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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-02 22:55:04 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Tyll Ulenspiegel und Lamm Goedzak - Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern - im Lande Flandern und andern Orts - -Author: Charles de Coster - -Translator: Friedrich von Oppel-Bronikowski - -Release Date: August 29, 2022 [eBook #68862] - -Language: German - -Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team - at https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TYLL ULENSPIEGEL UND LAMM -GOEDZAK *** - - - Charles de Coster - - Tyll Ulenspiegel - und Lamm Gœdzak - - Legende von ihren heroischen - /lustigen und ruhmreichen - Abenteuern im Lande Flandern - und andern Orts/ - - Deutsch von - - Friedrich von Oppeln-Bronikowski - - Mit Nachwort des Übersetzers - - - Verlegt bei Eugen Diederichs/ - - Jena 1911 - - - - - Dritte Auflage - Sechstes bis zehntes Tausend - - - - -Vorrede der Eule - - -Ihr Herren Künstler, gnädige Herren Herausgeber und Herr Poet, ich -möchte mir in Bezug auf Ihre erste Ausgabe einige Bemerkungen erlauben. -Wie! In diesem dicken Buche, diesem Elefanten, den Sie, achtzehn an -der Zahl, versuchen zum Ruhme zu führen, haben Sie nicht den kleinsten -Platz für den Vogel Minervas, die weise, die verständige Eule gefunden! -In Deutschland und in Flandern, das Sie so sehr lieben, reise ich -beständig auf Ulenspiegels Schulter, der nur darum so heißt, weil -sein Name Eule und Spiegel bedeutet, Weisheit und Gaukelspiel, Uyl en -Spiegel. Die von Damm, wo er geboren, sprechen den Namen der Kürze -halber „Ulenspiegel“ aus, und weil sie die Angewohnheit haben „U“ statt -„Uy“ auszusprechen. Das ist ihre Sache. - -Ihr habt eine andere Auslegung ersonnen: Ulen für Ulieden Spiegel / -Euer Spiegel / für Euch, Bauern und Herren, Regierte und Regierende, -der Spiegel der Narrheiten, Lächerlichkeiten und Verbrechen eines -Zeitalters. Das war scharfsinnig, aber unbillig. Man muß nie mit der -Tradition brechen. - -Vielleicht fandet Ihr den Gedanken seltsam, die Weisheit durch einen -traurigen, possierlichen Vogel zu symbolisieren, / Eures Bedünkens -durch einen bebrillten Schulfuchs, einen Possenreißer vom Jahrmarkt, -einen Freund der Finsternis, der unhörbar fliegt und tötet, ohne daß -man ihn kommen hört, gleichwie der Tod? Aber Ihr gleichet mir, falsche -Biedermänner, die Ihr über mich lacht. In mancher Eurer Nächte strömte -Blut unter den Streichen des Mordes, der auf Filzsohlen geschlichen -kam, damit man ihn ebenfalls nicht kommen hörte. Gibt es nicht in Eurer -Geschichte gewisse Tage, an denen die bleiche Morgendämmerung mit ihrem -fahlen Scheine die Straßen, die mit den Leichen von Männern, Weibern -und Kindern besäet waren, beleuchtete? Wovon lebt Eure Politik, seitdem -Ihr die Welt regiert? Vom Erwürgen und Morden. - -Ich, die Eule, die häßliche Eule, ich töte, um mich zu ernähren, -um meine Jungen zu ernähren; ich töte nicht, um zu töten. Wenn -Ihr mir vorwerft, daß ich ein Nest mit jungen Vögeln verschlinge, -könnte ich Euch nicht ebenso vorwerfen, daß Ihr alles, was Odem hat, -niedermetzelt? Ihr habt Bücher geschrieben, in denen Ihr gerührten -Tones von der Anmut des Vogels, seinen Liebesfreuden, seiner Schönheit, -vom kunstvollen Bau des Nestes und den Ängsten der Mutterschaft -sprecht. Hiernach sagt Ihr, in welcher Brühe er angerichtet werden -muß und in welchem Monat des Jahres man die saftigsten Gerichte daraus -macht. Ich, ich schreibe keine Bücher, Gott bewahre mich, anderenfalls -würde ich schreiben, daß, wenn Ihr den Vogel nicht essen könnt, Ihr das -Nest verspeist, aus Furcht, um einen Bissen zu kurz zu kommen. - -Was Dich betrifft, leichtsinniger Poet, so war es Dein eigner Vorteil, -mir in Deinem Werke meinen rechtmäßigen Platz zu geben; denn zwanzig -Kapitel darin gehören zum mindesten mir; die andern laß ich dir ganz zu -eigen.[1] Das ist wahrlich das Wenigste, daß man uneingeschränkt Herr -der Dummheiten sei, die man drucken läßt. Zeternder Poet, Du schlägst -blindlings auf die los, die Du die Henker des Vaterlandes nennst; Du -stellst Karl V. und Philipp II. an den Schandpfahl der Geschichte. -Du bist keine Eule, Du bist nicht fürsichtig. Weißt Du, ob in dieser -Welt nicht noch ein Karl V. und ein Philipp II. existiren? Fürchtest -Du nicht, daß eine wachsame Censur im Bauche Deines Elefanten nach -Anspielungen auf erlauchte Zeitgenossen suchen werde? Warum ließest Du -nicht diesen Kaiser und diesen König in ihrem Grabe schlummern? Weshalb -kläffst Du so viel Majestäten an? Wer sich in Gefahr begibt, kommt -darin um. Es gibt Leute, die Dir nicht verzeihen werden; ich verzeihe -Dir auch nicht, Du störst mir meine spießbürgerliche Verdauung. - -Was soll dieser ständige Zwist zwischen einem verabscheuten König, der -von Kindheit an grausam ist / dafür ist er ein Mensch / und diesem -vlämischen Volke, das Du uns als heldenmütig, fröhlich, rechtschaffen -und arbeitsam darstellen willst? Wer sagt Dir, daß dieses Volk gut -und der König schlecht war? Ich könnte Dir klüglich das Gegenteil -beweisen. Deine Hauptpersonen sind Dummköpfe und Narren, ohne einen -einzigen auszunehmen. Dein Gassenjunge Ulenspiegel ergreift die Waffen -für die Gewissensfreiheit; sein Vater Klas läßt sich lebendigen Leibes -verbrennen, um seine religiösen Überzeugungen zu behaupten; seine -Mutter Soetkin verzehrt sich in Gram und stirbt an den Folgen der -Tortur, weil sie ihrem Sohn ein Vermögen erhalten wollte. Dein Lamm -Goedzak geht im Leben geradeaus, als ob man in dieser Welt nur gut und -ehrlich zu sein brauchte; die kleine Nele; die nicht übel ist, liebt -nur einen Mann in ihrem Leben.. Wo sieht man noch solche Dinge? Ich -würde dich beklagen, wenn ich nicht über Dich lachen müßte. - -Jedoch muß ich gestehen, neben diesen lächerlichen befinden sich -etliche Persönlichkeiten, die ich gern zu meinen Busenfreunden machte: -deine spanischen Soldaten, deine Mönche, die das Volk verbrennen, deine -Gilline, die Spionin der Inquisition, deinen geizigen Fischhändler, den -Angeber und Wärwolf, deinen Edelmann, der nachts den Teufel spielt, -um irgend eine einfältige Person zu verführen, in Sonderheit aber den -verständigen Philipp II., der, da er Geld braucht, die heiligen Bilder -in den Kirchen zerstören läßt, um einen Aufstand zu bestrafen, dessen -weiser Anstifter er selber war. Das ist wahrlich das wenigste, was man -tun kann, wenn man berufen ist, von denen zu erben, die man mordet. - -Aber ich glaube, ich spreche ins Leere. Du weißt vielleicht nicht -einmal, was eine Eule ist. Ich will es dir zu wissen tun. - -Eule ist, wer heimlich auf die Leute, die ihm im Wege sind, Verläumdung -herabträufelt, und wenn man ihn auffordert, die Verantwortung für seine -Worte zu übernehmen, klüglich ausruft: „Ich behaupte nichts, Man hat es -mir gesagt“. Er weiß wohl, daß Man unangreifbar ist. - -Eule ist, wer in den Kreis einer ehrbaren Familie eintritt, sich als -Freier ankündigt, ein junges Mädchen ins Gerede bringt, Geld borgt, -manchmal seine Schuld bezahlt und davon geht, wenn es nichts mehr zu -nehmen gibt. - -Eule ist der Politiker, der eine Maske der Freiheit, Aufrichtigkeit -und Menschenliebe anlegt und Euch im gegebenen Augenblick ohne Warnung -einen Menschen oder eine Nation erwürgt. - -Eule ist der Handelsmann, der seine Weine panscht und seine -Lebensmittel fälscht, der verdorbenen Magen anstatt Ernährung und Wut -anstatt Heiterkeit verursacht. - -Eule ist, wer geschickt fliegt, ohne daß man ihn beim Kragen packen -kann, der das Falsche gegen das Wahre verteidigt, die Witwe zu Grunde -richtet, die Waise beraubt und im Fett triumphirt wie andere im Blut. - -Eule, die mit ihren Reizen Handel treibt, den besten Herzen junger -Männer die Unschuld nimmt und das „sie bilden“ heißt, und sie ohne -einen Heller im Schlamme läßt, in den sie sie gezogen hat. - -Wenn sie manchmal traurig ist, sich besinnt, daß sie Frau ist und -Mutter sein könnte, verleugne ich sie. Wenn sie, dieses Daseins müde, -sich ins Wasser stürzt, so ist sie eine Närrin, und unwürdig zu leben. - -Blick um Dich, Dichter aus der Provinz, und zähle die Eulen dieser -Welt, wenn Du kannst. Bedenke, ob es klug ist, so wie Du es tust, die -Kraft und die List, diese Königinnen unter den Eulen, anzugreifen. Geh -in Dich, lege Deine Beichte ab, und flehe auf den Knien um Vergebung. - -Dennoch nehme ich Anteil an Dir wegen Deiner vertrauensseligen -Unbesonnenheit. Deshalb warne ich Dich, trotz meiner bekannten -Gewohnheiten: ich werde stehenden Fußes die Derbheit und die Keckheiten -Deines Stils meinen literarischen Vettern anzeigen. Sie haben starke -Federn, Schnäbel und Brillen, sind fürsichtige, superkluge Leute, die -auf die liebenswürdigste, schicklichste Art mit sehr viel Gaze und -Manschetten den jungen Frauenzimmern Liebesgeschichten erzählen, die -nicht allein von Cythere kommen und die Euch in einer Stunde, ohne daß -man etwas sieht, die widerspänstigste Agnes erziehen. O tollkühner -Poet, der Du Rabelais und die alten Meister so sehr liebst, jene Leute -haben das vor Dir voraus, daß sie die französische Sprache am Ende -durch vieles Schleifen abnutzen werden. - - Bubulus Bubb - - - - -Erstes Buch - - -1 - -Zu Damm in Flandern, da der Maimond des Hagedorns Blüten erschloß, ward -Ulenspiegel, des Klas Sohn, geboren. - -Eine Wehemutter, Katheline genannt, wickelte ihn in Windeln, und -da sie seinen Kopf beschaute, wies sie auf ein Häutlein daran. -„Glückshäutlein, unter gutem Stern geboren“, sprach sie fröhlich. Doch -alsbald jammerte sie und deutete auf ein schwarzes Pünktlein an des -Kindes Schulter. - -„Wehe,“ weinte sie, „das ist das schwarze Mal vom Teufelsfinger“. - -„Meister Satan“, erwiderte Klas, „muß gar früh aufgestanden sein, wenn -er schon Zeit hatte, meinen Sohn zu zeichnen“. - -„Er hat garnicht geschlafen,“ antwortete Katheline, „denn horch! da -weckt erst Kreyant die Hennen“. - -Sie legte das Kind in Klasens Hände und ging hinaus. - -Da zerriß die Morgenröte das Nachtgewölk; die Schwalben strichen -zwitschernd über die Wiesen und die Sonne zeigte ihr blendendes Antlitz -purpurn am Himmel. - -Klas öffnete das Fenster und sprach zu Ulenspiegel: - -„Du Glückskind, schau, da kommt Ihro Gnaden, die Frau Sonne, das Land -Flandern zu grüßen. Betrachte Sie, wenn immer Du kannst, und so Du -dermaleinst in Zweifel verstrickt bist und nicht weißt, was Du tun -sollst, um recht zu handeln, so frage sie um Rat. Sie ist licht und -warm. Sei aufrichtig wie sie licht ist, und gut wie sie warm ist“. - -„Klas, Mann,“ sagte Soetkin, „Du predigst einem Tauben. Komm und -trinke, mein Sohn“. - -Und die Mutter bot dem Neugeborenen ihre schönen Naturflaschen. - - -2 - -Dieweil Ulenspiegel mit Lust daran trank, erwachten alle Vöglein auf -der Flur. Klas band Reisigbündel zusammen und sah zu, wie sein Gespons -Ulenspiegel die Brust gab. - -„Weib,“ fragte er, „hast Du Vorrat von dieser guten Milch angeschafft?“ - -„Die Krüge sind voll,“ sagte sie, „doch das ist nicht genug, mich froh -zu machen“. - -„Gar kläglich sprichst Du von einem so großen Glück“. - -„Ich gedenke,“ sprach sie, „daß sich auch nicht ein elender Heller in -der Geldkatze findet, die dort an der Wand hängt“. - -Klas nahm den Beutel zur Hand; doch er mochte ihn schütteln, wie er -wollte, er hörte kein Geld darin klingen. Da ward er betrübt. Doch er -wollte sein Weib trösten und sprach: - -„Was sorgst Du Dich? Haben wir nicht den Kuchen im Kasten, den -Katheline uns gestern geschenkt hat? Sehe ich nicht ein großes Stück -Rindfleisch, welches zum mindesten drei Tage gute Milch für das Kind -machen wird? Prophezeit der Sack mit Bohnen, der dorten so hübsch -in der Ecke hockt, eine Hungersnot? Ist dies Fäßlein mit Butter -ein Hirngespinnst? Sind die Fähnlein und Kompanien von Äpfeln, die -in kriegerischen Reihen zu Elfen auf dem Boden aufmarschiert sind, -Gespenster? Und hält nicht das brave dicke Fäßlein mit Brügger Kuytbier -in seinem Wanst unsere Labung und kündet uns frischen Trunk?“ - -„Wenn das Kind zur Taufe getragen wird,“ sagte Soetkin, „so müssen wir -dem Priester zwei Heller und für den Schmaus einen Gulden geben“. - -Indessen trat Katheline mit einem großen Strauß Pflanzen ein. - -„Ich bringe dem Glückskind Engelwurz, der bewahrt den Menschen vor -Wollust, und Fenchel, der vertreibt den Teufel“. - -„Hast Du nicht auch das Kraut, das die Gülden herbeizieht?“ fragte Klas. - -„Nein“, sagte sie. - -„So will ich sehen, ob es im Kanal keine gibt“. - -Er ging mit Netz und Angel von dannen und war sicher, daß er niemanden -begegnete, denn es war noch eine Stunde vor Oosterzon: so heißt in -Flandern die Sonne um sechs Uhr früh. - - -3 - -Klas ging nach dem Kanal von Brügge, nicht weit vom Meere. Da tat er -den Köder an die Angel, warf sie aus und ließ das Netz hinab. Ein -wohlgekleideter Bursche saß am anderen Ufer und schlief wie ein Klotz -auf einem Haufen Muscheln. - -Bei dem Lärm, welchen Klas machte, erwachte er und wollte davonlaufen, -denn er fürchtete, es möchte ein Gemeinbüttel sein, der ihn von seinem -Lager forttreiben und zum Steen bringen wollte, wegen unerlaubten -Vagierens. - -Doch seine Furcht schwand, da er Klas erblickte und dieser ihm zuschrie: - -„Willst Du sechs Deut verdienen, so treibe den Fisch hierher.“ - -Der Bursche, der schon ein aufgeblähtes Bäuchlein hatte, ging ins -Wasser, nahm einen Büschel großen Schilfrohrs und trieb die Fische zu -Klas. - -Nach vollbrachtem Fischfang zog Klas Netze und Angelschnur heraus, ging -über die Schleuse und kam zu dem Buben. - -„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner -Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße hinter -der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so wohlgekleidet -bei Mutter Grün Obdach suchest?“ - -„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim -eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt mich -weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr auf dem -Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr. Gestern beim -Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit den Fingern den Boden -einer Schüssel aus, darin Rindfleisch mit Bohnen gewesen. Sie aber -wollte auch ihr Teil haben, und es war doch nicht mal genug für mich, -Herr. Da sie nun sah, wie ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so -wohl schmeckte, ward sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so -gewaltige Maulschellen, daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“ - -Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan hätten. Da -antwortete Lamm Goedzak: - -„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter auf die -andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch ich mochte kein -Mägdlein schlagen und lief davon“. - -Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und Klas sah -eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite ging ein mageres -Dirnlein von bösem Aussehen. - -„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt meine -Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme mich, Meister -Kohlenträger!“ - -„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn und laß -uns sonder Furcht zu ihnen gehen“. - -Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und wollten ihn -beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt hatte, und die -Schwester, weil sie es gewohnt war. - -Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie: - -„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“ - -Doch die Mutter umhalste ihn schon, dieweil das Mägdlein mit Gewalt -Lamms Hände öffnen wollte, sein Geld zu bekommen. Er aber schrie: - -„Es ist mein, Du sollst es nicht haben!“ - -Und er hielt die Fäuste fest zu. - -Klas aber schüttelte das Mägdlein derb bei den Ohren und sprach zu ihr: - -„Wenn es noch einmal geschieht, daß Du Händel mit Deinem Bruder -suchst, welcher gut und sanft ist wie ein Lamm, so werde ich Dich in -ein schwarzes Kohlenloch stecken, und da werde nicht ich Dich bei den -Ohren zupfen, sondern der rote Teufel aus der Höllen, der wird Dich mit -seinen großen Klauen und seinen Zähnen wie Heugabeln in Stücke reißen“. - -Bei dieser Rede wagte das Mägdlein Klas nicht mehr anzublicken noch -Lamm zu nahen, und suchte Schutz hinter dem Rücken der Mutter. Als sie -aber in die Stadt kamen, schrie sie allerorten: - -„Der Kohlenträger hat mich geschlagen; er hat den Teufel in seinem -Keller“. - -Fortan schlug sie Lamm nicht mehr; doch als sie groß war, ließ sie ihn -ihre Arbeit verrichten und der gute Tropf tat es gern. - -Klas hatte seinen Fang unterwegs an einen Pächter verkauft, der ihn ihm -abzunehmen pflegte. Als er heimkehrte, sprach er zu Soetkin: - -„Dieses fand ich im Bauche von vier Hechten, neun Karpfen und einen -Korb voll Aale“. Und er warf zwei Gulden und einen Heller auf den Tisch. - -„Was gehst du nicht täglich auf den Fischzug, Mann?“ fragte Soetkin. - -Klas gab zur Antwort: „Damit ich nicht selber zum Fisch werde für die -Netze des Gemeinbüttels“. - - -4 - -Ulenspiegels Vater ward in Damm Klas der Kohlenträger genannt. Er hatte -schwarzes Haar, feurige Augen, und seine Haut war von der Farbe seiner -Ware, außer an Sonn- und Feiertagen, allwo es reichlich Seife in der -Hütte gab. Er war klein, vierschrötig und stark und hatte ein lustiges -Antlitz. Wenn er nach dem Tagewerk bei sinkender Nacht in einer Schänke -am Wege nach Brügge einkehrte, um sich die schwarze Kohle mit Kuyt -aus der Kehle zu spülen, riefen alle Frauen, die auf den Türschwellen -frische Luft schöpften, ihm freundwillig zu: - -„Guten Abend und klares Bier, Kohlenträger“. - -„Guten Abend und einen wachsamen Mann“, gab Klas zum Bescheid. - -Die Mägdlein, die zuhauf von den Feldern heimkehrten, stellten sich -alle vor ihn hin und sprachen zu ihm: - -„Was zahlst Du als Wegzoll: ein scharlachnes Band, einen Goldring, -Sammetschuhe oder einen Gülden in die Gürteltasche?“ - -Doch Klas faßte sie um die Hüften und küßte sie auf Wangen und Hals, -oder was sonst seinem Munde am nächsten war. Dann sprach er: - -„Den Rest, ihr Schätzchen, den Rest fordert von Eurem Liebsten“. - -Und sie gingen laut lachend von dannen. - -Die Kinder kannten Klas an seiner derben Stimme und am Klappern seiner -Schuhe. Sie liefen ihm entgegen und sprachen: - -„Guten Abend, Kohlenträger!“ - -„Gott gebe Euch ein gleiches, Ihr Engelein“, sprach Klas. „Doch kommt -mir nicht nahe, auf daß ich Euch nicht zu Mohrenkindern mache“. - -Doch die Kleinen waren keck und kamen heran. Da griff er eines am Wams, -rieb das rosige Mäulchen mit seinen Händen ein und ließ das Kind, -welches trotzdem lachte, zur großen Freude aller andern entlaufen. - -Soetkin, Klasens Frau, war ein braves Weib, früh auf wie das Morgenrot -und emsig wie eine Ameise. - -Klas und sie bestellten zu zweit ihre Felder und spannten sich gleich -Ochsen vor den Pflug. Gar mühevoll war das Ziehen, doch noch schwerer -die Egge, wenn das ländliche Werkzeug mit seinen hölzernen Zähnen die -harten Schollen zerreißen sollte. Sie taten es gleichwohl fröhlichen -Mutes und sangen ein altes Liedchen dabei. - -Und es half der Erde nichts hart zu sein; umsonst warf die Sonne -ihre heißesten Strahlen auf sie. Und ob sie auch ihre Lenden grausam -anstrengen mußten, wenn sie mit gebogenen Knien die Egge schleppten: -sobald sie stillhielten und Soetkin ihr sanftes Antlitz zu Klas wandte, -und Klas küßte diesen Spiegel einer zärtlichen Seele, so vergaßen sie -der großen Mühsal. - - -5 - -Tags zuvor war an den Fenstergittern des Stadthauses ausgerufen, es -solle gebetet werden für Ihre Majestät, Kaiser Karls Gemahlin, die -schwanger war, daß sie bald niederkäme. - -Am ganzen Leibe zitternd, trat Katheline bei Klas ein. - -„Was ficht Dich an, Gevatterin?“ fragte der Biedermann. - -„Wehe!“ antwortete sie in abgerissenen Worten. „Diese Nacht / Geister, -die Menschen mähten wie Schnitter das Gras / Mägdlein lebendig -begraben; auf ihrem Leib tanzte der Henker! Der Stein, der seit neun -Monden Blut geschwitzt hat, diese Nacht geborsten.“ - -„Erbarm Dich unser! Erbarm Dich unser, Herr Gott!“ stöhnte Soetkin, -„das ist eine üble Vorbedeutung für das Land Flandern.“ - -„Sahest Du das mit Deinen Augen oder im Traume?“ fragte Klas. - -„Mit meinen Augen“, erwiderte Katheline. - -Bleich wie der Tod und mit Thränen hub sie wieder an: - -„Zwei Kindlein sind geboren, eins in Hispanien, das ist das Kind -Philipp, das andre im Lande Flandern, das ist des Klas Sohn, so -dereinst Ulenspiegel genannt wird. Philipp wird ein Henker werden, denn -er ist erzeugt von Kaiser Karl, dem Mörder unsres Landes. Ulenspiegel -wird ein großer Meister in lustigen Reden und Bubenstreichen sein, -aber er wird ein gutes Herz haben, denn er hat Klas zum Vater gehabt, -einen wackeren Arbeitsmann, der in Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und -Leutseligkeit sein Brot zu verdienen weiß. Karl der Kaiser und Philipp -der König werden hoch zu Roß durchs Leben reiten und mit Schlachten, -Erpressungen und andrem Verbrechen Unheil stiften. Klas, der die ganze -Woche arbeitet, nach Recht und Gesetz lebt und lacht, statt bei seiner -harten Arbeit zu weinen, wird das Vorbild der guten Flandrischen -Arbeiter sein. - -„Ulenspiegel wird den Tod nicht sehen und allzeit jung sein; er wird -die Welt durchwandern und an keinem Orte sich festsetzen. Er wird -Bauer, Edelmann, Maler und Bildhauer sein / alles mit einander. Und -also wird er die Welt durchwandern, gute und schöne Dinge loben, -und der Dummheit aus voller Kehle spotten. Klas ist Dein Mut, edles -flämisches Volk, Soetkin Deine tapfre Mutter, Ulenspiegel Dein Witz, -ein artig und lieblich Mägdlein, des Ulenspiegel Genossin und gleich -ihm unsterblich, wird Dein Herz sein, und ein dicker Bauch, Lamm -Goedzak, Dein Magen. Oben werden die Menschenvertilger sein, unten -die Opfer; oben diebische Drohnen, unten emsige Bienen, und im Himmel -werden Christi Wunden bluten.“ - -Nach solchen Worten entschlief Katheline, die gute Zauberin. - - -6 - -Ulenspiegel ward zur Taufe getragen; plötzlich fiel ein Platzregen, der -ihn schier durchnäßte. Also ward er zum ersten Male getauft. - -Da er in die Kirche kam, hieß der Küster und Schulmeister Eltern und -Paten sich um das Taufbecken stellen, welches geschah. - -Doch im Gewölbe über dem Taufbecken hatte ein Maurer ein Loch gemacht, -um allda eine Lampe an einem Stern von vergüldetem Holz aufzuhängen. -Da er von oben die Paten stocksteif um das Taufbecken stehen sah, auf -welchem der Deckel noch ruhte, goß er durch das Loch in der Wölbung -voller Tücke einen Kübel Wassers, also daß dieses auf den Deckel -stürzte und ein gewaltig Spritzen geschah. Ulenspiegel bekam das größte -Teil davon. Und also ward er zum andern Male getauft. - -Der Dechant kam und sie führten Klage bei ihm; er aber sagte, sie -sollten sich sputen und es wäre ein Zufall. Ulenspiegel zappelte wegen -des Wassers, das auf ihn gefallen war. Der Dechant gab ihm Salz und -Wasser und nannte ihn Thylbert, das heißt „reich an Bewegungen.“ So -ward er zum dritten Male getauft. - -Da sie die Frauenkirche verlassen, gingen sie in die Lange Gasse und -kehrten gegenüber der Kirche in den „Rosenkranz der Flaschen“ ein, -an welchem ein Krug das Credo bildete. Dort tranken sie siebzehn -Kannen Doppelbier und noch mehr. Denn solches ist der rechte Brauch in -Flandern, daß man im Bauche ein Feuer anzündet, um durchnäßte Leute zu -trocknen. So ward Ulenspiegel zum vierten Male getauft. - -Da sie nun heim taumelten und ihr Kopf schwerer war denn ihr Körper, -kamen sie an einen Steg, der über ein Wasser gelegt war. Katheline, -die Pathin war und das Kind trug, tat einen Fehltritt und fiel mit -Ulenspiegel in die Lache. Also ward er zum fünften Male getauft. - -Doch man zog ihn aus dem Pfuhle, um ihn in Klasens Hause mit warmem -Wasser zu waschen; und das war seine sechste Taufe. - - -7 - -Am selbigen Tage beschloß seine Heilige Majestät, Kaiser Karl, -glänzende Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes fürstlich zu -feiern. Er beschloß gleich Klas auf den Fischzug zu gehen, doch nicht -in einem Kanal, sondern in den Gürteltaschen und Geldkatzen seiner -Völker. Denn daraus ziehen die fürstlichen Angelruten Crusados, -Silberdaelders und Löwentaler, und alle diese wundersamen Fische -wandeln sich nach Belieben des Fischers in Sammet, Kleider, kostbare -Juwelen, erlesene Weine und feine Speisen. Denn die fischreichsten -Flüsse sind nicht die, so das meiste Wasser führen. - -Da er nun seine Räte um sich versammelt hatte, bestimmte seine Heilige -Majestät, daß der Fischzug wie folgt ausgeführt würde: Seine Hoheit der -Infant sollte in der neunten oder zehnten Stunde zur Taufe getragen -werden. Um ihre große Freude darzutun, sollten die Einwohner von -Valladolid die ganze Nacht durch Schmausereien und Gelage halten, alles -auf ihre Kosten, und auf dem Marktplatz Geld für die Armen streuen. - -An fünf Straßenecken sollte ein großer Springbrunnen sein und bis -Tagesanbruch gewöhnlichen Wein in Strömen hervorsprudeln, welchen die -Stadt bezahlte. An fünf anderen Ecken sollten an hölzernen Gerüsten -kleine Würste, ferner Schlack-, Leber- und Knackwürste, Ochsenzungen -und andre Fleischarten aufgehängt werden, desgleichen zu Lasten der -Stadt. - -Die Bürger von Valladolid sollten da, wo der Zug vorbeikommen mußte, -auf ihre Unkosten eine große Zahl von Triumphbögen errichten, welche -den Frieden, das Glück, den Überfluß und das günstige Geschick -darstellten, sowie jegliche Himmelsgabe, womit sie unter der Herrschaft -seiner Kaiserlichen Majestät überschüttet worden. - -Endlich sollten außer diesen Friedensbögen etliche andere aufgerichtet -werden, an welchen in lebhaften Farben weniger milde Sinnbilder zu -sehen waren, als das sind: Adler, Löwen, Lanzen, Hellebarden, Spieße -mit glänzender Zunge, Hakenbüchsen, Kanonen, Feldschlangen mit großem -Rachen und andre Maschinen, so die kriegerische Macht und Stärke seiner -heiligen Majestät versinnbildlichen sollten. - -Was die Lichter zum Erleuchten der Kirche betraf, so sollte es der -Gilde der Wachszieher verstattet sein, zwanzigtausend Kerzen ohne -Entgelt herzustellen, und was davon nicht verbrannt ward, das sollte -dem Domkapitel zufallen. - -Was aber die anderen Ausgaben betraf, so wollte der Kaiser sie gerne -bestreiten und solchergestalt seinen guten Willen zeigen, seinen -Völkern nicht allzugroße Lasten aufzulegen. - -Als die Gemeine dies Gebot auszuführen trachtete, traf von Rom her -klägliche Kunde ein. Oranien, Alençon und Frundsberg, des Kaisers -Hauptleute, waren in die heilige Stadt gedrungen und hatten allda -Kirchen, Kapellen und Häuser eingeäschert und ausgeplündert und niemand -geschont, nicht die Priester und Klosterfrauen noch die Weiber und -Kinder. Der heilige Vater war gefangen worden. Seit einer Woche währte -das Plündern, und Reiter wie Lanzknechte durchstreiften die Stadt, -übersättigt von Speise und berauscht vom Trinken. Sie schwangen ihre -Waffen, suchten die Kardinäle und drohten, sie würden ihnen genug ins -Fell schneiden, daß sie nie Päpste würden. Andre, so diese Drohung -bereits ausgeführt hatten, stolzierten in der Stadt umher und trugen -Rosenkränze auf der Brust, mit achtundzwanzig und mehr Kugeln, groß -wie Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren gleich roten Bächen, -darinnen die nackten Leiber der Toten lagen. - -Etliche sagten, der Kaiser, dieweil er Geld brauchte, hätte solches im -geistlichen Blut fischen wollen; und da er von dem Vertrage, den seine -Hauptleute dem gefangenen Papst auferlegt hatten, Kenntnis erhalten, -so zwang er ihn, die festen Plätze seiner Staaten zu übergeben, 400 -000 Dukaten zu bezahlen und solange im Gefängnis zu bleiben, bis alles -vollführt sei. - -Jedoch der Schmerz seiner Majestät war groß, und er sagte alle -Vorbereitungen zu Freude, Festen und Lustbarkeiten ab und gebot den -Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und der Infant ward in -seinen weißen Windeln getauft, welches die Windeln königlicher Trauer -sind. Solches legten die Herren und Damen als üble Vorbedeutung aus. - -Dem ohngeachtet stellte die Frau Amme den edlen Herren und Damen des -Palastes den Infanten dar, auf daß sie ihm nach dem Brauche Wünsche und -Gaben darbrächten. - -Madonna de la Coena hing ihm einen schwarzen Stein wider das Gift um -den Hals, von der Form und Größe einer Nuß, mit güldener Schale. Madame -de Chauffade knüpfte ihm an einen seidenen Faden, der bis auf den -Magen hing, eine Haselnuß an, welche die gute Verdauung der Speisen -befördert. Messire van der Steen aus Flandern brachte ihm eine Genter -Wurst dar, fünf Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte seiner -Hoheit ehrerbietigst, daß sie bei dem bloßen Geruche gut gentischen -Durst nach Clauwaert verspürte; denn er sagte, wer das Bier einer Stadt -gern trinkt, der kann dessen Brauer nicht hassen. Der Herr Stallmeister -Jakob Christoph von Castilien ersuchte seine Hoheit den Infanten, an -seinen Füßlein grünen Jaspis zu tragen, damit er gut laufen könnte. Jan -de Paepe, der Narr, der dabei war, sprach: „Messire, gebt ihm lieber -die Posaune Jerichos, bei deren Schall alle Städte eilends vor ihm -davonlaufen, mitsamt ihren Einwohnern, Männern, Weibern und Kindern, -um sich andernorts niederzulassen. Denn Seine Hoheit soll nicht selbst -laufen lernen, sondern andre laufen lassen.“ - -Die trauernde Wittib des Floris van Borsele, welcher Herr von Veere und -Seeland gewesen, gab Herrn Philipp einen Stein, welcher, so sprach sie, -die Männer verliebt und die Frauen untröstlich machte. - -Doch der Infant blökte wie ein Kalb. - -Indessen steckte Klas seinem Sohn eine Klapper von Weidengeflecht mit -Schellen daran in die Hände, und dieweil er Ulenspiegel auf seiner Hand -tanzen ließ, sprach er: „Glöcklein, Glöcklein, Klinglingling. Möchtest -Du deren immerdar an Deinem Barett haben, kleiner Mann, denn den Narren -gehört die Welt.“ - -Und Ulenspiegel lachte. - - -8 - -Klas hatte einen großen Lachs gefangen; der ward eines Sonntags von -ihm, Soetkin, Katheline und dem kleinen Ulenspiegel verspeist. Aber -Katheline aß nicht mehr denn ein Vogel. - -„Gevatterin,“ sprach Klas zu ihr, „ist die Luft in Flandern dermalen so -kräftig, daß Du sie nur einzuatmen brauchst, um satt zu werden wie von -einem Fleischgericht? Wann wird man so leben? Wenn die Regengüsse gute -Suppen wären, wenn es Bohnen hagelte und der Schnee, in himmlisches -Hackfleisch verwandelt, die armen Wanderer labte.“ - -Katheline schüttelte den Kopf und sprach kein Wort. - -„Seh einer das betrübte Weib! Was macht ihr Kummer?“ - -Da sagte Katheline mit einer Stimme, die gleich einem Hauch war: - -„Der Böse / wenn Nacht schwarz herabsinkt / Ich höre, wie er sein -Kommen ankündigt / schreiend wie ein Fischadler. / Schaudernd bet' ich -zur Heiligen Jungfrau / vergebens. / Für ihn nicht Mauern noch Zäune, -nicht Türen noch Fenster; dringt überall hin wie ein Geist. / Die -Leiter kracht. / Er ist bei mir auf dem Boden, wo ich schlafe, / faßt -mich mit seinen kalten Armen, hart wie Marmelstein. / Eisiges Gesicht, -Küsse feucht wie Schnee, / Die Erde wankt und die Hütte schwankt, wie -ein Nachen auf stürmischer See.“ - -„Mußt jeden Morgen zur Messe gehen,“ riet Klas, „damit der Herr -Jesus Dir die Kraft gibt, den Spuk, der von da unten gekommen ist, zu -vertreiben.“ - -„Er ist so schön,“ sagte sie. - - -9 - -Da Ulenspiegel entwöhnt war, wuchs er wie eine junge Pappel. Nun küßte -Klas ihn nicht mehr so oft, sondern liebte ihn in derber Weise, auf daß -er nicht weichlich würde. - -Wenn Ulenspiegel heimkehrte und Klage führte, daß sie ihn bei einem -Streit durchgebläut hätten, schlug Klas ihn aufs Neue, weil er die -andren nicht geschlagen; und also erzogen, ward Ulenspiegel kühn wie -ein junger Leu. - -Wenn Klas nicht daheim war, bat Ulenspiegel die Mutter um einen Heller, -um spielen zu gehen. Soetkin ward bös und sprach: „Was brauchst Du zu -spielen! Du tätest besser, daheimzubleiben und Reisig zu schnüren.“ - -Wenn Ulenspiegel sah, daß er nichts kriegte, schrie er wie ein Adler; -doch Soetkin vollführte mit Kesseln und Töpfen, die sie in einer -Holzbütte wusch, einen großen Lärm und tat, als hörte sie nichts. -Alsdann weinte Ulenspiegel, und die schwache Mutter ließ die gespielte -Härte fallen, kam zu ihm, liebkoste ihn und sprach: „Hast Du an einem -Heller genug?“ Nun aber wißt Ihr, daß der Heller sechs Deut galt. - -Solchermaßen liebte sie ihn zu sehr, und wenn Klas nicht daheim war, so -war Ulenspiegel König im Hause. - - -10 - -Eines Morgens sah Soetkin, wie Klas in der Küche gesenkten Hauptes -umherlief, gleich einem in Gedanken verlorenen Menschen. „Was plagt -Dich, Mann?“ fragte sie. „Du bist blaß, zornmütig und zerstreut.“ - -Da antwortete er mit leiser Stimme wie ein knurrender Hund: - -„Sie wollen die grausamen Anschläge des Kaisers erneuern. Der Tod wird -aufs Neue über dem Lande Flandern schweben. Den Angebern wird die -Hälfte von der Habe der Opfer versprochen, wenn das Vermögen nicht mehr -ist als hundert Karolustaler.“ - -„Wir sind arm,“ sagte sie. - -„Arm“, sprach er, „doch nicht genug. Es gibt schlechte Menschen, Geier -und Raben, die leben von Leichen und würden uns ebenso gern anzeigen, -um mit Seiner Heiligen Majestät einen Korb Kohlen wie einen Sack -Karolustaler zu teilen. Was besaß die arme Tannecker, die Wittib des -Schneiders Sis, die zu Heyst lebendig verbrannt ward? Eine lateinische -Bibel, drei Goldgülden und etlichen Hausrat von englischem Zinn, wonach -es ihre Nachbarin gelüstete. Johanna Martens ward als Hexe verbrannt -und zuvor ins Wasser geworfen, denn ihr Körper schwamm obenauf und das -galt für ein Zeichen von Zauberei. Sie hatte ein paar armselige Stücke -Hausrat und sieben Goldkarolus in der Geldkatze, und der Angeber wollte -die Hälfte davon haben. Ach, so könnte ich bis morgen noch mit Dir -sprechen. Aber gestehe es, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr -lebenswert wegen der Anschläge. Bald wird jegliche Nacht der Karren -des Todes durch die Stadt fahren, und wir werden hier hören, wie das -Gerippe darin mit den Knochen klappert.“ - -Soetkin sprach: „Du mußt mich nicht bange machen, Mann. Der Kaiser -ist der Vater von Flandern und Brabant und als solcher voll Langmut, -Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit“. - -„Er würde zuviel dabei verlieren, denn er lebt von den eingezogenen -Gütern“. - -Plötzlich erscholl die Trompete, und die Zimbeln des Stadtherolds -dröhnten. Klas und Soetkin nahmen Ulenspiegel abwechselnd auf den -Arm und liefen mit dem Volkshaufen dem Lärm nach. Sie kamen vor das -Stadthaus. Daselbst hielten zu Pferde die Herolde, so die Trompete -bliesen und die Becken schlugen. Der Profoß hatte die Rute der -Gerechtigkeit und der Amtmann hielt im Sattel mit beiden Händen eine -kaiserliche Verordnung und schickte sich an, sie dem versammelten Volke -vorzulesen. - -Klas verstand wohl, daß es fortan verboten sei, für Alle im Allgemeinen -und im Besonderen, zu drucken, zu lesen, zu haben oder zu unterstützen -die Schriften, Bücher und Lehre von Martin Luther, Johann Wykliff, -Johannes Huß, Marcilius von Padua, Öcolampadius, Ulrich Zwingli, -Philippus Melanchthon, Franciscus Lambertus, Johannes Bugenhagen, -Johannes Pomeranus, Otto Brunselsius, Justus Jonas, Johannes Puperis -und Gorcianus, desgleichen die neuen Testamente gedruckt von Adrian de -Berghe, Christoph von Remonda und Johannes Zel, die voll lutherischer -und anderer Ketzereien, auch von der theologischen Fakultät der -Universität Löwen verworfen und verdammt waren. „Noch gleichermaßen -zu malen und abzukonterfeien, noch malen oder abkonterfeien zu lassen -schändliche Schildereien oder Bildnisse von Gott und der Heiligen -Jungfrau Maria, oder zu zerreißen, zu zerbrechen und auszulöschen die -Bilder oder Malereien, die zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis -Gottes und der Jungfrau Maria oder der von der Kirche anerkannten -Heiligen gemacht sind“. - -„Des weiteren,“ sagte die Verordnung, „daß niemand, welches Standes -er sei, sich unterfange, die heilige Schrift mitzuteilen noch darüber -zu disputieren, selbst in zweifelhafter Sache, wenn anders er nicht -ein wohl beleumdeter und von einer berühmten Universität anerkannter -Theologe ist“. - -Seine Heilige Majestät setzte unter anderen Strafen fest, daß die -Verdächtigen niemals ein Ehrenamt ausüben dürften. Was die Rückfälligen -oder in ihrem Irrtum Beharrenden beträfe, so sollten sie verurteilt -werden, bei langsamem oder raschem Feuer verbrannt zu werden, nach -Ermessen des Richters in einer Strohhütte oder an einen Pfahl gebunden. -Die anderen, so sie adlich oder gute Bürger wären, sollten durch das -Schwert hingerichtet werden, die Bauern am Galgen, die Frauen in der -Grube. Ihre Köpfe sollten zur Warnung auf Pfähle gespießt werden. Zu -Gunsten des Kaisers sollten die Güter aller dieser Personen eingezogen -werden, sofern sie sich an den der Einziehung unterworfenen Orten -befanden. - -Seine Heilige Majestät gewährte den Angebern die Hälfte aller Habe -der Gerichteten, wenn sich ihr Besitz nicht auf hundert Goldgülden -in Flandrischer Währung beliefe. Was des Kaisers Anteil beträfe, -so behielte er sich vor, ihn für fromme und barmherzige Werke zu -verwenden, wie er es bei der Plünderung Roms getan. - -Klas ging mit Soetkin und Ulenspiegel von dannen. - - -11 - -Dieweil das Jahr gut gewesen, kaufte Klas für sieben Gülden einen Esel -und neun Scheffel Erbsen und bestieg eines Morgens sein Reittier. -Ulenspiegel saß hinten auf. In diesem Aufzuge wollten sie ihren Oheim -und älteren Bruder Jobst Klas besuchen, der nicht fern von Meyborg in -Deutschland wohnte. - -Jobst war in jungen Jahren schlichten und sanften Sinnes gewesen, doch -wunderlich geworden, nachdem er unterschiedliche Unbill erduldet. Sein -Blut wandelte sich in schwarze Galle; er faßte einen Haß gegen die -Menschen und lebte wie ein Einsiedel. Es war ihm jetzt eine Lust, zwei -sogenannte getreue Freunde sich prügeln zu lassen, und er gab Dem drei -Heller, der den andern am heftigsten durchgewalkt hatte. Auch liebte -er es, die ältesten und zänkischesten Weiber in einem wohlgeheizten -Saale in großer Zahl zu versammeln, und gab ihnen geröstetes Brot -und Würzwein zu trinken. Solchen, die über sechzig alt waren, gab er -Wolle in irgend einer Ecke zu stricken und empfahl ihnen überdies, -ihre Nägel nur immer wachsen zu lassen. Und es war wundersam, das -Gurgeln und Schnalzen der Zungen, das boshafte Geklätsch, das Husten -und rauhe Ausspeien dieser alten Vogelscheuchen zu hören, welche, -die Strickscheide unter der Achsel, gemeinsam die Ehre des Nächsten -zerpflückten. - -Wenn Jobst nun sah, daß sie recht im Zuge waren, warf er eine Bürste -ins Feuer, und wenn sie brannte, war die Luft plötzlich voll Gestank. -Alsbald schrieen die Weiblein alle mitsamt und ziehen einander, die -Ursache des Gestankes zu sein. Da aber alle die Tatsache leugneten, -packten sie sich bald bei den Haaren, und Jobst warf noch mehr Bürsten -ins Feuer und geschnittene Roßhaare auf den Boden. Wenn er nichts mehr -zu sehen vermochte, dieweil das Handgemenge so wütend, der Rauch so -dicht war und den Staub aufwirbelte, so holte er zwei seiner Knechte, -als Gemeinbüttel verkleidet; die trieben die Alten mit starken -Gertenhieben aus dem Saale, gleich einer Herde wütender Gänse. Und -Jobst, der das Schlachtfeld besichtigte, fand darauf Fetzen von Röcken, -Schuhen und Hemden, auch alte Zähne. Und gar schwermütig sprach er zu -sich: „Mein Tag ist verloren; keine unter ihnen hat im Handgemenge ihre -Zunge eingebüßt“. - - -12 - -Als Klas das Weichbild von Meyborg erreichte, ritt er durch ein kleines -Holz; der Esel fraß unterwegs Disteln und Ulenspiegel warf eine Kappe -nach den Schmetterlingen und fing sie wieder auf, ohne den Rücken -des Grautiers zu verlassen. Klas verspeiste eine Schnitte Brot und -gedachte sie in der nächsten Schänke anzufeuchten. Da hörte er von -fern ein Glöcklein erklingen und den Lärm vieler Menschen, die mit -einander sprachen. „Das ist irgend eine Wallfahrt,“ sprach er, „und -die Herren Pilger sind ohne Zweifel reich an Zahl. Halte Dich fest auf -dem Langohr, auf daß sie Dich nicht herunterreißen. Wir wollen es uns -besehen. Holla, Grauer, spüre meine Fersen!“ - -Und der Esel lief hurtig. - -Er ließ das Gehölz hinter sich und kam in eine weite Ebene hinab, -die gen Westen ein Fluß begrenzte. Gen Osten war eine kleine Kapelle -erbaut; auf ihrem Giebel ragte ein Bild unserer lieben Frauen; zu ihren -Füßen aber stunden zwei kleine Figuren, die beide eines Stieres Bild -nachahmten. Auf den Stufen der Kapelle standen lachend ein Eremit, der -die Glocke läutete, fünfzig Burschen, die jeder eine brennende Kerze -trugen, sowie Spieler, Bläser und Schläger von Trommeln, Trompeten und -Pfeifen, Schalmeyen und Dudelsäcken und ein Häuflein lustiger Gesellen, -die mit beiden Händen eiserne Kästen voll alten Eisens hielten; doch -alle waren in jenem Augenblicke still. - -Fünftausend Pilger und mehr kamen zu sieben in engen Reihen des Weges; -sie hatten Helme auf dem Kopf und trugen Stöcke von grünem Holz. Wenn -neue hinzukamen, desgleichen bewehrt und behelmt, so reihten sie sich -mit großem Lärm hinter die andern. Dann schritten sie, sieben Mann -hoch, an der Kapelle vorbei, ließen ihre Knüppel segnen, empfingen -männiglich aus den Händen der Burschen eine Kerze und entrichteten -dafür dem Einsiedel einen halben Gulden. Und der Zug war so lang, daß -die Kerzen der ersten schon am Ende des Dochtes waren, dieweil die der -letzten schier in allzuviel Talg erloschen. - -Dermaßen sahen Klas, Ulenspiegel und der Esel ganz verblüfft eine große -Mannigfaltigkeit von Bäuchen an sich vorbeiziehen, dicke, hohe, lange, -spitze, stolze, feste oder solche, die schlaff auf ihre natürlichen -Stützen hinabfielen. - -Und alle Pilger waren behelmt. Die einen trugen Helme, die aus Troja -kamen und phrygischen Mützen glichen; andre waren mit roten Haarbüschen -geziert; etliche, ob sie gleich pausbäckig oder dickbäuchig waren, -trugen Helme mit ausgespannten Flügeln, dachten aber nicht ans Fliegen. -Dann kamen solche, die mit Lattichköpfen geschmückt waren, welche die -Schnecken ob der wenigen Blätter verschmäht hatten. Aber die Mehrzahl -trug so alte und rostige Helme, daß sie aus den Tagen Gambrini, des -Königs des Biers und von Flandern, zu stammen schienen, welcher König -neunhundert Jahre vor unserem Herrn lebte und ein Schoppenmaß auf dem -Haupte trug, auf daß er aus Mangel an einem Becher nicht zum Dürsten -gezwungen würde. - -Plötzlich klangen, ächzten, donnerten, schlugen, kreischten, lärmten -und klirrten Glocken, Dudelsäcke, Schalmeyen, Trommeln und Eisenstücke. -Dieser heidnische Lärm war ein Zeichen für die Pilger; sie drehten sich -um, stellten sich in Rotten von sieben gegeneinander und warfen sich -die brennende Kerze zur Herausforderung ins Gesicht, welches großes -Niesen verursachte. Dann regnete es grünes Holz. Und sie schlugen -aufeinander mit Füßen, Köpfen, Fersen und allem. Etliche stürzten sich -nach der Weise von Widdern auf ihr Widerpart, mit dem Helme voran, also -daß sie bis an die Schulter darinnen saßen und geblendet auf eine Rotte -wütender Pilger fielen, welche sie unsanft empfingen. - -Andere, die Greiner und Feiglinge waren, jammerten ob der Schläge; doch -dieweil sie ihre erbärmlichen Paternoster murmelten, stürzten zweimal -sieben sich prügelnde Pilger schnell wie der Blitz über sie her, warfen -die armen Jämmerlinge zu Boden und trampelten sonder Erbarmen darüber -hin. - -Und der Einsiedel lachte. - -Andere Rotten, so aneinander hingen wie Beeren an der Traube, rollten -von der Hochebene hinab in den Fluß, allwo sie sich mit starken -Schlägen weiter durchbläuten, ohne daß ihre Wut sich abkühlte. - -Und der Eremit lachte. - -Die, so auf der Hochebene verblieben waren, schlugen sich die Augen -blau, zerbrachen einander die Zähne, rauften sich die Haare aus und -zerrissen Wams und Hose. - -Und der Einsiedel lachte und sprach: - -„Mut, Freunde, wer gut trifft, der ist bewährt in der Liebe. Denen, -so sich am besten schlagen, lacht die Zärtlichkeit ihrer Schönen! Bei -unsrer lieben Frauen von Rindbisbels, hier sieht man wahre Männer.“ - -Und die Pilger schlugen nach Herzenslust auf einander los. - -Derweil hatte Klas sich dem Einsiedel genähert, indeß Ulenspiegel den -Schlägen mit Lachen und Schreien Beifall zollte. - -„Frommer Vater,“ sprach er, „was haben diese armen Schelme verbrochen, -daß sie sich so grauslich durchprügeln müssen?“ - -Der Eremit aber achtete sein nicht und rief: - -„Faullenzer! habt Ihr keinen Mut mehr. Wenn die Fäuste ermüden, bleiben -Euch nicht die Füße? / So wahr Gott lebt! Es sind etliche unter Euch, -die haben ihre Beine, um gleichwie Hasen von dannen zu laufen. Was -holt den Funken aus dem Stein? Das Eisen, das ihn schlägt. Was belebt -die Mannhaftigkeit der alten Leute, wo nicht eine gute Schüssel voll -Prügel, mit männlicher Wut gewürzet?“ - -Bei dieser Rede fuhren die biederen Pilger fort, sich mit Helmen, -Händen und Füßen anzufallen. Es war ein wütendes Handgemenge, dabei der -hundertäugige Argus nichts gesehen hätte, denn aufgewirbelten Staub und -etliche Helmspitzen. - -Plötzlich läutete der Einsiedel die Glocke. Pfeifen, Trommeln, -Trompeten, Dudelsäcke, Schalmeyen und Eisengerümpel hielten inne mit -Lärmen. Und dies war das Zeichen zum Frieden. - -Die Pilgrime lasen ihre Verwundeten auf. Etlichen Kämpen sah man vor -Zorn die geschwollenen Zungen aus den Mäulern hangen; doch sie gingen -von selbst in den gewohnten Gaumen. Das schwerste war, denen die Helme -abzunehmen, die bis an den Hals darinnen saßen und den Kopf schüttelten -und sie doch nicht besser abschütteln konnten denn unreife Pflaumen. - -Indessen gebot ihnen der Einsiedel: - -„Sprecht ein Ave und kehrt heim zu Euren Weibern. In neun Monden werden -so viel mehr Kinder im Weichbild sein, als es heute wackre Streiter in -der Schlacht gab.“ - -Und der Einsiedel sang das Ave und alle sangen mit ihm. Und das -Glöcklein bimmelte. - -Dann segnete der Einsiedel sie im Namen unsrer lieben Frauen von -Rindbisbels und sprach: „Ziehet hin in Frieden!“ - -Und sie zogen mit Schreien, Drängen und Singen nach Meyborg. Und alle -Weiber, alt und jung, harrten ihrer auf der Schwelle der Häuser, in -welche sie eindrangen wie Krieger in eine erstürmte Stadt. - -Die Glocken von Meyborg läuteten mit aller Macht, und die Knaben -schrieen, pfiffen und spielten den Rommelpot. Die Kannen, Humpen, -Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen klangen wundersam an. Und der -Wein floß in Strömen in die Kehlen. - -Dieweil dieses Klingen erscholl und der Wind den Gesang der Männer, -Weiber und Kinder in Stößen herbeitrug, sprach Klas aufs neue zu dem -Einsiedel und fragte ihn, welche Gnade des Himmels diese braven Leute -durch solch saures Werk zu erlangen gedächten. - -Der Einsiedel aber antwortete lachend. - -„Du siehst auf dieser Kapelle zwei gemeißelte Bilder, so zwei Stiere -darstellen. Sie sind dort zum Gedächtnis an das Wunder errichtet, -das der heilige Martin tat, da er zwei Rinder in Stiere verwandelte, -dadurch, daß er sie mit den Hörnern auf einander stoßen ließ und ihnen -das Maul mit Talg und grünem Holz einrieb, wohl über eine Stunde. - -„Da ich nun das Wunder wußte und mit einem gut bezahlten Breve -Seiner Heiligkeit versehen war, so ließ ich mich hier nieder. Ich -beredete alle alten Huster und Schmerbäuche von Meyborg und Umgegend, -und fortan waren sie sicher, daß sie sich unsre liebe Frau geneigt -machten, wenn sie sich weidlich durchbläuten mit der Kerze, welche -die Salbung darstellt, und dem Stock, welcher die Kraft bedeutet. Die -Weiber schicken ihre alten Männer hierher. Die Kinder, so kraft dieser -Wallfahrt zur Welt kommen, sind gewalttätig, kühn, wild, gewandt und -werden vollkommene Kriegsleute.“ - -Plötzlich sagte der Einsiedel zu Klas: - -„Erkennest Du mich?“ - -„Ja,“ erwiderte Klas, „Du bist mein Bruder Jobst.“ - -„Der bin ich“, sprach der Einsiedel. „Welcher ist aber dieser kleine -Mann, der mir Fratzen schneidet?“ - -„Das ist Dein Brudersohn“, gab Klas zur Antwort. - -„Welchen Unterschied machst Du zwischen mir und Kaiser Karl?“ - -„Einen großen“, entgegnete Klas. - -„Einen kleinen,“ sprach Jobst, „denn er läßt die Menschen einander -umbringen und ich lasse sie einander sich schlagen, und das tun wir -beide zu unserem Nutzen und Kurzweil.“ - -Dann führte er sie in die Einsiedelei, allwo sie eilf Tage ohne -Ausruhen Schmaus und Gelage hielten. - - -13 - -Als Klas seinen Bruder verließ, stieg er wieder auf seinen Esel und -nahm Ulenspiegel hinten auf. Er ritt über den Marktplatz von Meyborg -und sah dort eine große Zahl Pilger zuhauf stehen. Wie diese die Beiden -erschauten, wurden sie ergrimmt, schwangen ihre Stöcke und schrieen -plötzlich alle mitsammen: „Schalksnarr!“ Das geschah wegen Ulenspiegel, -welcher seine Hosenklappe aufgemacht, sein Hemd hochgezogen hatte -und ihnen die Kehrseite wies. Da nun Klas sah, daß es sein Sohn war, -welchen sie bedräuten, fragte er ihn: - -„Was hast Du getan, daß sie so böse auf Dich sind?“ - -„Lieber Vater,“ sagte Ulenspiegel, „Du siehst wohl, daß ich -stillschweige und niemand nichts tue, da sagen die Leute, ich sei ein -Schalk!“ - -Da setzte Klas ihn vor sich hin. - -So sitzend, streckte Ulenspiegel den Pilgern die Zunge heraus, und -diese schrieen voll Zorn, drohten mit der Faust und erhoben den -Knüppel, um Klas und den Esel zu schlagen. - -Aber Klas gab dem Esel die Fersen, daß er ihrem Grimm entränne, und -dieweil sie ihn verfolgten, sprach er atemlos zu seinem Sohne: - -„Du bist freilich in einer unglückseligen Stunde geboren. Du sitzest -still und schweigst und tust niemand nichts, und doch wollen sie Dich -totschlagen.“ Ulenspiegel lachte. - -Da sie durch Lüttich kamen, erfuhr Klas, daß die armen Leute an der -Küste großen Hunger litten und daß man sie der Rechtsprechung des -geistlichen Gerichts unterstellt hätte. Sie empörten sich, um Brot und -weltliche Richter zu kriegen. Etliche wurden enthauptet oder gehenkt, -und die andren des Landes verwiesen. So groß war dazumal die Milde des -Hochwürdigen Herrn von der Marck, des sanften Erzbischofs. - -Auf dem Wege sah Klas die Verbannten, die das liebliche Tal von -Lüttich flohen, und an den Bäumen vor der Stadt hingen die Leichen -derer, so um ihres Hungers willen gehenkt waren. Und er weinte über sie. - - -14 - -So ritt er auf dem Esel nach Hause, mit einem Sack voll Heller -versehen; den hatte ihm sein Bruder Jobst geschenkt samt einem schönen -Humpen von englischem Zinn. Da gab es in der Hütte des Sonntags -Schlemmereien und werktäglich Feste, denn sie aßen alle Tage Fleisch -und Bohnen. Klas füllte den großen Humpen aus englischem Zinn mit -Doppelbier und leerte ihn oftmals. Ulenspiegel aß für drei und fuhr in -der Schüssel herum wie ein Sperling in einem Haufen Körner. - -„Jetzt frißt er gar das Salzfaß auf“, sagte Klas. - -Ulenspiegel erwiderte: - -„Ist das Salzfaß aus einem Stück ausgehölten Brotes gemacht wie bei -uns, so muß man es zuweilen verspeisen, auf daß nicht die Würmer -hineinkommen, wann es alt wird.“ - -„Weshalb wischest Du Deine fettigen Hände an Deinen Hosen ab?“ fragte -Soetkin. - -„Damit niemals die Schenkel naß werden“, sprach Ulenspiegel. - -Darob tat Klas einen tiefen Trunk aus seinem Humpen. - -Ulenspiegel sagte zu ihm: - -„Warum hast Du einen so großen Krug und ich nur einen kläglichen -Becher?“ - -Klas antwortete: „Weil ich Dein Vater bin und Herr im Hause.“ - -Ulenspiegel entgegnete: - -„Du trinkst seit vierzig Jahren und ich nur seit neun. Deine Zeit ist -vorüber und meine Zeit zum Trinken ist gekommen; es ist also an mir, -den Humpen zu haben, und an Dir, den kleinen Becher zu nehmen.“ - -„Sohn,“ sprach Klas, „das hieße Bier in den Fluß schütten, wenn man das -Maß einer Tonne in ein Fäßlein gießen wollte.“ - -„Du wirst also klug tun, wenn Du Dein Fäßlein in meine Tonne gießest, -denn ich bin größer als Dein Humpen,“ erwiderte Ulenspiegel. - -Und Klas gab ihm mit Freuden seinen Humpen zu leeren. Und so lernte -Ulenspiegel seine Worte setzen, um zu trinken. - - -15 - -Soetkin trug ein Zeichen neuer Mutterschaft unter dem Gürtel. Katheline -war ebenfalls schwanger, wagte aber aus Furcht nicht, das Haus zu -verlassen. - -Da Soetkin sie heimsuchen kam, sprach die betrübte Schwangere: -„Was soll ich tun mit der armen Frucht meines Leibes? Soll ich sie -ersticken? Lieber will ich sterben. Doch wenn mich die Häscher -ergreifen, dieweil ich ein Kind habe und bin nicht verheiratet, so -werden sie mich wie eine Dirne zwanzig Gulden zahlen lassen und ich -werde auf dem Markte gestäupt werden.“ - -Soetkin sprach ihr gütlich zu, um sie zu trösten, und verließ sie und -kehrte nachdenklich heim. Also sprach sie eines Tages zu Klas: „Wenn -ich anstatt eines Kindes deren zwei hätte, würdest Du mich schlagen, -Mann?“ - -„Ich weiß nicht“, sagte Klas. - -„Wenn aber das zweite nicht aus meinem Schoß wäre, und ein Unbekannter, -wohl gar der Teufel, hätte es gezeugt?“ - -„Die Teufel erzeugen Feuer, Tod und Rauch, aber Kinder, nein. Ich würde -Kathelines Kind wie das meine halten.“ - -„Das würdest Du tun?“ - -„So sagte ich.“ - -Soetkin ging und brachte Katheline die Kunde. Da sie solches vernahm, -wußte sie sich vor Freuden nicht zu lassen und rief voller Entzücken: - -„Der gute Mann, er hat für das Heil meines armen Leibes gesprochen. -Gott wird ihn segnen, und der Teufel -- wenn anders es ein Teufel war,“ -sprach sie mit Zittern, „der Dich armes Kleines, so sich in meinem -Schoße regt, schuf.“ - -Soetkin und Katheline brachten die eine ein Knäblein, die andere ein -Mägdlein zur Welt, und alle beide trug Klas als Sohn und Tochter zur -Taufe. Soetkins Sohn ward Hans benannt und blieb nicht am Leben. -Kathelines Tochter aber hieß Nele und gedieh wohl. - -Sie trank den Lebenssaft aus vier Flaschen, den beiden von Katheline -und den beiden von Soetkin. Und die beiden Frauen machten sich in Güte -streitig, wer dem Kinde zu trinken gäbe. Doch trotz ihres Wunsches -mußte Katheline ihre Milch versiegen lassen, damit man sie nicht -fragte, woher sie käme, ohne das sie Mutter war. - -Da die kleine Nele, ihre Tochter, entwöhnt war, nahm sie sie zu sich -und ließ sie nicht eher zu Soetkin gehen, als bis sie sie Mutter -genannt hatte. Die Nachbarn aber sagten, es sei gut von Katheline, -die begütert war, daß sie das Kind von Klasens ernährte, welche ihr -mühselig Leben in Armut hinbrachten. - - -16 - -Ulenspiegel war eines Morgens allein zu Hause, und da die Zeit ihm -lang ward, so schnitt er an einem Schuh seines Vaters herum, auf daß -er ein Schifflein daraus machte. Schon hatte er den Hauptmast in der -Sohle aufgerichtet und das Oberleder durchbohrt, um das Bugspriet darin -einzulassen, da sah er durch die Tür, deren obere Hälfte geöffnet war, -den Leib eines Reiters und einen Roßkopf vorbeiziehen. - -„Ist wer drinnen?“ fragte der Reiter. - -„Anderthalb Mann und ein Pferdekopf.“ - -„Wie das?“ fragte der Reiter. - -Ulenspiegel beschied ihn: - -„Weil ich hier einen ganzen Mann sehe, das bin ich, einen halben Mann, -das ist Dein Oberkörper, und einen Pferdekopf, das ist der Deiner -Mähre.“ - -„Wo ist Dein Vater und Mutter?“ fragte der Mann. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Mein Vater ist gegangen, das Böse böser zu machen, und meine Mutter -ist dabei, uns Schande oder Schaden zu machen.“ - -„Erkläre das!“ sprach der Reiter. - -„Mein Vater gräbt zur Stunde die Löcher in seinem Felde tiefer, auf daß -die Jäger, die das Getreide zerstampfen, darinnen zu Falle und Schaden -kommen. Die Mutter ist gegangen, Geld zu leihen. Gibt sie zu wenig -wieder, so ist es eine Schande für uns, und gibt sie zu viel, so wird -es unser Schade sein.“ - -Dann fragte der Mann ihn, wohin er reiten müßte. - -„Da, wo die Gänse sind“, erwiderte Ulenspiegel. - -Der Mann ritt seines Weges und kam in der Weile zurück, da Ulenspiegel -von Klasens zweitem Schuh eine Rudergaleere machte. - -„Du hast mich gefoppt,“ sprach er, „da, wo die Gänse sind, ist nur -Schlamm und Sumpf, darinnen sie herumpatschen.“ - -„Ich habe Dir nicht gesagt, daß du hingehen sollst, wo die Gänse -patschen, sondern wo sie gehen“. - -„Zeige mir wenigstens einen Weg, der nach Heyst geht“, sprach der Mann. - -„In Flandern gehen die Fußgänger und nicht die Wege“, erwiderte -Ulenspiegel. - - -17 - -Eines Tages sprach Soetkin zu Klas: - -„Mann, mir blutet das Herz. Nun sind es drei Tage, daß Thyl das Haus -verlassen hat; weißt Du nicht, wo er ist?“ - -„Wo die herrenlosen Hunde sind, auf irgend einer Landstraße mit -etlichen Taugenichtsen seiner Art. Gott war grausam, daß er uns einen -solchen Sohn gab. Da er geboren ward, sah ich in ihm die Freude unserer -alten Tage, ein Werkzeug mehr im Hause. Ich gedachte einen Handwerker -aus ihm zu machen, und das böse Schicksal macht ihn zum Schelm und zum -Tagedieb“. - -„Sei nicht so hart, Mann“, sprach Soetkin. „Unser Sohn ist erst neun -Jahre alt und in der Blüte der Jugendtorheit. Muß er nicht gleich wie -die Bäume seine Blatthülsen auf den Weg streuen, ehe er sich mit den -Blättern schmückt, die bei Gewächsen aus dem Volke Rechtschaffenheit -und Tugend heißen? Er ist ein Schalk, aber seine Schalkheit wird ihm -dereinst zum Nutzen gedeihen, wenn er sie nicht zu schlimmen Streichen, -sondern zu einem nützlichen Handwerk gebraucht. Er macht sich gern -über seinen Nächsten lustig, doch ebenso wird er dereinst seinen Platz -in einer lustigen Bruderschaft behaupten. Er lacht immerdar, aber die -Gesichter, so mürrisch dreinschauen, sind eine üble Vorbedeutung für -die künftigen Mienen. Wenn er läuft, so tut er es, weil er wachsen muß, -maßen er noch nicht in dem Alter ist, wo man fühlt, daß die Arbeit -Pflicht ist. Und wenn er zuweilen eine halbe Woche lang Tag und Nacht -ausbleibt, so weiß er nicht, welchen Harm er uns zufügt, denn er hat -ein gutes Herz und liebt uns.“ - -Klas schüttelte den Kopf und antwortete nichts, und da er schlief, -weinte Soetkin für sich allein. Und am Morgen gedachte sie, daß ihr -Sohn etwa an irgend einer Straßenecke krank läge, und trat auf die -Türschwelle, um zu sehen, ob er nicht heimkehrte; aber sie sah nichts -und setzte sich ans Fenster und schaute von da auf die Straße. Und -manch liebes Mal hüpfte ihr das Herz in der Brust, wann sie den -leichten Schritt eines Knaben hörte. Doch wenn er vorüberging, sah sie, -daß es nicht Ulenspiegel war, und dann weinte sie, die betrübte Mutter. - - -18 - -Derweilen war Ulenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Gefährten in Brügge -auf dem Samstagsmarkt. - -Da sah man Schuster und Schuhflicker in besonderen Buden, -Kleiderhändler, Meisenfänger von Antwerpen, die nachts mit Hilfe einer -Eule die Meisen fangen, Geflügelhändler, spitzbübische Hundefänger, -Verkäufer von Katzenfellen für Handschuhe, Koller und Wämse, und -Verkäufer jeglicher Art, Bürger und Bürgerfrauen, Knechte und Mägde, -Brotbäcker, Kellermeister, Köche und Köchinnen. Und alle, Verkäufer -und Kunden, priesen je nach ihrem Stande die Ware an oder setzten sie -herab, lobten oder schalten sie. - -In einer Ecke des Marktes war ein schönes Leinenzelt mit vier Pfosten -aufgerichtet. Am Eingang stand ein Bauer aus der Ebene von Alost neben -zwei Mönchen, die das Geld einnahmen; der wies dem neugierigen Frommen -um einen Heller ein Stück vom Schulterknochen der heiligen Marie von -Ägypten. Er grölte mit heiserer Stimme die Verdienste der Heiligen und -ließ in seiner Ballade nicht aus, wie jene aus Mangel an Geld einen -jungen Fergen in schöner Naturmünze zahlte, auf daß sie nicht wider den -heiligen Geist sündigte, wenn sie jenem seinen Lohn vorenthielte. - -Und die Mönche nickten mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß der Bauer wahr -redete. Neben ihnen stand ein dickes rotes Weib, wollüstig wie Astarte, -die blies mit Gewalt einen gräulichen Dudelsack, dieweil ein anmutig -Mägdlein neben ihr wie eine Grasmücke sang. Über dem Eingang des Zeltes -aber schaukelte an zwei Stangen, an den Henkeln von Stricken gehalten, -ein Kübel mit Wasser, welches zu Rom geweiht war. So nämlich sang -es die dicke Frau, indeß die beiden Mönche mit dem Kopfe wackelten, -ihre Rede bekräftigend. Ulenspiegel betrachtete den Kübel und ward -nachdenklich. - -An einem der Zeltpfosten war ein Esel angebunden; der war mehr mit Heu -denn mit Hafer gefüttert und schaute gesenkten Hauptes zu Boden, ohne -Hoffnung, daß Disteln daraus emporwüchsen. - -„Gefährten,“ sprach Ulenspiegel und wies mit dem Finger auf das dicke -Weib, die beiden Mönche und den Trübsal blasenden Esel, „da die Herren -so schön singen, muß man auch den Esel zum Tanzen bringen“. - -So gesagt, ging er zur nächsten Bude, kaufte sich um einen Heller -Pfeffer, hub dem Esel den Schwanz auf und rieb den Pfeffer darunter. - -Da der Esel den Pfeffer verspürte, blickte er unter seinen Schwanz, -woher ihm solche ungewohnte Wärme käme. Vermeinend, der feurige Teufel -sei da, wollte er laufen, um ihm zu entrinnen, und hub an zu schreien -und auszuschlagen und schüttelte den Pfosten aus allen Kräften. Der -Kübel, der zwischen den Stangen hing, ergoß beim ersten Ruck all sein -Weihwasser über das Zelt und die, so darinnen waren. Das Zelt aber -sank alsbald zusammen und begrub die Leute, welche die Geschichte der -ägyptischen Marie anhörten, mit einem feuchten Mantel. - -Und Ulenspiegel und seine Genossen hörten lautes Geschrei und Klagen -unter der Leinewand, denn die Frommen, so darunter waren, ziehen -einander, daß sie den Kübel umgeschüttet hätten, ärgerten sich grün und -gelb und schlugen sich mit grimmigen Faustschlägen. Die Leinewand hob -sich unter der Anstrengung der Kämpfenden. Allemal, wenn Ulenspiegel -eine runde Form sich darauf abzeichnen sah, stach er mit einer Nadel -hinein. Dann gab es noch lauteres Geschrei unter der Leinewand und ward -das Puffen noch grimmer. - -Und er war sehr lustig und ward es noch mehr, als er sah, daß der Esel -davonrannte und Leinewand, Kübel und Pfosten hinterdrein schleppte, -dieweil der Besitzer des Zeltes mit Weib und Kind sich an das Gerümpel -anklammerte. Der Esel konnte nicht mehr laufen, er hob das Maul in -die Luft, und wenn er mit Schreien innehielt, war es, um unter seinem -Schwanz nachzusehen, ob das Feuer darunter nicht bald erlosch. - -Inzwischen setzten die Frommen ihre Schlacht fort. Die Mönche aber, -ohne an sie zu denken, rafften das Geld auf, das aus dem Sammelkasten -gefallen war, und Ulenspiegel half ihnen andächtig dabei und nicht ohne -Nutzen. - - -19 - -Dieweil des Kohlenträgers nichtsnutziger Sohn an lustiger Bosheit -zunahm, verkümmerte des erhabenen Kaisers kläglicher Sproß in dürrer -Melancholie. Herren und Damen sahen den Schwächling, wie er durch die -Gemächer und Wandelgänge zu Valladolid seinen gebrechlichen Leib und -seine schlotternden Beine schleppte, welche nur mühsam die Last des -dicken Kopfes mit den blonden Haarborsten trugen. - -Immer suchte er die dunklen Gänge auf und saß stundenlang da mit -gespreizten Beinen. Trat ihm irgend ein Diener aus Versehen darauf, so -ließ er ihn peitschen und fand seine Lust daran, ihn bei den Schlägen -schreien zu hören. Doch er lachte nicht. - -Den nächsten Tag stellte er die nämliche Falle wo anders. Er setzte -sich mit ausgestreckten Beinen in irgend einen Korridor, und die Damen, -Herren oder Pagen, die mehr oder minder eilends dort vorbeikamen, -stolperten über ihn, fielen und taten sich weh. Auch daran erlabte er -sich, doch er lachte nicht. - -Wenn einer von ihnen ihn anrannte und nicht fiel, so schrie er, als -hätte man ihn geschlagen, und es war ihm eine Lust, ihren Schrecken zu -sehen; doch er lachte nicht. - -Seiner heiligen Majestät ward von diesen Anschlägen gemeldet, doch sie -befahl, daß man des Infanten nicht achten solle; denn sie sagte, wenn -er nicht wolle, daß man ihm auf die Beine träte, so solle er sich nicht -da aufhalten, wo die Füße gingen. Solches mißfiel Philipp, doch er -sagte nichts, und man sah ihn nicht mehr, es sei denn, daß er an einem -hellen Sommertag in den Hof ging, um seinen fröstelnden Leib in der -Sonne zu wärmen. - -Eines Tages, da Karl aus dem Kriege heimkehrte, sah er ihn so, wie er -Schwermut brütete. - -„Mein Sohn,“ sprach er zu ihm, „wie verschieden bist Du doch von mir! -In Deinen jungen Jahren war meine Kurzweil, auf Bäume zu klettern und -den Eichkatzen nachzustellen. Ich ließ mich an einem Seil von einer -Felsspitze herunter, um die jungen Adler aus ihrem Horste zu nehmen. -Ich konnte bei diesem Spiel meine Knochen einbüßen, doch sie wurden um -so fester. Auf der Jagd flüchteten die wilden Tiere ins Dickicht, wenn -sie mich mit meinem guten Feuerrohr nahen sahen.“ - -„Ach,“ seufzte der Infant, „ich habe Bauchgrimmen, Herr Vater.“ - -„Der Wein von Paxaret“, sprach Karl, „ist ein treffliches Mittel -dagegen.“ - -„Ich mag keinen Wein, ich habe Kopfweh, Herr Vater.“ - -„Mein Sohn,“ sprach Karl, „Du mußt laufen, springen und Dich tummeln, -wie es die Kinder Deines Alters tun.“ - -„Meine Beine sind steif, Herr Vater.“ - -„Wie könnte es anders sein,“ sprach Karl, „da Du sie ja nicht mehr -brauchst, als wenn sie von Holz wären. Ich werde Dich auf ein recht -mutiges Pferd binden lassen.“ - -Der Infant weinte. - -„Bindet mich nicht fest, Herr Vater,“ sprach er, „ich habe -Kreuzschmerzen.“ - -„So hast Du denn überall Schmerzen?“ fragte Karl. - -„Ich würde kein Leid spüren, wenn man mich in Ruhe ließe,“ entgegnete -der Infant. - -„Gedenkst Du,“ versetzte der Kaiser ungnädig, „Dein königliches Leben -mit Grübelei zu verbringen wie die Schreiber? Mögen sie, um ihre -Pergamente mit Tinte zu beschmieren, Ruhe, Einsamkeit und Sammlung -haben. Du, Sohn des Schwertes, mußt heißes Blut, des Luchses Auge, die -List des Fuchses und die Kraft des Herkules haben. Weshalb bekreuzigst -Du Dich? Beim Blute Christi, es steht einem jungen Leuen nicht zu, die -Paternoster plappernden Weiber nachzuäffen!“ - -„Der Angelus, Herr Vater,“ sprach der Infant. - - -20 - -Die Monde Mai und Junius waren im heurigen Jahre wahre Blütenmonde. Nie -noch ward in Flandern so balsamischer Weißdorn, nie in den Gärten eine -solche Fülle von Rosen, Jasmin und Gaisblatt erschaut. Wann der Wind, -der von Engelland wehte, die Düfte dieses blühenden Landes gen Osten -trieb, hub jedermann, sonderlich in Antwerpen, die Nase frohgemut in -die Luft und sprach: - -„Riechet Ihr den guten Wind, der aus Flandern weht?“ - -Derhalben sogen die emsigen Bienen den Honig aus den Blüten, machten -Wachs und legten ihre Eier in die Bienenstöcke, welche nicht genügten, -ihre Schwärme zu fassen. Ihr emsiges Summen tönte gleich wie Musik -unter dem blauen Himmelszelt, das die Erde strahlend überspannte. Man -machte Bienenkörbe aus Binsen, Stroh, Weiden, geflochtenem Heu, und die -Korbmacher, Küper und Faßbinder machten ihre Werkzeuge dabei schartig. -Was die Schreiner betraf, so konnten sie schon lange den Bedarf nicht -mehr decken. Es gab Schwärme von dreißigtausend Immen und zweitausend -siebenhundert Drohnen. Die Honigwaben waren so erlesen, daß der Dechant -von Damm ob ihres seltenen Wohlgeschmacks eilf davon dem Kaiser Karl -schickte, zum Danke dafür, daß er durch seine neuen Edikte die Heilige -Inquisition wieder bekräftigt habe. Philipp verspeiste sie, doch sie -taten ihm nicht gut. - -Bettler, fahrendes Volk, Vaganten und all das Gesindel müßiger -Taugenichtse, die ihre Faulheit allerwegen herumschleppen und sich -lieber hängen lassen, denn arbeiten, kamen, vom Wohlgeschmack des -Honigs angelockt, um ihr Teil davon zu haben. Nachts streiften sie zu -Haufen umher. - -Klas hatte Bienenkörbe gefertigt, um Schwärme herbeizulocken. Etliche -waren voll, andre leer und harrten der Bienen. Er hielt die ganze Nacht -Wache, um dies süße Gut zu hüten. Wenn er müde war, hieß er Ulenspiegel -ihn ablösen. Der tat es gerne. - -Nun hatte Ulenspiegel eines Nachts sich vor der Kühle in einen -Bienenstock geflüchtet und blickte zusammengekauert durch die Löcher, -deren zwei oben auf waren. Als er just einschlafen wollte, hörte er ein -Knacken in den Büschen der Hecke und vernahm die Stimme zweier Männer, -die er für Diebsleute hielt. Er schaute durch eine der Öffnungen und -sah, daß alle beide langes Haar und einen langen Bart trugen, wiewohl -der Bart das Abzeichen des Adels war. - -Sie gingen von Korb zu Korb und kamen schließlich an den seinen. Ihn -aufhebend, sprachen sie: - -„Diesen wollen wir nehmen, denn es ist der schwerste.“ - -Und sie trugen ihn auf ihren Knütteln davon. - -Ulenspiegel fand keine Freude daran, daß er im Bienenkorb fortgeschafft -ward. Die Nacht war klar und die Diebe gingen, ohne ein Wörtlein zu -sagen. Alle fünfzig Schritte hielten sie atemlos an, dann schritten -sie weiter. Der Vordere brummte voll Wut, daß er eine so schwere Last -tragen müsse. Der hinten ging, ächzte schwermütig. Denn es gibt in -dieser Welt zwei Arten feiger Tagediebe, die einen, so auf die Arbeit -schelten, und die andren, die stöhnen, wann es schaffen heißt. - -Ulenspiegel, der nichts zu tun hatte, zog den vordersten Dieb an den -Haaren, und den hintersten am Barte, und so kräftig, daß der Wütende -des Spiels müde ward und zu dem Greiner sprach: - -„Hör auf, mich an den Haaren zu raufen, oder ich gebe Dir eins mit der -Faust auf den Kopf, also daß er Dir in die Brust fährt und Du durch -Deine Rippen schaust wie ein Dieb durch sein Kerkergitter.“ - -„Ich würde es gar nicht wagen, Freund,“ sprach der Andre, „vielmehr -bist Du es, der mich am Barte zupft.“ - -Der Wütende erwiderte: - -„Ich mache nicht Jagd auf das Ungeziefer im Bart eines Aussätzigen.“ - -„Herr,“ sprach der Greiner, „laßt den Bienenkorb nicht so stark -schwanken; meine unseligen Arme tragen ihn nimmer.“ - -„Ich werde sie Dir ganz und gar ausreißen“, entgegnete der Wüterich. - -Da entledigte er sich seines Lederriemens, setzte den Korb nieder -und sprang auf seinen Gefährten zu. Und sie prügelten sich, der eine -fluchend, der andre um Gnade schreiend. - -Ulenspiegel hörte die Püffe regnen, kroch hervor aus dem Korb, -schleppte ihn bis zum nächsten Gehölz, um ihn allda wieder zu finden, -und kehrte zu Klas heim. - -Solchermaßen finden die Duckmäuser bei Zwistigkeiten ihren Nutzen. - - -21 - -Da Ulenspiegel fünfzehn Jahre alt war, errichtete er in Damm ein -Zelt auf vier Pfählen und rief aus, daß von nun an jedermann sein -gegenwärtiges und zukünftiges Wesen in einem schönen Rahmen von Stroh -dargestellt sehen könne. - -Wenn ein Rechtsgelehrter kam, recht dünkelhaft und geschwollen von -seiner Bedeutung, steckte Ulenspiegel den Kopf aus dem Rahmen herfür, -schnitt eine Fratze wie ein uralter Affe und sprach: - -„Alter Muffel kann verfaulen, aber nicht gedeihen. Bin ich nicht -trefflich Euer Spiegel, mein Herr mit der Pedantenmiene?“ - -So er einen kräftigen Kriegsmann zum Kunden hatte, verbarg er sich und -zeigte anstelle seines Gesichtes inmitten des Rahmens ein Gericht von -Fleisch und Brot. Und sprach: - -„Die Schlacht wird Dich zu Suppe machen. Was gibst Du mir für mein -Prognostikon, Du Freund der großmäuligen Kartaunen?“ - -Führte ein alter Mann, der sein greises Haupt ohne Würde trug, sein -junges Weib zu Ulenspiegel, so versteckte sich der, wie er bei dem -Söldner getan, und zeigte im Rahmen einen kleinen Strauch, daran -Messergriffe, Kästlein, Kämme und Schreibzeug hingen, alles aus Horn. -Und rief: - -„Woher kommt dieser artige Tändelkram, Messire? Ist es nicht vom -Hornbaum, welcher im Gehege alter Ehemänner wächst? Wer wird noch -sagen, daß die Hahnreie in einer Republik unnütze Leute seien?“ - -Und Ulenspiegel zeigte sein junges Gesicht neben dem Strauch in dem -Rahmen. - -Da der alte Mann ihn hörte, hustete er vor männlicher Wut, doch seine -Liebste beruhigte ihn mit der Hand und trat lächelnd zu Ulenspiegel. - -„Und wirst Du mir auch meinen Spiegel zeigen?“ - -„Tritt näher“, sprach Ulenspiegel. - -Sie gehorchte, und alsobald küßte er sie, wo er konnte. - -„In Deinem Spiegel ist stramme Jugend, so in vornehmen Hosenlätzchen -wohnt.“ - -Und die Schöne verließ ihn, nicht ohne ihm ein oder zwei Gülden zu -geben. - -Dem feisten Mönch mit den wulstigen Lippen, der sein jetziges und -zukünftiges Wesen zu sehen begehrte, gab Ulenspiegel also Bescheid: - -„Du bist ein Schrank voll Schinken und wirst ein Gewölbe für Würzbier -sein, denn Salz heischt Getränke, nicht also, Dickbauch? Gib mir einen -Heller dafür, daß ich nicht log.“ - -„Mein Sohn,“ erwiderte der Mönch, „wir tragen niemals Geld.“ - -„Dann also trägt das Geld Dich,“ sprach Ulenspiegel, „denn ich weiß, -daß Du es zwischen zwei Sohlen unter Deinen Füßen trägst. Gib mir Deine -Sandale.“ - -Doch der Mönch sprach: - -„Mein Sohn, das ist Klostergut, ich werde jedoch, wenn es sein muß, -zwei Heller für Deine Mühe herausholen.“ - -Der Mönch gab sie ihm und Ulenspiegel nahm sie gnädiglich an. Also -zeigte er den Leuten von Damm, Brügge, Blankenberghe und wohl gar -Ostende ihren Zukunftsspiegel. - -Und statt in seiner vlämischen Mundart zu sagen. „~Ick ben u lieden -Spiegel~“ -- ich bin Euer Liebden Spiegel, sagte er abkürzend, so wie -es noch heutigen Tages in Ost- und Westflandern gesagt wird: „~Ick ben -ulen Spiegel~“. - -Und daher stammt sein Beiname Ulenspiegel. - - -22 - -Da er größer ward, fand er Gefallen daran, sich auf Messen und -Jahrmärkten zu tummeln. Wenn er einen Querpfeifer oder Geigenspieler -oder einen Dudelsackpfeifer sah, so ließ er sich um einen Heller die -Kunst lehren, diese Instrumenta zum Singen zu bringen. - -Er ward sonderlich geschickt in der Kunst, den Rommelpot zu spielen, -welches Instrument aus einer Blase, einem Topf und einem starken -Strohhalm gemacht wird. Und so richtete er ihn her. Er zog die -eingeweichte Blase über den Topf, band sie mit einer Schnur in der -Mitte der Blase an den Knoten des Strohhalms, welcher den Boden des -Topfes berührte, und um dessen Rand zog er dann die Blase, daß sie -bis zum Platzen gespannt war. Am Morgen, wenn die Blase trocken war, -gab sie, so man daraufschlug, einen Ton gleich wie ein Tamburin, und -strich man das Stroh des Instrumentes, so brummte sie besser denn -eine Bratsche. Mit diesem brummenden Topf, der gleich dem Gebell -molossischer Hunde war, zog Ulenspiegel am Dreikönigtag vor den -Haustüren um und sang Weihnachtslieder mit einer Schar von Kindern, -deren eins einen Stern aus güldnem Papier trug. - -Kam irgend ein Malermeister nach Damm, um die Glieder einer Gilde, so -auf dem Bild niederknieten, zu konterfeien, so bat Ulenspiegel, daß er -ihm die Farben reiben dürfte, damit er ihm seine Arbeit absähe, und -wollte keinen andern Lohn nehmen denn eine Schnitte Brot, drei Heller -und einen Schoppen Kräuterbier. Dieweil er sich mit Farbenreiben abgab, -studierte er seines Meisters Weise. Ging jener fort, so versuchte -er es ihm gleich zu tun, doch er setzte überall Scharlach hin. Er -versuchte Klas, Soetkin, Katheline und Nele abzumalen, desgleichen -Kannen und Kochtöpfe. Klas prophezeite beim Anblick seiner Werke, wenn -er sich wacker hielte, so würde er eines Tages die Gulden zu Dutzenden -verdienen durch Inschriften auf den Speelwaagen, die in Flandern und -Seeland zu Lustbarkeiten dienen. - -Desgleichen lernte er von einem Meister Steinmetz Holz und Stein -schneiden, als dieser kam, um im Chor der Frauenkirche einen Chorstuhl -zu zimmern, der so beschaffen war, daß der Dechant, ein alter Mann, -sich, wenn nötig, darauf setzen konnte und doch den Anschein hatte, als -ob er stünde. - -Ulenspiegel schnitzte den ersten Messergriff, dessen sich die Leute -von Seeland bedienen. Er machte diesen Griff in Gestalt eines Käfigs; -darinnen befand sich ein beweglicher Totenkopf, darüber ein liegender -Hund. Diese Wahrzeichen bedeuten: „Getreu bis in den Tod“. - -Und also begann Ulenspiegel die Weissagung Kathelines wahr zu machen, -dieweil er sich als Maler, Bildschnitzer, Bauer und Edelmann erwies, -denn vom Vater auf den Sohn trugen die Klase drei silberne Kannen auf -einem Grunde von Braunbier. Doch Ulenspiegel war in keinem Handwerk -beständig, und Klas sagte zu ihm, wenn dies Spiel andauerte, so würde -er ihn aus der Hütte jagen. - - -23 - -Als der Kaiser vom Kriege heimkehrte, fragte er, warum sein Sohn -Philipp nicht gekommen sei, ihn zu begrüßen. - -Der Erzbischof, des Infanten Erzieher, gab zur Antwort, daß dieser -es nicht gewollt hätte, denn er liebte, so sagte er, nur Bücher und -Einsamkeit. Der Kaiser erkundigte sich, wo er zur Stunde weilte. Der -Erzieher antwortete, daß man ihn überall suchen müßte, wo es dunkel -sei. Und das taten sie. - -Nachdem sie eine gute Zahl Säle durchschritten, kamen sie zuletzt zu -einer Art Kammer ohne Steinfliesen, die durch eine Dachluke erhellt -war. Da sahen sie einen Pfahl in den Boden getrieben und daran eine -ganz kleine, zierliche Meerkatze um den Leib angebunden. Die war -dereinst von Indien gesandt, um ihn durch ihre jugendliche Kurzweil zu -erfreuen. Am Fuße des Pfahles rauchten rot glimmende Holzscheite und in -der Kammer war ein ekler Gestank von verbranntem Haar. - -Das Tierlein hatte so sehr gelitten, als es in diesem Feuer stak, daß -sein kleiner Körper nicht mehr eines Tieres Leib schien, das Leben -gehabt, sondern der Überrest einer knorrigen, verzerrten Wurzel. Sein -Mund stand offen wie im Todesschrei, man sah blutigen Schaum und das -Wasser seiner Tränen benetzte sein Antlitz. - -„Wer hat dies getan?“ fragte der Kaiser. - -Der Erzieher wagte keine Antwort zu geben und alle beide blieben stumm, -traurig und voller Zorn. - -Plötzlich drang durch die Stille ein schwaches Husten, welches aus -einer dunklen Ecke hinter ihnen kam. Seine Majestät drehte sich um und -erblickte dort den Infanten Philipp, welcher ganz schwarz gekleidet war -und eine Zitrone aussog. - -„Don Philipp,“ sprach er, „komm und begrüße mich.“ - -Ohne sich zu rühren, sah der Infant ihn mit seinen furchtsamen Augen -an, darin keine Liebe war. - -„Bist Du es, der dieses Tierlein an diesem Feuer verbrannt hat?“ fragte -der Kaiser. - -Der Infant senkte den Kopf. - -Da sprach der Kaiser: - -„Warst Du grausam genug, es zu tun, so sei tapfer genug, es -einzugestehen.“ - -Der Infant gab keine Antwort. - -Der Kaiser riß ihm die Zitrone aus der Hand und wollte seinen Sohn -schlagen. Der Erzbischof wehrte ihm und sagte ihm ins Ohr: - -„Hoheit wird eines Tages ein großer Ketzerverbrenner sein.“ - -Der Kaiser lächelte und ließ den Infanten mit seiner Meerkatze allein. - - -24 - -Der November war gekommen, der Reifmond, wo sich die Hustenden an der -Musik des Ausspeiens ergötzen. Es ist auch der Monat, da die Buben -sich haufenweis auf den Rübenfeldern tummeln und plündern, so viel sie -vermögen, zum großen Zorne der Bauern, die vergebens mit Knütteln und -Forken hinterdreinlaufen. - -Eines Tages nun, da Ulenspiegel vom Räubern heimkam, vernahm er nicht -weit in einer Zaunecke ein Stöhnen. Er bückte sich und sah auf etlichen -Steinen einen Hund liegen. - -„Holla,“ sprach er, „kleines jammerndes Vieh, was treibst Du da so -spät?“ - -Dieweil er den Hund streichelte, fühlte er, daß sein Rücken feucht war, -und er dachte, daß man ihn hätte ertränken wollen. Er nahm ihn auf den -Arm, um ihn wieder zu erwärmen. - -Als er ins Haus trat, fragte er: - -„Ich bringe einen Verwundeten mit: was soll ich tun?“ - -„Ihn verbinden“, erwiderte Klas. - -Ulenspiegel setzte den Hund auf den Tisch. Da sahen Klas, Soetkin und -er bei dem Lichte der Lampe einen kleinen Luxemburgischen Rattenfänger, -welcher auf dem Rücken verletzt war. Soetkin wusch die Wunde mit einem -Schwamm aus, bestrich sie mit Balsam und umwickelte sie mit Linnen. -Ulenspiegel trug das Tier in sein Bett, wiewohl Soetkin es in dem ihren -haben wollte. Denn sie fürchtete, sagte sie, Ulenspiegel, der sich -damals herumwarf wie ein Teufel in einem Weihwasserbecken, möchte den -Hund im Schlafe verletzen. - -Doch Ulenspiegel tat, was er wollte, und pflegte seiner so gut, daß der -Verwundete binnen sechs Tagen mit der ganzen Selbstgefälligkeit der -Köter einherlief. - -Und der Schulmeister nannte ihn Titus Bibulus Schnuffius: Titus zur -Erinnerung an den guten römischen Kaiser, welcher herrenlose Hunde -gern auflas, Bibulus, maßen der Hund das Braunbier gleich wie ein -Trunkenbold liebte, und Schnuffius, dieweil er seine Nase ohn Unterlaß -in die Löcher der Ratten und Maulwürfe steckte. - - -25 - -Am Ende der Frauengasse standen zwei Weiden am Rand eines tiefen -Wassers einander gegenüber. Zwischen beiden zog Ulenspiegel ein Seil, -darauf er eines Sonntags Nachmittags nach der Vesper tanzte, und das -so gut, daß ihm der ganze Haufe der Müßiggänger mit Hand und Stimme -Beifall zollte. Dann stieg er von seinem Seil hinunter und hielt -jedermann einen Teller dar, welcher bald mit Gelde gefüllt war. Er aber -leerte ihn in Soetkins Schürze und behielt nur eilf Heller für sich. - -Am anderen Sonntag wollte er wiederum auf dem Seil tanzen, doch etliche -nichtsnutzige Buben, die ihm seine Behendigkeit neideten, hatten einen -Schnitt in das Seil gemacht, also daß es nach wenig Sprüngen zerriß und -Ulenspiegel ins Wasser fiel. - -Dieweil er schwamm, um das Ufer zu gewinnen, schrieen die tapferen -kleinen Seilschneider: - -„Wie steht es mit Deiner behenden Gesundheit, Ulenspiegel? Willst -Du die Karpfen auf dem Grunde des Teichs tanzen lehren, Du -unvergleichlicher Tänzer?“ - -Ulenspiegel stieg aus dem Wasser, schüttelte sich und schrie ihnen zu, -denn sie liefen davon, aus Furcht vor Prügel: - -„Fürchtet Euch nicht; kommt den nächsten Sonntag wieder, da will ich -Euch Künste auf dem Seil zeigen und Ihr sollt Euren Teil am Gewinst -haben.“ - -Am Sonntag darnach hatten die Buben sich wohl gehütet, das Seil -durchzuschneiden, und hielten rund herum Wacht, aus Furcht, daß irgend -wer daran rührte, denn es war viel Volks zugegen. - -Ulenspiegel sprach zu ihnen: - -„Gebt mir ein jeglicher einen Eurer Schuhe, und ich wette, ich tanze -mit jedem einzelnen, so groß und klein sie auch seien.“ - -„Was zahlst Du uns, wenn Du verlierst?“ fragten sie ihn. - -„Vierzig Kannen Braunbier,“ erwiderte Ulenspiegel, „und Ihr sollt mir -drei Heller bezahlen, so ich gewinne.“ - -„Wohl“, sprachen sie. - -Und sie gaben ihm männiglich einen ihrer Schuhe. Ulenspiegel tat sie -alle in seine Schürze, und so beladen, tanzte er auf dem Seil, doch -nicht ohne Mühe. - -Die Seilzerschneider schrieen von unten: - -„Du hast gesagt, daß Du mit jedem unserer Schuhe tanzen willst. Zieh -sie also an und halte Dein Wort.“ - -Ulenspiegel tanzte immerfort und antwortete: - -„Ich habe nicht gesagt, daß ich Eure Schuhe anziehen will, wohl aber, -daß ich mit Ihnen tanzen will. Nun tanz ich und alles tanzt mit mir -in meiner Schürze. Seht Ihr es nicht mit Euren weit aufgesperrten -Froschaugen? Zahlt mir meine drei Heller.“ - -Sie aber verhöhnten ihn und schrieen, er solle ihnen ihre Schuhe -zurückgeben. - -Ulenspiegel warf sie ihnen zu, einen nach dem andren, auf einen Haufen. -Darob entstand ein wildes Getümmel, denn keiner von ihnen konnte aus -dem Haufen seinen Schuh herausfinden, noch ohne Widerspruch nehmen. - -Da stieg Ulenspiegel vom Seil und begoß die Kämpfenden, aber nicht mit -klarem Wasser. - - -26 - -Da der Infant fünfzehn Jahre alt war, streifte er nach seiner -Gewohnheit durch die Gänge, Treppenflure und Gemächer des Schlosses. Am -häufigsten aber sah man ihn um die Gemächer der Damen umherstreifen, um -den Pagen einen Schabernack zu spielen, denn sie lagen gleich ihm auf -den Fluren wie Katzen auf der Lauer. - -Andere, so im Hofe standen, sangen mit der Nase in der Luft ein -zärtliches Lied. Wenn der Infant sie hörte, so trat er an ein Fenster -und erschreckte die armen Pagen, welche seine bleiche Larve anstatt der -zärtlichen Augen ihrer Schönen erblickten. - -Unter den Damen des Hofes war eine holdselige Vlämin aus Dudzeele bei -Damm, von hübscher Fülle, eine köstliche reife Frucht und wundersam -schön; denn sie hatte grüne Augen und rotes Kraushaar, welches in -der Sonne wie Gold gleißte. Von heiterer Laune und feurigem Gemüt, -verhehlte sie keinem ihre Neigung für den glücklichen Ritter, dem sie -auf ihrem schönen Eigentum das himmlische Privilegium freier Liebe -verlieh. Zu der Zeit war es ein hochgemuter, schöner Jüngling, den sie -liebte. Alle Tage zur besprochenen Stunde traf sie ihn, welches Philipp -zu Ohren kam. - -Er setzte sich auf eine Bank, die an einem Fenster stand, und spähte -nach ihr aus. Sie ging an ihm vorbei in ihrem Staatskleid von gelbem -Brokat, das um sie herrauschte, das Auge voll Leben, den Mund halb -geöffnet, munter und frisch dem Bade entstiegen. Da sie den Infanten -sah, sagte er zu ihr, ohne sich von seiner Bank zu erheben: - -„Señora, könntet Ihr nicht einen Augenblick verweilen?“ - -Ungeduldig wie eine Stute, die zu dem schönen Hengst rennen will, der -auf der Wiese wiehert, und im vollen Lauf aufgehalten wird, sprach sie: - -„Hoheit, ein jeder muß hier Eurem fürstlichen Willen gehorchen.“ - -„Setzet Euch neben mich“, sprach er. Und dieweil er sie lüstern, hart -und verschlagen anblickte, fuhr er fort: „Sagt mir das Paternoster auf -vlämisch her; man hat es mich gelehrt, doch ich habe es vergessen.“ - -Die arme Dame mußte also ein Pater hersagen, und er hieß sie es -langsamer zu sprechen. Und so zwang er die Ärmste, an die zehn Gebete -zu sprechen, wo sie die Stunde für andre Oremus gekommen wähnte. -Darnach lobte er sie, sprach von ihren schönen Haaren, ihren lebhaften -Farben, ihren hellen Augen. Doch er wagte nicht, ihr etwas über ihre -vollen Schultern, ihren runden Busen, noch über andere Dinge zu sagen. - -Wie sie nun wähnte, sich beurlauben zu dürfen, und schon in den Hof -blickte, wo gewißlich ihr Ritter harrte, forschte er sie aus, ob sie -auch wisse, welches die Tugenden der Frau seien. Da sie keinen Bescheid -gab, aus Furcht, nicht das rechte zu treffen, sprach er für sie und -sagte wie ein Vormund: - -„Frauentugenden sind Keuschheit, Sorge um die Ehre und ein sittiges -Leben.“ - -Auch riet er ihr, sich ziemlich zu kleiden, und alles, was ihr zu eigen -gehörte, wohl zu verbergen. - -Sie nickte bejahend mit dem Kopf und sagte, daß sie sich für seine -Allernördlichste Hoheit lieber mit zehn Bärenfellen, denn mit einer -Elle Musselin bedecken würde. - -Da sie ihn durch diese Antwort verdutzt gemacht hatte, entwich sie mit -Freuden. - -Jedoch das Feuer der Jugend war auch in der Brust des Infanten -entzündet; aber es war nicht das rasche Feuer, das die starken Seelen -zu hohen Taten treibt, noch die sanfte Glut, die zärtlichen Herzen -Tränen entlockt. Es war eine düstere Lohe, der Hölle entstiegen, allwo -sie sonder Zweifel Satan entfacht hatte. Sie glänzte in seinen grauen -Augen wie im Winter der Mond auf einem Beinhaus, und brannte ihn -grausam. - -Da er keine Liebe für die Anderen fühlte, der arme Duckmäuser, wagte -er nicht, sich den Damen anzubieten. Dann ging er in einen abgelegenen -Winkel, eine kleine, weiß getünchte Kammer, die durch schmale Fenster -erleuchtet war, allwo er sein Naschwerk zu verspeisen pflegte. Und die -Fliegen kamen in Haufen dorthin um der Krumen willen. Dort liebkoste er -sich selbst und zerquetschte ihnen langsam den Kopf an den Scheiben, -und tötete sie zu Hunderten, bis seine Finger zu stark zitterten, um -sein blutiges Geschäft fortzusetzen. Und er fand eine widrige Lust -an dieser grausamen Kurzweil; denn Wollust und Grausamkeit sind zwei -schändliche Schwestern. Und er verließ diesen Winkel trauriger denn -zuvor, und Männlein und Weiblein flohen, wo sie es vermochten, das -Antlitz dieses Prinzen, das so bleich war, als hätte er sich von -Wundpilzen genährt. - -Und der klägliche Prinz litt, denn böses Herz bringt Schmerz. - - -27 - -Die schöne holdselige Frau verließ eines Tages Valladolid, um nach -ihrem Schlosse Dudzeele in Flandern zu reisen. Da sie nun, von ihrem -fetten Kellermeister gefolgt, durch Damm kam, sah sie einen jungen -Burschen von fünfzehn Jahren an der Mauer einer Hütte sitzen und den -Dudelsack spielen. Vor ihm stand ein rotbrauner Hund, welcher diese -Musik nicht liebte und melancholisch heulte. Die Sonne schien hell. -Neben dem jungen Gesellen stand ein artig Mägdlein und lachte bei -jeglichem Klaggeheul des Hundes. - -Da die schöne Dame und der Kellermeister an der Hütte vorbei kamen, -betrachteten sie den blasenden Ulenspiegel, die lachende Nele und den -heulenden Titus Bibulus Schnuffius. - -„Du böser Bube,“ sprach die Dame zu Ulenspiegel, „könntest Du nicht -aufhören, diesen armen Hund also zum Heulen zu bringen?“ Aber -Ulenspiegel schaute sie an und blies seinen Dudelsack noch tapferer. -Und Bibulus Schnuffius heulte noch melancholischer, und Nele lachte -noch lauter. - -Der Kellermeister geriet in Zorn und sagte zu der Dame, auf Ulenspiegel -weisend: - -„Wenn ich diese Bettelbrut mit meiner Degenscheide durchfuchtelte, so -würde sie aufhören, solch unverschämten Lärm zu machen.“ - -Ulenspiegel schaute den Kellermeister an, nannte ihn ob seines -Bauches Jan Fressack und fuhr fort, auf seinem Dudelsack zu blasen. -Der Kellermeister trat auf ihn zu und bedrohte ihn mit der Faust; -aber Bibulus Schnuffius stürzte auf ihn los und biß ihm ins Bein. Der -Kellermeister fiel vor Angst nieder und schrie: - -„Zu Hilfe!“ - -Lächelnd sprach die Dame zu Ulenspiegel: - -„Könntest Du mir nicht sagen, Dudelsackpfeifer, ob der Weg, der von -Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“ - -Ulenspiegel schüttelte den Kopf, ohne im Spielen aufzuhören, und -schaute die Dame an. - -„Was hast Du, mich so anzustaunen?“ fragte sie. - -Doch er, immerdar weiterspielend, riß die Augen auf, als ob er vor -Bewunderung schier verzückt wäre. - -Sie sprach zu ihm: - -„Schämst Du Dich nicht, so jung Du bist, die Damen also anzugaffen?“ - -Ulenspiegel ward ein wenig rot, blies weiter und sah sie noch mehr an. - -„Ich fragte Dich,“ hub sie abermals an, „ob der Weg, der von Damm nach -Dudzeele führt, nicht verändert ist?“ - -„Er grünt nicht mehr, seit Ihr ihn des Glückes beraubt, Euch zu -tragen“, erwiderte Ulenspiegel. - -„Willst Du mich führen?“ fragte die Dame. - -Doch Ulenspiegel blieb sitzen und betrachtete sie unverwandt. Und ob -sie ihn gleich als Schalk erkannte, wußte sie, daß sein Spiel nichts -als Jugend war, und verzieh ihm gerne. Er erhob sich und wollte ins -Haus gehen. - -„Wohin gehst Du?“ fragte sie. - -„Meine Sonntagskleider anlegen“, erwiderte er. - -„Geh“, sagte die Dame. - -Alsdann setzte sie sich auf die Bank neben der Schwelle, und der -Kellermeister tat wie sie. Sie wollte mit Nele sprechen, die aber -antwortete ihr nicht, denn sie war eifersüchtig. - -Ulenspiegel kehrte wohlgewaschen und in Barchend gekleidet zurück. Er -sah schmuck aus in seinem Sonntagsstaat, der Bursche. - -„Gehst Du wirklich mit dieser schönen Dame?“ fragte ihn Nele. - -„Ich komme bald wieder“, antwortete Ulenspiegel. - -„Soll ich an Deiner statt gehen?“ fragte Nele. - -„Nein,“ sprach er, „die Wege sind schmutzig“. - -„Mägdlein,“ sprach die Dame erzürnt und gleichfalls eifersüchtig, -„warum willst Du ihn hindern, mit mir zu gehen?“ - -Nele gab ihr keine Antwort, doch große Tränen entquollen ihren Augen, -und voll Zorn und Harm sah sie die schöne Dame an. Sie machten sich -ihrer Vier auf den Weg, die Dame gleich einer Königin auf ihrem weißen, -mit schwarzem Sammet gezäumten Zelter, der Kellermeister, dem der Bauch -im Wandern wackelte, Ulenspiegel, der den Zelter der Dame am Zügel -führte, und Bibulus Schnuffius, der ihm zur Seite schritt und den -Schwanz stets in der Luft trug. - -Also ritten und wanderten sie eine Weile, doch Ulenspiegel war nicht -guter Dinge. Stumm wie ein Fisch zog er den feinen Benzoeduft ein, -der von der Dame ausging, maß von der Seite all ihre schönen Nesteln, -seltenen Kleinodien und Zierarten, desgleichen ihr holdes Angesicht, -ihre glänzenden Augen, ihre bloße Brust und die Haare, die in der Sonne -gleich einer Goldhaube schimmerten. - -„Weshalb bist Du so wortkarg, Bube?“ fragte sie. - -Er gab keine Antwort. - -„Du hast doch nicht so ganz die Zunge in den Schuhen stecken, daß Du -mir nicht eine Botschaft ausrichten könntest?“ - -„Laßt hören“. - -„Du mußt mich hier lassen und nach Koolkerke gehen, nach der Leeseite, -und einem Edelmann, welcher halb schwarz und halb rot gekleidet ist, -bestellen, er möge mich heut nicht erwarten. Doch am Sonntag um zehn -Uhr Nachts, da soll er durch das Ausfallspförtchen in mein Schloß -kommen“. - -„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel. - -„Warum nicht?“ fragte die Dame. - -„Nein, ich gehe nicht“, sagte Ulenspiegel zum andren Mal. - -Die Dame sprach zu ihm: - -„Du kleiner zorniger Hahn, was flößt Dir solchen trotzigen Willen ein?“ - -„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel. - -„Wenn ich Dir einen Gülden gäbe?“ - -„Nein“. - -„Einen Dukaten?“ - -„Nein“. - -„Einen Karolustaler?“ - -„Nein“, sagte Ulenspiegel abermals. „Und dennoch“, fügte er mit Seufzen -hinzu, „hätt’ ich ihn lieber denn eine Muschelschale in meiner Mutter -Geldkatze“. - -Die Dame lächelte, dann rief sie mit einem Male: - -„Ich habe meine schöne und kostbare Gürteltasche verloren, aus starrer -Seide und mit feinen Perlen bestickt. In Damm hing sie noch an meinem -Gürtel.“ - -Ulenspiegel rührte sich nicht, doch der Kellermeister trat herzu. - -„Herrin,“ so sprach er, „schickt nicht diesen jungen Spitzbuben auf die -Suche danach, denn Ihr sähet ihn niemals wieder“. - -„Und wer wird also gehen?“ - -„Ich,“ antwortete er, „meinen hohen Jahren zum Trotz.“ Und er ging von -dannen. - -Es läutete Mittag, die Hitze war groß, tief die Einsamkeit. Ulenspiegel -sagte kein Wörtlein, doch er zog sein neues Wams aus, auf daß sich die -Dame im Schatten einer Linde setzen könnte, ohne die Kühle des Grases -zu fürchten. Er aber blieb seufzend neben ihr stehen. - -Sie blickte ihn an, und es erbarmte sie des schüchternen Knaben. Sie -fragte ihn, ob er es nicht müde sei, so auf seinen allzu jungen Beinen -zu stehen. Er erwiderte kein Wörtlein, und als er sich neben sie -niederfallen ließ, wollte sie ihn auffangen und zog ihn auf ihre nackte -Brust; da blieb er so gern liegen, daß sie vermeint hätte, die Sünde -der Grausamkeit zu begehen, wenn sie ihm ein ander Schlummerkissen -angewiesen hätte. - -Indeß der Kellermeister kam zurück und vermeldete, er habe die -Gürteltasche nicht gefunden. - -„Ich fand sie selbst wieder,“ entgegnete die Dame, „da ich vom Pferde -stieg, denn wie ich sie loshakte, war sie am Steigbügel hangen -geblieben. Jetzo geleite uns nach Dudzeele,“ gebot sie Ulenspiegel, -„und sage mir, wie du heißest“. - -„Mein Schutzpatron ist der heilige Herr Thylbert, das bedeutet, -leichtfüßig, um den guten Dingen nachzulaufen. Mein Vater heißt -Klas und mich heißen sie Ulenspiegel. So Ihr Euch in meinem Spiegel -betrachten wollt, werdet Ihr merken, daß in diesem ganzen Lande -Flandern keine Blume von so blendender Schönheit ist wie Eure duftende -Anmut“. - -Die Dame errötete vor Vergnügen und war Ulenspiegel nicht gram. - -Und Soetkin und Nele weinten ob seines langen Verweilens. - - -28 - -Da Ulenspiegel von Dudzeele heimkehrte, sah er vor der Stadt Nele an -einem Zaun lehnen. Sie pflückte von einer blauen Weintraube die Beeren -ab und biß eine nach der andern durch. Sonder Zweifel war ihr solches -eine Erfrischung und Ergötzung, doch sie ließ kein Vergnügen erkennen. -Sie schaute im Gegenteil bös drein und riß die Beeren zornig von der -Traube. Sie war so voller Harm und hatte solch betrübtes, trauriges -und holdseliges Antlitz, daß Ulenspiegel von verliebtem Mitleid erfaßt -ward. Er trat vergnügt hinter sie und gab ihr einen Kuß auf den Nacken. -Sie aber verabreichte ihm als Gegengabe eine tüchtige Maulschelle. - -„Ich sehe darum nicht klarer“, sprach Ulenspiegel. - -Sie weinte und schluchzte. - -„Nele,“ sprach er, „willst Du jetzo Springbrunnen am Eingang der Dörfer -errichten?“ - -„Geh Deiner Wege“, gebot sie. - -„Ich kann doch nicht gehen, wenn Du also weinst, Liebchen.“ - -„Ich bin kein Liebchen und ich weine nicht“, sprach Nele. - -„Nein, Du weinst nicht, doch es kommt gleichwohl Wasser aus Deinen -Augen.“ - -„Willst Du wohl fortgehen?“ - -„Nein,“ sprach er. - -Derweil faßte sie ihre Schürze mit ihren zitternden Händlein und zerriß -sie in Fetzen, und Tränen flossen darauf und benetzten sie. - -„Nele,“ fragte Ulenspiegel, „wird bald schön Wetter?“ - -Und er blickte sie mit gar verliebtem Lächeln an. - -„Warum fragst Du mich also?“ sprach sie. - -„Weil, wenn es schön ist, es nicht regnet.“ - -„Geh fort zu Deiner schönen Dame im Brokatkleid, die hast Du ja -genugsam zum Lachen gebracht.“ - -Da sang Ulenspiegel: - - „Seh’ ich mein Liebchen weinen, - Zerreißt es mir das Herz. - Ist Honig, wenn sie scherzt, - Sind Perlen ihre Tränen. - Ich lieb’ sie alleweil - Und spend’ uns einen Trunk - Vom guten Wein von Löwen, - Wenn Nele lächeln will.“ - -„Schlechter Mann, Du spottest mein noch!“ - -„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „ich bin ein Mann, doch kein schlechter -Bürgerlicher, denn unser edles Geschlecht aus Schöffenstand hat drei -silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. Nele, ist’s wahr, daß -man im Lande Flandern, wenn man Küsse säet, Maulschellen erntet?“ - -„Ich will Dir nicht Rede stehen,“ sprach Nele. - -„Warum öffnest Du alsdann den Mund, es mir zu sagen?“ - -„Ich bin bös“, sprach sie. - -Ulenspiegel gab ihr einen leichten Schlag in den Rücken und sagte: - -„Küßt die Magd, so schlägt sie Euch, schlagt die Magd, so salbt sie -Euch. Salbe mich also Liebchen, da ich Dich schlug.“ - -Nele wandte sich um. Er tat die Arme auf, und sie warf sich, noch -weinend, hinein und sprach: - -„Du gehst nimmer mehr dorthin, nicht wahr, Thyl?“ - -Doch er gab keine Antwort, denn er mußte ihre armen zitternden Finger -drücken und mit seinen Lippen ihre heißen Zähren abtrocknen, welche -gleich den großen Tropfen eines Gewitterregens aus Neles Augen fielen. - - -29 - -Zur nämlichen Zeit weigerte Gent, die Edle, ihre Beisteuer zu der -Hilfe, die ihr Sohn Karl, der Kaiser, von ihr heischte. Sie vermochte -es nicht, denn sie war durch Karls Schuld von Geld entblößt. Das war -eine große Missetat, und er beschloß bei sich, selbst zu gehen, um -sie zu züchtigen. Denn der Stock eines Sohnes bereitet dem Rücken der -Mutter mehr Schmerz denn jeglicher andre. - -König Franz mit der langen Nase, sein Feind, bot ihm an, durch das -Land Frankreich zu reisen. Solches tat Karl, und anstatt dorten als -Gefangener festgehalten zu werden, ward er kaiserlich gefeiert und auf -Händen getragen. Denn es ist ein fürstliches Übereinkommen, sich gegen -die Völker beizustehen. - -Karl verweilte lange Zeit in Valenciennes, ohne irgend ein Zeichen -des Unwillens zu geben. Gent, seine Mutter, lebte ohne Furcht in dem -Glauben, der Kaiser, ihr Sohn, würde ihr verzeihen, daß sie nach Recht -und Sitte gehandelt hatte. - -Karl rückte mit viertausend Mann unter die Mauern der Stadt. Alba -begleitete ihn, desgleichen der Prinz von Oranien. Das niedre Volk und -die kleinen Gewerke hätten gern diesen Einzug des Sohnes gehindert und -die achtzigtausend Mann aus der Stadt und vom Land aufgebracht; die -Reichen aber, Hoogporters genannt, widersetzten sich dem aus Furcht -vor der Übermacht des Volkes. Dennoch hätte Gent solcherart seinen -Sohn mitsamt seinen viertausend Pferden in Stücke hacken können. Doch -die Stadt liebte ihn, und selbst die kleinen Gewerke hatten wieder -Vertrauen gefaßt. Auch Karl liebte sie, doch um des Geldes willen, -das er von ihr in seinen Truhen hatte und von dem er noch ein Übriges -begehrte. - -Da er sich zum Herrn von Gent gemacht hatte, stellte er allerorten -Posten auf und ließ bei Tag und Nacht Ronden durch die Stadt streifen. -Alsdann sprach er mit großem Pomp ihr Urteil. - -Die vornehmsten Bürger sollten mit dem Strick um den Hals vor seinen -Thron treten und Abbitte tun. Gent ward der einträglichsten Verbrechen -bezichtigt, als da sind: Untreue, Vertragsbruch, Ungehorsam, Aufstand, -Rebellion und Majestätsbeleidigung. Der Kaiser erklärte jegliche -Rechte, Privilegien, Freiheiten, Satzungen und Bräuche für abgeschafft. -Die Zukunft bindend, gleich als wäre er der Herrgott selbst, setzte -er fest, daß von nun an seine Nachfolger, wann sie zur Herrschaft -gelangten, schwören sollten, nichts zu beobachten, es sei denn die -Karolinische Konzession der Abhängigkeit, die er der Stadt auferlegt. - -Er hieß die Abtei von Sankt Baro dem Erdboden gleichmachen, um dort -eine Feste zu errichten, von wo er nach Lust die Brust seiner Mutter -mit Kugeln durchbohren konnte. Als guter Sohn, dem es eilte zu erben, -ließ er alles Vermögen von Gent einziehen: Einkünfte, Häuser, Geschütze -und Kriegsmunition. Da er die Stadt allzuwohl verwahrt fand, ließ er -den Roten Turm, den Krötenturm, die Braamport, Steenpoort, Waalpoort, -Ketelpoort niederreißen, und viele andre, so wie Kleinodien aus Stein -gebildet waren. - -Wenn nachmals Fremde nach Gent kamen, sprachen sie unter einander: „Was -ist diese Stadt flach und öde, von der man Wunders viel gesagt.“ - -Und die von Gent antworteten: „Kaiser Karl hat der Stadt ihren -kostbaren Gürtel genommen.“ - -Und wenn sie so sprachen, waren sie voll Schmerz und Grimm. Und aus den -Trümmern der Tore nahm der Kaiser Ziegelsteine für seine Festen. - -Er wollte, daß Gent arm wäre, denn solchermaßen würde es weder durch -Arbeit und Gewerbfleiß noch durch Geld seinen hochfahrenden Plänen -widerstehen können. Er verurteilte also die Stadt, den verweigerten -Anteil zur Beihilfe mit vierhunderttausend Goldgülden zu zahlen und -des Mehreren hundert und fünfzigtausend Karolus einmal zu zahlen, -dazu alljährlich sechstausend an fortlaufenden Zinsen. Sie hatte -ihm Geld dargeliehen, und er schuldete ihr dafür einen Zins von -hundertundfünfzigtausend Gülden vlämisch. Er ließ sich mit Gewalt die -Schuldurkunden zurückgeben, und indem er also seine Schuld beglich, -bereicherte er sich erklecklich. - -Gent hatte ihn geliebt und ihm zu vielen Malen geholfen, doch er stieß -ihm einen Dolch in die Brust und suchte Blut, dieweil er nicht Milch -genug darinnen fand. - -Darnach richtete er den Blick auf Roeland, die schöne Glocke, und an -ihrem Klöppel ließ er Den henken, welcher Sturm geläutet hatte, um die -Stadt zur Wahrung ihrer Rechte zu rufen. Er hatte kein Erbarmen mit -Roeland, seiner Mutter Zunge, durch welche sie zu Flandern sprach, -Roeland, die stolze Glocke, die von sich selber sagte: - - ~Als men my slaet dan is’t brandt, - Als men my luyt dan is’t Storm in Vlaenderlandt.~ - Wenn man mich schlägt, ist Brand, - Wenn man mich läutet, Sturm in Flanderland. - -Maßen er fand, daß seine Mutter allzulaut redete, nahm er die Glocke -fort. Und Die vom Lande sagten, daß Gent tot sei, denn ihr Sohn habe -ihr mit eisernen Zangen die Zunge ausgerissen. - - -30 - -In den klaren und frischen Lenztagen, da die Erde voller Liebe ist, -plauderte Soetkin am offenen Fenster und Klas summte einen Kehrreim, -dieweil Ulenspiegel dem Titus Bibulus Schnuffius ein Richterbarett -aufgesetzt hatte. Der Hund arbeitete mit den Pfoten, gleich als wolle -er einen Haftbefehl auswirken, doch es geschah nur, um sich seiner -Kopfbedeckung zu entledigen. - -Plötzlich schloß Ulenspiegel das Fenster, lief in das Zimmer und sprang -auf Stühle und Tische, indeß er die Hände nach der Decke ausstreckte. -Soetkin und Klas gewahrten, daß er sich so unsinnig gebärdete, um ein -Vöglein zu erhaschen, ein gar zierliches, kleines, das mit zitternden -Flügeln an einem Balken im Winkel der Decke geduckt saß und aus Furcht -schrie. - -Ulenspiegel wollte es ergreifen, da sprach Klas mit Nachdruck zu ihm: - -„Warum springst Du also?“ - -„Um ihn zu greifen,“ sprach Ulenspiegel, „in einen Käfig zu setzen und -ihm Körner zu schütten, auf daß er für mich singe.“ - -Indessen schrie der Vogel vor Angst, flatterte im Zimmer umher und -stieß mit dem Kopf wider die Fensterscheiben. Ulenspiegel ließ nicht -ab, zu springen. Da legte Klas ihm die Hand schwer auf die Schulter und -sprach: - -„Fang ihn, setz ihn in einen Käfig und laß ihn für Dich singen. Doch -ich werde Dich auch in einen Käfig tun, der mit guten Eisenstangen -verschlossen ist, und werde Dich singen machen. Du läufst gern; -das wirst Du nicht mehr können; Du wirst im Schatten sein, wenn -Dich friert, in der Sonne, wenn Dir heiß ist. Dann werden wir eines -Sonntags ausgehen und vergessen, Dir Futter zu geben, und nicht eher -denn Donnerstags heimkehren. Und bei der Rückkehr werden wir Thyll -verhungert und starr und steif finden“. - -Soetkin weinte und Ulenspiegel entsprang. - -„Was tust Du?“ fragte Klas. - -„Ich öffne dem Vogel das Fenster“, antwortete er. - -Und wahrlich, das Vöglein, welches ein Distelfink war, flog aus dem -Fenster, stieß einen Freudenruf aus und ließ sich dann auf einen -Apfelbaum nieder. Dort glättete es mit dem Schnabel seine Flügel, -schüttelte sein Gefieder und, sich erbosend, schalt es Ulenspiegel in -seiner Vogelsprache mit tausend Schmähungen. - -Da sprach Klas zu ihn - -„Sohn, raube weder Mensch noch Tier jemals die Freiheit, welche -das größte Gut auf Erden ist. Laß einen jeden in die Sonne gehen, -wann ihn friert, und in den Schatten, wann ihm heiß ist. Und möge -Gott seine Heilige Majestät richten, welche, nachdem sie den freien -Glauben in Flandern in Ketten gelegt, das edle Gent in einen Käfig der -Knechtschaft geworfen hat“. - - -31 - -Philipp hatte Maria von Portugal geehelicht und ihre Besitzungen der -Krone Spanien einverleibt. Sie genas des Don Carlos, des grausamen -Narren. Doch er liebte seine Gattin nicht. Die Königin litt an den -Folgen ihres Kindbettes. Sie hütete das Bett und hatte ihre Ehrendamen -bei sich, darunter die Herzogin von Alba. Philipp ließ sie oftmals -allein, um Ketzer verbrennen zu sehen, und alle Herren und Damen vom -Hofe taten desgleichen. Also hielt es auch die Herzogin von Alba, die -hochedle Wächterin des königlichen Kindbettes. - -Um diese Zeit nahm das geistliche Gericht einen vlämischen -Bildschneider gefangen, welcher römischer Katholik war, maßen ihm ein -Mönch den ausbedungenen Preis für ein Holzbild unserer lieben Frauen -verweigert und er der Frau mit dem Meißel ins Gesicht geschlagen und -gesagt hatte, daß er lieber sein Werk zerstören, denn es zum Spottpreis -hergeben wollte. - -Er ward von dem Mönche als Bilderfrevler verklagt, ohn Erbarmen -gefoltert und verurteilt, lebendig verbrannt zu werden. Während der -Folter hatte man ihm die Fußsohlen verbrannt, und da er mit dem -Sanbenito[2] angetan vom Kerker zum Scheiterhaufen geführt ward, schrie -er: - -„Haut die Füße ab! Haut die Füße ab!“ - -Philipp hörte dies Geschrei von ferne; es war ihm wohl, aber er lachte -nicht. - -Die Ehrendamen verließen die Königin, um der Verbrennung beizuwohnen, -und nach ihnen ging auch die Herzogin von Alba. Sie hörte den -vlämischen Bildschneider schreien, wollte das Schauspiel mit ansehen -und ließ die Königin allein. - -Da nun Philipp mit seinen hohen Dienern, Prinzen, Grafen, Stallmeistern -und Damen gegenwärtig war, fesselten sie den Bildschnitzer mit einer -langen Kette an einen Pfahl inmitten eines Kreises von brennendem -Stroh und Reisigbündeln, auf daß er langsam geröstet werde, wann er, -dem raschen Feuer entrinnend, sich an den Pfahl halten wollte. Und -alles blickte ihn voll Neugier an, wie er nackend oder fast nackend -versuchte, seine Seelenstärke der Feuersglut entgegenzusetzen. - -Zur selbigen Zeit hatte die Königin Maria in ihrem Wochenbett Durst. -Die Hälfte einer Melone auf einer Schüssel erblickend, schleppte sie -sich aus ihrem Bette, aß von der Melone und ließ nichts davon übrig. -Dann brach sie in Schweiß aus und es fröstelte sie, dieweil das Fleisch -der Melone kalt war. Sie blieb auf dem Fußboden liegen und konnte kein -Glied rühren. - -„Ach,“ sprach sie, „ich würde wieder warm werden, wenn jemand mich ins -Bett trüge.“ - -Da hörte sie den armen Bildschnitzer schreien: „Haut die Füße ab!“ - -„Ach,“ sprach die Königin Maria, „ist es ein Hund, der bei meinem Tode -heult?“ - -In diesem Augenblick, da der Bildschneider ringsum die Gesichter -hispanischer Feinde gewahrte, gedachte er Flanderns, des Landes der -Männer, kreuzte die Arme, schleppte seine lange Kette hinterdrein, ging -auf die flammenden Stroh- und Reisigbündel zu und mitten hinein, die -Arme verschränkend. - -„Also“, sprach er, „sterben die Vlamen angesichts der spanischen -Henker. Haut die Füße ab, doch nicht mir, sondern ihnen, damit sie -nimmer zum Morden laufen. Es lebe Flandern in alle Ewigkeit!“ - -Und die Damen klatschten ihm Beifall und riefen um Gnade, da sie seine -stolze Fassung sahen. Und er starb. - -Die Königin Maria zitterte am ganzen Leibe, sie weinte, ihre Zähne -schlugen auf einander im Froste des nahenden Todes. Sie streckte Arme -und Beine aus und sprach: - -„Legt mich in mein Bett, auf daß ich warm werde.“ - -Und sie starb. - -Und also säete Philipp allerorten Tod, Blut und Tränen, gemäß der -Weissagung Kathelines, der guten Zauberin. - - -32 - -Doch Ulenspiegel und Nele liebten sich heiß. Es war am Ende des -Aprilmonds, und alle blühenden Bäume, alle saftstrotzenden Pflanzen -harrten des Mai, der von einem Pfauen begleitet, blütenreich wie ein -Blumenstrauß, auf die Erde kommt und die Nachtigallen in den Büschen -singen heißt. - -Oftmals streiften Ulenspiegel und Nele selbander auf den Wegen umher, -Nele hing an Ulenspiegels Arm und umschlang ihn mit beiden Händen. Er -fand an diesem Spiele Gefallen und legte oftmals seinen Arm um ihre -Hüften, um sie besser zu halten, wie er sagte. Sie war glücklich, aber -sie sprach nicht. - -Der Wind wälzte den Duft der Wiesen warm und feucht auf die Wege. -In der Ferne rauschte das Meer träg im Sonnenschein. Ulenspiegel -war hoffärtig wie ein junger Teufel, doch Nele gleich einer kleinen -Heiligen aus dem Paradiese gar verschämt ob ihrer Freude. - -Sie lehnte den Kopf an Ulenspiegels Schulter; er faßte ihre Hände, und -im Gehen küßte er sie auf die Stirn, die Wangen und ihren lieblichen -Mund. Doch sie schwieg. - -Nach etlichen Stunden waren sie heiß und durstig, tranken Milch beim -Bauern und waren doch nicht erquickt. - -Sie setzten sich an den Rand eines Grabens auf den Rasen. Nele war ganz -bleich und nachdenklich und Ulenspiegel betrachtete sie furchtsam. - -„Du bist traurig?“ fragte sie. - -„Ja“, sagte er. - -„Warum?“ fragte sie. - -„Ich weiß es nicht,“ sprach er, „aber diese Apfel- und Kirschbäume -in voller Blüte, diese laue Luft, die wie mit dem Feuer des Blitzes -geladen ist, diese Maßliebchen, die sich errötend auf den Auen öffnen, -der Schlehdorn dort nahebei in den Hecken, ganz weiß ... Wer sagt mir, -warum ich mich so unruhig fühle und immerdar bereit bin, zu sterben -oder zu schlafen? Und mein Herz schlägt so stark, wenn ich die Vögel in -den Bäumen erwachen höre und sehe die Schwalben, die wieder da sind. -Dann möchte ich weiter wandern als Sonne und Mond. Und bald ist mir -kalt, bald heiß. Ach, Nele, ich wollte, ich wäre nicht mehr auf dieser -erbärmlichen Welt, oder ich könnte der, die mich liebte, tausend Leben -geben“ ... - -Aber sie schwieg, und blickte Ulenspiegel mit frohem Lächeln an. - - -33 - -Am Tage des Totenfestes kam Ulenspiegel mit etlichen Burschen des -nämlichen Alters aus der Frauenkirche. Lamm Goedzak hatte sich unter -sie verirrt wie ein Schaf unter Wölfe. Er zahlte für alle freigebig die -Zeche, denn seine Mutter gab ihm alle Sonn- und Feiertage drei Heller. - -Er begab sich also mit seinen Kameraden „In den rooden Schildt“ zu Jan -van Liebeke, welcher ihnen „dobbele knollaert“ von Kortrijk auftrug. -Da nun das Getränk sie erhitzte und sie von Gebeten redeten, sagte -Ulenspiegel kühnlich, daß die Seelenmessen nur für die Pfaffen von -Vorteil seien. - -Es war aber ein Judas in der Schar; der zeigte Ulenspiegel als Ketzer -an. Trotz Soetkins Tränen und Klasens Bitten ward Ulenspiegel ergriffen -und gefänglich eingezogen. Er blieb einen Monat und drei Tage in einem -vergitterten Kellerloch, ohne jemand zu sehen. Der Kerkermeister fraß -ihm drei Viertel seiner Portion auf. Derweilen zog man Erkundigungen -über seinen Leumund ein. Es fand sich nur, daß er ein schlimmer Spötter -war, welcher sich ohne Unterlaß über seinen Nächsten lustig machte, -doch hatte er niemals über den Herrgott, die Frau Maria und die Herren -Heiligen Übles geredet. Darum war sein Urteil gelinde; ansonst wäre -er mit glühenden Eisen im Gesicht gebrandmarkt und bis aufs Blut -gepeitscht worden. - -In Ansehung seiner Jugend verurteilten ihn die Richter nur, in -der ersten Prozession, die aus der Kirche kommen würde, im Hemde, -barhäuptig und barfuß, eine Kerze in der Hand zu tragen und hinter den -Priestern zu schreiten. - -Solches geschah am Tage der Himmelfahrt. - -Dieweil die Prozession in die Kirche zurückkehrte, mußte er unter dem -Torbogen der Frauenkirche stehen und dort ausrufen: - -„Dank dem hohen Herrn Jesus! Dank den Herren Priestern! Ihre Gebete -sind den Seelen im Fegefeuer wohltuend und gar kühlend; denn jedes Ave -ist ein Eimer Wasser, der auf ihren Rücken fällt, und jedes Pater ist -ein Kübel voll.“ - -Und das Volk hörte ihm mit großer Andacht und nicht ohne Lachen zu. - -Beim Pfingstfest mußte er abermals der Prozession folgen; er war im -Hemd, barfüßig und barhäuptig und hielt eine Kerze in der Hand. Da nun -die Prozession in die Kirche zurückkehrte, trat er unter den Torbogen, -und ehrerbietig seine Kerze haltend, sprach er mit lauter klarer -Stimme, nicht ohne etliche spöttische Fratzen zu schneiden: - -„Die Gebete der Christen sind für die Seelen im Fegefeuer eine große -Linderung; aber die des Dechanten von unsrer lieben Frauen, des -heiligen Mannes, der in der Ausübung aller Tugenden vollkommen ist, -beruhigen also trefflich die Qualen des Feuers, daß es sich plötzlich -in Gefrorenes wandelt. Aber die Marterteufel kriegen keinen Tropfen -davon.“ - -Und das Volk horchte wiederum mit großer Andacht, nicht ohne zu lachen, -und der Dechant lächelte mit geistlichem Behagen. - -Darauf ward Ulenspiegel drei Jahre des Landes Flandern verwiesen und -ward ihm auferlegt, eine Pilgerfahrt nach Rom zu machen und mit der -Absolution des Papstes heimzukehren. - -Klas mußte drei Gülden für dieses Urteil zahlen; einen aber gab er -noch seinem Sohn und versah ihn mit einem Pilgerkleid. Dem aber brach -am Tag seiner Reise schier das Herz. Er umarmte Klas und Soetkin, die -schmerzensreiche Mutter, die ganz in Tränen zerfloß. Sie gaben ihm -ein gut Stück Weges das Geleit, in Gesellschaft etlicher Bürger und -Bürgersfrauen. - -Da Klas wieder in seine Hütte trat, sagte er zu seinem Weibe: - -„Weib, es ist recht hart, für ein paar törichte Worte einen so jungen -Knaben zu dieser strengen Strafe zu verurteilen.“ - -„Du weinst, Mann, Du liebst ihn mehr als Du zeigst, denn Du brichst in -männliches Schluchzen aus, das dem Weinen des Leuen gleicht.“ - -Doch er antwortete nichts. - -Nele hatte sich in der Scheune verborgen, auf daß niemand sähe, daß -auch sie um Ulenspiegel weinte. Von ferne folgte sie Soetkin und -Klas und den Bürgern und Bürgersfrauen. Da sie ihren Freund allein -fortziehen sah, lief sie zu ihm und sprang ihm an den Hals. - -„Du wirst viele schöne Damen dort unten finden“, sagte sie. - -„Schöne, das weiß ich nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „aber frische wie -Du, nein, denn die Sonne hat sie alle verbrannt.“ - -Eine lange Weile gingen sie selbander. Ulenspiegel war ganz in Gedanken -und sagte etliche Male: - -„Ich werde sie ihre Seelenmessen bezahlen lassen.“ - -„Was für Messen, und wer wird bezahlen?“ fragte Nele. - -Ulenspiegel entgegnete: - -„Alle Dechanten, Pfarrer, Pfaffen, Küster und obere wie untere Laffen, -so uns mit Hirngespinsten mästen. Wär ich ein wackerer Arbeiter, so -hätten sie mir die Frucht von dreijähriger Arbeit gestohlen, dieweil -sie mich zur Pilgerfahrt zwangen. Nun aber ist es der arme Klas, der -zahlt. Sie sollen mir meine drei Jahre hundertfältig zurückgeben, und -ich werde die Seelenmesse von ihrem Gelde für sie singen.“ - -„Ach, Tyll, sei fürsichtig, sie möchten Dich sonst lebendig -verbrennen“, erwiderte Nele. - -„Ich bin von Asbest“, antwortete Ulenspiegel. Dann trennten sie sich, -sie ganz in Tränen, doch er voller Schmerz und Grimm. - - -34 - -Da er durch Brügge kam, und über den Mittwochsmarkt schritt, sah er -daselbst eine Frau durch den Henker und seine Büttel umhergeführt, und -eine große Zahl andrer Weiber schrie und heulte tausend schmutzige -Schimpfworte um sie her. Da Ulenspiegel sah, daß ihr Kleid oben -mit Stücken roten Tuches besetzt war, auch daß sie den Stein der -Gerechtigkeit mit seinen Eisenketten am Halse trug, erkannte er, daß -es eine Frau war, welche die jungen, gesunden Körper ihrer Töchter zu -ihrem Nutzen verkauft hatte. Man sagte ihm, daß sie Barbe hieße und mit -Jason Darue verheiratet sei. In diesem Aufzug sollte sie von Platz zu -Platz geführt werden, bis sie wieder zum Großen Markt zurückkam. Allda -sollte sie auf ein Gerüst geführt werden, welches eigens errichtet war. -Ulenspiegel folgte ihr mit dem tobenden Volkshaufen. Auf dem Großen -Markt angelangt, ward sie auf das Gerüst gestellt und an einen Pfosten -gebunden, und der Henker legte ein Häufchen Gras und einen Klumpen Erde -vor sie hin, welches die Grube bedeutete. - -Man erzählte Ulenspiegel auch, daß sie zuvor im Gefängnis gestäupt -worden sei. - -Wie er davon ging, begegnete er Henri le Marischal, einem Erzbettler, -welcher in der Schloßhauptmannschaft von West-Ypern gehenkt worden war -und annoch die Merkmale der Stricke an seinem Halse zeigte. Er war, so -sagte er, gerettet worden, wie er schon in der Luft hing, nur durch ein -gutes Gebet, das er an Unsere liebe Frau von Hal richtete, also daß -nach dem Fortgang der Amtsleute und Richter die Stricke, die ihn schon -nicht mehr würgten, zerrissen und er auf den Boden fiel und heil und -gesund war. - -Aber Ulenspiegel vernahm nachmals, daß dieser vom Strick befreite -Bettler ein falscher Henri Marischal war, und daß man ihn seine Lüge -allerorten verbreiten ließ, dieweil er Besitzer eines vom Dechanten -Unsrer lieben Frauen von Hal unterzeichneten Pergaments war. Um dieser -Erzählung des Henri Marischal willen strömten Alle, so von nah oder -ferne den Galgen witterten, besagtem Dechanten zu Haufen in seine -Kirche und bezahlten ihn gut. Und lange Zeit ward Unsere liebe Frau von -Hal die Mutter Gottes der Gehenkten genannt. - - -35 - -Zur selbigen Zeit stellten die Inquisitoren und Theologen dem Kaiser -Karl zum andern Male vor, daß die Kirche zugrunde ginge, daß ihre -Herrschaft verachtet würde und daß er die herrlichen Siege, so er -errungen, den Gebeten der Katholischen Christenheit verdankte, welche -die kaiserliche Macht auf ihrem Throne erhielte. - -Ein Erzbischof von Spanien heischte von ihm, daß sechstausend Köpfe -abgeschlagen oder ebensoviele Körper verbrannt würden, auf daß die -bösartige lutherische Ketzerei in den Niederlanden ausgerottet würde. -Seine Heilige Majestät dünkte solches nicht genug. - -Derhalben erblickte auch der arme Ulenspiegel an allen Orten, durch die -er voll Entsetzens zog, nur Köpfe auf Pfählen, junge Mägdlein in Säcke -gesteckt und lebendig in den Fluß geworfen. Er sah Männer nackend aufs -Rad geflochten und mit Eisenstangen grausam zerschlagen, Frauen in eine -Grube geworfen und Erde auf sie geschüttet, und der Henker tanzte ihnen -auf der Brust, um sie zu zerbrechen. Aber die Beichtiger derer, so -zuvor bereut hatten, verdienten jedesmal zwölf Heller. - -In Löwen sah er die Henker dreißig Lutherische zumal verbrennen, und -der Scheiterhaufen ward mit Schießpulver entzündet. Zu Limburg sah -er eine Familie, Männer und Frauen, Töchter und Töchtermänner zur -Richtstatt schreiten und Psalmen singen. Der Vater, welcher alt war, -schrie, während er verbrannte. - -Und Ulenspiegel wanderte auf der armen Erde und empfand Furcht und -Schmerz. - - -36 - -Auf freiem Felde schüttelte er sich gleichwie ein Vogel oder ein -losgelassener Hund, und sein Herz ward wieder guten Mutes angesichts -der Bäume, der Wiesen und der hellen Sonne. - -Wie er nun während dreier Tage gewandert war, kam er in die Gegend von -Brüssel, in die mächtige Gemeinde von Uccle. Als er vor dem Wirtshaus -zur Trompete vorbeikam, ward er durch einen himmlischen Duft von -Fleischgerichten angelockt. Er fragte einen kleinen Betteljungen, -welcher, die Nase nach dem Winde richtend, sich am Wohlgeruch der Tunke -ergötzte, wem zu Ehren sich dieser festliche Weihrauch gen Himmel -erhöbe. Der aber antwortete, daß die Brüder vom guten Vollmondsgesicht -sich nach der Vesper hier versammelten, um die Befreiung der Gemeinde -durch die Frauen und Mägdlein von einstmals zu feiern. - -Ulenspiegel sah von fern eine Stange mit einem Papageien darauf und -ringsumher mit Bögen bewaffnete Weiber. Er fragte, ob die Frauen jetzo -zu Bogenschützen würden. - -Der Betteljunge, welcher den Duft der Tunke einsog, antwortete, daß zur -Zeit des guten Herzogs die nämlichen Bogen in den Händen der Frauen von -Uccle mehr denn hundert Räuber vom Leben zum Tode gebracht hätten. - -Ulenspiegel wollte mehr davon wissen, doch der Bube sagte, er hätte -solchen Hunger und Durst, daß er nicht mehr sprechen würde, es sei -denn, daß Ulenspiegel ihm einen Heller für Essen und Trinken gäbe. -Ulenspiegel tat es aus Mitleid. - -Sobald der Bettler den Heller hatte, drang er ins Wirtshaus zur -Trompete wie der Fuchs in den Hühnerstall und kam im Triumphe zurück, -in der Hand eine halbe Wurst und einen dicken Laib Brot. - -Plötzlich vernahm Ulenspiegel ein sanftes Getön von Schellentrommeln -und Bratschen und sah eine große Schar Frauen tanzen und unter ihnen -ein schönes Weib, das eine güldene Kette um den Hals trug. - -Der Betteljunge, der vor sattem Behagen lachte, erzählte Ulenspiegel, -daß dieses junge schöne Weib die Königin des Bogenschießens sei und -Mietje hieße und die Ehefrau Seiner Ehren des Herrn Renonckel, des -Gemeindeschöffen wäre. Dann begehrte er von Ulenspiegel sechs Heller -Trinkgeld, und dieser gab sie ihm. Nachdem er also gegessen und -getrunken, setzte sich der Bettler in die Sonne und stocherte sich -die Zähne mit den Nägeln. Da die Bognerinnen Ulenspiegel in seinem -Pilgerkleid erblickten, begannen sie in der Runde um ihn zu tanzen und -sprachen: - -„Guten Tag, schöner Pilger, kommst Du von weit her, Du junger Fant?“ - -„Ich komme aus Flandern, dem schönen Lande, das Überfluß an verliebten -Mägdlein hat“. - -Und er gedachte schwermütig an Nele. - -„Was war Dein Verbrechen?“ fragten sie und hörten mit Tanzen auf. - -„Ich würde nicht wagen es zu beichten, so groß ist es. Aber ich habe -andere Dinge an mir, die auch nicht klein sind.“ - -Da lachten die Weiber und stellten Fragen, warum er solcherart mit dem -Pilgerstab, dem Bettelsack und dem Muschelhut reisen müßte. - -„Dieweil ich gesagt habe,“ erwiderte er, ein wenig lügend, „daß die -Seelenmessen für die Priester von Nutzen sind.“ - -„Sie bringen ihnen klingendes Geld, aber sie sind den Seelen im -Fegefeuer von Nutzen.“ - -„Ich war nicht dort“, antwortete Ulenspiegel. - -„Willst Du mit uns essen, Pilger?“ sprach die liebreizendste der -Schützinnen zu ihm. - -„Ich will mit Euch essen,“ sagte er, „Dich essen und alle, eine nach -der andern, denn Ihr seid Bissen für einen König, köstlicher zu beißen -denn Fettammern, Drosseln und Schnepfen.“ - -„Gott möge Dich ernähren;“ sprachen sie, „das ist ein unbezahlbares -Wildpret.“ - -„Wie Ihr Schönen alle“, erwiderte er. - -„Wahrlich, aber wir sind nicht zu verkaufen.“ - -„Doch zu geben?“ fragte er. - -„Ja,“ sagten sie, „Schläge für die Allzudreisten. Und wenn Du deren -bedarfst, werden wir Dich wie einen Haufen Korn schlagen.“ - -„Ich verzichte darauf.“ - -„Komm essen“, sagten sie. - -Er folgte ihnen in den Hof der Herberge, gar froh, diese frischen -Gesichter um sich zu sehen. Plötzlich sah er mit großem Gepränge, -mit Fahne, Trompete, Flöte und Tambourin, die Brüder vom guten -Vollmondsgesicht in den Hof einziehen, welche dem lustigen Namen ihrer -Bruderschaft alle Ehre machten. Da sie ihn neugierig betrachteten, -sagten die Frauen zu ihnen, es sei ein Pilgrim, den sie am Wege -aufgelesen, und da sie an ihm ein gutes Vollmondsgesicht gewahrt -hätten, gleich dem ihrer Gatten und Bräutigame, so hätten sie ihn -geladen, an ihren Lustbarkeiten teilzunehmen. - -Die Männer fanden gut, was sie sagten, und der Eine sprach: - -„Wallender Pilger, willst Du mit uns durch Tunke und Fleischgerichte -pilgern?“ - -„Ich werde Siebenmeilenstiefel dabei anlegen“, sprach Ulenspiegel. - -Da er sich anschickte, mit ihnen in den Festsaal zu treten, gewahrte er -auf der Straße nach Paris zwölf wandernde Blinde. Da sie an ihm vorüber -zogen und über Hunger und Durst klagten, sagte Ulenspiegel zu sich, daß -sie diesen Abend wie Könige tafeln sollten, auf Kosten des Dechanten -von Uccle, zur Erinnerung an die Seelenmessen. - -Er ging zu ihnen und sprach: - -„Hier sind neun Gulden, kommt essen. Riecht ihr den Duft der -Fleischgerichte?“ - -„Ach“, sprachen sie, „seit einer halben Meile sonder Hoffnung.“ - -„Da ihr jetzt neun Gulden habt, so werdet ihr essen“, sagte -Ulenspiegel, aber er gab ihnen keine. - -„Gesegnet seiest Du“, sprachen sie. - -Und von Ulenspiegel geführt, setzten sie sich im Kreise um einen -kleinen Tisch, dieweil die Brüder vom Guten Vollmondsgesicht sich nebst -ihren Weibern und Mädchen um einen großen niederließen. - -Indem sie sich mit Sicherheit im Besitz von neun Gulden wähnten, -sprachen die Blinden hochmütig: „Wirt, gib uns vom Besten, was Du hast, -zu essen und zu trinken.“ - -Der Wirt, der von neun Gulden hatte sprechen hören, meinte, daß sie in -ihren Geldbeuteln wären, und fragte nach ihrem Begehr. - -Darauf schrieen sie alle zumal: - -„Erbsen mit Speck, ein Geschmortes von Rind, Kalb, Hammel und Huhn. / -Sind die Würste für die Hunde gemacht? / Wer hat beim Vorbeigehen Blut- -und Weißwürste gewittert, ohne sie beim Kragen zu nehmen? Ach, ich sah -sie, da meine armen Augen mir noch als Leuchten dienten. / Wo sind die -Pfannkuchen mit Anderlechter Butter? Sie zischen im Ofen, saftig, kraß -und erzeugen Durst, Kannen hinunterzugießen. / Wer wird mir Schinken -mit Eiern oder Eier mit Schinken, diese zärtlichen, brüderlichen -Freunde des Gaumens, unter die Nase halten? / Wo seid ihr himmlischen -Choesels, das stolze Fleisch, das inmitten von Nieren, Hahnenkämmen, -Kalbsmilch, Ochsenschwänzen, Hammelfüßen und viel Zwiebeln, Pfeffer, -Nelke und Muskat herumschwimmt? Das Ganze gedämpft und drei Kannen -Weißwein als Tunke? / Wer führt euch zu mir, ihr herrlichen -Leberwürste, die Ihr so gut seid, daß Ihr kein Wort sagt, wenn man Euch -verschlingt? Ihr kommt geradenwegs aus Schlaraffenland, dem fetten -Lande der glücklichen Bärnhäuter und der Schlecker unerschöpflichen -Tunken. Doch wo seid Ihr, dürre Blätter der letzten Herbste? / Ich will -eine Hammelkeule mit dicken Bohnen. / Mir Schweinsfähnlein, das sind -ihre Ohren. / Mir einen Rosenkranz von Fettammern; die Paternoster -daran müssen Schnepfen sein und ein fetter Kapaun das Kredo.“ - -Der Wirt erwiderte geruhig: - -„Ihr sollt einen Eierkuchen von sechzig Eiern kriegen, und als -Wegweiser für eure Löffel fünfzig Blutwürste, dampfend auf diesen Berg -von Nahrung aufgepflanzt, und dobbel Peterman obenauf: das wird der -Fluß sein.“ - -Das Wasser lief den armen Blinden im Munde zusammen und sie sagten: - -„Trag uns den Berg, den Wegweiser und den Fluß auf.“ - -Und die Brüder vom guten Vollmondsgesicht samt ihren Weibern, die mit -Ulenspiegel schon zu Tische saßen, sagten, daß dies für die Blinden -der Tag des unsichtbaren Schmausens sei und daß die Armen dermaßen die -Hälfte ihres Vergnügens einbüßten. - -Da der Eierkuchen kam, mit Petersilie und Kapuzinerkresse bestreut -und vom Wirt und vier Köchen getragen, wollten sich die Blinden -hineinstürzen und fuhren bereits mit den Fingern hinein, doch der Wirt -legte nicht ohne Mühe einem jeden sein Teil in seinen Eßnapf. - -Die Bognerinnen waren gerührt, da sie sahen, wie jene sich vollstopften -und dabei vor Behagen schnoben; denn sie hatten gewaltigen Hunger und -verschluckten die Würste wie Austern. Der dobbel Peterman floß in ihre -Mägen gleichwie Wasserfälle, die von den Bergen hinabstürzen. - -Da sie ihre Näpfe geleert hatten, verlangten sie abermals Pfannkuchen, -Fettammern und neue Fleischgerichte. Der Wirt trug ihnen nun eine große -Schüssel mit Ochsen-, Kalb- und Hammelknochen auf, welche in einer -guten Tunke schwammen, legte ihnen aber nicht vor. - -Da sie aber ihr Brot und ihre Hände bis an die Ellenbogen in die -Brühe getunkt hatten und nur etliche Rippen, Kalbsknochen und eine -Hammelkeule, ja sogar ein paar Ochsenkinnbacken erwischten, da wähnten -sie männiglich, daß die Nachbarn das ganze Fleisch hätten, und schlugen -einander wütend mit den Knochen ins Antlitz. - -Wie nun die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sie weidlich verlacht -hatten, legten sie einen Teil ihres Festmahls mildtätig auf die Teller -der Armen, und wer von ihnen einen Knochen für den Kampf suchte, -legte die Hand auf eine Drossel, ein Hühnchen oder etliche Lerchen. -Derweil hielten die Frauen ihnen den Kopf hintenüber und gossen ihnen -Brüsseler Wein in Menge hinunter. Und wenn sie nach Art der Blinden -tasteten, woher diese Ströme von Nektar kämen, erhaschten sie nur einen -Frauenrock und wollten ihn festhalten. Der aber entschlüpfte ihnen -unversehens. Darum lachten, tranken, aßen und sangen sie. - -Etliche, welche die artigen Weiblein witterten, liefen ganz vernarrt -und von Liebe behext durch den Saal, aber die boshaften Mädchen -führten sie in die Irre, versteckten sich hinter einen Bruder vom -guten Vollmondsgesicht und sprachen zu ihnen: „Küsse mich.“ Solches -taten sie, aber anstatt einer Frau küßten sie das bärtige Antlitz -eines Mannes, nicht ohne barsche Abweisung. Die Brüder vom guten -Vollmondsgesicht sangen; sie sangen alle zumal. Und die lustigen -Weiblein lachten voll innigen Wohlgefallens, da sie ihre Freude sahen. - -Als diese nahrhaften Stunden vorüber waren, sagte der Baas zu ihnen: - -„Ihr habt gut gegessen und getrunken; ich bekomme sieben Gulden.“ - -Jeder von ihnen schwur, er hätte die Börse nicht, und beschuldigte -seinen Nachbarn. Daraus entstand eine Schlacht unter ihnen, darin sie -versuchten, sich mit Füßen, Fäusten und Köpfen zu stoßen, aber sie -vermochten es nicht und schlugen ins Leere, denn die Brüder vom guten -Vollmondsgesicht, da sie das Spiel sahen, trennten sie von einander. -Und die Schläge regneten in die Luft, einen ausgenommen, welcher durch -ein Mißgeschick in das Gesicht des Baas fiel. Der aber ward zornig, -untersuchte sie alle und fand nichts denn ein altes Skapulier, sieben -Heller, drei Hosenknöpfe und ihre Rosenkränze. - -Er wollte sie in den Schweinestall werfen, bis für sie bezahlt würde, -was sie schuldig waren. - -„Soll ich für sie bürgen?“ fragte Ulenspiegel. - -„Ja,“ erwiderte der Baas, „wenn jemand für Dich bürgt.“ - -Die guten Vollmondsgesichter wollten das tun, doch Ulenspiegel hinderte -sie und sprach: - -„Der Pfarrer wird Bürge sein, ich werde ihn aufsuchen.“ - -Der Seelenmessen gedenkend, ging er zum Pfarrer und erzählte ihm, wie -der Baas der „Trompete“ vom Teufel besessen sei. Er spräche von nichts -denn von Schweinen und von Blinden, daß die Schweine die Blinden und -die Blinden die Schweine fräßen, unter mancherlei unheiligen Formen -von Braten und Fleischgerichten. Während dieser Anfälle, so sagte er, -zerbräche er alles im Hause; und er bat ihn hinzukommen und den armen -Menschen von diesem bösen Geist zu befreien. - -Solches versprach der Pfarrer ihm, bedeutete ihm aber, daß er nicht -sogleich mitkommen könne; denn er machte just die Abrechnungen des -Kapitels und trachtete dabei nach seinem Vorteil. Da Ulenspiegel -sah, daß er ungeduldig war, sagte er, daß er mit der Frau des Baas -wiederkommen werde und daß der Pfarrer selbst mit ihr sprechen könne. - -„Kommt alle beide“, sprach der Pfarrer. - -Ulenspiegel ging wieder zum Wirt und sprach: - -„Ich habe den Pfarrer gesprochen, er wird für die Blinden Bürgschaft -leisten. Dieweil Ihr sie bewacht, lasset die Wirtin mit mir zu ihm -gehen; er wird ihr wiederholen, was ich Euch sagte.“ - -„Gehe hin, Weib“, sprach der Baas. - -Die Wirtin ging mit Ulenspiegel zum Pfarrer, welcher nicht aufhörte -zu rechnen, um einen Vorteil für sich herauszufinden. Da sie mit -Ulenspiegel bei ihm eintrat, winkte er ihr voll Ungeduld mit der Hand, -daß sie fort gehen sollten, und sprach: - -„Beruhige Dich, ich werde Deinem Manne in einem oder zwei Tagen zu -Hilfe kommen.“ - -Und da Ulenspiegel nach der Trompete zurückkam, sprach er zu sich -selbst: „Er wird hundert Gülden zahlen, und das soll meine erste -Seelenmesse sein.“ - -Und er machte sich auf, desgleichen die Blinden. - - -37 - -Da Ulenspiegel sich am folgenden Tage auf einer Landstraße inmitten -viel Volkes befand, folgte er ihm und erfuhr alsbald, daß dies der Tag -der Wallfahrt nach Alsenberg wäre. - -Er sah arme alte Weiblein, die für einen Gulden barfuß rückwärts -gingen, um die Sünden etlicher fürnehmer Damen abzubüßen. Am Wegraine -hielten etliche Wallfahrer beim Klange von Geigen, Bratschen und -Sackpfeifen Schmausereien von gebackenen Fischen und Zechereien von -Braunbier. Und der Dampf der leckeren Fleischgerichte stieg wie ein -lieblicher Opferduft gen Himmel. - -Aber es waren da andere Pilger, Bauern, Bettler und Hungerleider, -welche, von der Kirche bezahlt, für sechs Sous rückwärts gingen. - -Ein kleines, ganz kahlköpfiges Männlein mit weit aufgerissenen Augen -und scheuer Miene sprang rückwärts hinter ihnen, indeß es seine -Vaterunser abbetete. Ulenspiegel wollte wissen, um was der Mann -solcherart die Krebse nachäffte, trat vor ihn und sprang lächelnd in -gleicher Art. Die Geigen, Pfeifen, Bratschen und Dudelsäcke und das -Ächzen der Pilger machten die Tanzmusik. - -„Jan van den Duivel,“ sprach Ulenspiegel, „läufst Du auf solche Weise, -um sicherer zu fallen?“ - -Der Mann antwortete nicht und fuhr fort, seine Paternoster zu murmeln. - -„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „willst Du wissen, wieviel Bäume auf -dem Wege sind? Aber zählst Du nicht auch die Blätter daran?“ - -Der Mann, der ein Kredo betete, winkte Ulenspiegel zu schweigen. - -„Vielleicht“, sagte dieser und hüpfte immer vor ihm her, dieweil er ihm -nachahmte, „gehst Du um eines plötzlichen Wahnsinns willen anders denn -alle Welt. Doch wer will einem Narren eine weise Antwort entlocken, der -ist selbst nicht weise. Ist es nicht also, mein Herr mit dem kahlen -Fell?“ - -Da der Mann noch immer nicht antwortete, fuhr Ulenspiegel fort zu -hüpfen; doch er vollführte dabei einen solchen Lärm mit seinen Sohlen, -daß der Weg widerhallte gleich wie eine hölzerne Kiste. - -„Vielleicht“, sprach Ulenspiegel, „seid Ihr stumm, mein Herr?“ - -„~Ave Maria~,“ sprach der Mann, „~gratia plena et benedictus fructus -ventris tui Jesus~.“ - -„Oder vielleicht seid ihr auch taub?“ fragte Ulenspiegel. „Das werden -wir sehen: Man sagt, daß die Tauben weder Lobsprüche noch Schimpfwörter -hören. Laß sehen, ob das Trommelfell Deiner Ohren von Haut oder von -Erz ist. Du Laterne ohne Licht, Du Trugbild eines Fußgängers, glaubst -Du einem Manne zu gleichen? Das wird geschehen, wenn sie aus Lumpen -gemacht werden. Wo sah man je solche gelbliche Fratze, solchen kahlen -Schädel, wenn nicht auf dem Galgenacker? Bist Du nicht vor Zeiten -gehenkt worden?“ - -Und Ulenspiegel tanzte und der Mann ward zornig, sprang grollend -rückwärts und murmelte seine Paternoster mit geheimem Verdruß. - -„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „verstehst Du nur Hochvlämisch, ich -werde Platt zu Dir sprechen. Wenn Du nicht ein Vielfraß bist, so -bist Du ein Trunkenbold. Bist Du aber kein Trunkenbold, sondern ein -Wassertrinker, so bist du ein Schalk, der irgendwo verstopft ist, -und bist Du nicht verstopft, so hast Du Durchfall. Bist Du nicht ein -Wüstling, so bist Du ein Kapaun. Wenn es Mäßigkeit gibt, so erfüllt -sie nicht die Tonne Deines Bauches, und wenn es auf tausend Millionen -Menschen, so die Erde bevölkern, nur einen Hahnrei gäbe, so wärest Du -es“. - -Bei dieser Rede fiel Ulenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine -in die Luft, denn der Mann hatte ihm einen solchen Faustschlag unter -die Nase versetzt, daß er mehr denn hundert Lichter blitzen sah. Dann -fiel er behende über ihn her, trotz der Last seines Bauches, und schlug -ihn überall, und die Schläge regneten gleich wie Hagel auf Ulenspiegels -mageren Körper. Und sein Knüppel fiel zu Boden. - -„Lerne aus dieser Lehre,“ sprach der Mann zu ihm, „daß du die -rechtschaffenen Leute, die auf die Wallfahrt gehen, nicht hänselst. -Denn wisse wohl, ich gehe auch nach Alsenberg, wie es Brauch ist, um -die heilige Frau Maria zu bitten, daß sie ein Kind, das meine Frau -empfangen, da ich auf Reisen war, eine Fehlgeburt werden lasse. Um eine -so große Wohltat zu erlangen, muß man vom zwanzigsten Schritt nach der -Wohnung bis zu den untersten Kirchenstufen rückwärts gehen und tanzen, -ohne zu sprechen. Ach, jetzt muß ich von vorn anfangen.“ - -Ulenspiegel hatte seinen Stock aufgehoben und sagte: - -„Ich will Dir helfen, Du Taugenichts, dem die Mutter Gottes dienen -soll, die Kinder im Mutterleibe zu töten.“ - -Und er hub an, den boshaften Hahnrei so grausam zu prügeln, daß er ihn -für tot auf dem Wege liegen ließ. - -Dieweilen stieg das Gestöhn der Wallfahrer, die Töne der Pfeifen, -Bratschen, Geigen und Dudelsäcke immerwährend gen Himmel und gleich wie -ein reiner Weihrauch der Dampf der gebackenen Fische. - - -38 - -Klas, Soetkin und Nele schwätzten am Kaminfeuer und unterhielten sich -über den wallenden Pilger. - -„Mädchen,“ sagte Soetkin, „warum kannst Du ihn nicht durch die Macht -des Jugendzaubers immer bei uns halten!“ - -„Ach,“ sprach Nele, „ich kann es nicht.“ - -„Das kommt,“ erwiderte Klas, „weil er einen entgegengesetzten Zauber -hat, der ihn treibt zu laufen, ohne sich je auszuruhen, es sei denn, -wenn er sein Maulwerk arbeiten läßt.“ - -„Der häßliche Schalk“, seufzte Nele. - -„Ein Schalk,“ sprach Soetkin, „das gebe ich zu, aber häßlich, nein. -Wenn mein Sohn Ulenspiegel kein griechisches oder römisches Antlitz -hat, um so besser; denn aus Flandern sind seine flinken Füße, vom -Franken aus Brügge seine klugen, braunen Augen, und seine Nase und Mund -sind von zwei Füchsen gemacht, die Meister in den Wissenschaften der -Schalkheit und der Bildschneiderei sind.“ - -„Wer machte ihm denn die Arme eines Faullenzers, und Beine, die allzu -behend sind, dem Vergnügen nachzulaufen?“ fragte Klas. - -„Sein allzu junges Herz“, erwiderte Soetkin. - - -39 - -Zu jener Zeit kurierte Katheline durch Heilkräuter einen Ochsen, -drei Hämmel und ein Schwein, die Speelman gehörten; eine Kuh aber, -die Jan Beloen hatte, konnte sie nicht heilen. Dieser klagte sie der -Zauberei an. Er erklärte, daß sie das Tier behext hätte, in Ansehung -dessen, daß sie es streichelte und zu ihm sprach, dieweil sie ihm die -Heilkräuter gab, sonder Zweifel in einer teuflischen Sprache, denn eine -rechtschaffene Christin soll nicht zu einem Tiere reden. - -Besagter Jan Beloen fügte hinzu, daß er Speelmanns Nachbar sei, welchem -sie den Ochsen, die Hämmel und das Schwein kuriert habe. Wenn sie seine -Kuh umgebracht habe, so sei das sonder Zweifel auf Anstiften Speelmanns -geschehen, welcher mit Neid sähe, daß seine, Beloens Äcker, besser -bestellt wären und mehr Frucht trügen denn seine, Speelmanns Äcker. Auf -das Zeugnis von Pieter Meulemeester, einem Manne von gutem Wandel und -Sitten, sowie von Jan Beloen, welche bezeugten, daß Katheline in Damm -als Hexe verrufen sei und sonder Zweifel die Kuh umgebracht habe, ward -Katheline gefänglich eingezogen und verurteilt, gefoltert zu werden, -bis sie ihre Verbrechen und Missetaten bekannt hätte. - -Sie ward durch einen Schöffen verhört, der beständig wütend war, denn -er trank den ganzen Tag Branntwein. - -Vor ihm und den Männern der Vierschare ward Katheline auf die erste -Folterbank gelegt. Der Henker zog sie ganz nackt aus, dann schor er ihr -die Haare am ganzen Körper und sah überall nach, ob sie irgend einen -Zauber verberge. Da er nichts gefunden hatte, band er sie mit Stricken -auf die Folterbank fest. - -Da sprach sie: - -„Ich schäme mich, also nackt vor diesen Männern zu sein, heilige Frau -Maria macht, daß ich sterbe.“ - -Alsobald legte ihr der Henker nasse Lappen auf die Brust, den Leib und -die Beine, hob die Bank in die Höhe und goß ihr heißes Wasser in so -großer Menge in den Magen, also daß sie ganz aufgeblasen schien. Dann -ließ er die Bank zurückfallen. - -Der Schöffe fragte Katheline, ob sie ihr Verbrechen bekennen wollte. -Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Henker goß ihr noch mehr -heißes Wasser ein, aber Katheline brach alles aus. Da ward sie auf -Anraten des Arztes losgebunden. Sie sprach nicht, aber sie schlug sich -auf die Brust, zum Zeichen, daß das heiße Wasser sie verbrannt hätte. -Als der Schöffe sah, daß sie sich von dieser ersten Folter erholt -hatte, sagte er zu ihr: - -„Bekenne, daß Du eine Hexe bist und daß Du die Kuh verzaubert hast“. - -„Ich werde nicht bekennen“, sagte sie. „Ich liebe alle Tiere, so sehr -mein armes Herz vermag, und lieber würde ich mir ein Leides tun als -ihnen, so sie sich nicht verteidigen können. Um die Kuh zu heilen, habe -ich die Mittel angewandt, die von Nöten sind“. - -Doch der Schöffe erwiderte: - -„Du hast ihr Gift gegeben, denn die Kuh ist tot“. - -„Herr Schöffe,“ sprach Katheline, „ich bin hier vor Eurem Richterstuhl -und in Eurer Gewalt. Dennoch wage ich Euch zu sagen, daß ein Tier an -einer Krankheit sterben kann wie ein Mensch, trotz des Beistandes der -Chirurgen und Ärzte. Und ich schwöre beim allerhöchsten Herrn Christus, -der gern bereit war, für unsere Sünden am Kreuze zu sterben, daß ich -dieser Kuh nichts antun wollte, sondern vielmehr sie durch einfache -Mittel heilen.“ - -Da sagte der Schöffe wütend: - -„Diese Teufelsdirne soll nicht unaufhörlich leugnen. Bringt sie auf -eine andere Folterbank!“ - -Und er trank ein großes Glas Branntwein. - -Der Henker setzte Katheline auf den Deckel eines Sarges von Eichenholz, -welcher auf Holzböcken ruhte. Besagter Deckel in Form eines Daches war -scharf wie eine Klinge. Im Kamin brannte ein großes Feuer, denn es -war im Monat November. Da Katheline auf dem Sarge und auf einem Spieß -von spitzem Holze saß, ward sie mit zu engen Schuhen aus frischem -Leder bekleidet und vor das Feuer geschoben. Als sie fühlte, wie das -schneidende Holz des Sarges und der spitze Spieß in ihr Fleisch drang -und die Glut das Leder ihrer Schuhe erhitzte und zusammenzog, schrie -sie: - -„Ich leide tausend Schmerzen! Wer gibt mir schwarzes Gift?“ - -„Rückt sie näher ans Feuer“, gebot der Schöffe. - -Dann befragte er Katheline: - -„Wie oft bist Du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? Wie oft -hast Du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem Baum, das Ungeborne -im Mutterleibe zu Grunde gerichtet? Wie oft hast du aus zwei Brüdern -geschworne Feinde und aus zwei Schwestern Nebenbuhlerinnen voll Haß -gemacht?“ - -Katheline wollte sprechen, doch sie vermochte es nicht, und bewegte die -Arme, wie um nein zu sagen. Der Schöffe sagte darauf: - -„Sie wird nicht eher sprechen, als bis sie am Feuer all ihr Hexenfett -schmelzen fühlt. Rückt sie näher heran“. - -Katheline schrie. Der Schöffe sprach zu ihr: - -„Bitte Satan, daß er Dich kühle“. - -Sie machte eine Bewegung, als sei sie willens, ihre Schuhe auszuziehen, -die bei der Feuersglut rauchten. - -„Bitte Satan, daß er Dir die Schuhe auszieht“, sprach der Schöffe. - -Es schlug zehn Uhr, die Mittagszeit des Wüterichs; er ging mit dem -Henker und dem Schreiber hinaus und ließ Katheline allein vor dem Feuer -in der Folterkammer. - -Um eilf Uhr kamen sie zurück und fanden Katheline steif und unbeweglich -sitzend. Der Schreiber sprach: - -„Mich deucht, sie ist tot.“ - -Der Schöffe befahl dem Henker, Katheline vom Sarge zu nehmen und ihr -die Schuhe auszuziehen. Der Henker konnte sie nicht ausziehen und -schnitt sie los. Kathelinens Füße kamen rot und blutend zum Vorschein. - -Und der Schöffe, seiner Mahlzeit gedenkend, blickte sie an, ohne ein -Wort zu sagen. Aber alsbald kam sie wieder zu sich und stürzte zu -Boden, von wo sie sich aller Anstrengung zum Trotz nicht wieder erheben -konnte. - -Sie sprach zum Schöffen: - -„Ehedem hast Du mich zum Weibe gewollt, nun aber sollst Du mich -nicht mehr bekommen. Viermal drei, das ist die heilige Zahl, und der -dreizehnte ist der Ehemann“. - -Und da der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm: - -„Sei still, er hört schärfer denn der Erzengel, der im Himmel die -Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst Du so spät? Viermal drei, -das ist die heilige Zahl; er tötet, die mich begehren“. - -Der Schöffe sagte: - -„Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette“. - -„Sie redet irr wegen der Folterqualen“, sagte der Schreiber. - -Katheline ward ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach, da -das Schöffengericht sich in der „Vierschare“ versammelt hatte, ward -Katheline nach Beratung zur Feuerstrafe verurteilt. - -Der Henker und seine Büttel führten sie auf den großen Markt von Damm. -Daselbst war ein Gerüst, auf welches sie stieg. Auf dem Platze standen -der Profoß, der Herold und die Richter. - -Die Trompeten des Stadtherolds erschallten dreimal, und dieser sagte -zum Volke: - -„Dieweil der Magistrat von Damm mit Jungfer Katheline Mitleid gehabt -hat, so hat er nicht gemäß der äußersten Strenge des städtischen -Gesetzes sie bestrafen wollen. Um aber bekannt zu geben, daß sie eine -Hexe ist, sollen ihre Haare verbrannt werden; auch soll sie zwanzig -Goldkarolus Buße zahlen und auf drei Jahre aus dem Weichbild von Damm -verbannt werden, bei Gefahr, ein Glied ihres Körpers zu verlieren.“ - -Und das Volk begrüßte diese rauhe Milde mit Beifall. Danach band der -Henker Katheline am Pfahle fest, setzte eine Perücke von Werg auf -ihren geschorenen Kopf und steckte sie an. Das Werg brannte lange und -Katheline schrie und weinte. - -Dann wurde sie losgebunden und auf einem Karren aus dem Weichbild von -Damm gefahren; denn ihre Füße waren verbrannt. - - -40 - -Zur selbigen Zeit war Ulenspiegel in Herzogenbusch in Brabant, und -etliche Herren der Stadt begehrten ihn zu ihrem Narren. Er aber schlug -diese Würde aus und sprach: „Ein wallender Pilger kann nicht an einem -Orte Narretei treiben, sondern nur in Herbergen und auf Straßen. - -Zur selbigen Zeit kam Philipp, welcher König von Engelland war, seine -künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hennegau, Holland und Seeland -zu besuchen. Er war dazumal im neunundzwanzigsten Jahre seines -Alters. In seinen graugrünen Augen wohnte bittere Melancholie, scheue -Verstecktheit und grausame Entschlossenheit. Kalt war sein Antlitz, -starr sein mit falben Haaren bedeckter Kopf, und steif war auch sein -magerer Leib und seine gebrechlichen Beine; seine Sprache war langsam -und schwerfällig, wie wenn er Wolle im Munde gehabt hätte. - -Inmitten von Turnieren, Lanzenstechen und Festen besuchte er das -frohgemute Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern und seine -andern Herrschaften. Allerorten schwur er die Privilegien zu bewahren; -doch da er zu Brüssel einen Schwur auf das Evangelium tat, die güldene -Bulle von Brabant zu achten, krampfte sich seine Hand so heftig -zusammen, daß er sie von dem heiligen Buch zurückziehen mußte. - -Er begab sich nach Antwerpen, allwo man zu seinem Empfange -dreiundzwanzig Triumphbögen machte. Die Stadt gab zweihundert -siebenundachtzig tausend Gülden aus, um diese Bögen zu bezahlen, -desgleichen die Anzüge von achtzehnhundert und neunundsiebzig -Kaufleuten, alle in karmoisinroten Sammet gekleidet. Desgleichen -für die reiche Livrei von vierhundert und sechzehn Lakaien und den -prächtigen seidenen Aufputz von viertausend gleichgekleideten Bürgern. -Manches Festspiel ward von den Schülern aller Städte der Niederlande -oder nahezu aller aufgeführt. - -Allda sah man mit ihren Narren und Närrinnen den Fürsten der Liebe von -Tournay auf einer Sau mit Namen Astarte reitend; den König der Toren -von Lille, so ein Pferd am Schwanz führte und hinterdrein ging; den -Fürsten der Lust von Valenciennes, so zu seiner Kurzweil die Fürze -seines Esels zählte, den Abt des Frohsinns von Arras, welcher Brüsseler -Wein aus einer Flasche in Gestalt eines Breviers trank, und das war -ein fröhlich Lesen. Desgleichen den Abt der wohlversorgten Töpfe aus -Ath, welcher nur mit einem durchlöcherten Hemde und niedergetretenen -Schuhen versorgt war; aber er hatte eine Wurst, damit er sich trefflich -den Bauch versorgte. Desgleichen den Propst der Leichtfertigen Brüder, -einen jungen Fant, so auf einer furchtsamen Ziege ritt und ihretwegen -manche Püffe erhielt, wenn er in die Menge trabte. Auch erblickte man -allda den Abt von der Silberschüssel von Le Quesnoy, so auf einem -Pferde ritt und tat, als ob er in einer Schüssel säße, und dabei sagte: -„Es ist kein Tier so groß, daß Feuer es nicht braten könnte.“ - -Und sie trieben allerhand unschuldige Narretei, aber der König blieb -traurig und düster. - -Desselbigen Abends versammelten sich der Markgraf von Antwerpen, -die Bürgermeister, Hauptleute und Ältesten, um irgend ein Spiel zu -ersinnen, das König Philipp zum Lachen brächte. - -Der Markgraf sprach: - -„Habet Ihr nicht von einem gewissen Pierkin Jakobsen reden hören, dem -Narren der Stadt Herzogenbusch, gar berühmt für seine Schwänke?“ - -„Freilich“, sagten sie. - -„Wohlan,“ sprach der Markgraf, „entbieten wir ihn hierher, auf daß er -etwelchen geschickten Streich verübe, sintemalen unser Narr Blei in den -Schuhen hat.“ - -„Entbieten wir ihn hierher“, meinten sie. - -Da der Bote von Antwerpen nach Herzogenbusch kam, ward ihm gesagt, daß -der Narr Pierkin am zuvielen Lachen verendet wäre, daß aber ein andrer -durchreisender Narr in der Stadt wäre, namens Ulenspiegel. Der Bote -suchte ihn in einer Schenke auf, wo er ein Gericht von Muscheln aß und -einem Mägdlein von den Schalen einen Panzer machte. - -Ulenspiegel war entzückt, da er erfuhr, daß um seinetwillen der -Gemeindekurier von Antwerpen auf einem so schönen Ambachter Rosse -geritten sei und noch ein anderes am Zügel führte. - -Ohne abzusteigen, fragte ihn der Kurier, ob er einen neuen -Schelmenstreich zu erfinden wisse, um König Philipp zum Lachen zu -bringen. - -„Ich habe einen Anschlag unter meinen Haaren“, erwiderte Ulenspiegel. - -Sie ritten von dannen. Die beiden Pferde liefen mit verhängtem Zügel -und trugen Ulenspiegel und den Kurier nach Antwerpen. - -Ulenspiegel trat vor den Markgrafen, die beiden Bürgermeister und die -von der Gemeine. - -„Was gedenkst du zu tun?“ fragte ihn der Markgraf. - -„In die Luft zu fliegen“, erwiderte Ulenspiegel. - -„Wie wirst du das anstellen?“ fragte der Markgraf. - -„Wißt ihr, was noch weniger wert ist als eine geplatzte Blase?“ fragte -Ulenspiegel. - -„Das weiß ich nicht“, sprach der Markgraf. - -„Es ist ein verratenes Geheimnis.“ - -Indessen ritten die Herolde der Spiele auf ihren schönen Rossen, so -mit karmoisinrotem Sammet aufgezäumt waren, durch alle großen Straßen, -Plätze, Kreuzwege und bliesen die Trompete und schlugen die Trommel. -Solchergestalt verkündeten sie den „Signorkes“ und „Signorkinnes“, daß -Ulenspiegel, der Narr von Damm, am Ufer der Schelde in die Luft fliegen -würde und daß König Philipp und seine hohe, erlauchte und ansehnliche -Gesellschaft auf einer Estrade gegenwärtig sein würden. - -Der Estrade gegenüber stand ein Haus in italienischer Bauart; längs -des Daches lief eine Wasserrinne. Ein Bodenfenster öffnete sich nach -der Dachrinne. An diesem Tage ritt Ulenspiegel auf einem Esel durch -die Stadt, und ein Diener zu Fuß lief ihm zur Seite. Ulenspiegel hatte -das schöne Kleid von karmoisinroter Seide angelegt, welches ihm der -hochwohllöbliche Gemeinderat gegeben hatte. Seine Kopfbedeckung war -eine karmoisinrote Kapuze, an der zwei Eselsohren mit einer Schelle -an jedem Ende zu sehen waren. Er trug eine Halskette von kupfernen -Medaillen, darauf in getriebener Arbeit das Wappen von Antwerpen zu -sehen war. An den Ärmeln des Wamses klingelte eine vergüldete Schelle -an den Spitzen der Ellenbogen. Er trug Schuhe mit vergüldeten Stelzen -und oben an den Stelzen eine Schelle. Sein Esel hatte eine Schabracke -von karmoisinroter Seide, und auf jedem Schenkel das Wappen von -Antwerpen in echtem Golde gestickt. - -Der Knecht schwenkte in einer Hand einen Eselskopf und in der andern -einen Zweig, an dessen Spitze eine Kuhglocke klingelte. - -Ulenspiegel ließ seinen Knecht und sein Reittier auf der Straße und -stieg in die Dachrinne. Allda schüttelte er seine Schellen und öffnete -die Arme ganz weit, als ob er fliegen wollte. Dann, sich vor König -Philipp verneigend, sprach er: - -„Ich meinte, es sei kein Narr in Antwerpen denn ich. Nun seh ich, daß -schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn Ihr mir alle sagtet, -daß Ihr fliegen wolltet, ich glaubt’ es nicht, und Ihr glaubt mir als -einem Toren. Wie sollt’ ich fliegen können; ich bin doch kein Vogel.“ - -Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sagten: - -„Der Narr spricht gleichwohl war.“ - -Aber König Philipp blieb unbeweglich wie ein König von Stein. Und die -vom Gemeinderat sagten ganz leise unter sich: - -„War nicht von Nöten, so große Feste für solch einen Sauertopf zu -bereiten.“ - -Und sie gaben Ulenspiegel drei Gülden, und er ging von hinnen, -nachdem er ihnen wohl oder übel das Kleid von karmoisinroter Seide -zurückgegeben hatte. - -„Was sind drei Gülden in der Tasche eines jungen Gesellen denn ein -Schneeball vor dem Feuer, oder eine volle Flasche, die vor Euch steht, -Ihr weitschlündigen Trinker? Drei Gülden! Die Blätter fallen von den -Bäumen und schlagen wieder aus, aber die Gülden wandern aus der Tasche -und kehren nimmer zurück. Die Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer -fort, und die Gülden gleichermaßen, ob sie gleich zwei Esterling und -neun As wiegen.“ - -Solches sagend betrachtete Ulenspiegel seine drei Gülden. - -„Welch stolzer Anblick“, sprach er für sich. „Auf der Vorderseite -Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert in der einen Hand -und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet, in der andern! -Welch stolze Miene hat er! Er ist von Gottes Gnaden römischer Kaiser, -König von Spanien usw. Er ist gar gnädig gegen unsre Lande, der -gepanzerte Kaiser. Und hier auf der Rückseite ist ein Schild, darauf -die Herzogs- und Grafenwappen all seiner Besitzungen eingestochen sind, -mit der schönen Umschrift: ~Da mihi virtutem contra hostes tuos.~ Gib -mir Tapferkeit gegen deine Feinde. / Wahrlich, er war tapfer gegen -die Reformirten, die Vermögen haben, das eingezogen werden kann. Und -er beerbt sie. Ach, wenn ich Kaiser Karl wäre, ich würde Gülden für -jedermann prägen lassen, und wenn ein jeglicher reich wäre, so würde -keiner mehr arbeiten.“ - -Aber Ulenspiegel hatte das Nachsehen bei dem schönen Gelde; es war -dahingegangen beim Klirren der Humpen und Flaschen. - - -41 - -Dieweil Ulenspiegel sich in karmoisinroter Seide auf der Dachrinne -sehen ließ, hatte er nicht gemerkt, daß Nele unter dem Volke stand und -ihn lächelnd anblickte. Sie wohnte dermalen in Borgerhout bei Antwerpen -und dachte, wenn irgend ein Narr vor König Philipp fliegen wollte, so -müßte es ihr Freund Ulenspiegel sein. - -Da er sinnend auf der Straße wanderte, hörte er nicht das Geräusch -rascher Schritte hinter sich, aber er fühlte zwei Hände, die sich flach -auf seine Augen legten; und Nele witternd, sagte er: - -„Du bist es?“ - -„Ja,“ sprach sie, „ich laufe hinter dir her, seit du aus der Stadt -gegangen bist. Komm mit mir.“ - -„Aber“, fragte er, „wo ist Katheline?“ - -„Du weißt nicht, daß sie ungerecht als Hexe gefoltert und dann auf drei -Jahre aus Damm verbannt ist, und daß sie ihr die Füße verbrannt und ihr -Werg auf dem Kopfe entzündet haben. Solches sage ich Dir, auf daß Du -nicht vor ihr erschrickst, denn sie ist durch das große Leiden irre -geworden. Oft bringt sie ganze Stunden damit zu, ihre Füße anzusehen -und zu sagen: „Hanske, mein süßer Teufel, sieh, was sie Deiner Liebsten -getan haben.“ Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden. Dann weint sie -und sagt: „Die andern Frauen haben einen Mann oder einen Liebsten, -ich aber lebe wie eine Wittib in dieser Welt.“ Alsdann sage ich ihr, -daß ihr Hanske Haß gegen sie fassen wird, wenn sie zu andern als zu -mir von ihm spricht. Und sie gehorcht mir wie ein Kind, ausgenommen, -wenn sie eine Kuh oder einen Ochsen, die Ursache ihrer Folter sieht. -Dann entflieht sie in schnellem Lauf, und nichts hält sie auf, nicht -Zäune, Flüsse noch Wasserläufe, bis sie an einem Wegeknick oder an der -Mauer eines Gutshofes vor Erschöpfung umfällt. Ich gehe ihr nach, sie -aufzuheben und ihr die Füße zu verbinden, die dann bluten. Und ich -glaube, da man das Bündel Werg auf ihrem Kopfe verbrannte, hat man ihr -auch das Hirn im Kopf verbrannt.“ - -Und beide waren betrübt, da sie Kathelines gedachten. - -Sie kamen zu ihr und sahen sie auf einer Bank in der Sonne sitzen, an -die Wand ihres Hauses gelehnt. Ulenspiegel sagte zu ihr: - -„Erkennst du mich?“ - -„Viermal drei,“ sagte sie, „das ist die heilige Zahl, und der -dreizehnte, das ist Therab. Wer bist Du, Kind dieser schlechten Welt?“ - -„Ich bin Ulenspiegel, der Sohn von Soetkin und Klas“, sprach er. - -Sie erhob den Kopf und erkannte ihn; dann winkte sie ihm mit dem Finger -und beugte sich zu seinem Ohre: - -„So Du ihn siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, sag ihm, daß er -wiederkomme, Ulenspiegel.“ - -Dann zeigte sie auf ihre verbrannten Haare: - -„Ich habe Schmerzen,“ sprach sie, „sie haben mir meinen Verstand -genommen; aber wenn er kommen wird, so wird er mir den Kopf wieder -füllen, der jetzo ganz leer ist. Hörst Du? Er tönt wie eine Glocke. Das -ist meine Seele, die an die Tür pocht, um fortzugehen, weil es brennt. -Wenn Hanske kommt und mir den Kopf nicht ausfüllen will, so werde ich -ihm sagen, daß er mit einem Messer ein Loch hineinmache. Die Seele, -die darinnen ist und immer pocht, um fortzugehen, die zerreißt mir -grausam das Herz und ich werde sterben, ja. Und ich schlafe nie mehr -und erwarte ihn immer, und er muß mir den Kopf ausfüllen, ja.“ - -Und sie sank in sich zusammen und ächzte. - -Und die Bauern, die von den Feldern heimkehrten, um ihr Mittagmahl -zu halten, dieweil sie die Glocke dazu rief, die gingen an Katheline -vorüber und sagten: - -„Seht, die Irre.“ - -Und sie bekreuzten sich. - -Und Nele und Ulenspiegel weinten, und Ulenspiegel mußte seine Wallfahrt -fortsetzen. - - -42 - -Zur Zeit seiner Pilgerfahrt nahm er Dienste bei einem gewissen Jobst -mit dem Beinamen der Kwaebakker, der böse Bäcker, wegen seiner -mürrischen Miene. Der Kwaebakker gab ihm als Nahrung drei altbackene -Brote in der Woche und als Wohnung einen Verschlag unter dem Dache, -allwo es trefflich regnete und wehte. - -Da Ulenspiegel sah, daß er so schlecht behandelt ward, spielte er ihm -unterschiedliche Streiche, darunter auch diesen. Wenn man in aller -Frühe backt, muß das Mehl nachts gebeutelt werden. Eines Nachts nun, -da der Mond schien, verlangte Ulenspiegel eine Kerze, damit er sehen -könnte, und sein Meister gab ihm zur Antwort: - -„Beutle das Mehl im Mondschein.“ - -Gehorsam beutelte Ulenspiegel das Mehl auf der Erde, da wo der Mond -schien. - -Um die Morgenstunde, da der Kwaebakker sehen wollte, welche Arbeit -Ulenspiegel getan hätte, fand er ihn noch beutelnd und sagte zu ihm: - -„Kostet das Mehl nichts mehr, daß man es jetzo auf der Erde beutelt?“ - -„Ich habe das Mehl im Mondschein gebeutelt, wie Ihr mich geheißen -habt“, erwiderte Ulenspiegel. - -Der Bäcker entgegnete: - -„Du Esel, in einem Sieb mußtest Du das tun.“ - -„Ich glaubte, der Mond wäre ein Sieb, nach neuer Erfindung“, erwiderte -Ulenspiegel. „Aber der Schade wird nicht groß sein, ich werde das Mehl -aufheben.“ - -„Es ist zu spät, den Teig anzurühren und zu backen,“ erwiderte der -Kwaebakker. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Baas, der Teig des Nachbars in der Mühle ist fertig. Soll ich ihn -holen gehen?“ - -„Geh zum Galgen und suche, was dort zu finden ist“, antwortete der -Kwaebakker. - -„Ich werde hingehen, Baas.“ - -Er lief zum Galgenfeld und fand dort eine verdorrte Diebeshand, die -trug er zum Kwaebakker und sprach: - -„Hier ist eine glorreiche Hand, welche alle unsichtbar macht, die sie -tragen. Willst Du nunmehr Deine schlechte Gemütsart verbergen?“ - -„Das will ich dem Bürgermeister klagen,“ erwiderte der Kwaebakker, „und -Du sollst sehen, daß Du meines Herren Gericht bestohlen hast.“ - -Da sie nun zu zweit vor den Bürgermeister traten und der Bäcker den -Rosenkranz von Ulenspiegels Missetaten herbeten wollte, sah er, daß -dieser die Augen weit aufriß. Darob ward er so zornig, daß er vergaß, -was er klagen wollte, und zu ihm sprach: - -„Was willst Du?“ - -Ulenspiegel erwiderte: - -„Du hast mir gesagt, Du wolltest mich solcherart anklagen, daß ich -sehen sollte. Ich suche zu sehen, und deshalb schaue ich so.“ - -„Geh mir aus den Augen“, schrie der Bäcker. - -„Säß’ ich Euch in den Augen,“ erwiderte Ulenspiegel, „so müßt’ ich Euch -aus den Nasenlöchern kriechen, wenn Ihr die Augen zutätet.“ - -Da der Bürgermeister sah, daß heute Hirngespinnste feil seien, wollte -er sie nicht anhören. Ulenspiegel und der Kwaebakker gingen mitsammen -hinaus; der Bäcker erhub seinen Stock wider ihn, aber Ulenspiegel wich -ihm aus und sagte: - -„Baas, da mein Mehl mit Schlägen gebeutelt wird, nimm Du die Kleie -davon: das ist Dein Zorn. Ich behalte das feinste Mehl zurück, das ist -mein fröhlicher Sinn.“ - -Dann zeigte er ihm die Kehrseite: - -„Und dies“, fügte er hinzu, „ist das Loch des Backofens, wenn Du backen -willst.“ - - -43 - -Der wallfahrende Ulenspiegel wäre gern Straßenräuber geworden, aber er -fand die Steine zum Tragen zu schwer. - -Er wanderte auf gut Glück auf der Straße nach Audenaerde, wo sich -dermalen eine Garnison flämischer Reiter befand; die hatten Befehl, die -Stadt wider die französischen Streifscharen zu verteidigen, die das -Land gleich Heuschrecken verheerten. - -Der Hauptmann der Reiter war ein Friese von Geburt, des Namens -Kornhuin. Auch diese durchstreiften das platte Land und plünderten das -Volk, also daß es, wie bräuchlich, von beiden Seiten aufgefressen ward. - -Alles war ihnen recht, Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber und -Schweine. Eines Tages, da sie mit Beute beladen zurückkehrten, -gewahrten Kornhuin und sein Leutnant am Fuß eines Baumes Ulenspiegel -schlafend und von Fleischgerichten träumend. - -„Was tust Du, um zu leben?“ fragte Kornhuin. - -„Ich sterbe vor Hunger“, antwortete Ulenspiegel. - -„Was ist Dein Handwerk?“ - -„Wegen meiner Sünden wallfahrten, die anderen arbeiten sehen, auf -dem Seil tanzen, die hübschen Gesichter abkonterfeien, Messergriffe -schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete blasen.“ - -Wenn Ulenspiegel so kecklich vom Trompeten sprach, so war es, weil er -erfahren hatte, daß die Stelle des Wächters vom Schlosse Audenaerde -erledigt sei durch den Tod eines alten Mannes, welcher dieses Amt -bekleidet hatte. - -Kornhuin sagte zu ihm: - -„Du sollst Turmbläser sein.“ - -Ulenspiegel folgte ihm und ward auf dem höchsten Turme der Wälle in -eine Warte einquartiert, die von allen vier Winden wohl durchlüftet -war, ausgenommen vom Südwind, der dort nur mit einem Flügel wehte. -Es ward ihm anbefohlen, die Trompete zu blasen, sobald er den Feind -anrücken sähe und dieserhalb den Kopf frei zu halten und immer klare -Augen zu haben. Zu dem Ende würde man ihm nicht zuviel zu essen noch zu -trinken geben. - -Der Hauptmann und sein Kriegsvolk blieben im Turm und hielten den -ganzen Tag Gelage auf Kosten des Landes. Da ward mehr als ein Kapaun -geschlachtet und aufgefressen, dessen einziges Verbrechen sein Fett -war. Ulenspiegel, der allzeit vergessen ward und sich an seiner mageren -Suppe genügen lassen mußte, ergötzte sich nicht am Dufte der Saucen. -Die Franzosen kamen und raubten viel Vieh, Ulenspiegel blies die -Trompete nicht. - -Kornhuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn: - -„Warum hast Du nicht geblasen?“ - -„Ich spreche nicht das Gratias bei Eurem Essen“, sprach Ulenspiegel. - -Am folgenden Tage befahl der Hauptmann ein großes Mahl für sich und -seine Soldaten, aber Ulenspiegel ward wieder vergessen. - -Sie wollten just zu schmausen anheben; Ulenspiegel blies die Trompete. -Kornhuin und seine Soldaten wähnten, daß die Franzosen kämen, ließen -Wein und Braten stehen, stiegen zu Pferde und ritten eilends zur -Stadt hinaus; aber sie fanden auf dem Felde nichts als einen Ochsen, -der stund in der Sonne und käute wieder. Sie führten ihn mit sich. -Derweilen hatte Ulenspiegel sich mit Wein und Fleischspeisen angefüllt. -Beim Eintreten sah ihn der Hauptmann, wie er lächelnd und mit -schlotternden Beinen an der Tür der Festhalle stand, und sagte zu ihm: - -„Das heißt den Verräter spielen, Alarm zu blasen, wann Du keinen Feind -siehst, und nicht zu blasen, wann Du ihn siehst.“ - -„Herr Hauptmann,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde in meinem Turm -solchermaßen von den vier Winden aufgebläht, daß ich oben schwimmen -müßte wie eine Blase, hätte ich mich nicht durch Trompetenblasen -erleichtert. Laßt mich jetzo henken oder ein ander Mal, wenn Ihr einer -Eselshaut für Eure Trommeln bedürfet.“ - -Kornhuin ging, ohne ein Wort zu sagen. - -Indessen kam nach Audenaerde die Kunde, daß der gnädige Kaiser Karl in -fürnehmer Begleitung in diese Stadt einziehen wollte. Bei diesem Anlaß -gaben die Schöffen Ulenspiegel eine Brille, auf daß er besser sehen -könnte, wann Seine Heilige Majestät ankäme. Ulenspiegel sollte dreimal -ins Horn stoßen, sobald er den Kaiser auf Luppeghem zukommen sähe, -welches einer viertel Meile vom Burgtor ist. - -Also würden die in der Stadt Zeit haben, die Glocken zu läuten, die -Böllerschüsse zu lösen, die Braten in den Backofen zu schieben und die -Zapfen in die Fässer zu stoßen. - -Eines Tages um Mittag, da der Wind von Brabant kam und der Himmel klar -war, sah Ulenspiegel auf der Straße, die nach Luppeghem führt, eine -große Schar Reiter auf stolzen Rossen; die Federn ihrer Barette wallen -im Winde. Etliche trugen Banner. Der, welcher stolz an der Spitze ritt, -trug eine Mütze von Goldbrokat mit großen Federn. Er war in braunen -Sammet gekleidet, die mit Brokatell besetzt war. - -Ulenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß dies Kaiser Karl der -Fünfte war, der denen von Audenaerde gestattete, ihm ihre besten Weine -und ihre besten Braten vorzusetzen. - -Die ganze Schar ritt sonder Eile und sog die frische Luft ein, welche -den Hunger anreizt. Aber Ulenspiegel gedachte, daß sie gemeiniglich -fetten Schmaus hielten und wohl einen Tag fasten könnten, ohne zu -verscheiden. Also sah er sie kommen und stieß nicht ins Horn. - -Lachend und schwätzend kamen sie näher, dieweil Seine Heilige Majestät -in seinem Magen nachschaute, ob er Platz genug für das Gastmahl derer -von Audenaerde hätte. Er schien erstaunt und ungnädig, daß keine Glocke -läutete, seine Ankunft zu verkünden. - -Indem kam ein Bauer eiligst angelaufen, um zu verkünden, daß er in -der Umgegend eine französische Streifschar gesehen habe, welche auf -die Stadt zu ritte, um darinnen alles zu verzehren und zu rauben. Bei -dieser Rede schloß der Torwart das Tor und sandte einen Stadtknecht, -damit er es den andern Torwächtern ansagte. Aber die Reiter zechten, -ohne etwas zu wissen. - -Seine Majestät kam immer näher, erzürnt, nicht Glocken, Kanonen und -Büchsenschüsse läuten, donnern und knattern zu hören. Vergebens hielt -er das Ohr hin. Er vernahm nichts als das Glockenspiel, das die halbe -Stunde läutete. Er kam vor das Tor, fand es verschlossen und schlug mit -der Faust dagegen, auf daß es geöffnet werde. Und die Herren seines -Gefolges wurden zornig wie er und murrten scharfe Worte. Der Torwart, -der droben auf den Wällen war, schrie ihnen zu, wenn sie nicht mit -diesem Lärm aufhörten, so würde er sie mit einer Kartätschen begrüßen, -auf daß sie ihre Ungeduld abkühlten. - -Aber seine Majestät sprach voll Grimm: - -„Du blindes Schwein, erkennst Du Deinen Kaiser nicht?“ - -Der Torwart erwiderte, daß die, so am mindesten den Schweinen gleichen, -nicht immer am meisten vergüldet sein. Auch wisse er, daß die Franzosen -ihrer Natur nach arge Spötter seien, sintemalen Kaiser Karl zur Stunde -in Italien Krieg führte und nicht vor den Toren von Audenaerde stehen -könne. - -Darob schrieen Karl und die Ritter noch mehr und sagten: - -„Wenn Du nicht öffnest, so werden wir Dich, auf eine Lanze gespießt, -braten lassen. Und zuvor sollst Du Deine Schlüssel verschlucken.“ - -Bei dem Lärm, den sie vollführten, kam ein alter Kriegsmann aus dem -Zeughaus und steckte die Nase über die Mauer. - -„Torwart,“ sprach er, „Du täuschest Dich; „der da ist unser Kaiser. Ich -erkenne ihn wohl, obwohl er gealtert ist, seit er Maria von der Gheynst -von hier nach dem Schlosse Ballaing brachte.“ - -Der Torwart fiel vor Schreck mausetot um, der Soldat nahm ihm die -Schlüssel ab und ging, die Tür zu öffnen. - -Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange hätte warten lassen. Da der -Soldat es ihm vermeldet hatte, befahl Seine Majestät ihm, das Tor -wieder zu schließen und die Reiter von Kornjuin vor ihn zu bringen. -Denen gebot er, vor ihm her zu reiten, die Trommeln zu rühren und die -Pfeifen zu blasen. - -Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um mit allen Kräften -zu läuten. So eingeführt, kam Seine Majestät mit kaiserlichem Getöse -auf den Großen Markt. Die Bürgermeister und Schöffen waren allda -versammelt; der Schöffe Jan Guigelaer trat bei dem Lärm hinaus, kehrte -in den Sitzungssaal zurück und sagte: - -„Keyser Karel is alhier.“ - -Voll Schreckens ob dieser Kunde traten Bürgermeister, Schöffen und Räte -aus dem Rathaus, um ~in corpore~ den Kaiser zu begrüßen, dieweil ihre -Diener durch die ganze Stadt liefen, um die Böllerschüsse anzusagen, -das Geflügel ins Feuer und die Bratspieße in die Oefen zu schieben. -Männer, Frauen und Kinder liefen herum und schrieen: „Keyser Karel is -op’t groot marckt.“ - -Alsbald war viel Volks auf dem Platze. Der Kaiser, höchst ergrimmt, -fragte die beiden Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu werden -verdienten, maßen sie solcherart an Ehrfurcht vor ihrem Herrscher -ermangelt hätten. - -Die Bürgermeister antworteten, daß sie es wahrlich verdienten, aber daß -Ulenspiegel, der Turmbläser, es noch mehr verdiente, sintemalen man ihn -auf die Kunde von der Ankunft seiner Majestät mit einer guten Brille -versehen und dort angestellt habe, mit ausdrücklichem Befehl, dreimal -ins Horn zu stoßen, sobald er den kaiserlichen Zug kommen sähe. Er -aber hätte nichts dergleichen getan. - -Der Kaiser, immer noch zornig, verlangte, daß man Ulenspiegel vor ihn -führte. - -„Weshalb,“ sprach er zu ihm, „hast Du bei meiner Ankunft nicht die -Trompete geblasen, da Du doch eine so scharfe Brille hast?“ - -So sprechend, hielt er der Sonne wegen die Hand über die Augen und -blickte Ulenspiegel an. - -Dieser hielt gleichermaßen die Hand über die Augen und sagte, er habe -sich der Brille nicht mehr bedienen wollen, seit er bemerkt habe, wie -seine Majestät durch die Finger sähe. - -Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt werden solle; der erste -Stadtwächter sagte, das sei wohlgetan, und die Bürgermeister waren über -dies Urteil so in Schrecken versetzt, daß sie kein Wort erwiderten, -weder um es zu billigen, noch um Einspruch zu tun. - -Der Henker und seine Büttel wurden entboten. Sie kamen mit einer Leiter -und einem neuen Strick und packten Ulenspiegel am Kragen. Der schritt -vor den hundert Reitern von Kornjuin einher, hielt sich ruhig und sagte -seine Gebete. Aber jene verhöhnten ihn aufs bitterste. - -Das Volk, welches hinterher ging, sagte: - -„Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen Jungen um eines so -leichten Fehls willen umzubringen.“ - -Und die Weber waren bewaffnet und in großer Zahl und sagten: - -„Wir werden nicht zulassen, daß Ulenspiegel gehenkt wird; das ist gegen -das Gesetz von Audenaerde.“ - -Derweilen kam man auf den Galgenacker. Ulenspiegel ward die Leiter -hinaufgeführt und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die -Weiber drängten sich um den Galgen. Der Profoß war zu Roß und stützte -die Rute der Gerechtigkeit, womit er auf des Kaisers Befehl das Zeichen -zur Hinrichtung geben sollte, auf den Bug seines Pferdes. - -Das ganze versammelte Volk schrie: - -„Gnade, Gnade für Ulenspiegel!“ - -Ulenspiegel sagte auf seiner Leiter: - -„Erbarmen, gnädiger Kaiser!“ - -Der Kaiser hob die Hand und sagte: - -„Wenn dieser Taugenichts mich um etwas bittet, das ich nicht tun kann, -so soll er mit dem Leben davonkommen.“ - -„Rede, Ulenspiegel“, schrie das Volk. - -Und die Frauen weinten und sagten: - -„Er wird um nichts bitten können, der arme Junge, denn der Kaiser -vermag alles.“ - -Und alle riefen zumal: - -„Rede, Ulenspiegel!“ - -„Heilige Majestät,“ sagte Ulenspiegel, „ich bitte Euch nicht um Geld -noch Gut, noch um mein Leben, sondern allein um etwas, um das, wenn ich -es zu sagen wage, Ihr mich nicht peitschen, noch rädern lasset, ehe ich -ins Land der Seelen gehe.“ - -„Ich verspreche es Dir“, sagte der Kaiser. - -„Majestät,“ sprach Ulenspiegel, „ich bitte, daß Ihr kommt, den Mund zu -küssen, mit dem ich nicht vlämisch spreche, ehe ich gehenkt werde.“ - -Der Kaiser lachte wie alles Volk und sagte: - -„Ich kann nicht tun, um was Du bittest, und Du sollst nicht gehenkt -werden, Ulenspiegel.“ - -Aber er verurteilte die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monde lang -Brillen hinten am Kopf zu tragen. - -„Auf daß die von Audenaerde,“ sagte er, „wenn sie vorn nicht sehen -können, wenigstens hinten sehen mögen.“ - -Und nach Kaiserlicher Verordnung ist diese Brille noch heute im Wappen -der Stadt zu sehen. - -Und Ulenspiegel ging bescheiden von dannen, mit einem kleinen Beutel -voll Geld; den hatten ihm die Frauen gegeben. - - -44 - -Da Ulenspiegel in Lüttich auf den Fischmarkt kam, folgte er einem -dicken Burschen, der unter einem Arme ein Netz mit aller Art von -Geflügel trug und ein anderes mit Schellfisch, Forellen, Aalen und -Hechten anfüllte. - -Ulenspiegel erkannte Lamm Goedzak. - -„Was tust Du hier, Lamm?“ fragte er. - -„Du weißt, wie sehr die Vlämen in diesem freundlichen Lande Lüttich -willkommen sind. Ich gehe hier meiner Liebe nach. Und du?“ - -„Ich suche einen Herrn, dem ich um Brot dienen könnte“, erwiderte -Ulenspiegel. - -„Das ist eine gar trockene Nahrung. Besser wärs, Du ließest einen -Rosenkranz von Fettammern, mit einem Krammetsvogel als Kredo daran, von -der Schüssel in den Mund gleiten.“ - -„Bist Du reich?“ fragte Ulenspiegel. - -Lamm Goedzak erwiderte: - -„Ich habe Vater, Mutter und meine junge Schwester verloren, welche mich -so heftig schlug; ich werde ihr Hab und Gut erben. Ich lebe mit einer -einäugigen Magd, welche eine große Meisterin in Frikassees ist.“ - -„Soll ich Dir Deine Fische und Dein Geflügel tragen?“ fragte -Ulenspiegel. - -„Ja,“ sagte Lamm Goedzak. - -Sie schlenderten selbander über den Markt. - -Plötzlich sagte Lamm: - -„Weißt Du, warum Du ein Narr bist?“ - -„Nein“, gab Ulenspiegel zurück. - -„Weil Du Fisch und Geflügel in der Hand trägst, anstatt sie im Magen zu -tragen.“ - -„Du hast es getroffen, Lamm,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber seit ich -kein Brot mehr habe, wollen die Fettammern mich nicht mehr ansehen.“ - -„Du wirst deren essen, Ulenspiegel,“ sagte Lamm, „und mir dienen, wenn -meine Köchin Dich haben will.“ - -Dieweil sie gingen, zeigte Lamm dem Ulenspiegel ein schönes, artiges, -zierliches Mägdlein, in Seide gekleidet, das über den Markt trippelte -und Lamm mit sanften Augen anblickte. Ein alter Mann, ihr Vater, ging -hinter drein mit zwei Netzen, einem mit Fischen und einem andern mit -Wildbret. - -„Die da“, sagte Lamm, auf sie weisend, „mache ich zu meiner Frau.“ - -„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „ich kenne sie. Es ist eine Vlamländerin aus -Zotteghem, sie wohnt Rue Vinave d’Isle, und die Nachbarn sagen, daß -ihre Mutter an ihrer Statt vor dem Hause die Straße kehrt und daß ihr -Vater ihre Hemden bügelt.“ - -Doch Lamm antwortete und sagte gar erfreut: - -„Sie hat mich angeblickt.“ - -Sie kamen beide zu Lamms Haus bei der Bogenbrücke und klopften an die -Tür. Eine einäugige Magd kam, ihnen zu öffnen. Ulenspiegel sah, daß sie -alt, lang, hager und mürrisch war. - -„La Sanginne,“ sagte Lamm zu ihr, „magst Du diesen, um Dir bei der -Arbeit zu helfen?“ - -„Ich werde ihn auf Probe nehmen“, sagte sie. - -„So nimm ihn,“ sagte er, „und laß ihn die Freuden Deiner Kochkunst -kosten.“ - -La Sanginne setzte alsbald drei Blutwürste, eine Kanne Kräuterbier und -einen großen Laib Brot auf den Tisch. - -Dieweil Ulenspiegel aß, knabberte Lamm auch an einer Wurst. - -„Weißt Du,“ fragte er, „wo unsre Seele wohnt?“ - -„Nein, Lamm“, sagte Ulenspiegel. - -„Sie ist in unserm Magen,“ versetzte Lamm, „um ihn unablässig -auszuhöhlen und in unserm Körper immerdar die Lebenskraft zu erneuern. -Und welches sind die besten Gesellschafter? Das sind alle guten und -feinen Gerichte, und Wein von der Maas obendrein.“ - -„Ja“, sagte Ulenspiegel, „Würste sind eine angenehme Gesellschaft für -die einsame Seele.“ - -„Er will noch mehr, gib ihm noch mehr, la Sanginne“, gebot Lamm. - -Sie gab Ulenspiegel diesmal Weißwürste. - -Während er sich vollstopfte, ward Lamm nachdenklich und sprach: - -„Wenn ich sterbe, wird mein Bauch mit mir sterben, und da unten im -Fegefeuer wird man mich fasten und meinen schlaffen, leeren Bauch -herumtragen lassen.“ - -„Die schwarzen schienen mir besser“, sprach Ulenspiegel. - -„Du hast ihrer sechse gegessen,“ versetzte la Sanginne, „und mehr -bekommst Du nicht.“ - -„Du weißt,“ sagte Lamm, „daß Du hier einen guten Dienst haben und so -gut essen wirst wie ich.“ - -„Das Wort werde ich mir merken“, entgegnete Ulenspiegel. - -Da Ulenspiegel sah, daß er dasselbe Essen bekam, war er glücklich. Die -verschluckten Würste gaben ihm solchen Mut, daß er an diesem Tage alle -Kessel, Pfannen und Töpfe putzte, also daß sie wie Sonnen glänzten. - -Da sichs in diesem Hause gut lebte, so ging er beständig in Keller und -Küche; den Boden aber ließ er den Katzen. Eines Tages hatte la Sanginne -zwei Hühner zu braten und hieß Ulenspiegel den Bratspieß drehen, -dieweil sie zu Markte ging, um allerlei Kräuter zur Würze zu holen. - -Da die beiden Hühner gebraten waren, verzehrte Ulenspiegel das eine. - -Wie nun la Sanginne zurückkam, sagte sie: - -„Der Hühner waren doch zwei; ich sehe nur noch eins.“ - -„Frau, tut Euer anderes Auge auf, so sehet Ihr sie alle beide“, -versetzte Ulenspiegel. - -Ganz erbost ging sie zu Lamm Goedzak und meldete ihm das Vorgefallene. - -Lamm ging in die Küche hinunter und sprach zu Ulenspiegel: - -„Was hast Du meiner Magd zu spotten? Es waren zwei Hühner da.“ - -„Freilich, Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „aber da ich hier in Dienst trat, -sagtest Du mir zu, daß ich so gut essen und trinken sollte wie Du. Zwei -Hühner waren da, eins habe ich gegessen und Du wirst das andere essen. -Meine Freude ist vorüber, die Deine wird erst kommen, bist Du nicht -glücklicher als ich?“ - -„Ja,“ erwiderte Lamm lächelnd, „aber tue ganz, wie la Sanginne Dich -heißen wird, dann wirst Du nur halbe Arbeit haben.“ - -„Ich werde darauf achten,“ sprach Ulenspiegel. - -Und allemal, wenn la Sanginne ihn etwas tun hieß, tat er es nur halb. -Wenn sie ihm befahl, zwei Eimer Wassers zu holen, so brachte er nur -einen. Trug sie ihm auf, einen Krug Kräuterbier aus dem Faß zu füllen, -so goß er die Hälfte unterwegs in seine Kehle, und so mit allem. - -Endlich war la Sanginne dieser Ränke überdrüssig und sagte zu Lamm, -wenn dieser Taugenichts noch länger im Hause bliebe, so liefe sie fort. - -Lamm ging zu Ulenspiegel hinunter und sprach zu ihm: - -„Du mußt abziehen, mein Sohn, ungeachtet Du in diesem Hause ein -gesundes Aussehen bekommen hast. Hör den Hahn krähen! Es ist zwei -Uhr nachmittags: das bedeutet Regen. Lieber wäre mir, Dich bei dem -kommenden Unwetter nicht vor die Tür zu setzen. Aber bedenke mein -Sohn, daß la Sanginne durch ihre Frikassees mir das Leben erhält; -ich kann nicht zugeben, daß sie mich verläßt, ohne einen nahen Tod -zu gewärtigen. Darum geh, mein Junge, mit Gottes Segen und nimm, -Deinen Weg zu erheitern, diese drei Gülden und diesen Rosenkranz von -Schlackwürsten mit.“ - -Ulenspiegel ging betrübt von dannen, voller Sehnsucht nach Lamm und -nach seiner Küche. - - -45 - -Der Reifmond kam nach Damm und andern Orten; aber der Winter zauderte. -Nicht Schnee, noch Regen, noch kalte Luft; die Sonne schien vom Morgen -bis zum Abend und ward nicht blasser. Die Kinder wälzten sich im Staub -auf den Gassen und Wegen. Zur Feierstunde nach dem Abendbrot traten die -Kaufleute, Krämer, Goldschmiede, Wagner, und Handwerker vor ihre Türen, -schauten nach dem allzeit blauen Himmel, den Bäumen, deren Blätter -nicht abfielen, den Störchen, die auf dem Dachfirst standen, und den -Schwalben, die nicht fortzogen. Die Rosen hatten dreimal geblüht -und trugen zum vierten Mal Knospen. Die Nächte waren lau, und die -Nachtigallen sangen ohn Unterlaß. - -Die von Damm sprachen: - -„Der Winter ist tot, laßt uns den Winter verbrennen.“ Und sie fertigten -eine riesengroße Puppe, die eine Bärenschnauze, einen langen Bart von -Hobelspähnen und einen dicken Scheitel von Flachs hatte, legten ihr -weiße Kleider an und verbrannten sie mit großer Feierlichkeit. - -Klas blies Trübsal und segnete weder den immer blauen Himmel noch die -Schwalben, die nicht fortziehen wollten; denn keiner in Damm brannte -Kohlen mehr, es sei denn zum Kochen, und da ein jeder genug hatte, -ging er nicht zu Klas, welche zu kaufen. Klas aber hatte all seine -Spargroschen ausgegeben, um seinen Vorrat zu bezahlen. Darum sagte der -Kohlenträger, wenn er auf seiner Türschwelle stand und fühlte, wie -seine Nasenspitze von einem herben Windhauch erfrischt ward: „Ah, da -kommt mein Brot.“ - -Aber der frische Wind blies nicht stetig und der Himmel blieb immerdar -blau, und die Blätter wollten nicht abfallen. Und Klas weigerte sich, -seinen Wintervorrat dem geizigen Griepenstüver, dem Ältesten der -Fischergilde, zum halben Preis zu verkaufen. Und bald mangelte es in -der Hütte an Brot. - - -46 - -Aber König Philipp hatte keinen Hunger und verspeiste Leckereien bei -seiner Gemahlin Maria der Häßlichen aus dem königlichen Hause der -Tudor. Er liebte sie nicht von Herzen, hoffte aber dem engelländischen -Volk einen spanischen Monarchen zu geben, indem er die Schwächliche -befruchtete. - -Ihn widerte vor dieser Verbindung, welche die eines Steines mit einer -glühenden Kohle war. Jedoch vereinigten sie sich genugsam, um die armen -Reformierten zu Hunderten ertränken und verbrennen zu lassen. - -Wenn Philipp nicht von London entfernt noch verkleidet ausgegangen war, -um sich in irgend einem verrufenen Haus zu ergötzen, vereinigte die -Nachtstunde die beiden Gatten. Alsdann reckte sich die Königin Maria, -mit schöner Leinwand von Tournay und irländischen Spitzen angetan, -im Ehebett, dieweil Philipp steif wie ein Pfahl vor ihr stund und -zusah, ob er an seinem Weibe nicht irgend ein Zeichen von Mutterschaft -erblickte. Aber da er nichts sah, ward er zornig, blieb stumm und -betrachtete seine Nägel. - -Dann sprach die unfruchtbare Harpye zärtliche Worte und versuchte zu -liebäugeln und den eisigen Philipp um Liebe zu bitten. Tränen, Geschrei -und inständiges Flehen, nichts sparte sie, um eine lauwarme Liebkosung -von ihm, der sie nicht liebte, zu erhalten. Vergebens warf sie sich -mit gefalteten Händen ihm zu Füßen, vergebens lachte und weinte sie -zugleich wie eine Verrückte, um ihn zu rühren. Nicht Lachen noch Tränen -erweichten dies steinharte Herz. Vergebens umschlang sie ihn mit ihren -mageren Armen wie eine verliebte Schlange und drückte den engen Käfig, -darin die verkümmerte Seele des blutigen Königs wohnte, an ihre flache -Brust; er rührte sich nicht mehr denn ein Prellstein. - -Die arme Häßliche versuchte, anmutig zu sein, und nannte ihn mit allen -süßen Namen, die Liebestolle dem erwählten Geliebten geben. Philipp -betrachtete seine Nägel. - -Manchmal antwortete er: - -„Wirst Du keine Kinder bekommen?“ - -Bei dieser Rede sank Marias Haupt auf ihre Brust. - -„Ist es meine Schuld, wenn ich unfruchtbar bin? Habe Mitleid mit mir, -ich lebe wie eine Wittib.“ - -„Warum hast Du keine Kinder?“ fragte Philipp. - -Da fiel die Königin wie zu Tode getroffen auf den Teppich. Sie hatte -nur Tränen in den Augen, aber sie hätte Blut geweint, wenn sie gekonnt -hätte, die Arme. Und also rächte Gott an den Henkern die Opfer, mit -denen sie den Boden Engellands besäet hatten. - - -47 - -Es ging das Gerücht unter den Leuten, daß Kaiser Karl den Mönchen das -freie Recht nehmen wollte, die, welche in ihrem Kloster starben, zu -beerben. Solches mißfiel dem Pabst gar sehr. Ulenspiegel, der damals an -den Ufern der Maaß war, gedachte, daß der Kaiser derart überall seinen -Nutzen finden würde; denn er erbte, wenn die Familie nicht erbte. Er -setzte sich an den Rand des Flusses und warf seine Angelschnur mit -gutem Köder hinein. Dann knabberte er ein altes Stück Schwarzbrot, -und es war ihm leid, daß er keinen Wein aus der Romagna hatte, um es -anzufeuchten. Aber er gedachte, daß man nicht immer sein Vergnügen -haben kann. - -Indem warf er von seinem Brote ins Wasser und sagte bei sich: „Wer ißt -und teilt sein Mahl mit dem Nächsten nicht, der ist des Essens nicht -wert.“ - -Kam ein Gründling herbei, witterte einen Bissen, beleckte ihn mit -seinen Lefzen und tat sein unschuldig Maul auf, denn er wähnte ohne -Zweifel, daß das Brot von selbst hineinfallen würde. Dieweil er -also in die Luft sah, ward er urplötzlich von einem heimtückischen -Hecht verschlungen, der sich wie ein Pfeil auf ihn gestürzt hatte. -Desgleichen tat der Hecht bei einem Karpfen, der Fliegen im Fluge fing, -unbekümmert um die Gefahr. So wohl gesättigt, hielt er sich unbeweglich -unter Wasser, das kleine Fischvolk verschmähend, welches überdies so -schnell wie möglich von ihm fortschwamm. Während er sich so breit -machte, siehe da kam unversehens mit gähnendem Rachen gar gefräßig -ein hungriger Hecht herbei, der sich mit einem Satz auf ihn stürzte. -Ein wütender Kampf entspann sich zwischen beiden und sie hieben mit -den Mäulern aufeinander los wie unsterbliche Helden. Das Wasser ward -rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gespeist hatte, verteidigte sich -schlecht gegen den, welcher nüchtern war. Der aber zog sich zurück, -nahm einen Anlauf und schoß wie eine Kugel auf seinen Gegner, der ihn -mit aufgesperrtem Rachen erwartete und seinen Kopf mehr denn halb -verschlang. Er wollte ihn wieder los werden, konnte es aber nicht wegen -seiner umgebogenen Zähne. Und alle beide zappelten jämmerlich. - -So festgehakt, sahen sie die starke Angel nicht, die an einer seidenen -Schnur befestigt, unten aus dem Wasser stieg und sich unter die Flosse -des Hechtes, der gespeist hatte, bohrte. Sie zog ihn samt seinem Feind -aus dem Wasser und warf alle beide kurzerhand auf den Rasen. - -Indem er sie schlachtete, sagte Ulenspiegel: - -„Ihr allerliebsten Hechte, seid Ihr nicht vielleicht Papst und Kaiser, -die einander fressen, und bin ich nicht das Volk, welches in der -Stunde, die Gott gibt, Euch alle beide in Euren Schlachten mit dem -Haken erschnappt? - - -48 - -Derweilen schweifte Katheline, welche Borgerhout nicht verlassen hatte, -ohne Unterlaß in der Gegend umher und sagte immerdar: - -„Hanske, mein Mann, sie haben mir Feuer auf dem Kopf angezündet; mach -ein Loch hinein, daß die Seele hinaus kann. Ach, sie pocht alleweil und -jeglicher Schlag ist stechender Schmerz.“ - -Und Nele pflegte sie in ihrem Wahnsinn und gedachte an ihrer Seite -voller Harm ihres Freundes Ulenspiegel. - -Und in Damm schnürte Klas seine Reisigbündel, verkaufte seine Kohle und -gedachte manchesmal schwermütig, daß es noch lange währen möchte, bis -Ulenspiegel, der Verbannte, in seine Hütte heimkehrte. - -Soetkin stand den ganzen Tag am Fenster und schaute hinaus, ob sie -ihren Sohn Ulenspiegel nicht kommen sähe. - -Der aber war in der Gegend von Köln angelangt und fand, daß er zur -Stunde Lust zum Gartenbau hatte. Et erbot sich, dem Jan von Zuursmoel -als Knecht zu dienen, welcher Landsknechtshauptmann war. Der wäre auf -ein Haar gehenkt worden aus Mangel an Lösegeld und hatte einen großen -Graus vor dem Hanf, so auf vlämisch Hennep geheißen wird. - -Eines Tages wollte Jan von Zuursmoel dem Ulenspiegel seine Arbeit -weisen und führte ihn an das Ende seines Gartens; allda sahen sie -einen Morgen Ackers, dem Garten benachbart, der ganz mit grünem Hanfe -bepflanzt war. - -Jan von Zuursmoel sprach zu Ulenspiegel: - -„Jedes Mal, so Du dies häßliche Kraut siehest, mußt Du darauf sch....., -denn es dient zu Rad und Galgen.“ - -„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel. - -Eines Tages saß Jan von Zuursmoel bei Tafel mit etlichen gefräßigen -Freunden, da sprach der Koch zu Ulenspiegel. - -„Geh in den Keller und hole _Sennep_“, welches Senf ist. - -Ulenspiegel hörte volle Tücke Hennep statt Sennep, sch... in den -Senftopf im Keller und trug ihn zur Tafel auf, nicht ohne Lachen. - -„Warum lachst Du?“ fragte Jan von Zuursmoel. „Meinst Du, unsere Nasen -seien von Erz? Iß diesen Sennep selber, dieweil Du ihn angerichtet -hast.“ - -„Ich esse lieber Rostbraten mit Zimmet“, antwortete Ulenspiegel. - -Jan von Zuursmoel stand auf, um ihn zu schlagen. - -„In diesen Senftopf“, sprach er, „ist gesch... worden.“ - -„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „gedenkt Ihr nicht mehr des Tages, da -ich Euch bis ans Ende Eures Gartens gefolgt bin? Da sprachet Ihr, auf -den Sennep weisend: ‚Überall, wo Du dies Kraut findest, sch.... darauf, -denn es dient zu Galgen und Rad‘. Also tat ich, Herr, ich sch... darauf -mit großer Verachtung. Züchtigt mich nicht für meinen Gehorsam.“ - -„Ich sagte Hennep, nicht Sennep“, schrie Jan von Zuursmoel gar wütend. - -„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „Ihr sagtet Sennep, nicht Hennep.“ - -Also stritten sie sich lange Zeit. Ulenspiegel sprach demütiglich; -Jan von Zuursmoel schrie wie ein Adler und warf Sennep, Hennep und -ähnliche Worte durcheinander gleich einem verwirrten Seidengesträhne. -Und die Gäste lachten wie Teufel und aßen Dominikanerkoteletten und -Inquisitorennieren. - -Ulenspiegel aber ward von Jan von Zuursmoel fortgejagt. - - -49 - -Ulenspiegel verdingte sich bei einem Schneider, der sagte zu ihm: „Wenn -Du nähst, nähe so eng, daß ich die Stiche nicht sehe.“ - -Ulenspiegel kroch unter ein Faß und hub an, allda zu nähen. - -„Das meinte ich nicht“, schrie der Schneider. - -„Ich dränge mich in ein Faß; wie soll man die Stiche da sehen können?“ -versetzte Ulenspiegel. - -„Komm,“ sagte der Schneider, „setz Dich wieder auf den Tisch und näh -die Stiche eng zusammen einen neben den andern und mach das Gewand wie -diesen Wolf.“ Wolf aber war der Name für ein Bauernwamms. - -Ulenspiegel nahm das Wamms, schnitt es in Stücke und nähte sie -dergestalt zusammen, daß sie die Gestalt eines Wolfes hatten. - -Da der Schneider dies sah, schrie er: - -„Was zum Teufel hast Du gemacht?“ - -„Einen Wolf“, erwiderte Ulenspiegel. - -„Du arger Schalk,“ erwiderte der Schneider, „ich hatte Dir freilich -gesagt, einen Wolf, aber Du weißt, daß man ein Bauernwamms Wolf heißt.“ - -Nach einer Weile sagte er zu ihm: - -„Gesell, wirf die Ärmel an diesen Rock, ehe Du schlafen gehst.“ -Ulenspiegel hing den Rock an den Haken und brachte die ganze Nacht -damit hin, die Ärmel daran zu werfen. - -Der Schneider kam bei dem Lärm herzu: - -„Taugenichts,“ sprach er zu ihm, „was für einen schlechten Streich -spielst Du mir da wieder?“ - -„Ist das ein schlechter Streich?“ versetzte Ulenspiegel. „Sehet, ich -habe diese Ärmel die ganze Nacht an den Rock geworfen, und sie sitzen -noch nicht fest.“ - -„Das versteht sich,“ sprach der Schneider, „darum werf ich Dich auf die -Straße; sieh zu, ob Du da besser festsitzest.“ - - -50 - -Derweil Katheline bei einem guten Nachbar wohlbehütet war, ging Nele -ganz allein weit, weit fort, bis Antwerpen, die Schelde entlang oder -auf andern Wegen und suchte auf den Flußkähnen und auf den staubigen -Straßen, ob sie ihren Freund Ulenspiegel nicht fände. - -An einem Markttage kam er nach Hamburg und sah allerorten Kaufleute -und unter ihnen etliche alte Juden, die von Wucher und uneingelösten -Pfändern lebten. - -Ulenspiegel, der auch Kaufmann werden wollte, sah etliche Roßäpfel am -Boden liegen und trug sie in seine Wohnung, welche in einer Flesche des -Walls war. Da ließ er sie trocknen. Dann kaufte er rote und grüne Seide -und machte Säcklein davon. Da hinein tat er die Roßäpfel und band sie -mit einem Bande zu, als ob sie voll Bisam wären. - -Alsdann machte er aus etlichen Latten ein Tragbrett, hängte es mit -alten Stricken um seinen Hals und ging zu Markt, das Brett, mit den -Säcklein gefüllt, vor sich hertragend. Am Abend zündete er, um sie zu -beleuchten, in der Mitte ein Lichtlein an. - -Wenn die Leute ihn fragten, was er da feil hielte, antwortete er voll -Heimlichkeit: - -„Ich werde es Euch sagen, aber laßt uns nicht zu laut sprechen!“ - -„Was ist es denn?“ fragten die Käufer. - -„Es sind Prophetenbeeren,“ antwortete Ulenspiegel, „so geradenwegs -aus Arabien nach Flandern gekommen sind, mit großer Kunst von Meister -Abdul-Medil aus dem Geschlecht des großen Mahomet bereitet.“ - -Etliche Kunden sprachen zu einander: - -„Das ist ein Türke.“ - -Aber die andern sprachen: - -„Es ist ein Pilger, der aus Flandern kommt. Hört ihr es nicht an seiner -Sprache?“ - -Und die Zerlumpten, die Hungerleider und Bettler kamen zu Ulenspiegel -und sagten: - -„Gib uns von diesen Prophetenbeeren.“ - -„Wenn ihr Gülden haben werdet, solche zu kaufen.“ - -Und die armen Zerlumpten, Hungerleider und Bettler gingen betrübt von -dannen und sagten: - -„Es ist keine Freude in dieser Welt, denn allein für die Reichen.“ - -Das Gerücht von den Beeren, die zu verkaufen waren, verbreitete sich -alsbald über den Markt. Die Bürger sprachen zu einander: - -„Da ist ein Vlamländer, welcher Prophetenbeeren hat, die in Jerusalem -auf dem Grabe unseres Herrn Jesu geweiht sind; aber es heißt, daß er -sie nicht verkaufen will.“ - -Und alle Bürger kamen zu Ulenspiegel und fragten ihn nach seinen Beeren. - -Aber Ulenspiegel, der großen Gewinn haben wollte, erwiderte, daß sie -noch nicht reif genug wären; er hatte aber ein Auge auf zwei reiche -Juden geworfen, die auf dem Markte umhergingen. - -„Ich möchte wohl wissen,“ sagte einer der Bürger, „was aus meinem -Schiff auf See werden wird.“ - -„Es wird bis an den Himmel gehen, wenn die Wellen hoch genug sind“, -erwiderte Ulenspiegel. - -Ein anderer zeigte ihm sein hübsches Töchterlein, welches über und über -rot ward, und sprach: - -„Diese wird ohne Zweifel den Weg der Tugend wandeln?“ - -„Alles wandelt, wohin die Natur will“, versetzte Ulenspiegel, denn er -hatte gesehen, wie das Mädchen einem jungen Burschen einen Schlüssel -gab. Der aber, von Wohlbehagen aufgeblasen, sprach zu Ulenspiegel: - -„Herr Kaufmann, gebt mir einen Eurer prophetischen Säcke, damit ich -daraus ersehe, ob ich diese Nacht allein schlafen werde.“ - -„Es stehet geschrieben,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „welcher den -Roggen der Verführung aussäet, der wird das Saatkorn der Hahnreischaft -ernten.“ - -Der junge Bursche erboste sich: - -„Auf wen hast Du es abgesehen?“ - -„Die Beeren sagen,“ erwiderte Ulenspiegel, „daß sie Dir eine glückliche -Ehe wünschen und eine Frau, die Dir nicht den Hut des Vulkan aufsetzt. -Kennst Du diese Kopfbedeckung?“ - -Dann predigte er: - -„Das Weib, das auf dem Heiratsmarkt Handgeld gibt, läßt nachher den -andern die ganze Ware umsonst.“ - -Hierauf sprach das Mädchen, welches Sicherheit heucheln wollte: „Sieht -man all dieses in dem prophetischen Säcklein?“ - -„Man sieht auch einen Schlüssel darin“, sagte Ulenspiegel ihr ganz -leise ins Ohr. - -Aber der Jüngling war schon mit dem Schlüssel davon. - -Plötzlich gewahrte Ulenspiegel einen Dieb, der von der Fleischbank -eines Schweinemetzgers eine ellenlange Wurst stahl und unter seinem -Mantel verbarg. Aber der Metzger sah es nicht. Voller Freuden kam der -Dieb zu Ulenspiegel und sagte zu ihm: - -„Was verkaufst Du da, Unglücksprophet?“ - -„Säcklein, aus denen Du ersehen kannst, daß Du gehängt werden wirst, -weil Du die Würste zu gern hattest.“ - -Bei dieser Rede entfloh der Dieb eilends, indes der bestohlene Metzger -schrie: - -„Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“ - -Aber es war zu spät. - -Während Ulenspiegel sprach, näherten sich ihm die beiden reichen Juden, -die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatten, und sagten zu ihm: - -„Was hast Du da feil, Vlamländer?“ - -„Säcklein“, versetzte Ulenspiegel. - -„Was sieht man mit Hilfe Deiner Prophetenbeeren?“ fragten sie. - -„Die künftigen Ereignisse, wenn man sie in den Mund nimmt,“ versetzte -Ulenspiegel. - -Die beiden Juden beredeten sich, und der Ältere sagte zum andern. - -„Derart könnten wir sehen, wann unser Messias kommen wird. Solches -würde ein großer Trost für uns sein. Laß uns eins dieser Säcklein -erstehen. Wie teuer verkaufst Du sie?“ fragten sie. - -„Fünfzig Gülden“, versetzte Ulenspiegel. „Wenn Ihr mir die nicht zahlen -wollt, so geht nur hinweg. Wer das Feld nicht kauft, muß den Misthaufen -lassen, wo er ist.“ - -Da sie Ulenspiegel so fest sahen, zählten sie ihm sein Geld hin, -nahmen eins der Säckchen und begaben sich nach ihrem Bethaus. Allda -liefen bald alle Juden zu Hauf, wissend, daß einer der beiden Alten -ein Geheimnis erhandelt hatte, durch welches man des Messias Ankunft -erfahren und verkünden könnte. - -Da ihnen die Sache bekannt war, wollten sie an dem Säcklein saugen, -ohne zu zahlen; aber der Älteste, der es gekauft hatte, und der Jehu -hieß, wollt’ es allein tun. - -„Söhne Israels,“ sprach er, das Säckchen in der Hand haltend, „die -Christen spotten unser, wir sind gehetzt unter den Menschen, und man -schreit hinter uns her, als wären wir Schelme. Die Philister wollen uns -unter den Erdboden erniedrigen; sie speien uns ins Antlitz, denn Gott -hat unsere Bogen entspannt und die Zügel vor uns gelockert. Wird es -noch lange währen, Herr Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns Übles -geschieht, so wir Gutes erwarten, und daß Finsternis kommt, so wir auf -Helligkeit hoffen? Wirst Du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher -Messias? Wann werden die Christen sich in den Höhlen und Löchern der -Erde verbergen, ob des Schreckens, den sie vor Dir haben und vor Deiner -Herrlichkeit, wann Du aufstehen wirst, sie zu züchtigen?“ - -Und die Juden schrien: - -„Komm Messias! sauge Jehu!“ - -Jehu leckte und brach es wieder aus und rief gar kläglich: - -„Wahrlich, ich sage Euch, dies ist nichts denn Kot, und der flandrische -Pilger ist ein Schelm.“ - -Da stürzten sich alle Juden über das Säcklein her, öffneten es und -sahen, was es enthielt, und gingen in großer Wut auf den Markt, um -Ulenspiegel zu suchen. - -Der aber hatte mit nichten auf sie geharrt. - - -51 - -Ein Mann aus Damm, welcher Klas seine Kohlen nicht bezahlen konnte, gab -ihm sein bestes Gerät, eine Armbrust mit zwölf scharfgespitzten Bolzen, -die als Wurfgeschoß dienten. - -In den Stunden, wo die Arbeit feierte, schoß Klas mit der Armbrust; -mehr als ein Hase ward von ihm erlegt und zu Frikassee eingekocht, -dafür daß er den Kohl zu sehr geliebt hatte. - -Alsdann aß Klas unmäßig und Soetkin sagte, auf die öde Landstraße -blickend: „Tyll, mein Sohn, spürst du nicht den Wohlgeruch der Brühe? -Gewißlich hat er jetzt Hunger.“ Und ganz in Gedanken hätte sie ihm -seinen Anteil am Schmause aufheben mögen. - -„Wenn ihn hungert,“ sprach Klas, „so ist’s seine Schuld; möge er -heimkehren, so wird er essen wie wir.“ - -Klas hatte Tauben; auch hörte er gern Grasmücken, Distelfinken, -Sperlinge und andere singende und geschwätzige Vögel um sich herum -singen und zwitschern. Desgleichen schoß er gern die Bussarde und -Sperber, die königlichen Vertilger des Vogelvolks. - -Einmal, da er im Hofe Kohlen maß, zeigte Soetkin ihm einen großen -Vogel, der über dem Taubenschlag in der Luft schwebte. Klas nahm seine -Armbrust und sprach: - -„Der Teufel errette Seine Gnaden, den Sperber!“ - -Er spannte seine Armbrust und verfolgte alle Bewegungen des Vogels, um -ihn nicht zu fehlen. Es war um die Zeit der Dämmerung, Klas konnte nur -noch einen schwarzen Punkt unterscheiden. Er schoß den Bolzen ab und -sah einen Storch in den Hof fallen. - -Klas war schier betrübt darüber, aber Soetkin war es noch mehr und rief: - -„Unseliger, du hast den Vogel Gottes getötet.“ - -Hierauf nahm sie den Storch, sah, daß er nur am Flügel verwundet war, -ging Balsam holen und sagte, derweil sie seine Wunde verband: - -„Storch, Schätzlein, es war nicht gescheit von Dir, daß Du, den man -liebt, in den Wolken schwebst wie der Sperber, den man haßt. Auch die -Pfeile des Volkes gehen ans unrechte Ziel; tut Dir Dein armer Flügel -weh, Störchlein? Lässest Dich so geduldig behandeln, denn Du weißt, daß -unsre Hände Freundeshände sind.“ - -Da der Storch geheilt war, bekam er zu fressen, was er nur wollte; aber -mit Vorliebe fraß er den Fisch, den Klas für ihn im Kanal fischen ging. -Und allemal, wenn der Gottesvogel ihn kommen sah, öffnete er seinen -großen Schnabel. Er folgte Klas wie ein Hund, aber lieber weilte er in -der Küche und wärmte seine Brust am Feuer und klopfte Soetkin, die das -Mahl bereitete, mit dem Schnabel auf den Leib, als wollte er ihr sagen: - -„Ist nichts für mich da?“ - -Es war aber lustig anzusehen, wie dieser ernsthafte Glücksbote auf -seinen langen Beinen in der Hütte einherstelzte. - - -52 - -Indessen waren die bösen Tage wiedergekehrt. Klas arbeitete traurig -allein auf dem Felde, denn es war nicht Arbeit für zwei. Soetkin blieb -allein in der Hütte und bereitete die Bohnen, ihre tägliche Speise, -auf jegliche Art zu, um ihrem Manne Lust zum Essen zu machen. Und sie -sang und lachte, damit er sich nicht grämte, sie traurig zu sehen. Der -Storch stand auf einem Bein, den Schnabel im Gefieder, neben ihr. - -Ein Mann zu Pferde hielt vor der Hütte still; er war schwarz gekleidet, -sehr hager und hatte eine sonderlich traurige Miene. - -„Ist jemand drinnen?“ fragte er. - -„Gott segne Eure Schwermut, aber bin ich ein Geist, daß Ihr mich hier -sehet und fragt, ob jemand daheim sei?“ - -„Wo ist Dein Vater?“ fragte der Reiter. - -„Wenn mein Vater Klas heißt, so ist er dort unten, und Du siehst ihn -Korn säen.“ - -Der Reiter ging und Soetkin desgleichen, betrübten Herzens, denn sie -mußte zum sechsten Male Brot vom Bäcker holen, ohne zu zahlen. Da sie -mit leeren Händen zurückkehrte, sah sie voller Staunen, wie Klas stolz -und triumphierend heimkehrte auf dem Pferde des schwarzgekleideten -Mannes, welcher zu Fuß neben ihm schritt und es am Zügel führte. Klas -stützte einen ledernen Sack, der wohlgefüllt schien, stolz auf seinen -Schenkel. - -Beim Absteigen umarmte er den Mann, schlug ihm fröhlich auf die -Schulter und rief, den Sack schüttelnd: - -„Es lebe mein Bruder Jobst, der gute Einsiedel! Gott erhalte ihn in -Freude, Leibesfülle, Frohsinn und Gesundheit! Siehe, er ist der Jobst -des Segens, des Überflusses und der fetten Suppen! Der Storch hat nicht -gelogen!“ Und er setzte den Sack auf den Tisch. - -Da sagte Soetkin voller Harm: „Mann, wir werden heute nicht essen, der -Bäcker wollte mir kein Brot geben.“ - -„Brot?“ sagte Klas, öffnete den Sack und ließ einen goldenen Strom über -den Tisch sich ergießen. „Brot? Hier ist Brot, Butter, Fleisch, Wein, -Bier. Hier sind Schinken, Markknochen, Reiherpasteten, Fettammern, -Masthühner und Kapaunen, wie bei den großen Herren! Hier ist Bier in -Tonnen und Wein in Fässern. Ein Narr ist der Bäcker, der uns das Brot -verweigert; wir werden nichts mehr bei ihm kaufen.“ - -„Aber Mann“, sprach Soetkin verblüfft. - -„Wohlan, höre,“ sprach Klas, „und sei guter Dinge. Katheline, anstatt -in der Markgrafschaft Antwerpen die Zeit ihrer Verbannung hinzubringen, -ist, von Nele geführt, auf Schusters Rappen bis Meyborg gegangen. -Dort hat Nele meinem Bruder Jobst gesagt, daß wir oftmals darben, -ohngeachtet unserer sauren Arbeit. Wie dieser wackre Bote mir soeben -vermeldete“ / und Klas wies auf den schwarzgekleideten Reiter / „hat -Jobst die heilige römische Religion verlassen und sich der Ketzerei -Luthers hingegeben.“ - -Der schwarzgekleidete Mann sagte: - -„Jene sind Ketzer, die sich zum Dienste der großen Buhlerin bekennen. -Denn der Papst ist bestechlich und treibt Schacher mit heiligen Dingen.“ - -„Ach,“ sprach Soetkin, „sprecht nicht so laut, Herr, Ihr könntet uns -alle drei auf den Scheiterhaufen bringen.“ - -„So hat denn“, sagte Klas, „Jobst diesem wackeren Boten gesagt, er -wolle mit den Truppen Friedrichs von Sachsen kämpfen und ihm fünfzig -trefflich gewappnete Männer zuführen. Da er in den Krieg zöge, sei -ihm so viel Geld nicht vonnöten, um es in übler Stunde irgend einem -Schelm von Landsknecht zu überlassen. „Darum“, so hat er gesagt, -„bringe diese siebenhundert Goldkarolus meinem Bruder Klas samt meinen -Segenswünschen. Sag ihm, er möge einen guten Wandel führen und seines -Seelenheils gedenken.“ - -„Ja,“ sprach der Reiter, „es ist an der Zeit, denn Gott wird dem -Menschen nach seinen Werken lohnen und jeglichen behandeln, gleich wie -es sein Wandel verdient.“ - -„Herr,“ sprach Klas, „inzwischen wird es mir nicht verwehrt sein, mich -der frohen Botschaft zu freuen. Geruht bei uns zu bleiben, wir wollen -sie mit schönen Kaldaunen, viel Kalbsbraten und einem kleinen Schinken -feiern, den ich zuvor bei dem Schweinemetzger gesehen habe, so rund und -lecker, daß er mir die Zähne einen Fuß lang aus dem Maul gezogen hat.“ - -„Ach,“ sprach der Mann, „die Toren ergötzen sich, derweilen die Augen -Gottes über ihren Wegen sind.“ - -„Nun denn, Bote,“ sagte Klas, „willst Du mit uns essen und trinken oder -nicht?“ - -Der Mann entgegnete: - -„Für die Getreuen wird es Zeit sein, ihre Seelen den irdischen Freuden -hinzugeben, wenn die große Babel gefallen ist.“ - -Da Soetkin und Klas sich bekreuzten, wollte er gehen. - -Klas sprach zu ihm: - -„Dieweil es Dir gefällt, also ohne Labung des Weges zu gehen, gib -meinem Bruder Jobst den Friedenskuß und wache über ihn in der Schlacht.“ - -„Das werde ich tun“, erwiderte der Mann. - -Er machte sich auf, indes Soetkin etwas einholen ging, um den -Glücksfall zu feiern. Der Storch kriegte am selbigen Tage zwei -Gründlinge und einen Kabeljaukopf zum Abendessen. - -Die Kunde verbreitete sich bald in Damm, daß der arme Klas durch das -Vermögen seines Bruders Jobst ein reicher Klas worden sei. Der Dechant -meinte, daß Katheline ohne Zweifel Jobst behext hätte, maßen Klas eine -ansehnliche Summe Geldes erhalten und doch Unsrer lieben Frau nicht das -geringste Kleid geschenkt hätte. - -Klas und Soetkin waren glücklich. Klas arbeitete auf dem Felde und -verkaufte seine Kohlen und Soetkin zeigte sich daheim als tüchtige -Hausfrau. Aber sie spähte voller Harm ohn Unterlaß auf den Wegen nach -ihrem Sohn Ulenspiegel. Und alle drei genossen des Glücks, das ihnen -von Gott kam, in Erwartung dessen, das ihnen von den Menschen kommen -sollte. - - -53 - -Kaiser Karl empfing desselbigen Tages einen Brief, worin sein Sohn -Philipp ihm schrieb: - - „Mein Kaiserlicher Vater! - -„Es mißfällt mir, in diesem Lande leben zu müssen, wo die verfluchten -Ketzer wie Flöhe, Raupen und Heuschrecken überhand nehmen. Feuer -und Schwert wären gerade recht, um sie vom Stamm des Lebensbaumes, -der unsere heilige Mutter Kirche ist, abzuhauen. Als ob es für mich -an diesem Kummer nicht genug wäre, muß es noch sein, daß sie mich -nicht als König ansehen, sondern als den Mann ihrer Königin, der ohne -sie keine Macht hat. Sie spotten über mich und sagen in boshaften -Pamphleten, deren Verfasser und Drucker man nicht auffinden kann, daß -der Papst mich bezahlt, um das Königreich durch ruchloses Brennen und -Hängen zu beunruhigen und zu verderben. So ich irgend eine dringende -Steuer von ihnen erheben will, denn sie lassen mich häufig aus Bosheit -ohne Geld, antworten sie mir in elenden Pasquillen, daß ich nur Satan, -für welchen ich arbeite, darum zu bitten brauchte. Die vom Parlament -entschuldigen sich und machen einen krummen Buckel, aus Furcht, daß ich -beiße; aber sie bewilligen nichts. - -Indessen sind die Mauern Londons mit Schmähschriften bedeckt, so mich -als einen Vatermörder hinstellen, der bereit ist, Eure Majestät zu -erschlagen, um Euch zu beerben. - -Aber Ihr wisset, Herr und Vater, daß ich, ohngeachtet alles -berechtigten Ehrgeizes und Stolzes, Euch eine lange und ruhmreiche -Regierung wünsche. - -Auch verbreiten sie in der Stadt eine Zeichnung, die nur allzu -geschickt in Kupfer gestochen ist. Darauf bin ich zu sehen, wie ich -das Klavichord spielen lasse durch die Pfoten von Katzen, die in dem -Instrument eingesperrt sind. Ihre Schwänze kommen durch runde Löcher -herfür und sind außen mit eisernen Stiften befestigt. Ein Mann, der -ich sein soll, verbrennt ihnen den Schwanz mit glühenden Eisen und -macht dadurch, daß sie die Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend -heulen. Ich bin so häßlich darauf dargestellt, daß ich mich nicht -ansehen mag. Und dann zeigen sie mich lachend. Ihr aber wisset, mein -Herr Vater, ob es mir bei irgend einer Gelegenheit begegnet ist, mir -dies profane Vergnügen zu machen. Ohne Zweifel versuchte ich mich zu -zerstreuen, indem ich diese Katzen zum Miauen brachte, aber ich lachte -nicht. In ihren rebellischen Ausdrücken machen sie mir ein Verbrechen -aus dem, was sie die Neuheit und Grausamkeit dieses Klavichords nennen, -wiewohl doch die Tiere keine Seele haben und alle Menschen, sonderlich -alle königlichen Personen, sich zu ihrer Erholung der Tiere bis zu -deren Tode bedienen können. Aber in diesem Engelland sind sie so mit -Tieren versehen, daß sie solche besser behandeln als ihre Diener. Die -Pferdeställe und Hundehütten sind hier Paläste, und es gibt Ritter, die -mit ihrem Pferde auf derselben Streu schlafen. - -Des Weiteren ist meine edle Gemahlin und Königin unfruchtbar. Sie tun -mir den blutigen Schimpf an zu sagen, daß ich die Ursache davon sei -und nicht sie, die übrigens über die Maßen eifersüchtig, ohne feine -Sitte und liebestoll ist. Mein Herr und Vater, ich bitte alle Tage zum -Herrgott, daß er mich in seiner Gnade erhalte. Ich hoffe auf einen -andern Thron, und wäre es beim Türken, in Erwartung dessen, zu dem -mich die Ehre beruft, Eurer höchst ruhmvollen und höchst siegreichen -Majestät Sohn zu sein.“ - - Gezeichnet: PHLE.“ - -Der Kaiser antwortete auf diesen Brief: - - Mein Herr Sohn! - -„Eure Feinde sind groß, das bestreite ich nicht, aber versuchet, ohne -Unwillen das Warten auf eine glänzendere Krone zu ertragen. Ich habe -schon mehreren meine Absicht kund getan, Mich aus den Niederlanden und -Meinen andern Kronländern zurückzuziehen, denn, alt und gichtisch, wie -Ich werde, weiß Ich, daß Ich nicht wohl Heinrich von Frankreich, dem -zweiten dieses Namens, widerstehen könnte, maßen Fortuna die jungen -Leute liebt. Bedenket auch, daß Ihr als Herr Engellands Frankreich, -Unseren Feind, durch Eure Macht verwundet. - -Ich wurde vor Metz elend geschlagen und verlor dort vierzigtausend -Mann. Ich mußte vor dem von Sachsen fliehen. Wenn Gott mir nicht durch -eine Fügung seines guten und göttlichen Willens Meine ursprüngliche -Kraft und Rüstigkeit wiedergibt, so bin ich gewillt, mein Herr Sohn, -Meine Reiche zu verlassen und sie Euch zu übergeben. - -Habet also Geduld und übet derweilen alle Pflicht wider die Ketzer, -indem Ihr keinen von ihnen verschont, nicht Männer, Frauen, Mädchen -noch Kinder; denn ich habe nicht ohne großen Schmerz erfahren, daß die -Frau Königin sie oft begnadigen wollte. - - Euer wohlgewogener Vater. - Gezeichnet: Karl.“ - - -54 - -Da Ulenspiegel lange Zeit gewandert war, hatte er blutende Füße und -begegnete im Bistum Mainz einem Planwagen mit Pilgern, der brachte ihn -bis nach Rom. - -Als er in die Stadt einfuhr und vom Wagen stieg, erblickte er auf der -Schwelle einer Herbergstür ein artiges Weiblein, welches lächelte, da -es sah, wie er es anschaute. - -Diese holde Laune zu seinen Gunsten deutend, sprach er: - -„Wirtin, willst Du dem pilgernden Pilger Obdach geben? Denn ich bin der -Entbindung nahe und werde mit dem Erlaß meiner Sünden niederkommen.“ - -„Wir geben Obdach allen, die uns zahlen.“ - -„Ich habe hundert Dukaten in meiner Geldkatze,“ versetzte Ulenspiegel, -der nur einen hatte, „und ich will den ersten draufgehen lassen und mit -Dir eine Flasche alten römischen Weins trinken.“ - -„Der Wein ist an diesen heiligen Orten nicht teuer“, erwiderte sie. -„Tritt ein und trinke für einen Soldo.“ - -Sie tranken so lange mitsammen und leerten unter artigen Reden so viele -Flaschen, daß die Wirtin ihrer Magd heißen mußte, an ihrer Statt den -Kunden zu trinken zu geben. Sie und Ulenspiegel zogen sich derweil in -ein Hintergemach zurück, das mit Marmelstein ausgelegt und kalt wie der -Winter war. - -Den Kopf auf seine Schulter neigend, fragte sie ihn, wer er wäre. -Ulenspiegel gab diese Antwort: - -„Ich bin Herr von Geeland, Graf von Gavergaëten, Baron von Tuchtendeel, -und in Damm, meiner Vaterstadt, habe ich fünfundzwanzig Morgen -Mondschein.“ - -„Was ist das für ein Landgut?“ fragte die Wirtin und trank aus -Ulenspiegels Humpen. - -„Das ist eine Besitzung, auf der man das Korn der Täuschungen, der -leeren Hoffnungen und der luftigen Versprechen säet. Aber Du bist -nicht im Mondschein geboren, holde Wirtin mit der ambraduftenden Haut -und den Augen, die wie Perlen glänzen. Das bräunliche Gold dieser Haare -hat die Farbe der Sonne; Venus, die neidlose, machte Dir die üppigen -Schultern, die prallen Brüste, die runden Arme und die zierlichen -Händlein. Werden wir heute Abend mitsammen speisen?“ - -„Schöner Pilger aus Flandern,“ sprach sie, „warum kommst Du hierher?“ - -„Um mit dem Papst zu sprechen,“ versetzte Ulenspiegel. - -„Ach,“ sprach sie, die Hände faltend, „mit dem Papst zu sprechen; ich, -die ich aus diesem Lande stamme, habe es nimmer vermocht.“ - -„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel. - -„Aber,“ sagte sie, „weißt Du, wohin er geht, wie er ist? Kennst Du -seine Gewohnheiten und seine Lebensweise?“ - -„Man hat mir unterwegs erzählt, daß er Julius III. heißet, daß er ein -Wüstling, lustig und ausschweifend ist, geschickt in der Unterhaltung -und scharfsinnig in seinen Antworten. Auch hat man mir gesagt, daß er -für einen kleinen schwarzen, schmutzigen und ungesitteten Bettelbuben, -der mit einem Affen um Almosen bettelt, eine außerordentliche -Freundschaft gefaßt hat. Da er auf den päpstlichen Stuhl gelangte, hat -er ihn zum Kardinal der Anleihen gemacht, und er soll krank sein, wenn -er einen Tag verbringt, ohne ihn zu sehen.“ - -„Trink,“ sagte sie, „und sprich nicht so laut.“ - -„Man sagt auch, daß er wie ein Soldat fluchte: ~Al dispetto di Dio, -potta di Dio~, als er eines Tages beim Nachtmahl einen kalten Pfauen, -den er sich hatte aufheben lassen, nicht fand. Er sagte: „Ich, der -Statthalter Christi, mag wohl eines Pfauen halber fluchen, wenn mein -Herr um einen Apfel gezürnet hat!“ / „Du siehst, Schätzlein, daß ich -den Papst kenne und weiß, wer er ist.“ - -„Ach,“ sagte sie, „aber sprich davon nicht zu andern. Du wirst ihn -gleichwohl nicht sehen.“ - -„Ich werde mit ihm sprechen“, sagte Ulenspiegel. - -„Wenn Du das tust, so gebe ich Dir hundert Gülden.“ - -„Ich habe sie schon gewonnen“, sprach Ulenspiegel. - -Am andern Morgen lief er in der Stadt umher, wiewohl seine Beine müde -waren, und erkundete, daß der Papst des selbigen Tages in Sankt Johann -vom Lateran die Messe lesen würde. Ulenspiegel ging dorthin und stellte -sich so auffallend in die Nähe des Papstes, als er vermochte, und jedes -Mal, wenn der Papst den Kelch oder die Hostie erhob, kehrte Ulenspiegel -dem Altar den Rücken. - -Neben dem Papst stand ein Kardinal, der die Messe ministrirte, braun -von Angesicht, boshaft und feist, mit einem Affen auf der Schulter, und -gab dem Volk mit vielen unzüchtigen Gesten das Sakrament. Er machte -den Papst auf Ulenspiegels Gebahren aufmerksam und der Papst sandte -nach der Messe vier prächtige Kriegsmänner, wie man sie in diesen -kriegerischen Ländern kennt, sich des Pilgers zu bemächtigen. - -„Was für einen Glauben hast Du?“ fragte ihn der Papst. - -„Allerheiligster Vater,“ versetzte Ulenspiegel, „ich habe den Glauben, -den meine Wirtin hat.“ - -Der Papst ließ die Frau holen. - -„Was glaubst Du?“ sagte er zu ihr. - -„Was Eure Heiligkeit glaubt“, erwiderte sie. - -„Und ich desgleichen“, sprach Ulenspiegel. - -Der Papst fragte ihn, warum er dem heiligen Sakrament den Rücken -gedreht hätte. - -„Ich fühlte mich unwürdig, es anzuschauen.“ - -„Du bist Pilger“, sagte der Papst. - -„Ja,“ sprach er, „ich komme aus Flandern, Vergebung meiner Sünden zu -erbitten.“ - -Der Papst segnete ihn und Ulenspiegel ging mit der Wirtin von dannen; -die zählte ihm hundert Gülden auf. So beladen verließ er Rom, um in das -Land Flandern zurückzukehren. - -Aber für seinen Ablaß, der auf Pergament geschrieben war, mußte er -sieben Dukaten entrichten. - - -55 - -Zur selbigen Zeit kamen zwei Prämonstratenserbrüder nach Damm, um Ablaß -zu verkaufen. Sie trugen über ihrem Mönchsgewand ein schönes, mit -Spitzen besetztes Hemde. - -Wenn das Wetter hell war, standen sie vor der Kirchtür, wenn es -regnete, in der Vorhalle. Sie schlugen ihre Preisliste an; danach gaben -sie für sechs Heller, für einen Pfennig, einen halben Pariser Lire, -für sieben, zwölf Karolusgülden je hundert, zweihundert, dreihundert, -vierhundert Jahre Ablaß und je nach dem Preis halben oder vollkommenen -Ablaß und Vergebung für die ungeheuerlichsten Verbrechen, zum Exempel -den Wunsch, der heiligen Jungfrau Gewalt anzutun. Aber dieses kostete -siebenzehn Gülden. - -Den Käufern, die ihnen Geld gaben, händigten sie kleine Stücke -Pergament ein, auf denen die Zahl der Ablaßjahre geschrieben stand. -Darunter las man diese Inschrift: - - Wer nicht will werden - Gedämpft, gebraten, gesotten gar, - Im Fegefeuer tausend Jahr, - In der Höllen brennen immerdar, - Der kaufe Ablaß, Gnaden, Vergebung - Um wenig Geld - Gott wird’s ihm lohnen. - -Und auf zehn Meilen im Umkreis kamen Käufer zu ihnen. Der eine der -guten Brüder predigte oftmals zum Volke; er hatte ein feistes, -blühendes Gesicht und trug sein dreifaches Kinn und seinen Bauch ohne -Verlegenheit zur Schau. - -„Unglücklicher,“ sprach er und heftete seine Augen auf den einen oder -den andern seiner Zuhörer: „Unglücklicher, da bist Du in der Höllen; -das Feuer verbrennt dich grausam, man lässet Dich in einem Kessel voll -siedenden Öls kochen, worin man die Ölkuchen der Astarte bereitet. Du -bist nichts als eine Blutwurst auf Luzifers Ofen, eine Hammelkeule -auf dem Gilgiroths des großen Teufels, denn zuvor schneidet man Dich -in Stücke. Siehe diesen großen Sünder, der den Ablaß verachtete, siehe -diese Schüssel mit Hackfleisch, das ist er, das ist er, sein ruchloser -Körper, sein verdammter Körper also zusammengekocht. Und was für eine -Brühe! Schwefel, Pech und Teer. Und solchergestalt werden alle diese -armen Sünder gefressen, um beständig für die Qual neu geboren zu -werden. Da ist wahrlich Heulen und Zähneklappern. Habe Mitleid, Gott -der Barmherzigkeit! Ja, da bist Du in der Hölle, armer Verdammter und -leidest all diese Qualen. Gibt man nur einen Heller für Dich, so spürst -Du jählings Linderung an Deiner rechten Hand; gibt man noch einen -halben mehr, siehe da, Deine beiden Hände sind aus dem Feuer. Aber der -übrige Körper? Ein Gülden, und der Tau des Ablasses fällt. O köstliche -Kühlung. Und das zehn Tage, hundert Tage, tausend Jahre, je nachdem man -zahlt: kein Braten, keine Ölkuchen, kein Hackfleisch mehr. Und wenn es -nicht für Dich Sünder ist, gibt es nicht in den geheimsten Tiefen des -Feuers arme Seelen? Deine Eltern, ein liebes Weib, ein holdes Mägdlein, -mit dem Du gern sündigtest?“ - -So sprechend, stieß der Mönch den Frater, der mit einem silbernen -Becken neben ihm stand, mit dem Ellenbogen an. Bei diesem Zeichen -schlug der Bruder die Augen nieder und schüttelte salbungsvoll sein -Becken, um das Geld herbeizulocken. - -„Hast Du nicht“, sprach der Mönch weiter, „in diesem gräßlichen Feuer -einen Sohn, eine Tochter, irgend ein geliebtes Kindlein? Sie schreien, -sie weinen, sie rufen Dich. Könntest Du bei diesen kläglichen Stimmen -taub bleiben? Du könntest es nicht. Dein Herz von Eis schmilzt; aber -das wird Dir einen Gülden kosten. Und schau: beim Klang dieses Karolus -auf diesem geringen Metall (des Mönches Kumpan schüttelte abermals das -Becken) entsteht ein leerer Raum im Feuer, und die arme Seele steigt -bis an die Öffnung irgend eines Vulkans. Nun ist sie in der frischen -Luft, der freien Luft! Wo ist die Pein des Feuers? Das Meer ist nahe, -sie stürzt sich hinein, sie schwimmt auf dem Rücken, auf dem Bauch, -auf den Wogen und unter ihnen. Horch, wie sie vor Freude jauchzt, wie -sie sich im Wasser wälzt! Die Engel schauen sie an und sind glücklich. -Sie erwarten sie, aber sie hat noch nicht genug, sie möchte ein -Fisch werden. Sie weiß nicht, daß es da oben labende, duftende Bäder -gibt, darinnen große Stücke weißen Kandiszuckers schwimmen, so kühl -wie Eis. Ein Hai erscheint; sie fürchtet ihn nimmer. Sie steigt auf -seinen Rücken, aber er spürt sie nicht; sie will mit ihm in die Tiefen -des Meeres tauchen, dort will sie die Engel der Gewässer begrüßen, -Waterzoey (Wassertiere) aus Korallenkesseln und frische Austern von -Perlmutterschalen essen. Und wie wohl wird sie dort empfangen, gefeiert -und gehätschelt. Die Englein rufen sie immerdar von oben. Siehst Du, -wie sie endlich erquickt und glücklich, gleich einer Lerche, sich -singend in den höchsten Himmel erhebt, wo Gott in seiner Herrlichkeit -thront? Dort findet sie alle ihre irdischen Verwandten und Freunde, -ohne allein jene, so im Abgrund der Höllen brennen, dieweil sie den -Ablaß unsrer Heiligen Mutter Kirche geschmäht haben. Und also immer, -immer, immer, bis in Jahrhunderte von Jahrhunderten, in der brennenden -Ewigkeit. Aber die andre Seele ist bei Gott, erfrischt sich in -köstlichen Bädern und knuspert Kandiszucker. Kauft Ablaß, Brüder, er -wird für Cruzados, für Goldgülden, für Sovereigns aus England erteilt. -Auch Kippergeld wird nicht zurückgewiesen. Kauft, kauft! Dies ist der -heilige Kramladen. Hier ist Waare für Arme und für Reiche, aber es ist -uns schier leid: wir können nichts auf Borg geben, Brüder, denn kaufen -und nicht baar bezahlen ist ein Verbrechen in den Augen des Herrn.“ - -Der Bruder, der nicht predigte, schüttelte seine Schale und die Gulden, -Cruzados, Dukaten, Groschen, Heller und Pfennige fielen hageldicht -darauf nieder. - -In Ansehung seines Reichtums zahlte Klas einen Gülden für zehntausend -Jahre Ablaß. Die Mönche gaben ihm dafür ein Stück Pergament. - -Aber in Bälde, da sie sahen, daß in Damm nur noch Geizhälse übrig -waren, die keinen Ablaß gekauft hatten, machten sich die beiden nach -Heyst auf. - - -56 - -Mit seinem Pilgergewand angetan und seiner Vergehen los und ledig, -verließ Ulenspiegel Rom, ging seines Weges fürbaß und kam nach Bamberg, -wo man das beste Gemüse der Welt hat. - -Er trat in eine Herberge, wo eine fröhliche Wirtin war; die sprach zu -ihm: - -„Junger Herr, willst Du für dein Geld essen?“ - -„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „aber für wieviel isset man hier?“ - -Die Wirtin erwiderte: - -„An der Herrentafel speist man für sechs Gülden; am Bürgertisch für -vier und am Gesindetisch für zwei.“ - -„Das meiste Geld dient mir allerbest“, versetzte Ulenspiegel und ging -und setzte sich an die Herrentafel. Als er sich satt gegessen und seine -Mahlzeit mit Rheinwein begossen hatte, sprach er zur Wirtin: - -„Gevatterin, ich habe für mein Geld gut gespeist; gib mir die sechs -Gülden.“ - -Die Wirtin sagte zu ihm: - -„Spottest Du meiner? Zahl Deine Zeche.“ - -„Liebreizende Meisterin,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „Ihr habt nicht -das Aussehen einer schlimmen Schuldnerin; im Gegenteil, ich sehe soviel -große Aufrichtigkeit, Treuherzigkeit und Nächstenliebe darin, daß Ihr -mir lieber achtzehn Gülden zahlen würdet, als mir die sechs verweigern, -die Ihr mir schuldet. Die schönen Augen! Die Sonne, die Strahlenpfeile -auf mich schleudert und verliebte Tollheit aufschießen läßt, höher als -die Quecken auf einem Brachfeld.“ - -Die Wirtin entgegnete: - -„Ich habe nichts mit Deiner Tollheit noch mit Deinen Quecken zu -schaffen; bezahle und scheer Dich fort.“ - -„Fortgehen und Dich nicht fürder sehen! Lieber wollt’ ich augenblicks -verscheiden. Meisterin, süße Meisterin, ich habe nicht die Gewohnheit -für sechs Gülden zu essen, ich armer junger Kerl, der über Berg und Tal -wandert. Ich habe mich vollgestopft, und bald werde ich wie ein Hund -in der Sonne die Zunge heraushängen lassen. Geruht, mich zu bezahlen, -ich habe die sechs Gülden durch die harte Arbeit meiner Kinnbacken -redlich verdient. Gebt sie mir und ich werde Euch mit solcher Glut -der Dankbarkeit liebkosen, küssen und umarmen, daß siebenundzwanzig -Verliebte mitsammen zu solcher Leistung nicht ausreichen.“ - -„Du redest so ums Geld“, sagte sie. - -„Soll ich Dich umsonst aufessen?“ - -„Nein“, sprach sie, sich seiner erwehrend. - -„Ach,“ seufzte er, sie verfolgend, „Deine Haut ist wie Rahm, Deine -Haare sind wie ein Fasan, der am Spieß gebräunt ist, Deine Lippen wie -Kirschen! Gibt es eine, die leckerer ist als Du?“ - -„Es steht Dir wohl an, Du loser Vogel,“ sagte sie lächelnd, „mir noch -sechs Gülden abzufordern. Sei froh, daß ich Dich gratis gefüttert habe, -ohne etwas von Dir zu fordern.“ - -„Wenn Du wüßtest, wieviel Platz noch da ist.“ - -„Zieh ab,“ sagte die Wirtin, „ehe mein Mann kommt.“ - -„Ich werde ein nachsichtiger Gläubiger sein“, versetzte Ulenspiegel. -„Gib mir zum wenigsten einen Gülden für den künftigen Durst.“ - -„Da, Du schlimmer Geselle“, sagte sie und gab ihm den. - -„Aber lässest Du mich auch wiederkommen?“ - -„Willst Du wohl gehen“, sagte sie. - -„Wohl gehen,“ sprach Ulenspiegel, „das hieße zu Dir gehen, Du Holde. -Aber Deine schönen Augen verlassen, das heißt schlecht gehen. Wenn -Du geruhst, mich zu behalten, werde ich nur für einen Gülden täglich -essen.“ - -„Ist ein Stock vonnöten?“ sprach sie. - -„Nimm meinen“, erwiderte Ulenspiegel. - -Sie lachte, aber er mußte von dannen ziehen. - - -57 - -Um jene Zeit siedelte Lamm Goedzak wiederum nach Damm über, sintemalen -das Land Lüttich wegen der Ketzereien unsicher war. Sein Weib folgte -ihm willig, dieweil die Lütticher, die ihrer Natur nach treffliche -Spötter waren, sich über die Gutmütigkeit ihres Mannes lustig machten. - -Er ging oft zu Klas, welcher, seit er geerbt hatte, die Schenke -„zum blauen Turm“ unsicher machte und sich allda für sich und seine -Kumpane einen Tisch ausgewählt hatte. Am nächsten Tische saß Jobst -Griepenstüver, der seine halbe Kanne in kleinen Schlucken trank. Er war -der Älteste der Fischergilde, ein geiziger, knickeriger Mann, der von -sauren Heringen lebte und dem das Geld über das Heil seiner Seele ging. -Klas hatte das Stück Pergament, darauf die zehntausend Jahre Ablaß -geschrieben waren, in seinen Säckel gesteckt. - -Eines Abends, da Klas in Gesellschaft von Lamm Goedzak, Jan van -Rosebeke und Matthys van Assche im „Blauen Turm“ saß und Jobst -Griepenstüver auch da war, becherte Klas tapfer und Jan Rosebeke sprach -zu ihm: - -„Das heißt sündigen, soviel zu trinken.“ - -Klas entgegnete: - -„Man brennt nur einen halben Tag für eine Kanne zuviel. Und ich habe -zehntausend Jahre Ablaß in meinem Säckel. Wer will hundert davon, um -sich ohne Furcht den Magen zu überschwemmen?“ - -Alle riefen: - -„Wie teuer verkaufst Du sie?“ - -„Für eine Kanne, doch gebe ich hundertfünfzig für eine ~muske conyn~.“ - -Etliche Trinker zahlten Klas, der eine einen Schoppen, der andre -Schinken; er schnitt ihnen allen einen kleinen Streifen Pergament -ab. Aber nicht Klas aß den Preis des Ablasses auf und vertrank ihn, -sondern Lamm Goedzak, welcher soviel verschlang, daß er zusehends -anschwoll, derweil Klas in der Schenke hin und her ging, seine Ware -feilzubieten. - -Griepenstüver kehrte ihm seine mürrische Miene zu. - -„Hast du Ablaß für zehn Tage?“ fragte er. - -„Nein,“ sprach Klas, „das ist zu schwer abzuschneiden.“ - -Und jedermann lachte, und Griepenstüver würgte seinen Zorn hinunter. - -Alsdann begab sich Klas in seine Hütte, und Lamm folgte ihm und ging, -als ob er Beine aus Wolle hätte. - - -58 - -Gegen das Ende des dritten Jahres kehrte Katheline nach Damm in ihre -Behausung zurück. Und ohne Aufhören sagte die Irre: „Feuer auf dem -Kopf, die Seele pocht, macht ein Loch, sie will hinaus.“ Und allemal, -wenn sie Ochsen oder Hämmel erblickte, entfloh sie. Und sie setzte sich -auf die Bank unter den Linden hinter ihrer Hütte, schüttelte den Kopf -und sah die von Damm an, ohne sie zu erkennen; sie aber sagten, an ihr -vorübergehend: „Das ist die Irre.“ - -Indessen erblickte Ulenspiegel, welcher auf Wegen und Stegen -umherstreifte, einen Esel auf der Landstraße; der war mit einem Leder -aufgezäumt, welches mit Kupfernägeln verziert war, und sein Kopf war -mit Quasten und Troddeln von roter Wolle geschmückt. - -Etliche alte Weiber stunden um den Esel und schwatzten und redeten -alle zumal: „Keiner kann ihn bezwingen, es ist das grausliche Tier des -großen Hexenmeisters, Baron von Rais, der lebendig verbrannt ward, -dafür daß er dem Teufel acht Kinder geopfert hat. / Gevatterinnen, er -ist so schnell davongelaufen, daß man ihn nicht hat einholen können. -Satan steckt in ihm und beschützt ihn. / Denn da er ermattet auf der -Landstraße still stand, kamen die Gemeinbüttel, ihn zu fangen; er aber -schlug hinten aus und schrie so erschrecklich, daß sie ihm nicht zu -nahen wagten. / Und das war keines Esels, sondern des Teufels Geschrei. -/ Derhalben ließ man ihn Disteln weiden, ohne ihm den Prozeß zu machen, -noch ihn als Hexenmeister lebendig zu verbrennen. / Diese Mannsleute -haben keinen Mut.“ - -Ohngeachtet dieser erbaulichen Reden entflohen sie mit Geschrei, sobald -der Esel die Ohren spitzte oder sich die Flanken mit dem Schwanze -schlug. Dann aber kamen sie gackernd und plappernd wieder und führten -bei der geringsten Bewegung des Grautiers die nämliche Komödie von -Neuem auf. - -Aber Ulenspiegel betrachtete sie mit Lachen: - -„Ach,“ sprach er, „Neugierde ohne Ende und immerwährendes Reden -strömt wie ein Fluß aus den Mäulern der Gevatterinnen, sonderlich der -alten, denn bei den jungen ist der Strom nicht so reißend wegen ihrer -verliebten Geschäfte.“ - -Alsdann nahm er den Esel in Augenschein. - -„Dies Hexentier ist behend,“ sprach er, „und trabt ohne Zweifel nicht -mit den Schultern; ich kann darauf reiten oder es verkaufen.“ - -Ohne ein Wort zu sagen, ging er und holte eine Metze Hafer, gab sie dem -Esel zu fressen, sprang ihm hurtig auf den Rücken, ergriff den Zügel, -drehte sich nach Norden, Osten und Westen und segnete von ferne die -Alten. - -Die knieten, ohnmächtig vor Schreck, nieder, und in der Spinnstube hieß -es hernach, daß ein Engel, der einen Filzhut mit Fasanenfeder trug, -gekommen sei, sie alle zu segnen und durch absonderliche Gnade Gottes -den Esel des Zauberers fortzuführen. - -Und Ulenspiegel trabte auf seinem Esel von dannen, mitten durch fette -Weiden, wo Pferde frei umhersprangen und Kühe und Färsen träg in der -Sonne lagen und wiederkäuten. Und er nannte ihn Jef. - -Der Esel stand still und hielt wohlgemut sein Mittagmahl von Disteln. -Bisweilen jedoch zitterte er über die ganze Haut und schlug mit dem -Schwanz an die Flanken, um die gefräßigen Bremsen zu vertreiben, die -auch speisen wollten, aber von seinem Fleische. - -Ulenspiegel, dessen Magen vor Hunger knurrte, war trübselig. - -„Du wärest recht glücklich, Herr Esel,“ sagte er, „bei Deinem -Mittagmahl von fetten Disteln, „wann keiner Dich in Deinem Wohlbehagen -störte und Dich erinnerte, daß Du sterblich bist, das ist geboren, -um alle Arten von Unbill zu erdulden. Gleich wie Du,“ fuhr er fort -und drückte den Esel mit den Schenkeln, „hat der Mann vom heiligen -Pantoffel seine Bremse, das ist der Doktor Luther, und seine Hohe -Majestät Karl hat auch die seine, das ist Herr Franz, der erste des -Namens, der König mit der sehr langen Nase und dem noch längeren -Degen. Darum ist es mir, dem armen jungen Kerl, der wie ein Jude -herumirrt, wohl erlaubt, auch eine Bremse zu haben, Herr Esel. Ach, -alle meine Täschlein sind durchlöchert und durch das Loch laufen all -meine schönen Dukaten, Gülden und Taler davon wie eine Legion Mäuse, -so dem Rachen einer Katze entfleuchen. Ich weiß nicht, warum das Geld -mich nicht mag, der ich so gern das Geld möchte. Was man auch sage, -Fortuna ist kein Weib, denn sie liebt nur die geizigen Filze, so sie -in Truhen und Säcke sperren und mit zwanzig Schlüsseln verschließen -und ihr nimmer erlauben, ein Endlein ihrer ganz vergüldeten Nase ans -Fenster zu drücken. Das ist die Bremse, die an mir nagt und frißt und -mich kitzelt, ohne mich zum Lachen zu bringen, Du hörst mich nicht an, -Herr Esel, und denkst nur ans Fressen. O, Du Fettwanst, der seinen -Wanst anfüllt, Deine langen Ohren sind taub für das Knurren der leeren -Bäuche. Hör mich an, ich will es.“ - -Und er peitschte ihn fort. Der Esel hub an zu schreien. - -„Nun Du gesungen hast, laß uns weitergehen“, sagte Ulenspiegel. - -Aber der Esel rührte sich nicht mehr denn ein Meilenstein und schien -den Vorsatz gefaßt zu haben, alle Disteln an der Straße bis auf die -letzte zu fressen. Und es mangelte nicht daran. - -Da Ulenspiegel das sah, stieg er ab, schnitt einen Strauß Disteln, -hielt ihn dem Esel unter die Nase und führte ihn solcherart bis in das -Gebiet des Landgrafen von Hessen. - -„Meister Esel,“ sagte er im Weiterreiten, „Du läufst meinem -Distelstrauße nach und lässest den schönen Weg, der ganz mit diesen -leckeren Pflanzen bestanden ist, hinter Dir. So machen es alle -Menschen; die einen wittern den Duft des Ruhmes, den Fortuna ihnen -unter die Nase hält, die andern den Duft des Gewinstes und etliche den -Duft der Liebe. Am Ende des Weges werden sie wie Du gewahr, daß sie dem -nachgelaufen sind, was wenig war, und das zurückgelassen haben, was -etwas war, nämlich: Gesundheit, Arbeit, Ruhe und Wohlsein daheim.“ - -Dergestalt mit seinem Esel schwätzend, kam Ulenspiegel vor den Palast -des Landgrafen. - -Zwei Hauptleute der Scharfschützen würfelten auf der Treppe. Der eine -von ihnen, welcher rothaarig und riesengroß war, sprach zu Ulenspiegel, -der bescheidentlich auf Jef saß und ihnen zusah: „Was willst Du bei uns -mit Deiner ausgehungerten Pilgerfratze?“ - -„Ich habe freilich großen Hunger,“ versetzte Ulenspiegel, „und -wallfahrte wider Willen.“ - -„So Du Hunger hast,“ erwiderte der Hauptmann, „so schlinge den Strick -hinunter, der am nächsten Galgen baumelt; der ist für Landstreicher -bestimmt.“ - -„Herr Hauptmann,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn Ihr mir den schönen -güldenen Strick gäbet, den Ihr am Hute traget, so würde ich mich mit -den Zähnen an jenem fetten Schinken aufhängen, der dorten beim Garkoch -baumelt.“ - -„Woher kommst Du?“ fragte der Hauptmann. - -„Aus Flandern“, antwortete Ulenspiegel. - -„Was willst Du?“ - -„Seiner landgräflichen Gnaden ein Gemälde meiner Art zeigen.“ - -„Wenn Du ein Maler und aus Flandern bist,“ sagte der Hauptmann, „so -tritt ein, und ich werde Dich zu meinem Herrn führen.“ - -Da Ulenspiegel vor den Landgrafen geführt ward, grüßte er ihn dreimal -und noch mehr. - -„Geruhen Euer Landgräfliche Gnaden“, sprach er, „meine Dreistigkeit -zu entschuldigen, wenn ich es wage, zu Ihren edlen Füßen eine Malerei -niederzulegen, die ich für Sie machte, und worauf ich die Ehre hatte, -die Jungfrau in kaiserlichem Schmuck zu konterfeien.“ - -„Diese Malerei“, fuhr er fort, „wird Euch vielleicht genehm sein. In -dem Falle macht mich meine Kunst so vermessen, auf eine Erhöhung meines -Sitzes bis zu diesem schönen Armsessel von rotem Sammet zu hoffen, -worinnen zu seinen Lebzeiten der unvergeßliche Maler Euer großmütigen -Gnaden saß.“ - -Da der Herr Landgraf das Gemälde, das schön war, betrachtet hatte, -sagte er: - -„Du sollst Unser Maler werden, setz Dich dort auf den Armstuhl.“ Und er -küßte ihn fröhlich auf beide Wangen. Ulenspiegel setzte sich. - -„Schier zerlumpt schaust Du aus“, sprach der Landgraf, ihn betrachtend. - -Ulenspiegel erwiderte: - -„Wahrlich, Euer Gnaden, Jef, das ist mein Esel, fraß Disteln zu Mittag, -aber ich lebe seit drei Tagen nur von Elend und nähre mich vom Dunste -der Hoffnung.“ - -„Du wirst alsbald besseres Fleisch zum Nachtmahl haben,“ entgegnete der -Landgraf, „aber wo ist Dein Esel?“ - -„Ich habe ihn auf dem Schloßplatz gelassen, dem Palast Eurer Gnaden -gegenüber. Ich wäre recht froh, wenn Jef Obdach, Streu und Futter für -die Nacht fände.“ - -Der Herr Landgraf befahl stracks einem seiner Pagen, Ulenspiegels Esel -zu behandeln, als wär’s sein eigner. - -Alsbald kam die Stunde des Nachtmahls. Da war eitel Hochzeit und -Gelage, und die Fleischspeisen dampften immerfort und die Weine -strömten in die Kehlen. - -Ulenspiegel und der Landgraf waren alle beide so rot wie glühende -Kohlen; Ulenspiegel ward lustig, aber der Landgraf blieb nachdenklich. - -„Unser Maler,“ sagte er plötzlich, „Du mußt mich malen, denn es ist für -einen sterblichen Fürsten eine gar große Genugtuung, seinen Nachkommen -sein Antlitz zum Gedächtnis zu hinterlassen.“ - -„Herr Landgraf,“ versetzte Ulenspiegel, „Euer Wille ist mein Wunsch; -aber mir Armseligen scheint, daß Eure Liebden so ganz allein konterfeit -in den künftigen Zeiten nicht viel Kurzweil haben würden. Ihr müßt in -Gesellschaft Eurer edlen Gemahlin, der Frau Landgräfin, hochdero Damen -und Herren und Eurer tapfersten Hauptleute und Offiziere sein, in -deren Mitte der hohe Herr und die hohe Frau wie Sonnen unter Laternen -erglänzen werden.“ - -„Fürwahr, Unser Maler,“ erwiderte der Landgraf, „und was soll ich Dir -für diese große Arbeit zahlen?“ - -„Hundert Gülden im voraus oder anders“, sprach Ulenspiegel. - -„Hier sind sie im voraus“, sprach der Landgraf. - -„Euer Mitleid, gnädiger Herr, gießt Öl auf meine Lampe; sie wird Euch -zu Ehren brennen“, sprach Ulenspiegel. - -Am folgenden Tag bat er Seine Gnaden den Landgrafen, Die, welchen er -die Ehre des Konterfeis zugedacht hätte, an ihm vorbeiziehen zu lassen. - -Da kam der Herzog von Lüneburg, der Feldhauptmann der Landsknechte -im Dienste des Landgrafen, der seinen feisten Wanst nur mit großer -Beschwerde schleppte. Er trat nahe an Ulenspiegel heran und säuselte -ihm diese Worte ins Ohr: - -„Wenn Du mir beim Abmalen nicht die Hälfte meines Fettes fortnimmst, so -laß ich Dich durch meine Soldaten henken.“ - -Kam sodann eine hohe Dame; selbige hatte einen Höcker auf dem Rücken -und eine Brust, so glatt wie die Klinge eines Richtschwertes. - -„Meister Maler,“ sagte sie, „wenn Du mir nicht anstatt des einen, den -du fortnimmst, zwei Höcker machst und sie nach vorne setzest, so laß -ich Dich wie einen Giftmischer vierteilen.“ - -Kam ein junges Ehrenfräulein, blond, frisch und liebreizend, aber ihr -fehlten drei Zähne unter der Oberlippe. - -„Meister Maler,“ sprach sie, „wenn Du mich nicht malst, wie ich -lache und zweiunddreißig Zähne zeige, so laß ich Dich durch meinen -Herzallerliebsten in Stücke hacken.“ - -Und auf den Hauptmann der Scharfschützen weisend, der zuvor auf der -Treppe des Palastes gewürfelt hatte, ging sie weiter. - -Die Prozession nahm ihren Verlauf. Ulenspiegel blieb mit Seiner Gnaden -dem Landgrafen allein. - -„Wenn Du das Unglück hast,“ sprach dieser, „beim Konterfeien aller -dieser Gesichter mit einem Strich zu lügen, so laß ich Dir den Hals -abschneiden wie einem jungen Huhn.“ - -Ulenspiegel gedachte: „des Kopfes beraubt, gevierteilt, kleingehackt -oder zum mindesten gehenkt, wird es leichter sein, gar nicht zu malen. -Ich werde darauf bedacht sein.“ - -„Wo ist der Saal,“ fragte er den Landgrafen, „den ich mit all diesen -Gemälden schmücken soll?“ - -„Folge mir“, sprach der Landgraf. - -Und er zeigte ihm ein großes Gemach mit ganz nackten Mauern. - -„Hier ist der Saal“, sagte er. - -„Mir wäre es lieb,“ sprach Ulenspiegel, „wenn man vor diese Wände große -Vorhänge zöge, auf daß meine Schildereien nicht möchten durch Fliegen -und Staub verunglimpft werden.“ - -„Das soll geschehen“, sprach der Landgraf. - -Nachdem die Vorhänge befestigt waren, begehrte Ulenspiegel drei -Gesellen, damit sie, wie er sagte, ihm die Farben rieben. Dreißig Tage -lang taten Ulenspiegel und die Gesellen nichts denn schwelgen und -schlemmen und schonten der feinen Braten und alten Weine nicht; der -Landgraf wachte selbst darüber. - -Indessen am einunddreißigsten Tage steckte er die Nase in die Türe des -Gemachs, das auf Ulenspiegels Geheiß niemand betreten sollte. - -„Wohlan, Tyll,“ sprach er, „wo sind die Bilder?“ - -„Sie sind weit“, antwortete Ulenspiegel. - -„Kann man sie nicht sehen?“ - -„Noch nicht.“ - -Am sechsunddreißigsten Tage steckte er wieder die Nase durch die Türe: - -„Wohlan, Tyll?“ fragte er. - -„Ei, gnädigster Herr Landgraf, sie gehen dem Ende zu.“ - -Am sechzigsten Tage ward der Landgraf zornig und trat in das Gemach. - -„Flugs wirst Du mir die Bildnisse zeigen“, sprach er. - -„Jawohl, Euer Furchtbarkeit“, erwiderte Ulenspiegel. „Aber wollet -diesen Vorhang nicht lüften, ehe Ihr nicht die Herren Hauptleute und -Damen Eures Hofes hierher beschieden habt.“ - -„Ich willige darein“, sprach der Landgraf. - -Alle kamen auf sein Geheiß. - -Ulenspiegel stand vor dem zugezogenen Vorhang. - -„Gnädigster Herr Landgraf,“ sprach er, „und Ihr, gnädigste Frau -Landgräfin, und Eure Gnaden von Lüneburg und Ihr anderen schönen Damen -und wackeren Hauptleute, ich habe Eure liebreizenden oder kriegerischen -Angesichter hinter jenem Vorhang aufs beste abkonterfeit. Es wird -Euch ein Leichtes sein, Euch männiglich darauf zu erkennen. Ihr seid -neugierig, es zu sehen, das ist gerecht, aber geruhet Euch zu gedulden, -und lasset mich ein Wort oder sechs reden. Schöne Damen und wackere -Hauptleute, die Ihr adligen Blutes seid, Ihr könnet meine Malerei -sehen und bewundern, so aber einer unter Euch ein Bürgerlicher ist, -wird er nur die weiße Wand erblicken. Und nun geruhet Eure edlen Augen -aufzutun.“ - -Ulenspiegel zog den Vorhang fort: - -„Allein die adligen Herren, allein die adligen Damen sind sehend. -Darum wird man in Bälde sagen: Für die Malerei blind wie ein -Niedriggeborener, scharfsichtig wie ein Edelmann.“ - -Alle sperrten die Augen auf und stellten sich, als ob sie etwas sähen, -zeigten sich einer dem andern, nannten Namen und erkannten sich, aber -in Wahrheit erblickten sie nur die nackte Wand, welches sie verblüffte. - -Plötzlich sprang der Narr, der zugegen war, drei Schuh hoch in die Luft -und schüttelte seine Schellen: - -„Scheltet mich einen Bürgerlichen, einen Niedrigen, der Niedrigkeit -noch erniedrigt, aber ich sage und rufe mit Pauken und Trompeten, daß -ich allda nur eine kahle Wand, eine weiße Wand, eine kahle Wand sehe. -So mögen mir Gott und alle seine Heiligen beistehen.“ - -Ulenspiegel versetzte: - -„Wenn Narren drein reden, so ist’s für die Weisen an der Zeit, zu -gehen.“ - -Er wollte den Palast verlassen, als der Landgraf ihn festhielt und -sprach: - -„Du Schalksnarr, der durch die Welt wandert und die schönen und guten -Dinge preist und der Dummheit mit einer scharfen Zunge spottet, Du -wagtest angesichts so vieler hoher Damen und noch höherer vieledler -Herren Dich öffentlich über Wappen und Adelsstolz lustig zu machen; du -wirst eines Tages für Dein freies Reden gehenkt werden.“ - -„Wenn der Strick von Gold ist, wird er vor Furcht zerreißen, wenn er -mich kommen sieht.“ - -„Nimm“, sprach der Landgraf und gab ihm fünfzehn Gülden; „dies ist das -eine Ende davon.“ - -„Großen Dank, Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „jede Herberge des -Weges wird ein Fädlein davon erhalten, ein gülden Fädlein, das die -spitzbübischen Herbergswirte zu Krösussen macht.“ - -Und wohlgemut ritt er auf seinem Esel fürbaß; die Kappe trug er hoch, -und die Feder wallte im Winde. - - -59 - -Die Blätter auf den Bäumen vergilbten, und der Herbstwind begann zu -wehen. Katheline war zuzeiten eine oder drei Stunden bei Sinnen. Und -Klas sagte dann, daß der Geist Gottes in seinem milden Erbarmen in sie -führe. In solchen Augenblicken hatte sie die Macht, durch Gebärden und -Worte einen Zauber auf Nele zu werfen, also daß sie mehr denn hundert -Meilen weit Dinge erblickte, die auf Plätzen und Gassen und in den -Häusern geschahen. - -An jenem Tage nun, da Katheline bei gutem Verstande war und Ölkuchen, -mit Doppelbier angefeuchtet, in Gemeinschaft mit Klas, Soetkin und Nele -verzehrte, sprach Klas: - -„Heute ist der Tag der Abdankung Seiner Heiligen Majestät Kaiser Karls -V. Nele, mein Schätzlein, vermöchtest Du wohl bis nach Brüssel in -Brabant zu sehen?“ - -„Ich vermöchte es, wenn Katheline will“, versetzte Nele. - -Alsogleich hieß Katheline das Mägdlein auf eine Bank niedersitzen und -durch ihre Worte und Gebärden, die wie ein Zauber wirkten, sank Nele in -festen Schlummer. - -Katheline sprach zu ihr: - -„Tritt in das kleine Haus des Lustgartens, wo Kaiser Karl V. zu -verweilen liebt.“ - -„Ich bin“, sprach Nele mit leiser Stimme und als ob sie erstickte, -„ich bin in einem kleinen Saal, der mit Ölfarbe grün angemalt ist. -Dort sitzt ein Mann, nahe bei vierundfünfzig Jahren, kahlköpfig und -grau, der einen blonden Bart auf einem vorstehenden Kinn trägt. Der -Blick seiner grauen Augen ist böse, voller Arglist, Grausamkeit und -verstellter Gutmütigkeit. Und diesen Mann nennt man Heilige Majestät. -Er ist verschleimt und hustet viel. Bei ihm steht ein anderer, der ist -jung, mit häßlicher Fratze wie ein wasserköpfiger Affe. Ich sah ihn -zu Antwerpen, es ist König Philipp. Seine Heilige Majestät tadelt ihn -just, daß er die Nacht sich herumgetrieben hat. Sicherlich, sagt er, -um in einer Spelunke irgend eine Vettel aus dem verrufenen Stadtteil -zu finden. Er sagt, daß seine Haare nach der Schenke riechen und daß -solches kein Vergnügen für einen König sei, der nur zu wählen braucht -reizende Leiber mit Haut wie Atlas, in wohlriechenden Bädern erfrischt, -und Hände sehr verliebter, vornehmer Damen. Das ist mehr wert als eine -Saudirne, die kaum gewaschen aus den Armen eines versoffenen Soldaten -kommt. Da ist kein Weib, sagt er, ob Jungfrau, Ehefrau oder Wittib, -die ihm widerstehen möchte unter den adligsten und schönsten, die ihre -Liebschaften mit duftenden Kerzen und nicht mit dem fettigen Glimmen -stinkender Unschlittlichter erhellen.“ - -Der König erwidert Seiner Majestät, daß er ihm in allem gehorchen werde. - -Dann hustet Seine Majestät und trinkt etliche Schluck Würzwein. - -„Du wirst“, sagt er, sich an Philipp wendend, „alsbald die -Generalstaaten sehen, Prälaten, Edle und Bürger: Oranien den -Schweigsamen, Egmont den Eitlen, Hoorn den Unbeliebten, und Brederode -den Leuen, und alle die Ritter vom Güldenen Vlies, zu dessen -Großmeister ich Dich ernennen werde. Du wirst da hundert finden, die -dies Spielzeug tragen und die sich männiglich die Nase abschneiden -ließen, so sie diese an einer güldenen Kette als Zeichen höheren Adels -auf der Brust tragen könnten.“ - -Dann sagt Seine Majestät in anderm Ton und höchst kläglich zu König -Philipp: - -„Du weißt, daß ich zu Deinen Gunsten abdanken werde, mein Sohn, und -der Welt ein großes Schauspiel geben und vor einer großen Menge reden, -obwohl mit Schlucken und Husten, denn ich habe meiner Lebtage zuviel -gegessen, mein Sohn. Du müßtest ein gar hartes Herz haben, wenn Du -nicht etliche Tränen vergössest, nachdem Du mich angehört hast.“ - -„Ich werde weinen, Herr Vater“, antwortet König Philipp. - -Dann spricht Seine Heilige Majestät zu einem Diener, mit Namen Dubois: - -„Dubois,“ sagt er, „reiche mir ein Stück Madeirazucker: ich habe das -Schlucken. Wenn es mich nur nicht überfällt, dieweil ich zu aller Welt -spreche. Die Gans von gestern wird wohl nie verdaut werden. Ob ich wohl -einen Humpen Wein von Orleans trinke? Nein, er ist zu herbe. Ob ich -etliche Sardinen esse? Sie sind so ölig. Dubois, gib mir Wein aus der -Romagna.“ - -Dubois gibt Seiner Heiligen Majestät, was er verlangt. Dann legt er ihm -ein Kleid von karmesinrotem Sammet an, bedeckt ihn mit einem güldenen -Mantel, gürtet ihm den Degen um, überreicht ihm Zepter und Reichsapfel -und setzt ihm die Krone aufs Haupt. - -Sodann verläßt Seine Heilige Majestät auf einem kleinen Maultier das -Haus im Lustgarten; König Philipp und viele hohe Personen folgen ihm. -So gelangen sie in ein großes Gebäude, das sie Palast nennen und finden -dort in einem Gemach einen Mann von hoher, hagerer Gestalt und reich -gekleidet, den sie Oranien nennen. - -Seine Heilige Majestät spricht zu diesem Manne und sagt: - -„Sehe ich gut aus, Vetter Wilhelm?“ - -Aber der Mann antwortet nicht. - -Seine Heilige Majestät sagt darauf, halb lachend, halb zornig: - -„Wirst Du denn immer stumm sein, Vetter, selbst wenn es gilt, dem alten -Gerümpel Wahrheiten zu sagen? Soll ich noch weiter regieren oder soll -ich abdanken, Schweiger?“ - -„Heilige Majestät,“ sagt der hagere Mann, „wenn der Winter kommt, -lassen die stärksten Eichen ihre Blätter fallen.“ - -Die dritte Stunde schlägt. - -„Schweiger,“ sagt er, „leih mir deine Schulter, daß ich mich darauf -stütze.“ - -Und er tritt mit ihm und seinem Gefolge in einen großen Saal und setzt -sich unter einen Thronhimmel auf eine Estrade, die mit Seide oder -Teppichen überzogen ist. Da sind drei Sessel. Seine Majestät nimmt -den in der Mitten ein, der reicher verziert ist als die anderen und -hinter dem die Kaiserkrone emporragt. König Philipp setzt sich auf den -zweiten, und der dritte ist für eine Frau, welche ohne Zweifel eine -Königin ist. Zur Rechten und Linken sitzen auf teppichbelegten Bänken -rotgekleidete Männer, so ein gülden Lamm um den Hals tragen. Hinter -ihnen stehen unterschiedliche Personen, ohne Zweifel Prinzen und große -Herren. Gegenüber am Fuß der Estrade sitzen auf kahlen Bänken in Wolle -gekleidete Männer. Ich höre sie sagen, daß sie so bescheiden sitzen -und so schlicht gekleidet sind, weil sie allein alle Kosten tragen. -Ein jeglicher hat sich erhoben, da Seine Heilige Majestät eingetreten -ist, er aber hat sich sogleich gesetzt und gibt allen das Zeichen, ihm -nachzuahmen. - -Ein alter Mann spricht nun des Langen und Breiten über die Gicht. Dann -reicht die Frau, so eine Königin scheint, Seiner Heiligen Majestät -eine Pergamentrolle. Es sind Dinge darauf geschrieben, die Seine -Heilige Majestät hustend und mit dumpfer, leiser Stimme verliest. Er -spricht von sich selbst und sagt: - -„Viel sind der Reisen, so ich in Hispanien, Italien, den Niederlanden, -Engelland und Afrika gemacht, alles zur Ehre Gottes, zum Ruhm meiner -Waffen und zum Wohl meiner Völker.“ - -Dann, nachdem er des Langen und Breiten geredet hat, sagt er, daß -er hinfällig und müde sei und die Krone Spaniens, die Grafschaften, -Herzogtümer und Markgrafschaften dieser Länder in die Hände seines -Sohnes überantworten wolle. - -Alsdann weint er, und alle weinen mit ihm. - -König Philipp erhebt sich nun und fällt auf die Knie: - -„Heilige Majestät,“ sagt er, „wie ist es mir erlaubt, diese Krone aus -Euren Händen zu empfangen, wenn Ihr noch so fähig seid, sie zu tragen.“ - -Dann sagt Seine Heilige Majestät ihm ins Ohr, er solle zu den Männern, -so auf den mit Teppich belegten Bänken sitzen, wohlwollend reden. - -König Philipp wendet sich zu ihnen und sagt in mürrischem Ton, ohne -sich zu erheben: - -„Ich verstehe ziemlich gut französisch, aber nicht genug, um zu Euch -in dieser Sprache zu sprechen; Ihr werdet hören, was der Bischof von -Arras, Herr Granvella, Euch in meinem Namen sagen wird.“ - -„Du sprichst schlecht, mein Sohn“, sagt Seine Majestät. - -Und wahrlich, die Versammlung murrt, da sie den jungen König so stolz -und so hoffärtig sieht. Die Frau Königin spricht auch, um ihn zu -prüfen. Dann kommt ein alter Magister dran, der, da er fertig ist, von -Seiner Heiligen Majestät als Zeichen des Danks einen Wink mit der Hand -empfäht. Nun sind die Zeremonien und Ansprachen zu Ende. Seine Majestät -spricht seine Untertanen ihres Treuschwurs ledig, unterzeichnet die -hierfür aufgesetzten Urkunden, und von seinem Throne sich erhebend, -setzt er seinen Sohn darauf. Und jedermann im Saale weint. Dann gehen -sie wiederum in das Haus im Lustgarten. - -Da sie zum andern Mal im grünen Gemache sind, allein und bei -verschlossenen Türen, lacht Seine Majestät aus vollem Halse und spricht -zu König Philipp, der nicht lacht, also: - -„Sahest Du, wie wenig vonnöten ist, um diese guten Kerle zu rühren?“ -spricht er, indem er zugleich redet, schluckt und lacht. „Welche Flut -von Tränen! Und dieser dicke Maes, der wie ein Kalb weinte, da er seine -lange Salbaderei endete. Du selbst schienest bewegt, aber nicht genug. -Das sind die wahren Schauspiele, die das Volk haben muß. Mein Sohn, wir -Männer schätzen unsere Liebsten um so höher, je mehr sie uns kosten. So -auch bei den Völkern. Je mehr wir sie zahlen lassen, um so mehr lieben -sie uns. Ich habe die reformierte Religion in Deutschland geduldet -und in den Niederlanden hart gestraft. Wären die deutschen Fürsten -katholisch gewesen, so wäre ich lutherisch geworden und hätte ihre -Besitztümer eingezogen. Sie glauben an die Redlichkeit meines Eifers -für den katholischen Glauben und beklagen, daß ich sie verlasse. In den -Niederlanden sind auf mein Geheiß um der Ketzerei willen fünfzigtausend -ihrer tapfersten Männer und ihrer hübschesten Mädchen umgekommen. -Ich gehe und sie jammern. Ungerechnet der Gütereinziehungen hab ich -sie mehr Steuern zahlen lassen als Indien und Peru: sie sind betrübt -mich zu verlieren. Ich habe den Frieden von Cadzant gebrochen, Gent -bezwungen, alles unterdrückt, was mich hindern konnte; Gerechtsame, -Freiheiten, Privilegien, alles ist der Bestätigung der Beamten des -Fürsten unterworfen. Diese Biedermänner glauben sich noch frei, weil -ich ihnen erlaube, mit der Armbrust zu schießen und ihre Zunftfahnen -bei Umzügen zu tragen. Sie fühlen die Hand des Herrn. Sie sind im Käfig -und befinden sich wohl darin, singen und weinen um mich. Mein Sohn, -sei gegen sie, wie ich es war, gütig in Worten, rauh in Taten; lecke, -wenn Du nicht beißen mußt. Schwöre, schwöre immer auf ihre Gerechtsame, -Freiheiten und Privilegien; aber so sie eine Gefahr für Dich werden -können, vernichte sie. Sie sind von Eisen, wenn man sie mit furchtsamer -Hand berührt, von Glas, wenn man sie mit starkem Arme zerbricht. -Schlage die Ketzerei zu Boden, nicht weil sie von der römischen -Religion abweicht, sondern weil sie in den Niederlanden unsere Macht -zerstören würde. Die, so den Papst angreifen, welcher drei Kronen -trägt, haben den Fürsten, die nur eine haben, bald den Garaus gemacht. -Mache gleich mir die Gewissensfreiheit zum Majestätsverbrechen mit -Gütereinziehung, so wirst Du erben, wie ich mein Lebelang getan habe. -Und wenn Du gehst, um abzudanken oder zu sterben, werden sie sagen: -Ach, der gute Fürst! Und sie werden weinen.“ - -„Und ich höre nichts mehr,“ sprach Nele weiter, „denn Seine Heilige -Majestät hat sich auf ein Bett gelegt und schläft, und König Philipp, -stolz und hoffärtig, blickt ihn ohne Liebe an.“ - -Da sie solches gesagt hatte, ward Nele von Katheline erweckt. - -Und Klas sah in Gedanken, wie die Herdflamme den Rauchfang erhellte. - - -60 - -Als Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen verließ, bestieg er seinen -Esel, und da er über den Marktplatz kam, stieß er auf etliche ergrimmte -Gesichter von Herren und Damen, aber das kümmerte ihn nicht. - -Alsbald gelangte er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg; da traf -er eine Schar Schelmenbrüder, lustige Vlamländer aus Sluys, die -alle Samstag etliches Geld beiseite legten, um einmal im Jahre nach -Deutschland zu reisen. - -Sie fuhren singend ihres Weges, in einem ungedeckten Leiterwagen, -gezogen von einem starken Pferd von Vuerne-Ambacht, das sie durch die -Wege und Sümpfe des Herzogtums Lüneburg führte. Etliche unter ihnen -spielten die Flöte, Fiedel und Bratsche oder den Dudelsack mit großem -Getöse. Zur Seite des Wagens schritt mannigmal ein Dicksack, der den -Rommelpot spielte und zu Fuß wanderte, in der Hoffnung, seinen Wanst -zum Schmelzen zu bringen. - -Da sie beim letzten Gülden angelangt waren, sahen sie Ulenspiegel auf -sich zukommen, der mit klingender Münze belastet war; sie kehrten in -eine Herberge ein und zahlten einen Trunk für ihn. Ulenspiegel ließ es -sich gern gefallen. Da er jedoch sah, daß die Schelmenbrüder mit den -Augen zwinkerten und lächelten, wenn sie ihm einschenkten, bekam er -Wind von etwelchem Schabernack, ging hinaus und stellte sich an die -Türe, um ihre Reden zu hören. Er hörte den Dicksack von ihm sagen: - -„Das ist des Landgrafen Maler, dem er mehr als tausend Gülden für ein -Gemälde gegeben hat. Laßt ihn uns festlich bewirten, er wird uns das -Doppelte dafür wiedergeben.“ - -„Amen“, sprachen die andern. - -Ulenspiegel ging und band seinen gesattelten Esel tausend Schritte -von da bei einem Pächter an, gab einer Magd zwei Pfennig, um ihn zu -hüten, trat wieder in die Wirtsstube und setzte sich an den Tisch der -Schelmenbrüder, ohne ein Wort zu sagen. Diese schenkten ihm ein und -zahlten die Zeche. Ulenspiegel ließ in seinem Mantelsack die Gülden des -Landgrafen klingen und erzählte dabei, daß er seinen Esel einem Bauern -für siebzehn Silbertaler verkauft hätte. - -Sie reisten, aßen und tranken dabei, bliesen Flöte und Dudelsack -und spielten den Rommelpot, und unterwegs lasen sie die Weiblein -auf, die ihnen artig zu sein bedünkten. Solcherart erzeugten sie -Herrgottskinder, sonderlich Ulenspiegel, dessen Gesellin nachmals einen -Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, maßen die Schöne den Sinn -des Namens von ihrem Zufallsmanne nicht wohl verstund, und vielleicht -auch zum Andenken an die Stunde, darin der Knabe erzeugt ward. Und von -diesem Eulenspiegelchen wird fälschlich gesagt, daß er zu Knetlingen im -Lande Sachsen geboren ward. - -Sie ließen sich von ihrem wackern Gaule ziehen und kamen eine -Straße entlang, an deren Rande ein Dorf und ein Wirtshaus lag, das -trug ein Schild „Zum Kessel“, und es drang ein lieblicher Duft von -Fleischgerichten heraus. - -Der Dicksack, der den Rommelpot spielte, ging zum Baas und sagte von -Ulenspiegel: - -„Das ist des Landgrafen Maler, er wird alles zahlen.“ - -Der Wirt betrachtete Ulenspiegels Miene, die gut war, und da er den -Klang der Gülden und Taler vernahm, trug er zu essen und zu trinken -auf. Ulenspiegel ließ sich nichts abgehen. Und immer klingelten die -Taler in seiner Geldkatze, und mannigmal hatte er auch auf seinen -Hut geschlagen und gesagt, daß darin sein größter Schatz wäre. Da -nun das Gelage zwei Tage und zwei Nächte gewährt hatte, sprachen die -Schelmenbrüder zu Ulenspiegel: - -„Laßt uns aufbrechen und die Zeche zahlen.“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Wenn die Ratte im Käse ist, verlangt es sie, fortzugehen?“ - -„Nein“, sagten sie. - -„Und wenn der Mensch gut ißt und trinkt, sucht er dann den Staub der -Straßen und das Wasser der Gräben, die voll von Blutegeln sind?“ - -„Nein,“ sagten sie. - -„Wohlan,“ sprach Ulenspiegel weiter, „so laßt uns bleiben, solange -meine Gülden und Taler uns als Trichter dienen, um Getränke in unsere -Kehlen zu gießen.“ - -Und er hieß den Wirt noch mehr Wein und Wurst auftragen. - -Während sie tranken und aßen, sprach Ulenspiegel: - -„Ich bezahle, ich bin jetzo Landgraf. Was würdet Ihr tun, Kameraden, -wenn meine Geldkatze leer wäre? Ihr würdet meinen Hut von weichem -Filz nehmen und finden, daß er voll Karolus ist, sowohl im Boden als -zwischen der Krempe.“ - -„Laß ihn uns befühlen“, sprachen sie alle mitsammen. Und seufzend -fühlten sie darin zwischen den Fingern große Geldstücke, die den Umfang -von Goldkarolus hatten. Einer von ihnen betastete ihn aber mit solcher -Vertraulichkeit, daß Ulenspiegel ihn ihm wieder fortnahm und sagte: - -„Du ungestümer Melker, man muß die Zeit zum Melken abwarten können.“ - -„Gib mir den halben Hut“, sprach der Schelmenbruder. - -„Nein,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich will nicht, daß Du ein Narrenhirn -bekommst, halb im Schatten und halb in der Sonne.“ - -Dann sprach er, seinen Hut dem Wirt gebend: - -„Hebe Du ihn immerhin auf, denn er ist warm. Ich will mich draußen -erleichtern.“ - -Er tat es und der Wirt behielt den Hut. - -Alsbald verließ er die Herberge, ging zum Bauern, stieg auf seinen Esel -und ritt im Trab auf der Straße, die nach Emden führt. - -Da die Schelmenbrüder ihn nicht zurückkommen sahen, sprachen sie -untereinander: - -„Ist er davongegangen? Wer wird die Zeche zahlen?“ - -Den Baas packte die Furcht und mit einem Messer schnitt er Ulenspiegels -Hut auf. Aber anstatt der Karolus fand er nichts darin zwischen Filz -und Futter denn elende, kupferne Rechenpfennige. - -Da ergrimmte er wider die Schelmenbrüder und sprach zu ihnen: - -„Ihr Lumpenbrüder, Ihr werdet nicht von hinnen ziehen, Ihr lasset mir -denn Eure Kleider samt und sonders, allein das Hemd ausgenommen.“ - -Und sie mußten sich alle entblößen, um ihre Zehrung zu zahlen. Und also -zogen sie im Hemd über Berg und Tal, denn ihr Pferd und ihren Wagen -hatten sie nicht verkaufen wollen. - -Und ein jeglicher, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen gern Brot zu -essen, Bier und bisweilen auch Fleisch, denn sie erzählten überall, sie -wären von Räubern ausgeplündert worden. - -Und alle mitsammen hatten sie nur eine Hose. - -Und also kamen sie im Hemde nach Sluys zurück, tanzten auf ihrem Wagen -und spielten den Rommelpot. - - -61 - -Derweilen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken durch das Land und die -Sümpfe des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamländer nennen diesen Herzog -den Water-Signorke, dieweil immer feucht Wetter bei ihm ist. - -Jef gehorchte Ulenspiegel gleich wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte -besser denn ein ungarischer Meister in der Kunst der Grazien, stellte -sich beim leisesten Wink für tot und legte sich auf den Rücken. - -Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg gekränkt und erbost -war, dieweil Ulenspiegel seiner zu Darmstadt vor dem Landgrafen von -Hessen gespottet, und daß er ihm sein Land bei Strafe des Galgens -verboten hatte. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in Persona -daherkommen, und da er ihn als heftig kannte, ergriff ihn die Furcht. -Er sprach zu seinem Esel: - -„Jef, da kommt der hohe Herr von Lüneburg. Am Halse juckt mich ein -Strick, wenn nur der Henker mich nicht kratzt. Jef, ich will gern -gekratzt, aber nicht gehenkt werden. Gedenke, daß wir Genossen im Elend -sind und beide lange Ohren haben; gedenke auch, welch guten Freund Du -an mir verlörest.“ - -Und Ulenspiegel wischte sich die Augen, und der Esel hub an zu schreien. - -Dann redete er weiter: - -„Wir leben lustig oder traurig mitsammen, wie es der Zufall will; -gedenkst Du daran, Jef?“ Der Esel fuhr fort zu schreien, denn er hatte -Hunger. „Und Du wirst meiner nimmer vergessen können,“ sagte sein Herr, -„denn welche Freundschaft wäre von Dauer, denn allein die, so über die -nämlichen Freuden lacht und über die nämlichen Schmerzen weint? Jef, Du -mußt Dich auf den Rücken legen.“ - -Der folgsame Esel gehorchte, und mit den vier Hufen in der Luft ward -er vom Herzog erblickt. Ulenspiegel setzte sich hurtig auf seinen -Bauch. Der Herzog trat zu ihm: - -„Was machst Du da?“ fragte er. „Weißt Du nicht, daß ich durch meine -letzte Kundgebung Dir bei Galgen und Strick verbot, Deinen staubigen -Fuß in meine Lande zu setzen?“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!“ - -Dann wies er auf seinen Esel. - -„Ihr wisset wohl, daß nach Gesetz und Recht der allzeit frei ist, der -in seinen vier Pfählen wohnt.“ - -Der Herzog versetzte: - -„Geh aus meinen Landen, oder Du sollst sterben.“ - -„Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „ein Gülden oder zwei würden mich -schneller von dannen tragen.“ - -„Taugenichts,“ sprach der Herzog, „ist es an Deinem Ungehorsam nicht -genug? Willst Du mich auch noch um Geld bitten?“ - -„Ich muß wohl, Herr, da ich Euch keins nehmen kann.“ - -Der Herzog gab ihm einen Gülden. - -Darauf sprach Ulenspiegel zu seinem Esel: - -„Jef, steh auf und grüße Seine Gnaden.“ - -Der Esel erhob sich und schrie aufs neue. Dann zogen beide von dannen. - - -62 - -Soetkin und Nele saßen an einem Fenster und blickten auf die Straße. - -Soetkin sagte zu Nele: - -„Herzchen, siehst Du nicht meinen Sohn Ulenspiegel kommen?“ - -„Nein,“ sprach Nele, „wir werden den schlimmen Landstreicher nicht -wiedersehen.“ - -„Nele,“ sprach Soetkin, „Du mußt nicht bös auf ihn sein, sondern ihn -beklagen, denn er ist fern von Hause der gute Junge.“ - -„Ich weiß es wohl,“ sprach Nele; „er hat ein andres Heim gar weit von -hier, reicher als seins, wo irgend eine schöne Dame ihm sicherlich -Obdach gibt.“ - -„Das wäre ein groß Glück für ihn,“ sagte Soetkin; „vielleicht wird er -dort mit Fettammern gespeist.“ - -„Warum gibt man ihm nicht Steine zu essen: dann wäre er geschwind hier, -der Nimmersatt!“ sagte Nele. - -Da lachte Soetkin und fragte: „Woher kommt Dir dieser große Zorn, mein -Herz?“ - -Aber Klas, der in tiefem Sinnen in einer Ecke Reisigbündel schnürte, -sagte: - -„Siehst Du nicht, daß sie in ihn vernarrt ist?“ - -„Ei, seht doch die durchtriebene Dirne,“ sprach Soetkin, „die mich -nichts davon hat merken lassen. Ist es wahr, Liebchen, daß Du ihn -möchtest?“ - -„Glaubet es nicht“, erwiderte Nele. - -„Da wirst Du einen wackern Ehemann haben,“ sprach Klas, „mit großem -Maul, leerem Bauch und langer Zunge, der die Gülden zu Hellern macht -und nimmer einen Sou durch seine Arbeit verdient, der allezeit das -Pflaster tritt und die Wege mit der Elle des Vaganten mißt.“ - -Aber Nele erwiderte, über und über rot und zornig: - -„Warum habt Ihr nichts andres aus ihm gemacht?“ - -„Da haben wir’s, nun weint sie,“ sprach Soetkin; „schweig doch, Mann.“ - - -63 - -Eines Tages kam Ulenspiegel gen Nürnberg und gab sich allda für einen -großen Arzt und Obsieger aller Krankheiten aus, bewährt im Purgieren, -berühmt fürs Bezwingen von Fiebern, vielgepriesen ob seiner Kunst, der -Pest den Kehraus zu machen, und unüberwindlich im Geißeln der Krätze. - -Im Spital gab es so viel Kranke, daß man nicht wußte, wo sie -unterbringen. Da der Spittelmeister Ulenspiegels Ankunft erfuhr, -ging er zu ihm und forschte ihn aus, ob es wahr wäre, daß er alle -Krankheiten heilen könnte. - -„Ausgenommen die letzte,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber versprecht mir -zweihundert Gülden für die Heilung aller andern, und ich will nicht -einen Heller empfangen, so nicht alle Eure Kranken sagen, daß sie -geheilt sind und das Spital verlassen.“ - -Des folgenden Tages ging er ins besagte Spital mit festem Blick und -feierlicher Miene, wie ein Doktor. In den Siechenstuben nahm er jeden -Kranken besonders und sprach zu ihm: - -„Schwöre, keinem anzuvertrauen, was ich Dir ins Ohr sagen will. Was ist -Dein Gebresten?“ - -Der Kranke nannte es ihm und schwur Stein und Bein, zu schweigen. - -„Wisse,“ sprach Ulenspiegel, „daß ich einen unter Euch durch Feuer zu -Pulver verbrennen muß; von diesem Pulver werd’ ich eine wunderbare -Mixtur machen und sie allen Kranken zu trinken geben. Der, welcher -nicht gehen kann, wird verbrannt werden. Morgen werde ich hierher -kommen, mich mit dem Spittelmeister auf die Straße stellen und Euch -alle herbeirufen, indem ich schreie: Wer nicht krank ist, schnüre seine -Bündel und komme.“ - -Am Morgen kam Ulenspiegel und rief, wie er gesagt hatte. Alle Kranken, -Lahmen, Hustenden, Fiebernden, mit Schleimflüssen Behafteten, wollten -zugleich hinaus. Alle waren auf der Straße, selbst die, so seit zehn -Jahren ihr Bett nicht verlassen hatten. - -Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt wären und gehen könnten. - -„Ja“, antworteten sie in dem Glauben, daß einer von ihnen im Hofe -verbrannt würde. - -Darauf sagte Ulenspiegel zum Spittelmeister: - -„Bezahle mich, maßen sie Alle draußen sind und sich für geheilt -erklären.“ - -Der Meister bezahlte ihm zweihundert Gülden und Ulenspiegel zog ab. - -Doch am zweiten Tage sah der Meister seine Kranken in einem schlimmeren -Zustand als zuvor wiederkommen, einen ausgenommen, den die frische Luft -kuriert hatte und den man trunken in den Gassen fand, wie er sang: -„Heil dem großen Doktor Ulenspiegel!“ - - -64 - -Nachdem die zweihundert Gülden Reißaus genommen hatten, kam Ulenspiegel -nach Wien, allwo er sich bei einem Wagner verdingte; der ließ seine -Gesellen immer hart an, weil sie den Blasebalg der Schmiede nicht stark -genug zogen. - -„Holla,“ schrie er beständig, „folgt mit den Bälgen.“ - -Eines Tages, da der Meister in den Garten ging, macht Ulenspiegel den -Blasebalg los, trägt ihn auf den Schultern davon und folgt seinem -Meister nach. Da dieser sich verwundert, ihn so seltsam beladen zu -sehen, spricht Ulenspiegel zu ihm: - -„Meister, Ihr habt befohlen, Euch mit den Bälgen zu folgen. Wo soll ich -ihn hintun, dieweil ich gehe, den andern zu holen?“ - -„Lieber Knecht,“ erwiderte der Meister, „ich meint’ es nicht also; geh -und lege den Blasebalg wieder an seinen Ort.“ - -Indessen gedachte er, ihm diesen Streich heimzuzahlen. Fortan stand -er alle Tage um Mitternacht auf, weckte seine Gesellen und hieß sie -arbeiten. - -Die Gesellen sprachen zu ihm: - -„Meister, warum weckst Du uns mitten in der Nacht?“ - -„Das ist so meine Weise,“ sprach der Meister, „daß ich meinen Knechten -die ersten acht Tage nicht erlaube, mehr als die halbe Nacht im Bette -zu liegen.“ - -Die andere Nacht weckte er seine Knechte abermals um Mitternacht. -Ulenspiegel, der auf dem Boden schlief, nahm sein Bett auf den Rücken -und so beladen stieg er in die Schmiede hinunter. - -Der Meister sprach zu ihm: - -„Bist Du toll? Was lässest Du Dein Bett nicht an seinem Ort?“ - -„Das ist so meine Weise,“ antwortete Ulenspiegel, „die ersten acht Tage -die halbe Nacht auf meinem Bett und die andere halbe Nacht darunter zu -liegen.“ - -„Wohlan,“ versetzte der Meister, „und ich habe noch eine andere Weise, -die ist: meine unverschämten Knechte auf die Straße zu werfen, mit -Erlaubnis, die erste Woche auf dem Pflaster und die zweite darunter zu -verbringen.“ - -„In Eurem Keller, Meister, mit Verlaub, bei den Tonnen mit Braunbier“, -entgegnete Ulenspiegel. - - -65 - -Da er den Wagner verlassen hatte und sich wiederum nach Flandern -begab, mußte er sich als Lehrling bei einem Schuster verdingen, der -sich lieber auf der Straße aufhielt, als in der Werkstatt die Ahle zu -handhaben. Als Ulenspiegel ihn zum hundertsten Mal zum Ausgehen bereit -sah, fragte er ihn, wie er das Oberleder zuschneiden solle. - -„Schneide es für große und mittlere Füße, damit alles, was das große -und kleine Vieh führt, gemächlich hinein kommen kann.“ - -„Amen, Meister“, sprach Ulenspiegel. - -Als der Schuster gegangen war, schnitt Ulenspiegel das Oberleder zu; es -war nur gut, um Stuten, Eselinnen, Kühe, Säue und Schafe zu beschuhen. - -Da der Schuster in die Werkstatt zurückkam und sein Leder in Stücken -sah, sprach er: - -„Was hast Du da gemacht, nichtsnutziger Verderber?“ - -„Was Ihr mich geheißen habt“, antwortete Ulenspiegel. - -„Ich habe Dir befohlen, mir Schuhe zuzuschneiden, die allen Denen -passen, so Rindvieh, Schweine und Schafe führen, und Du machst -Schuhzeug nach dem Fuß dieser Tiere.“ - -Ulenspiegel versetzte: - -„Meister, wer führt denn den Eber, wenn nicht die Sau, den Esel, wenn -nicht die Eselin, den Stier, wenn nicht die Kuh und den Widder wenn es -nicht das Schaf ist, zu der Jahreszeit, da alle Tiere brünstig sind?“ - -Dann ging er hinaus und mußte draußen bleiben. - - -66 - -Man war derzeit im April. Die Luft war milde gewesen, nun kam ein -gestrenger Frost, und der Himmel war grau wie am Tag Allerseelen. -Das dritte Jahr von Ulenspiegels Verbannung war seit geraumer Zeit -verflossen, und Nele erwartete ihren Freund jeden Tag. - -„Wehe,“ sprach sie, „es wird auf die Birnbäume schneien, auf den -blühenden Jasmin, auf all die armen Pflanzen, die voll Vertrauen auf -die laue Wärme eines vorzeitigen Lenzes erblüht sind. Schon fallen -kleine Flocken vom Himmel auf die Wege. Und es schneit auch auf mein -armes Herz. - -„Wo sind die hellen Strahlen, die auf frohen Angesichtern spielten und -auf den Dächern, die sie röter, auf den Scheiben, die sie glänzender -machten? Wo sind sie, die Erde und Himmel, Vögel und Immen wärmten? -Wehe, bei Nacht und bei Tag friert mich jetzo aus Traurigkeit und -langem Harren. Wo bist du, mein Freund Ulenspiegel?“ - - -67 - -Da Ulenspiegel in die Nähe von Renaix in Flandern kam, hatte er Hunger -und Durst, wollte aber nicht jammern und versuchte die Leute zum -Lachen zu bringen, auf daß man ihm Brot gäbe. Aber das Lachen gelang -ihm schlecht, und die Leute gingen vorüber, ohne etwas zu geben. - -Es war kalt: eins ums andre schneite, regnete, hagelte es auf den -Rücken des Landstreichers. Zog er durch Dörfer, so lief ihm das Wasser -im Munde zusammen, wann er nur in einem Mauerwinkel einen Hund einen -Knochen benagen sah. Er hätte gern einen Gülden verdient, doch er wußte -nicht, wie er ihm in sein Ränzel fallen könnte. - -Er suchte in der Luft und sah Tauben, die vom Dach eines Taubenschlages -etwas weißes auf den Weg fallen ließen, aber Gülden waren es nicht. Er -suchte auf dem Boden der Landstraße; aber zwischen den Pflastersteinen -blühten keine Gülden. - -Er suchte zur Rechten und sah eine häßliche Wolke, die am Himmel -herankam gleichwie eine große Gießkanne; aber er wußte, daß es kein -Platzregen von Gülden sein würde, wenn etwas aus dieser Wolke fiele. -Er suchte zur Linken und erblickte eine Roßkastanie, einen großen -Faulenzer, der da lebte, ohne etwas zu tun: „Ach, sprach er zu sich, -warum gibt es nicht Güldenbäume, das wären gar schöne Bäume.“ - -Unversehens platzte die große Wolke und die Hagelkörner fielen dicht -auf Ulenspiegels Rücken wie Kieselsteine. „Wehe,“ sprach er, „ich fühle -es genugsam; nur die herrenlosen Hunde wirft man mit Steinen.“ Dann hub -er an zu laufen. - -„Es ist nicht meine Schuld, wenn ich keinen Palast, nicht einmal -ein Zelt habe, um meinen mageren Leib zu schützen. O, die garstigen -Hagelkörner; sie sind hart wie Kugeln! Nein, es ist nicht meine Schuld, -wenn ich meine Lumpen durch die Welt schleppe, es ist einzig, weil -es mir so beliebt hat. Warum bin ich nicht Kaiser! Diese Hagelkörner -wollen mit Gewalt in meine Ohren dringen gleich bösen Worten!“ Und er -rannte. „Arme Nase, bald wirst Du durchlöchert sein und kannst den -Reichen dieser Welt, auf die es nicht hagelt, bei ihren Schmäusen als -Pfefferbüchse dienen.“ Dann wischte er sich die Wangen. „Diese werden -den Köchen, denen an ihren Herden warm ist, trefflich als Schaumlöffel -dienen. Ach, wie fern ist die Erinnerung an die Brühen von einst! Mich -hungert! Leerer Bauch, beklage Dich nicht, ihr jammernden Eingeweide, -hört auf zu knurren. Wo verbirgst Du Dich, günstiges Glück? Führe mich -an den Ort, wo ich Weide finde.“ - -Dieweil er so zu sich selbst sprach, erhellte sich der Himmel vom -Scheine der Sonne; es hörte auf zu hageln und Ulenspiegel sagte: „Guten -Tag, Frau Sonne, meine einzige Freundin, Du kannst mich ja trocknen.“ - -Aber er lief noch immer, denn ihn fror. Plötzlich sah er von fern einen -weiß und schwarzen Hund des Weges kommen, der rannte geradeaus, mit -hängender Zunge und vorquellenden Augen. - -„Das Tier“, sprach Ulenspiegel, „hat die Wut im Leibe!“ Er hub hastig -einen großen Stein auf und kletterte auf einen Baum. Als er den ersten -Ast erreichte, kam der Hund vorbei und Ulenspiegel schleuderte ihm -den Stein auf den Schädel. Der Hund blieb stehen und wollte steif -und kläglich auf den Baum klettern und Ulenspiegel beißen, doch er -vermochte es nicht und fiel hin, um zu sterben. - -Ulenspiegel war dessen nicht froh, zumal er, vom Baume herabsteigend, -wahrnahm, daß des Hundes Maul nicht trocken war, wie es seinesgleichen, -von der Tollwut ergriffen, gemeiniglich haben. Dann betrachtete er das -Fell, sah, daß es schön und gut zu verkaufen war, zog es ihm ab, wusch -es und hängte es an seinen Spieß, ließ es ein weniges an der Sonne -trocknen und steckte es in seinen Ranzen. Maßen Hunger und Durst ihn -noch mehr peinigten, ging er in mehrere Bauernhöfe, wagte aber nicht, -das Fell allda zu verkaufen, aus Furcht, daß es das eines Hundes sei, -der dem Bauern gehört hatte. Er bat um Brot, man weigerte es ihm. Die -Nacht kam. Seine Beine waren matt. Er ging in eine kleine Herberge. -Allda sah er eine alte Wirtin, die streichelte einen alten hustenden -Hund, dessen Fell dem des Toten glich. - -„Woher kommst Du, Wandersmann?“ fragte die Alte. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Ich komme von Rom, allwo ich den Hund des Papstes von einer -Verschleimung geheilt habe, die ihn über die Maßen quälte.“ - -„Du hast also den Papst gesehen?“ fragte sie und zapfte ihm ein Glas -Bier ab. - -„Ach,“ sprach Ulenspiegel, „es ist mir nur vergönnt gewesen, seinen -heiligen Fuß und seinen geweihten Pantoffel zu küssen.“ - -Indessen hustete der alte Hund der Wirtin und spie nicht aus. - -„Wann tatest Du das?“ fragte die Alte. - -„Im vorletzten Mond“, antwortete Ulenspiegel, „kam ich an / ich -wurde erwartet / und pochte an die Tür. „Wer ist da?“ fragte der -allergroßmächtigste, allergeheimste, alleraußerordentlichste Kämmerer -Seiner Allerheiligsten Heiligkeit:/ „Ich bin es,“ antwortete ich, -„hochwürdiger Kardinal, ich komme eigens von Flandern her, um dem -Papste den Fuß zu küssen und seinen Hund von der Schleimsucht zu -heilen.“ / „Ei, Du bist es, Ulenspiegel?“ sagte der Papst, der aus -einer kleinen Tür von der andern Seite sprach. „Ich würde mich freun, -Dich zu sehen, doch das ist gegenwärtig ein unmöglich Ding. Es ist -mir durch die heiligen Dekretalen verboten, Fremden mein Antlitz zu -zeigen, wenn das heilige Bartmesser darüber fährt.“ / „Ach,“ sagte ich, -„ich bin gar unglücklich, ich komme aus weit entlegenen Landen, um -Eurer Heiligkeit den Fuß zu küssen und Euren Hund von der Schleimsucht -zu heilen. Muß ich mit unerfüllten Wünschen heimkehren?“ / „Nein“, -sprach der Papst. Dann hörte ich ihn ausrufen: „Erzkämmerer, schiebt -meinen Sessel bis an die untere Tür und öffnet unten das kleine -Schiebefenster.“ Solches geschah. Ich sah ihn einen mit güldenem -Pantoffel beschuhten Fuß durch das Schiebefenster strecken, und -hörte eine Stimme, die gleichwie Donner rollte, sagen: „Dies ist der -furchtbare Fuß des Fürsten aller Fürsten, des Königs der Könige, des -Kaisers der Kaiser. Küsse, Christ, küsse den heiligen Pantoffel.“ -Und ich küßte den heiligen Pantoffel, und ich hatte die Nase ganz -voll Balsam von dem himmlischen Duft, den dieser Fuß ausströmte. Dann -ward das Fenster geschlossen, und die nämliche furchtbare Stimme hieß -mich warten. Die Klappe öffnete sich abermals und heraus kam, mit -Respekt zu vermelden, ein Tier mit räudigem Fell, triefäugig, hustend -und aufgeblasen wie ein Schlauch; es mußte ob seines Bauches mit -gespreizten Beinen gehen. - -Der heilige Vater geruhte zum andern Mal zu mir zu sprechen: - -„Ulenspiegel,“ sagte er, „hier siehst Du meinen Hund. Er ward von -Schleimsucht und andern Gebresten befallen, als er die Knochen von -Ketzern, denen man sie gebrochen hatte, benagte. Heile ihn, mein Sohn, -Du wirst Dich gut dabei stehen.“ - -„Trink“, sagte die Alte. - -„Schenk ein“, antwortete Ulenspiegel. Dann redete er weiter. „Ich -purgierte den Hund mit Hilfe eines Wundertranks, den ich selber gebraut -hatte, und er ward geheilt.“ - -„Jesus, Gott und Maria!“ sagte die Alte, „laß mich Dich küssen, -ruhmreicher Pilger, der den Papst gesehen hat und der auch meinen Hund -wird heilen können.“ - -Aber Ulenspiegel machte sich nichts aus den Küssen der Alten und -sagte: „Die, deren Lippen den heiligen Pantoffel berührt haben, -dürfen innerhalb zweier Jahre von keiner Frau geküßt werden. Gib mir -zuvörderst zum Nachtmahl etliche gute Kalbs-Rippchen, eine Blutwurst -oder zwei, und Bier zur Genüge, dann will ich Deinem Hund eine so klare -Stimme machen, daß, er im Chor der großen Kirche die Aves in e und a -singen kann.“ - -„Möchtest Du die Wahrheit sagen,“ greinte die Alte, „dann werde ich Dir -einen Gülden geben.“ - -„Ich werde es tun,“ sprach Ulenspiegel, „aber erst nach dem Nachtmahl.“ - -Sie trug ihm auf, was er verlangt hatte. Er aß und trank nach -Herzenslust und hätte zum Dank für die Atzung die Alte schier umhalst, -wären nicht seine vorigen Worte gewesen. - -Derweil er aß, legte der Hund seine Pfoten auf seine Knie, um einen -Knochen zu bekommen. Ulenspiegel gab ihm mehrere; dann sagte er zur -Wirtin: - -„Wenn einer bei Dir gegessen hätte und Dir nicht zahlte, was würdest Du -da tun?“ - -„Ich würde dem Spitzbuben sein bestes Kleid fortnehmen“, antwortete die -Alte. - -„Es ist gut“, sprach Ulenspiegel. Dann nahm er den Hund unter den Arm -und ging in den Stall. Allda sperrte er ihn mit einem Knochen ein, -holte das Fell des Toten aus seinem Ranzen und kam zu der Alten zurück. -Er fragte sie, ob sie gesagt hätte, daß sie dem, der ihr seine Mahlzeit -nicht bezahlte, sein bestes Gewand fortnehmen würde. - -„Ja“, antwortete sie. - -„Wohlan, Dein Hund hat mit mir gespeist und hat mich nicht bezahlt, -so hab ich ihm nach Deiner Vorschrift sein bestes und einziges Kleid -ausgezogen.“ - -Und er zeigte ihr das Fell des toten Hundes. - -„Ach,“ sprach die Alte weinend, „das ist grausam von Dir, Herr Arzt. -Armes Hündlein! Es war für mich arme Wittfrau wie mein Kind. Weshalb -raubtest Du mir den einzigen Freund, den ich in der Welt hatte? Jetzt -will ich gern sterben.“ - -„Ich werde ihn auferwecken,“ sagte Ulenspiegel. - -„Auferwecken!