till
-Ulenspiegel, die sich im britischen Museum befindet.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Kap. 16 ist nur vorhanden in der zweiten hochdeutschen Ausgabe bei
-Servais Kruffter, Kap. 2: <span class="larger">„Wie Ulenspegel antworde eym reysigen Mann,
-der na dem Wege vragete.</span>“ Da diese Ausgabe schwer zugänglich
-ist (es existieren davon nur 2 unvollständige, photolithographisch
-ergänzte Exemplare in der Berliner und Wiener Bibliothek), so möge die
-2. Historie dieser Ausgabe zur Vergleichung des Verhältnisses zwischen
-Original und Nachdichtung hier Platz finden.</p>
-
-<p class="larger">„Als Ulenspegel noch ein kynt was / was he vp ein tzyt allein
-to huis / do quam ein man ryden aent huis und vragede na dem Wege. Vn̄
-want he niemanden sach / so riep he ys dair niemāt in huis. Do sacht
-das kynt Ulenspegel ya yd / and’ half man̄ vnd ein roßheufft. Want du
-bis met deme haluen lyue hirin̄ mit des pertz heufde / un̄ ich byn ein
-ganz man̄. So vragede der man. Wair is din vader un̄ mod’? dz kint
-sacht. myn vad’ is van bösem böser tzo machen. vn̄ myn mod’ is vm̄
-schaden off schande. Der man sacht / wie dat? dz kind seyde / myn vader
-macht einen quaden wech noch quader wan he macht grauen vp dat beseyde
-lant / dat man dar vp net vaeren mög. Myn mod’ is broit lenen / gyfft
-sy mind’ weder / dat is schand. gyfft sy merd’ wed’. / dat is schade.
-So sacht der man / waer sall ich recht hyn rydē? dat kind seyde / der
-dy genz hyn gaen. do der man quam ryden / flogen die genß ynt wasser.
-Do zwyuelde der man vn̄ reyt wed’ vm / vnd sacht de genß fliessen im
-wasser / saß weiß ich niet wair hin rydē. Dz kint sacht. yr solt rydē
-daer die genß gain / un̄ nit daer sy swimmen. So reit der man ewech /
-un̄ verwōderte sich sere van d’ antworden des kyndes“.</p>
-
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>TYLL ULENSPIEGEL UND LAMM GOEDZAK</span> ***</div>
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-Defect you cause.
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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