“ sprach sie. „Und er wird mir wieder schmeicheln, mich -wiederum ansehen und mich lecken und mit dem armen, alten Schwänzlein -wedeln, wenn er mich erblickt? Tut also, Herr Arzt, und Ihr sollt -umsonst hier gespeist haben, eine teure Mahlzeit, und ich will Euch -noch mehr denn einen Gülden obendrein geben.“ „Ich werde ihn ins Leben -zurückrufen, aber dazu bedarf ich heißes Wasser, Sirup, um die Gelenke -zu kleben, Nadel und Faden und geschmälzte Fleischbrühe. Und während -der Operation will ich allein sein.“ - -Die Alte gab ihm, was er begehrte; er nahm das Fell des toten Hundes -und begab sich in den Stall. - -Dort beschmierte er das Maul des alten Hundes mit geschmälzter Brühe, -der ließ es mit Behagen geschehen. Dann zog er ihm einen großen -Sirupstreifen unter den Bauch und machte ihm Sirup an die Pfoten und -Brühe an den Schwanz. Alsdann stieß er dreimal einen lauten Schrei aus -und sagte darauf: „Steh auf, stehe auf, ich befehl’s, fauler Hund.“ - -Hurtig steckte er das Fell des toten Hundes in seinen Ranzen, gab -dem lebenden einen gewaltigen Fußtritt und beförderte ihn so in die -Herbergsstube. - -Als die Alte sah, daß ihr Hund am Leben war und sich leckte, wollte sie -ihn voll Freuden umhalsen; aber Ulenspiegel ließ es nicht zu. - -„Du kannst diesen Hund“, sprach er, „nicht eher liebkosen, als bis er -mit der Zunge allen Sirup abgeleckt hat, mit dem er bestrichen ist; -erst dann werden die Nähte im Fell fest sein. Bezahle mir nunmehr meine -zehn Gülden.“ - -„Ich hatte einen gesagt,“ antwortete die Alte. - -„Einen für die Operation, neun für die Auferweckung“, erwiderte -Ulenspiegel. - -Sie zahlte sie ihm. Ulenspiegel machte sich davon, indem er das Fell -des toten Hundes in die Wirtsstube warf und dazu sagte: „Da, Frau, -behalte sein altes Fell, es kann Dir dienen, das neue auszuflicken, -wenn es Löcher bekommt.“ - - -68 - -Am nämlichen Sonntag ward in Brügge die Prozession des Heiligen Blutes -abgehalten. Klas sagte zu seinem Weib und Nele, sie möchten gehen sie -anzusehen, und sie würden vielleicht Ulenspiegel in der Stadt finden. -Was ihn anginge, sagte er, so würde er das Haus hüten, in Erwartung, -daß der Pilger heimkehrte. - -Die beiden Frauen gingen selbander fort. Klas, der in Damm -zurückgeblieben war, setzte sich auf seine Türschwelle und fand das -Städtlein gar verödet. Er vernahm nichts als den kristallenen Ton einer -Dorfglocke, derweil der Wind ihm von Brügge stoßweise die Musik der -Glockenspiele und ein großes Getöse von Böllern und Mörsern zutrug, so -man zu Ehren des Heiligen Blutes abschoß. - -In tiefem Sinnen spähte Klas auf den Wegen nach Ulenspiegel, doch -erblickte er nichts denn den klaren, blauen, wolkenlosen Himmel, -etliche Hunde, die mit hängender Zunge in der Sonne lagen, kecke -Sperlinge, so zwitschernd im Staube sich badeten und eine Katze, die -jene belauerte. Die Sonne drang freundlich in alle Häuser und ließ die -Kupferkessel und Zinnhumpen auf den Anrichten erglänzen. - -Aber Klas war traurig inmitten dieser Freude und spähte nach seinem -Sohn. Er versuchte, ihn hinter dem grauen Nebel der Wiesen zu sehen, -ihn in dem fröhlichem Rauschen der Blätter und dem lustigen Gesang -der Vögel in den Bäumen zu hören. Plötzlich sah er auf dem Wege von -Maldeghem einen Mann von hoher Gestalt und erkannte, daß es nicht -Ulenspiegel war. Er sah ihn am Rande eines Mohrrübenackers still stehen -und begierig von diesem Gemüse essen. - -„Das ist ein Mann, der großen Hunger hat“, sprach Klas. Er hatte ihn -einen Augenblick aus dem Gesicht verloren, sah ihn an der Ecke der -Reiherstraße wieder auftauchen und erkannte in ihm den Boten von Jobst, -welcher ihm die siebenhundert Goldkarolus gebracht hatte. Er ging zu -ihm auf die Straße und sagte: - -„Komm in mein Haus.“ - -Der Mann antwortete: - -„Gesegnet seien, die liebreich gegen die irrenden Wandrer sind.“ - -Auf dem äußeren Fenstersims der Hütte lagen Brosamen, die Soetkin für -die Vögel der Umgegend aufsparte. Sie kamen im Winter dorthin, um sich -Nahrung zu holen. Der Mann nahm etliche dieser Brocken und aß sie. - -„Dich hungert und dürstet“, sprach Klas. - -Der Mann sagte: - -„Seit acht Tagen, wo ich von den Dieben ausgeplündert ward, nähre ich -mich von den Rüben auf den Äckern und den Wurzeln in den Wäldern.“ - -„So ist es an der Zeit zu schlemmen. Und hier“, sagte er und öffnete -den Wandschrank, „ist eine volle Schüssel Erbsen, Eier, Blutwürste, -Schinken, Genter Wurst und Waterzoey: gedämpfter Fisch. Unten im -Keller schlummert der Wein von Löwen, nach Art des Burgunder gekeltert -und rot und klar wie Rubin; den verlangt es, in den Gläsern zu -erwachen. Wohlan, wir wollen Reisig aufs Feuer legen. Hörst Du die -Blutwürste auf dem Rost singen? Das ist ein Loblied des guten Essens.“ - -Klas drehte sie um und um und sprach zu dem Manne: - -„Sahst Du meinen Sohn Ulenspiegel nicht?“ - -„Nein“, antwortete er. - -„Bringst Du Nachricht von Jobst, meinem Bruder?“ sagte Klas, dieweil -er die gerösteten Blutwürste, einen Eierkuchen mit fettem Schinken und -große Humpen auf den Tisch setzte, und der Wein von Löwen schimmerte -blaßrot in den Flaschen. - -Der Mann antwortete: - -„Dein Bruder Jobst ist zu Sippenaken bei Aachen auf dem Rade gestorben. -Und das, weil er als Ketzer die Waffen wider den Kaiser getragen hat.“ - -Klas war wie von Sinnen, und am ganzen Leibe zitternd, denn sein Grimm -war groß, sagte er: - -„Elende Henker! Jobst, mein armer Bruder!“ - -Darauf sprach der Mann ohne Weichheit: - -„Unsere Freuden und Leiden sind nicht von dieser Welt.“ - -Und er begann zu essen. Darauf sagte er: - -„Ich habe Deinem Bruder in seinem Kerker beigestanden, indem ich mich -für einen Bauern von Niesweiler, seinen Verwandten, ausgab. Ich komme -hierher, weil er zu mir gesagt hat: Wenn Du nicht gleich mir für den -Glauben stirbst, so gehe zu meinem Bruder Klas. Heiß ihn, im Frieden -des Herrn leben, indem er die Werke der Barmherzigkeit übt und seinen -Sohn insgeheim nach Christi Gebot erzieht. Das Geld, das ich ihm gab, -ward dem armen, unwissenden Volk abgenommen; er möge es anwenden, um -Tyll in der Erkenntnis Gottes und des Wortes zu erziehen.“ - -Nachdem er solches gesagt, gab der Bote Klas den Friedenskuß. - -Und Klas wehklagte und sprach: - -„Auf dem Rade gestorben, mein armer Bruder!“ - -Und er konnte seines Schmerzes nicht Herr werden. - -Jedoch da er sah, daß den Mann dürstete und daß er sein Glas hinhielt, -schenkte er ihm Wein ein; aber er aß und trank ohne Lust. Soetkin und -Nele waren sieben Tage fern; während der Zeit wohnte der Bote von Jobst -unter Klasens Dach. - -Jede Nacht hörten sie Katheline in der Hütte heulen: - -„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus!“ - -Und Klas ging zu ihr und redete ihr gütlich zu und kehrte dann in sein -Haus zurück. - -Nach Verlauf der sieben Tage ging der Mann von hinnen und wollte -von Klas nicht mehr denn zwei Karolus nehmen, um unterwegs Kost und -Herberge zu finden. - - -69 - -Als Nele und Soetkin von Brügge heimgekehrt waren, saß Klas in seiner -Küche auf dem Boden nach Art der Schneider und nähte Knöpfe an eine -alte Hose. Nele war bei ihm und hetzte Titus Bibulus Schnuffius -auf den Storch; bald stürzte er sich auf ihn, bald wich er zurück -und heulte dabei in den höchsten Tönen. Der Storch, auf einem Bein -stehend, blickte ihn ernst und nachdenklich an und zog seinen langen -Hals in sein Brustgefieder zurück. Da Titus Bibulus Schnuffius seine -Friedfertigkeit sah, heulte er noch schrecklicher. Aber unversehens -schoß der Vogel, den diese Musik verdroß, seinen Schnabel wie einen -Pfeil in den Rücken des Hundes, welcher entfloh und um Hilfe heulte. -Klas lachte, Nele desgleichen; Soetkin schaute immerwährend auf die -Straße und spähte, ob sie Ulenspiegel nicht kommen sähe. Plötzlich -sprach sie: - -„Da ist der Profos und vier Büttel. Ohne Zweifel haben sie es nicht auf -uns abgesehen. Ihrer zwei gehen rund um die Hütte.“ - -Klas hob die Nase von der Arbeit auf. - -„Und zwei bleiben vorne stehen“, redete Soetkin weiter. - -Klas stund auf. - -„Wen werden sie in dieser Straße gefangen nehmen?“ sagte sie. - -„Herr Jesus, Mann, sie kommen herein.“ - -Klas sprang aus der Küche in den Garten, Nele ihm nach. Er sagte zu ihr: - -„Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“ - -Nele verstand ihn und da sie sah, daß er über die Hecke sprang und als -die Büttel ihn beim Kragen packten, daß er sie schlug, um sie los zu -werden, da schrie und weinte sie: - -„Er ist unschuldig, er ist unschuldig! Tut meinem Vater Klas kein Leids -an! Ulenspiegel, wo bist Du? Du würdest sie alle beide töten!“ - -Und sie warf sich auf einen der Büttel und zerfleischte ihm das Gesicht -mit ihren Nägeln. Dann schrie sie: „Sie werden ihn umbringen“, warf -sich in das Gras im Garten und wälzte sich darin wie von Sinnen. - -Katheline war auf den Lärm herbeigekommen, sie stand aufrecht und -unbeweglich, sah dem Schauspiel zu und schüttelte den Kopf: „Das Feuer, -das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will heraus!“ Soetkin sah nichts -und sprach zu den Bütteln, die in die Hütte getreten waren: - -„Ihr Herren, was suchet Ihr in unserer armen Behausung? Wenn es mein -Sohn ist, der ist fern. Da müsset Ihr lange Beine machen.“ - -Solches sagend war sie frohen Mutes. - -Indem schrie Nele um Hilfe. Soetkin lief in den Garten, sah, wie ihr -Mann auf dem Weg bei der Hecke festgehalten ward und sich sträubte. - -„Schlag zu, töte sie“, rief sie. „Ulenspiegel, wo weilst Du?“ - -Sie wollte ihrem Manne zu Hilfe kommen, doch einer der Büttel packte -sie um den Leib, nicht ohne Fährnis für sie. - -Klas wehrte sich und schlug so heftig, daß er wohl hätte entkommen -mögen, wären nicht die beiden Büttel, mit denen Soetkin gesprochen -hatte, denen, so ihn hielten, zu Hilfe kommen. - -Mit gebundenen Händen führten sie ihn in die Küche, allwo Soetkin und -Nele weinten und schluchzten. - -„Herr Profos,“ sagte Soetkin, „was hat mein armer Mann getan, daß Ihr -ihn also mit diesen Stricken bindet?“ - -„Ketzer“, sprach einer der Büttel. - -„Ketzer,“ sprach Soetkin dagegen, „Du bist ein Ketzer, Du! Diese Teufel -haben gelogen.“ - -Klas antwortete: - -„Ich befehle mich in Gottes Hut.“ - -Er ging fort. Nele und Soetkin folgten ihm weinend und vermeinend, daß -man sie auch vor den Richter bringen würde. Freunde und Gevatterinnen -kamen zu ihnen, aber da sie vernahmen, daß Klas also gebunden ging, -weil er der Ketzerei verdächtig war, hatten sie so große Furcht, daß -sie eilends wieder in ihre Häuser gingen und alle Türen hinter sich -zuschlossen. Nur etliche Mägdlein wagten zu Klas zu kommen und zu ihm -zu sagen: - -„Wohin gehst Du also gebunden, Kohlenträger?“ - -„Wohin Gott will, Ihr Mägdlein“, sprach er. - -Sie brachten ihn in den Gemeindekerker, und Soetkin und Nele setzten -sich auf die Schwelle. Da es Abend ward, sagte Soetkin zu Nele, sie -solle sie lassen und sehen, ob Ulenspiegel nicht heimkehrte. - - -70 - -Die Kunde verbreitete sich alsbald in den benachbarten Dörfern, daß -man einen Mann um der Ketzerei willen eingekerkert hätte, und daß -der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem Beinamen der -Herzlose, das Verhör leiten sollte. Zur selbigen Zeit lebte Ulenspiegel -in Koolkerke und stand in Gunst und Gnaden bei einer artigen Bäuerin, -einer gefälligen Wittib, die ihm nichts abschlug, was ihr zu eigen -war. Ulenspiegel war dort guter Dinge, ward gehätschelt und geliebkost -bis an den Tag, wo ein falscher Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeine, -ihm beim Verlassen der Schenke auflauerte, um ihn durchzubläuen. Doch -Ulenspiegel warf ihn in den Sumpf, damit er seinen Zorn abkühle, und -der Schöffe kroch heraus, so gut er’s vermochte, grün wie eine Kröte -und durchweicht wie ein Schwamm. - -Für diese Heldentat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen. Er rannte, -so schnell seine Beine ihn trugen, nach Damm, denn er fürchtete die -Rache des Schöffen. - -Der Abend sank kühl herab. Ulenspiegel lief schnell, es verlangte ihn, -daheim zu sein. Im Geiste sah er Nele nähen, Soetkin das Nachtmahl -bereiten und Klas Reisigbündel schnüren, Schnuffius einen Knochen -benagen und den Storch der Hausmutter auf den Bauch klopfen, um einige -Brocken vom Essen abzubekommen. - -Ein wandernder Hausierer sprach im Vorbeigehen zu ihm: - -„Wohin so eilends?“ - -„Nach Damm, nach Haus“, antwortete Ulenspiegel. - -Der Hausierer erwiderte: - -„Die Stadt ist nicht mehr sicher wegen der Reformierten, die man da -verhaftet.“ - -Und er ging weiter. - -Als Ulenspiegel am Wirtshaus „zum roten Schild“ anlangte, kehrte er -ein, um ein Glas Doppelbier zu trinken. Der Wirt sprach zu ihm: - -„Bist Du nicht des Klas Sohn?“ - -„Der bin ich“, antwortete Ulenspiegel. - -„Spute Dich,“ sprach der Wirt, „denn die schlimme Stunde hat für Deinen -Vater geschlagen.“ - -Ulenspiegel fragte, was er damit meinte. - -Der Wirt antwortete, er würde es nur allzubald erfahren. - -Und Ulenspiegel rannte weiter. - -Als er bei den ersten Häusern von Damm anlangte, sprangen ihm die -Hunde, so auf den Türschwellen standen, an die Beine und kläfften und -bellten. Die alten Weiber kamen auf den Lärm heraus und riefen ihm alle -miteinander zu: - -„Woher kommst Du? Hast Du Kunde von Deinem Vater? Wo ist Deine Mutter? -Ist sie auch im Kerker mit ihm? Wehe! Gnade Gott, daß man ihn nicht -verbrenne!“ - -Ulenspiegel lief noch rascher. - -Er begegnete Nele, die sprach zu ihm: - -„Tyll, geh nicht in Dein Haus. Die aus der Stadt haben im Namen Seiner -Majestät einen Wächter dort angestellt.“ - -Ulenspiegel blieb stehen: - -„Nele,“ sprach er, „ist es wahr, daß mein Vater Klas im Gefängnis ist?“ - -„Ja,“ antwortete Nele, „und Soetkin weint auf der Schwelle.“ Da schwoll -das Herz des verlorenen Sohnes vor Leid und er sprach zu Nele: - -„Ich will sie besuchen.“ - -„Nicht das sollst Du tun, sondern vielmehr Klas gehorchen, der mir, ehe -sie ihn ergriffen, gesagt hat: „Rette die Karolus, sie sind hinter der -Rückwand des Rauchfangs.“ Die müssen zuerst gerettet werden, denn sie -sind Soetkins, des armen Weibes Erbe.“ - -Ulenspiegel hörte nichts und eilte zum Gefängnis. Allda sah er Soetkin -auf der Schwelle sitzen; sie umfing ihn mit Tränen und sie weinten -mitsammen. - -Und da das Volk sich ihretwegen in Haufen um das Gefängnis scharte, -kamen Büttel und geboten Ulenspiegel und Soetkin, daß sie sich ehestens -fortscheren sollten. - -Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die ihrem Hause benachbart war. -Vor diesem sahen sie einen der Landsknechte, die von Brügge entboten -waren, aus Furcht vor Unruhen, die während des Gerichts und der -Hinrichtung entstehen mochten. Denn die Leute von Damm liebten Klas von -Herzen. - -Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war geschäftig, den -letzten Tropfen Branntwein aus einer Flasche zu saugen. Da er nichts -mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit, zog sein kurzes -Schwert und ergötzte sich damit, die Pflastersteine auszugraben. - -Soetkin trat bitterlich weinend bei Katheline ein. Und Katheline -schüttelte den Kopf: „Das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will -hinaus“, sprach sie. - - -71 - -Die Sturmglocke rief die Richter zum Tribunal und sie vereinigten sich -um vier Uhr in der „Vierschare“ um die Gerichtslinde. - -Klas ward vor sie gebracht und sah den Amtmann von Damm feierlich -unter einem Baldachin sitzen und ihm zur Seiten und gegenüber den -Bürgermeister, die Schöffen und den Gerichtsschreiber. - -Das Volk kam beim Klange der Glocke in Haufen herbei und sprach: - -„Viele unter den Richtern sind nicht da, um ein Werk der Gerechtigkeit, -sondern der kaiserlichen Knechtschaft zu üben.“ - -Der Gerichtsschreiber machte bekannt, daß, nachdem der Gerichtshof -sich zuvor in der Vierschare um die Linde versammelt, selbiger Anlaß -gefunden habe, in Ansehung und Kenntnis der Anzeigen und Aussagen, Klas -den Kohlenträger, aus Damm gebürtig, Ehemann von Soetkin, Jobstens -Tochter, gefänglich einzuziehen. Nunmehr würden sie zum Verhör der -Zeugen schreiten. - -Hans Barbier, des Klas Nachbar, ward zuerst vernommen. Nachdem er den -Eid geleistet hatte, sagte er aus: - -„Beim Heil meiner Seele versichere und bezeuge ich, daß gegenwärtiger -Klas mir seit nahezu siebenzehn Jahren bekannt ist, daß er allezeit -rechtschaffen und nach den Gesetzen unserer heiligen Mutter Kirche -gelebt, niemals schimpflich von ihr geredet hat. Noch hat er meines -Wissens irgend einen Ketzer beherbergt, noch das Buch Luthers -verborgen, noch von besagtem Buche geredet, oder irgend etwas getan, -das ihn verdächtigen könnte, gegen die Gesetze und Verordnungen des -Reiches gefehlt zu haben. So helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“ - -Alsdann wurde Jan van Roosebeke verhört. Er sagte aus, daß er bei -Abwesenheit von Soetkin, Klasens Weib, oftmals die Stimme zweier -Männer im Hause des Beklagten zu vernehmen vermeint habe. Oftmals am -Abend nach der Feierabendglocke habe er in einer kleinen Stube unterm -Dach ein Licht und zwei Männer, deren einer Klas war, vertraulich -mitsammen reden sehen. Wenn er sagen sollte, ob der andere Mann ein -Ketzer war oder nicht, so vermöchte er das nicht, denn er hätte ihn nur -von ferne gesehen. „Was Klas angeht,“ fügte er hinzu, „so sage ich aus -und spreche die volle Wahrheit, daß er, so lange ich ihn kenne, um die -Osterzeit nach der Regel beichtete, an den hohen Festen kommunizierte, -alle Sonntag zur Messe ging, ausgenommen den Sonntag des heiligen -Blutes und die folgenden. Und mehr weiß ich nicht. So wahr mir Gott und -alle seine Heiligen helfen.“ - -Befragt, ob er nicht gesehen hätte, wie Klas in der Schenke „zum blauen -Turm“ Ablaß verkauft und über das Fegefeuer gespottet hätte, erwiderte -Jan van Roosebeke, daß Klas allerdings Ablaß verkauft hätte; doch ohne -Verachtung oder Spott. Er, Jan van Roosebeke hätte davon gekauft, und -also habe auch Jobst Griepenstüver, der Älteste der Fischergilde tun -wollen, der dort in der Menge sei. - -Darauf sagte der Amtmann, er wolle die Taten und Handlungen, um -derentwillen Klas vor den Gerichtshof der Vierschare geführt sei, -bekannt geben. - -„Der Angeber“, sagte er, „war von ohngefähr in Damm geblieben, um -nicht in Brügge sein Geld für Schlemmerei und Prasserei auszugeben, -wie das allzu oft bei diesen heiligen Gelegenheiten geübt wird; er -saß auf seiner Türschwelle und schöpfte Luft. Da erblickte er einen -Mann, der in der Reiherstraße ging. Da Klas diesen Mann bemerkte, -ging er auf ihn zu und begrüßte ihn. Der Mann war in schwarzes Linnen -gekleidet. Er trat bei Klas ein, und die Tür der Hütte blieb halb -geöffnet. Begierig zu wissen, wer dieser Mann wäre, trat der Angeber -in den Hausflur; er hörte Klas in der Küche mit dem Fremden von einem -gewissen Jobst, seinem Bruder, sprechen, der unter den Truppen der -Reformierten zum Gefangenen gemacht und für diese Tat unweit von Aachen -lebendig gerädert worden. Der Fremde sagte zu Klas, daß er das Geld, -so er von seinem Bruder empfahen, anwenden solle, seinen Sohn in der -reformierten Religion zu erziehen, maßen es der Unwissenheit armer -Leute abgewonnen sei. Desgleichen hat er Klas aufgefordert, den Schoß -Unserer Heiligen Mutter Kirche zu verlassen, und andere gottlose Worte -ausgesprochen, auf welche Klas nur mit den Worten erwiderte: „Grausame -Henker! Mein armer Bruder!“ Und also lästerte der Angeklagte Unsern -Heiligen Vater, den Papst, und Seine Königliche Majestät, indem er -sie der Grausamkeit beschuldigte, weil sie die Ketzerei zu Recht als -göttliches und menschliches Majestätsverbrechen bestraften. Als der -Mann mit Essen fertig war, hörte der Angeber Klas ausrufen: „Armer -Jobst, den Gott in seine Herrlichkeit aufnehme, sie waren grausam -gegen Dich!“ Und so klagte er Gott selber der Gottlosigkeit an durch -den Glauben, daß er Ketzer in seinem Himmel aufnehmen könne. Und Klas -ließ nicht nach zu sagen: „Mein armer Bruder.“ Darob geriet der Fremde -in Wut wie ein Ketzerlehrer bei seiner Predigt und schrie: „Sie wird -stürzen, die große Babel, die römische Hure, und sie wird die Behausung -von Teufeln und der Schlupfwinkel jedes Galgenvogels werden!“ Klas -sagte: „Grausame Henker! Mein armer Bruder!“ Der Fremde redete ein -Mehreres und sagte: „Denn der Engel wird den Stein nehmen, groß wie -ein Mühlstein. Und der Stein wird ins Meer geschleudert werden, und -der Engel wird sagen: „Also wird die große Babel verworfen und nicht -mehr gefunden werden.“ „Herr,“ sprach Klas, „Euer Mund ist voll Zornes; -aber saget mir, wann wird das Reich kommen, wo die, so sanftmütigen -Herzens sind, in Frieden auf Erden leben können?“ „Nimmer!“ antwortete -der Fremde, „solange der Antichrist herrschen wird, welcher ist der -Papst und Widersacher aller Wahrheit!“ / „Ach,“ sprach Klas, „Ihr redet -ohne Ehrfurcht von Unserm Heiligen Vater. Gewißlich weiß er nichts -von den grausamen Todesstrafen, mit denen man die armen Reformierten -strafet.“ Der Fremde erwiderte: „Er kennt sie nur zu wohl, denn er ist -es, der die Urteile schleudert und sie durch den Kaiser und jetzo den -König ausführen läßt. Der hat den Nutzen von den Gütereinziehungen; -er beerbt die Verstorbenen und macht den Reichen gern den Prozeß wegen -Ketzerei.“ Klas antwortete: „Man redet von solchen Dingen im Lande -Flandern, ich muß sie glauben. Das Fleisch des Menschen ist schwach, -selbst wenn es königlich Fleisch ist. Mein armer Jobst.“ Und also gab -Klas zu verstehen, daß Seine Majestät aus niedriger Gewinnsucht die -Anstifter der Ketzerei strafte. Da der Fremde ihn beschwatzen wollte, -erwiderte Klas: „Herr, wollet mir nicht mehr solche Reden halten, die, -wenn sie gehört würden, mir einen schlimmen Prozeß zuziehen könnten.“ -Klas erhob sich, um in den Keller zu gehen, und kam mit einem Maß Bier -wieder herauf. „Ich will die Tür schließen“, sagte er alsdann, und der -Angeber hörte nichts mehr, denn er mußte eilends aus dem Hause gehen. -Die Tür, so zuvor verschlossen war, ward jedoch bei sinkender Nacht -wieder geöffnet. Der Fremde kam heraus, kehrte aber alsbald zurück, -pochte und sagte dabei: „Klas, mich friert, ich weiß nicht, wo ich -einkehren soll. Gib mir Obdach, niemand hat mich hereinkommen sehen, -die Stadt ist menschenleer.“ - -Klas nahm ihn bei sich auf, entzündete eine Laterne, und man sah ihn, -dem Ketzer vorangehend, die Stiege hinaufsteigen und den Fremden in ein -Kämmerlein unter dem Dach führen, dessen Fenster aufs Feld ging.“ - -„Wer anders“, schrie Klas, „kann alles dies berichtet haben, wenn nicht -Du, schändlicher Fischhändler, den ich am Sonntag aufrecht wie einen -Pfahl auf seiner Schwelle sah, wie Du heuchlerisch nach den Schwalben -in der Luft blicktest.“ - -Und er wies mit dem Finger auf Jobst Griepenstüver, den Ältesten der -Fischhändler, der seine häßliche Fratze unter dem Volk zeigte. Der -Fischhändler lächelte hämisch, da er sah, daß Klas sich solchergestalt -verriet. Alles Volk, Männer, Frauen und Kinder sprachen untereinander: - -„Armer, guter Mann, seine Worte werden ihm den Tod bringen.“ - -Aber der Gerichtsschreiber fuhr in seiner Verlesung fort: - -„Der Ketzer und Klas sprachen jene Nacht lange zusammen, desgleichen -während sechs anderer, in welchen man den Fremdling mancherlei -dräuende oder segnende Gebärden machen sah, auch wahrnehmen konnte, wie -er die Arme gen Himmel hob; wie Ketzer zu tun pflegen. Und dem Anschein -nach hieß Klas seine Reden gut. Gewißlich sprachen sie während jener -Tage, Abende und Nächte schändlich über Messe und Beichte, über den -Ablaß und über Seine Königliche Majestät.“ - -„Keiner hat es gehört,“ sagte Klas, „und man kann mich nicht -solchergestalt ohne Beweise anklagen.“ - -Der Gerichtsschreiber versetzte: - -„Man hat anderes gehört. Als der Fremde den siebenten Tag um die zehnte -Stunde aus Deinem Hause ging und es schon Abend war, da gabst Du ihm -bis zur Grenze von Kathelines Feld das Geleite. Allda erkundigte er -sich, was Du mit den schändlichen Götzenbildern / und der Amtmann -bekreuzte sich / der erhabenen Frau Maria und der hohen Heiligen -Nikolas und Martin gemacht hättest. Du gabst zur Antwort, daß Du sie -zerbrochen und in den Brunnen geworfen hättest. Und wirklich wurden sie -verwichene Nacht in Deinem Brunnen gefunden, und die Stücke sind auf -der Folterkammer.“ - -Bei diesen Worten schien Klas niedergeschinettert. Der Amtmann fragte, -ob er etwas zu erwidern hätte, doch Klas schüttelte verneinend den Kopf. - -Der Amtmann fragte ihn, ob er nicht den verruchten Gedanken, die Bilder -zu zerbrechen, desgleichen die gottlose Verirrung, kraft deren er -schändende Worte wider seine göttliche und Seine Königliche Majestät -gesprochen, widerrufen wolle. - -Klas erwiderte, daß sein Leib Seiner Königlichen Majestät, sein -Gewissen aber Christo gehörte, dessen Gebot er folgen wolle. Der -Amtmann fragte ihn, ob dieses Gebot das Unserer Heiligen Mutter Kirche -wäre. Klas antwortete: - -„Es ist im Heiligen Evangelio.“ - -Aufgefordert, auf die Frage zu antworten, ob der Papst der Statthalter -Gottes auf Erden sei, sprach er: - -„Nein.“ - -Verhört, ob er es für unerlaubt hielte, die Bilder der erhabenen Frau -Maria und der hohen Heiligen anzubeten, antwortete er, daß solches -Götzendienst wäre. Im Punkte der Ohrenbeichte befragt, ob selbe eine -gute und heilsame Sache sei, sprach er: - -„Christus hat gesagt: Beichtet einer dem andern.“ - -Seine Antworten waren tapfer, wiewohl er im Grunde seines Herzens -betrübt und erschrocken schien. - -Da es acht Uhr geschlagen hatte und die Nacht herabsank, zog sich der -hohe Gerichtshof zurück und verschob das endgültige Urteil auf den -nächsten Tag. - - -72 - -In Kathelines Hütte weinte Soetkin vor irrem Schmerz. Ohne Unterlaß -sagte sie: - -„Mein Mann, mein armer Mann!“ - -Ulenspiegel und Nele umarmten sie mit inniger Zärtlichkeit. Dann -drückte sie sie in die Arme und weinte still. Hierauf machte sie ihnen -ein Zeichen, sie allein zu lassen. Nele sprach zu Ulenspiegel: „Wir -wollen sie verlassen, sie will es; laß uns die Karolus retten.“ - -Sie gingen beide hinaus. Katheline ging um Soetkin herum und sprach: - -„Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus.“ - -Und Soetkin blickte sie starren Auges an, ohne sie zu sehen. - -Die Hütten von Klas und Katheline stießen aneinander, die von Klas trat -zurück und hatte ein Gärtlein vor dem Haus; die von Katheline hatte ein -Stück Land, mit Saubohnen bepflanzt, nach der Straße zu. Das Land war -mit einer grünen Hecke eingefriedigt, darein Ulenspiegel, um zu Nele zu -gehen, und Nele um zu Ulenspiegel zu gehen, in ihren Kinderjahren ein -großes Loch gemacht hatten. - -Ulenspiegel und Nele kamen in den Gemüsegarten, sahen von dort den -wachthabenden Soldaten, der mit dem Kopf wackelte und in die Luft -spuckte, aber der Speichel fiel auf sein Wams zurück. Eine Flasche, -die mit Weiden umflochten war, lag neben ihm. - -„Nele,“ sagte Ulenspiegel ganz leise, „dieser trunkne Soldat hat noch -nicht genug für seinen Durst; er muß noch mehr trinken. So werden wir -die Herren sein. Laß uns die Flasche nehmen.“ - -Beim Ton ihrer Stimmen wandte der Landsknecht seinen schweren Kopf -nach ihrer Seite, suchte seine Flasche und da er sie nicht fand, fuhr -er fort in die Luft zu spucken und versuchte, beim Mondschein seinen -Speichel fallen zu sehen. - -„Der Branntwein geht ihm bis an die Zähne,“ sprach Ulenspiegel. „hörst -Du, wie er mit Mühe spuckt?“ - -Indessen streckte der Soldat, nachdem er oftmals gespuckt und in die -Luft gesehen, wiederum den Arm aus, um die Hand auf die Flasche zu -legen. Er fand sie, hielt den Mund an die Öffnung, bog den Kopf nach -hinten, kippte die Flasche um und schlug ein wenig darauf, auf daß sie -ihm ihren ganzen Saft gäbe; und er sog daran, wie ein Kind an der Brust -seiner Mutter. Da er nichts darinnen fand, ließ er es dabei bewenden, -legte die Flasche neben sich, fluchte etliches auf hochdeutsch, spuckte -wiederum, schüttelte den Kopf von rechts nach links und schlief mit -unverständlichem Geplapper ein. - -Aber Ulenspiegel, wissend, daß dieser Schlaf nicht andauern würde, -und daß man ihn noch tiefer machen müßte, glitt durch das Loch in der -Hecke, nahm die Flasche des Soldaten und gab sie Nele, welche sie mit -Branntwein füllte. - -Der Soldat hörte nicht auf zu schnarchen: Ulenspiegel schlüpfte wieder -durch das Loch in der Hecke, legte ihm die volle Flasche zwischen die -Beine, kehrte in Kathelines Gärtlein zurück und wartete mit Nele hinter -der Hecke. - -Die Kühle der frischgezapften Flüssigkeit machte den Soldaten etwas -wach und mit der ersten Bewegung suchte er nach dem kalten Ding unter -seinem Wamse. - -Mit dem rechten Gefühl eines Trunkenbolds erwog er, daß dies wohl eine -volle Flasche sein könnte, und legte die Hand darauf. Ulenspiegel und -Nele sahen, wie er beim Schein des Mondes die Flasche schüttelte, um -das Glucksen der Flüssigkeit zu hören; dann kostete er davon, lachte, -war baß erstaunt, daß sie so voll war, trank einen Schluck, tat einen -Zug, setzte sie zu Boden, nahm sie abermals und trank von neuem. - -Dann hub er an zu singen: - - Wenn der Meister Mond erscheint, - Die Frau See zu grüßen, - Trägt sie ihm wohl auf - Einen Humpen Glühwein; - Wenn der Meister Mond erscheint. - - Speist mit ihm zur Nacht, - Küßt ihn manchesmal, - Gibt nach gutem Schmaus - Ihm ihr Bett zum Lager; - Wenn der Meister Mond erscheint. - - Also tu auch Du, mein Liebchen, - Leckern Schmaus und guten Glühwein, - Also tu auch Du, mein Liebchen, - Wenn der Meister Mond erscheint. - -Um und um trinkend und einen Vers singend, schlief er ein. Und er -konnte nicht hören, daß Nele sagte: „Sie sind in einem Topf hinter der -Rückwand des Rauchfangs“; noch sah er, wie Ulenspiegel durch den Stall -in Klasens Küche trat, den Stein von der Rückwand abhob, den Topf und -die Karolus fand, auf Kathelines Anwesen zurückkehrte und die Karolus -an der Seite der Brunnenmauer vergrub, wohl wissend, daß man sie -darinnen und nicht außerhalb suchen würde. - -Dann gingen beide wieder zu Soetkin und fanden die schmerzensreiche -Frau in Tränen. Sie sprach: - -„Mein Mann, mein armer Mann!“ - -Nele und Ulenspiegel wachten bei ihr bis zum Morgen. - - -73 - -Am folgenden Tag rief die Sturmglocke die Richter mit lauten Schlägen -zum Gericht der Vierschare. - -Da sie sich auf den vier Bänken um den Baum der Gerechtigkeit -niedergesetzt, verhörten sie Klas abermals und fragten ihn, ob er seine -Irrtümer aufgeben wollte. - -Klas hob die Hand gen Himmel: - -„Christus, mein Herr, blickt auf mich herab“, sagte er. „Ich schaute -in seine Sonne, als mein Sohn Ulenspiegel geboren ward. Wo ist er zur -Stunde, der Landstreicher? Soetkin, mein sanftes Weib, wirst Du im -Unglück tapfer sein?“ - -Dann sah er die Linde an und verfluchte sie. - -„Sturm und Dürre! Macht, daß die Bäume auf unserer Väter Erde lieber -alle bis auf den Stamm zugrunde gehen, denn daß unter ihrem Schatten -das freie Gewissen zum Tode verdammt wird. Wo bist Du, mein Sohn -Ulenspiegel? Ich war hart gegen Dich. Ihr Herren, habt Mitleid mit mir -und richtet mich, wie unser barmherziger Heiland es täte.“ - -Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht. - -Dann fragte er, ob es keine Begnadigung für ihn gäbe, und sprach: - -„Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich war gut zu den Armen -und freundlich gegen jedermann. Die römische Kirche habe ich verlassen, -um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu mir sprach. Ich flehe um -keine Gnade, denn daß die Feuerstrafe in ewige, lebenslängliche -Landesverweisung verwandelt werde, welche Strafe wahrlich schon groß -ist.“ - -Alle, die gegenwärtig waren, schrien: - -„Gnade, Ihr Herren! Erbarmen!“ - -Aber Jobst Griepenstüver rief nicht. - -Der Amtmann winkte den Umstehenden zu schweigen und sagte, daß die -Edikte das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer um Gnade zu -bitten. So aber Klas seinen Irrtum abschwören wolle, solle er durch den -Strang anstatt durchs Feuer hingerichtet werden. - -Und das Volk sprach: - -„Ob Feuer oder Strang, es ist der Tod.“ - -Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf. - -Darauf sprach Klas: - -„Ich werde mitnichten abschwören. Tut mit meinem Leib, was Eurer -Barmherzigkeit gefallen wird.“ - -Der Dechant von Renaix, Titelman, schrie: - -„Es ist unerträglich zu sehen, wie solches Ketzergeschmeiß das Haupt -vor seinen Richtern erhebt. Ihre Körper zu verbrennen ist eine Strafe -von kurzer Dauer; man muß ihre Seelen retten und sie durch die Folter -zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören, auf daß sie dem Volk nicht das -gefährliche Schauspiel von Ketzern geben, die eines unbußfertigen Todes -sterben.“ - -Bei solcher Rede weinten die Frauen noch mehr, und die Männer sagten: - -„Nach einem Geständnis folgt Strafe, nicht Folter!“ - -Der Gerichtshof entschied, dieweil die Folter in den Verordnungen nicht -vorgeschrieben, so sei es nicht statthaft, sie Klas erleiden zu lassen. -Abermals aufgefordert zu widerrufen, antwortete er: - -„Ich kann es nicht.“ - -Kraft der Edikte ward er der Simonie für schuldig erklärt, wegen -Verkaufes von Ablaß, desgleichen als Ketzer und Helfershelfer von -Ketzern befunden und als solcher verurteilt, vor dem Gitter des -Rathauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte. - -Sein Körper sollte während zweier Tage am Pfahl befestigt bleiben, um -zum Exempel zu dienen, und alsdann an der Stätte begraben werden, wo -die Körper der Hingerichteten verscharrt werden. - -Der Gerichtshof bewilligte dem Ankläger Jobst Griepenstüver, des -Name nicht genannt ward, fünfzig Gülden auf die ersten hundert -Karolusgülden der Erbschaft und den zehnten Teil von dem übrigen. - -Da Klas diesen Richterspruch vernommen, sprach er zum Ältesten der -Fischhändler: - -„Du wirst eines elenden Todes sterben, Du schlechter Mensch, der für -einen armseligen Groschen aus einem glücklichen Eheweib eine Wittib und -aus einem fröhlichen Sohn eine bekümmerte Waise machst.“ - -Die Richter hatten Klas sprechen lassen, denn auch sie, ausgenommen -Titelman, fühlten große Verachtung für die Angeberei des Obmanns der -Fischergilde. - -Dieser schien bleich vor Schmach und Zorn. - -Und Klas ward in sein Gefängnis zurückgeführt. - - -74 - -Am folgenden Tage, welcher der Vorabend von Klasens Hinrichtung war, -wußten Nele, Ulenspiegel und Soetkin das Urteil. - -Sie baten die Richter um Einlaß ins Gefängnis, welches ihnen gewährt -ward, aber nicht Nele. - -Da sie hineingingen, sahen sie Klas mit einer langen Kette an die -Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin wegen der -Feuchtigkeit. Denn nach Recht und Gesetz ist es in Flandern befohlen, -gegen die, so sterben sollen, milde zu sein und ihnen Brot, Fleisch -oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Kerkermeister handeln -oftmals dem Gesetz zuwider, und ihrer sind viele, die den größten Teil -und die besten Stücke der Nahrung der armen Gefangenen essen. - -Weinend umarmte Klas Ulenspiegel und Soetkin, aber er war der erste, -der trockne Augen hatte, wie es ihm als Mann und Familienhaupt geziemte. - -Soetkin weinte und Ulenspiegel sprach: - -„Ich will diese abscheulichen Ketten zerbrechen.“ - -Soetkin sagte unter Tränen: - -„Ich werde zum König Philipp gehen, er wird Dich begnadigen.“ - -Klas antwortete: - -„Der König erbt die Vermögen der Märtyrer.“ Dann fügte er bei: - -„Weib und geliebter Sohn, ich gehe traurig und voller Harm aus dieser -Welt. Wenn ich etwelche Furcht vor dem Leiden für meinen Körper habe, -so bin ich gleicherweise recht betrübt zu denken, daß, wenn ich nicht -mehr bin, Ihr alle beide arm und elend sein werdet, denn der König wird -Euch Eure Habe nehmen.“ - -Mit leiser Stimme antwortete Ulenspiegel: - -„Nele hat gestern alles mit mir in Sicherheit gebracht.“ - -„Des bin ich froh,“ antwortete Klas, „der Angeber wird nicht über -meinen Nachlaß lachen.“ - -„Möge er vielmehr sterben,“ sprach Soetkin, das Auge voll Haß, ohne zu -weinen. - -Aber Klas sprach, der Karolus gedenkend: „Du warst schlau, Tyll, mein -Söhnchen. Dann wird meine Wittib Soetkin in ihren alten Tagen nicht -Hunger leiden.“ - -Und Klas küßte sie und drückte sie fest an seine Brust und sie weinte -noch mehr, denn sie gedachte, daß sie bald seinen liebenden Schutz -verlieren würde. - -Klas sah Ulenspiegel an und sprach: - -„Sohn, Du hast oft gesündigt, wenn Du Dich auf den Landstraßen -herumtriebst, wie die bösen Buben tun. Du mußt es nicht mehr tun, mein -Kind, noch die betrübte Witwe allein im Haus lassen; Du, der Mann, -schuldest ihr Schutz und Schirm.“ - -„Vater, ich werde es tun“, sagte Ulenspiegel. - -„Wehe, mein armer Mann“, sprach Soetkin und umarmte ihn. „Welch großes -Verbrechen haben wir begangen? Wir lebten friedlich zu zweit ein -ehrlich und bescheiden Leben und liebten uns innig, Herr Gott, Du weißt -es. Wir standen frühe auf, um zu arbeiten, und am Abend, wenn wir das -Dankgebet sprachen, aßen wir das Brot, so wir tags verdient hatten. Ich -will zum König gehen und ihn mit meinen Nägeln zerfleischen. Herr Gott, -wir waren nicht schuldig.“ - -Aber der Kerkermeister trat herein und sagte, daß sie gehen müßten. -Soetkin verlangte zu bleiben. Klas fühlte, wie ihr armes Gesicht an dem -seinen glühte, wie Soetkins Zähren in Strömen flossen und seine Wangen -netzten, und wie ihr ganzer armer Körper in seinen Armen bebte und -zitterte. Er bat, daß sie bei ihm bleiben möge. - -Der Kerkermeister sagte nochmals, daß sie fort müßten, und zog Soetkin -aus Klasens Armen. - -Klas sprach zu Ulenspiegel: - -„Wache über sie.“ - -Der antwortete, er würde es tun. Und Ulenspiegel und Soetkin gingen -selbander fort und der Sohn stützte die Mutter. - - -75 - -Am folgenden Morgen, dem Tage der Hinrichtung, kamen die Nachbarn und -schlossen Ulenspiegel, Soetkin und Nele zusammen in Kathelines Hause -ein. Aber sie hatten nicht bedacht, daß sie von fern das Geschrei des -armen Sünders hören und durch die Fenster die Flamme des Holzstoßes -sehen könnten. - -Katheline irrte durch die Stadt, schüttelte den Kopf und sprach: „Macht -ein Loch, die Seele will hinaus.“ - -Um die neunte Stunde ward Klas im Hemde, die Hände auf den Rücken -gebunden, aus dem Gefängnis geführt. Dem Urteil gemäß war der -Scheiterhaufen in der Straße der Frauenkirche aufgeschichtet, rings um -einen Pfahl, der vor den Fenstergittern des Rathauses eingerammt war. -Der Henker und seine Büttel waren noch nicht mit dem Aufschichten des -Holzes fertig. - -Klas wartete inmitten dieser Bluthunde geduldig, bis ihre Arbeit getan -war, dieweil der Profos zu Pferde und die Schergen des Amtskreises und -die neun Landsknechte, so von Brüssel herbeigerufen waren, nur mit -großer Mühe das murrende Volk im Zaum halten konnten. - -Alle sagten, daß es Grausamkeit wäre, also in seinen alten Tagen -ungerechterweise einen armen, braven Mann zu morden, der so freundlich -und barmherzig und so wacker bei der Arbeit gewesen. - -Plötzlich knieten sie nieder und beteten; die Sterbeglocken der -Frauenkirche läuteten. - -Katheline stund auch in der Volksmenge in der ersten Reihe und war -ganz irre. Sie blickte Klas und den Scheiterhaufen an und sagte -kopfschüttelnd: - -„Das Feuer, das Feuer! macht ein Loch, die Seele will hinaus!“ - -Da Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzten sie sich -alle beide. Aber Ulenspiegel tat nicht mit, denn er sagte, daß er Gott -nicht nach Art der Henker anbeten wolle. Und er rannte in der Hütte hin -und her und versuchte die Türen einzuschlagen und durch die Fenster zu -springen; aber alle waren bewacht. - -Plötzlich schrie Soetkin, das Gesicht in der Schürze bergend: - -„Der Rauch!“ - -Und in Wahrheit sahen die drei Leidtragenden eine große, gar schwarze -Rauchwolke am Himmel. Sie kam vom Scheiterhaufen, auf welchem Klas -an den Pfahl gekettet stand, und der Henker hatte ihn jetzt an drei -Stellen entzündet, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des -Heiligen Geistes. - -Klas schaute um sich, und da er Soetkin und Ulenspiegel nicht in der -Menge gewahrte, ward ihm leichter zumute in dem Gedanken, daß sie ihn -nicht leiden sähen. - -Kein ander Geräusch war vernehmbar als Klasens Stimme, der betete, -das prasselnde Holz, die murrenden Männer, die weinenden Frauen und -Katheline, welche schrie: „Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch, die -Seele will hinaus.“ Und die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten. - -Plötzlich ward Soetkin weiß wie Schnee, bebte am ganzen Leibe, ohne zu -weinen, und wies mit dem Finger gen Himmel. Eine lange, schmale Flamme -war aus dem Scheiterhaufen geschossen und erhob sich zuweilen über die -Dächer der niedern Häuser. Sie war für Klas grausam schmerzhaft, denn -je nach der Laune des Windes zernagte sie seine Beine, streifte seinen -Bart und sengte ihn, beleckte seine Haare und verbrannte sie. - -Ulenspiegel hielt Soetkin in seinen Armen und wollte sie vom Fenster -fortreißen. Sie hörten einen gellenden Schrei, welchen Klas ausstieß, -dieweil sein Körper nur an einer Seite brannte. Aber er schwieg und -weinte, und seine Brust war ganz benetzt von seinen Zähren. - -Dann hörten Soetkin und Ulenspiegel ein großes Getöse von Stimmen. Es -waren Bürger, Frauen und Kinder, die schrien: - -„Klas ist nicht verurteilt, langsam zu brennen, sondern bei starkem -Feuer. Henker, schüre den Holzstoß.“ - -Der Henker tat also, aber das Feuer flammte nicht schnell genug auf. - -„Erdroßle ihn“, schrien sie. - -Und sie warfen mit Steinen nach dem Profos. - -„Die Flamme! die große Flamme!“ schrie Soetkin. - -Und wahrlich, eine rote Flamme stieg inmitten des Rauches zum Himmel. - -„Er stirbt“, sagte die Wittib. „Herr Gott, erbarm Dich der Seele des -Unschuldigen. Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen Nägeln das Herz -ausreiße?“ - -Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten. - -Soetkin hörte Klas noch einen lauten Schrei tun, aber sie sah nicht, -wie sein Körper sich krümmte und ächzte, um der Qualen des Feuers -willen, noch wie sein Gesicht sich verzerrte, noch sah sie seinen -Kopf, den er nach allen Seiten drehte und gegen das Holz des Pfahls -schmetterte. Das Volk fuhr fort zu rufen und zu zischen, die Frauen und -die Knaben warfen Steine, als plötzlich der Scheiterhaufen ganz und gar -aufloderte und alle vernahmen, wie Klas mitten in Flammen und Rauch -sprach: - -„Soetkin! Tyll!“ - -Und das Haupt sank ihm auf die Brust wie eine Bleikugel. - -Ein durchdringender Weheruf drang aus Kathelines Hütte. Dann hörte man -nichts mehr, nur die arme Wahnsinnige schüttelte den Kopf und sagte: -„Die Seele will hinaus.“ - -Klas war verschieden. Der ausgebrannte Scheiterhaufen sank am Fuße des -Pfahles in sich zusammen, und der arme, ganz schwarze Körper blieb am -Halse aufgehängt daran stehen. - -Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten. - - -76 - -Soetkin stand bei Katheline gegen die Mauer gelehnt mit gesenktem Haupt -und gefalteten Händen. Sie hielt Ulenspiegel umfangen, ohne zu reden, -noch zu weinen. - -Ulenspiegel war auch stumm; er fühlte mit Schrecken die Fieberglut, so -den Körper seiner Mutter verbrannte. - -Die Nachbarn, die vom Richtplatz zurückkamen, sagten, daß Klas -ausgelitten habe. - -„Er ist in die Herrlichkeit eingegangen“, sprach die Wittib. - -„Bete“, sagte Nele zu Ulenspiegel; und sie gab ihm seinen Rosenkranz, -aber er wollte ihn nicht gebrauchen, weil die Kugeln vom Papst geweiht -wären. - -Da die Nacht herabsank, sagte Ulenspiegel zur Wittib: - -„Mutter, Du _mußt_ Dich schlafen legen; ich werde bei Dir wachen.“ - -Aber Soetkin antwortete: „Es tut nicht not, daß Du bei mir wachst: der -Schlaf ist gut für die Jugend.“ - -Nele bereitete jedem ein Lager in der Küche und ging fort. - -Sie blieben beieinander, dieweil die Reste eines Feuers von Baumwurzeln -im Kamin verbrannten. - -Soetkin legte sich nieder und Ulenspiegel tat wie sie und hörte sie -unter ihren Decken weinen. - -Draußen in der nächtlichen Stille ließ der Wind die Bäume des Kanals -rauschen wie das Meer und als Vorbote des Herbstes schleuderte er den -Staub in Wirbeln gegen die Fenster. - -Ulenspiegel sah etwas wie einen Mann, der kam und ging; er hörte ein -Geräusch von Schritten in der Küche; da er hinhorchte, hörte er nichts -mehr als den Wind, der im Kamin heulte, und Soetkin, die unter ihren -Decken weinte. - -Dann hörte er wiederum gehen und hinter sich am Kopfende seufzen. „Wer -ist da?“ fragte er. - -Niemand gab Antwort; aber es ward zu drei Malen auf den Tisch geklopft. -Ulenspiegel ward von Furcht ergriffen und zitternd fragte er abermals: -„Wer ist da?“ Er bekam keine Antwort, aber drei Schläge fielen auf -den Tisch, und er fühlte, wie zwei Arme ihn umschlangen und über sein -Gesicht ein Körper sich neigte, dessen Haut war gerunzelt, auch hatte -er ein großes Loch in der Brust und einen Brandgeruch um sich. - -„Vater,“ sprach Ulenspiegel, „ist es Dein armer Leichnam, der also auf -mir lastet?“ - -Er erhielt keine Antwort, und ohngeachtet der Schatten nahe bei ihm -stand, hörte er draußen „Tyll, Tyll!“ rufen. Plötzlich erhob Soetkin -sich und trat an Ulenspiegels Lager: „Hörst Du nichts?“ fragte sie. - -„Wohl,“ sprach er, „der Vater ruft mich.“ - -„Ich,“ sprach Soetkin, „ich habe einen kalten Leichnam an meiner Seite -in meinem Bette gefühlt, und die Pfühle haben sich gerührt und die -Vorhänge sich bewegt, und ich habe eine Stimme sagen hören: „Soetkin“. -Eine Stimme, leise wie ein Hauch, und einen Schritt, leicht wie das -Summen einer Mücke!“ Und sie sprach also zu dem Geist ihres Klas: - -„Mein Mann, so Du im Himmel, allwo Gott Dich in seine Herrlichkeit -aufgenommen hat, irgend etwas begehrst, mußt Du es uns sagen, auf daß -wir Deinen Willen vollstrecken.“ - -Plötzlich stieß ein Windstoß die Tür mit Ungestüm auf und erfüllte den -Raum mit Staub, und Ulenspiegel und Soetkin hörten fernes Gekrächz von -Raben. - -Sie gingen selbander hinaus und kamen zum Scheiterhaufen. - -Die Nacht war schwarz, ausgenommen, wenn die Wolken, so von dem -scharfen Nordwind gejagt gleich Hirschen über den Himmel liefen, dem -Antlitz des Gestirns seinen Glanz ließen. - -Ein Gemeinbüttel schritt auf und ab und hielt Wache am Scheiterhaufen. -Ulenspiegel und Soetkin hörten den Schall seiner Schritte auf dem -hartgestampften Boden und die Stimme eines Raben, der ohne Zweifel -andere herbeirief, denn aus der Ferne antwortete ihm Gekrächz. - -Da Ulenspiegel und Soetkin an den Scheiterhaufen traten, ließ der Rabe -sich auf Klasens Schultern nieder und sie hörten ihn an dem Körper -picken, und alsobald kamen andere Raben herbei. - -Ulenspiegel wollte sich auf den Scheiterhaufen stürzen und die Raben -niederschlagen; der Büttel aber sagte zu ihm: - -„Du Zauberer, suchst Du Teufelsklauen? Wisse, daß die Hände von -Verbrannten nicht unsichtbar machen, sondern allein die Hände eines -Gehenkten, wie Du dereinst einer sein wirst.“ - -„Herr Weibel,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich bin kein Zauberer, sondern -der verwaiste Sohn dessen, der dort hängt, und dies Weib ist seine -Wittib. Wir wollen ihn nur noch einmal küssen und ein Weniges von -seiner Asche zum Gedächtnis an ihn nehmen. Erlaubt es uns, Herr, der -Ihr kein fremder Söldling, sondern vielmehr ein Sohn dieses Landes -seid.“ - -„Es geschehe, wie Du willst“, antwortete der Büttel. - -Waise und Witwe schritten über das verbrannte Holz und kamen an den -Leichnam. Beide küßten Klasens Antlitz mit Tränen. - -Ulenspiegel nahm da, wo das Herz saß und wo die Flamme ein großes Loch -ausgehöhlt hatte, ein wenig von der Asche des Toten. Dann knieten -Soetkin und er nieder und beteten. Da die Morgenröte fahl am Himmel -erschien, waren sie beide noch da; aber der Büttel trieb sie fort, aus -Furcht, seiner Gutwilligkeit halber gestraft zu werden. - -Daheim nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein Stück schwarzer -Seide; sie machte ein Säcklein daraus; in das tat sie die Asche; und an -das Säcklein nähte sie zwei Bänder, auf daß Ulenspiegel es allezeit um -den Hals tragen könnte. Sie hing ihm das Säcklein um und sprach zu ihm: - -„Möge diese Asche, so das Herz meines Mannes, dieses Rot, das sein -Blut, dieses Schwarz, das unsere Trauer ist, immerwährend auf Deiner -Brust sein wie das Feuer der Rache wider die Henker.“ „So sei es“, -sprach Ulenspiegel. - -Und die Wittib umarmte die Waise und die Sonne ging auf. - - -77 - -Des anderen Tages drangen die Büttel und Ausrufer der Gemeinde in Klas -Behausung, setzten allen Hausrat daraus auf die Gasse und schritten zur -öffentlichen Vergantung. - -Von Kathelines Haus aus sah Soetkin die Wiege aus Eisen und Kupfer -hinaustragen, die vom Vater auf den Sohn im Hause der Klas vererbt -worden, darinnen der arme Tote und auch Ulenspiegel geboren war. Dann -trugen sie das Bett hinaus, in dem Soetkin ihr Kind empfangen, und in -dem sie so trauliche Nächte, an ihren Mann geschmiegt, verbracht hatte. -Dann kam der Kasten, in dem sie das Brot verwahrte, die Lade, in der -zur Zeit des Wohllebens die Fleischstücke waren, Pfannen, Kessel und -Töpfe, nicht mehr glänzend wie in der guten Zeit des Glücks, sondern -vom Staub der Verwahrlosung bedeckt. Und sie gedachte bei ihnen der -häuslichen Feste, wo die Nachbarn, vom Duft angelockt, herbeigekommen -waren. - -Dann kam auch eine Tonne und ein Tönnlein, mit einfachem und -Doppelbier, und ein Korb mit Weinflaschen, deren zumindest dreißig -waren; und alles ward auf die Straße gesetzt bis auf den letzten Nagel, -den die arme Witfrau mit großem Lärm herausreißen hörte. - -Ohne zu schmähen noch sich zu beklagen, saß sie da und sah blutenden -Herzens ihren bescheidenen Wohlstand davon tragen. Nachdem der -öffentliche Verkäufer ein Talglicht angezündet hatte, ward der Hausrat -vergantet. Da das Licht beinahe ausgebrannt war, hatte der Älteste -der Fischergilde alles um ein Spottgeld erstanden, um es wieder zu -verkaufen, und er schien sich zu ergötzen wie ein Wiesel, das einem -Huhne das Hirn aussaugt. - -Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht lange lachen, -Mörder.“ - -Indessen ging der Verkauf zu Ende und die Büttel, so alles -durchwühlten, fanden die Karolus nicht. Der Fischhändler rief aus: „Ihr -suchet schlecht; ich weiß, daß Klas vor sechs Monaten siebenhundert -hatte.“ - -Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht erben, Mörder.“ - -Plötzlich wandte sich Soetkin um und sprach, auf den Fischhändler -weisend: „Der Angeber!“ - -„Ich weiß es“, sagte er. - -„Soll er vom Blut Deines Vaters erben?“ - -„Lieber wollt ich einen ganzen Tag auf der Folterbank leiden“, -antwortete Ulenspiegel. - -„Auch ich, aber bekenne nichts um meinetwillen, welche Qual Du mich -auch erdulden siehst.“ - -„Ach, Du bist ein Weib“, sagte Ulenspiegel. - -„Armer Schelm,“ sprach sie, „ich habe Dich zur Welt gebracht und weiß -zu leiden. Aber Du, wenn ich Dich sähe.“ Da erbleichte sie. „Ich werde -zur heiligen Jungfrau beten, die ihren Sohn am Kreuze sah.“ - -Und sie weinte, dieweil sie Ulenspiegel liebkoste. Und also machten sie -miteinander einen Pakt des Hasses und der Kraft. - - -78 - -Der Fischhändler brauchte nur die Hälfte des Kaufpreises zu entrichten, -da die andere Hälfte dazu dienen sollte, seine Angeberei zu belohnen, -bis daß die siebenhundert Karolus gefunden wären, die ihn zur -Schurkerei getrieben hatten. - -Soetkin verbrachte die Nächte mit Weinen und die Tage mit Hausarbeit. -Oft hörte Ulenspiegel sie ganz allein sprechen und sagen: „Wenn er -erbt, töte ich mich.“ - -Wissend, daß sie ausführen würde, was sie sagte, taten Nele und er -ihr Bestes, Soetkin zu bereden, nach Walcheren zu ziehen, allwo sie -Verwandte hatte. Soetkin wollte nicht und sagte, es täte ihr nicht not, -den Würmern aus dem Wege zu gehen, die in Bälde ihre Witwenknochen -verzehren würden. - -Derweilen war der Fischhändler wiederum zum Amtmann gegangen und -hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor etlichen Monaten an -siebenhundert Karolus geerbt habe; daß er ein haushälterischer Mann -gewesen, der mit wenigem auskam und also nicht diese große Summe -ausgegeben habe, welche ohne Zweifel in einem Winkel verborgen sei. - -Der Amtmann fragte, was Ulenspiegel und Soetkin ihm Böses angetan -hätten, da er noch darauf sinne, sie grausam zu verfolgen, nachdem er -ihnen Vater und Mann genommen? - -Der Fischhändler erwiderte, daß er als angesehener Bürger von Damm -den Gesetzen des Reichs Achtung verschaffen und also die Gnade Seiner -Majestät verdienen wolle. - -Nachdem er solches gesagt, gab er dem Amtmann eine Anklageschrift zu -Händen und führte Zeugen auf, die der Wahrheit gemäß wider Willen -bezeugten, daß der Fischhändler nicht löge. - -Nachdem die Wohllöbliche Schöffenkammer die Zeugnisse vernommen, -erklärte sie die Indizien der Schuld ausreichend zur Folter. Somit -schickten sie zum andern Mal Büttel, um das Haus zu durchwühlen; diese -hatten Vollmacht, Mutter und Sohn in das Stadtgefängnis zu bringen, -allwo sie gehalten werden sollten, bis der Henker von Brügge, welcher -ohne Verzug bestellt ward, anlangte. - -Da Soetkin und Ulenspiegel durch die Straße gingen, die Hände auf den -Rücken gebunden, stund der Fischhändler auf der Schwelle seines Hauses -und sah sie an. - -Und die Bürger und Bürgersfrauen von Damm standen auch auf der Schwelle -ihrer Häuser. Matthyssen, der nächste Nachbar des Fischhändlers, hörte -Ulenspiegel zum Ankläger sagen: - -„Gott wird Dir fluchen, Du Henker der Witwen!“ - -Und Soetkin sprach zu ihm: - -„Du wirst eines jämmerlichen Todes sterben, Du Verfolger der Waisen.“ - -Da die Leute von Damm solchermaßen erfahren hatten, daß die Witwe und -die Waise also auf eine zweite Anzeige Griepenstüvers ins Gefängnis -gebracht wurden, schmähten sie den Fischhändler und warfen ihm abends -Steine in die Fenster und seine Tür ward mit Unrat bedeckt. - -Und er wagte nicht mehr aus dem Hause zu gehen. - - -79 - -Gegen die zehnte Stunde des Vormittags wurden Ulenspiegel und Soetkin -in die Folterkammer geführt. - -Allda befanden sich der Amtmann, der Gerichtsschreiber und die -Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt. - -Der Amtmann fragte Soetkin, ob sie kein dem Kaiser gehöriges Gut -vorenthalte. Sie antwortete: daß sie nichts vorenthalten könne, da sie -nichts habe. - -„Und Du?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel. - -„Vor sieben Monaten“, versetzte er, „erbten wir siebenhundert Karolus, -etliche davon haben wir verzehrt. Was die andern angeht, so weiß ich -nicht, wo sie sind; ich vermeine jedoch, daß der Wanderer, der zu -unserm Unglück bei uns wohnte, den Rest mitgenommen hat; denn ich habe -seither nichts mehr gesehen.“ - -Der Amtmann fragte wiederum, ob alle beide darin beharrten, sich für -unschuldig zu erklären. - -Sie antworteten, daß sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthielten. - -Darauf sagte der Amtmann ernst und traurig: - -„Da die Aussagen Euch schwer belasten und die Anklage begründet ist, -müßt Ihr, so Ihr nicht bekennt, die hochnotpeinliche Frage erleiden.“ - -„Schonet der Witwe,“ sprach Ulenspiegel, „der Fischhändler hat alles -gekauft.“ - -„Armer Schelm,“ sagte Soetkin, „die Männer vermögen den Schmerz nicht -so zu ertragen, wie die Frauen.“ - -Da sie sahe, daß Ulenspiegel um ihretwillen bleich wie ein Toter ward, -sagte sie noch: - -„Ich habe Haß und Kraft.“ - -„Schonet der Witwe“, sprach Ulenspiegel. - -„Nehmt mich statt seiner“, sprach Soetkin. - -Der Amtmann fragte den Henker, ob er die Werkzeuge bereit halte, die -zur Erkenntnis der Wahrheit erforderlich seien. - -Der Henker antwortete: - -„Sie sind alle hier.“ - -Nachdem die Richter Rat gehalten hatten, bestimmten sie, daß mit der -Frau begonnen werden müsse, um die Wahrheit zu erfahren. - -„Denn“, sagte einer der Schöffen, „es ist kein Sohn, der grausam genug -wäre, seine Mutter leiden zu sehen, ohne das Verbrechen zu bekennen und -sie solchergestalt zu erlösen. Desgleichen wird jede Mutter für die -Frucht ihres Leibes tun, hätte sie gleich das Herz einer Tigerin.“ - -Zum Henker sprechend, sagte der Amtmann: - -„Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Schraubstöcke an Hände -und Füße.“ - -Der Henker gehorchte. - -„O, tut nicht also, Ihr Herren Richter!“ schrie Ulenspiegel. „Bindet -mich an ihrer Statt, zerbrecht mir die Finger und die Zehen, aber -schont der Witwe!“ - -„Der Fischhändler“, sagte Soetkin. „In mir ist Haß und Kraft.“ - -Ulenspiegel ward noch bleicher. Er zitterte verstört und schwieg. - -Die Schraubstöcke waren Stäblein von Buchsbaumholz, welche mit Schnüren -verbunden waren und zwischen die Finger gesteckt die Knochen berührten. -Durch eine Vorrichtung von so scharfsinniger Erfindung konnte der -Henker nach Belieben des Richters die Finger zusammenpressen, -die Knochen von ihrem Fleisch entblößen, sie zermalmen, oder dem -Delinquenten nur einen geringen Schmerz verursachen. - -Er legte die Schraubstöcke an Soetkins Hände und Füße. - -„Schnürt“, befahl ihm der Amtmann. - -Er tat es grausam. - -Drauf sprach der Amtmann zu Soetkin: - -„Bezeichne mir den Ort, wo die Karolus verborgen sind.“ - -„Ich kenne ihn nicht“, antwortete sie ächzend. - -„Schnürt stärker“, sagte er. - -Ulenspiegel versuchte seine Arme, die auf dem Rücken gebunden waren, -vom Strick loszureißen, um Soetkin zu Hilfe zu kommen. - -„Schnürt nicht, Ihr Herren Richter,“ sagte er, „es sind zarte, -zerbrechliche Frauenknochen. Ein Vogel vermöchte sie mit seinem -Schnabel zu zerbrechen. Schnürt nicht, Herr Scharfrichter, ich rede -nicht zu Euch, dieweil Ihr den Befehlen der Herren gehorsam sein müßt. -Schnürt nicht, habt Erbarmen!“ - -„Der Fischhändler“, sprach Soetkin. - -Und Ulenspiegel schwieg. - -Da er aber sahe, daß der Henker die Schraubstöcke noch stärker anzog, -schrie er von neuem: - -„Erbarmen, Ihr Herren, Ihr zerbrecht der Witwe die Finger, deren sie -zur Arbeit bedarf. Wehe, ihre Füße! Wird sie nicht mehr gehen können? -Erbarmen, Ihr Herren!“ - -„Du wirst eines elendigen Todes sterben, Fischhändler“, schrie Soetkin. - -Und ihre Knochen krachten und das Blut troff von ihren Füßen. - -Ulenspiegel nahm alles wahr und vor Schmerz und Zorn zitternd, sagte er: - -„Zerbrecht sie nicht, die Knochen eines Weibes, Ihr Herren Richter!“ - -„Der Fischhändler“, ächzte Soetkin. - -Und ihre Stimme war leise und erstickt wie die eines Geistes. - -Ulenspiegel zitterte und rief: - -„Ihr Herren Richter, die Hände bluten und die Füße auch. Man hat der -Witwe die Knochen gebrochen.“ - -Der Wundarzt berührte sie mit dem Finger, und Soetkin stieß einen -lauten Schrei aus. - -„Bekenne für sie“, sprach der Amtmann zu Ulenspiegel. - -Aber Soetkin blickte ihn mit weit offnen Augen an, die denen einer -Dahingeschiedenen glichen. Und er merkte, daß er nicht sprechen dürfe, -und weinte, ohne ein Wort zu sagen. - -Aber der Amtmann sagte darauf: - -„Da dieses Weib mit der Festigkeit eines Mannes begabt ist, so muß ihr -Mut vor der Tortur ihres Sohnes auf die Probe gestellt werden.“ - -Soetkin hörte nicht, denn sie war ohnmächtig ob des großen Schmerzes, -den sie erlitten. - -Mit viel Essig ward sie wieder zu sich gebracht. Dann ward Ulenspiegel -entkleidet und nackend vor die Augen der Witwe gestellt. Der Henker -schor ihm das Haupthaar und alles Haar ab, um zu sehen, ob er nicht -ein Teufelsmal habe. Dabei ward er des schwarzen Pünktleins auf dem -Rücken gewahr, so Ulenspiegel seit der Geburt an sich trug. Er stach -zu unterschiedlichen Malen eine lange Nadel hinein; aber da Blut -herauskam, erkannte er, daß in diesem Pünktlein keinerlei Zauberei -sei. Auf Befehl des Amtmanns wurden Ulenspiegels Hände an zwei Stricke -gebunden, so über eine an der Decke befestigte Rolle liefen, also daß -der Henker ihn nach Belieben der Richter hochziehen und herunterlassen -konnte, indem er ihn heftig schüttelte. Solches tat er an die neun -Male, nachdem er ihm an jedes Bein ein Gewicht von fünfundzwanzig Pfund -gehängt hatte. - -Beim neunten Stoß zerriß die Haut der Handgelenke und Fußknöchel, und -die Knochen der Beine traten aus ihren Gelenken. - -„Bekenne“, sagte der Amtmann. - -„Nein“, antwortete Ulenspiegel. - -Soetkin blickte ihren Sohn an und fand nicht Kraft zu schreien noch -zu sprechen; sie streckte nur die Arme aus und bewegte ihre blutenden -Hände und bezeigte durch diese Gebärde, daß man dieser Marter ein Ende -machen solle. - -Der Henker zog Ulenspiegel abermals hinauf und hinunter. Und die Haut -der Fußknöchel und Handgelenke zerriß stärker und die Knochen der Beine -traten noch weiter aus ihren Gelenken; aber er schrie nicht. - -Soetkin weinte und schüttelte ihre blutenden Hände. - -„Bekenne die Unterschlagung,“ sprach der Amtmann, „und Dir soll -verziehen sein.“ - -„Der Fischhändler braucht Verzeihung“, antwortete Ulenspiegel. - -„Du willst der Richter spotten?“ sagte einer der Schöffen. - -„Ich spotten? Ach,“ antwortete Ulenspiegel, „ich stelle mich nur so, -glaubet mir.“ - -Soetkin sah nun, daß der Henker auf Befehl des Amtmanns ein Becken -mit glühenden Kohlen anfachte und daß ein Knecht zwei Unschlittkerzen -entzündete. - -Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, doch sie fiel in -den Sitz zurück und rief aus: - -„Schafft das Feuer fort! Ach, ihr Herren Richter, schont seiner armen -Jugend. Schafft das Feuer fort.“ - -„Der Fischhändler!“ rief Ulenspiegel, da er sie schwach werden sah. - -„Ziehet Ulenspiegel einen Schuh hoch vom Boden“, sagte der Amtmann; -„stellet ihm das Kohlenbecken unter die Füße und haltet eine Kerze -unter jede Achsel.“ - -Der Henker gehorsamte. Was an Haar unter den Achseln übrig war, -knisterte und rauchte in der Flamme. - -Ulenspiegel schrie und Soetkin sagte weinend: - -„Schafft das Feuer hinweg!“ - -Der Amtmann sprach: - -„Bekenne die Hehlerei und du sollst erlöst sein. Gestehe für ihn, Weib.“ - -Und Ulenspiegel sagte: - -„Wer will den Fischhändler in das ewig brennende Feuer werfen?“ - -Soetkin schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen hätte. -Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen und Soetkin schaute auf ihn mit -verstörten Augen, in Tränen aufgelöst. - -Indessen, nachdem der Henker die Kerzen ausgelöscht und das Becken mit -glühenden Kohlen unter Ulenspiegels Füße gestellt hatte, schrie sie: - -„Ihr Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm, er weiß nicht, was er sagt.“ - -„Warum weiß er nicht, was er sagt?“ fragte der Amtmann voll Arglist. - -„Fraget sie nicht, Ihr Herren Richter; Ihr seht wohl, daß sie vor -Schmerz von Sinnen ist. Der Fischhändler hat gelogen“, sprach -Ulenspiegel. - -„Wirst Du so wie er aussagen, Weib?“ fragte der Amtmann. - -Soetkin nickte mit dem Kopf. - -„Verbrennt den Fischhändler!“ schrie Ulenspiegel. - -Soetkin schwieg, aber sie hielt die geballte Faust hoch, als wollte sie -ihn verfluchen. - -Da sie jedoch die Kohlen in hellerer Glut unter den Füßen ihres Sohnes -aufflammen sah, schrie sie: - -„Herr Gott! heilige Jungfrau, die Ihr im Himmel seid, macht dieser -Marter ein Ende. Habt Erbarmen! Nehmt das Kohlenbecken fort!“ - -„Der Fischhändler!“ ächzte Ulenspiegel. - -Und er brach das Blut in Strömen durch Nase und Mund aus, neigte den -Kopf und blieb über den Kohlen hängen. - -Da schrie Soetkin: - -„Mein armes Kind ist tot! Sie haben ihn gemordet! Wehe, auch ihn! -Nehmt die Kohlen fort, Ihr Herren Richter. Lasset mich ihn in die -Arme nehmen, um bei ihm zu sterben. Ihr wisset, daß ich auf meinen -gebrochenen Füßen nicht entfliehen kann.“ - -„Gebet der Wittib ihren Sohn“, sprach der Amtmann. - -Dann ratschlagten die Richter untereinander. - -Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackend und -blutüberströmt auf Soetkins Knie, derweil der Wundarzt ihm die Knochen -wieder einrenkte. - -Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend: - -„Mein Sohn, Du armer Märtyrer! Wenn die Herren Richter es gestatten, -werde ich Dich heilen; aber wach auf, Tyll, mein Sohn! Ihr Herren -Richter, wenn Ihr ihn mir umgebracht habt, so werde ich zu Seiner -Majestät gehen, denn Ihr habt gegen jedes Recht und Gerechtigkeit -gehandelt und Ihr sollt sehen, was eine arme Frau wider die Bösen -vermag. Aber Ihr Herren, lasset uns mitsammen frei. Wir haben nur -einander in Welt, wir armen Leute, auf die Gottes Hand schwer -herabfällt.“ - -Nachdem die Richter Rat gepflogen hatten, sprachen sie das Urteil wie -folgt: - -„In Ansehung dessen, daß Ihr, Soetkin, eheliche Witwe von Klas, und -Ihr Tyll, Sohn von Klas, mit dem Beinamen Ulenspiegel, trotz grausamer -Tortur und genugsamer Proben nichts bekannt habt auf die Anschuldigung, -das Vermögen unterschlagen zu haben, so kraft Konfiskation und -ohngeachtet aller dem zuwiderlaufenden Privilegien, Seiner Königlichen -Majestät gehörte; Erklärt der Gerichtshof Euch für frei; Mangels -ausreichender Beweise und bei Dir, Frau, des jammervollen Zustandes -Eurer Glieder, und bei Dir, Mann, der peinlichen Folter wegen, so Ihr -erlitten habt. Er erlaubt Euch, bei dem Manne oder der Frau aus der -Stadt, denen es genehm sein wird, Euch unangesehen Eurer Armut zu -beherbergen und niederzulassen.“ - -„So gegeben zu Damm, den dreiundzwanzigsten Tag des Weinmonats Anno -Domini 1558.“ - -„Seid bedankt, Ihr Herren Richter“, sagte Soetkin. - -„Der Fischhändler“, ächzte Ulenspiegel. - -Und Mutter und Sohn wurden in einem Karren zu Katheline gebracht. - - -80 - -Im selbigen Jahre, dem achtundzwanzigsten des Jahrhunderts, trat -Katheline zu Soetkin ins Gemach und sprach: - -„Verwichene Nacht, da ich mich mit Balsam gesalbt hatte, ward ich auf -den Turm der Frauenkirche versetzt. Ich sah die Geister der Elemente, -die Gebete der Menschen den Engeln zutragen, welche sie hinwiederum -nach dem hohen Himmel zum Throne emportrugen. Und der Himmel war ganz -übersät mit strahlenden Sternen. Plötzlich erhob sich von einem -Scheiterhaufen eine Gestalt, die mich schwarz dünkte, und schwebte -hinauf und setzte sich neben mich auf den Turm. Ich erkannte Klas, -so wie er im Leben war, mit seinem Kohlenträgerkittel angetan. „Was -machst Du auf dem Turme der Frauenkirche?“ sagte er zu mir. „Aber wohin -gehst Du, der Du wie ein Vogel in den Lüften fliegst?“ fragte ich -dagegen. „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. „Hörst Du nicht die Posaune -des Gerichts?“ Ich stand ganz nahe bei ihm und fühlte, daß seine -Geistergestalt nicht hart war wie der Körper der Lebendigen, sondern -so zart, daß ich in ihn eindrang wie in heißen Dampf, da ich ihm nahe -rückte. Zu meinen Füßen durch das ganze Land Flandern erglänzten -etliche Lichter, und ich sagte zu mir selbst: Die da frühe aufstehen -und spät schaffen, sind die Gesegneten des Herrn. - -Und immerda hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels ertönen. Und -alsbald sah ich einen andern Schatten aufsteigen, so aus Spanien kam; -selbiger war alt und abgelebt, hatte ein Kinn wie ein Holzschuh und -Quittenmus an den Lippen. - -Er trug einen karmesinroten Sammetmantel, mit Hermelin gefüttert, eine -Kaiserkrone und in der einen Hand eine Anschovis, die er knabberte, in -der andern einen vollen Bierhumpen. - -Er kam und setzte sich auf den Turm der Frauenkirche, ohne Zweifel aus -Müdigkeit. Niederknieend sprach ich zu ihm: „Gekrönte Majestät, ich -verehre Euch, aber ich kenne Euch nicht. Von wannen kommt Ihr und was -tut Ihr in der Welt?“ / „Ich komme aus Sankt-Just in Estremadura,“ -sagte er, „und war der Kaiser Karl der Fünfte.“ „Aber,“ sprach ich, -„wohin gehet Ihr jetzo in dieser kalten Nacht, durch die hagelschweren -Wolken?“ / „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. Da der Kaiser seine -Anschovis aufessen und das Bier aus seinem Kruge austrinken wollte, -ertönte die Posaune des Engels, und er erhob sich in die Luft und -murrte, weil er also in seiner Mahlzeit gestört ward. Ich folgte Seiner -Heiligen Majestät. Er ging durch den Weltraum, indem er vor Müdigkeit -schluckste, vor Asthma keuchte und sich zu Zeiten erbrach, denn der -Tod hatte ihn mit verdorbenem Magen ereilt. Wir stiegen unaufhörlich, -wie Pfeile, aus einem Bogen von Kirschbaumholz geschnellt. Die Sterne -flogen an uns vorüber und zogen feurige Streifen in den Himmel. Wir -sahen, wie sie sich loslösten und fielen. Die Posaune des Engels -ertönte. Welch schmetternder, mächtiger Schall! Bei jeder Fanfare, -so die Dünste der Luft erschütterte, zerrissen sie, wie wenn ein -Orkan ganz dicht auf sie dreingeblasen hätte. Und so war uns der Weg -vorgezeichnet. Da wir nun tausend Meilen und mehr emporgestiegen waren, -sahen wir Christum in seiner Herrlichkeit auf einem Sternenthron -sitzen. Zu seiner Rechten stund der Engel, der die Taten der Menschen -auf eine eherne Tafel schreibt, und zu seiner Linken Maria, seine -Mutter, die ihn unablässig für die Sünder um Gnade bittet. - -Klas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder. - -Der Engel warf ihm die Krone vom Haupt. „Hier ist nur ein Kaiser,“ -sprach er, „das ist Christus.“ - -Seine Heilige Majestät schien erzürnt, jedoch sagte sie, demütig -sprechend: „Könnte ich nicht diese Anschovis und diesen Humpen Bier -behalten? Denn die lange Reise hat mich hungrig gemacht.“ - -„Wie Du es Dein Lebenlang warest“, versetzte der Engel. „Aber iß und -trink immerhin.“ - -Der Kaiser leerte den Humpen und knabberte die Anschovis. - -Darauf redete Christus und sprach: - -„Stellst Du Dich mit reiner Seele zum Gericht?“ - -„Ich hoffe es, mein gütiger Herr, denn ich habe gebeichtet,“ antwortete -Kaiser Karl. - -„Und Du, Klas?“ fragte der Engel. „Denn Du zitterst nicht wie dieser -Kaiser.“ - -„Mein Herr Jesus,“ antwortete Klas, „es ist keine Seele, die rein sei, -darum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr die höchste Güte und die -höchste Gerechtigkeit seid; aber ich fürchte dennoch für meine Sünden, -die zahlreich waren.“ - -„Rede, Kadaver“, sprach der Engel, sich an den Kaiser wendend. - -„Ich,“ antwortete Karl mit unklarer Stimme, „ich ward durch den -Finger Eurer Priester gesalbet und zum König von Castilien, Kaiser -von Deutschland und König der Römer geweiht. Unablässig lag mir die -Erhaltung der Macht am Herzen, so von Euch kommt, und darum wirkte ich -mit Strang, Schwert, Grube und Feuer wider alle Reformierten.“ - -Aber der Engel sprach: - -„Du Lügner und Völler,“ sagte er, „Du willst uns betrügen. In -Deutschland hast Du die Reformierten geduldet, denn Du hattest Furcht -vor ihnen; und in den Niederlanden, wo Du nur Das fürchtetest, nicht -genug von diesen fleißigen, honigreichen Bienen zu erben, hast Du -sie enthaupten, verbrennen, hängen und lebendig begraben lassen. -Hunderttausend Seelen sind durch Dich zugrunde gegangen, nicht weil Du -Christum, meinen Herrn liebtest, sondern weil Du ein Despot, Tyrann -und Länderverschlinger warst. Du liebtest nur Dich selbst und nach Dir -Fleisch, Fisch, Wein und Bier, denn Du warst gierig wie ein Hund und -durstig wie ein Schwamm.“ - -„Und Du, Klas, sprich“, sagte Christus. - -Aber der Engel erhob sich. - -„Dieser hat nichts zu sagen. Er war gut, arbeitsam wie das arme -flandrische Volk, das da gerne arbeitet und gerne lacht, und seinen -Fürsten die schuldige Treue hält und glaubt, daß die Fürsten ihm die -Treue hielten, die sie ihm schuldeten. Er hatte Geld, ward angeklagt -und da er einen Reformierten beherbergt hatte, ward er lebendig -verbrannt.“ - -„Ach,“ sprach Maria, „armer Märtyrer! Aber im Himmel sind kühle -Bronnen, Springbrunnen von Milch und köstlichem Wein, die werden Dich -erfrischen, und ich selbst will Dich dort hinführen, Kohlenträger.“ - -Die Posaune des Engels erscholl abermals, und aus der Tiefe der -Abgründe sah ich einen Mann aufsteigen, nackt und schön, mit Eisen -gekrönt. Und auf dem Reifen der Krone waren diese Worte geschrieben: -„Traurig bis an den Tag des Gerichts.“ - -Er nahete dem Thron und sprach zu Christo: - -„Ich bin Dein Sklave, bis daß ich Dein Herr sein werde.“ - -„Satan,“ sagte Maria, „ein Tag wird kommen, wo es weder Sklaven noch -Herren gibt und wo Christus, welcher die Liebe, und Satan, welcher der -Stolz ist, bedeuten werden: Kraft und Wissen.“ - -„Weib, Du bist gut und schön“, sprach Satan. - -Dann zu Christo redend und auf den Kaiser deutend, sprach er: „Was soll -mit diesem hier geschehen?“ - -Christus antwortete: - -„Du sollst das gekrönte Gewürm in ein Gemach bringen, darinnen Du -alle Folterwerkzeuge, so unter seiner Regierung im Gebrauch waren, -zusammenträgst. Jedesmal, wenn ein unschuldiger Unglücklicher die -Wasserfolter erleidet, welche die Menschen aufbläht wie Blasen, die -Kerzenfolter, welche die Fußsohlen und Achselhöhlen verbrennt, den -Wippgalgen, welcher die Glieder zerbricht, das Zerreißen durch vier -Pferde; jedesmal, wenn eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren -letzten Atem aushaucht, soll er eins nach dem andren diese Tode und -Foltern erdulden. Er soll innewerden, wieviel Böses ein Ungerechter, -der über Millionen gebeut, tun kann. Möge er in den Gefängnissen -verfaulen, auf den Schafotten sterben, in der Verbannung, fern vom -Vaterland, stöhnen; möge er beschimpft, verunglimpft, gestäupet werden. -Er möge reich sein und der Fiskus von ihm zehren; der Angeber soll ihn -verklagen und die Konfiskation soll ihn zugrunde richten. Du sollst -ihn in einen Esel verwandeln, auf daß er sanftmütig, mißhandelt und -schlecht genährt sei; in einen Armen, auf daß er um Almosen bitte -und mit Schimpfworten begrüßt werde; in einen Arbeiter, auf daß er -zuviel arbeite und nicht genug esse. Wenn er alsdann an Leib und Seele -genugsam gelitten hat, so sollst Du ihn zum Hunde machen, auf daß er -gut sei und Prügel empfahe; zu einem Sklaven in Indien, der öffentlich -versteigert wird; zu einem Soldaten, damit er sich für einen andern -schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen warum. Und wenn er nach -Verlauf von dreihundert Jahren alle Leiden, alles Elend erschöpft -haben wird, sollst Du ihn zum freien Menschen machen. Wenn er in -diesem Stande gut wie Klas ist, sollst Du seinen Leichnam in einem -Erdenwinkel, der um Mittag schattig ist und am Morgen von der Sonne -beschienen wird, unter einem schönen Baum mit frischem Rasen bedecken -und ihm die ewige Ruhe geben. Und seine Freunde werden kommen und auf -seinem Grabe bittere Tränen vergießen und Veilchen säen, die Blumen der -Erinnerung.“ - -„Gnade, mein Sohn,“ sprach Maria, „er wußte nicht, was er tat, denn -Macht verhärtet das Herz.“ - -„Hier ist keine Gnade“, sagte Christus. - -„Ach,“ sprach Seine Heilige Majestät, „wenn ich nur ein Glas -andalusischen Weines hätte!“ - -„Komm,“ sprach Satan, „die Zeit des Weines, der Fleischspeisen und -Geflügel ist vorbei.“ - -Und in die tiefste Hölle schleppte er die Seele des armen Kaisers, der -noch an seiner Anschovis kaute. - -Satan ließ es aus Mitleid geschehen. Dann sah ich Mutter Maria den Klas -in den höchsten Himmel führen, dorthin, wo nichts war, denn Sterne, -die in Trauben am Gewölbe befestigt sind. Und allda wuschen ihn die -Engel und er ward schön und jung. Alsdann gaben sie ihm Reisbrei mit -silbernen Löffeln zu essen. Und der Himmel schloß sich.“ - -„Er ist in der Herrlichkeit“, sagte die Wittib. - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen“, sprach Ulenspiegel. - - -81 - -Während der folgenden dreiundzwanzig Tage ward Katheline weiß und -mager und dörrte aus, als würde sie von einem innern Fieber verzehrt, -glühender als das des Wahnsinns. - -Sie sagte nicht mehr: „Das Feuer, grabt ein Loch, die Seele will -hinaus“, sondern sie war allezeit verzückt und sagte zu Nele: - -„Ehefrau bin ich, und Ehefrau sollst auch Du sein. Schön, starkes Haar, -heiße Liebe, kalte Kniee und kalte Arme!“ - -Und Soetkin blickte sie traurig an und glaubte an einen neuen Wahnsinn. - -Katheline redete weiter: - -„Dreimal drei sind neun, heilige Zahl. Dem in der Nacht die Augen -glänzen wie Katzenaugen, der allein sieht das Geheimnis.“ - -Eines Abends machte Soetkin eine Gebärde des Zweifels. Aber Katheline -sagte: - -„Vier und drei bedeutet Unglück unter Saturn; unter Venus die Zahl der -Heirat. Kalte Arme, kalte Knie, feuriges Herz!“ - -Soetkin versetzte: - -„Man muß nicht von bösen, heidnischen Götzen sprechen.“ - -Da Katheline solches vernahm, machte sie das Zeichen des Kreuzes und -sagte: - -„Gesegnet sei der graue Ritter. Nele muß einen Mann haben, schöner -Mann, der den Degen trägt, schwarzer Mann mit glänzendem Gesicht.“ - -„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „ein Hackfleisch von Männern, und dazu werde -ich mit meinem Messer die Brühe machen.“ - -Nele blickte ihren Freund mit Augen an, die vor Freude feucht waren, da -sie ihn so eifersüchtig sah. - -„Ich will keinen“, sprach sie. - -Katheline entgegnete: - -„Wenn der kommen wird, der grau gekleidet und immer auf andre Art -gestiefelt und gespornt ist.“ - -Soetkin sprach: - -„Bittet Gott für die arme Närrin.“ - -„Ulenspiegel,“ sagte Katheline, „geh und hol uns vier Schoppen -Doppelbier, dieweil ich Schmalzkuchen backe.“ - -Soetkin fragte, warum sie den Samstag wie die Juden feire. - -Katheline antwortete: - -„Weil der Teig fertig ist.“ - -Ulenspiegel stand vor ihr und hielt den großen Krug von englischem Zinn -in der Hand, der just ein Maß faßte. - -„Mutter, was soll ich tun?“ fragte er. - -„Geh,“ sagte Katheline. - -Soetkin wollte nicht antworten, da sie nicht Herrin im Hause war; sie -sprach zu Ulenspiegel: „Geh, mein Sohn.“ - -Ulenspiegel lief zum „Scaeck“ und brachte die vier Schoppen Doppelbier -zurück. - -Alsbald verbreitete sich der Duft der Schmalzkuchen in der Küche, und -alle hatten Hunger, selbst die arme Leidtragende. - -Ulenspiegel aß wacker. Katheline hatte ihm einen großen Humpen gegeben -und sagte dabei, daß er, als der einzige Mann und das Haupt des Hauses, -mehr denn die andern trinken und hernach singen sollte. - -Ihre Miene war arglistig, als sie so sprach. Aber Ulenspiegel trank, -doch sang er nicht. Nele weinte, da sie Soetkin so bleich und -zusammengesunken sah. Allein Katheline war lustig. - -Nach der Mahlzeit stiegen Soetkin und Ulenspiegel zum Boden hinauf, um -sich schlafen zu legen; Katheline und Nele blieben in der Küche, allwo -ihre Betten aufgeschlagen waren. - -Um die zweite Morgenstunde war Ulenspiegel ob des schweren Getränkes -längst entschlafen; mit offenen Augen bat Soetkin wie jedwede Nacht -Unsere liebe Frau, ihr Schlaf zu geben, aber Unsere Frau erhörte sie -nicht. - -Plötzlich hörte sie den Schrei eines Fischadlers und aus der Küche -einen ähnlichen Schrei, der ihm antwortete; dann ertönten von fern aus -den Feldern andere Rufe, und immer wollte es sie bedünken, daß von der -Küche aus darauf geantwortet würde. - -Gedenkend, daß es Nachtvögel seien, hatte sie des nicht Acht. Sie hörte -Pferdegewieher und Klappern von Hufeisen auf der Straße, öffnete das -Bodenfenster und sah leibhaftig zwei gesattelte Pferde, so den Boden -stampften und das Gras des Wegrains abweideten. Alsdann vernahm sie die -schreiende Stimme einer Frau und eine drohende Männerstimme; es fielen -Schläge, neues Geschrei; eine Tür ward mit Getöse geschlossen und -angstvolle Schritte kamen die Stufen der Stiege herauf. - -Ulenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Bodentür öffnete sich und -Nele trat ein, fast nackend, atemlos und schluchzend. Hastig stellte -sie einen Tisch, Stühle, ein altes Kohlenbecken, alles was sie an -Hausrat finden konnte, gegen die Tür. Die letzten Sterne waren am -Erlöschen, die Hähne krähten. - -Ulenspiegel hatte sich beim Geräusch, das Nele machte, im Bett -umgedreht, aber er schlief weiter. - -Da warf sich Nele an Soetkins Hals. „Soetkin,“ sagte sie, „ich habe -Furcht, zünde das Licht an.“ - -Soetkin tat es und immer noch stöhnte Nele. - -Als das Licht angezündet war und Soetkin Nele anschaute, sah sie, daß -des Mägdleins Hemd an der Schulter zerrissen war, und auf Stirn, Wangen -und Hals erblickte sie blutige Schrammen gleich Kratzwunden. - -„Nele,“ sprach Soetkin und umschlang sie, „woher kommst Du also -verwundet?“ - -Das Mädchen zitterte und stöhnte beständig und sagte: „Bring uns nicht -auf den Scheiterhaufen, Soetkin.“ - -Indessen erwachte Ulenspiegel und zwinkerte mit den Augen im -Lichtschein. Soetkin sagte: „Wer ist unten?“ Nele antwortete: - -„Schweig, es ist der Mann, den sie mir geben will.“ - -Soetkin und Nele hörten plötzlich Katheline schreien, und die Knie -zitterten den beiden. „Er schlägt sie, er schlägt sie um meinetwillen,“ -sagte Nele. - -„Wer ist im Hause?“ schrie Ulenspiegel und sprang aus dem Bett. Dann -rieb er sich die Augen und lief im Zimmer hin und her, bis er einen -schweren Schürhaken in die Hand kriegte, der in einer Ecke lag. - -„Niemand,“ sagte Nele, „niemand, geh nicht hin, Ulenspiegel.“ Aber -er hörte nicht, lief zur Tür, warf Stühle, Tische und Kohlenbecken -beiseite. Katheline schrie unten immerfort. Nele und Soetkin hielten -Ulenspiegel auf dem Treppenabsatz fest, die eine um den Leib, die -andere an den Beinen, und sagten dabei: „Geh nicht hin, Ulenspiegel, es -sind Teufel.“ - -„Ja,“ antwortete er, „ein Teufelsmann für Nele, ich werde ihn mit -meinem Schürhaken ehelich zusammentun. Ein Verlöbnis von Eisen und -Fleisch! Laßt mich hinunter!“ - -Aber sie ließen ihn nicht los, denn sie waren stark, maßen sie sich -ans Geländer klammerten. Er riß sie mit auf die Stufen der Stiege -hinab, und sie hatten Furcht, so den Teufeln nahe zu kommen. Aber sie -vermochten nichts wider ihn. Er flog in Sprüngen und Sätzen hinunter -wie ein Schneeball vom Gipfel eines Berges, kam in die Küche und sah -Katheline fahl und verstört bei Schein der Morgenröte und hörte sie -sagen: - -„Hanske, weshalb lässest Du mich allein? Es ist nicht meine Schuld, -wenn Nele bös ist.“ - -Ulenspiegel öffnete die Stalltür, ohne auf sie zu hören. Da er dort -niemanden fand, stürzte er nach dem Garten und von da auf die Straße. -Von fern sah er zwei trabende Pferde, die sich im Nebel verloren. Er -rannte, um sie einzuholen, aber er konnte es nicht, denn sie jagten wie -der Sturm, der die dürren Blätter vor sich hertreibt. - -Von Zorn und Verzweiflung gepeinigt, kehrte er um und sagte zwischen -den Zähnen: „Sie haben sie mißbraucht! Sie haben sie mißbraucht!“ Mit -Augen, worinnen eine böse Flamme glühte, betrachtete er Nele, die am -ganzen Leibe zitternd vor der Witwe und Katheline stand und sagte: - -„Nein, Tyll, mein Geliebter, nein.“ - -Solches sagend, sah sie ihm so traurig und aufrichtig in die Augen, daß -er wohl sah, daß sie wahr redete. - -Dann befragte er sie und sprach: - -„Woher kommen diese Rufe, und wohin gingen diese Männer? Warum ist Dein -Hemd auf der Schulter und im Rücken zerrissen? Warum trägst Du an Stirn -und Wangen Kratzwunden?“ - -„Hör mich an,“ sagte sie, „aber bring uns nicht auf den Scheiterhaufen. -Katheline, die Gott vor der Hölle bewahren möge, hat seit -dreiundzwanzig Tagen einen Teufel in schwarzen Kleidern, gestiefelt und -gespornt, zum Freunde. Sein Antlitz gleißt wie das Feuer, das man des -Sommers, wann es heiß ist, auf den Meereswellen sieht.“ - -„Warum bist Du fortgegangen, Hanske, mein Liebster?“ sprach Katheline. -„Nele ist bös.“ - -Aber Nele redete weiter und sprach: - -„Er schreit wie ein Fischadler, um anzukündigen, daß er da ist. Meine -Mutter empfängt ihn jeden Samstag in der Küche. Sie erzählt, daß seine -Küsse kalt und sein Körper wie Schnee sei. Und so sie nicht alles tut, -was er will, schlägt er sie. Einmal brachte er ihr etliche Gülden, aber -er nahm ihr dafür alle andern fort.“ - -Während dieser Rede faltete Soetkin die Hände und betete für Katheline. -Katheline sagte fröhlich: - -„Mein Körper ist nicht mehr mein, mein Geist ist nicht mehr mein, -sondern sein. Hanske, mein Herzallerliebster, führe mich wiederum zum -Sabbat. Nur Nele will nimmer mitgehen, Nele ist ungehorsam.“ - -„Bei Tagesanbruch ging er davon,“ sprach das Mägdlein weiter: „Am -nächsten Tage erzählte meine Mutter mir hundert schier seltsame Dinge -... Aber Du mußt mich nicht mit so bösen Augen anschauen, Ulenspiegel. -Gestern hat sie mir gesagt, daß ein schöner Herr, grau gekleidet und -Hilbert geheißen, mich zur Ehe begehre und herkommen wollte, sich -mir zu zeigen. Ich gab zur Antwort, daß ich keinen Mann wolle, weder -einen schönen noch häßlichen. Aber kraft ihrer mütterlichen Gewalt -zwang sie mich aufzubleiben, um seiner zu harren; denn wenn es sich um -ihre Buhlschaften handelt, verliert sie mitnichten den Verstand. Wir -waren halb entkleidet und bereit, uns schlafen zu legen; ich schlief -auf dem Stuhl dort. Da sie eintraten, wachte ich nicht auf. Plötzlich -fühlte ich, daß mich einer umfing und mich auf den Hals küßte. Und -beim Scheine des strahlenden Mondes sah ich ein Antlitz, gleißend wie -die Schaumkämme der Meereswogen im Heumond, wenn es donnern will; und -ich hörte ihn mit leiser Stimme zu mir sagen: „Ich bin Hilbert, Dein -Ehemann, sei mein, ich werde Dich reich machen.“ Das Angesicht dessen, -der sprach, hatte einen Fischgeruch. Ich stieß ihn zurück; er wollte -mich mit Gewalt packen, aber ich hatte die Kraft von zehn Männern -gleich ihm. Jedoch er zerriß mir das Hemde, verwundete mich im Gesicht -und sagte immerfort: „Sei mein, ich werde Dich reich machen.“ / „Ja,“ -sagte ich, „gleichwie meine Mutter, der Du ihren letzten Heller nehmen -wirst.“ Da verdoppelte er seine Gewalt, aber er vermochte nichts gegen -mich. Und da er häßlicher war denn ein Toter, fuhr ich ihm so heftig -mit meinen Nägeln in die Augen, daß er vor Schmerz schrie, und ich -entschlüpfte und kam hierher zu Soetkin.“ - -Katheline sprach beständig: - -„Nele ist ungehorsam. Warum bist Du so schnell fortgegangen, Hanske, -mein Buhle?“ - -„Wo warst Du, schlechte Mutter,“ fragte Soetkin, „dieweil man Deinem -Kinde die Ehre nehmen wollte?“ - -„Nele ist ungehorsam“, sagte Katheline. „Ich war bei meinem schwarzen -Herrn, da kam der graue Teufel zu uns mit blutendem Antlitz und -sprach: Komm fort, Gesell, das ist ein schlimmes Haus. Die Männer -darinnen gelüstet es nach Totschlag und die Weiber haben Messer an den -Fingerspitzen. Da liefen sie zu ihren Rossen und verschwanden im Nebel. -Nele ist ungehorsam!“ - - -82 - -Am nächsten Tage, da sie warme Milch tranken, sprach Soetkin zu -Katheline: - -„Du siehest, daß das Leid mich schon aus dieser Welt jagt. Willst Du -mich noch durch Deine verfluchten Zaubereien daraus vertreiben?“ - -Aber Katheline sagte immerfort: - -„Nele ist ungehorsam. Kehr zurück, Hanske, mein Buhle.“ - -Den folgenden Mittwoch kamen die Teufel zu zweien wieder. - -Nele nächtigte seit dem Samstag bei der Witwe van den Houte, unter dem -Vorgeben, sie könne bei Katheline nicht bleiben wegen Ulenspiegels, des -jungen Gesellen, der dort weilte. - -Katheline empfing ihren schwarzen Ritter und dessen Freund in der Keet, -einem Anbau am Haus, welcher die Waschküche und den Backofen enthält. -Da hielten sie Schmaus und Gelage von altem Wein und geräucherter -Ochsenzunge, so stets ihrer warteten. Der schwarze Teufel sagte zu -Katheline: - -„Wir haben eine ansehnliche Summe Geldes vonnöten, um ein großes Werk -zu tun. Gib uns soviel Du kannst.“ - -Da Katheline ihnen nicht mehr als einen Gülden geben wollte, drohten -sie ihr, sie zu töten. Aber sie ließen sie für zwei Goldkarolus und -sieben Groschen frei. - -„Kommet nicht mehr des Samstags“, sprach sie zu ihnen. „Ulenspiegel -ist dieser Tag bekannt und er wird Euch gewaffnet erwarten, um Euch -totzuschlagen; und ich würde Euch nicht überleben.“ - -„Wir werden den folgenden Dienstag kommen“, sagten sie. - -An jenem Tag schliefen Ulenspiegel und Nele, ohne die Teufel zu -fürchten, denn sie waren des Glaubens, daß sie des Samstags kämen. - -Katheline stand auf und ging in die „Keet“ nachzusehen, ob ihre Freunde -nicht gekommen wären. - -Sie war schier ungeduldig, denn seit sie Hanske wiedergesehen, hatte -ihr Wahnsinn um ein Merkliches nachgelassen, maßen es Liebestollheit -war, wie man sagte. - -Da sie sie nicht erblickte, war sie voller Harm; da hörte sie von der -Seite von Sluys her auf freiem Felde den Fischadler schreien und ging -dem Ruf nach. Auf der Wiese am Fuß eines Deiches auf Buhnen und Rasen -wandelnd, hörte sie von der anderen Seite des Deiches die beiden Teufel -mitsammen reden. Der eine sagte: - -„Ich will die Hälfte davon haben.“ - -Der andere antwortete: - -„Du sollst nichts haben; was Kathelines ist, ist mein.“ - -Darauf lästerten sie wütend und stritten miteinander, wer allein das -Vermögen und die Liebe von Katheline und Nele zugleich haben sollte. -Von Furcht erstarrt, getraute Katheline sich nicht zu sprechen, noch -sich zu rühren. Sie hörte alsbald, wie sie auf einander einhieben; dann -sagte der eine: „Dies Schwert ist kalt.“ Drauf ein Röcheln und den Fall -eines schweren Körpers. - -Voller Furcht schritt sie bis zu ihrer Hütte. In der zweiten -Nachtstunde vernahm sie abermal, jedoch auf ihrem Anwesen, den Schrei -des Fischadlers. Sie ging öffnen und sah ihren teuflischen Freund -allein vor der Tür. Sie fragte ihn: - -„Was hast Du mit dem andern gemacht?“ - -„Er wird nicht mehr kommen“, antwortete er. - -Dann umarmte und liebkoste er sie. Er deuchte ihr kälter als sonst. -Kathelines Geist aber war trefflich wach. Da er von dannen ging, -begehrte er von ihr zwanzig Gülden, alles was sie hatte; sie gab ihm -deren siebenzehn. - -Voller Neugier ging sie am andern Tage am Deich entlang; aber sie sah -nichts. - -Nur an einer Stelle, so groß wie der Sarg eines Mannes, war Blut auf -dem Rasen, darin der Fuß versank. Aber am Abend wusch der Regen das -Blut fort. - -Am nächsten Mittwoch hörte sie abermals in ihrem Garten den Schrei des -Fischadlers. - - -83 - -Allemal, wenn Ulenspiegel Geld bedurfte, um bei Katheline ihren -gemeinsamen Unterhalt zu bezahlen, hob er nachts den Stein von dem -Loch, das er beim Brunnen gegraben, und entnahm daraus einen Karolus. - -Eines Abends waren die drei Frauen beim Spinnen; Ulenspiegel schnitzte -mit dem Messer ein Kästlein, welches der Amtmann bei ihm bestellt -hatte. Er schnitzte geschickt eine schöne Jagd hinein, mit einer Meute -von Hennegauer Hunden, von Molossi von Kandia, welches sehr wilde Tiere -sind, von Brabanter Hunden, die paarweis gehen und Ohrenschnapper -genannt werden, und andere Hunde ringsherum, Möpse, Rüden und Windhunde. - -Da Katheline zugegen war, fragte Nele Soetkin, ob sie ihren Schatz -wohl verborgen habe. Die Witwe antwortete ihr ohne Mißtrauen, daß er -nirgend besser sein könne als neben der Brunnenmauer. - -Um Mitternacht des Donnerstags ward Soetkin von Bibulus Schnuffius -aufgeweckt, der scharf, doch nicht lange bellte. Vermeinend, daß es nur -ein blinder Lärm sei, schlief sie wieder ein. - -Am Freitag morgen, da Soetkin und Ulenspiegel bei Tagesgrauen -aufgestanden waren, sahen sie nicht wie üblich Katheline in der Küche, -noch das Feuer angezündet, noch die Milch auf dem Feuer kochen. Das -nahm sie wunder, und sie sahen nach, ob sie etwan im Garten wäre. -Dort erblickten sie sie, ohngeachtet ein feiner Regen fiel, im Hemde, -durchnäßt und erstarrt; aber sie wagte nicht hereinzukommen. - -Ulenspiegel ging zu ihr und sagte: - -„Was tust Du da fast nackend, derweil es regnet?“ - -„Ach,“ sprach sie, „ja, ja, großes Wunder!“ - -Und sie wies auf den Hund, der erdrosselt und ganz steif war. - -Ulenspiegel gedachte alsogleich des Schatzes und lief hin. Das Loch war -leer und die Erde weithin zerstreut. - -Er sprang auf Katheline los und schlug sie. - -„Wo sind die Karolus?“ fragte er. - -„Ja, ja, großes Wunder!“ antwortete Katheline. - -Nele beschützte ihre Mutter und rief: - -„Gnade und Erbarmen, Ulenspiegel.“ - -Da hörte er auf, sie zu schlagen. Soetkin kam herbei und fragte, was -geschehen sei. - -Ulenspiegel zeigte ihr den erwürgten Hund und das leere Loch. Soetkin -erblich und sprach: - -„Deine Hand trifft mich schwer, Herr Gott! Meine armen Füße!“ Solches -aber sagte sie wegen des Schmerzes, den sie daran hatte, und der -Tortur, so sie unnütz für die Goldkarolus erduldet. - -Da Nele Soetkin so sanft sah, verzweifelte sie und weinte. - -Katheline schwenkte ein Stück Pergament und sagte: - -„Ja, großes Wunder. Diese Nacht kam er, freundlich und schön. Er hatte -in seinem Antlitz nicht mehr den bleichen Schimmer, der mich so bange -machte, und sprach mit großer Zärtlichkeit zu mir. Ich war verzückt, -mein Herz schmolz. Er sprach zu mir: Ich bin jetzo reich und werde Dir -in Bälde tausend Goldgülden bringen.“ - -„Wohl,“ sagte ich, „aber des bin ich froh mehr deinet- als -meinethalben, Hanske, mein Liebster.“ - -„Aber hast Du nicht daheim“, fragte er, „Etliche, die Du lieb hast, -und die ich reich machen könnte?“ / „Nein, die so hier sind, bedürfen -Deiner nicht.“ / „Du bist stolz,“ sagte er, „Soetkin und Ulenspiegel -sind also reich?“ / „Sie leben ohne Beistand ihrer Nächsten.“ / -„Ohngeachtet der Gütereinziehung?“ Auf solches antwortete ich, daß -Ihr lieber hättet die Tortur erduldet, denn Euch Euer Vermögen -nehmen lassen. / „Ich wußte es wohl“, sagte er. Und er hub an, mit -verstohlenem, leisen Lachen des Amtmanns und der Schöffen zu spotten, -daß sie nicht einmal vermocht hätten, Euch zum Geständnis zu bringen. -Darauf lachte ich desgleichen. „Sie sind doch nicht etwan so einfältig -gewesen, ihren Schatz im Hause zu verbergen?“ Ich lachte. „Noch im -Keller drinnen?“ / „Mit nichten,“ sagte ich. / „Noch im Garten?“ Ich -antwortete nicht. „O,“ sagte er, „das wäre große Torheit.“ - -„Kleine,“ sagte ich, „sintemalen weder das Wasser noch seine Mauer -reden werden.“ Und er lachte immer. Diese Nacht ging er früher fort, -als seine Gewohnheit ist, nachdem er mir ein Pulver gegeben hatte, mit -dem ich, wie er sagte, zum schönsten Sabbat fliegen würde. Ich gab ihm -im Hemde das Geleit bis an die Gartenpforte und war ganz schlaftrunken. -Wie er gesagt hatte, ging ich zum Sabbat und kam erst um Tagesanbruch -zurück. Da fand ich mich allhier und erblickte den erwürgten Hund und -das leere Loch. Das ist ein gar schwerer Schlag für mich, die ihn so -zärtlich liebte und ihm meine Seele gab. Aber Ihr sollt alles haben, -was ich habe, und ich werde mit Füßen und Händen Euch Lebensunterhalt -schaffen.“ - -„Ich bin das Korn unter dem Mühlstein, Gott und ein schurkischer Teufel -suchen mich zur nämlichen Zeit heim,“ sagte Soetkin. - -„Ein Schurke / sprechet nicht also von ihm,“ versetzte Katheline, „er -ist ein Teufel, ein Teufel. Und zum Beweis werde ich Euch das Pergament -zeigen, das er im Hof gelassen hat; hier stehet geschrieben: „Vergiß -nimmer, mir zu dienen. In dreimal zween Wochen und fünf Tagen werde -ich Dir den Schatz zwiefach zurückgeben; habe Du keinen Zweifel, sonst -wirst Du sterben.“ Und er wird Wort halten, des bin ich sicher.“ - -„Arme Irre“, sprach Soetkin. - -Und das war ihr letzter Vorwurf. - - -84 - -Drei Wochen waren zweimal vergangen und die fünf Tage desgleichen, aber -der teuflische Freund kehrte nicht zurück. Gleichwohl ließ Katheline -die Hoffnung nicht sinken. - -Soetkin, die nicht mehr arbeitete, saß immerdar hustend und gebückt -am Feuer. Nele gab ihr die besten und duftigsten Kräuter; aber kein -Heilmittel half ihr. Ulenspiegel ging nicht aus dem Haus, aus Furcht, -daß Soetkin stürbe, dieweil er draußen wäre. Es geschah aber, daß die -Witwe nicht mehr essen noch trinken konnte, ohne es zu erbrechen. Der -Bader kam und ließ sie zur Ader; nachdem ward sie so schwach, daß sie -ihre Bank nicht mehr verlassen konnte. - -Von Schmerz verzehrt, sagte sie endlich eines Abends: - -„Klas, mein Mann! Tyll, mein Sohn! Dank sei Dir, Gott, daß Du mich -hinweg nimmst.“ - -Und sie starb mit einem Seufzer. - -Da Katheline sich nicht traute, bei ihr zu wachen, taten Nele und -Ulenspiegel es mitsammen, und sie beteten die ganze Nacht für die -Verstorbene. - -Bei Tagesanbruch flog eine Schwalbe durchs offene Fenster. - -Nele sagte: - -„Der Vogel der Seelen, das ist ein gutes Zeichen: Soetkin ist im -Himmel!“ - -Die Schwalbe kreiste dreimal um das Gemach und flog dann hinaus, einen -Schrei ausstoßend. - -Dann kam eine zweite Schwalbe, größer und schwärzer als die erste. Sie -umkreiste Ulenspiegel, und er sagte: - -„Vater und Mutter, die Asche brennt auf meiner Brust; ich werde tun, -was ihr begehrt!“ - -Und die zweite Schwalbe flog zwitschernd davon gleich wie die erste. Es -wurde heller. Ulenspiegel sah Tausende von Schwalben über die Wiesen -streichen und die Sonne ging auf. - -Und Soetkin ward auf dem Totenacker der Armen begraben. - - -85 - -Seit Soetkin tot war, ging Ulenspiegel sinnend, betrübt oder zornig -in der Küche umher, hörte auf nichts und nahm ohne Wahl an Speise und -Trank, was man ihm gab. Und oftmals stand er des Nachts auf. - -Umsonst mahnte Nele ihn mit ihrer sanften Stimme zur Hoffnung. -Vergeblich sagte Katheline zu ihm, sie wisse, daß Soetkin mit Klas im -Paradiese sei. Ulenspiegel antwortete auf alles: - -„Die Asche brennt.“ - -Und er war wie von Sinnen, und Nele weinte, da sie ihn also sah. - -Indessen blieb der Fischhändler in seinem Haus allein wie ein -Vatermörder und wagte sich nur Abends herfür; denn Männer und Frauen -höhnten ihn und hießen ihn Mörder, wenn sie an ihm vorbeigingen. Die -kleinen Kinder flüchteten vor ihm, denn man hatte ihnen gesagt, daß er -der Henker wäre. Er irrte allein umher und wagte nicht, in einer der -drei Schenken von Damm einzukehren; denn man wies dort mit dem Finger -auf ihn, und so er nur eine Minute darin stehen blieb, gingen die -Trinker hinaus. - -So geschah es, daß die Wirte ihn nicht mehr bei sich sehen wollten, -und wenn er sich einfand, schlugen sie ihm die Tür vor der Nase zu. -Alsdann machte der Fischhändler ihnen demütige Vorstellungen, doch sie -erwiderten, daß es ihr Recht sei, Getränk zu verkaufen, nicht ihre -Pflicht. - -Der Fehde müde, ging der Fischhändler zum Trinken ~In ’t Roode Valck~ -(in den roten Falken), eine kleine Schänke fern von der Stadt an den -Ufern des Kanals von Sluys. Da bediente man ihn, denn es waren dürftige -Leute, die jegliches Geld gerne nahmen. Aber der Baas vom Roten Falken -sprach nicht mit ihm, noch seine Frau. Es waren aber zwei Kinder und -ein Hund da; wenn der Fischhändler die Kinder liebkosen wollte, so -liefen sie davon; und wenn er den Hund rief, wollte dieser ihn beißen. - -Ulenspiegel setzte sich eines Abends auf die Türschwelle; als -Mathyssen, der Faßbinder, ihn so in Gedanken versunken sah, sprach er -zu ihm: - -„Du mußt Deinen Händen Arbeit geben und diesen Schicksalsschlag -vergessen.“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Klasens Asche brennt auf meiner Brust.“ - -„Ach,“ sagte Mathyssen, „er führt ein trauriger Leben als Du, der -elende Fischhändler. Keiner spricht mit ihm und jeder flieht ihn, also -daß er genötigt ist, bei den armen Lumpen im Roten Falken seine Kanne -Braunbier einsam zu trinken. Das ist eine große Strafe.“ - -„Die Asche brennt“, sagte Ulenspiegel zum andern Mal. - -Am nämlichen Abend, da die Glocke der Frauenkirche die neunte Stunde -läutete, schritt Ulenspiegel nach dem Roten Falken. Sehend, daß der -Fischhändler nicht dort war, streifte er unter den Bäumen, so den Kanal -einfassen, umher. Der Mond schien hell. - -Er sah den Mörder kommen. - -Da er an ihm vorüber ging, konnte er ihn ganz nahe sehen und hörte ihn -sagen, denn er redete laut, wie Leute, die allein leben: „Wo haben sie -die Karolus versteckt?“ - -„Wo der Teufel sie gefunden hat“, antwortete Ulenspiegel und schlug ihm -mit der Faust ins Gesicht. - -„Wehe,“ sagte der Fischhändler, „ich erkenne Dich, Du bist der Sohn. -Habe Mitleid, ich bin alt und kraftlos. Was ich tat, geschah nicht aus -Haß, sondern um Seiner Majestät zu dienen. Verzeihe mir gnädigst. Ich -will Dir Deinen Hausrat wiedergeben, den ich erstanden, Du sollst mir -keinen Groschen dafür bezahlen. Ist das nicht genug? Ich habe ihn für -sieben Goldgülden gekauft. Du sollst alles haben und noch einen halben -Gülden dazu, denn ich bin nicht reich, das mußt Du nicht wähnen.“ - -Und er wollte sich vor ihm auf die Knie werfen. - -Da Ulenspiegel ihn so häßlich, zitternd und feige sahe, warf er ihn in -den Kanal. - -Und er machte sich davon. - - -86 - -Auf den Scheiterhaufen schwelte das Fett der Opfer. Ulenspiegel -gedachte an Klas und Soetkin und weinte einsam. Eines Abends suchte er -Katheline auf, um sie um Beistand und um Rache zu bitten. Sie saß mit -Nele allein bei der Lampe und nähte. Da sie ihn eintreten hörte, hob -Katheline schwerfällig den Kopf, gleichwie eine Frau, die aus tiefem -Schlaf erwacht. - -Er sagte zu ihr: - -„Klasens Asche brennt auf meiner Brust, ich will das Land Flandern -retten. Ich bat den großen Gott Himmels und der Erden darum, aber er -antwortete mir nicht.“ - -Katheline sagte: - -„Der große Gott konnte Dich nicht hören. Du mußtest zuvor zu den -Geistern der Elemente sprechen, welche, da sie himmlischer und -irdischer Natur sind, die Klagen der armen Menschen annehmen und sie -den Engeln zutragen, die sie hernach zum Throne bringen.“ - -„Hilf mir bei meinem Vorhaben,“ sagte er, „ich will Dich mit Blut -bezahlen, wenn es sein muß.“ - -Katheline antwortete: - -„Ich will Dir helfen, wann ein Mädchen, so Dich liebt, Dich mitnimmt -zum Sabbat der Frühlingsgeister, welche die Ostern des Saftes sind.“ - -„Ich will ihn mitnehmen“, sagte Nele. - -Katheline goß ein graulich Gebräu in einen Kristallkelch, davon sie -beiden zu trinken gab. Sie rieb ihnen mit dieser Mixtur die Schläfen, -Nasenlöcher, Handflächen und Gelenke ein, ließ sie eine Fingerspitze -weißen Pulvers nehmen und hieß sie sich einander ansehen, damit ihre -Seelen eins würden. - -Ulenspiegel sah Nele an und die sanften Augen des Mägdleins entzündeten -eine große Glut in ihm; dann fühlte er ob der Mixtur ein Zwicken wie -von tausend Krabben. - -Danach entkleideten sie sich und solcherart von der Lampe beleuchtet, -waren sie schön; er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer liebreizenden -Anmut. Aber sie konnten einander nicht sehen, dieweil sie schon -gleichsam entschlafen waren. Sodann legte Katheline Neles Hals auf -Ulenspiegels Arm und nahm seine Hand und legte sie auf des Mägdleins -Herz. - -Und also lagen sie nackt nebeneinander. Es deuchte ihnen beiden, daß -ihre Körper, die sich berührten, von sanfter Glut wären wie die Sonne -im Rosenmond. - -Sie erhoben sich / also erzählten sie später / stiegen auf die -Fensterbrüstung, schwangen sich ins Leere und fühlten, wie die Luft -sie trug, wie das Wasser bei den Schiffen tut. Dann nahmen sie nichts -mehr wahr, weder von der Erde, wo die armen Menschen schliefen, noch -vom Himmel, wo bald die Wolken zu ihren Füßen wogten. Und sie setzten -den Fuß auf Sirius, den kalten Stern. Dann wurden sie auf den Pol -geschleudert. - -Allda erblickten sie, nicht ohne Bangen, einen nackten Riesen, den -Giganten Winter, mit falbem Haar, so auf Eisblöcken an einer Eiswand -saß. In Wasserlachen tummelten sich Bären und Robben um ihn her, eine -heulende Herde. Mit heiserer Stimme rief er den Schnee, den Hagel, -die kalten Regenschauer, die grauen Wetterwolken und die schädlichen, -stinkenden Nebel herbei. Desgleichen die Winde, von denen der rauhe -Nordwind am stärksten bläst! Und alle tobten zumal an diesem heillosen -Orte. Lächelnd über dieses Unheil, legte sich der Riese auf Blumen, -so durch die Berührung seiner Hand verwelkt waren, auf Blätter, die -sein Odem verdorrt hatte. Dann bückte er sich und den Boden mit seinen -Nägeln aufscharrend und mit seinen Zähnen aufwühlend, grub er ein -Loch hinein, um das Herz der Erde zu suchen und es zu verschlingen. -Auch wollte er schattige Wälder zu Kohle, Getreide zu Stroh und die -fruchtbare Erde zu Sand machen. Doch da das Herz der Erde von Feuer -war, so wagte er es nicht anzurühren und wich scheusam zurück. - -Er thronte als König und leerte seinen Becher voll Tran inmitten seiner -Bären und Robben und der Gerippe all derer, so er zu Wasser und Land -und in den Hütten der Armen getötet hatte. - -Wohlgemut hörte er die Bären brummen, die Robben schreien, das -Totengebein von Mensch und Tier unter den Krallen von Geiern und Raben -klappern, so daran nach einem letzten Bissen Fleisch suchten, und hörte -die Eisschollen krachen, die im trüben Wasser widereinander stießen. - -Und die Stimme des Riesen war gleichwie das Brüllen der Orkane, das -Tosen der Winterstürme und wie der Wind, der in den Kaminen heult. - -„Mich friert und ängstet“, sprach Ulenspiegel. - -„Er vermag nichts wider die Geister“, antwortete Nele. - -Plötzlich entstand ein Aufruhr unter den Robben, die eilends ins -Wasser zurückkehrten; die Bären ließen vor Furcht die Ohren hängen und -brummten kläglich; und die Raben, vor Angst krächzend, verschwanden in -den Wetterwolken. - -Und siehe! Nele und Ulenspiegel vernahmen die dumpfen Stöße eines -Sturmbocks wider die Eismauer, so dem Riesen Winter als Stütze diente. -Und die Mauer spaltete sich und erbebte in ihren Grundvesten. - -Aber der Riese Winter hörte nichts und heulte und bellte lustig, -füllte und leerte seinen Tranbecher und suchte nach dem Herzen der -Erde, um es zu erstarren, und wagte doch nicht, es zu fassen. - -Indessen erdröhnten die Stöße stärker und die Mauer barst noch mehr, -und der Regen von Eisstücken, so in Splittern abflogen, prasselte ohn -Unterlaß um ihn her. Und die Bären brummten allezeit kläglich und die -Robben winselten in den trüben Wassern. - -Die Mauer stürzte zusammen und der Himmel ward hell. Ein Mann, nackend -und schön, eine Hand auf eine güldene Axt stützend, entstieg ihm. -Derselbige Mann war Luzifer, der König Lenz. Da der Riese ihn sahe, -warf er seinen Tranbecher weit fort und flehete ihn an, ihn nicht zu -töten. - -Und da König Lenz seinen lauen Odem hauchte, verlor der Riese Winter -jegliche Kraft. Da nahm der König demantne Ketten und band ihn damit -und fesselte ihn an den Pol. - -Sodann hielt er inne und rief, aber inniglich und brünstig. Und vom -Himmel kam ein blondhaarig Weib herab, nackend und schön. Sie saß neben -dem König nieder und sprach zu ihm: - -„Du bist mein Sieger, starker Mann.“ - -Er antwortete: - -„So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke, und so Du Furcht -hast, komm nahe zu mir: ich bin Dein Geselle.“ - -„Mich hungert und dürstet nur nach Dir“, sprach sie. - -Und aber rief der König sieben Mal schrecklich. - -Und es ward ein großes Getöse von Donnern und Blitzen, und hinter ihm -entstund ein Baldachin von Sonnen und Sternen. Und sie setzten sich auf -Throne. - -Darauf riefen der König und sein Gemahl; aber ihr edles Angesicht -bewegte sich nicht, noch machten sie eine Gebärde, so ihrer Kraft und -ruhigen Majestät entgegen war. Und bei diesem Rufen entstand eine -wallende Bewegung in der Erde, dem harten Gestein und den Eisblöcken. -Und Nele und Ulenspiegel vernahmen ein Geräusch, gleich als ob riesige -Vögel die Schale ungeheurer Eier mit Schnabelhieben zerbrächen. - -Und in dieser gewaltigen Bewegung des Bodens, der gleich Meereswogen -stieg und sank, waren Formen wie die eines Eies. Plötzlich kamen -von allen Seiten Bäume heraus, die ihre dürren Zweige durcheinander -wirrten, dieweil ihre Stämme wie trunkene Männer schwankten. Dann -wichen sie auseinander und ließen einen weiten leeren Raum zwischen -sich. Aus dem wallenden Boden kamen die Geister der Erde, aus der Tiefe -des Waldes die Waldgeister, aus dem nahen Meere die Wassergeister. - -Ulenspiegel und Nele erblickten da schatzhütende Zwerge, bucklig, -plattfüßig und zottig, häßlich und fratzenhaft, Fürsten des Gesteins, -Waldmänner, so wie Bäume lebten und an Stelle von Mund und Magen ein -Bündel Wurzeln am Gesicht trugen, um dergestalt ihre Nahrung aus der -Brust der Erde zu saugen; desgleichen die Herrscher der Bergwerke, -welche stumm sind, weder Herz noch Eingeweide haben und sich gleich -glänzenden Maschinen bewegen. Da waren Zwerge von Fleisch und Bein, so -Eidechsenschwänze und Krötenköpfe hatten und auf dem Kopf eine Leuchte -trugen. Sie springen zur Nacht dem trunkenen Wanderer oder furchtsamen -Reisenden auf die Schultern, springen wieder hinunter, schwenken ihr -Lichtlein und führen sie in Sümpfe oder Gräben, denn die armen Wandrer -wähnen, daß dieses die Leuchte sei, so in ihrer Behausung brennt. - -Da waren auch Blumenmädchen, Blumen von weiblicher Kraft und -Gesundheit, nackend und nicht errötend, sondern stolz auf ihre -Schönheit und nur in den Mantel ihrer Haare gehüllt. Ihre Augen -erglänzten feucht gleichwie Perlmutter im Wasser. Die Haut ihres -Körpers war fest, weiß und vom Lichte vergüldet. Aus ihrem roten, -offenen Munde ging ein Odem, balsamischer als Jasmin. Sie sind es, die -am Abend in Mauern und Gärten, noch lieber in der Tiefe der Wälder -auf schattigen Steinen umherstreifen und verliebt nach irgend einer -Mannesseele sahen, um sie zu besitzen. So ein junger Knabe und ein -Mägdlein an ihnen vorbeigeht, versuchen sie das Mägdlein zu töten, -doch da sie es nicht vermögen, hauchen sie der Lieblichen, die noch -widerstrebt, Liebessehnsucht ein, auf daß sie sich dem Geliebten -hingebe. Denn alsdann hat die Blumenmaid die Hälfte der Küsse. - -Ulenspiegel und Nele sahen auch die Schutzgeister der Sterne, die -Geister der kalten und warmen Winde und des Regens vom hohen Himmel -herabsteigen; es waren geflügelte Jünglinge, so die Erde befruchten. - -Alsdann erschienen an allen Punkten des Himmels die Vögel der Seelen, -die zierlichen Schwalben. Als sie da waren, schien das Licht heller. -Blumenmädchen, Steinfürsten, Herrscher der Bergwerke, Waldmänner, -Wasser-, Feuer- und Erdgeister riefen zumal: „Licht, Saft! Ruhm dem -König Lenz!“ - -Ob ihr einstimmig Geschrei zwar mächtiger war, denn das tosende Meer, -der krachende Donner und der entfesselte Sturm, so klang es doch Nele -und Ulenspiegel gleichwie sanfte Musik in die Ohren. Sie aber saßen -reglos und schweigend zusammengekauert hinter dem knorrigen Stamm einer -Eiche. - -Aber sie fürchteten sich noch mehr, da die Geister sich zu Tausenden -wie auf Sessel niederließen auf riesige Spinnen, auf Kröten mit -Elefantenrüsseln, auf Schlangenknäule und Krokodile, so auf dem -Schwanze stunden und eine Schar Geister im Rachen hielten. Schlangen -trugen mehr denn dreißig Zwerge und Zwerginnen, so rittlings auf ihrem -schlängelnden Körper saßen, und schier hunderttausend Insekten, größer -denn Goliath, mit Degen, Lanzen, gezähnten Sicheln, siebenzinkigen -Heugabeln und jeglicher Art von schrecklichen Mordwerkzeuge bewaffnet. -Die schlugen auf einander los mit großem Getöse; der Starke fraß den -Schwachen, mästete sich an ihm und zeigte also, daß der Tod aus dem -Leben und das Leben aus dem Tode entsteht. - -Und aus dieser ganzen wimmelnden, drängenden und wirren Menge von -Geistern drang ein Geräusch gleichwie dumpfer Donner und der Lärm von -hundert Webstühlen, Walkmühlen und Schlosserwerkstätten, die mitsammen -arbeiten. - -Plötzlich erschienen die Geister des Saftes, kurz und stämmig, mit -Lenden, breit wie das große Faß zu Heidelberg und Schenkeln, so -gewaltig wie ein Ohm Wein. Und ihre Muskeln waren so seltsam stark und -mächtig, daß man hätte sagen mögen, sie seien aus großen und kleinen -Eiern gemacht, die aneinandergefügt und mit einer Haut bedeckt waren, -welche so rot, fett und glänzend war, wie ihr spärlicher Bart und das -rote Haupthaar; und sie trugen ungeheure Humpen voll einer seltsamen -Flüssigkeit. - -Da die Geister sie kommen sahen, machten sie einen großen Aufstand vor -Freuden; die Bäume und Pflanzen schüttelten sich und die Erde barst, um -zu trinken. - -Und die Geister des Saftes gossen Wein aus, und alsobald knospete, -grünte und blühte alles. Der Rasen war voll summender Käfer und der -Himmel mit Vögeln und Faltern erfüllt. Die Geister gossen immerdar Wein -und die unten empfingen ihn, so gut sie konnten. Die Blumenmädchen -öffneten den Mund oder sprangen auf ihre rothaarigen Mundschenken zu -und küßten sie, um noch mehr zu bekommen. Etliche falteten die Hände -zum Beten; andere ließen es glückselig auf sich herabregnen. Aber alle, -ob lüstern oder durstig, fliegend, stehend, laufend oder unbeweglich, -trachteten nach dem Wein und wurden nach jedem Tröpflein, so sie -auffangen konnten, lebendiger. Und waren keine Greise da, sondern alle, -ob häßlich oder schön, waren voll frischer Kraft und lebendiger Jugend. - -Und sie lachten, schrien, sangen und verfolgten sich auf den Bäumen -gleich Eichkätzchen und in der Luft gleich Vögeln. Jedes Männchen -suchte sein Weibchen und übte unter Gottes Himmel das heilige Werk der -Natur. - -Und die Geister des Saftes brachten dem König und der Königin den -großen Becher voll ihres Weines; und der König und die Königin tranken -und umarmten sich. Alsdann schüttete der König, sein Gemahl umschlungen -haltend, den Rest seines Bechers über die Bäume, die Blumen und Geister -und rief: „Ehre sei dem Leben! Ehre der freien Luft! Ehre der Kraft!“ - -Und alle riefen: - -„Ehre sei der Natur! Ehre der Kraft!“ - -Und Ulenspiegel nahm Nele in seine Arme. Da sie so umschlungen -waren, begann ein Tanz. Ein wirbelnder Tanz wie von Blättern, so ein -Wirbelwind zusammenraft, wo alles im Schwung war: Bäume, Pflanzen, -Käfer, Falter, Himmel und Erde, König und Königin, Blumenmädchen, -Bergwerksherrscher, Wassergeister, bucklige Zwerge, auch Steinfürsten, -Waldmänner, Leuchtenträger und Schutzgeister der Sterne. Die -hunderttausend greulichen Insekten verwirrten ihre Lanzen, gezähnten -Sicheln und siebenzinkigen Heugabeln. Es war ein schwindelnder Tanz, -der sich in den Weltraum wälzte und ihn erfüllte, und Sonne, Mond, -Planeten, Sterne, Wind und Wetterwolken nahmen daran teil. - -Und die Eiche, daran Nele und Ulenspiegel sich geklammert hatten, -rollte mit im Wirbel, und Ulenspiegel sprach zu Nele: - -„Liebchen, wir werden sterben.“ - -Und ein Geist hörte sie und sahe, daß sie Sterbliche waren. - -„Menschen,“ schrie er, „Menschen an diesem Ort!“ - -Und er riß sie vom Baume los und schleuderte sie in die Menge. - -Und Ulenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der Geister, die -sie sich einander zuwarfen und dabei sagten: - -„Heil den Menschen! Willkommen Ihr Erdenwürmer! Wer will ein Knäblein -und ein Mägdlein haben? Sie machen uns einen Besuch, die Schwächlinge!“ - -Und Ulenspiegel und Nele flogen von einem zum andern und riefen: -„Gnade!“ - -Aber die Geister hörten sie nicht und alle beide flogen und wirbelten -wie Federn im Winterwind, die Beine in der Luft und den Kopf nach -unten, derweil die Geister sagten: - -„Ehre den Männlein und Weiblein, mögen sie tanzen gleichwie wir.“ - -Die Blumenmädchen waren willens, Nele von Ulenspiegel zu trennen, -schlugen sie und hätten sie getötet, hätte nicht der König Lenz mit -einer Gebärde dem Tanz Einhalt geboten und gerufen: - -„Man führe diese beiden Flöhe vor meinen Thron!“ - -Und sie wurden voneinander getrennt, und jegliche Blumenmaid trachtete -Ulenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen und sprach: - -„Tyll, möchtest Du nicht für mich sterben?“ - -„Ich werde es in Bälde tun“, antwortete Ulenspiegel. - -Und die zwergischen Waldgeister, so Nele trugen, sagten: - -„Was bist Du nicht Seele wie wir, auf daß wir Dich zu eigen nehmen -könnten!“ - -Nele antwortete: - -„Geduldet Euch.“ - -Und also kamen sie vor des Königs Thron, und sie zitterten schier, da -sie seine güldene Axt und seine eiserne Krone ersahen. - -Und er sprach zu ihnen: - -„Warum seid Ihr hier gekommen, Ihr Schwächlinge?“ - -Sie antworteten nicht. - -„Ich kenne Dich, Du Hexenknospe,“ fügte der König bei, „und auch Dich, -Sprößling des Kohlenträgers. Aber da es Euch durch Hexenkunst gelang, -in diese Werkstätte der Natur einzudringen, warum habt Ihr jetzo den -Schnabel zu wie Kapaune, so mit Brotkrumen gestopft sind?“ - -Nele erbebte beim Anblick des schrecklichen Teufels. Ulenspiegel aber -gewann seine mannhafte Festigkeit wieder und antwortete: - -„Klasens Asche brennt mir auf dem Herzen. Göttliche Hoheit, der -Schnitter Tod geht durch das Land Flandern und in des Papstes Namen -mähet er die stärksten Männer und die holdesten Frauen. Flanderns -Privilegien sind zerbrochen, seine Urkunden vernichtet, die Hungersnot -nagt an ihm. Seine Weber und Tuchwirker verlassen es, um in der -Fremde freie Arbeit zu suchen. Bald wird es sterben, sofern man ihm -nicht zu Hilfe kommt. Ihr Hoheiten, ich bin nur ein armer, geringer -Bursche, zur Welt gekommen wie ein Jeder; habe gelebt wie ich konnte, -unvollkommen, beschränkt, unwissend, nicht tugendhaft noch keusch, und -keiner menschlichen noch göttlichen Gnade würdig. Aber Soetkin starb -an den Folgen der Tortur und ihres Kummers und Klas verbrannte in -einem schrecklichen Feuer, und ich wollte sie rächen und tat es schon -einmal. Ich wollte auch diesen armen Boden, in den ihr Gebein gesäet -ist, glücklicher sehen, und ich bat Gott um den Tod der Verfolger, aber -er erhörte mich nicht. Der Klagen müde, hab’ ich Euch durch Kathelines -Zauber beschworen, und ich und meine zage Gesellin kommen zu Euren -Füßen, Ihr göttlichen Hoheiten, und bitten Euch um Rettung dieses armen -Landes.“ - -Der König und seine Gefährtin antworteten zumal: - - „Durch Krieg und Feuer, - Durch Tod und Schwert - Suche die Sieben. - - In Tod und Blut, - In Trümmern und Tränen - Finde die Sieben. - - Häßlich, grausam, ungestalt, - Wahre Geißeln dieses Landes, - Brenne die Sieben. - - Harre, horch und schaue, - Schwächling, sag, bist Du nicht froh? - Finde die Sieben.“ - -Und alle Geister sangen zumal: - - „In Tod und Blut, - In Trümmern und Tränen - Finde die Sieben. - - Harre, horch und schaue, - Schwächling, sag, bist Du nicht froh? - Finde die Sieben.“ - -„Jedoch,“ sprach Ulenspiegel, „Hoheit und Ihr Herren Geister, ich -verstehe nichts von Eurer Rede. Ohne Zweifel spottet Ihr meiner.“ - -Die aber sagten, ohne ihn anzuhören: - - „Wann der Norden - Wird den Süden küssen, - Ist das Ende des Verderbens nah. - Finde die Sieben - Und den Gürtel.“ - -Und das mit so gewaltigem Einklang und so erschrecklicher Kraft des -Schalles, daß die Erde erbebte und die Himmel erzitterten. Und die -Falken pfiffen, die Eulen schrien, die Sperlinge piepsten vor Furcht, -die Fischadler klagten und alle flatterten ängstlich. - -Und die Tiere der Erde: Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche, Rehe, Wölfe, -Hunde und Katzen brüllten, zischten, schrien, heulten, bellten und -miauten erschrecklich. - -Und die Geister sangen: - - „Harre, horch und schaue, - Liebe die Sieben - Und den Gürtel.“ - -Und die Hähne krähten und alle Geister entwichen, ungerechnet einen -bösen Bergwerkskönig, welcher Nele und Ulenspiegel je mit einem Arm -packte und sie unsänftiglich ins Leere schleuderte. - -Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie um zu schlafen, und -fröstelten bei dem kalten Morgenwind. - -Und Ulenspiegel sah Neles holden Leib ganz gülden in der aufgehenden -Sonne. - - - - -Zweites Buch - - -1 - -An diesem Morgen des Herbstmonds nahm Ulenspiegel seinen Stab, drei -Gülden, die ihm Katheline gegeben, ein Stück Schweinsleber, eine -Schnitte Brot und zog von Damm nach Antwerpen, um die Sieben zu suchen. -Nele schlief. - -Beim Wandern folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber -beschnüffelte und ihm an die Beine sprang. Ulenspiegel wollte ihn -fortjagen, und da er sah, daß der Hund ihm hartnäckig folgte, hielt er -ihm diese Rede: - -„Ei Hündlein, mein Schatz, Du bist übel beraten, daß Du das Haus -verlässest, wo gute Pasteten, auserlesener Abhub von der Tafel und -Knochen voll Mark Deiner harren. Du willst aufs Geratewohl einem -Landstreicher folgen, der vielleicht nicht allzeit Wurzeln haben -wird, um sie Dir als Nahrung zu bieten. Glaube mir, Du unfürsichtiges -Hündlein, kehr zu Deinem Herrn zurück. Meide Regen, Schnee, Hagel, -Staubregen, Nebel, Glatteis und andere magere Suppen, so auf den -Rücken der Landstreicher fallen. Bleibe im Herdwinkel und wärme -Dich, zusammengerollt am lustigen Feuer; laß mich in Schlamm, Staub, -Kälte und Hitze marschieren; heute gesotten, morgen zu Eis erstarrt, -Freitags vollgestopft, Sonntags ausgehungert. Du wirst etwas Gescheites -tun, wenn Du hingehst, wo Du hergekommen bist, Du Hündlein mit wenig -Erfahrung.“ - -Das Tier schien Ulenspiegel schlechterdings nicht zu verstehen. Es -wedelte mit dem Schwanz und sprang so gut es konnte und bellte vor -Begierde. Ulenspiegel glaubte, daß es Freundschaft sei, aber er -gedachte nicht der Leber, die er im Ränzel trug. Er wanderte, der Hund -lief ihm nach. Da sie also gegen eine Stunde zurückgelegt hatten, sahen -sie auf der Landstraße einen Karren mit einem Esel bespannt, welcher -den Kopf senkte. Auf einer Böschung am Wegrande saß zwischen zwei -Distelsträuchen ein dicker Mann, der in der einen Hand eine Hammelkeule -hielt, die er abnagte, in der andern eine Flasche, deren Saft er -aussog. Wenn er nicht aß noch trank, so greinte und weinte er. - -Da Ulenspiegel stillstand, blieb der Hund gleichermaßen stehen. Er -witterte den Hammel und die Leber und lief die Böschung hinan. Da -setzte er sich auf die Hinterpfoten neben den Mann und kratzte ihn am -Wams, um auch sein Teil von dem Festmahl zu haben. Aber der Mann stieß -ihn mit dem Ellenbogen zurück, hielt seine Hammelkeule in die Luft und -greinte erbärmlich. Der Hund tat aus Gier das nämliche. Der Esel ward -böse, daß er an den Wagen gespannt war und die Disteln nicht erreichen -konnte, und hub an zu schreien. - -„Was ficht Dich an, Jan?“ fragte der Mann den Esel. - -„Nichts,“ antwortete Ulenspiegel, „dafern er nicht von jenen Disteln -Imbiß halten möchte, die Euch zur Seiten blühen wie am hohen Chor -von Tessenderloo neben und über dem Herrn Christo. Dieser Hund würde -auch nicht bös sein, wenn seine Kinnbacken mit dem Knochen, so Ihr da -haltet, Hochzeit machen könnten. Indessen will ich ihm die Leber geben, -die ich hier habe.“ - -Nachdem der Hund die Leber gefressen, betrachtete der Mann seinen -Knochen, benagte ihn noch mehr, um alles Fleisch, so daran war, zu -kriegen, und gab ihn dermaßen abgenagt dem Hunde. Der legte seine -Pfoten darauf und machte sich daran, ihn auf dem Rasen zu zermalmen. - -Dann blickte der Mann Ulenspiegel an. Und der erkannte Lamm Goedzak -aus Damm. „Lamm,“ sagte er, „was tust Du hier, essend, trinkend und -bitterlich weinend? Sollte Dir ein Soldat die Ohren ohne die rechte -Ehrfurcht eingerieben haben?“ - -„Wehe, mein Weib“, sagte Lamm. - -Er wollte seine Flasche Wein leeren, aber Ulenspiegel legte ihm die -Hand auf den Arm. - -„Trink nicht also, denn hastig Trinken kommt nur den Nieren zugute. Es -sollte lieber dem zuteil werden, der keine Flasche hat.“ - -„Du redest gut,“ sagte Lamm, „aber wirst Du besser trinken?“ - -Und er hielt ihm die Flasche hin. - -Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellenbogen und gab sie ihm zurück. - -„Heiß mich Spanier,“ sagte er, „dafern noch genug darin ist, um einen -Sperling trunken zu machen.“ - -Lamm betrachtete die Flasche und ohne mit Greinen innezuhalten, wühlte -er in seiner Weidtasche und zog eine andere Flasche und ein anderes -Stück Wurst heraus, die er alsogleich in Stücke schnitt und trübsinnig -kaute. - -„Issest Du ohn Unterlaß, Lamm?“ fragte Ulenspiegel. - -„Oftmals, mein Sohn,“ erwiderte Lamm, „aber es geschieht, meine -traurigen Gedanken zu vertreiben. Wo bist Du, Weib?“ sagte er und -wischte sich eine Zähre ab. - -Und er schnitt sich zehn Scheiben Wurst. - -„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „iß nicht so rasch und ohne Mitleid für den -armen Wallfahrer.“ - -Lamm gab ihm weinend vier Schnitten und da Ulenspiegel sie verspeiste, -ward er von ihrem guten Geschmack gerührt. - -Aber Lamm sagte, immerfort weinend und essend: - -„Mein Weib, mein gutes Weib! Wie sanft und wohlgeformt war ihr Leib! -Sie war leicht wie ein Falter, rasch wie der Blitz und sang gleich -einer Lerche. Sie schmückte sich freilich zu gerne mit schönem Putz. -Ach, er kleidete sie so gut. Aber die Blumen haben auch reichen Putz. -So Du ihre Händlein gesehen hättest, mein Sohn, die so zierlich -liebkosten, hättest Du ihnen nimmer erlaubt, Pfanne noch Tiegel -anzurühren. Das Küchenfeuer hätte ihre Haut, die so hell wie der Tag -war, geschwärzt. Und welche Augen! Ich zerschmolz in Zärtlichkeit -beim bloßen Anschauen. / Trink einen Schluck Wein, ich werde nach Dir -trinken. Ach, warum ist sie nicht tot! Thyl, ich behielt mir in unserm -Haus jegliche Arbeit vor, um ihr die mindeste Mühe zu ersparen. Ich -kehrte die Stuben, ich machte das Ehebett, darinnen sie sich am Abend, -vom Wohlleben ermüdet, ausstreckte; ich wusch das Geschirr und auch die -Wäsche, die ich selbst bügelte. / Iß, Thyl, diese Wurst ist aus Gent. / -Oftmals, wenn sie sich draußen erging, kam sie zu spät zum Mittagmahl; -aber es war mir so große Freude, sie zu sehen, daß ich nicht wagte, -sie zu schmählen. Ich war schier glücklich, so sie mir nachts nicht -schmollend den Rücken kehrte. Ich habe alles verloren. / Trink von -diesem Wein, er ist vom Brüsseler Weinberg, nach Art des Burgunders.“ - -„Warum ist sie fortgegangen?“ fragte Ulenspiegel. - -„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei ihr -aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus Furcht -und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen runden weißen -Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute, ließ sie unversehens -ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen ließ sie sich mein Kosen -gefallen und ich konnte sie auf die holden Äuglein küssen, welche -sie schloß, und auf den vollen festen Nacken. Dann schauderte sie -und schrie ein wenig, neigte den Kopf zurück, und gab mir solcherart -einen Nasenstüber. Und sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr -verliebte Schläge und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. / -Thyl, ist noch Wein in der Flasche?“ - -„Wohl“, antwortete Ulenspiegel. - -Lamm trank und redete weiter: - -„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide Arme -um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte mich wie toll -und hundert Mal nacheinander auf Wange und Stirn, aber nimmer auf den -Mund, und wenn ich sie fragte, woher ihr diese große Sprödigkeit bei -so großer Ungezwungenheit komme, lief sie eilends nach einem Humpen, -der auf einem Schrein stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und -Perlen angetan, schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will -ich nicht.“ Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu -bewahren, gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden. Ach, -süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du nicht einen -kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“ - -„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der ihn ganz -und gar verspeiste. - -Ulenspiegel sah ihm zu und sagte: - -„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“ - -„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit den -Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen. Sie ist aus -Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem Wagen suchen?“ - -„Das will ich“, sagte Ulenspiegel. - -„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“ - -„Nichts“, antwortete Ulenspiegel. - -Und sie stiegen in den Wagen und wurden von dem Grautier gezogen, -welches zum Zeichen der Abfahrt trübselig schrie. - -Der Hund aber war, da er sich satt gefressen, ohne ein Wörtlein, -davongelaufen. - - -2 - -Da der Wagen zwischen einem Weiher und einem Kanal auf einen Deich -rollte, strich Ulenspiegel in tiefem Sinnen kosend über Klasens Asche -auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht Wahrheit oder Lüge -sei, ob die Geister seiner gespottet, oder ob sie ihm in Rätseln gesagt -hätten, was er wirklich finden müßte, um das Land seiner Väter zu -beglücken. - -Umsonst zermarterte er sein Hirn, er konnte nicht finden, was die -Sieben und der Gürtel bedeuteten. - -Wenn er des toten Kaisers, des lebenden Königs, der Regentin, des -römischen Papstes, des Großinquisitors, des Jesuitengenerals gedachte, -so fand er da sechs große Landeshenker, so er ohne Verzug lebendig -hätte verbrennen mögen. Aber er dachte, daß sie es mitnichten seien, -denn sie waren zu leicht zu verbrennen, also mußten sie andern Orts -sein. - -Und er wiederholte sich immerfort im Geiste: - - Wenn der Norden - Wird den Süden küssen, - Endet das Verderben. - Liebe die Sieben - Und den Gürtel. - -„Ach,“ sprach er zu sich: „In Tod, Blut und Tränen sieben finden, -sieben verbrennen, sieben lieben: Mein armer Verstand sucht vergeblich, -denn wer verbrennt, was er liebt?“ - -Da der Wagen schon ein gut Stück Weges verschlungen, hörten sie -Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang: - - „Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an, - Den närrischen Freund, der mir entrann? - Nach Laun und Zufall tut er gehn; - Habt Ihr ihn nicht gesehn? - - Wie es dem Lamm der Adler tat, - Mein Herze nahm er unversehn, - Er ist ein Mann, doch ohne Bart; - Habt Ihr ihn nicht gesehn? - - Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet, - Gar müde ward von vielem Gehn. - Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt? - Habt Ihr ihn nicht gesehn? - - Weiß er, daß Täubchen weint und siecht, - So ihm der Täuber tat entgehn? - So auch ein treues Herze bricht. - Habt Ihr ihn nicht gesehn?“ - -Ulenspiegel schlug Lamm auf den Bauch und sprach zu ihm: - -„Halt den Odem an, Fettwanst.“ - -„Ach,“ sprach Lamm, „das ist gar hart für einen Mann meines Umfangs.“ - -Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn und versteckte sich hinter das -Plantuch des Wagens und ahmte die Stimme eines hüstelnden Zechers nach, -dieweil er sang: - - „Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren; - Er saß in einem morschen Karren, - Bei einem Vielfraß, dick und voll. - Ich sah ihn wohl.“ - -„Thyl,“ sprach Lamm, „Du hast heute morgen eine schlimme Zunge.“ - -Ulenspiegel, ohne auf ihn zu hören, steckte den Kopf aus dem Loch der -Plandecke und sprach: - -„Nele, erkennst Du mich?“ - -Sie aber, von Furcht ergriffen und in Einem lachend und weinend, denn -sie hatte feuchte Wangen, sprach: - -„Ich sehe Dich, schlimmer Verräter!“ - -„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „so Du mich schlagen willst, ich habe da -drinnen einen Knüttel. Er ist schwer, um die Hiebe eindringlich zu -machen, und knotig, um ein Merkmal davon zu hinterlassen.“ - -„Thyl,“ sprach Nele, „gehst Du den Sieben nach?“ - -„Ja,“ antwortete Ulenspiegel. - -Nele trug ein Ränzel, das jeden Augenblick platzen wollte, so voll war -es. - -„Thyl,“ sprach sie, es ihm hinhaltend, „ich meinte, es sei einem -Menschen ungesund, zu reisen, ohne eine gute, fette Gans, einen -Schinken und Genter Würste mitzunehmen. Und dies mußt Du zu meinem -Gedächtnis essen.“ - -Da Ulenspiegel sie anschaute und mitnichten gewillt war, das Ränzel zu -nehmen, steckte Lamm den Kopf aus einem andern Loch der Leinwand und -sprach: - -„Du vorsorgliches Mägdlein, wenn er’s nicht annimmt, geschieht’s aus -Vergeßlichkeit. Aber gib mir diese Gans, gib mir diesen Schinken, und -dränge mir diese Würste auf; ich werde sie ihm aufheben.“ - -„Wer ist dies biedere Vollmondsgesicht?“ fragte Nele. - -„Das ist ein Opfer des Ehestandes“, antwortete Ulenspiegel. „Von -Schmerz verzehrt, würde er wie ein Apfel im Backofen eintrocknen, -dafern er nicht seine Kräfte durch unaufhörliche Nahrung ersetzte.“ - -„Du sagst es, mein Sohn“, seufzte Lamm. - -Die strahlende Sonne brannte Nele auf den Kopf und sie schirmte sich -mit ihrer Schürze. Da er mit ihr allein sein wollte, sprach er zu Lamm: - -„Siehest Du die Frau dort auf der Weide einhergehn?“ - -„Ich sehe sie!“ sagte Lamm. - -„Erkennest Du sie?“ - -„Ei!“ sagte Lamm, „sollt’ es die meine sein? Sie trägt sich nicht wie -eine Bürgersfrau.“ - -„Du zweifelst noch, blinder Maulwurf“, sagte Ulenspiegel. - -„Wenn sie es nun nicht wäre?“ fragte Lamm. - -„Du verlierst nichts dabei; dort zur Linken, gen Norden, ist eine -Schenke, allwo Du gutes Braunbier finden wirst. Wir wollen Dich dort -treffen. Und hier ist Schinken, den natürlichen Durst zu salzen.“ - -Lamm stieg aus dem Wagen und lief eilends auf die Frau zu, die auf der -Weide stand. - -Ulenspiegel sagte zu Nele: - -„Was kommst Du nicht zu mir?“ - -Alsdann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich, nahm ihr die -Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern. Dann gab er ihr -hundert Küsse und sprach: - -„Wohin gingest Du, Geliebte?“ - -Sie erwiderte nichts, aber sie war vor Wonne schier verzückt. - -Und Ulenspiegel, gleich ihr entzückt, sagte: - -„Da bist Du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht die holde -Röte Deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, aber ich will Dir -eine Krone von Küssen machen. Ihr reizenden Arme, so weich und rosig, -die Amor mit Fleiß zum Umarmen gemacht hat. Ach, geliebtes Mägdlein, -werden meine rauhen Mannshände nicht dieser Schulter den Schmelz -rauben? Der leichte Falter setzt sich auf die purpurne Nelke, aber -kann ich Tölpel an Deiner weißen Haut ruhen, ohne sie welk zu machen? -Gott sitzt im Himmel, der König auf seinem Thron und die Sonne steht -siegreich dort oben; aber bin ich Gott, König oder Licht, daß ich Dir -so nahe bin? Ihr Haar, weicher denn Flockseide! Nele, ich schlage, ich -zerreiße, ich zerstückele Dich! Aber habe keine Furcht, Liebchen. -Welch zierliches Füßlein! Woher kommt’s, daß es so weiß ist? Ist es in -Milch gebadet?“ - -Sie wollte aufstehen. - -„Was fürchtest Du?“ sprach Ulenspiegel. „Die Sonne scheint auf uns -herab und bemalt Dich mit Gold. Schlage nicht die Augen nieder. Sieh, -welch schöne Glut sich in den meinen entzündet. Ach Geliebte, höre, -mein Schätzlein, es ist die schweigende Stunde des Mittags. Der -Arbeiter ist daheim und ißt seine Brühe; könnten wir nicht von Liebe -leben? Könnt’ ich doch tausend Jahre auf Deinen Knien einen Rosenkranz -von irdischen Perlen abbeten.“ - -„Schmeichler“, sagte sie. - -Und Frau Sonne leuchtete durch das weiße Linnen des Wagens, und eine -Lerche sang über dem Klee, und Nele legte ihr Haupt an Ulenspiegels -Schulter. - - -3 - -Derweilen kehrte Lamm zurück, schwitzte große Tropfen und schnaufte wie -ein Delphin. - -„Wehe,“ sagte er, „ich bin unter einem unglücklichen Sterne geboren. -Ich habe gewaltig laufen müssen, um zu dieser Frau zu kommen, und es -war nicht die meine und war in Jahren; ich sah’s ihr am Gesicht an, daß -sie gut fünfundvierzig Jahre zählte, und an der Haube, daß sie niemals -verheiratet gewesen. Sie fragte mich keifend, was ich mit meinem Wanst -im Kleefelde wollte. „Ich suche mein Weib, das mich verlassen hat,“ -antwortete ich sanftmütig, „und da ich Euch für sie hielt, bin ich Euch -nachgelaufen.“ - -Auf diese Rede sagte mir die bejahrte Jungfer, daß ich nur wieder -hingehen solle, von wo ich gekommen sei. So mein Weib mich verlassen -hätte, so wär’ es wohl getan, in Ansehung daß alle Männer Spitzbuben, -Lumpen, Ketzer, Treulose, Vergifter seien und die Jungfrauen -ohngeachtet ihres reifen Alters betrögen. Im übrigen werde sie mich -von ihrem Hund fressen lassen, so ich mich nicht flugs davon höbe. - -„Solches tat ich, nicht ohne Furcht, denn ich nahm einen großen -Schäferhund wahr, der knurrend zu ihren Füßen lag. Als ich die Grenze -ihres Feldes überschritten hatte, saß ich nieder, und um mich zu -erholen, biß ich in Dein Stück Schinken. Ich befand mich just zwischen -zwei Kleeäckern; mit einem Mal hörte ich ein Geräusch hinter mir, -und da ich mich umwandte, sah ich den großen Schäferhund der alten -Jungfrau, nicht mehr dräuend, sondern lieblich und hungrig mit dem -Schwanze wedelnd. Er wollte meinem Schinken zu Leibe. Ich gab ihm also -etliche Stücklein, als seine Herrin herbeikam und schrie: - -„Faß den Mann! Schnapp zu, mein Sohn!“ - -Und ich hub an zu laufen und der große Köter hinterdrein, so aus meinen -Hosen einen Fetzen herausriß und mit dem Fetzen ein Stück Fleisch. Vor -Schmerz ward ich wütend, drehte mich nach ihm um und gab ihm einen so -trefflichen Stockhieb über die Vorderpfoten, daß ich ihm zum Wenigsten -eine zerbrach. Er stürzte und schrie in seiner Hundesprache: Erbarmen! -welches ich ihm bewilligte. Derweil bewarf mich seine Herrin, da es ihr -an Steinen mangelte, mit Erde. Und ich lief weiter. / Weh! Ist es nicht -grausam und ungerecht, daß, weil eine Jungfer nicht schön genug ist, um -einen Freier zu finden, sie sich an armen Unschuldigen wie ich räche? - -„Ich begab mich jedoch, Trübsal blasend, zu der Schenke, die Du mir -bezeichnet hattest, verhoffend, dort das tröstliche Braunbier zu -finden. Aber ich ward betrogen, denn beim Eintreten sah ich einen Mann -und ein Weib, die sich prügelten. Ich bat sie: „Geruhet Eure Schlacht -zu unterbrechen und mir einen Krug Braunbier zu geben, und wäre es -auch nur eine Kanne oder sechs.“ Doch das Weib, ein wahrer Stockfisch, -antwortete mir wütend, sie werde mich den Holzschuh, womit sie ihrem -Mann auf den Kopf schlug, fressen lassen, so ich mich nicht augenblicks -von dannen machte. Und da bin ich, mein Freund, schweißtriefend und gar -müde. Hast Du nichts zu essen?“ - -„Wohl“, antwortete Ulenspiegel. - -„Endlich“, sprach Lamm. - - -4 - -Also vereint, reisten sie in Gemeinschaft. Der Esel legte die Ohren an -und zog den Wagen. - -„Lamm,“ sprach Ulenspiegel; „wir sind unser vier gute Gefährten: der -Esel, das Tier, so unsern Herrn trug und auf den Triften die Disteln -weidet, die es findet; Du, guter Dickbauch, der die sucht, die Dich -flieht; und sie, die holde Liebste mit dem zärtlichen Herzen, die den -findet, der dessen nicht würdig, das bin ich, der vierte. - -„Wohlan, frischauf, Kinder und guten Mut. Die Blätter vergilben, die -Gestirne werden glänzender; bald wird Frau Sonne in herbstlichen Nebeln -schlafen gehen. Winter, des Todes Ebenbild, wird kommen und sie mit -schneeigen Leintüchern zudecken, die unter unsern Füßen schlummern; ich -aber werde wandern für die Wohlfahrt des Landes meiner Väter. Ihr armen -Toten, Soetkin, die Du an Herzeleid starbst, und Klas, der Du im Feuer -umkamst: Eiche voller Güte und Efeu voller Liebe: ich, Euer Sprößling -bin voller Harm und werde Dich rächen, teure Asche, die auf meinem -Busen brennt.“ - -Lamm sagte: - -„Man soll nicht beweinen, die um der Gerechtigkeit willen sterben.“ - -Aber Ulenspiegel verharrte in Gedanken. Plötzlich sagte er: - -„Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens für gar lange Zeit, -und vielleicht werde ich nimmer Dein holdes Angesicht wiedersehen.“ - -Nele blickte ihn an mit ihren Augen, die wie Sterne leuchteten. - -„Warum lässest Du nicht diesen Wagen und kommst mit mir in den Wald, wo -Du leckere Nahrung fändest; denn ich kenne die Pflanzen und verstehe -die Vögel zu locken.“ - -„Mägdlein,“ sprach Lamm, „es ist bös von Dir, daß Du Ulenspiegel -unterwegs aufhalten willst; er soll die Sieben suchen, und mir helfen, -mein Weib wiederzufinden.“ - -„Noch nicht“, erwiderte Nele und weinte und lachte, zärtlich unter -Tränen, ihrem Freund Ulenspiegel zu. - -Da Ulenspiegel dies sah, antwortete er: - -„Dein Weib findest Du immer noch zeitig genug, wenn Dich nach neuem -Leide gelüstet.“ - -„Thyl,“ sagte Lamm, „willst Du mich also in meinem Wagen allein lassen -dieses Mägdleins halber? Du antwortest mir nicht und gedenkst an den -Wald, worinnen die Sieben nicht sind, noch auch mein Weib. Laß sie -uns lieber auf diesem Fahrdamm suchen, auf dem die Wagen so trefflich -rollen.“ - -„Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „Du hast eine volle Weidtasche im Wagen, -somit wirst Du nicht Hungers sterben, wenn Du ohne mich nach Koelkerke -gehst, allwo ich Dich einholen werde. Du mußt dort allein sein, denn -da wirst Du erfahren, nach welchem Punkt Du Dich wenden mußt, um Dein -Weib wiederzufinden. Vernimm denn und höre. In diesem Schritte wirst Du -drei Meilen von hier mit Deinem Wagen nach Koelkerke fahren, der kühlen -Kirche, also genannt, weil sie von den vier Winden zumal bestrichen -wird, wie viele andere. Auf dem Glockenturm ist eine Wetterfahne in -Gestalt eines Hahnes, die dreht sich auf ihren verrosteten Angeln nach -allen Seiten. Das Kreischen dieser Angeln zeigt den armen Männern, so -ihre Liebste verloren haben, den Weg an, den sie einschlagen müssen, um -sie wiederzufinden. Aber zuvor muß jegliche Seite der Mauer siebenmal -mit einer Haselrute geschlagen werden. Kreischen die Angeln, wenn -der Wind von Norden kommt, so mußt Du nach jener Seite gehen; aber -fürsichtig, denn Nordwind ist Kriegswind; wenn von Süden, geh frohgemut -dorthin, das ist der Wind der Liebe. Kommt der Wind von Osten, so lauf -in Trab, denn der bedeutet Frohsinn und Licht; von Westen / dann geh -sacht, das ist der Wind des Regens und der Tränen. Geh, Lamm, geh nach -Koelkerke und harre dort mein.“ - -„Ich gehe hin,“ sagte Lamm. - -Und er fuhr im Wagen von dannen. - -Dieweil Lamm gen Koelkerke fuhr, jagte der starke, warme Wind die -grauen Wolken gleich einer Schafherde über den Himmel hin. Die Bäume -rauschten wie die Wogen eines brandenden Meeres. Ulenspiegel und Nele -waren seit geraumer Zeit allein im Walde. Ulenspiegel hatte Hunger und -Nele suchte wohlschmeckende Wurzeln und fand nur Küsse, die ihr Freund -ihr gab, und Eicheln. Nachdem Ulenspiegel Schlingen aufgestellt hatte, -pfiff er, um die Vögel zu locken, auf daß er die, welche hineingingen, -briete. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter nahe zu Nele; sie -wollte sie singen lassen und fing sie nicht. Eine Grasmücke kam, und -sie hatte Mitleid mit ihr, weil sie so stolz war. Alsdann kam eine -Lerche, aber Nele sprach zu ihr, daß sie besser täte, in Himmelshöhen -der Natur ein Loblied zu singen, denn sich ungeschickt über der -mörderischen Spitze eines Spießes abzuzappeln. Und sie redete wahr, -maßen Ulenspiegel in der Zwischenzeit ein helles Feuer entzündet und -einen Spieß geschnitzt hatte, der seiner Opfer harrte. - -Aber die Vögel kamen nicht mehr, es sei denn etliche bösen Raben, die -sehr hoch ob ihren Häuptern krächzten. - -Und also aß Ulenspiegel nicht. - -Indessen mußte Nele fort und zu Katheline heimkehren. - -Sie wanderte weinend, und Ulenspiegel sah sie von ferne schreiten. Aber -sie kehrte um, fiel ihm um den Hals und sprach: - -„Ich gehe von hinnen.“ - -Alsdann tat sie etliche Schritte, kam wieder zurück und sagte abermals: - -„Ich gehe von hinnen.“ - -Und so zwanzig Mal aufeinander und noch mehr. - -Dann ging sie fort, und Ulenspiegel blieb allein. Er machte sich -alsbald auf den Weg, um Lamm einzuholen. - -Da er zu ihm stieß, fand er ihn unten am Turm sitzen, einen großen Krug -Braunbier zwischen den Beinen und trübselig an einer Haselgerte kauend. - -„Ulenspiegel,“ sagte er, „ich vermeine, daß Du mich nur hierher -geschickt hast, um mit dem Mägdlein allein zu bleiben. Ich habe -siebenmal mit der Haselrute an jede Seite des Turmes geschlagen, wie Du -mich geheißen, aber ob der Wind gleich wie ein Teufel bläst, haben die -Angeln nicht gekreischt.“ - -„Man wird sie ohne Zweifel geölt haben“, antwortete Ulenspiegel. - -Dann machten sie sich auf nach dem Herzogtum Brabant. - - -5 - -König Philipp, der finstere, kritzelte den ganzen Tag lang und selbst -die Nacht ohne Rast noch Ruh und beschmierte Papiere und Pergamente. -Ihnen vertraute er die Gedanken seines harten Herzens an. Da er sein -Lebenlang keinen Menschen geliebt und wohl wußte, daß keiner ihn -liebte, auch gewillt war, sein ungeheures Reich allein zu tragen, -brach er, ein kläglicher Atlas, unter der Last zusammen. Trägen Blutes -und trübsinnig, wie er war, zehrten seine übermäßigen Anstrengungen -an seinem schwachen Körper. Voller Abscheu gegen jedes fröhliche -Gesicht, haßte er unsere Lande ihres heiteren Sinnes halber, haßte -unsere Kaufherren um ihrer Prachtliebe und ihres Reichtums willen, -unsern Adel ob seiner freimütigen Reden, seines offenherzigen Gehabens -und der strotzenden Kraft seines rechtschaffenen Frohsinns. Er wußte, -denn man hatte es ihm gesagt, daß sich in unsern Landen die Empörung -gegen den Papst und die römische Kirche in unterschiedlichen Sekten -geoffenbart hatte und in allen Köpfen, gleich siedendem Wasser in -einem geschlossenen Kessel war. Und dieses lange, ehe der Bischof van -Cusa um das Jahr 1380 die Mißbräuche der Kirche angezeigt und die -Notwendigkeit der Reformen gepredigt hatte. Gleich einem starrköpfigen -Maultier glaubte er, daß sein Wille wie der Wille Gottes auf der -ganzen Welt lasten müsse. Er wollte, daß unsere Länder, des Gehorchens -entwöhnt, sich unter das alte Joch beugten, ohne irgend eine Reform zu -erlangen. Er wollte Seine heilige Mutter Kirche katholisch, apostolisch -und römisch haben, einig, ungeteilt und allgemein, ohne Neuerung noch -Änderung, und hatte keinen andern Grund es zu wollen, als weil er es -wollte. Auch hierin handelte er wie ein unvernünftiges Weib und wälzte -sich nachts in seinem Bett wie auf einem Dornenlager, ohn Unterlaß von -seinen Gedanken gepeinigt. - -„Ja, Sankt Philippus, ja Herr Gott, sollte ich auch aus den -Niederlanden eine große Gruft machen und alle Einwohner hineinwerfen, -so würden sie zu Euch, mein benedeiter Schutzpatron, und auch zu Euch, -heilige Frau Maria, und zu Euch, Ihr heiligen Männer und Frauen des -Paradieses, zurückkehren.“ Und er versuchte zu tun, wie er gesagt, und -also ward er römischer denn der Papst und katholischer denn die Konzile. - -Und Ulenspiegel und Lamm und das Volk Flanderns und der Niederlande -glaubten voll Bängnis, in der Ferne, in dem düstern Palast von -Eskurial, diese gekrönte Spinne zu sehen, so mit ihren langen Beinen -und geöffneten Zangen ihr Netz spannte, um sie darein zu verstricken -und ihnen ihr Herzblut auszusaugen. - -Ohngeachtet die päpstliche Inquisition unter Karls Regierung -hunderttausend Christen durch Scheiterhaufen, Grube und Strang getötet -hatte; ohngeachtet die Vermögen der armen Verurteilten in die Truhen -des Kaisers und des Königs gelaufen waren, wie Regen in die Dachtraufe, -vermeinte Philipp, daß solches nicht genug sei. Er drängte dem Lande -neue Bischöfe auf und vermaß sich, die hispanische Inquisition dort -einzuführen. - -Und die Herolde in den Städten lasen überall beim Schall der Trompeten -und Schellentrommeln Edikte vor, so für alle Ketzer, Männer, Frauen und -Jungfrauen bestimmten: den Feuerstod für die, so ihren Irrglauben nicht -abschworen, den Tod durch den Strang für die, so widerriefen. Frauen -und Jungfrauen sollten lebendig begraben werden, und der Henker sollte -auf ihren Leibern tanzen. - -Und das Feuer des Aufstandes lief durch das ganze Land. - - -6 - -Am fünften April vor Ostern traten die Herren Graf Ludwig von Nassau, -von Kuilenburg, von Brederode, der herkulische Zecher, mit dreihundert -andern Edelleuten in den Burghof zu Brüsselen zur Frau Herzogin -Regentin von Parma. In Reihen zu Vieren stiegen sie die große Treppe -des Palastes hinauf. Da sie in die Halle kamen, darin Ihre Hoheit -verweilte, überreichten sie ihr eine Bittschrift. In selbiger baten sie -sie, von König Philipp die Abschaffung der Verordnungen zu erlangen, -so die Sache der Religion, desgleichen die hispanische Inquisition -beträfen. Sie erklärten, daß in unseren unzufriedenen Ländern daraus -nichts denn Unruhen, Trümmer und allgemeines Elend entstehen können. - -Und diese Bittschrift ward _der Kompromiß_ genannt. - -Berlaymont, welcher nachmals so verräterisch und grausam gegen das Land -seiner Väter war, stund neben Ihrer Hoheit und sagte zu ihr, der Armut -von etlichen unter den edlen Verbündeten spottend: - -„Edle Herrin, fürchtet nichts, es sind nur Bettler.“ - -Damit meinte er, daß diese Adligen sich in des Königs Dienst zugrunde -gerichtet hätten oder vielmehr, indem sie es durch ihren Aufwand den -spanischen Rittern gleichtun wollten. - -Um die Worte des Herrn von Berlaymont mit Verachtung zu strafen, -erklärten die Ritter nachmals, „daß sie es sich zur Ehre anrechneten, -für den Dienst des Königs und dieser Länder als Bettler (Geusen) -erachtet und also geheißen zu werden.“ - -Sie begannen, güldene Schaumünzen um den Hals zu tragen, die auf einer -Seite des Königs Bildnis trugen und auf der andern zwei Hände, so sich -um einen Bettelsack ineinander schlangen. Dazu die Worte: „Getreu dem -König bis zum Bettelsack“. Auch trugen sie an ihren Hüten und Kappen -güldne Kleinodien in Gestalt von Eßnäpfen und Bettlerhüten. - -Derweilen führte Lamm seinen Bauch durch die ganze Stadt, suchte sein -Weib und fand es nicht. - - -7 - -Ulenspiegel sprach eines Morgens zu ihm: - -„Folge mir nach. Wir wollen eine hohe, edle, mächtige und gefürchtete -Person begrüßen.“ - -„Wird sie mir sagen, wo mein Weib ist?“ fragte Lamm. - -„Wenn sie es weiß“, entgegnete Ulenspiegel. - -Und sie begaben sich zu Brederode, dem herkulischen Zecher. Er stand im -Hofe seines Palastes. - -„Was begehrst Du von mir?“ fragte er Ulenspiegel. - -„Mit Euch zu reden, edler Herr,“ antwortete Ulenspiegel. - -„So rede“, sprach dagegen Brederode. - -„Ihr seid,“ sagte Ulenspiegel, „ein schöner, kühner und starker Ritter. -Einstmals erdrücktet ihr einen Franzosen in seinem Panzer wie ein -Muscheltier in seiner Schale. Aber wie Ihr stark und kühn seid, so seid -Ihr auch klug. Warum tragt Ihr denn diese Schaumünze, auf der ich lese: -„Getreu dem König bis zum Bettelsack?“ - -„Ja,“ sprach Lamm, „warum also, edler Herr?“ - -Aber Brederode antwortete ihm nicht, sondern schaute Ulenspiegel an. -Dieser redete weiter und sprach: - -„Warum wollt Ihr edlen Herren dem König bis zum Bettelsack treu sein? -Ist es, dieweil er Euch so gar wohl will, oder der schönen Freundschaft -halber, die er für Euch hegt? Was schaffet Ihr nicht, daß der Henker, -seiner Länder beraubt, allzeit dem Bettelsack getreu sei, anstatt daß -Ihr ihm bis zum Bettelsack getreu seid?“ - -Und Lamm nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Zustimmung. - -Brederode schaute Ulenspiegel mit seinem durchdringenden Blick an und -lächelte, da er sein gutes Gesicht sah. - -„So Du nicht ein Spion des Königs Philipp bist, bist Du ein guter -Vlamländer, und ich will Dich für beide Fälle belohnen.“ - -Er führte ihn in sein Speisezimmer, und Lamm folgte ihnen. Daselbst -zerrte er ihn am Ohr bis aufs Blut. - -„Das ist“, sagte er, „für den Spion.“ - -Ulenspiegel schrie nicht. - -„Bringe den Kessel mit Zimmetwein“, sprach er zu seinem Kellermeister. - -Der Kellermeister brachte den Kessel herbei und einen großen Humpen mit -Glühwein, der die Luft mit Wohlgeruch erfüllte. - -„Trink,“ sprach Brederode, „dies ist für den guten Vlamländer.“ - -„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „das ist ein guter Vlamländer, der spricht -eine zimmetgewürzte Sprache, die Heiligen sprechen keine bessere.“ - -Nachdem er die Hälfte des Weins getrunken, reichte er Lamm die andere. - -„Wer ist dieser dickwanstige Freßsack, der belohnt wird, ohne daß er -etwas getan hat?“ fragte Brederode. - -„Das ist mein Freund Lamm,“ versetzte Ulenspiegel, „der allemal, wenn -er Glühwein trinkt, sich einbildet, daß er sein Weib wiederfinden wird.“ - -„So ist’s“, sprach Lamm, der mit großer Andacht den Wein aus dem Humpen -schlürfte. - -„Wohin geht Ihr jetzo?“ fragte Brederode. - -„Wir sind auf der Suche nach den Sieben, die das Land Flandern retten -werden.“ - -„Welche Sieben?“ fragte Brederode. - -„Wenn ich sie gefunden habe, werde ich Euch sagen, wer sie sind,“ -antwortete Ulenspiegel. - -Aber Lamm, guter Dinge, dieweil er getrunken hatte, sagte: - -„Tyll, wenn wir mein Weib auf dem Mond suchten?“ - -„Bestell die Leiter“, antwortete Ulenspiegel. - -Im Mai, dem grünen Monat, sagte Ulenspiegel zu Lamm: - -„Nun haben wir den schönen Maimond. Ei, der klare blaue Himmel, die -fröhlichen Schwalben. Siehe, die Zweige sind heiß von Saft, das Land -ist voller Liebe, das ist der Augenblick, um des Glaubens willen zu -henken und zu brennen. Sie sind da, die guten kleinen Inquisitoren. -Welch edle Gesichter! Sie haben jegliche Gewalt, zu züchtigen, zu -strafen, abzusetzen und den weltlichen Richtern zu überantworten, auch -ihre Gefängnisse zu benutzen. / Ei, der schöne Maimond! / Sie können -gefangen nehmen, Prozesse führen, ohne sich der gewöhnlichen Form der -Justiz zu bedienen, können brennen, henken, enthaupten und für die -armen Frauen und Jungfrauen die Grube des vorzeitigen Todes graben. / -Die Finken singen in den Bäumen. Die guten Inquisitoren haben ein Auge -auf die Reichen. Und der König wird erben. Auf, ihr Mägdlein, tanzet -auf der Wiese beim Schall von Dudelsack und Schalmei. O, der Wonnemond!“ - -Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust. - -„Laß uns gehen,“ sprach er zu Lamm. „Glücklich, die den Mut aufrecht -und den Degen hoch halten in den düstren Tagen, die da kommen werden.“ - - -8 - -Eines Tages im Augustmonat ging Ulenspiegel in der flandrischen -Straße zu Brüssel vor dem Hause von Jan Potztausend vorbei, welcher -also genannt ward, weil sein väterlicher Großvater im Zorn so zu -fluchen pflegte, um nicht den allerheiligsten Namen Gottes zu lästern. -Besagter Potztausend war seines Zeichens Sticker; aber da er durch -unmäßiges Trinken taub und blind geworden, stickte sein Weib, eine alte -Gevatterin mit mürrischer Miene, an seiner Statt die Röcke, Wämser, -Mäntel und Schuhe der Herren. Ihr hübsches Töchterlein half ihr bei -dieser einträglichen Arbeit. - -Da Ulenspiegel zur Dämmerstunde vor sotanem Hause vorüberging, sah er -das Mägdlein am Fenster und hörte es rufen: - - „Erntemond, Erntemond, - Sag an, holder Mond, - Wer wird mich freien, - Sag an, lieber Mond?“ - -„Ich,“ sprach Ulenspiegel, „so Du willst.“ - -„Du?“ fragte sie. „Komm näher, daß ich Dich betrachte.“ - -Aber er: - -„Wie kommt’s, daß Du im Augustmond rufst, und daß die Brabanter -Mägdlein am Vorabend des März rufen?“ - -„Die,“ sagte sie, „haben nur einen Monat, ihnen einen Mann zu -bescheren, ich habe deren zwölf. Am Vorabend eines jeden / nicht um -Mitternacht, sondern in den sechs Stunden vor Mitternacht / springe ich -aus meinem Bett, mache drei Schritte rückwärts gegen das Fenster und -rufe, was Dir bekannt ist. Dann kehre ich um und mache drei Schritte -rückwärts gegen das Bett, und um Mitternacht leg ich mich nieder, -schlafe ein und träume von dem Mann, den ich bekommen werde. Aber die -Monate, die lieben Monate, sind von Natur schlimme Spötter, und so -träume ich nicht mehr von einem Mann, sondern von zwölfen auf einmal: -Du wirst der dreizehnte sein, wenn Du willst.“ - -„Die andern möchten eifersüchtig werden,“ antwortete Ulenspiegel. „Du -rufst auch: Erlösung?“ - -Das Mägdlein errötete und gab zur Antwort: - -„Ich rufe Erlösung und weiß, was ich begehre.“ - -„Ich weiß es gleichfalls und bringe es Dir.“ - -„Du mußt warten,“ sagte sie lächelnd und zeigte ihre weißen Zähne. - -„Warten?“ sagte Ulenspiegel, „nein! Ein Haus kann mir auf den Kopf -fallen, ein Windstoß mich in einen Graben werfen, ein toller Köter mich -ins Bein beißen; nein, ich werde nicht warten.“ - -„Ich bin zu jung,“ sprach sie, „und rufe nur, weil es Brauch ist.“ - -Ulenspiegel ward argwöhnisch, gedenkend, daß die Brabanter Jungfrauen -am Vorabend des März und nicht im Erntemond nach einem Manne rufen. - -Sie sagte lächelnd: - -„Ich bin zu jung und rufe nur, weil es Brauch ist.“ - -„Willst Du warten, bis Du zu alt bist?“ erwiderte Ulenspiegel. „Das ist -eine schlechte Rechenkunst. Ich habe nimmer einen so runden Hals und -weiße Brüste gesehen, Brüste einer Vlamländerin, voll der guten Milch, -die Männer macht.“ - -„Voll? noch nicht, voreiliger Wanderer“, sagte sie. - -„Warten“, wiederholte Ulenspiegel. „Soll ich etwa keine Zähne mehr -haben, um Dich, Holde, ganz roh zu verschlingen? Du antwortest nicht, -Du lächelst mit Deinen klaren, braunen Augen und Deinem kirschroten -Mündlein.“ - -Das Mägdlein sah ihn listig an: - -„Warum liebst Du mich so schnell? Welch Handwerk treibst Du? Bist Du -ein Bettler, bist Du reich?“ - -„Ich bin ein Bettler und auch reich, so Du mir Deinen reizenden Leib -gibst.“ - -Sie entgegnete: - -„Nicht das will ich wissen. Gehest Du zur Messe? Bist Du ein guter -Christ? Wo wohnest Du? Würdest Du zu sagen wagen, daß Du ein Bettler, -ein Geuse, ein wirklicher Geuse bist, der sich wider die Dekrete und -die Inquisition auflehnt?“ - -Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust. - -„Ich bin ein Geuse,“ sagte er, „und will die Unterdrücker der -Niederlande tot und von den Würmern gefressen sehen. Du schaust mich -an, Geliebte. Das Feuer der Liebe, das für dich, Holde, brennt, ist -das Feuer der Jugend, Gott entzündete es, es flammet, wie die Sonne -leuchtet, bis daß es erlischt. Aber das Feuer der Rache, so in meinem -Herzen glimmt, hat Gott gleichermaßen entzündet. Es wird Schwert, -Feuer, Strang, Feuersbrunst, Verwüstung, Krieg und Untergang der Henker -sein.“ - -„Du bist schön,“ sprach sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen; -„aber schweige.“ - -„Warum weinest Du?“ fragte er. - -„Du mußt hier und wo immer Du bist, acht geben“, sagte sie. - -„Haben diese Wände Ohren?“ fragte er. - -„Sie haben nur die meinen“, sprach sie. - -„Von Amor gemeißelt, ich schließe sie mit einem Kuß.“ - -„Törichter Freund, hör mich an, wenn ich spreche.“ - -„Warum? Was hast Du mir zu sagen?“ - -„Hör mich an,“ sprach sie voll Ungeduld. „Da kommt meine Mutter ... -Schweige, schweige sonderlich vor ihr ...“ - -Die alte Potztausend kam herein. Ulenspiegel sprach zu sich, indem er -sie betrachtete: - -„Ein Gesicht, wie ein Schaumlöffel durchlöchert, Augen mit hartem und -falschem Blick, ein Mund, der lachen will, und Fratzen, Ihr macht mich -neugierig.“ - -„Gott sei mit Euch, Herr, mit Euch immerdar“, sagte die Alte. „Ich habe -Geld empfangen, Töchterlein, schönes Geld vom Herrn van Egmont, da ich -ihm seinen Mantel brachte, auf den ich die Narrenkappe gestickt hatte. -Ja, Herr, eine Narrenkappe wider den Roten Hund.“ - -„Den Kardinal von Granvella?“ fragte Ulenspiegel. - -„Ja“, sagte sie, „wider den Roten Hund. Man sagt, daß er dem König ihre -Anschläge hinterbringt; sie wollen ihn umbringen. Sie haben recht, ist -es nicht so?“ - -Ulenspiegel antwortete nicht. - -„Ihr sahet sie nicht auf den Straßen mit einem Wams und einem grauen -Oberkleid, wie das Volk es trägt, mit langen, hängenden Aermeln und -Mönchskapuzen und auf all den grauen Oberkleidern die gestickte -Narrenkappe. Ich habe ihrer zum mindesten siebenundzwanzig gemacht und -mein Töchterlein fünfzehn. Das erboste den Roten Hund, diese Kappen zu -sehen.“ - -Dann flüsterte sie Ulenspiegel ins Ohr: - -„Ich weiß, daß die Herren beschlossen haben, die Kappe durch ein -Aehrenbündel zu ersetzen, zum Zeichen der Einigkeit. Ja, ja sie wollen -wider König und Inquisition kämpfen. Sie tun wohl daran, nicht so, -Herr?“ - -Ulenspiegel antwortete nicht. - -„Der fremde Herr braut Trübsal,“ sagte die Alte. „Sein Schnabel ist mit -einem Mal zu.“ - -Ulenspiegel ließ kein Wort fallen und ging. - -Alsbald kehrte er in eine Musikschenke ein, um das Trinken nicht zu -vergessen. Die Schenke war voll von Zechern, die sprachen ohne alle -Fürsicht vom König, den verhaßten Dekreten, der Inquisition und dem -Roten Hund, so gezwungen werden müßte, das Land zu verlassen. Da sah -er die Alte ganz zerlumpt und dem Anschein nach schlafend bei einem -Schöpplein Branntwein. Also verharrte sie eine lange Weile, dann zog -sie einen kleinen Teller aus ihrer Tasche, und er sah sie unter den -Zechern betteln, sonderlich bei denen, so am unfürsichtigsten redeten. - -Und die guten Tröpfe gaben ihr Gülden, Heller und Pfennige, ohne zu -knausern. - -Ulenspiegel, verhoffend, daß er von dem Mägdlein erfahren würde, was -ihm die alte Potztausend nicht sagte, ging wiederum vor das Haus und -erblickte das Mägdlein, das nicht mehr rief, sondern ihm zulächelte und -süß verheißend mit den Augen zwinkerte. - -Die Alte kehrte unversehens heim. - -Ulenspiegel, erbost sie zu sehen, rannte wie ein Hirsch durch die Gasse -und schrie: „Es brennt, es brennt“, bis er vor dem Hause des Bäckers -Jakob Pietersen angelangt war. Die Fensterscheiben waren nach deutscher -Art und flammten rot in der untergehenden Sonne. Ein dicker Rauch -von Scheiten, so im Backofen zu Kohle wurden, entstieg der Esse der -Bäckerei. Ulenspiegel rannte unaufhörlich und schrie: „Es brennt, es -brennt“, und zeigte auf Jakob Pietersens Haus. Die Menge sammelte sich -davor, sah die roten Fensterscheiben und den dicken Rauch und schrie -gleich wie Ulenspiegel: „Es brennt, es brennt“. Der Wächter Unserer -lieben Frau von der Kapellen stieß ins Horn, dieweil der Küster aus -Leibeskräften die Feuerglocke, „Wacharm“ genannt, läutete. Und die -Büblein und Dirnlein liefen pfeifend und singend in Schwärmen herzu. - -Da Glocke und Trompete immerwährend erschallten, schnürte die alte -Potztausend ihr Bündel und ging von dannen. - -Ulenspiegel erspähte sie. Als sie fern war, trat er ins Haus. - -„Du hier,“ sagte das Mägdlein, „so brennt es dorten nicht?“ - -„Da? nein“, antwortete Ulenspiegel. - -„Aber die Glocke, die läutet?“ - -„Sie weiß nicht, was sie tut“, antwortete Ulenspiegel. - -„Und diese klägliche Trompete und all das rennende Volk?“ - -„Die Zahl der Narren ist unendlich.“ - -„Was brennt denn?“ - -„Deine Augen und mein entflammtes Herz“, erwiderte Ulenspiegel. - -Und er flog an ihren Mund. - -„Du issest mich auf“, sagte sie. - -„Ich habe die Kirschen gern“, sagte er. - -Sie blickte ihn lächelnd und betrübt an. Plötzlich sagte sie weinend: -„Komm nicht mehr hierher. Du bist ein Geuse und Feind des Papstes, -komme nicht wieder ...“ - -„Deine Mutter!“ sagte er. - -„Ja,“ sprach sie errötend. „Weißt Du, wo sie zur Stunde ist? Sie horcht -da, wo es brennt. Weißt Du, wohin sie alsbald gehen wird? Zum Roten -Hund, um alles zu berichten, was sie weiß, und dem Herzog, der da -kommen wird, das Werk zu bereiten. Flieh, Ulenspiegel, ich rette Dich, -flieh. Noch einen Kuß, aber komm nicht wieder; noch einen, Du bist -schön, ich weine / aber geh.“ - -„Wackeres Mägdlein“, sprach Ulenspiegel und hielt sie umfangen. - -„Ich war es nicht allezeit,“ sagte sie. „Ich war wie sie ...“ - -„Dies Singen,“ sagte er „diese stummen Rufe der Schönheit für verliebte -Männer?“ ... - -„Ja“, sprach sie. „Meine Mutter wollt’ es so. Dich rette ich, denn ich -liebe Dich inniglich. Die andern werde ich Dir zum Andenken retten, -mein Geliebter. Wenn du ferne sein wirst, wird dich dein Herz zu dem -reuigen Mädchen ziehen? Küß mich, Herzliebster. Es wird nimmermehr um -Geld Opfer zum Scheiterhaufen liefern. Geh; nein, verweile noch. Wie -weich deine Hand ist. Halt, ich küsse deine Hand, das ist das Zeichen -der Knechtschaft. Du bist mein Herr. Horch, komm näher, aber schweige. -Diese Nacht sind Männer ins Haus gekommen, Lumpen und Spitzbuben, -einer nach dem andern, und unter ihnen ein Italiener. Meine Mutter -hieß sie, in das Gemach eintreten, in dem du jetzo bist, befahl mir -herauszugehen und schloß die Türe. Ich hörte diese Worte „Steinernes -Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession, Antwerpen, Unsere liebe Frau -...“ ersticktes Gelächter und das Klimpern von Gülden, so auf den Tisch -gezählt wurden. ... Flieh, da sind sie; flieh, mein Geliebter. Halt -mich in liebem Gedenken; flieh!“ ... - -Ulenspiegel lief, wie sie ihn hieß, bis „~In den ouden Haen~“ und fand -allda Lamm, welcher Trübsal braute, eine Wurst knabberte und seine -siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte. - -Und er zwang ihn, gleich ihm zu laufen, ohngeachtet seines Bauches. - - -9 - -Dieweil er so im Schnelltrabe rannte und Lamm hintendrein, fand er in -der Eikenstraat ein boshaftes Pasquill gegen Brederode. Er brachte es -ihm geradenwegs. - -„Euer Gnaden,“ sagte er, „ich bin jener gute Vlämländer und jener Spion -des Königs, dem Ihr so trefflich die Ohren riebt und dem Ihr so guten -Glühwein zu trinken gabt. Er bringt Euch ein artiges, kleines Pamphlet, -in dem man Euch unter anderm beschuldigt, Euch Graf von Holland zu -titulieren wie der König. Es kommt frisch aus der Druckerpresse von -Jan Lügenbold, der am Damm der Taugenichtse in der Sackgasse der -Ehrabschneider wohnt.“ - -Brederode erwiderte ihm mit Lächeln: - -„Ich werde dich während zweier Stunden peitschen lassen, so Du mir -nicht den wahren Namen des Skribenten sagst.“ - -„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „lasset mich zwei Jahre lang -peitschen, wenn Ihr wollet; aber Ihr könnet meinen Rücken nicht zwingen -auszusagen, was mein Mund nicht weiß.“ - -Und er ging fürbaß, nicht ohne einen Gulden für seine Mühe erhalten zu -haben. - - -10 - -Seit Juni, dem Rosenmond, hatten im Lande Flandern die Predigten -begonnen. - -Und die Apostel der ursprünglichen christlichen Kirche predigten aller -Orten, auf Feldern und in Gärten, auf den Hügeln, die zur Zeit der -Überschwemmung als Zuflucht für das Vieh dienen, und auf den Flüssen in -Barken. - -Zu Lande verschanzten sie sich wie in einem Lager, indem sie sich -mit ihren Wagen umgaben. Auf den Flüssen oder in den Häfen hielten -Kähne mit Gewaffneten Wacht um sie her. Und in den Lagern beschirmten -Musketiere und Scharfschützen sie vor den Überfällen des Feindes. Und -also ward das Wort der Freiheit aller Orten auf der heimischen Erde -vernommen. - - -11 - -Da Ulenspiegel und Lamm mit ihrem Wagen nach Brügge kamen und ihn in -einen Nachbarhof einstellten, traten sie nicht in eine Schenke, sondern -in die Kirche des Heiligen Erlösers, sintemalen in ihren Säckeln kein -lustig Geldklingeln mehr zu hören war. - -Pater Cornelis Adriaensen, ein Minoritenbruder, ein schmutziger, -schamloser, wütender, keifender Predikant, ereiferte sich an jenem -Tage auf der Kanzel der Wahrheit. Junge, schöne andächtige Frauen -drängten sich um ihn. Pater Cornelis redete von der Passion. Und als -er bei der Stelle des Heiligen Evangelii war, da die Juden, vom Herrn -Jesu sprechend, Pilato zuschreien: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn, denn -wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben!“ rief Bruder -Cornelis aus: - -„Ihr habt es gehört, Ihr guten Leute. Wenn unser Herr Jesus Christus -einen schrecklichen, schmählichen Tod erlitten hat, so ist das -geschehen, weil es allezeit Gesetze gab, um die Ketzer zu strafen. -Er wurde zu Recht verurteilt, weil er den Gesetzen nicht gehorcht -hatte. Und jetzt wollen sie die Edikte und Dekrete für nichts achten! -Ach, Jesus, welchen Fluch willst du auf diese Lande fallen lassen! -Hochwürdige Mutter Gottes, wenn Kaiser Karl noch am Leben wäre und -das Ärgernis dieser edlen Verbündeten sehen könnte. Sie haben gewagt, -der Regentin eine Bittschrift wider die Inquisition zu überreichen, -und wider die Dekrete, so zu einem so guten Zweck gemacht sind, so -reiflich bedacht und nach so langen und klugen Erwägungen verfaßt, -um alle Sekten und Ketzereien zu vernichten! Und wo sie nötiger -sind als Brot und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In welchen -stinkenden, eklen, scheußlichen Abgrund stürzt man uns jetzo? Luther, -dieser schmutzige Luther, dieser tolle Ochs, triumphiert in Sachsen, -Braunschweig, Lüneburg, Mecklenburg. Brentius, der kotige Brentius, -der in Deutschland von Eicheln lebte, so die Schweine nicht mochten, -Brentius triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige Servet, der -ein Mondviertel im Kopf hatte, der Antitrinitarier Servet regiert -in Pommern, Dänemark und Schweden, und allda wagt er die heilige, -glorreiche und mächtige Dreieinigkeit zu lästern. Aber man hat mir -gesagt, daß er durch Calvin, der nur hierin gut war, lebendig verbrannt -worden ist; ja, durch den stinkenden Calvin, der sauer riecht, mit -seiner Schnauze, so lang wie ein Schlauch, mit seinen Käsegesicht -und Zähnen so groß wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen sich -untereinander; jawohl, dieser Ochs Luther, dieser tolle Ochs, wappnete -die deutschen Fürsten wider den Wiedertäufer Münzer, der ein Biedermann -war, wie man sagt, und nach dem Evangelio lebte. Und durch ganz -Deutschland hat man das Brüllen dieses Ochsen gehört, ja! - -„Und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland? -Adamiten, so ganz nackend auf den Gassen laufen. Ja, Ihr guten Leute, -ganz nackend auf den Gassen, und zeigen den Vorbeigehenden ohne Scham -ihr mageres Fleisch. Ihr sagt, es war nur einer. Ja / zugegeben, einer -gilt so viel wie hundert, hundert wie einer. Und er wurde verbrannt, -sagt ihr, lebendig verbrannt auf die Bitte der Calvinisten und -Lutheraner. Diese Wölfe fressen sich untereinander, sage ich Euch! - -„Jawohl, was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, -Seeland? Freidenker, die da lehren, daß jede Knechtschaft dem Worte -Gottes zuwider sei. Sie lügen, die stinkenden Ketzer, man muß sich der -heiligen römischen Mutter Kirche unterwerfen. Und in dieser verfluchten -Stadt Antwerpen, dem Stelldichein der ganzen ketzerischen Hundebrut -der Welt, haben sie zu predigen gewagt, daß wir die Hostie mit -Hundefett backen lassen. Ein andrer sagt / es ist jener Geuse, der dort -an der Straßenecke auf dem Nachttopf sitzt / „Es ist kein Gott, noch -ewiges Leben, noch Auferstehung des Fleisches, noch ewige Verdammnis.“ -/ „Man kann ohne Salz, ohne Schweineschmalz, ohne Speichel, ohne -Teufelaustreibung und Kerze taufen“, sagt ein anderer da unten mit -heuleriger Stimme. / „Es gibt kein Fegefeuer“, sagt ein andrer mit -kläglicher Stimme. „Kein Fegefeuer, Ihr guten Leute! Wehe, Euch wäre -besser, mit Euren Müttern, Schwestern und Töchtern gesündigt zu haben, -denn am Fegefeuer zu zweifeln!“ - -„Jawohl, sie rümpfen die Nase vor dem Inquisitor, dem heiligen -Manne. Sie sind unweit von hier nach Belem gezogen, an viertausend -Calvinisten, mit Gewappneten, Bannern und Trommeln. Jawohl, und Ihr -riechet von hier den Dunst ihrer Speisen. Sie haben die Kirche Sankt -Katholyne in Besitz genommen, um sie zu entehren, zu entweihen, zu -entheiligen durch ihr verfluchtes Gepredige. - -„Was soll diese gottlose und schändliche Duldsamkeit? Bei den tausend -Teufeln der Hölle, warum nehmet Ihr nicht auch die Waffen zur Hand, -Ihr katholischen Rüden? Ihr habet gleich den verdammten Calvinisten -Kürasse, Lanzen, Hellebarden, Degen, Schwerter, Armbrüste, Messer, -Knüttel, Spieße und die Bombarden und Feldschlangen der Stadt. - -„Sie sind friedfertig, saget ihr; sie wollen in aller Freiheit und Ruhe -das Wort Gottes hören. Das ist mir ganz eins. Hinaus aus Brügge! Jaget, -tötet, werfet mir alle diese Calvinisten aus der Kirche. Ihr seid noch -nicht fort! Pfui, über Euch! Ihr seid Hühner, die auf ihrem Misthaufen -zittern. Ich sehe schon den Augenblick, da diese verdammten Calvinisten -auf dem Bauch Eurer Weiber und Töchter die Trommel schlagen, und -Ihr lasset sie, Ihr Männer von Werg und Teig. Gehet ja nicht dahin, -mitnichten! Ihr würdet in der Schlacht Eure Hosen naß machen. Pfui über -Euch Brügger, pfui, Ihr Katholiken! Das heißt gut katholisch sein, Ihr -feigen Memmen! Schande über Euch, Ihr Enten und Enteriche, Gänse und -Truthähne, die Ihr seid! - -„Ei, sind es nicht schöne Prediger, daß Ihr so in Haufen zu Ihnen -gehet, die Lügen anzuhören, die sie ausspeien, daß Eure Töchter des -Nachts zu ihren Predigten gehen, auf daß in neun Monden die Stadt -voll kleiner Geusen und Geusinnen sei? Es waren ihrer vier, vier -schändliche Taugenichtse, so auf dem Kirchhof gepredigt haben. Der -erste dieser Hallunken, bleich und mager, trug einen schmutzigen Hut -auf dem Kopfe. Dank dem Hut sah man seine Ohren nicht. Wer unter Euch -hat die Ohren eines der Prediger gesehen? Er war ohne Hemd, denn seine -bloßen Arme schauten ohne Linnen aus dem Wams heraus. Ich hab es wohl -gesehen, ohngeachtet er sich mit einem schmutzigen Mäntelchen bedecken -wollte, und in seinen Hosen von schwarzem Leinen und durchscheinend -wie die Turmspitze von Unsrer lieben Frau zu Antwerpen, sah ich seine -Naturglocken und seinen Klöppel. Der andere böse Bube predigte im -Wams ohne Schuhe. Keiner hat seine Ohren gesehen. Er mußte in seinem -Gepredige innehalten, und die Knaben und Mägdlein höhnten ihn und -schrien: „Huh, huh, er weiß seine Lektion nicht.“ Der dritte dieser -schändlichen Buben trug ein schmutziges Hütlein mit einer winzigen -Feder darauf. Seine Ohren waren auch nicht zu sehen. Der vierte -Taugenichts, Hermanus, der besser ausstaffiert war als die andern, muß -an der Schulter zweimal durch den Henker gebrandmarkt sein, jawohl. - -„Sie tragen alle unter ihrem Hut schmierige, seidene Mützen, so ihre -Ohren verbergen. Sahet Ihr die Ohren eines der Prediger? Wer von -diesen Lumpen wagte seine Ohren zu zeigen? Ohren, ha, ha, seine Ohren -zeigen: sie sind ihnen abgeschnitten. Jawohl, der Henker hat ihnen -allen die Ohren abgeschnitten. Und doch scharte sich der Pöbel um -die schändlichen Schufte, diese Beutelschneider, diese Schuhflicker, -die von ihren Schemeln weggelaufen sind, diese predigenden Lumpen, -und rief: „Es lebe der Geuse!“ gleich als wären sie allzumal rasend, -trunken oder toll gewesen. - -„Wehe! Uns armen, römischen Katholiken bleibt nichts denn die -Niederlande zu verlassen, sintemalen man hier das Geschrei duldet: „Es -lebe der Geuse! Es lebe der Geuse.“ Welch ein verwünschter Mühlstein -ist diesem verhexten und dummen Volk auf den Kopf gefallen, oh Jesus! -Reich und Arm, Adlig und Unadlig, Jung und Alt, Männer und Frauen -schreien: „Es lebe der Geuse“! - -„Und was sind diese Herren, all diese schäbigen Lederhosen, so uns -von Deutschland gekommen sind? All ihr Hab’ und Gut ist zu den -Dirnen gegangen, in Krimpelspiel, Schleckereien, Gelagen, Völlerei, -Ausschweifung und mancherlei Schändlichkeit, Götzendienst der Würfel -und Triumph der Putzsucht. Sie haben nicht einen verrosteten Nagel, -sich zu kratzen, wo es sie juckt. Darum brauchen sie die Güter der -Kirchen und Klöster. - -„Und auf ihrem Bankett bei dem Schelm von Kuilenburg mit dem andern -Schelm von Brederode haben sie aus hölzernen Näpfen getrunken, Herrn -von Berlaymont und Ihro Gnaden der Frau Regentin zum Trotz. Jawohl, und -haben gerufen: „Es lebe der Geuse!“ Ach, wenn ich der liebe Gott währe, -ich hätte, mit Respekt zu vermelden, ihr Getränk, ob Bier oder Wein, in -ein schmutziges, abscheuliches Spülicht verwandelt, ja in schmutziges, -scheußliches, stinkendes Waschwasser, darin sie ihre kotigen Hemden und -Laken gewaschen hätten. - -„Ja, schreit, Ihr Esel, die Ihr seid, schreit nur: „Es lebe der Geuse!“ -Ich bin ein Prophet. Und alle Verwünschungen, alle Not, Fieber, -Pestilenz, Brand, Trümmer, Verwüstung, Krebs, englisches Schweißfieber -und schwarzer Tod werden über die Niederlande kommen. Und also wird -Gott für Euer ekles Geplärr: „Es lebe der Geuse!“ gerächt werden. Und -von Euren Häusern wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben und -nicht ein Stück Knochen von Euren verdammten Beinen, die zu dieser -verfluchten Calvinisterei und Predigerei laufen. Also geschehe es, -geschehe es, geschehe es, Amen.“ - -„Laß uns gehen, mein Sohn“, sprach Ulenspiegel zu Lamm. - -„Sogleich“, sagte Lamm. - -Und er suchte seine Frau unter den jungen, schönen, andächtigen Frauen, -die der Predigt beiwohnten, aber er fand sie nicht. - - -12 - -Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser) -genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und Wysneusen -(Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der Mindesten heiße[3]. -Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand des Wassers und sahen -unter den Bäumen, deren Laubwerk wie ein niedrig Gewölbe bis auf ihre -Köpfe hing, Männer und Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie -trugen Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten -Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen nichts in -dieser Welt denn sich selbst. - -Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem -traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“ - -Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten -Pärlein. - -„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just solchen, -die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der Gräben ausstrecken, -trugen wir unsre Liebe zur Schau.“ - -„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben auf dem -Boden eines Maßkruges finden.“ - -„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die Sieben -Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche des heiligen -Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“ - -Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in irgend -einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und eine artige Wirtin -finden möchten und sagte wiederum: - -„Laß uns trinken gehen.“ - -Aber Lamm hörte ihn nicht und sprach, indem er den Turm der -Liebfrauenkirche betrachtete: - -„Heilige Frau Maria, Schutzpatronin der erlaubten Liebe, gib, daß ich -noch einmal ihren weißen Busen, das weiche Schlummerkissen sehe.“ - -„Komm trinken“, sagte Ulenspiegel. „Du wirst sie finden, wie sie ihn in -einer Schenke den Zechern zeigt.“ - -„Wagst Du so schlecht von ihr zu denken?“ fragte Lamm. - -„Laß uns trinken gehen,“ sagte Ulenspiegel, „sie ist ohne Zweifel -irgendwo Wirtin.“ - -„So redet der Durst“, sagte Lamm. - -Ulenspiegel redete weiter: - -„Vielleicht hat sie für die armen Wanderer eine Schüssel schönen -gedämpften Ochsenfleisches aufgehoben, dessen Gewürze die Luft mit Duft -erfüllen, nicht zu fett, zart und saftig wie Rosenblätter, und gleich -Fastnachtsfischen zwischen Nelken, Muskat, Hahnenkämmen, Kalbsmilch und -andern himmlischen Leckerbissen schwimmend.“ - -„Du Boshafter“, sagte Lamm, „Du willst mich gewißlich umbringen. Weißt -Du nicht, daß wir seit zwei Tagen nur von trocknem Brot und Dünnbier -leben?“ - -„Der Hunger redet aus Dir,“ versetzte Ulenspiegel. „Du weinst vor -Begierde, komm essen und trinken. Ich habe da einen hübschen halben -Gülden, der wird die Kosten unseres Schmauses decken.“ - -Lamm lachte. Sie holten ihren Wagen und fuhren also durch die Stadt und -suchten nach der besten Herberge. Aber sie erblickten etliche Gesichter -von Wirten, die mürrisch, und Wirtinnen, die gar wenig mitleidig -aussahen, und fuhren vorbei, denn sie gedachten, daß eine saure Miene -ein schlechtes Aushängeschild für gastliche Küche sei. - -So gelangten sie zum Samstagsmarkt und kehrten in den Gasthof „Zur -Blauen Laterne“ ein. Da war ein Wirt von guter Miene. Sie stellten -ihren Wagen ein und ließen den Esel in den Stall bringen, mit einer -Metze Hafer zur Gesellschaft. Sie ließen sich zu essen auftragen, aßen -nach Herzenslust, schliefen gut und standen auf, um wiederum zu essen. -Lamm, der vor Behagen platzte, sprach: - -„Ich höre himmlische Musik in meinem Magen.“ - -Da der Augenblick des Zahlens kam, ging der Wirt zu Lamm und sagte zu -ihm: - -„Ich kriege zehn Heller.“ - -„Der hat sie“, sprach Lamm zu ihm und zeigte auf Ulenspiegel. Der aber -sagte: - -„Ich habe sie nicht.“ - -„Und der halbe Gülden?“ fragte Lamm. - -„Ich habe ihn nicht,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Das ist eine schöne Rede,“ sagte der Wirt. „Ich werde Euch allen -beiden Euer Wams und Hemd fortnehmen.“ - -Plötzlich rief Lamm in der Trinklaune: - -„Und wenn ich essen und trinken will, essen und trinken, ja für -siebenundzwanzig Gülden und mehr trinken, so werde ich es tun. Meinst -Du, daß in diesem Bauch nicht ein roter Heller sitzt? So wahr Gott -lebt! er wurde bis heute nur mit Fettammern gemästet. Du wirst unter -Deinem schmierigen Ledergürtel nimmer seinesgleichen tragen. Denn Du -hast Dein Fett am Kragen des Wamses, wie ein böser Mensch, und nicht -wie ich drei Daumen dicken leckeren Specks auf dem Bauch!“ - -Der Wirt war vor Wut außer sich. Da er ohnedies stotterte, wollte er -schnell sprechen; je hastiger er aber sprach, um so mehr nieste er wie -ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen -an die Nase, und Lamm ereiferte sich noch mehr und redete weiter: - -„Jawohl, ich habe hier genug, um Deine drei mageren Hühner, Deine vier -krätzigen Küchlein und diesen großen Dummkopf von Pfau zu bezahlen, der -seinen schmutzigen Schweif in Deinem Hühnerhofe zur Schau trägt. Und -wenn Deine Haut nicht trockner wäre denn die eines alten Hahnes, und -Deine Knochen nicht in Deiner Brust zu Staub zerfielen, so hätte ich -noch genug, um Dich, Deinen rotznasigen Knecht und Deine einäugige Magd -zu essen und Deinen Koch dazu, dessen Arme, so er die Krätze hätte, zu -kurz wären sich zu kratzen. Ei seht doch“, so redete er weiter, „seht -doch den schönen Vogel, der uns eines halben Güldens willen unser Wams -und Hemd nehmen will? Was sind denn Deine Kleider wert, Du zerlumptes -Großmaul, ich will Dir drei Heller dafür geben.“ - -Aber der Wirt ward immer zorniger und schnaubte noch mehr. - -Und Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen ins Gesicht. - -Lamm war wie ein Löwe und sagte: - -„Was glaubst Du, magere Fratze, was ein schöner Esel mit feinem Maul, -langen Ohren, breiter Brust und Fesseln wie von Eisen wert sei? -Achtzehn Gülden zum mindesten, nicht wahr, Du armer Schlucker von -einem Wirt? Wieviel alte Nägel hast Du in Deinen Goldtruhen, um ein so -schönes Tier zu bezahlen?“ - -Der Wirt schnaubte noch mehr, aber er wagte nicht zu mucksen. - -„Wieviel glaubst Du, ist ein schöner Wagen aus Eschenholz wert, -durchweg bemalt und oben mit Linnen von Courtrai gegen Sonne und -Platzregen geschirmt? Vierundzwanzig Gülden zum mindesten, he? Und -wieviel macht vierundzwanzig Gülden und achtzehn Gülden? Antworte, Du -Knicker, der nicht rechnen kann. Und dieweil Markttag ist und Bauern -in Deinem kläglichen Gasthofe sind, so will ich ihnen beides flugs -verkaufen.“ - -Und so geschah es, denn alle kannten Lamm. Und wahrlich, er kriegte für -Esel und Wagen vierundvierzig Gülden und zehn Heller. Darnach klimperte -er dem Wirt mit dem Gold unter der Nase und fragte ihn: - -„Witterst Du den Duft der künftigen Schmäuse?“ - -„Ja,“ antwortete der Wirt. - -Und ganz leise sprach er: - -„So Du Deine Haut feil bietest, will ich sie für einen Heller kaufen -und daraus ein Amulett gegen die Verschwendung machen.“ - -Derweilen hatte ein hübsches, artiges Weiblein, so im dunklen Hofe -stand, Lamm oftmals durchs Fenster angeschaut und allemal wenn er ihr -hübsches Lärvchen sehen konnte, zog sie sich zurück. Am Abend, da er -schwankend vom Weine, den er getrunken, ohne Licht hinaufging, fühlte -er auf der Stiege, wie eine Frau ihn umhalste, ihn begehrlich auf -Wange, Mund und gar auf die Nase küßte und sein Antlitz mit verliebten -Tränen benetzte; dann ließ sie ihn los. - -Schlaftrunken von dem Getränk, legte Lamm sich nieder, schlief und zog -des andern Tages mit Ulenspiegel nach Gent. - - -13 - -Allda suchte er sein Weib in allen Musikschenken und Trinkstuben. Am -Abend fand er Ulenspiegel im „Singenden Schwan“ wieder. - -Ulenspiegel ging hin, wo er konnte, säete Aufruhr und wiegelte das Volk -auf gegen die Henker des Landes seiner Väter. - -Da er auf dem Freitagsmarkt bei der Dulle Griet, der großen Kanone war, -legte er sich platt auf den Bauch aufs Pflaster. - -Ein Kohlenträger kam und sprach zu ihm: - -„Was tust Du da?“ - -„Ich mache meine Nase feucht, um zu erfahren, woher der Wind kommt.“ - -Ein Schreiner kam. - -„Hältst Du das Pflaster für ein Pfühl?“ fragte er. - -„Es sind ihrer, die es bald zur Decke nehmen werden,“ antwortete -Ulenspiegel. - -Ein Mönch blieb stehen. - -„Was macht dieses Kalb da?“ fragte er. - -„Es liegt vor Euch auf dem Bauch und bittet um Euren Segen, mein -Vater,“ entgegnete Ulenspiegel. - -Als der Mönch ihm den gegeben hatte, ging er fürbaß. - -Alsdann legte Ulenspiegel das Ohr an die Erde. Ein Bauer kam. - -„Hörst Du ein Geräusch da unten?“ fragte er ihn. - -„Ich höre das Holz wachsen, dessen Scheite dienen werden, die armen -Ketzer zu verbrennen.“ - -„Hörst du weiter nichts?“ fragte ihn ein Stadtknecht. - -„Ich höre die Reiterei aus Spanien kommen; so Du etwas hast, was Du -behalten willst, grab es ein, maßen die Städte in Bälde nicht mehr -sicher sein werden vor Dieben.“ - -„Er ist närrisch,“ sagte der Stadtknecht. - -„Er ist närrisch,“ wiederholten die Bürger. - - -14 - -Derweilen aß Lamm nicht mehr, denn er gedachte des holden Traumes auf -der Stiege der „Blauen Laterne“. Doch ob ihn sein Herz auch nach Brügge -zog, ward er von Ulenspiegel doch mit Gewalt nach Antwerpen geführt, wo -er seine traurigen Nachforschungen fortsetzte. - -War Ulenspiegel in der Schenke unter guten reformierten Vlamländern, -ja, selbst unter Katholiken, welche der Freiheit wohlgesinnt waren, so -sprach er zu ihnen solcherart über die Edikte: „Sie führen bei uns die -Inquisition ein mit dem Vorgeben, uns von der Ketzerei zu purgieren; -aber dieser Rhabarber ist nur für unsere Geldsäckel wirksam. Wir wollen -keine Arzenei nehmen, als welche uns beliebt; wir werden böse werden, -uns empören und nach den Waffen greifen. Der König wußte das im voraus. -Wenn er sieht, daß wir keinen Rhabarber wollen, wird er die Spritzen -aufmarschieren lassen, das heißt, die großen und kleinen Kanonen, -Feldschlangen, Bombarden und Mörser mit großem Rachen! Ein königliches -Klistier. In dem mit solcher Arznei behandelten Flandern wird kein -reicher Vlamländer bleiben. Unsere Länder sind glücklich, einen so -königlichen Arzt zu haben.“ Aber die Bürger lachten. - -Ulenspiegel sagte: - -„Lachet heute, aber fliehet oder wappnet Euch an dem Tage, da man etwas -an Unserer lieben Frau zerbrechen wird.“ - - -15 - -Am fünfzehnten August, dem großen Marientag, wo die Kräuter und Wurzeln -geweiht werden und die Hennen, von Körnern satt, für das Trompeten -des Liebe verlangenden Hahnes taub sind, ward ein großes Steinkreuz an -einem der Tore von Antwerpen von einem Italiener im Solde des Kardinals -Granvella zerbrochen, und die Prozession der Jungfrau, der grüne, -gelbe und rote Narren vorausgingen, kam aus der Frauenkirche gezogen. -Aber die Statue der Jungfrau ward unterwegs von unbekannten Männern -beschimpft und eilends in das Chor der Frauenkirche zurückgebracht, und -die Gitter wurden geschlossen. - -Ulenspiegel und Lamm traten in die Kirche. Junge ausgehungerte, -zerlumpte Gesellen, so männiglich fremd waren, standen vor dem Chor -und machten einander gewisse Zeichen und Fratzen. Mit ihren Füßen und -Zungen vollführten sie großen Lärm. Keiner hatte sie in Antwerpen -gesehen, keiner sah sie wieder. Einer von ihnen, mit einem Antlitz -wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob Mieke, damit meinte er die -Jungfrau, Angst gehabt hätte, dieweil sie so hastig in die Kirche -zurückgekehrt sei? - -„Vor Dir hat sie keine Furcht gehabt, Du garstiger Mohr,“ antwortete -Ulenspiegel. - -Der junge Gesell, zu dem er sprach, ging auf ihn los, um ihn zu -schlagen, aber Ulenspiegel würgte ihn am Kragen und sprach: - -„So Du mich schlägst, laß ich Dich Deine Zunge ausspeien.“ - -Alsdann wandte er sich zu etlichen Männern von Antwerpen, die da waren, -und sagte, auf die jungen, zerlumpten Kerle deutend: - -„Signorkes und Pagaders, hütet Euch, das sind falsche Vlamländer, -Verräter, die bezahlt sind, uns Leid, Elend und Untergang zu bringen.“ - -Dann sprach er also zu den Unbekannten: - -„He, Ihr Eselsköpfe, vom Elend ausgedörrt, woher habt Ihr das Geld, das -man heute in Euern Säckeln klingen hört? Habet Ihr etwan Eure Haut im -voraus verkauft, um Trommeln daraus zu machen?“ - -„Sehet den Prediger!“ sagten die Unbekannten. - -Dann huben sie insgesamt an zu schreien und sagten von Unsrer lieben -Frau: - -„Mieke hat ein schönes Kleid! Mieke hat eine schöne Krone! Ich will sie -meiner Vettel geben!“ - -Sie gingen hinaus, dieweil einer von ihnen auf die Kanzel gestiegen -war, um dort unziemliche Reden zu führen, dann kamen sie wieder und -schrien: - -„Steig herab, Mieke, steig herab, ehe wir dich holen. Tu ein Wunder, -auf daß wir sehen, daß Du ebensogut gehen kannst als Dich tragen -lassen, Mieke, Du Faulenzerin!“ - -Aber Ulenspiegel hatte gut rufen: „Ihr Unglücksstifter, hört auf mit -Euren schlimmen Reden, jede Plünderung ist ein Verbrechen.“ Sie hörten -schlechterdings nicht auf zu reden, und etliche sprachen gar davon, das -Chor zu erbrechen und Mieke zu zwingen, daß sie herabstiege. - -Ein altes Weiblein, das in der Kirche Kerzen verkaufte und diese Reden -vernahm, warf ihnen die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht; aber sie -schlugen das Weiblein und warfen es zu Boden, und nun begann das Getobe. - -Der Markgraf kam mit seinen Bütteln in die Kirche. Da er die -versammelte Menge sah, ermahnte er sie aus der Kirche zu gehen, aber so -sänftiglich, daß nur etliche von hinnen gingen; die andern sagten: - -„Zuvor wollen wir die Domherren zu Miekes Ehre die Vesper singen hören.“ - -Der Markgraf entgegnete: - -„Es wird nicht gesungen werden.“ - -„Wir wollen selber singen,“ antworteten die unbekannten Lumpen. Solches -taten sie in den Schiffen und bei der Vorhalle der Kirche. Etliche -spielten mit ~krieke-steenen~ (Kirschkernen) und sagten: „Mieke, Du -spielest nimmer im Paradies und hast keine Kurzweil; spiele mit uns.“ - -Und ohne Aufhören beschimpften sie das Marienbild und schrien, höhnten -und pfiffen. - -Der Markgraf tat, als ob er Furcht hätte, und ging hinaus. Auf seinen -Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen. - -Ohne daß das Volk sich darein mischte, ward das fremde Lumpengesindel -kecker und schrie noch lauter. Und die Gewölbe hallten wider wie Donner -von hundert Kanonen. - -Alsdann bestieg einer von ihnen die Kanzel, der mit dem Gesicht -gleich einer verbrannten Zwiebel, welcher etliches Ansehen zu haben -schien, winkte ihnen mit der Hand, predigte und sprach: „Im Namen des -Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, die drei sind nur einer -und einer drei, Gott bewahre uns im Paradies vor der Rechenkunst. Des -heutigen Tages am fünfzehnten des Augustmonds ist Mieke im höchsten -Staat ausgegangen, um ihr hölzernes Antlitz den Herren und Bürgern von -Antwerpen zu zeigen. Aber während der Prozession ist Mieke dem Teufel -Satanas begegnet, und Satanas, ihrer spottend, hat zu ihr gesagt: „Du -bist schier stolz als Königin ausstaffiert, Mieke; Du wirst von vier -Herren getragen und willst den armen Satanas, der auf Schusters Rappen -reitet, nicht mehr anschauen.“ Und Mieke antwortete: „Hebe Dich weg, -Satanas, auf daß ich Dir nicht noch mehr den Kopf zertrete, Du böse -Schlange!“ - -„Mieke,“ sagte Satanas darauf, „mit diesem Geschäft verbringst Du seit -fünfzehnhundert Jahren die Zeit, aber der Geist des Herrn, Deines -Meisters, hat mich erlöset. Ich bin stärker als Du, Du wirst mir nicht -mehr auf den Kopf treten, und ich werde Dich jetzo tanzen lassen.“ -Satanas nahm eine große Peitsche, die scharf einschnitt, und hub an, -Mieke zu schlagen. Sie wagte nicht zu schreien, aus Furcht, ihre Angst -zu zeigen, und alsdann hat sie sich in den schnellsten Trab gesetzt, -und die Herren, so sie trugen, gezwungen, auch zu laufen, um sie mit -ihrer güldenen Krone und ihren Kleinodien nicht in das arme, gemeine -Volk fallen zu lassen. Und jetzt steht Mieke still und steif in ihrer -Nische und betrachtet Satan, der da oben auf der Säule unter der -kleinen Kuppel sitzet und seine Peitsche hält und hohnlachend zu ihr -sagt: - -„Ich werde Dir das Blut und die Tränen heimzahlen, so in Deinem Namen -fließen! Mieke, wie steht Dein jungfräuliches Befinden? Die Stunde ist -gekommen, wo Du ausziehen mußt. Man wird Dich entzwei schneiden, Du -häßliche, hölzerne Puppe, für all die Puppen aus Fleisch und Bein, so -in Deinem Namen ohn Erbarmen verbrannt, gehenkt und lebendig begraben -wurden.“ Also sprach Satanas und er sprach gut. „Du mußt aus Deiner -Nische herabsteigen, blutdürstige, grausame Mieke, die Du Deinem Sohne -Christo nicht ähnlich bist.“ - -Und höhnend und schreiend tobte der ganze Schwarm der Unbekannten: - -„Mieke, Mieke, es ist die Stunde des Auszugs! Nehmet die hölzernen -Heiligen fort! Auf, Brabant für den guten Herzog! Wer will ein Bad in -der Schelde nehmen? Holz schwimmt besser als Fische.“ - -Das Volk hörte zu, ohne etwas zu sagen. - -Aber Ulenspiegel bestieg die Kanzel und warf den Sprecher mit Gewalt -die Stiege hinunter. - -„Ihr Rasenden,“ sagte er zum Volke, „Ihr wahnsinnigen Narren, Ihr -einfältigen Narren, die Ihr nicht weiter sehet als Eure rotzige -Nasenspitze, begreifet Ihr nicht, daß all dies das Werk von Verrätern -ist? Sie wollen Euch zu Kirchenschändern und Räubern machen, um -Euch für Rebellen zu erklären, Eure Geldtruhen zu leeren, Euch zu -brandmarken und lebendig zu verbrennen. Und der König wird erben! -Signorkes und Pagaders, messet den Worten dieser Unglücksstifter keinen -Glauben bei; lasset Unsre liebe Frau in ihrer Nische, lebet standhaft, -indem Ihr fröhlich arbeitet und Euren Gewinst und Verdienst ausgebet. -Der schwarze Teufel des Verderbens hat ein Auge auf Euch. Durch -Plünderung und Zerstörung will er das feindliche Heer herbeirufen, -um Euch als Rebellen zu behandeln. Dann wird Alba durch Diktatur, -Inquisition, Konfiskation und Tod über Euch herrschen und er wird -erben.“ - -„Wehe,“ sprach Lamm, „plündert nicht, Signorkes und Pagaders; der König -ist schon sehr erzürnt. Die Tochter der Stickerin hat es meinem Freund -Ulenspiegel gesagt. Plündert nicht, Ihr Herren.“ - -Aber das Volk konnte sie nicht hören. - -Die Unbekannten schrien: - -„Plünderung und Austreibung! Plünderung, Brabant für den guten Herzog! -Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen besser denn Fische!“ - -Ulenspiegel hielt sich an der Kanzel fest und rief vergeblich: - -„Signorkes und Pagaders, leidet die Plünderung nicht! Rufet nicht das -Verderben auf die Stadt herab!“ - -Er ward fortgezerrt und ohngeachtet er sich mit Händen und Füßen -wehrte, ward ihm Gesicht, Wams, Hosen, alles zerrissen. - -Und wiewohl blutend, ließ er nicht ab zu schreien: - -„Leidet die Plünderung nicht!“ - -Aber es war umsonst. - -Die Unbekannten und das Gesindel der Stadt warfen sich auf das Gitter -des Chors und zerbrachen es. Dabei schrien sie: - -„Es lebe der Geuse!“ - -Alle huben an zu zerbrechen, zu plündern und zu zerstören. Vor -Mitternacht war die große Kirche, in der es siebenzig Altäre, alle -Arten schöner Malereien und kostbarer Dinge gab, ausgeleert wie eine -Nuß. Die Altäre waren zertrümmert, die Bilder heruntergeschlagen und -alle Schlösser zerbrochen. - -Da dies getan war, machten sich die nämlichen Unbekannten auf den Weg, -um die Minderen Brüder, die Franziskaner, Sankt Peter, Sankt Andreas, -Sankt Michael, Sankt Peter im Topf, die Burg, die Fawkens, die Weißen -Schwestern, die Grauen Schwestern, den dritten Orden, die Prediger -und alle Kirchen und Kapellen der Stadt gleich der Frauenkirche zu -traktieren. Und sie nahmen die Kerzen und Fackeln heraus und liefen so -überall hin. - -Es gab unter ihnen weder Streit noch Beratung; keiner von ihnen ward -bei diesem großen Zerbrechen von Steinen, Holz und anderen Dingen -verwundet. - -Sie stellten sich in Haag ein, um auch dort zum Raub der Bildwerke -und Altäre zu schreiten, ohne daß ihnen hier oder andernorts die -Reformierten Beistand geleistet hätten. - -Im Haag fragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht wäre. - -„Da ist sie,“ sagte einer und schlug auf sein Herz. - -„Ihre Vollmacht, hört Ihr, Signorkes und Pagaders?“ sprach Ulenspiegel, -da er die Sache erfahren. „Es ist also einer da, der ihnen befohlen -hat, als Kirchenschänder zu arbeiten. So in meine Hütte etwelcher -plündernde Spitzbube kommt, werde ich tun wie der Magistrat vom Haag; -ich werde meinen Hut abnehmen und sagen: „Edler Spitzbube, gnädiger -Taugenichts, ehrwürdiger Lump, zeig mir deine Vollmacht.“ Und er wird -sagen, daß sie in seinem Herzen sei, das nach meinem Gute verlangt. Und -ich werde ihm die Schlüssel zu allem geben. Suchet, suchet, wem diese -Plünderung Nutzen bringt. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das Verbrechen -ist begangen, man wird es strafen. Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das -große steinerne Kruzifix ist heruntergeschlagen. Hütet Euch vor dem -Roten Hund.“ - -Da der Hohe Rat von Mecheln durch den Mund seines Präsidenten Viglius -befohlen hatte, dem Zerbrechen der Bilder keinen Einhalt zu tun, sagte -Ulenspiegel: - -„Wehe, die Ernte ist reif für die hispanischen Schnitter. Der Herzog, -der Herzog marschiert gegen uns Vlamländer, das Meer schwillt, das -Meer der Rache. Arme Frauen und Jungfrauen, fliehet die Grube! Arme -Männer, fliehet den Galgen, das Feuer und Schwert. Philipp will Karls -blutiges Werk vollenden. Der Vater säete Tod und Verbannung; der Sohn -hat geschworen, er wolle lieber über einen Totenacker herrschen, denn -über ein Volk von Ketzern. Fliehet, hier sind der Henker und die -Totengräber.“ - -Das Volk hörte auf Ulenspiegel, und die Familien verließen bei -Hunderten die Städte, und die Landstraßen waren versperrt von Wagen, -beladen mit dem Hausrat Derer, so in die Verbannung zogen. - -Und Ulenspiegel ging allerorten hin und Lamm folgte ihm betrübt und -suchte seine Liebste. - -Und in Damm weinte Nele bei Katheline, der Irren. - - -16 - -Da Ulenspiegel im Gerstemond, das ist Oktober, in Gent war, sah er -Egmont in des Abtes von Sankt Bavo edler Gesellschaft vom Schwelgen und -Feiern heimkehren. In singfroher Laune ließ er träumend sein Pferd im -Schritt gehen. Plötzlich erblickte er einen Mann, der eine brennende -Laterne trug und neben ihm her schritt. - -„Was willst Du?“ fragte Egmont. - -„Gutes“, versetzte Ulenspiegel. - -„Geh und laß mich,“ entgegnete der Graf. - -„Ich werde nicht gehen,“ erwiderte Ulenspiegel. - -„Willst Du einen Peitschenhieb haben?“ - -„Ich will ihrer zehn haben, wenn ich Euch einen solchen Leuchtkäfer in -den Kopf setzen kann, daß Ihr von hier bis zum Escurial deutlich sehen -könnt.“ - -„Mich kümmert nicht Leuchtkäfer noch Escurial,“ antwortete der Graf. - -„Und mich brennt es, Euch einen guten Rat zu geben,“ erwiderte -Ulenspiegel. Dann nahm er des Grafen Pferd, welches ausschlug und sich -bäumte, beim Zügel und sprach: - -„Euer Gnaden, gedenket, daß Ihr jetzo auf Eurem Roß tanzet und daß Euer -Haupt auch trefflich auf Euren Schultern tanzet; aber der König, sagt -man, will diesen schönen Tanz unterbrechen, Euch Euren Körper lassen, -aber Euren Kopf nehmen und ihn in so ferne Länder tanzen lassen, daß -Ihr ihn nimmermehr wieder einholen könnet. Gebet mir einen Gulden, ich -habe ihn verdient.“ - -„Die Peitsche, wenn du nicht weichest, schlechter Ratgeber.“ - -„Euer Gnaden, ich bin Ulenspiegel, der Sohn des Klas, der für seinen -Glauben lebendig verbrannt ist, und Soetkins Sohn, die an Herzeleid -gestorben ist. Die Asche brennt auf meiner Brust und sagt mir, daß -Egmont, der tapfere Soldat, mit der Reiterei, die er befehligt, seine -dreimal siegreichen Truppen dem Herzog Alba entgegen stellen kann.“ - -„Geh,“ antwortete Egmont, „ich bin kein Verräter.“ - -„Rette die Lande, Du allein kannst es,“ sagte Ulenspiegel. - -Der Graf wollte Ulenspiegel peitschen, aber dieser wartete nicht darauf -und entfloh mit dem Ruf: - -„Esset Leuchtkäfer, esset Leuchtkäfer, Herr Graf. Rettet die Lande.“ - -Ein ander Mal hielt Egmont, da ihn dürstete, vor der Herberge ~In ’t -tondt verken~, Zum bunten Ferkel, so von einer Frau aus Kortrijk, einem -hübschen Weiblein, namens Musekin, Mäuslein, gehalten ward. - -Der Graf erhob sich in den Steigbügeln und rief: - -„Zu trinken.“ - -Ulenspiegel, welcher der Musekin diente, trat zu dem Grafen heran, in -der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine volle Flasche roten -Weines. - -Der Graf sagte, als er ihn sah: - -„Bist Du es, Unglücksrabe?“ - -„Euer Gnaden,“ entgegnete Ulenspiegel, „wenn meine Prophezeihung -schwarz ist, so kommts, weil sie sich nicht weiß gewaschen hat. Aber -wollt Ihr mir sagen, was röter ist, der Wein, der in die Kehle geht, -oder das Blut, das herausspritzt? Das war’s, was meine Laterne fragte.“ - -Der Graf antwortete nicht, trank, zahlte und ritt von dannen. - - -17 - -Ulenspiegel und Lamm, ein jeglicher auf einem Esel reitend, den Simon -Simonsen, einer der Getreuen des Prinzen von Oranien ihnen gegeben -hatte, zogen überall hin und warnten die Leute vor den schwarzen -Anschlägen des Blutkönigs und waren allzeit auf der Lauer, um die -Zeitungen, die aus Spanien kamen, zu erfahren. Sie verkauften Gemüse, -waren wie Bauern gekleidet und besuchten alle Märkte. - -Als sie von dem Markte in Brüssel kamen, sahen sie in einem steinernen -Hause am Ziegeldamm, in einem niedren Gemach eine schöne, in Atlas -gekleidete Dame mit frischen Farben, vollem Busen und übermütigen Augen. - -Sie sagte zu einer jungen, frischen Köchin: - -„Scheure mir diese Pfanne wohl, ich liebe keine Brühe mit der Würze des -Rostes.“ - -Ulenspiegel drückte die Nase ans Fenster. - -„Ich,“ sagte er, „ich liebe sie alle, denn ein ausgehungerter Bauch ist -nicht wählerisch in Gerichten.“ - -Die Dame drehte sich um. - -„Wer ist dieser Schelm, der sich um meine Suppe kümmert?“ - -„Ach, schöne Dame,“ sagte Ulenspiegel, „wenn Ihr nur ein wenig davon -in meiner Gesellschaft machen wolltet. Ich würde Euch Leckereien eines -Reisenden lehren, die schönen seßhaftigen Damen unbekannt sind.“ - -Dann schnalzte er mit der Zunge und sprach: - -„Ich habe Durst.“ - -„Auf was?“ fragte sie. - -„Auf Dich“, sagte er. - -„Er ist ein hübscher Bursche,“ sagte die Köchin zur Dame. „Wir wollen -ihn einlassen, auf daß er uns seine Abenteuer erzähle.“ - -„Aber es sind ihrer zwei,“ sagte die Dame. - -„Ich werde für einen sorgen,“ versetzte die Köchin. - -„Edle Frau,“ sprach Ulenspiegel dagegen, „wir sind freilich zwei, ich -und mein armer Lamm, der nicht hundert Pfund auf dem Rücken tragen -kann, aber gerne fünfhundert in Fleisch und Getränke im Magen trägt.“ - -„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „mache dich nicht über mich Unseligen lustig, -dem das Füllen seines Bauches so teuer zu stehen kommt.“ - -„Heute soll er Dir keinen Heller kosten,“ sagte die Dame. „Tretet beide -ein.“ - -„Aber,“ sprach Lamm, „hier sind auch die beiden Esel, auf denen wir -sitzen.“ - -„Im Pferdestall des Herrn Grafen von Meghem mangelt es nicht an Metzen -Hafer.“ - -Die Köchin ließ ihre Pfanne im Stich und zog Ulenspiegel und Lamm auf -ihren Eseln in den Hof; selbige huben ohne Verzug an zu schreien. - -„Das ist die Fanfare für die nahende Atzung. Sie posaunen ihre Freude -aus, die armen Esel.“ - -Da sie alle beide abgestiegen waren, sprach Ulenspiegel zur Köchin: - -„Wenn Du eine Eselin wärest, möchtest Du einen Esel wie ich?“ - -„Wenn ich eine Frau wäre, wollte ich einen Gesellen mit lustigem -Gesicht.“ - -„Was bist Du denn, wenn Du nicht Frau noch Eselin bist?“ fragte Lamm. - -„Ich bin Jungfrau,“ sagte sie. „Eine Jungfrau ist keine Frau, noch -weniger Eselin! begreifest Du das, Dickwanst?“ - -Ulenspiegel sagte zu Lamm: - -„Glaub ihr nicht, es ist die Hälfte von einer Dirne und das Viertel von -zwei Teufelinnen. Ihre Schalkheit und Sinnenlust hat ihr schon in der -Höllen einen Platz gesichert auf einem Pfühl, um Beelzebub darauf zu -herzen.“ - -„Arger Spötter,“ sagte die Köchin, „wenn Deine Haare Pferdehaare wären, -wollte ich sie nicht, um darauf zu treten.“ - -„Und ich“, sagte Ulenspiegel, „möchte all Deine Haare essen.“ - -„Schmeichler,“ sagte die Dame, „mußt Du alle haben?“ - -„Nein,“ antwortete Ulenspiegel, „tausend in eine einzige verschmolzen -wie Ihr seid, wären mir genug.“ - -Die Dame sprach zu ihm: - -„Trinke zuvor eine Kanne Braunbier, iß ein Stück Schinken, schneide -nach Belieben in diese Hammelkeule, höhle mir diese Pastete aus und -schlürfe diesen Salat.“ - -Ulenspiegel faltete die Hände: - -„Der Schinken ist gutes Fleisch“, sagte er, „das Braunbier himmlisches -Bier, die Hammelkeule ein göttlicher Braten; eine Pastete auszuhöhlen -läßt die Zunge im Munde vor Freude erzittern; ein fetter Salat ist eine -fürstliche Schleckerei. Aber gesegnet wird der sein, dem Ihr von Eurer -Schönheit zu kosten gebet.“ - -„Sehet, wie er schwätzt,“ sagte sie. „Iß zuvor, Taugenichts.“ - -Ulenspiegel erwiderte: „Sollen wir nicht das Benedicite vor dem Gratias -sagen?“ - -„Nein“, sprach sie. - -Darauf sprach Lamm ächzend: - -„Ich habe Hunger.“ - -„Du wirst zu essen bekommen, dieweil Du keine andre Sorge hast als -gekochtes Fleisch.“ - -„Und frisches auch, so frisch wie mein Weib war.“ - -Die Köchin ward bei dieser Rede unwirsch. Jedoch sie aßen gar reichlich -und tranken wie die Schwämme. Und die Dame gab Ulenspiegel diese Nacht, -die nächste und die folgenden das Nachtmahl. - -Die Esel bekamen eine doppelte Metze Hafer und Lamm aß für zwei. -Während einer Woche verließ er die Küche nicht und trieb sein Spiel -mit den Schüsseln, aber nicht mit der Köchin, denn er gedachte seines -Weibes. Solches verdroß die Jungfer, welche sagte, daß es sich nicht -verlohnte, in dieser armen Welt Platz fortzunehmen, nur um an seinen -Bauch zu denken. - -Derweilen lebten Ulenspiegel und die Dame gar freundlich miteinander. -Eines Tages sagte sie zu ihm: - -„Thyl, Du bist nicht ehrbar. Wer bist Du?“ - -Er sagte: „Ich bin ein Sohn, den der glückliche Zufall eines Tages mit -Frau Aventüre hatte.“ - -„Du sprichst nicht schlecht von Dir,“ sprach sie. - -„Es geschieht aus Furcht, daß die Andern mich loben,“ entgegnete -Ulenspiegel. - -„Würdest Du Dich Deiner Brüder annehmen, die man verfolgt?“ - -„Klasens Asche brennt auf meiner Brust,“ erwiderte Ulenspiegel. - -„Wie schön Du jetzt bist,“ sagte sie. „Wer ist Klas?“ - -„Mein Vater, der um des Glaubens willen verbrannt ist,“ sprach -Ulenspiegel. - -„Der Graf von Meghem gleicht Dir nicht,“ sprach sie. „Er will das -Vaterland bluten lassen, und ich liebe es, denn ich bin zu Antwerpen, -der glorreichen Stadt, geboren. Wisse denn, daß er mit dem Brabanter -Ratsherrn Scheyf im Einvernehmen ist, seine zehen Fähnlein Fußvolk in -Antwerpen einrücken zu lassen.“ - -„Ich werde es den Bürgern anzeigen,“ sagte Ulenspiegel, „und ich werde -auf der Stelle hingehen, schnell wie ein Geist.“ - -Er ging hin, und am nächsten Tag waren die Bürger in Waffen. - -Ulenspiegel und Lamm aber, so ihre Esel bei einem Pächter von Simon -Simonsen eingestellt hatten, mußten sich verbergen, aus Furcht vor dem -Grafen von Meghem, der sie allerorten suchen ließ, damit sie gehenkt -würden; denn man hatte ihm gesagt, daß zwei Ketzer von seinem Wein -getrunken und von seinem Fleisch gegessen hätten. Er war eifersüchtig, -sagte es seiner schönen Dame, die vor Zorn mit den Zähnen knirschte, -weinte und siebenzehn Mal in Ohnmacht fiel. Die Köchin tat das -Nämliche, aber nicht so oft, und erklärte bei ihrem Anrecht aufs -Paradies und ihrer ewigen Seligkeit, daß weder sie noch ihre Dame etwas -andres getan hätten, als daß sie die Ueberreste des Mittagmahles zween -armen Pilgern gegeben hätten, die auf zwei erbärmlichen Eseln reitend, -vor dem Küchenfenster gehalten hätten. - -Es wurden an jenem Tage so viel Tränen vergossen, daß der Fußboden -davon ganz feucht war. Da Herr von Meghem solches sah, war er -überzeugt, daß sie nicht lögen. - -Lamm wagte sich nicht mehr in Herrn von Meghems Haus zu zeigen, denn -die Köchin nannte ihn immer, „mein Weib“. - -Er war schier betrübt, wenn er der Nahrung gedachte; aber Ulenspiegel -brachte ihm allzeit ein gutes Gericht, denn er ging von der Sankt -Katharinenstraße in das Haus und verbarg sich auf dem Boden. - -Am folgenden Tage zur Vesper bekannte der Graf von Meghem seinem -schönen Weibe, welcher Art er beschlossen hätte, die Reiterei, die -er befehligte, vor Tag in Herzogenbusch einrücken zu lassen. Dann -entschlief er. Das schöne Weib stieg auf den Boden und ließ Ulenspiegel -die Sache wissen. - - -18 - -Ulenspiegel ging, als Pilger gekleidet, ohne Wegzehrung noch Geld -flugs nach Herzogenbusch, um die Bürger zu warnen. Er wollte unterwegs -bei Herrn Praet, Simons Bruder, ein Pferd nehmen; er hatte Briefe vom -Prinzen für ihn. Von da wollte er im schnellsten Trab auf Richtwegen -nach Herzogenbusch reiten. - -Da er die Heerstraße kreuzte, sah er einen Haufen Kriegsvolks -daherkommen. Er hatte große Furcht der Briefe halber. Aber da er -entschlossen war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, so erwartete -er die Söldner stehenden Fußes und murmelte seine Paternoster. Als -sie vorbeikamen, marschierte er mit ihnen und erfuhr, daß sie nach -Herzogenbusch zogen. - -Ein wallonisches Fähnlein eröffnete den Marsch. An der Spitze ritt der -Hauptmann Lamotte mit seiner Leibwache von sechs Hellebardieren; dann -ihrem Range nach der Fähndrich mit geringerem Geleit, der Profos mit -seinen Hellebardieren und seinen zwei Stockknechten, der Wachtmeister, -der Troßmeister, der Henker und sein Büttel und Pfeifer und Trommler, -so großen Lärm vollführten. Alsdann kam ein vlämisches Fähnlein von -zweihundert Mann mit seinem Hauptmann und Fähndrich. Es war in zwei -Kompanieen geteilt, so von Feldwaibeln geführt wurden, und zerfiel -in Rotten, denen Rottmeister vorstanden. Vor dem Profos und den -Stockknechten zogen gleichermaßen Pfeifer und Trommler einher, die -dröhnten und gellten. - -Hinter ihnen kamen in zween Wagen ihre Gefährtinnen, schöne Dirnen, -die lachten ausgelassen, zwitscherten wie Grasmücken, sangen wie -Nachtigallen, aßen, tranken, tanzten, stunden, lagen oder saßen -rittlings in den Wagen. - -Etliche waren wie Landsknechte gekleidet, aber in feines, weißes -Linnen, am Halse entblößt und an Armen und Beinen und am Wamse -geschlitzt, also daß der reizende Körper zu sehen war. Sie trugen -Mützen von feinem Linnen, mit Gold verbrämt und mit schönen -Straußenfedern darauf, so im Winde wallten. An ihren Gürteln von -Goldbrokat mit Krausen von rotem Atlas hingen ihre Dolche in Scheiden -aus Goldstoff. Und ihre Schuhe, Strümpfe und Kniehosen, ihre Wämse, -Nesteln und Zierarten waren eitel Gold und weiße Seide. - -Andere waren auch nach Art der Landsknechte gekleidet, aber in Blau, -Grün, Scharlach, Himmelblau, Purpur und nach Willkür und Laune -geschlitzt, bestickt und mit Wappen geziert. Und alle hatten am Arm -das bunte Rädlein, so ihr Handwerk bedeutet. Ein Hurenwaibel, der sie -befehligte, wollte sie zum Schweigen bringen, aber sie brachten ihn -durch ihre artigen Fratzen und Reden zum Lachen und gehorchten ihm -nicht. - -Als Pilger gekleidet, zog Ulenspiegel neben den zwei Fähnlein daher wie -ein Nachen neben einem großen Schiff. Und er murmelte seine Paternoster. - -Plötzlich sagte Lamotte zu ihm: - -„Wohin gehst Du, Pilger?“ - -„Herr Hauptmann,“ antwortete der hungrige Ulenspiegel, „ich habe -ehemals eine große Sünde begangen und ward vom Kapitel Unserer lieben -Frau verurteilt, zu Fuß nach Rom zu pilgern und den heiligen Vater -um Ablaß zu bitten, welchen er mir auch gab. Ich kehrte von Sünde -gereinigt in diese Lande zurück, unter der Bedingung, unterwegs allem -Kriegsvolk, dem ich begegne, die heiligen Mysterien zu predigen. Dafür -soll ich zum Lohne Brot und Wein empfahen. Und so predigend friste ich -mein armes Leben. Verstattet mir, beim nächsten Halt meinem Gelübde -nachzukommen.“ - -„Wohl“, sprach Herr von Lamotte. - -Indem Ulenspiegel sich brüderlich unter die Wallonen und Vlamländer -mischte, befühlte er die Briefe unter seinem Wams. - -Die Dirnen riefen ihm zu: - -„Pilger, schöner Pilger, komm hierher und zeig uns die Macht Deiner -Muschelschalen.“ - -Ulenspiegel trat zu ihnen und sagte ehrbar: - -„Meine Schwestern in Christo, spottet nicht des armen Pilgers, der über -Berg und Tal wandert, um den Soldaten den heiligen Glauben zu predigen.“ - -Und er verschlang ihre holden Reize mit den Augen. Aber die Dirnen -streckten ihre muntern Gesichter zwischen den Planen der Wagen herfür. - -„Du bist gar jung,“ sprachen sie, „um den Soldaten zu predigen, steig -in unsere Wagen, wir werden dich süßere Reden lehren.“ - -Ulenspiegel hätte gern gehorcht, aber er konnte nicht wegen der Briefe. -Schon streckten zwei von ihnen ihre runden, weißen Arme aus dem Wagen -und trachteten, ihn zu sich hinauf zu ziehen. Da sprach der Hurenwaibel -voll Eifersucht zu Ulenspiegel: „Wenn Du nicht fortgehst, so schlage -ich Dich in Stücke.“ - -Und Ulenspiegel hielt sich weiter ab und betrachtete heimlich die -frischen Mägdlein, welche die Sonne, die hell auf den Weg schien, -vergüldete. - -Sie kamen nach Berchem. Philipp von Lannoy, Ritter von Beauvoir, der -die Vlamländer kommandierte, befahl Halt zu machen. - -An diesem Platze stund eine Eiche von mittlerem Wuchs, die war ihrer -Äste beraubt, ausgenommen einen sehr starken, der mitten durchgebrochen -war. Daran hatte man im vorigen Monat einen Wiedertäufer aufgeknüpft. - -Die Soldaten machten Halt; die Marketender kamen herzu und verkauften -ihnen Brot, Wein, Bier und Fleisch jeglicher Art. Den Dirnen dagegen -verkauften sie Zucker, Kapaune, Mandeln und süßes Gebäck. Da -Ulenspiegel solches sah, ward er noch hungriger. - -Plötzlich kletterte er wie ein Affe auf den Baum und setzte sich -rittlings auf den dicken Ast, der sieben Fuß über der Erde war. Dieweil -die Soldaten und Dirnen ihn im Kreise umringten, kasteite er sich mit -einer Geißel und sprach: - -„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Es -stehet geschrieben: Welcher den Armen gibt, leihet Gott aus. Soldaten -und Ihr, schöne Damen, reizende Liebesgefährtinnen dieser tapferen -Krieger, leihet Gott. Das heißt: „Gebet mir Brot, Fleisch, Wein und -Bier, so es Euch beliebt. Und nichts für ungut, auch Kuchen; und Gott, -der so reich ist, wird es Euch heimzahlen in Bergen von Fettammern, in -Strömen von Malvasier, in Haufen von Kandiszucker und Reisbrei, den Ihr -im Paradiese mit silbernen Löffeln sollt essen.“ - -Dann jammerte er: „Sehet Ihr nicht, durch welch grausame Marter ich -trachte, meiner Sünden Vergebung zu verdienen? Erleichtert Ihr nicht -den brennenden Schmerz dieser Geißel, die mir den Rücken wund und -blutig macht?“ - -„Wer ist dieser Narr?“ sagten die Soldaten. - -„Meine Freunde,“ entgegnete Ulenspiegel, „ich bin nicht närrisch, -sondern reuevoll und ausgehungert; denn während mein Geist seine Sünden -beweint, beweint mein Bauch den Mangel an Fleisch. Ihr glücklichen -Soldaten und Ihr schönen Mägdlein, ich sehe da bei Euch fetten -Schinken, Gans, Würste, Wein, Bier und Kuchen. Wolltet Ihr dem Pilger -nichts geben?“ - -„Ja, ja,“ sagten die vlämischen Soldaten, „er hat ein gutes Gesicht, -dieser Prediger.“ - -Und alle warfen ihm Bissen zu wie Bälle. Ulenspiegel hörte nicht auf zu -reden und aß, auf dem Aste reitend. - -„Der Hunger“, sprach er, „macht den Menschen hart und zum Gebet -untauglich, aber der Schinken verscheucht sogleich diese üble Laune“. - -„Achtung, der Kopf wird gespalten“, rief ein Feldwaibel und warf ihm -eine halbvolle Flasche zu. - -Ulenspiegel fing sie im Fluge auf, trank kleine Schlucke und sprach: -„So wie der scharfe, wütende Hunger für den elenden Körper des Menschen -ein schädlich Ding ist, so gibt es noch ein anderes nicht minder -verderbliches Ding. Was ist die Angst eines armen Pilgers, welchem -hochherzige Soldaten eine Schnitte Schinken und eine Flasche Bier -gegeben haben? Denn der Pilger ist gemeiniglich nüchtern, und so er mit -so geringer Nahrung im Magen tränke, würde er flugs trunken sein.“ - -Wie er so sprach, fing er abermals im Flug eine Gänsekäule auf. - -„Das ist ein wundersam Ding,“ sagte er, „in der Luft Wiesenfische -zu fischen. Doch dieser ist mitsamt dem Beine verschwunden. Was ist -gieriger als trockner Sand? Ein unfruchtbar Weib und ein ausgehungerter -Magen.“ - -Plötzlich fühlte er, daß eine Hellebardenspitze ihn ins Gesäß stach. -Und er hörte einen Fähndrich sagen: - -„Verschmähen die Pilger jetzo eine Hammelkeule?“ - -Ulenspiegel sah eine große Hammelkeule auf die Spitze der Hellebarde -gespießt. Er nahm sie und sagte: - -„Keule gegen Keule: diese ist mir lieber als der Keulenärmel an meinem -Wams. Ich werde eine Markflöte daraus machen, um Dein Loblied zu -singen, Du barmherziger Hellebardier. Jedoch,“ sagte er, die Keule -benagend, „was ist eine Mahlzeit ohne Nachtisch? Was ist eine Keule, -so saftig sie auch sei, wenn dem Pilger hernach nicht ein Stück Kuchen -lächelt?“ - -So sprechend, faßte er mit der Hand nach dem Gesicht, denn zwei Kuchen, -so aus der Schar der losen Jungfrauen kamen, waren einer auf seinem -Auge, der andere auf seiner Wange zerquetscht. Und die Mädchen lachten -und Ulenspiegel antwortete: - -„Großen Dank, Ihr herzigen Mägdlein, daß Ihr mir den Ritterschlag mit -Zuckerbrot gebet.“ - -Aber die Kuchen waren zu Boden gefallen. - -Plötzlich erdröhnten die Trommeln, die Pfeifen gellten und die Soldaten -marschierten davon. Herr von Beauvoir hieß Ulenspiegel von seinem Baume -herabsteigen und neben dem Kriegervolk einherziehen, von dem er hundert -Meilen hätte fern sein mögen. Denn er witterte aus den Worten etlicher -finster dreinschauender Kriegsknechte, daß er ihnen verdächtig sei -und daß sie ihn alsbald für einen Spion nehmen, ihn durchsuchen und -aufknüpfen würden, wenn sie seine Sendschreiben fänden. - -Drum ließ er sich in einen Graben fallen und schrie: - -„Erbarmen, Ihr Herren Soldaten, ich habe das Bein gebrochen, ich könnte -nicht mehr gehen, lasset mich in den Wagen der Mädchen steigen.“ - -Aber er wußte, daß der eifersüchtige Waibel es ihm nicht verstatten -würde. - -Die aus dem Wagen riefen ihm zu: - -„Wohlan, komm doch, artiger Pilger, komm. Wir wollen Dich lieben, -herzen, bewirten und Dich an einem Tage heilen.“ - -„Ich weiß es,“ sagte er, „Frauenhände sind ein göttlicher Balsam für -alle Wunden.“ - -Aber der eifersüchtige Waibel sprach zu Herrn von Lamotte: - -„Euer Gnaden, ich glaube, dieser Pilger hat uns mit seinem gebrochenen -Beine zum besten, um in den Wagen der Dirnen zu steigen. Befehlet, daß -man ihn auf dem Wege zurücklasse.“ - -„Das will ich,“ antwortete Herr von Lamotte. - -Und Ulenspiegel ward in dem Graben gelassen. - -Etliche Soldaten glaubten, daß er wahrhaftig das Bein gebrochen habe, -und waren betrübt darüber, maßen er ein so fröhlicher Gesell war. Sie -ließen ihm Fleisch und Wein für zwei Tage. Die Mädchen wären ihm gerne -zu Hilfe gekommen, aber da sie es nicht vermochten, warfen sie ihm -alles zu, was ihnen von den Hühnern geblieben war. - -Da das Kriegsvolk sich verzogen hatte, lief Ulenspiegel in seinem -Pilgerkleid querfeldein, kaufte sich ein Pferd und kam auf Wegen und -Stegen wie der Wind nach Herzogenbusch. - -Bei der Kunde von der Ankunft der Herren von Beauvoir und von Lamotte -waffneten sich die aus der Stadt, achthundert Mann hoch, wählten -Hauptleute und sandten Ulenspiegel als Kohlenträger verkleidet nach -Antwerpen, um Hilfe von Brederode, dem herkulischen Zecher zu holen. - -Und die Herren von Lamotte und von Beauvoir fanden Herzogenbusch, die -wachsame Stadt, zu kühner Abwehr bereit und konnten nicht eindringen. - - -19 - -Im folgenden Mond gab ein gewisser Doktor Agileus Ulenspiegel zwei -Gülden und Briefe, mit denen er sich zu Simon Praet begeben sollte; der -würde ihm sagen, was er tun sollte. - -Ulenspiegel fand bei Praet Kost und Obdach. Sein Schlaf war gut und -gut war auch sein jugendlich blühendes Antlitz. Praet hingegen war -schwächlich und von kläglichem Aussehen und schien immer in traurigen -Gedanken befangen. Ulenspiegel verwunderte sich des Nachts, wenn er von -Ohngefähr erwachte und hämmern hörte. - -So zeitig er aufstand, Simon Praet war vor ihm auf und sein Aussehen -war noch kläglicher und seine Blicke noch trauriger. Sie erglänzten wie -die eines Mannes, der sich auf den Tod oder die Schlacht bereitet. - -Oft seufzete Praet, die Hände zum Beten gefaltet, und allezeit schien -er voller Grimm. Seine Finger waren schwarz und schmierig, desgleichen -seine Arme und seine Hand. - -Ulenspiegel beschloß zu erfahren, woher das Hämmern, die schwarzen Arme -und Praets Trübsinn kämen. - -Eines Abends, da er in Simons Gesellschaft, der wider Willen dort -weilte, in der Schenke zur „Blauen Gans“ gewesen war, stellte er sich -als ob er so viel getrunken und solch einen Rausch im Kopf hätte, daß -er ihn stracks auf das Kissen hinlegen müßte. Und Praet führte ihn -traurig nach Hause. - -Ulenspiegel schlief auf dem Boden bei den Katzen; Simons Bett war unten -beim Keller. - -Ulenspiegel stellte sich fürderhin trunken, stieg taumelnd die Stiege -hinauf, tat, als ob er fiele, und hielt sich am Strick fest. Simon half -ihm mit zärtlicher Sorgfalt wie ein Bruder. Nachdem er ihn zu Bett -gebracht, ob seiner Trunkenheit bedauert und Gott gebeten hatte, sie -ihm zu verzeihen, ging er hinunter, und alsbald vernahm Ulenspiegel die -nämlichen Hammerschläge, die ihn manches Mal geweckt hatten. - -Er stand geräuschlos auf, stieg barfuß die schmale Stiege hinunter, -also daß er sich nach zweiundsiebenzig Stufen vor einer niederen Tür -befand, durch deren Spalte ein schwacher Lichtschein drang. Simon -druckte Flugblätter mit alten Lettern aus der Zeit von Laurens Costers, -dem großen Verbreiter der edlen Buchdruckerkunst. „Was machst Du da?“ -fragte Ulenspiegel. - -Simon antwortete erschrocken: - -„Wenn Du des Teufels bist, zeige mich an, auf daß ich sterbe. Bist Du -aber Gottes, so sei Dein Mund Deiner Zunge Kerker.“ - -„Ich bin Gottes,“ antwortete Ulenspiegel, „und will Dir nichts Übles -tun. Was tust Du da?“ - -„Ich drucke Bibeln,“ antwortete Simon. „Denn wenn ich über Tag, um mein -Weib und meine Kinder zu ernähren, die grausamen und schlechten Edikte -Seiner Majestät veröffentliche, so säe ich nachts das wahrhaftige Wort -Gottes aus und mache so das Übel wieder gut, das ich am Tage tue.“ - -„Du bist tapfer,“ sagte Ulenspiegel. - -„Ich bin im Glauben,“ entgegnete Simon. - -Und wahrlich, aus dieser frommen Druckerei gingen Bibeln in vlämischer -Sprache hervor, so sich in den Ländern Brabant, Flandern, Holland, -Seeland, Utrecht, Nord-Brabant, Ober-Yssel und Gelderland verbreiteten, -bis an den Tag, wo Simon verurteilt wurde, geköpft zu werden, und also -sein Leben für Christum und die Gerechtigkeit vollendete. - - -20 - -Eines Tages sagte Simon zu Ulenspiegel: - -„Höre, Bruder, hast Du Mut?“ - -„Ich habe soviel, wie nötig ist, um einen Spanier zu peitschen, bis daß -der Tod erfolgt, einen Meuchelmörder zu töten und einem Totschläger das -Leben zu nehmen,“ entgegnete Ulenspiegel. - -„Vermöchtest Du geduldig in einem Kamin auszuharren und zu horchen, was -in einem Gemache gesprochen wird?“ fragte der Drucker. - -Ulenspiegel antwortete: „Da ich durch Gottes Gnade ein starkes Kreuz -und geschmeidige Kniekehlen habe, so könnte ich mich wie eine Katze -lange festhalten, wo ich wollte.“ - -„Hast Du Geduld und Gedächtnis?“ fragte Simon. - -„Klasens Asche brennt auf meiner Brust“, entgegnete Ulenspiegel. - -„Höre denn,“ sagte der Buchdrucker. „Du wirst diese also gefaltete -Spielkarte nehmen, nach Dendermonde gehen und allda zweimal stark -und einmal leise an die Türe des Hauses pochen, dessen Abbild hier -gezeichnet ist. Jemand wird Dir öffnen und Dich fragen, ob Du der -Kaminkehrer bist. Du antwortest, daß Du mager bist, und daß Du die -Karte nicht verloren hast. Du zeigst sie ihm. Alsdann, Thyl, wirst -Du tun, was sein muß. Großes Unheil schwebt über dem Lande Flandern. -Man wird Dir einen Kamin zeigen, der schon im voraus zugerichtet und -gekehrt ist. Du wirst darin gute Krampen für Deine Füße und als Sitz -ein kleines, sicher befestigtes Brett finden. Wenn der, welcher Dir -aufgemacht hat, Dich heißen wird, in den Kamin zu steigen, wirst Du -es tun und Dich ruhig darin verhalten. Erlauchte Herren werden sich -in dem Gemache vor dem Kamin, in dem Du sein wirst, vereinigen. Es -sind Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, die Grafen von Egmont, -von Hoorn, von Hoogstraten und Ludwig von Nassau, der wackere Bruder -des Schweigers. Wir Reformierten wollen wissen, was diese Herren -unternehmen wollen und können, um die Lande zu retten.“ - -Es war aber am ersten Tage des Ostermonds, daß Ulenspiegel tat, wie ihm -geheißen war, und sich in den Kamin setzte. Er war es zufrieden, daß -kein Feuer darinnen war, denn er gedachte, wenn kein Rauch da wäre, -würde sein Gehör um so schärfer sein. - -Alsbald öffnete sich die Türe des Saales und ein Windstoß ging ihm -durch und durch. Aber er nahm diesen Wind in Geduld hin und sagte sich, -daß er seine Aufmerksamkeit auffrischen würde. Darnach hörte er die -Herren von Oranien, Egmont und die anderen in das Gemach treten. Sie -begannen zu reden: von den Befürchtungen, die sie hatten, vom Zorne -des Königs und der schlechten Verwaltung der Gelder und Finanzen. -Einer sprach in hellem, bittrem, hoffärtigem Tone, das war Egmont. -Ulenspiegel erkannte ihn wieder, desgleichen Hoogstraten an seiner -heiseren Stimme, von Hoorn an seiner lauten Stimme, den Grafen Ludwig -von Nassau an seinem derben, kriegerischen Ton, und den Schweiger -daran, daß er alle seine Worte langsam aussprach, als wöge er ein -jegliches auf einer Wage. - -Graf Egmont fragte, warum man sie zum andern Male zusammen riefe, maßen -sie in Hellegat Muße gehabt hätten, sich zu entscheiden, was sie tun -wollten. - -Von Hoorn antwortete: - -„Die Zeit entfleucht; der König ist zornig; hüten wir uns zu zaudern.“ - -Da sagte der Schweiger: - -„Die Lande sind bedroht; man muß sie vor dem Angriff eines fremden -Heeres schirmen.“ - -Egmont entgegnete aufbrausend, es verwunderte ihn, daß der Herr und -König sich bemüßigt fühlte, ein Heer zu entsenden, nun, da durch der -Herren Fürsorge, in Sonderheit die seine, alles beruhigt sei. - -Doch der Schweiger versetzte: - -„Philipp hat in den Niederlanden vierzehn Haufen Kriegsvolk, und ein -jeder Soldat hält zu Dem, der bei Saint-Quentin und bei Gravelingen -befehligte.“ - -„Ich verstehe nicht,“ sprach Egmont. - -Der Prinz erwiderte: „Ich will nicht mehr sagen, doch es sollen Euch -und den versammelten Herren gewisse Briefe verlesen werden, mit denen -des armen Gefangenen Montigny anfangend.“ - -In diesen Briefen schrieb Herr von Montigny: - -„Der König ist höchlichst erzürnt ob der Geschehnisse in den -Niederlanden, und er wird die Begünstiger der Unruhen zur gegebenen -Zeit strafen.“ - -Worauf Graf Egmont sagte, daß es ihn fröre und daß man gut täte, ein -starkes Holzfeuer anzulegen. Solches geschah, dieweil die beiden Herren -über die Briefe sprachen. Aber das Feuer wollte nicht brennen, aus -Ursach des allzu großen Pfropfens, der im Kamin war, und das Gemach -wurde voll Rauch. - -Hustend verlas Graf von Hoogstraten alsdann die aufgefangenen Briefe -Alavas, des hispanischen Gesandten, die an die Regentin gerichtet waren. - -„Der Gesandte“, sagte er, „schreibt, daß alles Unheil, so in den -Niederlanden geschehen, das Werk der Drei sei; zu vermelden: der -Herren von Oranien, von Egmont und von Hoorn. Man müsse, sagt er, den -drei Herren ein freundlich Gesicht zeigen und ihnen sagen, daß der -König anerkenne, daß er diese Lande durch ihre Dienste in Botmäßigkeit -erhalten. Was aber die beiden, Montigny und de Berghes beträfe, so -seien sie da, wo sie bleiben sollten.“ - -„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „mir ist ein rauchiger Kamin im Lande Flandern -lieber denn ein kühles Gefängnis im Lande Hispanien; sintemalen -zwischen den feuchten Mauern Knebel wachsen!“ - -„Besagter Gesandte fügt hinzu, daß der König in der Stadt Madrid gesagt -habe: „Durch alles, was in den Niederlanden sich zugetragen, ist Unser -königliches Ansehen erschüttert, der Gottesdienst erniedrigt, und -lieber werden Wir alle Unsere Lande in Gefahr bringen, als eine solche -Rebellion ungestraft lassen. Wir sind entschlossen, in höchsteigner -Person nach den Niederlanden zu reisen und Papst wie Kaiser um Beistand -anzugehen. Unter dem gegenwärtigen Unglück ruht das zukünftige Glück. -Wir werden die Niederlande unter Unsre uneingeschränkte Botmäßigkeit -zwingen und Staat, Religion und Regierung nach Unserm Belieben ändern.“ - -„Ha, König Philipp,“ sprach Ulenspiegel zu sich, „so ich Dich nach -meiner Art ändern könnte, würdest Du unter meinem vlämischen Knüttel -eine gewaltige Veränderung Deiner Schenkel, Arme und Beine erleiden. -Ich würde Dir den Kopf mit zwei Nägeln mitten auf den Rücken heften, -um zu sehen, ob Du in dem Zustande, wenn Du den Totenacker, den Du -hinter Dir lässest, erblickst, auch noch das Lied von der tyrannischen -Veränderung singst.“ - -Es wurde Wein gebracht. Von Hoogstraten erhob sich und sagte: - -„Ich trinke auf das Wohl der Lande.“ Alle taten wie er. Er setzte den -Humpen leer auf den Tisch und fügte hinzu: „Die böse Stunde schlägt -für den belgischen Adel, man muß auf Mittel bedacht sein, sich zu -verteidigen.“ - -Eine Antwort erwartend, blickte er Egmont an, der aber blieb stumm. - -Doch der Schweiger sprach: „Wir werden widerstehen, wenn Egmont, der -bei Saint-Quentin und Gravelingen zweimal Frankreich erzittern ließ und -bei den vlämischen Söldnern unbedingtes Ansehen genießt, uns zu Hilfe -kommen und die Spanier hindern will, in unsere Lande zu dringen.“ - -Herr von Egmont erwiderte: - -„Ich habe eine zu ehrerbietige Meinung vom König, um zu glauben, daß -wir uns als Rebellen wider ihn wappnen müssen. Mögen die, so seinen -Zorn fürchten, sich zurückziehen. Ich werde bleiben, denn ich sehe -keine Möglichkeit, mich ohne seine Hilfe zu erhalten.“ - -„Philipp kann sich grausam rächen,“ sagte der Schweiger. - -„Ich habe Vertrauen,“ entgegnete Egmont. - -„Den Kopf einbegriffen?“ fragte Ludwig von Nassau. - -„Kopf, Körper und Ergebenheit, die sein sind, einbegriffen,“ antwortete -Egmont. - -„Lieber und Getreuer,“ sagte von Hoorn, „ich werde handeln wie Du.“ - -Der Schweiger sagte: „Man muß voraussehen und nicht warten.“ - -Nunmehr redete Herr von Egmont heftig und sprach: „Ich habe zu Grammont -zweiundzwanzig Reformierte henken lassen. Wenn die Predigten aufhören, -wenn man die Bilderstürmer bestraft, wird des Königs Zorn sich -besänftigen.“ - -Der Schweiger erwiderte: „Es gibt trügerische Hoffnungen.“ - -„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte Egmont. - -„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte von Hoorn. - -„Mit Eisen müssen wir uns wappnen und nicht mit Vertrauen,“ entgegnete -von Hoogstraten. - -Hierauf winkte der Schweiger, zum Zeichen, daß er gehen wolle. - -„Gehabt Euch wohl, Prinz ohne Land,“ sagte Egmont. - -„Gehabt Euch wohl, Graf ohne Kopf,“ antwortete der Schweiger. - -Ludwig von Nassau sagte darauf: „Der Schlächter ist für das Schaf und -der Ruhm für den Soldaten, der das Land seiner Väter rettet!“ - -„Ich kann und will es nicht,“ sagte Egmont. - -„Das Blut der Opfer komme über das Haupt des Höflings,“ sagte -Ulenspiegel. - -Die Herren zogen sich zurück. - -Alsbald stieg Ulenspiegel aus seinem Kamin und ging ohne Verzug zu -Praet, ihm die Zeitung zu bringen. Der sagte: „Egmont ist ein Verräter; -Gott ist mit dem Prinzen.“ - - -Der Herzog, der Herzog in Brüssel! Wo sind eiserne Truhen, die Flügel -haben? - - - - -Drittes Buch - - -1 - -Er geht, der Schweiger, Gott führt ihn. - -Die beiden Grafen sind schon gefangen; Alba verspricht dem Schweiger -Milde und Verzeihung, wenn er vor ihm erscheint. - -Bei dieser Kunde sagt Ulenspiegel zu Lamm: „Beim Mantel meines -Liebchens! Der Herzog läßt auf Dubois, des Generalprokurators Drängen, -den Prinzen von Oranien, Ludwig, seinen Bruder, von Hoogstraten, van -den Bergh, Kuilenburg, von Brederode und andre Freunde des Prinzen -entbieten, in dreimal vierzehn Tagen vor ihm zu erscheinen, und -verspricht ihnen gerechtes Urteil und Begnadigung. Höre, Lamm: Eines -Tages forderte ein Amsterdamer Jude einen seiner Feinde auf, in die -Gasse herunterzukommen; er stund in der Gasse, der andere an einem -Fenster. „Steig doch herunter“, sagte er, „und ich werde Dir einen -solchen Faustschlag auf den Kopf geben, daß er Dir in die Brust rutscht -und daß Du durch Deine Rippen siehst, wie ein Dieb durch das Gitter -seines Gefängnisses.“ Der Aufgeforderte erwiderte: „Wenn Du mir auch -hundert Mal mehr versprächest, so würde ich doch nicht herunterkommen.“ -Also mögen Oranien und die Andern antworten.“ - -Und sie taten es, indem sie sich weigerten zu erscheinen. Von Egmont -und von Hoorn folgten ihrem Beispiel nicht. Und Schwachheit in der -Pflicht ruft das Schicksal herbei. - - -2 - -Zur selbigen Zeit wurden auf dem Roßmarkt zu Brüssel die Herren von -Andelot, die Kinder Battenburgs und andere erlauchte und tapfere Ritter -enthauptet, welche sich der Stadt Amsterdam durch einen Überfall hatten -bemächtigen wollen. Und dieweil sie zum Richtplatze gingen und Psalmen -sangen / es waren ihrer achtzehn / erdröhnten die Trommeln vor und -hinter ihnen, den ganzen Weg entlang. - -Und die hispanischen Söldner, die sie begleiteten und brennende Fackeln -trugen, verbrannten ihnen damit den Körper an allen Stellen. Und wenn -sie des Schmerzes halber zuckten, sagten die Söldner: - -„Wie, Ihr Lutheraner, tut es Euch denn wehe, so bald verbrannt zu -werden?“ - -Und der sie verraten hatte, war einer namens Dierick Slosse; der hatte -sie zu dem noch katholischen Enkhuyse geführt, um sie des Herzogs -Bluthunden zu überliefern. - -Und sie starben tapfer. - -Und der König erbte. - - -3 - -„Sahest Du sie vorbeigehen?“ fragte Ulenspiegel, welcher als Holzhacker -gekleidet war, den gleich ausstaffierten Lamm. „Sahest Du den schlimmen -Herzog mit seiner Stirn, die oben so flach ist wie die des Adlers, und -seinem langen Bart, der dem Ende eines Strickes gleicht, der von einem -Galgen herunterhängt? Daß Gott ihn daran erdrossele! Sahest Du diese -Spinne mit ihren langen, haarigen Beinen, die Satan beim Erbrechen auf -diese Lande spie? Komm, Lamm, komm, wir wollen ihr Steine ins Netz -werfen ...“ - -„Wehe,“ sagte Lamm, „wir werden lebendig verbrannt werden.“ - -„Komm nach Groenendal, viellieber Freund; komm nach Groenendal. Da -ist ein schönes Kloster, allwo Seine Herzogliche Gnaden, die Spinne, -Gott um Frieden bitten wird, auf daß er ihn sein Werk vollenden lasse, -welches ist: seine unsauberen Geister an Aas zu ergötzen. Wir sind -in der Fastenzeit, und nur des Blutes will Seine Gnaden sich nicht -enthalten. Komm, Lamm, es sind dreihundert gewappnete Reiter um das -Stadthaus von Ohain, dreihundert Mann Fußvolk sind in kleinen Trupps -aufgebrochen und dringen in den Wald von Soignes ein. - -„Alsbald, wenn Alba seine Andacht halten wird, gehen wir auf ihn los, -und wenn wir ihn gefangen haben, setzen wir ihn in einen schönen, -eisernen Käfig und schicken ihn dem Prinzen.“ - -Doch Lamm sprach, vor Angst schaudernd, zu Ulenspiegel: - -„Große Gefahr, mein Sohn! Ich würde Dir bei diesem Unternehmen folgen, -wenn meine Beine nicht so schwach wären, und mein Bauch von dem sauern -Bier, so sie in dieser Stadt Brüssel trinken, nicht so aufgebläht wäre.“ - -Diese Reden wurden in einem Loche geführt, das im Walde mitten im -Dickicht in die Erde gegraben war. Plötzlich, da sie wie das Auge eines -Dachshundes durch die Blätter spähten, sahen sie die gelben und roten -Röcke der herzoglichen Söldner, die zu Fuß durch den Wald gingen. Ihr -Gewaffen blitzte im Sonnenschein. - -„Wir sind verraten,“ sagte Ulenspiegel. - -Als er die Söldner nicht mehr sah, rannte er im schnellsten Lauf bis -nach Ohain. Die Söldner ließen ihn ob seiner Holzhackertracht und -der Holzlast, so er auf dem Rücken trug, unbeachtet passieren. Da -fand er die Reiter wartend; er verbreitete die Kunde, und alle stoben -auseinander und entkamen, außer dem Herrn von Bausart d’Armentières, -der gefangen ward. Von den Fußsoldaten aber, die aus Brüssel kamen, -konnte man keinen fassen. Herr von Bausart zahlte grausam für die -andern. Und es war ein feiger Verräter vom Regiment des Herrn von -Likes, der sie allesamt verriet. - -Ulenspiegel, dem das Herz vor Angst klopfte, ging nach dem Viehmarkt zu -Brüssel, um seine grausame Hinrichtung anzusehen. - -Und der arme Armentières ward auf das Rad geflochten und empfing -siebenunddreißig Schläge mit der Eisenstange auf die Beine, Arme, Füße -und Hände, die eines um das andere zerbrochen wurden, denn die Henker -wollten ihn grausam leiden sehen. Und den siebenunddreißigsten empfing -er auf die Brust und starb daran. - - -4 - -An einem hellen, linden Junitage ward zu Brüssel auf dem Markte vor dem -Rathaus ein mit schwarzem Tuch bedecktes Schaffot aufgerichtet und -daneben zween hohe Pfähle mit Eisenspitzen. Auf dem Blutgerüst waren -zwei schwarze Kissen und ein Tischlein, darauf ein silbern Kreuz stand. - -Und auf diesem Schaffot wurden die edlen Grafen von Egmont und von -Hoorn mit dem Schwerte enthauptet. Und der König erbte. - -Und der Gesandte von Franz, dem ersten dieses Namens, sagte von Egmont: - -„Ich sah soeben dem, der zweimal Frankreich erzittern machte, das Haupt -abschlagen.“ - -Und die Köpfe der Grafen wurden auf die Eisenspitzen gesteckt. - -Und Ulenspiegel sprach zu Lamm: - -„Die Leiber und das Blut sind mit schwarzem Tuche verdeckt. Gesegnet -seien, so in den schwarzen Tagen, die da kommen werden, Mut hoch und -den Degen aufrecht halten.“ - - -5 - -Um dieselbige Zeit brachte der Schweiger ein Heer zusammen und ließ es -von drei Seiten in die Niederlande einfallen. - -Und Ulenspiegel sprach in einer Versammlung wilder Geusen von Marenhout: - -„Auf den Rat der Inquisitionsmänner hat Philipp der König alle -Einwohner der Niederlande des Majestätsverbrechens schuldig erklärt -durch die Tat der Ketzerei, sowohl wer ihr angehangen, als wer ihr -kein Hindernis in den Weg gelegt hat. In Ansehung dieses abscheulichen -Verbrechens verdammt er sie alle, ohne Rücksicht auf Geschlecht oder -Alter, mit Ausnahme der namentlich Bezeichneten, zu den Strafen, -die auf solche Frevel stehen; und solches ohne alle Hoffnung auf -Gnade. Der König erbt. Der Tod mäht in dem reichen, weiten Lande, das -die Nordsee, die Grafschaft Emden, die Ems, die Länder Westphalen, -Cleve, Jülich, Lüttich, die Bistümer Cöln und Trier, die Länder -Lothringen und Frankreich begrenzen. Der Tod mäht auf einer Fläche -von dreihundertundvierzig Meilen in zweihundert mit Mauern umgebenen -Städten, in hundertundfünfzig Dörfern mit Städterecht, in den Flecken, -auf den Feldern und Ebenen. Der König erbt. - -„Elftausend Henker sind nicht zuviel, um die Arbeit zu tun. Alba nennt -sie Soldaten. Und das Land der Väter ist ein Beinhaus geworden, woraus -die Künste fliehen, das Handwerk entweicht und welches die Gewerbe -verlassen, um den Fremden zu bereichern, der ihnen erlaubt, bei ihm den -Gott des freien Gewissens anzubeten. Tod und Verderben mähen. Der König -erbt. - -„Die Lande hatten ihre Privilegien erworben durch viel Geld, das -sie bedürftigen Fürsten gaben; diese Privilegien sind eingezogen. -Sie hatten gehofft, den Verträgen gemäß, die zwischen ihnen und den -Herrschern geschlossen waren, den Reichtum, die Frucht ihrer Arbeit, zu -genießen. Sie täuschen sich: der Maurer baut für die Feuersbrunst, der -Handarbeiter arbeitet für den Dieb. Und der König erbt. - -„Blut und Tränen! Der Tod mäht auf den Scheiterhaufen, an den Bäumen, -die längs der Heerstraße als Galgen dienen, in den offenen Gruben, in -welche die armen Mägdlein lebendig geworfen werden. Andre werden in -den Gefängnissen ertränkt, inmitten von angezündeten Reisigbündeln -bei langsamem Feuer gebraten oder kommen in brennenden Strohhütten in -Flamme und Rauch um. Der König erbt. - -„Also hat der römische Papst es gewollt. - -„Die Städte sind übervoll von Spionen, so ihren Anteil vom Vermögen der -Opfer erwarten. Je reicher, desto schuldiger ist man. Der König erbt. - -„Doch die tapferen Männer des Landes werden sich nicht gleich Lämmern -erwürgen lassen. Unter den Flüchtigen sind Bewaffnete, die in die -Wälder flüchten. Die Mönche hatten sie angezeigt, auf daß man sie töte -und ihnen ihr Vermögen nähme. Darum stürzen sie sich bei Nacht und Tag -wie die wilden Tiere auf die Klöster und nehmen dort das Geld wieder, -das dem armen Volke in Gestalt von Leuchtern, güldenen und silbernen -Reliquienschreinen, Speisekelchen, Hostientellern und kostbaren -Gefäßen gestohlen ist. Nicht so, Ihr guten Leute? Und sie trinken dort -den Wein, den die Mönche für sich bewahrten. Die geschmolzenen oder -verpfändeten Gefäße werden zum heiligen Kriege dienen. Es lebe der -Geuse! - -„Sie beunruhigen des Königs Soldaten, töten und berauben sie und -fliehen dann in ihre Schlupfwinkel. Bei Tag und Nacht sieht man in -den Wäldern nächtliche Feuer brennen und verlöschen und immerwährend -den Platz verändern. Das ist das Feuer unserer Gelage. Unser ist -das Wild mit Fell und Feder. Wir sind die Herren; die Bauern geben -uns Speck und Brot, wann wir wollen. Lamm, betrachte sie. Zerlumpt, -wild, entschlossen, mit stolzem Blick, irren sie mit ihren Äxten, -Hellebarden, langen Degen, kurzen Schwertern, Piken, Lanzen, Armbrüsten -und Hakenbüchsen in den Wäldern umher. Alle Waffen sind ihnen recht, -und sie wollen nicht unter Fahnen marschieren. Es lebe der Geuse!“ - -Und Ulenspiegel sang: - - „Slaet op den trommele, van dirre dom deyne, - Slaet op den trommele, van dirre dum, dum. - Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne. - Schlaget die Trommel des Krieges. - - Dem Herzog reißt die Eingeweide aus - Und peitscht damit sein Angesicht! - Schlaget die Trommel des Krieges, - Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder! - - Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse! - - Hängt an der Zunge ihn auf, - An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt, - Und am Arm, der es unterschreibt! - Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse! - - Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer! - Auf daß in dem eklen Dunst - Er an der Leichenpest sterbe! - Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse! - - Christe, blick nieder auf Deine Soldaten. - Dem Feuer und Strick bieten sie Trutz - Und dem Schwert um Deines Worts willen. - Sie wollen Befreiung des Vaterlands. - Slaet op den trommele, van dirre dom deyne, - Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“ - -Und alle tranken und schrieen: - -„Es lebe der Geuse!“ - -Und Ulenspiegel trank aus dem vergüldeten Humpen eines Mönches und -betrachtete voller Stolz der wilden Geusen kühne Gesichter. - -„Ihr wilden Männer,“ sagte er, „Ihr seid Wölfe, Leuen und Tiger, -fresset die Hunde des Blutkönigs.“ - -Sie sangen und sagten: „Es lebe der Geuse! - - Slaet op den trommele van dirre dom deyne, - Slaet op den trommele van dirre dum, dum. - Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“ - - -6 - -Da Ulenspiegel zu Ypern war, warb er Soldaten für den Prinzen. Von des -Herzogs Bluthunden verfolgt, bot er sich dem Propst von Sankt Martin -als Küster an. Er hatte allda einen Glöckner namens Pompilius Numa zum -Gefährten, eine ausgemachte Memme, der nachts seinen Schatten für den -Teufel und sein Hemd für ein Gespenst hielt. - -Der Propst war fett und feist wie ein Masthuhn, das für den Spieß reif -ist. Ulenspiegel sah alsbald, von welchem Kraut er weidete, um soviel -Speck anzusetzen. Wie er es von dem Glöckner erfuhr und mit eigenen -Augen ersah, speiste der Propst um neun Uhr zu Mittag und um vier zu -Abend. Bis acht ein halb Uhr blieb er im Bette, alsdann ging er vor dem -Mittagessen in seiner Kirche spazieren, um zu sehen, ob die Opferstöcke -wohl gefüllt seien. Und die Hälfte davon tat er in seinen Säckel. Um -neun verspeiste er eine Satte Milch, eine halbe Hammelkeule, eine -kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler Wein. Um zehn Uhr -lutschte er etliche Backpflaumen, begoß sie mit Wein aus Orleans und -bat dabei Gott, ihn nimmer in die Versuchung der Völlerei zu führen. Um -Mittag knabberte er zum Zeitvertreib einen Flügel und Hinterteil von -Geflügel. Um ein Uhr leerte er einen großen Becher hispanischen Weines -und gedachte an sein Nachtmahl. Alsdann streckte er sich auf sein Bett -hin und erfrischte sich durch einen kleinen Schlummer. - -Erwachend, genoß er ein wenig gesalzenen Lachs, um den Appetit zu -reizen, und leerte einen großen Humpen Antwerpener ~dobbelknol~. Dann -ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor den Kamin an das -schöne Holzfeuer, das darinnen flammte. Er sah zu, wie ein großes Stück -Kalbfleisch oder ein wohl abgebrühtes Spanferkel für die Mönche der -Abtei darin briet und sich bräunte; das hätte er lieber gegessen, denn -einen Laib weißen Brotes. Doch es gebrach ihm ein wenig an Hunger. Und -er betrachtete den Spieß, der sich wie durch ein Wunder ganz von allein -drehte. Das war das Werk Pieters van Steenkiste, eines Schmiedes, der -in der Kastellanei von Kortrijck wohnte. Der Propst bezahlte ihm für -einen dieser Spieße fünfzehn Pariser Franken. - -Dann ging er wieder hinauf in sein Bett und schlummerte vor -Ermüdung ein; er erwachte gegen zwei Uhr und verschluckte ein wenig -Schweinsgallert nebst Wein aus der Romagna, zu zweihundertvierzig -Gülden das Stückfaß. Um drei Uhr aß er ein Vögelchen in Madeirazucker -und leerte zwei Gläser Malvasier zu siebzehn Gülden das Fäßchen. Um -dreieinhalb Uhr genoß er einen halben Topf Eingemachtes und trank Meth -dazu. Alsdann war er recht wach, nahm einen seiner Füße in die Hände -und ruhte sinnend aus. - -Wenn der Augenblick des Nachtessens kam, so erschien oftmals der -Pfarrer von St. Johanni, ihm zu dieser saftigen Stunde seine Aufwartung -zu machen. Manches Mal wetteiferten sie, wer am meisten Fisch, -Geflügel, Wildbret und Fleisch essen würde. Der am schnellsten satt -war, mußte dem andern ein Gericht Kalbsrippen liefern, das mit drei -Weinen, vier Würzen und siebenerlei Gemüse zubereitet war. - -Also essend und trinkend, schwatzten sie mitsammen von den Ketzern und -waren übrigens der Meinung, daß man ihrer nicht genug vernichten könne. -Derhalben fingen sie niemals Händel an, ohngerechnet den Fall, wo sie -über die neununddreißig Arten, gute Biersuppe zu machen, diskutierten. - -Dann neigeten sie ihre ehrwürdigen Häupter auf ihre priesterlichen -Bäuche und schnarchten. Manches Mal, wenn einer von ihnen halb -erwachte, sagte er, daß das Leben ein gar lieblich Ding in dieser Welt -sei und daß die armen Leute Unrecht hätten, sich zu beklagen. - -Dieses heiligen Mannes Küster ward Ulenspiegel. Er bediente ihn -trefflich bei der Messe, nicht ohne zu dreien Malen die Meßkännchen zu -füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst. Der Glöckner Numa -Pompilius half ihm bei Gelegenheit dabei. - -Ulenspiegel, der Pompilius so blühend, dickbäuchig und pausbäckig -sah, fragte ihn, ob er im Dienste des Propstes den Schatz dieser -neidenswerten Gesundheit gesammelt habe. - -„Ja, mein Sohn,“ antwortete Pompilius, „aber schließe die Türe gut, auf -daß uns keiner höre.“ - -Dann sagte er ganz leise: - -„Du weißt, daß unser Meister Propst alle Weine und Biere, alle Arten -Fleisch und Geflügel mit zärtlicher Liebe liebt. Derhalben schließt -er das Fleisch in einen Kasten und die Weine in einen Keller, und die -Schlüssel dazu trägt er immerdar in seinem Säckel. Und beim Einschlafen -hat er die Hände darauf. Nachts, wenn er schläft, gehe ich und nehme -ihm die Schlüssel vom Wanst und lege sie nicht ohne Zittern wieder -dahin, mein Sohn; denn wenn er um meine Missetat wüßte, so würde er -mich bei lebendigem Leibe kochen lassen.“ - -„Pompilius,“ sagte Ulenspiegel, „Du mußt Dir nicht soviel Mühe machen, -sondern mir nur einmal die Schlüssel geben; ich werde nach diesem -Muster welche anfertigen, und wir lassen die andern auf dem Bauche des -guten Propstes.“ - -„Mache sie, mein Sohn,“ sagte Pompilius. - -Ulenspiegel machte die Schlüssel. Sobald er und Pompilius um acht Uhr -Abends vermuteten, daß der gute Propst eingeschlafen sei, stiegen -sie hinunter, um sich Fleisch und Flaschen auszusuchen. Ulenspiegel -trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, maßen er allzeit wie -Espenlaub zitterte und Schinken und Hammelkeulen nicht zerbrechen, so -sie hinfallen. Etliche Male bemächtigten sie sich des Geflügels, ehe -es gebraten war, dieserhalb wurden mehrere Katzen der Nachbarschaft -angeklagt und wegen solcher Tat umgebracht. - -Alsdann gingen sie in die Ketelstraet, das ist die Straße der Dirnen. -Da sparten sie nichts und gaben ihren Schönen mit vollen Händen -geräuchertes Ochsenfleisch und Schinken, Hirnwurst und Geflügel, und -gaben ihnen Wein aus Orleans und der Romagna zu trinken und von dem -„Ingelschen Bier“, das die jenseits des Meeres Ale nennen. Und sie -gossen es in Strömen in die jungen Kehlen der Schönen. Und sie wurden -mit Liebkosungen bezahlt. Eines Morgens jedoch nach der Mahlzeit ließ -der Propst alle beide zu sich bescheiden. Er hatte eine furchtbare -Miene und lutschte grimmig an einem Markknochen aus der Suppe. - -Pompilius zitterte in seinen Hosen und sein Bauch ward von Furcht -geschüttelt. Ulenspiegel verhielt sich ruhig und befühlte vergnüglich -die Kellerschlüssel in seiner Tasche. - -Der Propst sprach zu ihm und sagte: - -„Man trinkt meinen Wein und man ißt mein Geflügel; tust Du das mein -Sohn?“ - -„Nein,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Und hat nicht dieser Glöckner“, sagte der Probst, auf Pompilius -zeigend, „seine Hände bei diesem Verbrechen im Spiel gehabt? Denn er -ist bleich wie ein Verscheidender; gewißlich aus Ursach des gestohlenen -Weins, der bei ihm als Gift wirkt.“ - -„Ach, Herr,“ entgegnete Ulenspiegel, „Ihr beschuldigt Euren Glöckner -zu Unrecht, denn wenn er bleich ist, so ist es nicht, weil er Wein -getrunken hat, sondern weil er nicht genug zu schlürfen bekam. Wovon er -so entkräftet ist, daß, wenn man seine Seele nicht aufhält, sie sich in -Strömen in seine Hosen ergießen wird.“ - -„Ja, es gibt arme Leute in dieser Welt,“ sagte der Propst und trank -einen großen Schluck Wein aus seinem Humpen. „Aber sag mir, mein Sohn, -ob Du, der Du Luchsaugen hast, nicht die Spitzbuben sahest?“ - -„Ich werde gut Acht geben, Herr Propst,“ sprach Ulenspiegel. - -„Gott erhalte Euch alle beide fröhlich, Kinder,“ sagte der Propst, „und -lebet mäßig. Denn von der Unmäßigkeit kommen uns viele Leiden in diesem -Jammertal. Gehet hin in Frieden.“ - -Und er segnete sie. - -Und er lutschte noch einen Markknochen aus der Brühe und trank noch -einen großen Schluck Wein. - -Ulenspiegel und Pompilius gingen hinaus. - -„Dieser garstige Filz hätte Dir nicht einen einzigen Tropfen seines -Weines zu trinken gegeben. Ihm noch mehr zu stehlen ist so gut wie -geweihtes Brot. Doch was ist Dir, daß Du so zitterst?“ - -„Meine Hosen sind ganz naß,“ sagte Pompilius. - -„Wasser trocknet rasch, mein Sohn,“ erwiderte Ulenspiegel. „Doch sei -guter Dinge. Heut abend in der Ketelstraet werden die Flaschen klingen. -Und wir wollen die drei Nachtwächter trunken machen, also daß sie -schnarchend die Stadt bewachen.“ - -Solches geschah. - -Indessen kam Sankt Märten heran, und die Kirche ward für das Fest -geschmückt. Ulenspiegel und Pompilius gingen des Nachts hinein, -schlossen sorgsam die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen eine -Bratsche und einen Dudelsack und huben an, auf diesen Instrumenten -zu spielen, so gut sie konnten. Und die Kerzen strahlten wie Sonnen. -Aber das war nicht alles. Da ihre Arbeit getan war, gingen sie zum -Propst, den sie ohngeachtet der vorgerückten Stunde noch auf fanden, -wie er einen Krammetsvogel knusperte, Rheinwein trank und die Augen -aufsperrte, da er die Fenster der Kirche erleuchtet sah. - -„Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „wollet Ihr wissen, wer Euer -Fleisch isset und Euern Wein trinket?“ - -„Und diese Beleuchtung,“ sagte der Propst, auf die Fenster der -Kirche weisend. „O, Herr Gott, erlaubst Du dem heiligen Märten, also -nächtlicher Weile die Kerzen der Armen unbezahlt zu verbrennen?“ - -„Er tut noch ganz andere Dinge, Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel, „aber -kommt.“ - -Der Propst nahm sein Kruzifix und folgte ihnen. Sie traten in die -Kirche. - -Allda sah er inmitten des Hauptschiffes alle Heiligen aus ihren Nischen -herabgestiegen und im Kreise aufgestellt und von Sankt Märten, der sie -alle um Haupteslänge überragte, schier kommandiert. An seinem zum Segen -ausgestreckten Zeigefinger hielt er einen gebratenen Truthahn. Die -andern hielten Stücke von Hühnern oder Gänsen, Würste, Schinken, rohen -und gesottenen Fisch in der Hand oder führten sie zum Munde, unter -anderm einen Hecht, der gut seine vierzehn Pfund wog. Und ein jeder -hatte eine Flasche Wein zu seinen Füßen. - -Bei diesem Anblick konnte der Propst sich vor Zorn nicht halten. Er -ward so rot und sein Antlitz so geschwollen, daß Ulenspiegel und -Pompilius vermeinten, er werde platzen. Aber der Propst ging, ohne -ihrer zu achten, gerade auf den heiligen Märten zu, indem er ihn -bedräuete, gleich als wollte er ihm die Missetat der andern zur Last -legen. Er riß ihm den Truthahn vom Finger und bläute ihn so wacker -durch, daß er ihm Arm, Nase, Kreuz und Mitra zerbrach. - -Was die andern angeht, so sparte er ihnen keine Püffe, und mehr als -einer verlor unter seinen Schlägen Arme, Hände, Mitra, Kreuz, Beil, -Rost, Säge und andere Sinnbilder der Würde und des Martertodes. Alsdann -machte der Propst sich mit wackelndem Bauche selbsteigen daran, die -Kerzen hurtig und wütend auszulöschen. An Schinken, Geflügel und -Würsten raffte er an sich, soviel er vermochte, und unter der Last -schier erliegend, ging er wieder in sein Schlafgemach, dermaßen betrübt -und ergrimmt, daß er Zug auf Zug drei große Flaschen Wein trank. - -Nachdem Ulenspiegel sich versichert hatte, daß er schlief, trug er -alles, was der Propst gerettet zu haben vermeinte, in die Ketelstraet, -desgleichen alles, was in der Kirche blieb, aber nicht, ohne zuvor die -besten Bissen dortselbst verspeist zu haben. Und den Abfall legten sie -zu Füßen der Heiligen. - -Am anderen Morgen läutete Pompilius die Glocke zur Frühmette, und -Ulenspiegel stieg zum Schlafgemach des Propstes hinan, mit der Bitte, -in die Kirche hinunterzukommen. - -Allda wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und sprach -zu ihm: - -„Herr Propst, es hat Euch nichts genutzt, sie haben trotz allem -gegessen.“ - -„Ja,“ erwiderte der Propst, „sie sind wie Diebe bis ins Schlafgemach -gedrungen, um zu nehmen, was ich in Sicherheit gebracht hatte. O, Ihr -hohen Heiligen, ich werde mich beim Papst darüber beschweren.“ - -„Ja,“ versetzte Ulenspiegel, „aber übermorgen ist die Prozession. Die -Arbeiter werden bald in die Kirche kommen. Fürchtet Ihr nicht, der -Bilderzerstörung angeklagt zu werden, wenn sie hier all die armen -Heiligen verstümmelt sehen?“ - -„Ach, Heiliger Märten“, sagte der Propst, „erspare mir das Feuer, ich -wußte nicht, was ich tat.“ - -Dann wandte er sich an Ulenspiegel, derweil der furchtsame Glöckner -sich an den Glocken schaukelte. - -„Man wird den Heiligen Martin nimmermehr von jetzt bis auf den Sonntag -ausbessern können,“ sagte er. „Was soll ich tun, und was wird das Volk -sagen?“ - -„Herr“, antwortete Ulenspiegel, „man muß zu einer unschuldigen -Ausflucht greifen. Wir kleben Pompilius einen Bart aufs Gesicht, das -gar ehrwürdig ist, maßen es allzeit melancholisch ist, vermummen ihn -mit Mitra, Meßgewand und Chormütze und dem großen Mantel des Heiligen -und empfehlen ihm an, gut auf seinem Sockel zu stehen; so wird das Volk -ihn für den Heiligen Martin aus Holz halten.“ - -Der Propst ging zu Pompilius, der sich an den Stricken schaukelte. - -„Hör auf zu läuten,“ sagte er, „und hör mich an. Willst Du fünfzehn -Dukaten verdienen? Am Sonntag, dem Tage der Prozession, sollst Du -der Heilige Martin sein. Ulenspiegel wird Dich ausstaffieren, wie es -sich gehört, und sofern Du, während Deine vier Männer Dich tragen, -eine Bewegung machst oder ein Wort sagst, laß ich Dich bei lebendigem -Leib in dem Öl des großen Kessels sieden, den der Henker just auf dem -Hallenplatz aufgemauert hat.“ - -„Ich werde gehorchen, Euer Gnaden,“ sprach Pompilius gar kläglich. - - -7 - -Des andern Tages ging die Prozession bei hellem Sonnenschein aus -der Kirche. Ulenspiegel hatte, so gut er konnte, die zwölf Heiligen -zusammengeflickt, die auf ihren Sockeln zwischen den Bannern der Zünfte -hin und her schwankten. Dann kam die Statue Unsrer lieben Frau, alsdann -die Marienkinder, schneeweiß gekleidet und Hymnen singend; dann die -Bogen- und Armbrustschützen. Dem Baldachin zunächst kam Pompilius, der -mehr schwankte als die andern und sich unter den schweren Gewändern des -Heiligen Martin bog. - -Ulenspiegel hatte sich mit Juckpulver versorgt und Pompilius -eigenhändig mit dem bischöflichen Ornat bekleidet, ihn mit Handschuhen -und Kreuz versehen und ihn die lateinische Weise, das Volk zu segnen, -gelehrt. Er hatte auch den Priestern beim Ankleiden geholfen. Den -einen legte er die Stola, den andern die Chormütze und den Meßnern das -Chorhemd an. Er lief in der Kirche hierin, dorthin, um ein Wams oder -eine Hose in die richtigen Falten zu legen. Und jedwedem streute er -auf die Halskrause, den Rücken oder das Handgelenk eine Fingerspitze -voll Juckpulver. - -Aber der Dechant und die vier Träger des Heiligen Martin bekamen das -Meiste ab. Was die Marienkinder betraf, so verschonte Ulenspiegel -ihrer, in Ansehung ihrer kindlichen Anmut. - -Die Prozession zog mit fliegenden Bannern und entfalteten Fahnen in -schöner Ordnung daher. Männer und Frauen bekreuzten sich, wenn sie sie -vorbeiziehen sahen. Und die Sonne schien heiß. - -Der Dechant war der erste, der des Pulvers Wirkung verspürte -und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte. Priester, Bogen- und -Armbrustschützen, alle kratzten sich insgeheim an Hals, Beinen und -Handgelenken. Die vier Träger kratzten sich gleicherweise, aber der -Glöckner, den es mehr juckte als die andern, denn er war der glühenden -Sonne mehr ausgesetzt, wagte nicht einmal sich zu rühren, aus Furcht, -lebendig gesotten zu werden. Er kniff die Nase zusammen, machte eine -häßliche Fratze und zitterte auf seinen schlotternden Beinen, denn -allemal, wenn die Träger sich kratzten, war er nahe daran, zu fallen. - -Die Priester sangen eine Hymne auf Unsere liebe Frau: - - ~„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes - O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“~ - -Denn ihre Stimmen zitterten des Juckens halber, das maßlos wurde; doch -sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten jedoch und den vier -Trägern des Heiligen Martin waren Hals und Handgelenke ganz zerfressen. -Pompilius stand schlotternd auf seinen armen Beinen, die am meisten -juckten. - -Doch siehe, auf einmal standen alle, Armbrust- und Bogenschützen, -Domherren, Priester, Dechant und Träger des Heiligen Martin still, um -sich zu kratzen. Das Pulver juckte Pompilius an den Fußsohlen, doch er -wagte nicht sich zu rühren, aus Furcht zu fallen. - -Er bewunderte und lobte die blinkenden Waffen der Armbruster und die -furchtbaren Bogen der Bruderschaft der Bogenschützen. - -Und die Fürwitzigen sagten, daß der Heilige Martin die Augen gar wild -rolle und dem armen Volk eine dräuende Miene mache. Dann hieß der -Dechant die Prozession weiterziehen. Die heiße Sonne, die senkrecht -auf all die Rücken und Bäuche in der Prozession fiel, machte alsbald -die Wirkung des Pulvers unerträglich. Und nun sah man Priester und -Schützen, Domherren und Dechant wie eine Schar von Affen stillhalten -und sich ohne Scham überall kratzen, wo es sie juckte. - -Die Marienkinder sangen ihre Hymne und alle diese frischen, gen Himmel -steigenden Stimmen waren wie Engelchöre. - -Übrigens machten sich alle davon, wohin sie konnten. Der Dechant -brachte, sich kratzend, das Heilige Sakrament in Sicherheit; das fromme -Volk trug die Reliquien in die Kirche. Die vier Träger des Heiligen -Martin warfen Pompilius derb auf die Erde. Der arme Glöckner, der nicht -wagte, sich zu kratzen, zu bewegen, noch zu sprechen, schloß fromm die -Augen. - -Zwei junge Bürschlein wollten ihn fortschaffen, doch da sie ihn zu -schwer befanden, stellten sie ihn aufrecht an eine Mauer, und da weinte -Pompilius dicke Tränen. - -Das Volk versammelte sich um ihn. Die Frauen hatten Sacktüchlein von -feinem, weißen Linnen geholt und wischten ihm das Antlitz, um seine -Zähren wie Reliquien zu bewahren. Sie sprachen zu ihm: „Euer Gnaden, -wie schwitzt Ihr.“ - -Der Glöckner blickte sie jämmerlich an und schnitt wider Willen -Grimassen. - -Doch da die Zähren in Strömen aus seinen Augen flossen, sprachen die -Frauen: - -„Großer Sankt Martin, weinet Ihr über die Sünden der Stadt Ypern? Rührt -sich nicht Eure edle Nase? Wir haben trotzdem die Ratschläge von Louis -Vivès befolgt, und die Armen von Ypern haben zu arbeiten und zu essen. -O, die großen Tränen! Das sind Perlen. Hier ist unser Heil.“ - -Die Männer sagten: - -„Großer Sankt Martin, muß die Ketelstraet Eurer Stadt niedergerissen -werden? Aber belehret uns vor allem über die Mittel, die armen -Mägdlein zu hindern, abends auszugehen und sich also tausend Abenteuern -auszusetzen.“ - -Plötzlich schrie das Volk: „Da ist der Küster.“ - -Da erschien Ulenspiegel, faßte Pompilius um den Leib und trug ihn auf -den Schultern fort, und die andächtige Menge folgte ihm nach. - -„Wehe,“ sagte der arme Glöckner ihm ganz leise ins Ohr, „ich sterbe vor -Jucken.“ - -„Halte Dich steif,“ versetzte Ulenspiegel, „vergissest Du, daß Du ein -hölzerner Heiliger bist?“ - -Er lief hurtig und setzte Pompilius vor dem Propst nieder, der sich mit -den Nägeln bis aufs Blut kratzte. - -„Glöckner,“ sagte der Propst, „hast Du Dich so wie wir gekratzt?“ - -„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius. - -„Hast Du gesprochen oder eine Gebärde gemacht?“ - -„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius. - -„Dann sollst Du Deine fünfzehn Gulden haben,“ sagte der Propst. „Geh -jetzt und kratze Dich.“ - - -8 - -Des andern Tages, nachdem die Leute durch Ulenspiegel die Sache -erfahren hatten, sagten sie, daß es ein schlechter Spaß sei, sie einen -Greiner als Heiligen anbeten zu lassen. Und viele wurden Ketzer. Sie -zogen mit ihrem Hab und Gut fort und eilten, das Heer des Prinzen zu -vergrößern. - -Ulenspiegel kehrte nach Lüttich zurück. - -Da er allein im Walde war, setzte er sich nieder und sann. Er schaute -den klaren Himmel an und sprach: - -„Krieg und immer Krieg, auf daß der hispanische Feind das arme Volk -töte, unser Hab und Gut raube, unsere Frauen und Töchter schände. -Indessen geht unser schönes Geld dahin, und unser Blut fließet in -Strömen ohne Nutzen für irgend jemand, ausgenommen diesen königlichen -Wicht, der sich noch ein Sinnbild der Macht mehr an seine Krone heften -will. Einen Zierat, den er für ruhmvoll hält, aus Blut und aus Rauch. -Ei, wenn ich Dich zieraten könnte, wie ich wollte! Nur die Fliegen -würden Dir Gesellschaft leisten wollen!“ - -Da er diesen Dingen nachsann, siehe da zog ein ganzes Rudel Hirsche -an ihm vorbei. Es waren alte und große darunter, so noch ihr -Hirschgeschrötte hatten und stolz ihr neunendiges Geweih trugen. -Zierliche Spießer, ihre Schildknappen, trabten ihnen zur Seite und -schienen bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn Beistand zu leisten. -Ulenspiegel wußte nicht, wohin sie gingen, aber er vermutete, daß sie -nach ihrem Lager wollten. - -„Ach“, sagte er, „Ihr alten Hirsche und zierlichen Spießer, Ihr gehet -lustig und stolz in die Tiefe des Waldes nach Eurem Bette; Ihr äset die -jungen Sprossen und wittert balsamische Gerüche; Ihr seid glücklich, -bis der Jäger als Henker naht. Also ergeht es auch uns alten Hirschen -und Spießern.“ - -Und Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust. - - -9 - -Im September, wenn die Mücken zu stechen aufhören, ging der Schweiger -mit sechs Feldstücken und vier großen Kanonen, die für ihn das Wort -führten, nebst vierzehntausend Vlämen, Wallonen und Deutschen bei Sankt -Veit über den Rhein. - -Unter den gelb und roten Fahnen des Burgunder Knotenstockes, der unsere -Lande geraume Zeit schlug und in Albas Hand der Stock der beginnenden -Knechtschaft war, marschierten sechsundzwanzigtausend und fünfhundert -Mann und rollten siebenzehn Feldstücke und neun schwere Kanonen. - -Doch der Schweiger sollte in diesem Kriege keinen Erfolg haben, denn -Alba nahm keine Schlacht an. Und sein Bruder Ludwig, der Bastard -Flanderns, verlor bei Gemmingen in Friesland, nachdem er viele Städte -eingenommen und viele Schiffe auf dem Rheine gekapert, an den Sohn des -Herzogs sechzehn Kanonen, fünfzehnhundert Pferde und zwanzig Fähnlein, -um der feigen Söldlinge willen, die Geld verlangten, da sie kämpfen -sollten. - -Und in Trümmern, Blut und Tränen suchte Ulenspiegel umsonst das Heil -des Vaterlands. - -Und allerorten henkten, köpften und verbrannten die Henker die armen, -unschuldigen Opfer. - -Und der König erbte. - - -10 - -Da Ulenspiegel durch das wallonische Land wanderte, sah er, daß der -Prinz hier keine Hülfe zu erhoffen hatte, und also kam er vor die Stadt -Bouillon. - -Nach und nach sah er auf dem Wege Bucklige jedes Alters, Geschlechts -und Standes ankommen. Sie trugen Rosenkränze und beteten sie andächtig -ab. Und ihre Gebete waren wie das Quaken der Frösche im Teich an einem -warmen Abend. - -Da gab es bucklige Mütter, so bucklige Kinder trugen; andere Kinder -aus der nämlichen Brut klammerten sich an ihre Röcke. Und allerwegen -sah Ulenspiegel ihre mageren Umrisse sich gegen den hellen Himmel -abzeichnen. - -Er ging zu einem von ihnen und fragte ihn: - -„Wohin ziehen all diese arme Männer, Weiber und Kinder?“ - -Der Mann antwortete: - -„Wir ziehen zum Grabe des heiligen Remaclius, um ihn zu bitten, daß -er uns gebe, was unser Herz begehrt, und die Demütigung, die er uns -auferlegte, von unserm Rücken nehme.“ - -Ulenspiegel versetzte: - -„Könnte doch der heilige Remaclius auch mir geben, was mein Herz -begehrt, und von dem Rücken der armen Gemeinden den Blutherzog -fortnehmen, der gleich einen bleiernen Buckel darauf lastet.“ - -„Es ist nicht seines Amtes, zur Buße auferlegte Buckel fortzunehmen,“ -antwortete der Pilger. - -„Hat er etliche andere fortgenommen?“ fragte Ulenspiegel. - -„Ja, wenn die Buckel jung sind. Wenn alsdann das Wunder der Heilung -geschieht, halten wir in der ganzen Stadt Gelage und Schmausereien. -Und jeglicher Pilger gibt dem glücklich Geheilten, der durch dieses -Geschehnis heilig geworden ist und mit Erfolg für die andern beten -kann, ein Geldstück und oftmals einen Goldgülden.“ - -Ulenspiegel sagte: - -„Weshalb läßt der reiche Sankt Remaclius sich die Heilungen wie ein -lumpiger Apotheker bezahlen?“ - -„Gottloser Wanderer, er straft die Lästerer!“ entgegnete der Pilger und -schüttelte wütend seinen Höcker. - -„Wehe!“ ächzte Ulenspiegel. - -Und er fiel zusammengekrümmt am Fuß eines Baumes nieder. - -Der Pilger sagte, ihn betrachtend: - -„Wen Sankt Remaclius schlägt, den trifft er gut!“ - -Ulenspiegel krümmte den Rücken, kratzte sich daran und ächzte: - -„Ruhmreicher Heiliger, habt Erbarmen. Das ist die Züchtigung. Ich fühle -einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern. Wehe! Au! Vergebung, -heiliger Remaclius! Geh, Pilger, laß mich hier allein, auf daß ich -gleich einem Vatermörder weine und bereue.“ - -Doch der Pilger war bis zum Marktplatz von Bouillon entflohen, allwo -sich alle Buckligen zusammen fanden. - -Dort sagte er zu ihnen, vor Furcht bebend, in stoßweiser Sprache: - -„Habe Pilger getroffen, grade wie eine Pappel .... Pilger -Gotteslästerer .... Buckel auf dem Rücken .... entzündeten Buckel!“ - -Da die Pilger solches vernahmen, stießen sie ein tausendfaches -Freudengeschrei aus und riefen: - -„Heiliger Remaclius, wenn Du Buckel gibst, kannst Du sie auch -fortnehmen. Nimm uns die Buckel ab, heiliger Remaclius!“ - -Derweilen verließ Ulenspiegel seinen Baum. Als er durch die -menschenleere Vorstadt kam, sah er an der niedern Türe einer Schenke -zwei Blasen an einem Stock schaukeln, Schweinsblasen, so zum Zeichen -der Blutwurst-Kirmes, ~panch kermis~, wie man im Lande Brabant sagt, -angehängt waren. - -Ulenspiegel nahm eine der beiden Blasen, las die Rückengräte einer -Scholle vom Boden auf, ließ sich zur Ader, ließ von seinem Blut in -die Blase fließen, blies sie auf, schloß sie und legte sie auf seinen -Rücken und oben drauf die Rückengräte der Scholle. Also ausstaffiert, -kam er mit gewölbten Rücken, wackelndem Kopf und schlotternden Beinen -wie ein alter Buckliger auf den Platz. Der Pilger, der Zeuge seines -Falles gewesen, erblickte ihn und schrie: - -„Da ist der Gotteslästerer!“ - -Und er wies mit dem Finger auf ihn. Und alle kamen herbei, um den -Gestraften zu sehen. - -Ulenspiegel schüttelte kläglich den Kopf. - -„Ach,“ sprach er, „ich verdiene nicht Gnade noch Erbarmen; tötet mich -wie einen tollen Hund.“ - -Und die Buckligen sprachen, sich die Hände reibend: - -„Einer mehr in unsrer Brüderschaft.“ - -Zwischen den Zähnen murmelnd: „Das sollt Ihr mir büßen, Ihr Bösen,“ -schien er alles geduldig zu ertragen und sprach: - -„Ich werde nicht essen und nicht einmal trinken, um meinen Buckel nicht -festzumachen, bis daß Sankt Remaclius die Gnade gehabt hat, mich zu -heilen, wie er mich geschlagen hat.“ - -Auf das Gerücht von dem Wunder kam der Dechant aus der Kirche. Es war -ein großer majestätischer Mann mit einem Schmerbauch. Mit erhobner Nase -zerteilte er die Flut der Buckligen gleich einem Schiffe. - -Man zeigte ihm Ulenspiegel und er sprach zu ihm: - -„Bist Du es, armer Tropf, den Sankt Remaclius Geißel geschlagen hat?“ - -„Ja, Herr Dechant,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin’s wahrlich, sein -untertäniger Verehrer, der sich von seinem neuen Buckel heilen lassen -will, so es ihm gefällt.“ - -Der Dechant, der hinter dieser Rede eine Bosheit witterte, sprach: - -„Laß mich diesen Buckel befühlen.“ - -„Befühlt ihn, Herr,“ versetzte Ulenspiegel. - -Nachdem er es getan, sprach der Dechant: - -„Er ist neuen Ursprungs und feucht. Indessen hoffe ich, daß Sankt -Remaclius geruhen wird, Barmherzigkeit zu üben. Folge mir.“ - -Ulenspiegel folgte dem Dechanten und trat in die Kirche. Die Buckligen -schritten hinter ihm her und schrieen: „Sehet den Verfluchten! Sehet -den Lästerer! Wie viel wiegt Dein neuer Buckel? Wirst Du einen Sack -draus machen, um Deine Taler hinein zu tun? Du hast Dein Lebelang unser -gespottet, dieweil Du grade warst, jetzt ist die Reihe an uns. Ehre sei -dem heiligen Herrn Remaclius!“ - -Ulenspiegel sprach kein Wort, beugte den Kopf und trat, dem Dechanten -folgend, in eine kleine Kapelle. Daselbst befand sich ein Grabmal ganz -aus Marmelstein, bedeckt mit einer großen Tafel, die gleicherweise -aus Marmelstein war. Zwischen dem Grabmal und der Wand der Kapelle -war nicht die Weite einer großen, gespreizten Hand. Eine Menge -buckliger Pilger gingen einer nach dem andern zwischen der Wand und der -Grabtafel durch, an welcher sie stillschweigend ihre Buckel rieben. Und -dergestalt hofften sie, ihrer ledig zu werden. Und die, so ihren Buckel -rieben, wollten denen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht Platz -machen, und sie schlugen einander, doch ohne Lärm, denn der Heiligkeit -des Ortes halber gaben sie sich nur heimliche Püffe nach Art der -Buckligen. - -Der Dechant hieß Ulenspiegel auf die Grabplatte steigen, auf daß alle -Pilger ihn gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte: - -„Ich vermag es nicht allein.“ - -Der Dechant half ihm hinauf, stellte sich neben ihn und gebot ihm, -niederzuknien. Ulenspiegel tat also und blieb gesenkten Hauptes in -dieser Stellung. - -Und alsobald, nachdem der Dechant sich gesammelt hatte, predigte er und -sprach mit weit schallender Stimme: - -„Söhne und Brüder in Jesu Christo! Ihr sehet zu meinen Füßen den -größten Gottlosen, Taugenichts und Lästerer, den Sankt Remaclius je mit -seinem Zorn geschlagen hat.“ - -Und Ulenspiegel schlug sich an die Brust und sagte: „~Confiteor~.“ - -„Ehedem,“ redete der Dechant weiter, „war er grade wie der Schaft einer -Hellebarde und rühmt sich dessen. Sehet ihn jetzo bucklig und unter der -Wucht des himmlischen Fluches gebeugt.“ - -„~Confiteor~, nimm mir den Buckel,“ sprach Ulenspiegel. - -„Wohl,“ fuhr der Dechant fort, „wohl, großer Heiliger, heiliger Herr -Remaclius, der Du seit Deinem glorreichen Tode neununddreißig Wunder -vollbrachtest, nimm von seinen Schultern die Bürde, die darauf lastet. -Und möchten wir um dessentwillen in Jahrhunderten von Jahrhunderten, in -~saecula saeculorum~, Dein Loblied singen. Und Friede auf Erden für die -guten Buckligen.“ - -Und die Buckligen sprachen im Chor: - -„Wohl, wohl! Friede auf Erden für die guten Buckligen. Gib Frieden den -Buckligen, Frieden den Mißgestalteten und Erlaß der Demütigungen. Nimm -hinweg, unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“ - -Der Dechant gebot Ulenspiegel, vom Grabe herunterzusteigen und seinen -Buckel am Rande der Platte zu reiben. Ulenspiegel tat also, indem er -immerfort „~mea culpa confiteor~, nimm mir den Buckel,“ sprach. Und er -rieb ihn gar trefflich mit Sehen und Wissen der Umstehenden. - -Und jene schrien: - -„Sehet den Buckel, er senkt sich! Sehet! Er gibt nach! Er wird nach -rechts auseinanderfließen. / Nein, er wird in die Brust zurücktreten; -Buckel schmelzen nicht, sie gehen in das Gedärm hinunter, von wo sie -gekommen sind. / Nein, sie kehren in den Magen zurück, allwo sie -achtzig Tage lang als Nahrung dienen. Das ist des Heiligen Gabe für die -erlösten Buckligen. / Wohin gehen die alten Buckel?“ - -Plötzlich stießen die Buckligen allesamt einen lauten Schrei aus, -denn Ulenspiegel hatte soeben seinen Buckel zum Platzen gebracht, -indem er sich schwer gegen den Rand der Grabplatte stemmte. Alles -Blut, so darinnen war, floß in großen Tropfen aus seinem Wams auf die -Steinfliesen. Und indem er sich aufrichtete und die Arme ausstreckte, -rief er aus: - -„Ich bin befreit!“ - -Und alle Buckligen riefen mitsammen: - -„Der heilge Herr Remaclius segnet ihn; das ist für ihn süß und für -Euch hart. Herr, nehmet uns unsere Buckel. / Ich bringe Euch ein Kalb -dar. / Ich sieben Hammel. / Ich die Jagdbeute des Jahres. / Ich sechs -Schinken. / Ich gebe der Kirche meine Hütte. / Nehmet unsere Buckel, -heiliger Herr Remaclius!“ - -Und sie betrachteten Ulenspiegel voller Neid und Scheu. Einer unter -ihnen wollte unter sein Wams tasten, doch der Dechant wehrte es ihm. - -„Da ist eine Wunde, die nicht ans Licht darf.“ - -„Ich werde für Euch beten,“ sprach Ulenspiegel. - -„Ja, Pilger,“ sagten die Buckligen alle zumal, „ja Herr, der Ihr -wieder grade geworden seid; wir haben Eurer gespottet, verzeihet uns, -wir wußten nicht, was wir taten. Christus, der Herr, hat am Kreuze -verziehen, gewähret auch uns Verzeihung.“ - -„Ich verzeihe Euch,“ sagte Ulenspiegel wohlwollend. - -„So nehmet denn diesen Stüver, genehmigt diesen Gülden, lasset uns -Eurer Gradheit diesen Real geben, Euch diesen Crusado anbieten, in Eure -Hände diese Karolus legen ...“ - -„Verberget Eure Karolus wohl,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu ihnen, -„auf daß Eure linke Hand nicht wisse, was die rechte tut.“ - -Also redete er wegen des Dechanten, der die Münzen der Buckligen mit -den Augen verschlang, ohne zu sehen, ob es güldene oder silberne waren. - -„Euch sei Dank, Geweihter des Herrn,“ sagten die Buckligen zu -Ulenspiegel. - -Und er nahm stolz ihre Gaben an, wie einer, an dem ein Wunder geschehen. - -Aber die Geizigen rieben ihre Buckel am Grabstein, ohne etwas zu sagen. - -Am Abend ging Ulenspiegel in eine Schenke, allwo er schwelgte und -zechte. - -Ehe er sich ins Bett legte, gedachte er, daß der Dechant gewiß seinen -Anteil an der Beute heischen würde, wenn nicht alles. Er zählte seinen -Gewinst und fand mehr Gold als Silber, sintemalen es gut dreihundert -Karolus waren. Er erspähete einen dürren Lorbeerbaum in einem Topf, -packte ihn beim Schopf, zog Pflanze und Erde heraus und legte das Gold -darunter. Alle halben Gülden, Stüver und Taler aber breitete er auf dem -Tisch aus. - -Der Dechant trat in die Schenke und stieg zu Ulenspiegel hinauf. Da -dieser ihn erblickte, sagte er: - -„Herr Dechant, was wollet Ihr von meiner armseligen Person?“ - -„Ich will nur Dein Bestes, mein Sohn,“ antwortete jener. - -„Wehe,“ ächzte Ulenspiegel, „ist es das, was Ihr auf dem Tisch sehet?“ - -„Das ist es,“ versetzte der Dechant. - -Alsdann streckte er die Hand aus und säuberte den Tisch von allem -Gelde, das darauf war, und ließ es in einen dazu bestimmten Sack fallen. - -Und er gab Ulenspiegel, der zum Schein stöhnte, einen Gülden. - -Und er fragte ihn nach den Werkzeugen des Wunders. - -Ulenspiegel zeigte ihm die Schollengräte und die Blase. - -Der Dechant nahm sie, indes Ulenspiegel jammerte und ihn anflehte, ihm -gnädigst mehr zu geben. Der Weg von Bouillon nach Damm, sprach er, sei -für ihn armen Wanderer weit, und er würde gewißlich Hungers sterben. - -Der Dechant ging von dannen, ohne ein Wort zu sagen. - -Als Ulenspiegel allein war, entschlief er mit dem Blick auf den -Lorbeerbaum. Am andern Morgen bei Tagesanbruch raffte er seine -Beute zusammen, verließ Bouillon und begab sich nach dem Lager des -Schweigers. Er überantwortete ihm das Geld und erzählte die Tat mit dem -Bemerken, daß dies die wahre Art sei, vom Feinde Kriegskontribution -einzutreiben. - -Und der Prinz gab ihm zehn Gülden. - -Die Schollengräte aber ward in einen kristallenen Reliquienschrein -gelegt und zwischen die Arme des Kreuzes am Hauptaltar von Bouillon -eingelassen. Und jedermann in der Stadt weiß, daß das, was das Kreuz -umschließt, der Buckel des geheilten Lästerers ist. - - -11 - -Da der Schweiger in der Umgegend von Lüttich war, machte er, bevor er -die Maas überschritt, Märsche und Gegenmärsche, um den Herzog in seiner -Wachsamkeit irre zu führen. - -Ulenspiegel tat seine Soldatenpflicht, handhabte trefflich die -Radschloßbüchse oder hielt Augen und Ohren offen. - -Um jene Zeit kamen vlämische und brabanter Edelleute ins Lager, so mit -den Rittern, Obristen und Hauptleuten vom Gefolge des Schweigers lustig -lebten. - -Bald bildeten sich zwei Parteien im Lager, die unaufhörlich miteinander -haderten. Die einen sagten: „Der Prinz ist ein Verräter“; die andern -erwiderten, die Ankläger hätten gelogen und sie würden sie ihre Lüge -hinunterschlucken lassen. Das Mißtrauen nahm zu wie ein Ölfleck. In -Rotten von sechs, acht, zwölf Mann wurden sie handgemein; im Zweikampf -fochten sie mit jeder Art von Waffen, selbst mit Hakenbüchsen. - -Eines Tages kam der Prinz auf den Lärm hinzu und trat zwischen die -beiden Parteien. Eine Kugel riß ihm den Degen von der Seite. Er gebot -dem Kampf Einhalt und zeigte sich im ganzen Lager, damit man nicht -sagen sollte: „Der Schweiger ist tot, tot ist der Krieg.“ - -Am folgenden Tag um Mitternacht bei Nebelwetter wollte Ulenspiegel just -ein Haus verlassen, darinnen er einem wallonischen Mägdlein vlämische -Minnelieder gesungen hatte. Da hörte er an der Tür einer Hütte, neben -dem Hause, zu dreien Malen, Rabengekrächz. Anderes Gekrächz antwortete -von ferne, dreifach und dreimal nacheinander. Ein Bauer trat auf die -Schwelle der Hütte. Ulenspiegel hörte Schritte auf dem Wege. - -Zwei Männer, so hispanisch sprachen, kamen zu dem Bauern, der in der -nämlichen Sprache zu ihnen sagte: - -„Was habet Ihr getan?“ - -„Gutes Werk,“ sagten sie, „indem wir für den König logen. Dank uns -sprechen die mißtrauischen Hauptleute und Soldaten untereinander: - -„Aus schnödem Ehrgeiz widersteht der Prinz dem König. Solchergestalt -rechnet er, ihm Furcht einzuflößen und Städte und Herrschaften als -Friedenspfand zu empfangen. Um fünfhunderttausend Gülden wird er die -tapferen Ritter, so für die Lande kämpfen, verlassen. Der Herzog hat -ihm völlige Amnestie anbieten lassen mit Versprechen und Eid, ihm und -allen hohen Heerführern ihr Vermögen zu erstatten, wenn sie sich unter -die Botmäßigkeit des Königs zurückbegeben. Oranien wird allein mit -ihnen verhandeln.“ - -Die Getreuen des Schweigers antworteten uns: - -„Anerbieten des Herzogs, hinterlistige Falle, er wird der Herren von -Egmont und von Hoorn gedenken und nicht hineingehen. Sie wissen es -wohl.“ Kardinal Granvella hat, da er in Rom war, gesagt, als die Grafen -gefangen gesetzt wurden: - -„Die beiden Gründlinge fängt man, aber den Hecht läßt man leben; man -hat nichts gefangen, dieweil der Schweiger noch zu fangen bleibt.“ - -„Ist die Uneinigkeit im Lager groß?“ fragte der Bauer. - -„Die Uneinigkeit ist groß, sie wird mit jedem Tage größer“, sagten sie. -„Wo sind die Briefe?“ - -Sie traten in die Hütte, allwo eine Laterne entzündet wurde. Da sah -Ulenspiegel durch eine kleine Luke, wie sie die Siegel von zwei -Sendschreiben erbrachen, sich am Lesen ergötzten, Meth tranken und -endlich hinausgingen, wobei sie in hispanischer Sprache zu dem Bauern -sagten: - -„Das Lager gespalten, Orange genommen. Das wird eine gute Limonade -sein.“ - -„Diese dürfen nicht am Leben bleiben,“ sagte Ulenspiegel zu sich. Sie -gingen durch den dichten Nebel fort. Ulenspiegel sah, daß der Bauer -ihnen eine Laterne brachte, welche sie nahmen. - -Da der Schein der Laterne oftmals durch eine schwarze Gestalt -verdunkelt ward, so mutmaßte er, daß sie hintereinander schritten. - -Er spannte seine Büchse und schoß auf die schwarze Gestalt. Alsbald sah -er, daß die Laterne unterschiedliche Male gesenkt und erhoben ward, und -hielt dafür, daß einer von beiden gefallen war und der andere zu sehen -suchte, welcher Art seine Wunde sei. Er spannte abermals seine Büchse. -Sobald die Laterne allein, schnell und schaukelnd in der Richtung auf -das Lager zu ging, schoß er zum andern Mal. Die Laterne schwankte, fiel -hin, erlosch, und es ward finster. - -Er lief zum Lager und sah den Profos mit einer Menge Soldaten, so durch -die Schüsse alarmiert waren, herauskommen. Ulenspiegel trat auf sie zu -und sprach: - -„Ich bin der Jäger; gehet, das Wild aufzuheben.“ - -„Lustiger Vläme,“ sagte der Profos, „Du redest noch anders als mit der -Zunge.“ - -„Worte der Zunge sind Wind,“ erwiderte Ulenspiegel; „Worte aus Blei -bleiben im Körper der Verräter. Aber folget mir.“ - -Er führte sie mit ihren Laternen an den Ort, wo die Beiden gefallen -waren. In der Tat sahen sie sie auf der Erde liegen, der eine war tot, -der andre röchelte und hielt die Hand auf der Brust, allwo sich ein -Brief fand, den er mit der letzten Lebenskraft zerknüllt hatte. - -Sie trugen die Leichname fort, die sie an der Tracht für solche von -Edelleuten erkannten. Also gelangten sie mit ihren Laternen zum -Prinzen, der just mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen von -Hessen und andern Herren ratschlagte. - -Von Landsknechten und Reitern in grünen und roten Mänteln gefolgt, -kamen sie vor das Zelt des Prinzen und verlangten mit Geschrei, daß er -sie vorließe. - -Er kam heraus. Alsbald schnitt Ulenspiegel dem Profossen, der sich -räusperte und sich anschickte, ihn anzuklagen, das Wort ab. - -„Euer Gnaden“, sprach er, „ich habe statt Raben zwei adlige Verräter -Eures Gefolges getötet.“ - -Dann berichtete er, was er gesehen, gehört und getan hätte. - -Der Schweiger blieb stumm. Die beiden Leichname wurden durchsucht. -Dabei waren zugegen Wilhelm von Oranien, der Schweiger, Friedrich von -Hollenhausen, der Markgraf von Hessen, Dieterich von Schoonenbergh, der -Graf Albert von Nassau, der Graf von Hoogstraten, Antoine de Lalaing, -Gouverneur von Mecheln; desgleichen die Soldaten und Lamm Goedzak, dem -sein Bauch innerlich zitterte. Bei den Edelleuten wurden gesiegelte -Schreiben von Granvella und Noircarmes gefunden, so sie aufforderten, -im Gefolge des Prinzen Zwietracht zu säen, um seine Kriegsmacht um ein -Bedeutendes zu verringern, ihn zur Übergabe zu zwingen und ihn dem -Herzog auszuliefern, auf daß er seinem Verdienste gemäß enthauptet -werde. Die Briefe besagten, daß es nötig sei, fürsichtig und mit -versteckten Worten vorzugehen, damit die vom Heer glaubten, daß der -Prinz zu seinem alleinigen Vorteil schon einen Vertrag mit dem Herzog -gemacht habe. Voller Zorn würden seine Hauptleute und Söldner ihn -gefangen nehmen. Als Belohnung war einem jeden von ihnen ein Gutschein -für fünfhundert Dukaten auf die Fugger in Antwerpen geschickt. Sie -sollten tausend haben, sobald die vierhunderttausend, die man aus -Hispanien erwartete, in Seeland angekommen wären. - -Nachdem diese Verschwörung aufgedeckt war, wandte sich der Prinz stumm -zu den Edelleuten, Rittern und Söldnern um, unter denen viele waren, -die ihn beargwöhnten. Er deutete schweigend auf die beiden Leichen und -wollte ihnen durch diese Gebärde ihr Mißtrauen vorwerfen. Alle riefen -stürmisch: - -„Lang lebe Oranien! Oranien ist den Landen treu!“ - -Sie wollten die Leichname voll Verachtung den Hunden vorwerfen; doch -der Schweiger sprach: - -„Nicht die Leichname sollt Ihr den Hunden vorwerfen, sondern die -Schwachheit des Geistes, die an reinen Absichten zweifeln heißt.“ - -Und die Ritter und Söldner riefen: - -„Es lebe der Prinz! Es lebe Oranien, der Freund der Lande!“ - -Und ihre Stimmen waren gleich wie ein Donner, der die Ungerechtigkeit -bedräuet. - -Und der Prinz sagte, auf die Leichname deutend: - -„Begrabt sie christlich.“ - -„Und ich,“ fragte Ulenspiegel, „was wird man mit meinem getreuen -Gerippe tun? Habe ich Übles getan, so gebe man mir Schläge; habe ich -gut gehandelt, so gebe man mir eine Belohnung.“ - -Darauf redete der Schweiger und sprach: - -„Dieser Scharfschütze soll in meiner Gegenwart fünfzig mit grünem Holz -aufgezählt bekommen, maßen er ohne Befehl zwei Edelleute getötet hat, -mit dreister Hintansetzung jeglicher Mannszucht. Desgleichen soll er -dreißig Gülden haben, weil er gut gesehen und gehört hat.“ - -„Euer Gnaden,“ versetzte Ulenspiegel, „so man mir erstlich die dreißig -Gülden gäbe, würde ich die Schläge mit grünem Holz mit Geduld ertragen.“ - -„Ja, ja,“ stöhnte Lamm Goedzak, „gebet ihm zuvor die dreißig Gülden, -das Übrige wird er mit Geduld ertragen.“ - -„Und dann,“ sagte Ulenspiegel, „da meine Seele rein ist, habe ich nicht -nötig, mit ungebrannter Asche gelaugt und mit Kirschholz gebläut zu -werden.“ - -„Ja,“ stöhnte Lamm Goedzak wiederum, „Ulenspiegel hat nicht nötig, -gelaugt und gebläut zu werden. Seine Seele ist rein. Wascht ihn nicht, -Ihr Herren, wascht ihn nicht.“ - -Da Ulenspiegel die dreißig Gülden empfangen hatte, ward dem -Stockmeister vom Profos befohlen, sich seiner zu bemächtigen. - -„Sehet, Ihr Herren,“ sprach Lamm, „wie kläglich seine Miene ist. Er -liebt das Holz mit nichten, mein Freund Ulenspiegel.“ - -„Ich liebe eine schöne dichtbelaubte Esche zu sehen,“ entgegnete -Ulenspiegel, „die in ursprünglicher Jugendkraft in der Sonne wächst. -Aber auf den Tod hasse ich diese üblen Holzknüttel, die noch ihren Saft -ausbluten, die ohne Äste, Blätter und Zweige sind. Sie sind von wildem -Aussehen und rauhen Sitten.“ - -„Bist Du bereit?“ fragte der Profos. - -„Bereit“, wiederholte Ulenspiegel, „bereit wozu? Geschlagen zu werden? -Nein, das bin ich nicht und will es nicht sein, Herr Stockmeister. -Euer Bart ist rot, und Eure Miene furchtbar; doch ich bin gewiß, Ihr -habt ein weiches Herz und liebt es nicht, einen armen Menschen, wie -mich, lendenlahm zu machen. Ich muß es Euch sagen, ich mag es nicht -sehen noch tun; denn eines Christen Rücken ist ein geweihter Tempel, -der, gleich wie die Brust, die Lungen einschließt, durch die wir die -liebe Gottesluft einatmen. Von wie nagenden Gewissensbissen würdet Ihr -verzehrt werden, dafern ein roher Stockhieb sie mir in Stücke risse.“ - -„Spute Dich,“ sagte der Stockmeister. - -„Euer Gnaden,“ sagte Ulenspiegel zum Prinzen, „es eilt nicht, glaubet -mir. Man müßte zuerst diesen Knüttel trocknen lassen, denn man sagt, -daß das grüne Holz beim Eindringen in das lebendige Fleisch ihm ein -tödliches Gift zuführt. Möchte Eure Hoheit mich dieses häßlichen Todes -sterben sehen? Euer Gnaden, ich halte meinen getreuen Rücken zu Eurer -Hoheit Diensten; lasset ihn mit Ruten schlagen, mit der Peitsche -geißeln. Aber so Ihr mich nicht tot sehen wollt, ersparet mir das grüne -Holz, wenn es Euch beliebt.“ - -„Prinz, begnadigt ihn,“ sagten Herr von Hoogstraten und Dietrich von -Schoonenbergh. Die andern lächelten voll Mitleids. - -Auch Lamm sagte: „Hoher Herr, begnadigt ihn; das grüne Holz ist reines -Gift.“ - -Darauf sprach der Prinz: „Ich begnadige ihn.“ - -Ulenspiegel sprang unterschiedliche Male in die Luft, schlug Lamm auf -den Bauch, und indem er ihn zu tanzen zwang, sagte er: - -„Preise Seine Gnaden mit mir, der mich vom grünen Holz errettet hat.“ - -Und Lamm versuchte zu tanzen, doch er vermochte es nicht, seines -Bauches halber. - -Und Ulenspiegel traktierte ihn mit Essen und Trinken. - - -12 - -Dieweil der Herzog keine Schlacht liefern wollte, beunruhigte er ohne -Unterlaß den Schweiger, der zwischen Jülich und der Maas durch das -platte Land streifte. Er ließ den Fluß allerorten, bei Hondt, Mecheln, -Elsen, Meersen ergründen und fand ihn allerorten voll von Fußangeln, um -Menschen und Pferde, so ihn durchwaten wollten, zu verwunden. - -Bei Stockem fanden die Suchenden keine. Der Prinz befahl -hindurchzugehen. Reiter durchritten die Maas und stellten sich in -Schlachtordnung am andern Ufer auf, um den Durchgang nach dem Bistum -Lüttich zu verteidigen. Dann pflanzten sich zehn Reihen Bogen- und -Scharfschützen von einem Ufer zum andern auf, um solchergestalt den -Lauf des Flusses zu hemmen. Unter ihnen befand sich auch Ulenspiegel. - -Das Wasser reichte bis an die Schenkel und oftmals hob ihn eine -tückische Welle in die Höhe, ihn und sein Pferd. - -Er sah die Fußsoldaten vorbeiziehen, die ein Säcklein mit Pulver auf -dem Hut und ihre Büchsen in der Luft trugen. Dann kamen die Karren, die -Hakenbüchsen, die Feuerwerker, die Zündstöcke, Feldschlangen, doppelte -Feldschlangen, Falkonetts, Quartierschlangen, halbe Quartierschlangen, -doppelte Quartierschlangen, Bombarden, doppelte Bombarden, Kanonen, -Mörser, Kammerschlangen, kleine Feldstücke, so auf Protzwagen gelegt -und von zwei Pferden gezogen, im Galopp sich bewegen konnten. Sie -glichen auf ein Haar denen, die Pistolen des Kaisers genannt wurden. -Hinter ihnen kamen die Landsknechte und flandrischen Reiter zum Schutze -der Nachhut. - -Ulenspiegel suchte einen erwärmenden Trunk. Der Schütze Riesenkraft, -ein Hochdeutscher, ein magerer, grausamer Hüne, schnarchte neben ihm -auf seinem Schlachtroß und atmete Branntweingeruch aus. Ulenspiegel -suchte ein Fläschlein auf der Kruppe seines Pferdes und fand es, -mittels einer Schnur wie ein Wehrgehenk umgehängt. Er durchschnitt -die Schnur, nahm das Fläschchen und schlürfte wohlgemut daraus. Seine -Kameraden, die Schützen, sagten zu ihm: - -„Gib uns davon.“ - -Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knotete er die -Schnur des Fläschchens und wollte es wieder auf die Brust des Söldners -hängen. Als er den Arm erhob, um solches zu tun, erwachte Riesenkraft. -Er nahm das Fläschlein und wollte seine gewohnte Kuh melken. Da er -fand, daß sie keine Milch mehr gab, geriet er in großen Zorn. - -„Spitzbube, was hast Du mit meinem Branntwein gemacht?“ sprach er. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Ich habe ihn getrunken. Unter durchnäßten Reitern ist der Branntwein -eines Einzigen der Branntwein aller. Ein Geizhals ist kläglich.“ - -„Morgen werde ich Dir im Zweikampf das Fleisch zerstückeln,“ erwiderte -Riesenkraft. - -„Wir werden uns Köpfe, Beine, Arme und alles zerstückeln. Aber bist Du -nicht verstopft, daß Du ein so saures Gesicht machst?“ - -„Das bin ich,“ erwiderte Riesenkraft. - -„Dann mußt Du Dich purgieren und nicht Dich schlagen,“ versetzte -Ulenspiegel. - -Es ward ausgemacht, daß sie sich am folgendem Tage treffen sollten, -jeder nach seinem Belieben beritten und gerüstet, und daß sie -einander den Speck mit kurzem, starrem Stoßdegen zerstückeln sollten. -Ulenspiegel verlangte für sich, den Stoßdegen durch einen Stock zu -ersetzen, welches ihm gestattet ward. - -Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß durchschritten und stellten -sich auf Kommando der Obristen und Hauptleute in guter Ordnung auf. -Alsdann gingen die zehn Reihen Bogenschützen gleichfalls hindurch. - -Und der Schweiger sprach: - -„Wir wollen auf Lüttich marschieren.“ - -Ulenspiegel war des froh und rief mit allen Vlamländern: - -„Lang lebe Oranien! Auf nach Lüttich!“ - -Aber die Fremden, sonderlich die Hochdeutschen, sagten, daß sie zu -sehr durchnäßt und eingeweicht seien, um zu marschieren. Vergeblich -versicherte der Prinz ihnen, daß sie zu einem sicheren Sieg in eine -befreundete Stadt gingen. Sie wollten nichts hören, zündeten große -Feuer an und wärmten sich samt ihren abgesattelten Pferden. - -Der Angriff auf die Stadt ward auf den kommenden Tag verschoben, wo -Alba, über den kühnen Durchgang gewaltig erstaunt, durch seine Spione -erfuhr, daß die Söldner des Schweigers noch nicht zum Angriff bereit -seien. - -Daraufhin ließ er Lüttich und das ganze umliegende Land bedrohen, -daß er sie mit Feuer und Schwert vertilgen wolle, wenn des Prinzen -Freunde dort irgend welchen Aufruhr machten. Gerard von Groesbeke, der -bischöfliche Bluthund, ließ seine Söldner gegen den Prinzen rüsten; und -er kam durch die Schuld der Hochdeutschen, die Furcht vor etwas nassen -Hosen gehabt hatten, zu spät. - - -13 - -Nachdem Ulenspiegel und Riesenkraft Sekundanten genommen hatten, sagten -diese, sie sollten zu Fuß kämpfen, bis daß einer den Geist aufgäbe, -wenn es dem Sieger gefiele; denn solches waren Riesenkrafts Bedingungen. - -Der Kampfplatz war eine kleine Heide. - -Gleich am Morgen legte Riesenkraft seine Rüstung als Schütze an. Er -setzte die Pickelhaube mit Halsstück auf, ohne Visier, und zog ein -Panzerhemd ohne Ärmel an. Sintemalen sein anderes Hemd in Fetzen -auseinanderging, legte er es in die Pickelhaube, um, wenn es not tat, -einen Verband daraus zu machen. Er versah sich mit seiner Armbrust -aus gutem Ardenner Holz, einem Bündel von dreißig Pfeilen, einem -langen Dolch, aber nicht mit einem zweihändigen Degen, welches der -Bogenschützen Degen ist. Und er kam auf seinem Schlachtroß, das den -Kriegssattel und das Zaumzeug mit Federbusch trug und ganz gepanzert -war, auf den Kampfplatz geritten. - -Ulenspiegel machte sich eine Ausrüstung wie ein gewappneter Edelmann, -sein Schlachtroß war ein Esel; sein Sattel waren die Röcke einer -Dirne, das mit Federn geschmückte Zaumzeug aus Weiden, obenauf mit -schönen, trefflich flatternden Hobelspänen geziert. Der Roßharnisch -war aus Speck, denn das Eisen kostet zu viel, sagte er, Stahl ist -unerschwinglich, und was das Kupfer anlangt, so hat man in den -verwichenen Tagen so viele Kanonen daraus gemacht, daß nicht soviel -übrig ist, um ein Kaninchen in der Schlacht zu wappnen. An Stelle des -Hutes setzte er einen schönen Lattichkopf auf, den die Schnecken noch -nicht zerfressen hatten. Darauf ragte eine Schwanenfeder, damit er im -Verscheiden singen konnte. - -Sein starrer, leichter Stoßdegen war ein rechtschaffener, langer, -dicker Knüttel aus Fichtenholz, an dessen Ende ein Besen aus Zweigen -des gleichen Holzes war. An der linken Seite seines Sattels hing sein -Messer, das gleichfalls aus Holz war, auf der rechten Seite schaukelte -sein trefflicher Streitkolben aus Holunderholz, von einer Rübe gekrönt. -Sein Küraß bestand ganz aus Löchern. - -Als er so ausgestattet auf den Kampfplatz kam, brachen Riesenkrafts -Sekundanten in Gelächter aus; aber dieser selbst behielt seine -sauertöpfische Miene. - -Alsdann forderten Ulenspiegels Sekundanten die Beisteher Riesenkrafts -auf, der Deutsche möge seine ganze Rüstung von Panzerringen und Eisen -ablegen, in Ansehung dessen, daß Ulenspiegel nur mit Lumpen gepanzert -sei. Riesenkraft willigte darein. Nunmehr fragten Riesenkrafts -Sekundanten die Ulenspiegels, woher es käme, daß Ulenspiegel mit einem -Besen bewaffnet wäre. - -„Ihr gewährtet mir den Knüttel, doch Ihr verbotet mir nicht, ihn mit -Laubwerk aufzuputzen.“ - -„Mach’s, wie Du’s verstehst,“ sagten die vier Sekundanten. - -Riesenkraft sagte keinen Ton und metzelte das kümmerliche Heidekraut -mit kurzen Degenhieben ab. - -Die Sekundanten forderten ihn auf, seinen Stoßdegen gleich Ulenspiegel -durch einen Knüttel zu ersetzen. - -Er antwortete: - -„Wenn dieser Lump aus freien Stücken eine so ungewöhnliche Waffe -gewählet hat, so geschieht’s, weil er vermeint, sein Leben damit -verteidigen zu können.“ - -Da Ulenspiegel abermals sagte, daß er sich seines Besens bedienen -wolle, kamen die vier Sekundanten überein, daß alles recht sei. - -Sie standen sich kampfbereit gegenüber, Riesenkraft auf seinem -eisengepanzerten Pferde, Ulenspiegel auf seinem speckgepanzerten Esel. - -Ulenspiegel rückte bis zur Mitte des Feldes vor. Dann sprach er, seinen -Besen wie eine Lanze haltend: - -„Stinkender als Pest, Aussatz und Tod finde ich dies Ungeziefer -von schlechten Kerls, die in einem Lager von guten Kriegskameraden -keine andern Sorgen haben, als allerwegen ihre mürrische Fratze -und ihr zornschäumendes Maul herumzuführen. Wo sie verweilen, wagt -sich das Lachen nicht hervor, und die Lieder schweigen. Sie müssen -allzeit brummen oder sich schlagen, und dergestalt führen sie neben -dem berechtigten Kampf für das Vaterland den Zweikampf ein, welcher -der Ruin des Heeres und die Freude des Feindes ist. Gegenwärtiger -Riesenkraft tötete einundzwanzig Menschen um unschuldiger Worte willen, -ohne daß er jemals in Schlacht oder Scharmützel eine glänzende Tat der -Tapferkeit getan oder durch seinen Mut die geringste Belohnung verdient -hätte. Darum so gefällt es mir, heute das räudige Fell dieses bissigen -Hundes wider den Strich zu bürsten.“ - -Riesenkraft antwortete: - -„Dieser Trunkenbold hat schöne Dinge über den Mißbrauch des Zweikampfes -geträumt; es wird mir heute gefallen, ihm den Kopf zu spalten, um -Jedermann zu zeigen, daß er nur Heu im Hirn hat.“ - -Die Sekundanten zwangen sie, von ihren Tieren zu steigen. Dies tuend, -ließ Ulenspiegel den Lattich vom Kopf fallen, den der Esel ruhig fraß, -doch er ward in diesem Geschäft durch einen Fußtritt unterbrochen, -den ihm ein Sekundant gab, um ihn aus den Schranken des Kampfplatzes -zu treiben. Ebenso geschah dem Pferde. Und sie gingen, anderswo in -Gesellschaft zu weiden. - -Alsbald gaben die Sekundanten / die besentragenden, das waren die -Ulenspiegels, / und die degentragenden, das waren die Riesenkrafts / -durch Pfeifen das Zeichen zum Kampfe. - -Und Riesenkraft und Ulenspiegel fochten wütend miteinander. - -Riesenkraft schlug mit seinem Stoßdegen und Ulenspiegel parierte mit -seinem Besen. Riesenkraft fluchte bei allen Teufeln, Ulenspiegel wich -ihm aus und hüpfte die Kreuz und die Quer durch die Heide, steckte die -Zunge heraus und machte Riesenkraft tausend Fratzen. Diesem ging der -Atem aus, und er schlug mit dem Stoßdegen ins Blaue wie ein närrisch -gewordener Söldling. Ulenspiegel fühlte, daß er ihm nahe war, drehte -sich plötzlich um und gab ihm mit seinem Besen einen gewaltigen Stoß -unter die Nase. Riesenkraft fiel mit ausgestreckten Armen und Beinen zu -Boden, wie ein Frosch, wenn er verendet. - -Ulenspiegel warf sich auf ihn und fegte ihm das Gesicht ohne Erbarmen -mit dem Strich und gegen den Strich. Dabei sagte er: - -„Bitte um Gnade, oder Du sollst meinen Besen verschlingen.“ Und er rieb -ihn ohn Unterlaß hin und her, zum großen Ergötzen der Anwesenden, und -sagte immerfort: - -„Schrei um Gnade, oder Du sollst ihn verschlingen!“ - -Aber Riesenkraft konnte nicht schreien, maßen er an der schwarzen Wut -gestorben war. - -„Gott habe Dich selig, armer Wüterich!“ sprach Ulenspiegel. - -Und er ging fürbaß und blies Trübsal. - - -14 - -Es war dazumal Ende Oktober. Dem Prinzen mangelte das Geld, sein Heer -hungerte. Die Söldlinge murrten. Er marschierte nach Frankreich und bot -dem Herzog die Schlacht an; der aber nahm sie nicht an. - -Er brach von Quesnoy-le-Comte auf, um auf Cambresis zu rücken; da -stieß er auf zehn Kompanien Deutscher, acht Fähnlein Spanier und drei -Schwadronen leichter Reiter, die von Don Ruffele Henricis, des Herzogs -Sohne, befehligt wurden. Er war mitten in der Schlacht und rief auf -Spanisch: - -„Tötet, tötet! Gebt kein Quartier! Es lebe der Papst!“ - -Don Henricis war just der Kompanie Schützen gegenüber, in der -Ulenspiegel Rottenführer war; er stürzte sich mit seinen Leuten auf -sie. Ulenspiegel sagte zum Feldwaibel: - -„Ich will diesem Henker die Zunge abschneiden.“ - -„Schneide“, sagte der Feldwaibel. - -Und mit einer wohlgezielten Kugel riß Ulenspiegel Zunge und Kinnbacken -des Don Ruffele Henricis, des Herzogs Sohn, entzwei. - -Ulenspiegel schoß auch den Sohn des Marquis Delmarès vom Pferde. - -Die acht Fähnlein und drei Schwadronen wurden geschlagen. - -Nach diesem Siege suchte Ulenspiegel Lamm im Lager, aber er fand ihn -nicht. - -„Ach,“ sagte er, „nun ist er fort, mein Freund Lamm, mein dicker -Freund. Das Gewicht seines Bauches vergessend, wird er in seinem -kriegerischen Ungestüm die hispanischen Flüchtlinge haben verfolgen -wollen. Außer Atem wird er wie ein Sack auf den Weg gefallen sein. Und -sie werden ihn aufgenommen haben, um Lösegeld für ihn zu bekommen, ein -Lösegeld für christlichen Speck. Mein Freund Lamm, wo bist Du doch, wo -bist Du, mein fetter Freund?“ - -Ulenspiegel suchte ihn allerorten und blies Trübsal, da er ihn nicht -fand. - - -15 - -Im November, dem Monat der Schneestürme, ließ der Schweiger Ulenspiegel -zu sich entbieten. Der Prinz biß auf die Schnur seines Panzerhemdes. - -„Höre und bewahre“, sagte er. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Meine Ohren sind Gefängnistore; man geht leicht hinein, aber -hinauszugehen ist eine schwere Sache.“ - -Der Schweiger sprach: - -„Geh über Namur, Flandern, Hennegau, Süd-Brabant, Antwerpen, -Nord-Brabant, Geldern, Oberyssel, Nord-Holland und verkünde allerorten: -wenn Fortuna unsere heilige, christliche Sache auf dem Lande verrät, -so wird der Kampf gegen alle ungerechten Gewalttaten auf dem Meere -fortgesetzt werden. Diese Sache steht in Gottes Hand, sei es im Glück -oder Unglück. In Amsterdam angelangt, wirst Du Paul Buys, meinem -Getreuen, von deinem Tun und Treiben Rechenschaft geben. Hier sind -drei Pässe, von Alba selbst unterzeichnet und bei den Leichen von -Quesnoy-le-Comte gefunden. Mein Sekretarius hat sie ausgefüllt. -Kann sein, daß Du unterwegens einen guten Gefährten findest, dem -Du vertrauen kannst. Die sind gut, die auf Lerchentriller mit -kriegerischem Hahnenruf antworten. Hier sind fünfzig Gülden. Du wirst -tapfer und treu sein.“ - -„Klasens Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. Und -er ging von dannen. - - -16 - -Er hatte vom König und vom Herzog Vollmacht, nach seinem Ermessen alle -Waffen zu tragen. Er nahm seine gute Radschloßbüchse, Patronen und -trockenes Pulver, legte einen zerlumpten Mantel, ein zerschlissenes -Wams, eine nach hispanischer Mode durchlöcherte Hose, ein Barett mit -wallender Feder und einen Degen an; so verließ er das Heer an der -französischen Grenze und wandte sich nach Maastricht. Die Zaunkönige, -der Kälte Boten, flogen Obdach begehrend um die Häuser. Es schneiete am -dritten Tage. - -Manchmal mußte Ulenspiegel unterwegens seinen Geleitbrief zeigen. Man -ließ ihn passieren und er wandte sich nach Lüttich. Er war in eine -Ebene gelangt. Ein starker Wind trieb ihm die Flocken in Wirbeln ins -Gesicht. Vor seinen Augen breitete sich eine weiße Fläche aus, darüber -die Schneewolken von Windstößen gejagt wurden. Drei Wölfe folgten ihm; -doch nachdem er ihrer einen mit seiner Büchse niedergeschossen, warfen -die andern sich auf den Verwundeten und entwichen in den Wald, jeder -ein Stück des Kadavers mitschleppend. - -Also befreit, schaute Ulenspiegel sich um, ob nicht noch eine andere -Schar auf freiem Felde sei. Da erblickte er am Rande der Ebene Punkte -wie graue Steinbilder, die sich zwischen den Schneewirbeln bewegten, -und dahinter schwarze Gestalten berittener Soldaten. Er stieg auf -einen Baum. Der Wind trug ihm ein fernes Geräusch von Klagen zu. -„Vielleicht“, sprach er zu sich selbst, „sind es Pilger, in weiße -Gewänder gekleidet. Ich sehe kaum ihre Körper auf dem Schnee.“ - -Dann gewahrte er Menschen, die nackend liefen, und sah zwei Reiter in -schwarzer Rüstung, die auf ihren großen Schlachtrossen sitzend diese -armselige Herde mit heftigen Peitschenhieben vor sich her trieben. -Er spannte seine Büchse. Unter diesen Gegeißelten sah er junge Leute -und nackte Greise, zitternd, erstarrt und gekrümmt. Sie liefen, um -der Peitsche der beiden Soldaten zu entrinnen, die wohlgekleidet, von -Branntwein und guter Nahrung rot waren und ihr Ergötzen daran fanden, -die Körper der nackten Menschen zu geißeln, um sie zu schnellerem Lauf -anzutreiben. - -Ulenspiegel sagte: „Klasens Asche, Dir soll Rache werden.“ Und er -tötete einen der Reiter mit einer Kugel ins Gesicht; der fiel vom -Pferde. Den andern, der nicht wußte, von wannen diese unverhoffte Kugel -kam, ergriff die Furcht. Wähnend, daß im Gehölz Feinde versteckt wären, -wollte er mit seines Gefährten Roß entfliehen. Als er sich des Zügels -bemächtigt hatte und abstieg, um den Toten auszuplündern, ward er von -einer andern Kugel in den Hals getroffen und fiel gleichermaßen. - -Die nackten Menschen glaubten nicht anders, als daß ein Engel vom -Himmel, ein guter Scharfschütze, zu ihrer Verteidigung käme, und fielen -auf die Kniee. Alsbald stieg Ulenspiegel vom Baume herab und wurde von -denen aus der Schar, die gleich ihm in den Heeren des Prinzen gedient -hatten, erkannt. Sie sagten zu ihm: - -„Ulenspiegel, wir sind aus dem Lande Frankreich in diesem erbärmlichen -Zustand nach Maastricht geschickt worden, wo der Herzog ist, um dort -wie Rebellen und Gefangene behandelt zu werden, die kein Lösegeld -zahlen können. Wir sind im Voraus verurteilt, gefoltert und geköpft zu -werden, oder gleich Lumpen und Spitzbuben auf des Königs Galeeren zu -rudern.“ - -Ulenspiegel gab dem Ältesten der Schar sein Obergewand und antwortete: - -„Kommet, ich werde Euch bis Mézières führen, aber zuvor müssen wir -diese beiden Söldner plündern und ihre Pferde mitnehmen.“ - -Die Wämse, Hosen, Stiefel, Helme und Kürasse der Söldner wurden unter -die Schwächsten und Kränkesten verteilt, und Ulenspiegel sagte: - -„Wir wollen ins Gehölz gehen, allwo die Luft dicker und weicher ist. -Laßt uns laufen, Brüder.“ - -Plötzlich fiel ein Mann und sagte: - -„Mich hungert und friert, ich werde gehen und vor Gott bezeugen, daß -der Papst der Antichrist auf Erden ist.“ - -Und er verschied. Und die Übrigen wollten ihn forttragen, um ihn -christlich zu begraben. - -Dieweil sie auf der Landstraße wanderten, bemerkten sie einen Bauern, -der einen Planwagen lenkte. Da er die nackten Menschen sah, hatte er -Mitleid und ließ sie auf den Wagen steigen. Sie fanden Heu daselbst, -um sich hineinzulegen, und leere Säcke, um sich zuzudecken. Und da -ihnen warm wurde, dankten sie Gott. Ulenspiegel ritt auf einem der -Reiterpferde neben dem Wagen und hielt das andere am Zügel. - -In Mézières stiegen sie ab. Dort gab man ihnen gute Suppe, Bier, -Brot, Käse und den Greisen und Frauen Fleisch. Sie wurden auf Kosten -der Gemeinde beherbergt und von neuem gekleidet und bewaffnet. Und -alle gaben Ulenspiegel den Bruderkuß des Segens, und er ließ es sich -fröhlich gefallen. - -Er verkaufte die Pferde der beiden Reiter zu achtundvierzig Gülden, von -denen er den Franzosen dreißig gab. - -Da er einsam des Weges zog, sprach er zu sich selbst: „Ich gehe durch -Trümmer, Blut und Tränen, ohne etwas zu finden. Die Teufel haben mich -ohne Zweifel belogen. Wo ist Lamm? Wo ist Nele? Wo sind die Sieben?“ - -Und Klasens Asche brannte von Neuem auf seiner Brust. Und er hörte eine -Stimme gleich einem Hauche sagen: - -„Such in Tod, Trümmern und Tränen.“ - -Und er ging von dannen. - - -17 - -Ulenspiegel gelangte im Märzmond nach Namur. Dort sah er Lamm, welcher, -von großer Liebe für die Fische der Maas, sonderlich die Forellen, -ergriffen, einen Kahn gemietet hatte und mit Verlaub der Gemeinde im -Fluß fischte. Aber er hatte der Fischergilde fünfzig Gülden gezahlt. Er -verkaufte und aß seinen Fisch und erwarb sich bei diesem Handwerk eine -Aufbesserung seines Bauches und ein Säcklein mit Karolus. - -Da er seinen Freund und Gesellen am Ufer der Maas wandeln sah, um in -die Stadt zu gehen, ward er frohen Muts, stieß sein Boot gegen das -Ufer, und indem er schnaufend die Böschung hinanstieg, gelangte er zu -Ulenspiegel. Vor Freuden stammelnd, sagte er: - -„Da bist Du also, mein Sohn, mein Sohn in Gott, denn meine Arche von -Bauch könnte ihrer zwei wie Dich tragen. Wohin gehst Du? Was willst Du? -Bist Du gewißlich nicht tot? Hast Du mein Weib gesehen? Du sollst von -den Fischen der Maas essen, den besten, die in dieser gemeinen Welt -sind. Sie machen in diesem Lande Saucen, daß man seine Finger bis zu -den Schultern aufessen möchte. Du bist stolz und hoffärtig, weil Du den -Sonnenbrand der Schlachten auf den Wangen hast. Da bist Du also, mein -Sohn, mein Freund Ulenspiegel, der lustige Landstreicher.“ - -Dann leiser redend: - -„Wieviel Spanier hast Du getötet? Sahest Du mein Weib nicht in ihren -Wagen voller Dirnen? Und von dem Maaswein, der für verstopfte Leute so -köstlich ist, sollst Du trinken. Bist Du verwundet, mein Sohn? Hier -bleibst Du, frisch und gesund und munter wie ein junger Adler. Und -die Aale, davon sollst Du kosten. Kein Sumpfgeschmack. Küß mich, mein -Dickwanst. Gott sei gelobt, wie froh bin ich!“ - -Und Lamm tanzte, sprang, schnaufte und zwang Ulenspiegel zu tanzen. - -Dann wanderten sie gen Namur. Am Stadttor wies Ulenspiegel seinen vom -Herzog unterschriebenen Paß vor. Und Lamm führte ihn in sein Haus. - -Dieweil er das Mahl bereitete, hieß er ihn seine Abenteuer erzählen, -und er gab die seinen zum besten. Er hatte das Heer verlassen, sagte -er, um einem Mädchen zu folgen, das ihm seine Frau zu sein dünkte. Bei -dieser Verfolgung war er bis nach Namur gekommen. Und unaufhörlich -sagte er: - -„Hast Du sie nicht gesehen?“ - -„Ich habe andere sehr schöne gesehen,“ antwortete Ulenspiegel, „und -sonderlich in dieser Stadt, wo alle verliebt sind.“ - -„Wahrlich,“ sagte Lamm, „man hat mich hundert Mal haben wollen, aber -ich blieb treu, denn mein betrübtes Herz ist von einer einzigen -Erinnerung geschwellt.“ - -„Gleichwie Dein Bauch von zahlreichen Gerichten,“ entgegnete -Ulenspiegel. - -Lamm versetzte: „Wenn ich betrübt bin, muß ich essen.“ - -„Ist dein Kummer ohne Ende?“ fragte Ulenspiegel. - -„Ach ja!“ sagte Lamm. - -Und indem er eine Forelle aus einem Tiegel zog, sprach er: - -„Sieh, wie schön und fest sie ist. Dies Fleisch ist rosenrot wie das -meiner Frau. Morgen werden wir Namur verlassen; ich habe ein Säckel -voller Gülden, wir wollen uns jeder einen Esel kaufen, und also werden -wir uns aufmachen und nach dem Lande Flandern reiten.“ - -„Dabei wirst Du viel verlieren.“ - -„Mein Herz zieht mich nach Damm. Es war der Ort, wo sie mich gar lieb -gehabt hat. Kann sein, daß sie dorthin zurückgekehrt ist.“ - -„Da Du es begehrst, wollen wir morgen aufbrechen,“ sagte Ulenspiegel. - -Und so geschah’s. Jeder auf einem Esel sitzend, zogen sie fort und -ritten Seite an Seite. - - -18 - -Es wehte ein scharfer Wind. Die Sonne, in der Frühe so hell wie die -Jugend, ergraute wie ein alter Mann. Regen, mit Schloßen gemischt, -fiel. Als der Regen aufgehört, schüttelte sich Ulenspiegel und sprach: - -„Der Himmel, der so viel Dünste trinkt, muß sich bisweilen erleichtern.“ - -Wiederum stürzte der Regen mit noch mehr Hagel als zuvor auf die beiden -Gefährten. Lamm stöhnte: - -„Wir waren trefflich gewaschen; muß man uns auch noch spülen?“ - -Die Sonne schien wieder, und sie ritten frohgemut. - -Nun fiel ein Regen mit Hagelschloßen, so mörderisch, daß er die dürren -Zweige der Bäume wie mit einem Bündel von Messern zerhackte. - -Lamm sagte: - -„Hoho, ein Dach! Mein armes Weib! Wo seid Ihr, gutes Feuer, süße Küsse -und fette Suppen?“ - -Und der dicke Mensch weinte. - -Doch Ulenspiegel sprach: - -„Wir jammern; aber kommen nicht unsere Uebel aus uns selbst? Es regnet -auf unsere Schultern, aber dieser Dezemberregen wird Maienklee machen. -Und die Kühe werden vor Freude brüllen. Wir sind ohne Obdach, aber -warum freien wir nicht? Will sagen, ich die kleine Nele, die so schön -und gut ist und mir jetzund ein gutes Gericht Rindfleisch mit Bohnen -dämpfen würde. Uns dürstet ohngeachtet des Wassers, das herunterkommt. -Warum wurden wir nicht Gesellen, die einem Handwerk treu sind? Die, so -Meister geworden sind, haben volle Tonnen Braunbiers im Keller.“ - -Klasens Asche brannte auf seinem Herzen. Der Himmel klärte sich, die -Sonne erglänzte und Ulenspiegel sprach: - -„Frau Sonne, Euch sei Dank, Ihr erwärmt uns das Kreuz. Klasens Asche, -Du erwärmst uns das Herz und sagst uns, daß die gesegnet sind, die zur -Befreiung des Vaterlandes umherirren.“ - -„Mich hungert,“ sprach Lamm. - - -19 - -Sie kehrten in einer Herberge ein und man gab ihnen in einem hohen -Gemach das Nachtessen. Ulenspiegel öffnete die Fenster und sah von da -aus einen Garten, in dem sich ein artig Mägdlein erging, wohlgerundet, -mit vollen Brüsten, goldenen Haaren und nur mit einem Rock, einem -Leibchen von weißem Linnen und einer durchlöcherten Schürze von -schwarzer Leinwand angetan. - -Hemden und andere Frauenwäsche bleichten auf Stricken. Das Mägdlein -nahm die Hemden von den Stricken, sich immerdar nach Ulenspiegel -umwendend, hängte sie wieder auf und setzte sich dann lächelnd und -immerdar ausschauend auf die aufgereihte Wäsche und schaukelte sich auf -den beiden zusammengeknoteten Enden. - -In der Nachbarschaft hörte Ulenspiegel einen Hahn krähen und sah eine -Amme, die spielte mit einem Kinde und wandte sein Antlitz einem Manne -zu, der vor ihr stand; und dabei sagte sie: - -„Boelkin, mach Väterchen freundliche Augen.“ - -Das Kind weinte. - -Und das artige Mägdlein lustwandelte fürder im Garten und nahm die -Wäsche ab und hängte sie wieder auf. - -„Das ist eine Spionin,“ sagte Lamm. - -Das Mägdlein hielt die Hände vor die Augen und durch die Finger -lächelnd, blickte es Ulenspiegel an. - -Dann hob es mit vollen Händen seine Brüste in die Höhe, ließ sie wieder -fallen und schaukelte sich von neuem, ohne daß seine Füße den Boden -berührten. Und die Hemden, die herunterflogen, machten, daß es sich -gleich einem Kreisel drehte, indessen Ulenspiegel seine Arme, weiß -und rund im bleichen Sonnenschein, bis an die Schultern erblickte. Es -drehte sich und lächelte und schaute ihn immer an. Er ging hinaus, um -es aufzusuchen. Lamm folgte ihm. Er suchte ein Loch in der Gartenhecke, -um hindurchzuschlüpfen, aber er fand keines. - -Da das Mägdlein sein Treiben sah, blickte es ihn wiederum lächelnd -durch die Finger an. - -Ulenspiegel versuchte durch die Hecke zu dringen, derweil Lamm ihn -zurückhielt und sagte: - -„Geh nicht, das ist eine Spionin, wir werden verbrannt werden.“ - -Dann lustwandelte das Mädchen im Gärtlein, bedeckte sich das Gesicht -mit der Schürze und lugte durch die Löcher, zu sehen, ob ihr Freund von -Ohngefähr nicht bald käme. - -Ulenspiegel wollte mit einem Satz über die Hecke springen, aber Lamm -hinderte ihn daran, ihn am Bein packend, daß er zu Boden fiel, und -sprach: - -„Strang, Schwert und Galgen! Das ist eine Spionin, geh nicht hin!“ - -Auf der Erde sitzend, suchte Ulenspiegel sich seiner zu erwehren. Das -Mägdlein steckte den Kopf über die Hecke und rief: - -„Gehabt Euch wohl, Herr, Amor möge Euch Langmütigen in der Schwebe -halten.“ - -Und er hörte ein spöttisches Lachen erschallen. - -„Wehe,“ sagte er, „das ist für mein Ohr wie ein Bund Nadeln.“ - -Dann wurde eine Tür zugeschmettert. - -Und er ward schwermütig. - -Lamm, der ihn alleweil festhielt, sprach: - -„Du zählst die holden Schätze der Schönheit, die zu Deiner Schande -verloren sind. Das ist eine Spionin. Du fällst gut, wenn Du fällst. Ich -werde noch vor Lachen bersten.“ - -Ulenspiegel blieb stumm und alle beide bestiegen wiederum ihre Esel. - - -20 - -So zogen sie selbander, hier ein Bein und da ein Bein auf ihrem Esel. -Lamm kaute an seiner letzten Mahlzeit und sog frohgemut die frische -Luft ein. Unversehens zog Ulenspiegel ihm einen gewaltigen Hieb mit der -Peitsche über das Gesäß, welches ein Polster im Sattel bildete. - -„Was machst Du da?“ schrie Lamm kläglich. - -„Was?“ antwortete Ulenspiegel. - -„Dieser Peitschenhieb?“ - -„Welcher Peitschenhieb?“ - -„Den ich von Dir empfing,“ versetzte Lamm. - -„Von links?“ - -„Ja, von links und auf meinen Hintern. Warum tatest Du das, -Schalksknecht?“ - -„Aus Unwissenheit,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich weiß sehr wohl, was -eine Peitsche ist, und eben so wohl, was ein Gesäß auf einem engen -Sattel ist. Da ich nun dieses so breit, geschwollen und prall sah, -wie es über den Sattel quoll, sagte ich mir: Da man nicht mit dem -Finger hineinzwicken kann, so könnte man ihm auch nicht mit der -Peitschenschnur wehe tun. Ich beging einen Irrtum.“ - -Da Lamm bei dieser Rede lächelte, sprach Ulenspiegel solcherart weiter: - -„Aber ich bin es nicht allein in dieser Welt, der aus Unwissenheit -sündigt; es ist mehr als ein Erzdummkopf, der sein Fett auf dem Sattel -eines Esels zur Schau stellt, der es mir darin zuvor tun könnte. Wenn -meine Peitsche an deinem Gesäß sündigte, so hast Du viel schwerer an -meinen Beinen gesündigt, indem Du sie hindertest, hinter dem Mädchen -herzulaufen, das im Garten auf Buhlschaft ausging.“ - -„Rabenfutter!“ sprach Lamm; „das war also Rache?“ - -„Eine ganz kleine,“ antwortete Ulenspiegel. - - -21 - -In Damm lebte Nele betrübt mit Katheline, die den kalten Teufel, -welcher nicht kam, zärtlich rief. - -„Ach,“ sagte sie, „Du bist reich, Hanske, mein Buhle, und könntest mir -die siebenhundert Karolus wiederbringen. Alsdann wird Soetkin aus dem -Fegefeuer lebendig auf die Erde zurückkehren, und Klas würde im Himmel -lachen; wohl kannst Du es tun. Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch, -die Seele will hinaus.“ - -Und sie wies mit dem Finger ohn Unterlaß auf die Stelle, wo der Werg -gelegen hatte. - -Katheline war sehr arm, doch die Nachbarn unterstützten sie mit Bohnen, -Brot und Fleisch nach ihren Mitteln. Die Gemeinde gab ihr etwas Geld. -Und Nele nähte Kleider für die reichen Bürgerfrauen und ging zu ihnen, -um die Wäsche zu bügeln, und verdiente dergestalt einen Gülden die -Woche. - -Und Katheline sagte beständig: - -„Macht ein Loch, nehmt meine Seele fort. Sie pocht und will -hinausgehen. Er wird die siebenhundert Karolus wiederbringen.“ - -Und Nele weinte, wenn sie das hörte. - - -22 - -Indessen kehrten Ulenspiegel und Lamm, mit ihren Pässen versehen, in -eine kleine Herberge ein, die sich an die Felsen der Sambre lehnte, -welche an gewissen Stellen mit Bäumen bedeckt sind. Auf dem Schild -stand geschrieben: Bei Marlaire. - -Nachdem sie manch Fläschlein Maaswein in Burgunder Art getrunken und -viele gesalzene Fische verspeist hatten, plauderten sie mit dem Wirt, -der ein Papist reinsten Wassers war, aber geschwätzig wie eine Elster, -des Weines wegen, den er getrunken hatte. Unaufhörlich zwinkerte er -boshaft mit den Augen. Ulenspiegel vermutete hinter diesem Zwinkern -etwelches Geheimnis und ließ ihn noch mehr trinken, also daß der Wirt -anhub zu tanzen und in Gelächter auszubrechen. Dann setzte er sich -wieder an den Tisch und sagte: - -„Gute Katholiken, ich trinke auf Euer Wohl.“ - -„Wir trinken auf das Deine,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel. - -„Auf die Ausrottung jeder Pest von Rebellion und Ketzerei!“ - -„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel und füllten ohn -Unterlaß den Becher des Wirts, der ihn niemals leer sehen konnte. - -„Ihr seid Biedermänner,“ sprach er. „Ich trinke auf Eure Freigebigkeit; -ich verdiene am Wein, der getrunken. Wo sind Eure Pässe?“ - -„Hier sind sie,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Vom Herzog unterzeichnet. Ich trinke auf des Herzogs Wohl.“ - -„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel. - -Der Wirt fuhr in seiner Rede fort: - -„Worin fängt man die Ratten, Mäuse und Hamster? In Ratten-, Hamster- -und Mausefallen. Wer ist der Hamster? Das ist der große Ketzer, -orangefarben gleich dem Feuer der Höllen.[4] Gott ist mit uns. Sie -werden kommen. Ha, ha! Zu trinken! Schenk ein, ich koche, ich brenne. -Zu trinken! Sehr schöne, kleine, reformierte Prediger ... Kleine, -sage ich ... schöne, kleine, tapfere, starke Soldaten, Eichen ... Zu -trinken! Werdet Ihr nicht mit ihnen in das Lager des großen Ketzers -gehen? Ich habe Pässe, von ihm unterzeichnet ... Ihr werdet ihren -Auftrag mit Augen sehen.“ - -„Wir werden ins Lager gehen,“ erwiderte Ulenspiegel. - -„Sie werden sich gut dazuhalten, und in der Nacht, wenn die Gelegenheit -günstig ist, (und der Wirt machte pfeifend einen Mann nach, der einen -andern erwürgt) wird Eisenwind die Drossel Nassau hindern, noch mehr zu -pfeifen. Holla, zu trinken!“ - -„Du bist lustig, ob Du gleich verheiratet bist,“ entgegnete Ulenspiegel. - -Der Wirt sagte: - -„Das bin ich nicht, noch war ich es. Ich hüte die Geheimnisse der -Fürsten. Gebt mir zu trinken. / Mein Weib würde sie mir vom Kopfkissen -stehlen, um mich henken zu lassen und eher Wittib zu werden als -die Natur will. So wahr Gott lebt! Sie werden kommen. Wo sind die -neuen Pässe? Auf meinem christlichen Herzen. Laßt uns trinken! Da -sind sie, da, in dreihundert Schritt Entfernung auf dem Wege, bei -Marche-les-Dames. Sehet Ihr sie? Laßt uns trinken.“ - -„Trink,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „trink; ich trinke auf den König, -den Herzog, die Prediger und auf Eisenwind. Ich trinke auf Dein Wohl -und meins; ich trinke auf den Wein und auf die Flasche. Du trinkst ja -nicht.“ Und bei jedem Trinkspruch füllte Ulenspiegel von neuem das Glas -und der Wirt leerte es. - -Ulenspiegel betrachtete ihn etliche Zeit. Dann sagte er, sich erhebend: - -„Er schläft; wir wollen uns davonmachen, Lamm.“ - -Als sie draußen waren: - -„Er hat kein Weib, uns zu verraten ... Die Nacht sinkt herab ... Du -hast deutlich vernommen, was dieser Taugenichts sagte; und Du weißt, -wer die drei Prediger sind?“ - -„Ja,“ sprach Lamm. - -„Du weißt, das sie die Maas entlang von Marche-les-Dames kommen, und -daß man gut tun wird, sie auf dem Wege zu erwarten, ehe denn Eisenwind -zu Atem kommt.“ - -„Ja,“ sprach Lamm. - -„Wir müssen dem Prinzen das Leben retten,“ sagte Ulenspiegel. - -„Ja,“ sprach Lamm. - -„Da,“ sprach Ulenspiegel, „nimm meine Büchse, geh dort in das Gebüsch -zwischen den Felsen; lade sie mit zwei Kugeln und ziele, wenn ich wie -ein Rabe krächze.“ - -„Das will ich tun,“ sprach Lamm. - -Und er verschwand im Gebüsch. Alsbald hörte Ulenspiegel das Rad der -Büchse knarren. - -„Siehst Du sie kommen?“ fragte er. - -„Ich sehe sie“; antwortete Lamm. „Es sind ihrer drei, die gleich -Soldaten marschieren, und der Eine überragt die Andern um Haupteslänge.“ - -Ulenspiegel setzte sich mit vorgestreckten Beinen auf den Weg, indem er -murmelnd einen Rosenkranz abbetete, wie die Bettler tun. Und er hatte -seinen Hut zwischen den Knieen. - -Als die drei Prediger vorübergingen, hielt er ihnen seinen Hut hin, sie -aber legten nichts hinein. - -Da stand Ulenspiegel auf und sagte kläglich: - -„Ihr guten Herren, versagt einem armen Steinhauer, der sich letzthin -in einer Grube des Steinbruchs die Lenden gebrochen hat, nicht einen -Stüver. Sie sind hart in diesem Lande und haben mir nichts geben -wollen, mein trauriges Elend zu lindern. Wehe, gebt mir einen Stüver, -dann werde ich für Euch beten. Und Gott wird Eure großmütige Gnaden das -ganze Leben fröhlich erhalten.“ - -„Mein Sohn,“ sagte einer der Prediger, ein starker Mann, „für uns wird -in dieser Welt keine Freude sein, solange Papst und Inquisition darin -regieren.“ - -Ulenspiegel seufzte gleichfalls und sprach: - -„Wehe! was sagt Ihr, edle Herren? Sprecht leise, wenn es Euer Gnaden -beliebt. Aber gebt mir einen Stüver.“ - -„Mein Sohn,“ antwortete ein kleiner Prediger mit kriegerischem Antlitz, -„wir armen Märtyrer haben nur so viel Stüver, wie wir brauchen, uns -unterwegs zu ernähren.“ - -Ulenspiegel warf sich auf die Kniee. - -„Segnet mich,“ sagte er. - -Die drei Prediger legten die Hand ohne Frömmigkeit auf Ulenspiegels -Kopf. - -Da er wahrnahm, daß sie mager waren und doch mächtige Bäuche hatten, -erhob er sich, stellte sich, als ob er fiele, und stieß mit der Stirn -gegen den Bauch des hochgewachsenen Predigers, wobei er ein lustiges -Klingeln von Münzen vernahm. - -Da richtete er sich auf und zog sein kurzes Schwert. - -„Ihr schönen Väter,“ sagte er, „es ist kalt; ich bin schlecht -bekleidet, und Ihr habt mehr als genug. Gebt mir von Eurer Wolle, daß -ich mir daraus einen Mantel schneiden kann. Ich bin Geuse, es lebe der -Geuse!“ - -Der große Prediger antwortete: - -„Du gekrönter Geuse, Du trägst den Kamm hoch; wir werden ihn Dir -abschneiden.“ - -„Abschneiden,“ sprach Ulenspiegel, indem er zurückwich; „aber Eisenwind -wird Euch anhauchen, ehe er den Prinzen anhaucht. Geuse bin ich, es -lebe der Geuse!“ - -Die drei Prediger sagten bestürzt untereinander: - -„Woher kommt ihm die Kunde? Wir sind verraten. Drauf! Es lebe die -Messe!“ - -Und sie zogen unter ihren Hosen schöne, scharfgeschliffene Schwerter -hervor. - -Doch Ulenspiegel entwich, ohne ihnen stand zu halten, nach dem Gebüsch, -worin Lamm verborgen war. Als er meinte, daß die Prediger in Schußweite -seien, sprach er: - -„Ihr Raben, schwarze Raben, Bleiwind wird wehen. Ich singe Euer -Sterbelied.“ - -Und er krächzte. - -Ein Büchsenschuß aus dem Gebüsch streckte den größten Prediger nieder, -mit dem Gesicht auf den Boden; ein zweiter Schuß warf den zweiten auf -den Weg. - -Und zwischen den Büschen erblickte Ulenspiegel Lamms gutes -Vollmondsgesicht und seinen erhobenen Arm, der hastig die Büchse wieder -lud. Und ein blauer Rauch stieg aus dem schwarzen Gebüsch auf. - -Der dritte Prediger, vor männlicher Wut rasend, wollte Ulenspiegel mit -aller Gewalt aus dem Busche reißen. Der aber sprach: - -„Eisenwind oder Bleiwind, Du wirst aus dieser Welt scheiden und in die -andere gehen, Du schändlicher Mordstifter!“ - -Und er griff ihn an und er wehrte sich tapfer. - -Fest standen sie Aug’ in Aug’ auf dem Wege, teilten Hiebe aus und -parierten sie. - -Ulenspiegel war von Blut überströmt, maßen sein Gegner, ein geübter -Kämpfer, ihn am Kopf und Bein verwundet hatte. Doch er griff ihn an -und verteidigte sich wie ein Leu. Da ihn das Blut, so von seinem Kopf -strömte, blendete, wich er in großen Schritten zurück, wischte es mit -der Linken ab und fühlte, daß er schwach wurde. Er wäre getötet worden, -hätte Lamm nicht auf den Prediger geschossen und ihn niedergestreckt. - -Und Ulenspiegel sah und hörte ihn Lästerworte, Blut und Todesschaum -ausspeien. - -Und blauer Rauch stieg aus dem Gebüsch auf, darinnen Lamm wiederum sein -gutes Vollmondsgesicht sehen ließ. - -„Ist es vollendet?“ fragte er. - -„Ja, mein Sohn,“ antwortete Ulenspiegel, „aber komm ...“ - -Da Lamm aus seinem Versteck trat, sah er Ulenspiegel ganz mit Blut -bedeckt. Ohngeachtet seines Bauches wie ein Hirsch rennend, gelangte er -zu Ulenspiegel, der neben den Getöteten auf der Erde saß. - -„Er ist verwundet,“ sprach er, „mein herzlieber Freund, von diesem -nichtsnutzigen Mörder verwundet.“ Und mit einem Stoß seines Absatzes -zerbrach er dem nächsten Prediger die Zähne. „Du antwortest nicht, -Ulenspiegel! Wirst Du sterben, mein Sohn? Wo ist der Balsam? Ha, unten -in seinem Felleisen unter den Würsten. Ulenspiegel, hörst Du mich -nicht? Wehe, ich habe kein lauwarmes Wasser, Deine Wunde zu waschen, -und keine Möglichkeit, welches zu bekommen. Aber das Sambrewasser wird -genügen. Sprich zu mir, mein Freund. Du bist doch nicht so schwer -verwundet. Ein wenig Wasser, recht kalt, nicht so? Er erwacht. Ich bin -es, mein Sohn, dein Freund. Sie sind alle tot. Leinwand, Leinwand, -seine Wunden zu verbinden. Keine da. Also mein Hemd.“ / Er zog sich -aus. / Und Lamm redete weiter: „In Stücke das Hemd. Das Blut stockt. -Mein Freund wird nicht sterben.“ - -„Ha,“ sprach er, „es ist kalt mit nacktem Rücken in dieser frischen -Luft. Kleiden wir uns wieder an. Er wird nicht sterben. Ich bin’s, -Ulenspiegel, ich, Dein Freund Lamm. Er lächelt. Ich werde die Mörder -plündern. Sie haben Bäuche aus Gülden. Güldene Kaldaunen. Karolus, -Gülden, Taler, Stüver und Briefe. Wir sind reich. Ueber dreihundert -Karolus zu teilen. Wir wollen die Waffen und das Geld nehmen. Eisenwind -wird noch nicht für Seine Gnaden wehen.“ - -Ulenspiegel stand auf und klapperte vor Frost mit den Zähnen. - -„Da bist Du wieder auf den Beinen!“ sprach Lamm. - -„Das ist die Kraft des Balsams,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Balsam der Tapferkeit,“ versetzte Lamm. - -Alsdann nahm er die Leichen der drei Prediger eine nach der andern und -warf sie in ein Loch zwischen den Felsen; ihre Waffen und Kleider ließ -er ihnen, außer dem Mantel. - -Und am Himmel, rund um sie her, krächzten die Raben, die ihres Futters -harrten. Und die Sambre floß wie ein eherner Strom unter dem grauen -Himmel. Und der Schnee fiel und wusch das Blut fort. - -Dennoch waren sie bekümmert und Lamm sprach: - -„Ich töte lieber ein Huhn als einen Menschen.“ - -Und sie stiegen wieder auf ihre Esel. - -Am Tor von Huy floß das Blut immer noch. Sie stellten sich, als -fingen sie Streit an, stiegen von ihren Eseln und fochten mit ihren -Schwertern, dem Ansehen nach schier grausam. Als der Kampf beendet war, -saßen sie wieder auf und ritten in Huy ein, nachdem sie am Stadttor -ihre Pässe vorgewiesen hatten. - -Da die Frauen Ulenspiegel verwundet und blutend und Lamm auf seinem -Esel den Sieger spielen sahen, betrachteten sie Ulenspiegel mit -zärtlichem Mitleid; aber Lamm drohten sie mit der Faust und sagten: - -„Das ist der Taugenichts, der seinen Freund verwundet.“ - -Voll Unruhe suchte Lamm unter ihnen sein Weib. - -Es war vergebens und er blies Trübsal. - - -23 - -„Wohin gehen wir?“ fragte Lamm. - -„Nach Maestricht,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Aber, mein Sohn, man sagt, daß des Herzogs Kriegsknechte da rund um -die Stadt liegen und daß er sich selbst darinnen befindet. Unsere -Pässe werden nicht hinreichen. Wenn die hispanischen Söldner sie gut -befinden, werden wir darum nicht weniger in der Stadt festgehalten und -verhört werden. Unterweilen werden sie den Tod der Prediger erfahren, -und mit unserm Leben wird es zu Ende sein.“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Die Raben, Eulen und Geier werden in Bälde mit ihrem Fleisch ein -Ende gemacht haben. Ihr Gesicht ist ohne Zweifel schon unkenntlich. -Was unsere Pässe angeht, so mögen sie gut sein; so man aber Kunde vom -Morde erhielte, würden wir, wie Du sagst, gefangen genommen. Dessen -ohngeachtet müssen wir über Landen nach Maestricht gehen.“ - -„Sie werden uns henken,“ sagte Lamm. - -„Wir werden durchkommen,“ erwiderte Ulenspiegel. - -So ratschlagend, kamen sie nach der Herberge „Zur Elster“, allwo sie -gute Kost, gutes Nachtlager und Heu für ihre Esel fanden. - -Am andern Morgen machten sie sich auf den Weg nach Landen. - -Da sie bei einem großen Pachthofe vor der Stadt angelangt waren, -trillerte Ulenspiegel wie eine Lerche und alsbald antwortete ihm von -drinnen das kriegerische Trompeten des Hahnes. Ein Pächter, der ein -ehrlich Gesicht hatte, erschien auf der Türschwelle. - -„Freunde als Freie, es lebe der Geuse! Tretet ein!“ sprach er. - -„Wer ist dieser?“ fragte Lamm. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Thomas Utenhove, der tapfere Reformierte. Seine Knechte und Mägde -arbeiten gleich ihm für das freie Gewissen.“ - -Darauf sprach Utenhove: - -„Ihr seid des Prinzen Gesandte. Esset und trinket.“ - -Und der Schinken prasselte in der Pfanne und die Blutwürste -desgleichen, und der Wein ließ nicht auf sich warten, und die Gläser -füllten sich. - -Und Lamm trank wie trockener Sand und aß tapfer. - -Knechte und Mägde des Pachthofs kamen nacheinander und steckten die -Nase durch die halbgeöffnete Tür, um der Arbeit seiner Kinnbacken -zuzuschauen; und die Männer wurden eifersüchtig und sagten, daß sie es -ebensogut könnten. - -Nach vollendeter Mahlzeit sprach Utenhove: - -„Hundert Bauern werden diese Woche von hier aufbrechen, unter -dem Vorgeben, daß sie in Brügge und Umgegend an den Deichen -arbeiten wollen. Sie werden in Rotten von fünf oder sechs und auf -unterschiedlichen Wegen reisen. In Brügge werden Barken sein, um sie -übers Meer nach Emden zu bringen.“ - -„Sind sie mit Waffen und Geld versehen?“ fragte Ulenspiegel. - -„Sie sollen jeder zehn Gülden und große Hirschfänger haben.“ - -„Gott und der Prinz werden Dir’s lohnen,“ sprach Ulenspiegel. - -„Ich arbeite nicht um Lohn,“ erwiderte Thomas Utenhove. - -„Wie macht Ihr’s,“ sagte Lamm, während er die dicken, schwarzen -Blutwürste knusperte, „wie macht Ihr’s, Herr Wirt, um ein so duftend, -saftig Gericht von so zartem Fett zu erhalten?“ - -„Das kommt,“ sprach der Wirt, „weil wir Zimmet und Baldrian darantun.“ - -Dann zu Ulenspiegel redend, sagte er: - -„Ist Edzard, Graf von Friesland, allzeit des Prinzen Freund?“ - -„Er hält seine Gesinnung geheim, wiewohl er seinen Schiffen in Emden -Asyl gibt.“ Und er fügte hinzu: - -„Wir müssen nach Maestricht.“ - -„Das wirst Du nicht können,“ sagte der Wirt; „des Herzogs Heer ist vor -der Stadt und rings umher.“ - -Dann führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm in der Ferne die -Fähnlein und Standarten der Reiter und Fußsoldaten, die auf freiem -Felde ritten und marschierten. - -Ulenspiegel sprach: - -„Ich werde passieren, wenn Ihr, der Ihr an diesem Ort mächtig seid, mir -Erlaubnis gebt, mich zu verheiraten. Was die Frau angeht, so brauche -ich eine, die anmutig, sanft und schön ist und mich freien will, wenn -nicht für immer, zum wenigsten für eine Woche.“ - -Lamm seufzte und sprach: - -„Tu’s nicht, mein Sohn, sie würde Dich allein lassen, von Liebesglut -verzehrt. Dein Bett, in dem Du so ruhig schläfst, wird Dir gleich einem -Pfühl von Stechpalmen sein und Dir den süßen Schlummer rauben.“ - -„Ich werde heiraten,“ antwortete Ulenspiegel. - -Und da Lamm nichts mehr auf dem Tische fand, ward er schier betrübt. -Da er jedoch Kapaune in einem Napf entdeckte, knabberte er sie -melancholisch. - -Ulenspiegel sagte zu Thomas Utenhove: - -„Wohlan, darauf trink ich, schafft mir eine Frau, reich oder arm. Ich -gehe mit ihr zur Kirche und lasse die Ehe durch den Pfarrer einsegnen. -Dieser gibt uns einen Trauschein, nicht gültig, da er von einem -papistischen Inquisitor kommt. Wir lassen darin feststellen, daß wir -alle gute Christen sind, maßen wir gebeichtet und kommuniziert haben -und gemäß den Vorschriften unsrer heiligen römischen Mutter Kirche, -so ihre Kinder verbrennt, apostolisch leben. Und also rufen wir die -Segnungen unseres heiligen Vaters, des Papstes, der himmlischen und -irdischen Heerscharen, der heiligen Männer und Frauen, der Dechanten, -Pfaffen, Mönche, Söldlinge, Bluthunde und andrer Lumpen auf uns herab. -Mit besagtem Zeugnis versehen, machen wir die Vorbereitungen zur Reise, -die bei der Hochzeitfeier Brauch ist.“ - -„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove. - -„Die mußt Du für mich finden,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich nehme also -zwei Wagen, schmücke sie mit Kränzen von Fichtenzweigen, Stechpalmen -und Papierblumen und besetze sie mit etlichen Bauern, die Du zum -Prinzen schicken willst.“ - -„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove. - -„Die ist gewißlich hier,“ erwiderte Ulenspiegel. - -Und er redete weiter: - -„Ich spanne zwei Deiner Pferde vor den einen Wagen, unsere beiden Esel -vor den andern. In den ersten Wagen setze ich meine Frau und mich, -meinen Freund Lamm und die Trauzeugen, in den zweiten die Spielleute -mit Schellentrommeln, Querpfeifen und Schalmeien. Dann tragen wir -lustige Hochzeitsbanner, und mit Trommeln, Singen und Trinken fahren -wir im scharfen Trab auf der Heerstraße, die uns zum Galgenfelde oder -in die Freiheit führt.“ - -„Ich will Dir helfen,“ sprach Thomas Utenhove. „Aber die Frauen und -Mädchen werden ihren Männern folgen wollen.“ - -„Wir werden in Gottes Schutz gehen,“ sagte ein hübsches Mägdlein und -steckte den Kopf in die halboffene Tür. - -„Wenn es not tut, sind vier Wagen da, und dergestalt können wir über -fünfundzwanzig Mann durchbringen.“ - -„Der Herzog wird übertölpelt werden,“ sagte Ulenspiegel. - -„Und in des Prinzen Flotte werden etliche gute Soldaten mehr dienen,“ -erwiderte Thomas Utenhove. - -Dann läutete er seinen Knechten und Mägden und sprach zu ihnen: „Ihr -alle, die Ihr aus Zeeland seid, Männer und Weiber, höret. Gegenwärtiger -Ulenspiegel, der Vläme, will, daß Ihr in hochzeitlichen Kleidern durch -des Herzogs Heer hindurchziehet.“ - -Männer und Frauen aus Zeeland riefen mitsammen: - -„Bei Todesgefahr! Wir wollen!“ - -Und die Männer redeten untereinander: - -„Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft zu verlassen und aufs -freie Meer zu gehen. Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?“ - -Die Frauen und Mädchen sagten: - -„Wir wollen unsern Männern und Freunden folgen. Wir sind aus Zeeland -und werden dort Zuflucht finden.“ - -Ulenspiegel erspähte ein junges, artiges Mägdlein, trieb seinen Scherz -mit ihr und sagte: - -„Ich will Dich freien.“ - -Und sie antwortete errötend: - -„Ich will Dich, aber nur in der Kirche.“ - -Und mit Lachen sprachen die Frauen untereinander: - -„Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, des Baas Sohn. Er geht gewiß mit -ihr.“ - -„Ja,“ antwortete Hans. - -Und der Vater sprach zu ihm: - -„Du kannst es tun.“ - -Die Männer legten ihr Festgewand an, Wams und Hosen von Sammet und -den weiten Mantel darüber; auch setzten sie große Hüte zum Schutz -gegen Sonne und Regen auf. Die Weiber, in schwarzen Strümpfen und -geschlitzten Schuhen, trugen den großen, güldenen Stirnschmuck, -links für die Mädchen und rechts für die Ehefrauen; am Halse die -weiße Krause, den Brustlatz in güldner, scharlachner und azurblauer -Stickerei, der Rock von schwarzer Wolle mit breiten Sammetstreifen -in der nämlichen Farbe, schwarzwollene Strümpfe und Sammetschuhe mit -Silberschnalle. - -Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester zu bitten, für -zwei Reichstaler, die er ihm in die Hand steckte, ohne Verzug Tylbert, -des Klas Sohn, mit Tannekin Pieters zu trauen, und der Pfarrer willigte -darein. - -Ulenspiegel ging also, von der ganzen Hochzeitsgesellschaft gefolgt, -in die Kirche und vermählte sich allda vor dem Priester mit Tannekin, -die so schön und reizend, so freundlich und rundlich war, daß er gern -in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen Liebesapfel. Und er sagte es -ihr, da er aus Scheu vor ihrer sanften Schönheit es nicht zu tun wagte. -Sie aber sprach schmollend zu ihm: - -„Laß mich; da ist Hans, der sieht Euch an, um Euch umzubringen.“ - -Und ein Mägdlein, ein eifersüchtiges, sagte zu ihm: - -„Such anderswo; siehest Du nicht, daß sie Angst vor ihrem Manne hat.“ - -Lamm rieb sich die Hände und rief aus: - -„Du sollst sie nicht alle haben, Taugenichts.“ - -Und er freute sich baß. - -Ulenspiegel nahm sein Leid in Geduld hin und kehrte mit den -Hochzeitsgästen zum Pachthof zurück. Und da trank er, sang und war -guter Dinge und trank dem eifersüchtigen Mägdlein zu. Des war Hans -froh, aber nicht Tannekin noch des Mägdleins Bräutigam. - -Bei hellem Sonnenschein und frischem Winde fuhren die Wagen um Mittag, -mit Grün und Blumen geschmückt davon, mit flatternden Fahnen und -beim fröhlichen Klang der Schellentrommeln, Schalmeien, Quer- und -Sackpfeifen. - -In Albas Lager war ein ander Fest. Nachdem die Wachen und Vorposten -Alarm geblasen hatten, kamen sie nacheinander zurück und meldeten: - -„Der Feind ist nahe; wir haben den Lärm der Trommeln und Pfeifen gehört -und die Fahnen erblickt. Es ist eine starke Abteilung Reiterei, die -dorthin gerückt ist, um Euch in irgend einen Hinterhalt zu locken. Die -Hauptmacht ist ohnzweifelhaft ferner.“ - -Alsbald ließ der Herzog Feldmeister, Obristen und Hauptleute -benachrichtigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung aufzustellen, und -ließ den Feind auskundschaften. - -Plötzlich erschienen vier Wagen, die auf die Scharfschützen zufuhren. -In den Wagen tanzten die Männer und Weiber, die Flaschen machten die -Runde, und lustig kreischten die Pfeifen, ächzten die Schalmeien, -dröhnten die Trommeln und schnarrten die Dudelsäcke. - -Nachdem die Hochzeitsgesellschaft Halt gemacht hatte, kam Alba selbst -auf den Lärm herbei und sah die junge Frau auf einen der vier Wagen, -Ulenspiegel, ihr Ehegespons, neben ihr, ganz mit Blumen geschmückt; und -alle Bauern und Bäuerinnen waren abgestiegen, tanzten herum und gaben -den Soldaten zu trinken. - -Alba und die Seinen verwunderten sich gewaltig der Einfalt dieser -Bauern, die da sangen und feierten, wo alles um sie her in Waffen war. -Und die in den Wagen waren, gaben den Soldaten all ihren Wein. - -Und sie wurden von ihnen gepriesen und geehrt. - -Da der Wein in den Wagen ein Ende nahm, machten sich die Bauern und -Bäuerinnen beim Klange der Schellentrommeln, Quer- und Sackpfeifen -wieder auf den Weg, ohne belästigt zu werden. Und frohen Muts gaben die -Soldaten ihnen zu Ehren eine Salve Büchsenschüsse ab. Und dergestalt -zogen sie in Maestricht ein, wo Ulenspiegel sich mit reformierten -Unterhändlern ins Einvernehmen setzte, um der Flotte des Schweigers -Schiffe, Waffen und Munition zu senden. Und desgleichen taten sie in -Landen. Und als Tagelöhner gekleidet zogen sie allerorten hin. - -Dem Herzog ward die Kriegslist kund; und es ward ein Lied darauf -gemacht, welches man ihm sandte, und der Kehrreim lautete: - - „Blutherzog, Du Tropf, - Hast Du die Braut gesehen?“ - -Und allemal, wenn er ein falsches Manöver gemacht hatte, sangen die -Soldaten: - - „Der Herzog ist geblendet, - Er hat die Braut gesehen.“ - - -24 - -Inzwischen brütete König Philipp unheilvollen Trübsinn. In seinem -leidenden Hochmut bat er Gott, ihm Macht zu geben, Engelland zu -besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua und Venedig zu nehmen -und dergestalt als großer Meerbeherrscher über ganz Europa zu regieren. - -Dieses Triumphes gedenkend, lachte er nicht. - -Es fror ihn beständig; der Wein erwärmte ihn nicht, noch das Feuer -von duftendem Holze, das allezeit in dem Gemache, darin er sich -aufhielt, brannte. Dieweil er unaufhörlich schrieb und inmitten so -vieler Briefe saß, daß man hundert Tonnen damit hätte anfüllen können, -gedachte er der allumfassenden Weltherrschaft, wie sie die römischen -Kaiser ausgeübt hatten. Er gedachte des eifersüchtigen Hasses wider -seinen Sohn Don Carlos, seit dieser an Herzog Albas Stelle nach den -Niederlanden hatte gehen wollen, ohne Zweifel, um dort den Versuch zu -machen zu regieren; so glaubte er. - -Und beim Anblick dieses wilden und bösartigen Verrückten, der häßlich -und mißgestalt war, faßte er noch größeren Haß gegen ihn. Doch er -redete nicht darüber. - -Die, so König Philipp und seinem Sohne Don Carlos dienten, wußten -nicht, welchen von beiden sie am meisten fürchten sollten, den -behenden, mörderischen Sohn, der seine Diener mit seinen Nägeln -zerfleischte, oder den feigen, tückischen Vater, der sich andrer -bediente, um zu schlagen, und gleich einer Hyäne von Leichen lebte. - -Die Diener erschraken, da sie sie um einander herum schleichen sahen. -Und sie sagten, daß in Bälde etwelcher Todesfall im Escurial eintreten -würde. - -Nun aber erfuhren sie bald, daß Don Carlos wegen Verbrechen des -Hochverrats eingekerkert sei. Und sie wußten, daß sich seine Seele in -finsterm Groll verzehrte und daß er sich im Gesicht verletzt hatte, als -er sich durch die Eisenstäbe seines Gefängnisses zwängen wollte, um zu -entfliehen, und daß Madame Isabella von Frankreich unablässig weinte. - -Aber König Philipp weinte nicht. - -Und es ging das Gerücht, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben -und daß er am nächsten Tage gestorben sei, gleich als wäre er -eingeschlafen. Die Aerzte sagten: Sobald er die Feigen gegessen -hatte, hörte das Blut auf zu pulsen und alle Funktionen des Lebens, -wie die Natur sie vorschreibt, waren unterbrochen. Er konnte nicht -mehr ausspeien, noch erbrechen, noch irgend etwas aus seinem Körper -hinausbringen. Sein Leib schwoll beim Sterben auf. - -König Philipp hörte für Don Carlos die Seelenmesse, ließ ihn in der -Kapelle seiner königlichen Residenz beisetzen und einen Stein über -seinen Leichnam decken; aber er weinte nicht. Und die Diener sprachen -untereinander, indem sie mit der prinzlichen Grabschrift, so auf dem -Leichenstein stand, ihren Spott trieben: - - Hier ruht, der grüne Feigen gegessen; - Er starb und ist nicht krank gewesen. - ~A qui jaze qui en para desit verdad - Morio sin infirmidad.~ - -Und König Philipp sah die Prinzessin von Eboli, welche verheiratet war, -mit begehrlichen Blicken an. Er bat sie um Liebe, und sie gewährte sie -ihm. - -Madame Isabella von Frankreich, von der man sagte, daß sie des Don -Carlos Absichten auf die Niederlande begünstigt habe, ward mager und -leidend. Und ihre Haare fielen in großen Strähnen auf einmal aus. Sie -hatte oftmals Erbrechen, und die Nägel ihrer Füße und Hände fielen ab. -Und sie starb. - -Und Philipp weinte nicht. - -Die Haare des Prinzen von Eboli fielen gleichfalls aus und er ward -traurig und klagte immer. Dann fielen auch die Nägel seiner Füße und -Hände ab. - -Und König Philipp ließ ihn beisetzen. - -Und er bezahlte die Trauer der Witwe und weinte nicht. - - -25 - -Zu jener Zeit kamen etliche Frauen und Mädchen aus Damm und fragten -Nele, ob sie nicht Maienbraut sein und sich mit dem Bräutigam, den man -ihr schaffen würde, im Gebüsch verstecken wolle. Denn, so sprachen die -Frauen nicht ohne Eifersucht, es ist kein junger Mann in ganz Damm und -Umgegend, der sich Dir nicht verloben würde: Dir, die Du so schön, -sittsam und blühend bleibst, / ohne Zweifel eine Hexengabe.“ - -„Gevatterinnen,“ antwortete Nele, „saget den jungen Männern, die meiner -begehren: Neles Herz ist nicht hier, sondern bei dem, der umherstreift, -das Land der Väter zu befreien. Und wenn ich blühend bin, wie Ihr -saget, so ist es nicht Hexengabe, sondern Gabe der Gesundheit.“ - -Die Gevatterinnen antworteten: - -„Katheline steht jedoch im Verdacht.“ - -„Glaubet nicht den Worten der Bösen,“ antwortete Nele, „Katheline -ist keine Hexe. Die Herren vom Gericht haben ihr Werg auf dem Kopf -verbrannt und Gott hat sie mit Wahnsinn heimgesucht.“ - -Und Katheline kauerte in einem Winkel, schüttelte den Kopf und sprach: - -„Nehmt das Feuer fort, Hanske, mein Liebster wird wiederkommen.“ - -Da die Gevatterinnen fragten, wer dieser Hanske sei, antwortete Nele: - -„Es ist Klasens Sohn, mein Milchbruder, den sie verloren wähnt, seit -Gott sie heimgesucht hat.“ - -Und die guten Gevatterinnen gaben Katheline Silberstüver. Und wenn sie -neu waren, zeigte sie sie Einem, den keiner sah, und sagte: „Ich bin -reich, reich an glänzendem Silber. Komm, Hanske, mein Buhle, ich werde -meine Liebesfreuden bezahlen.“ - -Und nachdem die Gevatterinnen fort waren, weinte Nele in der einsamen -Hütte. Sie gedachte an Ulenspiegel, der in fernen Landen umherirrte, -ohne daß sie ihm folgen konnte, und an Katheline, die oftmals ächzte: -„Nehmt das Feuer fort,“ und mit beiden Händen an ihre Brust faßte und -also zeigte, daß das Feuer des Wahnsinns Haupt und Leib mit Fieber -verbrannte. - -Inzwischen versteckten sich Maienbraut und Bräutigam in den Büschen. -Der oder die, so einen von ihnen fand, war nach dem Geschlechte des -Findlings und dem seinigen, König oder Königin des Festes. - -Nele hörte die Freudenrufe der Burschen und Dirnen, als die Maienbraut -am Rand eines Grabens, in hohem Grase versteckt, gefunden ward. Und sie -weinte, der holden Zeiten gedenkend, da man sie suchte, sie und ihren -Freund Ulenspiegel. - - -26 - -Dieweil ritten er und Lamm, hier ein Bein und da ein Bein, auf ihren -Eseln. - -„Wohlan, höre, Lamm,“ sprach Ulenspiegel. „Die Adligen der Niederlande -haben aus Eifersucht gegen Oranien die Sache der Verbündeten, den -heiligen Bund verraten, den tapferen Kompromiß, der zum Wohle des -Vaterlandes unterzeichnet ward. Von Egmont und von Hoorn waren -gleichermaßen Verräter und ohne Nutzen für sie. Brederode ist tot, und -uns bleibt in diesem Kriege nur das arme Volk von Brabant und Flandern, -das treue Führer erharrt, um vorzudringen. Und dann, mein Sohn, sind -noch die Inseln da, die Inseln von Zeeland, auch Nord-Holland, dessen -Statthalter der Prinz ist, und weiter noch über das Meer, Edgard, Graf -von Emden und Ostfriesland.“ - -„Wehe,“ sprach Lamm, „ich sehe es klar, wir pilgern zwischen Strick, -Rad und Scheiterhaufen, vor Hunger sterbend und vor Durst gähnend, ohn -alle Hoffnung auf Ruhe.“ - -„Wir sind erst im Anfang,“ erwiderte Ulenspiegel. „Geruhe, in Betracht -zu ziehen, daß alles dabei für uns eine Lust ist: unsere Feinde zu -töten, ihnen eine Nase zu drehen, unsere Säcke voller Gülden zu haben. -Dazu haben wir guten Ballast von Fleisch, Bier, Wein und Branntwein. -Was brauchst Du mehr, Federsack? Sollen wir unsere Esel verkaufen und -Pferde einhandeln?“ - -„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „der Trab eines Pferdes ist für einen Mann -meiner Leibesstärke gar beschwerlich.“ - -„Du setzest Dich auf dein Tier, wie die Bauern tun, und niemand wird -über dich spotten, da Du wie ein Bauer gekleidet bist und nicht gleich -mir einen Degen, sondern nur einen Spieß trägst.“ - -„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „bist Du sicher, daß unsere beiden Pässe uns -in den kleinen Städten helfen können?“ - -„Habe ich nicht des Pfarrers Zeugnis,“ sagte Ulenspiegel, „mit dem -großen Kirchensigill aus rotem Wachs, so an zwei Pergamentschwänzen -daran hänget, und unsere Beichtzettel? Die Söldlinge und Bluthunde -des Herzogs vermögen nichts wider zwei so trefflich versehene -Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die wir zu verkaufen haben? -Wir sind alle beide Reiter, Du Vläme und ich ein Deutscher, und -reisen auf ausdrücklichen Befehl des Herzogs, die Ketzer dieses -Landes durch Verkauf geweihter Sachen dem heiligen, katholischen -Glauben zu gewinnen. Derart werden wir allerorten eindringen, in die -Häuser der adligen Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden -uns salbungsvolle Gastfreundschaft gewähren. Und wir werden ihre -Geheimnisse erlauschen. Leck Deine Lefzen, mein sanfter Freund.“ - -„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „wir treiben das Handwerk von Spionen.“ - -„Nach Recht und Gesetz des Krieges,“ entgegnete Ulenspiegel. - -„So sie die Tat an den drei Predigern erfahren, ist es um uns -geschehen,“ sprach Lamm. - -Ulenspiegel sang: - - „Auf meiner Fahne steht Leben, schaut! - Allzeit im Lichte leben. - Von Leder ist mir die erste Haut, - Von Stahl die zweite gegeben.“ - -Doch Lamm seufzte: - -„Ich habe nur eine gar weiche Haut, der geringste Dolchstoß würde sie -ohne Verzug durchlöchern. Wir täten besser, uns irgend einem nützlichen -Handwerk zu widmen, als derart über Berg und Tal zu vagieren, um -all den großen Prinzen zu dienen, die mit den Beinen in sammetnen -Hosen stecken und von vergüldeten Tafeln Fettammern speisen. Für uns -sind Schläge, Gefahren, Schlacht, Regen, Hagel, Schnee und magere -Landstreichersuppen. Für sie sind leckere Aale, fette Kapaune, -duftende Krammetsvögel und saftige Masthühnchen.“ - -„Das Wasser läuft Dir im Munde zusammen, mein sanfter Freund“, sprach -Ulenspiegel. - -„Wo seid Ihr, frisches Brot, goldene Pfannkuchen und köstliche -Rahmspeise? Ja, wo bist Du, mein Weib?“ - -Ulenspiegel versetzte: - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen und treibt mich in die Schlacht. -Du aber, sanftes Lamm, das weder den Tod von Vater noch Mutter, noch -den Kummer derer, die Du liebst, noch Deine gegenwärtige Armut zu -rächen hast, laß mich allein wandern, wohin ich muß, wenn des Krieges -Beschwerden Dich schrecken.“ - -„Allein?“ sprach Lamm und brachte plötzlich seinen Esel zum stehen. Der -hub an, einen Distelstrauch zu benagen, deren es auf diesem Wege eine -große Ernte gab. Ulenspiegels Esel stand still und fraß desgleichen. - -„Allein?“ sprach Lamm. „Du wirst mich nicht allein lassen, mein Sohn, -das wäre eine ausgesuchte Grausamkeit. Mein Weib verloren haben und -auch noch meinen Freund verlieren, das kann nicht sein. Ich werde -nicht mehr stöhnen, ich gelobe es Dir. Und da es sein muß,“ / und er -hub stolz das Haupt / „so werde ich in den Kugelregen gehen, ja! / -Und mitten in die Degen hinein, jawohl, und unter die schmählichen -Söldlinge, die Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages -blutend und zu Tode getroffen zu deinen Füßen falle, begrabe mich, und -so Du mein Weib siehest, sag ihr, ich sei gestorben, weil ich nicht -leben konnte, ohne von irgend einem in dieser Welt geliebt zu werden. -Nein, das vermöcht ich nicht, mein Sohn Ulenspiegel.“ - -Und Lamm weinte. Und Ulenspiegel ward gerührt, da er diesen sanften Mut -sah. - - -27 - -Um diese Zeit teilte der Herzog sein Heer in zwei Haufen und ließ den -einen nach dem Herzogtum Luxemburg den anderen nach der Markgrafschaft -Namur marschieren. - -„Das ist irgend ein militärischer Entschluß, der mir unbekannt ist,“ -sagte Ulenspiegel. „Einerlei, laß uns mit Zuversicht nach Maestricht -ziehen.“ - -Als sie nahe der Stadt an der Maas entlang gingen, sah Lamm, wie -Ulenspiegel alle Schiffe, die auf dem Fluß schwammen, achtsam -betrachtete und vor ihrer einem, so am Bug ein Meerweib trug, still -stehen blieb. Und dieses Meerweib hielt einen Schild, darauf in -güldenen Lettern auf schwarzem Grunde das Zeichen ~J-H-S~, welches das -unseres Herrn Jesu Christi ist, stand. - -Ulenspiegel bedeutete Lamm stehen zu bleiben und hub an, fröhlich wie -eine Lerche zu trillern. - -Ein Mann kam auf Deck und krähte wie ein Hahn. Dann auf ein Zeichen -Ulenspiegels, der wie ein Esel schrie und auf das auf dem Flußdamm -versammelte Volk wies, hub er auch an, wie ein Esel erschrecklich zu -schreien. Ulenspiegels und Lamms beide Esel legten die Ohren an und -sangen ihr Naturlied. - -Weiber kamen vorbei, auch Männer auf Pferden, so die Schiffe zogen, und -Ulenspiegel sagte zu Lamm: - -„Dieser Bootsmann macht sich über uns und unsere Reittiere lustig. -Wollen wir ihn auf seinem Boot angreifen?“ - -„Mag er doch lieber hierher kommen,“ antwortete Lamm. - -Darauf sprach eine Frau und sagte: - -„Wenn anders Ihr nicht mit zerschnittenen Armen, zerbrochenem Kreuz und -zerfetztem Gesicht zurückkommen wollet, so lasset diesen Stercke Pier -nach Belieben schreien.“ - -„I--ah, I--ah, I--ah,“ machte der Bootsmann. - -„Lasset ihn singen,“ sprach die Gevatterin. „Wir sahen ihn jüngst einen -mit schweren Bierfässern beladenen Wagen auf seine Schultern heben -und einen andern von einem starken Pferd gezogenen Wagen aufhalten. -Dorten,“ sprach sie, auf die Herberge zum Blauwen Torren deutend, „hat -er mit seinem Messer, das er auf zwanzig Schritt schleuderte, eine -eichene Planke von zwölf Daumen Dicke durchbohrt.“ - -„I--ah, I--ah, I--ah,“ schrie der Bootsmann, indes ein Junge von zwölf -Jahren auf Deck kam und ebenfalls wie ein Esel zu schreien anhub. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Was kümmert uns dein Sterke Pier! Ein wie starker Peter er auch sein -mag, wir sind noch stärker, und hier ist mein Freund Lamm, der könnte -zwei von seiner Statur verschlingen, ohne aufzustoßen.“ - -„Was sagst Du, mein Sohn?“ fragte Lamm. - -„Was wahr ist,“ antwortete Ulenspiegel; „widersprich mir nicht aus -Bescheidenheit. Ja, Ihr guten Leute, Gevatterinnen und Handwerker, bald -sollt Ihr sehen, wie er diesen berühmten Sterke Pier mit den Armen -bearbeitet und zu nichte macht.“ - -„Schweig,“ sagte Lamm. - -„Deine Kraft ist bekannt,“ antwortete Ulenspiegel, „Du könntest sie -nicht verbergen.“ - -„I--ah,“ schrie der Bootsmann, „I--ah, I--ah,“ schrie der Junge. - -Plötzlich sang Ulenspiegel wiederum gar melodisch wie eine Lerche, und -die Männer, Weiber und Arbeiter fragten ihn voller Entzücken, wo er -dies göttliche Trillern gelernt hätte. - -„Im Paradeis, von wannen ich gradenwegs komme,“ sprach Ulenspiegel. - -Dann sprach er zu dem Manne, der nicht nachließ mit Schreien und -spottend mit dem Finger auf ihn wies: - -„Warum bleibst Du da auf Deinem Schiff, Taugenichts? Traust Du Dich -nicht, an Land zu kommen, um über uns und unsere Tiere zu spotten?“ - -„Traust Du Dich nicht?“ fragte Lamm. - -„I--ah, I--ah,“ schrie der Bootsmann. „Ihr eselhaften Esel, kommt auf -mein Schiff.“ - -„Tu so wie ich,“ flüsterte Ulenspiegel Lamm zu. - -Und zum Bootsmann sprechend: - -„Wenn Du der starke Pier bist, bin ich Tyll Ulenspiegel. Und diese -beiden sind unsere Esel Jef und Jan, die besser i--ahen können als -Du, denn es ist ihre natürliche Rede. Und auf Deine schlecht gefügten -Planken steigen, das wollen wir nicht. Dein Schiff ist gleich einem -Napfe; jedesmal, wenn eine Welle es anstößt, weicht es zurück, es -könnte nur auf der Seite gehen wie die Krabben.“ - -„Ja, wie die Krabben,“ sprach Lamm. - -Darauf sagte der Bootsmann zu Lamm: - -„Was murmelst Du da zwischen den Zähnen, Du Speckblock?“ - -Lamm geriet in Wut und sagte: - -„Schlechter Christ, der Du mir mein Gebrechen vorwirfst, wisse, daß -mein Speck mein ist und von meiner guten Nahrung herrührt, derweil Du, -alter, verrosteter Nagel nur von alten Pökel-Heringen, Lichtdochten -und Stockfischhäuten gelebt hast, nach Deinem magereren Fleisch zu -urteilen, das man durch die Löcher Deiner Hosen durchscheinen sieht.“ - -„Sie werden sich wacker verhauen,“ sprachen erfreut und neugierig die -Männer, Weiber und Arbeiter. - -„I--ah, I--ah,“ schrie der Schiffer. - -Lamm wollte von seinem Esel steigen und Steine aufheben, um den -Schiffer damit zu werfen. - -„Wirf nicht mit Steinen,“ sagte Ulenspiegel. - -Der Schiffer sagte dem Jungen, der neben ihm auf dem Schiff iahte, -etwas ins Ohr. Derselbige machte von der Breitseite ein Boot los und -mit Hilfe eines Bootshakens, den er geschickt handhabte, näherte er -sich dem Ufer. Als er ganz nahe war, sagte er in stolzer Haltung: - -„Mein Baas fragt an, ob Ihr waget, auf das Schiff zu kommen und einen -Kampf mit Faust und Fuß mit ihm aufzunehmen? Diese Männer und Weiber -werden Zeugen sein.“ - -„Das wollen wir,“ sprach Ulenspiegel gar würdig. - -„Wir nehmen den Kampf an,“ sagte Lamm mit großem Stolz. - -Es war um Mittag und die Deicharbeiter, Pflasterer, Schiffsbauleute, -die Frauen, die ihren Männern das Essen brachten, die Kinder, die -gekommen waren, um ihre Väter Bohnen und gekochtes Fleisch essen zu -sehen; alle lachten und klatschten in die Hände bei der Aussicht auf -einen bevorstehenden Kampf. Sie erhofften voller Freuden, daß dem einen -oder andern der Kämpen der Schädel zerbrochen, oder daß er zu ihrem -Ergötzen in den Fluß fallen würde. - -„Mein Sohn,“ sagte Lamm ganz leise, „er wird uns ins Wasser werfen.“ - -„Laß Dich nur hineinwerfen,“ sprach Ulenspiegel. - -„Der Dicke hat Angst,“ sagte der Haufe der Arbeiter. - -Lamm, der immer noch auf seinem Esel saß, drehte sich nach ihnen um und -sah sie zornig an, aber sie höhnten ihn. - -„Laß uns auf das Schiff gehen,“ sagte Lamm, „sie sollen sehen, ob ich -Angst habe.“ - -Bei diesen Worten ward er abermals verhöhnt, und Ulenspiegel sagte: - -„Laß uns auf das Schiff gehen.“ - -Nachdem sie von ihren Eseln gestiegen, warfen sie dem Jungen die Zügel -zu. Selbiger streichelte die Grautiere freundschaftlich und führte sie -dahin, wo er Disteln sah. - -Alsdann nahm Ulenspiegel den Bootshaken, hieß Lamm in das Boot steigen, -steuerte auf das Schiff zu und erkletterte es mit Hilfe eines Taus -hinter dem schwitzenden, schnaufenden Lamm. - -Als sie auf dem Deck des Boots waren, bückte Ulenspiegel sich, als -wolle er seine Schuhe schnüren, und sprach etliche Worte zu dem -Schiffer. Der lächelte und blickte Lamm an. Dann stieß er tausend -Schimpfworte aus, schalt ihn einen, von sträflichem Fett aufgedunsenen -Taugenicht, eine Galgenfrucht, einen Breifresser und sagte zu ihm: -„Dicker Walfisch, wieviel Tonnen Oel gibst Du, wenn man Dich zur Ader -lässet?“ - -Unversehens stürzte Lamm, ohne zu antworten, wie ein wütender Ochs -auf ihn los, warf ihn zu Boden und prügelte ihn mit aller Kraft, tat -ihm aber wegen der Schwachheit seiner fetten Arme nicht sehr wehe. -Der Schiffer, wiewohl er sich stellte, als wehre er sich, ließ sich’s -gefallen, und Ulenspiegel sagte: „Dieser Taugenichts soll uns zur -Strafe frei halten.“ - -Die Männer, Weiber und Kinder, so vom Ufer aus dem Kampfe zuschauten, -sprachen: „Wer hätte geglaubt, daß dieser Dicke so hitzig wäre!“ - -Und sie klatschten in die Hände, derweil Lamm wie ein Besessener -zuschlug. Aber der Schiffer trug nur Sorge, sein Gesicht zu schützen. -Plötzlich sah man Lamm, wie er, mit dem Knie auf der Brust des starken -Pier, ihn mit der einen Hand bei der Kehle packte und die andere erhob, -um zuzuschlagen. - -„Schrei um Gnade,“ rief er wütend, „oder ich werde Dich durch die -Planken Deines Waschkübels drücken!“ - -Der Schiffer hustete, um anzuzeigen, daß er nicht schreien könne, und -bat mit einer Handbewegung um Gnade. - -Alsbald sah man, wie Lamm seinen Feind edelmütig aufrichtete. Dieser -stand sogleich wieder aufrecht und steckte, den Zuschauern den Rücken -kehrend, Ulenspiegel die Zunge heraus. Der aber brach in Gelächter -aus über Lamm, welcher stolz die Feder seines Baretts schüttelte und -in großem Triumph auf dem Deck einher stolzierte. Und die Männer und -Weiber, die Knaben und Mädchen, so am Ufer standen, klatschten aus -Leibeskräften Beifall und riefen dabei: - -„Es lebe der Besieger des starken Pier! Das ist ein Mann von Eisen. -Habt Ihr gesehen, wie er ihn mit der Faust bearbeitete und ihn -unversehens auf den Rücken warf? Jetzund werden sie trinken, um Frieden -zu schließen. Der starke Pier kommt mit Wein und Würsten aus dem -Schiffsraum herauf.“ - -Wirklich war der starke Pier mit zwei Humpen und einem großen Krug -weißen Maasweins nach oben gekommen. Und er und Lamm hatten Frieden -geschlossen. Und Lamm, der ob seines Sieges, des Weins und der Würste -schier guter Dinge war, wies auf eine eiserne Esse, die schwarzen, -dicken Rauch ausspie, und fragte ihn, welche Gerichte er im -Schiffsraum machte. - -„Kriegskost,“ antwortete lächelnd der starke Pier. Der Haufe der -Arbeiter, Weiber und Kinder hatte sich verlaufen, um zur Arbeit oder -nach Hause zu gehen. Alsbald lief das Gerücht von Mund zu Mund, daß ein -dicker Mann auf einem Esel, von einem kleinen Pilger begleitet, der -gleichfalls einen Esel ritt, stärker als Simson sei, und daß man sich -hüten müsse, ihn zu beleidigen. - -Lamm trank und blickte den Schiffer siegesbewußt an. - -Dieser sagte plötzlich: - -„Eure Esel langweilen sich da unten.“ - -Dann lenkte er das Schiff nach dem Flußdamme, stieg ans Land, faßte -einen der Esel bei den Vorder- und Hinterbeinen, trug ihn wie Jesus -das Lamm trug und setzte ihn auf das Verdeck nieder. Nachdem er ein -Gleiches mit dem andern getan, ohne zu verschnaufen, sagte er: - -„Laßt uns trinken.“ - -Der Junge sprang aufs Deck. - -Und sie tranken. Ganz verblüfft, wußte Lamm nicht mehr, ob er, Lamm, -aus Damm gebürtig, diesen starken Mann überwältigt hatte. Er wagte -ihn nur noch verstohlen und ohne etwelchen Triumph anzusehen, in der -Befürchtung, daß ihn eine Lust anwandeln möge, ihn zu packen, wie er es -mit den Eseln getan, und ihn aus Rache für seine Niederlage lebendig in -die Maas zu werfen. Doch der Schiffer lud ihn lächelnd und lustig ein, -noch mehr zu trinken, und Lamm erholte sich von seinem Schrecken und -blickte ihn wiederum siegesbewußt an. - -Und der Schiffer und Ulenspiegel lachten. - -Unterweilen hatten die Esel, voller Verwunderung, sich auf gedieltem -Boden zu befinden, die Köpfe gesenkt und die Ohren angelegt und wagten -aus Furcht nicht zu trinken. Der Schiffer holte ihnen eine Metze des -Hafers, den er den Pferden, die seine Barke zogen, gab. Er hatte ihn -selbst gekauft, um nicht von den Führern mit dem Futterpreise betrogen -zu werden. - -Als die Esel die Metze sahen, murmelten sie mit dem Maul ihre -Paternoster, dieweil sie das Deck trübsinnig betrachteten und aus -Furcht, auszugleiten, nicht wagten, einen Huf darauf zu bewegen. - -Hierauf sagte der Schiffer zu Lamm und Ulenspiegel: - -„Laßt uns in die Küche gehen.“ - -„In die Kriegsküche?“ sagte Lamm ängstlich. - -„In die Kriegsküche, aber Du magst ohne Furcht hinuntergehen, mein -Ueberwinder.“ - -„Ich habe keine Furcht und folge Dir,“ sprach Lamm. - -Der Junge setzte sich ans Steuerruder. - -Als sie hinunterstiegen, sahen sie überall Säcke mit Korn, Bohnen, -Erbsen, Kohl, Mohrrüben und andern Gemüsen. Dann öffnete der Schiffer -die Tür einer kleinen Schmiede und sprach: - -„Sintemalen Ihr Männer mit tapferem Herzen seid, so den Sang der -Lerche, des Vogels der Freien, den kriegerischen Trompetenton des -Hahnes und das Schreien des Esels, des sanftmütigen Arbeiters kennen, -so will ich Euch meine Kriegsküche zeigen. Diese kleine Schmiede -werdet Ihr auf den meisten Maas-Schiffen finden. Niemand kann sie für -verdächtig halten, denn sie dient dazu, das Eisenwerk der Schiffe -wieder in Stand zu setzen. Doch was nicht alle besitzen, das sind die -schönen Gemüse, die in diesen Speichern sind.“ - -Dann nahm er etliche Steine fort, die den Boden des Schiffsraums -bedeckten, hob etliche Planken auf und zog ein schönes Bündel von -Flintenläufen und Büchsen hervor, hob es auf, als wäre es eine -Feder, und legte es wiederum an seinen Platz. Dann zeigte er ihnen -Lanzenspitzen, Hellebarden, Degenklingen und Säcklein mit Kugeln und -Pulver. - -„Es lebe der Geuse,“ sprach er, „hier sind die Bohnen und die -Brühe. Die Kolben sind die Hammelkeulen, die Salate sind die -Hellebardenspitzen und diese Büchsenläufe sind die Ochsenbeine für -die Suppe der Freiheit. Es lebe der Geuse! Wohin soll ich dies Futter -bringen?“ fragte er Ulenspiegel. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Nach Nymwegen. Dort wirst Du Dein Schiff anlegen, noch mehr -beladen mit wirklichen Gemüsen, so Dir die Bauern, die Du in Etsen, -Stephansweert und Ruvemarde aufnehmen wirst, bringen. Auch sie werden -wie die Lerche, der Vogel der Freiheit, singen, und Du wirst ihnen mit -kriegerischen Hahnenschrei antworten. Dann wirst Du zum Doktor Pontus -gehen, der am neuen Waal wohnt, und ihm sagen, daß Du mit Gemüsen -in die Stadt kommst, aber daß Du die Trockenheit fürchtest. Dieweil -die Bauern auf den Markt gehen, um die Gemüse zu teuer anzubieten, -als daß man sie kaufe, wird er Dir sagen, was Du mit Deinen Waffen -tun sollst. Ich denke wohl, daß er Dich heißen wird, Waal, Maas oder -Rhein hinabzufahren, wenn auch nicht ohne Fährlichkeit, und Deine -Gemüse für Netze umzutauschen, die Du verkaufst, um mit dem Harlinger -Fischerbooten Geschäfte zu machen. Dort sind viele Matrosen, die -den Sang der Lerche kennen. Du mußt an der Küste entlang durch die -Watten fahren, den Lauwer Zee erreichen, die Netze gegen Eisen und -Blei eintauschen und Deinen Bauern die Trachten der Inseln Marken, -Vlieland und Ameland geben. Dann mußt Du Dich ein Weniges an den Küsten -aufhalten, fischen und Deinen Fisch einsalzen, um ihn aufzuheben, und -nicht, um ihn zu verkaufen, denn frischer Trunk und gesalzener Krieg -sind eine gerechte Sache.“ - -„Wohlan denn, laßt uns trinken,“ sprach der Schiffer. - -Und sie stiegen auf Deck. Doch Lamm blies Trübsal. - -„Herr Schiffer,“ sagte er plötzlich, „Ihr habet in Eurer Schmiede ein -so prächtiges Feuerchen, daß man gewißlich das leckerste Fleischgericht -darauf kochen könnte. Meine Kehle schmachtet nach Suppe.“ - -„Ich werde Dich erfrischen,“ sprach der Mann. - -Und alsbald setzte er ihm eine fette Brühe vor, darinnen er ein dickes -Stück gesalzenen Schinkens gekocht hatte. - -Als Lamm etliche Löffel voll verschluckt hatte, sprach er zum Schiffer: - -„Die Kehle klebt mir, und meine Zunge brennt. Das ist gewißlich keine -Fischsuppe.“ - -„Es stehet geschrieben: Frischer Trunk und gesalzener Krieg,“ versetzte -Ulenspiegel. - -Der Schiffer füllte also die Humpen und sprach: - -„Die Lerche, der Vogel der Freiheit, soll leben!“ - -Ulenspiegel sagte: - -„Der Hahn, der zum Kriege bläst.“ - -Lamm sagte: - -„Ich trinke auf mein Weib. Möge sie niemals Durst leiden, die -Herzliebste.“ - -„Du wirst durch die Nordsee nach Emden gehen; Emden ist eine Zuflucht -für uns,“ sagte Ulenspiegel zum Schiffer. - -„Das Meer ist groß,“ sagte der Schiffer. - -„Groß für die Schlacht,“ erwiderte Ulenspiegel. - -„Gott ist mit uns,“ sagte der Schiffer. - -„Wer könnte wider uns sein,“ versetzte Ulenspiegel. - -„Wann gehet Ihr?“ fragte er. - -„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Glückliche Reise und Wind im Rücken. Hier ist Pulver und Blei.“ - -Und er küßte sie und geleitete sie ans Ufer, nachdem er die beiden Esel -wie zwei Lämmlein auf Hals und Schultern getragen hatte. - -Ulenspiegel und Lamm stiegen auf und ritten gen Lüttich. - -„Mein Sohn,“ sprach Lamm, dieweil sie ritten, „wie geht es zu, daß -dieser so starke Mann sich so grausam von mir hat walken lassen?“ - -„Auf daß allerorten, wohin wir kommen, der Schrecken Dir vorauseile,“ -sprach Ulenspiegel. „Das wird uns ein besser Schutzgeleit sein denn -zwanzig Landsknechte. Wer wird es fortan wagen, Lamm, den Mächtigen, -Siegreichen, anzugreifen? Lamm, den unvergleichlichen Stier, der, wie -männiglich sah und erkannte, mit einem Stoß seines Kopfes den starken -Pier zu Boden warf, welcher die Esel wie Lämmlein trägt und einen Wagen -mit Bierfässern mit einer Schulter aufhebt. Jedermann kennt Dich hier -schon. Du bist Lamm, der Furchtbare, der Unbesiegliche, und ich gehe im -Schatten Deines Schutzes. Jedermann wird Dich auf dem Wege, den wir -durcheilen, kennen, keiner wird wagen, Dich scheel anzusehen. Und in -Anbetracht des großen Mutes der Menschen wirst Du überall auf Deiner -Straße nichts als gezogene Hüte, Grüße und Ehrerbietung finden, so der -Kraft Deiner furchtbaren Faust gelten.“ - -„Du sprichst gut, mein Sohn,“ sagte Lamm, sich im Sattel aufrichtend. - -„Und ich spreche wahr,“ versetzte Ulenspiegel. „Siehst Du die -neugierigen Gesichter an den ersten Häusern dieses Dorfes?“ - -Man weist mit dem Finger auf Lamm, den erschrecklichen Sieger. „Siehst -Du diese Männer, die Dich neidvoll betrachten, und diese erbärmlichen -Memmen, so ihre Hüte abnehmen? Erwidere ihren Gruß, Lamm, mein -Herzchen, und verschmähe das schwache Volk nicht. Sieh, die Kinder -wissen Deinen Namen und wiederholen ihn mit Bangen.“ - -Lamm ritt stolz vorbei, nach rechts und nach links wie ein König -grüßend. Und die Kunde seiner Tapferkeit folgte ihm von Dorf zu Dorf, -von Stadt zu Stadt bis nach Lüttich, Chocquien, Neuville, Vesin und -Namur, welches sie um der drei Prediger willen umgingen. - -Dergestalt folgten sie lange Zeit dem Laufe der Ströme, Flüsse und -Kanäle. Und allerorten antwortete Hahnenschrei dem Sang der Lerche. -Und allerorten wurden für das Werk der Freiheit Waffen geschmiedet, -gegossen und geschliffen; und die Schiffe, die an den Küsten entlang -fuhren, nahmen sie mit. - -Und in Fässern, Kisten und Körben passierten sie die Zölle. - -Allezeit fanden sich gute Leute, die sie aufnahmen und an sicherem Orte -verbargen mit Pulver und Kugeln, bis zur gottgewollten Stunde. - -Und da Lamm mit Ulenspiegel reiste und sein Ruf als Sieger ihm immerdar -vorauslief, so begann er selber, an seine große Kraft zu glauben, und -indem er hoffärtig und kriegerisch ward, ließ er sich den Bart wachsen. -Und Ulenspiegel nannte ihn Lamm den Löwen. - -Doch am vierten Tage verlor Lamm das Zutrauen zu diesem Plane wegen -des Kitzelns der jungen Bartstoppeln. Und er ließ das Scheermesser über -sein siegreiches Antlitz gehen, welches Ulenspiegel von neuem rund und -voll erschien, wie eine Sonne, am Feuer guter Nahrung entzündet. - -Und solchergestalt kamen sie nach Stockem. - - -28 - -Allda ließen sie ihre Esel und bei Einbruch der Nacht betraten sie die -Stadt Antwerpen und Ulenspiegel sprach zu Lamm: - -„Dies ist die große Stadt. Die ganze Welt häuft hier ihre Reichtümer -an: Gold, Silber, vergüldetes Leder, Gobelins, Tuche Sammet- Woll- und -Seidenstoffe, Bohnen, Erbsen, Korn, Fleisch, Mehl, gesalzene Häute, -Wein aus Löwen, Namur, Luxemburg, Lüttich, Landwein von Brüssel und -Aerschot, Weine von Buley, dessen Weinberg vor dem Tor de la Plante zu -Namur liegt; desgleichen findet man hier Weine vom Rhein, Hispanien und -Portugal, Rosinenöl von Aerschot, das sie Landolium nennen, die Weine -von Burgund, Malvasier und viele andere. Und die Hafendämme sind voller -Waren. Diese Schätze der Erde und der menschlichen Arbeit locken die -schönsten Dirnen, die es gibt, an diesen Ort.“ - -„Du wirst träumerisch,“ sagte Lamm. - -Ulenspiegel erwiderte: - -„Unter ihnen werde ich die Sieben finden. Es ist mir geweissagt worden: - - In Trümmern, Blut und Tränen suche.“ - -„Wer ist denn mehr als die lockeren Dirnen Ursache des Verfalls? -Verlieren die armen, betörten Männer nicht bei ihnen ihre schönen, -glänzenden, klingenden Karolus, ihre Kleinodien, Ketten und Ringe und -gehen ohne Wams, zerlumpt und zerfetzt, wohl gar ohne Hemd von dannen, -dieweil jene sich an ihrem Raub mästen? Wohin ist das klare, rote Blut, -das in ihren Adern floß? Jetzt ist es wie Birnensaft. Und stechen -sie sich nicht auch mit Dolch, Messer und Degen, um ihre holden -reizenden Leiber zu genießen? Die bleichen, blutigen Leichname, die man -fortträgt, sind die Leichen armer Liebestoller. Wenn der Vater schmält -und finster auf seinem Sessel sitzt, wenn seine weißen Haare noch -weißer und starrer scheinen und aus seinen trocknen Augen, darinnen -der Kummer über des Sohnes Verderben brennt, die Tränen nicht fließen -wollen, wenn die Mutter, stumm und bleich gleich einer Toten, weint, -als ob sie nichts mehr sähe, denn die Schmerzen dieser Welt: wer läßt -alsdann diese Tränen fließen? Die Dirnen, die nichts lieben als sich -und das Geld und die denkende, arbeitende, philosophierende Welt an -ihren güldenen Gürtel halten. Ja, da sind die Sieben, und wir werden zu -den Dirnen gehen, Lamm. Deine Frau ist vielleicht auch dort; das wird -ein doppelter Fang sein.“ - -„Wohlan,“ sprach Lamm. - -Man war dermalen im Rosenmond, gegen Ende des Sommers, wenn die Sonne -schon die Blätter der Kästenbäume rötet, die Vöglein in den Bäumen -singen, und keine Milbe so klein ist, daß sie nicht vor Behagen im -warmen Gras summte. - -Lamm irrte mit gesenktem Kopf an Ulenspiegels Seite durch die Straßen -von Antwerpen und schleppte seinen Körper wie ein Haus daher. - -„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „Du bläsest Trübsal. Weißt Du denn nicht, -daß nichts der Haut mehr schadet? Wenn Du in Deinem Kummer verharrst, -wird sie in Streifen von Dir abfallen. Und das wird sich hübsch -anhören, wenn man von Dir sagt: Der abgehäutete Lamm.“ - -„Mich hungert,“ sprach Lamm. - -„Komm essen“, sprach Ulenspiegel. - -Und sie gingen selbander zur „Alten Stiege,“ allwo sie Choesels aßen -und Dobbel-kuyt tranken, so viel sie konnten. - -Und Lamm weinte nicht mehr. - -Und Ulenspiegel sagte: „Gesegnet sei das gute Bier, das Dir die Seele -voller Sonnenschein macht! Du lachst und schüttelst Deinen Bauch. Wie -gern seh ich den Tanz der lustigen Gedärme!“ - -„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie würden noch weit mehr tanzen, wenn ich -das Glück hätte, mein Weib wiederzufinden.“ - -„Laß sie uns suchen,“ sprach Ulenspiegel. - -So kamen sie in das Viertel der Unteren Schelde. - -„Schau,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm, „dieses Häuschen, ganz aus Holz, -mit schönen, wohlgefügten Fensterrahmen und Butzenscheiben. Betrachte -diese gelben Vorhänge und diese rote Laterne. Da, mein Sohn, thront -hinter vier Tonnen Braunbier, Uitzet, Dobbelkuyt und Wein aus Amboise -eine schöne Wirtin von fünfzig oder mehr Jahren. Jedes Jahr, das sie -zurücklegte, versah sie mit einer neuen Speckschicht. Auf einer der -Tonnen brennt eine Kerze und vor den Deckbalken hängt eine Laterne. -Es ist da hell und dunkel; dunkel für die Liebe und hell für die -Bezahlung.“ - -„Aber,“ sprach Lamm, „das ist ja ein Kloster von Teufelsnönnlein, und -diese Wirtin ist ihre Aebtissin.“ - -„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „diese ist’s, die in Herrn Beelzebubs Namen -fünfzehn schöne Mägdlein von lockerem Wandel auf den Pfad der Sünde -führt. Sie finden bei ihr Zuflucht und Nahrung, aber sie dürfen dort -nicht schlafen.“ - -„Kennest Du dies Kloster?“ fragte Lamm. - -„Ich will dort Deine Frau suchen. Komm.“ - -„Nein,“ sagte Lamm, „ich habe es überlegt und gehe nicht hinein.“ - -„Willst Du deinen Freund ganz allein der Fährlichkeit unter diesen -Astartes aussetzen?“ - -„Möge er nicht gehen,“ sagte Lamm. - -„Aber wenn er doch hingehen muß, um die Sieben und dein Weib zu finden?“ - -„Ich möchte lieber schlafen,“ sprach Lamm. - -„Ei komm doch,“ sagte Ulenspiegel, öffnete die Türe und schob Lamm -vor sich her. „Sieh, die Wirtin sitzt hinter ihren Fässern zwischen -zwei Kerzen. Das Gemach ist weit, mit einer Decke von gedunkeltem -Eichenholz und rauchgeschwärzten Balken. Rund herum sind Bänke und -Tische mit wackligen Beinen, mit Gläsern, Schoppen, Bechern, Humpen, -Krügen, Karaffen, Flaschen und anderm Trinkgerät. In der Mitte sind -abermals Tische und Stühle, darauf Schauben, das sind Weibermäntel, -güldene Gürtel, Stelzschuhe von Sammet, Dudelsäcke, Pfeifen und -Schalmeien herumliegen. In der Ecke ist eine Stiege, die ins obere -Stockwerk führt. Ein kleiner, kahlköpfiger Buckliger spielt auf einem -Clavizimbal, das auf Glasfüßen steht, so dem Instrument einen scharfen -Ton geben. Tanze, mein Dicker. Fünfzehn schöne Dirnen sitzen dort, die -einen auf Tischen, die andern auf Stühlen, rittlings, gebückt oder -gerade, mit aufgestütztem Ellenbogen, verkehrt herum oder nach ihrer -Laune auf dem Rücken oder auf der Seite liegend. Sie sind weiß oder -rot gekleidet, ihre Arme sind nackt, ebenso die Schultern und die -Brust bis an die Mitte des Körpers. Es sind ihrer von allen Sorten da, -auserlesene! Bei den einen läßt das Kerzenlicht, das ihre blonden Haare -liebkost, die blauen Augen im Schatten, also daß man nur ihren feuchten -Glanz schimmern sieht. Andere schauen zur Decke hinauf und säuseln zur -Laute ein deutsches Lied. Wieder andre, rund, braun, fett und schamlos, -trinken Wein von Amboise aus vollen Humpen, zeigen ihre runden, bis zur -Schulter nackten Arme und ihr halb offnes Gewand, aus dem die runden -Brüste wie Äpfel hervorsehen, und ohne Scham sprechen sie mit vollem -Munde, eine nach der andern oder alle zumal. Höre sie an: - -„Nichts da von Geld heute! Liebe wollen wir. Liebe nach unsrer Wahl“, -sagten die schönen Dirnen, „Liebe eines Kindes, Jünglings oder wer -immer uns gefällt, ohne zu zahlen“. / „Mögen die, in die Natur die -männliche Kraft legte, die wahre Männer macht, zu uns an diesen Ort -kommen, um Gottes und unsrer Liebe willen.“ / „Gestern war der Tag, da -man zahlte, heute ist der Tag, da man liebt!“ / „Wer will von unsern -Lippen trinken, sie sind noch feucht von der Flasche. Wein und Küsse, -das ist ein vollkommnes Fest!“ / „Wir spotten der Witwen, die allein -schlafen. Wir sind Dirnen! Heute ist ein Tag des Wohltuns! Den Jungen, -Starken und Schönen öffnen wir unsere Arme. Zu trinken!“ / „Schätzlein, -ist es der Liebesschlacht halber, daß Dein Herz in der Brust die -Trommel schlägt? Welche Unruhe! Das ist das Schlagwerk der Küsse! Wann -werden sie kommen, mit vollen Herzen und leerem Geldbeutel? Wittern sie -nicht leckere Abenteuer? Welcher Unterschied ist zwischen einem jungen -Geusen und dem Herrn Markgrafen? Seine Gnaden bezahlt in Gülden und der -junge Geuse mit Liebkosungen. Es lebe der Geuse! Wer will gehen und die -Kirchhöfe erwecken?“ - -Also redeten die jungen, heißblütigen und fröhlichen unter den Mädchen -von lockerem Wandel. - -Aber es waren ihrer andere mit schmalem Gesicht und mageren Schultern, -die um Ersparnisse mit ihrem Körper Handel trieben und den Preis ihres -dürren Fleisches auf Heller und Pfennig aufschrieben. Diese schmälten -untereinander: „Es ist recht einfältig von uns, in diesem ermüdenden -Handwerk auf Entgelt zu verzichten um der wunderlichen Launen willen, -die den mannstollen Dirnen durchs Hirn fahren. Wenn sie ein Mondviertel -im Kopf haben, so haben wir es nicht. Wir ziehen es vor, in unsern -alten Tagen nicht unsere Lumpen durch die Gosse zu schleifen wie sie, -sondern uns bezahlen zu lassen, da wir feil sind. / Nichts von umsonst! -Die Männer sind häßlich, stinkend, brummig, Fresser und Säufer. Sie -allein bringen die armen Weiber ins Unglück!“ - -Doch die Jungen und Schönen vernahmen von diesen Reden nichts; sie -waren ganz bei ihrem Vergnügen und Zechen und sagten: - -„Hört Ihr das Totenglöcklein von Notre Dame läuten? Wir brennen! Wer -will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“ - -Da Lamm so viel Frauen, braune und blonde, frische und verblühte, zumal -sah, schämte er sich, schlug die Augen nieder und rief „Ulenspiegel, wo -bist du“? - -„Er ist verschieden, mein Freund,“ sagte ein dickes Mädchen und faßte -ihn am Arme. - -„Verschieden?“ fragte Lamm. - -„Ja,“ sprach sie, „vor dreihundert Jahren, in Gesellschaft von Jacobus -de Coster van Maerlandt.“ - -„Lasset mich,“ sprach Lamm „und neckt mich nicht. Ulenspiegel, wo bist -Du? Komm und rette Deinen Freund! Ich gehe unverzüglich fort, wenn Ihr -mich nicht loslasset.“ - -„Du wirst nicht fortgehen,“ sagten sie. - -„Ulenspiegel,“ sprach Lamm zum andren Mal kläglich, „wo bist Du, mein -Sohn? ... Madame, zieht mich nicht so bei den Haaren; ich versichere -Euch, es ist keine Perrücke. Zu Hilfe! Findet Ihr meine Ohren noch -nicht rot genug, ohne daß Ihr das Blut hineintreibt? Siehe, nun gibt -mir diese Andere immerdar Nasenstüber. Ihr tut mir wehe. Ach, womit -reibt man mir jetzt das Gesicht? Den Spiegel! Ich bin schwarz wie das -Loch eines Backofens. Ich werde alsbald bös werden, wenn Ihr nicht -ein Ende macht. Es ist schlecht von Euch, einen armen Menschen so zu -mißhandeln. Laßt mich! Wenn Ihr mich rechts und links und überall an -den Hosen gezogen und mich wie einen Kreisel gedreht habt, seid Ihr -dicker davon? Ja, ich werde sicherlich bös werden.“ - -„Er wird bös werden,“ sagten sie spottend; „er wird bös werden, der -gute Kerl. Lache lieber und sing uns ein Minnelied.“ - -„Ich werde allsogleich eins singen, wenn Ihr wollt; aber lasset mich -los.“ - -„Wen liebst Du hier?“ - -„Keine, weder Dich noch die Andern; ich werde beim Magistrat Klage -führen und er wird Euch peitschen lassen.“ - -„Ho, ho,“ sagten sie, „peitschen? Und wenn wir Dich vor dieser -Peitscherei mit Gewalt küßten?“ - -„Mich?“ fragte Lamm. - -„Dich,“ sagten sie alle. - -Und siehe da! Die Schönen und die Häßlichen, die Frischen und die -Verblühten, die Braunen und die Blonden stürzten sich auf Lamm, warfen -sein Barett in die Luft, desgleichen seinen Mantel, und liebkosten und -küßten ihn mit aller Kraft auf die Wange, die Nase, den Magen, den -Rücken. - -Die Wirtin lachte zwischen ihren Talglichtern. - -„Zu Hilfe,“ schrie Lamm, „zu Hilfe! Ulenspiegel, fege mir alles dieses -Lumpengesindel fort. Laßt mich los; ich will Eure Küsse nicht. Beim -Heiligen Blut! Ich bin verheiratet und bewahre alles für meine Frau.“ - -„Verheiratet,“ sagten sie, „aber das ist zu viel für deine Frau; ein -Mann von Deiner Beleibtheit! Gib uns ein wenig ab. Eine treue Frau, das -ist wohlgetan; ein treuer Mann ist ein Kapaun. Gott steh Dir bei! Du -mußt Eine wählen, oder wir peitschen Dich unsrerseits.“ - -„Das werde ich nicht tun,“ sagte Lamm. - -„Wähle,“ sprachen sie. - -„Nein,“ sagte er. - -„Willst Du mich?“ fragte ein schönes, blondes Mägdlein. „Siehe, ich bin -sanftmütig und liebe den, der mich liebt.“ - -„Laß mich,“ sprach Lamm. - -„Willst Du mich?“ fragte ein reizend Mädchen mit schwarzen Haaren, -braunen Augen und brauner Haut, und übrigens wie von Engeln gedrechselt. - -„Ich mag keinen Honigkuchen,“ sprach Lamm. - -„Und mich? Willst Du mich nicht nehmen?“ fragte ein großes Mädchen, -deren Stirn fast ganz mit Haar bedeckt war. Sie hatte dichte, -zusammengewachsene Brauen und große schwimmende Augen, Lippen so dick -wie Wülste und feuerrot; und rot auch Gesicht, Hals und Schultern. - -„Ich mag keine glühenden Ziegelsteine,“ sprach Lamm. - -„Nimm mich,“ sagte ein Dirnlein von sechzehn Jahren, mit der Schnauze -eines Eichkätzchens. - -„Ich mag keine Nußknacker,“ sprach Lamm. - -„Wir müssen ihn peitschen,“ sagten sie. „Womit? Mit schönen Peitschen, -so eine Schnur von gedörrten Leder haben. Ein stolzes Stäupen. Da -widersteht die härteste Haut nicht. Nehmt zehn Peitschen von Fuhrleuten -und Eseltreibern.“ - -„Zu Hilfe, Ulenspiegel!“ schrie Lamm. - -Aber Ulenspiegel antwortete nicht. - -„Du hast ein schlechtes Herz,“ sprach Lamm, seinen Freund überall -suchend. Die Peitschen wurden gebracht. Zwei der Dirnen schickten sich -an, Lamm das Wams auszuziehen. - -„Wehe,“ sprach er, „mein armes Fett, das ich mit soviel Mühe angesetzt -habe, das werden sie mir gewißlich mit ihren scharfen Peitschen -herunterreißen. Aber Ihr Weibsbilder ohne Erbarmen, mein Fett wird Euch -nichts nützen, nicht einmal, um es in die Brühe zu tun.“ - -„Wir werden Talglichte daraus machen. Ist es nichts wert, ohne Kosten -Beleuchtung zu haben? Wer fortan sagen wird, daß das Licht von der -Peitsche kommt, wird jedermann närrisch scheinen. Wir werden bis an den -Tod daran festhalten und mehr als eine Wette gewinnen. Tunkt die Ruten -in den Essig. So, dein Wams ist ausgezogen. Auf Saint-Jacques schlägt -es Voll. Neun Uhr. Wenn Du beim letzten Schlag nicht gewählt hast, -peitschen wir Dich.“ - -Lamm sagte, schier gelähmt: - -„Habt Mitleid und Erbarmen mit mir, ich habe meiner armen Frau Treue -geschworen und werde sie halten, ob sie mich gleich böslich verlassen -hat. Ulenspiegel, mein Liebling, zu Hilfe!“ - -Doch Ulenspiegel ließ sich nicht blicken. - -„Sehet mich,“ sprach Lamm zu den Dirnen, „sehet mich zu Euren Füßen. -Kann man demütiger sein? Sage ich nicht genug damit, daß ich Eure große -Schönheit gleich den Heiligen verehre? Glücklich der Ehelose, der Eure -Reize genießen kann. Das ist ohne Zweifel das Paradies; aber schlagt -mich nicht, wenn es Euch beliebt.“ - -Plötzlich sprach die Wirtin, die zwischen ihren beiden Talglichtern -stand, mit lauter, dräuender Stimme: - -„Gevatterinnen und Mädchen, ich schwöre Euch bei meinem Erzteufel, so -Ihr nicht im Augenblick mit Lachen und Güte diesen Mann zur Einsicht, -das heißt, in Euer Bett gebracht habt, so werde ich die Nachtwächter -rufen und Euch alle an seiner statt peitschen lassen. Ihr verdient -nicht den Namen loser Dirnen, wenn Ihr umsonst die leichtfertige Zunge, -die kecke Hand und lodernden Augen habt, um das männliche Geschlecht zu -reizen, wie die Weibchen der Glühwürmer tun, die nur zu diesem Ende -ein Licht haben. Und Ihr werdet ohne Gnade für Eure Dummheit gepeitscht -werden.“ - -Bei dieser Rede zitterten die Dirnen, und Lamm ward frohgemut. „Heda, -Gevatterinnen,“ sagte er, „welche Kunde bringt Ihr aus dem Lande der -peitschenden Riemen? Ich werde selber die Wächter holen. Sie werden -ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen dabei helfen, das wird mir große -Kurzweil sein.“ - -Doch siehe, da warf sich ein liebliches Kind von fünfzehn Jahren zu -seinen Füßen. - -„Herr,“ sagte sie, „Ihr sehet mich hier vor Euch in Demut ergeben. -So Ihr nicht geruhet, eine unter uns zu wählen, muß ich Euretwillen -geschlagen werden. Und die Wirtin dort wird mich in einen abscheulichen -Keller unter der Schelde stecken, wo das Wasser von den Wänden sickert, -und wo ich nur schwarzes Brot zu essen bekomme.“ - -„Wird sie wirklich meinetwegen geschlagen werden, Frau Wirtin?“ fragte -Lamm. - -„Bis aufs Blut,“ antwortete diese. - -Da betrachtete Lamm das Mägdlein und sprach: „Ich sehe dich so frisch -und duftig; deine Schulter taucht wie ein großes, weißes Rosenblatt aus -Deinem Kleide auf. Ich will nicht, daß diese schöne Haut, unter der das -Blut so jugendlich fließt, unter der Peitsche leidet, noch daß diese -Augen, vom Feuer der Jugend hell, wegen schmerzhafter Schläge weinen, -oder daß die Kälte des Kerkers diesen Körper einer Huldin erschauern -lasse. So will ich Dich denn lieber wählen als Dich geschlagen wissen.“ - -Das Mädchen führte ihn fort. Also sündigte er aus Seelengüte, wie er es -sein ganzes Leben tat. - -Unterweilen stunden Ulenspiegel und ein großes, schönes, braunes -Mädchen mit krausem Haar einander gegenüber. Das Mädchen sah -Ulenspiegel lockend an, ohne ein Wort zu sagen, und schien ihn nicht zu -wollen. - -„Liebe mich,“ sprach er. - -„Dich lieben,“ sagte sie, „törichter Freund, der dessen nur nach der -Laune der Stunde begehrt?“ - -Ulenspiegel antwortete: „Der Vogel, der über Deinem Haupt dahinfliegt, -singt sein Lied und entfleucht. Also auch ich, süßes Herz: wollen wir -zusammen singen?“ - -„Ja,“ sprach sie, „ein Lied vom Lachen und von Tränen.“ - -Und das Mädchen warf sich an Ulenspiegels Hals. - -Da nun alle Beide im Arm ihrer Liebsten vor Wonne vergingen, siehe da -drang beim Klange von Trommel und Pfeife eine lustige Kompanie von -Meisenfängern ins Haus, die sich drängten, stießen, sangen, pfiffen, -heulten und schimpften. Sie trugen Säcke und Käfige, ganz voll dieser -kleinen Vögel, und die Eulen, die ihnen dabei geholfen hatten, rissen -im Licht ihre gelben Augen auf. - -Die Meisenfänger waren zehn Mann hoch, alle rot und vom Wein und -Würzbier geschwollen. Die Köpfe wackelten ihnen und sie schleppten ihre -schlotternden Beine und schrien mit so rauher, gebrochener Stimme, daß -es die furchtsamen Mädchen bedünkte, eher wilde Bestien in einem Walde -denn Menschen in einem Gemache zu hören. - -Indessen sie ließen nicht ab zu sagen, indem sie einzeln oder allzumal -sprachen: „Ich will, den ich liebe.“ / „Wir gehören dem, der uns -gefällt. Morgen Denen, die an Gülden reich sind! Heute Denen, die an -Liebe reich sind.“ Die Meisenfänger antworteten: „Gülden haben wir, -Liebe desgleichen, für uns die Dirnen! Wer zurückweicht, ist ein -Kapaun. Dies sind Meisen, wir sind Jäger. Drauf! Brabant dem guten -Herzog!“ - -Doch die Frauenzimmer höhnten: „Pfui über die häßlichen Mäuler, die uns -zu fressen gedenken! Den Schweinen gibt man keinen Sorbett. Wir nehmen, -wer uns gefällt, und wollen mit Euch nichts zu tun haben. Ihr Öltonnen, -Specksäcke, dürre Nägel, verrostete Klingen, Ihr stinkt nach Schweiß -und Schmutz. Scheert Euch hinaus. Ihr werdet auch ohne unsere Hülfe -verdammt werden.“ - -Sie aber sprachen: „Die Wälschen sind heuer wählerisch. Edle Fräuleins -Zimperlich, Ihr könnet uns wohl geben, was Ihr aller Welt verkauft.“ - -Doch die Mädchen antworteten: „Morgen werden wir hündische Sklavinnen -sein und Euch nehmen; heute sind wir freie Frauen und weisen Euch fort!“ - -Da schrien Jene: „Genug der Worte! Wer hat Durst? Laßt uns die Äpfel -pflücken.“ - -So sprechend, stürzten sie sich auf sie, ohn Unterschied von Alter noch -Schönheit. Die schönen Mädchen, zu ihrem Vorhaben entschlossen, warfen -ihnen Stühle, Schoppen, Krüge, Becher, Humpen, Karaffen und Flaschen an -den Kopf, daß es hagelte und sie verwundet, zerquetscht und ihnen die -Augen ausgeschlagen wurden. - -Ulenspiegel und Lamm kamen bei dem Lärm herzu und ließen ihre -zitternden Liebhaberinnen oben an der Stiege. Da Ulenspiegel die Männer -auf die Weiber losschlagen sah, ergriff er im Hof einen Besen, riß das -Besenreis herunter, gab Lamm einen andern, und damit prügelten sie die -Meisenfänger ohn Erbarmen. - -Das Spiel dünkte den also durchgewalkten Trunkenbolden hart; sie -hielten einen Augenblick inne, und die mageren Dirnen, die sich -verkaufen und nicht verschenken wollten, selbst an diesem großen Tage -der freiwilligen Liebe, wie die Natur sie gebeut, nutzten dies ohne -Verzug. Wie Nattern glitten sie zwischen die Verwundeten, liebkosten -sie, verbanden ihre Wunden, tranken den Wein von Amboise an ihrer Statt -und leerten ihnen so trefflich die Säckel von Gülden und anderer Münze, -daß ihnen auch nicht ein elender Heller blieb. Dann, da es Feierabend -läutete, setzten sie sie vor die Tür, die Ulenspiegel und Lamm schon -verlassen hatten. - - -29 - -Ulenspiegel und Lamm marschierten auf Gent und kamen bei Morgengrauen -nach Lokeren. Die Erde war weithin betaut, weiße, kühle Dünste -schwebten über den Wiesen. Da Ulenspiegel vor einer Schmiede vorbeikam, -trillerte er wie die Lerche, der Vogel der Freiheit. Und alsbald -erschien ein Kopf mit zerzaustem, weißem Haar in der Tür der Schmiede -und ahmte mit schwacher Stimme den kriegerischen Trompetenstoß des -Hahnes nach. - -Ulenspiegel sagte zu Lamm: - -„Dieser ist der Schmied Wasteele, der bei Tage Spaten, Hacken und -Pflugscharen macht und das Eisen schmiedet, wenn es heiß ist, um -daraus schöne Gitter für die Chöre von Kirchen zu bilden. Doch des -Nachts macht und schleift er oftmals Waffen für die Soldaten des -freien Gewissens. Dies Spiel hat ihm kein gutes Aussehen verschafft, -sintemalen er bleich ist wie ein Gespenst, traurig wie ein Verdammter -und so mager, das ihm die Knochen die Haut durchlöchern. Er hat -sich noch nicht schlafen gelegt, da er ohne Zweifel die ganze Nacht -geschafft hat.“ - -„Tretet alle beide ein,“ sagte der Schmied Wasteele, „und führet Eure -Esel auf den Anger hinter dem Hause.“ - -Da dies besorgt war und Ulenspiegel und Lamm sich in der Schmiede -befanden, trug der Schmied Wasteele alles, was er während der Nacht an -Degen geschärft und an Lanzenspitzen geschmiedet hatte, in den Keller -seines Hauses und bereitete die tägliche Arbeit für seine Gesellen vor. - -Er blickte Ulenspiegel mit glanzlosen Augen an und fragte ihn: - -„Welche Kunde bringst Du mir vom Schweiger?“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Der Prinz ist mit seinem Kriegsvolk aus den Niederlanden vertrieben, -wegen der Feigheit seiner Söldlinge, die „Geld, Geld!“ schreien, wenn -sie kämpfen sollen. Er ist mit den getreuen Soldaten, seinem Bruder, -dem Grafen Ludwig, und dem Herzog von Zweibrücken nach Frankreich -gezogen, zum Beistand des Königs von Navarra und der Hugenotten. Von -da ging er nach Deutschland, nach Dillenburg, allwo manche Flüchtlinge -aus den Niederlanden bei ihm sind. Du sollst Waffen und das von Dir -gesammelte Geld hinsenden, derweil wir auf dem Meere das Werk freier -Männer vollbringen.“ - -„Ich werde tun, was sein muß,“ sagte der Schmied Wasteele; „ich habe -Waffen und neuntausend Gülden. Aber seid Ihr nicht auf Eseln gekommen?“ - -„Jawohl,“ sprachen sie. - -„Und ist Euch nicht unterwegs Kunde von drei Predigern geworden, so -getötet, geplündert und in ein Loch in den Felsen der Maas geworfen -sind?“ - -„Ja,“ sagte Ulenspiegel mit großem Gleichmut, „diese drei Prediger -waren Spione des Herzogs und Meuchelmörder, gedungen, den -Freiheitsprinzen aus dem Wege zu räumen. Wir zwei, Lamm und ich, -brachten sie vom Leben zum Tode. Ihr Geld ist unser, und ihre Papiere -desgleichen. Wir werden davon nehmen, was uns für die Reise not tut; -den Rest werden wir dem Prinzen geben.“ - -Und Ulenspiegel öffnete sein und Lamms Wams und zog die Papiere und -Pergamente heraus. Nachdem der Schmied Wasteele sie gelesen hatte, -sagte er: - -„Sie enthalten Pläne für Schlacht und Verschwörung. Ich werde sie dem -Prinzen zustellen lassen, und es soll ihm kund werden, daß Ulenspiegel -und Lamm Goedzak, seine getreuen Vaganten, sein edles Leben retteten. -Ich werde Eure Esel verkaufen lassen, auf daß man Euch nicht an Euren -Reittieren erkenne.“ - -Ulenspiegel fragte den Schmied Wasteele, ob das Schöffengericht zu -Namur schon die Häscher auf ihre Fersen gesetzt habe. - -„Ich werde Euch sagen, was ich weiß,“ antwortete Wasteele. „Ein Schmied -aus Namur, ein wackerer Reformierter, kam jüngst hier durch, unter dem -Vorgeben, meine Hülfe für Gitter, Wetterfahnen und andres Eisenwerk -an einem Kastell, das man nahe dem Tor de la Plante erbauen will, zu -erbitten. Der Gerichtsdiener des Schöffengerichts hat ihm gesagt, daß -seine Herren schon eine Sitzung gehabt hätten und daß ein Schenkwirt -vorgeladen sei, maßen er etliche hundert Klafter von der Mordstätte -entfernt wohnte. Befragt, ob er nicht die Mörder gesehen habe, oder -Die, auf die er Verdacht haben könnte, hat er geantwortet: „Ich habe -Bauern und Bäuerinnen gesehen, die zu Esel reisten und von mir zu -trinken verlangten und auf ihren Tieren sitzen blieben oder abstiegen, -um bei mir zu trinken, die Männer Bier, die Frauen und Mädchen Meth. -Ich sah zwei wackere Bauern, so davon redeten, den Herrn von Oranien -um einen Fuß kürzer zu machen.“ So sprechend, machte der Wirt pfeifend -nach, wie ein Messer durch einen Hals schnitt. „Beim Eisenwind,“ sprach -er, „ich werde Euch insgeheim beistehen, da ich die Macht habe, es -zu tun.“ Er sprach und ward freigelassen. Seit jener Zeit haben die -Gerichtsräte ohne Zweifel Sendschreiben an ihre Untergebenen gerichtet. -Der Wirt sagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen auf Eseln gesehen, -daraus folgt, daß man auf alle, die man auf Eseln reiten sieht, Jagd -machen wird. Und der Prinz braucht Euch, Kinder.“ - -„Verkaufe die Esel,“ sprach Ulenspiegel, „und behalte das Kaufgeld für -den Schatz des Prinzen.“ - -Die Esel wurden verkauft. - -„Nunmehr,“ sprach Wasteele, „müsset Ihr Jeder ein Handwerk haben, das -von den Zünften frei und unabhängig ist. Verstehst Du, Vogelbauer und -Mausefallen zu machen?“ - -„Ich machte sie ehedem,“ sprach Ulenspiegel. - -„Und Du?“ fragte Wasteele Lamm. - -„Ich werde ~Eete-koeken~ und ~Olie-koeken~ verkaufen“; das sind Krapfen -und Ölkuchen. - -„Folget mir. Hier sind fertige Käfige und Mausefallen, auch Werkzeuge -und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu fertigen. Sie wurden -mir von einem meiner Spione gebracht. Dies ist für Dich, Ulenspiegel. -Was Dich anbetrifft, Lamm, so ist hier ein kleiner Backofen und ein -Blasebalg; ich werde Dir Mehl, Butter und Öl geben, um die Krapfen und -Ölkuchen zu backen.“ - -„Er wird sie aufessen,“ sprach Ulenspiegel. - -„Wann werden wir die ersten machen?“ fragte Lamm. - -Wasteele antwortete: - -„Ihr werdet mir erst eine oder zwei Nächte helfen; ich kann meine große -Arbeit nicht allein zwingen.“ - -„Ich habe Hunger,“ sprach Lamm; „isset man hier?“ - -„Brot und Käse ist da,“ sprach Wasteele. - -„Ohne Butter?“ fragte Lamm. - -„Ohne Butter,“ sagte Wasteele. - -„Hast Du Bier oder Wein?“ fragte Ulenspiegel. - -„Das trinke ich nimmer,“ antwortete er, „aber ich werde nach dem -„Pelikan“ nahebei gehen und Euch etwas holen, so Ihr es wünschet.“ - -„Ja,“ sprach Lamm, „und bringe uns Schinken mit.“ - -„Ich werde tun, was Ihr begehrt,“ sagte Wasteele und blickte Lamm gar -verächtlich an. - -Er brachte jedoch ~dobbel-clauwaert~ und einen Schinken mit. Und Lamm -aß wohlgemut für fünf. - -Und er sagte: - -„Wann werden wir uns an die Arbeit machen?“ - -„Diese Nacht,“ sagte Wasteele; „aber bleibe in der Schmiede und habe -keine Furcht vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie Du.“ - -„Das ist gut,“ sagte Lamm. - -Zur Nacht, als es Feierabend geläutet hatte und alle Türen geschlossen -waren, stieg Wasteele mit Ulenspiegel und Lamm in den Keller hinab und -ließ sich von ihnen helfen, eine große Menge Waffen in die Schmiede -hinaufzutragen. Dann sagte er: - -„Hier sind zwanzig Büchsen auszubessern, dreißig Lanzenspitzen zu -schleifen und Blei für fünfzehnhundert Kugeln zu schmelzen. Ihr müsset -mir dabei helfen.“ - -„Mit allen Händen,“ sprach Ulenspiegel. „Warum habe ich nicht vier, um -Dir zu nützen?“ - -„Lamm wird uns zu Hülfe kommen,“ sprach Wasteele. - -„Ja,“ sagte Lamm kläglich und vor Müdigkeit umfallend, aus Ursach des -unmäßigen Trinkens und Essens. - -„Du wirst das Blei schmelzen,“ sprach Ulenspiegel. - -„Ich werde das Blei schmelzen,“ sprach Lamm. - -Dieweil Lamm sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, warf er grimme -Blicke auf den Schmied Wasteele, der ihn zu wachen zwang, wenn er vor -Schläfrigkeit umfiel. Mit stillem Zorn goß er die Kugeln und hatte -großes Verlangen, dem Schmied Wasteele das geschmolzene Blei auf den -Kopf zu schütten. Doch er hielt an sich. Um Mitternacht, als Wut -und übergroße Müdigkeit ihn gleichermaßen überfielen, hielt er ihm -mit zischender Stimme diese Rede, dieweil der Schmied Wasteele und -Ulenspiegel geduldig Flintenläufe, Büchsen und Lanzenspitzen schliffen. - -„Siehe,“ sprach Lamm, „Du magerer, bleicher und kümmerlicher Mensch -glaubst an die Aufrichtigkeit von Fürsten und andern Großen der Erde, -und voll Übereifer verachtest Du Deinen Leib, Deinen edlen Leib, den -Du in Elend und Niedrigkeit umkommen lässest. Nicht darum hat Gott ihn -mit Mutter Natur geschaffen. Weißt Du, daß unsere Seele, so des Lebens -Odem ist, zum Atmen der Bohnen, des Rindfleisches, Bieres und Weines, -des Schinkens, der Würste und der Ruhe bedarf? Du aber lebst von Brot, -Wasser und Nachtwachen.“ - -„Von wannen kommt Dir dieser Redefluß?“ fragte Ulenspiegel. - -„Er weiß nicht, was er redet,“ antwortete Wasteele traurig. Aber Lamm -erboste sich: - -„Ich weiß es besser als Du. Ich sage, daß wir Narren sind, ich, Du -und Ulenspiegel desgleichen, uns die Augen aus dem Kopf zu arbeiten -für all die Prinzen und Großen der Erde; sie würden trefflich lachen, -wenn sie sähen, wie wir vor Müdigkeit umkommen und nicht schlafen, um -Waffen zu schmieden und Kugeln für ihren Dienst zu gießen. Derweilen -trinken sie französischen Wein aus güldenen Humpen und essen deutsche -Kapaunen von Schüsseln aus engelländischem Zinn. Indessen wir in der -Luft nach Gott suchen, durch dessen Gnade sie mächtig sind, fragen -sie nicht danach, ob ihre Feinde uns mit ihren Sensen die Beine -abschlagen und uns in die Grube des Todes werfen. Inzwischen aber -werden sie, die weder Reformierte noch Calvinisten, weder lutherisch -noch katholisch sondern ganz und gar Skeptiker und Zweifler sind, -Fürstentümer kaufen und erobern; sie werden das Gut der Mönche, Äbte -und Klöster verzehren; ihnen wird alles gehören: Jungfrauen, Frauen -und Dirnen. Aus ihren güldenen Humpen werden sie auf ihre dauernde -Spottlust trinken, auf unsere immerwährenden Albernheiten, Torheiten -und Eseleien und auf die sieben Todsünden, so sie, oh Schmied Wasteele, -vor Deiner von Begeisterung mageren Nase begehen. Schau die Felder, -die Wiesen, die Ernten, die Obstgärten, die Ochsen, das Gold, das aus -der Erde kommt; schau die Tiere des Waldes, die Vögel des Himmels, die -köstlichen Fettammern, die feinen Krammetsvögel, den Wildschweinskopf, -die Rehkeule: ihnen gehört alles, Waidwerk und Fischfang, Erde, Meer, -alles. Und Du lebst von Brot und Wasser, und wir richten uns hier zu -Grunde, ohne zu schlafen, ohne zu essen und zu trinken. Und wenn wir -gestorben sind, werden sie unserm Aas einen Fußtritt geben und zu -unsern Müttern sprechen: „Macht andere, diese sind nichts mehr nutz.“ - -Ulenspiegel lachte stumm, Lamm prustete vor Entrüstung, aber Wasteele -sagte mit sanfter Stimme: - -„Du redest leichtfertig. Ich lebe mit nichten für Schinken, Bier, -noch Fettammern, sondern für den Sieg des freien Gewissens. Der -Freiheitsprinz tut gleich wie ich. Er opfert sein Hab und Gut, -seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei aus den -Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und versuche mager zu werden. -Nicht durch den Bauch rettet man die Völker, sondern durch stolzen Mut -und Beschwerden bis an den Tod, ohne Murren ertragen. Und jetzo geh und -leg Dich schlafen, wenn Dich schläfert.“ - -Doch Lamm wollte nicht, maßen er sich schämte. - -Und sie schliffen Waffen und gossen Kugeln bis an den Morgen. Und also -während dreier Tage. - -Dann brachen sie in der Nacht nach Gent auf und verkauften Käfige, -Mausefallen und Oelkuchen. - -Und sie rasteten in Meulestee, dem Städtlein der Mühlen, dessen rote -Dächer man allerorten erblickt, und kamen dort überein, ihr Handwerk -getrennt auszuüben und sich am Abend vor der Feierstunde in der -Herberge „Zum Schwanen“ zu treffen. - -Lamm streifte durch die Gassen von Gent, indem er seine Oelkuchen -verkaufte und Geschmack an diesem Handwerk fand. Er suchte sein Weib, -leerte gar viele Schoppen und aß ohn Unterlaß. - -Ulenspiegel hatte des Prinzen Briefe Jakob Scoelap, einem Doktor der -Medicin, und Lieven Smet, einem Tuchschneider, Jan de Wulfschager und -Gillis Coorne, einem Rotfärber übergeben, desgleichen Jan de Roose, -einem Ziegelbrenner. Diese gaben ihm das Geld, so sie für den Prinzen -gesammelt hatten, und hießen ihn noch etliche Tage in Gent und in der -Umgegend verweilen; denn man würde ihm noch mehr geben. - -Nachdem jene später am Neuen Galgen wegen Ketzerei gehenket waren, -wurden ihre Leichname auf dem Galgenfelde, nahe dem Tor von Brügge -begraben. - - -30 - -Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem roten -Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu Stadt. -Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen und -schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen darin lebendig zu -begraben. Und der König erbte. - -Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und war voller -Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand, war es kalt. Vom Himmel, -der mit grauen Wetterwolken bedeckt war, fiel ein feiner Hagel. - -„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit vier Nächten -umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst in ~de Zoeten Inval~, in -den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es machen wie der Mann auf dem -Schild, der mit dem Kopf zuerst in einen Bienenstock fiel. Vergebens -harr’ ich Deiner „Im Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir -nichts Gutes. Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“ - -„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und dem Alle -Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“ - -„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“ - -„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel. - -Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein -vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte. - -„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter diesem Baum?“ - -„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach wider den -Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“ - -Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu. - -„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm. - -„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine -Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann wirst Du -schlafen und keine Langeweile haben.“ - -„So werde ich tun,“ sprach Lamm. - -Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer. - -„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es auf der -andern, und jetzt laß uns laufen.“ - -„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel. - -„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß Spelle -ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen, die ihm -nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen. Darum laufe ich; -laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu verteidigen.“ - -„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach -Destelbergh in den „Stern der Weisen.“ - -Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit Händen und -begann zu rennen. - -„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen. - -„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde gleich -einer ungeduldigen Stute. - -„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel. - -„Was bedeutet das?“ fragte sie. - -Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten Wein, -dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“ - -Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an. - -„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie. - -„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“ - -„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke dienen.“ - -„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er. - -„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen, wie Du -es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich allein laufe.“ - -„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf vier Beinen -rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum laufen wir besser, da -wir vier haben.“ - -„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“ - -„Jawohl,“ sagte er. - -„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine ruhige, -schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine Larve, die -mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel für einen Mann von -Stein. Ich liebe die, so in der Brust eine Kohlenglut haben, die am -Feuer der Mannheit entzündet, zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“ - -„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“ -erwiderte Ulenspiegel. - -Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße. - -„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut trinken.“ - -„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen. - -Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer Krug, ob -seines dicken Wanstes Bauch genannt. - -Ulenspiegel sprach zum Wirt: - -„Siehst Du diesen Gülden?“ - -„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas. - -„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da mit ~dobbele -clauwaert~ zu füllen?“ - -„Mit ~negen mannekens~ (neun Groschenmännlein) wärest Du quitt.“ - -„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber fülle ihn -immerhin.“ - -Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob er sich -stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund legend, leerte -er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch wie von einem -Wasserfall. - -Das Mädchen sagte verdutzt: - -„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren Leib -zu bringen?“ - -Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt: - -„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen vollen -Bauch, auf daß wir essen und trinken.“ - -Solches taten sie. - -Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte er sie -so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und fügsam ward. - -Alsdann fragte sie ihn und sprach: - -„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes, dieser -Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich, wie -Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute Stunde. Indem ich -während dieser Stunde über mein künftiges Leben nachsann, sättigte ich -mich kärglich mit Brot; Wasser war mein schaler Trunk; traurig floh -ich die Liebe und getraute mich nicht, mich zu rühren noch zu niesen, -aus Furcht Böses zu tun. Von allen war ich geachtet, von jedermann -gefürchtet, allein wie ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein -Herr gestorben ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete -ich trübselig auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug. Drum -küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer verlassen.“ - -„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild ist die -Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“ - -Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich aber -mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte, mitten -in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine Häscher auftauchen zu -sehen. - -„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel. - -Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie Lamm -im „Stern der drei Weisen“ schmausend. - - -31 - -Ulenspiegel sah in Gent oftmals Jakob Scoelap, Lieven Smet und Jan de -Wulfschager, die ihm Kunde vom guten und bösen Geschick des Schweigers -gaben. - -Und allemal, wenn Ulenspiegel nach Destelbergh zurückkehrte, sagte Lamm -zu ihm: - -„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“ - -„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig, die -andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich -weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu vereinigen. -Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und das freie Gewissen -gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die deutschen Reiter und -Landsknechte weigerten sich, weiter zu ziehen, und sagten, daß ihr Eid -sie verpflichte, wider den Herzog von Alba zu fechten, nicht aber wider -Frankreich. Nachdem er sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht -zu tun, mußte der Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und -Lothringen bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland -zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs -mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet seines Vertrages -mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu zahlen, das er versprochen. -Die Königin von England hatte ihm welches schicken wollen, um die -Stadt Calais und Umgegend wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre -Briefe wurden aufgefangen und dem Cardinal von Lothringen überliefert, -der eine ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne -Heer, unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen. -Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser seine -Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“ - - -32 - -Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte Lamm und -Ulenspiegel: - -„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen und die -Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist unter ihnen. -Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr Männer seid, werdet ihn -rächen. Ein schmutziger und schändlicher Wüstling, Pieter de Roose, -ein gewohnter Verführer von Kindern und Mägdlein, war Ursach des -ganzen Leids. Ach, mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose -waren eines Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke -zum Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen -ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube mit sich sehen -wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und hieß ihn reine Luft -machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder einer öffentlichen Dirne -sollte den Kopf nicht so hoch tragen. Er log; ich bin nicht öffentlich -und gebe mich nur dem, der mir gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein -Maß Würzbier ins Gesicht und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein -schmutziger Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht -hinausschere, sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der -andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte. -Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn an den -Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ er ihn ohne -Erbarmen verwundet liegen. - -„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte, kehrte -er ~in’t Vagevuur~ ein, wahrlich ein Fegefeuer und eine elende Schänke, -allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er allein gelassen, sogar von -diesen Lumpen. Und keiner redete zu ihm, ohne einige Bauern, welchen er -unbekannt war, oder etliche fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er -ward dort sogar unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker. - -„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen war, -folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein Hund. Auf seine Kosten -ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an Wein, Fleisch und andern -Freuden, so mit Geld bezahlt werden, ergötzen. Also ward er ihr Geselle -und Kamerad und begann, wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er -verabscheute, zu peinigen: nämlich alle Einwohner von Meulestee, -insonderheit aber meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an. -Falsche Zeugen, nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß -Michielkin ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau -gehalten und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen in der -Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte er dreihundert -Gülden in einer Truhe. - -„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten waren, wurde -Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von Spelle und seinen -Häschern für ausreichend erklärt wurden, um den Angeschuldigten zu -foltern, so ward Michielkin mit den Armen an einer Rolle aufgehängt, -die an der Decke befestigt war. An jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht -von fünfzig Pfund. Er leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in -Meulestee einen Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre -das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und -hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen und -mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder herabfallen. Solches -taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten Haut und Muskeln der -Knöchel zerrissen und der Fuß kaum am Beine festsaß. - -„Da Michielkin bei Behauptung seiner Unschuld beharrte, ließ Spelle ihn -abermals foltern und gab ihm dabei zu verstehen, daß er ihn los und -ledig lassen würde, so er ihm hundert Gülden zahlte. - -„Michielkin sagte, daß er lieber sterben würde. - -„Da die von Damme die Kunde der Verhaftung und Tortur vernahmen, -wollten sie als Massenzeugen auftreten, welches das Zeugnis aller guten -Einwohner einer Gemeine ist. Einstimmig sagten sie aus, daß Michielkin -keinesweges ein Ketzer wäre, jeden Sonntag zur Messe und zum Tisch -des Herrn ginge, daß er niemals andere Gespräche über Unsere liebe -Frau geführt hätte, als in bedrängten Umständen ihre Hülfe anzurufen. -Dieweil er nimmer von einer irdischen Frau schlecht gesprochen hätte, -würde er es mit viel mehr Grund nicht bei der himmlischen Mutter Gottes -gewagt haben. Was die Gotteslästerungen anginge, so die falschen Zeugen -in der Schenke zum Falken von ihm gehört haben wollten, so wäre das in -jedem Punkt falsch und eitel Lug. - -„Nachdem Michielkin freigelassen war, wurden die falschen Zeugen -bestraft und Spelle forderte Pieter de Roose vor sein Tribunal, aber er -entließ ihn wieder ohne Verhör noch Tortur für einmalige Zahlung von -hundert Gülden. Aus Angst, das Geld, das ihm verblieb, möchte Spelles -Aufmerksamkeit zum andern Mal auf ihn lenken, entfloh Pieter de Roose -von Meulestee, indes Michielkin, mein armer Bruder, am Brand starb, der -seine Füße ergriffen hatte. - -„Er wollte mich nicht mehr sehen, ließ mich gleichwohl rufen, um mir zu -sagen, ich sollte mich vor dem Feuer meines Leibes hüten; es würde mich -zum Feuer der Höllen führen. Und ich konnte nur weinen, denn das Feuer -ist in mir. Und er gab seine Seele in meinen Armen auf.“ - -„Ha,“ sagte sie, „wer den Tod meines geliebten, sanften Michielkin an -Spelle rächen würde, der sollte auf immer mein Herr sein, und ich würde -ihm gleich einer Hündin gehorchen.“ - -Dieweil sie so sprach, brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels Brust. -Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, gehenket werden sollte. - -Boelkin, das war des Mädchens Name, kehrte nach Meulestee zurück. Sie -war in ihrer Behausung sicher vor Pieter de Roose’s Rache, denn ein -Ochsentreiber, der durch Destelbergh kam, brachte ihr Nachricht, daß -der Pfarrer und die Bürger erklärt hätten, sie würden Spelle vor den -Herzog bringen, so er Michielkins Schwester anrührte. - -Ulenspiegel war ihr nach Meulestee gefolgt und trat in ein niederes -Gemach in Michielkins Haus. Allda sah er ein Bildnis eines -Zuckerbäckermeisters, das er für das des armen Toten hielt. - -Und Boelkin sagte zu ihm: - -„Es ist meines Bruders Bild.“ - -Ulenspiegel nahm das Bild und sagte im Fortgehen: - -„Spelle wird gehenket werden.“ - -„Wie wirst Du es anstellen?“ - -„Wenn Du es wüßtest,“ sagte er, „so würde es Dich nicht ergötzen, es -tun zu sehen.“ - -Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit klagender Stimme: „Du traust -mir nicht“. - -„Heißt es nicht, Dir aufs Höchste vertrauen, wenn ich Dir sage, Spelle -wird gehenkt werden? Denn mit diesem einzigen Worte kannst Du mich von -ihm henken lassen.“ - -„Fürwahr,“ sagte sie. - -„Geh also,“ versetzte Ulenspiegel, „und hole mir gute Tonerde, -ein doppelt Maß Braunbier, klares Wasser und etliche Schnitten -Ochsenfleisch. Jedes besonders. Der Ochs soll für mich sein, das -Braunbier für den Ochsen, das Wasser für den Ton und der Ton für das -Bildnis.“ - -Derweil Ulenspiegel aß und trank, knetete er den Ton und verschluckte -dann und wann ein Stücklein davon; doch das kümmerte ihn wenig, und -er betrachtete aufmerksam Michielkins Bildnis. Da der Ton geknetet -war, machte er daraus eine Maske mit Nase, Mund, Augen, Ohren, die dem -Bildnis des Toten so gleich waren, daß Boelkin sich baß verwunderte. - -Nach diesem legte er die Maske in den Backofen und als sie trocken war, -bemalte er sie mit der Farbe der Leichen, schuf ihr verstörte Augen, -ein ernstes Antlitz und die unterschiedlichen Verzerrungen eines -Verscheidenden. Da hörte das Mädchen auf sich zu verwundern; sie sah -die Maske an und konnte ihre Augen nicht abwenden, erblaßte und ward -totenbleich, verhüllte ihr Antlitz und sagte schaudernd: - -„Das ist er, mein armer Michielkin!“ - -Er machte auch zwei blutende Füße. - -Dann, nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte, sprach sie: -„Der wird gesegnet sein, der den Mörder morden wird.“ - -Ulenspiegel nahm die Maske und die Füße und sprach: - -„Ich bedarf eines Helfers.“ - -Boelkin antwortete: - -„Geh in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem von Ypern, der diese Schenke -führt. Er war meines Bruders bester Kamerad und Freund. Sag ihm, -Boelkin schickte Dich.“ - -Ulenspiegel tat, wie sie ihm geheißen. - -Nachdem der Profoß Spelle für den Tod gearbeitet hatte, ging er in -„den Falken“, um eine heiße Mischung von Dobbele Clauwaert, Zimmet und -Madeirazucker zu trinken. Aus Furcht vor dem Strang wagte man ihm in -diesem Gasthause nichts zu verweigern. - -Pieter de Roose, der wieder Mut gefaßt hatte, war nach Meulestee -zurückgekehrt. Er ging Spelle und seinen Schergen allenthalben nach, -damit sie ihn schützten. Spelle bezahlte bisweilen die Zeche. Und sie -vertranken mitsammen wohlgemut das Geld der Opfer. - -Die Herberge zum Falken war nicht mehr voll wie in den guten Zeiten, -wo das Dorf fröhlich lebte, wo die Leute Gott als gute Katholiken -dienten und nicht um der Religion willen gepeinigt wurden. Jetzt war -das Dorf gleichsam in Trauer, wie man es an den zahlreichen leeren -oder geschlossenen Häusern und an seinen verödeten Gassen sah, in -welchen nur etliche magere Hunde irrten, so auf den Kehrichthaufen ihre -verfaulte Nahrung suchten. - -In Meulestee war nur noch Platz für die beiden Bösen. Die furchtsamen -Dorfbewohner sahen die Frechen des Tages die Häuser der künftigen -Opfer bezeichnen und die Totenlisten aufstellen und am Abend vom -Falken zurückkehren und unflätige Gassenhauer singen, geleitet von zwei -Schergen, trunken wie sie und bis an die Zähne bewaffnet. - -Ulenspiegel ging in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem, der in seiner -Schreibstube saß. - -Ulenspiegel zog ein Fläschlein Branntwein aus dem Hosensack und sprach -zu ihm: - -„Boelkin hat zwei Tonnen davon zu verkaufen.“ - -„Komm in meine Küche,“ sagte der Wirt. - -Dann schloß er die Türe und sah ihn fest an. - -„Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet Dein Augenzwinkern? Wer -bist Du?“ - -„Ich bin des Klas Sohn, der zu Damm verbrannt ist; die Asche des Toten -brennt auf meiner Brust. Ich will Spelle, den Mörder töten.“ - -„Ist es Boelkin, die Dich sendet?“ - -„Boelkin sendet mich,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich werde Spelle töten -und Du sollst mir dabei helfen.“ - -„Das will ich“, sagte der Wirt. „Was muß ich tun?“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Geh zum Pfarrer, dem guten Seelenhirten und Feind von Spelle, hole -Deine Freunde zusammen und finde Dich morgen nach Feierabend mit -ihnen auf der Straße nach Ewerghem, jenseit Spelles Haus, zwischen -dem Falken und besagtem Hause ein. Stellet Euch alle ins Dunkle und -legt keine weißen Kleider an. Schlag zehn Uhr wirst Du Spelle aus der -Schenke kommen sehen und ein Fuhrwerk von der andern Seite. Sage Deinen -Freunden heute Abend nichts; sie schlafen dem Ohr ihrer Weiber zu nahe. -Suche sie morgen auf. Kommet, horchet gut auf alles, und behaltet es -wohl im Gedächtnis.“ - -„Wir werden es im Gedächtnis behalten,“ sagte Joos. Und seinen Becher -erhebend: „Ich trinke auf den Strang für Spelle.“ - -„Auf den Strang,“ sprach Ulenspiegel. Dann kehrte er mit dem Wirt in -die Schenkstube zurück, allwo etliche gentische Trödler zechten. Sie -kamen vom Brügger Samstagsmarkt heim, wo sie Wämse und Koller von -Gold- und Silberstoff teuer verkauft hatten, die sie zuvor für wenige -Sous von verarmten Adligen, so es durch ihren Aufwand den Spaniern -gleich tun gewollt, erhandelt hatten. - -Wegen des großen Verdienstes hielten sie Schmaus und Gelage. - -Ulenspiegel und Joos setzten sich in eine Ecke und verabredeten -beim Trinken, ohne daß jemand sie hörte, daß Joos zum Pfarrer der -Kirche, dem guten Pastor gehen solle, der wider Spelle, den Mörder -Unschuldiger, erzürnt war. Danach sollte er zu seinen Freunden gehen. - -Am folgenden Tage nach Feierabend verließen Joos und Michielkins -Freunde, die benachrichtigt waren, die ‚Blaue Gans,‘ wo sie zu zechen -pflegten, auf verschiedenen Wegen, damit man ihre Absicht nicht merke -und gingen zur Landstraße nach Everghem. Es waren ihrer siebenzehn. - -Um zehn Uhr kam Spelle aus ‚dem Falken,‘ und seine beiden Schergen und -Pieter de Roose gingen hinter ihm. Lansaem und die Seinen hatten sich -in der Scheuer von Samson Boene, einem Freund Michielkins, versteckt. -Das Tor der Scheuer war offen. Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn -vorübergehen, vom vielen Trinken schwankend, desgleichen Pieter de -Roose und seine beiden Häscher, und er sagte mit breiiger Stimme und -vielem Schlucken: - -„Profoße, Profoße! Sie haben ein gutes Leben auf Erden. Stützt mich, -Ihr Galgenvögel, die Ihr von meinem Abhub lebt.“ - -Plötzlich vernahm man auf der Landstraße von den Feldern her das -Schreien eines Esels und das Knallen einer Peitsche. - -„Da ist ein gar halsstarriger Esel“, sprach Spelle, „der trotz dieser -schönen Mahnung nicht vorwärts will.“ - -Plötzlich hörte man lautes Rädergerassel und ein Karren kam in Sätzen -die Landstraße heruntergefahren. - -„Haltet ihn an,“ sagte Spelle. - -Als der Wagen an ihnen vorbeikam, stürzten Spelle und seine beiden -Knechte sich auf den Kopf des Esels. - -„Dieser Wagen ist leer,“ sagte einer der Häscher. - -„Tölpel,“ sprach Spelle, „laufen die leeren Wagen in der Nacht allein -herum? In diesem Wagen ist einer, der sich versteckt. Zündet die -Laternen an und haltet sie hoch, ich werde hineinsehen.“ - -Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg auf den Wagen, die -seine hochhaltend; aber kaum hatte er hingeblickt, als er einen lauten -Schrei tat, zurücksank und rief: - -„Michielkin, Michielkin! Jesus, erbarme Dich meiner.“ - -Alsbald erhob sich vom Boden des Wagens ein Mann, nach Art der -Zuckerbäcker weiß gekleidet, und in seinen beiden Händen blutige Füße -haltend. - -Da Pieter de Roose diesen Mann im Schein der Laternen sich erheben sah, -schrie er samt seinen beiden Bluthunden: - -„Michielkin, Michielkin, der Tote! Herr, erbarme Dich unser!“ - -Die Siebenzehn kamen bei dem Lärm herzu und wollten das Schauspiel mit -ansehen. Sie waren schier erschrocken, da sie beim hellen Mondschein -gewahrten, wie ähnlich das Abbild Michielkins dem armem Verstorbenen -war. - -Und das Gespenst schwenkte seine blutigen Füße. - -Es war sein Antlitz, voll und rund wie sonst, aber im Tode verblaßt, -dräuend, fahl und unterm Kinn von Würmern zerfressen. - -Das Gespenst schüttelte immer noch seine blutigen Füße und sprach zu -Spelle, der ächzend auf dem Rücken lag: - -„Spelle, Profoß Spelle, erwache!“ - -Aber Spelle rührte sich nicht. - -„Spelle“, sprach das Gespenst zum andern Male, „Profoß Spelle, -erwache, oder ich werde Dich mit mir in den gähnenden Rachen der Hölle -schleppen.“ - -Spelle stand auf, seine Haare sträubten sich vor Furcht und er schrie -jammervoll: - -„Michielkin, Michielkin, hab Erbarmen!“ - -Indessen waren die Bürger näher gekommen, aber Spelle sah nichts -als die Laternen, die er für Augen von Teufeln hielt, wie er später -bekannte. - -„Spelle,“ sprach Michielkins Geist, „bist Du zu sterben bereit?“ - -„Nein,“ antwortete der Profoß, „nein, Herr Michielkin, ich bin mit -nichten dazu bereit und will nicht vor Gott erscheinen mit einer Seele, -die ganz schwarz ist von Sünden.“ - -„Erkennest Du mich?“ fragte das Gespenst. - -„Gott steh mir bei,“ sagte Spelle, „ja, ich erkenne Euch. Ihr seid der -Geist Michielkins, des Zuckerbäckers, der unschuldig an den Folgen -der Folter in seinem Bette starb. Und die zwei blutigen Füße sind -die nämlichen, an deren jeden ich fünfzig Pfund hängen ließ. Ach, -Michielkin, verzeiht mir, Pieter de Roose verführte mich; er bot mir -fünfzig Gulden, die ich annahm, um Euren Namen auf die Liste zu setzen.“ - -„Willst Du beichten?“ fragte das Gespenst. - -„Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber geruhet, -diese Teufel dort zu entfernen, die bereit sind, mich zu verschlingen. -Ich werde alles sagen. Schafft diese feurigen Augen fort! Ich habe in -Tournay ebenso an fünf Bürgern gehandelt, ebenso in Brügge an vieren. -Ich weiß ihre Namen nicht mehr, aber ich werde sie Euch sagen, so Ihr -es verlangt. Auch anderswo habe ich gesündigt, und durch mein Tun -sind neunundsechzig Unschuldige in der Grube. Michielkin, der König -brauchte Geld. Man hatte es mir eingeschärft; aber ich brauchte es -gleichermaßen. Es ist in Gent, im Keller unter den Pflastersteinen bei -der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe alles gesagt, alles. -Gnade und Erbarmen! Schafft die Teufel fort. Herr Gott, Jungfrau Maria, -Jesus, bittet für mich! Entfernt die höllischen Feuer, ich werde alles -verkaufen, alles den Armen geben und Buße tun.“ - -Da Ulenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm -beizustehen, sprang er aus dem Wagen und Spelle an die Kehle, um ihn zu -erdrosseln. - -Aber der Pfarrer kam. - -„Lasset ihn leben,“ sprach er. „Es ist besser, daß er durch den Strick -des Henkers sterbe, denn durch die Hände eines Gespenstes.“ - -„Was wollt Ihr mit ihm machen?“ fragte Ulenspiegel. - -„Ihn beim Herzog verklagen und ihn henken lassen,“ antwortete der -Pfarrer. „Wer aber bist Du?“ fragte er. - -Ulenspiegel antwortete: „Ich bin Michielkins Conterfei und die -Person eines armen vlämisches Fuchses, der sich wieder in seinen Bau -verkriechen wird, aus Furcht vor den hispanischen Jägern.“ - -Inzwischen entfloh Pieter de Roose so schnell er konnte. - -Nachdem Spelle gehenkt war, wurden seine Güter eingezogen. - -Und der König erbte. - - -33 - -Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem klaren Fluß -entlang auf Kortrijck. - -Lamm wanderte kläglichen Mutes. - -Ulenspiegel sprach zu ihm: - -„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe, das Dir -die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“ - -„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und liebte mich -genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus. Eines Tages, -da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier verwandelt zurück. Von -jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich sie um Liebe bat: - -„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“ - -Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen: - -„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles für -Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal ein Wams aus -schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent angelegt, um Dich trotz -der königlichen Verordnungen in Seide und Brokat gekleidet zu sehen? -Liebchen, liebst Du mich nicht mehr?“ - -„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin -und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl eine tugendsame -Gefährtin sein.“ - -„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will ich, Dich, -mein Weib.“ - -Sie schüttelte den Kopf: - -„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im Haus, um mir -die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest unsere Leintücher, -Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen zu schwer für mich waren. -Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest das Haus und die Gasse vor der -Tür, um mir jegliche Beschwer zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner -schaffen, aber nichts weiter, lieber Mann.“ - -„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor Deine -Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein, Dein leibeigner, -unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht diese beiden Herzen und -Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies holde Band der Liebe, das -uns so zart verknüpfte.“ - -„Es muß sein,“ antwortete sie. - -„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß gefaßt?“ - -Sie antwortete: - -„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“ - -„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine Pflichten -als Frau nicht zu erfüllen?“ - -„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl seiner -Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie. - -„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie -die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte, -drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr -von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins einer meiner -Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer. Ohne Zweifel meines -Flehens müde, böse und trübselig über meinen Kummer, war mein Weib -entflohen. Wo weilt sie nun?“ - -Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und schaute das -Wasser an. - -„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du! Werde -ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde ich nie mehr von -Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo sind Deine Küsse, balsamisch -wie Thymian? Dein lieblicher Mund, von dem ich Freude pflückte wie -die Biene den Honig von der Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend -umschlangen? Wo ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der -reizende Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind -Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so lustig in der -Sonne rollst?“ - - -34 - -Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu Ulenspiegel: - -„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“ - -„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel. - -Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche an sich -vorbeiziehen. - -„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine deutsche -Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr Hirschgeschrötte -haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen; zierliche Spießer, ihre -Schildknappen, traben ihnen zur Seite, bereit, ihnen mit ihrem spitzen -Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie gehen nach ihrem Lager. Drehe das -Radschloß der Büchse, wie ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist -krank geschossen. Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm -nach, bis er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“ - -„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm, „den -Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel, das ist -verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den grausamen -Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie Du? Ich schwitze, -mein Sohn, ich schwitze und werde fallen. Wenn der Förster Dich abfaßt, -wirst Du gehenkt werden. Der Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie -laufen, mein Sohn, Du wirst sie nicht fangen.“ - -„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines Geweihs im -Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind? Siehst Du die jungen, -abgebrochenen Zweige, die Blätter, die den Boden bedecken? Diesmal hat -er noch eine Kugel aufs Blatt gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“ - -„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere laufen. -Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und nicht wieder -aufstehen.“ - -Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten den -Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der Hirsche. - -Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten sie auf -eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie unter Weibern -und Kindern, die da lagerten, Männer in großer Zahl, mit Degen, -Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen auf mancherlei -Weise bewaffnet. - -Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er: - -„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft zu -leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“ - -„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem Feuer saß -und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte. „Aber wer bist Du?“ - -„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel, -„Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander. Und -solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe schöne und gute -Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel.“ - -„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann, kannst Du -„~Schild ende Vriendt~,“ Schild und Freund, auf Genter Art aussprechen; -wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und mußt sterben.“ - -Ulenspiegel sprach: ~Schild ende Vriendt~. - -„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend, „was ist -Dein Gewerbe?“ - -Lamm antwortete: - -„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen und -zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel -allerorten zu folgen.“ - -„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt Du wissen, -wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“ - -„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir nicht den -Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus dem Hause trieb? -Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“ - -Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal -entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld und ein Weib, -das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“ - -Dann redete er zu Ulenspiegel: - -„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“ - -„~Raekstekers~, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel, „maßen -einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren gefallen war und -die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da sie ihn springen sahen. -„Lasset uns den Pfarrer holen, um den Rochen zu exorzieren,“ sprachen -sie. Der Pfarrer trieb den Teufel aus, nahm den Rochen mit nach Hause -und machte ein leckeres Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue -Gott mit dem Blutkönig.“ - -Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete, die im -Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen. - -„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“ sagte -Ulenspiegel. - -„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man die Leute -aus Eindhoven in Limburg?“ - -„~Pinnenmakers~, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst, da der -Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Mohrrübe. Und -die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit heftigen Bissen ihrer gierigen -Schnäbel und die Feinde drangen in Eindhoven ein. Aber es werden -eiserne Schnäbel sein, die die Riegel der Kerker verzehren, darinnen -man das freie Gewissen einsperren will.“ - -„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte. - -Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende Zweige: -es ist ein Sturm im Walde.“ - -„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte -betrachtend. - -„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm; -„die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der Hirsch! Der -Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige Tier! Es hat meinen -dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel, Töpfe, Feldkessel und -Schmorfleisch auf die Erde geworfen. Siehe, die Frauen und Mädchen -entfliehen, von Schrecken betört. Blutest Du, mein Sohn?“ - -„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat mir sein -Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose zerrissen ist und -mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte liegen am Boden. -Sieh, ich verliere all mein Blut durch den Strumpf.“ - -„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich vor dem -Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber ich werde Dir -nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen guten Männern und Frauen -bleiben. Wie kannst Du sonder Scham gegen meine Schmerzen so hart -sein, wenn ich Dir wie ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und -Wind auf den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut -schwitze!“ - -„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, das wird -ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber weißt Du, -wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, armer Freund. -Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am Stöhnen zu hindern. Sie -heißen ~koeye-schieters~, Kuhschützen, denn sie waren einstmals so -dumm, auf Kühe zu zielen, die sie für feindliche Soldaten hielten. -Wir aber, wir zielen auf die hispanischen Böcke; ihr Fleisch ist -stinkend, aber die Haut ist gut, Trommeln daraus zu machen. Und die -von Tirlemont? Weißt Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen -Beinamen ~kirekers~. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine -Ente vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen -Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die Töpfe und -Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das ist Eifer für die -Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, setzest den Suppenkessel -wieder auf seinen Dreifuß und befassest Dich gar sorglich mit dem -Kochen. Weißt Du, warum es in Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will -es Dir sagen. Erstlich, weil die Lebenden dort unter den Toten gehn, -denn die Kirche Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt -daraus, daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken -dort außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen -ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine -im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt. -Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn die Vorderseite -von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens wegen des Turms ohne -Nägel, sintemalen die Turmspitze von Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt -aus Holz gebaut ist und man die Steine nicht nagelt, ausgenommen das -Herz des Blutkönigs, das ich über das große Tor von Brüssel nageln -möchte. Doch Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt -Du, warum die von Termonde die Bettwärmer, ~de vierpannen~ genannt -werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge zum -„Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte nicht, wie er die -Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem Bettwärmer. Er ließ -das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, das eilends davonlief, -da es den Prinzen kommen hörte; und der Prinz fragte, warum man den -Bettwärmer nicht darinnen gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in -einen Kasten von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als -Bettwärmer diene.“ - -„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deine -~vierpannen~, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß mich bei -meiner Brühe.“ - -„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß; es -wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm Dich vor -dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“ - -„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten -zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“ - -„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr müsset mich -zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich mir für Euch gebe. Die -Tunke der Vögel wird gut sein, nur knirscht sie etwas: das macht der -Sand, auf den sie gefallen sind, da dieser große Teufel von Hirsch mir -beides, Wams und Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“ - -„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht und -stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die Städter -lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden noch etliche Zeit in -Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische Heer uns einschließt. -So das geschieht, werden wir, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen, -Büblein und Dirnlein, unser Leben teuer verkaufen und uns lieber -untereinander töten, denn unter der Hand des Blutherzogs tausendfache -Marter leiden.“ - -Ulenspiegel sagte: - -„Es ist nicht mehr an der Zeit, den Henker zu Land zu bekämpfen. Auf -dem Meer müssen wir seine Macht vernichten. Gehet nach den Inseln von -Zeeland über Brügge, Heyst und Knocke.“ - -„Wir haben kein Geld,“ sprachen sie. - -Ulenspiegel versetzte: - -„Hier sind tausend Karolus im Auftrag des Prinzen. Gehet längs der -Wasserläufe, Kanäle, Ströme und Flüsse. So Ihr Schiffe erblickt, die -das Zeichen ~J-H-S~ tragen, soll einer unter Euch gleich einer Lerche -singen. Hahnenschrei wird ihm antworten. Und Ihr werdet in Freundesland -sein.“ - -„So werden wir tun,“ sagten sie. - -Bald erschienen die Jäger, die den erlegten Hirsch an Stricken -schleppten, die Hunde hinterdrein. - -Alsbald setzten sich alle im Kreise ums Feuer. Es waren ihrer wohl -sechzig, Männer, Frauen und Kinder. Das Brot ward aus den Ranzen und -die Messer aus den Scheiden gezogen, der Hirsch abgedeckt, zerlegt -und ausgenommen und mit kleinerem Wildpret an den Spieß gesteckt. Und -am Ende der Mahlzeit sah man Lamm schnarchend, den Kopf auf die Brust -gesenkt und an einen Baum lehnend. - -Bei sinkender Nacht krochen die Waldbrüder in unterirdische Hütten, um -zu schlafen; und Lamm und Ulenspiegel taten desgleichen. - -Bewaffnete hielten Wacht und beschützten das Lager. Und Ulenspiegel -hörte die dürren Blätter unter ihren Füßen rascheln. - -Am andern Tage ging er mit Lamm von dannen, indes die aus dem Lager zu -ihm sagten: - -„Gesegnet seiest Du; wir werden nach dem Meere gehen.“ - - -35 - -In Harlebeke schaffte Lamm neuen Vorrat von Ölkuchen an, aß deren -siebenundzwanzig und tat dreißig in seinen Korb. Ulenspiegel trug seine -Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie nach Kortrijck und stiegen in -der Herberge ‚zur Biene‘ ab, bei Gillis van den Ende, der sogleich an -die Tür kam, als er den Lerchensang hörte. - -Da war alles eitel Zucker und Honig für sie. Nachdem der Wirt des -Prinzen Briefe gesehen, übergab er Ulenspiegel fünfzig Karolus für den -Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die er ihnen vorsetzte, -noch für den Doppel Klauwaert, mit dem er sie tränkte, bezahlt sein. -Auch warnte er ihn vor den Spionen des Bluttribunals, die in Kortrijck -wären, derhalben er seine und seines Gefährten Zunge wohl im Zaum -halten solle. - -„Wir werden darauf achten“, sprachen Ulenspiegel und Lamm. - -Und sie verließen die Herberge. - -Die untergehende Sonne vergüldete die Giebel der Häuser. Die Vögel -sangen unter den Linden, die Gevatterinnen schwätzten vor ihren -Türschwellen, und die Kinder wälzten sich im Staube. Ulenspiegel und -Lamm streiften aufs Geratewohl durch die Gassen. - -Plötzlich sagte Lamm: - -„Martin van den Ende sagte mir auf meine Frage, ob er eine Frau ähnlich -der meinen gesehen habe / ich machte ihm ein Bild meiner Liebsten / -daß bei der Stevenyne auf der Brügger Landstraße vor der Stadt im -„Regenbogen“ eine große Zahl Frauen seien. Sie vereinigten sich dort -alle Abende. Ich gehe flugs dorthin.“ - -„Ich werde sogleich nachkommen,“ sprach Ulenspiegel. „Ich will mir die -Stadt anschauen; so ich Deiner Frau begegne, werde ich sie Dir alsbald -schicken. Du weißt, daß der Wirt Dich ermahnt hat, zu schweigen, wenn -anders Dir Deine Haut lieb ist.“ - -„Ich werde schweigen,“ sprach Lamm. - -Ulenspiegel strich nach Belieben herum. Die Sonne ging unter, und der -Tag ging schnell zur Rüste. Ulenspiegel kam in die ~Pierpot Straetje~, -das Steintopfgäßchen. Allda hörte er melodisch die Laute spielen. Näher -tretend, erblickte er eine weiße Gestalt, die ihn lockte, ihn floh -und auf der Laute spielte. Und wie ein Seraph sang sie ein sanftes, -langsames Lied, indem sie stehen blieb, ihn lockte und wiederum floh. - -Aber Ulenspiegel rannte hurtig; er holte sie ein und wollte zu ihr -reden; da legte sie ihm ihre nach Benzoe duftende Hand auf den Mund. - -„Bist Du ein Bauer oder ein Edelmann?“ fragte sie. - -„Ich bin Ulenspiegel.“ - -„Bist Du reich?“ - -„Genug, um ein groß Vergnügen zu bezahlen, aber nicht genug, um meine -Seele loszukaufen.“ - -„Hast Du keine Rosse, daß Du zu Fuße gehst?“ - -„Ich hatte einen Esel, aber ich hab’ ihn im Stall gelassen.“ - -„Wie kommt es, daß Du allein bist, ohne Freund, in einer fremden Stadt?“ - -„Dieweil mein Freund seinerseits herumstreicht, wie ich für mich, Du -neugierig Schätzlein.“ - -„Ich bin nicht neugierig,“ sagte sie. „Ist Dein Freund reich?“ - -„An Fett,“ sagte Ulenspiegel. „Bist Du bald fertig mit Fragen?“ - -„Ich bin fertig,“ sagte sie, „laß mich nun.“ - -„Dich lassen?“ sagte er. „Ebenso gut könntest Du Lamm, wenn ihn -hungert, heißen, ein Gericht Fettammern stehen zu lassen. Ich will Dich -kosten.“ - -„Du hast mich ja gar nicht gesehen,“ sprach sie. Und sie öffnete eine -Laterne, die plötzlich einen Schein warf und ihr Antlitz erleuchtete. - -„Du bist schön,“ sprach Ulenspiegel. „Hei, die goldige Haut, die -sanften Augen, der rote Mund und der reizende Leib. Alles wird mein -sein.“ - -„Alles,“ sagte sie. - -Sie führte ihn zur Stevenyne in den „Regenbogen“ an der Landstraße -nach Brügge. Ulenspiegel sah allda eine große Zahl Dirnen, die am Arm -Rädlein von anderer Farbe als ihre Barchentkleider trugen. Diese trug -ein Rädlein von Silberstoff auf einem Kleid von Goldstoff. Und alle -Dirnen blickten sie eifersüchtig an. Beim Eintreten machte sie der -Wirtin ein Zeichen, aber Ulenspiegel sah es nicht. Sie setzten sich -zueinander und tranken. - -„Weißt Du,“ sagte sie, „daß wer mich geliebt hat, für allezeit mein -ist.“ - -„Schönes, duftendes Weiblein,“ sagte Ulenspiegel, „es wäre mir ein -köstlicher Schmaus, allzeit von Deinem Fleisch zu zehren.“ - -Auf einmal erblickte er Lamm in einer Ecke; der hatte ein Tischlein mit -Talglicht, einen Schinken und einen Krug Bier vor sich und wußte nicht, -wie er sein Bier und Schinken zwei Dirnen streitig machen sollte, die -mit aller Gewalt mit ihm essen und trinken wollten. - -Da Lamm Ulenspiegel gewahrte, stand er auf, sprang drei Schuh hoch in -die Luft und rief: - -„Gelobt sei Gott, der mir meinen Freund Ulenspiegel wiedergibt! Zu -trinken, Wirtin!“ - -Ulenspiegel zog seine Börse und sagte: - -„Zu trinken, bis dies alle ist.“ - -Und er ließ seine Karolus klingen. - -„So wahr Gott lebt“, rief Lamm und riß ihm behend die Börse aus den -Händen. „Ich zahle, und nicht Du. Diese Börse ist mein.“ - -Ulenspiegel wollte ihm seine Börse mit Gewalt wieder abnehmen, aber -Lamm hielt sie gut fest. Wie sie so mit einander rangen, der Eine, um -sie zu behalten, der Andere, um sie zu entreißen, raunte Lamm ganz -leise, in abgerissenen Worten: - -„Horch. Schergen drinnen ... vier ... kleines Gemach mit drei Dirnen -... Zwei draußen ... für Dich, für mich ... Wollte rausgehen ... -gehindert ... Frauenzimmer in Brokat ... Spionin ... Stevenyne Spionin!“ - -Derweil sie sich schlugen, hörte Ulenspiegel wohl zu und schrie: - -„Gib mir meine Börse, Taugenichts.“ - -„Du wirst sie nicht bekommen,“ sprach Lamm. - -Und sie packten sich beim Hals und bei den Schultern und wälzten sich -auf dem Boden, dieweil Lamm Ulenspiegel seinen guten Rat gab. - -Plötzlich trat der Wirt „zur Biene“ herein und hinter ihm sieben -Männer, die er nicht zu kennen schien. Er krähte wie ein Hahn, und -Ulenspiegel trillerte wie eine Lerche. Da er Ulenspiegel und Lamm sich -prügeln sah, sprach der Wirt zur Stevenyne: - -„Wer sind diese beiden?“ - -Die Stevenyne antwortete: - -„Taugenichtse, so man lieber trennen sollte, anstatt sie hier so großen -Lärm aufführen zu lassen, ehe sie zum Galgen gehen.“ - -„Er soll nur wagen, uns zu trennen,“ sagte Ulenspiegel, „o so werden -wir ihn das Pflaster fressen lassen.“ - -„Ja, wir werden ihn das Pflaster fressen lassen,“ sagte Lamm. - -„Der Wirt, unser Retter,“ sagte Ulenspiegel Lamm ins Ohr. - -Ein Geheimnis ahnend, stürzte sich der Wirt mit gesenktem Kopf in den -Kampf. - -Lamm warf ihm diese Worte ins Ohr: - -„Du unser Retter? Wie?“ - -Der Wirt gab sich den Anschein, Ulenspiegel an den Ohren zu schütteln, -und sagte ganz leise zu ihm: - -„Sieben für Dich ... starke Männer, Metzger ... muß gehen ... zu -bekannt in der Stadt. Wenn ich fort bin, ~’t is van te beven de -klinkaert~ ... Alles zerbrechen ...“ - -„Ja“, sprach Ulenspiegel, erhob sich und gab ihm einen Fußtritt. - -Der Wirt schlug ihn seinerseits, und Ulenspiegel sprach zu ihm: „Deine -Schläge fallen dicht, Dickwanst.“ - -„Wie Hagel“, sagte der Wirt, indem er Lamm behend die Börse fortriß und -sie Ulenspiegel zurückgab. - -„Spitzbube, zahle jetzt einen Trunk für mich, da du wieder im Besitz -Deines Vermögens bist.“ - -„Du sollst trinken, schändlicher Taugenichts,“ entgegnete Ulenspiegel. - -„Sehet, wie frech er ist,“ sagte die Stevenyne. - -„So sehr wie Du schön bist, Herzchen,“ sagte Ulenspiegel. - -Nun war die Stevenyne gut sechzig Jahre alt und hatte ein Gesicht wie -eine Mispel, doch ganz gelb von galligem Zorn. In der Mitte saß eine -Nase gleich einem Eulenschnabel. Ihre Augen waren voller Habgier und -ohne Liebe. Zwei lange Hauer stachen aus ihrem fleischlosen Munde und -auf ihrer linken Backe hatte sie einen großen, dunkelroten Fleck. - -Die Dirnen lachten, indem sie sich über sie lustig machten, und sagten: - -„Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken. / Er wird Dich umarmen. -/ Ist es lange, daß Du Deine erste Hochzeit hieltest? / Hüte Dich, -Ulenspiegel, sie will Dich fressen. / Sieh ihre Augen, sie glänzen -nicht von Haß, sondern von Liebe. / Man könnte meinen, daß sie Dich -totbeißen will. / Sei ohne Furcht. / So machen’s alle verliebten -Frauen. / Sie will nur Dein Bestes. / Sieh, wie sie zum Lachen wohl -aufgelegt ist.“ - -Und wahrlich, die Stevenyne lachte und zwinkerte der Gilline, dem -Frauenzimmer im Brokatkleide zu. - -Der Wirt trank, zahlte und ging fort. Die sieben Metzger schnitten den -Häschern und der Stevenyne Fratzen zum Zeichen des Einverständnisses. -Einer unter ihnen deutete durch eine Gebärde an, daß er Ulenspiegel für -einen Dummkopf hielte und ihn trefflich vexieren würde. Und dieweil er -der Stevenyne, die lachend ihre Hauer fletschte, spöttisch die Zunge -heraussteckte, sagte er Ulenspiegel ins Ohr: - -„~’t is van te beven de klinkaert~“. (Es ist Zeit mit den Gläsern zu -klirren.) - -Dann ganz laut und auf die Häscher zeigend: - -„Hochedler Reformierter, wir halten alle zu Dir; zahle uns Essen und -Trinken.“ - -Und die Stevenyne lachte vor Vergnügen und streckte auch Ulenspiegel -die Zunge heraus, da dieser ihr den Rücken wandte. Und die Gilline im -Brokatkleid streckte desgleichen die Zunge heraus. - -Und die Dirnen sprachen ganz leise: „Sehet die Spionin, die durch ihre -Schönheit mehr denn siebenundzwanzig Reformierte zu grausamer Tortur -und noch grausamerem Tode geführt hat. Gilline schwelgt in dem Gedanken -an den Lohn ihrer Angeberei: die ersten hundert Karolusgülden vom -Nachlaß der Opfer. Aber sie lacht nicht, gedenkend, daß sie sie mit der -Stevenyne wird teilen müssen.“ - -Und alle, Häscher, Metzger und Dirnen streckten die Zunge heraus, um -Ulenspiegel zu höhnen. Und Lamm schwitzte große Tropfen; er war rot vor -Zorn wie ein Hahnenkamm, doch er wollte nicht reden. - -„Traktiere uns mit Essen und Trinken,“ sagten die Metzger und Häscher. - -„Wohlan,“ sagte Ulenspiegel und ließ von neuem seine Karolus klingen, -„gib uns zu essen und zu trinken, o reizende Stevenyne, aus Gläsern zu -trinken, die klingen.“ - -Darob lachen die Dirnen abermals, und die Stevenyne fletschte ihre -Hauer. - -Gleichwohl ging sie in Keller und Küche und trug Schinken, Würste und -Eierkuchen mit Blutwürsten auf, nebst Klingegläsern, also genannt, weil -sie mit einem Fuß versehen waren und wie ein Glockenspiel klangen, wenn -man sie anstieß. - -Darauf sprach Ulenspiegel: - -„Wer Hunger hat, der esse; wer Durst hat, der trinke.“ - -Bei dieser Rede schlugen Häscher, Dirnen, Metzger, Gilline und -Stevenyne mit Händen und Füßen Beifall. Dann suchte sich jeglicher -einen guten Platz; Ulenspiegel und Lamm und die sieben Metzger am -großen Ehrentisch, die Häscher und Dirnen an zwei kleinen Tischen. Und -sie aßen und tranken mit lautem Krachen der Kinnbacken, selbst die -beiden Schergen, so draußen waren und von ihren Kameraden hereingeholt -worden, um an dem Schmause teil zu haben. Und aus ihrem Ranzen sah man -Stricke oder Handfesseln herausgucken. - -Da streckte die Stevenyne die Zunge heraus und sprach hohnlachend: - -„Keiner wird hinaus gehen, der nicht bezahlt.“ - -Und sie ließ alle Türen verschließen und steckte die Schlüssel in ihre -Taschen. - -Gilline erhob ihr Glas und sagte: - -„Der Vogel ist im Käfig, laßt uns trinken.“ - -Drauf sagten zwei Mädchen, Gena und Margot, zu ihr: - -„Ist wieder einer da, den Du umbringen lassen willst, schlechtes Weib?“ - -„Ich weiß nicht“, sprach Gilline. „Laßt uns trinken.“ - -Aber die drei Mädchen wollten mit ihr nicht trinken. - -Und Gilline nahm ihre Laute und sang auf Französisch: - - „Zum Klang der Mandoline - Sing’ ich Nacht und Tag. - Ich bin die lose Gilline, - Feil jedem, der mich mag. - - Astarte lieh mir Lenden, - Drinnen Feuer loht. - Meine weißen Schuldern blenden, - Mein schöner Leib ist Gott. - - Von blanken Gülden mache - Die Säckel ich Euch leer. - Von blankem Golde lache - Zu Füßen mir ein Meer. - - Des Teufels Tochter bin ich; - Frau Eva mich gebar. - Dein Traum sei noch so minnig / - Durch mich nur wird er wahr. - - Kalt bin ich, sprühe Funken, - Bin zärtlich untertan, - Bin lau, bin heiß und trunken - Nach Deinem Willen, Mann. - - Sieh, ich verkaufe Reize, - Die Seele, Augen blau, - Glück, Lachen, Tränentau / - Selbst Tod: mit nichts ich geize. - - Zum Klang der Mandoline - Sing’ ich Nacht und Tag. - Ich bin die lose Gilline, - Feil jedem, der mich mag.“ - -Und während sie also sang, war Gilline so schön, so hold und so -minniglich, daß alle Männer, Häscher, Metzger, Lamm und Ulenspiegel -stumm, gerührt und lachend dasaßen, vom Zauber gebannt. - -Plötzlich brach Gilline in Gelächter aus, und Ulenspiegel anblickend, -sagte sie: - -„So sperrt man die Vögel in den Käfig.“ - -Und ihr Zauber war gebrochen. - -Ulenspiegel, Lamm und die Metzger blickten einander an. - -„Gelt, werdet Ihr mich bezahlen,“ sagte die Stevenyne, „werdet Ihr mich -bezahlen, Junker Ulenspiegel, der aus dem Fleische von Predigern so -gutes Fett gewinnt?“ - -Lamm wollte reden, doch Ulenspiegel hieß ihn schweigen und sagte zur -Stevenyne: - -„Wir bezahlen nicht im voraus.“ - -„So werde ich mich hernach aus Deinem Nachlaß bezahlt machen,“ sagte -die Stevenyne. - -„Die Hyänen leben von Leichen,“ entgegnete Ulenspiegel. - -„Ja,“ sprach der Häscher einer, „diese beiden da haben das Geld der -Prediger genommen, mehr denn dreihundert Goldkarolus. Das ist ein guter -Batzen für die Gilline.“ - -Diese sang: - - „Wo fändst Du solche Reize? - Nimm alles, Augen blau, - Lust, Küsse, Tränentau / - Auch Tod: mit nichts ich geize.“ - -Dann sagte sie hohnlachend: - -„Laßt uns trinken!“ - -„Laßt uns trinken,“ sprachen die Häscher. - -„Bei Gott,“ sagte die Stevenyne, „laßt uns trinken! Die Türen sind -geschlossen, die Fenster haben starke Eisenstäbe, die Vögel sind im -Käfig. Laßt uns trinken.“ - -„Laßt uns trinken,“ sagte Ulenspiegel. - -„Laßt uns trinken,“ sagte Lamm. - -„Laßt uns trinken,“ sagten die Sieben. - -„Laßt uns trinken,“ sagten die Häscher. - -„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline und ließ ihre Laute erklingen. „Ich -bin schön, laßt uns trinken. Ich werde den Erzengel Gabriel in den -Schlingen meines Liedes fangen.“ - -„Wohlauf, zu trinken,“ sprach Ulenspiegel, „Wein, um das Fest zu -krönen, und vom besten. An jedem Haar unserer durstigen Körper soll ein -Tropfen flüssigen Feuers hängen.“ - -„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline; „noch zwanzig Gründlinge wie Du, und -die Hechte werden aufhören zu singen.“ - -Die Stevenyne brachte Wein. Alle saßen trinkend und schnaufend, die -Büttel und Dirnen zusammen. Die Sieben, die mit Ulenspiegel und Lamm -am Tische saßen, warfen Schinken, Würste, Eierkuchen und Flaschen von -ihrer Tafel an die der Dirnen, die sie im Fluge auffingen, wie Karpfen, -die an der Oberfläche eines Teiches nach Fliegen schnappen. Und die -Stevenyne lachte und fletschte ihre Hauer und wies auf Päcklein von -Kerzen, fünf aufs Pfund, die über dem Zahltisch baumelten. Es waren -die Kerzen der Dirnen. Dann sagte sie zu Ulenspiegel: - -„Wenn man zum Scheiterhaufen geht, trägt man eine Unschlittkerze; -willst Du jetzt eine?“ - -„Laßt uns trinken,“ sprach Ulenspiegel. - -„Laßt uns trinken,“ sprachen die Sieben. - -Die Gilline sagte: - -„Ulenspiegel hat so glänzende Augen wie ein Schwan, der verscheiden -will.“ - -„Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?“ meinte die Stevenyne. - -„Das würde für sie Lichtmeß sein. Wohlauf getrunken,“ sprach -Ulenspiegel. - -„Möchtest Du,“ sprach die Stevenyne, „daß man Dir auf dem Schafott die -Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?“ - -„Dann wäre sie besser zum Pfeifen. Laßt uns trinken!“ antwortete -Ulenspiegel. - -„Du redetest weniger, wenn Du gehenket wärest und Deine Liebste Dich -anschauen käme.“ - -„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „aber dann wöge ich mehr und fiele Dir auf -Dein niedliches Maul. Laßt uns trinken.“ - -„Was würdest Du sagen, wenn Du gestäupt und auf der Stirn und der -Schulter gebrandmarkt würdest?“ - -„Ich würde sagen, daß man sich im Fleisch geirrt hat,“ entgegnete -Ulenspiegel, „und daß man den Eber Ulenspiegel abgebrüht hat, anstatt -die Sau Stevenyne zu rösten. Laßt uns trinken.“ - -„Da Du von alledem nichts magst,“ sprach die Stevenyne, „so wirst Du -auf des Königs Schiffe geführt und allda verdammt werden, von vier -Galeeren gevierteilt zu werden.“ - -„So werden die Haifische meine vier Gliedmaßen bekommen und Du kannst -fressen, was sie nicht wollen,“ sprach Ulenspiegel. „Laßt uns trinken!“ - -„Was issest Du nicht eine dieser Kerzen?“ fragte die Stevenyne. „Sie -würden Dir in der Höllen dienlich sein, deine ewige Verdammnis zu -erhellen.“ - -„Ich sehe deutlich genug, um Deinen leuchtenden Rüssel zu betrachten, -Du schlechtgebrühete Sau. Laßt uns trinken!“ sprach Ulenspiegel. - -Plötzlich pochte er mit dem Fuß seines Glases auf den Tisch, derweil er -mit den Händen das Geräusch eines Tapezierers nachmachte, der im Takte -ein Polster klopft, doch ganz ruhig, und dazu sprach er: - -„~Tis (tydt) van de beven de klinkaert.~“ Es ist Zeit mit dem Klinger -zu klirren. - -Das ist in Flandern das Zeichen für die Zecher, Händel anzufangen und -die Häuser mit roter Laterne zu plündern. - -Ulenspiegel trank, dann ließ er sein Glas auf dem Tisch klirren und -sprach: - -„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“ - -Und die Sieben taten es ihm nach. - -Alle blieben ruhig. Die Gilline erbleichte, die Stevenyne blickte -verwundert. Die Büttel sprachen: - -„Halten die Sieben es mit ihnen?“ - -Aber die Metzger beruhigten sie, mit den Augen zwinkernd; doch zugleich -riefen sie lauter und lauter mit Ulenspiegel: - -„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren. Es ist Zeit mit dem Klinger zu -klirren.“ - -Die Stevenyne trank, um sich Mut zu machen. - -Da schlug Ulenspiegel mit der Faust auf den Tisch, im Takt der -Tapezierer, die Polster klopfen. Die Sieben taten wie er: Gläser, -Krüge, Näpfe, Schoppen und Becher huben langsam zu tanzen an, fielen -um, zerbrachen, standen an einer Seite auf, um an der andern wieder -hinzufallen. Und immer dräuender, ernster, kriegerischer und eintöniger -erklang es: - -„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“ - -„Wehe,“ sprach die Stevenyne, „sie werden alles zerbrechen.“ - -Und vor Furcht fletschte sie ihre beiden Hauer noch mehr denn -gewöhnlich. - -Und vor Wut und Grimm entzündete sich das Blut in der Seele der Sieben -und in Ulenspiegels und in Lamms Seele. - -Da ergriffen alle, so an Ulenspiegels und Lamms Tisch saßen, ihre -Gläser, ohne mit dem eintönigen, dräuenden Sang aufzuhören, und -zerbrachen sie im Takt auf dem Tisch, dieweil sie auf Stühlen ritten -und ihre Dolchmesser zogen. Sie vollführten ein so großes Lärmen mit -ihrem Sang, daß alle Fensterscheiben des Hauses erzitterten. Alsdann -machten sie gleich einer Rotte toll gewordener Teufel im Gemach und um -alle Tische die Runde und schrieen dabei ohne Unterlaß: „Es ist Zeit -mit dem Klinger zu klirren.“ - -Da standen die Schergen vor Furcht zitternd auf und ergriffen ihre -Stricke und Ketten. Aber die Metzger, Ulenspiegel und Lamm steckten -ihre Hirschfänger wieder in die Scheiden, standen auf, packten ihre -Stühle, schwangen sie gleich Knütteln, liefen behend durch das Gemach, -schlugen nach rechts und nach links, nur der Dirnen schonend, und -zerbrachen alles übrige, Hausrat, Scheiben, Truhen, Geschirr, Schoppen, -Näpfe, Gläser und Flaschen. Sie schlugen die Büttel ohn Erbarmen und -sangen immerfort im Takt der Tapezierer, die Polster klopfen: „Es ist -Zeit mit dem Klinger zu klirren.“ Derweilen hatte Ulenspiegel der -Stevenyne einen Faustschlag aufs Maul gegeben, ihr die Schlüssel aus -der Tasche genommen und zwang sie, ihre Lichte zu essen. - -Die schöne Gilline kratzte mit ihren Nägeln an den Türen, Läden, -Fensterglas und Rahmen und schien sich durch alles durchdrängen zu -wollen wie eine furchtsame Katze. Dann kauerte sie sich leichenblaß in -einen Winkel, mit verstörten Augen, bläkte die Zähne und hielt ihre -Laute, als wollte sie sie beschützen. - -Die Sieben und Lamm sprachen zu den Dirnen: „Wir werden Euch kein Leids -antun,“ und mit ihrer Hilfe banden sie die Büttel, die in ihren Hosen -zitterten, mit Ketten und Stricken. Sie wagten nicht Widerstand zu -leisten, maßen sie fühlten, daß die Metzger, die der Bienenwirt unter -den Stärksten auserlesen, sie mit ihren Messern in Stücke gehackt -hätten. - -Bei jedem Licht, das die Stevenyne essen mußte, sprach Ulenspiegel: - -„Dies ist fürs Henken, dies fürs Stäupen; dies andere fürs -Brandmarken; dies vierte für meine durchbohrte Zunge. Hier sind zwei -treffliche und gar fette für des Königs Schiffe und das Vierteilen -durch vier Galeeren; dies da für Deine Spionenhöhle, dies für dein -Weibsbild im Brokatkleid, und alle andern für mein Ergötzen.“ - -Und die Mädchen lachten, da sie sahen, wie die Stevenyne sich vor Grimm -wand und ihre Kerzen ausspeien wollte. Aber vergebens, denn sie hatte -den Mund zu voll davon. - -Ulenspiegel, Lamm und die Sieben ließen nicht ab, im Takt zu singen: -„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“ - -Dann ließ Ulenspiegel ab und winkte ihnen, den Reim leise zu murmeln. -Solches taten sie, derweil er den Dirnen und Häschern diese Rede hielt: - -„So einer unter Euch um Hilfe schreit, wird er auf der Stelle getötet.“ - -„Getötet“, sagten die Metzger. - -„Wir werden schweigen,“ sprachen die Mädchen, „tu uns kein Leids an, -Ulenspiegel.“ - -Aber die Gilline, so mit herausgetretenen Augen und vorstehenden Zähnen -in ihrem Winkel kauerte, war keines Wortes fähig und preßte ihre Laute -an sich. - -Und die Sieben murmelten immer im Takt: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu -klirren.“ - -Die Stevenyne wies auf die Kerzen, so sie im Munde hatte, und machte -ein Zeichen, daß sie gleichermaßen schweigen würde. Die Häscher -gelobten wie sie. - -Ulenspiegel redete weiter: - -„Ihr seid hier in unserer Gewalt. Die dunkle Nacht ist gekommen, -wir sind nah bei der Leye, in der Ihr leicht ertrinkt, wenn man -Euch hineinstößt. Die Tore von Kortrijck sind geschlossen. So die -Nachtwächter den Lärm vernommen haben, werden sie sich nicht vom Fleck -rühren, maßen sie zu faul sind und wähnen, daß es gute Vlämen sind, die -beim Klang der Schoppen und Flaschen lustig singen. Also verhaltet Euch -ruhig vor Euren Bezwingern.“ - -Dann redete er zu den Sieben: - -„Gehet Ihr nach Peteghem, zu den Geusen zu stoßen?“ - -„Bei der Kunde Deines Kommens haben wir uns dazu angeschickt.“ - -„Von da werdet Ihr aufs Meer gehen?“ - -„Ja“, sagten sie. - -„Kennet Ihr unter diesen Häschern einen oder zwei, die man loslassen -könnte, um uns zu dienen?“ - -„Zwei“, sprachen sie, „Niklas und Joos, die niemals die armen -Reformierten verfolgten.“ - -„Wir sind getreu,“ sagten Niklas und Joos. - -Sodann sprach Ulenspiegel: - -„Hier sind zwanzig Karolusgülden für Euch, zweimal so viel als ihr -gekriegt hättet, wenn Ihr den schändlichen Judaslohn empfangen hättet.“ - -Plötzlich schrien die fünf Andern. - -„Zwanzig Gülden! Wir dienen dem Prinzen um zwanzig Gülden. Der König -zahlt schlecht. Gebt jedem von uns die Hälfte davon, und wir werden dem -Richter alles sagen, was Du willst.“ - -Die Metzger und Lamm murmelten dumpf: - -„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger -zu klirren!“ - -„Auf daß Ihr nicht zu viel redet,“ sagte Ulenspiegel, „werden die -Sieben Euch gebunden bis Peteghem zu den Geusen führen. Ihr sollt -zehn Gülden bekommen, wenn Ihr auf dem Meere seid. Bis dahin sind wir -gewiß, daß die Feldküche Euch bei Brot und Suppe festhalten wird. So -Ihr tapfer seid, sollt Ihr Euren Anteil an der Beute haben. So Ihr -versuchet zu desertieren, werdet Ihr gehenket werden. So Ihr entwischet -und also dem Strick entgeht, werdet Ihr das Messer finden.“ - -„Wir dienen dem, der uns bezahlt,“ sagten sie. - -„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger -zu klirren,“ sagten Lamm und die Sieben und schlugen mit den Scherben -der zerbrochenen Töpfe und Gläser auf den Tisch. - -„Desgleichen werdet Ihr die Gilline, die Stevenyne und die drei -Frauenzimmer mit Euch führen. Wenn eine darunter entwischen will, so -sollt Ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.“ „Er hat mich -nicht getötet,“ sprach die Gilline, sprang aus ihrem Winkel auf und -schwang ihre Laute in der Luft. Und sie sang: - - „Blutiges hatt’ im Sinn ich: - Ein schlimmer Traum fürwahr! - Des Teufels Tochter bin ich; - Frau Eva mich gebar.“ - -Die Stevenyne und die andern machten Miene zu weinen. - -„Fürchtet nichts, Ihr Schätzchen“, sprach Ulenspiegel, „Ihr seid -so lieblich und sanft, daß man Euch allerorten lieben, feiern und -hätscheln wird. Bei jeder Prise werdet Ihr Euren Anteil an der Beute -haben.“ - -„Und mir, die alt ist, wird man nichts geben,“ greinte die Stevenyne. - -„Einen Sou pro Tag, Krokodil,“ sagte Ulenspiegel, „denn Du sollst die -Leibeigene dieser vier schönen Mädchen sein, Du wirst ihre Röcke, -Leintücher und Hemden waschen. - -„Ich, Herr Gott!“ sagte sie. - -Ulenspiegel entgegnete: - -„Du hast sie lange Zeit gemeistert und vom Ertrag ihrer Körper gelebt, -sie aber arm und hungrig gelassen. Du magst greinen und plärren, es -wird geschehen, wie ich gesagt habe.“ - -Darob lachen die vier Mädchen, spotten der Stevenyne und sagen zu ihr, -die Zunge herausstreckend: - -„Jede kommt in dieser Welt an die Reihe. Wer hätte das von der -Stevenyne, der Geizigen gedacht. Sie wird als Leibeigene für uns -arbeiten. Gesegnet sei seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“ - -Darauf sprach Ulenspiegel zu den Metzgern und zu Lamm: - -„Leert die Weinkeller, nehmet das Geld; es soll zum Unterhalt der -Stevenyne und der vier Mädchen dienen.“ - -„Sie knirscht mit den Zähnen, die Stevenyne, die Geizige,“ sagten die -Mädchen. „Du warest hart, nun ist man es gleicherweise gegen Dich. -Gesegnet sei Seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“ - -Dann wandten sich alle drei gegen Gilline: - -„Du warst ihre Tochter, ihre Ernährerin, Du teiltest die Frucht der -schändlichen Angeberei. Wirst Du es wohl noch wagen, uns zu schlagen -und zu beschimpfen in Deinem Brokatkleid? Du verachtetest uns, weil -wir nur Barchent trugen. Nur vom Blute der Opfer bist Du so reich -gekleidet. Laßt uns ihr das Kleid ausziehen, auf daß sie uns dadurch -gleich sei.“ - -„Ich dulde es nicht,“ sagte Ulenspiegel. - -Und die Gilline flog ihm an den Hals und sprach: - -„Gesegnet seist Du, der mich nicht getötet hat und nicht will, daß ich -häßlich sei!“ - -Und die eifersüchtigen Mädchen blickten Ulenspiegel an und sagten: - -„Er ist in sie vernarrt wie alle.“ - -Die Gilline sang zur Laute. - -Die Sieben zogen gen Peteghem und führten die Häscher und Dirnen an der -Leye entlang. Im Wandern murmelten sie: „Es ist Zeit, mit dem Klinger -zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren!“ - -Bei Tagesanbruch kamen sie ins Lager, sangen wie die Lerche, und -Hahnenschrei antwortete ihnen. Die Mädchen und die Häscher wurden -scharf bewacht. Dessen ohngeachtet fand man am dritten Tag um Mittag -die Gilline tot, das Herz von einer langen Nadel durchbohrt. Die -Stevenyne wurde von den drei Mädchen bezichtigt und vor den Hauptmann -der Kampanie, seine Rottenmeister und Sergeanten geführt, die zu -Richtern eingesetzt waren. Allda bekannte sie ohne peinliche Frage, sie -habe die Gilline getötet, aus Eifersucht auf ihre Schönheit und aus Wut -darob, daß die Dirne sie ohne Gnade als Leibeigne behandelte. Und die -Stevenyne ward gehenket und dann im Walde begraben. Auch die Gilline -ward begraben, und über ihrem reizenden Leib wurden Sterbegebete -gesprochen. - -Derweil hatten sich die beiden Büttel, von Ulenspiegel beredet, vor -den Burgvogt von Kortrijck begeben, denn den Lärmen und Toben und -die Plünderung, so im Hause der Stevenyne geschehen, mußten von -besagtem Burgvogt bestraft werden, maßen daß Haus der Stevenyne in der -Burgvogtei außerhalb der Gerichtsbarkeit von Kortrijck lag. Nachdem sie -dem Herrn Burgvogt erzählt, was sich zugetragen, sagten sie mit tiefer -Überzeugung und schlichter Einfalt der Sprache: - -„Die Mörder der Prediger sind mit nichten Ulenspiegel und sein getreuer -und vielgeliebter Lamm Goedzak, die nur zu ihrer Ergötzung in den -„Regenbogen“ gekommen sind. Sie haben sogar Pässe vom Herzog, und wir -haben sie gesehen. Die wahren Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent, -der eine mager, der andere sehr fett, so nach dem Lande Frankreich -auf und davon sind, nachdem sie bei der Stevenyne alles zerschlagen -hatten; diese haben sie mitsamt ihren vier Dirnen zu ihrem Zeitvertreib -mitgeführt. Wir hätten sie wohl am Kanthaken gefaßt, doch es waren -sieben Metzger da, von den stärksten der Stadt, die ihre Partei -nahmen. Sie haben uns alle gebunden und nicht eher freigelassen, als -bis sie weit im Lande Frankreich waren. Und hier sind die Spuren der -Stricke. Die vier andern Büttel sind ihnen auf den Fersen und erwarten -Verstärkung, um Hand an sie zu legen.“ - -Der Burgvogt gab einem Jeden zwei Karolus und ein neues Kleid für ihre -getreuen Dienste. - -In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an das Schöffengericht -in Kortrijck und andere Gerichtshöfe, um ihnen zu vermelden, daß die -wahren Mörder gefunden wären. Und er beschrieb ihnen das Abenteuer des -Langen und Breiten. Darob erzitterten die vom Rat von Flandern und von -den andern Gerichtshöfen. Und der Burgvogt ward ob seines Scharfsinns -trefflich gelobt. - -Und Ulenspiegel und Lamm wanderten friedsam auf der Straße von Peteghem -nach Gent an der Leye entlang. Es verlangte sie, nach Brügge zu kommen, -allwo Lamm sein Weib zu finden hoffte, und nach Damm, wo Ulenspiegel, -der in Träume versunken war, schon hätte sein mögen, um Nele zu sehen, -die betrübt mit Katheline, der Irren, lebte. - - -36 - -Seit geraumer Zeit waren im Weichbild von Damm und der Umgegend -unterschiedliche abscheuliche Verbrechen begangen worden. Mägdlein, -junge Burschen und Greise, von denen man wußte, daß sie mit Geld -versehen nach Brügge, Gent oder sonst einer Stadt oder Ortschaft in -Flandern gegangen waren, wurden tot aufgefunden. Sie waren nackend wie -Würmer und von so langen spitzen Zähnen ins Genick gebissen, daß der -Halswirbel bei allen gebrochen war. - -Die Ärzte und Bader erklärten, daß diese Zähne die eines großen Wolfes -seien. Ohne Zweifel wären Diebe nach dem Wolfe gekommen, sagten sie, -und hätten die Opfer geplündert. - -Ohngeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken, wer die -Diebe waren. Bald ward der Wolf vergessen. - -Etliche angesehene Bürger, die sich ohne Geleit kühn auf den Weg -gemacht hatten, verschwanden, ohne daß man wußte, was aus ihnen -geworden, es sei denn, daß ein Bauer, der des Morgens ging, sein -Feld zu bestellen, Wolfsspuren auf seinem Acker fand, derweil sein -Hund mit den Pfoten die Furchen aufscharrte und einen armen Leichnam -bloß legte, der die Spuren der Wolfszähne im Genick oder unterm Ohr -aufwies, gar oft auch am Bein und immer von hinten. Und allemal war der -Wirbelknochen und das Bein gebrochen. - -Der Bauer ging voller Angst stracks zum Amtmann, ihm Kunde zu bringen, -und dieser kam mit dem Kriminalschreiber, zwei Schöffen und zwei -Wundärzten nach dem Ort, wo der Leichnam des Getöteten lag. Nachdem sie -ihn fleißig und sorgsam visitiert und manchmal, wenn das Gesicht noch -nicht von den Würmern zerfressen war, seinen Stand, sogar Namen und -Geschlecht erkannt hatten, verwunderten sie sich baß, daß der Wolf, der -aus Hunger tötet, dem Toten kein Stück Fleisch abgebissen hatte. Und -die von Damm entsetzten sich schier, und war keiner, der nachts ohne -Geleit auszugehen wagte. - -Nun trug es sich zu, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche nach -dem Wolfe geschickt wurden, mit dem Befehl, ihn Tag und Nacht in den -Dünen längs des Meeres zu suchen. - -Sie waren zur Zeit nahe bei Heyst in den großen Dünen. Die Nacht war -gekommen. Einer unter ihnen, der auf seine Kraft vertraute, wollte sie -verlassen, um allein, mit seiner Büchse bewaffnet, auf die Suche zu -gehen. Die Andern ließen ihn seinen Willen, überzeugt, daß er, tapfer -und bewaffnet, wie er war, den Wolf töten würde, wenn anders er sich zu -zeigen wagte. - -Da ihr Kumpan fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten und -tranken nach Herzenslust aus ihrer Branntweinflasche. - -Und von Zeit zu Zeit schrien sie: - -„Holla, Kamerad, komm zurück; der Wolf fürchtet sich, komm trinken!“ - -Aber er antwortete nicht. - -Plötzlich, da sie einen lauten Schrei, wie den eines Sterbenden -vernahmen, eilten sie dorthin, von wannen der Schrei kam und sagten: -„Halt aus, wir kommen Dir zu Hülfe.“ - -Doch es währte lange, bis sie ihren Kameraden fanden, denn die Einen -sagten, der Schrei sei aus dem Tal, und die Andern, er sei vom Kamme -der Dünen gekommen. - -Endlich, da sie Dünen und Tal mit ihren Laternen gründlich abgesucht -hatten, fanden sie ihren Gefährten an Arm und am Bein gebissen und den -Hals hinterrücks gebrochen, wie bei den andern Opfern. Auf dem Rücken -liegend, hielt er seinen Degen in der geballten Faust; seine Büchse lag -auf dem Sande. Neben ihm fanden sich drei abgeschnittene Finger, die -sie mitnahmen und die nicht seine waren. Sein Säckel war geraubt. - -Sie nahmen den toten Leib ihres Gefährten, seinen guten Degen und seine -wackere Büchse auf die Schultern, und betrübt und ergrimmt trugen sie -den Leichnam zum Amtshaus, wo der Amtmann sie in Gesellschaft des -Kriminalschreibers, der zwei Schöffen und der beiden Wundärzte empfing. - -Die abgeschnittenen Finger wurden geprüft und als die eines Greises -erkannt, der in keinem Handwerk Arbeiter war, denn die Finger waren -dünn und die Nägel daran lang wie bei Männern des Richter- oder -Priesterstandes. - -Des andern Tages gingen der Amtmann, die Schöffen, der -Kriminalschreiber, die Wundärzte und die Soldaten nach der Stelle, wo -der arme Tote gebissen worden, und sahen, daß dort Blutstropfen auf dem -Grase waren und Fußstapfen, so bis ans Meer gingen und dort aufhörten. - - -37 - -Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmond, am vierten Tage, wo -man in der Stadt Brüssel vom Sankt Niklasturm herab nach der Hochmesse -dem Volk Säcke mit Nüssen zuwirft. - -In der Nacht wurde Nele durch Geschrei, so von der Straße kam, geweckt. -Sie suchte Katheline in der Kammer und fand sie nicht. Sie lief nach -unten und öffnete die Tür, und Katheline trat ein und sagte: - -„Rette mich, rette mich! der Wolf, der Wolf!“ - -Und Nele hörte vom Feld her fernes Geheul. Zitternd entzündete sie alle -Lampen, Wachslichte und Talgkerzen. - -„Was ist geschehen, Katheline?“ fragte sie, sie in ihre Arme schließend. - -Katheline setzte sich verstörten Blicks und sagte, die Kerzen -anschauend: - -„Das ist die Sonne, sie verscheucht die bösen Geister. Der Wolf, der -Wolf heult draußen auf dem Felde.“ - -„Aber“, sprach Nele, „warum bist Du aus Deinem warmen Bette gestiegen, -um Dir in den feuchten Septembernächten das Fieber zu holen?“ - -Und Katheline sprach: - -„Hanske hat diese Nacht geschrieen wie der Fischadler und ich habe die -Tür aufgemacht. Und er hat zu mir gesagt: „Trink diesen Zaubertrank;“ -und ich habe getrunken. Hanske ist schön. Nehmt das Feuer fort. Alsdann -hat er mich an den Kanal geführt und zu mir gesagt: „Katheline, ich -werde Dir die siebenhundert Karolus wiedergeben und Du sollst sie -Ulenspiegel, Klasens Sohn, geben. Und hier sind zwei, um Dir ein Kleid -zu kaufen; bald wirst du ihrer tausend haben.“ / „Tausend,“ sprach ich, -„mein Geliebter, dann werde ich reich sein.“ / „Du sollst sie haben,“ -sagte er. „Aber sind nicht in Damm Frauen oder Mädchen, die jetzt -ebenso reich sind, wie du sein wirst?“ / „Ich weiß nicht,“ antwortete -ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht sagen, aus Furcht, daß er sie -liebte. Darauf sprach er zu mir: „Forsche danach und sage mir ihre -Namen, wenn ich wiederkomme.“ - -„Die Luft war kalt, der Nebel schwebte über den Wiesen, dürres Reisig -fiel von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond schien, und auf dem -Wasser des Kanals waren Feuer. Hanske sprach zu mir: „Das ist die -Nacht der Werwölfe, alle schuldbeladenen Seelen steigen aus der Hölle -auf. Du mußt mit der Linken dreimal das Zeichen des Kreuzes machen und -Salz! Salz! Salz! rufen, das ist das Sinnbild der Unsterblichkeit, und -sie werden Dir nichts antun.“ / Und ich sagte: „Ich werde tun, was -Du willst, Hanske, mein Herzliebster.“ Und er umarmte mich und sagte -dabei: „Du bist mein Weib.“ / „Ja,“ sprach ich. Und bei diesem süßen -Worte glitt himmlische Wonne wie Balsam über meinen Leib. Er bekränzte -mich mit Rosen und sagte: „Du bist schön.“ / Und ich sprach zu ihm: „Du -bist auch schön, Hanske, mein Herzliebster, in deinen feinen Kleidern -von grünem Sammet mit güldenen Borten, mit deiner langen Straußenfeder, -die auf deinem Barett wallt, und deinem Antlitz, das bleich ist wie -Meeresleuchten. Und wenn die Mädchen von Damm Dich sähen, so würden sie -Dir alle nachlaufen und dein Herz begehren, doch Du mußt es nur mir -geben, Hanske.“ / Er sprach: „Suche zu erfahren, welche am reichsten -sind, ihr Vermögen wird Dein sein.“ Dann ging er von dannen und ließ -mich zurück, nachdem er mir verboten, ihm zu folgen. Ich blieb stehen -und ließ die zwei Karolus in meiner Hand klingen. Ich zitterte am -ganzen Leibe und war schier erstarrt wegen des Nebels. Da sah ich -einen Wolf mit grünem Gesicht und langen Schilfblättern in seinem -weißen Fell die Uferböschung hinansteigen. Ich schrie. „Salz! Salz! -Salz!“ und machte das Zeichen des Kreuzes, aber das schien ihn nicht zu -schrecken. Und ich lief aus allen Kräften und schrie, und er heulte, -und ich hörte das Klappern seiner Zähne ganz nah bei mir und einmal -ganz nah an meiner Schulter, daß ich glaubte, er würde mich packen. -Doch ich lief schneller als er. Zum großen Glück stieß ich an der Ecke -der Reiherstraße auf den Nachtwächter mit seiner Laterne. „Der Wolf, -der Wolf!“ schrie ich. „Fürchte dich nicht,“ sprach der Nachtwächter, -„ich werde dich nach Hause führen, irre Katheline.“ Und ich fühlte, daß -seine Hand, die mich hielt, zitterte. Er hatte auch Furcht.“ - -„Aber er hat wieder Mut gefaßt,“ sprach Nele. „Hörst Du ihn jetzt mit -schleppender Stimme singen: „Hört Ihr Leute und laßt Euch sagen, die -Glocke hat zehn geschlagen.“ Und er läßt seine Knarre schnarren.“ - -„Nehmt das Feuer fort,“ sagte Katheline, „der Kopf brennt. Komm wieder, -Hanske, mein Buhle.“ - -Und Nele blickte Katheline an, und sie bat Unsere heilige Jungfrau, das -Feuer des Wahnsinns von ihrem Haupte zu nehmen. Und sie weinte über sie. - - -38 - -In Bellem, an den Ufern des Brügger Kanals, begegneten Ulenspiegel -und Lamm einem Reiter, der drei Hahnenfedern auf seinem Filzhut trug -und in gestrecktem Galopp nach Gent ritt. Ulenspiegel trillerte wie -eine Lerche, und der Reiter hielt an und antwortete mit Kreyants -Trompetenstoß. - -„Bringst Du Zeitung, ungestümer Reiter?“ antwortete Ulenspiegel. - -„Hochwichtige Zeitung,“ sagte der Reiter. „Auf des Herrn von Chatillon -Rat, der im Lande Frankreich Admiral ist, hat der Freiheitsprinz Befehl -erteilt, Kriegsschiffe auszurüsten, ohngeachtet die, so in Emden -und Ostfriesland schon bewaffnet sind. Die kühnen Männer, die diese -Aufträge erhalten haben, sind Adrian de Berghes, Herr von Dohlhain, -sein Bruder, Ludwig von Hennegau, der Baron de Montfaucon, Herr Ludwig -van Brederode, Albert van Egmont, des Enthaupteten Sohn und kein -Verräter wie sein Bruder, Berthel Enthens von Mentheda, der Friese, -Adrian Menningh, Hemubyse, der hitzköpfige und stolze Genter, und Jan -Brock. - -Der Prinz hat seine ganze Habe, mehr denn fünfzigtausend Gülden, -hingegeben.“ - -„Ich habe fünfhundert für ihn,“ sprach Ulenspiegel. - -„Tragt sie bis ans Meer,“ sagte der Reiter. Und er galoppierte von -dannen. - -„Er gibt seine ganze Habe,“ sagte Ulenspiegel, „wir andern geben nur -unsere Haut.“ - -„Ist das denn nichts,“ sagte Lamm, „und werden wir immer nur von -Plünderung und Metzelei reden hören? Die Orange ist zu Boden gefallen.“ - -„Zu Boden gefallen wie die Eiche; aber aus der Eiche macht man Schiffe -für die Freiheit!“ - -„Zu seinem Nutzen,“ sprach Lamm. „Aber da wir nichts mehr zu befahren -haben, laß uns wieder Esel kaufen. Ich marschiere gern sitzend und ohne -an den Fußsohlen ein Glockenspiel zu haben.“ - -„So laß uns Esel kaufen,“ sagte Ulenspiegel. „Diese Tiere sind leicht -wieder los zu schlagen.“ - -Sie gingen zu Markt und erstanden dort zwei schöne Esel mit Zaumzeug. - - -39 - -Da sie Bein hier, Bein da ritten, kamen sie nach Oost-Camp, wo ein -großer Wald ist, dessen Saum bis an den Kanal ging. Sie betraten ihn, -um Schatten und liebliche Düfte zu finden, und sahen nichts andres, -denn lange Waldwege, die in allen Richtungen nach Brügge, Gent, Süd- -und Nord-Flandern führten. - -Unversehens sprang Ulenspiegel vom Esel. - -„Siehst Du dort nichts?“ - -Lamm sagte: „Ja, ich sehe.“ Und zitternd: „Mein Weib, mein gutes Weib. -Das ist sie, mein Sohn. Ha! Ich vermag nicht, zu ihr zu gehen. Sie so -wiederzufinden!“ - -„Worüber klagst Du?“ fragte Ulenspiegel. „So halb nackt ist sie schön, -in dem Leibchen von geschlitzten Nesselleinen, welches das blühende -Fleisch sehen läßt. Die da ist zu jung, sie ist nicht Deine Frau.“ - -„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie ist es, mein Sohn; ich erkenne sie. Trag -mich, ich kann nicht mehr gehen. Wer hätte das von ihr gedacht? So -ohne Scham, als Zigeunerin gekleidet, zu tanzen! Ja, das ist sie; sieh -ihre zierlichen Beine, ihre Arme, nackt bis zur Schulter, ihre runden, -bräunlichen Brüste, die halb aus dem Nesselleibchen hervorsehen. Schau, -wie sie mit der roten Fahne den großen Hund neckt, der danach springt.“ - -„Das ist ein Zigeunerhund,“ sprach Ulenspiegel; „die Niederlande -bringen dergleichen nicht hervor.“ - -„Zigeuner ... ich weiß nicht ... Aber sie ist es. Ha! mein Sohn, Ich -sehe nicht mehr hin. Sie streift ihre Hosen noch höher, um ihre runden -Beine besser sehen zu lassen. Sie lacht, um ihre weißen Zähne zu -zeigen, und schallend, um ihre wohlklingende Stimme hören zu lassen. -Sie macht ihr Leibchen oben auf und wirft sich zurück. Ach, dieser Hals -eines verliebten Schwanes, diese nackten Schultern, diese hellen kecken -Augen! Ich laufe zu ihr!“ - -Und er sprang vom Esel. - -Aber Ulenspiegel hielt ihn fest. - -„Dies Mägdlein,“ sprach er, „ist nicht Deine Frau. Wir sind bei einem -Zigeunerlager. Hüte Dich. Siehst Du den Rauch hinter den Bäumen? -Hörst Du das Hundegebell? Halt! Da sind etliche, die uns ansehen und -vielleicht bereit sind zu beißen. Wir wollen uns mehr im Dickicht -verbergen.“ - -„Ich verberge mich nicht,“ sagte Lamm. „Diese Frau ist die meine, eine -Vlämin wie wir!“ - -„Blinder Narr,“ sagte Ulenspiegel. - -„Blind, nein! Ich sehe wohl, wie sie halb nackend tanzt und lacht und -den großen Hund neckt. Sie stellt sich, als sähe sie uns nicht. Aber -sie sieht uns, gewißlich. Tyll, Tyll! Jetzt springt der Hund auf sie -und wirft sie zu Boden, um die rote Fahne zu bekommen. Und sie fällt -und stößt einen Klagelaut aus.“ - -Und Lamm stürzte hastig hinzu und sprach zu ihr: - -„Mein Weib, mein Weib! Wo hast Du Dir weh getan, Liebchen? Warum -lachest Du so ausgelassen? Deine Augen sind wild.“ - -Und er umarmte und liebkoste sie und sprach: - -„Das Schönheitsmal, das Du unter der linken Brust hattest! Ich sehe es -nicht. Wo ist es? Du bist nicht mein Weib! Großer Gott im Himmel!“ - -Und sie hörte nicht auf zu lachen. - -Plötzlich rief Ulenspiegel: - -„Sieh Dich vor, Lamm.“ - -Und sich umwendend, sah Lamm einen großen Mohren von Zigeuner vor sich -stehen, mit hagerem Gesicht und braun wie Pfefferkuchen. - -Lamm hob seinen Spieß auf, stellte sich zur Wehr und schrie: - -„Zu Hilfe, Ulenspiegel.“ - -Ulenspiegel war mit seinem guten Degen zur Hand. - -Der Zigeuner sagte auf Hochdeutsch zu ihm: - -„Gebt mir Geld, einen Reichstaler oder zehn.“ - -„Sieh“, sprach Ulenspiegel, „das Mägdlein geht laut lachend von dannen -und dreht sich immerdar um, damit wir ihr nachfolgen.“ - -„Gebt mir Geld“, sagte der Mann. „Bezahle deine Liebe. Wir sind arm und -wollen Dir nichts antun.“ - -Lamm gab ihm einen Karolus. - -„Welches Gewerbe treibst Du?“ - -„Alle“, erwiderte der Zigeuner. „Da wir Meister in der Geschicklichkeit -sind, vollführen wir wundersame und zauberische Künste. Wir spielen die -Schellentrommel und tanzen ungarische Tänze. Und es ist mehr denn einer -unter uns, der Käfige macht und Roste, die schönsten Kalbsrippen darauf -zu braten. Aber alle Vlämen und Wallonen fürchten und vertreiben uns. -Da wir nicht vom Erwerb leben können, leben wir von Raub, das ist, von -Gemüsen, Fleisch und Geflügel, so wir dem Bauern nehmen müssen, da er -sie uns nicht geben noch verkaufen will.“ - -Lamm sprach zu ihm: - -„Woher kommt das Mägdlein, das so sehr meiner Frau gleicht?“ - -„Sie ist unseres Häuptlings Tochter,“ sagte der Schwarze. - -Dann sprach er leise, wie einer, der sich fürchtet: - -„Sie wurde von Gott mit Liebestollheit geschlagen und weiß nichts von -weiblicher Scham. Sobald sie einen Mann erblickt, wird sie lustig und -toll und lacht unablässig. Sie spricht wenig, und lange hielt man sie -für stumm. Nachts hockt sie trübsinnig am Feuer, manchmal weinend und -ohne Ursache lachend und auf den Leib deutend, wo sie Schmerzen hat, -sagt sie. Um die Mittagsstunde im Sommer nach der Mahlzeit ist ihre -Tollheit am wildesten. Alsdann tanzt sie fast nackend in der Umgebung -des Lagers. Sie will nur Kleidung aus Tüll und Nesseltuch tragen, -und im Winter können wir sie nur mit großer Mühe in einem Mantel von -Ziegenfell einhüllen.“ - -„Aber,“ sprach Lamm, „hat sie nicht irgend einen Freund, der sie -hindert, sich dergestalt dem Ersten Besten hinzugeben?“ - -„Sie hat keinen,“ sagte der Mann, „denn die Reisenden, die sich ihr -nähern und ihre irren Augen wahrnehmen, haben mehr Furcht vor ihr als -Liebe. Dieser dicke Mann war kühn,“ sagte er, auf Lamm weisend. - -„Laß ihn reden, mein Sohn,“ versetzte Ulenspiegel. „Der Stockfisch -spricht schlecht vom Walfisch. Welcher von beiden gibt das meiste Oel?“ - -„Du hast heute Morgen eine scharfe Zunge,“ sprach Lamm. - -Aber Ulenspiegel sagte, ohne ihn anzuhören, zum Zigeuner: - -„Was tut sie, wenn andere so kühn sind wie mein Freund Lamm?“ - -Der Zigeuner antwortete traurig: - -„Alsdann hat sie Vergnügen und Gewinn. Die sie besitzen, bezahlen -ihre Lust, und das Geld dient dazu, sie zu kleiden und auch für die -Bedürfnisse der Greise und Frauen.“ - -„Sie gehorcht also keinem?“ fragte Lamm. - -Der Zigeuner erwiderte: - -„Lassen wir denen, so Gott heimsucht, ihr Wollen. Er gibt derart seinen -Willen kund. Solches ist unser Gesetz.“ - -Ulenspiegel und Lamm gingen fürbaß. Und der Zigeuner kehrte ernst und -stolz in sein Lager zurück. Und das Mägdlein tanzte mit ausgelassenem -Lachen in der Lichtung. - - -40 - -Unterwegs nach Brügge sprach Ulenspiegel zu Lamm: - -„Wir haben eine große Summe Geldes ausgegeben, um Soldaten anzuwerben, -die Büttel zu bestechen, die Zigeunerin zu beschenken und die -unzähligen Ölkuchen zu bezahlen, die es Dir gefiel, unaufhörlich zu -essen, anstatt ihrer einen zu verkaufen. Und trotz dem Begehren deines -Bauches ist es an der Zeit, vernünftiger zu leben. Gib mir Dein Geld, -ich werde die gemeinsame Börse aufheben.“ - -„Tu das,“ sprach Lamm. „Doch laß mich nicht Hungers sterben,“ sagte er, -sie ihm reichend, „denn bedenke, groß und gewaltig wie ich bin, bedarf -ich einer kräftigen und reichlichen Nahrung. Für Dich, der Du mager und -schmächtig bist, ist es gut, von der Hand in den Mund zu leben, zu -essen oder nicht zu essen, was Du findest, wie die Planken am Hafen, -so von Luft und Wasser leben. Aber ich, den die Luft aushöhlt und der -Regen heißhungrig macht, ich brauche andern Schmaus.“ - -„Du sollst ihn haben, tugendhaften Fastenschmaus. Die bestgefüllten -Wänste widerstehen da nicht; sie schrumpfen nach und nach ein und -machen den schwersten Mann leicht. Und bald wird man ihn, weidlich -entfettet, wie einen Hirsch laufen sehen, meinen zierlichen Lamm.“ - -„Ach,“ sprach Lamm, „was wird künftig mein mageres Schicksal sein? Mich -hungert, mein Sohn, und ich möchte zur Nacht essen.“ - -Der Abend sank. Sie hielten ihren Einzug in Brügge durch das Genter Tor -und zeigten ihre Pässe vor. Nachdem sie für sich selbst einen halben -Sou und zwei für ihre Esel hatten bezahlen müssen, gingen sie in die -Stadt. Lamm, der Worte Ulenspiegels gedenkend, schien tiefbetrübt. - -„Werden wir alsbald zur Nacht essen?“ fragte er. - -„Ja,“ antwortete Ulenspiegel. - -Sie stiegen in der „Meermin“, der „Seejungfer“ ab, die als Wetterfahne, -ganz aus Gold, über dem Giebel der Herberge angebracht ist, führten -ihre Esel in den Stall, und Ulenspiegel bestellte für sich und Lamm -Nachtessen: Brot, Bier und Käse. - -Der Wirt lachte spöttisch, da er diese karge Kost auftrug. Lamm aß -mit langen Zähnen und blickte voller Verzweiflung Ulenspiegel zu, -der in das zu alte Brot und den zu jungen Käse hineinbiß, als wären -es Fettammern gewesen. Und Lamm trank sein Dünnbier ohne Genuß. -Ulenspiegel lachte, da er ihn so kläglich sah. Und es war noch jemand, -so im Hofe der Herberge lachte und manchmal das Gesicht an den -Fensterscheiben zeigte. Ulenspiegel sah, daß es ein Weib war, das sein -Gesicht versteckte. In der Meinung, es sei irgend eine boshafte Magd, -dachte er nicht mehr daran, und da er Lamm so blaß, traurig und bleich -sah, wegen der vereitelten Begierden seines Magens, jammerte ihn sein -und er gedachte, für seinen Gefährten einen Eierkuchen mit Blutwürsten, -ein Gericht Rindfleisch mit Saubohnen oder irgend eine andere heiße -Schüssel zu bestellen, als der Wirt eintrat, seinen Hut lüftete und -sprach: - -„Wenn die Herren Reisenden ein besser Nachtmahl begehren, so müssen sie -sprechen und sagen, was es sein soll.“ - -Lamm riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und blickte -Ulenspiegel mit banger Unruhe an. - -Dieser antwortete: - -„Wandernde Handwerker sind nicht reich.“ - -„Es kommt gleich wohl vor,“ sprach der Wirt „daß ihnen nicht ihr ganzer -Besitz bekannt ist.“ Und auf Lamm deutend: „Dies gute Vollmondsgesicht -ist soviel wert wie zwei andere. Was beliebt den Herrschaften zu -speisen und zu trinken? Ein Speck-Eierkuchen, heute frisch gedämpfte -Choesels, ein Kapaun, der auf der Zunge zergeht, eine schöne, auf -dem Rost gebratene Kalbsrippe mit einer Tunke von vier Gewürzen, -Dobbel-knol aus Antwerpen, Dobbel-kuyt aus Brügge und Löwener Wein, -nach Art des Burgunders gekeltert? Und ohne Bezahlung.“ - -„Bringt alles,“ sprach Lamm. - -Der Tisch ward alsogleich besetzt, und Ulenspiegel ergötzte sich -daran, dem armen Lamm zuzusehen, der sich hungriger denn je auf den -Eierkuchen, die Choesels, den Kapaun, den Schinken und die Kalbsrippen -stürzte und Dobbel-knol und Dobbel-kuyt und Löwener Wein, auf -burgundische Art gekeltert, maßweise in den Schlund goß. - -Als er nichts mehr essen konnte, schnob er vor Behagen wie ein Walfisch -und ließ seine Blicke über den Tisch schweifen, um zu sehen, ob es -nichts mehr zu beißen gäbe. Und er knusperte die Krumen. - -Weder Ulenspiegel noch er hatten das hübsche Lärvchen gesehen, das -lächelnd durch die Scheibe blickte und im Hofe hin und wieder ging. -Nachdem der Wirt Glühwein mit Zimmet und Madeirazucker gebracht hatte, -tranken sie weiter. Und sie sangen. - -Als die Nachtstunde nahte, fragte der Wirt sie, ob sie ein jeder in ihr -großes und schönes Gemach hinaufgehen wollten. Ulenspiegel entgegnete, -daß ein kleines für beide genügte. Der Wirt versetzte: - -„Das habe ich nicht; Ihr sollt jeder, ohne zu zahlen, ein -herrschaftliches Zimmer haben.“ - -Und fürwahr, er führte sie in reich mit Hausrat und Teppichen versehene -Gemächer. In Lamms Gemach stund ein großes Bett. Ulenspiegel, der -wacker gezecht hatte und vor Schläfrigkeit umsank, ließ ihn zu Bett -gehen und tat flugs desgleichen. - -Am andern Tage zur Mittagszeit trat er in Lamms Zimmer und sah ihn -schlafen und schnarchen. Neben ihm lag ein zierliches Täschlein voll -Geld. Er machte es auf und sah, daß es Goldkarolus und Silberstüver -waren. - -Er schüttelte Lamm, um ihn aufzuwecken. Dieser kam aus dem Schlaf, rieb -sich die Augen und unruhig umherblickend, sagte er: - -„Mein Weib, wo ist mein Weib?“ - -Und auf eine leere Stelle neben sich im Bette deutend, sagte er: - -„Da war sie kurz zuvor.“ - -Dann sprang er aus dem Bett und blickte wieder allenthalben umher, -durchwühlte alle Ecken und Winkel der Zimmers, den Alkoven und die -Schränke und sagte, mit dem Fuß stampfend: - -„Mein Weib, wo ist mein Weib?“ - -Der Wirt kam bei dem Lärm herauf. - -„Taugenichts,“ sprach Lamm und packte ihn an der Kehle, „wo ist mein -Weib, was hast Du mit meinem Weibe gemacht?“ - -„Ungeduldiger Wanderer,“ sprach der Wirt, „Dein Weib? Welches Weib? Du -bist allein gekommen. Ich weiß nichts.“ - -„Ha, er weiß es nicht,“ sprach Lamm. „Er weiß es nicht,“ sprach er und -durchstöberte abermals alle Ecken und Winkel des Gemachs. - -„Ach! Sie war da, diese Nacht, in meinem Bette wie zur Zeit unserer -holden Liebe. Ja. Wo bist Du, Liebchen?“ - -Und die Börse auf den Boden werfend: - -„Nicht Dein Geld brauch ich, sondern Dich, Deinen holden Leib, Dein -gutes Herz, o, meine Geliebte! O Himmelsfreuden, Ihr kehrt nicht -wieder. Ich hatte mich gewöhnt, Dich nicht mehr zu sehen, ohne Liebe -zu leben, mein süßer Schatz. Und nunmehr verlässest Du mich, nachdem Du -wieder zu mir gekommen warst. Ach ich will sterben. Ha! mein Weib, wo -ist mein Weib?“ - -Und auf dem Boden, auf den er sich geworfen, weinte er heiße Zähren. -Dann riß er plötzlich die Tür auf und begann im Hemde in der ganzen -Herberge und auf der Straße umherzulaufen und zu schreien: - -„Mein Weib, wo ist mein Weib?“ - -Aber er kam bald zurück, denn die bösen Buben höhnten ihn und warfen -ihn mit Steinen. - -Und Ulenspiegel nötigte ihn sich anzukleiden und sprach zu ihm: „Sei -nicht untröstlich. Du wirst sie wiedersehen, sintemal Du sie gesehen -hast. Sie liebt Dich noch, da sie wieder zu Dir gekommen ist, denn ohne -Zweifel war sie es, die das Nachtmahl und die fürnehmen Zimmer bezahlt -hat und diesen vollen Säckel auf das Bett gelegt hat. Diese Metallspäne -sagen mir, daß dies nicht die Tat einer Ungetreuen ist. Weine nicht -mehr, und laß uns zur Verteidigung unseres Vaterlandes weiterziehen.“ - -„Laß uns noch in Brügge bleiben,“ sprach Lamm, „ich will durch die -ganze Stadt laufen und werde sie wiederfinden.“ - -„Du wirst sie nicht wiederfinden, da sie sich vor Dir versteckt,“ -sprach Ulenspiegel. - -Lamm stellte den Wirt zur Rede, aber dieser wollte ihm nichts sagen. - -Und sie machten sich auf nach Damm. - -Während sie so wanderten, sprach Ulenspiegel zu Lamm: - -„Warum sagst Du mir nicht, wie Du sie diese Nacht bei Dir fandest und -wie sie Dich verließ?“ - -„Mein Sohn,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß wir dem Fleisch, Bier -und Wein alle Ehre angetan hatten und daß ich mit Mühe schnaufte, als -wir zu Bett gingen. Ich trug eine Wachskerze wie ein fürnehmer Herr, -um mir zu leuchten, und hatte den Leuchter auf eine Truhe gesetzt, -um zu schlafen. Die Tür war halb offen geblieben, die Truhe war nahe -dabei. Als ich mich auskleidete, blickte ich mein Bett voller Liebe -und Sehnsucht nach Schlaf an. Die Wachskerze erlosch mit einem Mal. -Ich vernahm etwas wie einen Hauch und ein Geräusch leichter Schritte -in meiner Stube, aber maßen meine Schläfrigkeit größer war denn meine -Furcht, fiel ich schwer ins Bett. Da ich im Einschlafen war, sprach -eine Stimme, ihre Stimme, oh, mein Weib, mein armes Weib! sprach zu -mir: „Hast Du gut gespeist, Lamm?“ Und ihre Stimme war mir nahe, -desgleichen ihr Antlitz und ihr holder Leib.“ - - -41 - -Am selbigen Tage war König Philipp schwermütiger denn sonst, denn er -hatte zuviel Zuckergebäck gegessen. Er hatte auf seinem lebendigen -Klavizimbal gespielt; das war eine Kiste, die Katzen enthielt, deren -Köpfe durch runde Löcher unter den Tasten herauskamen. Jedesmal, -wenn der König auf eine Taste schlug, traf diese die Katze mit einem -Stachel, und das Tier miaute und jammerte vor Schmerz. - -Aber Philipp lachte nicht. - -Unablässig forschte er im Geiste, wie er Elisabeth, die große Königin, -besiegen und Marie Stuart auf den Thron von England setzen könne. -Zu dem Ende hatte er an den bedürftigen und verschuldeten Papst -geschrieben; der Papst hatte geantwortet, daß er für dieses Unternehmen -gern die heilgen Gefäße aus den Kirchen und die Schätze des Vatikans -verkaufen würde. - -Aber König Philipp lachte nicht. - -Ridolfi, der Buhle der Königin Maria, welcher sie zu befreien, hernach -zu heiraten und König von England zu werden hoffte, kam vor König -Philipp, um mit ihm den Mord Elisabeths abzukarten. Aber er war ein -solcher Schwätzer, wie der König schrieb, daß man von seiner Absicht -ganz offen an der Börse von Antwerpen gesprochen hatte. Und der Mord -unterblieb. - -Und Philipp lachte nicht. - -Später schickte der Blutherzog, den Befehlen des Königs zufolge, ein -Paar Mörder nach England. Ihr Erfolg war, gehenkt zu werden. - -Und Philipp lachte nicht. - -Und also machte Gott den Ehrgeiz dieses Vampirs zu nichte, der nichts -geringeres wollte, als Maria Stuart ihren Sohn zu rauben und an ihrer -Statt mit dem Papst über England zu herrschen. Und der Mörder erboste -sich, dies edle Land groß und mächtig zu sehen. Unablässig richtete er -seine farblosen Augen dahin und suchte, wie er es verderben möchte, -um danach über die Welt zu herrschen, die Reformierten auszurotten, -sonderlich die Reichen, und die Güter der Opfer zu erben. - -Aber er lachte nicht. - -Man brachte ihm Mäuse und Ratten in einem eisernen Kasten, mit hohen -Rändern, an einer Seite offen; und er setzte den Boden des Kastens auf -ein starkes Feuer und ergötzte sich daran, zu sehen und zu hören, wie -die armen Tierlein sprangen, schrieen, ächzten und starben. - -Aber er lachte nicht. - -Dann ging er bleich und mit zitternden Händen in die Arme der -Prinzessin Eboli, um die Glut der Wollust, an der Fackel der -Grausamkeit entzündet, zu löschen. - -Und er lachte nicht. - -Und die Prinzessin Eboli empfing ihn aus Furcht und nicht aus Liebe. - - -42 - -Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer. Die Bäume -am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen blieben in den Wiesen, -dieweil die Dienstleute der Kirchen und Abteien auf die Felder kamen, -um für die Pfarrer und Äbte den Dreizehnten von der Ernte zu holen. -Vom blauen, glühenden und tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab, -und die Natur schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes -Mädchen, das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist. -Die Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um nach den -Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten, derweil die -Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln ihnen ihre Beute streitig -machten. Vom Boden stieg ein warmer Dunst auf, der im Licht glänzte und -schillerte. Hoch vom Turm verkündete der Glöckner von Damm durch eine -gesprungene Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und -die Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die Frauen -schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre Brüder oder Männer -mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und man sah ihre roten Kappen über den -Heuhaufen. In der Ferne ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm -der Frauenkirche hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach: - -„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“ - -Aber Ulenspiegel antwortete nicht. - -„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht mein -Weib wiedersehen.“ - -Aber Ulenspiegel antwortete nicht. - -„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts Dich -ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit verbrachtest, -noch die teuren Schatten des armen Klas und der armen Soetkin, der -beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig noch fröhlich; was hat Dir -also das Herz ausgedörrt? Sieh mich an, wie bang und unruhig ich bin, -und wie ich trotz meines Wanstes hüpfe; sieh mich....“ - -Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und das -Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm. - -Und Lamm schwieg. - -So wanderten sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damm. Sie zogen -durch die Reiherstraße ein und sahen keine Seele wegen der Hitze. Die -Hunde lagen vor den Türschwellen mit heraushängender Zunge auf der -Seite und gähnten. Lamm und Ulenspiegel schritten bis zum Rathaus, -davor Klas war verbrannt worden. Ulenspiegels Lippen zitterten noch -mehr, und seine Tränen versiegten. Sie kamen vor Klasens Haus, das ein -Kohlenhändler bewohnte. Er trat ein und sprach zu ihm: - -„Erkennest Du mich? Ich will mich hier ausruhen.“ - -Der Kohlenhändler antwortete: - -„Ich erkenne Dich, Du bist der Sohn des Geopferten. Geh in diesem -Hause, wohin Du willst.“ - -Ulenspiegel ging in die Küche, dann in Klasens und Soetkins Kammer und -weinte dort. - -Als er wieder hinuntergestiegen war, sprach der Kohlenhändler zu ihm: - -„Hier ist Brot, Käse und Bier. So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, -trinke.“ - -Ulenspiegel winkte mit der Hand, daß er weder Hunger noch Durst habe. - -Dann ging er mit Lamm, der rittlings auf seinem Esel saß, dieweil -Ulenspiegel den seinen am Halfter führte. - -Sie kamen zu Kathelines Hütte, banden ihre Esel an und traten ein. Es -war Essenszeit. Auf dem Tisch standen grüne Bohnen in der Schale, mit -großen weißen Bohnen gemischt. Katheline aß. Nele stand neben ihr und -wollte just eine Essigtunke, die sie vom Feuer genommen, in Kathelines -Napf gießen. - -Da Ulenspiegel eintrat, erschrak sie so, daß sie den Topf mitsamt der -Tunke in Kathelines Napf warf. Diese begann kopfschüttelnd die Bohnen -um den Topf aufzusuchen, schlug sich gegen die Stirn und sagte wie eine -Irre: - -„Nehmt das Feuer fort! Der Kopf brennt!“ - -Der Geruch des Essigs machte Lamm hungrig. - -Ulenspiegel blieb stehen und blickte Nele an. Er lächelte liebevoll -inmitten seiner großen Trübsal. - -Und Nele legte ihre Arme um seinen Hals, ohne ihm ein Wort zu sagen. -Auch sie schien närrisch; sie weinte und lachte und errötete vor -großer, süßer Wonne; sie sagte nur immerfort: „Tyll, Tyll!“ Ulenspiegel -betrachtete sie gücklich. Dann ließ sie ihn los, trat ein wenig zurück, -schaute ihn freudig an, stürzte ihm wieder entgegen und umhalste ihn -stürmisch, und so etliche Male. Er umfaßte sie glückselig und konnte -sich nicht von ihr trennen, bis sie auf einen Stuhl sank, matt und wie -von Sinnen; und sie sagte ohne Scheu: - -„Tyll, Tyll, mein Geliebter, da bist Du wieder!“ - -Lamm stand an der Tür. Als Nele sich beruhigt hatte, sagte sie, auf ihn -deutend: - -„Wo hab’ ich diesen dicken Mann gesehen?“ - -„Das ist mein Freund,“ sagte Ulenspiegel. „Er begleitet mich und sucht -seine Frau.“ - -„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der -Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge gesehen, -allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich sie gefragt -hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen habe, antwortete sie -mir: - -„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen Buße; -aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“ - -Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit Essig an. -Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor und die erschlaffte -Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und Katheline stach mit ihrem -Löffel rund um den Topf nach den weißen Bohnen, den grünen Schoten und -der Tunke. - - -43 - -Zur selbigen Zeit ging ein fünfzehnjähriges Mägdlein allein bei hellem -Tage durch die Dünen von Heyst nach Knokke. Niemand sorgte sich um sie, -denn man wußte, daß die Werwölfe und die bösen, verdammten Seelen nur -bei Nacht beißen. In einem Beutel trug sie achtundvierzig Silbersous, -die vier Karolusgülden wert waren, welche ihre Mutter, Toria Pieterson, -zu Heyst wohnhaft, ihrem Ohm, Jan Rapen zu Knokke, von einem Verkauf -her schuldete. Das Mägdlein, Betkin genannt, ging, mit ihren schönsten -Kleidern angetan, frohgemut von dannen. - -Am Abend besorgte sich ihre Mutter, da sie nicht heim kam. Doch sie -gedachte, daß sie bei ihrem Oheim genächtigt hätte, und beruhigte sich. - -Am folgenden Tag zogen Fischer, die mit vollen Netzen vom Meere -zurückkamen, ihr Boot auf den Strand und luden ihre Fische auf Wagen, -um sie wagenweise nach dem Stadtrecht von Heyst zu verganten. Sie -stiegen den mit Muscheln besäeten Pfad hinan und fanden auf der Düne -ein nacktes ausgeplündertes Mädchen, selbst des Hemdes entblößt; um sie -her war Blut. Da sie nahe kamen, sahen sie an ihrem armen, gebrochenen -Halse die Spuren langer, spitzer Zähne. Sie lag auf dem Rücken, und -ihre Augen waren offen und blickten gen Himmel, und der Mund war -gleicherweise offen, als ob sie in Todesangst schreien wollte! - -Sie bedeckten des Mägdleins Leichnam mit einem Oberkleid und trugen ihn -nach Heyst ins Rathaus. Alsobald versammelten sich die Schöffen und der -Wundarzt, welcher erklärte, das diese langen Zähne nicht Wolfszähne -wären, wie die Natur sie macht, sondern die eines schlimmen und -höllischen Werwolfs, und daß man Gott bitten müsse, das Land Flandern -zu erlösen. - -Und in der ganzen Grafschaft, sonderlich in Damm, Heyst und Knokke, -wurden Fürbitten und Gebete angeordnet. Und das Volk stand wehklagend -in den Kirchen. - -In der Heyster Kirche, in der des Mägdleins Leiche ausgestellt war, -weinten die Männer und Weiber beim Anblick ihres blutigen, zerrissenen -Halses. Und die Mutter sagte in der Kirche: „Ich will zum Werwolf gehen -und ihn mit den Zähnen töten.“ - -Und die Frauen trieben sie weinend an, solches zu tun. Und etliche -sagten: - -„Du wirst nicht wiederkehren.“ - -Und sie machte sich mit ihrem Mann und ihren beiden wohlbewaffneten -Brüdern auf, den Wolf in Strand, Düne und Tal zu suchen, aber sie -fanden ihn nicht. Und ihr Mann mußte sie nach Hause bringen, denn sie -hatte sich in der nächtlichen Kälte das Fieber geholt. Und sie wachten -bei ihr und flickten die Netze für den nächsten Fischzug. - -In Erwägung, daß der Werwolf ein Tier ist, so von Blut lebt und nicht -die Toten plündert, sagte der Amtmann von Damm, daß ohne Zweifel Diebe, -die durch die Dünen streiften, diesem ihres ungerechten Vorteils wegen -nachgingen. Darum ließ er durch öffentliches Ausschellen bekannt -machen, daß männiglich wohl bewaffnet und mit Knütteln versehen auf -alle Bettler und Tagediebe losgehen, sie gefangen nehmen und visitieren -solle, ob sie in ihren Taschen Goldkarolus oder das eine und andre -Stück von der Kleidung des Opfers hätten. Hernach sollten die rüstigen -Bettler und Tagediebe auf des Königs Galeeren gebracht werden, die -alten und bresthaften aber solle man laufen lassen. Aber man fand -nichts. - -Ulenspiegel ging zum Amtmann und sprach: - -„Ich will den Werwolf umbringen.“ - -„Wer gibt Dir Zuversicht?“ fragte der Amtmann. - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. „Gebt mir -Erlaubnis, in der Gemeindeschmiede zu arbeiten.“ - -„Du magst es tun,“ sprach der Amtmann. - -Ulenspiegel sagte keinem aus Damm, weder Mann noch Weib, ein Wort über -seinen Anschlag, ging nach der Schmiede und schmiedete dort insgeheim -eine schöne und große Falle, um wilde Tiere zu fangen. - -Am folgenden Samstag, dem Lieblingstage des Werwolfs, machte -Ulenspiegel sich auf. Er trug einen Brief des Amtmanns an den Pfarrer -von Heyst und die Falle unter seinem Mantel. Im Übrigen war er mit -einer guten Armbrust und einem wohlgewetzten Dolchmesser bewehrt und -sprach zu Denen von Damm: - -„Ich will Möwen jagen und aus ihren Daunen der Frau Amtmännin -Kopfkissen machen.“ - -Auf dem Wege nach Heyst kam er auf den Strand und hörte die hohle See -große Wogen mit Donnergebrüll rollen; und der Wind, der von Engelland -blies, heulte im Tauwerk der gescheiterten Schiffe. Ein Fischer sprach -zu ihm: - -„Dieser böse Wind ist unser Schade. Diese Nacht war das Meer still, -aber nach Sonnenaufgang hat es sich jählings empört. Wir können nicht -zum Fischfang hinaus.“ - -Ulenspiegel war froh, denn er war solcherart sicher, in der Nacht Hülfe -zu finden, wenn es not tat. - -In Heyst ging er zum Pfarrer und gab ihm des Amtmanns Brief. - -Der Pfarrer sprach zu ihm: - -„Du bist kühn, allein wisse, daß keiner am Samstag Abend allein durch -die Dünen geht, der nicht gebissen und tot auf dem Sande gelassen wird. -Die Deicharbeiter und andere wollen nur in Scharen gehen. Der Abend -sinkt. Hörst Du den Werwolf im Tal heulen? Wird er wiederum, wie in -der verwichenen Nacht, auf dem Kirchhof die ganze Nacht entsetzlich -schreien? Gott sei mit Dir, mein Sohn, aber geh nicht dorthin.“ - -Und der Pfarrer bekreuzte sich. - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel. - -Der Pfarrer sagte: - -„Dieweil Du so tapferen Willen hast, will ich Dir beistehen.“ - -„Herr Pfarrer,“ sprach Ulenspiegel, „Ihr tätet an mir und dem armen, -untröstlichen Lande ein löbliches Werk, wenn Ihr zu Toria, des Mädchens -Mutter, und desgleichen zu ihren beiden Brüdern ginget, um ihnen zu -sagen, daß der Wolf in der Nähe ist und daß ich ihn erwarten und töten -will.“ - -Der Pfarrer sagte: - -„Wenn Du noch nicht weißt, auf welchem Wege Du Dich aufstellen sollst, -so halte Dich auf dem, der zum Kirchhof führt. Er ist zwischen zwei -Ginsterhecken, nicht breit genug für zwei Männer.“ - -„Ich werde mich dort aufstellen,“ versetzte Ulenspiegel. „Und Ihr, -wackerer Herr Pfarrer, Helfer bei der Befreiung, befehlt und gebietet -der Mutter des Mägdleins, ihrem Mann und ihren Brüdern, sich vor der -Nachtstunde wohlbewaffnet in der Kirche einzufinden. Wenn sie den -Schrei der Möwe hören, so heißt das, daß ich den Werwolf gesehen habe. -Sie müssen sogleich die Sturmglocke läuten und mir zu Hülfe kommen. Und -wenn noch andere tapfere Männer da sind ...?“ - -„Es sind keine da, mein Sohn,“ antwortete der Pfarrer. „Die Fischer -fürchten den Werwolf mehr als Pest und Tod. Aber geh nicht hin.“ - -Ulenspiegel erwiderte: - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen.“ - -Drauf sprach der Pfarrer: - -„Ich werde tun, wie Du begehrst. Sei gesegnet. Hast Du Hunger oder -Durst?“ - -„Beides,“ gab Ulenspiegel zur Antwort. - -Der Pfarrer gab ihm Bier, Brot und Käse. - -Ulenspiegel trank, aß und machte sich auf den Weg. - -Unterwegs, da er die Augen aufhob, sah er seinen Vater Klas in der -Herrlichkeit zur Seite Gottes im Himmel, wo der helle Mond schien, und -er betrachtete das Meer und die Wolken, und er hörte den Sturmwind von -Engelland wehen. - -„Wehe,“ sprach er, „Ihr schwarzen, raschen Wolken, Ihr seid wie die -Rache auf den Fersen des Mordes. Du grollendes Meer, Du Himmel, der -sich schwärzt wie der Höllenschlund, Ihr Wogen mit feurigem Schaum, die -Ihr über das düstere Wasser laufet und ungeduldig und zornig zahllose -feurige Tiere, Ochsen, Schafe, Pferde und Schlangen schleudert, so sich -über die Flut wälzen oder sich emporrecken und Flamenregen speien, -pechschwarzes Meer, schwarzumflorter Himmel, flammt mit mir, den -Werwolf, den schlimmen Mädchenmörder, zu bekämpfen. Und Du Wind, der -Du kläglich im Dünengras und im Takelwerk der Schiffe heulst, Du bist -die Stimme der Opfer, die Gott um Rache anrufen, der mir bei diesem -Unterfangen beistehen möge.“ - -Und er stieg in das Tal hinab und schwankte auf seinen Naturstützen, -als ob er ein Saufgelage im Kopf und den Magen mit Kohl überladen -hätte. Und er sang rülpsend, taumelnd und spuckend, stand still und -stellte sich, als ob er sich erbräche. Aber in Wahrheit machte er die -Augen auf, um alles um sich her wohl zu betrachten, als er plötzlich -ein gellendes Geheul hörte und beim Schein des hellen Mondes die lange -Gestalt eines Wolfes gegen den Kirchhof laufen sah. - -Wiederum taumelnd, trat er auf den Fußsteig, der zwischen den -Ginsterbüschen gebahnt war. Dort tat er, als ob er fiele, und stellte -die Falle nach der Seite auf, von wo der Wolf kam, lud seine Armbrust -und ging zehn Schritt weiter in der Haltung eines Trunkenen, immerdar -taumelnd, rülpsend und würgend. Aber in Wahrheit spannte er seinen -Geist wie einen Bogen und hielt Augen und Ohren weit offen. - -Und er sah nichts als die Wolkengebilde, die wie toll über den Himmel -jagten, und eine breite, dicke, kurze, schwarze Gestalt, die auf ihn -zukam. Und er vernahm nichts als das klagende Heulen des Windes, das -Donnergrollen des Meeres und das Knirschen der Muscheln des Meeres -unter einem schweren, springenden Schritt. - -Er tat, als wollte er sich setzen, und fiel schwer wie ein Trunkenbold -auf den Weg. Und er spie aus. - -Dann hörte er zwei Schritte von seinem Ohr ein Klirren von Eisenwerk, -dann das Zuklappen der Falle und den Schrei eines Menschen. - -„Der Werwolf hat seine Vorderpfoten in der Falle,“ sprach er. „Er -erhebt sich heulend, schüttelt das Eisen und möchte laufen. Aber er -wird nicht entkommen.“ - -Und er schoß ihm mit der Armbrust einen Bolzen in die Beine. - -„Jetzt fällt er getroffen zu Boden.“ - -Und er schrie wie eine Möwe. - -Plötzlich läutete die Kirchenglocke Sturm und eine helle Knabenstimme -rief im Dorfe: - -„Erwacht, Ihr Schläfer, der Werwolf ist gefangen.“ - -„Lob sei Gott,“ sprach Ulenspiegel. - -Toria, Betkins Mutter, Lansaem, ihr Mann, Josse und Michiel, ihre -Brüder, kamen zuerst mit Laternen. - -„Ist er gefangen?“ fragten sie. - -„Schaut auf den Weg,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Gott sei gelobt!“ sagten sie. - -Und sie bekreuzten sich. - -„Wer läutet da?“ fragte Ulenspiegel. - -Lansaem antwortete: - -„Das ist mein Ältester; der Jüngste läuft durch das Dorf, pocht an die -Türen und ruft, daß der Wolf gefangen ist. Dir sei Lob und Dank!“ - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel. - -Plötzlich redete der Werwolf und sprach: - -„Hab Erbarmen mit mir, Erbarmen, Ulenspiegel.“ - -„Der Wolf spricht,“ sagten sie, sich alle bekreuzend. „Er ist ein -Teufel und kennt schon Ulenspiegels Namen.“ - -„Hab Erbarmen, Erbarmen,“ sagte die Stimme. „Heiße die Glocke -schweigen; sie läutet für die Toten. Erbarmen, ich bin kein Wolf. -Meine Handgelenke sind von der Falle durchbohrt; ich bin alt und -blute, Erbarmen! Was ist das für eine helle Kinderstimme, die das Dorf -aufweckt? Erbarmen!“ - -„Dich hört ich schon früher sprechen“, sagte Ulenspiegel ungestüm. „Du -bist der Fischhändler, Klasens Mörder, der Vampir der armen Mägdlein. -Gevatter und Gevatterinnen, habet keine Furcht. Es ist der Älteste, der -nämliche, durch den Soetkin vor Kummer starb.“ - -Und mit der einen Hand hielt er ihn am Hals unterm Kinn, mit der andern -zog er sein Dolchmesser. - -Aber Toria, Betkins Mutter, hielt ihn zurück. - -„Fangt ihn lebendig,“ schrie sie. - -Und sie riß ihm seine weißen Haare in Büscheln aus und zerfleischte -sein Gesicht mit ihren Nägeln. - -Und sie heulte vor grimmer Wut. - -Mit den Händen in der Falle, sprang der Werwolf vor heftigem Schmerz -auf dem Wege herum. - -„Erbarmen,“ sprach er, „Erbarmen, bringt dies Weib fort. Ich werde zwei -Karolus geben. Zerbrecht die Glocken! Wo sind die schreienden Kinder?“ - -„Lasset ihn am Leben!“ schrie Toria, „damit er büßt! Die Sterbeglocken, -die Sterbeglocken für Dich, Mörder. Bei langsamen Feuer mit glühenden -Zangen! Laßt ihn leben, damit er büßt!“ - -Inzwischen hatte Toria ein Waffeleisen mit langen Armen vom Weg -aufgehoben. Sie betrachtete es beim Fackelschein und sah innen auf den -beiden Eisenplatten tief eingegrabene Rauten nach Brabanter Art; des -Weiteren war es wie ein eiserner Rachen mit langen, spitzen Zähnen -versehen. Wenn sie es öffnete, war es wie der Rachen ein Windspiels. - -Da Toria das Waffeleisen hielt, es auf und zu klappte und das Metall -klirren ließ, schien sie von männlicher Raserei betört. Sie knirschte -mit den Zähnen, röchelte wie eine Sterbende und ächzte, gepeinigt von -glühendem Rachedurst. Sie quetschte den Gefangenen mit dem Gerät an den -Armen, Beinen und überall, in Sonderheit aber am Halse, und allemal, -wenn sie ihn quetschte, sagte sie: - -„So tat er mit den eisernen Zähnen bei Betkin. Er büßt. Blutest Du, -Mörder? Gott ist gerecht. Die Sterbeglocken! Betkin ruft mich zur -Rache. Fühlst Du die Zähne, das ist Gottes Rachen!“ - -Und ohne Unterbrechung noch Erbarmen quetschte sie ihn und schlug ihn -mit dem Waffeleisen, wenn sie nicht quetschen konnte. Und ihrer großen -Ungeduld halber tötete sie ihn nicht. - -„Übt Barmherzigkeit“, schrie der Gefangene. „Ulenspiegel, erstich -mich mit dem Messer, dann sterb’ ich schneller. Nehmt dies Weib fort. -Zerbrich die Totenglocken, töte die schreienden Kinder.“ - -Und Toria zerhackte ihn immerfort, bis ein alter Mann, der Mitleid -hatte, ihr das Waffeleisen aus den Händen nahm. - -Da spie Toria den Werwolf ins Gesicht, riß ihm die Haare aus und sagte -dabei: „Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen wirst Du büßen! Meine -Nägel an Deine Augen!“ - -Auf das Gerücht hin, daß der Werwolf ein Mensch und kein Teufel sei, -waren derweil alle Fischer, Bauern und Weiber von Heyst herbeigekommen. -Etliche trugen Laternen und brennende Fackeln. Und alle schrieen: - -„Mörderischer Dieb, wo verbirgst Du das Gold, das Du den armen Opfern -stahlest? Er soll alles herausgeben.“ - -„Ich habe keins; habt Erbarmen,“ sagte der Fischhändler. - -Und die Weiber warfen ihn mit Steinen und Sand. - -„Er büßt, er büßt!“ schrie Toria. - -„Erbarmen“, ächzte er. „Mein Blut fließt und durchnäßt mich. Erbarmen!“ - -„Dein Blut,“ sprach Toria. „Dir wird noch genug verbleiben, um zu -büßen. Legt Balsam auf seine Wunden. Mit abgehauener Hand, bei -langsamen Feuer und glühenden Zangen soll er büßen, büßen!“ Und sie -wollte ihn schlagen. - -Dann fiel sie bewußtlos, wie tot, auf den Sand; und man ließ sie -liegen, bis sie wieder zu sich kam. - -Indessen hatte Ulenspiegel die Hände des Gefangenen aus der Falle -losgemacht und sah, daß an der rechten Hand drei Finger fehlten. - -Und er befahl, ihn festzubinden und in einen Fischerkorb zu legen. -Männer, Weiber und Kinder trugen abwechselnd den Korb. So zogen sie -nach Damm, um dort Gerechtigkeit zu fordern. Und sie trugen Fackeln und -Laternen. - -Und der Fischhändler sagte unaufhörlich: „Zerschlagt die Glocken, tötet -die schreienden Kinder!“ - -Und Toria sagte: „Er soll büßen, bei langsamen Feuer und glühenden -Zangen soll er büßen.“ - -Dann waren alle beide still. Und Ulenspiegel hörte nichts mehr als -Torias stoßweises Atmen, den schweren Tritt der Männer auf dem Sand und -das Meer, das wie Donner grollte. - -Und Trauer im Herzen, betrachtete er die Wetterwolken, die wie toll -über den Himmel jagten, die See, auf der man feurige Schafe erblickte, -und beim Schimmer der Fackeln und Laternen das fahle Gesicht des -Fischhändlers, der ihn mit grausamen Augen ansah. - -Und die Asche brannte auf seinem Herzen. - -Und vier Stunden lang marschierten sie bis Damm, allwo das Volk in -Menge versammelt war, denn man hatte schon Kunde erhalten. Alle wollten -den Fischhändler sehen, und schreiend, singend und tanzend, folgten sie -der Fischerschar und sagten: - -„Der Werwolf ist gefangen, er ist gefangen, der Mörder! Gesegnet sei -Ulenspiegel. Lang lebe unser Bruder Ulenspiegel!“ - -Und es war wie ein Volksaufstand. - -Da sie vor des Amtmanns Haus kamen, trat dieser heraus und sagte zu -Ulenspiegel: - -„Du bist der Sieger. Dir sei Lob und Dank!“ - -„Klasens Asche brannte auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel. - -Darauf sprach der Amtmann: - -„Du sollst die halbe Erbschaft des Mörders haben.“ - -„Gebet den Opfern,“ erwiderte Ulenspiegel. - -Lamm und Nele kamen. Nele lachte und weinte vor Freude und küßte ihren -Freund Ulenspiegel. Lamm sprang schwerfällig in die Luft, klopfte ihm -auf den Bauch und sagte: - -„Dieser ist tapfer, treu und rechtschaffen. Er ist mein lieber Geselle; -Ihr habt nicht seines Gleichen, Ihr Leute vom platten Lande.“ - -Aber die Fischer lachten und spotteten seiner. - - -44 - -Die Sturmglocke läutete am nächsten Tage, um Amtmann, Schöffen und -Gerichtsschreiber zur „Vierschare“ zu rufen: zum Gericht auf den vier -Rasenbänken unter dem Gerichtsbaum, welcher eine schöne Linde war. -Ringsum stund das gemeine Volk. Der Fischhändler wollte im Verhör -nichts bekennen, selbst nicht, als man ihm die drei Finger vorwies, die -der Soldat abgeschnitten hatte und die an seiner rechten Hand fehlten. -Er sagte immerdar: - -„Ich bin arm und alt, übt Barmherzigkeit.“ - -Doch das gemeine Volk höhnte ihn und sprach: - -„Du bist ein alter Wolf, ein Kinderschlächter; habt kein Mitleid, Ihr -Herren Richter.“ - -Die Weiber sagten: - -„Sieh uns nicht mit Deinen kalten Augen an, Du bist ein Mensch und -kein Teufel. Wir fürchten Dich nicht. Grausame Bestie, feiger als -eine Katze, die die Vöglein im Neste verspeist, Du tötest die armen -Mägdlein, die ihr zartes Leben in Ehrbarkeit zu leben begehrten.“ - -„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen“, schrie Toria. - -Und den Gemeindebütteln zum Trotz hetzten die Mütter die Buben auf, -den Fischhändler mit Steinen zu werfen. Und sie taten es gern, höhnten -ihn jedesmal, wenn er sie ansah, und schrieen immerfort: „Blutsauger, -schlagt ihn tot!“ - -Und Toria schrie ohne Unterlaß: - -„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen!“ - -Und das Volk murrte. - -„Sehet,“ sprachen die Weiber untereinander „wie es ihn friert in der -hellen Sonne, die am Himmel leuchtet und bescheint seine weißen Haare -und sein Gesicht, das Toria zerfleischt hat.“ - -„Und er zittert vor Schmerz.“ - -„Das ist Gottes Gericht.“ - -„Er steht mit kläglicher Miene da.“ - -„Seht seine Mörderhände! Sie sind ihm vorn zusammengebunden und bluten -von den Wunden der Falle.“ - -„Er soll büßen, büßen!“ schrie Toria. - -Er sagte jammernd: „Ich bin arm, laßt mich frei!“ - -Und jeder, selbst die Richter, lachten ihn aus, als sie das hörten. Er -weinte zum Schein, um Mitleid zu erregen. Und die Frauen lachten. - -In Anbetracht hinlänglicher Beweise ward er verurteilt, auf die Folter -gespannt zu werden, bis er bekannt hätte, wie er zu töten pflegte, -woher er gekommen, wo das den Opfern geraubte Gut sei und wo er sein -Gold versteckt hätte. - -Da er in der Marterkammer war, mit zu engen Stiefeln aus neuem Leder -angetan, und der Amtmann ihn fragte, wie Satan ihm so schwarze -Anschläge und so schändliche Verbrechen eingegeben habe, antwortete er: - -„Ich selbst bin Satan, mein natürlich Wesen. Von häßlichem Aussehen -und zu allen körperlichen Übungen ungeschickt, ward ich schon als -ein kleines Kind von jedermann für einen Tropf gehalten und oftmals -geschlagen. Nicht Knabe noch Mägdlein hatte Mitleid mit mir. In meiner -Jugend wollte mich keine, selbst nicht für Geld. Da faßte ich kalten -Haß gegen alle vom Weibe geborne Kreatur. Darum zeigte ich Klas an, den -jedermann liebte. Und ich liebte einzig das Geld, das war meine weiße -oder goldene Geliebte; ich fand Nutzen und Vergnügen daran, Klas in -den Tod zu treiben. Hernach mußte ich noch mehr als zuvor gleich einem -Wolf leben, und ich träumte vom Beißen. Als ich durch Brabant kam, sah -ich dort die Waffeleisen dieses Landes und dachte, daß ihrer eins mir -ein guter eiserner Rachen sein würde. Hielte ich Euch doch am Kragen, -Ihr bösen Tiger, die Ihr Euch an den Qualen eines Greises ergötzt! Ich -würde Euch mit größerer Lust beißen als den Soldaten und das Mägdlein. -Denn da ich es in seinem Liebreiz auf dem Sande in der Sonne schlafen -sah, das Säcklein mit Geld in den Händen haltend, war Liebe und Mitleid -in mir. Aber da ich mich zu alt fühlte und sie nicht besitzen konnte, -biß ich sie ...“ - -Auf des Amtmanns Frage, wo er wohne, antwortete der Gefangene: - -„In Ramskapelle, von wo ich nach Blankenberghe, Heyst, ja selbst nach -Knokke gehe. An den Sonn- und Kirmestagen mache ich in allen Dörfern -Waffeln nach Brabanter Art, mit diesem Gerät hier. Und es ist immer -sauber und wohl eingefettet. Und diese ausländische Neuheit ward gut -aufgenommen. So es Euch gefällt, noch mehr davon zu erfahren, und wie -es zuging, daß niemand mich erkennen konnte, so will ich Euch sagen, -daß ich mir tags das Gesicht schminkte und meine Haare rot färbte. Was -das Wolfsfell anlangt, auf das Ihr mit Eurem grausamen Finger weiset, -dieweil Ihr mich verhört, so will ich Euch zum Trotze sagen, daß es von -zwei Wölfen stammt, die ich in den Forsten von Raveschoot und Maldeghen -geschossen habe. Ich brauchte nur die Häute zusammenzunähen, um mich -damit zu bedecken. Ich verbarg sie in meiner Kiste in den Heyster -Dünen. Da sind auch die Kleidungsstücke, die ich gestohlen, um sie -später bei guter Gelegenheit zu verkaufen.“ - -„Nehmt ihn vom Feuer fort,“ sagte der Amtmann. - -Der Henker gehorchte. - -„Wo ist dein Gold?“ fragte wiederum der Amtmann. - -„Der König wird es nicht erfahren,“ antwortete der Fischhändler. - -„Versengt ihn stärker mit den brennenden Lichten. Bringt ihn näher ans -Feuer,“ sagte der Amtmann. - -Der Henker gehorchte, und der Gefangene schrie: - -„Ich will nichts sagen. Ich habe schon zu viel geredet: Ihr werdet mich -verbrennen. Ich bin kein Zauberer, warum setzt Ihr mich wieder ans -Feuer? Meine Füße bluten vom vielen Brennen. Ich werde nichts sagen. -Warum noch näher? Sie bluten, sag ich Euch, sie bluten. Diese Stiefel -sind Schienen von glühendem Eisen. Mein Gold? Wohlan, mein einziger -Freund in dieser Welt, es ist ... bringt mich vom Feuer fort; es ist -in meinem Keller in Ramskapelle in einem Kasten ... lasset es mir. -Gnade und Erbarmen, Ihr Herren Richter! Verfluchter Henker, nimm die -Lichte fort ... Er brennt mich stärker ... Es ist in einem Kasten mit -doppeltem Boden, in Wolle eingewickelt, damit man kein Geräusch hört, -wenn der Kasten geschüttelt wird. Nun habe ich alles gesagt; nehmt mich -fort.“ - -Da er vom Feuer fortgenommen war, lächelte er boshaft. - -Der Amtmann fragte ihn warum. - -„Aus Freude, erlöst zu sein,“ antwortete er. - -Der Amtmann sagte zu ihm: - -„Hat keiner Dich gebeten, Dein gezahntes Waffeleisen zu zeigen?“ - -Der Fischhändler antwortete: - -„Man sah, daß es gleich allen andern war, nur daß es Löcher hat, in die -ich die Eisenzähne einschraubte. Bei Tagesanbruch nahm ich sie heraus. -Die Bauern ziehen meine Waffeln denen andrer Händler vor und heißen -sie: ~Waefels met brabandsche Knopen~, Waffeln mit Brabanter Knöpfen, -weil die leeren Löcher, wenn die Zähne herausgenommen sind, kleine -Halbkugeln wie Knöpfe bilden.“ - -Aber der Amtmann darauf: - -„Wann packtest Du die armen Opfer?“ - -„Bei Tag und Nacht. Bei Tage streifte ich durch die Dünen und auf den -Landstraßen und stand mit meinem Waffeleisen auf der Lauer, sonderlich -des Samstags, dem Tag des großen Brügger Markts. Sah ich irgend einen -Bauer trübsinnig daherschlendern, so ließ ich ihn gehen, denn ich -vermeinte, daß er wohl an Schwindsucht des Geldbeutels leide. Aber ich -ging Dem zur Seite, den ich lustig wandern sah, und wenn er des nicht -gewärtig war, biß ich ihn in den Hals und nahm seinen Säckel. Und nicht -allein in den Dünen, sondern auf allen Stegen und Wegen des platten -Landes.“ - -Darauf sprach der Amtmann: - -„Bereue und bete zu Gott.“ - -Aber der Fischhändler lästerte: - -„Der Herrgott hat mich so gewollt, wie ich bin. Ich tat alles wider -Willen, durch den Zwang der Natur getrieben. Ihr bösen Tiger, Ihr -bestraft mich ungerecht. Aber verbrennt mich nicht ... Ich tat alles -wider Willen. Habt Erbarmen, ich bin arm und alt; ich werde an meinen -Wunden sterben, verbrennt mich nicht.“ Nunmehr ward er zur „Vierschare“ -unter die Linde gebracht, um dort vor versammeltem Volk sein Urteil zu -vernehmen. - -Als abscheulicher Mörder, Dieb und Gotteslästerer ward er verurteilt, -daß ihm die Zunge mit glühendem Eisen durchbohrt, die rechte Hand -abgeschnitten, und er bei langsamem Feuer lebendig verbrannt werden -sollte, bis der Tod einträte, und dies vor den Gitterfenstern des -Rathauses. - -Und Toria schrie: - -„Das ist Gerechtigkeit! Er büßt!“ - -Und das Volk rief: - -„~Lang leven de Heeren van de wet~, langes Leben den Herren Richtern!“ - -Er ward ins Gefängnis zurückgebracht, wo man ihm Fleisch und Wein gab. -Und er wurde guter Dinge und sagte, daß er dergleichen bis zur Stunde -nie gegessen noch getrunken habe; aber der König, der sein Vermögen -erbe, könnte ihm wohl diese letzte Mahlzeit bezahlen. - -Und er lachte bitter. - -Am nächsten Tage bei Morgengrauen, da man ihn zur Richtstatt führte, -sah er Ulenspiegel neben dem Scheiterhaufen stehen und rief, mit dem -Finger auf ihn deutend: - -„Jener dort, der Greisenmörder, muß gleichfalls sterben. Vor zehn -Jahren warf er mich in den Brügger Kanal, weil ich seinen Vater -verklagt hatte. Hierin diente ich Seiner Katholischen Majestät als -getreuer Untertan.“ - -Das Armesünderglöcklein der Frauenkirche läutete. - -„Auch für Dich läutet die Glocke,“ sagte er zu Ulenspiegel. „Du wirst -gehenkt werden, denn Du hast getötet.“ - -„Der Fischhändler lügt,“ schrien alle, so dem gemeinen Volk angehörten; -„er lügt, der mörderische Henker.“ - -Wie eine Verrückte warf Toria ihn mit einem Stein, der ihn an der Stirn -verletzte, und schrie: - -„Wenn er Dich ersäuft hätte, so hättest Du nicht gelebt, um als ein -blutsaugender Vampir mein armes Töchterlein zu beißen.“ - -Ulenspiegel blieb stumm; Lamm sagte: - -„Hat einer ihn den Fischhändler ins Wasser werfen sehen?“ - -Ulenspiegel gab keine Antwort. - -„Nein, nein,“ schrie das Volk, „er hat gelogen, der Henker!“ - -„Nein, ich habe nicht gelogen,“ schrie der Fischhändler; „er warf mich -hinein, dieweil ich ihn anflehte, mir zu vergeben. Doch ich hielt mich -an einem am Ufer verankerten Kahn fest und rettete mich. Durchnäßt und -fröstelnd, erreichte ich mit Mühe meine armselige Behausung. Dort bekam -ich das Fieber, keiner pflegte mich, und ich vermeinte zu sterben.“ - -„Du lügst,“ sagte Lamm, „keiner hat es gesehen.“ - -„Nein, keiner hat es gesehen!“ schrie Toria. „Ins Feuer mit dem Henker. -Vorm Sterben muß er noch ein unschuldiges Opfer haben; ins Feuer, auf -daß er büße! Er hat gelogen. Wenn Du es getan hast, gestehe nichts, -Ulenspiegel. Er hat keine Zeugen. Bei langsamem Feuer und glühenden -Zangen soll er büßen.“ - -„Hast Du den Mord begangen?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel. - -Ulenspiegel antwortete: - -„Ich habe Klasens mörderischen Ankläger ins Wasser geworfen. Meines -Vaters Asche brannte auf meinem Herzen.“ - -„Er gesteht,“ sagte der Fischhändler, „er wird auch sterben. Wo ist -der Galgen, daß ich ihn sehe? Wo ist der Henker mit dem Schwert der -Gerechtigkeit? Das Armesünderglöcklein läutet für Dich, Taugenichts, -Greisenmörder.“ - -Ulenspiegel sagte: - -„Ich habe Dich ins Wasser geworfen, um Dich umzubringen. Die Asche -brannte auf meinem Herzen.“ - -Und die Weiber im Volk sagten: - -„Warum gestehst Du’s, Ulenspiegel? Niemand hat es gesehen; jetzt mußt -Du sterben.“ - -Und der Gefangene lachte und sprang vor boshafter Freude und schwenkte -seine gefesselten, mit blutigen Binden bedeckten Arme. - -„Er wird sterben,“ sagte er, „und von der Erde zur Hölle fahren als -Lump, Dieb und Taugenichts, mit dem Strick um den Hals wird er sterben; -Gott ist gerecht.“ - -„Er wird nicht sterben,“ sagte der Amtmann. „Nach zehn Jahren ist der -Mord auf flandrischem Boden verjährt. Ulenspiegel hat eine schlechte -Tat begangen, aber aus kindlicher Liebe. Ulenspiegel wird über diesen -Fall nicht verhört werden.“ - -„Es lebe das Gesetz,“ rief das Volk. - -Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten. Und der Gefangene -knirschte mit den Zähnen, senkte den Kopf und weinte seine erste Träne. - -Die Hand wurde ihm abgehackt und die Zunge mit glühenden Eisen -durchbohrt, und er ward bei langsamem Feuer vor den Gitterfenstern des -Rathauses verbrannt. - -Im Verscheiden rief er: - -„Der König wird mein Gold nicht bekommen; ich habe gelogen ... Ihr -grausamen Tiger, ich werde wiederkommen und Euch beißen.“ - -Und Toria schrie: - -„Er büßt, er büßt! Die Arme und Beine, die zum Mord eilten, krümmen -sich. Der Körper des Schlächters raucht. Sein weißes Hyänenhaar brennt -auf seiner bleichen Fratze. Er büßt! Er büßt!“ - -Und mit wölfischem Geheul starb der Fischhändler. - -Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten. - -Und Lamm und Ulenspiegel bestiegen wieder ihre Esel. - -Nele blieb betrübten Herzens bei Katheline, die ohne Unterlaß sagte: - -„Nehmt das Feuer fort! Mein Kopf brennt, Hanske, mein Buhle, komm -wieder!“ - - - - -Viertes Buch - - -1 - -Von den Dünen von Heyst aus sahen Ulenspiegel und Lamm viele -Fischerboote von Ostende, Blankenberghe und Knokke kommen, die voll -Bewaffneter waren und den Geusen von Zeeland folgten, welche am Hut den -silbernen Halbmond mit der Inschrift tragen: „Lieber dem Türken denn -dem Papst dienen.“ - -Ulenspiegel ist frohgemut und trillert wie eine Lerche; von allen -Seiten antwortet der kriegerische Trompetenton des Hahnes. - -Die Bootsleute rudern oder fischen und verkaufen ihre Fische, und ein -Boot nach dem andern legt in Emden an. Dort weilt Guillaume de Bois, -welcher im Auftrage des Prinzen von Oranien ein Schiff ausrüstet. - -Ulenspiegel und Lamm kommen nach Emden, dieweil die Geusenschiffe auf -Très-Long’s Befehl wieder das offene Meer gewinnen. - -Très-Long, der seit elf Wochen in Emden lag, ward von Ungeduld -verzehrt. Er ging vom Schiff an Land und vom Land aufs Schiff, gleich -einem Bären an der Kette. - -Ulenspiegel und Lamm spazieren am Hafendamm umher und erblicken allda -einen fürnehmen Herrn mit biedrem Gesicht, der ein wenig Trübsal bläst -und geschäftig ist, mit einem Spieß einen Pflasterstein des Hafendammes -herauszubohren. Es gelang nicht, aber er versuchte dennoch, das -Unternehmen zu gutem Ende zu führen, dieweil hinter ihm ein Hund einen -Knochen benagte. - -Ulenspiegel nähert sich dem Hund und tut, als wolle er ihm den Knochen -rauben. Der Hund knurrt. Ulenspiegel läßt nicht nach und der Hund -vollführt ein heftiges Gebell. - -Der Herr dreht sich bei dem Lärm um und spricht zu Ulenspiegel: - -„Was hast Du davon, dieses Tier zu quälen?“ - -„Was habt Ihr davon, Herr, dieses Pflaster zu quälen?“ - -„Das ist nicht das gleiche,“ sagt der Herr. - -„Der Unterschied ist nicht groß,“ entgegnet Ulenspiegel. „Dieser Hund -hält an seinem Knochen fest und will ihn behalten; dieser Pflasterstein -hält an seinem Damm fest und will dort bleiben, und es ist das -Mindeste, daß unsereins sich mit einem Hund abgibt, wenn Leute wie Ihr -sich mit einem Pflasterstein beschäftigen.“ - -Lamm stand hinter Ulenspiegel und wagte nicht zu reden. - -„Wer bist Du?“ fragte der Herr. - -„Ich bin Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, der für den Glauben in den -Flammen starb.“ - -Und er sang wie eine Lerche, und der Herr krähte wie ein Hahn. - -„Ich bin der Admiral Très-Long,“ sprach er; „was willst Du von mir?“ - -Ulenspiegel erzählte ihm seine Abenteuer und gab ihm fünfhundert -Karolus. - -„Wer ist dieser Dicke?“ fragte Très-Long und deutete mit dem Finger auf -Lamm. - -„Mein Geselle und Freund,“ antwortete Ulenspiegel. „Er will gleich mir -seine Büchse, die eine gar liebliche Stimme hat, auf Deinem Schiffe das -Lied von der Befreiung des Vaterlandes singen lassen.“ - -„Ihr seid beide wackre Leute,“ sagte Très-Long, „und sollt auf meinem -Schiffe hinaus fahren.“ - -Es war im Februar: scharf war der Wind, stark der Frost. Nach drei -Wochen verdrießlichen Wartens verläßt Très-Long Emden wider Willen. Mit -der Absicht, in den Hafen Texel einzulaufen, segelt er von Vlinland -ab, ist aber gezwungen, Wieringen anzulaufen, wo sein Schiff vom Eis -eingeschlossen wird. - -Bald gab es ringsum ein lustiges Schauspiel: Schlitten und -Schlittschuhläufer, in Sammet gekleidet, Schlittschuhläuferinnen, -in Jacken und Röcken, so mit Gold, Perlen und scharlachroter und -himmelblauer Seide bestickt waren: Knaben und Mägdlein kamen und -gingen, glitschten, lachten, liefen in langer Reihe hintereinander, -oder paarweise und sangen das Lied der Liebe auf dem Eise. Oder sie -gingen in die mit Fahnen geschmückten Buden und aßen und tranken -Branntwein, Orangen, Feigen, Pfefferkuchen, Schollen, Eier, warme -Gemüse und Schmalzkuchen oder ~Eetekoeken~, das sind Krapfen, und -Gemüse in Essig, dieweil ringsum Schlitten und Segelschlitten mit ihren -Schnäbeln knirschend über das Eis hinfuhren. - -Lamm suchte seine Frau und lief auf Schlittschuhen umher wie die -lustigen Männlein und Weiblein; aber er fiel oftmals hin. Inzwischen -ging Ulenspiegel in eine kleine Herberge am Hafen, um Speise und Trank -zu sich zu nehmen; dort brauchte er seine Portion nicht teuer zu -bezahlen, und er schwatzte gern mit der alten Wirtin. - -Eines Sonntags gegen neun Uhr kehrte er dort ein und begehrte sein -Mittagessen. - -„Ei,“ sagte er zu einem artigen Frauenzimmer, das herbeikam, um ihn -zu bedienen, „was hast Du mit Deinen früheren Runzeln gemacht? Dein -Mund hat all seine weißen, jungen Zähne und Deine Lippen sind rot wie -Kirschen. Ist dies sanfte, schalkhafte Lächeln für mich?“ - -„Nicht doch,“ sprach sie; „aber was soll ich dir geben?“ - -„Dich,“ sagte er. - -Die Frau versetzte: - -„Das wäre für einen mageren Hering, wie Du bist, zuviel. Willst Du kein -anderes Fleisch?“ - -Ulenspiegel schwieg. - -„Was hast Du mit dem schönen, wohlgestalteten und behäbigen Mann -angefangen, den ich oftmals in Deiner Gesellschaft sah?“ fragte sie. - -„Lamm?“ sagte er. - -„Was hast Du mit ihm gemacht?“ fragte sie. - -„Er ißt in den Buden harte Eier, geräucherte Aale, gepökelte Fische, -saures Gemüse und alles, was er zwischen die Zähne bekommen kann, -und das alles, um seine Frau zu suchen. Warum bist Du nicht mein, -Schätzchen? Willst Du fünfzig Gülden? Willst Du ein güldnes Halsband?“ - -Doch sie bekreuzte sich: - -„Ich bin weder zu kaufen noch zu haben,“ sprach sie. - -„Liebst Du nichts?“ fragte er. - -„Ich liebe Dich als meinen Nächsten; aber vor allem liebe ich den Herrn -Christum und die heilige Jungfrau, die mir gebieten, ein züchtig Leben -zu führen. Hart und beschwerlich sind unsere Pflichten, aber Gott hilft -uns armen Frauen. Doch es sind ihrer etliche, die unterliegen. Ist Dein -dicker Freund fröhlich?“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Beim Essen ist er lustig, mit nüchternem Magen traurig und immerdar -nachdenklich. Aber Du, bist Du fröhlich oder betrübt?“ - -„Wir Frauen,“ sprach sie, „sind Sklavinnen dessen, der uns beherrscht!“ - -„Der Mond,“ fragte er. - -„Ja,“ sprach sie. - -„Ich werde Lamm sagen, daß er dich besucht.“ - -„Tu das nicht,“ sagte sie; „er würde weinen und ich desgleichen.“ - -„Hast Du jemals seine Frau gesehen?“ fragte Ulenspiegel. - -Seufzend antwortete sie: - -„Sie sündigte mit ihm und ward zu einer grausamen Buße verdammt. Sie -weiß, daß er für den Sieg des Ketzertums aufs Meer geht, das ist -hart zu denken für ein christliches Herz. Verteidige ihn, wenn er -angegriffen wird, pflege ihn, wenn er verwundet wird; seine Frau trug -mir auf, diese Bitte an Dich auszurichten.“ - -„Lamm ist mein Freund und Bruder,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Ach,“ sprach sie, „warum kehret Ihr nicht in den Schoß unsrer heiligen -Mutter Kirche zurück!“ - -„Sie frißt ihre Kinder,“ antwortete Ulenspiegel. - -Und er ging. - -An einem Märzmorgen, als ein scharfer Wind blies und wehte und das Eis -immer dicker machte, also daß Très-Longs Schiff nicht absegeln konnte, -trieben die Matrosen und Soldaten des Schiffes in Schlitten und auf -Schlittschuhen allerhand Kurzweil und Lustbarkeiten. - -Ulenspiegel war in der Herberge, und die hübsche Frau sprach -tiefbetrübt und wie von Sinnen zu ihm: - -„Armer Lamm! Armer Ulenspiegel!“ - -„Warum jammerst Du?“ fragte er. - -„Wehe, wehe!“ sagte sie, „warum glaubt Ihr nicht an die Messe? Ihr -würdet gewißlich ins Paradies eingehen, und ich könnte Euch in diesem -Leben retten.“ - -Da Ulenspiegel sie an die Tür gehen und aufmerksam horchen sah, sagte -er: „Du horchst nicht nach dem fallenden Schnee?“ - -„Nein,“ sagte sie. - -„Du leihst nicht dem seufzenden Winde das Ohr?“ - -„Nein,“ sagte sie wiederum. - -„Noch dem frohem Lärm, den unsere wackeren Matrosen in der Schenke hier -nebenan machen?“ - -„Der Tod kommt wie ein Dieb,“ sprach sie. - -„Der Tod!“ sagte Ulenspiegel. „Ich verstehe dich nicht. Komm hierher -und rede.“ - -„Sie sind da,“ sprach sie. - -„Wer?“ - -„Wer?“ erwiderte sie. „Die Soldaten von Simonen-Bol, die in des Herzogs -Namen über Euch alle herfallen werden. Wenn man Euch hier so gut -behandelt, so geht’s Euch wie den Ochsen, die man schlachten will. -Ach,“ sagte sie, in Tränen zerfließend, „warum erfahre ich es erst -jetzt?“ - -„Weine und schreie nicht,“ sagte Ulenspiegel, „und bleibe.“ - -„Verrate mich nicht,“ sagte sie. - -Ulenspiegel verließ das Haus, eilte in alle Buden und Schenken und -flüsterte den Seeleuten und Soldaten diese Worte ins Ohr: „Der Spanier -kommt.“ - -Alle eilten zum Schiffe, bereiteten in großer Hast alles, was zur -Schlacht nötig war, und erwarteten den Feind. Ulenspiegel sagte zu Lamm: - -„Siehst Du das hübsche Weib in dem schwarzen, mit Scharlach bestickten -Kleid, so am Ufer steht und sein Gesicht unter der weißen Kapuze -versteckt?“ - -„Das ist mir ganz gleich,“ antwortete Lamm. „Mich friert, ich will -schlafen.“ - -Und er wickelte sich den Mantel um seinen Kopf und war also wie ein -Tauber. - -Da erkannte Ulenspiegel die Frau und rief ihr vom Schiff zu: - -„Willst Du uns folgen?“ - -„Bis ins Grab, aber ich kann nicht ... “ - -„Du tätest wohl daran,“ sagte Ulenspiegel. „Bedenke indessen: wenn die -Nachtigall im Walde bleibt, ist sie glücklich und singt; aber so sie -ihn verläßt und ihre schwachen Flügel dem starken Seewind aussetzt, -zerbrechen sie, und sie stirbt.“ - -„Ich habe daheim gesungen und ich würde draußen singen, wenn ich -könnte,“ sprach sie. Dann näherte sie sich dem Schiffe. „Nimm diesen -Balsam,“ sprach sie, „für Dich und Deinen Freund, der schläft, wenn er -wachen sollte.“ - -Und sie entfernte sich und sagte: „Lamm, Lamm! Gott bewahre Dich vor -allem Übel, komm gesund zurück.“ - -Und sie enthüllte ihr Antlitz. - -„Mein Weib, mein Weib!“ schrie Lamm. - -Und er wollte aufs Eis springen. - -„Dein getreues Weib,“ sagte sie und lief behend von dannen. - -Lamm wollte vom Deck aufs Eis springen, aber daran hinderte ihn ein -Soldat, der ihn am Mantel festhielt. Er schrie, weinte und flehte, ihn -gehen zu lassen. - -Aber der Profoß sprach zu ihm: - -„So du das Schiff verlässest, wirst Du gehenkt.“ - -Lamm wollte sich aufs Eis stürzen, aber ein alter Geuse hielt ihn fest -und sagte: - -„Der Boden ist feucht, Du könntest nasse Füße bekommen.“ - -Lamm fiel aufs Gesäß, weinte und sprach unaufhörlich: - -„Mein Weib, mein Weib, laßt mich zu meinem Weibe gehen!“ - -„Du wirst sie wiedersehen,“ sprach Ulenspiegel. „Sie liebt Dich, aber -sie liebt Gott mehr als Dich.“ - -„Die tolle Teufelin,“ schrie Lamm. „Wenn sie Gott mehr liebt als ihren -Mann, warum zeigt sie sich mir so hübsch und begehrenswert! Und wenn -sie mich liebt, warum verläßt sie mich?“ - -„Kannst Du in tiefe Brunnen sehen?“ fragte Ulenspiegel. - -„Wehe,“ sprach Lamm, „ich werde bald sterben.“ - -Und bleich und betört blieb er auf Deck. - -Inzwischen kamen die Leute von Simonen-Bol mit starkem Geschütz. - -Sie schossen auf das Schiff, das ihr Feuer erwiderte. Und ihre Kugeln -zerbrachen das Eis rings umher. Gegen Abend fiel ein lauer Regen. - -Da der Wind aus Westen wehte, ward das Meer unter dem Eise erregt -und hob es in ungeheuren Blöcken empor, die sich aufbäumten und -wieder zurückfielen, gegen einander prallten und sich übereinander -schoben, nicht ohne Gefahr für das Schiff, das, als die Morgenröte die -nächtlichen Wolken zerriß, seine linnenen Flügel entfaltete und wie ein -Vogel der Freiheit aufs hohe Meer segelte. - -Da stießen sie zu der Flotte des Herrn de Lumey de la Marche, Admirals -von Holland und Zeeland und Höchstkommandierenden, der als solcher eine -Laterne oben am Maste trug. - -„Sieh ihn Dir recht an, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Der wird Deiner -nicht schonen, wenn Du mit Gewalt das Schiff verlassen willst. Hörst -Du seine Stimme wie Donner rollen? Sieh, wie breit und stark er bei -seiner hohen Gestalt ist. Schau seine langen Hände mit den gebogenen -Nägeln. Sieh seine runden Augen an, kalte Adleraugen, und seinen -langen, spitzen Bart, den er wachsen läßt, bis er alle Mönche und -Priester gehenkt hat, um den Tod der beiden Grafen zu rächen. Sieh, -wie furchtbar und grausam er ist; er wird Dich hoch und kurz aufhenken -lassen, wenn Du immerdar fortfährst, zu stöhnen und zu schreien: „Mein -Weib!“ - -„Mein Sohn,“ versetzte Lamm, „der spricht vom Strick für den Nächsten, -der selbst schon die hanfene Krause um den Hals hat.“ - -„Du sollst sie zuerst tragen. Das ist mein freundschaftlicher Wunsch,“ -sagte Ulenspiegel. - -„Ich werde Dich am Galgen sehen, wie Dir die giftige Zunge eine Klafter -lang aus dem Maul wächst,“ erwiderte Lamm. - -Und alle beide hätten fast gelacht. - -An jenem Tage kaperte das Kriegsschiff einen Kauffahrer aus Biskaya, -so mit Quecksilber, Goldstaub, Wein und Gewürzen befrachtet war. Und -dem Schiffe ward sein Mark, Menschen und Beute, ausgenommen, wie einem -Rindsknochen zwischen den Zähnen eines Löwen. - -Zur selbigen Zeit legte der Herzog den Niederlanden grausame und -schändliche Steuern auf, laut denen alle Einwohner, so bewegliche und -unbewegliche Habe verkauften, tausend Gülden von zehntausend zahlen -mußten. Und dieser Schoß war dauernd. Alle Kaufleute und Händler jeder -Art mußten dem König den Zehnten vom Kaufpreis zahlen, und im Volk ging -die Rede, daß der König von den zehnmal in einer Woche verkauften Waren -das Ganze bekäme. - -Und so gingen Handel und Gewerbfleiß den Weg des Verfalls und des Todes. - -Und die Geusen nahmen Briel, eine starke Seefeste, die der Garten der -Freiheit genannt ward. - - -2 - -In den ersten Tagen des Maimonds, als das Schiff unter blauem Himmel -stolz über die Flut fuhr, sang Ulenspiegel: - - „Die Asche brennt auf meinem Herzen. - Die Henker kamen her und töteten - Mit Dolch und Feuer, Kraft und Schwert - Und lohnten die schändlichen Spione. - Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden, - Säten sie Mißtraun und Verrat. - Zum Tod mit den Schergen, - Schlaget die Trommel des Krieges. - - Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel! - Briel ist genommen. - Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde; - Gott ist gut, Camp Veere ist genommen. - Wo waren Zeelands Geschütze? - Wir haben Kugeln, Pulver und Blei, - Geschmiedete und gegossene Kugeln. - Gott ist mit uns, wer ist wider uns? - - Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes! - Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel! - - Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens! - Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt. - Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt, - Tod dem Henker, der Strang für den Räuber, - Meineidigem König rebellisches Volk! - Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte, - Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder. - Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt! - - Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm! - Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung! - Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“ - -„Ja, Gevattern und Freunde,“ sprach Ulenspiegel, „sie haben in -Antwerpen vor dem Rathaus ein glänzend Gerüst errichtet, mit rotem Tuch -überzogen. Darauf sitzt der Herzog inmitten der Lakeien und Söldlinge -wie ein König auf seinem Throne. Wenn er wohlwollend lächeln will, -macht er eine saure Fratze. Schlaget die Trommel des Krieges! - -„Er hat Vergebung gewährt: Still da ... Sein vergüldeter Harnisch -gleißt in der Sonne, der Generalprofoß hält zu Pferde neben dem -Baldachin. Siehe da kommt der Herold mit den Paukenschlägern. Er liest: -es ist die Vergebung für alle, so nicht gesündigt haben, die andern -sollen grausam gestraft werden. - -„Höret, Gevattern. Er verliest das Edikt, welches bei Strafe der -Rebellion die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs -vorschreibt.“ - -Und Ulenspiegel sang: - - „O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme, - Das starke Raunen? So schwillt das Meer, - Wenn die große Springflut sich naht. - Genug des Geldes, genug des Blutes, - Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel. - Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer! - - Das ist die Kralle in blutiger Wunde, - Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser Gold - Zu unserem Blute mischen, um es zu trinken? - Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreu - Des Königs Majestät. Meineidig ist er, - Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges! - - Herzog von Alba, Blutherzog, - Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen, - Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer, - Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen. - Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer? - Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nicht - Haß und Verachtung Dich umwittern? - - Das schöne Land Flandern, - Das frohe Land Brabant - Sind traurig wie Totenhöfe. - Und da, wo einst in der Zeit der Freiheit - Die Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten, - Herrscht Schweigen und Tod. - Schlaget die Trommel des Krieges. - - Wo frohe Gesichter lachten - Von Zechern und singenden Liebespaaren, - Starren jetzt die bleichen Gesichter - Derer, die in Ergebung warten - Auf den Schwerthieb der Ungerechten. - Schlaget die Trommel des Krieges. - - Keiner hört mehr in den Schenken - Das fröhliche Klinken der Gläser - Noch der Mädchen helle Stimmen, - Die mit Gesang die Stadt durchzogen. - Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns, - Wurden Länder der Tränen. - Schlaget die Trommel der Trauer. - - Erde der Väter, geliebte Dulderin, - Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn. - Fleißige Bienen, stürzt Euch in Schwärmen - Auf die hispanischen Drohnen. - Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen, - Schreiet zum Himmel nach Rache. - - Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen, - Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen. - Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir aus - Und peitschen damit Dein Gesicht, - Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt. - Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“ - -Und alle Seeleute und Soldaten von Ulenspiegels Schiff und auch die von -den andern Schiffen sangen desgleichen: - - „Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“ - -Und ihre Stimmen grollten wie Donner der Freiheit. - - -3 - -Es war im Januar, dem grausamen Monat, da das Kalb im Leibe der Kuh -gefriert. Es hatte geschneit und obendrein gefroren. Die Knaben -fingen mit Vogelleim die Sperlinge, so auf dem hartgefrorenen Schnee -ihre kümmerliche Nahrung suchten, und brachten dieses Wild in ihre -Hütten. Vom grauen, hellen Himmel hoben sich regungslos die Gerippe -der Bäume ab. Ihre Zweige waren mit schneeigen Kissen bedeckt, welche -gleichfalls die Hütten und Mauerfirsten bedeckten, auf denen man Spuren -von Katzenpfoten erblickte, die gleichfalls im Schnee auf die Sperlinge -Jagd machten. Die Wiesen waren weithin unter diesem wundersamen Vließe -verborgen, das die Erde in der scharfen Winterkälte warm hielt. Der -Rauch der Häuser und Hütten stieg schwarz gen Himmel, und man vernahm -keinen Laut. - -Und Katheline und Nele waren allein in ihrer Behausung, und Katheline -sagte kopfschüttelnd: - -„Hans, mein Herz zieht mich zu Dir. Du mußt Ulenspiegel, Soetkins -Sohn, die siebenhundert Karolus wiedergeben. Wenn du arm bist, komm -wenigstens, daß ich Dein leuchtendes Antlitz schaue. Nimm das Feuer -fort, mein Kopf brennt. Wehe, wo sind Deine schneekalten Küsse, wo ist -Dein Körper aus Eis? Hans, mein Geliebter.“ - -Sie stand am Fenster. Plötzlich kam im schnellsten Trab ein Läufer -vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und rief: - -„Es kommt der Amtmann, der Amthauptmann von Damm!“ - -Und derart lief er bis zum Rathause, um Bürgermeister und Schöffen -dorthin zu berufen. - -Alsdann hörte Nele zwei Hörner durch die dumpfe Stille. Alle aus Damm -traten vor die Türen, vermeinend, daß Seine Königliche Majestät sich -durch solche Fanfaren ankündigte. - -Und Katheline trat auch an die Tür mit Nele. Von fern sahen sie -glänzende Reiter, die zu Hauf ritten, und vor ihnen ritt ein Mann in -schwarzem, mit Marderfell verbrämtem Sammetrock; sein Wams war mit -echten Goldborten besetzt und die Stiefel von falbem Kalbsleder, mit -Marderfell verbrämt. Und sie erkannten den Amthauptmann. - -Hinter ihm ritten junge Ritter, die ohngeachtet der Verordnung -Seiner hochseligen Kaiserlichen Majestät, an ihren Sammetgewändern -Stickereien, Borten, Streifen und Einfassungen von Gold, Silber und -Seide trugen. Und ihre Röcke, die sie unter ihren Mänteln trugen, -waren gleich denen des Amtmanns mit Pelz verbrämt. Sie ritten munter -daher, und die langen Straußenfedern, die ihre mit Knöpfen und güldenen -Borten verzierten Baretts schmückten, wallten im Winde. - -Und sie schienen alle gute Freunde und Kumpane des Amthauptmannes, in -Sonderheit ein Ritter mit finsterer Miene, in grünen Sammet gekleidet -und in einen Mantel mit goldverbrämtem schwarzem Sammet, desgleichen -das mit langen Federn geschmückte Barett. Seine Nase hatte die Form -eines Geierschnabels, die Lippen waren schmal; er hatte rote Haare, ein -bleiches Gesicht und stolze Haltung. - -Dieweil das Häuflein der Ritter vor Kathelines Haus vorbeiritt, fiel -diese plötzlich dem Pferde des bleichen Ritters in den Zügel und rief -närrisch vor Freude: - -„Hans, mein Geliebter, ich wußte es, Du kehrst wieder. Wie schön Du -bist, so ganz in Sammet und Gold, wie eine Sonne auf dem Schnee! -Bringst du mir die siebenhundert Karolus? Wirst Du wiederum schreien -wie der Fischadler?“ - -Der Amthauptmann hieß das Häuflein der Edelleute still halten, und der -bleiche Ritter sagte: - -„Was will diese Geusin von mir?“ - -Doch Katheline hielt immer noch das Pferd am Zügel. - -„Gehe nicht wieder fort,“ sprach sie, „ich habe soviel um Dich geweint. -Holde Nächte, mein Liebster, mit Küssen von Schnee und Körpern von Eis. -Das Kind ist hier!“ - -Und sie zeigte auf Nele, die ihn zornig anblickte, denn er hatte seine -Peitsche gegen Katheline erhoben. Aber Katheline sprach weinend: - -„Ach, gedenkst Du dessen nicht mehr? Habe Mitleid mit Deiner Magd. -Führe sie mit Dir, wohin Du willst. Nimm das Feuer fort, Hans, -Erbarmen!“ - -„Hinweg!“ sagte er. - -Und er drängte sein Pferd so stark vorwärts, daß Katheline den Zügel -losließ und zu Boden fiel, und das Pferd trat auf sie und schlug ihr -eine blutende Wunde an der Stirn. - -Darauf sagte der Amtmann zu dem bleichen Ritter: - -„Herr, kennet Ihr diese Frau?“ - -„Ich kenne sie nicht,“ sagte er; „es ist ohne Zweifel etwelche -Verrückte.“ - -Aber Nele, die Katheline aufgehoben hatte, sprach: - -„Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, Euer Gnaden, und -ich will von diesem Schnee, den ich esse, sterben“ / und sie nahm mit -den Fingern etwas Schnee / „wenn dieser Mann nicht meine Mutter gekannt -hat, wenn er ihr nicht all ihr Geld genommen und nicht des Klas Hund -getötet hat, um siebenhundert Karolus, so dem armen Toten gehörten, von -der Brunnenmauer unseres Hauses zu nehmen.“ - -„Hans, mein Herzliebster,“ weinte Katheline, die blutend vor ihm auf -den Knien lag, „Hans, mein Geliebter, gib mir den Friedenskuß. Sieh, -mein Blut fließt. Die Seele hat sich ein Loch gemacht und will hinaus. -Ich werde bald sterben, verlaß mich nicht.“ Dann sagte sie ganz leise: -„Damals tötetest Du Deinen Gefährten aus Eifersucht am Deiche.“ Und -sie streckte den Finger in der Richtung nach Dudzeele. „Zu jener Zeit -liebtest Du mich sehr.“ - -Und sie faßte und umschlang des Edelmanns Knie und nahm seinen Stiefel -und küßte ihn. - -„Wer ist dieser Getötete?“ fragte der Amthauptmann. - -„Ich weiß es nicht, Euer Gnaden,“ sagte er. „Was kümmern uns die Reden -dieser Geusin? Vorwärts.“ - -Das Volk rottete sich um sie zusammen; reiche und geringe Bürger, -Handwerker und Bauern nahmen Kathelines Partei und riefen: - -„Gerechtigkeit, Herr Amtmann, Gerechtigkeit!“ - -Und der Amtmann sagte zu Nele: - -„Was ist es mit diesem Getöteten? Sprich wie Gott und die Wahrheit es -verlangt.“ - -Nele redete und sprach, auf den bleichen Edelmann deutend: - -„Der da ist alle Samstag in die Keet gekommen, um meine Mutter zu -besuchen und ihr Geld zu nehmen; er hat seinen Freund, Hilbert -genannt, auf dem Acker von Servaes van der Vichte umgebracht. Nicht -aus Liebe, wie diese arme Närrin wähnt, sondern um die siebenhundert -Karolus für sich allein zu haben.“ - -Und Nele erzählte von Kathelines Liebschaft und was diese gehört, als -sie in der Nacht hinter dem Deich, der den Acker des Servaes van der -Vichte durchschneidet, versteckt war. - -„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „sie spricht hart von Hans, ihrem -Vater.“ - -„Ich schwöre, daß er wie ein Fischadler schrie, um sich anzumelden,“ -sprach Nele. - -„Du lügst,“ sagte der Edelmann. - -„O nein!“ sagte Nele, „und Ihr, Herr Amtmann und alle hohen Herren, -so zugegen sind, sehen es wohl: Du bist nicht vor Kälte, sondern vor -Furcht so bleich. Woher kommt es, daß Dein Antlitz nicht mehr glänzt? -Du hast also die Zaubersalbe verloren, mit der Du es einriebest, -damit es hell erschiene wie die Wogen im Sommer, wenn es donnert. -Aber Du wirst vor den Gitterfenstern des Rathauses verbrannt werden, -verfluchtet Zauberer. Du warst die Ursache von Soetkins Tode, Du hast -ihren vaterlosen Sohn ins Elend getrieben. Du bist gewiß ein Edelmann -und kamst zu uns Bürgern, um meiner Mutter ein einzig Mal Geld zu -bringen und es ihr alle andern Male zu nehmen.“ - -„Hans,“ sprach Katheline, „Du wirst mich wiederum zum Sabbat führen -und mich wiederum mit Balsam einreiben. Hör nicht auf Nele, sie ist -boshaft. Du siehst das Blut; die Seele hat sich ein Loch gemacht und -will hinaus. Ich werde bald sterben und in die Vorhölle kommen, wo es -nicht brennt.“ - -„Schweig, verrückte Hexe, ich kenne Dich nicht,“ sprach der Edelmann, -„und ich weiß nicht, was Du meinst.“ - -„Und doch bist Du es, der mit einem Gefährten kam und ihn mir zum Manne -geben wollte; Du weißt, daß ich ihn nicht wollte. Was hat Dein Freund -Hilbert mit seinen Augen gemacht, als ich meine Nägel hineingekrallt -hatte?“ - -„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „glaub ihr nicht, Hans, mein -Herzliebster. Sie ist auf Hilbert zornig, weil er ihr Gewalt antun -wollte; aber jetzt kann er es nicht mehr, denn die Würmer haben ihn -gefressen. Und Hilbert war häßlich, mein süßer Hans, Du allein bist -schön. Nele ist boshaft.“ - -Nunmehr sprach der Amtmann: - -„Ihr Frauen, gehet in Frieden.“ - -Aber Katheline wollte die Stätte nicht verlassen, wo ihr Freund war. -Sie mußte mit Gewalt in ihre Behausung gebracht werden. - -Und das ganze versammelte Volk schrie: - -„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit!“ - -Da die Gemeindebüttel auf den Lärm herzugekommen waren, befahl der -Amtmann ihnen, zu bleiben, und sagte zu den Rittern und Edelleuten: - -„Edle Herren, ohngeachtet aller Privilegien, so den erlauchten -Adelsstand im Lande Flandern schützen, muß ich Euren Joos Damman -auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, in Sonderheit die der -Zauberei, verhaften lassen, bis er gemäß den Gesetzen und Verordnungen -des Reiches gerichtet ist. Liefert Euren Degen aus, Herr Josse.“ - -„Herr Amtmann,“ sagte Joos Damman mit großem Hochmut und Adelsstolz, -„indem Ihr mich verhaftet, vergeht Ihr Euch gegen das flandrische -Gesetz, denn Ihr seid nicht selbst Richter. Nun wisset Ihr, daß es -nicht erlaubt ist, ohne richterlichen Auftrag zu verhaften, ausgenommen -die Falschmünzer, Straßenräuber und Wegelagerer, Brandstifter und -Frauenschänder; desgleichen die Soldaten, so ihren Hauptmann verlassen, -die Zauberer, die Gift anwenden, um die Gewässer zu vergiften, die -entlaufenen Mönche oder Beghinen und die Verbannten. Wohlan, Ihr edlen -Herren, verteidigt mich!“ - -Da Etliche gehorchen wollten, sprach der Amtmann zu ihnen: - -„Edle Herren, da ich allhier unsern König, Grafen und Herrn vertrete, -welchem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten ist, so -gebiete und befehle ich Euch bei Strafe, für Rebellen erklärt zu -werden, Eure Degen wieder in die Scheide zu stecken.“ - -Die Edelleute gehorchten, doch Herr Joos Damman zauderte immer noch. -Das Volk schrie: - -„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen -ausliefern!“ - -Darauf tat er es sehr wider Willen, stieg vom Pferde und ward von zwei -Schergen nach dem Gemeindekerker geführt. Er ward jedoch nicht in die -Verließe gesperrt, sondern vielmehr in ein vergittertes Gemach, wo er -für sein Geld gutes Feuer, gutes Bett und gute Nahrung erhielt; davon -nahm sich der Kerkermeister die Hälfte. - - -4 - -Am andern Tage gingen der Amtmann, die beiden Kriminalschreiber, zwei -Schöffen und ein Wundarzt gen Dudzeele, um zu sehen, ob sie auf Servaes -van der Vichtes Acker längs des Deiches, der das Feld durchschnitt, den -Leichnam eines Mannes fänden. - -Nele hatte zu Katheline gesagt: „Hans, dein Liebster, verlangt Hilberts -abgeschnittene Hand. Heute Abend wird er wie ein Fischadler schreien, -in unsere Hütte kommen und Dir die siebenhundert Goldkarolus bringen.“ - -Katheline hatte geantwortet: - -„Ich werde sie abschneiden.“ Und wirklich nahm sie ein Messer und -machte sich in Neles Begleitung auf; die Gerichtsbeamten folgten ihr. -Sie ging rasch und stolz mit Nele, der die frische Luft das hübsche -Gesicht rötete. Die alten, hüstelnden Gerichtsbeamten folgten ihr -schier erfroren; sie waren alle wie schwarze Schatten auf der weißen -Ebene, und Nele trug ein Grabscheit. Als sie auf Servaes van der -Vichtes Acker und auf dem Deiche anlangten, ging Katheline bis zur -Mitte und sprach, zur Rechten auf die Wiese deutend: „Hans, Du wußtest -nicht, daß ich da verborgen war und beim Klirren der Degen erbebte. -Und Hilbert schrie: Dies Eisen ist kalt. Hilbert war häßlich, Hans ist -schön. Du sollst seine Hand haben, laß mich allein.“ Dann stieg sie -zur Linken hinab, kniete auf dem Schnee nieder und rief dreimal in die -Luft, um den Geist herbeizurufen. - -Dann gab Nele ihr das Grabscheit, über das Katheline dreimal das -Zeichen des Kreuzes machte. Alsdann zeichnete sie auf dem Eise die -Form eines Sarges und drei umgekehrte Kreuze, eins nach Osten, eins -nach Westen, eins nach Norden und sprach: „Drei, das ist Mars nahe bei -Saturn, und drei ist Entdeckung unter Venus, dem hellen Stern.“ Darauf -zog sie einen großen Kreis um den Sarg und sagte: „Hebe Dich hinweg, -böser Geist, der den Leichnam bewacht.“ Dann fiel sie betend auf die -Kniee: „Teufelsfreund, Hilbert,“ sagte sie, „Hans, mein Herr und -Meister, befiehlt mir, hierherzukommen, um Dir die Hand abzuschneiden -und sie ihm zu bringen. Ich schulde ihm Gehorsam. Laß nicht das Feuer -der Erde gegen mich los, weil ich die Ruhe Deines edlen Grabes störe, -und vergib mir um Gott und der Heiligen willen.“ - -Dann zerbrach sie das Eis in der Linie des Sarges und erreichte den -feuchten Rasen, dann den Sand. Und der Amtmann und seine Beamten, Nele -und Katheline erblickten den Körper eines jungen Mannes, der vom Sande -weiß wie Kalk war. Er trug ein Wams von grauem Tuch, desgleichen den -Mantel; sein Degen war ihm zur Seite gelegt. Er hatte eine Tasche von -Eisenmaschen am Gürtel, und ein breiter Dolch steckte unter seinem -Herzen. Auf dem Tuche des Wamses war Blut, und dies Blut war unter -seinen Rücken geflossen. Und der Mann war jung. - -Katheline schnitt ihm die Hand ab und tat sie in ihren Beutel. Und -der Amtmann ließ es geschehen; dann befahl er ihr, den Leichnam aller -seiner Waffen und Gewandung zu entblößen. Katheline fragte, ob Hans -es also befohlen habe. Der Amtmann antwortete, daß er nur nach seinen -Befehlen handle, und alsbald tat Katheline, was er wollte. - -Als der Leichnam entblößt war, sah man, daß er trocken wie Holz, -aber nicht verwest war; und der Amtmann und seine Beamten gingen von -dannen, nachdem sie ihn wieder mit Sand hatten bedecken lassen, und -die Büttel trugen die Sachen des Toten. Da sie vor dem Gemeindekerker -vorbeikamen, sagte der Amtmann zu Katheline, daß Hans sie dort erwarte; -sie ging freudig hinein. - -Nele wollte sie daran hindern, und Katheline erwiderte immerfort: „Ich -will Hans, meinen Herrn sehen.“ - -Und Nele weinte auf der Schwelle, denn sie wußte, daß Katheline als -Zauberin verhaftet war, um der Beschwörungen und Zeichen willen, so sie -auf den Schnee gemacht hatte. - -Und in Damm ging die Rede, daß es keine Gnade für sie gäbe. Und -Katheline wurde in den westlichen Kerker des Gefängnisses gebracht. - - -5 - -Am folgenden Tag, da der Wind aus Brabant wehte, schmolz der Schnee, -und die Wiesen wurden überschwemmt. - -Und die Sturmglocke rief die Richter zum Gericht der „Vierschare,“ -das wegen der Feuchtigkeit der Rasenbänke unter einem Schirmdache -stattfand. Und das Volk stand im Kreise um die Richter. - -Joos Damman wurde aller Fesseln ledig in seiner fürnehmen -Tracht vorgeführt. Auch Katheline wurde herbeigeführt, mit vorn -zusammengebundenen Händen, in einem Kleide von grauer Leinwand, der -Gefängnistracht. - -Joos Damman bekannte im Verhör, daß er seinen Freund Hilbert im -Zweikampf auf Degen getötet habe. Als man ihm sagte: Er ist von -einem Dolchstoß getroffen, antwortete Joos Damman: „Ich habe ihn -niedergestochen, weil er nicht rasch genug starb. Da ich unter dem -Schutz der flandrischen Gesetze stehe, die verbieten, den Mörder nach -Ablauf von zehn Jahren zu verfolgen, so bekenne ich den Mord willig.“ - -Der Amtmann sprach zu ihm: - -„Bist Du kein Zauberer?“ - -„Nein,“ antwortete Damman. - -„Beweise es,“ sagte der Amtmann. - -„Ich werde es zu gelegener Zeit und am rechten Orte tun, aber es -beliebt mir nicht, es jetzt zu tun.“ - -Der Amtmann befragte alsdann Katheline; sie hörte ihn nicht und schaute -Hans an: - -„Du bist mein grüner Ritter, schön wie die Sonne. Nimm das Feuer fort, -Herzliebster.“ - -Darauf sprach Nele an ihrer Stelle: - -„Sie kann nichts bekennen, als was Ihr schon wisset, Euer Gnaden und -Ihr Herren. Sie ist keine Hexe, sondern nur irre.“ - -Nunmehr redete der Amtmann und sprach: - -„Zauberer ist der, welcher durch teuflische Mittel, wissentlich -angewendet, sich bemüht, irgend etwas zu erreichen. Nun sind diese -beiden, Mann und Weib, Zauberer nach Absicht und Tat, er, weil er -ihr die Salbe für den Hexensabbat gegeben und sich das Gesicht hell -wie Luzifer gemacht hat, um Geld und Befriedigung seiner Wollust zu -erhalten; sie, weil sie sich ihm unterworfen hat, da sie ihn für einen -Teufel hielt, und sich seinen Begierden hingegeben hat. Er hat sich mit -Zauberei abgegeben, sie ist seine offenbare Mitschuldige. Derhalben -dürfen wir kein Mitleid haben, und ich muß es sagen, denn ich sehe die -Schöffen und das Volk der Frau allzu wohl gesinnt. Sie hat zwar nicht -gemordet noch gestohlen, noch Vieh und Menschen behext, noch irgend -einen Kranken durch außergewöhnliche Mittel geheilt, sondern nur durch -Hausmittel, so der ehrbaren, christlichen Arzeneikunde bekannt sind. -Aber sie wollte ihre Tochter dem Teufel ausliefern, und wenn diese -nicht trotz ihrer Jugend mit so redlichem, wackeren Mute widerstanden -hätte, so hätte sie Hilbert nachgegeben und wäre wie jene eine Hexe -geworden. Darum so frage ich die Herren vom Gericht, ob sie nicht der -Meinung sind, daß die Beiden auf die Folter gespannt werden müssen!“ - -Die Schöffen antworteten nicht und zeigten dadurch genugsam, daß -solches nicht ihr Wunsch sei, soweit es Katheline betraf. - -Darauf redete der Amtmann weiter: - -„Ich bin gleich Euch von Mitleid und Erbarmen für sie bewegt. Aber -konnte diese irrsinnige Hexe, die dem Teufel so trefflich gehorchte, -nicht mit einer Sichel ihrer Tochter den Kopf abschneiden, wenn ihr -mitangeklagter Buhle es ihr befohlen hätte, gleichwie es Katharine Daru -im Lande Frankreich auf Geheiß des Teufels bei ihren beiden Töchtern -getan hat? Konnte sie nicht, wenn ihr schwarzer Gemahl es ihr geboten -hätte, Tiere töten, die Butter im Butterfaß gerinnen machen, indem sie -Zucker hinein warf? Konnte sie nicht in Person allem Teufeldienst, -Hexentanz, Greueln und Buhlschaft der Zauberer beiwohnen? Konnte -sie nicht Menschenfleisch essen und die Kinder schlachten, Pasteten -daraus machen und sie verkaufen, wie ein Pastetenbäcker in Paris es -getan hat? Konnte sie nicht die Lenden der Gehenkten abschneiden und -forttragen, um hineinzubeißen und solchergestalt schändlichen Diebstahl -und Entweihung zu begehen? Und ich fordere vom Gerichtshof, daß alle -beide, Katheline und Joos Damman, auf die Folter gebracht werden, um zu -erfahren, ob sie kein anderes Verbrechen als die schon bekannten und -erforschten begangen haben. Da Joos Damman sich weigert, irgend etwas -außer dem Mord zu gestehen, und Katheline gar nichts ausgesagt hat, so -erheischen die Reichsgesetze das Verfahren, das ich bezeichnet habe.“ - -Und der Spruch der Schöffen lautete auf Tortur am Freitag, welcher -übermorgen war. - -Und Nele rief: „Gnade, Ihr Herren,“ und das Volk rief mit ihr. Aber es -war vergeblich. - -Und Katheline blickte Joos Damman an und sprach: - -„Ich habe Hilberts Hand, hole sie diese Nacht, mein Geliebter!“ Und sie -wurden wieder ins Gefängnis geführt. - -Dort ward dem Kerkermeister auf Geheiß des Gerichtshofes anbefohlen, -jedem zwei Wärter zu geben, die sie allemal, wenn sie einschlafen -wollten, schlagen sollten, aber die zwei Wächter Kathelines ließen -sie die Nacht durch schlafen, und die von Joos Damman schlugen ihn -unbarmherzig, so oft er die Augen schloß oder nur den Kopf neigte. - -Sie hungerten den ganzen Tag und die Nacht des Mittwoch und den ganzen -Donnerstag bis zum Abend; dann gab man ihnen zu essen und zu trinken: -Fleisch mit Salz und Salpeter, und Wasser mit Salz und Salpeter. Das -war der Anfang ihrer Tortur. Und am Morgen, als sie vor Durst schrien, -führten die Büttel sie in die Folterkammer. - -Dort wurden sie einander gegenüber gelegt und jeder auf eine Bank -gebunden, die mit verknoteten Stricken bedeckt war, was ihnen große -Pein verursachte. Und sie mußten jeder ein Glas Wasser mit Salz und -Salpeter trinken. - -Da Joos Damman auf der Bank einschlafen wollte, schlugen ihn die Büttel. - -Und Katheline sprach: - -„Schlagt ihn nicht, Ihr Herren, Ihr zerbrechet seinen armen Körper. Er -hat nur ein einziges Verbrechen begangen, und das aus Liebe, als er -Hilbert umbrachte. Mich dürstet und dich auch, mein geliebter Hans. -Gebt ihm zuerst zu trinken. Wasser! Wasser! Mein Körper brennt. Schonet -seiner, ich werde bald für ihn sterben. Zu trinken!“ - -Hans sprach zu ihr: - -„Garstige Hexe, stirb und verrecke wie eine Hündin. Werft sie ins -Feuer, Ihr Herren Richter. Mich dürstet!“ - -Die Schreiber schrieben alle seine Worte nieder. - -Darauf sprach der Amtmann zu ihm: - -„Hast Du nichts zu gestehen?“ - -„Ich habe nichts mehr zu sagen“, antwortete Damman. „Ihr wisset alles.“ - -„Da er beim Leugnen beharrt,“ sagte der Amtmann, „soll er, bis auf -neues und vollständiges Geständnis, auf der Marterbank und auf diesen -Stricken bleiben: er soll Durst leiden und am Schlafen verhindert -werden.“ - -„Ich werde bleiben,“ sagte Joos Damman, „und mich damit ergötzen, diese -Hexe auf jener Bank leiden zu sehen. Wie findest Du das Hochzeitsbett, -mein Schätzchen?“ - -Und Katheline antwortete ächzend: - -„Kalte Hände und heißes Herz. Hans, mein Liebster. Mich dürstet, mein -Kopf brennt!“ - -„Und Du, Weib,“ sprach der Amtmann, „hast Du nichts mehr zu sagen?“ - -„Ich höre den Karren des Todes und das Klappern der Gebeine,“ sprach -sie. „Mich dürstet! Er führt mich an einen großen Fluß, in dem Wasser, -frisches, klares Wasser ist; aber dies Wasser ist Feuer. Hans, mein -Freund, befreie mich von diesen Stricken. Ja, ich bin im Fegefeuer, und -ich sehe oben den Herrn Jesus in seinem Paradies und die gnadenreiche -Jungfrau. Oh, unsere liebe Frau, gib mir einen Tropfen Wassers, beiße -nicht allein in diese schönen Früchte.“ - -„Dies Weib wird von grausamem Wahnsinn geplagt,“ sagte einer der -Schöffen. „Sie muß von der Folterbank genommen werden.“ - -„Sie ist so wenig wahnsinnig wie ich,“ sagte Joos Damman, „das ist -eitel Spiel und Verstellung.“ Und mit drohender Stimme sagte er zu -Katheline: „Ich werde Dich, die so trefflich die Irre spielt, im Feuer -sehen.“ Und er knirschte mit den Zähnen und lachte ob seiner grausamen -Lüge. - -„Mich dürstet, erbarmt Euch, mich dürstet,“ sagte Katheline. „Hans, -mein Liebster, gib mir zu trinken. Wie weiß Dein Gesicht ist! Lasset -mich zu ihm, Ihr Herren Richter.“ Und den Mund weit öffnend: „Ja, ja, -jetzo legen sie mir das Feuer in die Brust, und die Teufel binden mich -auf dies grausame Bett. Hans, Du bist so mächtig, nimm deinen Degen und -töte sie! Wasser! zu trinken, zu trinken!“ - -„Verrecke, Hexe,“ sagte Joos Damman. „Man sollte ihr eine Angstbirne -ins Maul stecken, damit sie, die Bäuerin, sich nichts gegen mich, den -Edelmann, herausnehmen kann.“ - -Auf diese Rede erwiderte ein Schöffe, der dem Adel feind war: „Herr -Amtmann, es ist den Rechten und Bräuchen des Reiches zuwider, denen, -so peinlich befragt werden, Angstbirnen in den Mund zu stecken. Denn -sie sind hier, um die Wahrheit zu bekennen, und damit wir sie nach -ihren Aussagen richten. Das ist nur verstattet, wenn der verurteilte -Angeklagte auf dem Blutgerüst zum Volke sprechen, es dergestalt rühren -und einen öffentlichen Aufruhr erregen könnte.“ - -„Mich dürstet,“ sagte Katheline. „Gib mir zu trinken, Hans, mein -Herzliebster.“ - -„Ha, du leidest, verfluchte Hexe,“ sprach er, „Du, die einzige Ursache -aller Qualen, die ich erdulde. Aber Du wirst in dieser Folterkammer die -Marter der Kerzen, den Wippgalgen und die Holzstückchen zwischen den -Nägeln der Füße und Hände erleiden. Man wird dich rittlings auf einen -Sarg setzen, dessen Rücken so scharf ist wie eine Messerklinge, und Du -wirst bekennen, daß Du keine Wahnsinnige, sondern eine schlimme Hexe -bist, der Satan befohlen hat, den Edelleuten etwas anzutun. Zu trinken!“ - -„Hans, mein Lieber,“ sprach Katheline, „zürne Deiner Magd nicht. Ich -leide tausend Schmerzen für Dich, mein Gebieter. Schonet seiner, Ihr -Herren Richter; gebet ihm einen vollen Becher zu trinken und hebt mir -nur einen Tropfen auf. Hans, ist die Stunde des Fischadlers noch nicht -da?“ - -Jetzo sagte der Amtmann zu Joos Damman: - -„Da Du Hilbert umbrachtest, was war der Anlaß des Zweikampfes?“ - -„Es war wegen einer Dirne aus Heyst, die wir alle beide haben wollten.“ - -„Eine Dirne aus Heyst,“ schrie Katheline und wollte mit Gewalt von der -Bank aufstehen. „Du betrügst mich mit einer Andern, du falscher Teufel. -Wußtest du, daß ich hinter dem Deich horchte, als Du sagtest, Du -wolltest alles Geld haben, das Klas gehörte? Du wolltest es gewißlich -in Leckereien und Schlemmereien mit ihr ausgeben! Ach, und ich, die ihm -ihr Blut gegeben hätte, wenn er Gold daraus hätte machen können! Und -alles wegen einer Andern. Sei verflucht!“ - -Aber plötzlich weinte sie und versuchte, sich auf ihrer Folterbank -umzudrehen: - -„Nein, Hans, sage, daß Du Deine arme Magd noch lieb haben willst, und -ich will mit meinen Fingern die Erde aufscharren und einen Schatz -finden. Ja, es ist einer da, und ich werde mit der Wünschelrute gehen, -die sich nach der Seite neigt, wo die Metalle sind; und ich werde -ihn finden und ihn Dir bringen. Küsse mich, Liebster, und Du sollst -reich werden; und wir werden Fleisch essen und alle Tage Bier trinken. -Ja, ja, die da trinken auch Bier, frisches, schäumendes Bier. O, Ihr -Herren, gebt mir nur einen Tropfen davon, ich bin im Feuer. Hans, ich -weiß es wohl, wo Haselruten sind, aber wir müssen bis zum Frühjahr -warten.“ - -„Schweig, Hexe,“ sagte Joos Damman, „ich kenne Dich nicht. Du hast -Hilbert für mich gehalten. Er war’s, der Dich besuchte. Und in Deinem -boshaften Gemüt nanntest Du ihn Hans. Wisse, daß ich nicht Hans heiße, -sondern Joos. Wir waren von gleichem Wuchs, Hilbert und ich. Ich -kenne Dich nicht. Ohne Zweifel war es Hilbert, der die siebenhundert -Karolusgülden stahl. Gebt mir zu trinken. Mein Vater wird einen Becher -Wassers mit hundert Gülden bezahlen; aber dieses Weib kenne ich nicht.“ - -„Gnädiger Herr,“ rief Katheline aus, „er sagt, daß er mich nicht kennt; -aber ich, ich kenne ihn wohl und weiß, daß er auf dem Rücken ein -braunes, behaartes Mal so groß wie eine Bohne hat. Ha, Du liebtest eine -Dirne aus Heyst. Schämt sich ein wahrer Liebhaber seines Liebchens? -Hans, bin ich nicht noch schön?“ - -„Schön!“ sagte er. „Du hast ein Gesicht wie eine Mispel und einen Leib -wie ein Reisigbündel. Sehet das Bettelweib, das von fürnehmen Herren -geliebt sein will. Zu trinken!“ - -„Du sprachst nicht also, Hans, mein süßer Herr,“ sagte sie, „da ich -sechzehn Jahre jünger war denn jetzt.“ Dann schlug sie sich vor Kopf -und Stirn. „Die Glut darinnen dörrt mir Herz und Gesicht; schelte -mich nicht darum. Weißt Du noch, wenn wir Gesalzenes aßen, um mehr zu -trinken, wie Du sagtest? Jetzt ist das Salz in uns, mein Liebster, und -der Herr Amtmann trinkt Wein aus der Romagna. Wir wollen keinen Wein, -gebt uns Wasser. Es rieselt im Grase, das Wässerlein, das die klare -Quelle macht; das gute Wasser, es ist kalt. Nein, es brennt, es ist -höllisches Wasser.“ Und Katheline weinte und sagte: „Ich habe Niemandem -Übles getan, und jedermann wirft mich ins Feuer. Zu trinken! Man gibt -den herrenlosen Hunden Wasser. Ich bin eine Christin, gebt mir zu -trinken. Ich habe Niemandem Übles getan. Zu trinken!“ - -Darauf redete ein Schöffe und sagte: - -„Diese Hexe ist nur in so weit toll, als sie vom Feuer behauptet, daß -es ihr den Kopf verbrenne. In andern Dingen ist sie es nicht, maßen sie -uns klaren Geistes half, die sterblichen Reste des Toten zu entdecken. -Wenn das behaarte Mal sich auf Joos Dammans Körper findet, so genügt -dies, um festzustellen, daß er und der Teufel Hans, von dem Katheline -betört ward, derselbe ist. Henker, laß uns das Mal sehen.“ - -Der Henker entblößte Hals und Schulter und zeigte das braune behaarte -Mal. - -„Ach,“ sagte Katheline, „wie weiß Deine Haut ist! Beinahe wie die -Schultern eines Mägdleins. Du bist schön, Hans, mein Geliebter. Zu -trinken!“ - -Der Henker stach mit einer langen Nadel in das Mal; aber es blutete -nicht. - -Und die Schöffen sprachen untereinander: - -„Er ist ein Teufel, und er wird Joos Damman umgebracht und sein Gesicht -angenommen haben, um die arme Welt desto sichrer zu täuschen.“ - -Und der Amtmann und die Schöffen erschraken und sprachen: - -„Er ist ein Teufel, und es ist Zauberei im Spiel.“ - -Und Joos Damman sagte: - -„Ihr wisset, daß keine Zauberei im Spiel ist, und daß es solche -fleischigen Auswüchse gibt, die man stechen kann, ohne daß sie bluten. -Wenn Hilbert von dieser Hexe Geld genommen hat, denn sie ist ja eine, -die bekennt, mit dem Teufel gebuhlt zu haben, so durfte er es mit -ausdrücklicher Zustimmung dieser Bäuerin und ward also als Edelmann für -seine Zärtlichkeiten bezahlt, wie es die Dirnen alle Tage tun. Gibt es -in dieser Welt nicht gleich den Dirnen leichtfertige Burschen, so sich -von den Weibern ihre Kraft und Schönheit bezahlen lassen?“ - -Die Schöffen sagten untereinander: - -„Sehet die teuflische Dreistigkeit! Seine behaarte Warze hat nicht -geblutet; er ist ein Mörder, Teufel und Zauberer und will sich -schlechtweg für einen Duellanten ausgeben, indem er seine andern -Verbrechen auf den teuflischen Freund wälzt, dem er den Leib, aber -nicht den Geist getötet hat ... Und sehet, wie bleich sein Gesicht ist. -/ So erscheinen alle Teufel, rot in der Hölle, bleich auf Erden, denn -sie haben nicht das Lebensfeuer, das dem Gesicht seine rote Farbe gibt, -und inwendig sind sie Asche. Er muß ins Feuer zurückgebracht werden, -damit er rot wird und brennt.“ - -Darauf sagte Katheline: - -„Ja, er ist ein Teufel, aber ein guter, freundlicher Teufel. Und der -heilige Jakobus, sein Schutzpatron, hat ihm erlaubt, die Hölle zu -verlassen. Er bittet den Herrn Jesum alle Tage für ihn. Er wird nur -siebentausend Jahre im Fegefeuer sein müssen: die Jungfrau will es, -aber Herr Satan ist dagegen. Aber die hohe Frau tut, was sie will. -Werdet Ihr wider sie sein? Wenn Ihr ihn recht betrachtet, werdet Ihr -sehen, daß er von seiner teuflischen Natur nichts behalten hat, denn -den kalten Körper und das leuchtende Antlitz, wie es die See im August -hat, wenn es donnern will.“ - -Und Joos Damman sagte: - -„Schweig, Hexe, Du bringst mich ins Feuer.“ Dann sprach er zum Amtmann -und zu den Schöffen: „Seht mich an, ich bin kein Teufel. Ich bin aus -Fleisch und Bein, Blut und Wasser. Ich trinke und esse, verdaue und -scheide aus gleich Euch; meine Haut ist gleich der Euren und mein Fuß -desgleichen. Henker, zieh mir die Stiefel aus, denn ich kann mich mit -den gefesselten Füßen nicht rühren.“ - -Der Henker tat es, nicht ohne Furcht. - -„Sehet,“ sprach Joos und zeigte seine weißen Füße. „Sind das Klauen, -Teufelsfüße? Was meine Blässe angeht, / ist keiner unter Euch so blaß -wie ich? Ich sehe mehr als drei, die so sind. Aber nicht ich bin’s, -der gesündigt hat, sondern diese garstige Hexe und ihre Tochter, die -boshafte Anklägerin. Woher hat sie das Geld, das sie Hilbert gegeben -hat? Woher stammten die Gülden, die sie ihm lieh? War es nicht der -Teufel, der sie bezahlte, um fürnehme, unschuldige Männer anzuklagen -und dem Tode auszuliefern? Diese beiden müssen gefragt werden, wer -den Hund im Hof erwürgte, wer das Loch grub und davon ging, nachdem -er alles herausgenommen, ohne Zweifel, um den Schatz an einem andern -Ort zu verbergen. Soetkin, die Witwe, hatte kein Vertrauen zu mir, da -sie mich nicht kannte, wohl aber zu ihnen, die sie alle Tage sah. Die -beiden sind’s, die des Kaisers Habe gestohlen haben.“ - -Der Gerichtsschreiber schrieb, und der Amtmann sprach zu Katheline: - -„Weib, hast Du nichts zu Deiner Verteidigung zu sagen?“ - -Katheline schaute Joos Damman an und sagte gar verliebt: - -„Es ist die Stunde des Fischadlers. Ich habe Hilberts Hand, mein lieber -Hans. Sie sagen, daß Du mir die siebenhundert Karolus wiedergeben -wirst. Nehmt das Feuer fort, nehmt das Feuer fort!“ schrie sie sodann. -„Zu trinken, zu trinken, mein Kopf brennt. Gott und die Engel essen im -Himmel Äpfel.“ - -Und sie verlor das Bewußtsein. - -„Bindet sie von der Folterbank los,“ sprach der Amtmann. Der Henker und -seine Knechte gehorchten. Und sie taumelte und hatte geschwollene Füße, -maßen der Henker die Stricke zu fest geschnürt hatte. - -„Gebt ihr zu trinken,“ sprach der Amtmann. - -Es ward ihr frisches Wasser gegeben; sie goß es begierig hinunter, -indem sie den Becher zwischen den Zähnen festhielt und nicht loslassen -wollte, wie ein Hund mit einem Knochen tut. Dann gab man ihr noch mehr -Wasser, und sie wollte Joos Damman davon bringen, aber der Henker riß -ihr den Becher aus den Händen. Und sie fiel wie ein Bleiklumpen zu -Boden und schlief. - -Darauf schrie Joos Damman wütend: - -„Auch ich bin durstig und schläfrig! Warum gebet Ihr ihr zu trinken? -Warum lasset Ihr sie schlafen?“ - -„Sie ist schwach, ein Weib und irre,“ sprach der Amtmann. - -„Ihr Irrsinn ist ein Spiel,“ sagte Joos Damman; „sie ist eine Hexe; ich -will trinken, ich will schlafen!“ - -Und er schloß die Augen, doch die Knechte des Henkers schlugen ihn ins -Angesicht. - -„Gebt mir ein Messer,“ schrie er, „daß ich diese Tölpel in Stücke -schneide. Ich bin ein Edelmann und ward noch nie ins Gesicht -geschlagen! Wasser! Laßt mich schlafen, ich bin unschuldig. Nicht ich -habe die siebenhundert Karolus genommen, sondern Hilbert. Zu trinken! -Ich habe nie Zauberei und Beschwörung getrieben. Ich bin unschuldig, -laßt mich. Zu trinken!“ - -Darauf fragte der Amtmann: - -„Womit verbrachtest Du die Zeit, seit Du Katheline verlassen?“ - -„Ich kenne Katheline nicht; ich habe sie nicht verlassen,“ erwiderte -er. „Ihr befragt mich über Dinge, die mit der Sache nichts zu tun -haben. Ich brauche Euch nicht zu antworten. Zu trinken, laßt mich -schlafen. Ich sage Euch, Hilbert war’s, der alles verübt hat.“ - -„Bindet ihn los,“ sagte der Amtmann. „Führt ihn in sein Gefängnis -zurück. Aber er soll Durst leiden und nicht schlafen, bis daß er alle -seine Zaubereien und Beschwörungen bekannt hat.“ - -Und es war eine grausame Folter für Damman. So laut schrie er in seinem -Gefängnis: Zu trinken, zu trinken! daß das Volk ihn hörte, aber ohne -jedwedes Mitleid. Und da er vor Müdigkeit umfiel und ihn seine Wächter -ins Gesicht schlugen, war er wie ein Tiger und schrie: - -„Ich bin ein Edelmann und werde Euch Bauern umbringen. Ich werde zum -König, unserm Herrn, gehen. Zu trinken!“ - -Aber er bekannte nichts, und man ließ ihn allein. - - -6 - -Es war zur Maienzeit; die Gerichtslinde war grün, grün waren auch -die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war als Zeugin -vorgeladen. An diesem Tage sollte das Urteil gesprochen werden. - -Und das Volk, Männer, Weiber, Bürger und Arbeiter, stunden rings um die -Dingstätte, und die Sonne schien hell. - -Katheline und Joos Damman wurden vorgeführt, und Damman schien noch -bleicher wegen der Marter des Durstes und der schlaflos verbrachten -Nächte. - -Katheline, die nicht auf ihren zitternden Beinen stehen konnte, wies -auf die Sonne und sprach: - -„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt!“ - -Und sie blickte Joos Damman voll zärtlicher Liebe an. - -Und er blickte sie voller Haß und Verachtung an. - -Und die Ritter und Edelleute, seine Freunde, die nach Damm berufen -waren, standen männiglich als Zeugen vor dem Gerichtshof. - -Darauf redete der Amtmann und sprach: - -„Nele, das Mägdlein, die ihre Mutter Katheline mit so großer Liebe -verteidigt, hat in der Tasche, die an den Rock, den Feiertagsrock -derselbigen angenäht ist, ein Brieflein gefunden, Joos Damman -unterzeichnet. Unter den Überbleibseln von Hilbert Ryvisch fand ich in -der Gürteltasche des Toten einen andern Brief von besagtem Joos Damman, -dem hier vor Euch gegenwärtigen Angeklagten. Ich habe alle beide bei -mir bewahrt, damit Ihr im rechten Augenblick, der jetzt gekommen ist, -über die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn nach Recht und -Gerechtigkeit freisprechen oder verdammen könnt. Hier ist das in der -Gürteltasche gefundene Pergament. Ich habe es nicht berührt und weiß -nicht, ob es lesbar ist oder nicht.“ - -Die Richter waren darob in großer Bestürzung. - -Der Amtmann versuchte die Pergamentkugel auseinander zu wickeln, aber -es war vergeblich, und Joos Damman lachte. - -Darauf sagte ein Schöffe: - -„Legt die Kugel ins Wasser und hernach vors Feuer; wenn sie durch ein -Geheimnis zusammengeklebt ist, werden Feuer und Wasser es auflösen.“ - -Das Wasser ward herbeigebracht; der Henker entzündete auf dem Felde -ein großes Holzfeuer. Der Rauch stieg durch die grünenden Zweige der -Gerichtslinde blau in den hellen Himmel empor. - -„Leget den Brief nicht in das Becken,“ sagte ein Schöffe, „denn wenn -er mit in Wasser gelöstem Ammoniak geschrieben ist, werdet Ihr die -Schriftzeichen auslöschen.“ - -„Nein,“ sagte der anwesende Wundarzt, „die Schriftzüge werden nicht -verlöschen; das Wasser wird nur die Tünche aufweichen, die das Öffnen -dieser magischen Kugel verhindert.“ - -Das Pergament ward ins Wasser getaucht, erweicht und entfaltet. - -Der Wundarzt sagte: „Haltet es nunmehr vors Feuer.“ - -„Ja, ja,“ sprach Nele, „haltet das Papier vors Feuer; der Herr Wundarzt -ist auf der rechten Fährte, denn der Mörder erblaßt, und seine Beine -schlottern.“ - -Hierauf erwiderte Herr Joos Damman: - -„Ich erblasse nicht, noch zittere ich, Du kleine Harpye aus dem Volke, -die den Tod eines adligen Mannes will. Es wird Dir nicht gelingen, dies -Pergament muß verfault sein, nachdem es sechzehn Jahre in der Erde -gelegen hat.“ - -„Das Pergament ist nicht verfault,“ sagte der Schöffe, „die -Gürteltasche war mit Seide gefüttert. Die Seide zerfällt in der Erde -nicht und die Würmer haben das Pergament nicht zerfressen.“ - -Das Pergament ward vors Feuer gelegt. - -„Euer Gnaden! Herr Amtmann,“ sprach Nele, „sehet, die Tinte wird vor -dem Feuer sichtbar. Befehlt, daß man das Geschriebene lese.“ - -Da der Wundarzt sich anschickte zu lesen, wollte Herr Joos Damman die -Arme ausstrecken, um das Pergament an sich zu reißen, aber schnell wie -der Wind stürzte Nele sich auf seinen Arm und sagte: - -„Du sollst es nicht anrühren, denn da stehet Dein Tod oder Kathelines -Tod geschrieben. Wenn Dir jetzt das Herz blutet, Mörder, so blutet -das unsre seit fünfzehn Jahren; fünfzehn Jahre sind es, daß Katheline -leidet, fünfzehn Jahre, daß ihr deinetwegen das Hirn im Kopf verbrannt -ward, fünfzehn Jahre, daß Soetkin an den Folgen der Tortur starb, -fünfzehn Jahre, daß wir bedürftig und zerlumpt sind und im Elend leben, -wenn auch stolzen Sinnes. Lest das Papier, lest das Papier! Die Richter -sind Gott auf Erden, denn sie sind die Gerechtigkeit; leset das Papier!“ - -„Leset das Papier,“ schrien Männer und Weiber weinend. „Nele ist -tapfer! Lest das Papier! Katheline ist keine Hexe!“ - -Und der Gerichtsschreiber las: - -„An Hilbert, Sohn von Willem Ryvisch, Ritter, Joos Damman, Ritter, Gruß. - -„Viellieber Freund, verliere nicht fürder Dein Geld in Karten-, -Würfelspiel und anderm großen Elend. Ich will Dir sagen, wie man -es mit sicherem Wurf gewinnt. Wir wollen uns in Teufel verwandeln, -hübsche Teufel, die von Frauen und Mädchen geliebt werden. Die Schönen -und Reichen nehmen wir, die Häßlichen und Armen lassen wir beiseite; -sie mögen ihr Vergnügen bezahlen. Bei diesem Handwerk verdiente ich -in sechs Monaten im Lande Deutschland fünftausend Reichstaler. Die -Frauen geben ihrem Buhlen, so sie ihn lieben, ihre Röcke und Hemden. -Flieh die Geizigen mit spitzer Nase, die sich besinnen, ihr Vergnügen -zu bezahlen. Für Deine Person und um als schöner und echter Incubus -zu erscheinen, verkünde Dein Kommen, wenn sie Dich für die Nacht -aufnehmen, indem Du wie ein Nachtvogel schreist. Und um Dir eine wahre -Teufelslarve zu machen, wie ein erschrecklicher Teufel, reibe Dir das -Gesicht mit Phosphor ein, welcher glänzt, wenn er feucht wird. Der -Geruch ist übel, aber sie werden glauben, daß es Höllenduft ist. Töte, -was Dir in den Weg kommt, Mann, Weib oder Tier. - -„Wir werden bald zusammen zu Katheline gehn, einem schönen, gutherzigen -Weibsbild. Ihre Tochter Nele, eins von meinen Kindern, wenn Katheline -mir treu war, ist artig und hübsch. Du wirst sie ohne Mühe besitzen. -Ich gebe sie Dir, denn ich schere mich nicht um diese Bastarde, die -man nicht mit Gewißheit als seine Sprößlinge erkennen kann. Ihre -Mutter gab ihr schon dreiundzwanzig Karolus, ihre ganze Habe. Aber -sie verbirgt einen Schatz, welcher, wenn ich kein Dummkopf bin, die -Erbschaft des zu Damm verbrannten Ketzers Klas ist: siebenhundert -Karolusgülden, die der Konfiskation verfallen. Aber der gute König -Philipp, der so viele seiner Untertanen verbrennen ließ, um sie zu -beerben, konnte seine Klaue nicht auf diesen lieblichen Schatz legen. -Er wird in meiner Geldkatze schwerer wiegen als in seiner. Katheline -wird mir sagen, wo er ist, und wir wollen ihn teilen. Du mußt mir nur -für die Entdeckung den größten Teil lassen. - -„Die Weiber, unsre holden Leibeigenen und verliebten Sklavinnen, werden -wir ins Land Deutschland bringen. Dort werden wir sie lehren, weibliche -Teufel und Succubi zu werden, die alle reichen Bürger und Edelleute -verliebt machen. Allda werden sie und wir von Liebe leben, die mit -schönen Reichstalern, Samt, Seide, Gold, Perlen oder Kleinodien bezahlt -wird, und also ohne Anstrengung reich werden. Und ohne Wissen der -Succubi werden wir von den Schönsten geliebt werden und uns übrigens -immer bezahlen lassen. Alle Frauen sind dumm und albern gegen den Mann, -welcher das Liebesfeuer entzünden kann, das Gott unter ihren Gürtel -legte. Katheline und Nele werden es noch mehr sein als andre und in -allen Stücken gehorchen, sintemal sie uns für Teufel halten. Behalte du -deinen Vornamen, aber gib niemals deinen Vaternamen Ryvisch an. Wenn -der Richter die Weiber abfaßt, reisen wir ab, ohne daß sie uns kennen -und uns angeben können. Vorwärts, mein Getreuer. Fortuna lächelt der -Jugend, wie Seine Hochselige, heilige Majestät Karl der Fünfte sagte, -der ein geprüfter Meister in Sachen der Liebe und des Krieges war.“ - -Und der Gerichtsschreiber hörte auf zu lesen und sagte: - -„Dies ist der Brief. Er ist unterzeichnet. Joos Damman, Ritter.“ - -Und das Volk schrie: - -„Zum Tode mit dem Mörder! Zum Tode mit dem Zauberer! Ins Feuer mit dem -Weiberbetörer! An den Galgen mit dem Dieb!“ - -Darauf sprach der Amtmann! - -„Haltet Ruhe, Leute, damit wir in aller Freiheit diesen Menschen -richten können.“ - -Und zu den Schöffen redend, sprach er: - -„Ich will euch jetzo den zweiten Brief vorlesen, den Nele in der Tasche -von Kathelines Festtagsrock gefunden hat; er ist also abgefaßt: - -„Reizende Hexe, hier ist das Rezept einer Mixtur, die mir Luzifers Weib -selbst geschickt hat. Mit Hülfe dieser Mixtur kannst du dich in die -Sonne, den Mond und die Gestirne versetzen; mit den Elementargeistern, -die die Gebete der Menschen zu Gott tragen, Zwiesprache halten und alle -Städte, Marktflecken, Flüsse und Wiesen der ganzen Welt durcheilen. Du -zerreibst zu gleichen Teilen: Stechapfel, betäubenden Nachtschatten, -Bilsenkraut, Opium, die frischen Spitzen des Hanfes und Tollkirsche. - -„Wenn Du willst, gehen wir heute zum Sabbat der Geister; aber Du mußt -mich mehr lieben und nicht so knauserig sein wie jüngst abends, da -Du mir zehn Gülden weigertest und sagtest, daß Du sie nicht hättest. -Ich weiß, daß Du einen Schatz verborgen hältst und es mir nicht sagen -willst. Liebst du mich nicht mehr, mein süßes Herz? - - Dein kalter Teufel - Hanske“ - -„Der Zauberer muß sterben!“ schrie das Volk. - -Der Amtmann sagte: - -„Die beiden Schriftstücke müssen verglichen werden.“ - -Nachdem solches geschehen, wurden sie für gleich erklärt. - -Darauf sagte der Amtmann zu den anwesenden Rittern und Herren: -„Erkennet ihr diesen da als Herrn Joos Damman, den Sohn des Schöffen -der Küre zu Gent?“ - -„Ja,“ sprachen sie. - -„Habt Ihr Junker Hilbert, den Sohn des hochwohlgebornen Willem Ryvisch -gekannt?“ fragte er. - -Einer der Edelleute, der van der Zinkelen hieß, nahm das Wort und -sagte: - -„Ich bin aus Gent, mein Steen ist an der Place Saint-Michel; ich kenne -den Ritter Willem Ryvisch, den Schöffen der Küre zu Gent. Es sind -nunmehr fünfzehn Jahre, daß er einen Sohn im Alter von dreiundzwanzig -Jahren verlor. Er war ausschweifend, ein Spieler und Müssiggänger; aber -männiglich verzieh ihm seiner Jugend halber. Seit jener Zeit hat keiner -Kunde von ihm gehabt. Ich begehre Degen, Dolch und Gürteltasche des -Toten zu sehen.“ - -Als er sie vor sich hatte, sagte er: - -„Degen und Dolch tragen am Kopfe des Griffes das Wappen der Ryvisch, -das drei silberne Fische auf azurnem Felde hat. Ich sehe das nämliche -Wappen auf einem güldenen Schilde zwischen den Eisenmaschen der Tasche. -Wes ist dieser andere Dolch?“ - -Es ist derselbe, den man in der Leiche von Hilbert Ryvisch, dem Sohne -Willems, stecken fand,“ sprach der Amtmann. - -„Ich erkenne das Wappen der Damman daran: den Turm mit den Rachen auf -silbernem Feld. So helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“ - -Die andern Edelleute sprachen desgleichen: - -„Wir erkennen besagte Wappen als die der Ryvisch und Damman. So helfe -uns Gott und alle seine Heiligen.“ - -Der Amtmann sprach: - -„Nach den, vom Schöffengericht gehörten und gelesenen Beweisen ist Herr -Joos Damman ein Zauberer, Mörder, Weiberbetörer und Dieb am königlichen -Gute und als solcher des Verbrechens an göttlicher und menschlicher -Majestät schuldig.“ - -„Ihr sagt es, Herr Amtmann,“ entgegnete Joos, „aber Ihr werdet mich -nicht verurteilen, aus Mangel an Beweisen. Ich bin kein Zauberer und -war es nie, ich spielte nur die Rolle des Teufels. Was mein helles -Gesicht betrifft, so habt Ihr das Rezept dafür, desgleichen für die -Salbe, welches, ob schon es Bilsenkraut, eine giftige Pflanze, enthält, -doch nur ein Schlafmittel ist. Wenn dieses Weib, das eine richtige -Hexe ist, davon einnahm, versank sie in Schlaf und vermeinte zum -Sabbat zu fahren, dort mit nach außen gedrehtem Gesicht in der Runde -zu gehen und einen Teufel mit Bocksgesicht, der auf einem Altar stand, -anzubeten. Wenn der Umgang beendet war, wähnte sie, daß sie ihn unter -den Schwanz küßte, wie die Zauberer tun: nachher überließ sie sich mir, -ihrem Freunde, zu seltsamen Paarungen, die ihrem ausschweifenden Sinne -gefielen. Wenn ich, wie sie sagte, kalte Arme und kühlen Leib hatte, -so war das ein Zeichen der Jugend, nicht der Zauberei. Aber Katheline -wollte glauben, was sie wünschte, und mich für einen Teufel halten, ob -ich gleich ein Mensch von Fleisch und Bein bin, ganz wie Ihr, die Ihr -mich anseht. Sie allein ist schuldig. Indem sie mich für einen Teufel -hielt und mich in ihr Bett nahm, sündigte sie mit Absicht und Tat gegen -Gott und den Heiligen Geist. Demnach ist sie es, und nicht ich, die das -Verbrechen der Zauberei beging; sie ist des Feuers würdig als rasende, -boshafte Hexe, die sich für eine Irre ausgeben will, um ihre Bosheit zu -verbergen.“ - -Doch Nele sprach: - -„Hört Ihr ihn, den Mörder? Wie eine feile Dirne, die das Rädlein am Arm -trägt, hat er das Gewerbe und Handwerk der Liebe getrieben. Hört Ihr -ihn? Um sich zu retten, will er die verbrennen lassen, die ihm alles -gab.“ - -„Nele ist boshaft,“ sprach Katheline, „höre nicht auf sie, Hans, mein -Geliebter.“ - -„Nein,“ sagte Nele, „Du bist kein Mensch, Du bist ein feiger, grausamer -Teufel.“ Sie umschlang Katheline mit ihren Armen und rief aus: „Ihr -Herren Richter, hört nicht auf diesen bleichen Bösewicht. Er hat nur -einen Wunsch: meine Mutter verbrannt zu sehen, so sie kein andres -Verbrechen beging, als daß Gott sie mit Wahnsinn heimsuchte und sie -die Hirngespinste ihrer Träume für Wirklichkeit hielt. Sie hat an Leib -und Seele schon gar sehr gelitten. Laßt sie nicht sterben, Ihr Herren -Richter. Lasset die Unschuldige in Frieden ihr traurig Dasein leben.“ - -Und Katheline sagte: „Nele ist boshaft, Du mußt ihr nicht glauben, -Hans, mein Gebieter.“ - -Und unter dem Volk weinten die Frauen, und die Männer sagten: „Gnade -für Katheline.“ - -Auf ein Geständnis, das Joos Damman nach erneuter Folter machte, -sprachen der Amtmann und die Schöffen das Urteil. Er wurde verurteilt, -aus dem Adel ausgestoßen und bei langsamen Feuer lebendig verbrannt zu -werden, bis der Tod einträte. Er erlitt die Strafe am folgenden Morgen -vor den Gitterfenstern des Rathauses und sagte immerfort: „Laßt die -Hexe sterben, sie allein ist schuldig! Gott sei verflucht! Mein Vater -wird die Richter töten.“ Und er gab den Geist auf. - -Und das Volk sagte: „Sehet, wie er flucht und lästert; er verendet wie -ein Hund.“ - -Am andern Tage fällten der Amtmann und die Schöffen ihren Spruch über -Katheline. Sie ward verurteilt, im Brügger Kanal die Wasserprobe zu -bestehen. Bliebe sie oben schwimmen, so sollte sie als Hexe verbrannt -werden; ginge sie aber unter und verlöre dabei das Leben, so sollte -sie als christlich gestorben angesehen und als solche auf dem Kirchhof -begraben werden. - -Am nächsten Tage wurde Katheline, die eine Wachskerze trug, barfuß -und mit einem schwarzlinnenen Hemde bekleidet, in großer Prozession -an den Bäumen entlang bis an das Ufer des Kanals geführt. Vor ihr -her schritten der Dechant der Frauenkirche und seine Vikare, die -Sterbegebete sangen, und der Meßner, der das Kreuz trug; hinter ihr -der Amtmann von Damm, Schöffen, Gerichtsschreiber, Gemeindebüttel, der -Profoß, der Henker und seine beiden Knechte. Am Ufer stand eine große -Menge weinender Frauen und murrender Männer, beide voll Mitleids für -Katheline, die wie ein Lamm dahinschritt, das sich führen läßt, ohne zu -wissen wohin, und immer sagte: - -„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt! Hans, wo bist Du?“ Nele, -die unter den Frauen stand, schrie: „Ich will mit ihr hineingeworfen -werden!“ Aber die Frauen wehrten ihr, daß sie Katheline nahte. - -Vom Meere wehte ein scharfer Wind; vom grauen Himmel fiel ein -feiner Hagel in das Wasser des Kanals. Der Henker und seine Knechte -bemächtigten sich im Namen seiner königlichen Majestät eines Kahnes, -der da war. Auf ihr Geheiß stieg Katheline hinein; der Henker -stand darinnen, ergriff sie, und als der Profoß mit der Rute der -Gerechtigkeit winkte, warf er Katheline in den Kanal. Sie kämpfte mit -der Flut, aber nicht lange; dann sank sie unter, nachdem sie: „Hans, -Hans, zu Hilfe,“ gerufen hatte. - -Und das Volk sagte: „Dies Weib ist keine Hexe.“ - -Männer sprangen in den Kanal und zogen Katheline heraus. Sie war -von Sinnen und starr wie eine Leiche. Dann ward sie in eine Schenke -gebracht und vor ein starkes Feuer gelegt. Nele zog ihr die nassen -Kleider und die Wäsche aus, um ihr andere anzulegen. Als sie wieder zu -sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd: „Hans, gib mir einen -wollenen Mantel.“ - -Und Katheline konnte nicht wieder warm werden und starb am dritten -Tage. Und sie ward auf dem Kirchhof begraben. - -Und die verwaiste Nele begab sich ins Land Holland zu Rosa van Auweghem. - - -7 - -Auf den zeeländischen Huckern, auf den Bujern und den Galeassen -fährt Tyll Klas Ulenspiegel davon. Das offne Meer trägt die wackeren -Freibeuter darauf acht, zehn oder zwanzig eiserne Feldstücke sind; sie -speien Tod und Verderben auf die spanischen Verräter. - -Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, ist ein trefflicher Kanonier. - -Man muß ihn sehen, wie er das Stück richtet, scharf visiert und die -Schiffsrümpfe der Henker wie eine Mauer aus Butter durchlöchert. Er -trägt am Filzhut den silbernen Halbmond mit der Inschrift: „~Liever den -Turk als den Paus.~“ Lieber dem Türken als dem Papst dienen. - -Die Matrosen, die ihn flink wie eine Katze und behend wie ein -Eichhörnchen auf ihre Schiffe klettern sahen, dabei ein Liedchen -singend oder lustige Reden führend, fragten ihn neugierig: - -„Wie geht es zu, kleiner Kerl, daß Du ein so jugendlich Aussehen hast, -denn die Rede geht, daß es lange her ist, daß du in Damm geboren -wurdest?“ - -„Ich bin nicht Körper, sondern Geist,“ sagte er, „und Nele, mein -Liebchen, gleicht mir. Vlämischer Geist, vlämische Liebe, wir werden -nicht sterben.“ - -„Gleichwohl blutest Du, wenn man Dich schneidet,“ sagten sie. - -„Das scheint nur so; es ist Wein und nicht Blut.“ - -„Wir werden Dir einen Zapfen in den Bauch stecken.“ - -„Ich werde mich allein leeren.“ - -„Du spottest unser.“ - -„Wer das Kalbfell schlägt, wird die Trommel hören,“ antwortete -Ulenspiegel. - -Und die gestickten Banner der römischen Prozessionen flatterten an -den Schiffsmasten. In Sammet, Brokat, Seide, Gold- und Silberstoff -gekleidet, wie es die Äbte beim Hochamt tun, mit Mitra und Kreuz in -den Händen und der Mönche Wein trinkend, so hielten die Geusen auf den -Schiffen Wacht. - -Und es war ein seltsames Schauspiel, aus diesen reichen Gewändern diese -rauhen Hände herausgucken zu sehen, die Hakenbüchse oder Armbrust, -Hellebarde oder Picke trugen, lauter Männer mit hartem Gesicht und -überdies mit Pistolen und Hirschfängern umgürtet, die in der Sonne -glänzten. Sie tranken aus güldenen Kelchen den Klosterwein, welcher zum -Weine der Freiheit geworden war. - -Und sie sangen und riefen: „Es lebe der Geuse!“ Und also segelten sie -auf dem Meer und der Schelde. - - -8 - -Um dieselbige Zeit nahmen die Geusen, unter denen Lamm und Ulenspiegel -waren, Gorkum ein. Sie wurden vom Kapitän Marin befehligt. Dieser -Marin, der ehemals Deicharbeiter war, spreizte sich in großem Hochmut -und Dünkel und unterzeichnete mit Gaspard Turc, dem Verteidiger von -Gorkum, eine Kapitulation, laut welcher Turc, die Mönche, Bürger und -Soldaten, so in der Zitadelle eingeschlossen waren, frei abziehen -sollten mit der Kugel im Munde, der Muskete auf der Schulter mit -allem, was sie tragen konnten. Nur die Kirchengüter sollten den -Belagerern verbleiben. Doch der Kapitän Marin hielt auf Befehl von -Messire de Lumey die dreizehn Mönche als Gefangene zurück und ließ die -Soldaten und Bürger ziehen. - -Und Ulenspiegel sagte: „Soldatenwort soll gülden Wort sein. Warum hält -er seines nicht?“ - -Ein alter Geuse antwortete Ulenspiegel: - -„Die Mönche sind Satans Kinder, der Aussatz der Völker, die Schande der -Länder. Seit dem Einmarsch des Herzog Alba tragen sie in Gorkum die -Nase hoch. Einer unter ihnen, der Priester Nikolas, ist hoffärtiger als -ein Pfau und wilder als ein Tiger. Allemal, wenn er mit seinem Heiligen -Sakrament, darinnen seine aus Hundefett gemachte Hostie war, durch die -Straße ging, sah er mit wütenden Blicken nach den Häusern, aus denen -die Frauen nicht heraus kamen, um niederzuknieen. Er zeigte alle dem -Richter an, die nicht vor seinem Götzenbild aus Teig und vergüldetem -Kupfer das Knie beugten. Die andern Mönche taten des gleichen. Das war -der Anlaß zu mehrfachem großen Jammer, Verbrennungen und grausamer -Strafen in der Stadt Gorkum. Der Kapitän Marin tut wohl daran, die -Mönche als Gefangene festzuhalten; wenn nicht, würden sie mit ihres -Gleichen in die Dörfer, Marktflecken, Städte und Weiler gehen, gegen -uns predigen, das Volk aufwiegeln und die armen Reformierten verbrennen -lassen. Man legt die Bullenbeißer an die Kette, bis sie verenden; an -die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden des Herzogs, -in den Käfig mit den Henkern! Es lebe der Geuse!“ - -„Aber Seine Gnaden von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß man bei -denen, die sich ergeben, die persönliche Habe und das freie Gewissen -achte,“ sprach Ulenspiegel. - -Die alten Geusen erwiderten: - -„Der Admiral will es nicht für die Mönche. Er ist Herr, er hat Briel -erobert. In den Käfig mit den Mönchen!“ - -„Soldatenwort, gülden Wort! Warum bricht er es?“ entgegnete -Ulenspiegel. „Die Mönche, die im Gefängnis sind, erdulden da tausend -Mißhandlungen.“ - -„Die Asche brennt nicht mehr auf deinem Herzen,“ sagten sie. -„Kraft der Edikte haben hunderttausend Familien die Handwerke, den -Gewerbefleiß, den Reichtum unserer Länder nach dem Nordwesten, -nach Engelland getragen; beklage denn die, so unser Verderben -verschuldeten! Seit Kaiser Karl dem Fünften, dem ersten Henker, und -unter dem gegenwärtigen, dem Blutkönig und zweiten Henker, sind -hundertundachtzehntausend Personen hingerichtet worden. Wer trug die -Totenkerze bei Mord und Tränen? Mönche und hispanische Söldner. Hörst -du nicht die Seelen der Toten klagen?“ - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. „Soldatenwort, -ein gülden Wort.“ - -„Wer wollte denn,“ so sprachen sie, „das Land durch die Exkommunikation -bei allen Völkern in Acht und Bann tun? Wer hätte, wenn er es vermocht -hätte, Erde und Himmel, Gott und Teufel und die Scharen der Heiligen -gegen uns gewappnet? Wer schmierte die Hostien mit Ochsenblut ein und -ließ die hölzernen Statuen weinen? Wer ließ auf unserm heimatlichen -Boden den Sterbegesang erschallen, wenn nicht die verfluchte Klerisei, -diese Horden faulenzender Mönche, um ihren Reichtum, ihren Einfluß über -die Götzenanbeter zu behalten und durch Verderben, Blut und Feuer über -das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit den Wölfen, die sich auf -die am Boden Liegenden stürzen; in den Käfig mit den Hyänen! Es lebe -der Geuse!“ - -„Soldatenwort, gülden Wort,“ entgegnete Ulenspiegel. - -Des andern Tages kam ein Bote von Messire de Lumey mit dem Befehl, die -neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel, allwo der Admiral -war, bringen zu lassen. - -„Sie werden gehenkt werden,“ sagte der Kapitän Marin zu Ulenspiegel. - -„Nicht, so lange ich am Leben bin,“ versetzte er. - -„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „sprich nicht also zu Messire de Lumey. Er ist -grimmig und wird dich ohne Gnade mit ihnen henken lassen.“ - -„Ich werde der Wahrheit gemäß reden,“ erwiderte Ulenspiegel. -„Soldatenwort, gülden Wort.“ - -„Wenn Du sie retten kannst,“ sagte Marin, „so führe ihre Barke bis -Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, und Deinen Freund Lamm mit, wenn Du -willst.“ - -„Ja, ich will,“ antwortete Ulenspiegel. - -Die Barke legte am Quai Vert an, und die neunzehn Mönche stiegen -hinein. Der furchtsame Rochus wurde ans Steuerruder gesetzt, und -Ulenspiegel und Lamm nahmen wohlbewaffnet im Vorderteil des Fahrzeuges -Platz. Verlotterte Söldner, die sich des Plünderns halber zu den Geusen -geschlagen hatten, waren bei den hungernden Mönchen. Ulenspiegel gab -ihnen zu trinken und zu essen. „Dieser wird Verrat üben,“ sprachen die -verlotterten Söldner. Die neunzehn Mönche saßen blöd und schlotternd in -der Mitte, ohngeachtet man im Juli war, die Sonne hell und warm schien -und ein sanfter Wind die Segel der Barke schwellte, die schwer und -rundbäuchig über die grünen Wogen glitt. - -Darauf redete Pater Nikolas und sprach zum Steuermann: - -„Rochus, führt man uns aufs Galgenfeld?“ Dann wandte er sich nach -Gorkum, stand auf und reckte die Hand aus. „O, Stadt Gorkum! welch -großes Wehe hast Du zu erleiden! Verflucht wirst Du sein unter -den Städten, denn Du hast in Deinen Mauern den Samen der Ketzerei -großgezogen! O Stadt Gorkum! Und der Engel des Herrn wird nicht mehr an -Deinen Toren Wacht halten. Er wird nicht mehr für die Keuschheit Deiner -Jungfrauen, den Mut Deiner Männer und den Reichtum Deiner Kaufleute -sorgen! O Stadt Gorkum, verflucht bist Du, Unselige!“ - -„Verflucht, verflucht,“ erwiderte Ulenspiegel, „verflucht wie der Kamm, -der durchgefahren ist und die hispanischen Läuse mitgenommen hat. -Verflucht wie der Hund, der die Kette zerbricht, wie das edle Roß, -das einen grausamen Reiter von sich abschüttelt. Verflucht Du selbst, -einfältiger Pfaff, der es schlecht findet, daß man die Rute, und wäre -sie von Eisen, auf dem Rücken der Tyrannen zerbricht.“ - -Der Mönch schwieg, schlug die Augen nieder und schien in frommen Haß -versenkt. - -Die Söldner, so Plünderns halber zu den Geusen gekommen waren, -saßen bei den Mönchen, die bald Hunger hatten. Ulenspiegel forderte -Schiffsbrot und Hering für sie. Der Schiffsmeister antwortete: - -„Werfet sie in die Maas, da können sie den Hering ungesalzen fressen.“ - -Darauf gab Ulenspiegel den Mönchen alles, was er an Brot und Wurst -für sich und Lamm bei sich hatte. Der Schiffsmeister und die Söldner -sprachen untereinander: - -„Das ist ein Verräter, er füttert die Mönche; er muß angezeigt werden.“ - -In Dordrecht legte die Barke im Hafen am Bloemen-Key an. Männer, -Frauen, Knaben und Mädchen kamen in Menge herbeigelaufen, die Mönche -zu sehen, wiesen mit dem Finger auf sie oder drohten mit der Faust und -sagten zueinander: - -„Sehet diese Wichte und Gottmacher, die die Leiber zum Scheiterhaufen -und die Seelen ins ewige Feuer bringen; sehet die fetten Tiger und -dickbäuchigen Hyänen.“ - -Die Mönche senkten den Kopf und wagten nicht mehr zu sprechen, und -Ulenspiegel sah sie abermals zittern. - -„Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,“ sagten sie. - -Aber der Schiffspatron sprach: - -„Wer trinkt allezeit? Der dürre Sand. Wer ißt allezeit? Der Mönch.“ - -Ulenspiegel ging in die Stadt, um Brot, Schinken und einen großen Krug -Bier für sie zu holen. - -„Esset und trinket,“ sprach er. „Ihr seid unsere Gefangenen, aber ich -werde Euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort, gülden Wort.“ - -„Weshalb gibst Du ihnen das? Sie werden Dir’s nicht lohnen,“ sagten die -Söldner und sie sprachen leise miteinander und flüsterten sich diese -Worte ins Ohr: „Er hat versprochen, sie zu retten; laßt uns ihn wohl -bewachen.“ - -Bei Tagesanbruch gelangten sie nach Briel. Nachdem ihnen die Tore -geöffnet waren, ging ein Eilbote voraus, um Herrn de Lumey ihre Ankunft -zu melden. - -Kaum hatte er die Kunde empfangen, so kam er, notdürftig bekleidet und -von etlichen bewaffneten Reitern und Fußgängern gefolgt, angeritten. - -Und Ulenspiegel konnte zum andern Mal den grimmen Admiral sehen, -gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überfluß lebt. - -„Seid gegrüßt, Ihr Herren Mönche,“ sprach er. „Hebt die Hände auf. Wo -ist das Blut der Herren von Egmont und van Hoorn? Ihr zeigt mir eine -weiße Pfote, das ist hübsch von Euch.“ - -Ein Mönch, namens Leonard, sagte: - -„Mach mit uns, was Du willst. Wir sind Mönche, keiner wird Anspruch auf -uns erheben.“ - -„Er hat recht geredet,“ sprach Ulenspiegel. „Denn da der Mönch mit der -Welt gebrochen hat, die Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Gattin -und Liebste ist, so wird er in seinem letzten Stündlein keinen finden, -der Anspruch an ihn erhebt. Ich aber, Excellenz, ich will es tun. Da -der Kapitän Marin die Kapitulation von Gorkum unterzeichnete, machte er -aus, daß diese Mönche frei sein sollten, wie alle, die in der Zitadelle -gefangen wurden und aus der Stadt abzogen. Sie wurden jedoch ohne Grund -als Gefangene zurückgehalten. Ich höre, daß sie gehenkt werden sollen. -Euer Gnaden, ich wende mich in aller Demut an Euch und lege Fürsprache -für sie ein; denn ich weiß: Soldatenwort ist gülden Wort.“ - -„Wer bist Du?“ fragte Messire de Lumey. - -„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin ein Vläme aus dem -schönen Land Flandern; ein Bauer und Edelmann, alles zumal. Also -lustwandle ich durch die Welt, lobe die guten und schönen Dinge und -spotte der Dummheit mit keckem Schnabel. Und ich will Euch preisen, so -Ihr das Versprechen haltet, das der Kapitän gegeben hat: Soldatenwort -ist gülden Wort.“ - -Aber die Söldner, so auf dem Schiff waren, sagten: - -„Euer Gnaden, dieser Mensch ist ein Verräter. Er hat versprochen, sie -zu retten; er hat ihnen Brot, Schinken, Wurst, Bier gegeben, und uns -nichts.“ - -Drauf sagte Messire de Lumey zu Ulenspiegel: - -„Lustwandelnder Vläme und Ernährer von Mönchen, Du wirst mit ihnen -gehenkt werden.“ - -„Ich habe keine Furcht,“ erwiderte Ulenspiegel, „Soldatenwort ist -gülden Wort.“ - -„Dir ist der Kamm trefflich geschwollen,“ sprach de Lumey. - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel. - -Die Mönche wurden in eine Scheune gebracht und Ulenspiegel mit ihnen; -dort wollten sie ihn durch theologische Argumente bekehren, aber beim -Zuhören schlief er ein. - -Dieweil Herr de Lumey bei Tafel war und sich an Wein und Fleisch -gütlich tat, kam ein Bot von Gorkum vom Kapitän Marin mit der -Abschrift der Briefe des Schweigers, Prinzen von Oranien: „Befehl an -alle Gouverneure der Städte und andrer Orte, daß sie den Geistlichen -gleichen Schutz, gleiche Sicherheit und Vorrechte wie dem übrigen Volk -angedeihen lassen.“ - -Der Bote verlangte bei de Lumey vorgelassen zu werden, um ihm die -Abschrift der Briefe zu eignen Händen auszuantworten. - -„Wo ist das Original?“ fragte ihn de Lumey. - -„Bei meinem Gebieter Marin,“ sagte der Bote. - -„Und der Tölpel schickt mir die Abschrift!“ sagte de Lumey. „Wo ist -Dein Paß?“ - -„Hier, Euer Gnaden,“ sagte der Bote. - -Herr de Lumey las laut vor: - -„Der gnädige Herr und Hauptmann Marin Brandt befiehlt allen Beamten, -Gouverneuren und Offizieren der Republik ungefährdet passieren zu -lassen“ usw. - -De Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und zerriß den Paß. „Blut -Gottes,“ schrie er, „was untersteht sich dieser Marin, dieser Lump, der -vor der Einnahme von Briel nicht eine Heringsgräte zu beißen hatte! Er -betitelt sich gnädiger Herr und Hauptmann und schickt mir Befehle, mir! -Er verordnet und befiehlt! Sag Deinem gnädigen Herrn, daß er so sehr -Hauptmann und gnädig ist, und so trefflich befehlen und verordnen kann, -daß die Mönche alsogleich kurz und hoch sollen aufgehenkt werden, und -Du mit ihnen, wenn Du Dich nicht packst.“ - -Und mit einem Fußtritt stieß er ihn aus dem Saale. - -„Zu trinken!“ schrie er. „Habt Ihr die Anmaßung dieses Marin gesehen? -Ich werde mein Essen wieder ausspeien, so wütend bin ich. Die Mönche -sollen straks in ihrer Scheune gehenkt werden und der lustwandelnde -Vläme soll hierher gebracht werden, nachdem er ihrer Hinrichtung -beigewohnt hat. Wir wollen doch sehen, ob er es wagen wird, mir zu -sagen, daß ich schlecht getan habe. Blut Gottes! Wozu braucht es hier -noch Krüge und Gläser?“ Und mit lautem Krachen zerbrach er die Becher -und das Geschirr, und niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. Die -Diener wollten die Scherben auflesen, er duldete es nicht, und indem -er ohne Maß die Flaschen austrank, geriet er noch mehr in Wut, rannte -mit großen Schritten umher und trampelte und stampfte wütend auf die -Scherben. Ulenspiegel ward vor ihn geführt. - -„Nun,“ sagte er zu ihm, „bringst Du Kunde von Deinen Freunden, den -Mönchen?“ - -„Sie sind gehenkt,“ sagte Ulenspiegel, „und ein feiger Henker, der aus -Habgier schlachtet, hat dem einen, nachdem er tot war, Bauch und Seiten -aufgeschlitzt, wie bei einem Schwein, das man ausnimmt, um sein Fett -einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort ist nicht mehr gülden Wort.“ - -De Lumey zerstampfte die Trümmer des Geschirrs. - -„Du trotzest mir, Du vier Schuh hoher Taugenichts, doch Du sollst auch -gehenkt werden, nicht in einer Scheune, sondern auf offenem Markt, mit -Schimpf und Schande vor allen Leuten.“ - -„Schande über Euch,“ sagte Ulenspiegel. „Schande über uns. Soldatenwort -kein gülden Wort mehr.“ - -„Wirst Du schweigen, Eisenkopf!“ sagte Messire Lumey. - -„Schande über Dich,“ sprach Ulenspiegel, „Soldatenwort kein gülden Wort -mehr. Bestrafe lieber die schändlichen Händler mit Menschenfett.“ - -Darauf stürzte sich Herr de Lumey auf ihn, um ihn zu schlagen. - -„Schlag zu,“ sagte Ulenspiegel, „ich bin Dein Gefangener, aber ich habe -keine Furcht vor Dir. Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“ - -Da zog Herr von Lumey seinen Degen und hätte Ulenspiegel gewißlich -getötet, dafern nicht Herr von Très-Long seinen Arm festgehalten und zu -ihm gesagt hätte: - -„Erbarme Dich! Er ist ehrlich und tapfer und hat kein Verbrechen -begangen.“ - -Da besann sich de Lumey und sprach: - -„Er möge um Pardon bitten“. - -Doch Ulenspiegel blieb stehen und sagte: - -„Das werde ich nicht tun.“ - -„Dann soll er zum wenigsten sagen, daß ich nicht Unrecht gehabt habe,“ -schrie de Lumey, in Wut geratend. - -Ulenspiegel entgegnete: - -„Ich bin kein Speichellecker großer Herren; Soldatenwort kein gülden -Wort mehr.“ - -„Der Galgen soll aufgerichtet werden,“ sagte de Lumey. „Führt ihn hin; -so wird es ein hanfenes Wort sein.“ - -„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „und vor allem Volk werde ich Dir zurufen: -Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr!“ - -Der Galgen ward auf dem großen Markt errichtet, und die Kunde durchlief -alsbald die Stadt, daß Ulenspiegel, der tapfere Geuse, gehenkt werden -sollte. Und das Volk ward von Mitleid und Teilnahme ergriffen. In -hellen Haufen kam es zum Großen Markt, und Herr de Lumey kam auch -angeritten, da er selber das Zeichen zur Hinrichtung geben wollte. - -Ohne Erbarmen sah er Ulenspiegel mit dem Totenhemd angetan, auf der -Leiter stehen, die Arme am Körper festgebunden, die Hände gefaltet, den -Strick um den Hals, und den Henker bereit, seines Amtes zu walten. - -Très-Long sagte: - -„Euer Gnaden, verzeihet ihm, er ist kein Verräter, und niemand hat je -einen Menschen henken sehen, weil er aufrichtig und mitleidig war.“ - -Und als die Männer und Weiber aus dem Volk Très-Long reden hörten, -schrien sie: „Erbarmen, Euer Gnaden, Erbarmen und Gnade für -Ulenspiegel!“ - -„Dieser Eisenkopf hat mir getrotzt,“ sprach de Lumey, „er möge bereuen -und sagen, daß ich recht getan habe.“ - -„Willst Du bereuen und sagen, daß er recht getan habe?“ sagte Très-Long -zu Ulenspiegel. - -„Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr,“ gab Ulenspiegel zur Antwort. - -„Zieht den Strick zu,“ sagte de Lumey. - -Der Henker wollte gehorchen; da sprang ein junges Mädchen, ganz in Weiß -gekleidet, mit einem Blumenkränzlein im Haar, wie rasend die Stufen des -Blutgerüsts hinauf, warf sich an Ulenspiegels Brust und sagte: - -„Dieser Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.“ - -Und das Volk klatschte in die Hände und die Weiber schrieen: - -„Es lebe das Dirnlein, Ulenspiegels Retterin!“ - -„Was bedeutet das?“ fragte Herr de Lumey. - -Très-Long antwortete: - -„Nach Sitte und Brauch der Stadt ist es Recht und Gesetz, daß ein -junges Weib, Jungfrau oder ledig, einen Mann vom Strang errettet, wenn -sie ihn am Fuße des Galgens zum Gatten nimmt.“ - -„Gott ist mit ihm,“ sprach de Lumey, „bindet ihn los.“ - -Darauf ritt er an das Gerüst heran und sah das Mägdlein geschäftig, -Ulenspiegels Stricke zu zerschneiden, und der Henker wollte sich ihrem -Vorhaben widersetzen und sagte: - -„So Ihr sie zerschneidet, wer wird sie bezahlen?“ - -Aber das Mägdlein hörte ihn gar nicht. - -Da er sah, daß sie so behend, verliebt und klug war, ward er gerührt. - -„Wer bist Du?“ fragte er. - -„Ich bin Nele, seine Braut, und komme aus Flandern, ihn zu suchen.“ - -„Du tatest recht,“ sagte de Lumey in rauhem Ton. - -Und er ritt von dannen. - -Drauf kam Très-Long heran. - -„Kleiner Vläme,“ sagte er, „wirst Du als Ehemann noch Soldat auf unsern -Schiffen bleiben?“ - -„Ja, Herr,“ antwortete Ulenspiegel. - -„Und Du, Mägdlein, was wirst Du ohne Deinen Mann anfangen?“ - -Nele antwortete: - -„Wenn Ihr erlaubt, Herr, werde ich auf seinem Schiff Pfeifer werden.“ - -„Ich erlaube es,“ sagte Très-Long. - -Und er gab ihr zwei Gülden für die Hochzeit. - -Und Lamm sagte, vor Freude weinend und lachend: - -„Hier sind noch drei Gülden: wir wollen alles aufessen, ich bezahle. -Laßt uns zum „Güldenen Kamm“ gehen. Mein Freund ist nicht tot. Es lebe -der Geuse!“ - -Und das Volk klatschte Beifall, und sie gingen zum „Güldenen Kamm“, -allwo ein großer Schmaus bestellt ward, und Lamm warf Heller zum -Fenster hinaus für das Volk. - -Und Ulenspiegel sagte zu Nele: - -„Herzallerliebste, da bist Du also bei mir! O, Jubel! Sie ist hier, mit -Leib, Herz und Seele, mein süßes Liebchen. O, die sanften Augen und -die schönen roten Lippen, von welchen immer nur gute Worte kamen. Auf -unsern Schiffen wirst Du die Pfeife der Freiheit blasen. Entsinnst Du -Dich ... Doch nein ... Unser ist die gegenwärtige Stunde voller Wonne, -und mein ist Dein Antlitz hold wie Blüten des Rosenmonds. Ich bin im -Paradiese. Doch Du weinst ...?“ - -„Sie haben sie umgebracht,“ sprach sie. - -Und sie erzählte ihm die Leidensgeschichte. - -Und sich einander anschauend, weinten sie vor Liebe und Schmerz. Und -beim Festmahl aßen und tranken sie, und Lamm blickte sie betrübt an und -sagte: - -„Ach, mein Weib, wo bist Du?“ - -Und der Priester kam und traute Nele und Ulenspiegel. - -Und die Morgensonne fand sie nebeneinander auf ihrem Hochzeitslager. - -Und Neles Haupt ruhte auf Ulenspiegels Schulter. Und als sie beim -Sonnenschein erwachte, sagte er: - -„Blühendes Antlitz und sanftes Herz, wir werden Flanderns Rächer sein.“ - -Und sie küßte ihn auf den Mund und sagte: „Närrischer Sinn und starker -Arm, Gott wird Pfeife und Degen segnen.“ - -„Ich werde Dir ein Soldatenkleid machen.“ - -„Sogleich?“ fragte sie. - -„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. „Aber wer sagt doch, daß morgens -die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist weit besser.“ - - -9 - -Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten, gleich ihren Freunden und Gefährten, -den Klöstern die Habe wieder abgenommen, so diese dem Volke durch -Prozessionen, falsche Wunder und andere römische Gaukeleien aus der -Tasche gezogen hatten. - -Dies war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen, aber -das Geld diente zur Bezahlung der Kriegskosten. - -Lamm Goedzak, nicht zufrieden, sich mit Geld zu versorgen, raubte -Schinken, Würste, Flaschen, Wein und Bier aus den Klöstern und kehrte -frohgemut zurück, ein Wehrgehenk mit Geflügel, Truthennen, Kapaunen, -Hühnern und Kücken auf der Brust tragend und etliche mönchische Kälber -und Schweine an einem Strick hinterdreinschleifend. Und das gemäß dem -Kriegsrecht, wie er sagte. - -Hocherfreut über jede Beute, trug er sie aufs Schiff, damit man damit -Schmausereien und Gelage veranstaltete; gleichwohl beklagte er sich, -daß der Schiffskoch in der Wissenschaft der Brühen und Fleischgerichte -so unbewandert sei. - -Eines Tages, da die Geusen siegesfroh ihren Wein schlürften, sprachen -sie zu Ulenspiegel: - -„Du hast immer die Nase nach dem Winde, um Zeitung vom Festland zu -wittern; Du kennst alle Kriegsabenteuer: sing sie uns vor. Indes wird -Lamm die Trommel schlagen und der hübsche Pfeifer wird nach dem Takt -Deines Liedes blasen.“ - -Und Ulenspiegel sagte: - -„An einem hellen, kühlen Maitage findet Ludwig von Nassau, der in Mons -einzurücken gedenkt, nicht Fußsoldaten noch Reiterei. Etliche heimliche -Anhänger hielten ein Tor offen und eine Brücke war herabgelassen, auf -daß er in Besitz der Stadt käme. Aber die Bürger bemächtigten sich der -Stadt und des Tores. Wo sind des Grafen Ludwig Soldaten? Die Bürger -wollen die Brücke aufziehen. Graf Ludwig stößt ins Horn.“ - -Und Ulenspiegel sang: - - „Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei? - Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles, - So dürres Reis wie zarte Maienblumen. - Die liebe Sonne lässet ihre roten - Und kriegerischen Angesichter glänzen - Und ihrer Renner blanke Kruppen. - Graf Ludwig stößt ins Horn. - Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise. - - Im scharfen Trab, die Zügel verhängt, - Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug, - Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl, - Fliegen die schweren Reiter heran! - Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los! - Die Brücke hebt sich ... Gespornt - Der Schlachtrosse blutende Flanken! - Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren! - - Sie sind davor. Ist es zu spät? - In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt, - Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt, - Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst. - Die Stadt gewonnen! Höret Ihr - Auf dem Pflaster von Mons, - Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug, - Den Wirbelwind von klirrendem Stahl? - - Heil Chaumont und dem spanischen Hengst - Schmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel! - Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften; - Die Lerche steigt singend gen Himmel. - Heil dem Vogel der Freiheit! - Rühret die Siegestrommel! - Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken! - Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“ - -Und die Geusen sangen auf den Schiffen: „Christe, schau nieder auf -Deine Soldaten. Schärfe unsere Waffen, Herr. Es lebe der Geuse!“ - -Und Nele ließ lächelnd die schrillen Töne der Pfeife erklingen, -und Lamm schlug die Trommel, und die güldenen Kelche und die -Freiheitslieder erhoben sich zum Himmel, dem Tempel Gottes. Und gleich -Meerjungfrauen murmelten die klaren, kühlen Wogen melodisch um das -Schiff. - - -10 - -An einem Tag im Augustmond, einem schwülen, heißen Tage blies Lamm -Trübsal. Seine lustige Trommel war still und schlief, und die -Trommelstöcke sahen aus seiner Kriegstasche hervor. - -Ulenspiegel und Nele lächelten vor verliebten Wohlbehagen und wärmten -sich in der Sonne; die Marswachen pfiffen oder sangen, dieweil sie über -das weite Meer Ausschau hielten, ob sie am Horizont nicht etwelche -Beute erspähten. Wenn Très-Long sie fragte: sagten sie immer: „_Niets_, -nichts.“ - -Und Lamm, bleich und niedergedrückt, seufzte erbärmlich. Und Nele sagte: - -„Woher kommt es, Lamm, daß Du so bekümmert bist?“ - -Und Ulenspiegel sprach zu ihm: - -„Du wirst mager, mein Sohn.“ - -„Ja,“ sagte Lamm, „ich bin betrübt und mager. Mein Herz büßt seine -Heiterkeit und mein Vollmondsgesicht seine Frische ein. Ja, lacht -nur über mich, Ihr, die Ihr Euch durch tausend Gefahren wiederfandet. -Spottet des armen Lamm, der, wiewohl verheiratet, wie ein Witwer lebt, -indes die da“, sprach er, auf Nele deutend, „ihren Mann der Umarmung -des Strickes entriß, der sein letztes Liebchen sein wird. Sie tat wohl -daran, Gott sei gelobt, aber sie muß nicht über mich lachen. Jawohl, -Du mußt nicht über den armen Lamm lachen, Nele, mein Herzchen! Mein -Weib lacht für zehn. Ach, Ihr Weiber seid grausam gegen die Schmerzen -Andrer. Ja, mein Herz ist betrübt, vom Schmerze der Trennung verwundet, -und nichts kann es trösten, denn sie allein.“ - -„Oder irgend ein Fleischgericht,“ sagte Ulenspiegel. - -„Wohl,“ sprach Lamm, „wo ist auf diesem elenden Schiff das Fleisch? -Auf den Schiffen des Königs kriegen sie es viermal in der Woche, -dafern nicht Fasttag ist, und dreimal Fisch. Was die Fische angeht, -Gott verdamme mich, wenn dies Faserzeug / ich meine ihr Fleisch / -etwas anderes tut als mir unnütz das Blut zu erhitzen, mein armes -Blut, das sich bald in Wasser verwandeln wird. Sie haben Bier, Käse, -Suppe und gutes Getränk. Ja, sie haben alles für des Magens Behagen: -Schiffszwieback, Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles: -gedörrten Fisch, Käse, Senfsamen, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze, -Essig, Öl, Talg, Holz und Kohlen. Uns aber hat man verboten, Vieh zu -rauben, wessen es auch sei, eines Bürgers, Abtes oder Edelmannes. -Wir essen Hering und trinken Dünnbier. Wehe, ich habe nichts mehr; -nicht Frauenliebe, noch guten Wein, nicht Doppel-Braunbier, noch gute -Nahrung. Wo sind hier unsere Freuden?“ - -„Das will ich Dir sagen, Lamm,“ antwortete Ulenspiegel. „Auge um Auge, -Zahn um Zahn. In der Bartholomäusnacht zu Paris haben sie zehntausend -freie Seelen allein in der Stadt Paris getötet, der König hat selbst -auf sein Volk geschossen. Erwache, Vläme, ergreife das Beil ohne -Erbarmen: Das sind unsere Freuden. Triff den feindlichen, römischen -Spanier, wo immer Du ihn findest. Laß Deine Esserei beiseite. Sie -haben die Opfer, tot oder lebendig, an ihren Fluß geschafft und sie zu -ganzen Wagenladungen ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst -Du, Lamm? Die Seine war neun Tage lang rot, und die Raben ließen sich -in Scharen auf die Stadt nieder. In La Charité, Rouen, Toulouse, -Lyon, Bordeaux, Bourges und Meaux war das Blutbad entsetzlich. Siehst -Du die Scharen vollgefressener Hunde, die sich bei den Kadavern -niederlegen? Ihre Zähne sind müde von der Arbeit; der Flug der Raben -ist schwerfällig, so sehr haben sie sich den Magen mit dem Fleische der -Opfer angefüllt. Hörst Du die Stimmen der Seelen, Lamm, die um Rache -und Mitleid gen Himmel schreien? Erwache, Vläme. Du sprichst von Deiner -Frau. Ich glaube nicht, daß sie untreu ist, aber betört, und sie liebt -Dich noch, armer Freund. Sie war nicht unter den Damen vom Hofe, die -in der Nacht des Blutbades die Leichen entblößten, um zu sehen, ob -ihre Männlichkeit groß oder klein war. Und sie lachten, diese großen -Damen, groß in Unzucht. Freue Dich, mein Sohn, trotz Deines Fisches und -Dünnbiers. Wenn der Nachgeschmack des Herings widerlich ist, so ist es -der Geruch dieser Geilheit noch mehr. Die geschlachtet haben, halten -Festmahle, und mit schlecht gewaschenen Mörderhänden zerlegen sie die -fetten Gänse, um den artigen Pariser Edelfräulein die Flügel, Füße -und das Hinterteil anzubieten. Die aber hatten zuvor anderes Fleisch, -kaltes Fleisch berührt.“ - -„Ich werde nicht mehr klagen, mein Sohn,“ sagte Lamm und stand auf. -„Für die freien Seelen ist der Hering eine Fettammer und das Dünnbier -gleicht Malvasier.“ - -Und Ulenspiegel sprach: - - „Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder. - In Trümmern und Blut - Erblüht die Rose der Freiheit. - So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein? - - Nach dem Triumph der Hyäne - Kommt die Zeit des Löwen. - Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden. - Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“ - -Und die Geusen auf den Schiffen sangen: - - „Das gleiche Los droht uns vom Herzog. - Auge um Auge, Zahn um Zahn, - Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“ - - -11 - -In einer düsteren Nacht, als der Donner in den Tiefen der Wetterwolken -grollte, war Ulenspiegel mit Nele auf Deck und sprach: - -„All unsere Lichter sind gelöscht. Wir sind Füchse, die nachts auf -das spanische Geflügel lauern, das ist auf ihre zweiundzwanzig Kuffs, -reiche Schiffe, darauf die Laternen schimmern, die für sie böse Sterne -sind. Und wir werden sie verfolgen.“ - -Nele sprach: - -„Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie der -Höllenschlund, die Sterne funkeln wie Satans Lächeln, der ferne Donner -grollt dumpf, die Möwen fliegen laut kreischend vorüber. Das Meer wälzt -seine phosphorschimmernden Wellen wie silberne Schlangen. Tyll, mein -Geliebter, komm in die Welt der Geister. Nimm das Zauberpulver“ ... - -„Werde ich die Sieben sehen, Liebchen?“ - -Und sie nahmen das Zauberpulver. - -Und Nele drückte Ulenspiegel die Augen zu und Ulenspiegel schloß sie -Nele. Und sie erblickten ein grausames Schauspiel. - -Himmel, Erde und Meer waren voll von Männern, Weibern und Kindern, die -da arbeiteten, ruderten, wanderten oder träumten. Das Meer schaukelte -sie, die Erde trug sie und sie wimmelten wie Aale in einem Korbe. - -Sieben Männer und Frauen saßen mitten im Himmel auf Thronen, die -Stirnen mit einem glänzenden Sterne gekrönt; aber sie waren so -verschwommen, daß Nele und Ulenspiegel nur ihre Sterne deutlich -erblickten. - -Das Meer stieg bis zum Himmel und wälzte in seinem Schaum eine Unzahl -von Schiffen, deren Masten und Takelwerk nach der Willkür der stürmisch -bewegten Wogen aneinanderstießen, sich verwickelten, zerbrachen und -zerspellten. Dann erschien ein Schiff inmitten aller andern. Seine -Verschalung war von glühendem Eisen, der stählerne Kiel scharf wie ein -Messer. Das Wasser schrie und ächzte, wenn es hindurchfuhr. Der Tod -saß hohnlachend auf dem Heck, in der einen Hand seine Hippe, in der -andern eine Peitsche, womit er sieben Personen schlug. Die eine war -ein trübseliger, magerer, hochmütiger, schweigsamer Mensch. In der -einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen Degen. Neben ihm -saß eine rothaarige Dirne auf einer Ziege, ihre Brüste waren bloß, -ihr Kleid offen und sie hatte freche Augen. Unzüchtig reckte sie sich -zur Seite eines alten Juden, der Nägel aufsammelte, und eines dicken, -gedunsenen Mannes, der allemal umfiel, wenn sie ihn aufrichtete. Ein -mageres, wütendes Weib prügelte alle beide. Der dicke Mann rächte sich -nicht, noch minder seine rothaarige Gefährtin. Ein Mönch in ihrer Mitte -aß Würste. Ein Weib, das auf der Erde lag, kroch wie eine Schlange -zwischen den andern hindurch, biß den alten Juden wegen seiner alten -Nägel, den gedunsenen Mann, weil er zu gemächlich war, die rothaarige -Dirne wegen des feuchten Schimmers ihrer Augen, den Mönch wegen der -Würste, und den Magern wegen seines Zepters. Und alsbald prügelten sich -alle. - -Als sie weiterfuhren, ward die Schlacht auf dem Meer, im Himmel und auf -Erden entsetzlich. Es regnete Blut. Die Schiffe wurden von Beilhieben, -Büchsen- und Kanonenschüssen zerschmettert, ihre Trümmer flogen mitten -im Pulverdampf in die Luft. Auf dem Lande prallten die Heere wie eherne -Mauern zusammen. Städte, Dörfer und Ernten verbrannten unter Geschrei -und Tränen. Die stolzen Schattenrisse der ragenden Glockentürme hoben -sich wie steinerne Spitzenzier vom Feuerschein ab; dann stürzten sie -gleich gefällten Eichen dröhnend zu Boden. Schwarze Reiter, zahlreich -und dicht wie Ameisenhaufen, den Degen in der Hand und die Pistole in -der Faust, töteten Männer, Weiber und Kinder. Etliche schlugen Löcher -ins Eis und senkten lebende Greise hinein; andere schnitten den Weibern -die Brüste ab und streuten Pfeffer darauf, andere henkten Kinder in den -Essen auf. Die des Tötens müde waren, taten irgend einem Mädchen oder -einer Frau Gewalt an, tranken, spielten Würfel und wühlten mit roten -Fingern in Goldhaufen, dem Ertrage der Plünderung. - -Die sieben Sterngekrönten riefen: „Erbarmen für die arme Welt!“ - -Und die Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen denen von -tausend Fischadlern, die zumal schrieen. Und der Tod schwang seine -Hippe. - -„Hörst Du sie?“ sagte Ulenspiegel; „das sind die Raubvögel der armen -Menschen. Sie nähren sich von kleinen Vögeln, nämlich den Schlichten -und Guten.“ - -Die sieben Sterngekrönten riefen: „Liebe, Gerechtigkeit, -Barmherzigkeit!“ - -Und die sieben Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen denen -von tausend Fischadlern, die zumal schreien. Und der Tod peitschte sie. - -Und das Schiff fuhr mitten hindurch und schnitt Kriegsschiffe, Boote, -Männer, Weiber und Kinder entzwei. Die Klagen der Opfer, die „Erbarmen“ -riefen, widerhallten auf dem Meere. Und das rote Schiff segelte über -sie alle hinweg, dieweil die lachenden Gespenster gleich Seeadlern -schrieen. Und der Tod trank hohnlachend das blutige Wasser. - -Da das Schiff im Nebel verschwunden war, hörte die Schlacht auf und die -sieben Sterngekrönten vergingen. - -Und Ulenspiegel und Nele sahen nichts mehr denn den schwarzen -Himmel, die hochgehende See, die düstern Wetterwolken, die auf dem -phosphorschimmernden Wasser heranzogen, und ganz nahe rote Sterne. Es -waren die Laternen der zweiundzwanzig Kuffs. Das Meer und der Donner -grollten dumpf. - -Und Ulenspiegel läutete sacht die Alarmglocke und rief: „Der Spanier, -der Spanier! Er segelt auf Vlissingen!“ Und der Ruf hallte wider durch -die ganze Flotte. - -Und Ulenspiegel sagte zu Nele: - -„Ein grauer Schimmer breitet sich über Himmel und Meer aus. Die -Laternen leuchten nur noch schwach; der Tag bricht an, der Wind frischt -auf, die Wogen schleudern ihren Schaum über das Deck der Schiffe, -ein starker Regen fällt und hört sogleich wieder auf. Die Sonne geht -strahlend auf und vergoldet die Wogenkämme; das ist Dein Lächeln, Nele, -frisch wie der Morgen, sanft wie der Sonnenstrahl.“ - -Die zweiundzwanzig Kuffs segeln vorbei. Auf den Schiffen der Geusen -dröhnen die Trommeln und schrillen die Pfeifen; de Lumey ruft: -„Auf Befehl des Prinzen: Klar zum Entern!“ Ewont Pietersen Wort, -Vizeadmiral, ruft: „Auf Befehl Seiner Gnaden von Oranien und des Herrn -Admirals: Klar zum Entern!“ Auf allen Schiffen, „Johanna“, „Schwan“, -„Anne-Mie“, „Geuse“, „Kompromiß“, „von Egmont“, „von Hoorn“, „Willem de -Zwyger“, rufen alle Kapitäne: „Auf Befehl seiner Gnaden von Oranien und -des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“ - -„Klar zum Entern! es lebe der Geuse!“ rufen die Soldaten und Matrosen. - -Très-Longs Hucker, „Briel“ genannt, auf dem Ulenspiegel und Lamm sind, -gefolgt von „Johanna“, „Schwan“ und „Geuse“, erobert vier Kuffs. -Die Geusen werfen alles, was spanisch ist, ins Wasser, nehmen die -Niederländer gefangen, leeren die Schiffe aus wie Eierschalen und -lassen sie ohne Mast noch Segel in die Rhede treiben. Dann machen sie -Jagd auf die achtzehn andern. Der Wind weht heftig von Antwerpen, -die Längsseiten der schnellen Schiffe neigen sich unter der Wucht -der geschwellten Segel ins Wasser des Flusses, wie Mönchswangen beim -Winde, der aus den Küchen kommt. Die Kuffs fahren schnell; die Geusen -verfolgen sie bis in die Rhede von Middelburg unter dem Feuer der -Forts. Da entspinnt sich eine blutige Schlacht. Die Geusen schwingen -sich mit Äxten auf die Decks der Schiffe, die alsbald mit abgehauenen -Armen und Beinen übersäet sind, also daß sie nach der Schlacht -körbeweise in die Fluten geworfen werden müssen. Die Forts feuern auf -sie; sie spotten ihrer, und mit dem Ruf: „Es lebe der Geuse!“ nehmen -sie Pulver, Bomben, Kugeln und Getreide aus den Kuffs. Nachdem sie -sie entleert haben, stecken sie sie in Brand, lassen sie rauchend und -brennend in der Rhede zurück und segeln nach Vlissingen. - -Von dort werden sie Mannschaft aussenden, um die Deiche von Holland -und Zeeland zu durchstechen und beim Bau neuer Schiffe zu helfen, -sonderlich der Vliebote von hundertundvierzig Tonnen, welche bis zu -zwanzig gußeiserne Feldstücke tragen können. - - -12 - -Es schneit auf die Schiffe. Ganz weiß ist die Luft bis weit in die -Ferne und ohn Unterlaß fällt der Schnee und sinkt weich in die schwarze -Flut, wo er schmilzt. - -Es schneit auf das Land, ganz weiß sind die Wege, ganz weiß die -schwarzen Umrisse der entblätterten Bäume. Kein Laut als die fernen -Glocken von Haarlem, welche die Stunde läuten, und das fröhliche -Glockenspiel, das seine gedämpften Töne in die dicke Luft hinaussendet. - -„Ihr Glocken, läutet nicht, Ihr Glocken, spielt nicht Eure schlichten, -holden Weisen: Don Federigo naht, der junge Blutherzog. Er marschiert -auf Dich los, und ihm folgen fünfunddreißig Fähnlein Spanier, Deine -tödlichen Feinde, o Haarlem, Stadt der Freiheit; zweiundzwanzig -Fähnlein Wallonen, achtzehn Fähnlein Deutsche, achthundert Pferde und -viel Geschütz. Hörst Du das Dröhnen dieses mörderischen Eisenwerks -auf den Lafetten? Falkonetts, Feldschlangen, kurze Kanonen mit -großem Rachen, all das ist für Dich, Haarlem. Glocken, läutet nicht, -Glockenspiel, sende nicht Deine frohen Weisen in die dicke Schneeluft -hinauf.“ - -„Wir Glocken werden läuten; ich, das Glockenspiel, werde meine kühnen -Klänge in die dicke Schneeluft hinaufsenden.“ Haarlem ist die Stadt -der tapferen Herzen, der mutigen Frauen. Ohne Furcht sieht sie von -ihren Glockentürmen die schwarzen Scharen ihrer Henker wie höllische -Ameisenhaufen kribbeln. Ulenspiegel, Lamm und hundert Meergeusen sind -in ihren Mauern. Ihre Flotte kreuzt auf dem See.“ - -„Mögen sie kommen!“ sagen die Einwohner. „Wir sind nur Bürger, Fischer, -Seeleute und Frauen. Um bei uns einzudringen, braucht Herzog Albas -Sohn, so sagt er, keine andren Schlüssel als sein Geschütz. Möge er die -schwachen Tore öffnen, wenn er kann; er wird Männer dahinter finden. -Läutet, Glocken; sende Deine fröhlichen Weisen, o Glockenspiel, in die -schwere Schneeluft hinauf. - -„Wir haben nur schwache Mauern und Gräben nach alter Art. Vierzehn -Kanonen speien ihre sechsundvierzigpfündigen Kugeln auf die -~Cruys-poort~. Stellt Männer hin, wo Steine fehlen. Die Nacht kommt, -ein jeder arbeitet; es ist, als habe das Geschütz nie hindurch -geschossen. Auf die ~Cruys-poort~ haben sie sechshundertachtzig Kugeln -geschossen, auf die Porte Saint-Jean sechshundertfünfundsiebzig. Diese -Schlüssel schließen nicht, denn siehe, dahinter erhebt sich ein neues -Bollwerk. Läutet, Glocken, sende, Glockenspiel, Deine fröhlichen Weisen -in die schwere Schneeluft hinauf. - -„Das Geschütz schießt, schießt immerfort gegen die Mauern; die Steine -springen ab, die Mauerecken stürzen ein. Die Bresche ist weit genug, -daß eine Kompagnie in Front hindurch könnte. „Sturm! Tod! Tod!“ -schreien sie. Sie stürmen an, es sind ihrer zehntausend. Laßt sie mit -ihren Laufbrücken und Sturmleitern die Festungsgräben passieren. Unser -Geschütz ist bereit. Das ist die Schar der Todgeweihten. Grüßt sie, -Kanonen der Freiheit! Sie grüßen: die Kettenkugeln, die brennenden -Pechkränze, die zischend fliegen und die Masse der Stürmenden -durchbrechen, zerschlagen, in Brand setzen und blenden, also daß sie -weichen und in Verwirrung fliehen. Fünfzehnhundert Tote erfüllen den -Graben. Läutet, Glocken, und Du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen -Weisen in die schwere Schneeluft hinauf! - -„Erneuert den Sturm! Sie wagen es nicht. Sie verlegen sich wieder aufs -Schießen und Minenlegen. Wir verstehen uns auch auf diese Kunst. Unter -ihnen, unter ihnen zündet die Lunte an; lauft, wir werden ein schönes -Schauspiel sehen. Vierhundert Spanier fliegen in die Luft. Das ist -nicht der Weg nach dem ewigen Feuer. O, der schöne Tanz beim silbernen -Klang unserer Glocken, bei der fröhlichen Musik unseres Glockenspiels! - -„Sie ahnen nicht, daß der Prinz über uns wacht, daß alle Tage Schlitten -mit Getreide und Pulver durch wohlbewachte Zugänge zu uns gelangen; -das Getreide für uns, das Pulver für sie. Wo sind ihre sechshundert -Deutschen, die wir im Haarlemer Wald erschlugen und ertränkten? Wo -sind die elf Fahnen, die wir ihnen abnahmen, die sechs Geschütze und -fünfzig Ochsen? Wir hatten einen Mauergürtel, jetzt haben wir deren -zwei. Selbst die Frauen kämpfen, und Kennan führt ihre tapfere Schar. -Kommt, Henker, rückt in unsere Gassen ein, die Kinder werden Euch mit -ihren kleinen Messern die Kniekehlen zerschneiden. Läutet, Ihr Glocken, -und du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen in die dicke Luft -hinauf! - -„Aber das Glück ist nicht mit uns. Die Flotte der Geusen ist auf -dem See geschlagen. Geschlagen sind die Truppen, die Oranien uns zu -Hilfe geschickt hatte. Es friert, es friert stark. Keine Hilfe! Auch -leisten wir, tausend gegen zehntausend, fünf Monate lang Widerstand. -Jetzt müssen wir mit unsern Peinigern unterhandeln. Wird der junge -Blutherzog, der uns den Untergang schwor, von keinem Vergleich hören -wollen? Wir wollen alle Soldaten mit ihren Waffen ausfallen lassen, sie -werden die feindlichen Scharen durchbrechen. Aber die Frauen sind an -den Toren und fürchten, man werde sie allein die Stadt bewachen lassen. -Glocken, läutet nicht mehr; Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen -nicht mehr in die Luft hinauf! - -„Jetzt haben wir Juni, das Heu duftet, das Getreide wird gülden in der -Sonne, die Vögel singen; wir haben fünf Monde lang Hunger gelitten, -die Stadt ist in Trauer. Wir ziehen alle aus Haarlem heraus, die -Schützen voran, um den Weg zu bahnen, die Frauen und die Kinder und der -Magistrat hinterdrein, beschützt vor dem Fußvolk, das über die Bresche -Wacht hält. Ein Brief, ein Brief des jungen Blutherzogs. Ist’s Tod, was -er kündet? Nein, Leben für alles, was in der Stadt ist. O unerwartete -Güte -- Lüge vielleicht! Wirst Du wiederum singen, fröhliches -Glockenspiel? Sie rücken in die Stadt ein.“ - -Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten die Tracht der deutschen Söldner -angelegt, die, sechshundert an der Zahl, mit ihnen im Kloster der -Augustiner eingesperrt waren. - -„Wir werden heute sterben,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu Lamm. - -Und er preßte Neles reizenden Körper, der vor Furcht bebte, an seine -Brust. - -„Ach, meine Frau, die werde ich nicht wiedersehen,“ sprach Lamm. „Aber -vielleicht wird uns unsere deutsche Soldatentracht das Leben retten?“ - -Ulenspiegel schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er an keine Gnade -glaubte. - -„Ich höre den Lärm des Plünderns nicht,“ sagte Lamm. - -Ulenspiegel erwiderte: - -„Die Bürger haben dem Abkommen gemäß Plünderung und Leben um die Summe -von zweihundertvierzigtausend Gülden erkauft. Sie werden binnen zwölf -Tagen hunderttausend Gülden bar und den Rest drei Monate später zahlen. -Den Frauen ist anbefohlen, sich in die Kirche zurückzuziehen. Ohne -Zweifel werden sie jetzt mit dem Morden beginnen. Hörst Du, wie sie -Blutgerüste nageln und die Galgen aufrichten.“ - -„Ach, wir werden sterben,“ sagte Nele; „mich hungert!“ - -„Ja,“ flüsterte Lamm Ulenspiegel zu, „der junge Blutherzog hat gesagt, -daß wir ausgehungert gefügiger sein werden, wenn man uns zum Tode -führt.“ - -„Mich hungert so sehr,“ sagte Nele. - -Am Abend kamen Soldaten und verteilten ein Brot für sechs Mann. - -„Dreihundert wallonische Soldaten sind auf dem Markt gehenkt worden,“ -sagten sie. „Bald werdet Ihr drankommen. Es war von jeher Hochzeit der -Geusen mit dem Strick.“ - -Am nächsten Abend kamen sie wiederum mit ihrem Brot für sechs Mann: - -„Vier vornehme Bürger sind enthauptet worden,“ sagten sie. -„Zweihundertneunundvierzig Soldaten sind zwei zu zweit zusammen -gebunden und ins Meer geworfen. Die Krabben werden dies Jahr fett -werden. Ihr anderen habt kein gutes Aussehen seit dem 7. Juli, wo Ihr -hier seid. Die Niederländer sind Fresser und Säufer; wir Spanier haben -an zwei Feigen zum Nachtmahl genug.“ - -„Darum also,“ antwortete Ulenspiegel, „muß man Euch überall beim -Bürger vier Mahlzeiten von Fleisch, Geflügel, Rahmspeisen, Wein und -Eingemachten bereiten; darum braucht Ihr Milch, um die Leiber Eurer -~Mustachos~ zu waschen, und Wein, um die Füße Eurer Pferde zu baden?“ - -Am 18. Juli sagte Nele: - -„Ich habe nasse Füße; was ist das?“ - -„Blut,“ sagte Ulenspiegel. - -Am Abend kamen die Soldaten abermals mit ihrem Brote für sechs. - -„Wo der Strick nicht mehr hinreicht, tut das Schwert die Arbeit,“ -sagten sie. „Dreihundert Soldaten und siebenundzwanzig Bürger, die aus -der Stadt zu entfliehen gedachten, lustwandeln jetzt mit dem Kopf in -der Hand in die Hölle.“ - -Am folgenden Tag drang das Blut wiederum ins Kloster. Die Soldaten -kamen, nicht um Brot zu bringen, sondern nur, um die Gefangenen zu -betrachten. Sie sagten: - -„Die fünfhundert Wallonen, Engländer und Schotten, so gestern geköpft -sind, sahen gesünder aus. Diese da haben gewißlich Hunger; aber wer -sollte Hungers sterben, wenn nicht der Geuse?“ - -Und wahrlich, bleich, abgezehrt, kraftlos und in kaltem Fieber -erzitternd, waren sie alle Gespenstern gleich. - -Am sechzehnten August um fünf Uhr abends traten die Soldaten lachend -ein und gaben ihnen Brot, Käse und Bier. Lamm sprach: - -„Das ist die Henkersmahlzeit.“ - -Um zehn Uhr kamen vier Fähnlein; die Kapitäne ließen die Türen des -Klosters öffnen und befahlen den Gefangenen, zu viert hinter den -Pfeifern und Trommlern zu marschieren, bis an den Ort, wo man ihnen -Halt gebieten würde. Manche Straßen waren rot, und sie schritten nach -dem Galgenfeld. - -Hier und da waren die Wiesen mit Blutlachen befleckt; Blut war rings -um die Mauern. Die Raben kamen von allen Seiten in Scharen; die Sonne -verbarg sich in einer Nebelschicht. Der Himmel war noch hell, und in -seinen Tiefen tauchten zaghaft die Sterne auf. Plötzlich vernahmen sie -klägliches Geheul. - -Die Soldaten sagten: - -„Die da schreien, sind die Geusen aus dem Fort Fuycke, außerhalb der -Stadt; man läßt sie Hungers sterben.“ - -„Auch wir werden sterben,“ sagte Nele. - -Und sie weinte. - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. - -„Ach,“ sprach Lamm auf Vlämisch / die Soldaten des Geleits verstanden -diese stolze Sprache nicht / „ach,“ sprach Lamm, „wenn ich diesen -Blutherzog halten und ihn zwingen könnte, alle Stricke, Galgen, -Folterbänke, hölzerne Pferde, Gewichte und spanische Stiefel zu -fressen, bis ihm die Haut platzte; wenn ich ihm das von ihm vergossene -Blut eingießen könnte, und daß Holzsplitter und Eisenstücke durch -seine zerissene Haut und seine entblößten Eingeweide drängen! Und -wenn er noch nicht den Geist aufgäbe, würde ich ihm das Herz aus der -Brust reißen und es ihn roh und giftig fressen lassen. Dann würde er -sicherlich aus dem Leben abscheiden und in den Schwefelpfuhl fallen, wo -der Teufel es ihn für und für essen ließe. Und so während der ganzen -langen Ewigkeit.“ - -„Amen,“ sagten Ulenspiegel und Nele. - -„Aber siehst Du nichts?“ fragte sie. - -„Nein,“ sagte er. - -„Ich sehe im Westen fünf Männer und zwei Frauen im Kreise sitzen,“ -sagte sie. „Der eine ist mit Purpur bekleidet und tragt eine güldene -Krone. Er scheint das Haupt der andern zu sein, die alle zerlumpt und -bettelhaft sind. Von Osten her seh ich eine andere Schar von sieben -kommen. Auch ihnen gebeut einer, der in Purpur gekleidet ist, doch er -trägt keine Krone. Und sie stoßen auf die aus Westen, und sie kämpfen -in der Wolke gegen sie; aber ich sehe nichts mehr.“ - -„Die Sieben,“ sprach Ulenspiegel. - -„Ich höre,“ sagte Nele, „neben uns im Laub eine Stimme gleich einem -Hauch sprechen: - - „Durch Krieg und Feuer, - Durch Piken und Schwerter - Suche; - In Tod und Blut, - In Trümmern und Tränen - Finde.“ - -„Andere als wir werden das Land Flandern befreien,“ erwiderte -Ulenspiegel. „Die Nacht wird schwarz, die Soldaten zünden Fackeln an. -Wir sind beim Galgenfeld. O, süße Liebste, warum bist Du mir gefolgt? -Hörst Du nichts mehr, Nele?“ - -„Doch,“ sprach sie, „ein Klirren von Waffen in den Kornfeldern. Und -da über diesem Hügel, welcher den Weg, den wir einschlagen, überragt, -siehst Du den roten Fackelschein auf dem Erz blinken? Ich sehe feurige -Punkte von Büchsenlunten. Schlafen unsere Wächter, oder sind sie blind? -Hörst Du den Donnerschlag? Siehst Du die Spanier von Kugeln durchbohrt -fallen? Hörst Du: „Es lebe der Geuse!“ Sie stürmen den Pfad hinauf mit -vorgestreckter Pike; mit Äxten steigen sie längs des Hügels hinunter. -Es lebe der Geuse!“ - -„Es lebe der Geuse!“ riefen Lamm und Ulenspiegel. - -„Schau, da sind Soldaten, die uns Waffen geben,“ sagte Nele. „Nimm, -Lamm, nimm, mein Geliebter. Es lebe der Geuse!“ - -„Es lebe der Geuse!“ ruft die ganze Schar der Gefangenen. - -„Die Büchsen hören nicht auf zu schießen,“ sagte Nele. „So beleuchtet -vom Fackelschein, fallen sie wie die Fliegen. Es lebe der Geuse!“ - -„Es lebe der Geuse!“ ruft die Schar der Retter. - -„Es lebe der Geuse!“ rufen Ulenspiegel und die Gefangenen. „Die Spanier -sind in einem Feuerkreis. Tod! Tod! Nicht einer soll leben bleiben! -Tod! Kein Mitleid! Krieg ohne Erbarmen! Und nun laßt uns unser Bündel -schnüren und bis Enckhuysen eilen. Wer hat die Tuch- und Seidenkleider -der Henker? Wer hat ihre Waffen?“ - -„Alle, alle!“ schrieen sie. „Es lebe der Geuse!“ - -Gesagt, getan. Sie fahren im Boot nach Enckhuysen, wo die befreiten -Deutschen bei ihnen bleiben, um die Stadt zu bewachen. - -Und Lamm, Nele und Ulenspiegel finden ihre Schiffe wieder. Und da -singen sie zum andern Mal auf offnem Meer: „Es lebe der Geuse!“ - -Und sie kreuzen in der Rhede von Vlissingen. - - -13 - -Da ward Lamm wiederum frohgemut. Er ging gern an Land und machte auf -Ochsen, Schafe und Geflügel Jagd, als wären es Hasen, Hirsche und -Fettammern. - -Auf dieser nährsamen Jagd war er nicht allein. Es war eine Freude, -die Jäger heimkehren zu sehen. Mit Lamm an der Spitze, zogen sie das -Großvieh an den Hörnern, das Kleinvieh stießen sie vor sich her, mit -der Gerte lenkten sie Gänseherden, und am Ende ihrer Bootshaken trugen -sie Hühner, Kücken, Kapaune trotz des Verbotes. - -Dann gab es Schmaus und Gelage auf den Schiffen. Und Lamm sagte: „Der -Geruch der Brühen steigt bis zum Himmel und ergötzt dort die Herren -Engel, welche sagen: Das ist das beste am Fleisch.“ - -Dieweil sie kreuzten, kam eine Kauffahrerflotte aus Lissabon, deren -Kommandant nicht wußte, daß Vlissingen in die Hände der Geusen gefallen -war. Man befiehlt ihr, die Anker zu werfen, und schließt sie ein. -Trommeln und Pfeifen geben das Zeichen zum Entern. Die Kaufleute haben -Kanonen. Piken, Beile und Hakenbüchsen. - -Von den Schiffen der Geusen regnet es Musketen- und Stückkugeln. Ihre -Scharfschützen, hinter ihren Brustwehren um den Großmast verschanzt, -schießen sicher und gefahrlos. Die Kaufleute fallen wie Fliegen. - -„Vorwärts!“ sprach Ulenspiegel zu Lamm und Nele, „Vorwärts! Hier sind -Gewürze, Juwelen, kostbare Eßwaren, Zucker, Muskat, Nelken, Ingwer, -und glänzende Reale, Dukaten und Gold-Moutons. Es sind mehr als -fünfhunderttausend Stück. Der Spanier wird die Kriegskosten tragen. -Laßt uns trinken! Wir wollen die Geusenmesse singen, das ist die -Schlacht!“ - -Und Ulenspiegel und Lamm griffen überall an wie Löwen. Nele blies die -Pfeife im Schutze der hölzernen Schanze. Die ganze Flotte ward erbeutet. - -Die Toten wurden gezählt; es waren ihrer tausend auf Seiten der -Spanier, dreihundert auf Seiten der Geusen, unter ihnen der Schiffskoch -des Vliebootes „Briel.“ - -Ulenspiegel verlangte vor Très-Long und den Matrosen zu reden, welches -Très-Long ihm gern zugestand. Und er hielt ihnen diese Rede: - -„Herr Kapitän und ihr, Kameraden und Freunde, wir haben viel Spezereien -geerbt, und hier haben wir Lamm, den guten Dickwanst, welcher meint, -daß der arme Tote da, Gott habe ihn selig, kein großer Meister in -Fleischgerichten war. Laßt uns ihn an seiner Stelle erwählen, und er -wird Euch himmlische Ragouts und paradiesische Suppen bereiten.“ - -„Das wollen wir,“ sagten Très-Long und die andern. „Lamm soll Oberkoch -des Schiffes sein. Er soll die große, hölzerne Kelle tragen, um den -Schaum von seinen Brühen abzulöffeln.“ - -„Herr Kapitän, Kameraden und Freunde,“ sprach Lamm, „Ihr sehet mich -vor Freude weinen, denn ich verdiene eine so große Ehre nicht. Da Ihr -jedoch geruht, Euch an meine unwürdige Person zu wenden, so nehme ich -die edlen Pflichten eines Meisters der Kochkunst auf dem wackeren -Vlieboot „Briel“ an. Aber zugleich bitte ich Euch demütig, mir das -höchste Kommando der Küche zu verleihen, solchergestalt, daß Euer -Oberkoch / das werde ich sein / durch Recht, Gesetz und Gewalt einem -jeden verwehren kann, der Andren Portion aufzuessen.“ - -Très-Long und die andern riefen aus: - -„Es lebe Lamm! Recht, Gesetz und Macht soll dir zustehen!“ - -„Aber ich habe Euch noch eine andere Bitte demütig zu stellen. Ich -bin fett, groß und stark, tief ist mein Bauch, tief mein Magen. Meine -arme Frau / Gott gebe sie mir wieder, / gab mir allzeit zwei Portionen -anstatt einer. Bewilligt mir die gleiche Gunst.“ - -Très-Long, Ulenspiegel und die Matrosen sagten: - -„Du sollst zwei Portionen haben, Lamm.“ - -Und Lamm sagte, plötzlich melancholisch werdend: - -„Mein Weib, mein süßes Liebchen, wenn irgend etwas mich über Deine -Abwesenheit trösten kann, so wird es das sein, daß ich mich bei meinem -Tun deiner himmlischen Kochkunst in unserm trauten Heim erinnere.“ - -„Du mußt den Eid ablegen, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Bringt die -große, hölzerne Kelle und den großen Kupferkessel herbei.“ - -„Ich schwöre bei Gott, der mir hierin beistehe,“ sprach Lamm, „ich -schwöre Treue seiner Gnaden, dem Prinzen von Oranien, genannt der -Schweiger, der für den König die Provinzen Holland und Zeeland regiert; -Treue auch Messire de Lumey, dem kommandierenden Admiral unsrer edlen -Flotte, und Herrn Très-Long, Vizeadmiral und Kapitän des Schiffes -„Briel“. Ich schwöre, das Fleisch und Geflügel, so Fortuna uns -bewilligt, nach meinen geringen Kräften zu bereiten, gemäß den Bräuchen -und Gepflogenheiten der großen Köche von ehemals, die schöne Bücher mit -Bildern über die erhabene Kochkunst hinterlassen haben; ich schwöre, -besagten Herrn Kapitän Très-Long zu speisen und seinen Leutnant, meinen -Freund Ulenspiegel, desgleichen Euch alle, Oberbootsmann, Steuermann, -Aufseher, Kameraden, Soldaten, Kanoniere, Mundschenk, Schiffsjunge, -Kapitänsbursche, Wundarzt, Trompeter, Matrosen und alle. Wenn der -Braten zu blutig, das Geflügel zu wenig gebräunt ist, wenn die Suppe -einen schalen Geruch ausströmt, so der guten Verdauung schädlich ist, -wenn der Duft der Brühen Euch nicht alle verlockt, Euch in die Küche -zu stürzen -- mit Vorbehalt meiner Zustimmung -- wenn ich Euch nicht -alle lustig mache und Euch kein rundes Gesicht verschaffe, so werde -ich mein edles Amt niederlegen und mich für unfähig erachten, den -Küchenthron fürder innezuhaben. So helfe mir Gott in diesem und im -künftigen Leben.“ - -„Es lebe der Oberkoch,“ riefen sie, „der König der Küche, der Kaiser -der Fleischgerichte. Am Sonntag soll er drei Portionen statt zweier -haben.“ - -Und Lamm ward Oberkoch auf dem Schiffe „Briel“. Und während die -kräftigen Suppen in den Töpfen kochten, stand er stolz an der Küchentür -und hielt seine große hölzerne Kelle wie ein Zepter. - -Und am Sonntag bekam er seine drei Portionen. - -Wenn die Geusen mit dem Feinde handgemein wurden, hielt er sich gern -in seinem Laboratorium für Brühen auf, kam jedoch heraus, um auf Deck -etliche Büchsenschüsse abzugeben, stieg aber alsbald wieder hinunter, -um auf seine Brühen zu achten. - -Und da er also ein treuer Koch und tapferer Soldat war, so war er bei -jedem beliebt. - -Aber keiner durfte seine Küche betreten, denn dann war er wie ein -Teufel und schlug und stach mit seiner Holzkelle ohne Erbarmen. - -Und er ward wiederum Lamm der Löwe benamst. - - -14 - -Auf dem Meer und auf der Schelde, bei Sonne, Regen, Schnee und Hagel, -im Sommer und Winter, fahren die Geusenschiffe, alle Segel beigesetzt, -wie Schwäne, weiße Schwäne der Freiheit, Weiß ist Freiheit, Blau Größe -und Orange ist für den Prinzen; das ist die Standarte der stolzen -Schiffe. - -Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut schlägt -an ihre Flanken, die Wogen benetzen sie mit Schaum. - -Sie segeln, jagen, fliegen auf der Flut, schnell wie Wolken vor dem -Nordwind, die stolzen Geusenschiffe, die Segel im Wasser. Hört ihr, wie -ihr Bug die Woge zerteilt? Gott der Freien. Es lebe der Geuse! - -Hücker, Bujer, Vlieboote, Galeassen, schnell wie der Wind, der das -Ungewitter bringt, schnell wie die Wolke, die den Blitz birgt. Es lebe -der Geuse! - -Bujer und Galeassen, flache Boote fahren den Fluß hinauf. Die Wellen -ächzen, von ihrem Kiel zerteilt, wenn sie dem Strome entgegen fahren, -mit dem mörderischen Rachen ihrer Feldschlange auf der Spitze des Bugs. -Es lebe der Geuse! - -Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut schlägt -an ihre Flanken und benetzt sie mit Schaum. - -Bei Tag und bei Nacht, bei Regen, Hagel und Schnee fahren sie! Christus -lächelt ihnen aus der Wolke, aus Sonne und Sternen zu. Es lebe der -Geuse! - - -15 - -Der Blutkönig vernahm die Kunde von ihren Siegen. Der Tod verzehrte den -Henker schon, und sein Leib war voller Würmer. Elend und menschenscheu -schritt er durch die Gänge von Valladolid, seine geschwollenen Füße und -bleischweren Beine schleppend. Er sang nimmer, der grausame Tyrann; -wenn der Tag anbrach, lachte er nicht, und wenn die Sonne sein Reich -wie ein Lächeln Gottes erhellte, so empfand er keine Freude in seinem -Herzen. - -Aber Ulenspiegel, Lamm und Nele sangen wie Vögel. Sie trugen ihr Fell -zu Markt, nämlich Ulenspiegel und Lamm, und Nele ihre weiße Haut, -dieweil sie in den Tag hineinlebten. Über einen Scheiterhaufen, den die -Geusen löschten, freuten sie sich mehr, denn der schwarze König über -eine eingeäscherte Stadt. - -Um jene Zeit entsetzte Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, -Herrn de Lumey de la Marck seiner Admiralswürde wegen seiner großen -Grausamkeit und ernannte Herrn Bouwen Ewoutsen Worst an seiner -Statt. Auch war er auf die Mittel bedacht, das Getreide zu bezahlen, -das die Geusen den Bauern geraubt hatten, die von ihnen erhobenen -Zwangskontributionen zu erstatten und den römischen Katholiken wie -allen die freie Ausübung ihrer Religion ohne Verfolgung noch Schmähung -zu bewilligen. - - -16 - -Auf den Schiffen der Geusen, unter dem strahlenden Himmel, auf den -klaren Fluten schrillen Pfeifen, schnarren Dudelsäcke, glucksen -Flaschen, klingen Gläser, gleißt das Eisen der Waffen. - -„Wohlan,“ spricht Ulenspiegel. „Rühret die Trommel des Ruhmes, die -Trommel der Freude. Es lebe der Geuse! Spanien ist besiegt, die Harpye -gebändigt. Unser ist das Meer, Briel ist genommen. Unser ist die Küste -von Nieupoort bis Ostende und Blanckenberghe, die Inseln von Zeeland, -die Mündungen der Schelde, der Maas und des Rheines bis Helder. Unser -ist Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland, Rottum, Borkum. Es lebe der -Geuse! - -„Unser ist Delft, Dordrecht. Das ist ein Lauffeuer, Gott hält die -Lunte. Die Henker verlassen Rotterdam. Das freie Gewissen, das Krallen -und Zähne der Gerechtigkeit hat wie ein Leu, nimmt Zütphen, die Städte -Deutichem, Doesburg, Goor, Oldenzaal und in der Landschaft Veluwe -Hattem, Elburg und Harderwijk. - -„Das ist der Blitz, das ist der Donnerschlag: Kampen, Zwolle, Hasselt, -Steenwijk fallen uns in die Hände, desgleichen Oudewater, Gouda und -Leyden. Es lebe der Geuse! - -„Unser ist Bueren und Enckhuysen. Noch haben wir nicht Amsterdam, -Schoonhoven und Middelburg. Doch mit der Zeit fällt den Geduldigen -alles zu. Es lebe der Geuse! - -„Laßt uns spanischen Wein trinken. Aus den Kelchen, aus denen sie -das Blut der Opfer tranken. Wir werden durch den Zuydersee, durch -Ströme, Flüsse und Kanäle fahren. Nord-Holland, Süd-Holland und Zeeland -haben wir, Ost- und Westfriesland werden wir noch erobern; Briel wird -die Zuflucht unserer Schiffe sein, das Nest für die Bruthennen der -Freiheit. Es lebe der Geuse! - -„Horcht, wie in Flandern, dem teuren Vaterland, der Racheschrei -losbricht! Waffen werden geschmiedet, Schwerter geschärft. Alles ist -in Bewegung und erzittert wie die Saiten einer Harfe beim warmen -Hauch, beim Hauche der Seelen, der aus Gruben und Scheiterhaufen von -den blutigen Leichen der Opfer aufsteigt. Alle: Hennegau, Brabant, -Luxemburg, Limburg, Namur, Lüttich, die freie Stadt, alle! Das Blut -keimt und befruchtet. Die Ernte ist reif für die Sichel. Es lebe der -Geuse! - -„Die Nordsee ist unser, die weite Nordsee, und die guten Kanonen, die -stolzen Schiffe, die kühne Schar der gefürchteten Seeleute: Bettler, -Lumpen, Priester in Waffen, Edelleute, Bürger und Arbeiter, die vor der -Verfolgung fliehen. Mit uns allen vereint zum Werke der Freiheit. Es -lebe der Geuse! - -„Blutkönig Philipp, wo bist Du? Alba, wo bist Du? Mit dem geweihten -Hute, des Papstes Geschenk, auf dem Haupt, schmälst und lästerst Du. -Schlaget die Freudentrommel. Es lebe der Geuse! Laßt uns trinken. - -„Der Wein fließt in die güldenen Kelche. Schlürfet ihn fröhlich. Die -Meßgewänder, welche die rauhen Männer tragen, sind mit rotem Naß -getränkt. Die römischen Kirchenbanner flattern im Winde. Allzeit Musik! -Auf Euer Wohl, schrillende Pfeifen, schnarrende Dudelsäcke, Ruhm -wirbelnde Trommeln! Es lebe der Geuse!“ - - -17 - -Die Welt war im Wolfsmond, welches der Monat Dezember ist. Eisiger -Regen fiel gleich Nadeln ins Wasser. Die Geusen kreuzten im Zuydersee. -Der Herr Admiral ließ durch Trompetensignal die Käpitäne der Hucker und -Vlieboote und mit ihnen Ulenspiegel auf sein Schiff entbieten. - -„Wohlan,“ sagte er, zuerst zu ihm redend: „Der Prinz will Deine guten -Taten und getreuen Dienste anerkennen und ernennt Dich zum Kapitän -des Schiffes „Briel“, und ich übergebe Dir hiermit das Patent auf -Pergament.“ - -„Euch sei Dank, Herr Admiral,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde all -meine geringe Kraft daransetzen, ein guter Hauptmann zu sein, und -durch solche Hauptmannschaft hoffe ich sehr, so Gott mir beisteht, -Flandern und Holland von Spanien zu enthaupten. Ich will Nord- und -Süd-Niederlande.“ - -„Das ist gut,“ sprach der Admiral. „Und jetzo,“ fügte er hinzu, zu -allen redend, „will ich Euch sagen, daß die aus dem katholischen -Amsterdam Enckhuysen belagern wollen. Noch sind sie nicht aus dem -Y-Kanal heraus; kreuzen wir davor, damit sie drinnen bleiben. Nieder -mit jedem ihrer Schiffe, daß seinen tyrannischen Rumpf im Zuydersee -blicken läßt.“ - -Sie antworteten: - -„Wir werden sie in den Grund bohren. Es lebe der Geuse!“ - -Wieder an Bord seines Schiffes, ließ Ulenspiegel seine Matrosen und die -Soldaten auf Deck zusammentreten und verkündete ihnen, was der Admiral -bestimmt hatte. - -Sie antworteten: - -„Wir haben Flügel, das sind unsere Segel, Schlittschuhe, das sind die -Kiele unserer Schiffe, Riesenhände, das sind die Enterhaken. Es lebe -der Geuse!“ - -Die Flotte segelte ab und kreuzte eine Seemeile vor Amsterdam, -dergestalt, daß niemand ohne ihren Willen ein- und ausfahren konnte. - -Am fünften Tage hörte es auf zu regnen, der Wind wehte schärfer bei -hellem Himmel, die Amsterdamer rührten sich nicht. - -Plötzlich sah Ulenspiegel Lamm auf Deck steigen. Mit gewaltigen -Schlägen seiner Holzkelle trieb er den Truxman, den Dolmetsch des -Bootes vor sich her, einen jungen Kerl, der in der vlämischen und -französischen Sprache bewandert war, aber seinen Schnabel noch besser -zum Essen gebrauchen konnte. - -„Taugenichts,“ sagte Lamm, „wähntest Du, meine Fleischgerichte -ungestraft vor der Zeit essen zu können? Klettere auf den Mast und sieh -zu, ob sich auf den Amsterdamer Schiffen nichts rührt. Damit wirst Du -etwas Gutes tun.“ - -Doch der Dolmetsch antwortete: „Was gibst Du mir?“ - -„Bildest Du Dir ein, daß Du bezahlt wirst, ohne gearbeitet zu haben? Du -Diebsbrut, wenn Du nicht hinaufkletterst, so laß ich Dich peitschen. -Und Dein Französisch wird Dich nicht retten.“ - -„Es ist eine schöne Sprache,“ sagte der Dolmetsch, „eine Liebes- und -Kriegersprache.“ - -Er kletterte hinauf. - -„Nun, Faulenzer?“ fragte Lamm. - -Der Dolmetsch antwortete: - -„Ich sehe nichts, weder in der Stadt, noch auf den Schiffen.“ - -Beim Hinunterklettern sagte er: - -„Nunmehr bezahle mich.“ - -„Behalte, was Du gestohlen hast,“ erwiderte Lamm; „aber unrecht Gut -gedeihet nicht, Du wirst es gewiß wieder ausbrechen.“ Der Dolmetsch -kletterte abermals auf den Mast und schrie plötzlich: - -„Lamm, Lamm, ein Dieb schleicht in Deine Küche!“ - -„Ich habe den Küchenschlüssel in meiner Gürteltasche,“ antwortete Lamm. - -Ulenspiegel nahm Lamm beiseite und sprach zu ihm: - -„Mein Sohn, diese große Ruhe in Amsterdam erschreckt mich. Sie haben -einen geheimen Anschlag.“ - -„Das dachte ich auch,“ sagte Lamm. „Das Wasser gefriert in den Krügen -im Schrank, das Geflügel ist wie Holz, die Würste sind mit weißem -Reif überzogen; die Butter ist wie Stein, das Öl schneeweiß, das Salz -trocken wie Sand in der Sonne.“ - -„Da ist der Trost nahe,“ sprach Ulenspiegel. „Sie werden in großer Zahl -kommen und uns mit Geschütz angreifen.“ - -Er ging an Bord des Admiralschiffes und sagte dem Admiral, was er -fürchtete. Der antwortete ihm: - -„Der Wind weht von Engelland her, es wird schneien, aber nicht frieren. -Geh wieder auf Dein Schiff.“ - -Und Ulenspiegel tat also. - -In der Nacht kam ein starker Schneefall; aber alsbald wehte der Wind -von Norwegen her, das Meer gefror und ward wie eine Tenne. Der Admiral -sah was geschehen war. - -Da er nun befürchtete, daß die Amsterdamer aufs Eis kommen möchten, -um die Schiffe in Brand zu stecken, befahl er den Soldaten, ihre -Schlittschuhe bereit zu halten, im Fall, daß sie draußen und um die -Schiffe herum kämpfen müßten. Den Kanonieren der geschmiedeten und -gegossenen Kanonen befahl er, die Kugeln in Haufen neben die Lafetten -zu legen und die Lunten alleweil brennend zu halten. - -Doch die Amsterdamer kamen nicht. - -Und so ging es sieben Tage. - -Am Abend des achten Tages befahl Ulenspiegel, den Matrosen und Soldaten -einen guten Schmaus aufzutischen, um ihnen gegen den scharfen Wind, -welcher blies, einen Panzer zu machen. - -Aber Lamm sagte: - -„Es ist nichts übrig als Schiffszwieback und Dünnbier.“ - -„Es lebe der Geuse,“ sagten sie. „Wir halten Fastenschmaus, bis die -Stunde der Schlacht geschlagen hat.“ - -„Sie wird nicht so bald schlagen,“ sprach Lamm. „Die Amsterdamer -werden kommen, um unsere Schiffe zu verbrennen, aber nicht diese -Nacht. Zuvor müssen sie sich ums Feuer versammeln und viele Schoppen -Glühwein mit Madeirazucker trinken / Gott gebe ihn Euch. Nachdem sie -dann bis Mitternacht mit Geduld, Vernunft und vollen Schoppen geredet -haben, werden sie beschließen, daß es morgen an der Zeit sein wird, -zu beschließen, ob sie uns die kommende Woche angreifen wollen oder -nicht. Morgen, wenn sie wiederum Glühwein mit Madeirazucker trinken, -/ Gott gebe ihn Euch / werden sie zum andern Mal mit Ruhe, Geduld -und vollen Schoppen beschließen, daß sie sich an einem andern Tage -versammeln müssen, um zu erfahren, ob das Eis eine große Schar Menschen -tragen könne oder nicht. Und sie werden es durch gelahrte Männer prüfen -lassen, die ihre Meinungen auf Pergament niederlegen. Wenn sie dieses -empfangen haben, werden sie wissen, daß das Eis eine halbe Elle dick -und fest genug ist, um etliche hundert Mann mit Kanonen und Feldstücken -zu tragen. Dann werden sie sich abermals versammeln, um mit Ruhe, -Geduld und vielen Schoppen Glühwein zu beratschlagen, und werden in -Erwägung ziehen, ob sie wegen des Schatzes, den wir den Lissabonern -abnahmen, unsere Schiffe angreifen oder verbrennen sollen. Und also -ratlos und zaudernd, werden sie dennoch beschließen, daß unsere Schiffe -erbeutet und nicht verbrannt werden müssen, ohngeachtet des großen -Unrechts, daß sie uns derart zufügen würden.“ - -„Du sprichst trefflich,“ sagte Ulenspiegel, „aber siehst Du nicht die -Feuer, so in der Stadt angezündet werden, und die Leute, die Laternen -tragen und geschäftig umher rennen?“ - -„Das ist, weil sie frieren,“ sprach Lamm. - -Und seufzend fügte er hinzu: - -„Alles ist aufgegessen, kein Rindfleisch, Schweinefleisch noch -Geflügel mehr, kein Wein und, ach, kein gutes Doppelbier, nichts als -Schiffszwieback und Dünnbier. Wer mich lieb hat, folge mir.“ - -„Wohin gehst Du?“ fragte Ulenspiegel. „Niemand darf das Schiff -verlassen.“ - -„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „Du bist derzeit Kapitän und Befehlshaber. Ich -werde nicht gehen, wenn Du es nicht willst. Geruhe aber zu bedenken, -daß wir ehegestern unsere letzte Wurst gegessen haben, und daß in -dieser schweren Zeit das Küchenfeuer die Sonne der guten Kameradschaft -ist. Wer möchte hier nicht den Dampf der Brühen riechen, nicht die -duftende Blume des göttlichen Weines einatmen, so aus fröhlichen -Blüten, als da sind: Heiterkeit, Lachen, Wohlwollen gegen jedermann, -gemacht ist. Wohlan, Kapitän und getreuer Freund, ich wage es Dir zu -sagen: mein Herz verzehrt sich in Kummer, da ich nicht esse. Ich, der -ich nur die Ruhe liebe, nicht gern töte, ausgenommen eine zarte Gans, -ein fettes Hühnchen oder eine saftige Truthenne, ich folge Dir in -Schlachten und Strapazen. Sieh von hier die Lichter auf jenem reichen, -mit Groß- und Kleinvieh wohl versehenem Bauernhof. Weißt Du, wer darauf -wohnt? Es ist der Schiffer aus Friesland, der Messire Dandelot verriet -und achtzehn arme Ritter und Freunde nach Enckhuysen führte, da es noch -spanisch war, also daß sie auf dem Roßmarkt zu Brüssel geköpft wurden. -Dieser Verräter, namens Slosse, hat vom Herzog zweitausend Gülden für -seinen Verrat empfangen. Für das Blutgeld hat er wie ein rechter Judas -den Hof gekauft, den du da siehst, und sein Vieh und die Äcker ringsum, -deren Frucht und Wachstum ihn jetzt reich machen.“ - -Ulenspiegel erwiderte: - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen. Die Stunde der Rache hat -geschlagen.“ - -„Und die Stunde der Nahrung desgleichen,“ sagte Lamm. „Gib mir zwanzig -Burschen mit, tapfere Soldaten und Matrosen; ich werde den Verräter -holen.“ - -„Ich will ihr Anführer sein,“ sprach Ulenspiegel. „Wer Gerechtigkeit -liebt, folge mir. Nein, nicht alle, Ihr Lieben und Getreuen. Ich -brauche nur zwanzig; wer sollte sonst das Schiff bewachen? Laßt die -Würfel entscheiden. Nun sind es zwanzig, kommt. Die Würfel entscheiden -gut. Legt Eure Schlittschuhe an, und fahrt in der Richtung der Venus, -die über dem Hof des Verräters glänzt. Kommt, Ihr Zwanzig, mit der -Axt auf der Schulter, lauft und gleitet. Das helle Licht wird Euer -Leitstern sein. Der Wind pfeift und treibt den Schnee in weißen Wirbeln -auf dem Eis vor sich her. Kommt, tapfere Männer! Ihr singt nicht, Ihr -sprecht nicht; Ihr lauft schweigend geradeaus, dem Stern zu; das Eis -knirscht unter Euren Schlittschuhen. - -„Wer fällt, steht sogleich wieder auf. Wir kommen ans Ufer: nicht eine -Gestalt auf dem weißen Schnee, kein Vogel in der eisigen Luft. Bindet -die Schlittschuhe los. - -„Jetzt sind wir auf dem Lande, hier sind die Wiesen. Legt die -Schlittschuhe wieder an. Wir sind im Umkreis des Hofes und halten den -Atem an.“ - -Ulenspiegel klopft an die Tür, Hunde bellen. Er pocht nochmals; ein -Fenster geht auf, und der Baas steckt den Kopf hinaus und fragt: - -„Wer bist Du?“ - -Er sieht nur Ulenspiegel; die andern sind hinter der Keet, dem -Waschhaus, versteckt. - -Ulenspiegel antwortet: - -„Messire de Boussu befiehlt Dir, Dich zur Stunde nach Amsterdam zu ihm -zu begeben.“ - -„Wo ist Dein Geleitbrief?“ fragt der Mann, indem er hinuntergeht und -ihm die Tür öffnet. - -„Hier,“ antwortet Ulenspiegel und weist auf die zwanzig Geusen, die -sich hinter ihm in die offene Tür stürzen. - -Darauf spricht Ulenspiegel zu ihm: - -„Du bist Slosse, der verräterische Schiffer, der die Herren Dandelot, -van Battemburgh und andere Ritter in Hinterhalt lockte. Wo ist das -Blutgeld?“ - -Der Pächter antwortet zitternd: - -„Ihr seid Geusen, gebt mir Pardon; ich wußte nicht, was ich tat. Ich -habe kein Geld daheim, ich werde alles geben.“ - -Lamm sagte: - -„Es ist dunkel; gib uns Talg- oder Wachskerzen.“ - -Der Baas antwortet: - -„Die Talgkerzen sind dort aufgehängt.“ - -Da ein Licht angezündet war, sagte einer der Geusen in der Küche: - -„Es ist kalt, wir wollen ein Feuer machen, hier ist gutes Reisig.“ -Und er wies auf ein Brett mit Blumentöpfen, darinnen vertrocknete -Pflanzen standen. Er nahm eine beim Schopf, und als er sie mit dem Topf -schüttelte, fiel der Topf hin, und es rollten Dukaten, Gülden und Reale -über den Boden. - -„Da ist der Schatz,“ sprach er, auf die andern Blumentöpfe deutend. - -Und wahrlich, als sie sie ausgeleert hatten, fanden sie zehntausend -Gülden darin. - -Als der Baas das sah, schrie und weinte er. - -Die Knechte und Mägde des Hofes kamen bei dem Geschrei in ihren Hemden -herbei. Die Männer, die ihren Herrn rächen wollten, wurden geknebelt. -Bald versteckten sich die schamhaften Frauen, sonderlich die jungen, -hinter den Männern. - -Darauf trat Lamm vor und sagte: „Verräter, wo sind die Schlüssel zum -Keller und zum Pferde-, Kuh- und Schafstall?“ - -„Ihr schändlichen Räuber werdet aufgehenkt werden, bis Ihr sterbt,“ -sprach der Pächter. - -Ulenspiegel sprach: „Es ist die Stunde Gottes; gib die Schlüssel!“ - -„Gott wird mich rächen,“ sprach der Pächter und gab die Schlüssel -heraus. - -Nachdem die Geusen den Gutshof ausgeräumt hatten, kehrten sie auf -Schlittschuhen zurück zu den Schiffen, den leichten Häusern der -Freiheit. - -„Ich bin Schiffskoch,“ sprach Lamm, der sie anführte, „ich bin -Oberkoch. Schiebt die wackren, mit Wein und Bier bepackten Schlitten; -treibt die Pferde, Rinder, Schweine und Schafe bei den Hörnern oder -auf andere Art vor Euch her, die ganze Herde, die ihr Naturlied singt. -Die Tauben gurren in den Körben. Die Kapaune, mit Brot gemästet, -sitzen erschrocken in den Holzkäfigen, darinnen sie sich nicht rühren -können. Ich bin Schiffskoch. Das Eis knirscht unter dem Eisen der -Schlittschuhe. Nun sind wir bei den Schiffen. Morgen wird es Musik -in der Küche geben. Laßt die Winde herab. Legt den Pferden, Kühen -und Ochsen Gurten um. Das ist ein artig Schauspiel, sie so am Bauch -aufgehängt zu sehen; morgen werden wir mit der Zunge an fetten -Fleischgerichten hängen. Sie werden mit der Windetalje aufs Schiff -gehißt. Das gibt Rippenstücke. Werft die Hühner, Gänse, Enten und -Kapaune aufs Geratewohl in den Schiffsraum. Wer wird ihnen den Hals -umdrehen? Der Schiffskoch. So, die Tür ist zu, den Schlüssel hab ich in -meinem Säckel. Gott sei gelobt in der Küche! Es lebe der Geuse!“ - -Alsdann begab Ulenspiegel sich auf das Admiralsschiff und führte -Dierick Slosse und die andern Gefangenen mit, die aus Furcht vor dem -Strick wehklagten und weinten. - -Messire Worst kam bei dem Lärm herbei. Da er beim roten Fackelschein -Ulenspiegel und seine Gefährten erblickte, sagte er: - -„Was willst Du von uns?“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Wir haben diese Nacht den Verräter Dierick Slosse, der die Achtzehn in -Hinterhalt lockte, auf seinem Gute gefangen genommen. Dieser ist’s. Die -andern sind unschuldige Knechte und Mägde.“ - -Dann übereichte er ihm eine Geldkatze. - -„Diese Florins,“ sagte er, „florierten in den Blumentöpfen im Hause des -Verräters: es sind Zehntausend.“ - -Messire Worst sprach zu ihnen: - -„Ihr tatet übel, die Schiffe zu verlassen; aber um des guten Erfolges -willen soll Euch verziehen sein. Die Gefangenen und den Säckel mit -Gülden heiße ich willkommen, und auch Euch, wackere Männer, denen ich -nach Seerecht und Brauch ein Drittel der Prise zubillige. Das zweite -Drittel ist für die Flotte und das dritte für seine Gnaden von Oranien. -Den Verräter henket unverzüglich.“ - -Als die Geusen den Befehl ausgeführt hatten, machten sie ein Loch ins -Eis und warfen den Leichnam Dierick Slosses hinein. - -Darauf sprach Messire Worst: - -„Ist um die Schiffe Gras gewachsen, daß ich die Hennen glucksen, die -Schafe blöken und die Ochsen brüllen höre?“ - -„Das sind Gefangene für unsern Schnabel,“ antwortete Ulenspiegel; „sie -werden das Lösegeld mit Fleischgerichten bezahlen. Der Herr Admiral -wird das Beste davon bekommen. Was diese anbelangt, die Knechte und -Mägde, unter denen artige hübsche Weiblein sind, so will ich sie wieder -auf mein Schiff bringen.“ - -So getan, hielt er ihnen diese Rede: - -„Gevatter und Gevatterinnen, Ihr seid hier auf dem besten Schiff, -das es gibt. Wir verbringen hier die Zeit mit Schmäusen, Gelagen und -Schlemmerei ohne Ende. So es Euch beliebt fortzugehen, zahlt Lösegeld; -so es Euch beliebt, hier zu bleiben, werdet Ihr so leben wie wir: -arbeiten und gut essen. Was diese allerliebsten Weiblein angeht, so -gestatte ich ihnen mit Erlaubnis des Admirals gänzliche Freiheit und -sage ihnen, daß es mir einerlei ist, ob sie ihre Liebsten, die mit -ihnen aufs Schiff gekommen sind, behalten oder irgend einen wackeren, -hier anwesenden Geusen erküren wollen, daß er in ehelicher Gemeinschaft -mit ihnen lebe.“ - -Aber all die niedlichen Weiblein waren ihren Liebhabern getreu, -ausgenommen eine, die Lamm lächelnd anschaute und ihn fragte, ob er sie -wolle. - -„Schönsten Dank, mein Schatz,“ sagte er, „aber ich bin anderweitig -beschäftigt.“ - -„Er ist verheiratet, der Biedermann,“ sagten die Geusen, da sie sahen, -daß es die Frau verdroß. - -Aber sie drehte ihm den Rücken und erkor sich einen andern, der gleich -Lamm einen guten Bauch und ein gutes Vollmondgesicht hatte. - -An jenem und den folgenden Tagen gab es an Bord gewaltige Schmäuse und -Gelage mit Wein, Geflügel und Fleischgerichten. Und Ulenspiegel sagte: - -„Es lebe der Geuse! Blase, scharfer Nordwind, wir werden die Luft mit -unserm Atem erwärmen. Unser Herz ist Feuer und Flamme für das freie -Gewissen. Feuer und Flamme ist unser Magen für das Fleisch des Feindes. -Trinken wir Wein, die Milch der Männer. Es lebe der Geuse!“ - -Nele trank auch aus einem großen güldenen Humpen, und vom Winde -gerötet, blies sie die schrille Pfeife. Und ohngeachtet der Kälte aßen -und tranken die Geusen fröhlich auf Deck. - - -18 - -Plötzlich erblickte die Flotte am Strand eine schwarze Schar, in -der Fackeln leuchteten und Waffen blinkten. Dann wurden die Fackeln -gelöscht und große Dunkelheit herrschte. - -Die Befehle des Admirals wurden übermittelt und das Signal Achtung -auf den Schiffen gegeben. Alle Feuer erloschen, Matrosen und Soldaten -legten sich, mit Äxten bewaffnet, auf Deck platt auf den Bauch. Die -wackeren Kanoniere standen mit ihren Leuten bei den Geschützen, die -mit Kugelsäcken und Kettenkugeln geladen waren. Sobald der Admiral und -die Kapitäne riefen: „Hundert Schritt!“ was die Entfernung des Feindes -bezeichnete, sollten sie mit dem Heckgeschütz, dem Sterngeschütz oder -den Breitseiten Feuer geben, je nach ihrer Lage im Eise. - -Und man hörte die Stimme des Messire Worst sagen: - -„Todesstrafe für den, der laut spricht.“ - -Und die Kapitäne sprachen ihm nach: - -„Todesstrafe für den, der laut spricht!“ - -Die Nacht war sternklar, aber der Mond schien nicht. - -„Hörst Du,“ sagte Ulenspiegel zu Lamm, / sein Flüstern war wie -Geisterhauch / „hörst Du die Stimme der Amsterdamer und das Knirschen -des Eises unter den Schnäbeln ihrer Schlittschuhe? Sie laufen schnell. -Man hört sie sprechen. Sie sagen: „Die faulenzenden Geusen schlafen. -Der Schatz von Lissabon ist unser!“ Sie zünden Fackeln an. Siehst Du -ihre Sturmleitern, ihre häßlichen Gesichter und die lange Linie ihres -Schlachthaufens? Es sind ihrer tausend und mehr.“ - -„Hundert Schritt!“ rief Messire Worst. - -„Hundert Schritt!“ riefen die Kapitäne. - -Da gab es großes Getöse wie Donner und klägliches Geheul auf dem Eise. - -„Vierundzwanzig Kanonen donnern zumal,“ sagte Ulenspiegel. „Sie -fliehen! Siehst Du die Fackeln sich entfernen?“ - -„Ihnen nach,“ gebot der Admiral Worst. - -„Ihnen nach,“ geboten die Kapitäne. - -Aber die Verfolgung war von kurzer Dauer, maßen die Flüchtlinge einen -Vorsprung von hundert Schritt und die Beine furchtsamer Hasen hatten. - -Und bei den auf dem Eise Jammernden und Sterbenden wurden Gold und -Kleinodien gefunden, auch Stricke, um die Geusen zu binden. - -Und nach diesem Siege sprachen die Geusen untereinander: - -„~Als God met ons is, wie tegen ons zal zijn?~ So Gott mit uns ist, wer -mag wider uns sein! Es lebe der Geuse!“ - -Doch am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst mit Unruhe -einen neuen Angriff. Lamm sprang auf Deck und sagte zu Ulenspiegel: - -„Führe mich zum Admiral, der Dir nicht Gehör geben wollte, als Du Frost -prophezeitest.“ - -„Geh ungeführt,“ erwiderte Ulenspiegel. - -Lamm verschloß die Küchentüre und ging. Der Admiral stand auf Deck und -spähete, ob er nicht von der Stadt her etwelche Bewegung wahrnehmen -könnte. - -Lamm sprach, auf ihn zutretend: - -„Gnädiger Herr Admiral, darf ein geringer Schiffskoch Euch seine -Ansicht sagen?“ - -„Sprich, mein Sohn,“ sagte der Admiral. - -„Euer Gnaden,“ sagte Lamm, „das Eis in den Krügen taut auf, das -Geflügel wird wieder zart; der Reif, der die Wurst wie Schimmel -überzog, verschwindet; die Butter ist schmierig, das Öl flüssig, das -Salz rinnt. Es wird in Bälde regnen und wir werden gerettet sein, Euer -Gnaden.“ - -„Wer bist Du?“ fragte Messire Worst. - -„Ich bin Lamm Goedzak,“ antwortete er, „der Koch des Schiffes Briel. -Und wenn alle die großen Gelehrten, so sich für Astronomen ausgeben, -ebenso gut in den Sternen lesen wie ich in meinen Brühen, so könnten -sie uns sagen, daß wir diese Nacht Tauwetter mit Sturmgebraus und -Hagelschauern haben werden. Aber das Tauwetter wird nicht andauern.“ - -Und Lamm kehrte zu Ulenspiegel zurück, und um Mittag sprach er zu ihm: - -„Ich prophezeie weiter: der Himmel wird schwarz, der Wind weht -stürmisch, es fällt ein warmer Regen; es ist schon ein Fuß Wassers auf -dem Eise.“ - -Am Abend rief er fröhlich aus: - -„Die Nordsee ist gestiegen, es ist Flutzeit. Die großen Wellen, die in -den Zuyderzee eindringen, zerbrechen das Eis, das in großen Stücken -birst und auf die Schiffe springt. Es sprüht Lichtfunken: da kommt der -Hagel. Der Admiral wünscht, daß wir uns von Amsterdam zurückziehen, und -das mit soviel Wasser, daß unser größtes Schiff flott wird. Nun sind -wir im Hafen von Enckhuysen. Das Meer gefriert von neuem. Ich bin ein -Prophet, und das ist ein Wunder Gottes.“ - -Und Ulenspiegel sprach: - -„Wir wollen ihm zutrinken und ihn segnen.“ - -Und der Winter ging vorüber und der Sommer kam. - - -19 - -Um die Mitte des August, wenn die körnersatten Hennen beim Lockruf -des Hahnes, der ihnen seine Liebe trompetet, taub bleiben, sprach -Ulenspiegel zu seinen Matrosen und Soldaten: - -„Der Blutherzog, welcher in Utrecht ist, wagt dort, ein segensreiches -Edikt zu erlassen, das den Einwohnern der Niederlande, die sich nicht -unterwerfen wollen, unter andern lieblichen Gaben Hunger, Tod und -Verderben verheißt. Alles, was noch ganz ist, soll vertilgt werden, und -Seine Königliche Majestät wird das Land durch Fremde bevölkern lassen. -Beiß zu, Herzog, beiß zu! Der Hauer des Ebers zerbricht den Zahn der -Vipern. Wir sind Eber. Es lebe der Geuse! - -„Alba, das Blut berauscht Dich! Wähnst Du, daß wir Deine Drohungen -fürchten oder an Deine Milde glauben? Deine berühmten Regimenter, -deren Loblied Du in der ganzen Welt sangest, Deine „Unbesiegbaren,“ -Deine „Unveränderlichen,“ Deine „Unsterblichen“ hielten sich sieben -Monate damit auf, Haarlem, die schwache, von Bürgern verteidigte Stadt -zu beschießen. Sie haben gleich gewöhnlichen Sterblichen den Tanz der -berstenden Minen in der Luft getanzt. Bürger machten ihnen Halskragen -von Pech; am Ende siegten sie glorreich, indem sie die Entwaffneten -erwürgten. Henker, hörst Du die Stunde der Vergeltung schlagen? - -„Haarlem hat seine tapferen Verteidiger verloren, seine Steine -schwitzen Blut. Es hat bei seiner Belagerung zwölfhundertachtzigtausend -Gülden eingebüßt und ausgegeben. Der Erzbischof ist dort wieder -eingesetzt. Mit leichter Hand und fröhlicher Fratze segnet er die -Kirchen ein. Don Federigo ist bei diesen Einsegnungen gegenwärtig, der -Bischof wäscht ihm die Hände, die Gottes Auge rot sieht, und er nimmt -das Abendmahl in beiderlei Gestalt, was dem armen Volk nicht erlaubt -ist. Und die Glocken läuten, und das Glockenspiel sendet seine ruhigen, -wohlklingenden Weisen in die Luft: es ist wie Engelsang auf einem -Friedhof. Auge um Auge! Zahn um Zahn! Es lebe der Geuse!“ - - -20 - -Die Geusen waren derzeit in Vlissingen, wo Nele das Fieber bekam. -Da sie das Schiff verlassen mußte, ward sie bei Peeters, einem -Reformierten, am Turven-Key untergebracht. - -Ulenspiegel war gar sehr betrübt, aber doch froh, wenn er bedachte, -daß in dem Bett, darin sie ohne Zweifel genesen würde, die spanischen -Kugeln sie nicht erreichen könnten. - -Und mit Lamm war er immerwährend bei ihr, pflegte sie gut und liebte -sie noch mehr. Und da schwätzten sie. - -„Lieber und Getreuer,“ sprach Ulenspiegel eines Tages, „weißt Du die -Zeitung nicht?“ - -„Nein, mein Sohn,“ antwortete Lamm. - -„Sahest Du das Vlieboot, das sich neulich unserer Flotte anschloß, und -weißt Du, wer dort alle Tage die Laute spielt?“ - -„Infolge der letzten Fröste bin ich auf beiden Ohren wie taub,“ sagte -Lamm. „Warum lachst Du, mein Sohn?“ - -Aber Ulenspiegel setzte seine Rede fort: - -„Einmal hörte ich sie ein vlämisches Lied singen und fand ihre Stimme -lieblich.“ - -„Ach,“ sprach Lamm, „auch sie sang und spielte die Laute.“ - -„Weißt Du die andere Zeitung?“ fuhr Ulenspiegel fort. - -„Ich weiß sie nicht, mein Sohn,“ antwortete Lamm. - -Ulenspiegel entgegnete: - -„Wir haben Befehl erhalten, mit unsern Schiffen die Schelde bis -Antwerpen hinunterzufahren, um dort feindliche Schiffe zu nehmen oder -zu verbrennen. Was die Männer betrifft, so wird kein Quartier gegeben. -Was hälst Du davon, Dickwanst?“ - -„Ach,“ sprach Lamm, „werden wir in diesem traurigen Lande immer nur -von Brennen, Henken, Ertränken und andern Hinrichtungen armer Menschen -hören? Wann wird doch der gesegnete Friede kommen, da man ohne Sorge -Rebhühner braten, Frikassées von Huhn bereiten, und in der Pfanne -die Blutwürste zwischen den Eiern bruzzeln lassen kann? Ich mag die -schwarzen lieber, die weißen sind zu fett.“ - -„Diese holde Zeit wird kommen,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn wir in -den flandrischen Obstgärten an den Äpfel-, Pflaumen- und Kirschbäumen -statt der Früchte an jedem Zweig einen Spanier aufgeknüpft sehen.“ - -„Ach,“ sagte Lamm, „wenn ich nur meine Frau wiederfinden könnte, meine -vielliebe, innig geliebte, herzallerliebste, getreue Frau! Denn versteh -mich recht, mein Sohn, ich bin kein Hahnrei gewesen und werde es nimmer -sein; dazu war sie zu kühl und ruhig in ihrem Benehmen; sie mied die -Gesellschaft der andern Männer. Wenn sie schönen Putz liebte, so war -das nur aus weiblicher Neigung. Ich war ihr Koch, Bratenwender und -Küchenjunge, das gestehe ich gern; warum bin ich es nicht wieder; aber -ich war auch ihr Herr und Ehemann.“ - -„Genug des Redens,“ sagte Ulenspiegel. „Hörst Du den Admiral rufen: -„Die Anker gelichtet!“ Und nach ihm die Kapitäne dasselbe rufen? Wir -müssen uns jetzt segelfertig machen.“ - -„Weshalb gehst Du so schnell fort?“ sprach Nele zu Ulenspiegel. - -„Wir gehen zu Schiff,“ sagte er. - -„Ohne mich?“ fragte sie. - -„Ja,“ sagte Ulenspiegel. - -„Bedenkst Du nicht, daß ich dahier gar bang um Dich sein werde?“ sagte -sie. - -„Liebchen,“ sprach Ulenspiegel, „meine Haut ist von Eisen.“ - -„Du spottest,“ sagte sie. „Ich sehe nur Dein Wams, das von Tuch und -nicht von Eisen ist, darunter ist Dein Körper, wie meiner aus Fleisch -und Bein. Wenn man Dich verwundet, wer wird Dich verbinden? Willst Du -ganz allein in Mitten der Krieger sterben? Ich gehe mit Dir?“ - -„Wehe,“ sprach er, „wenn die Lanzen, Kugeln, Degen, Äxte und -Streithämmer mich verschonten und auf Deinen holden Leib fielen, -was würde ich Taugenichts ohne Dich in dieser niederträchtigen Welt -beginnen?“ - -Aber Nele sprach: - -„Ich will Dir folgen, es ist keine Gefahr dabei; ich werde mich hinter -der hölzernen Brustwehr verstecken, wo die Scharfschützen sind.“ - -„Wenn Du gehst, bleibe ich, und dein Freund Ulenspiegel wird für einen -Verräter und Feigling gelten; aber höre mein Lied: - - „Mein Haar ist ein Sturmhut, aus Erz gebaut, - Natur hat gewappnet mein Leben. - Von Leder ist mir die erste Haut, - Von Stahl die zweite gegeben. - - Vor Deiner Fratze mich nimmer graut, - Nie rufst Du mich, Tod, aus dem Leben. - Von Leder ist mir die erste Haut, - Von Stahl die zweite gegeben. - - Auf meiner Fahne steht Leben, schaut! - Allzeit im Lichte leben. - Von Leder ist mir die erste Haut, - Von Stahl die zweite gegeben!“ - -Und singend zog er von hinnen, nicht ohne den bebenden Mund und die -hübschen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben, die in einem weinte -und lachte. - -Die Geusen sind in Antwerpen. Sie erbeuten Alba’s Schiffe bis in den -Hafen hinein. Bei hellem Tage dringen sie in die Stadt, befreien -Gefangene und machen andre, die ihnen Lösegeld einbringen sollen. Sie -heben die Bürger mit Gewalt aus und zwingen etliche bei Todesstrafe, -ihnen zu folgen und nicht zu sprechen. - -Ulenspiegel sprach zu Lamm: „Des Admirals Sohn wird im Hause des -Kanonikus gefangen gehalten; wir müssen ihn befreien.“ - -Als sie ins Haus des Kanonikus drangen, sahen sie den Sohn, den sie -suchten, in Gesellschaft eines dicken schmerbäuchigen Mönches, der -zornig auf ihn einredete, denn er wollte ihn in den Schoß unserer -heiligen Mutter Kirche zurückführen. Aber der junge Bursche wollte -nicht. Er ging mit Ulenspiegel fort. Indessen packte Lamm den Mönch bei -der Kapuze und trieb ihn durch die Straßen von Antwerpen vor sich her, -indem er sagte: - -„Du bist hundert Gülden Lösegeld wert, schnüre Dein Bündel und schreite -voraus. Was säumst Du? Hast Du Blei in Deinen Sandalen? Marsch, -Specksack, Speiseschrank, Suppenbauch.“ - -Der Mönch sagte in großer Wut: - -„Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe, aber trotz aller Achtung, die ich -Eurer Büchse schulde, Ihr seid gleich mir fettleibig, schmerbäuchig und -dick.“ - -Aber Lamm stieß ihn vor sich her und sprach: - -„Wagst Du es, elender Mönch, Dein klösterliches, unnützes Faulenzerfett -mit dem Fett eines Vlämen zu vergleichen, das durch Anstrengungen, -Strapazen und Schlachten ehrlich angemästet ist? Lauf, oder ich werde -Dir wie einem Hund einen Fußtritt geben, und das mit dem Schnabel -meines Schuhes.“ - -Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer Atem und Lamm -desgleichen. Und so gelangten sie zum Schiffe. - - -21 - -Nachdem die Geusen Rammekens, Gertruidenberg und Alckmaer erobert -hatten, kehrten sie nach Vlissingen zurück. - -Nele, die genesen war, erwartete Ulenspiegel am Hafen. - -„Tyll,“ sagte sie, da sie ihn sah, „mein trauter Tyll, bist Du nicht -verwundet?“ - -Ulenspiegel sang: - - „Auf meiner Fahne steht Leben, schaut! - Allzeit im Lichte leben. - Von Leder ist mir die erste Haut, - Von Stahl die zweite gegeben.“ - -„Ach,“ sprach Lamm, sein Bein nachschleppend, „die Kugeln, Granaten und -Kettenkugeln regnen um ihn her, und er fühlt davon nichts als den Wind. -Du bist ohne Zweifel ein Geist, Ulenspiegel, und auch Du, Nele, denn -ich sehe Euch allezeit heiter und jugendlich.“ - -„Warum schleppst Du das Bein nach?“ fragte Nele ihn. - -„Ich bin kein Geist und werde es auch nie werden,“ sagte er. „Zudem -habe ich einen Axthieb in den Schenkel erhalten / die meiner Frau waren -so weiß und rund! / Sieh, ich blute. Ach, warum habe ich sie nicht -hier, um mich zu pflegen!“ - -Doch Nele erwiderte zornig: - -„Was bedarfst Du einer wortbrüchigen Frau?“ - -„Sprich nicht schlecht von ihr,“ sagte Lamm. - -„Warte, hier ist Balsam,“ sagte Nele, „ich habe ihn für Ulenspiegel -aufbewahrt; streich ihn auf Deine Wunde.“ - -Da Lamm seine Wunde verbunden hatte, war er froh, denn der Balsam -linderte den brennenden Schmerz. Und sie gingen alle drei wieder zu -Schiff. - -Da sie den Mönch sah, der dort mit gefesselten Händen herumspazierte, -sagte sie: „Wer ist der? Ich habe ihn schon gesehen und glaube, ihn zu -erkennen.“ - -„Er ist hundert Gülden Lösegeld wert,“ sagte Lamm. - -An jenem Tage war in der Flotte ein Freudenfest. Trotz des rauhen -Dezemberwindes, trotz Regen und Schnee waren alle Geusen der Flotte auf -den Decks der Schiffe. Die silbernen Halbmonde glänzten matt auf den -zeeländischen Hüten. - -Und Ulenspiegel sang: - - „Leyden ist frei. Der Blutherzog zieht aus den Niederlanden. - Läutet, klingende Glocken, - Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte! - Klinget, Flaschen und Gläser! - - Hat der Bluthund sich von den Schlägen erholt - Mit eingeklemmtem Schwanz, - Stürzt er sich mit blutigem Blick - Von neuem gegen die Stöcke. - - Sein zerschlagenes Gebiß - Bebt und schlottert ohne Kraft. - Der Blutherzog ist abgerückt: - Klinget, Flaschen und Gläser. Es lebe der Geuse! - - Er möchte sich wohl selber beißen, - Die Stöcke zerbrachen sein Gebiß. - Er senkt sein Bulldoggengesicht, - Und denkt der Zeiten des Fraßes und Mordes. - Der Blutherzog ist abgerückt: - Schlaget die Trommel des Ruhmes! - Schlaget die Trommel des Krieges! - Es lebe der Geuse! - - Er ruft dem Teufel: „Dir verkauf’ ich meine - Hündische Seele für eine Stunde der Kraft.“ - „Deine Seele gilt mir gleichviel - Wie ein Hering,“ entgegnet der Teufel. - Die Zähne wachsen nicht wieder, - Nun muß er die harten Bissen meiden. - Der Blutherzog ist abgerückt: - Es lebe der Geuse! - - Die kleinen Gassenköter, einäugig, krätzig und krumm, - Die von den Broten leben oder verenden, - Heben die Pfoten allzumal - Gegen ihn, der aus Mordlust gemordet: - Es lebe der Geuse! - - „Er liebte nicht Freunde noch Liebste, - Nicht Frohsinn, Sonne, noch seinen Herrn. - Nur der Tod, das war seine Braut. - Der zerbricht ihm die Pfoten - Zum Vorspiel der Hochzeit. - Er liebt keinen Menschen heil und ganz. - Schlaget die Freudentrommel! - Es lebe der Geuse!“ - - Und die kleinen Gassenköter, krumm, - Einäugig, hinkend und krätzig, - Heben von neuem die Pfoten - Heiß und salzig ... - Und mit ihnen Molosser und Windhund. - Hunde von Ungarn und von Brabant, - Von Luxemburg und Namur. - Es lebe der Geuse! - Trübselig, Schaum vor dem Maule, - Wird er verenden bei seinem Herrn, - Welcher ihm einen Fußtritt gibt, - Weil er nicht tüchtig gebissen. - In der Hölle wird er dem Tod - Angetraut; der nennt ihn „Mein Herzog“. - Und er heißt ihn: „Meine Inquisition“. - Es lebe der Geuse! - Läutet, klingende Glocken; - Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte. - Klinget, Flaschen und Gläser: - Es lebe der Geuse!“ - - - - -Fünftes Buch - - -1 - -Da der Mönch, den Lamm gefangen genommen, merkte, daß die Geusen nicht -seinen Tod, sondern Lösegeld wollten, begann er auf dem Schiffe die -Nase hoch zu tragen. - -„Sehet,“ sprach er auf und ab gehend, mit wütendem Kopfschütteln, -„sehet, in welchen Abgrund schmutziger, schwarzer, gemeiner Greuel ich -gefallen bin, da ich den Fuß in diesen Holznapf setzte. Wenn ich nicht -hier wäre, ich, den der Herr salbte ...“ - -„Mit Hundsfett?“ fragten die Geusen. - -„Selbst Hunde,“ antwortete der Mönch, seine Rede fortsetzend. „Ja, -räudige, verlaufene, dreckige Hunde mit magerem Kreuz. Ihr, die -Ihr den fruchtbaren Schoß unserer heiligen römischen Mutter Kirche -gemieden habt, um die dürren Wege Eurer lumpigen, reformierten Kirche -zu betreten. Ja, wäre ich nicht hier in Eurem Holzschuh, Eurem Napf, -so hätte der Herr ihn schon längst in die tiefsten Abgründe des Meeres -versenkt, samt Euch, Euren verfluchten Waffen, Euren Teufelskanonen, -Eurem singenden Kapitän, Euren lästerlichen Halbmonden, ja, bis auf -den Grund der unergründlichen Tiefe von Satans Reich. Dort werdet ihr -nicht verbrennen, nein! aber zu Eis gefrieren, zittern und vor Kälte -umkommen, während der ganzen langen Ewigkeit. Ja, also wird Gott im -Himmel auslöschen das Feuer Eures gottlosen Hasses gegen unsere sanfte -heilige römische Mutter Kirche, gegen die hohen Heiligen, die Herren -Bischöfe und die gesegneten Edikte, die so überaus sänftiglich und -reiflich bedacht waren. Jawohl, ich werde Euch oben vom Paradiese -sehen, veilchenblau wie Rotebeete oder weiß wie Rüben, so sehr wird -Euch frieren. Tsi, tsi, tsi! Also geschehe es, geschehe es, geschehe -es!“ - -Die Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen trieben ihren Spott mit ihm -und schossen aus Blasrohren mit trockenen Erbsen auf ihn. Und er -bedeckte sich das Gesicht mit den Händen gegen diese Geschosse. - - -2 - -Nachdem der Blutherzog die Niederlande verlassen hatte, wurden sie -von den Herren Messina-Coeli und Requesens mit minderer Grausamkeit -regiert; dann wurden sie von den Generalstaaten im Namen des -Königs regiert. Inzwischen eröffneten die Zeeländer und Holländer, -wohlgeborgen durch Meer und Deiche, so für sie natürliche Wälle und -Festungen sind, dem Gott der Freien freie Tempel. Die papistischen -Henker konnten nebenan ihre Hymnen singen, und Seine Gnaden von -Oranien, der Schweiger, war geschäftig, eine Dynastie von Statthaltern -und Königen aufzurichten. - -Belgien ward von den Wallonen verwüstet, die ob der Genter Pazifikation -mißvergnügt waren, da sie alle Feindschaft begraben sollten. Und diese -wallonischen Paternosterknechte, die dicke, schwarze Rosenkränze um den -Hals trugen, davon zu Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden, -stahlen Ochsen und Pferde zu zwölfhundert, zu zweitausend und wählten -sich die besten aus. Sie schleppten Frauen und Mädchen durch Felder und -Sümpfe fort und verbrannten in den Scheunen die bewaffneten Bauern, die -sich die Frucht ihrer harten Arbeit nicht rauben lassen wollten. - -Und die Leute aus dem Volk sprachen untereinander: - -„Don Juan wird mit seinen Spaniern kommen und Seine Herzogliche Hoheit -mit seinen Franzosen, nicht mit den Hugenotten, sondern den Papisten. -Der Schweiger, der Holland, Zeeland, Geldern und Overyssel friedlich zu -regieren wünscht, tritt durch geheimen Vertrag die Belgischen Lande ab, -auf daß Herr von Anjou sich dort zum König mache.“ - -Etliche aus dem Volke hatten gleichwohl Vertrauen. „Die Herren von -den Generalstaaten,“ sagten sie, „haben zwanzigtausend wohlbewaffnete -Leute mit vielen Kanonen und guter Reiterei. Sie werden allen fremden -Soldaten widerstehen.“ - -Aber die Wohlunterrichteten sprachen: „Die Herren von den -Generalstaaten haben zwanzigtausend Mann auf dem Papier, aber nicht -im Felde; es fehlt ihnen an Reiterei, und sie lassen sich ihre Pferde -eine Meile von ihrem Lager von den Paternosterknechten stehlen. Sie -haben keine Artillerie, denn wiewohl sie deren hier bedürfen, haben sie -beschlossen, hundert Kanonen mit Pulver und Kugeln an Don Sebastian -von Portugal zu senden. Und man weiß nicht, wohin die zwei Millionen -Taler gehen, die wir in vier Raten durch Steuern und Kriegsauflagen -bezahlt haben. Die Bürger von Gent und Brüssel rüsten sich, Gent für -die Reformation und Brüssel desgleichen; in Brüssel schlagen die Frauen -die Schellentrommel, dieweil ihre Männer an den Wällen arbeiten. Gent, -die Kühne, schickt Brüssel, der Fröhlichen, Pulver und Kanonen, woran -es ihr mangelt, um sich gegen die Mißvergnügten und die Spanier zu -verteidigen.“ - -Und ein Jeglicher in den Städten wie auf dem platten Lande sieht -ein, daß man kein Vertrauen haben darf, weder zu den Herren von den -Generalstaaten, noch zu vielen andern. Und wir Bürger und das niedere -Volk sind betrübt in unsern Herzen, daß wir im Lande unsrer Väter keine -Besserung sehen, wiewohl wir unser Geld hergeben und bereit sind, unser -Blut zu geben. Und das Land Belgien ist bang und erzürnt, daß es keine -getreuen Anführer hat, die ihm Gelegenheit geben zu Schlacht und Sieg, -da ihre Waffen der Feinde der Freiheit harren. - -Und die Wohlunterrichteten sprachen untereinander: - -„Bei der Genter Pazifikation haben die Herren von Holland und Belgien -Beilegung aller Feindschaft geschworen und gegenseitigen Beistand -zwischen den belgischen und niederländischen Staaten. Sie erklärten die -Edikte für null und nichtig, die Konfiskationen für aufgehoben, Frieden -zwischen beiden Religionen; sie versprachen, alle Säulen, Trophäen, -Inschriften und Bildnisse, so der Herzog zu unserer Unehre errichtet, -niederzureißen. Aber in den Herzen der Führer sind die Feindschaften -noch nicht niedergerissen. Adel und Geistlichkeit erregen Zwietracht -zwischen den Staaten der Union; sie empfangen Geld, um die Soldaten zu -bezahlen, und behalten es für ihre Völlerei. Fünfzehntausend Prozesse -um Rückforderung der eingezogenen Vermögen harren der Erledigung. Die -Lutherischen und Römischen vereinigen sich gegen die Calvinisten; -den rechtmäßigen Erben gelingt es nicht, den Räubern ihr Vermögen -abzujagen; die Statue des Herzogs liegt am Boden, aber in ihren Herzen -lebt das Bild der Inquisition.“ - -Und das arme Volk und die bekümmerten Bürger harrten immerdar des -tapferen und getreuen Feldherrn, der sie in die Schlacht für die -Freiheit führte. - -Und sie sprachen untereinander: „Wo sind die erlauchten Unterzeichner -des Kompromisses, die, wie sie sagten, männiglich zum Wohle des -Vaterlandes vereinigt waren? Warum bildeten diese falschen Männer eine -so „heilige Allianz“, wenn sie diese sogleich brechen mußten? Weshalb -sich mit soviel Aufsehen versammeln, des Königs Zorn erregen, um sich -hernach wie Feiglinge und Verräter zu trennen? Zu Fünfhundert, wie -sie waren, hoher und niedrer Adel, als Brüder vereinigt, retteten sie -uns vor der spanischen Wut; aber sie opferten das Wohl des belgischen -Landes ihrem eigenen Wohl, gleichwie van Egmont und van Hoorn.“ „Wehe,“ -sagten sie, „sehet jetzo Don Juan, den schönen Ehrgeizigen kommen, -Philipps Feind, aber mehr noch unsrer Länder Feind. Er kommt um des -Papstes und seiner selbst willen. Adel und Klerus üben Verrat.“ - -Und sie beginnen einen Scheinkrieg. An den Mauern der großen und -kleinen Straßen von Gent und Brüssel, selbst an den Masten der -Geusenschiffe, sah man nunmehr die Namen der Verräter angeheftet, -der Heerführer und Kommandanten von Festungen: die des Grafen von -Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don Juan verteidigte; des -Burgvogtes von Lüttich, der die Stadt an Don Juan verkaufen wollte; der -Herren von Aerschot, von Mansfeldt, von Berlaymont, von Rassanghien; -die des Staatsrats, des Georges de Lalaing, Stadthalters von Friesland, -des Feldhauptmanns de Rossignol, des Sendboten von Don Juan und -Vermittlers zum Meuchelmord zwischen Philipp und Jauréguy, dem plumpen -Mörder des Prinzen von Oranien. Ferner die Namen des Erzbischofs von -Cambray, der die Spanier in die Stadt einlassen wollte; die Namen der -Jesuiten von Antwerpen, die den Staaten drei Tonnen Goldes, / das ist -zwei Millionen Gülden / anboten, damit das Schloß nicht zerstört würde -und für Don Juan erhalten bliebe; die Namen des Bischofs von Lüttich -und der geschwätzigen römischen Prediger, welche die Patrioten in -bösen Leumund brachten; die des Bischofs von Utrecht, den die Bürger -fortschickten, um anderswo das Kraut des Verrats zu weiden, und der -Bettelorden, die in Gent zu Gunsten Don Juans Ränke schmiedeten. -Die von Herzogenbusch nagelten den Namen von Carme Pierre an den -Schandpfahl, der, vom Bischof und dessen Clerus unterstützt, sich -anheischig machte, die Stadt dem Don Juan auszuliefern. - -In Douay jedoch henkten sie den Rektor der Universität, der -gleichermaßen spanisch geworden, nicht in effigie. Doch auf den -Geusenschiffen sah man auf der Brust der gehenkten Strohmänner Namen -von Mönchen, Äbten und Prälaten und von achtzehnhundert reichen Frauen -und Jungfrauen des Beghinen-Klosters zu Mecheln, die die Henker des -Vaterlandes mit ihren Groschen unterhielten und mit Gold und Federn -schmückten. - -Und auf diesen Strohmännern, den Schandpfählen der Verräter, stand der -Name des Marquis d’Harrault, des Kommandanten der Feste Philippeville, -der die Kriegs- und Mondvorräte unnütz vergeudete, um unter dem Vorwand -des Mangels an Lebensmitteln, die Feste dem Feind auszuliefern. Da -stand der Name Belvers, der Limburg übergab, als diese Stadt sich noch -acht Monate halten konnte; der des Staatskanzlers von Flandern; des -Magistrats von Brügge, des Magistrats von Mecheln, der seine Stadt -für Don Juan offen hielt. Da standen die Namen der Herren von der -geldernschen Rechnungskammer, die wegen Verrates geschlossen wurde; die -des Rates von Brabant, der Kanzlei des Herzogtums, des geheimen Rats -und des Finanzrats; die des Oberamtsmanns und des Bürgermeisters von -Menin und der bösen Nachbarn von Artois, die zweitausend Franzosen, so -auf Plünderung auszogen, unverweht durchließen. - -„Wehe,“ sprachen die Bürger untereinander, „nun hat der Herzog von -Anjou einen Fuß in unserm Lande; er will bei uns König werden. Sahet -Ihr ihn in Mons einziehen, klein und mit dicken Hüften, großer Nase, -gelbem Antlitz und spöttischem Munde. Es ist ein großer Fürst, der -die ungewöhnlichen Liebschaften liebt, und damit sich in seinem Namen -weibliche Anmut mit männlicher Kraft paare, nennt man ihn Seine -Groß-Hoheit, den Herzog von Anjou.“ - -Ulenspiegel war nachdenklich. Und er sang: - - „Der Himmel ist blau, die Sonne hell; - Umhüllt die Banner mit Flor, - Mit Flor die Degengriffe, - Versteckt die Juwelen, - Kehrt um die Spiegel; - Ich singe das Lied vom Tode, - Das Lied vom Verrat. - - Sie setzten ihnen auf Leib und Brust - Den Fuß, den stolzen Ländern: - Brabant und Flandern, Hennegau, - Antwerpen, Artois, Luxemburg. - Junker und Pfaffen übten Verrat; - Des Lohnes Köders lockte sie. - Ich singe das Lied vom Verrat. - - Wenn allerorts der Feind nun raubt, - Der Spanier in Antwerpen herrscht, - Lustwandeln in den Gassen der Stadt, - Äbte, Pfaffen und Feldhauptleute, - In Seide gekleidet, mit Gold verbrämt. - Von gutem Wein glänzt ihr volles Gesicht - Und trägt ihre Schande zur Schau. - - Und durch sie wird die Inquisition - Triumphierend zum Leben erwachen. - Von den neuen Ritelmans - Werden Taubstumme dann verhaftet - Um Ketzerei. - Ich singe das Lied vom Verrat. - - Unterzeichner des Vergleichs, - Feige Unterzeichner; - Euer Name sei verflucht. - Wo seid Ihr zur Stunde des Krieges? - Ihr folget gleich Raben - Der spanischen Fährte. - Schlaget die Trommel der Trauer. - - Die Zukunft, belgisches Land, - Wird Dich verdammen, weil Du - Gewaffnet Dich ließest berauben. - Zukunft, eile Dich nicht. - Sieh die Verräter geschäftig: - Es sind zwanzig, es sind tausend; - Alle Ämter haben sie inne, - Die Großen geben sie den Kleinen. - - Sie sind im Einverständnis, - Den Widerstand zu hindern - Durch Zwietracht und Trägheit, - Ihre Losung des Verrats. - Verhüllt mit Flor die Spiegel - Und die Degengriffe. - Dies ist das Lied des Verrats. - - Spanier und Unzufriedene - Erklären sie für Rebellen, - Verbieten, ihnen zu helfen - Mit Brot und Obdach, - Mit Pulver und Blei. - Doch fängt man sie, um sie zu henken. - Um sie zu henken. - Gleich lassen sie sie frei. - - Auf! sagen die Brüßler. - Auf! sagen die Genter - Und das belgische Volk. - Euch arme Menschen will man - Zermalmen zwischen dem König - Und dem Papst, welcher den Kreuzzug - Gegen Flandern betreibt. - - Sie kommen, die feilen Söldner, - Beim Blutgeruch herbei, - Scharen von Hunden, - Hyänen und Schlangen, - Die hungert und dürstet. - Armes Land der Väter, - Reif für Trümmer und Tod. - - Nicht Don Juan ist es, - Der es Farnese, des Papstes Liebling, - Mundgerecht macht, - Doch Die, so Du mit Gold - Und Ehren überhäuft. - Die Deiner Weiber, Töchter - Und Kinder Beichte hörten. - - Sie warfen Dich zu Boden, - Es setzt der Spanier Dir - Das Messer an die Kehle. - Sie trieben Spott mit Dir, - Da sie zu Brüssel des Prinzen - Oranien Kommen gefeiert. - - Da man auf dem Kanale - So mannig Feuerwerk - Mit Freudengeknatter sah, - Soviel triumphierende Schiffe, - Gemälde und Wandbehänge, - Da, Belgien, spielte man - Von Joseph die Geschichte, - Wie ihn die Brüder verkauft.“ - - -3 - -Da der Mönch merkte, daß man ihn reden ließ, trug er auf dem Schiffe -die Nase hoch; und um ihn noch mehr zum Predigen anzureizen, lästerten -die Matrosen und Soldaten die heilige Jungfrau, die hohen Heiligen und -die frommen Andachtsübungen der heiligen römischen Kirche. - -Dann geriet er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen sie aus. - -„Ja,“ schrie er, „ja, da bin ich traun in der Höhle der Geusen. Ja, -dies sind wahrlich die verfluchten Länderaussauger! Ja. Und man sagt, -daß der Inquisitor, der heilige Mann, ihrer zu viele verbrannt hat! -Nein: Es ist noch genug von dem schmutzigen Ungeziefer übrig. Ja, auf -den guten, tapferen Kriegsschiffen unseres Herrn Königs, die ehedem -so sauber und gut gewaschen waren, sieht man jetzo das Ungeziefer -der Geusen, ja, das stinkende Ungeziefer. Ja, es ist schmutziges, -stinkendes, schändliches Ungeziefer, der singende Kapitän, der Koch mit -dem Bauch voller Gottseligkeit, und sie alle mit ihren lästerlichen -Halbmonden. Wenn der König seine Schiffe mit der Lauge der Geschütze -gesäubert hat, wird für mehr als hunderttausend Gülden Pulver und -Kugeln vonnöten sein, um diese schmutzige, gemeine, stinkende Seuche -zu vertreiben. Ja, Ihr seid alle in Frau Luzifers Bette geboren, -die verdammt ist, mit Satanas zwischen Mauern von Ungeziefer, unter -Vorhängen von Ungeziefer und auf Polstern von Ungeziefer zu buhlen. -Ja, und dort in ihren abscheulichen Umarmungen erzeugten sie die -Geusen. Ja, ich spucke auf Euch.“ - -Auf diese Rede hin sprachen die Geusen zu ihm: - -„Was behalten wir diesen Faulenzer hier, der nichts kann als -Schimpfworte ausspeien? Wir wollen ihn lieber henken.“ - -Und sie machten sich ans Werk. - -Als der Mönch sah, daß der Strick bereit, die Leiter an den Mastbaum -gelehnt war und man ihm die Hände binden wollte, sagte er kläglich: - -„Habt Mitleid mit mir, Ihr Herren Geusen, es ist der Teufel des Zornes, -der in meinem Herzen spricht, und nicht Euer geringer Gefangener, ein -armer Mönch, der auf dieser Welt nicht mehr als einen Hals hat. Gnädige -Herren, erbarmt Euch. Schließt mir den Mund mit einer Angstbirne, wenn -Ihr wollt, / eine gar schlechte Frucht / aber henket mich nicht.“ - -Ohne auf ihn zu hören, und trotz seines wütenden Widerstandes -schleppten sie ihn nach der Leiter. Da schrie er so gellend, daß Lamm -zu Ulenspiegel, der bei ihm in der Küche war und ihn pflegte, sprach: - -„Mein Sohn, mein Sohn, sie haben ein Schwein aus dem Koben gestohlen -und stechen es ab. Oh, die Spitzbuben! Wenn ich doch aufstehen könnte.“ - -Ulenspiegel ging hinauf und erblickte nichts als den Mönch. Da dieser -seiner gewahr wurde, fiel er auf die Kniee und sagte, die Hände zu ihm -erhebend: - -„Herr Kapitän, Kapitän der tapferen Geusen, die zu Wasser und zu -Lande furchtbar sind, Eure Soldaten wollen mich henken, weil ich mich -mit der Zunge vergangen habe. Das ist eine ungerechte Strafe, Herr -Kapitän, denn alsdann müßten alle Advokaten, Sachverwalter, Prediger -und Weiber ein hänfenes Halsband haben, und die Welt würde entvölkert -werden. Herr, errettet mich vom Strick. Ich werde für Euch beten, und -Ihr werdet nicht verdammt werden, gebt mir Pardon. Der Sprechteufel -verleitete mich und zwang mich, unaufhörlich zu reden: das ist ein gar -großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt mich tausend -Dinge sagen, die ich nicht denke. Gnade, Herr Kapitän, und Ihr Herren -alle, bittet für mich.“ - -Plötzlich erschien Lamm im Hemd auf Deck und sagte: - -„Kapitän und Kameraden, es war nicht das Schwein, daß quiekte, sondern -der Mönch; des bin ich froh. Ulenspiegel, mein Sohn, ich habe einen -großartigen Plan inbetreff des frommen Vaters gefaßt. Schenk ihm das -Leben, aber laß ihn nicht frei, sonst wird er noch einen schlechten -Streich auf dem Schiffe verüben. Vielmehr laß ihm auf Deck einen engen, -recht luftigen Käfig machen, darin er nur sitzen und schlafen kann, wie -man sie für die Kapaunen macht. Laß mich ihn füttern, und wenn er nicht -soviel ißt, wie ich will, möge er gehenkt werden.“ - -„Möge er gehenkt werden, wenn er nicht ißt“, sagten Ulenspiegel und die -Geusen. - -„Was gedenkst Du mit mir zu machen, Dicker?“ fragte der Mönch. - -„Das wirst du sehen,“ antwortete Lamm. - -Und Ulenspiegel tat, was Lamm wünschte, und der Mönch ward in den Käfig -gesetzt, und Jedermann konnte ihn darin nach Belieben betrachten. - -Lamm war in die Küche hinuntergegangen; Ulenspiegel ging ihm nach und -hörte ihn mit Nele streiten. - -„Ich werde mich nicht hinlegen,“ sagte er, „nein, ich werde mich nicht -hinlegen, damit andere kommen und in meinen Brühen herum mantschen. -Nein ich werde nicht in meinem Bette bleiben wie ein Kalb!“ - -„Werde nicht böse, Lamm,“ sprach Nele, „sonst wird Deine Wunde wieder -aufbrechen, und Du wirst sterben.“ - -„Wohlan,“ sagte er, „ich werde sterben; ich bin es satt, ohne mein Weib -zu leben. Ist es noch nicht genug, daß ich es verloren habe, willst du -mich auch noch hindern, mich, den Schiffskoch, auf die Suppe zu achten? -Weißt du nicht, daß dem Duft der Brühen und Fleischgerichte eine -Heilkraft innewohnt? Sie nähren selbst meinen Geist und panzern mich -wider das Unglück.“ - -„Lamm,“ sagte Nele, „Du mußt auf unseren Rat hören und Dich von uns -heilen lassen.“ - -„Ich will mich heilen lassen,“ sprach Lamm; „aber es soll nur ein -anderer hier herein kommen, irgend ein unwissender, stinkender, -triefäugiger, rotznasiger Taugenichts und soll an meiner Statt als -Schiffskoch herrschen und mit seinen schmutzigen Fingern in meine -Brühen fahren, so schlüg’ ich ihn lieber mit meiner Holzkelle tot, die -dann von Eisen wäre.“ - -„Gleichviel,“ sagte Ulenspiegel, „Du brauchst einen Gehilfen, Du bist -krank.“ - -„Ein Gehilfe für mich!“ sagte Lamm, „mir ein Gehilfe! Bist Du denn nur -mit Undankbarkeit vollgepfropft wie eine Wurst mit gehacktem Fleisch? -Ein Gehilfe, mein Sohn, und Du sagst das mir, Deinem Freund, der Dich -so lange und so reichlich genährt hat! Jetzt wird meine Wunde wieder -aufbrechen. Schlechter Freund, wer würde dir hier wohl die Nahrung -bereiten wie ich? Was würdet Ihr beiden anfangen, wenn ich nicht -da wäre, um dir, Kapitän, und Dir, Nele, etwelches leckere Gericht -vorzusetzen?“ - -„Wir würden selbst in der Küche arbeiten,“ sprach Ulenspiegel. - -„Die Küche!“ sagte Lamm. „Du taugst dazu, gute Küche zu essen, sie zu -schnüffeln und einzuschlürfen, aber kochen, nein! Armer Freund und -Kapitän, ich würde Dir, mit Verlaub zu sagen, in Streifen geschnittene -Gürteltaschen zu essen geben, und Du würdest sie für harte Kaldaunen -halten. Laß mich, mein Sohn, laß mich hier bleiben, sonst werde ich wie -ein Stock eintrocknen.“ - -„So bleibe Schiffskoch,“ sprach Ulenspiegel; „wenn du nicht gesund -wirst, schließe ich die Küche zu und wir essen nur Schiffszwieback.“ - -„Ach, mein Sohn,“ sprach Lamm, vor Freude weinend, „Du bist gut wie -unsere liebe Frau.“ - - -4 - -Er schien jedoch zu genesen. - -Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des Mönches mit -einem langen Lederriemen maß. - -Am ersten Samstag sagte er: - -„Vier Fuß.“ - -Und sich selber messend, sprach er: - -„Vier und einen halben Fuß.“ - -Und er schien schwermütig. - -Doch am achten Samstag war er fröhlich und sagte von dem Mönche: - -„Vier dreiviertel Fuß.“ - -Und als er ihm Maß nahm, erboste sich der Mönch und sprach: - -„Was hast du mit mir vor, Dicker?“ - -Aber Lamm steckte die Zunge heraus und schwieg. - -Und siebenmal am Tage sahen die Matrosen und Soldaten ihn mit irgend -einem andern Gericht ankommen und dabei sagen: - -„Hier sind fette Bohnen mit flandrischer Butter; hast Du je so gute -in Deinem Kloster gegessen? Du hast ein volles Gesicht, hier auf dem -Schiff magert man nicht ab. Fühlst Du nicht, wie Dir die Fettpolster im -Rücken wachsen? Bald wirst Du kein Pfühl mehr brauchen, um zu schlafen.“ - -Bei der zweiten Mahlzeit des Mönches sprach er: - -„Sieh da, das sind Krapfen nach Brüsseler Art. Die Wälschen nennen sie -Crèpes, denn sie tragen sie zum Zeichen der Trauer am Hut. Diese jedoch -sind nicht schwarz, sondern blond und im Ofen goldig gebacken. Siehst -Du die Butter darauf rinnen? So wird auch Dein Bauch werden.“ - -„Ich habe keinen Hunger,“ sprach der Mönch. - -„Du mußt essen,“ sagte Lamm. „Glaubst Du, daß es Krapfen von -Buchweizenmehl sind? Es ist reines Weizenmehl, frommer Vater, Vater im -Fett, es ist feinstes Weizenmehl, Vater mit vierfachem Kinn; ich sehe -schon das fünfte keimen, und mein Herz ist froh. Iß!“ - -„Laß mich in Ruhe, Dicker,“ sprach der Mönch. - -Lamm ward zornig und antwortete: - -„Ich bin Herr über Dein Leben. Ziehst du den Strang einem guten Napf -Erbsenbrei mit gerösteter Brotrinde vor, die ich Dir alsbald bringen -werde?“ - -Und als er mit dem Napf kam, sagte Lamm: - -„Der Erbsenbrei hat es gern, wenn er in Gesellschaft gegessen wird; -darum habe ich deutsche Knödel dabei gegeben, schöne Klöße von -Korinther Mehl, ganz frisch ins kochende Wasser geworfen. Sie sind -schwer, aber sie setzen Speck an. Iß, soviel du kannst. Jemehr Du -issest, um so größer ist meine Freude. Ziere Dich nicht, und schnaufe -nicht so stark, als ob es Dir zu viel würde. Iß! Ist Essen nicht besser -als gehenkt werden? Laß mal Deine Schenkel sehen? Sie werden auch -fetter. Zwei Fuß und sieben Zoll rund herum. Wo ist ein Schinken, der -soviel mißt?“ - -Eine Stunde darauf kam er wieder zum Mönche. - -„Sieh,“ sprach er, „hier sind neun Tauben. Sie sind für Dich -geschlachtet, die unschuldigen Tierchen, die ohne Furcht über den -Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht, ich habe ihnen eine Butterkugel -in den Leib gelegt, samt Weißbrot, geriebener Muskatnuß und -Gewürznelken, in einem kupfernen Mörser gestoßen, der wie Deine Haut -glänzt. Die liebe Sonne freut sich, in einem Gesichte, so blank wie das -Deine, sich spiegeln zu können. Das kommt vom Fett, vom guten Fett, das -ich Dir verschafft habe.“ Bei der fünften Mahlzeit brachte er ihm ein -„Waterzoey“. - -„Was denkst Du von diesem gedämpften Fische?“ fragte er. „Das Meer -trägt Dich und ernährt Dich, mehr würde es auch nicht für Seine -Königliche Majestät tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte Kinn deutlich -sprossen, ein wenig mehr an der linken als an der rechten Seite. Wir -werden diese Seite, die zu kurz gekommen ist, fett machen müssen, -denn Gott hat uns gesagt: „Seid gerecht gegen jedermann.“ Wo wäre -Gerechtigkeit, wenn nicht in gleichmäßiger Verteilung von Fett? Für -Deine sechste Mahlzeit werde ich Dir Muscheln, die Austern der armen -Leute, bringen, dergleichen man Dir in Deinem Kloster nie aufgetragen -hat. Die Unwissenden kochen sie und essen sie so, aber das ist nur -der Prolog ihrer Zubereitung. Man muß hernach die Schalen abnehmen, -ihre zarten Körper in ein Pfännlein tun und sie da sanft mit Sellerie, -Muskat und Nelken dämpfen, die Brühe mit Bier und Mehl binden und -sie mit gerösteten Brotschnitten anrichten. So habe ich sie für Dich -gemacht. Warum schulden die Kinder ihren Vätern und Müttern so großen -Dank? Weil sie ihnen Obdach, Liebe, doch sonderlich die Nahrung gegeben -haben. Demnach mußt Du mich wie Deinen Vater und Deine Mutter lieben -und gleich ihnen bist Du, Vielfraß, mir Dank schuldig. Drum sieh mich -nicht mit so wilden, rollenden Augen an. - -„Bald werde ich Dir eine Biersuppe mit Mehl bringen, gut gezuckert, -mit viel Zimmt. Weißt Du, warum? Damit Dein Fett durchsichtig wird -und unter Deiner Haut bebt: so sieht man es, wenn Du Dich bewegst. -Horch, da läutet es Schlafenszeit: schlummere in Frieden, ohne Sorgen -für den kommenden Tag, und sei sicher, Deine geschmälzten Mahlzeiten -wiederzufinden, und Deinen Freund Lamm, der nicht ermangeln wird, sie -Dir zu geben.“ - -„Geh von hinnen und laß mich beten,“ sagte der Mönch. - -„Bete,“ sprach Lamm, „bete in fröhlicher Schnarchmusik. Bier und -Schlafen werden Dir Fett, gutes Fett ansetzen. Ich bin froh.“ - -Und Lamm ging, sich ins Bett zu legen. - -Und die Matrosen und Soldaten fragten ihn: - -„Was hast Du davon, diesen Mönch, der Dir nicht wohl will, so reichlich -zu füttern?“ - -„Laßt mich nur machen,“ sprach Lamm. „Ich vollführe ein großes Werk.“ - - -5 - -Im Mai, wenn die flanderischen Bäuerinnen sich nachts langsam drei -schwarze Bohnen nach rückwärts über den Kopf werfen, um sich vor -Krankheit und Tod zu schützen, brach Lamms Wunde wieder auf. Er bekam -starkes Fieber und begehrte, auf Deck, dem Käfig des Mönches gegenüber -zu liegen. - -Ulenspiegel war es zufrieden, doch aus Furcht, daß sein Freund bei -einem Anfall ins Meer stürzte, ließ er ihn auf seinem Lager tüchtig -festbinden. - -In seinen lichten Augenblicken empfahl er unablässig, daß man den Mönch -nicht vergäße, und streckte ihm die Zunge heraus. - -Und der Mönch sprach: „Du beschimpfest mich, Dicker.“ - -„Nein,“ antworte Lamm, „ich mache Dich fett.“ - -Ein lauer Wind wehte, die Sonne schien warm. Der fiebernde Lamm war -auf seinem Bette gut festgebunden, damit er bei den jähen Anfällen des -Fieberwahns nicht vom Schiff spränge. Er wähnte sich noch in der Küche -und sprach: - -„Der Ofen ist heute hell. Bald wird es Fettammern regnen. Frau, spanne -die Schlingen in unserm Obstgarten auf. Du bist schön so mit den bis -an den Ellbogen aufgeschlagenen Ärmeln. Dein Arm ist weiß, ich will -mit den Lippen hineinbeißen, das sind Sammetzähne. Wem gehört dieser -schöne Leib, wem gehören diese schönen Brüste, die unter Deinem weißen -Leibchen von feinem Linnen schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird -das Frikassee von Hahnenkämmen und Kücken machen? Nicht zuviel Muskat, -das macht Fieber. Weiße Brühe mit Thymian und Lorbeeren. Wo sind die -Eidotter?“ - -Dann winkte er Ulenspiegel, das Ohr an seinen Mund zu halten, und sagte -ganz leise zu ihm: - -„Bald wird es Wildpret regnen, ich werde Dir vier Fettammern mehr -aufheben als den Andern. Du bist Kapitän, verrate mich nicht.“ - -Dann hörte er die Wellen leise an die Schiffswand plätschern. - -„Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht, aber wie langsam heizt -dieser Ofen!“ - -Sobald er seine fünf Sinne beisammen hatte, sprach er, vom Mönch redend: - -„Wo ist er? Wächst sein Speck?“ - -Da er ihn erblickte, streckte er ihm die Zunge heraus und sagte: - -„Das große Werk wird vollendet; des bin ich froh.“ - -Eines Tages verlangte er, daß die große Wage auf Deck gebracht würde -und daß man ihn auf ein Wagebrett und den Mönch auf das andere -legte. Kaum war der Mönch darauf, als Lamm wie ein Pfeil in die Luft -schnellte. Hocherfreut sagte er, indem er ihn ansah: - -„Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein leichter Geist neben -ihm; ich werde wie ein Vogel in die Luft fliegen. Ich habe einen -Gedanken: nehmt ihn herunter, damit ich herabsteigen kann; jetzt -legt die Gewichte auf; legt ihn wieder darauf. Wieviel wiegt er? -Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.“ - - -6 - -In der Nacht des folgenden Tages ward Ulenspiegel bei Tagesgrauen durch -Lamm geweckt, welcher rief: - -„Ulenspiegel, Ulenspiegel! zu Hilfe, hindere sie fortzugehen. Schneidet -die Stricke durch, schneidet die Stricke durch!“ - -Ulenspiegel stieg auf Deck und sagte: - -„Warum rufst Du? Ich sehe nichts.“ - -„Sie ist es,“ antwortete Lamm, „sie, meine Frau; dort in der Schaluppe, -die jenes Vlieboot umkreist. Ja, um das Vlieboot, von dem die Lieder -und die Lautenklänge kommen.“ - -Nele war gleichfalls auf Deck gestiegen. - -„Schneide die Stricke durch, Liebchen,“ sprach Lamm. „Siehst Du nicht, -daß meine Wunde geheilt ist? Ihre weiche Hand hat sie verbunden. Sie, -ja, sie. Siehst Du sie in der Schaluppe stehen? Hörst Du? Sie singt -noch. Komm, Geliebte, komm, flieh nicht Deinen armen Lamm, der ohne -Dich so einsam auf Erden war.“ - -Nele faßte seine Hand und berührte sein Gesicht. - -„Er hat noch Fieber,“ sagte sie. - -„Schneidet die Stricke durch,“ sprach Lamm, „gebt mir eine Schaluppe! -Ich lebe, ich bin glücklich, ich bin geheilt!“ - -Ulenspiegel zerschnitt die Stricke und Lamm sprang in weißen -Leinenhosen ohne Wams aus dem Bett und begann, das Boot selbst -hinunterzulassen. - -„Sieh ihn an,“ sagte Nele zu Ulenspiegel. „Seine Hände zittern vor -Ungeduld bei der Arbeit.“ - -Da das Boot flott war, stiegen Ulenspiegel, Nele und Lamm mit einem -Ruderknecht hinein und steuerten auf das Vlieboot zu, das in der Ferne -im Hafen vor Anker lag. - -„Sieh, das schöne Vlieboot,“ sprach Lamm, dem Ruderknecht helfend. - -Vom morgenfrischen Himmel, den die Strahlen der jungen Sonne wie -vergüldetes Kristall färbten, hob das Vlieboot seinen Rumpf und seine -schlanken Masten ab. - -Derweil Lamm ruderte, fragte Ulenspiegel: - -„Sag uns nunmehr, wie Du sie wiedergefunden hast?“ - -Lamm gab stoßweise Antwort. - -„Ich schlief, es ging mir schon besser. Plötzlich dumpfes Geräusch. -Etwas Hölzernes stößt ans Schiff. Schaluppe. Matrose läuft beim -Geräusch herbei: Wer da? Eine sanfte Stimme, ihre Stimme, mein Sohn, -ihre süße Stimme: Gut Freund! Dann derbere Stimme: Es lebe der Geuse! -Kommandant des Vlieboots „Johanna“ mit Lamm Goedzak sprechen. Matrose -wirft die Strickleiter hinunter. Der Mond schien. Ich sehe die Gestalt -eines Mannes auf Deck steigen: Starke Hüften, runde Kniee, breites -Becken. Ich sage mir: Falscher Mann. Mir ist, wie wenn eine Rose sich -erschließt und meine Wange berührt. Ihr Mund, mein Sohn, und ich höre -sie sagen, sie selbst, verstehst Du? sie selbst, indem sie mich mit -Küssen und Tränen bedeckt, die wie flüssiges, balsamisches Feuer auf -meinen Körper fallen: „Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich habe -Dich lieb, mein guter Mann. Ich habe vor Gott geschworen, und ich -breche meinen Schwur, mein Mann, mein armer Mann! Ich bin oft gekommen, -ohne mich in Deine Nähe zu wagen. Der Matrose hat es mir endlich -erlaubt. Ich verband Deine Wunde; Du erkanntest mich nicht, aber ich -habe Dich geheilt. Sei nicht böse, lieber Mann. Ich bin Dir gefolgt, -aber ich fürchte mich, er ist auf diesem Schiff. Laß mich gehen. Wenn -er mich sähe, so verfluchte er mich und ich würde im ewigen Feuer -brennen!“ Weinend und glücklich küßte sie mich abermals und verließ -mich dann wider meinen Willen, trotz meiner Tränen. Du hattest mir ja -Arm und Beine festgebunden, mein Sohn, aber jetzt“ .... - -So sprechend, ruderte er mit starken Schlägen, wie die gespannte Schnur -eines Bogens, die den Pfeil vorwärts schnellt. - -Als sie sich dem Vlieboot näherten, sprach Lamm: - -„Da steht sie auf Deck und spielt die Laute, meine reizende Frau mit -goldbraunem Haar, braunen Augen, noch blühenden Wangen, bloßen, runden -Armen und weißen Händen. Hüpfe auf den Wellen, Schaluppe!“ - -Da der Kapitän des Vlieboots die Schaluppe herankommen und Lamm -wie einen Teufel rudern sah, ließ er eine Strickleiter von Deck -herunterwerfen. Als Lamm ihr nahe war, sprang er aus der Schaluppe auf -die Leiter, auf die Gefahr hin, ins Meer zu stürzen, und stieß das Bot -drei Klafter weit zurück. Wie eine Katze kletterte er an Bord und lief -auf seine Frau zu, die, vor Freude halbohnmächtig, ihn umarmte und -küßte. Dabei sprach sie: - -„Lamm! Du darfst mich nicht mitnehmen, ich habe bei Gott geschworen, -aber ich habe Dich lieb. Ach, lieber Mann!“ - -Nele rief aus: - -„Das ist ja Calleken Huybrechts, die schöne Calleken!“ - -„Die bin ich,“ sagte sie, „aber ach, meine Schönheit ist nicht mehr in -der Mittagshöhe.“ - -Und sie schien betrübt. - -„Was hast Du getan?“ fragte Lamm. „Was geschah mit Dir? Warum hast Du -mich verlassen? Warum willst Du mich jetzo meiden?“ - -„Hör mich an,“ sprach sie, „und zürne nicht, ich will Dir alles sagen. -Wissend, daß alle Mönche Erwählte Gottes sind, vertraute ich mich einen -von ihnen an. Er hieß Broer Cornelis Adriaensen.“ - -Da Lamm dies vernahm, sprach er: - -„Was! dieser schlimme Heuchler, der ein Maul hatte wie eine Kloake voll -Schmutz und Unrat und von nichts sprach, als das Blut der Reformation -zu vergießen! Was! dieser Lobredner der Inquisition und der Edikte! -Wehe! dieser schuftige Taugenichts war es!“ - -Calleken sagte: - -„Beschimpfe den Mann Gottes nicht!“ - -„Der Mann Gottes!“ sprach Lamm, „ich kenne ihn! Er war der Mann der -Unflätereien und Zoten. Unseliges Geschick! Mußte meine schöne Calleken -diesem geilen Mönch in die Hände fallen. Komm mir nicht nahe, ich -ermorde Dich! Und ich, der ich sie so liebte! Mein armes Herz betrogen, -das ganz ihr gehörte! Was willst Du hier? Weshalb hast Du mich -gepflegt? Du hättest mich sollen sterben lassen. Hebe Dich weg, ich -will Dich nicht mehr sehen, hebe Dich weg oder ich werfe Dich ins Meer. -Mein Messer! ....“ - -Sie umarmte ihn und sprach: - -„Lamm, lieber Mann, weine nicht. Ich bin nicht, was Du denkst; ich bin -diesem Mönch nicht zu Willen gewesen!“ - -„Du lügst,“ sprach Lamm, weinend und zähneknirschend. „Ach, ich war -nimmer eifersüchtig, und jetzt bin ich’s. Traurige Leidenschaft, Zorn -und Liebe: der Drang, zu morden und zu umarmen. Hinweg! nein, bleib. -Ich war so gut zu ihr. Mordlust beherrscht mich. Mein Messer! Oh! das -brennt, verzehrt, nagt ... Du lachst über mich ....“ - -Und weinend, sanft und demütig umarmte sie ihn. - -„Ja,“ sprach er, „ich bin albern in meinem Zorn; ja, Du hütetest meine -Ehre, die Ehre, die wir Narren an die Röcke einer Frau hängen. Darum -also stecktest Du Dein süßestes Lächeln auf, wenn Du mich batest, mit -Deinen Freundinnen zur Messe zu gehen ...“ - -„Laß mich reden,“ sprach die Frau, ihn umarmend. „Ich will augenblicks -tot sein, wenn ich Dich hintergehe.“ - -„So stirb,“ sprach Lamm, „denn Du wirst lügen.“ - -„Hör mir an,“ sprach sie. - -„Rede oder schweige,“ sagte er, „mir ist es einerlei.“ - -„Broer Adriaensen,“ sagte sie, „galt für einen guten Kanzelredner. -Ich ging, ihn zu hören. Er stellte den geistlichen Stand und das -Zölibat weit über alle andern, weil sie die Frommen am besten ins -Paradies führen. Seine Beredsamkeit war gewaltig und ungestüm. Mehrere -ehrbare Frauen, darunter ich, und sonderlich eine gute Zahl Witwen -und Jungfrauen wurden ganz verstört davon. Maßen der ehelose Stand so -vollkommen ist, empfahl er uns, darin zu verbleiben. Wir schwuren, -nicht mehr ehelich zu leben ....“ - -„Ausgenommen mit ihm, ohne Zweifel,“ sagte Lamm unter Tränen. - -„Schweig,“ sagte sie erzürnt. - -„Weiter,“ sagte er, „vollende; Du hast mir einen harten Schlag -versetzt, den werd’ ich nicht überwinden.“ - -„Doch, lieber Mann,“ sagte sie, „wenn ich allzeit bei Dir sein werde.“ -Sie wollte ihn umarmen und küssen; er aber stieß sie zurück. - -„Die Witwen,“ sagte sie, „gelobten ihm in die Hand, sich nie wieder zu -verheiraten.“ - -Und Lamm hörte zu, in eifersüchtiges Sinnen versenkt. - -Voll Scham erzählte Calleken weiter: - -„Er wollte nur schöne und junge Frauen und Jungfrauen als Büßerinnen -haben; die andern, die schickte er zu ihren Pfarrern zurück. Er -gründete einen Orden von Andächtigen, indem er uns alle schwören ließ, -keine andern Beichtiger als ihn zu nehmen. Ich leistete den Schwur. -Meine Genossinnen, die besser unterrichtet waren als ich, fragten mich, -ob ich mich nicht in der Heiligen Disziplin und der Heiligen Pönitenz -unterweisen lassen wollte. Ich war bereit. Es war aber zu Brügge am -Kai der Steinschneider, nahe dem Kloster der minderen Brüder ein Haus, -darin eine Frau, namens Calle de Najage, wohnte. Die unterrichtete und -ernährte junge Mädchen um einen Goldkarolus im Monat. Broer Cornelis -konnte in ihr Haus gelangen, ohne daß er dem Anschein nach sein Kloster -verließ. In dieses Haus ging ich: in ein Kämmerlein, darin er allein -war. Allda befahl er mir, ihm alle meine natürlichen und fleischlichen -Begierden zu sagen. Erstlich traute ich mich nicht, aber ich gab -endlich nach, weinte und sagte ihm alles.“ - -„Wehe!“ klagte Lamm, „so empfing dieser schweinische Mönch Deine holde -Beichte.“ - -„Er sagte mir immer / und solches ist wahr, lieber Mann / daß über -der irdischen eine himmlische Scham sei, durch welche wir Gott unsere -weltliche Scham zum Opfer bringen, und daß wir also unserm Beichtiger -alle unseren geheimsten Begierden bekennen und alsdann würdig sind, die -heilige Geißelung und die heilige Buße zu empfahen. - -„Zuletzt nötigte er mich, nackend vor ihn zu treten, um auf meinem -Körper, der gesündigt hatte, die allzuleichte Züchtigung meiner Sünden -zu erhalten. Eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden; ich ward -ohnmächtig, als ich mein Hemd vor ihn fallen lassen mußte. Er brachte -mich durch Salze und Riechfläschchen wieder zu mir. „Für diesmal ist es -gut, meine Tochter,“ sagte er, „kehre in zwei Tagen wieder und bringe -eine Geißel mit.“ Das dauerte lange Zeit, ohne daß jemals ... ich -schwöre bei Gott und all seinen Heiligen ... Mann ... versteh mich ... -schau mich an ... sieh, ob ich lüge ... ich blieb rein und treu ... ich -liebte Dich.“ - -„Armer, süßer Körper,“ sagte Lamm. „O Schandfleck auf Deinem -Hochzeitskleid!“ - -„Lamm,“ sprach sie, „er redete im Namen Gottes und unsrer heiligen -Mutter Kirche; mußte ich ihn nicht anhören? Ich liebte Dich immer, aber -ich hatte bei der Jungfrau mit furchtbaren Eiden geschworen, mich Dir -zu versagen. Und doch war ich schwach, Deinetwegen schwach. Entsinnst -Du Dich des Gasthauses in Brügge? Ich war bei Calle de Najage, Du kamst -auf Deinem Esel mit Ulenspiegel vorbeigeritten. Ich ging Dir nach. Ich -hatte eine hübsche Summe Geldes und gab für mich nichts aus. Ich sah -Dich hungern, mein Herz zog mich zu Dir, ich empfand Mitleid und Liebe.“ - -„Wo ist er jetzt?“ fragte Ulenspiegel. - -Calleken antwortete: - -„Nach einer vom Magistrat befohlenen Nachforschung und auf Anstiften -Böswilliger mußte Broer Adriaensen Brügge verlassen und flüchtete nach -Antwerpen. Man hat mir auf dem Vlieboot erzählt, daß mein Mann ihn -gefangen genommen hat.“ - -„Was!“ sprach Lamm, „der Mönch, den ich mäste, ist ....“ - -„Er,“ antwortete Calleken, ihr Gesicht verhüllend. - -„Eine Axt, eine Axt,“ schrie Lamm, „daß ich ihn schlachte und das Fett -dieses geilen Bockes meistbietend verkaufe! Rasch zurück zum Schiffe. -Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“ - -Nele sprach zu ihm: - -„Es ist eine niedrige Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten oder zu -verwunden.“ - -„Du siehst mich mit bösen Augen an; würdest Du mich daran hindern?“ - -„Ja,“ sagte sie. - -„Wohlan,“ sprach Lamm, „ich werde ihm nichts antun. Laß mich ihn nur -aus dem Käfig werfen. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“ - -Sie stiegen flugs ein und Lamm ruderte eifrig und weinte, alles mit -einander. - -„Du bist traurig, Mann?“ fragte Calleken. - -„Nein,“ sprach er, „ich bin froh. Du wirst mich gewißlich nicht -verlassen?“ - -„Nimmer,“ sagte sie. - -„Du warst rein und treu, sagst Du; aber süßes Liebchen, geliebte -Calleken, ich lebte nur, um Dich wiederzufinden, und siehe da, Dank -diesem Mönch wird in all unsren Wonnen das Gift der Eifersucht sein ... -Sobald ich traurig oder nur müde bin, werde ich Dich nackend sehen, wie -Du Deinen schönen Leib dieser schimpflichen Geißelung unterwirfst. Der -Lenz unsrer Liebe war mein, doch der Sommer gehörte ihm. Grau wird der -Herbst sein und in Bälde wird der Winter kommen, meine treue Liebe zu -begraben.“ - -„Du weinst?“ sagte sie. - -„Ja,“ sprach er, „was vergangen ist, kehrt nicht wieder.“ - -„Wenn Calleken treu war, so sollte sie Dich Deiner häßlichen Worte -halber allein lassen,“ sagte Nele darauf. - -„Er weiß nicht, wie ich ihn liebte,“ sprach Calleken. - -„Sagst Du die Wahrheit?“ rief Lamm aus. „Komm, Liebchen, komm, mein -Weib. Kein grauer Herbst ist mehr da, und kein Winter, uns zu begraben.“ - -Und er schien fröhlich, und sie kamen zum Schiffe. - -Ulenspiegel gab Lamm die Schlüssel zum Käfig und er öffnete ihn. Er -wollte den Mönch bei einem Ohr auf Deck ziehen, aber er konnte es -nicht; er wollte ihn seitwärts herausziehen, aber das ging ebenso wenig. - -„Man muß alles zerbrechen; der Kapaun ist fett,“ sagte er. - -Nunmehr kam der Mönch heraus und rollte seine dicken, blöden Augen, -dieweil er seinen Bauch mit beiden Händen festhielt. Da zog eine große -Welle unter dem Schiff her und er fiel auf sein Gesäß. - -Und Lamm sprach zum Mönche: - -„Wirst Du noch „Dicker“ sagen? Du bist dicker als ich. Wer zwang Dich, -sieben Mahlzeiten am Tage zu halten? Ich. Woher kommt es, Schreihals, -daß Du jetzt ruhiger bist und sanfter zu den armen Geusen?“ - -Und er redete weiter: - -„So Du noch ein Jahr im Käfig bleibst, wirst Du nicht mehr daraus -herfür können. Deine Wangen beben wie Schweinesülze, wenn Du Dich -bewegst; Du schreist schon nicht mehr, bald wirst Du nicht mehr atmen -können.“ - -„Schweig, Dicker,“ sagte der Mönch. - -„Dicker!“ sprach Lamm und geriet in Wut. „Ich bin Lamm Goedzak, Du -bist Bruder Dicksack, Fettsack, Lügensack, Schlucksack, Wollustsack. -Du hast vier Finger breit Speck unter der Haut, man sieht Deine Augen -nicht mehr. Ulenspiegel und ich könnten bequem in der Kathedrale -Deines Bauches hausen! Du nennst mich Dicker; willst Du einen Spiegel, -um Deinen Bauch zu betrachten? Ich habe Dich gemästet, Du Denkmal -von Fleisch und Bein. Ich habe geschworen, daß Du Fett speien, Fett -schwitzen und Fettspuren zurücklassen solltest wie ein Talglicht, das -in der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß beim siebenten Kinn -kommt; Du hast ihrer jetzo fünf und ein halbes.“ - -Dann zu den Geusen gewendet: - -„Sehet diesen Lüstling! Das ist Bruder Cornelis Adriaensen Nichtsnutzen -aus Brügge. Er predigte allda eine neue Schamhaftigkeit. Sein Fett -ist die Strafe, sein Fett ist mein Werk. Nun höret alle, Matrosen -und Soldaten: Ich werde Euch verlassen, Dich verlassen, Ulenspiegel, -auch Dich, kleine Nele, um in Vlissingen, wo ich Vermögen habe, mit -meiner lieben Frau zu leben, die ich wiederfand. Ihr habt mir ehedem -geschworen, mir alles zu bewilligen, um was ich Euch bitten würde ...“ - -„Das ist Geusenmord,“ sprachen sie. - -„Wohlan,“ sagte Lamm, „betrachtet diesen Lüstling, diesen Bruder -Adriaensen Nichtsnutzen aus Brügge; ich schwur, ihn in seinem Fett -umkommen zu lassen wie ein Schwein. Bauet einen größeren Käfig und -zwingt ihn, täglich zwölf Mahlzeiten anstatt sieben zu essen; gebt ihm -eine fette, süße Nahrung. Jetzt ist er schon wie ein Ochs; macht, daß -er wie ein Elefant wird, und Ihr werdet in Bälde sehen, daß er den -Käfig ausfüllt.“ - -„Wir werden ihn mästen,“ sagten sie. - -„Und jetzo,“ fuhr Lamm fort, zum Mönche sprechend; „sage ich Dir -Nichtsnutz Valet. Ich lasse Dich nach Mönchsweise mästen, anstatt Dich -henken zu lassen; nimm zu an Fett und glaube an den Schlagfluß.“ - -Dann nahm er sein Weib Calleken in die Arme: - -„Schau her, grunze oder brülle, ich raube sie Dir, Du wirst sie nicht -mehr geißeln!“ - -Aber der Mönch geriet in Wut und sprach zu Calleken: - -„So gehest Du ins Bett der Unzucht, lüsternes Weib! Ja, Du gehst ohne -Mitleid für den armen Märtyrer von Gottes Wort, der Dich die heilige, -liebliche und himmlische Zucht lehrte. Sei verflucht! Kein Priester -möge Dir verzeihen; möge der Boden unter Deinen Füßen brennen, Zucker -Dir wie Salz erscheinen, Rindfleisch wie verwestes Hundefleisch. -Das Brot werde Dir zu Asche, die Sonne zu Eis, und der Schnee zu -Höllenfeuer. Verflucht sei Deine Fruchtbarkeit, Deine Kinder sollen -scheußlich sein, mit dem Leib eines Affen und einem Schweinskopf, -der größer ist als ihr Bauch. Du sollst leiden, wimmern und ächzen -in dieser und in jener Welt, in der Hölle, die Deiner wartet, in der -Hölle aus Pech und Schwefel, so für Weiber Deiner Art angezündet ist. -Meine väterliche Liebe wiesest Du zurück. Sei dreifach verflucht -von der Heiligen Dreieinigkeit und siebenfach verflucht von den -Leuchten der Kirche. Deine Beichte sei Dir Verdammnis, die Hostie ein -tödliches Gift, und in der Kirche möge jede Fliese sich erheben, um -Dich zu zermalmen und Dir zu sagen: Diese ist die Buhlerin, diese ist -verflucht, diese ist verdammt!“ - -Und Lamm hüpfte vor Freude und sagte fröhlich: - -„Sie ist treu gewesen, er hat es gesagt, der Mönch; es lebe Calleken!“ - -Aber sie sprach weinend und zitternd: - -„Mann, nimm diese Verwünschung von mir. Ich sehe die Hölle! Nehmt die -Verwünschung von mir!“ - -„Nimm die Verwünschung zurück,“ sagte Lamm. - -„Ich werde sie nicht zurücknehmen, Dicker,“ sagte der Mönch. - -Und die Frau harrte knieend, ganz bleich und bekümmert, und mit -gefalteten Händen flehte sie Bruder Adriaensen an. - -Und Lamm sprach zum Mönche: - -„Nimm die Verwünschung zurück, sonst wirst Du gehenkt. Und so der -Strick Deines Gewichtes halber reißt, wirst Du von neuem gehenkt -werden, bis der Tod eintritt.“ - -„Gehenkt und wiederum gehenkt,“ sagten die Geusen. - -„Wohlan“, sprach der Mönch zu Calleken, „geh hin, Unzüchtige, gehe mit -diesem dicken Mann; ich nehme meine Verwünschung zurück, aber Gott und -alle seine Heiligen werden ein Auge auf Dich haben.“ - -Schwitzend und schnaufend schwieg er still. - -Plötzlich rief Lamm aus: - -„Er schwillt! Er schwillt: Ich sehe das sechste Kinn. Beim siebenten -kommt der Schlagfluß. Und jetzt,“ sagte er, sich zu den Geusen wendend, -„Gott befohlen, Du, Ulenspiegel, und Ihr alle, meine guten Freunde, -Gott befohlen, Du, Nele, und die heilige Sache der Freiheit; ich vermag -nichts mehr für sie.“ - -Nachdem er allen den Bruderkuß gegeben und ihn empfangen hatte, sagte -er zu seiner Frau Calleken: - -„Komm, es ist die Stunde der rechtmäßigen Liebe.“ - -Derweil das Boot auf dem Wasser glitt und Lamm und seine Herzliebste -davontrug, riefen Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen, indem sie alle -ihre Hüte schwenkten: „Leb wohl, Bruder, leb wohl, Lamm, leb wohl, -Bruder, Freund und Bruder!“ - -Und Nele sprach zu Ulenspiegel, indem sie ihm mit der Spitze ihres -zierlichen Fingers eine Träne aus dem Auge wischte: - -„Bist Du traurig, Liebster?“ - -„Er war gut,“ sagte er. - -„Wehe,“ sagte sie, „wird denn dieser Krieg nimmer enden? Müssen wir -denn allezeit in Blut und Tränen leben?“ - -„Laß uns die Sieben suchen,“ sagte Ulenspiegel; „die Stunde der -Befreiung naht.“ - -Gemäß Lamms Wunsch mästeten die Geusen den Mönch im Käfig. Als er für -Lösegeld in Freiheit gesetzt wurde, wog er dreihundertsiebzehn Pfund -und fünf Unzen flandrisch Gewicht. - -Und er starb als Prior seines Klosters. - - -7 - -Um jene Zeit versammelten sich die Herren von den Generalstaaten in -Haag, um über Philipp, König von Spanien, Graf von Flandern, Holland -usw. zu Gericht zu sitzen, gemäß den von ihm genehmigten Urkunden und -Privilegien. - -Und der Schreiber sprach also: - -„Es ist männiglich bekannt, daß ein Landesfürst von Gott als Herrscher -und Oberhaupt seiner Untertanen eingesetzt ist, um sie vor allen -Kränkungen, Unterdrückungen und Gewalttaten zu schützen, wie ein Hirte -für die Verteidigung und den Schutz seiner Schafe angestellt ist. -Gleichermaßen ist es bekannt, daß die Untertanen nicht von Gott zum -Nutzen des Fürsten geschaffen sind, um ihm in allem, was er befiehlt, -gehorsam zu sein, sei es eine fromme oder gottlose, eine gerechte oder -ungerechte Sache, noch um ihm wie Sklaven zu dienen. Sondern der Fürst -ist Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht sein kann, auf daß -er nach Recht und Vernunft regiere, auf daß er sie liebe und erhalte -wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirte seine Schafe, und sein Leben -wage, um sie zu schirmen. So er es nicht tut, soll er nicht für einen -Fürsten, sondern für einen Tyrannen gehalten werden. König Philipp hat -durch Soldaten, Kreuzzugsbullen und Exkommunikationen vier feindliche -Heere gegen uns gehetzt. Was soll kraft der Gesetze und Bräuche des -Landes seine Strafe sein?“ - -„Er werde abgesetzt,“ antworteten die Herren von den Staaten. - -Der Schreiber fuhr fort: - -„Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat die Dienste, die wir ihm -leisteten, vergessen, und die Siege, die wir ihm erringen halfen. Da -er sah, daß wir reich waren, ließ er uns von den hispanischen Räten -plündern und brandschatzen.“ - -„Er werde als Undankbarer und Räuber abgesetzt.“ - -„Philipp,“ fuhr der Schreiber fort, „hat in den mächtigsten Städten -des Landes neue Bischöfe eingesetzt und ihnen die Güter der reichsten -Abteien als Pfründe verliehen. Mit ihrer Hilfe führte er die -hispanische Inquisition ein.“ - -„Er werde abgesetzt als Henker und Verschwender fremder Güter,“ -antworteten die Herren von den Staaten. - -„In Ansehung dieser Tyrannei unterbreiteten die Adligen des Landes im -Jahre 1566 eine Bittschrift, in welcher sie den Herrscher inständig -baten, seine harten Edikte zu mäßigen, insonderheit die, so die -Inquisition beträfen. Er weigerte es jederzeit.“ - -„Er werde abgesetzt als Tiger, der von seiner Grausamkeit nicht läßt,“ -antworteten die Herren von den Staaten. - -Der Schreiber fuhr fort: - -„Es besteht starker Verdacht, das Philipp durch seine hispanischen Räte -den Bildersturm und die Plünderung der Kirchen insgeheim angestiftet -hat, um unter dem Vorwand von Verbrechen und Unruhen fremde Heere gegen -uns ins Feld zu schicken.“ - -„Er werde abgesetzt als Werkzeug des Todes,“ antworteten die Herren von -den Staaten. - -„In Antwerpen ließ Philipp die Einwohner niedermetzeln und richtete die -vlämischen und fremden Kaufleute zu Grunde. Er und sein hispanischer -Rat geben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten Taugenichts, durch -geheime Weisung, das Recht, sich zum Haupt der Plünderer zu machen, -Beute zu sammeln, sich seines königlichen Namens zu bedienen, seine -Insiegel und Gegensiegel zu fälschen und sich wie sein Regent und -Statthalter aufzuführen. Die königlichen Briefe, die aufgefangen und in -unseren Händen sind, beweisen die Tatsache. Alles geschieht mit seiner -Zustimmung und im Einvernehmen mit den spanischen Räten. Leset seine -Briefe. Er lobt darin das zu Antwerpen Geschehene, erkennt an, daß ihm -ein ausgezeichneter Dienst geleistet sei, verspricht, ihn zu belohnen, -und fordert Rhoda und die andern Spanier auf, auf diesem glorreichen -Pfade weiter zu wandeln.“ - -„Er werde als Dieb, Räuber und Mörder abgesetzt“, antworteten die -Herren von den Staaten. - -„Wir wollen nichts als die Erhaltung unserer Privilegien, einen -redlichen und gesicherten Frieden, eine maßvolle Freiheit, sonderlich -in Betracht der Religion, die vornehmlich Gott und das Gewissen -betrifft. Von Philipp hatten wir nichts denn lügnerische Verträge, -die dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu säen, um sie -nacheinander zu unterjochen und sie mit Plünderung, Konfiskation, -Hinrichtungen und Inquisition gleich dem indischen Reich zu behandeln.“ - -„Er werde abgesetzt als Meuchelmörder, der den Mord der Länder mit -Vorsatz übt,“ antworteten die Herren von den Staaten. - -„Er hat die Länder durch den Herzog von Alba und seine Bluthunde, -durch Medina-Coeli, Requesens und die Verräter aus dem Staatsrat und -den Provinzen geschröpft. Er empfahl Don Juan und Alexander Farnese, -dem Prinzen von Parma, wie man aus den aufgefangenen Briefen ersieht, -eine blutige Strenge. Er erklärte Seine Gnaden von Oranien in die -Reichsacht, dang bis jetzt drei Meuchelmörder und wird in Bälde den -vierten dingen. Er ließ Burgen und Festungen bei uns errichten, die -Männer lebendig verbrennen, die Frauen und Mädchen lebendig begraben; -er erbte ihre Vermögen, erdrosselte Montigny, de Berghes und andere -Ritter, ohngeachtet seines königlichen Wortes. Er tötete seinen Sohn -Don Carlos, vergiftete den Prinzen von Ascoly, dem er Dona Eufrasia, -die von ihm schwanger war, zum Weibe gab, um den künftigen Bastard mit -seinen Gütern zu bereichern. Er schleuderte ein Edikt gegen uns, das -uns alle, nachdem wir Leib und Gut verloren, zu Verrätern erklärte, und -er beging das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen, die -Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln.“ - -„Er werde abgesetzt in Gemäßheit aller Gesetze, Rechte und -Privilegien,“ antworteten die Herren von den Staaten. - -Und des Königs Siegel wurden zerbrochen. - -Und die Sonne schien über Land und Meer, vergoldete die reifen Ähren, -reifte die Trauben und warf Perlen auf jede Welle als Schmuck der -Freiheit, der Braut der Niederlande. - -Dann schoß dem Prinzen von Oranien, da er zu Delft weilte, ein -vierter Meuchelmörder drei Kugeln in die Brust. Und er starb, seinem -Wahlspruch getreu: „Ruhig inmitten der wilden Wellen.“ - -Seine Feinde sagten von ihm, daß er, um Philipp einen Possen zu -spielen, und nicht verhoffend, über die südlichen und katholischen -Niederlande zu regieren, sie durch geheimen Vertrag Seiner -allergnädigsten Hoheit von Anjou angeboten habe. Aber dieser war nicht -geboren, um mit der Freiheit, so die außergewöhnlichen Liebschaften -nicht liebt, das Kind Belgien zu erzeugen. - -Und Ulenspiegel verließ mit Nele die Flotte. - -Und das belgische Vaterland ächzte unter dem Joche, von den Verrätern -geknebelt. - - -8 - -Es war im Erntemond, die Luft war schwül, der Wind lau. Schnitter und -Schnitterinnen konnten das Korn, das sie gesät, nach Herzenslust unter -freiem Himmel, auf freier Erde ernten. - -Friesland, Drenthe, Ober-Yssel, Geldern, Utrecht, Nord-Brabant, Nord- -und Südholland, Walcheren, Nord- und Süd-Beveland, Duiveland und -Schouwen, welche Zeeland bilden, die ganze Nordseeküste von Knokke bis -Helder, die Inseln Texel, Vlieland, Ameland, Schiermonnikoog, von der -westlichen Schelde bis zur östlichen Ems, sollten vom spanischen Joche -befreit werden. Moritz, des Schweigers Sohn, setzte den Krieg fort. - -Ulenspiegel und Nele, die ihre Jugend, Kraft und Schönheit bewahrt -hatten, denn die Liebe und der Geist Flanderns altern nicht, lebten -geruhig auf dem Turm von Necre und harrten der Zeit, wo sie nach manch -harten Prüfungen den Wind der Freiheit über das Vaterland Belgien -könnten wehen lassen. - -Ulenspiegel hatte gebeten, Kommandant und Wächter des Turms zu werden, -mit der Angabe, daß er mit seinen Adleraugen und seinen Hasenohren wohl -merken könnte, ob der Spanier versuchen werde, in den befreiten Landen -sich wieder einzustellen. Alsdann werde er „Wacharm“, das ist auf -Vlämisch Sturm läuten. - -Der Magistrat tat, wie er wollte. Seiner guten Dienste halber gab -man ihm täglich einen Gülden, zwei Kannen Bier, Bohnen, Käse, -Schiffszwieback und in der Woche drei Pfund Rindfleisch. - -Solchergestalt lebten Ulenspiegel und Nele zu zweit gar trefflich. Von -Ferne erblickten sie mit Freuden die freien Inseln Zeelands, nahebei -Wiesen, Wald, Burgen und Festungen und die gewappneten Geusenschiffe, -so die Küsten bewachten. Zur Nacht stiegen sie oftmals auf den Turm, -setzten sich auf die Plattform und plauderten allda von harten -Schlachten, von vergangener und zukünftiger schöner Liebe. Von da sahen -sie das Meer, das in diesen heißen Tagen leuchtende Wogen ans Ufer warf -und sie gleich feurigen Gespenstern gegen die Inseln schleuderte. Und -Nele erschrak, da sie so viele Irrlichter in den Poldern erblickte, -die, wie sie sagte, arme Seelen sind. Und alle diese Orte waren -Schlachtfelder gewesen. Und die Irrwische hüpften aus den Poldern -hervor, liefen die Deiche entlang und kamen dann wiederum in die Polder -zurück, als ob sie die Leichen, denen sie entstiegen waren, nicht im -Stich lassen wollten. - -Eines Nachts sprach Nele zu Ulenspiegel: - -„Sieh, wie zahlreich sie im Dreiveland sind und wie hoch sie fliegen; -nach den Vogelinseln zu sehe ich die meisten. Willst Du mit dahin, -Tyll? Wir nehmen den Balsam, welcher Dinge zeigt, die sterblichen Augen -unsichtbar sind.“ - -Ulenspiegel antwortete: - -„Wenn es jener Balsam ist, der mich zu dem großen Hexensabbat -entführte, so hab ich nicht mehr Vertrauen dazu, als zu einem leeren -Traum.“ - -„Man soll die Kraft der Zauber nicht leugnen,“ sagte Nele. „Komm -Ulenspiegel.“ - -„Ich werde mitgehen.“ - -Am nächsten Tag bat er den Magistrat, daß ein weitsehender und getreuer -Soldat ihn vertreten möge, um Turm und Land zu bewachen. - -Und er begab sich mit Nele zu den Vogelinseln. - -Da sie über Felder und Deiche wanderten, sahen sie kleine grünende -Eilande, zwischen denen das Meer strömte, und auf den Rasenhügeln, -die bis zu den Dünen reichten, eine große Menge Kibitze, Möwen und -Seeschwalben, die regungslos dasaßen und mit ihren Körpern die Eilande -wie mit Schnee bedeckten. Darüber flogen Tausende dieser Vögel. Der -Boden war voller Nester. Da Ulenspiegel sich bückte, um auf dem -Wege ein Ei aufzuheben, sah er eine Möwe auf sich zuflattern, die -einen Schrei ausstieß. Auf diesen Ruf kamen ihrer mehr denn hundert -herzu, die vor Angst schrien und über Ulenspiegels Kopf und über den -benachbarten Nestern schwebten; aber sie wagten sich ihm nicht zu -nähern. - -„Ulenspiegel,“ sprach Nele, „diese Vögel bitten um Gnade für ihre Eier.“ - -Dann begann sie zu zittern und sagte: - -„Ich fürchte mich, die Sonne geht zur Rüste, der Himmel ist weiß, -die Sterne kommen hervor; es ist die Geisterstunde. Sieh, diese -roten Dünste, die den Boden streifen. Tyll, mein Geliebter, welch -Ungeheuer der Hölle öffnet so in der Wolke seinen feurigen Rachen? Sieh -nach Philippsland zu, wo der königliche Henker um seines grausamen -Ehrgeizes willen zu zweien Malen so viele arme Menschen töten ließ, die -tanzenden Irrlichter. Es ist die Nacht, wo die Seelen der armen, in den -Schlachten Gefallenen die kalte Vorhölle des Fegefeuers verlassen, um -sich in der linden Luft der Erde zu erwärmen. Es ist die Stunde, in der -Du von Christo, welcher der Gott der guten Zauberer ist, alles erbitten -kannst.“ - -„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel. „Wenn doch -Christus mir die Sieben zeigen könnte, deren Asche, in alle Winde -gestreut, Flandern und die ganze Welt beglückt!“ - -„Ungläubiger,“ sprach Nele, „Du wirst sie kraft des Balsams erblicken.“ - -„Vielleicht,“ sprach Ulenspiegel, auf den Sirius deutend, „wenn irgend -ein Geist von jenem kalten Sterne herabsteigt.“ - -Bei dieser Gebärde setzte sich ein Irrlicht, das ihn umgaukelte, auf -seinen Finger, und je mehr er sich mühte, es los zu werden, um so -fester haftete es. - -Da Nele versuchte, Ulenspiegel zu befreien, hatte sie auch ein Irrlicht -auf den Fingerspitzen. - -Ulenspiegel schlug auf das seine und sprach: - -„Antworte! Bist Du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers? So Du -die Seele eines Geusen bist, gehe ein ins Paradies, bist Du aber eines -Spaniers Seele, geh wiederum in die Hölle, woher Du kommst.“ - -Nele sprach zu ihm: - -„Beschimpfe die Seelen nicht, und wären es Seelen von Henkern.“ - -Sie ließ ihr Irrlicht auf der Fingerspitze tanzen und sprach dabei: - -„Irrlicht, niedliches Irrlicht, welche Kunde bringst Du aus dem Lande -der Seelen? Womit sind sie dorten beschäftigt? Essen sie und trinken -sie, da sie doch keinen Mund haben? Denn Du hast keinen, hübscher -Irrwisch. Oder nehmen sie nur im gesegneten Paradies menschliche -Gestalt an?“ - -Ulenspiegel sagte: - -„Kannst Du also die Zeit vergeuden, zu dieser kärglichen Flamme zu -reden, die keine Ohren hat, Dich zu hören, noch einen Mund, Dir zu -antworten?“ - -Doch ohne auf ihn zu hören, sprach Nele: - -„Irrwisch, antworte durch Tanzen, denn ich werde Dich dreimal befragen: -einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der heiligen Jungfrau und -einmal im Namen der Elementargeister, welche die Boten zwischen Gott -und den Menschen sind.“ - -Also tat sie, und der Irrwisch tanzte drei Mal. - -Darauf sprach Nele zu Ulenspiegel: - -„Leg Deine Kleider ab, ich werde desgleichen tun. Hier ist die silberne -Büchse mit dem Zauberbalsam.“ - -„Es ist mir einerlei,“ sagte Ulenspiegel. - -Als sie sich entkleidet und mit dem Zauberbalsam gesalbt hatten, legten -sie sich nackend nebeneinander aufs Gras. Die Möwen schrien klagend. -Der Donner grollte dumpf in der Wolke, darin der Blitz zuckte, der -Mond ließ kaum die güldenen Spitzen seiner Sichel zwischen zwei -Wetterwolken hervorsehen; Ulenspiegels und Neles Irrlichter tanzten mit -den andern in der Wiese. - -Plötzlich wurden Nele und ihr Liebster von eines Riesen Faust gepackt, -der sie gleich Kinderbällen in die Luft schleuderte, sie wiederfing, -auf einander rollte und zwischen seinen Händen knetete, indem er sie in -die Wasserlachen zwischen den Hügeln warf und sie voller Seegras wieder -herauszog. Und indem er sie also im Weltraum umherfliegen ließ, sang er -mit einer Stimme, bei der alle Möwen der Inseln vor Schrecken erwachten: - - „Es will mit scheelen Blicken - Das schwache Erdgewürm - Die Gottesworte schauen, - Die unsrer Hut vertraut. - - Lies, Wurm, lies das Geheimnis, - Das heilige Rätselwort, - Das Erde, Luft und Himmel - Mit sieben Nägeln trägt.“ - -Und fürwahr, Ulenspiegel und Nele erblickten auf dem Rasen, in der -Luft und am Himmel sieben erzene, leuchtende Tafeln, die mit sieben -flammenden Nägeln befestigt waren. Auf den Tafeln stund geschrieben: - - „Aus dem Moder keimt das Leben; - Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut; - Demant in der Kohle ruht. - Dumme Lehrer weise Schüler geben; - Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“ - -Und der Riese schritt voran, und alle Irrlichter hinter ihm her. Sie -zirpten gleich Grillen und sagten: - - „Seht ihn an, den großen Meister, - Papst der Päpste, größter König; - Mit dem Wahn den Kaiser speist er, - Ist von Holz und taugt gar wenig.“ - -Plötzlich veränderten sich seine Züge; er schien magerer, trauriger -und größer. In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen -Degen. Sein Name war Hoffart. - -Und er warf Nele und Ulenspiegel zu Boden und sprach: - -„Ich bin Gott.“ - -Nun erschien an seiner Seite eine rotbäckige Dirne mit bloßen Brüsten, -offenem Gewand und frechen Blicken; ihr Name war Wollust. Kam alsdann -eine alte Jüdin, die die Schalen der Möweneier auflas: ihr Name war -Habsucht. Und ein gefräßiger, gieriger Mönch, der Leberwürste aß -und sich mit Bratwürsten vollstopfte und gleich der Sau, auf der er -ritt, unaufhörlich kaute: das war die Völlerei. Es kam dann noch die -Faulheit, bleich und gedunsen, mit lahmem Bein und erloschenem Auge. -Der Zorn trieb sie mit dem Stachel vor sich her. Die Faulheit jammerte -kläglich und fiel, in Tränen zerfließend, vor Ermattung auf die Knie. -Alsdann kam der hagere Neid mit einem Vipernkopf und Hechtzähnen; -der biß die Faulheit, weil sie es zu gut hatte, den Zorn, weil er zu -lebhaft war, die Völlerei, weil sie zu satt, die Wollust, weil sie zu -rot war; die Habsucht wegen der Eierschalen, die Hoffart, dieweil sie -ein purpurn Gewand und eine Krone hatte. Und die Irrlichter tanzten im -Kreise um sie her. - -Und mit den Stimmen von Männern, Weibern, Jungfrauen und weinerlichen -Kindern, sagten sie wimmernd: - -„Hoffart, Vater des Ehrgeizes, Zorn, Quell der Grausamkeit, Ihr habet -uns auf den Schlachtfeldern, in Gefängnissen und bei den Hinrichtungen -getötet, um Eure Zepter und Eure Kronen zu behalten! Neid, Du hast viel -edle, nützliche Gedanken im Keime zerstört, wir sind die Seelen der -verfolgten Erfinder. Habsucht, Du hast das Blut des armen Volkes in -Gold verwandelt, wir sind die Geister Deiner Opfer. Wollust, Gesellin -und Schwester des Mordes, Du hast Nero, Messalina und Philipp, den -König von Spanien geboren; Du kaufst die Tugend und bezahlst die -Verderbtheit; wir sind die Seelen der Toten. Faulheit und Völlerei, Ihr -beschmutzt die Welt, Ihr gehört auf den Kehricht; wir sind die Seelen -der Toten.“ - -Und man hörte eine Stimme sprechen: - - „Aus dem Moder keimt das Leben: - Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut; - Dumme Lehrer weise Schüler geben. - Um Asche zu haben und Kohlenglut, - Der streifende Wurm, was er wohl tut?“ - -Und die Irrlichter sagten: - -„Wir sind das Feuer, die Vergeltung für die uralten Tränen und -Schmerzen des Volkes; Vergeltung für die großen Herren, die in -ihren Ländern auf menschliches Wild Jagd machen; Vergeltung für -nutzlose Schlachten, für das in Gefängnissen vergossene Blut, für die -verbrannten Männer, für die lebendig begrabenen Frauen und Jungfrauen. -Wir sind die Vergeltung für die gefesselte, blutige Vergangenheit. Wir -sind das Feuer, wir sind die Seelen der Toten.“ - -Bei diesen Worten wurden die Sieben in hölzerne Figuren verwandelt, -ohne etwas von ihrer vorigen Gestalt einzubüßen. - -Und eine Stimme sagte: - -„Ulenspiegel, verbrenne das Holz.“ - -Und Ulenspiegel kehrte sich zu den Irrlichtern. - -„Ihr, die Ihr aus Feuer seid, waltet Eures Amtes.“ - -Und in Menge umgaben die Irrlichter die Sieben; die verbrannten und -wurden zu Asche verwandelt. - -Und ein Strom von Blut floß. - -Dieser Asche entstiegen sieben andere Gestalten; die erste sprach: - -„Mein Name war Hoffart, jetzt heiße ich edler Stolz.“ - -Die andern redeten auch, und Ulenspiegel und Nele sahen aus der -Habsucht die Sparsamkeit, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus der -Völlerei die Eßlust, aus dem Neid den Wetteifer und aus der Faulheit -die Träumerei der Poeten und Weisen hervorgehen. Und die Wollust auf -ihrer Ziege ward in ein schönes Weib mit Namen Liebe verwandelt. - -Und die Irrlichter tanzten einen fröhlichen Reigen um sie her. - -Alsbald vernahmen Ulenspiegel und Nele tausend helle, lachende Stimmen -von verborgenen Männern und Weibern; die machten einen Lärm wie von -hölzernen Klappern und sangen: - - „Wenn auf Land und Meeresflut - Diese sieben herrschen werden, - Alsdann ist das Glück auf Erden: - Menschen, dann lebt frohgemut.“ - -Und Ulenspiegel sprach: „Die Geister treiben ihren Spott mit uns.“ - -Und eine gewaltige Faust packte Nele am Arm und schleuderte sie in den -Weltraum. - -Und die Geister sangen: - - „Wenn der Norden - Wird den Süden küssen, - Hören Tod und Tränen auf: - Such den Gürtel.“ - -„Wehe!“ sprach Ulenspiegel, „Norden, Süden und Gürtel, Ihr redet -dunkel, Ihr Herren Geister.“ - -Und sie sangen lachend: - - „Norden ist Niederland; - Belgien ist Süden; - Gürtel, das ist Bündnis; - Gürtel, das ist Freundschaft.“ - -„Ihr seid nicht dumm, Ihr Herren Geister,“ sprach Ulenspiegel. - -Und lachend sangen sie abermals: - - „Der Gürtel, armer Schelm, - Zwischen Niederland und Belgien - Das ist gute Freundschaft - Und ein schönes Bündnis. - - ~Met raedt - En daedt, - Med doodt - En bloodt.~ - - Mit Rat - Und Tat, - Mit Tod - Und Blut. - - Es müßte sein, - Wär nicht die Schelde, - Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“ - -„Wehe,“ sprach Ulenspiegel, „Das also ist unser peinvolles Leben: -Tränen der Menschen und Lachen des Schicksals.“ - - „Bündnis von Blut - Und Tod, - Wär nicht die Schelde;“ - -wiederholten die Geister hohnlachend. - -Und eine gewaltige Faust ergriff Ulenspiegel und warf ihn in den -Weltraum. - - -9 - -Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte -nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging. Auch die Spitzen -der Gräser waren ganz von Gold, und die Sonnenstrahlen färbten das -Gefieder der schlafenden Möwen gelb; doch sie erwachten bald. - -Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete -sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und deckte -ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn, aber er rührte -sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht ergriffen. „Hab ich -meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam getötet?“ sprach sie. „Ich will -auch sterben! O, Tyll, wach auf! Er ist kalt wie Marmelstein!“ - -Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, und -Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel die Wacht. - -Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines Glöckleins -und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel trug. Hinter ihm, eine -Wachskerze in der Hand, schritten der Bürgermeister und zwei Schöffen, -der Pfarrer von Stavenisse und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm -hielt. - -Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige Sakrament -der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse geworden, aber -nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben in den Schoß der -heiligen Römischen Kirche zurück. - -Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels Leichnam, -mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt. Nele kniete -nieder. - -„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei diesem -Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und antwortete: - -„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier -hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“ - -Darauf sprach der Pfarrer, vor Freuden schnaufend: - -„Ulenspiegel, der Geuse ist tot; gelobet sei Gott! Bauer, spute Dich, -eine Grube zu graben, nimm ihm die Kleider fort, ehe er begraben wird.“ - -„Nein,“ sagte Nele und stand auf. „Die soll man ihm nicht wegnehmen; es -würde ihn in der Erde frieren.“ - -„Grabe das Grab,“ sagte der Pfarrer zu dem Bauern, der die Schaufel -trug. - -„Das ist mir recht,“ sprach Nele unter Tränen; „in dem kalkhaltigen -Sande sind keine Würmer, und mein Geliebter wird unversehrt und schön -bleiben.“ - -Und ganz betört beugte sie sich über Ulenspiegels Körper und küßte ihn -unter Schluchzen und Tränen. - -Bürgermeister, Schöffen und Bauer hatten Mitleid, aber der Pfarrer -sagte in einem fort frohgemut: „Der große Geuse ist tot, Gott sei -gelobt!“ - -Dann grub der Bauer das Grab, legte Ulenspiegel hinein und bedeckte ihn -mit Sand. - -Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle knieten -rund herum. Plötzlich geschah unter dem Sande eine große Bewegung, und -Ulenspiegel kam hervor, nieste und schüttelte sich den Sand aus den -Haaren. Dann packte er den Pfarrer an der Kehle und sprach: - -„Inquisitor! Du legst mich lebendig ins Grab, dieweil ich schlafe! Wo -ist Nele? Hast Du sie auch begraben? Wer bist Du?“ - -Der Pfarrer schrie: - -„Der große Geuse kehrt in die Welt zurück! Herr Gott, erbarm Dich -meiner Seele!“ - -Und er entfloh wie ein Hirsch vor den Hunden. - -Nele trat zu Ulenspiegel. - -„Küß mich, Herzliebste,“ sprach er. - -Dann blickte er sich abermals um. Die beiden Bauern waren gleich dem -Pfarrer entflohen und hatten, um besser zu laufen, Schaufel, Tragsessel -und Schirm auf die Erde geworfen. Bürgermeister und Schöffen hielten -sich vor Angst die Ohren zu und stöhnten auf dem Rasen. - -Ulenspiegel ging zu ihnen, schüttelte sie und sprach: - -„Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der Mutter -Flandern? Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein! Komm, Nele.“ - -Und er ging mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch wo er -das letzte gesungen, das weiß keiner. - - - - - -Nachwort des Übersetzers - - -„Es ist eigentümlich, daß der Name eines Schriftstellers wie Charles -de Coster im Auslande noch so gut wie unbekannt ist, sowohl in -dem sprachverwandten Frankreich wie auf dem klassischen Boden des -Interesses für Weltliteratur, in Deutschland“, heißt es in dem einzigen -deutschen Essay über ihn, den Fräulein _Elsa Schulhoff_ (in der -„Nationalzeitung“ vom 18. und 20. August 1901) veröffentlicht hat. -„Und doch“, fährt sie fort, „ist es der Name eines Mannes, der das für -einen Schriftsteller höchste Ziel erreicht hat, ein Werk zu schaffen, -worin ein ganzes Volk sein Streben und Irren, seine Freuden und Leiden -ausgesprochen findet und sich wiedererkennt. Die Belgier bezeichnen -den „Ulenspiegel“ als ihre _nationale Bibel_. Es ist ein Buch, das -nur auf diesem Boden entstehen konnte, das den Charakter dieser Rasse -zeigt mit seinen Lichtern und Schatten, der derben Lust am Leben auf -der einen, dem Hang zum Mystizismus auf der andern Seite, seiner zähen -Freiheitsliebe, seiner Freude an der Arbeit, an bescheidenem häuslichem -Behagen, und daneben seinem Geschmack am Grausigen und Grausamen.“ - -Die vorliegende Verdeutschung versucht es, diesem echt niederdeutschen -Buche in Deutschland Heimatsrecht zu gewinnen und es aus einer -fremden Sprache in ein stammverwandtes Idiom zurückzuretten. Das -älteste Volksbuch von Till Ulenspiegel, in niedersächsischer Sprache -geschrieben, ist uns leider nicht erhalten. Jedoch existiert eine -hochdeutsche Übersetzung oder Bearbeitung, die im Jahre 1515 bei -Johannes Grieninger in Straßburg erschien, und eine wahrscheinlich -gleichfalls auf den niedersächsischen Text zurückgehende vlämische -Übersetzung: „~Van Ulespegels leuen. Gheprint Thanrwerpen in die -Kape by my Michiel van Hoochstraten~“ (o. J. 1520-1530?), auf welche -vermutlich auch die -- in der Vorrede[5] unseres Buches leider nicht -näher bezeichnete -- vlämische Ausgabe zurückgeht, von der, wie dort -erwähnt, de Coster eine Reihe von Schwänken in seinen Roman verwoben -hat. Es handelt sich hier also um eine ganze Kette von Hin- und -Herübersetzungen und Bearbeitungen -- bei derartigen Stoffen keine -Seltenheit -- in der unsre vorliegende Verdeutschung nur das letzte -Glied bildet. - -Die Anmerkung zur Vorrede gibt ferner summarisch an, welche Kapitel aus -Buch I seines Werkes de Coster mehr oder minder frei der alten Quelle -entlehnt hat. Wer sich über das Verhältnis von Vorlage und Nachbildung -unterrichten will, der möge zu dem (leicht erhältlichen) Niemeyerschen -Neudruck des Volksbuches von 1515 greifen und Kapitel 6 unseres Buches -mit der dortigen Historie 1 vergleichen, ferner Kap. 13 mit Historie -2,[6] Kap. 19 mit 9, Kap. 24 mit 3 und 4, Kap. 35 mit 71, Kap. 39 -mit 19, Kap. 41 mit 20, Kap. 42 mit 22 sowie am Schlusse mit 58, Kap. -43 am Schlusse mit 11, Kap. 47 mit 10, Kap. 48 mit 48, Kap. 49 mit -35, Kap. 53 mit 34, Kap. 55 mit 33, Kap. 57 mit 27, Kap. 60 mit 25, -Kap. 62 mit 17, Kap. 63 mit 39, Kap. 64 mit 43, Kap. 66 mit 82 des -Volksbuches. Oft, wie in Kap. 48 beider Bücher, ist die Anekdote in -ihren Einzelheiten getreu wiedergegeben; nicht selten ist sie besser -motiviert, bisweilen ihrer unflätigen oder grausamen Derbheit beraubt -(so der Schluß von Kap. 42 aus dem von Historie 58 und Kap. 66 aus -Historie 82). Ein paarmal ist sogar nur das Motiv verwertet (für Kap. -35 aus Hist. 71, für 39 aus 19). Im Allgemeinen aber ist die Benutzung -eine ziemlich freie dichterische Umgestaltung. - -Dies ist schon deshalb begreiflich, weil de Coster seinen -Ulenspiegel aus dem Mittelalter in die Renaissance versetzt hat. -Der niedersächsische Ulenspiegel ist / nach der Überlieferung / -bekanntlich zu Knetlingen bei Braunschweig geboren und zu Mölln bei -Lübeck begraben, wo sein Grabstein das Jahr 1350 nennt. Die vlämische -Tradition nimmt ihn ebenfalls für sich in Anspruch, gestützt auf -einen Grabstein an der Kirche zu Damm in Flandern, der als Todesjahr -1301 nennt. Aus der Differenz dieser Daten hat man geschlossen, -daß zwei lustige Schelme dieses Namens gelebt haben, von denen der -deutsche, berühmtere, der Sohn war. Jedenfalls lebten beide im tiefsten -Mittelalter, in einer streng katholischen Zeit, die zwar grobe Späße -über die Pfaffen liebte, aber jede Ketzerei gegen die Grundlagen des -Glaubens verpönte. Beide Volkshelden erscheinen lediglich als boshafte, -bisweilen grausame Plagegeister ihrer Mitmenschen, als witzige, -oft unflätige Betrüger der Einfalt, als Gauner, Zechpreller und -Landstreicher, „behende, listige und durchtriebene“ Bauernburschen, die -sich mit ihrer Büberei „nirgends Dank verdienen.“ - -De Coster hat seinen Liebling um zwei Jahrhunderte verjüngt und ihn -mitten in die große niederländische Freiheitsbewegung hineinversetzt, -in der er zum allbeliebten, wackeren Streiter für die Glaubensfreiheit -des Protestantismus wird. Bei aller Anlehnung an das alte Volksbuch -im Anfang von Ulenspiegels Erdenwallen ist ihm also, um mit Gottfried -Keller zu reden, „das Antlitz nach einer anderen Himmelsrichtung -gekehrt“; er ist moralisch und zeitlich ganz gegensätzlich orientiert. -Das alte Volksbuch ist ferner nur eine lose aneinandergereihte -Schwanksammlung über Ulenspiegel, deren ganze Komposition darin -besteht, daß sie verschiedene Schelmenstreiche ähnlicher Art -zusammenträgt, wodurch bisweilen Wiederholungen entstehen. De Coster -hat den alten Schelm zum Helden eines zusammenhängenden Romans gemacht, -seine Landstreichereien mit einer auferlegten Pilgerfahrt nach Rom -motiviert und eine ganze Reihe ihm nahestehender Nebenfiguren um ihn -gruppiert, die er / außer seinen im Volksbuche nur schwach angedeuteten -Eltern / frei erfunden hat. Er hat ihm schließlich eine kunstvolle -Folie in der düstren Gestalt des ihm gleichaltrigen Königs Philipp von -Spanien gegeben. „Es ist nicht mehr die Legende eines Menschen, sondern -das Gedicht einer Rasse, was de Coster geschrieben hat“, sagte Camille -Lemonnier in seiner Grabrede auf den Autor mit Recht. Es ist „das Epos -des 16. Jahrhunderts“, das er zu schaffen sich vorgesetzt hatte. - -Zu seinen Vorstudien genügte ihm daher auch nicht im entferntesten -die viel ältere, durch die junge Buchdruckerkunst rasch verbreitete -Schwankdichtung des ausgehenden Mittelalters; er mußte sich vor -allem in die Chroniken und Flugblätter der Renaissance vertiefen; er -bereiste, wie der oben zitierte Essay hervorhebt, die Gegenden, wo sich -die Kämpfe der Geusen abgespielt hatten, durchstöberte in zehnjähriger -Arbeit Archive, Museen und Bibliotheken, belauschte das Volk in den -vlämischen Wirtshäusern, auf den Märkten und Kirmessen, die auch -jetzt noch wenig von der derben Ausgelassenheit verloren haben, die -Teniers’ oder Jan Steens Pinsel schilderte ... „Aber trotzdem“, heißt -es weiter, „ist sein Buch kein historischer oder kulturhistorischer -Roman im gewöhnlichen Sinne geworden; er bleibt eine „Legende“; neben -realistischer Schilderung kommt als seine Hauptstimmung eine Poesie zu -Worte, die sich bis zum Ausdruck des Visionären steigert“. - -„Überhaupt“, heißt es in dem angeführten Essay weiter, „sind es die -Gegensätze, die dem Buche seine Eigenart geben, der Gegensatz auch -zwischen dem Charakter des Werkes und dem des Verfassers. Diese oft -tollen und grotesken Szenen sind von einem Manne geschrieben, der von -sich sagt. „Ich bin ein melancholisches Geschöpf, dessen Lustigkeit -Wahnsinn oder Unsinn ist“, und der einer Freundin schreibt: „Hast -Du in den schönen Büchern die feine Melancholie, die ausgesuchte -Traurigkeit bemerkt, welche die geheimsten Fibern des Herzens berührt? -Darin liegt das ganze Wesen der Kunst.“ Diese Stimmung liegt wie -ein Schleier über dem sonderbaren Buche, sie verdichtet sich nicht -nur zu ergreifenden Episoden oder Gestalten, auch in der Mitte der -übermütigsten Auftritte braut der Dichter auf einmal Schwermut, um -seinen Lieblingsausdruck zu brauchen. Zu seiner Art der Darstellung -hat sich de Coster von den alten Volksbüchern anregen lassen: er gibt -nicht eine fortlaufende Erzählung, sondern setzt seine Kapitel von -sehr ungleichem Umfang, als vollständig in sich abgeschlossene kleine -Bilder oder auch nur Stimmungen nebeneinander. Es ist die Technik der -Mosaiks, jedes Steinchen ein festbegrenztes geschliffenes Stück von -eigner Form und Farbe und doch zu einem untrennbaren, lebendigen Ganzen -sich zusammenfügend. Einen eigenartigen Reiz gibt dem Buche auch die -Behandlung der Sprache. Durch langjähriges Studium besonders der Werke -von Rabelais und Montaigne hatte sich de Coster das Französisch des 16. -Jahrhunderts ganz zu eigen gemacht und es schon in seinen ersten Buche, -den „~Légendes Flamandes~“, mit vollendeter Meisterschaft gehandhabt. -Aber er legt in seinen Briefen Gewicht darauf, daß er dieses „einzige -Idiom“ nicht nur übernommen, wie er es fand, sondern daß er es ganz in -sich aufgenommen, es „verdaut“ und verjüngt habe.“ - -Als „Till Ulenspiegel“ im Jahre 1867 erschien, fand er eine begeisterte -Aufnahme, aber nur in einem kleinen Kreise von Schriftstellern, Kennern -und Künstlern, unter denen besonders die Maler die Bedeutung des -Buches sofort erkannten. Aus diesem Buche wehte ihnen der flandrische -Erdgeruch entgegen, den die Kunst der Vergangenheit besessen hatte. -Es war eine Reaktion gegen das trotz der Sprachgemeinschaft fremde -französische Wesen, das sich in Politik, Kunst, Literatur und Leben -eingebürgert hatte; es war ein germanisch-protestantischer Gegenschlag -gegen das geistige und weltliche Rom. Aber gerade diese Teilnahme der -Maler, heißt es in dem oben zitierten Essay, war ein Grund, daß das -Werk nicht in weitere Kreise drang. Sie hatten sein Erscheinen durch -ihre Mitarbeit feiern wollen, und so erschien denn Ulenspiegel zuerst -als Prachtausgabe mit einigen dreißig Radierungen erster belgischer -Meister, darunter von Félicien Rops das berühmte grausige Blatt von -dem am Glockenschwengel Erhängten. Der sehr hohe Preis des Buches -war selbstredend ein Hindernis für seine Verbreitung. Erst 1893 kam -es zu einer Neuauflage; der Autor war inzwischen längst im Elend -gestorben. Ein Jahr darauf wurde in Brüssel, am Teiche von Ixelles, ein -Doppelstandbild von Ulenspiegel und Nele errichtet, dessen Nische das -Reliefbildnis ihres geistigen Vaters ziert. - -Charles Henri de Coster wurde am 20. August 1827 geboren, und zwar -in München, wo sein Vater Intendant des belgischen Bischofs und -päpstlichen Nuntius Charles Mercy d’ Argenteau war. Der Bischof -übernahm die Patenstelle bei ihm; seine Patin war die Marquise de -la Tour du Pin, die französische Gesandtin in Turin. „Welch ein -Gegensatz!“ ruft die Verfasserin des mehrfach zitierten Aufsatzes aus. -„Dieser schöne, von allen als Liebling des Bischofs verhätschelte -Knabe, in der frommen Pracht eines Bischofspalastes aufwachsend, und -der Freidenker, der fünfzig Jahre später von fanatischen Katholiken -verfolgt und ohne Beistand der Geistlichkeit begraben wird! Dazwischen -liegt das Leben eines genialen Künstlers mit hochfliegenden Plänen, mit -der Mißachtung der realen Lebensbedingungen und herben Enttäuschungen. - -„Nach der Übersiedlung seiner Familie nach Brüssel und dem frühen -Tode des Vaters war de Coster darauf angewiesen, nach einem Beruf -zu greifen. Sein Pate wünschte, daß er Priester würde, was er aber -ablehnte. Auch das Bankfach, in das einflußreiche Gönner ihn brachten, -verließ er bald wieder, bezog die Universität Brüssel und wurde nach -Beendigung seiner Studien Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen und -Zeitschriften. Aber „ich kann aus meiner Feder kein Handwerkszeug -machen“, schreibt er mißmutig; nur zum freien Künstler fühlt er -sich geboren. Das war auch der Eindruck, den seine Persönlichkeit -auf den ihm näher stehenden Kreis gleichstrebender junger Talente -machte, die bald das Höchste von ihm erwarteten. Nach einigen feinen -kleinen Novellen brachten ihm seinen ersten Erfolg im Publikum seine -1858 erschienenen „~Légendes Flamandes~“. Mit Feuereifer stürzte -er sich nun in die Vorarbeiten zu seinem großen Werke: er suchte -in ihnen zugleich Vergessenheit für den Bruch eines jahrelangen, -eigentümlichen Liebesverhältnisses, in das wie in seine eigne sensitive -Künstlernatur die nach seinem Tode veröffentlichten ~Lettres à Eliza~ -mit demselben schwermütigen Zauber hineinleuchten, der alles umgibt, -was er geschrieben hat. Um ganz seiner Dichtung leben zu können, gab -er seine Anstellung an den Staatsarchiven auf und veröffentlichte -in den folgenden zehn Jahren nur noch einen kleinen Band „~Contes -Brabançonnes~“. So ohne jede Einnahme, während seine Ausgaben sich -durch die für seine Vorarbeit nötigen Reisen vermehrten, von seiner -Jugend her an einen gewissen äußeren Schmuck des Lebens gewöhnt, war er -bei Beendigung seines Werkes nicht nur mit seinem kleinen väterlichen -Erbteil zu Ende, sondern auch tief in Schulden geraten. Das Ausbleiben -eines pekuniären Erfolges des Ulenspiegel brachte die Katastrophe. Zu -spät lernte Coster nun den „fürchterlichen Wert des Geldes“ verstehen, -nicht mehr für den Ruhm wollte er arbeiten, sondern nur noch für seine -Gläubiger. Aber seine Vermögensverhältnisse waren zu hoffnungslos -verwirrt. Auch eine Anstellung als Professor der französischen -Literatur an der neu gegründeten Kriegsschule konnte ihn nicht retten, -denn seine Gläubiger machten von dem ihnen in Belgien zustehenden Recht -der Beschlagnahme von Staatsgehältern den unerbittlichsten Gebrauch. -Literarische Pläne beschäftigten ihn zwar fortwährend, doch hat er -größere Arbeiten nicht mehr veröffentlicht; der Rest des Lebens war -ein qualvolles Ringen von einem Zahlungstermine zum andern. Auch der -Tag, an dem er starb, der 7. Mai 1879, war einer dieser grausamen -Verfalltage, und das letzte, was er geschrieben, waren am Vorabende -einige Dankesworte an einen Freund, der ihm die nötige fällige Summe -für den folgenden Tag versprochen hatte. „Sie retten mich. Charles de -Coster, der recht krank ist.“ Bei der Leiche dieses Dichters, der alles -Schöne so sehr geliebt hatte, fanden seine Freunde, wie sein Biograph -Ch. Powin erzählt, eine arme Frau, deren Gesicht durch ein unheilbares -schreckliches Leiden entstellt war und die ihn aus Dankbarkeit für sein -Mitleid gegen sie die letzten Tage gepflegt hatte.“ - -„Ich gehöre zu denen, die zu warten wissen,“ hatte de Coster angesichts -des beschränkten Achtungserfolges seines Hauptwerkes geschrieben. „Ich -schätze mich ein auf etwas für heute, auf viel für die Zukunft.“ Diese -stolze Voraussicht hat ihn nicht betrogen. „Der Verkannte von Heute, -der Lebende von Morgen“, wie ihn Camille Lemonnier, der „belgische -Zola“, an seinem Grabe nannte, ist der Vater der jungbelgischen -Literatur geworden, die einen Rodenbach und Maeterlinck, einen -Verhaeren und Lerberghe, einen Khnopff und Elskamp hervorgebracht -hat. Wenn der Lyriker Verhaeren seine ersten Gedichte „Les Flamandes“ -zum Preise seines Vaterlandes anstimmte und einer bodenwüchsigen -belgischen Lyrik die Zunge löste, wenn Maeterlinck sein strudelköpfiges -Erstlingsdrama „Prinzessin Maleine“ auf flandrischen Boden verlegte -und gleich Verhaeren jene eigentümliche Mischung von Realismus und -Mystik in seinen späteren Werken beibehielt, wenn die ganze belgische -Provinz des französischen Parnasses ihre eigene heimische Note besitzt -und in die französische Literatur einen ganz neuen Ton hineingetragen -hat, so war dies alles nur nach dem Vorgang de Costers möglich. Nach -seinem Vorbilde hat das ganze belgische Schrifttum, trotz seines klugen -sprachlichen Anschlusses an den französischen Kulturkreis, der ihm eine -ungleich höhere Beachtung sichert als den stammverwandten Niederlanden -ihre holländische Schriftsprache, seine germanische Art behauptet und -dadurch eine der fruchtbarsten und eigenartigsten Synthesen in der -Weltliteratur geschaffen: die von germanischem Geist und romanischer -Form, der seit den Tagen der Renaissance unser heißes Bemühen gilt. - -Zu diesen ästhetisch-kulturellen Motiven von de Costers Ruhm oder -Nachruhm tritt für die große Masse seiner Landsleute noch ein andres -hinzu, nämlich eine gewisse politische Aktualität, die sich aus -der Betrachtung der näheren Umstände leicht ergibt. Das Königreich -Belgien bildet die „unerlösten“ spanischen, später österreichischen -Niederlande; es war bis zur französischen Revolutionszeit vorwiegend -vlämisch, d.h. niederdeutsch; Orts- und Straßennamen sowie die -Gerichtssprache waren bis 1794 vlämisch, nur in Brüssel, das -größtenteils wallonisch, d.h. französisch bevölkert war, herrschte von -jeher das romanische Element vor. Durch die französische Eroberung -kam Belgien bis 1814 zu Frankreich; im ersten Pariser Frieden fiel -es an das Königreich der Niederlande, von dem es sich aber dank der -Agitation der französisch gesinnten Brüsseler Liberalen und des -Klerus losriß, als die Julirevolution von 1830 ausbrach. Seitdem -bildet es ein selbständiges Königreich mit klerikaler Regierung, -der eine starke antiklerikale, sozialistische Opposition schroff -gegenübersteht. Man begreift aus diesen Gegebenheiten den heftigen -Antiklerikalismus des Patrioten de Coster, dem nur die Wahl zwischen -diesen beiden Gegensätzen blieb. Für ihn war die Vereinigung Belgiens -mit dem protestantischen Holland im Jahre 1814 die späte Frucht -des heroischen, doch schließlich erschlafften Freiheitskampfes -gegen die spanische Tyrannei gewesen; und nun hatten die Schwarzen -im Bunde mit den französisch Gesinnten ihm zum zweiten Male die -Frucht des Sieges geraubt. Man versteht jetzt erst völlig die tiefe -Bedeutung des mystischen Orakels von dem Gürtel der Einheit, den -Ulenspiegel zu suchen auszieht, und von den sieben Lastern, die diese -Einheit immer wieder zerstören. Am Ende des Buches wiederholt sich -diese Prophetie mit einem Nachdruck, als wollte sie aus dem Ganzen -herausspringen wie sein geheimer Sinn, eine flammende Mahnung, die -Lehren der Vergangenheit zu beherzigen, und ein Bindeglied zwischen der -anscheinend weit abgerückten Vergangenheit und dem pulsenden Leben der -Gegenwart zu knüpfen. Von hier ausgehend, schärft sich der Blick für -diese politische Mystik, die dem Uneingeweihten so ganz wesenlos und -unmotiviert erscheint; und man wird in den leidenschaftdurchzitterten -Darstellungen Karls V. und Philipps II., die wahre historische -Zerrbilder sind, vom Haß eines Renaissance-Pamphletisten gesehen, und -nicht vom sachlichen Blicke der Klio, unschwer die Parallele zu den -beiden Napeleons erkennen, von denen der erste Belgien beherrscht hatte -und der andre zu der Zeit, da der Roman entstand, begehrliche Blicke -darauf warf. Auch die gelegentlichen gehässigen Darstellungen deutscher -Landsknechte und Fürsten scheinen aus dem eifersüchtigen Bangen des -belgischen Patrioten um seine heimische Freiheit entsprungen; nur das -belgische „Volk“ wird von ihm mit einen idealisierenden Glorienschein -umgeben. Wer immer aber von ähnlichen politischen Gesinnungen -beseelt war, der mußte dieses Buch eines zurückgewandten Propheten -mit nationalen Wallungen lesen und es lieb gewinnen. Und so ist -„Ulenspiegel“ für die Belgier noch heute eine nationale Bibel, die auch -in der altertümelnden Sprache sich an die alten Bibelübersetzungen -anschließt. Für den Nichtbelgier fallen solche Motive der Schätzung -freilich fort; immerhin muß uns Deutsche, die einen dreißigjährigen -Krieg für die Glaubensfreiheit kämpften, die seit Goethes und Schillers -Tagen der Befreiung der Niederlande auch literarisch nahe stehen, der -germanische Unterstrom dieses französischen Buches anheimeln; und -archaisierende Romane sind uns seit Scheffels „Ekkehard“, Meinholds -„Bernsteinhexe“ und den unvergeßlichen Novellen C. F. Meyers ja auch -nichts Fremdes mehr; jeder ästhetisch Gebildete wird also diese -Abspiegelung des Geistes der Reformationszeit bewundern. In Frankreich -hatte Gustave Flaubert das historische Genre wenige Jahre vor de -Coster gleichfalls zu Ehren gebracht, als er seine „Salambo“ schrieb; -de Coster jedoch, dem die Quellen ungleich weiter flossen, leistete -Größeres in der Wiedergabe des kulturhistorischen Dunstkreises und -besonders im Ausdruck, der fast stets wie aus einer alten Chronik -entnommen klingt, auch da, wo der Dichter aus Eigenstem geschöpft hat. - -Oft genug ist das Buch, wie der mehrfach erwähnte Essay sehr fein -hervorhebt, „außerordentlich derb, gelegentlich bis zum Abstoßenden, -hierin wie in der breiten Ausmalung großer Schmausereien und in der -Satire auf die Geistlichkeit an Rabelais gemahnend. Aber dann ist es -plötzlich, als öffne sich während eines Trinkgelages ein Fenster, und -ein Hauch frischer, reiner Luft dringe hinein. Zwischen die burlesken -Szenen schiebt sich ein kleines Landschaftsbild. / Auch in der -Schilderung des Freiheitskampfes werden zügellose Szenen manchmal nur -durch einen Satz, durch einen Gedanken von seltener Gefühlszartheit -und Melancholie ins Gleichgewicht gebracht. / Oft nur mit wenigen -Strichen, aber stets auf das Lebendigste gezeichnet, ist auch die Fülle -historischer Persönlichkeiten, mit denen Ulenspiegel auf seinen Fahrten -in Verbindung tritt: Egmont, tapfer und hochmütig, sein ihm blindlings -zustimmender Freund Horn, der herkulische, trinkfreudige und kluge -Brederode, der große Schweiger Oranien und sein ritterlicher Bruder. -/ Meisterstücke sind nicht minder Auftritte wie der Bildersturm in -Antwerpen, das Nachtstück im Gasthaus zum Regenbogen in Courtrai mit -der dämonischen Gestalt der Gilline, der spanischen Spionin, oder die -groteske Prozession des Heiligen Martin in Ypern; sie prägen sich dem -Gedächtnis des Lesers unauslöschlich ein. Und ebenso bewundernswert ist -die Abwechslung, mit der de Coster diese Szenen zu gestalten weiß.“ - -Es wäre noch vieles zu sagen über die um Ulenspiegel gruppierten -Figuren: den schlichten, arbeitsamen Klas, der so gar kein Held ist, -der seine Richter um Gnade anfleht und der doch als Märtyrer seiner -Überzeugung den Holzstoß besteigt, / über die arme herzensgute Soetkin -(Suschen), die aus Gram und an den Folgen der Folter stirbt, / über -das reizende Idyll der Liebe zu Nele, die mit ihrer Landsmännin, dem -Goetheschen Klärchen, so nahe verwandt ist, / über den burlesken -„Freßsack“ Lamm, der im Grimm über das Davonlaufen seines von den -Pfaffen verhetzten Weibes zu einem komischen Löwen wird, / und vor -allem über den Helden selbst, der ein Taugenichts und Tagedieb war und -der plötzlich unter der Wucht des Erlebten zum Manne heranreift, von -dem einen Rachegedanken beherrscht: „Klasens Asche brennt auf meiner -Brust“. Das und vieles Andere verdient eingehende Würdigung; aber es -mag bei diesen Andeutungen bleiben, die den Leser nur auf den Weg des -eigenen Genusses führen wollen und damit ihre Aufgabe erfüllt haben. - -Fräulein _Marie Lamping_, die mir bei der Übersetzung hilfreich zur -Seite gestanden hat, und Fräulein _Elsa Schulhoff_, deren Aufsatz ich -die Anregung zu dieser Verdeutschung verdanke, sei auch an dieser -Stelle mein aufrichtiger Dank gesagt. - - F. v. O.-Br. - - - - -Inhalt - - - Seite - -Vorrede der Eule 1 - -Erstes Buch 5 - -Zweites Buch 221 - -Drittes Buch 283 - -Viertes Buch 453 - -Fünftes Buch 545 - -Nachwort des Übersetzers 587 - - - Titelholzschnitt und Buchausstattung von F. H. Ehmcke - Gedruckt bei Gottfr. Pätz in Naumburg an der Saale - - - - - Eugen Diederichs Verlag in Jena - - -=Charles de Coster, Flämische Legenden.= Deutsch von Marie Lamping und -Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. br. M. 3.--, geb. M. 4.-- - -_Inhalt_: Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht / Bianca, Clara und -Candida / Herr Halewyn / Smetse, der Schmied / Ser Huygs / Die Masken - - -_St. Galler Blätter_: Costers Legenden werden ja wohl deutschen Lesern -schnell Gottfried Kellers Sieben Legenden in Erinnerung rufen und -Züge der Verwandtschaft zwischen dem Schweizer und dem Belgier sind -in der Tat nicht zu verkennen: das kätzchenschnurrende Poetenbehagen -am freien Gespinst, das Element lächelnder Schalkheit, das -Durchschimmernlassen der Kritik aus dem Wesen neuer Welt. Aber Coster -ist es in stärkerem Maße um säuberlichste Nachbildung alten Geistes -und alter Form zu tun gewesen, weniger gedämpft ist sein Ton und sind -seine Farben, wirklichkeitsherb schaut das Mittelalter aus diesen -eigenartigen Schöpfungen nachbildender Phantasie heraus und bunter -sind seine Elemente, weniger zu etwas Geschlossenem zusammengetönt, -derber das Volkshafte darin. In allen Teilen ist der starke Poet am -Werke: voller Beweglichkeit und Mannigfaltigkeit des Gefühls, bald -ernst, ja das Grausige heranziehend, bald schwankhaft und ulkig, von -Erfindung überquellend und packend durch die Wucht des Einfachen in -diesem in die Stimmung ferner Vergangenheit getauchten, kunstvoll -in ihr festgehaltenen Berichten. Wie Erholung empfindet man nach -moderner Subtilität des Psychologischen diese Geschichten voll bunten, -fröhlichen und düstern Geschehens. - -_Wiesbadener Zeitung_: Neun Jahre vor seinem gewaltigen „Tyll -Ulenspiegel“, der nun durch die Welt geht, schrieb der Dichter 1858 -seine ~Légendes Flamandes~, ein bedeutungsvolles Präludium des größeren -Lebenswerkes. Auch hier die altertümliche, Rabelais nachempfundene -Sprache mit ihrer ungelenken Treuherzigkeit, ihrem prachtvollen -Daseinsbehagen, die glücklicherweise nicht mit wissenschaftlicher -Konsequenz durchgeführt wird, sondern sich ganz den Dingen selbst -anpaßt, auch hier an einzelnen Stellen hervorbrechend der wilde Haß -gegen die spanischen Gewalthaber, die in grotesk phantastischer -Form, mit grausamer Rachelust gepaart, sich äußert. Es sind Märchen -voll seltsamer Mischung mystischer und realistischer Elemente, ganz -Vorahnung jener Motive, die die Gegenwart liebt, aber ganz naiv und -unmittelbar erfaßt, nicht das Produkt literarischer Konvention, wie so -vieles heute, vieles ohne Einheitlichkeit, ausgesponnen gleich einem -bald beklemmenden, bald beglückenden Traum, aber alles unmittelbar -Gegenwart. Wunderschön ist das Buch übersetzt und mit feiner -Künstlerschaft ausgestattet. - - - - -Anmerkungen - - -[1] Diese Behauptung ist zutreffend. Der Dichter hat einer kleinen -vlämischen Schrift aus der van Paemel’schen Sammlung, betitelt: ~Het -aerdig leven van Thyl Ulenspiegel~, die Kapitel VI, XIII, XVI, XIX, -XXIV, XXXV, XXXIX, XLI, XLII, XLIII, XLVII, XLVIII, XLIX, LIII, LV, -LVII und LX des ersten Buches seines Werkes entnommen. Jedoch haben -alle bedeutsame Veränderungen erlitten, ausgenommen das LXII, LXIII, -LXIV Kapitel. Die andern vom LXI bis zum Ende des Werkes sind de -Costers Schöpfung, also auch die Bücher II, III, IV, V, die reine -Erfindung sind. Wir müssen indes auf zwei Ausnahmen aufmerksam machen: -1. die Predigt des Broer Adriaensen Cornelis, die in Bruchstücken einer -Sammlung von 1590 entlehnt ist. Der Verfasser mußte etliche Stücke von -Predigten dieses grimmen Kanzelredners zusammenflicken, um, ohne sich -ständig zu wiederholen, ein genaues Gemälde der verschiedenen Sekten -des XVI. Jahrhunderts zu zeichnen. 2. Von dem Geusenlied in Buch III, -Kap. 5 nur der Kehrreim, der einem Liede jener Zeit entnommen ist. -Die Tatsachen, die der Geschichte angehören, u. a. die Plünderung der -Frauenkirche in Antwerpen und das Lied der Verräter, stützen sich, was -das erste anbelangt, auf die bestimmte Angabe eines sehr geschätzten -Chronisten, Van Meeeren, und das Lied der Verräter auf Dokumente von -unanfechtbarer Glaubwürdigkeit, die sich in den königlichen Archiven zu -Brüssel befinden. - -[2] Ein gelbes, mit Flammen und Teufeln bemaltes Hemd Derer, welche von -der Inquisition zum Tode verurteilt sind. _Der Übersetzer._ - -[3] Orden der Paulinerbrüder. - -[4] Anspielung auf Wilhelm den Schweigsamen von Oranien. - -[5] S. die Anmerkung des französischen Herausgebers in der „Vorrede der -Eule“, die in der Übersetzung wortgetreu wiedergegeben wurde. Leider -sind die dortigen Angaben ungenau, so daß nicht ersichtlich ist, welche -niederländische Ausgabe des Ulenspiegel dem Dichter vorgelegen hat. Bei -L. van Paemel in Gent erschien -- nach der Bibliographie der äußerst -zahlreichen Ulenspiegel-Texte, die sich in der Vorrede um Neudruck des -Volksbuches von 1515 befindet (Halle a. S. bei Niemeyer, Bd. 55, 56 der -Neudrucke deutscher Literaturwerke des 16. und 17. Jahrhunderts) -- -nur eine undatierte, aber anscheinend ziemlich neue Ausgabe des Till -Ulenspiegel, die sich im britischen Museum befindet. - -[6] Kap. 16 ist nur vorhanden in der zweiten hochdeutschen Ausgabe -bei Servais Kruffter, Kap. 2: „Wie Ulenspegel antworde eym reysigen -Mann, der na dem Wege vragete.“ Da diese Ausgabe schwer zugänglich -ist (es existieren davon nur 2 unvollständige, photolithographisch -ergänzte Exemplare in der Berliner und Wiener Bibliothek), so möge die -2. Historie dieser Ausgabe zur Vergleichung des Verhältnisses zwischen -Original und Nachdichtung hier Platz finden. - -„Als Ulenspegel noch ein kynt was / was he vp ein tzyt allein to huis -/ do quam ein man ryden aent huis und vragede na dem Wege. Vn̄ want he -niemanden sach / so riep he ys dair niemāt in huis. Do sacht das kynt -Ulenspegel ya yd / and’ half man̄ vnd ein roßheufft. Want du bis met -deme haluen lyue hirin̄ mit des pertz heufde / un̄ ich byn ein ganz -man̄. So vragede der man. Wair is din vader un̄ mod’? dz kint sacht. -myn vad’ is van bösem böser tzo machen. vn̄ myn mod’ is vm̄ schaden -off schande. Der man sacht / wie dat? dz kind seyde / myn vader macht -einen quaden wech noch quader wan he macht grauen vp dat beseyde lant -/ dat man dar vp net vaeren mög. Myn mod’ is broit lenen / gyfft sy -mind’ weder / dat is schand. gyfft sy merd’ wed’. / dat is schade. So -sacht der man / waer sall ich recht hyn rydē? dat kind seyde / der dy -genz hyn gaen. do der man quam ryden / flogen die genß ynt wasser. -Do zwyuelde der man vn̄ reyt wed’ vm / vnd sacht de genß fliessen im -wasser / saß weiß ich niet wair hin rydē. Dz kint sacht. yr solt rydē -daer die genß gain / un̄ nit daer sy swimmen. So reit der man ewech / -un̄ verwōderte sich sere van d’ antworden des kyndes“. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TYLL ULENSPIEGEL UND LAMM -GOEDZAK *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Wie! In diesem dicken Buche, diesem -Elefanten, den Sie, achtzehn an der Zahl, versuchen zum Ruhme -zu führen, haben Sie nicht den kleinsten Platz für den Vogel Minervas, -die weise, die verständige Eule gefunden! In Deutschland -und in Flandern, das Sie so sehr lieben, reise ich beständig -auf Ulenspiegels Schulter, der nur darum so heißt, weil sein -Name Eule und Spiegel bedeutet, Weisheit und Gaukelspiel, Uyl -en Spiegel. Die von Damm, wo er geboren, sprechen den Namen -der Kürze halber „Ulenspiegel“ aus, und weil sie die Angewohnheit -haben „U“ statt „Uy“ auszusprechen. Das ist ihre Sache. -</p> - -<p>Ihr habt eine andere Auslegung ersonnen: Ulen für Ulieden -Spiegel / Euer Spiegel / für Euch, Bauern und Herren, Regierte -und Regierende, der Spiegel der Narrheiten, Lächerlichkeiten -und Verbrechen eines Zeitalters. Das war scharfsinnig, -aber unbillig. Man muß nie mit der Tradition brechen.</p> - -<p>Vielleicht fandet Ihr den Gedanken seltsam, die Weisheit durch -einen traurigen, possierlichen Vogel zu symbolisieren, / Eures -Bedünkens durch einen bebrillten Schulfuchs, einen Possenreißer -vom Jahrmarkt, einen Freund der Finsternis, der unhörbar fliegt -und tötet, ohne daß man ihn kommen hört, gleichwie der Tod? -Aber Ihr gleichet mir, falsche Biedermänner, die Ihr über mich -lacht. In mancher Eurer Nächte strömte Blut unter den Streichen -des Mordes, der auf Filzsohlen geschlichen kam, damit man ihn -ebenfalls nicht kommen hörte. Gibt es nicht in Eurer Geschichte gewisse -Tage, an denen die bleiche Morgendämmerung mit ihrem fahlen -Scheine die Straßen, die mit den Leichen von Männern, Weibern -und Kindern besäet waren, beleuchtete? Wovon lebt Eure Politik, -seitdem Ihr die Welt regiert? Vom Erwürgen und Morden.</p> - -<p>Ich, die Eule, die häßliche Eule, ich töte, um mich zu ernähren, -um meine Jungen zu ernähren; ich töte nicht, um zu -töten. Wenn Ihr mir vorwerft, daß ich ein Nest mit jungen -Vögeln verschlinge, könnte ich Euch nicht ebenso vorwerfen, daß -Ihr alles, was Odem hat, niedermetzelt? Ihr habt Bücher geschrieben, -in denen Ihr gerührten Tones von der Anmut des -Vogels, seinen Liebesfreuden, seiner Schönheit, vom kunstvollen -Bau des Nestes und den Ängsten der Mutterschaft sprecht. Hiernach -sagt Ihr, in welcher Brühe er angerichtet werden muß und -in welchem Monat des Jahres man die saftigsten Gerichte daraus -macht. Ich, ich schreibe keine Bücher, Gott bewahre mich, -anderenfalls würde ich schreiben, daß, wenn Ihr den Vogel nicht -essen könnt, Ihr das Nest verspeist, aus Furcht, um einen Bissen -zu kurz zu kommen.</p> - -<p>Was Dich betrifft, leichtsinniger Poet, so war es Dein eigner Vorteil, -mir in Deinem Werke meinen rechtmäßigen Platz zu geben; -denn zwanzig Kapitel darin gehören zum mindesten mir; die andern -laß ich dir ganz zu eigen.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Das ist wahrlich das Wenigste, daß -man uneingeschränkt Herr der Dummheiten sei, die man drucken -läßt. Zeternder Poet, Du schlägst blindlings auf die los, die Du -die Henker des Vaterlandes nennst; Du stellst Karl V. und Philipp -II. an den Schandpfahl der Geschichte. Du bist keine Eule, -Du bist nicht fürsichtig. Weißt Du, ob in dieser Welt nicht noch -ein Karl V. und ein Philipp II. existiren? Fürchtest Du nicht, -daß eine wachsame Censur im Bauche Deines Elefanten nach Anspielungen -auf erlauchte Zeitgenossen suchen werde? Warum -ließest Du nicht diesen Kaiser und diesen König in ihrem Grabe -schlummern? Weshalb kläffst Du so viel Majestäten an? Wer -sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Es gibt Leute, die Dir -nicht verzeihen werden; ich verzeihe Dir auch nicht, Du störst mir -meine spießbürgerliche Verdauung. -</p> -<p> -Was soll dieser ständige Zwist zwischen einem verabscheuten König, -der von Kindheit an grausam ist / dafür ist er ein Mensch / und -diesem vlämischen Volke, das Du uns als heldenmütig, fröhlich, -rechtschaffen und arbeitsam darstellen willst? Wer sagt Dir, daß -dieses Volk gut und der König schlecht war? Ich könnte Dir klüglich -das Gegenteil beweisen. Deine Hauptpersonen sind Dummköpfe -und Narren, ohne einen einzigen auszunehmen. Dein Gassenjunge -Ulenspiegel ergreift die Waffen für die Gewissensfreiheit; sein -Vater Klas läßt sich lebendigen Leibes verbrennen, um seine religiösen -Überzeugungen zu behaupten; seine Mutter Soetkin verzehrt -sich in Gram und stirbt an den Folgen der Tortur, weil sie -ihrem Sohn ein Vermögen erhalten wollte. Dein Lamm Goedzak -geht im Leben geradeaus, als ob man in dieser Welt nur gut und -ehrlich zu sein brauchte; die kleine Nele; die nicht übel ist, liebt nur -einen Mann in ihrem Leben.. Wo sieht man noch solche Dinge? -Ich würde dich beklagen, wenn ich nicht über Dich lachen müßte.</p> - -<p>Jedoch muß ich gestehen, neben diesen lächerlichen befinden sich -etliche Persönlichkeiten, die ich gern zu meinen Busenfreunden -machte: deine spanischen Soldaten, deine Mönche, die das Volk -verbrennen, deine Gilline, die Spionin der Inquisition, deinen -geizigen Fischhändler, den Angeber und Wärwolf, deinen Edelmann, -der nachts den Teufel spielt, um irgend eine einfältige Person -zu verführen, in Sonderheit aber den verständigen Philipp II., -der, da er Geld braucht, die heiligen Bilder in den Kirchen zerstören -läßt, um einen Aufstand zu bestrafen, dessen weiser Anstifter -er selber war. Das ist wahrlich das wenigste, was man tun kann, -wenn man berufen ist, von denen zu erben, die man mordet.</p> - -<p>Aber ich glaube, ich spreche ins Leere. Du weißt vielleicht nicht -einmal, was eine Eule ist. Ich will es dir zu wissen tun.</p> - -<p>Eule ist, wer heimlich auf die Leute, die ihm im Wege sind, Verläumdung -herabträufelt, und wenn man ihn auffordert, die Verantwortung -für seine Worte zu übernehmen, klüglich ausruft: -„Ich behaupte nichts, Man hat es mir gesagt“. Er weiß wohl, -daß Man unangreifbar ist.</p> - -<p>Eule ist, wer in den Kreis einer ehrbaren Familie eintritt, sich -als Freier ankündigt, ein junges Mädchen ins Gerede bringt, Geld -borgt, manchmal seine Schuld bezahlt und davon geht, wenn es -nichts mehr zu nehmen gibt. -</p> -<p> -Eule ist der Politiker, der eine Maske der Freiheit, Aufrichtigkeit -und Menschenliebe anlegt und Euch im gegebenen Augenblick -ohne Warnung einen Menschen oder eine Nation erwürgt.</p> - -<p>Eule ist der Handelsmann, der seine Weine panscht und seine -Lebensmittel fälscht, der verdorbenen Magen anstatt Ernährung -und Wut anstatt Heiterkeit verursacht.</p> - -<p>Eule ist, wer geschickt fliegt, ohne daß man ihn beim Kragen -packen kann, der das Falsche gegen das Wahre verteidigt, die -Witwe zu Grunde richtet, die Waise beraubt und im Fett triumphirt -wie andere im Blut.</p> - -<p>Eule, die mit ihren Reizen Handel treibt, den besten Herzen junger -Männer die Unschuld nimmt und das „sie bilden“ heißt, und sie -ohne einen Heller im Schlamme läßt, in den sie sie gezogen hat.</p> - -<p>Wenn sie manchmal traurig ist, sich besinnt, daß sie Frau ist und -Mutter sein könnte, verleugne ich sie. Wenn sie, dieses Daseins -müde, sich ins Wasser stürzt, so ist sie eine Närrin, und unwürdig -zu leben.</p> - -<p>Blick um Dich, Dichter aus der Provinz, und zähle die Eulen -dieser Welt, wenn Du kannst. Bedenke, ob es klug ist, so wie Du -es tust, die Kraft und die List, diese Königinnen unter den Eulen, -anzugreifen. Geh in Dich, lege Deine Beichte ab, und flehe auf -den Knien um Vergebung.</p> - -<p>Dennoch nehme ich Anteil an Dir wegen Deiner vertrauensseligen -Unbesonnenheit. Deshalb warne ich Dich, trotz meiner bekannten -Gewohnheiten: ich werde stehenden Fußes die Derbheit und die -Keckheiten Deines Stils meinen literarischen Vettern anzeigen. -Sie haben starke Federn, Schnäbel und Brillen, sind fürsichtige, -superkluge Leute, die auf die liebenswürdigste, schicklichste Art -mit sehr viel Gaze und Manschetten den jungen Frauenzimmern -Liebesgeschichten erzählen, die nicht allein von Cythere kommen -und die Euch in einer Stunde, ohne daß man etwas sieht, die widerspänstigste -Agnes erziehen. O tollkühner Poet, der Du Rabelais -und die alten Meister so sehr liebst, jene Leute -haben das vor Dir voraus, daß sie die -französische Sprache am Ende durch -vieles Schleifen abnutzen werden.</p> - -<p class = "center"> -Bubulus Bubb<br /> -</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Buch">Erstes Buch</h2> -</div> - -<hr class="full newpage" /> -<h3>1</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zu Damm in Flandern, da der Maimond des Hagedorns Blüten -erschloß, ward Ulenspiegel, des Klas Sohn, geboren.</p> - -<p>Eine Wehemutter, Katheline genannt, wickelte ihn in Windeln, -und da sie seinen Kopf beschaute, wies sie auf ein Häutlein daran. -„Glückshäutlein, unter gutem Stern geboren“, sprach sie fröhlich. -Doch alsbald jammerte sie und deutete auf ein schwarzes Pünktlein -an des Kindes Schulter.</p> - -<p>„Wehe,“ weinte sie, „das ist das schwarze Mal vom Teufelsfinger“.</p> - -<p>„Meister Satan“, erwiderte Klas, „muß gar früh aufgestanden -sein, wenn er schon Zeit hatte, meinen Sohn zu zeichnen“.</p> - -<p>„Er hat garnicht geschlafen,“ antwortete Katheline, „denn -horch! da weckt erst Kreyant die Hennen“.</p> - -<p>Sie legte das Kind in Klasens Hände und ging hinaus.</p> - -<p>Da zerriß die Morgenröte das Nachtgewölk; die Schwalben -strichen zwitschernd über die Wiesen und die Sonne zeigte ihr -blendendes Antlitz purpurn am Himmel.</p> - -<p>Klas öffnete das Fenster und sprach zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Du Glückskind, schau, da kommt Ihro Gnaden, die Frau Sonne, -das Land Flandern zu grüßen. Betrachte Sie, wenn immer Du -kannst, und so Du dermaleinst in Zweifel verstrickt bist und nicht -weißt, was Du tun sollst, um recht zu handeln, so frage sie um -Rat. Sie ist licht und warm. Sei aufrichtig wie sie licht ist, und -gut wie sie warm ist“.</p> - -<p>„Klas, Mann,“ sagte Soetkin, „Du predigst einem Tauben. -Komm und trinke, mein Sohn“.</p> - -<p>Und die Mutter bot dem Neugeborenen ihre schönen Naturflaschen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>2</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Dieweil Ulenspiegel mit Lust daran trank, erwachten alle Vöglein -auf der Flur. Klas band Reisigbündel zusammen und sah -zu, wie sein Gespons Ulenspiegel die Brust gab.</p> - -<p>„Weib,“ fragte er, „hast Du Vorrat von dieser guten Milch angeschafft?“</p> - -<p>„Die Krüge sind voll,“ sagte sie, „doch das ist nicht genug, mich -froh zu machen“.</p> - -<p>„Gar kläglich sprichst Du von einem so großen Glück“.</p> - -<p>„Ich gedenke,“ sprach sie, „daß sich auch nicht ein elender Heller -in der Geldkatze findet, die dort an der Wand hängt“.</p> - -<p>Klas nahm den Beutel zur Hand; doch er mochte ihn schütteln, -wie er wollte, er hörte kein Geld darin klingen. Da ward er -betrübt. Doch er wollte sein Weib trösten und sprach:</p> - -<p>„Was sorgst Du Dich? Haben wir nicht den Kuchen im Kasten, -den Katheline uns gestern geschenkt hat? Sehe ich nicht ein großes -Stück Rindfleisch, welches zum mindesten drei Tage gute Milch -für das Kind machen wird? Prophezeit der Sack mit Bohnen, -der dorten so hübsch in der Ecke hockt, eine Hungersnot? Ist -dies Fäßlein mit Butter ein Hirngespinnst? Sind die Fähnlein -und Kompanien von Äpfeln, die in kriegerischen Reihen zu Elfen -auf dem Boden aufmarschiert sind, Gespenster? Und hält nicht -das brave dicke Fäßlein mit Brügger Kuytbier in seinem Wanst -unsere Labung und kündet uns frischen Trunk?“</p> - -<p>„Wenn das Kind zur Taufe getragen wird,“ sagte Soetkin, „so -müssen wir dem Priester zwei Heller und für den Schmaus einen -Gulden geben“.</p> - -<p>Indessen trat Katheline mit einem großen Strauß Pflanzen ein.</p> - -<p>„Ich bringe dem Glückskind Engelwurz, der bewahrt den Menschen -vor Wollust, und Fenchel, der vertreibt den Teufel“.</p> - -<p>„Hast Du nicht auch das Kraut, das die Gülden herbeizieht?“ -fragte Klas.</p> - -<p>„Nein“, sagte sie.</p> - -<p>„So will ich sehen, ob es im Kanal keine gibt“.</p> - -<p>Er ging mit Netz und Angel von dannen und war sicher, daß er -niemanden begegnete, denn es war noch eine Stunde vor Oosterzon: -so heißt in Flandern die Sonne um sechs Uhr früh.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>3</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Klas ging nach dem Kanal von Brügge, nicht weit vom Meere. -Da tat er den Köder an die Angel, warf sie aus und ließ das Netz -hinab. Ein wohlgekleideter Bursche saß am anderen Ufer und -schlief wie ein Klotz auf einem Haufen Muscheln.</p> - -<p>Bei dem Lärm, welchen Klas machte, erwachte er und wollte davonlaufen, -denn er fürchtete, es möchte ein Gemeinbüttel sein, -der ihn von seinem Lager forttreiben und zum Steen bringen wollte, -wegen unerlaubten Vagierens.</p> - -<p>Doch seine Furcht schwand, da er Klas erblickte und dieser ihm -zuschrie:</p> - -<p>„Willst Du sechs Deut verdienen, so treibe den Fisch hierher.“</p> - -<p>Der Bursche, der schon ein aufgeblähtes Bäuchlein hatte, ging -ins Wasser, nahm einen Büschel großen Schilfrohrs und trieb -die Fische zu Klas.</p> - -<p>Nach vollbrachtem Fischfang zog Klas Netze und Angelschnur -heraus, ging über die Schleuse und kam zu dem Buben.</p> - -<p>„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner -Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße -hinter der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so -wohlgekleidet bei Mutter Grün Obdach suchest?“</p> - -<p>„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim -eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt -mich weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr -auf dem Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr. -Gestern beim Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit -den Fingern den Boden einer Schüssel aus, darin Rindfleisch -mit Bohnen gewesen. Sie aber wollte auch ihr Teil haben, und -es war doch nicht mal genug für mich, Herr. Da sie nun sah, wie -ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so wohl schmeckte, ward -sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so gewaltige Maulschellen, -daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“</p> - -<p>Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan -hätten. Da antwortete Lamm Goedzak:</p> - -<p>„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter -auf die andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch -ich mochte kein Mägdlein schlagen und lief davon“.</p> - -<p>Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und -Klas sah eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite -ging ein mageres Dirnlein von bösem Aussehen.</p> - -<p>„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt -meine Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme -mich, Meister Kohlenträger!“</p> - -<p>„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn -und laß uns sonder Furcht zu ihnen gehen“.</p> - -<p>Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und -wollten ihn beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt -hatte, und die Schwester, weil sie es gewohnt war.</p> - -<p>Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie:</p> - -<p>„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“</p> - -<p>Doch die Mutter umhalste ihn schon, dieweil das Mägdlein mit -Gewalt Lamms Hände öffnen wollte, sein Geld zu bekommen. Er -aber schrie:</p> - -<p>„Es ist mein, Du sollst es nicht haben!“</p> - -<p>Und er hielt die Fäuste fest zu.</p> - -<p>Klas aber schüttelte das Mägdlein derb bei den Ohren und sprach -zu ihr:</p> - -<p>„Wenn es noch einmal geschieht, daß Du Händel mit Deinem -Bruder suchst, welcher gut und sanft ist wie ein Lamm, so werde -ich Dich in ein schwarzes Kohlenloch stecken, und da werde nicht -ich Dich bei den Ohren zupfen, sondern der rote Teufel aus der -Höllen, der wird Dich mit seinen großen Klauen und seinen Zähnen -wie Heugabeln in Stücke reißen“.</p> - -<p>Bei dieser Rede wagte das Mägdlein Klas nicht mehr anzublicken -noch Lamm zu nahen, und suchte Schutz hinter dem Rücken -der Mutter. Als sie aber in die Stadt kamen, schrie sie allerorten:</p> - -<p>„Der Kohlenträger hat mich geschlagen; er hat den Teufel in -seinem Keller“.</p> - -<p>Fortan schlug sie Lamm nicht mehr; doch als sie groß war, ließ -sie ihn ihre Arbeit verrichten und der gute Tropf tat es gern.</p> - -<p>Klas hatte seinen Fang unterwegs an einen Pächter verkauft, -der ihn ihm abzunehmen pflegte. Als er heimkehrte, sprach er zu -Soetkin:</p> - -<p>„Dieses fand ich im Bauche von vier Hechten, neun Karpfen und -einen Korb voll Aale“. Und er warf zwei Gulden und einen -Heller auf den Tisch.</p> - -<p>„Was gehst du nicht täglich auf den Fischzug, Mann?“ fragte -Soetkin.</p> - -<p>Klas gab zur Antwort: „Damit ich nicht selber zum Fisch werde -für die Netze des Gemeinbüttels“.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>4</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegels Vater ward in Damm Klas der Kohlenträger genannt. -Er hatte schwarzes Haar, feurige Augen, und seine Haut -war von der Farbe seiner Ware, außer an Sonn- und Feiertagen, -allwo es reichlich Seife in der Hütte gab. Er war klein, vierschrötig -und stark und hatte ein lustiges Antlitz. Wenn er nach dem -Tagewerk bei sinkender Nacht in einer Schänke am Wege nach -Brügge einkehrte, um sich die schwarze Kohle mit Kuyt aus der -Kehle zu spülen, riefen alle Frauen, die auf den Türschwellen -frische Luft schöpften, ihm freundwillig zu:</p> - -<p>„Guten Abend und klares Bier, Kohlenträger“.</p> - -<p>„Guten Abend und einen wachsamen Mann“, gab Klas zum Bescheid.</p> - -<p>Die Mägdlein, die zuhauf von den Feldern heimkehrten, stellten -sich alle vor ihn hin und sprachen zu ihm:</p> - -<p>„Was zahlst Du als Wegzoll: ein scharlachnes Band, einen Goldring, -Sammetschuhe oder einen Gülden in die Gürteltasche?“</p> - -<p>Doch Klas faßte sie um die Hüften und küßte sie auf Wangen -und Hals, oder was sonst seinem Munde am nächsten war. Dann -sprach er:</p> - -<p>„Den Rest, ihr Schätzchen, den Rest fordert von Eurem Liebsten“.</p> - -<p>Und sie gingen laut lachend von dannen.</p> - -<p>Die Kinder kannten Klas an seiner derben Stimme und am Klappern -seiner Schuhe. Sie liefen ihm entgegen und sprachen:</p> - -<p>„Guten Abend, Kohlenträger!“</p> - -<p>„Gott gebe Euch ein gleiches, Ihr Engelein“, sprach Klas. „Doch -kommt mir nicht nahe, auf daß ich Euch nicht zu Mohrenkindern -mache“.</p> - -<p>Doch die Kleinen waren keck und kamen heran. Da griff er eines -am Wams, rieb das rosige Mäulchen mit seinen Händen ein und -ließ das Kind, welches trotzdem lachte, zur großen Freude aller -andern entlaufen.</p> - -<p>Soetkin, Klasens Frau, war ein braves Weib, früh auf wie das -Morgenrot und emsig wie eine Ameise.</p> - -<p>Klas und sie bestellten zu zweit ihre Felder und spannten sich -gleich Ochsen vor den Pflug. Gar mühevoll war das Ziehen, doch -noch schwerer die Egge, wenn das ländliche Werkzeug mit seinen -hölzernen Zähnen die harten Schollen zerreißen sollte. Sie taten -es gleichwohl fröhlichen Mutes und sangen ein altes Liedchen -dabei.</p> - -<p>Und es half der Erde nichts hart zu sein; umsonst warf die Sonne -ihre heißesten Strahlen auf sie. Und ob sie auch ihre Lenden -grausam anstrengen mußten, wenn sie mit gebogenen Knien die -Egge schleppten: sobald sie stillhielten und Soetkin ihr sanftes -Antlitz zu Klas wandte, und Klas küßte diesen Spiegel einer -zärtlichen Seele, so vergaßen sie der großen Mühsal.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>5</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Tags zuvor war an den Fenstergittern des Stadthauses ausgerufen, -es solle gebetet werden für Ihre Majestät, Kaiser Karls -Gemahlin, die schwanger war, daß sie bald niederkäme.</p> - -<p>Am ganzen Leibe zitternd, trat Katheline bei Klas ein.</p> - -<p>„Was ficht Dich an, Gevatterin?“ fragte der Biedermann.</p> - -<p>„Wehe!“ antwortete sie in abgerissenen Worten. „Diese Nacht -/ Geister, die Menschen mähten wie Schnitter das Gras / -Mägdlein lebendig begraben; auf ihrem Leib tanzte der Henker! -Der Stein, der seit neun Monden Blut geschwitzt hat, diese Nacht -geborsten.“</p> - -<p>„Erbarm Dich unser! Erbarm Dich unser, Herr Gott!“ stöhnte -Soetkin, „das ist eine üble Vorbedeutung für das Land Flandern.“</p> - -<p>„Sahest Du das mit Deinen Augen oder im Traume?“ fragte -Klas.</p> - -<p>„Mit meinen Augen“, erwiderte Katheline.</p> - -<p>Bleich wie der Tod und mit Thränen hub sie wieder an:</p> - -<p>„Zwei Kindlein sind geboren, eins in Hispanien, das ist das Kind -Philipp, das andre im Lande Flandern, das ist des Klas Sohn, -so dereinst Ulenspiegel genannt wird. Philipp wird ein Henker -werden, denn er ist erzeugt von Kaiser Karl, dem Mörder unsres -Landes. Ulenspiegel wird ein großer Meister in lustigen Reden -und Bubenstreichen sein, aber er wird ein gutes Herz haben, denn -er hat Klas zum Vater gehabt, einen wackeren Arbeitsmann, der -in Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Leutseligkeit sein Brot zu -verdienen weiß. Karl der Kaiser und Philipp der König werden -hoch zu Roß durchs Leben reiten und mit Schlachten, Erpressungen -und andrem Verbrechen Unheil stiften. Klas, der die ganze Woche -arbeitet, nach Recht und Gesetz lebt und lacht, statt bei seiner -harten Arbeit zu weinen, wird das Vorbild der guten Flandrischen -Arbeiter sein.</p> - -<p>„Ulenspiegel wird den Tod nicht sehen und allzeit jung sein; er wird -die Welt durchwandern und an keinem Orte sich festsetzen. Er -wird Bauer, Edelmann, Maler und Bildhauer sein / alles mit -einander. Und also wird er die Welt durchwandern, gute und -schöne Dinge loben, und der Dummheit aus voller Kehle spotten. -Klas ist Dein Mut, edles flämisches Volk, Soetkin Deine tapfre -Mutter, Ulenspiegel Dein Witz, ein artig und lieblich Mägdlein, -des Ulenspiegel Genossin und gleich ihm unsterblich, wird Dein -Herz sein, und ein dicker Bauch, Lamm Goedzak, Dein Magen. -Oben werden die Menschenvertilger sein, unten die Opfer; oben -diebische Drohnen, unten emsige Bienen, und im Himmel werden -Christi Wunden bluten.“</p> - -<p>Nach solchen Worten entschlief Katheline, die gute Zauberin.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>6</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel ward zur Taufe getragen; plötzlich fiel ein Platzregen, -der ihn schier durchnäßte. Also ward er zum ersten Male -getauft.</p> - -<p>Da er in die Kirche kam, hieß der Küster und Schulmeister Eltern -und Paten sich um das Taufbecken stellen, welches geschah.</p> - -<p>Doch im Gewölbe über dem Taufbecken hatte ein Maurer ein -Loch gemacht, um allda eine Lampe an einem Stern von vergüldetem -Holz aufzuhängen. Da er von oben die Paten stocksteif -um das Taufbecken stehen sah, auf welchem der Deckel noch ruhte, -goß er durch das Loch in der Wölbung voller Tücke einen Kübel -Wassers, also daß dieses auf den Deckel stürzte und ein gewaltig -Spritzen geschah. Ulenspiegel bekam das größte Teil davon. Und -also ward er zum andern Male getauft.</p> - -<p>Der Dechant kam und sie führten Klage bei ihm; er aber sagte, -sie sollten sich sputen und es wäre ein Zufall. Ulenspiegel zappelte -wegen des Wassers, das auf ihn gefallen war. Der Dechant gab -ihm Salz und Wasser und nannte ihn Thylbert, das heißt „reich -an Bewegungen.“ So ward er zum dritten Male getauft.</p> - -<p>Da sie die Frauenkirche verlassen, gingen sie in die Lange Gasse -und kehrten gegenüber der Kirche in den „Rosenkranz der Flaschen“ -ein, an welchem ein Krug das Credo bildete. Dort tranken sie -siebzehn Kannen Doppelbier und noch mehr. Denn solches ist der -rechte Brauch in Flandern, daß man im Bauche ein Feuer anzündet, -um durchnäßte Leute zu trocknen. So ward Ulenspiegel -zum vierten Male getauft.</p> - -<p>Da sie nun heim taumelten und ihr Kopf schwerer war denn ihr -Körper, kamen sie an einen Steg, der über ein Wasser gelegt war. -Katheline, die Pathin war und das Kind trug, tat einen Fehltritt -und fiel mit Ulenspiegel in die Lache. Also ward er zum fünften -Male getauft.</p> - -<p>Doch man zog ihn aus dem Pfuhle, um ihn in Klasens Hause -mit warmem Wasser zu waschen; und das war seine sechste Taufe.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>7</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am selbigen Tage beschloß seine Heilige Majestät, Kaiser Karl, -glänzende Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes fürstlich -zu feiern. Er beschloß gleich Klas auf den Fischzug zu gehen, -doch nicht in einem Kanal, sondern in den Gürteltaschen und Geldkatzen -seiner Völker. Denn daraus ziehen die fürstlichen Angelruten -Crusados, Silberdaelders und Löwentaler, und alle diese -wundersamen Fische wandeln sich nach Belieben des Fischers in -Sammet, Kleider, kostbare Juwelen, erlesene Weine und feine -Speisen. Denn die fischreichsten Flüsse sind nicht die, so das -meiste Wasser führen.</p> - -<p>Da er nun seine Räte um sich versammelt hatte, bestimmte seine -Heilige Majestät, daß der Fischzug wie folgt ausgeführt würde: -Seine Hoheit der Infant sollte in der neunten oder zehnten -Stunde zur Taufe getragen werden. Um ihre große Freude darzutun, -sollten die Einwohner von Valladolid die ganze Nacht -durch Schmausereien und Gelage halten, alles auf ihre Kosten, -und auf dem Marktplatz Geld für die Armen streuen.</p> - -<p>An fünf Straßenecken sollte ein großer Springbrunnen sein und -bis Tagesanbruch gewöhnlichen Wein in Strömen hervorsprudeln, -welchen die Stadt bezahlte. An fünf anderen Ecken sollten -an hölzernen Gerüsten kleine Würste, ferner Schlack-, Leber- und -Knackwürste, Ochsenzungen und andre Fleischarten aufgehängt -werden, desgleichen zu Lasten der Stadt.</p> - -<p>Die Bürger von Valladolid sollten da, wo der Zug vorbeikommen -mußte, auf ihre Unkosten eine große Zahl von Triumphbögen errichten, -welche den Frieden, das Glück, den Überfluß und das -günstige Geschick darstellten, sowie jegliche Himmelsgabe, womit -sie unter der Herrschaft seiner Kaiserlichen Majestät überschüttet -worden.</p> - -<p>Endlich sollten außer diesen Friedensbögen etliche andere aufgerichtet -werden, an welchen in lebhaften Farben weniger milde -Sinnbilder zu sehen waren, als das sind: Adler, Löwen, Lanzen, -Hellebarden, Spieße mit glänzender Zunge, Hakenbüchsen, Kanonen, -Feldschlangen mit großem Rachen und andre Maschinen, -so die kriegerische Macht und Stärke seiner heiligen Majestät -versinnbildlichen sollten.</p> - -<p>Was die Lichter zum Erleuchten der Kirche betraf, so sollte es -der Gilde der Wachszieher verstattet sein, zwanzigtausend Kerzen -ohne Entgelt herzustellen, und was davon nicht verbrannt ward, -das sollte dem Domkapitel zufallen.</p> - -<p>Was aber die anderen Ausgaben betraf, so wollte der Kaiser sie -gerne bestreiten und solchergestalt seinen guten Willen zeigen, seinen -Völkern nicht allzugroße Lasten aufzulegen.</p> - -<p>Als die Gemeine dies Gebot auszuführen trachtete, traf von Rom -her klägliche Kunde ein. Oranien, Alençon und Frundsberg, des -Kaisers Hauptleute, waren in die heilige Stadt gedrungen und -hatten allda Kirchen, Kapellen und Häuser eingeäschert und ausgeplündert -und niemand geschont, nicht die Priester und Klosterfrauen -noch die Weiber und Kinder. Der heilige Vater war gefangen -worden. Seit einer Woche währte das Plündern, und -Reiter wie Lanzknechte durchstreiften die Stadt, übersättigt von -Speise und berauscht vom Trinken. Sie schwangen ihre Waffen, -suchten die Kardinäle und drohten, sie würden ihnen genug ins -Fell schneiden, daß sie nie Päpste würden. Andre, so diese Drohung -bereits ausgeführt hatten, stolzierten in der Stadt umher und -trugen Rosenkränze auf der Brust, mit achtundzwanzig und mehr -Kugeln, groß wie Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren -gleich roten Bächen, darinnen die nackten Leiber der Toten lagen.</p> - -<p>Etliche sagten, der Kaiser, dieweil er Geld brauchte, hätte -solches im geistlichen Blut fischen wollen; und da er von dem -Vertrage, den seine Hauptleute dem gefangenen Papst auferlegt -hatten, Kenntnis erhalten, so zwang er ihn, die festen Plätze -seiner Staaten zu übergeben, 400 000 Dukaten zu bezahlen und -solange im Gefängnis zu bleiben, bis alles vollführt sei.</p> - -<p>Jedoch der Schmerz seiner Majestät war groß, und er sagte alle -Vorbereitungen zu Freude, Festen und Lustbarkeiten ab und gebot -den Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und -der Infant ward in seinen weißen Windeln getauft, welches die -Windeln königlicher Trauer sind. Solches legten die Herren und -Damen als üble Vorbedeutung aus.</p> - -<p>Dem ohngeachtet stellte die Frau Amme den edlen Herren und -Damen des Palastes den Infanten dar, auf daß sie ihm nach dem -Brauche Wünsche und Gaben darbrächten.</p> - -<p>Madonna de la Coena hing ihm einen schwarzen Stein wider das -Gift um den Hals, von der Form und Größe einer Nuß, mit güldener -Schale. Madame de Chauffade knüpfte ihm an einen seidenen -Faden, der bis auf den Magen hing, eine Haselnuß an, -welche die gute Verdauung der Speisen befördert. Messire van -der Steen aus Flandern brachte ihm eine Genter Wurst dar, fünf -Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte seiner Hoheit ehrerbietigst, -daß sie bei dem bloßen Geruche gut gentischen Durst -nach Clauwaert verspürte; denn er sagte, wer das Bier einer -Stadt gern trinkt, der kann dessen Brauer nicht hassen. Der Herr -Stallmeister Jakob Christoph von Castilien ersuchte seine Hoheit -den Infanten, an seinen Füßlein grünen Jaspis zu tragen, damit er -gut laufen könnte. Jan de Paepe, der Narr, der dabei war, sprach: -„Messire, gebt ihm lieber die Posaune Jerichos, bei deren Schall -alle Städte eilends vor ihm davonlaufen, mitsamt ihren Einwohnern, -Männern, Weibern und Kindern, um sich andernorts -niederzulassen. Denn Seine Hoheit soll nicht selbst laufen lernen, -sondern andre laufen lassen.“</p> - -<p>Die trauernde Wittib des Floris van Borsele, welcher Herr von -Veere und Seeland gewesen, gab Herrn Philipp einen Stein, -welcher, so sprach sie, die Männer verliebt und die Frauen untröstlich -machte.</p> - -<p>Doch der Infant blökte wie ein Kalb.</p> - -<p>Indessen steckte Klas seinem Sohn eine Klapper von Weidengeflecht -mit Schellen daran in die Hände, und dieweil er -Ulenspiegel auf seiner Hand tanzen ließ, sprach er: „Glöcklein, -Glöcklein, Klinglingling. Möchtest Du deren immerdar an -Deinem Barett haben, kleiner Mann, denn den Narren gehört -die Welt.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel lachte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>8</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Klas hatte einen großen Lachs gefangen; der ward eines Sonntags -von ihm, Soetkin, Katheline und dem kleinen Ulenspiegel -verspeist. Aber Katheline aß nicht mehr denn ein Vogel.</p> - -<p>„Gevatterin,“ sprach Klas zu ihr, „ist die Luft in Flandern dermalen -so kräftig, daß Du sie nur einzuatmen brauchst, um satt -zu werden wie von einem Fleischgericht? Wann wird man so -leben? Wenn die Regengüsse gute Suppen wären, wenn es Bohnen -hagelte und der Schnee, in himmlisches Hackfleisch verwandelt, -die armen Wanderer labte.“</p> - -<p>Katheline schüttelte den Kopf und sprach kein Wort.</p> - -<p>„Seh einer das betrübte Weib! Was macht ihr Kummer?“</p> - -<p>Da sagte Katheline mit einer Stimme, die gleich einem Hauch -war:</p> - -<p>„Der Böse / wenn Nacht schwarz herabsinkt / Ich höre, wie er -sein Kommen ankündigt / schreiend wie ein Fischadler. / Schaudernd -bet' ich zur Heiligen Jungfrau / vergebens. / Für ihn nicht -Mauern noch Zäune, nicht Türen noch Fenster; dringt überall -hin wie ein Geist. / Die Leiter kracht. / Er ist bei mir auf dem -Boden, wo ich schlafe, / faßt mich mit seinen kalten Armen, hart -wie Marmelstein. / Eisiges Gesicht, Küsse feucht wie Schnee, / -Die Erde wankt und die Hütte schwankt, wie ein Nachen auf -stürmischer See.“</p> - -<p>„Mußt jeden Morgen zur Messe gehen,“ riet Klas, „damit der -Herr Jesus Dir die Kraft gibt, den Spuk, der von da unten gekommen -ist, zu vertreiben.“</p> - -<p>„Er ist so schön,“ sagte sie.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>9</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel entwöhnt war, wuchs er wie eine junge Pappel. -Nun küßte Klas ihn nicht mehr so oft, sondern liebte ihn in -derber Weise, auf daß er nicht weichlich würde.</p> - -<p>Wenn Ulenspiegel heimkehrte und Klage führte, daß sie ihn bei -einem Streit durchgebläut hätten, schlug Klas ihn aufs Neue, -weil er die andren nicht geschlagen; und also erzogen, ward Ulenspiegel -kühn wie ein junger Leu.</p> - -<p>Wenn Klas nicht daheim war, bat Ulenspiegel die Mutter um -einen Heller, um spielen zu gehen. Soetkin ward bös und sprach: -„Was brauchst Du zu spielen! Du tätest besser, daheimzubleiben -und Reisig zu schnüren.“</p> - -<p>Wenn Ulenspiegel sah, daß er nichts kriegte, schrie er wie ein -Adler; doch Soetkin vollführte mit Kesseln und Töpfen, die sie -in einer Holzbütte wusch, einen großen Lärm und tat, als hörte -sie nichts. Alsdann weinte Ulenspiegel, und die schwache Mutter -ließ die gespielte Härte fallen, kam zu ihm, liebkoste ihn und -sprach: „Hast Du an einem Heller genug?“ Nun aber wißt Ihr, -daß der Heller sechs Deut galt.</p> - -<p>Solchermaßen liebte sie ihn zu sehr, und wenn Klas nicht daheim -war, so war Ulenspiegel König im Hause.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>10</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Eines Morgens sah Soetkin, wie Klas in der Küche gesenkten -Hauptes umherlief, gleich einem in Gedanken verlorenen Menschen. -„Was plagt Dich, Mann?“ fragte sie. „Du bist blaß, zornmütig -und zerstreut.“</p> - -<p>Da antwortete er mit leiser Stimme wie ein knurrender Hund:</p> - -<p>„Sie wollen die grausamen Anschläge des Kaisers erneuern. -Der Tod wird aufs Neue über dem Lande Flandern schweben. -Den Angebern wird die Hälfte von der Habe der Opfer versprochen, -wenn das Vermögen nicht mehr ist als hundert Karolustaler.“</p> - -<p>„Wir sind arm,“ sagte sie.</p> - -<p>„Arm“, sprach er, „doch nicht genug. Es gibt schlechte Menschen, -Geier und Raben, die leben von Leichen und würden uns ebenso -gern anzeigen, um mit Seiner Heiligen Majestät einen Korb -Kohlen wie einen Sack Karolustaler zu teilen. Was besaß die -arme Tannecker, die Wittib des Schneiders Sis, die zu Heyst -lebendig verbrannt ward? Eine lateinische Bibel, drei Goldgülden -und etlichen Hausrat von englischem Zinn, wonach es ihre -Nachbarin gelüstete. Johanna Martens ward als Hexe verbrannt -und zuvor ins Wasser geworfen, denn ihr Körper schwamm -obenauf und das galt für ein Zeichen von Zauberei. Sie hatte -ein paar armselige Stücke Hausrat und sieben Goldkarolus in -der Geldkatze, und der Angeber wollte die Hälfte davon haben. -Ach, so könnte ich bis morgen noch mit Dir sprechen. Aber gestehe -es, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr lebenswert wegen -der Anschläge. Bald wird jegliche Nacht der Karren des Todes -durch die Stadt fahren, und wir werden hier hören, wie das Gerippe -darin mit den Knochen klappert.“</p> - -<p>Soetkin sprach: „Du mußt mich nicht bange machen, Mann. -Der Kaiser ist der Vater von Flandern und Brabant und -als solcher voll Langmut, Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit“.</p> - -<p>„Er würde zuviel dabei verlieren, denn er lebt von den eingezogenen -Gütern“.</p> - -<p>Plötzlich erscholl die Trompete, und die Zimbeln des Stadtherolds -dröhnten. Klas und Soetkin nahmen Ulenspiegel abwechselnd -auf den Arm und liefen mit dem Volkshaufen dem Lärm nach. -Sie kamen vor das Stadthaus. Daselbst hielten zu Pferde die -Herolde, so die Trompete bliesen und die Becken schlugen. Der -Profoß hatte die Rute der Gerechtigkeit und der Amtmann hielt -im Sattel mit beiden Händen eine kaiserliche Verordnung und -schickte sich an, sie dem versammelten Volke vorzulesen.</p> - -<p>Klas verstand wohl, daß es fortan verboten sei, für Alle im Allgemeinen -und im Besonderen, zu drucken, zu lesen, zu haben oder -zu unterstützen die Schriften, Bücher und Lehre von Martin -Luther, Johann Wykliff, Johannes Huß, Marcilius von Padua, -Öcolampadius, Ulrich Zwingli, Philippus Melanchthon, Franciscus -Lambertus, Johannes Bugenhagen, Johannes Pomeranus, -Otto Brunselsius, Justus Jonas, Johannes Puperis und Gorcianus, -desgleichen die neuen Testamente gedruckt von Adrian de -Berghe, Christoph von Remonda und Johannes Zel, die voll -lutherischer und anderer Ketzereien, auch von der theologischen -Fakultät der Universität Löwen verworfen und verdammt waren. -„Noch gleichermaßen zu malen und abzukonterfeien, noch malen -oder abkonterfeien zu lassen schändliche Schildereien oder Bildnisse -von Gott und der Heiligen Jungfrau Maria, oder zu zerreißen, -zu zerbrechen und auszulöschen die Bilder oder Malereien, -die zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis Gottes und -der Jungfrau Maria oder der von der Kirche anerkannten Heiligen -gemacht sind“.</p> - -<p>„Des weiteren,“ sagte die Verordnung, „daß niemand, welches -Standes er sei, sich unterfange, die heilige Schrift mitzuteilen -noch darüber zu disputieren, selbst in zweifelhafter Sache, wenn -anders er nicht ein wohl beleumdeter und von einer berühmten -Universität anerkannter Theologe ist“.</p> - -<p>Seine Heilige Majestät setzte unter anderen Strafen fest, daß die -Verdächtigen niemals ein Ehrenamt ausüben dürften. Was die -Rückfälligen oder in ihrem Irrtum Beharrenden beträfe, so sollten -sie verurteilt werden, bei langsamem oder raschem Feuer verbrannt -zu werden, nach Ermessen des Richters in einer Strohhütte -oder an einen Pfahl gebunden. Die anderen, so sie adlich -oder gute Bürger wären, sollten durch das Schwert hingerichtet -werden, die Bauern am Galgen, die Frauen in der Grube. Ihre -Köpfe sollten zur Warnung auf Pfähle gespießt werden. Zu -Gunsten des Kaisers sollten die Güter aller dieser Personen eingezogen -werden, sofern sie sich an den der Einziehung unterworfenen -Orten befanden.</p> - -<p>Seine Heilige Majestät gewährte den Angebern die Hälfte aller -Habe der Gerichteten, wenn sich ihr Besitz nicht auf hundert Goldgülden -in Flandrischer Währung beliefe. Was des Kaisers Anteil -beträfe, so behielte er sich vor, ihn für fromme und barmherzige -Werke zu verwenden, wie er es bei der Plünderung Roms -getan.</p> - -<p>Klas ging mit Soetkin und Ulenspiegel von dannen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>11</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Dieweil das Jahr gut gewesen, kaufte Klas für sieben Gülden -einen Esel und neun Scheffel Erbsen und bestieg eines Morgens -sein Reittier. Ulenspiegel saß hinten auf. In diesem Aufzuge -wollten sie ihren Oheim und älteren Bruder Jobst Klas besuchen, -der nicht fern von Meyborg in Deutschland wohnte.</p> - -<p>Jobst war in jungen Jahren schlichten und sanften Sinnes gewesen, -doch wunderlich geworden, nachdem er unterschiedliche -Unbill erduldet. Sein Blut wandelte sich in schwarze Galle; er -faßte einen Haß gegen die Menschen und lebte wie ein Einsiedel. -Es war ihm jetzt eine Lust, zwei sogenannte getreue Freunde sich -prügeln zu lassen, und er gab Dem drei Heller, der den andern -am heftigsten durchgewalkt hatte. Auch liebte er es, die ältesten -und zänkischesten Weiber in einem wohlgeheizten Saale in großer -Zahl zu versammeln, und gab ihnen geröstetes Brot und Würzwein -zu trinken. Solchen, die über sechzig alt waren, gab er Wolle in -irgend einer Ecke zu stricken und empfahl ihnen überdies, ihre -Nägel nur immer wachsen zu lassen. Und es war wundersam, -das Gurgeln und Schnalzen der Zungen, das boshafte Geklätsch, -das Husten und rauhe Ausspeien dieser alten Vogelscheuchen zu -hören, welche, die Strickscheide unter der Achsel, gemeinsam die -Ehre des Nächsten zerpflückten.</p> - -<p>Wenn Jobst nun sah, daß sie recht im Zuge waren, warf er eine -Bürste ins Feuer, und wenn sie brannte, war die Luft plötzlich -voll Gestank. Alsbald schrieen die Weiblein alle mitsamt und -ziehen einander, die Ursache des Gestankes zu sein. Da aber alle -die Tatsache leugneten, packten sie sich bald bei den Haaren, und -Jobst warf noch mehr Bürsten ins Feuer und geschnittene Roßhaare -auf den Boden. Wenn er nichts mehr zu sehen vermochte, -dieweil das Handgemenge so wütend, der Rauch so dicht war und -den Staub aufwirbelte, so holte er zwei seiner Knechte, als Gemeinbüttel -verkleidet; die trieben die Alten mit starken Gertenhieben -aus dem Saale, gleich einer Herde wütender Gänse. Und -Jobst, der das Schlachtfeld besichtigte, fand darauf Fetzen von -Röcken, Schuhen und Hemden, auch alte Zähne. Und gar schwermütig -sprach er zu sich: „Mein Tag ist verloren; keine unter -ihnen hat im Handgemenge ihre Zunge eingebüßt“.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>12</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Als Klas das Weichbild von Meyborg erreichte, ritt er durch -ein kleines Holz; der Esel fraß unterwegs Disteln und Ulenspiegel -warf eine Kappe nach den Schmetterlingen und fing sie -wieder auf, ohne den Rücken des Grautiers zu verlassen. Klas -verspeiste eine Schnitte Brot und gedachte sie in der nächsten -Schänke anzufeuchten. Da hörte er von fern ein Glöcklein erklingen -und den Lärm vieler Menschen, die mit einander sprachen. -„Das ist irgend eine Wallfahrt,“ sprach er, „und die Herren Pilger -sind ohne Zweifel reich an Zahl. Halte Dich fest auf dem Langohr, -auf daß sie Dich nicht herunterreißen. Wir wollen es uns besehen. -Holla, Grauer, spüre meine Fersen!“</p> - -<p>Und der Esel lief hurtig.</p> - -<p>Er ließ das Gehölz hinter sich und kam in eine weite Ebene hinab, -die gen Westen ein Fluß begrenzte. Gen Osten war eine -kleine Kapelle erbaut; auf ihrem Giebel ragte ein Bild unserer -lieben Frauen; zu ihren Füßen aber stunden zwei kleine Figuren, -die beide eines Stieres Bild nachahmten. Auf den Stufen der -Kapelle standen lachend ein Eremit, der die Glocke läutete, fünfzig -Burschen, die jeder eine brennende Kerze trugen, sowie Spieler, -Bläser und Schläger von Trommeln, Trompeten und Pfeifen, -Schalmeyen und Dudelsäcken und ein Häuflein lustiger Gesellen, -die mit beiden Händen eiserne Kästen voll alten Eisens hielten; -doch alle waren in jenem Augenblicke still.</p> - -<p>Fünftausend Pilger und mehr kamen zu sieben in engen Reihen -des Weges; sie hatten Helme auf dem Kopf und trugen Stöcke -von grünem Holz. Wenn neue hinzukamen, desgleichen bewehrt -und behelmt, so reihten sie sich mit großem Lärm hinter die andern. -Dann schritten sie, sieben Mann hoch, an der Kapelle vorbei, -ließen ihre Knüppel segnen, empfingen männiglich aus den -Händen der Burschen eine Kerze und entrichteten dafür dem Einsiedel -einen halben Gulden. Und der Zug war so lang, daß die -Kerzen der ersten schon am Ende des Dochtes waren, dieweil -die der letzten schier in allzuviel Talg erloschen.</p> - -<p>Dermaßen sahen Klas, Ulenspiegel und der Esel ganz verblüfft -eine große Mannigfaltigkeit von Bäuchen an sich vorbeiziehen, -dicke, hohe, lange, spitze, stolze, feste oder solche, die schlaff auf -ihre natürlichen Stützen hinabfielen.</p> - -<p>Und alle Pilger waren behelmt. Die einen trugen Helme, die -aus Troja kamen und phrygischen Mützen glichen; andre waren -mit roten Haarbüschen geziert; etliche, ob sie gleich pausbäckig -oder dickbäuchig waren, trugen Helme mit ausgespannten Flügeln, -dachten aber nicht ans Fliegen. Dann kamen solche, die mit -Lattichköpfen geschmückt waren, welche die Schnecken ob der -wenigen Blätter verschmäht hatten. Aber die Mehrzahl trug so -alte und rostige Helme, daß sie aus den Tagen Gambrini, des -Königs des Biers und von Flandern, zu stammen schienen, welcher -König neunhundert Jahre vor unserem Herrn lebte und ein -Schoppenmaß auf dem Haupte trug, auf daß er aus Mangel an -einem Becher nicht zum Dürsten gezwungen würde.</p> - -<p>Plötzlich klangen, ächzten, donnerten, schlugen, kreischten, lärmten -und klirrten Glocken, Dudelsäcke, Schalmeyen, Trommeln -und Eisenstücke. Dieser heidnische Lärm war ein Zeichen für die -Pilger; sie drehten sich um, stellten sich in Rotten von sieben -gegeneinander und warfen sich die brennende Kerze zur Herausforderung -ins Gesicht, welches großes Niesen verursachte. Dann -regnete es grünes Holz. Und sie schlugen aufeinander mit -Füßen, Köpfen, Fersen und allem. Etliche stürzten sich nach der -Weise von Widdern auf ihr Widerpart, mit dem Helme voran, -also daß sie bis an die Schulter darinnen saßen und geblendet -auf eine Rotte wütender Pilger fielen, welche sie unsanft empfingen.</p> - -<p>Andere, die Greiner und Feiglinge waren, jammerten ob der -Schläge; doch dieweil sie ihre erbärmlichen Paternoster murmelten, -stürzten zweimal sieben sich prügelnde Pilger schnell wie -der Blitz über sie her, warfen die armen Jämmerlinge zu Boden -und trampelten sonder Erbarmen darüber hin.</p> - -<p>Und der Einsiedel lachte.</p> - -<p>Andere Rotten, so aneinander hingen wie Beeren an der Traube, -rollten von der Hochebene hinab in den Fluß, allwo sie sich mit -starken Schlägen weiter durchbläuten, ohne daß ihre Wut sich -abkühlte.</p> - -<p>Und der Eremit lachte.</p> - -<p>Die, so auf der Hochebene verblieben waren, schlugen sich die -Augen blau, zerbrachen einander die Zähne, rauften sich die -Haare aus und zerrissen Wams und Hose.</p> - -<p>Und der Einsiedel lachte und sprach:</p> - -<p>„Mut, Freunde, wer gut trifft, der ist bewährt in der Liebe. -Denen, so sich am besten schlagen, lacht die Zärtlichkeit ihrer -Schönen! Bei unsrer lieben Frauen von Rindbisbels, hier sieht -man wahre Männer.“</p> - -<p>Und die Pilger schlugen nach Herzenslust auf einander los.</p> - -<p>Derweil hatte Klas sich dem Einsiedel genähert, indeß Ulenspiegel -den Schlägen mit Lachen und Schreien Beifall zollte.</p> - -<p>„Frommer Vater,“ sprach er, „was haben diese armen Schelme -verbrochen, daß sie sich so grauslich durchprügeln müssen?“</p> - -<p>Der Eremit aber achtete sein nicht und rief:</p> - -<p>„Faullenzer! habt Ihr keinen Mut mehr. Wenn die Fäuste ermüden, -bleiben Euch nicht die Füße? / So wahr Gott lebt! -Es sind etliche unter Euch, die haben ihre Beine, um gleichwie -Hasen von dannen zu laufen. Was holt den Funken aus dem -Stein? Das Eisen, das ihn schlägt. Was belebt die Mannhaftigkeit -der alten Leute, wo nicht eine gute Schüssel voll Prügel, mit -männlicher Wut gewürzet?“</p> - -<p>Bei dieser Rede fuhren die biederen Pilger fort, sich mit Helmen, -Händen und Füßen anzufallen. Es war ein wütendes Handgemenge, -dabei der hundertäugige Argus nichts gesehen hätte, denn -aufgewirbelten Staub und etliche Helmspitzen.</p> - -<p>Plötzlich läutete der Einsiedel die Glocke. Pfeifen, Trommeln, -Trompeten, Dudelsäcke, Schalmeyen und Eisengerümpel hielten -inne mit Lärmen. Und dies war das Zeichen zum Frieden.</p> - -<p>Die Pilgrime lasen ihre Verwundeten auf. Etlichen Kämpen sah -man vor Zorn die geschwollenen Zungen aus den Mäulern hangen; -doch sie gingen von selbst in den gewohnten Gaumen. Das -schwerste war, denen die Helme abzunehmen, die bis an den Hals -darinnen saßen und den Kopf schüttelten und sie doch nicht besser -abschütteln konnten denn unreife Pflaumen.</p> - -<p>Indessen gebot ihnen der Einsiedel:</p> - -<p>„Sprecht ein Ave und kehrt heim zu Euren Weibern. In neun -Monden werden so viel mehr Kinder im Weichbild sein, als es -heute wackre Streiter in der Schlacht gab.“</p> - -<p>Und der Einsiedel sang das Ave und alle sangen mit ihm. Und -das Glöcklein bimmelte.</p> - -<p>Dann segnete der Einsiedel sie im Namen unsrer lieben Frauen -von Rindbisbels und sprach: „Ziehet hin in Frieden!“</p> - -<p>Und sie zogen mit Schreien, Drängen und Singen nach Meyborg. -Und alle Weiber, alt und jung, harrten ihrer auf der Schwelle -der Häuser, in welche sie eindrangen wie Krieger in eine erstürmte -Stadt.</p> - -<p>Die Glocken von Meyborg läuteten mit aller Macht, und die -Knaben schrieen, pfiffen und spielten den Rommelpot. Die -Kannen, Humpen, Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen -klangen wundersam an. Und der Wein floß in Strömen in die -Kehlen.</p> - -<p>Dieweil dieses Klingen erscholl und der Wind den Gesang der -Männer, Weiber und Kinder in Stößen herbeitrug, sprach Klas -aufs neue zu dem Einsiedel und fragte ihn, welche Gnade des -Himmels diese braven Leute durch solch saures Werk zu erlangen -gedächten.</p> - -<p>Der Einsiedel aber antwortete lachend.</p> - -<p>„Du siehst auf dieser Kapelle zwei gemeißelte Bilder, so zwei -Stiere darstellen. Sie sind dort zum Gedächtnis an das Wunder -errichtet, das der heilige Martin tat, da er zwei Rinder in Stiere -verwandelte, dadurch, daß er sie mit den Hörnern auf einander -stoßen ließ und ihnen das Maul mit Talg und grünem Holz einrieb, -wohl über eine Stunde.</p> - -<p>„Da ich nun das Wunder wußte und mit einem gut bezahlten -Breve Seiner Heiligkeit versehen war, so ließ ich mich hier nieder. -Ich beredete alle alten Huster und Schmerbäuche von Meyborg -und Umgegend, und fortan waren sie sicher, daß sie sich unsre -liebe Frau geneigt machten, wenn sie sich weidlich durchbläuten -mit der Kerze, welche die Salbung darstellt, und dem Stock, -welcher die Kraft bedeutet. Die Weiber schicken ihre alten -Männer hierher. Die Kinder, so kraft dieser Wallfahrt zur -Welt kommen, sind gewalttätig, kühn, wild, gewandt und werden -vollkommene Kriegsleute.“</p> - -<p>Plötzlich sagte der Einsiedel zu Klas:</p> - -<p>„Erkennest Du mich?“</p> - -<p>„Ja,“ erwiderte Klas, „Du bist mein Bruder Jobst.“</p> - -<p>„Der bin ich“, sprach der Einsiedel. „Welcher ist aber dieser -kleine Mann, der mir Fratzen schneidet?“</p> - -<p>„Das ist Dein Brudersohn“, gab Klas zur Antwort.</p> - -<p>„Welchen Unterschied machst Du zwischen mir und Kaiser -Karl?“</p> - -<p>„Einen großen“, entgegnete Klas.</p> - -<p>„Einen kleinen,“ sprach Jobst, „denn er läßt die Menschen einander -umbringen und ich lasse sie einander sich schlagen, und das -tun wir beide zu unserem Nutzen und Kurzweil.“</p> - -<p>Dann führte er sie in die Einsiedelei, allwo sie eilf Tage ohne -Ausruhen Schmaus und Gelage hielten.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>13</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Als Klas seinen Bruder verließ, stieg er wieder auf seinen Esel -und nahm Ulenspiegel hinten auf. Er ritt über den Marktplatz -von Meyborg und sah dort eine große Zahl Pilger zuhauf stehen. -Wie diese die Beiden erschauten, wurden sie ergrimmt, schwangen -ihre Stöcke und schrieen plötzlich alle mitsammen: „Schalksnarr!“ -Das geschah wegen Ulenspiegel, welcher seine Hosenklappe aufgemacht, -sein Hemd hochgezogen hatte und ihnen die Kehrseite -wies. Da nun Klas sah, daß es sein Sohn war, welchen sie bedräuten, -fragte er ihn:</p> - -<p>„Was hast Du getan, daß sie so böse auf Dich sind?“</p> - -<p>„Lieber Vater,“ sagte Ulenspiegel, „Du siehst wohl, daß ich stillschweige -und niemand nichts tue, da sagen die Leute, ich sei ein -Schalk!“</p> - -<p>Da setzte Klas ihn vor sich hin.</p> - -<p>So sitzend, streckte Ulenspiegel den Pilgern die Zunge heraus, -und diese schrieen voll Zorn, drohten mit der Faust und erhoben -den Knüppel, um Klas und den Esel zu schlagen.</p> - -<p>Aber Klas gab dem Esel die Fersen, daß er ihrem Grimm entränne, -und dieweil sie ihn verfolgten, sprach er atemlos zu seinem -Sohne:</p> - -<p>„Du bist freilich in einer unglückseligen Stunde geboren. Du sitzest -still und schweigst und tust niemand nichts, und doch wollen sie -Dich totschlagen.“ Ulenspiegel lachte.</p> - -<p>Da sie durch Lüttich kamen, erfuhr Klas, daß die armen Leute -an der Küste großen Hunger litten und daß man sie der Rechtsprechung -des geistlichen Gerichts unterstellt hätte. Sie empörten -sich, um Brot und weltliche Richter zu kriegen. Etliche -wurden enthauptet oder gehenkt, und die andren des Landes verwiesen. -So groß war dazumal die Milde des Hochwürdigen -Herrn von der Marck, des sanften Erzbischofs.</p> - -<p>Auf dem Wege sah Klas die Verbannten, die das liebliche Tal -von Lüttich flohen, und an den Bäumen vor der Stadt hingen -die Leichen derer, so um ihres Hungers willen gehenkt waren. -Und er weinte über sie.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>14</h3> -<hr class="full" /> - -<p>So ritt er auf dem Esel nach Hause, mit einem Sack voll -Heller versehen; den hatte ihm sein Bruder Jobst geschenkt samt -einem schönen Humpen von englischem Zinn. Da gab es in der -Hütte des Sonntags Schlemmereien und werktäglich Feste, denn -sie aßen alle Tage Fleisch und Bohnen. Klas füllte den großen Humpen -aus englischem Zinn mit Doppelbier und leerte ihn oftmals. -Ulenspiegel aß für drei und fuhr in der Schüssel herum wie ein -Sperling in einem Haufen Körner.</p> - -<p>„Jetzt frißt er gar das Salzfaß auf“, sagte Klas.</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Ist das Salzfaß aus einem Stück ausgehölten Brotes gemacht -wie bei uns, so muß man es zuweilen verspeisen, auf daß nicht -die Würmer hineinkommen, wann es alt wird.“</p> - -<p>„Weshalb wischest Du Deine fettigen Hände an Deinen Hosen -ab?“ fragte Soetkin.</p> - -<p>„Damit niemals die Schenkel naß werden“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Darob tat Klas einen tiefen Trunk aus seinem Humpen.</p> - -<p>Ulenspiegel sagte zu ihm:</p> - -<p>„Warum hast Du einen so großen Krug und ich nur einen kläglichen -Becher?“</p> - -<p>Klas antwortete: „Weil ich Dein Vater bin und Herr im Hause.“</p> - -<p>Ulenspiegel entgegnete:</p> - -<p>„Du trinkst seit vierzig Jahren und ich nur seit neun. Deine Zeit -ist vorüber und meine Zeit zum Trinken ist gekommen; es ist also -an mir, den Humpen zu haben, und an Dir, den kleinen Becher -zu nehmen.“</p> - -<p>„Sohn,“ sprach Klas, „das hieße Bier in den Fluß schütten, wenn -man das Maß einer Tonne in ein Fäßlein gießen wollte.“</p> - -<p>„Du wirst also klug tun, wenn Du Dein Fäßlein in meine Tonne gießest, -denn ich bin größer als Dein Humpen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Und Klas gab ihm mit Freuden seinen Humpen zu leeren. Und -so lernte Ulenspiegel seine Worte setzen, um zu trinken.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>15</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Soetkin trug ein Zeichen neuer Mutterschaft unter dem Gürtel. -Katheline war ebenfalls schwanger, wagte aber aus Furcht nicht, -das Haus zu verlassen.</p> - -<p>Da Soetkin sie heimsuchen kam, sprach die betrübte Schwangere: -„Was soll ich tun mit der armen Frucht meines Leibes? Soll ich -sie ersticken? Lieber will ich sterben. Doch wenn mich die Häscher -ergreifen, dieweil ich ein Kind habe und bin nicht verheiratet, so -werden sie mich wie eine Dirne zwanzig Gulden zahlen lassen und -ich werde auf dem Markte gestäupt werden.“</p> - -<p>Soetkin sprach ihr gütlich zu, um sie zu trösten, und verließ sie und -kehrte nachdenklich heim. Also sprach sie eines Tages zu Klas: -„Wenn ich anstatt eines Kindes deren zwei hätte, würdest Du -mich schlagen, Mann?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht“, sagte Klas.</p> - -<p>„Wenn aber das zweite nicht aus meinem Schoß wäre, und ein -Unbekannter, wohl gar der Teufel, hätte es gezeugt?“</p> - -<p>„Die Teufel erzeugen Feuer, Tod und Rauch, aber Kinder, nein. -Ich würde Kathelines Kind wie das meine halten.“</p> - -<p>„Das würdest Du tun?“</p> - -<p>„So sagte ich.“</p> - -<p>Soetkin ging und brachte Katheline die Kunde. Da sie solches -vernahm, wußte sie sich vor Freuden nicht zu lassen und rief -voller Entzücken:</p> - -<p>„Der gute Mann, er hat für das Heil meines armen Leibes gesprochen. -Gott wird ihn segnen, und der Teufel — wenn anders -es ein Teufel war,“ sprach sie mit Zittern, „der Dich armes -Kleines, so sich in meinem Schoße regt, schuf.“</p> - -<p>Soetkin und Katheline brachten die eine ein Knäblein, die andere -ein Mägdlein zur Welt, und alle beide trug Klas als Sohn -und Tochter zur Taufe. Soetkins Sohn ward Hans benannt -und blieb nicht am Leben. Kathelines Tochter aber hieß Nele -und gedieh wohl.</p> - -<p>Sie trank den Lebenssaft aus vier Flaschen, den beiden von -Katheline und den beiden von Soetkin. Und die beiden Frauen -machten sich in Güte streitig, wer dem Kinde zu trinken gäbe. -Doch trotz ihres Wunsches mußte Katheline ihre Milch versiegen -lassen, damit man sie nicht fragte, woher sie käme, ohne das sie -Mutter war.</p> - -<p>Da die kleine Nele, ihre Tochter, entwöhnt war, nahm sie sie -zu sich und ließ sie nicht eher zu Soetkin gehen, als bis sie sie -Mutter genannt hatte. Die Nachbarn aber sagten, es sei -gut von Katheline, die begütert war, daß sie das Kind von -Klasens ernährte, welche ihr mühselig Leben in Armut hinbrachten.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>16</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel war eines Morgens allein zu Hause, und da die -Zeit ihm lang ward, so schnitt er an einem Schuh seines Vaters -herum, auf daß er ein Schifflein daraus machte. Schon hatte -er den Hauptmast in der Sohle aufgerichtet und das Oberleder -durchbohrt, um das Bugspriet darin einzulassen, da sah er durch -die Tür, deren obere Hälfte geöffnet war, den Leib eines Reiters -und einen Roßkopf vorbeiziehen.</p> - -<p>„Ist wer drinnen?“ fragte der Reiter.</p> - -<p>„Anderthalb Mann und ein Pferdekopf.“</p> - -<p>„Wie das?“ fragte der Reiter.</p> - -<p>Ulenspiegel beschied ihn:</p> - -<p>„Weil ich hier einen ganzen Mann sehe, das bin ich, einen halben -Mann, das ist Dein Oberkörper, und einen Pferdekopf, das ist -der Deiner Mähre.“</p> - -<p>„Wo ist Dein Vater und Mutter?“ fragte der Mann.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Mein Vater ist gegangen, das Böse böser zu machen, und -meine Mutter ist dabei, uns Schande oder Schaden zu machen.“</p> - -<p>„Erkläre das!“ sprach der Reiter.</p> - -<p>„Mein Vater gräbt zur Stunde die Löcher in seinem Felde tiefer, -auf daß die Jäger, die das Getreide zerstampfen, darinnen zu -Falle und Schaden kommen. Die Mutter ist gegangen, Geld zu -leihen. Gibt sie zu wenig wieder, so ist es eine Schande für uns, -und gibt sie zu viel, so wird es unser Schade sein.“</p> - -<p>Dann fragte der Mann ihn, wohin er reiten müßte.</p> - -<p>„Da, wo die Gänse sind“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Mann ritt seines Weges und kam in der Weile zurück, da -Ulenspiegel von Klasens zweitem Schuh eine Rudergaleere -machte.</p> - -<p>„Du hast mich gefoppt,“ sprach er, „da, wo die Gänse sind, ist -nur Schlamm und Sumpf, darinnen sie herumpatschen.“</p> - -<p>„Ich habe Dir nicht gesagt, daß du hingehen sollst, wo die Gänse -patschen, sondern wo sie gehen“.</p> - -<p>„Zeige mir wenigstens einen Weg, der nach Heyst geht“, sprach der -Mann.</p> - -<p>„In Flandern gehen die Fußgänger und nicht die Wege“, erwiderte -Ulenspiegel.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>17</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Eines Tages sprach Soetkin zu Klas:</p> - -<p>„Mann, mir blutet das Herz. Nun sind es drei Tage, daß Thyl -das Haus verlassen hat; weißt Du nicht, wo er ist?“</p> - -<p>„Wo die herrenlosen Hunde sind, auf irgend einer Landstraße -mit etlichen Taugenichtsen seiner Art. Gott war grausam, daß -er uns einen solchen Sohn gab. Da er geboren ward, sah ich in -ihm die Freude unserer alten Tage, ein Werkzeug mehr im Hause. -Ich gedachte einen Handwerker aus ihm zu machen, und das böse -Schicksal macht ihn zum Schelm und zum Tagedieb“.</p> - -<p>„Sei nicht so hart, Mann“, sprach Soetkin. „Unser Sohn ist erst -neun Jahre alt und in der Blüte der Jugendtorheit. Muß er -nicht gleich wie die Bäume seine Blatthülsen auf den Weg streuen, -ehe er sich mit den Blättern schmückt, die bei Gewächsen aus -dem Volke Rechtschaffenheit und Tugend heißen? Er ist ein -Schalk, aber seine Schalkheit wird ihm dereinst zum Nutzen gedeihen, -wenn er sie nicht zu schlimmen Streichen, sondern zu -einem nützlichen Handwerk gebraucht. Er macht sich gern über -seinen Nächsten lustig, doch ebenso wird er dereinst seinen Platz -in einer lustigen Bruderschaft behaupten. Er lacht immerdar, -aber die Gesichter, so mürrisch dreinschauen, sind eine üble Vorbedeutung -für die künftigen Mienen. Wenn er läuft, so tut er -es, weil er wachsen muß, maßen er noch nicht in dem Alter ist, wo -man fühlt, daß die Arbeit Pflicht ist. Und wenn er zuweilen eine -halbe Woche lang Tag und Nacht ausbleibt, so weiß er nicht, -welchen Harm er uns zufügt, denn er hat ein gutes Herz und -liebt uns.“</p> - -<p>Klas schüttelte den Kopf und antwortete nichts, und da er schlief, -weinte Soetkin für sich allein. Und am Morgen gedachte sie, daß -ihr Sohn etwa an irgend einer Straßenecke krank läge, und trat -auf die Türschwelle, um zu sehen, ob er nicht heimkehrte; aber sie -sah nichts und setzte sich ans Fenster und schaute von da auf die -Straße. Und manch liebes Mal hüpfte ihr das Herz in der Brust, -wann sie den leichten Schritt eines Knaben hörte. Doch wenn -er vorüberging, sah sie, daß es nicht Ulenspiegel war, und dann -weinte sie, die betrübte Mutter.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>18</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Derweilen war Ulenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Gefährten -in Brügge auf dem Samstagsmarkt.</p> - -<p>Da sah man Schuster und Schuhflicker in besonderen Buden, -Kleiderhändler, Meisenfänger von Antwerpen, die nachts mit -Hilfe einer Eule die Meisen fangen, Geflügelhändler, spitzbübische -Hundefänger, Verkäufer von Katzenfellen für Handschuhe, -Koller und Wämse, und Verkäufer jeglicher Art, Bürger -und Bürgerfrauen, Knechte und Mägde, Brotbäcker, Kellermeister, -Köche und Köchinnen. Und alle, Verkäufer und Kunden, -priesen je nach ihrem Stande die Ware an oder setzten sie -herab, lobten oder schalten sie.</p> - -<p>In einer Ecke des Marktes war ein schönes Leinenzelt mit vier -Pfosten aufgerichtet. Am Eingang stand ein Bauer aus der -Ebene von Alost neben zwei Mönchen, die das Geld einnahmen; -der wies dem neugierigen Frommen um einen Heller ein Stück -vom Schulterknochen der heiligen Marie von Ägypten. Er -grölte mit heiserer Stimme die Verdienste der Heiligen und ließ -in seiner Ballade nicht aus, wie jene aus Mangel an Geld einen -jungen Fergen in schöner Naturmünze zahlte, auf daß sie nicht -wider den heiligen Geist sündigte, wenn sie jenem seinen Lohn -vorenthielte.</p> - -<p>Und die Mönche nickten mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß der -Bauer wahr redete. Neben ihnen stand ein dickes rotes Weib, -wollüstig wie Astarte, die blies mit Gewalt einen gräulichen -Dudelsack, dieweil ein anmutig Mägdlein neben ihr wie eine Grasmücke -sang. Über dem Eingang des Zeltes aber schaukelte an zwei -Stangen, an den Henkeln von Stricken gehalten, ein Kübel mit -Wasser, welches zu Rom geweiht war. So nämlich sang es die -dicke Frau, indeß die beiden Mönche mit dem Kopfe wackelten, -ihre Rede bekräftigend. Ulenspiegel betrachtete den Kübel und -ward nachdenklich.</p> - -<p>An einem der Zeltpfosten war ein Esel angebunden; der war mehr -mit Heu denn mit Hafer gefüttert und schaute gesenkten Hauptes -zu Boden, ohne Hoffnung, daß Disteln daraus emporwüchsen.</p> - -<p>„Gefährten,“ sprach Ulenspiegel und wies mit dem Finger auf -das dicke Weib, die beiden Mönche und den Trübsal blasenden -Esel, „da die Herren so schön singen, muß man auch den Esel zum -Tanzen bringen“.</p> - -<p>So gesagt, ging er zur nächsten Bude, kaufte sich um einen Heller -Pfeffer, hub dem Esel den Schwanz auf und rieb den Pfeffer -darunter.</p> - -<p>Da der Esel den Pfeffer verspürte, blickte er unter seinen Schwanz, -woher ihm solche ungewohnte Wärme käme. Vermeinend, der -feurige Teufel sei da, wollte er laufen, um ihm zu entrinnen, und -hub an zu schreien und auszuschlagen und schüttelte den Pfosten -aus allen Kräften. Der Kübel, der zwischen den Stangen hing, -ergoß beim ersten Ruck all sein Weihwasser über das Zelt und die, -so darinnen waren. Das Zelt aber sank alsbald zusammen und -begrub die Leute, welche die Geschichte der ägyptischen Marie -anhörten, mit einem feuchten Mantel.</p> - -<p>Und Ulenspiegel und seine Genossen hörten lautes Geschrei und -Klagen unter der Leinewand, denn die Frommen, so darunter -waren, ziehen einander, daß sie den Kübel umgeschüttet hätten, -ärgerten sich grün und gelb und schlugen sich mit grimmigen -Faustschlägen. Die Leinewand hob sich unter der Anstrengung -der Kämpfenden. Allemal, wenn Ulenspiegel eine runde Form -sich darauf abzeichnen sah, stach er mit einer Nadel hinein. Dann -gab es noch lauteres Geschrei unter der Leinewand und ward -das Puffen noch grimmer.</p> - -<p>Und er war sehr lustig und ward es noch mehr, als er sah, daß -der Esel davonrannte und Leinewand, Kübel und Pfosten hinterdrein -schleppte, dieweil der Besitzer des Zeltes mit Weib und Kind -sich an das Gerümpel anklammerte. Der Esel konnte nicht mehr -laufen, er hob das Maul in die Luft, und wenn er mit Schreien -innehielt, war es, um unter seinem Schwanz nachzusehen, ob das -Feuer darunter nicht bald erlosch.</p> - -<p>Inzwischen setzten die Frommen ihre Schlacht fort. Die Mönche -aber, ohne an sie zu denken, rafften das Geld auf, das aus dem -Sammelkasten gefallen war, und Ulenspiegel half ihnen andächtig -dabei und nicht ohne Nutzen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>19</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Dieweil des Kohlenträgers nichtsnutziger Sohn an lustiger Bosheit -zunahm, verkümmerte des erhabenen Kaisers kläglicher -Sproß in dürrer Melancholie. Herren und Damen sahen den -Schwächling, wie er durch die Gemächer und Wandelgänge zu -Valladolid seinen gebrechlichen Leib und seine schlotternden Beine -schleppte, welche nur mühsam die Last des dicken Kopfes mit -den blonden Haarborsten trugen.</p> - -<p>Immer suchte er die dunklen Gänge auf und saß stundenlang da -mit gespreizten Beinen. Trat ihm irgend ein Diener aus Versehen -darauf, so ließ er ihn peitschen und fand seine Lust daran, -ihn bei den Schlägen schreien zu hören. Doch er lachte nicht.</p> - -<p>Den nächsten Tag stellte er die nämliche Falle wo anders. Er -setzte sich mit ausgestreckten Beinen in irgend einen Korridor, -und die Damen, Herren oder Pagen, die mehr oder minder eilends -dort vorbeikamen, stolperten über ihn, fielen und taten sich weh. -Auch daran erlabte er sich, doch er lachte nicht.</p> - -<p>Wenn einer von ihnen ihn anrannte und nicht fiel, so schrie er, -als hätte man ihn geschlagen, und es war ihm eine Lust, ihren -Schrecken zu sehen; doch er lachte nicht.</p> - -<p>Seiner heiligen Majestät ward von diesen Anschlägen gemeldet, -doch sie befahl, daß man des Infanten nicht achten solle; denn -sie sagte, wenn er nicht wolle, daß man ihm auf die Beine träte, -so solle er sich nicht da aufhalten, wo die Füße gingen. Solches -mißfiel Philipp, doch er sagte nichts, und man sah ihn nicht mehr, -es sei denn, daß er an einem hellen Sommertag in den Hof ging, -um seinen fröstelnden Leib in der Sonne zu wärmen.</p> - -<p>Eines Tages, da Karl aus dem Kriege heimkehrte, sah er ihn so, -wie er Schwermut brütete.</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach er zu ihm, „wie verschieden bist Du doch -von mir! In Deinen jungen Jahren war meine Kurzweil, auf -Bäume zu klettern und den Eichkatzen nachzustellen. Ich ließ -mich an einem Seil von einer Felsspitze herunter, um die jungen -Adler aus ihrem Horste zu nehmen. Ich konnte bei diesem Spiel -meine Knochen einbüßen, doch sie wurden um so fester. Auf der -Jagd flüchteten die wilden Tiere ins Dickicht, wenn sie mich mit -meinem guten Feuerrohr nahen sahen.“</p> - -<p>„Ach,“ seufzte der Infant, „ich habe Bauchgrimmen, Herr Vater.“</p> - -<p>„Der Wein von Paxaret“, sprach Karl, „ist ein treffliches Mittel -dagegen.“</p> - -<p>„Ich mag keinen Wein, ich habe Kopfweh, Herr Vater.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach Karl, „Du mußt laufen, springen und -Dich tummeln, wie es die Kinder Deines Alters tun.“</p> - -<p>„Meine Beine sind steif, Herr Vater.“</p> - -<p>„Wie könnte es anders sein,“ sprach Karl, „da Du sie ja nicht -mehr brauchst, als wenn sie von Holz wären. Ich werde Dich -auf ein recht mutiges Pferd binden lassen.“</p> - -<p>Der Infant weinte.</p> - -<p>„Bindet mich nicht fest, Herr Vater,“ sprach er, „ich habe Kreuzschmerzen.“</p> - -<p>„So hast Du denn überall Schmerzen?“ fragte Karl.</p> - -<p>„Ich würde kein Leid spüren, wenn man mich in Ruhe ließe,“ -entgegnete der Infant.</p> - -<p>„Gedenkst Du,“ versetzte der Kaiser ungnädig, „Dein königliches -Leben mit Grübelei zu verbringen wie die Schreiber? Mögen -sie, um ihre Pergamente mit Tinte zu beschmieren, Ruhe, Einsamkeit -und Sammlung haben. Du, Sohn des Schwertes, mußt -heißes Blut, des Luchses Auge, die List des Fuchses und die -Kraft des Herkules haben. Weshalb bekreuzigst Du Dich? -Beim Blute Christi, es steht einem jungen Leuen nicht zu, die -Paternoster plappernden Weiber nachzuäffen!“</p> - -<p>„Der Angelus, Herr Vater,“ sprach der Infant.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>20</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Monde Mai und Junius waren im heurigen Jahre wahre -Blütenmonde. Nie noch ward in Flandern so balsamischer Weißdorn, -nie in den Gärten eine solche Fülle von Rosen, Jasmin -und Gaisblatt erschaut. Wann der Wind, der von Engelland -wehte, die Düfte dieses blühenden Landes gen Osten trieb, hub -jedermann, sonderlich in Antwerpen, die Nase frohgemut in die -Luft und sprach:</p> - -<p>„Riechet Ihr den guten Wind, der aus Flandern weht?“</p> - -<p>Derhalben sogen die emsigen Bienen den Honig aus den Blüten, -machten Wachs und legten ihre Eier in die Bienenstöcke, welche -nicht genügten, ihre Schwärme zu fassen. Ihr emsiges Summen -tönte gleich wie Musik unter dem blauen Himmelszelt, das die -Erde strahlend überspannte. Man machte Bienenkörbe aus Binsen, -Stroh, Weiden, geflochtenem Heu, und die Korbmacher, -Küper und Faßbinder machten ihre Werkzeuge dabei schartig. -Was die Schreiner betraf, so konnten sie schon lange den Bedarf -nicht mehr decken. Es gab Schwärme von dreißigtausend -Immen und zweitausend siebenhundert Drohnen. Die Honigwaben -waren so erlesen, daß der Dechant von Damm ob ihres -seltenen Wohlgeschmacks eilf davon dem Kaiser Karl schickte, -zum Danke dafür, daß er durch seine neuen Edikte die Heilige -Inquisition wieder bekräftigt habe. Philipp verspeiste sie, doch -sie taten ihm nicht gut.</p> - -<p>Bettler, fahrendes Volk, Vaganten und all das Gesindel müßiger -Taugenichtse, die ihre Faulheit allerwegen herumschleppen und -sich lieber hängen lassen, denn arbeiten, kamen, vom Wohlgeschmack -des Honigs angelockt, um ihr Teil davon zu haben. -Nachts streiften sie zu Haufen umher.</p> - -<p>Klas hatte Bienenkörbe gefertigt, um Schwärme herbeizulocken. -Etliche waren voll, andre leer und harrten der Bienen. Er hielt -die ganze Nacht Wache, um dies süße Gut zu hüten. Wenn er -müde war, hieß er Ulenspiegel ihn ablösen. Der tat es gerne.</p> - -<p>Nun hatte Ulenspiegel eines Nachts sich vor der Kühle in einen -Bienenstock geflüchtet und blickte zusammengekauert durch die -Löcher, deren zwei oben auf waren. Als er just einschlafen wollte, -hörte er ein Knacken in den Büschen der Hecke und vernahm die -Stimme zweier Männer, die er für Diebsleute hielt. Er schaute -durch eine der Öffnungen und sah, daß alle beide langes Haar -und einen langen Bart trugen, wiewohl der Bart das Abzeichen -des Adels war.</p> - -<p>Sie gingen von Korb zu Korb und kamen schließlich an den seinen. -Ihn aufhebend, sprachen sie:</p> - -<p>„Diesen wollen wir nehmen, denn es ist der schwerste.“</p> - -<p>Und sie trugen ihn auf ihren Knütteln davon.</p> - -<p>Ulenspiegel fand keine Freude daran, daß er im Bienenkorb fortgeschafft -ward. Die Nacht war klar und die Diebe gingen, ohne -ein Wörtlein zu sagen. Alle fünfzig Schritte hielten sie atemlos -an, dann schritten sie weiter. Der Vordere brummte voll Wut, -daß er eine so schwere Last tragen müsse. Der hinten ging, ächzte -schwermütig. Denn es gibt in dieser Welt zwei Arten feiger -Tagediebe, die einen, so auf die Arbeit schelten, und die andren, -die stöhnen, wann es schaffen heißt.</p> - -<p>Ulenspiegel, der nichts zu tun hatte, zog den vordersten Dieb -an den Haaren, und den hintersten am Barte, und so kräftig, -daß der Wütende des Spiels müde ward und zu dem Greiner -sprach:</p> - -<p>„Hör auf, mich an den Haaren zu raufen, oder ich gebe Dir eins -mit der Faust auf den Kopf, also daß er Dir in die Brust fährt -und Du durch Deine Rippen schaust wie ein Dieb durch sein -Kerkergitter.“</p> - -<p>„Ich würde es gar nicht wagen, Freund,“ sprach der Andre, „vielmehr -bist Du es, der mich am Barte zupft.“</p> - -<p>Der Wütende erwiderte:</p> - -<p>„Ich mache nicht Jagd auf das Ungeziefer im Bart eines Aussätzigen.“</p> - -<p>„Herr,“ sprach der Greiner, „laßt den Bienenkorb nicht so stark -schwanken; meine unseligen Arme tragen ihn nimmer.“</p> - -<p>„Ich werde sie Dir ganz und gar ausreißen“, entgegnete der Wüterich.</p> - -<p>Da entledigte er sich seines Lederriemens, setzte den Korb nieder -und sprang auf seinen Gefährten zu. Und sie prügelten sich, der -eine fluchend, der andre um Gnade schreiend.</p> - -<p>Ulenspiegel hörte die Püffe regnen, kroch hervor aus dem Korb, -schleppte ihn bis zum nächsten Gehölz, um ihn allda wieder zu -finden, und kehrte zu Klas heim.</p> - -<p>Solchermaßen finden die Duckmäuser bei Zwistigkeiten ihren -Nutzen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>21</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel fünfzehn Jahre alt war, errichtete er in Damm ein -Zelt auf vier Pfählen und rief aus, daß von nun an jedermann -sein gegenwärtiges und zukünftiges Wesen in einem schönen -Rahmen von Stroh dargestellt sehen könne.</p> - -<p>Wenn ein Rechtsgelehrter kam, recht dünkelhaft und geschwollen -von seiner Bedeutung, steckte Ulenspiegel den Kopf aus dem Rahmen -herfür, schnitt eine Fratze wie ein uralter Affe und sprach:</p> - -<p>„Alter Muffel kann verfaulen, aber nicht gedeihen. Bin ich nicht -trefflich Euer Spiegel, mein Herr mit der Pedantenmiene?“</p> - -<p>So er einen kräftigen Kriegsmann zum Kunden hatte, verbarg -er sich und zeigte anstelle seines Gesichtes inmitten des Rahmens -ein Gericht von Fleisch und Brot. Und sprach:</p> - -<p>„Die Schlacht wird Dich zu Suppe machen. Was gibst Du mir -für mein Prognostikon, Du Freund der großmäuligen Kartaunen?“</p> - -<p>Führte ein alter Mann, der sein greises Haupt ohne Würde trug, -sein junges Weib zu Ulenspiegel, so versteckte sich der, wie er bei -dem Söldner getan, und zeigte im Rahmen einen kleinen Strauch, -daran Messergriffe, Kästlein, Kämme und Schreibzeug hingen, -alles aus Horn. Und rief:</p> - -<p>„Woher kommt dieser artige Tändelkram, Messire? Ist es nicht -vom Hornbaum, welcher im Gehege alter Ehemänner wächst? -Wer wird noch sagen, daß die Hahnreie in einer Republik unnütze -Leute seien?“</p> - -<p>Und Ulenspiegel zeigte sein junges Gesicht neben dem Strauch in -dem Rahmen.</p> - -<p>Da der alte Mann ihn hörte, hustete er vor männlicher Wut, -doch seine Liebste beruhigte ihn mit der Hand und trat lächelnd -zu Ulenspiegel.</p> - -<p>„Und wirst Du mir auch meinen Spiegel zeigen?“</p> - -<p>„Tritt näher“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Sie gehorchte, und alsobald küßte er sie, wo er konnte.</p> - -<p>„In Deinem Spiegel ist stramme Jugend, so in vornehmen Hosenlätzchen -wohnt.“</p> - -<p>Und die Schöne verließ ihn, nicht ohne ihm ein oder zwei Gülden -zu geben.</p> - -<p>Dem feisten Mönch mit den wulstigen Lippen, der sein jetziges -und zukünftiges Wesen zu sehen begehrte, gab Ulenspiegel also -Bescheid:</p> - -<p>„Du bist ein Schrank voll Schinken und wirst ein Gewölbe für -Würzbier sein, denn Salz heischt Getränke, nicht also, Dickbauch? -Gib mir einen Heller dafür, daß ich nicht log.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ erwiderte der Mönch, „wir tragen niemals Geld.“</p> - -<p>„Dann also trägt das Geld Dich,“ sprach Ulenspiegel, „denn -ich weiß, daß Du es zwischen zwei Sohlen unter Deinen Füßen -trägst. Gib mir Deine Sandale.“</p> - -<p>Doch der Mönch sprach:</p> - -<p>„Mein Sohn, das ist Klostergut, ich werde jedoch, wenn es sein -muß, zwei Heller für Deine Mühe herausholen.“</p> - -<p>Der Mönch gab sie ihm und Ulenspiegel nahm sie gnädiglich an. -Also zeigte er den Leuten von Damm, Brügge, Blankenberghe -und wohl gar Ostende ihren Zukunftsspiegel.</p> - -<p>Und statt in seiner vlämischen Mundart zu sagen. „<span class="antiqua">Ick ben u -lieden Spiegel</span>“ — ich bin Euer Liebden Spiegel, sagte er abkürzend, -so wie es noch heutigen Tages in Ost- und Westflandern -gesagt wird: „<span class="antiqua">Ick ben ulen Spiegel</span>“.</p> - -<p>Und daher stammt sein Beiname Ulenspiegel.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>22</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da er größer ward, fand er Gefallen daran, sich auf Messen -und Jahrmärkten zu tummeln. Wenn er einen Querpfeifer oder -Geigenspieler oder einen Dudelsackpfeifer sah, so ließ er sich um -einen Heller die Kunst lehren, diese Instrumenta zum Singen zu -bringen.</p> - -<p>Er ward sonderlich geschickt in der Kunst, den Rommelpot zu -spielen, welches Instrument aus einer Blase, einem Topf und -einem starken Strohhalm gemacht wird. Und so richtete er ihn -her. Er zog die eingeweichte Blase über den Topf, band sie mit -einer Schnur in der Mitte der Blase an den Knoten des Strohhalms, -welcher den Boden des Topfes berührte, und um dessen -Rand zog er dann die Blase, daß sie bis zum Platzen gespannt -war. Am Morgen, wenn die Blase trocken war, gab sie, so -man daraufschlug, einen Ton gleich wie ein Tamburin, und strich -man das Stroh des Instrumentes, so brummte sie besser denn -eine Bratsche. Mit diesem brummenden Topf, der gleich dem -Gebell molossischer Hunde war, zog Ulenspiegel am Dreikönigtag -vor den Haustüren um und sang Weihnachtslieder mit einer Schar -von Kindern, deren eins einen Stern aus güldnem Papier trug.</p> - -<p>Kam irgend ein Malermeister nach Damm, um die Glieder einer -Gilde, so auf dem Bild niederknieten, zu konterfeien, so bat -Ulenspiegel, daß er ihm die Farben reiben dürfte, damit er ihm -seine Arbeit absähe, und wollte keinen andern Lohn nehmen denn -eine Schnitte Brot, drei Heller und einen Schoppen Kräuterbier. -Dieweil er sich mit Farbenreiben abgab, studierte er seines -Meisters Weise. Ging jener fort, so versuchte er es ihm gleich -zu tun, doch er setzte überall Scharlach hin. Er versuchte Klas, -Soetkin, Katheline und Nele abzumalen, desgleichen Kannen -und Kochtöpfe. Klas prophezeite beim Anblick seiner Werke, -wenn er sich wacker hielte, so würde er eines Tages die Gulden -zu Dutzenden verdienen durch Inschriften auf den Speelwaagen, -die in Flandern und Seeland zu Lustbarkeiten dienen.</p> - -<p>Desgleichen lernte er von einem Meister Steinmetz Holz und -Stein schneiden, als dieser kam, um im Chor der Frauenkirche -einen Chorstuhl zu zimmern, der so beschaffen war, daß der -Dechant, ein alter Mann, sich, wenn nötig, darauf setzen konnte -und doch den Anschein hatte, als ob er stünde. -</p> -<p> -Ulenspiegel schnitzte den ersten Messergriff, dessen sich die Leute -von Seeland bedienen. Er machte diesen Griff in Gestalt eines -Käfigs; darinnen befand sich ein beweglicher Totenkopf, darüber -ein liegender Hund. Diese Wahrzeichen bedeuten: „Getreu bis -in den Tod“.</p> - -<p>Und also begann Ulenspiegel die Weissagung Kathelines wahr -zu machen, dieweil er sich als Maler, Bildschnitzer, Bauer und -Edelmann erwies, denn vom Vater auf den Sohn trugen die -Klase drei silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. -Doch Ulenspiegel war in keinem Handwerk beständig, und Klas -sagte zu ihm, wenn dies Spiel andauerte, so würde er ihn aus -der Hütte jagen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>23</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Als der Kaiser vom Kriege heimkehrte, fragte er, warum -sein Sohn Philipp nicht gekommen sei, ihn zu begrüßen.</p> - -<p>Der Erzbischof, des Infanten Erzieher, gab zur Antwort, daß -dieser es nicht gewollt hätte, denn er liebte, so sagte er, nur -Bücher und Einsamkeit. Der Kaiser erkundigte sich, wo er zur -Stunde weilte. Der Erzieher antwortete, daß man ihn überall -suchen müßte, wo es dunkel sei. Und das taten sie.</p> - -<p>Nachdem sie eine gute Zahl Säle durchschritten, kamen sie zuletzt -zu einer Art Kammer ohne Steinfliesen, die durch eine Dachluke -erhellt war. Da sahen sie einen Pfahl in den Boden getrieben -und daran eine ganz kleine, zierliche Meerkatze um den Leib angebunden. -Die war dereinst von Indien gesandt, um ihn durch -ihre jugendliche Kurzweil zu erfreuen. Am Fuße des Pfahles -rauchten rot glimmende Holzscheite und in der Kammer war ein -ekler Gestank von verbranntem Haar.</p> - -<p>Das Tierlein hatte so sehr gelitten, als es in diesem Feuer stak, -daß sein kleiner Körper nicht mehr eines Tieres Leib schien, das -Leben gehabt, sondern der Überrest einer knorrigen, verzerrten -Wurzel. Sein Mund stand offen wie im Todesschrei, man sah -blutigen Schaum und das Wasser seiner Tränen benetzte sein -Antlitz.</p> - -<p>„Wer hat dies getan?“ fragte der Kaiser.</p> - -<p>Der Erzieher wagte keine Antwort zu geben und alle beide blieben -stumm, traurig und voller Zorn.</p> - -<p>Plötzlich drang durch die Stille ein schwaches Husten, welches -aus einer dunklen Ecke hinter ihnen kam. Seine Majestät drehte -sich um und erblickte dort den Infanten Philipp, welcher ganz -schwarz gekleidet war und eine Zitrone aussog.</p> - -<p>„Don Philipp,“ sprach er, „komm und begrüße mich.“</p> - -<p>Ohne sich zu rühren, sah der Infant ihn mit seinen furchtsamen -Augen an, darin keine Liebe war.</p> - -<p>„Bist Du es, der dieses Tierlein an diesem Feuer verbrannt hat?“ -fragte der Kaiser.</p> - -<p>Der Infant senkte den Kopf.</p> - -<p>Da sprach der Kaiser:</p> - -<p>„Warst Du grausam genug, es zu tun, so sei tapfer genug, es -einzugestehen.“</p> - -<p>Der Infant gab keine Antwort.</p> - -<p>Der Kaiser riß ihm die Zitrone aus der Hand und wollte seinen -Sohn schlagen. Der Erzbischof wehrte ihm und sagte ihm ins -Ohr:</p> - -<p>„Hoheit wird eines Tages ein großer Ketzerverbrenner sein.“</p> - -<p>Der Kaiser lächelte und ließ den Infanten mit seiner Meerkatze -allein.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>24</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Der November war gekommen, der Reifmond, wo sich die -Hustenden an der Musik des Ausspeiens ergötzen. Es ist auch -der Monat, da die Buben sich haufenweis auf den Rübenfeldern -tummeln und plündern, so viel sie vermögen, zum großen Zorne -der Bauern, die vergebens mit Knütteln und Forken hinterdreinlaufen.</p> - -<p>Eines Tages nun, da Ulenspiegel vom Räubern heimkam, vernahm -er nicht weit in einer Zaunecke ein Stöhnen. Er bückte sich -und sah auf etlichen Steinen einen Hund liegen.</p> - -<p>„Holla,“ sprach er, „kleines jammerndes Vieh, was treibst Du -da so spät?“</p> - -<p>Dieweil er den Hund streichelte, fühlte er, daß sein Rücken feucht -war, und er dachte, daß man ihn hätte ertränken wollen. Er -nahm ihn auf den Arm, um ihn wieder zu erwärmen.</p> - -<p>Als er ins Haus trat, fragte er:</p> - -<p>„Ich bringe einen Verwundeten mit: was soll ich tun?“</p> - -<p>„Ihn verbinden“, erwiderte Klas.</p> - -<p>Ulenspiegel setzte den Hund auf den Tisch. Da sahen Klas, -Soetkin und er bei dem Lichte der Lampe einen kleinen Luxemburgischen -Rattenfänger, welcher auf dem Rücken verletzt war. -Soetkin wusch die Wunde mit einem Schwamm aus, bestrich sie -mit Balsam und umwickelte sie mit Linnen. Ulenspiegel trug -das Tier in sein Bett, wiewohl Soetkin es in dem ihren haben -wollte. Denn sie fürchtete, sagte sie, Ulenspiegel, der sich damals -herumwarf wie ein Teufel in einem Weihwasserbecken, möchte -den Hund im Schlafe verletzen.</p> - -<p>Doch Ulenspiegel tat, was er wollte, und pflegte seiner so gut, -daß der Verwundete binnen sechs Tagen mit der ganzen Selbstgefälligkeit -der Köter einherlief.</p> - -<p>Und der Schulmeister nannte ihn Titus Bibulus Schnuffius: -Titus zur Erinnerung an den guten römischen Kaiser, welcher -herrenlose Hunde gern auflas, Bibulus, maßen der Hund das -Braunbier gleich wie ein Trunkenbold liebte, und Schnuffius, -dieweil er seine Nase ohn Unterlaß in die Löcher der Ratten und -Maulwürfe steckte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>25</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am Ende der Frauengasse standen zwei Weiden am Rand -eines tiefen Wassers einander gegenüber. Zwischen beiden zog -Ulenspiegel ein Seil, darauf er eines Sonntags Nachmittags -nach der Vesper tanzte, und das so gut, daß ihm der ganze Haufe -der Müßiggänger mit Hand und Stimme Beifall zollte. Dann -stieg er von seinem Seil hinunter und hielt jedermann einen Teller -dar, welcher bald mit Gelde gefüllt war. Er aber leerte ihn in -Soetkins Schürze und behielt nur eilf Heller für sich.</p> - -<p>Am anderen Sonntag wollte er wiederum auf dem Seil tanzen, -doch etliche nichtsnutzige Buben, die ihm seine Behendigkeit -neideten, hatten einen Schnitt in das Seil gemacht, also -daß es nach wenig Sprüngen zerriß und Ulenspiegel ins Wasser -fiel.</p> - -<p>Dieweil er schwamm, um das Ufer zu gewinnen, schrieen die -tapferen kleinen Seilschneider:</p> - -<p>„Wie steht es mit Deiner behenden Gesundheit, Ulenspiegel? Willst -Du die Karpfen auf dem Grunde des Teichs tanzen lehren, Du -unvergleichlicher Tänzer?“</p> - -<p>Ulenspiegel stieg aus dem Wasser, schüttelte sich und schrie ihnen -zu, denn sie liefen davon, aus Furcht vor Prügel:</p> - -<p>„Fürchtet Euch nicht; kommt den nächsten Sonntag wieder, da -will ich Euch Künste auf dem Seil zeigen und Ihr sollt Euren -Teil am Gewinst haben.“</p> - -<p>Am Sonntag darnach hatten die Buben sich wohl gehütet, das -Seil durchzuschneiden, und hielten rund herum Wacht, aus Furcht, -daß irgend wer daran rührte, denn es war viel Volks zugegen.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach zu ihnen:</p> - -<p>„Gebt mir ein jeglicher einen Eurer Schuhe, und ich wette, ich -tanze mit jedem einzelnen, so groß und klein sie auch seien.“</p> - -<p>„Was zahlst Du uns, wenn Du verlierst?“ fragten sie ihn.</p> - -<p>„Vierzig Kannen Braunbier,“ erwiderte Ulenspiegel, „und Ihr -sollt mir drei Heller bezahlen, so ich gewinne.“</p> - -<p>„Wohl“, sprachen sie.</p> - -<p>Und sie gaben ihm männiglich einen ihrer Schuhe. Ulenspiegel -tat sie alle in seine Schürze, und so beladen, tanzte er auf dem -Seil, doch nicht ohne Mühe.</p> - -<p>Die Seilzerschneider schrieen von unten:</p> - -<p>„Du hast gesagt, daß Du mit jedem unserer Schuhe tanzen willst. -Zieh sie also an und halte Dein Wort.“</p> - -<p>Ulenspiegel tanzte immerfort und antwortete:</p> - -<p>„Ich habe nicht gesagt, daß ich Eure Schuhe anziehen will, wohl -aber, daß ich mit Ihnen tanzen will. Nun tanz ich und alles tanzt -mit mir in meiner Schürze. Seht Ihr es nicht mit Euren weit -aufgesperrten Froschaugen? Zahlt mir meine drei Heller.“</p> - -<p>Sie aber verhöhnten ihn und schrieen, er solle ihnen ihre Schuhe -zurückgeben.</p> - -<p>Ulenspiegel warf sie ihnen zu, einen nach dem andren, auf einen -Haufen. Darob entstand ein wildes Getümmel, denn keiner von -ihnen konnte aus dem Haufen seinen Schuh herausfinden, noch -ohne Widerspruch nehmen.</p> - -<p>Da stieg Ulenspiegel vom Seil und begoß die Kämpfenden, aber -nicht mit klarem Wasser.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>26</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da der Infant fünfzehn Jahre alt war, streifte er nach seiner -Gewohnheit durch die Gänge, Treppenflure und Gemächer des -Schlosses. Am häufigsten aber sah man ihn um die Gemächer -der Damen umherstreifen, um den Pagen einen Schabernack zu -spielen, denn sie lagen gleich ihm auf den Fluren wie Katzen auf -der Lauer.</p> - -<p>Andere, so im Hofe standen, sangen mit der Nase in der Luft -ein zärtliches Lied. Wenn der Infant sie hörte, so trat er an -ein Fenster und erschreckte die armen Pagen, welche seine bleiche -Larve anstatt der zärtlichen Augen ihrer Schönen erblickten.</p> - -<p>Unter den Damen des Hofes war eine holdselige Vlämin aus -Dudzeele bei Damm, von hübscher Fülle, eine köstliche reife -Frucht und wundersam schön; denn sie hatte grüne Augen und -rotes Kraushaar, welches in der Sonne wie Gold gleißte. Von -heiterer Laune und feurigem Gemüt, verhehlte sie keinem ihre -Neigung für den glücklichen Ritter, dem sie auf ihrem schönen -Eigentum das himmlische Privilegium freier Liebe verlieh. Zu -der Zeit war es ein hochgemuter, schöner Jüngling, den sie liebte. -Alle Tage zur besprochenen Stunde traf sie ihn, welches Philipp -zu Ohren kam.</p> - -<p>Er setzte sich auf eine Bank, die an einem Fenster stand, und -spähte nach ihr aus. Sie ging an ihm vorbei in ihrem Staatskleid -von gelbem Brokat, das um sie herrauschte, das Auge voll -Leben, den Mund halb geöffnet, munter und frisch dem Bade -entstiegen. Da sie den Infanten sah, sagte er zu ihr, ohne sich -von seiner Bank zu erheben:</p> - -<p>„Señora, könntet Ihr nicht einen Augenblick verweilen?“</p> - -<p>Ungeduldig wie eine Stute, die zu dem schönen Hengst rennen -will, der auf der Wiese wiehert, und im vollen Lauf aufgehalten -wird, sprach sie:</p> - -<p>„Hoheit, ein jeder muß hier Eurem fürstlichen Willen gehorchen.“</p> - -<p>„Setzet Euch neben mich“, sprach er. Und dieweil er sie lüstern, -hart und verschlagen anblickte, fuhr er fort: „Sagt mir das Paternoster -auf vlämisch her; man hat es mich gelehrt, doch ich habe -es vergessen.“</p> - -<p>Die arme Dame mußte also ein Pater hersagen, und er hieß sie -es langsamer zu sprechen. Und so zwang er die Ärmste, an die -zehn Gebete zu sprechen, wo sie die Stunde für andre Oremus -gekommen wähnte. Darnach lobte er sie, sprach von ihren schönen -Haaren, ihren lebhaften Farben, ihren hellen Augen. Doch er -wagte nicht, ihr etwas über ihre vollen Schultern, ihren runden -Busen, noch über andere Dinge zu sagen.</p> - -<p>Wie sie nun wähnte, sich beurlauben zu dürfen, und schon in den -Hof blickte, wo gewißlich ihr Ritter harrte, forschte er sie aus, -ob sie auch wisse, welches die Tugenden der Frau seien. Da sie -keinen Bescheid gab, aus Furcht, nicht das rechte zu treffen, -sprach er für sie und sagte wie ein Vormund:</p> - -<p>„Frauentugenden sind Keuschheit, Sorge um die Ehre und ein -sittiges Leben.“</p> - -<p>Auch riet er ihr, sich ziemlich zu kleiden, und alles, was ihr zu -eigen gehörte, wohl zu verbergen.</p> - -<p>Sie nickte bejahend mit dem Kopf und sagte, daß sie sich für -seine Allernördlichste Hoheit lieber mit zehn Bärenfellen, denn -mit einer Elle Musselin bedecken würde.</p> - -<p>Da sie ihn durch diese Antwort verdutzt gemacht hatte, entwich -sie mit Freuden.</p> - -<p>Jedoch das Feuer der Jugend war auch in der Brust des Infanten -entzündet; aber es war nicht das rasche Feuer, das die starken -Seelen zu hohen Taten treibt, noch die sanfte Glut, die zärtlichen -Herzen Tränen entlockt. Es war eine düstere Lohe, der Hölle -entstiegen, allwo sie sonder Zweifel Satan entfacht hatte. Sie -glänzte in seinen grauen Augen wie im Winter der Mond auf einem -Beinhaus, und brannte ihn grausam.</p> - -<p>Da er keine Liebe für die Anderen fühlte, der arme Duckmäuser, -wagte er nicht, sich den Damen anzubieten. Dann ging er in -einen abgelegenen Winkel, eine kleine, weiß getünchte Kammer, -die durch schmale Fenster erleuchtet war, allwo er sein Naschwerk -zu verspeisen pflegte. Und die Fliegen kamen in Haufen -dorthin um der Krumen willen. Dort liebkoste er sich selbst und -zerquetschte ihnen langsam den Kopf an den Scheiben, und tötete -sie zu Hunderten, bis seine Finger zu stark zitterten, um sein -blutiges Geschäft fortzusetzen. Und er fand eine widrige Lust an -dieser grausamen Kurzweil; denn Wollust und Grausamkeit sind -zwei schändliche Schwestern. Und er verließ diesen Winkel trauriger -denn zuvor, und Männlein und Weiblein flohen, wo sie es -vermochten, das Antlitz dieses Prinzen, das so bleich war, als -hätte er sich von Wundpilzen genährt.</p> - -<p>Und der klägliche Prinz litt, denn böses Herz bringt Schmerz.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>27</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die schöne holdselige Frau verließ eines Tages Valladolid, -um nach ihrem Schlosse Dudzeele in Flandern zu reisen. Da sie -nun, von ihrem fetten Kellermeister gefolgt, durch Damm kam, -sah sie einen jungen Burschen von fünfzehn Jahren an der Mauer -einer Hütte sitzen und den Dudelsack spielen. Vor ihm stand ein -rotbrauner Hund, welcher diese Musik nicht liebte und melancholisch -heulte. Die Sonne schien hell. Neben dem jungen Gesellen -stand ein artig Mägdlein und lachte bei jeglichem Klaggeheul des -Hundes.</p> - -<p>Da die schöne Dame und der Kellermeister an der Hütte vorbei -kamen, betrachteten sie den blasenden Ulenspiegel, die lachende -Nele und den heulenden Titus Bibulus Schnuffius.</p> - -<p>„Du böser Bube,“ sprach die Dame zu Ulenspiegel, „könntest Du -nicht aufhören, diesen armen Hund also zum Heulen zu bringen?“ -Aber Ulenspiegel schaute sie an und blies seinen Dudelsack noch -tapferer. Und Bibulus Schnuffius heulte noch melancholischer, -und Nele lachte noch lauter.</p> - -<p>Der Kellermeister geriet in Zorn und sagte zu der Dame, auf -Ulenspiegel weisend:</p> - -<p>„Wenn ich diese Bettelbrut mit meiner Degenscheide durchfuchtelte, -so würde sie aufhören, solch unverschämten Lärm zu -machen.“</p> - -<p>Ulenspiegel schaute den Kellermeister an, nannte ihn ob seines -Bauches Jan Fressack und fuhr fort, auf seinem Dudelsack zu -blasen. Der Kellermeister trat auf ihn zu und bedrohte ihn mit -der Faust; aber Bibulus Schnuffius stürzte auf ihn los und biß -ihm ins Bein. Der Kellermeister fiel vor Angst nieder und schrie:</p> - -<p>„Zu Hilfe!“</p> - -<p>Lächelnd sprach die Dame zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Könntest Du mir nicht sagen, Dudelsackpfeifer, ob der Weg, -der von Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“</p> - -<p>Ulenspiegel schüttelte den Kopf, ohne im Spielen aufzuhören, -und schaute die Dame an.</p> - -<p>„Was hast Du, mich so anzustaunen?“ fragte sie.</p> - -<p>Doch er, immerdar weiterspielend, riß die Augen auf, als ob er -vor Bewunderung schier verzückt wäre.</p> - -<p>Sie sprach zu ihm:</p> - -<p>„Schämst Du Dich nicht, so jung Du bist, die Damen also anzugaffen?“</p> - -<p>Ulenspiegel ward ein wenig rot, blies weiter und sah sie noch -mehr an.</p> - -<p>„Ich fragte Dich,“ hub sie abermals an, „ob der Weg, der von -Damm nach Dudzeele führt, nicht verändert ist?“</p> - -<p>„Er grünt nicht mehr, seit Ihr ihn des Glückes beraubt, Euch zu -tragen“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Willst Du mich führen?“ fragte die Dame.</p> - -<p>Doch Ulenspiegel blieb sitzen und betrachtete sie unverwandt. -Und ob sie ihn gleich als Schalk erkannte, wußte sie, daß sein -Spiel nichts als Jugend war, und verzieh ihm gerne. Er erhob -sich und wollte ins Haus gehen.</p> - -<p>„Wohin gehst Du?“ fragte sie.</p> - -<p>„Meine Sonntagskleider anlegen“, erwiderte er.</p> - -<p>„Geh“, sagte die Dame.</p> - -<p>Alsdann setzte sie sich auf die Bank neben der Schwelle, und der -Kellermeister tat wie sie. Sie wollte mit Nele sprechen, die aber -antwortete ihr nicht, denn sie war eifersüchtig.</p> - -<p>Ulenspiegel kehrte wohlgewaschen und in Barchend gekleidet zurück. -Er sah schmuck aus in seinem Sonntagsstaat, der Bursche.</p> - -<p>„Gehst Du wirklich mit dieser schönen Dame?“ fragte ihn Nele.</p> - -<p>„Ich komme bald wieder“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Soll ich an Deiner statt gehen?“ fragte Nele.</p> - -<p>„Nein,“ sprach er, „die Wege sind schmutzig“.</p> - -<p>„Mägdlein,“ sprach die Dame erzürnt und gleichfalls eifersüchtig, -„warum willst Du ihn hindern, mit mir zu gehen?“</p> - -<p>Nele gab ihr keine Antwort, doch große Tränen entquollen -ihren Augen, und voll Zorn und Harm sah sie die schöne Dame an. -Sie machten sich ihrer Vier auf den Weg, die Dame gleich einer -Königin auf ihrem weißen, mit schwarzem Sammet gezäumten -Zelter, der Kellermeister, dem der Bauch im Wandern wackelte, -Ulenspiegel, der den Zelter der Dame am Zügel führte, und Bibulus -Schnuffius, der ihm zur Seite schritt und den Schwanz -stets in der Luft trug.</p> - -<p>Also ritten und wanderten sie eine Weile, doch Ulenspiegel war -nicht guter Dinge. Stumm wie ein Fisch zog er den feinen Benzoeduft -ein, der von der Dame ausging, maß von der Seite all -ihre schönen Nesteln, seltenen Kleinodien und Zierarten, desgleichen -ihr holdes Angesicht, ihre glänzenden Augen, ihre bloße -Brust und die Haare, die in der Sonne gleich einer Goldhaube -schimmerten.</p> - -<p>„Weshalb bist Du so wortkarg, Bube?“ fragte sie.</p> - -<p>Er gab keine Antwort.</p> - -<p>„Du hast doch nicht so ganz die Zunge in den Schuhen stecken, -daß Du mir nicht eine Botschaft ausrichten könntest?“</p> - -<p>„Laßt hören“.</p> - -<p>„Du mußt mich hier lassen und nach Koolkerke gehen, nach der -Leeseite, und einem Edelmann, welcher halb schwarz und halb -rot gekleidet ist, bestellen, er möge mich heut nicht erwarten. -Doch am Sonntag um zehn Uhr Nachts, da soll er durch das -Ausfallspförtchen in mein Schloß kommen“.</p> - -<p>„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Warum nicht?“ fragte die Dame.</p> - -<p>„Nein, ich gehe nicht“, sagte Ulenspiegel zum andren Mal.</p> - -<p>Die Dame sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du kleiner zorniger Hahn, was flößt Dir solchen trotzigen -Willen ein?“</p> - -<p>„Ich werde nicht gehen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wenn ich Dir einen Gülden gäbe?“</p> - -<p>„Nein“.</p> - -<p>„Einen Dukaten?“</p> - -<p>„Nein“.</p> - -<p>„Einen Karolustaler?“</p> - -<p>„Nein“, sagte Ulenspiegel abermals. „Und dennoch“, fügte er -mit Seufzen hinzu, „hätt’ ich ihn lieber denn eine Muschelschale -in meiner Mutter Geldkatze“.</p> - -<p>Die Dame lächelte, dann rief sie mit einem Male:</p> - -<p>„Ich habe meine schöne und kostbare Gürteltasche verloren, aus -starrer Seide und mit feinen Perlen bestickt. In Damm hing sie -noch an meinem Gürtel.“</p> - -<p>Ulenspiegel rührte sich nicht, doch der Kellermeister trat herzu.</p> - -<p>„Herrin,“ so sprach er, „schickt nicht diesen jungen Spitzbuben -auf die Suche danach, denn Ihr sähet ihn niemals wieder“.</p> - -<p>„Und wer wird also gehen?“</p> - -<p>„Ich,“ antwortete er, „meinen hohen Jahren zum Trotz.“ Und -er ging von dannen.</p> - -<p>Es läutete Mittag, die Hitze war groß, tief die Einsamkeit. -Ulenspiegel sagte kein Wörtlein, doch er zog sein neues Wams -aus, auf daß sich die Dame im Schatten einer Linde setzen könnte, -ohne die Kühle des Grases zu fürchten. Er aber blieb seufzend -neben ihr stehen.</p> - -<p>Sie blickte ihn an, und es erbarmte sie des schüchternen Knaben. -Sie fragte ihn, ob er es nicht müde sei, so auf seinen allzu jungen -Beinen zu stehen. Er erwiderte kein Wörtlein, und als er sich -neben sie niederfallen ließ, wollte sie ihn auffangen und zog ihn -auf ihre nackte Brust; da blieb er so gern liegen, daß sie vermeint -hätte, die Sünde der Grausamkeit zu begehen, wenn sie -ihm ein ander Schlummerkissen angewiesen hätte.</p> - -<p>Indeß der Kellermeister kam zurück und vermeldete, er habe die -Gürteltasche nicht gefunden.</p> - -<p>„Ich fand sie selbst wieder,“ entgegnete die Dame, „da ich vom -Pferde stieg, denn wie ich sie loshakte, war sie am Steigbügel -hangen geblieben. Jetzo geleite uns nach Dudzeele,“ gebot sie -Ulenspiegel, „und sage mir, wie du heißest“.</p> - -<p>„Mein Schutzpatron ist der heilige Herr Thylbert, das bedeutet, -leichtfüßig, um den guten Dingen nachzulaufen. Mein Vater -heißt Klas und mich heißen sie Ulenspiegel. So Ihr Euch in -meinem Spiegel betrachten wollt, werdet Ihr merken, daß in -diesem ganzen Lande Flandern keine Blume von so blendender -Schönheit ist wie Eure duftende Anmut“.</p> - -<p>Die Dame errötete vor Vergnügen und war Ulenspiegel nicht gram.</p> - -<p>Und Soetkin und Nele weinten ob seines langen Verweilens.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>28</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel von Dudzeele heimkehrte, sah er vor der -Stadt Nele an einem Zaun lehnen. Sie pflückte von einer blauen -Weintraube die Beeren ab und biß eine nach der andern durch. -Sonder Zweifel war ihr solches eine Erfrischung und Ergötzung, -doch sie ließ kein Vergnügen erkennen. Sie schaute im Gegenteil -bös drein und riß die Beeren zornig von der Traube. Sie war so -voller Harm und hatte solch betrübtes, trauriges und holdseliges -Antlitz, daß Ulenspiegel von verliebtem Mitleid erfaßt ward. Er -trat vergnügt hinter sie und gab ihr einen Kuß auf den Nacken. -Sie aber verabreichte ihm als Gegengabe eine tüchtige Maulschelle.</p> - -<p>„Ich sehe darum nicht klarer“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Sie weinte und schluchzte.</p> - -<p>„Nele,“ sprach er, „willst Du jetzo Springbrunnen am Eingang -der Dörfer errichten?“</p> - -<p>„Geh Deiner Wege“, gebot sie.</p> - -<p>„Ich kann doch nicht gehen, wenn Du also weinst, Liebchen.“</p> - -<p>„Ich bin kein Liebchen und ich weine nicht“, sprach Nele.</p> - -<p>„Nein, Du weinst nicht, doch es kommt gleichwohl Wasser aus -Deinen Augen.“</p> - -<p>„Willst Du wohl fortgehen?“</p> - -<p>„Nein,“ sprach er.</p> - -<p>Derweil faßte sie ihre Schürze mit ihren zitternden Händlein und -zerriß sie in Fetzen, und Tränen flossen darauf und benetzten sie.</p> - -<p>„Nele,“ fragte Ulenspiegel, „wird bald schön Wetter?“</p> - -<p>Und er blickte sie mit gar verliebtem Lächeln an.</p> - -<p>„Warum fragst Du mich also?“ sprach sie.</p> - -<p>„Weil, wenn es schön ist, es nicht regnet.“</p> - -<p>„Geh fort zu Deiner schönen Dame im Brokatkleid, die hast Du -ja genugsam zum Lachen gebracht.“</p> - -<p>Da sang Ulenspiegel:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Seh’ ich mein Liebchen weinen,</div> - <div class="verse indent0">Zerreißt es mir das Herz.</div> - <div class="verse indent0">Ist Honig, wenn sie scherzt,</div> - <div class="verse indent0">Sind Perlen ihre Tränen.</div> - <div class="verse indent0">Ich lieb’ sie alleweil</div> - <div class="verse indent0">Und spend’ uns einen Trunk</div> - <div class="verse indent0">Vom guten Wein von Löwen,</div> - <div class="verse indent0">Wenn Nele lächeln will.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Schlechter Mann, Du spottest mein noch!“</p> - -<p>„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „ich bin ein Mann, doch kein schlechter -Bürgerlicher, denn unser edles Geschlecht aus Schöffenstand -hat drei silberne Kannen auf einem Grunde von Braunbier. -Nele, ist’s wahr, daß man im Lande Flandern, wenn man Küsse -säet, Maulschellen erntet?“</p> - -<p>„Ich will Dir nicht Rede stehen,“ sprach Nele.</p> - -<p>„Warum öffnest Du alsdann den Mund, es mir zu sagen?“</p> - -<p>„Ich bin bös“, sprach sie.</p> - -<p>Ulenspiegel gab ihr einen leichten Schlag in den Rücken und -sagte:</p> - -<p>„Küßt die Magd, so schlägt sie Euch, schlagt die Magd, so salbt -sie Euch. Salbe mich also Liebchen, da ich Dich schlug.“</p> - -<p>Nele wandte sich um. Er tat die Arme auf, und sie warf sich, -noch weinend, hinein und sprach:</p> - -<p>„Du gehst nimmer mehr dorthin, nicht wahr, Thyl?“</p> - -<p>Doch er gab keine Antwort, denn er mußte ihre armen zitternden -Finger drücken und mit seinen Lippen ihre heißen Zähren abtrocknen, -welche gleich den großen Tropfen eines Gewitterregens -aus Neles Augen fielen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>29</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zur nämlichen Zeit weigerte Gent, die Edle, ihre Beisteuer zu der -Hilfe, die ihr Sohn Karl, der Kaiser, von ihr heischte. Sie -vermochte es nicht, denn sie war durch Karls Schuld von Geld -entblößt. Das war eine große Missetat, und er beschloß bei -sich, selbst zu gehen, um sie zu züchtigen. Denn der Stock eines -Sohnes bereitet dem Rücken der Mutter mehr Schmerz denn -jeglicher andre.</p> - -<p>König Franz mit der langen Nase, sein Feind, bot ihm an, durch -das Land Frankreich zu reisen. Solches tat Karl, und anstatt -dorten als Gefangener festgehalten zu werden, ward er kaiserlich -gefeiert und auf Händen getragen. Denn es ist ein fürstliches -Übereinkommen, sich gegen die Völker beizustehen.</p> - -<p>Karl verweilte lange Zeit in Valenciennes, ohne irgend ein Zeichen -des Unwillens zu geben. Gent, seine Mutter, lebte ohne Furcht -in dem Glauben, der Kaiser, ihr Sohn, würde ihr verzeihen, daß -sie nach Recht und Sitte gehandelt hatte.</p> - -<p>Karl rückte mit viertausend Mann unter die Mauern der Stadt. -Alba begleitete ihn, desgleichen der Prinz von Oranien. Das -niedre Volk und die kleinen Gewerke hätten gern diesen Einzug -des Sohnes gehindert und die achtzigtausend Mann aus der -Stadt und vom Land aufgebracht; die Reichen aber, Hoogporters -genannt, widersetzten sich dem aus Furcht vor der Übermacht des -Volkes. Dennoch hätte Gent solcherart seinen Sohn mitsamt -seinen viertausend Pferden in Stücke hacken können. Doch die -Stadt liebte ihn, und selbst die kleinen Gewerke hatten wieder -Vertrauen gefaßt. Auch Karl liebte sie, doch um des Geldes -willen, das er von ihr in seinen Truhen hatte und von dem er -noch ein Übriges begehrte.</p> - -<p>Da er sich zum Herrn von Gent gemacht hatte, stellte er allerorten -Posten auf und ließ bei Tag und Nacht Ronden durch die -Stadt streifen. Alsdann sprach er mit großem Pomp ihr Urteil.</p> - -<p>Die vornehmsten Bürger sollten mit dem Strick um den Hals -vor seinen Thron treten und Abbitte tun. Gent ward der einträglichsten -Verbrechen bezichtigt, als da sind: Untreue, Vertragsbruch, -Ungehorsam, Aufstand, Rebellion und Majestätsbeleidigung. -Der Kaiser erklärte jegliche Rechte, Privilegien, -Freiheiten, Satzungen und Bräuche für abgeschafft. Die Zukunft -bindend, gleich als wäre er der Herrgott selbst, setzte er fest, daß -von nun an seine Nachfolger, wann sie zur Herrschaft gelangten, -schwören sollten, nichts zu beobachten, es sei denn die Karolinische -Konzession der Abhängigkeit, die er der Stadt auferlegt.</p> - -<p>Er hieß die Abtei von Sankt Baro dem Erdboden gleichmachen, -um dort eine Feste zu errichten, von wo er nach Lust die Brust -seiner Mutter mit Kugeln durchbohren konnte. Als guter Sohn, -dem es eilte zu erben, ließ er alles Vermögen von Gent einziehen: -Einkünfte, Häuser, Geschütze und Kriegsmunition. Da er die -Stadt allzuwohl verwahrt fand, ließ er den Roten Turm, den -Krötenturm, die Braamport, Steenpoort, Waalpoort, Ketelpoort -niederreißen, und viele andre, so wie Kleinodien aus Stein -gebildet waren.</p> - -<p>Wenn nachmals Fremde nach Gent kamen, sprachen sie unter einander: -„Was ist diese Stadt flach und öde, von der man Wunders -viel gesagt.“</p> - -<p>Und die von Gent antworteten: „Kaiser Karl hat der Stadt -ihren kostbaren Gürtel genommen.“</p> - -<p>Und wenn sie so sprachen, waren sie voll Schmerz und Grimm. -Und aus den Trümmern der Tore nahm der Kaiser Ziegelsteine -für seine Festen.</p> - -<p>Er wollte, daß Gent arm wäre, denn solchermaßen würde es -weder durch Arbeit und Gewerbfleiß noch durch Geld seinen hochfahrenden -Plänen widerstehen können. Er verurteilte also die -Stadt, den verweigerten Anteil zur Beihilfe mit vierhunderttausend -Goldgülden zu zahlen und des Mehreren hundert und -fünfzigtausend Karolus einmal zu zahlen, dazu alljährlich sechstausend -an fortlaufenden Zinsen. Sie hatte ihm Geld dargeliehen, -und er schuldete ihr dafür einen Zins von hundertundfünfzigtausend -Gülden vlämisch. Er ließ sich mit Gewalt die Schuldurkunden -zurückgeben, und indem er also seine Schuld beglich, -bereicherte er sich erklecklich.</p> - -<p>Gent hatte ihn geliebt und ihm zu vielen Malen geholfen, doch -er stieß ihm einen Dolch in die Brust und suchte Blut, dieweil er -nicht Milch genug darinnen fand.</p> - -<p>Darnach richtete er den Blick auf Roeland, die schöne Glocke, -und an ihrem Klöppel ließ er Den henken, welcher Sturm geläutet -hatte, um die Stadt zur Wahrung ihrer Rechte zu rufen. -Er hatte kein Erbarmen mit Roeland, seiner Mutter Zunge, durch -welche sie zu Flandern sprach, Roeland, die stolze Glocke, die -von sich selber sagte:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Als men my slaet dan is’t brandt</span>,</div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Als men my luyt dan is’t Storm in Vlaenderlandt.</span></div> - <div class="verse indent0">Wenn man mich schlägt, ist Brand,</div> - <div class="verse indent0">Wenn man mich läutet, Sturm in Flanderland.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Maßen er fand, daß seine Mutter allzulaut redete, nahm er die -Glocke fort. Und Die vom Lande sagten, daß Gent tot sei, denn -ihr Sohn habe ihr mit eisernen Zangen die Zunge ausgerissen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>30</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In den klaren und frischen Lenztagen, da die Erde voller -Liebe ist, plauderte Soetkin am offenen Fenster und Klas summte -einen Kehrreim, dieweil Ulenspiegel dem Titus Bibulus Schnuffius -ein Richterbarett aufgesetzt hatte. Der Hund arbeitete mit -den Pfoten, gleich als wolle er einen Haftbefehl auswirken, doch -es geschah nur, um sich seiner Kopfbedeckung zu entledigen.</p> - -<p>Plötzlich schloß Ulenspiegel das Fenster, lief in das Zimmer und -sprang auf Stühle und Tische, indeß er die Hände nach der Decke -ausstreckte. Soetkin und Klas gewahrten, daß er sich so unsinnig -gebärdete, um ein Vöglein zu erhaschen, ein gar zierliches, -kleines, das mit zitternden Flügeln an einem Balken im Winkel -der Decke geduckt saß und aus Furcht schrie.</p> - -<p>Ulenspiegel wollte es ergreifen, da sprach Klas mit Nachdruck -zu ihm:</p> - -<p>„Warum springst Du also?“</p> - -<p>„Um ihn zu greifen,“ sprach Ulenspiegel, „in einen Käfig zu -setzen und ihm Körner zu schütten, auf daß er für mich singe.“</p> - -<p>Indessen schrie der Vogel vor Angst, flatterte im Zimmer umher -und stieß mit dem Kopf wider die Fensterscheiben. Ulenspiegel -ließ nicht ab, zu springen. Da legte Klas ihm die Hand -schwer auf die Schulter und sprach:</p> - -<p>„Fang ihn, setz ihn in einen Käfig und laß ihn für Dich singen. -Doch ich werde Dich auch in einen Käfig tun, der mit guten -Eisenstangen verschlossen ist, und werde Dich singen machen. -Du läufst gern; das wirst Du nicht mehr können; Du wirst im -Schatten sein, wenn Dich friert, in der Sonne, wenn Dir heiß -ist. Dann werden wir eines Sonntags ausgehen und vergessen, -Dir Futter zu geben, und nicht eher denn Donnerstags heimkehren. -Und bei der Rückkehr werden wir Thyll verhungert und -starr und steif finden“.</p> - -<p>Soetkin weinte und Ulenspiegel entsprang.</p> - -<p>„Was tust Du?“ fragte Klas.</p> - -<p>„Ich öffne dem Vogel das Fenster“, antwortete er.</p> - -<p>Und wahrlich, das Vöglein, welches ein Distelfink war, flog aus -dem Fenster, stieß einen Freudenruf aus und ließ sich dann auf -einen Apfelbaum nieder. Dort glättete es mit dem Schnabel seine -Flügel, schüttelte sein Gefieder und, sich erbosend, schalt es Ulenspiegel -in seiner Vogelsprache mit tausend Schmähungen.</p> - -<p>Da sprach Klas zu ihn</p> - -<p>„Sohn, raube weder Mensch noch Tier jemals die Freiheit, -welche das größte Gut auf Erden ist. Laß einen jeden in die -Sonne gehen, wann ihn friert, und in den Schatten, wann ihm -heiß ist. Und möge Gott seine Heilige Majestät richten, welche, -nachdem sie den freien Glauben in Flandern in Ketten gelegt, das -edle Gent in einen Käfig der Knechtschaft geworfen hat“.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>31</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Philipp hatte Maria von Portugal geehelicht und ihre Besitzungen -der Krone Spanien einverleibt. Sie genas des Don -Carlos, des grausamen Narren. Doch er liebte seine Gattin nicht. -Die Königin litt an den Folgen ihres Kindbettes. Sie hütete -das Bett und hatte ihre Ehrendamen bei sich, darunter die Herzogin -von Alba. Philipp ließ sie oftmals allein, um Ketzer verbrennen -zu sehen, und alle Herren und Damen vom Hofe taten -desgleichen. Also hielt es auch die Herzogin von Alba, die hochedle -Wächterin des königlichen Kindbettes.</p> - -<p>Um diese Zeit nahm das geistliche Gericht einen vlämischen Bildschneider -gefangen, welcher römischer Katholik war, maßen ihm -ein Mönch den ausbedungenen Preis für ein Holzbild unserer -lieben Frauen verweigert und er der Frau mit dem Meißel ins -Gesicht geschlagen und gesagt hatte, daß er lieber sein Werk zerstören, -denn es zum Spottpreis hergeben wollte.</p> - -<p>Er ward von dem Mönche als Bilderfrevler verklagt, ohn Erbarmen -gefoltert und verurteilt, lebendig verbrannt zu werden. -Während der Folter hatte man ihm die Fußsohlen verbrannt, -und da er mit dem Sanbenito<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> angetan vom Kerker zum Scheiterhaufen -geführt ward, schrie er:</p> - -<p>„Haut die Füße ab! Haut die Füße ab!“</p> - -<p>Philipp hörte dies Geschrei von ferne; es war ihm wohl, aber er -lachte nicht.</p> - -<p>Die Ehrendamen verließen die Königin, um der Verbrennung -beizuwohnen, und nach ihnen ging auch die Herzogin von Alba. -Sie hörte den vlämischen Bildschneider schreien, wollte das -Schauspiel mit ansehen und ließ die Königin allein.</p> - -<p>Da nun Philipp mit seinen hohen Dienern, Prinzen, Grafen, -Stallmeistern und Damen gegenwärtig war, fesselten sie den -Bildschnitzer mit einer langen Kette an einen Pfahl inmitten -eines Kreises von brennendem Stroh und Reisigbündeln, auf daß er -langsam geröstet werde, wann er, dem raschen Feuer entrinnend, -sich an den Pfahl halten wollte. Und alles blickte ihn voll Neugier -an, wie er nackend oder fast nackend versuchte, seine Seelenstärke -der Feuersglut entgegenzusetzen.</p> - -<p>Zur selbigen Zeit hatte die Königin Maria in ihrem Wochenbett -Durst. Die Hälfte einer Melone auf einer Schüssel erblickend, -schleppte sie sich aus ihrem Bette, aß von der Melone und ließ -nichts davon übrig. Dann brach sie in Schweiß aus und es fröstelte -sie, dieweil das Fleisch der Melone kalt war. Sie blieb -auf dem Fußboden liegen und konnte kein Glied rühren.</p> - -<p>„Ach,“ sprach sie, „ich würde wieder warm werden, wenn jemand -mich ins Bett trüge.“</p> - -<p>Da hörte sie den armen Bildschnitzer schreien: „Haut die Füße ab!“</p> - -<p>„Ach,“ sprach die Königin Maria, „ist es ein Hund, der bei -meinem Tode heult?“</p> - -<p>In diesem Augenblick, da der Bildschneider ringsum die Gesichter -hispanischer Feinde gewahrte, gedachte er Flanderns, des -Landes der Männer, kreuzte die Arme, schleppte seine lange Kette -hinterdrein, ging auf die flammenden Stroh- und Reisigbündel -zu und mitten hinein, die Arme verschränkend.</p> - -<p>„Also“, sprach er, „sterben die Vlamen angesichts der spanischen -Henker. Haut die Füße ab, doch nicht mir, sondern ihnen, damit -sie nimmer zum Morden laufen. Es lebe Flandern in alle -Ewigkeit!“</p> - -<p>Und die Damen klatschten ihm Beifall und riefen um Gnade, -da sie seine stolze Fassung sahen. Und er starb.</p> - -<p>Die Königin Maria zitterte am ganzen Leibe, sie weinte, ihre -Zähne schlugen auf einander im Froste des nahenden Todes. Sie -streckte Arme und Beine aus und sprach:</p> - -<p>„Legt mich in mein Bett, auf daß ich warm werde.“</p> - -<p>Und sie starb.</p> - -<p>Und also säete Philipp allerorten Tod, Blut und Tränen, gemäß -der Weissagung Kathelines, der guten Zauberin.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>32</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Doch Ulenspiegel und Nele liebten sich heiß. Es war am -Ende des Aprilmonds, und alle blühenden Bäume, alle saftstrotzenden -Pflanzen harrten des Mai, der von einem Pfauen -begleitet, blütenreich wie ein Blumenstrauß, auf die Erde kommt -und die Nachtigallen in den Büschen singen heißt.</p> - -<p>Oftmals streiften Ulenspiegel und Nele selbander auf den Wegen -umher, Nele hing an Ulenspiegels Arm und umschlang ihn mit -beiden Händen. Er fand an diesem Spiele Gefallen und legte -oftmals seinen Arm um ihre Hüften, um sie besser zu halten, wie -er sagte. Sie war glücklich, aber sie sprach nicht.</p> - -<p>Der Wind wälzte den Duft der Wiesen warm und feucht auf die -Wege. In der Ferne rauschte das Meer träg im Sonnenschein. -Ulenspiegel war hoffärtig wie ein junger Teufel, doch Nele -gleich einer kleinen Heiligen aus dem Paradiese gar verschämt -ob ihrer Freude.</p> - -<p>Sie lehnte den Kopf an Ulenspiegels Schulter; er faßte ihre -Hände, und im Gehen küßte er sie auf die Stirn, die Wangen -und ihren lieblichen Mund. Doch sie schwieg.</p> - -<p>Nach etlichen Stunden waren sie heiß und durstig, tranken Milch -beim Bauern und waren doch nicht erquickt.</p> - -<p>Sie setzten sich an den Rand eines Grabens auf den Rasen. Nele -war ganz bleich und nachdenklich und Ulenspiegel betrachtete sie -furchtsam.</p> - -<p>„Du bist traurig?“ fragte sie.</p> - -<p>„Ja“, sagte er.</p> - -<p>„Warum?“ fragte sie.</p> - -<p>„Ich weiß es nicht,“ sprach er, „aber diese Apfel- und Kirschbäume -in voller Blüte, diese laue Luft, die wie mit dem Feuer des Blitzes -geladen ist, diese Maßliebchen, die sich errötend auf den Auen öffnen, -der Schlehdorn dort nahebei in den Hecken, ganz weiß ... -Wer sagt mir, warum ich mich so unruhig fühle und immerdar -bereit bin, zu sterben oder zu schlafen? Und mein Herz schlägt so -stark, wenn ich die Vögel in den Bäumen erwachen höre und sehe -die Schwalben, die wieder da sind. Dann möchte ich weiter wandern -als Sonne und Mond. Und bald ist mir kalt, bald heiß. -Ach, Nele, ich wollte, ich wäre nicht mehr auf dieser erbärmlichen -Welt, oder ich könnte der, die mich liebte, tausend Leben -geben“ ...</p> - -<p>Aber sie schwieg, und blickte Ulenspiegel mit frohem Lächeln -an.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>33</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am Tage des Totenfestes kam Ulenspiegel mit etlichen Burschen -des nämlichen Alters aus der Frauenkirche. Lamm Goedzak -hatte sich unter sie verirrt wie ein Schaf unter Wölfe. Er zahlte -für alle freigebig die Zeche, denn seine Mutter gab ihm alle Sonn- -und Feiertage drei Heller.</p> - -<p>Er begab sich also mit seinen Kameraden „In den rooden Schildt“ -zu Jan van Liebeke, welcher ihnen „dobbele knollaert“ von Kortrijk -auftrug. Da nun das Getränk sie erhitzte und sie von Gebeten -redeten, sagte Ulenspiegel kühnlich, daß die Seelenmessen -nur für die Pfaffen von Vorteil seien.</p> - -<p>Es war aber ein Judas in der Schar; der zeigte Ulenspiegel als -Ketzer an. Trotz Soetkins Tränen und Klasens Bitten ward -Ulenspiegel ergriffen und gefänglich eingezogen. Er blieb einen -Monat und drei Tage in einem vergitterten Kellerloch, ohne -jemand zu sehen. Der Kerkermeister fraß ihm drei Viertel -seiner Portion auf. Derweilen zog man Erkundigungen über -seinen Leumund ein. Es fand sich nur, daß er ein schlimmer -Spötter war, welcher sich ohne Unterlaß über seinen Nächsten -lustig machte, doch hatte er niemals über den Herrgott, die Frau -Maria und die Herren Heiligen Übles geredet. Darum war sein -Urteil gelinde; ansonst wäre er mit glühenden Eisen im Gesicht -gebrandmarkt und bis aufs Blut gepeitscht worden.</p> - -<p>In Ansehung seiner Jugend verurteilten ihn die Richter nur, in -der ersten Prozession, die aus der Kirche kommen würde, im -Hemde, barhäuptig und barfuß, eine Kerze in der Hand zu tragen -und hinter den Priestern zu schreiten.</p> - -<p>Solches geschah am Tage der Himmelfahrt.</p> - -<p>Dieweil die Prozession in die Kirche zurückkehrte, mußte -er unter dem Torbogen der Frauenkirche stehen und dort -ausrufen:</p> - -<p>„Dank dem hohen Herrn Jesus! Dank den Herren Priestern! -Ihre Gebete sind den Seelen im Fegefeuer wohltuend und gar -kühlend; denn jedes Ave ist ein Eimer Wasser, der auf ihren -Rücken fällt, und jedes Pater ist ein Kübel voll.“</p> - -<p>Und das Volk hörte ihm mit großer Andacht und nicht ohne -Lachen zu.</p> - -<p>Beim Pfingstfest mußte er abermals der Prozession folgen; er -war im Hemd, barfüßig und barhäuptig und hielt eine Kerze in -der Hand. Da nun die Prozession in die Kirche zurückkehrte, -trat er unter den Torbogen, und ehrerbietig seine Kerze haltend, -sprach er mit lauter klarer Stimme, nicht ohne etliche spöttische -Fratzen zu schneiden:</p> - -<p>„Die Gebete der Christen sind für die Seelen im Fegefeuer eine -große Linderung; aber die des Dechanten von unsrer lieben -Frauen, des heiligen Mannes, der in der Ausübung aller Tugenden -vollkommen ist, beruhigen also trefflich die Qualen des -Feuers, daß es sich plötzlich in Gefrorenes wandelt. Aber die -Marterteufel kriegen keinen Tropfen davon.“</p> - -<p>Und das Volk horchte wiederum mit großer Andacht, nicht ohne -zu lachen, und der Dechant lächelte mit geistlichem Behagen.</p> - -<p>Darauf ward Ulenspiegel drei Jahre des Landes Flandern verwiesen -und ward ihm auferlegt, eine Pilgerfahrt nach Rom zu -machen und mit der Absolution des Papstes heimzukehren.</p> - -<p>Klas mußte drei Gülden für dieses Urteil zahlen; einen aber gab -er noch seinem Sohn und versah ihn mit einem Pilgerkleid. Dem -aber brach am Tag seiner Reise schier das Herz. Er umarmte -Klas und Soetkin, die schmerzensreiche Mutter, die ganz in -Tränen zerfloß. Sie gaben ihm ein gut Stück Weges das Geleit, -in Gesellschaft etlicher Bürger und Bürgersfrauen.</p> - -<p>Da Klas wieder in seine Hütte trat, sagte er zu seinem Weibe:</p> - -<p>„Weib, es ist recht hart, für ein paar törichte Worte einen so -jungen Knaben zu dieser strengen Strafe zu verurteilen.“</p> - -<p>„Du weinst, Mann, Du liebst ihn mehr als Du zeigst, denn Du -brichst in männliches Schluchzen aus, das dem Weinen des Leuen -gleicht.“</p> - -<p>Doch er antwortete nichts.</p> - -<p>Nele hatte sich in der Scheune verborgen, auf daß niemand sähe, -daß auch sie um Ulenspiegel weinte. Von ferne folgte sie Soetkin -und Klas und den Bürgern und Bürgersfrauen. Da sie ihren -Freund allein fortziehen sah, lief sie zu ihm und sprang ihm an -den Hals.</p> - -<p>„Du wirst viele schöne Damen dort unten finden“, sagte sie.</p> - -<p>„Schöne, das weiß ich nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „aber frische -wie Du, nein, denn die Sonne hat sie alle verbrannt.“</p> - -<p>Eine lange Weile gingen sie selbander. Ulenspiegel war ganz in -Gedanken und sagte etliche Male:</p> - -<p>„Ich werde sie ihre Seelenmessen bezahlen lassen.“</p> - -<p>„Was für Messen, und wer wird bezahlen?“ fragte Nele.</p> - -<p>Ulenspiegel entgegnete:</p> - -<p>„Alle Dechanten, Pfarrer, Pfaffen, Küster und obere wie untere -Laffen, so uns mit Hirngespinsten mästen. Wär ich ein wackerer -Arbeiter, so hätten sie mir die Frucht von dreijähriger Arbeit gestohlen, -dieweil sie mich zur Pilgerfahrt zwangen. Nun aber ist es -der arme Klas, der zahlt. Sie sollen mir meine drei Jahre -hundertfältig zurückgeben, und ich werde die Seelenmesse von -ihrem Gelde für sie singen.“</p> - -<p>„Ach, Tyll, sei fürsichtig, sie möchten Dich sonst lebendig verbrennen“, -erwiderte Nele.</p> - -<p>„Ich bin von Asbest“, antwortete Ulenspiegel. Dann trennten -sie sich, sie ganz in Tränen, doch er voller Schmerz und Grimm.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>34</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da er durch Brügge kam, und über den Mittwochsmarkt -schritt, sah er daselbst eine Frau durch den Henker und seine -Büttel umhergeführt, und eine große Zahl andrer Weiber schrie -und heulte tausend schmutzige Schimpfworte um sie her. Da -Ulenspiegel sah, daß ihr Kleid oben mit Stücken roten Tuches -besetzt war, auch daß sie den Stein der Gerechtigkeit mit seinen -Eisenketten am Halse trug, erkannte er, daß es eine Frau war, -welche die jungen, gesunden Körper ihrer Töchter zu ihrem Nutzen -verkauft hatte. Man sagte ihm, daß sie Barbe hieße und mit -Jason Darue verheiratet sei. In diesem Aufzug sollte sie von -Platz zu Platz geführt werden, bis sie wieder zum Großen Markt -zurückkam. Allda sollte sie auf ein Gerüst geführt werden, welches -eigens errichtet war. Ulenspiegel folgte ihr mit dem tobenden -Volkshaufen. Auf dem Großen Markt angelangt, ward sie -auf das Gerüst gestellt und an einen Pfosten gebunden, und der -Henker legte ein Häufchen Gras und einen Klumpen Erde vor -sie hin, welches die Grube bedeutete.</p> - -<p>Man erzählte Ulenspiegel auch, daß sie zuvor im Gefängnis gestäupt -worden sei.</p> - -<p>Wie er davon ging, begegnete er Henri le Marischal, einem Erzbettler, -welcher in der Schloßhauptmannschaft von West-Ypern -gehenkt worden war und annoch die Merkmale der Stricke an -seinem Halse zeigte. Er war, so sagte er, gerettet worden, wie er -schon in der Luft hing, nur durch ein gutes Gebet, das er an Unsere -liebe Frau von Hal richtete, also daß nach dem Fortgang der Amtsleute -und Richter die Stricke, die ihn schon nicht mehr würgten, -zerrissen und er auf den Boden fiel und heil und gesund war.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel vernahm nachmals, daß dieser vom Strick befreite -Bettler ein falscher Henri Marischal war, und daß man -ihn seine Lüge allerorten verbreiten ließ, dieweil er Besitzer eines -vom Dechanten Unsrer lieben Frauen von Hal unterzeichneten -Pergaments war. Um dieser Erzählung des Henri Marischal -willen strömten Alle, so von nah oder ferne den Galgen witterten, -besagtem Dechanten zu Haufen in seine Kirche und bezahlten ihn -gut. Und lange Zeit ward Unsere liebe Frau von Hal die Mutter -Gottes der Gehenkten genannt.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>35</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zur selbigen Zeit stellten die Inquisitoren und Theologen dem -Kaiser Karl zum andern Male vor, daß die Kirche zugrunde -ginge, daß ihre Herrschaft verachtet würde und daß er die herrlichen -Siege, so er errungen, den Gebeten der Katholischen Christenheit -verdankte, welche die kaiserliche Macht auf ihrem Throne -erhielte.</p> - -<p>Ein Erzbischof von Spanien heischte von ihm, daß sechstausend -Köpfe abgeschlagen oder ebensoviele Körper verbrannt würden, -auf daß die bösartige lutherische Ketzerei in den Niederlanden -ausgerottet würde. Seine Heilige Majestät dünkte solches nicht -genug.</p> - -<p>Derhalben erblickte auch der arme Ulenspiegel an allen Orten, -durch die er voll Entsetzens zog, nur Köpfe auf Pfählen, junge -Mägdlein in Säcke gesteckt und lebendig in den Fluß geworfen. -Er sah Männer nackend aufs Rad geflochten und mit Eisenstangen -grausam zerschlagen, Frauen in eine Grube geworfen -und Erde auf sie geschüttet, und der Henker tanzte ihnen auf -der Brust, um sie zu zerbrechen. Aber die Beichtiger derer, so -zuvor bereut hatten, verdienten jedesmal zwölf Heller.</p> - -<p>In Löwen sah er die Henker dreißig Lutherische zumal verbrennen, -und der Scheiterhaufen ward mit Schießpulver entzündet. Zu -Limburg sah er eine Familie, Männer und Frauen, Töchter und -Töchtermänner zur Richtstatt schreiten und Psalmen singen. Der -Vater, welcher alt war, schrie, während er verbrannte.</p> - -<p>Und Ulenspiegel wanderte auf der armen Erde und empfand -Furcht und Schmerz.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>36</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Auf freiem Felde schüttelte er sich gleichwie ein Vogel oder -ein losgelassener Hund, und sein Herz ward wieder guten Mutes -angesichts der Bäume, der Wiesen und der hellen Sonne.</p> - -<p>Wie er nun während dreier Tage gewandert war, kam er in die -Gegend von Brüssel, in die mächtige Gemeinde von Uccle. Als -er vor dem Wirtshaus zur Trompete vorbeikam, ward er durch -einen himmlischen Duft von Fleischgerichten angelockt. Er fragte -einen kleinen Betteljungen, welcher, die Nase nach dem Winde -richtend, sich am Wohlgeruch der Tunke ergötzte, wem zu Ehren -sich dieser festliche Weihrauch gen Himmel erhöbe. Der aber -antwortete, daß die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sich -nach der Vesper hier versammelten, um die Befreiung der Gemeinde -durch die Frauen und Mägdlein von einstmals zu feiern.</p> - -<p>Ulenspiegel sah von fern eine Stange mit einem Papageien -darauf und ringsumher mit Bögen bewaffnete Weiber. Er fragte, -ob die Frauen jetzo zu Bogenschützen würden.</p> - -<p>Der Betteljunge, welcher den Duft der Tunke einsog, antwortete, -daß zur Zeit des guten Herzogs die nämlichen Bogen in den Händen -der Frauen von Uccle mehr denn hundert Räuber vom Leben -zum Tode gebracht hätten.</p> - -<p>Ulenspiegel wollte mehr davon wissen, doch der Bube sagte, er -hätte solchen Hunger und Durst, daß er nicht mehr sprechen würde, -es sei denn, daß Ulenspiegel ihm einen Heller für Essen und Trinken -gäbe. Ulenspiegel tat es aus Mitleid.</p> - -<p>Sobald der Bettler den Heller hatte, drang er ins Wirtshaus -zur Trompete wie der Fuchs in den Hühnerstall und kam im -Triumphe zurück, in der Hand eine halbe Wurst und einen dicken -Laib Brot.</p> - -<p>Plötzlich vernahm Ulenspiegel ein sanftes Getön von Schellentrommeln -und Bratschen und sah eine große Schar Frauen tanzen -und unter ihnen ein schönes Weib, das eine güldene Kette um den -Hals trug.</p> - -<p>Der Betteljunge, der vor sattem Behagen lachte, erzählte Ulenspiegel, -daß dieses junge schöne Weib die Königin des Bogenschießens -sei und Mietje hieße und die Ehefrau Seiner Ehren -des Herrn Renonckel, des Gemeindeschöffen wäre. Dann begehrte -er von Ulenspiegel sechs Heller Trinkgeld, und dieser gab -sie ihm. Nachdem er also gegessen und getrunken, setzte sich der -Bettler in die Sonne und stocherte sich die Zähne mit den Nägeln. -Da die Bognerinnen Ulenspiegel in seinem Pilgerkleid erblickten, -begannen sie in der Runde um ihn zu tanzen und sprachen:</p> - -<p>„Guten Tag, schöner Pilger, kommst Du von weit her, Du junger -Fant?“</p> - -<p>„Ich komme aus Flandern, dem schönen Lande, das Überfluß -an verliebten Mägdlein hat“.</p> - -<p>Und er gedachte schwermütig an Nele.</p> - -<p>„Was war Dein Verbrechen?“ fragten sie und hörten mit Tanzen -auf.</p> - -<p>„Ich würde nicht wagen es zu beichten, so groß ist es. Aber ich -habe andere Dinge an mir, die auch nicht klein sind.“</p> - -<p>Da lachten die Weiber und stellten Fragen, warum er solcherart -mit dem Pilgerstab, dem Bettelsack und dem Muschelhut reisen -müßte.</p> - -<p>„Dieweil ich gesagt habe,“ erwiderte er, ein wenig lügend, „daß -die Seelenmessen für die Priester von Nutzen sind.“</p> - -<p>„Sie bringen ihnen klingendes Geld, aber sie sind den Seelen im -Fegefeuer von Nutzen.“</p> - -<p>„Ich war nicht dort“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Willst Du mit uns essen, Pilger?“ sprach die liebreizendste der -Schützinnen zu ihm.</p> - -<p>„Ich will mit Euch essen,“ sagte er, „Dich essen und alle, eine nach -der andern, denn Ihr seid Bissen für einen König, köstlicher zu -beißen denn Fettammern, Drosseln und Schnepfen.“</p> - -<p>„Gott möge Dich ernähren;“ sprachen sie, „das ist ein unbezahlbares -Wildpret.“</p> - -<p>„Wie Ihr Schönen alle“, erwiderte er.</p> - -<p>„Wahrlich, aber wir sind nicht zu verkaufen.“</p> - -<p>„Doch zu geben?“ fragte er.</p> - -<p>„Ja,“ sagten sie, „Schläge für die Allzudreisten. Und wenn Du -deren bedarfst, werden wir Dich wie einen Haufen Korn schlagen.“</p> - -<p>„Ich verzichte darauf.“</p> - -<p>„Komm essen“, sagten sie.</p> - -<p>Er folgte ihnen in den Hof der Herberge, gar froh, diese frischen -Gesichter um sich zu sehen. Plötzlich sah er mit großem Gepränge, -mit Fahne, Trompete, Flöte und Tambourin, die Brüder vom -guten Vollmondsgesicht in den Hof einziehen, welche dem -lustigen Namen ihrer Bruderschaft alle Ehre machten. Da sie -ihn neugierig betrachteten, sagten die Frauen zu ihnen, es sei ein -Pilgrim, den sie am Wege aufgelesen, und da sie an ihm ein gutes -Vollmondsgesicht gewahrt hätten, gleich dem ihrer Gatten und -Bräutigame, so hätten sie ihn geladen, an ihren Lustbarkeiten -teilzunehmen.</p> - -<p>Die Männer fanden gut, was sie sagten, und der Eine sprach:</p> - -<p>„Wallender Pilger, willst Du mit uns durch Tunke und Fleischgerichte -pilgern?“</p> - -<p>„Ich werde Siebenmeilenstiefel dabei anlegen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Da er sich anschickte, mit ihnen in den Festsaal zu treten, gewahrte -er auf der Straße nach Paris zwölf wandernde Blinde. -Da sie an ihm vorüber zogen und über Hunger und Durst klagten, -sagte Ulenspiegel zu sich, daß sie diesen Abend wie Könige tafeln -sollten, auf Kosten des Dechanten von Uccle, zur Erinnerung an -die Seelenmessen.</p> - -<p>Er ging zu ihnen und sprach:</p> - -<p>„Hier sind neun Gulden, kommt essen. Riecht ihr den Duft der -Fleischgerichte?“</p> - -<p>„Ach“, sprachen sie, „seit einer halben Meile sonder Hoffnung.“</p> - -<p>„Da ihr jetzt neun Gulden habt, so werdet ihr essen“, sagte Ulenspiegel, -aber er gab ihnen keine.</p> - -<p>„Gesegnet seiest Du“, sprachen sie.</p> - -<p>Und von Ulenspiegel geführt, setzten sie sich im Kreise um einen -kleinen Tisch, dieweil die Brüder vom Guten Vollmondsgesicht -sich nebst ihren Weibern und Mädchen um einen großen niederließen.</p> - -<p>Indem sie sich mit Sicherheit im Besitz von neun Gulden wähnten, -sprachen die Blinden hochmütig: „Wirt, gib uns vom Besten, -was Du hast, zu essen und zu trinken.“</p> - -<p>Der Wirt, der von neun Gulden hatte sprechen hören, meinte, -daß sie in ihren Geldbeuteln wären, und fragte nach ihrem Begehr.</p> - -<p>Darauf schrieen sie alle zumal:</p> - -<p>„Erbsen mit Speck, ein Geschmortes von Rind, Kalb, Hammel -und Huhn. / Sind die Würste für die Hunde gemacht? / Wer -hat beim Vorbeigehen Blut- und Weißwürste gewittert, ohne sie -beim Kragen zu nehmen? Ach, ich sah sie, da meine armen -Augen mir noch als Leuchten dienten. / Wo sind die Pfannkuchen -mit Anderlechter Butter? Sie zischen im Ofen, saftig, kraß und -erzeugen Durst, Kannen hinunterzugießen. / Wer wird mir -Schinken mit Eiern oder Eier mit Schinken, diese zärtlichen, -brüderlichen Freunde des Gaumens, unter die Nase halten? / -Wo seid ihr himmlischen Choesels, das stolze Fleisch, das inmitten -von Nieren, Hahnenkämmen, Kalbsmilch, Ochsenschwänzen, -Hammelfüßen und viel Zwiebeln, Pfeffer, Nelke und Muskat -herumschwimmt? Das Ganze gedämpft und drei Kannen Weißwein -als Tunke? / Wer führt euch zu mir, ihr herrlichen Leberwürste, -die Ihr so gut seid, daß Ihr kein Wort sagt, wenn man -Euch verschlingt? Ihr kommt geradenwegs aus Schlaraffenland, -dem fetten Lande der glücklichen Bärnhäuter und der -Schlecker unerschöpflichen Tunken. Doch wo seid Ihr, dürre -Blätter der letzten Herbste? / Ich will eine Hammelkeule mit -dicken Bohnen. / Mir Schweinsfähnlein, das sind ihre Ohren. / -Mir einen Rosenkranz von Fettammern; die Paternoster daran -müssen Schnepfen sein und ein fetter Kapaun das Kredo.“</p> - -<p>Der Wirt erwiderte geruhig:</p> - -<p>„Ihr sollt einen Eierkuchen von sechzig Eiern kriegen, und als -Wegweiser für eure Löffel fünfzig Blutwürste, dampfend auf -diesen Berg von Nahrung aufgepflanzt, und dobbel Peterman -obenauf: das wird der Fluß sein.“</p> - -<p>Das Wasser lief den armen Blinden im Munde zusammen und -sie sagten:</p> - -<p>„Trag uns den Berg, den Wegweiser und den Fluß auf.“</p> - -<p>Und die Brüder vom guten Vollmondsgesicht samt ihren Weibern, -die mit Ulenspiegel schon zu Tische saßen, sagten, daß dies für -die Blinden der Tag des unsichtbaren Schmausens sei und daß -die Armen dermaßen die Hälfte ihres Vergnügens einbüßten.</p> - -<p>Da der Eierkuchen kam, mit Petersilie und Kapuzinerkresse bestreut -und vom Wirt und vier Köchen getragen, wollten sich die -Blinden hineinstürzen und fuhren bereits mit den Fingern hinein, -doch der Wirt legte nicht ohne Mühe einem jeden sein Teil in -seinen Eßnapf.</p> - -<p>Die Bognerinnen waren gerührt, da sie sahen, wie jene sich vollstopften -und dabei vor Behagen schnoben; denn sie hatten gewaltigen -Hunger und verschluckten die Würste wie Austern. Der -dobbel Peterman floß in ihre Mägen gleichwie Wasserfälle, die -von den Bergen hinabstürzen.</p> - -<p>Da sie ihre Näpfe geleert hatten, verlangten sie abermals Pfannkuchen, -Fettammern und neue Fleischgerichte. Der Wirt trug -ihnen nun eine große Schüssel mit Ochsen-, Kalb- und Hammelknochen -auf, welche in einer guten Tunke schwammen, legte ihnen -aber nicht vor.</p> - -<p>Da sie aber ihr Brot und ihre Hände bis an die Ellenbogen in -die Brühe getunkt hatten und nur etliche Rippen, Kalbsknochen -und eine Hammelkeule, ja sogar ein paar Ochsenkinnbacken -erwischten, da wähnten sie männiglich, daß die Nachbarn das -ganze Fleisch hätten, und schlugen einander wütend mit den -Knochen ins Antlitz.</p> - -<p>Wie nun die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sie weidlich -verlacht hatten, legten sie einen Teil ihres Festmahls mildtätig -auf die Teller der Armen, und wer von ihnen einen Knochen für -den Kampf suchte, legte die Hand auf eine Drossel, ein Hühnchen -oder etliche Lerchen. Derweil hielten die Frauen ihnen den -Kopf hintenüber und gossen ihnen Brüsseler Wein in Menge hinunter. -Und wenn sie nach Art der Blinden tasteten, woher diese -Ströme von Nektar kämen, erhaschten sie nur einen Frauenrock -und wollten ihn festhalten. Der aber entschlüpfte ihnen unversehens. -Darum lachten, tranken, aßen und sangen sie.</p> - -<p>Etliche, welche die artigen Weiblein witterten, liefen ganz vernarrt -und von Liebe behext durch den Saal, aber die boshaften -Mädchen führten sie in die Irre, versteckten sich hinter einen -Bruder vom guten Vollmondsgesicht und sprachen zu ihnen: -„Küsse mich.“ Solches taten sie, aber anstatt einer Frau küßten sie -das bärtige Antlitz eines Mannes, nicht ohne barsche Abweisung. -Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht sangen; sie sangen alle -zumal. Und die lustigen Weiblein lachten voll innigen Wohlgefallens, -da sie ihre Freude sahen.</p> - -<p>Als diese nahrhaften Stunden vorüber waren, sagte der Baas -zu ihnen:</p> - -<p>„Ihr habt gut gegessen und getrunken; ich bekomme sieben -Gulden.“</p> - -<p>Jeder von ihnen schwur, er hätte die Börse nicht, und beschuldigte -seinen Nachbarn. Daraus entstand eine Schlacht unter -ihnen, darin sie versuchten, sich mit Füßen, Fäusten und Köpfen -zu stoßen, aber sie vermochten es nicht und schlugen ins Leere, -denn die Brüder vom guten Vollmondsgesicht, da sie das Spiel -sahen, trennten sie von einander. Und die Schläge regneten in -die Luft, einen ausgenommen, welcher durch ein Mißgeschick in -das Gesicht des Baas fiel. Der aber ward zornig, untersuchte -sie alle und fand nichts denn ein altes Skapulier, sieben Heller, -drei Hosenknöpfe und ihre Rosenkränze.</p> - -<p>Er wollte sie in den Schweinestall werfen, bis für sie bezahlt -würde, was sie schuldig waren.</p> - -<p>„Soll ich für sie bürgen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ja,“ erwiderte der Baas, „wenn jemand für Dich bürgt.“</p> - -<p>Die guten Vollmondsgesichter wollten das tun, doch Ulenspiegel -hinderte sie und sprach:</p> - -<p>„Der Pfarrer wird Bürge sein, ich werde ihn aufsuchen.“</p> - -<p>Der Seelenmessen gedenkend, ging er zum Pfarrer und erzählte -ihm, wie der Baas der „Trompete“ vom Teufel besessen sei. Er -spräche von nichts denn von Schweinen und von Blinden, daß -die Schweine die Blinden und die Blinden die Schweine fräßen, -unter mancherlei unheiligen Formen von Braten und Fleischgerichten. -Während dieser Anfälle, so sagte er, zerbräche er alles -im Hause; und er bat ihn hinzukommen und den armen Menschen -von diesem bösen Geist zu befreien.</p> - -<p>Solches versprach der Pfarrer ihm, bedeutete ihm aber, daß er -nicht sogleich mitkommen könne; denn er machte just die Abrechnungen -des Kapitels und trachtete dabei nach seinem Vorteil. -</p> -<p> -Da Ulenspiegel sah, daß er ungeduldig war, sagte er, daß er mit -der Frau des Baas wiederkommen werde und daß der Pfarrer -selbst mit ihr sprechen könne.</p> - -<p>„Kommt alle beide“, sprach der Pfarrer.</p> - -<p>Ulenspiegel ging wieder zum Wirt und sprach:</p> - -<p>„Ich habe den Pfarrer gesprochen, er wird für die Blinden -Bürgschaft leisten. Dieweil Ihr sie bewacht, lasset die Wirtin -mit mir zu ihm gehen; er wird ihr wiederholen, was ich Euch -sagte.“</p> - -<p>„Gehe hin, Weib“, sprach der Baas.</p> - -<p>Die Wirtin ging mit Ulenspiegel zum Pfarrer, welcher nicht aufhörte -zu rechnen, um einen Vorteil für sich herauszufinden. Da -sie mit Ulenspiegel bei ihm eintrat, winkte er ihr voll Ungeduld -mit der Hand, daß sie fort gehen sollten, und sprach:</p> - -<p>„Beruhige Dich, ich werde Deinem Manne in einem oder zwei -Tagen zu Hilfe kommen.“</p> - -<p>Und da Ulenspiegel nach der Trompete zurückkam, sprach er zu -sich selbst: „Er wird hundert Gülden zahlen, und das soll meine -erste Seelenmesse sein.“</p> - -<p>Und er machte sich auf, desgleichen die Blinden.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>37</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel sich am folgenden Tage auf einer Landstraße -inmitten viel Volkes befand, folgte er ihm und erfuhr alsbald, -daß dies der Tag der Wallfahrt nach Alsenberg wäre.</p> - -<p>Er sah arme alte Weiblein, die für einen Gulden barfuß rückwärts -gingen, um die Sünden etlicher fürnehmer Damen abzubüßen. -Am Wegraine hielten etliche Wallfahrer beim Klange -von Geigen, Bratschen und Sackpfeifen Schmausereien von gebackenen -Fischen und Zechereien von Braunbier. Und der Dampf -der leckeren Fleischgerichte stieg wie ein lieblicher Opferduft gen -Himmel.</p> - -<p>Aber es waren da andere Pilger, Bauern, Bettler und Hungerleider, -welche, von der Kirche bezahlt, für sechs Sous rückwärts -gingen.</p> - -<p>Ein kleines, ganz kahlköpfiges Männlein mit weit aufgerissenen -Augen und scheuer Miene sprang rückwärts hinter ihnen, indeß -es seine Vaterunser abbetete. Ulenspiegel wollte wissen, um was -der Mann solcherart die Krebse nachäffte, trat vor ihn und -sprang lächelnd in gleicher Art. Die Geigen, Pfeifen, Bratschen -und Dudelsäcke und das Ächzen der Pilger machten die Tanzmusik.</p> - -<p>„Jan van den Duivel,“ sprach Ulenspiegel, „läufst Du auf solche -Weise, um sicherer zu fallen?“</p> - -<p>Der Mann antwortete nicht und fuhr fort, seine Paternoster zu -murmeln.</p> - -<p>„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „willst Du wissen, wieviel Bäume -auf dem Wege sind? Aber zählst Du nicht auch die Blätter -daran?“</p> - -<p>Der Mann, der ein Kredo betete, winkte Ulenspiegel zu schweigen.</p> - -<p>„Vielleicht“, sagte dieser und hüpfte immer vor ihm her, dieweil -er ihm nachahmte, „gehst Du um eines plötzlichen Wahnsinns -willen anders denn alle Welt. Doch wer will einem Narren eine -weise Antwort entlocken, der ist selbst nicht weise. Ist es nicht -also, mein Herr mit dem kahlen Fell?“</p> - -<p>Da der Mann noch immer nicht antwortete, fuhr Ulenspiegel fort -zu hüpfen; doch er vollführte dabei einen solchen Lärm mit seinen -Sohlen, daß der Weg widerhallte gleich wie eine hölzerne Kiste.</p> - -<p>„Vielleicht“, sprach Ulenspiegel, „seid Ihr stumm, mein Herr?“</p> - -<p>„<span class="antiqua">Ave Maria</span>,“ sprach der Mann, „<span class="antiqua">gratia plena et benedictus -fructus ventris tui Jesus</span>.“</p> - -<p>„Oder vielleicht seid ihr auch taub?“ fragte Ulenspiegel. „Das -werden wir sehen: Man sagt, daß die Tauben weder Lobsprüche -noch Schimpfwörter hören. Laß sehen, ob das Trommelfell -Deiner Ohren von Haut oder von Erz ist. Du Laterne ohne -Licht, Du Trugbild eines Fußgängers, glaubst Du einem Manne -zu gleichen? Das wird geschehen, wenn sie aus Lumpen gemacht -werden. Wo sah man je solche gelbliche Fratze, solchen kahlen -Schädel, wenn nicht auf dem Galgenacker? Bist Du nicht vor -Zeiten gehenkt worden?“</p> - -<p>Und Ulenspiegel tanzte und der Mann ward zornig, sprang grollend -rückwärts und murmelte seine Paternoster mit geheimem -Verdruß.</p> - -<p>„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „verstehst Du nur Hochvlämisch, -ich werde Platt zu Dir sprechen. Wenn Du nicht ein Vielfraß -bist, so bist Du ein Trunkenbold. Bist Du aber kein Trunkenbold, -sondern ein Wassertrinker, so bist du ein Schalk, der irgendwo -verstopft ist, und bist Du nicht verstopft, so hast Du Durchfall. -Bist Du nicht ein Wüstling, so bist Du ein Kapaun. Wenn es -Mäßigkeit gibt, so erfüllt sie nicht die Tonne Deines Bauches, -und wenn es auf tausend Millionen Menschen, so die Erde bevölkern, -nur einen Hahnrei gäbe, so wärest Du es“.</p> - -<p>Bei dieser Rede fiel Ulenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine -in die Luft, denn der Mann hatte ihm einen solchen Faustschlag -unter die Nase versetzt, daß er mehr denn hundert Lichter blitzen -sah. Dann fiel er behende über ihn her, trotz der Last seines -Bauches, und schlug ihn überall, und die Schläge regneten gleich -wie Hagel auf Ulenspiegels mageren Körper. Und sein Knüppel -fiel zu Boden.</p> - -<p>„Lerne aus dieser Lehre,“ sprach der Mann zu ihm, „daß du die -rechtschaffenen Leute, die auf die Wallfahrt gehen, nicht hänselst. -Denn wisse wohl, ich gehe auch nach Alsenberg, wie es Brauch -ist, um die heilige Frau Maria zu bitten, daß sie ein Kind, das -meine Frau empfangen, da ich auf Reisen war, eine Fehlgeburt -werden lasse. Um eine so große Wohltat zu erlangen, muß man -vom zwanzigsten Schritt nach der Wohnung bis zu den untersten -Kirchenstufen rückwärts gehen und tanzen, ohne zu sprechen. Ach, -jetzt muß ich von vorn anfangen.“</p> - -<p>Ulenspiegel hatte seinen Stock aufgehoben und sagte:</p> - -<p>„Ich will Dir helfen, Du Taugenichts, dem die Mutter Gottes -dienen soll, die Kinder im Mutterleibe zu töten.“</p> - -<p>Und er hub an, den boshaften Hahnrei so grausam zu prügeln, -daß er ihn für tot auf dem Wege liegen ließ.</p> - -<p>Dieweilen stieg das Gestöhn der Wallfahrer, die Töne der Pfeifen, -Bratschen, Geigen und Dudelsäcke immerwährend gen Himmel -und gleich wie ein reiner Weihrauch der Dampf der gebackenen -Fische.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>38</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Klas, Soetkin und Nele schwätzten am Kaminfeuer und unterhielten -sich über den wallenden Pilger.</p> - -<p>„Mädchen,“ sagte Soetkin, „warum kannst Du ihn nicht durch -die Macht des Jugendzaubers immer bei uns halten!“</p> - -<p>„Ach,“ sprach Nele, „ich kann es nicht.“</p> - -<p>„Das kommt,“ erwiderte Klas, „weil er einen entgegengesetzten -Zauber hat, der ihn treibt zu laufen, ohne sich je auszuruhen, -es sei denn, wenn er sein Maulwerk arbeiten läßt.“</p> - -<p>„Der häßliche Schalk“, seufzte Nele.</p> - -<p>„Ein Schalk,“ sprach Soetkin, „das gebe ich zu, aber häßlich, nein. -Wenn mein Sohn Ulenspiegel kein griechisches oder römisches Antlitz -hat, um so besser; denn aus Flandern sind seine flinken Füße, -vom Franken aus Brügge seine klugen, braunen Augen, und seine -Nase und Mund sind von zwei Füchsen gemacht, die Meister in -den Wissenschaften der Schalkheit und der Bildschneiderei sind.“</p> - -<p>„Wer machte ihm denn die Arme eines Faullenzers, und Beine, -die allzu behend sind, dem Vergnügen nachzulaufen?“ fragte Klas.</p> - -<p>„Sein allzu junges Herz“, erwiderte Soetkin.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>39</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zu jener Zeit kurierte Katheline durch Heilkräuter einen Ochsen, -drei Hämmel und ein Schwein, die Speelman gehörten; eine Kuh -aber, die Jan Beloen hatte, konnte sie nicht heilen. Dieser klagte -sie der Zauberei an. Er erklärte, daß sie das Tier behext hätte, -in Ansehung dessen, daß sie es streichelte und zu ihm sprach, dieweil -sie ihm die Heilkräuter gab, sonder Zweifel in einer teuflischen -Sprache, denn eine rechtschaffene Christin soll nicht zu -einem Tiere reden.</p> - -<p>Besagter Jan Beloen fügte hinzu, daß er Speelmanns Nachbar -sei, welchem sie den Ochsen, die Hämmel und das Schwein kuriert -habe. Wenn sie seine Kuh umgebracht habe, so sei das sonder -Zweifel auf Anstiften Speelmanns geschehen, welcher mit Neid -sähe, daß seine, Beloens Äcker, besser bestellt wären und mehr Frucht -trügen denn seine, Speelmanns Äcker. Auf das Zeugnis von Pieter -Meulemeester, einem Manne von gutem Wandel und Sitten, -sowie von Jan Beloen, welche bezeugten, daß Katheline in -Damm als Hexe verrufen sei und sonder Zweifel die Kuh umgebracht -habe, ward Katheline gefänglich eingezogen und verurteilt, -gefoltert zu werden, bis sie ihre Verbrechen und Missetaten -bekannt hätte.</p> - -<p>Sie ward durch einen Schöffen verhört, der beständig wütend -war, denn er trank den ganzen Tag Branntwein.</p> - -<p>Vor ihm und den Männern der Vierschare ward Katheline auf -die erste Folterbank gelegt. Der Henker zog sie ganz nackt aus, -dann schor er ihr die Haare am ganzen Körper und sah überall -nach, ob sie irgend einen Zauber verberge. Da er nichts gefunden -hatte, band er sie mit Stricken auf die Folterbank fest.</p> - -<p>Da sprach sie:</p> - -<p>„Ich schäme mich, also nackt vor diesen Männern zu sein, heilige -Frau Maria macht, daß ich sterbe.“</p> - -<p>Alsobald legte ihr der Henker nasse Lappen auf die Brust, den -Leib und die Beine, hob die Bank in die Höhe und goß ihr heißes -Wasser in so großer Menge in den Magen, also daß sie ganz -aufgeblasen schien. Dann ließ er die Bank zurückfallen.</p> - -<p>Der Schöffe fragte Katheline, ob sie ihr Verbrechen bekennen -wollte. Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Henker goß -ihr noch mehr heißes Wasser ein, aber Katheline brach alles aus. -Da ward sie auf Anraten des Arztes losgebunden. Sie sprach -nicht, aber sie schlug sich auf die Brust, zum Zeichen, daß das -heiße Wasser sie verbrannt hätte. Als der Schöffe sah, daß sie -sich von dieser ersten Folter erholt hatte, sagte er zu ihr:</p> - -<p>„Bekenne, daß Du eine Hexe bist und daß Du die Kuh verzaubert -hast“.</p> - -<p>„Ich werde nicht bekennen“, sagte sie. „Ich liebe alle Tiere, so -sehr mein armes Herz vermag, und lieber würde ich mir ein -Leides tun als ihnen, so sie sich nicht verteidigen können. Um -die Kuh zu heilen, habe ich die Mittel angewandt, die von Nöten -sind“.</p> - -<p>Doch der Schöffe erwiderte:</p> - -<p>„Du hast ihr Gift gegeben, denn die Kuh ist tot“.</p> - -<p>„Herr Schöffe,“ sprach Katheline, „ich bin hier vor Eurem -Richterstuhl und in Eurer Gewalt. Dennoch wage ich Euch zu -sagen, daß ein Tier an einer Krankheit sterben kann wie ein -Mensch, trotz des Beistandes der Chirurgen und Ärzte. Und ich -schwöre beim allerhöchsten Herrn Christus, der gern bereit war, -für unsere Sünden am Kreuze zu sterben, daß ich dieser Kuh -nichts antun wollte, sondern vielmehr sie durch einfache Mittel -heilen.“</p> - -<p>Da sagte der Schöffe wütend:</p> - -<p>„Diese Teufelsdirne soll nicht unaufhörlich leugnen. Bringt sie -auf eine andere Folterbank!“</p> - -<p>Und er trank ein großes Glas Branntwein.</p> - -<p>Der Henker setzte Katheline auf den Deckel eines Sarges von -Eichenholz, welcher auf Holzböcken ruhte. Besagter Deckel in -Form eines Daches war scharf wie eine Klinge. Im Kamin -brannte ein großes Feuer, denn es war im Monat November. -Da Katheline auf dem Sarge und auf einem Spieß von spitzem -Holze saß, ward sie mit zu engen Schuhen aus frischem Leder bekleidet -und vor das Feuer geschoben. Als sie fühlte, wie das -schneidende Holz des Sarges und der spitze Spieß in ihr Fleisch -drang und die Glut das Leder ihrer Schuhe erhitzte und zusammenzog, -schrie sie:</p> - -<p>„Ich leide tausend Schmerzen! Wer gibt mir schwarzes Gift?“</p> - -<p>„Rückt sie näher ans Feuer“, gebot der Schöffe.</p> - -<p>Dann befragte er Katheline:</p> - -<p>„Wie oft bist Du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? -Wie oft hast Du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem -Baum, das Ungeborne im Mutterleibe zu Grunde gerichtet? -Wie oft hast du aus zwei Brüdern geschworne Feinde und aus -zwei Schwestern Nebenbuhlerinnen voll Haß gemacht?“</p> - -<p>Katheline wollte sprechen, doch sie vermochte es nicht, und bewegte -die Arme, wie um nein zu sagen. Der Schöffe sagte -darauf:</p> - -<p>„Sie wird nicht eher sprechen, als bis sie am Feuer all ihr Hexenfett -schmelzen fühlt. Rückt sie näher heran“.</p> - -<p>Katheline schrie. Der Schöffe sprach zu ihr:</p> - -<p>„Bitte Satan, daß er Dich kühle“.</p> - -<p>Sie machte eine Bewegung, als sei sie willens, ihre Schuhe -auszuziehen, die bei der Feuersglut rauchten.</p> - -<p>„Bitte Satan, daß er Dir die Schuhe auszieht“, sprach der -Schöffe.</p> - -<p>Es schlug zehn Uhr, die Mittagszeit des Wüterichs; er ging mit dem -Henker und dem Schreiber hinaus und ließ Katheline allein vor -dem Feuer in der Folterkammer.</p> - -<p>Um eilf Uhr kamen sie zurück und fanden Katheline steif und -unbeweglich sitzend. Der Schreiber sprach:</p> - -<p>„Mich deucht, sie ist tot.“</p> - -<p>Der Schöffe befahl dem Henker, Katheline vom Sarge zu nehmen -und ihr die Schuhe auszuziehen. Der Henker konnte sie nicht -ausziehen und schnitt sie los. Kathelinens Füße kamen rot und -blutend zum Vorschein.</p> - -<p>Und der Schöffe, seiner Mahlzeit gedenkend, blickte sie an, ohne -ein Wort zu sagen. Aber alsbald kam sie wieder zu sich und stürzte -zu Boden, von wo sie sich aller Anstrengung zum Trotz nicht -wieder erheben konnte.</p> - -<p>Sie sprach zum Schöffen:</p> - -<p>„Ehedem hast Du mich zum Weibe gewollt, nun aber sollst Du -mich nicht mehr bekommen. Viermal drei, das ist die heilige Zahl, -und der dreizehnte ist der Ehemann“.</p> - -<p>Und da der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm:</p> - -<p>„Sei still, er hört schärfer denn der Erzengel, der im Himmel -die Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst Du so -spät? Viermal drei, das ist die heilige Zahl; er tötet, die mich -begehren“.</p> - -<p>Der Schöffe sagte:</p> - -<p>„Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette“.</p> - -<p>„Sie redet irr wegen der Folterqualen“, sagte der Schreiber.</p> - -<p>Katheline ward ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach, -da das Schöffengericht sich in der „Vierschare“ versammelt -hatte, ward Katheline nach Beratung zur Feuerstrafe verurteilt.</p> - -<p>Der Henker und seine Büttel führten sie auf den großen Markt -von Damm. Daselbst war ein Gerüst, auf welches sie stieg. Auf -dem Platze standen der Profoß, der Herold und die Richter.</p> - -<p>Die Trompeten des Stadtherolds erschallten dreimal, und dieser -sagte zum Volke:</p> - -<p>„Dieweil der Magistrat von Damm mit Jungfer Katheline Mitleid -gehabt hat, so hat er nicht gemäß der äußersten Strenge des -städtischen Gesetzes sie bestrafen wollen. Um aber bekannt zu -geben, daß sie eine Hexe ist, sollen ihre Haare verbrannt werden; -auch soll sie zwanzig Goldkarolus Buße zahlen und auf drei -Jahre aus dem Weichbild von Damm verbannt werden, bei Gefahr, -ein Glied ihres Körpers zu verlieren.“</p> - -<p>Und das Volk begrüßte diese rauhe Milde mit Beifall. Danach -band der Henker Katheline am Pfahle fest, setzte eine Perücke von -Werg auf ihren geschorenen Kopf und steckte sie an. Das Werg -brannte lange und Katheline schrie und weinte.</p> - -<p>Dann wurde sie losgebunden und auf einem Karren aus dem -Weichbild von Damm gefahren; denn ihre Füße waren verbrannt.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>40</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zur selbigen Zeit war Ulenspiegel in Herzogenbusch in Brabant, -und etliche Herren der Stadt begehrten ihn zu ihrem Narren. -Er aber schlug diese Würde aus und sprach: „Ein wallender -Pilger kann nicht an einem Orte Narretei treiben, sondern nur -in Herbergen und auf Straßen.</p> - -<p>Zur selbigen Zeit kam Philipp, welcher König von Engelland -war, seine künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hennegau, -Holland und Seeland zu besuchen. Er war dazumal im neunundzwanzigsten -Jahre seines Alters. In seinen graugrünen -Augen wohnte bittere Melancholie, scheue Verstecktheit und grausame -Entschlossenheit. Kalt war sein Antlitz, starr sein mit falben -Haaren bedeckter Kopf, und steif war auch sein magerer Leib -und seine gebrechlichen Beine; seine Sprache war langsam und -schwerfällig, wie wenn er Wolle im Munde gehabt hätte.</p> - -<p>Inmitten von Turnieren, Lanzenstechen und Festen besuchte er -das frohgemute Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern -und seine andern Herrschaften. Allerorten schwur er die -Privilegien zu bewahren; doch da er zu Brüssel einen Schwur -auf das Evangelium tat, die güldene Bulle von Brabant zu -achten, krampfte sich seine Hand so heftig zusammen, daß er sie -von dem heiligen Buch zurückziehen mußte.</p> - -<p>Er begab sich nach Antwerpen, allwo man zu seinem Empfange -dreiundzwanzig Triumphbögen machte. Die Stadt gab zweihundert -siebenundachtzig tausend Gülden aus, um diese Bögen -zu bezahlen, desgleichen die Anzüge von achtzehnhundert und -neunundsiebzig Kaufleuten, alle in karmoisinroten Sammet gekleidet. -Desgleichen für die reiche Livrei von vierhundert und -sechzehn Lakaien und den prächtigen seidenen Aufputz von viertausend -gleichgekleideten Bürgern. Manches Festspiel ward von -den Schülern aller Städte der Niederlande oder nahezu aller -aufgeführt.</p> - -<p>Allda sah man mit ihren Narren und Närrinnen den Fürsten der -Liebe von Tournay auf einer Sau mit Namen Astarte reitend; -den König der Toren von Lille, so ein Pferd am Schwanz führte -und hinterdrein ging; den Fürsten der Lust von Valenciennes, so -zu seiner Kurzweil die Fürze seines Esels zählte, den Abt des Frohsinns -von Arras, welcher Brüsseler Wein aus einer Flasche in -Gestalt eines Breviers trank, und das war ein fröhlich Lesen. -Desgleichen den Abt der wohlversorgten Töpfe aus Ath, welcher -nur mit einem durchlöcherten Hemde und niedergetretenen Schuhen -versorgt war; aber er hatte eine Wurst, damit er sich trefflich den -Bauch versorgte. Desgleichen den Propst der Leichtfertigen -Brüder, einen jungen Fant, so auf einer furchtsamen Ziege ritt -und ihretwegen manche Püffe erhielt, wenn er in die Menge trabte. -Auch erblickte man allda den Abt von der Silberschüssel von Le -Quesnoy, so auf einem Pferde ritt und tat, als ob er in einer -Schüssel säße, und dabei sagte: „Es ist kein Tier so groß, daß -Feuer es nicht braten könnte.“</p> - -<p>Und sie trieben allerhand unschuldige Narretei, aber der König -blieb traurig und düster.</p> - -<p>Desselbigen Abends versammelten sich der Markgraf von Antwerpen, -die Bürgermeister, Hauptleute und Ältesten, um irgend -ein Spiel zu ersinnen, das König Philipp zum Lachen brächte.</p> - -<p>Der Markgraf sprach:</p> - -<p>„Habet Ihr nicht von einem gewissen Pierkin Jakobsen reden -hören, dem Narren der Stadt Herzogenbusch, gar berühmt für -seine Schwänke?“</p> - -<p>„Freilich“, sagten sie.</p> - -<p>„Wohlan,“ sprach der Markgraf, „entbieten wir ihn hierher, auf -daß er etwelchen geschickten Streich verübe, sintemalen unser -Narr Blei in den Schuhen hat.“</p> - -<p>„Entbieten wir ihn hierher“, meinten sie.</p> - -<p>Da der Bote von Antwerpen nach Herzogenbusch kam, ward -ihm gesagt, daß der Narr Pierkin am zuvielen Lachen verendet -wäre, daß aber ein andrer durchreisender Narr in der Stadt wäre, -namens Ulenspiegel. Der Bote suchte ihn in einer Schenke auf, -wo er ein Gericht von Muscheln aß und einem Mägdlein von -den Schalen einen Panzer machte.</p> - -<p>Ulenspiegel war entzückt, da er erfuhr, daß um seinetwillen der -Gemeindekurier von Antwerpen auf einem so schönen Ambachter -Rosse geritten sei und noch ein anderes am Zügel führte.</p> - -<p>Ohne abzusteigen, fragte ihn der Kurier, ob er einen neuen Schelmenstreich -zu erfinden wisse, um König Philipp zum Lachen zu -bringen.</p> - -<p>„Ich habe einen Anschlag unter meinen Haaren“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Sie ritten von dannen. Die beiden Pferde liefen mit verhängtem -Zügel und trugen Ulenspiegel und den Kurier nach Antwerpen.</p> - -<p>Ulenspiegel trat vor den Markgrafen, die beiden Bürgermeister -und die von der Gemeine.</p> - -<p>„Was gedenkst du zu tun?“ fragte ihn der Markgraf.</p> - -<p>„In die Luft zu fliegen“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wie wirst du das anstellen?“ fragte der Markgraf.</p> - -<p>„Wißt ihr, was noch weniger wert ist als eine geplatzte Blase?“ -fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Das weiß ich nicht“, sprach der Markgraf.</p> - -<p>„Es ist ein verratenes Geheimnis.“</p> - -<p>Indessen ritten die Herolde der Spiele auf ihren schönen Rossen, -so mit karmoisinrotem Sammet aufgezäumt waren, durch alle -großen Straßen, Plätze, Kreuzwege und bliesen die Trompete -und schlugen die Trommel. Solchergestalt verkündeten sie den -„Signorkes“ und „Signorkinnes“, daß Ulenspiegel, der Narr von -Damm, am Ufer der Schelde in die Luft fliegen würde und daß -König Philipp und seine hohe, erlauchte und ansehnliche Gesellschaft -auf einer Estrade gegenwärtig sein würden.</p> - -<p>Der Estrade gegenüber stand ein Haus in italienischer Bauart; -längs des Daches lief eine Wasserrinne. Ein Bodenfenster öffnete -sich nach der Dachrinne. An diesem Tage ritt Ulenspiegel auf -einem Esel durch die Stadt, und ein Diener zu Fuß lief ihm zur -Seite. Ulenspiegel hatte das schöne Kleid von karmoisinroter -Seide angelegt, welches ihm der hochwohllöbliche Gemeinderat -gegeben hatte. Seine Kopfbedeckung war eine karmoisinrote -Kapuze, an der zwei Eselsohren mit einer Schelle an jedem Ende -zu sehen waren. Er trug eine Halskette von kupfernen Medaillen, -darauf in getriebener Arbeit das Wappen von Antwerpen zu sehen -war. An den Ärmeln des Wamses klingelte eine vergüldete Schelle -an den Spitzen der Ellenbogen. Er trug Schuhe mit vergüldeten -Stelzen und oben an den Stelzen eine Schelle. Sein Esel hatte -eine Schabracke von karmoisinroter Seide, und auf jedem Schenkel -das Wappen von Antwerpen in echtem Golde gestickt.</p> - -<p>Der Knecht schwenkte in einer Hand einen Eselskopf und in der -andern einen Zweig, an dessen Spitze eine Kuhglocke klingelte.</p> - -<p>Ulenspiegel ließ seinen Knecht und sein Reittier auf der Straße -und stieg in die Dachrinne. Allda schüttelte er seine Schellen und -öffnete die Arme ganz weit, als ob er fliegen wollte. Dann, sich -vor König Philipp verneigend, sprach er:</p> - -<p>„Ich meinte, es sei kein Narr in Antwerpen denn ich. Nun seh -ich, daß schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn Ihr -mir alle sagtet, daß Ihr fliegen wolltet, ich glaubt’ es nicht, und -Ihr glaubt mir als einem Toren. Wie sollt’ ich fliegen können; -ich bin doch kein Vogel.“</p> - -<p>Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sagten:</p> - -<p>„Der Narr spricht gleichwohl war.“</p> - -<p>Aber König Philipp blieb unbeweglich wie ein König von Stein. -Und die vom Gemeinderat sagten ganz leise unter sich:</p> - -<p>„War nicht von Nöten, so große Feste für solch einen Sauertopf -zu bereiten.“</p> - -<p>Und sie gaben Ulenspiegel drei Gülden, und er ging von hinnen, -nachdem er ihnen wohl oder übel das Kleid von karmoisinroter -Seide zurückgegeben hatte.</p> - -<p>„Was sind drei Gülden in der Tasche eines jungen Gesellen denn -ein Schneeball vor dem Feuer, oder eine volle Flasche, die vor -Euch steht, Ihr weitschlündigen Trinker? Drei Gülden! Die -Blätter fallen von den Bäumen und schlagen wieder aus, aber -die Gülden wandern aus der Tasche und kehren nimmer zurück. -Die Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer fort, und die -Gülden gleichermaßen, ob sie gleich zwei Esterling und neun As -wiegen.“</p> - -<p>Solches sagend betrachtete Ulenspiegel seine drei Gülden.</p> - -<p>„Welch stolzer Anblick“, sprach er für sich. „Auf der Vorderseite -Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert in der -einen Hand und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet, -in der andern! Welch stolze Miene hat er! Er ist von Gottes -Gnaden römischer Kaiser, König von Spanien usw. Er ist gar -gnädig gegen unsre Lande, der gepanzerte Kaiser. Und hier auf -der Rückseite ist ein Schild, darauf die Herzogs- und Grafenwappen -all seiner Besitzungen eingestochen sind, mit der schönen -Umschrift: <span class="antiqua">Da mihi virtutem contra hostes tuos.</span> Gib mir -Tapferkeit gegen deine Feinde. / Wahrlich, er war tapfer gegen -die Reformirten, die Vermögen haben, das eingezogen werden -kann. Und er beerbt sie. Ach, wenn ich Kaiser Karl wäre, ich -würde Gülden für jedermann prägen lassen, und wenn ein jeglicher -reich wäre, so würde keiner mehr arbeiten.“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel hatte das Nachsehen bei dem schönen Gelde; es -war dahingegangen beim Klirren der Humpen und Flaschen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>41</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Dieweil Ulenspiegel sich in karmoisinroter Seide auf der Dachrinne -sehen ließ, hatte er nicht gemerkt, daß Nele unter dem Volke -stand und ihn lächelnd anblickte. Sie wohnte dermalen in Borgerhout -bei Antwerpen und dachte, wenn irgend ein Narr vor -König Philipp fliegen wollte, so müßte es ihr Freund Ulenspiegel -sein.</p> - -<p>Da er sinnend auf der Straße wanderte, hörte er nicht das Geräusch -rascher Schritte hinter sich, aber er fühlte zwei Hände, -die sich flach auf seine Augen legten; und Nele witternd, sagte -er:</p> - -<p>„Du bist es?“</p> - -<p>„Ja,“ sprach sie, „ich laufe hinter dir her, seit du aus der Stadt -gegangen bist. Komm mit mir.“</p> - -<p>„Aber“, fragte er, „wo ist Katheline?“</p> - -<p>„Du weißt nicht, daß sie ungerecht als Hexe gefoltert und dann -auf drei Jahre aus Damm verbannt ist, und daß sie ihr die Füße -verbrannt und ihr Werg auf dem Kopfe entzündet haben. Solches -sage ich Dir, auf daß Du nicht vor ihr erschrickst, denn sie -ist durch das große Leiden irre geworden. Oft bringt sie ganze -Stunden damit zu, ihre Füße anzusehen und zu sagen: „Hanske, -mein süßer Teufel, sieh, was sie Deiner Liebsten getan haben.“ -Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden. Dann weint sie -und sagt: „Die andern Frauen haben einen Mann oder einen -Liebsten, ich aber lebe wie eine Wittib in dieser Welt.“ Alsdann -sage ich ihr, daß ihr Hanske Haß gegen sie fassen wird, -wenn sie zu andern als zu mir von ihm spricht. Und sie gehorcht -mir wie ein Kind, ausgenommen, wenn sie eine Kuh oder einen -Ochsen, die Ursache ihrer Folter sieht. Dann entflieht sie in -schnellem Lauf, und nichts hält sie auf, nicht Zäune, Flüsse noch -Wasserläufe, bis sie an einem Wegeknick oder an der Mauer -eines Gutshofes vor Erschöpfung umfällt. Ich gehe ihr nach, -sie aufzuheben und ihr die Füße zu verbinden, die dann bluten. -Und ich glaube, da man das Bündel Werg auf ihrem Kopfe verbrannte, -hat man ihr auch das Hirn im Kopf verbrannt.“</p> - -<p>Und beide waren betrübt, da sie Kathelines gedachten.</p> - -<p>Sie kamen zu ihr und sahen sie auf einer Bank in der Sonne -sitzen, an die Wand ihres Hauses gelehnt. Ulenspiegel sagte zu -ihr:</p> - -<p>„Erkennst du mich?“</p> - -<p>„Viermal drei,“ sagte sie, „das ist die heilige Zahl, und der dreizehnte, -das ist Therab. Wer bist Du, Kind dieser schlechten -Welt?“</p> - -<p>„Ich bin Ulenspiegel, der Sohn von Soetkin und Klas“, sprach er.</p> - -<p>Sie erhob den Kopf und erkannte ihn; dann winkte sie ihm -mit dem Finger und beugte sich zu seinem Ohre:</p> - -<p>„So Du ihn siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, sag ihm, daß -er wiederkomme, Ulenspiegel.“</p> - -<p>Dann zeigte sie auf ihre verbrannten Haare:</p> - -<p>„Ich habe Schmerzen,“ sprach sie, „sie haben mir meinen Verstand -genommen; aber wenn er kommen wird, so wird er mir -den Kopf wieder füllen, der jetzo ganz leer ist. Hörst Du? Er -tönt wie eine Glocke. Das ist meine Seele, die an die Tür pocht, -um fortzugehen, weil es brennt. Wenn Hanske kommt und mir -den Kopf nicht ausfüllen will, so werde ich ihm sagen, daß er -mit einem Messer ein Loch hineinmache. Die Seele, die darinnen -ist und immer pocht, um fortzugehen, die zerreißt mir grausam -das Herz und ich werde sterben, ja. Und ich schlafe nie mehr -und erwarte ihn immer, und er muß mir den Kopf ausfüllen, ja.“</p> - -<p>Und sie sank in sich zusammen und ächzte.</p> - -<p>Und die Bauern, die von den Feldern heimkehrten, um ihr Mittagmahl -zu halten, dieweil sie die Glocke dazu rief, die gingen an -Katheline vorüber und sagten:</p> - -<p>„Seht, die Irre.“</p> - -<p>Und sie bekreuzten sich.</p> - -<p>Und Nele und Ulenspiegel weinten, und Ulenspiegel mußte seine -Wallfahrt fortsetzen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>42</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zur Zeit seiner Pilgerfahrt nahm er Dienste bei einem gewissen -Jobst mit dem Beinamen der Kwaebakker, der böse Bäcker, -wegen seiner mürrischen Miene. Der Kwaebakker gab ihm als -Nahrung drei altbackene Brote in der Woche und als Wohnung -einen Verschlag unter dem Dache, allwo es trefflich regnete und -wehte.</p> - -<p>Da Ulenspiegel sah, daß er so schlecht behandelt ward, spielte -er ihm unterschiedliche Streiche, darunter auch diesen. Wenn man -in aller Frühe backt, muß das Mehl nachts gebeutelt werden. -Eines Nachts nun, da der Mond schien, verlangte Ulenspiegel -eine Kerze, damit er sehen könnte, und sein Meister gab ihm zur -Antwort:</p> - -<p>„Beutle das Mehl im Mondschein.“</p> - -<p>Gehorsam beutelte Ulenspiegel das Mehl auf der Erde, da wo -der Mond schien.</p> - -<p>Um die Morgenstunde, da der Kwaebakker sehen wollte, welche -Arbeit Ulenspiegel getan hätte, fand er ihn noch beutelnd und -sagte zu ihm:</p> - -<p>„Kostet das Mehl nichts mehr, daß man es jetzo auf der Erde -beutelt?“</p> - -<p>„Ich habe das Mehl im Mondschein gebeutelt, wie Ihr mich -geheißen habt“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Bäcker entgegnete:</p> - -<p>„Du Esel, in einem Sieb mußtest Du das tun.“</p> - -<p>„Ich glaubte, der Mond wäre ein Sieb, nach neuer Erfindung“, -erwiderte Ulenspiegel. „Aber der Schade wird nicht groß sein, -ich werde das Mehl aufheben.“</p> - -<p>„Es ist zu spät, den Teig anzurühren und zu backen,“ erwiderte -der Kwaebakker.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Baas, der Teig des Nachbars in der Mühle ist fertig. Soll ich -ihn holen gehen?“</p> - -<p>„Geh zum Galgen und suche, was dort zu finden ist“, antwortete -der Kwaebakker.</p> - -<p>„Ich werde hingehen, Baas.“</p> - -<p>Er lief zum Galgenfeld und fand dort eine verdorrte Diebeshand, -die trug er zum Kwaebakker und sprach:</p> - -<p>„Hier ist eine glorreiche Hand, welche alle unsichtbar macht, -die sie tragen. Willst Du nunmehr Deine schlechte Gemütsart -verbergen?“</p> - -<p>„Das will ich dem Bürgermeister klagen,“ erwiderte der Kwaebakker, -„und Du sollst sehen, daß Du meines Herren Gericht bestohlen -hast.“</p> - -<p>Da sie nun zu zweit vor den Bürgermeister traten und der -Bäcker den Rosenkranz von Ulenspiegels Missetaten herbeten -wollte, sah er, daß dieser die Augen weit aufriß. Darob ward -er so zornig, daß er vergaß, was er klagen wollte, und zu ihm -sprach:</p> - -<p>„Was willst Du?“</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Du hast mir gesagt, Du wolltest mich solcherart anklagen, daß -ich sehen sollte. Ich suche zu sehen, und deshalb schaue ich so.“</p> - -<p>„Geh mir aus den Augen“, schrie der Bäcker.</p> - -<p>„Säß’ ich Euch in den Augen,“ erwiderte Ulenspiegel, „so müßt’ -ich Euch aus den Nasenlöchern kriechen, wenn Ihr die Augen -zutätet.“</p> - -<p>Da der Bürgermeister sah, daß heute Hirngespinnste feil seien, -wollte er sie nicht anhören. Ulenspiegel und der Kwaebakker -gingen mitsammen hinaus; der Bäcker erhub seinen Stock wider -ihn, aber Ulenspiegel wich ihm aus und sagte:</p> - -<p>„Baas, da mein Mehl mit Schlägen gebeutelt wird, nimm Du die -Kleie davon: das ist Dein Zorn. Ich behalte das feinste Mehl -zurück, das ist mein fröhlicher Sinn.“</p> - -<p>Dann zeigte er ihm die Kehrseite:</p> - -<p>„Und dies“, fügte er hinzu, „ist das Loch des Backofens, wenn -Du backen willst.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>43</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Der wallfahrende Ulenspiegel wäre gern Straßenräuber geworden, -aber er fand die Steine zum Tragen zu schwer.</p> - -<p>Er wanderte auf gut Glück auf der Straße nach Audenaerde, -wo sich dermalen eine Garnison flämischer Reiter befand; die -hatten Befehl, die Stadt wider die französischen Streifscharen -zu verteidigen, die das Land gleich Heuschrecken verheerten.</p> - -<p>Der Hauptmann der Reiter war ein Friese von Geburt, des Namens -Kornhuin. Auch diese durchstreiften das platte Land und -plünderten das Volk, also daß es, wie bräuchlich, von beiden -Seiten aufgefressen ward.</p> - -<p>Alles war ihnen recht, Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber -und Schweine. Eines Tages, da sie mit Beute beladen zurückkehrten, -gewahrten Kornhuin und sein Leutnant am Fuß eines -Baumes Ulenspiegel schlafend und von Fleischgerichten träumend.</p> - -<p>„Was tust Du, um zu leben?“ fragte Kornhuin.</p> - -<p>„Ich sterbe vor Hunger“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Was ist Dein Handwerk?“</p> - -<p>„Wegen meiner Sünden wallfahrten, die anderen arbeiten sehen, -auf dem Seil tanzen, die hübschen Gesichter abkonterfeien, -Messergriffe schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete -blasen.“</p> - -<p>Wenn Ulenspiegel so kecklich vom Trompeten sprach, so war es, -weil er erfahren hatte, daß die Stelle des Wächters vom Schlosse -Audenaerde erledigt sei durch den Tod eines alten Mannes, welcher -dieses Amt bekleidet hatte.</p> - -<p>Kornhuin sagte zu ihm:</p> - -<p>„Du sollst Turmbläser sein.“</p> - -<p>Ulenspiegel folgte ihm und ward auf dem höchsten Turme der -Wälle in eine Warte einquartiert, die von allen vier Winden wohl -durchlüftet war, ausgenommen vom Südwind, der dort nur mit -einem Flügel wehte. Es ward ihm anbefohlen, die Trompete zu -blasen, sobald er den Feind anrücken sähe und dieserhalb den -Kopf frei zu halten und immer klare Augen zu haben. Zu dem -Ende würde man ihm nicht zuviel zu essen noch zu trinken geben.</p> - -<p>Der Hauptmann und sein Kriegsvolk blieben im Turm und -hielten den ganzen Tag Gelage auf Kosten des Landes. Da ward -mehr als ein Kapaun geschlachtet und aufgefressen, dessen einziges -Verbrechen sein Fett war. Ulenspiegel, der allzeit vergessen -ward und sich an seiner mageren Suppe genügen lassen mußte, -ergötzte sich nicht am Dufte der Saucen. Die Franzosen kamen -und raubten viel Vieh, Ulenspiegel blies die Trompete nicht.</p> - -<p>Kornhuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn:</p> - -<p>„Warum hast Du nicht geblasen?“</p> - -<p>„Ich spreche nicht das Gratias bei Eurem Essen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Am folgenden Tage befahl der Hauptmann ein großes Mahl für -sich und seine Soldaten, aber Ulenspiegel ward wieder vergessen.</p> - -<p>Sie wollten just zu schmausen anheben; Ulenspiegel blies die -Trompete. Kornhuin und seine Soldaten wähnten, daß die -Franzosen kämen, ließen Wein und Braten stehen, stiegen zu -Pferde und ritten eilends zur Stadt hinaus; aber sie fanden auf -dem Felde nichts als einen Ochsen, der stund in der Sonne und -käute wieder. Sie führten ihn mit sich. Derweilen hatte Ulenspiegel -sich mit Wein und Fleischspeisen angefüllt. Beim Eintreten -sah ihn der Hauptmann, wie er lächelnd und mit schlotternden -Beinen an der Tür der Festhalle stand, und sagte zu ihm:</p> - -<p>„Das heißt den Verräter spielen, Alarm zu blasen, wann Du -keinen Feind siehst, und nicht zu blasen, wann Du ihn siehst.“</p> - -<p>„Herr Hauptmann,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde in meinem -Turm solchermaßen von den vier Winden aufgebläht, daß ich -oben schwimmen müßte wie eine Blase, hätte ich mich nicht durch -Trompetenblasen erleichtert. Laßt mich jetzo henken oder ein -ander Mal, wenn Ihr einer Eselshaut für Eure Trommeln bedürfet.“</p> - -<p>Kornhuin ging, ohne ein Wort zu sagen.</p> - -<p>Indessen kam nach Audenaerde die Kunde, daß der gnädige -Kaiser Karl in fürnehmer Begleitung in diese Stadt einziehen -wollte. Bei diesem Anlaß gaben die Schöffen Ulenspiegel eine -Brille, auf daß er besser sehen könnte, wann Seine Heilige -Majestät ankäme. Ulenspiegel sollte dreimal ins Horn stoßen, -sobald er den Kaiser auf Luppeghem zukommen sähe, welches -einer viertel Meile vom Burgtor ist.</p> - -<p>Also würden die in der Stadt Zeit haben, die Glocken zu läuten, -die Böllerschüsse zu lösen, die Braten in den Backofen zu schieben -und die Zapfen in die Fässer zu stoßen.</p> - -<p>Eines Tages um Mittag, da der Wind von Brabant kam und -der Himmel klar war, sah Ulenspiegel auf der Straße, die nach -Luppeghem führt, eine große Schar Reiter auf stolzen Rossen; -die Federn ihrer Barette wallen im Winde. Etliche trugen -Banner. Der, welcher stolz an der Spitze ritt, trug eine Mütze -von Goldbrokat mit großen Federn. Er war in braunen Sammet -gekleidet, die mit Brokatell besetzt war.</p> - -<p>Ulenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß dies Kaiser Karl -der Fünfte war, der denen von Audenaerde gestattete, ihm ihre -besten Weine und ihre besten Braten vorzusetzen.</p> - -<p>Die ganze Schar ritt sonder Eile und sog die frische Luft ein, -welche den Hunger anreizt. Aber Ulenspiegel gedachte, daß sie -gemeiniglich fetten Schmaus hielten und wohl einen Tag fasten -könnten, ohne zu verscheiden. Also sah er sie kommen und stieß -nicht ins Horn.</p> - -<p>Lachend und schwätzend kamen sie näher, dieweil Seine Heilige -Majestät in seinem Magen nachschaute, ob er Platz genug für -das Gastmahl derer von Audenaerde hätte. Er schien erstaunt -und ungnädig, daß keine Glocke läutete, seine Ankunft zu verkünden.</p> - -<p>Indem kam ein Bauer eiligst angelaufen, um zu verkünden, daß -er in der Umgegend eine französische Streifschar gesehen habe, -welche auf die Stadt zu ritte, um darinnen alles zu verzehren -und zu rauben. Bei dieser Rede schloß der Torwart das Tor -und sandte einen Stadtknecht, damit er es den andern Torwächtern -ansagte. Aber die Reiter zechten, ohne etwas zu wissen.</p> - -<p>Seine Majestät kam immer näher, erzürnt, nicht Glocken, Kanonen -und Büchsenschüsse läuten, donnern und knattern zu hören. -Vergebens hielt er das Ohr hin. Er vernahm nichts als das -Glockenspiel, das die halbe Stunde läutete. Er kam vor das -Tor, fand es verschlossen und schlug mit der Faust dagegen, auf -daß es geöffnet werde. Und die Herren seines Gefolges wurden -zornig wie er und murrten scharfe Worte. Der Torwart, der -droben auf den Wällen war, schrie ihnen zu, wenn sie nicht mit -diesem Lärm aufhörten, so würde er sie mit einer Kartätschen begrüßen, -auf daß sie ihre Ungeduld abkühlten.</p> - -<p>Aber seine Majestät sprach voll Grimm:</p> - -<p>„Du blindes Schwein, erkennst Du Deinen Kaiser nicht?“</p> - -<p>Der Torwart erwiderte, daß die, so am mindesten den Schweinen -gleichen, nicht immer am meisten vergüldet sein. Auch wisse er, -daß die Franzosen ihrer Natur nach arge Spötter seien, sintemalen -Kaiser Karl zur Stunde in Italien Krieg führte und nicht -vor den Toren von Audenaerde stehen könne.</p> - -<p>Darob schrieen Karl und die Ritter noch mehr und sagten:</p> - -<p>„Wenn Du nicht öffnest, so werden wir Dich, auf eine Lanze gespießt, -braten lassen. Und zuvor sollst Du Deine Schlüssel verschlucken.“</p> - -<p>Bei dem Lärm, den sie vollführten, kam ein alter Kriegsmann -aus dem Zeughaus und steckte die Nase über die Mauer.</p> - -<p>„Torwart,“ sprach er, „Du täuschest Dich; „der da ist unser -Kaiser. Ich erkenne ihn wohl, obwohl er gealtert ist, seit er Maria -von der Gheynst von hier nach dem Schlosse Ballaing brachte.“</p> - -<p>Der Torwart fiel vor Schreck mausetot um, der Soldat nahm -ihm die Schlüssel ab und ging, die Tür zu öffnen.</p> - -<p>Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange hätte warten lassen. -Da der Soldat es ihm vermeldet hatte, befahl Seine Majestät -ihm, das Tor wieder zu schließen und die Reiter von Kornjuin -vor ihn zu bringen. Denen gebot er, vor ihm her zu reiten, die -Trommeln zu rühren und die Pfeifen zu blasen.</p> - -<p>Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um mit allen -Kräften zu läuten. So eingeführt, kam Seine Majestät mit -kaiserlichem Getöse auf den Großen Markt. Die Bürgermeister -und Schöffen waren allda versammelt; der Schöffe Jan Guigelaer -trat bei dem Lärm hinaus, kehrte in den Sitzungssaal zurück und -sagte:</p> - -<p>„Keyser Karel is alhier.“</p> - -<p>Voll Schreckens ob dieser Kunde traten Bürgermeister, Schöffen -und Räte aus dem Rathaus, um <span class="antiqua">in corpore</span> den Kaiser zu begrüßen, -dieweil ihre Diener durch die ganze Stadt liefen, um -die Böllerschüsse anzusagen, das Geflügel ins Feuer und die -Bratspieße in die Oefen zu schieben. Männer, Frauen und -Kinder liefen herum und schrieen: „Keyser Karel is op’t groot -marckt.“</p> - -<p>Alsbald war viel Volks auf dem Platze. Der Kaiser, höchst ergrimmt, -fragte die beiden Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu -werden verdienten, maßen sie solcherart an Ehrfurcht vor ihrem -Herrscher ermangelt hätten.</p> - -<p>Die Bürgermeister antworteten, daß sie es wahrlich verdienten, -aber daß Ulenspiegel, der Turmbläser, es noch mehr verdiente, -sintemalen man ihn auf die Kunde von der Ankunft seiner -Majestät mit einer guten Brille versehen und dort angestellt -habe, mit ausdrücklichem Befehl, dreimal ins Horn zu stoßen, -sobald er den kaiserlichen Zug kommen sähe. Er aber hätte nichts -dergleichen getan.</p> - -<p>Der Kaiser, immer noch zornig, verlangte, daß man Ulenspiegel -vor ihn führte.</p> - -<p>„Weshalb,“ sprach er zu ihm, „hast Du bei meiner Ankunft nicht -die Trompete geblasen, da Du doch eine so scharfe Brille hast?“</p> - -<p>So sprechend, hielt er der Sonne wegen die Hand über die -Augen und blickte Ulenspiegel an.</p> - -<p>Dieser hielt gleichermaßen die Hand über die Augen und sagte, -er habe sich der Brille nicht mehr bedienen wollen, seit er bemerkt -habe, wie seine Majestät durch die Finger sähe.</p> - -<p>Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt werden solle; der erste -Stadtwächter sagte, das sei wohlgetan, und die Bürgermeister -waren über dies Urteil so in Schrecken versetzt, daß sie kein Wort -erwiderten, weder um es zu billigen, noch um Einspruch zu tun.</p> - -<p>Der Henker und seine Büttel wurden entboten. Sie kamen -mit einer Leiter und einem neuen Strick und packten Ulenspiegel -am Kragen. Der schritt vor den hundert Reitern von Kornjuin -einher, hielt sich ruhig und sagte seine Gebete. Aber jene verhöhnten -ihn aufs bitterste.</p> - -<p>Das Volk, welches hinterher ging, sagte:</p> - -<p>„Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen Jungen um -eines so leichten Fehls willen umzubringen.“</p> - -<p>Und die Weber waren bewaffnet und in großer Zahl und sagten:</p> - -<p>„Wir werden nicht zulassen, daß Ulenspiegel gehenkt wird; das -ist gegen das Gesetz von Audenaerde.“</p> - -<p>Derweilen kam man auf den Galgenacker. Ulenspiegel ward die -Leiter hinaufgeführt und der Henker legte ihm den Strick um den -Hals. Die Weiber drängten sich um den Galgen. Der Profoß -war zu Roß und stützte die Rute der Gerechtigkeit, womit er auf -des Kaisers Befehl das Zeichen zur Hinrichtung geben sollte, auf -den Bug seines Pferdes.</p> - -<p>Das ganze versammelte Volk schrie:</p> - -<p>„Gnade, Gnade für Ulenspiegel!“</p> - -<p>Ulenspiegel sagte auf seiner Leiter:</p> - -<p>„Erbarmen, gnädiger Kaiser!“</p> - -<p>Der Kaiser hob die Hand und sagte:</p> - -<p>„Wenn dieser Taugenichts mich um etwas bittet, das ich nicht -tun kann, so soll er mit dem Leben davonkommen.“</p> - -<p>„Rede, Ulenspiegel“, schrie das Volk.</p> - -<p>Und die Frauen weinten und sagten:</p> - -<p>„Er wird um nichts bitten können, der arme Junge, denn der -Kaiser vermag alles.“</p> - -<p>Und alle riefen zumal:</p> - -<p>„Rede, Ulenspiegel!“</p> - -<p>„Heilige Majestät,“ sagte Ulenspiegel, „ich bitte Euch nicht um -Geld noch Gut, noch um mein Leben, sondern allein um etwas, -um das, wenn ich es zu sagen wage, Ihr mich nicht peitschen, -noch rädern lasset, ehe ich ins Land der Seelen gehe.“</p> - -<p>„Ich verspreche es Dir“, sagte der Kaiser.</p> - -<p>„Majestät,“ sprach Ulenspiegel, „ich bitte, daß Ihr kommt, den -Mund zu küssen, mit dem ich nicht vlämisch spreche, ehe ich gehenkt -werde.“</p> - -<p>Der Kaiser lachte wie alles Volk und sagte:</p> - -<p>„Ich kann nicht tun, um was Du bittest, und Du sollst nicht gehenkt -werden, Ulenspiegel.“</p> - -<p>Aber er verurteilte die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monde -lang Brillen hinten am Kopf zu tragen.</p> - -<p>„Auf daß die von Audenaerde,“ sagte er, „wenn sie vorn nicht -sehen können, wenigstens hinten sehen mögen.“</p> - -<p>Und nach Kaiserlicher Verordnung ist diese Brille noch heute im -Wappen der Stadt zu sehen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel ging bescheiden von dannen, mit einem kleinen -Beutel voll Geld; den hatten ihm die Frauen gegeben.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>44</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel in Lüttich auf den Fischmarkt kam, folgte er -einem dicken Burschen, der unter einem Arme ein Netz mit aller -Art von Geflügel trug und ein anderes mit Schellfisch, Forellen, -Aalen und Hechten anfüllte.</p> - -<p>Ulenspiegel erkannte Lamm Goedzak.</p> - -<p>„Was tust Du hier, Lamm?“ fragte er.</p> - -<p>„Du weißt, wie sehr die Vlämen in diesem freundlichen Lande -Lüttich willkommen sind. Ich gehe hier meiner Liebe nach. Und -du?“</p> - -<p>„Ich suche einen Herrn, dem ich um Brot dienen könnte“, erwiderte -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Das ist eine gar trockene Nahrung. Besser wärs, Du ließest -einen Rosenkranz von Fettammern, mit einem Krammetsvogel -als Kredo daran, von der Schüssel in den Mund gleiten.“</p> - -<p>„Bist Du reich?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>Lamm Goedzak erwiderte:</p> - -<p>„Ich habe Vater, Mutter und meine junge Schwester verloren, -welche mich so heftig schlug; ich werde ihr Hab und Gut erben. -Ich lebe mit einer einäugigen Magd, welche eine große Meisterin -in Frikassees ist.“</p> - -<p>„Soll ich Dir Deine Fische und Dein Geflügel tragen?“ fragte -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ja,“ sagte Lamm Goedzak.</p> - -<p>Sie schlenderten selbander über den Markt.</p> - -<p>Plötzlich sagte Lamm:</p> - -<p>„Weißt Du, warum Du ein Narr bist?“</p> - -<p>„Nein“, gab Ulenspiegel zurück.</p> - -<p>„Weil Du Fisch und Geflügel in der Hand trägst, anstatt sie im -Magen zu tragen.“</p> - -<p>„Du hast es getroffen, Lamm,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber seit -ich kein Brot mehr habe, wollen die Fettammern mich nicht mehr -ansehen.“</p> - -<p>„Du wirst deren essen, Ulenspiegel,“ sagte Lamm, „und mir -dienen, wenn meine Köchin Dich haben will.“</p> - -<p>Dieweil sie gingen, zeigte Lamm dem Ulenspiegel ein schönes, -artiges, zierliches Mägdlein, in Seide gekleidet, das über den -Markt trippelte und Lamm mit sanften Augen anblickte. Ein -alter Mann, ihr Vater, ging hinter drein mit zwei Netzen, einem -mit Fischen und einem andern mit Wildbret.</p> - -<p>„Die da“, sagte Lamm, auf sie weisend, „mache ich zu meiner -Frau.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „ich kenne sie. Es ist eine Vlamländerin -aus Zotteghem, sie wohnt Rue Vinave d’Isle, und die Nachbarn -sagen, daß ihre Mutter an ihrer Statt vor dem Hause die Straße -kehrt und daß ihr Vater ihre Hemden bügelt.“</p> - -<p>Doch Lamm antwortete und sagte gar erfreut:</p> - -<p>„Sie hat mich angeblickt.“</p> - -<p>Sie kamen beide zu Lamms Haus bei der Bogenbrücke und -klopften an die Tür. Eine einäugige Magd kam, ihnen zu öffnen. -Ulenspiegel sah, daß sie alt, lang, hager und mürrisch war.</p> - -<p>„La Sanginne,“ sagte Lamm zu ihr, „magst Du diesen, um Dir -bei der Arbeit zu helfen?“</p> - -<p>„Ich werde ihn auf Probe nehmen“, sagte sie.</p> - -<p>„So nimm ihn,“ sagte er, „und laß ihn die Freuden Deiner Kochkunst -kosten.“</p> - -<p>La Sanginne setzte alsbald drei Blutwürste, eine Kanne Kräuterbier -und einen großen Laib Brot auf den Tisch.</p> - -<p>Dieweil Ulenspiegel aß, knabberte Lamm auch an einer Wurst.</p> - -<p>„Weißt Du,“ fragte er, „wo unsre Seele wohnt?“</p> - -<p>„Nein, Lamm“, sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Sie ist in unserm Magen,“ versetzte Lamm, „um ihn unablässig -auszuhöhlen und in unserm Körper immerdar die Lebenskraft zu -erneuern. Und welches sind die besten Gesellschafter? Das sind -alle guten und feinen Gerichte, und Wein von der Maas obendrein.“</p> - -<p>„Ja“, sagte Ulenspiegel, „Würste sind eine angenehme Gesellschaft -für die einsame Seele.“</p> - -<p>„Er will noch mehr, gib ihm noch mehr, la Sanginne“, gebot -Lamm.</p> - -<p>Sie gab Ulenspiegel diesmal Weißwürste.</p> - -<p>Während er sich vollstopfte, ward Lamm nachdenklich und -sprach:</p> - -<p>„Wenn ich sterbe, wird mein Bauch mit mir sterben, und da unten -im Fegefeuer wird man mich fasten und meinen schlaffen, leeren -Bauch herumtragen lassen.“</p> - -<p>„Die schwarzen schienen mir besser“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Du hast ihrer sechse gegessen,“ versetzte la Sanginne, „und mehr -bekommst Du nicht.“</p> - -<p>„Du weißt,“ sagte Lamm, „daß Du hier einen guten Dienst haben -und so gut essen wirst wie ich.“</p> - -<p>„Das Wort werde ich mir merken“, entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Da Ulenspiegel sah, daß er dasselbe Essen bekam, war er glücklich. -Die verschluckten Würste gaben ihm solchen Mut, daß er -an diesem Tage alle Kessel, Pfannen und Töpfe putzte, also daß -sie wie Sonnen glänzten.</p> - -<p>Da sichs in diesem Hause gut lebte, so ging er beständig in Keller -und Küche; den Boden aber ließ er den Katzen. Eines Tages -hatte la Sanginne zwei Hühner zu braten und hieß Ulenspiegel -den Bratspieß drehen, dieweil sie zu Markte ging, um allerlei -Kräuter zur Würze zu holen.</p> - -<p>Da die beiden Hühner gebraten waren, verzehrte Ulenspiegel das -eine.</p> - -<p>Wie nun la Sanginne zurückkam, sagte sie:</p> - -<p>„Der Hühner waren doch zwei; ich sehe nur noch eins.“</p> - -<p>„Frau, tut Euer anderes Auge auf, so sehet Ihr sie alle beide“, -versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>Ganz erbost ging sie zu Lamm Goedzak und meldete ihm das -Vorgefallene.</p> - -<p>Lamm ging in die Küche hinunter und sprach zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Was hast Du meiner Magd zu spotten? Es waren zwei Hühner -da.“</p> - -<p>„Freilich, Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „aber da ich hier in Dienst -trat, sagtest Du mir zu, daß ich so gut essen und trinken sollte wie -Du. Zwei Hühner waren da, eins habe ich gegessen und Du wirst -das andere essen. Meine Freude ist vorüber, die Deine wird -erst kommen, bist Du nicht glücklicher als ich?“</p> - -<p>„Ja,“ erwiderte Lamm lächelnd, „aber tue ganz, wie la -Sanginne Dich heißen wird, dann wirst Du nur halbe Arbeit -haben.“</p> - -<p>„Ich werde darauf achten,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Und allemal, wenn la Sanginne ihn etwas tun hieß, tat er es -nur halb. Wenn sie ihm befahl, zwei Eimer Wassers zu holen, -so brachte er nur einen. Trug sie ihm auf, einen Krug Kräuterbier -aus dem Faß zu füllen, so goß er die Hälfte unterwegs in -seine Kehle, und so mit allem.</p> - -<p>Endlich war la Sanginne dieser Ränke überdrüssig und sagte zu -Lamm, wenn dieser Taugenichts noch länger im Hause bliebe, so -liefe sie fort.</p> - -<p>Lamm ging zu Ulenspiegel hinunter und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du mußt abziehen, mein Sohn, ungeachtet Du in diesem Hause -ein gesundes Aussehen bekommen hast. Hör den Hahn krähen! -Es ist zwei Uhr nachmittags: das bedeutet Regen. Lieber wäre -mir, Dich bei dem kommenden Unwetter nicht vor die Tür zu -setzen. Aber bedenke mein Sohn, daß la Sanginne durch ihre -Frikassees mir das Leben erhält; ich kann nicht zugeben, daß sie -mich verläßt, ohne einen nahen Tod zu gewärtigen. Darum -geh, mein Junge, mit Gottes Segen und nimm, Deinen Weg zu -erheitern, diese drei Gülden und diesen Rosenkranz von Schlackwürsten -mit.“</p> - -<p>Ulenspiegel ging betrübt von dannen, voller Sehnsucht nach Lamm -und nach seiner Küche.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>45</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Der Reifmond kam nach Damm und andern Orten; aber der -Winter zauderte. Nicht Schnee, noch Regen, noch kalte Luft; -die Sonne schien vom Morgen bis zum Abend und ward nicht -blasser. Die Kinder wälzten sich im Staub auf den Gassen und -Wegen. Zur Feierstunde nach dem Abendbrot traten die Kaufleute, -Krämer, Goldschmiede, Wagner, und Handwerker vor ihre Türen, -schauten nach dem allzeit blauen Himmel, den Bäumen, deren -Blätter nicht abfielen, den Störchen, die auf dem Dachfirst standen, -und den Schwalben, die nicht fortzogen. Die Rosen hatten -dreimal geblüht und trugen zum vierten Mal Knospen. Die -Nächte waren lau, und die Nachtigallen sangen ohn Unterlaß.</p> - -<p>Die von Damm sprachen:</p> - -<p>„Der Winter ist tot, laßt uns den Winter verbrennen.“ Und sie -fertigten eine riesengroße Puppe, die eine Bärenschnauze, einen -langen Bart von Hobelspähnen und einen dicken Scheitel von -Flachs hatte, legten ihr weiße Kleider an und verbrannten sie mit -großer Feierlichkeit.</p> - -<p>Klas blies Trübsal und segnete weder den immer blauen Himmel -noch die Schwalben, die nicht fortziehen wollten; denn keiner -in Damm brannte Kohlen mehr, es sei denn zum Kochen, und -da ein jeder genug hatte, ging er nicht zu Klas, welche zu kaufen. -Klas aber hatte all seine Spargroschen ausgegeben, um seinen -Vorrat zu bezahlen. Darum sagte der Kohlenträger, wenn er -auf seiner Türschwelle stand und fühlte, wie seine Nasenspitze -von einem herben Windhauch erfrischt ward: „Ah, da kommt -mein Brot.“</p> - -<p>Aber der frische Wind blies nicht stetig und der Himmel blieb -immerdar blau, und die Blätter wollten nicht abfallen. Und -Klas weigerte sich, seinen Wintervorrat dem geizigen Griepenstüver, -dem Ältesten der Fischergilde, zum halben Preis zu verkaufen. -Und bald mangelte es in der Hütte an Brot.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>46</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Aber König Philipp hatte keinen Hunger und verspeiste Leckereien -bei seiner Gemahlin Maria der Häßlichen aus dem königlichen -Hause der Tudor. Er liebte sie nicht von Herzen, hoffte -aber dem engelländischen Volk einen spanischen Monarchen zu -geben, indem er die Schwächliche befruchtete.</p> - -<p>Ihn widerte vor dieser Verbindung, welche die eines Steines -mit einer glühenden Kohle war. Jedoch vereinigten sie sich genugsam, -um die armen Reformierten zu Hunderten ertränken und -verbrennen zu lassen.</p> - -<p>Wenn Philipp nicht von London entfernt noch verkleidet ausgegangen -war, um sich in irgend einem verrufenen Haus zu ergötzen, -vereinigte die Nachtstunde die beiden Gatten. Alsdann reckte -sich die Königin Maria, mit schöner Leinwand von Tournay -und irländischen Spitzen angetan, im Ehebett, dieweil Philipp -steif wie ein Pfahl vor ihr stund und zusah, ob er an seinem -Weibe nicht irgend ein Zeichen von Mutterschaft erblickte. Aber -da er nichts sah, ward er zornig, blieb stumm und betrachtete seine -Nägel.</p> - -<p>Dann sprach die unfruchtbare Harpye zärtliche Worte und versuchte -zu liebäugeln und den eisigen Philipp um Liebe zu bitten. -Tränen, Geschrei und inständiges Flehen, nichts sparte sie, um -eine lauwarme Liebkosung von ihm, der sie nicht liebte, zu erhalten. -Vergebens warf sie sich mit gefalteten Händen ihm zu -Füßen, vergebens lachte und weinte sie zugleich wie eine Verrückte, -um ihn zu rühren. Nicht Lachen noch Tränen erweichten -dies steinharte Herz. Vergebens umschlang sie ihn mit ihren -mageren Armen wie eine verliebte Schlange und drückte den -engen Käfig, darin die verkümmerte Seele des blutigen Königs -wohnte, an ihre flache Brust; er rührte sich nicht mehr denn ein -Prellstein.</p> - -<p>Die arme Häßliche versuchte, anmutig zu sein, und nannte ihn -mit allen süßen Namen, die Liebestolle dem erwählten Geliebten -geben. Philipp betrachtete seine Nägel.</p> - -<p>Manchmal antwortete er:</p> - -<p>„Wirst Du keine Kinder bekommen?“</p> - -<p>Bei dieser Rede sank Marias Haupt auf ihre Brust.</p> - -<p>„Ist es meine Schuld, wenn ich unfruchtbar bin? Habe Mitleid -mit mir, ich lebe wie eine Wittib.“</p> - -<p>„Warum hast Du keine Kinder?“ fragte Philipp.</p> - -<p>Da fiel die Königin wie zu Tode getroffen auf den Teppich. Sie -hatte nur Tränen in den Augen, aber sie hätte Blut geweint, -wenn sie gekonnt hätte, die Arme. Und also rächte Gott an den -Henkern die Opfer, mit denen sie den Boden Engellands besäet -hatten.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>47</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es ging das Gerücht unter den Leuten, daß Kaiser Karl den -Mönchen das freie Recht nehmen wollte, die, welche in ihrem -Kloster starben, zu beerben. Solches mißfiel dem Pabst gar sehr. -Ulenspiegel, der damals an den Ufern der Maaß war, gedachte, -daß der Kaiser derart überall seinen Nutzen finden würde; denn -er erbte, wenn die Familie nicht erbte. Er setzte sich an den Rand -des Flusses und warf seine Angelschnur mit gutem Köder hinein. -Dann knabberte er ein altes Stück Schwarzbrot, und es war -ihm leid, daß er keinen Wein aus der Romagna hatte, um es anzufeuchten. -Aber er gedachte, daß man nicht immer sein Vergnügen -haben kann.</p> - -<p>Indem warf er von seinem Brote ins Wasser und sagte bei sich: -„Wer ißt und teilt sein Mahl mit dem Nächsten nicht, der ist -des Essens nicht wert.“</p> - -<p>Kam ein Gründling herbei, witterte einen Bissen, beleckte ihn -mit seinen Lefzen und tat sein unschuldig Maul auf, denn er -wähnte ohne Zweifel, daß das Brot von selbst hineinfallen würde. -Dieweil er also in die Luft sah, ward er urplötzlich von einem -heimtückischen Hecht verschlungen, der sich wie ein Pfeil auf ihn -gestürzt hatte. Desgleichen tat der Hecht bei einem Karpfen, -der Fliegen im Fluge fing, unbekümmert um die Gefahr. So -wohl gesättigt, hielt er sich unbeweglich unter Wasser, das kleine -Fischvolk verschmähend, welches überdies so schnell wie möglich -von ihm fortschwamm. Während er sich so breit machte, siehe -da kam unversehens mit gähnendem Rachen gar gefräßig ein -hungriger Hecht herbei, der sich mit einem Satz auf ihn stürzte. -Ein wütender Kampf entspann sich zwischen beiden und sie hieben -mit den Mäulern aufeinander los wie unsterbliche Helden. Das -Wasser ward rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gespeist hatte, -verteidigte sich schlecht gegen den, welcher nüchtern war. Der aber -zog sich zurück, nahm einen Anlauf und schoß wie eine Kugel -auf seinen Gegner, der ihn mit aufgesperrtem Rachen erwartete -und seinen Kopf mehr denn halb verschlang. Er wollte ihn -wieder los werden, konnte es aber nicht wegen seiner umgebogenen -Zähne. Und alle beide zappelten jämmerlich.</p> - -<p>So festgehakt, sahen sie die starke Angel nicht, die an einer seidenen -Schnur befestigt, unten aus dem Wasser stieg und sich unter die -Flosse des Hechtes, der gespeist hatte, bohrte. Sie zog ihn samt -seinem Feind aus dem Wasser und warf alle beide kurzerhand auf -den Rasen.</p> - -<p>Indem er sie schlachtete, sagte Ulenspiegel:</p> - -<p>„Ihr allerliebsten Hechte, seid Ihr nicht vielleicht Papst und -Kaiser, die einander fressen, und bin ich nicht das Volk, welches -in der Stunde, die Gott gibt, Euch alle beide in Euren Schlachten -mit dem Haken erschnappt?“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>48</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Derweilen schweifte Katheline, welche Borgerhout nicht verlassen -hatte, ohne Unterlaß in der Gegend umher und sagte immerdar:</p> - -<p>„Hanske, mein Mann, sie haben mir Feuer auf dem Kopf angezündet; -mach ein Loch hinein, daß die Seele hinaus kann. Ach, -sie pocht alleweil und jeglicher Schlag ist stechender Schmerz.“</p> - -<p>Und Nele pflegte sie in ihrem Wahnsinn und gedachte an ihrer -Seite voller Harm ihres Freundes Ulenspiegel.</p> - -<p>Und in Damm schnürte Klas seine Reisigbündel, verkaufte seine -Kohle und gedachte manchesmal schwermütig, daß es noch lange -währen möchte, bis Ulenspiegel, der Verbannte, in seine Hütte -heimkehrte.</p> - -<p>Soetkin stand den ganzen Tag am Fenster und schaute hinaus, -ob sie ihren Sohn Ulenspiegel nicht kommen sähe.</p> - -<p>Der aber war in der Gegend von Köln angelangt und fand, daß -er zur Stunde Lust zum Gartenbau hatte. Et erbot sich, dem -Jan von Zuursmoel als Knecht zu dienen, welcher Landsknechtshauptmann -war. Der wäre auf ein Haar gehenkt worden aus -Mangel an Lösegeld und hatte einen großen Graus vor dem -Hanf, so auf vlämisch Hennep geheißen wird.</p> - -<p>Eines Tages wollte Jan von Zuursmoel dem Ulenspiegel seine -Arbeit weisen und führte ihn an das Ende seines Gartens; allda -sahen sie einen Morgen Ackers, dem Garten benachbart, der ganz -mit grünem Hanfe bepflanzt war.</p> - -<p>Jan von Zuursmoel sprach zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Jedes Mal, so Du dies häßliche Kraut siehest, mußt Du darauf -sch....., denn es dient zu Rad und Galgen.“</p> - -<p>„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Eines Tages saß Jan von Zuursmoel bei Tafel mit etlichen gefräßigen -Freunden, da sprach der Koch zu Ulenspiegel.</p> - -<p>„Geh in den Keller und hole <em>Sennep</em>“, welches Senf ist.</p> - -<p>Ulenspiegel hörte volle Tücke Hennep statt Sennep, sch... in den -Senftopf im Keller und trug ihn zur Tafel auf, nicht ohne Lachen.</p> - -<p>„Warum lachst Du?“ fragte Jan von Zuursmoel. „Meinst Du, -unsere Nasen seien von Erz? Iß diesen Sennep selber, dieweil -Du ihn angerichtet hast.“</p> - -<p>„Ich esse lieber Rostbraten mit Zimmet“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Jan von Zuursmoel stand auf, um ihn zu schlagen.</p> - -<p>„In diesen Senftopf“, sprach er, „ist gesch... worden.“</p> - -<p>„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „gedenkt Ihr nicht mehr des -Tages, da ich Euch bis ans Ende Eures Gartens gefolgt bin? Da -sprachet Ihr, auf den Sennep weisend: ‚Überall, wo Du dies -Kraut findest, sch.... darauf, denn es dient zu Galgen und -Rad‘. Also tat ich, Herr, ich sch... darauf mit großer Verachtung. -Züchtigt mich nicht für meinen Gehorsam.“</p> - -<p>„Ich sagte Hennep, nicht Sennep“, schrie Jan von Zuursmoel -gar wütend.</p> - -<p>„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „Ihr sagtet Sennep, nicht -Hennep.“</p> - -<p>Also stritten sie sich lange Zeit. Ulenspiegel sprach demütiglich; -Jan von Zuursmoel schrie wie ein Adler und warf Sennep, -Hennep und ähnliche Worte durcheinander gleich einem verwirrten -Seidengesträhne. Und die Gäste lachten wie Teufel und aßen -Dominikanerkoteletten und Inquisitorennieren.</p> - -<p>Ulenspiegel aber ward von Jan von Zuursmoel fortgejagt.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>49</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel verdingte sich bei einem Schneider, der sagte zu ihm: -„Wenn Du nähst, nähe so eng, daß ich die Stiche nicht sehe.“</p> - -<p>Ulenspiegel kroch unter ein Faß und hub an, allda zu nähen.</p> - -<p>„Das meinte ich nicht“, schrie der Schneider.</p> - -<p>„Ich dränge mich in ein Faß; wie soll man die Stiche da sehen -können?“ versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Komm,“ sagte der Schneider, „setz Dich wieder auf den Tisch -und näh die Stiche eng zusammen einen neben den andern und -mach das Gewand wie diesen Wolf.“ Wolf aber war der Name -für ein Bauernwamms.</p> - -<p>Ulenspiegel nahm das Wamms, schnitt es in Stücke und nähte -sie dergestalt zusammen, daß sie die Gestalt eines Wolfes hatten.</p> - -<p>Da der Schneider dies sah, schrie er:</p> - -<p>„Was zum Teufel hast Du gemacht?“</p> - -<p>„Einen Wolf“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Du arger Schalk,“ erwiderte der Schneider, „ich hatte Dir freilich -gesagt, einen Wolf, aber Du weißt, daß man ein Bauernwamms -Wolf heißt.“</p> - -<p>Nach einer Weile sagte er zu ihm:</p> - -<p>„Gesell, wirf die Ärmel an diesen Rock, ehe Du schlafen gehst.“ -Ulenspiegel hing den Rock an den Haken und brachte die ganze -Nacht damit hin, die Ärmel daran zu werfen.</p> - -<p>Der Schneider kam bei dem Lärm herzu:</p> - -<p>„Taugenichts,“ sprach er zu ihm, „was für einen schlechten -Streich spielst Du mir da wieder?“</p> - -<p>„Ist das ein schlechter Streich?“ versetzte Ulenspiegel. „Sehet, -ich habe diese Ärmel die ganze Nacht an den Rock geworfen, -und sie sitzen noch nicht fest.“</p> - -<p>„Das versteht sich,“ sprach der Schneider, „darum werf ich Dich -auf die Straße; sieh zu, ob Du da besser festsitzest.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>50</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Derweil Katheline bei einem guten Nachbar wohlbehütet war, -ging Nele ganz allein weit, weit fort, bis Antwerpen, die Schelde -entlang oder auf andern Wegen und suchte auf den Flußkähnen -und auf den staubigen Straßen, ob sie ihren Freund Ulenspiegel -nicht fände.</p> - -<p>An einem Markttage kam er nach Hamburg und sah allerorten -Kaufleute und unter ihnen etliche alte Juden, die von Wucher -und uneingelösten Pfändern lebten.</p> - -<p>Ulenspiegel, der auch Kaufmann werden wollte, sah etliche Roßäpfel -am Boden liegen und trug sie in seine Wohnung, welche in -einer Flesche des Walls war. Da ließ er sie trocknen. Dann -kaufte er rote und grüne Seide und machte Säcklein davon. Da -hinein tat er die Roßäpfel und band sie mit einem Bande zu, als -ob sie voll Bisam wären.</p> - -<p>Alsdann machte er aus etlichen Latten ein Tragbrett, hängte -es mit alten Stricken um seinen Hals und ging zu Markt, das -Brett, mit den Säcklein gefüllt, vor sich hertragend. Am Abend -zündete er, um sie zu beleuchten, in der Mitte ein Lichtlein an.</p> - -<p>Wenn die Leute ihn fragten, was er da feil hielte, antwortete -er voll Heimlichkeit:</p> - -<p>„Ich werde es Euch sagen, aber laßt uns nicht zu laut sprechen!“</p> - -<p>„Was ist es denn?“ fragten die Käufer.</p> - -<p>„Es sind Prophetenbeeren,“ antwortete Ulenspiegel, „so geradenwegs -aus Arabien nach Flandern gekommen sind, mit großer Kunst -von Meister Abdul-Medil aus dem Geschlecht des großen Mahomet -bereitet.“</p> - -<p>Etliche Kunden sprachen zu einander:</p> - -<p>„Das ist ein Türke.“</p> - -<p>Aber die andern sprachen:</p> - -<p>„Es ist ein Pilger, der aus Flandern kommt. Hört ihr es nicht -an seiner Sprache?“</p> - -<p>Und die Zerlumpten, die Hungerleider und Bettler kamen zu -Ulenspiegel und sagten:</p> - -<p>„Gib uns von diesen Prophetenbeeren.“</p> - -<p>„Wenn ihr Gülden haben werdet, solche zu kaufen.“</p> - -<p>Und die armen Zerlumpten, Hungerleider und Bettler gingen betrübt -von dannen und sagten:</p> - -<p>„Es ist keine Freude in dieser Welt, denn allein für die Reichen.“</p> - -<p>Das Gerücht von den Beeren, die zu verkaufen waren, verbreitete -sich alsbald über den Markt. Die Bürger sprachen zu -einander:</p> - -<p>„Da ist ein Vlamländer, welcher Prophetenbeeren hat, die in -Jerusalem auf dem Grabe unseres Herrn Jesu geweiht sind; aber -es heißt, daß er sie nicht verkaufen will.“</p> - -<p>Und alle Bürger kamen zu Ulenspiegel und fragten ihn nach -seinen Beeren.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel, der großen Gewinn haben wollte, erwiderte, -daß sie noch nicht reif genug wären; er hatte aber ein Auge auf -zwei reiche Juden geworfen, die auf dem Markte umhergingen.</p> - -<p>„Ich möchte wohl wissen,“ sagte einer der Bürger, „was aus -meinem Schiff auf See werden wird.“</p> - -<p>„Es wird bis an den Himmel gehen, wenn die Wellen hoch genug -sind“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Ein anderer zeigte ihm sein hübsches Töchterlein, welches über -und über rot ward, und sprach:</p> - -<p>„Diese wird ohne Zweifel den Weg der Tugend wandeln?“</p> - -<p>„Alles wandelt, wohin die Natur will“, versetzte Ulenspiegel, -denn er hatte gesehen, wie das Mädchen einem jungen Burschen -einen Schlüssel gab. Der aber, von Wohlbehagen aufgeblasen, -sprach zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Herr Kaufmann, gebt mir einen Eurer prophetischen Säcke, -damit ich daraus ersehe, ob ich diese Nacht allein schlafen -werde.“</p> - -<p>„Es stehet geschrieben,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „welcher -den Roggen der Verführung aussäet, der wird das Saatkorn -der Hahnreischaft ernten.“</p> - -<p>Der junge Bursche erboste sich:</p> - -<p>„Auf wen hast Du es abgesehen?“</p> - -<p>„Die Beeren sagen,“ erwiderte Ulenspiegel, „daß sie Dir eine -glückliche Ehe wünschen und eine Frau, die Dir nicht den Hut des -Vulkan aufsetzt. Kennst Du diese Kopfbedeckung?“</p> - -<p>Dann predigte er:</p> - -<p>„Das Weib, das auf dem Heiratsmarkt Handgeld gibt, läßt -nachher den andern die ganze Ware umsonst.“</p> - -<p>Hierauf sprach das Mädchen, welches Sicherheit heucheln wollte: -„Sieht man all dieses in dem prophetischen Säcklein?“</p> - -<p>„Man sieht auch einen Schlüssel darin“, sagte Ulenspiegel ihr -ganz leise ins Ohr.</p> - -<p>Aber der Jüngling war schon mit dem Schlüssel davon.</p> - -<p>Plötzlich gewahrte Ulenspiegel einen Dieb, der von der Fleischbank -eines Schweinemetzgers eine ellenlange Wurst stahl und -unter seinem Mantel verbarg. Aber der Metzger sah es nicht. -Voller Freuden kam der Dieb zu Ulenspiegel und sagte zu ihm:</p> - -<p>„Was verkaufst Du da, Unglücksprophet?“</p> - -<p>„Säcklein, aus denen Du ersehen kannst, daß Du gehängt werden -wirst, weil Du die Würste zu gern hattest.“</p> - -<p>Bei dieser Rede entfloh der Dieb eilends, indes der bestohlene -Metzger schrie:</p> - -<p>„Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“</p> - -<p>Aber es war zu spät.</p> - -<p>Während Ulenspiegel sprach, näherten sich ihm die beiden reichen -Juden, die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatten, und sagten -zu ihm:</p> - -<p>„Was hast Du da feil, Vlamländer?“</p> - -<p>„Säcklein“, versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Was sieht man mit Hilfe Deiner Prophetenbeeren?“ fragten sie.</p> - -<p>„Die künftigen Ereignisse, wenn man sie in den Mund nimmt,“ -versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>Die beiden Juden beredeten sich, und der Ältere sagte zum andern.</p> - -<p>„Derart könnten wir sehen, wann unser Messias kommen wird. -Solches würde ein großer Trost für uns sein. Laß uns eins dieser -Säcklein erstehen. Wie teuer verkaufst Du sie?“ fragten sie.</p> - -<p>„Fünfzig Gülden“, versetzte Ulenspiegel. „Wenn Ihr mir die -nicht zahlen wollt, so geht nur hinweg. Wer das Feld nicht -kauft, muß den Misthaufen lassen, wo er ist.“</p> - -<p>Da sie Ulenspiegel so fest sahen, zählten sie ihm sein Geld hin, -nahmen eins der Säckchen und begaben sich nach ihrem Bethaus. -Allda liefen bald alle Juden zu Hauf, wissend, daß einer der -beiden Alten ein Geheimnis erhandelt hatte, durch welches man -des Messias Ankunft erfahren und verkünden könnte.</p> - -<p>Da ihnen die Sache bekannt war, wollten sie an dem Säcklein -saugen, ohne zu zahlen; aber der Älteste, der es gekauft hatte, -und der Jehu hieß, wollt’ es allein tun.</p> - -<p>„Söhne Israels,“ sprach er, das Säckchen in der Hand haltend, -„die Christen spotten unser, wir sind gehetzt unter den Menschen, -und man schreit hinter uns her, als wären wir Schelme. Die -Philister wollen uns unter den Erdboden erniedrigen; sie speien -uns ins Antlitz, denn Gott hat unsere Bogen entspannt und die -Zügel vor uns gelockert. Wird es noch lange währen, Herr Gott -Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß uns Übles geschieht, so wir -Gutes erwarten, und daß Finsternis kommt, so wir auf Helligkeit -hoffen? Wirst Du bald auf der Erde erscheinen, göttlicher -Messias? Wann werden die Christen sich in den Höhlen und -Löchern der Erde verbergen, ob des Schreckens, den sie vor Dir -haben und vor Deiner Herrlichkeit, wann Du aufstehen wirst, -sie zu züchtigen?“</p> - -<p>Und die Juden schrien:</p> - -<p>„Komm Messias! sauge Jehu!“</p> - -<p>Jehu leckte und brach es wieder aus und rief gar kläglich:</p> - -<p>„Wahrlich, ich sage Euch, dies ist nichts denn Kot, und der -flandrische Pilger ist ein Schelm.“</p> - -<p>Da stürzten sich alle Juden über das Säcklein her, öffneten es -und sahen, was es enthielt, und gingen in großer Wut auf den -Markt, um Ulenspiegel zu suchen.</p> - -<p>Der aber hatte mit nichten auf sie geharrt.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>51</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ein Mann aus Damm, welcher Klas seine Kohlen nicht bezahlen -konnte, gab ihm sein bestes Gerät, eine Armbrust mit zwölf -scharfgespitzten Bolzen, die als Wurfgeschoß dienten.</p> - -<p>In den Stunden, wo die Arbeit feierte, schoß Klas mit der -Armbrust; mehr als ein Hase ward von ihm erlegt und zu Frikassee -eingekocht, dafür daß er den Kohl zu sehr geliebt hatte.</p> - -<p>Alsdann aß Klas unmäßig und Soetkin sagte, auf die öde Landstraße -blickend: „Tyll, mein Sohn, spürst du nicht den Wohlgeruch -der Brühe? Gewißlich hat er jetzt Hunger.“ Und ganz -in Gedanken hätte sie ihm seinen Anteil am Schmause aufheben -mögen.</p> - -<p>„Wenn ihn hungert,“ sprach Klas, „so ist’s seine Schuld; möge -er heimkehren, so wird er essen wie wir.“</p> - -<p>Klas hatte Tauben; auch hörte er gern Grasmücken, Distelfinken, -Sperlinge und andere singende und geschwätzige Vögel -um sich herum singen und zwitschern. Desgleichen schoß er gern -die Bussarde und Sperber, die königlichen Vertilger des Vogelvolks.</p> - -<p>Einmal, da er im Hofe Kohlen maß, zeigte Soetkin ihm einen -großen Vogel, der über dem Taubenschlag in der Luft schwebte. -Klas nahm seine Armbrust und sprach:</p> - -<p>„Der Teufel errette Seine Gnaden, den Sperber!“</p> - -<p>Er spannte seine Armbrust und verfolgte alle Bewegungen des -Vogels, um ihn nicht zu fehlen. Es war um die Zeit der Dämmerung, -Klas konnte nur noch einen schwarzen Punkt unterscheiden. -Er schoß den Bolzen ab und sah einen Storch in den -Hof fallen.</p> - -<p>Klas war schier betrübt darüber, aber Soetkin war es noch -mehr und rief:</p> - -<p>„Unseliger, du hast den Vogel Gottes getötet.“</p> - -<p>Hierauf nahm sie den Storch, sah, daß er nur am Flügel verwundet -war, ging Balsam holen und sagte, derweil sie seine -Wunde verband:</p> - -<p>„Storch, Schätzlein, es war nicht gescheit von Dir, daß Du, den -man liebt, in den Wolken schwebst wie der Sperber, den man -haßt. Auch die Pfeile des Volkes gehen ans unrechte Ziel; tut -Dir Dein armer Flügel weh, Störchlein? Lässest Dich so geduldig -behandeln, denn Du weißt, daß unsre Hände Freundeshände -sind.“</p> - -<p>Da der Storch geheilt war, bekam er zu fressen, was er nur -wollte; aber mit Vorliebe fraß er den Fisch, den Klas für ihn -im Kanal fischen ging. Und allemal, wenn der Gottesvogel ihn -kommen sah, öffnete er seinen großen Schnabel. Er folgte Klas -wie ein Hund, aber lieber weilte er in der Küche und wärmte -seine Brust am Feuer und klopfte Soetkin, die das Mahl bereitete, -mit dem Schnabel auf den Leib, als wollte er ihr sagen:</p> - -<p>„Ist nichts für mich da?“</p> - -<p>Es war aber lustig anzusehen, wie dieser ernsthafte Glücksbote -auf seinen langen Beinen in der Hütte einherstelzte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>52</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Indessen waren die bösen Tage wiedergekehrt. Klas arbeitete -traurig allein auf dem Felde, denn es war nicht Arbeit für zwei. -Soetkin blieb allein in der Hütte und bereitete die Bohnen, ihre -tägliche Speise, auf jegliche Art zu, um ihrem Manne Lust zum -Essen zu machen. Und sie sang und lachte, damit er sich nicht -grämte, sie traurig zu sehen. Der Storch stand auf einem Bein, -den Schnabel im Gefieder, neben ihr.</p> - -<p>Ein Mann zu Pferde hielt vor der Hütte still; er war schwarz -gekleidet, sehr hager und hatte eine sonderlich traurige Miene.</p> - -<p>„Ist jemand drinnen?“ fragte er.</p> - -<p>„Gott segne Eure Schwermut, aber bin ich ein Geist, daß Ihr -mich hier sehet und fragt, ob jemand daheim sei?“</p> - -<p>„Wo ist Dein Vater?“ fragte der Reiter.</p> - -<p>„Wenn mein Vater Klas heißt, so ist er dort unten, und Du siehst -ihn Korn säen.“</p> - -<p>Der Reiter ging und Soetkin desgleichen, betrübten Herzens, -denn sie mußte zum sechsten Male Brot vom Bäcker holen, ohne -zu zahlen. Da sie mit leeren Händen zurückkehrte, sah sie voller -Staunen, wie Klas stolz und triumphierend heimkehrte auf dem -Pferde des schwarzgekleideten Mannes, welcher zu Fuß neben -ihm schritt und es am Zügel führte. Klas stützte einen ledernen -Sack, der wohlgefüllt schien, stolz auf seinen Schenkel.</p> - -<p>Beim Absteigen umarmte er den Mann, schlug ihm fröhlich auf -die Schulter und rief, den Sack schüttelnd:</p> - -<p>„Es lebe mein Bruder Jobst, der gute Einsiedel! Gott erhalte -ihn in Freude, Leibesfülle, Frohsinn und Gesundheit! Siehe, er -ist der Jobst des Segens, des Überflusses und der fetten Suppen! -Der Storch hat nicht gelogen!“ Und er setzte den Sack auf den -Tisch.</p> - -<p>Da sagte Soetkin voller Harm: „Mann, wir werden heute nicht -essen, der Bäcker wollte mir kein Brot geben.“</p> - -<p>„Brot?“ sagte Klas, öffnete den Sack und ließ einen goldenen -Strom über den Tisch sich ergießen. „Brot? Hier ist Brot, -Butter, Fleisch, Wein, Bier. Hier sind Schinken, Markknochen, -Reiherpasteten, Fettammern, Masthühner und Kapaunen, wie -bei den großen Herren! Hier ist Bier in Tonnen und Wein in -Fässern. Ein Narr ist der Bäcker, der uns das Brot verweigert; -wir werden nichts mehr bei ihm kaufen.“</p> - -<p>„Aber Mann“, sprach Soetkin verblüfft.</p> - -<p>„Wohlan, höre,“ sprach Klas, „und sei guter Dinge. Katheline, -anstatt in der Markgrafschaft Antwerpen die Zeit ihrer Verbannung -hinzubringen, ist, von Nele geführt, auf Schusters -Rappen bis Meyborg gegangen. Dort hat Nele meinem Bruder -Jobst gesagt, daß wir oftmals darben, ohngeachtet unserer sauren -Arbeit. Wie dieser wackre Bote mir soeben vermeldete“ / und -Klas wies auf den schwarzgekleideten Reiter / „hat Jobst die -heilige römische Religion verlassen und sich der Ketzerei Luthers -hingegeben.“</p> - -<p>Der schwarzgekleidete Mann sagte:</p> - -<p>„Jene sind Ketzer, die sich zum Dienste der großen Buhlerin bekennen. -Denn der Papst ist bestechlich und treibt Schacher mit -heiligen Dingen.“</p> - -<p>„Ach,“ sprach Soetkin, „sprecht nicht so laut, Herr, Ihr könntet -uns alle drei auf den Scheiterhaufen bringen.“</p> - -<p>„So hat denn“, sagte Klas, „Jobst diesem wackeren Boten gesagt, -er wolle mit den Truppen Friedrichs von Sachsen kämpfen -und ihm fünfzig trefflich gewappnete Männer zuführen. Da er -in den Krieg zöge, sei ihm so viel Geld nicht vonnöten, um es in -übler Stunde irgend einem Schelm von Landsknecht zu überlassen. -„Darum“, so hat er gesagt, „bringe diese siebenhundert -Goldkarolus meinem Bruder Klas samt meinen Segenswünschen. -Sag ihm, er möge einen guten Wandel führen und seines -Seelenheils gedenken.“</p> - -<p>„Ja,“ sprach der Reiter, „es ist an der Zeit, denn Gott wird dem -Menschen nach seinen Werken lohnen und jeglichen behandeln, -gleich wie es sein Wandel verdient.“</p> - -<p>„Herr,“ sprach Klas, „inzwischen wird es mir nicht verwehrt -sein, mich der frohen Botschaft zu freuen. Geruht bei uns zu -bleiben, wir wollen sie mit schönen Kaldaunen, viel Kalbsbraten -und einem kleinen Schinken feiern, den ich zuvor bei dem -Schweinemetzger gesehen habe, so rund und lecker, daß er mir -die Zähne einen Fuß lang aus dem Maul gezogen hat.“</p> - -<p>„Ach,“ sprach der Mann, „die Toren ergötzen sich, derweilen die -Augen Gottes über ihren Wegen sind.“</p> - -<p>„Nun denn, Bote,“ sagte Klas, „willst Du mit uns essen und -trinken oder nicht?“</p> - -<p>Der Mann entgegnete:</p> - -<p>„Für die Getreuen wird es Zeit sein, ihre Seelen den irdischen -Freuden hinzugeben, wenn die große Babel gefallen ist.“</p> - -<p>Da Soetkin und Klas sich bekreuzten, wollte er gehen.</p> - -<p>Klas sprach zu ihm:</p> - -<p>„Dieweil es Dir gefällt, also ohne Labung des Weges zu gehen, -gib meinem Bruder Jobst den Friedenskuß und wache über ihn -in der Schlacht.“</p> - -<p>„Das werde ich tun“, erwiderte der Mann.</p> - -<p>Er machte sich auf, indes Soetkin etwas einholen ging, um den -Glücksfall zu feiern. Der Storch kriegte am selbigen Tage zwei -Gründlinge und einen Kabeljaukopf zum Abendessen.</p> - -<p>Die Kunde verbreitete sich bald in Damm, daß der arme Klas -durch das Vermögen seines Bruders Jobst ein reicher Klas -worden sei. Der Dechant meinte, daß Katheline ohne Zweifel -Jobst behext hätte, maßen Klas eine ansehnliche Summe Geldes -erhalten und doch Unsrer lieben Frau nicht das geringste Kleid -geschenkt hätte.</p> - -<p>Klas und Soetkin waren glücklich. Klas arbeitete auf dem -Felde und verkaufte seine Kohlen und Soetkin zeigte sich daheim -als tüchtige Hausfrau. Aber sie spähte voller Harm ohn Unterlaß -auf den Wegen nach ihrem Sohn Ulenspiegel. Und alle drei -genossen des Glücks, das ihnen von Gott kam, in Erwartung -dessen, das ihnen von den Menschen kommen sollte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>53</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Kaiser Karl empfing desselbigen Tages einen Brief, worin sein -Sohn Philipp ihm schrieb:</p> - -<p class="center"> -„Mein Kaiserlicher Vater! -</p> - -<p>„Es mißfällt mir, in diesem Lande leben zu müssen, wo die verfluchten -Ketzer wie Flöhe, Raupen und Heuschrecken überhand -nehmen. Feuer und Schwert wären gerade recht, um sie vom -Stamm des Lebensbaumes, der unsere heilige Mutter Kirche ist, -abzuhauen. Als ob es für mich an diesem Kummer nicht genug -wäre, muß es noch sein, daß sie mich nicht als König ansehen, -sondern als den Mann ihrer Königin, der ohne sie keine Macht -hat. Sie spotten über mich und sagen in boshaften Pamphleten, -deren Verfasser und Drucker man nicht auffinden kann, daß der -Papst mich bezahlt, um das Königreich durch ruchloses Brennen -und Hängen zu beunruhigen und zu verderben. So ich irgend -eine dringende Steuer von ihnen erheben will, denn sie lassen -mich häufig aus Bosheit ohne Geld, antworten sie mir in elenden -Pasquillen, daß ich nur Satan, für welchen ich arbeite, darum -zu bitten brauchte. Die vom Parlament entschuldigen sich -und machen einen krummen Buckel, aus Furcht, daß ich beiße; -aber sie bewilligen nichts.</p> - -<p>Indessen sind die Mauern Londons mit Schmähschriften bedeckt, -so mich als einen Vatermörder hinstellen, der bereit ist, Eure -Majestät zu erschlagen, um Euch zu beerben.</p> - -<p>Aber Ihr wisset, Herr und Vater, daß ich, ohngeachtet alles berechtigten -Ehrgeizes und Stolzes, Euch eine lange und ruhmreiche -Regierung wünsche.</p> - -<p>Auch verbreiten sie in der Stadt eine Zeichnung, die nur allzu -geschickt in Kupfer gestochen ist. Darauf bin ich zu sehen, wie -ich das Klavichord spielen lasse durch die Pfoten von Katzen, -die in dem Instrument eingesperrt sind. Ihre Schwänze kommen -durch runde Löcher herfür und sind außen mit eisernen Stiften -befestigt. Ein Mann, der ich sein soll, verbrennt ihnen den -Schwanz mit glühenden Eisen und macht dadurch, daß sie die -Pfoten auf die Tasten schlagen und wütend heulen. Ich bin so -häßlich darauf dargestellt, daß ich mich nicht ansehen mag. Und -dann zeigen sie mich lachend. Ihr aber wisset, mein Herr Vater, -ob es mir bei irgend einer Gelegenheit begegnet ist, mir dies profane -Vergnügen zu machen. Ohne Zweifel versuchte ich mich zu -zerstreuen, indem ich diese Katzen zum Miauen brachte, aber ich -lachte nicht. In ihren rebellischen Ausdrücken machen sie mir -ein Verbrechen aus dem, was sie die Neuheit und Grausamkeit -dieses Klavichords nennen, wiewohl doch die Tiere keine Seele -haben und alle Menschen, sonderlich alle königlichen Personen, -sich zu ihrer Erholung der Tiere bis zu deren Tode bedienen -können. Aber in diesem Engelland sind sie so mit Tieren versehen, -daß sie solche besser behandeln als ihre Diener. Die Pferdeställe -und Hundehütten sind hier Paläste, und es gibt Ritter, die -mit ihrem Pferde auf derselben Streu schlafen.</p> - -<p>Des Weiteren ist meine edle Gemahlin und Königin unfruchtbar. -Sie tun mir den blutigen Schimpf an zu sagen, daß ich die Ursache -davon sei und nicht sie, die übrigens über die Maßen eifersüchtig, -ohne feine Sitte und liebestoll ist. Mein Herr und Vater, -ich bitte alle Tage zum Herrgott, daß er mich in seiner Gnade -erhalte. Ich hoffe auf einen andern Thron, und wäre es beim -Türken, in Erwartung dessen, zu dem mich die Ehre beruft, Eurer -höchst ruhmvollen und höchst siegreichen Majestät Sohn zu sein.“</p> - -<p class="right"> -Gezeichnet: PHLE.“ -</p> - -<p>Der Kaiser antwortete auf diesen Brief:</p> - -<p class="center"> -Mein Herr Sohn! -</p> - -<p>„Eure Feinde sind groß, das bestreite ich nicht, aber versuchet, -ohne Unwillen das Warten auf eine glänzendere Krone zu ertragen. -Ich habe schon mehreren meine Absicht kund getan, -Mich aus den Niederlanden und Meinen andern Kronländern -zurückzuziehen, denn, alt und gichtisch, wie Ich werde, weiß Ich, -daß Ich nicht wohl Heinrich von Frankreich, dem zweiten dieses -Namens, widerstehen könnte, maßen Fortuna die jungen Leute -liebt. Bedenket auch, daß Ihr als Herr Engellands Frankreich, -Unseren Feind, durch Eure Macht verwundet.</p> - -<p>Ich wurde vor Metz elend geschlagen und verlor dort vierzigtausend -Mann. Ich mußte vor dem von Sachsen fliehen. Wenn -Gott mir nicht durch eine Fügung seines guten und göttlichen -Willens Meine ursprüngliche Kraft und Rüstigkeit wiedergibt, -so bin ich gewillt, mein Herr Sohn, Meine Reiche zu verlassen -und sie Euch zu übergeben.</p> - -<p>Habet also Geduld und übet derweilen alle Pflicht wider die -Ketzer, indem Ihr keinen von ihnen verschont, nicht Männer, -Frauen, Mädchen noch Kinder; denn ich habe nicht ohne großen -Schmerz erfahren, daß die Frau Königin sie oft begnadigen wollte.</p> - -<p class="right"> -Euer wohlgewogener Vater. -</p> -<p class="halfright"> -Gezeichnet: Karl.“ -</p> - -<hr class="full" /> -<h3>54</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel lange Zeit gewandert war, hatte er blutende -Füße und begegnete im Bistum Mainz einem Planwagen mit -Pilgern, der brachte ihn bis nach Rom.</p> - -<p>Als er in die Stadt einfuhr und vom Wagen stieg, erblickte er -auf der Schwelle einer Herbergstür ein artiges Weiblein, welches -lächelte, da es sah, wie er es anschaute.</p> - -<p>Diese holde Laune zu seinen Gunsten deutend, sprach er:</p> - -<p>„Wirtin, willst Du dem pilgernden Pilger Obdach geben? Denn -ich bin der Entbindung nahe und werde mit dem Erlaß meiner -Sünden niederkommen.“</p> - -<p>„Wir geben Obdach allen, die uns zahlen.“</p> - -<p>„Ich habe hundert Dukaten in meiner Geldkatze,“ versetzte Ulenspiegel, -der nur einen hatte, „und ich will den ersten draufgehen -lassen und mit Dir eine Flasche alten römischen Weins -trinken.“</p> - -<p>„Der Wein ist an diesen heiligen Orten nicht teuer“, erwiderte -sie. „Tritt ein und trinke für einen Soldo.“</p> - -<p>Sie tranken so lange mitsammen und leerten unter artigen Reden -so viele Flaschen, daß die Wirtin ihrer Magd heißen mußte, an -ihrer Statt den Kunden zu trinken zu geben. Sie und Ulenspiegel -zogen sich derweil in ein Hintergemach zurück, das mit -Marmelstein ausgelegt und kalt wie der Winter war.</p> - -<p>Den Kopf auf seine Schulter neigend, fragte sie ihn, wer er -wäre. Ulenspiegel gab diese Antwort:</p> - -<p>„Ich bin Herr von Geeland, Graf von Gavergaëten, Baron von -Tuchtendeel, und in Damm, meiner Vaterstadt, habe ich fünfundzwanzig -Morgen Mondschein.“</p> - -<p>„Was ist das für ein Landgut?“ fragte die Wirtin und trank aus -Ulenspiegels Humpen.</p> - -<p>„Das ist eine Besitzung, auf der man das Korn der Täuschungen, -der leeren Hoffnungen und der luftigen Versprechen säet. Aber -Du bist nicht im Mondschein geboren, holde Wirtin mit der -ambraduftenden Haut und den Augen, die wie Perlen glänzen. -Das bräunliche Gold dieser Haare hat die Farbe der Sonne; -Venus, die neidlose, machte Dir die üppigen Schultern, die -prallen Brüste, die runden Arme und die zierlichen Händlein. -Werden wir heute Abend mitsammen speisen?“</p> - -<p>„Schöner Pilger aus Flandern,“ sprach sie, „warum kommst Du -hierher?“</p> - -<p>„Um mit dem Papst zu sprechen,“ versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ach,“ sprach sie, die Hände faltend, „mit dem Papst zu sprechen; -ich, die ich aus diesem Lande stamme, habe es nimmer vermocht.“</p> - -<p>„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Aber,“ sagte sie, „weißt Du, wohin er geht, wie er ist? Kennst -Du seine Gewohnheiten und seine Lebensweise?“</p> - -<p>„Man hat mir unterwegs erzählt, daß er Julius III. heißet, daß -er ein Wüstling, lustig und ausschweifend ist, geschickt in der -Unterhaltung und scharfsinnig in seinen Antworten. Auch hat -man mir gesagt, daß er für einen kleinen schwarzen, schmutzigen -und ungesitteten Bettelbuben, der mit einem Affen um Almosen -bettelt, eine außerordentliche Freundschaft gefaßt hat. Da er -auf den päpstlichen Stuhl gelangte, hat er ihn zum Kardinal -der Anleihen gemacht, und er soll krank sein, wenn er einen Tag -verbringt, ohne ihn zu sehen.“</p> - -<p>„Trink,“ sagte sie, „und sprich nicht so laut.“</p> - -<p>„Man sagt auch, daß er wie ein Soldat fluchte: <span class="antiqua">Al dispetto di -Dio, potta di Dio</span>, als er eines Tages beim Nachtmahl einen kalten -Pfauen, den er sich hatte aufheben lassen, nicht fand. Er sagte: -„Ich, der Statthalter Christi, mag wohl eines Pfauen halber -fluchen, wenn mein Herr um einen Apfel gezürnet hat!“ / „Du -siehst, Schätzlein, daß ich den Papst kenne und weiß, wer er -ist.“</p> - -<p>„Ach,“ sagte sie, „aber sprich davon nicht zu andern. Du wirst -ihn gleichwohl nicht sehen.“</p> - -<p>„Ich werde mit ihm sprechen“, sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wenn Du das tust, so gebe ich Dir hundert Gülden.“</p> - -<p>„Ich habe sie schon gewonnen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Am andern Morgen lief er in der Stadt umher, wiewohl seine -Beine müde waren, und erkundete, daß der Papst des selbigen -Tages in Sankt Johann vom Lateran die Messe lesen würde. -Ulenspiegel ging dorthin und stellte sich so auffallend in die -Nähe des Papstes, als er vermochte, und jedes Mal, wenn der -Papst den Kelch oder die Hostie erhob, kehrte Ulenspiegel dem -Altar den Rücken.</p> - -<p>Neben dem Papst stand ein Kardinal, der die Messe ministrirte, -braun von Angesicht, boshaft und feist, mit einem Affen auf der -Schulter, und gab dem Volk mit vielen unzüchtigen Gesten das -Sakrament. Er machte den Papst auf Ulenspiegels Gebahren -aufmerksam und der Papst sandte nach der Messe vier prächtige -Kriegsmänner, wie man sie in diesen kriegerischen Ländern kennt, -sich des Pilgers zu bemächtigen.</p> - -<p>„Was für einen Glauben hast Du?“ fragte ihn der Papst.</p> - -<p>„Allerheiligster Vater,“ versetzte Ulenspiegel, „ich habe den Glauben, -den meine Wirtin hat.“</p> - -<p>Der Papst ließ die Frau holen.</p> - -<p>„Was glaubst Du?“ sagte er zu ihr.</p> - -<p>„Was Eure Heiligkeit glaubt“, erwiderte sie.</p> - -<p>„Und ich desgleichen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Papst fragte ihn, warum er dem heiligen Sakrament den -Rücken gedreht hätte.</p> - -<p>„Ich fühlte mich unwürdig, es anzuschauen.“</p> - -<p>„Du bist Pilger“, sagte der Papst.</p> - -<p>„Ja,“ sprach er, „ich komme aus Flandern, Vergebung meiner -Sünden zu erbitten.“</p> - -<p>Der Papst segnete ihn und Ulenspiegel ging mit der Wirtin von -dannen; die zählte ihm hundert Gülden auf. So beladen verließ -er Rom, um in das Land Flandern zurückzukehren.</p> - -<p>Aber für seinen Ablaß, der auf Pergament geschrieben war, mußte -er sieben Dukaten entrichten.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>55</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zur selbigen Zeit kamen zwei Prämonstratenserbrüder nach Damm, -um Ablaß zu verkaufen. Sie trugen über ihrem Mönchsgewand -ein schönes, mit Spitzen besetztes Hemde.</p> - -<p>Wenn das Wetter hell war, standen sie vor der Kirchtür, wenn -es regnete, in der Vorhalle. Sie schlugen ihre Preisliste an; -danach gaben sie für sechs Heller, für einen Pfennig, einen halben -Pariser Lire, für sieben, zwölf Karolusgülden je hundert, zweihundert, -dreihundert, vierhundert Jahre Ablaß und je nach dem -Preis halben oder vollkommenen Ablaß und Vergebung für die -ungeheuerlichsten Verbrechen, zum Exempel den Wunsch, der -heiligen Jungfrau Gewalt anzutun. Aber dieses kostete siebenzehn -Gülden.</p> - -<p>Den Käufern, die ihnen Geld gaben, händigten sie kleine Stücke -Pergament ein, auf denen die Zahl der Ablaßjahre geschrieben -stand. Darunter las man diese Inschrift:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wer nicht will werden</div> - <div class="verse indent0">Gedämpft, gebraten, gesotten gar,</div> - <div class="verse indent0">Im Fegefeuer tausend Jahr,</div> - <div class="verse indent0">In der Höllen brennen immerdar,</div> - <div class="verse indent0">Der kaufe Ablaß, Gnaden, Vergebung</div> - <div class="verse indent0">Um wenig Geld</div> - <div class="verse indent0">Gott wird’s ihm lohnen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und auf zehn Meilen im Umkreis kamen Käufer zu ihnen. Der -eine der guten Brüder predigte oftmals zum Volke; er hatte ein -feistes, blühendes Gesicht und trug sein dreifaches Kinn und seinen -Bauch ohne Verlegenheit zur Schau.</p> - -<p>„Unglücklicher,“ sprach er und heftete seine Augen auf den einen -oder den andern seiner Zuhörer: „Unglücklicher, da bist Du in -der Höllen; das Feuer verbrennt dich grausam, man lässet Dich -in einem Kessel voll siedenden Öls kochen, worin man die Ölkuchen -der Astarte bereitet. Du bist nichts als eine Blutwurst auf Luzifers -Ofen, eine Hammelkeule auf dem Gilgiroths des großen -Teufels, denn zuvor schneidet man Dich in Stücke. Siehe diesen -großen Sünder, der den Ablaß verachtete, siehe diese Schüssel -mit Hackfleisch, das ist er, das ist er, sein ruchloser Körper, sein -verdammter Körper also zusammengekocht. Und was für eine -Brühe! Schwefel, Pech und Teer. Und solchergestalt werden -alle diese armen Sünder gefressen, um beständig für die Qual -neu geboren zu werden. Da ist wahrlich Heulen und Zähneklappern. -Habe Mitleid, Gott der Barmherzigkeit! Ja, da bist Du -in der Hölle, armer Verdammter und leidest all diese Qualen. -Gibt man nur einen Heller für Dich, so spürst Du jählings Linderung -an Deiner rechten Hand; gibt man noch einen halben mehr, -siehe da, Deine beiden Hände sind aus dem Feuer. Aber der -übrige Körper? Ein Gülden, und der Tau des Ablasses fällt. -O köstliche Kühlung. Und das zehn Tage, hundert Tage, tausend -Jahre, je nachdem man zahlt: kein Braten, keine Ölkuchen, kein -Hackfleisch mehr. Und wenn es nicht für Dich Sünder ist, gibt -es nicht in den geheimsten Tiefen des Feuers arme Seelen? Deine -Eltern, ein liebes Weib, ein holdes Mägdlein, mit dem Du gern -sündigtest?“</p> - -<p>So sprechend, stieß der Mönch den Frater, der mit einem silbernen -Becken neben ihm stand, mit dem Ellenbogen an. Bei diesem -Zeichen schlug der Bruder die Augen nieder und schüttelte -salbungsvoll sein Becken, um das Geld herbeizulocken.</p> - -<p>„Hast Du nicht“, sprach der Mönch weiter, „in diesem gräßlichen -Feuer einen Sohn, eine Tochter, irgend ein geliebtes Kindlein? -Sie schreien, sie weinen, sie rufen Dich. Könntest Du bei diesen -kläglichen Stimmen taub bleiben? Du könntest es nicht. Dein -Herz von Eis schmilzt; aber das wird Dir einen Gülden kosten. -Und schau: beim Klang dieses Karolus auf diesem geringen Metall -(des Mönches Kumpan schüttelte abermals das Becken) entsteht -ein leerer Raum im Feuer, und die arme Seele steigt bis -an die Öffnung irgend eines Vulkans. Nun ist sie in der frischen -Luft, der freien Luft! Wo ist die Pein des Feuers? Das Meer -ist nahe, sie stürzt sich hinein, sie schwimmt auf dem Rücken, auf -dem Bauch, auf den Wogen und unter ihnen. Horch, wie sie vor -Freude jauchzt, wie sie sich im Wasser wälzt! Die Engel schauen -sie an und sind glücklich. Sie erwarten sie, aber sie hat noch -nicht genug, sie möchte ein Fisch werden. Sie weiß nicht, daß es -da oben labende, duftende Bäder gibt, darinnen große Stücke -weißen Kandiszuckers schwimmen, so kühl wie Eis. Ein Hai erscheint; -sie fürchtet ihn nimmer. Sie steigt auf seinen Rücken, -aber er spürt sie nicht; sie will mit ihm in die Tiefen des Meeres -tauchen, dort will sie die Engel der Gewässer begrüßen, Waterzoey -(Wassertiere) aus Korallenkesseln und frische Austern von -Perlmutterschalen essen. Und wie wohl wird sie dort empfangen, -gefeiert und gehätschelt. Die Englein rufen sie immerdar von -oben. Siehst Du, wie sie endlich erquickt und glücklich, gleich -einer Lerche, sich singend in den höchsten Himmel erhebt, wo Gott -in seiner Herrlichkeit thront? Dort findet sie alle ihre irdischen -Verwandten und Freunde, ohne allein jene, so im Abgrund der -Höllen brennen, dieweil sie den Ablaß unsrer Heiligen Mutter -Kirche geschmäht haben. Und also immer, immer, immer, bis -in Jahrhunderte von Jahrhunderten, in der brennenden Ewigkeit. -Aber die andre Seele ist bei Gott, erfrischt sich in köstlichen -Bädern und knuspert Kandiszucker. Kauft Ablaß, Brüder, -er wird für Cruzados, für Goldgülden, für Sovereigns -aus England erteilt. Auch Kippergeld wird nicht zurückgewiesen. -Kauft, kauft! Dies ist der heilige Kramladen. Hier -ist Waare für Arme und für Reiche, aber es ist uns schier -leid: wir können nichts auf Borg geben, Brüder, denn kaufen -und nicht baar bezahlen ist ein Verbrechen in den Augen des -Herrn.“</p> - -<p>Der Bruder, der nicht predigte, schüttelte seine Schale und die -Gulden, Cruzados, Dukaten, Groschen, Heller und Pfennige fielen -hageldicht darauf nieder.</p> - -<p>In Ansehung seines Reichtums zahlte Klas einen Gülden für -zehntausend Jahre Ablaß. Die Mönche gaben ihm dafür ein -Stück Pergament.</p> - -<p>Aber in Bälde, da sie sahen, daß in Damm nur noch Geizhälse -übrig waren, die keinen Ablaß gekauft hatten, machten sich die -beiden nach Heyst auf.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>56</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Mit seinem Pilgergewand angetan und seiner Vergehen los -und ledig, verließ Ulenspiegel Rom, ging seines Weges fürbaß -und kam nach Bamberg, wo man das beste Gemüse der Welt -hat.</p> - -<p>Er trat in eine Herberge, wo eine fröhliche Wirtin war; die -sprach zu ihm:</p> - -<p>„Junger Herr, willst Du für dein Geld essen?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „aber für wieviel isset man hier?“</p> - -<p>Die Wirtin erwiderte:</p> - -<p>„An der Herrentafel speist man für sechs Gülden; am Bürgertisch -für vier und am Gesindetisch für zwei.“</p> - -<p>„Das meiste Geld dient mir allerbest“, versetzte Ulenspiegel und -ging und setzte sich an die Herrentafel. Als er sich satt gegessen -und seine Mahlzeit mit Rheinwein begossen hatte, sprach er zur -Wirtin:</p> - -<p>„Gevatterin, ich habe für mein Geld gut gespeist; gib mir die -sechs Gülden.“</p> - -<p>Die Wirtin sagte zu ihm:</p> - -<p>„Spottest Du meiner? Zahl Deine Zeche.“</p> - -<p>„Liebreizende Meisterin,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „Ihr -habt nicht das Aussehen einer schlimmen Schuldnerin; im Gegenteil, -ich sehe soviel große Aufrichtigkeit, Treuherzigkeit und -Nächstenliebe darin, daß Ihr mir lieber achtzehn Gülden zahlen -würdet, als mir die sechs verweigern, die Ihr mir schuldet. Die -schönen Augen! Die Sonne, die Strahlenpfeile auf mich schleudert -und verliebte Tollheit aufschießen läßt, höher als die Quecken -auf einem Brachfeld.“</p> - -<p>Die Wirtin entgegnete:</p> - -<p>„Ich habe nichts mit Deiner Tollheit noch mit Deinen Quecken -zu schaffen; bezahle und scheer Dich fort.“</p> - -<p>„Fortgehen und Dich nicht fürder sehen! Lieber wollt’ ich augenblicks -verscheiden. Meisterin, süße Meisterin, ich habe nicht die -Gewohnheit für sechs Gülden zu essen, ich armer junger Kerl, der -über Berg und Tal wandert. Ich habe mich vollgestopft, und -bald werde ich wie ein Hund in der Sonne die Zunge heraushängen -lassen. Geruht, mich zu bezahlen, ich habe die sechs Gülden -durch die harte Arbeit meiner Kinnbacken redlich verdient. -Gebt sie mir und ich werde Euch mit solcher Glut der Dankbarkeit -liebkosen, küssen und umarmen, daß siebenundzwanzig Verliebte -mitsammen zu solcher Leistung nicht ausreichen.“</p> - -<p>„Du redest so ums Geld“, sagte sie.</p> - -<p>„Soll ich Dich umsonst aufessen?“</p> - -<p>„Nein“, sprach sie, sich seiner erwehrend.</p> - -<p>„Ach,“ seufzte er, sie verfolgend, „Deine Haut ist wie Rahm, -Deine Haare sind wie ein Fasan, der am Spieß gebräunt ist, -Deine Lippen wie Kirschen! Gibt es eine, die leckerer ist als Du?“</p> - -<p>„Es steht Dir wohl an, Du loser Vogel,“ sagte sie lächelnd, -„mir noch sechs Gülden abzufordern. Sei froh, daß ich Dich gratis -gefüttert habe, ohne etwas von Dir zu fordern.“</p> - -<p>„Wenn Du wüßtest, wieviel Platz noch da ist.“</p> - -<p>„Zieh ab,“ sagte die Wirtin, „ehe mein Mann kommt.“</p> - -<p>„Ich werde ein nachsichtiger Gläubiger sein“, versetzte Ulenspiegel. -„Gib mir zum wenigsten einen Gülden für den künftigen Durst.“</p> - -<p>„Da, Du schlimmer Geselle“, sagte sie und gab ihm den.</p> - -<p>„Aber lässest Du mich auch wiederkommen?“</p> - -<p>„Willst Du wohl gehen“, sagte sie.</p> - -<p>„Wohl gehen,“ sprach Ulenspiegel, „das hieße zu Dir gehen, Du -Holde. Aber Deine schönen Augen verlassen, das heißt schlecht -gehen. Wenn Du geruhst, mich zu behalten, werde ich nur für -einen Gülden täglich essen.“</p> - -<p>„Ist ein Stock vonnöten?“ sprach sie.</p> - -<p>„Nimm meinen“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Sie lachte, aber er mußte von dannen ziehen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>57</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Um jene Zeit siedelte Lamm Goedzak wiederum nach Damm über, -sintemalen das Land Lüttich wegen der Ketzereien unsicher war. -Sein Weib folgte ihm willig, dieweil die Lütticher, die ihrer Natur -nach treffliche Spötter waren, sich über die Gutmütigkeit ihres -Mannes lustig machten.</p> - -<p>Er ging oft zu Klas, welcher, seit er geerbt hatte, die Schenke -„zum blauen Turm“ unsicher machte und sich allda für sich und -seine Kumpane einen Tisch ausgewählt hatte. Am nächsten -Tische saß Jobst Griepenstüver, der seine halbe Kanne in kleinen -Schlucken trank. Er war der Älteste der Fischergilde, ein geiziger, -knickeriger Mann, der von sauren Heringen lebte und dem -das Geld über das Heil seiner Seele ging. Klas hatte das Stück -Pergament, darauf die zehntausend Jahre Ablaß geschrieben -waren, in seinen Säckel gesteckt.</p> - -<p>Eines Abends, da Klas in Gesellschaft von Lamm Goedzak, Jan -van Rosebeke und Matthys van Assche im „Blauen Turm“ saß -und Jobst Griepenstüver auch da war, becherte Klas tapfer -und Jan Rosebeke sprach zu ihm:</p> - -<p>„Das heißt sündigen, soviel zu trinken.“</p> - -<p>Klas entgegnete:</p> - -<p>„Man brennt nur einen halben Tag für eine Kanne zuviel. Und -ich habe zehntausend Jahre Ablaß in meinem Säckel. Wer will -hundert davon, um sich ohne Furcht den Magen zu überschwemmen?“</p> - -<p>Alle riefen:</p> - -<p>„Wie teuer verkaufst Du sie?“</p> - -<p>„Für eine Kanne, doch gebe ich hundertfünfzig für eine <span class="antiqua">muske -conyn</span>.“</p> - -<p>Etliche Trinker zahlten Klas, der eine einen Schoppen, der andre -Schinken; er schnitt ihnen allen einen kleinen Streifen Pergament -ab. Aber nicht Klas aß den Preis des Ablasses auf und -vertrank ihn, sondern Lamm Goedzak, welcher soviel verschlang, -daß er zusehends anschwoll, derweil Klas in der Schenke hin und -her ging, seine Ware feilzubieten.</p> - -<p>Griepenstüver kehrte ihm seine mürrische Miene zu.</p> - -<p>„Hast du Ablaß für zehn Tage?“ fragte er.</p> - -<p>„Nein,“ sprach Klas, „das ist zu schwer abzuschneiden.“</p> - -<p>Und jedermann lachte, und Griepenstüver würgte seinen Zorn hinunter.</p> - -<p>Alsdann begab sich Klas in seine Hütte, und Lamm folgte ihm -und ging, als ob er Beine aus Wolle hätte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>58</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Gegen das Ende des dritten Jahres kehrte Katheline nach Damm -in ihre Behausung zurück. Und ohne Aufhören sagte die Irre: -„Feuer auf dem Kopf, die Seele pocht, macht ein Loch, sie will -hinaus.“ Und allemal, wenn sie Ochsen oder Hämmel erblickte, -entfloh sie. Und sie setzte sich auf die Bank unter den Linden hinter -ihrer Hütte, schüttelte den Kopf und sah die von Damm an, -ohne sie zu erkennen; sie aber sagten, an ihr vorübergehend: „Das -ist die Irre.“</p> - -<p>Indessen erblickte Ulenspiegel, welcher auf Wegen und Stegen -umherstreifte, einen Esel auf der Landstraße; der war mit einem -Leder aufgezäumt, welches mit Kupfernägeln verziert war, und -sein Kopf war mit Quasten und Troddeln von roter Wolle geschmückt.</p> - -<p>Etliche alte Weiber stunden um den Esel und schwatzten und redeten -alle zumal: „Keiner kann ihn bezwingen, es ist das grausliche -Tier des großen Hexenmeisters, Baron von Rais, der lebendig -verbrannt ward, dafür daß er dem Teufel acht Kinder geopfert -hat. / Gevatterinnen, er ist so schnell davongelaufen, daß -man ihn nicht hat einholen können. Satan steckt in ihm und beschützt -ihn. / Denn da er ermattet auf der Landstraße still stand, -kamen die Gemeinbüttel, ihn zu fangen; er aber schlug hinten -aus und schrie so erschrecklich, daß sie ihm nicht zu nahen -wagten. / Und das war keines Esels, sondern des Teufels Geschrei. -/ Derhalben ließ man ihn Disteln weiden, ohne ihm den -Prozeß zu machen, noch ihn als Hexenmeister lebendig zu verbrennen. -/ Diese Mannsleute haben keinen Mut.“</p> - -<p>Ohngeachtet dieser erbaulichen Reden entflohen sie mit Geschrei, -sobald der Esel die Ohren spitzte oder sich die Flanken mit dem -Schwanze schlug. Dann aber kamen sie gackernd und plappernd -wieder und führten bei der geringsten Bewegung des Grautiers -die nämliche Komödie von Neuem auf.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel betrachtete sie mit Lachen:</p> - -<p>„Ach,“ sprach er, „Neugierde ohne Ende und immerwährendes -Reden strömt wie ein Fluß aus den Mäulern der Gevatterinnen, -sonderlich der alten, denn bei den jungen ist der Strom nicht so -reißend wegen ihrer verliebten Geschäfte.“</p> - -<p>Alsdann nahm er den Esel in Augenschein.</p> - -<p>„Dies Hexentier ist behend,“ sprach er, „und trabt ohne Zweifel -nicht mit den Schultern; ich kann darauf reiten oder es verkaufen.“</p> - -<p>Ohne ein Wort zu sagen, ging er und holte eine Metze Hafer, -gab sie dem Esel zu fressen, sprang ihm hurtig auf den Rücken, -ergriff den Zügel, drehte sich nach Norden, Osten und Westen und -segnete von ferne die Alten.</p> - -<p>Die knieten, ohnmächtig vor Schreck, nieder, und in der Spinnstube -hieß es hernach, daß ein Engel, der einen Filzhut mit Fasanenfeder -trug, gekommen sei, sie alle zu segnen und durch absonderliche -Gnade Gottes den Esel des Zauberers fortzuführen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel trabte auf seinem Esel von dannen, mitten -durch fette Weiden, wo Pferde frei umhersprangen und Kühe -und Färsen träg in der Sonne lagen und wiederkäuten. Und er -nannte ihn Jef.</p> - -<p>Der Esel stand still und hielt wohlgemut sein Mittagmahl von -Disteln. Bisweilen jedoch zitterte er über die ganze Haut und -schlug mit dem Schwanz an die Flanken, um die gefräßigen -Bremsen zu vertreiben, die auch speisen wollten, aber von seinem -Fleische.</p> - -<p>Ulenspiegel, dessen Magen vor Hunger knurrte, war trübselig.</p> - -<p>„Du wärest recht glücklich, Herr Esel,“ sagte er, „bei Deinem -Mittagmahl von fetten Disteln, „wann keiner Dich in Deinem -Wohlbehagen störte und Dich erinnerte, daß Du sterblich bist, -das ist geboren, um alle Arten von Unbill zu erdulden. Gleich -wie Du,“ fuhr er fort und drückte den Esel mit den Schenkeln, -„hat der Mann vom heiligen Pantoffel seine Bremse, das ist der -Doktor Luther, und seine Hohe Majestät Karl hat auch die seine, -das ist Herr Franz, der erste des Namens, der König mit der sehr -langen Nase und dem noch längeren Degen. Darum ist es mir, -dem armen jungen Kerl, der wie ein Jude herumirrt, wohl erlaubt, -auch eine Bremse zu haben, Herr Esel. Ach, alle meine -Täschlein sind durchlöchert und durch das Loch laufen all meine -schönen Dukaten, Gülden und Taler davon wie eine Legion -Mäuse, so dem Rachen einer Katze entfleuchen. Ich weiß nicht, -warum das Geld mich nicht mag, der ich so gern das Geld möchte. -Was man auch sage, Fortuna ist kein Weib, denn sie liebt nur die -geizigen Filze, so sie in Truhen und Säcke sperren und mit zwanzig -Schlüsseln verschließen und ihr nimmer erlauben, ein Endlein -ihrer ganz vergüldeten Nase ans Fenster zu drücken. Das ist die -Bremse, die an mir nagt und frißt und mich kitzelt, ohne mich -zum Lachen zu bringen, Du hörst mich nicht an, Herr Esel, und -denkst nur ans Fressen. O, Du Fettwanst, der seinen Wanst anfüllt, -Deine langen Ohren sind taub für das Knurren der leeren -Bäuche. Hör mich an, ich will es.“</p> - -<p>Und er peitschte ihn fort. Der Esel hub an zu schreien.</p> - -<p>„Nun Du gesungen hast, laß uns weitergehen“, sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Aber der Esel rührte sich nicht mehr denn ein Meilenstein und -schien den Vorsatz gefaßt zu haben, alle Disteln an der Straße -bis auf die letzte zu fressen. Und es mangelte nicht daran.</p> - -<p>Da Ulenspiegel das sah, stieg er ab, schnitt einen Strauß Disteln, -hielt ihn dem Esel unter die Nase und führte ihn solcherart bis -in das Gebiet des Landgrafen von Hessen.</p> - -<p>„Meister Esel,“ sagte er im Weiterreiten, „Du läufst meinem -Distelstrauße nach und lässest den schönen Weg, der ganz mit -diesen leckeren Pflanzen bestanden ist, hinter Dir. So machen -es alle Menschen; die einen wittern den Duft des Ruhmes, den -Fortuna ihnen unter die Nase hält, die andern den Duft des Gewinstes -und etliche den Duft der Liebe. Am Ende des Weges -werden sie wie Du gewahr, daß sie dem nachgelaufen sind, was -wenig war, und das zurückgelassen haben, was etwas war, nämlich: -Gesundheit, Arbeit, Ruhe und Wohlsein daheim.“</p> - -<p>Dergestalt mit seinem Esel schwätzend, kam Ulenspiegel vor den -Palast des Landgrafen.</p> - -<p>Zwei Hauptleute der Scharfschützen würfelten auf der Treppe. -Der eine von ihnen, welcher rothaarig und riesengroß war, sprach -zu Ulenspiegel, der bescheidentlich auf Jef saß und ihnen zusah: -„Was willst Du bei uns mit Deiner ausgehungerten Pilgerfratze?“</p> - -<p>„Ich habe freilich großen Hunger,“ versetzte Ulenspiegel, „und -wallfahrte wider Willen.“</p> - -<p>„So Du Hunger hast,“ erwiderte der Hauptmann, „so schlinge -den Strick hinunter, der am nächsten Galgen baumelt; der ist -für Landstreicher bestimmt.“</p> - -<p>„Herr Hauptmann,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn Ihr mir den -schönen güldenen Strick gäbet, den Ihr am Hute traget, so -würde ich mich mit den Zähnen an jenem fetten Schinken aufhängen, -der dorten beim Garkoch baumelt.“</p> - -<p>„Woher kommst Du?“ fragte der Hauptmann.</p> - -<p>„Aus Flandern“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Was willst Du?“</p> - -<p>„Seiner landgräflichen Gnaden ein Gemälde meiner Art zeigen.“</p> - -<p>„Wenn Du ein Maler und aus Flandern bist,“ sagte der -Hauptmann, „so tritt ein, und ich werde Dich zu meinem Herrn -führen.“</p> - -<p>Da Ulenspiegel vor den Landgrafen geführt ward, grüßte er ihn -dreimal und noch mehr.</p> - -<p>„Geruhen Euer Landgräfliche Gnaden“, sprach er, „meine Dreistigkeit -zu entschuldigen, wenn ich es wage, zu Ihren edlen Füßen -eine Malerei niederzulegen, die ich für Sie machte, und worauf -ich die Ehre hatte, die Jungfrau in kaiserlichem Schmuck zu konterfeien.“</p> - -<p>„Diese Malerei“, fuhr er fort, „wird Euch vielleicht genehm -sein. In dem Falle macht mich meine Kunst so vermessen, auf -eine Erhöhung meines Sitzes bis zu diesem schönen Armsessel von -rotem Sammet zu hoffen, worinnen zu seinen Lebzeiten der unvergeßliche -Maler Euer großmütigen Gnaden saß.“</p> - -<p>Da der Herr Landgraf das Gemälde, das schön war, betrachtet -hatte, sagte er:</p> - -<p>„Du sollst Unser Maler werden, setz Dich dort auf den Armstuhl.“ -Und er küßte ihn fröhlich auf beide Wangen. Ulenspiegel setzte -sich.</p> - -<p>„Schier zerlumpt schaust Du aus“, sprach der Landgraf, ihn betrachtend.</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Wahrlich, Euer Gnaden, Jef, das ist mein Esel, fraß Disteln -zu Mittag, aber ich lebe seit drei Tagen nur von Elend und nähre -mich vom Dunste der Hoffnung.“</p> - -<p>„Du wirst alsbald besseres Fleisch zum Nachtmahl haben,“ entgegnete -der Landgraf, „aber wo ist Dein Esel?“</p> - -<p>„Ich habe ihn auf dem Schloßplatz gelassen, dem Palast Eurer -Gnaden gegenüber. Ich wäre recht froh, wenn Jef Obdach, Streu -und Futter für die Nacht fände.“</p> - -<p>Der Herr Landgraf befahl stracks einem seiner Pagen, Ulenspiegels -Esel zu behandeln, als wär’s sein eigner.</p> - -<p>Alsbald kam die Stunde des Nachtmahls. Da war eitel Hochzeit -und Gelage, und die Fleischspeisen dampften immerfort und die -Weine strömten in die Kehlen.</p> - -<p>Ulenspiegel und der Landgraf waren alle beide so rot wie glühende -Kohlen; Ulenspiegel ward lustig, aber der Landgraf blieb -nachdenklich.</p> - -<p>„Unser Maler,“ sagte er plötzlich, „Du mußt mich malen, denn -es ist für einen sterblichen Fürsten eine gar große Genugtuung, -seinen Nachkommen sein Antlitz zum Gedächtnis zu hinterlassen.“</p> - -<p>„Herr Landgraf,“ versetzte Ulenspiegel, „Euer Wille ist mein -Wunsch; aber mir Armseligen scheint, daß Eure Liebden so ganz -allein konterfeit in den künftigen Zeiten nicht viel Kurzweil haben -würden. Ihr müßt in Gesellschaft Eurer edlen Gemahlin, der -Frau Landgräfin, hochdero Damen und Herren und Eurer tapfersten -Hauptleute und Offiziere sein, in deren Mitte der hohe Herr -und die hohe Frau wie Sonnen unter Laternen erglänzen werden.“</p> - -<p>„Fürwahr, Unser Maler,“ erwiderte der Landgraf, „und was -soll ich Dir für diese große Arbeit zahlen?“</p> - -<p>„Hundert Gülden im voraus oder anders“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Hier sind sie im voraus“, sprach der Landgraf.</p> - -<p>„Euer Mitleid, gnädiger Herr, gießt Öl auf meine Lampe; sie -wird Euch zu Ehren brennen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Am folgenden Tag bat er Seine Gnaden den Landgrafen, Die, -welchen er die Ehre des Konterfeis zugedacht hätte, an ihm vorbeiziehen -zu lassen.</p> - -<p>Da kam der Herzog von Lüneburg, der Feldhauptmann der -Landsknechte im Dienste des Landgrafen, der seinen feisten Wanst -nur mit großer Beschwerde schleppte. Er trat nahe an Ulenspiegel -heran und säuselte ihm diese Worte ins Ohr:</p> - -<p>„Wenn Du mir beim Abmalen nicht die Hälfte meines Fettes -fortnimmst, so laß ich Dich durch meine Soldaten henken.“</p> - -<p>Kam sodann eine hohe Dame; selbige hatte einen Höcker auf dem -Rücken und eine Brust, so glatt wie die Klinge eines Richtschwertes.</p> - -<p>„Meister Maler,“ sagte sie, „wenn Du mir nicht anstatt des einen, -den du fortnimmst, zwei Höcker machst und sie nach vorne setzest, -so laß ich Dich wie einen Giftmischer vierteilen.“</p> - -<p>Kam ein junges Ehrenfräulein, blond, frisch und liebreizend, aber -ihr fehlten drei Zähne unter der Oberlippe.</p> - -<p>„Meister Maler,“ sprach sie, „wenn Du mich nicht malst, wie ich -lache und zweiunddreißig Zähne zeige, so laß ich Dich durch meinen -Herzallerliebsten in Stücke hacken.“</p> - -<p>Und auf den Hauptmann der Scharfschützen weisend, der zuvor -auf der Treppe des Palastes gewürfelt hatte, ging sie weiter.</p> - -<p>Die Prozession nahm ihren Verlauf. Ulenspiegel blieb mit Seiner -Gnaden dem Landgrafen allein.</p> - -<p>„Wenn Du das Unglück hast,“ sprach dieser, „beim Konterfeien -aller dieser Gesichter mit einem Strich zu lügen, so laß ich Dir -den Hals abschneiden wie einem jungen Huhn.“</p> - -<p>Ulenspiegel gedachte: „des Kopfes beraubt, gevierteilt, kleingehackt -oder zum mindesten gehenkt, wird es leichter sein, gar nicht -zu malen. Ich werde darauf bedacht sein.“</p> - -<p>„Wo ist der Saal,“ fragte er den Landgrafen, „den ich mit all -diesen Gemälden schmücken soll?“</p> - -<p>„Folge mir“, sprach der Landgraf.</p> - -<p>Und er zeigte ihm ein großes Gemach mit ganz nackten Mauern.</p> - -<p>„Hier ist der Saal“, sagte er.</p> - -<p>„Mir wäre es lieb,“ sprach Ulenspiegel, „wenn man vor diese -Wände große Vorhänge zöge, auf daß meine Schildereien nicht -möchten durch Fliegen und Staub verunglimpft werden.“</p> - -<p>„Das soll geschehen“, sprach der Landgraf.</p> - -<p>Nachdem die Vorhänge befestigt waren, begehrte Ulenspiegel drei -Gesellen, damit sie, wie er sagte, ihm die Farben rieben. Dreißig -Tage lang taten Ulenspiegel und die Gesellen nichts denn schwelgen -und schlemmen und schonten der feinen Braten und alten -Weine nicht; der Landgraf wachte selbst darüber.</p> - -<p>Indessen am einunddreißigsten Tage steckte er die Nase in die -Türe des Gemachs, das auf Ulenspiegels Geheiß niemand betreten -sollte.</p> - -<p>„Wohlan, Tyll,“ sprach er, „wo sind die Bilder?“</p> - -<p>„Sie sind weit“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Kann man sie nicht sehen?“</p> - -<p>„Noch nicht.“</p> - -<p>Am sechsunddreißigsten Tage steckte er wieder die Nase durch die -Türe:</p> - -<p>„Wohlan, Tyll?“ fragte er.</p> - -<p>„Ei, gnädigster Herr Landgraf, sie gehen dem Ende zu.“</p> - -<p>Am sechzigsten Tage ward der Landgraf zornig und trat in das -Gemach.</p> - -<p>„Flugs wirst Du mir die Bildnisse zeigen“, sprach er.</p> - -<p>„Jawohl, Euer Furchtbarkeit“, erwiderte Ulenspiegel. „Aber -wollet diesen Vorhang nicht lüften, ehe Ihr nicht die Herren -Hauptleute und Damen Eures Hofes hierher beschieden habt.“</p> - -<p>„Ich willige darein“, sprach der Landgraf.</p> - -<p>Alle kamen auf sein Geheiß.</p> - -<p>Ulenspiegel stand vor dem zugezogenen Vorhang.</p> - -<p>„Gnädigster Herr Landgraf,“ sprach er, „und Ihr, gnädigste Frau -Landgräfin, und Eure Gnaden von Lüneburg und Ihr anderen -schönen Damen und wackeren Hauptleute, ich habe Eure liebreizenden -oder kriegerischen Angesichter hinter jenem Vorhang aufs -beste abkonterfeit. Es wird Euch ein Leichtes sein, Euch männiglich -darauf zu erkennen. Ihr seid neugierig, es zu sehen, das ist gerecht, -aber geruhet Euch zu gedulden, und lasset mich ein Wort oder -sechs reden. Schöne Damen und wackere Hauptleute, die Ihr adligen -Blutes seid, Ihr könnet meine Malerei sehen und bewundern, -so aber einer unter Euch ein Bürgerlicher ist, wird er nur -die weiße Wand erblicken. Und nun geruhet Eure edlen Augen -aufzutun.“</p> - -<p>Ulenspiegel zog den Vorhang fort:</p> - -<p>„Allein die adligen Herren, allein die adligen Damen sind sehend. -Darum wird man in Bälde sagen: Für die Malerei -blind wie ein Niedriggeborener, scharfsichtig wie ein Edelmann.“</p> - -<p>Alle sperrten die Augen auf und stellten sich, als ob sie etwas sähen, -zeigten sich einer dem andern, nannten Namen und erkannten sich, -aber in Wahrheit erblickten sie nur die nackte Wand, welches sie -verblüffte.</p> - -<p>Plötzlich sprang der Narr, der zugegen war, drei Schuh hoch in -die Luft und schüttelte seine Schellen:</p> - -<p>„Scheltet mich einen Bürgerlichen, einen Niedrigen, der Niedrigkeit -noch erniedrigt, aber ich sage und rufe mit Pauken und Trompeten, -daß ich allda nur eine kahle Wand, eine weiße Wand, eine -kahle Wand sehe. So mögen mir Gott und alle seine Heiligen -beistehen.“</p> - -<p>Ulenspiegel versetzte:</p> - -<p>„Wenn Narren drein reden, so ist’s für die Weisen an der Zeit, zu -gehen.“</p> - -<p>Er wollte den Palast verlassen, als der Landgraf ihn festhielt -und sprach:</p> - -<p>„Du Schalksnarr, der durch die Welt wandert und die schönen -und guten Dinge preist und der Dummheit mit einer scharfen -Zunge spottet, Du wagtest angesichts so vieler hoher Damen und -noch höherer vieledler Herren Dich öffentlich über Wappen und -Adelsstolz lustig zu machen; du wirst eines Tages für Dein freies -Reden gehenkt werden.“</p> - -<p>„Wenn der Strick von Gold ist, wird er vor Furcht zerreißen, -wenn er mich kommen sieht.“</p> - -<p>„Nimm“, sprach der Landgraf und gab ihm fünfzehn Gülden; -„dies ist das eine Ende davon.“</p> - -<p>„Großen Dank, Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „jede Herberge -des Weges wird ein Fädlein davon erhalten, ein gülden -Fädlein, das die spitzbübischen Herbergswirte zu Krösussen -macht.“</p> - -<p>Und wohlgemut ritt er auf seinem Esel fürbaß; die Kappe trug -er hoch, und die Feder wallte im Winde.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>59</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Blätter auf den Bäumen vergilbten, und der Herbstwind -begann zu wehen. Katheline war zuzeiten eine oder drei Stunden -bei Sinnen. Und Klas sagte dann, daß der Geist Gottes in -seinem milden Erbarmen in sie führe. In solchen Augenblicken -hatte sie die Macht, durch Gebärden und Worte einen Zauber -auf Nele zu werfen, also daß sie mehr denn hundert Meilen -weit Dinge erblickte, die auf Plätzen und Gassen und in den -Häusern geschahen.</p> - -<p>An jenem Tage nun, da Katheline bei gutem Verstande war und -Ölkuchen, mit Doppelbier angefeuchtet, in Gemeinschaft mit -Klas, Soetkin und Nele verzehrte, sprach Klas:</p> - -<p>„Heute ist der Tag der Abdankung Seiner Heiligen Majestät -Kaiser Karls V. Nele, mein Schätzlein, vermöchtest Du wohl -bis nach Brüssel in Brabant zu sehen?“</p> - -<p>„Ich vermöchte es, wenn Katheline will“, versetzte Nele.</p> - -<p>Alsogleich hieß Katheline das Mägdlein auf eine Bank niedersitzen -und durch ihre Worte und Gebärden, die wie ein Zauber -wirkten, sank Nele in festen Schlummer.</p> - -<p>Katheline sprach zu ihr:</p> - -<p>„Tritt in das kleine Haus des Lustgartens, wo Kaiser Karl V. zu -verweilen liebt.“</p> - -<p>„Ich bin“, sprach Nele mit leiser Stimme und als ob sie erstickte, -„ich bin in einem kleinen Saal, der mit Ölfarbe grün angemalt ist. -Dort sitzt ein Mann, nahe bei vierundfünfzig Jahren, kahlköpfig -und grau, der einen blonden Bart auf einem vorstehenden Kinn -trägt. Der Blick seiner grauen Augen ist böse, voller Arglist, -Grausamkeit und verstellter Gutmütigkeit. Und diesen Mann -nennt man Heilige Majestät. Er ist verschleimt und hustet viel. -Bei ihm steht ein anderer, der ist jung, mit häßlicher Fratze wie -ein wasserköpfiger Affe. Ich sah ihn zu Antwerpen, es ist König -Philipp. Seine Heilige Majestät tadelt ihn just, daß er die Nacht -sich herumgetrieben hat. Sicherlich, sagt er, um in einer Spelunke -irgend eine Vettel aus dem verrufenen Stadtteil zu finden. Er -sagt, daß seine Haare nach der Schenke riechen und daß solches -kein Vergnügen für einen König sei, der nur zu wählen braucht -reizende Leiber mit Haut wie Atlas, in wohlriechenden Bädern -erfrischt, und Hände sehr verliebter, vornehmer Damen. Das -ist mehr wert als eine Saudirne, die kaum gewaschen aus den -Armen eines versoffenen Soldaten kommt. Da ist kein Weib, sagt -er, ob Jungfrau, Ehefrau oder Wittib, die ihm widerstehen -möchte unter den adligsten und schönsten, die ihre Liebschaften -mit duftenden Kerzen und nicht mit dem fettigen Glimmen stinkender -Unschlittlichter erhellen.“</p> - -<p>Der König erwidert Seiner Majestät, daß er ihm in allem gehorchen -werde.</p> - -<p>Dann hustet Seine Majestät und trinkt etliche Schluck Würzwein.</p> - -<p>„Du wirst“, sagt er, sich an Philipp wendend, „alsbald die Generalstaaten -sehen, Prälaten, Edle und Bürger: Oranien den -Schweigsamen, Egmont den Eitlen, Hoorn den Unbeliebten, -und Brederode den Leuen, und alle die Ritter vom Güldenen -Vlies, zu dessen Großmeister ich Dich ernennen werde. Du wirst -da hundert finden, die dies Spielzeug tragen und die sich männiglich -die Nase abschneiden ließen, so sie diese an einer güldenen -Kette als Zeichen höheren Adels auf der Brust tragen könnten.“</p> - -<p>Dann sagt Seine Majestät in anderm Ton und höchst kläglich -zu König Philipp:</p> - -<p>„Du weißt, daß ich zu Deinen Gunsten abdanken werde, mein -Sohn, und der Welt ein großes Schauspiel geben und vor einer -großen Menge reden, obwohl mit Schlucken und Husten, denn -ich habe meiner Lebtage zuviel gegessen, mein Sohn. Du müßtest -ein gar hartes Herz haben, wenn Du nicht etliche Tränen vergössest, -nachdem Du mich angehört hast.“</p> - -<p>„Ich werde weinen, Herr Vater“, antwortet König Philipp.</p> - -<p>Dann spricht Seine Heilige Majestät zu einem Diener, mit -Namen Dubois:</p> - -<p>„Dubois,“ sagt er, „reiche mir ein Stück Madeirazucker: ich -habe das Schlucken. Wenn es mich nur nicht überfällt, dieweil -ich zu aller Welt spreche. Die Gans von gestern wird wohl nie -verdaut werden. Ob ich wohl einen Humpen Wein von Orleans -trinke? Nein, er ist zu herbe. Ob ich etliche Sardinen esse? Sie -sind so ölig. Dubois, gib mir Wein aus der Romagna.“</p> - -<p>Dubois gibt Seiner Heiligen Majestät, was er verlangt. Dann -legt er ihm ein Kleid von karmesinrotem Sammet an, bedeckt -ihn mit einem güldenen Mantel, gürtet ihm den Degen um, überreicht -ihm Zepter und Reichsapfel und setzt ihm die Krone aufs -Haupt.</p> - -<p>Sodann verläßt Seine Heilige Majestät auf einem kleinen -Maultier das Haus im Lustgarten; König Philipp und viele -hohe Personen folgen ihm. So gelangen sie in ein großes Gebäude, -das sie Palast nennen und finden dort in einem Gemach -einen Mann von hoher, hagerer Gestalt und reich gekleidet, den -sie Oranien nennen.</p> - -<p>Seine Heilige Majestät spricht zu diesem Manne und sagt:</p> - -<p>„Sehe ich gut aus, Vetter Wilhelm?“</p> - -<p>Aber der Mann antwortet nicht.</p> - -<p>Seine Heilige Majestät sagt darauf, halb lachend, halb zornig:</p> - -<p>„Wirst Du denn immer stumm sein, Vetter, selbst wenn es -gilt, dem alten Gerümpel Wahrheiten zu sagen? Soll ich noch -weiter regieren oder soll ich abdanken, Schweiger?“</p> - -<p>„Heilige Majestät,“ sagt der hagere Mann, „wenn der Winter -kommt, lassen die stärksten Eichen ihre Blätter fallen.“</p> - -<p>Die dritte Stunde schlägt.</p> - -<p>„Schweiger,“ sagt er, „leih mir deine Schulter, daß ich mich -darauf stütze.“</p> - -<p>Und er tritt mit ihm und seinem Gefolge in einen großen Saal -und setzt sich unter einen Thronhimmel auf eine Estrade, die -mit Seide oder Teppichen überzogen ist. Da sind drei Sessel. -Seine Majestät nimmt den in der Mitten ein, der reicher verziert -ist als die anderen und hinter dem die Kaiserkrone emporragt. -König Philipp setzt sich auf den zweiten, und der dritte -ist für eine Frau, welche ohne Zweifel eine Königin ist. Zur -Rechten und Linken sitzen auf teppichbelegten Bänken rotgekleidete -Männer, so ein gülden Lamm um den Hals tragen. Hinter -ihnen stehen unterschiedliche Personen, ohne Zweifel Prinzen -und große Herren. Gegenüber am Fuß der Estrade sitzen auf -kahlen Bänken in Wolle gekleidete Männer. Ich höre sie sagen, -daß sie so bescheiden sitzen und so schlicht gekleidet sind, weil -sie allein alle Kosten tragen. Ein jeglicher hat sich erhoben, da -Seine Heilige Majestät eingetreten ist, er aber hat sich sogleich -gesetzt und gibt allen das Zeichen, ihm nachzuahmen.</p> - -<p>Ein alter Mann spricht nun des Langen und Breiten über die -Gicht. Dann reicht die Frau, so eine Königin scheint, Seiner -Heiligen Majestät eine Pergamentrolle. Es sind Dinge darauf -geschrieben, die Seine Heilige Majestät hustend und mit dumpfer, -leiser Stimme verliest. Er spricht von sich selbst und sagt:</p> - -<p>„Viel sind der Reisen, so ich in Hispanien, Italien, den Niederlanden, -Engelland und Afrika gemacht, alles zur Ehre Gottes, -zum Ruhm meiner Waffen und zum Wohl meiner Völker.“</p> - -<p>Dann, nachdem er des Langen und Breiten geredet hat, sagt er, -daß er hinfällig und müde sei und die Krone Spaniens, die -Grafschaften, Herzogtümer und Markgrafschaften dieser Länder -in die Hände seines Sohnes überantworten wolle.</p> - -<p>Alsdann weint er, und alle weinen mit ihm.</p> - -<p>König Philipp erhebt sich nun und fällt auf die Knie:</p> - -<p>„Heilige Majestät,“ sagt er, „wie ist es mir erlaubt, diese Krone -aus Euren Händen zu empfangen, wenn Ihr noch so fähig seid, -sie zu tragen.“</p> - -<p>Dann sagt Seine Heilige Majestät ihm ins Ohr, er solle zu den -Männern, so auf den mit Teppich belegten Bänken sitzen, wohlwollend -reden.</p> - -<p>König Philipp wendet sich zu ihnen und sagt in mürrischem Ton, -ohne sich zu erheben:</p> - -<p>„Ich verstehe ziemlich gut französisch, aber nicht genug, um zu -Euch in dieser Sprache zu sprechen; Ihr werdet hören, was der -Bischof von Arras, Herr Granvella, Euch in meinem Namen -sagen wird.“</p> - -<p>„Du sprichst schlecht, mein Sohn“, sagt Seine Majestät.</p> - -<p>Und wahrlich, die Versammlung murrt, da sie den jungen König -so stolz und so hoffärtig sieht. Die Frau Königin spricht auch, -um ihn zu prüfen. Dann kommt ein alter Magister dran, der, -da er fertig ist, von Seiner Heiligen Majestät als Zeichen des -Danks einen Wink mit der Hand empfäht. Nun sind die Zeremonien -und Ansprachen zu Ende. Seine Majestät spricht seine -Untertanen ihres Treuschwurs ledig, unterzeichnet die hierfür -aufgesetzten Urkunden, und von seinem Throne sich erhebend, setzt -er seinen Sohn darauf. Und jedermann im Saale weint. Dann -gehen sie wiederum in das Haus im Lustgarten.</p> - -<p>Da sie zum andern Mal im grünen Gemache sind, allein und bei -verschlossenen Türen, lacht Seine Majestät aus vollem Halse -und spricht zu König Philipp, der nicht lacht, also:</p> - -<p>„Sahest Du, wie wenig vonnöten ist, um diese guten Kerle zu -rühren?“ spricht er, indem er zugleich redet, schluckt und lacht. -„Welche Flut von Tränen! Und dieser dicke Maes, der wie ein -Kalb weinte, da er seine lange Salbaderei endete. Du selbst -schienest bewegt, aber nicht genug. Das sind die wahren -Schauspiele, die das Volk haben muß. Mein Sohn, wir Männer -schätzen unsere Liebsten um so höher, je mehr sie uns kosten. -So auch bei den Völkern. Je mehr wir sie zahlen lassen, um so -mehr lieben sie uns. Ich habe die reformierte Religion in -Deutschland geduldet und in den Niederlanden hart gestraft. -Wären die deutschen Fürsten katholisch gewesen, so wäre ich -lutherisch geworden und hätte ihre Besitztümer eingezogen. Sie -glauben an die Redlichkeit meines Eifers für den katholischen -Glauben und beklagen, daß ich sie verlasse. In den Niederlanden -sind auf mein Geheiß um der Ketzerei willen fünfzigtausend -ihrer tapfersten Männer und ihrer hübschesten Mädchen -umgekommen. Ich gehe und sie jammern. Ungerechnet der -Gütereinziehungen hab ich sie mehr Steuern zahlen lassen als -Indien und Peru: sie sind betrübt mich zu verlieren. Ich habe -den Frieden von Cadzant gebrochen, Gent bezwungen, alles -unterdrückt, was mich hindern konnte; Gerechtsame, Freiheiten, -Privilegien, alles ist der Bestätigung der Beamten des Fürsten -unterworfen. Diese Biedermänner glauben sich noch frei, weil -ich ihnen erlaube, mit der Armbrust zu schießen und ihre Zunftfahnen -bei Umzügen zu tragen. Sie fühlen die Hand des Herrn. -Sie sind im Käfig und befinden sich wohl darin, singen und -weinen um mich. Mein Sohn, sei gegen sie, wie ich es war, -gütig in Worten, rauh in Taten; lecke, wenn Du nicht beißen -mußt. Schwöre, schwöre immer auf ihre Gerechtsame, Freiheiten -und Privilegien; aber so sie eine Gefahr für Dich werden -können, vernichte sie. Sie sind von Eisen, wenn man sie mit -furchtsamer Hand berührt, von Glas, wenn man sie mit starkem -Arme zerbricht. Schlage die Ketzerei zu Boden, nicht weil sie -von der römischen Religion abweicht, sondern weil sie in den -Niederlanden unsere Macht zerstören würde. Die, so den Papst -angreifen, welcher drei Kronen trägt, haben den Fürsten, die -nur eine haben, bald den Garaus gemacht. Mache gleich mir -die Gewissensfreiheit zum Majestätsverbrechen mit Gütereinziehung, -so wirst Du erben, wie ich mein Lebelang getan habe. -Und wenn Du gehst, um abzudanken oder zu sterben, werden sie -sagen: Ach, der gute Fürst! Und sie werden weinen.“</p> - -<p>„Und ich höre nichts mehr,“ sprach Nele weiter, „denn Seine -Heilige Majestät hat sich auf ein Bett gelegt und schläft, -und König Philipp, stolz und hoffärtig, blickt ihn ohne Liebe -an.“</p> - -<p>Da sie solches gesagt hatte, ward Nele von Katheline erweckt.</p> - -<p>Und Klas sah in Gedanken, wie die Herdflamme den Rauchfang -erhellte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>60</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Als Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen verließ, bestieg er -seinen Esel, und da er über den Marktplatz kam, stieß er auf etliche -ergrimmte Gesichter von Herren und Damen, aber das -kümmerte ihn nicht.</p> - -<p>Alsbald gelangte er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg; -da traf er eine Schar Schelmenbrüder, lustige Vlamländer aus -Sluys, die alle Samstag etliches Geld beiseite legten, um einmal -im Jahre nach Deutschland zu reisen.</p> - -<p>Sie fuhren singend ihres Weges, in einem ungedeckten Leiterwagen, -gezogen von einem starken Pferd von Vuerne-Ambacht, -das sie durch die Wege und Sümpfe des Herzogtums Lüneburg -führte. Etliche unter ihnen spielten die Flöte, Fiedel und Bratsche -oder den Dudelsack mit großem Getöse. Zur Seite des Wagens -schritt mannigmal ein Dicksack, der den Rommelpot spielte und -zu Fuß wanderte, in der Hoffnung, seinen Wanst zum Schmelzen -zu bringen.</p> - -<p>Da sie beim letzten Gülden angelangt waren, sahen sie Ulenspiegel -auf sich zukommen, der mit klingender Münze belastet -war; sie kehrten in eine Herberge ein und zahlten einen Trunk -für ihn. Ulenspiegel ließ es sich gern gefallen. Da er jedoch -sah, daß die Schelmenbrüder mit den Augen zwinkerten und -lächelten, wenn sie ihm einschenkten, bekam er Wind von etwelchem -Schabernack, ging hinaus und stellte sich an die Türe, -um ihre Reden zu hören. Er hörte den Dicksack von ihm -sagen:</p> - -<p>„Das ist des Landgrafen Maler, dem er mehr als tausend Gülden -für ein Gemälde gegeben hat. Laßt ihn uns festlich bewirten, er -wird uns das Doppelte dafür wiedergeben.“</p> - -<p>„Amen“, sprachen die andern.</p> - -<p>Ulenspiegel ging und band seinen gesattelten Esel tausend Schritte -von da bei einem Pächter an, gab einer Magd zwei Pfennig, -um ihn zu hüten, trat wieder in die Wirtsstube und setzte sich an -den Tisch der Schelmenbrüder, ohne ein Wort zu sagen. Diese -schenkten ihm ein und zahlten die Zeche. Ulenspiegel ließ in -seinem Mantelsack die Gülden des Landgrafen klingen und erzählte -dabei, daß er seinen Esel einem Bauern für siebzehn -Silbertaler verkauft hätte.</p> - -<p>Sie reisten, aßen und tranken dabei, bliesen Flöte und Dudelsack -und spielten den Rommelpot, und unterwegs lasen sie die Weiblein -auf, die ihnen artig zu sein bedünkten. Solcherart erzeugten -sie Herrgottskinder, sonderlich Ulenspiegel, dessen Gesellin nachmals -einen Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, maßen -die Schöne den Sinn des Namens von ihrem Zufallsmanne -nicht wohl verstund, und vielleicht auch zum Andenken an die -Stunde, darin der Knabe erzeugt ward. Und von diesem Eulenspiegelchen -wird fälschlich gesagt, daß er zu Knetlingen im Lande -Sachsen geboren ward.</p> - -<p>Sie ließen sich von ihrem wackern Gaule ziehen und kamen eine -Straße entlang, an deren Rande ein Dorf und ein Wirtshaus lag, -das trug ein Schild „Zum Kessel“, und es drang ein lieblicher -Duft von Fleischgerichten heraus.</p> - -<p>Der Dicksack, der den Rommelpot spielte, ging zum Baas und -sagte von Ulenspiegel:</p> - -<p>„Das ist des Landgrafen Maler, er wird alles zahlen.“</p> - -<p>Der Wirt betrachtete Ulenspiegels Miene, die gut war, und da -er den Klang der Gülden und Taler vernahm, trug er zu essen -und zu trinken auf. Ulenspiegel ließ sich nichts abgehen. Und -immer klingelten die Taler in seiner Geldkatze, und mannigmal -hatte er auch auf seinen Hut geschlagen und gesagt, daß darin -sein größter Schatz wäre. Da nun das Gelage zwei Tage und -zwei Nächte gewährt hatte, sprachen die Schelmenbrüder zu -Ulenspiegel:</p> - -<p>„Laßt uns aufbrechen und die Zeche zahlen.“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Wenn die Ratte im Käse ist, verlangt es sie, fortzugehen?“</p> - -<p>„Nein“, sagten sie.</p> - -<p>„Und wenn der Mensch gut ißt und trinkt, sucht er dann den -Staub der Straßen und das Wasser der Gräben, die voll von -Blutegeln sind?“</p> - -<p>„Nein,“ sagten sie.</p> - -<p>„Wohlan,“ sprach Ulenspiegel weiter, „so laßt uns bleiben, solange -meine Gülden und Taler uns als Trichter dienen, um Getränke -in unsere Kehlen zu gießen.“</p> - -<p>Und er hieß den Wirt noch mehr Wein und Wurst auftragen.</p> - -<p>Während sie tranken und aßen, sprach Ulenspiegel:</p> - -<p>„Ich bezahle, ich bin jetzo Landgraf. Was würdet Ihr tun, -Kameraden, wenn meine Geldkatze leer wäre? Ihr würdet -meinen Hut von weichem Filz nehmen und finden, daß er voll -Karolus ist, sowohl im Boden als zwischen der Krempe.“</p> - -<p>„Laß ihn uns befühlen“, sprachen sie alle mitsammen. Und -seufzend fühlten sie darin zwischen den Fingern große Geldstücke, -die den Umfang von Goldkarolus hatten. Einer von ihnen betastete -ihn aber mit solcher Vertraulichkeit, daß Ulenspiegel ihn -ihm wieder fortnahm und sagte:</p> - -<p>„Du ungestümer Melker, man muß die Zeit zum Melken abwarten -können.“</p> - -<p>„Gib mir den halben Hut“, sprach der Schelmenbruder.</p> - -<p>„Nein,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich will nicht, daß Du ein -Narrenhirn bekommst, halb im Schatten und halb in der -Sonne.“</p> - -<p>Dann sprach er, seinen Hut dem Wirt gebend:</p> - -<p>„Hebe Du ihn immerhin auf, denn er ist warm. Ich will mich -draußen erleichtern.“</p> - -<p>Er tat es und der Wirt behielt den Hut.</p> - -<p>Alsbald verließ er die Herberge, ging zum Bauern, stieg auf -seinen Esel und ritt im Trab auf der Straße, die nach Emden -führt.</p> - -<p>Da die Schelmenbrüder ihn nicht zurückkommen sahen, sprachen -sie untereinander:</p> - -<p>„Ist er davongegangen? Wer wird die Zeche zahlen?“</p> - -<p>Den Baas packte die Furcht und mit einem Messer schnitt er -Ulenspiegels Hut auf. Aber anstatt der Karolus fand er nichts -darin zwischen Filz und Futter denn elende, kupferne Rechenpfennige.</p> - -<p>Da ergrimmte er wider die Schelmenbrüder und sprach zu -ihnen:</p> - -<p>„Ihr Lumpenbrüder, Ihr werdet nicht von hinnen ziehen, Ihr -lasset mir denn Eure Kleider samt und sonders, allein das Hemd -ausgenommen.“</p> - -<p>Und sie mußten sich alle entblößen, um ihre Zehrung zu zahlen. -Und also zogen sie im Hemd über Berg und Tal, denn ihr Pferd -und ihren Wagen hatten sie nicht verkaufen wollen.</p> - -<p>Und ein jeglicher, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen gern Brot -zu essen, Bier und bisweilen auch Fleisch, denn sie erzählten überall, -sie wären von Räubern ausgeplündert worden.</p> - -<p>Und alle mitsammen hatten sie nur eine Hose.</p> - -<p>Und also kamen sie im Hemde nach Sluys zurück, tanzten auf -ihrem Wagen und spielten den Rommelpot.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>61</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Derweilen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken durch das Land und -die Sümpfe des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamländer nennen -diesen Herzog den Water-Signorke, dieweil immer feucht Wetter -bei ihm ist.</p> - -<p>Jef gehorchte Ulenspiegel gleich wie ein Hund, trank Braunbier, -tanzte besser denn ein ungarischer Meister in der Kunst der -Grazien, stellte sich beim leisesten Wink für tot und legte sich -auf den Rücken.</p> - -<p>Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg gekränkt -und erbost war, dieweil Ulenspiegel seiner zu Darmstadt vor -dem Landgrafen von Hessen gespottet, und daß er ihm sein Land -bei Strafe des Galgens verboten hatte. Plötzlich sah er Seine -Herzogliche Hoheit in Persona daherkommen, und da er ihn als -heftig kannte, ergriff ihn die Furcht. Er sprach zu seinem Esel:</p> - -<p>„Jef, da kommt der hohe Herr von Lüneburg. Am Halse juckt -mich ein Strick, wenn nur der Henker mich nicht kratzt. Jef, ich -will gern gekratzt, aber nicht gehenkt werden. Gedenke, daß wir -Genossen im Elend sind und beide lange Ohren haben; gedenke -auch, welch guten Freund Du an mir verlörest.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel wischte sich die Augen, und der Esel hub an zu -schreien.</p> - -<p>Dann redete er weiter:</p> - -<p>„Wir leben lustig oder traurig mitsammen, wie es der Zufall will; -gedenkst Du daran, Jef?“ Der Esel fuhr fort zu schreien, denn -er hatte Hunger. „Und Du wirst meiner nimmer vergessen -können,“ sagte sein Herr, „denn welche Freundschaft wäre von -Dauer, denn allein die, so über die nämlichen Freuden lacht und -über die nämlichen Schmerzen weint? Jef, Du mußt Dich auf -den Rücken legen.“</p> - -<p>Der folgsame Esel gehorchte, und mit den vier Hufen in der Luft -ward er vom Herzog erblickt. Ulenspiegel setzte sich hurtig auf -seinen Bauch. Der Herzog trat zu ihm:</p> - -<p>„Was machst Du da?“ fragte er. „Weißt Du nicht, daß ich durch -meine letzte Kundgebung Dir bei Galgen und Strick verbot, -Deinen staubigen Fuß in meine Lande zu setzen?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!“</p> - -<p>Dann wies er auf seinen Esel.</p> - -<p>„Ihr wisset wohl, daß nach Gesetz und Recht der allzeit frei ist, -der in seinen vier Pfählen wohnt.“</p> - -<p>Der Herzog versetzte:</p> - -<p>„Geh aus meinen Landen, oder Du sollst sterben.“</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „ein Gülden oder zwei -würden mich schneller von dannen tragen.“</p> - -<p>„Taugenichts,“ sprach der Herzog, „ist es an Deinem Ungehorsam -nicht genug? Willst Du mich auch noch um Geld bitten?“</p> - -<p>„Ich muß wohl, Herr, da ich Euch keins nehmen kann.“</p> - -<p>Der Herzog gab ihm einen Gülden.</p> - -<p>Darauf sprach Ulenspiegel zu seinem Esel:</p> - -<p>„Jef, steh auf und grüße Seine Gnaden.“</p> - -<p>Der Esel erhob sich und schrie aufs neue. Dann zogen beide von -dannen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>62</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Soetkin und Nele saßen an einem Fenster und blickten auf die -Straße.</p> - -<p>Soetkin sagte zu Nele:</p> - -<p>„Herzchen, siehst Du nicht meinen Sohn Ulenspiegel kommen?“</p> - -<p>„Nein,“ sprach Nele, „wir werden den schlimmen Landstreicher -nicht wiedersehen.“</p> - -<p>„Nele,“ sprach Soetkin, „Du mußt nicht bös auf ihn sein, sondern -ihn beklagen, denn er ist fern von Hause der gute Junge.“</p> - -<p>„Ich weiß es wohl,“ sprach Nele; „er hat ein andres Heim gar -weit von hier, reicher als seins, wo irgend eine schöne Dame ihm -sicherlich Obdach gibt.“</p> - -<p>„Das wäre ein groß Glück für ihn,“ sagte Soetkin; „vielleicht -wird er dort mit Fettammern gespeist.“</p> - -<p>„Warum gibt man ihm nicht Steine zu essen: dann wäre er geschwind -hier, der Nimmersatt!“ sagte Nele.</p> - -<p>Da lachte Soetkin und fragte: „Woher kommt Dir dieser große -Zorn, mein Herz?“</p> - -<p>Aber Klas, der in tiefem Sinnen in einer Ecke Reisigbündel -schnürte, sagte:</p> - -<p>„Siehst Du nicht, daß sie in ihn vernarrt ist?“</p> - -<p>„Ei, seht doch die durchtriebene Dirne,“ sprach Soetkin, „die mich -nichts davon hat merken lassen. Ist es wahr, Liebchen, daß Du -ihn möchtest?“</p> - -<p>„Glaubet es nicht“, erwiderte Nele.</p> - -<p>„Da wirst Du einen wackern Ehemann haben,“ sprach Klas, „mit -großem Maul, leerem Bauch und langer Zunge, der die Gülden -zu Hellern macht und nimmer einen Sou durch seine Arbeit verdient, -der allezeit das Pflaster tritt und die Wege mit der Elle -des Vaganten mißt.“</p> - -<p>Aber Nele erwiderte, über und über rot und zornig:</p> - -<p>„Warum habt Ihr nichts andres aus ihm gemacht?“</p> - -<p>„Da haben wir’s, nun weint sie,“ sprach Soetkin; „schweig doch, -Mann.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>63</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Eines Tages kam Ulenspiegel gen Nürnberg und gab sich allda -für einen großen Arzt und Obsieger aller Krankheiten aus, bewährt -im Purgieren, berühmt fürs Bezwingen von Fiebern, vielgepriesen -ob seiner Kunst, der Pest den Kehraus zu machen, und -unüberwindlich im Geißeln der Krätze.</p> - -<p>Im Spital gab es so viel Kranke, daß man nicht wußte, wo sie -unterbringen. Da der Spittelmeister Ulenspiegels Ankunft erfuhr, -ging er zu ihm und forschte ihn aus, ob es wahr wäre, daß -er alle Krankheiten heilen könnte.</p> - -<p>„Ausgenommen die letzte,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber versprecht -mir zweihundert Gülden für die Heilung aller andern, und ich -will nicht einen Heller empfangen, so nicht alle Eure Kranken -sagen, daß sie geheilt sind und das Spital verlassen.“</p> - -<p>Des folgenden Tages ging er ins besagte Spital mit festem Blick -und feierlicher Miene, wie ein Doktor. In den Siechenstuben -nahm er jeden Kranken besonders und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Schwöre, keinem anzuvertrauen, was ich Dir ins Ohr sagen -will. Was ist Dein Gebresten?“</p> - -<p>Der Kranke nannte es ihm und schwur Stein und Bein, zu -schweigen.</p> - -<p>„Wisse,“ sprach Ulenspiegel, „daß ich einen unter Euch durch Feuer -zu Pulver verbrennen muß; von diesem Pulver werd’ ich eine -wunderbare Mixtur machen und sie allen Kranken zu trinken -geben. Der, welcher nicht gehen kann, wird verbrannt werden. -Morgen werde ich hierher kommen, mich mit dem Spittelmeister -auf die Straße stellen und Euch alle herbeirufen, indem -ich schreie: Wer nicht krank ist, schnüre seine Bündel und -komme.“</p> - -<p>Am Morgen kam Ulenspiegel und rief, wie er gesagt hatte. -Alle Kranken, Lahmen, Hustenden, Fiebernden, mit Schleimflüssen -Behafteten, wollten zugleich hinaus. Alle waren auf der -Straße, selbst die, so seit zehn Jahren ihr Bett nicht verlassen -hatten.</p> - -<p>Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt wären und gehen -könnten.</p> - -<p>„Ja“, antworteten sie in dem Glauben, daß einer von ihnen im -Hofe verbrannt würde.</p> - -<p>Darauf sagte Ulenspiegel zum Spittelmeister:</p> - -<p>„Bezahle mich, maßen sie Alle draußen sind und sich für geheilt -erklären.“</p> - -<p>Der Meister bezahlte ihm zweihundert Gülden und Ulenspiegel -zog ab.</p> - -<p>Doch am zweiten Tage sah der Meister seine Kranken in einem -schlimmeren Zustand als zuvor wiederkommen, einen ausgenommen, -den die frische Luft kuriert hatte und den man trunken in -den Gassen fand, wie er sang: „Heil dem großen Doktor Ulenspiegel!“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>64</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Nachdem die zweihundert Gülden Reißaus genommen hatten, -kam Ulenspiegel nach Wien, allwo er sich bei einem Wagner verdingte; -der ließ seine Gesellen immer hart an, weil sie den Blasebalg -der Schmiede nicht stark genug zogen.</p> - -<p>„Holla,“ schrie er beständig, „folgt mit den Bälgen.“</p> - -<p>Eines Tages, da der Meister in den Garten ging, macht Ulenspiegel -den Blasebalg los, trägt ihn auf den Schultern davon -und folgt seinem Meister nach. Da dieser sich verwundert, ihn -so seltsam beladen zu sehen, spricht Ulenspiegel zu ihm:</p> - -<p>„Meister, Ihr habt befohlen, Euch mit den Bälgen zu folgen. -Wo soll ich ihn hintun, dieweil ich gehe, den andern zu holen?“</p> - -<p>„Lieber Knecht,“ erwiderte der Meister, „ich meint’ es nicht -also; geh und lege den Blasebalg wieder an seinen Ort.“</p> - -<p>Indessen gedachte er, ihm diesen Streich heimzuzahlen. Fortan -stand er alle Tage um Mitternacht auf, weckte seine Gesellen und -hieß sie arbeiten.</p> - -<p>Die Gesellen sprachen zu ihm:</p> - -<p>„Meister, warum weckst Du uns mitten in der Nacht?“</p> - -<p>„Das ist so meine Weise,“ sprach der Meister, „daß ich meinen -Knechten die ersten acht Tage nicht erlaube, mehr als die halbe -Nacht im Bette zu liegen.“</p> - -<p>Die andere Nacht weckte er seine Knechte abermals um Mitternacht. -Ulenspiegel, der auf dem Boden schlief, nahm sein Bett -auf den Rücken und so beladen stieg er in die Schmiede hinunter.</p> - -<p>Der Meister sprach zu ihm:</p> - -<p>„Bist Du toll? Was lässest Du Dein Bett nicht an seinem Ort?“</p> - -<p>„Das ist so meine Weise,“ antwortete Ulenspiegel, „die ersten -acht Tage die halbe Nacht auf meinem Bett und die andere halbe -Nacht darunter zu liegen.“</p> - -<p>„Wohlan,“ versetzte der Meister, „und ich habe noch eine andere -Weise, die ist: meine unverschämten Knechte auf die Straße zu -werfen, mit Erlaubnis, die erste Woche auf dem Pflaster und die -zweite darunter zu verbringen.“</p> - -<p>„In Eurem Keller, Meister, mit Verlaub, bei den Tonnen mit -Braunbier“, entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>65</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da er den Wagner verlassen hatte und sich wiederum nach Flandern -begab, mußte er sich als Lehrling bei einem Schuster verdingen, -der sich lieber auf der Straße aufhielt, als in der Werkstatt -die Ahle zu handhaben. Als Ulenspiegel ihn zum hundertsten -Mal zum Ausgehen bereit sah, fragte er ihn, wie er das -Oberleder zuschneiden solle.</p> - -<p>„Schneide es für große und mittlere Füße, damit alles, was das -große und kleine Vieh führt, gemächlich hinein kommen kann.“</p> - -<p>„Amen, Meister“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Als der Schuster gegangen war, schnitt Ulenspiegel das Oberleder -zu; es war nur gut, um Stuten, Eselinnen, Kühe, Säue -und Schafe zu beschuhen.</p> - -<p>Da der Schuster in die Werkstatt zurückkam und sein Leder in -Stücken sah, sprach er:</p> - -<p>„Was hast Du da gemacht, nichtsnutziger Verderber?“</p> - -<p>„Was Ihr mich geheißen habt“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ich habe Dir befohlen, mir Schuhe zuzuschneiden, die allen -Denen passen, so Rindvieh, Schweine und Schafe führen, und -Du machst Schuhzeug nach dem Fuß dieser Tiere.“</p> - -<p>Ulenspiegel versetzte:</p> - -<p>„Meister, wer führt denn den Eber, wenn nicht die Sau, den -Esel, wenn nicht die Eselin, den Stier, wenn nicht die Kuh und -den Widder wenn es nicht das Schaf ist, zu der Jahreszeit, da -alle Tiere brünstig sind?“</p> - -<p>Dann ging er hinaus und mußte draußen bleiben.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>66</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Man war derzeit im April. Die Luft war milde gewesen, nun -kam ein gestrenger Frost, und der Himmel war grau wie am -Tag Allerseelen. Das dritte Jahr von Ulenspiegels Verbannung -war seit geraumer Zeit verflossen, und Nele erwartete ihren -Freund jeden Tag.</p> - -<p>„Wehe,“ sprach sie, „es wird auf die Birnbäume schneien, auf -den blühenden Jasmin, auf all die armen Pflanzen, die voll Vertrauen -auf die laue Wärme eines vorzeitigen Lenzes erblüht sind. -Schon fallen kleine Flocken vom Himmel auf die Wege. Und es -schneit auch auf mein armes Herz.</p> - -<p>„Wo sind die hellen Strahlen, die auf frohen Angesichtern spielten -und auf den Dächern, die sie röter, auf den Scheiben, die sie -glänzender machten? Wo sind sie, die Erde und Himmel, Vögel -und Immen wärmten? Wehe, bei Nacht und bei Tag friert -mich jetzo aus Traurigkeit und langem Harren. Wo bist du, -mein Freund Ulenspiegel?“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>67</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel in die Nähe von Renaix in Flandern kam, hatte -er Hunger und Durst, wollte aber nicht jammern und versuchte -die Leute zum Lachen zu bringen, auf daß man ihm Brot gäbe. -Aber das Lachen gelang ihm schlecht, und die Leute gingen vorüber, -ohne etwas zu geben.</p> - -<p>Es war kalt: eins ums andre schneite, regnete, hagelte es auf -den Rücken des Landstreichers. Zog er durch Dörfer, so lief ihm -das Wasser im Munde zusammen, wann er nur in einem Mauerwinkel -einen Hund einen Knochen benagen sah. Er hätte gern -einen Gülden verdient, doch er wußte nicht, wie er ihm in sein -Ränzel fallen könnte.</p> - -<p>Er suchte in der Luft und sah Tauben, die vom Dach eines Taubenschlages -etwas weißes auf den Weg fallen ließen, aber Gülden -waren es nicht. Er suchte auf dem Boden der Landstraße; -aber zwischen den Pflastersteinen blühten keine Gülden.</p> - -<p>Er suchte zur Rechten und sah eine häßliche Wolke, die am -Himmel herankam gleichwie eine große Gießkanne; aber er wußte, -daß es kein Platzregen von Gülden sein würde, wenn etwas aus -dieser Wolke fiele. Er suchte zur Linken und erblickte eine Roßkastanie, -einen großen Faulenzer, der da lebte, ohne etwas zu -tun: „Ach, sprach er zu sich, warum gibt es nicht Güldenbäume, -das wären gar schöne Bäume.“</p> - -<p>Unversehens platzte die große Wolke und die Hagelkörner fielen -dicht auf Ulenspiegels Rücken wie Kieselsteine. „Wehe,“ sprach -er, „ich fühle es genugsam; nur die herrenlosen Hunde wirft man -mit Steinen.“ Dann hub er an zu laufen.</p> - -<p>„Es ist nicht meine Schuld, wenn ich keinen Palast, nicht einmal -ein Zelt habe, um meinen mageren Leib zu schützen. O, die garstigen -Hagelkörner; sie sind hart wie Kugeln! Nein, es ist nicht -meine Schuld, wenn ich meine Lumpen durch die Welt schleppe, -es ist einzig, weil es mir so beliebt hat. Warum bin ich nicht -Kaiser! Diese Hagelkörner wollen mit Gewalt in meine Ohren -dringen gleich bösen Worten!“ Und er rannte. „Arme Nase, -bald wirst Du durchlöchert sein und kannst den Reichen dieser -Welt, auf die es nicht hagelt, bei ihren Schmäusen als Pfefferbüchse -dienen.“ Dann wischte er sich die Wangen. „Diese werden -den Köchen, denen an ihren Herden warm ist, trefflich als -Schaumlöffel dienen. Ach, wie fern ist die Erinnerung an die -Brühen von einst! Mich hungert! Leerer Bauch, beklage Dich -nicht, ihr jammernden Eingeweide, hört auf zu knurren. Wo verbirgst -Du Dich, günstiges Glück? Führe mich an den Ort, wo ich -Weide finde.“</p> - -<p>Dieweil er so zu sich selbst sprach, erhellte sich der Himmel vom -Scheine der Sonne; es hörte auf zu hageln und Ulenspiegel sagte: -„Guten Tag, Frau Sonne, meine einzige Freundin, Du kannst -mich ja trocknen.“</p> - -<p>Aber er lief noch immer, denn ihn fror. Plötzlich sah er von -fern einen weiß und schwarzen Hund des Weges kommen, der -rannte geradeaus, mit hängender Zunge und vorquellenden Augen.</p> - -<p>„Das Tier“, sprach Ulenspiegel, „hat die Wut im Leibe!“ Er -hub hastig einen großen Stein auf und kletterte auf einen Baum. -Als er den ersten Ast erreichte, kam der Hund vorbei und Ulenspiegel -schleuderte ihm den Stein auf den Schädel. Der Hund -blieb stehen und wollte steif und kläglich auf den Baum klettern -und Ulenspiegel beißen, doch er vermochte es nicht und fiel hin, -um zu sterben.</p> - -<p>Ulenspiegel war dessen nicht froh, zumal er, vom Baume herabsteigend, -wahrnahm, daß des Hundes Maul nicht trocken war, -wie es seinesgleichen, von der Tollwut ergriffen, gemeiniglich -haben. Dann betrachtete er das Fell, sah, daß es schön und -gut zu verkaufen war, zog es ihm ab, wusch es und hängte es -an seinen Spieß, ließ es ein weniges an der Sonne trocknen und -steckte es in seinen Ranzen. Maßen Hunger und Durst ihn noch -mehr peinigten, ging er in mehrere Bauernhöfe, wagte aber -nicht, das Fell allda zu verkaufen, aus Furcht, daß es das eines -Hundes sei, der dem Bauern gehört hatte. Er bat um Brot, -man weigerte es ihm. Die Nacht kam. Seine Beine waren matt. -Er ging in eine kleine Herberge. Allda sah er eine alte Wirtin, -die streichelte einen alten hustenden Hund, dessen Fell dem des -Toten glich.</p> - -<p>„Woher kommst Du, Wandersmann?“ fragte die Alte.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Ich komme von Rom, allwo ich den Hund des Papstes von einer -Verschleimung geheilt habe, die ihn über die Maßen quälte.“</p> - -<p>„Du hast also den Papst gesehen?“ fragte sie und zapfte ihm ein -Glas Bier ab.</p> - -<p>„Ach,“ sprach Ulenspiegel, „es ist mir nur vergönnt gewesen, seinen -heiligen Fuß und seinen geweihten Pantoffel zu küssen.“</p> - -<p>Indessen hustete der alte Hund der Wirtin und spie nicht aus.</p> - -<p>„Wann tatest Du das?“ fragte die Alte.</p> - -<p>„Im vorletzten Mond“, antwortete Ulenspiegel, „kam ich an / -ich wurde erwartet / und pochte an die Tür. „Wer ist da?“ -fragte der allergroßmächtigste, allergeheimste, alleraußerordentlichste -Kämmerer Seiner Allerheiligsten Heiligkeit:/ „Ich bin -es,“ antwortete ich, „hochwürdiger Kardinal, ich komme eigens -von Flandern her, um dem Papste den Fuß zu küssen und seinen -Hund von der Schleimsucht zu heilen.“ / „Ei, Du bist es, Ulenspiegel?“ -sagte der Papst, der aus einer kleinen Tür von der andern -Seite sprach. „Ich würde mich freun, Dich zu sehen, doch -das ist gegenwärtig ein unmöglich Ding. Es ist mir durch die -heiligen Dekretalen verboten, Fremden mein Antlitz zu zeigen, -wenn das heilige Bartmesser darüber fährt.“ / „Ach,“ sagte ich, -„ich bin gar unglücklich, ich komme aus weit entlegenen Landen, -um Eurer Heiligkeit den Fuß zu küssen und Euren Hund von der -Schleimsucht zu heilen. Muß ich mit unerfüllten Wünschen heimkehren?“ -/ „Nein“, sprach der Papst. Dann hörte ich ihn ausrufen: -„Erzkämmerer, schiebt meinen Sessel bis an die untere -Tür und öffnet unten das kleine Schiebefenster.“ Solches geschah. -Ich sah ihn einen mit güldenem Pantoffel beschuhten -Fuß durch das Schiebefenster strecken, und hörte eine Stimme, -die gleichwie Donner rollte, sagen: „Dies ist der furchtbare Fuß -des Fürsten aller Fürsten, des Königs der Könige, des Kaisers -der Kaiser. Küsse, Christ, küsse den heiligen Pantoffel.“ Und ich -küßte den heiligen Pantoffel, und ich hatte die Nase ganz voll -Balsam von dem himmlischen Duft, den dieser Fuß ausströmte. -Dann ward das Fenster geschlossen, und die nämliche furchtbare -Stimme hieß mich warten. Die Klappe öffnete sich abermals -und heraus kam, mit Respekt zu vermelden, ein Tier mit räudigem -Fell, triefäugig, hustend und aufgeblasen wie ein Schlauch; es -mußte ob seines Bauches mit gespreizten Beinen gehen.</p> - -<p>Der heilige Vater geruhte zum andern Mal zu mir zu sprechen:</p> - -<p>„Ulenspiegel,“ sagte er, „hier siehst Du meinen Hund. Er -ward von Schleimsucht und andern Gebresten befallen, als er -die Knochen von Ketzern, denen man sie gebrochen hatte, benagte. -Heile ihn, mein Sohn, Du wirst Dich gut dabei stehen.“</p> - -<p>„Trink“, sagte die Alte.</p> - -<p>„Schenk ein“, antwortete Ulenspiegel. Dann redete er weiter. -„Ich purgierte den Hund mit Hilfe eines Wundertranks, den ich -selber gebraut hatte, und er ward geheilt.“</p> - -<p>„Jesus, Gott und Maria!“ sagte die Alte, „laß mich Dich küssen, -ruhmreicher Pilger, der den Papst gesehen hat und der auch -meinen Hund wird heilen können.“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel machte sich nichts aus den Küssen der Alten -und sagte: „Die, deren Lippen den heiligen Pantoffel berührt -haben, dürfen innerhalb zweier Jahre von keiner Frau geküßt -werden. Gib mir zuvörderst zum Nachtmahl etliche gute -Kalbs-Rippchen, eine Blutwurst oder zwei, und Bier zur Genüge, -dann will ich Deinem Hund eine so klare Stimme machen, -daß, er im Chor der großen Kirche die Aves in e und a singen -kann.“</p> - -<p>„Möchtest Du die Wahrheit sagen,“ greinte die Alte, „dann -werde ich Dir einen Gülden geben.“</p> - -<p>„Ich werde es tun,“ sprach Ulenspiegel, „aber erst nach dem -Nachtmahl.“</p> - -<p>Sie trug ihm auf, was er verlangt hatte. Er aß und trank nach -Herzenslust und hätte zum Dank für die Atzung die Alte schier -umhalst, wären nicht seine vorigen Worte gewesen.</p> - -<p>Derweil er aß, legte der Hund seine Pfoten auf seine Knie, um -einen Knochen zu bekommen. Ulenspiegel gab ihm mehrere; -dann sagte er zur Wirtin:</p> - -<p>„Wenn einer bei Dir gegessen hätte und Dir nicht zahlte, was -würdest Du da tun?“</p> - -<p>„Ich würde dem Spitzbuben sein bestes Kleid fortnehmen“, -antwortete die Alte.</p> - -<p>„Es ist gut“, sprach Ulenspiegel. Dann nahm er den Hund unter -den Arm und ging in den Stall. Allda sperrte er ihn mit einem -Knochen ein, holte das Fell des Toten aus seinem Ranzen und -kam zu der Alten zurück. Er fragte sie, ob sie gesagt hätte, daß -sie dem, der ihr seine Mahlzeit nicht bezahlte, sein bestes Gewand -fortnehmen würde.</p> - -<p>„Ja“, antwortete sie.</p> - -<p>„Wohlan, Dein Hund hat mit mir gespeist und hat mich nicht bezahlt, -so hab ich ihm nach Deiner Vorschrift sein bestes und einziges -Kleid ausgezogen.“</p> - -<p>Und er zeigte ihr das Fell des toten Hundes.</p> - -<p>„Ach,“ sprach die Alte weinend, „das ist grausam von Dir, Herr -Arzt. Armes Hündlein! Es war für mich arme Wittfrau wie -mein Kind. Weshalb raubtest Du mir den einzigen Freund, den -ich in der Welt hatte? Jetzt will ich gern sterben.“</p> - -<p>„Ich werde ihn auferwecken,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Auferwecken!“ sprach sie. „Und er wird mir wieder schmeicheln, -mich wiederum ansehen und mich lecken und mit dem armen, alten -Schwänzlein wedeln, wenn er mich erblickt? Tut also, Herr Arzt, -und Ihr sollt umsonst hier gespeist haben, eine teure Mahlzeit, -und ich will Euch noch mehr denn einen Gülden obendrein geben.“ -„Ich werde ihn ins Leben zurückrufen, aber dazu bedarf ich -heißes Wasser, Sirup, um die Gelenke zu kleben, Nadel und Faden -und geschmälzte Fleischbrühe. Und während der Operation -will ich allein sein.“</p> - -<p>Die Alte gab ihm, was er begehrte; er nahm das Fell des toten -Hundes und begab sich in den Stall.</p> - -<p>Dort beschmierte er das Maul des alten Hundes mit geschmälzter -Brühe, der ließ es mit Behagen geschehen. Dann zog er ihm -einen großen Sirupstreifen unter den Bauch und machte ihm -Sirup an die Pfoten und Brühe an den Schwanz. Alsdann stieß -er dreimal einen lauten Schrei aus und sagte darauf: „Steh -auf, stehe auf, ich befehl’s, fauler Hund.“</p> - -<p>Hurtig steckte er das Fell des toten Hundes in seinen Ranzen, gab -dem lebenden einen gewaltigen Fußtritt und beförderte ihn so in -die Herbergsstube.</p> - -<p>Als die Alte sah, daß ihr Hund am Leben war und sich leckte, -wollte sie ihn voll Freuden umhalsen; aber Ulenspiegel ließ es -nicht zu.</p> - -<p>„Du kannst diesen Hund“, sprach er, „nicht eher liebkosen, als -bis er mit der Zunge allen Sirup abgeleckt hat, mit dem er bestrichen -ist; erst dann werden die Nähte im Fell fest sein. Bezahle -mir nunmehr meine zehn Gülden.“</p> - -<p>„Ich hatte einen gesagt,“ antwortete die Alte.</p> - -<p>„Einen für die Operation, neun für die Auferweckung“, erwiderte -Ulenspiegel.</p> - -<p>Sie zahlte sie ihm. Ulenspiegel machte sich davon, indem er das -Fell des toten Hundes in die Wirtsstube warf und dazu sagte: -„Da, Frau, behalte sein altes Fell, es kann Dir dienen, das neue -auszuflicken, wenn es Löcher bekommt.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>68</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am nämlichen Sonntag ward in Brügge die Prozession des -Heiligen Blutes abgehalten. Klas sagte zu seinem Weib und -Nele, sie möchten gehen sie anzusehen, und sie würden vielleicht -Ulenspiegel in der Stadt finden. Was ihn anginge, sagte er, so -würde er das Haus hüten, in Erwartung, daß der Pilger heimkehrte.</p> - -<p>Die beiden Frauen gingen selbander fort. Klas, der in Damm -zurückgeblieben war, setzte sich auf seine Türschwelle und fand -das Städtlein gar verödet. Er vernahm nichts als den kristallenen -Ton einer Dorfglocke, derweil der Wind ihm von Brügge -stoßweise die Musik der Glockenspiele und ein großes Getöse von -Böllern und Mörsern zutrug, so man zu Ehren des Heiligen -Blutes abschoß.</p> - -<p>In tiefem Sinnen spähte Klas auf den Wegen nach Ulenspiegel, -doch erblickte er nichts denn den klaren, blauen, wolkenlosen -Himmel, etliche Hunde, die mit hängender Zunge in der Sonne -lagen, kecke Sperlinge, so zwitschernd im Staube sich badeten -und eine Katze, die jene belauerte. Die Sonne drang freundlich -in alle Häuser und ließ die Kupferkessel und Zinnhumpen auf den -Anrichten erglänzen.</p> - -<p>Aber Klas war traurig inmitten dieser Freude und spähte nach -seinem Sohn. Er versuchte, ihn hinter dem grauen Nebel der -Wiesen zu sehen, ihn in dem fröhlichem Rauschen der Blätter -und dem lustigen Gesang der Vögel in den Bäumen zu hören. -Plötzlich sah er auf dem Wege von Maldeghem einen Mann von -hoher Gestalt und erkannte, daß es nicht Ulenspiegel war. Er -sah ihn am Rande eines Mohrrübenackers still stehen und begierig -von diesem Gemüse essen.</p> - -<p>„Das ist ein Mann, der großen Hunger hat“, sprach Klas. Er -hatte ihn einen Augenblick aus dem Gesicht verloren, sah ihn an -der Ecke der Reiherstraße wieder auftauchen und erkannte in -ihm den Boten von Jobst, welcher ihm die siebenhundert Goldkarolus -gebracht hatte. Er ging zu ihm auf die Straße und -sagte:</p> - -<p>„Komm in mein Haus.“</p> - -<p>Der Mann antwortete:</p> - -<p>„Gesegnet seien, die liebreich gegen die irrenden Wandrer sind.“</p> - -<p>Auf dem äußeren Fenstersims der Hütte lagen Brosamen, die -Soetkin für die Vögel der Umgegend aufsparte. Sie kamen im -Winter dorthin, um sich Nahrung zu holen. Der Mann nahm -etliche dieser Brocken und aß sie.</p> - -<p>„Dich hungert und dürstet“, sprach Klas.</p> - -<p>Der Mann sagte:</p> - -<p>„Seit acht Tagen, wo ich von den Dieben ausgeplündert ward, -nähre ich mich von den Rüben auf den Äckern und den Wurzeln -in den Wäldern.“</p> - -<p>„So ist es an der Zeit zu schlemmen. Und hier“, sagte er und -öffnete den Wandschrank, „ist eine volle Schüssel Erbsen, Eier, -Blutwürste, Schinken, Genter Wurst und Waterzoey: gedämpfter -Fisch. Unten im Keller schlummert der Wein von Löwen, -nach Art des Burgunder gekeltert und rot und klar wie Rubin; -den verlangt es, in den Gläsern zu erwachen. Wohlan, wir -wollen Reisig aufs Feuer legen. Hörst Du die Blutwürste auf -dem Rost singen? Das ist ein Loblied des guten Essens.“</p> - -<p>Klas drehte sie um und um und sprach zu dem Manne:</p> - -<p>„Sahst Du meinen Sohn Ulenspiegel nicht?“</p> - -<p>„Nein“, antwortete er.</p> - -<p>„Bringst Du Nachricht von Jobst, meinem Bruder?“ sagte Klas, -dieweil er die gerösteten Blutwürste, einen Eierkuchen mit fettem -Schinken und große Humpen auf den Tisch setzte, und der Wein -von Löwen schimmerte blaßrot in den Flaschen.</p> - -<p>Der Mann antwortete:</p> - -<p>„Dein Bruder Jobst ist zu Sippenaken bei Aachen auf dem Rade -gestorben. Und das, weil er als Ketzer die Waffen wider den -Kaiser getragen hat.“</p> - -<p>Klas war wie von Sinnen, und am ganzen Leibe zitternd, denn -sein Grimm war groß, sagte er:</p> - -<p>„Elende Henker! Jobst, mein armer Bruder!“</p> - -<p>Darauf sprach der Mann ohne Weichheit:</p> - -<p>„Unsere Freuden und Leiden sind nicht von dieser Welt.“</p> - -<p>Und er begann zu essen. Darauf sagte er:</p> - -<p>„Ich habe Deinem Bruder in seinem Kerker beigestanden, indem -ich mich für einen Bauern von Niesweiler, seinen Verwandten, -ausgab. Ich komme hierher, weil er zu mir gesagt hat: Wenn -Du nicht gleich mir für den Glauben stirbst, so gehe zu meinem -Bruder Klas. Heiß ihn, im Frieden des Herrn leben, indem er -die Werke der Barmherzigkeit übt und seinen Sohn insgeheim -nach Christi Gebot erzieht. Das Geld, das ich ihm gab, ward -dem armen, unwissenden Volk abgenommen; er möge es anwenden, -um Tyll in der Erkenntnis Gottes und des Wortes zu erziehen.“</p> - -<p>Nachdem er solches gesagt, gab der Bote Klas den Friedenskuß.</p> - -<p>Und Klas wehklagte und sprach:</p> - -<p>„Auf dem Rade gestorben, mein armer Bruder!“</p> - -<p>Und er konnte seines Schmerzes nicht Herr werden.</p> - -<p>Jedoch da er sah, daß den Mann dürstete und daß er sein Glas -hinhielt, schenkte er ihm Wein ein; aber er aß und trank ohne -Lust. Soetkin und Nele waren sieben Tage fern; während der -Zeit wohnte der Bote von Jobst unter Klasens Dach.</p> - -<p>Jede Nacht hörten sie Katheline in der Hütte heulen:</p> - -<p>„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus!“</p> - -<p>Und Klas ging zu ihr und redete ihr gütlich zu und kehrte dann -in sein Haus zurück.</p> - -<p>Nach Verlauf der sieben Tage ging der Mann von hinnen und -wollte von Klas nicht mehr denn zwei Karolus nehmen, um -unterwegs Kost und Herberge zu finden.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>69</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Als Nele und Soetkin von Brügge heimgekehrt waren, saß Klas -in seiner Küche auf dem Boden nach Art der Schneider und nähte -Knöpfe an eine alte Hose. Nele war bei ihm und hetzte Titus -Bibulus Schnuffius auf den Storch; bald stürzte er sich auf ihn, -bald wich er zurück und heulte dabei in den höchsten Tönen. Der -Storch, auf einem Bein stehend, blickte ihn ernst und nachdenklich -an und zog seinen langen Hals in sein Brustgefieder zurück. -Da Titus Bibulus Schnuffius seine Friedfertigkeit sah, heulte er -noch schrecklicher. Aber unversehens schoß der Vogel, den diese -Musik verdroß, seinen Schnabel wie einen Pfeil in den Rücken -des Hundes, welcher entfloh und um Hilfe heulte. Klas lachte, -Nele desgleichen; Soetkin schaute immerwährend auf die Straße -und spähte, ob sie Ulenspiegel nicht kommen sähe. Plötzlich -sprach sie:</p> - -<p>„Da ist der Profos und vier Büttel. Ohne Zweifel haben sie es -nicht auf uns abgesehen. Ihrer zwei gehen rund um die Hütte.“</p> - -<p>Klas hob die Nase von der Arbeit auf.</p> - -<p>„Und zwei bleiben vorne stehen“, redete Soetkin weiter.</p> - -<p>Klas stund auf.</p> - -<p>„Wen werden sie in dieser Straße gefangen nehmen?“ sagte sie.</p> - -<p>„Herr Jesus, Mann, sie kommen herein.“</p> - -<p>Klas sprang aus der Küche in den Garten, Nele ihm nach. Er -sagte zu ihr:</p> - -<p>„Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“</p> - -<p>Nele verstand ihn und da sie sah, daß er über die Hecke sprang -und als die Büttel ihn beim Kragen packten, daß er sie schlug, -um sie los zu werden, da schrie und weinte sie:</p> - -<p>„Er ist unschuldig, er ist unschuldig! Tut meinem Vater Klas -kein Leids an! Ulenspiegel, wo bist Du? Du würdest sie alle -beide töten!“</p> - -<p>Und sie warf sich auf einen der Büttel und zerfleischte ihm das -Gesicht mit ihren Nägeln. Dann schrie sie: „Sie werden ihn -umbringen“, warf sich in das Gras im Garten und wälzte sich -darin wie von Sinnen.</p> - -<p>Katheline war auf den Lärm herbeigekommen, sie stand aufrecht -und unbeweglich, sah dem Schauspiel zu und schüttelte den Kopf: -„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will heraus!“ -Soetkin sah nichts und sprach zu den Bütteln, die in die Hütte -getreten waren:</p> - -<p>„Ihr Herren, was suchet Ihr in unserer armen Behausung? -Wenn es mein Sohn ist, der ist fern. Da müsset Ihr lange Beine -machen.“</p> - -<p>Solches sagend war sie frohen Mutes.</p> - -<p>Indem schrie Nele um Hilfe. Soetkin lief in den Garten, sah, -wie ihr Mann auf dem Weg bei der Hecke festgehalten ward und -sich sträubte.</p> - -<p>„Schlag zu, töte sie“, rief sie. „Ulenspiegel, wo weilst Du?“</p> - -<p>Sie wollte ihrem Manne zu Hilfe kommen, doch einer der Büttel -packte sie um den Leib, nicht ohne Fährnis für sie.</p> - -<p>Klas wehrte sich und schlug so heftig, daß er wohl hätte entkommen -mögen, wären nicht die beiden Büttel, mit denen Soetkin -gesprochen hatte, denen, so ihn hielten, zu Hilfe kommen.</p> - -<p>Mit gebundenen Händen führten sie ihn in die Küche, allwo -Soetkin und Nele weinten und schluchzten.</p> - -<p>„Herr Profos,“ sagte Soetkin, „was hat mein armer Mann getan, -daß Ihr ihn also mit diesen Stricken bindet?“</p> - -<p>„Ketzer“, sprach einer der Büttel.</p> - -<p>„Ketzer,“ sprach Soetkin dagegen, „Du bist ein Ketzer, Du! -Diese Teufel haben gelogen.“</p> - -<p>Klas antwortete:</p> - -<p>„Ich befehle mich in Gottes Hut.“</p> - -<p>Er ging fort. Nele und Soetkin folgten ihm weinend und vermeinend, -daß man sie auch vor den Richter bringen würde. -Freunde und Gevatterinnen kamen zu ihnen, aber da sie vernahmen, -daß Klas also gebunden ging, weil er der Ketzerei verdächtig -war, hatten sie so große Furcht, daß sie eilends wieder -in ihre Häuser gingen und alle Türen hinter sich zuschlossen. Nur -etliche Mägdlein wagten zu Klas zu kommen und zu ihm zu -sagen:</p> - -<p>„Wohin gehst Du also gebunden, Kohlenträger?“</p> - -<p>„Wohin Gott will, Ihr Mägdlein“, sprach er.</p> - -<p>Sie brachten ihn in den Gemeindekerker, und Soetkin und Nele -setzten sich auf die Schwelle. Da es Abend ward, sagte Soetkin -zu Nele, sie solle sie lassen und sehen, ob Ulenspiegel nicht heimkehrte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>70</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Kunde verbreitete sich alsbald in den benachbarten Dörfern, -daß man einen Mann um der Ketzerei willen eingekerkert hätte, -und daß der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem -Beinamen der Herzlose, das Verhör leiten sollte. Zur selbigen -Zeit lebte Ulenspiegel in Koolkerke und stand in Gunst und Gnaden -bei einer artigen Bäuerin, einer gefälligen Wittib, die ihm nichts -abschlug, was ihr zu eigen war. Ulenspiegel war dort guter -Dinge, ward gehätschelt und geliebkost bis an den Tag, wo ein -falscher Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeine, ihm beim Verlassen -der Schenke auflauerte, um ihn durchzubläuen. Doch -Ulenspiegel warf ihn in den Sumpf, damit er seinen Zorn abkühle, -und der Schöffe kroch heraus, so gut er’s vermochte, grün -wie eine Kröte und durchweicht wie ein Schwamm.</p> - -<p>Für diese Heldentat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen. Er -rannte, so schnell seine Beine ihn trugen, nach Damm, denn er -fürchtete die Rache des Schöffen.</p> - -<p>Der Abend sank kühl herab. Ulenspiegel lief schnell, es verlangte -ihn, daheim zu sein. Im Geiste sah er Nele nähen, Soetkin -das Nachtmahl bereiten und Klas Reisigbündel schnüren, -Schnuffius einen Knochen benagen und den Storch der Hausmutter -auf den Bauch klopfen, um einige Brocken vom Essen abzubekommen.</p> - -<p>Ein wandernder Hausierer sprach im Vorbeigehen zu ihm:</p> - -<p>„Wohin so eilends?“</p> - -<p>„Nach Damm, nach Haus“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Hausierer erwiderte:</p> - -<p>„Die Stadt ist nicht mehr sicher wegen der Reformierten, die man -da verhaftet.“</p> - -<p>Und er ging weiter.</p> - -<p>Als Ulenspiegel am Wirtshaus „zum roten Schild“ anlangte, -kehrte er ein, um ein Glas Doppelbier zu trinken. Der Wirt sprach -zu ihm:</p> - -<p>„Bist Du nicht des Klas Sohn?“</p> - -<p>„Der bin ich“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Spute Dich,“ sprach der Wirt, „denn die schlimme Stunde hat -für Deinen Vater geschlagen.“</p> - -<p>Ulenspiegel fragte, was er damit meinte.</p> - -<p>Der Wirt antwortete, er würde es nur allzubald erfahren.</p> - -<p>Und Ulenspiegel rannte weiter.</p> - -<p>Als er bei den ersten Häusern von Damm anlangte, sprangen -ihm die Hunde, so auf den Türschwellen standen, an die Beine -und kläfften und bellten. Die alten Weiber kamen auf den Lärm -heraus und riefen ihm alle miteinander zu:</p> - -<p>„Woher kommst Du? Hast Du Kunde von Deinem Vater? Wo -ist Deine Mutter? Ist sie auch im Kerker mit ihm? Wehe! -Gnade Gott, daß man ihn nicht verbrenne!“</p> - -<p>Ulenspiegel lief noch rascher.</p> - -<p>Er begegnete Nele, die sprach zu ihm:</p> - -<p>„Tyll, geh nicht in Dein Haus. Die aus der Stadt haben im -Namen Seiner Majestät einen Wächter dort angestellt.“</p> - -<p>Ulenspiegel blieb stehen:</p> - -<p>„Nele,“ sprach er, „ist es wahr, daß mein Vater Klas im Gefängnis -ist?“</p> - -<p>„Ja,“ antwortete Nele, „und Soetkin weint auf der Schwelle.“ -Da schwoll das Herz des verlorenen Sohnes vor Leid und er -sprach zu Nele:</p> - -<p>„Ich will sie besuchen.“</p> - -<p>„Nicht das sollst Du tun, sondern vielmehr Klas gehorchen, der -mir, ehe sie ihn ergriffen, gesagt hat: „Rette die Karolus, sie -sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“ Die müssen zuerst -gerettet werden, denn sie sind Soetkins, des armen Weibes Erbe.“</p> - -<p>Ulenspiegel hörte nichts und eilte zum Gefängnis. Allda sah -er Soetkin auf der Schwelle sitzen; sie umfing ihn mit Tränen -und sie weinten mitsammen.</p> - -<p>Und da das Volk sich ihretwegen in Haufen um das Gefängnis -scharte, kamen Büttel und geboten Ulenspiegel und Soetkin, daß -sie sich ehestens fortscheren sollten.</p> - -<p>Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die ihrem Hause benachbart -war. Vor diesem sahen sie einen der Landsknechte, die -von Brügge entboten waren, aus Furcht vor Unruhen, die während -des Gerichts und der Hinrichtung entstehen mochten. Denn -die Leute von Damm liebten Klas von Herzen.</p> - -<p>Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war geschäftig, -den letzten Tropfen Branntwein aus einer Flasche zu saugen. -Da er nichts mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit, -zog sein kurzes Schwert und ergötzte sich damit, die Pflastersteine -auszugraben.</p> - -<p>Soetkin trat bitterlich weinend bei Katheline ein. Und Katheline -schüttelte den Kopf: „Das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele -will hinaus“, sprach sie.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>71</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Sturmglocke rief die Richter zum Tribunal und sie vereinigten -sich um vier Uhr in der „Vierschare“ um die Gerichtslinde.</p> - -<p>Klas ward vor sie gebracht und sah den Amtmann von Damm -feierlich unter einem Baldachin sitzen und ihm zur Seiten und -gegenüber den Bürgermeister, die Schöffen und den Gerichtsschreiber.</p> - -<p>Das Volk kam beim Klange der Glocke in Haufen herbei und -sprach:</p> - -<p>„Viele unter den Richtern sind nicht da, um ein Werk der Gerechtigkeit, -sondern der kaiserlichen Knechtschaft zu üben.“</p> - -<p>Der Gerichtsschreiber machte bekannt, daß, nachdem der Gerichtshof -sich zuvor in der Vierschare um die Linde versammelt, selbiger -Anlaß gefunden habe, in Ansehung und Kenntnis der Anzeigen -und Aussagen, Klas den Kohlenträger, aus Damm gebürtig, -Ehemann von Soetkin, Jobstens Tochter, gefänglich einzuziehen. -Nunmehr würden sie zum Verhör der Zeugen schreiten.</p> - -<p>Hans Barbier, des Klas Nachbar, ward zuerst vernommen. -Nachdem er den Eid geleistet hatte, sagte er aus:</p> - -<p>„Beim Heil meiner Seele versichere und bezeuge ich, daß gegenwärtiger -Klas mir seit nahezu siebenzehn Jahren bekannt ist, -daß er allezeit rechtschaffen und nach den Gesetzen unserer heiligen -Mutter Kirche gelebt, niemals schimpflich von ihr geredet hat. -Noch hat er meines Wissens irgend einen Ketzer beherbergt, noch -das Buch Luthers verborgen, noch von besagtem Buche geredet, -oder irgend etwas getan, das ihn verdächtigen könnte, gegen die -Gesetze und Verordnungen des Reiches gefehlt zu haben. So -helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“</p> - -<p>Alsdann wurde Jan van Roosebeke verhört. Er sagte aus, daß er -bei Abwesenheit von Soetkin, Klasens Weib, oftmals die Stimme -zweier Männer im Hause des Beklagten zu vernehmen vermeint -habe. Oftmals am Abend nach der Feierabendglocke habe er in -einer kleinen Stube unterm Dach ein Licht und zwei Männer, -deren einer Klas war, vertraulich mitsammen reden sehen. Wenn -er sagen sollte, ob der andere Mann ein Ketzer war oder nicht, -so vermöchte er das nicht, denn er hätte ihn nur von ferne gesehen. -„Was Klas angeht,“ fügte er hinzu, „so sage ich aus und spreche -die volle Wahrheit, daß er, so lange ich ihn kenne, um die Osterzeit -nach der Regel beichtete, an den hohen Festen kommunizierte, -alle Sonntag zur Messe ging, ausgenommen den Sonntag des -heiligen Blutes und die folgenden. Und mehr weiß ich nicht. -So wahr mir Gott und alle seine Heiligen helfen.“</p> - -<p>Befragt, ob er nicht gesehen hätte, wie Klas in der Schenke „zum -blauen Turm“ Ablaß verkauft und über das Fegefeuer gespottet -hätte, erwiderte Jan van Roosebeke, daß Klas allerdings Ablaß -verkauft hätte; doch ohne Verachtung oder Spott. Er, Jan -van Roosebeke hätte davon gekauft, und also habe auch Jobst -Griepenstüver, der Älteste der Fischergilde tun wollen, der dort -in der Menge sei.</p> - -<p>Darauf sagte der Amtmann, er wolle die Taten und Handlungen, -um derentwillen Klas vor den Gerichtshof der Vierschare geführt -sei, bekannt geben.</p> - -<p>„Der Angeber“, sagte er, „war von ohngefähr in Damm geblieben, -um nicht in Brügge sein Geld für Schlemmerei und Prasserei -auszugeben, wie das allzu oft bei diesen heiligen Gelegenheiten -geübt wird; er saß auf seiner Türschwelle und schöpfte Luft. Da -erblickte er einen Mann, der in der Reiherstraße ging. Da Klas -diesen Mann bemerkte, ging er auf ihn zu und begrüßte ihn. -Der Mann war in schwarzes Linnen gekleidet. Er trat bei Klas -ein, und die Tür der Hütte blieb halb geöffnet. Begierig zu wissen, -wer dieser Mann wäre, trat der Angeber in den Hausflur; er -hörte Klas in der Küche mit dem Fremden von einem gewissen -Jobst, seinem Bruder, sprechen, der unter den Truppen der Reformierten -zum Gefangenen gemacht und für diese Tat unweit -von Aachen lebendig gerädert worden. Der Fremde sagte zu -Klas, daß er das Geld, so er von seinem Bruder empfahen, anwenden -solle, seinen Sohn in der reformierten Religion zu erziehen, -maßen es der Unwissenheit armer Leute abgewonnen sei. -Desgleichen hat er Klas aufgefordert, den Schoß Unserer -Heiligen Mutter Kirche zu verlassen, und andere gottlose Worte -ausgesprochen, auf welche Klas nur mit den Worten erwiderte: -„Grausame Henker! Mein armer Bruder!“ Und also lästerte -der Angeklagte Unsern Heiligen Vater, den Papst, und Seine -Königliche Majestät, indem er sie der Grausamkeit beschuldigte, -weil sie die Ketzerei zu Recht als göttliches und menschliches -Majestätsverbrechen bestraften. Als der Mann mit Essen fertig -war, hörte der Angeber Klas ausrufen: „Armer Jobst, den Gott -in seine Herrlichkeit aufnehme, sie waren grausam gegen Dich!“ -Und so klagte er Gott selber der Gottlosigkeit an durch den -Glauben, daß er Ketzer in seinem Himmel aufnehmen könne. -Und Klas ließ nicht nach zu sagen: „Mein armer Bruder.“ Darob -geriet der Fremde in Wut wie ein Ketzerlehrer bei seiner Predigt -und schrie: „Sie wird stürzen, die große Babel, die römische -Hure, und sie wird die Behausung von Teufeln und der Schlupfwinkel -jedes Galgenvogels werden!“ Klas sagte: „Grausame -Henker! Mein armer Bruder!“ Der Fremde redete ein Mehreres -und sagte: „Denn der Engel wird den Stein nehmen, groß wie -ein Mühlstein. Und der Stein wird ins Meer geschleudert werden, -und der Engel wird sagen: „Also wird die große Babel verworfen -und nicht mehr gefunden werden.“ „Herr,“ sprach Klas, -„Euer Mund ist voll Zornes; aber saget mir, wann wird das -Reich kommen, wo die, so sanftmütigen Herzens sind, in Frieden -auf Erden leben können?“ „Nimmer!“ antwortete der Fremde, -„solange der Antichrist herrschen wird, welcher ist der Papst und -Widersacher aller Wahrheit!“ / „Ach,“ sprach Klas, „Ihr redet -ohne Ehrfurcht von Unserm Heiligen Vater. Gewißlich weiß er -nichts von den grausamen Todesstrafen, mit denen man die -armen Reformierten strafet.“ Der Fremde erwiderte: „Er kennt -sie nur zu wohl, denn er ist es, der die Urteile schleudert und sie -durch den Kaiser und jetzo den König ausführen läßt. Der hat -den Nutzen von den Gütereinziehungen; er beerbt die Verstorbenen -und macht den Reichen gern den Prozeß wegen Ketzerei.“ Klas -antwortete: „Man redet von solchen Dingen im Lande Flandern, -ich muß sie glauben. Das Fleisch des Menschen ist schwach, selbst -wenn es königlich Fleisch ist. Mein armer Jobst.“ Und also -gab Klas zu verstehen, daß Seine Majestät aus niedriger Gewinnsucht -die Anstifter der Ketzerei strafte. Da der Fremde ihn -beschwatzen wollte, erwiderte Klas: „Herr, wollet mir nicht -mehr solche Reden halten, die, wenn sie gehört würden, mir einen -schlimmen Prozeß zuziehen könnten.“ Klas erhob sich, um in den -Keller zu gehen, und kam mit einem Maß Bier wieder herauf. -„Ich will die Tür schließen“, sagte er alsdann, und der Angeber -hörte nichts mehr, denn er mußte eilends aus dem Hause gehen. -Die Tür, so zuvor verschlossen war, ward jedoch bei sinkender -Nacht wieder geöffnet. Der Fremde kam heraus, kehrte aber -alsbald zurück, pochte und sagte dabei: „Klas, mich friert, ich -weiß nicht, wo ich einkehren soll. Gib mir Obdach, niemand hat -mich hereinkommen sehen, die Stadt ist menschenleer.“</p> - -<p>Klas nahm ihn bei sich auf, entzündete eine Laterne, und man -sah ihn, dem Ketzer vorangehend, die Stiege hinaufsteigen und -den Fremden in ein Kämmerlein unter dem Dach führen, dessen -Fenster aufs Feld ging.“</p> - -<p>„Wer anders“, schrie Klas, „kann alles dies berichtet haben, -wenn nicht Du, schändlicher Fischhändler, den ich am Sonntag -aufrecht wie einen Pfahl auf seiner Schwelle sah, wie Du heuchlerisch -nach den Schwalben in der Luft blicktest.“</p> - -<p>Und er wies mit dem Finger auf Jobst Griepenstüver, den Ältesten -der Fischhändler, der seine häßliche Fratze unter dem Volk zeigte. -Der Fischhändler lächelte hämisch, da er sah, daß Klas sich -solchergestalt verriet. Alles Volk, Männer, Frauen und Kinder -sprachen untereinander:</p> - -<p>„Armer, guter Mann, seine Worte werden ihm den Tod bringen.“</p> - -<p>Aber der Gerichtsschreiber fuhr in seiner Verlesung fort:</p> - -<p>„Der Ketzer und Klas sprachen jene Nacht lange zusammen, desgleichen -während sechs anderer, in welchen man den Fremdling -mancherlei dräuende oder segnende Gebärden machen sah, auch -wahrnehmen konnte, wie er die Arme gen Himmel hob; wie -Ketzer zu tun pflegen. Und dem Anschein nach hieß Klas seine -Reden gut. Gewißlich sprachen sie während jener Tage, Abende -und Nächte schändlich über Messe und Beichte, über den Ablaß -und über Seine Königliche Majestät.“</p> - -<p>„Keiner hat es gehört,“ sagte Klas, „und man kann mich nicht -solchergestalt ohne Beweise anklagen.“</p> - -<p>Der Gerichtsschreiber versetzte:</p> - -<p>„Man hat anderes gehört. Als der Fremde den siebenten Tag um -die zehnte Stunde aus Deinem Hause ging und es schon Abend -war, da gabst Du ihm bis zur Grenze von Kathelines Feld das -Geleite. Allda erkundigte er sich, was Du mit den schändlichen -Götzenbildern / und der Amtmann bekreuzte sich / der erhabenen -Frau Maria und der hohen Heiligen Nikolas und Martin gemacht -hättest. Du gabst zur Antwort, daß Du sie zerbrochen und -in den Brunnen geworfen hättest. Und wirklich wurden sie verwichene -Nacht in Deinem Brunnen gefunden, und die Stücke sind -auf der Folterkammer.“</p> - -<p>Bei diesen Worten schien Klas niedergeschinettert. Der Amtmann -fragte, ob er etwas zu erwidern hätte, doch Klas schüttelte -verneinend den Kopf.</p> - -<p>Der Amtmann fragte ihn, ob er nicht den verruchten Gedanken, -die Bilder zu zerbrechen, desgleichen die gottlose Verirrung, kraft -deren er schändende Worte wider seine göttliche und Seine Königliche -Majestät gesprochen, widerrufen wolle.</p> - -<p>Klas erwiderte, daß sein Leib Seiner Königlichen Majestät, -sein Gewissen aber Christo gehörte, dessen Gebot er folgen -wolle. Der Amtmann fragte ihn, ob dieses Gebot das Unserer -Heiligen Mutter Kirche wäre. Klas antwortete:</p> - -<p>„Es ist im Heiligen Evangelio.“</p> - -<p>Aufgefordert, auf die Frage zu antworten, ob der Papst der -Statthalter Gottes auf Erden sei, sprach er:</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>Verhört, ob er es für unerlaubt hielte, die Bilder der erhabenen -Frau Maria und der hohen Heiligen anzubeten, antwortete er, -daß solches Götzendienst wäre. Im Punkte der Ohrenbeichte befragt, -ob selbe eine gute und heilsame Sache sei, sprach er:</p> - -<p>„Christus hat gesagt: Beichtet einer dem andern.“</p> - -<p>Seine Antworten waren tapfer, wiewohl er im Grunde seines -Herzens betrübt und erschrocken schien.</p> - -<p>Da es acht Uhr geschlagen hatte und die Nacht herabsank, zog -sich der hohe Gerichtshof zurück und verschob das endgültige Urteil -auf den nächsten Tag.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>72</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In Kathelines Hütte weinte Soetkin vor irrem Schmerz. Ohne -Unterlaß sagte sie:</p> - -<p>„Mein Mann, mein armer Mann!“</p> - -<p>Ulenspiegel und Nele umarmten sie mit inniger Zärtlichkeit. Dann -drückte sie sie in die Arme und weinte still. Hierauf machte sie -ihnen ein Zeichen, sie allein zu lassen. Nele sprach zu Ulenspiegel: -„Wir wollen sie verlassen, sie will es; laß uns die Karolus -retten.“</p> - -<p>Sie gingen beide hinaus. Katheline ging um Soetkin herum und -sprach:</p> - -<p>„Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus.“</p> - -<p>Und Soetkin blickte sie starren Auges an, ohne sie zu sehen.</p> - -<p>Die Hütten von Klas und Katheline stießen aneinander, die von -Klas trat zurück und hatte ein Gärtlein vor dem Haus; die von -Katheline hatte ein Stück Land, mit Saubohnen bepflanzt, nach -der Straße zu. Das Land war mit einer grünen Hecke eingefriedigt, -darein Ulenspiegel, um zu Nele zu gehen, und Nele um zu -Ulenspiegel zu gehen, in ihren Kinderjahren ein großes Loch gemacht -hatten.</p> - -<p>Ulenspiegel und Nele kamen in den Gemüsegarten, sahen von dort -den wachthabenden Soldaten, der mit dem Kopf wackelte und -in die Luft spuckte, aber der Speichel fiel auf sein Wams zurück. -Eine Flasche, die mit Weiden umflochten war, lag neben -ihm.</p> - -<p>„Nele,“ sagte Ulenspiegel ganz leise, „dieser trunkne Soldat hat -noch nicht genug für seinen Durst; er muß noch mehr trinken. -So werden wir die Herren sein. Laß uns die Flasche nehmen.“</p> - -<p>Beim Ton ihrer Stimmen wandte der Landsknecht seinen -schweren Kopf nach ihrer Seite, suchte seine Flasche und da er -sie nicht fand, fuhr er fort in die Luft zu spucken und versuchte, -beim Mondschein seinen Speichel fallen zu sehen.</p> - -<p>„Der Branntwein geht ihm bis an die Zähne,“ sprach Ulenspiegel. -„hörst Du, wie er mit Mühe spuckt?“</p> - -<p>Indessen streckte der Soldat, nachdem er oftmals gespuckt und -in die Luft gesehen, wiederum den Arm aus, um die Hand auf -die Flasche zu legen. Er fand sie, hielt den Mund an die Öffnung, -bog den Kopf nach hinten, kippte die Flasche um und schlug ein -wenig darauf, auf daß sie ihm ihren ganzen Saft gäbe; und er -sog daran, wie ein Kind an der Brust seiner Mutter. Da er -nichts darinnen fand, ließ er es dabei bewenden, legte die Flasche -neben sich, fluchte etliches auf hochdeutsch, spuckte wiederum, -schüttelte den Kopf von rechts nach links und schlief mit unverständlichem -Geplapper ein.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel, wissend, daß dieser Schlaf nicht andauern -würde, und daß man ihn noch tiefer machen müßte, glitt durch -das Loch in der Hecke, nahm die Flasche des Soldaten und gab -sie Nele, welche sie mit Branntwein füllte.</p> - -<p>Der Soldat hörte nicht auf zu schnarchen: Ulenspiegel schlüpfte -wieder durch das Loch in der Hecke, legte ihm die volle Flasche -zwischen die Beine, kehrte in Kathelines Gärtlein zurück und -wartete mit Nele hinter der Hecke.</p> - -<p>Die Kühle der frischgezapften Flüssigkeit machte den Soldaten -etwas wach und mit der ersten Bewegung suchte er nach dem -kalten Ding unter seinem Wamse.</p> - -<p>Mit dem rechten Gefühl eines Trunkenbolds erwog er, daß dies -wohl eine volle Flasche sein könnte, und legte die Hand darauf. -Ulenspiegel und Nele sahen, wie er beim Schein des Mondes die -Flasche schüttelte, um das Glucksen der Flüssigkeit zu hören; -dann kostete er davon, lachte, war baß erstaunt, daß sie so voll -war, trank einen Schluck, tat einen Zug, setzte sie zu Boden, -nahm sie abermals und trank von neuem.</p> - -<p>Dann hub er an zu singen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint,</div> - <div class="verse indent0">Die Frau See zu grüßen,</div> - <div class="verse indent0">Trägt sie ihm wohl auf</div> - <div class="verse indent0">Einen Humpen Glühwein;</div> - <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Speist mit ihm zur Nacht,</div> - <div class="verse indent0">Küßt ihn manchesmal,</div> - <div class="verse indent0">Gibt nach gutem Schmaus</div> - <div class="verse indent0">Ihm ihr Bett zum Lager;</div> - <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Also tu auch Du, mein Liebchen,</div> - <div class="verse indent0">Leckern Schmaus und guten Glühwein,</div> - <div class="verse indent0">Also tu auch Du, mein Liebchen,</div> - <div class="verse indent0">Wenn der Meister Mond erscheint.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Um und um trinkend und einen Vers singend, schlief er ein. Und -er konnte nicht hören, daß Nele sagte: „Sie sind in einem Topf -hinter der Rückwand des Rauchfangs“; noch sah er, wie Ulenspiegel -durch den Stall in Klasens Küche trat, den Stein von -der Rückwand abhob, den Topf und die Karolus fand, auf -Kathelines Anwesen zurückkehrte und die Karolus an der Seite -der Brunnenmauer vergrub, wohl wissend, daß man sie darinnen -und nicht außerhalb suchen würde.</p> - -<p>Dann gingen beide wieder zu Soetkin und fanden die schmerzensreiche -Frau in Tränen. Sie sprach:</p> - -<p>„Mein Mann, mein armer Mann!“</p> - -<p>Nele und Ulenspiegel wachten bei ihr bis zum Morgen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>73</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am folgenden Tag rief die Sturmglocke die Richter mit lauten -Schlägen zum Gericht der Vierschare.</p> - -<p>Da sie sich auf den vier Bänken um den Baum der Gerechtigkeit -niedergesetzt, verhörten sie Klas abermals und fragten ihn, ob -er seine Irrtümer aufgeben wollte.</p> - -<p>Klas hob die Hand gen Himmel:</p> - -<p>„Christus, mein Herr, blickt auf mich herab“, sagte er. „Ich -schaute in seine Sonne, als mein Sohn Ulenspiegel geboren -ward. Wo ist er zur Stunde, der Landstreicher? Soetkin, mein -sanftes Weib, wirst Du im Unglück tapfer sein?“</p> - -<p>Dann sah er die Linde an und verfluchte sie.</p> - -<p>„Sturm und Dürre! Macht, daß die Bäume auf unserer Väter -Erde lieber alle bis auf den Stamm zugrunde gehen, denn daß -unter ihrem Schatten das freie Gewissen zum Tode verdammt -wird. Wo bist Du, mein Sohn Ulenspiegel? Ich war hart gegen -Dich. Ihr Herren, habt Mitleid mit mir und richtet mich, wie -unser barmherziger Heiland es täte.“</p> - -<p>Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht.</p> - -<p>Dann fragte er, ob es keine Begnadigung für ihn gäbe, und -sprach:</p> - -<p>„Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich war gut zu -den Armen und freundlich gegen jedermann. Die römische Kirche -habe ich verlassen, um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu -mir sprach. Ich flehe um keine Gnade, denn daß die Feuerstrafe -in ewige, lebenslängliche Landesverweisung verwandelt werde, -welche Strafe wahrlich schon groß ist.“</p> - -<p>Alle, die gegenwärtig waren, schrien:</p> - -<p>„Gnade, Ihr Herren! Erbarmen!“</p> - -<p>Aber Jobst Griepenstüver rief nicht.</p> - -<p>Der Amtmann winkte den Umstehenden zu schweigen und sagte, -daß die Edikte das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer -um Gnade zu bitten. So aber Klas seinen Irrtum abschwören -wolle, solle er durch den Strang anstatt durchs Feuer hingerichtet -werden.</p> - -<p>Und das Volk sprach:</p> - -<p>„Ob Feuer oder Strang, es ist der Tod.“</p> - -<p>Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf.</p> - -<p>Darauf sprach Klas:</p> - -<p>„Ich werde mitnichten abschwören. Tut mit meinem Leib, was -Eurer Barmherzigkeit gefallen wird.“</p> - -<p>Der Dechant von Renaix, Titelman, schrie:</p> - -<p>„Es ist unerträglich zu sehen, wie solches Ketzergeschmeiß das -Haupt vor seinen Richtern erhebt. Ihre Körper zu verbrennen -ist eine Strafe von kurzer Dauer; man muß ihre Seelen retten -und sie durch die Folter zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören, -auf daß sie dem Volk nicht das gefährliche Schauspiel von Ketzern -geben, die eines unbußfertigen Todes sterben.“</p> - -<p>Bei solcher Rede weinten die Frauen noch mehr, und die Männer -sagten:</p> - -<p>„Nach einem Geständnis folgt Strafe, nicht Folter!“</p> - -<p>Der Gerichtshof entschied, dieweil die Folter in den Verordnungen -nicht vorgeschrieben, so sei es nicht statthaft, sie Klas -erleiden zu lassen. Abermals aufgefordert zu widerrufen, antwortete -er:</p> - -<p>„Ich kann es nicht.“</p> - -<p>Kraft der Edikte ward er der Simonie für schuldig erklärt, wegen -Verkaufes von Ablaß, desgleichen als Ketzer und Helfershelfer -von Ketzern befunden und als solcher verurteilt, vor dem Gitter -des Rathauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte.</p> - -<p>Sein Körper sollte während zweier Tage am Pfahl befestigt -bleiben, um zum Exempel zu dienen, und alsdann an der Stätte -begraben werden, wo die Körper der Hingerichteten verscharrt -werden.</p> - -<p>Der Gerichtshof bewilligte dem Ankläger Jobst Griepenstüver, -des Name nicht genannt ward, fünfzig Gülden auf die ersten -hundert Karolusgülden der Erbschaft und den zehnten Teil von -dem übrigen.</p> - -<p>Da Klas diesen Richterspruch vernommen, sprach er zum Ältesten -der Fischhändler:</p> - -<p>„Du wirst eines elenden Todes sterben, Du schlechter Mensch, -der für einen armseligen Groschen aus einem glücklichen Eheweib -eine Wittib und aus einem fröhlichen Sohn eine bekümmerte -Waise machst.“</p> - -<p>Die Richter hatten Klas sprechen lassen, denn auch sie, ausgenommen -Titelman, fühlten große Verachtung für die Angeberei -des Obmanns der Fischergilde.</p> - -<p>Dieser schien bleich vor Schmach und Zorn.</p> - -<p>Und Klas ward in sein Gefängnis zurückgeführt.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>74</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am folgenden Tage, welcher der Vorabend von Klasens Hinrichtung -war, wußten Nele, Ulenspiegel und Soetkin das Urteil.</p> - -<p>Sie baten die Richter um Einlaß ins Gefängnis, welches ihnen -gewährt ward, aber nicht Nele.</p> - -<p>Da sie hineingingen, sahen sie Klas mit einer langen Kette an die -Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin wegen -der Feuchtigkeit. Denn nach Recht und Gesetz ist es in Flandern -befohlen, gegen die, so sterben sollen, milde zu sein und ihnen Brot, -Fleisch oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Kerkermeister -handeln oftmals dem Gesetz zuwider, und ihrer sind viele, -die den größten Teil und die besten Stücke der Nahrung der armen -Gefangenen essen.</p> - -<p>Weinend umarmte Klas Ulenspiegel und Soetkin, aber er war der -erste, der trockne Augen hatte, wie es ihm als Mann und Familienhaupt -geziemte.</p> - -<p>Soetkin weinte und Ulenspiegel sprach:</p> - -<p>„Ich will diese abscheulichen Ketten zerbrechen.“</p> - -<p>Soetkin sagte unter Tränen:</p> - -<p>„Ich werde zum König Philipp gehen, er wird Dich begnadigen.“</p> - -<p>Klas antwortete:</p> - -<p>„Der König erbt die Vermögen der Märtyrer.“ Dann fügte er bei:</p> - -<p>„Weib und geliebter Sohn, ich gehe traurig und voller Harm -aus dieser Welt. Wenn ich etwelche Furcht vor dem Leiden für -meinen Körper habe, so bin ich gleicherweise recht betrübt zu denken, -daß, wenn ich nicht mehr bin, Ihr alle beide arm und elend sein -werdet, denn der König wird Euch Eure Habe nehmen.“</p> - -<p>Mit leiser Stimme antwortete Ulenspiegel:</p> - -<p>„Nele hat gestern alles mit mir in Sicherheit gebracht.“</p> - -<p>„Des bin ich froh,“ antwortete Klas, „der Angeber wird nicht über -meinen Nachlaß lachen.“</p> - -<p>„Möge er vielmehr sterben,“ sprach Soetkin, das Auge voll Haß, -ohne zu weinen.</p> - -<p>Aber Klas sprach, der Karolus gedenkend: „Du warst schlau, -Tyll, mein Söhnchen. Dann wird meine Wittib Soetkin in ihren -alten Tagen nicht Hunger leiden.“</p> - -<p>Und Klas küßte sie und drückte sie fest an seine Brust und sie weinte -noch mehr, denn sie gedachte, daß sie bald seinen liebenden Schutz -verlieren würde.</p> - -<p>Klas sah Ulenspiegel an und sprach:</p> - -<p>„Sohn, Du hast oft gesündigt, wenn Du Dich auf den Landstraßen -herumtriebst, wie die bösen Buben tun. Du mußt es nicht mehr -tun, mein Kind, noch die betrübte Witwe allein im Haus lassen; -Du, der Mann, schuldest ihr Schutz und Schirm.“</p> - -<p>„Vater, ich werde es tun“, sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wehe, mein armer Mann“, sprach Soetkin und umarmte ihn. -„Welch großes Verbrechen haben wir begangen? Wir lebten friedlich -zu zweit ein ehrlich und bescheiden Leben und liebten uns innig, -Herr Gott, Du weißt es. Wir standen frühe auf, um zu arbeiten, -und am Abend, wenn wir das Dankgebet sprachen, aßen wir das -Brot, so wir tags verdient hatten. Ich will zum König gehen -und ihn mit meinen Nägeln zerfleischen. Herr Gott, wir waren -nicht schuldig.“</p> - -<p>Aber der Kerkermeister trat herein und sagte, daß sie gehen müßten. -Soetkin verlangte zu bleiben. Klas fühlte, wie ihr armes Gesicht -an dem seinen glühte, wie Soetkins Zähren in Strömen flossen -und seine Wangen netzten, und wie ihr ganzer armer Körper in -seinen Armen bebte und zitterte. Er bat, daß sie bei ihm bleiben -möge.</p> - -<p>Der Kerkermeister sagte nochmals, daß sie fort müßten, und zog -Soetkin aus Klasens Armen.</p> - -<p>Klas sprach zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Wache über sie.“</p> - -<p>Der antwortete, er würde es tun. Und Ulenspiegel und Soetkin -gingen selbander fort und der Sohn stützte die Mutter.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>75</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am folgenden Morgen, dem Tage der Hinrichtung, kamen die -Nachbarn und schlossen Ulenspiegel, Soetkin und Nele zusammen -in Kathelines Hause ein. Aber sie hatten nicht bedacht, daß sie -von fern das Geschrei des armen Sünders hören und durch die -Fenster die Flamme des Holzstoßes sehen könnten.</p> - -<p>Katheline irrte durch die Stadt, schüttelte den Kopf und sprach: -„Macht ein Loch, die Seele will hinaus.“</p> - -<p>Um die neunte Stunde ward Klas im Hemde, die Hände auf den -Rücken gebunden, aus dem Gefängnis geführt. Dem Urteil gemäß -war der Scheiterhaufen in der Straße der Frauenkirche aufgeschichtet, -rings um einen Pfahl, der vor den Fenstergittern des -Rathauses eingerammt war. Der Henker und seine Büttel waren -noch nicht mit dem Aufschichten des Holzes fertig.</p> - -<p>Klas wartete inmitten dieser Bluthunde geduldig, bis ihre Arbeit -getan war, dieweil der Profos zu Pferde und die Schergen des -Amtskreises und die neun Landsknechte, so von Brüssel herbeigerufen -waren, nur mit großer Mühe das murrende Volk im Zaum -halten konnten.</p> - -<p>Alle sagten, daß es Grausamkeit wäre, also in seinen alten Tagen -ungerechterweise einen armen, braven Mann zu morden, der -so freundlich und barmherzig und so wacker bei der Arbeit gewesen.</p> - -<p>Plötzlich knieten sie nieder und beteten; die Sterbeglocken der -Frauenkirche läuteten.</p> - -<p>Katheline stund auch in der Volksmenge in der ersten Reihe und -war ganz irre. Sie blickte Klas und den Scheiterhaufen an und -sagte kopfschüttelnd:</p> - -<p>„Das Feuer, das Feuer! macht ein Loch, die Seele will hinaus!“</p> - -<p>Da Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzten -sie sich alle beide. Aber Ulenspiegel tat nicht mit, denn er sagte, -daß er Gott nicht nach Art der Henker anbeten wolle. Und er -rannte in der Hütte hin und her und versuchte die Türen einzuschlagen -und durch die Fenster zu springen; aber alle waren bewacht.</p> - -<p>Plötzlich schrie Soetkin, das Gesicht in der Schürze bergend:</p> - -<p>„Der Rauch!“</p> - -<p>Und in Wahrheit sahen die drei Leidtragenden eine große, gar -schwarze Rauchwolke am Himmel. Sie kam vom Scheiterhaufen, -auf welchem Klas an den Pfahl gekettet stand, und der Henker -hatte ihn jetzt an drei Stellen entzündet, im Namen Gottes des -Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.</p> - -<p>Klas schaute um sich, und da er Soetkin und Ulenspiegel nicht in -der Menge gewahrte, ward ihm leichter zumute in dem Gedanken, -daß sie ihn nicht leiden sähen.</p> - -<p>Kein ander Geräusch war vernehmbar als Klasens Stimme, der -betete, das prasselnde Holz, die murrenden Männer, die weinenden -Frauen und Katheline, welche schrie: „Nehmt das Feuer fort, -macht ein Loch, die Seele will hinaus.“ Und die Sterbeglocken -der Frauenkirche läuteten.</p> - -<p>Plötzlich ward Soetkin weiß wie Schnee, bebte am ganzen Leibe, -ohne zu weinen, und wies mit dem Finger gen Himmel. Eine -lange, schmale Flamme war aus dem Scheiterhaufen geschossen -und erhob sich zuweilen über die Dächer der niedern Häuser. Sie -war für Klas grausam schmerzhaft, denn je nach der Laune -des Windes zernagte sie seine Beine, streifte seinen Bart und sengte -ihn, beleckte seine Haare und verbrannte sie.</p> - -<p>Ulenspiegel hielt Soetkin in seinen Armen und wollte sie vom -Fenster fortreißen. Sie hörten einen gellenden Schrei, welchen -Klas ausstieß, dieweil sein Körper nur an einer Seite brannte. -Aber er schwieg und weinte, und seine Brust war ganz benetzt von -seinen Zähren.</p> - -<p>Dann hörten Soetkin und Ulenspiegel ein großes Getöse von -Stimmen. Es waren Bürger, Frauen und Kinder, die schrien:</p> - -<p>„Klas ist nicht verurteilt, langsam zu brennen, sondern bei -starkem Feuer. Henker, schüre den Holzstoß.“</p> - -<p>Der Henker tat also, aber das Feuer flammte nicht schnell genug -auf.</p> - -<p>„Erdroßle ihn“, schrien sie.</p> - -<p>Und sie warfen mit Steinen nach dem Profos.</p> - -<p>„Die Flamme! die große Flamme!“ schrie Soetkin.</p> - -<p>Und wahrlich, eine rote Flamme stieg inmitten des Rauches zum -Himmel.</p> - -<p>„Er stirbt“, sagte die Wittib. „Herr Gott, erbarm Dich der Seele -des Unschuldigen. Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen -Nägeln das Herz ausreiße?“</p> - -<p>Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.</p> - -<p>Soetkin hörte Klas noch einen lauten Schrei tun, aber sie sah -nicht, wie sein Körper sich krümmte und ächzte, um der Qualen -des Feuers willen, noch wie sein Gesicht sich verzerrte, noch sah -sie seinen Kopf, den er nach allen Seiten drehte und gegen das -Holz des Pfahls schmetterte. Das Volk fuhr fort zu rufen und -zu zischen, die Frauen und die Knaben warfen Steine, als plötzlich -der Scheiterhaufen ganz und gar aufloderte und alle vernahmen, -wie Klas mitten in Flammen und Rauch sprach:</p> - -<p>„Soetkin! Tyll!“</p> - -<p>Und das Haupt sank ihm auf die Brust wie eine Bleikugel.</p> - -<p>Ein durchdringender Weheruf drang aus Kathelines Hütte. -Dann hörte man nichts mehr, nur die arme Wahnsinnige schüttelte -den Kopf und sagte: „Die Seele will hinaus.“</p> - -<p>Klas war verschieden. Der ausgebrannte Scheiterhaufen sank -am Fuße des Pfahles in sich zusammen, und der arme, ganz -schwarze Körper blieb am Halse aufgehängt daran stehen.</p> - -<p>Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>76</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Soetkin stand bei Katheline gegen die Mauer gelehnt mit gesenktem -Haupt und gefalteten Händen. Sie hielt Ulenspiegel -umfangen, ohne zu reden, noch zu weinen.</p> - -<p>Ulenspiegel war auch stumm; er fühlte mit Schrecken die Fieberglut, -so den Körper seiner Mutter verbrannte.</p> - -<p>Die Nachbarn, die vom Richtplatz zurückkamen, sagten, daß -Klas ausgelitten habe.</p> - -<p>„Er ist in die Herrlichkeit eingegangen“, sprach die Wittib.</p> - -<p>„Bete“, sagte Nele zu Ulenspiegel; und sie gab ihm seinen Rosenkranz, -aber er wollte ihn nicht gebrauchen, weil die Kugeln vom -Papst geweiht wären.</p> - -<p>Da die Nacht herabsank, sagte Ulenspiegel zur Wittib:</p> - -<p>„Mutter, Du <em>mußt</em> Dich schlafen legen; ich werde bei Dir -wachen.“</p> - -<p>Aber Soetkin antwortete: „Es tut nicht not, daß Du bei mir -wachst: der Schlaf ist gut für die Jugend.“</p> - -<p>Nele bereitete jedem ein Lager in der Küche und ging fort.</p> - -<p>Sie blieben beieinander, dieweil die Reste eines Feuers von -Baumwurzeln im Kamin verbrannten.</p> - -<p>Soetkin legte sich nieder und Ulenspiegel tat wie sie und hörte -sie unter ihren Decken weinen.</p> - -<p>Draußen in der nächtlichen Stille ließ der Wind die Bäume des -Kanals rauschen wie das Meer und als Vorbote des Herbstes -schleuderte er den Staub in Wirbeln gegen die Fenster.</p> - -<p>Ulenspiegel sah etwas wie einen Mann, der kam und ging; er -hörte ein Geräusch von Schritten in der Küche; da er hinhorchte, -hörte er nichts mehr als den Wind, der im Kamin heulte, und -Soetkin, die unter ihren Decken weinte.</p> - -<p>Dann hörte er wiederum gehen und hinter sich am Kopfende -seufzen. „Wer ist da?“ fragte er.</p> - -<p>Niemand gab Antwort; aber es ward zu drei Malen auf den -Tisch geklopft. Ulenspiegel ward von Furcht ergriffen und zitternd -fragte er abermals: „Wer ist da?“ Er bekam keine Antwort, -aber drei Schläge fielen auf den Tisch, und er fühlte, wie zwei -Arme ihn umschlangen und über sein Gesicht ein Körper sich -neigte, dessen Haut war gerunzelt, auch hatte er ein großes Loch -in der Brust und einen Brandgeruch um sich.</p> - -<p>„Vater,“ sprach Ulenspiegel, „ist es Dein armer Leichnam, der -also auf mir lastet?“</p> - -<p>Er erhielt keine Antwort, und ohngeachtet der Schatten nahe -bei ihm stand, hörte er draußen „Tyll, Tyll!“ rufen. Plötzlich -erhob Soetkin sich und trat an Ulenspiegels Lager: „Hörst Du -nichts?“ fragte sie.</p> - -<p>„Wohl,“ sprach er, „der Vater ruft mich.“</p> - -<p>„Ich,“ sprach Soetkin, „ich habe einen kalten Leichnam an -meiner Seite in meinem Bette gefühlt, und die Pfühle haben sich -gerührt und die Vorhänge sich bewegt, und ich habe eine Stimme -sagen hören: „Soetkin“. Eine Stimme, leise wie ein Hauch, und -einen Schritt, leicht wie das Summen einer Mücke!“ Und sie -sprach also zu dem Geist ihres Klas:</p> - -<p>„Mein Mann, so Du im Himmel, allwo Gott Dich in seine Herrlichkeit -aufgenommen hat, irgend etwas begehrst, mußt Du es -uns sagen, auf daß wir Deinen Willen vollstrecken.“</p> - -<p>Plötzlich stieß ein Windstoß die Tür mit Ungestüm auf und erfüllte -den Raum mit Staub, und Ulenspiegel und Soetkin hörten -fernes Gekrächz von Raben.</p> - -<p>Sie gingen selbander hinaus und kamen zum Scheiterhaufen.</p> - -<p>Die Nacht war schwarz, ausgenommen, wenn die Wolken, so -von dem scharfen Nordwind gejagt gleich Hirschen über den -Himmel liefen, dem Antlitz des Gestirns seinen Glanz ließen.</p> - -<p>Ein Gemeinbüttel schritt auf und ab und hielt Wache am Scheiterhaufen. -Ulenspiegel und Soetkin hörten den Schall seiner -Schritte auf dem hartgestampften Boden und die Stimme eines -Raben, der ohne Zweifel andere herbeirief, denn aus der Ferne -antwortete ihm Gekrächz.</p> - -<p>Da Ulenspiegel und Soetkin an den Scheiterhaufen traten, ließ -der Rabe sich auf Klasens Schultern nieder und sie hörten ihn an -dem Körper picken, und alsobald kamen andere Raben herbei.</p> - -<p>Ulenspiegel wollte sich auf den Scheiterhaufen stürzen und die -Raben niederschlagen; der Büttel aber sagte zu ihm:</p> - -<p>„Du Zauberer, suchst Du Teufelsklauen? Wisse, daß die Hände -von Verbrannten nicht unsichtbar machen, sondern allein die -Hände eines Gehenkten, wie Du dereinst einer sein wirst.“</p> - -<p>„Herr Weibel,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich bin kein Zauberer, -sondern der verwaiste Sohn dessen, der dort hängt, und dies -Weib ist seine Wittib. Wir wollen ihn nur noch einmal küssen und -ein Weniges von seiner Asche zum Gedächtnis an ihn nehmen. -Erlaubt es uns, Herr, der Ihr kein fremder Söldling, sondern -vielmehr ein Sohn dieses Landes seid.“</p> - -<p>„Es geschehe, wie Du willst“, antwortete der Büttel.</p> - -<p>Waise und Witwe schritten über das verbrannte Holz und kamen -an den Leichnam. Beide küßten Klasens Antlitz mit Tränen.</p> - -<p>Ulenspiegel nahm da, wo das Herz saß und wo die Flamme ein -großes Loch ausgehöhlt hatte, ein wenig von der Asche des -Toten. Dann knieten Soetkin und er nieder und beteten. Da die -Morgenröte fahl am Himmel erschien, waren sie beide noch da; -aber der Büttel trieb sie fort, aus Furcht, seiner Gutwilligkeit -halber gestraft zu werden.</p> - -<p>Daheim nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein Stück -schwarzer Seide; sie machte ein Säcklein daraus; in das tat sie -die Asche; und an das Säcklein nähte sie zwei Bänder, auf daß -Ulenspiegel es allezeit um den Hals tragen könnte. Sie hing ihm -das Säcklein um und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Möge diese Asche, so das Herz meines Mannes, dieses Rot, das -sein Blut, dieses Schwarz, das unsere Trauer ist, immerwährend -auf Deiner Brust sein wie das Feuer der Rache wider die Henker.“ -„So sei es“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Und die Wittib umarmte die Waise und die Sonne ging auf.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>77</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Des anderen Tages drangen die Büttel und Ausrufer der Gemeinde -in Klas Behausung, setzten allen Hausrat daraus auf -die Gasse und schritten zur öffentlichen Vergantung.</p> - -<p>Von Kathelines Haus aus sah Soetkin die Wiege aus Eisen und -Kupfer hinaustragen, die vom Vater auf den Sohn im Hause -der Klas vererbt worden, darinnen der arme Tote und auch -Ulenspiegel geboren war. Dann trugen sie das Bett hinaus, in -dem Soetkin ihr Kind empfangen, und in dem sie so trauliche -Nächte, an ihren Mann geschmiegt, verbracht hatte. Dann kam -der Kasten, in dem sie das Brot verwahrte, die Lade, in der zur -Zeit des Wohllebens die Fleischstücke waren, Pfannen, Kessel und -Töpfe, nicht mehr glänzend wie in der guten Zeit des Glücks, -sondern vom Staub der Verwahrlosung bedeckt. Und sie gedachte -bei ihnen der häuslichen Feste, wo die Nachbarn, vom -Duft angelockt, herbeigekommen waren.</p> - -<p>Dann kam auch eine Tonne und ein Tönnlein, mit einfachem und -Doppelbier, und ein Korb mit Weinflaschen, deren zumindest -dreißig waren; und alles ward auf die Straße gesetzt bis auf -den letzten Nagel, den die arme Witfrau mit großem Lärm herausreißen -hörte.</p> - -<p>Ohne zu schmähen noch sich zu beklagen, saß sie da und sah blutenden -Herzens ihren bescheidenen Wohlstand davon tragen. Nachdem -der öffentliche Verkäufer ein Talglicht angezündet hatte, -ward der Hausrat vergantet. Da das Licht beinahe ausgebrannt -war, hatte der Älteste der Fischergilde alles um ein Spottgeld -erstanden, um es wieder zu verkaufen, und er schien sich zu ergötzen -wie ein Wiesel, das einem Huhne das Hirn aussaugt.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht lange lachen, -Mörder.“</p> - -<p>Indessen ging der Verkauf zu Ende und die Büttel, so alles durchwühlten, -fanden die Karolus nicht. Der Fischhändler rief aus: -„Ihr suchet schlecht; ich weiß, daß Klas vor sechs Monaten -siebenhundert hatte.“</p> - -<p>Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht erben, -Mörder.“</p> - -<p>Plötzlich wandte sich Soetkin um und sprach, auf den Fischhändler -weisend: „Der Angeber!“</p> - -<p>„Ich weiß es“, sagte er.</p> - -<p>„Soll er vom Blut Deines Vaters erben?“</p> - -<p>„Lieber wollt ich einen ganzen Tag auf der Folterbank leiden“, -antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Auch ich, aber bekenne nichts um meinetwillen, welche Qual -Du mich auch erdulden siehst.“</p> - -<p>„Ach, Du bist ein Weib“, sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Armer Schelm,“ sprach sie, „ich habe Dich zur Welt gebracht -und weiß zu leiden. Aber Du, wenn ich Dich sähe.“ Da erbleichte -sie. „Ich werde zur heiligen Jungfrau beten, die ihren Sohn -am Kreuze sah.“</p> - -<p>Und sie weinte, dieweil sie Ulenspiegel liebkoste. Und also machten -sie miteinander einen Pakt des Hasses und der Kraft.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>78</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Der Fischhändler brauchte nur die Hälfte des Kaufpreises zu entrichten, -da die andere Hälfte dazu dienen sollte, seine Angeberei -zu belohnen, bis daß die siebenhundert Karolus gefunden wären, -die ihn zur Schurkerei getrieben hatten.</p> - -<p>Soetkin verbrachte die Nächte mit Weinen und die Tage mit -Hausarbeit. Oft hörte Ulenspiegel sie ganz allein sprechen und -sagen: „Wenn er erbt, töte ich mich.“</p> - -<p>Wissend, daß sie ausführen würde, was sie sagte, taten Nele und -er ihr Bestes, Soetkin zu bereden, nach Walcheren zu ziehen, -allwo sie Verwandte hatte. Soetkin wollte nicht und sagte, es -täte ihr nicht not, den Würmern aus dem Wege zu gehen, die in -Bälde ihre Witwenknochen verzehren würden.</p> - -<p>Derweilen war der Fischhändler wiederum zum Amtmann gegangen -und hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor etlichen -Monaten an siebenhundert Karolus geerbt habe; daß er -ein haushälterischer Mann gewesen, der mit wenigem auskam -und also nicht diese große Summe ausgegeben habe, welche ohne -Zweifel in einem Winkel verborgen sei.</p> - -<p>Der Amtmann fragte, was Ulenspiegel und Soetkin ihm Böses -angetan hätten, da er noch darauf sinne, sie grausam zu verfolgen, -nachdem er ihnen Vater und Mann genommen?</p> - -<p>Der Fischhändler erwiderte, daß er als angesehener Bürger von -Damm den Gesetzen des Reichs Achtung verschaffen und also die -Gnade Seiner Majestät verdienen wolle.</p> - -<p>Nachdem er solches gesagt, gab er dem Amtmann eine Anklageschrift -zu Händen und führte Zeugen auf, die der Wahrheit gemäß -wider Willen bezeugten, daß der Fischhändler nicht löge.</p> - -<p>Nachdem die Wohllöbliche Schöffenkammer die Zeugnisse vernommen, -erklärte sie die Indizien der Schuld ausreichend zur -Folter. Somit schickten sie zum andern Mal Büttel, um das -Haus zu durchwühlen; diese hatten Vollmacht, Mutter und -Sohn in das Stadtgefängnis zu bringen, allwo sie gehalten -werden sollten, bis der Henker von Brügge, welcher ohne Verzug -bestellt ward, anlangte.</p> - -<p>Da Soetkin und Ulenspiegel durch die Straße gingen, die Hände -auf den Rücken gebunden, stund der Fischhändler auf der Schwelle -seines Hauses und sah sie an.</p> - -<p>Und die Bürger und Bürgersfrauen von Damm standen auch -auf der Schwelle ihrer Häuser. Matthyssen, der nächste Nachbar -des Fischhändlers, hörte Ulenspiegel zum Ankläger sagen:</p> - -<p>„Gott wird Dir fluchen, Du Henker der Witwen!“</p> - -<p>Und Soetkin sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du wirst eines jämmerlichen Todes sterben, Du Verfolger der -Waisen.“</p> - -<p>Da die Leute von Damm solchermaßen erfahren hatten, daß die -Witwe und die Waise also auf eine zweite Anzeige Griepenstüvers -ins Gefängnis gebracht wurden, schmähten sie den Fischhändler -und warfen ihm abends Steine in die Fenster und seine Tür ward -mit Unrat bedeckt.</p> - -<p>Und er wagte nicht mehr aus dem Hause zu gehen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>79</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Gegen die zehnte Stunde des Vormittags wurden Ulenspiegel -und Soetkin in die Folterkammer geführt.</p> - -<p>Allda befanden sich der Amtmann, der Gerichtsschreiber und die -Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt.</p> - -<p>Der Amtmann fragte Soetkin, ob sie kein dem Kaiser gehöriges -Gut vorenthalte. Sie antwortete: daß sie nichts vorenthalten -könne, da sie nichts habe.</p> - -<p>„Und Du?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.</p> - -<p>„Vor sieben Monaten“, versetzte er, „erbten wir siebenhundert -Karolus, etliche davon haben wir verzehrt. Was die andern angeht, -so weiß ich nicht, wo sie sind; ich vermeine jedoch, daß der -Wanderer, der zu unserm Unglück bei uns wohnte, den Rest mitgenommen -hat; denn ich habe seither nichts mehr gesehen.“</p> - -<p>Der Amtmann fragte wiederum, ob alle beide darin beharrten, -sich für unschuldig zu erklären.</p> - -<p>Sie antworteten, daß sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthielten.</p> - -<p>Darauf sagte der Amtmann ernst und traurig:</p> - -<p>„Da die Aussagen Euch schwer belasten und die Anklage begründet -ist, müßt Ihr, so Ihr nicht bekennt, die hochnotpeinliche -Frage erleiden.“</p> - -<p>„Schonet der Witwe,“ sprach Ulenspiegel, „der Fischhändler hat -alles gekauft.“</p> - -<p>„Armer Schelm,“ sagte Soetkin, „die Männer vermögen den -Schmerz nicht so zu ertragen, wie die Frauen.“</p> - -<p>Da sie sahe, daß Ulenspiegel um ihretwillen bleich wie ein Toter -ward, sagte sie noch:</p> - -<p>„Ich habe Haß und Kraft.“</p> - -<p>„Schonet der Witwe“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Nehmt mich statt seiner“, sprach Soetkin.</p> - -<p>Der Amtmann fragte den Henker, ob er die Werkzeuge bereit -halte, die zur Erkenntnis der Wahrheit erforderlich seien.</p> - -<p>Der Henker antwortete:</p> - -<p>„Sie sind alle hier.“</p> - -<p>Nachdem die Richter Rat gehalten hatten, bestimmten sie, daß -mit der Frau begonnen werden müsse, um die Wahrheit zu erfahren.</p> - -<p>„Denn“, sagte einer der Schöffen, „es ist kein Sohn, der grausam -genug wäre, seine Mutter leiden zu sehen, ohne das Verbrechen -zu bekennen und sie solchergestalt zu erlösen. Desgleichen -wird jede Mutter für die Frucht ihres Leibes tun, hätte sie gleich -das Herz einer Tigerin.“</p> - -<p>Zum Henker sprechend, sagte der Amtmann:</p> - -<p>„Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Schraubstöcke -an Hände und Füße.“</p> - -<p>Der Henker gehorchte.</p> - -<p>„O, tut nicht also, Ihr Herren Richter!“ schrie Ulenspiegel. -„Bindet mich an ihrer Statt, zerbrecht mir die Finger und die -Zehen, aber schont der Witwe!“</p> - -<p>„Der Fischhändler“, sagte Soetkin. „In mir ist Haß und Kraft.“</p> - -<p>Ulenspiegel ward noch bleicher. Er zitterte verstört und -schwieg.</p> - -<p>Die Schraubstöcke waren Stäblein von Buchsbaumholz, welche -mit Schnüren verbunden waren und zwischen die Finger gesteckt -die Knochen berührten. Durch eine Vorrichtung von so scharfsinniger -Erfindung konnte der Henker nach Belieben des Richters -die Finger zusammenpressen, die Knochen von ihrem Fleisch entblößen, -sie zermalmen, oder dem Delinquenten nur einen geringen -Schmerz verursachen.</p> - -<p>Er legte die Schraubstöcke an Soetkins Hände und Füße.</p> - -<p>„Schnürt“, befahl ihm der Amtmann.</p> - -<p>Er tat es grausam.</p> - -<p>Drauf sprach der Amtmann zu Soetkin:</p> - -<p>„Bezeichne mir den Ort, wo die Karolus verborgen sind.“</p> - -<p>„Ich kenne ihn nicht“, antwortete sie ächzend.</p> - -<p>„Schnürt stärker“, sagte er.</p> - -<p>Ulenspiegel versuchte seine Arme, die auf dem Rücken gebunden -waren, vom Strick loszureißen, um Soetkin zu Hilfe zu kommen.</p> - -<p>„Schnürt nicht, Ihr Herren Richter,“ sagte er, „es sind zarte, -zerbrechliche Frauenknochen. Ein Vogel vermöchte sie mit seinem -Schnabel zu zerbrechen. Schnürt nicht, Herr Scharfrichter, ich -rede nicht zu Euch, dieweil Ihr den Befehlen der Herren gehorsam -sein müßt. Schnürt nicht, habt Erbarmen!“</p> - -<p>„Der Fischhändler“, sprach Soetkin.</p> - -<p>Und Ulenspiegel schwieg.</p> - -<p>Da er aber sahe, daß der Henker die Schraubstöcke noch stärker -anzog, schrie er von neuem:</p> - -<p>„Erbarmen, Ihr Herren, Ihr zerbrecht der Witwe die Finger, -deren sie zur Arbeit bedarf. Wehe, ihre Füße! Wird sie nicht -mehr gehen können? Erbarmen, Ihr Herren!“</p> - -<p>„Du wirst eines elendigen Todes sterben, Fischhändler“, schrie -Soetkin.</p> - -<p>Und ihre Knochen krachten und das Blut troff von ihren Füßen.</p> - -<p>Ulenspiegel nahm alles wahr und vor Schmerz und Zorn -zitternd, sagte er:</p> - -<p>„Zerbrecht sie nicht, die Knochen eines Weibes, Ihr Herren -Richter!“</p> - -<p>„Der Fischhändler“, ächzte Soetkin.</p> - -<p>Und ihre Stimme war leise und erstickt wie die eines Geistes.</p> - -<p>Ulenspiegel zitterte und rief:</p> - -<p>„Ihr Herren Richter, die Hände bluten und die Füße auch. Man -hat der Witwe die Knochen gebrochen.“</p> - -<p>Der Wundarzt berührte sie mit dem Finger, und Soetkin stieß -einen lauten Schrei aus.</p> - -<p>„Bekenne für sie“, sprach der Amtmann zu Ulenspiegel.</p> - -<p>Aber Soetkin blickte ihn mit weit offnen Augen an, die denen -einer Dahingeschiedenen glichen. Und er merkte, daß er nicht -sprechen dürfe, und weinte, ohne ein Wort zu sagen.</p> - -<p>Aber der Amtmann sagte darauf:</p> - -<p>„Da dieses Weib mit der Festigkeit eines Mannes begabt ist, so -muß ihr Mut vor der Tortur ihres Sohnes auf die Probe gestellt -werden.“</p> - -<p>Soetkin hörte nicht, denn sie war ohnmächtig ob des großen -Schmerzes, den sie erlitten.</p> - -<p>Mit viel Essig ward sie wieder zu sich gebracht. Dann ward -Ulenspiegel entkleidet und nackend vor die Augen der Witwe gestellt. -Der Henker schor ihm das Haupthaar und alles Haar ab, -um zu sehen, ob er nicht ein Teufelsmal habe. Dabei ward er des -schwarzen Pünktleins auf dem Rücken gewahr, so Ulenspiegel -seit der Geburt an sich trug. Er stach zu unterschiedlichen Malen -eine lange Nadel hinein; aber da Blut herauskam, erkannte -er, daß in diesem Pünktlein keinerlei Zauberei sei. Auf Befehl -des Amtmanns wurden Ulenspiegels Hände an zwei Stricke gebunden, -so über eine an der Decke befestigte Rolle liefen, also -daß der Henker ihn nach Belieben der Richter hochziehen und -herunterlassen konnte, indem er ihn heftig schüttelte. Solches -tat er an die neun Male, nachdem er ihm an jedes Bein ein Gewicht -von fünfundzwanzig Pfund gehängt hatte.</p> - -<p>Beim neunten Stoß zerriß die Haut der Handgelenke und Fußknöchel, -und die Knochen der Beine traten aus ihren Gelenken.</p> - -<p>„Bekenne“, sagte der Amtmann.</p> - -<p>„Nein“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Soetkin blickte ihren Sohn an und fand nicht Kraft zu schreien -noch zu sprechen; sie streckte nur die Arme aus und bewegte ihre -blutenden Hände und bezeigte durch diese Gebärde, daß man -dieser Marter ein Ende machen solle.</p> - -<p>Der Henker zog Ulenspiegel abermals hinauf und hinunter. Und -die Haut der Fußknöchel und Handgelenke zerriß stärker und die -Knochen der Beine traten noch weiter aus ihren Gelenken; aber -er schrie nicht.</p> - -<p>Soetkin weinte und schüttelte ihre blutenden Hände.</p> - -<p>„Bekenne die Unterschlagung,“ sprach der Amtmann, „und Dir -soll verziehen sein.“</p> - -<p>„Der Fischhändler braucht Verzeihung“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Du willst der Richter spotten?“ sagte einer der Schöffen.</p> - -<p>„Ich spotten? Ach,“ antwortete Ulenspiegel, „ich stelle mich nur -so, glaubet mir.“</p> - -<p>Soetkin sah nun, daß der Henker auf Befehl des Amtmanns -ein Becken mit glühenden Kohlen anfachte und daß ein Knecht -zwei Unschlittkerzen entzündete.</p> - -<p>Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, doch sie -fiel in den Sitz zurück und rief aus:</p> - -<p>„Schafft das Feuer fort! Ach, ihr Herren Richter, schont seiner -armen Jugend. Schafft das Feuer fort.“</p> - -<p>„Der Fischhändler!“ rief Ulenspiegel, da er sie schwach werden -sah.</p> - -<p>„Ziehet Ulenspiegel einen Schuh hoch vom Boden“, sagte der -Amtmann; „stellet ihm das Kohlenbecken unter die Füße und -haltet eine Kerze unter jede Achsel.“</p> - -<p>Der Henker gehorsamte. Was an Haar unter den Achseln übrig -war, knisterte und rauchte in der Flamme.</p> - -<p>Ulenspiegel schrie und Soetkin sagte weinend:</p> - -<p>„Schafft das Feuer hinweg!“</p> - -<p>Der Amtmann sprach:</p> - -<p>„Bekenne die Hehlerei und du sollst erlöst sein. Gestehe für ihn, -Weib.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Wer will den Fischhändler in das ewig brennende Feuer -werfen?“</p> - -<p>Soetkin schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen -hätte. Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen und Soetkin schaute -auf ihn mit verstörten Augen, in Tränen aufgelöst.</p> - -<p>Indessen, nachdem der Henker die Kerzen ausgelöscht und das -Becken mit glühenden Kohlen unter Ulenspiegels Füße gestellt -hatte, schrie sie:</p> - -<p>„Ihr Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm, er weiß nicht, was -er sagt.“</p> - -<p>„Warum weiß er nicht, was er sagt?“ fragte der Amtmann voll -Arglist.</p> - -<p>„Fraget sie nicht, Ihr Herren Richter; Ihr seht wohl, daß sie vor -Schmerz von Sinnen ist. Der Fischhändler hat gelogen“, sprach -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wirst Du so wie er aussagen, Weib?“ fragte der Amtmann.</p> - -<p>Soetkin nickte mit dem Kopf.</p> - -<p>„Verbrennt den Fischhändler!“ schrie Ulenspiegel.</p> - -<p>Soetkin schwieg, aber sie hielt die geballte Faust hoch, als wollte -sie ihn verfluchen.</p> - -<p>Da sie jedoch die Kohlen in hellerer Glut unter den Füßen ihres -Sohnes aufflammen sah, schrie sie:</p> - -<p>„Herr Gott! heilige Jungfrau, die Ihr im Himmel seid, macht -dieser Marter ein Ende. Habt Erbarmen! Nehmt das Kohlenbecken -fort!“</p> - -<p>„Der Fischhändler!“ ächzte Ulenspiegel.</p> - -<p>Und er brach das Blut in Strömen durch Nase und Mund aus, -neigte den Kopf und blieb über den Kohlen hängen.</p> - -<p>Da schrie Soetkin:</p> - -<p>„Mein armes Kind ist tot! Sie haben ihn gemordet! Wehe, -auch ihn! Nehmt die Kohlen fort, Ihr Herren Richter. Lasset -mich ihn in die Arme nehmen, um bei ihm zu sterben. Ihr wisset, -daß ich auf meinen gebrochenen Füßen nicht entfliehen kann.“</p> - -<p>„Gebet der Wittib ihren Sohn“, sprach der Amtmann.</p> - -<p>Dann ratschlagten die Richter untereinander.</p> - -<p>Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackend und blutüberströmt -auf Soetkins Knie, derweil der Wundarzt ihm die -Knochen wieder einrenkte.</p> - -<p>Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend:</p> - -<p>„Mein Sohn, Du armer Märtyrer! Wenn die Herren Richter -es gestatten, werde ich Dich heilen; aber wach auf, Tyll, mein -Sohn! Ihr Herren Richter, wenn Ihr ihn mir umgebracht habt, -so werde ich zu Seiner Majestät gehen, denn Ihr habt gegen -jedes Recht und Gerechtigkeit gehandelt und Ihr sollt sehen, was -eine arme Frau wider die Bösen vermag. Aber Ihr Herren, lasset -uns mitsammen frei. Wir haben nur einander in Welt, wir armen -Leute, auf die Gottes Hand schwer herabfällt.“</p> - -<p>Nachdem die Richter Rat gepflogen hatten, sprachen sie das -Urteil wie folgt:</p> - -<p>„In Ansehung dessen, daß Ihr, Soetkin, eheliche Witwe von Klas, -und Ihr Tyll, Sohn von Klas, mit dem Beinamen Ulenspiegel, -trotz grausamer Tortur und genugsamer Proben nichts bekannt -habt auf die Anschuldigung, das Vermögen unterschlagen zu -haben, so kraft Konfiskation und ohngeachtet aller dem zuwiderlaufenden -Privilegien, Seiner Königlichen Majestät gehörte; -Erklärt der Gerichtshof Euch für frei; Mangels ausreichender -Beweise und bei Dir, Frau, des jammervollen Zustandes Eurer -Glieder, und bei Dir, Mann, der peinlichen Folter wegen, so -Ihr erlitten habt. Er erlaubt Euch, bei dem Manne oder der -Frau aus der Stadt, denen es genehm sein wird, Euch unangesehen -Eurer Armut zu beherbergen und niederzulassen.“</p> - -<p>„So gegeben zu Damm, den dreiundzwanzigsten Tag des Weinmonats -Anno Domini 1558.“</p> - -<p>„Seid bedankt, Ihr Herren Richter“, sagte Soetkin.</p> - -<p>„Der Fischhändler“, ächzte Ulenspiegel.</p> - -<p>Und Mutter und Sohn wurden in einem Karren zu Katheline -gebracht.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>80</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Im selbigen Jahre, dem achtundzwanzigsten des Jahrhunderts, -trat Katheline zu Soetkin ins Gemach und sprach:</p> - -<p>„Verwichene Nacht, da ich mich mit Balsam gesalbt hatte, ward -ich auf den Turm der Frauenkirche versetzt. Ich sah die Geister -der Elemente, die Gebete der Menschen den Engeln zutragen, -welche sie hinwiederum nach dem hohen Himmel zum Throne emportrugen. -Und der Himmel war ganz übersät mit strahlenden -Sternen. Plötzlich erhob sich von einem Scheiterhaufen eine Gestalt, -die mich schwarz dünkte, und schwebte hinauf und setzte sich -neben mich auf den Turm. Ich erkannte Klas, so wie er im -Leben war, mit seinem Kohlenträgerkittel angetan. „Was machst -Du auf dem Turme der Frauenkirche?“ sagte er zu mir. „Aber -wohin gehst Du, der Du wie ein Vogel in den Lüften fliegst?“ -fragte ich dagegen. „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. „Hörst -Du nicht die Posaune des Gerichts?“ Ich stand ganz nahe bei -ihm und fühlte, daß seine Geistergestalt nicht hart war wie der -Körper der Lebendigen, sondern so zart, daß ich in ihn eindrang -wie in heißen Dampf, da ich ihm nahe rückte. Zu meinen Füßen -durch das ganze Land Flandern erglänzten etliche Lichter, und -ich sagte zu mir selbst: Die da frühe aufstehen und spät schaffen, -sind die Gesegneten des Herrn.</p> - -<p>Und immerda hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels -ertönen. Und alsbald sah ich einen andern Schatten aufsteigen, -so aus Spanien kam; selbiger war alt und abgelebt, hatte ein -Kinn wie ein Holzschuh und Quittenmus an den Lippen.</p> - -<p>Er trug einen karmesinroten Sammetmantel, mit Hermelin gefüttert, -eine Kaiserkrone und in der einen Hand eine Anschovis, -die er knabberte, in der andern einen vollen Bierhumpen.</p> - -<p>Er kam und setzte sich auf den Turm der Frauenkirche, ohne -Zweifel aus Müdigkeit. Niederknieend sprach ich zu ihm: „Gekrönte -Majestät, ich verehre Euch, aber ich kenne Euch nicht. -Von wannen kommt Ihr und was tut Ihr in der Welt?“ / „Ich -komme aus Sankt-Just in Estremadura,“ sagte er, „und war -der Kaiser Karl der Fünfte.“ „Aber,“ sprach ich, „wohin gehet -Ihr jetzo in dieser kalten Nacht, durch die hagelschweren -Wolken?“ / „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. Da der Kaiser -seine Anschovis aufessen und das Bier aus seinem Kruge austrinken -wollte, ertönte die Posaune des Engels, und er erhob sich -in die Luft und murrte, weil er also in seiner Mahlzeit gestört -ward. Ich folgte Seiner Heiligen Majestät. Er ging durch den -Weltraum, indem er vor Müdigkeit schluckste, vor Asthma keuchte -und sich zu Zeiten erbrach, denn der Tod hatte ihn mit verdorbenem -Magen ereilt. Wir stiegen unaufhörlich, wie Pfeile, aus -einem Bogen von Kirschbaumholz geschnellt. Die Sterne flogen -an uns vorüber und zogen feurige Streifen in den Himmel. Wir -sahen, wie sie sich loslösten und fielen. Die Posaune des Engels -ertönte. Welch schmetternder, mächtiger Schall! Bei jeder Fanfare, -so die Dünste der Luft erschütterte, zerrissen sie, wie wenn -ein Orkan ganz dicht auf sie dreingeblasen hätte. Und so war -uns der Weg vorgezeichnet. Da wir nun tausend Meilen und -mehr emporgestiegen waren, sahen wir Christum in seiner Herrlichkeit -auf einem Sternenthron sitzen. Zu seiner Rechten stund -der Engel, der die Taten der Menschen auf eine eherne Tafel -schreibt, und zu seiner Linken Maria, seine Mutter, die ihn unablässig -für die Sünder um Gnade bittet.</p> - -<p>Klas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder.</p> - -<p>Der Engel warf ihm die Krone vom Haupt. „Hier ist nur ein -Kaiser,“ sprach er, „das ist Christus.“</p> - -<p>Seine Heilige Majestät schien erzürnt, jedoch sagte sie, demütig -sprechend: „Könnte ich nicht diese Anschovis und diesen Humpen -Bier behalten? Denn die lange Reise hat mich hungrig gemacht.“</p> - -<p>„Wie Du es Dein Lebenlang warest“, versetzte der Engel. „Aber -iß und trink immerhin.“</p> - -<p>Der Kaiser leerte den Humpen und knabberte die Anschovis.</p> - -<p>Darauf redete Christus und sprach:</p> - -<p>„Stellst Du Dich mit reiner Seele zum Gericht?“</p> - -<p>„Ich hoffe es, mein gütiger Herr, denn ich habe gebeichtet,“ antwortete -Kaiser Karl.</p> - -<p>„Und Du, Klas?“ fragte der Engel. „Denn Du zitterst nicht wie -dieser Kaiser.“</p> - -<p>„Mein Herr Jesus,“ antwortete Klas, „es ist keine Seele, die -rein sei, darum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr die -höchste Güte und die höchste Gerechtigkeit seid; aber ich fürchte -dennoch für meine Sünden, die zahlreich waren.“</p> - -<p>„Rede, Kadaver“, sprach der Engel, sich an den Kaiser wendend.</p> - -<p>„Ich,“ antwortete Karl mit unklarer Stimme, „ich ward durch -den Finger Eurer Priester gesalbet und zum König von Castilien, -Kaiser von Deutschland und König der Römer geweiht. Unablässig -lag mir die Erhaltung der Macht am Herzen, so von Euch -kommt, und darum wirkte ich mit Strang, Schwert, Grube und -Feuer wider alle Reformierten.“</p> - -<p>Aber der Engel sprach:</p> - -<p>„Du Lügner und Völler,“ sagte er, „Du willst uns betrügen. In -Deutschland hast Du die Reformierten geduldet, denn Du hattest -Furcht vor ihnen; und in den Niederlanden, wo Du nur Das -fürchtetest, nicht genug von diesen fleißigen, honigreichen Bienen -zu erben, hast Du sie enthaupten, verbrennen, hängen und lebendig -begraben lassen. Hunderttausend Seelen sind durch Dich zugrunde -gegangen, nicht weil Du Christum, meinen Herrn liebtest, -sondern weil Du ein Despot, Tyrann und Länderverschlinger -warst. Du liebtest nur Dich selbst und nach Dir Fleisch, Fisch, -Wein und Bier, denn Du warst gierig wie ein Hund und durstig -wie ein Schwamm.“</p> - -<p>„Und Du, Klas, sprich“, sagte Christus.</p> - -<p>Aber der Engel erhob sich.</p> - -<p>„Dieser hat nichts zu sagen. Er war gut, arbeitsam wie das -arme flandrische Volk, das da gerne arbeitet und gerne lacht, -und seinen Fürsten die schuldige Treue hält und glaubt, daß die -Fürsten ihm die Treue hielten, die sie ihm schuldeten. Er hatte -Geld, ward angeklagt und da er einen Reformierten beherbergt -hatte, ward er lebendig verbrannt.“</p> - -<p>„Ach,“ sprach Maria, „armer Märtyrer! Aber im Himmel sind -kühle Bronnen, Springbrunnen von Milch und köstlichem Wein, -die werden Dich erfrischen, und ich selbst will Dich dort hinführen, -Kohlenträger.“</p> - -<p>Die Posaune des Engels erscholl abermals, und aus der Tiefe der -Abgründe sah ich einen Mann aufsteigen, nackt und schön, mit -Eisen gekrönt. Und auf dem Reifen der Krone waren diese -Worte geschrieben: „Traurig bis an den Tag des Gerichts.“</p> - -<p>Er nahete dem Thron und sprach zu Christo:</p> - -<p>„Ich bin Dein Sklave, bis daß ich Dein Herr sein werde.“</p> - -<p>„Satan,“ sagte Maria, „ein Tag wird kommen, wo es weder -Sklaven noch Herren gibt und wo Christus, welcher die Liebe, -und Satan, welcher der Stolz ist, bedeuten werden: Kraft und -Wissen.“</p> - -<p>„Weib, Du bist gut und schön“, sprach Satan.</p> - -<p>Dann zu Christo redend und auf den Kaiser deutend, sprach er: -„Was soll mit diesem hier geschehen?“</p> - -<p>Christus antwortete:</p> - -<p>„Du sollst das gekrönte Gewürm in ein Gemach bringen, darinnen -Du alle Folterwerkzeuge, so unter seiner Regierung im Gebrauch -waren, zusammenträgst. Jedesmal, wenn ein unschuldiger -Unglücklicher die Wasserfolter erleidet, welche die Menschen aufbläht -wie Blasen, die Kerzenfolter, welche die Fußsohlen und -Achselhöhlen verbrennt, den Wippgalgen, welcher die Glieder -zerbricht, das Zerreißen durch vier Pferde; jedesmal, wenn -eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren letzten Atem aushaucht, -soll er eins nach dem andren diese Tode und Foltern erdulden. -Er soll innewerden, wieviel Böses ein Ungerechter, der -über Millionen gebeut, tun kann. Möge er in den Gefängnissen -verfaulen, auf den Schafotten sterben, in der Verbannung, fern -vom Vaterland, stöhnen; möge er beschimpft, verunglimpft, gestäupet -werden. Er möge reich sein und der Fiskus von ihm -zehren; der Angeber soll ihn verklagen und die Konfiskation soll -ihn zugrunde richten. Du sollst ihn in einen Esel verwandeln, -auf daß er sanftmütig, mißhandelt und schlecht genährt sei; in -einen Armen, auf daß er um Almosen bitte und mit Schimpfworten -begrüßt werde; in einen Arbeiter, auf daß er zuviel arbeite -und nicht genug esse. Wenn er alsdann an Leib und Seele -genugsam gelitten hat, so sollst Du ihn zum Hunde machen, auf -daß er gut sei und Prügel empfahe; zu einem Sklaven in Indien, -der öffentlich versteigert wird; zu einem Soldaten, damit er sich -für einen andern schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen -warum. Und wenn er nach Verlauf von dreihundert Jahren -alle Leiden, alles Elend erschöpft haben wird, sollst Du ihn zum -freien Menschen machen. Wenn er in diesem Stande gut wie -Klas ist, sollst Du seinen Leichnam in einem Erdenwinkel, der -um Mittag schattig ist und am Morgen von der Sonne beschienen -wird, unter einem schönen Baum mit frischem Rasen bedecken -und ihm die ewige Ruhe geben. Und seine Freunde werden kommen -und auf seinem Grabe bittere Tränen vergießen und Veilchen -säen, die Blumen der Erinnerung.“</p> - -<p>„Gnade, mein Sohn,“ sprach Maria, „er wußte nicht, was er -tat, denn Macht verhärtet das Herz.“</p> - -<p>„Hier ist keine Gnade“, sagte Christus.</p> - -<p>„Ach,“ sprach Seine Heilige Majestät, „wenn ich nur ein Glas -andalusischen Weines hätte!“</p> - -<p>„Komm,“ sprach Satan, „die Zeit des Weines, der Fleischspeisen -und Geflügel ist vorbei.“</p> - -<p>Und in die tiefste Hölle schleppte er die Seele des armen Kaisers, -der noch an seiner Anschovis kaute.</p> - -<p>Satan ließ es aus Mitleid geschehen. Dann sah ich Mutter -Maria den Klas in den höchsten Himmel führen, dorthin, wo -nichts war, denn Sterne, die in Trauben am Gewölbe befestigt -sind. Und allda wuschen ihn die Engel und er ward schön und -jung. Alsdann gaben sie ihm Reisbrei mit silbernen Löffeln zu -essen. Und der Himmel schloß sich.“</p> - -<p>„Er ist in der Herrlichkeit“, sagte die Wittib.</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>81</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Während der folgenden dreiundzwanzig Tage ward Katheline -weiß und mager und dörrte aus, als würde sie von einem innern -Fieber verzehrt, glühender als das des Wahnsinns.</p> - -<p>Sie sagte nicht mehr: „Das Feuer, grabt ein Loch, die Seele -will hinaus“, sondern sie war allezeit verzückt und sagte zu -Nele:</p> - -<p>„Ehefrau bin ich, und Ehefrau sollst auch Du sein. Schön, -starkes Haar, heiße Liebe, kalte Kniee und kalte Arme!“</p> - -<p>Und Soetkin blickte sie traurig an und glaubte an einen neuen -Wahnsinn.</p> - -<p>Katheline redete weiter:</p> - -<p>„Dreimal drei sind neun, heilige Zahl. Dem in der Nacht die -Augen glänzen wie Katzenaugen, der allein sieht das Geheimnis.“</p> - -<p>Eines Abends machte Soetkin eine Gebärde des Zweifels. Aber -Katheline sagte:</p> - -<p>„Vier und drei bedeutet Unglück unter Saturn; unter Venus die -Zahl der Heirat. Kalte Arme, kalte Knie, feuriges Herz!“</p> - -<p>Soetkin versetzte:</p> - -<p>„Man muß nicht von bösen, heidnischen Götzen sprechen.“</p> - -<p>Da Katheline solches vernahm, machte sie das Zeichen des -Kreuzes und sagte:</p> - -<p>„Gesegnet sei der graue Ritter. Nele muß einen Mann haben, -schöner Mann, der den Degen trägt, schwarzer Mann mit glänzendem -Gesicht.“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „ein Hackfleisch von Männern, und -dazu werde ich mit meinem Messer die Brühe machen.“</p> - -<p>Nele blickte ihren Freund mit Augen an, die vor Freude feucht -waren, da sie ihn so eifersüchtig sah.</p> - -<p>„Ich will keinen“, sprach sie.</p> - -<p>Katheline entgegnete:</p> - -<p>„Wenn der kommen wird, der grau gekleidet und immer auf andre -Art gestiefelt und gespornt ist.“</p> - -<p>Soetkin sprach:</p> - -<p>„Bittet Gott für die arme Närrin.“</p> - -<p>„Ulenspiegel,“ sagte Katheline, „geh und hol uns vier Schoppen -Doppelbier, dieweil ich Schmalzkuchen backe.“</p> - -<p>Soetkin fragte, warum sie den Samstag wie die Juden feire.</p> - -<p>Katheline antwortete:</p> - -<p>„Weil der Teig fertig ist.“</p> - -<p>Ulenspiegel stand vor ihr und hielt den großen Krug von englischem -Zinn in der Hand, der just ein Maß faßte.</p> - -<p>„Mutter, was soll ich tun?“ fragte er.</p> - -<p>„Geh,“ sagte Katheline.</p> - -<p>Soetkin wollte nicht antworten, da sie nicht Herrin im Hause -war; sie sprach zu Ulenspiegel: „Geh, mein Sohn.“</p> - -<p>Ulenspiegel lief zum „Scaeck“ und brachte die vier Schoppen -Doppelbier zurück.</p> - -<p>Alsbald verbreitete sich der Duft der Schmalzkuchen in der Küche, -und alle hatten Hunger, selbst die arme Leidtragende.</p> - -<p>Ulenspiegel aß wacker. Katheline hatte ihm einen großen Humpen -gegeben und sagte dabei, daß er, als der einzige Mann und -das Haupt des Hauses, mehr denn die andern trinken und hernach -singen sollte.</p> - -<p>Ihre Miene war arglistig, als sie so sprach. Aber Ulenspiegel -trank, doch sang er nicht. Nele weinte, da sie Soetkin so bleich -und zusammengesunken sah. Allein Katheline war lustig.</p> - -<p>Nach der Mahlzeit stiegen Soetkin und Ulenspiegel zum Boden -hinauf, um sich schlafen zu legen; Katheline und Nele blieben in -der Küche, allwo ihre Betten aufgeschlagen waren.</p> - -<p>Um die zweite Morgenstunde war Ulenspiegel ob des schweren -Getränkes längst entschlafen; mit offenen Augen bat Soetkin wie -jedwede Nacht Unsere liebe Frau, ihr Schlaf zu geben, aber -Unsere Frau erhörte sie nicht.</p> - -<p>Plötzlich hörte sie den Schrei eines Fischadlers und aus der Küche -einen ähnlichen Schrei, der ihm antwortete; dann ertönten von -fern aus den Feldern andere Rufe, und immer wollte es sie bedünken, -daß von der Küche aus darauf geantwortet würde.</p> - -<p>Gedenkend, daß es Nachtvögel seien, hatte sie des nicht Acht. -Sie hörte Pferdegewieher und Klappern von Hufeisen auf der -Straße, öffnete das Bodenfenster und sah leibhaftig zwei gesattelte -Pferde, so den Boden stampften und das Gras des Wegrains -abweideten. Alsdann vernahm sie die schreiende Stimme -einer Frau und eine drohende Männerstimme; es fielen Schläge, -neues Geschrei; eine Tür ward mit Getöse geschlossen und angstvolle -Schritte kamen die Stufen der Stiege herauf.</p> - -<p>Ulenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Bodentür öffnete -sich und Nele trat ein, fast nackend, atemlos und schluchzend. -Hastig stellte sie einen Tisch, Stühle, ein altes Kohlenbecken, -alles was sie an Hausrat finden konnte, gegen die Tür. Die -letzten Sterne waren am Erlöschen, die Hähne krähten.</p> - -<p>Ulenspiegel hatte sich beim Geräusch, das Nele machte, im Bett -umgedreht, aber er schlief weiter.</p> - -<p>Da warf sich Nele an Soetkins Hals. „Soetkin,“ sagte sie, „ich -habe Furcht, zünde das Licht an.“</p> - -<p>Soetkin tat es und immer noch stöhnte Nele.</p> - -<p>Als das Licht angezündet war und Soetkin Nele anschaute, sah -sie, daß des Mägdleins Hemd an der Schulter zerrissen war, und -auf Stirn, Wangen und Hals erblickte sie blutige Schrammen -gleich Kratzwunden.</p> - -<p>„Nele,“ sprach Soetkin und umschlang sie, „woher kommst Du -also verwundet?“</p> - -<p>Das Mädchen zitterte und stöhnte beständig und sagte: „Bring -uns nicht auf den Scheiterhaufen, Soetkin.“</p> - -<p>Indessen erwachte Ulenspiegel und zwinkerte mit den Augen im -Lichtschein. Soetkin sagte: „Wer ist unten?“ Nele antwortete:</p> - -<p>„Schweig, es ist der Mann, den sie mir geben will.“</p> - -<p>Soetkin und Nele hörten plötzlich Katheline schreien, und die -Knie zitterten den beiden. „Er schlägt sie, er schlägt sie um -meinetwillen,“ sagte Nele.</p> - -<p>„Wer ist im Hause?“ schrie Ulenspiegel und sprang aus dem Bett. -Dann rieb er sich die Augen und lief im Zimmer hin und her, bis -er einen schweren Schürhaken in die Hand kriegte, der in einer -Ecke lag.</p> - -<p>„Niemand,“ sagte Nele, „niemand, geh nicht hin, Ulenspiegel.“ -Aber er hörte nicht, lief zur Tür, warf Stühle, Tische und Kohlenbecken -beiseite. Katheline schrie unten immerfort. Nele und -Soetkin hielten Ulenspiegel auf dem Treppenabsatz fest, die eine -um den Leib, die andere an den Beinen, und sagten dabei: „Geh -nicht hin, Ulenspiegel, es sind Teufel.“</p> - -<p>„Ja,“ antwortete er, „ein Teufelsmann für Nele, ich werde ihn -mit meinem Schürhaken ehelich zusammentun. Ein Verlöbnis -von Eisen und Fleisch! Laßt mich hinunter!“</p> - -<p>Aber sie ließen ihn nicht los, denn sie waren stark, maßen sie sich -ans Geländer klammerten. Er riß sie mit auf die Stufen der -Stiege hinab, und sie hatten Furcht, so den Teufeln nahe zu -kommen. Aber sie vermochten nichts wider ihn. Er flog in -Sprüngen und Sätzen hinunter wie ein Schneeball vom Gipfel -eines Berges, kam in die Küche und sah Katheline fahl und verstört -bei Schein der Morgenröte und hörte sie sagen:</p> - -<p>„Hanske, weshalb lässest Du mich allein? Es ist nicht meine -Schuld, wenn Nele bös ist.“</p> - -<p>Ulenspiegel öffnete die Stalltür, ohne auf sie zu hören. Da er -dort niemanden fand, stürzte er nach dem Garten und von da -auf die Straße. Von fern sah er zwei trabende Pferde, die sich -im Nebel verloren. Er rannte, um sie einzuholen, aber er konnte -es nicht, denn sie jagten wie der Sturm, der die dürren Blätter -vor sich hertreibt.</p> - -<p>Von Zorn und Verzweiflung gepeinigt, kehrte er um und sagte -zwischen den Zähnen: „Sie haben sie mißbraucht! Sie haben sie -mißbraucht!“ Mit Augen, worinnen eine böse Flamme glühte, -betrachtete er Nele, die am ganzen Leibe zitternd vor der Witwe -und Katheline stand und sagte:</p> - -<p>„Nein, Tyll, mein Geliebter, nein.“</p> - -<p>Solches sagend, sah sie ihm so traurig und aufrichtig in die -Augen, daß er wohl sah, daß sie wahr redete.</p> - -<p>Dann befragte er sie und sprach:</p> - -<p>„Woher kommen diese Rufe, und wohin gingen diese Männer? -Warum ist Dein Hemd auf der Schulter und im Rücken zerrissen? -Warum trägst Du an Stirn und Wangen Kratzwunden?“</p> - -<p>„Hör mich an,“ sagte sie, „aber bring uns nicht auf den Scheiterhaufen. -Katheline, die Gott vor der Hölle bewahren möge, hat -seit dreiundzwanzig Tagen einen Teufel in schwarzen Kleidern, -gestiefelt und gespornt, zum Freunde. Sein Antlitz gleißt wie -das Feuer, das man des Sommers, wann es heiß ist, auf den -Meereswellen sieht.“</p> - -<p>„Warum bist Du fortgegangen, Hanske, mein Liebster?“ sprach -Katheline. „Nele ist bös.“</p> - -<p>Aber Nele redete weiter und sprach:</p> - -<p>„Er schreit wie ein Fischadler, um anzukündigen, daß er da ist. -Meine Mutter empfängt ihn jeden Samstag in der Küche. Sie -erzählt, daß seine Küsse kalt und sein Körper wie Schnee sei. -Und so sie nicht alles tut, was er will, schlägt er sie. Einmal -brachte er ihr etliche Gülden, aber er nahm ihr dafür alle andern -fort.“</p> - -<p>Während dieser Rede faltete Soetkin die Hände und betete für -Katheline. Katheline sagte fröhlich:</p> - -<p>„Mein Körper ist nicht mehr mein, mein Geist ist nicht mehr -mein, sondern sein. Hanske, mein Herzallerliebster, führe mich -wiederum zum Sabbat. Nur Nele will nimmer mitgehen, Nele -ist ungehorsam.“</p> - -<p>„Bei Tagesanbruch ging er davon,“ sprach das Mägdlein weiter: -„Am nächsten Tage erzählte meine Mutter mir hundert schier seltsame -Dinge ... Aber Du mußt mich nicht mit so bösen Augen -anschauen, Ulenspiegel. Gestern hat sie mir gesagt, daß ein -schöner Herr, grau gekleidet und Hilbert geheißen, mich zur Ehe -begehre und herkommen wollte, sich mir zu zeigen. Ich gab zur -Antwort, daß ich keinen Mann wolle, weder einen schönen noch -häßlichen. Aber kraft ihrer mütterlichen Gewalt zwang sie mich -aufzubleiben, um seiner zu harren; denn wenn es sich um ihre -Buhlschaften handelt, verliert sie mitnichten den Verstand. Wir -waren halb entkleidet und bereit, uns schlafen zu legen; ich schlief -auf dem Stuhl dort. Da sie eintraten, wachte ich nicht auf. -Plötzlich fühlte ich, daß mich einer umfing und mich auf den -Hals küßte. Und beim Scheine des strahlenden Mondes sah ich -ein Antlitz, gleißend wie die Schaumkämme der Meereswogen -im Heumond, wenn es donnern will; und ich hörte ihn mit leiser -Stimme zu mir sagen: „Ich bin Hilbert, Dein Ehemann, sei -mein, ich werde Dich reich machen.“ Das Angesicht dessen, der -sprach, hatte einen Fischgeruch. Ich stieß ihn zurück; er wollte -mich mit Gewalt packen, aber ich hatte die Kraft von zehn -Männern gleich ihm. Jedoch er zerriß mir das Hemde, verwundete -mich im Gesicht und sagte immerfort: „Sei mein, ich -werde Dich reich machen.“ / „Ja,“ sagte ich, „gleichwie meine -Mutter, der Du ihren letzten Heller nehmen wirst.“ Da verdoppelte -er seine Gewalt, aber er vermochte nichts gegen mich. -Und da er häßlicher war denn ein Toter, fuhr ich ihm so heftig -mit meinen Nägeln in die Augen, daß er vor Schmerz schrie, und -ich entschlüpfte und kam hierher zu Soetkin.“</p> - -<p>Katheline sprach beständig:</p> - -<p>„Nele ist ungehorsam. Warum bist Du so schnell fortgegangen, -Hanske, mein Buhle?“</p> - -<p>„Wo warst Du, schlechte Mutter,“ fragte Soetkin, „dieweil man -Deinem Kinde die Ehre nehmen wollte?“</p> - -<p>„Nele ist ungehorsam“, sagte Katheline. „Ich war bei meinem -schwarzen Herrn, da kam der graue Teufel zu uns mit blutendem -Antlitz und sprach: Komm fort, Gesell, das ist ein schlimmes -Haus. Die Männer darinnen gelüstet es nach Totschlag und -die Weiber haben Messer an den Fingerspitzen. Da liefen sie -zu ihren Rossen und verschwanden im Nebel. Nele ist ungehorsam!“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>82</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am nächsten Tage, da sie warme Milch tranken, sprach Soetkin -zu Katheline:</p> - -<p>„Du siehest, daß das Leid mich schon aus dieser Welt jagt. Willst -Du mich noch durch Deine verfluchten Zaubereien daraus vertreiben?“</p> - -<p>Aber Katheline sagte immerfort:</p> - -<p>„Nele ist ungehorsam. Kehr zurück, Hanske, mein Buhle.“</p> - -<p>Den folgenden Mittwoch kamen die Teufel zu zweien wieder.</p> - -<p>Nele nächtigte seit dem Samstag bei der Witwe van den Houte, -unter dem Vorgeben, sie könne bei Katheline nicht bleiben wegen -Ulenspiegels, des jungen Gesellen, der dort weilte.</p> - -<p>Katheline empfing ihren schwarzen Ritter und dessen Freund in -der Keet, einem Anbau am Haus, welcher die Waschküche und -den Backofen enthält. Da hielten sie Schmaus und Gelage von -altem Wein und geräucherter Ochsenzunge, so stets ihrer warteten. -Der schwarze Teufel sagte zu Katheline:</p> - -<p>„Wir haben eine ansehnliche Summe Geldes vonnöten, um ein -großes Werk zu tun. Gib uns soviel Du kannst.“</p> - -<p>Da Katheline ihnen nicht mehr als einen Gülden geben wollte, -drohten sie ihr, sie zu töten. Aber sie ließen sie für zwei Goldkarolus -und sieben Groschen frei.</p> - -<p>„Kommet nicht mehr des Samstags“, sprach sie zu ihnen. -„Ulenspiegel ist dieser Tag bekannt und er wird Euch gewaffnet -erwarten, um Euch totzuschlagen; und ich würde Euch nicht -überleben.“</p> - -<p>„Wir werden den folgenden Dienstag kommen“, sagten sie.</p> - -<p>An jenem Tag schliefen Ulenspiegel und Nele, ohne die Teufel zu -fürchten, denn sie waren des Glaubens, daß sie des Samstags -kämen.</p> - -<p>Katheline stand auf und ging in die „Keet“ nachzusehen, ob -ihre Freunde nicht gekommen wären.</p> - -<p>Sie war schier ungeduldig, denn seit sie Hanske wiedergesehen, -hatte ihr Wahnsinn um ein Merkliches nachgelassen, maßen es -Liebestollheit war, wie man sagte.</p> - -<p>Da sie sie nicht erblickte, war sie voller Harm; da hörte sie von -der Seite von Sluys her auf freiem Felde den Fischadler schreien -und ging dem Ruf nach. Auf der Wiese am Fuß eines Deiches -auf Buhnen und Rasen wandelnd, hörte sie von der anderen -Seite des Deiches die beiden Teufel mitsammen reden. Der eine -sagte:</p> - -<p>„Ich will die Hälfte davon haben.“</p> - -<p>Der andere antwortete:</p> - -<p>„Du sollst nichts haben; was Kathelines ist, ist mein.“</p> - -<p>Darauf lästerten sie wütend und stritten miteinander, wer allein -das Vermögen und die Liebe von Katheline und Nele zugleich -haben sollte. Von Furcht erstarrt, getraute Katheline sich nicht -zu sprechen, noch sich zu rühren. Sie hörte alsbald, wie sie auf -einander einhieben; dann sagte der eine: „Dies Schwert ist kalt.“ -Drauf ein Röcheln und den Fall eines schweren Körpers.</p> - -<p>Voller Furcht schritt sie bis zu ihrer Hütte. In der zweiten -Nachtstunde vernahm sie abermal, jedoch auf ihrem Anwesen, -den Schrei des Fischadlers. Sie ging öffnen und sah ihren teuflischen -Freund allein vor der Tür. Sie fragte ihn:</p> - -<p>„Was hast Du mit dem andern gemacht?“</p> - -<p>„Er wird nicht mehr kommen“, antwortete er.</p> - -<p>Dann umarmte und liebkoste er sie. Er deuchte ihr kälter als -sonst. Kathelines Geist aber war trefflich wach. Da er von -dannen ging, begehrte er von ihr zwanzig Gülden, alles was sie -hatte; sie gab ihm deren siebenzehn.</p> - -<p>Voller Neugier ging sie am andern Tage am Deich entlang; aber -sie sah nichts.</p> - -<p>Nur an einer Stelle, so groß wie der Sarg eines Mannes, war -Blut auf dem Rasen, darin der Fuß versank. Aber am Abend -wusch der Regen das Blut fort.</p> - -<p>Am nächsten Mittwoch hörte sie abermals in ihrem Garten den -Schrei des Fischadlers.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>83</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Allemal, wenn Ulenspiegel Geld bedurfte, um bei Katheline ihren -gemeinsamen Unterhalt zu bezahlen, hob er nachts den Stein von -dem Loch, das er beim Brunnen gegraben, und entnahm daraus -einen Karolus.</p> - -<p>Eines Abends waren die drei Frauen beim Spinnen; Ulenspiegel -schnitzte mit dem Messer ein Kästlein, welches der Amtmann bei -ihm bestellt hatte. Er schnitzte geschickt eine schöne Jagd hinein, -mit einer Meute von Hennegauer Hunden, von Molossi -von Kandia, welches sehr wilde Tiere sind, von Brabanter -Hunden, die paarweis gehen und Ohrenschnapper genannt werden, -und andere Hunde ringsherum, Möpse, Rüden und Windhunde.</p> - -<p>Da Katheline zugegen war, fragte Nele Soetkin, ob sie ihren -Schatz wohl verborgen habe. Die Witwe antwortete ihr ohne -Mißtrauen, daß er nirgend besser sein könne als neben der -Brunnenmauer.</p> - -<p>Um Mitternacht des Donnerstags ward Soetkin von Bibulus -Schnuffius aufgeweckt, der scharf, doch nicht lange bellte. Vermeinend, -daß es nur ein blinder Lärm sei, schlief sie wieder ein.</p> - -<p>Am Freitag morgen, da Soetkin und Ulenspiegel bei Tagesgrauen -aufgestanden waren, sahen sie nicht wie üblich Katheline -in der Küche, noch das Feuer angezündet, noch die Milch auf -dem Feuer kochen. Das nahm sie wunder, und sie sahen nach, -ob sie etwan im Garten wäre. Dort erblickten sie sie, ohngeachtet -ein feiner Regen fiel, im Hemde, durchnäßt und erstarrt; -aber sie wagte nicht hereinzukommen.</p> - -<p>Ulenspiegel ging zu ihr und sagte:</p> - -<p>„Was tust Du da fast nackend, derweil es regnet?“</p> - -<p>„Ach,“ sprach sie, „ja, ja, großes Wunder!“</p> - -<p>Und sie wies auf den Hund, der erdrosselt und ganz steif war.</p> - -<p>Ulenspiegel gedachte alsogleich des Schatzes und lief hin. Das -Loch war leer und die Erde weithin zerstreut.</p> - -<p>Er sprang auf Katheline los und schlug sie.</p> - -<p>„Wo sind die Karolus?“ fragte er.</p> - -<p>„Ja, ja, großes Wunder!“ antwortete Katheline.</p> - -<p>Nele beschützte ihre Mutter und rief:</p> - -<p>„Gnade und Erbarmen, Ulenspiegel.“</p> - -<p>Da hörte er auf, sie zu schlagen. Soetkin kam herbei und fragte, -was geschehen sei.</p> - -<p>Ulenspiegel zeigte ihr den erwürgten Hund und das leere Loch. -Soetkin erblich und sprach:</p> - -<p>„Deine Hand trifft mich schwer, Herr Gott! Meine armen Füße!“ -Solches aber sagte sie wegen des Schmerzes, den sie daran hatte, -und der Tortur, so sie unnütz für die Goldkarolus erduldet.</p> - -<p>Da Nele Soetkin so sanft sah, verzweifelte sie und weinte.</p> - -<p>Katheline schwenkte ein Stück Pergament und sagte:</p> - -<p>„Ja, großes Wunder. Diese Nacht kam er, freundlich und schön. -Er hatte in seinem Antlitz nicht mehr den bleichen Schimmer, der -mich so bange machte, und sprach mit großer Zärtlichkeit zu mir. -Ich war verzückt, mein Herz schmolz. Er sprach zu mir: Ich -bin jetzo reich und werde Dir in Bälde tausend Goldgülden bringen.“</p> - -<p>„Wohl,“ sagte ich, „aber des bin ich froh mehr deinet- als -meinethalben, Hanske, mein Liebster.“</p> - -<p>„Aber hast Du nicht daheim“, fragte er, „Etliche, die Du lieb hast, -und die ich reich machen könnte?“ / „Nein, die so hier sind, bedürfen -Deiner nicht.“ / „Du bist stolz,“ sagte er, „Soetkin und -Ulenspiegel sind also reich?“ / „Sie leben ohne Beistand ihrer -Nächsten.“ / „Ohngeachtet der Gütereinziehung?“ Auf solches antwortete -ich, daß Ihr lieber hättet die Tortur erduldet, denn Euch -Euer Vermögen nehmen lassen. / „Ich wußte es wohl“, sagte -er. Und er hub an, mit verstohlenem, leisen Lachen des Amtmanns -und der Schöffen zu spotten, daß sie nicht einmal vermocht -hätten, Euch zum Geständnis zu bringen. Darauf lachte ich desgleichen. -„Sie sind doch nicht etwan so einfältig gewesen, ihren -Schatz im Hause zu verbergen?“ Ich lachte. „Noch im Keller -drinnen?“ / „Mit nichten,“ sagte ich. / „Noch im Garten?“ Ich -antwortete nicht. „O,“ sagte er, „das wäre große Torheit.“</p> - -<p>„Kleine,“ sagte ich, „sintemalen weder das Wasser noch seine -Mauer reden werden.“ Und er lachte immer. Diese Nacht ging -er früher fort, als seine Gewohnheit ist, nachdem er mir ein Pulver -gegeben hatte, mit dem ich, wie er sagte, zum schönsten Sabbat -fliegen würde. Ich gab ihm im Hemde das Geleit bis an die -Gartenpforte und war ganz schlaftrunken. Wie er gesagt hatte, -ging ich zum Sabbat und kam erst um Tagesanbruch zurück. Da -fand ich mich allhier und erblickte den erwürgten Hund und das -leere Loch. Das ist ein gar schwerer Schlag für mich, die ihn so -zärtlich liebte und ihm meine Seele gab. Aber Ihr sollt alles -haben, was ich habe, und ich werde mit Füßen und Händen Euch -Lebensunterhalt schaffen.“</p> - -<p>„Ich bin das Korn unter dem Mühlstein, Gott und ein schurkischer -Teufel suchen mich zur nämlichen Zeit heim,“ sagte Soetkin.</p> - -<p>„Ein Schurke / sprechet nicht also von ihm,“ versetzte Katheline, -„er ist ein Teufel, ein Teufel. Und zum Beweis werde ich Euch -das Pergament zeigen, das er im Hof gelassen hat; hier stehet -geschrieben: „Vergiß nimmer, mir zu dienen. In dreimal zween -Wochen und fünf Tagen werde ich Dir den Schatz zwiefach zurückgeben; -habe Du keinen Zweifel, sonst wirst Du sterben.“ Und -er wird Wort halten, des bin ich sicher.“</p> - -<p>„Arme Irre“, sprach Soetkin.</p> - -<p>Und das war ihr letzter Vorwurf.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>84</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Drei Wochen waren zweimal vergangen und die fünf Tage desgleichen, -aber der teuflische Freund kehrte nicht zurück. Gleichwohl -ließ Katheline die Hoffnung nicht sinken.</p> - -<p>Soetkin, die nicht mehr arbeitete, saß immerdar hustend und gebückt -am Feuer. Nele gab ihr die besten und duftigsten Kräuter; -aber kein Heilmittel half ihr. Ulenspiegel ging nicht aus dem -Haus, aus Furcht, daß Soetkin stürbe, dieweil er draußen wäre. -Es geschah aber, daß die Witwe nicht mehr essen noch trinken -konnte, ohne es zu erbrechen. Der Bader kam und ließ sie zur -Ader; nachdem ward sie so schwach, daß sie ihre Bank nicht mehr -verlassen konnte.</p> - -<p>Von Schmerz verzehrt, sagte sie endlich eines Abends:</p> - -<p>„Klas, mein Mann! Tyll, mein Sohn! Dank sei Dir, Gott, daß -Du mich hinweg nimmst.“</p> - -<p>Und sie starb mit einem Seufzer.</p> - -<p>Da Katheline sich nicht traute, bei ihr zu wachen, taten Nele und -Ulenspiegel es mitsammen, und sie beteten die ganze Nacht für -die Verstorbene.</p> - -<p>Bei Tagesanbruch flog eine Schwalbe durchs offene Fenster.</p> - -<p>Nele sagte:</p> - -<p>„Der Vogel der Seelen, das ist ein gutes Zeichen: Soetkin ist -im Himmel!“</p> - -<p>Die Schwalbe kreiste dreimal um das Gemach und flog dann -hinaus, einen Schrei ausstoßend.</p> - -<p>Dann kam eine zweite Schwalbe, größer und schwärzer als die -erste. Sie umkreiste Ulenspiegel, und er sagte:</p> - -<p>„Vater und Mutter, die Asche brennt auf meiner Brust; ich werde -tun, was ihr begehrt!“</p> - -<p>Und die zweite Schwalbe flog zwitschernd davon gleich wie die -erste. Es wurde heller. Ulenspiegel sah Tausende von Schwalben -über die Wiesen streichen und die Sonne ging auf.</p> - -<p>Und Soetkin ward auf dem Totenacker der Armen begraben.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>85</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Seit Soetkin tot war, ging Ulenspiegel sinnend, betrübt oder -zornig in der Küche umher, hörte auf nichts und nahm ohne -Wahl an Speise und Trank, was man ihm gab. Und oftmals -stand er des Nachts auf.</p> - -<p>Umsonst mahnte Nele ihn mit ihrer sanften Stimme zur Hoffnung. -Vergeblich sagte Katheline zu ihm, sie wisse, daß Soetkin -mit Klas im Paradiese sei. Ulenspiegel antwortete auf alles:</p> - -<p>„Die Asche brennt.“</p> - -<p>Und er war wie von Sinnen, und Nele weinte, da sie ihn also -sah.</p> - -<p>Indessen blieb der Fischhändler in seinem Haus allein wie ein -Vatermörder und wagte sich nur Abends herfür; denn Männer -und Frauen höhnten ihn und hießen ihn Mörder, wenn sie an -ihm vorbeigingen. Die kleinen Kinder flüchteten vor ihm, denn -man hatte ihnen gesagt, daß er der Henker wäre. Er irrte allein -umher und wagte nicht, in einer der drei Schenken von Damm -einzukehren; denn man wies dort mit dem Finger auf ihn, und -so er nur eine Minute darin stehen blieb, gingen die Trinker hinaus.</p> - -<p>So geschah es, daß die Wirte ihn nicht mehr bei sich sehen wollten, -und wenn er sich einfand, schlugen sie ihm die Tür vor der Nase -zu. Alsdann machte der Fischhändler ihnen demütige Vorstellungen, -doch sie erwiderten, daß es ihr Recht sei, Getränk zu -verkaufen, nicht ihre Pflicht.</p> - -<p>Der Fehde müde, ging der Fischhändler zum Trinken <span class="antiqua">In ’t Roode -Valck</span> (in den roten Falken), eine kleine Schänke fern von der -Stadt an den Ufern des Kanals von Sluys. Da bediente man -ihn, denn es waren dürftige Leute, die jegliches Geld gerne -nahmen. Aber der Baas vom Roten Falken sprach nicht mit -ihm, noch seine Frau. Es waren aber zwei Kinder und ein -Hund da; wenn der Fischhändler die Kinder liebkosen wollte, so -liefen sie davon; und wenn er den Hund rief, wollte dieser ihn -beißen.</p> - -<p>Ulenspiegel setzte sich eines Abends auf die Türschwelle; als -Mathyssen, der Faßbinder, ihn so in Gedanken versunken sah, -sprach er zu ihm:</p> - -<p>„Du mußt Deinen Händen Arbeit geben und diesen Schicksalsschlag -vergessen.“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust.“</p> - -<p>„Ach,“ sagte Mathyssen, „er führt ein trauriger Leben als Du, -der elende Fischhändler. Keiner spricht mit ihm und jeder flieht -ihn, also daß er genötigt ist, bei den armen Lumpen im Roten -Falken seine Kanne Braunbier einsam zu trinken. Das ist eine -große Strafe.“</p> - -<p>„Die Asche brennt“, sagte Ulenspiegel zum andern Mal.</p> - -<p>Am nämlichen Abend, da die Glocke der Frauenkirche die neunte -Stunde läutete, schritt Ulenspiegel nach dem Roten Falken. -Sehend, daß der Fischhändler nicht dort war, streifte er unter -den Bäumen, so den Kanal einfassen, umher. Der Mond schien -hell.</p> - -<p>Er sah den Mörder kommen.</p> - -<p>Da er an ihm vorüber ging, konnte er ihn ganz nahe sehen und -hörte ihn sagen, denn er redete laut, wie Leute, die allein leben: -„Wo haben sie die Karolus versteckt?“</p> - -<p>„Wo der Teufel sie gefunden hat“, antwortete Ulenspiegel und -schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.</p> - -<p>„Wehe,“ sagte der Fischhändler, „ich erkenne Dich, Du bist der -Sohn. Habe Mitleid, ich bin alt und kraftlos. Was ich tat, -geschah nicht aus Haß, sondern um Seiner Majestät zu dienen. -Verzeihe mir gnädigst. Ich will Dir Deinen Hausrat wiedergeben, -den ich erstanden, Du sollst mir keinen Groschen dafür bezahlen. -Ist das nicht genug? Ich habe ihn für sieben Goldgülden -gekauft. Du sollst alles haben und noch einen halben -Gülden dazu, denn ich bin nicht reich, das mußt Du nicht wähnen.“</p> - -<p>Und er wollte sich vor ihm auf die Knie werfen.</p> - -<p>Da Ulenspiegel ihn so häßlich, zitternd und feige sahe, warf er -ihn in den Kanal.</p> - -<p>Und er machte sich davon.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>86</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Auf den Scheiterhaufen schwelte das Fett der Opfer. Ulenspiegel -gedachte an Klas und Soetkin und weinte einsam. Eines Abends -suchte er Katheline auf, um sie um Beistand und um Rache zu -bitten. Sie saß mit Nele allein bei der Lampe und nähte. Da -sie ihn eintreten hörte, hob Katheline schwerfällig den Kopf, -gleichwie eine Frau, die aus tiefem Schlaf erwacht.</p> - -<p>Er sagte zu ihr:</p> - -<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust, ich will das Land -Flandern retten. Ich bat den großen Gott Himmels und der -Erden darum, aber er antwortete mir nicht.“</p> - -<p>Katheline sagte:</p> - -<p>„Der große Gott konnte Dich nicht hören. Du mußtest zuvor -zu den Geistern der Elemente sprechen, welche, da sie himmlischer -und irdischer Natur sind, die Klagen der armen Menschen annehmen -und sie den Engeln zutragen, die sie hernach zum Throne -bringen.“</p> - -<p>„Hilf mir bei meinem Vorhaben,“ sagte er, „ich will Dich mit -Blut bezahlen, wenn es sein muß.“</p> - -<p>Katheline antwortete:</p> - -<p>„Ich will Dir helfen, wann ein Mädchen, so Dich liebt, Dich -mitnimmt zum Sabbat der Frühlingsgeister, welche die Ostern -des Saftes sind.“</p> - -<p>„Ich will ihn mitnehmen“, sagte Nele.</p> - -<p>Katheline goß ein graulich Gebräu in einen Kristallkelch, davon -sie beiden zu trinken gab. Sie rieb ihnen mit dieser Mixtur -die Schläfen, Nasenlöcher, Handflächen und Gelenke ein, ließ sie -eine Fingerspitze weißen Pulvers nehmen und hieß sie sich einander -ansehen, damit ihre Seelen eins würden.</p> - -<p>Ulenspiegel sah Nele an und die sanften Augen des Mägdleins -entzündeten eine große Glut in ihm; dann fühlte er ob der Mixtur -ein Zwicken wie von tausend Krabben.</p> - -<p>Danach entkleideten sie sich und solcherart von der Lampe beleuchtet, -waren sie schön; er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer -liebreizenden Anmut. Aber sie konnten einander nicht sehen, dieweil -sie schon gleichsam entschlafen waren. Sodann legte -Katheline Neles Hals auf Ulenspiegels Arm und nahm seine -Hand und legte sie auf des Mägdleins Herz.</p> - -<p>Und also lagen sie nackt nebeneinander. Es deuchte ihnen beiden, -daß ihre Körper, die sich berührten, von sanfter Glut wären -wie die Sonne im Rosenmond.</p> - -<p>Sie erhoben sich / also erzählten sie später / stiegen auf die -Fensterbrüstung, schwangen sich ins Leere und fühlten, wie die -Luft sie trug, wie das Wasser bei den Schiffen tut. Dann nahmen -sie nichts mehr wahr, weder von der Erde, wo die armen Menschen -schliefen, noch vom Himmel, wo bald die Wolken zu ihren -Füßen wogten. Und sie setzten den Fuß auf Sirius, den kalten -Stern. Dann wurden sie auf den Pol geschleudert.</p> - -<p>Allda erblickten sie, nicht ohne Bangen, einen nackten Riesen, den -Giganten Winter, mit falbem Haar, so auf Eisblöcken an einer -Eiswand saß. In Wasserlachen tummelten sich Bären und -Robben um ihn her, eine heulende Herde. Mit heiserer Stimme -rief er den Schnee, den Hagel, die kalten Regenschauer, die -grauen Wetterwolken und die schädlichen, stinkenden Nebel herbei. -Desgleichen die Winde, von denen der rauhe Nordwind am -stärksten bläst! Und alle tobten zumal an diesem heillosen Orte. -Lächelnd über dieses Unheil, legte sich der Riese auf Blumen, so -durch die Berührung seiner Hand verwelkt waren, auf Blätter, -die sein Odem verdorrt hatte. Dann bückte er sich und den Boden -mit seinen Nägeln aufscharrend und mit seinen Zähnen aufwühlend, -grub er ein Loch hinein, um das Herz der Erde zu suchen -und es zu verschlingen. Auch wollte er schattige Wälder zu -Kohle, Getreide zu Stroh und die fruchtbare Erde zu Sand -machen. Doch da das Herz der Erde von Feuer war, so wagte -er es nicht anzurühren und wich scheusam zurück.</p> - -<p>Er thronte als König und leerte seinen Becher voll Tran inmitten -seiner Bären und Robben und der Gerippe all derer, so er zu -Wasser und Land und in den Hütten der Armen getötet hatte.</p> - -<p>Wohlgemut hörte er die Bären brummen, die Robben schreien, -das Totengebein von Mensch und Tier unter den Krallen von -Geiern und Raben klappern, so daran nach einem letzten Bissen -Fleisch suchten, und hörte die Eisschollen krachen, die im trüben -Wasser widereinander stießen.</p> - -<p>Und die Stimme des Riesen war gleichwie das Brüllen der Orkane, -das Tosen der Winterstürme und wie der Wind, der in den -Kaminen heult.</p> - -<p>„Mich friert und ängstet“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Er vermag nichts wider die Geister“, antwortete Nele.</p> - -<p>Plötzlich entstand ein Aufruhr unter den Robben, die eilends ins -Wasser zurückkehrten; die Bären ließen vor Furcht die Ohren -hängen und brummten kläglich; und die Raben, vor Angst krächzend, -verschwanden in den Wetterwolken.</p> - -<p>Und siehe! Nele und Ulenspiegel vernahmen die dumpfen Stöße -eines Sturmbocks wider die Eismauer, so dem Riesen Winter als -Stütze diente. Und die Mauer spaltete sich und erbebte in ihren -Grundvesten.</p> - -<p>Aber der Riese Winter hörte nichts und heulte und bellte lustig, -füllte und leerte seinen Tranbecher und suchte nach dem Herzen -der Erde, um es zu erstarren, und wagte doch nicht, es zu fassen.</p> - -<p>Indessen erdröhnten die Stöße stärker und die Mauer barst -noch mehr, und der Regen von Eisstücken, so in Splittern abflogen, -prasselte ohn Unterlaß um ihn her. Und die Bären brummten -allezeit kläglich und die Robben winselten in den trüben -Wassern.</p> - -<p>Die Mauer stürzte zusammen und der Himmel ward hell. Ein -Mann, nackend und schön, eine Hand auf eine güldene Axt stützend, -entstieg ihm. Derselbige Mann war Luzifer, der König Lenz. -Da der Riese ihn sahe, warf er seinen Tranbecher weit fort und -flehete ihn an, ihn nicht zu töten.</p> - -<p>Und da König Lenz seinen lauen Odem hauchte, verlor der Riese -Winter jegliche Kraft. Da nahm der König demantne Ketten -und band ihn damit und fesselte ihn an den Pol.</p> - -<p>Sodann hielt er inne und rief, aber inniglich und brünstig. Und -vom Himmel kam ein blondhaarig Weib herab, nackend und -schön. Sie saß neben dem König nieder und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du bist mein Sieger, starker Mann.“</p> - -<p>Er antwortete:</p> - -<p>„So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke, und so Du -Furcht hast, komm nahe zu mir: ich bin Dein Geselle.“</p> - -<p>„Mich hungert und dürstet nur nach Dir“, sprach sie.</p> - -<p>Und aber rief der König sieben Mal schrecklich.</p> - -<p>Und es ward ein großes Getöse von Donnern und Blitzen, und -hinter ihm entstund ein Baldachin von Sonnen und Sternen. -Und sie setzten sich auf Throne.</p> - -<p>Darauf riefen der König und sein Gemahl; aber ihr edles Angesicht -bewegte sich nicht, noch machten sie eine Gebärde, so ihrer -Kraft und ruhigen Majestät entgegen war. Und bei diesem -Rufen entstand eine wallende Bewegung in der Erde, dem harten -Gestein und den Eisblöcken. Und Nele und Ulenspiegel vernahmen -ein Geräusch, gleich als ob riesige Vögel die Schale ungeheurer -Eier mit Schnabelhieben zerbrächen.</p> - -<p>Und in dieser gewaltigen Bewegung des Bodens, der gleich -Meereswogen stieg und sank, waren Formen wie die eines Eies. -Plötzlich kamen von allen Seiten Bäume heraus, die ihre dürren -Zweige durcheinander wirrten, dieweil ihre Stämme wie trunkene -Männer schwankten. Dann wichen sie auseinander und ließen -einen weiten leeren Raum zwischen sich. Aus dem wallenden -Boden kamen die Geister der Erde, aus der Tiefe des Waldes -die Waldgeister, aus dem nahen Meere die Wassergeister.</p> - -<p>Ulenspiegel und Nele erblickten da schatzhütende Zwerge, bucklig, -plattfüßig und zottig, häßlich und fratzenhaft, Fürsten des -Gesteins, Waldmänner, so wie Bäume lebten und an Stelle von -Mund und Magen ein Bündel Wurzeln am Gesicht trugen, um -dergestalt ihre Nahrung aus der Brust der Erde zu saugen; desgleichen -die Herrscher der Bergwerke, welche stumm sind, weder -Herz noch Eingeweide haben und sich gleich glänzenden Maschinen -bewegen. Da waren Zwerge von Fleisch und Bein, so -Eidechsenschwänze und Krötenköpfe hatten und auf dem Kopf -eine Leuchte trugen. Sie springen zur Nacht dem trunkenen -Wanderer oder furchtsamen Reisenden auf die Schultern, springen -wieder hinunter, schwenken ihr Lichtlein und führen sie in Sümpfe -oder Gräben, denn die armen Wandrer wähnen, daß dieses die -Leuchte sei, so in ihrer Behausung brennt.</p> - -<p>Da waren auch Blumenmädchen, Blumen von weiblicher Kraft -und Gesundheit, nackend und nicht errötend, sondern stolz auf -ihre Schönheit und nur in den Mantel ihrer Haare gehüllt. Ihre -Augen erglänzten feucht gleichwie Perlmutter im Wasser. Die -Haut ihres Körpers war fest, weiß und vom Lichte vergüldet. Aus -ihrem roten, offenen Munde ging ein Odem, balsamischer als -Jasmin. Sie sind es, die am Abend in Mauern und Gärten, noch -lieber in der Tiefe der Wälder auf schattigen Steinen umherstreifen -und verliebt nach irgend einer Mannesseele sahen, um -sie zu besitzen. So ein junger Knabe und ein Mägdlein an ihnen -vorbeigeht, versuchen sie das Mägdlein zu töten, doch da sie -es nicht vermögen, hauchen sie der Lieblichen, die noch widerstrebt, -Liebessehnsucht ein, auf daß sie sich dem Geliebten hingebe. -Denn alsdann hat die Blumenmaid die Hälfte der Küsse.</p> - -<p>Ulenspiegel und Nele sahen auch die Schutzgeister der Sterne, -die Geister der kalten und warmen Winde und des Regens vom -hohen Himmel herabsteigen; es waren geflügelte Jünglinge, so -die Erde befruchten.</p> - -<p>Alsdann erschienen an allen Punkten des Himmels die Vögel der -Seelen, die zierlichen Schwalben. Als sie da waren, schien das -Licht heller. Blumenmädchen, Steinfürsten, Herrscher der Bergwerke, -Waldmänner, Wasser-, Feuer- und Erdgeister riefen zumal: -„Licht, Saft! Ruhm dem König Lenz!“</p> - -<p>Ob ihr einstimmig Geschrei zwar mächtiger war, denn das tosende -Meer, der krachende Donner und der entfesselte Sturm, so -klang es doch Nele und Ulenspiegel gleichwie sanfte Musik in -die Ohren. Sie aber saßen reglos und schweigend zusammengekauert -hinter dem knorrigen Stamm einer Eiche.</p> - -<p>Aber sie fürchteten sich noch mehr, da die Geister sich zu Tausenden -wie auf Sessel niederließen auf riesige Spinnen, auf Kröten -mit Elefantenrüsseln, auf Schlangenknäule und Krokodile, so auf -dem Schwanze stunden und eine Schar Geister im Rachen hielten. -Schlangen trugen mehr denn dreißig Zwerge und Zwerginnen, so -rittlings auf ihrem schlängelnden Körper saßen, und schier hunderttausend -Insekten, größer denn Goliath, mit Degen, Lanzen, -gezähnten Sicheln, siebenzinkigen Heugabeln und jeglicher Art -von schrecklichen Mordwerkzeuge bewaffnet. Die schlugen auf -einander los mit großem Getöse; der Starke fraß den Schwachen, -mästete sich an ihm und zeigte also, daß der Tod aus dem Leben -und das Leben aus dem Tode entsteht.</p> - -<p>Und aus dieser ganzen wimmelnden, drängenden und wirren -Menge von Geistern drang ein Geräusch gleichwie dumpfer -Donner und der Lärm von hundert Webstühlen, Walkmühlen -und Schlosserwerkstätten, die mitsammen arbeiten.</p> - -<p>Plötzlich erschienen die Geister des Saftes, kurz und stämmig, -mit Lenden, breit wie das große Faß zu Heidelberg und Schenkeln, -so gewaltig wie ein Ohm Wein. Und ihre Muskeln waren -so seltsam stark und mächtig, daß man hätte sagen mögen, sie -seien aus großen und kleinen Eiern gemacht, die aneinandergefügt -und mit einer Haut bedeckt waren, welche so rot, fett und -glänzend war, wie ihr spärlicher Bart und das rote Haupthaar; -und sie trugen ungeheure Humpen voll einer seltsamen Flüssigkeit.</p> - -<p>Da die Geister sie kommen sahen, machten sie einen großen Aufstand -vor Freuden; die Bäume und Pflanzen schüttelten sich und -die Erde barst, um zu trinken.</p> - -<p>Und die Geister des Saftes gossen Wein aus, und alsobald knospete, -grünte und blühte alles. Der Rasen war voll summender -Käfer und der Himmel mit Vögeln und Faltern erfüllt. Die -Geister gossen immerdar Wein und die unten empfingen ihn, so -gut sie konnten. Die Blumenmädchen öffneten den Mund oder -sprangen auf ihre rothaarigen Mundschenken zu und küßten sie, -um noch mehr zu bekommen. Etliche falteten die Hände zum -Beten; andere ließen es glückselig auf sich herabregnen. Aber alle, -ob lüstern oder durstig, fliegend, stehend, laufend oder unbeweglich, -trachteten nach dem Wein und wurden nach jedem Tröpflein, -so sie auffangen konnten, lebendiger. Und waren keine Greise -da, sondern alle, ob häßlich oder schön, waren voll frischer Kraft -und lebendiger Jugend.</p> - -<p>Und sie lachten, schrien, sangen und verfolgten sich auf den -Bäumen gleich Eichkätzchen und in der Luft gleich Vögeln. Jedes -Männchen suchte sein Weibchen und übte unter Gottes Himmel -das heilige Werk der Natur.</p> - -<p>Und die Geister des Saftes brachten dem König und der Königin -den großen Becher voll ihres Weines; und der König und die -Königin tranken und umarmten sich. Alsdann schüttete der -König, sein Gemahl umschlungen haltend, den Rest seines Bechers -über die Bäume, die Blumen und Geister und rief: „Ehre sei -dem Leben! Ehre der freien Luft! Ehre der Kraft!“</p> - -<p>Und alle riefen:</p> - -<p>„Ehre sei der Natur! Ehre der Kraft!“</p> - -<p>Und Ulenspiegel nahm Nele in seine Arme. Da sie so umschlungen -waren, begann ein Tanz. Ein wirbelnder Tanz wie von Blättern, -so ein Wirbelwind zusammenraft, wo alles im Schwung war: -Bäume, Pflanzen, Käfer, Falter, Himmel und Erde, König und -Königin, Blumenmädchen, Bergwerksherrscher, Wassergeister, -bucklige Zwerge, auch Steinfürsten, Waldmänner, Leuchtenträger -und Schutzgeister der Sterne. Die hunderttausend greulichen -Insekten verwirrten ihre Lanzen, gezähnten Sicheln und siebenzinkigen -Heugabeln. Es war ein schwindelnder Tanz, der sich in -den Weltraum wälzte und ihn erfüllte, und Sonne, Mond, -Planeten, Sterne, Wind und Wetterwolken nahmen daran teil.</p> - -<p>Und die Eiche, daran Nele und Ulenspiegel sich geklammert -hatten, rollte mit im Wirbel, und Ulenspiegel sprach zu Nele:</p> - -<p>„Liebchen, wir werden sterben.“</p> - -<p>Und ein Geist hörte sie und sahe, daß sie Sterbliche waren.</p> - -<p>„Menschen,“ schrie er, „Menschen an diesem Ort!“</p> - -<p>Und er riß sie vom Baume los und schleuderte sie in die Menge.</p> - -<p>Und Ulenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der -Geister, die sie sich einander zuwarfen und dabei sagten:</p> - -<p>„Heil den Menschen! Willkommen Ihr Erdenwürmer! Wer -will ein Knäblein und ein Mägdlein haben? Sie machen uns -einen Besuch, die Schwächlinge!“</p> - -<p>Und Ulenspiegel und Nele flogen von einem zum andern und riefen: -„Gnade!“</p> - -<p>Aber die Geister hörten sie nicht und alle beide flogen und wirbelten -wie Federn im Winterwind, die Beine in der Luft und den -Kopf nach unten, derweil die Geister sagten:</p> - -<p>„Ehre den Männlein und Weiblein, mögen sie tanzen gleichwie -wir.“</p> - -<p>Die Blumenmädchen waren willens, Nele von Ulenspiegel zu -trennen, schlugen sie und hätten sie getötet, hätte nicht der König -Lenz mit einer Gebärde dem Tanz Einhalt geboten und gerufen:</p> - -<p>„Man führe diese beiden Flöhe vor meinen Thron!“</p> - -<p>Und sie wurden voneinander getrennt, und jegliche Blumenmaid -trachtete Ulenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen und -sprach:</p> - -<p>„Tyll, möchtest Du nicht für mich sterben?“</p> - -<p>„Ich werde es in Bälde tun“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Und die zwergischen Waldgeister, so Nele trugen, sagten:</p> - -<p>„Was bist Du nicht Seele wie wir, auf daß wir Dich zu eigen -nehmen könnten!“</p> - -<p>Nele antwortete:</p> - -<p>„Geduldet Euch.“</p> - -<p>Und also kamen sie vor des Königs Thron, und sie zitterten schier, -da sie seine güldene Axt und seine eiserne Krone ersahen.</p> - -<p>Und er sprach zu ihnen:</p> - -<p>„Warum seid Ihr hier gekommen, Ihr Schwächlinge?“</p> - -<p>Sie antworteten nicht.</p> - -<p>„Ich kenne Dich, Du Hexenknospe,“ fügte der König bei, „und -auch Dich, Sprößling des Kohlenträgers. Aber da es Euch durch -Hexenkunst gelang, in diese Werkstätte der Natur einzudringen, -warum habt Ihr jetzo den Schnabel zu wie Kapaune, so mit -Brotkrumen gestopft sind?“</p> - -<p>Nele erbebte beim Anblick des schrecklichen Teufels. Ulenspiegel -aber gewann seine mannhafte Festigkeit wieder und antwortete:</p> - -<p>„Klasens Asche brennt mir auf dem Herzen. Göttliche Hoheit, -der Schnitter Tod geht durch das Land Flandern und in des -Papstes Namen mähet er die stärksten Männer und die holdesten -Frauen. Flanderns Privilegien sind zerbrochen, seine Urkunden -vernichtet, die Hungersnot nagt an ihm. Seine Weber und -Tuchwirker verlassen es, um in der Fremde freie Arbeit zu suchen. -Bald wird es sterben, sofern man ihm nicht zu Hilfe kommt. -Ihr Hoheiten, ich bin nur ein armer, geringer Bursche, zur Welt -gekommen wie ein Jeder; habe gelebt wie ich konnte, unvollkommen, -beschränkt, unwissend, nicht tugendhaft noch keusch, -und keiner menschlichen noch göttlichen Gnade würdig. Aber -Soetkin starb an den Folgen der Tortur und ihres Kummers -und Klas verbrannte in einem schrecklichen Feuer, und ich wollte -sie rächen und tat es schon einmal. Ich wollte auch diesen armen -Boden, in den ihr Gebein gesäet ist, glücklicher sehen, und ich -bat Gott um den Tod der Verfolger, aber er erhörte mich nicht. -Der Klagen müde, hab’ ich Euch durch Kathelines Zauber beschworen, -und ich und meine zage Gesellin kommen zu Euren -Füßen, Ihr göttlichen Hoheiten, und bitten Euch um Rettung -dieses armen Landes.“</p> - -<p>Der König und seine Gefährtin antworteten zumal:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Durch Krieg und Feuer,</div> - <div class="verse indent0">Durch Tod und Schwert</div> - <div class="verse indent0">Suche die Sieben.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">In Tod und Blut,</div> - <div class="verse indent0">In Trümmern und Tränen</div> - <div class="verse indent0">Finde die Sieben.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Häßlich, grausam, ungestalt,</div> - <div class="verse indent0">Wahre Geißeln dieses Landes,</div> - <div class="verse indent0">Brenne die Sieben.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Harre, horch und schaue,</div> - <div class="verse indent0">Schwächling, sag, bist Du nicht froh?</div> - <div class="verse indent0">Finde die Sieben.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und alle Geister sangen zumal:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„In Tod und Blut,</div> - <div class="verse indent0">In Trümmern und Tränen</div> - <div class="verse indent0">Finde die Sieben.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Harre, horch und schaue,</div> - <div class="verse indent0">Schwächling, sag, bist Du nicht froh?</div> - <div class="verse indent0">Finde die Sieben.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Jedoch,“ sprach Ulenspiegel, „Hoheit und Ihr Herren Geister, -ich verstehe nichts von Eurer Rede. Ohne Zweifel spottet Ihr -meiner.“</p> - -<p>Die aber sagten, ohne ihn anzuhören:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Wann der Norden</div> - <div class="verse indent0">Wird den Süden küssen,</div> - <div class="verse indent0">Ist das Ende des Verderbens nah.</div> - <div class="verse indent0">Finde die Sieben</div> - <div class="verse indent0">Und den Gürtel.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und das mit so gewaltigem Einklang und so erschrecklicher -Kraft des Schalles, daß die Erde erbebte und die Himmel erzitterten. -Und die Falken pfiffen, die Eulen schrien, die Sperlinge -piepsten vor Furcht, die Fischadler klagten und alle flatterten -ängstlich.</p> - -<p>Und die Tiere der Erde: Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche, -Rehe, Wölfe, Hunde und Katzen brüllten, zischten, schrien, -heulten, bellten und miauten erschrecklich.</p> - -<p>Und die Geister sangen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Harre, horch und schaue,</div> - <div class="verse indent0">Liebe die Sieben</div> - <div class="verse indent0">Und den Gürtel.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und die Hähne krähten und alle Geister entwichen, ungerechnet -einen bösen Bergwerkskönig, welcher Nele und Ulenspiegel je mit -einem Arm packte und sie unsänftiglich ins Leere schleuderte.</p> - -<p>Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie um zu schlafen, und -fröstelten bei dem kalten Morgenwind.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sah Neles holden Leib ganz gülden in der aufgehenden -Sonne.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch</h2> -</div> - -<hr class="full newpage" /> -<h3>1</h3> -<hr class="full" /> - -<p>An diesem Morgen des Herbstmonds nahm Ulenspiegel seinen -Stab, drei Gülden, die ihm Katheline gegeben, ein Stück -Schweinsleber, eine Schnitte Brot und zog von Damm nach Antwerpen, -um die Sieben zu suchen. Nele schlief.</p> - -<p>Beim Wandern folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber -beschnüffelte und ihm an die Beine sprang. Ulenspiegel wollte -ihn fortjagen, und da er sah, daß der Hund ihm hartnäckig folgte, -hielt er ihm diese Rede:</p> - -<p>„Ei Hündlein, mein Schatz, Du bist übel beraten, daß Du das -Haus verlässest, wo gute Pasteten, auserlesener Abhub von der -Tafel und Knochen voll Mark Deiner harren. Du willst aufs -Geratewohl einem Landstreicher folgen, der vielleicht nicht allzeit -Wurzeln haben wird, um sie Dir als Nahrung zu bieten. Glaube -mir, Du unfürsichtiges Hündlein, kehr zu Deinem Herrn zurück. -Meide Regen, Schnee, Hagel, Staubregen, Nebel, Glatteis und -andere magere Suppen, so auf den Rücken der Landstreicher -fallen. Bleibe im Herdwinkel und wärme Dich, zusammengerollt -am lustigen Feuer; laß mich in Schlamm, Staub, Kälte -und Hitze marschieren; heute gesotten, morgen zu Eis erstarrt, -Freitags vollgestopft, Sonntags ausgehungert. Du wirst etwas -Gescheites tun, wenn Du hingehst, wo Du hergekommen bist, Du -Hündlein mit wenig Erfahrung.“</p> - -<p>Das Tier schien Ulenspiegel schlechterdings nicht zu verstehen. -Es wedelte mit dem Schwanz und sprang so gut es konnte und -bellte vor Begierde. Ulenspiegel glaubte, daß es Freundschaft -sei, aber er gedachte nicht der Leber, die er im Ränzel trug. Er -wanderte, der Hund lief ihm nach. Da sie also gegen eine -Stunde zurückgelegt hatten, sahen sie auf der Landstraße -einen Karren mit einem Esel bespannt, welcher den Kopf senkte. -Auf einer Böschung am Wegrande saß zwischen zwei Distelsträuchen -ein dicker Mann, der in der einen Hand eine Hammelkeule -hielt, die er abnagte, in der andern eine Flasche, deren -Saft er aussog. Wenn er nicht aß noch trank, so greinte und -weinte er.</p> - -<p>Da Ulenspiegel stillstand, blieb der Hund gleichermaßen stehen. -Er witterte den Hammel und die Leber und lief die Böschung -hinan. Da setzte er sich auf die Hinterpfoten neben den Mann -und kratzte ihn am Wams, um auch sein Teil von dem Festmahl -zu haben. Aber der Mann stieß ihn mit dem Ellenbogen zurück, -hielt seine Hammelkeule in die Luft und greinte erbärmlich. Der -Hund tat aus Gier das nämliche. Der Esel ward böse, daß er -an den Wagen gespannt war und die Disteln nicht erreichen -konnte, und hub an zu schreien.</p> - -<p>„Was ficht Dich an, Jan?“ fragte der Mann den Esel.</p> - -<p>„Nichts,“ antwortete Ulenspiegel, „dafern er nicht von jenen -Disteln Imbiß halten möchte, die Euch zur Seiten blühen wie -am hohen Chor von Tessenderloo neben und über dem Herrn -Christo. Dieser Hund würde auch nicht bös sein, wenn seine -Kinnbacken mit dem Knochen, so Ihr da haltet, Hochzeit machen -könnten. Indessen will ich ihm die Leber geben, die ich hier -habe.“</p> - -<p>Nachdem der Hund die Leber gefressen, betrachtete der Mann -seinen Knochen, benagte ihn noch mehr, um alles Fleisch, so -daran war, zu kriegen, und gab ihn dermaßen abgenagt dem -Hunde. Der legte seine Pfoten darauf und machte sich daran, -ihn auf dem Rasen zu zermalmen.</p> - -<p>Dann blickte der Mann Ulenspiegel an. Und der erkannte Lamm -Goedzak aus Damm. „Lamm,“ sagte er, „was tust Du hier, -essend, trinkend und bitterlich weinend? Sollte Dir ein Soldat -die Ohren ohne die rechte Ehrfurcht eingerieben haben?“</p> - -<p>„Wehe, mein Weib“, sagte Lamm.</p> - -<p>Er wollte seine Flasche Wein leeren, aber Ulenspiegel legte ihm -die Hand auf den Arm.</p> - -<p>„Trink nicht also, denn hastig Trinken kommt nur den Nieren -zugute. Es sollte lieber dem zuteil werden, der keine Flasche -hat.“</p> - -<p>„Du redest gut,“ sagte Lamm, „aber wirst Du besser trinken?“</p> - -<p>Und er hielt ihm die Flasche hin.</p> - -<p>Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellenbogen und gab sie ihm zurück.</p> - -<p>„Heiß mich Spanier,“ sagte er, „dafern noch genug darin ist, -um einen Sperling trunken zu machen.“</p> - -<p>Lamm betrachtete die Flasche und ohne mit Greinen innezuhalten, -wühlte er in seiner Weidtasche und zog eine andere Flasche und -ein anderes Stück Wurst heraus, die er alsogleich in Stücke -schnitt und trübsinnig kaute.</p> - -<p>„Issest Du ohn Unterlaß, Lamm?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Oftmals, mein Sohn,“ erwiderte Lamm, „aber es geschieht, -meine traurigen Gedanken zu vertreiben. Wo bist Du, Weib?“ -sagte er und wischte sich eine Zähre ab.</p> - -<p>Und er schnitt sich zehn Scheiben Wurst.</p> - -<p>„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „iß nicht so rasch und ohne Mitleid -für den armen Wallfahrer.“</p> - -<p>Lamm gab ihm weinend vier Schnitten und da Ulenspiegel sie -verspeiste, ward er von ihrem guten Geschmack gerührt.</p> - -<p>Aber Lamm sagte, immerfort weinend und essend:</p> - -<p>„Mein Weib, mein gutes Weib! Wie sanft und wohlgeformt -war ihr Leib! Sie war leicht wie ein Falter, rasch wie der -Blitz und sang gleich einer Lerche. Sie schmückte sich freilich zu -gerne mit schönem Putz. Ach, er kleidete sie so gut. Aber die -Blumen haben auch reichen Putz. So Du ihre Händlein gesehen -hättest, mein Sohn, die so zierlich liebkosten, hättest Du -ihnen nimmer erlaubt, Pfanne noch Tiegel anzurühren. Das -Küchenfeuer hätte ihre Haut, die so hell wie der Tag war, geschwärzt. -Und welche Augen! Ich zerschmolz in Zärtlichkeit -beim bloßen Anschauen. / Trink einen Schluck Wein, ich werde -nach Dir trinken. Ach, warum ist sie nicht tot! Thyl, ich behielt -mir in unserm Haus jegliche Arbeit vor, um ihr die mindeste -Mühe zu ersparen. Ich kehrte die Stuben, ich machte das Ehebett, -darinnen sie sich am Abend, vom Wohlleben ermüdet, ausstreckte; -ich wusch das Geschirr und auch die Wäsche, die ich -selbst bügelte. / Iß, Thyl, diese Wurst ist aus Gent. / Oftmals, -wenn sie sich draußen erging, kam sie zu spät zum Mittagmahl; -aber es war mir so große Freude, sie zu sehen, daß ich nicht -wagte, sie zu schmählen. Ich war schier glücklich, so sie mir -nachts nicht schmollend den Rücken kehrte. Ich habe alles verloren. -/ Trink von diesem Wein, er ist vom Brüsseler Weinberg, -nach Art des Burgunders.“</p> - -<p>„Warum ist sie fortgegangen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei -ihr aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus -Furcht und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen -runden weißen Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute, -ließ sie unversehens ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen -ließ sie sich mein Kosen gefallen und ich konnte sie auf die -holden Äuglein küssen, welche sie schloß, und auf den vollen festen -Nacken. Dann schauderte sie und schrie ein wenig, neigte den -Kopf zurück, und gab mir solcherart einen Nasenstüber. Und -sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr verliebte Schläge -und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. / Thyl, ist -noch Wein in der Flasche?“</p> - -<p>„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Lamm trank und redete weiter:</p> - -<p>„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide -Arme um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte -mich wie toll und hundert Mal nacheinander auf Wange und -Stirn, aber nimmer auf den Mund, und wenn ich sie fragte, woher -ihr diese große Sprödigkeit bei so großer Ungezwungenheit -komme, lief sie eilends nach einem Humpen, der auf einem Schrein -stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und Perlen angetan, -schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will ich nicht.“ -Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu bewahren, -gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden. -Ach, süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du -nicht einen kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“</p> - -<p>„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der -ihn ganz und gar verspeiste.</p> - -<p>Ulenspiegel sah ihm zu und sagte:</p> - -<p>„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“</p> - -<p>„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit -den Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen. -Sie ist aus Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem -Wagen suchen?“</p> - -<p>„Das will ich“, sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“</p> - -<p>„Nichts“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Und sie stiegen in den Wagen und wurden von dem Grautier gezogen, -welches zum Zeichen der Abfahrt trübselig schrie.</p> - -<p>Der Hund aber war, da er sich satt gefressen, ohne ein Wörtlein, -davongelaufen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>2</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da der Wagen zwischen einem Weiher und einem Kanal auf -einen Deich rollte, strich Ulenspiegel in tiefem Sinnen kosend über -Klasens Asche auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht -Wahrheit oder Lüge sei, ob die Geister seiner gespottet, oder ob -sie ihm in Rätseln gesagt hätten, was er wirklich finden müßte, -um das Land seiner Väter zu beglücken.</p> - -<p>Umsonst zermarterte er sein Hirn, er konnte nicht finden, was die -Sieben und der Gürtel bedeuteten.</p> - -<p>Wenn er des toten Kaisers, des lebenden Königs, der Regentin, -des römischen Papstes, des Großinquisitors, des Jesuitengenerals -gedachte, so fand er da sechs große Landeshenker, so er ohne Verzug -lebendig hätte verbrennen mögen. Aber er dachte, daß sie -es mitnichten seien, denn sie waren zu leicht zu verbrennen, also -mußten sie andern Orts sein.</p> - -<p>Und er wiederholte sich immerfort im Geiste:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wenn der Norden</div> - <div class="verse indent0">Wird den Süden küssen,</div> - <div class="verse indent0">Endet das Verderben.</div> - <div class="verse indent0">Liebe die Sieben</div> - <div class="verse indent0">Und den Gürtel.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ach,“ sprach er zu sich: „In Tod, Blut und Tränen sieben finden, -sieben verbrennen, sieben lieben: Mein armer Verstand sucht vergeblich, -denn wer verbrennt, was er liebt?“</p> - -<p>Da der Wagen schon ein gut Stück Weges verschlungen, hörten -sie Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,</div> - <div class="verse indent0">Den närrischen Freund, der mir entrann?</div> - <div class="verse indent0">Nach Laun und Zufall tut er gehn;</div> - <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wie es dem Lamm der Adler tat,</div> - <div class="verse indent0">Mein Herze nahm er unversehn,</div> - <div class="verse indent0">Er ist ein Mann, doch ohne Bart;</div> - <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,</div> - <div class="verse indent0">Gar müde ward von vielem Gehn.</div> - <div class="verse indent0">Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?</div> - <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,</div> - <div class="verse indent0">So ihm der Täuber tat entgehn?</div> - <div class="verse indent0">So auch ein treues Herze bricht.</div> - <div class="verse indent0">Habt Ihr ihn nicht gesehn?“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ulenspiegel schlug Lamm auf den Bauch und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Halt den Odem an, Fettwanst.“</p> - -<p>„Ach,“ sprach Lamm, „das ist gar hart für einen Mann meines -Umfangs.“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn und versteckte sich hinter das -Plantuch des Wagens und ahmte die Stimme eines hüstelnden -Zechers nach, dieweil er sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;</div> - <div class="verse indent0">Er saß in einem morschen Karren,</div> - <div class="verse indent0">Bei einem Vielfraß, dick und voll.</div> - <div class="verse indent0">Ich sah ihn wohl.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Thyl,“ sprach Lamm, „Du hast heute morgen eine schlimme -Zunge.“</p> - -<p>Ulenspiegel, ohne auf ihn zu hören, steckte den Kopf aus dem -Loch der Plandecke und sprach:</p> - -<p>„Nele, erkennst Du mich?“</p> - -<p>Sie aber, von Furcht ergriffen und in Einem lachend und weinend, -denn sie hatte feuchte Wangen, sprach:</p> - -<p>„Ich sehe Dich, schlimmer Verräter!“</p> - -<p>„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „so Du mich schlagen willst, ich -habe da drinnen einen Knüttel. Er ist schwer, um die Hiebe eindringlich -zu machen, und knotig, um ein Merkmal davon zu -hinterlassen.“</p> - -<p>„Thyl,“ sprach Nele, „gehst Du den Sieben nach?“</p> - -<p>„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Nele trug ein Ränzel, das jeden Augenblick platzen wollte, so voll -war es.</p> - -<p>„Thyl,“ sprach sie, es ihm hinhaltend, „ich meinte, es sei einem -Menschen ungesund, zu reisen, ohne eine gute, fette Gans, einen -Schinken und Genter Würste mitzunehmen. Und dies mußt Du -zu meinem Gedächtnis essen.“</p> - -<p>Da Ulenspiegel sie anschaute und mitnichten gewillt war, das -Ränzel zu nehmen, steckte Lamm den Kopf aus einem andern -Loch der Leinwand und sprach:</p> - -<p>„Du vorsorgliches Mägdlein, wenn er’s nicht annimmt, geschieht’s -aus Vergeßlichkeit. Aber gib mir diese Gans, gib mir -diesen Schinken, und dränge mir diese Würste auf; ich werde sie -ihm aufheben.“</p> - -<p>„Wer ist dies biedere Vollmondsgesicht?“ fragte Nele.</p> - -<p>„Das ist ein Opfer des Ehestandes“, antwortete Ulenspiegel. -„Von Schmerz verzehrt, würde er wie ein Apfel im Backofen -eintrocknen, dafern er nicht seine Kräfte durch unaufhörliche -Nahrung ersetzte.“</p> - -<p>„Du sagst es, mein Sohn“, seufzte Lamm.</p> - -<p>Die strahlende Sonne brannte Nele auf den Kopf und sie schirmte -sich mit ihrer Schürze. Da er mit ihr allein sein wollte, sprach -er zu Lamm:</p> - -<p>„Siehest Du die Frau dort auf der Weide einhergehn?“</p> - -<p>„Ich sehe sie!“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Erkennest Du sie?“</p> - -<p>„Ei!“ sagte Lamm, „sollt’ es die meine sein? Sie trägt sich nicht -wie eine Bürgersfrau.“</p> - -<p>„Du zweifelst noch, blinder Maulwurf“, sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wenn sie es nun nicht wäre?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Du verlierst nichts dabei; dort zur Linken, gen Norden, ist eine -Schenke, allwo Du gutes Braunbier finden wirst. Wir wollen -Dich dort treffen. Und hier ist Schinken, den natürlichen Durst -zu salzen.“</p> - -<p>Lamm stieg aus dem Wagen und lief eilends auf die Frau zu, die -auf der Weide stand.</p> - -<p>Ulenspiegel sagte zu Nele:</p> - -<p>„Was kommst Du nicht zu mir?“</p> - -<p>Alsdann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich, nahm -ihr die Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern. -Dann gab er ihr hundert Küsse und sprach:</p> - -<p>„Wohin gingest Du, Geliebte?“</p> - -<p>Sie erwiderte nichts, aber sie war vor Wonne schier verzückt.</p> - -<p>Und Ulenspiegel, gleich ihr entzückt, sagte:</p> - -<p>„Da bist Du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht -die holde Röte Deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, -aber ich will Dir eine Krone von Küssen machen. Ihr reizenden -Arme, so weich und rosig, die Amor mit Fleiß zum Umarmen gemacht -hat. Ach, geliebtes Mägdlein, werden meine rauhen -Mannshände nicht dieser Schulter den Schmelz rauben? Der -leichte Falter setzt sich auf die purpurne Nelke, aber kann ich -Tölpel an Deiner weißen Haut ruhen, ohne sie welk zu machen? -Gott sitzt im Himmel, der König auf seinem Thron und die Sonne -steht siegreich dort oben; aber bin ich Gott, König oder Licht, -daß ich Dir so nahe bin? Ihr Haar, weicher denn Flockseide! -Nele, ich schlage, ich zerreiße, ich zerstückele Dich! Aber habe -keine Furcht, Liebchen. Welch zierliches Füßlein! Woher kommt’s, -daß es so weiß ist? Ist es in Milch gebadet?“</p> - -<p>Sie wollte aufstehen.</p> - -<p>„Was fürchtest Du?“ sprach Ulenspiegel. „Die Sonne scheint -auf uns herab und bemalt Dich mit Gold. Schlage nicht die -Augen nieder. Sieh, welch schöne Glut sich in den meinen entzündet. -Ach Geliebte, höre, mein Schätzlein, es ist die schweigende -Stunde des Mittags. Der Arbeiter ist daheim und ißt seine -Brühe; könnten wir nicht von Liebe leben? Könnt’ ich doch -tausend Jahre auf Deinen Knien einen Rosenkranz von irdischen -Perlen abbeten.“</p> - -<p>„Schmeichler“, sagte sie.</p> - -<p>Und Frau Sonne leuchtete durch das weiße Linnen des Wagens, -und eine Lerche sang über dem Klee, und Nele legte ihr Haupt -an Ulenspiegels Schulter.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>3</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Derweilen kehrte Lamm zurück, schwitzte große Tropfen und -schnaufte wie ein Delphin.</p> - -<p>„Wehe,“ sagte er, „ich bin unter einem unglücklichen Sterne geboren. -Ich habe gewaltig laufen müssen, um zu dieser Frau zu -kommen, und es war nicht die meine und war in Jahren; ich -sah’s ihr am Gesicht an, daß sie gut fünfundvierzig Jahre zählte, -und an der Haube, daß sie niemals verheiratet gewesen. Sie -fragte mich keifend, was ich mit meinem Wanst im Kleefelde wollte. -„Ich suche mein Weib, das mich verlassen hat,“ antwortete ich -sanftmütig, „und da ich Euch für sie hielt, bin ich Euch nachgelaufen.“</p> - -<p>Auf diese Rede sagte mir die bejahrte Jungfer, daß ich nur wieder -hingehen solle, von wo ich gekommen sei. So mein Weib mich -verlassen hätte, so wär’ es wohl getan, in Ansehung daß alle Männer -Spitzbuben, Lumpen, Ketzer, Treulose, Vergifter seien und die -Jungfrauen ohngeachtet ihres reifen Alters betrögen. Im übrigen -werde sie mich von ihrem Hund fressen lassen, so ich mich nicht -flugs davon höbe.</p> - -<p>„Solches tat ich, nicht ohne Furcht, denn ich nahm einen großen -Schäferhund wahr, der knurrend zu ihren Füßen lag. Als ich die -Grenze ihres Feldes überschritten hatte, saß ich nieder, und um -mich zu erholen, biß ich in Dein Stück Schinken. Ich befand mich -just zwischen zwei Kleeäckern; mit einem Mal hörte ich ein Geräusch -hinter mir, und da ich mich umwandte, sah ich den großen -Schäferhund der alten Jungfrau, nicht mehr dräuend, sondern -lieblich und hungrig mit dem Schwanze wedelnd. Er wollte -meinem Schinken zu Leibe. Ich gab ihm also etliche Stücklein, -als seine Herrin herbeikam und schrie:</p> - -<p>„Faß den Mann! Schnapp zu, mein Sohn!“</p> - -<p>Und ich hub an zu laufen und der große Köter hinterdrein, so -aus meinen Hosen einen Fetzen herausriß und mit dem Fetzen ein -Stück Fleisch. Vor Schmerz ward ich wütend, drehte mich nach -ihm um und gab ihm einen so trefflichen Stockhieb über die Vorderpfoten, -daß ich ihm zum Wenigsten eine zerbrach. Er stürzte -und schrie in seiner Hundesprache: Erbarmen! welches ich ihm -bewilligte. Derweil bewarf mich seine Herrin, da es ihr an Steinen -mangelte, mit Erde. Und ich lief weiter. / Weh! Ist es nicht -grausam und ungerecht, daß, weil eine Jungfer nicht schön genug -ist, um einen Freier zu finden, sie sich an armen Unschuldigen wie -ich räche?</p> - -<p>„Ich begab mich jedoch, Trübsal blasend, zu der Schenke, die Du -mir bezeichnet hattest, verhoffend, dort das tröstliche Braunbier -zu finden. Aber ich ward betrogen, denn beim Eintreten sah ich -einen Mann und ein Weib, die sich prügelten. Ich bat sie: „Geruhet -Eure Schlacht zu unterbrechen und mir einen Krug Braunbier -zu geben, und wäre es auch nur eine Kanne oder sechs.“ -Doch das Weib, ein wahrer Stockfisch, antwortete mir wütend, -sie werde mich den Holzschuh, womit sie ihrem Mann auf den -Kopf schlug, fressen lassen, so ich mich nicht augenblicks von -dannen machte. Und da bin ich, mein Freund, schweißtriefend -und gar müde. Hast Du nichts zu essen?“</p> - -<p>„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Endlich“, sprach Lamm.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>4</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Also vereint, reisten sie in Gemeinschaft. Der Esel legte die Ohren -an und zog den Wagen.</p> - -<p>„Lamm,“ sprach Ulenspiegel; „wir sind unser vier gute Gefährten: -der Esel, das Tier, so unsern Herrn trug und auf den Triften die -Disteln weidet, die es findet; Du, guter Dickbauch, der die sucht, -die Dich flieht; und sie, die holde Liebste mit dem zärtlichen -Herzen, die den findet, der dessen nicht würdig, das bin ich, der -vierte.</p> - -<p>„Wohlan, frischauf, Kinder und guten Mut. Die Blätter vergilben, -die Gestirne werden glänzender; bald wird Frau Sonne in -herbstlichen Nebeln schlafen gehen. Winter, des Todes Ebenbild, -wird kommen und sie mit schneeigen Leintüchern zudecken, die unter -unsern Füßen schlummern; ich aber werde wandern für die Wohlfahrt -des Landes meiner Väter. Ihr armen Toten, Soetkin, die -Du an Herzeleid starbst, und Klas, der Du im Feuer umkamst: -Eiche voller Güte und Efeu voller Liebe: ich, Euer Sprößling -bin voller Harm und werde Dich rächen, teure Asche, die auf -meinem Busen brennt.“</p> - -<p>Lamm sagte:</p> - -<p>„Man soll nicht beweinen, die um der Gerechtigkeit willen -sterben.“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel verharrte in Gedanken. Plötzlich sagte er:</p> - -<p>„Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens für gar lange -Zeit, und vielleicht werde ich nimmer Dein holdes Angesicht wiedersehen.“</p> - -<p>Nele blickte ihn an mit ihren Augen, die wie Sterne leuchteten.</p> - -<p>„Warum lässest Du nicht diesen Wagen und kommst mit mir in -den Wald, wo Du leckere Nahrung fändest; denn ich kenne die -Pflanzen und verstehe die Vögel zu locken.“</p> - -<p>„Mägdlein,“ sprach Lamm, „es ist bös von Dir, daß Du Ulenspiegel -unterwegs aufhalten willst; er soll die Sieben suchen, -und mir helfen, mein Weib wiederzufinden.“</p> - -<p>„Noch nicht“, erwiderte Nele und weinte und lachte, zärtlich -unter Tränen, ihrem Freund Ulenspiegel zu.</p> - -<p>Da Ulenspiegel dies sah, antwortete er:</p> - -<p>„Dein Weib findest Du immer noch zeitig genug, wenn Dich nach -neuem Leide gelüstet.“</p> - -<p>„Thyl,“ sagte Lamm, „willst Du mich also in meinem Wagen allein -lassen dieses Mägdleins halber? Du antwortest mir nicht und -gedenkst an den Wald, worinnen die Sieben nicht sind, noch auch -mein Weib. Laß sie uns lieber auf diesem Fahrdamm suchen, -auf dem die Wagen so trefflich rollen.“</p> - -<p>„Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „Du hast eine volle Weidtasche im -Wagen, somit wirst Du nicht Hungers sterben, wenn Du ohne -mich nach Koelkerke gehst, allwo ich Dich einholen werde. Du -mußt dort allein sein, denn da wirst Du erfahren, nach welchem -Punkt Du Dich wenden mußt, um Dein Weib wiederzufinden. -Vernimm denn und höre. In diesem Schritte wirst Du drei Meilen -von hier mit Deinem Wagen nach Koelkerke fahren, der kühlen -Kirche, also genannt, weil sie von den vier Winden zumal bestrichen -wird, wie viele andere. Auf dem Glockenturm ist eine -Wetterfahne in Gestalt eines Hahnes, die dreht sich auf ihren -verrosteten Angeln nach allen Seiten. Das Kreischen dieser -Angeln zeigt den armen Männern, so ihre Liebste verloren haben, -den Weg an, den sie einschlagen müssen, um sie wiederzufinden. -Aber zuvor muß jegliche Seite der Mauer siebenmal mit einer -Haselrute geschlagen werden. Kreischen die Angeln, wenn der -Wind von Norden kommt, so mußt Du nach jener Seite gehen; -aber fürsichtig, denn Nordwind ist Kriegswind; wenn von Süden, -geh frohgemut dorthin, das ist der Wind der Liebe. Kommt -der Wind von Osten, so lauf in Trab, denn der bedeutet Frohsinn -und Licht; von Westen / dann geh sacht, das ist der Wind des -Regens und der Tränen. Geh, Lamm, geh nach Koelkerke und -harre dort mein.“</p> - -<p>„Ich gehe hin,“ sagte Lamm.</p> - -<p>Und er fuhr im Wagen von dannen.</p> - -<p>Dieweil Lamm gen Koelkerke fuhr, jagte der starke, warme -Wind die grauen Wolken gleich einer Schafherde über den Himmel -hin. Die Bäume rauschten wie die Wogen eines brandenden -Meeres. Ulenspiegel und Nele waren seit geraumer Zeit allein -im Walde. Ulenspiegel hatte Hunger und Nele suchte wohlschmeckende -Wurzeln und fand nur Küsse, die ihr Freund ihr gab, -und Eicheln. Nachdem Ulenspiegel Schlingen aufgestellt hatte, -pfiff er, um die Vögel zu locken, auf daß er die, welche hineingingen, -briete. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter nahe -zu Nele; sie wollte sie singen lassen und fing sie nicht. Eine Grasmücke -kam, und sie hatte Mitleid mit ihr, weil sie so stolz war. -Alsdann kam eine Lerche, aber Nele sprach zu ihr, daß sie besser -täte, in Himmelshöhen der Natur ein Loblied zu singen, denn sich -ungeschickt über der mörderischen Spitze eines Spießes abzuzappeln. -Und sie redete wahr, maßen Ulenspiegel in der Zwischenzeit ein -helles Feuer entzündet und einen Spieß geschnitzt hatte, der -seiner Opfer harrte.</p> - -<p>Aber die Vögel kamen nicht mehr, es sei denn etliche bösen Raben, -die sehr hoch ob ihren Häuptern krächzten.</p> - -<p>Und also aß Ulenspiegel nicht.</p> - -<p>Indessen mußte Nele fort und zu Katheline heimkehren.</p> - -<p>Sie wanderte weinend, und Ulenspiegel sah sie von ferne schreiten. -Aber sie kehrte um, fiel ihm um den Hals und sprach:</p> - -<p>„Ich gehe von hinnen.“</p> - -<p>Alsdann tat sie etliche Schritte, kam wieder zurück und sagte -abermals:</p> - -<p>„Ich gehe von hinnen.“</p> - -<p>Und so zwanzig Mal aufeinander und noch mehr.</p> - -<p>Dann ging sie fort, und Ulenspiegel blieb allein. Er machte sich -alsbald auf den Weg, um Lamm einzuholen.</p> - -<p>Da er zu ihm stieß, fand er ihn unten am Turm sitzen, einen -großen Krug Braunbier zwischen den Beinen und trübselig an -einer Haselgerte kauend.</p> - -<p>„Ulenspiegel,“ sagte er, „ich vermeine, daß Du mich nur hierher -geschickt hast, um mit dem Mägdlein allein zu bleiben. Ich habe -siebenmal mit der Haselrute an jede Seite des Turmes geschlagen, -wie Du mich geheißen, aber ob der Wind gleich wie ein Teufel -bläst, haben die Angeln nicht gekreischt.“</p> - -<p>„Man wird sie ohne Zweifel geölt haben“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Dann machten sie sich auf nach dem Herzogtum Brabant.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>5</h3> -<hr class="full" /> - -<p>König Philipp, der finstere, kritzelte den ganzen Tag lang und -selbst die Nacht ohne Rast noch Ruh und beschmierte Papiere -und Pergamente. Ihnen vertraute er die Gedanken seines harten -Herzens an. Da er sein Lebenlang keinen Menschen geliebt und -wohl wußte, daß keiner ihn liebte, auch gewillt war, sein ungeheures -Reich allein zu tragen, brach er, ein kläglicher Atlas, unter -der Last zusammen. Trägen Blutes und trübsinnig, wie er -war, zehrten seine übermäßigen Anstrengungen an seinem schwachen -Körper. Voller Abscheu gegen jedes fröhliche Gesicht, haßte -er unsere Lande ihres heiteren Sinnes halber, haßte unsere Kaufherren -um ihrer Prachtliebe und ihres Reichtums willen, unsern -Adel ob seiner freimütigen Reden, seines offenherzigen Gehabens -und der strotzenden Kraft seines rechtschaffenen Frohsinns. Er -wußte, denn man hatte es ihm gesagt, daß sich in unsern Landen -die Empörung gegen den Papst und die römische Kirche in -unterschiedlichen Sekten geoffenbart hatte und in allen Köpfen, -gleich siedendem Wasser in einem geschlossenen Kessel war. Und -dieses lange, ehe der Bischof van Cusa um das Jahr 1380 die -Mißbräuche der Kirche angezeigt und die Notwendigkeit der -Reformen gepredigt hatte. Gleich einem starrköpfigen Maultier -glaubte er, daß sein Wille wie der Wille Gottes auf der ganzen Welt -lasten müsse. Er wollte, daß unsere Länder, des Gehorchens entwöhnt, -sich unter das alte Joch beugten, ohne irgend eine Reform -zu erlangen. Er wollte Seine heilige Mutter Kirche katholisch, -apostolisch und römisch haben, einig, ungeteilt und allgemein, -ohne Neuerung noch Änderung, und hatte keinen andern Grund -es zu wollen, als weil er es wollte. Auch hierin handelte er wie -ein unvernünftiges Weib und wälzte sich nachts in seinem Bett -wie auf einem Dornenlager, ohn Unterlaß von seinen Gedanken -gepeinigt.</p> - -<p>„Ja, Sankt Philippus, ja Herr Gott, sollte ich auch aus den -Niederlanden eine große Gruft machen und alle Einwohner -hineinwerfen, so würden sie zu Euch, mein benedeiter Schutzpatron, -und auch zu Euch, heilige Frau Maria, und zu Euch, -Ihr heiligen Männer und Frauen des Paradieses, zurückkehren.“ -Und er versuchte zu tun, wie er gesagt, und also ward er römischer -denn der Papst und katholischer denn die Konzile.</p> - -<p>Und Ulenspiegel und Lamm und das Volk Flanderns und der -Niederlande glaubten voll Bängnis, in der Ferne, in dem düstern -Palast von Eskurial, diese gekrönte Spinne zu sehen, so mit -ihren langen Beinen und geöffneten Zangen ihr Netz spannte, um -sie darein zu verstricken und ihnen ihr Herzblut auszusaugen.</p> - -<p>Ohngeachtet die päpstliche Inquisition unter Karls Regierung -hunderttausend Christen durch Scheiterhaufen, Grube und -Strang getötet hatte; ohngeachtet die Vermögen der armen Verurteilten -in die Truhen des Kaisers und des Königs gelaufen -waren, wie Regen in die Dachtraufe, vermeinte Philipp, daß -solches nicht genug sei. Er drängte dem Lande neue Bischöfe auf -und vermaß sich, die hispanische Inquisition dort einzuführen.</p> - -<p>Und die Herolde in den Städten lasen überall beim Schall der -Trompeten und Schellentrommeln Edikte vor, so für alle Ketzer, -Männer, Frauen und Jungfrauen bestimmten: den Feuerstod für -die, so ihren Irrglauben nicht abschworen, den Tod durch den -Strang für die, so widerriefen. Frauen und Jungfrauen sollten -lebendig begraben werden, und der Henker sollte auf ihren Leibern -tanzen.</p> - -<p>Und das Feuer des Aufstandes lief durch das ganze Land.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>6</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am fünften April vor Ostern traten die Herren Graf Ludwig von -Nassau, von Kuilenburg, von Brederode, der herkulische Zecher, -mit dreihundert andern Edelleuten in den Burghof zu Brüsselen -zur Frau Herzogin Regentin von Parma. In Reihen zu Vieren -stiegen sie die große Treppe des Palastes hinauf. Da sie in die -Halle kamen, darin Ihre Hoheit verweilte, überreichten sie ihr -eine Bittschrift. In selbiger baten sie sie, von König Philipp -die Abschaffung der Verordnungen zu erlangen, so die Sache -der Religion, desgleichen die hispanische Inquisition beträfen. -Sie erklärten, daß in unseren unzufriedenen Ländern daraus -nichts denn Unruhen, Trümmer und allgemeines Elend entstehen -können.</p> - -<p>Und diese Bittschrift ward <em>der Kompromiß</em> genannt.</p> - -<p>Berlaymont, welcher nachmals so verräterisch und grausam gegen -das Land seiner Väter war, stund neben Ihrer Hoheit und -sagte zu ihr, der Armut von etlichen unter den edlen Verbündeten -spottend:</p> - -<p>„Edle Herrin, fürchtet nichts, es sind nur Bettler.“</p> - -<p>Damit meinte er, daß diese Adligen sich in des Königs Dienst zugrunde -gerichtet hätten oder vielmehr, indem sie es durch ihren -Aufwand den spanischen Rittern gleichtun wollten.</p> - -<p>Um die Worte des Herrn von Berlaymont mit Verachtung zu -strafen, erklärten die Ritter nachmals, „daß sie es sich zur Ehre -anrechneten, für den Dienst des Königs und dieser Länder als -Bettler (Geusen) erachtet und also geheißen zu werden.“</p> - -<p>Sie begannen, güldene Schaumünzen um den Hals zu tragen, die -auf einer Seite des Königs Bildnis trugen und auf der andern -zwei Hände, so sich um einen Bettelsack ineinander schlangen. -Dazu die Worte: „Getreu dem König bis zum Bettelsack“. Auch -trugen sie an ihren Hüten und Kappen güldne Kleinodien in Gestalt -von Eßnäpfen und Bettlerhüten.</p> - -<p>Derweilen führte Lamm seinen Bauch durch die ganze Stadt, -suchte sein Weib und fand es nicht.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>7</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel sprach eines Morgens zu ihm:</p> - -<p>„Folge mir nach. Wir wollen eine hohe, edle, mächtige und gefürchtete -Person begrüßen.“</p> - -<p>„Wird sie mir sagen, wo mein Weib ist?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Wenn sie es weiß“, entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Und sie begaben sich zu Brederode, dem herkulischen Zecher. Er -stand im Hofe seines Palastes.</p> - -<p>„Was begehrst Du von mir?“ fragte er Ulenspiegel.</p> - -<p>„Mit Euch zu reden, edler Herr,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„So rede“, sprach dagegen Brederode.</p> - -<p>„Ihr seid,“ sagte Ulenspiegel, „ein schöner, kühner und starker -Ritter. Einstmals erdrücktet ihr einen Franzosen in seinem Panzer -wie ein Muscheltier in seiner Schale. Aber wie Ihr stark und -kühn seid, so seid Ihr auch klug. Warum tragt Ihr denn diese -Schaumünze, auf der ich lese: „Getreu dem König bis zum Bettelsack?“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Lamm, „warum also, edler Herr?“</p> - -<p>Aber Brederode antwortete ihm nicht, sondern schaute Ulenspiegel -an. Dieser redete weiter und sprach:</p> - -<p>„Warum wollt Ihr edlen Herren dem König bis zum Bettelsack -treu sein? Ist es, dieweil er Euch so gar wohl will, oder der -schönen Freundschaft halber, die er für Euch hegt? Was schaffet -Ihr nicht, daß der Henker, seiner Länder beraubt, allzeit dem -Bettelsack getreu sei, anstatt daß Ihr ihm bis zum Bettelsack getreu -seid?“</p> - -<p>Und Lamm nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Zustimmung.</p> - -<p>Brederode schaute Ulenspiegel mit seinem durchdringenden -Blick an und lächelte, da er sein gutes Gesicht sah.</p> - -<p>„So Du nicht ein Spion des Königs Philipp bist, bist Du ein -guter Vlamländer, und ich will Dich für beide Fälle belohnen.“</p> - -<p>Er führte ihn in sein Speisezimmer, und Lamm folgte ihnen. -Daselbst zerrte er ihn am Ohr bis aufs Blut.</p> - -<p>„Das ist“, sagte er, „für den Spion.“</p> - -<p>Ulenspiegel schrie nicht.</p> - -<p>„Bringe den Kessel mit Zimmetwein“, sprach er zu seinem Kellermeister.</p> - -<p>Der Kellermeister brachte den Kessel herbei und einen großen -Humpen mit Glühwein, der die Luft mit Wohlgeruch erfüllte.</p> - -<p>„Trink,“ sprach Brederode, „dies ist für den guten Vlamländer.“</p> - -<p>„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „das ist ein guter Vlamländer, der -spricht eine zimmetgewürzte Sprache, die Heiligen sprechen keine -bessere.“</p> - -<p>Nachdem er die Hälfte des Weins getrunken, reichte er Lamm -die andere.</p> - -<p>„Wer ist dieser dickwanstige Freßsack, der belohnt wird, ohne daß -er etwas getan hat?“ fragte Brederode.</p> - -<p>„Das ist mein Freund Lamm,“ versetzte Ulenspiegel, „der allemal, -wenn er Glühwein trinkt, sich einbildet, daß er sein Weib wiederfinden -wird.“</p> - -<p>„So ist’s“, sprach Lamm, der mit großer Andacht den Wein aus -dem Humpen schlürfte.</p> - -<p>„Wohin geht Ihr jetzo?“ fragte Brederode.</p> - -<p>„Wir sind auf der Suche nach den Sieben, die das Land Flandern -retten werden.“</p> - -<p>„Welche Sieben?“ fragte Brederode.</p> - -<p>„Wenn ich sie gefunden habe, werde ich Euch sagen, wer sie sind,“ -antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Aber Lamm, guter Dinge, dieweil er getrunken hatte, sagte:</p> - -<p>„Tyll, wenn wir mein Weib auf dem Mond suchten?“</p> - -<p>„Bestell die Leiter“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Im Mai, dem grünen Monat, sagte Ulenspiegel zu Lamm:</p> - -<p>„Nun haben wir den schönen Maimond. Ei, der klare blaue -Himmel, die fröhlichen Schwalben. Siehe, die Zweige sind heiß -von Saft, das Land ist voller Liebe, das ist der Augenblick, um -des Glaubens willen zu henken und zu brennen. Sie sind da, die -guten kleinen Inquisitoren. Welch edle Gesichter! Sie haben -jegliche Gewalt, zu züchtigen, zu strafen, abzusetzen und den -weltlichen Richtern zu überantworten, auch ihre Gefängnisse zu benutzen. -/ Ei, der schöne Maimond! / Sie können gefangen nehmen, -Prozesse führen, ohne sich der gewöhnlichen Form der Justiz zu -bedienen, können brennen, henken, enthaupten und für die armen -Frauen und Jungfrauen die Grube des vorzeitigen Todes graben. -/ Die Finken singen in den Bäumen. Die guten Inquisitoren -haben ein Auge auf die Reichen. Und der König wird erben. -Auf, ihr Mägdlein, tanzet auf der Wiese beim Schall von Dudelsack -und Schalmei. O, der Wonnemond!“</p> - -<p>Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.</p> - -<p>„Laß uns gehen,“ sprach er zu Lamm. „Glücklich, die den Mut -aufrecht und den Degen hoch halten in den düstren Tagen, die -da kommen werden.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>8</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Eines Tages im Augustmonat ging Ulenspiegel in der flandrischen -Straße zu Brüssel vor dem Hause von Jan Potztausend vorbei, -welcher also genannt ward, weil sein väterlicher Großvater im -Zorn so zu fluchen pflegte, um nicht den allerheiligsten Namen -Gottes zu lästern. Besagter Potztausend war seines Zeichens -Sticker; aber da er durch unmäßiges Trinken taub und blind geworden, -stickte sein Weib, eine alte Gevatterin mit mürrischer -Miene, an seiner Statt die Röcke, Wämser, Mäntel und -Schuhe der Herren. Ihr hübsches Töchterlein half ihr bei dieser -einträglichen Arbeit.</p> - -<p>Da Ulenspiegel zur Dämmerstunde vor sotanem Hause vorüberging, -sah er das Mägdlein am Fenster und hörte es rufen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Erntemond, Erntemond,</div> - <div class="verse indent0">Sag an, holder Mond,</div> - <div class="verse indent0">Wer wird mich freien,</div> - <div class="verse indent0">Sag an, lieber Mond?“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ich,“ sprach Ulenspiegel, „so Du willst.“</p> - -<p>„Du?“ fragte sie. „Komm näher, daß ich Dich betrachte.“</p> - -<p>Aber er:</p> - -<p>„Wie kommt’s, daß Du im Augustmond rufst, und daß die Brabanter -Mägdlein am Vorabend des März rufen?“</p> - -<p>„Die,“ sagte sie, „haben nur einen Monat, ihnen einen Mann zu -bescheren, ich habe deren zwölf. Am Vorabend eines jeden / nicht -um Mitternacht, sondern in den sechs Stunden vor Mitternacht -/ springe ich aus meinem Bett, mache drei Schritte rückwärts gegen -das Fenster und rufe, was Dir bekannt ist. Dann kehre ich um -und mache drei Schritte rückwärts gegen das Bett, und um -Mitternacht leg ich mich nieder, schlafe ein und träume von dem -Mann, den ich bekommen werde. Aber die Monate, die lieben -Monate, sind von Natur schlimme Spötter, und so träume ich -nicht mehr von einem Mann, sondern von zwölfen auf einmal: -Du wirst der dreizehnte sein, wenn Du willst.“</p> - -<p>„Die andern möchten eifersüchtig werden,“ antwortete Ulenspiegel. -„Du rufst auch: Erlösung?“</p> - -<p>Das Mägdlein errötete und gab zur Antwort:</p> - -<p>„Ich rufe Erlösung und weiß, was ich begehre.“</p> - -<p>„Ich weiß es gleichfalls und bringe es Dir.“</p> - -<p>„Du mußt warten,“ sagte sie lächelnd und zeigte ihre weißen -Zähne.</p> - -<p>„Warten?“ sagte Ulenspiegel, „nein! Ein Haus kann mir auf -den Kopf fallen, ein Windstoß mich in einen Graben werfen, ein -toller Köter mich ins Bein beißen; nein, ich werde nicht warten.“</p> - -<p>„Ich bin zu jung,“ sprach sie, „und rufe nur, weil es Brauch -ist.“</p> - -<p>Ulenspiegel ward argwöhnisch, gedenkend, daß die Brabanter -Jungfrauen am Vorabend des März und nicht im Erntemond -nach einem Manne rufen.</p> - -<p>Sie sagte lächelnd:</p> - -<p>„Ich bin zu jung und rufe nur, weil es Brauch ist.“</p> - -<p>„Willst Du warten, bis Du zu alt bist?“ erwiderte Ulenspiegel. -„Das ist eine schlechte Rechenkunst. Ich habe nimmer einen so -runden Hals und weiße Brüste gesehen, Brüste einer Vlamländerin, -voll der guten Milch, die Männer macht.“</p> - -<p>„Voll? noch nicht, voreiliger Wanderer“, sagte sie.</p> - -<p>„Warten“, wiederholte Ulenspiegel. „Soll ich etwa keine Zähne -mehr haben, um Dich, Holde, ganz roh zu verschlingen? Du -antwortest nicht, Du lächelst mit Deinen klaren, braunen Augen -und Deinem kirschroten Mündlein.“</p> - -<p>Das Mägdlein sah ihn listig an:</p> - -<p>„Warum liebst Du mich so schnell? Welch Handwerk treibst Du? -Bist Du ein Bettler, bist Du reich?“</p> - -<p>„Ich bin ein Bettler und auch reich, so Du mir Deinen reizenden -Leib gibst.“</p> - -<p>Sie entgegnete:</p> - -<p>„Nicht das will ich wissen. Gehest Du zur Messe? Bist Du ein -guter Christ? Wo wohnest Du? Würdest Du zu sagen wagen, -daß Du ein Bettler, ein Geuse, ein wirklicher Geuse bist, der sich -wider die Dekrete und die Inquisition auflehnt?“</p> - -<p>Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.</p> - -<p>„Ich bin ein Geuse,“ sagte er, „und will die Unterdrücker der -Niederlande tot und von den Würmern gefressen sehen. Du schaust -mich an, Geliebte. Das Feuer der Liebe, das für dich, Holde, -brennt, ist das Feuer der Jugend, Gott entzündete es, es flammet, -wie die Sonne leuchtet, bis daß es erlischt. Aber das Feuer der -Rache, so in meinem Herzen glimmt, hat Gott gleichermaßen entzündet. -Es wird Schwert, Feuer, Strang, Feuersbrunst, Verwüstung, -Krieg und Untergang der Henker sein.“</p> - -<p>„Du bist schön,“ sprach sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen; -„aber schweige.“</p> - -<p>„Warum weinest Du?“ fragte er.</p> - -<p>„Du mußt hier und wo immer Du bist, acht geben“, sagte sie.</p> - -<p>„Haben diese Wände Ohren?“ fragte er.</p> - -<p>„Sie haben nur die meinen“, sprach sie.</p> - -<p>„Von Amor gemeißelt, ich schließe sie mit einem Kuß.“</p> - -<p>„Törichter Freund, hör mich an, wenn ich spreche.“</p> - -<p>„Warum? Was hast Du mir zu sagen?“</p> - -<p>„Hör mich an,“ sprach sie voll Ungeduld. „Da kommt meine -Mutter ... Schweige, schweige sonderlich vor ihr ...“</p> - -<p>Die alte Potztausend kam herein. Ulenspiegel sprach zu sich, indem -er sie betrachtete:</p> - -<p>„Ein Gesicht, wie ein Schaumlöffel durchlöchert, Augen mit -hartem und falschem Blick, ein Mund, der lachen will, und Fratzen, -Ihr macht mich neugierig.“</p> - -<p>„Gott sei mit Euch, Herr, mit Euch immerdar“, sagte die Alte. -„Ich habe Geld empfangen, Töchterlein, schönes Geld vom Herrn -van Egmont, da ich ihm seinen Mantel brachte, auf den ich die -Narrenkappe gestickt hatte. Ja, Herr, eine Narrenkappe wider -den Roten Hund.“</p> - -<p>„Den Kardinal von Granvella?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ja“, sagte sie, „wider den Roten Hund. Man sagt, daß er dem -König ihre Anschläge hinterbringt; sie wollen ihn umbringen. -Sie haben recht, ist es nicht so?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete nicht.</p> - -<p>„Ihr sahet sie nicht auf den Straßen mit einem Wams und einem -grauen Oberkleid, wie das Volk es trägt, mit langen, hängenden -Aermeln und Mönchskapuzen und auf all den grauen Oberkleidern -die gestickte Narrenkappe. Ich habe ihrer zum mindesten -siebenundzwanzig gemacht und mein Töchterlein fünfzehn. Das -erboste den Roten Hund, diese Kappen zu sehen.“</p> - -<p>Dann flüsterte sie Ulenspiegel ins Ohr:</p> - -<p>„Ich weiß, daß die Herren beschlossen haben, die Kappe durch ein -Aehrenbündel zu ersetzen, zum Zeichen der Einigkeit. Ja, ja sie -wollen wider König und Inquisition kämpfen. Sie tun wohl -daran, nicht so, Herr?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete nicht.</p> - -<p>„Der fremde Herr braut Trübsal,“ sagte die Alte. „Sein Schnabel -ist mit einem Mal zu.“</p> - -<p>Ulenspiegel ließ kein Wort fallen und ging.</p> - -<p>Alsbald kehrte er in eine Musikschenke ein, um das Trinken nicht -zu vergessen. Die Schenke war voll von Zechern, die sprachen -ohne alle Fürsicht vom König, den verhaßten Dekreten, der Inquisition -und dem Roten Hund, so gezwungen werden müßte, das -Land zu verlassen. Da sah er die Alte ganz zerlumpt und dem -Anschein nach schlafend bei einem Schöpplein Branntwein. Also -verharrte sie eine lange Weile, dann zog sie einen kleinen Teller -aus ihrer Tasche, und er sah sie unter den Zechern betteln, sonderlich -bei denen, so am unfürsichtigsten redeten.</p> - -<p>Und die guten Tröpfe gaben ihr Gülden, Heller und Pfennige, -ohne zu knausern.</p> - -<p>Ulenspiegel, verhoffend, daß er von dem Mägdlein erfahren würde, -was ihm die alte Potztausend nicht sagte, ging wiederum vor das -Haus und erblickte das Mägdlein, das nicht mehr rief, sondern -ihm zulächelte und süß verheißend mit den Augen zwinkerte.</p> - -<p>Die Alte kehrte unversehens heim.</p> - -<p>Ulenspiegel, erbost sie zu sehen, rannte wie ein Hirsch durch die -Gasse und schrie: „Es brennt, es brennt“, bis er vor dem Hause -des Bäckers Jakob Pietersen angelangt war. Die Fensterscheiben -waren nach deutscher Art und flammten rot in der untergehenden -Sonne. Ein dicker Rauch von Scheiten, so im Backofen zu Kohle -wurden, entstieg der Esse der Bäckerei. Ulenspiegel rannte unaufhörlich -und schrie: „Es brennt, es brennt“, und zeigte auf -Jakob Pietersens Haus. Die Menge sammelte sich davor, sah -die roten Fensterscheiben und den dicken Rauch und schrie gleich -wie Ulenspiegel: „Es brennt, es brennt“. Der Wächter Unserer -lieben Frau von der Kapellen stieß ins Horn, dieweil der Küster aus -Leibeskräften die Feuerglocke, „Wacharm“ genannt, läutete. Und -die Büblein und Dirnlein liefen pfeifend und singend in Schwärmen -herzu.</p> - -<p>Da Glocke und Trompete immerwährend erschallten, schnürte die -alte Potztausend ihr Bündel und ging von dannen.</p> - -<p>Ulenspiegel erspähte sie. Als sie fern war, trat er ins Haus.</p> - -<p>„Du hier,“ sagte das Mägdlein, „so brennt es dorten nicht?“</p> - -<p>„Da? nein“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Aber die Glocke, die läutet?“</p> - -<p>„Sie weiß nicht, was sie tut“, antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Und diese klägliche Trompete und all das rennende Volk?“</p> - -<p>„Die Zahl der Narren ist unendlich.“</p> - -<p>„Was brennt denn?“</p> - -<p>„Deine Augen und mein entflammtes Herz“, erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Und er flog an ihren Mund.</p> - -<p>„Du issest mich auf“, sagte sie.</p> - -<p>„Ich habe die Kirschen gern“, sagte er.</p> - -<p>Sie blickte ihn lächelnd und betrübt an. Plötzlich sagte sie weinend: -„Komm nicht mehr hierher. Du bist ein Geuse und Feind des -Papstes, komme nicht wieder ...“</p> - -<p>„Deine Mutter!“ sagte er.</p> - -<p>„Ja,“ sprach sie errötend. „Weißt Du, wo sie zur Stunde ist? -Sie horcht da, wo es brennt. Weißt Du, wohin sie alsbald gehen -wird? Zum Roten Hund, um alles zu berichten, was sie weiß, und -dem Herzog, der da kommen wird, das Werk zu bereiten. Flieh, -Ulenspiegel, ich rette Dich, flieh. Noch einen Kuß, aber komm -nicht wieder; noch einen, Du bist schön, ich weine / aber geh.“</p> - -<p>„Wackeres Mägdlein“, sprach Ulenspiegel und hielt sie umfangen.</p> - -<p>„Ich war es nicht allezeit,“ sagte sie. „Ich war wie sie ...“</p> - -<p>„Dies Singen,“ sagte er „diese stummen Rufe der Schönheit -für verliebte Männer?“ ...</p> - -<p>„Ja“, sprach sie. „Meine Mutter wollt’ es so. Dich rette ich, -denn ich liebe Dich inniglich. Die andern werde ich Dir zum Andenken -retten, mein Geliebter. Wenn du ferne sein wirst, wird -dich dein Herz zu dem reuigen Mädchen ziehen? Küß mich, Herzliebster. -Es wird nimmermehr um Geld Opfer zum Scheiterhaufen -liefern. Geh; nein, verweile noch. Wie weich deine Hand -ist. Halt, ich küsse deine Hand, das ist das Zeichen der Knechtschaft. -Du bist mein Herr. Horch, komm näher, aber schweige. -Diese Nacht sind Männer ins Haus gekommen, Lumpen und Spitzbuben, -einer nach dem andern, und unter ihnen ein Italiener. -Meine Mutter hieß sie, in das Gemach eintreten, in dem du jetzo -bist, befahl mir herauszugehen und schloß die Türe. Ich hörte -diese Worte „Steinernes Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession, -Antwerpen, Unsere liebe Frau ...“ ersticktes Gelächter -und das Klimpern von Gülden, so auf den Tisch gezählt wurden. -... Flieh, da sind sie; flieh, mein Geliebter. Halt mich in liebem -Gedenken; flieh!“ ...</p> - -<p>Ulenspiegel lief, wie sie ihn hieß, bis „<span class="antiqua">In den ouden Haen</span>“ und -fand allda Lamm, welcher Trübsal braute, eine Wurst knabberte -und seine siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte.</p> - -<p>Und er zwang ihn, gleich ihm zu laufen, ohngeachtet seines Bauches.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>9</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Dieweil er so im Schnelltrabe rannte und Lamm hintendrein, fand -er in der Eikenstraat ein boshaftes Pasquill gegen Brederode. Er -brachte es ihm geradenwegs.</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ sagte er, „ich bin jener gute Vlämländer und -jener Spion des Königs, dem Ihr so trefflich die Ohren riebt und -dem Ihr so guten Glühwein zu trinken gabt. Er bringt Euch ein -artiges, kleines Pamphlet, in dem man Euch unter anderm beschuldigt, -Euch Graf von Holland zu titulieren wie der König. -Es kommt frisch aus der Druckerpresse von Jan Lügenbold, der -am Damm der Taugenichtse in der Sackgasse der Ehrabschneider -wohnt.“</p> - -<p>Brederode erwiderte ihm mit Lächeln:</p> - -<p>„Ich werde dich während zweier Stunden peitschen lassen, so Du -mir nicht den wahren Namen des Skribenten sagst.“</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „lasset mich zwei Jahre -lang peitschen, wenn Ihr wollet; aber Ihr könnet meinen Rücken -nicht zwingen auszusagen, was mein Mund nicht weiß.“</p> - -<p>Und er ging fürbaß, nicht ohne einen Gulden für seine Mühe erhalten -zu haben.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>10</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Seit Juni, dem Rosenmond, hatten im Lande Flandern die Predigten -begonnen.</p> - -<p>Und die Apostel der ursprünglichen christlichen Kirche predigten -aller Orten, auf Feldern und in Gärten, auf den Hügeln, die zur -Zeit der Überschwemmung als Zuflucht für das Vieh dienen, und -auf den Flüssen in Barken.</p> - -<p>Zu Lande verschanzten sie sich wie in einem Lager, indem sie sich -mit ihren Wagen umgaben. Auf den Flüssen oder in den Häfen -hielten Kähne mit Gewaffneten Wacht um sie her. Und in den -Lagern beschirmten Musketiere und Scharfschützen sie vor den -Überfällen des Feindes. Und also ward das Wort der Freiheit -aller Orten auf der heimischen Erde vernommen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>11</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel und Lamm mit ihrem Wagen nach Brügge kamen -und ihn in einen Nachbarhof einstellten, traten sie nicht in eine -Schenke, sondern in die Kirche des Heiligen Erlösers, sintemalen -in ihren Säckeln kein lustig Geldklingeln mehr zu hören war.</p> - -<p>Pater Cornelis Adriaensen, ein Minoritenbruder, ein schmutziger, -schamloser, wütender, keifender Predikant, ereiferte sich an -jenem Tage auf der Kanzel der Wahrheit. Junge, schöne andächtige -Frauen drängten sich um ihn. Pater Cornelis redete von -der Passion. Und als er bei der Stelle des Heiligen Evangelii -war, da die Juden, vom Herrn Jesu sprechend, Pilato zuschreien: -„Kreuzige ihn, kreuzige ihn, denn wir haben ein Gesetz, und nach -dem Gesetz muß er sterben!“ rief Bruder Cornelis aus:</p> - -<p>„Ihr habt es gehört, Ihr guten Leute. Wenn unser Herr Jesus -Christus einen schrecklichen, schmählichen Tod erlitten hat, so ist -das geschehen, weil es allezeit Gesetze gab, um die Ketzer zu -strafen. Er wurde zu Recht verurteilt, weil er den Gesetzen nicht -gehorcht hatte. Und jetzt wollen sie die Edikte und Dekrete für -nichts achten! Ach, Jesus, welchen Fluch willst du auf diese -Lande fallen lassen! Hochwürdige Mutter Gottes, wenn Kaiser -Karl noch am Leben wäre und das Ärgernis dieser edlen Verbündeten -sehen könnte. Sie haben gewagt, der Regentin eine Bittschrift -wider die Inquisition zu überreichen, und wider die Dekrete, -so zu einem so guten Zweck gemacht sind, so reiflich bedacht und -nach so langen und klugen Erwägungen verfaßt, um alle Sekten -und Ketzereien zu vernichten! Und wo sie nötiger sind als Brot -und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In welchen stinkenden, -eklen, scheußlichen Abgrund stürzt man uns jetzo? Luther, -dieser schmutzige Luther, dieser tolle Ochs, triumphiert in Sachsen, -Braunschweig, Lüneburg, Mecklenburg. Brentius, der kotige -Brentius, der in Deutschland von Eicheln lebte, so die Schweine -nicht mochten, Brentius triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige -Servet, der ein Mondviertel im Kopf hatte, der Antitrinitarier -Servet regiert in Pommern, Dänemark und Schweden, -und allda wagt er die heilige, glorreiche und mächtige Dreieinigkeit -zu lästern. Aber man hat mir gesagt, daß er durch Calvin, -der nur hierin gut war, lebendig verbrannt worden ist; ja, durch -den stinkenden Calvin, der sauer riecht, mit seiner Schnauze, -so lang wie ein Schlauch, mit seinen Käsegesicht und Zähnen so -groß wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen sich untereinander; -jawohl, dieser Ochs Luther, dieser tolle Ochs, wappnete -die deutschen Fürsten wider den Wiedertäufer Münzer, der -ein Biedermann war, wie man sagt, und nach dem Evangelio -lebte. Und durch ganz Deutschland hat man das Brüllen dieses -Ochsen gehört, ja!</p> - -<p>„Und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, -Seeland? Adamiten, so ganz nackend auf den Gassen laufen. -Ja, Ihr guten Leute, ganz nackend auf den Gassen, und zeigen -den Vorbeigehenden ohne Scham ihr mageres Fleisch. Ihr sagt, -es war nur einer. Ja / zugegeben, einer gilt so viel wie hundert, -hundert wie einer. Und er wurde verbrannt, sagt ihr, lebendig -verbrannt auf die Bitte der Calvinisten und Lutheraner. Diese -Wölfe fressen sich untereinander, sage ich Euch!</p> - -<p>„Jawohl, was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, -Seeland? Freidenker, die da lehren, daß jede Knechtschaft -dem Worte Gottes zuwider sei. Sie lügen, die stinkenden Ketzer, -man muß sich der heiligen römischen Mutter Kirche unterwerfen. -Und in dieser verfluchten Stadt Antwerpen, dem Stelldichein der -ganzen ketzerischen Hundebrut der Welt, haben sie zu predigen gewagt, -daß wir die Hostie mit Hundefett backen lassen. Ein andrer -sagt / es ist jener Geuse, der dort an der Straßenecke auf dem -Nachttopf sitzt / „Es ist kein Gott, noch ewiges Leben, noch Auferstehung -des Fleisches, noch ewige Verdammnis.“ / „Man kann -ohne Salz, ohne Schweineschmalz, ohne Speichel, ohne Teufelaustreibung -und Kerze taufen“, sagt ein anderer da unten mit heuleriger -Stimme. / „Es gibt kein Fegefeuer“, sagt ein andrer mit -kläglicher Stimme. „Kein Fegefeuer, Ihr guten Leute! Wehe, -Euch wäre besser, mit Euren Müttern, Schwestern und Töchtern -gesündigt zu haben, denn am Fegefeuer zu zweifeln!“</p> - -<p>„Jawohl, sie rümpfen die Nase vor dem Inquisitor, dem heiligen -Manne. Sie sind unweit von hier nach Belem gezogen, an -viertausend Calvinisten, mit Gewappneten, Bannern und Trommeln. -Jawohl, und Ihr riechet von hier den Dunst ihrer -Speisen. Sie haben die Kirche Sankt Katholyne in Besitz genommen, -um sie zu entehren, zu entweihen, zu entheiligen durch -ihr verfluchtes Gepredige.</p> - -<p>„Was soll diese gottlose und schändliche Duldsamkeit? Bei -den tausend Teufeln der Hölle, warum nehmet Ihr nicht auch -die Waffen zur Hand, Ihr katholischen Rüden? Ihr habet gleich -den verdammten Calvinisten Kürasse, Lanzen, Hellebarden, -Degen, Schwerter, Armbrüste, Messer, Knüttel, Spieße und die -Bombarden und Feldschlangen der Stadt.</p> - -<p>„Sie sind friedfertig, saget ihr; sie wollen in aller Freiheit und -Ruhe das Wort Gottes hören. Das ist mir ganz eins. Hinaus aus -Brügge! Jaget, tötet, werfet mir alle diese Calvinisten aus -der Kirche. Ihr seid noch nicht fort! Pfui, über Euch! Ihr -seid Hühner, die auf ihrem Misthaufen zittern. Ich sehe schon -den Augenblick, da diese verdammten Calvinisten auf dem Bauch -Eurer Weiber und Töchter die Trommel schlagen, und Ihr lasset -sie, Ihr Männer von Werg und Teig. Gehet ja nicht dahin, mitnichten! -Ihr würdet in der Schlacht Eure Hosen naß machen. -Pfui über Euch Brügger, pfui, Ihr Katholiken! Das heißt -gut katholisch sein, Ihr feigen Memmen! Schande über -Euch, Ihr Enten und Enteriche, Gänse und Truthähne, die Ihr -seid!</p> - -<p>„Ei, sind es nicht schöne Prediger, daß Ihr so in Haufen zu -Ihnen gehet, die Lügen anzuhören, die sie ausspeien, daß Eure -Töchter des Nachts zu ihren Predigten gehen, auf daß in neun -Monden die Stadt voll kleiner Geusen und Geusinnen sei? Es -waren ihrer vier, vier schändliche Taugenichtse, so auf dem -Kirchhof gepredigt haben. Der erste dieser Hallunken, bleich -und mager, trug einen schmutzigen Hut auf dem Kopfe. Dank -dem Hut sah man seine Ohren nicht. Wer unter Euch hat die -Ohren eines der Prediger gesehen? Er war ohne Hemd, denn seine -bloßen Arme schauten ohne Linnen aus dem Wams heraus. Ich -hab es wohl gesehen, ohngeachtet er sich mit einem schmutzigen -Mäntelchen bedecken wollte, und in seinen Hosen von schwarzem -Leinen und durchscheinend wie die Turmspitze von Unsrer lieben -Frau zu Antwerpen, sah ich seine Naturglocken und seinen Klöppel. -Der andere böse Bube predigte im Wams ohne Schuhe. -Keiner hat seine Ohren gesehen. Er mußte in seinem Gepredige -innehalten, und die Knaben und Mägdlein höhnten ihn und -schrien: „Huh, huh, er weiß seine Lektion nicht.“ Der dritte -dieser schändlichen Buben trug ein schmutziges Hütlein mit einer -winzigen Feder darauf. Seine Ohren waren auch nicht zu -sehen. Der vierte Taugenichts, Hermanus, der besser ausstaffiert -war als die andern, muß an der Schulter zweimal durch -den Henker gebrandmarkt sein, jawohl.</p> - -<p>„Sie tragen alle unter ihrem Hut schmierige, seidene Mützen, so -ihre Ohren verbergen. Sahet Ihr die Ohren eines der Prediger? -Wer von diesen Lumpen wagte seine Ohren zu zeigen? Ohren, -ha, ha, seine Ohren zeigen: sie sind ihnen abgeschnitten. Jawohl, -der Henker hat ihnen allen die Ohren abgeschnitten. Und -doch scharte sich der Pöbel um die schändlichen Schufte, diese -Beutelschneider, diese Schuhflicker, die von ihren Schemeln -weggelaufen sind, diese predigenden Lumpen, und rief: „Es lebe -der Geuse!“ gleich als wären sie allzumal rasend, trunken oder -toll gewesen.</p> - -<p>„Wehe! Uns armen, römischen Katholiken bleibt nichts denn die -Niederlande zu verlassen, sintemalen man hier das Geschrei duldet: -„Es lebe der Geuse! Es lebe der Geuse.“ Welch ein verwünschter -Mühlstein ist diesem verhexten und dummen Volk auf -den Kopf gefallen, oh Jesus! Reich und Arm, Adlig und Unadlig, -Jung und Alt, Männer und Frauen schreien: „Es lebe der -Geuse“!</p> - -<p>„Und was sind diese Herren, all diese schäbigen Lederhosen, so -uns von Deutschland gekommen sind? All ihr Hab’ und Gut -ist zu den Dirnen gegangen, in Krimpelspiel, Schleckereien, Gelagen, -Völlerei, Ausschweifung und mancherlei Schändlichkeit, -Götzendienst der Würfel und Triumph der Putzsucht. Sie haben -nicht einen verrosteten Nagel, sich zu kratzen, wo es sie juckt. -Darum brauchen sie die Güter der Kirchen und Klöster.</p> - -<p>„Und auf ihrem Bankett bei dem Schelm von Kuilenburg mit -dem andern Schelm von Brederode haben sie aus hölzernen -Näpfen getrunken, Herrn von Berlaymont und Ihro Gnaden -der Frau Regentin zum Trotz. Jawohl, und haben gerufen: „Es -lebe der Geuse!“ Ach, wenn ich der liebe Gott währe, ich hätte, -mit Respekt zu vermelden, ihr Getränk, ob Bier oder Wein, in ein -schmutziges, abscheuliches Spülicht verwandelt, ja in schmutziges, -scheußliches, stinkendes Waschwasser, darin sie ihre kotigen Hemden -und Laken gewaschen hätten.</p> - -<p>„Ja, schreit, Ihr Esel, die Ihr seid, schreit nur: „Es lebe der -Geuse!“ Ich bin ein Prophet. Und alle Verwünschungen, alle -Not, Fieber, Pestilenz, Brand, Trümmer, Verwüstung, Krebs, -englisches Schweißfieber und schwarzer Tod werden über die -Niederlande kommen. Und also wird Gott für Euer ekles Geplärr: -„Es lebe der Geuse!“ gerächt werden. Und von Euren -Häusern wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben und nicht -ein Stück Knochen von Euren verdammten Beinen, die zu dieser -verfluchten Calvinisterei und Predigerei laufen. Also geschehe es, -geschehe es, geschehe es, Amen.“</p> - -<p>„Laß uns gehen, mein Sohn“, sprach Ulenspiegel zu Lamm.</p> - -<p>„Sogleich“, sagte Lamm.</p> - -<p>Und er suchte seine Frau unter den jungen, schönen, andächtigen -Frauen, die der Predigt beiwohnten, aber er fand sie nicht.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>12</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser) -genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und -Wysneusen (Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der -Mindesten heiße<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>. Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand -des Wassers und sahen unter den Bäumen, deren Laubwerk wie -ein niedrig Gewölbe bis auf ihre Köpfe hing, Männer und -Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie trugen -Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten -Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen -nichts in dieser Welt denn sich selbst.</p> - -<p>Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem -traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“</p> - -<p>Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten -Pärlein.</p> - -<p>„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just -solchen, die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der -Gräben ausstrecken, trugen wir unsre Liebe zur Schau.“</p> - -<p>„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben -auf dem Boden eines Maßkruges finden.“</p> - -<p>„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die -Sieben Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche -des heiligen Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“</p> - -<p>Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in -irgend einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und -eine artige Wirtin finden möchten und sagte wiederum:</p> - -<p>„Laß uns trinken gehen.“</p> - -<p>Aber Lamm hörte ihn nicht und sprach, indem er den Turm der -Liebfrauenkirche betrachtete:</p> - -<p>„Heilige Frau Maria, Schutzpatronin der erlaubten Liebe, gib, -daß ich noch einmal ihren weißen Busen, das weiche Schlummerkissen -sehe.“</p> - -<p>„Komm trinken“, sagte Ulenspiegel. „Du wirst sie finden, wie -sie ihn in einer Schenke den Zechern zeigt.“</p> - -<p>„Wagst Du so schlecht von ihr zu denken?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Laß uns trinken gehen,“ sagte Ulenspiegel, „sie ist ohne Zweifel -irgendwo Wirtin.“</p> - -<p>„So redet der Durst“, sagte Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel redete weiter:</p> - -<p>„Vielleicht hat sie für die armen Wanderer eine Schüssel schönen -gedämpften Ochsenfleisches aufgehoben, dessen Gewürze die Luft -mit Duft erfüllen, nicht zu fett, zart und saftig wie Rosenblätter, -und gleich Fastnachtsfischen zwischen Nelken, Muskat, -Hahnenkämmen, Kalbsmilch und andern himmlischen Leckerbissen -schwimmend.“</p> - -<p>„Du Boshafter“, sagte Lamm, „Du willst mich gewißlich umbringen. -Weißt Du nicht, daß wir seit zwei Tagen nur von trocknem -Brot und Dünnbier leben?“</p> - -<p>„Der Hunger redet aus Dir,“ versetzte Ulenspiegel. „Du weinst -vor Begierde, komm essen und trinken. Ich habe da einen hübschen -halben Gülden, der wird die Kosten unseres Schmauses -decken.“</p> - -<p>Lamm lachte. Sie holten ihren Wagen und fuhren also durch die -Stadt und suchten nach der besten Herberge. Aber sie erblickten -etliche Gesichter von Wirten, die mürrisch, und Wirtinnen, die -gar wenig mitleidig aussahen, und fuhren vorbei, denn sie gedachten, -daß eine saure Miene ein schlechtes Aushängeschild für -gastliche Küche sei.</p> - -<p>So gelangten sie zum Samstagsmarkt und kehrten in den Gasthof -„Zur Blauen Laterne“ ein. Da war ein Wirt von guter Miene. -Sie stellten ihren Wagen ein und ließen den Esel in den Stall -bringen, mit einer Metze Hafer zur Gesellschaft. Sie ließen sich -zu essen auftragen, aßen nach Herzenslust, schliefen gut und standen -auf, um wiederum zu essen. Lamm, der vor Behagen platzte, -sprach:</p> - -<p>„Ich höre himmlische Musik in meinem Magen.“</p> - -<p>Da der Augenblick des Zahlens kam, ging der Wirt zu Lamm und -sagte zu ihm:</p> - -<p>„Ich kriege zehn Heller.“</p> - -<p>„Der hat sie“, sprach Lamm zu ihm und zeigte auf Ulenspiegel. -Der aber sagte:</p> - -<p>„Ich habe sie nicht.“</p> - -<p>„Und der halbe Gülden?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Ich habe ihn nicht,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Das ist eine schöne Rede,“ sagte der Wirt. „Ich werde Euch -allen beiden Euer Wams und Hemd fortnehmen.“</p> - -<p>Plötzlich rief Lamm in der Trinklaune:</p> - -<p>„Und wenn ich essen und trinken will, essen und trinken, ja für -siebenundzwanzig Gülden und mehr trinken, so werde ich es tun. -Meinst Du, daß in diesem Bauch nicht ein roter Heller sitzt? So -wahr Gott lebt! er wurde bis heute nur mit Fettammern gemästet. -Du wirst unter Deinem schmierigen Ledergürtel nimmer -seinesgleichen tragen. Denn Du hast Dein Fett am Kragen des -Wamses, wie ein böser Mensch, und nicht wie ich drei Daumen -dicken leckeren Specks auf dem Bauch!“</p> - -<p>Der Wirt war vor Wut außer sich. Da er ohnedies stotterte, -wollte er schnell sprechen; je hastiger er aber sprach, um so mehr -nieste er wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Ulenspiegel -warf ihm Brotkügelchen an die Nase, und Lamm ereiferte sich -noch mehr und redete weiter:</p> - -<p>„Jawohl, ich habe hier genug, um Deine drei mageren Hühner, -Deine vier krätzigen Küchlein und diesen großen Dummkopf von -Pfau zu bezahlen, der seinen schmutzigen Schweif in Deinem -Hühnerhofe zur Schau trägt. Und wenn Deine Haut nicht trockner -wäre denn die eines alten Hahnes, und Deine Knochen nicht -in Deiner Brust zu Staub zerfielen, so hätte ich noch genug, um -Dich, Deinen rotznasigen Knecht und Deine einäugige Magd zu -essen und Deinen Koch dazu, dessen Arme, so er die Krätze hätte, -zu kurz wären sich zu kratzen. Ei seht doch“, so redete er weiter, -„seht doch den schönen Vogel, der uns eines halben Güldens willen -unser Wams und Hemd nehmen will? Was sind denn Deine -Kleider wert, Du zerlumptes Großmaul, ich will Dir drei Heller -dafür geben.“</p> - -<p>Aber der Wirt ward immer zorniger und schnaubte noch mehr.</p> - -<p>Und Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen ins Gesicht.</p> - -<p>Lamm war wie ein Löwe und sagte:</p> - -<p>„Was glaubst Du, magere Fratze, was ein schöner Esel mit feinem -Maul, langen Ohren, breiter Brust und Fesseln wie von Eisen -wert sei? Achtzehn Gülden zum mindesten, nicht wahr, Du -armer Schlucker von einem Wirt? Wieviel alte Nägel hast Du -in Deinen Goldtruhen, um ein so schönes Tier zu bezahlen?“</p> - -<p>Der Wirt schnaubte noch mehr, aber er wagte nicht zu mucksen.</p> - -<p>„Wieviel glaubst Du, ist ein schöner Wagen aus Eschenholz -wert, durchweg bemalt und oben mit Linnen von Courtrai gegen -Sonne und Platzregen geschirmt? Vierundzwanzig Gülden zum -mindesten, he? Und wieviel macht vierundzwanzig Gülden und -achtzehn Gülden? Antworte, Du Knicker, der nicht rechnen kann. -Und dieweil Markttag ist und Bauern in Deinem kläglichen Gasthofe -sind, so will ich ihnen beides flugs verkaufen.“</p> - -<p>Und so geschah es, denn alle kannten Lamm. Und wahrlich, er -kriegte für Esel und Wagen vierundvierzig Gülden und zehn -Heller. Darnach klimperte er dem Wirt mit dem Gold unter der -Nase und fragte ihn:</p> - -<p>„Witterst Du den Duft der künftigen Schmäuse?“</p> - -<p>„Ja,“ antwortete der Wirt.</p> - -<p>Und ganz leise sprach er:</p> - -<p>„So Du Deine Haut feil bietest, will ich sie für einen Heller -kaufen und daraus ein Amulett gegen die Verschwendung machen.“</p> - -<p>Derweilen hatte ein hübsches, artiges Weiblein, so im dunklen -Hofe stand, Lamm oftmals durchs Fenster angeschaut und allemal -wenn er ihr hübsches Lärvchen sehen konnte, zog sie sich zurück. -Am Abend, da er schwankend vom Weine, den er getrunken, -ohne Licht hinaufging, fühlte er auf der Stiege, wie eine Frau -ihn umhalste, ihn begehrlich auf Wange, Mund und gar auf die -Nase küßte und sein Antlitz mit verliebten Tränen benetzte; dann -ließ sie ihn los.</p> - -<p>Schlaftrunken von dem Getränk, legte Lamm sich nieder, schlief -und zog des andern Tages mit Ulenspiegel nach Gent.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>13</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Allda suchte er sein Weib in allen Musikschenken und Trinkstuben. -Am Abend fand er Ulenspiegel im „Singenden Schwan“ wieder.</p> - -<p>Ulenspiegel ging hin, wo er konnte, säete Aufruhr und wiegelte -das Volk auf gegen die Henker des Landes seiner Väter.</p> - -<p>Da er auf dem Freitagsmarkt bei der Dulle Griet, der großen -Kanone war, legte er sich platt auf den Bauch aufs Pflaster.</p> - -<p>Ein Kohlenträger kam und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Was tust Du da?“</p> - -<p>„Ich mache meine Nase feucht, um zu erfahren, woher der Wind -kommt.“</p> - -<p>Ein Schreiner kam.</p> - -<p>„Hältst Du das Pflaster für ein Pfühl?“ fragte er.</p> - -<p>„Es sind ihrer, die es bald zur Decke nehmen werden,“ antwortete -Ulenspiegel.</p> - -<p>Ein Mönch blieb stehen.</p> - -<p>„Was macht dieses Kalb da?“ fragte er.</p> - -<p>„Es liegt vor Euch auf dem Bauch und bittet um Euren Segen, -mein Vater,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Als der Mönch ihm den gegeben hatte, ging er fürbaß.</p> - -<p>Alsdann legte Ulenspiegel das Ohr an die Erde. Ein Bauer kam.</p> - -<p>„Hörst Du ein Geräusch da unten?“ fragte er ihn.</p> - -<p>„Ich höre das Holz wachsen, dessen Scheite dienen werden, die -armen Ketzer zu verbrennen.“</p> - -<p>„Hörst du weiter nichts?“ fragte ihn ein Stadtknecht.</p> - -<p>„Ich höre die Reiterei aus Spanien kommen; so Du etwas hast, -was Du behalten willst, grab es ein, maßen die Städte in Bälde -nicht mehr sicher sein werden vor Dieben.“</p> - -<p>„Er ist närrisch,“ sagte der Stadtknecht.</p> - -<p>„Er ist närrisch,“ wiederholten die Bürger.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>14</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Derweilen aß Lamm nicht mehr, denn er gedachte des holden -Traumes auf der Stiege der „Blauen Laterne“. Doch ob ihn -sein Herz auch nach Brügge zog, ward er von Ulenspiegel doch mit -Gewalt nach Antwerpen geführt, wo er seine traurigen Nachforschungen -fortsetzte.</p> - -<p>War Ulenspiegel in der Schenke unter guten reformierten Vlamländern, -ja, selbst unter Katholiken, welche der Freiheit wohlgesinnt -waren, so sprach er zu ihnen solcherart über die Edikte: -„Sie führen bei uns die Inquisition ein mit dem Vorgeben, uns von -der Ketzerei zu purgieren; aber dieser Rhabarber ist nur für -unsere Geldsäckel wirksam. Wir wollen keine Arzenei nehmen, -als welche uns beliebt; wir werden böse werden, uns empören -und nach den Waffen greifen. Der König wußte das im voraus. -Wenn er sieht, daß wir keinen Rhabarber wollen, wird er die -Spritzen aufmarschieren lassen, das heißt, die großen und kleinen -Kanonen, Feldschlangen, Bombarden und Mörser mit großem -Rachen! Ein königliches Klistier. In dem mit solcher Arznei -behandelten Flandern wird kein reicher Vlamländer bleiben. -Unsere Länder sind glücklich, einen so königlichen Arzt zu haben.“ -Aber die Bürger lachten.</p> - -<p>Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Lachet heute, aber fliehet oder wappnet Euch an dem Tage, da -man etwas an Unserer lieben Frau zerbrechen wird.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>15</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am fünfzehnten August, dem großen Marientag, wo die Kräuter -und Wurzeln geweiht werden und die Hennen, von Körnern satt, -für das Trompeten des Liebe verlangenden Hahnes taub sind, -ward ein großes Steinkreuz an einem der Tore von Antwerpen -von einem Italiener im Solde des Kardinals Granvella zerbrochen, -und die Prozession der Jungfrau, der grüne, gelbe und -rote Narren vorausgingen, kam aus der Frauenkirche gezogen. -Aber die Statue der Jungfrau ward unterwegs von unbekannten -Männern beschimpft und eilends in das Chor der Frauenkirche -zurückgebracht, und die Gitter wurden geschlossen.</p> - -<p>Ulenspiegel und Lamm traten in die Kirche. Junge ausgehungerte, -zerlumpte Gesellen, so männiglich fremd waren, standen -vor dem Chor und machten einander gewisse Zeichen und Fratzen. -Mit ihren Füßen und Zungen vollführten sie großen Lärm. Keiner -hatte sie in Antwerpen gesehen, keiner sah sie wieder. Einer von -ihnen, mit einem Antlitz wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob -Mieke, damit meinte er die Jungfrau, Angst gehabt hätte, dieweil -sie so hastig in die Kirche zurückgekehrt sei?</p> - -<p>„Vor Dir hat sie keine Furcht gehabt, Du garstiger Mohr,“ antwortete -Ulenspiegel.</p> - -<p>Der junge Gesell, zu dem er sprach, ging auf ihn los, um ihn zu -schlagen, aber Ulenspiegel würgte ihn am Kragen und sprach:</p> - -<p>„So Du mich schlägst, laß ich Dich Deine Zunge ausspeien.“</p> - -<p>Alsdann wandte er sich zu etlichen Männern von Antwerpen, -die da waren, und sagte, auf die jungen, zerlumpten Kerle deutend:</p> - -<p>„Signorkes und Pagaders, hütet Euch, das sind falsche Vlamländer, -Verräter, die bezahlt sind, uns Leid, Elend und Untergang -zu bringen.“</p> - -<p>Dann sprach er also zu den Unbekannten:</p> - -<p>„He, Ihr Eselsköpfe, vom Elend ausgedörrt, woher habt Ihr -das Geld, das man heute in Euern Säckeln klingen hört? Habet -Ihr etwan Eure Haut im voraus verkauft, um Trommeln daraus -zu machen?“</p> - -<p>„Sehet den Prediger!“ sagten die Unbekannten.</p> - -<p>Dann huben sie insgesamt an zu schreien und sagten von Unsrer -lieben Frau:</p> - -<p>„Mieke hat ein schönes Kleid! Mieke hat eine schöne Krone! -Ich will sie meiner Vettel geben!“</p> - -<p>Sie gingen hinaus, dieweil einer von ihnen auf die Kanzel gestiegen -war, um dort unziemliche Reden zu führen, dann kamen -sie wieder und schrien:</p> - -<p>„Steig herab, Mieke, steig herab, ehe wir dich holen. Tu ein -Wunder, auf daß wir sehen, daß Du ebensogut gehen kannst -als Dich tragen lassen, Mieke, Du Faulenzerin!“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel hatte gut rufen: „Ihr Unglücksstifter, hört auf -mit Euren schlimmen Reden, jede Plünderung ist ein Verbrechen.“ -Sie hörten schlechterdings nicht auf zu reden, und etliche sprachen -gar davon, das Chor zu erbrechen und Mieke zu zwingen, daß -sie herabstiege.</p> - -<p>Ein altes Weiblein, das in der Kirche Kerzen verkaufte und diese -Reden vernahm, warf ihnen die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht; -aber sie schlugen das Weiblein und warfen es zu Boden, -und nun begann das Getobe.</p> - -<p>Der Markgraf kam mit seinen Bütteln in die Kirche. Da er die -versammelte Menge sah, ermahnte er sie aus der Kirche zu gehen, -aber so sänftiglich, daß nur etliche von hinnen gingen; die andern -sagten:</p> - -<p>„Zuvor wollen wir die Domherren zu Miekes Ehre die Vesper -singen hören.“</p> - -<p>Der Markgraf entgegnete:</p> - -<p>„Es wird nicht gesungen werden.“</p> - -<p>„Wir wollen selber singen,“ antworteten die unbekannten Lumpen. -Solches taten sie in den Schiffen und bei der Vorhalle der -Kirche. Etliche spielten mit <span class="antiqua">krieke-steenen</span> (Kirschkernen) und -sagten: „Mieke, Du spielest nimmer im Paradies und hast keine -Kurzweil; spiele mit uns.“</p> - -<p>Und ohne Aufhören beschimpften sie das Marienbild und schrien, -höhnten und pfiffen.</p> - -<p>Der Markgraf tat, als ob er Furcht hätte, und ging hinaus. Auf -seinen Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen.</p> - -<p>Ohne daß das Volk sich darein mischte, ward das fremde Lumpengesindel -kecker und schrie noch lauter. Und die Gewölbe hallten -wider wie Donner von hundert Kanonen.</p> - -<p>Alsdann bestieg einer von ihnen die Kanzel, der mit dem Gesicht -gleich einer verbrannten Zwiebel, welcher etliches Ansehen zu -haben schien, winkte ihnen mit der Hand, predigte und sprach: -„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, -die drei sind nur einer und einer drei, Gott bewahre uns im Paradies -vor der Rechenkunst. Des heutigen Tages am fünfzehnten -des Augustmonds ist Mieke im höchsten Staat ausgegangen, um -ihr hölzernes Antlitz den Herren und Bürgern von Antwerpen zu -zeigen. Aber während der Prozession ist Mieke dem Teufel Satanas -begegnet, und Satanas, ihrer spottend, hat zu ihr gesagt: -„Du bist schier stolz als Königin ausstaffiert, Mieke; Du wirst -von vier Herren getragen und willst den armen Satanas, der -auf Schusters Rappen reitet, nicht mehr anschauen.“ Und Mieke -antwortete: „Hebe Dich weg, Satanas, auf daß ich Dir nicht -noch mehr den Kopf zertrete, Du böse Schlange!“</p> - -<p>„Mieke,“ sagte Satanas darauf, „mit diesem Geschäft verbringst -Du seit fünfzehnhundert Jahren die Zeit, aber der Geist des Herrn, -Deines Meisters, hat mich erlöset. Ich bin stärker als Du, Du -wirst mir nicht mehr auf den Kopf treten, und ich werde Dich -jetzo tanzen lassen.“ Satanas nahm eine große Peitsche, die -scharf einschnitt, und hub an, Mieke zu schlagen. Sie wagte -nicht zu schreien, aus Furcht, ihre Angst zu zeigen, und alsdann -hat sie sich in den schnellsten Trab gesetzt, und die Herren, so sie -trugen, gezwungen, auch zu laufen, um sie mit ihrer güldenen -Krone und ihren Kleinodien nicht in das arme, gemeine Volk fallen -zu lassen. Und jetzt steht Mieke still und steif in ihrer Nische und -betrachtet Satan, der da oben auf der Säule unter der kleinen -Kuppel sitzet und seine Peitsche hält und hohnlachend zu ihr -sagt:</p> - -<p>„Ich werde Dir das Blut und die Tränen heimzahlen, so in Deinem -Namen fließen! Mieke, wie steht Dein jungfräuliches Befinden? -Die Stunde ist gekommen, wo Du ausziehen mußt. Man -wird Dich entzwei schneiden, Du häßliche, hölzerne Puppe, für -all die Puppen aus Fleisch und Bein, so in Deinem Namen ohn -Erbarmen verbrannt, gehenkt und lebendig begraben wurden.“ -Also sprach Satanas und er sprach gut. „Du mußt aus Deiner -Nische herabsteigen, blutdürstige, grausame Mieke, die Du Deinem -Sohne Christo nicht ähnlich bist.“</p> - -<p>Und höhnend und schreiend tobte der ganze Schwarm der Unbekannten:</p> - -<p>„Mieke, Mieke, es ist die Stunde des Auszugs! Nehmet die -hölzernen Heiligen fort! Auf, Brabant für den guten Herzog! -Wer will ein Bad in der Schelde nehmen? Holz schwimmt besser -als Fische.“</p> - -<p>Das Volk hörte zu, ohne etwas zu sagen.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel bestieg die Kanzel und warf den Sprecher mit -Gewalt die Stiege hinunter.</p> - -<p>„Ihr Rasenden,“ sagte er zum Volke, „Ihr wahnsinnigen Narren, -Ihr einfältigen Narren, die Ihr nicht weiter sehet als Eure rotzige -Nasenspitze, begreifet Ihr nicht, daß all dies das Werk von Verrätern -ist? Sie wollen Euch zu Kirchenschändern und Räubern -machen, um Euch für Rebellen zu erklären, Eure Geldtruhen zu -leeren, Euch zu brandmarken und lebendig zu verbrennen. Und -der König wird erben! Signorkes und Pagaders, messet den -Worten dieser Unglücksstifter keinen Glauben bei; lasset Unsre -liebe Frau in ihrer Nische, lebet standhaft, indem Ihr fröhlich -arbeitet und Euren Gewinst und Verdienst ausgebet. Der -schwarze Teufel des Verderbens hat ein Auge auf Euch. Durch -Plünderung und Zerstörung will er das feindliche Heer herbeirufen, -um Euch als Rebellen zu behandeln. Dann wird Alba -durch Diktatur, Inquisition, Konfiskation und Tod über Euch -herrschen und er wird erben.“</p> - -<p>„Wehe,“ sprach Lamm, „plündert nicht, Signorkes und Pagaders; -der König ist schon sehr erzürnt. Die Tochter der Stickerin hat -es meinem Freund Ulenspiegel gesagt. Plündert nicht, Ihr -Herren.“</p> - -<p>Aber das Volk konnte sie nicht hören.</p> - -<p>Die Unbekannten schrien:</p> - -<p>„Plünderung und Austreibung! Plünderung, Brabant für den -guten Herzog! Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen -besser denn Fische!“</p> - -<p>Ulenspiegel hielt sich an der Kanzel fest und rief vergeblich:</p> - -<p>„Signorkes und Pagaders, leidet die Plünderung nicht! Rufet -nicht das Verderben auf die Stadt herab!“</p> - -<p>Er ward fortgezerrt und ohngeachtet er sich mit Händen und -Füßen wehrte, ward ihm Gesicht, Wams, Hosen, alles zerrissen.</p> - -<p>Und wiewohl blutend, ließ er nicht ab zu schreien:</p> - -<p>„Leidet die Plünderung nicht!“</p> - -<p>Aber es war umsonst.</p> - -<p>Die Unbekannten und das Gesindel der Stadt warfen sich auf -das Gitter des Chors und zerbrachen es. Dabei schrien sie:</p> - -<p>„Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Alle huben an zu zerbrechen, zu plündern und zu zerstören. Vor -Mitternacht war die große Kirche, in der es siebenzig Altäre, -alle Arten schöner Malereien und kostbarer Dinge gab, ausgeleert -wie eine Nuß. Die Altäre waren zertrümmert, die Bilder -heruntergeschlagen und alle Schlösser zerbrochen.</p> - -<p>Da dies getan war, machten sich die nämlichen Unbekannten -auf den Weg, um die Minderen Brüder, die Franziskaner, Sankt -Peter, Sankt Andreas, Sankt Michael, Sankt Peter im Topf, -die Burg, die Fawkens, die Weißen Schwestern, die Grauen -Schwestern, den dritten Orden, die Prediger und alle Kirchen -und Kapellen der Stadt gleich der Frauenkirche zu traktieren. -Und sie nahmen die Kerzen und Fackeln heraus und liefen so überall -hin.</p> - -<p>Es gab unter ihnen weder Streit noch Beratung; keiner von -ihnen ward bei diesem großen Zerbrechen von Steinen, Holz -und anderen Dingen verwundet.</p> - -<p>Sie stellten sich in Haag ein, um auch dort zum Raub der Bildwerke -und Altäre zu schreiten, ohne daß ihnen hier oder andernorts -die Reformierten Beistand geleistet hätten.</p> - -<p>Im Haag fragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht wäre.</p> - -<p>„Da ist sie,“ sagte einer und schlug auf sein Herz.</p> - -<p>„Ihre Vollmacht, hört Ihr, Signorkes und Pagaders?“ sprach -Ulenspiegel, da er die Sache erfahren. „Es ist also einer da, -der ihnen befohlen hat, als Kirchenschänder zu arbeiten. So -in meine Hütte etwelcher plündernde Spitzbube kommt, werde -ich tun wie der Magistrat vom Haag; ich werde meinen Hut -abnehmen und sagen: „Edler Spitzbube, gnädiger Taugenichts, -ehrwürdiger Lump, zeig mir deine Vollmacht.“ Und er wird sagen, -daß sie in seinem Herzen sei, das nach meinem Gute verlangt. -Und ich werde ihm die Schlüssel zu allem geben. Suchet, suchet, -wem diese Plünderung Nutzen bringt. Hütet Euch vor dem -Roten Hund. Das Verbrechen ist begangen, man wird es strafen. -Hütet Euch vor dem Roten Hund. Das große steinerne Kruzifix -ist heruntergeschlagen. Hütet Euch vor dem Roten Hund.“</p> - -<p>Da der Hohe Rat von Mecheln durch den Mund seines Präsidenten -Viglius befohlen hatte, dem Zerbrechen der Bilder keinen -Einhalt zu tun, sagte Ulenspiegel:</p> - -<p>„Wehe, die Ernte ist reif für die hispanischen Schnitter. Der -Herzog, der Herzog marschiert gegen uns Vlamländer, das Meer -schwillt, das Meer der Rache. Arme Frauen und Jungfrauen, -fliehet die Grube! Arme Männer, fliehet den Galgen, das -Feuer und Schwert. Philipp will Karls blutiges Werk vollenden. -Der Vater säete Tod und Verbannung; der Sohn hat -geschworen, er wolle lieber über einen Totenacker herrschen, denn -über ein Volk von Ketzern. Fliehet, hier sind der Henker und -die Totengräber.“</p> - -<p>Das Volk hörte auf Ulenspiegel, und die Familien verließen -bei Hunderten die Städte, und die Landstraßen waren versperrt -von Wagen, beladen mit dem Hausrat Derer, so in die Verbannung -zogen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel ging allerorten hin und Lamm folgte ihm betrübt -und suchte seine Liebste.</p> - -<p>Und in Damm weinte Nele bei Katheline, der Irren.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>16</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel im Gerstemond, das ist Oktober, in Gent war, -sah er Egmont in des Abtes von Sankt Bavo edler Gesellschaft -vom Schwelgen und Feiern heimkehren. In singfroher Laune -ließ er träumend sein Pferd im Schritt gehen. Plötzlich erblickte -er einen Mann, der eine brennende Laterne trug und neben ihm -her schritt.</p> - -<p>„Was willst Du?“ fragte Egmont.</p> - -<p>„Gutes“, versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Geh und laß mich,“ entgegnete der Graf.</p> - -<p>„Ich werde nicht gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Willst Du einen Peitschenhieb haben?“</p> - -<p>„Ich will ihrer zehn haben, wenn ich Euch einen solchen Leuchtkäfer -in den Kopf setzen kann, daß Ihr von hier bis zum Escurial -deutlich sehen könnt.“</p> - -<p>„Mich kümmert nicht Leuchtkäfer noch Escurial,“ antwortete -der Graf.</p> - -<p>„Und mich brennt es, Euch einen guten Rat zu geben,“ erwiderte -Ulenspiegel. Dann nahm er des Grafen Pferd, welches ausschlug -und sich bäumte, beim Zügel und sprach:</p> - -<p>„Euer Gnaden, gedenket, daß Ihr jetzo auf Eurem Roß tanzet -und daß Euer Haupt auch trefflich auf Euren Schultern tanzet; -aber der König, sagt man, will diesen schönen Tanz unterbrechen, -Euch Euren Körper lassen, aber Euren Kopf nehmen und ihn -in so ferne Länder tanzen lassen, daß Ihr ihn nimmermehr -wieder einholen könnet. Gebet mir einen Gulden, ich habe ihn -verdient.“</p> - -<p>„Die Peitsche, wenn du nicht weichest, schlechter Ratgeber.“</p> - -<p>„Euer Gnaden, ich bin Ulenspiegel, der Sohn des Klas, der -für seinen Glauben lebendig verbrannt ist, und Soetkins Sohn, -die an Herzeleid gestorben ist. Die Asche brennt auf meiner -Brust und sagt mir, daß Egmont, der tapfere Soldat, mit der -Reiterei, die er befehligt, seine dreimal siegreichen Truppen dem -Herzog Alba entgegen stellen kann.“</p> - -<p>„Geh,“ antwortete Egmont, „ich bin kein Verräter.“</p> - -<p>„Rette die Lande, Du allein kannst es,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Graf wollte Ulenspiegel peitschen, aber dieser wartete nicht -darauf und entfloh mit dem Ruf:</p> - -<p>„Esset Leuchtkäfer, esset Leuchtkäfer, Herr Graf. Rettet die -Lande.“</p> - -<p>Ein ander Mal hielt Egmont, da ihn dürstete, vor der Herberge -<span class="antiqua">In ’t tondt verken</span>, Zum bunten Ferkel, so von einer Frau aus -Kortrijk, einem hübschen Weiblein, namens Musekin, Mäuslein, -gehalten ward.</p> - -<p>Der Graf erhob sich in den Steigbügeln und rief:</p> - -<p>„Zu trinken.“</p> - -<p>Ulenspiegel, welcher der Musekin diente, trat zu dem Grafen -heran, in der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine -volle Flasche roten Weines.</p> - -<p>Der Graf sagte, als er ihn sah:</p> - -<p>„Bist Du es, Unglücksrabe?“</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ entgegnete Ulenspiegel, „wenn meine Prophezeihung -schwarz ist, so kommts, weil sie sich nicht weiß gewaschen -hat. Aber wollt Ihr mir sagen, was röter ist, der Wein, der -in die Kehle geht, oder das Blut, das herausspritzt? Das war’s, -was meine Laterne fragte.“</p> - -<p>Der Graf antwortete nicht, trank, zahlte und ritt von dannen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>17</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel und Lamm, ein jeglicher auf einem Esel reitend, den -Simon Simonsen, einer der Getreuen des Prinzen von Oranien -ihnen gegeben hatte, zogen überall hin und warnten die Leute vor -den schwarzen Anschlägen des Blutkönigs und waren allzeit auf -der Lauer, um die Zeitungen, die aus Spanien kamen, zu erfahren. -Sie verkauften Gemüse, waren wie Bauern gekleidet und besuchten -alle Märkte.</p> - -<p>Als sie von dem Markte in Brüssel kamen, sahen sie in einem -steinernen Hause am Ziegeldamm, in einem niedren Gemach eine -schöne, in Atlas gekleidete Dame mit frischen Farben, vollem -Busen und übermütigen Augen.</p> - -<p>Sie sagte zu einer jungen, frischen Köchin:</p> - -<p>„Scheure mir diese Pfanne wohl, ich liebe keine Brühe mit der -Würze des Rostes.“</p> - -<p>Ulenspiegel drückte die Nase ans Fenster.</p> - -<p>„Ich,“ sagte er, „ich liebe sie alle, denn ein ausgehungerter -Bauch ist nicht wählerisch in Gerichten.“</p> - -<p>Die Dame drehte sich um.</p> - -<p>„Wer ist dieser Schelm, der sich um meine Suppe kümmert?“</p> - -<p>„Ach, schöne Dame,“ sagte Ulenspiegel, „wenn Ihr nur ein -wenig davon in meiner Gesellschaft machen wolltet. Ich würde -Euch Leckereien eines Reisenden lehren, die schönen seßhaftigen -Damen unbekannt sind.“</p> - -<p>Dann schnalzte er mit der Zunge und sprach:</p> - -<p>„Ich habe Durst.“</p> - -<p>„Auf was?“ fragte sie.</p> - -<p>„Auf Dich“, sagte er.</p> - -<p>„Er ist ein hübscher Bursche,“ sagte die Köchin zur Dame. -„Wir wollen ihn einlassen, auf daß er uns seine Abenteuer erzähle.“</p> - -<p>„Aber es sind ihrer zwei,“ sagte die Dame.</p> - -<p>„Ich werde für einen sorgen,“ versetzte die Köchin.</p> - -<p>„Edle Frau,“ sprach Ulenspiegel dagegen, „wir sind freilich -zwei, ich und mein armer Lamm, der nicht hundert Pfund auf -dem Rücken tragen kann, aber gerne fünfhundert in Fleisch und -Getränke im Magen trägt.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „mache dich nicht über mich Unseligen -lustig, dem das Füllen seines Bauches so teuer zu stehen -kommt.“</p> - -<p>„Heute soll er Dir keinen Heller kosten,“ sagte die Dame. „Tretet -beide ein.“</p> - -<p>„Aber,“ sprach Lamm, „hier sind auch die beiden Esel, auf denen -wir sitzen.“</p> - -<p>„Im Pferdestall des Herrn Grafen von Meghem mangelt es -nicht an Metzen Hafer.“</p> - -<p>Die Köchin ließ ihre Pfanne im Stich und zog Ulenspiegel und -Lamm auf ihren Eseln in den Hof; selbige huben ohne Verzug -an zu schreien.</p> - -<p>„Das ist die Fanfare für die nahende Atzung. Sie posaunen -ihre Freude aus, die armen Esel.“</p> - -<p>Da sie alle beide abgestiegen waren, sprach Ulenspiegel zur -Köchin:</p> - -<p>„Wenn Du eine Eselin wärest, möchtest Du einen Esel wie ich?“</p> - -<p>„Wenn ich eine Frau wäre, wollte ich einen Gesellen mit lustigem -Gesicht.“</p> - -<p>„Was bist Du denn, wenn Du nicht Frau noch Eselin bist?“ -fragte Lamm.</p> - -<p>„Ich bin Jungfrau,“ sagte sie. „Eine Jungfrau ist keine Frau, -noch weniger Eselin! begreifest Du das, Dickwanst?“</p> - -<p>Ulenspiegel sagte zu Lamm:</p> - -<p>„Glaub ihr nicht, es ist die Hälfte von einer Dirne und das -Viertel von zwei Teufelinnen. Ihre Schalkheit und Sinnenlust -hat ihr schon in der Höllen einen Platz gesichert auf einem Pfühl, -um Beelzebub darauf zu herzen.“</p> - -<p>„Arger Spötter,“ sagte die Köchin, „wenn Deine Haare Pferdehaare -wären, wollte ich sie nicht, um darauf zu treten.“</p> - -<p>„Und ich“, sagte Ulenspiegel, „möchte all Deine Haare essen.“</p> - -<p>„Schmeichler,“ sagte die Dame, „mußt Du alle haben?“</p> - -<p>„Nein,“ antwortete Ulenspiegel, „tausend in eine einzige verschmolzen -wie Ihr seid, wären mir genug.“</p> - -<p>Die Dame sprach zu ihm:</p> - -<p>„Trinke zuvor eine Kanne Braunbier, iß ein Stück Schinken, -schneide nach Belieben in diese Hammelkeule, höhle mir diese -Pastete aus und schlürfe diesen Salat.“</p> - -<p>Ulenspiegel faltete die Hände:</p> - -<p>„Der Schinken ist gutes Fleisch“, sagte er, „das Braunbier himmlisches -Bier, die Hammelkeule ein göttlicher Braten; eine Pastete -auszuhöhlen läßt die Zunge im Munde vor Freude erzittern; ein -fetter Salat ist eine fürstliche Schleckerei. Aber gesegnet wird -der sein, dem Ihr von Eurer Schönheit zu kosten gebet.“</p> - -<p>„Sehet, wie er schwätzt,“ sagte sie. „Iß zuvor, Taugenichts.“</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte: „Sollen wir nicht das Benedicite vor dem -Gratias sagen?“</p> - -<p>„Nein“, sprach sie.</p> - -<p>Darauf sprach Lamm ächzend:</p> - -<p>„Ich habe Hunger.“</p> - -<p>„Du wirst zu essen bekommen, dieweil Du keine andre Sorge -hast als gekochtes Fleisch.“</p> - -<p>„Und frisches auch, so frisch wie mein Weib war.“</p> - -<p>Die Köchin ward bei dieser Rede unwirsch. Jedoch sie aßen gar -reichlich und tranken wie die Schwämme. Und die Dame gab -Ulenspiegel diese Nacht, die nächste und die folgenden das Nachtmahl.</p> - -<p>Die Esel bekamen eine doppelte Metze Hafer und Lamm aß -für zwei. Während einer Woche verließ er die Küche nicht und -trieb sein Spiel mit den Schüsseln, aber nicht mit der Köchin, -denn er gedachte seines Weibes. Solches verdroß die Jungfer, -welche sagte, daß es sich nicht verlohnte, in dieser armen Welt -Platz fortzunehmen, nur um an seinen Bauch zu denken.</p> - -<p>Derweilen lebten Ulenspiegel und die Dame gar freundlich miteinander. -Eines Tages sagte sie zu ihm:</p> - -<p>„Thyl, Du bist nicht ehrbar. Wer bist Du?“</p> - -<p>Er sagte: „Ich bin ein Sohn, den der glückliche Zufall eines -Tages mit Frau Aventüre hatte.“</p> - -<p>„Du sprichst nicht schlecht von Dir,“ sprach sie.</p> - -<p>„Es geschieht aus Furcht, daß die Andern mich loben,“ entgegnete -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Würdest Du Dich Deiner Brüder annehmen, die man verfolgt?“</p> - -<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wie schön Du jetzt bist,“ sagte sie. „Wer ist Klas?“</p> - -<p>„Mein Vater, der um des Glaubens willen verbrannt ist,“ sprach -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Der Graf von Meghem gleicht Dir nicht,“ sprach sie. „Er will -das Vaterland bluten lassen, und ich liebe es, denn ich bin zu Antwerpen, -der glorreichen Stadt, geboren. Wisse denn, daß er mit -dem Brabanter Ratsherrn Scheyf im Einvernehmen ist, seine -zehen Fähnlein Fußvolk in Antwerpen einrücken zu lassen.“</p> - -<p>„Ich werde es den Bürgern anzeigen,“ sagte Ulenspiegel, „und -ich werde auf der Stelle hingehen, schnell wie ein Geist.“</p> - -<p>Er ging hin, und am nächsten Tag waren die Bürger in Waffen.</p> - -<p>Ulenspiegel und Lamm aber, so ihre Esel bei einem Pächter -von Simon Simonsen eingestellt hatten, mußten sich verbergen, -aus Furcht vor dem Grafen von Meghem, der sie allerorten -suchen ließ, damit sie gehenkt würden; denn man hatte ihm gesagt, -daß zwei Ketzer von seinem Wein getrunken und von seinem -Fleisch gegessen hätten. Er war eifersüchtig, sagte es seiner schönen -Dame, die vor Zorn mit den Zähnen knirschte, weinte und siebenzehn -Mal in Ohnmacht fiel. Die Köchin tat das Nämliche, aber -nicht so oft, und erklärte bei ihrem Anrecht aufs Paradies und -ihrer ewigen Seligkeit, daß weder sie noch ihre Dame etwas andres -getan hätten, als daß sie die Ueberreste des Mittagmahles -zween armen Pilgern gegeben hätten, die auf zwei erbärmlichen -Eseln reitend, vor dem Küchenfenster gehalten hätten.</p> - -<p>Es wurden an jenem Tage so viel Tränen vergossen, daß der -Fußboden davon ganz feucht war. Da Herr von Meghem solches -sah, war er überzeugt, daß sie nicht lögen.</p> - -<p>Lamm wagte sich nicht mehr in Herrn von Meghems Haus zu -zeigen, denn die Köchin nannte ihn immer, „mein Weib“.</p> - -<p>Er war schier betrübt, wenn er der Nahrung gedachte; aber Ulenspiegel -brachte ihm allzeit ein gutes Gericht, denn er ging von der -Sankt Katharinenstraße in das Haus und verbarg sich auf dem -Boden.</p> - -<p>Am folgenden Tage zur Vesper bekannte der Graf von Meghem -seinem schönen Weibe, welcher Art er beschlossen hätte, die Reiterei, -die er befehligte, vor Tag in Herzogenbusch einrücken zu -lassen. Dann entschlief er. Das schöne Weib stieg auf den Boden -und ließ Ulenspiegel die Sache wissen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>18</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel ging, als Pilger gekleidet, ohne Wegzehrung noch -Geld flugs nach Herzogenbusch, um die Bürger zu warnen. Er -wollte unterwegs bei Herrn Praet, Simons Bruder, ein Pferd -nehmen; er hatte Briefe vom Prinzen für ihn. Von da wollte er -im schnellsten Trab auf Richtwegen nach Herzogenbusch reiten.</p> - -<p>Da er die Heerstraße kreuzte, sah er einen Haufen Kriegsvolks -daherkommen. Er hatte große Furcht der Briefe halber. -Aber da er entschlossen war, gute Miene zum bösen Spiel zu -machen, so erwartete er die Söldner stehenden Fußes und murmelte -seine Paternoster. Als sie vorbeikamen, marschierte er mit -ihnen und erfuhr, daß sie nach Herzogenbusch zogen.</p> - -<p>Ein wallonisches Fähnlein eröffnete den Marsch. An der Spitze -ritt der Hauptmann Lamotte mit seiner Leibwache von sechs -Hellebardieren; dann ihrem Range nach der Fähndrich mit geringerem -Geleit, der Profos mit seinen Hellebardieren und seinen -zwei Stockknechten, der Wachtmeister, der Troßmeister, der Henker -und sein Büttel und Pfeifer und Trommler, so großen Lärm vollführten. -Alsdann kam ein vlämisches Fähnlein von zweihundert -Mann mit seinem Hauptmann und Fähndrich. Es war in zwei -Kompanieen geteilt, so von Feldwaibeln geführt wurden, und -zerfiel in Rotten, denen Rottmeister vorstanden. Vor dem Profos -und den Stockknechten zogen gleichermaßen Pfeifer und -Trommler einher, die dröhnten und gellten.</p> - -<p>Hinter ihnen kamen in zween Wagen ihre Gefährtinnen, schöne -Dirnen, die lachten ausgelassen, zwitscherten wie Grasmücken, -sangen wie Nachtigallen, aßen, tranken, tanzten, stunden, lagen -oder saßen rittlings in den Wagen.</p> - -<p>Etliche waren wie Landsknechte gekleidet, aber in feines, weißes -Linnen, am Halse entblößt und an Armen und Beinen und am -Wamse geschlitzt, also daß der reizende Körper zu sehen war. Sie -trugen Mützen von feinem Linnen, mit Gold verbrämt und mit -schönen Straußenfedern darauf, so im Winde wallten. An ihren -Gürteln von Goldbrokat mit Krausen von rotem Atlas hingen ihre -Dolche in Scheiden aus Goldstoff. Und ihre Schuhe, Strümpfe -und Kniehosen, ihre Wämse, Nesteln und Zierarten waren eitel -Gold und weiße Seide.</p> - -<p>Andere waren auch nach Art der Landsknechte gekleidet, aber in -Blau, Grün, Scharlach, Himmelblau, Purpur und nach Willkür -und Laune geschlitzt, bestickt und mit Wappen geziert. Und alle -hatten am Arm das bunte Rädlein, so ihr Handwerk bedeutet. -Ein Hurenwaibel, der sie befehligte, wollte sie zum Schweigen -bringen, aber sie brachten ihn durch ihre artigen Fratzen und Reden -zum Lachen und gehorchten ihm nicht.</p> - -<p>Als Pilger gekleidet, zog Ulenspiegel neben den zwei Fähnlein daher -wie ein Nachen neben einem großen Schiff. Und er murmelte -seine Paternoster.</p> - -<p>Plötzlich sagte Lamotte zu ihm:</p> - -<p>„Wohin gehst Du, Pilger?“</p> - -<p>„Herr Hauptmann,“ antwortete der hungrige Ulenspiegel, „ich -habe ehemals eine große Sünde begangen und ward vom Kapitel -Unserer lieben Frau verurteilt, zu Fuß nach Rom zu pilgern und -den heiligen Vater um Ablaß zu bitten, welchen er mir auch gab. -Ich kehrte von Sünde gereinigt in diese Lande zurück, unter der -Bedingung, unterwegs allem Kriegsvolk, dem ich begegne, die -heiligen Mysterien zu predigen. Dafür soll ich zum Lohne Brot -und Wein empfahen. Und so predigend friste ich mein armes Leben. -Verstattet mir, beim nächsten Halt meinem Gelübde nachzukommen.“</p> - -<p>„Wohl“, sprach Herr von Lamotte.</p> - -<p>Indem Ulenspiegel sich brüderlich unter die Wallonen und Vlamländer -mischte, befühlte er die Briefe unter seinem Wams.</p> - -<p>Die Dirnen riefen ihm zu:</p> - -<p>„Pilger, schöner Pilger, komm hierher und zeig uns die Macht -Deiner Muschelschalen.“</p> - -<p>Ulenspiegel trat zu ihnen und sagte ehrbar:</p> - -<p>„Meine Schwestern in Christo, spottet nicht des armen Pilgers, -der über Berg und Tal wandert, um den Soldaten den heiligen -Glauben zu predigen.“</p> - -<p>Und er verschlang ihre holden Reize mit den Augen. Aber die -Dirnen streckten ihre muntern Gesichter zwischen den Planen der -Wagen herfür.</p> - -<p>„Du bist gar jung,“ sprachen sie, „um den Soldaten zu predigen, -steig in unsere Wagen, wir werden dich süßere Reden lehren.“</p> - -<p>Ulenspiegel hätte gern gehorcht, aber er konnte nicht wegen der -Briefe. Schon streckten zwei von ihnen ihre runden, weißen Arme -aus dem Wagen und trachteten, ihn zu sich hinauf zu ziehen. Da -sprach der Hurenwaibel voll Eifersucht zu Ulenspiegel: „Wenn Du -nicht fortgehst, so schlage ich Dich in Stücke.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel hielt sich weiter ab und betrachtete heimlich die -frischen Mägdlein, welche die Sonne, die hell auf den Weg schien, -vergüldete.</p> - -<p>Sie kamen nach Berchem. Philipp von Lannoy, Ritter von -Beauvoir, der die Vlamländer kommandierte, befahl Halt zu -machen.</p> - -<p>An diesem Platze stund eine Eiche von mittlerem Wuchs, die -war ihrer Äste beraubt, ausgenommen einen sehr starken, der -mitten durchgebrochen war. Daran hatte man im vorigen Monat -einen Wiedertäufer aufgeknüpft.</p> - -<p>Die Soldaten machten Halt; die Marketender kamen herzu und -verkauften ihnen Brot, Wein, Bier und Fleisch jeglicher Art. Den -Dirnen dagegen verkauften sie Zucker, Kapaune, Mandeln und -süßes Gebäck. Da Ulenspiegel solches sah, ward er noch hungriger.</p> - -<p>Plötzlich kletterte er wie ein Affe auf den Baum und setzte sich -rittlings auf den dicken Ast, der sieben Fuß über der Erde war. -Dieweil die Soldaten und Dirnen ihn im Kreise umringten, kasteite -er sich mit einer Geißel und sprach:</p> - -<p>„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. -Amen. Es stehet geschrieben: Welcher den Armen gibt, leihet -Gott aus. Soldaten und Ihr, schöne Damen, reizende Liebesgefährtinnen -dieser tapferen Krieger, leihet Gott. Das heißt: -„Gebet mir Brot, Fleisch, Wein und Bier, so es Euch beliebt. Und -nichts für ungut, auch Kuchen; und Gott, der so reich ist, wird es -Euch heimzahlen in Bergen von Fettammern, in Strömen von -Malvasier, in Haufen von Kandiszucker und Reisbrei, den Ihr -im Paradiese mit silbernen Löffeln sollt essen.“</p> - -<p>Dann jammerte er: „Sehet Ihr nicht, durch welch grausame -Marter ich trachte, meiner Sünden Vergebung zu verdienen? -Erleichtert Ihr nicht den brennenden Schmerz dieser Geißel, die -mir den Rücken wund und blutig macht?“</p> - -<p>„Wer ist dieser Narr?“ sagten die Soldaten.</p> - -<p>„Meine Freunde,“ entgegnete Ulenspiegel, „ich bin nicht närrisch, -sondern reuevoll und ausgehungert; denn während mein Geist -seine Sünden beweint, beweint mein Bauch den Mangel an Fleisch. -Ihr glücklichen Soldaten und Ihr schönen Mägdlein, ich sehe da -bei Euch fetten Schinken, Gans, Würste, Wein, Bier und Kuchen. -Wolltet Ihr dem Pilger nichts geben?“</p> - -<p>„Ja, ja,“ sagten die vlämischen Soldaten, „er hat ein gutes Gesicht, -dieser Prediger.“</p> - -<p>Und alle warfen ihm Bissen zu wie Bälle. Ulenspiegel hörte nicht -auf zu reden und aß, auf dem Aste reitend.</p> - -<p>„Der Hunger“, sprach er, „macht den Menschen hart und zum -Gebet untauglich, aber der Schinken verscheucht sogleich diese -üble Laune“.</p> - -<p>„Achtung, der Kopf wird gespalten“, rief ein Feldwaibel und warf -ihm eine halbvolle Flasche zu.</p> - -<p>Ulenspiegel fing sie im Fluge auf, trank kleine Schlucke und sprach: -„So wie der scharfe, wütende Hunger für den elenden Körper des -Menschen ein schädlich Ding ist, so gibt es noch ein anderes nicht -minder verderbliches Ding. Was ist die Angst eines armen Pilgers, -welchem hochherzige Soldaten eine Schnitte Schinken und eine -Flasche Bier gegeben haben? Denn der Pilger ist gemeiniglich -nüchtern, und so er mit so geringer Nahrung im Magen tränke, -würde er flugs trunken sein.“</p> - -<p>Wie er so sprach, fing er abermals im Flug eine Gänsekäule auf.</p> - -<p>„Das ist ein wundersam Ding,“ sagte er, „in der Luft Wiesenfische -zu fischen. Doch dieser ist mitsamt dem Beine verschwunden. -Was ist gieriger als trockner Sand? Ein unfruchtbar -Weib und ein ausgehungerter Magen.“</p> - -<p>Plötzlich fühlte er, daß eine Hellebardenspitze ihn ins Gesäß stach. -Und er hörte einen Fähndrich sagen:</p> - -<p>„Verschmähen die Pilger jetzo eine Hammelkeule?“</p> - -<p>Ulenspiegel sah eine große Hammelkeule auf die Spitze der Hellebarde -gespießt. Er nahm sie und sagte:</p> - -<p>„Keule gegen Keule: diese ist mir lieber als der Keulenärmel -an meinem Wams. Ich werde eine Markflöte daraus machen, -um Dein Loblied zu singen, Du barmherziger Hellebardier. Jedoch,“ -sagte er, die Keule benagend, „was ist eine Mahlzeit ohne -Nachtisch? Was ist eine Keule, so saftig sie auch sei, wenn dem -Pilger hernach nicht ein Stück Kuchen lächelt?“</p> - -<p>So sprechend, faßte er mit der Hand nach dem Gesicht, denn zwei -Kuchen, so aus der Schar der losen Jungfrauen kamen, waren -einer auf seinem Auge, der andere auf seiner Wange zerquetscht. -Und die Mädchen lachten und Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Großen Dank, Ihr herzigen Mägdlein, daß Ihr mir den Ritterschlag -mit Zuckerbrot gebet.“</p> - -<p>Aber die Kuchen waren zu Boden gefallen.</p> - -<p>Plötzlich erdröhnten die Trommeln, die Pfeifen gellten und die -Soldaten marschierten davon. Herr von Beauvoir hieß Ulenspiegel -von seinem Baume herabsteigen und neben dem Kriegervolk -einherziehen, von dem er hundert Meilen hätte fern sein -mögen. Denn er witterte aus den Worten etlicher finster dreinschauender -Kriegsknechte, daß er ihnen verdächtig sei und daß -sie ihn alsbald für einen Spion nehmen, ihn durchsuchen und -aufknüpfen würden, wenn sie seine Sendschreiben fänden.</p> - -<p>Drum ließ er sich in einen Graben fallen und schrie:</p> - -<p>„Erbarmen, Ihr Herren Soldaten, ich habe das Bein gebrochen, -ich könnte nicht mehr gehen, lasset mich in den Wagen der Mädchen -steigen.“</p> - -<p>Aber er wußte, daß der eifersüchtige Waibel es ihm nicht verstatten -würde.</p> - -<p>Die aus dem Wagen riefen ihm zu:</p> - -<p>„Wohlan, komm doch, artiger Pilger, komm. Wir wollen Dich -lieben, herzen, bewirten und Dich an einem Tage heilen.“</p> - -<p>„Ich weiß es,“ sagte er, „Frauenhände sind ein göttlicher Balsam -für alle Wunden.“</p> - -<p>Aber der eifersüchtige Waibel sprach zu Herrn von Lamotte:</p> - -<p>„Euer Gnaden, ich glaube, dieser Pilger hat uns mit seinem gebrochenen -Beine zum besten, um in den Wagen der Dirnen zu steigen. -Befehlet, daß man ihn auf dem Wege zurücklasse.“</p> - -<p>„Das will ich,“ antwortete Herr von Lamotte.</p> - -<p>Und Ulenspiegel ward in dem Graben gelassen.</p> - -<p>Etliche Soldaten glaubten, daß er wahrhaftig das Bein gebrochen -habe, und waren betrübt darüber, maßen er ein so fröhlicher Gesell -war. Sie ließen ihm Fleisch und Wein für zwei Tage. Die -Mädchen wären ihm gerne zu Hilfe gekommen, aber da sie es -nicht vermochten, warfen sie ihm alles zu, was ihnen von den -Hühnern geblieben war.</p> - -<p>Da das Kriegsvolk sich verzogen hatte, lief Ulenspiegel in seinem -Pilgerkleid querfeldein, kaufte sich ein Pferd und kam auf Wegen -und Stegen wie der Wind nach Herzogenbusch.</p> - -<p>Bei der Kunde von der Ankunft der Herren von Beauvoir und -von Lamotte waffneten sich die aus der Stadt, achthundert Mann -hoch, wählten Hauptleute und sandten Ulenspiegel als Kohlenträger -verkleidet nach Antwerpen, um Hilfe von Brederode, dem -herkulischen Zecher zu holen.</p> - -<p>Und die Herren von Lamotte und von Beauvoir fanden Herzogenbusch, -die wachsame Stadt, zu kühner Abwehr bereit und konnten -nicht eindringen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>19</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Im folgenden Mond gab ein gewisser Doktor Agileus Ulenspiegel -zwei Gülden und Briefe, mit denen er sich zu Simon Praet begeben -sollte; der würde ihm sagen, was er tun sollte.</p> - -<p>Ulenspiegel fand bei Praet Kost und Obdach. Sein Schlaf war gut -und gut war auch sein jugendlich blühendes Antlitz. Praet hingegen -war schwächlich und von kläglichem Aussehen und schien immer in -traurigen Gedanken befangen. Ulenspiegel verwunderte sich des -Nachts, wenn er von Ohngefähr erwachte und hämmern hörte.</p> - -<p>So zeitig er aufstand, Simon Praet war vor ihm auf und sein -Aussehen war noch kläglicher und seine Blicke noch trauriger. -Sie erglänzten wie die eines Mannes, der sich auf den Tod oder -die Schlacht bereitet.</p> - -<p>Oft seufzete Praet, die Hände zum Beten gefaltet, und allezeit -schien er voller Grimm. Seine Finger waren schwarz und schmierig, -desgleichen seine Arme und seine Hand.</p> - -<p>Ulenspiegel beschloß zu erfahren, woher das Hämmern, die schwarzen -Arme und Praets Trübsinn kämen.</p> - -<p>Eines Abends, da er in Simons Gesellschaft, der wider Willen -dort weilte, in der Schenke zur „Blauen Gans“ gewesen war, -stellte er sich als ob er so viel getrunken und solch einen Rausch -im Kopf hätte, daß er ihn stracks auf das Kissen hinlegen müßte. -Und Praet führte ihn traurig nach Hause.</p> - -<p>Ulenspiegel schlief auf dem Boden bei den Katzen; Simons Bett -war unten beim Keller.</p> - -<p>Ulenspiegel stellte sich fürderhin trunken, stieg taumelnd die Stiege -hinauf, tat, als ob er fiele, und hielt sich am Strick fest. Simon -half ihm mit zärtlicher Sorgfalt wie ein Bruder. Nachdem er -ihn zu Bett gebracht, ob seiner Trunkenheit bedauert und Gott -gebeten hatte, sie ihm zu verzeihen, ging er hinunter, und alsbald -vernahm Ulenspiegel die nämlichen Hammerschläge, die ihn manches -Mal geweckt hatten.</p> - -<p>Er stand geräuschlos auf, stieg barfuß die schmale Stiege hinunter, -also daß er sich nach zweiundsiebenzig Stufen vor einer niederen -Tür befand, durch deren Spalte ein schwacher Lichtschein drang. -Simon druckte Flugblätter mit alten Lettern aus der Zeit von Laurens -Costers, dem großen Verbreiter der edlen Buchdruckerkunst. -„Was machst Du da?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>Simon antwortete erschrocken:</p> - -<p>„Wenn Du des Teufels bist, zeige mich an, auf daß ich sterbe. -Bist Du aber Gottes, so sei Dein Mund Deiner Zunge Kerker.“</p> - -<p>„Ich bin Gottes,“ antwortete Ulenspiegel, „und will Dir nichts -Übles tun. Was tust Du da?“</p> - -<p>„Ich drucke Bibeln,“ antwortete Simon. „Denn wenn ich über -Tag, um mein Weib und meine Kinder zu ernähren, die grausamen -und schlechten Edikte Seiner Majestät veröffentliche, so säe ich -nachts das wahrhaftige Wort Gottes aus und mache so das Übel -wieder gut, das ich am Tage tue.“</p> - -<p>„Du bist tapfer,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ich bin im Glauben,“ entgegnete Simon.</p> - -<p>Und wahrlich, aus dieser frommen Druckerei gingen Bibeln in -vlämischer Sprache hervor, so sich in den Ländern Brabant, Flandern, -Holland, Seeland, Utrecht, Nord-Brabant, Ober-Yssel und -Gelderland verbreiteten, bis an den Tag, wo Simon verurteilt -wurde, geköpft zu werden, und also sein Leben für Christum und -die Gerechtigkeit vollendete.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>20</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Eines Tages sagte Simon zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Höre, Bruder, hast Du Mut?“</p> - -<p>„Ich habe soviel, wie nötig ist, um einen Spanier zu peitschen, -bis daß der Tod erfolgt, einen Meuchelmörder zu töten und einem -Totschläger das Leben zu nehmen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Vermöchtest Du geduldig in einem Kamin auszuharren und zu -horchen, was in einem Gemache gesprochen wird?“ fragte der -Drucker.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete: „Da ich durch Gottes Gnade ein starkes -Kreuz und geschmeidige Kniekehlen habe, so könnte ich mich wie -eine Katze lange festhalten, wo ich wollte.“</p> - -<p>„Hast Du Geduld und Gedächtnis?“ fragte Simon.</p> - -<p>„Klasens Asche brennt auf meiner Brust“, entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Höre denn,“ sagte der Buchdrucker. „Du wirst diese also gefaltete -Spielkarte nehmen, nach Dendermonde gehen und allda -zweimal stark und einmal leise an die Türe des Hauses pochen, -dessen Abbild hier gezeichnet ist. Jemand wird Dir öffnen und -Dich fragen, ob Du der Kaminkehrer bist. Du antwortest, daß -Du mager bist, und daß Du die Karte nicht verloren hast. Du -zeigst sie ihm. Alsdann, Thyl, wirst Du tun, was sein muß. -Großes Unheil schwebt über dem Lande Flandern. Man wird -Dir einen Kamin zeigen, der schon im voraus zugerichtet und gekehrt -ist. Du wirst darin gute Krampen für Deine Füße und als -Sitz ein kleines, sicher befestigtes Brett finden. Wenn der, welcher -Dir aufgemacht hat, Dich heißen wird, in den Kamin zu steigen, -wirst Du es tun und Dich ruhig darin verhalten. Erlauchte Herren -werden sich in dem Gemache vor dem Kamin, in dem Du sein wirst, -vereinigen. Es sind Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, -die Grafen von Egmont, von Hoorn, von Hoogstraten und Ludwig -von Nassau, der wackere Bruder des Schweigers. Wir Reformierten -wollen wissen, was diese Herren unternehmen wollen und -können, um die Lande zu retten.“</p> - -<p>Es war aber am ersten Tage des Ostermonds, daß Ulenspiegel -tat, wie ihm geheißen war, und sich in den Kamin setzte. Er war -es zufrieden, daß kein Feuer darinnen war, denn er gedachte, wenn -kein Rauch da wäre, würde sein Gehör um so schärfer sein.</p> - -<p>Alsbald öffnete sich die Türe des Saales und ein Windstoß ging -ihm durch und durch. Aber er nahm diesen Wind in Geduld hin -und sagte sich, daß er seine Aufmerksamkeit auffrischen würde. -Darnach hörte er die Herren von Oranien, Egmont und die anderen -in das Gemach treten. Sie begannen zu reden: von den Befürchtungen, -die sie hatten, vom Zorne des Königs und der schlechten -Verwaltung der Gelder und Finanzen. Einer sprach in hellem, -bittrem, hoffärtigem Tone, das war Egmont. Ulenspiegel erkannte -ihn wieder, desgleichen Hoogstraten an seiner heiseren -Stimme, von Hoorn an seiner lauten Stimme, den Grafen Ludwig -von Nassau an seinem derben, kriegerischen Ton, und den -Schweiger daran, daß er alle seine Worte langsam aussprach, als -wöge er ein jegliches auf einer Wage.</p> - -<p>Graf Egmont fragte, warum man sie zum andern Male zusammen -riefe, maßen sie in Hellegat Muße gehabt hätten, sich zu entscheiden, -was sie tun wollten.</p> - -<p>Von Hoorn antwortete:</p> - -<p>„Die Zeit entfleucht; der König ist zornig; hüten wir uns zu -zaudern.“</p> - -<p>Da sagte der Schweiger:</p> - -<p>„Die Lande sind bedroht; man muß sie vor dem Angriff eines -fremden Heeres schirmen.“</p> - -<p>Egmont entgegnete aufbrausend, es verwunderte ihn, daß der Herr -und König sich bemüßigt fühlte, ein Heer zu entsenden, nun, da durch -der Herren Fürsorge, in Sonderheit die seine, alles beruhigt sei.</p> - -<p>Doch der Schweiger versetzte:</p> - -<p>„Philipp hat in den Niederlanden vierzehn Haufen Kriegsvolk, -und ein jeder Soldat hält zu Dem, der bei Saint-Quentin und -bei Gravelingen befehligte.“</p> - -<p>„Ich verstehe nicht,“ sprach Egmont.</p> - -<p>Der Prinz erwiderte: „Ich will nicht mehr sagen, doch es sollen -Euch und den versammelten Herren gewisse Briefe verlesen werden, -mit denen des armen Gefangenen Montigny anfangend.“</p> - -<p>In diesen Briefen schrieb Herr von Montigny:</p> - -<p>„Der König ist höchlichst erzürnt ob der Geschehnisse in den -Niederlanden, und er wird die Begünstiger der Unruhen zur gegebenen -Zeit strafen.“</p> - -<p>Worauf Graf Egmont sagte, daß es ihn fröre und daß man gut -täte, ein starkes Holzfeuer anzulegen. Solches geschah, dieweil -die beiden Herren über die Briefe sprachen. Aber das Feuer wollte -nicht brennen, aus Ursach des allzu großen Pfropfens, der im -Kamin war, und das Gemach wurde voll Rauch.</p> - -<p>Hustend verlas Graf von Hoogstraten alsdann die aufgefangenen -Briefe Alavas, des hispanischen Gesandten, die an die Regentin -gerichtet waren.</p> - -<p>„Der Gesandte“, sagte er, „schreibt, daß alles Unheil, so in den -Niederlanden geschehen, das Werk der Drei sei; zu vermelden: -der Herren von Oranien, von Egmont und von Hoorn. Man -müsse, sagt er, den drei Herren ein freundlich Gesicht zeigen und -ihnen sagen, daß der König anerkenne, daß er diese Lande durch -ihre Dienste in Botmäßigkeit erhalten. Was aber die beiden, -Montigny und de Berghes beträfe, so seien sie da, wo sie bleiben -sollten.“</p> - -<p>„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „mir ist ein rauchiger Kamin im Lande -Flandern lieber denn ein kühles Gefängnis im Lande Hispanien; -sintemalen zwischen den feuchten Mauern Knebel wachsen!“</p> - -<p>„Besagter Gesandte fügt hinzu, daß der König in der Stadt -Madrid gesagt habe: „Durch alles, was in den Niederlanden sich -zugetragen, ist Unser königliches Ansehen erschüttert, der Gottesdienst -erniedrigt, und lieber werden Wir alle Unsere Lande in Gefahr -bringen, als eine solche Rebellion ungestraft lassen. Wir sind -entschlossen, in höchsteigner Person nach den Niederlanden zu -reisen und Papst wie Kaiser um Beistand anzugehen. Unter dem -gegenwärtigen Unglück ruht das zukünftige Glück. Wir werden die -Niederlande unter Unsre uneingeschränkte Botmäßigkeit zwingen -und Staat, Religion und Regierung nach Unserm Belieben ändern.“</p> - -<p>„Ha, König Philipp,“ sprach Ulenspiegel zu sich, „so ich Dich nach -meiner Art ändern könnte, würdest Du unter meinem vlämischen -Knüttel eine gewaltige Veränderung Deiner Schenkel, Arme und -Beine erleiden. Ich würde Dir den Kopf mit zwei Nägeln mitten -auf den Rücken heften, um zu sehen, ob Du in dem Zustande, wenn -Du den Totenacker, den Du hinter Dir lässest, erblickst, auch noch -das Lied von der tyrannischen Veränderung singst.“</p> - -<p>Es wurde Wein gebracht. Von Hoogstraten erhob sich und -sagte:</p> - -<p>„Ich trinke auf das Wohl der Lande.“ Alle taten wie er. Er -setzte den Humpen leer auf den Tisch und fügte hinzu: „Die -böse Stunde schlägt für den belgischen Adel, man muß auf Mittel -bedacht sein, sich zu verteidigen.“</p> - -<p>Eine Antwort erwartend, blickte er Egmont an, der aber blieb -stumm.</p> - -<p>Doch der Schweiger sprach: „Wir werden widerstehen, wenn -Egmont, der bei Saint-Quentin und Gravelingen zweimal Frankreich -erzittern ließ und bei den vlämischen Söldnern unbedingtes -Ansehen genießt, uns zu Hilfe kommen und die Spanier hindern -will, in unsere Lande zu dringen.“</p> - -<p>Herr von Egmont erwiderte:</p> - -<p>„Ich habe eine zu ehrerbietige Meinung vom König, um zu glauben, -daß wir uns als Rebellen wider ihn wappnen müssen. Mögen -die, so seinen Zorn fürchten, sich zurückziehen. Ich werde bleiben, -denn ich sehe keine Möglichkeit, mich ohne seine Hilfe zu erhalten.“</p> - -<p>„Philipp kann sich grausam rächen,“ sagte der Schweiger.</p> - -<p>„Ich habe Vertrauen,“ entgegnete Egmont.</p> - -<p>„Den Kopf einbegriffen?“ fragte Ludwig von Nassau.</p> - -<p>„Kopf, Körper und Ergebenheit, die sein sind, einbegriffen,“ antwortete -Egmont.</p> - -<p>„Lieber und Getreuer,“ sagte von Hoorn, „ich werde handeln wie -Du.“</p> - -<p>Der Schweiger sagte: „Man muß voraussehen und nicht warten.“</p> - -<p>Nunmehr redete Herr von Egmont heftig und sprach: „Ich -habe zu Grammont zweiundzwanzig Reformierte henken lassen. -Wenn die Predigten aufhören, wenn man die Bilderstürmer bestraft, -wird des Königs Zorn sich besänftigen.“</p> - -<p>Der Schweiger erwiderte: „Es gibt trügerische Hoffnungen.“</p> - -<p>„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte Egmont.</p> - -<p>„Wappnen wir uns mit Vertrauen,“ sagte von Hoorn.</p> - -<p>„Mit Eisen müssen wir uns wappnen und nicht mit Vertrauen,“ -entgegnete von Hoogstraten.</p> - -<p>Hierauf winkte der Schweiger, zum Zeichen, daß er gehen wolle.</p> - -<p>„Gehabt Euch wohl, Prinz ohne Land,“ sagte Egmont.</p> - -<p>„Gehabt Euch wohl, Graf ohne Kopf,“ antwortete der Schweiger.</p> - -<p>Ludwig von Nassau sagte darauf: „Der Schlächter ist für das -Schaf und der Ruhm für den Soldaten, der das Land seiner Väter -rettet!“</p> - -<p>„Ich kann und will es nicht,“ sagte Egmont.</p> - -<p>„Das Blut der Opfer komme über das Haupt des Höflings,“ -sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Die Herren zogen sich zurück.</p> - -<p>Alsbald stieg Ulenspiegel aus seinem Kamin und ging ohne Verzug -zu Praet, ihm die Zeitung zu bringen. Der sagte: „Egmont -ist ein Verräter; Gott ist mit dem Prinzen.“</p> - -<p class="tb">Der Herzog, der Herzog in Brüssel! Wo sind eiserne Truhen, -die Flügel haben?</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Buch">Drittes Buch</h2> -</div> - -<hr class="full newpage" /> -<h3>1</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Er geht, der Schweiger, Gott führt ihn.</p> - -<p>Die beiden Grafen sind schon gefangen; Alba verspricht dem -Schweiger Milde und Verzeihung, wenn er vor ihm erscheint.</p> - -<p>Bei dieser Kunde sagt Ulenspiegel zu Lamm: „Beim Mantel -meines Liebchens! Der Herzog läßt auf Dubois, des Generalprokurators -Drängen, den Prinzen von Oranien, Ludwig, seinen -Bruder, von Hoogstraten, van den Bergh, Kuilenburg, von -Brederode und andre Freunde des Prinzen entbieten, in dreimal -vierzehn Tagen vor ihm zu erscheinen, und verspricht ihnen gerechtes -Urteil und Begnadigung. Höre, Lamm: Eines Tages forderte -ein Amsterdamer Jude einen seiner Feinde auf, in die Gasse -herunterzukommen; er stund in der Gasse, der andere an einem -Fenster. „Steig doch herunter“, sagte er, „und ich werde Dir einen -solchen Faustschlag auf den Kopf geben, daß er Dir in die Brust -rutscht und daß Du durch Deine Rippen siehst, wie ein Dieb durch -das Gitter seines Gefängnisses.“ Der Aufgeforderte erwiderte: -„Wenn Du mir auch hundert Mal mehr versprächest, so würde -ich doch nicht herunterkommen.“ Also mögen Oranien und die -Andern antworten.“</p> - -<p>Und sie taten es, indem sie sich weigerten zu erscheinen. Von Egmont -und von Hoorn folgten ihrem Beispiel nicht. Und Schwachheit -in der Pflicht ruft das Schicksal herbei.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>2</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zur selbigen Zeit wurden auf dem Roßmarkt zu Brüssel die Herren -von Andelot, die Kinder Battenburgs und andere erlauchte und -tapfere Ritter enthauptet, welche sich der Stadt Amsterdam -durch einen Überfall hatten bemächtigen wollen. Und dieweil -sie zum Richtplatze gingen und Psalmen sangen / es waren ihrer -achtzehn / erdröhnten die Trommeln vor und hinter ihnen, den -ganzen Weg entlang.</p> - -<p>Und die hispanischen Söldner, die sie begleiteten und brennende -Fackeln trugen, verbrannten ihnen damit den Körper an allen -Stellen. Und wenn sie des Schmerzes halber zuckten, sagten die -Söldner:</p> - -<p>„Wie, Ihr Lutheraner, tut es Euch denn wehe, so bald verbrannt -zu werden?“</p> - -<p>Und der sie verraten hatte, war einer namens Dierick Slosse; -der hatte sie zu dem noch katholischen Enkhuyse geführt, um sie -des Herzogs Bluthunden zu überliefern.</p> - -<p>Und sie starben tapfer.</p> - -<p>Und der König erbte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>3</h3> -<hr class="full" /> - -<p>„Sahest Du sie vorbeigehen?“ fragte Ulenspiegel, welcher als -Holzhacker gekleidet war, den gleich ausstaffierten Lamm. „Sahest -Du den schlimmen Herzog mit seiner Stirn, die oben so flach ist -wie die des Adlers, und seinem langen Bart, der dem Ende eines -Strickes gleicht, der von einem Galgen herunterhängt? Daß Gott -ihn daran erdrossele! Sahest Du diese Spinne mit ihren langen, -haarigen Beinen, die Satan beim Erbrechen auf diese Lande spie? -Komm, Lamm, komm, wir wollen ihr Steine ins Netz werfen ...“</p> - -<p>„Wehe,“ sagte Lamm, „wir werden lebendig verbrannt werden.“</p> - -<p>„Komm nach Groenendal, viellieber Freund; komm nach Groenendal. -Da ist ein schönes Kloster, allwo Seine Herzogliche Gnaden, -die Spinne, Gott um Frieden bitten wird, auf daß er ihn -sein Werk vollenden lasse, welches ist: seine unsauberen Geister -an Aas zu ergötzen. Wir sind in der Fastenzeit, und nur des Blutes -will Seine Gnaden sich nicht enthalten. Komm, Lamm, es sind dreihundert -gewappnete Reiter um das Stadthaus von Ohain, dreihundert -Mann Fußvolk sind in kleinen Trupps aufgebrochen und -dringen in den Wald von Soignes ein.</p> - -<p>„Alsbald, wenn Alba seine Andacht halten wird, gehen wir auf -ihn los, und wenn wir ihn gefangen haben, setzen wir ihn in einen -schönen, eisernen Käfig und schicken ihn dem Prinzen.“</p> - -<p>Doch Lamm sprach, vor Angst schaudernd, zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Große Gefahr, mein Sohn! Ich würde Dir bei diesem Unternehmen -folgen, wenn meine Beine nicht so schwach wären, und -mein Bauch von dem sauern Bier, so sie in dieser Stadt Brüssel -trinken, nicht so aufgebläht wäre.“</p> - -<p>Diese Reden wurden in einem Loche geführt, das im Walde mitten -im Dickicht in die Erde gegraben war. Plötzlich, da sie wie das -Auge eines Dachshundes durch die Blätter spähten, sahen sie die -gelben und roten Röcke der herzoglichen Söldner, die zu Fuß durch -den Wald gingen. Ihr Gewaffen blitzte im Sonnenschein.</p> - -<p>„Wir sind verraten,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Als er die Söldner nicht mehr sah, rannte er im schnellsten Lauf -bis nach Ohain. Die Söldner ließen ihn ob seiner Holzhackertracht -und der Holzlast, so er auf dem Rücken trug, unbeachtet passieren. -Da fand er die Reiter wartend; er verbreitete die Kunde, und alle -stoben auseinander und entkamen, außer dem Herrn von Bausart -d’Armentières, der gefangen ward. Von den Fußsoldaten aber, -die aus Brüssel kamen, konnte man keinen fassen. Herr von Bausart -zahlte grausam für die andern. Und es war ein feiger Verräter -vom Regiment des Herrn von Likes, der sie allesamt verriet.</p> - -<p>Ulenspiegel, dem das Herz vor Angst klopfte, ging nach dem -Viehmarkt zu Brüssel, um seine grausame Hinrichtung anzusehen.</p> - -<p>Und der arme Armentières ward auf das Rad geflochten und -empfing siebenunddreißig Schläge mit der Eisenstange auf die -Beine, Arme, Füße und Hände, die eines um das andere zerbrochen -wurden, denn die Henker wollten ihn grausam leiden sehen. Und -den siebenunddreißigsten empfing er auf die Brust und starb daran.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>4</h3> -<hr class="full" /> - -<p>An einem hellen, linden Junitage ward zu Brüssel auf dem -Markte vor dem Rathaus ein mit schwarzem Tuch bedecktes -Schaffot aufgerichtet und daneben zween hohe Pfähle mit Eisenspitzen. -Auf dem Blutgerüst waren zwei schwarze Kissen und -ein Tischlein, darauf ein silbern Kreuz stand.</p> - -<p>Und auf diesem Schaffot wurden die edlen Grafen von Egmont -und von Hoorn mit dem Schwerte enthauptet. Und der König -erbte.</p> - -<p>Und der Gesandte von Franz, dem ersten dieses Namens, sagte -von Egmont:</p> - -<p>„Ich sah soeben dem, der zweimal Frankreich erzittern machte, -das Haupt abschlagen.“</p> - -<p>Und die Köpfe der Grafen wurden auf die Eisenspitzen gesteckt.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sprach zu Lamm:</p> - -<p>„Die Leiber und das Blut sind mit schwarzem Tuche verdeckt. -Gesegnet seien, so in den schwarzen Tagen, die da kommen werden, -Mut hoch und den Degen aufrecht halten.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>5</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Um dieselbige Zeit brachte der Schweiger ein Heer zusammen und -ließ es von drei Seiten in die Niederlande einfallen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sprach in einer Versammlung wilder Geusen von -Marenhout:</p> - -<p>„Auf den Rat der Inquisitionsmänner hat Philipp der König -alle Einwohner der Niederlande des Majestätsverbrechens schuldig -erklärt durch die Tat der Ketzerei, sowohl wer ihr angehangen, -als wer ihr kein Hindernis in den Weg gelegt hat. In -Ansehung dieses abscheulichen Verbrechens verdammt er sie alle, -ohne Rücksicht auf Geschlecht oder Alter, mit Ausnahme der -namentlich Bezeichneten, zu den Strafen, die auf solche Frevel -stehen; und solches ohne alle Hoffnung auf Gnade. Der König -erbt. Der Tod mäht in dem reichen, weiten Lande, das die Nordsee, -die Grafschaft Emden, die Ems, die Länder Westphalen, Cleve, -Jülich, Lüttich, die Bistümer Cöln und Trier, die Länder Lothringen -und Frankreich begrenzen. Der Tod mäht auf einer Fläche -von dreihundertundvierzig Meilen in zweihundert mit Mauern -umgebenen Städten, in hundertundfünfzig Dörfern mit Städterecht, -in den Flecken, auf den Feldern und Ebenen. Der König -erbt.</p> - -<p>„Elftausend Henker sind nicht zuviel, um die Arbeit zu tun. Alba -nennt sie Soldaten. Und das Land der Väter ist ein Beinhaus -geworden, woraus die Künste fliehen, das Handwerk entweicht -und welches die Gewerbe verlassen, um den Fremden zu bereichern, -der ihnen erlaubt, bei ihm den Gott des freien Gewissens anzubeten. -Tod und Verderben mähen. Der König erbt.</p> - -<p>„Die Lande hatten ihre Privilegien erworben durch viel Geld, -das sie bedürftigen Fürsten gaben; diese Privilegien sind eingezogen. -Sie hatten gehofft, den Verträgen gemäß, die zwischen -ihnen und den Herrschern geschlossen waren, den Reichtum, die -Frucht ihrer Arbeit, zu genießen. Sie täuschen sich: der Maurer -baut für die Feuersbrunst, der Handarbeiter arbeitet für den -Dieb. Und der König erbt.</p> - -<p>„Blut und Tränen! Der Tod mäht auf den Scheiterhaufen, an -den Bäumen, die längs der Heerstraße als Galgen dienen, in den -offenen Gruben, in welche die armen Mägdlein lebendig geworfen -werden. Andre werden in den Gefängnissen ertränkt, inmitten -von angezündeten Reisigbündeln bei langsamem Feuer gebraten -oder kommen in brennenden Strohhütten in Flamme und -Rauch um. Der König erbt.</p> - -<p>„Also hat der römische Papst es gewollt.</p> - -<p>„Die Städte sind übervoll von Spionen, so ihren Anteil vom -Vermögen der Opfer erwarten. Je reicher, desto schuldiger ist -man. Der König erbt.</p> - -<p>„Doch die tapferen Männer des Landes werden sich nicht gleich -Lämmern erwürgen lassen. Unter den Flüchtigen sind Bewaffnete, -die in die Wälder flüchten. Die Mönche hatten sie angezeigt, -auf daß man sie töte und ihnen ihr Vermögen nähme. Darum -stürzen sie sich bei Nacht und Tag wie die wilden Tiere auf die -Klöster und nehmen dort das Geld wieder, das dem armen Volke -in Gestalt von Leuchtern, güldenen und silbernen Reliquienschreinen, -Speisekelchen, Hostientellern und kostbaren Gefäßen gestohlen -ist. Nicht so, Ihr guten Leute? Und sie trinken dort den Wein, -den die Mönche für sich bewahrten. Die geschmolzenen oder verpfändeten -Gefäße werden zum heiligen Kriege dienen. Es lebe -der Geuse!</p> - -<p>„Sie beunruhigen des Königs Soldaten, töten und berauben sie -und fliehen dann in ihre Schlupfwinkel. Bei Tag und Nacht -sieht man in den Wäldern nächtliche Feuer brennen und verlöschen -und immerwährend den Platz verändern. Das ist das Feuer unserer -Gelage. Unser ist das Wild mit Fell und Feder. Wir sind -die Herren; die Bauern geben uns Speck und Brot, wann wir -wollen. Lamm, betrachte sie. Zerlumpt, wild, entschlossen, mit -stolzem Blick, irren sie mit ihren Äxten, Hellebarden, langen Degen, -kurzen Schwertern, Piken, Lanzen, Armbrüsten und Hakenbüchsen -in den Wäldern umher. Alle Waffen sind ihnen recht, -und sie wollen nicht unter Fahnen marschieren. Es lebe der -Geuse!“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,</div> - <div class="verse indent0">Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Dem Herzog reißt die Eingeweide aus</div> - <div class="verse indent0">Und peitscht damit sein Angesicht!</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges,</div> - <div class="verse indent0">Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Hängt an der Zunge ihn auf,</div> - <div class="verse indent0">An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,</div> - <div class="verse indent0">Und am Arm, der es unterschreibt!</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!</div> - <div class="verse indent0">Auf daß in dem eklen Dunst</div> - <div class="verse indent0">Er an der Leichenpest sterbe!</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.</div> - <div class="verse indent0">Dem Feuer und Strick bieten sie Trutz</div> - <div class="verse indent0">Und dem Schwert um Deines Worts willen.</div> - <div class="verse indent0">Sie wollen Befreiung des Vaterlands.</div> - <div class="verse indent0">Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und alle tranken und schrieen:</p> - -<p>„Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Und Ulenspiegel trank aus dem vergüldeten Humpen eines Mönches -und betrachtete voller Stolz der wilden Geusen kühne Gesichter.</p> - -<p>„Ihr wilden Männer,“ sagte er, „Ihr seid Wölfe, Leuen und -Tiger, fresset die Hunde des Blutkönigs.“</p> - -<p>Sie sangen und sagten: „Es lebe der Geuse!</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Slaet op den trommele van dirre dom deyne,</div> - <div class="verse indent0">Slaet op den trommele van dirre dum, dum.</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="full" /> -<h3>6</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel zu Ypern war, warb er Soldaten für den Prinzen. -Von des Herzogs Bluthunden verfolgt, bot er sich dem Propst -von Sankt Martin als Küster an. Er hatte allda einen Glöckner -namens Pompilius Numa zum Gefährten, eine ausgemachte Memme, -der nachts seinen Schatten für den Teufel und sein Hemd für -ein Gespenst hielt.</p> - -<p>Der Propst war fett und feist wie ein Masthuhn, das für den -Spieß reif ist. Ulenspiegel sah alsbald, von welchem Kraut er -weidete, um soviel Speck anzusetzen. Wie er es von dem Glöckner -erfuhr und mit eigenen Augen ersah, speiste der Propst um -neun Uhr zu Mittag und um vier zu Abend. Bis acht ein halb -Uhr blieb er im Bette, alsdann ging er vor dem Mittagessen -in seiner Kirche spazieren, um zu sehen, ob die Opferstöcke -wohl gefüllt seien. Und die Hälfte davon tat er in seinen Säckel. -Um neun verspeiste er eine Satte Milch, eine halbe Hammelkeule, -eine kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler -Wein. Um zehn Uhr lutschte er etliche Backpflaumen, begoß -sie mit Wein aus Orleans und bat dabei Gott, ihn nimmer -in die Versuchung der Völlerei zu führen. Um Mittag knabberte -er zum Zeitvertreib einen Flügel und Hinterteil von Geflügel. -Um ein Uhr leerte er einen großen Becher hispanischen -Weines und gedachte an sein Nachtmahl. Alsdann streckte -er sich auf sein Bett hin und erfrischte sich durch einen kleinen -Schlummer.</p> - -<p>Erwachend, genoß er ein wenig gesalzenen Lachs, um den Appetit -zu reizen, und leerte einen großen Humpen Antwerpener <span class="antiqua">dobbelknol</span>. -Dann ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor -den Kamin an das schöne Holzfeuer, das darinnen flammte. Er -sah zu, wie ein großes Stück Kalbfleisch oder ein wohl abgebrühtes -Spanferkel für die Mönche der Abtei darin briet und -sich bräunte; das hätte er lieber gegessen, denn einen Laib -weißen Brotes. Doch es gebrach ihm ein wenig an Hunger. Und -er betrachtete den Spieß, der sich wie durch ein Wunder ganz -von allein drehte. Das war das Werk Pieters van Steenkiste, eines -Schmiedes, der in der Kastellanei von Kortrijck wohnte. Der -Propst bezahlte ihm für einen dieser Spieße fünfzehn Pariser -Franken.</p> - -<p>Dann ging er wieder hinauf in sein Bett und schlummerte vor -Ermüdung ein; er erwachte gegen zwei Uhr und verschluckte ein -wenig Schweinsgallert nebst Wein aus der Romagna, zu zweihundertvierzig -Gülden das Stückfaß. Um drei Uhr aß er ein -Vögelchen in Madeirazucker und leerte zwei Gläser Malvasier -zu siebzehn Gülden das Fäßchen. Um dreieinhalb Uhr genoß er -einen halben Topf Eingemachtes und trank Meth dazu. Alsdann -war er recht wach, nahm einen seiner Füße in die Hände -und ruhte sinnend aus.</p> - -<p>Wenn der Augenblick des Nachtessens kam, so erschien oftmals -der Pfarrer von St. Johanni, ihm zu dieser saftigen Stunde -seine Aufwartung zu machen. Manches Mal wetteiferten sie, -wer am meisten Fisch, Geflügel, Wildbret und Fleisch essen würde. -Der am schnellsten satt war, mußte dem andern ein Gericht -Kalbsrippen liefern, das mit drei Weinen, vier Würzen und -siebenerlei Gemüse zubereitet war.</p> - -<p>Also essend und trinkend, schwatzten sie mitsammen von den -Ketzern und waren übrigens der Meinung, daß man ihrer nicht -genug vernichten könne. Derhalben fingen sie niemals Händel -an, ohngerechnet den Fall, wo sie über die neununddreißig Arten, -gute Biersuppe zu machen, diskutierten.</p> - -<p>Dann neigeten sie ihre ehrwürdigen Häupter auf ihre priesterlichen -Bäuche und schnarchten. Manches Mal, wenn einer von -ihnen halb erwachte, sagte er, daß das Leben ein gar lieblich -Ding in dieser Welt sei und daß die armen Leute Unrecht hätten, -sich zu beklagen.</p> - -<p>Dieses heiligen Mannes Küster ward Ulenspiegel. Er bediente -ihn trefflich bei der Messe, nicht ohne zu dreien Malen die Meßkännchen -zu füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst. -Der Glöckner Numa Pompilius half ihm bei Gelegenheit dabei.</p> - -<p>Ulenspiegel, der Pompilius so blühend, dickbäuchig und pausbäckig -sah, fragte ihn, ob er im Dienste des Propstes den Schatz -dieser neidenswerten Gesundheit gesammelt habe.</p> - -<p>„Ja, mein Sohn,“ antwortete Pompilius, „aber schließe die Türe -gut, auf daß uns keiner höre.“</p> - -<p>Dann sagte er ganz leise:</p> - -<p>„Du weißt, daß unser Meister Propst alle Weine und Biere, alle -Arten Fleisch und Geflügel mit zärtlicher Liebe liebt. Derhalben -schließt er das Fleisch in einen Kasten und die Weine in einen -Keller, und die Schlüssel dazu trägt er immerdar in seinem -Säckel. Und beim Einschlafen hat er die Hände darauf. Nachts, -wenn er schläft, gehe ich und nehme ihm die Schlüssel vom Wanst -und lege sie nicht ohne Zittern wieder dahin, mein Sohn; denn -wenn er um meine Missetat wüßte, so würde er mich bei lebendigem -Leibe kochen lassen.“</p> - -<p>„Pompilius,“ sagte Ulenspiegel, „Du mußt Dir nicht soviel -Mühe machen, sondern mir nur einmal die Schlüssel geben; ich -werde nach diesem Muster welche anfertigen, und wir lassen die -andern auf dem Bauche des guten Propstes.“</p> - -<p>„Mache sie, mein Sohn,“ sagte Pompilius.</p> - -<p>Ulenspiegel machte die Schlüssel. Sobald er und Pompilius um -acht Uhr Abends vermuteten, daß der gute Propst eingeschlafen -sei, stiegen sie hinunter, um sich Fleisch und Flaschen auszusuchen. -Ulenspiegel trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, maßen -er allzeit wie Espenlaub zitterte und Schinken und Hammelkeulen -nicht zerbrechen, so sie hinfallen. Etliche Male bemächtigten -sie sich des Geflügels, ehe es gebraten war, dieserhalb -wurden mehrere Katzen der Nachbarschaft angeklagt und wegen -solcher Tat umgebracht.</p> - -<p>Alsdann gingen sie in die Ketelstraet, das ist die Straße der -Dirnen. Da sparten sie nichts und gaben ihren Schönen mit vollen -Händen geräuchertes Ochsenfleisch und Schinken, Hirnwurst -und Geflügel, und gaben ihnen Wein aus Orleans und der Romagna -zu trinken und von dem „Ingelschen Bier“, das die jenseits des -Meeres Ale nennen. Und sie gossen es in Strömen in die jungen -Kehlen der Schönen. Und sie wurden mit Liebkosungen bezahlt. -Eines Morgens jedoch nach der Mahlzeit ließ der Propst alle -beide zu sich bescheiden. Er hatte eine furchtbare Miene und -lutschte grimmig an einem Markknochen aus der Suppe.</p> - -<p>Pompilius zitterte in seinen Hosen und sein Bauch ward von -Furcht geschüttelt. Ulenspiegel verhielt sich ruhig und befühlte -vergnüglich die Kellerschlüssel in seiner Tasche.</p> - -<p>Der Propst sprach zu ihm und sagte:</p> - -<p>„Man trinkt meinen Wein und man ißt mein Geflügel; tust Du -das mein Sohn?“</p> - -<p>„Nein,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Und hat nicht dieser Glöckner“, sagte der Probst, auf Pompilius -zeigend, „seine Hände bei diesem Verbrechen im Spiel gehabt? -Denn er ist bleich wie ein Verscheidender; gewißlich aus Ursach -des gestohlenen Weins, der bei ihm als Gift wirkt.“</p> - -<p>„Ach, Herr,“ entgegnete Ulenspiegel, „Ihr beschuldigt Euren -Glöckner zu Unrecht, denn wenn er bleich ist, so ist es nicht, weil -er Wein getrunken hat, sondern weil er nicht genug zu schlürfen -bekam. Wovon er so entkräftet ist, daß, wenn man seine Seele -nicht aufhält, sie sich in Strömen in seine Hosen ergießen wird.“</p> - -<p>„Ja, es gibt arme Leute in dieser Welt,“ sagte der Propst und -trank einen großen Schluck Wein aus seinem Humpen. „Aber sag -mir, mein Sohn, ob Du, der Du Luchsaugen hast, nicht die Spitzbuben -sahest?“</p> - -<p>„Ich werde gut Acht geben, Herr Propst,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Gott erhalte Euch alle beide fröhlich, Kinder,“ sagte der Propst, -„und lebet mäßig. Denn von der Unmäßigkeit kommen uns viele -Leiden in diesem Jammertal. Gehet hin in Frieden.“</p> - -<p>Und er segnete sie.</p> - -<p>Und er lutschte noch einen Markknochen aus der Brühe und trank -noch einen großen Schluck Wein.</p> - -<p>Ulenspiegel und Pompilius gingen hinaus.</p> - -<p>„Dieser garstige Filz hätte Dir nicht einen einzigen Tropfen seines -Weines zu trinken gegeben. Ihm noch mehr zu stehlen ist so gut -wie geweihtes Brot. Doch was ist Dir, daß Du so zitterst?“</p> - -<p>„Meine Hosen sind ganz naß,“ sagte Pompilius.</p> - -<p>„Wasser trocknet rasch, mein Sohn,“ erwiderte Ulenspiegel. „Doch -sei guter Dinge. Heut abend in der Ketelstraet werden die -Flaschen klingen. Und wir wollen die drei Nachtwächter trunken -machen, also daß sie schnarchend die Stadt bewachen.“</p> - -<p>Solches geschah.</p> - -<p>Indessen kam Sankt Märten heran, und die Kirche ward für das -Fest geschmückt. Ulenspiegel und Pompilius gingen des Nachts hinein, -schlossen sorgsam die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen -eine Bratsche und einen Dudelsack und huben an, auf diesen Instrumenten -zu spielen, so gut sie konnten. Und die Kerzen strahlten -wie Sonnen. Aber das war nicht alles. Da ihre Arbeit -getan war, gingen sie zum Propst, den sie ohngeachtet der vorgerückten -Stunde noch auf fanden, wie er einen Krammetsvogel -knusperte, Rheinwein trank und die Augen aufsperrte, da er die -Fenster der Kirche erleuchtet sah.</p> - -<p>„Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „wollet Ihr wissen, -wer Euer Fleisch isset und Euern Wein trinket?“</p> - -<p>„Und diese Beleuchtung,“ sagte der Propst, auf die Fenster der -Kirche weisend. „O, Herr Gott, erlaubst Du dem heiligen Märten, -also nächtlicher Weile die Kerzen der Armen unbezahlt zu -verbrennen?“</p> - -<p>„Er tut noch ganz andere Dinge, Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel, -„aber kommt.“</p> - -<p>Der Propst nahm sein Kruzifix und folgte ihnen. Sie traten in -die Kirche.</p> - -<p>Allda sah er inmitten des Hauptschiffes alle Heiligen aus ihren -Nischen herabgestiegen und im Kreise aufgestellt und von Sankt -Märten, der sie alle um Haupteslänge überragte, schier kommandiert. -An seinem zum Segen ausgestreckten Zeigefinger hielt -er einen gebratenen Truthahn. Die andern hielten Stücke von -Hühnern oder Gänsen, Würste, Schinken, rohen und gesottenen -Fisch in der Hand oder führten sie zum Munde, unter anderm einen -Hecht, der gut seine vierzehn Pfund wog. Und ein jeder hatte -eine Flasche Wein zu seinen Füßen.</p> - -<p>Bei diesem Anblick konnte der Propst sich vor Zorn nicht halten. -Er ward so rot und sein Antlitz so geschwollen, daß Ulenspiegel -und Pompilius vermeinten, er werde platzen. Aber der Propst -ging, ohne ihrer zu achten, gerade auf den heiligen Märten zu, -indem er ihn bedräuete, gleich als wollte er ihm die Missetat der -andern zur Last legen. Er riß ihm den Truthahn vom Finger -und bläute ihn so wacker durch, daß er ihm Arm, Nase, Kreuz -und Mitra zerbrach.</p> - -<p>Was die andern angeht, so sparte er ihnen keine Püffe, und mehr -als einer verlor unter seinen Schlägen Arme, Hände, Mitra, -Kreuz, Beil, Rost, Säge und andere Sinnbilder der Würde und -des Martertodes. Alsdann machte der Propst sich mit wackelndem -Bauche selbsteigen daran, die Kerzen hurtig und wütend auszulöschen. -An Schinken, Geflügel und Würsten raffte er an sich, soviel -er vermochte, und unter der Last schier erliegend, ging er -wieder in sein Schlafgemach, dermaßen betrübt und ergrimmt, -daß er Zug auf Zug drei große Flaschen Wein trank.</p> - -<p>Nachdem Ulenspiegel sich versichert hatte, daß er schlief, trug er -alles, was der Propst gerettet zu haben vermeinte, in die Ketelstraet, -desgleichen alles, was in der Kirche blieb, aber nicht, ohne -zuvor die besten Bissen dortselbst verspeist zu haben. Und den -Abfall legten sie zu Füßen der Heiligen.</p> - -<p>Am anderen Morgen läutete Pompilius die Glocke zur Frühmette, -und Ulenspiegel stieg zum Schlafgemach des Propstes -hinan, mit der Bitte, in die Kirche hinunterzukommen.</p> - -<p>Allda wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und -sprach zu ihm:</p> - -<p>„Herr Propst, es hat Euch nichts genutzt, sie haben trotz allem -gegessen.“</p> - -<p>„Ja,“ erwiderte der Propst, „sie sind wie Diebe bis ins Schlafgemach -gedrungen, um zu nehmen, was ich in Sicherheit gebracht -hatte. O, Ihr hohen Heiligen, ich werde mich beim Papst darüber -beschweren.“</p> - -<p>„Ja,“ versetzte Ulenspiegel, „aber übermorgen ist die Prozession. -Die Arbeiter werden bald in die Kirche kommen. Fürchtet Ihr -nicht, der Bilderzerstörung angeklagt zu werden, wenn sie hier -all die armen Heiligen verstümmelt sehen?“</p> - -<p>„Ach, Heiliger Märten“, sagte der Propst, „erspare mir das -Feuer, ich wußte nicht, was ich tat.“</p> - -<p>Dann wandte er sich an Ulenspiegel, derweil der furchtsame -Glöckner sich an den Glocken schaukelte.</p> - -<p>„Man wird den Heiligen Martin nimmermehr von jetzt bis auf -den Sonntag ausbessern können,“ sagte er. „Was soll ich tun, -und was wird das Volk sagen?“</p> - -<p>„Herr“, antwortete Ulenspiegel, „man muß zu einer unschuldigen -Ausflucht greifen. Wir kleben Pompilius einen Bart aufs Gesicht, -das gar ehrwürdig ist, maßen es allzeit melancholisch ist, -vermummen ihn mit Mitra, Meßgewand und Chormütze und -dem großen Mantel des Heiligen und empfehlen ihm an, gut auf -seinem Sockel zu stehen; so wird das Volk ihn für den Heiligen -Martin aus Holz halten.“</p> - -<p>Der Propst ging zu Pompilius, der sich an den Stricken schaukelte.</p> - -<p>„Hör auf zu läuten,“ sagte er, „und hör mich an. Willst Du -fünfzehn Dukaten verdienen? Am Sonntag, dem Tage der Prozession, -sollst Du der Heilige Martin sein. Ulenspiegel wird Dich -ausstaffieren, wie es sich gehört, und sofern Du, während Deine -vier Männer Dich tragen, eine Bewegung machst oder ein Wort -sagst, laß ich Dich bei lebendigem Leib in dem Öl des großen -Kessels sieden, den der Henker just auf dem Hallenplatz aufgemauert -hat.“</p> - -<p>„Ich werde gehorchen, Euer Gnaden,“ sprach Pompilius gar -kläglich.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>7</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Des andern Tages ging die Prozession bei hellem Sonnenschein -aus der Kirche. Ulenspiegel hatte, so gut er konnte, die zwölf -Heiligen zusammengeflickt, die auf ihren Sockeln zwischen den -Bannern der Zünfte hin und her schwankten. Dann kam die -Statue Unsrer lieben Frau, alsdann die Marienkinder, schneeweiß -gekleidet und Hymnen singend; dann die Bogen- und Armbrustschützen. -Dem Baldachin zunächst kam Pompilius, der -mehr schwankte als die andern und sich unter den schweren Gewändern -des Heiligen Martin bog.</p> - -<p>Ulenspiegel hatte sich mit Juckpulver versorgt und Pompilius -eigenhändig mit dem bischöflichen Ornat bekleidet, ihn mit Handschuhen -und Kreuz versehen und ihn die lateinische Weise, das -Volk zu segnen, gelehrt. Er hatte auch den Priestern beim Ankleiden -geholfen. Den einen legte er die Stola, den andern die -Chormütze und den Meßnern das Chorhemd an. Er lief in der -Kirche hierin, dorthin, um ein Wams oder eine Hose in die richtigen -Falten zu legen. Und jedwedem streute er auf die Halskrause, -den Rücken oder das Handgelenk eine Fingerspitze voll -Juckpulver.</p> - -<p>Aber der Dechant und die vier Träger des Heiligen Martin bekamen -das Meiste ab. Was die Marienkinder betraf, so verschonte -Ulenspiegel ihrer, in Ansehung ihrer kindlichen Anmut.</p> - -<p>Die Prozession zog mit fliegenden Bannern und entfalteten Fahnen -in schöner Ordnung daher. Männer und Frauen bekreuzten sich, -wenn sie sie vorbeiziehen sahen. Und die Sonne schien heiß.</p> - -<p>Der Dechant war der erste, der des Pulvers Wirkung verspürte -und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte. Priester, Bogen- und -Armbrustschützen, alle kratzten sich insgeheim an Hals, Beinen -und Handgelenken. Die vier Träger kratzten sich gleicherweise, -aber der Glöckner, den es mehr juckte als die andern, denn er -war der glühenden Sonne mehr ausgesetzt, wagte nicht einmal -sich zu rühren, aus Furcht, lebendig gesotten zu werden. Er kniff -die Nase zusammen, machte eine häßliche Fratze und zitterte auf -seinen schlotternden Beinen, denn allemal, wenn die Träger sich -kratzten, war er nahe daran, zu fallen.</p> - -<p>Die Priester sangen eine Hymne auf Unsere liebe Frau:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes</span></div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“</span></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Denn ihre Stimmen zitterten des Juckens halber, das maßlos -wurde; doch sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten jedoch -und den vier Trägern des Heiligen Martin waren Hals und -Handgelenke ganz zerfressen. Pompilius stand schlotternd auf -seinen armen Beinen, die am meisten juckten.</p> - -<p>Doch siehe, auf einmal standen alle, Armbrust- und Bogenschützen, -Domherren, Priester, Dechant und Träger des Heiligen Martin -still, um sich zu kratzen. Das Pulver juckte Pompilius an den -Fußsohlen, doch er wagte nicht sich zu rühren, aus Furcht zu -fallen.</p> - -<p>Er bewunderte und lobte die blinkenden Waffen der Armbruster -und die furchtbaren Bogen der Bruderschaft der Bogenschützen.</p> - -<p>Und die Fürwitzigen sagten, daß der Heilige Martin die Augen -gar wild rolle und dem armen Volk eine dräuende Miene mache. -Dann hieß der Dechant die Prozession weiterziehen. Die heiße -Sonne, die senkrecht auf all die Rücken und Bäuche in der Prozession -fiel, machte alsbald die Wirkung des Pulvers unerträglich. -Und nun sah man Priester und Schützen, Domherren und -Dechant wie eine Schar von Affen stillhalten und sich ohne Scham -überall kratzen, wo es sie juckte.</p> - -<p>Die Marienkinder sangen ihre Hymne und alle diese frischen, gen -Himmel steigenden Stimmen waren wie Engelchöre.</p> - -<p>Übrigens machten sich alle davon, wohin sie konnten. Der Dechant -brachte, sich kratzend, das Heilige Sakrament in Sicherheit; das -fromme Volk trug die Reliquien in die Kirche. Die vier Träger -des Heiligen Martin warfen Pompilius derb auf die Erde. Der -arme Glöckner, der nicht wagte, sich zu kratzen, zu bewegen, noch -zu sprechen, schloß fromm die Augen.</p> - -<p>Zwei junge Bürschlein wollten ihn fortschaffen, doch da sie ihn -zu schwer befanden, stellten sie ihn aufrecht an eine Mauer, und -da weinte Pompilius dicke Tränen.</p> - -<p>Das Volk versammelte sich um ihn. Die Frauen hatten Sacktüchlein -von feinem, weißen Linnen geholt und wischten ihm das -Antlitz, um seine Zähren wie Reliquien zu bewahren. Sie sprachen -zu ihm: „Euer Gnaden, wie schwitzt Ihr.“</p> - -<p>Der Glöckner blickte sie jämmerlich an und schnitt wider Willen -Grimassen.</p> - -<p>Doch da die Zähren in Strömen aus seinen Augen flossen, sprachen -die Frauen:</p> - -<p>„Großer Sankt Martin, weinet Ihr über die Sünden der Stadt -Ypern? Rührt sich nicht Eure edle Nase? Wir haben trotzdem -die Ratschläge von Louis Vivès befolgt, und die Armen von -Ypern haben zu arbeiten und zu essen. O, die großen Tränen! -Das sind Perlen. Hier ist unser Heil.“</p> - -<p>Die Männer sagten:</p> - -<p>„Großer Sankt Martin, muß die Ketelstraet Eurer Stadt niedergerissen -werden? Aber belehret uns vor allem über die Mittel, -die armen Mägdlein zu hindern, abends auszugehen und sich also -tausend Abenteuern auszusetzen.“</p> - -<p>Plötzlich schrie das Volk: „Da ist der Küster.“</p> - -<p>Da erschien Ulenspiegel, faßte Pompilius um den Leib und trug -ihn auf den Schultern fort, und die andächtige Menge folgte -ihm nach.</p> - -<p>„Wehe,“ sagte der arme Glöckner ihm ganz leise ins Ohr, „ich -sterbe vor Jucken.“</p> - -<p>„Halte Dich steif,“ versetzte Ulenspiegel, „vergissest Du, daß Du -ein hölzerner Heiliger bist?“</p> - -<p>Er lief hurtig und setzte Pompilius vor dem Propst nieder, der -sich mit den Nägeln bis aufs Blut kratzte.</p> - -<p>„Glöckner,“ sagte der Propst, „hast Du Dich so wie wir gekratzt?“</p> - -<p>„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.</p> - -<p>„Hast Du gesprochen oder eine Gebärde gemacht?“</p> - -<p>„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.</p> - -<p>„Dann sollst Du Deine fünfzehn Gulden haben,“ sagte der Propst. -„Geh jetzt und kratze Dich.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>8</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Des andern Tages, nachdem die Leute durch Ulenspiegel die -Sache erfahren hatten, sagten sie, daß es ein schlechter Spaß sei, -sie einen Greiner als Heiligen anbeten zu lassen. Und viele wurden -Ketzer. Sie zogen mit ihrem Hab und Gut fort und eilten, das -Heer des Prinzen zu vergrößern.</p> - -<p>Ulenspiegel kehrte nach Lüttich zurück.</p> - -<p>Da er allein im Walde war, setzte er sich nieder und sann. Er -schaute den klaren Himmel an und sprach:</p> - -<p>„Krieg und immer Krieg, auf daß der hispanische Feind das -arme Volk töte, unser Hab und Gut raube, unsere Frauen und -Töchter schände. Indessen geht unser schönes Geld dahin, und -unser Blut fließet in Strömen ohne Nutzen für irgend jemand, -ausgenommen diesen königlichen Wicht, der sich noch ein Sinnbild -der Macht mehr an seine Krone heften will. Einen Zierat, -den er für ruhmvoll hält, aus Blut und aus Rauch. Ei, wenn ich -Dich zieraten könnte, wie ich wollte! Nur die Fliegen würden -Dir Gesellschaft leisten wollen!“</p> - -<p>Da er diesen Dingen nachsann, siehe da zog ein ganzes Rudel -Hirsche an ihm vorbei. Es waren alte und große darunter, so -noch ihr Hirschgeschrötte hatten und stolz ihr neunendiges Geweih -trugen. Zierliche Spießer, ihre Schildknappen, trabten ihnen zur -Seite und schienen bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn Beistand -zu leisten. Ulenspiegel wußte nicht, wohin sie gingen, aber -er vermutete, daß sie nach ihrem Lager wollten.</p> - -<p>„Ach“, sagte er, „Ihr alten Hirsche und zierlichen Spießer, Ihr -gehet lustig und stolz in die Tiefe des Waldes nach Eurem Bette; -Ihr äset die jungen Sprossen und wittert balsamische Gerüche; -Ihr seid glücklich, bis der Jäger als Henker naht. Also ergeht -es auch uns alten Hirschen und Spießern.“</p> - -<p>Und Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>9</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Im September, wenn die Mücken zu stechen aufhören, ging der -Schweiger mit sechs Feldstücken und vier großen Kanonen, die -für ihn das Wort führten, nebst vierzehntausend Vlämen, Wallonen -und Deutschen bei Sankt Veit über den Rhein.</p> - -<p>Unter den gelb und roten Fahnen des Burgunder Knotenstockes, -der unsere Lande geraume Zeit schlug und in Albas Hand der -Stock der beginnenden Knechtschaft war, marschierten sechsundzwanzigtausend -und fünfhundert Mann und rollten siebenzehn -Feldstücke und neun schwere Kanonen.</p> - -<p>Doch der Schweiger sollte in diesem Kriege keinen Erfolg haben, -denn Alba nahm keine Schlacht an. Und sein Bruder Ludwig, -der Bastard Flanderns, verlor bei Gemmingen in Friesland, -nachdem er viele Städte eingenommen und viele Schiffe auf dem -Rheine gekapert, an den Sohn des Herzogs sechzehn Kanonen, -fünfzehnhundert Pferde und zwanzig Fähnlein, um der feigen -Söldlinge willen, die Geld verlangten, da sie kämpfen sollten.</p> - -<p>Und in Trümmern, Blut und Tränen suchte Ulenspiegel umsonst -das Heil des Vaterlands.</p> - -<p>Und allerorten henkten, köpften und verbrannten die Henker die -armen, unschuldigen Opfer.</p> - -<p>Und der König erbte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>10</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Ulenspiegel durch das wallonische Land wanderte, sah er, daß -der Prinz hier keine Hülfe zu erhoffen hatte, und also kam er vor -die Stadt Bouillon.</p> - -<p>Nach und nach sah er auf dem Wege Bucklige jedes Alters, Geschlechts -und Standes ankommen. Sie trugen Rosenkränze und -beteten sie andächtig ab. Und ihre Gebete waren wie das Quaken -der Frösche im Teich an einem warmen Abend.</p> - -<p>Da gab es bucklige Mütter, so bucklige Kinder trugen; andere -Kinder aus der nämlichen Brut klammerten sich an ihre Röcke. -Und allerwegen sah Ulenspiegel ihre mageren Umrisse sich gegen -den hellen Himmel abzeichnen.</p> - -<p>Er ging zu einem von ihnen und fragte ihn:</p> - -<p>„Wohin ziehen all diese arme Männer, Weiber und Kinder?“</p> - -<p>Der Mann antwortete:</p> - -<p>„Wir ziehen zum Grabe des heiligen Remaclius, um ihn zu bitten, -daß er uns gebe, was unser Herz begehrt, und die Demütigung, -die er uns auferlegte, von unserm Rücken nehme.“</p> - -<p>Ulenspiegel versetzte:</p> - -<p>„Könnte doch der heilige Remaclius auch mir geben, was mein -Herz begehrt, und von dem Rücken der armen Gemeinden den -Blutherzog fortnehmen, der gleich einen bleiernen Buckel darauf -lastet.“</p> - -<p>„Es ist nicht seines Amtes, zur Buße auferlegte Buckel fortzunehmen,“ -antwortete der Pilger.</p> - -<p>„Hat er etliche andere fortgenommen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ja, wenn die Buckel jung sind. Wenn alsdann das Wunder der -Heilung geschieht, halten wir in der ganzen Stadt Gelage und -Schmausereien. Und jeglicher Pilger gibt dem glücklich Geheilten, -der durch dieses Geschehnis heilig geworden ist und mit Erfolg -für die andern beten kann, ein Geldstück und oftmals einen -Goldgülden.“</p> - -<p>Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Weshalb läßt der reiche Sankt Remaclius sich die Heilungen wie -ein lumpiger Apotheker bezahlen?“</p> - -<p>„Gottloser Wanderer, er straft die Lästerer!“ entgegnete der Pilger -und schüttelte wütend seinen Höcker.</p> - -<p>„Wehe!“ ächzte Ulenspiegel.</p> - -<p>Und er fiel zusammengekrümmt am Fuß eines Baumes nieder.</p> - -<p>Der Pilger sagte, ihn betrachtend:</p> - -<p>„Wen Sankt Remaclius schlägt, den trifft er gut!“</p> - -<p>Ulenspiegel krümmte den Rücken, kratzte sich daran und ächzte:</p> - -<p>„Ruhmreicher Heiliger, habt Erbarmen. Das ist die Züchtigung. -Ich fühle einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern. -Wehe! Au! Vergebung, heiliger Remaclius! Geh, Pilger, -laß mich hier allein, auf daß ich gleich einem Vatermörder weine -und bereue.“</p> - -<p>Doch der Pilger war bis zum Marktplatz von Bouillon entflohen, -allwo sich alle Buckligen zusammen fanden.</p> - -<p>Dort sagte er zu ihnen, vor Furcht bebend, in stoßweiser -Sprache:</p> - -<p>„Habe Pilger getroffen, grade wie eine Pappel .... Pilger -Gotteslästerer .... Buckel auf dem Rücken .... entzündeten -Buckel!“</p> - -<p>Da die Pilger solches vernahmen, stießen sie ein tausendfaches -Freudengeschrei aus und riefen:</p> - -<p>„Heiliger Remaclius, wenn Du Buckel gibst, kannst Du sie auch -fortnehmen. Nimm uns die Buckel ab, heiliger Remaclius!“</p> - -<p>Derweilen verließ Ulenspiegel seinen Baum. Als er durch die -menschenleere Vorstadt kam, sah er an der niedern Türe einer -Schenke zwei Blasen an einem Stock schaukeln, Schweinsblasen, -so zum Zeichen der Blutwurst-Kirmes, <span class="antiqua">panch kermis</span>, wie man -im Lande Brabant sagt, angehängt waren.</p> - -<p>Ulenspiegel nahm eine der beiden Blasen, las die Rückengräte -einer Scholle vom Boden auf, ließ sich zur Ader, ließ von seinem -Blut in die Blase fließen, blies sie auf, schloß sie und legte sie -auf seinen Rücken und oben drauf die Rückengräte der Scholle. -Also ausstaffiert, kam er mit gewölbten Rücken, wackelndem Kopf -und schlotternden Beinen wie ein alter Buckliger auf den Platz. -Der Pilger, der Zeuge seines Falles gewesen, erblickte ihn und -schrie:</p> - -<p>„Da ist der Gotteslästerer!“</p> - -<p>Und er wies mit dem Finger auf ihn. Und alle kamen herbei, um -den Gestraften zu sehen.</p> - -<p>Ulenspiegel schüttelte kläglich den Kopf.</p> - -<p>„Ach,“ sprach er, „ich verdiene nicht Gnade noch Erbarmen; tötet -mich wie einen tollen Hund.“</p> - -<p>Und die Buckligen sprachen, sich die Hände reibend:</p> - -<p>„Einer mehr in unsrer Brüderschaft.“</p> - -<p>Zwischen den Zähnen murmelnd: „Das sollt Ihr mir büßen, Ihr -Bösen,“ schien er alles geduldig zu ertragen und sprach:</p> - -<p>„Ich werde nicht essen und nicht einmal trinken, um meinen Buckel -nicht festzumachen, bis daß Sankt Remaclius die Gnade gehabt -hat, mich zu heilen, wie er mich geschlagen hat.“</p> - -<p>Auf das Gerücht von dem Wunder kam der Dechant aus der -Kirche. Es war ein großer majestätischer Mann mit einem -Schmerbauch. Mit erhobner Nase zerteilte er die Flut der Buckligen -gleich einem Schiffe.</p> - -<p>Man zeigte ihm Ulenspiegel und er sprach zu ihm:</p> - -<p>„Bist Du es, armer Tropf, den Sankt Remaclius Geißel geschlagen -hat?“</p> - -<p>„Ja, Herr Dechant,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin’s wahrlich, -sein untertäniger Verehrer, der sich von seinem neuen Buckel -heilen lassen will, so es ihm gefällt.“</p> - -<p>Der Dechant, der hinter dieser Rede eine Bosheit witterte, sprach:</p> - -<p>„Laß mich diesen Buckel befühlen.“</p> - -<p>„Befühlt ihn, Herr,“ versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>Nachdem er es getan, sprach der Dechant:</p> - -<p>„Er ist neuen Ursprungs und feucht. Indessen hoffe ich, daß Sankt -Remaclius geruhen wird, Barmherzigkeit zu üben. Folge mir.“</p> - -<p>Ulenspiegel folgte dem Dechanten und trat in die Kirche. Die -Buckligen schritten hinter ihm her und schrieen: „Sehet den Verfluchten! -Sehet den Lästerer! Wie viel wiegt Dein neuer Buckel? -Wirst Du einen Sack draus machen, um Deine Taler hinein zu -tun? Du hast Dein Lebelang unser gespottet, dieweil Du grade -warst, jetzt ist die Reihe an uns. Ehre sei dem heiligen Herrn -Remaclius!“</p> - -<p>Ulenspiegel sprach kein Wort, beugte den Kopf und trat, dem -Dechanten folgend, in eine kleine Kapelle. Daselbst befand sich -ein Grabmal ganz aus Marmelstein, bedeckt mit einer großen -Tafel, die gleicherweise aus Marmelstein war. Zwischen dem -Grabmal und der Wand der Kapelle war nicht die Weite einer -großen, gespreizten Hand. Eine Menge buckliger Pilger gingen -einer nach dem andern zwischen der Wand und der Grabtafel -durch, an welcher sie stillschweigend ihre Buckel rieben. Und dergestalt -hofften sie, ihrer ledig zu werden. Und die, so ihren Buckel -rieben, wollten denen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht -Platz machen, und sie schlugen einander, doch ohne Lärm, denn -der Heiligkeit des Ortes halber gaben sie sich nur heimliche Püffe -nach Art der Buckligen.</p> - -<p>Der Dechant hieß Ulenspiegel auf die Grabplatte steigen, auf -daß alle Pilger ihn gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Ich vermag es nicht allein.“</p> - -<p>Der Dechant half ihm hinauf, stellte sich neben ihn und gebot ihm, -niederzuknien. Ulenspiegel tat also und blieb gesenkten Hauptes -in dieser Stellung.</p> - -<p>Und alsobald, nachdem der Dechant sich gesammelt hatte, predigte -er und sprach mit weit schallender Stimme:</p> - -<p>„Söhne und Brüder in Jesu Christo! Ihr sehet zu meinen Füßen -den größten Gottlosen, Taugenichts und Lästerer, den Sankt -Remaclius je mit seinem Zorn geschlagen hat.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel schlug sich an die Brust und sagte: „<span class="antiqua">Confiteor</span>.“</p> - -<p>„Ehedem,“ redete der Dechant weiter, „war er grade wie der -Schaft einer Hellebarde und rühmt sich dessen. Sehet ihn jetzo -bucklig und unter der Wucht des himmlischen Fluches gebeugt.“</p> - -<p>„<span class="antiqua">Confiteor</span>, nimm mir den Buckel,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wohl,“ fuhr der Dechant fort, „wohl, großer Heiliger, heiliger -Herr Remaclius, der Du seit Deinem glorreichen Tode neununddreißig -Wunder vollbrachtest, nimm von seinen Schultern die -Bürde, die darauf lastet. Und möchten wir um dessentwillen in -Jahrhunderten von Jahrhunderten, in <span class="antiqua">saecula saeculorum</span>, Dein -Loblied singen. Und Friede auf Erden für die guten Buckligen.“</p> - -<p>Und die Buckligen sprachen im Chor:</p> - -<p>„Wohl, wohl! Friede auf Erden für die guten Buckligen. Gib -Frieden den Buckligen, Frieden den Mißgestalteten und Erlaß -der Demütigungen. Nimm hinweg, unsere Buckel, heiliger Herr -Remaclius!“</p> - -<p>Der Dechant gebot Ulenspiegel, vom Grabe herunterzusteigen und -seinen Buckel am Rande der Platte zu reiben. Ulenspiegel tat -also, indem er immerfort „<span class="antiqua">mea culpa confiteor</span>, nimm mir den -Buckel,“ sprach. Und er rieb ihn gar trefflich mit Sehen und -Wissen der Umstehenden.</p> - -<p>Und jene schrien:</p> - -<p>„Sehet den Buckel, er senkt sich! Sehet! Er gibt nach! Er wird -nach rechts auseinanderfließen. / Nein, er wird in die Brust zurücktreten; -Buckel schmelzen nicht, sie gehen in das Gedärm hinunter, -von wo sie gekommen sind. / Nein, sie kehren in den Magen -zurück, allwo sie achtzig Tage lang als Nahrung dienen. -Das ist des Heiligen Gabe für die erlösten Buckligen. / Wohin -gehen die alten Buckel?“</p> - -<p>Plötzlich stießen die Buckligen allesamt einen lauten Schrei aus, -denn Ulenspiegel hatte soeben seinen Buckel zum Platzen gebracht, -indem er sich schwer gegen den Rand der Grabplatte stemmte. -Alles Blut, so darinnen war, floß in großen Tropfen aus seinem -Wams auf die Steinfliesen. Und indem er sich aufrichtete und -die Arme ausstreckte, rief er aus:</p> - -<p>„Ich bin befreit!“</p> - -<p>Und alle Buckligen riefen mitsammen:</p> - -<p>„Der heilge Herr Remaclius segnet ihn; das ist für ihn süß und für -Euch hart. Herr, nehmet uns unsere Buckel. / Ich bringe Euch ein -Kalb dar. / Ich sieben Hammel. / Ich die Jagdbeute des Jahres. / -Ich sechs Schinken. / Ich gebe der Kirche meine Hütte. / Nehmet -unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“</p> - -<p>Und sie betrachteten Ulenspiegel voller Neid und Scheu. Einer -unter ihnen wollte unter sein Wams tasten, doch der Dechant -wehrte es ihm.</p> - -<p>„Da ist eine Wunde, die nicht ans Licht darf.“</p> - -<p>„Ich werde für Euch beten,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ja, Pilger,“ sagten die Buckligen alle zumal, „ja Herr, der Ihr -wieder grade geworden seid; wir haben Eurer gespottet, verzeihet -uns, wir wußten nicht, was wir taten. Christus, der Herr, -hat am Kreuze verziehen, gewähret auch uns Verzeihung.“</p> - -<p>„Ich verzeihe Euch,“ sagte Ulenspiegel wohlwollend.</p> - -<p>„So nehmet denn diesen Stüver, genehmigt diesen Gülden, lasset -uns Eurer Gradheit diesen Real geben, Euch diesen Crusado -anbieten, in Eure Hände diese Karolus legen ...“</p> - -<p>„Verberget Eure Karolus wohl,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu -ihnen, „auf daß Eure linke Hand nicht wisse, was die rechte -tut.“</p> - -<p>Also redete er wegen des Dechanten, der die Münzen der Buckligen -mit den Augen verschlang, ohne zu sehen, ob es güldene -oder silberne waren.</p> - -<p>„Euch sei Dank, Geweihter des Herrn,“ sagten die Buckligen zu -Ulenspiegel.</p> - -<p>Und er nahm stolz ihre Gaben an, wie einer, an dem ein Wunder -geschehen.</p> - -<p>Aber die Geizigen rieben ihre Buckel am Grabstein, ohne etwas -zu sagen.</p> - -<p>Am Abend ging Ulenspiegel in eine Schenke, allwo er schwelgte -und zechte.</p> - -<p>Ehe er sich ins Bett legte, gedachte er, daß der Dechant gewiß -seinen Anteil an der Beute heischen würde, wenn nicht alles. Er -zählte seinen Gewinst und fand mehr Gold als Silber, sintemalen -es gut dreihundert Karolus waren. Er erspähete einen -dürren Lorbeerbaum in einem Topf, packte ihn beim Schopf, zog -Pflanze und Erde heraus und legte das Gold darunter. Alle -halben Gülden, Stüver und Taler aber breitete er auf dem Tisch -aus.</p> - -<p>Der Dechant trat in die Schenke und stieg zu Ulenspiegel hinauf. -Da dieser ihn erblickte, sagte er:</p> - -<p>„Herr Dechant, was wollet Ihr von meiner armseligen Person?“</p> - -<p>„Ich will nur Dein Bestes, mein Sohn,“ antwortete jener.</p> - -<p>„Wehe,“ ächzte Ulenspiegel, „ist es das, was Ihr auf dem Tisch -sehet?“</p> - -<p>„Das ist es,“ versetzte der Dechant.</p> - -<p>Alsdann streckte er die Hand aus und säuberte den Tisch von -allem Gelde, das darauf war, und ließ es in einen dazu bestimmten -Sack fallen.</p> - -<p>Und er gab Ulenspiegel, der zum Schein stöhnte, einen Gülden.</p> - -<p>Und er fragte ihn nach den Werkzeugen des Wunders.</p> - -<p>Ulenspiegel zeigte ihm die Schollengräte und die Blase.</p> - -<p>Der Dechant nahm sie, indes Ulenspiegel jammerte und ihn anflehte, -ihm gnädigst mehr zu geben. Der Weg von Bouillon nach -Damm, sprach er, sei für ihn armen Wanderer weit, und er würde -gewißlich Hungers sterben.</p> - -<p>Der Dechant ging von dannen, ohne ein Wort zu sagen.</p> - -<p>Als Ulenspiegel allein war, entschlief er mit dem Blick auf den -Lorbeerbaum. Am andern Morgen bei Tagesanbruch raffte er -seine Beute zusammen, verließ Bouillon und begab sich nach dem -Lager des Schweigers. Er überantwortete ihm das Geld und erzählte -die Tat mit dem Bemerken, daß dies die wahre Art sei, -vom Feinde Kriegskontribution einzutreiben.</p> - -<p>Und der Prinz gab ihm zehn Gülden.</p> - -<p>Die Schollengräte aber ward in einen kristallenen Reliquienschrein -gelegt und zwischen die Arme des Kreuzes am Hauptaltar -von Bouillon eingelassen. Und jedermann in der Stadt weiß, -daß das, was das Kreuz umschließt, der Buckel des geheilten -Lästerers ist.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>11</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da der Schweiger in der Umgegend von Lüttich war, machte er, -bevor er die Maas überschritt, Märsche und Gegenmärsche, um -den Herzog in seiner Wachsamkeit irre zu führen.</p> - -<p>Ulenspiegel tat seine Soldatenpflicht, handhabte trefflich die Radschloßbüchse -oder hielt Augen und Ohren offen.</p> - -<p>Um jene Zeit kamen vlämische und brabanter Edelleute ins -Lager, so mit den Rittern, Obristen und Hauptleuten vom Gefolge -des Schweigers lustig lebten.</p> - -<p>Bald bildeten sich zwei Parteien im Lager, die unaufhörlich miteinander -haderten. Die einen sagten: „Der Prinz ist ein Verräter“; -die andern erwiderten, die Ankläger hätten gelogen und sie -würden sie ihre Lüge hinunterschlucken lassen. Das Mißtrauen -nahm zu wie ein Ölfleck. In Rotten von sechs, acht, zwölf Mann -wurden sie handgemein; im Zweikampf fochten sie mit jeder Art -von Waffen, selbst mit Hakenbüchsen.</p> - -<p>Eines Tages kam der Prinz auf den Lärm hinzu und trat zwischen -die beiden Parteien. Eine Kugel riß ihm den Degen von der -Seite. Er gebot dem Kampf Einhalt und zeigte sich im ganzen -Lager, damit man nicht sagen sollte: „Der Schweiger ist tot, tot -ist der Krieg.“</p> - -<p>Am folgenden Tag um Mitternacht bei Nebelwetter wollte Ulenspiegel -just ein Haus verlassen, darinnen er einem wallonischen -Mägdlein vlämische Minnelieder gesungen hatte. Da hörte er -an der Tür einer Hütte, neben dem Hause, zu dreien Malen, -Rabengekrächz. Anderes Gekrächz antwortete von ferne, dreifach -und dreimal nacheinander. Ein Bauer trat auf die Schwelle -der Hütte. Ulenspiegel hörte Schritte auf dem Wege.</p> - -<p>Zwei Männer, so hispanisch sprachen, kamen zu dem Bauern, der -in der nämlichen Sprache zu ihnen sagte:</p> - -<p>„Was habet Ihr getan?“</p> - -<p>„Gutes Werk,“ sagten sie, „indem wir für den König logen. -Dank uns sprechen die mißtrauischen Hauptleute und Soldaten -untereinander:</p> - -<p>„Aus schnödem Ehrgeiz widersteht der Prinz dem König. Solchergestalt -rechnet er, ihm Furcht einzuflößen und Städte und -Herrschaften als Friedenspfand zu empfangen. Um fünfhunderttausend -Gülden wird er die tapferen Ritter, so für die Lande -kämpfen, verlassen. Der Herzog hat ihm völlige Amnestie anbieten -lassen mit Versprechen und Eid, ihm und allen hohen Heerführern -ihr Vermögen zu erstatten, wenn sie sich unter die Botmäßigkeit -des Königs zurückbegeben. Oranien wird allein mit -ihnen verhandeln.“</p> - -<p>Die Getreuen des Schweigers antworteten uns:</p> - -<p>„Anerbieten des Herzogs, hinterlistige Falle, er wird der Herren -von Egmont und von Hoorn gedenken und nicht hineingehen. -Sie wissen es wohl.“ Kardinal Granvella hat, da er in Rom -war, gesagt, als die Grafen gefangen gesetzt wurden:</p> - -<p>„Die beiden Gründlinge fängt man, aber den Hecht läßt man -leben; man hat nichts gefangen, dieweil der Schweiger noch zu -fangen bleibt.“</p> - -<p>„Ist die Uneinigkeit im Lager groß?“ fragte der Bauer.</p> - -<p>„Die Uneinigkeit ist groß, sie wird mit jedem Tage größer“, sagten -sie. „Wo sind die Briefe?“</p> - -<p>Sie traten in die Hütte, allwo eine Laterne entzündet wurde. -Da sah Ulenspiegel durch eine kleine Luke, wie sie die Siegel -von zwei Sendschreiben erbrachen, sich am Lesen ergötzten, Meth -tranken und endlich hinausgingen, wobei sie in hispanischer -Sprache zu dem Bauern sagten:</p> - -<p>„Das Lager gespalten, Orange genommen. Das wird eine gute -Limonade sein.“</p> - -<p>„Diese dürfen nicht am Leben bleiben,“ sagte Ulenspiegel zu sich. -Sie gingen durch den dichten Nebel fort. Ulenspiegel sah, daß -der Bauer ihnen eine Laterne brachte, welche sie nahmen.</p> - -<p>Da der Schein der Laterne oftmals durch eine schwarze Gestalt -verdunkelt ward, so mutmaßte er, daß sie hintereinander schritten.</p> - -<p>Er spannte seine Büchse und schoß auf die schwarze Gestalt. -Alsbald sah er, daß die Laterne unterschiedliche Male gesenkt -und erhoben ward, und hielt dafür, daß einer von beiden gefallen -war und der andere zu sehen suchte, welcher Art seine Wunde sei. -Er spannte abermals seine Büchse. Sobald die Laterne allein, -schnell und schaukelnd in der Richtung auf das Lager zu ging, -schoß er zum andern Mal. Die Laterne schwankte, fiel hin, erlosch, -und es ward finster.</p> - -<p>Er lief zum Lager und sah den Profos mit einer Menge Soldaten, -so durch die Schüsse alarmiert waren, herauskommen. Ulenspiegel -trat auf sie zu und sprach:</p> - -<p>„Ich bin der Jäger; gehet, das Wild aufzuheben.“</p> - -<p>„Lustiger Vläme,“ sagte der Profos, „Du redest noch anders als -mit der Zunge.“</p> - -<p>„Worte der Zunge sind Wind,“ erwiderte Ulenspiegel; „Worte -aus Blei bleiben im Körper der Verräter. Aber folget mir.“</p> - -<p>Er führte sie mit ihren Laternen an den Ort, wo die Beiden gefallen -waren. In der Tat sahen sie sie auf der Erde liegen, der -eine war tot, der andre röchelte und hielt die Hand auf der Brust, -allwo sich ein Brief fand, den er mit der letzten Lebenskraft zerknüllt -hatte.</p> - -<p>Sie trugen die Leichname fort, die sie an der Tracht für solche -von Edelleuten erkannten. Also gelangten sie mit ihren Laternen -zum Prinzen, der just mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen -von Hessen und andern Herren ratschlagte.</p> - -<p>Von Landsknechten und Reitern in grünen und roten Mänteln -gefolgt, kamen sie vor das Zelt des Prinzen und verlangten mit -Geschrei, daß er sie vorließe.</p> - -<p>Er kam heraus. Alsbald schnitt Ulenspiegel dem Profossen, der -sich räusperte und sich anschickte, ihn anzuklagen, das Wort ab.</p> - -<p>„Euer Gnaden“, sprach er, „ich habe statt Raben zwei adlige -Verräter Eures Gefolges getötet.“</p> - -<p>Dann berichtete er, was er gesehen, gehört und getan hätte.</p> - -<p>Der Schweiger blieb stumm. Die beiden Leichname wurden -durchsucht. Dabei waren zugegen Wilhelm von Oranien, der -Schweiger, Friedrich von Hollenhausen, der Markgraf von Hessen, -Dieterich von Schoonenbergh, der Graf Albert von Nassau, der -Graf von Hoogstraten, Antoine de Lalaing, Gouverneur von -Mecheln; desgleichen die Soldaten und Lamm Goedzak, dem -sein Bauch innerlich zitterte. Bei den Edelleuten wurden gesiegelte -Schreiben von Granvella und Noircarmes gefunden, so sie aufforderten, -im Gefolge des Prinzen Zwietracht zu säen, um seine -Kriegsmacht um ein Bedeutendes zu verringern, ihn zur Übergabe -zu zwingen und ihn dem Herzog auszuliefern, auf daß er -seinem Verdienste gemäß enthauptet werde. Die Briefe besagten, -daß es nötig sei, fürsichtig und mit versteckten Worten vorzugehen, -damit die vom Heer glaubten, daß der Prinz zu seinem -alleinigen Vorteil schon einen Vertrag mit dem Herzog gemacht -habe. Voller Zorn würden seine Hauptleute und Söldner ihn -gefangen nehmen. Als Belohnung war einem jeden von ihnen -ein Gutschein für fünfhundert Dukaten auf die Fugger in Antwerpen -geschickt. Sie sollten tausend haben, sobald die vierhunderttausend, -die man aus Hispanien erwartete, in Seeland angekommen -wären.</p> - -<p>Nachdem diese Verschwörung aufgedeckt war, wandte sich der -Prinz stumm zu den Edelleuten, Rittern und Söldnern um, unter -denen viele waren, die ihn beargwöhnten. Er deutete schweigend -auf die beiden Leichen und wollte ihnen durch diese Gebärde ihr -Mißtrauen vorwerfen. Alle riefen stürmisch:</p> - -<p>„Lang lebe Oranien! Oranien ist den Landen treu!“</p> - -<p>Sie wollten die Leichname voll Verachtung den Hunden vorwerfen; -doch der Schweiger sprach:</p> - -<p>„Nicht die Leichname sollt Ihr den Hunden vorwerfen, sondern -die Schwachheit des Geistes, die an reinen Absichten zweifeln -heißt.“</p> - -<p>Und die Ritter und Söldner riefen:</p> - -<p>„Es lebe der Prinz! Es lebe Oranien, der Freund der Lande!“</p> - -<p>Und ihre Stimmen waren gleich wie ein Donner, der die Ungerechtigkeit -bedräuet.</p> - -<p>Und der Prinz sagte, auf die Leichname deutend:</p> - -<p>„Begrabt sie christlich.“</p> - -<p>„Und ich,“ fragte Ulenspiegel, „was wird man mit meinem getreuen -Gerippe tun? Habe ich Übles getan, so gebe man mir -Schläge; habe ich gut gehandelt, so gebe man mir eine Belohnung.“</p> - -<p>Darauf redete der Schweiger und sprach:</p> - -<p>„Dieser Scharfschütze soll in meiner Gegenwart fünfzig mit grünem -Holz aufgezählt bekommen, maßen er ohne Befehl zwei Edelleute -getötet hat, mit dreister Hintansetzung jeglicher Mannszucht. -Desgleichen soll er dreißig Gülden haben, weil er gut gesehen -und gehört hat.“</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ versetzte Ulenspiegel, „so man mir erstlich die -dreißig Gülden gäbe, würde ich die Schläge mit grünem Holz -mit Geduld ertragen.“</p> - -<p>„Ja, ja,“ stöhnte Lamm Goedzak, „gebet ihm zuvor die dreißig -Gülden, das Übrige wird er mit Geduld ertragen.“</p> - -<p>„Und dann,“ sagte Ulenspiegel, „da meine Seele rein ist, habe -ich nicht nötig, mit ungebrannter Asche gelaugt und mit Kirschholz -gebläut zu werden.“</p> - -<p>„Ja,“ stöhnte Lamm Goedzak wiederum, „Ulenspiegel hat nicht -nötig, gelaugt und gebläut zu werden. Seine Seele ist rein. -Wascht ihn nicht, Ihr Herren, wascht ihn nicht.“</p> - -<p>Da Ulenspiegel die dreißig Gülden empfangen hatte, ward dem -Stockmeister vom Profos befohlen, sich seiner zu bemächtigen.</p> - -<p>„Sehet, Ihr Herren,“ sprach Lamm, „wie kläglich seine Miene -ist. Er liebt das Holz mit nichten, mein Freund Ulenspiegel.“</p> - -<p>„Ich liebe eine schöne dichtbelaubte Esche zu sehen,“ entgegnete -Ulenspiegel, „die in ursprünglicher Jugendkraft in der Sonne -wächst. Aber auf den Tod hasse ich diese üblen Holzknüttel, die -noch ihren Saft ausbluten, die ohne Äste, Blätter und Zweige -sind. Sie sind von wildem Aussehen und rauhen Sitten.“</p> - -<p>„Bist Du bereit?“ fragte der Profos.</p> - -<p>„Bereit“, wiederholte Ulenspiegel, „bereit wozu? Geschlagen -zu werden? Nein, das bin ich nicht und will es nicht sein, Herr -Stockmeister. Euer Bart ist rot, und Eure Miene furchtbar; -doch ich bin gewiß, Ihr habt ein weiches Herz und liebt es nicht, -einen armen Menschen, wie mich, lendenlahm zu machen. Ich -muß es Euch sagen, ich mag es nicht sehen noch tun; denn eines -Christen Rücken ist ein geweihter Tempel, der, gleich wie die Brust, -die Lungen einschließt, durch die wir die liebe Gottesluft einatmen. -Von wie nagenden Gewissensbissen würdet Ihr verzehrt -werden, dafern ein roher Stockhieb sie mir in Stücke risse.“</p> - -<p>„Spute Dich,“ sagte der Stockmeister.</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ sagte Ulenspiegel zum Prinzen, „es eilt nicht, -glaubet mir. Man müßte zuerst diesen Knüttel trocknen lassen, -denn man sagt, daß das grüne Holz beim Eindringen in das lebendige -Fleisch ihm ein tödliches Gift zuführt. Möchte Eure -Hoheit mich dieses häßlichen Todes sterben sehen? Euer Gnaden, -ich halte meinen getreuen Rücken zu Eurer Hoheit Diensten; -lasset ihn mit Ruten schlagen, mit der Peitsche geißeln. Aber so -Ihr mich nicht tot sehen wollt, ersparet mir das grüne Holz, -wenn es Euch beliebt.“</p> - -<p>„Prinz, begnadigt ihn,“ sagten Herr von Hoogstraten und Dietrich -von Schoonenbergh. Die andern lächelten voll Mitleids.</p> - -<p>Auch Lamm sagte: „Hoher Herr, begnadigt ihn; das grüne -Holz ist reines Gift.“</p> - -<p>Darauf sprach der Prinz: „Ich begnadige ihn.“</p> - -<p>Ulenspiegel sprang unterschiedliche Male in die Luft, schlug -Lamm auf den Bauch, und indem er ihn zu tanzen zwang, -sagte er:</p> - -<p>„Preise Seine Gnaden mit mir, der mich vom grünen Holz errettet -hat.“</p> - -<p>Und Lamm versuchte zu tanzen, doch er vermochte es nicht, seines -Bauches halber.</p> - -<p>Und Ulenspiegel traktierte ihn mit Essen und Trinken.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>12</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Dieweil der Herzog keine Schlacht liefern wollte, beunruhigte er -ohne Unterlaß den Schweiger, der zwischen Jülich und der Maas -durch das platte Land streifte. Er ließ den Fluß allerorten, bei -Hondt, Mecheln, Elsen, Meersen ergründen und fand ihn allerorten -voll von Fußangeln, um Menschen und Pferde, so ihn -durchwaten wollten, zu verwunden.</p> - -<p>Bei Stockem fanden die Suchenden keine. Der Prinz befahl hindurchzugehen. -Reiter durchritten die Maas und stellten sich in -Schlachtordnung am andern Ufer auf, um den Durchgang nach -dem Bistum Lüttich zu verteidigen. Dann pflanzten sich zehn -Reihen Bogen- und Scharfschützen von einem Ufer zum andern -auf, um solchergestalt den Lauf des Flusses zu hemmen. Unter -ihnen befand sich auch Ulenspiegel.</p> - -<p>Das Wasser reichte bis an die Schenkel und oftmals hob ihn eine -tückische Welle in die Höhe, ihn und sein Pferd.</p> - -<p>Er sah die Fußsoldaten vorbeiziehen, die ein Säcklein mit Pulver -auf dem Hut und ihre Büchsen in der Luft trugen. Dann -kamen die Karren, die Hakenbüchsen, die Feuerwerker, die Zündstöcke, -Feldschlangen, doppelte Feldschlangen, Falkonetts, Quartierschlangen, -halbe Quartierschlangen, doppelte Quartierschlangen, -Bombarden, doppelte Bombarden, Kanonen, Mörser, Kammerschlangen, -kleine Feldstücke, so auf Protzwagen gelegt und -von zwei Pferden gezogen, im Galopp sich bewegen konnten. Sie -glichen auf ein Haar denen, die Pistolen des Kaisers genannt -wurden. Hinter ihnen kamen die Landsknechte und flandrischen -Reiter zum Schutze der Nachhut.</p> - -<p>Ulenspiegel suchte einen erwärmenden Trunk. Der Schütze Riesenkraft, -ein Hochdeutscher, ein magerer, grausamer Hüne, -schnarchte neben ihm auf seinem Schlachtroß und atmete Branntweingeruch -aus. Ulenspiegel suchte ein Fläschlein auf der Kruppe -seines Pferdes und fand es, mittels einer Schnur wie ein Wehrgehenk -umgehängt. Er durchschnitt die Schnur, nahm das Fläschchen -und schlürfte wohlgemut daraus. Seine Kameraden, die -Schützen, sagten zu ihm:</p> - -<p>„Gib uns davon.“</p> - -<p>Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knotete -er die Schnur des Fläschchens und wollte es wieder auf die -Brust des Söldners hängen. Als er den Arm erhob, um solches -zu tun, erwachte Riesenkraft. Er nahm das Fläschlein und wollte -seine gewohnte Kuh melken. Da er fand, daß sie keine Milch -mehr gab, geriet er in großen Zorn.</p> - -<p>„Spitzbube, was hast Du mit meinem Branntwein gemacht?“ -sprach er.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Ich habe ihn getrunken. Unter durchnäßten Reitern ist der -Branntwein eines Einzigen der Branntwein aller. Ein Geizhals -ist kläglich.“</p> - -<p>„Morgen werde ich Dir im Zweikampf das Fleisch zerstückeln,“ -erwiderte Riesenkraft.</p> - -<p>„Wir werden uns Köpfe, Beine, Arme und alles zerstückeln. -Aber bist Du nicht verstopft, daß Du ein so saures Gesicht -machst?“</p> - -<p>„Das bin ich,“ erwiderte Riesenkraft.</p> - -<p>„Dann mußt Du Dich purgieren und nicht Dich schlagen,“ versetzte -Ulenspiegel.</p> - -<p>Es ward ausgemacht, daß sie sich am folgendem Tage treffen -sollten, jeder nach seinem Belieben beritten und gerüstet, und daß -sie einander den Speck mit kurzem, starrem Stoßdegen zerstückeln -sollten. Ulenspiegel verlangte für sich, den Stoßdegen durch einen -Stock zu ersetzen, welches ihm gestattet ward.</p> - -<p>Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß durchschritten und -stellten sich auf Kommando der Obristen und Hauptleute in guter -Ordnung auf. Alsdann gingen die zehn Reihen Bogenschützen -gleichfalls hindurch.</p> - -<p>Und der Schweiger sprach:</p> - -<p>„Wir wollen auf Lüttich marschieren.“</p> - -<p>Ulenspiegel war des froh und rief mit allen Vlamländern:</p> - -<p>„Lang lebe Oranien! Auf nach Lüttich!“</p> - -<p>Aber die Fremden, sonderlich die Hochdeutschen, sagten, daß sie -zu sehr durchnäßt und eingeweicht seien, um zu marschieren. Vergeblich -versicherte der Prinz ihnen, daß sie zu einem sicheren Sieg -in eine befreundete Stadt gingen. Sie wollten nichts hören, zündeten -große Feuer an und wärmten sich samt ihren abgesattelten -Pferden.</p> - -<p>Der Angriff auf die Stadt ward auf den kommenden Tag verschoben, -wo Alba, über den kühnen Durchgang gewaltig erstaunt, -durch seine Spione erfuhr, daß die Söldner des Schweigers noch -nicht zum Angriff bereit seien.</p> - -<p>Daraufhin ließ er Lüttich und das ganze umliegende Land bedrohen, -daß er sie mit Feuer und Schwert vertilgen wolle, wenn -des Prinzen Freunde dort irgend welchen Aufruhr machten. Gerard -von Groesbeke, der bischöfliche Bluthund, ließ seine Söldner -gegen den Prinzen rüsten; und er kam durch die Schuld der -Hochdeutschen, die Furcht vor etwas nassen Hosen gehabt hatten, -zu spät.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>13</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Nachdem Ulenspiegel und Riesenkraft Sekundanten genommen -hatten, sagten diese, sie sollten zu Fuß kämpfen, bis daß einer den -Geist aufgäbe, wenn es dem Sieger gefiele; denn solches waren -Riesenkrafts Bedingungen.</p> - -<p>Der Kampfplatz war eine kleine Heide.</p> - -<p>Gleich am Morgen legte Riesenkraft seine Rüstung als Schütze -an. Er setzte die Pickelhaube mit Halsstück auf, ohne Visier, und -zog ein Panzerhemd ohne Ärmel an. Sintemalen sein anderes -Hemd in Fetzen auseinanderging, legte er es in die Pickelhaube, -um, wenn es not tat, einen Verband daraus zu machen. Er versah -sich mit seiner Armbrust aus gutem Ardenner Holz, einem Bündel -von dreißig Pfeilen, einem langen Dolch, aber nicht mit einem -zweihändigen Degen, welches der Bogenschützen Degen ist. Und -er kam auf seinem Schlachtroß, das den Kriegssattel und das -Zaumzeug mit Federbusch trug und ganz gepanzert war, auf den -Kampfplatz geritten.</p> - -<p>Ulenspiegel machte sich eine Ausrüstung wie ein gewappneter -Edelmann, sein Schlachtroß war ein Esel; sein Sattel waren die -Röcke einer Dirne, das mit Federn geschmückte Zaumzeug aus -Weiden, obenauf mit schönen, trefflich flatternden Hobelspänen -geziert. Der Roßharnisch war aus Speck, denn das Eisen kostet -zu viel, sagte er, Stahl ist unerschwinglich, und was das Kupfer -anlangt, so hat man in den verwichenen Tagen so viele Kanonen -daraus gemacht, daß nicht soviel übrig ist, um ein Kaninchen -in der Schlacht zu wappnen. An Stelle des Hutes setzte -er einen schönen Lattichkopf auf, den die Schnecken noch nicht -zerfressen hatten. Darauf ragte eine Schwanenfeder, damit er im -Verscheiden singen konnte.</p> - -<p>Sein starrer, leichter Stoßdegen war ein rechtschaffener, langer, -dicker Knüttel aus Fichtenholz, an dessen Ende ein Besen aus -Zweigen des gleichen Holzes war. An der linken Seite seines -Sattels hing sein Messer, das gleichfalls aus Holz war, auf der -rechten Seite schaukelte sein trefflicher Streitkolben aus Holunderholz, -von einer Rübe gekrönt. Sein Küraß bestand ganz aus -Löchern.</p> - -<p>Als er so ausgestattet auf den Kampfplatz kam, brachen Riesenkrafts -Sekundanten in Gelächter aus; aber dieser selbst behielt -seine sauertöpfische Miene.</p> - -<p>Alsdann forderten Ulenspiegels Sekundanten die Beisteher Riesenkrafts -auf, der Deutsche möge seine ganze Rüstung von Panzerringen -und Eisen ablegen, in Ansehung dessen, daß Ulenspiegel -nur mit Lumpen gepanzert sei. Riesenkraft willigte darein. Nunmehr -fragten Riesenkrafts Sekundanten die Ulenspiegels, woher -es käme, daß Ulenspiegel mit einem Besen bewaffnet wäre.</p> - -<p>„Ihr gewährtet mir den Knüttel, doch Ihr verbotet mir nicht, -ihn mit Laubwerk aufzuputzen.“</p> - -<p>„Mach’s, wie Du’s verstehst,“ sagten die vier Sekundanten.</p> - -<p>Riesenkraft sagte keinen Ton und metzelte das kümmerliche Heidekraut -mit kurzen Degenhieben ab.</p> - -<p>Die Sekundanten forderten ihn auf, seinen Stoßdegen gleich -Ulenspiegel durch einen Knüttel zu ersetzen.</p> - -<p>Er antwortete:</p> - -<p>„Wenn dieser Lump aus freien Stücken eine so ungewöhnliche -Waffe gewählet hat, so geschieht’s, weil er vermeint, sein Leben -damit verteidigen zu können.“</p> - -<p>Da Ulenspiegel abermals sagte, daß er sich seines Besens bedienen -wolle, kamen die vier Sekundanten überein, daß alles recht sei.</p> - -<p>Sie standen sich kampfbereit gegenüber, Riesenkraft auf seinem -eisengepanzerten Pferde, Ulenspiegel auf seinem speckgepanzerten -Esel.</p> - -<p>Ulenspiegel rückte bis zur Mitte des Feldes vor. Dann sprach er, -seinen Besen wie eine Lanze haltend:</p> - -<p>„Stinkender als Pest, Aussatz und Tod finde ich dies Ungeziefer -von schlechten Kerls, die in einem Lager von guten Kriegskameraden -keine andern Sorgen haben, als allerwegen ihre mürrische -Fratze und ihr zornschäumendes Maul herumzuführen. Wo sie -verweilen, wagt sich das Lachen nicht hervor, und die Lieder -schweigen. Sie müssen allzeit brummen oder sich schlagen, und -dergestalt führen sie neben dem berechtigten Kampf für das Vaterland -den Zweikampf ein, welcher der Ruin des Heeres und die -Freude des Feindes ist. Gegenwärtiger Riesenkraft tötete einundzwanzig -Menschen um unschuldiger Worte willen, ohne daß -er jemals in Schlacht oder Scharmützel eine glänzende Tat der -Tapferkeit getan oder durch seinen Mut die geringste Belohnung -verdient hätte. Darum so gefällt es mir, heute das räudige Fell -dieses bissigen Hundes wider den Strich zu bürsten.“</p> - -<p>Riesenkraft antwortete:</p> - -<p>„Dieser Trunkenbold hat schöne Dinge über den Mißbrauch des -Zweikampfes geträumt; es wird mir heute gefallen, ihm den Kopf -zu spalten, um Jedermann zu zeigen, daß er nur Heu im Hirn -hat.“</p> - -<p>Die Sekundanten zwangen sie, von ihren Tieren zu steigen. Dies -tuend, ließ Ulenspiegel den Lattich vom Kopf fallen, den der Esel -ruhig fraß, doch er ward in diesem Geschäft durch einen Fußtritt -unterbrochen, den ihm ein Sekundant gab, um ihn aus den -Schranken des Kampfplatzes zu treiben. Ebenso geschah dem -Pferde. Und sie gingen, anderswo in Gesellschaft zu weiden.</p> - -<p>Alsbald gaben die Sekundanten / die besentragenden, das waren -die Ulenspiegels, / und die degentragenden, das waren die Riesenkrafts -/ durch Pfeifen das Zeichen zum Kampfe.</p> - -<p>Und Riesenkraft und Ulenspiegel fochten wütend miteinander.</p> - -<p>Riesenkraft schlug mit seinem Stoßdegen und Ulenspiegel parierte -mit seinem Besen. Riesenkraft fluchte bei allen Teufeln, Ulenspiegel -wich ihm aus und hüpfte die Kreuz und die Quer durch -die Heide, steckte die Zunge heraus und machte Riesenkraft tausend -Fratzen. Diesem ging der Atem aus, und er schlug mit dem Stoßdegen -ins Blaue wie ein närrisch gewordener Söldling. Ulenspiegel -fühlte, daß er ihm nahe war, drehte sich plötzlich um und -gab ihm mit seinem Besen einen gewaltigen Stoß unter die Nase. -Riesenkraft fiel mit ausgestreckten Armen und Beinen zu Boden, -wie ein Frosch, wenn er verendet.</p> - -<p>Ulenspiegel warf sich auf ihn und fegte ihm das Gesicht ohne -Erbarmen mit dem Strich und gegen den Strich. Dabei sagte -er:</p> - -<p>„Bitte um Gnade, oder Du sollst meinen Besen verschlingen.“ -Und er rieb ihn ohn Unterlaß hin und her, zum großen Ergötzen -der Anwesenden, und sagte immerfort:</p> - -<p>„Schrei um Gnade, oder Du sollst ihn verschlingen!“</p> - -<p>Aber Riesenkraft konnte nicht schreien, maßen er an der schwarzen -Wut gestorben war.</p> - -<p>„Gott habe Dich selig, armer Wüterich!“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Und er ging fürbaß und blies Trübsal.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>14</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es war dazumal Ende Oktober. Dem Prinzen mangelte das Geld, -sein Heer hungerte. Die Söldlinge murrten. Er marschierte nach -Frankreich und bot dem Herzog die Schlacht an; der aber nahm -sie nicht an.</p> - -<p>Er brach von Quesnoy-le-Comte auf, um auf Cambresis zu -rücken; da stieß er auf zehn Kompanien Deutscher, acht Fähnlein -Spanier und drei Schwadronen leichter Reiter, die von Don -Ruffele Henricis, des Herzogs Sohne, befehligt wurden. Er war -mitten in der Schlacht und rief auf Spanisch:</p> - -<p>„Tötet, tötet! Gebt kein Quartier! Es lebe der Papst!“</p> - -<p>Don Henricis war just der Kompanie Schützen gegenüber, in der -Ulenspiegel Rottenführer war; er stürzte sich mit seinen Leuten -auf sie. Ulenspiegel sagte zum Feldwaibel:</p> - -<p>„Ich will diesem Henker die Zunge abschneiden.“</p> - -<p>„Schneide“, sagte der Feldwaibel.</p> - -<p>Und mit einer wohlgezielten Kugel riß Ulenspiegel Zunge und -Kinnbacken des Don Ruffele Henricis, des Herzogs Sohn, entzwei.</p> - -<p>Ulenspiegel schoß auch den Sohn des Marquis Delmarès vom -Pferde.</p> - -<p>Die acht Fähnlein und drei Schwadronen wurden geschlagen.</p> - -<p>Nach diesem Siege suchte Ulenspiegel Lamm im Lager, aber er -fand ihn nicht.</p> - -<p>„Ach,“ sagte er, „nun ist er fort, mein Freund Lamm, mein dicker -Freund. Das Gewicht seines Bauches vergessend, wird er in seinem -kriegerischen Ungestüm die hispanischen Flüchtlinge haben -verfolgen wollen. Außer Atem wird er wie ein Sack auf den Weg -gefallen sein. Und sie werden ihn aufgenommen haben, um Lösegeld -für ihn zu bekommen, ein Lösegeld für christlichen Speck. -Mein Freund Lamm, wo bist Du doch, wo bist Du, mein fetter -Freund?“</p> - -<p>Ulenspiegel suchte ihn allerorten und blies Trübsal, da er ihn nicht -fand.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>15</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Im November, dem Monat der Schneestürme, ließ der Schweiger -Ulenspiegel zu sich entbieten. Der Prinz biß auf die Schnur -seines Panzerhemdes.</p> - -<p>„Höre und bewahre“, sagte er.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Meine Ohren sind Gefängnistore; man geht leicht hinein, aber -hinauszugehen ist eine schwere Sache.“</p> - -<p>Der Schweiger sprach:</p> - -<p>„Geh über Namur, Flandern, Hennegau, Süd-Brabant, Antwerpen, -Nord-Brabant, Geldern, Oberyssel, Nord-Holland -und verkünde allerorten: wenn Fortuna unsere heilige, christliche -Sache auf dem Lande verrät, so wird der Kampf gegen alle ungerechten -Gewalttaten auf dem Meere fortgesetzt werden. Diese -Sache steht in Gottes Hand, sei es im Glück oder Unglück. In -Amsterdam angelangt, wirst Du Paul Buys, meinem Getreuen, -von deinem Tun und Treiben Rechenschaft geben. Hier sind drei -Pässe, von Alba selbst unterzeichnet und bei den Leichen von Quesnoy-le-Comte -gefunden. Mein Sekretarius hat sie ausgefüllt. -Kann sein, daß Du unterwegens einen guten Gefährten findest, -dem Du vertrauen kannst. Die sind gut, die auf Lerchentriller -mit kriegerischem Hahnenruf antworten. Hier sind fünfzig Gülden. -Du wirst tapfer und treu sein.“</p> - -<p>„Klasens Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. -Und er ging von dannen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>16</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Er hatte vom König und vom Herzog Vollmacht, nach seinem -Ermessen alle Waffen zu tragen. Er nahm seine gute Radschloßbüchse, -Patronen und trockenes Pulver, legte einen zerlumpten -Mantel, ein zerschlissenes Wams, eine nach hispanischer Mode -durchlöcherte Hose, ein Barett mit wallender Feder und einen -Degen an; so verließ er das Heer an der französischen Grenze -und wandte sich nach Maastricht. Die Zaunkönige, der Kälte -Boten, flogen Obdach begehrend um die Häuser. Es schneiete am -dritten Tage.</p> - -<p>Manchmal mußte Ulenspiegel unterwegens seinen Geleitbrief -zeigen. Man ließ ihn passieren und er wandte sich nach Lüttich. -Er war in eine Ebene gelangt. Ein starker Wind trieb ihm die -Flocken in Wirbeln ins Gesicht. Vor seinen Augen breitete sich -eine weiße Fläche aus, darüber die Schneewolken von Windstößen -gejagt wurden. Drei Wölfe folgten ihm; doch nachdem er -ihrer einen mit seiner Büchse niedergeschossen, warfen die andern -sich auf den Verwundeten und entwichen in den Wald, jeder ein -Stück des Kadavers mitschleppend.</p> - -<p>Also befreit, schaute Ulenspiegel sich um, ob nicht noch eine andere -Schar auf freiem Felde sei. Da erblickte er am Rande der Ebene -Punkte wie graue Steinbilder, die sich zwischen den Schneewirbeln -bewegten, und dahinter schwarze Gestalten berittener Soldaten. -Er stieg auf einen Baum. Der Wind trug ihm ein fernes -Geräusch von Klagen zu. „Vielleicht“, sprach er zu sich selbst, -„sind es Pilger, in weiße Gewänder gekleidet. Ich sehe kaum -ihre Körper auf dem Schnee.“</p> - -<p>Dann gewahrte er Menschen, die nackend liefen, und sah zwei -Reiter in schwarzer Rüstung, die auf ihren großen Schlachtrossen -sitzend diese armselige Herde mit heftigen Peitschenhieben vor sich -her trieben. Er spannte seine Büchse. Unter diesen Gegeißelten -sah er junge Leute und nackte Greise, zitternd, erstarrt und gekrümmt. -Sie liefen, um der Peitsche der beiden Soldaten zu entrinnen, -die wohlgekleidet, von Branntwein und guter Nahrung -rot waren und ihr Ergötzen daran fanden, die Körper der nackten -Menschen zu geißeln, um sie zu schnellerem Lauf anzutreiben.</p> - -<p>Ulenspiegel sagte: „Klasens Asche, Dir soll Rache werden.“ Und -er tötete einen der Reiter mit einer Kugel ins Gesicht; der fiel -vom Pferde. Den andern, der nicht wußte, von wannen diese unverhoffte -Kugel kam, ergriff die Furcht. Wähnend, daß im Gehölz -Feinde versteckt wären, wollte er mit seines Gefährten Roß -entfliehen. Als er sich des Zügels bemächtigt hatte und abstieg, -um den Toten auszuplündern, ward er von einer andern Kugel in -den Hals getroffen und fiel gleichermaßen.</p> - -<p>Die nackten Menschen glaubten nicht anders, als daß ein Engel -vom Himmel, ein guter Scharfschütze, zu ihrer Verteidigung käme, -und fielen auf die Kniee. Alsbald stieg Ulenspiegel vom Baume -herab und wurde von denen aus der Schar, die gleich ihm in -den Heeren des Prinzen gedient hatten, erkannt. Sie sagten zu -ihm:</p> - -<p>„Ulenspiegel, wir sind aus dem Lande Frankreich in diesem erbärmlichen -Zustand nach Maastricht geschickt worden, wo der -Herzog ist, um dort wie Rebellen und Gefangene behandelt zu -werden, die kein Lösegeld zahlen können. Wir sind im Voraus -verurteilt, gefoltert und geköpft zu werden, oder gleich Lumpen -und Spitzbuben auf des Königs Galeeren zu rudern.“</p> - -<p>Ulenspiegel gab dem Ältesten der Schar sein Obergewand und -antwortete:</p> - -<p>„Kommet, ich werde Euch bis Mézières führen, aber zuvor müssen -wir diese beiden Söldner plündern und ihre Pferde mitnehmen.“</p> - -<p>Die Wämse, Hosen, Stiefel, Helme und Kürasse der Söldner -wurden unter die Schwächsten und Kränkesten verteilt, und -Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Wir wollen ins Gehölz gehen, allwo die Luft dicker und weicher -ist. Laßt uns laufen, Brüder.“</p> - -<p>Plötzlich fiel ein Mann und sagte:</p> - -<p>„Mich hungert und friert, ich werde gehen und vor Gott bezeugen, -daß der Papst der Antichrist auf Erden ist.“</p> - -<p>Und er verschied. Und die Übrigen wollten ihn forttragen, um -ihn christlich zu begraben.</p> - -<p>Dieweil sie auf der Landstraße wanderten, bemerkten sie einen -Bauern, der einen Planwagen lenkte. Da er die nackten Menschen -sah, hatte er Mitleid und ließ sie auf den Wagen steigen. -Sie fanden Heu daselbst, um sich hineinzulegen, und leere Säcke, -um sich zuzudecken. Und da ihnen warm wurde, dankten sie Gott. -Ulenspiegel ritt auf einem der Reiterpferde neben dem Wagen und -hielt das andere am Zügel.</p> - -<p>In Mézières stiegen sie ab. Dort gab man ihnen gute Suppe, -Bier, Brot, Käse und den Greisen und Frauen Fleisch. Sie -wurden auf Kosten der Gemeinde beherbergt und von neuem gekleidet -und bewaffnet. Und alle gaben Ulenspiegel den Bruderkuß -des Segens, und er ließ es sich fröhlich gefallen.</p> - -<p>Er verkaufte die Pferde der beiden Reiter zu achtundvierzig Gülden, -von denen er den Franzosen dreißig gab.</p> - -<p>Da er einsam des Weges zog, sprach er zu sich selbst: „Ich gehe -durch Trümmer, Blut und Tränen, ohne etwas zu finden. Die -Teufel haben mich ohne Zweifel belogen. Wo ist Lamm? Wo -ist Nele? Wo sind die Sieben?“</p> - -<p>Und Klasens Asche brannte von Neuem auf seiner Brust. Und er -hörte eine Stimme gleich einem Hauche sagen:</p> - -<p>„Such in Tod, Trümmern und Tränen.“</p> - -<p>Und er ging von dannen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>17</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel gelangte im Märzmond nach Namur. Dort sah er -Lamm, welcher, von großer Liebe für die Fische der Maas, sonderlich -die Forellen, ergriffen, einen Kahn gemietet hatte und mit -Verlaub der Gemeinde im Fluß fischte. Aber er hatte der Fischergilde -fünfzig Gülden gezahlt. Er verkaufte und aß seinen Fisch -und erwarb sich bei diesem Handwerk eine Aufbesserung seines -Bauches und ein Säcklein mit Karolus.</p> - -<p>Da er seinen Freund und Gesellen am Ufer der Maas wandeln -sah, um in die Stadt zu gehen, ward er frohen Muts, stieß sein -Boot gegen das Ufer, und indem er schnaufend die Böschung -hinanstieg, gelangte er zu Ulenspiegel. Vor Freuden stammelnd, -sagte er:</p> - -<p>„Da bist Du also, mein Sohn, mein Sohn in Gott, denn meine -Arche von Bauch könnte ihrer zwei wie Dich tragen. Wohin gehst -Du? Was willst Du? Bist Du gewißlich nicht tot? Hast Du -mein Weib gesehen? Du sollst von den Fischen der Maas essen, -den besten, die in dieser gemeinen Welt sind. Sie machen in diesem -Lande Saucen, daß man seine Finger bis zu den Schultern aufessen -möchte. Du bist stolz und hoffärtig, weil Du den Sonnenbrand -der Schlachten auf den Wangen hast. Da bist Du also, -mein Sohn, mein Freund Ulenspiegel, der lustige Landstreicher.“</p> - -<p>Dann leiser redend:</p> - -<p>„Wieviel Spanier hast Du getötet? Sahest Du mein Weib nicht -in ihren Wagen voller Dirnen? Und von dem Maaswein, der -für verstopfte Leute so köstlich ist, sollst Du trinken. Bist Du verwundet, -mein Sohn? Hier bleibst Du, frisch und gesund und -munter wie ein junger Adler. Und die Aale, davon sollst Du -kosten. Kein Sumpfgeschmack. Küß mich, mein Dickwanst. Gott -sei gelobt, wie froh bin ich!“</p> - -<p>Und Lamm tanzte, sprang, schnaufte und zwang Ulenspiegel zu -tanzen.</p> - -<p>Dann wanderten sie gen Namur. Am Stadttor wies Ulenspiegel -seinen vom Herzog unterschriebenen Paß vor. Und Lamm führte -ihn in sein Haus.</p> - -<p>Dieweil er das Mahl bereitete, hieß er ihn seine Abenteuer erzählen, -und er gab die seinen zum besten. Er hatte das Heer verlassen, -sagte er, um einem Mädchen zu folgen, das ihm seine Frau -zu sein dünkte. Bei dieser Verfolgung war er bis nach Namur -gekommen. Und unaufhörlich sagte er:</p> - -<p>„Hast Du sie nicht gesehen?“</p> - -<p>„Ich habe andere sehr schöne gesehen,“ antwortete Ulenspiegel, -„und sonderlich in dieser Stadt, wo alle verliebt sind.“</p> - -<p>„Wahrlich,“ sagte Lamm, „man hat mich hundert Mal haben -wollen, aber ich blieb treu, denn mein betrübtes Herz ist von einer -einzigen Erinnerung geschwellt.“</p> - -<p>„Gleichwie Dein Bauch von zahlreichen Gerichten,“ entgegnete -Ulenspiegel.</p> - -<p>Lamm versetzte: „Wenn ich betrübt bin, muß ich essen.“</p> - -<p>„Ist dein Kummer ohne Ende?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ach ja!“ sagte Lamm.</p> - -<p>Und indem er eine Forelle aus einem Tiegel zog, sprach er:</p> - -<p>„Sieh, wie schön und fest sie ist. Dies Fleisch ist rosenrot wie -das meiner Frau. Morgen werden wir Namur verlassen; ich -habe ein Säckel voller Gülden, wir wollen uns jeder einen Esel -kaufen, und also werden wir uns aufmachen und nach dem Lande -Flandern reiten.“</p> - -<p>„Dabei wirst Du viel verlieren.“</p> - -<p>„Mein Herz zieht mich nach Damm. Es war der Ort, wo sie -mich gar lieb gehabt hat. Kann sein, daß sie dorthin zurückgekehrt -ist.“</p> - -<p>„Da Du es begehrst, wollen wir morgen aufbrechen,“ sagte -Ulenspiegel.</p> - -<p>Und so geschah’s. Jeder auf einem Esel sitzend, zogen sie fort -und ritten Seite an Seite.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>18</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es wehte ein scharfer Wind. Die Sonne, in der Frühe so hell -wie die Jugend, ergraute wie ein alter Mann. Regen, mit -Schloßen gemischt, fiel. Als der Regen aufgehört, schüttelte sich -Ulenspiegel und sprach:</p> - -<p>„Der Himmel, der so viel Dünste trinkt, muß sich bisweilen erleichtern.“</p> - -<p>Wiederum stürzte der Regen mit noch mehr Hagel als zuvor auf -die beiden Gefährten. Lamm stöhnte:</p> - -<p>„Wir waren trefflich gewaschen; muß man uns auch noch -spülen?“</p> - -<p>Die Sonne schien wieder, und sie ritten frohgemut.</p> - -<p>Nun fiel ein Regen mit Hagelschloßen, so mörderisch, daß er -die dürren Zweige der Bäume wie mit einem Bündel von Messern -zerhackte.</p> - -<p>Lamm sagte:</p> - -<p>„Hoho, ein Dach! Mein armes Weib! Wo seid Ihr, gutes -Feuer, süße Küsse und fette Suppen?“</p> - -<p>Und der dicke Mensch weinte.</p> - -<p>Doch Ulenspiegel sprach:</p> - -<p>„Wir jammern; aber kommen nicht unsere Uebel aus uns selbst? -Es regnet auf unsere Schultern, aber dieser Dezemberregen wird -Maienklee machen. Und die Kühe werden vor Freude brüllen. -Wir sind ohne Obdach, aber warum freien wir nicht? Will sagen, -ich die kleine Nele, die so schön und gut ist und mir jetzund ein -gutes Gericht Rindfleisch mit Bohnen dämpfen würde. Uns -dürstet ohngeachtet des Wassers, das herunterkommt. Warum -wurden wir nicht Gesellen, die einem Handwerk treu sind? -Die, so Meister geworden sind, haben volle Tonnen Braunbiers -im Keller.“</p> - -<p>Klasens Asche brannte auf seinem Herzen. Der Himmel klärte -sich, die Sonne erglänzte und Ulenspiegel sprach:</p> - -<p>„Frau Sonne, Euch sei Dank, Ihr erwärmt uns das Kreuz. -Klasens Asche, Du erwärmst uns das Herz und sagst uns, daß -die gesegnet sind, die zur Befreiung des Vaterlandes umherirren.“</p> - -<p>„Mich hungert,“ sprach Lamm.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>19</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Sie kehrten in einer Herberge ein und man gab ihnen in einem -hohen Gemach das Nachtessen. Ulenspiegel öffnete die Fenster -und sah von da aus einen Garten, in dem sich ein artig Mägdlein -erging, wohlgerundet, mit vollen Brüsten, goldenen Haaren und -nur mit einem Rock, einem Leibchen von weißem Linnen und einer -durchlöcherten Schürze von schwarzer Leinwand angetan.</p> - -<p>Hemden und andere Frauenwäsche bleichten auf Stricken. Das -Mägdlein nahm die Hemden von den Stricken, sich immerdar -nach Ulenspiegel umwendend, hängte sie wieder auf und setzte sich -dann lächelnd und immerdar ausschauend auf die aufgereihte -Wäsche und schaukelte sich auf den beiden zusammengeknoteten -Enden.</p> - -<p>In der Nachbarschaft hörte Ulenspiegel einen Hahn krähen und -sah eine Amme, die spielte mit einem Kinde und wandte sein Antlitz -einem Manne zu, der vor ihr stand; und dabei sagte sie:</p> - -<p>„Boelkin, mach Väterchen freundliche Augen.“</p> - -<p>Das Kind weinte.</p> - -<p>Und das artige Mägdlein lustwandelte fürder im Garten und -nahm die Wäsche ab und hängte sie wieder auf.</p> - -<p>„Das ist eine Spionin,“ sagte Lamm.</p> - -<p>Das Mägdlein hielt die Hände vor die Augen und durch die -Finger lächelnd, blickte es Ulenspiegel an.</p> - -<p>Dann hob es mit vollen Händen seine Brüste in die Höhe, ließ -sie wieder fallen und schaukelte sich von neuem, ohne daß seine -Füße den Boden berührten. Und die Hemden, die herunterflogen, -machten, daß es sich gleich einem Kreisel drehte, indessen Ulenspiegel -seine Arme, weiß und rund im bleichen Sonnenschein, -bis an die Schultern erblickte. Es drehte sich und lächelte und -schaute ihn immer an. Er ging hinaus, um es aufzusuchen. -Lamm folgte ihm. Er suchte ein Loch in der Gartenhecke, um -hindurchzuschlüpfen, aber er fand keines.</p> - -<p>Da das Mägdlein sein Treiben sah, blickte es ihn wiederum -lächelnd durch die Finger an.</p> - -<p>Ulenspiegel versuchte durch die Hecke zu dringen, derweil Lamm -ihn zurückhielt und sagte:</p> - -<p>„Geh nicht, das ist eine Spionin, wir werden verbrannt werden.“</p> - -<p>Dann lustwandelte das Mädchen im Gärtlein, bedeckte sich -das Gesicht mit der Schürze und lugte durch die Löcher, zu sehen, -ob ihr Freund von Ohngefähr nicht bald käme.</p> - -<p>Ulenspiegel wollte mit einem Satz über die Hecke springen, aber -Lamm hinderte ihn daran, ihn am Bein packend, daß er zu Boden -fiel, und sprach:</p> - -<p>„Strang, Schwert und Galgen! Das ist eine Spionin, geh -nicht hin!“</p> - -<p>Auf der Erde sitzend, suchte Ulenspiegel sich seiner zu erwehren. -Das Mägdlein steckte den Kopf über die Hecke und rief:</p> - -<p>„Gehabt Euch wohl, Herr, Amor möge Euch Langmütigen in -der Schwebe halten.“</p> - -<p>Und er hörte ein spöttisches Lachen erschallen.</p> - -<p>„Wehe,“ sagte er, „das ist für mein Ohr wie ein Bund Nadeln.“</p> - -<p>Dann wurde eine Tür zugeschmettert.</p> - -<p>Und er ward schwermütig.</p> - -<p>Lamm, der ihn alleweil festhielt, sprach:</p> - -<p>„Du zählst die holden Schätze der Schönheit, die zu Deiner -Schande verloren sind. Das ist eine Spionin. Du fällst gut, -wenn Du fällst. Ich werde noch vor Lachen bersten.“</p> - -<p>Ulenspiegel blieb stumm und alle beide bestiegen wiederum ihre Esel.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>20</h3> -<hr class="full" /> - -<p>So zogen sie selbander, hier ein Bein und da ein Bein auf ihrem -Esel. Lamm kaute an seiner letzten Mahlzeit und sog frohgemut -die frische Luft ein. Unversehens zog Ulenspiegel ihm einen -gewaltigen Hieb mit der Peitsche über das Gesäß, welches ein -Polster im Sattel bildete.</p> - -<p>„Was machst Du da?“ schrie Lamm kläglich.</p> - -<p>„Was?“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Dieser Peitschenhieb?“</p> - -<p>„Welcher Peitschenhieb?“</p> - -<p>„Den ich von Dir empfing,“ versetzte Lamm.</p> - -<p>„Von links?“</p> - -<p>„Ja, von links und auf meinen Hintern. Warum tatest Du das, -Schalksknecht?“</p> - -<p>„Aus Unwissenheit,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich weiß sehr -wohl, was eine Peitsche ist, und eben so wohl, was ein Gesäß -auf einem engen Sattel ist. Da ich nun dieses so breit, geschwollen -und prall sah, wie es über den Sattel quoll, sagte ich -mir: Da man nicht mit dem Finger hineinzwicken kann, so könnte -man ihm auch nicht mit der Peitschenschnur wehe tun. Ich beging -einen Irrtum.“</p> - -<p>Da Lamm bei dieser Rede lächelte, sprach Ulenspiegel solcherart -weiter:</p> - -<p>„Aber ich bin es nicht allein in dieser Welt, der aus Unwissenheit -sündigt; es ist mehr als ein Erzdummkopf, der sein Fett auf dem -Sattel eines Esels zur Schau stellt, der es mir darin zuvor tun -könnte. Wenn meine Peitsche an deinem Gesäß sündigte, so hast -Du viel schwerer an meinen Beinen gesündigt, indem Du sie -hindertest, hinter dem Mädchen herzulaufen, das im Garten auf -Buhlschaft ausging.“</p> - -<p>„Rabenfutter!“ sprach Lamm; „das war also Rache?“</p> - -<p>„Eine ganz kleine,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>21</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In Damm lebte Nele betrübt mit Katheline, die den kalten -Teufel, welcher nicht kam, zärtlich rief.</p> - -<p>„Ach,“ sagte sie, „Du bist reich, Hanske, mein Buhle, und könntest -mir die siebenhundert Karolus wiederbringen. Alsdann -wird Soetkin aus dem Fegefeuer lebendig auf die Erde zurückkehren, -und Klas würde im Himmel lachen; wohl kannst Du es -tun. Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch, die Seele will -hinaus.“</p> - -<p>Und sie wies mit dem Finger ohn Unterlaß auf die Stelle, wo -der Werg gelegen hatte.</p> - -<p>Katheline war sehr arm, doch die Nachbarn unterstützten sie mit -Bohnen, Brot und Fleisch nach ihren Mitteln. Die Gemeinde -gab ihr etwas Geld. Und Nele nähte Kleider für die reichen -Bürgerfrauen und ging zu ihnen, um die Wäsche zu bügeln, und -verdiente dergestalt einen Gülden die Woche.</p> - -<p>Und Katheline sagte beständig:</p> - -<p>„Macht ein Loch, nehmt meine Seele fort. Sie pocht und will -hinausgehen. Er wird die siebenhundert Karolus wiederbringen.“</p> - -<p>Und Nele weinte, wenn sie das hörte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>22</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Indessen kehrten Ulenspiegel und Lamm, mit ihren Pässen versehen, -in eine kleine Herberge ein, die sich an die Felsen der -Sambre lehnte, welche an gewissen Stellen mit Bäumen bedeckt -sind. Auf dem Schild stand geschrieben: Bei Marlaire.</p> - -<p>Nachdem sie manch Fläschlein Maaswein in Burgunder Art -getrunken und viele gesalzene Fische verspeist hatten, plauderten -sie mit dem Wirt, der ein Papist reinsten Wassers war, aber geschwätzig -wie eine Elster, des Weines wegen, den er getrunken -hatte. Unaufhörlich zwinkerte er boshaft mit den Augen. Ulenspiegel -vermutete hinter diesem Zwinkern etwelches Geheimnis -und ließ ihn noch mehr trinken, also daß der Wirt anhub zu -tanzen und in Gelächter auszubrechen. Dann setzte er sich wieder -an den Tisch und sagte:</p> - -<p>„Gute Katholiken, ich trinke auf Euer Wohl.“</p> - -<p>„Wir trinken auf das Deine,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.</p> - -<p>„Auf die Ausrottung jeder Pest von Rebellion und Ketzerei!“</p> - -<p>„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel und -füllten ohn Unterlaß den Becher des Wirts, der ihn niemals leer -sehen konnte.</p> - -<p>„Ihr seid Biedermänner,“ sprach er. „Ich trinke auf Eure Freigebigkeit; -ich verdiene am Wein, der getrunken. Wo sind Eure -Pässe?“</p> - -<p>„Hier sind sie,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Vom Herzog unterzeichnet. Ich trinke auf des Herzogs Wohl.“</p> - -<p>„Wir tun Bescheid,“ antworteten Lamm und Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Wirt fuhr in seiner Rede fort:</p> - -<p>„Worin fängt man die Ratten, Mäuse und Hamster? In Ratten-, -Hamster- und Mausefallen. Wer ist der Hamster? Das -ist der große Ketzer, orangefarben gleich dem Feuer der Höllen.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> -Gott ist mit uns. Sie werden kommen. Ha, ha! Zu trinken! -Schenk ein, ich koche, ich brenne. Zu trinken! Sehr schöne, -kleine, reformierte Prediger ... Kleine, sage ich ... schöne, kleine, -tapfere, starke Soldaten, Eichen ... Zu trinken! Werdet Ihr -nicht mit ihnen in das Lager des großen Ketzers gehen? Ich -habe Pässe, von ihm unterzeichnet ... Ihr werdet ihren Auftrag -mit Augen sehen.“</p> - -<p>„Wir werden ins Lager gehen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Sie werden sich gut dazuhalten, und in der Nacht, wenn die -Gelegenheit günstig ist, (und der Wirt machte pfeifend einen Mann -nach, der einen andern erwürgt) wird Eisenwind die Drossel Nassau -hindern, noch mehr zu pfeifen. Holla, zu trinken!“</p> - -<p>„Du bist lustig, ob Du gleich verheiratet bist,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Wirt sagte:</p> - -<p>„Das bin ich nicht, noch war ich es. Ich hüte die Geheimnisse -der Fürsten. Gebt mir zu trinken. / Mein Weib würde sie mir -vom Kopfkissen stehlen, um mich henken zu lassen und eher Wittib -zu werden als die Natur will. So wahr Gott lebt! Sie -werden kommen. Wo sind die neuen Pässe? Auf meinem christlichen -Herzen. Laßt uns trinken! Da sind sie, da, in dreihundert -Schritt Entfernung auf dem Wege, bei Marche-les-Dames. -Sehet Ihr sie? Laßt uns trinken.“</p> - -<p>„Trink,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „trink; ich trinke auf den -König, den Herzog, die Prediger und auf Eisenwind. Ich -trinke auf Dein Wohl und meins; ich trinke auf den Wein und -auf die Flasche. Du trinkst ja nicht.“ Und bei jedem Trinkspruch -füllte Ulenspiegel von neuem das Glas und der Wirt -leerte es.</p> - -<p>Ulenspiegel betrachtete ihn etliche Zeit. Dann sagte er, sich erhebend:</p> - -<p>„Er schläft; wir wollen uns davonmachen, Lamm.“</p> - -<p>Als sie draußen waren:</p> - -<p>„Er hat kein Weib, uns zu verraten ... Die Nacht sinkt herab -... Du hast deutlich vernommen, was dieser Taugenichts sagte; -und Du weißt, wer die drei Prediger sind?“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Du weißt, das sie die Maas entlang von Marche-les-Dames -kommen, und daß man gut tun wird, sie auf dem Wege zu erwarten, -ehe denn Eisenwind zu Atem kommt.“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Wir müssen dem Prinzen das Leben retten,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ja,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Da,“ sprach Ulenspiegel, „nimm meine Büchse, geh dort in das -Gebüsch zwischen den Felsen; lade sie mit zwei Kugeln und ziele, -wenn ich wie ein Rabe krächze.“</p> - -<p>„Das will ich tun,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Und er verschwand im Gebüsch. Alsbald hörte Ulenspiegel das -Rad der Büchse knarren.</p> - -<p>„Siehst Du sie kommen?“ fragte er.</p> - -<p>„Ich sehe sie“; antwortete Lamm. „Es sind ihrer drei, die gleich -Soldaten marschieren, und der Eine überragt die Andern um -Haupteslänge.“</p> - -<p>Ulenspiegel setzte sich mit vorgestreckten Beinen auf den Weg, indem -er murmelnd einen Rosenkranz abbetete, wie die Bettler -tun. Und er hatte seinen Hut zwischen den Knieen.</p> - -<p>Als die drei Prediger vorübergingen, hielt er ihnen seinen Hut -hin, sie aber legten nichts hinein.</p> - -<p>Da stand Ulenspiegel auf und sagte kläglich:</p> - -<p>„Ihr guten Herren, versagt einem armen Steinhauer, der sich letzthin -in einer Grube des Steinbruchs die Lenden gebrochen hat, nicht -einen Stüver. Sie sind hart in diesem Lande und haben mir -nichts geben wollen, mein trauriges Elend zu lindern. Wehe, gebt -mir einen Stüver, dann werde ich für Euch beten. Und Gott wird -Eure großmütige Gnaden das ganze Leben fröhlich erhalten.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte einer der Prediger, ein starker Mann, „für -uns wird in dieser Welt keine Freude sein, solange Papst und -Inquisition darin regieren.“</p> - -<p>Ulenspiegel seufzte gleichfalls und sprach:</p> - -<p>„Wehe! was sagt Ihr, edle Herren? Sprecht leise, wenn es -Euer Gnaden beliebt. Aber gebt mir einen Stüver.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ antwortete ein kleiner Prediger mit kriegerischem -Antlitz, „wir armen Märtyrer haben nur so viel Stüver, wie wir -brauchen, uns unterwegs zu ernähren.“</p> - -<p>Ulenspiegel warf sich auf die Kniee.</p> - -<p>„Segnet mich,“ sagte er.</p> - -<p>Die drei Prediger legten die Hand ohne Frömmigkeit auf Ulenspiegels -Kopf.</p> - -<p>Da er wahrnahm, daß sie mager waren und doch mächtige -Bäuche hatten, erhob er sich, stellte sich, als ob er fiele, und stieß -mit der Stirn gegen den Bauch des hochgewachsenen Predigers, -wobei er ein lustiges Klingeln von Münzen vernahm.</p> - -<p>Da richtete er sich auf und zog sein kurzes Schwert.</p> - -<p>„Ihr schönen Väter,“ sagte er, „es ist kalt; ich bin schlecht bekleidet, -und Ihr habt mehr als genug. Gebt mir von Eurer Wolle, -daß ich mir daraus einen Mantel schneiden kann. Ich bin Geuse, -es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Der große Prediger antwortete:</p> - -<p>„Du gekrönter Geuse, Du trägst den Kamm hoch; wir werden -ihn Dir abschneiden.“</p> - -<p>„Abschneiden,“ sprach Ulenspiegel, indem er zurückwich; „aber -Eisenwind wird Euch anhauchen, ehe er den Prinzen anhaucht. -Geuse bin ich, es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Die drei Prediger sagten bestürzt untereinander:</p> - -<p>„Woher kommt ihm die Kunde? Wir sind verraten. Drauf! -Es lebe die Messe!“</p> - -<p>Und sie zogen unter ihren Hosen schöne, scharfgeschliffene Schwerter -hervor.</p> - -<p>Doch Ulenspiegel entwich, ohne ihnen stand zu halten, nach -dem Gebüsch, worin Lamm verborgen war. Als er meinte, daß -die Prediger in Schußweite seien, sprach er:</p> - -<p>„Ihr Raben, schwarze Raben, Bleiwind wird wehen. Ich singe -Euer Sterbelied.“</p> - -<p>Und er krächzte.</p> - -<p>Ein Büchsenschuß aus dem Gebüsch streckte den größten Prediger -nieder, mit dem Gesicht auf den Boden; ein zweiter Schuß warf -den zweiten auf den Weg.</p> - -<p>Und zwischen den Büschen erblickte Ulenspiegel Lamms gutes -Vollmondsgesicht und seinen erhobenen Arm, der hastig die Büchse -wieder lud. Und ein blauer Rauch stieg aus dem schwarzen -Gebüsch auf.</p> - -<p>Der dritte Prediger, vor männlicher Wut rasend, wollte Ulenspiegel -mit aller Gewalt aus dem Busche reißen. Der aber -sprach:</p> - -<p>„Eisenwind oder Bleiwind, Du wirst aus dieser Welt scheiden -und in die andere gehen, Du schändlicher Mordstifter!“</p> - -<p>Und er griff ihn an und er wehrte sich tapfer.</p> - -<p>Fest standen sie Aug’ in Aug’ auf dem Wege, teilten Hiebe aus -und parierten sie.</p> - -<p>Ulenspiegel war von Blut überströmt, maßen sein Gegner, ein -geübter Kämpfer, ihn am Kopf und Bein verwundet hatte. -Doch er griff ihn an und verteidigte sich wie ein Leu. Da ihn das -Blut, so von seinem Kopf strömte, blendete, wich er in großen -Schritten zurück, wischte es mit der Linken ab und fühlte, daß er -schwach wurde. Er wäre getötet worden, hätte Lamm nicht -auf den Prediger geschossen und ihn niedergestreckt.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sah und hörte ihn Lästerworte, Blut und Todesschaum -ausspeien.</p> - -<p>Und blauer Rauch stieg aus dem Gebüsch auf, darinnen Lamm -wiederum sein gutes Vollmondsgesicht sehen ließ.</p> - -<p>„Ist es vollendet?“ fragte er.</p> - -<p>„Ja, mein Sohn,“ antwortete Ulenspiegel, „aber komm ...“</p> - -<p>Da Lamm aus seinem Versteck trat, sah er Ulenspiegel ganz mit -Blut bedeckt. Ohngeachtet seines Bauches wie ein Hirsch rennend, -gelangte er zu Ulenspiegel, der neben den Getöteten auf der Erde -saß.</p> - -<p>„Er ist verwundet,“ sprach er, „mein herzlieber Freund, von -diesem nichtsnutzigen Mörder verwundet.“ Und mit einem Stoß -seines Absatzes zerbrach er dem nächsten Prediger die Zähne. -„Du antwortest nicht, Ulenspiegel! Wirst Du sterben, mein Sohn? -Wo ist der Balsam? Ha, unten in seinem Felleisen unter den -Würsten. Ulenspiegel, hörst Du mich nicht? Wehe, ich habe kein -lauwarmes Wasser, Deine Wunde zu waschen, und keine Möglichkeit, -welches zu bekommen. Aber das Sambrewasser wird -genügen. Sprich zu mir, mein Freund. Du bist doch nicht so schwer -verwundet. Ein wenig Wasser, recht kalt, nicht so? Er erwacht. -Ich bin es, mein Sohn, dein Freund. Sie sind alle tot. -Leinwand, Leinwand, seine Wunden zu verbinden. Keine da. -Also mein Hemd.“ / Er zog sich aus. / Und Lamm redete weiter: -„In Stücke das Hemd. Das Blut stockt. Mein Freund wird -nicht sterben.“</p> - -<p>„Ha,“ sprach er, „es ist kalt mit nacktem Rücken in dieser frischen -Luft. Kleiden wir uns wieder an. Er wird nicht sterben. Ich -bin’s, Ulenspiegel, ich, Dein Freund Lamm. Er lächelt. Ich -werde die Mörder plündern. Sie haben Bäuche aus Gülden. -Güldene Kaldaunen. Karolus, Gülden, Taler, Stüver und -Briefe. Wir sind reich. Ueber dreihundert Karolus zu teilen. -Wir wollen die Waffen und das Geld nehmen. Eisenwind wird -noch nicht für Seine Gnaden wehen.“</p> - -<p>Ulenspiegel stand auf und klapperte vor Frost mit den Zähnen.</p> - -<p>„Da bist Du wieder auf den Beinen!“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Das ist die Kraft des Balsams,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Balsam der Tapferkeit,“ versetzte Lamm.</p> - -<p>Alsdann nahm er die Leichen der drei Prediger eine nach der -andern und warf sie in ein Loch zwischen den Felsen; ihre Waffen -und Kleider ließ er ihnen, außer dem Mantel.</p> - -<p>Und am Himmel, rund um sie her, krächzten die Raben, die ihres -Futters harrten. Und die Sambre floß wie ein eherner Strom -unter dem grauen Himmel. Und der Schnee fiel und wusch das -Blut fort.</p> - -<p>Dennoch waren sie bekümmert und Lamm sprach:</p> - -<p>„Ich töte lieber ein Huhn als einen Menschen.“</p> - -<p>Und sie stiegen wieder auf ihre Esel.</p> - -<p>Am Tor von Huy floß das Blut immer noch. Sie stellten sich, -als fingen sie Streit an, stiegen von ihren Eseln und fochten mit -ihren Schwertern, dem Ansehen nach schier grausam. Als der -Kampf beendet war, saßen sie wieder auf und ritten in Huy ein, -nachdem sie am Stadttor ihre Pässe vorgewiesen hatten.</p> - -<p>Da die Frauen Ulenspiegel verwundet und blutend und Lamm -auf seinem Esel den Sieger spielen sahen, betrachteten sie Ulenspiegel -mit zärtlichem Mitleid; aber Lamm drohten sie mit der -Faust und sagten:</p> - -<p>„Das ist der Taugenichts, der seinen Freund verwundet.“</p> - -<p>Voll Unruhe suchte Lamm unter ihnen sein Weib.</p> - -<p>Es war vergebens und er blies Trübsal.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>23</h3> -<hr class="full" /> - -<p>„Wohin gehen wir?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Nach Maestricht,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Aber, mein Sohn, man sagt, daß des Herzogs Kriegsknechte da -rund um die Stadt liegen und daß er sich selbst darinnen befindet. -Unsere Pässe werden nicht hinreichen. Wenn die hispanischen -Söldner sie gut befinden, werden wir darum nicht weniger in -der Stadt festgehalten und verhört werden. Unterweilen werden -sie den Tod der Prediger erfahren, und mit unserm Leben wird -es zu Ende sein.“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Die Raben, Eulen und Geier werden in Bälde mit ihrem Fleisch -ein Ende gemacht haben. Ihr Gesicht ist ohne Zweifel schon -unkenntlich. Was unsere Pässe angeht, so mögen sie gut sein; -so man aber Kunde vom Morde erhielte, würden wir, wie Du -sagst, gefangen genommen. Dessen ohngeachtet müssen wir über -Landen nach Maestricht gehen.“</p> - -<p>„Sie werden uns henken,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Wir werden durchkommen,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>So ratschlagend, kamen sie nach der Herberge „Zur Elster“, allwo -sie gute Kost, gutes Nachtlager und Heu für ihre Esel fanden.</p> - -<p>Am andern Morgen machten sie sich auf den Weg nach Landen.</p> - -<p>Da sie bei einem großen Pachthofe vor der Stadt angelangt -waren, trillerte Ulenspiegel wie eine Lerche und alsbald antwortete -ihm von drinnen das kriegerische Trompeten des Hahnes. -Ein Pächter, der ein ehrlich Gesicht hatte, erschien auf der Türschwelle.</p> - -<p>„Freunde als Freie, es lebe der Geuse! Tretet ein!“ sprach er.</p> - -<p>„Wer ist dieser?“ fragte Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Thomas Utenhove, der tapfere Reformierte. Seine Knechte -und Mägde arbeiten gleich ihm für das freie Gewissen.“</p> - -<p>Darauf sprach Utenhove:</p> - -<p>„Ihr seid des Prinzen Gesandte. Esset und trinket.“</p> - -<p>Und der Schinken prasselte in der Pfanne und die Blutwürste -desgleichen, und der Wein ließ nicht auf sich warten, und die -Gläser füllten sich.</p> - -<p>Und Lamm trank wie trockener Sand und aß tapfer.</p> - -<p>Knechte und Mägde des Pachthofs kamen nacheinander und -steckten die Nase durch die halbgeöffnete Tür, um der Arbeit -seiner Kinnbacken zuzuschauen; und die Männer wurden eifersüchtig -und sagten, daß sie es ebensogut könnten.</p> - -<p>Nach vollendeter Mahlzeit sprach Utenhove:</p> - -<p>„Hundert Bauern werden diese Woche von hier aufbrechen, -unter dem Vorgeben, daß sie in Brügge und Umgegend an den -Deichen arbeiten wollen. Sie werden in Rotten von fünf oder -sechs und auf unterschiedlichen Wegen reisen. In Brügge werden -Barken sein, um sie übers Meer nach Emden zu bringen.“</p> - -<p>„Sind sie mit Waffen und Geld versehen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Sie sollen jeder zehn Gülden und große Hirschfänger haben.“</p> - -<p>„Gott und der Prinz werden Dir’s lohnen,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ich arbeite nicht um Lohn,“ erwiderte Thomas Utenhove.</p> - -<p>„Wie macht Ihr’s,“ sagte Lamm, während er die dicken, -schwarzen Blutwürste knusperte, „wie macht Ihr’s, Herr Wirt, -um ein so duftend, saftig Gericht von so zartem Fett zu erhalten?“</p> - -<p>„Das kommt,“ sprach der Wirt, „weil wir Zimmet und Baldrian -darantun.“</p> - -<p>Dann zu Ulenspiegel redend, sagte er:</p> - -<p>„Ist Edzard, Graf von Friesland, allzeit des Prinzen Freund?“</p> - -<p>„Er hält seine Gesinnung geheim, wiewohl er seinen Schiffen -in Emden Asyl gibt.“ Und er fügte hinzu:</p> - -<p>„Wir müssen nach Maestricht.“</p> - -<p>„Das wirst Du nicht können,“ sagte der Wirt; „des Herzogs -Heer ist vor der Stadt und rings umher.“</p> - -<p>Dann führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm in der Ferne -die Fähnlein und Standarten der Reiter und Fußsoldaten, die -auf freiem Felde ritten und marschierten.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach:</p> - -<p>„Ich werde passieren, wenn Ihr, der Ihr an diesem Ort mächtig -seid, mir Erlaubnis gebt, mich zu verheiraten. Was die Frau -angeht, so brauche ich eine, die anmutig, sanft und schön ist und -mich freien will, wenn nicht für immer, zum wenigsten für eine -Woche.“</p> - -<p>Lamm seufzte und sprach:</p> - -<p>„Tu’s nicht, mein Sohn, sie würde Dich allein lassen, von Liebesglut -verzehrt. Dein Bett, in dem Du so ruhig schläfst, wird -Dir gleich einem Pfühl von Stechpalmen sein und Dir den süßen -Schlummer rauben.“</p> - -<p>„Ich werde heiraten,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Und da Lamm nichts mehr auf dem Tische fand, ward er schier -betrübt. Da er jedoch Kapaune in einem Napf entdeckte, knabberte -er sie melancholisch.</p> - -<p>Ulenspiegel sagte zu Thomas Utenhove:</p> - -<p>„Wohlan, darauf trink ich, schafft mir eine Frau, reich oder arm. -Ich gehe mit ihr zur Kirche und lasse die Ehe durch den Pfarrer -einsegnen. Dieser gibt uns einen Trauschein, nicht gültig, da er -von einem papistischen Inquisitor kommt. Wir lassen darin feststellen, -daß wir alle gute Christen sind, maßen wir gebeichtet -und kommuniziert haben und gemäß den Vorschriften unsrer -heiligen römischen Mutter Kirche, so ihre Kinder verbrennt, -apostolisch leben. Und also rufen wir die Segnungen unseres -heiligen Vaters, des Papstes, der himmlischen und irdischen -Heerscharen, der heiligen Männer und Frauen, der Dechanten, -Pfaffen, Mönche, Söldlinge, Bluthunde und andrer Lumpen -auf uns herab. Mit besagtem Zeugnis versehen, machen wir -die Vorbereitungen zur Reise, die bei der Hochzeitfeier Brauch -ist.“</p> - -<p>„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.</p> - -<p>„Die mußt Du für mich finden,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich -nehme also zwei Wagen, schmücke sie mit Kränzen von Fichtenzweigen, -Stechpalmen und Papierblumen und besetze sie mit etlichen -Bauern, die Du zum Prinzen schicken willst.“</p> - -<p>„Aber die Frau?“ fragte Thomas Utenhove.</p> - -<p>„Die ist gewißlich hier,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Und er redete weiter:</p> - -<p>„Ich spanne zwei Deiner Pferde vor den einen Wagen, unsere -beiden Esel vor den andern. In den ersten Wagen setze ich -meine Frau und mich, meinen Freund Lamm und die Trauzeugen, -in den zweiten die Spielleute mit Schellentrommeln, Querpfeifen -und Schalmeien. Dann tragen wir lustige Hochzeitsbanner, -und mit Trommeln, Singen und Trinken fahren wir im -scharfen Trab auf der Heerstraße, die uns zum Galgenfelde oder -in die Freiheit führt.“</p> - -<p>„Ich will Dir helfen,“ sprach Thomas Utenhove. „Aber die Frauen -und Mädchen werden ihren Männern folgen wollen.“</p> - -<p>„Wir werden in Gottes Schutz gehen,“ sagte ein hübsches Mägdlein -und steckte den Kopf in die halboffene Tür.</p> - -<p>„Wenn es not tut, sind vier Wagen da, und dergestalt können -wir über fünfundzwanzig Mann durchbringen.“</p> - -<p>„Der Herzog wird übertölpelt werden,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Und in des Prinzen Flotte werden etliche gute Soldaten mehr -dienen,“ erwiderte Thomas Utenhove.</p> - -<p>Dann läutete er seinen Knechten und Mägden und sprach zu ihnen: -„Ihr alle, die Ihr aus Zeeland seid, Männer und Weiber, höret. -Gegenwärtiger Ulenspiegel, der Vläme, will, daß Ihr in hochzeitlichen -Kleidern durch des Herzogs Heer hindurchziehet.“</p> - -<p>Männer und Frauen aus Zeeland riefen mitsammen:</p> - -<p>„Bei Todesgefahr! Wir wollen!“</p> - -<p>Und die Männer redeten untereinander:</p> - -<p>„Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft zu verlassen -und aufs freie Meer zu gehen. Wenn Gott für uns ist, wer kann -wider uns sein?“</p> - -<p>Die Frauen und Mädchen sagten:</p> - -<p>„Wir wollen unsern Männern und Freunden folgen. Wir sind -aus Zeeland und werden dort Zuflucht finden.“</p> - -<p>Ulenspiegel erspähte ein junges, artiges Mägdlein, trieb seinen -Scherz mit ihr und sagte:</p> - -<p>„Ich will Dich freien.“</p> - -<p>Und sie antwortete errötend:</p> - -<p>„Ich will Dich, aber nur in der Kirche.“</p> - -<p>Und mit Lachen sprachen die Frauen untereinander:</p> - -<p>„Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, des Baas Sohn. Er -geht gewiß mit ihr.“</p> - -<p>„Ja,“ antwortete Hans.</p> - -<p>Und der Vater sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du kannst es tun.“</p> - -<p>Die Männer legten ihr Festgewand an, Wams und Hosen von -Sammet und den weiten Mantel darüber; auch setzten sie -große Hüte zum Schutz gegen Sonne und Regen auf. Die Weiber, -in schwarzen Strümpfen und geschlitzten Schuhen, trugen den -großen, güldenen Stirnschmuck, links für die Mädchen und rechts -für die Ehefrauen; am Halse die weiße Krause, den Brustlatz -in güldner, scharlachner und azurblauer Stickerei, der Rock von -schwarzer Wolle mit breiten Sammetstreifen in der nämlichen -Farbe, schwarzwollene Strümpfe und Sammetschuhe mit Silberschnalle.</p> - -<p>Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester zu -bitten, für zwei Reichstaler, die er ihm in die Hand steckte, ohne -Verzug Tylbert, des Klas Sohn, mit Tannekin Pieters zu -trauen, und der Pfarrer willigte darein.</p> - -<p>Ulenspiegel ging also, von der ganzen Hochzeitsgesellschaft gefolgt, -in die Kirche und vermählte sich allda vor dem Priester -mit Tannekin, die so schön und reizend, so freundlich und rundlich -war, daß er gern in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen -Liebesapfel. Und er sagte es ihr, da er aus Scheu vor ihrer -sanften Schönheit es nicht zu tun wagte. Sie aber sprach -schmollend zu ihm:</p> - -<p>„Laß mich; da ist Hans, der sieht Euch an, um Euch umzubringen.“</p> - -<p>Und ein Mägdlein, ein eifersüchtiges, sagte zu ihm:</p> - -<p>„Such anderswo; siehest Du nicht, daß sie Angst vor ihrem Manne -hat.“</p> - -<p>Lamm rieb sich die Hände und rief aus:</p> - -<p>„Du sollst sie nicht alle haben, Taugenichts.“</p> - -<p>Und er freute sich baß.</p> - -<p>Ulenspiegel nahm sein Leid in Geduld hin und kehrte mit den -Hochzeitsgästen zum Pachthof zurück. Und da trank er, sang -und war guter Dinge und trank dem eifersüchtigen Mägdlein zu. -Des war Hans froh, aber nicht Tannekin noch des Mägdleins -Bräutigam.</p> - -<p>Bei hellem Sonnenschein und frischem Winde fuhren die Wagen -um Mittag, mit Grün und Blumen geschmückt davon, mit flatternden -Fahnen und beim fröhlichen Klang der Schellentrommeln, -Schalmeien, Quer- und Sackpfeifen.</p> - -<p>In Albas Lager war ein ander Fest. Nachdem die Wachen und -Vorposten Alarm geblasen hatten, kamen sie nacheinander zurück -und meldeten:</p> - -<p>„Der Feind ist nahe; wir haben den Lärm der Trommeln und -Pfeifen gehört und die Fahnen erblickt. Es ist eine starke Abteilung -Reiterei, die dorthin gerückt ist, um Euch in irgend einen -Hinterhalt zu locken. Die Hauptmacht ist ohnzweifelhaft ferner.“</p> - -<p>Alsbald ließ der Herzog Feldmeister, Obristen und Hauptleute -benachrichtigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung aufzustellen, -und ließ den Feind auskundschaften.</p> - -<p>Plötzlich erschienen vier Wagen, die auf die Scharfschützen zufuhren. -In den Wagen tanzten die Männer und Weiber, die -Flaschen machten die Runde, und lustig kreischten die Pfeifen, -ächzten die Schalmeien, dröhnten die Trommeln und schnarrten -die Dudelsäcke.</p> - -<p>Nachdem die Hochzeitsgesellschaft Halt gemacht hatte, kam -Alba selbst auf den Lärm herbei und sah die junge Frau auf -einen der vier Wagen, Ulenspiegel, ihr Ehegespons, neben ihr, -ganz mit Blumen geschmückt; und alle Bauern und Bäuerinnen -waren abgestiegen, tanzten herum und gaben den Soldaten zu -trinken.</p> - -<p>Alba und die Seinen verwunderten sich gewaltig der Einfalt -dieser Bauern, die da sangen und feierten, wo alles um sie her -in Waffen war. Und die in den Wagen waren, gaben den Soldaten -all ihren Wein.</p> - -<p>Und sie wurden von ihnen gepriesen und geehrt.</p> - -<p>Da der Wein in den Wagen ein Ende nahm, machten sich die -Bauern und Bäuerinnen beim Klange der Schellentrommeln, -Quer- und Sackpfeifen wieder auf den Weg, ohne belästigt zu -werden. Und frohen Muts gaben die Soldaten ihnen zu Ehren -eine Salve Büchsenschüsse ab. Und dergestalt zogen sie in -Maestricht ein, wo Ulenspiegel sich mit reformierten Unterhändlern -ins Einvernehmen setzte, um der Flotte des Schweigers -Schiffe, Waffen und Munition zu senden. Und desgleichen taten -sie in Landen. Und als Tagelöhner gekleidet zogen sie allerorten -hin.</p> - -<p>Dem Herzog ward die Kriegslist kund; und es ward ein Lied -darauf gemacht, welches man ihm sandte, und der Kehrreim -lautete:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Blutherzog, Du Tropf,</div> - <div class="verse indent0">Hast Du die Braut gesehen?“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und allemal, wenn er ein falsches Manöver gemacht hatte, sangen -die Soldaten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Der Herzog ist geblendet,</div> - <div class="verse indent0">Er hat die Braut gesehen.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="full" /> -<h3>24</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Inzwischen brütete König Philipp unheilvollen Trübsinn. In -seinem leidenden Hochmut bat er Gott, ihm Macht zu geben, -Engelland zu besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua -und Venedig zu nehmen und dergestalt als großer Meerbeherrscher -über ganz Europa zu regieren.</p> - -<p>Dieses Triumphes gedenkend, lachte er nicht.</p> - -<p>Es fror ihn beständig; der Wein erwärmte ihn nicht, noch das -Feuer von duftendem Holze, das allezeit in dem Gemache, darin -er sich aufhielt, brannte. Dieweil er unaufhörlich schrieb -und inmitten so vieler Briefe saß, daß man hundert Tonnen damit -hätte anfüllen können, gedachte er der allumfassenden Weltherrschaft, -wie sie die römischen Kaiser ausgeübt hatten. Er -gedachte des eifersüchtigen Hasses wider seinen Sohn Don -Carlos, seit dieser an Herzog Albas Stelle nach den Niederlanden -hatte gehen wollen, ohne Zweifel, um dort den Versuch zu machen -zu regieren; so glaubte er.</p> - -<p>Und beim Anblick dieses wilden und bösartigen Verrückten, der -häßlich und mißgestalt war, faßte er noch größeren Haß gegen -ihn. Doch er redete nicht darüber.</p> - -<p>Die, so König Philipp und seinem Sohne Don Carlos dienten, -wußten nicht, welchen von beiden sie am meisten fürchten sollten, -den behenden, mörderischen Sohn, der seine Diener mit seinen -Nägeln zerfleischte, oder den feigen, tückischen Vater, der sich -andrer bediente, um zu schlagen, und gleich einer Hyäne von -Leichen lebte.</p> - -<p>Die Diener erschraken, da sie sie um einander herum schleichen -sahen. Und sie sagten, daß in Bälde etwelcher Todesfall im -Escurial eintreten würde.</p> - -<p>Nun aber erfuhren sie bald, daß Don Carlos wegen Verbrechen -des Hochverrats eingekerkert sei. Und sie wußten, daß sich seine -Seele in finsterm Groll verzehrte und daß er sich im Gesicht verletzt -hatte, als er sich durch die Eisenstäbe seines Gefängnisses -zwängen wollte, um zu entfliehen, und daß Madame Isabella -von Frankreich unablässig weinte.</p> - -<p>Aber König Philipp weinte nicht.</p> - -<p>Und es ging das Gerücht, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben -und daß er am nächsten Tage gestorben sei, gleich als -wäre er eingeschlafen. Die Aerzte sagten: Sobald er die Feigen -gegessen hatte, hörte das Blut auf zu pulsen und alle Funktionen -des Lebens, wie die Natur sie vorschreibt, waren unterbrochen. -Er konnte nicht mehr ausspeien, noch erbrechen, noch irgend etwas -aus seinem Körper hinausbringen. Sein Leib schwoll beim -Sterben auf.</p> - -<p>König Philipp hörte für Don Carlos die Seelenmesse, ließ ihn -in der Kapelle seiner königlichen Residenz beisetzen und einen -Stein über seinen Leichnam decken; aber er weinte nicht. Und -die Diener sprachen untereinander, indem sie mit der prinzlichen -Grabschrift, so auf dem Leichenstein stand, ihren Spott -trieben:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Hier ruht, der grüne Feigen gegessen;</div> - <div class="verse indent0">Er starb und ist nicht krank gewesen.</div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">A qui jaze qui en para desit verdad</span></div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Morio sin infirmidad.</span></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und König Philipp sah die Prinzessin von Eboli, welche verheiratet -war, mit begehrlichen Blicken an. Er bat sie um Liebe, -und sie gewährte sie ihm.</p> - -<p>Madame Isabella von Frankreich, von der man sagte, daß sie -des Don Carlos Absichten auf die Niederlande begünstigt habe, -ward mager und leidend. Und ihre Haare fielen in großen -Strähnen auf einmal aus. Sie hatte oftmals Erbrechen, und -die Nägel ihrer Füße und Hände fielen ab. Und sie starb.</p> - -<p>Und Philipp weinte nicht.</p> - -<p>Die Haare des Prinzen von Eboli fielen gleichfalls aus und er -ward traurig und klagte immer. Dann fielen auch die Nägel -seiner Füße und Hände ab.</p> - -<p>Und König Philipp ließ ihn beisetzen.</p> - -<p>Und er bezahlte die Trauer der Witwe und weinte nicht.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>25</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zu jener Zeit kamen etliche Frauen und Mädchen aus Damm und -fragten Nele, ob sie nicht Maienbraut sein und sich mit dem -Bräutigam, den man ihr schaffen würde, im Gebüsch verstecken -wolle. Denn, so sprachen die Frauen nicht ohne Eifersucht, es -ist kein junger Mann in ganz Damm und Umgegend, der sich Dir -nicht verloben würde: Dir, die Du so schön, sittsam und blühend -bleibst, / ohne Zweifel eine Hexengabe.“</p> - -<p>„Gevatterinnen,“ antwortete Nele, „saget den jungen Männern, -die meiner begehren: Neles Herz ist nicht hier, sondern bei dem, -der umherstreift, das Land der Väter zu befreien. Und wenn -ich blühend bin, wie Ihr saget, so ist es nicht Hexengabe, sondern -Gabe der Gesundheit.“</p> - -<p>Die Gevatterinnen antworteten:</p> - -<p>„Katheline steht jedoch im Verdacht.“</p> - -<p>„Glaubet nicht den Worten der Bösen,“ antwortete Nele, „Katheline -ist keine Hexe. Die Herren vom Gericht haben ihr Werg auf -dem Kopf verbrannt und Gott hat sie mit Wahnsinn heimgesucht.“</p> - -<p>Und Katheline kauerte in einem Winkel, schüttelte den Kopf und -sprach:</p> - -<p>„Nehmt das Feuer fort, Hanske, mein Liebster wird wiederkommen.“</p> - -<p>Da die Gevatterinnen fragten, wer dieser Hanske sei, antwortete -Nele:</p> - -<p>„Es ist Klasens Sohn, mein Milchbruder, den sie verloren wähnt, -seit Gott sie heimgesucht hat.“</p> - -<p>Und die guten Gevatterinnen gaben Katheline Silberstüver. Und -wenn sie neu waren, zeigte sie sie Einem, den keiner sah, und sagte: -„Ich bin reich, reich an glänzendem Silber. Komm, Hanske, -mein Buhle, ich werde meine Liebesfreuden bezahlen.“</p> - -<p>Und nachdem die Gevatterinnen fort waren, weinte Nele in der -einsamen Hütte. Sie gedachte an Ulenspiegel, der in fernen Landen -umherirrte, ohne daß sie ihm folgen konnte, und an Katheline, -die oftmals ächzte: „Nehmt das Feuer fort,“ und mit beiden -Händen an ihre Brust faßte und also zeigte, daß das Feuer des -Wahnsinns Haupt und Leib mit Fieber verbrannte.</p> - -<p>Inzwischen versteckten sich Maienbraut und Bräutigam in den -Büschen. Der oder die, so einen von ihnen fand, war nach -dem Geschlechte des Findlings und dem seinigen, König oder -Königin des Festes.</p> - -<p>Nele hörte die Freudenrufe der Burschen und Dirnen, als die -Maienbraut am Rand eines Grabens, in hohem Grase versteckt, -gefunden ward. Und sie weinte, der holden Zeiten gedenkend, da -man sie suchte, sie und ihren Freund Ulenspiegel.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>26</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Dieweil ritten er und Lamm, hier ein Bein und da ein Bein, auf -ihren Eseln.</p> - -<p>„Wohlan, höre, Lamm,“ sprach Ulenspiegel. „Die Adligen der -Niederlande haben aus Eifersucht gegen Oranien die Sache der -Verbündeten, den heiligen Bund verraten, den tapferen Kompromiß, -der zum Wohle des Vaterlandes unterzeichnet ward. -Von Egmont und von Hoorn waren gleichermaßen Verräter und -ohne Nutzen für sie. Brederode ist tot, und uns bleibt in diesem -Kriege nur das arme Volk von Brabant und Flandern, das treue -Führer erharrt, um vorzudringen. Und dann, mein Sohn, sind -noch die Inseln da, die Inseln von Zeeland, auch Nord-Holland, -dessen Statthalter der Prinz ist, und weiter noch über das Meer, -Edgard, Graf von Emden und Ostfriesland.“</p> - -<p>„Wehe,“ sprach Lamm, „ich sehe es klar, wir pilgern zwischen -Strick, Rad und Scheiterhaufen, vor Hunger sterbend und vor -Durst gähnend, ohn alle Hoffnung auf Ruhe.“</p> - -<p>„Wir sind erst im Anfang,“ erwiderte Ulenspiegel. „Geruhe, in -Betracht zu ziehen, daß alles dabei für uns eine Lust ist: unsere -Feinde zu töten, ihnen eine Nase zu drehen, unsere Säcke voller -Gülden zu haben. Dazu haben wir guten Ballast von Fleisch, -Bier, Wein und Branntwein. Was brauchst Du mehr, Federsack? -Sollen wir unsere Esel verkaufen und Pferde einhandeln?“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „der Trab eines Pferdes ist für einen -Mann meiner Leibesstärke gar beschwerlich.“</p> - -<p>„Du setzest Dich auf dein Tier, wie die Bauern tun, und niemand -wird über dich spotten, da Du wie ein Bauer gekleidet bist und -nicht gleich mir einen Degen, sondern nur einen Spieß trägst.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „bist Du sicher, daß unsere beiden -Pässe uns in den kleinen Städten helfen können?“</p> - -<p>„Habe ich nicht des Pfarrers Zeugnis,“ sagte Ulenspiegel, „mit -dem großen Kirchensigill aus rotem Wachs, so an zwei Pergamentschwänzen -daran hänget, und unsere Beichtzettel? Die Söldlinge -und Bluthunde des Herzogs vermögen nichts wider zwei so -trefflich versehene Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die -wir zu verkaufen haben? Wir sind alle beide Reiter, Du Vläme -und ich ein Deutscher, und reisen auf ausdrücklichen Befehl des -Herzogs, die Ketzer dieses Landes durch Verkauf geweihter -Sachen dem heiligen, katholischen Glauben zu gewinnen. Derart -werden wir allerorten eindringen, in die Häuser der adligen -Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden uns salbungsvolle -Gastfreundschaft gewähren. Und wir werden ihre Geheimnisse -erlauschen. Leck Deine Lefzen, mein sanfter Freund.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „wir treiben das Handwerk von -Spionen.“</p> - -<p>„Nach Recht und Gesetz des Krieges,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>„So sie die Tat an den drei Predigern erfahren, ist es um uns -geschehen,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!</div> - <div class="verse indent0">Allzeit im Lichte leben.</div> - <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div> - <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Doch Lamm seufzte:</p> - -<p>„Ich habe nur eine gar weiche Haut, der geringste Dolchstoß -würde sie ohne Verzug durchlöchern. Wir täten besser, uns irgend -einem nützlichen Handwerk zu widmen, als derart über Berg und -Tal zu vagieren, um all den großen Prinzen zu dienen, die mit den -Beinen in sammetnen Hosen stecken und von vergüldeten Tafeln -Fettammern speisen. Für uns sind Schläge, Gefahren, Schlacht, -Regen, Hagel, Schnee und magere Landstreichersuppen. Für sie -sind leckere Aale, fette Kapaune, duftende Krammetsvögel und -saftige Masthühnchen.“</p> - -<p>„Das Wasser läuft Dir im Munde zusammen, mein sanfter -Freund“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wo seid Ihr, frisches Brot, goldene Pfannkuchen und köstliche -Rahmspeise? Ja, wo bist Du, mein Weib?“</p> - -<p>Ulenspiegel versetzte:</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen und treibt mich in die -Schlacht. Du aber, sanftes Lamm, das weder den Tod von -Vater noch Mutter, noch den Kummer derer, die Du liebst, noch -Deine gegenwärtige Armut zu rächen hast, laß mich allein wandern, -wohin ich muß, wenn des Krieges Beschwerden Dich -schrecken.“</p> - -<p>„Allein?“ sprach Lamm und brachte plötzlich seinen Esel zum -stehen. Der hub an, einen Distelstrauch zu benagen, deren es -auf diesem Wege eine große Ernte gab. Ulenspiegels Esel stand -still und fraß desgleichen.</p> - -<p>„Allein?“ sprach Lamm. „Du wirst mich nicht allein lassen, -mein Sohn, das wäre eine ausgesuchte Grausamkeit. Mein -Weib verloren haben und auch noch meinen Freund verlieren, -das kann nicht sein. Ich werde nicht mehr stöhnen, ich gelobe -es Dir. Und da es sein muß,“ / und er hub stolz das Haupt / -„so werde ich in den Kugelregen gehen, ja! / Und mitten in die -Degen hinein, jawohl, und unter die schmählichen Söldlinge, -die Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages blutend -und zu Tode getroffen zu deinen Füßen falle, begrabe mich, -und so Du mein Weib siehest, sag ihr, ich sei gestorben, weil ich -nicht leben konnte, ohne von irgend einem in dieser Welt geliebt -zu werden. Nein, das vermöcht ich nicht, mein Sohn Ulenspiegel.“</p> - -<p>Und Lamm weinte. Und Ulenspiegel ward gerührt, da er diesen -sanften Mut sah.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>27</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Um diese Zeit teilte der Herzog sein Heer in zwei Haufen und -ließ den einen nach dem Herzogtum Luxemburg den anderen nach -der Markgrafschaft Namur marschieren.</p> - -<p>„Das ist irgend ein militärischer Entschluß, der mir unbekannt -ist,“ sagte Ulenspiegel. „Einerlei, laß uns mit Zuversicht nach -Maestricht ziehen.“</p> - -<p>Als sie nahe der Stadt an der Maas entlang gingen, sah Lamm, -wie Ulenspiegel alle Schiffe, die auf dem Fluß schwammen, achtsam -betrachtete und vor ihrer einem, so am Bug ein Meerweib -trug, still stehen blieb. Und dieses Meerweib hielt einen Schild, -darauf in güldenen Lettern auf schwarzem Grunde das Zeichen -<span class="antiqua">J-H-S</span>, welches das unseres Herrn Jesu Christi ist, stand.</p> - -<p>Ulenspiegel bedeutete Lamm stehen zu bleiben und hub an, fröhlich -wie eine Lerche zu trillern.</p> - -<p>Ein Mann kam auf Deck und krähte wie ein Hahn. Dann auf -ein Zeichen Ulenspiegels, der wie ein Esel schrie und auf das auf -dem Flußdamm versammelte Volk wies, hub er auch an, wie ein -Esel erschrecklich zu schreien. Ulenspiegels und Lamms beide -Esel legten die Ohren an und sangen ihr Naturlied.</p> - -<p>Weiber kamen vorbei, auch Männer auf Pferden, so die Schiffe -zogen, und Ulenspiegel sagte zu Lamm:</p> - -<p>„Dieser Bootsmann macht sich über uns und unsere Reittiere -lustig. Wollen wir ihn auf seinem Boot angreifen?“</p> - -<p>„Mag er doch lieber hierher kommen,“ antwortete Lamm.</p> - -<p>Darauf sprach eine Frau und sagte:</p> - -<p>„Wenn anders Ihr nicht mit zerschnittenen Armen, zerbrochenem -Kreuz und zerfetztem Gesicht zurückkommen wollet, so lasset -diesen Stercke Pier nach Belieben schreien.“</p> - -<p>„I—ah, I—ah, I—ah,“ machte der Bootsmann.</p> - -<p>„Lasset ihn singen,“ sprach die Gevatterin. „Wir sahen ihn -jüngst einen mit schweren Bierfässern beladenen Wagen auf seine -Schultern heben und einen andern von einem starken Pferd gezogenen -Wagen aufhalten. Dorten,“ sprach sie, auf die Herberge -zum Blauwen Torren deutend, „hat er mit seinem Messer, das -er auf zwanzig Schritt schleuderte, eine eichene Planke von zwölf -Daumen Dicke durchbohrt.“</p> - -<p>„I—ah, I—ah, I—ah,“ schrie der Bootsmann, indes ein Junge -von zwölf Jahren auf Deck kam und ebenfalls wie ein Esel zu -schreien anhub.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Was kümmert uns dein Sterke Pier! Ein wie starker Peter er -auch sein mag, wir sind noch stärker, und hier ist mein Freund -Lamm, der könnte zwei von seiner Statur verschlingen, ohne -aufzustoßen.“</p> - -<p>„Was sagst Du, mein Sohn?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Was wahr ist,“ antwortete Ulenspiegel; „widersprich mir nicht -aus Bescheidenheit. Ja, Ihr guten Leute, Gevatterinnen -und Handwerker, bald sollt Ihr sehen, wie er diesen berühmten -Sterke Pier mit den Armen bearbeitet und zu nichte -macht.“</p> - -<p>„Schweig,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Deine Kraft ist bekannt,“ antwortete Ulenspiegel, „Du könntest -sie nicht verbergen.“</p> - -<p>„I—ah,“ schrie der Bootsmann, „I—ah, I—ah,“ schrie der -Junge.</p> - -<p>Plötzlich sang Ulenspiegel wiederum gar melodisch wie eine -Lerche, und die Männer, Weiber und Arbeiter fragten ihn voller -Entzücken, wo er dies göttliche Trillern gelernt hätte.</p> - -<p>„Im Paradeis, von wannen ich gradenwegs komme,“ sprach -Ulenspiegel.</p> - -<p>Dann sprach er zu dem Manne, der nicht nachließ mit Schreien -und spottend mit dem Finger auf ihn wies:</p> - -<p>„Warum bleibst Du da auf Deinem Schiff, Taugenichts? Traust -Du Dich nicht, an Land zu kommen, um über uns und unsere -Tiere zu spotten?“</p> - -<p>„Traust Du Dich nicht?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„I—ah, I—ah,“ schrie der Bootsmann. „Ihr eselhaften Esel, -kommt auf mein Schiff.“</p> - -<p>„Tu so wie ich,“ flüsterte Ulenspiegel Lamm zu.</p> - -<p>Und zum Bootsmann sprechend:</p> - -<p>„Wenn Du der starke Pier bist, bin ich Tyll Ulenspiegel. Und -diese beiden sind unsere Esel Jef und Jan, die besser i—ahen -können als Du, denn es ist ihre natürliche Rede. Und auf Deine -schlecht gefügten Planken steigen, das wollen wir nicht. Dein -Schiff ist gleich einem Napfe; jedesmal, wenn eine Welle es anstößt, -weicht es zurück, es könnte nur auf der Seite gehen wie -die Krabben.“</p> - -<p>„Ja, wie die Krabben,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Darauf sagte der Bootsmann zu Lamm:</p> - -<p>„Was murmelst Du da zwischen den Zähnen, Du Speckblock?“</p> - -<p>Lamm geriet in Wut und sagte:</p> - -<p>„Schlechter Christ, der Du mir mein Gebrechen vorwirfst, wisse, -daß mein Speck mein ist und von meiner guten Nahrung herrührt, -derweil Du, alter, verrosteter Nagel nur von alten Pökel-Heringen, -Lichtdochten und Stockfischhäuten gelebt hast, nach -Deinem magereren Fleisch zu urteilen, das man durch die Löcher -Deiner Hosen durchscheinen sieht.“</p> - -<p>„Sie werden sich wacker verhauen,“ sprachen erfreut und neugierig -die Männer, Weiber und Arbeiter.</p> - -<p>„I—ah, I—ah,“ schrie der Schiffer.</p> - -<p>Lamm wollte von seinem Esel steigen und Steine aufheben, um -den Schiffer damit zu werfen.</p> - -<p>„Wirf nicht mit Steinen,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Schiffer sagte dem Jungen, der neben ihm auf dem Schiff -iahte, etwas ins Ohr. Derselbige machte von der Breitseite -ein Boot los und mit Hilfe eines Bootshakens, den er geschickt -handhabte, näherte er sich dem Ufer. Als er ganz nahe war, -sagte er in stolzer Haltung:</p> - -<p>„Mein Baas fragt an, ob Ihr waget, auf das Schiff zu kommen -und einen Kampf mit Faust und Fuß mit ihm aufzunehmen? -Diese Männer und Weiber werden Zeugen sein.“</p> - -<p>„Das wollen wir,“ sprach Ulenspiegel gar würdig.</p> - -<p>„Wir nehmen den Kampf an,“ sagte Lamm mit großem Stolz.</p> - -<p>Es war um Mittag und die Deicharbeiter, Pflasterer, Schiffsbauleute, -die Frauen, die ihren Männern das Essen brachten, die -Kinder, die gekommen waren, um ihre Väter Bohnen und gekochtes -Fleisch essen zu sehen; alle lachten und klatschten in die -Hände bei der Aussicht auf einen bevorstehenden Kampf. Sie -erhofften voller Freuden, daß dem einen oder andern der Kämpen -der Schädel zerbrochen, oder daß er zu ihrem Ergötzen in -den Fluß fallen würde.</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm ganz leise, „er wird uns ins Wasser -werfen.“</p> - -<p>„Laß Dich nur hineinwerfen,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Der Dicke hat Angst,“ sagte der Haufe der Arbeiter.</p> - -<p>Lamm, der immer noch auf seinem Esel saß, drehte sich nach -ihnen um und sah sie zornig an, aber sie höhnten ihn.</p> - -<p>„Laß uns auf das Schiff gehen,“ sagte Lamm, „sie sollen sehen, -ob ich Angst habe.“</p> - -<p>Bei diesen Worten ward er abermals verhöhnt, und Ulenspiegel -sagte:</p> - -<p>„Laß uns auf das Schiff gehen.“</p> - -<p>Nachdem sie von ihren Eseln gestiegen, warfen sie dem Jungen -die Zügel zu. Selbiger streichelte die Grautiere freundschaftlich -und führte sie dahin, wo er Disteln sah.</p> - -<p>Alsdann nahm Ulenspiegel den Bootshaken, hieß Lamm in das -Boot steigen, steuerte auf das Schiff zu und erkletterte es mit -Hilfe eines Taus hinter dem schwitzenden, schnaufenden Lamm.</p> - -<p>Als sie auf dem Deck des Boots waren, bückte Ulenspiegel sich, -als wolle er seine Schuhe schnüren, und sprach etliche Worte -zu dem Schiffer. Der lächelte und blickte Lamm an. Dann -stieß er tausend Schimpfworte aus, schalt ihn einen, von sträflichem -Fett aufgedunsenen Taugenicht, eine Galgenfrucht, einen -Breifresser und sagte zu ihm: „Dicker Walfisch, wieviel Tonnen -Oel gibst Du, wenn man Dich zur Ader lässet?“</p> - -<p>Unversehens stürzte Lamm, ohne zu antworten, wie ein wütender -Ochs auf ihn los, warf ihn zu Boden und prügelte ihn mit aller -Kraft, tat ihm aber wegen der Schwachheit seiner fetten Arme -nicht sehr wehe. Der Schiffer, wiewohl er sich stellte, als wehre -er sich, ließ sich’s gefallen, und Ulenspiegel sagte: „Dieser Taugenichts -soll uns zur Strafe frei halten.“</p> - -<p>Die Männer, Weiber und Kinder, so vom Ufer aus dem Kampfe -zuschauten, sprachen: „Wer hätte geglaubt, daß dieser Dicke so -hitzig wäre!“</p> - -<p>Und sie klatschten in die Hände, derweil Lamm wie ein Besessener -zuschlug. Aber der Schiffer trug nur Sorge, sein Gesicht zu -schützen. Plötzlich sah man Lamm, wie er, mit dem Knie auf -der Brust des starken Pier, ihn mit der einen Hand bei der Kehle -packte und die andere erhob, um zuzuschlagen.</p> - -<p>„Schrei um Gnade,“ rief er wütend, „oder ich werde Dich -durch die Planken Deines Waschkübels drücken!“</p> - -<p>Der Schiffer hustete, um anzuzeigen, daß er nicht schreien könne, -und bat mit einer Handbewegung um Gnade.</p> - -<p>Alsbald sah man, wie Lamm seinen Feind edelmütig aufrichtete. -Dieser stand sogleich wieder aufrecht und steckte, den Zuschauern -den Rücken kehrend, Ulenspiegel die Zunge heraus. Der aber -brach in Gelächter aus über Lamm, welcher stolz die Feder -seines Baretts schüttelte und in großem Triumph auf dem Deck -einher stolzierte. Und die Männer und Weiber, die Knaben -und Mädchen, so am Ufer standen, klatschten aus Leibeskräften -Beifall und riefen dabei:</p> - -<p>„Es lebe der Besieger des starken Pier! Das ist ein Mann von -Eisen. Habt Ihr gesehen, wie er ihn mit der Faust bearbeitete -und ihn unversehens auf den Rücken warf? Jetzund werden sie -trinken, um Frieden zu schließen. Der starke Pier kommt mit -Wein und Würsten aus dem Schiffsraum herauf.“</p> - -<p>Wirklich war der starke Pier mit zwei Humpen und einem -großen Krug weißen Maasweins nach oben gekommen. Und -er und Lamm hatten Frieden geschlossen. Und Lamm, der -ob seines Sieges, des Weins und der Würste schier guter Dinge -war, wies auf eine eiserne Esse, die schwarzen, dicken Rauch -ausspie, und fragte ihn, welche Gerichte er im Schiffsraum -machte.</p> - -<p>„Kriegskost,“ antwortete lächelnd der starke Pier. Der Haufe -der Arbeiter, Weiber und Kinder hatte sich verlaufen, um zur -Arbeit oder nach Hause zu gehen. Alsbald lief das Gerücht von -Mund zu Mund, daß ein dicker Mann auf einem Esel, von -einem kleinen Pilger begleitet, der gleichfalls einen Esel ritt, -stärker als Simson sei, und daß man sich hüten müsse, ihn zu beleidigen.</p> - -<p>Lamm trank und blickte den Schiffer siegesbewußt an.</p> - -<p>Dieser sagte plötzlich:</p> - -<p>„Eure Esel langweilen sich da unten.“</p> - -<p>Dann lenkte er das Schiff nach dem Flußdamme, stieg ans Land, -faßte einen der Esel bei den Vorder- und Hinterbeinen, trug ihn -wie Jesus das Lamm trug und setzte ihn auf das Verdeck nieder. -Nachdem er ein Gleiches mit dem andern getan, ohne zu verschnaufen, -sagte er:</p> - -<p>„Laßt uns trinken.“</p> - -<p>Der Junge sprang aufs Deck.</p> - -<p>Und sie tranken. Ganz verblüfft, wußte Lamm nicht mehr, ob er, -Lamm, aus Damm gebürtig, diesen starken Mann überwältigt -hatte. Er wagte ihn nur noch verstohlen und ohne etwelchen -Triumph anzusehen, in der Befürchtung, daß ihn eine Lust anwandeln -möge, ihn zu packen, wie er es mit den Eseln getan, -und ihn aus Rache für seine Niederlage lebendig in die Maas -zu werfen. Doch der Schiffer lud ihn lächelnd und lustig ein, -noch mehr zu trinken, und Lamm erholte sich von seinem Schrecken -und blickte ihn wiederum siegesbewußt an.</p> - -<p>Und der Schiffer und Ulenspiegel lachten.</p> - -<p>Unterweilen hatten die Esel, voller Verwunderung, sich auf gedieltem -Boden zu befinden, die Köpfe gesenkt und die Ohren angelegt -und wagten aus Furcht nicht zu trinken. Der Schiffer -holte ihnen eine Metze des Hafers, den er den Pferden, die seine -Barke zogen, gab. Er hatte ihn selbst gekauft, um nicht von -den Führern mit dem Futterpreise betrogen zu werden.</p> - -<p>Als die Esel die Metze sahen, murmelten sie mit dem Maul ihre -Paternoster, dieweil sie das Deck trübsinnig betrachteten und -aus Furcht, auszugleiten, nicht wagten, einen Huf darauf zu bewegen.</p> - -<p>Hierauf sagte der Schiffer zu Lamm und Ulenspiegel:</p> - -<p>„Laßt uns in die Küche gehen.“</p> - -<p>„In die Kriegsküche?“ sagte Lamm ängstlich.</p> - -<p>„In die Kriegsküche, aber Du magst ohne Furcht hinuntergehen, -mein Ueberwinder.“</p> - -<p>„Ich habe keine Furcht und folge Dir,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Der Junge setzte sich ans Steuerruder.</p> - -<p>Als sie hinunterstiegen, sahen sie überall Säcke mit Korn, Bohnen, -Erbsen, Kohl, Mohrrüben und andern Gemüsen. Dann -öffnete der Schiffer die Tür einer kleinen Schmiede und sprach:</p> - -<p>„Sintemalen Ihr Männer mit tapferem Herzen seid, so den -Sang der Lerche, des Vogels der Freien, den kriegerischen Trompetenton -des Hahnes und das Schreien des Esels, des sanftmütigen -Arbeiters kennen, so will ich Euch meine Kriegsküche zeigen. -Diese kleine Schmiede werdet Ihr auf den meisten Maas-Schiffen -finden. Niemand kann sie für verdächtig halten, denn -sie dient dazu, das Eisenwerk der Schiffe wieder in Stand zu -setzen. Doch was nicht alle besitzen, das sind die schönen Gemüse, -die in diesen Speichern sind.“</p> - -<p>Dann nahm er etliche Steine fort, die den Boden des Schiffsraums -bedeckten, hob etliche Planken auf und zog ein schönes -Bündel von Flintenläufen und Büchsen hervor, hob es auf, als -wäre es eine Feder, und legte es wiederum an seinen Platz. -Dann zeigte er ihnen Lanzenspitzen, Hellebarden, Degenklingen -und Säcklein mit Kugeln und Pulver.</p> - -<p>„Es lebe der Geuse,“ sprach er, „hier sind die Bohnen und -die Brühe. Die Kolben sind die Hammelkeulen, die Salate -sind die Hellebardenspitzen und diese Büchsenläufe sind die -Ochsenbeine für die Suppe der Freiheit. Es lebe der Geuse! -Wohin soll ich dies Futter bringen?“ fragte er Ulenspiegel.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Nach Nymwegen. Dort wirst Du Dein Schiff anlegen, noch mehr -beladen mit wirklichen Gemüsen, so Dir die Bauern, die Du in -Etsen, Stephansweert und Ruvemarde aufnehmen wirst, bringen. -Auch sie werden wie die Lerche, der Vogel der Freiheit, singen, -und Du wirst ihnen mit kriegerischen Hahnenschrei antworten. -Dann wirst Du zum Doktor Pontus gehen, der am neuen Waal -wohnt, und ihm sagen, daß Du mit Gemüsen in die Stadt kommst, -aber daß Du die Trockenheit fürchtest. Dieweil die Bauern auf -den Markt gehen, um die Gemüse zu teuer anzubieten, als daß -man sie kaufe, wird er Dir sagen, was Du mit Deinen Waffen -tun sollst. Ich denke wohl, daß er Dich heißen wird, Waal, -Maas oder Rhein hinabzufahren, wenn auch nicht ohne Fährlichkeit, -und Deine Gemüse für Netze umzutauschen, die Du verkaufst, -um mit dem Harlinger Fischerbooten Geschäfte zu machen. -Dort sind viele Matrosen, die den Sang der Lerche kennen. Du -mußt an der Küste entlang durch die Watten fahren, den Lauwer -Zee erreichen, die Netze gegen Eisen und Blei eintauschen und -Deinen Bauern die Trachten der Inseln Marken, Vlieland und -Ameland geben. Dann mußt Du Dich ein Weniges an den Küsten -aufhalten, fischen und Deinen Fisch einsalzen, um ihn aufzuheben, -und nicht, um ihn zu verkaufen, denn frischer Trunk und gesalzener -Krieg sind eine gerechte Sache.“</p> - -<p>„Wohlan denn, laßt uns trinken,“ sprach der Schiffer.</p> - -<p>Und sie stiegen auf Deck. Doch Lamm blies Trübsal.</p> - -<p>„Herr Schiffer,“ sagte er plötzlich, „Ihr habet in Eurer Schmiede -ein so prächtiges Feuerchen, daß man gewißlich das leckerste -Fleischgericht darauf kochen könnte. Meine Kehle schmachtet -nach Suppe.“</p> - -<p>„Ich werde Dich erfrischen,“ sprach der Mann.</p> - -<p>Und alsbald setzte er ihm eine fette Brühe vor, darinnen er ein -dickes Stück gesalzenen Schinkens gekocht hatte.</p> - -<p>Als Lamm etliche Löffel voll verschluckt hatte, sprach er zum -Schiffer:</p> - -<p>„Die Kehle klebt mir, und meine Zunge brennt. Das ist gewißlich -keine Fischsuppe.“</p> - -<p>„Es stehet geschrieben: Frischer Trunk und gesalzener Krieg,“ -versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Schiffer füllte also die Humpen und sprach:</p> - -<p>„Die Lerche, der Vogel der Freiheit, soll leben!“</p> - -<p>Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Der Hahn, der zum Kriege bläst.“</p> - -<p>Lamm sagte:</p> - -<p>„Ich trinke auf mein Weib. Möge sie niemals Durst leiden, -die Herzliebste.“</p> - -<p>„Du wirst durch die Nordsee nach Emden gehen; Emden ist eine -Zuflucht für uns,“ sagte Ulenspiegel zum Schiffer.</p> - -<p>„Das Meer ist groß,“ sagte der Schiffer.</p> - -<p>„Groß für die Schlacht,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Gott ist mit uns,“ sagte der Schiffer.</p> - -<p>„Wer könnte wider uns sein,“ versetzte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wann gehet Ihr?“ fragte er.</p> - -<p>„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Glückliche Reise und Wind im Rücken. Hier ist Pulver und -Blei.“</p> - -<p>Und er küßte sie und geleitete sie ans Ufer, nachdem er die beiden -Esel wie zwei Lämmlein auf Hals und Schultern getragen hatte.</p> - -<p>Ulenspiegel und Lamm stiegen auf und ritten gen Lüttich.</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, dieweil sie ritten, „wie geht es zu, -daß dieser so starke Mann sich so grausam von mir hat walken -lassen?“</p> - -<p>„Auf daß allerorten, wohin wir kommen, der Schrecken Dir -vorauseile,“ sprach Ulenspiegel. „Das wird uns ein besser -Schutzgeleit sein denn zwanzig Landsknechte. Wer wird es fortan -wagen, Lamm, den Mächtigen, Siegreichen, anzugreifen? -Lamm, den unvergleichlichen Stier, der, wie männiglich sah und -erkannte, mit einem Stoß seines Kopfes den starken Pier zu Boden -warf, welcher die Esel wie Lämmlein trägt und einen Wagen -mit Bierfässern mit einer Schulter aufhebt. Jedermann kennt -Dich hier schon. Du bist Lamm, der Furchtbare, der Unbesiegliche, -und ich gehe im Schatten Deines Schutzes. Jedermann -wird Dich auf dem Wege, den wir durcheilen, kennen, keiner wird -wagen, Dich scheel anzusehen. Und in Anbetracht des großen -Mutes der Menschen wirst Du überall auf Deiner Straße nichts -als gezogene Hüte, Grüße und Ehrerbietung finden, so der Kraft -Deiner furchtbaren Faust gelten.“</p> - -<p>„Du sprichst gut, mein Sohn,“ sagte Lamm, sich im Sattel aufrichtend.</p> - -<p>„Und ich spreche wahr,“ versetzte Ulenspiegel. „Siehst Du die -neugierigen Gesichter an den ersten Häusern dieses Dorfes?“</p> - -<p>Man weist mit dem Finger auf Lamm, den erschrecklichen Sieger. -„Siehst Du diese Männer, die Dich neidvoll betrachten, und diese -erbärmlichen Memmen, so ihre Hüte abnehmen? Erwidere ihren -Gruß, Lamm, mein Herzchen, und verschmähe das schwache -Volk nicht. Sieh, die Kinder wissen Deinen Namen und wiederholen -ihn mit Bangen.“</p> - -<p>Lamm ritt stolz vorbei, nach rechts und nach links wie ein König -grüßend. Und die Kunde seiner Tapferkeit folgte ihm von Dorf -zu Dorf, von Stadt zu Stadt bis nach Lüttich, Chocquien, -Neuville, Vesin und Namur, welches sie um der drei Prediger -willen umgingen.</p> - -<p>Dergestalt folgten sie lange Zeit dem Laufe der Ströme, Flüsse -und Kanäle. Und allerorten antwortete Hahnenschrei dem Sang -der Lerche. Und allerorten wurden für das Werk der Freiheit -Waffen geschmiedet, gegossen und geschliffen; und die Schiffe, -die an den Küsten entlang fuhren, nahmen sie mit.</p> - -<p>Und in Fässern, Kisten und Körben passierten sie die Zölle.</p> - -<p>Allezeit fanden sich gute Leute, die sie aufnahmen und an sicherem -Orte verbargen mit Pulver und Kugeln, bis zur gottgewollten -Stunde.</p> - -<p>Und da Lamm mit Ulenspiegel reiste und sein Ruf als Sieger -ihm immerdar vorauslief, so begann er selber, an seine große -Kraft zu glauben, und indem er hoffärtig und kriegerisch ward, -ließ er sich den Bart wachsen. Und Ulenspiegel nannte ihn Lamm -den Löwen.</p> - -<p>Doch am vierten Tage verlor Lamm das Zutrauen zu diesem -Plane wegen des Kitzelns der jungen Bartstoppeln. Und er ließ -das Scheermesser über sein siegreiches Antlitz gehen, welches -Ulenspiegel von neuem rund und voll erschien, wie eine Sonne, -am Feuer guter Nahrung entzündet.</p> - -<p>Und solchergestalt kamen sie nach Stockem.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>28</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Allda ließen sie ihre Esel und bei Einbruch der Nacht betraten -sie die Stadt Antwerpen und Ulenspiegel sprach zu Lamm:</p> - -<p>„Dies ist die große Stadt. Die ganze Welt häuft hier ihre Reichtümer -an: Gold, Silber, vergüldetes Leder, Gobelins, Tuche -Sammet- Woll- und Seidenstoffe, Bohnen, Erbsen, Korn, Fleisch, -Mehl, gesalzene Häute, Wein aus Löwen, Namur, Luxemburg, -Lüttich, Landwein von Brüssel und Aerschot, Weine von Buley, -dessen Weinberg vor dem Tor de la Plante zu Namur liegt; -desgleichen findet man hier Weine vom Rhein, Hispanien und -Portugal, Rosinenöl von Aerschot, das sie Landolium nennen, -die Weine von Burgund, Malvasier und viele andere. Und die -Hafendämme sind voller Waren. Diese Schätze der Erde und -der menschlichen Arbeit locken die schönsten Dirnen, die es gibt, -an diesen Ort.“</p> - -<p>„Du wirst träumerisch,“ sagte Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Unter ihnen werde ich die Sieben finden. Es ist mir geweissagt -worden:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">In Trümmern, Blut und Tränen suche.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Wer ist denn mehr als die lockeren Dirnen Ursache des Verfalls? -Verlieren die armen, betörten Männer nicht bei ihnen -ihre schönen, glänzenden, klingenden Karolus, ihre Kleinodien, -Ketten und Ringe und gehen ohne Wams, zerlumpt und zerfetzt, -wohl gar ohne Hemd von dannen, dieweil jene sich an ihrem -Raub mästen? Wohin ist das klare, rote Blut, das in ihren -Adern floß? Jetzt ist es wie Birnensaft. Und stechen sie sich -nicht auch mit Dolch, Messer und Degen, um ihre holden reizenden -Leiber zu genießen? Die bleichen, blutigen Leichname, die -man fortträgt, sind die Leichen armer Liebestoller. Wenn der -Vater schmält und finster auf seinem Sessel sitzt, wenn seine weißen -Haare noch weißer und starrer scheinen und aus seinen trocknen -Augen, darinnen der Kummer über des Sohnes Verderben -brennt, die Tränen nicht fließen wollen, wenn die Mutter, stumm -und bleich gleich einer Toten, weint, als ob sie nichts mehr sähe, -denn die Schmerzen dieser Welt: wer läßt alsdann diese Tränen -fließen? Die Dirnen, die nichts lieben als sich und das Geld -und die denkende, arbeitende, philosophierende Welt an ihren güldenen -Gürtel halten. Ja, da sind die Sieben, und wir werden -zu den Dirnen gehen, Lamm. Deine Frau ist vielleicht auch -dort; das wird ein doppelter Fang sein.“</p> - -<p>„Wohlan,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Man war dermalen im Rosenmond, gegen Ende des Sommers, -wenn die Sonne schon die Blätter der Kästenbäume rötet, die -Vöglein in den Bäumen singen, und keine Milbe so klein ist, daß -sie nicht vor Behagen im warmen Gras summte.</p> - -<p>Lamm irrte mit gesenktem Kopf an Ulenspiegels Seite durch die -Straßen von Antwerpen und schleppte seinen Körper wie ein -Haus daher.</p> - -<p>„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „Du bläsest Trübsal. Weißt Du -denn nicht, daß nichts der Haut mehr schadet? Wenn Du in -Deinem Kummer verharrst, wird sie in Streifen von Dir abfallen. -Und das wird sich hübsch anhören, wenn man von Dir sagt: -Der abgehäutete Lamm.“</p> - -<p>„Mich hungert,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Komm essen“, sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Und sie gingen selbander zur „Alten Stiege,“ allwo sie Choesels -aßen und Dobbel-kuyt tranken, so viel sie konnten.</p> - -<p>Und Lamm weinte nicht mehr.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sagte: „Gesegnet sei das gute Bier, das Dir die -Seele voller Sonnenschein macht! Du lachst und schüttelst Deinen -Bauch. Wie gern seh ich den Tanz der lustigen Gedärme!“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie würden noch weit mehr tanzen, -wenn ich das Glück hätte, mein Weib wiederzufinden.“</p> - -<p>„Laß sie uns suchen,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>So kamen sie in das Viertel der Unteren Schelde.</p> - -<p>„Schau,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm, „dieses Häuschen, ganz -aus Holz, mit schönen, wohlgefügten Fensterrahmen und Butzenscheiben. -Betrachte diese gelben Vorhänge und diese rote Laterne. -Da, mein Sohn, thront hinter vier Tonnen Braunbier, Uitzet, -Dobbelkuyt und Wein aus Amboise eine schöne Wirtin von fünfzig -oder mehr Jahren. Jedes Jahr, das sie zurücklegte, versah -sie mit einer neuen Speckschicht. Auf einer der Tonnen brennt -eine Kerze und vor den Deckbalken hängt eine Laterne. Es ist -da hell und dunkel; dunkel für die Liebe und hell für die Bezahlung.“</p> - -<p>„Aber,“ sprach Lamm, „das ist ja ein Kloster von Teufelsnönnlein, -und diese Wirtin ist ihre Aebtissin.“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „diese ist’s, die in Herrn Beelzebubs -Namen fünfzehn schöne Mägdlein von lockerem Wandel auf den -Pfad der Sünde führt. Sie finden bei ihr Zuflucht und Nahrung, -aber sie dürfen dort nicht schlafen.“</p> - -<p>„Kennest Du dies Kloster?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Ich will dort Deine Frau suchen. Komm.“</p> - -<p>„Nein,“ sagte Lamm, „ich habe es überlegt und gehe nicht -hinein.“</p> - -<p>„Willst Du deinen Freund ganz allein der Fährlichkeit unter diesen -Astartes aussetzen?“</p> - -<p>„Möge er nicht gehen,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Aber wenn er doch hingehen muß, um die Sieben und dein Weib -zu finden?“</p> - -<p>„Ich möchte lieber schlafen,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Ei komm doch,“ sagte Ulenspiegel, öffnete die Türe und schob -Lamm vor sich her. „Sieh, die Wirtin sitzt hinter ihren Fässern -zwischen zwei Kerzen. Das Gemach ist weit, mit einer Decke -von gedunkeltem Eichenholz und rauchgeschwärzten Balken. -Rund herum sind Bänke und Tische mit wackligen Beinen, mit -Gläsern, Schoppen, Bechern, Humpen, Krügen, Karaffen, Flaschen -und anderm Trinkgerät. In der Mitte sind abermals Tische -und Stühle, darauf Schauben, das sind Weibermäntel, güldene -Gürtel, Stelzschuhe von Sammet, Dudelsäcke, Pfeifen und Schalmeien -herumliegen. In der Ecke ist eine Stiege, die ins obere -Stockwerk führt. Ein kleiner, kahlköpfiger Buckliger spielt auf -einem Clavizimbal, das auf Glasfüßen steht, so dem Instrument -einen scharfen Ton geben. Tanze, mein Dicker. Fünfzehn -schöne Dirnen sitzen dort, die einen auf Tischen, die andern auf -Stühlen, rittlings, gebückt oder gerade, mit aufgestütztem Ellenbogen, -verkehrt herum oder nach ihrer Laune auf dem Rücken -oder auf der Seite liegend. Sie sind weiß oder rot gekleidet, ihre -Arme sind nackt, ebenso die Schultern und die Brust bis an die -Mitte des Körpers. Es sind ihrer von allen Sorten da, auserlesene! -Bei den einen läßt das Kerzenlicht, das ihre blonden -Haare liebkost, die blauen Augen im Schatten, also daß man -nur ihren feuchten Glanz schimmern sieht. Andere schauen zur -Decke hinauf und säuseln zur Laute ein deutsches Lied. Wieder -andre, rund, braun, fett und schamlos, trinken Wein von Amboise -aus vollen Humpen, zeigen ihre runden, bis zur Schulter -nackten Arme und ihr halb offnes Gewand, aus dem die runden -Brüste wie Äpfel hervorsehen, und ohne Scham sprechen sie mit -vollem Munde, eine nach der andern oder alle zumal. Höre sie an:</p> - -<p>„Nichts da von Geld heute! Liebe wollen wir. Liebe nach -unsrer Wahl“, sagten die schönen Dirnen, „Liebe eines Kindes, -Jünglings oder wer immer uns gefällt, ohne zu zahlen“. / -„Mögen die, in die Natur die männliche Kraft legte, die wahre -Männer macht, zu uns an diesen Ort kommen, um Gottes und -unsrer Liebe willen.“ / „Gestern war der Tag, da man zahlte, -heute ist der Tag, da man liebt!“ / „Wer will von unsern Lippen -trinken, sie sind noch feucht von der Flasche. Wein und Küsse, -das ist ein vollkommnes Fest!“ / „Wir spotten der Witwen, die -allein schlafen. Wir sind Dirnen! Heute ist ein Tag des Wohltuns! -Den Jungen, Starken und Schönen öffnen wir unsere -Arme. Zu trinken!“ / „Schätzlein, ist es der Liebesschlacht halber, -daß Dein Herz in der Brust die Trommel schlägt? Welche Unruhe! -Das ist das Schlagwerk der Küsse! Wann werden sie -kommen, mit vollen Herzen und leerem Geldbeutel? Wittern sie -nicht leckere Abenteuer? Welcher Unterschied ist zwischen einem -jungen Geusen und dem Herrn Markgrafen? Seine Gnaden bezahlt -in Gülden und der junge Geuse mit Liebkosungen. Es lebe -der Geuse! Wer will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“</p> - -<p>Also redeten die jungen, heißblütigen und fröhlichen unter den -Mädchen von lockerem Wandel.</p> - -<p>Aber es waren ihrer andere mit schmalem Gesicht und mageren -Schultern, die um Ersparnisse mit ihrem Körper Handel trieben -und den Preis ihres dürren Fleisches auf Heller und Pfennig aufschrieben. -Diese schmälten untereinander: „Es ist recht einfältig -von uns, in diesem ermüdenden Handwerk auf Entgelt zu verzichten -um der wunderlichen Launen willen, die den mannstollen -Dirnen durchs Hirn fahren. Wenn sie ein Mondviertel im Kopf -haben, so haben wir es nicht. Wir ziehen es vor, in unsern alten -Tagen nicht unsere Lumpen durch die Gosse zu schleifen wie sie, -sondern uns bezahlen zu lassen, da wir feil sind. / Nichts von -umsonst! Die Männer sind häßlich, stinkend, brummig, Fresser -und Säufer. Sie allein bringen die armen Weiber ins Unglück!“</p> - -<p>Doch die Jungen und Schönen vernahmen von diesen Reden -nichts; sie waren ganz bei ihrem Vergnügen und Zechen und -sagten:</p> - -<p>„Hört Ihr das Totenglöcklein von Notre Dame läuten? Wir -brennen! Wer will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“</p> - -<p>Da Lamm so viel Frauen, braune und blonde, frische und verblühte, -zumal sah, schämte er sich, schlug die Augen nieder und -rief „Ulenspiegel, wo bist du“?</p> - -<p>„Er ist verschieden, mein Freund,“ sagte ein dickes Mädchen und -faßte ihn am Arme.</p> - -<p>„Verschieden?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Ja,“ sprach sie, „vor dreihundert Jahren, in Gesellschaft von -Jacobus de Coster van Maerlandt.“</p> - -<p>„Lasset mich,“ sprach Lamm „und neckt mich nicht. Ulenspiegel, -wo bist Du? Komm und rette Deinen Freund! Ich gehe unverzüglich -fort, wenn Ihr mich nicht loslasset.“</p> - -<p>„Du wirst nicht fortgehen,“ sagten sie.</p> - -<p>„Ulenspiegel,“ sprach Lamm zum andren Mal kläglich, „wo bist -Du, mein Sohn? ... Madame, zieht mich nicht so bei den -Haaren; ich versichere Euch, es ist keine Perrücke. Zu Hilfe! -Findet Ihr meine Ohren noch nicht rot genug, ohne daß Ihr das -Blut hineintreibt? Siehe, nun gibt mir diese Andere immerdar -Nasenstüber. Ihr tut mir wehe. Ach, womit reibt man mir jetzt -das Gesicht? Den Spiegel! Ich bin schwarz wie das Loch eines -Backofens. Ich werde alsbald bös werden, wenn Ihr nicht ein -Ende macht. Es ist schlecht von Euch, einen armen Menschen -so zu mißhandeln. Laßt mich! Wenn Ihr mich rechts und links -und überall an den Hosen gezogen und mich wie einen Kreisel gedreht -habt, seid Ihr dicker davon? Ja, ich werde sicherlich bös -werden.“</p> - -<p>„Er wird bös werden,“ sagten sie spottend; „er wird bös werden, -der gute Kerl. Lache lieber und sing uns ein Minnelied.“</p> - -<p>„Ich werde allsogleich eins singen, wenn Ihr wollt; aber lasset -mich los.“</p> - -<p>„Wen liebst Du hier?“</p> - -<p>„Keine, weder Dich noch die Andern; ich werde beim Magistrat -Klage führen und er wird Euch peitschen lassen.“</p> - -<p>„Ho, ho,“ sagten sie, „peitschen? Und wenn wir Dich vor dieser -Peitscherei mit Gewalt küßten?“</p> - -<p>„Mich?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Dich,“ sagten sie alle.</p> - -<p>Und siehe da! Die Schönen und die Häßlichen, die Frischen und -die Verblühten, die Braunen und die Blonden stürzten sich auf -Lamm, warfen sein Barett in die Luft, desgleichen seinen Mantel, -und liebkosten und küßten ihn mit aller Kraft auf die Wange, die -Nase, den Magen, den Rücken.</p> - -<p>Die Wirtin lachte zwischen ihren Talglichtern.</p> - -<p>„Zu Hilfe,“ schrie Lamm, „zu Hilfe! Ulenspiegel, fege mir alles -dieses Lumpengesindel fort. Laßt mich los; ich will Eure Küsse -nicht. Beim Heiligen Blut! Ich bin verheiratet und bewahre -alles für meine Frau.“</p> - -<p>„Verheiratet,“ sagten sie, „aber das ist zu viel für deine Frau; -ein Mann von Deiner Beleibtheit! Gib uns ein wenig ab. Eine -treue Frau, das ist wohlgetan; ein treuer Mann ist ein Kapaun. -Gott steh Dir bei! Du mußt Eine wählen, oder wir peitschen -Dich unsrerseits.“</p> - -<p>„Das werde ich nicht tun,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Wähle,“ sprachen sie.</p> - -<p>„Nein,“ sagte er.</p> - -<p>„Willst Du mich?“ fragte ein schönes, blondes Mägdlein. „Siehe, -ich bin sanftmütig und liebe den, der mich liebt.“</p> - -<p>„Laß mich,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Willst Du mich?“ fragte ein reizend Mädchen mit schwarzen -Haaren, braunen Augen und brauner Haut, und übrigens wie -von Engeln gedrechselt.</p> - -<p>„Ich mag keinen Honigkuchen,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Und mich? Willst Du mich nicht nehmen?“ fragte ein großes -Mädchen, deren Stirn fast ganz mit Haar bedeckt war. Sie hatte -dichte, zusammengewachsene Brauen und große schwimmende -Augen, Lippen so dick wie Wülste und feuerrot; und rot auch -Gesicht, Hals und Schultern.</p> - -<p>„Ich mag keine glühenden Ziegelsteine,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Nimm mich,“ sagte ein Dirnlein von sechzehn Jahren, mit der -Schnauze eines Eichkätzchens.</p> - -<p>„Ich mag keine Nußknacker,“ sprach Lamm.</p> - -<p>„Wir müssen ihn peitschen,“ sagten sie. „Womit? Mit schönen -Peitschen, so eine Schnur von gedörrten Leder haben. Ein stolzes -Stäupen. Da widersteht die härteste Haut nicht. Nehmt zehn -Peitschen von Fuhrleuten und Eseltreibern.“</p> - -<p>„Zu Hilfe, Ulenspiegel!“ schrie Lamm.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel antwortete nicht.</p> - -<p>„Du hast ein schlechtes Herz,“ sprach Lamm, seinen Freund überall -suchend. Die Peitschen wurden gebracht. Zwei der Dirnen -schickten sich an, Lamm das Wams auszuziehen.</p> - -<p>„Wehe,“ sprach er, „mein armes Fett, das ich mit soviel Mühe -angesetzt habe, das werden sie mir gewißlich mit ihren scharfen -Peitschen herunterreißen. Aber Ihr Weibsbilder ohne Erbarmen, -mein Fett wird Euch nichts nützen, nicht einmal, um es in die -Brühe zu tun.“</p> - -<p>„Wir werden Talglichte daraus machen. Ist es nichts wert, ohne -Kosten Beleuchtung zu haben? Wer fortan sagen wird, daß das -Licht von der Peitsche kommt, wird jedermann närrisch scheinen. -Wir werden bis an den Tod daran festhalten und mehr als eine -Wette gewinnen. Tunkt die Ruten in den Essig. So, dein Wams -ist ausgezogen. Auf Saint-Jacques schlägt es Voll. Neun Uhr. -Wenn Du beim letzten Schlag nicht gewählt hast, peitschen wir -Dich.“</p> - -<p>Lamm sagte, schier gelähmt:</p> - -<p>„Habt Mitleid und Erbarmen mit mir, ich habe meiner armen -Frau Treue geschworen und werde sie halten, ob sie mich -gleich böslich verlassen hat. Ulenspiegel, mein Liebling, zu -Hilfe!“</p> - -<p>Doch Ulenspiegel ließ sich nicht blicken.</p> - -<p>„Sehet mich,“ sprach Lamm zu den Dirnen, „sehet mich zu Euren -Füßen. Kann man demütiger sein? Sage ich nicht genug damit, -daß ich Eure große Schönheit gleich den Heiligen verehre? Glücklich -der Ehelose, der Eure Reize genießen kann. Das ist ohne -Zweifel das Paradies; aber schlagt mich nicht, wenn es Euch beliebt.“</p> - -<p>Plötzlich sprach die Wirtin, die zwischen ihren beiden Talglichtern -stand, mit lauter, dräuender Stimme:</p> - -<p>„Gevatterinnen und Mädchen, ich schwöre Euch bei meinem -Erzteufel, so Ihr nicht im Augenblick mit Lachen und Güte diesen -Mann zur Einsicht, das heißt, in Euer Bett gebracht habt, so -werde ich die Nachtwächter rufen und Euch alle an seiner statt -peitschen lassen. Ihr verdient nicht den Namen loser Dirnen, -wenn Ihr umsonst die leichtfertige Zunge, die kecke Hand und -lodernden Augen habt, um das männliche Geschlecht zu reizen, -wie die Weibchen der Glühwürmer tun, die nur zu diesem Ende -ein Licht haben. Und Ihr werdet ohne Gnade für Eure Dummheit -gepeitscht werden.“</p> - -<p>Bei dieser Rede zitterten die Dirnen, und Lamm ward frohgemut. -„Heda, Gevatterinnen,“ sagte er, „welche Kunde bringt Ihr aus -dem Lande der peitschenden Riemen? Ich werde selber die -Wächter holen. Sie werden ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen -dabei helfen, das wird mir große Kurzweil sein.“</p> - -<p>Doch siehe, da warf sich ein liebliches Kind von fünfzehn Jahren -zu seinen Füßen.</p> - -<p>„Herr,“ sagte sie, „Ihr sehet mich hier vor Euch in Demut ergeben. -So Ihr nicht geruhet, eine unter uns zu wählen, muß -ich Euretwillen geschlagen werden. Und die Wirtin dort wird -mich in einen abscheulichen Keller unter der Schelde stecken, wo -das Wasser von den Wänden sickert, und wo ich nur schwarzes -Brot zu essen bekomme.“</p> - -<p>„Wird sie wirklich meinetwegen geschlagen werden, Frau Wirtin?“ -fragte Lamm.</p> - -<p>„Bis aufs Blut,“ antwortete diese.</p> - -<p>Da betrachtete Lamm das Mägdlein und sprach: „Ich sehe dich -so frisch und duftig; deine Schulter taucht wie ein großes, weißes -Rosenblatt aus Deinem Kleide auf. Ich will nicht, daß diese -schöne Haut, unter der das Blut so jugendlich fließt, unter der -Peitsche leidet, noch daß diese Augen, vom Feuer der Jugend hell, -wegen schmerzhafter Schläge weinen, oder daß die Kälte des -Kerkers diesen Körper einer Huldin erschauern lasse. So will ich -Dich denn lieber wählen als Dich geschlagen wissen.“</p> - -<p>Das Mädchen führte ihn fort. Also sündigte er aus Seelengüte, -wie er es sein ganzes Leben tat.</p> - -<p>Unterweilen stunden Ulenspiegel und ein großes, schönes, braunes -Mädchen mit krausem Haar einander gegenüber. Das Mädchen -sah Ulenspiegel lockend an, ohne ein Wort zu sagen, und -schien ihn nicht zu wollen.</p> - -<p>„Liebe mich,“ sprach er.</p> - -<p>„Dich lieben,“ sagte sie, „törichter Freund, der dessen nur nach -der Laune der Stunde begehrt?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete: „Der Vogel, der über Deinem Haupt dahinfliegt, -singt sein Lied und entfleucht. Also auch ich, süßes -Herz: wollen wir zusammen singen?“</p> - -<p>„Ja,“ sprach sie, „ein Lied vom Lachen und von Tränen.“</p> - -<p>Und das Mädchen warf sich an Ulenspiegels Hals.</p> - -<p>Da nun alle Beide im Arm ihrer Liebsten vor Wonne vergingen, -siehe da drang beim Klange von Trommel und Pfeife eine lustige -Kompanie von Meisenfängern ins Haus, die sich drängten, stießen, -sangen, pfiffen, heulten und schimpften. Sie trugen Säcke und -Käfige, ganz voll dieser kleinen Vögel, und die Eulen, die ihnen -dabei geholfen hatten, rissen im Licht ihre gelben Augen auf.</p> - -<p>Die Meisenfänger waren zehn Mann hoch, alle rot und vom -Wein und Würzbier geschwollen. Die Köpfe wackelten ihnen und -sie schleppten ihre schlotternden Beine und schrien mit so rauher, -gebrochener Stimme, daß es die furchtsamen Mädchen bedünkte, -eher wilde Bestien in einem Walde denn Menschen in einem Gemache -zu hören.</p> - -<p>Indessen sie ließen nicht ab zu sagen, indem sie einzeln oder allzumal -sprachen: „Ich will, den ich liebe.“ / „Wir gehören dem, -der uns gefällt. Morgen Denen, die an Gülden reich sind! Heute -Denen, die an Liebe reich sind.“ Die Meisenfänger antworteten: -„Gülden haben wir, Liebe desgleichen, für uns die Dirnen! Wer -zurückweicht, ist ein Kapaun. Dies sind Meisen, wir sind Jäger. -Drauf! Brabant dem guten Herzog!“</p> - -<p>Doch die Frauenzimmer höhnten: „Pfui über die häßlichen Mäuler, -die uns zu fressen gedenken! Den Schweinen gibt man keinen -Sorbett. Wir nehmen, wer uns gefällt, und wollen mit Euch -nichts zu tun haben. Ihr Öltonnen, Specksäcke, dürre Nägel, -verrostete Klingen, Ihr stinkt nach Schweiß und Schmutz. -Scheert Euch hinaus. Ihr werdet auch ohne unsere Hülfe verdammt -werden.“</p> - -<p>Sie aber sprachen: „Die Wälschen sind heuer wählerisch. Edle -Fräuleins Zimperlich, Ihr könnet uns wohl geben, was Ihr aller -Welt verkauft.“</p> - -<p>Doch die Mädchen antworteten: „Morgen werden wir hündische -Sklavinnen sein und Euch nehmen; heute sind wir freie Frauen -und weisen Euch fort!“</p> - -<p>Da schrien Jene: „Genug der Worte! Wer hat Durst? Laßt -uns die Äpfel pflücken.“</p> - -<p>So sprechend, stürzten sie sich auf sie, ohn Unterschied von Alter -noch Schönheit. Die schönen Mädchen, zu ihrem Vorhaben entschlossen, -warfen ihnen Stühle, Schoppen, Krüge, Becher, Humpen, -Karaffen und Flaschen an den Kopf, daß es hagelte und -sie verwundet, zerquetscht und ihnen die Augen ausgeschlagen -wurden.</p> - -<p>Ulenspiegel und Lamm kamen bei dem Lärm herzu und ließen -ihre zitternden Liebhaberinnen oben an der Stiege. Da Ulenspiegel -die Männer auf die Weiber losschlagen sah, ergriff er im Hof -einen Besen, riß das Besenreis herunter, gab Lamm einen andern, -und damit prügelten sie die Meisenfänger ohn Erbarmen.</p> - -<p>Das Spiel dünkte den also durchgewalkten Trunkenbolden hart; -sie hielten einen Augenblick inne, und die mageren Dirnen, die -sich verkaufen und nicht verschenken wollten, selbst an diesem -großen Tage der freiwilligen Liebe, wie die Natur sie gebeut, -nutzten dies ohne Verzug. Wie Nattern glitten sie zwischen die -Verwundeten, liebkosten sie, verbanden ihre Wunden, tranken den -Wein von Amboise an ihrer Statt und leerten ihnen so trefflich -die Säckel von Gülden und anderer Münze, daß ihnen auch nicht -ein elender Heller blieb. Dann, da es Feierabend läutete, setzten -sie sie vor die Tür, die Ulenspiegel und Lamm schon verlassen -hatten.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>29</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel und Lamm marschierten auf Gent und kamen bei -Morgengrauen nach Lokeren. Die Erde war weithin betaut, -weiße, kühle Dünste schwebten über den Wiesen. Da Ulenspiegel -vor einer Schmiede vorbeikam, trillerte er wie die Lerche, der -Vogel der Freiheit. Und alsbald erschien ein Kopf mit zerzaustem, -weißem Haar in der Tür der Schmiede und ahmte mit schwacher -Stimme den kriegerischen Trompetenstoß des Hahnes nach.</p> - -<p>Ulenspiegel sagte zu Lamm:</p> - -<p>„Dieser ist der Schmied Wasteele, der bei Tage Spaten, Hacken -und Pflugscharen macht und das Eisen schmiedet, wenn es heiß -ist, um daraus schöne Gitter für die Chöre von Kirchen zu bilden. -Doch des Nachts macht und schleift er oftmals Waffen für die -Soldaten des freien Gewissens. Dies Spiel hat ihm kein gutes -Aussehen verschafft, sintemalen er bleich ist wie ein Gespenst, -traurig wie ein Verdammter und so mager, das ihm die Knochen -die Haut durchlöchern. Er hat sich noch nicht schlafen gelegt, -da er ohne Zweifel die ganze Nacht geschafft hat.“</p> - -<p>„Tretet alle beide ein,“ sagte der Schmied Wasteele, „und führet -Eure Esel auf den Anger hinter dem Hause.“</p> - -<p>Da dies besorgt war und Ulenspiegel und Lamm sich in der -Schmiede befanden, trug der Schmied Wasteele alles, was er -während der Nacht an Degen geschärft und an Lanzenspitzen geschmiedet -hatte, in den Keller seines Hauses und bereitete die tägliche -Arbeit für seine Gesellen vor.</p> - -<p>Er blickte Ulenspiegel mit glanzlosen Augen an und fragte ihn:</p> - -<p>„Welche Kunde bringst Du mir vom Schweiger?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Der Prinz ist mit seinem Kriegsvolk aus den Niederlanden vertrieben, -wegen der Feigheit seiner Söldlinge, die „Geld, Geld!“ -schreien, wenn sie kämpfen sollen. Er ist mit den getreuen Soldaten, -seinem Bruder, dem Grafen Ludwig, und dem Herzog von -Zweibrücken nach Frankreich gezogen, zum Beistand des Königs -von Navarra und der Hugenotten. Von da ging er nach Deutschland, -nach Dillenburg, allwo manche Flüchtlinge aus den Niederlanden -bei ihm sind. Du sollst Waffen und das von Dir gesammelte -Geld hinsenden, derweil wir auf dem Meere das Werk -freier Männer vollbringen.“</p> - -<p>„Ich werde tun, was sein muß,“ sagte der Schmied Wasteele; -„ich habe Waffen und neuntausend Gülden. Aber seid Ihr nicht -auf Eseln gekommen?“</p> - -<p>„Jawohl,“ sprachen sie.</p> - -<p>„Und ist Euch nicht unterwegs Kunde von drei Predigern geworden, -so getötet, geplündert und in ein Loch in den Felsen der -Maas geworfen sind?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel mit großem Gleichmut, „diese drei Prediger -waren Spione des Herzogs und Meuchelmörder, gedungen, -den Freiheitsprinzen aus dem Wege zu räumen. Wir zwei, Lamm -und ich, brachten sie vom Leben zum Tode. Ihr Geld ist unser, -und ihre Papiere desgleichen. Wir werden davon nehmen, was -uns für die Reise not tut; den Rest werden wir dem Prinzen -geben.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel öffnete sein und Lamms Wams und zog die -Papiere und Pergamente heraus. Nachdem der Schmied Wasteele -sie gelesen hatte, sagte er:</p> - -<p>„Sie enthalten Pläne für Schlacht und Verschwörung. Ich -werde sie dem Prinzen zustellen lassen, und es soll ihm kund -werden, daß Ulenspiegel und Lamm Goedzak, seine getreuen Vaganten, -sein edles Leben retteten. Ich werde Eure Esel verkaufen -lassen, auf daß man Euch nicht an Euren Reittieren erkenne.“</p> - -<p>Ulenspiegel fragte den Schmied Wasteele, ob das Schöffengericht -zu Namur schon die Häscher auf ihre Fersen gesetzt habe.</p> - -<p>„Ich werde Euch sagen, was ich weiß,“ antwortete Wasteele. -„Ein Schmied aus Namur, ein wackerer Reformierter, kam jüngst -hier durch, unter dem Vorgeben, meine Hülfe für Gitter, Wetterfahnen -und andres Eisenwerk an einem Kastell, das man nahe -dem Tor de la Plante erbauen will, zu erbitten. Der Gerichtsdiener -des Schöffengerichts hat ihm gesagt, daß seine Herren -schon eine Sitzung gehabt hätten und daß ein Schenkwirt vorgeladen -sei, maßen er etliche hundert Klafter von der Mordstätte -entfernt wohnte. Befragt, ob er nicht die Mörder gesehen habe, -oder Die, auf die er Verdacht haben könnte, hat er geantwortet: -„Ich habe Bauern und Bäuerinnen gesehen, die zu Esel reisten -und von mir zu trinken verlangten und auf ihren Tieren sitzen -blieben oder abstiegen, um bei mir zu trinken, die Männer Bier, -die Frauen und Mädchen Meth. Ich sah zwei wackere Bauern, -so davon redeten, den Herrn von Oranien um einen Fuß kürzer zu -machen.“ So sprechend, machte der Wirt pfeifend nach, wie ein -Messer durch einen Hals schnitt. „Beim Eisenwind,“ sprach er, -„ich werde Euch insgeheim beistehen, da ich die Macht habe, es -zu tun.“ Er sprach und ward freigelassen. Seit jener Zeit haben -die Gerichtsräte ohne Zweifel Sendschreiben an ihre Untergebenen -gerichtet. Der Wirt sagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen -auf Eseln gesehen, daraus folgt, daß man auf alle, die -man auf Eseln reiten sieht, Jagd machen wird. Und der Prinz -braucht Euch, Kinder.“</p> - -<p>„Verkaufe die Esel,“ sprach Ulenspiegel, „und behalte das Kaufgeld -für den Schatz des Prinzen.“</p> - -<p>Die Esel wurden verkauft.</p> - -<p>„Nunmehr,“ sprach Wasteele, „müsset Ihr Jeder ein Handwerk -haben, das von den Zünften frei und unabhängig ist. Verstehst -Du, Vogelbauer und Mausefallen zu machen?“</p> - -<p>„Ich machte sie ehedem,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Und Du?“ fragte Wasteele Lamm.</p> - -<p>„Ich werde <span class="antiqua">Eete-koeken</span> und <span class="antiqua">Olie-koeken</span> verkaufen“; das sind -Krapfen und Ölkuchen.</p> - -<p>„Folget mir. Hier sind fertige Käfige und Mausefallen, auch -Werkzeuge und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu -fertigen. Sie wurden mir von einem meiner Spione gebracht. -Dies ist für Dich, Ulenspiegel. Was Dich anbetrifft, Lamm, so -ist hier ein kleiner Backofen und ein Blasebalg; ich werde Dir -Mehl, Butter und Öl geben, um die Krapfen und Ölkuchen zu -backen.“</p> - -<p>„Er wird sie aufessen,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wann werden wir die ersten machen?“ fragte Lamm.</p> - -<p>Wasteele antwortete:</p> - -<p>„Ihr werdet mir erst eine oder zwei Nächte helfen; ich kann -meine große Arbeit nicht allein zwingen.“</p> - -<p>„Ich habe Hunger,“ sprach Lamm; „isset man hier?“</p> - -<p>„Brot und Käse ist da,“ sprach Wasteele.</p> - -<p>„Ohne Butter?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Ohne Butter,“ sagte Wasteele.</p> - -<p>„Hast Du Bier oder Wein?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Das trinke ich nimmer,“ antwortete er, „aber ich werde nach -dem „Pelikan“ nahebei gehen und Euch etwas holen, so Ihr es -wünschet.“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Lamm, „und bringe uns Schinken mit.“</p> - -<p>„Ich werde tun, was Ihr begehrt,“ sagte Wasteele und blickte -Lamm gar verächtlich an.</p> - -<p>Er brachte jedoch <span class="antiqua">dobbel-clauwaert</span> und einen Schinken mit. Und -Lamm aß wohlgemut für fünf.</p> - -<p>Und er sagte:</p> - -<p>„Wann werden wir uns an die Arbeit machen?“</p> - -<p>„Diese Nacht,“ sagte Wasteele; „aber bleibe in der Schmiede und -habe keine Furcht vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie -Du.“</p> - -<p>„Das ist gut,“ sagte Lamm.</p> - -<p>Zur Nacht, als es Feierabend geläutet hatte und alle Türen geschlossen -waren, stieg Wasteele mit Ulenspiegel und Lamm in den -Keller hinab und ließ sich von ihnen helfen, eine große Menge -Waffen in die Schmiede hinaufzutragen. Dann sagte er:</p> - -<p>„Hier sind zwanzig Büchsen auszubessern, dreißig Lanzenspitzen -zu schleifen und Blei für fünfzehnhundert Kugeln zu schmelzen. -Ihr müsset mir dabei helfen.“</p> - -<p>„Mit allen Händen,“ sprach Ulenspiegel. „Warum habe ich nicht -vier, um Dir zu nützen?“</p> - -<p>„Lamm wird uns zu Hülfe kommen,“ sprach Wasteele.</p> - -<p>„Ja,“ sagte Lamm kläglich und vor Müdigkeit umfallend, aus -Ursach des unmäßigen Trinkens und Essens.</p> - -<p>„Du wirst das Blei schmelzen,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ich werde das Blei schmelzen,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Dieweil Lamm sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, warf er -grimme Blicke auf den Schmied Wasteele, der ihn zu wachen -zwang, wenn er vor Schläfrigkeit umfiel. Mit stillem Zorn goß -er die Kugeln und hatte großes Verlangen, dem Schmied Wasteele -das geschmolzene Blei auf den Kopf zu schütten. Doch er -hielt an sich. Um Mitternacht, als Wut und übergroße Müdigkeit -ihn gleichermaßen überfielen, hielt er ihm mit zischender -Stimme diese Rede, dieweil der Schmied Wasteele und Ulenspiegel -geduldig Flintenläufe, Büchsen und Lanzenspitzen schliffen.</p> - -<p>„Siehe,“ sprach Lamm, „Du magerer, bleicher und kümmerlicher -Mensch glaubst an die Aufrichtigkeit von Fürsten und andern -Großen der Erde, und voll Übereifer verachtest Du Deinen -Leib, Deinen edlen Leib, den Du in Elend und Niedrigkeit umkommen -lässest. Nicht darum hat Gott ihn mit Mutter Natur -geschaffen. Weißt Du, daß unsere Seele, so des Lebens Odem ist, -zum Atmen der Bohnen, des Rindfleisches, Bieres und Weines, -des Schinkens, der Würste und der Ruhe bedarf? Du aber lebst -von Brot, Wasser und Nachtwachen.“</p> - -<p>„Von wannen kommt Dir dieser Redefluß?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Er weiß nicht, was er redet,“ antwortete Wasteele traurig. -Aber Lamm erboste sich:</p> - -<p>„Ich weiß es besser als Du. Ich sage, daß wir Narren sind, ich, -Du und Ulenspiegel desgleichen, uns die Augen aus dem Kopf -zu arbeiten für all die Prinzen und Großen der Erde; sie würden -trefflich lachen, wenn sie sähen, wie wir vor Müdigkeit umkommen -und nicht schlafen, um Waffen zu schmieden und Kugeln für -ihren Dienst zu gießen. Derweilen trinken sie französischen -Wein aus güldenen Humpen und essen deutsche Kapaunen von -Schüsseln aus engelländischem Zinn. Indessen wir in der Luft -nach Gott suchen, durch dessen Gnade sie mächtig sind, fragen sie -nicht danach, ob ihre Feinde uns mit ihren Sensen die Beine abschlagen -und uns in die Grube des Todes werfen. Inzwischen -aber werden sie, die weder Reformierte noch Calvinisten, weder -lutherisch noch katholisch sondern ganz und gar Skeptiker und -Zweifler sind, Fürstentümer kaufen und erobern; sie werden das -Gut der Mönche, Äbte und Klöster verzehren; ihnen wird alles -gehören: Jungfrauen, Frauen und Dirnen. Aus ihren güldenen -Humpen werden sie auf ihre dauernde Spottlust trinken, auf -unsere immerwährenden Albernheiten, Torheiten und Eseleien -und auf die sieben Todsünden, so sie, oh Schmied Wasteele, vor -Deiner von Begeisterung mageren Nase begehen. Schau die -Felder, die Wiesen, die Ernten, die Obstgärten, die Ochsen, das -Gold, das aus der Erde kommt; schau die Tiere des Waldes, -die Vögel des Himmels, die köstlichen Fettammern, die feinen -Krammetsvögel, den Wildschweinskopf, die Rehkeule: ihnen gehört -alles, Waidwerk und Fischfang, Erde, Meer, alles. Und -Du lebst von Brot und Wasser, und wir richten uns hier zu -Grunde, ohne zu schlafen, ohne zu essen und zu trinken. Und -wenn wir gestorben sind, werden sie unserm Aas einen Fußtritt -geben und zu unsern Müttern sprechen: „Macht andere, diese -sind nichts mehr nutz.“</p> - -<p>Ulenspiegel lachte stumm, Lamm prustete vor Entrüstung, aber -Wasteele sagte mit sanfter Stimme:</p> - -<p>„Du redest leichtfertig. Ich lebe mit nichten für Schinken, Bier, -noch Fettammern, sondern für den Sieg des freien Gewissens. -Der Freiheitsprinz tut gleich wie ich. Er opfert sein Hab und -Gut, seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei -aus den Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und versuche -mager zu werden. Nicht durch den Bauch rettet man die -Völker, sondern durch stolzen Mut und Beschwerden bis an den -Tod, ohne Murren ertragen. Und jetzo geh und leg Dich schlafen, -wenn Dich schläfert.“</p> - -<p>Doch Lamm wollte nicht, maßen er sich schämte.</p> - -<p>Und sie schliffen Waffen und gossen Kugeln bis an den Morgen. -Und also während dreier Tage.</p> - -<p>Dann brachen sie in der Nacht nach Gent auf und verkauften -Käfige, Mausefallen und Oelkuchen.</p> - -<p>Und sie rasteten in Meulestee, dem Städtlein der Mühlen, dessen -rote Dächer man allerorten erblickt, und kamen dort überein, -ihr Handwerk getrennt auszuüben und sich am Abend vor der -Feierstunde in der Herberge „Zum Schwanen“ zu treffen.</p> - -<p>Lamm streifte durch die Gassen von Gent, indem er seine Oelkuchen -verkaufte und Geschmack an diesem Handwerk fand. Er -suchte sein Weib, leerte gar viele Schoppen und aß ohn Unterlaß.</p> - -<p>Ulenspiegel hatte des Prinzen Briefe Jakob Scoelap, einem -Doktor der Medicin, und Lieven Smet, einem Tuchschneider, -Jan de Wulfschager und Gillis Coorne, einem Rotfärber übergeben, -desgleichen Jan de Roose, einem Ziegelbrenner. Diese -gaben ihm das Geld, so sie für den Prinzen gesammelt hatten, -und hießen ihn noch etliche Tage in Gent und in der Umgegend -verweilen; denn man würde ihm noch mehr geben.</p> - -<p>Nachdem jene später am Neuen Galgen wegen Ketzerei gehenket -waren, wurden ihre Leichname auf dem Galgenfelde, nahe dem -Tor von Brügge begraben.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>30</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem -roten Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu -Stadt. Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen -und schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen -darin lebendig zu begraben. Und der König erbte.</p> - -<p>Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und -war voller Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand, -war es kalt. Vom Himmel, der mit grauen Wetterwolken bedeckt -war, fiel ein feiner Hagel.</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit -vier Nächten umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst in -<span class="antiqua">de Zoeten Inval</span>, in den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es -machen wie der Mann auf dem Schild, der mit dem Kopf zuerst -in einen Bienenstock fiel. Vergebens harr’ ich Deiner „Im -Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir nichts Gutes. -Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“</p> - -<p>„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und -dem Alle Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“</p> - -<p>„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“</p> - -<p>„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein -vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte.</p> - -<p>„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter -diesem Baum?“</p> - -<p>„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach -wider den Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“</p> - -<p>Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu.</p> - -<p>„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm.</p> - -<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine -Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann -wirst Du schlafen und keine Langeweile haben.“</p> - -<p>„So werde ich tun,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer.</p> - -<p>„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es -auf der andern, und jetzt laß uns laufen.“</p> - -<p>„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß -Spelle ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen, -die ihm nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen. -Darum laufe ich; laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu -verteidigen.“</p> - -<p>„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach -Destelbergh in den „Stern der Weisen.“</p> - -<p>Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit -Händen und begann zu rennen.</p> - -<p>„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen.</p> - -<p>„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde -gleich einer ungeduldigen Stute.</p> - -<p>„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Was bedeutet das?“ fragte sie.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten -Wein, dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“</p> - -<p>Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an.</p> - -<p>„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie.</p> - -<p>„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“</p> - -<p>„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke -dienen.“</p> - -<p>„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er.</p> - -<p>„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen, -wie Du es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich -allein laufe.“</p> - -<p>„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf -vier Beinen rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum -laufen wir besser, da wir vier haben.“</p> - -<p>„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“</p> - -<p>„Jawohl,“ sagte er.</p> - -<p>„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine -ruhige, schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine -Larve, die mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel -für einen Mann von Stein. Ich liebe die, so in der Brust -eine Kohlenglut haben, die am Feuer der Mannheit entzündet, -zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“</p> - -<p>„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“ -erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße.</p> - -<p>„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut -trinken.“</p> - -<p>„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen.</p> - -<p>Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer -Krug, ob seines dicken Wanstes Bauch genannt.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach zum Wirt:</p> - -<p>„Siehst Du diesen Gülden?“</p> - -<p>„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas.</p> - -<p>„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da -mit <span class="antiqua">dobbele clauwaert</span> zu füllen?“</p> - -<p>„Mit <span class="antiqua">negen mannekens</span> (neun Groschenmännlein) wärest Du -quitt.“</p> - -<p>„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber -fülle ihn immerhin.“</p> - -<p>Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob -er sich stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund -legend, leerte er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch -wie von einem Wasserfall.</p> - -<p>Das Mädchen sagte verdutzt:</p> - -<p>„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren -Leib zu bringen?“</p> - -<p>Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt:</p> - -<p>„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen -vollen Bauch, auf daß wir essen und trinken.“</p> - -<p>Solches taten sie.</p> - -<p>Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte -er sie so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und -fügsam ward.</p> - -<p>Alsdann fragte sie ihn und sprach:</p> - -<p>„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes, -dieser Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich, -wie Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute -Stunde. Indem ich während dieser Stunde über mein künftiges -Leben nachsann, sättigte ich mich kärglich mit Brot; Wasser war -mein schaler Trunk; traurig floh ich die Liebe und getraute mich -nicht, mich zu rühren noch zu niesen, aus Furcht Böses zu tun. -Von allen war ich geachtet, von jedermann gefürchtet, allein wie -ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein Herr gestorben -ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete ich trübselig -auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug. -Drum küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer -verlassen.“</p> - -<p>„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild -ist die Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“</p> - -<p>Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich -aber mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte, -mitten in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine -Häscher auftauchen zu sehen.</p> - -<p>„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie -Lamm im „Stern der drei Weisen“ schmausend.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>31</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel sah in Gent oftmals Jakob Scoelap, Lieven Smet -und Jan de Wulfschager, die ihm Kunde vom guten und bösen -Geschick des Schweigers gaben.</p> - -<p>Und allemal, wenn Ulenspiegel nach Destelbergh zurückkehrte, -sagte Lamm zu ihm:</p> - -<p>„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“</p> - -<p>„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig, -die andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich -weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu -vereinigen. Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und -das freie Gewissen gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die -deutschen Reiter und Landsknechte weigerten sich, weiter zu -ziehen, und sagten, daß ihr Eid sie verpflichte, wider den Herzog -von Alba zu fechten, nicht aber wider Frankreich. Nachdem er -sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht zu tun, mußte der -Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und Lothringen -bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland -zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs -mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet -seines Vertrages mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu -zahlen, das er versprochen. Die Königin von England hatte ihm -welches schicken wollen, um die Stadt Calais und Umgegend -wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre Briefe wurden aufgefangen -und dem Cardinal von Lothringen überliefert, der eine -ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne Heer, -unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen. -Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser -seine Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>32</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte -Lamm und Ulenspiegel:</p> - -<p>„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen -und die Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist -unter ihnen. Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr -Männer seid, werdet ihn rächen. Ein schmutziger und schändlicher -Wüstling, Pieter de Roose, ein gewohnter Verführer von -Kindern und Mägdlein, war Ursach des ganzen Leids. Ach, -mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose waren eines -Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke zum -Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen -ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube -mit sich sehen wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und -hieß ihn reine Luft machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder -einer öffentlichen Dirne sollte den Kopf nicht so hoch tragen. -Er log; ich bin nicht öffentlich und gebe mich nur dem, der mir -gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein Maß Würzbier ins Gesicht -und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein schmutziger -Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht hinausschere, -sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der -andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte. -Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn -an den Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ -er ihn ohne Erbarmen verwundet liegen.</p> - -<p>„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte, -kehrte er <span class="antiqua">in’t Vagevuur</span> ein, wahrlich ein Fegefeuer und eine -elende Schänke, allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er -allein gelassen, sogar von diesen Lumpen. Und keiner redete zu -ihm, ohne einige Bauern, welchen er unbekannt war, oder etliche -fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er ward dort sogar -unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker.</p> - -<p>„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen -war, folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein -Hund. Auf seine Kosten ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an -Wein, Fleisch und andern Freuden, so mit Geld bezahlt werden, -ergötzen. Also ward er ihr Geselle und Kamerad und begann, -wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er verabscheute, zu peinigen: -nämlich alle Einwohner von Meulestee, insonderheit aber -meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an. Falsche Zeugen, -nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß Michielkin -ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau gehalten -und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen -in der Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte -er dreihundert Gülden in einer Truhe.</p> - -<p>„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten -waren, wurde Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von -Spelle und seinen Häschern für ausreichend erklärt wurden, um -den Angeschuldigten zu foltern, so ward Michielkin mit den Armen -an einer Rolle aufgehängt, die an der Decke befestigt war. An -jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht von fünfzig Pfund. Er -leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in Meulestee einen -Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre das -Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören -und hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen -und mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder -herabfallen. Solches taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten -Haut und Muskeln der Knöchel zerrissen und der Fuß -kaum am Beine festsaß.</p> - -<p>„Da Michielkin bei Behauptung seiner Unschuld beharrte, ließ -Spelle ihn abermals foltern und gab ihm dabei zu verstehen, -daß er ihn los und ledig lassen würde, so er ihm hundert Gülden -zahlte.</p> - -<p>„Michielkin sagte, daß er lieber sterben würde.</p> - -<p>„Da die von Damme die Kunde der Verhaftung und Tortur vernahmen, -wollten sie als Massenzeugen auftreten, welches das -Zeugnis aller guten Einwohner einer Gemeine ist. Einstimmig -sagten sie aus, daß Michielkin keinesweges ein Ketzer wäre, jeden -Sonntag zur Messe und zum Tisch des Herrn ginge, daß er niemals -andere Gespräche über Unsere liebe Frau geführt hätte, als -in bedrängten Umständen ihre Hülfe anzurufen. Dieweil er nimmer -von einer irdischen Frau schlecht gesprochen hätte, würde er -es mit viel mehr Grund nicht bei der himmlischen Mutter Gottes -gewagt haben. Was die Gotteslästerungen anginge, so die falschen -Zeugen in der Schenke zum Falken von ihm gehört haben -wollten, so wäre das in jedem Punkt falsch und eitel Lug.</p> - -<p>„Nachdem Michielkin freigelassen war, wurden die falschen Zeugen -bestraft und Spelle forderte Pieter de Roose vor sein Tribunal, -aber er entließ ihn wieder ohne Verhör noch Tortur für einmalige -Zahlung von hundert Gülden. Aus Angst, das Geld, das -ihm verblieb, möchte Spelles Aufmerksamkeit zum andern Mal -auf ihn lenken, entfloh Pieter de Roose von Meulestee, indes -Michielkin, mein armer Bruder, am Brand starb, der seine Füße -ergriffen hatte.</p> - -<p>„Er wollte mich nicht mehr sehen, ließ mich gleichwohl rufen, um -mir zu sagen, ich sollte mich vor dem Feuer meines Leibes hüten; -es würde mich zum Feuer der Höllen führen. Und ich konnte -nur weinen, denn das Feuer ist in mir. Und er gab seine Seele in -meinen Armen auf.“</p> - -<p>„Ha,“ sagte sie, „wer den Tod meines geliebten, sanften Michielkin -an Spelle rächen würde, der sollte auf immer mein Herr sein, und -ich würde ihm gleich einer Hündin gehorchen.“</p> - -<p>Dieweil sie so sprach, brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels -Brust. Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, gehenket werden -sollte.</p> - -<p>Boelkin, das war des Mädchens Name, kehrte nach Meulestee -zurück. Sie war in ihrer Behausung sicher vor Pieter de Roose’s -Rache, denn ein Ochsentreiber, der durch Destelbergh kam, brachte -ihr Nachricht, daß der Pfarrer und die Bürger erklärt hätten, -sie würden Spelle vor den Herzog bringen, so er Michielkins -Schwester anrührte.</p> - -<p>Ulenspiegel war ihr nach Meulestee gefolgt und trat in ein niederes -Gemach in Michielkins Haus. Allda sah er ein Bildnis -eines Zuckerbäckermeisters, das er für das des armen Toten hielt.</p> - -<p>Und Boelkin sagte zu ihm:</p> - -<p>„Es ist meines Bruders Bild.“</p> - -<p>Ulenspiegel nahm das Bild und sagte im Fortgehen:</p> - -<p>„Spelle wird gehenket werden.“</p> - -<p>„Wie wirst Du es anstellen?“</p> - -<p>„Wenn Du es wüßtest,“ sagte er, „so würde es Dich nicht ergötzen, -es tun zu sehen.“</p> - -<p>Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit klagender Stimme: -„Du traust mir nicht“.</p> - -<p>„Heißt es nicht, Dir aufs Höchste vertrauen, wenn ich Dir sage, -Spelle wird gehenkt werden? Denn mit diesem einzigen Worte -kannst Du mich von ihm henken lassen.“</p> - -<p>„Fürwahr,“ sagte sie.</p> - -<p>„Geh also,“ versetzte Ulenspiegel, „und hole mir gute Tonerde, -ein doppelt Maß Braunbier, klares Wasser und etliche Schnitten -Ochsenfleisch. Jedes besonders. Der Ochs soll für mich sein, das -Braunbier für den Ochsen, das Wasser für den Ton und der Ton -für das Bildnis.“</p> - -<p>Derweil Ulenspiegel aß und trank, knetete er den Ton und verschluckte -dann und wann ein Stücklein davon; doch das kümmerte -ihn wenig, und er betrachtete aufmerksam Michielkins -Bildnis. Da der Ton geknetet war, machte er daraus eine Maske -mit Nase, Mund, Augen, Ohren, die dem Bildnis des Toten so -gleich waren, daß Boelkin sich baß verwunderte.</p> - -<p>Nach diesem legte er die Maske in den Backofen und als sie -trocken war, bemalte er sie mit der Farbe der Leichen, schuf ihr -verstörte Augen, ein ernstes Antlitz und die unterschiedlichen Verzerrungen -eines Verscheidenden. Da hörte das Mädchen auf sich -zu verwundern; sie sah die Maske an und konnte ihre Augen -nicht abwenden, erblaßte und ward totenbleich, verhüllte ihr -Antlitz und sagte schaudernd:</p> - -<p>„Das ist er, mein armer Michielkin!“</p> - -<p>Er machte auch zwei blutende Füße.</p> - -<p>Dann, nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte, -sprach sie: „Der wird gesegnet sein, der den Mörder morden wird.“</p> - -<p>Ulenspiegel nahm die Maske und die Füße und sprach:</p> - -<p>„Ich bedarf eines Helfers.“</p> - -<p>Boelkin antwortete:</p> - -<p>„Geh in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem von Ypern, der -diese Schenke führt. Er war meines Bruders bester Kamerad -und Freund. Sag ihm, Boelkin schickte Dich.“</p> - -<p>Ulenspiegel tat, wie sie ihm geheißen.</p> - -<p>Nachdem der Profoß Spelle für den Tod gearbeitet hatte, ging er -in „den Falken“, um eine heiße Mischung von Dobbele Clauwaert, -Zimmet und Madeirazucker zu trinken. Aus Furcht vor dem -Strang wagte man ihm in diesem Gasthause nichts zu verweigern.</p> - -<p>Pieter de Roose, der wieder Mut gefaßt hatte, war nach -Meulestee zurückgekehrt. Er ging Spelle und seinen Schergen -allenthalben nach, damit sie ihn schützten. Spelle bezahlte bisweilen -die Zeche. Und sie vertranken mitsammen wohlgemut das -Geld der Opfer.</p> - -<p>Die Herberge zum Falken war nicht mehr voll wie in den guten -Zeiten, wo das Dorf fröhlich lebte, wo die Leute Gott als gute -Katholiken dienten und nicht um der Religion willen gepeinigt -wurden. Jetzt war das Dorf gleichsam in Trauer, wie man es -an den zahlreichen leeren oder geschlossenen Häusern und an -seinen verödeten Gassen sah, in welchen nur etliche magere Hunde -irrten, so auf den Kehrichthaufen ihre verfaulte Nahrung -suchten.</p> - -<p>In Meulestee war nur noch Platz für die beiden Bösen. Die -furchtsamen Dorfbewohner sahen die Frechen des Tages die Häuser -der künftigen Opfer bezeichnen und die Totenlisten aufstellen -und am Abend vom Falken zurückkehren und unflätige Gassenhauer -singen, geleitet von zwei Schergen, trunken wie sie und -bis an die Zähne bewaffnet.</p> - -<p>Ulenspiegel ging in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem, der in -seiner Schreibstube saß.</p> - -<p>Ulenspiegel zog ein Fläschlein Branntwein aus dem Hosensack -und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Boelkin hat zwei Tonnen davon zu verkaufen.“</p> - -<p>„Komm in meine Küche,“ sagte der Wirt.</p> - -<p>Dann schloß er die Türe und sah ihn fest an.</p> - -<p>„Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet Dein Augenzwinkern? -Wer bist Du?“</p> - -<p>„Ich bin des Klas Sohn, der zu Damm verbrannt ist; die Asche -des Toten brennt auf meiner Brust. Ich will Spelle, den Mörder -töten.“</p> - -<p>„Ist es Boelkin, die Dich sendet?“</p> - -<p>„Boelkin sendet mich,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich werde Spelle -töten und Du sollst mir dabei helfen.“</p> - -<p>„Das will ich“, sagte der Wirt. „Was muß ich tun?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Geh zum Pfarrer, dem guten Seelenhirten und Feind von Spelle, -hole Deine Freunde zusammen und finde Dich morgen nach Feierabend -mit ihnen auf der Straße nach Ewerghem, jenseit Spelles -Haus, zwischen dem Falken und besagtem Hause ein. Stellet Euch -alle ins Dunkle und legt keine weißen Kleider an. Schlag zehn -Uhr wirst Du Spelle aus der Schenke kommen sehen und ein -Fuhrwerk von der andern Seite. Sage Deinen Freunden heute -Abend nichts; sie schlafen dem Ohr ihrer Weiber zu nahe. Suche -sie morgen auf. Kommet, horchet gut auf alles, und behaltet es -wohl im Gedächtnis.“</p> - -<p>„Wir werden es im Gedächtnis behalten,“ sagte Joos. Und seinen -Becher erhebend: „Ich trinke auf den Strang für Spelle.“</p> - -<p>„Auf den Strang,“ sprach Ulenspiegel. Dann kehrte er mit dem -Wirt in die Schenkstube zurück, allwo etliche gentische Trödler -zechten. Sie kamen vom Brügger Samstagsmarkt heim, wo sie -Wämse und Koller von Gold- und Silberstoff teuer verkauft -hatten, die sie zuvor für wenige Sous von verarmten Adligen, -so es durch ihren Aufwand den Spaniern gleich tun gewollt, erhandelt -hatten.</p> - -<p>Wegen des großen Verdienstes hielten sie Schmaus und Gelage.</p> - -<p>Ulenspiegel und Joos setzten sich in eine Ecke und verabredeten -beim Trinken, ohne daß jemand sie hörte, daß Joos zum Pfarrer -der Kirche, dem guten Pastor gehen solle, der wider Spelle, den -Mörder Unschuldiger, erzürnt war. Danach sollte er zu seinen -Freunden gehen.</p> - -<p>Am folgenden Tage nach Feierabend verließen Joos und Michielkins -Freunde, die benachrichtigt waren, die ‚Blaue Gans,‘ wo -sie zu zechen pflegten, auf verschiedenen Wegen, damit man ihre -Absicht nicht merke und gingen zur Landstraße nach Everghem. -Es waren ihrer siebenzehn.</p> - -<p>Um zehn Uhr kam Spelle aus ‚dem Falken,‘ und seine beiden -Schergen und Pieter de Roose gingen hinter ihm. Lansaem und -die Seinen hatten sich in der Scheuer von Samson Boene, einem -Freund Michielkins, versteckt. Das Tor der Scheuer war offen. -Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn vorübergehen, vom vielen -Trinken schwankend, desgleichen Pieter de Roose und seine beiden -Häscher, und er sagte mit breiiger Stimme und vielem -Schlucken:</p> - -<p>„Profoße, Profoße! Sie haben ein gutes Leben auf Erden. -Stützt mich, Ihr Galgenvögel, die Ihr von meinem Abhub lebt.“</p> - -<p>Plötzlich vernahm man auf der Landstraße von den Feldern -her das Schreien eines Esels und das Knallen einer Peitsche.</p> - -<p>„Da ist ein gar halsstarriger Esel“, sprach Spelle, „der trotz -dieser schönen Mahnung nicht vorwärts will.“</p> - -<p>Plötzlich hörte man lautes Rädergerassel und ein Karren kam -in Sätzen die Landstraße heruntergefahren.</p> - -<p>„Haltet ihn an,“ sagte Spelle.</p> - -<p>Als der Wagen an ihnen vorbeikam, stürzten Spelle und seine -beiden Knechte sich auf den Kopf des Esels.</p> - -<p>„Dieser Wagen ist leer,“ sagte einer der Häscher.</p> - -<p>„Tölpel,“ sprach Spelle, „laufen die leeren Wagen in der Nacht -allein herum? In diesem Wagen ist einer, der sich versteckt. -Zündet die Laternen an und haltet sie hoch, ich werde hineinsehen.“</p> - -<p>Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg auf den -Wagen, die seine hochhaltend; aber kaum hatte er hingeblickt, -als er einen lauten Schrei tat, zurücksank und rief:</p> - -<p>„Michielkin, Michielkin! Jesus, erbarme Dich meiner.“</p> - -<p>Alsbald erhob sich vom Boden des Wagens ein Mann, nach Art -der Zuckerbäcker weiß gekleidet, und in seinen beiden Händen -blutige Füße haltend.</p> - -<p>Da Pieter de Roose diesen Mann im Schein der Laternen sich -erheben sah, schrie er samt seinen beiden Bluthunden:</p> - -<p>„Michielkin, Michielkin, der Tote! Herr, erbarme Dich unser!“</p> - -<p>Die Siebenzehn kamen bei dem Lärm herzu und wollten das -Schauspiel mit ansehen. Sie waren schier erschrocken, da sie -beim hellen Mondschein gewahrten, wie ähnlich das Abbild -Michielkins dem armem Verstorbenen war.</p> - -<p>Und das Gespenst schwenkte seine blutigen Füße.</p> - -<p>Es war sein Antlitz, voll und rund wie sonst, aber im Tode -verblaßt, dräuend, fahl und unterm Kinn von Würmern zerfressen.</p> - -<p>Das Gespenst schüttelte immer noch seine blutigen Füße und -sprach zu Spelle, der ächzend auf dem Rücken lag:</p> - -<p>„Spelle, Profoß Spelle, erwache!“</p> - -<p>Aber Spelle rührte sich nicht.</p> - -<p>„Spelle“, sprach das Gespenst zum andern Male, „Profoß Spelle, -erwache, oder ich werde Dich mit mir in den gähnenden Rachen -der Hölle schleppen.“</p> - -<p>Spelle stand auf, seine Haare sträubten sich vor Furcht und er -schrie jammervoll:</p> - -<p>„Michielkin, Michielkin, hab Erbarmen!“</p> - -<p>Indessen waren die Bürger näher gekommen, aber Spelle sah -nichts als die Laternen, die er für Augen von Teufeln hielt, wie -er später bekannte.</p> - -<p>„Spelle,“ sprach Michielkins Geist, „bist Du zu sterben bereit?“</p> - -<p>„Nein,“ antwortete der Profoß, „nein, Herr Michielkin, ich -bin mit nichten dazu bereit und will nicht vor Gott erscheinen -mit einer Seele, die ganz schwarz ist von Sünden.“</p> - -<p>„Erkennest Du mich?“ fragte das Gespenst.</p> - -<p>„Gott steh mir bei,“ sagte Spelle, „ja, ich erkenne Euch. Ihr -seid der Geist Michielkins, des Zuckerbäckers, der unschuldig an -den Folgen der Folter in seinem Bette starb. Und die zwei blutigen -Füße sind die nämlichen, an deren jeden ich fünfzig Pfund -hängen ließ. Ach, Michielkin, verzeiht mir, Pieter de Roose verführte -mich; er bot mir fünfzig Gulden, die ich annahm, um -Euren Namen auf die Liste zu setzen.“</p> - -<p>„Willst Du beichten?“ fragte das Gespenst.</p> - -<p>„Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber -geruhet, diese Teufel dort zu entfernen, die bereit sind, mich zu -verschlingen. Ich werde alles sagen. Schafft diese feurigen -Augen fort! Ich habe in Tournay ebenso an fünf Bürgern gehandelt, -ebenso in Brügge an vieren. Ich weiß ihre Namen nicht -mehr, aber ich werde sie Euch sagen, so Ihr es verlangt. Auch -anderswo habe ich gesündigt, und durch mein Tun sind neunundsechzig -Unschuldige in der Grube. Michielkin, der König -brauchte Geld. Man hatte es mir eingeschärft; aber ich brauchte -es gleichermaßen. Es ist in Gent, im Keller unter den Pflastersteinen -bei der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe -alles gesagt, alles. Gnade und Erbarmen! Schafft die Teufel -fort. Herr Gott, Jungfrau Maria, Jesus, bittet für mich! Entfernt -die höllischen Feuer, ich werde alles verkaufen, alles den -Armen geben und Buße tun.“</p> - -<p>Da Ulenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm -beizustehen, sprang er aus dem Wagen und Spelle an die Kehle, -um ihn zu erdrosseln.</p> - -<p>Aber der Pfarrer kam.</p> - -<p>„Lasset ihn leben,“ sprach er. „Es ist besser, daß er durch den -Strick des Henkers sterbe, denn durch die Hände eines Gespenstes.“</p> - -<p>„Was wollt Ihr mit ihm machen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ihn beim Herzog verklagen und ihn henken lassen,“ antwortete -der Pfarrer. „Wer aber bist Du?“ fragte er.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete: „Ich bin Michielkins Conterfei und die -Person eines armen vlämisches Fuchses, der sich wieder in seinen -Bau verkriechen wird, aus Furcht vor den hispanischen Jägern.“</p> - -<p>Inzwischen entfloh Pieter de Roose so schnell er konnte.</p> - -<p>Nachdem Spelle gehenkt war, wurden seine Güter eingezogen.</p> - -<p>Und der König erbte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>33</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem -klaren Fluß entlang auf Kortrijck.</p> - -<p>Lamm wanderte kläglichen Mutes.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe, -das Dir die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und -liebte mich genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus. -Eines Tages, da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier -verwandelt zurück. Von jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich -sie um Liebe bat:</p> - -<p>„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“</p> - -<p>Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen:</p> - -<p>„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles -für Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal -ein Wams aus schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent -angelegt, um Dich trotz der königlichen Verordnungen in Seide -und Brokat gekleidet zu sehen? Liebchen, liebst Du mich nicht -mehr?“</p> - -<p>„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin -und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl -eine tugendsame Gefährtin sein.“</p> - -<p>„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will -ich, Dich, mein Weib.“</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf:</p> - -<p>„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im -Haus, um mir die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest -unsere Leintücher, Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen -zu schwer für mich waren. Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest -das Haus und die Gasse vor der Tür, um mir jegliche Beschwer -zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner schaffen, aber -nichts weiter, lieber Mann.“</p> - -<p>„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor -Deine Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein, -Dein leibeigner, unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht -diese beiden Herzen und Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies -holde Band der Liebe, das uns so zart verknüpfte.“</p> - -<p>„Es muß sein,“ antwortete sie.</p> - -<p>„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß -gefaßt?“</p> - -<p>Sie antwortete:</p> - -<p>„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“</p> - -<p>„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine -Pflichten als Frau nicht zu erfüllen?“</p> - -<p>„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl -seiner Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie.</p> - -<p>„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie -die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte, -drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr -von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins -einer meiner Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer. -Ohne Zweifel meines Flehens müde, böse und trübselig über meinen -Kummer, war mein Weib entflohen. Wo weilt sie nun?“</p> - -<p>Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und -schaute das Wasser an.</p> - -<p>„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du! -Werde ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde -ich nie mehr von Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo -sind Deine Küsse, balsamisch wie Thymian? Dein lieblicher Mund, -von dem ich Freude pflückte wie die Biene den Honig von der -Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend umschlangen? Wo -ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der reizende -Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind -Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so -lustig in der Sonne rollst?“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>34</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu -Ulenspiegel:</p> - -<p>„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“</p> - -<p>„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche -an sich vorbeiziehen.</p> - -<p>„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine -deutsche Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr -Hirschgeschrötte haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen; -zierliche Spießer, ihre Schildknappen, traben ihnen zur Seite, -bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie -gehen nach ihrem Lager. Drehe das Radschloß der Büchse, wie -ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist krank geschossen. -Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm nach, bis -er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“</p> - -<p>„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm, -„den Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel, -das ist verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den -grausamen Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie -Du? Ich schwitze, mein Sohn, ich schwitze und werde fallen. -Wenn der Förster Dich abfaßt, wirst Du gehenkt werden. Der -Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie laufen, mein Sohn, Du -wirst sie nicht fangen.“</p> - -<p>„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines -Geweihs im Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind? -Siehst Du die jungen, abgebrochenen Zweige, die Blätter, die -den Boden bedecken? Diesmal hat er noch eine Kugel aufs Blatt -gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“</p> - -<p>„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere -laufen. Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und -nicht wieder aufstehen.“</p> - -<p>Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten -den Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der -Hirsche.</p> - -<p>Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten -sie auf eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie -unter Weibern und Kindern, die da lagerten, Männer in großer -Zahl, mit Degen, Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und -Reiterpistolen auf mancherlei Weise bewaffnet.</p> - -<p>Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er:</p> - -<p>„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft -zu leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“</p> - -<p>„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem -Feuer saß und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte. -„Aber wer bist Du?“</p> - -<p>„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel, -„Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander. -Und solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe -schöne und gute Dinge und spotte der Dummheit mit keckem -Schnabel.“</p> - -<p>„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann, -kannst Du „<span class="antiqua">Schild ende Vriendt</span>,“ Schild und Freund, auf Genter -Art aussprechen; wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und -mußt sterben.“</p> - -<p>Ulenspiegel sprach: <span class="antiqua">Schild ende Vriendt</span>.</p> - -<p>„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend, -„was ist Dein Gewerbe?“</p> - -<p>Lamm antwortete:</p> - -<p>„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen -und zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel -allerorten zu folgen.“</p> - -<p>„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt -Du wissen, wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“</p> - -<p>„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir -nicht den Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus -dem Hause trieb? Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“</p> - -<p>Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal -entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld -und ein Weib, das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“</p> - -<p>Dann redete er zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“</p> - -<p>„<span class="antiqua">Raekstekers</span>, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel, -„maßen einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren -gefallen war und die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da -sie ihn springen sahen. „Lasset uns den Pfarrer holen, um den -Rochen zu exorzieren,“ sprachen sie. Der Pfarrer trieb den Teufel -aus, nahm den Rochen mit nach Hause und machte ein leckeres -Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue Gott mit dem -Blutkönig.“</p> - -<p>Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete, -die im Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen.</p> - -<p>„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“ -sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man -die Leute aus Eindhoven in Limburg?“</p> - -<p>„<span class="antiqua">Pinnenmakers</span>, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst, -da der Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer -Mohrrübe. Und die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit -heftigen Bissen ihrer gierigen Schnäbel und die Feinde drangen -in Eindhoven ein. Aber es werden eiserne Schnäbel sein, die die -Riegel der Kerker verzehren, darinnen man das freie Gewissen -einsperren will.“</p> - -<p>„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende -Zweige: es ist ein Sturm im Walde.“</p> - -<p>„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte betrachtend.</p> - -<p>„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu -Lamm; „die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der -Hirsch! Der Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige -Tier! Es hat meinen dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel, -Töpfe, Feldkessel und Schmorfleisch auf die Erde geworfen. -Siehe, die Frauen und Mädchen entfliehen, von Schrecken betört. -Blutest Du, mein Sohn?“</p> - -<p>„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat -mir sein Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose -zerrissen ist und mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte -liegen am Boden. Sieh, ich verliere all mein Blut durch -den Strumpf.“</p> - -<p>„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich -vor dem Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber -ich werde Dir nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen -guten Männern und Frauen bleiben. Wie kannst Du sonder -Scham gegen meine Schmerzen so hart sein, wenn ich Dir wie -ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind auf -den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut -schwitze!“</p> - -<p>„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, -das wird ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber -weißt Du, wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, -armer Freund. Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am -Stöhnen zu hindern. Sie heißen <span class="antiqua">koeye-schieters</span>, Kuhschützen, -denn sie waren einstmals so dumm, auf Kühe zu zielen, die sie -für feindliche Soldaten hielten. Wir aber, wir zielen auf die hispanischen -Böcke; ihr Fleisch ist stinkend, aber die Haut ist gut, -Trommeln daraus zu machen. Und die von Tirlemont? Weißt -Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen Beinamen -<span class="antiqua">kirekers</span>. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine Ente -vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen -Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die -Töpfe und Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das -ist Eifer für die Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, -setzest den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und befassest -Dich gar sorglich mit dem Kochen. Weißt Du, warum es in -Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will es Dir sagen. Erstlich, -weil die Lebenden dort unter den Toten gehn, denn die Kirche -Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt daraus, -daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken dort -außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen -ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine -im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt. -Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn -die Vorderseite von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens -wegen des Turms ohne Nägel, sintemalen die Turmspitze von -Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt aus Holz gebaut ist und man -die Steine nicht nagelt, ausgenommen das Herz des Blutkönigs, -das ich über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Doch -Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt Du, -warum die von Termonde die Bettwärmer, <span class="antiqua">de vierpannen</span> genannt -werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge -zum „Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte -nicht, wie er die Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem -Bettwärmer. Er ließ das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, -das eilends davonlief, da es den Prinzen kommen hörte; -und der Prinz fragte, warum man den Bettwärmer nicht darinnen -gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in einen Kasten -von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als Bettwärmer -diene.“</p> - -<p>„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deine -<span class="antiqua">vierpannen</span>, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß -mich bei meiner Brühe.“</p> - -<p>„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß; -es wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm -Dich vor dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“</p> - -<p>„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten -zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“</p> - -<p>„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr -müsset mich zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich -mir für Euch gebe. Die Tunke der Vögel wird gut sein, nur -knirscht sie etwas: das macht der Sand, auf den sie gefallen sind, -da dieser große Teufel von Hirsch mir beides, Wams und -Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“</p> - -<p>„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht -und stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die -Städter lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden -noch etliche Zeit in Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische -Heer uns einschließt. So das geschieht, werden wir, alte und -junge Männer, Frauen, Mädchen, Büblein und Dirnlein, unser -Leben teuer verkaufen und uns lieber untereinander töten, denn -unter der Hand des Blutherzogs tausendfache Marter leiden.“</p> - -<p>Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Es ist nicht mehr an der Zeit, den Henker zu Land zu bekämpfen. -Auf dem Meer müssen wir seine Macht vernichten. Gehet nach -den Inseln von Zeeland über Brügge, Heyst und Knocke.“</p> - -<p>„Wir haben kein Geld,“ sprachen sie.</p> - -<p>Ulenspiegel versetzte:</p> - -<p>„Hier sind tausend Karolus im Auftrag des Prinzen. Gehet -längs der Wasserläufe, Kanäle, Ströme und Flüsse. So Ihr -Schiffe erblickt, die das Zeichen <span class="antiqua">J-H-S</span> tragen, soll einer unter -Euch gleich einer Lerche singen. Hahnenschrei wird ihm antworten. -Und Ihr werdet in Freundesland sein.“</p> - -<p>„So werden wir tun,“ sagten sie.</p> - -<p>Bald erschienen die Jäger, die den erlegten Hirsch an Stricken -schleppten, die Hunde hinterdrein.</p> - -<p>Alsbald setzten sich alle im Kreise ums Feuer. Es waren ihrer -wohl sechzig, Männer, Frauen und Kinder. Das Brot ward -aus den Ranzen und die Messer aus den Scheiden gezogen, der -Hirsch abgedeckt, zerlegt und ausgenommen und mit kleinerem -Wildpret an den Spieß gesteckt. Und am Ende der Mahlzeit sah -man Lamm schnarchend, den Kopf auf die Brust gesenkt und an -einen Baum lehnend.</p> - -<p>Bei sinkender Nacht krochen die Waldbrüder in unterirdische -Hütten, um zu schlafen; und Lamm und Ulenspiegel taten desgleichen.</p> - -<p>Bewaffnete hielten Wacht und beschützten das Lager. Und Ulenspiegel -hörte die dürren Blätter unter ihren Füßen rascheln.</p> - -<p>Am andern Tage ging er mit Lamm von dannen, indes die aus -dem Lager zu ihm sagten:</p> - -<p>„Gesegnet seiest Du; wir werden nach dem Meere gehen.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>35</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In Harlebeke schaffte Lamm neuen Vorrat von Ölkuchen an, aß -deren siebenundzwanzig und tat dreißig in seinen Korb. Ulenspiegel -trug seine Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie -nach Kortrijck und stiegen in der Herberge ‚zur Biene‘ ab, bei -Gillis van den Ende, der sogleich an die Tür kam, als er den -Lerchensang hörte.</p> - -<p>Da war alles eitel Zucker und Honig für sie. Nachdem der Wirt -des Prinzen Briefe gesehen, übergab er Ulenspiegel fünfzig Karolus -für den Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die -er ihnen vorsetzte, noch für den Doppel Klauwaert, mit dem er -sie tränkte, bezahlt sein. Auch warnte er ihn vor den Spionen -des Bluttribunals, die in Kortrijck wären, derhalben er seine -und seines Gefährten Zunge wohl im Zaum halten solle.</p> - -<p>„Wir werden darauf achten“, sprachen Ulenspiegel und Lamm.</p> - -<p>Und sie verließen die Herberge.</p> - -<p>Die untergehende Sonne vergüldete die Giebel der Häuser. Die -Vögel sangen unter den Linden, die Gevatterinnen schwätzten -vor ihren Türschwellen, und die Kinder wälzten sich im Staube. -Ulenspiegel und Lamm streiften aufs Geratewohl durch die -Gassen.</p> - -<p>Plötzlich sagte Lamm:</p> - -<p>„Martin van den Ende sagte mir auf meine Frage, ob er eine Frau -ähnlich der meinen gesehen habe / ich machte ihm ein Bild meiner -Liebsten / daß bei der Stevenyne auf der Brügger Landstraße vor -der Stadt im „Regenbogen“ eine große Zahl Frauen seien. Sie -vereinigten sich dort alle Abende. Ich gehe flugs dorthin.“</p> - -<p>„Ich werde sogleich nachkommen,“ sprach Ulenspiegel. „Ich will -mir die Stadt anschauen; so ich Deiner Frau begegne, werde ich -sie Dir alsbald schicken. Du weißt, daß der Wirt Dich ermahnt -hat, zu schweigen, wenn anders Dir Deine Haut lieb ist.“</p> - -<p>„Ich werde schweigen,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel strich nach Belieben herum. Die Sonne ging unter, -und der Tag ging schnell zur Rüste. Ulenspiegel kam in die <span class="antiqua">Pierpot -Straetje</span>, das Steintopfgäßchen. Allda hörte er melodisch die -Laute spielen. Näher tretend, erblickte er eine weiße Gestalt, -die ihn lockte, ihn floh und auf der Laute spielte. Und wie ein -Seraph sang sie ein sanftes, langsames Lied, indem sie stehen -blieb, ihn lockte und wiederum floh.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel rannte hurtig; er holte sie ein und wollte zu ihr -reden; da legte sie ihm ihre nach Benzoe duftende Hand auf den -Mund.</p> - -<p>„Bist Du ein Bauer oder ein Edelmann?“ fragte sie.</p> - -<p>„Ich bin Ulenspiegel.“</p> - -<p>„Bist Du reich?“</p> - -<p>„Genug, um ein groß Vergnügen zu bezahlen, aber nicht genug, -um meine Seele loszukaufen.“</p> - -<p>„Hast Du keine Rosse, daß Du zu Fuße gehst?“</p> - -<p>„Ich hatte einen Esel, aber ich hab’ ihn im Stall gelassen.“</p> - -<p>„Wie kommt es, daß Du allein bist, ohne Freund, in einer fremden -Stadt?“</p> - -<p>„Dieweil mein Freund seinerseits herumstreicht, wie ich für mich, -Du neugierig Schätzlein.“</p> - -<p>„Ich bin nicht neugierig,“ sagte sie. „Ist Dein Freund reich?“</p> - -<p>„An Fett,“ sagte Ulenspiegel. „Bist Du bald fertig mit -Fragen?“</p> - -<p>„Ich bin fertig,“ sagte sie, „laß mich nun.“</p> - -<p>„Dich lassen?“ sagte er. „Ebenso gut könntest Du Lamm, wenn -ihn hungert, heißen, ein Gericht Fettammern stehen zu lassen. -Ich will Dich kosten.“</p> - -<p>„Du hast mich ja gar nicht gesehen,“ sprach sie. Und sie öffnete -eine Laterne, die plötzlich einen Schein warf und ihr Antlitz erleuchtete.</p> - -<p>„Du bist schön,“ sprach Ulenspiegel. „Hei, die goldige Haut, -die sanften Augen, der rote Mund und der reizende Leib. Alles -wird mein sein.“</p> - -<p>„Alles,“ sagte sie.</p> - -<p>Sie führte ihn zur Stevenyne in den „Regenbogen“ an der Landstraße -nach Brügge. Ulenspiegel sah allda eine große Zahl Dirnen, -die am Arm Rädlein von anderer Farbe als ihre Barchentkleider -trugen. Diese trug ein Rädlein von Silberstoff auf einem Kleid -von Goldstoff. Und alle Dirnen blickten sie eifersüchtig an. Beim -Eintreten machte sie der Wirtin ein Zeichen, aber Ulenspiegel sah -es nicht. Sie setzten sich zueinander und tranken.</p> - -<p>„Weißt Du,“ sagte sie, „daß wer mich geliebt hat, für allezeit -mein ist.“</p> - -<p>„Schönes, duftendes Weiblein,“ sagte Ulenspiegel, „es wäre mir -ein köstlicher Schmaus, allzeit von Deinem Fleisch zu zehren.“</p> - -<p>Auf einmal erblickte er Lamm in einer Ecke; der hatte ein Tischlein -mit Talglicht, einen Schinken und einen Krug Bier vor sich -und wußte nicht, wie er sein Bier und Schinken zwei Dirnen -streitig machen sollte, die mit aller Gewalt mit ihm essen und -trinken wollten.</p> - -<p>Da Lamm Ulenspiegel gewahrte, stand er auf, sprang drei Schuh -hoch in die Luft und rief:</p> - -<p>„Gelobt sei Gott, der mir meinen Freund Ulenspiegel wiedergibt! -Zu trinken, Wirtin!“</p> - -<p>Ulenspiegel zog seine Börse und sagte:</p> - -<p>„Zu trinken, bis dies alle ist.“</p> - -<p>Und er ließ seine Karolus klingen.</p> - -<p>„So wahr Gott lebt“, rief Lamm und riß ihm behend die Börse -aus den Händen. „Ich zahle, und nicht Du. Diese Börse ist mein.“</p> - -<p>Ulenspiegel wollte ihm seine Börse mit Gewalt wieder abnehmen, -aber Lamm hielt sie gut fest. Wie sie so mit einander rangen, -der Eine, um sie zu behalten, der Andere, um sie zu entreißen, -raunte Lamm ganz leise, in abgerissenen Worten:</p> - -<p>„Horch. Schergen drinnen ... vier ... kleines Gemach mit drei -Dirnen ... Zwei draußen ... für Dich, für mich ... Wollte rausgehen -... gehindert ... Frauenzimmer in Brokat ... Spionin -... Stevenyne Spionin!“</p> - -<p>Derweil sie sich schlugen, hörte Ulenspiegel wohl zu und schrie:</p> - -<p>„Gib mir meine Börse, Taugenichts.“</p> - -<p>„Du wirst sie nicht bekommen,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Und sie packten sich beim Hals und bei den Schultern und wälzten -sich auf dem Boden, dieweil Lamm Ulenspiegel seinen guten -Rat gab.</p> - -<p>Plötzlich trat der Wirt „zur Biene“ herein und hinter ihm sieben -Männer, die er nicht zu kennen schien. Er krähte wie ein Hahn, -und Ulenspiegel trillerte wie eine Lerche. Da er Ulenspiegel und -Lamm sich prügeln sah, sprach der Wirt zur Stevenyne:</p> - -<p>„Wer sind diese beiden?“</p> - -<p>Die Stevenyne antwortete:</p> - -<p>„Taugenichtse, so man lieber trennen sollte, anstatt sie hier so -großen Lärm aufführen zu lassen, ehe sie zum Galgen gehen.“</p> - -<p>„Er soll nur wagen, uns zu trennen,“ sagte Ulenspiegel, „o so -werden wir ihn das Pflaster fressen lassen.“</p> - -<p>„Ja, wir werden ihn das Pflaster fressen lassen,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Der Wirt, unser Retter,“ sagte Ulenspiegel Lamm ins Ohr.</p> - -<p>Ein Geheimnis ahnend, stürzte sich der Wirt mit gesenktem -Kopf in den Kampf.</p> - -<p>Lamm warf ihm diese Worte ins Ohr:</p> - -<p>„Du unser Retter? Wie?“</p> - -<p>Der Wirt gab sich den Anschein, Ulenspiegel an den Ohren zu -schütteln, und sagte ganz leise zu ihm:</p> - -<p>„Sieben für Dich ... starke Männer, Metzger ... muß gehen -... zu bekannt in der Stadt. Wenn ich fort bin, <span class="antiqua">’t is van te -beven de klinkaert</span> ... Alles zerbrechen ...“</p> - -<p>„Ja“, sprach Ulenspiegel, erhob sich und gab ihm einen Fußtritt.</p> - -<p>Der Wirt schlug ihn seinerseits, und Ulenspiegel sprach zu ihm: -„Deine Schläge fallen dicht, Dickwanst.“</p> - -<p>„Wie Hagel“, sagte der Wirt, indem er Lamm behend die Börse -fortriß und sie Ulenspiegel zurückgab.</p> - -<p>„Spitzbube, zahle jetzt einen Trunk für mich, da du wieder im -Besitz Deines Vermögens bist.“</p> - -<p>„Du sollst trinken, schändlicher Taugenichts,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Sehet, wie frech er ist,“ sagte die Stevenyne.</p> - -<p>„So sehr wie Du schön bist, Herzchen,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Nun war die Stevenyne gut sechzig Jahre alt und hatte ein -Gesicht wie eine Mispel, doch ganz gelb von galligem Zorn. In -der Mitte saß eine Nase gleich einem Eulenschnabel. Ihre Augen -waren voller Habgier und ohne Liebe. Zwei lange Hauer stachen -aus ihrem fleischlosen Munde und auf ihrer linken Backe hatte -sie einen großen, dunkelroten Fleck.</p> - -<p>Die Dirnen lachten, indem sie sich über sie lustig machten, und -sagten:</p> - -<p>„Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken. / Er wird Dich umarmen. -/ Ist es lange, daß Du Deine erste Hochzeit hieltest? / -Hüte Dich, Ulenspiegel, sie will Dich fressen. / Sieh ihre Augen, -sie glänzen nicht von Haß, sondern von Liebe. / Man könnte -meinen, daß sie Dich totbeißen will. / Sei ohne Furcht. / So -machen’s alle verliebten Frauen. / Sie will nur Dein Bestes. / -Sieh, wie sie zum Lachen wohl aufgelegt ist.“</p> - -<p>Und wahrlich, die Stevenyne lachte und zwinkerte der Gilline, -dem Frauenzimmer im Brokatkleide zu.</p> - -<p>Der Wirt trank, zahlte und ging fort. Die sieben Metzger -schnitten den Häschern und der Stevenyne Fratzen zum Zeichen -des Einverständnisses. Einer unter ihnen deutete durch eine Gebärde -an, daß er Ulenspiegel für einen Dummkopf hielte und ihn -trefflich vexieren würde. Und dieweil er der Stevenyne, die -lachend ihre Hauer fletschte, spöttisch die Zunge heraussteckte, -sagte er Ulenspiegel ins Ohr:</p> - -<p>„<span class="antiqua">’t is van te beven de klinkaert</span>“. (Es ist Zeit mit den Gläsern -zu klirren.)</p> - -<p>Dann ganz laut und auf die Häscher zeigend:</p> - -<p>„Hochedler Reformierter, wir halten alle zu Dir; zahle uns Essen -und Trinken.“</p> - -<p>Und die Stevenyne lachte vor Vergnügen und streckte auch Ulenspiegel -die Zunge heraus, da dieser ihr den Rücken wandte. Und -die Gilline im Brokatkleid streckte desgleichen die Zunge heraus.</p> - -<p>Und die Dirnen sprachen ganz leise: „Sehet die Spionin, die -durch ihre Schönheit mehr denn siebenundzwanzig Reformierte -zu grausamer Tortur und noch grausamerem Tode geführt hat. -Gilline schwelgt in dem Gedanken an den Lohn ihrer Angeberei: -die ersten hundert Karolusgülden vom Nachlaß der Opfer. Aber -sie lacht nicht, gedenkend, daß sie sie mit der Stevenyne wird -teilen müssen.“</p> - -<p>Und alle, Häscher, Metzger und Dirnen streckten die Zunge heraus, -um Ulenspiegel zu höhnen. Und Lamm schwitzte große Tropfen; -er war rot vor Zorn wie ein Hahnenkamm, doch er wollte nicht -reden.</p> - -<p>„Traktiere uns mit Essen und Trinken,“ sagten die Metzger und -Häscher.</p> - -<p>„Wohlan,“ sagte Ulenspiegel und ließ von neuem seine Karolus -klingen, „gib uns zu essen und zu trinken, o reizende Stevenyne, -aus Gläsern zu trinken, die klingen.“</p> - -<p>Darob lachen die Dirnen abermals, und die Stevenyne fletschte -ihre Hauer.</p> - -<p>Gleichwohl ging sie in Keller und Küche und trug Schinken, -Würste und Eierkuchen mit Blutwürsten auf, nebst Klingegläsern, -also genannt, weil sie mit einem Fuß versehen waren -und wie ein Glockenspiel klangen, wenn man sie anstieß.</p> - -<p>Darauf sprach Ulenspiegel:</p> - -<p>„Wer Hunger hat, der esse; wer Durst hat, der trinke.“</p> - -<p>Bei dieser Rede schlugen Häscher, Dirnen, Metzger, Gilline und -Stevenyne mit Händen und Füßen Beifall. Dann suchte sich -jeglicher einen guten Platz; Ulenspiegel und Lamm und die sieben -Metzger am großen Ehrentisch, die Häscher und Dirnen an zwei -kleinen Tischen. Und sie aßen und tranken mit lautem Krachen -der Kinnbacken, selbst die beiden Schergen, so draußen waren -und von ihren Kameraden hereingeholt worden, um an dem -Schmause teil zu haben. Und aus ihrem Ranzen sah man Stricke -oder Handfesseln herausgucken.</p> - -<p>Da streckte die Stevenyne die Zunge heraus und sprach hohnlachend:</p> - -<p>„Keiner wird hinaus gehen, der nicht bezahlt.“</p> - -<p>Und sie ließ alle Türen verschließen und steckte die Schlüssel in -ihre Taschen.</p> - -<p>Gilline erhob ihr Glas und sagte:</p> - -<p>„Der Vogel ist im Käfig, laßt uns trinken.“</p> - -<p>Drauf sagten zwei Mädchen, Gena und Margot, zu ihr:</p> - -<p>„Ist wieder einer da, den Du umbringen lassen willst, schlechtes -Weib?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht“, sprach Gilline. „Laßt uns trinken.“</p> - -<p>Aber die drei Mädchen wollten mit ihr nicht trinken.</p> - -<p>Und Gilline nahm ihre Laute und sang auf Französisch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Zum Klang der Mandoline</div> - <div class="verse indent0">Sing’ ich Nacht und Tag.</div> - <div class="verse indent0">Ich bin die lose Gilline,</div> - <div class="verse indent0">Feil jedem, der mich mag.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Astarte lieh mir Lenden,</div> - <div class="verse indent0">Drinnen Feuer loht.</div> - <div class="verse indent0">Meine weißen Schuldern blenden,</div> - <div class="verse indent0">Mein schöner Leib ist Gott.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Von blanken Gülden mache</div> - <div class="verse indent0">Die Säckel ich Euch leer.</div> - <div class="verse indent0">Von blankem Golde lache</div> - <div class="verse indent0">Zu Füßen mir ein Meer.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Des Teufels Tochter bin ich;</div> - <div class="verse indent0">Frau Eva mich gebar.</div> - <div class="verse indent0">Dein Traum sei noch so minnig /</div> - <div class="verse indent0">Durch mich nur wird er wahr.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Kalt bin ich, sprühe Funken,</div> - <div class="verse indent0">Bin zärtlich untertan,</div> - <div class="verse indent0">Bin lau, bin heiß und trunken</div> - <div class="verse indent0">Nach Deinem Willen, Mann.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Sieh, ich verkaufe Reize,</div> - <div class="verse indent0">Die Seele, Augen blau,</div> - <div class="verse indent0">Glück, Lachen, Tränentau /</div> - <div class="verse indent0">Selbst Tod: mit nichts ich geize.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Zum Klang der Mandoline</div> - <div class="verse indent0">Sing’ ich Nacht und Tag.</div> - <div class="verse indent0">Ich bin die lose Gilline,</div> - <div class="verse indent0">Feil jedem, der mich mag.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und während sie also sang, war Gilline so schön, so hold und -so minniglich, daß alle Männer, Häscher, Metzger, Lamm und -Ulenspiegel stumm, gerührt und lachend dasaßen, vom Zauber -gebannt.</p> - -<p>Plötzlich brach Gilline in Gelächter aus, und Ulenspiegel anblickend, -sagte sie:</p> - -<p>„So sperrt man die Vögel in den Käfig.“</p> - -<p>Und ihr Zauber war gebrochen.</p> - -<p>Ulenspiegel, Lamm und die Metzger blickten einander an.</p> - -<p>„Gelt, werdet Ihr mich bezahlen,“ sagte die Stevenyne, „werdet -Ihr mich bezahlen, Junker Ulenspiegel, der aus dem Fleische von -Predigern so gutes Fett gewinnt?“</p> - -<p>Lamm wollte reden, doch Ulenspiegel hieß ihn schweigen und -sagte zur Stevenyne:</p> - -<p>„Wir bezahlen nicht im voraus.“</p> - -<p>„So werde ich mich hernach aus Deinem Nachlaß bezahlt -machen,“ sagte die Stevenyne.</p> - -<p>„Die Hyänen leben von Leichen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ja,“ sprach der Häscher einer, „diese beiden da haben das Geld -der Prediger genommen, mehr denn dreihundert Goldkarolus. -Das ist ein guter Batzen für die Gilline.“</p> - -<p>Diese sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Wo fändst Du solche Reize?</div> - <div class="verse indent0">Nimm alles, Augen blau,</div> - <div class="verse indent0">Lust, Küsse, Tränentau /</div> - <div class="verse indent0">Auch Tod: mit nichts ich geize.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Dann sagte sie hohnlachend:</p> - -<p>„Laßt uns trinken!“</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sprachen die Häscher.</p> - -<p>„Bei Gott,“ sagte die Stevenyne, „laßt uns trinken! Die Türen -sind geschlossen, die Fenster haben starke Eisenstäbe, die Vögel -sind im Käfig. Laßt uns trinken.“</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sagten die Sieben.</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sagten die Häscher.</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline und ließ ihre Laute erklingen. -„Ich bin schön, laßt uns trinken. Ich werde den Erzengel Gabriel -in den Schlingen meines Liedes fangen.“</p> - -<p>„Wohlauf, zu trinken,“ sprach Ulenspiegel, „Wein, um das Fest -zu krönen, und vom besten. An jedem Haar unserer durstigen -Körper soll ein Tropfen flüssigen Feuers hängen.“</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sagte Gilline; „noch zwanzig Gründlinge -wie Du, und die Hechte werden aufhören zu singen.“</p> - -<p>Die Stevenyne brachte Wein. Alle saßen trinkend und schnaufend, -die Büttel und Dirnen zusammen. Die Sieben, die mit Ulenspiegel -und Lamm am Tische saßen, warfen Schinken, Würste, -Eierkuchen und Flaschen von ihrer Tafel an die der Dirnen, die -sie im Fluge auffingen, wie Karpfen, die an der Oberfläche eines -Teiches nach Fliegen schnappen. Und die Stevenyne lachte und -fletschte ihre Hauer und wies auf Päcklein von Kerzen, fünf aufs -Pfund, die über dem Zahltisch baumelten. Es waren die Kerzen -der Dirnen. Dann sagte sie zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Wenn man zum Scheiterhaufen geht, trägt man eine Unschlittkerze; -willst Du jetzt eine?“</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Laßt uns trinken,“ sprachen die Sieben.</p> - -<p>Die Gilline sagte:</p> - -<p>„Ulenspiegel hat so glänzende Augen wie ein Schwan, der verscheiden -will.“</p> - -<p>„Wenn man sie den Schweinen zu fressen gäbe?“ meinte die -Stevenyne.</p> - -<p>„Das würde für sie Lichtmeß sein. Wohlauf getrunken,“ sprach -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Möchtest Du,“ sprach die Stevenyne, „daß man Dir auf dem -Schafott die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrte?“</p> - -<p>„Dann wäre sie besser zum Pfeifen. Laßt uns trinken!“ antwortete -Ulenspiegel.</p> - -<p>„Du redetest weniger, wenn Du gehenket wärest und Deine -Liebste Dich anschauen käme.“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „aber dann wöge ich mehr und fiele -Dir auf Dein niedliches Maul. Laßt uns trinken.“</p> - -<p>„Was würdest Du sagen, wenn Du gestäupt und auf der Stirn -und der Schulter gebrandmarkt würdest?“</p> - -<p>„Ich würde sagen, daß man sich im Fleisch geirrt hat,“ entgegnete -Ulenspiegel, „und daß man den Eber Ulenspiegel abgebrüht -hat, anstatt die Sau Stevenyne zu rösten. Laßt uns trinken.“</p> - -<p>„Da Du von alledem nichts magst,“ sprach die Stevenyne, „so -wirst Du auf des Königs Schiffe geführt und allda verdammt -werden, von vier Galeeren gevierteilt zu werden.“</p> - -<p>„So werden die Haifische meine vier Gliedmaßen bekommen und -Du kannst fressen, was sie nicht wollen,“ sprach Ulenspiegel. -„Laßt uns trinken!“</p> - -<p>„Was issest Du nicht eine dieser Kerzen?“ fragte die Stevenyne. -„Sie würden Dir in der Höllen dienlich sein, deine ewige Verdammnis -zu erhellen.“</p> - -<p>„Ich sehe deutlich genug, um Deinen leuchtenden Rüssel zu betrachten, -Du schlechtgebrühete Sau. Laßt uns trinken!“ sprach -Ulenspiegel.</p> - -<p>Plötzlich pochte er mit dem Fuß seines Glases auf den Tisch, derweil -er mit den Händen das Geräusch eines Tapezierers nachmachte, -der im Takte ein Polster klopft, doch ganz ruhig, und -dazu sprach er:</p> - -<p>„<span class="antiqua">Tis (tydt) van de beven de klinkaert.</span>“ Es ist Zeit mit dem -Klinger zu klirren.</p> - -<p>Das ist in Flandern das Zeichen für die Zecher, Händel anzufangen -und die Häuser mit roter Laterne zu plündern.</p> - -<p>Ulenspiegel trank, dann ließ er sein Glas auf dem Tisch klirren -und sprach:</p> - -<p>„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“</p> - -<p>Und die Sieben taten es ihm nach.</p> - -<p>Alle blieben ruhig. Die Gilline erbleichte, die Stevenyne blickte -verwundert. Die Büttel sprachen:</p> - -<p>„Halten die Sieben es mit ihnen?“</p> - -<p>Aber die Metzger beruhigten sie, mit den Augen zwinkernd; doch -zugleich riefen sie lauter und lauter mit Ulenspiegel:</p> - -<p>„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren. Es ist Zeit mit dem -Klinger zu klirren.“</p> - -<p>Die Stevenyne trank, um sich Mut zu machen.</p> - -<p>Da schlug Ulenspiegel mit der Faust auf den Tisch, im Takt der -Tapezierer, die Polster klopfen. Die Sieben taten wie er: Gläser, -Krüge, Näpfe, Schoppen und Becher huben langsam zu -tanzen an, fielen um, zerbrachen, standen an einer Seite auf, um -an der andern wieder hinzufallen. Und immer dräuender, ernster, -kriegerischer und eintöniger erklang es:</p> - -<p>„Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“</p> - -<p>„Wehe,“ sprach die Stevenyne, „sie werden alles zerbrechen.“</p> - -<p>Und vor Furcht fletschte sie ihre beiden Hauer noch mehr denn -gewöhnlich.</p> - -<p>Und vor Wut und Grimm entzündete sich das Blut in der Seele -der Sieben und in Ulenspiegels und in Lamms Seele.</p> - -<p>Da ergriffen alle, so an Ulenspiegels und Lamms Tisch saßen, -ihre Gläser, ohne mit dem eintönigen, dräuenden Sang aufzuhören, -und zerbrachen sie im Takt auf dem Tisch, dieweil sie auf -Stühlen ritten und ihre Dolchmesser zogen. Sie vollführten ein -so großes Lärmen mit ihrem Sang, daß alle Fensterscheiben des -Hauses erzitterten. Alsdann machten sie gleich einer Rotte toll -gewordener Teufel im Gemach und um alle Tische die Runde und -schrieen dabei ohne Unterlaß: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu -klirren.“</p> - -<p>Da standen die Schergen vor Furcht zitternd auf und ergriffen -ihre Stricke und Ketten. Aber die Metzger, Ulenspiegel und -Lamm steckten ihre Hirschfänger wieder in die Scheiden, standen -auf, packten ihre Stühle, schwangen sie gleich Knütteln, liefen -behend durch das Gemach, schlugen nach rechts und nach links, -nur der Dirnen schonend, und zerbrachen alles übrige, Hausrat, -Scheiben, Truhen, Geschirr, Schoppen, Näpfe, Gläser und Flaschen. -Sie schlugen die Büttel ohn Erbarmen und sangen immerfort -im Takt der Tapezierer, die Polster klopfen: „Es ist Zeit mit -dem Klinger zu klirren.“ Derweilen hatte Ulenspiegel der Stevenyne -einen Faustschlag aufs Maul gegeben, ihr die Schlüssel aus -der Tasche genommen und zwang sie, ihre Lichte zu essen.</p> - -<p>Die schöne Gilline kratzte mit ihren Nägeln an den Türen, Läden, -Fensterglas und Rahmen und schien sich durch alles durchdrängen -zu wollen wie eine furchtsame Katze. Dann kauerte sie sich leichenblaß -in einen Winkel, mit verstörten Augen, bläkte die Zähne und -hielt ihre Laute, als wollte sie sie beschützen.</p> - -<p>Die Sieben und Lamm sprachen zu den Dirnen: „Wir werden -Euch kein Leids antun,“ und mit ihrer Hilfe banden sie die Büttel, -die in ihren Hosen zitterten, mit Ketten und Stricken. Sie wagten -nicht Widerstand zu leisten, maßen sie fühlten, daß die Metzger, -die der Bienenwirt unter den Stärksten auserlesen, sie mit -ihren Messern in Stücke gehackt hätten.</p> - -<p>Bei jedem Licht, das die Stevenyne essen mußte, sprach Ulenspiegel:</p> - -<p>„Dies ist fürs Henken, dies fürs Stäupen; dies andere fürs Brandmarken; -dies vierte für meine durchbohrte Zunge. Hier sind -zwei treffliche und gar fette für des Königs Schiffe und das Vierteilen -durch vier Galeeren; dies da für Deine Spionenhöhle, dies -für dein Weibsbild im Brokatkleid, und alle andern für mein Ergötzen.“</p> - -<p>Und die Mädchen lachten, da sie sahen, wie die Stevenyne sich -vor Grimm wand und ihre Kerzen ausspeien wollte. Aber vergebens, -denn sie hatte den Mund zu voll davon.</p> - -<p>Ulenspiegel, Lamm und die Sieben ließen nicht ab, im Takt zu -singen: „Es ist Zeit mit dem Klinger zu klirren.“</p> - -<p>Dann ließ Ulenspiegel ab und winkte ihnen, den Reim leise zu -murmeln. Solches taten sie, derweil er den Dirnen und Häschern -diese Rede hielt:</p> - -<p>„So einer unter Euch um Hilfe schreit, wird er auf der Stelle -getötet.“</p> - -<p>„Getötet“, sagten die Metzger.</p> - -<p>„Wir werden schweigen,“ sprachen die Mädchen, „tu uns kein -Leids an, Ulenspiegel.“</p> - -<p>Aber die Gilline, so mit herausgetretenen Augen und vorstehenden -Zähnen in ihrem Winkel kauerte, war keines Wortes fähig -und preßte ihre Laute an sich.</p> - -<p>Und die Sieben murmelten immer im Takt: „Es ist Zeit mit dem -Klinger zu klirren.“</p> - -<p>Die Stevenyne wies auf die Kerzen, so sie im Munde hatte, und -machte ein Zeichen, daß sie gleichermaßen schweigen würde. Die -Häscher gelobten wie sie.</p> - -<p>Ulenspiegel redete weiter:</p> - -<p>„Ihr seid hier in unserer Gewalt. Die dunkle Nacht ist gekommen, -wir sind nah bei der Leye, in der Ihr leicht ertrinkt, -wenn man Euch hineinstößt. Die Tore von Kortrijck sind geschlossen. -So die Nachtwächter den Lärm vernommen haben, -werden sie sich nicht vom Fleck rühren, maßen sie zu faul sind -und wähnen, daß es gute Vlämen sind, die beim Klang der -Schoppen und Flaschen lustig singen. Also verhaltet Euch ruhig -vor Euren Bezwingern.“</p> - -<p>Dann redete er zu den Sieben:</p> - -<p>„Gehet Ihr nach Peteghem, zu den Geusen zu stoßen?“</p> - -<p>„Bei der Kunde Deines Kommens haben wir uns dazu angeschickt.“</p> - -<p>„Von da werdet Ihr aufs Meer gehen?“</p> - -<p>„Ja“, sagten sie.</p> - -<p>„Kennet Ihr unter diesen Häschern einen oder zwei, die man loslassen -könnte, um uns zu dienen?“</p> - -<p>„Zwei“, sprachen sie, „Niklas und Joos, die niemals die armen -Reformierten verfolgten.“</p> - -<p>„Wir sind getreu,“ sagten Niklas und Joos.</p> - -<p>Sodann sprach Ulenspiegel:</p> - -<p>„Hier sind zwanzig Karolusgülden für Euch, zweimal so viel -als ihr gekriegt hättet, wenn Ihr den schändlichen Judaslohn -empfangen hättet.“</p> - -<p>Plötzlich schrien die fünf Andern.</p> - -<p>„Zwanzig Gülden! Wir dienen dem Prinzen um zwanzig Gülden. -Der König zahlt schlecht. Gebt jedem von uns die Hälfte davon, -und wir werden dem Richter alles sagen, was Du willst.“</p> - -<p>Die Metzger und Lamm murmelten dumpf:</p> - -<p>„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem -Klinger zu klirren!“</p> - -<p>„Auf daß Ihr nicht zu viel redet,“ sagte Ulenspiegel, „werden die -Sieben Euch gebunden bis Peteghem zu den Geusen führen. Ihr -sollt zehn Gülden bekommen, wenn Ihr auf dem Meere seid. -Bis dahin sind wir gewiß, daß die Feldküche Euch bei Brot und -Suppe festhalten wird. So Ihr tapfer seid, sollt Ihr Euren -Anteil an der Beute haben. So Ihr versuchet zu desertieren, -werdet Ihr gehenket werden. So Ihr entwischet und also dem -Strick entgeht, werdet Ihr das Messer finden.“</p> - -<p>„Wir dienen dem, der uns bezahlt,“ sagten sie.</p> - -<p>„Es ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem -Klinger zu klirren,“ sagten Lamm und die Sieben und schlugen -mit den Scherben der zerbrochenen Töpfe und Gläser auf den -Tisch.</p> - -<p>„Desgleichen werdet Ihr die Gilline, die Stevenyne und die drei -Frauenzimmer mit Euch führen. Wenn eine darunter entwischen -will, so sollt Ihr sie in einen Sack nähen und in den Fluß werfen.“ -„Er hat mich nicht getötet,“ sprach die Gilline, sprang aus ihrem -Winkel auf und schwang ihre Laute in der Luft. Und sie sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Blutiges hatt’ im Sinn ich:</div> - <div class="verse indent0">Ein schlimmer Traum fürwahr!</div> - <div class="verse indent0">Des Teufels Tochter bin ich;</div> - <div class="verse indent0">Frau Eva mich gebar.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Stevenyne und die andern machten Miene zu weinen.</p> - -<p>„Fürchtet nichts, Ihr Schätzchen“, sprach Ulenspiegel, „Ihr seid -so lieblich und sanft, daß man Euch allerorten lieben, feiern und -hätscheln wird. Bei jeder Prise werdet Ihr Euren Anteil an der -Beute haben.“</p> - -<p>„Und mir, die alt ist, wird man nichts geben,“ greinte die Stevenyne.</p> - -<p>„Einen Sou pro Tag, Krokodil,“ sagte Ulenspiegel, „denn Du -sollst die Leibeigene dieser vier schönen Mädchen sein, Du wirst -ihre Röcke, Leintücher und Hemden waschen.</p> - -<p>„Ich, Herr Gott!“ sagte sie.</p> - -<p>Ulenspiegel entgegnete:</p> - -<p>„Du hast sie lange Zeit gemeistert und vom Ertrag ihrer Körper -gelebt, sie aber arm und hungrig gelassen. Du magst greinen -und plärren, es wird geschehen, wie ich gesagt habe.“</p> - -<p>Darob lachen die vier Mädchen, spotten der Stevenyne und -sagen zu ihr, die Zunge herausstreckend:</p> - -<p>„Jede kommt in dieser Welt an die Reihe. Wer hätte das von der -Stevenyne, der Geizigen gedacht. Sie wird als Leibeigene für -uns arbeiten. Gesegnet sei seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“</p> - -<p>Darauf sprach Ulenspiegel zu den Metzgern und zu Lamm:</p> - -<p>„Leert die Weinkeller, nehmet das Geld; es soll zum Unterhalt -der Stevenyne und der vier Mädchen dienen.“</p> - -<p>„Sie knirscht mit den Zähnen, die Stevenyne, die Geizige,“ sagten -die Mädchen. „Du warest hart, nun ist man es gleicherweise -gegen Dich. Gesegnet sei Seine Gnaden, Herr Ulenspiegel!“</p> - -<p>Dann wandten sich alle drei gegen Gilline:</p> - -<p>„Du warst ihre Tochter, ihre Ernährerin, Du teiltest die Frucht -der schändlichen Angeberei. Wirst Du es wohl noch wagen, uns -zu schlagen und zu beschimpfen in Deinem Brokatkleid? Du verachtetest -uns, weil wir nur Barchent trugen. Nur vom Blute der -Opfer bist Du so reich gekleidet. Laßt uns ihr das Kleid ausziehen, -auf daß sie uns dadurch gleich sei.“</p> - -<p>„Ich dulde es nicht,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Und die Gilline flog ihm an den Hals und sprach:</p> - -<p>„Gesegnet seist Du, der mich nicht getötet hat und nicht will, daß -ich häßlich sei!“</p> - -<p>Und die eifersüchtigen Mädchen blickten Ulenspiegel an und -sagten:</p> - -<p>„Er ist in sie vernarrt wie alle.“</p> - -<p>Die Gilline sang zur Laute.</p> - -<p>Die Sieben zogen gen Peteghem und führten die Häscher und -Dirnen an der Leye entlang. Im Wandern murmelten sie: „Es -ist Zeit, mit dem Klinger zu klirren! Es ist Zeit, mit dem Klinger -zu klirren!“</p> - -<p>Bei Tagesanbruch kamen sie ins Lager, sangen wie die Lerche, -und Hahnenschrei antwortete ihnen. Die Mädchen und die -Häscher wurden scharf bewacht. Dessen ohngeachtet fand man -am dritten Tag um Mittag die Gilline tot, das Herz von einer -langen Nadel durchbohrt. Die Stevenyne wurde von den drei -Mädchen bezichtigt und vor den Hauptmann der Kampanie, seine -Rottenmeister und Sergeanten geführt, die zu Richtern eingesetzt -waren. Allda bekannte sie ohne peinliche Frage, sie habe die -Gilline getötet, aus Eifersucht auf ihre Schönheit und aus Wut -darob, daß die Dirne sie ohne Gnade als Leibeigne behandelte. -Und die Stevenyne ward gehenket und dann im Walde begraben. -Auch die Gilline ward begraben, und über ihrem reizenden Leib -wurden Sterbegebete gesprochen.</p> - -<p>Derweil hatten sich die beiden Büttel, von Ulenspiegel beredet, -vor den Burgvogt von Kortrijck begeben, denn den Lärmen und -Toben und die Plünderung, so im Hause der Stevenyne geschehen, -mußten von besagtem Burgvogt bestraft werden, maßen daß -Haus der Stevenyne in der Burgvogtei außerhalb der Gerichtsbarkeit -von Kortrijck lag. Nachdem sie dem Herrn Burgvogt -erzählt, was sich zugetragen, sagten sie mit tiefer Überzeugung -und schlichter Einfalt der Sprache:</p> - -<p>„Die Mörder der Prediger sind mit nichten Ulenspiegel und sein -getreuer und vielgeliebter Lamm Goedzak, die nur zu ihrer Ergötzung -in den „Regenbogen“ gekommen sind. Sie haben sogar -Pässe vom Herzog, und wir haben sie gesehen. Die wahren -Schuldigen sind zwei Kaufleute aus Gent, der eine mager, der -andere sehr fett, so nach dem Lande Frankreich auf und davon -sind, nachdem sie bei der Stevenyne alles zerschlagen hatten; -diese haben sie mitsamt ihren vier Dirnen zu ihrem Zeitvertreib -mitgeführt. Wir hätten sie wohl am Kanthaken gefaßt, doch es -waren sieben Metzger da, von den stärksten der Stadt, die ihre -Partei nahmen. Sie haben uns alle gebunden und nicht eher -freigelassen, als bis sie weit im Lande Frankreich waren. Und -hier sind die Spuren der Stricke. Die vier andern Büttel sind -ihnen auf den Fersen und erwarten Verstärkung, um Hand an -sie zu legen.“</p> - -<p>Der Burgvogt gab einem Jeden zwei Karolus und ein neues -Kleid für ihre getreuen Dienste.</p> - -<p>In der Folge schrieb er an den Rat von Flandern, an das Schöffengericht -in Kortrijck und andere Gerichtshöfe, um ihnen zu -vermelden, daß die wahren Mörder gefunden wären. Und er -beschrieb ihnen das Abenteuer des Langen und Breiten. Darob -erzitterten die vom Rat von Flandern und von den andern Gerichtshöfen. -Und der Burgvogt ward ob seines Scharfsinns -trefflich gelobt.</p> - -<p>Und Ulenspiegel und Lamm wanderten friedsam auf der Straße -von Peteghem nach Gent an der Leye entlang. Es verlangte -sie, nach Brügge zu kommen, allwo Lamm sein Weib zu finden -hoffte, und nach Damm, wo Ulenspiegel, der in Träume versunken -war, schon hätte sein mögen, um Nele zu sehen, die betrübt -mit Katheline, der Irren, lebte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>36</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Seit geraumer Zeit waren im Weichbild von Damm und der Umgegend -unterschiedliche abscheuliche Verbrechen begangen worden. -Mägdlein, junge Burschen und Greise, von denen man -wußte, daß sie mit Geld versehen nach Brügge, Gent oder sonst -einer Stadt oder Ortschaft in Flandern gegangen waren, wurden -tot aufgefunden. Sie waren nackend wie Würmer und von so -langen spitzen Zähnen ins Genick gebissen, daß der Halswirbel -bei allen gebrochen war.</p> - -<p>Die Ärzte und Bader erklärten, daß diese Zähne die eines großen -Wolfes seien. Ohne Zweifel wären Diebe nach dem Wolfe gekommen, -sagten sie, und hätten die Opfer geplündert.</p> - -<p>Ohngeachtet aller Nachforschungen konnte niemand entdecken, -wer die Diebe waren. Bald ward der Wolf vergessen.</p> - -<p>Etliche angesehene Bürger, die sich ohne Geleit kühn auf den -Weg gemacht hatten, verschwanden, ohne daß man wußte, was -aus ihnen geworden, es sei denn, daß ein Bauer, der des Morgens -ging, sein Feld zu bestellen, Wolfsspuren auf seinem Acker fand, -derweil sein Hund mit den Pfoten die Furchen aufscharrte und -einen armen Leichnam bloß legte, der die Spuren der Wolfszähne -im Genick oder unterm Ohr aufwies, gar oft auch am -Bein und immer von hinten. Und allemal war der Wirbelknochen -und das Bein gebrochen.</p> - -<p>Der Bauer ging voller Angst stracks zum Amtmann, ihm Kunde -zu bringen, und dieser kam mit dem Kriminalschreiber, zwei -Schöffen und zwei Wundärzten nach dem Ort, wo der Leichnam -des Getöteten lag. Nachdem sie ihn fleißig und sorgsam visitiert -und manchmal, wenn das Gesicht noch nicht von den Würmern -zerfressen war, seinen Stand, sogar Namen und Geschlecht erkannt -hatten, verwunderten sie sich baß, daß der Wolf, der aus -Hunger tötet, dem Toten kein Stück Fleisch abgebissen hatte. Und -die von Damm entsetzten sich schier, und war keiner, der nachts -ohne Geleit auszugehen wagte.</p> - -<p>Nun trug es sich zu, daß etliche wackere Soldaten auf die Suche -nach dem Wolfe geschickt wurden, mit dem Befehl, ihn Tag und -Nacht in den Dünen längs des Meeres zu suchen.</p> - -<p>Sie waren zur Zeit nahe bei Heyst in den großen Dünen. Die -Nacht war gekommen. Einer unter ihnen, der auf seine Kraft -vertraute, wollte sie verlassen, um allein, mit seiner Büchse bewaffnet, -auf die Suche zu gehen. Die Andern ließen ihn seinen -Willen, überzeugt, daß er, tapfer und bewaffnet, wie er war, den -Wolf töten würde, wenn anders er sich zu zeigen wagte.</p> - -<p>Da ihr Kumpan fort war, zündeten sie ein Feuer an, würfelten -und tranken nach Herzenslust aus ihrer Branntweinflasche.</p> - -<p>Und von Zeit zu Zeit schrien sie:</p> - -<p>„Holla, Kamerad, komm zurück; der Wolf fürchtet sich, komm -trinken!“</p> - -<p>Aber er antwortete nicht.</p> - -<p>Plötzlich, da sie einen lauten Schrei, wie den eines Sterbenden -vernahmen, eilten sie dorthin, von wannen der Schrei kam und -sagten: „Halt aus, wir kommen Dir zu Hülfe.“</p> - -<p>Doch es währte lange, bis sie ihren Kameraden fanden, denn -die Einen sagten, der Schrei sei aus dem Tal, und die Andern, -er sei vom Kamme der Dünen gekommen.</p> - -<p>Endlich, da sie Dünen und Tal mit ihren Laternen gründlich abgesucht -hatten, fanden sie ihren Gefährten an Arm und am Bein -gebissen und den Hals hinterrücks gebrochen, wie bei den andern -Opfern. Auf dem Rücken liegend, hielt er seinen Degen in der -geballten Faust; seine Büchse lag auf dem Sande. Neben ihm -fanden sich drei abgeschnittene Finger, die sie mitnahmen und -die nicht seine waren. Sein Säckel war geraubt.</p> - -<p>Sie nahmen den toten Leib ihres Gefährten, seinen guten Degen -und seine wackere Büchse auf die Schultern, und betrübt und -ergrimmt trugen sie den Leichnam zum Amtshaus, wo der Amtmann -sie in Gesellschaft des Kriminalschreibers, der zwei -Schöffen und der beiden Wundärzte empfing.</p> - -<p>Die abgeschnittenen Finger wurden geprüft und als die eines Greises -erkannt, der in keinem Handwerk Arbeiter war, denn die -Finger waren dünn und die Nägel daran lang wie bei Männern -des Richter- oder Priesterstandes.</p> - -<p>Des andern Tages gingen der Amtmann, die Schöffen, der Kriminalschreiber, -die Wundärzte und die Soldaten nach der Stelle, -wo der arme Tote gebissen worden, und sahen, daß dort Blutstropfen -auf dem Grase waren und Fußstapfen, so bis ans Meer -gingen und dort aufhörten.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>37</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es war zur Zeit der reifen Trauben, im Weinmond, am vierten -Tage, wo man in der Stadt Brüssel vom Sankt Niklasturm herab -nach der Hochmesse dem Volk Säcke mit Nüssen zuwirft.</p> - -<p>In der Nacht wurde Nele durch Geschrei, so von der Straße -kam, geweckt. Sie suchte Katheline in der Kammer und fand -sie nicht. Sie lief nach unten und öffnete die Tür, und Katheline -trat ein und sagte:</p> - -<p>„Rette mich, rette mich! der Wolf, der Wolf!“</p> - -<p>Und Nele hörte vom Feld her fernes Geheul. Zitternd entzündete -sie alle Lampen, Wachslichte und Talgkerzen.</p> - -<p>„Was ist geschehen, Katheline?“ fragte sie, sie in ihre Arme -schließend.</p> - -<p>Katheline setzte sich verstörten Blicks und sagte, die Kerzen -anschauend:</p> - -<p>„Das ist die Sonne, sie verscheucht die bösen Geister. Der Wolf, -der Wolf heult draußen auf dem Felde.“</p> - -<p>„Aber“, sprach Nele, „warum bist Du aus Deinem warmen Bette -gestiegen, um Dir in den feuchten Septembernächten das Fieber -zu holen?“</p> - -<p>Und Katheline sprach:</p> - -<p>„Hanske hat diese Nacht geschrieen wie der Fischadler und ich -habe die Tür aufgemacht. Und er hat zu mir gesagt: „Trink -diesen Zaubertrank;“ und ich habe getrunken. Hanske ist schön. -Nehmt das Feuer fort. Alsdann hat er mich an den Kanal geführt -und zu mir gesagt: „Katheline, ich werde Dir die siebenhundert -Karolus wiedergeben und Du sollst sie Ulenspiegel, -Klasens Sohn, geben. Und hier sind zwei, um Dir ein Kleid zu -kaufen; bald wirst du ihrer tausend haben.“ / „Tausend,“ -sprach ich, „mein Geliebter, dann werde ich reich sein.“ / „Du sollst -sie haben,“ sagte er. „Aber sind nicht in Damm Frauen oder -Mädchen, die jetzt ebenso reich sind, wie du sein wirst?“ / „Ich -weiß nicht,“ antwortete ich. Aber ich wollte ihre Namen nicht -sagen, aus Furcht, daß er sie liebte. Darauf sprach er zu mir: -„Forsche danach und sage mir ihre Namen, wenn ich wiederkomme.“</p> - -<p>„Die Luft war kalt, der Nebel schwebte über den Wiesen, dürres -Reisig fiel von den Bäumen auf den Weg. Und der Mond -schien, und auf dem Wasser des Kanals waren Feuer. Hanske -sprach zu mir: „Das ist die Nacht der Werwölfe, alle schuldbeladenen -Seelen steigen aus der Hölle auf. Du mußt mit der -Linken dreimal das Zeichen des Kreuzes machen und Salz! Salz! -Salz! rufen, das ist das Sinnbild der Unsterblichkeit, und sie -werden Dir nichts antun.“ / Und ich sagte: „Ich werde tun, was -Du willst, Hanske, mein Herzliebster.“ Und er umarmte mich und -sagte dabei: „Du bist mein Weib.“ / „Ja,“ sprach ich. Und bei -diesem süßen Worte glitt himmlische Wonne wie Balsam über -meinen Leib. Er bekränzte mich mit Rosen und sagte: „Du bist -schön.“ / Und ich sprach zu ihm: „Du bist auch schön, Hanske, -mein Herzliebster, in deinen feinen Kleidern von grünem Sammet -mit güldenen Borten, mit deiner langen Straußenfeder, die auf -deinem Barett wallt, und deinem Antlitz, das bleich ist wie Meeresleuchten. -Und wenn die Mädchen von Damm Dich sähen, so -würden sie Dir alle nachlaufen und dein Herz begehren, doch Du -mußt es nur mir geben, Hanske.“ / Er sprach: „Suche zu erfahren, -welche am reichsten sind, ihr Vermögen wird Dein sein.“ Dann -ging er von dannen und ließ mich zurück, nachdem er mir verboten, -ihm zu folgen. Ich blieb stehen und ließ die zwei Karolus -in meiner Hand klingen. Ich zitterte am ganzen Leibe und war -schier erstarrt wegen des Nebels. Da sah ich einen Wolf mit -grünem Gesicht und langen Schilfblättern in seinem weißen Fell -die Uferböschung hinansteigen. Ich schrie. „Salz! Salz! Salz!“ -und machte das Zeichen des Kreuzes, aber das schien ihn nicht -zu schrecken. Und ich lief aus allen Kräften und schrie, und er -heulte, und ich hörte das Klappern seiner Zähne ganz nah bei -mir und einmal ganz nah an meiner Schulter, daß ich glaubte, -er würde mich packen. Doch ich lief schneller als er. Zum großen -Glück stieß ich an der Ecke der Reiherstraße auf den Nachtwächter -mit seiner Laterne. „Der Wolf, der Wolf!“ schrie ich. -„Fürchte dich nicht,“ sprach der Nachtwächter, „ich werde dich -nach Hause führen, irre Katheline.“ Und ich fühlte, daß seine -Hand, die mich hielt, zitterte. Er hatte auch Furcht.“</p> - -<p>„Aber er hat wieder Mut gefaßt,“ sprach Nele. „Hörst Du ihn -jetzt mit schleppender Stimme singen: „Hört Ihr Leute und laßt -Euch sagen, die Glocke hat zehn geschlagen.“ Und er läßt seine -Knarre schnarren.“</p> - -<p>„Nehmt das Feuer fort,“ sagte Katheline, „der Kopf brennt. -Komm wieder, Hanske, mein Buhle.“</p> - -<p>Und Nele blickte Katheline an, und sie bat Unsere heilige Jungfrau, -das Feuer des Wahnsinns von ihrem Haupte zu nehmen. -Und sie weinte über sie.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>38</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In Bellem, an den Ufern des Brügger Kanals, begegneten Ulenspiegel -und Lamm einem Reiter, der drei Hahnenfedern auf seinem -Filzhut trug und in gestrecktem Galopp nach Gent ritt. Ulenspiegel -trillerte wie eine Lerche, und der Reiter hielt an und -antwortete mit Kreyants Trompetenstoß.</p> - -<p>„Bringst Du Zeitung, ungestümer Reiter?“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Hochwichtige Zeitung,“ sagte der Reiter. „Auf des Herrn von -Chatillon Rat, der im Lande Frankreich Admiral ist, hat der -Freiheitsprinz Befehl erteilt, Kriegsschiffe auszurüsten, ohngeachtet -die, so in Emden und Ostfriesland schon bewaffnet sind. -Die kühnen Männer, die diese Aufträge erhalten haben, sind -Adrian de Berghes, Herr von Dohlhain, sein Bruder, Ludwig -von Hennegau, der Baron de Montfaucon, Herr Ludwig van -Brederode, Albert van Egmont, des Enthaupteten Sohn und -kein Verräter wie sein Bruder, Berthel Enthens von Mentheda, -der Friese, Adrian Menningh, Hemubyse, der hitzköpfige und -stolze Genter, und Jan Brock.</p> - -<p>Der Prinz hat seine ganze Habe, mehr denn fünfzigtausend Gülden, -hingegeben.“</p> - -<p>„Ich habe fünfhundert für ihn,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Tragt sie bis ans Meer,“ sagte der Reiter. Und er galoppierte -von dannen.</p> - -<p>„Er gibt seine ganze Habe,“ sagte Ulenspiegel, „wir andern geben -nur unsere Haut.“</p> - -<p>„Ist das denn nichts,“ sagte Lamm, „und werden wir immer -nur von Plünderung und Metzelei reden hören? Die Orange ist -zu Boden gefallen.“</p> - -<p>„Zu Boden gefallen wie die Eiche; aber aus der Eiche macht -man Schiffe für die Freiheit!“</p> - -<p>„Zu seinem Nutzen,“ sprach Lamm. „Aber da wir nichts mehr -zu befahren haben, laß uns wieder Esel kaufen. Ich marschiere -gern sitzend und ohne an den Fußsohlen ein Glockenspiel zu -haben.“</p> - -<p>„So laß uns Esel kaufen,“ sagte Ulenspiegel. „Diese Tiere sind -leicht wieder los zu schlagen.“</p> - -<p>Sie gingen zu Markt und erstanden dort zwei schöne Esel mit -Zaumzeug.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>39</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da sie Bein hier, Bein da ritten, kamen sie nach Oost-Camp, wo -ein großer Wald ist, dessen Saum bis an den Kanal ging. Sie -betraten ihn, um Schatten und liebliche Düfte zu finden, und -sahen nichts andres, denn lange Waldwege, die in allen Richtungen -nach Brügge, Gent, Süd- und Nord-Flandern führten.</p> - -<p>Unversehens sprang Ulenspiegel vom Esel.</p> - -<p>„Siehst Du dort nichts?“</p> - -<p>Lamm sagte: „Ja, ich sehe.“ Und zitternd: „Mein Weib, mein -gutes Weib. Das ist sie, mein Sohn. Ha! Ich vermag nicht, zu -ihr zu gehen. Sie so wiederzufinden!“</p> - -<p>„Worüber klagst Du?“ fragte Ulenspiegel. „So halb nackt ist sie -schön, in dem Leibchen von geschlitzten Nesselleinen, welches das -blühende Fleisch sehen läßt. Die da ist zu jung, sie ist nicht Deine -Frau.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie ist es, mein Sohn; ich erkenne -sie. Trag mich, ich kann nicht mehr gehen. Wer hätte das von -ihr gedacht? So ohne Scham, als Zigeunerin gekleidet, zu tanzen! -Ja, das ist sie; sieh ihre zierlichen Beine, ihre Arme, nackt bis -zur Schulter, ihre runden, bräunlichen Brüste, die halb aus dem -Nesselleibchen hervorsehen. Schau, wie sie mit der roten Fahne -den großen Hund neckt, der danach springt.“</p> - -<p>„Das ist ein Zigeunerhund,“ sprach Ulenspiegel; „die Niederlande -bringen dergleichen nicht hervor.“</p> - -<p>„Zigeuner ... ich weiß nicht ... Aber sie ist es. Ha! mein Sohn, -Ich sehe nicht mehr hin. Sie streift ihre Hosen noch höher, um -ihre runden Beine besser sehen zu lassen. Sie lacht, um ihre -weißen Zähne zu zeigen, und schallend, um ihre wohlklingende -Stimme hören zu lassen. Sie macht ihr Leibchen oben auf und -wirft sich zurück. Ach, dieser Hals eines verliebten Schwanes, -diese nackten Schultern, diese hellen kecken Augen! Ich laufe zu -ihr!“</p> - -<p>Und er sprang vom Esel.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel hielt ihn fest.</p> - -<p>„Dies Mägdlein,“ sprach er, „ist nicht Deine Frau. Wir sind bei -einem Zigeunerlager. Hüte Dich. Siehst Du den Rauch hinter -den Bäumen? Hörst Du das Hundegebell? Halt! Da sind etliche, -die uns ansehen und vielleicht bereit sind zu beißen. Wir -wollen uns mehr im Dickicht verbergen.“</p> - -<p>„Ich verberge mich nicht,“ sagte Lamm. „Diese Frau ist die -meine, eine Vlämin wie wir!“</p> - -<p>„Blinder Narr,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Blind, nein! Ich sehe wohl, wie sie halb nackend tanzt und -lacht und den großen Hund neckt. Sie stellt sich, als sähe sie uns -nicht. Aber sie sieht uns, gewißlich. Tyll, Tyll! Jetzt springt der -Hund auf sie und wirft sie zu Boden, um die rote Fahne zu bekommen. -Und sie fällt und stößt einen Klagelaut aus.“</p> - -<p>Und Lamm stürzte hastig hinzu und sprach zu ihr:</p> - -<p>„Mein Weib, mein Weib! Wo hast Du Dir weh getan, Liebchen? -Warum lachest Du so ausgelassen? Deine Augen sind -wild.“</p> - -<p>Und er umarmte und liebkoste sie und sprach:</p> - -<p>„Das Schönheitsmal, das Du unter der linken Brust hattest! -Ich sehe es nicht. Wo ist es? Du bist nicht mein Weib! Großer -Gott im Himmel!“</p> - -<p>Und sie hörte nicht auf zu lachen.</p> - -<p>Plötzlich rief Ulenspiegel:</p> - -<p>„Sieh Dich vor, Lamm.“</p> - -<p>Und sich umwendend, sah Lamm einen großen Mohren von -Zigeuner vor sich stehen, mit hagerem Gesicht und braun wie -Pfefferkuchen.</p> - -<p>Lamm hob seinen Spieß auf, stellte sich zur Wehr und schrie:</p> - -<p>„Zu Hilfe, Ulenspiegel.“</p> - -<p>Ulenspiegel war mit seinem guten Degen zur Hand.</p> - -<p>Der Zigeuner sagte auf Hochdeutsch zu ihm:</p> - -<p>„Gebt mir Geld, einen Reichstaler oder zehn.“</p> - -<p>„Sieh“, sprach Ulenspiegel, „das Mägdlein geht laut lachend -von dannen und dreht sich immerdar um, damit wir ihr nachfolgen.“</p> - -<p>„Gebt mir Geld“, sagte der Mann. „Bezahle deine Liebe. Wir -sind arm und wollen Dir nichts antun.“</p> - -<p>Lamm gab ihm einen Karolus.</p> - -<p>„Welches Gewerbe treibst Du?“</p> - -<p>„Alle“, erwiderte der Zigeuner. „Da wir Meister in der Geschicklichkeit -sind, vollführen wir wundersame und zauberische Künste. -Wir spielen die Schellentrommel und tanzen ungarische Tänze. -Und es ist mehr denn einer unter uns, der Käfige macht und -Roste, die schönsten Kalbsrippen darauf zu braten. Aber alle -Vlämen und Wallonen fürchten und vertreiben uns. Da wir -nicht vom Erwerb leben können, leben wir von Raub, das ist, -von Gemüsen, Fleisch und Geflügel, so wir dem Bauern nehmen -müssen, da er sie uns nicht geben noch verkaufen will.“</p> - -<p>Lamm sprach zu ihm:</p> - -<p>„Woher kommt das Mägdlein, das so sehr meiner Frau -gleicht?“</p> - -<p>„Sie ist unseres Häuptlings Tochter,“ sagte der Schwarze.</p> - -<p>Dann sprach er leise, wie einer, der sich fürchtet:</p> - -<p>„Sie wurde von Gott mit Liebestollheit geschlagen und weiß -nichts von weiblicher Scham. Sobald sie einen Mann erblickt, -wird sie lustig und toll und lacht unablässig. Sie spricht wenig, -und lange hielt man sie für stumm. Nachts hockt sie trübsinnig -am Feuer, manchmal weinend und ohne Ursache lachend und auf -den Leib deutend, wo sie Schmerzen hat, sagt sie. Um die Mittagsstunde -im Sommer nach der Mahlzeit ist ihre Tollheit am -wildesten. Alsdann tanzt sie fast nackend in der Umgebung des -Lagers. Sie will nur Kleidung aus Tüll und Nesseltuch tragen, -und im Winter können wir sie nur mit großer Mühe in einem -Mantel von Ziegenfell einhüllen.“</p> - -<p>„Aber,“ sprach Lamm, „hat sie nicht irgend einen Freund, der -sie hindert, sich dergestalt dem Ersten Besten hinzugeben?“</p> - -<p>„Sie hat keinen,“ sagte der Mann, „denn die Reisenden, die sich -ihr nähern und ihre irren Augen wahrnehmen, haben mehr -Furcht vor ihr als Liebe. Dieser dicke Mann war kühn,“ sagte er, -auf Lamm weisend.</p> - -<p>„Laß ihn reden, mein Sohn,“ versetzte Ulenspiegel. „Der Stockfisch -spricht schlecht vom Walfisch. Welcher von beiden gibt das -meiste Oel?“</p> - -<p>„Du hast heute Morgen eine scharfe Zunge,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel sagte, ohne ihn anzuhören, zum Zigeuner:</p> - -<p>„Was tut sie, wenn andere so kühn sind wie mein Freund Lamm?“</p> - -<p>Der Zigeuner antwortete traurig:</p> - -<p>„Alsdann hat sie Vergnügen und Gewinn. Die sie besitzen, bezahlen -ihre Lust, und das Geld dient dazu, sie zu kleiden und -auch für die Bedürfnisse der Greise und Frauen.“</p> - -<p>„Sie gehorcht also keinem?“ fragte Lamm.</p> - -<p>Der Zigeuner erwiderte:</p> - -<p>„Lassen wir denen, so Gott heimsucht, ihr Wollen. Er gibt derart -seinen Willen kund. Solches ist unser Gesetz.“</p> - -<p>Ulenspiegel und Lamm gingen fürbaß. Und der Zigeuner kehrte -ernst und stolz in sein Lager zurück. Und das Mägdlein tanzte -mit ausgelassenem Lachen in der Lichtung.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>40</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Unterwegs nach Brügge sprach Ulenspiegel zu Lamm:</p> - -<p>„Wir haben eine große Summe Geldes ausgegeben, um Soldaten -anzuwerben, die Büttel zu bestechen, die Zigeunerin zu beschenken -und die unzähligen Ölkuchen zu bezahlen, die es Dir -gefiel, unaufhörlich zu essen, anstatt ihrer einen zu verkaufen. -Und trotz dem Begehren deines Bauches ist es an der Zeit, vernünftiger -zu leben. Gib mir Dein Geld, ich werde die gemeinsame -Börse aufheben.“</p> - -<p>„Tu das,“ sprach Lamm. „Doch laß mich nicht Hungers sterben,“ -sagte er, sie ihm reichend, „denn bedenke, groß und gewaltig wie -ich bin, bedarf ich einer kräftigen und reichlichen Nahrung. Für -Dich, der Du mager und schmächtig bist, ist es gut, von der -Hand in den Mund zu leben, zu essen oder nicht zu essen, was -Du findest, wie die Planken am Hafen, so von Luft und Wasser -leben. Aber ich, den die Luft aushöhlt und der Regen heißhungrig -macht, ich brauche andern Schmaus.“</p> - -<p>„Du sollst ihn haben, tugendhaften Fastenschmaus. Die bestgefüllten -Wänste widerstehen da nicht; sie schrumpfen nach und -nach ein und machen den schwersten Mann leicht. Und bald -wird man ihn, weidlich entfettet, wie einen Hirsch laufen sehen, -meinen zierlichen Lamm.“</p> - -<p>„Ach,“ sprach Lamm, „was wird künftig mein mageres Schicksal -sein? Mich hungert, mein Sohn, und ich möchte zur Nacht essen.“</p> - -<p>Der Abend sank. Sie hielten ihren Einzug in Brügge durch -das Genter Tor und zeigten ihre Pässe vor. Nachdem sie für -sich selbst einen halben Sou und zwei für ihre Esel hatten bezahlen -müssen, gingen sie in die Stadt. Lamm, der Worte Ulenspiegels -gedenkend, schien tiefbetrübt.</p> - -<p>„Werden wir alsbald zur Nacht essen?“ fragte er.</p> - -<p>„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Sie stiegen in der „Meermin“, der „Seejungfer“ ab, die als -Wetterfahne, ganz aus Gold, über dem Giebel der Herberge angebracht -ist, führten ihre Esel in den Stall, und Ulenspiegel bestellte -für sich und Lamm Nachtessen: Brot, Bier und Käse.</p> - -<p>Der Wirt lachte spöttisch, da er diese karge Kost auftrug. Lamm -aß mit langen Zähnen und blickte voller Verzweiflung Ulenspiegel -zu, der in das zu alte Brot und den zu jungen Käse hineinbiß, -als wären es Fettammern gewesen. Und Lamm trank sein Dünnbier -ohne Genuß. Ulenspiegel lachte, da er ihn so kläglich sah. -Und es war noch jemand, so im Hofe der Herberge lachte und -manchmal das Gesicht an den Fensterscheiben zeigte. Ulenspiegel -sah, daß es ein Weib war, das sein Gesicht versteckte. In der -Meinung, es sei irgend eine boshafte Magd, dachte er nicht mehr -daran, und da er Lamm so blaß, traurig und bleich sah, wegen -der vereitelten Begierden seines Magens, jammerte ihn sein und -er gedachte, für seinen Gefährten einen Eierkuchen mit Blutwürsten, -ein Gericht Rindfleisch mit Saubohnen oder irgend eine -andere heiße Schüssel zu bestellen, als der Wirt eintrat, seinen -Hut lüftete und sprach:</p> - -<p>„Wenn die Herren Reisenden ein besser Nachtmahl begehren, so -müssen sie sprechen und sagen, was es sein soll.“</p> - -<p>Lamm riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter und -blickte Ulenspiegel mit banger Unruhe an.</p> - -<p>Dieser antwortete:</p> - -<p>„Wandernde Handwerker sind nicht reich.“</p> - -<p>„Es kommt gleich wohl vor,“ sprach der Wirt „daß ihnen nicht -ihr ganzer Besitz bekannt ist.“ Und auf Lamm deutend: „Dies -gute Vollmondsgesicht ist soviel wert wie zwei andere. Was beliebt -den Herrschaften zu speisen und zu trinken? Ein Speck-Eierkuchen, -heute frisch gedämpfte Choesels, ein Kapaun, der auf -der Zunge zergeht, eine schöne, auf dem Rost gebratene Kalbsrippe -mit einer Tunke von vier Gewürzen, Dobbel-knol aus Antwerpen, -Dobbel-kuyt aus Brügge und Löwener Wein, nach Art -des Burgunders gekeltert? Und ohne Bezahlung.“</p> - -<p>„Bringt alles,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Der Tisch ward alsogleich besetzt, und Ulenspiegel ergötzte sich -daran, dem armen Lamm zuzusehen, der sich hungriger denn je -auf den Eierkuchen, die Choesels, den Kapaun, den Schinken -und die Kalbsrippen stürzte und Dobbel-knol und Dobbel-kuyt -und Löwener Wein, auf burgundische Art gekeltert, maßweise in -den Schlund goß.</p> - -<p>Als er nichts mehr essen konnte, schnob er vor Behagen wie ein -Walfisch und ließ seine Blicke über den Tisch schweifen, um zu -sehen, ob es nichts mehr zu beißen gäbe. Und er knusperte die -Krumen.</p> - -<p>Weder Ulenspiegel noch er hatten das hübsche Lärvchen gesehen, -das lächelnd durch die Scheibe blickte und im Hofe hin und -wieder ging. Nachdem der Wirt Glühwein mit Zimmet und -Madeirazucker gebracht hatte, tranken sie weiter. Und sie -sangen.</p> - -<p>Als die Nachtstunde nahte, fragte der Wirt sie, ob sie ein jeder -in ihr großes und schönes Gemach hinaufgehen wollten. Ulenspiegel -entgegnete, daß ein kleines für beide genügte. Der Wirt -versetzte:</p> - -<p>„Das habe ich nicht; Ihr sollt jeder, ohne zu zahlen, ein herrschaftliches -Zimmer haben.“</p> - -<p>Und fürwahr, er führte sie in reich mit Hausrat und Teppichen -versehene Gemächer. In Lamms Gemach stund ein großes Bett. -Ulenspiegel, der wacker gezecht hatte und vor Schläfrigkeit umsank, -ließ ihn zu Bett gehen und tat flugs desgleichen.</p> - -<p>Am andern Tage zur Mittagszeit trat er in Lamms Zimmer und -sah ihn schlafen und schnarchen. Neben ihm lag ein zierliches -Täschlein voll Geld. Er machte es auf und sah, daß es Goldkarolus -und Silberstüver waren.</p> - -<p>Er schüttelte Lamm, um ihn aufzuwecken. Dieser kam aus dem -Schlaf, rieb sich die Augen und unruhig umherblickend, sagte er:</p> - -<p>„Mein Weib, wo ist mein Weib?“</p> - -<p>Und auf eine leere Stelle neben sich im Bette deutend, sagte er:</p> - -<p>„Da war sie kurz zuvor.“</p> - -<p>Dann sprang er aus dem Bett und blickte wieder allenthalben -umher, durchwühlte alle Ecken und Winkel der Zimmers, den -Alkoven und die Schränke und sagte, mit dem Fuß stampfend:</p> - -<p>„Mein Weib, wo ist mein Weib?“</p> - -<p>Der Wirt kam bei dem Lärm herauf.</p> - -<p>„Taugenichts,“ sprach Lamm und packte ihn an der Kehle, „wo -ist mein Weib, was hast Du mit meinem Weibe gemacht?“</p> - -<p>„Ungeduldiger Wanderer,“ sprach der Wirt, „Dein Weib? -Welches Weib? Du bist allein gekommen. Ich weiß nichts.“</p> - -<p>„Ha, er weiß es nicht,“ sprach Lamm. „Er weiß es nicht,“ sprach -er und durchstöberte abermals alle Ecken und Winkel des Gemachs.</p> - -<p>„Ach! Sie war da, diese Nacht, in meinem Bette wie zur Zeit -unserer holden Liebe. Ja. Wo bist Du, Liebchen?“</p> - -<p>Und die Börse auf den Boden werfend:</p> - -<p>„Nicht Dein Geld brauch ich, sondern Dich, Deinen holden Leib, -Dein gutes Herz, o, meine Geliebte! O Himmelsfreuden, Ihr -kehrt nicht wieder. Ich hatte mich gewöhnt, Dich nicht mehr zu -sehen, ohne Liebe zu leben, mein süßer Schatz. Und nunmehr verlässest -Du mich, nachdem Du wieder zu mir gekommen warst. -Ach ich will sterben. Ha! mein Weib, wo ist mein Weib?“</p> - -<p>Und auf dem Boden, auf den er sich geworfen, weinte er heiße -Zähren. Dann riß er plötzlich die Tür auf und begann im Hemde -in der ganzen Herberge und auf der Straße umherzulaufen und -zu schreien:</p> - -<p>„Mein Weib, wo ist mein Weib?“</p> - -<p>Aber er kam bald zurück, denn die bösen Buben höhnten ihn -und warfen ihn mit Steinen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel nötigte ihn sich anzukleiden und sprach zu ihm: -„Sei nicht untröstlich. Du wirst sie wiedersehen, sintemal Du sie -gesehen hast. Sie liebt Dich noch, da sie wieder zu Dir gekommen -ist, denn ohne Zweifel war sie es, die das Nachtmahl -und die fürnehmen Zimmer bezahlt hat und diesen vollen Säckel -auf das Bett gelegt hat. Diese Metallspäne sagen mir, daß dies -nicht die Tat einer Ungetreuen ist. Weine nicht mehr, und laß uns -zur Verteidigung unseres Vaterlandes weiterziehen.“</p> - -<p>„Laß uns noch in Brügge bleiben,“ sprach Lamm, „ich will durch -die ganze Stadt laufen und werde sie wiederfinden.“</p> - -<p>„Du wirst sie nicht wiederfinden, da sie sich vor Dir versteckt,“ -sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Lamm stellte den Wirt zur Rede, aber dieser wollte ihm nichts -sagen.</p> - -<p>Und sie machten sich auf nach Damm.</p> - -<p>Während sie so wanderten, sprach Ulenspiegel zu Lamm:</p> - -<p>„Warum sagst Du mir nicht, wie Du sie diese Nacht bei Dir -fandest und wie sie Dich verließ?“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß wir dem -Fleisch, Bier und Wein alle Ehre angetan hatten und daß ich -mit Mühe schnaufte, als wir zu Bett gingen. Ich trug eine -Wachskerze wie ein fürnehmer Herr, um mir zu leuchten, und -hatte den Leuchter auf eine Truhe gesetzt, um zu schlafen. Die -Tür war halb offen geblieben, die Truhe war nahe dabei. Als -ich mich auskleidete, blickte ich mein Bett voller Liebe und Sehnsucht -nach Schlaf an. Die Wachskerze erlosch mit einem Mal. -Ich vernahm etwas wie einen Hauch und ein Geräusch leichter -Schritte in meiner Stube, aber maßen meine Schläfrigkeit größer -war denn meine Furcht, fiel ich schwer ins Bett. Da ich im -Einschlafen war, sprach eine Stimme, ihre Stimme, oh, mein -Weib, mein armes Weib! sprach zu mir: „Hast Du gut gespeist, -Lamm?“ Und ihre Stimme war mir nahe, desgleichen ihr Antlitz -und ihr holder Leib.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>41</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am selbigen Tage war König Philipp schwermütiger denn sonst, -denn er hatte zuviel Zuckergebäck gegessen. Er hatte auf seinem -lebendigen Klavizimbal gespielt; das war eine Kiste, die Katzen -enthielt, deren Köpfe durch runde Löcher unter den Tasten herauskamen. -Jedesmal, wenn der König auf eine Taste schlug, -traf diese die Katze mit einem Stachel, und das Tier miaute und -jammerte vor Schmerz.</p> - -<p>Aber Philipp lachte nicht.</p> - -<p>Unablässig forschte er im Geiste, wie er Elisabeth, die große -Königin, besiegen und Marie Stuart auf den Thron von England -setzen könne. Zu dem Ende hatte er an den bedürftigen und -verschuldeten Papst geschrieben; der Papst hatte geantwortet, -daß er für dieses Unternehmen gern die heilgen Gefäße aus den -Kirchen und die Schätze des Vatikans verkaufen würde.</p> - -<p>Aber König Philipp lachte nicht.</p> - -<p>Ridolfi, der Buhle der Königin Maria, welcher sie zu befreien, -hernach zu heiraten und König von England zu werden hoffte, -kam vor König Philipp, um mit ihm den Mord Elisabeths abzukarten. -Aber er war ein solcher Schwätzer, wie der König -schrieb, daß man von seiner Absicht ganz offen an der Börse von -Antwerpen gesprochen hatte. Und der Mord unterblieb.</p> - -<p>Und Philipp lachte nicht.</p> - -<p>Später schickte der Blutherzog, den Befehlen des Königs zufolge, -ein Paar Mörder nach England. Ihr Erfolg war, gehenkt -zu werden.</p> - -<p>Und Philipp lachte nicht.</p> - -<p>Und also machte Gott den Ehrgeiz dieses Vampirs zu nichte, -der nichts geringeres wollte, als Maria Stuart ihren Sohn zu -rauben und an ihrer Statt mit dem Papst über England zu herrschen. -Und der Mörder erboste sich, dies edle Land groß und -mächtig zu sehen. Unablässig richtete er seine farblosen Augen dahin -und suchte, wie er es verderben möchte, um danach über die -Welt zu herrschen, die Reformierten auszurotten, sonderlich die -Reichen, und die Güter der Opfer zu erben.</p> - -<p>Aber er lachte nicht.</p> - -<p>Man brachte ihm Mäuse und Ratten in einem eisernen Kasten, -mit hohen Rändern, an einer Seite offen; und er setzte den Boden -des Kastens auf ein starkes Feuer und ergötzte sich daran, zu -sehen und zu hören, wie die armen Tierlein sprangen, schrieen, -ächzten und starben.</p> - -<p>Aber er lachte nicht.</p> - -<p>Dann ging er bleich und mit zitternden Händen in die Arme der -Prinzessin Eboli, um die Glut der Wollust, an der Fackel der -Grausamkeit entzündet, zu löschen.</p> - -<p>Und er lachte nicht.</p> - -<p>Und die Prinzessin Eboli empfing ihn aus Furcht und nicht aus -Liebe.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>42</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer. -Die Bäume am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen -blieben in den Wiesen, dieweil die Dienstleute der Kirchen und -Abteien auf die Felder kamen, um für die Pfarrer und Äbte den -Dreizehnten von der Ernte zu holen. Vom blauen, glühenden und -tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab, und die Natur -schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes Mädchen, -das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist. Die -Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um -nach den Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten, -derweil die Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln -ihnen ihre Beute streitig machten. Vom Boden stieg ein warmer -Dunst auf, der im Licht glänzte und schillerte. Hoch vom Turm -verkündete der Glöckner von Damm durch eine gesprungene -Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und die -Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die -Frauen schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre -Brüder oder Männer mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und -man sah ihre roten Kappen über den Heuhaufen. In der Ferne -ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm der Frauenkirche -hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach:</p> - -<p>„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel antwortete nicht.</p> - -<p>„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht -mein Weib wiedersehen.“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel antwortete nicht.</p> - -<p>„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts -Dich ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit -verbrachtest, noch die teuren Schatten des armen Klas und der -armen Soetkin, der beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig -noch fröhlich; was hat Dir also das Herz ausgedörrt? Sieh -mich an, wie bang und unruhig ich bin, und wie ich trotz meines -Wanstes hüpfe; sieh mich....“</p> - -<p>Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und -das Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm.</p> - -<p>Und Lamm schwieg.</p> - -<p>So wanderten sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damm. -Sie zogen durch die Reiherstraße ein und sahen keine Seele wegen -der Hitze. Die Hunde lagen vor den Türschwellen mit heraushängender -Zunge auf der Seite und gähnten. Lamm und Ulenspiegel -schritten bis zum Rathaus, davor Klas war verbrannt -worden. Ulenspiegels Lippen zitterten noch mehr, und seine -Tränen versiegten. Sie kamen vor Klasens Haus, das ein -Kohlenhändler bewohnte. Er trat ein und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Erkennest Du mich? Ich will mich hier ausruhen.“</p> - -<p>Der Kohlenhändler antwortete:</p> - -<p>„Ich erkenne Dich, Du bist der Sohn des Geopferten. Geh in -diesem Hause, wohin Du willst.“</p> - -<p>Ulenspiegel ging in die Küche, dann in Klasens und Soetkins -Kammer und weinte dort.</p> - -<p>Als er wieder hinuntergestiegen war, sprach der Kohlenhändler -zu ihm:</p> - -<p>„Hier ist Brot, Käse und Bier. So Du Hunger hast, iß; so Du -Durst hast, trinke.“</p> - -<p>Ulenspiegel winkte mit der Hand, daß er weder Hunger noch -Durst habe.</p> - -<p>Dann ging er mit Lamm, der rittlings auf seinem Esel saß, dieweil -Ulenspiegel den seinen am Halfter führte.</p> - -<p>Sie kamen zu Kathelines Hütte, banden ihre Esel an und traten -ein. Es war Essenszeit. Auf dem Tisch standen grüne Bohnen -in der Schale, mit großen weißen Bohnen gemischt. Katheline -aß. Nele stand neben ihr und wollte just eine Essigtunke, die sie -vom Feuer genommen, in Kathelines Napf gießen.</p> - -<p>Da Ulenspiegel eintrat, erschrak sie so, daß sie den Topf mitsamt -der Tunke in Kathelines Napf warf. Diese begann kopfschüttelnd -die Bohnen um den Topf aufzusuchen, schlug sich gegen die -Stirn und sagte wie eine Irre:</p> - -<p>„Nehmt das Feuer fort! Der Kopf brennt!“</p> - -<p>Der Geruch des Essigs machte Lamm hungrig.</p> - -<p>Ulenspiegel blieb stehen und blickte Nele an. Er lächelte liebevoll -inmitten seiner großen Trübsal.</p> - -<p>Und Nele legte ihre Arme um seinen Hals, ohne ihm ein Wort zu -sagen. Auch sie schien närrisch; sie weinte und lachte und errötete -vor großer, süßer Wonne; sie sagte nur immerfort: „Tyll, -Tyll!“ Ulenspiegel betrachtete sie gücklich. Dann ließ sie ihn los, -trat ein wenig zurück, schaute ihn freudig an, stürzte ihm wieder -entgegen und umhalste ihn stürmisch, und so etliche Male. Er -umfaßte sie glückselig und konnte sich nicht von ihr trennen, bis -sie auf einen Stuhl sank, matt und wie von Sinnen; und sie -sagte ohne Scheu:</p> - -<p>„Tyll, Tyll, mein Geliebter, da bist Du wieder!“</p> - -<p>Lamm stand an der Tür. Als Nele sich beruhigt hatte, sagte sie, -auf ihn deutend:</p> - -<p>„Wo hab’ ich diesen dicken Mann gesehen?“</p> - -<p>„Das ist mein Freund,“ sagte Ulenspiegel. „Er begleitet mich -und sucht seine Frau.“</p> - -<p>„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der -Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge -gesehen, allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich -sie gefragt hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen -habe, antwortete sie mir:</p> - -<p>„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen -Buße; aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“</p> - -<p>Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit -Essig an. Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor -und die erschlaffte Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und -Katheline stach mit ihrem Löffel rund um den Topf nach den -weißen Bohnen, den grünen Schoten und der Tunke.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>43</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Zur selbigen Zeit ging ein fünfzehnjähriges Mägdlein allein bei -hellem Tage durch die Dünen von Heyst nach Knokke. Niemand -sorgte sich um sie, denn man wußte, daß die Werwölfe und die -bösen, verdammten Seelen nur bei Nacht beißen. In einem -Beutel trug sie achtundvierzig Silbersous, die vier Karolusgülden -wert waren, welche ihre Mutter, Toria Pieterson, zu -Heyst wohnhaft, ihrem Ohm, Jan Rapen zu Knokke, von einem -Verkauf her schuldete. Das Mägdlein, Betkin genannt, ging, -mit ihren schönsten Kleidern angetan, frohgemut von dannen.</p> - -<p>Am Abend besorgte sich ihre Mutter, da sie nicht heim kam. -Doch sie gedachte, daß sie bei ihrem Oheim genächtigt hätte, und -beruhigte sich.</p> - -<p>Am folgenden Tag zogen Fischer, die mit vollen Netzen vom -Meere zurückkamen, ihr Boot auf den Strand und luden ihre -Fische auf Wagen, um sie wagenweise nach dem Stadtrecht von -Heyst zu verganten. Sie stiegen den mit Muscheln besäeten -Pfad hinan und fanden auf der Düne ein nacktes ausgeplündertes -Mädchen, selbst des Hemdes entblößt; um sie her war Blut. -Da sie nahe kamen, sahen sie an ihrem armen, gebrochenen -Halse die Spuren langer, spitzer Zähne. Sie lag auf dem Rücken, -und ihre Augen waren offen und blickten gen Himmel, und der -Mund war gleicherweise offen, als ob sie in Todesangst schreien -wollte!</p> - -<p>Sie bedeckten des Mägdleins Leichnam mit einem Oberkleid und -trugen ihn nach Heyst ins Rathaus. Alsobald versammelten sich -die Schöffen und der Wundarzt, welcher erklärte, das diese langen -Zähne nicht Wolfszähne wären, wie die Natur sie macht, -sondern die eines schlimmen und höllischen Werwolfs, und daß -man Gott bitten müsse, das Land Flandern zu erlösen.</p> - -<p>Und in der ganzen Grafschaft, sonderlich in Damm, Heyst und -Knokke, wurden Fürbitten und Gebete angeordnet. Und das -Volk stand wehklagend in den Kirchen.</p> - -<p>In der Heyster Kirche, in der des Mägdleins Leiche ausgestellt -war, weinten die Männer und Weiber beim Anblick ihres blutigen, -zerrissenen Halses. Und die Mutter sagte in der Kirche: -„Ich will zum Werwolf gehen und ihn mit den Zähnen töten.“</p> - -<p>Und die Frauen trieben sie weinend an, solches zu tun. Und etliche -sagten:</p> - -<p>„Du wirst nicht wiederkehren.“</p> - -<p>Und sie machte sich mit ihrem Mann und ihren beiden wohlbewaffneten -Brüdern auf, den Wolf in Strand, Düne und Tal zu -suchen, aber sie fanden ihn nicht. Und ihr Mann mußte sie nach -Hause bringen, denn sie hatte sich in der nächtlichen Kälte das -Fieber geholt. Und sie wachten bei ihr und flickten die Netze -für den nächsten Fischzug.</p> - -<p>In Erwägung, daß der Werwolf ein Tier ist, so von Blut lebt -und nicht die Toten plündert, sagte der Amtmann von Damm, -daß ohne Zweifel Diebe, die durch die Dünen streiften, diesem -ihres ungerechten Vorteils wegen nachgingen. Darum ließ er -durch öffentliches Ausschellen bekannt machen, daß männiglich -wohl bewaffnet und mit Knütteln versehen auf alle Bettler und -Tagediebe losgehen, sie gefangen nehmen und visitieren solle, ob -sie in ihren Taschen Goldkarolus oder das eine und andre Stück -von der Kleidung des Opfers hätten. Hernach sollten die rüstigen -Bettler und Tagediebe auf des Königs Galeeren gebracht werden, -die alten und bresthaften aber solle man laufen lassen. Aber man -fand nichts.</p> - -<p>Ulenspiegel ging zum Amtmann und sprach:</p> - -<p>„Ich will den Werwolf umbringen.“</p> - -<p>„Wer gibt Dir Zuversicht?“ fragte der Amtmann.</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. -„Gebt mir Erlaubnis, in der Gemeindeschmiede zu arbeiten.“</p> - -<p>„Du magst es tun,“ sprach der Amtmann.</p> - -<p>Ulenspiegel sagte keinem aus Damm, weder Mann noch Weib, -ein Wort über seinen Anschlag, ging nach der Schmiede und -schmiedete dort insgeheim eine schöne und große Falle, um wilde -Tiere zu fangen.</p> - -<p>Am folgenden Samstag, dem Lieblingstage des Werwolfs, -machte Ulenspiegel sich auf. Er trug einen Brief des Amtmanns -an den Pfarrer von Heyst und die Falle unter seinem -Mantel. Im Übrigen war er mit einer guten Armbrust und -einem wohlgewetzten Dolchmesser bewehrt und sprach zu Denen -von Damm:</p> - -<p>„Ich will Möwen jagen und aus ihren Daunen der Frau Amtmännin -Kopfkissen machen.“</p> - -<p>Auf dem Wege nach Heyst kam er auf den Strand und hörte die -hohle See große Wogen mit Donnergebrüll rollen; und der Wind, -der von Engelland blies, heulte im Tauwerk der gescheiterten -Schiffe. Ein Fischer sprach zu ihm:</p> - -<p>„Dieser böse Wind ist unser Schade. Diese Nacht war das Meer -still, aber nach Sonnenaufgang hat es sich jählings empört. -Wir können nicht zum Fischfang hinaus.“</p> - -<p>Ulenspiegel war froh, denn er war solcherart sicher, in der Nacht -Hülfe zu finden, wenn es not tat.</p> - -<p>In Heyst ging er zum Pfarrer und gab ihm des Amtmanns -Brief.</p> - -<p>Der Pfarrer sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du bist kühn, allein wisse, daß keiner am Samstag Abend allein -durch die Dünen geht, der nicht gebissen und tot auf dem Sande -gelassen wird. Die Deicharbeiter und andere wollen nur in Scharen -gehen. Der Abend sinkt. Hörst Du den Werwolf im Tal -heulen? Wird er wiederum, wie in der verwichenen Nacht, auf -dem Kirchhof die ganze Nacht entsetzlich schreien? Gott sei -mit Dir, mein Sohn, aber geh nicht dorthin.“</p> - -<p>Und der Pfarrer bekreuzte sich.</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Der Pfarrer sagte:</p> - -<p>„Dieweil Du so tapferen Willen hast, will ich Dir beistehen.“</p> - -<p>„Herr Pfarrer,“ sprach Ulenspiegel, „Ihr tätet an mir und dem -armen, untröstlichen Lande ein löbliches Werk, wenn Ihr zu -Toria, des Mädchens Mutter, und desgleichen zu ihren beiden -Brüdern ginget, um ihnen zu sagen, daß der Wolf in der Nähe -ist und daß ich ihn erwarten und töten will.“</p> - -<p>Der Pfarrer sagte:</p> - -<p>„Wenn Du noch nicht weißt, auf welchem Wege Du Dich aufstellen -sollst, so halte Dich auf dem, der zum Kirchhof führt. Er ist -zwischen zwei Ginsterhecken, nicht breit genug für zwei Männer.“</p> - -<p>„Ich werde mich dort aufstellen,“ versetzte Ulenspiegel. „Und -Ihr, wackerer Herr Pfarrer, Helfer bei der Befreiung, befehlt -und gebietet der Mutter des Mägdleins, ihrem Mann und ihren -Brüdern, sich vor der Nachtstunde wohlbewaffnet in der Kirche -einzufinden. Wenn sie den Schrei der Möwe hören, so heißt das, -daß ich den Werwolf gesehen habe. Sie müssen sogleich die -Sturmglocke läuten und mir zu Hülfe kommen. Und wenn noch -andere tapfere Männer da sind ...?“</p> - -<p>„Es sind keine da, mein Sohn,“ antwortete der Pfarrer. „Die -Fischer fürchten den Werwolf mehr als Pest und Tod. Aber geh -nicht hin.“</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen.“</p> - -<p>Drauf sprach der Pfarrer:</p> - -<p>„Ich werde tun, wie Du begehrst. Sei gesegnet. Hast Du -Hunger oder Durst?“</p> - -<p>„Beides,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.</p> - -<p>Der Pfarrer gab ihm Bier, Brot und Käse.</p> - -<p>Ulenspiegel trank, aß und machte sich auf den Weg.</p> - -<p>Unterwegs, da er die Augen aufhob, sah er seinen Vater Klas -in der Herrlichkeit zur Seite Gottes im Himmel, wo der helle -Mond schien, und er betrachtete das Meer und die Wolken, und -er hörte den Sturmwind von Engelland wehen.</p> - -<p>„Wehe,“ sprach er, „Ihr schwarzen, raschen Wolken, Ihr seid -wie die Rache auf den Fersen des Mordes. Du grollendes -Meer, Du Himmel, der sich schwärzt wie der Höllenschlund, Ihr -Wogen mit feurigem Schaum, die Ihr über das düstere Wasser -laufet und ungeduldig und zornig zahllose feurige Tiere, Ochsen, -Schafe, Pferde und Schlangen schleudert, so sich über die Flut -wälzen oder sich emporrecken und Flamenregen speien, pechschwarzes -Meer, schwarzumflorter Himmel, flammt mit mir, den Werwolf, -den schlimmen Mädchenmörder, zu bekämpfen. Und Du -Wind, der Du kläglich im Dünengras und im Takelwerk der -Schiffe heulst, Du bist die Stimme der Opfer, die Gott um -Rache anrufen, der mir bei diesem Unterfangen beistehen möge.“</p> - -<p>Und er stieg in das Tal hinab und schwankte auf seinen Naturstützen, -als ob er ein Saufgelage im Kopf und den Magen mit -Kohl überladen hätte. Und er sang rülpsend, taumelnd und -spuckend, stand still und stellte sich, als ob er sich erbräche. Aber -in Wahrheit machte er die Augen auf, um alles um sich her wohl -zu betrachten, als er plötzlich ein gellendes Geheul hörte und -beim Schein des hellen Mondes die lange Gestalt eines Wolfes -gegen den Kirchhof laufen sah.</p> - -<p>Wiederum taumelnd, trat er auf den Fußsteig, der zwischen den -Ginsterbüschen gebahnt war. Dort tat er, als ob er fiele, und -stellte die Falle nach der Seite auf, von wo der Wolf kam, lud -seine Armbrust und ging zehn Schritt weiter in der Haltung -eines Trunkenen, immerdar taumelnd, rülpsend und würgend. -Aber in Wahrheit spannte er seinen Geist wie einen Bogen und -hielt Augen und Ohren weit offen.</p> - -<p>Und er sah nichts als die Wolkengebilde, die wie toll über den -Himmel jagten, und eine breite, dicke, kurze, schwarze Gestalt, -die auf ihn zukam. Und er vernahm nichts als das klagende -Heulen des Windes, das Donnergrollen des Meeres und das -Knirschen der Muscheln des Meeres unter einem schweren, springenden -Schritt.</p> - -<p>Er tat, als wollte er sich setzen, und fiel schwer wie ein Trunkenbold -auf den Weg. Und er spie aus.</p> - -<p>Dann hörte er zwei Schritte von seinem Ohr ein Klirren von -Eisenwerk, dann das Zuklappen der Falle und den Schrei eines -Menschen.</p> - -<p>„Der Werwolf hat seine Vorderpfoten in der Falle,“ sprach er. -„Er erhebt sich heulend, schüttelt das Eisen und möchte laufen. -Aber er wird nicht entkommen.“</p> - -<p>Und er schoß ihm mit der Armbrust einen Bolzen in die Beine.</p> - -<p>„Jetzt fällt er getroffen zu Boden.“</p> - -<p>Und er schrie wie eine Möwe.</p> - -<p>Plötzlich läutete die Kirchenglocke Sturm und eine helle Knabenstimme -rief im Dorfe:</p> - -<p>„Erwacht, Ihr Schläfer, der Werwolf ist gefangen.“</p> - -<p>„Lob sei Gott,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Toria, Betkins Mutter, Lansaem, ihr Mann, Josse und Michiel, -ihre Brüder, kamen zuerst mit Laternen.</p> - -<p>„Ist er gefangen?“ fragten sie.</p> - -<p>„Schaut auf den Weg,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Gott sei gelobt!“ sagten sie.</p> - -<p>Und sie bekreuzten sich.</p> - -<p>„Wer läutet da?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>Lansaem antwortete:</p> - -<p>„Das ist mein Ältester; der Jüngste läuft durch das Dorf, pocht -an die Türen und ruft, daß der Wolf gefangen ist. Dir sei Lob -und Dank!“</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Plötzlich redete der Werwolf und sprach:</p> - -<p>„Hab Erbarmen mit mir, Erbarmen, Ulenspiegel.“</p> - -<p>„Der Wolf spricht,“ sagten sie, sich alle bekreuzend. „Er ist ein -Teufel und kennt schon Ulenspiegels Namen.“</p> - -<p>„Hab Erbarmen, Erbarmen,“ sagte die Stimme. „Heiße die -Glocke schweigen; sie läutet für die Toten. Erbarmen, ich bin -kein Wolf. Meine Handgelenke sind von der Falle durchbohrt; -ich bin alt und blute, Erbarmen! Was ist das für eine helle -Kinderstimme, die das Dorf aufweckt? Erbarmen!“</p> - -<p>„Dich hört ich schon früher sprechen“, sagte Ulenspiegel ungestüm. -„Du bist der Fischhändler, Klasens Mörder, der Vampir der -armen Mägdlein. Gevatter und Gevatterinnen, habet keine -Furcht. Es ist der Älteste, der nämliche, durch den Soetkin vor -Kummer starb.“</p> - -<p>Und mit der einen Hand hielt er ihn am Hals unterm Kinn, mit -der andern zog er sein Dolchmesser.</p> - -<p>Aber Toria, Betkins Mutter, hielt ihn zurück.</p> - -<p>„Fangt ihn lebendig,“ schrie sie.</p> - -<p>Und sie riß ihm seine weißen Haare in Büscheln aus und zerfleischte -sein Gesicht mit ihren Nägeln.</p> - -<p>Und sie heulte vor grimmer Wut.</p> - -<p>Mit den Händen in der Falle, sprang der Werwolf vor heftigem -Schmerz auf dem Wege herum.</p> - -<p>„Erbarmen,“ sprach er, „Erbarmen, bringt dies Weib fort. Ich -werde zwei Karolus geben. Zerbrecht die Glocken! Wo sind die -schreienden Kinder?“</p> - -<p>„Lasset ihn am Leben!“ schrie Toria, „damit er büßt! Die -Sterbeglocken, die Sterbeglocken für Dich, Mörder. Bei langsamen -Feuer mit glühenden Zangen! Laßt ihn leben, damit -er büßt!“</p> - -<p>Inzwischen hatte Toria ein Waffeleisen mit langen Armen vom -Weg aufgehoben. Sie betrachtete es beim Fackelschein und sah -innen auf den beiden Eisenplatten tief eingegrabene Rauten nach -Brabanter Art; des Weiteren war es wie ein eiserner Rachen -mit langen, spitzen Zähnen versehen. Wenn sie es öffnete, war es -wie der Rachen ein Windspiels.</p> - -<p>Da Toria das Waffeleisen hielt, es auf und zu klappte und das -Metall klirren ließ, schien sie von männlicher Raserei betört. -Sie knirschte mit den Zähnen, röchelte wie eine Sterbende und -ächzte, gepeinigt von glühendem Rachedurst. Sie quetschte den -Gefangenen mit dem Gerät an den Armen, Beinen und überall, -in Sonderheit aber am Halse, und allemal, wenn sie ihn quetschte, -sagte sie:</p> - -<p>„So tat er mit den eisernen Zähnen bei Betkin. Er büßt. Blutest -Du, Mörder? Gott ist gerecht. Die Sterbeglocken! Betkin -ruft mich zur Rache. Fühlst Du die Zähne, das ist Gottes -Rachen!“</p> - -<p>Und ohne Unterbrechung noch Erbarmen quetschte sie ihn und -schlug ihn mit dem Waffeleisen, wenn sie nicht quetschen konnte. -Und ihrer großen Ungeduld halber tötete sie ihn nicht.</p> - -<p>„Übt Barmherzigkeit“, schrie der Gefangene. „Ulenspiegel, erstich -mich mit dem Messer, dann sterb’ ich schneller. Nehmt dies -Weib fort. Zerbrich die Totenglocken, töte die schreienden -Kinder.“</p> - -<p>Und Toria zerhackte ihn immerfort, bis ein alter Mann, der -Mitleid hatte, ihr das Waffeleisen aus den Händen nahm.</p> - -<p>Da spie Toria den Werwolf ins Gesicht, riß ihm die Haare aus -und sagte dabei: „Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen -wirst Du büßen! Meine Nägel an Deine Augen!“</p> - -<p>Auf das Gerücht hin, daß der Werwolf ein Mensch und kein -Teufel sei, waren derweil alle Fischer, Bauern und Weiber von -Heyst herbeigekommen. Etliche trugen Laternen und brennende -Fackeln. Und alle schrieen:</p> - -<p>„Mörderischer Dieb, wo verbirgst Du das Gold, das Du den -armen Opfern stahlest? Er soll alles herausgeben.“</p> - -<p>„Ich habe keins; habt Erbarmen,“ sagte der Fischhändler.</p> - -<p>Und die Weiber warfen ihn mit Steinen und Sand.</p> - -<p>„Er büßt, er büßt!“ schrie Toria.</p> - -<p>„Erbarmen“, ächzte er. „Mein Blut fließt und durchnäßt mich. -Erbarmen!“</p> - -<p>„Dein Blut,“ sprach Toria. „Dir wird noch genug verbleiben, -um zu büßen. Legt Balsam auf seine Wunden. Mit abgehauener -Hand, bei langsamen Feuer und glühenden Zangen soll er büßen, -büßen!“ Und sie wollte ihn schlagen.</p> - -<p>Dann fiel sie bewußtlos, wie tot, auf den Sand; und man ließ -sie liegen, bis sie wieder zu sich kam.</p> - -<p>Indessen hatte Ulenspiegel die Hände des Gefangenen aus der -Falle losgemacht und sah, daß an der rechten Hand drei Finger -fehlten.</p> - -<p>Und er befahl, ihn festzubinden und in einen Fischerkorb zu legen. -Männer, Weiber und Kinder trugen abwechselnd den Korb. -So zogen sie nach Damm, um dort Gerechtigkeit zu fordern. Und -sie trugen Fackeln und Laternen.</p> - -<p>Und der Fischhändler sagte unaufhörlich: „Zerschlagt die Glocken, -tötet die schreienden Kinder!“</p> - -<p>Und Toria sagte: „Er soll büßen, bei langsamen Feuer und -glühenden Zangen soll er büßen.“</p> - -<p>Dann waren alle beide still. Und Ulenspiegel hörte nichts mehr -als Torias stoßweises Atmen, den schweren Tritt der Männer -auf dem Sand und das Meer, das wie Donner grollte.</p> - -<p>Und Trauer im Herzen, betrachtete er die Wetterwolken, die -wie toll über den Himmel jagten, die See, auf der man feurige -Schafe erblickte, und beim Schimmer der Fackeln und Laternen -das fahle Gesicht des Fischhändlers, der ihn mit grausamen -Augen ansah.</p> - -<p>Und die Asche brannte auf seinem Herzen.</p> - -<p>Und vier Stunden lang marschierten sie bis Damm, allwo das -Volk in Menge versammelt war, denn man hatte schon Kunde -erhalten. Alle wollten den Fischhändler sehen, und schreiend, -singend und tanzend, folgten sie der Fischerschar und sagten:</p> - -<p>„Der Werwolf ist gefangen, er ist gefangen, der Mörder! Gesegnet -sei Ulenspiegel. Lang lebe unser Bruder Ulenspiegel!“</p> - -<p>Und es war wie ein Volksaufstand.</p> - -<p>Da sie vor des Amtmanns Haus kamen, trat dieser heraus und -sagte zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Du bist der Sieger. Dir sei Lob und Dank!“</p> - -<p>„Klasens Asche brannte auf meinem Herzen,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Darauf sprach der Amtmann:</p> - -<p>„Du sollst die halbe Erbschaft des Mörders haben.“</p> - -<p>„Gebet den Opfern,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Lamm und Nele kamen. Nele lachte und weinte vor Freude und -küßte ihren Freund Ulenspiegel. Lamm sprang schwerfällig in -die Luft, klopfte ihm auf den Bauch und sagte:</p> - -<p>„Dieser ist tapfer, treu und rechtschaffen. Er ist mein lieber Geselle; -Ihr habt nicht seines Gleichen, Ihr Leute vom platten -Lande.“</p> - -<p>Aber die Fischer lachten und spotteten seiner.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>44</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Sturmglocke läutete am nächsten Tage, um Amtmann, -Schöffen und Gerichtsschreiber zur „Vierschare“ zu rufen: zum -Gericht auf den vier Rasenbänken unter dem Gerichtsbaum, -welcher eine schöne Linde war. Ringsum stund das gemeine -Volk. Der Fischhändler wollte im Verhör nichts bekennen, selbst -nicht, als man ihm die drei Finger vorwies, die der Soldat abgeschnitten -hatte und die an seiner rechten Hand fehlten. Er -sagte immerdar:</p> - -<p>„Ich bin arm und alt, übt Barmherzigkeit.“</p> - -<p>Doch das gemeine Volk höhnte ihn und sprach:</p> - -<p>„Du bist ein alter Wolf, ein Kinderschlächter; habt kein Mitleid, -Ihr Herren Richter.“</p> - -<p>Die Weiber sagten:</p> - -<p>„Sieh uns nicht mit Deinen kalten Augen an, Du bist ein Mensch -und kein Teufel. Wir fürchten Dich nicht. Grausame Bestie, -feiger als eine Katze, die die Vöglein im Neste verspeist, Du -tötest die armen Mägdlein, die ihr zartes Leben in Ehrbarkeit -zu leben begehrten.“</p> - -<p>„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen“, -schrie Toria.</p> - -<p>Und den Gemeindebütteln zum Trotz hetzten die Mütter die -Buben auf, den Fischhändler mit Steinen zu werfen. Und sie -taten es gern, höhnten ihn jedesmal, wenn er sie ansah, und -schrieen immerfort: „Blutsauger, schlagt ihn tot!“</p> - -<p>Und Toria schrie ohne Unterlaß:</p> - -<p>„Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen!“</p> - -<p>Und das Volk murrte.</p> - -<p>„Sehet,“ sprachen die Weiber untereinander „wie es ihn friert -in der hellen Sonne, die am Himmel leuchtet und bescheint seine -weißen Haare und sein Gesicht, das Toria zerfleischt hat.“</p> - -<p>„Und er zittert vor Schmerz.“</p> - -<p>„Das ist Gottes Gericht.“</p> - -<p>„Er steht mit kläglicher Miene da.“</p> - -<p>„Seht seine Mörderhände! Sie sind ihm vorn zusammengebunden -und bluten von den Wunden der Falle.“</p> - -<p>„Er soll büßen, büßen!“ schrie Toria.</p> - -<p>Er sagte jammernd: „Ich bin arm, laßt mich frei!“</p> - -<p>Und jeder, selbst die Richter, lachten ihn aus, als sie das hörten. -Er weinte zum Schein, um Mitleid zu erregen. Und die Frauen -lachten.</p> - -<p>In Anbetracht hinlänglicher Beweise ward er verurteilt, auf die -Folter gespannt zu werden, bis er bekannt hätte, wie er zu töten -pflegte, woher er gekommen, wo das den Opfern geraubte Gut -sei und wo er sein Gold versteckt hätte.</p> - -<p>Da er in der Marterkammer war, mit zu engen Stiefeln aus -neuem Leder angetan, und der Amtmann ihn fragte, wie Satan -ihm so schwarze Anschläge und so schändliche Verbrechen eingegeben -habe, antwortete er:</p> - -<p>„Ich selbst bin Satan, mein natürlich Wesen. Von häßlichem -Aussehen und zu allen körperlichen Übungen ungeschickt, ward -ich schon als ein kleines Kind von jedermann für einen Tropf -gehalten und oftmals geschlagen. Nicht Knabe noch Mägdlein -hatte Mitleid mit mir. In meiner Jugend wollte mich keine, -selbst nicht für Geld. Da faßte ich kalten Haß gegen alle vom -Weibe geborne Kreatur. Darum zeigte ich Klas an, den jedermann -liebte. Und ich liebte einzig das Geld, das war meine -weiße oder goldene Geliebte; ich fand Nutzen und Vergnügen -daran, Klas in den Tod zu treiben. Hernach mußte ich noch -mehr als zuvor gleich einem Wolf leben, und ich träumte vom -Beißen. Als ich durch Brabant kam, sah ich dort die Waffeleisen -dieses Landes und dachte, daß ihrer eins mir ein guter -eiserner Rachen sein würde. Hielte ich Euch doch am Kragen, -Ihr bösen Tiger, die Ihr Euch an den Qualen eines Greises -ergötzt! Ich würde Euch mit größerer Lust beißen als den -Soldaten und das Mägdlein. Denn da ich es in seinem Liebreiz -auf dem Sande in der Sonne schlafen sah, das Säcklein -mit Geld in den Händen haltend, war Liebe und Mitleid in -mir. Aber da ich mich zu alt fühlte und sie nicht besitzen konnte, -biß ich sie ...“</p> - -<p>Auf des Amtmanns Frage, wo er wohne, antwortete der Gefangene:</p> - -<p>„In Ramskapelle, von wo ich nach Blankenberghe, Heyst, ja -selbst nach Knokke gehe. An den Sonn- und Kirmestagen mache -ich in allen Dörfern Waffeln nach Brabanter Art, mit diesem -Gerät hier. Und es ist immer sauber und wohl eingefettet. Und -diese ausländische Neuheit ward gut aufgenommen. So es Euch -gefällt, noch mehr davon zu erfahren, und wie es zuging, daß -niemand mich erkennen konnte, so will ich Euch sagen, daß ich mir -tags das Gesicht schminkte und meine Haare rot färbte. Was -das Wolfsfell anlangt, auf das Ihr mit Eurem grausamen -Finger weiset, dieweil Ihr mich verhört, so will ich Euch zum -Trotze sagen, daß es von zwei Wölfen stammt, die ich in den -Forsten von Raveschoot und Maldeghen geschossen habe. Ich -brauchte nur die Häute zusammenzunähen, um mich damit zu -bedecken. Ich verbarg sie in meiner Kiste in den Heyster Dünen. -Da sind auch die Kleidungsstücke, die ich gestohlen, um sie später -bei guter Gelegenheit zu verkaufen.“</p> - -<p>„Nehmt ihn vom Feuer fort,“ sagte der Amtmann.</p> - -<p>Der Henker gehorchte.</p> - -<p>„Wo ist dein Gold?“ fragte wiederum der Amtmann.</p> - -<p>„Der König wird es nicht erfahren,“ antwortete der Fischhändler.</p> - -<p>„Versengt ihn stärker mit den brennenden Lichten. Bringt ihn -näher ans Feuer,“ sagte der Amtmann.</p> - -<p>Der Henker gehorchte, und der Gefangene schrie:</p> - -<p>„Ich will nichts sagen. Ich habe schon zu viel geredet: Ihr -werdet mich verbrennen. Ich bin kein Zauberer, warum setzt -Ihr mich wieder ans Feuer? Meine Füße bluten vom vielen -Brennen. Ich werde nichts sagen. Warum noch näher? Sie -bluten, sag ich Euch, sie bluten. Diese Stiefel sind Schienen von -glühendem Eisen. Mein Gold? Wohlan, mein einziger Freund -in dieser Welt, es ist ... bringt mich vom Feuer fort; es ist in -meinem Keller in Ramskapelle in einem Kasten ... lasset es mir. -Gnade und Erbarmen, Ihr Herren Richter! Verfluchter Henker, -nimm die Lichte fort ... Er brennt mich stärker ... Es ist in -einem Kasten mit doppeltem Boden, in Wolle eingewickelt, damit -man kein Geräusch hört, wenn der Kasten geschüttelt wird. Nun -habe ich alles gesagt; nehmt mich fort.“</p> - -<p>Da er vom Feuer fortgenommen war, lächelte er boshaft.</p> - -<p>Der Amtmann fragte ihn warum.</p> - -<p>„Aus Freude, erlöst zu sein,“ antwortete er.</p> - -<p>Der Amtmann sagte zu ihm:</p> - -<p>„Hat keiner Dich gebeten, Dein gezahntes Waffeleisen zu zeigen?“</p> - -<p>Der Fischhändler antwortete:</p> - -<p>„Man sah, daß es gleich allen andern war, nur daß es Löcher -hat, in die ich die Eisenzähne einschraubte. Bei Tagesanbruch -nahm ich sie heraus. Die Bauern ziehen meine Waffeln denen -andrer Händler vor und heißen sie: <span class="antiqua">Waefels met brabandsche -Knopen</span>, Waffeln mit Brabanter Knöpfen, weil die leeren Löcher, -wenn die Zähne herausgenommen sind, kleine Halbkugeln wie -Knöpfe bilden.“</p> - -<p>Aber der Amtmann darauf:</p> - -<p>„Wann packtest Du die armen Opfer?“</p> - -<p>„Bei Tag und Nacht. Bei Tage streifte ich durch die Dünen -und auf den Landstraßen und stand mit meinem Waffeleisen auf -der Lauer, sonderlich des Samstags, dem Tag des großen Brügger -Markts. Sah ich irgend einen Bauer trübsinnig daherschlendern, -so ließ ich ihn gehen, denn ich vermeinte, daß er wohl an -Schwindsucht des Geldbeutels leide. Aber ich ging Dem zur -Seite, den ich lustig wandern sah, und wenn er des nicht gewärtig -war, biß ich ihn in den Hals und nahm seinen Säckel. Und -nicht allein in den Dünen, sondern auf allen Stegen und Wegen -des platten Landes.“</p> - -<p>Darauf sprach der Amtmann:</p> - -<p>„Bereue und bete zu Gott.“</p> - -<p>Aber der Fischhändler lästerte:</p> - -<p>„Der Herrgott hat mich so gewollt, wie ich bin. Ich tat alles -wider Willen, durch den Zwang der Natur getrieben. Ihr bösen -Tiger, Ihr bestraft mich ungerecht. Aber verbrennt mich nicht ... -Ich tat alles wider Willen. Habt Erbarmen, ich bin arm und -alt; ich werde an meinen Wunden sterben, verbrennt mich nicht.“ -Nunmehr ward er zur „Vierschare“ unter die Linde gebracht, -um dort vor versammeltem Volk sein Urteil zu vernehmen.</p> - -<p>Als abscheulicher Mörder, Dieb und Gotteslästerer ward er verurteilt, -daß ihm die Zunge mit glühendem Eisen durchbohrt, die -rechte Hand abgeschnitten, und er bei langsamem Feuer lebendig -verbrannt werden sollte, bis der Tod einträte, und dies vor den -Gitterfenstern des Rathauses.</p> - -<p>Und Toria schrie:</p> - -<p>„Das ist Gerechtigkeit! Er büßt!“</p> - -<p>Und das Volk rief:</p> - -<p>„<span class="antiqua">Lang leven de Heeren van de wet</span>, langes Leben den Herren -Richtern!“</p> - -<p>Er ward ins Gefängnis zurückgebracht, wo man ihm Fleisch und -Wein gab. Und er wurde guter Dinge und sagte, daß er dergleichen -bis zur Stunde nie gegessen noch getrunken habe; aber -der König, der sein Vermögen erbe, könnte ihm wohl diese letzte -Mahlzeit bezahlen.</p> - -<p>Und er lachte bitter.</p> - -<p>Am nächsten Tage bei Morgengrauen, da man ihn zur Richtstatt -führte, sah er Ulenspiegel neben dem Scheiterhaufen stehen -und rief, mit dem Finger auf ihn deutend:</p> - -<p>„Jener dort, der Greisenmörder, muß gleichfalls sterben. Vor -zehn Jahren warf er mich in den Brügger Kanal, weil ich seinen -Vater verklagt hatte. Hierin diente ich Seiner Katholischen -Majestät als getreuer Untertan.“</p> - -<p>Das Armesünderglöcklein der Frauenkirche läutete.</p> - -<p>„Auch für Dich läutet die Glocke,“ sagte er zu Ulenspiegel. „Du -wirst gehenkt werden, denn Du hast getötet.“</p> - -<p>„Der Fischhändler lügt,“ schrien alle, so dem gemeinen Volk angehörten; -„er lügt, der mörderische Henker.“</p> - -<p>Wie eine Verrückte warf Toria ihn mit einem Stein, der ihn an -der Stirn verletzte, und schrie:</p> - -<p>„Wenn er Dich ersäuft hätte, so hättest Du nicht gelebt, um als -ein blutsaugender Vampir mein armes Töchterlein zu beißen.“</p> - -<p>Ulenspiegel blieb stumm; Lamm sagte:</p> - -<p>„Hat einer ihn den Fischhändler ins Wasser werfen sehen?“</p> - -<p>Ulenspiegel gab keine Antwort.</p> - -<p>„Nein, nein,“ schrie das Volk, „er hat gelogen, der Henker!“</p> - -<p>„Nein, ich habe nicht gelogen,“ schrie der Fischhändler; „er warf -mich hinein, dieweil ich ihn anflehte, mir zu vergeben. Doch -ich hielt mich an einem am Ufer verankerten Kahn fest und -rettete mich. Durchnäßt und fröstelnd, erreichte ich mit Mühe -meine armselige Behausung. Dort bekam ich das Fieber, keiner -pflegte mich, und ich vermeinte zu sterben.“</p> - -<p>„Du lügst,“ sagte Lamm, „keiner hat es gesehen.“</p> - -<p>„Nein, keiner hat es gesehen!“ schrie Toria. „Ins Feuer mit dem -Henker. Vorm Sterben muß er noch ein unschuldiges Opfer -haben; ins Feuer, auf daß er büße! Er hat gelogen. Wenn Du -es getan hast, gestehe nichts, Ulenspiegel. Er hat keine Zeugen. -Bei langsamem Feuer und glühenden Zangen soll er büßen.“</p> - -<p>„Hast Du den Mord begangen?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Ich habe Klasens mörderischen Ankläger ins Wasser geworfen. -Meines Vaters Asche brannte auf meinem Herzen.“</p> - -<p>„Er gesteht,“ sagte der Fischhändler, „er wird auch sterben. -Wo ist der Galgen, daß ich ihn sehe? Wo ist der Henker mit -dem Schwert der Gerechtigkeit? Das Armesünderglöcklein läutet -für Dich, Taugenichts, Greisenmörder.“</p> - -<p>Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Ich habe Dich ins Wasser geworfen, um Dich umzubringen. Die -Asche brannte auf meinem Herzen.“</p> - -<p>Und die Weiber im Volk sagten:</p> - -<p>„Warum gestehst Du’s, Ulenspiegel? Niemand hat es gesehen; -jetzt mußt Du sterben.“</p> - -<p>Und der Gefangene lachte und sprang vor boshafter Freude und -schwenkte seine gefesselten, mit blutigen Binden bedeckten Arme.</p> - -<p>„Er wird sterben,“ sagte er, „und von der Erde zur Hölle -fahren als Lump, Dieb und Taugenichts, mit dem Strick um den -Hals wird er sterben; Gott ist gerecht.“</p> - -<p>„Er wird nicht sterben,“ sagte der Amtmann. „Nach zehn Jahren -ist der Mord auf flandrischem Boden verjährt. Ulenspiegel hat -eine schlechte Tat begangen, aber aus kindlicher Liebe. Ulenspiegel -wird über diesen Fall nicht verhört werden.“</p> - -<p>„Es lebe das Gesetz,“ rief das Volk.</p> - -<p>Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten. Und der Gefangene -knirschte mit den Zähnen, senkte den Kopf und weinte seine -erste Träne.</p> - -<p>Die Hand wurde ihm abgehackt und die Zunge mit glühenden -Eisen durchbohrt, und er ward bei langsamem Feuer vor den -Gitterfenstern des Rathauses verbrannt.</p> - -<p>Im Verscheiden rief er:</p> - -<p>„Der König wird mein Gold nicht bekommen; ich habe gelogen -... Ihr grausamen Tiger, ich werde wiederkommen und Euch -beißen.“</p> - -<p>Und Toria schrie:</p> - -<p>„Er büßt, er büßt! Die Arme und Beine, die zum Mord eilten, -krümmen sich. Der Körper des Schlächters raucht. Sein -weißes Hyänenhaar brennt auf seiner bleichen Fratze. Er büßt! -Er büßt!“</p> - -<p>Und mit wölfischem Geheul starb der Fischhändler.</p> - -<p>Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.</p> - -<p>Und Lamm und Ulenspiegel bestiegen wieder ihre Esel.</p> - -<p>Nele blieb betrübten Herzens bei Katheline, die ohne Unterlaß -sagte:</p> - -<p>„Nehmt das Feuer fort! Mein Kopf brennt, Hanske, mein -Buhle, komm wieder!“</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Viertes_Buch">Viertes Buch</h2> -</div> - -<hr class="full newpage" /> -<h3>1</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Von den Dünen von Heyst aus sahen Ulenspiegel und Lamm -viele Fischerboote von Ostende, Blankenberghe und Knokke kommen, -die voll Bewaffneter waren und den Geusen von Zeeland -folgten, welche am Hut den silbernen Halbmond mit der Inschrift -tragen: „Lieber dem Türken denn dem Papst dienen.“</p> - -<p>Ulenspiegel ist frohgemut und trillert wie eine Lerche; von allen -Seiten antwortet der kriegerische Trompetenton des Hahnes.</p> - -<p>Die Bootsleute rudern oder fischen und verkaufen ihre Fische, -und ein Boot nach dem andern legt in Emden an. Dort weilt -Guillaume de Bois, welcher im Auftrage des Prinzen von Oranien -ein Schiff ausrüstet.</p> - -<p>Ulenspiegel und Lamm kommen nach Emden, dieweil die Geusenschiffe -auf Très-Long’s Befehl wieder das offene Meer gewinnen.</p> - -<p>Très-Long, der seit elf Wochen in Emden lag, ward von Ungeduld -verzehrt. Er ging vom Schiff an Land und vom Land -aufs Schiff, gleich einem Bären an der Kette.</p> - -<p>Ulenspiegel und Lamm spazieren am Hafendamm umher und -erblicken allda einen fürnehmen Herrn mit biedrem Gesicht, der -ein wenig Trübsal bläst und geschäftig ist, mit einem Spieß einen -Pflasterstein des Hafendammes herauszubohren. Es gelang nicht, -aber er versuchte dennoch, das Unternehmen zu gutem Ende zu -führen, dieweil hinter ihm ein Hund einen Knochen benagte.</p> - -<p>Ulenspiegel nähert sich dem Hund und tut, als wolle er ihm den -Knochen rauben. Der Hund knurrt. Ulenspiegel läßt nicht -nach und der Hund vollführt ein heftiges Gebell.</p> - -<p>Der Herr dreht sich bei dem Lärm um und spricht zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Was hast Du davon, dieses Tier zu quälen?“</p> - -<p>„Was habt Ihr davon, Herr, dieses Pflaster zu quälen?“</p> - -<p>„Das ist nicht das gleiche,“ sagt der Herr.</p> - -<p>„Der Unterschied ist nicht groß,“ entgegnet Ulenspiegel. „Dieser -Hund hält an seinem Knochen fest und will ihn behalten; dieser -Pflasterstein hält an seinem Damm fest und will dort bleiben, -und es ist das Mindeste, daß unsereins sich mit einem Hund abgibt, -wenn Leute wie Ihr sich mit einem Pflasterstein beschäftigen.“</p> - -<p>Lamm stand hinter Ulenspiegel und wagte nicht zu reden.</p> - -<p>„Wer bist Du?“ fragte der Herr.</p> - -<p>„Ich bin Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, der für den Glauben -in den Flammen starb.“</p> - -<p>Und er sang wie eine Lerche, und der Herr krähte wie ein Hahn.</p> - -<p>„Ich bin der Admiral Très-Long,“ sprach er; „was willst Du -von mir?“</p> - -<p>Ulenspiegel erzählte ihm seine Abenteuer und gab ihm fünfhundert -Karolus.</p> - -<p>„Wer ist dieser Dicke?“ fragte Très-Long und deutete mit dem -Finger auf Lamm.</p> - -<p>„Mein Geselle und Freund,“ antwortete Ulenspiegel. „Er will -gleich mir seine Büchse, die eine gar liebliche Stimme hat, auf -Deinem Schiffe das Lied von der Befreiung des Vaterlandes -singen lassen.“</p> - -<p>„Ihr seid beide wackre Leute,“ sagte Très-Long, „und sollt auf -meinem Schiffe hinaus fahren.“</p> - -<p>Es war im Februar: scharf war der Wind, stark der Frost. -Nach drei Wochen verdrießlichen Wartens verläßt Très-Long -Emden wider Willen. Mit der Absicht, in den Hafen Texel einzulaufen, -segelt er von Vlinland ab, ist aber gezwungen, Wieringen -anzulaufen, wo sein Schiff vom Eis eingeschlossen wird.</p> - -<p>Bald gab es ringsum ein lustiges Schauspiel: Schlitten und -Schlittschuhläufer, in Sammet gekleidet, Schlittschuhläuferinnen, -in Jacken und Röcken, so mit Gold, Perlen und scharlachroter -und himmelblauer Seide bestickt waren: Knaben und Mägdlein -kamen und gingen, glitschten, lachten, liefen in langer Reihe -hintereinander, oder paarweise und sangen das Lied der Liebe -auf dem Eise. Oder sie gingen in die mit Fahnen geschmückten -Buden und aßen und tranken Branntwein, Orangen, Feigen, -Pfefferkuchen, Schollen, Eier, warme Gemüse und Schmalzkuchen -oder <span class="antiqua">Eetekoeken</span>, das sind Krapfen, und Gemüse in Essig, -dieweil ringsum Schlitten und Segelschlitten mit ihren Schnäbeln -knirschend über das Eis hinfuhren.</p> - -<p>Lamm suchte seine Frau und lief auf Schlittschuhen umher wie -die lustigen Männlein und Weiblein; aber er fiel oftmals hin. -Inzwischen ging Ulenspiegel in eine kleine Herberge am Hafen, -um Speise und Trank zu sich zu nehmen; dort brauchte er seine -Portion nicht teuer zu bezahlen, und er schwatzte gern mit der -alten Wirtin.</p> - -<p>Eines Sonntags gegen neun Uhr kehrte er dort ein und begehrte -sein Mittagessen.</p> - -<p>„Ei,“ sagte er zu einem artigen Frauenzimmer, das herbeikam, -um ihn zu bedienen, „was hast Du mit Deinen früheren Runzeln -gemacht? Dein Mund hat all seine weißen, jungen Zähne und -Deine Lippen sind rot wie Kirschen. Ist dies sanfte, schalkhafte -Lächeln für mich?“</p> - -<p>„Nicht doch,“ sprach sie; „aber was soll ich dir geben?“</p> - -<p>„Dich,“ sagte er.</p> - -<p>Die Frau versetzte:</p> - -<p>„Das wäre für einen mageren Hering, wie Du bist, zuviel. -Willst Du kein anderes Fleisch?“</p> - -<p>Ulenspiegel schwieg.</p> - -<p>„Was hast Du mit dem schönen, wohlgestalteten und behäbigen -Mann angefangen, den ich oftmals in Deiner Gesellschaft sah?“ -fragte sie.</p> - -<p>„Lamm?“ sagte er.</p> - -<p>„Was hast Du mit ihm gemacht?“ fragte sie.</p> - -<p>„Er ißt in den Buden harte Eier, geräucherte Aale, gepökelte -Fische, saures Gemüse und alles, was er zwischen die Zähne bekommen -kann, und das alles, um seine Frau zu suchen. Warum -bist Du nicht mein, Schätzchen? Willst Du fünfzig Gülden? -Willst Du ein güldnes Halsband?“</p> - -<p>Doch sie bekreuzte sich:</p> - -<p>„Ich bin weder zu kaufen noch zu haben,“ sprach sie.</p> - -<p>„Liebst Du nichts?“ fragte er.</p> - -<p>„Ich liebe Dich als meinen Nächsten; aber vor allem liebe ich -den Herrn Christum und die heilige Jungfrau, die mir gebieten, -ein züchtig Leben zu führen. Hart und beschwerlich sind unsere -Pflichten, aber Gott hilft uns armen Frauen. Doch es sind ihrer -etliche, die unterliegen. Ist Dein dicker Freund fröhlich?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Beim Essen ist er lustig, mit nüchternem Magen traurig und -immerdar nachdenklich. Aber Du, bist Du fröhlich oder betrübt?“</p> - -<p>„Wir Frauen,“ sprach sie, „sind Sklavinnen dessen, der uns -beherrscht!“</p> - -<p>„Der Mond,“ fragte er.</p> - -<p>„Ja,“ sprach sie.</p> - -<p>„Ich werde Lamm sagen, daß er dich besucht.“</p> - -<p>„Tu das nicht,“ sagte sie; „er würde weinen und ich desgleichen.“</p> - -<p>„Hast Du jemals seine Frau gesehen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>Seufzend antwortete sie:</p> - -<p>„Sie sündigte mit ihm und ward zu einer grausamen Buße verdammt. -Sie weiß, daß er für den Sieg des Ketzertums aufs -Meer geht, das ist hart zu denken für ein christliches Herz. -Verteidige ihn, wenn er angegriffen wird, pflege ihn, wenn er -verwundet wird; seine Frau trug mir auf, diese Bitte an Dich -auszurichten.“</p> - -<p>„Lamm ist mein Freund und Bruder,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ach,“ sprach sie, „warum kehret Ihr nicht in den Schoß unsrer -heiligen Mutter Kirche zurück!“</p> - -<p>„Sie frißt ihre Kinder,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Und er ging.</p> - -<p>An einem Märzmorgen, als ein scharfer Wind blies und wehte -und das Eis immer dicker machte, also daß Très-Longs Schiff -nicht absegeln konnte, trieben die Matrosen und Soldaten des -Schiffes in Schlitten und auf Schlittschuhen allerhand Kurzweil -und Lustbarkeiten.</p> - -<p>Ulenspiegel war in der Herberge, und die hübsche Frau sprach -tiefbetrübt und wie von Sinnen zu ihm:</p> - -<p>„Armer Lamm! Armer Ulenspiegel!“</p> - -<p>„Warum jammerst Du?“ fragte er.</p> - -<p>„Wehe, wehe!“ sagte sie, „warum glaubt Ihr nicht an die Messe? -Ihr würdet gewißlich ins Paradies eingehen, und ich könnte Euch -in diesem Leben retten.“</p> - -<p>Da Ulenspiegel sie an die Tür gehen und aufmerksam horchen -sah, sagte er: „Du horchst nicht nach dem fallenden Schnee?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte sie.</p> - -<p>„Du leihst nicht dem seufzenden Winde das Ohr?“</p> - -<p>„Nein,“ sagte sie wiederum.</p> - -<p>„Noch dem frohem Lärm, den unsere wackeren Matrosen in der -Schenke hier nebenan machen?“</p> - -<p>„Der Tod kommt wie ein Dieb,“ sprach sie.</p> - -<p>„Der Tod!“ sagte Ulenspiegel. „Ich verstehe dich nicht. Komm -hierher und rede.“</p> - -<p>„Sie sind da,“ sprach sie.</p> - -<p>„Wer?“</p> - -<p>„Wer?“ erwiderte sie. „Die Soldaten von Simonen-Bol, die in -des Herzogs Namen über Euch alle herfallen werden. Wenn -man Euch hier so gut behandelt, so geht’s Euch wie den Ochsen, -die man schlachten will. Ach,“ sagte sie, in Tränen zerfließend, -„warum erfahre ich es erst jetzt?“</p> - -<p>„Weine und schreie nicht,“ sagte Ulenspiegel, „und bleibe.“</p> - -<p>„Verrate mich nicht,“ sagte sie.</p> - -<p>Ulenspiegel verließ das Haus, eilte in alle Buden und Schenken -und flüsterte den Seeleuten und Soldaten diese Worte ins Ohr: -„Der Spanier kommt.“</p> - -<p>Alle eilten zum Schiffe, bereiteten in großer Hast alles, was zur -Schlacht nötig war, und erwarteten den Feind. Ulenspiegel sagte -zu Lamm:</p> - -<p>„Siehst Du das hübsche Weib in dem schwarzen, mit Scharlach -bestickten Kleid, so am Ufer steht und sein Gesicht unter der -weißen Kapuze versteckt?“</p> - -<p>„Das ist mir ganz gleich,“ antwortete Lamm. „Mich friert, ich -will schlafen.“</p> - -<p>Und er wickelte sich den Mantel um seinen Kopf und war also -wie ein Tauber.</p> - -<p>Da erkannte Ulenspiegel die Frau und rief ihr vom Schiff zu:</p> - -<p>„Willst Du uns folgen?“</p> - -<p>„Bis ins Grab, aber ich kann nicht ... “</p> - -<p>„Du tätest wohl daran,“ sagte Ulenspiegel. „Bedenke indessen: -wenn die Nachtigall im Walde bleibt, ist sie glücklich und singt; -aber so sie ihn verläßt und ihre schwachen Flügel dem starken -Seewind aussetzt, zerbrechen sie, und sie stirbt.“</p> - -<p>„Ich habe daheim gesungen und ich würde draußen singen, wenn -ich könnte,“ sprach sie. Dann näherte sie sich dem Schiffe. „Nimm -diesen Balsam,“ sprach sie, „für Dich und Deinen Freund, der -schläft, wenn er wachen sollte.“</p> - -<p>Und sie entfernte sich und sagte: „Lamm, Lamm! Gott bewahre -Dich vor allem Übel, komm gesund zurück.“</p> - -<p>Und sie enthüllte ihr Antlitz.</p> - -<p>„Mein Weib, mein Weib!“ schrie Lamm.</p> - -<p>Und er wollte aufs Eis springen.</p> - -<p>„Dein getreues Weib,“ sagte sie und lief behend von dannen.</p> - -<p>Lamm wollte vom Deck aufs Eis springen, aber daran hinderte -ihn ein Soldat, der ihn am Mantel festhielt. Er schrie, weinte -und flehte, ihn gehen zu lassen.</p> - -<p>Aber der Profoß sprach zu ihm:</p> - -<p>„So du das Schiff verlässest, wirst Du gehenkt.“</p> - -<p>Lamm wollte sich aufs Eis stürzen, aber ein alter Geuse hielt -ihn fest und sagte:</p> - -<p>„Der Boden ist feucht, Du könntest nasse Füße bekommen.“</p> - -<p>Lamm fiel aufs Gesäß, weinte und sprach unaufhörlich:</p> - -<p>„Mein Weib, mein Weib, laßt mich zu meinem Weibe gehen!“</p> - -<p>„Du wirst sie wiedersehen,“ sprach Ulenspiegel. „Sie liebt Dich, -aber sie liebt Gott mehr als Dich.“</p> - -<p>„Die tolle Teufelin,“ schrie Lamm. „Wenn sie Gott mehr liebt -als ihren Mann, warum zeigt sie sich mir so hübsch und begehrenswert! -Und wenn sie mich liebt, warum verläßt sie mich?“</p> - -<p>„Kannst Du in tiefe Brunnen sehen?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wehe,“ sprach Lamm, „ich werde bald sterben.“</p> - -<p>Und bleich und betört blieb er auf Deck.</p> - -<p>Inzwischen kamen die Leute von Simonen-Bol mit starkem Geschütz.</p> - -<p>Sie schossen auf das Schiff, das ihr Feuer erwiderte. Und ihre -Kugeln zerbrachen das Eis rings umher. Gegen Abend fiel ein -lauer Regen.</p> - -<p>Da der Wind aus Westen wehte, ward das Meer unter dem -Eise erregt und hob es in ungeheuren Blöcken empor, die sich -aufbäumten und wieder zurückfielen, gegen einander prallten und -sich übereinander schoben, nicht ohne Gefahr für das Schiff, das, -als die Morgenröte die nächtlichen Wolken zerriß, seine linnenen -Flügel entfaltete und wie ein Vogel der Freiheit aufs hohe Meer -segelte.</p> - -<p>Da stießen sie zu der Flotte des Herrn de Lumey de la Marche, -Admirals von Holland und Zeeland und Höchstkommandierenden, -der als solcher eine Laterne oben am Maste trug.</p> - -<p>„Sieh ihn Dir recht an, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Der -wird Deiner nicht schonen, wenn Du mit Gewalt das Schiff verlassen -willst. Hörst Du seine Stimme wie Donner rollen? Sieh, -wie breit und stark er bei seiner hohen Gestalt ist. Schau seine -langen Hände mit den gebogenen Nägeln. Sieh seine runden -Augen an, kalte Adleraugen, und seinen langen, spitzen Bart, -den er wachsen läßt, bis er alle Mönche und Priester gehenkt -hat, um den Tod der beiden Grafen zu rächen. Sieh, wie furchtbar -und grausam er ist; er wird Dich hoch und kurz aufhenken -lassen, wenn Du immerdar fortfährst, zu stöhnen und zu schreien: -„Mein Weib!“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ versetzte Lamm, „der spricht vom Strick für den -Nächsten, der selbst schon die hanfene Krause um den Hals hat.“</p> - -<p>„Du sollst sie zuerst tragen. Das ist mein freundschaftlicher -Wunsch,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ich werde Dich am Galgen sehen, wie Dir die giftige Zunge -eine Klafter lang aus dem Maul wächst,“ erwiderte Lamm.</p> - -<p>Und alle beide hätten fast gelacht.</p> - -<p>An jenem Tage kaperte das Kriegsschiff einen Kauffahrer aus -Biskaya, so mit Quecksilber, Goldstaub, Wein und Gewürzen -befrachtet war. Und dem Schiffe ward sein Mark, Menschen -und Beute, ausgenommen, wie einem Rindsknochen zwischen den -Zähnen eines Löwen.</p> - -<p>Zur selbigen Zeit legte der Herzog den Niederlanden grausame -und schändliche Steuern auf, laut denen alle Einwohner, so bewegliche -und unbewegliche Habe verkauften, tausend Gülden -von zehntausend zahlen mußten. Und dieser Schoß war dauernd. -Alle Kaufleute und Händler jeder Art mußten dem König den -Zehnten vom Kaufpreis zahlen, und im Volk ging die Rede, daß -der König von den zehnmal in einer Woche verkauften Waren -das Ganze bekäme.</p> - -<p>Und so gingen Handel und Gewerbfleiß den Weg des Verfalls -und des Todes.</p> - -<p>Und die Geusen nahmen Briel, eine starke Seefeste, die der -Garten der Freiheit genannt ward.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>2</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In den ersten Tagen des Maimonds, als das Schiff unter blauem -Himmel stolz über die Flut fuhr, sang Ulenspiegel:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Die Asche brennt auf meinem Herzen.</div> - <div class="verse indent0">Die Henker kamen her und töteten</div> - <div class="verse indent0">Mit Dolch und Feuer, Kraft und Schwert</div> - <div class="verse indent0">Und lohnten die schändlichen Spione.</div> - <div class="verse indent0">Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,</div> - <div class="verse indent0">Säten sie Mißtraun und Verrat.</div> - <div class="verse indent0">Zum Tod mit den Schergen,</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!</div> - <div class="verse indent0">Briel ist genommen.</div> - <div class="verse indent0">Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;</div> - <div class="verse indent0">Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.</div> - <div class="verse indent0">Wo waren Zeelands Geschütze?</div> - <div class="verse indent0">Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,</div> - <div class="verse indent0">Geschmiedete und gegossene Kugeln.</div> - <div class="verse indent0">Gott ist mit uns, wer ist wider uns?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!</div> - <div class="verse indent0">Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!</div> - <div class="verse indent0">Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.</div> - <div class="verse indent0">Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,</div> - <div class="verse indent0">Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,</div> - <div class="verse indent0">Meineidigem König rebellisches Volk!</div> - <div class="verse indent0">Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,</div> - <div class="verse indent0">Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.</div> - <div class="verse indent0">Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!</div> - <div class="verse indent0">Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ja, Gevattern und Freunde,“ sprach Ulenspiegel, „sie haben in -Antwerpen vor dem Rathaus ein glänzend Gerüst errichtet, mit -rotem Tuch überzogen. Darauf sitzt der Herzog inmitten der -Lakeien und Söldlinge wie ein König auf seinem Throne. Wenn -er wohlwollend lächeln will, macht er eine saure Fratze. Schlaget -die Trommel des Krieges!</p> - -<p>„Er hat Vergebung gewährt: Still da ... Sein vergüldeter Harnisch -gleißt in der Sonne, der Generalprofoß hält zu Pferde -neben dem Baldachin. Siehe da kommt der Herold mit den -Paukenschlägern. Er liest: es ist die Vergebung für alle, so nicht -gesündigt haben, die andern sollen grausam gestraft werden.</p> - -<p>„Höret, Gevattern. Er verliest das Edikt, welches bei Strafe -der Rebellion die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs -vorschreibt.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,</div> - <div class="verse indent0">Das starke Raunen? So schwillt das Meer,</div> - <div class="verse indent0">Wenn die große Springflut sich naht.</div> - <div class="verse indent0">Genug des Geldes, genug des Blutes,</div> - <div class="verse indent0">Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.</div> - <div class="verse indent0">Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Das ist die Kralle in blutiger Wunde,</div> - <div class="verse indent0">Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser Gold</div> - <div class="verse indent0">Zu unserem Blute mischen, um es zu trinken?</div> - <div class="verse indent0">Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreu</div> - <div class="verse indent0">Des Königs Majestät. Meineidig ist er,</div> - <div class="verse indent0">Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Herzog von Alba, Blutherzog,</div> - <div class="verse indent0">Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,</div> - <div class="verse indent0">Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,</div> - <div class="verse indent0">Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.</div> - <div class="verse indent0">Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?</div> - <div class="verse indent0">Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nicht</div> - <div class="verse indent0">Haß und Verachtung Dich umwittern?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Das schöne Land Flandern,</div> - <div class="verse indent0">Das frohe Land Brabant</div> - <div class="verse indent0">Sind traurig wie Totenhöfe.</div> - <div class="verse indent0">Und da, wo einst in der Zeit der Freiheit</div> - <div class="verse indent0">Die Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,</div> - <div class="verse indent0">Herrscht Schweigen und Tod.</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wo frohe Gesichter lachten</div> - <div class="verse indent0">Von Zechern und singenden Liebespaaren,</div> - <div class="verse indent0">Starren jetzt die bleichen Gesichter</div> - <div class="verse indent0">Derer, die in Ergebung warten</div> - <div class="verse indent0">Auf den Schwerthieb der Ungerechten.</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel des Krieges.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Keiner hört mehr in den Schenken</div> - <div class="verse indent0">Das fröhliche Klinken der Gläser</div> - <div class="verse indent0">Noch der Mädchen helle Stimmen,</div> - <div class="verse indent0">Die mit Gesang die Stadt durchzogen.</div> - <div class="verse indent0">Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,</div> - <div class="verse indent0">Wurden Länder der Tränen.</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel der Trauer.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Erde der Väter, geliebte Dulderin,</div> - <div class="verse indent0">Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.</div> - <div class="verse indent0">Fleißige Bienen, stürzt Euch in Schwärmen</div> - <div class="verse indent0">Auf die hispanischen Drohnen.</div> - <div class="verse indent0">Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,</div> - <div class="verse indent0">Schreiet zum Himmel nach Rache.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,</div> - <div class="verse indent0">Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.</div> - <div class="verse indent0">Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir aus</div> - <div class="verse indent0">Und peitschen damit Dein Gesicht,</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.</div> - <div class="verse indent0">Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und alle Seeleute und Soldaten von Ulenspiegels Schiff und -auch die von den andern Schiffen sangen desgleichen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und ihre Stimmen grollten wie Donner der Freiheit.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>3</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es war im Januar, dem grausamen Monat, da das Kalb im -Leibe der Kuh gefriert. Es hatte geschneit und obendrein gefroren. -Die Knaben fingen mit Vogelleim die Sperlinge, so auf -dem hartgefrorenen Schnee ihre kümmerliche Nahrung suchten, -und brachten dieses Wild in ihre Hütten. Vom grauen, hellen -Himmel hoben sich regungslos die Gerippe der Bäume ab. Ihre -Zweige waren mit schneeigen Kissen bedeckt, welche gleichfalls -die Hütten und Mauerfirsten bedeckten, auf denen man Spuren -von Katzenpfoten erblickte, die gleichfalls im Schnee auf die Sperlinge -Jagd machten. Die Wiesen waren weithin unter diesem -wundersamen Vließe verborgen, das die Erde in der scharfen -Winterkälte warm hielt. Der Rauch der Häuser und Hütten -stieg schwarz gen Himmel, und man vernahm keinen Laut.</p> - -<p>Und Katheline und Nele waren allein in ihrer Behausung, und -Katheline sagte kopfschüttelnd:</p> - -<p>„Hans, mein Herz zieht mich zu Dir. Du mußt Ulenspiegel, Soetkins -Sohn, die siebenhundert Karolus wiedergeben. Wenn du arm -bist, komm wenigstens, daß ich Dein leuchtendes Antlitz schaue. -Nimm das Feuer fort, mein Kopf brennt. Wehe, wo sind Deine -schneekalten Küsse, wo ist Dein Körper aus Eis? Hans, mein -Geliebter.“</p> - -<p>Sie stand am Fenster. Plötzlich kam im schnellsten Trab ein -Läufer vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und rief:</p> - -<p>„Es kommt der Amtmann, der Amthauptmann von Damm!“</p> - -<p>Und derart lief er bis zum Rathause, um Bürgermeister und -Schöffen dorthin zu berufen.</p> - -<p>Alsdann hörte Nele zwei Hörner durch die dumpfe Stille. Alle -aus Damm traten vor die Türen, vermeinend, daß Seine Königliche -Majestät sich durch solche Fanfaren ankündigte.</p> - -<p>Und Katheline trat auch an die Tür mit Nele. Von fern sahen -sie glänzende Reiter, die zu Hauf ritten, und vor ihnen ritt ein -Mann in schwarzem, mit Marderfell verbrämtem Sammetrock; -sein Wams war mit echten Goldborten besetzt und die Stiefel -von falbem Kalbsleder, mit Marderfell verbrämt. Und sie erkannten -den Amthauptmann.</p> - -<p>Hinter ihm ritten junge Ritter, die ohngeachtet der Verordnung -Seiner hochseligen Kaiserlichen Majestät, an ihren Sammetgewändern -Stickereien, Borten, Streifen und Einfassungen von -Gold, Silber und Seide trugen. Und ihre Röcke, die sie unter -ihren Mänteln trugen, waren gleich denen des Amtmanns mit -Pelz verbrämt. Sie ritten munter daher, und die langen -Straußenfedern, die ihre mit Knöpfen und güldenen Borten verzierten -Baretts schmückten, wallten im Winde.</p> - -<p>Und sie schienen alle gute Freunde und Kumpane des Amthauptmannes, -in Sonderheit ein Ritter mit finsterer Miene, in grünen -Sammet gekleidet und in einen Mantel mit goldverbrämtem -schwarzem Sammet, desgleichen das mit langen Federn geschmückte -Barett. Seine Nase hatte die Form eines Geierschnabels, -die Lippen waren schmal; er hatte rote Haare, ein -bleiches Gesicht und stolze Haltung.</p> - -<p>Dieweil das Häuflein der Ritter vor Kathelines Haus vorbeiritt, -fiel diese plötzlich dem Pferde des bleichen Ritters in den -Zügel und rief närrisch vor Freude:</p> - -<p>„Hans, mein Geliebter, ich wußte es, Du kehrst wieder. Wie -schön Du bist, so ganz in Sammet und Gold, wie eine Sonne -auf dem Schnee! Bringst du mir die siebenhundert Karolus? -Wirst Du wiederum schreien wie der Fischadler?“</p> - -<p>Der Amthauptmann hieß das Häuflein der Edelleute still halten, -und der bleiche Ritter sagte:</p> - -<p>„Was will diese Geusin von mir?“</p> - -<p>Doch Katheline hielt immer noch das Pferd am Zügel.</p> - -<p>„Gehe nicht wieder fort,“ sprach sie, „ich habe soviel um Dich -geweint. Holde Nächte, mein Liebster, mit Küssen von Schnee -und Körpern von Eis. Das Kind ist hier!“</p> - -<p>Und sie zeigte auf Nele, die ihn zornig anblickte, denn er hatte -seine Peitsche gegen Katheline erhoben. Aber Katheline sprach -weinend:</p> - -<p>„Ach, gedenkst Du dessen nicht mehr? Habe Mitleid mit Deiner -Magd. Führe sie mit Dir, wohin Du willst. Nimm das Feuer -fort, Hans, Erbarmen!“</p> - -<p>„Hinweg!“ sagte er.</p> - -<p>Und er drängte sein Pferd so stark vorwärts, daß Katheline den -Zügel losließ und zu Boden fiel, und das Pferd trat auf sie und -schlug ihr eine blutende Wunde an der Stirn.</p> - -<p>Darauf sagte der Amtmann zu dem bleichen Ritter:</p> - -<p>„Herr, kennet Ihr diese Frau?“</p> - -<p>„Ich kenne sie nicht,“ sagte er; „es ist ohne Zweifel etwelche Verrückte.“</p> - -<p>Aber Nele, die Katheline aufgehoben hatte, sprach:</p> - -<p>„Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, Euer Gnaden, -und ich will von diesem Schnee, den ich esse, sterben“ / und sie -nahm mit den Fingern etwas Schnee / „wenn dieser Mann nicht -meine Mutter gekannt hat, wenn er ihr nicht all ihr Geld genommen -und nicht des Klas Hund getötet hat, um siebenhundert -Karolus, so dem armen Toten gehörten, von der Brunnenmauer -unseres Hauses zu nehmen.“</p> - -<p>„Hans, mein Herzliebster,“ weinte Katheline, die blutend vor -ihm auf den Knien lag, „Hans, mein Geliebter, gib mir den -Friedenskuß. Sieh, mein Blut fließt. Die Seele hat sich ein -Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben, verlaß -mich nicht.“ Dann sagte sie ganz leise: „Damals tötetest Du -Deinen Gefährten aus Eifersucht am Deiche.“ Und sie streckte -den Finger in der Richtung nach Dudzeele. „Zu jener Zeit liebtest -Du mich sehr.“</p> - -<p>Und sie faßte und umschlang des Edelmanns Knie und nahm -seinen Stiefel und küßte ihn.</p> - -<p>„Wer ist dieser Getötete?“ fragte der Amthauptmann.</p> - -<p>„Ich weiß es nicht, Euer Gnaden,“ sagte er. „Was kümmern -uns die Reden dieser Geusin? Vorwärts.“</p> - -<p>Das Volk rottete sich um sie zusammen; reiche und geringe -Bürger, Handwerker und Bauern nahmen Kathelines Partei -und riefen:</p> - -<p>„Gerechtigkeit, Herr Amtmann, Gerechtigkeit!“</p> - -<p>Und der Amtmann sagte zu Nele:</p> - -<p>„Was ist es mit diesem Getöteten? Sprich wie Gott und die -Wahrheit es verlangt.“</p> - -<p>Nele redete und sprach, auf den bleichen Edelmann deutend:</p> - -<p>„Der da ist alle Samstag in die Keet gekommen, um meine -Mutter zu besuchen und ihr Geld zu nehmen; er hat seinen -Freund, Hilbert genannt, auf dem Acker von Servaes van der -Vichte umgebracht. Nicht aus Liebe, wie diese arme Närrin -wähnt, sondern um die siebenhundert Karolus für sich allein zu -haben.“</p> - -<p>Und Nele erzählte von Kathelines Liebschaft und was diese -gehört, als sie in der Nacht hinter dem Deich, der den Acker des -Servaes van der Vichte durchschneidet, versteckt war.</p> - -<p>„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „sie spricht hart von Hans, -ihrem Vater.“</p> - -<p>„Ich schwöre, daß er wie ein Fischadler schrie, um sich anzumelden,“ -sprach Nele.</p> - -<p>„Du lügst,“ sagte der Edelmann.</p> - -<p>„O nein!“ sagte Nele, „und Ihr, Herr Amtmann und alle hohen -Herren, so zugegen sind, sehen es wohl: Du bist nicht vor Kälte, -sondern vor Furcht so bleich. Woher kommt es, daß Dein Antlitz -nicht mehr glänzt? Du hast also die Zaubersalbe verloren, mit -der Du es einriebest, damit es hell erschiene wie die Wogen im -Sommer, wenn es donnert. Aber Du wirst vor den Gitterfenstern -des Rathauses verbrannt werden, verfluchtet Zauberer. Du warst -die Ursache von Soetkins Tode, Du hast ihren vaterlosen Sohn -ins Elend getrieben. Du bist gewiß ein Edelmann und kamst zu -uns Bürgern, um meiner Mutter ein einzig Mal Geld zu bringen -und es ihr alle andern Male zu nehmen.“</p> - -<p>„Hans,“ sprach Katheline, „Du wirst mich wiederum zum Sabbat -führen und mich wiederum mit Balsam einreiben. Hör nicht -auf Nele, sie ist boshaft. Du siehst das Blut; die Seele hat -sich ein Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben -und in die Vorhölle kommen, wo es nicht brennt.“</p> - -<p>„Schweig, verrückte Hexe, ich kenne Dich nicht,“ sprach der Edelmann, -„und ich weiß nicht, was Du meinst.“</p> - -<p>„Und doch bist Du es, der mit einem Gefährten kam und ihn mir -zum Manne geben wollte; Du weißt, daß ich ihn nicht wollte. -Was hat Dein Freund Hilbert mit seinen Augen gemacht, als ich -meine Nägel hineingekrallt hatte?“</p> - -<p>„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „glaub ihr nicht, Hans, -mein Herzliebster. Sie ist auf Hilbert zornig, weil er ihr Gewalt -antun wollte; aber jetzt kann er es nicht mehr, denn die Würmer -haben ihn gefressen. Und Hilbert war häßlich, mein süßer Hans, -Du allein bist schön. Nele ist boshaft.“</p> - -<p>Nunmehr sprach der Amtmann:</p> - -<p>„Ihr Frauen, gehet in Frieden.“</p> - -<p>Aber Katheline wollte die Stätte nicht verlassen, wo ihr Freund -war. Sie mußte mit Gewalt in ihre Behausung gebracht werden.</p> - -<p>Und das ganze versammelte Volk schrie:</p> - -<p>„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit!“</p> - -<p>Da die Gemeindebüttel auf den Lärm herzugekommen waren, befahl -der Amtmann ihnen, zu bleiben, und sagte zu den Rittern und -Edelleuten:</p> - -<p>„Edle Herren, ohngeachtet aller Privilegien, so den erlauchten -Adelsstand im Lande Flandern schützen, muß ich Euren Joos -Damman auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, in -Sonderheit die der Zauberei, verhaften lassen, bis er gemäß den -Gesetzen und Verordnungen des Reiches gerichtet ist. Liefert -Euren Degen aus, Herr Josse.“</p> - -<p>„Herr Amtmann,“ sagte Joos Damman mit großem Hochmut und -Adelsstolz, „indem Ihr mich verhaftet, vergeht Ihr Euch gegen -das flandrische Gesetz, denn Ihr seid nicht selbst Richter. Nun -wisset Ihr, daß es nicht erlaubt ist, ohne richterlichen Auftrag -zu verhaften, ausgenommen die Falschmünzer, Straßenräuber -und Wegelagerer, Brandstifter und Frauenschänder; desgleichen -die Soldaten, so ihren Hauptmann verlassen, die Zauberer, die -Gift anwenden, um die Gewässer zu vergiften, die entlaufenen -Mönche oder Beghinen und die Verbannten. Wohlan, Ihr edlen -Herren, verteidigt mich!“</p> - -<p>Da Etliche gehorchen wollten, sprach der Amtmann zu ihnen:</p> - -<p>„Edle Herren, da ich allhier unsern König, Grafen und Herrn -vertrete, welchem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten -ist, so gebiete und befehle ich Euch bei Strafe, für -Rebellen erklärt zu werden, Eure Degen wieder in die Scheide -zu stecken.“</p> - -<p>Die Edelleute gehorchten, doch Herr Joos Damman zauderte -immer noch. Das Volk schrie:</p> - -<p>„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen -ausliefern!“</p> - -<p>Darauf tat er es sehr wider Willen, stieg vom Pferde und ward -von zwei Schergen nach dem Gemeindekerker geführt. Er ward -jedoch nicht in die Verließe gesperrt, sondern vielmehr in ein vergittertes -Gemach, wo er für sein Geld gutes Feuer, gutes Bett -und gute Nahrung erhielt; davon nahm sich der Kerkermeister -die Hälfte.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>4</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am andern Tage gingen der Amtmann, die beiden Kriminalschreiber, -zwei Schöffen und ein Wundarzt gen Dudzeele, um zu sehen, -ob sie auf Servaes van der Vichtes Acker längs des Deiches, der -das Feld durchschnitt, den Leichnam eines Mannes fänden.</p> - -<p>Nele hatte zu Katheline gesagt: „Hans, dein Liebster, verlangt -Hilberts abgeschnittene Hand. Heute Abend wird er wie ein Fischadler -schreien, in unsere Hütte kommen und Dir die siebenhundert -Goldkarolus bringen.“</p> - -<p>Katheline hatte geantwortet:</p> - -<p>„Ich werde sie abschneiden.“ Und wirklich nahm sie ein Messer -und machte sich in Neles Begleitung auf; die Gerichtsbeamten -folgten ihr. Sie ging rasch und stolz mit Nele, der die frische -Luft das hübsche Gesicht rötete. Die alten, hüstelnden Gerichtsbeamten -folgten ihr schier erfroren; sie waren alle wie schwarze -Schatten auf der weißen Ebene, und Nele trug ein Grabscheit. -Als sie auf Servaes van der Vichtes Acker und auf dem Deiche -anlangten, ging Katheline bis zur Mitte und sprach, zur Rechten -auf die Wiese deutend: „Hans, Du wußtest nicht, daß ich da -verborgen war und beim Klirren der Degen erbebte. Und Hilbert -schrie: Dies Eisen ist kalt. Hilbert war häßlich, Hans ist -schön. Du sollst seine Hand haben, laß mich allein.“ Dann stieg -sie zur Linken hinab, kniete auf dem Schnee nieder und rief dreimal -in die Luft, um den Geist herbeizurufen.</p> - -<p>Dann gab Nele ihr das Grabscheit, über das Katheline dreimal -das Zeichen des Kreuzes machte. Alsdann zeichnete sie auf dem -Eise die Form eines Sarges und drei umgekehrte Kreuze, eins -nach Osten, eins nach Westen, eins nach Norden und sprach: „Drei, -das ist Mars nahe bei Saturn, und drei ist Entdeckung unter -Venus, dem hellen Stern.“ Darauf zog sie einen großen Kreis -um den Sarg und sagte: „Hebe Dich hinweg, böser Geist, der -den Leichnam bewacht.“ Dann fiel sie betend auf die Kniee: -„Teufelsfreund, Hilbert,“ sagte sie, „Hans, mein Herr und -Meister, befiehlt mir, hierherzukommen, um Dir die Hand abzuschneiden -und sie ihm zu bringen. Ich schulde ihm Gehorsam. -Laß nicht das Feuer der Erde gegen mich los, weil ich die Ruhe -Deines edlen Grabes störe, und vergib mir um Gott und der -Heiligen willen.“</p> - -<p>Dann zerbrach sie das Eis in der Linie des Sarges und erreichte -den feuchten Rasen, dann den Sand. Und der Amtmann und -seine Beamten, Nele und Katheline erblickten den Körper eines -jungen Mannes, der vom Sande weiß wie Kalk war. Er trug -ein Wams von grauem Tuch, desgleichen den Mantel; sein Degen -war ihm zur Seite gelegt. Er hatte eine Tasche von Eisenmaschen -am Gürtel, und ein breiter Dolch steckte unter seinem -Herzen. Auf dem Tuche des Wamses war Blut, und dies Blut -war unter seinen Rücken geflossen. Und der Mann war jung.</p> - -<p>Katheline schnitt ihm die Hand ab und tat sie in ihren Beutel. -Und der Amtmann ließ es geschehen; dann befahl er ihr, den -Leichnam aller seiner Waffen und Gewandung zu entblößen. -Katheline fragte, ob Hans es also befohlen habe. Der Amtmann -antwortete, daß er nur nach seinen Befehlen handle, und alsbald -tat Katheline, was er wollte.</p> - -<p>Als der Leichnam entblößt war, sah man, daß er trocken wie -Holz, aber nicht verwest war; und der Amtmann und seine Beamten -gingen von dannen, nachdem sie ihn wieder mit Sand -hatten bedecken lassen, und die Büttel trugen die Sachen des Toten. -Da sie vor dem Gemeindekerker vorbeikamen, sagte der Amtmann -zu Katheline, daß Hans sie dort erwarte; sie ging freudig -hinein.</p> - -<p>Nele wollte sie daran hindern, und Katheline erwiderte immerfort: -„Ich will Hans, meinen Herrn sehen.“</p> - -<p>Und Nele weinte auf der Schwelle, denn sie wußte, daß Katheline -als Zauberin verhaftet war, um der Beschwörungen und -Zeichen willen, so sie auf den Schnee gemacht hatte.</p> - -<p>Und in Damm ging die Rede, daß es keine Gnade für sie gäbe. -Und Katheline wurde in den westlichen Kerker des Gefängnisses -gebracht.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>5</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Am folgenden Tag, da der Wind aus Brabant wehte, schmolz -der Schnee, und die Wiesen wurden überschwemmt.</p> - -<p>Und die Sturmglocke rief die Richter zum Gericht der „Vierschare,“ -das wegen der Feuchtigkeit der Rasenbänke unter einem -Schirmdache stattfand. Und das Volk stand im Kreise um die -Richter.</p> - -<p>Joos Damman wurde aller Fesseln ledig in seiner fürnehmen -Tracht vorgeführt. Auch Katheline wurde herbeigeführt, mit -vorn zusammengebundenen Händen, in einem Kleide von grauer -Leinwand, der Gefängnistracht.</p> - -<p>Joos Damman bekannte im Verhör, daß er seinen Freund Hilbert -im Zweikampf auf Degen getötet habe. Als man ihm sagte: -Er ist von einem Dolchstoß getroffen, antwortete Joos Damman: -„Ich habe ihn niedergestochen, weil er nicht rasch genug starb. -Da ich unter dem Schutz der flandrischen Gesetze stehe, die verbieten, -den Mörder nach Ablauf von zehn Jahren zu verfolgen, -so bekenne ich den Mord willig.“</p> - -<p>Der Amtmann sprach zu ihm:</p> - -<p>„Bist Du kein Zauberer?“</p> - -<p>„Nein,“ antwortete Damman.</p> - -<p>„Beweise es,“ sagte der Amtmann.</p> - -<p>„Ich werde es zu gelegener Zeit und am rechten Orte tun, aber es -beliebt mir nicht, es jetzt zu tun.“</p> - -<p>Der Amtmann befragte alsdann Katheline; sie hörte ihn nicht -und schaute Hans an:</p> - -<p>„Du bist mein grüner Ritter, schön wie die Sonne. Nimm das -Feuer fort, Herzliebster.“</p> - -<p>Darauf sprach Nele an ihrer Stelle:</p> - -<p>„Sie kann nichts bekennen, als was Ihr schon wisset, Euer -Gnaden und Ihr Herren. Sie ist keine Hexe, sondern nur irre.“</p> - -<p>Nunmehr redete der Amtmann und sprach:</p> - -<p>„Zauberer ist der, welcher durch teuflische Mittel, wissentlich -angewendet, sich bemüht, irgend etwas zu erreichen. Nun sind -diese beiden, Mann und Weib, Zauberer nach Absicht und Tat, -er, weil er ihr die Salbe für den Hexensabbat gegeben und sich -das Gesicht hell wie Luzifer gemacht hat, um Geld und Befriedigung -seiner Wollust zu erhalten; sie, weil sie sich ihm unterworfen -hat, da sie ihn für einen Teufel hielt, und sich seinen Begierden -hingegeben hat. Er hat sich mit Zauberei abgegeben, sie -ist seine offenbare Mitschuldige. Derhalben dürfen wir kein Mitleid -haben, und ich muß es sagen, denn ich sehe die Schöffen und -das Volk der Frau allzu wohl gesinnt. Sie hat zwar nicht gemordet -noch gestohlen, noch Vieh und Menschen behext, noch -irgend einen Kranken durch außergewöhnliche Mittel geheilt, -sondern nur durch Hausmittel, so der ehrbaren, christlichen -Arzeneikunde bekannt sind. Aber sie wollte ihre Tochter dem -Teufel ausliefern, und wenn diese nicht trotz ihrer Jugend mit -so redlichem, wackeren Mute widerstanden hätte, so hätte sie -Hilbert nachgegeben und wäre wie jene eine Hexe geworden. -Darum so frage ich die Herren vom Gericht, ob sie nicht der -Meinung sind, daß die Beiden auf die Folter gespannt werden -müssen!“</p> - -<p>Die Schöffen antworteten nicht und zeigten dadurch genugsam, -daß solches nicht ihr Wunsch sei, soweit es Katheline betraf.</p> - -<p>Darauf redete der Amtmann weiter:</p> - -<p>„Ich bin gleich Euch von Mitleid und Erbarmen für sie bewegt. -Aber konnte diese irrsinnige Hexe, die dem Teufel so trefflich gehorchte, -nicht mit einer Sichel ihrer Tochter den Kopf abschneiden, -wenn ihr mitangeklagter Buhle es ihr befohlen hätte, gleichwie -es Katharine Daru im Lande Frankreich auf Geheiß des Teufels -bei ihren beiden Töchtern getan hat? Konnte sie nicht, wenn ihr -schwarzer Gemahl es ihr geboten hätte, Tiere töten, die Butter -im Butterfaß gerinnen machen, indem sie Zucker hinein warf? -Konnte sie nicht in Person allem Teufeldienst, Hexentanz, Greueln -und Buhlschaft der Zauberer beiwohnen? Konnte sie nicht -Menschenfleisch essen und die Kinder schlachten, Pasteten daraus -machen und sie verkaufen, wie ein Pastetenbäcker in Paris es -getan hat? Konnte sie nicht die Lenden der Gehenkten abschneiden -und forttragen, um hineinzubeißen und solchergestalt schändlichen -Diebstahl und Entweihung zu begehen? Und ich fordere vom -Gerichtshof, daß alle beide, Katheline und Joos Damman, auf -die Folter gebracht werden, um zu erfahren, ob sie kein anderes -Verbrechen als die schon bekannten und erforschten begangen -haben. Da Joos Damman sich weigert, irgend etwas außer dem -Mord zu gestehen, und Katheline gar nichts ausgesagt hat, so -erheischen die Reichsgesetze das Verfahren, das ich bezeichnet -habe.“</p> - -<p>Und der Spruch der Schöffen lautete auf Tortur am Freitag, -welcher übermorgen war.</p> - -<p>Und Nele rief: „Gnade, Ihr Herren,“ und das Volk rief mit ihr. -Aber es war vergeblich.</p> - -<p>Und Katheline blickte Joos Damman an und sprach:</p> - -<p>„Ich habe Hilberts Hand, hole sie diese Nacht, mein Geliebter!“ -Und sie wurden wieder ins Gefängnis geführt.</p> - -<p>Dort ward dem Kerkermeister auf Geheiß des Gerichtshofes anbefohlen, -jedem zwei Wärter zu geben, die sie allemal, wenn sie -einschlafen wollten, schlagen sollten, aber die zwei Wächter Kathelines -ließen sie die Nacht durch schlafen, und die von Joos -Damman schlugen ihn unbarmherzig, so oft er die Augen schloß -oder nur den Kopf neigte.</p> - -<p>Sie hungerten den ganzen Tag und die Nacht des Mittwoch und -den ganzen Donnerstag bis zum Abend; dann gab man ihnen zu -essen und zu trinken: Fleisch mit Salz und Salpeter, und Wasser -mit Salz und Salpeter. Das war der Anfang ihrer Tortur. Und -am Morgen, als sie vor Durst schrien, führten die Büttel sie in -die Folterkammer.</p> - -<p>Dort wurden sie einander gegenüber gelegt und jeder auf eine -Bank gebunden, die mit verknoteten Stricken bedeckt war, was -ihnen große Pein verursachte. Und sie mußten jeder ein Glas -Wasser mit Salz und Salpeter trinken.</p> - -<p>Da Joos Damman auf der Bank einschlafen wollte, schlugen -ihn die Büttel.</p> - -<p>Und Katheline sprach:</p> - -<p>„Schlagt ihn nicht, Ihr Herren, Ihr zerbrechet seinen armen -Körper. Er hat nur ein einziges Verbrechen begangen, und das -aus Liebe, als er Hilbert umbrachte. Mich dürstet und dich auch, -mein geliebter Hans. Gebt ihm zuerst zu trinken. Wasser! Wasser! -Mein Körper brennt. Schonet seiner, ich werde bald für ihn sterben. -Zu trinken!“</p> - -<p>Hans sprach zu ihr:</p> - -<p>„Garstige Hexe, stirb und verrecke wie eine Hündin. Werft sie -ins Feuer, Ihr Herren Richter. Mich dürstet!“</p> - -<p>Die Schreiber schrieben alle seine Worte nieder.</p> - -<p>Darauf sprach der Amtmann zu ihm:</p> - -<p>„Hast Du nichts zu gestehen?“</p> - -<p>„Ich habe nichts mehr zu sagen“, antwortete Damman. „Ihr -wisset alles.“</p> - -<p>„Da er beim Leugnen beharrt,“ sagte der Amtmann, „soll er, bis -auf neues und vollständiges Geständnis, auf der Marterbank -und auf diesen Stricken bleiben: er soll Durst leiden und am -Schlafen verhindert werden.“</p> - -<p>„Ich werde bleiben,“ sagte Joos Damman, „und mich damit ergötzen, -diese Hexe auf jener Bank leiden zu sehen. Wie findest Du -das Hochzeitsbett, mein Schätzchen?“</p> - -<p>Und Katheline antwortete ächzend:</p> - -<p>„Kalte Hände und heißes Herz. Hans, mein Liebster. Mich dürstet, -mein Kopf brennt!“</p> - -<p>„Und Du, Weib,“ sprach der Amtmann, „hast Du nichts mehr zu -sagen?“</p> - -<p>„Ich höre den Karren des Todes und das Klappern der Gebeine,“ -sprach sie. „Mich dürstet! Er führt mich an einen großen -Fluß, in dem Wasser, frisches, klares Wasser ist; aber dies Wasser -ist Feuer. Hans, mein Freund, befreie mich von diesen Stricken. -Ja, ich bin im Fegefeuer, und ich sehe oben den Herrn Jesus in -seinem Paradies und die gnadenreiche Jungfrau. Oh, unsere liebe -Frau, gib mir einen Tropfen Wassers, beiße nicht allein in diese -schönen Früchte.“</p> - -<p>„Dies Weib wird von grausamem Wahnsinn geplagt,“ sagte -einer der Schöffen. „Sie muß von der Folterbank genommen -werden.“</p> - -<p>„Sie ist so wenig wahnsinnig wie ich,“ sagte Joos Damman, „das -ist eitel Spiel und Verstellung.“ Und mit drohender Stimme -sagte er zu Katheline: „Ich werde Dich, die so trefflich die Irre -spielt, im Feuer sehen.“ Und er knirschte mit den Zähnen und -lachte ob seiner grausamen Lüge.</p> - -<p>„Mich dürstet, erbarmt Euch, mich dürstet,“ sagte Katheline. -„Hans, mein Liebster, gib mir zu trinken. Wie weiß Dein Gesicht -ist! Lasset mich zu ihm, Ihr Herren Richter.“ Und den -Mund weit öffnend: „Ja, ja, jetzo legen sie mir das Feuer in die -Brust, und die Teufel binden mich auf dies grausame Bett. Hans, -Du bist so mächtig, nimm deinen Degen und töte sie! Wasser! zu -trinken, zu trinken!“</p> - -<p>„Verrecke, Hexe,“ sagte Joos Damman. „Man sollte ihr eine -Angstbirne ins Maul stecken, damit sie, die Bäuerin, sich nichts -gegen mich, den Edelmann, herausnehmen kann.“</p> - -<p>Auf diese Rede erwiderte ein Schöffe, der dem Adel feind war: -„Herr Amtmann, es ist den Rechten und Bräuchen des Reiches zuwider, -denen, so peinlich befragt werden, Angstbirnen in den Mund -zu stecken. Denn sie sind hier, um die Wahrheit zu bekennen, und -damit wir sie nach ihren Aussagen richten. Das ist nur verstattet, -wenn der verurteilte Angeklagte auf dem Blutgerüst zum Volke -sprechen, es dergestalt rühren und einen öffentlichen Aufruhr erregen -könnte.“</p> - -<p>„Mich dürstet,“ sagte Katheline. „Gib mir zu trinken, Hans, -mein Herzliebster.“</p> - -<p>„Ha, du leidest, verfluchte Hexe,“ sprach er, „Du, die einzige Ursache -aller Qualen, die ich erdulde. Aber Du wirst in dieser Folterkammer -die Marter der Kerzen, den Wippgalgen und die -Holzstückchen zwischen den Nägeln der Füße und Hände erleiden. -Man wird dich rittlings auf einen Sarg setzen, dessen Rücken so -scharf ist wie eine Messerklinge, und Du wirst bekennen, daß Du -keine Wahnsinnige, sondern eine schlimme Hexe bist, der Satan -befohlen hat, den Edelleuten etwas anzutun. Zu trinken!“</p> - -<p>„Hans, mein Lieber,“ sprach Katheline, „zürne Deiner Magd -nicht. Ich leide tausend Schmerzen für Dich, mein Gebieter. -Schonet seiner, Ihr Herren Richter; gebet ihm einen vollen -Becher zu trinken und hebt mir nur einen Tropfen auf. Hans, ist -die Stunde des Fischadlers noch nicht da?“</p> - -<p>Jetzo sagte der Amtmann zu Joos Damman:</p> - -<p>„Da Du Hilbert umbrachtest, was war der Anlaß des Zweikampfes?“</p> - -<p>„Es war wegen einer Dirne aus Heyst, die wir alle beide haben -wollten.“</p> - -<p>„Eine Dirne aus Heyst,“ schrie Katheline und wollte mit Gewalt -von der Bank aufstehen. „Du betrügst mich mit einer Andern, du -falscher Teufel. Wußtest du, daß ich hinter dem Deich horchte, -als Du sagtest, Du wolltest alles Geld haben, das Klas gehörte? -Du wolltest es gewißlich in Leckereien und Schlemmereien mit -ihr ausgeben! Ach, und ich, die ihm ihr Blut gegeben hätte, -wenn er Gold daraus hätte machen können! Und alles wegen -einer Andern. Sei verflucht!“</p> - -<p>Aber plötzlich weinte sie und versuchte, sich auf ihrer Folterbank -umzudrehen:</p> - -<p>„Nein, Hans, sage, daß Du Deine arme Magd noch lieb haben -willst, und ich will mit meinen Fingern die Erde aufscharren und -einen Schatz finden. Ja, es ist einer da, und ich werde mit der -Wünschelrute gehen, die sich nach der Seite neigt, wo die Metalle -sind; und ich werde ihn finden und ihn Dir bringen. Küsse mich, -Liebster, und Du sollst reich werden; und wir werden Fleisch -essen und alle Tage Bier trinken. Ja, ja, die da trinken auch -Bier, frisches, schäumendes Bier. O, Ihr Herren, gebt mir nur -einen Tropfen davon, ich bin im Feuer. Hans, ich weiß es wohl, -wo Haselruten sind, aber wir müssen bis zum Frühjahr warten.“</p> - -<p>„Schweig, Hexe,“ sagte Joos Damman, „ich kenne Dich nicht. -Du hast Hilbert für mich gehalten. Er war’s, der Dich besuchte. -Und in Deinem boshaften Gemüt nanntest Du ihn Hans. Wisse, -daß ich nicht Hans heiße, sondern Joos. Wir waren von gleichem -Wuchs, Hilbert und ich. Ich kenne Dich nicht. Ohne Zweifel -war es Hilbert, der die siebenhundert Karolusgülden stahl. -Gebt mir zu trinken. Mein Vater wird einen Becher Wassers mit -hundert Gülden bezahlen; aber dieses Weib kenne ich nicht.“</p> - -<p>„Gnädiger Herr,“ rief Katheline aus, „er sagt, daß er mich nicht -kennt; aber ich, ich kenne ihn wohl und weiß, daß er auf dem -Rücken ein braunes, behaartes Mal so groß wie eine Bohne hat. -Ha, Du liebtest eine Dirne aus Heyst. Schämt sich ein wahrer -Liebhaber seines Liebchens? Hans, bin ich nicht noch schön?“</p> - -<p>„Schön!“ sagte er. „Du hast ein Gesicht wie eine Mispel und -einen Leib wie ein Reisigbündel. Sehet das Bettelweib, das von -fürnehmen Herren geliebt sein will. Zu trinken!“</p> - -<p>„Du sprachst nicht also, Hans, mein süßer Herr,“ sagte sie, „da -ich sechzehn Jahre jünger war denn jetzt.“ Dann schlug sie sich -vor Kopf und Stirn. „Die Glut darinnen dörrt mir Herz und -Gesicht; schelte mich nicht darum. Weißt Du noch, wenn wir -Gesalzenes aßen, um mehr zu trinken, wie Du sagtest? Jetzt -ist das Salz in uns, mein Liebster, und der Herr Amtmann trinkt -Wein aus der Romagna. Wir wollen keinen Wein, gebt uns -Wasser. Es rieselt im Grase, das Wässerlein, das die klare -Quelle macht; das gute Wasser, es ist kalt. Nein, es brennt, es -ist höllisches Wasser.“ Und Katheline weinte und sagte: „Ich -habe Niemandem Übles getan, und jedermann wirft mich ins -Feuer. Zu trinken! Man gibt den herrenlosen Hunden Wasser. -Ich bin eine Christin, gebt mir zu trinken. Ich habe Niemandem -Übles getan. Zu trinken!“</p> - -<p>Darauf redete ein Schöffe und sagte:</p> - -<p>„Diese Hexe ist nur in so weit toll, als sie vom Feuer behauptet, -daß es ihr den Kopf verbrenne. In andern Dingen ist sie es -nicht, maßen sie uns klaren Geistes half, die sterblichen Reste -des Toten zu entdecken. Wenn das behaarte Mal sich auf Joos -Dammans Körper findet, so genügt dies, um festzustellen, daß -er und der Teufel Hans, von dem Katheline betört ward, derselbe -ist. Henker, laß uns das Mal sehen.“</p> - -<p>Der Henker entblößte Hals und Schulter und zeigte das braune -behaarte Mal.</p> - -<p>„Ach,“ sagte Katheline, „wie weiß Deine Haut ist! Beinahe wie -die Schultern eines Mägdleins. Du bist schön, Hans, mein Geliebter. -Zu trinken!“</p> - -<p>Der Henker stach mit einer langen Nadel in das Mal; aber es -blutete nicht.</p> - -<p>Und die Schöffen sprachen untereinander:</p> - -<p>„Er ist ein Teufel, und er wird Joos Damman umgebracht und -sein Gesicht angenommen haben, um die arme Welt desto sichrer -zu täuschen.“</p> - -<p>Und der Amtmann und die Schöffen erschraken und sprachen:</p> - -<p>„Er ist ein Teufel, und es ist Zauberei im Spiel.“</p> - -<p>Und Joos Damman sagte:</p> - -<p>„Ihr wisset, daß keine Zauberei im Spiel ist, und daß es solche -fleischigen Auswüchse gibt, die man stechen kann, ohne daß sie -bluten. Wenn Hilbert von dieser Hexe Geld genommen hat, denn -sie ist ja eine, die bekennt, mit dem Teufel gebuhlt zu haben, so -durfte er es mit ausdrücklicher Zustimmung dieser Bäuerin und -ward also als Edelmann für seine Zärtlichkeiten bezahlt, wie es -die Dirnen alle Tage tun. Gibt es in dieser Welt nicht gleich den -Dirnen leichtfertige Burschen, so sich von den Weibern ihre Kraft -und Schönheit bezahlen lassen?“</p> - -<p>Die Schöffen sagten untereinander:</p> - -<p>„Sehet die teuflische Dreistigkeit! Seine behaarte Warze hat -nicht geblutet; er ist ein Mörder, Teufel und Zauberer und -will sich schlechtweg für einen Duellanten ausgeben, indem er -seine andern Verbrechen auf den teuflischen Freund wälzt, dem -er den Leib, aber nicht den Geist getötet hat ... Und sehet, wie -bleich sein Gesicht ist. / So erscheinen alle Teufel, rot in der -Hölle, bleich auf Erden, denn sie haben nicht das Lebensfeuer, -das dem Gesicht seine rote Farbe gibt, und inwendig sind sie -Asche. Er muß ins Feuer zurückgebracht werden, damit er rot -wird und brennt.“</p> - -<p>Darauf sagte Katheline:</p> - -<p>„Ja, er ist ein Teufel, aber ein guter, freundlicher Teufel. Und -der heilige Jakobus, sein Schutzpatron, hat ihm erlaubt, die -Hölle zu verlassen. Er bittet den Herrn Jesum alle Tage für ihn. -Er wird nur siebentausend Jahre im Fegefeuer sein müssen: die -Jungfrau will es, aber Herr Satan ist dagegen. Aber die hohe -Frau tut, was sie will. Werdet Ihr wider sie sein? Wenn Ihr -ihn recht betrachtet, werdet Ihr sehen, daß er von seiner teuflischen -Natur nichts behalten hat, denn den kalten Körper und -das leuchtende Antlitz, wie es die See im August hat, wenn es -donnern will.“</p> - -<p>Und Joos Damman sagte:</p> - -<p>„Schweig, Hexe, Du bringst mich ins Feuer.“ Dann sprach er -zum Amtmann und zu den Schöffen: „Seht mich an, ich bin kein -Teufel. Ich bin aus Fleisch und Bein, Blut und Wasser. Ich -trinke und esse, verdaue und scheide aus gleich Euch; meine Haut -ist gleich der Euren und mein Fuß desgleichen. Henker, zieh mir -die Stiefel aus, denn ich kann mich mit den gefesselten Füßen -nicht rühren.“</p> - -<p>Der Henker tat es, nicht ohne Furcht.</p> - -<p>„Sehet,“ sprach Joos und zeigte seine weißen Füße. „Sind das -Klauen, Teufelsfüße? Was meine Blässe angeht, / ist keiner -unter Euch so blaß wie ich? Ich sehe mehr als drei, die so sind. -Aber nicht ich bin’s, der gesündigt hat, sondern diese garstige -Hexe und ihre Tochter, die boshafte Anklägerin. Woher hat sie -das Geld, das sie Hilbert gegeben hat? Woher stammten die -Gülden, die sie ihm lieh? War es nicht der Teufel, der sie bezahlte, -um fürnehme, unschuldige Männer anzuklagen und dem -Tode auszuliefern? Diese beiden müssen gefragt werden, wer -den Hund im Hof erwürgte, wer das Loch grub und davon -ging, nachdem er alles herausgenommen, ohne Zweifel, um den -Schatz an einem andern Ort zu verbergen. Soetkin, die Witwe, -hatte kein Vertrauen zu mir, da sie mich nicht kannte, wohl aber -zu ihnen, die sie alle Tage sah. Die beiden sind’s, die des Kaisers -Habe gestohlen haben.“</p> - -<p>Der Gerichtsschreiber schrieb, und der Amtmann sprach zu -Katheline:</p> - -<p>„Weib, hast Du nichts zu Deiner Verteidigung zu sagen?“</p> - -<p>Katheline schaute Joos Damman an und sagte gar verliebt:</p> - -<p>„Es ist die Stunde des Fischadlers. Ich habe Hilberts Hand, -mein lieber Hans. Sie sagen, daß Du mir die siebenhundert -Karolus wiedergeben wirst. Nehmt das Feuer fort, nehmt das -Feuer fort!“ schrie sie sodann. „Zu trinken, zu trinken, mein -Kopf brennt. Gott und die Engel essen im Himmel Äpfel.“</p> - -<p>Und sie verlor das Bewußtsein.</p> - -<p>„Bindet sie von der Folterbank los,“ sprach der Amtmann. -Der Henker und seine Knechte gehorchten. Und sie taumelte und -hatte geschwollene Füße, maßen der Henker die Stricke zu fest -geschnürt hatte.</p> - -<p>„Gebt ihr zu trinken,“ sprach der Amtmann.</p> - -<p>Es ward ihr frisches Wasser gegeben; sie goß es begierig hinunter, -indem sie den Becher zwischen den Zähnen festhielt und -nicht loslassen wollte, wie ein Hund mit einem Knochen tut. -Dann gab man ihr noch mehr Wasser, und sie wollte Joos -Damman davon bringen, aber der Henker riß ihr den Becher -aus den Händen. Und sie fiel wie ein Bleiklumpen zu Boden -und schlief.</p> - -<p>Darauf schrie Joos Damman wütend:</p> - -<p>„Auch ich bin durstig und schläfrig! Warum gebet Ihr ihr zu -trinken? Warum lasset Ihr sie schlafen?“</p> - -<p>„Sie ist schwach, ein Weib und irre,“ sprach der Amtmann.</p> - -<p>„Ihr Irrsinn ist ein Spiel,“ sagte Joos Damman; „sie ist eine -Hexe; ich will trinken, ich will schlafen!“</p> - -<p>Und er schloß die Augen, doch die Knechte des Henkers schlugen -ihn ins Angesicht.</p> - -<p>„Gebt mir ein Messer,“ schrie er, „daß ich diese Tölpel in Stücke -schneide. Ich bin ein Edelmann und ward noch nie ins Gesicht -geschlagen! Wasser! Laßt mich schlafen, ich bin unschuldig. -Nicht ich habe die siebenhundert Karolus genommen, sondern -Hilbert. Zu trinken! Ich habe nie Zauberei und Beschwörung -getrieben. Ich bin unschuldig, laßt mich. Zu trinken!“</p> - -<p>Darauf fragte der Amtmann:</p> - -<p>„Womit verbrachtest Du die Zeit, seit Du Katheline verlassen?“</p> - -<p>„Ich kenne Katheline nicht; ich habe sie nicht verlassen,“ erwiderte -er. „Ihr befragt mich über Dinge, die mit der Sache -nichts zu tun haben. Ich brauche Euch nicht zu antworten. Zu -trinken, laßt mich schlafen. Ich sage Euch, Hilbert war’s, der -alles verübt hat.“</p> - -<p>„Bindet ihn los,“ sagte der Amtmann. „Führt ihn in sein Gefängnis -zurück. Aber er soll Durst leiden und nicht schlafen, bis -daß er alle seine Zaubereien und Beschwörungen bekannt hat.“</p> - -<p>Und es war eine grausame Folter für Damman. So laut schrie -er in seinem Gefängnis: Zu trinken, zu trinken! daß das Volk -ihn hörte, aber ohne jedwedes Mitleid. Und da er vor Müdigkeit -umfiel und ihn seine Wächter ins Gesicht schlugen, war er -wie ein Tiger und schrie:</p> - -<p>„Ich bin ein Edelmann und werde Euch Bauern umbringen. -Ich werde zum König, unserm Herrn, gehen. Zu trinken!“</p> - -<p>Aber er bekannte nichts, und man ließ ihn allein.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>6</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es war zur Maienzeit; die Gerichtslinde war grün, grün waren -auch die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war -als Zeugin vorgeladen. An diesem Tage sollte das Urteil gesprochen -werden.</p> - -<p>Und das Volk, Männer, Weiber, Bürger und Arbeiter, stunden -rings um die Dingstätte, und die Sonne schien hell.</p> - -<p>Katheline und Joos Damman wurden vorgeführt, und Damman -schien noch bleicher wegen der Marter des Durstes und der schlaflos -verbrachten Nächte.</p> - -<p>Katheline, die nicht auf ihren zitternden Beinen stehen konnte, -wies auf die Sonne und sprach:</p> - -<p>„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt!“</p> - -<p>Und sie blickte Joos Damman voll zärtlicher Liebe an.</p> - -<p>Und er blickte sie voller Haß und Verachtung an.</p> - -<p>Und die Ritter und Edelleute, seine Freunde, die nach Damm -berufen waren, standen männiglich als Zeugen vor dem Gerichtshof.</p> - -<p>Darauf redete der Amtmann und sprach:</p> - -<p>„Nele, das Mägdlein, die ihre Mutter Katheline mit so großer -Liebe verteidigt, hat in der Tasche, die an den Rock, den Feiertagsrock -derselbigen angenäht ist, ein Brieflein gefunden, Joos -Damman unterzeichnet. Unter den Überbleibseln von Hilbert -Ryvisch fand ich in der Gürteltasche des Toten einen andern -Brief von besagtem Joos Damman, dem hier vor Euch gegenwärtigen -Angeklagten. Ich habe alle beide bei mir bewahrt, -damit Ihr im rechten Augenblick, der jetzt gekommen ist, über -die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn nach Recht -und Gerechtigkeit freisprechen oder verdammen könnt. Hier ist -das in der Gürteltasche gefundene Pergament. Ich habe es nicht -berührt und weiß nicht, ob es lesbar ist oder nicht.“</p> - -<p>Die Richter waren darob in großer Bestürzung.</p> - -<p>Der Amtmann versuchte die Pergamentkugel auseinander zu -wickeln, aber es war vergeblich, und Joos Damman lachte.</p> - -<p>Darauf sagte ein Schöffe:</p> - -<p>„Legt die Kugel ins Wasser und hernach vors Feuer; wenn sie -durch ein Geheimnis zusammengeklebt ist, werden Feuer und -Wasser es auflösen.“</p> - -<p>Das Wasser ward herbeigebracht; der Henker entzündete auf -dem Felde ein großes Holzfeuer. Der Rauch stieg durch die -grünenden Zweige der Gerichtslinde blau in den hellen Himmel -empor.</p> - -<p>„Leget den Brief nicht in das Becken,“ sagte ein Schöffe, „denn -wenn er mit in Wasser gelöstem Ammoniak geschrieben ist, werdet -Ihr die Schriftzeichen auslöschen.“</p> - -<p>„Nein,“ sagte der anwesende Wundarzt, „die Schriftzüge werden -nicht verlöschen; das Wasser wird nur die Tünche aufweichen, -die das Öffnen dieser magischen Kugel verhindert.“</p> - -<p>Das Pergament ward ins Wasser getaucht, erweicht und entfaltet.</p> - -<p>Der Wundarzt sagte: „Haltet es nunmehr vors Feuer.“</p> - -<p>„Ja, ja,“ sprach Nele, „haltet das Papier vors Feuer; der -Herr Wundarzt ist auf der rechten Fährte, denn der Mörder erblaßt, -und seine Beine schlottern.“</p> - -<p>Hierauf erwiderte Herr Joos Damman:</p> - -<p>„Ich erblasse nicht, noch zittere ich, Du kleine Harpye aus dem -Volke, die den Tod eines adligen Mannes will. Es wird Dir -nicht gelingen, dies Pergament muß verfault sein, nachdem es -sechzehn Jahre in der Erde gelegen hat.“</p> - -<p>„Das Pergament ist nicht verfault,“ sagte der Schöffe, „die -Gürteltasche war mit Seide gefüttert. Die Seide zerfällt in der -Erde nicht und die Würmer haben das Pergament nicht zerfressen.“</p> - -<p>Das Pergament ward vors Feuer gelegt.</p> - -<p>„Euer Gnaden! Herr Amtmann,“ sprach Nele, „sehet, die Tinte -wird vor dem Feuer sichtbar. Befehlt, daß man das Geschriebene -lese.“</p> - -<p>Da der Wundarzt sich anschickte zu lesen, wollte Herr Joos -Damman die Arme ausstrecken, um das Pergament an sich zu -reißen, aber schnell wie der Wind stürzte Nele sich auf seinen -Arm und sagte:</p> - -<p>„Du sollst es nicht anrühren, denn da stehet Dein Tod oder -Kathelines Tod geschrieben. Wenn Dir jetzt das Herz blutet, -Mörder, so blutet das unsre seit fünfzehn Jahren; fünfzehn -Jahre sind es, daß Katheline leidet, fünfzehn Jahre, daß ihr -deinetwegen das Hirn im Kopf verbrannt ward, fünfzehn Jahre, -daß Soetkin an den Folgen der Tortur starb, fünfzehn Jahre, -daß wir bedürftig und zerlumpt sind und im Elend leben, wenn -auch stolzen Sinnes. Lest das Papier, lest das Papier! Die -Richter sind Gott auf Erden, denn sie sind die Gerechtigkeit; -leset das Papier!“</p> - -<p>„Leset das Papier,“ schrien Männer und Weiber weinend. „Nele -ist tapfer! Lest das Papier! Katheline ist keine Hexe!“</p> - -<p>Und der Gerichtsschreiber las:</p> - -<p>„An Hilbert, Sohn von Willem Ryvisch, Ritter, Joos Damman, -Ritter, Gruß.</p> - -<p>„Viellieber Freund, verliere nicht fürder Dein Geld in Karten-, -Würfelspiel und anderm großen Elend. Ich will Dir sagen, wie -man es mit sicherem Wurf gewinnt. Wir wollen uns in Teufel -verwandeln, hübsche Teufel, die von Frauen und Mädchen geliebt -werden. Die Schönen und Reichen nehmen wir, die Häßlichen -und Armen lassen wir beiseite; sie mögen ihr Vergnügen bezahlen. -Bei diesem Handwerk verdiente ich in sechs Monaten im Lande -Deutschland fünftausend Reichstaler. Die Frauen geben ihrem -Buhlen, so sie ihn lieben, ihre Röcke und Hemden. Flieh die -Geizigen mit spitzer Nase, die sich besinnen, ihr Vergnügen zu -bezahlen. Für Deine Person und um als schöner und echter -Incubus zu erscheinen, verkünde Dein Kommen, wenn sie Dich -für die Nacht aufnehmen, indem Du wie ein Nachtvogel schreist. -Und um Dir eine wahre Teufelslarve zu machen, wie ein erschrecklicher -Teufel, reibe Dir das Gesicht mit Phosphor ein, -welcher glänzt, wenn er feucht wird. Der Geruch ist übel, aber -sie werden glauben, daß es Höllenduft ist. Töte, was Dir in -den Weg kommt, Mann, Weib oder Tier.</p> - -<p>„Wir werden bald zusammen zu Katheline gehn, einem schönen, -gutherzigen Weibsbild. Ihre Tochter Nele, eins von meinen -Kindern, wenn Katheline mir treu war, ist artig und hübsch. -Du wirst sie ohne Mühe besitzen. Ich gebe sie Dir, denn ich -schere mich nicht um diese Bastarde, die man nicht mit Gewißheit -als seine Sprößlinge erkennen kann. Ihre Mutter gab ihr -schon dreiundzwanzig Karolus, ihre ganze Habe. Aber sie verbirgt -einen Schatz, welcher, wenn ich kein Dummkopf bin, die Erbschaft -des zu Damm verbrannten Ketzers Klas ist: siebenhundert -Karolusgülden, die der Konfiskation verfallen. Aber der gute -König Philipp, der so viele seiner Untertanen verbrennen ließ, um -sie zu beerben, konnte seine Klaue nicht auf diesen lieblichen Schatz -legen. Er wird in meiner Geldkatze schwerer wiegen als in seiner. -Katheline wird mir sagen, wo er ist, und wir wollen ihn teilen. -Du mußt mir nur für die Entdeckung den größten Teil lassen.</p> - -<p>„Die Weiber, unsre holden Leibeigenen und verliebten Sklavinnen, -werden wir ins Land Deutschland bringen. Dort werden wir sie -lehren, weibliche Teufel und Succubi zu werden, die alle reichen -Bürger und Edelleute verliebt machen. Allda werden sie und -wir von Liebe leben, die mit schönen Reichstalern, Samt, Seide, -Gold, Perlen oder Kleinodien bezahlt wird, und also ohne Anstrengung -reich werden. Und ohne Wissen der Succubi werden -wir von den Schönsten geliebt werden und uns übrigens immer -bezahlen lassen. Alle Frauen sind dumm und albern gegen den -Mann, welcher das Liebesfeuer entzünden kann, das Gott unter -ihren Gürtel legte. Katheline und Nele werden es noch mehr sein -als andre und in allen Stücken gehorchen, sintemal sie uns für -Teufel halten. Behalte du deinen Vornamen, aber gib niemals -deinen Vaternamen Ryvisch an. Wenn der Richter die Weiber -abfaßt, reisen wir ab, ohne daß sie uns kennen und uns angeben -können. Vorwärts, mein Getreuer. Fortuna lächelt der Jugend, -wie Seine Hochselige, heilige Majestät Karl der Fünfte sagte, -der ein geprüfter Meister in Sachen der Liebe und des Krieges -war.“</p> - -<p>Und der Gerichtsschreiber hörte auf zu lesen und sagte:</p> - -<p>„Dies ist der Brief. Er ist unterzeichnet. Joos Damman, Ritter.“</p> - -<p>Und das Volk schrie:</p> - -<p>„Zum Tode mit dem Mörder! Zum Tode mit dem Zauberer! Ins -Feuer mit dem Weiberbetörer! An den Galgen mit dem Dieb!“</p> - -<p>Darauf sprach der Amtmann!</p> - -<p>„Haltet Ruhe, Leute, damit wir in aller Freiheit diesen Menschen -richten können.“</p> - -<p>Und zu den Schöffen redend, sprach er:</p> - -<p>„Ich will euch jetzo den zweiten Brief vorlesen, den Nele in der -Tasche von Kathelines Festtagsrock gefunden hat; er ist also -abgefaßt:</p> - -<p>„Reizende Hexe, hier ist das Rezept einer Mixtur, die mir Luzifers -Weib selbst geschickt hat. Mit Hülfe dieser Mixtur kannst du -dich in die Sonne, den Mond und die Gestirne versetzen; mit den -Elementargeistern, die die Gebete der Menschen zu Gott tragen, -Zwiesprache halten und alle Städte, Marktflecken, Flüsse und -Wiesen der ganzen Welt durcheilen. Du zerreibst zu gleichen -Teilen: Stechapfel, betäubenden Nachtschatten, Bilsenkraut, -Opium, die frischen Spitzen des Hanfes und Tollkirsche.</p> - -<p>„Wenn Du willst, gehen wir heute zum Sabbat der Geister; aber -Du mußt mich mehr lieben und nicht so knauserig sein wie jüngst -abends, da Du mir zehn Gülden weigertest und sagtest, daß Du -sie nicht hättest. Ich weiß, daß Du einen Schatz verborgen hältst -und es mir nicht sagen willst. Liebst du mich nicht mehr, mein -süßes Herz?</p> - -<p class="right"> -Dein kalter Teufel</p> -<p class="halfright"> -Hanske“ -</p> - -<p>„Der Zauberer muß sterben!“ schrie das Volk.</p> - -<p>Der Amtmann sagte:</p> - -<p>„Die beiden Schriftstücke müssen verglichen werden.“</p> - -<p>Nachdem solches geschehen, wurden sie für gleich erklärt.</p> - -<p>Darauf sagte der Amtmann zu den anwesenden Rittern und -Herren: „Erkennet ihr diesen da als Herrn Joos Damman, den -Sohn des Schöffen der Küre zu Gent?“</p> - -<p>„Ja,“ sprachen sie.</p> - -<p>„Habt Ihr Junker Hilbert, den Sohn des hochwohlgebornen -Willem Ryvisch gekannt?“ fragte er.</p> - -<p>Einer der Edelleute, der van der Zinkelen hieß, nahm das Wort -und sagte:</p> - -<p>„Ich bin aus Gent, mein Steen ist an der Place Saint-Michel; -ich kenne den Ritter Willem Ryvisch, den Schöffen der Küre zu -Gent. Es sind nunmehr fünfzehn Jahre, daß er einen Sohn im -Alter von dreiundzwanzig Jahren verlor. Er war ausschweifend, -ein Spieler und Müssiggänger; aber männiglich verzieh ihm seiner -Jugend halber. Seit jener Zeit hat keiner Kunde von ihm gehabt. -Ich begehre Degen, Dolch und Gürteltasche des Toten zu sehen.“</p> - -<p>Als er sie vor sich hatte, sagte er:</p> - -<p>„Degen und Dolch tragen am Kopfe des Griffes das Wappen der -Ryvisch, das drei silberne Fische auf azurnem Felde hat. Ich -sehe das nämliche Wappen auf einem güldenen Schilde zwischen -den Eisenmaschen der Tasche. Wes ist dieser andere Dolch?“</p> - -<p>Es ist derselbe, den man in der Leiche von Hilbert Ryvisch, dem -Sohne Willems, stecken fand,“ sprach der Amtmann.</p> - -<p>„Ich erkenne das Wappen der Damman daran: den Turm mit -den Rachen auf silbernem Feld. So helfe mir Gott und alle seine -Heiligen.“</p> - -<p>Die andern Edelleute sprachen desgleichen:</p> - -<p>„Wir erkennen besagte Wappen als die der Ryvisch und Damman. -So helfe uns Gott und alle seine Heiligen.“</p> - -<p>Der Amtmann sprach:</p> - -<p>„Nach den, vom Schöffengericht gehörten und gelesenen Beweisen -ist Herr Joos Damman ein Zauberer, Mörder, Weiberbetörer -und Dieb am königlichen Gute und als solcher des Verbrechens -an göttlicher und menschlicher Majestät schuldig.“</p> - -<p>„Ihr sagt es, Herr Amtmann,“ entgegnete Joos, „aber Ihr werdet -mich nicht verurteilen, aus Mangel an Beweisen. Ich bin kein -Zauberer und war es nie, ich spielte nur die Rolle des Teufels. -Was mein helles Gesicht betrifft, so habt Ihr das Rezept dafür, -desgleichen für die Salbe, welches, ob schon es Bilsenkraut, eine -giftige Pflanze, enthält, doch nur ein Schlafmittel ist. Wenn dieses -Weib, das eine richtige Hexe ist, davon einnahm, versank sie in -Schlaf und vermeinte zum Sabbat zu fahren, dort mit nach -außen gedrehtem Gesicht in der Runde zu gehen und einen Teufel -mit Bocksgesicht, der auf einem Altar stand, anzubeten. Wenn -der Umgang beendet war, wähnte sie, daß sie ihn unter den -Schwanz küßte, wie die Zauberer tun: nachher überließ sie sich -mir, ihrem Freunde, zu seltsamen Paarungen, die ihrem ausschweifenden -Sinne gefielen. Wenn ich, wie sie sagte, kalte Arme und -kühlen Leib hatte, so war das ein Zeichen der Jugend, nicht der -Zauberei. Aber Katheline wollte glauben, was sie wünschte, und -mich für einen Teufel halten, ob ich gleich ein Mensch von Fleisch -und Bein bin, ganz wie Ihr, die Ihr mich anseht. Sie allein ist -schuldig. Indem sie mich für einen Teufel hielt und mich in ihr -Bett nahm, sündigte sie mit Absicht und Tat gegen Gott und den -Heiligen Geist. Demnach ist sie es, und nicht ich, die das Verbrechen der -Zauberei beging; sie ist des Feuers würdig als rasende, -boshafte Hexe, die sich für eine Irre ausgeben will, um ihre -Bosheit zu verbergen.“</p> - -<p>Doch Nele sprach:</p> - -<p>„Hört Ihr ihn, den Mörder? Wie eine feile Dirne, die das Rädlein -am Arm trägt, hat er das Gewerbe und Handwerk der Liebe -getrieben. Hört Ihr ihn? Um sich zu retten, will er die verbrennen -lassen, die ihm alles gab.“</p> - -<p>„Nele ist boshaft,“ sprach Katheline, „höre nicht auf sie, Hans, -mein Geliebter.“</p> - -<p>„Nein,“ sagte Nele, „Du bist kein Mensch, Du bist ein feiger, -grausamer Teufel.“ Sie umschlang Katheline mit ihren Armen -und rief aus: „Ihr Herren Richter, hört nicht auf diesen bleichen -Bösewicht. Er hat nur einen Wunsch: meine Mutter verbrannt -zu sehen, so sie kein andres Verbrechen beging, als daß Gott sie -mit Wahnsinn heimsuchte und sie die Hirngespinste ihrer Träume -für Wirklichkeit hielt. Sie hat an Leib und Seele schon gar sehr -gelitten. Laßt sie nicht sterben, Ihr Herren Richter. Lasset die -Unschuldige in Frieden ihr traurig Dasein leben.“</p> - -<p>Und Katheline sagte: „Nele ist boshaft, Du mußt ihr nicht -glauben, Hans, mein Gebieter.“</p> - -<p>Und unter dem Volk weinten die Frauen, und die Männer sagten: -„Gnade für Katheline.“</p> - -<p>Auf ein Geständnis, das Joos Damman nach erneuter Folter -machte, sprachen der Amtmann und die Schöffen das Urteil. Er -wurde verurteilt, aus dem Adel ausgestoßen und bei langsamen -Feuer lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte. Er -erlitt die Strafe am folgenden Morgen vor den Gitterfenstern des -Rathauses und sagte immerfort: „Laßt die Hexe sterben, sie allein -ist schuldig! Gott sei verflucht! Mein Vater wird die Richter -töten.“ Und er gab den Geist auf.</p> - -<p>Und das Volk sagte: „Sehet, wie er flucht und lästert; er verendet -wie ein Hund.“</p> - -<p>Am andern Tage fällten der Amtmann und die Schöffen ihren -Spruch über Katheline. Sie ward verurteilt, im Brügger Kanal -die Wasserprobe zu bestehen. Bliebe sie oben schwimmen, so sollte -sie als Hexe verbrannt werden; ginge sie aber unter und verlöre -dabei das Leben, so sollte sie als christlich gestorben angesehen -und als solche auf dem Kirchhof begraben werden.</p> - -<p>Am nächsten Tage wurde Katheline, die eine Wachskerze trug, -barfuß und mit einem schwarzlinnenen Hemde bekleidet, in großer -Prozession an den Bäumen entlang bis an das Ufer des Kanals -geführt. Vor ihr her schritten der Dechant der Frauenkirche und -seine Vikare, die Sterbegebete sangen, und der Meßner, der das -Kreuz trug; hinter ihr der Amtmann von Damm, Schöffen, -Gerichtsschreiber, Gemeindebüttel, der Profoß, der Henker und -seine beiden Knechte. Am Ufer stand eine große Menge weinender -Frauen und murrender Männer, beide voll Mitleids für Katheline, -die wie ein Lamm dahinschritt, das sich führen läßt, ohne -zu wissen wohin, und immer sagte:</p> - -<p>„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt! Hans, wo bist Du?“ -Nele, die unter den Frauen stand, schrie: „Ich will mit ihr hineingeworfen -werden!“ Aber die Frauen wehrten ihr, daß sie Katheline -nahte.</p> - -<p>Vom Meere wehte ein scharfer Wind; vom grauen Himmel fiel -ein feiner Hagel in das Wasser des Kanals. Der Henker und seine -Knechte bemächtigten sich im Namen seiner königlichen Majestät -eines Kahnes, der da war. Auf ihr Geheiß stieg Katheline hinein; -der Henker stand darinnen, ergriff sie, und als der Profoß mit -der Rute der Gerechtigkeit winkte, warf er Katheline in den -Kanal. Sie kämpfte mit der Flut, aber nicht lange; dann sank -sie unter, nachdem sie: „Hans, Hans, zu Hilfe,“ gerufen hatte.</p> - -<p>Und das Volk sagte: „Dies Weib ist keine Hexe.“</p> - -<p>Männer sprangen in den Kanal und zogen Katheline heraus. -Sie war von Sinnen und starr wie eine Leiche. Dann ward sie -in eine Schenke gebracht und vor ein starkes Feuer gelegt. Nele -zog ihr die nassen Kleider und die Wäsche aus, um ihr andere -anzulegen. Als sie wieder zu sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd: -„Hans, gib mir einen wollenen Mantel.“</p> - -<p>Und Katheline konnte nicht wieder warm werden und starb am -dritten Tage. Und sie ward auf dem Kirchhof begraben.</p> - -<p>Und die verwaiste Nele begab sich ins Land Holland zu Rosa -van Auweghem.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>7</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Auf den zeeländischen Huckern, auf den Bujern und den Galeassen -fährt Tyll Klas Ulenspiegel davon. Das offne Meer trägt die -wackeren Freibeuter darauf acht, zehn oder zwanzig eiserne Feldstücke -sind; sie speien Tod und Verderben auf die spanischen -Verräter.</p> - -<p>Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, ist ein trefflicher Kanonier.</p> - -<p>Man muß ihn sehen, wie er das Stück richtet, scharf visiert und -die Schiffsrümpfe der Henker wie eine Mauer aus Butter durchlöchert. -Er trägt am Filzhut den silbernen Halbmond mit der -Inschrift: „<span class="antiqua">Liever den Turk als den Paus.</span>“ Lieber dem Türken -als dem Papst dienen.</p> - -<p>Die Matrosen, die ihn flink wie eine Katze und behend wie ein -Eichhörnchen auf ihre Schiffe klettern sahen, dabei ein Liedchen -singend oder lustige Reden führend, fragten ihn neugierig:</p> - -<p>„Wie geht es zu, kleiner Kerl, daß Du ein so jugendlich Aussehen -hast, denn die Rede geht, daß es lange her ist, daß du in -Damm geboren wurdest?“</p> - -<p>„Ich bin nicht Körper, sondern Geist,“ sagte er, „und Nele, mein -Liebchen, gleicht mir. Vlämischer Geist, vlämische Liebe, wir -werden nicht sterben.“</p> - -<p>„Gleichwohl blutest Du, wenn man Dich schneidet,“ sagten sie.</p> - -<p>„Das scheint nur so; es ist Wein und nicht Blut.“</p> - -<p>„Wir werden Dir einen Zapfen in den Bauch stecken.“</p> - -<p>„Ich werde mich allein leeren.“</p> - -<p>„Du spottest unser.“</p> - -<p>„Wer das Kalbfell schlägt, wird die Trommel hören,“ antwortete -Ulenspiegel.</p> - -<p>Und die gestickten Banner der römischen Prozessionen flatterten -an den Schiffsmasten. In Sammet, Brokat, Seide, Gold- und -Silberstoff gekleidet, wie es die Äbte beim Hochamt tun, mit -Mitra und Kreuz in den Händen und der Mönche Wein trinkend, -so hielten die Geusen auf den Schiffen Wacht.</p> - -<p>Und es war ein seltsames Schauspiel, aus diesen reichen Gewändern -diese rauhen Hände herausgucken zu sehen, die Hakenbüchse -oder Armbrust, Hellebarde oder Picke trugen, lauter -Männer mit hartem Gesicht und überdies mit Pistolen und Hirschfängern -umgürtet, die in der Sonne glänzten. Sie tranken aus -güldenen Kelchen den Klosterwein, welcher zum Weine der Freiheit -geworden war.</p> - -<p>Und sie sangen und riefen: „Es lebe der Geuse!“ Und also segelten -sie auf dem Meer und der Schelde.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>8</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Um dieselbige Zeit nahmen die Geusen, unter denen Lamm und -Ulenspiegel waren, Gorkum ein. Sie wurden vom Kapitän -Marin befehligt. Dieser Marin, der ehemals Deicharbeiter war, -spreizte sich in großem Hochmut und Dünkel und unterzeichnete -mit Gaspard Turc, dem Verteidiger von Gorkum, eine Kapitulation, -laut welcher Turc, die Mönche, Bürger und Soldaten, -so in der Zitadelle eingeschlossen waren, frei abziehen sollten mit -der Kugel im Munde, der Muskete auf der Schulter mit allem, -was sie tragen konnten. Nur die Kirchengüter sollten den Belagerern -verbleiben. Doch der Kapitän Marin hielt auf Befehl -von Messire de Lumey die dreizehn Mönche als Gefangene zurück -und ließ die Soldaten und Bürger ziehen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sagte: „Soldatenwort soll gülden Wort sein. -Warum hält er seines nicht?“</p> - -<p>Ein alter Geuse antwortete Ulenspiegel:</p> - -<p>„Die Mönche sind Satans Kinder, der Aussatz der Völker, die -Schande der Länder. Seit dem Einmarsch des Herzog Alba -tragen sie in Gorkum die Nase hoch. Einer unter ihnen, der -Priester Nikolas, ist hoffärtiger als ein Pfau und wilder als ein -Tiger. Allemal, wenn er mit seinem Heiligen Sakrament, darinnen -seine aus Hundefett gemachte Hostie war, durch die -Straße ging, sah er mit wütenden Blicken nach den Häusern, aus -denen die Frauen nicht heraus kamen, um niederzuknieen. Er zeigte -alle dem Richter an, die nicht vor seinem Götzenbild aus Teig und -vergüldetem Kupfer das Knie beugten. Die andern Mönche taten -des gleichen. Das war der Anlaß zu mehrfachem großen Jammer, -Verbrennungen und grausamer Strafen in der Stadt Gorkum. -Der Kapitän Marin tut wohl daran, die Mönche als Gefangene -festzuhalten; wenn nicht, würden sie mit ihres Gleichen in die -Dörfer, Marktflecken, Städte und Weiler gehen, gegen uns predigen, -das Volk aufwiegeln und die armen Reformierten verbrennen -lassen. Man legt die Bullenbeißer an die Kette, bis sie verenden; -an die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden -des Herzogs, in den Käfig mit den Henkern! Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>„Aber Seine Gnaden von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß -man bei denen, die sich ergeben, die persönliche Habe und das -freie Gewissen achte,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Die alten Geusen erwiderten:</p> - -<p>„Der Admiral will es nicht für die Mönche. Er ist Herr, er hat -Briel erobert. In den Käfig mit den Mönchen!“</p> - -<p>„Soldatenwort, gülden Wort! Warum bricht er es?“ entgegnete -Ulenspiegel. „Die Mönche, die im Gefängnis sind, erdulden da -tausend Mißhandlungen.“</p> - -<p>„Die Asche brennt nicht mehr auf deinem Herzen,“ sagten sie. -„Kraft der Edikte haben hunderttausend Familien die Handwerke, -den Gewerbefleiß, den Reichtum unserer Länder nach dem -Nordwesten, nach Engelland getragen; beklage denn die, so -unser Verderben verschuldeten! Seit Kaiser Karl dem Fünften, -dem ersten Henker, und unter dem gegenwärtigen, dem Blutkönig -und zweiten Henker, sind hundertundachtzehntausend Personen -hingerichtet worden. Wer trug die Totenkerze bei Mord und -Tränen? Mönche und hispanische Söldner. Hörst du nicht die -Seelen der Toten klagen?“</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. „Soldatenwort, -ein gülden Wort.“</p> - -<p>„Wer wollte denn,“ so sprachen sie, „das Land durch die Exkommunikation -bei allen Völkern in Acht und Bann tun? Wer -hätte, wenn er es vermocht hätte, Erde und Himmel, Gott und -Teufel und die Scharen der Heiligen gegen uns gewappnet? Wer -schmierte die Hostien mit Ochsenblut ein und ließ die hölzernen -Statuen weinen? Wer ließ auf unserm heimatlichen Boden den -Sterbegesang erschallen, wenn nicht die verfluchte Klerisei, diese -Horden faulenzender Mönche, um ihren Reichtum, ihren Einfluß -über die Götzenanbeter zu behalten und durch Verderben, Blut -und Feuer über das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit -den Wölfen, die sich auf die am Boden Liegenden stürzen; in den -Käfig mit den Hyänen! Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>„Soldatenwort, gülden Wort,“ entgegnete Ulenspiegel.</p> - -<p>Des andern Tages kam ein Bote von Messire de Lumey mit dem -Befehl, die neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel, -allwo der Admiral war, bringen zu lassen.</p> - -<p>„Sie werden gehenkt werden,“ sagte der Kapitän Marin zu Ulenspiegel.</p> - -<p>„Nicht, so lange ich am Leben bin,“ versetzte er.</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „sprich nicht also zu Messire de Lumey. -Er ist grimmig und wird dich ohne Gnade mit ihnen henken lassen.“</p> - -<p>„Ich werde der Wahrheit gemäß reden,“ erwiderte Ulenspiegel. -„Soldatenwort, gülden Wort.“</p> - -<p>„Wenn Du sie retten kannst,“ sagte Marin, „so führe ihre Barke -bis Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, und Deinen Freund Lamm -mit, wenn Du willst.“</p> - -<p>„Ja, ich will,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>Die Barke legte am Quai Vert an, und die neunzehn Mönche -stiegen hinein. Der furchtsame Rochus wurde ans Steuerruder -gesetzt, und Ulenspiegel und Lamm nahmen wohlbewaffnet im -Vorderteil des Fahrzeuges Platz. Verlotterte Söldner, die sich -des Plünderns halber zu den Geusen geschlagen hatten, waren -bei den hungernden Mönchen. Ulenspiegel gab ihnen zu trinken -und zu essen. „Dieser wird Verrat üben,“ sprachen die verlotterten -Söldner. Die neunzehn Mönche saßen blöd und schlotternd in -der Mitte, ohngeachtet man im Juli war, die Sonne hell und -warm schien und ein sanfter Wind die Segel der Barke schwellte, -die schwer und rundbäuchig über die grünen Wogen glitt.</p> - -<p>Darauf redete Pater Nikolas und sprach zum Steuermann:</p> - -<p>„Rochus, führt man uns aufs Galgenfeld?“ Dann wandte er sich -nach Gorkum, stand auf und reckte die Hand aus. „O, Stadt -Gorkum! welch großes Wehe hast Du zu erleiden! Verflucht wirst -Du sein unter den Städten, denn Du hast in Deinen Mauern den -Samen der Ketzerei großgezogen! O Stadt Gorkum! Und der -Engel des Herrn wird nicht mehr an Deinen Toren Wacht halten. -Er wird nicht mehr für die Keuschheit Deiner Jungfrauen, den -Mut Deiner Männer und den Reichtum Deiner Kaufleute sorgen! -O Stadt Gorkum, verflucht bist Du, Unselige!“</p> - -<p>„Verflucht, verflucht,“ erwiderte Ulenspiegel, „verflucht wie der -Kamm, der durchgefahren ist und die hispanischen Läuse mitgenommen -hat. Verflucht wie der Hund, der die Kette zerbricht, -wie das edle Roß, das einen grausamen Reiter von sich abschüttelt. -Verflucht Du selbst, einfältiger Pfaff, der es schlecht findet, daß -man die Rute, und wäre sie von Eisen, auf dem Rücken der -Tyrannen zerbricht.“</p> - -<p>Der Mönch schwieg, schlug die Augen nieder und schien in frommen -Haß versenkt.</p> - -<p>Die Söldner, so Plünderns halber zu den Geusen gekommen -waren, saßen bei den Mönchen, die bald Hunger hatten. Ulenspiegel -forderte Schiffsbrot und Hering für sie. Der Schiffsmeister -antwortete:</p> - -<p>„Werfet sie in die Maas, da können sie den Hering ungesalzen -fressen.“</p> - -<p>Darauf gab Ulenspiegel den Mönchen alles, was er an Brot -und Wurst für sich und Lamm bei sich hatte. Der Schiffsmeister -und die Söldner sprachen untereinander:</p> - -<p>„Das ist ein Verräter, er füttert die Mönche; er muß angezeigt -werden.“</p> - -<p>In Dordrecht legte die Barke im Hafen am Bloemen-Key an. -Männer, Frauen, Knaben und Mädchen kamen in Menge herbeigelaufen, -die Mönche zu sehen, wiesen mit dem Finger auf sie -oder drohten mit der Faust und sagten zueinander:</p> - -<p>„Sehet diese Wichte und Gottmacher, die die Leiber zum Scheiterhaufen -und die Seelen ins ewige Feuer bringen; sehet die fetten -Tiger und dickbäuchigen Hyänen.“</p> - -<p>Die Mönche senkten den Kopf und wagten nicht mehr zu sprechen, -und Ulenspiegel sah sie abermals zittern.</p> - -<p>„Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,“ sagten sie.</p> - -<p>Aber der Schiffspatron sprach:</p> - -<p>„Wer trinkt allezeit? Der dürre Sand. Wer ißt allezeit? Der -Mönch.“</p> - -<p>Ulenspiegel ging in die Stadt, um Brot, Schinken und einen -großen Krug Bier für sie zu holen.</p> - -<p>„Esset und trinket,“ sprach er. „Ihr seid unsere Gefangenen, -aber ich werde Euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort, gülden -Wort.“</p> - -<p>„Weshalb gibst Du ihnen das? Sie werden Dir’s nicht lohnen,“ -sagten die Söldner und sie sprachen leise miteinander und flüsterten -sich diese Worte ins Ohr: „Er hat versprochen, sie zu retten; laßt -uns ihn wohl bewachen.“</p> - -<p>Bei Tagesanbruch gelangten sie nach Briel. Nachdem ihnen die -Tore geöffnet waren, ging ein Eilbote voraus, um Herrn de -Lumey ihre Ankunft zu melden.</p> - -<p>Kaum hatte er die Kunde empfangen, so kam er, notdürftig -bekleidet und von etlichen bewaffneten Reitern und Fußgängern -gefolgt, angeritten.</p> - -<p>Und Ulenspiegel konnte zum andern Mal den grimmen Admiral -sehen, gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überfluß lebt.</p> - -<p>„Seid gegrüßt, Ihr Herren Mönche,“ sprach er. „Hebt die Hände -auf. Wo ist das Blut der Herren von Egmont und van Hoorn? -Ihr zeigt mir eine weiße Pfote, das ist hübsch von Euch.“</p> - -<p>Ein Mönch, namens Leonard, sagte:</p> - -<p>„Mach mit uns, was Du willst. Wir sind Mönche, keiner wird -Anspruch auf uns erheben.“</p> - -<p>„Er hat recht geredet,“ sprach Ulenspiegel. „Denn da der Mönch -mit der Welt gebrochen hat, die Vater und Mutter, Bruder und -Schwester, Gattin und Liebste ist, so wird er in seinem letzten -Stündlein keinen finden, der Anspruch an ihn erhebt. Ich aber, -Excellenz, ich will es tun. Da der Kapitän Marin die Kapitulation -von Gorkum unterzeichnete, machte er aus, daß diese -Mönche frei sein sollten, wie alle, die in der Zitadelle gefangen -wurden und aus der Stadt abzogen. Sie wurden jedoch ohne -Grund als Gefangene zurückgehalten. Ich höre, daß sie gehenkt -werden sollen. Euer Gnaden, ich wende mich in aller Demut an -Euch und lege Fürsprache für sie ein; denn ich weiß: Soldatenwort -ist gülden Wort.“</p> - -<p>„Wer bist Du?“ fragte Messire de Lumey.</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin ein Vläme aus -dem schönen Land Flandern; ein Bauer und Edelmann, alles zumal. -Also lustwandle ich durch die Welt, lobe die guten und -schönen Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel. -Und ich will Euch preisen, so Ihr das Versprechen haltet, das -der Kapitän gegeben hat: Soldatenwort ist gülden Wort.“</p> - -<p>Aber die Söldner, so auf dem Schiff waren, sagten:</p> - -<p>„Euer Gnaden, dieser Mensch ist ein Verräter. Er hat versprochen, -sie zu retten; er hat ihnen Brot, Schinken, Wurst, Bier gegeben, -und uns nichts.“</p> - -<p>Drauf sagte Messire de Lumey zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Lustwandelnder Vläme und Ernährer von Mönchen, Du wirst -mit ihnen gehenkt werden.“</p> - -<p>„Ich habe keine Furcht,“ erwiderte Ulenspiegel, „Soldatenwort -ist gülden Wort.“</p> - -<p>„Dir ist der Kamm trefflich geschwollen,“ sprach de Lumey.</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Die Mönche wurden in eine Scheune gebracht und Ulenspiegel -mit ihnen; dort wollten sie ihn durch theologische Argumente bekehren, -aber beim Zuhören schlief er ein.</p> - -<p>Dieweil Herr de Lumey bei Tafel war und sich an Wein und -Fleisch gütlich tat, kam ein Bot von Gorkum vom Kapitän Marin -mit der Abschrift der Briefe des Schweigers, Prinzen von Oranien: -„Befehl an alle Gouverneure der Städte und andrer Orte, daß sie -den Geistlichen gleichen Schutz, gleiche Sicherheit und Vorrechte -wie dem übrigen Volk angedeihen lassen.“</p> - -<p>Der Bote verlangte bei de Lumey vorgelassen zu werden, um ihm -die Abschrift der Briefe zu eignen Händen auszuantworten.</p> - -<p>„Wo ist das Original?“ fragte ihn de Lumey.</p> - -<p>„Bei meinem Gebieter Marin,“ sagte der Bote.</p> - -<p>„Und der Tölpel schickt mir die Abschrift!“ sagte de Lumey. „Wo -ist Dein Paß?“</p> - -<p>„Hier, Euer Gnaden,“ sagte der Bote.</p> - -<p>Herr de Lumey las laut vor:</p> - -<p>„Der gnädige Herr und Hauptmann Marin Brandt befiehlt allen -Beamten, Gouverneuren und Offizieren der Republik ungefährdet -passieren zu lassen“ usw.</p> - -<p>De Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und zerriß den Paß. -„Blut Gottes,“ schrie er, „was untersteht sich dieser Marin, dieser -Lump, der vor der Einnahme von Briel nicht eine Heringsgräte -zu beißen hatte! Er betitelt sich gnädiger Herr und Hauptmann -und schickt mir Befehle, mir! Er verordnet und befiehlt! Sag -Deinem gnädigen Herrn, daß er so sehr Hauptmann und gnädig -ist, und so trefflich befehlen und verordnen kann, daß die Mönche -alsogleich kurz und hoch sollen aufgehenkt werden, und Du mit -ihnen, wenn Du Dich nicht packst.“</p> - -<p>Und mit einem Fußtritt stieß er ihn aus dem Saale.</p> - -<p>„Zu trinken!“ schrie er. „Habt Ihr die Anmaßung dieses Marin -gesehen? Ich werde mein Essen wieder ausspeien, so wütend bin -ich. Die Mönche sollen straks in ihrer Scheune gehenkt werden -und der lustwandelnde Vläme soll hierher gebracht werden, nachdem -er ihrer Hinrichtung beigewohnt hat. Wir wollen doch sehen, -ob er es wagen wird, mir zu sagen, daß ich schlecht getan habe. -Blut Gottes! Wozu braucht es hier noch Krüge und Gläser?“ -Und mit lautem Krachen zerbrach er die Becher und das Geschirr, -und niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. Die Diener wollten -die Scherben auflesen, er duldete es nicht, und indem er ohne -Maß die Flaschen austrank, geriet er noch mehr in Wut, rannte -mit großen Schritten umher und trampelte und stampfte wütend -auf die Scherben. Ulenspiegel ward vor ihn geführt.</p> - -<p>„Nun,“ sagte er zu ihm, „bringst Du Kunde von Deinen Freunden, -den Mönchen?“</p> - -<p>„Sie sind gehenkt,“ sagte Ulenspiegel, „und ein feiger Henker, -der aus Habgier schlachtet, hat dem einen, nachdem er tot war, -Bauch und Seiten aufgeschlitzt, wie bei einem Schwein, das man -ausnimmt, um sein Fett einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort -ist nicht mehr gülden Wort.“</p> - -<p>De Lumey zerstampfte die Trümmer des Geschirrs.</p> - -<p>„Du trotzest mir, Du vier Schuh hoher Taugenichts, doch Du -sollst auch gehenkt werden, nicht in einer Scheune, sondern auf -offenem Markt, mit Schimpf und Schande vor allen Leuten.“</p> - -<p>„Schande über Euch,“ sagte Ulenspiegel. „Schande über uns. -Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“</p> - -<p>„Wirst Du schweigen, Eisenkopf!“ sagte Messire Lumey.</p> - -<p>„Schande über Dich,“ sprach Ulenspiegel, „Soldatenwort kein -gülden Wort mehr. Bestrafe lieber die schändlichen Händler mit -Menschenfett.“</p> - -<p>Darauf stürzte sich Herr de Lumey auf ihn, um ihn zu schlagen.</p> - -<p>„Schlag zu,“ sagte Ulenspiegel, „ich bin Dein Gefangener, aber -ich habe keine Furcht vor Dir. Soldatenwort kein gülden Wort -mehr.“</p> - -<p>Da zog Herr von Lumey seinen Degen und hätte Ulenspiegel gewißlich -getötet, dafern nicht Herr von Très-Long seinen Arm festgehalten -und zu ihm gesagt hätte:</p> - -<p>„Erbarme Dich! Er ist ehrlich und tapfer und hat kein Verbrechen -begangen.“</p> - -<p>Da besann sich de Lumey und sprach:</p> - -<p>„Er möge um Pardon bitten“.</p> - -<p>Doch Ulenspiegel blieb stehen und sagte:</p> - -<p>„Das werde ich nicht tun.“</p> - -<p>„Dann soll er zum wenigsten sagen, daß ich nicht Unrecht gehabt -habe,“ schrie de Lumey, in Wut geratend.</p> - -<p>Ulenspiegel entgegnete:</p> - -<p>„Ich bin kein Speichellecker großer Herren; Soldatenwort kein -gülden Wort mehr.“</p> - -<p>„Der Galgen soll aufgerichtet werden,“ sagte de Lumey. „Führt -ihn hin; so wird es ein hanfenes Wort sein.“</p> - -<p>„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „und vor allem Volk werde ich Dir zurufen: -Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr!“</p> - -<p>Der Galgen ward auf dem großen Markt errichtet, und die Kunde -durchlief alsbald die Stadt, daß Ulenspiegel, der tapfere Geuse, -gehenkt werden sollte. Und das Volk ward von Mitleid und -Teilnahme ergriffen. In hellen Haufen kam es zum Großen Markt, -und Herr de Lumey kam auch angeritten, da er selber das Zeichen -zur Hinrichtung geben wollte.</p> - -<p>Ohne Erbarmen sah er Ulenspiegel mit dem Totenhemd angetan, -auf der Leiter stehen, die Arme am Körper festgebunden, die -Hände gefaltet, den Strick um den Hals, und den Henker bereit, -seines Amtes zu walten.</p> - -<p>Très-Long sagte:</p> - -<p>„Euer Gnaden, verzeihet ihm, er ist kein Verräter, und niemand -hat je einen Menschen henken sehen, weil er aufrichtig und mitleidig -war.“</p> - -<p>Und als die Männer und Weiber aus dem Volk Très-Long reden -hörten, schrien sie: „Erbarmen, Euer Gnaden, Erbarmen und -Gnade für Ulenspiegel!“</p> - -<p>„Dieser Eisenkopf hat mir getrotzt,“ sprach de Lumey, „er möge -bereuen und sagen, daß ich recht getan habe.“</p> - -<p>„Willst Du bereuen und sagen, daß er recht getan habe?“ sagte -Très-Long zu Ulenspiegel.</p> - -<p>„Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr,“ gab Ulenspiegel zur -Antwort.</p> - -<p>„Zieht den Strick zu,“ sagte de Lumey.</p> - -<p>Der Henker wollte gehorchen; da sprang ein junges Mädchen, -ganz in Weiß gekleidet, mit einem Blumenkränzlein im Haar, -wie rasend die Stufen des Blutgerüsts hinauf, warf sich an Ulenspiegels -Brust und sagte:</p> - -<p>„Dieser Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.“</p> - -<p>Und das Volk klatschte in die Hände und die Weiber schrieen:</p> - -<p>„Es lebe das Dirnlein, Ulenspiegels Retterin!“</p> - -<p>„Was bedeutet das?“ fragte Herr de Lumey.</p> - -<p>Très-Long antwortete:</p> - -<p>„Nach Sitte und Brauch der Stadt ist es Recht und Gesetz, daß -ein junges Weib, Jungfrau oder ledig, einen Mann vom Strang -errettet, wenn sie ihn am Fuße des Galgens zum Gatten nimmt.“</p> - -<p>„Gott ist mit ihm,“ sprach de Lumey, „bindet ihn los.“</p> - -<p>Darauf ritt er an das Gerüst heran und sah das Mägdlein geschäftig, -Ulenspiegels Stricke zu zerschneiden, und der Henker -wollte sich ihrem Vorhaben widersetzen und sagte:</p> - -<p>„So Ihr sie zerschneidet, wer wird sie bezahlen?“</p> - -<p>Aber das Mägdlein hörte ihn gar nicht.</p> - -<p>Da er sah, daß sie so behend, verliebt und klug war, ward er -gerührt.</p> - -<p>„Wer bist Du?“ fragte er.</p> - -<p>„Ich bin Nele, seine Braut, und komme aus Flandern, ihn zu -suchen.“</p> - -<p>„Du tatest recht,“ sagte de Lumey in rauhem Ton.</p> - -<p>Und er ritt von dannen.</p> - -<p>Drauf kam Très-Long heran.</p> - -<p>„Kleiner Vläme,“ sagte er, „wirst Du als Ehemann noch Soldat -auf unsern Schiffen bleiben?“</p> - -<p>„Ja, Herr,“ antwortete Ulenspiegel.</p> - -<p>„Und Du, Mägdlein, was wirst Du ohne Deinen Mann anfangen?“</p> - -<p>Nele antwortete:</p> - -<p>„Wenn Ihr erlaubt, Herr, werde ich auf seinem Schiff Pfeifer -werden.“</p> - -<p>„Ich erlaube es,“ sagte Très-Long.</p> - -<p>Und er gab ihr zwei Gülden für die Hochzeit.</p> - -<p>Und Lamm sagte, vor Freude weinend und lachend:</p> - -<p>„Hier sind noch drei Gülden: wir wollen alles aufessen, ich bezahle. -Laßt uns zum „Güldenen Kamm“ gehen. Mein Freund -ist nicht tot. Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Und das Volk klatschte Beifall, und sie gingen zum „Güldenen -Kamm“, allwo ein großer Schmaus bestellt ward, und Lamm -warf Heller zum Fenster hinaus für das Volk.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sagte zu Nele:</p> - -<p>„Herzallerliebste, da bist Du also bei mir! O, Jubel! Sie ist -hier, mit Leib, Herz und Seele, mein süßes Liebchen. O, die sanften -Augen und die schönen roten Lippen, von welchen immer nur gute -Worte kamen. Auf unsern Schiffen wirst Du die Pfeife der Freiheit -blasen. Entsinnst Du Dich ... Doch nein ... Unser ist die -gegenwärtige Stunde voller Wonne, und mein ist Dein Antlitz -hold wie Blüten des Rosenmonds. Ich bin im Paradiese. Doch -Du weinst ...?“</p> - -<p>„Sie haben sie umgebracht,“ sprach sie.</p> - -<p>Und sie erzählte ihm die Leidensgeschichte.</p> - -<p>Und sich einander anschauend, weinten sie vor Liebe und Schmerz. -Und beim Festmahl aßen und tranken sie, und Lamm blickte sie -betrübt an und sagte:</p> - -<p>„Ach, mein Weib, wo bist Du?“</p> - -<p>Und der Priester kam und traute Nele und Ulenspiegel.</p> - -<p>Und die Morgensonne fand sie nebeneinander auf ihrem Hochzeitslager.</p> - -<p>Und Neles Haupt ruhte auf Ulenspiegels Schulter. Und als sie -beim Sonnenschein erwachte, sagte er:</p> - -<p>„Blühendes Antlitz und sanftes Herz, wir werden Flanderns -Rächer sein.“</p> - -<p>Und sie küßte ihn auf den Mund und sagte: „Närrischer Sinn -und starker Arm, Gott wird Pfeife und Degen segnen.“</p> - -<p>„Ich werde Dir ein Soldatenkleid machen.“</p> - -<p>„Sogleich?“ fragte sie.</p> - -<p>„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. „Aber wer sagt doch, daß -morgens die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist weit besser.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>9</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten, gleich ihren Freunden und -Gefährten, den Klöstern die Habe wieder abgenommen, so diese -dem Volke durch Prozessionen, falsche Wunder und andere -römische Gaukeleien aus der Tasche gezogen hatten.</p> - -<p>Dies war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen, -aber das Geld diente zur Bezahlung der Kriegskosten.</p> - -<p>Lamm Goedzak, nicht zufrieden, sich mit Geld zu versorgen, -raubte Schinken, Würste, Flaschen, Wein und Bier aus den -Klöstern und kehrte frohgemut zurück, ein Wehrgehenk mit Geflügel, -Truthennen, Kapaunen, Hühnern und Kücken auf der -Brust tragend und etliche mönchische Kälber und Schweine an -einem Strick hinterdreinschleifend. Und das gemäß dem Kriegsrecht, -wie er sagte.</p> - -<p>Hocherfreut über jede Beute, trug er sie aufs Schiff, damit man -damit Schmausereien und Gelage veranstaltete; gleichwohl beklagte -er sich, daß der Schiffskoch in der Wissenschaft der Brühen -und Fleischgerichte so unbewandert sei.</p> - -<p>Eines Tages, da die Geusen siegesfroh ihren Wein schlürften, -sprachen sie zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Du hast immer die Nase nach dem Winde, um Zeitung vom Festland -zu wittern; Du kennst alle Kriegsabenteuer: sing sie uns -vor. Indes wird Lamm die Trommel schlagen und der hübsche -Pfeifer wird nach dem Takt Deines Liedes blasen.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„An einem hellen, kühlen Maitage findet Ludwig von Nassau, der -in Mons einzurücken gedenkt, nicht Fußsoldaten noch Reiterei. -Etliche heimliche Anhänger hielten ein Tor offen und eine Brücke -war herabgelassen, auf daß er in Besitz der Stadt käme. Aber die -Bürger bemächtigten sich der Stadt und des Tores. Wo sind des -Grafen Ludwig Soldaten? Die Bürger wollen die Brücke aufziehen. -Graf Ludwig stößt ins Horn.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?</div> - <div class="verse indent0">Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,</div> - <div class="verse indent0">So dürres Reis wie zarte Maienblumen.</div> - <div class="verse indent0">Die liebe Sonne lässet ihre roten</div> - <div class="verse indent0">Und kriegerischen Angesichter glänzen</div> - <div class="verse indent0">Und ihrer Renner blanke Kruppen.</div> - <div class="verse indent0">Graf Ludwig stößt ins Horn.</div> - <div class="verse indent0">Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,</div> - <div class="verse indent0">Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,</div> - <div class="verse indent0">Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,</div> - <div class="verse indent0">Fliegen die schweren Reiter heran!</div> - <div class="verse indent0">Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!</div> - <div class="verse indent0">Die Brücke hebt sich ... Gespornt</div> - <div class="verse indent0">Der Schlachtrosse blutende Flanken!</div> - <div class="verse indent0">Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Sie sind davor. Ist es zu spät?</div> - <div class="verse indent0">In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,</div> - <div class="verse indent0">Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,</div> - <div class="verse indent0">Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.</div> - <div class="verse indent0">Die Stadt gewonnen! Höret Ihr</div> - <div class="verse indent0">Auf dem Pflaster von Mons,</div> - <div class="verse indent0">Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,</div> - <div class="verse indent0">Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Heil Chaumont und dem spanischen Hengst</div> - <div class="verse indent0">Schmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!</div> - <div class="verse indent0">Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;</div> - <div class="verse indent0">Die Lerche steigt singend gen Himmel.</div> - <div class="verse indent0">Heil dem Vogel der Freiheit!</div> - <div class="verse indent0">Rühret die Siegestrommel!</div> - <div class="verse indent0">Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!</div> - <div class="verse indent0">Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und die Geusen sangen auf den Schiffen: „Christe, schau nieder -auf Deine Soldaten. Schärfe unsere Waffen, Herr. Es lebe der -Geuse!“</p> - -<p>Und Nele ließ lächelnd die schrillen Töne der Pfeife erklingen, -und Lamm schlug die Trommel, und die güldenen Kelche und die -Freiheitslieder erhoben sich zum Himmel, dem Tempel Gottes. -Und gleich Meerjungfrauen murmelten die klaren, kühlen Wogen -melodisch um das Schiff.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>10</h3> -<hr class="full" /> - -<p>An einem Tag im Augustmond, einem schwülen, heißen Tage blies -Lamm Trübsal. Seine lustige Trommel war still und schlief, und -die Trommelstöcke sahen aus seiner Kriegstasche hervor.</p> - -<p>Ulenspiegel und Nele lächelten vor verliebten Wohlbehagen und -wärmten sich in der Sonne; die Marswachen pfiffen oder sangen, -dieweil sie über das weite Meer Ausschau hielten, ob sie am -Horizont nicht etwelche Beute erspähten. Wenn Très-Long sie -fragte: sagten sie immer: „<em>Niets</em>, nichts.“</p> - -<p>Und Lamm, bleich und niedergedrückt, seufzte erbärmlich. Und -Nele sagte:</p> - -<p>„Woher kommt es, Lamm, daß Du so bekümmert bist?“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sprach zu ihm:</p> - -<p>„Du wirst mager, mein Sohn.“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Lamm, „ich bin betrübt und mager. Mein Herz -büßt seine Heiterkeit und mein Vollmondsgesicht seine Frische ein. -Ja, lacht nur über mich, Ihr, die Ihr Euch durch tausend Gefahren -wiederfandet. Spottet des armen Lamm, der, wiewohl -verheiratet, wie ein Witwer lebt, indes die da“, sprach er, auf -Nele deutend, „ihren Mann der Umarmung des Strickes entriß, -der sein letztes Liebchen sein wird. Sie tat wohl daran, Gott -sei gelobt, aber sie muß nicht über mich lachen. Jawohl, Du -mußt nicht über den armen Lamm lachen, Nele, mein Herzchen! -Mein Weib lacht für zehn. Ach, Ihr Weiber seid grausam gegen -die Schmerzen Andrer. Ja, mein Herz ist betrübt, vom Schmerze -der Trennung verwundet, und nichts kann es trösten, denn sie -allein.“</p> - -<p>„Oder irgend ein Fleischgericht,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wohl,“ sprach Lamm, „wo ist auf diesem elenden Schiff das -Fleisch? Auf den Schiffen des Königs kriegen sie es viermal in -der Woche, dafern nicht Fasttag ist, und dreimal Fisch. Was -die Fische angeht, Gott verdamme mich, wenn dies Faserzeug / -ich meine ihr Fleisch / etwas anderes tut als mir unnütz das Blut -zu erhitzen, mein armes Blut, das sich bald in Wasser verwandeln -wird. Sie haben Bier, Käse, Suppe und gutes Getränk. -Ja, sie haben alles für des Magens Behagen: Schiffszwieback, -Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles: gedörrten -Fisch, Käse, Senfsamen, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze, Essig, -Öl, Talg, Holz und Kohlen. Uns aber hat man verboten, Vieh -zu rauben, wessen es auch sei, eines Bürgers, Abtes oder Edelmannes. -Wir essen Hering und trinken Dünnbier. Wehe, ich habe -nichts mehr; nicht Frauenliebe, noch guten Wein, nicht Doppel-Braunbier, -noch gute Nahrung. Wo sind hier unsere Freuden?“</p> - -<p>„Das will ich Dir sagen, Lamm,“ antwortete Ulenspiegel. „Auge -um Auge, Zahn um Zahn. In der Bartholomäusnacht zu Paris -haben sie zehntausend freie Seelen allein in der Stadt Paris getötet, -der König hat selbst auf sein Volk geschossen. Erwache, -Vläme, ergreife das Beil ohne Erbarmen: Das sind unsere -Freuden. Triff den feindlichen, römischen Spanier, wo immer -Du ihn findest. Laß Deine Esserei beiseite. Sie haben die Opfer, -tot oder lebendig, an ihren Fluß geschafft und sie zu ganzen -Wagenladungen ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst -Du, Lamm? Die Seine war neun Tage lang rot, und die Raben -ließen sich in Scharen auf die Stadt nieder. In La Charité, -Rouen, Toulouse, Lyon, Bordeaux, Bourges und Meaux war -das Blutbad entsetzlich. Siehst Du die Scharen vollgefressener -Hunde, die sich bei den Kadavern niederlegen? Ihre Zähne sind -müde von der Arbeit; der Flug der Raben ist schwerfällig, so -sehr haben sie sich den Magen mit dem Fleische der Opfer angefüllt. -Hörst Du die Stimmen der Seelen, Lamm, die um Rache -und Mitleid gen Himmel schreien? Erwache, Vläme. Du sprichst -von Deiner Frau. Ich glaube nicht, daß sie untreu ist, aber betört, -und sie liebt Dich noch, armer Freund. Sie war nicht -unter den Damen vom Hofe, die in der Nacht des Blutbades -die Leichen entblößten, um zu sehen, ob ihre Männlichkeit groß -oder klein war. Und sie lachten, diese großen Damen, groß in -Unzucht. Freue Dich, mein Sohn, trotz Deines Fisches und -Dünnbiers. Wenn der Nachgeschmack des Herings widerlich ist, -so ist es der Geruch dieser Geilheit noch mehr. Die geschlachtet -haben, halten Festmahle, und mit schlecht gewaschenen Mörderhänden -zerlegen sie die fetten Gänse, um den artigen Pariser -Edelfräulein die Flügel, Füße und das Hinterteil anzubieten. -Die aber hatten zuvor anderes Fleisch, kaltes Fleisch berührt.“</p> - -<p>„Ich werde nicht mehr klagen, mein Sohn,“ sagte Lamm und -stand auf. „Für die freien Seelen ist der Hering eine Fettammer -und das Dünnbier gleicht Malvasier.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sprach:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.</div> - <div class="verse indent0">In Trümmern und Blut</div> - <div class="verse indent0">Erblüht die Rose der Freiheit.</div> - <div class="verse indent0">So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Nach dem Triumph der Hyäne</div> - <div class="verse indent0">Kommt die Zeit des Löwen.</div> - <div class="verse indent0">Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.</div> - <div class="verse indent0">Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und die Geusen auf den Schiffen sangen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Das gleiche Los droht uns vom Herzog.</div> - <div class="verse indent0">Auge um Auge, Zahn um Zahn,</div> - <div class="verse indent0">Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="full" /> -<h3>11</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In einer düsteren Nacht, als der Donner in den Tiefen der Wetterwolken -grollte, war Ulenspiegel mit Nele auf Deck und sprach:</p> - -<p>„All unsere Lichter sind gelöscht. Wir sind Füchse, die nachts -auf das spanische Geflügel lauern, das ist auf ihre zweiundzwanzig -Kuffs, reiche Schiffe, darauf die Laternen schimmern, die für sie -böse Sterne sind. Und wir werden sie verfolgen.“</p> - -<p>Nele sprach:</p> - -<p>„Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie -der Höllenschlund, die Sterne funkeln wie Satans Lächeln, der -ferne Donner grollt dumpf, die Möwen fliegen laut kreischend -vorüber. Das Meer wälzt seine phosphorschimmernden Wellen -wie silberne Schlangen. Tyll, mein Geliebter, komm in die Welt -der Geister. Nimm das Zauberpulver“ ...</p> - -<p>„Werde ich die Sieben sehen, Liebchen?“</p> - -<p>Und sie nahmen das Zauberpulver.</p> - -<p>Und Nele drückte Ulenspiegel die Augen zu und Ulenspiegel schloß -sie Nele. Und sie erblickten ein grausames Schauspiel.</p> - -<p>Himmel, Erde und Meer waren voll von Männern, Weibern -und Kindern, die da arbeiteten, ruderten, wanderten oder träumten. -Das Meer schaukelte sie, die Erde trug sie und sie wimmelten -wie Aale in einem Korbe.</p> - -<p>Sieben Männer und Frauen saßen mitten im Himmel auf Thronen, -die Stirnen mit einem glänzenden Sterne gekrönt; aber sie waren -so verschwommen, daß Nele und Ulenspiegel nur ihre Sterne -deutlich erblickten.</p> - -<p>Das Meer stieg bis zum Himmel und wälzte in seinem Schaum -eine Unzahl von Schiffen, deren Masten und Takelwerk nach der -Willkür der stürmisch bewegten Wogen aneinanderstießen, sich verwickelten, -zerbrachen und zerspellten. Dann erschien ein Schiff -inmitten aller andern. Seine Verschalung war von glühendem -Eisen, der stählerne Kiel scharf wie ein Messer. Das Wasser -schrie und ächzte, wenn es hindurchfuhr. Der Tod saß hohnlachend -auf dem Heck, in der einen Hand seine Hippe, in der -andern eine Peitsche, womit er sieben Personen schlug. Die eine -war ein trübseliger, magerer, hochmütiger, schweigsamer Mensch. -In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen -Degen. Neben ihm saß eine rothaarige Dirne auf einer Ziege, -ihre Brüste waren bloß, ihr Kleid offen und sie hatte freche -Augen. Unzüchtig reckte sie sich zur Seite eines alten Juden, der -Nägel aufsammelte, und eines dicken, gedunsenen Mannes, der -allemal umfiel, wenn sie ihn aufrichtete. Ein mageres, wütendes -Weib prügelte alle beide. Der dicke Mann rächte sich nicht, noch -minder seine rothaarige Gefährtin. Ein Mönch in ihrer Mitte -aß Würste. Ein Weib, das auf der Erde lag, kroch wie eine -Schlange zwischen den andern hindurch, biß den alten Juden -wegen seiner alten Nägel, den gedunsenen Mann, weil er zu gemächlich -war, die rothaarige Dirne wegen des feuchten Schimmers -ihrer Augen, den Mönch wegen der Würste, und den Magern -wegen seines Zepters. Und alsbald prügelten sich alle.</p> - -<p>Als sie weiterfuhren, ward die Schlacht auf dem Meer, im -Himmel und auf Erden entsetzlich. Es regnete Blut. Die Schiffe -wurden von Beilhieben, Büchsen- und Kanonenschüssen zerschmettert, -ihre Trümmer flogen mitten im Pulverdampf in die Luft. -Auf dem Lande prallten die Heere wie eherne Mauern zusammen. -Städte, Dörfer und Ernten verbrannten unter Geschrei -und Tränen. Die stolzen Schattenrisse der ragenden Glockentürme -hoben sich wie steinerne Spitzenzier vom Feuerschein ab; dann -stürzten sie gleich gefällten Eichen dröhnend zu Boden. Schwarze -Reiter, zahlreich und dicht wie Ameisenhaufen, den Degen in der -Hand und die Pistole in der Faust, töteten Männer, Weiber und -Kinder. Etliche schlugen Löcher ins Eis und senkten lebende -Greise hinein; andere schnitten den Weibern die Brüste ab und -streuten Pfeffer darauf, andere henkten Kinder in den Essen auf. -Die des Tötens müde waren, taten irgend einem Mädchen oder -einer Frau Gewalt an, tranken, spielten Würfel und wühlten mit -roten Fingern in Goldhaufen, dem Ertrage der Plünderung.</p> - -<p>Die sieben Sterngekrönten riefen: „Erbarmen für die arme Welt!“</p> - -<p>Und die Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen -denen von tausend Fischadlern, die zumal schrieen. Und der Tod -schwang seine Hippe.</p> - -<p>„Hörst Du sie?“ sagte Ulenspiegel; „das sind die Raubvögel der -armen Menschen. Sie nähren sich von kleinen Vögeln, nämlich -den Schlichten und Guten.“</p> - -<p>Die sieben Sterngekrönten riefen: „Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit!“</p> - -<p>Und die sieben Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen -denen von tausend Fischadlern, die zumal schreien. Und der Tod -peitschte sie.</p> - -<p>Und das Schiff fuhr mitten hindurch und schnitt Kriegsschiffe, -Boote, Männer, Weiber und Kinder entzwei. Die Klagen der -Opfer, die „Erbarmen“ riefen, widerhallten auf dem Meere. -Und das rote Schiff segelte über sie alle hinweg, dieweil die lachenden -Gespenster gleich Seeadlern schrieen. Und der Tod trank -hohnlachend das blutige Wasser.</p> - -<p>Da das Schiff im Nebel verschwunden war, hörte die Schlacht -auf und die sieben Sterngekrönten vergingen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel und Nele sahen nichts mehr denn den schwarzen -Himmel, die hochgehende See, die düstern Wetterwolken, die auf -dem phosphorschimmernden Wasser heranzogen, und ganz nahe -rote Sterne. Es waren die Laternen der zweiundzwanzig Kuffs. -Das Meer und der Donner grollten dumpf.</p> - -<p>Und Ulenspiegel läutete sacht die Alarmglocke und rief: „Der -Spanier, der Spanier! Er segelt auf Vlissingen!“ Und der Ruf -hallte wider durch die ganze Flotte.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sagte zu Nele:</p> - -<p>„Ein grauer Schimmer breitet sich über Himmel und Meer aus. -Die Laternen leuchten nur noch schwach; der Tag bricht an, der -Wind frischt auf, die Wogen schleudern ihren Schaum über das -Deck der Schiffe, ein starker Regen fällt und hört sogleich wieder -auf. Die Sonne geht strahlend auf und vergoldet die Wogenkämme; -das ist Dein Lächeln, Nele, frisch wie der Morgen, -sanft wie der Sonnenstrahl.“</p> - -<p>Die zweiundzwanzig Kuffs segeln vorbei. Auf den Schiffen der -Geusen dröhnen die Trommeln und schrillen die Pfeifen; de Lumey -ruft: „Auf Befehl des Prinzen: Klar zum Entern!“ Ewont -Pietersen Wort, Vizeadmiral, ruft: „Auf Befehl Seiner Gnaden -von Oranien und des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“ Auf -allen Schiffen, „Johanna“, „Schwan“, „Anne-Mie“, „Geuse“, -„Kompromiß“, „von Egmont“, „von Hoorn“, „Willem de -Zwyger“, rufen alle Kapitäne: „Auf Befehl seiner Gnaden von -Oranien und des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“</p> - -<p>„Klar zum Entern! es lebe der Geuse!“ rufen die Soldaten und -Matrosen.</p> - -<p>Très-Longs Hucker, „Briel“ genannt, auf dem Ulenspiegel und -Lamm sind, gefolgt von „Johanna“, „Schwan“ und „Geuse“, erobert -vier Kuffs. Die Geusen werfen alles, was spanisch ist, ins -Wasser, nehmen die Niederländer gefangen, leeren die Schiffe -aus wie Eierschalen und lassen sie ohne Mast noch Segel in die -Rhede treiben. Dann machen sie Jagd auf die achtzehn andern. -Der Wind weht heftig von Antwerpen, die Längsseiten der -schnellen Schiffe neigen sich unter der Wucht der geschwellten -Segel ins Wasser des Flusses, wie Mönchswangen beim Winde, -der aus den Küchen kommt. Die Kuffs fahren schnell; die Geusen -verfolgen sie bis in die Rhede von Middelburg unter dem Feuer -der Forts. Da entspinnt sich eine blutige Schlacht. Die Geusen -schwingen sich mit Äxten auf die Decks der Schiffe, die alsbald -mit abgehauenen Armen und Beinen übersäet sind, also daß sie -nach der Schlacht körbeweise in die Fluten geworfen werden -müssen. Die Forts feuern auf sie; sie spotten ihrer, und mit dem -Ruf: „Es lebe der Geuse!“ nehmen sie Pulver, Bomben, Kugeln -und Getreide aus den Kuffs. Nachdem sie sie entleert haben, -stecken sie sie in Brand, lassen sie rauchend und brennend in der -Rhede zurück und segeln nach Vlissingen.</p> - -<p>Von dort werden sie Mannschaft aussenden, um die Deiche von -Holland und Zeeland zu durchstechen und beim Bau neuer Schiffe -zu helfen, sonderlich der Vliebote von hundertundvierzig Tonnen, -welche bis zu zwanzig gußeiserne Feldstücke tragen können.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>12</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es schneit auf die Schiffe. Ganz weiß ist die Luft bis weit in die -Ferne und ohn Unterlaß fällt der Schnee und sinkt weich in die -schwarze Flut, wo er schmilzt.</p> - -<p>Es schneit auf das Land, ganz weiß sind die Wege, ganz weiß -die schwarzen Umrisse der entblätterten Bäume. Kein Laut als -die fernen Glocken von Haarlem, welche die Stunde läuten, und -das fröhliche Glockenspiel, das seine gedämpften Töne in die dicke -Luft hinaussendet.</p> - -<p>„Ihr Glocken, läutet nicht, Ihr Glocken, spielt nicht Eure -schlichten, holden Weisen: Don Federigo naht, der junge Blutherzog. -Er marschiert auf Dich los, und ihm folgen fünfunddreißig -Fähnlein Spanier, Deine tödlichen Feinde, o Haarlem, -Stadt der Freiheit; zweiundzwanzig Fähnlein Wallonen, achtzehn -Fähnlein Deutsche, achthundert Pferde und viel Geschütz. -Hörst Du das Dröhnen dieses mörderischen Eisenwerks auf den -Lafetten? Falkonetts, Feldschlangen, kurze Kanonen mit großem -Rachen, all das ist für Dich, Haarlem. Glocken, läutet nicht, -Glockenspiel, sende nicht Deine frohen Weisen in die dicke Schneeluft -hinauf.“</p> - -<p>„Wir Glocken werden läuten; ich, das Glockenspiel, werde meine -kühnen Klänge in die dicke Schneeluft hinaufsenden.“ Haarlem -ist die Stadt der tapferen Herzen, der mutigen Frauen. Ohne -Furcht sieht sie von ihren Glockentürmen die schwarzen Scharen -ihrer Henker wie höllische Ameisenhaufen kribbeln. Ulenspiegel, -Lamm und hundert Meergeusen sind in ihren Mauern. Ihre -Flotte kreuzt auf dem See.“</p> - -<p>„Mögen sie kommen!“ sagen die Einwohner. „Wir sind nur -Bürger, Fischer, Seeleute und Frauen. Um bei uns einzudringen, -braucht Herzog Albas Sohn, so sagt er, keine andren Schlüssel -als sein Geschütz. Möge er die schwachen Tore öffnen, wenn er -kann; er wird Männer dahinter finden. Läutet, Glocken; sende -Deine fröhlichen Weisen, o Glockenspiel, in die schwere Schneeluft -hinauf.</p> - -<p>„Wir haben nur schwache Mauern und Gräben nach alter Art. -Vierzehn Kanonen speien ihre sechsundvierzigpfündigen Kugeln -auf die <span class="antiqua">Cruys-poort</span>. Stellt Männer hin, wo Steine fehlen. Die -Nacht kommt, ein jeder arbeitet; es ist, als habe das Geschütz -nie hindurch geschossen. Auf die <span class="antiqua">Cruys-poort</span> haben sie sechshundertachtzig -Kugeln geschossen, auf die Porte Saint-Jean -sechshundertfünfundsiebzig. Diese Schlüssel schließen nicht, denn -siehe, dahinter erhebt sich ein neues Bollwerk. Läutet, Glocken, -sende, Glockenspiel, Deine fröhlichen Weisen in die schwere -Schneeluft hinauf.</p> - -<p>„Das Geschütz schießt, schießt immerfort gegen die Mauern; die -Steine springen ab, die Mauerecken stürzen ein. Die Bresche ist -weit genug, daß eine Kompagnie in Front hindurch könnte. -„Sturm! Tod! Tod!“ schreien sie. Sie stürmen an, es sind ihrer -zehntausend. Laßt sie mit ihren Laufbrücken und Sturmleitern -die Festungsgräben passieren. Unser Geschütz ist bereit. Das ist -die Schar der Todgeweihten. Grüßt sie, Kanonen der Freiheit! -Sie grüßen: die Kettenkugeln, die brennenden Pechkränze, die -zischend fliegen und die Masse der Stürmenden durchbrechen, -zerschlagen, in Brand setzen und blenden, also daß sie weichen -und in Verwirrung fliehen. Fünfzehnhundert Tote erfüllen den -Graben. Läutet, Glocken, und Du, Glockenspiel, sende Deine -fröhlichen Weisen in die schwere Schneeluft hinauf!</p> - -<p>„Erneuert den Sturm! Sie wagen es nicht. Sie verlegen sich -wieder aufs Schießen und Minenlegen. Wir verstehen uns auch -auf diese Kunst. Unter ihnen, unter ihnen zündet die Lunte an; -lauft, wir werden ein schönes Schauspiel sehen. Vierhundert -Spanier fliegen in die Luft. Das ist nicht der Weg nach dem -ewigen Feuer. O, der schöne Tanz beim silbernen Klang unserer -Glocken, bei der fröhlichen Musik unseres Glockenspiels!</p> - -<p>„Sie ahnen nicht, daß der Prinz über uns wacht, daß alle Tage -Schlitten mit Getreide und Pulver durch wohlbewachte Zugänge -zu uns gelangen; das Getreide für uns, das Pulver für sie. Wo -sind ihre sechshundert Deutschen, die wir im Haarlemer Wald -erschlugen und ertränkten? Wo sind die elf Fahnen, die wir ihnen -abnahmen, die sechs Geschütze und fünfzig Ochsen? Wir hatten -einen Mauergürtel, jetzt haben wir deren zwei. Selbst die -Frauen kämpfen, und Kennan führt ihre tapfere Schar. Kommt, -Henker, rückt in unsere Gassen ein, die Kinder werden Euch mit -ihren kleinen Messern die Kniekehlen zerschneiden. Läutet, Ihr -Glocken, und du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen in -die dicke Luft hinauf!</p> - -<p>„Aber das Glück ist nicht mit uns. Die Flotte der Geusen ist -auf dem See geschlagen. Geschlagen sind die Truppen, die Oranien -uns zu Hilfe geschickt hatte. Es friert, es friert stark. -Keine Hilfe! Auch leisten wir, tausend gegen zehntausend, fünf -Monate lang Widerstand. Jetzt müssen wir mit unsern Peinigern -unterhandeln. Wird der junge Blutherzog, der uns den -Untergang schwor, von keinem Vergleich hören wollen? Wir -wollen alle Soldaten mit ihren Waffen ausfallen lassen, sie -werden die feindlichen Scharen durchbrechen. Aber die Frauen -sind an den Toren und fürchten, man werde sie allein die Stadt -bewachen lassen. Glocken, läutet nicht mehr; Glockenspiel, -sende Deine fröhlichen Weisen nicht mehr in die Luft hinauf!</p> - -<p>„Jetzt haben wir Juni, das Heu duftet, das Getreide wird -gülden in der Sonne, die Vögel singen; wir haben fünf Monde -lang Hunger gelitten, die Stadt ist in Trauer. Wir ziehen alle -aus Haarlem heraus, die Schützen voran, um den Weg zu bahnen, -die Frauen und die Kinder und der Magistrat hinterdrein, beschützt -vor dem Fußvolk, das über die Bresche Wacht hält. Ein -Brief, ein Brief des jungen Blutherzogs. Ist’s Tod, was er -kündet? Nein, Leben für alles, was in der Stadt ist. O unerwartete -Güte — Lüge vielleicht! Wirst Du wiederum singen, -fröhliches Glockenspiel? Sie rücken in die Stadt ein.“</p> - -<p>Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten die Tracht der deutschen -Söldner angelegt, die, sechshundert an der Zahl, mit ihnen im -Kloster der Augustiner eingesperrt waren.</p> - -<p>„Wir werden heute sterben,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu -Lamm.</p> - -<p>Und er preßte Neles reizenden Körper, der vor Furcht bebte, an -seine Brust.</p> - -<p>„Ach, meine Frau, die werde ich nicht wiedersehen,“ sprach -Lamm. „Aber vielleicht wird uns unsere deutsche Soldatentracht -das Leben retten?“</p> - -<p>Ulenspiegel schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er an keine -Gnade glaubte.</p> - -<p>„Ich höre den Lärm des Plünderns nicht,“ sagte Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Die Bürger haben dem Abkommen gemäß Plünderung und Leben -um die Summe von zweihundertvierzigtausend Gülden erkauft. -Sie werden binnen zwölf Tagen hunderttausend Gülden -bar und den Rest drei Monate später zahlen. Den Frauen ist -anbefohlen, sich in die Kirche zurückzuziehen. Ohne Zweifel -werden sie jetzt mit dem Morden beginnen. Hörst Du, wie sie -Blutgerüste nageln und die Galgen aufrichten.“</p> - -<p>„Ach, wir werden sterben,“ sagte Nele; „mich hungert!“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte Lamm Ulenspiegel zu, „der junge Blutherzog hat -gesagt, daß wir ausgehungert gefügiger sein werden, wenn man -uns zum Tode führt.“</p> - -<p>„Mich hungert so sehr,“ sagte Nele.</p> - -<p>Am Abend kamen Soldaten und verteilten ein Brot für sechs -Mann.</p> - -<p>„Dreihundert wallonische Soldaten sind auf dem Markt gehenkt -worden,“ sagten sie. „Bald werdet Ihr drankommen. Es war -von jeher Hochzeit der Geusen mit dem Strick.“</p> - -<p>Am nächsten Abend kamen sie wiederum mit ihrem Brot für -sechs Mann:</p> - -<p>„Vier vornehme Bürger sind enthauptet worden,“ sagten sie. -„Zweihundertneunundvierzig Soldaten sind zwei zu zweit zusammen -gebunden und ins Meer geworfen. Die Krabben werden -dies Jahr fett werden. Ihr anderen habt kein gutes Aussehen -seit dem 7. Juli, wo Ihr hier seid. Die Niederländer sind -Fresser und Säufer; wir Spanier haben an zwei Feigen zum -Nachtmahl genug.“</p> - -<p>„Darum also,“ antwortete Ulenspiegel, „muß man Euch überall -beim Bürger vier Mahlzeiten von Fleisch, Geflügel, Rahmspeisen, -Wein und Eingemachten bereiten; darum braucht Ihr -Milch, um die Leiber Eurer <span class="antiqua">Mustachos</span> zu waschen, und Wein, -um die Füße Eurer Pferde zu baden?“</p> - -<p>Am 18. Juli sagte Nele:</p> - -<p>„Ich habe nasse Füße; was ist das?“</p> - -<p>„Blut,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Am Abend kamen die Soldaten abermals mit ihrem Brote für -sechs.</p> - -<p>„Wo der Strick nicht mehr hinreicht, tut das Schwert die Arbeit,“ -sagten sie. „Dreihundert Soldaten und siebenundzwanzig -Bürger, die aus der Stadt zu entfliehen gedachten, lustwandeln -jetzt mit dem Kopf in der Hand in die Hölle.“</p> - -<p>Am folgenden Tag drang das Blut wiederum ins Kloster. Die -Soldaten kamen, nicht um Brot zu bringen, sondern nur, um die -Gefangenen zu betrachten. Sie sagten:</p> - -<p>„Die fünfhundert Wallonen, Engländer und Schotten, so gestern -geköpft sind, sahen gesünder aus. Diese da haben gewißlich -Hunger; aber wer sollte Hungers sterben, wenn nicht der Geuse?“</p> - -<p>Und wahrlich, bleich, abgezehrt, kraftlos und in kaltem Fieber -erzitternd, waren sie alle Gespenstern gleich.</p> - -<p>Am sechzehnten August um fünf Uhr abends traten die Soldaten -lachend ein und gaben ihnen Brot, Käse und Bier. Lamm -sprach:</p> - -<p>„Das ist die Henkersmahlzeit.“</p> - -<p>Um zehn Uhr kamen vier Fähnlein; die Kapitäne ließen die -Türen des Klosters öffnen und befahlen den Gefangenen, zu viert -hinter den Pfeifern und Trommlern zu marschieren, bis an den -Ort, wo man ihnen Halt gebieten würde. Manche Straßen -waren rot, und sie schritten nach dem Galgenfeld.</p> - -<p>Hier und da waren die Wiesen mit Blutlachen befleckt; Blut -war rings um die Mauern. Die Raben kamen von allen Seiten -in Scharen; die Sonne verbarg sich in einer Nebelschicht. Der -Himmel war noch hell, und in seinen Tiefen tauchten zaghaft die -Sterne auf. Plötzlich vernahmen sie klägliches Geheul.</p> - -<p>Die Soldaten sagten:</p> - -<p>„Die da schreien, sind die Geusen aus dem Fort Fuycke, außerhalb -der Stadt; man läßt sie Hungers sterben.“</p> - -<p>„Auch wir werden sterben,“ sagte Nele.</p> - -<p>Und sie weinte.</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ach,“ sprach Lamm auf Vlämisch / die Soldaten des Geleits verstanden -diese stolze Sprache nicht / „ach,“ sprach Lamm, „wenn -ich diesen Blutherzog halten und ihn zwingen könnte, alle Stricke, -Galgen, Folterbänke, hölzerne Pferde, Gewichte und spanische -Stiefel zu fressen, bis ihm die Haut platzte; wenn ich ihm das -von ihm vergossene Blut eingießen könnte, und daß Holzsplitter -und Eisenstücke durch seine zerissene Haut und seine entblößten -Eingeweide drängen! Und wenn er noch nicht den Geist aufgäbe, -würde ich ihm das Herz aus der Brust reißen und es ihn -roh und giftig fressen lassen. Dann würde er sicherlich aus -dem Leben abscheiden und in den Schwefelpfuhl fallen, wo der -Teufel es ihn für und für essen ließe. Und so während der ganzen -langen Ewigkeit.“</p> - -<p>„Amen,“ sagten Ulenspiegel und Nele.</p> - -<p>„Aber siehst Du nichts?“ fragte sie.</p> - -<p>„Nein,“ sagte er.</p> - -<p>„Ich sehe im Westen fünf Männer und zwei Frauen im Kreise -sitzen,“ sagte sie. „Der eine ist mit Purpur bekleidet und tragt -eine güldene Krone. Er scheint das Haupt der andern zu sein, -die alle zerlumpt und bettelhaft sind. Von Osten her seh ich -eine andere Schar von sieben kommen. Auch ihnen gebeut einer, -der in Purpur gekleidet ist, doch er trägt keine Krone. Und sie -stoßen auf die aus Westen, und sie kämpfen in der Wolke gegen -sie; aber ich sehe nichts mehr.“</p> - -<p>„Die Sieben,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Ich höre,“ sagte Nele, „neben uns im Laub eine Stimme gleich -einem Hauch sprechen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Durch Krieg und Feuer,</div> - <div class="verse indent0">Durch Piken und Schwerter</div> - <div class="verse indent8">Suche;</div> - <div class="verse indent0">In Tod und Blut,</div> - <div class="verse indent0">In Trümmern und Tränen</div> - <div class="verse indent8">Finde.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Andere als wir werden das Land Flandern befreien,“ erwiderte -Ulenspiegel. „Die Nacht wird schwarz, die Soldaten zünden -Fackeln an. Wir sind beim Galgenfeld. O, süße Liebste, warum -bist Du mir gefolgt? Hörst Du nichts mehr, Nele?“</p> - -<p>„Doch,“ sprach sie, „ein Klirren von Waffen in den Kornfeldern. -Und da über diesem Hügel, welcher den Weg, den wir einschlagen, -überragt, siehst Du den roten Fackelschein auf dem Erz blinken? -Ich sehe feurige Punkte von Büchsenlunten. Schlafen unsere -Wächter, oder sind sie blind? Hörst Du den Donnerschlag? Siehst -Du die Spanier von Kugeln durchbohrt fallen? Hörst Du: „Es -lebe der Geuse!“ Sie stürmen den Pfad hinauf mit vorgestreckter -Pike; mit Äxten steigen sie längs des Hügels hinunter. Es lebe -der Geuse!“</p> - -<p>„Es lebe der Geuse!“ riefen Lamm und Ulenspiegel.</p> - -<p>„Schau, da sind Soldaten, die uns Waffen geben,“ sagte Nele. -„Nimm, Lamm, nimm, mein Geliebter. Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>„Es lebe der Geuse!“ ruft die ganze Schar der Gefangenen.</p> - -<p>„Die Büchsen hören nicht auf zu schießen,“ sagte Nele. „So beleuchtet -vom Fackelschein, fallen sie wie die Fliegen. Es lebe der -Geuse!“</p> - -<p>„Es lebe der Geuse!“ ruft die Schar der Retter.</p> - -<p>„Es lebe der Geuse!“ rufen Ulenspiegel und die Gefangenen. „Die -Spanier sind in einem Feuerkreis. Tod! Tod! Nicht einer soll -leben bleiben! Tod! Kein Mitleid! Krieg ohne Erbarmen! Und -nun laßt uns unser Bündel schnüren und bis Enckhuysen eilen. -Wer hat die Tuch- und Seidenkleider der Henker? Wer hat ihre -Waffen?“</p> - -<p>„Alle, alle!“ schrieen sie. „Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Gesagt, getan. Sie fahren im Boot nach Enckhuysen, wo die -befreiten Deutschen bei ihnen bleiben, um die Stadt zu bewachen.</p> - -<p>Und Lamm, Nele und Ulenspiegel finden ihre Schiffe wieder. -Und da singen sie zum andern Mal auf offnem Meer: „Es lebe -der Geuse!“</p> - -<p>Und sie kreuzen in der Rhede von Vlissingen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>13</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da ward Lamm wiederum frohgemut. Er ging gern an Land -und machte auf Ochsen, Schafe und Geflügel Jagd, als wären -es Hasen, Hirsche und Fettammern.</p> - -<p>Auf dieser nährsamen Jagd war er nicht allein. Es war eine -Freude, die Jäger heimkehren zu sehen. Mit Lamm an der Spitze, -zogen sie das Großvieh an den Hörnern, das Kleinvieh stießen -sie vor sich her, mit der Gerte lenkten sie Gänseherden, und am -Ende ihrer Bootshaken trugen sie Hühner, Kücken, Kapaune trotz -des Verbotes.</p> - -<p>Dann gab es Schmaus und Gelage auf den Schiffen. Und Lamm -sagte: „Der Geruch der Brühen steigt bis zum Himmel und ergötzt -dort die Herren Engel, welche sagen: Das ist das beste am -Fleisch.“</p> - -<p>Dieweil sie kreuzten, kam eine Kauffahrerflotte aus Lissabon, -deren Kommandant nicht wußte, daß Vlissingen in die Hände -der Geusen gefallen war. Man befiehlt ihr, die Anker zu werfen, -und schließt sie ein. Trommeln und Pfeifen geben das Zeichen -zum Entern. Die Kaufleute haben Kanonen. Piken, Beile und -Hakenbüchsen.</p> - -<p>Von den Schiffen der Geusen regnet es Musketen- und Stückkugeln. -Ihre Scharfschützen, hinter ihren Brustwehren um den -Großmast verschanzt, schießen sicher und gefahrlos. Die Kaufleute -fallen wie Fliegen.</p> - -<p>„Vorwärts!“ sprach Ulenspiegel zu Lamm und Nele, „Vorwärts! -Hier sind Gewürze, Juwelen, kostbare Eßwaren, Zucker, Muskat, -Nelken, Ingwer, und glänzende Reale, Dukaten und Gold-Moutons. -Es sind mehr als fünfhunderttausend Stück. Der -Spanier wird die Kriegskosten tragen. Laßt uns trinken! Wir -wollen die Geusenmesse singen, das ist die Schlacht!“</p> - -<p>Und Ulenspiegel und Lamm griffen überall an wie Löwen. Nele -blies die Pfeife im Schutze der hölzernen Schanze. Die ganze -Flotte ward erbeutet.</p> - -<p>Die Toten wurden gezählt; es waren ihrer tausend auf Seiten -der Spanier, dreihundert auf Seiten der Geusen, unter ihnen -der Schiffskoch des Vliebootes „Briel.“</p> - -<p>Ulenspiegel verlangte vor Très-Long und den Matrosen zu reden, -welches Très-Long ihm gern zugestand. Und er hielt ihnen diese -Rede:</p> - -<p>„Herr Kapitän und ihr, Kameraden und Freunde, wir haben viel -Spezereien geerbt, und hier haben wir Lamm, den guten Dickwanst, -welcher meint, daß der arme Tote da, Gott habe ihn selig, -kein großer Meister in Fleischgerichten war. Laßt uns ihn an seiner -Stelle erwählen, und er wird Euch himmlische Ragouts und -paradiesische Suppen bereiten.“</p> - -<p>„Das wollen wir,“ sagten Très-Long und die andern. „Lamm -soll Oberkoch des Schiffes sein. Er soll die große, hölzerne Kelle -tragen, um den Schaum von seinen Brühen abzulöffeln.“</p> - -<p>„Herr Kapitän, Kameraden und Freunde,“ sprach Lamm, „Ihr -sehet mich vor Freude weinen, denn ich verdiene eine so große -Ehre nicht. Da Ihr jedoch geruht, Euch an meine unwürdige -Person zu wenden, so nehme ich die edlen Pflichten eines Meisters -der Kochkunst auf dem wackeren Vlieboot „Briel“ an. Aber zugleich -bitte ich Euch demütig, mir das höchste Kommando der Küche -zu verleihen, solchergestalt, daß Euer Oberkoch / das werde ich -sein / durch Recht, Gesetz und Gewalt einem jeden verwehren -kann, der Andren Portion aufzuessen.“</p> - -<p>Très-Long und die andern riefen aus:</p> - -<p>„Es lebe Lamm! Recht, Gesetz und Macht soll dir zustehen!“</p> - -<p>„Aber ich habe Euch noch eine andere Bitte demütig zu stellen. -Ich bin fett, groß und stark, tief ist mein Bauch, tief mein Magen. -Meine arme Frau / Gott gebe sie mir wieder, / gab mir -allzeit zwei Portionen anstatt einer. Bewilligt mir die gleiche -Gunst.“</p> - -<p>Très-Long, Ulenspiegel und die Matrosen sagten:</p> - -<p>„Du sollst zwei Portionen haben, Lamm.“</p> - -<p>Und Lamm sagte, plötzlich melancholisch werdend:</p> - -<p>„Mein Weib, mein süßes Liebchen, wenn irgend etwas mich über -Deine Abwesenheit trösten kann, so wird es das sein, daß ich -mich bei meinem Tun deiner himmlischen Kochkunst in unserm -trauten Heim erinnere.“</p> - -<p>„Du mußt den Eid ablegen, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. -„Bringt die große, hölzerne Kelle und den großen Kupferkessel -herbei.“</p> - -<p>„Ich schwöre bei Gott, der mir hierin beistehe,“ sprach Lamm, -„ich schwöre Treue seiner Gnaden, dem Prinzen von Oranien, -genannt der Schweiger, der für den König die Provinzen Holland -und Zeeland regiert; Treue auch Messire de Lumey, dem -kommandierenden Admiral unsrer edlen Flotte, und Herrn Très-Long, -Vizeadmiral und Kapitän des Schiffes „Briel“. Ich -schwöre, das Fleisch und Geflügel, so Fortuna uns bewilligt, -nach meinen geringen Kräften zu bereiten, gemäß den Bräuchen -und Gepflogenheiten der großen Köche von ehemals, die schöne -Bücher mit Bildern über die erhabene Kochkunst hinterlassen -haben; ich schwöre, besagten Herrn Kapitän Très-Long zu speisen -und seinen Leutnant, meinen Freund Ulenspiegel, desgleichen -Euch alle, Oberbootsmann, Steuermann, Aufseher, Kameraden, -Soldaten, Kanoniere, Mundschenk, Schiffsjunge, Kapitänsbursche, -Wundarzt, Trompeter, Matrosen und alle. Wenn der -Braten zu blutig, das Geflügel zu wenig gebräunt ist, wenn -die Suppe einen schalen Geruch ausströmt, so der guten Verdauung -schädlich ist, wenn der Duft der Brühen Euch nicht alle -verlockt, Euch in die Küche zu stürzen — mit Vorbehalt meiner -Zustimmung — wenn ich Euch nicht alle lustig mache und Euch -kein rundes Gesicht verschaffe, so werde ich mein edles Amt niederlegen -und mich für unfähig erachten, den Küchenthron fürder -innezuhaben. So helfe mir Gott in diesem und im künftigen -Leben.“</p> - -<p>„Es lebe der Oberkoch,“ riefen sie, „der König der Küche, der -Kaiser der Fleischgerichte. Am Sonntag soll er drei Portionen -statt zweier haben.“</p> - -<p>Und Lamm ward Oberkoch auf dem Schiffe „Briel“. Und während -die kräftigen Suppen in den Töpfen kochten, stand er stolz -an der Küchentür und hielt seine große hölzerne Kelle wie ein -Zepter.</p> - -<p>Und am Sonntag bekam er seine drei Portionen.</p> - -<p>Wenn die Geusen mit dem Feinde handgemein wurden, hielt er -sich gern in seinem Laboratorium für Brühen auf, kam jedoch -heraus, um auf Deck etliche Büchsenschüsse abzugeben, stieg aber -alsbald wieder hinunter, um auf seine Brühen zu achten.</p> - -<p>Und da er also ein treuer Koch und tapferer Soldat war, so -war er bei jedem beliebt.</p> - -<p>Aber keiner durfte seine Küche betreten, denn dann war er wie ein -Teufel und schlug und stach mit seiner Holzkelle ohne Erbarmen.</p> - -<p>Und er ward wiederum Lamm der Löwe benamst.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>14</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Auf dem Meer und auf der Schelde, bei Sonne, Regen, Schnee -und Hagel, im Sommer und Winter, fahren die Geusenschiffe, -alle Segel beigesetzt, wie Schwäne, weiße Schwäne der Freiheit, -Weiß ist Freiheit, Blau Größe und Orange ist für den Prinzen; -das ist die Standarte der stolzen Schiffe.</p> - -<p>Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut -schlägt an ihre Flanken, die Wogen benetzen sie mit Schaum.</p> - -<p>Sie segeln, jagen, fliegen auf der Flut, schnell wie Wolken vor -dem Nordwind, die stolzen Geusenschiffe, die Segel im Wasser. -Hört ihr, wie ihr Bug die Woge zerteilt? Gott der Freien. Es -lebe der Geuse!</p> - -<p>Hücker, Bujer, Vlieboote, Galeassen, schnell wie der Wind, der -das Ungewitter bringt, schnell wie die Wolke, die den Blitz -birgt. Es lebe der Geuse!</p> - -<p>Bujer und Galeassen, flache Boote fahren den Fluß hinauf. Die -Wellen ächzen, von ihrem Kiel zerteilt, wenn sie dem Strome -entgegen fahren, mit dem mörderischen Rachen ihrer Feldschlange -auf der Spitze des Bugs. Es lebe der Geuse!</p> - -<p>Alle Segel beigesetzt, so fahren die wackeren Schiffe. Die Flut -schlägt an ihre Flanken und benetzt sie mit Schaum.</p> - -<p>Bei Tag und bei Nacht, bei Regen, Hagel und Schnee fahren -sie! Christus lächelt ihnen aus der Wolke, aus Sonne und Sternen -zu. Es lebe der Geuse!</p> - -<hr class="full" /> -<h3>15</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Der Blutkönig vernahm die Kunde von ihren Siegen. Der -Tod verzehrte den Henker schon, und sein Leib war voller Würmer. -Elend und menschenscheu schritt er durch die Gänge von -Valladolid, seine geschwollenen Füße und bleischweren Beine -schleppend. Er sang nimmer, der grausame Tyrann; wenn der -Tag anbrach, lachte er nicht, und wenn die Sonne sein Reich -wie ein Lächeln Gottes erhellte, so empfand er keine Freude in -seinem Herzen.</p> - -<p>Aber Ulenspiegel, Lamm und Nele sangen wie Vögel. Sie trugen -ihr Fell zu Markt, nämlich Ulenspiegel und Lamm, und -Nele ihre weiße Haut, dieweil sie in den Tag hineinlebten. Über -einen Scheiterhaufen, den die Geusen löschten, freuten sie sich -mehr, denn der schwarze König über eine eingeäscherte Stadt.</p> - -<p>Um jene Zeit entsetzte Wilhelm der Schweiger, Prinz von Oranien, -Herrn de Lumey de la Marck seiner Admiralswürde wegen -seiner großen Grausamkeit und ernannte Herrn Bouwen -Ewoutsen Worst an seiner Statt. Auch war er auf die Mittel -bedacht, das Getreide zu bezahlen, das die Geusen den Bauern -geraubt hatten, die von ihnen erhobenen Zwangskontributionen -zu erstatten und den römischen Katholiken wie allen die freie -Ausübung ihrer Religion ohne Verfolgung noch Schmähung zu -bewilligen.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>16</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Auf den Schiffen der Geusen, unter dem strahlenden Himmel, -auf den klaren Fluten schrillen Pfeifen, schnarren Dudelsäcke, -glucksen Flaschen, klingen Gläser, gleißt das Eisen der Waffen.</p> - -<p>„Wohlan,“ spricht Ulenspiegel. „Rühret die Trommel des Ruhmes, -die Trommel der Freude. Es lebe der Geuse! Spanien -ist besiegt, die Harpye gebändigt. Unser ist das Meer, Briel -ist genommen. Unser ist die Küste von Nieupoort bis Ostende -und Blanckenberghe, die Inseln von Zeeland, die Mündungen -der Schelde, der Maas und des Rheines bis Helder. Unser ist -Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland, Rottum, Borkum. Es -lebe der Geuse!</p> - -<p>„Unser ist Delft, Dordrecht. Das ist ein Lauffeuer, Gott hält -die Lunte. Die Henker verlassen Rotterdam. Das freie Gewissen, -das Krallen und Zähne der Gerechtigkeit hat wie ein -Leu, nimmt Zütphen, die Städte Deutichem, Doesburg, Goor, -Oldenzaal und in der Landschaft Veluwe Hattem, Elburg und -Harderwijk.</p> - -<p>„Das ist der Blitz, das ist der Donnerschlag: Kampen, Zwolle, -Hasselt, Steenwijk fallen uns in die Hände, desgleichen Oudewater, -Gouda und Leyden. Es lebe der Geuse!</p> - -<p>„Unser ist Bueren und Enckhuysen. Noch haben wir nicht Amsterdam, -Schoonhoven und Middelburg. Doch mit der Zeit -fällt den Geduldigen alles zu. Es lebe der Geuse!</p> - -<p>„Laßt uns spanischen Wein trinken. Aus den Kelchen, aus denen -sie das Blut der Opfer tranken. Wir werden durch den Zuydersee, -durch Ströme, Flüsse und Kanäle fahren. Nord-Holland, -Süd-Holland und Zeeland haben wir, Ost- und Westfriesland -werden wir noch erobern; Briel wird die Zuflucht unserer Schiffe -sein, das Nest für die Bruthennen der Freiheit. Es lebe der -Geuse!</p> - -<p>„Horcht, wie in Flandern, dem teuren Vaterland, der Racheschrei -losbricht! Waffen werden geschmiedet, Schwerter geschärft. -Alles ist in Bewegung und erzittert wie die Saiten einer Harfe -beim warmen Hauch, beim Hauche der Seelen, der aus Gruben -und Scheiterhaufen von den blutigen Leichen der Opfer -aufsteigt. Alle: Hennegau, Brabant, Luxemburg, Limburg, -Namur, Lüttich, die freie Stadt, alle! Das Blut keimt und -befruchtet. Die Ernte ist reif für die Sichel. Es lebe der -Geuse!</p> - -<p>„Die Nordsee ist unser, die weite Nordsee, und die guten Kanonen, -die stolzen Schiffe, die kühne Schar der gefürchteten Seeleute: -Bettler, Lumpen, Priester in Waffen, Edelleute, Bürger -und Arbeiter, die vor der Verfolgung fliehen. Mit uns allen -vereint zum Werke der Freiheit. Es lebe der Geuse!</p> - -<p>„Blutkönig Philipp, wo bist Du? Alba, wo bist Du? Mit -dem geweihten Hute, des Papstes Geschenk, auf dem Haupt, -schmälst und lästerst Du. Schlaget die Freudentrommel. Es -lebe der Geuse! Laßt uns trinken.</p> - -<p>„Der Wein fließt in die güldenen Kelche. Schlürfet ihn fröhlich. -Die Meßgewänder, welche die rauhen Männer tragen, sind mit -rotem Naß getränkt. Die römischen Kirchenbanner flattern im -Winde. Allzeit Musik! Auf Euer Wohl, schrillende Pfeifen, -schnarrende Dudelsäcke, Ruhm wirbelnde Trommeln! Es lebe -der Geuse!“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>17</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Welt war im Wolfsmond, welches der Monat Dezember ist. -Eisiger Regen fiel gleich Nadeln ins Wasser. Die Geusen kreuzten -im Zuydersee. Der Herr Admiral ließ durch Trompetensignal -die Käpitäne der Hucker und Vlieboote und mit ihnen Ulenspiegel -auf sein Schiff entbieten.</p> - -<p>„Wohlan,“ sagte er, zuerst zu ihm redend: „Der Prinz will Deine -guten Taten und getreuen Dienste anerkennen und ernennt Dich -zum Kapitän des Schiffes „Briel“, und ich übergebe Dir hiermit -das Patent auf Pergament.“</p> - -<p>„Euch sei Dank, Herr Admiral,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich -werde all meine geringe Kraft daransetzen, ein guter Hauptmann -zu sein, und durch solche Hauptmannschaft hoffe ich sehr, so -Gott mir beisteht, Flandern und Holland von Spanien zu enthaupten. -Ich will Nord- und Süd-Niederlande.“</p> - -<p>„Das ist gut,“ sprach der Admiral. „Und jetzo,“ fügte er hinzu, -zu allen redend, „will ich Euch sagen, daß die aus dem katholischen -Amsterdam Enckhuysen belagern wollen. Noch sind sie -nicht aus dem Y-Kanal heraus; kreuzen wir davor, damit sie -drinnen bleiben. Nieder mit jedem ihrer Schiffe, daß seinen tyrannischen -Rumpf im Zuydersee blicken läßt.“</p> - -<p>Sie antworteten:</p> - -<p>„Wir werden sie in den Grund bohren. Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Wieder an Bord seines Schiffes, ließ Ulenspiegel seine Matrosen -und die Soldaten auf Deck zusammentreten und verkündete ihnen, -was der Admiral bestimmt hatte.</p> - -<p>Sie antworteten:</p> - -<p>„Wir haben Flügel, das sind unsere Segel, Schlittschuhe, das -sind die Kiele unserer Schiffe, Riesenhände, das sind die Enterhaken. -Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Die Flotte segelte ab und kreuzte eine Seemeile vor Amsterdam, -dergestalt, daß niemand ohne ihren Willen ein- und ausfahren -konnte.</p> - -<p>Am fünften Tage hörte es auf zu regnen, der Wind wehte schärfer -bei hellem Himmel, die Amsterdamer rührten sich nicht.</p> - -<p>Plötzlich sah Ulenspiegel Lamm auf Deck steigen. Mit gewaltigen -Schlägen seiner Holzkelle trieb er den Truxman, den Dolmetsch -des Bootes vor sich her, einen jungen Kerl, der in der -vlämischen und französischen Sprache bewandert war, aber -seinen Schnabel noch besser zum Essen gebrauchen konnte.</p> - -<p>„Taugenichts,“ sagte Lamm, „wähntest Du, meine Fleischgerichte -ungestraft vor der Zeit essen zu können? Klettere auf den Mast -und sieh zu, ob sich auf den Amsterdamer Schiffen nichts rührt. -Damit wirst Du etwas Gutes tun.“</p> - -<p>Doch der Dolmetsch antwortete: „Was gibst Du mir?“</p> - -<p>„Bildest Du Dir ein, daß Du bezahlt wirst, ohne gearbeitet zu -haben? Du Diebsbrut, wenn Du nicht hinaufkletterst, so laß -ich Dich peitschen. Und Dein Französisch wird Dich nicht -retten.“</p> - -<p>„Es ist eine schöne Sprache,“ sagte der Dolmetsch, „eine Liebes- -und Kriegersprache.“</p> - -<p>Er kletterte hinauf.</p> - -<p>„Nun, Faulenzer?“ fragte Lamm.</p> - -<p>Der Dolmetsch antwortete:</p> - -<p>„Ich sehe nichts, weder in der Stadt, noch auf den Schiffen.“</p> - -<p>Beim Hinunterklettern sagte er:</p> - -<p>„Nunmehr bezahle mich.“</p> - -<p>„Behalte, was Du gestohlen hast,“ erwiderte Lamm; „aber unrecht -Gut gedeihet nicht, Du wirst es gewiß wieder ausbrechen.“ -Der Dolmetsch kletterte abermals auf den Mast und schrie -plötzlich:</p> - -<p>„Lamm, Lamm, ein Dieb schleicht in Deine Küche!“</p> - -<p>„Ich habe den Küchenschlüssel in meiner Gürteltasche,“ antwortete -Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel nahm Lamm beiseite und sprach zu ihm:</p> - -<p>„Mein Sohn, diese große Ruhe in Amsterdam erschreckt mich. -Sie haben einen geheimen Anschlag.“</p> - -<p>„Das dachte ich auch,“ sagte Lamm. „Das Wasser gefriert in -den Krügen im Schrank, das Geflügel ist wie Holz, die Würste -sind mit weißem Reif überzogen; die Butter ist wie Stein, das -Öl schneeweiß, das Salz trocken wie Sand in der Sonne.“</p> - -<p>„Da ist der Trost nahe,“ sprach Ulenspiegel. „Sie werden in -großer Zahl kommen und uns mit Geschütz angreifen.“</p> - -<p>Er ging an Bord des Admiralschiffes und sagte dem Admiral, -was er fürchtete. Der antwortete ihm:</p> - -<p>„Der Wind weht von Engelland her, es wird schneien, aber nicht -frieren. Geh wieder auf Dein Schiff.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel tat also.</p> - -<p>In der Nacht kam ein starker Schneefall; aber alsbald wehte -der Wind von Norwegen her, das Meer gefror und ward wie -eine Tenne. Der Admiral sah was geschehen war.</p> - -<p>Da er nun befürchtete, daß die Amsterdamer aufs Eis kommen -möchten, um die Schiffe in Brand zu stecken, befahl er den Soldaten, -ihre Schlittschuhe bereit zu halten, im Fall, daß sie draußen -und um die Schiffe herum kämpfen müßten. Den Kanonieren -der geschmiedeten und gegossenen Kanonen befahl er, die Kugeln -in Haufen neben die Lafetten zu legen und die Lunten alleweil -brennend zu halten.</p> - -<p>Doch die Amsterdamer kamen nicht.</p> - -<p>Und so ging es sieben Tage.</p> - -<p>Am Abend des achten Tages befahl Ulenspiegel, den Matrosen -und Soldaten einen guten Schmaus aufzutischen, um ihnen -gegen den scharfen Wind, welcher blies, einen Panzer zu machen.</p> - -<p>Aber Lamm sagte:</p> - -<p>„Es ist nichts übrig als Schiffszwieback und Dünnbier.“</p> - -<p>„Es lebe der Geuse,“ sagten sie. „Wir halten Fastenschmaus, -bis die Stunde der Schlacht geschlagen hat.“</p> - -<p>„Sie wird nicht so bald schlagen,“ sprach Lamm. „Die Amsterdamer -werden kommen, um unsere Schiffe zu verbrennen, aber -nicht diese Nacht. Zuvor müssen sie sich ums Feuer versammeln -und viele Schoppen Glühwein mit Madeirazucker trinken / -Gott gebe ihn Euch. Nachdem sie dann bis Mitternacht mit -Geduld, Vernunft und vollen Schoppen geredet haben, werden -sie beschließen, daß es morgen an der Zeit sein wird, zu beschließen, -ob sie uns die kommende Woche angreifen wollen oder nicht. -Morgen, wenn sie wiederum Glühwein mit Madeirazucker -trinken, / Gott gebe ihn Euch / werden sie zum andern Mal -mit Ruhe, Geduld und vollen Schoppen beschließen, daß sie sich -an einem andern Tage versammeln müssen, um zu erfahren, ob -das Eis eine große Schar Menschen tragen könne oder nicht. -Und sie werden es durch gelahrte Männer prüfen lassen, die ihre -Meinungen auf Pergament niederlegen. Wenn sie dieses empfangen -haben, werden sie wissen, daß das Eis eine halbe Elle -dick und fest genug ist, um etliche hundert Mann mit Kanonen -und Feldstücken zu tragen. Dann werden sie sich abermals versammeln, -um mit Ruhe, Geduld und vielen Schoppen Glühwein -zu beratschlagen, und werden in Erwägung ziehen, ob sie wegen -des Schatzes, den wir den Lissabonern abnahmen, unsere Schiffe -angreifen oder verbrennen sollen. Und also ratlos und zaudernd, -werden sie dennoch beschließen, daß unsere Schiffe erbeutet -und nicht verbrannt werden müssen, ohngeachtet des großen Unrechts, -daß sie uns derart zufügen würden.“</p> - -<p>„Du sprichst trefflich,“ sagte Ulenspiegel, „aber siehst Du nicht -die Feuer, so in der Stadt angezündet werden, und die Leute, -die Laternen tragen und geschäftig umher rennen?“</p> - -<p>„Das ist, weil sie frieren,“ sprach Lamm.</p> - -<p>Und seufzend fügte er hinzu:</p> - -<p>„Alles ist aufgegessen, kein Rindfleisch, Schweinefleisch noch Geflügel -mehr, kein Wein und, ach, kein gutes Doppelbier, nichts -als Schiffszwieback und Dünnbier. Wer mich lieb hat, folge -mir.“</p> - -<p>„Wohin gehst Du?“ fragte Ulenspiegel. „Niemand darf das -Schiff verlassen.“</p> - -<p>„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „Du bist derzeit Kapitän und -Befehlshaber. Ich werde nicht gehen, wenn Du es nicht willst. -Geruhe aber zu bedenken, daß wir ehegestern unsere letzte Wurst -gegessen haben, und daß in dieser schweren Zeit das Küchenfeuer -die Sonne der guten Kameradschaft ist. Wer möchte hier nicht -den Dampf der Brühen riechen, nicht die duftende Blume des -göttlichen Weines einatmen, so aus fröhlichen Blüten, als da -sind: Heiterkeit, Lachen, Wohlwollen gegen jedermann, gemacht -ist. Wohlan, Kapitän und getreuer Freund, ich wage es Dir zu -sagen: mein Herz verzehrt sich in Kummer, da ich nicht esse. Ich, -der ich nur die Ruhe liebe, nicht gern töte, ausgenommen eine -zarte Gans, ein fettes Hühnchen oder eine saftige Truthenne, ich -folge Dir in Schlachten und Strapazen. Sieh von hier die Lichter -auf jenem reichen, mit Groß- und Kleinvieh wohl versehenem -Bauernhof. Weißt Du, wer darauf wohnt? Es ist der Schiffer -aus Friesland, der Messire Dandelot verriet und achtzehn arme -Ritter und Freunde nach Enckhuysen führte, da es noch spanisch -war, also daß sie auf dem Roßmarkt zu Brüssel geköpft wurden. -Dieser Verräter, namens Slosse, hat vom Herzog zweitausend -Gülden für seinen Verrat empfangen. Für das Blutgeld hat er -wie ein rechter Judas den Hof gekauft, den du da siehst, und -sein Vieh und die Äcker ringsum, deren Frucht und Wachstum -ihn jetzt reich machen.“</p> - -<p>Ulenspiegel erwiderte:</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen. Die Stunde der Rache -hat geschlagen.“</p> - -<p>„Und die Stunde der Nahrung desgleichen,“ sagte Lamm. „Gib -mir zwanzig Burschen mit, tapfere Soldaten und Matrosen; ich -werde den Verräter holen.“</p> - -<p>„Ich will ihr Anführer sein,“ sprach Ulenspiegel. „Wer Gerechtigkeit -liebt, folge mir. Nein, nicht alle, Ihr Lieben und Getreuen. -Ich brauche nur zwanzig; wer sollte sonst das Schiff bewachen? -Laßt die Würfel entscheiden. Nun sind es zwanzig, kommt. Die -Würfel entscheiden gut. Legt Eure Schlittschuhe an, und fahrt -in der Richtung der Venus, die über dem Hof des Verräters -glänzt. Kommt, Ihr Zwanzig, mit der Axt auf der Schulter, -lauft und gleitet. Das helle Licht wird Euer Leitstern sein. Der -Wind pfeift und treibt den Schnee in weißen Wirbeln auf dem -Eis vor sich her. Kommt, tapfere Männer! Ihr singt nicht, Ihr -sprecht nicht; Ihr lauft schweigend geradeaus, dem Stern zu; -das Eis knirscht unter Euren Schlittschuhen.</p> - -<p>„Wer fällt, steht sogleich wieder auf. Wir kommen ans Ufer: -nicht eine Gestalt auf dem weißen Schnee, kein Vogel in der -eisigen Luft. Bindet die Schlittschuhe los.</p> - -<p>„Jetzt sind wir auf dem Lande, hier sind die Wiesen. Legt die -Schlittschuhe wieder an. Wir sind im Umkreis des Hofes und -halten den Atem an.“</p> - -<p>Ulenspiegel klopft an die Tür, Hunde bellen. Er pocht nochmals; -ein Fenster geht auf, und der Baas steckt den Kopf hinaus und -fragt:</p> - -<p>„Wer bist Du?“</p> - -<p>Er sieht nur Ulenspiegel; die andern sind hinter der Keet, dem -Waschhaus, versteckt.</p> - -<p>Ulenspiegel antwortet:</p> - -<p>„Messire de Boussu befiehlt Dir, Dich zur Stunde nach Amsterdam -zu ihm zu begeben.“</p> - -<p>„Wo ist Dein Geleitbrief?“ fragt der Mann, indem er hinuntergeht -und ihm die Tür öffnet.</p> - -<p>„Hier,“ antwortet Ulenspiegel und weist auf die zwanzig Geusen, -die sich hinter ihm in die offene Tür stürzen.</p> - -<p>Darauf spricht Ulenspiegel zu ihm:</p> - -<p>„Du bist Slosse, der verräterische Schiffer, der die Herren Dandelot, -van Battemburgh und andere Ritter in Hinterhalt lockte. -Wo ist das Blutgeld?“</p> - -<p>Der Pächter antwortet zitternd:</p> - -<p>„Ihr seid Geusen, gebt mir Pardon; ich wußte nicht, was ich tat. -Ich habe kein Geld daheim, ich werde alles geben.“</p> - -<p>Lamm sagte:</p> - -<p>„Es ist dunkel; gib uns Talg- oder Wachskerzen.“</p> - -<p>Der Baas antwortet:</p> - -<p>„Die Talgkerzen sind dort aufgehängt.“</p> - -<p>Da ein Licht angezündet war, sagte einer der Geusen in der -Küche:</p> - -<p>„Es ist kalt, wir wollen ein Feuer machen, hier ist gutes Reisig.“ -Und er wies auf ein Brett mit Blumentöpfen, darinnen vertrocknete -Pflanzen standen. Er nahm eine beim Schopf, und als er -sie mit dem Topf schüttelte, fiel der Topf hin, und es rollten -Dukaten, Gülden und Reale über den Boden.</p> - -<p>„Da ist der Schatz,“ sprach er, auf die andern Blumentöpfe -deutend.</p> - -<p>Und wahrlich, als sie sie ausgeleert hatten, fanden sie zehntausend -Gülden darin.</p> - -<p>Als der Baas das sah, schrie und weinte er.</p> - -<p>Die Knechte und Mägde des Hofes kamen bei dem Geschrei in -ihren Hemden herbei. Die Männer, die ihren Herrn rächen -wollten, wurden geknebelt. Bald versteckten sich die schamhaften -Frauen, sonderlich die jungen, hinter den Männern.</p> - -<p>Darauf trat Lamm vor und sagte: „Verräter, wo sind die Schlüssel -zum Keller und zum Pferde-, Kuh- und Schafstall?“</p> - -<p>„Ihr schändlichen Räuber werdet aufgehenkt werden, bis Ihr -sterbt,“ sprach der Pächter.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach: „Es ist die Stunde Gottes; gib die Schlüssel!“</p> - -<p>„Gott wird mich rächen,“ sprach der Pächter und gab die -Schlüssel heraus.</p> - -<p>Nachdem die Geusen den Gutshof ausgeräumt hatten, kehrten -sie auf Schlittschuhen zurück zu den Schiffen, den leichten Häusern -der Freiheit.</p> - -<p>„Ich bin Schiffskoch,“ sprach Lamm, der sie anführte, „ich bin -Oberkoch. Schiebt die wackren, mit Wein und Bier bepackten -Schlitten; treibt die Pferde, Rinder, Schweine und Schafe bei -den Hörnern oder auf andere Art vor Euch her, die ganze Herde, -die ihr Naturlied singt. Die Tauben gurren in den Körben. Die -Kapaune, mit Brot gemästet, sitzen erschrocken in den Holzkäfigen, -darinnen sie sich nicht rühren können. Ich bin Schiffskoch. -Das Eis knirscht unter dem Eisen der Schlittschuhe. Nun sind -wir bei den Schiffen. Morgen wird es Musik in der Küche geben. -Laßt die Winde herab. Legt den Pferden, Kühen und -Ochsen Gurten um. Das ist ein artig Schauspiel, sie so am Bauch -aufgehängt zu sehen; morgen werden wir mit der Zunge an fetten -Fleischgerichten hängen. Sie werden mit der Windetalje aufs -Schiff gehißt. Das gibt Rippenstücke. Werft die Hühner, Gänse, -Enten und Kapaune aufs Geratewohl in den Schiffsraum. Wer -wird ihnen den Hals umdrehen? Der Schiffskoch. So, die Tür -ist zu, den Schlüssel hab ich in meinem Säckel. Gott sei gelobt -in der Küche! Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Alsdann begab Ulenspiegel sich auf das Admiralsschiff und führte -Dierick Slosse und die andern Gefangenen mit, die aus Furcht -vor dem Strick wehklagten und weinten.</p> - -<p>Messire Worst kam bei dem Lärm herbei. Da er beim roten -Fackelschein Ulenspiegel und seine Gefährten erblickte, sagte er:</p> - -<p>„Was willst Du von uns?“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Wir haben diese Nacht den Verräter Dierick Slosse, der die Achtzehn -in Hinterhalt lockte, auf seinem Gute gefangen genommen. -Dieser ist’s. Die andern sind unschuldige Knechte und Mägde.“</p> - -<p>Dann übereichte er ihm eine Geldkatze.</p> - -<p>„Diese Florins,“ sagte er, „florierten in den Blumentöpfen im -Hause des Verräters: es sind Zehntausend.“</p> - -<p>Messire Worst sprach zu ihnen:</p> - -<p>„Ihr tatet übel, die Schiffe zu verlassen; aber um des guten -Erfolges willen soll Euch verziehen sein. Die Gefangenen und -den Säckel mit Gülden heiße ich willkommen, und auch Euch, -wackere Männer, denen ich nach Seerecht und Brauch ein Drittel -der Prise zubillige. Das zweite Drittel ist für die Flotte -und das dritte für seine Gnaden von Oranien. Den Verräter -henket unverzüglich.“</p> - -<p>Als die Geusen den Befehl ausgeführt hatten, machten sie ein -Loch ins Eis und warfen den Leichnam Dierick Slosses hinein.</p> - -<p>Darauf sprach Messire Worst:</p> - -<p>„Ist um die Schiffe Gras gewachsen, daß ich die Hennen glucksen, -die Schafe blöken und die Ochsen brüllen höre?“</p> - -<p>„Das sind Gefangene für unsern Schnabel,“ antwortete Ulenspiegel; -„sie werden das Lösegeld mit Fleischgerichten bezahlen. Der -Herr Admiral wird das Beste davon bekommen. Was diese anbelangt, -die Knechte und Mägde, unter denen artige hübsche -Weiblein sind, so will ich sie wieder auf mein Schiff bringen.“</p> - -<p>So getan, hielt er ihnen diese Rede:</p> - -<p>„Gevatter und Gevatterinnen, Ihr seid hier auf dem besten -Schiff, das es gibt. Wir verbringen hier die Zeit mit Schmäusen, -Gelagen und Schlemmerei ohne Ende. So es Euch beliebt -fortzugehen, zahlt Lösegeld; so es Euch beliebt, hier zu bleiben, -werdet Ihr so leben wie wir: arbeiten und gut essen. Was diese -allerliebsten Weiblein angeht, so gestatte ich ihnen mit Erlaubnis -des Admirals gänzliche Freiheit und sage ihnen, daß es mir -einerlei ist, ob sie ihre Liebsten, die mit ihnen aufs Schiff gekommen -sind, behalten oder irgend einen wackeren, hier anwesenden -Geusen erküren wollen, daß er in ehelicher Gemeinschaft mit -ihnen lebe.“</p> - -<p>Aber all die niedlichen Weiblein waren ihren Liebhabern getreu, -ausgenommen eine, die Lamm lächelnd anschaute und ihn fragte, -ob er sie wolle.</p> - -<p>„Schönsten Dank, mein Schatz,“ sagte er, „aber ich bin anderweitig -beschäftigt.“</p> - -<p>„Er ist verheiratet, der Biedermann,“ sagten die Geusen, da sie -sahen, daß es die Frau verdroß.</p> - -<p>Aber sie drehte ihm den Rücken und erkor sich einen andern, der -gleich Lamm einen guten Bauch und ein gutes Vollmondgesicht -hatte.</p> - -<p>An jenem und den folgenden Tagen gab es an Bord gewaltige -Schmäuse und Gelage mit Wein, Geflügel und Fleischgerichten. -Und Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Es lebe der Geuse! Blase, scharfer Nordwind, wir werden die -Luft mit unserm Atem erwärmen. Unser Herz ist Feuer und -Flamme für das freie Gewissen. Feuer und Flamme ist unser -Magen für das Fleisch des Feindes. Trinken wir Wein, die -Milch der Männer. Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Nele trank auch aus einem großen güldenen Humpen, und vom -Winde gerötet, blies sie die schrille Pfeife. Und ohngeachtet der -Kälte aßen und tranken die Geusen fröhlich auf Deck.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>18</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Plötzlich erblickte die Flotte am Strand eine schwarze Schar, -in der Fackeln leuchteten und Waffen blinkten. Dann wurden -die Fackeln gelöscht und große Dunkelheit herrschte.</p> - -<p>Die Befehle des Admirals wurden übermittelt und das Signal -Achtung auf den Schiffen gegeben. Alle Feuer erloschen, -Matrosen und Soldaten legten sich, mit Äxten bewaffnet, auf -Deck platt auf den Bauch. Die wackeren Kanoniere standen -mit ihren Leuten bei den Geschützen, die mit Kugelsäcken und -Kettenkugeln geladen waren. Sobald der Admiral und die -Kapitäne riefen: „Hundert Schritt!“ was die Entfernung des -Feindes bezeichnete, sollten sie mit dem Heckgeschütz, dem Sterngeschütz -oder den Breitseiten Feuer geben, je nach ihrer Lage im -Eise.</p> - -<p>Und man hörte die Stimme des Messire Worst sagen:</p> - -<p>„Todesstrafe für den, der laut spricht.“</p> - -<p>Und die Kapitäne sprachen ihm nach:</p> - -<p>„Todesstrafe für den, der laut spricht!“</p> - -<p>Die Nacht war sternklar, aber der Mond schien nicht.</p> - -<p>„Hörst Du,“ sagte Ulenspiegel zu Lamm, / sein Flüstern war -wie Geisterhauch / „hörst Du die Stimme der Amsterdamer -und das Knirschen des Eises unter den Schnäbeln ihrer Schlittschuhe? -Sie laufen schnell. Man hört sie sprechen. Sie sagen: -„Die faulenzenden Geusen schlafen. Der Schatz von Lissabon -ist unser!“ Sie zünden Fackeln an. Siehst Du ihre Sturmleitern, -ihre häßlichen Gesichter und die lange Linie ihres Schlachthaufens? -Es sind ihrer tausend und mehr.“</p> - -<p>„Hundert Schritt!“ rief Messire Worst.</p> - -<p>„Hundert Schritt!“ riefen die Kapitäne.</p> - -<p>Da gab es großes Getöse wie Donner und klägliches Geheul -auf dem Eise.</p> - -<p>„Vierundzwanzig Kanonen donnern zumal,“ sagte Ulenspiegel. -„Sie fliehen! Siehst Du die Fackeln sich entfernen?“</p> - -<p>„Ihnen nach,“ gebot der Admiral Worst.</p> - -<p>„Ihnen nach,“ geboten die Kapitäne.</p> - -<p>Aber die Verfolgung war von kurzer Dauer, maßen die Flüchtlinge -einen Vorsprung von hundert Schritt und die Beine furchtsamer -Hasen hatten.</p> - -<p>Und bei den auf dem Eise Jammernden und Sterbenden wurden -Gold und Kleinodien gefunden, auch Stricke, um die Geusen -zu binden.</p> - -<p>Und nach diesem Siege sprachen die Geusen untereinander:</p> - -<p>„<span class="antiqua">Als God met ons is, wie tegen ons zal zijn?</span> So Gott mit -uns ist, wer mag wider uns sein! Es lebe der Geuse!“</p> - -<p>Doch am Morgen des dritten Tages erwartete Messire Worst -mit Unruhe einen neuen Angriff. Lamm sprang auf Deck und -sagte zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Führe mich zum Admiral, der Dir nicht Gehör geben wollte, -als Du Frost prophezeitest.“</p> - -<p>„Geh ungeführt,“ erwiderte Ulenspiegel.</p> - -<p>Lamm verschloß die Küchentüre und ging. Der Admiral stand -auf Deck und spähete, ob er nicht von der Stadt her etwelche -Bewegung wahrnehmen könnte.</p> - -<p>Lamm sprach, auf ihn zutretend:</p> - -<p>„Gnädiger Herr Admiral, darf ein geringer Schiffskoch Euch -seine Ansicht sagen?“</p> - -<p>„Sprich, mein Sohn,“ sagte der Admiral.</p> - -<p>„Euer Gnaden,“ sagte Lamm, „das Eis in den Krügen taut auf, -das Geflügel wird wieder zart; der Reif, der die Wurst wie -Schimmel überzog, verschwindet; die Butter ist schmierig, das -Öl flüssig, das Salz rinnt. Es wird in Bälde regnen und wir -werden gerettet sein, Euer Gnaden.“</p> - -<p>„Wer bist Du?“ fragte Messire Worst.</p> - -<p>„Ich bin Lamm Goedzak,“ antwortete er, „der Koch des Schiffes -Briel. Und wenn alle die großen Gelehrten, so sich für Astronomen -ausgeben, ebenso gut in den Sternen lesen wie ich in -meinen Brühen, so könnten sie uns sagen, daß wir diese Nacht -Tauwetter mit Sturmgebraus und Hagelschauern haben werden. -Aber das Tauwetter wird nicht andauern.“</p> - -<p>Und Lamm kehrte zu Ulenspiegel zurück, und um Mittag sprach -er zu ihm:</p> - -<p>„Ich prophezeie weiter: der Himmel wird schwarz, der Wind -weht stürmisch, es fällt ein warmer Regen; es ist schon ein Fuß -Wassers auf dem Eise.“</p> - -<p>Am Abend rief er fröhlich aus:</p> - -<p>„Die Nordsee ist gestiegen, es ist Flutzeit. Die großen Wellen, -die in den Zuyderzee eindringen, zerbrechen das Eis, das in großen -Stücken birst und auf die Schiffe springt. Es sprüht Lichtfunken: -da kommt der Hagel. Der Admiral wünscht, daß wir -uns von Amsterdam zurückziehen, und das mit soviel Wasser, daß -unser größtes Schiff flott wird. Nun sind wir im Hafen von -Enckhuysen. Das Meer gefriert von neuem. Ich bin ein Prophet, -und das ist ein Wunder Gottes.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel sprach:</p> - -<p>„Wir wollen ihm zutrinken und ihn segnen.“</p> - -<p>Und der Winter ging vorüber und der Sommer kam.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>19</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Um die Mitte des August, wenn die körnersatten Hennen beim -Lockruf des Hahnes, der ihnen seine Liebe trompetet, taub bleiben, -sprach Ulenspiegel zu seinen Matrosen und Soldaten:</p> - -<p>„Der Blutherzog, welcher in Utrecht ist, wagt dort, ein segensreiches -Edikt zu erlassen, das den Einwohnern der Niederlande, -die sich nicht unterwerfen wollen, unter andern lieblichen Gaben -Hunger, Tod und Verderben verheißt. Alles, was noch ganz -ist, soll vertilgt werden, und Seine Königliche Majestät wird -das Land durch Fremde bevölkern lassen. Beiß zu, Herzog, -beiß zu! Der Hauer des Ebers zerbricht den Zahn der Vipern. -Wir sind Eber. Es lebe der Geuse!</p> - -<p>„Alba, das Blut berauscht Dich! Wähnst Du, daß wir Deine -Drohungen fürchten oder an Deine Milde glauben? Deine berühmten -Regimenter, deren Loblied Du in der ganzen Welt -sangest, Deine „Unbesiegbaren,“ Deine „Unveränderlichen,“ Deine -„Unsterblichen“ hielten sich sieben Monate damit auf, Haarlem, -die schwache, von Bürgern verteidigte Stadt zu beschießen. Sie -haben gleich gewöhnlichen Sterblichen den Tanz der berstenden -Minen in der Luft getanzt. Bürger machten ihnen Halskragen -von Pech; am Ende siegten sie glorreich, indem sie die Entwaffneten -erwürgten. Henker, hörst Du die Stunde der Vergeltung -schlagen?</p> - -<p>„Haarlem hat seine tapferen Verteidiger verloren, seine Steine -schwitzen Blut. Es hat bei seiner Belagerung zwölfhundertachtzigtausend -Gülden eingebüßt und ausgegeben. Der Erzbischof -ist dort wieder eingesetzt. Mit leichter Hand und fröhlicher -Fratze segnet er die Kirchen ein. Don Federigo ist bei diesen -Einsegnungen gegenwärtig, der Bischof wäscht ihm die Hände, -die Gottes Auge rot sieht, und er nimmt das Abendmahl in beiderlei -Gestalt, was dem armen Volk nicht erlaubt ist. Und die -Glocken läuten, und das Glockenspiel sendet seine ruhigen, wohlklingenden -Weisen in die Luft: es ist wie Engelsang auf einem -Friedhof. Auge um Auge! Zahn um Zahn! Es lebe der Geuse!“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>20</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Die Geusen waren derzeit in Vlissingen, wo Nele das Fieber bekam. -Da sie das Schiff verlassen mußte, ward sie bei Peeters, -einem Reformierten, am Turven-Key untergebracht.</p> - -<p>Ulenspiegel war gar sehr betrübt, aber doch froh, wenn er bedachte, -daß in dem Bett, darin sie ohne Zweifel genesen würde, -die spanischen Kugeln sie nicht erreichen könnten.</p> - -<p>Und mit Lamm war er immerwährend bei ihr, pflegte sie gut -und liebte sie noch mehr. Und da schwätzten sie.</p> - -<p>„Lieber und Getreuer,“ sprach Ulenspiegel eines Tages, „weißt -Du die Zeitung nicht?“</p> - -<p>„Nein, mein Sohn,“ antwortete Lamm.</p> - -<p>„Sahest Du das Vlieboot, das sich neulich unserer Flotte anschloß, -und weißt Du, wer dort alle Tage die Laute spielt?“</p> - -<p>„Infolge der letzten Fröste bin ich auf beiden Ohren wie taub,“ -sagte Lamm. „Warum lachst Du, mein Sohn?“</p> - -<p>Aber Ulenspiegel setzte seine Rede fort:</p> - -<p>„Einmal hörte ich sie ein vlämisches Lied singen und fand ihre -Stimme lieblich.“</p> - -<p>„Ach,“ sprach Lamm, „auch sie sang und spielte die Laute.“</p> - -<p>„Weißt Du die andere Zeitung?“ fuhr Ulenspiegel fort.</p> - -<p>„Ich weiß sie nicht, mein Sohn,“ antwortete Lamm.</p> - -<p>Ulenspiegel entgegnete:</p> - -<p>„Wir haben Befehl erhalten, mit unsern Schiffen die Schelde -bis Antwerpen hinunterzufahren, um dort feindliche Schiffe zu -nehmen oder zu verbrennen. Was die Männer betrifft, so wird -kein Quartier gegeben. Was hälst Du davon, Dickwanst?“</p> - -<p>„Ach,“ sprach Lamm, „werden wir in diesem traurigen Lande -immer nur von Brennen, Henken, Ertränken und andern Hinrichtungen -armer Menschen hören? Wann wird doch der gesegnete -Friede kommen, da man ohne Sorge Rebhühner braten, -Frikassées von Huhn bereiten, und in der Pfanne die Blutwürste -zwischen den Eiern bruzzeln lassen kann? Ich mag die schwarzen -lieber, die weißen sind zu fett.“</p> - -<p>„Diese holde Zeit wird kommen,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn -wir in den flandrischen Obstgärten an den Äpfel-, Pflaumen- -und Kirschbäumen statt der Früchte an jedem Zweig einen -Spanier aufgeknüpft sehen.“</p> - -<p>„Ach,“ sagte Lamm, „wenn ich nur meine Frau wiederfinden -könnte, meine vielliebe, innig geliebte, herzallerliebste, getreue -Frau! Denn versteh mich recht, mein Sohn, ich bin kein Hahnrei gewesen -und werde es nimmer sein; dazu war sie zu kühl und ruhig -in ihrem Benehmen; sie mied die Gesellschaft der andern -Männer. Wenn sie schönen Putz liebte, so war das nur aus -weiblicher Neigung. Ich war ihr Koch, Bratenwender und -Küchenjunge, das gestehe ich gern; warum bin ich es nicht -wieder; aber ich war auch ihr Herr und Ehemann.“</p> - -<p>„Genug des Redens,“ sagte Ulenspiegel. „Hörst Du den Admiral -rufen: „Die Anker gelichtet!“ Und nach ihm die Kapitäne -dasselbe rufen? Wir müssen uns jetzt segelfertig machen.“</p> - -<p>„Weshalb gehst Du so schnell fort?“ sprach Nele zu Ulenspiegel.</p> - -<p>„Wir gehen zu Schiff,“ sagte er.</p> - -<p>„Ohne mich?“ fragte sie.</p> - -<p>„Ja,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>„Bedenkst Du nicht, daß ich dahier gar bang um Dich sein werde?“ -sagte sie.</p> - -<p>„Liebchen,“ sprach Ulenspiegel, „meine Haut ist von Eisen.“</p> - -<p>„Du spottest,“ sagte sie. „Ich sehe nur Dein Wams, das von -Tuch und nicht von Eisen ist, darunter ist Dein Körper, wie -meiner aus Fleisch und Bein. Wenn man Dich verwundet, wer -wird Dich verbinden? Willst Du ganz allein in Mitten der -Krieger sterben? Ich gehe mit Dir?“</p> - -<p>„Wehe,“ sprach er, „wenn die Lanzen, Kugeln, Degen, Äxte und -Streithämmer mich verschonten und auf Deinen holden Leib -fielen, was würde ich Taugenichts ohne Dich in dieser niederträchtigen -Welt beginnen?“</p> - -<p>Aber Nele sprach:</p> - -<p>„Ich will Dir folgen, es ist keine Gefahr dabei; ich werde mich -hinter der hölzernen Brustwehr verstecken, wo die Scharfschützen -sind.“</p> - -<p>„Wenn Du gehst, bleibe ich, und dein Freund Ulenspiegel wird -für einen Verräter und Feigling gelten; aber höre mein Lied:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Mein Haar ist ein Sturmhut, aus Erz gebaut,</div> - <div class="verse indent0">Natur hat gewappnet mein Leben.</div> - <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div> - <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Vor Deiner Fratze mich nimmer graut,</div> - <div class="verse indent0">Nie rufst Du mich, Tod, aus dem Leben.</div> - <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div> - <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!</div> - <div class="verse indent0">Allzeit im Lichte leben.</div> - <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div> - <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und singend zog er von hinnen, nicht ohne den bebenden Mund -und die hübschen Augen der fiebernden Nele geküßt zu haben, -die in einem weinte und lachte.</p> - -<p>Die Geusen sind in Antwerpen. Sie erbeuten Alba’s Schiffe -bis in den Hafen hinein. Bei hellem Tage dringen sie in die -Stadt, befreien Gefangene und machen andre, die ihnen Lösegeld -einbringen sollen. Sie heben die Bürger mit Gewalt aus und -zwingen etliche bei Todesstrafe, ihnen zu folgen und nicht zu -sprechen.</p> - -<p>Ulenspiegel sprach zu Lamm: „Des Admirals Sohn wird im Hause -des Kanonikus gefangen gehalten; wir müssen ihn befreien.“</p> - -<p>Als sie ins Haus des Kanonikus drangen, sahen sie den Sohn, -den sie suchten, in Gesellschaft eines dicken schmerbäuchigen -Mönches, der zornig auf ihn einredete, denn er wollte ihn in den -Schoß unserer heiligen Mutter Kirche zurückführen. Aber der -junge Bursche wollte nicht. Er ging mit Ulenspiegel fort. Indessen -packte Lamm den Mönch bei der Kapuze und trieb ihn -durch die Straßen von Antwerpen vor sich her, indem er sagte:</p> - -<p>„Du bist hundert Gülden Lösegeld wert, schnüre Dein Bündel -und schreite voraus. Was säumst Du? Hast Du Blei in Deinen -Sandalen? Marsch, Specksack, Speiseschrank, Suppenbauch.“</p> - -<p>Der Mönch sagte in großer Wut:</p> - -<p>„Ich gehe, Herr Geuse, ich gehe, aber trotz aller Achtung, die -ich Eurer Büchse schulde, Ihr seid gleich mir fettleibig, schmerbäuchig -und dick.“</p> - -<p>Aber Lamm stieß ihn vor sich her und sprach:</p> - -<p>„Wagst Du es, elender Mönch, Dein klösterliches, unnützes -Faulenzerfett mit dem Fett eines Vlämen zu vergleichen, das -durch Anstrengungen, Strapazen und Schlachten ehrlich angemästet -ist? Lauf, oder ich werde Dir wie einem Hund einen -Fußtritt geben, und das mit dem Schnabel meines Schuhes.“</p> - -<p>Aber der Mönch konnte nicht laufen, und er war ganz außer -Atem und Lamm desgleichen. Und so gelangten sie zum Schiffe.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>21</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Nachdem die Geusen Rammekens, Gertruidenberg und Alckmaer -erobert hatten, kehrten sie nach Vlissingen zurück.</p> - -<p>Nele, die genesen war, erwartete Ulenspiegel am Hafen.</p> - -<p>„Tyll,“ sagte sie, da sie ihn sah, „mein trauter Tyll, bist Du nicht -verwundet?“</p> - -<p>Ulenspiegel sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!</div> - <div class="verse indent0">Allzeit im Lichte leben.</div> - <div class="verse indent0">Von Leder ist mir die erste Haut,</div> - <div class="verse indent0">Von Stahl die zweite gegeben.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ach,“ sprach Lamm, sein Bein nachschleppend, „die Kugeln, -Granaten und Kettenkugeln regnen um ihn her, und er fühlt -davon nichts als den Wind. Du bist ohne Zweifel ein Geist, Ulenspiegel, -und auch Du, Nele, denn ich sehe Euch allezeit heiter und -jugendlich.“</p> - -<p>„Warum schleppst Du das Bein nach?“ fragte Nele ihn.</p> - -<p>„Ich bin kein Geist und werde es auch nie werden,“ sagte er. -„Zudem habe ich einen Axthieb in den Schenkel erhalten / die -meiner Frau waren so weiß und rund! / Sieh, ich blute. Ach, -warum habe ich sie nicht hier, um mich zu pflegen!“</p> - -<p>Doch Nele erwiderte zornig:</p> - -<p>„Was bedarfst Du einer wortbrüchigen Frau?“</p> - -<p>„Sprich nicht schlecht von ihr,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Warte, hier ist Balsam,“ sagte Nele, „ich habe ihn für Ulenspiegel -aufbewahrt; streich ihn auf Deine Wunde.“</p> - -<p>Da Lamm seine Wunde verbunden hatte, war er froh, denn der -Balsam linderte den brennenden Schmerz. Und sie gingen alle -drei wieder zu Schiff.</p> - -<p>Da sie den Mönch sah, der dort mit gefesselten Händen herumspazierte, -sagte sie: „Wer ist der? Ich habe ihn schon gesehen -und glaube, ihn zu erkennen.“</p> - -<p>„Er ist hundert Gülden Lösegeld wert,“ sagte Lamm.</p> - -<p>An jenem Tage war in der Flotte ein Freudenfest. Trotz des -rauhen Dezemberwindes, trotz Regen und Schnee waren alle -Geusen der Flotte auf den Decks der Schiffe. Die silbernen -Halbmonde glänzten matt auf den zeeländischen Hüten.</p> - -<p>Und Ulenspiegel sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Leyden ist frei. Der Blutherzog zieht aus den Niederlanden.</div> - <div class="verse indent12">Läutet, klingende Glocken,</div> - <div class="verse indent0">Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte!</div> - <div class="verse indent12">Klinget, Flaschen und Gläser!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent6">Hat der Bluthund sich von den Schlägen erholt</div> - <div class="verse indent6">Mit eingeklemmtem Schwanz,</div> - <div class="verse indent12">Stürzt er sich mit blutigem Blick</div> - <div class="verse indent12">Von neuem gegen die Stöcke.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent12">Sein zerschlagenes Gebiß</div> - <div class="verse indent12">Bebt und schlottert ohne Kraft.</div> - <div class="verse indent12">Der Blutherzog ist abgerückt:</div> - <div class="verse indent6">Klinget, Flaschen und Gläser. Es lebe der Geuse!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent12">Er möchte sich wohl selber beißen,</div> - <div class="verse indent12">Die Stöcke zerbrachen sein Gebiß.</div> - <div class="verse indent12">Er senkt sein Bulldoggengesicht,</div> - <div class="verse indent6">Und denkt der Zeiten des Fraßes und Mordes.</div> - <div class="verse indent12">Der Blutherzog ist abgerückt:</div> - <div class="verse indent12">Schlaget die Trommel des Ruhmes!</div> - <div class="verse indent12">Schlaget die Trommel des Krieges!</div> - <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent6">Er ruft dem Teufel: „Dir verkauf’ ich meine</div> - <div class="verse indent6">Hündische Seele für eine Stunde der Kraft.“</div> - <div class="verse indent12">„Deine Seele gilt mir gleichviel</div> - <div class="verse indent12">Wie ein Hering,“ entgegnet der Teufel.</div> - <div class="verse indent12">Die Zähne wachsen nicht wieder,</div> - <div class="verse indent12">Nun muß er die harten Bissen meiden.</div> - <div class="verse indent12">Der Blutherzog ist abgerückt:</div> - <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent6">Die kleinen Gassenköter, einäugig, krätzig und krumm,</div> - <div class="verse indent6">Die von den Broten leben oder verenden,</div> - <div class="verse indent12">Heben die Pfoten allzumal</div> - <div class="verse indent12">Gegen ihn, der aus Mordlust gemordet:</div> - <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent6">„Er liebte nicht Freunde noch Liebste,</div> - <div class="verse indent6">Nicht Frohsinn, Sonne, noch seinen Herrn.</div> - <div class="verse indent6">Nur der Tod, das war seine Braut.</div> - <div class="verse indent12">Der zerbricht ihm die Pfoten</div> - <div class="verse indent12">Zum Vorspiel der Hochzeit.</div> - <div class="verse indent12">Er liebt keinen Menschen heil und ganz.</div> - <div class="verse indent12">Schlaget die Freudentrommel!</div> - <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!“</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent6">Und die kleinen Gassenköter, krumm,</div> - <div class="verse indent6">Einäugig, hinkend und krätzig,</div> - <div class="verse indent12">Heben von neuem die Pfoten</div> - <div class="verse indent12">Heiß und salzig ...</div> - <div class="verse indent12">Und mit ihnen Molosser und Windhund.</div> - <div class="verse indent12">Hunde von Ungarn und von Brabant,</div> - <div class="verse indent12">Von Luxemburg und Namur.</div> - <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div> - <div class="verse indent12">Trübselig, Schaum vor dem Maule,</div> - <div class="verse indent12">Wird er verenden bei seinem Herrn,</div> - <div class="verse indent12">Welcher ihm einen Fußtritt gibt,</div> - <div class="verse indent12">Weil er nicht tüchtig gebissen.</div> - <div class="verse indent12">In der Hölle wird er dem Tod</div> - <div class="verse indent12">Angetraut; der nennt ihn „Mein Herzog“.</div> - <div class="verse indent12">Und er heißt ihn: „Meine Inquisition“.</div> - <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!</div> - <div class="verse indent12">Läutet, klingende Glocken;</div> - <div class="verse indent12">Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte.</div> - <div class="verse indent12">Klinget, Flaschen und Gläser:</div> - <div class="verse indent18">Es lebe der Geuse!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Buch">Fünftes Buch</h2> -</div> - -<hr class="full newpage" /> -<h3>1</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da der Mönch, den Lamm gefangen genommen, merkte, daß die -Geusen nicht seinen Tod, sondern Lösegeld wollten, begann er -auf dem Schiffe die Nase hoch zu tragen.</p> - -<p>„Sehet,“ sprach er auf und ab gehend, mit wütendem Kopfschütteln, -„sehet, in welchen Abgrund schmutziger, schwarzer, gemeiner -Greuel ich gefallen bin, da ich den Fuß in diesen Holznapf -setzte. Wenn ich nicht hier wäre, ich, den der Herr salbte ...“</p> - -<p>„Mit Hundsfett?“ fragten die Geusen.</p> - -<p>„Selbst Hunde,“ antwortete der Mönch, seine Rede fortsetzend. -„Ja, räudige, verlaufene, dreckige Hunde mit magerem Kreuz. -Ihr, die Ihr den fruchtbaren Schoß unserer heiligen römischen -Mutter Kirche gemieden habt, um die dürren Wege Eurer lumpigen, -reformierten Kirche zu betreten. Ja, wäre ich nicht hier -in Eurem Holzschuh, Eurem Napf, so hätte der Herr ihn schon -längst in die tiefsten Abgründe des Meeres versenkt, samt Euch, -Euren verfluchten Waffen, Euren Teufelskanonen, Eurem singenden -Kapitän, Euren lästerlichen Halbmonden, ja, bis auf -den Grund der unergründlichen Tiefe von Satans Reich. Dort -werdet ihr nicht verbrennen, nein! aber zu Eis gefrieren, zittern -und vor Kälte umkommen, während der ganzen langen Ewigkeit. -Ja, also wird Gott im Himmel auslöschen das Feuer Eures -gottlosen Hasses gegen unsere sanfte heilige römische Mutter -Kirche, gegen die hohen Heiligen, die Herren Bischöfe und die -gesegneten Edikte, die so überaus sänftiglich und reiflich bedacht -waren. Jawohl, ich werde Euch oben vom Paradiese sehen, -veilchenblau wie Rotebeete oder weiß wie Rüben, so sehr wird -Euch frieren. Tsi, tsi, tsi! Also geschehe es, geschehe es, geschehe -es!“</p> - -<p>Die Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen trieben ihren -Spott mit ihm und schossen aus Blasrohren mit trockenen Erbsen -auf ihn. Und er bedeckte sich das Gesicht mit den Händen -gegen diese Geschosse.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>2</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Nachdem der Blutherzog die Niederlande verlassen hatte, -wurden sie von den Herren Messina-Coeli und Requesens mit -minderer Grausamkeit regiert; dann wurden sie von den Generalstaaten -im Namen des Königs regiert. Inzwischen eröffneten -die Zeeländer und Holländer, wohlgeborgen durch Meer -und Deiche, so für sie natürliche Wälle und Festungen sind, dem -Gott der Freien freie Tempel. Die papistischen Henker konnten -nebenan ihre Hymnen singen, und Seine Gnaden von Oranien, -der Schweiger, war geschäftig, eine Dynastie von Statthaltern -und Königen aufzurichten.</p> - -<p>Belgien ward von den Wallonen verwüstet, die ob der Genter -Pazifikation mißvergnügt waren, da sie alle Feindschaft begraben -sollten. Und diese wallonischen Paternosterknechte, die -dicke, schwarze Rosenkränze um den Hals trugen, davon zu -Spienne im Hennegau zweitausend gefunden wurden, stahlen -Ochsen und Pferde zu zwölfhundert, zu zweitausend und wählten -sich die besten aus. Sie schleppten Frauen und Mädchen -durch Felder und Sümpfe fort und verbrannten in den Scheunen -die bewaffneten Bauern, die sich die Frucht ihrer harten Arbeit -nicht rauben lassen wollten.</p> - -<p>Und die Leute aus dem Volk sprachen untereinander:</p> - -<p>„Don Juan wird mit seinen Spaniern kommen und Seine -Herzogliche Hoheit mit seinen Franzosen, nicht mit den Hugenotten, -sondern den Papisten. Der Schweiger, der Holland, -Zeeland, Geldern und Overyssel friedlich zu regieren wünscht, -tritt durch geheimen Vertrag die Belgischen Lande ab, auf -daß Herr von Anjou sich dort zum König mache.“</p> - -<p>Etliche aus dem Volke hatten gleichwohl Vertrauen. „Die -Herren von den Generalstaaten,“ sagten sie, „haben zwanzigtausend -wohlbewaffnete Leute mit vielen Kanonen und guter Reiterei. -Sie werden allen fremden Soldaten widerstehen.“</p> - -<p>Aber die Wohlunterrichteten sprachen: „Die Herren von den -Generalstaaten haben zwanzigtausend Mann auf dem Papier, -aber nicht im Felde; es fehlt ihnen an Reiterei, und sie lassen sich -ihre Pferde eine Meile von ihrem Lager von den Paternosterknechten -stehlen. Sie haben keine Artillerie, denn wiewohl sie -deren hier bedürfen, haben sie beschlossen, hundert Kanonen mit -Pulver und Kugeln an Don Sebastian von Portugal zu senden. -Und man weiß nicht, wohin die zwei Millionen Taler gehen, die -wir in vier Raten durch Steuern und Kriegsauflagen bezahlt -haben. Die Bürger von Gent und Brüssel rüsten sich, Gent für -die Reformation und Brüssel desgleichen; in Brüssel schlagen -die Frauen die Schellentrommel, dieweil ihre Männer an den -Wällen arbeiten. Gent, die Kühne, schickt Brüssel, der Fröhlichen, -Pulver und Kanonen, woran es ihr mangelt, um sich gegen -die Mißvergnügten und die Spanier zu verteidigen.“</p> - -<p>Und ein Jeglicher in den Städten wie auf dem platten Lande -sieht ein, daß man kein Vertrauen haben darf, weder zu den -Herren von den Generalstaaten, noch zu vielen andern. Und -wir Bürger und das niedere Volk sind betrübt in unsern Herzen, -daß wir im Lande unsrer Väter keine Besserung sehen, wiewohl -wir unser Geld hergeben und bereit sind, unser Blut zu geben. -Und das Land Belgien ist bang und erzürnt, daß es keine getreuen -Anführer hat, die ihm Gelegenheit geben zu Schlacht und Sieg, -da ihre Waffen der Feinde der Freiheit harren.</p> - -<p>Und die Wohlunterrichteten sprachen untereinander:</p> - -<p>„Bei der Genter Pazifikation haben die Herren von Holland und -Belgien Beilegung aller Feindschaft geschworen und gegenseitigen -Beistand zwischen den belgischen und niederländischen Staaten. -Sie erklärten die Edikte für null und nichtig, die Konfiskationen -für aufgehoben, Frieden zwischen beiden Religionen; -sie versprachen, alle Säulen, Trophäen, Inschriften und Bildnisse, -so der Herzog zu unserer Unehre errichtet, niederzureißen. -Aber in den Herzen der Führer sind die Feindschaften noch nicht -niedergerissen. Adel und Geistlichkeit erregen Zwietracht zwischen -den Staaten der Union; sie empfangen Geld, um die Soldaten -zu bezahlen, und behalten es für ihre Völlerei. Fünfzehntausend -Prozesse um Rückforderung der eingezogenen Vermögen -harren der Erledigung. Die Lutherischen und Römischen vereinigen -sich gegen die Calvinisten; den rechtmäßigen Erben gelingt -es nicht, den Räubern ihr Vermögen abzujagen; die -Statue des Herzogs liegt am Boden, aber in ihren Herzen lebt -das Bild der Inquisition.“</p> - -<p>Und das arme Volk und die bekümmerten Bürger harrten immerdar -des tapferen und getreuen Feldherrn, der sie in die -Schlacht für die Freiheit führte.</p> - -<p>Und sie sprachen untereinander: „Wo sind die erlauchten Unterzeichner -des Kompromisses, die, wie sie sagten, männiglich zum -Wohle des Vaterlandes vereinigt waren? Warum bildeten diese -falschen Männer eine so „heilige Allianz“, wenn sie diese sogleich -brechen mußten? Weshalb sich mit soviel Aufsehen versammeln, -des Königs Zorn erregen, um sich hernach wie Feiglinge und -Verräter zu trennen? Zu Fünfhundert, wie sie waren, hoher -und niedrer Adel, als Brüder vereinigt, retteten sie uns vor der -spanischen Wut; aber sie opferten das Wohl des belgischen Landes -ihrem eigenen Wohl, gleichwie van Egmont und van Hoorn.“ -„Wehe,“ sagten sie, „sehet jetzo Don Juan, den schönen Ehrgeizigen -kommen, Philipps Feind, aber mehr noch unsrer Länder -Feind. Er kommt um des Papstes und seiner selbst willen. Adel -und Klerus üben Verrat.“</p> - -<p>Und sie beginnen einen Scheinkrieg. An den Mauern der großen -und kleinen Straßen von Gent und Brüssel, selbst an den Masten -der Geusenschiffe, sah man nunmehr die Namen der Verräter -angeheftet, der Heerführer und Kommandanten von Festungen: -die des Grafen von Liedekerke, der sein Schloß nicht gegen Don -Juan verteidigte; des Burgvogtes von Lüttich, der die Stadt -an Don Juan verkaufen wollte; der Herren von Aerschot, von -Mansfeldt, von Berlaymont, von Rassanghien; die des Staatsrats, -des Georges de Lalaing, Stadthalters von Friesland, des -Feldhauptmanns de Rossignol, des Sendboten von Don Juan -und Vermittlers zum Meuchelmord zwischen Philipp und Jauréguy, -dem plumpen Mörder des Prinzen von Oranien. Ferner -die Namen des Erzbischofs von Cambray, der die Spanier in -die Stadt einlassen wollte; die Namen der Jesuiten von Antwerpen, -die den Staaten drei Tonnen Goldes, / das ist zwei -Millionen Gülden / anboten, damit das Schloß nicht zerstört würde -und für Don Juan erhalten bliebe; die Namen des Bischofs von -Lüttich und der geschwätzigen römischen Prediger, welche die Patrioten -in bösen Leumund brachten; die des Bischofs von Utrecht, -den die Bürger fortschickten, um anderswo das Kraut des Verrats -zu weiden, und der Bettelorden, die in Gent zu Gunsten -Don Juans Ränke schmiedeten. Die von Herzogenbusch nagelten -den Namen von Carme Pierre an den Schandpfahl, der, -vom Bischof und dessen Clerus unterstützt, sich anheischig machte, -die Stadt dem Don Juan auszuliefern.</p> - -<p>In Douay jedoch henkten sie den Rektor der Universität, der -gleichermaßen spanisch geworden, nicht in effigie. Doch auf den -Geusenschiffen sah man auf der Brust der gehenkten Strohmänner -Namen von Mönchen, Äbten und Prälaten und von -achtzehnhundert reichen Frauen und Jungfrauen des Beghinen-Klosters -zu Mecheln, die die Henker des Vaterlandes mit ihren -Groschen unterhielten und mit Gold und Federn schmückten.</p> - -<p>Und auf diesen Strohmännern, den Schandpfählen der Verräter, -stand der Name des Marquis d’Harrault, des Kommandanten -der Feste Philippeville, der die Kriegs- und Mondvorräte -unnütz vergeudete, um unter dem Vorwand des Mangels an -Lebensmitteln, die Feste dem Feind auszuliefern. Da stand der -Name Belvers, der Limburg übergab, als diese Stadt sich noch -acht Monate halten konnte; der des Staatskanzlers von Flandern; -des Magistrats von Brügge, des Magistrats von Mecheln, -der seine Stadt für Don Juan offen hielt. Da standen die Namen -der Herren von der geldernschen Rechnungskammer, die wegen -Verrates geschlossen wurde; die des Rates von Brabant, der -Kanzlei des Herzogtums, des geheimen Rats und des Finanzrats; -die des Oberamtsmanns und des Bürgermeisters von Menin -und der bösen Nachbarn von Artois, die zweitausend Franzosen, -so auf Plünderung auszogen, unverweht durchließen.</p> - -<p>„Wehe,“ sprachen die Bürger untereinander, „nun hat der Herzog -von Anjou einen Fuß in unserm Lande; er will bei uns König -werden. Sahet Ihr ihn in Mons einziehen, klein und mit dicken -Hüften, großer Nase, gelbem Antlitz und spöttischem Munde. -Es ist ein großer Fürst, der die ungewöhnlichen Liebschaften -liebt, und damit sich in seinem Namen weibliche Anmut mit -männlicher Kraft paare, nennt man ihn Seine Groß-Hoheit, -den Herzog von Anjou.“</p> - -<p>Ulenspiegel war nachdenklich. Und er sang:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Der Himmel ist blau, die Sonne hell;</div> - <div class="verse indent0">Umhüllt die Banner mit Flor,</div> - <div class="verse indent0">Mit Flor die Degengriffe,</div> - <div class="verse indent2">Versteckt die Juwelen,</div> - <div class="verse indent2">Kehrt um die Spiegel;</div> - <div class="verse indent0">Ich singe das Lied vom Tode,</div> - <div class="verse indent2">Das Lied vom Verrat.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Sie setzten ihnen auf Leib und Brust</div> - <div class="verse indent0">Den Fuß, den stolzen Ländern:</div> - <div class="verse indent0">Brabant und Flandern, Hennegau,</div> - <div class="verse indent0">Antwerpen, Artois, Luxemburg.</div> - <div class="verse indent0">Junker und Pfaffen übten Verrat;</div> - <div class="verse indent0">Des Lohnes Köders lockte sie.</div> - <div class="verse indent0">Ich singe das Lied vom Verrat.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wenn allerorts der Feind nun raubt,</div> - <div class="verse indent0">Der Spanier in Antwerpen herrscht,</div> - <div class="verse indent0">Lustwandeln in den Gassen der Stadt,</div> - <div class="verse indent0">Äbte, Pfaffen und Feldhauptleute,</div> - <div class="verse indent0">In Seide gekleidet, mit Gold verbrämt.</div> - <div class="verse indent0">Von gutem Wein glänzt ihr volles Gesicht</div> - <div class="verse indent0">Und trägt ihre Schande zur Schau.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und durch sie wird die Inquisition</div> - <div class="verse indent0">Triumphierend zum Leben erwachen.</div> - <div class="verse indent2">Von den neuen Ritelmans</div> - <div class="verse indent0">Werden Taubstumme dann verhaftet</div> - <div class="verse indent2">Um Ketzerei.</div> - <div class="verse indent0">Ich singe das Lied vom Verrat.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Unterzeichner des Vergleichs,</div> - <div class="verse indent2">Feige Unterzeichner;</div> - <div class="verse indent0">Euer Name sei verflucht.</div> - <div class="verse indent0">Wo seid Ihr zur Stunde des Krieges?</div> - <div class="verse indent2">Ihr folget gleich Raben</div> - <div class="verse indent2">Der spanischen Fährte.</div> - <div class="verse indent2">Schlaget die Trommel der Trauer.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Die Zukunft, belgisches Land,</div> - <div class="verse indent0">Wird Dich verdammen, weil Du</div> - <div class="verse indent0">Gewaffnet Dich ließest berauben.</div> - <div class="verse indent0">Zukunft, eile Dich nicht.</div> - <div class="verse indent0">Sieh die Verräter geschäftig:</div> - <div class="verse indent0">Es sind zwanzig, es sind tausend;</div> - <div class="verse indent0">Alle Ämter haben sie inne,</div> - <div class="verse indent0">Die Großen geben sie den Kleinen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Sie sind im Einverständnis,</div> - <div class="verse indent0">Den Widerstand zu hindern</div> - <div class="verse indent0">Durch Zwietracht und Trägheit,</div> - <div class="verse indent0">Ihre Losung des Verrats.</div> - <div class="verse indent0">Verhüllt mit Flor die Spiegel</div> - <div class="verse indent2">Und die Degengriffe.</div> - <div class="verse indent0">Dies ist das Lied des Verrats.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Spanier und Unzufriedene</div> - <div class="verse indent0">Erklären sie für Rebellen,</div> - <div class="verse indent0">Verbieten, ihnen zu helfen</div> - <div class="verse indent2">Mit Brot und Obdach,</div> - <div class="verse indent2">Mit Pulver und Blei.</div> - <div class="verse indent0">Doch fängt man sie, um sie zu henken.</div> - <div class="verse indent2">Um sie zu henken.</div> - <div class="verse indent0">Gleich lassen sie sie frei.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Auf! sagen die Brüßler.</div> - <div class="verse indent0">Auf! sagen die Genter</div> - <div class="verse indent2">Und das belgische Volk.</div> - <div class="verse indent0">Euch arme Menschen will man</div> - <div class="verse indent0">Zermalmen zwischen dem König</div> - <div class="verse indent0">Und dem Papst, welcher den Kreuzzug</div> - <div class="verse indent2">Gegen Flandern betreibt.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Sie kommen, die feilen Söldner,</div> - <div class="verse indent2">Beim Blutgeruch herbei,</div> - <div class="verse indent2">Scharen von Hunden,</div> - <div class="verse indent2">Hyänen und Schlangen,</div> - <div class="verse indent2">Die hungert und dürstet.</div> - <div class="verse indent0">Armes Land der Väter,</div> - <div class="verse indent0">Reif für Trümmer und Tod.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Nicht Don Juan ist es,</div> - <div class="verse indent0">Der es Farnese, des Papstes Liebling,</div> - <div class="verse indent2">Mundgerecht macht,</div> - <div class="verse indent2">Doch Die, so Du mit Gold</div> - <div class="verse indent2">Und Ehren überhäuft.</div> - <div class="verse indent2">Die Deiner Weiber, Töchter</div> - <div class="verse indent2">Und Kinder Beichte hörten.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Sie warfen Dich zu Boden,</div> - <div class="verse indent2">Es setzt der Spanier Dir</div> - <div class="verse indent2">Das Messer an die Kehle.</div> - <div class="verse indent2">Sie trieben Spott mit Dir,</div> - <div class="verse indent2">Da sie zu Brüssel des Prinzen</div> - <div class="verse indent2">Oranien Kommen gefeiert.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Da man auf dem Kanale</div> - <div class="verse indent2">So mannig Feuerwerk</div> - <div class="verse indent2">Mit Freudengeknatter sah,</div> - <div class="verse indent2">Soviel triumphierende Schiffe,</div> - <div class="verse indent2">Gemälde und Wandbehänge,</div> - <div class="verse indent2">Da, Belgien, spielte man</div> - <div class="verse indent2">Von Joseph die Geschichte,</div> - <div class="verse indent2">Wie ihn die Brüder verkauft.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="full" /> -<h3>3</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da der Mönch merkte, daß man ihn reden ließ, trug er auf dem -Schiffe die Nase hoch; und um ihn noch mehr zum Predigen anzureizen, -lästerten die Matrosen und Soldaten die heilige -Jungfrau, die hohen Heiligen und die frommen Andachtsübungen -der heiligen römischen Kirche.</p> - -<p>Dann geriet er in Wut und spie tausend Beschimpfungen gegen -sie aus.</p> - -<p>„Ja,“ schrie er, „ja, da bin ich traun in der Höhle der Geusen. -Ja, dies sind wahrlich die verfluchten Länderaussauger! Ja. -Und man sagt, daß der Inquisitor, der heilige Mann, ihrer zu -viele verbrannt hat! Nein: Es ist noch genug von dem schmutzigen -Ungeziefer übrig. Ja, auf den guten, tapferen Kriegsschiffen -unseres Herrn Königs, die ehedem so sauber und gut gewaschen -waren, sieht man jetzo das Ungeziefer der Geusen, ja, das stinkende -Ungeziefer. Ja, es ist schmutziges, stinkendes, schändliches -Ungeziefer, der singende Kapitän, der Koch mit dem Bauch voller -Gottseligkeit, und sie alle mit ihren lästerlichen Halbmonden. -Wenn der König seine Schiffe mit der Lauge der Geschütze gesäubert -hat, wird für mehr als hunderttausend Gülden Pulver -und Kugeln vonnöten sein, um diese schmutzige, gemeine, stinkende -Seuche zu vertreiben. Ja, Ihr seid alle in Frau Luzifers -Bette geboren, die verdammt ist, mit Satanas zwischen Mauern -von Ungeziefer, unter Vorhängen von Ungeziefer und auf Polstern -von Ungeziefer zu buhlen. Ja, und dort in ihren abscheulichen -Umarmungen erzeugten sie die Geusen. Ja, ich spucke auf -Euch.“</p> - -<p>Auf diese Rede hin sprachen die Geusen zu ihm:</p> - -<p>„Was behalten wir diesen Faulenzer hier, der nichts kann als -Schimpfworte ausspeien? Wir wollen ihn lieber henken.“</p> - -<p>Und sie machten sich ans Werk.</p> - -<p>Als der Mönch sah, daß der Strick bereit, die Leiter an den Mastbaum -gelehnt war und man ihm die Hände binden wollte, sagte -er kläglich:</p> - -<p>„Habt Mitleid mit mir, Ihr Herren Geusen, es ist der Teufel des -Zornes, der in meinem Herzen spricht, und nicht Euer geringer -Gefangener, ein armer Mönch, der auf dieser Welt nicht mehr -als einen Hals hat. Gnädige Herren, erbarmt Euch. Schließt -mir den Mund mit einer Angstbirne, wenn Ihr wollt, / eine gar -schlechte Frucht / aber henket mich nicht.“</p> - -<p>Ohne auf ihn zu hören, und trotz seines wütenden Widerstandes -schleppten sie ihn nach der Leiter. Da schrie er so gellend, daß -Lamm zu Ulenspiegel, der bei ihm in der Küche war und ihn -pflegte, sprach:</p> - -<p>„Mein Sohn, mein Sohn, sie haben ein Schwein aus dem Koben -gestohlen und stechen es ab. Oh, die Spitzbuben! Wenn ich doch -aufstehen könnte.“</p> - -<p>Ulenspiegel ging hinauf und erblickte nichts als den Mönch. Da -dieser seiner gewahr wurde, fiel er auf die Kniee und sagte, die -Hände zu ihm erhebend:</p> - -<p>„Herr Kapitän, Kapitän der tapferen Geusen, die zu Wasser und -zu Lande furchtbar sind, Eure Soldaten wollen mich henken, -weil ich mich mit der Zunge vergangen habe. Das ist eine ungerechte -Strafe, Herr Kapitän, denn alsdann müßten alle Advokaten, -Sachverwalter, Prediger und Weiber ein hänfenes Halsband -haben, und die Welt würde entvölkert werden. Herr, errettet -mich vom Strick. Ich werde für Euch beten, und Ihr werdet -nicht verdammt werden, gebt mir Pardon. Der Sprechteufel -verleitete mich und zwang mich, unaufhörlich zu reden: das ist -ein gar großes Unglück. Dann läuft mir die Galle über und läßt -mich tausend Dinge sagen, die ich nicht denke. Gnade, Herr Kapitän, -und Ihr Herren alle, bittet für mich.“</p> - -<p>Plötzlich erschien Lamm im Hemd auf Deck und sagte:</p> - -<p>„Kapitän und Kameraden, es war nicht das Schwein, daß -quiekte, sondern der Mönch; des bin ich froh. Ulenspiegel, mein -Sohn, ich habe einen großartigen Plan inbetreff des frommen -Vaters gefaßt. Schenk ihm das Leben, aber laß ihn nicht frei, -sonst wird er noch einen schlechten Streich auf dem Schiffe verüben. -Vielmehr laß ihm auf Deck einen engen, recht luftigen -Käfig machen, darin er nur sitzen und schlafen kann, wie man -sie für die Kapaunen macht. Laß mich ihn füttern, und wenn er -nicht soviel ißt, wie ich will, möge er gehenkt werden.“</p> - -<p>„Möge er gehenkt werden, wenn er nicht ißt“, sagten Ulenspiegel -und die Geusen.</p> - -<p>„Was gedenkst Du mit mir zu machen, Dicker?“ fragte der -Mönch.</p> - -<p>„Das wirst du sehen,“ antwortete Lamm.</p> - -<p>Und Ulenspiegel tat, was Lamm wünschte, und der Mönch ward -in den Käfig gesetzt, und Jedermann konnte ihn darin nach Belieben -betrachten.</p> - -<p>Lamm war in die Küche hinuntergegangen; Ulenspiegel ging ihm -nach und hörte ihn mit Nele streiten.</p> - -<p>„Ich werde mich nicht hinlegen,“ sagte er, „nein, ich werde mich -nicht hinlegen, damit andere kommen und in meinen Brühen -herum mantschen. Nein ich werde nicht in meinem Bette bleiben -wie ein Kalb!“</p> - -<p>„Werde nicht böse, Lamm,“ sprach Nele, „sonst wird Deine -Wunde wieder aufbrechen, und Du wirst sterben.“</p> - -<p>„Wohlan,“ sagte er, „ich werde sterben; ich bin es satt, ohne -mein Weib zu leben. Ist es noch nicht genug, daß ich es verloren -habe, willst du mich auch noch hindern, mich, den Schiffskoch, -auf die Suppe zu achten? Weißt du nicht, daß dem Duft -der Brühen und Fleischgerichte eine Heilkraft innewohnt? Sie -nähren selbst meinen Geist und panzern mich wider das Unglück.“</p> - -<p>„Lamm,“ sagte Nele, „Du mußt auf unseren Rat hören und Dich -von uns heilen lassen.“</p> - -<p>„Ich will mich heilen lassen,“ sprach Lamm; „aber es soll nur -ein anderer hier herein kommen, irgend ein unwissender, stinkender, -triefäugiger, rotznasiger Taugenichts und soll an meiner -Statt als Schiffskoch herrschen und mit seinen schmutzigen Fingern -in meine Brühen fahren, so schlüg’ ich ihn lieber mit meiner -Holzkelle tot, die dann von Eisen wäre.“</p> - -<p>„Gleichviel,“ sagte Ulenspiegel, „Du brauchst einen Gehilfen, -Du bist krank.“</p> - -<p>„Ein Gehilfe für mich!“ sagte Lamm, „mir ein Gehilfe! Bist -Du denn nur mit Undankbarkeit vollgepfropft wie eine Wurst -mit gehacktem Fleisch? Ein Gehilfe, mein Sohn, und Du sagst -das mir, Deinem Freund, der Dich so lange und so reichlich genährt -hat! Jetzt wird meine Wunde wieder aufbrechen. Schlechter -Freund, wer würde dir hier wohl die Nahrung bereiten wie -ich? Was würdet Ihr beiden anfangen, wenn ich nicht da wäre, -um dir, Kapitän, und Dir, Nele, etwelches leckere Gericht vorzusetzen?“</p> - -<p>„Wir würden selbst in der Küche arbeiten,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>„Die Küche!“ sagte Lamm. „Du taugst dazu, gute Küche zu -essen, sie zu schnüffeln und einzuschlürfen, aber kochen, nein! -Armer Freund und Kapitän, ich würde Dir, mit Verlaub zu -sagen, in Streifen geschnittene Gürteltaschen zu essen geben, -und Du würdest sie für harte Kaldaunen halten. Laß mich, -mein Sohn, laß mich hier bleiben, sonst werde ich wie ein Stock -eintrocknen.“</p> - -<p>„So bleibe Schiffskoch,“ sprach Ulenspiegel; „wenn du nicht -gesund wirst, schließe ich die Küche zu und wir essen nur Schiffszwieback.“</p> - -<p>„Ach, mein Sohn,“ sprach Lamm, vor Freude weinend, „Du bist -gut wie unsere liebe Frau.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>4</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Er schien jedoch zu genesen.</p> - -<p>Alle Samstage sahen die Geusen, wie er den Leibesumfang des -Mönches mit einem langen Lederriemen maß.</p> - -<p>Am ersten Samstag sagte er:</p> - -<p>„Vier Fuß.“</p> - -<p>Und sich selber messend, sprach er:</p> - -<p>„Vier und einen halben Fuß.“</p> - -<p>Und er schien schwermütig.</p> - -<p>Doch am achten Samstag war er fröhlich und sagte von dem -Mönche:</p> - -<p>„Vier dreiviertel Fuß.“</p> - -<p>Und als er ihm Maß nahm, erboste sich der Mönch und sprach:</p> - -<p>„Was hast du mit mir vor, Dicker?“</p> - -<p>Aber Lamm steckte die Zunge heraus und schwieg.</p> - -<p>Und siebenmal am Tage sahen die Matrosen und Soldaten ihn -mit irgend einem andern Gericht ankommen und dabei sagen:</p> - -<p>„Hier sind fette Bohnen mit flandrischer Butter; hast Du je so -gute in Deinem Kloster gegessen? Du hast ein volles Gesicht, -hier auf dem Schiff magert man nicht ab. Fühlst Du nicht, wie -Dir die Fettpolster im Rücken wachsen? Bald wirst Du kein -Pfühl mehr brauchen, um zu schlafen.“</p> - -<p>Bei der zweiten Mahlzeit des Mönches sprach er:</p> - -<p>„Sieh da, das sind Krapfen nach Brüsseler Art. Die Wälschen -nennen sie Crèpes, denn sie tragen sie zum Zeichen der Trauer am -Hut. Diese jedoch sind nicht schwarz, sondern blond und im Ofen -goldig gebacken. Siehst Du die Butter darauf rinnen? So -wird auch Dein Bauch werden.“</p> - -<p>„Ich habe keinen Hunger,“ sprach der Mönch.</p> - -<p>„Du mußt essen,“ sagte Lamm. „Glaubst Du, daß es Krapfen -von Buchweizenmehl sind? Es ist reines Weizenmehl, frommer -Vater, Vater im Fett, es ist feinstes Weizenmehl, Vater mit vierfachem -Kinn; ich sehe schon das fünfte keimen, und mein Herz -ist froh. Iß!“</p> - -<p>„Laß mich in Ruhe, Dicker,“ sprach der Mönch.</p> - -<p>Lamm ward zornig und antwortete:</p> - -<p>„Ich bin Herr über Dein Leben. Ziehst du den Strang einem -guten Napf Erbsenbrei mit gerösteter Brotrinde vor, die ich Dir -alsbald bringen werde?“</p> - -<p>Und als er mit dem Napf kam, sagte Lamm:</p> - -<p>„Der Erbsenbrei hat es gern, wenn er in Gesellschaft gegessen -wird; darum habe ich deutsche Knödel dabei gegeben, schöne -Klöße von Korinther Mehl, ganz frisch ins kochende Wasser geworfen. -Sie sind schwer, aber sie setzen Speck an. Iß, soviel -du kannst. Jemehr Du issest, um so größer ist meine Freude. -Ziere Dich nicht, und schnaufe nicht so stark, als ob es Dir zu -viel würde. Iß! Ist Essen nicht besser als gehenkt werden? Laß -mal Deine Schenkel sehen? Sie werden auch fetter. Zwei Fuß -und sieben Zoll rund herum. Wo ist ein Schinken, der soviel -mißt?“</p> - -<p>Eine Stunde darauf kam er wieder zum Mönche.</p> - -<p>„Sieh,“ sprach er, „hier sind neun Tauben. Sie sind für Dich -geschlachtet, die unschuldigen Tierchen, die ohne Furcht über den -Schiffen flogen. Verschmähe sie nicht, ich habe ihnen eine Butterkugel -in den Leib gelegt, samt Weißbrot, geriebener Muskatnuß -und Gewürznelken, in einem kupfernen Mörser gestoßen, der wie -Deine Haut glänzt. Die liebe Sonne freut sich, in einem Gesichte, -so blank wie das Deine, sich spiegeln zu können. Das -kommt vom Fett, vom guten Fett, das ich Dir verschafft habe.“ -Bei der fünften Mahlzeit brachte er ihm ein „Waterzoey“.</p> - -<p>„Was denkst Du von diesem gedämpften Fische?“ fragte er. „Das -Meer trägt Dich und ernährt Dich, mehr würde es auch nicht -für Seine Königliche Majestät tun. Ja, ja, ich sehe das fünfte -Kinn deutlich sprossen, ein wenig mehr an der linken als an der -rechten Seite. Wir werden diese Seite, die zu kurz gekommen -ist, fett machen müssen, denn Gott hat uns gesagt: „Seid gerecht -gegen jedermann.“ Wo wäre Gerechtigkeit, wenn nicht in gleichmäßiger -Verteilung von Fett? Für Deine sechste Mahlzeit -werde ich Dir Muscheln, die Austern der armen Leute, bringen, -dergleichen man Dir in Deinem Kloster nie aufgetragen hat. Die -Unwissenden kochen sie und essen sie so, aber das ist nur der Prolog -ihrer Zubereitung. Man muß hernach die Schalen abnehmen, -ihre zarten Körper in ein Pfännlein tun und sie da sanft mit -Sellerie, Muskat und Nelken dämpfen, die Brühe mit Bier und -Mehl binden und sie mit gerösteten Brotschnitten anrichten. So -habe ich sie für Dich gemacht. Warum schulden die Kinder -ihren Vätern und Müttern so großen Dank? Weil sie ihnen Obdach, -Liebe, doch sonderlich die Nahrung gegeben haben. Demnach -mußt Du mich wie Deinen Vater und Deine Mutter lieben und -gleich ihnen bist Du, Vielfraß, mir Dank schuldig. Drum sieh -mich nicht mit so wilden, rollenden Augen an.</p> - -<p>„Bald werde ich Dir eine Biersuppe mit Mehl bringen, gut gezuckert, -mit viel Zimmt. Weißt Du, warum? Damit Dein -Fett durchsichtig wird und unter Deiner Haut bebt: so sieht -man es, wenn Du Dich bewegst. Horch, da läutet es Schlafenszeit: -schlummere in Frieden, ohne Sorgen für den kommenden -Tag, und sei sicher, Deine geschmälzten Mahlzeiten wiederzufinden, -und Deinen Freund Lamm, der nicht ermangeln wird, -sie Dir zu geben.“</p> - -<p>„Geh von hinnen und laß mich beten,“ sagte der Mönch.</p> - -<p>„Bete,“ sprach Lamm, „bete in fröhlicher Schnarchmusik. Bier -und Schlafen werden Dir Fett, gutes Fett ansetzen. Ich bin -froh.“</p> - -<p>Und Lamm ging, sich ins Bett zu legen.</p> - -<p>Und die Matrosen und Soldaten fragten ihn:</p> - -<p>„Was hast Du davon, diesen Mönch, der Dir nicht wohl will, -so reichlich zu füttern?“</p> - -<p>„Laßt mich nur machen,“ sprach Lamm. „Ich vollführe ein -großes Werk.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>5</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Im Mai, wenn die flanderischen Bäuerinnen sich nachts langsam -drei schwarze Bohnen nach rückwärts über den Kopf werfen, -um sich vor Krankheit und Tod zu schützen, brach Lamms -Wunde wieder auf. Er bekam starkes Fieber und begehrte, auf -Deck, dem Käfig des Mönches gegenüber zu liegen.</p> - -<p>Ulenspiegel war es zufrieden, doch aus Furcht, daß sein Freund -bei einem Anfall ins Meer stürzte, ließ er ihn auf seinem Lager -tüchtig festbinden.</p> - -<p>In seinen lichten Augenblicken empfahl er unablässig, daß man -den Mönch nicht vergäße, und streckte ihm die Zunge heraus.</p> - -<p>Und der Mönch sprach: „Du beschimpfest mich, Dicker.“</p> - -<p>„Nein,“ antworte Lamm, „ich mache Dich fett.“</p> - -<p>Ein lauer Wind wehte, die Sonne schien warm. Der fiebernde -Lamm war auf seinem Bette gut festgebunden, damit er bei den -jähen Anfällen des Fieberwahns nicht vom Schiff spränge. Er -wähnte sich noch in der Küche und sprach:</p> - -<p>„Der Ofen ist heute hell. Bald wird es Fettammern regnen. -Frau, spanne die Schlingen in unserm Obstgarten auf. Du bist -schön so mit den bis an den Ellbogen aufgeschlagenen Ärmeln. -Dein Arm ist weiß, ich will mit den Lippen hineinbeißen, das sind -Sammetzähne. Wem gehört dieser schöne Leib, wem gehören -diese schönen Brüste, die unter Deinem weißen Leibchen von feinem -Linnen schimmern? Mir, mein süßer Schatz. Wer wird -das Frikassee von Hahnenkämmen und Kücken machen? Nicht -zuviel Muskat, das macht Fieber. Weiße Brühe mit Thymian -und Lorbeeren. Wo sind die Eidotter?“</p> - -<p>Dann winkte er Ulenspiegel, das Ohr an seinen Mund zu halten, -und sagte ganz leise zu ihm:</p> - -<p>„Bald wird es Wildpret regnen, ich werde Dir vier Fettammern -mehr aufheben als den Andern. Du bist Kapitän, verrate mich -nicht.“</p> - -<p>Dann hörte er die Wellen leise an die Schiffswand plätschern.</p> - -<p>„Die Suppe kocht, mein Sohn, die Suppe kocht, aber wie -langsam heizt dieser Ofen!“</p> - -<p>Sobald er seine fünf Sinne beisammen hatte, sprach er, vom -Mönch redend:</p> - -<p>„Wo ist er? Wächst sein Speck?“</p> - -<p>Da er ihn erblickte, streckte er ihm die Zunge heraus und sagte:</p> - -<p>„Das große Werk wird vollendet; des bin ich froh.“</p> - -<p>Eines Tages verlangte er, daß die große Wage auf Deck gebracht -würde und daß man ihn auf ein Wagebrett und den Mönch -auf das andere legte. Kaum war der Mönch darauf, als -Lamm wie ein Pfeil in die Luft schnellte. Hocherfreut sagte er, -indem er ihn ansah:</p> - -<p>„Er ist schwer, er ist schwer! Ich bin ein leichter Geist neben ihm; -ich werde wie ein Vogel in die Luft fliegen. Ich habe einen Gedanken: -nehmt ihn herunter, damit ich herabsteigen kann; jetzt -legt die Gewichte auf; legt ihn wieder darauf. Wieviel wiegt -er? Dreihundertvierzehn Pfund. Und ich? Zweihundertzwanzig.“</p> - -<hr class="full" /> -<h3>6</h3> -<hr class="full" /> - -<p>In der Nacht des folgenden Tages ward Ulenspiegel bei Tagesgrauen -durch Lamm geweckt, welcher rief:</p> - -<p>„Ulenspiegel, Ulenspiegel! zu Hilfe, hindere sie fortzugehen. -Schneidet die Stricke durch, schneidet die Stricke durch!“</p> - -<p>Ulenspiegel stieg auf Deck und sagte:</p> - -<p>„Warum rufst Du? Ich sehe nichts.“</p> - -<p>„Sie ist es,“ antwortete Lamm, „sie, meine Frau; dort in der -Schaluppe, die jenes Vlieboot umkreist. Ja, um das Vlieboot, -von dem die Lieder und die Lautenklänge kommen.“</p> - -<p>Nele war gleichfalls auf Deck gestiegen.</p> - -<p>„Schneide die Stricke durch, Liebchen,“ sprach Lamm. „Siehst -Du nicht, daß meine Wunde geheilt ist? Ihre weiche Hand hat sie -verbunden. Sie, ja, sie. Siehst Du sie in der Schaluppe stehen? -Hörst Du? Sie singt noch. Komm, Geliebte, komm, flieh nicht -Deinen armen Lamm, der ohne Dich so einsam auf Erden war.“</p> - -<p>Nele faßte seine Hand und berührte sein Gesicht.</p> - -<p>„Er hat noch Fieber,“ sagte sie.</p> - -<p>„Schneidet die Stricke durch,“ sprach Lamm, „gebt mir eine -Schaluppe! Ich lebe, ich bin glücklich, ich bin geheilt!“</p> - -<p>Ulenspiegel zerschnitt die Stricke und Lamm sprang in weißen -Leinenhosen ohne Wams aus dem Bett und begann, das Boot -selbst hinunterzulassen.</p> - -<p>„Sieh ihn an,“ sagte Nele zu Ulenspiegel. „Seine Hände zittern -vor Ungeduld bei der Arbeit.“</p> - -<p>Da das Boot flott war, stiegen Ulenspiegel, Nele und Lamm -mit einem Ruderknecht hinein und steuerten auf das Vlieboot zu, -das in der Ferne im Hafen vor Anker lag.</p> - -<p>„Sieh, das schöne Vlieboot,“ sprach Lamm, dem Ruderknecht -helfend.</p> - -<p>Vom morgenfrischen Himmel, den die Strahlen der jungen -Sonne wie vergüldetes Kristall färbten, hob das Vlieboot seinen -Rumpf und seine schlanken Masten ab.</p> - -<p>Derweil Lamm ruderte, fragte Ulenspiegel:</p> - -<p>„Sag uns nunmehr, wie Du sie wiedergefunden hast?“</p> - -<p>Lamm gab stoßweise Antwort.</p> - -<p>„Ich schlief, es ging mir schon besser. Plötzlich dumpfes Geräusch. -Etwas Hölzernes stößt ans Schiff. Schaluppe. Matrose -läuft beim Geräusch herbei: Wer da? Eine sanfte Stimme, -ihre Stimme, mein Sohn, ihre süße Stimme: Gut Freund! -Dann derbere Stimme: Es lebe der Geuse! Kommandant des -Vlieboots „Johanna“ mit Lamm Goedzak sprechen. Matrose -wirft die Strickleiter hinunter. Der Mond schien. Ich sehe die -Gestalt eines Mannes auf Deck steigen: Starke Hüften, runde -Kniee, breites Becken. Ich sage mir: Falscher Mann. Mir ist, -wie wenn eine Rose sich erschließt und meine Wange berührt. -Ihr Mund, mein Sohn, und ich höre sie sagen, sie selbst, verstehst -Du? sie selbst, indem sie mich mit Küssen und Tränen bedeckt, -die wie flüssiges, balsamisches Feuer auf meinen Körper -fallen: „Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich habe Dich lieb, -mein guter Mann. Ich habe vor Gott geschworen, und ich -breche meinen Schwur, mein Mann, mein armer Mann! Ich -bin oft gekommen, ohne mich in Deine Nähe zu wagen. Der -Matrose hat es mir endlich erlaubt. Ich verband Deine Wunde; -Du erkanntest mich nicht, aber ich habe Dich geheilt. Sei nicht -böse, lieber Mann. Ich bin Dir gefolgt, aber ich fürchte mich, -er ist auf diesem Schiff. Laß mich gehen. Wenn er mich sähe, -so verfluchte er mich und ich würde im ewigen Feuer brennen!“ -Weinend und glücklich küßte sie mich abermals und verließ mich -dann wider meinen Willen, trotz meiner Tränen. Du hattest mir -ja Arm und Beine festgebunden, mein Sohn, aber jetzt“ ....</p> - -<p>So sprechend, ruderte er mit starken Schlägen, wie die gespannte -Schnur eines Bogens, die den Pfeil vorwärts schnellt.</p> - -<p>Als sie sich dem Vlieboot näherten, sprach Lamm:</p> - -<p>„Da steht sie auf Deck und spielt die Laute, meine reizende Frau -mit goldbraunem Haar, braunen Augen, noch blühenden Wangen, -bloßen, runden Armen und weißen Händen. Hüpfe auf den -Wellen, Schaluppe!“</p> - -<p>Da der Kapitän des Vlieboots die Schaluppe herankommen und -Lamm wie einen Teufel rudern sah, ließ er eine Strickleiter -von Deck herunterwerfen. Als Lamm ihr nahe war, sprang er -aus der Schaluppe auf die Leiter, auf die Gefahr hin, ins Meer -zu stürzen, und stieß das Bot drei Klafter weit zurück. Wie eine -Katze kletterte er an Bord und lief auf seine Frau zu, die, vor -Freude halbohnmächtig, ihn umarmte und küßte. Dabei sprach sie:</p> - -<p>„Lamm! Du darfst mich nicht mitnehmen, ich habe bei Gott -geschworen, aber ich habe Dich lieb. Ach, lieber Mann!“</p> - -<p>Nele rief aus:</p> - -<p>„Das ist ja Calleken Huybrechts, die schöne Calleken!“</p> - -<p>„Die bin ich,“ sagte sie, „aber ach, meine Schönheit ist nicht mehr -in der Mittagshöhe.“</p> - -<p>Und sie schien betrübt.</p> - -<p>„Was hast Du getan?“ fragte Lamm. „Was geschah mit Dir? -Warum hast Du mich verlassen? Warum willst Du mich jetzo -meiden?“</p> - -<p>„Hör mich an,“ sprach sie, „und zürne nicht, ich will Dir alles -sagen. Wissend, daß alle Mönche Erwählte Gottes sind, vertraute -ich mich einen von ihnen an. Er hieß Broer Cornelis -Adriaensen.“</p> - -<p>Da Lamm dies vernahm, sprach er:</p> - -<p>„Was! dieser schlimme Heuchler, der ein Maul hatte wie eine -Kloake voll Schmutz und Unrat und von nichts sprach, als das -Blut der Reformation zu vergießen! Was! dieser Lobredner -der Inquisition und der Edikte! Wehe! dieser schuftige Taugenichts -war es!“</p> - -<p>Calleken sagte:</p> - -<p>„Beschimpfe den Mann Gottes nicht!“</p> - -<p>„Der Mann Gottes!“ sprach Lamm, „ich kenne ihn! Er war -der Mann der Unflätereien und Zoten. Unseliges Geschick! -Mußte meine schöne Calleken diesem geilen Mönch in die Hände -fallen. Komm mir nicht nahe, ich ermorde Dich! Und ich, der -ich sie so liebte! Mein armes Herz betrogen, das ganz ihr gehörte! -Was willst Du hier? Weshalb hast Du mich gepflegt? -Du hättest mich sollen sterben lassen. Hebe Dich weg, ich will -Dich nicht mehr sehen, hebe Dich weg oder ich werfe Dich ins -Meer. Mein Messer! ....“</p> - -<p>Sie umarmte ihn und sprach:</p> - -<p>„Lamm, lieber Mann, weine nicht. Ich bin nicht, was Du denkst; -ich bin diesem Mönch nicht zu Willen gewesen!“</p> - -<p>„Du lügst,“ sprach Lamm, weinend und zähneknirschend. „Ach, -ich war nimmer eifersüchtig, und jetzt bin ich’s. Traurige Leidenschaft, -Zorn und Liebe: der Drang, zu morden und zu umarmen. -Hinweg! nein, bleib. Ich war so gut zu ihr. Mordlust -beherrscht mich. Mein Messer! Oh! das brennt, verzehrt, -nagt ... Du lachst über mich ....“</p> - -<p>Und weinend, sanft und demütig umarmte sie ihn.</p> - -<p>„Ja,“ sprach er, „ich bin albern in meinem Zorn; ja, Du hütetest -meine Ehre, die Ehre, die wir Narren an die Röcke einer -Frau hängen. Darum also stecktest Du Dein süßestes Lächeln -auf, wenn Du mich batest, mit Deinen Freundinnen zur Messe -zu gehen ...“</p> - -<p>„Laß mich reden,“ sprach die Frau, ihn umarmend. „Ich will -augenblicks tot sein, wenn ich Dich hintergehe.“</p> - -<p>„So stirb,“ sprach Lamm, „denn Du wirst lügen.“</p> - -<p>„Hör mir an,“ sprach sie.</p> - -<p>„Rede oder schweige,“ sagte er, „mir ist es einerlei.“</p> - -<p>„Broer Adriaensen,“ sagte sie, „galt für einen guten Kanzelredner. -Ich ging, ihn zu hören. Er stellte den geistlichen Stand -und das Zölibat weit über alle andern, weil sie die Frommen -am besten ins Paradies führen. Seine Beredsamkeit war gewaltig -und ungestüm. Mehrere ehrbare Frauen, darunter ich, -und sonderlich eine gute Zahl Witwen und Jungfrauen wurden -ganz verstört davon. Maßen der ehelose Stand so vollkommen -ist, empfahl er uns, darin zu verbleiben. Wir schwuren, nicht -mehr ehelich zu leben ....“</p> - -<p>„Ausgenommen mit ihm, ohne Zweifel,“ sagte Lamm unter -Tränen.</p> - -<p>„Schweig,“ sagte sie erzürnt.</p> - -<p>„Weiter,“ sagte er, „vollende; Du hast mir einen harten Schlag -versetzt, den werd’ ich nicht überwinden.“</p> - -<p>„Doch, lieber Mann,“ sagte sie, „wenn ich allzeit bei Dir sein -werde.“ Sie wollte ihn umarmen und küssen; er aber stieß sie -zurück.</p> - -<p>„Die Witwen,“ sagte sie, „gelobten ihm in die Hand, sich nie -wieder zu verheiraten.“</p> - -<p>Und Lamm hörte zu, in eifersüchtiges Sinnen versenkt.</p> - -<p>Voll Scham erzählte Calleken weiter:</p> - -<p>„Er wollte nur schöne und junge Frauen und Jungfrauen als -Büßerinnen haben; die andern, die schickte er zu ihren Pfarrern -zurück. Er gründete einen Orden von Andächtigen, indem er -uns alle schwören ließ, keine andern Beichtiger als ihn zu nehmen. -Ich leistete den Schwur. Meine Genossinnen, die besser -unterrichtet waren als ich, fragten mich, ob ich mich nicht in der -Heiligen Disziplin und der Heiligen Pönitenz unterweisen lassen -wollte. Ich war bereit. Es war aber zu Brügge am Kai der -Steinschneider, nahe dem Kloster der minderen Brüder ein -Haus, darin eine Frau, namens Calle de Najage, wohnte. Die -unterrichtete und ernährte junge Mädchen um einen Goldkarolus -im Monat. Broer Cornelis konnte in ihr Haus gelangen, ohne -daß er dem Anschein nach sein Kloster verließ. In dieses Haus -ging ich: in ein Kämmerlein, darin er allein war. Allda befahl -er mir, ihm alle meine natürlichen und fleischlichen Begierden zu -sagen. Erstlich traute ich mich nicht, aber ich gab endlich nach, -weinte und sagte ihm alles.“</p> - -<p>„Wehe!“ klagte Lamm, „so empfing dieser schweinische Mönch -Deine holde Beichte.“</p> - -<p>„Er sagte mir immer / und solches ist wahr, lieber Mann / daß -über der irdischen eine himmlische Scham sei, durch welche wir -Gott unsere weltliche Scham zum Opfer bringen, und daß wir -also unserm Beichtiger alle unseren geheimsten Begierden bekennen -und alsdann würdig sind, die heilige Geißelung und die -heilige Buße zu empfahen.</p> - -<p>„Zuletzt nötigte er mich, nackend vor ihn zu treten, um auf meinem -Körper, der gesündigt hatte, die allzuleichte Züchtigung meiner -Sünden zu erhalten. Eines Tages zwang er mich, mich zu entkleiden; -ich ward ohnmächtig, als ich mein Hemd vor ihn fallen -lassen mußte. Er brachte mich durch Salze und Riechfläschchen -wieder zu mir. „Für diesmal ist es gut, meine Tochter,“ sagte -er, „kehre in zwei Tagen wieder und bringe eine Geißel mit.“ -Das dauerte lange Zeit, ohne daß jemals ... ich schwöre bei -Gott und all seinen Heiligen ... Mann ... versteh mich ... -schau mich an ... sieh, ob ich lüge ... ich blieb rein und treu ... -ich liebte Dich.“</p> - -<p>„Armer, süßer Körper,“ sagte Lamm. „O Schandfleck auf -Deinem Hochzeitskleid!“</p> - -<p>„Lamm,“ sprach sie, „er redete im Namen Gottes und unsrer -heiligen Mutter Kirche; mußte ich ihn nicht anhören? Ich liebte -Dich immer, aber ich hatte bei der Jungfrau mit furchtbaren -Eiden geschworen, mich Dir zu versagen. Und doch war ich -schwach, Deinetwegen schwach. Entsinnst Du Dich des Gasthauses -in Brügge? Ich war bei Calle de Najage, Du kamst -auf Deinem Esel mit Ulenspiegel vorbeigeritten. Ich ging Dir -nach. Ich hatte eine hübsche Summe Geldes und gab für mich -nichts aus. Ich sah Dich hungern, mein Herz zog mich zu Dir, -ich empfand Mitleid und Liebe.“</p> - -<p>„Wo ist er jetzt?“ fragte Ulenspiegel.</p> - -<p>Calleken antwortete:</p> - -<p>„Nach einer vom Magistrat befohlenen Nachforschung und auf -Anstiften Böswilliger mußte Broer Adriaensen Brügge verlassen -und flüchtete nach Antwerpen. Man hat mir auf dem Vlieboot -erzählt, daß mein Mann ihn gefangen genommen hat.“</p> - -<p>„Was!“ sprach Lamm, „der Mönch, den ich mäste, ist ....“</p> - -<p>„Er,“ antwortete Calleken, ihr Gesicht verhüllend.</p> - -<p>„Eine Axt, eine Axt,“ schrie Lamm, „daß ich ihn schlachte und -das Fett dieses geilen Bockes meistbietend verkaufe! Rasch zurück -zum Schiffe. Die Schaluppe! Wo ist die Schaluppe?“</p> - -<p>Nele sprach zu ihm:</p> - -<p>„Es ist eine niedrige Grausamkeit, einen Gefangenen zu töten -oder zu verwunden.“</p> - -<p>„Du siehst mich mit bösen Augen an; würdest Du mich daran -hindern?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie.</p> - -<p>„Wohlan,“ sprach Lamm, „ich werde ihm nichts antun. Laß -mich ihn nur aus dem Käfig werfen. Die Schaluppe! Wo ist -die Schaluppe?“</p> - -<p>Sie stiegen flugs ein und Lamm ruderte eifrig und weinte, alles -mit einander.</p> - -<p>„Du bist traurig, Mann?“ fragte Calleken.</p> - -<p>„Nein,“ sprach er, „ich bin froh. Du wirst mich gewißlich nicht -verlassen?“</p> - -<p>„Nimmer,“ sagte sie.</p> - -<p>„Du warst rein und treu, sagst Du; aber süßes Liebchen, geliebte -Calleken, ich lebte nur, um Dich wiederzufinden, und siehe da, -Dank diesem Mönch wird in all unsren Wonnen das Gift der -Eifersucht sein ... Sobald ich traurig oder nur müde bin, werde -ich Dich nackend sehen, wie Du Deinen schönen Leib dieser -schimpflichen Geißelung unterwirfst. Der Lenz unsrer Liebe -war mein, doch der Sommer gehörte ihm. Grau wird der -Herbst sein und in Bälde wird der Winter kommen, meine treue -Liebe zu begraben.“</p> - -<p>„Du weinst?“ sagte sie.</p> - -<p>„Ja,“ sprach er, „was vergangen ist, kehrt nicht wieder.“</p> - -<p>„Wenn Calleken treu war, so sollte sie Dich Deiner häßlichen -Worte halber allein lassen,“ sagte Nele darauf.</p> - -<p>„Er weiß nicht, wie ich ihn liebte,“ sprach Calleken.</p> - -<p>„Sagst Du die Wahrheit?“ rief Lamm aus. „Komm, Liebchen, -komm, mein Weib. Kein grauer Herbst ist mehr da, und kein -Winter, uns zu begraben.“</p> - -<p>Und er schien fröhlich, und sie kamen zum Schiffe.</p> - -<p>Ulenspiegel gab Lamm die Schlüssel zum Käfig und er öffnete -ihn. Er wollte den Mönch bei einem Ohr auf Deck ziehen, aber -er konnte es nicht; er wollte ihn seitwärts herausziehen, aber -das ging ebenso wenig.</p> - -<p>„Man muß alles zerbrechen; der Kapaun ist fett,“ sagte er.</p> - -<p>Nunmehr kam der Mönch heraus und rollte seine dicken, blöden -Augen, dieweil er seinen Bauch mit beiden Händen festhielt. Da -zog eine große Welle unter dem Schiff her und er fiel auf sein -Gesäß.</p> - -<p>Und Lamm sprach zum Mönche:</p> - -<p>„Wirst Du noch „Dicker“ sagen? Du bist dicker als ich. Wer -zwang Dich, sieben Mahlzeiten am Tage zu halten? Ich. Woher -kommt es, Schreihals, daß Du jetzt ruhiger bist und sanfter -zu den armen Geusen?“</p> - -<p>Und er redete weiter:</p> - -<p>„So Du noch ein Jahr im Käfig bleibst, wirst Du nicht mehr -daraus herfür können. Deine Wangen beben wie Schweinesülze, -wenn Du Dich bewegst; Du schreist schon nicht mehr, bald -wirst Du nicht mehr atmen können.“</p> - -<p>„Schweig, Dicker,“ sagte der Mönch.</p> - -<p>„Dicker!“ sprach Lamm und geriet in Wut. „Ich bin Lamm -Goedzak, Du bist Bruder Dicksack, Fettsack, Lügensack, Schlucksack, -Wollustsack. Du hast vier Finger breit Speck unter der -Haut, man sieht Deine Augen nicht mehr. Ulenspiegel und ich -könnten bequem in der Kathedrale Deines Bauches hausen! Du -nennst mich Dicker; willst Du einen Spiegel, um Deinen Bauch -zu betrachten? Ich habe Dich gemästet, Du Denkmal von -Fleisch und Bein. Ich habe geschworen, daß Du Fett speien, -Fett schwitzen und Fettspuren zurücklassen solltest wie ein Talglicht, -das in der Sonne schmilzt. Man sagt, daß der Schlagfluß -beim siebenten Kinn kommt; Du hast ihrer jetzo fünf und -ein halbes.“</p> - -<p>Dann zu den Geusen gewendet:</p> - -<p>„Sehet diesen Lüstling! Das ist Bruder Cornelis Adriaensen -Nichtsnutzen aus Brügge. Er predigte allda eine neue Schamhaftigkeit. -Sein Fett ist die Strafe, sein Fett ist mein Werk. -Nun höret alle, Matrosen und Soldaten: Ich werde Euch verlassen, -Dich verlassen, Ulenspiegel, auch Dich, kleine Nele, um -in Vlissingen, wo ich Vermögen habe, mit meiner lieben Frau -zu leben, die ich wiederfand. Ihr habt mir ehedem geschworen, -mir alles zu bewilligen, um was ich Euch bitten würde ...“</p> - -<p>„Das ist Geusenmord,“ sprachen sie.</p> - -<p>„Wohlan,“ sagte Lamm, „betrachtet diesen Lüstling, diesen Bruder -Adriaensen Nichtsnutzen aus Brügge; ich schwur, ihn in -seinem Fett umkommen zu lassen wie ein Schwein. Bauet einen -größeren Käfig und zwingt ihn, täglich zwölf Mahlzeiten anstatt -sieben zu essen; gebt ihm eine fette, süße Nahrung. Jetzt ist er -schon wie ein Ochs; macht, daß er wie ein Elefant wird, und -Ihr werdet in Bälde sehen, daß er den Käfig ausfüllt.“</p> - -<p>„Wir werden ihn mästen,“ sagten sie.</p> - -<p>„Und jetzo,“ fuhr Lamm fort, zum Mönche sprechend; „sage ich -Dir Nichtsnutz Valet. Ich lasse Dich nach Mönchsweise mästen, -anstatt Dich henken zu lassen; nimm zu an Fett und glaube an -den Schlagfluß.“</p> - -<p>Dann nahm er sein Weib Calleken in die Arme:</p> - -<p>„Schau her, grunze oder brülle, ich raube sie Dir, Du wirst sie -nicht mehr geißeln!“</p> - -<p>Aber der Mönch geriet in Wut und sprach zu Calleken:</p> - -<p>„So gehest Du ins Bett der Unzucht, lüsternes Weib! Ja, Du -gehst ohne Mitleid für den armen Märtyrer von Gottes Wort, -der Dich die heilige, liebliche und himmlische Zucht lehrte. Sei -verflucht! Kein Priester möge Dir verzeihen; möge der Boden -unter Deinen Füßen brennen, Zucker Dir wie Salz erscheinen, -Rindfleisch wie verwestes Hundefleisch. Das Brot werde Dir -zu Asche, die Sonne zu Eis, und der Schnee zu Höllenfeuer. -Verflucht sei Deine Fruchtbarkeit, Deine Kinder sollen scheußlich -sein, mit dem Leib eines Affen und einem Schweinskopf, der größer -ist als ihr Bauch. Du sollst leiden, wimmern und ächzen -in dieser und in jener Welt, in der Hölle, die Deiner wartet, in -der Hölle aus Pech und Schwefel, so für Weiber Deiner Art -angezündet ist. Meine väterliche Liebe wiesest Du zurück. Sei -dreifach verflucht von der Heiligen Dreieinigkeit und siebenfach -verflucht von den Leuchten der Kirche. Deine Beichte sei Dir -Verdammnis, die Hostie ein tödliches Gift, und in der Kirche -möge jede Fliese sich erheben, um Dich zu zermalmen und Dir -zu sagen: Diese ist die Buhlerin, diese ist verflucht, diese ist verdammt!“</p> - -<p>Und Lamm hüpfte vor Freude und sagte fröhlich:</p> - -<p>„Sie ist treu gewesen, er hat es gesagt, der Mönch; es lebe -Calleken!“</p> - -<p>Aber sie sprach weinend und zitternd:</p> - -<p>„Mann, nimm diese Verwünschung von mir. Ich sehe die Hölle! -Nehmt die Verwünschung von mir!“</p> - -<p>„Nimm die Verwünschung zurück,“ sagte Lamm.</p> - -<p>„Ich werde sie nicht zurücknehmen, Dicker,“ sagte der Mönch.</p> - -<p>Und die Frau harrte knieend, ganz bleich und bekümmert, und -mit gefalteten Händen flehte sie Bruder Adriaensen an.</p> - -<p>Und Lamm sprach zum Mönche:</p> - -<p>„Nimm die Verwünschung zurück, sonst wirst Du gehenkt. Und -so der Strick Deines Gewichtes halber reißt, wirst Du von neuem -gehenkt werden, bis der Tod eintritt.“</p> - -<p>„Gehenkt und wiederum gehenkt,“ sagten die Geusen.</p> - -<p>„Wohlan“, sprach der Mönch zu Calleken, „geh hin, Unzüchtige, -gehe mit diesem dicken Mann; ich nehme meine Verwünschung -zurück, aber Gott und alle seine Heiligen werden ein Auge auf -Dich haben.“</p> - -<p>Schwitzend und schnaufend schwieg er still.</p> - -<p>Plötzlich rief Lamm aus:</p> - -<p>„Er schwillt! Er schwillt: Ich sehe das sechste Kinn. Beim -siebenten kommt der Schlagfluß. Und jetzt,“ sagte er, sich zu den -Geusen wendend, „Gott befohlen, Du, Ulenspiegel, und Ihr alle, -meine guten Freunde, Gott befohlen, Du, Nele, und die heilige -Sache der Freiheit; ich vermag nichts mehr für sie.“</p> - -<p>Nachdem er allen den Bruderkuß gegeben und ihn empfangen -hatte, sagte er zu seiner Frau Calleken:</p> - -<p>„Komm, es ist die Stunde der rechtmäßigen Liebe.“</p> - -<p>Derweil das Boot auf dem Wasser glitt und Lamm und seine -Herzliebste davontrug, riefen Matrosen, Soldaten und Schiffsjungen, -indem sie alle ihre Hüte schwenkten: „Leb wohl, Bruder, -leb wohl, Lamm, leb wohl, Bruder, Freund und Bruder!“</p> - -<p>Und Nele sprach zu Ulenspiegel, indem sie ihm mit der Spitze -ihres zierlichen Fingers eine Träne aus dem Auge wischte:</p> - -<p>„Bist Du traurig, Liebster?“</p> - -<p>„Er war gut,“ sagte er.</p> - -<p>„Wehe,“ sagte sie, „wird denn dieser Krieg nimmer enden? -Müssen wir denn allezeit in Blut und Tränen leben?“</p> - -<p>„Laß uns die Sieben suchen,“ sagte Ulenspiegel; „die Stunde -der Befreiung naht.“</p> - -<p>Gemäß Lamms Wunsch mästeten die Geusen den Mönch im Käfig. -Als er für Lösegeld in Freiheit gesetzt wurde, wog er dreihundertsiebzehn -Pfund und fünf Unzen flandrisch Gewicht.</p> - -<p>Und er starb als Prior seines Klosters.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>7</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Um jene Zeit versammelten sich die Herren von den Generalstaaten -in Haag, um über Philipp, König von Spanien, Graf -von Flandern, Holland usw. zu Gericht zu sitzen, gemäß den von -ihm genehmigten Urkunden und Privilegien.</p> - -<p>Und der Schreiber sprach also:</p> - -<p>„Es ist männiglich bekannt, daß ein Landesfürst von Gott als -Herrscher und Oberhaupt seiner Untertanen eingesetzt ist, um sie -vor allen Kränkungen, Unterdrückungen und Gewalttaten zu -schützen, wie ein Hirte für die Verteidigung und den Schutz seiner -Schafe angestellt ist. Gleichermaßen ist es bekannt, daß die -Untertanen nicht von Gott zum Nutzen des Fürsten geschaffen -sind, um ihm in allem, was er befiehlt, gehorsam zu sein, sei es -eine fromme oder gottlose, eine gerechte oder ungerechte Sache, -noch um ihm wie Sklaven zu dienen. Sondern der Fürst ist -Fürst für seine Untertanen, ohne die er nicht sein kann, auf daß -er nach Recht und Vernunft regiere, auf daß er sie liebe und erhalte -wie ein Vater seine Kinder, wie ein Hirte seine Schafe, und -sein Leben wage, um sie zu schirmen. So er es nicht tut, soll er -nicht für einen Fürsten, sondern für einen Tyrannen gehalten werden. -König Philipp hat durch Soldaten, Kreuzzugsbullen und -Exkommunikationen vier feindliche Heere gegen uns gehetzt. -Was soll kraft der Gesetze und Bräuche des Landes seine Strafe -sein?“</p> - -<p>„Er werde abgesetzt,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p> - -<p>Der Schreiber fuhr fort:</p> - -<p>„Philipp hat seine Eide gebrochen; er hat die Dienste, die wir -ihm leisteten, vergessen, und die Siege, die wir ihm erringen halfen. -Da er sah, daß wir reich waren, ließ er uns von den hispanischen -Räten plündern und brandschatzen.“</p> - -<p>„Er werde als Undankbarer und Räuber abgesetzt.“</p> - -<p>„Philipp,“ fuhr der Schreiber fort, „hat in den mächtigsten -Städten des Landes neue Bischöfe eingesetzt und ihnen die Güter -der reichsten Abteien als Pfründe verliehen. Mit ihrer Hilfe -führte er die hispanische Inquisition ein.“</p> - -<p>„Er werde abgesetzt als Henker und Verschwender fremder Güter,“ -antworteten die Herren von den Staaten.</p> - -<p>„In Ansehung dieser Tyrannei unterbreiteten die Adligen des -Landes im Jahre 1566 eine Bittschrift, in welcher sie den Herrscher -inständig baten, seine harten Edikte zu mäßigen, insonderheit -die, so die Inquisition beträfen. Er weigerte es jederzeit.“</p> - -<p>„Er werde abgesetzt als Tiger, der von seiner Grausamkeit -nicht läßt,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p> - -<p>Der Schreiber fuhr fort:</p> - -<p>„Es besteht starker Verdacht, das Philipp durch seine hispanischen -Räte den Bildersturm und die Plünderung der Kirchen insgeheim -angestiftet hat, um unter dem Vorwand von Verbrechen und -Unruhen fremde Heere gegen uns ins Feld zu schicken.“</p> - -<p>„Er werde abgesetzt als Werkzeug des Todes,“ antworteten die -Herren von den Staaten.</p> - -<p>„In Antwerpen ließ Philipp die Einwohner niedermetzeln und -richtete die vlämischen und fremden Kaufleute zu Grunde. Er -und sein hispanischer Rat geben einem gewissen Rhoda, einem berüchtigten -Taugenichts, durch geheime Weisung, das Recht, sich -zum Haupt der Plünderer zu machen, Beute zu sammeln, sich -seines königlichen Namens zu bedienen, seine Insiegel und Gegensiegel -zu fälschen und sich wie sein Regent und Statthalter aufzuführen. -Die königlichen Briefe, die aufgefangen und in unseren -Händen sind, beweisen die Tatsache. Alles geschieht mit seiner -Zustimmung und im Einvernehmen mit den spanischen Räten. -Leset seine Briefe. Er lobt darin das zu Antwerpen Geschehene, -erkennt an, daß ihm ein ausgezeichneter Dienst geleistet sei, verspricht, -ihn zu belohnen, und fordert Rhoda und die andern -Spanier auf, auf diesem glorreichen Pfade weiter zu wandeln.“</p> - -<p>„Er werde als Dieb, Räuber und Mörder abgesetzt“, antworteten -die Herren von den Staaten.</p> - -<p>„Wir wollen nichts als die Erhaltung unserer Privilegien, einen -redlichen und gesicherten Frieden, eine maßvolle Freiheit, sonderlich -in Betracht der Religion, die vornehmlich Gott und das -Gewissen betrifft. Von Philipp hatten wir nichts denn lügnerische -Verträge, die dazu dienten, Zwietracht unter den Provinzen zu -säen, um sie nacheinander zu unterjochen und sie mit Plünderung, -Konfiskation, Hinrichtungen und Inquisition gleich dem indischen -Reich zu behandeln.“</p> - -<p>„Er werde abgesetzt als Meuchelmörder, der den Mord der Länder -mit Vorsatz übt,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p> - -<p>„Er hat die Länder durch den Herzog von Alba und seine -Bluthunde, durch Medina-Coeli, Requesens und die Verräter -aus dem Staatsrat und den Provinzen geschröpft. Er empfahl -Don Juan und Alexander Farnese, dem Prinzen von Parma, wie -man aus den aufgefangenen Briefen ersieht, eine blutige Strenge. -Er erklärte Seine Gnaden von Oranien in die Reichsacht, dang -bis jetzt drei Meuchelmörder und wird in Bälde den vierten -dingen. Er ließ Burgen und Festungen bei uns errichten, die -Männer lebendig verbrennen, die Frauen und Mädchen lebendig -begraben; er erbte ihre Vermögen, erdrosselte Montigny, de -Berghes und andere Ritter, ohngeachtet seines königlichen Wortes. -Er tötete seinen Sohn Don Carlos, vergiftete den Prinzen von -Ascoly, dem er Dona Eufrasia, die von ihm schwanger -war, zum Weibe gab, um den künftigen Bastard mit seinen Gütern -zu bereichern. Er schleuderte ein Edikt gegen uns, das uns -alle, nachdem wir Leib und Gut verloren, zu Verrätern erklärte, -und er beging das in einem christlichen Lande unerhörte Verbrechen, -die Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln.“</p> - -<p>„Er werde abgesetzt in Gemäßheit aller Gesetze, Rechte und -Privilegien,“ antworteten die Herren von den Staaten.</p> - -<p>Und des Königs Siegel wurden zerbrochen.</p> - -<p>Und die Sonne schien über Land und Meer, vergoldete die reifen -Ähren, reifte die Trauben und warf Perlen auf jede Welle als -Schmuck der Freiheit, der Braut der Niederlande.</p> - -<p>Dann schoß dem Prinzen von Oranien, da er zu Delft weilte, -ein vierter Meuchelmörder drei Kugeln in die Brust. Und er -starb, seinem Wahlspruch getreu: „Ruhig inmitten der wilden -Wellen.“</p> - -<p>Seine Feinde sagten von ihm, daß er, um Philipp einen Possen -zu spielen, und nicht verhoffend, über die südlichen und katholischen -Niederlande zu regieren, sie durch geheimen Vertrag Seiner -allergnädigsten Hoheit von Anjou angeboten habe. Aber dieser -war nicht geboren, um mit der Freiheit, so die außergewöhnlichen -Liebschaften nicht liebt, das Kind Belgien zu erzeugen.</p> - -<p>Und Ulenspiegel verließ mit Nele die Flotte.</p> - -<p>Und das belgische Vaterland ächzte unter dem Joche, von den -Verrätern geknebelt.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>8</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Es war im Erntemond, die Luft war schwül, der Wind lau. -Schnitter und Schnitterinnen konnten das Korn, das sie gesät, -nach Herzenslust unter freiem Himmel, auf freier Erde ernten.</p> - -<p>Friesland, Drenthe, Ober-Yssel, Geldern, Utrecht, Nord-Brabant, -Nord- und Südholland, Walcheren, Nord- und Süd-Beveland, -Duiveland und Schouwen, welche Zeeland bilden, die ganze Nordseeküste -von Knokke bis Helder, die Inseln Texel, Vlieland, -Ameland, Schiermonnikoog, von der westlichen Schelde bis zur -östlichen Ems, sollten vom spanischen Joche befreit werden. -Moritz, des Schweigers Sohn, setzte den Krieg fort.</p> - -<p>Ulenspiegel und Nele, die ihre Jugend, Kraft und Schönheit -bewahrt hatten, denn die Liebe und der Geist Flanderns altern -nicht, lebten geruhig auf dem Turm von Necre und harrten der -Zeit, wo sie nach manch harten Prüfungen den Wind der Freiheit -über das Vaterland Belgien könnten wehen lassen.</p> - -<p>Ulenspiegel hatte gebeten, Kommandant und Wächter des Turms -zu werden, mit der Angabe, daß er mit seinen Adleraugen und -seinen Hasenohren wohl merken könnte, ob der Spanier versuchen -werde, in den befreiten Landen sich wieder einzustellen. Alsdann -werde er „Wacharm“, das ist auf Vlämisch Sturm läuten.</p> - -<p>Der Magistrat tat, wie er wollte. Seiner guten Dienste halber -gab man ihm täglich einen Gülden, zwei Kannen Bier, Bohnen, -Käse, Schiffszwieback und in der Woche drei Pfund Rindfleisch.</p> - -<p>Solchergestalt lebten Ulenspiegel und Nele zu zweit gar trefflich. -Von Ferne erblickten sie mit Freuden die freien Inseln Zeelands, -nahebei Wiesen, Wald, Burgen und Festungen und die gewappneten -Geusenschiffe, so die Küsten bewachten. Zur Nacht stiegen -sie oftmals auf den Turm, setzten sich auf die Plattform und -plauderten allda von harten Schlachten, von vergangener und -zukünftiger schöner Liebe. Von da sahen sie das Meer, das in -diesen heißen Tagen leuchtende Wogen ans Ufer warf und sie -gleich feurigen Gespenstern gegen die Inseln schleuderte. Und -Nele erschrak, da sie so viele Irrlichter in den Poldern erblickte, -die, wie sie sagte, arme Seelen sind. Und alle diese Orte -waren Schlachtfelder gewesen. Und die Irrwische hüpften aus -den Poldern hervor, liefen die Deiche entlang und kamen dann -wiederum in die Polder zurück, als ob sie die Leichen, denen sie -entstiegen waren, nicht im Stich lassen wollten.</p> - -<p>Eines Nachts sprach Nele zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Sieh, wie zahlreich sie im Dreiveland sind und wie hoch sie fliegen; -nach den Vogelinseln zu sehe ich die meisten. Willst Du -mit dahin, Tyll? Wir nehmen den Balsam, welcher Dinge -zeigt, die sterblichen Augen unsichtbar sind.“</p> - -<p>Ulenspiegel antwortete:</p> - -<p>„Wenn es jener Balsam ist, der mich zu dem großen Hexensabbat -entführte, so hab ich nicht mehr Vertrauen dazu, als zu einem -leeren Traum.“</p> - -<p>„Man soll die Kraft der Zauber nicht leugnen,“ sagte Nele. -„Komm Ulenspiegel.“</p> - -<p>„Ich werde mitgehen.“</p> - -<p>Am nächsten Tag bat er den Magistrat, daß ein weitsehender -und getreuer Soldat ihn vertreten möge, um Turm und Land -zu bewachen.</p> - -<p>Und er begab sich mit Nele zu den Vogelinseln.</p> - -<p>Da sie über Felder und Deiche wanderten, sahen sie kleine grünende -Eilande, zwischen denen das Meer strömte, und auf den -Rasenhügeln, die bis zu den Dünen reichten, eine große Menge -Kibitze, Möwen und Seeschwalben, die regungslos dasaßen und -mit ihren Körpern die Eilande wie mit Schnee bedeckten. Darüber -flogen Tausende dieser Vögel. Der Boden war voller Nester. -Da Ulenspiegel sich bückte, um auf dem Wege ein Ei aufzuheben, -sah er eine Möwe auf sich zuflattern, die einen Schrei -ausstieß. Auf diesen Ruf kamen ihrer mehr denn hundert herzu, -die vor Angst schrien und über Ulenspiegels Kopf und über den -benachbarten Nestern schwebten; aber sie wagten sich ihm nicht -zu nähern.</p> - -<p>„Ulenspiegel,“ sprach Nele, „diese Vögel bitten um Gnade für -ihre Eier.“</p> - -<p>Dann begann sie zu zittern und sagte:</p> - -<p>„Ich fürchte mich, die Sonne geht zur Rüste, der Himmel ist -weiß, die Sterne kommen hervor; es ist die Geisterstunde. Sieh, -diese roten Dünste, die den Boden streifen. Tyll, mein Geliebter, -welch Ungeheuer der Hölle öffnet so in der Wolke seinen feurigen -Rachen? Sieh nach Philippsland zu, wo der königliche -Henker um seines grausamen Ehrgeizes willen zu zweien Malen -so viele arme Menschen töten ließ, die tanzenden Irrlichter. Es -ist die Nacht, wo die Seelen der armen, in den Schlachten Gefallenen -die kalte Vorhölle des Fegefeuers verlassen, um sich in -der linden Luft der Erde zu erwärmen. Es ist die Stunde, in -der Du von Christo, welcher der Gott der guten Zauberer ist, -alles erbitten kannst.“</p> - -<p>„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel. -„Wenn doch Christus mir die Sieben zeigen könnte, deren Asche, -in alle Winde gestreut, Flandern und die ganze Welt beglückt!“</p> - -<p>„Ungläubiger,“ sprach Nele, „Du wirst sie kraft des Balsams -erblicken.“</p> - -<p>„Vielleicht,“ sprach Ulenspiegel, auf den Sirius deutend, „wenn -irgend ein Geist von jenem kalten Sterne herabsteigt.“</p> - -<p>Bei dieser Gebärde setzte sich ein Irrlicht, das ihn umgaukelte, -auf seinen Finger, und je mehr er sich mühte, es los zu werden, -um so fester haftete es.</p> - -<p>Da Nele versuchte, Ulenspiegel zu befreien, hatte sie auch ein -Irrlicht auf den Fingerspitzen.</p> - -<p>Ulenspiegel schlug auf das seine und sprach:</p> - -<p>„Antworte! Bist Du die Seele eines Geusen oder eines Spaniers? -So Du die Seele eines Geusen bist, gehe ein ins Paradies, -bist Du aber eines Spaniers Seele, geh wiederum in die Hölle, -woher Du kommst.“</p> - -<p>Nele sprach zu ihm:</p> - -<p>„Beschimpfe die Seelen nicht, und wären es Seelen von Henkern.“</p> - -<p>Sie ließ ihr Irrlicht auf der Fingerspitze tanzen und sprach -dabei:</p> - -<p>„Irrlicht, niedliches Irrlicht, welche Kunde bringst Du aus dem -Lande der Seelen? Womit sind sie dorten beschäftigt? Essen sie -und trinken sie, da sie doch keinen Mund haben? Denn Du -hast keinen, hübscher Irrwisch. Oder nehmen sie nur im gesegneten -Paradies menschliche Gestalt an?“</p> - -<p>Ulenspiegel sagte:</p> - -<p>„Kannst Du also die Zeit vergeuden, zu dieser kärglichen -Flamme zu reden, die keine Ohren hat, Dich zu hören, noch einen -Mund, Dir zu antworten?“</p> - -<p>Doch ohne auf ihn zu hören, sprach Nele:</p> - -<p>„Irrwisch, antworte durch Tanzen, denn ich werde Dich dreimal -befragen: einmal im Namen Gottes, einmal im Namen der heiligen -Jungfrau und einmal im Namen der Elementargeister, -welche die Boten zwischen Gott und den Menschen sind.“</p> - -<p>Also tat sie, und der Irrwisch tanzte drei Mal.</p> - -<p>Darauf sprach Nele zu Ulenspiegel:</p> - -<p>„Leg Deine Kleider ab, ich werde desgleichen tun. Hier ist die -silberne Büchse mit dem Zauberbalsam.“</p> - -<p>„Es ist mir einerlei,“ sagte Ulenspiegel.</p> - -<p>Als sie sich entkleidet und mit dem Zauberbalsam gesalbt hatten, -legten sie sich nackend nebeneinander aufs Gras. Die Möwen -schrien klagend. Der Donner grollte dumpf in der Wolke, -darin der Blitz zuckte, der Mond ließ kaum die güldenen Spitzen -seiner Sichel zwischen zwei Wetterwolken hervorsehen; Ulenspiegels -und Neles Irrlichter tanzten mit den andern in der Wiese.</p> - -<p>Plötzlich wurden Nele und ihr Liebster von eines Riesen Faust -gepackt, der sie gleich Kinderbällen in die Luft schleuderte, sie -wiederfing, auf einander rollte und zwischen seinen Händen -knetete, indem er sie in die Wasserlachen zwischen den Hügeln -warf und sie voller Seegras wieder herauszog. Und indem er -sie also im Weltraum umherfliegen ließ, sang er mit einer Stimme, -bei der alle Möwen der Inseln vor Schrecken erwachten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Es will mit scheelen Blicken</div> - <div class="verse indent0">Das schwache Erdgewürm</div> - <div class="verse indent0">Die Gottesworte schauen,</div> - <div class="verse indent0">Die unsrer Hut vertraut.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Lies, Wurm, lies das Geheimnis,</div> - <div class="verse indent0">Das heilige Rätselwort,</div> - <div class="verse indent0">Das Erde, Luft und Himmel</div> - <div class="verse indent0">Mit sieben Nägeln trägt.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und fürwahr, Ulenspiegel und Nele erblickten auf dem Rasen, -in der Luft und am Himmel sieben erzene, leuchtende Tafeln, die -mit sieben flammenden Nägeln befestigt waren. Auf den Tafeln -stund geschrieben:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Aus dem Moder keimt das Leben;</div> - <div class="verse indent0">Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;</div> - <div class="verse indent0">Demant in der Kohle ruht.</div> - <div class="verse indent0">Dumme Lehrer weise Schüler geben;</div> - <div class="verse indent0">Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und der Riese schritt voran, und alle Irrlichter hinter ihm her. -Sie zirpten gleich Grillen und sagten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Seht ihn an, den großen Meister,</div> - <div class="verse indent0">Papst der Päpste, größter König;</div> - <div class="verse indent0">Mit dem Wahn den Kaiser speist er,</div> - <div class="verse indent0">Ist von Holz und taugt gar wenig.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Plötzlich veränderten sich seine Züge; er schien magerer, trauriger -und größer. In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der -andern einen Degen. Sein Name war Hoffart.</p> - -<p>Und er warf Nele und Ulenspiegel zu Boden und sprach:</p> - -<p>„Ich bin Gott.“</p> - -<p>Nun erschien an seiner Seite eine rotbäckige Dirne mit bloßen -Brüsten, offenem Gewand und frechen Blicken; ihr Name war -Wollust. Kam alsdann eine alte Jüdin, die die Schalen der -Möweneier auflas: ihr Name war Habsucht. Und ein gefräßiger, -gieriger Mönch, der Leberwürste aß und sich mit Bratwürsten -vollstopfte und gleich der Sau, auf der er ritt, unaufhörlich -kaute: das war die Völlerei. Es kam dann noch die Faulheit, bleich -und gedunsen, mit lahmem Bein und erloschenem Auge. Der -Zorn trieb sie mit dem Stachel vor sich her. Die Faulheit jammerte -kläglich und fiel, in Tränen zerfließend, vor Ermattung auf -die Knie. Alsdann kam der hagere Neid mit einem Vipernkopf -und Hechtzähnen; der biß die Faulheit, weil sie es zu gut hatte, -den Zorn, weil er zu lebhaft war, die Völlerei, weil sie zu satt, -die Wollust, weil sie zu rot war; die Habsucht wegen der Eierschalen, -die Hoffart, dieweil sie ein purpurn Gewand und eine -Krone hatte. Und die Irrlichter tanzten im Kreise um sie her.</p> - -<p>Und mit den Stimmen von Männern, Weibern, Jungfrauen -und weinerlichen Kindern, sagten sie wimmernd:</p> - -<p>„Hoffart, Vater des Ehrgeizes, Zorn, Quell der Grausamkeit, -Ihr habet uns auf den Schlachtfeldern, in Gefängnissen und bei -den Hinrichtungen getötet, um Eure Zepter und Eure Kronen -zu behalten! Neid, Du hast viel edle, nützliche Gedanken im -Keime zerstört, wir sind die Seelen der verfolgten Erfinder. -Habsucht, Du hast das Blut des armen Volkes in Gold verwandelt, -wir sind die Geister Deiner Opfer. Wollust, Gesellin -und Schwester des Mordes, Du hast Nero, Messalina und Philipp, -den König von Spanien geboren; Du kaufst die Tugend -und bezahlst die Verderbtheit; wir sind die Seelen der Toten. -Faulheit und Völlerei, Ihr beschmutzt die Welt, Ihr gehört auf -den Kehricht; wir sind die Seelen der Toten.“</p> - -<p>Und man hörte eine Stimme sprechen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Aus dem Moder keimt das Leben:</div> - <div class="verse indent0">Sieben ist schlimm, doch sieben ist gut;</div> - <div class="verse indent0">Dumme Lehrer weise Schüler geben.</div> - <div class="verse indent0">Um Asche zu haben und Kohlenglut,</div> - <div class="verse indent0">Der streifende Wurm, was er wohl tut?“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und die Irrlichter sagten:</p> - -<p>„Wir sind das Feuer, die Vergeltung für die uralten Tränen -und Schmerzen des Volkes; Vergeltung für die großen Herren, -die in ihren Ländern auf menschliches Wild Jagd machen; Vergeltung -für nutzlose Schlachten, für das in Gefängnissen vergossene -Blut, für die verbrannten Männer, für die lebendig begrabenen -Frauen und Jungfrauen. Wir sind die Vergeltung für -die gefesselte, blutige Vergangenheit. Wir sind das Feuer, wir -sind die Seelen der Toten.“</p> - -<p>Bei diesen Worten wurden die Sieben in hölzerne Figuren verwandelt, -ohne etwas von ihrer vorigen Gestalt einzubüßen.</p> - -<p>Und eine Stimme sagte:</p> - -<p>„Ulenspiegel, verbrenne das Holz.“</p> - -<p>Und Ulenspiegel kehrte sich zu den Irrlichtern.</p> - -<p>„Ihr, die Ihr aus Feuer seid, waltet Eures Amtes.“</p> - -<p>Und in Menge umgaben die Irrlichter die Sieben; die verbrannten -und wurden zu Asche verwandelt.</p> - -<p>Und ein Strom von Blut floß.</p> - -<p>Dieser Asche entstiegen sieben andere Gestalten; die erste sprach:</p> - -<p>„Mein Name war Hoffart, jetzt heiße ich edler Stolz.“</p> - -<p>Die andern redeten auch, und Ulenspiegel und Nele sahen aus der -Habsucht die Sparsamkeit, aus dem Zorn die Lebhaftigkeit, aus -der Völlerei die Eßlust, aus dem Neid den Wetteifer und aus -der Faulheit die Träumerei der Poeten und Weisen hervorgehen. -Und die Wollust auf ihrer Ziege ward in ein schönes Weib mit -Namen Liebe verwandelt.</p> - -<p>Und die Irrlichter tanzten einen fröhlichen Reigen um sie her.</p> - -<p>Alsbald vernahmen Ulenspiegel und Nele tausend helle, lachende -Stimmen von verborgenen Männern und Weibern; die machten -einen Lärm wie von hölzernen Klappern und sangen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Wenn auf Land und Meeresflut</div> - <div class="verse indent0">Diese sieben herrschen werden,</div> - <div class="verse indent0">Alsdann ist das Glück auf Erden:</div> - <div class="verse indent0">Menschen, dann lebt frohgemut.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und Ulenspiegel sprach: „Die Geister treiben ihren Spott mit -uns.“</p> - -<p>Und eine gewaltige Faust packte Nele am Arm und schleuderte -sie in den Weltraum.</p> - -<p>Und die Geister sangen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Wenn der Norden</div> - <div class="verse indent0">Wird den Süden küssen,</div> - <div class="verse indent0">Hören Tod und Tränen auf:</div> - <div class="verse indent0">Such den Gürtel.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Wehe!“ sprach Ulenspiegel, „Norden, Süden und Gürtel, Ihr -redet dunkel, Ihr Herren Geister.“</p> - -<p>Und sie sangen lachend:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Norden ist Niederland;</div> - <div class="verse indent0">Belgien ist Süden;</div> - <div class="verse indent0">Gürtel, das ist Bündnis;</div> - <div class="verse indent0">Gürtel, das ist Freundschaft.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ihr seid nicht dumm, Ihr Herren Geister,“ sprach Ulenspiegel.</p> - -<p>Und lachend sangen sie abermals:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Der Gürtel, armer Schelm,</div> - <div class="verse indent0">Zwischen Niederland und Belgien</div> - <div class="verse indent0">Das ist gute Freundschaft</div> - <div class="verse indent0">Und ein schönes Bündnis.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Met raedt</span></div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">En daedt,</span></div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Med doodt</span></div> - <div class="verse indent0"><span class="antiqua">En bloodt.</span></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Mit Rat</div> - <div class="verse indent0">Und Tat,</div> - <div class="verse indent0">Mit Tod</div> - <div class="verse indent0">Und Blut.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Es müßte sein,</div> - <div class="verse indent0">Wär nicht die Schelde,</div> - <div class="verse indent0">Armer Schelm, wär nicht die Schelde.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Wehe,“ sprach Ulenspiegel, „Das also ist unser peinvolles Leben: -Tränen der Menschen und Lachen des Schicksals.“</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Bündnis von Blut</div> - <div class="verse indent0">Und Tod,</div> - <div class="verse indent0">Wär nicht die Schelde;“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>wiederholten die Geister hohnlachend.</p> - -<p>Und eine gewaltige Faust ergriff Ulenspiegel und warf ihn in -den Weltraum.</p> - -<hr class="full" /> -<h3>9</h3> -<hr class="full" /> - -<p>Da Nele zu Boden gefallen war, rieb sie sich die Augen und erblickte -nichts als die Sonne, die in goldigen Dünsten aufging. -Auch die Spitzen der Gräser waren ganz von Gold, und die -Sonnenstrahlen färbten das Gefieder der schlafenden Möwen -gelb; doch sie erwachten bald.</p> - -<p>Dann blickte Nele sich an, sah, daß sie nackend war, und bekleidete -sich hastig; dann sah sie Ulenspiegel gleichfalls nackend und -deckte ihn zu. Vermeinend, daß er schliefe, schüttelte sie ihn, -aber er rührte sich so wenig als ein Toter; sie ward von Furcht -ergriffen. „Hab ich meinen Gesellen mit diesem Zauberbalsam -getötet?“ sprach sie. „Ich will auch sterben! O, Tyll, wach auf! -Er ist kalt wie Marmelstein!“</p> - -<p>Ulenspiegel erwachte nicht. Zwei Nächte und ein Tag vergingen, -und Nele, vor Harm fiebernd, hielt bei ihrem Freund Ulenspiegel -die Wacht.</p> - -<p>Beim Anbruch des zweiten Tages vernahm Nele den Ton eines -Glöckleins und sah einen Bauern kommen, der eine Schaufel -trug. Hinter ihm, eine Wachskerze in der Hand, schritten der -Bürgermeister und zwei Schöffen, der Pfarrer von Stavenisse -und ein Meßner, der ihm den Sonnenschirm hielt.</p> - -<p>Sie gingen, sagten sie, um dem wackeren Jakobsen das heilige -Sakrament der letzten Ölung zu geben; er war aus Furcht Geuse -geworden, aber nachdem die Gefahr vorüber, kehrte er im Sterben -in den Schoß der heiligen Römischen Kirche zurück.</p> - -<p>Bald kamen sie zu der weinenden Nele und sahen Ulenspiegels -Leichnam, mit seinen Kleidern bedeckt, auf dem Rasen ausgestreckt. -Nele kniete nieder.</p> - -<p>„Mägdlein,“ sprach der Bürgermeister, „was schaffst Du bei -diesem Toten?“ Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen und -antwortete:</p> - -<p>„Ich bete für meinen Liebsten, der wie vom Blitz getroffen hier -hingestürzt ist. Ich bin jetzt allein und will auch sterben.“</p> - -<p>Darauf sprach der Pfarrer, vor Freuden schnaufend:</p> - -<p>„Ulenspiegel, der Geuse ist tot; gelobet sei Gott! Bauer, spute -Dich, eine Grube zu graben, nimm ihm die Kleider fort, ehe er -begraben wird.“</p> - -<p>„Nein,“ sagte Nele und stand auf. „Die soll man ihm nicht wegnehmen; -es würde ihn in der Erde frieren.“</p> - -<p>„Grabe das Grab,“ sagte der Pfarrer zu dem Bauern, der die -Schaufel trug.</p> - -<p>„Das ist mir recht,“ sprach Nele unter Tränen; „in dem kalkhaltigen -Sande sind keine Würmer, und mein Geliebter wird unversehrt -und schön bleiben.“</p> - -<p>Und ganz betört beugte sie sich über Ulenspiegels Körper und -küßte ihn unter Schluchzen und Tränen.</p> - -<p>Bürgermeister, Schöffen und Bauer hatten Mitleid, aber der -Pfarrer sagte in einem fort frohgemut: „Der große Geuse ist tot, -Gott sei gelobt!“</p> - -<p>Dann grub der Bauer das Grab, legte Ulenspiegel hinein und bedeckte -ihn mit Sand.</p> - -<p>Und der Pfarrer sprach über dem Grabe die Totengebete; alle -knieten rund herum. Plötzlich geschah unter dem Sande eine -große Bewegung, und Ulenspiegel kam hervor, nieste und schüttelte -sich den Sand aus den Haaren. Dann packte er den Pfarrer -an der Kehle und sprach:</p> - -<p>„Inquisitor! Du legst mich lebendig ins Grab, dieweil ich schlafe! -Wo ist Nele? Hast Du sie auch begraben? Wer bist Du?“</p> - -<p>Der Pfarrer schrie:</p> - -<p>„Der große Geuse kehrt in die Welt zurück! Herr Gott, erbarm -Dich meiner Seele!“</p> - -<p>Und er entfloh wie ein Hirsch vor den Hunden.</p> - -<p>Nele trat zu Ulenspiegel.</p> - -<p>„Küß mich, Herzliebste,“ sprach er.</p> - -<p>Dann blickte er sich abermals um. Die beiden Bauern waren -gleich dem Pfarrer entflohen und hatten, um besser zu laufen, -Schaufel, Tragsessel und Schirm auf die Erde geworfen. Bürgermeister -und Schöffen hielten sich vor Angst die Ohren zu und -stöhnten auf dem Rasen.</p> - -<p>Ulenspiegel ging zu ihnen, schüttelte sie und sprach:</p> - -<p>„Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der -Mutter Flandern? Auch sie kann schlafen, aber sterben, nein! -Komm, Nele.“</p> - -<p>Und er ging mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch -wo er das letzte gesungen, das weiß keiner.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Nachwort_des_Uebersetzers"> -Nachwort -des Übersetzers</h2> -</div> - -<p class="newpage">„Es ist eigentümlich, daß der Name eines Schriftstellers wie -Charles de Coster im Auslande noch so gut wie unbekannt -ist, sowohl in dem sprachverwandten Frankreich wie auf dem -klassischen Boden des Interesses für Weltliteratur, in Deutschland“, -heißt es in dem einzigen deutschen Essay über ihn, den -Fräulein <em>Elsa Schulhoff</em> (in der „Nationalzeitung“ vom 18. -und 20. August 1901) veröffentlicht hat. „Und doch“, fährt sie -fort, „ist es der Name eines Mannes, der das für einen Schriftsteller -höchste Ziel erreicht hat, ein Werk zu schaffen, worin ein -ganzes Volk sein Streben und Irren, seine Freuden und Leiden -ausgesprochen findet und sich wiedererkennt. Die Belgier bezeichnen -den „Ulenspiegel“ als ihre <em>nationale Bibel</em>. Es ist -ein Buch, das nur auf diesem Boden entstehen konnte, das den -Charakter dieser Rasse zeigt mit seinen Lichtern und Schatten, -der derben Lust am Leben auf der einen, dem Hang zum Mystizismus -auf der andern Seite, seiner zähen Freiheitsliebe, seiner -Freude an der Arbeit, an bescheidenem häuslichem Behagen, und -daneben seinem Geschmack am Grausigen und Grausamen.“</p> - -<p>Die vorliegende Verdeutschung versucht es, diesem echt niederdeutschen -Buche in Deutschland Heimatsrecht zu gewinnen und -es aus einer fremden Sprache in ein stammverwandtes Idiom -zurückzuretten. Das älteste Volksbuch von Till Ulenspiegel, in -niedersächsischer Sprache geschrieben, ist uns leider nicht erhalten. -Jedoch existiert eine hochdeutsche Übersetzung oder Bearbeitung, -die im Jahre 1515 bei Johannes Grieninger in Straßburg erschien, -und eine wahrscheinlich gleichfalls auf den niedersächsischen -Text zurückgehende vlämische Übersetzung: „<span class="antiqua">Van Ulespegels -leuen. Gheprint Thanrwerpen in die Kape by my Michiel van -Hoochstraten</span>“ (o. J. 1520-1530?), auf welche vermutlich auch -die — in der Vorrede<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> unseres Buches leider nicht näher bezeichnete -— vlämische Ausgabe zurückgeht, von der, wie dort erwähnt, -de Coster eine Reihe von Schwänken in seinen Roman verwoben -hat. Es handelt sich hier also um eine ganze Kette von Hin- und -Herübersetzungen und Bearbeitungen — bei derartigen Stoffen -keine Seltenheit — in der unsre vorliegende Verdeutschung nur -das letzte Glied bildet.</p> - -<p>Die Anmerkung zur Vorrede gibt ferner summarisch an, welche -Kapitel aus Buch I seines Werkes de Coster mehr oder minder -frei der alten Quelle entlehnt hat. Wer sich über das Verhältnis -von Vorlage und Nachbildung unterrichten will, der möge zu -dem (leicht erhältlichen) Niemeyerschen Neudruck des Volksbuches -von 1515 greifen und Kapitel 6 unseres Buches mit der -dortigen Historie 1 vergleichen, ferner Kap. 13 mit Historie 2,<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> -Kap. 19 mit 9, Kap. 24 mit 3 und 4, Kap. 35 mit 71, Kap. 39 -mit 19, Kap. 41 mit 20, Kap. 42 mit 22 sowie am Schlusse -mit 58, Kap. 43 am Schlusse mit 11, Kap. 47 mit 10, Kap. 48 -mit 48, Kap. 49 mit 35, Kap. 53 mit 34, Kap. 55 mit 33, -Kap. 57 mit 27, Kap. 60 mit 25, Kap. 62 mit 17, Kap. 63 -mit 39, Kap. 64 mit 43, Kap. 66 mit 82 des Volksbuches. Oft, -wie in Kap. 48 beider Bücher, ist die Anekdote in ihren Einzelheiten -getreu wiedergegeben; nicht selten ist sie besser motiviert, -bisweilen ihrer unflätigen oder grausamen Derbheit beraubt -(so der Schluß von Kap. 42 aus dem von Historie 58 und -Kap. 66 aus Historie 82). Ein paarmal ist sogar nur das Motiv -verwertet (für Kap. 35 aus Hist. 71, für 39 aus 19). Im Allgemeinen -aber ist die Benutzung eine ziemlich freie dichterische -Umgestaltung.</p> - -<p>Dies ist schon deshalb begreiflich, weil de Coster seinen Ulenspiegel -aus dem Mittelalter in die Renaissance versetzt hat. Der niedersächsische -Ulenspiegel ist / nach der Überlieferung / bekanntlich zu -Knetlingen bei Braunschweig geboren und zu Mölln bei Lübeck -begraben, wo sein Grabstein das Jahr 1350 nennt. Die vlämische -Tradition nimmt ihn ebenfalls für sich in Anspruch, gestützt auf -einen Grabstein an der Kirche zu Damm in Flandern, der als -Todesjahr 1301 nennt. Aus der Differenz dieser Daten hat man -geschlossen, daß zwei lustige Schelme dieses Namens gelebt haben, -von denen der deutsche, berühmtere, der Sohn war. Jedenfalls -lebten beide im tiefsten Mittelalter, in einer streng katholischen -Zeit, die zwar grobe Späße über die Pfaffen liebte, aber jede -Ketzerei gegen die Grundlagen des Glaubens verpönte. Beide -Volkshelden erscheinen lediglich als boshafte, bisweilen grausame -Plagegeister ihrer Mitmenschen, als witzige, oft unflätige Betrüger -der Einfalt, als Gauner, Zechpreller und Landstreicher, -„behende, listige und durchtriebene“ Bauernburschen, die sich mit -ihrer Büberei „nirgends Dank verdienen.“</p> - -<p>De Coster hat seinen Liebling um zwei Jahrhunderte verjüngt -und ihn mitten in die große niederländische Freiheitsbewegung -hineinversetzt, in der er zum allbeliebten, wackeren Streiter für -die Glaubensfreiheit des Protestantismus wird. Bei aller Anlehnung -an das alte Volksbuch im Anfang von Ulenspiegels -Erdenwallen ist ihm also, um mit Gottfried Keller zu reden, -„das Antlitz nach einer anderen Himmelsrichtung gekehrt“; er ist -moralisch und zeitlich ganz gegensätzlich orientiert. Das alte -Volksbuch ist ferner nur eine lose aneinandergereihte Schwanksammlung -über Ulenspiegel, deren ganze Komposition darin -besteht, daß sie verschiedene Schelmenstreiche ähnlicher Art zusammenträgt, -wodurch bisweilen Wiederholungen entstehen. De -Coster hat den alten Schelm zum Helden eines zusammenhängenden -Romans gemacht, seine Landstreichereien mit einer auferlegten -Pilgerfahrt nach Rom motiviert und eine ganze Reihe ihm nahestehender -Nebenfiguren um ihn gruppiert, die er / außer seinen -im Volksbuche nur schwach angedeuteten Eltern / frei erfunden -hat. Er hat ihm schließlich eine kunstvolle Folie in der düstren -Gestalt des ihm gleichaltrigen Königs Philipp von Spanien gegeben. -„Es ist nicht mehr die Legende eines Menschen, sondern -das Gedicht einer Rasse, was de Coster geschrieben hat“, sagte -Camille Lemonnier in seiner Grabrede auf den Autor mit Recht. -Es ist „das Epos des 16. Jahrhunderts“, das er zu schaffen sich -vorgesetzt hatte.</p> - -<p>Zu seinen Vorstudien genügte ihm daher auch nicht im entferntesten -die viel ältere, durch die junge Buchdruckerkunst rasch verbreitete -Schwankdichtung des ausgehenden Mittelalters; er mußte sich -vor allem in die Chroniken und Flugblätter der Renaissance vertiefen; -er bereiste, wie der oben zitierte Essay hervorhebt, die -Gegenden, wo sich die Kämpfe der Geusen abgespielt hatten, -durchstöberte in zehnjähriger Arbeit Archive, Museen und Bibliotheken, -belauschte das Volk in den vlämischen Wirtshäusern, -auf den Märkten und Kirmessen, die auch jetzt noch wenig von -der derben Ausgelassenheit verloren haben, die Teniers’ oder -Jan Steens Pinsel schilderte ... „Aber trotzdem“, heißt es -weiter, „ist sein Buch kein historischer oder kulturhistorischer -Roman im gewöhnlichen Sinne geworden; er bleibt eine -„Legende“; neben realistischer Schilderung kommt als seine -Hauptstimmung eine Poesie zu Worte, die sich bis zum Ausdruck -des Visionären steigert“.</p> - -<p>„Überhaupt“, heißt es in dem angeführten Essay weiter, „sind -es die Gegensätze, die dem Buche seine Eigenart geben, der -Gegensatz auch zwischen dem Charakter des Werkes und dem des -Verfassers. Diese oft tollen und grotesken Szenen sind von einem -Manne geschrieben, der von sich sagt. „Ich bin ein melancholisches -Geschöpf, dessen Lustigkeit Wahnsinn oder Unsinn ist“, und der -einer Freundin schreibt: „Hast Du in den schönen Büchern die -feine Melancholie, die ausgesuchte Traurigkeit bemerkt, welche -die geheimsten Fibern des Herzens berührt? Darin liegt das -ganze Wesen der Kunst.“ Diese Stimmung liegt wie ein Schleier -über dem sonderbaren Buche, sie verdichtet sich nicht nur zu -ergreifenden Episoden oder Gestalten, auch in der Mitte der -übermütigsten Auftritte braut der Dichter auf einmal Schwermut, -um seinen Lieblingsausdruck zu brauchen. Zu seiner Art der -Darstellung hat sich de Coster von den alten Volksbüchern anregen -lassen: er gibt nicht eine fortlaufende Erzählung, sondern -setzt seine Kapitel von sehr ungleichem Umfang, als vollständig -in sich abgeschlossene kleine Bilder oder auch nur Stimmungen -nebeneinander. Es ist die Technik der Mosaiks, jedes Steinchen -ein festbegrenztes geschliffenes Stück von eigner Form und Farbe -und doch zu einem untrennbaren, lebendigen Ganzen sich zusammenfügend. -Einen eigenartigen Reiz gibt dem Buche auch -die Behandlung der Sprache. Durch langjähriges Studium -besonders der Werke von Rabelais und Montaigne hatte sich de -Coster das Französisch des 16. Jahrhunderts ganz zu eigen gemacht -und es schon in seinen ersten Buche, den „<span class="antiqua">Légendes -Flamandes</span>“, mit vollendeter Meisterschaft gehandhabt. Aber -er legt in seinen Briefen Gewicht darauf, daß er dieses „einzige -Idiom“ nicht nur übernommen, wie er es fand, sondern daß er -es ganz in sich aufgenommen, es „verdaut“ und verjüngt habe.“</p> - -<p>Als „Till Ulenspiegel“ im Jahre 1867 erschien, fand er eine begeisterte -Aufnahme, aber nur in einem kleinen Kreise von Schriftstellern, -Kennern und Künstlern, unter denen besonders die Maler -die Bedeutung des Buches sofort erkannten. Aus diesem Buche -wehte ihnen der flandrische Erdgeruch entgegen, den die Kunst -der Vergangenheit besessen hatte. Es war eine Reaktion gegen -das trotz der Sprachgemeinschaft fremde französische Wesen, das -sich in Politik, Kunst, Literatur und Leben eingebürgert hatte; -es war ein germanisch-protestantischer Gegenschlag gegen das -geistige und weltliche Rom. Aber gerade diese Teilnahme der -Maler, heißt es in dem oben zitierten Essay, war ein Grund, -daß das Werk nicht in weitere Kreise drang. Sie hatten sein Erscheinen -durch ihre Mitarbeit feiern wollen, und so erschien denn -Ulenspiegel zuerst als Prachtausgabe mit einigen dreißig Radierungen -erster belgischer Meister, darunter von Félicien Rops das -berühmte grausige Blatt von dem am Glockenschwengel Erhängten. -Der sehr hohe Preis des Buches war selbstredend ein -Hindernis für seine Verbreitung. Erst 1893 kam es zu einer -Neuauflage; der Autor war inzwischen längst im Elend gestorben. -Ein Jahr darauf wurde in Brüssel, am Teiche von -Ixelles, ein Doppelstandbild von Ulenspiegel und Nele errichtet, -dessen Nische das Reliefbildnis ihres geistigen Vaters ziert.</p> - -<p>Charles Henri de Coster wurde am 20. August 1827 geboren, und -zwar in München, wo sein Vater Intendant des belgischen -Bischofs und päpstlichen Nuntius Charles Mercy d’ Argenteau -war. Der Bischof übernahm die Patenstelle bei ihm; seine Patin -war die Marquise de la Tour du Pin, die französische Gesandtin in -Turin. „Welch ein Gegensatz!“ ruft die Verfasserin des mehrfach -zitierten Aufsatzes aus. „Dieser schöne, von allen als Liebling -des Bischofs verhätschelte Knabe, in der frommen Pracht eines -Bischofspalastes aufwachsend, und der Freidenker, der fünfzig -Jahre später von fanatischen Katholiken verfolgt und ohne Beistand -der Geistlichkeit begraben wird! Dazwischen liegt das -Leben eines genialen Künstlers mit hochfliegenden Plänen, mit -der Mißachtung der realen Lebensbedingungen und herben Enttäuschungen.</p> - -<p>„Nach der Übersiedlung seiner Familie nach Brüssel und dem -frühen Tode des Vaters war de Coster darauf angewiesen, -nach einem Beruf zu greifen. Sein Pate wünschte, daß er -Priester würde, was er aber ablehnte. Auch das Bankfach, in -das einflußreiche Gönner ihn brachten, verließ er bald wieder, -bezog die Universität Brüssel und wurde nach Beendigung -seiner Studien Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen und -Zeitschriften. Aber „ich kann aus meiner Feder kein Handwerkszeug -machen“, schreibt er mißmutig; nur zum freien Künstler -fühlt er sich geboren. Das war auch der Eindruck, den seine -Persönlichkeit auf den ihm näher stehenden Kreis gleichstrebender -junger Talente machte, die bald das Höchste von -ihm erwarteten. Nach einigen feinen kleinen Novellen brachten -ihm seinen ersten Erfolg im Publikum seine 1858 erschienenen -„<span class="antiqua">Légendes Flamandes</span>“. Mit Feuereifer stürzte er sich nun in -die Vorarbeiten zu seinem großen Werke: er suchte in ihnen zugleich -Vergessenheit für den Bruch eines jahrelangen, eigentümlichen -Liebesverhältnisses, in das wie in seine eigne sensitive -Künstlernatur die nach seinem Tode veröffentlichten <span class="antiqua">Lettres à -Eliza</span> mit demselben schwermütigen Zauber hineinleuchten, der -alles umgibt, was er geschrieben hat. Um ganz seiner Dichtung -leben zu können, gab er seine Anstellung an den Staatsarchiven -auf und veröffentlichte in den folgenden zehn Jahren nur noch einen -kleinen Band „<span class="antiqua">Contes Brabançonnes</span>“. So ohne jede Einnahme, -während seine Ausgaben sich durch die für seine Vorarbeit nötigen -Reisen vermehrten, von seiner Jugend her an einen gewissen äußeren -Schmuck des Lebens gewöhnt, war er bei Beendigung seines -Werkes nicht nur mit seinem kleinen väterlichen Erbteil zu Ende, -sondern auch tief in Schulden geraten. Das Ausbleiben eines -pekuniären Erfolges des Ulenspiegel brachte die Katastrophe. -Zu spät lernte Coster nun den „fürchterlichen Wert des Geldes“ -verstehen, nicht mehr für den Ruhm wollte er arbeiten, sondern -nur noch für seine Gläubiger. Aber seine Vermögensverhältnisse -waren zu hoffnungslos verwirrt. Auch eine Anstellung als -Professor der französischen Literatur an der neu gegründeten -Kriegsschule konnte ihn nicht retten, denn seine Gläubiger machten -von dem ihnen in Belgien zustehenden Recht der Beschlagnahme -von Staatsgehältern den unerbittlichsten Gebrauch. Literarische -Pläne beschäftigten ihn zwar fortwährend, doch hat er -größere Arbeiten nicht mehr veröffentlicht; der Rest des Lebens -war ein qualvolles Ringen von einem Zahlungstermine zum -andern. Auch der Tag, an dem er starb, der 7. Mai 1879, war -einer dieser grausamen Verfalltage, und das letzte, was er geschrieben, -waren am Vorabende einige Dankesworte an einen -Freund, der ihm die nötige fällige Summe für den folgenden Tag -versprochen hatte. „Sie retten mich. Charles de Coster, der -recht krank ist.“ Bei der Leiche dieses Dichters, der alles Schöne -so sehr geliebt hatte, fanden seine Freunde, wie sein Biograph -Ch. Powin erzählt, eine arme Frau, deren Gesicht durch ein unheilbares -schreckliches Leiden entstellt war und die ihn aus Dankbarkeit -für sein Mitleid gegen sie die letzten Tage gepflegt hatte.“</p> - -<p>„Ich gehöre zu denen, die zu warten wissen,“ hatte de Coster -angesichts des beschränkten Achtungserfolges seines Hauptwerkes -geschrieben. „Ich schätze mich ein auf etwas für heute, auf viel für -die Zukunft.“ Diese stolze Voraussicht hat ihn nicht betrogen. „Der -Verkannte von Heute, der Lebende von Morgen“, wie ihn Camille -Lemonnier, der „belgische Zola“, an seinem Grabe nannte, ist der -Vater der jungbelgischen Literatur geworden, die einen Rodenbach -und Maeterlinck, einen Verhaeren und Lerberghe, einen -Khnopff und Elskamp hervorgebracht hat. Wenn der Lyriker -Verhaeren seine ersten Gedichte „Les Flamandes“ zum Preise -seines Vaterlandes anstimmte und einer bodenwüchsigen belgischen -Lyrik die Zunge löste, wenn Maeterlinck sein strudelköpfiges -Erstlingsdrama „Prinzessin Maleine“ auf flandrischen Boden -verlegte und gleich Verhaeren jene eigentümliche Mischung von -Realismus und Mystik in seinen späteren Werken beibehielt, wenn -die ganze belgische Provinz des französischen Parnasses ihre eigene -heimische Note besitzt und in die französische Literatur einen ganz -neuen Ton hineingetragen hat, so war dies alles nur nach dem -Vorgang de Costers möglich. Nach seinem Vorbilde hat das -ganze belgische Schrifttum, trotz seines klugen sprachlichen -Anschlusses an den französischen Kulturkreis, der ihm eine ungleich -höhere Beachtung sichert als den stammverwandten Niederlanden -ihre holländische Schriftsprache, seine germanische Art behauptet -und dadurch eine der fruchtbarsten und eigenartigsten -Synthesen in der Weltliteratur geschaffen: die von germanischem -Geist und romanischer Form, der seit den Tagen der Renaissance -unser heißes Bemühen gilt.</p> - -<p>Zu diesen ästhetisch-kulturellen Motiven von de Costers Ruhm -oder Nachruhm tritt für die große Masse seiner Landsleute noch -ein andres hinzu, nämlich eine gewisse politische Aktualität, die -sich aus der Betrachtung der näheren Umstände leicht ergibt. Das -Königreich Belgien bildet die „unerlösten“ spanischen, später österreichischen -Niederlande; es war bis zur französischen Revolutionszeit -vorwiegend vlämisch, d.h. niederdeutsch; Orts- und Straßennamen -sowie die Gerichtssprache waren bis 1794 vlämisch, nur -in Brüssel, das größtenteils wallonisch, d.h. französisch bevölkert -war, herrschte von jeher das romanische Element vor. Durch -die französische Eroberung kam Belgien bis 1814 zu Frankreich; im -ersten Pariser Frieden fiel es an das Königreich der Niederlande, -von dem es sich aber dank der Agitation der französisch gesinnten -Brüsseler Liberalen und des Klerus losriß, als die Julirevolution -von 1830 ausbrach. Seitdem bildet es ein selbständiges Königreich -mit klerikaler Regierung, der eine starke antiklerikale, -sozialistische Opposition schroff gegenübersteht. Man begreift -aus diesen Gegebenheiten den heftigen Antiklerikalismus des -Patrioten de Coster, dem nur die Wahl zwischen diesen beiden -Gegensätzen blieb. Für ihn war die Vereinigung Belgiens mit -dem protestantischen Holland im Jahre 1814 die späte Frucht -des heroischen, doch schließlich erschlafften Freiheitskampfes gegen -die spanische Tyrannei gewesen; und nun hatten die Schwarzen -im Bunde mit den französisch Gesinnten ihm zum zweiten Male -die Frucht des Sieges geraubt. Man versteht jetzt erst völlig -die tiefe Bedeutung des mystischen Orakels von dem Gürtel der -Einheit, den Ulenspiegel zu suchen auszieht, und von den sieben -Lastern, die diese Einheit immer wieder zerstören. Am Ende des -Buches wiederholt sich diese Prophetie mit einem Nachdruck, als -wollte sie aus dem Ganzen herausspringen wie sein geheimer -Sinn, eine flammende Mahnung, die Lehren der Vergangenheit -zu beherzigen, und ein Bindeglied zwischen der anscheinend weit -abgerückten Vergangenheit und dem pulsenden Leben der Gegenwart -zu knüpfen. Von hier ausgehend, schärft sich der Blick -für diese politische Mystik, die dem Uneingeweihten so ganz -wesenlos und unmotiviert erscheint; und man wird in den leidenschaftdurchzitterten -Darstellungen Karls V. und Philipps II., die -wahre historische Zerrbilder sind, vom Haß eines Renaissance-Pamphletisten -gesehen, und nicht vom sachlichen Blicke der Klio, -unschwer die Parallele zu den beiden Napeleons erkennen, von -denen der erste Belgien beherrscht hatte und der andre zu der -Zeit, da der Roman entstand, begehrliche Blicke darauf warf. -Auch die gelegentlichen gehässigen Darstellungen deutscher Landsknechte -und Fürsten scheinen aus dem eifersüchtigen Bangen des -belgischen Patrioten um seine heimische Freiheit entsprungen; -nur das belgische „Volk“ wird von ihm mit einen idealisierenden -Glorienschein umgeben. Wer immer aber von ähnlichen politischen -Gesinnungen beseelt war, der mußte dieses Buch eines -zurückgewandten Propheten mit nationalen Wallungen lesen und -es lieb gewinnen. Und so ist „Ulenspiegel“ für die Belgier noch -heute eine nationale Bibel, die auch in der altertümelnden -Sprache sich an die alten Bibelübersetzungen anschließt. Für -den Nichtbelgier fallen solche Motive der Schätzung freilich -fort; immerhin muß uns Deutsche, die einen dreißigjährigen Krieg -für die Glaubensfreiheit kämpften, die seit Goethes und Schillers -Tagen der Befreiung der Niederlande auch literarisch nahe stehen, -der germanische Unterstrom dieses französischen Buches anheimeln; -und archaisierende Romane sind uns seit Scheffels „Ekkehard“, -Meinholds „Bernsteinhexe“ und den unvergeßlichen Novellen -C. F. Meyers ja auch nichts Fremdes mehr; jeder ästhetisch Gebildete -wird also diese Abspiegelung des Geistes der Reformationszeit -bewundern. In Frankreich hatte Gustave Flaubert -das historische Genre wenige Jahre vor de Coster gleichfalls zu -Ehren gebracht, als er seine „Salambo“ schrieb; de Coster jedoch, -dem die Quellen ungleich weiter flossen, leistete Größeres in der -Wiedergabe des kulturhistorischen Dunstkreises und besonders -im Ausdruck, der fast stets wie aus einer alten Chronik entnommen -klingt, auch da, wo der Dichter aus Eigenstem geschöpft hat.</p> - -<p>Oft genug ist das Buch, wie der mehrfach erwähnte Essay -sehr fein hervorhebt, „außerordentlich derb, gelegentlich bis zum -Abstoßenden, hierin wie in der breiten Ausmalung großer Schmausereien -und in der Satire auf die Geistlichkeit an Rabelais gemahnend. -Aber dann ist es plötzlich, als öffne sich während eines -Trinkgelages ein Fenster, und ein Hauch frischer, reiner Luft -dringe hinein. Zwischen die burlesken Szenen schiebt sich ein -kleines Landschaftsbild. / Auch in der Schilderung des Freiheitskampfes -werden zügellose Szenen manchmal nur durch einen -Satz, durch einen Gedanken von seltener Gefühlszartheit und -Melancholie ins Gleichgewicht gebracht. / Oft nur mit wenigen -Strichen, aber stets auf das Lebendigste gezeichnet, ist auch -die Fülle historischer Persönlichkeiten, mit denen Ulenspiegel auf -seinen Fahrten in Verbindung tritt: Egmont, tapfer und hochmütig, -sein ihm blindlings zustimmender Freund Horn, der herkulische, -trinkfreudige und kluge Brederode, der große Schweiger -Oranien und sein ritterlicher Bruder. / Meisterstücke sind nicht -minder Auftritte wie der Bildersturm in Antwerpen, das Nachtstück -im Gasthaus zum Regenbogen in Courtrai mit der dämonischen -Gestalt der Gilline, der spanischen Spionin, oder die -groteske Prozession des Heiligen Martin in Ypern; sie prägen -sich dem Gedächtnis des Lesers unauslöschlich ein. Und ebenso -bewundernswert ist die Abwechslung, mit der de Coster diese -Szenen zu gestalten weiß.“</p> - -<p>Es wäre noch vieles zu sagen über die um Ulenspiegel gruppierten -Figuren: den schlichten, arbeitsamen Klas, der so gar kein Held -ist, der seine Richter um Gnade anfleht und der doch als Märtyrer -seiner Überzeugung den Holzstoß besteigt, / über die arme -herzensgute Soetkin (Suschen), die aus Gram und an den Folgen -der Folter stirbt, / über das reizende Idyll der Liebe zu -Nele, die mit ihrer Landsmännin, dem Goetheschen Klärchen, -so nahe verwandt ist, / über den burlesken „Freßsack“ Lamm, -der im Grimm über das Davonlaufen seines von den Pfaffen -verhetzten Weibes zu einem komischen Löwen wird, / und vor -allem über den Helden selbst, der ein Taugenichts und Tagedieb -war und der plötzlich unter der Wucht des Erlebten zum Manne -heranreift, von dem einen Rachegedanken beherrscht: „Klasens -Asche brennt auf meiner Brust“. Das und vieles Andere verdient -eingehende Würdigung; aber es mag bei diesen Andeutungen -bleiben, die den Leser nur auf den Weg des eigenen Genusses -führen wollen und damit ihre Aufgabe erfüllt haben.</p> - -<p>Fräulein <em>Marie Lamping</em>, die mir bei der Übersetzung hilfreich -zur Seite gestanden hat, und Fräulein <em>Elsa Schulhoff</em>, -deren Aufsatz ich die Anregung zu dieser Verdeutschung verdanke, -sei auch an dieser Stelle mein aufrichtiger Dank gesagt.</p> - -<p class="center"> -F. v. O.-Br. -</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> -</div> - -<table class="autotable" summary="Inhalt"> -<tr> -<td class="tdl"></td> -<td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl"><a href="#Vorrede_der_Eule">Vorrede der Eule</a></td> -<td class="tdr">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl"><a href="#Erstes_Buch">Erstes Buch</a></td> -<td class="tdr">5</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl"><a href="#Zweites_Buch">Zweites Buch</a></td> -<td class="tdr">221</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl"><a href="#Drittes_Buch">Drittes Buch</a></td> -<td class="tdr">283</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl"><a href="#Viertes_Buch">Viertes Buch</a></td> -<td class="tdr">453</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl"><a href="#Fuenftes_Buch">Fünftes Buch</a></td> -<td class="tdr">545</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl"><a href="#Nachwort_des_Uebersetzers">Nachwort des Übersetzers</a></td> -<td class="tdr">587</td> -</tr> -</table> - -<p class="center spaced"> -Titelholzschnitt und Buchausstattung von F. H. Ehmcke<br /> -Gedruckt bei Gottfr. Pätz in Naumburg an der Saale<br /> -</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Eugen_Diederichs_Verlag_in_Jena">Eugen Diederichs Verlag in Jena</h2> -</div> - -<p><b>Charles de Coster, Flämische Legenden.</b> -Deutsch von Marie Lamping und Friedrich -v. Oppeln-Bronikowski. br. M. 3.—, geb. M. 4.—</p> - -<p><em>Inhalt</em>: Die Brüder vom guten Vollmondsgesicht / Bianca, -Clara und Candida / Herr Halewyn / Smetse, der Schmied / -Ser Huygs / Die Masken</p> - -<p><em>St. Galler Blätter</em>: Costers Legenden werden ja wohl deutschen Lesern -schnell Gottfried Kellers Sieben Legenden in Erinnerung rufen und Züge -der Verwandtschaft zwischen dem Schweizer und dem Belgier sind in der -Tat nicht zu verkennen: das kätzchenschnurrende Poetenbehagen am freien -Gespinst, das Element lächelnder Schalkheit, das Durchschimmernlassen -der Kritik aus dem Wesen neuer Welt. Aber Coster ist es in stärkerem -Maße um säuberlichste Nachbildung alten Geistes und alter Form zu tun -gewesen, weniger gedämpft ist sein Ton und sind seine Farben, wirklichkeitsherb -schaut das Mittelalter aus diesen eigenartigen Schöpfungen -nachbildender Phantasie heraus und bunter sind seine Elemente, weniger -zu etwas Geschlossenem zusammengetönt, derber das Volkshafte darin. -In allen Teilen ist der starke Poet am Werke: voller Beweglichkeit und -Mannigfaltigkeit des Gefühls, bald ernst, ja das Grausige heranziehend, -bald schwankhaft und ulkig, von Erfindung überquellend und packend -durch die Wucht des Einfachen in diesem in die Stimmung ferner Vergangenheit -getauchten, kunstvoll in ihr festgehaltenen Berichten. Wie -Erholung empfindet man nach moderner Subtilität des Psychologischen -diese Geschichten voll bunten, fröhlichen und düstern Geschehens.</p> - -<p><em>Wiesbadener Zeitung</em>: Neun Jahre vor seinem gewaltigen „Tyll -Ulenspiegel“, der nun durch die Welt geht, schrieb der Dichter 1858 seine -<span class="antiqua">Légendes Flamandes</span>, ein bedeutungsvolles Präludium des größeren -Lebenswerkes. Auch hier die altertümliche, Rabelais nachempfundene -Sprache mit ihrer ungelenken Treuherzigkeit, ihrem prachtvollen Daseinsbehagen, -die glücklicherweise nicht mit wissenschaftlicher Konsequenz -durchgeführt wird, sondern sich ganz den Dingen selbst anpaßt, auch hier -an einzelnen Stellen hervorbrechend der wilde Haß gegen die spanischen -Gewalthaber, die in grotesk phantastischer Form, mit grausamer Rachelust -gepaart, sich äußert. Es sind Märchen voll seltsamer Mischung mystischer -und realistischer Elemente, ganz Vorahnung jener Motive, die -die Gegenwart liebt, aber ganz naiv und unmittelbar erfaßt, nicht das -Produkt literarischer Konvention, wie so vieles heute, vieles ohne Einheitlichkeit, -ausgesponnen gleich einem bald beklemmenden, bald beglückenden -Traum, aber alles unmittelbar Gegenwart. Wunderschön ist das -Buch übersetzt und mit feiner Künstlerschaft ausgestattet.</p> - -<div class="chapter"> -<h2>Anmerkungen:</h2> -</div> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Diese Behauptung ist zutreffend. Der Dichter hat einer kleinen -vlämischen Schrift aus der van Paemel’schen Sammlung, betitelt: <span class="antiqua">Het -aerdig leven van Thyl Ulenspiegel</span>, die Kapitel VI, XIII, XVI, -XIX, XXIV, XXXV, XXXIX, XLI, XLII, XLIII, XLVII, XLVIII, XLIX, LIII, -LV, LVII und LX des ersten Buches seines Werkes entnommen. Jedoch -haben alle bedeutsame Veränderungen erlitten, ausgenommen das LXII, -LXIII, LXIV Kapitel. Die andern vom LXI bis zum Ende des Werkes sind -de Costers Schöpfung, also auch die Bücher II, III, IV, V, die reine -Erfindung sind. Wir müssen indes auf zwei Ausnahmen aufmerksam machen: -1. die Predigt des Broer Adriaensen Cornelis, die in Bruchstücken einer -Sammlung von 1590 entlehnt ist. Der Verfasser mußte etliche Stücke von -Predigten dieses grimmen Kanzelredners zusammenflicken, um, ohne sich -ständig zu wiederholen, ein genaues Gemälde der verschiedenen Sekten -des XVI. Jahrhunderts zu zeichnen. 2. Von dem Geusenlied in Buch III, -Kap. 5 nur der Kehrreim, der einem Liede jener Zeit entnommen ist. -Die Tatsachen, die der Geschichte angehören, u. a. die Plünderung der -Frauenkirche in Antwerpen und das Lied der Verräter, stützen sich, was -das erste anbelangt, auf die bestimmte Angabe eines sehr geschätzten -Chronisten, Van Meeeren, und das Lied der Verräter auf Dokumente -von unanfechtbarer Glaubwürdigkeit, die sich in den königlichen -Archiven zu Brüssel befinden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Ein gelbes, mit Flammen und Teufeln bemaltes Hemd Derer, welche von -der Inquisition zum Tode verurteilt sind. <em>Der Übersetzer.</em></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Orden der Paulinerbrüder.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Anspielung auf Wilhelm den Schweigsamen von Oranien.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> S. die Anmerkung des französischen Herausgebers in der „Vorrede der -Eule“, die in der Übersetzung wortgetreu wiedergegeben wurde. Leider -sind die dortigen Angaben ungenau, so daß nicht ersichtlich ist, welche -niederländische Ausgabe des Ulenspiegel dem Dichter vorgelegen hat. Bei -L. van Paemel in Gent erschien — nach der Bibliographie der äußerst -zahlreichen Ulenspiegel-Texte, die sich in der Vorrede um Neudruck des -Volksbuches von 1515 befindet (Halle a. S. bei Niemeyer, Bd. 55, 56 der -Neudrucke deutscher Literaturwerke des 16. und 17. Jahrhunderts) — -nur eine undatierte, aber anscheinend ziemlich neue Ausgabe des Till -Ulenspiegel, die sich im britischen Museum befindet.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Kap. 16 ist nur vorhanden in der zweiten hochdeutschen Ausgabe bei -Servais Kruffter, Kap. 2: <span class="larger">„Wie Ulenspegel antworde eym reysigen Mann, -der na dem Wege vragete.</span>“ Da diese Ausgabe schwer zugänglich -ist (es existieren davon nur 2 unvollständige, photolithographisch -ergänzte Exemplare in der Berliner und Wiener Bibliothek), so möge die -2. Historie dieser Ausgabe zur Vergleichung des Verhältnisses zwischen -Original und Nachdichtung hier Platz finden.</p> - -<p class="larger">„Als Ulenspegel noch ein kynt was / was he vp ein tzyt allein -to huis / do quam ein man ryden aent huis und vragede na dem Wege. Vn̄ -want he niemanden sach / so riep he ys dair niemāt in huis. Do sacht -das kynt Ulenspegel ya yd / and’ half man̄ vnd ein roßheufft. Want du -bis met deme haluen lyue hirin̄ mit des pertz heufde / un̄ ich byn ein -ganz man̄. So vragede der man. Wair is din vader un̄ mod’? dz kint -sacht. myn vad’ is van bösem böser tzo machen. vn̄ myn mod’ is vm̄ -schaden off schande. Der man sacht / wie dat? dz kind seyde / myn vader -macht einen quaden wech noch quader wan he macht grauen vp dat beseyde -lant / dat man dar vp net vaeren mög. Myn mod’ is broit lenen / gyfft -sy mind’ weder / dat is schand. gyfft sy merd’ wed’. / dat is schade. -So sacht der man / waer sall ich recht hyn rydē? dat kind seyde / der -dy genz hyn gaen. do der man quam ryden / flogen die genß ynt wasser. -Do zwyuelde der man vn̄ reyt wed’ vm / vnd sacht de genß fliessen im -wasser / saß weiß ich niet wair hin rydē. Dz kint sacht. yr solt rydē -daer die genß gain / un̄ nit daer sy swimmen. So reit der man ewech / -un̄ verwōderte sich sere van d’ antworden des kyndes“.</p> - -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>TYLL ULENSPIEGEL UND LAMM GOEDZAK</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/68862-h/images/cover.jpg b/old/68862-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 806d451..0000000 --- a/old/68862-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/68862-h/images/title.jpg b/old/68862-h/images/title.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1f401bb..0000000 --- a/old/68862-h/images/title.jpg +++ /dev/null |
